Herunterladen: Jessica Rydill Die Eisgöttin

Jessica Rydill Die Eisgöttin Kristallwelt 1 Inhaltsangabe Die junge Annat und ihr Bruder Malchik sind von ihrer Tante in einer friedlichen Hafenstadt aufgezogen worden. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie die Welt kennen lernen und dort ihren eigenen Platz finden. Ihr Vater, der Schamane Yuda, nimmt sie mit in den hohen Norden, wo er den geheimnisvollen Tod mehrerer Bahnar- beiter aufklären soll. Doch hier gerät Malchik in den Bann einer bösen Eisgöttin, die ihn durch ein Schamanentor in das magische Reich La Souterraine entführt. Yuda, Annat und ihre Freunde folgen dem Vermissten und reisen au...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

Jessica Rydill

Die Eisgöttin

Kristallwelt 1,

Inhaltsangabe

Die junge Annat und ihr Bruder Malchik sind von ihrer Tante in einer friedlichen Hafenstadt aufgezogen worden. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie die Welt kennen lernen und dort ihren eigenen Platz finden. Ihr Vater, der Schamane Yuda, nimmt sie mit in den hohen Norden, wo er den geheimnisvollen Tod mehrerer Bahnar- beiter aufklären soll. Doch hier gerät Malchik in den Bann einer bösen Eisgöttin, die ihn durch ein Schamanentor in das magische Reich La Souterraine entführt. Yuda, Annat und ihre Freunde folgen dem Vermissten und reisen auf einer Dampf- lok durch eine bizarre Zauberlandschaft. Aber in dem frostigen Reich der Göttin lauern unzählige Gefahren, und nur die Kräfte eines Schamanen vermögen hier zu bestehen. Es sind Kräfte, die auch in Annat sprießen und die sie rasch beherrschen lernen muss, wenn die kleine Gruppe überleben soll …

Autorin

Die Britin Jessica Rydill hat am King's College in London und Cambridge studiert und arbeitet als Anwältin. Ihre zahlreichen Reisen in alle Teile der Welt haben sie zu ihrem Debütroman ›Die Eisgöttin‹ inspiriert., Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›Children of the Shaman‹ 2001 bei Orbit/Little, Brown and Company, London. Ins Deutsche übertragen von Marianne Schmidt Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH. 1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung 6/2004 Copyright © der Originalausgabe 2001 by Jessica Rydill Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Agt. Schlück/Oliviero und Harrison Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: GGP Media, Pößneck Titelnummer: 24264 Redaktion: Waltraud Horbas V. B. · Herstellung: Peter Papenbrok Printed in Germany ISBN 3-442-24264-9 www.blanvalet-verlag.de Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺, Für meine Eltern Eve und Louis,

KAPITEL 1 Die Dampfkutsche mit ihrer schrecklichen Federung schien überjede Unebenheit und Furche zu holpern, sodass Annats Zähne

aufeinander schlugen. Sie saß eingezwängt zwischen ihrer Tante und der Seitenwand des Wagens, doch das Fenster war so voll Schlamm gespritzt, dass sie nicht hinaussehen konnte. Es wurde langsam dunkel; bald war es an der Zeit, die Öllampen zu entzün- den, die unter der Decke hin und her schwangen. Sie mussten noch ungefähr eine Stunde von Masalyar entfernt sein. Abgesehen von der alten Frau ihnen gegenüber, deren Murmeln und Klagen sie die ganze Fahrt über unablässig begleitet hatte, waren die drei die ein- zigen Reisenden. Ihr Bruder Malchik lehnte Tante Yuste gegenüber in der Ecke und schlief, aber vielleicht tat er auch nur so. Annat zappelte unruhig auf ihrem Ledersitz, bis ihr ihre Tante einen Blick zuwarf. »Das wird das Ende unserer Zivilisation sein, ihr werdet noch an mich denken«, sagte die alte Frau. Sie stammte nicht aus ihrem Dorf, die Kutsche hatte sie auf halber Strecke nach Masalyar auf- gelesen. »Davon verstehe ich nichts. Wir sind Wanderer«, erwiderte Yuste, und ihre Stimme klang ungeduldig. Annat starrte die alte Frau an und wartete auf ihre Reaktion. »Ach, tatsächlich? Man trifft nicht viele von eurem Schlag hier draußen. Die meisten von euch bleiben lieber in der Stadt.« Von eurem Schlag. Annat steckte sich eine Haarsträhne in den, Mund. Das sagten sie immer, die Doxoi. Sie brauchte nicht erst zu fragen, ob die alte Frau eine von ihnen war. Die Leute vom Land glaubten, alle Siedlungen hätten ihren Tempel und ihre blau gewan- deten Priester. Dort, von wo sie stammte, waren sie und ihre Fa- milie die einzigen Wanderer. In der Stadt war das anders. Ihr Volk. Von ihrem Schlag. »Mein Vater besitzt eine Farm in Sankt Eglis – er ist der Dorfarzt dort«, sagte Yuste. Der Kiefer der alten Frau mahlte, obwohl sie gar nichts im Mund hatte, während sie darüber nachdachte. »Ich habe von ihm gehört. Das muss Doktor Vasilyevich sein. Seine Frau hat Zwillinge zur Welt gebracht, wie ich gehört habe. Und das ist noch nicht alles, was mir zu Ohren gekommen ist –« »Ich bin eine der Zwillinge«, sagte Yuste mit einem flüchtigen Lächeln und unterbrach so die alte Frau, bevor diese sich weiter über die Gerüchte auslassen konnte. Annat war enttäuscht. »Tatsächlich?«, antwortete die alte Frau ohne eine Spur von Ver- legenheit. »Und dies hier müssen Ihre Kinder sein.« »Es sind nicht meine, sondern die meines Bruders. Ich bringe sie zu ihm.« Annat blickte auf das verdreckte Fenster. Sie konnte das schwache Spiegelbild ihres Gesichts sehen, die zarten Knochen und die schar- fen Züge. Ihre Augen waren zwei dunkle Schatten. Sie sagen, ich sähe aus wie er. Sie wusste, dass sich Malchik an ihren Vater erinnerte, denn er war fünf Jahre alt gewesen, als Tate aus dem Familienhaus gegangen war und sie und ihre Mutter für immer verlassen hatte. Malchik kam nach ihrer Mutter und war wie sie schlank und blond, doch er hatte seltsame braune Augen mit grünen Sprenkeln darin. Er hatte die Größe eines hochgewachsenen Mannes, aber seine Gliedmaßen waren schmal und zart. Immer war Annat diejenige gewesen, die gerne auf Bäume und Klippen geklettert, geschwom- men und gerannt war – immer jedoch allein. Sie fragte sich, was, Malchik durch den Kopf gehen mochte, während er in der Ecke der Kutsche döste. Auch wenn sie ihn nun schon dreizehn Jahre, ihr ganzes Leben lang kannte, war er ihr doch noch häufig ein Rät- sel. Sie war so anders. Wenn ihr etwas in den Sinn kam, dann sprach sie es auch aus. Vielleicht war auch dies ein Grund dafür, dass sie keine Freunde in ihrem Alter hatte. »Und ist er auch ein Doktor, ihr Vater? Ich habe gehört, dass viele von eurem Schlag Ärzte sind.« »Nein, kein Doktor. Ein Heiler.« Im Licht der Dämmerung glichen die Augen der alten Frau Glas- perlen. »Sie meinen ein Zauberer«, zischte sie. Yuste schüttelte langsam den Kopf. »Nein, das meinte ich nicht«, sagte sie. Die alte Frau schürzte verdrießlich die Lippen. Sie sagte nichts mehr, sondern nahm ihr Strickzeug aus der schweren Tasche neben sich und fuhr mit ihrem Gemurmel über linke und rechte Maschen fort. Yuste wandte sich Annat zu und warf ihr ein verstohlenes, schelmenhaftes Lächeln zu. Tate war ein Schamane, ebenso wie Annat. Er würde sie in die Heilkünste einweisen, wenn sie erst einmal zusammen waren. Annat fühlte ein schwaches Kribbeln der Macht, als sie ihre Finger bog. Manchmal war es gut, wenn die Leute glaubten, man sei ein Zau- berer. Sie fürchteten einen dann, und sie brachten einem Respekt entgegen. Zu anderen Zeiten erwies es sich als schlecht. Dann be- warfen sie einen in den Straßen mit Steinen und raunten sich Ge- schichten über Scheiterhaufen zu. Yuste umfasste mit ihrer warmen, schmalen Hand Annats Hand- gelenk, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. Vielleicht hatte sie das tatsächlich. Über diese eine Fähigkeit verfügte sie noch immer, ob- gleich sie die anderen verloren hatte. Wenn Annat Tate erst einmal getroffen hätte, würde sie in der Lage sein, schweigend mit ihm zu, sprechen, und er würde ihr antworten; sie nannten dies senden. Sie wäre dann nicht mehr abgeschnitten und allein, eine Wanderin und eine Schamanin inmitten von Menschen, die sie weder verstanden noch mochten. Die letzte Stunde schien die längste zu sein. Zuerst glaubte Annat einen Widerschein der Öllampe in der Fensterscheibe zu sehen, de- ren Leuchten sich vervielfachte, während sie hin und her schwang. Doch schon bald waren es zu viele Lichter, einige in weiter Entfer- nung wie Sterne, andere so nah, dass sie ihren warmen Schein in das Innere der Kutsche warfen. Sie hatten Straßenlaternen in Masal- yar, die von den Hausbesitzern am Brennen gehalten wurden, um die Straßen sicherer zu machen. Yuste hatte ihr davon erzählt. Und nun wurde aus dieser Geschichte Realität, und Annat tauchte in einen Traum ein. Sie würde ihren Vater treffen und er würde sie weit weg nach Norden bringen, quer durch das Land der Banditen und der Entseelten. Sie presste den hölzernen Körper ihrer Puppe an ihre Brust. Die Puppe hatte ihrer Mutter gehört, und davor de- ren Mutter; sie war alt und abgegriffen, aber Yuste hatte aus grüner Seide ein neues Kleid für sie genäht, als Annat noch ein kleines Mädchen war. Als es an der Zeit war zu packen, hatte Annat die Puppe, ihre Vyel und etwas Kleidung zusammengesucht, weiße Blu- sen, schwarze Röcke und schwarze Kittelschürzen. Die Doxoi hat- ten ein Gesetz erlassen, das den Wanderern vorschrieb, sich ledig- lich in zwei Farben zu kleiden, in Schwarz und in Braun, um sie da- ran zu erinnern, dass sie schmutzig waren und in Schande lebten. Weiß war erlaubt, weil es keine Farbe war. Yuste und Malchik tru- gen beide Braun, doch Annat bevorzugte die krähengleiche Düster- nis von Schwarz, welche ihr Gesicht bleich machte und ihre Augen noch größer erscheinen ließ. Die schmalen Reifen der Dampfkutsche ratterten nun schon seit einiger Zeit über Kopfsteinpflaster, was eine blecherne Melodie er- zeugte. Draußen auf den Straßen befanden sich Menschen, die Be-, völkerung von Masalyar, doch Annat konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Yuste löste ihre Uhr von der Bluse und spähte im Däm- merlicht auf das Zifferblatt. »Zehn Uhr«, sagte sie mit ihrer rauen Stimme. »Natürlich sind wir zu spät.« Malchik wandte seinen Kopf zu ihr; das Licht brach sich in sei- nen Brillengläsern. »Wie lange brauchen wir noch?«, fragte er schläfrig. Yuste beugte sich über ihn zum Fenster. »Ich habe keine Ahnung, wo wir sind«, stellte sie fest. »Der Hauptbahnhof ist ganz in der Nähe des Hafens. Nach allem, was ich erkennen kann, könnten wir uns auch auf dem Mond befin- den.« Malchik stieß ein krächzendes Lachen aus. Trotz seiner achtzehn Jahre klang seine Stimme noch immer, als sei er gerade erst in den Stimmbruch gekommen. Die alte Frau sah von ihrem Strickzeug auf, schniefte und hob die Nadeln näher an ihr Gesicht. Annat sah, wie sich die Belustigung in feinen Linien auf Yustes Gesicht ab- zeichnete. Ihre Tante war schon fast eine alte Frau; sie war sechs- unddreißig und noch immer nicht verheiratet. Die meisten Mäd- chen in der Stadt heirateten, wenn sie sechzehn wurden, und mach- ten sich geradewegs von ihren Puppen auf den Weg ins Ehebett. Sie nannten Yuste eine alte Jungfer. Als Annat dies flüsternd ihrer Großmutter berichtete, schüttelte Bubbe den Kopf. Bei den Wan- derern war es nicht üblich, so jung zu heiraten. Annat ließ ihren rechten Daumen in den Mund gleiten. Sie hoffte, Yuste würde es nicht bemerken. Unter ihrem Knöchel war die Haut bereits schwielig, weil sie schon so lange daran gelutscht hatte. Sie war sich nicht sicher, ob sie Tate wirklich treffen wollte. Was war das noch, das ihr Malchik zugeflüstert hatte, gestern Nacht, nachdem sie ihre Gebete gesprochen hatten? Es sah Malchik gar nicht ähnlich, ihr etwas zu erzählen; wenn er jemanden ins Ver-, trauen ziehen wollte, dann wählte er Yuste oder ihre Großeltern. Du weißt, dass er uns gar nicht wirklich haben möchte. Wenn es ihn in- teressieren würde, wie es uns geht, warum besucht er uns dann nie? So weit ist es doch nicht. Annat hatte sich selbst nie solche Fragen gestellt. Sie war damit aufgewachsen, die Abwesenheit ihres Vaters hinzuneh- men wie die sie umgebende Landschaft oder wie einen weit entfern- ten Schatten am Horizont. Da waren Yuste und Bubbe und Zaide und sogar Mame, auch wenn sie nie viel Interesse an Annat gezeigt hatte. Das Bild von Annats Familie erinnerte an windzerzauste Sturmvögel, die sich auf den Klippen zusammendrängen. Mit einem Ruck kam die Kutsche zum Stehen, sodass Annat um ein Haar auf die alte Frau und ihr Strickzeug gefallen wäre. Yuste sank zurück in ihren Sitz und befestigte die Nadeln wieder, mit denen sie ihren braunen Samthut auf ihrem Haar festgesteckt hatte. Noch bevor Annat wieder zu Atem gekommen war, riss der Fahrer die Tür neben Malchik auf, der sich nach draußen beugte, um zu sehen, wo sie waren. Dann sprang er aus der Kutsche, wobei er sich mit dem ganzen Eifer eines kleinen Jungen, jedoch auch mit all dessen Unbeholfenheit bewegte. Kaum dass er draußen war, wandte er sich auch schon zum Wagen zurück, um zu sehen, ob Yuste ihm folgte. Doch Annat kam zuerst, ihre Puppe fest an die Brust ge- presst. Der silbrige Schein der riesigen Lichter ließ sie blinzeln. Sie befanden sich in einer weitläufigen Halle, höher als die größte Scheune, welche sich in die Unendlichkeit und verheißungsvolle Dunkelheit zu erstrecken schien und von silbrigen Lampen ge- säumt war. Die Schatten der ersten Züge, die Annat zum ersten Mal in ihrem Leben zu Gesicht bekam, waren verschwommen in der Ferne zu erahnen, und selbst von dort aus ließen sie mit ihren langen Schornsteinen die Dampfkutsche schrumpfen, welche mit ihren Puffern neben dem niedrigen Bahnsteig stehen blieb, an dem sie ausgestiegen war. Annat drehte sich auf der Stelle, taumelnd wie eine Motte, und, blickte in die Lichter, bis Yuste sich an ihr vorbeidrängelte. Drei Männer kamen. Sie gingen auf Yuste zu, und ein kurzer Mo- ment des Zögerns war zu bemerken, ein wortloses Innehalten, be- vor der vorderste seine Hände zusammenschlug und sich verbeugte. Yuste tat es ihm gleich. Annat beobachtete dieses Marionettenthea- ter ungläubig. Sie sah eine neue Yuste, eine, die nicht nur ihre Tan- te war, sondern eine Frau, die von Fremden erkannt und begrüßt wurde. Der erste Mann war klein, beinahe kahl, hatte strahlende Augen, die dunkel wie schwerer Wein waren, und Wangen in der Farbe von altem Leder. Dies war der erste Dunkle, den Annat zu sehen bekam. Er stammte aus Ind, weit im Osten, und sie kannte seinen Namen: Es war Sival, Yustes Lehrmeister, dem sie jede Wo- che schrieb. Sie umarmten sich schließlich und umschlossen sich so fest wie lang vermisste Freunde, wobei sie den anderen keinerlei Beachtung schenkten, die sie mit neugierigen Blicken beobachteten. Annat stand weit entfernt von Malchik. Ihr Magen fühlte sich hohl und flau und voller Schmetterlinge an. Einer der beiden an- deren Männer war ihr Vater, Yuda, Yustes Zwilling. Die beiden Män- ner trugen sehr ähnliche Stadtkleidung: Schwarze Jacken, die glänz- ten wie Leder, Hemden mit offenen Kragen aus feiner Baumwolle, nicht wie das raue Zeug, das Yuste beim Dorfweber erstanden hatte, um daraus Annats Blusen zu nähen, und dunkle, eng anliegende Hosen, die sich sehr von den Beinkleidern der Männer vom Land unterschieden. Sie erriet sofort, welcher der Männer ihr Vater war, denn sein Begleiter war dunkelhäutig und groß, und er trug ein rotes Hemd – eine verbotene Farbe für Wanderer. Mit dem Anflug eines Lächelns blickte dieser Annat an, doch sie hatte den Blick bereits auf ihren Vater gerichtet, der so klein war, dass er Yuste kaum überragte. Es war das Abbild seiner Schamanenkräfte, das ihn ihrem inneren Auge verraten hatte, ein lebendiges, funkelndes Blau, das Annats eigene, unsichere Flamme verblassen ließ. Sie hatte kaum sein Gesicht gesehen, als Yustes warme Hand nach der ihren, griff und sie zu Sival führte. Ihr Vater wartete in einiger Entfernung bei seinem dunklen Freund. »Willkommen in Masalyar, Annat und Malchik. Ihr seid müde und ein wenig verängstigt. Genau wie wir. Wir haben seit Wochen darauf gewartet, euch zu treffen.« »Woher wissen Sie, was ich denke? Sie sind doch kein Schamane«, sagte Annat. »Ich habe euch ja gesagt, dass sie ungehobelt ist.« Sival lächelte Annat an, und sie musste sein Lächeln erwidern. Er war klein und zäh und strahlte eine schüchterne Wärme aus, die Annat Vertrauen fassen ließ. »Ich studiere die Menschen genauso, wie ich die Bücher studiere. Ihre Gesichter und ihre Bewegungen erzählen dir eine Geschichte. Du bist eine Schamanin, das habe ich sofort gesehen.« Annat sah sich nach ihrem Vater um. Sie fürchtete sich nicht. Da war nur dieses seltsame Gefühl, ein Flattern in ihrer Brust, das sie ein wenig atemlos machte. Sprich, versuchte sie ihn zu bewegen, in- dem sie eine Botschaft in die Stille sandte. – Gelobt sei der Eine in Zyon. Es war keine Stimme, und doch erkannte sie die Worte so klar wie schwarze Schrift auf weißem Papier; eine Antwort, die Yuste ihr niemals hatte geben können. Sival winkte die beiden Männer heran. »Hier ist dein Vater, Yuda, und Shaka, sein Freund.« Beide Männer trugen ihr Haar lang wie Frauen: Shakas war zu vielen Zöpfen geflochten und hinten mit einem Lederriemen zu- sammengebunden; Yudas Haare waren offen und glatt wie schwar- ze Federn. Annat lehnte sich weiter zu Yuste hinüber und wünschte sich, sie wäre wieder jung und klein, sodass sie ihr Gesicht in den sauber riechenden Röcken ihrer Tante verbergen könnte. Sie fühlte, wie Yuste einen Arm um ihre Schultern legte. »Hallo, Yuda«, sagte Yuste mit liebevoller Behutsamkeit. Sie streck-, te Shaka ihre freie Hand entgegen, und er verbeugte sich, um diese in einer fließenden Bewegung zu küssen. »Du hast also die Rebjata gebracht«, stellte Yuda fest, als habe er Annat oder Malchik noch nicht bemerkt. Sein Gesicht war Raben- schwarz auf Elfenbeinweiß. So dunkel und so blass wie das Ziffer- blatt einer großen Uhr, wie Zaide, wenn er mit traurigsüßen Augen zu Annat hinabblickte. Die Augen ihres Vaters waren alles andere als traurigsüß. Der Blick, den er Yuste zuwarf, war gefährlich: spöt- tisch, wild und unergründlich. Diese Wildheit zog Annat mehr an als die Sicherheit in der Umarmung ihrer Tante. Sie versprach Abenteuer an Stelle der trockenen Ernsthaftigkeit, die sie nach Mal- chiks Erzählungen befürchtet hatte. »Ich habe sie für dich großgezogen, Yuda. Und ich würde mich auch nun nicht von ihnen trennen, wäre ich nicht krank.« »Bei Gott, es ist so lange her«, sagte er und umarmte seine Schwes- ter, wobei Annat in die Umarmung gleich mit einbezogen wurde. Sie roch seine Jacke: Tabak und Leder. Yustes Körper zitterte, als sie einmal aufschluchzte. Annat befreite sich und blickte hinauf in das nur halb sichtbare Gesicht ihrer Tante. Es wäre merkwürdig für sie, so viel für ihren Bruder zu empfinden. Sie liebte Yuste, Bubbe und Zaide; Malchik war einfach da und beachtete sie die meiste Zeit nicht. Annat fiel auf, wie viel Grau in Yustes Haar im Gegensatz zu Yudas schimmerte. Sie wollte ihrer Tante durchs Haar streicheln und ihr sanft die grauen Strähnen herausreißen, sodass das Braun wieder richtig zu sehen wäre. Doch nun ging Yuste fort, um geheilt zu werden, und Annat musste mit ihrem fremden Vater zu einem Ort reisen, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. Sogar ihre Großeltern hatten zugestimmt, dass es ihnen gut tun würde, einige Zeit mit Yuda zu verbringen, der um Erlaubnis gebeten hatte, seine Kinder zu seinem nächsten Posten mitnehmen zu dürfen. »Was denkst du?«, fragte Yuste Yuda, während sie sich einen Schritt voneinander entfernten. »Sie waren noch so klein, als du, fortgingst. Annat war gerade geboren worden.« »Sie ist nicht viel gewachsen«, sagte er mit einem Blick hinab auf Annat. Sie hielt seinem Blick stand. »Ich bin klein wie du.« »Hast du das gehört, Shaka? Klein wie ich. Sieh dir den anderen an; ich hoffe nur, er schießt nicht noch weiter in die Höhe.« Malchik stieg die Zornesröte ins Gesicht, und Yuste streckte die Hand aus, um ihn näher zu sich heranzuwinken. »Malchik kommt nach seiner mütterlichen Seite«, sagte sie und Annat wusste, dass in dieser Bemerkung eine Fülle unausgesproche- ner Bedeutungen mitschwang. Zu Hause waren ihre Gespräche vol- ler solcher Andeutungen, die von allen verstanden, doch nie ausge- sprochen wurden, zum Teil, weil Malchik überempfindlich war, zum Teil aus anderen Gründen. »Ich dachte, du würdest einen Bart tragen«, sagte Malchik und näherte sich ihm mit verschränkten Armen. Er sah seinem Vater nicht in die Augen. »Kein Bart und zu klein. Was hast du ihnen erzählt, Yuste?« »Ich dachte, sie sollen sich ihr eigenes Bild machen.« Sival trat mit heftig zitternden Händen zwischen sie. »Ihr jungen Leute fühlt die Kälte nicht, doch meine alten Knochen sind durch- gefroren. Wenn ihr euren Streit bis morgen verschieben könntet, werde ich Yuste und die Kinder zurück zur Shkola bringen. Der Zug geht nicht vor Mittag.« »Die Kinder gehören ins Bett«, sagte Yuste. »Zu Hause stehen sie im Morgengrauen auf, um ihre Arbeit auf der Farm zu erledigen, und sprechen ihre Morgengebete.« »Ich bin nicht müde«, sagte Annat. »Du siehst aus wie ein Geist. Im Übrigen hat Sival Recht. Dies ist nicht der richtige Ort zum Reden. Kommst du mit uns zurück, Yuda?« Shaka lächelte und entblößte dabei seine weißen Zähne, was sei-, nem Gesicht einen jungenhaften Ausdruck verlieh. Annat sehnte sich danach, seine glänzende Haut zu berühren, um zu wissen, wie sie sich anfühlte. Wurde er genau wie sie dunkler in der Sommer- sonne? Sie hätte ihn gerne gefragt, befürchtete jedoch, er könnte sie für dumm halten. Sie wollte nicht zugeben, dass sie bislang noch keinen Dunklen getroffen hatte. Seine Vorväter mussten aus Morea stammen, dem großen Kontinent, der hinter dem Großen Meer lag. Annat wünschte sich, sie würden dorthin reisen, nicht Richtung Norden in die Länder der Kälte und der Wildnis. Doch Yuste hatte Recht: Annat war schläfrig. Sie hätte gerne die Sehenswürdigkeiten und die Geräusche der Stadt in sich aufgeso- gen, während sie zu Sivals Haus, der Shkola, liefen. Ihren Vater und Shaka hatten sie mit dem Versprechen zurückgelassen, sie am nächs- ten Morgen wieder dort zu treffen. Doch alles, was Annat sah, wa- ren die tanzenden Straßenlichter: Stocklaternen, die an den Straßen- ecken brannten, Reihen von blassen, grünen Gaslampen und dort, wo die Häuser über einen Generator verfügten, das unsichere Fla- ckern einer elektrischen Glühlampe. In einigen Straßen lagen die Schienen einer Straßenbahn, und einmal ratterte eine solche an ihnen vorbei und verursachte dabei einen Lärm wie eine ganze Reihe von Milchkarren, während sie Annats Sichtfeld mit einem grünen Leuchten ausfüllte. Die Luft war vom Rußgeruch der Gene- ratoren und Öfen geschwängert; er hing schwer in dem gelben Ne- bel und bewirkte, dass sich Annats Rachen wund anfühlte. Ein- oder zweimal reckten sich Schatten von Doxoi-Tempeln empor, die nicht erleuchtet waren; nur aus den hohen, schmalen Fenstern drang der Schimmer von Kerzen. Über ihren Turmspitzen konnte sie die Sterne nicht erkennen. Die Shkola stand in rechtem Winkel zu einer der Hauptstraßen; Platanen wuchsen schief über dem kopfsteinbepflasterten Platz in der Mitte. Es gab hier keine Straßenbeleuchtung, doch die rosa und golden erleuchteten Fenster bildeten farbige Rechtecke, die wirkten, wie Papierlaternen in den Ästen eines Baumes. Die Glocken einer Kirchturmuhr schlugen zwölf Mal, während Shival die Haustür auf- schloss. Schläfrig ließ sich Annat die Stufen hinauftreiben, es waren so viele. Nachdem Yuste ihr einen Gutenachtkuss gegeben und die Tür ge- schlossen hatte, fand sie sich in einem kleinen Raum im Dachstuhl wieder, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein schlafen sollte. Sie bettete ihre Puppe aufs Kopfkissen und legte sich vollständig bekleidet neben sie, um an die weiße Decke zu starren. Bevor sie richtig eingeschlafen war, sprach die Puppe zu ihr. Gib Acht, Annat. Gefahr lauert im Norden auf dich. Gefahr für dich und deinen Bruder. Annat hielt die Augen geschlossen. Sie wollte die Puppe nicht an- sehen aus Angst, sie könne dann verstummen. Welche Art von Gefahr?, dachte sie. Lass mich nach Hause gehen. Bring mich dorthin zurück, wohin ich ge- höre. Annat setzte sich auf und war überzeugt, geträumt zu haben. Sie blickte auf das abgegriffene Gesicht der Puppe mit dem aufgemal- ten Mund. Ein Ding aus Holz konnte nicht sprechen, und doch wusste sie tief in ihrem Herzen, dass es eben dies gerade getan hat- te.

KAPITEL 2 Der Geruch von geröstetem Kava lockte Annat nach unten. Alssie sich über das Geländer beugte, sah sie, dass die Wendel-

, treppe zu einem Fußboden aus schwarzen und weißen Fliesen hin- unterführte. Dies also war die Adresse, an die Yuste so viele Jahre lang ihre Briefe geschickt hatte. Mit bloßen Füßen und in ihrem di- cken, weißen Nachthemd, das sie mitten in der Nacht übergezogen hatte, lief Annat über Holz und Marmor. Ihr Zuhause hatte nur zwei Speicherräume und den Dachboden, den sie mit Malchik teil- te. Die Wände bestanden aus grob behauenem Stein und der Fuß- boden in der Küche war aus bloßer Erde. Dieses Haus hingegen mit seinen gestrichenen Türen und glatten Holzböden schien au- ßergewöhnlich und fantastisch. Zwei Ebenen weiter unten fand Annat eine offene Tür, durch die das Sonnenlicht auf den Treppenabsatz flutete. Sie betrat einen weißen, blütenreinen Raum, in dem Sival, mit einer türkis-farbenen Seidentunika und weiten Pumphosen bekleidet, an einem Tisch saß, der für vier Personen gedeckt war. Eine weiße Kava-Kanne stand in der Tischmitte, als wäre sie das Krongeschirr, welches für das Fest der Reise verwendet wurde: Annat fühlte sich versucht, sich vor ihr zu verneigen. »Guten Morgen«, sagte Sival. »Gelobt sei der Eine in Zyon«, antwortete Annat. Sival nickte. »Der Eine und der Einzige.« »Sind Sie ein Wanderer, Mister Sival? Ich dachte, Sie wären ein Dunkler.« »Die Dunklen haben ihre eigenen Religionen, die so unterschied- lich sind wie die Doxoi und die Wanderer. Ich bin ein Ungläu- biger. Setz dich, und trink ein wenig von diesem köstlichen Kava. Ich habe ihn selbst gebraut.« »Gibt es etwas zu essen?«, fragte Annat hungrig und hoffnungs- voll. »Yuste ist zum Bäcker gegangen. Es gibt hier einen ausgezeichne- ten ganz in der Nähe.« »Zu Hause bäckt Bubbe. An jedem Königstag macht sie einen Laib, weißes Brot.« »Der Königstag beginnt morgen, nicht wahr? Da wirst du im Zug sitzen.« »Dann müssen wir eben aussteigen.« »Ich glaube kaum, dass Yuda das zulassen wird. Der Zug lässt sich für nichts in der Welt anhalten, nicht einmal für den Königstag, und schließlich ist er der Hauptmann der Wache.« »Sie meinen, er wird den Königstag missachten?«, fragte Annat ungläubig. Yuste hatte sie gelehrt, dass alle Wanderer, gleichgültig wie leicht- fertig sie sein mochten, an ihrem heiligen Tag die Arbeit ruhen ließen. »Wie immer«, sagte Sival ernst, doch seine Augen lachten. »Dann können wir nicht fahren. Wir müssen hier bleiben.« »Ich wünschte, ich könnte dich hier behalten, aber Yuste und Yuda haben sich geeinigt. Du musst das verstehen; Yuste möchte nicht, dass ihre Krankheit dich beeinträchtigt.« »Ist sie sehr krank?«, fragte Annat. »Sie kämpfte mit einem anderen Schamanen, als sie etwas jünger war als du, und sie wurde schwer verletzt. Du weißt, dass sie ihre Fähigkeiten verloren hat. Nun sind aus einigen der alten Verletzun- gen Krebsgeschwüre geworden. Wir wissen noch nicht, ob sie ge- heilt werden kann.« Annat fühlte kaltes Entsetzen durch ihre Adern kriechen. Sie wollte nicht, dass Sival, der noch immer ein Fremder war, sah, was sie empfand. »Warum hat sie mir das nicht erzählt?«, fragte sie. »Sie hält dich noch immer für ein kleines Mädchen, aber ich glaube, du bist stark genug, um die Wahrheit zu erfahren.« Annat starrte ihn an, während er den Kava für sie in eine Schale goss. Der Gedanke an Yustes Tod hinterließ einen metallenen Ge- schmack in ihrem Mund, als ob ihr übel werden würde. Sie nahm die Schüssel in beide Hände und sprach über ihr den Segen in Eb-, reu, der alten Sprache der Wanderer. Als sie geendet hatte, setzte sie die dampfende Schale wieder auf dem Tisch ab, damit sie ab- kühlen konnte, bevor sie daraus trank. Sival sagte nachdenklich: »Yuda befolgt die Regeln deines Glaubens auf viele verschiedene Arten, doch er musste sich anpassen. In dieser Stadt kann man nicht auf die alte Art leben. Die Doxoi hier sind Fremden gegenüber nachsichtig und weniger streng als diejenigen, die außerhalb von Masalyar leben. Die Dunklen sind befreundet mit Hellhäutigen. Dein Vater hat sogar eine Frau der Doxoi geheiratet.« Seine Stim- me mit dem fremdartigen Akzent schien ihr wie Balsam, sie spen- dete stillen Trost. »Er hat Mame verlassen«, bemerkte Annat und starrte ihn an. Er hatte weiche, mandelförmige Augen und lange Wimpern. »Bist du böse auf ihn, Annat?« Annat zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Ich würde lieber bei Yuste bleiben. Ich hoffe, sie kommt bald wieder, ich habe Hun- ger.« Sie nahm die Kava-Schale und begann zu trinken; ihr war be- wusst, dass Sival sie beobachtete. Er musste sie für dumm halten, weil sie so freimütig sprach. Yuste nannte dies ›plappern‹. Sie sollte sich wie eine junge Frau benehmen und sich überlegen, was sie Fremden gegenüber sagte. Yuste, die Annat in der Stadt allein zu- rückließ. »Ich will nach Hause«, sagte sie. »Du wirst nicht lange fort sein«, antwortete Sival. »Der Auftrag deines Vaters nimmt nicht mehr als sechs Monate in Anspruch. Wenn du zurückkommst, wird sich Yuste bereits wieder erholt ha- ben.« »Bitte erzählen Sie ihr nicht, dass ich das gesagt habe.« »Vertrau mir«, sagte Sival. »Als ich Ind verließ, um mit dem Schiff hierher zu reisen, hatte ich große Angst. Ich glaubte, alle Lichtmän- ner wären Barbaren, und ich befürchtete, das Schiff könnte sinken., Ich kann nämlich nicht schwimmen, weißt du.« »Jeder kann schwimmen. Mame brachte mir das Schwimmen bei, als ich noch ein Baby war. Sogar Malchik kann schwimmen und er ist sonst zu nichts zu gebrauchen.« Sie hielt inne und sah, wie Sival in sich hinein lachte. Er be- deckte seine Augen. »Mein liebes Mädchen. Ich glaube, viele Menschen, die du triffst, werden dich enttäuschen. Du musst uns verzeihen, denn wir sind alle unvollkommen.« »Warum?«, fragte Annat gerade in dem Augenblick, als das Ge- räusch der zuschlagenden Tür die Rückkehr Yustes ankündigte. An- nat sprang auf und rannte leichtfüßig die Stufen hinab. Auf halber Treppe traf sie auf Yuste und schlang ihre Arme um sie und ihren Einkauf. »Nicht sterben, Tante. Versprich mir, dass du nicht stirbst.« Yuste legte ihre weiche rechte Hand auf Annats Wange. »Das habe ich jetzt auch noch nicht vor, wenn es der Eine nicht von mir verlangt. Hilf mir, die Brote hochzutragen. Ich habe einige mehr gekauft, damit Malchik und du im Zug etwas zu essen habt. Yuda wird das bestimmt vergessen.« Yuste hatte eine Auswahl an sichelförmigen Brötchen gekauft, die noch immer nach warmer Butter dufteten, einen runden Brotlaib mit einer dicken, mehlbestäubten Kruste und drei lange Brotstan- gen. Nach dem Segen, der länger als sonst zu dauern schien, hatte Annat bereits zwei Brötchen verspeist, noch bevor Yuste Malchik geweckt hatte, welcher nun mürrisch und mit verschlafenen Augen in seinem Nachtzeug hinunterkam. Annat zappelte auf ihrem Stuhl herum, während sie darauf wartete, dass er aufgegessen hatte; er war immer so langsam, doch Yuste verlangte von ihr, am Tisch sitzen zu bleiben, bis die Schlussgebete gesprochen waren. Draußen läu- teten die Glocken der Doxoi mit ihrem harten, süßen Ton und rie- fen zur ersten Zusammenkunft des Tages. Annat erinnerte sich an, den Tempel in Sankt Eglis, wo weiße Schwaden von Weihrauch das Bild der Mutter, Megalmayar, verhüllten, die den Leichnam ihres toten Sohnes wiegte, welcher auf dem Rad gestorben war. Gemalte Tränen rannen auf dem Gesicht der Mutter hinab; die dunklen Ge- wölbe waren von ihrem lautlosen Weinen erfüllt. An den Wänden erzählten verblassende Gemälde die Geschichte der Schuld der Wan- derer. Annat zitterte bei der Erinnerung daran, doch vielleicht war es auch ein plötzlicher kalter Luftzug im Raum, der sie frösteln ließ, denn unten schlug die Haustür zu. Yuste hielt in ihrer Segens- sprechung inne. »Erwartest du Gäste?«, fragte sie Sival. »Studenten kommen und gehen, wie sie wollen, doch es ist noch etwas früh.« Gedämpfte Laute wehten von der Halle unten hinauf: ein unter- drücktes männliches Kichern. »Ich hoffe, sie sind nicht betrunken«, sagte Yuste. »Sival! Ist noch etwas Kava da?«, rief eine tiefe Stimme von unten. »Es ist Yuda«, sagte Sival. Malchiks und Annats Blicke trafen sich unwillkürlich. Konnte diese Stimme von einem so kleinen Mann stammen? Das Geräusch von nackten Sohlen war auf der Treppe zu hören, dann hatten Yu- da und Shaka ihren ausgelassenen Auftritt und brachten die kalte Luft und den Geruch von Tabak in ihrer Kleidung mit herein. Sie sahen strahlend und frisch, doch verdächtig unrasiert aus, und sie trugen die gestrige Kleidung. Shaka sah einen freien Stuhl, drehte ihn zu sich, ließ sich sinken und lehnte sich mit verschränkten Ar- men zurück; Yuda zog einen weiteren aus der Ecke, setzte sich und legte seine Füße auf den Tisch. »Yuda! Du bist unerträglich«, sagte Yuste. »Hallo«, sagte Malchik mit einem schüchternen Lächeln. Es war das erste Zeichen von Freundlichkeit seinem entfremdeten Vater ge- genüber., »Ich werde noch etwas Kava aufsetzen«, sagte Sival betont erge- ben und verschwand mit der Kava-Kanne aus dem Zimmer. »Danke, mein Lehrmeister«, rief Shaka und zeigte sein vollkom- menes weißes Lächeln. Yuda nahm einen kleinen Löffel hoch und entlockte damit einer leeren Schüssel ein klingendes Geräusch. »Ich sehe, ihr seid schon aufbruchsbereit«, stellte er fest. »Zyon, Yuda! Der Zug hält erst nach Mittag. Ich wollte den Kin- dern ein wenig von Masalyar zeigen.« »Ich kann warten. Shaka fährt den frühen Zug. Wir werden am Morgen des Königstags ankommen, und die Rebjata können ihn begehen – wenn sie das wollen.« »Das halte ich für gut. Ich dachte nur, wir hätten noch mehr Zeit…« »Ich würde dich selbst heilen, wenn Sival mich ließe. Schließlich war ich es, der alles versaut hat –« »Yuda, bitte, die Kinder!« »Sie werden sich daran gewöhnen.« »Ich will nicht, dass sie zurückkommen und wie Straßenräuber reden – oder wie leichte Mädchen.« »Das wird Malchik aber schwer fallen.« Annat stieß ein Lachen aus, das mehr einem Schluckauf glich, und schlug sich schuldbewusst die Hand vor den Mund. Es war seltsam, wie Shaka und Yuda den Raum mit einer warmen Männ- lichkeit füllten, die sie nie zuvor gespürt hatte. Sie waren so frech wie einige der Jungs, die Yuste zu Hause unterrichtet hatte und die sie zu vergnüglich fand, um sie zu bestrafen, jedenfalls nicht mit der nötigen Strenge. »Ich hoffe, ich mache das Richtige«, sagte Yuste und schüttelte den Kopf. »Du hast sie zu sehr verzärtelt, Yuste. Sie müssen mal etwas wilder werden.« »Annat bestimmt nicht.« Yuda warf Annat einen Blick zu. Er hatte außergewöhnliche Au-, gen: rabenschwarz, leicht schräg gestellt und wild blitzend. Annat schluckte. Er schien kein bisschen auf Behüten aus zu sein. Sie wusste nicht, ob sie ihn mögen würde. »Ich finde, sie gehören an einen wilden Ort, wo sie nicht ständig aufpassen müssen, dass sie etwas tun, das den Doxoi missfallen könnte.« »Gard Ademar ist eine Siedlung der Doxoi. Die meisten Einwoh- ner müssen Franj sprechen. Das klingt kaum, als wäre es anders als zu Hause.« »Ich glaube nicht, dass es große Ähnlichkeit mit Sankt Eglis hat. Es ist eine Grenzstadt am Rande unserer Landkarten. Erst vor eini- gen Jahren wurde die Siedlung an das Eisenbahnnetz angeschlossen, und die Leute dort hatten noch nie zuvor einen Zug gesehen. Zwi- schen dem Fluss Krön und den großen Bergen im Osten liegt ein Wald, den seit der großen Schmelze niemand mehr erkundet hat. Der Wald von Ademar.« Als sich Annat erstaunt aufrichtete, weil sie den Namen wieder- erkannte, sagte Yuste: »Ich wünschte, du hättest einen Posten etwas näher an Masalyar bekommen. Es muss doch viele Städte geben, die einen Heiler brauchen.« »Aber es gibt nicht viele Städte, in denen Sergey Govorin Sheriff ist. Er hat nach mir gefragt. Und es klang so, als ob es dort viel zu tun gäbe.« »Yuda liebt Schwierigkeiten«, sagte Shaka. »Die Schwierigkeiten lieben ihn«, gab Yuste zurück. »Die Rebjata werden davon nicht betroffen sein. Das Dorf ist Meilen vom Tunnel entfernt, und dort gab es die meisten Todesfäl- le. Und ich werde dort als Arzt arbeiten, nicht als Wache, moja Sjes- tra!« Und er lächelte Yuste zu. Annat und Malchik starrten sich an. Yuste hatte nie erwähnt, warum sich ihr Vater dafür entschieden hatte, nach Gard Ademar zu gehen; sie hatte nur gesagt, dass sie ihn zu seinem Posten beglei- ten würden, um ihn kennen zu lernen. Annat hatte sich auf Lange- weile gefasst gemacht und auf Peinlichkeiten, wenn ein Fremder, versuchte, den Vater zu spielen. »Wer ist gestorben?«, fragte sie und beugte sich über den Tisch. Bevor jemand antworten konnte, kehrte Sival mit der Kava-Kanne zurück. »Ich sehe, du hast es dir gemütlich gemacht, Yuda«, sagte er und stellte die Kanne in die Mitte des Tisches. Mit einem Schwung nahm ihr Vater die Beine herunter. »Ich habe ihnen gerade von der Mission erzählt, mein Lehrmeis- ter«, sagte er mit einem Schafsgrinsen. »Eisenbahngeschäfte«, sagte Sival mit erhobenen Augenbrauen. »Wie steht es mit dem Fünfjahresplan?« Shaka schnaubte und Yuda sagte: »Es ist ein Witz, Siv. Fast drei Jahre, um den Tunnel zu bauen. Wir hinken schon lange hinter dem Zeitplan her.« Yuste beugte sich vor. »Du könntest es wenigstens den Rebjata er- klären, schließlich werden sie dort leben.« Yuda warf seiner Schwester einen Blick zu. »Du wolltest ihnen Masalyar zeigen. Warum gehst du nicht mit ihnen zur Versamm- lung des Eisenbahnkomitees?« »Du weißt ganz genau, was ich meine, Yuda!« Shaka verzog langsam den Mund zu einem Lächeln. »Es tut mir Leid, Missis, aber jedem Mitglied der Eisenbahn ist der Fünfjahres- plan in den Rachen gerammt worden. Jede Spur des Idealismus, den wir am Anfang hatten, ist schon lange verschwunden.« Sival seufzte und ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. »Ich hatte geglaubt, die Idee sei, die Eisenbahn Richtung Norden ins Binnenland zu verlegen, um Masalyar zunächst mit Yonar zu ver- binden, dann mit Priyar, der verlorenen Hauptstadt. Ein Traum, der sich gelohnt hätte, abgesehen davon, dass kein Botschafter die- ser Stadt jemals Yonar besucht hat, geschweige denn Priyar. Nie- mand weiß wirklich, was hinter dem Wald von Ademar liegt; das gesamte Gebiet wurde während der großen Kälte abgeschnitten.« »Er hat Recht«, sagte Yuda. »Sie bauen den großen Tunnel, um unter dem Wald hindurch zu gelangen. Gute Arbeit, wenn du sie, bekommst. Sichere Anstellung. Drei üppige Mahlzeiten am Tag.« »Yuda, bist du betrunken?«, fragte Yuste. Shaka kicherte. »Wir haben die Nacht draußen am Hafen ver- bracht.« »Die haben mich feierlich verabschiedet. Einer der Jungs hat ge- heult.« »Sehr lustig«, sagte Shaka. »Seine ganze Schminke ist verlaufen.« »Madame ist eifersüchtig«, sagte Yuda und goss zwei Schalen Kava ein. Als keine Antwort kam, blickte er auf. »Was? Habe ich was Falsches gesagt?« Yuste hatte sich die Hände über die Ohren gelegt. »Sie ist ziemlich fromm.« »Genau wie ich. Aber sie übertreibt. Soll das heißen, dass sie den Rebjata nicht erzählt hat, dass ich ein Divko bin?« »Das würde mich nicht wundern«, sagte Sival. »Das Gesetz der Wanderer verbietet es.« »Daran brauchst du mich nicht zu erinnern«, schnaubte Yuda. »Die Hälfte der alten Männer verlässt das Beit, wenn ich zum Beten komme.« »Besser du erzählst es ihnen selbst.« »Was soll ich ihnen sagen? Dass ich's mit Männern treibe?« Sival zuckte zusammen. »Das war präzise. Und provokant.« »Was meint er?«, fragte Annat, die nicht anders konnte, als die Verlegenheit ihrer Tante zu genießen. »Gütiger Himmel«, sagte Malchik und wurde vom Hals bis zur Stirn rosig. »Der Junge hat's begriffen«, sagte Yuda zu Shaka. Annat war enttäuscht, dass sich niemand die Mühe machte, ihr die schockierenden Geheimnisse zu erklären. Sie würde später Mal- chik danach fragen müssen. »Seid ihr fertig?«, fragte Yuste und nahm die Hände herunter. Yuda warf ihr ein verschlagenes Grübchenlächeln zu. »Du hättest es ihnen sagen sollen. Das hätte späteren Ärger ver- hindern können.«, »Ich wollte nicht, dass Zaide es herausfindet. Du weißt, dass ihm das das Herz gebrochen hätte.« »Das habe ich schon erledigt, indem ich eine der Doxoi geheira- tet habe«, sagte Yuda, und sein Lächeln erstarb. »Hör zu«, sagte Sival. »Es kann den Kindern nicht schaden zu wissen, dass du Shaka liebst. Der Rest ist unwichtig.« »Aber sehr unterhaltsam.« »Ich bin dreizehn«, sagte Annat und richtete sich auf ihrem Stuhl kerzengerade auf. »Du wirkst eher wie drei«, sagte Yuda. »Fang!« Und er warf ihr ein zusammengefaltetes schwarzes Kleidungsstück zu. Es war eine weite Hose, wie Sival sie trug, mit einem Bundzug in der Taille, doch sie hatte Annats Größe. Erstaunt hielt sie sie in die Höhe. »Wofür ist die denn?« »Die wirst du im Zug tragen. Das ist besser als ein Rock.« »Sie wird nicht dieses Ding tragen«, sagte Yuste. »Mir gefällt sie aber«, protestierte Annat. »Sie sollte sie besser tragen, wenn du nicht willst, dass der ganze Zug ihre Unterhosen zu sehen bekommt.« »Wer sollte denn ihre Unterwäsche sehen?«, fragte Yuste. »Alle weiblichen Wachposten tragen Hosen. Es ist praktischer.« »Das ist etwas anderes. Sie fahren außen mit.« »Genau wie die Rebjata. Sie werden nicht als Reisende dabei sein.« Annat drückte die Hose an ihre Brust. Sie hatte Angst davor, ihrem Vater zu sagen, dass Malchik niemals in der Lage sein würde, außen auf dem Zug mitzufahren. Sie wünschte sich, er würde es von sich aus ansprechen, sonst würde es später sicher Ärger geben. Yuda hatte das Wort ›Reisende‹ voller Verachtung ausgestoßen. »Das ist viel zu gefährlich!«, sagte Yuste. »Bei dieser Fahrt erwarte ich keine Zwischenfälle«, sagte Shaka. »Die Banditen greifen meistens in den Sommermonaten an. Die Entseelten sind ein größeres Problem, aber Yuda kann es mit den meisten aufnehmen. Einige andere der Wachen sind ebenfalls Scha- manen.«, »Das gefällt mir nicht«, sagte Yuste. »Überlass das Sorgenmachen mir«, sagte Yuda. »Ich mache diese Fahrt nun schon seit zehn Jahren.« »Dann beeilt euch, Kinder, zieht euch rasch an. Wir haben nicht viel Zeit«, sagte Yuste mit einer Stimme, die vermuten ließ, dass der Streit in ihrer Abwesenheit fortgesetzt werden würde. Als Annat gepackt und sich angezogen hatte, wobei sie als Zuge- ständnis an Yuste ihre seltsamen neuen Beinkleider unter ihrem Rock trug, traf sie Malchik draußen auf dem Treppenabsatz. Die Ausbuchtung seiner in Tücher gehüllten Harfe hockte wie ein Bu- ckel auf seiner Schulter. Ein ungewöhnliches Gefühl der Wärme für ihn machte Annat für einen Moment schüchtern und sie wollte nicht, dass er es bemerkte. »Hast du Angst?«, fragte er, und sein trotziger Tonfall verriet An- nat, dass er genauso fühlte. »Nein«, sagte sie. Denn das, was sie empfand, war weit weniger simpel als Angst; Angst ließe sich leichter ignorieren. »Ich auch nicht. Er tut so hart, aber da steckt nichts dahinter. Er ist nur ein Aufschneider.« »Er ist seltsam«, sagte Annat und befürchtete, ihrem Bruder zu- liebe zu zurückhaltend zu sein. Ihr hatte eigentlich gut gefallen, was sie bislang von ihrem Vater gesehen hatte. Immerhin hatte er genü- gend Zeit gefunden, um diese Hosen für sie zu besorgen; sie pass- ten ziemlich gut. Malchik schien mit ihrer Antwort unzufrieden, so als hätte er ihre volle Zustimmung zu seiner Feststellung erwartet. »Du erinnerst dich nicht daran, wie er Mame behandelt hat«, sagte er herausfordernd. Annat war sofort verärgert über das vertraute Beharren auf Mal- chiks Vorrecht, über das Leben ihrer Mutter Bescheid zu wissen. Seine nie in Frage gestellte Version der Geschehnisse waren ihr ein Dorn im Auge gewesen, seitdem ihr klar geworden war, dass sie nicht die einzige Wahrheit darstellte. Sie verkrampfte sich so, dass ihr Körper in eine wütende, knöcherne Steifheit verfiel wie bei einer, wachsamen Katze. »Yuste sagt, Mame habe ihn fortgejagt«, sagte sie. »Sie hat sich selbst umgebracht.« »Na also. Es war nicht allein seine Schuld, dass sie ein bisschen verrückt war.« »Sie ist verrückt geworden, weil er fortgegangen ist.« »Ich glaube, er hat sie verlassen, weil sie verrückt war.« Sie starrten einander mit glühenden Augen, doch ohne wirklichen Zorn an; Annat wusste, dass sie ihren Bruder nicht überzeugen wür- de; sie war sich nicht mal sicher, ob sie selbst an ihre eigenen Wor- te glaubte. Doch es war wichtig, nicht einzulenken. »Es ist doch nur für sechs Monate«, hörte sie sich selbst sagen, mitfühlend, als wäre sie Yuste. »Wahrscheinlich wird er uns die meiste Zeit in Ruhe lassen.« Ihre Tante rief sie nach unten. Yuda und Shaka hatten sich schon auf den Weg zum Bahnhof gemacht, sie mussten sich beeilen. Es war klirrend kalt in den Straßen der Stadt, und die Schienen glitzer- ten silbern wie Schwerter. Platanen schraubten sich in die Höhe und verstreuten Borke und runde Samenbüschel, und die Wege wa- ren dicht mit Laub bedeckt. Die Stadt war voller stuckverzierter Mauern, grau oder safrangelb, und Fensterläden schirmten die Gebäude von der Straße ab. Vor- übergehende grüßten sie nicht und schenkten ihnen auch keinerlei Beachtung; Annat fragte sich, wie viele Fremde hier wohl leben mochten. Ihre Gewänder waren nicht selbst gesponnen mit den unregelmäßigen Säumen der verunstaltenden Kleidung, die ihre Tante oder ihre Großmutter herstellten. Auch wenn die Farben schlicht gehalten waren, grau, dunkelblau oder in einem Braunton ohne Wärme, so gab es doch vereinzelt Frauen, deren Röcke an den Knien abgeschnitten waren, was die Dorfältesten zu Hause nicht ge- stattet hätten. Yuste mit ihren knöchellangen Röcken wirkte ein wenig verstaubt und fehl am Platze. Man konnte nicht einmal sa- gen, wer Doxoi und wer ein Wanderer war. Die Städter eilten vor- über, in ihren unfreundlichen Traumwelten, und waren sich der wil-, den Freiheit und Gesetzlosigkeit ihres Verhaltens offenbar nicht be- wusst. Wieso begriffen sie nicht, wie glücklich sie sich schätzen konnten, an einem Ort zu leben, wo sich niemand darum scherte, wer sie waren, wo niemand stirnrunzelnd die obligatorische schwar- ze Kleidung beäugte oder halbherzige Flüche ausstieß, wenn man vorüberging? Der Bahnhof lugte über den Dächern der umstehenden Häuser hervor; sein Kuppeldach hob sich grau wie eine Wolke vor dem blauen Himmel ab. Annat hatte ihn bislang nur im Dunkeln ge- sehen und war erstaunt über die wohlgeformte Eleganz der hohen Gewölbe, die höher als ein Tempel der Doxoi waren. Rauch und Dampf der verborgenen Züge drang träge durch die Abzugsöffnun- gen und wehte zum Meer. Möwen kreischten und kreisten über dem Platz vor der Eingangshalle; sie stießen herab auf der Suche nach Bröckchen und Krumen und verdrängten die Tauben, deren rußige Federn und verkrüppelten Füße Annat in Erstaunen versetz- ten. Sie sahen aus, als seien sie aus Fetzen und Draht gefertigt. Zwi- schen ihnen hinkten einige Krähen, die sie aus ihren schlauen Au- gen zu beobachten schienen. Ihre Schwärze war wie ein Loch im Sonnenlicht. Sie merkte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, denn sie näher- ten sich dem hohen Eingang mit dem gemeißelten Portal, das über- große Statuen zeigte, die sich von den aufgehäuften steinernen Waf- fen und dem abgeschabten Waffenschild in der Mitte abwandten. Die Stadt war einst Teil eines großen Landes, Neustria, gewesen, ein Königreich, das von den Franj beherrscht wurde, bevor es in Stadt- staaten und Pfalzgrafschaften aufgesplittert wurde. Sogar zu Hause war Yuste gezwungen gewesen, Neustria in ihren Geschichtsstunden zu erwähnen. Annat gefielen diese steinernen Mahnmale an eine imperiale Vergangenheit nicht besonders. Dieses Königreich hatte die Gesetze erlassen, die die Wanderer an ihrer Kleidung erkennbar machten und die Arbeiten, die sie verrichten durften, beschränkten. Yuda trat aus der großen Doppeltür mit dem riesigen Glaspaneel, das heute kein Glaser mehr herzustellen vermochte, und Annat fiel, auf, dass er sich trotz seines schmächtigen Körperbaus mit einer Sicherheit und einer Anmut bewegte, die sich von der Haltung der anderen Männer abhob, die auf dem Vorplatz herumlungerten und zumeist größer waren als er. Diese Eigenschaft machte Annat neu- gierig, denn sie hatte sie noch nie bei einem Mann bemerkt, vor allem nicht bei Malchik oder Zaide, die dazu neigten, im Hinter- grund zu verschwinden. Unsichtbar zu sein war eine nützliche List für einen Wanderer, vor allem für einen Mann, beispielsweise wenn es einem Doxoi einfiel, sich zu lebhaft an den Tod des Sohnes zu erinnern. Vielleicht war ihnen bislang nichts zugestoßen, weil Zaide ein Arzt war, doch sie hatten von anderen Familien gehört, die aus ihren Häusern vertrieben und sogar getötet worden waren. Yudas Körperhaltung zeigte das Selbstvertrauen von jemandem, der keine Veranlassung hatte, sich zu verstecken. »Wo ist Shaka?«, fragte Yuste. »Er verhätschelt wie üblich seine Lokomotive. Ich bin nur die zweite Liebe seines Lebens. Er vertraut den Heizern nicht, nicht einmal seinen alten Kumpeln.« »Ich lasse die Kinder jetzt bei dir, Yuda. Es hilft weder ihnen noch mir, wenn ich weinend und mit wehendem Taschentuch auf dem Bahnsteig stehe.« »Was für ein Bild! Kann ich mir bei dir auch nicht vorstellen, Yuste.« Er schlang die Arme um sie und drückte sie kräftig, was Yuste etwas außer Atem brachte. »Ich erwarte nicht von dir, dass du schreibst, aber bitte die Kin- der, mir ab und zu einige Zeilen zukommen zu lassen.« »Das werde ich«, sagte Annat sofort. Yuste beugte sich hinab, um sie zu küssen, und ihre Tränen benetzten Annats Wangen. »Langes Abschiednehmen ist keine gute Sache, Natka. Schreib mir bald.« Nachdem auch Malchik gehörig umarmt worden war, begleiteten sie ihren Vater in den Bahnhof, von der Stille hinein in den Lärm, und Annat drückte den harten Puppenkörper gegen die Brust. Es war der Versuch, die Traurigkeit im Inneren zu zerbrechen. Yuda, lief schnell und ohne sich umzublicken, doch Malchik sah unabläs- sig zurück zu der Stelle, an der ihre Tante gestanden hatte, eine kleine, adrette Gestalt, die mit einer Hand ihren Hut festhielt. Im Inneren des Bahnhofs tauchte Annat ein in Rauchwirbel, teeri- gen Gestank und laute, hallende Stimmen. Sie musste sich beeilen, um mit Yuda mitzuhalten und ihn nicht in der Menschenmenge zu verlieren, denn die Leute eilten und drängten in die verschiedensten Richtungen. Yuda bemerkte ihre Bemühungen und legte ihr einen Arm um die Schultern, um sie an sich zu drücken. Mit Sicherheit würden ihm die Leute Platz machen. Malchik folgte ihnen mit lan- gen Schritten. »Bist du nicht schon ein bisschen zu alt für eine Puppe?«, fragte Yuda und beäugte Annats kleinen Schützling. »Mame hat sie mir geschenkt. Aber vor allem ist sie nicht nur eine Puppe. Sie spricht mit mir.« »Und ich bin die Kaiserin von Neustria«, war seine Antwort. Die große Lokomotive mit ihrem rußigen Schornstein tauchte vor ihnen auf, glänzend vom Öl und schwarz wie Kohlenstaub, nicht wie auf den Bildern, die Annat in ihren Büchern gesehen hatte. Sie verströmte einen ranzigen Geruch wie ein Kater. Shaka, der sich aus dem Führerhaus beugte, trug einen roten Arbeitsanzug, der bereits ölverschmiert war, über einem blauen Hemd, und er winkte, als er sie aus der lichter werdenden Menschenmenge heraus- treten und näher kommen sah. An diesem Ende des Bahnsteigs gab es weniger Reisende. »Wie ich sehe, hast du dir Kinder zugelegt, Vasilyevich«, rief er. »Gib mir einen Kuss, du alter Bastard«, gab Yuda zurück und stieg zu diesem Zweck auf das Trittbrett. Annat und Malchik sahen mit der Neugierde von Botanikern zu, die gerade ein neues phylum entdecken. »Was starrt ihr denn so?«, knurrte ihr Vater. »Ich nehme mal an, sie haben zu Hause in Sankt Eglis noch nicht viele knutschende Männer gesehen.« »Ihr zwei, klettert nach oben. Es ist der erste Waggon hinter dem, Tender. Ihr könnt euer Gepäck ins Abteil der Wachen legen.« Als sie weiter regungslos verharrten, fügte er hinzu: »Abmarsch. Wir fahren bald los.« Annat drehte sich um und sah zu Malchik auf. Sie konnte an seinem Gesicht ablesen, dass er nicht geglaubt hatte, sie würden tat- sächlich auf dem Dach des Zuges mitreisen müssen. Es war schwer, mit ihrem Vater zu streiten, der offenkundig daran gewöhnt war, dass man ihm gehorchte. Sie befürchtete, dass er die Beherrschung verlieren würde, wenn sie noch länger zögerten, und dann wäre eine Erklärung noch schwieriger. »Malchik kann nicht…« »Ich kann nicht…« Yuda stieß einen leisen, ungeduldigen Seufzer aus. Er lehnte sich gemütlich gegen Shaka, der etwas nachhalf. »Nun heraus mit der Sprache, Rebjata. Wir werden euch nicht auffressen.« »Sir, es ist nur so, dass ich nicht kann, ich bin nicht schwindel- frei. Ich werde wohl drinnen mitfahren müssen.« »Wie bitte, wie ein verdammter Passagier?«, rief Yuda. Shaka flüs- terte ihm etwas ins Ohr. »In Ordnung. Wir haben keine Zeit zu streiten. Aber vergiss nicht, du bist der Sohn eines Wachmanns. Ich dulde keinen weiteren Unsinn.« »Siehst du, was ich meine?«, zischte Malchik, als sie am Zug ent- lang zum Abteil der Wachen hasteten. Annat blieb stehen. »Du hät- test es ja versuchen können«, sagte sie. »Gib mir dein Gepäck, ich verstaue es für dich an einer sicheren Stelle. Du solltest mit mir nach drinnen kommen. Er kann uns nicht zwingen, oben mitzufahren. Wenn wir das beide machen, wirkt es nicht so schlimm.« »Aber er hat mir die Hose besorgt!« Bevor Malchik antworten konnte, war ein Pfeifen zu hören, und beide rannten wie wild in verschiedene Richtungen; Malchik zum Ende und Annat zur Spitze des Zuges.,

KAPITEL 3 Doch es war ein Zug auf der anderen Seite des Bahnsteigs, derausfuhr. Die Waggons waren in einem grellen Rot gestrichen,

und es gab keine Wachen auf dem Dach. Die Menge auf dem Bahn- steig jubelte, und einige warfen dem abfahrenden Zug Nelken hin- terher. Annat ließ sich gegen den nächstbesten Waggon ihres eige- nen Zuges sinken. Sie fühlte sich, als ob sich jemand einen Scherz mit ihr erlaubt hätte. Aber wenigstens würde Malchik nun genü- gend Zeit haben, das Abteil der Wachen zu finden, ihre Taschen zu verstauen und sich einen Platz im Zug zu suchen. Gemessen an der Zahl der Reisenden, die sich aus den geöffneten oberen Zugfenstern lehnten und rauchten, war der Zug bereits reichlich voll. Ein Mann mit braunen Augenbrauen und einem braunen Schnurrbart warf ihr einen anzüglichen Blick zu, während er an seinem Zigarrenstumpen zog. Trübsinnig, die Hände in den Taschen ihres schwarzen Man- tels, schlurfte Annat zurück zum Waggon ihres Vaters und fragte sich, von welchem Schlag wohl die anderen Wachen sein mochten. Drei Gestalten saßen mit gekreuzten Beinen auf dem Dach. Sie trugen etwas, das eine Uniform zu sein schien und aus einem wei- ten Kamelhaarmantel, dicken, beigefarbenen Umhängen oder Pon- chos und grauen Hosen bestand. Lange Gewehre aus grünem Me- tall lagen auf ihre Knie gestützt. Zwei der Männer trugen Hüte aus dickem, graubraunem Filz; der dritte war kahl mit Ausnahme einer Tätowierung, die einen Mann und eine Frau in kunstvoller Vereini- gung zeigte. »Hallo, kleines Mädchen«, sagte der kahlköpfige Mann mit tiefer Stimme. Sein Gesicht war tiefrosa wie eine Schweineschnauze, seine Lippen dick und fleischig. Im Kontrast dazu wirkten seine wimpernlosen Augen erstaunlich blau. »Hallo«, sagte Annat argwöhnisch. »Hast du deine Mum und deinen Dad verloren?«, fragte einer, der zwei Hutträger. Er war viel jünger, vielleicht sogar nicht älter als Annat, und sein Lächeln drückte seine Augen zu dünnen, kaum erkennbaren Linien zusammen. Strähnen von braunem, lockigem Haar lugten unter seinem Hut hervor. »In letzter Zeit nicht«, sagte Annat, die nicht allzu freundlich er- scheinen wollte. Die dritte Wache lachte, es war ein Frauenlachen, angenehm und voll. Annat starrte sie höchst erstaunt an. Ein viereckiger, weicher Kiefer, eine stumpfe Nase, kleine, graugrüne Augen; ihr Kopf war unter dem Hut kahl geschoren. Ebenso wenig, wie Annat jemals Männer mit langen Haaren gesehen hatte, ehe sie Shaka und Yuda traf, so hatte sie auch noch nie eine Frau mit kurzen Haaren zu Ge- sicht bekommen, geschweige denn eine kahlköpfige. Ihr Mund stand offen, als sie sie anstarrte, und sie vergaß ganz ihr städtisches Gehabe. »Du musst eines der Rebjata vom Hauptmann sein«, sagte der junge Mann. »Nee. Der Hauptmann hat keine Rebjata. Er könnte es doch nicht mit einer Frau machen«, sagte der Kahlgeschorene. Der Jüngere kicherte. »Er weiß nicht mal, welches Ende der Frau das richtige ist«, sagte er. »Ich bin die Tochter von Yuda Vasilyevich«, sagte Annat entrüstet. »Es geschehen doch Zeichen und Wunder. Gelobt sei der Sohn!«, säuselte der Kahlkopf mit gespielter Frömmigkeit. »Lass sie in Ruhe, Pyotr«, sagte die Frau. Sie beugte sich vom Dach herunter und streckte Annat eine lange, knochige Hand ent- gegen. Annat ergriff sie und kletterte ohne Schwierigkeiten zu ihr hinauf. Das Dach des Waggons war breit und flach. Sie setzte sich zwischen die drei Wachen, die ihr bereitwillig Platz machten. »Sie sieht ihm auch ähnlich, nicht wahr, Lyude?«, fragte Pyotr. »Sie hat seine Nase.« »Oh ja, sie hat seine Nase. Und seine Augenbrauen. Sogar einen Schnurrbart, der üppiger als seiner ist.« Annats Hand flog an ihre Oberlippe. Sie war ziemlich behaart,, aber es war doch nur ein weicher Flaum, wenn auch dunkel. »Wenigstens habe ich Haare«, fauchte sie. Der kahle Mann zwinkerte ihr zu. »Du wirst einen schönen Bart haben, wenn du älter bist, mein Schatz«, sagte er. »Meine Kleine«, sagte die Frau, »sie haben nur Scheiße im Kopf. Lass dir das von Scorpion gesagt sein. Wenn du auch nur auf die Hälfte der Dinge hörst, die sie dir an den Kopf werfen, wird dir dein Gehirn aus den Ohren fallen.« »Ihres ist schon vor langer Zeit herausgefallen«, sagte Lyude. »Nicht nur ihr Hirn«, fügte Pyotr hinzu. Annat wurde durch ihren Vater vor weiterer Unbill bewahrt, der aus der Richtung der Triebmaschine gekommen und über den Ten- der geklettert war. Annat fiel auf, dass er zwar ein Messer an seinem Gürtel trug, ansonsten jedoch unbewaffnet war. Er lächelte sie an, als ob er etwas von dem mitgehört hätte, was zuvor ausgetauscht worden war, und sie wusste mit unerwarteter Sicherheit, dass dies tatsächlich der Fall war. Sein Geist war ihrem gegenüber nicht ver- schlossen wie der der anderen; wenn er gewollt hätte, hätte sie seine Gedanken teilen können. Er hockte sich mit der bedächtigen Leich- tigkeit einer Wildkatze neben sie. »Wie ich sehe, sorgt ihr dafür, dass meine Tochter sich wie zu Hause fühlt, Leute«, sagte er. Annat begriff, dass er ihren Ärger ebenso deutlich gespürt hatte, wie sie seinen Geist hatte lesen kön- nen. Sie hatte nicht gelernt, ihre Gefühle zu verbergen; zu Hause, wo sie die einzige tätige Schamanin war, war das nicht nötig gewe- sen. »Wir behandeln sie wie eine von uns, Hauptmann«, sagte Pyotr grinsend. »Der Kessel steht schon unter Volldampf. Ich habe das Signal zur Abfahrt gegeben, sobald die Strecke frei ist.« Noch während er sprach, bellte jemand auf dem Bahnsteig: »Alles einsteigen!« Es gab ein fieberhaftes Gedränge, als jene, die versuch- ten, den Zug zu verlassen, gegen die ankämpften, die noch in letz- ter Sekunde aufspringen wollten. Es kam zu Handgemenge, Koffer, wurden durch offene Fenster geworfen; Annat sah ein verschrecktes Huhn den Bahnsteig hinunter auf den Ausgang zuflattern, bis es von seiner Besitzerin, einer alten Frau, geschickt an den Schwanz- federn eingefangen und unter den Pullover gesteckt wurde. Yuda erhob sich und gab dem Bahnsteigpersonal, das von ihrer Position aus nicht zu sehen war, ein Handsignal. Jemand ließ einen Pfiff ertönen, und unter einem Nelkenregen lief der Zug aus dem Bahnhof aus. Frauen fingen an zu wehklagen, Männer hoben Kin- der über ihre Köpfe, damit diese das Spektakel sehen konnten, und die sonderbare Atmosphäre erinnerte an ein Fest und ein Begräbnis gleichermaßen. Annat hob eine rote Nelke auf. »Warum tun sie das?«, fragte sie Scorpion. »Weil niemand weiß, ob wir unser Ziel lebend erreichen werden. Letztes Jahr wurde nördlich von Axar ein Zug überfallen, und es gab keine Überlebenden, außer denen, die als Sklaven genommen wurden. Wir alle haben auf dieser Fahrt Kameraden verloren. Aber jener Zug war weniger gut bewacht als dieser hier, und sie hatten keine Schamanen an Bord.« »Liegt Gard Ademar nördlich von Axar?« »So weit, wie es nur möglich ist. Gard Ademar ist der nördliche Endpunkt. Dort oben gibt es nur wildes Land. Niemand hat es seit den Jahren der Großen Kälte erkundet.« Yuda hatte sich wieder hingesetzt, rauchte Tabak und sprach mit Lyude und Pyotr. Als sie das Bahnhofsgebäude verließen, traf sie für einen kurzen Augenblick ein Sonnenstrahl, schmal wie ein sil- bernes Blatt, doch dann tauchte der Zug wieder ein in einen der langen Tunnel, in denen Lichter flackerten und Hupen dröhnten. Ein ranziger Gestank nach Ruß und Öl lag in der Luft, und grober Sand stach Annat ins Gesicht und verfing sich in ihren Haaren. Sie war erleichtert, als Scorpion ihren Umhang über ihren Kopf stülpte und sie so vor dem schlimmsten Rauch schützte. Sie klammerte sich an das Dach und fühlte sich verloren zwischen den hallenden Ge- räuschen, dem Rattern, dem bitteren Rauch und dem stechenden, Teergeruch. Der Zug lebte! Sie fühlte, wie der Waggon unter ihr vibrierte, als er sich ruckelnd seinen Weg über die Weichen bahnte. Einen Augenblick lang wünschte sich Annat, sie hätte sich wie Mal- chik entschieden und könnte sich jetzt in die warme Sicherheit der Waggons kuscheln. Als sie aus den Tunneln herausfuhren, traf sie die frische Sonne wie ein scharfer Schwerthieb. Scorpion zog ihren Umhang zurück, und Annat fühlte, wie ihr der Wind ins Gesicht schlug und ihre Haare aus dem Gesicht trieb. Sie rang nach Luft, wischte sich den stechenden Sand aus den Augen und sah die große Rauchwolke, die aus dem Schornstein aufstieg und über ihre Köpfe zurück weh- te, dem Wolkenmantel gleich, den der Eine über die Wanderer ge- worfen hatte, um sie in der Wildnis zu beschützen. Annat sah die Farben, die blassen und wirbelnden Grautöne, und sie spürte echte Tränen in den Augen. Sie war Eliahu, die im Feuerwagen hinauf ins Paradies getragen wurde, sie war die Jungfrau, die auf dem Drachen- rücken saß und unter den Sternen ritt. Sie war sich ihrer Begleiter kaum mehr bewusst; der Augenblick gehörte ihr allein, im Triumph hinausgetragen aus der Dunkelheit der Tunnel in den strahlenden Tag. Unter ihr ruckelte der Wagen nun sanfter. Trotz des Windes, der an ihr zu zerren schien und der sie in die Luft pusten wollte wie ein Kuhschwanz, der nach Fliegen schlägt, war ihre Furcht verflogen; sie lachte atemlos und bemitleidete ihren Bruder, der sich dafür entschieden hatte, unten zu bleiben, eingepfercht in dem rauchi- gen, engen Innenbereich. Ohne um Erlaubnis zu fragen, stützte sie sich auf Scorpion, kämpfte sich auf die Beine. Sie ließ die ganze Gewalt des Zugwindes gegen sich prallen, sodass ihr Haar hinter ihr her wehte wie ein Kometenschweif. Es war kalt! Sie zitterte, breitete die Arme aus, um das Gleichgewicht zu halten, und wünschte sich, sie wäre allein, ohne die kleine Zuschauerschaft, die ihre Begeiste- rung amüsant zu finden schien. Sie saßen zusammengedrängt auf einem Haufen, doch Scorpion blickte sie lächelnd an, und Yuda sah erfreut aus., Auf den Feldern vor Masalyar war die Weinernte in vollem Gan- ge; Annat sah graue Esel, die mit ihren mit Früchten beladenen Tragekörben Schnecken glichen. Zu ihrer Linken breitete sich der Fluss Krön in einer trägen, blauen Fläche aus. Annat konnte die langsamen Schleppkähne erkennen, die sich ihren Weg flussauf- wärts bahnten; ihre safrangelben Lateinsegel waren gesetzt, um die Brise einzufangen. Vor ihnen glitt die massige Zugmaschine unter dem wirbelnden Rauchstrudel dahin und verschluckte mühelos die silbriggrauen Schienen. Rechts von ihr streckten sich die goldenen Hänge der großen, felsigen Berge in den Himmel und glitten gleich- förmig an ihr vorbei, noch während sie sie genauer betrachten woll- te. Sie setzte sich neben Scorpion, rieb sich die laufende Nase und zitterte. »Ist es weit bis nach Axar?«, fragte sie. »Wir werden dort bei Sonnenuntergang eintreffen. Ich würde an deiner Stelle jetzt ein bisschen schlafen, Mädchen, wenn du kannst. Dieser Teil der Strecke ist langweilig, du wirst also nichts verpassen. Heute Nacht wirst du nicht viel Ruhe bekommen.« Annat konnte es kaum glauben, dass Scorpion die Fahrt öde fand, wo es doch so viel in der Landschaft zu entdecken gab; zerfallene Dörfer flogen vorbei, deren rote Dächer in der Morgensonne glüh- ten, und lange, dünne Tempel reckten goldene Wetterfahnen in die Höhe. Doch ihr fiel etwas Wichtiges ein. »Malchik hat mein Es- sen«, sagte sie. »Keine Sorge, im Wagen der Wachen ist mehr als genug.« Annat kräuselte die Nase. »Ist es denn auch koscher?« »Die Köchin ist eine Wanderin. Darauf hat dein Dad geachtet, als er zum Hauptmann ernannt wurde. Davor hat er von Sonnenfrüch- ten und Äpfeln gelebt.« »Und im Winter aß er Salz und Scheiße«, warf Lyude ein. »Und war dankbar dafür«, sagte Pyotr. »Ihr Wanderer müsst im- mer eine Extrawurst braten. Möge sie euch im Hals stecken blei- ben.« »Er vermisst sein Schweinefleisch«, sagte Lyude., »Er ist selbst ein Schwein«, sagte Scorpion. Annat sah, wie sich Yuda entspannte. Es hatte einen winzigen Au- genblick der Gefahr gegeben, als die Neckerei in Hass umzuschla- gen drohte. Trau niemals einem Doxoi, hatte Bubbe gesagt. Pyotr grunzte nun wie ein Eber auf der Suche nach Trüffeln, während Lyude Vorschläge machte, wohin die Apfelsauce am besten passen würde. Kein Wanderer, egal wie locker seine Einstellung war, würde jemals Schwein essen, auch wenn das seinen Hungertod bedeutete. Die Propheten und Prophetinnen hatten verkündet, dass den Schweinen noch immer ein Teil der Seele innewohnte, den der Eine am Anbeginn der Zeit allen Tieren gegeben hatte; ihr Quieken glich den Schreien eines kleinen Kindes. Annat hatte von Märtyrern gehört, die sich das Leben nahmen, nachdem sie gezwungen worden waren, unreines Fleisch zu essen. Sie ließ sich neben Scorpion nieder, hatte jedoch nicht vor zu schlafen. Jeder Moment, jede Aussicht war neu, und sie wollte sie speichern und sich immer daran erinnern können, an jeden Farb- blitz, wenn sie an Wäsche vorbeirasten, die zum Trocknen in den Büschen ausgebreitet worden war, jede Bewegungswelle, wenn auf- geschreckte Pferde vor dem näher kommenden Zug davongalop- pierten. Sie konnte nicht begreifen, wie sich irgendjemand langwei- len konnte, wenn es so viel zu sehen und auszukosten gab. Aber sie hatten auch nicht ihr ganzes Leben, dreizehn lange Jahre, in Sankt Eglis verbracht, mit seinen langsamen Ochsenkarren und allzu ver- trauten grünen Feldern. Yuda brachte Annat gegen Mittag in das Abteil der Wachen. Als Annat an ihre Tante dachte, wie sie alleine mit Sival in dem großen Haus speiste, schien es ihr, als habe der tosende Wind grausame Hände, mit denen er sie von allem fortriss, was sie kannte. Mit aus- gestreckten Armen hielt sie die Balance und lief hinter Yuda her, der zurück zum Ende des Zuges schlenderte und stehen blieb, um mit den Wachen eines jeden Waggons ein paar Worte zu wechseln. Wenn er an den schmalen Spalten zwischen den Wagen ankam, sprang er hinüber. Annat zögerte, bevor sie ihm mit einem unbe-, holfenen, panischen Sprung folgte, aus dem er sie auffing. Sie fühl- te die Stärke seiner Arme, als er sie lachend absetzte. Annat strich sich das Haar aus dem Gesicht und starrte zu ihm empor. »Du wirst dich schon daran gewöhnen«, sagte er unbarmherzig. »Du hast ein gutes Gefühl für Balance.« Annats Beine fühlten sich nach ihrem ersten Sprung an, als wären sie aus Watte, doch sie wollte nicht, dass er sah, wie verängstigt sie gewesen war. Sie rannte voraus zum nächsten Spalt, flog mit einem Satz und landete auf Händen und Knien. Als sie den Wagen der Wachen am Ende des Zuges erreicht hatten, war sie atemlos, und alles an ihr schmerzte. Ihre Hände klebten, taub vor Kälte, an den Metallstreben der Leiter, die an der Seite des hölzernen Wagens hing. Yuda öffnete die Tür und trat ein; Annat fand sich an einem warmen, überfüllten Ort wieder, der nur schwach erleuchtet und von Essensgeruch erfüllt war. Die meisten Wachen im Innern standen an die Wand gelehnt und hielten ihre Teller auf einem Vorsprung im Gleichgewicht, der ringsum an der Wand entlang lief. Am anderen Ende führte eine kleine Tür zum Abort. Yuda stellte Annat der Köchin vor, einer Frau im Schwarz und Weiß der Wanderer, die ihr Haar mit einer weißen Haube bedeckt hatte. Sie versorgte sie mit Bechern voll starkem, schwarzem Chais und Tellern, die mit grünen Linsen, in Zwiebelsoße gekocht, gefüllt waren. Es war zu laut in dem Waggon, als dass sie sich hätten un- terhalten können, doch als sie auf den Packkisten in der Nähe des Ofens saßen, entdeckte Annat, dass sie still miteinander sprechen konnten. Sie war ein wenig erstaunt, als Yuda ein Gebet über dem Essen sprach, bevor er es anrührte. Im nächsten Augenblick dran- gen die Gedanken ihres Vaters in ihren Geist; die fremden Worte schlüpften nahtlos zwischen ihre eigenen Überlegungen. – Ich mag vielleicht nicht so fromm wie Yuste sein, aber ich habe mich nicht von mir selbst entfernt. Er nippte an seinem Chai. – Wirst du auch den Königstag begehen? Annat merkte, dass ihre eige-, nen Gedanken sperrig waren und einem Schrei ähnelten, und sie sah ihn zusammenzucken. – Ich kann dich hören, Mädchen. Ich muss deine Gedanken wegschieben. Du hast keine Kontrolle. Ich werde ihn einhalten, wenn ich kann. Das hängt davon ab, wie die Fahrt verläuft, wenn wir an Axar vorbei sind. Vielleicht haben wir zu viel zu tun. – Ich fürchte mich nicht. – Das liegt daran, dass du nicht weißt, was Gefahr ist. Wenn der Junge glaubt, im Innern des Zuges wäre es sicherer, dann liegt er falsch. Sie kön- nen hinein. – Werde ich nicht im Weg sein, wenn es zu einem Kampf kommt? – Das tust du besser nicht. Er stellte seinen nur zur Hälfte geleerten Teller zurück auf die Theke. Annat, die die Mahlzeit köstlich fand, aß weiter. Er beo- bachtete sie, und wieder fühlte sie die behutsame Stimme in ihrem Geist wie ein Echo, das nur sie allein hören konnte. – Was denkst du über mich, Annat? – Weiß nicht. Ich hatte gedacht, du wärst wie Zaide. – Wenn ich wie er wäre, wäre ich nicht davongelaufen. Annat zuckte die Achseln. Sie hatte ihn nicht vermisst, weil sie ihn nicht gekannt hatte. Zaide hatte den Platz eines Vaters eingenommen, auch wenn er immer etwas distanziert und Furcht einflößend und sehr mit sei- nem Glauben und seiner Arbeit beschäftigt gewesen war. – Ich kann nicht glauben, dass du mein Rebjonok bist. Du warst noch ein Nichts, als ich wegging. Du konntest kaum aufrecht sitzen. »Kann ich noch mehr haben?«, fragte Annat laut und blockte sei- ne Gedanken ab. »Du kannst meine Portion aufessen.« »Warum willst du sie nicht?« – Ich esse nicht viel, wenn ich auf der Fahrt bin. Ich bekomme Angst, und mir wird komisch im Magen. – Du wirkst gar nicht furchtsam. – Es gibt nichts zum Fürchten – noch nicht. Hast du jemals jemanden ge- sehen, der von einem Schamanen angegriffen wurde? Sie bekommen innere, Verbrennungen. Wenn sie Glück haben, sterben sie in wenigen Minuten, während der sie in Todesqualen schreien. Es bleibt keine Zeit, ihnen zu hel- fen, du bist zu sehr damit beschäftigt zu kämpfen. Kein Schamane würde so angreifen, aber die Entseelten sind nicht gewöhnlich. Wenn einer von ihnen den Fahrer in die Finger bekommt, ist der ganze Zug tot. Sie töten Kinder, Tiere, jeden. – Du hast das schon gesehen, nicht wahr? Annat erhaschte einen Blick auf das Bild in seinem Geist von der Szene, die ihn quälte, seit er ein junger Mann war: Körper im kal- ten Licht des Tages, die von dem Zug niedergewalzt worden waren, nachdem sie in der verrenkten Haltung der Vergifteten zu Boden gefallen waren, und ihre Gesichter waren schwarz von dem ver- trockneten Blut, das ihnen aus den Augen, der Nase und dem Mund gequollen war. – Ich war damals keine Wache, nur ein Heiler. Mitglied einer Mann- schaft, die ausgeschickt worden war, um nach Überlebenden zu suchen. Der Zug war eine ausgebrannte Hülle. – Warum tun sie das? – Ein einzelner Entseelter ist nicht so schlimm. Er ist nur ein Schamane, der den Verstand verloren hat. Doch einige von ihnen sind in die Wildnis gezogen, und sie haben sich zusammengerottet. Sie sind zu einer Gestalt ge- worden – ein kranker Geist der Massen. Es könnte sein, dass sie einen Füh- rer haben, der zwar nicht verrückt ist, aber der keine moralischen Grenzen und keine Gefühle kennt. Er kontrolliert die anderen, hält sie davon ab, sich untereinander zu töten. Yuda steckte sich eine Zigarette an, rauchte zwischen den Schlucken seines Chai. – Yuste wird mich umbringen, wenn ich zulasse, dass euch was geschieht, fügte er hinzu. – Wir sind alt genug, um auf uns selbst aufzupassen. – Malchik nicht. Zaide hat ihn auf nichts außer aufs Lernen vorbereitet. Du hast die Veranlagung. Scorpion hat dich genau beobachtet, und sie meint, du wirst eines Tages mächtig sein. »Was meinst du damit? Woher weiß sie das?«, fragte Annat laut. – Sie ist eine von uns. Eine Schamanin, die so mächtig ist, dass sie es vor anderen verbergen kann. Sie kann in deinen Geist blicken, ohne dass du et-, was davon ahnst. Es ist eine gefährliche Fähigkeit, aber sie missbraucht sie nicht. – Warum trägt sie denn eine Waffe? – Wir nutzen unsere Kräfte nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Nicht mal gegen Banditen. Mit denen können die anderen Wachen fertig werden. Man hält doch nicht einen Hund, um dann selbst zu bellen. – Malchik kann dich nicht leiden. Annat merkte, wie sich der Gedanke in ihrem Geist geformt hat- te, bevor sie ihn stoppen konnte. Ihr Vater machte eine kurze, bit- tere Handbewegung. – Ich habe ihm nicht viel Grund gegeben, mich zu mögen. – Was meinst du damit? – Das geht nur ihn und mich was an. Geschickt schloss er sie aus. Annat sah ihm zu, wie er seine Ziga- rette in einem der zur Kantine gehörenden polierten Aschenbecher ausdrückte. »Danke, Rosa«, sagte er zu der Köchin, und Annat bemerkte ihren halbverborgenen Blick, weich und hundeähnlich. Er ließ auf eine bedingungslose und unbewusste Hingabe schließen, die Annat nicht verstand. Sie hatte in ihm nichts gesehen, das dies verdiente. In nachdenklicher Stimmung folgte sie ihm zurück zur Spitze des Zuges. Sie hatte bislang noch nie Anlass dazu gehabt, sich über ir- gendeinen der sie umgebenden Erwachsenen Gedanken zu machen. Zu Hause hatte es Geheimnisse und seltsame Gefühle gegeben, doch sie waren alle vertraut. Yuda erwies sich als ein großes Rätsel, als Landkarte, auf der einige deutliche Markierungen nur die Viel- zahl der unerkundeten Gebiete hervorhoben. Annat wollte heraus- finden, warum die Köchin ihn so sonderbar angesehen hatte. Die Frau hatte eine Haube getragen, die ihr Haar bedeckte, was bedeu- tete, dass sie verheiratet sein musste. Eine verheiratete Frau sollte keinen anderen anblicken als ihren Ehemann. Rosa musste doch wissen, wie hoffnungslos es war, dass Yuda sie bemerkte, wo er doch so offen damit umging, dass er ein … ein Divko war. Yuda wandte sich zu ihr um, und in seinen Augen lag Missbilli-, gung. Er hatte ihre Gedanken mitgehört. – Du bist dreizehn Jahre alt, und Yuste hat es dir nicht gesagt? Alle Scha- manen sind gleich. Wir können Männer und Frauen wählen. – Ich nicht. Es ist eine Sünde. »Süße dreizehn und noch ungeküsst«, zog er sie auf. »Ach, halt den Mund.« »Bring deinem Vater etwas mehr Respekt entgegen.« In einem Anflug von Zorn sprang Annat über den Spalt zu ihm hinüber und hätte beinahe den Halt verloren; so verschlug es ihr den Atem, als er sie auffing. Sie waren wieder auf dem vordersten Waggon angelangt, wo Scorpion, Lyude und Pyotr lagerten und eine Zigarette kreisen ließen. Sie beachteten Annats unbeholfene Ankunft nicht. »Setz mich ab!« Scorpion blickte zu ihr hoch und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht fair. Ich kann nicht hören, was ihr denkt, wenn ihr es nicht zulasst«, sagte Annat. »Du wirst lernen müssen, wie man sich vor ihm verschließt, Reb- jonok. Du willst doch nicht, dass dein Vater alles mithören kann, was du denkst.« »Ich kann es kaum verhindern«, sagte Yuda. »Sie könnte auch gleich in einen Lautsprecher brüllen.« »Ich bin froh, dass er meine Gedanken nicht hören kann«, sagte Pyotr mit einem unanständigen Grinsen. »Du hast doch gar keine Gedanken«, sagte Scorpion. »Essen und Sex«, sagte Lyude. »Das ist kein Denken. Ein Schwein hat mehr Verstand«, sagte Scorpion. Yuda setzte sich zwischen sie und kramte in seiner Tasche. Schließlich brachte er eine Hand voll Karten hervor. »Spielst du?«, fragte er Annat, die noch immer mit verschränkten Armen dastand und vom Zugwind geschüttelt wurde. »Nein.« Er grinste und nahm die Gemeinschaftszigarette von Pyotr entge-, gen. »Lass es mich wissen, falls du deine Meinung änderst.« Annat ließ sich mit dem Rücken zu ihnen im Schneidersitz nie- der. Sie konnte sich selbst nicht am Denken hindern, und sie konnte nicht herausfinden, wie sie ihre Gedanken für sich behalten konnte. Sie blickte finster in die Landschaft, auf die weiche, blaue Ober- fläche des Flusses Krön und auf die gut bewässerten Wiesen, dun- kelgrün, durch die sich die Schienen schlängelten. Dörfer rauschten vorüber, zerfallene Burgen, Herden von gehörnten Rindern mit braunem Fell, die in den Feldern grasten; Schreine der Doxoi mit dem Bild der Mutter säumten die Strecke. Das gleichförmige Rüt- teln des Zuges war wie eine schaukelnde Wiege, und Annat ließ ihre Gedanken in Träume hinübergleiten. Eine Welt, in Schnee versunken. Der Himmel schimmerte weiß und hing schwer wie eine Glocke über ihnen; der opalisierende Hintergrund erstreckte sich bis in weite Ferne, doch Annat spürte, dass der Horizont näher war, als es den Anschein hatte. Der ganze Ort hätte in einer Schublade verstaut wer- den können und würde in einer Kinderspieldose Platz finden. Und doch war er zur gleichen Zeit unendlich, und seine Grenzen waren zeitlos. Annat zitterte, als die Kälte näher kroch und sich wie mit Nebelfingern um ihre Glieder schlang. Ihr eigener Atem verdichtete sich vor ihrem Gesicht zu Ne- belwölkchen, und sie blieb reglos stehen, denn sie wusste, dass der Geist des Ortes über sie kam, als wäre sie ein Buch, und sie suchte nach den verborge- nen Worten, die ihre Schwäche zerstreuen würden … Annats Kopf schoss hoch. »Gut geschlafen?«, fragte Yuda. Der Abend war hereingebrochen. Kleine Sturmlaternen waren auf der ganzen Länge des Zuges entzündet worden und gaben ein blas- ses Glühwürmchenleuchten von sich. »Ich hatte einen Schamanen-Traum«, sagte Annat. »Erzähl mir später davon. Wir nähern uns Axar. Wenn wir halten, will ich, dass du Malchik suchst und ihm sagst, er soll zum Abteil der Wachen gehen. Ich hole dich dann in einer halben Stunde wie-, der an der Zugmaschine ab.« »Okay, Mister«, sagte Annat, die noch immer im Banne ihres Traumes stand. »Mach dir keine Sorgen«, sagte Yuda. »Ich habe aufgehört, mir über meine dunklen Träume den Kopf zu zerbrechen. Die Zukunft ist nicht festgelegt.« »Es hat mich gefunden«, sagte Annat. Er nahm ihre herabhängen- de Hand. »Solange du mich hast, Mädchen, werde ich dafür sorgen, dass dir nichts geschieht.« »Das ist ja ein richtiges Versprechen«, sagte Scorpion. Der Zug fuhr in die dunklen Straßen von Axar ein. Kirchtürme und Domgebäude hoben sich blau vor dem zart getönten Himmel ab wie Schatten auf einer Fensterrosette. Die Lokomotive stieß eine Säule aus Funken und Dampf aus, als sie sich zwischen den ge- duckten Häuschen dahinschleppte. Wie ein metallenes Wunder glitt der Zug auf dem matten Quecksilber der Schienen entlang, und seine Kolben hämmerten wie die Klappen eines riesigen Herzens. Es lag ein Rhythmus in diesem Schlagen, ein Rhythmus, zu dem man tanzen und mit den Füßen stampfen konnte. Sie durchquerten den Schatten eines Doms, in dem die Doxoi Andacht hielten, und seine Spitztürme hoben sich gegen die tiefschwarze Nacht ab. Ge- rüche wehten herüber, es roch nach Abwasserkanälen, Weihrauch und Gebäck. Dann umfing sie der Bahnhof mit seinen weißen Licht- bögen, und das Stampfen des Zuges wurde zu einem Pochen, das in dem Gewölbe widerhallte. Die Lokomotive bremste sanft ab und stieß dabei eine Wolke weißen Dampfs aus; die Waggons prallten leicht aufeinander, als ihre Bremsen griffen. »Eine halbe Stunde«, sagte Yuda zu Annat und sprang leichtfüßig auf den Bahnsteig hinab, wo er in der Hocke landete. Während er sich auf den Weg zum Ende des Zuges machte, glitt Annat über die Kante und ließ sich zu Boden sinken. In den Abteilen waren Lam- pen entzündet worden. Die aussteigenden Reisenden drängelten sie beiseite, während sie ihr Gepäck ausluden. Annat spazierte am Zug, entlang und spähte in die gelb erleuchteten Fenster. Gesichter blick- ten zu ihr heraus, bleich wie Leichname in dem fahlen Licht. Eine halbe Stunde, erinnerte sie sich selbst. Es wäre möglich, dass Malchik auf der anderen Seite des Zuges auf dem Gang feststeckte. Sie hatte keine Lust, dorthin zu gehen und sich durch den heißen, voll ge- stopften Korridor zu zwängen, der voller Tabakrauch war und in dem es vor Menschen nur so wimmelte. Sie stellte sich auf die Ze- henspitzen und spähte durch die Scheiben zu den Glücklichen hin- ein, die einen Sitzplatz in den Abteilen gefunden hatten, bis sie schließlich ihren Bruder entdeckte, der sein Gesicht gegen die Ab- teiltür gepresst hatte. Kaum dass er sie gesehen hatte, öffnete er die Abteiltür und wäre fast auf den Bahnsteig hinausgefallen. »Tate hat gesagt, du sollst zum Abteil der Wachen kommen«, sagte sie. »Warum?« »Weil es dort drinnen sicherer ist. Ich vermute auch, dass es dort bequemer ist.« »Das ist sehr fürsorglich von ihm.« »Er macht sich Sorgen, Malchik, das kann ich dir sagen. Und außerdem ist es richtig nett da drin, und das Essen ist gut. Es gibt nur leider keine Fenster.« »In Ordnung. Es ist furchtbar im Waggon. Ich musste auf dem Gang sitzen, und da treten einen die Leute dauernd. Und jemand wollte mir ein Würstchen geben.« »Ich nehme an, das war nett gemeint«, sagte Annat und unter- drückte ein Kichern. »Ich musste es in meiner Tasche verstecken. Ich habe es unbe- merkt im Abtritt verschwinden lassen.« »Du solltest mit nach oben kommen.« »Nein danke. Ich sehe dich dann später. Warte – ich gebe dir was vom Essen ab.« »Behalt es«, sagte Annat, die noch immer mehr als satt von den Linsen war. Als sie wieder auf den ersten Waggon zurückkehrte, fand sie ihn, verlassen vor. Sie schlenderte zur Spitze und blickte hinab auf den Tender und die Fahrerkabine. Sie konnte das Glühen aus der Feu- erbüchse sehen und die Schatten, die von Shaka und dem Heizer stammen mussten. Ein weiterer, kürzerer Zug stand auf den Schie- nen, doch ein in tiefe Dunkelheit getauchter Graben trennte die beiden. Annat konnte aus dieser Schneise Stimmen aufsteigen hö- ren, die eindringlich flüsterten. Es waren zwei Personen dort unten, die von den Schatten halb verborgen waren. Annat legte sich flach auf den Bauch und spähte über den Rand des Daches hinab, um zu sehen, was dort vor sich ging. Es waren ein Mann und eine Frau, die eng beieinander gegen die Räder gelehnt standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Annat bemerkte das Weiß von nackter Haut, ein bloßes Bein, und sah das seltsame Zucken der beiden ver- einigten Körper. Sie schreckte zurück. Sie taten es! Mitten in der Öffentlichkeit, wo jeder sie sehen konnte. Annat ging zur anderen Seite des Daches hinüber und setz- te sich auf die Kante. Dann steckte sie ihre Finger in die Ohren, da- mit sie die erhitzten Geräusche, das Stöhnen und Flüstern, das die Klänge des Bahnhofs zu übertönen schien, nicht hören musste. Sie schluckte ihren Speichel, und ihr war ein wenig übel. Sie wollte nicht wissen, was sie da eben gesehen hatte, und sie fühlte sich beim bloßen Gedanken daran beschmutzt. Sie würde so etwas niemals tun können, mit niemandem. Männer waren so abscheulich, groß, schmutzig und ungehobelt, und sie alle wollten es mit einem tun. Die Männer der Doxoi. Zaide war nicht so und auch Malchik nicht. Wanderer waren anders. Irgendwann setzte sich Yuda neben sie und steckte eine Zigarette an. Annat warf ihm einen Blick zu. Sie hatte ihn nicht kommen hö- ren, war jedoch nicht erstaunt, da sie sich die Ohren zugehalten hatte. Er verlor darüber kein Wort, fragte jedoch »Schon zurück?«, als habe er nicht erwartet, sie zu sehen. Annats Herz begann zu klopfen. Sie hielt den Gedanken in sich verschlossen, wo er ihn nicht finden konnte. Er war der Mann gewesen, und die Frau Rosa, die Köchin., »Was ist los? Hast du den Jungen gefunden?« Annat konnte ihn nicht anschauen. Sie nickte, und ihr Magen verkrampfte sich vor Übelkeit. Dieses Mal war seine Stimme sanft. »Du hast uns gesehen, nicht wahr? Mich und Rosa.« Annat kauerte sich zusammen. »Mach dir nichts daraus. Du wirst dich daran gewöhnen. Als ich ein Kind war, konnte ich mir meine Eltern auch nicht dabei vor- stellen. Sie können es auch nicht sehr oft gemacht haben, sonst hätten Yuste und ich mehr Geschwister.« »Sei still, sei still«, entfuhr es Annat. Sie wollte nicht hören, wie er auf diese Art und Weise von Bubbe und Zaide sprach. »Es macht dir wirklich etwas aus, nicht wahr? Ich nehme an, Yus- te hat dich mit den Fakten vertraut gemacht. Oder deine Mame.« »Geh weg.« »Ich mag Rosa. Sie mag mich. Es ist eine warme, freundliche Sa- che, die zwei Menschen tun können, wenn sie allein und veräng- stigt sind.« »Was ist mit Shaka?« »Er weiß über mich und Rosa Bescheid. Er ist der Richtige, aber trotzdem mag ich auch Frauen. Komm jetzt mit runter, und sprich mit ihm.« »Nein.« »Jemand hat dir Angst gemacht, nicht wahr? Jemand hat dir er- zählt, es sei eine schreckliche Sache, die die Männer den Frauen antun.« »Bitte lass mich allein.« »Hör zu, Natka. Ich habe nicht gewollt, dass du uns siehst, aber nun hast du uns beobachtet, und du musst mich so nehmen, wie ich bin. Ich bin kein Heiliger wie Zaide. Wenn ich eine Frau will und sie mich auch, dann nehme ich sie. Du bist kein kleines Reb- jonok mehr, du bist eine junge Frau, und du kannst nicht für immer bei deiner Puppe bleiben. Ich will nicht, dass du so viel Angst hast wie deine Mutter.« Annat entrollte sich ein wenig und sah ihn über ihren Arm hin-, weg an. »Du solltest nicht wie sie sein. Die Doxoi. Wanderer sind gut. Sie respektieren Frauen.« »Hör mir zu, Rebjonok. Zaide ist ein guter Mann, ein heiliger Mann, aber wir können nicht alle so leben. Ich erzähle dir eine Ge- schichte. Als ich achtzehn war, schwängerte ich deine Mutter. Nie- mand hatte mir beigebracht, wie ich mich vorsehen konnte, weil ich ein Wanderer war, ein guter Junge, und die wissen nichts von diesen Dingen. Ihr Vater fand es heraus und drohte, mich zu töten, wenn ich sie nicht heiratete. So gingen wir zu einem Priester der Doxoi, der einige Worte sprach, und fertig waren wir, achtzehn Jahre und verheiratet. Das gleiche Alter, in dem Malchik jetzt ist. Deine Mame musste bei uns leben, weil ihre Eltern sie enterbt hat- ten. Als Malchik geboren war, versuchte ihr Vater, ihn fortzuholen, um ihn im richtigen Glauben zu erziehen, doch ich war inzwischen etwas älter geworden und hatte nicht mehr solche Angst vor ihm, und so sagte ich ihm, er solle verschwinden. Doch deine Mutter pflegte Malchik mit zum Tempel zu nehmen, und ihr Priester schlug heimlich das Rad über ihm. Was sie betraf, so gehörte Mal- chik ihr, und ich zählte nicht. Sie versuchte zu vergessen, was wir getan hatten. Sie glaubte, es sei eine Sünde gewesen und dass die Mutter sie dafür bestrafte, und so wollte sie mich nicht in ihre Nähe lassen.« Er hielt inne und starrte in den Himmel, und Annat betrachtete ihn eingehender als je zuvor. Sein Gesichtsausdruck war hart und wild, doch es war eine Maske, die über der Traurigkeit lag. Obwohl sie in seinem Geist lesen konnte, wurde ihr klar, dass dies sie nicht in die Lage versetzen würde, ihn in kurzer Zeit tiefer kennen zu ler- nen. Es gab verborgene Schichten und ein Schweigen, das sie aus- schloss. Sie beugte sich mit einer Mischung aus Neugier und Lüs- ternheit zu ihm. »Du hast sie nicht – sie nicht dazu gezwungen?« Yuda unterdrückte ein Lächeln. »Du meinst, ob ich ein Vergewal- tiger bin? Nein. Aber ich war auch nicht liebevoll zu ihr. Ich wusste, nicht, dass einige Frauen nach ihrem ersten Baby komisch werden. Ich war achtzehn. Ich wusste nichts. Sie wollte auch keine weiteren Rebjata, sie war vernarrt in Malchik. Aber ich glaube, ihr Priester muss ihr eingeredet haben, sie habe ihrem Ehemann zu gehorchen oder irgend so eine Scheiße. Vielleicht hat sie auch wirklich ihre Meinung geändert. Eine Weile lang ließ sie mich zurück in ihr Bett, aber es hielt nicht lange an. Nachdem du geboren worden warst, schloss sie mich wieder aus, und dieses Mal blieb es dabei. Ich habe es einige Monate so hingenommen, weil ich ein guter Ehemann und Vater wie Zaide sein wollte. Doch irgendetwas war zersprungen. Ich musste davonlaufen, bevor ich sie verletzte – oder Malchik. Ich wollte euch mitnehmen, doch Yuste hatte sich inzwi- schen so an euch gewöhnt. So verschwand ich eines Nachts, ohne mich von euch zu verabschieden. Ich hatte vor, wieder zurückzu- kehren, als Aude – eure Mame – starb, doch ich konnte es nicht ertragen, dieses Haus wieder zu betreten. Ich bin ein Feigling, wie du siehst. Ich musste warten, bis ihr beide alt genug wart, um eine eigene Entscheidung zu treffen.« Er schien zu Ende geredet zu haben, und Annat konnte die Schat- ten seines Schmerzes fühlen. »Hat es dir Leid getan, als Mame ge- storben ist?«, fragte sie. »Nein. Sie hat Malchik tiefer verletzt, als ich es je getan habe, auch wenn sie es nicht wusste. Ich muss mit ihm sprechen, aber ich weiß nicht, wie.« Annat dachte an das Gesicht ihres Bruders mit seinem eigensinni- gen, verletzlichen Ausdruck. »Er ist seltsam. Ich habe nicht das Gefühl, als würde ich ihn ken- nen«, sagte sie. »Das ist das Problem. Schamanen können nicht so viel verbergen wie Menschen ohne diese Kräfte. Du bist wie ein Buch, Annat, aber Malchik ist wie eine Mauer.« Die Wachen kehrten zurück. Yuda erhob sich, streckte sich und nahm eine Zigarette heraus. Er schnippte mit den Fingern, um eine kleine Flamme zu erzeugen., »Komm schon, Natka. Ich habe Dienst im Zuginnern, und ich will dich bei mir haben.« »Wirst du Shaka von Rosa erzählen?« »Er weiß davon.« Sie kletterte hinter ihm hinab in den Tender, der voller splitteri- ger Holzscheite war. Obgleich die Fahrerkabine recht groß war, reichten doch vier Personen aus, um sie auszufüllen. »Hallo, Annat«, sagte Shaka. Sein roter Overall war rußver- schmiert. Annat errötete und konnte nicht antworten. »Sie hat mich beim Bumsen mit Rosa erwischt«, sagte Yuda. Die Heizerin grinste, zeigte dabei ihre weißen Zähne in dem schwarzver- rußten Gesicht und schlug ihre behandschuhten Hände zusammen. Ihr Haar war unter eine blaue Mütze gesteckt, die der ähnelte, wel- che Shaka trug. »Das ist ein Lustmolch, was, Shaka?« Yuda ging zu Shaka hinüber und berührte ihn am Arm. »Bist du sauer auf mich, Mister?« »Nee. Aber du könntest vorsichtiger sein. Jemand könnte es Ro- sas Mann erzählen.« »Ich werde sie nach dieser Fahrt nicht wiedersehen.« »Ich werde dich ebenfalls nicht sehen«, antwortete Shaka mit ei- nem bitteren Lächeln. »Es ist doch nur für sechs Monate. Du kannst in Gard Ademar Station machen. Govorin besuchen. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.« Der Fahrer warf seinen Kopf zurück und begann zu lachen. An- nat war verwirrt. Govorin war ein Name der Sklav, wie der ihres Va- ters, keiner der Franj. Ebenso die Namen der Wachen Pyotr und Lyude. Keiner der Leute, die sie bislang im Zug getroffen hatte, schien ein Franj zu sein. Sie wusste, dass einige Migranten der Sklav sich in Masalyar niedergelassen hatten, als sie vor der Großen Kälte Richtung Süden geflohen waren; die meisten jedoch hatten das Meer Richtung Morea überquert. Es konnten nicht mehr als einige Tausend sein, die in der Stadt lebten, doch alle Fäden im Eisen-, bahngeschäft schienen bei ihnen zusammenzulaufen. Sie fragte sich, ob die Franj darüber erzürnt waren. Der Pfiff ertönte auf dem Bahnsteig, und Shaka löste die Brem- sen. Als er das Ventil öffnete, fühlte Annat, wie die Lokomotive los- glitt und hörte das Zischen des Dampfes, als die Kolben zu arbei- ten begannen. Sie drückte sich in eine entfernte Ecke des Tenders und fühlte die glühende Hitze aus der Feuerbüchse auf ihrem Ge- sicht. Die Vorderseite des Führerhauses bestand aus Hebeln, Ven- tilen und Anzeigegeräten, die Annat nicht verstand. Sie bewunderte Shaka dafür, mit welcher Ruhe er die Lok beherrschte. Ihr Vater stand in der Tür zum Fahrerstand und starrte hinaus in die Dunkel- heit; sein schwarzes Haar wurde wild durcheinander gepustet, als der Zug an Geschwindigkeit gewann. Sie fühlte, wie Angst in ihm aufstieg. Er kannte die Gefahr, der sie entgegenfuhren; etwas Ge- staltloses, Namenloses, das aus allen Richtungen angreifen konnte. Annat spürte seinen suchenden Geist, der die Nacht, die er mit sei- nem Augensinn nicht durchdringen konnte, erforschte. Er war auf der Suche nach anderen, feindseligen Seelen. Nach Entseelten. Annat fürchtete sich noch nicht. Sie hatten Axar schon vor Stun- den verlassen, und noch war nichts geschehen. Der Zug fuhr zu schnell, als dass ihn irgendjemand hätte angreifen können, nicht mal dann, wenn dieser Jemand beritten gewesen wäre. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen sie sich ein wenig unbehaglich fühlte, waren die nächtlichen Stopps, wenn einige Lampen oder eine Grup- pe von Fackeln entlang der Strecke einen abgelegenen Bahnhof an- deuteten. Dann kam der Bahnhofsvorsteher zur Lok, und sein Ge- sicht glühte wie das eines nächtlichen Geistes, wenn er seine dunkle Laterne entzündete und Shaka mit seinem Stab das Zeichen gab, dass der nächste Schienenabschnitt frei sei. Einmal winkte auch eine Gruppe von Männern mit ihren Sturmlaternen und brachte sie an einem Schienenübergang zum Halten, an dem eine Zugma- schine mit einer Ladung Holzkohle kreuzte. Die verantwortliche, Frau am Übergang war eine Franj; sie kam herüber, um einige Wor- te mit dem Zugführer zu wechseln, während die Ladung den Bahn- übergang passierte. »Gab es irgendwelchen Ärger, Mister?«, fragte sie. Sie trug einen Spitzhut zu ihrer Alltagskleidung, die aus einem dicken Filzmantel über einem langen Rock bestand. »Bis jetzt noch nicht, Missis, dem Sohn sei gedankt«, antwortete Shaka. »Sein Segen sei mit Ihnen, Mister. Ich habe Ihnen ein paar Eier mitgebracht. Es sind Enteneier, also achten Sie darauf, dass sie gut gekocht sind.« Die Heizerin, von der Annat inzwischen wusste, dass sie Nami hieß, nahm die Eier entgegen und legte sie in ihren Korb mit den Nahrungsmitteln. »Ich finde, wir könnten sie jetzt gleich auf dem Dampfkessel bra- ten, Missis«, sagte sie. Annat fühlte Yudas angespannte und wachsame Anwesenheit. Sein Geist war wach, auf der Hut, er suchte unentwegt die Schatten ab, während sie an dem Übergang standen. Als Shaka am Seil zog, entwich der Pfeife ein klagender Ton, der ihre Abfahrt ankündigte, und die Anspannung schien etwas von ihm abzufallen. Er beugte sich über den Rand des Tenders, um Annat anzuschauen. »Das Problem ist, dass die Reisenden aussteigen, wenn wir zu lan- ge halten. Dann müssen wir warten, während jemand sie wieder ein- sammelt. Wenn's nach mir ginge, würden wir diese Bastarde zurück- lassen.« »Warum steigen sie denn aus?« »Um sich die Beine zu vertreten, um zu pinkeln, um mit den Schienenarbeitern zu reden. Einige machen sich sogar auf den Weg zur nächsten Farm, um Suff und Proviant zu besorgen. Sie fangen sich nämlich an zu langweilen, und viele von ihnen kommen aus der Stadt und haben keine Ahnung von der Gefahr.« Annat kletterte aus dem Tender und klopfte Holzstückchen von ihrem Mantel. Sie stand neben Yuda im Eingang und leerte ihren, Geist. Die schwarzen Schatten der Bäume flogen an ihnen vorbei wie die Bilder in einem Kaleidoskop. Sie schloss die Augen und schaute hinter die Dunkelheit, suchte nach den schwachen Funken eines menschlichen Geistes. Hier und dort flackerte ein Kreis ent- fernter Flammen durch ihr inneres Bild, doch sie hatten nicht das pulsierende Strahlen eines Schamanengeistes. Neben ihr durchdrang Yuda die leere Landschaft viel tiefer als sie und schickte einen Ge- dankenstrahl aus, der die innere Dunkelheit wie der Schein eines Leuchtfeuers verscheuchte. Annat öffnete die Augen und hielt sich im Eingang fest. Eine Angst vor der ungesehenen Welt, die sie gerade berührt hatte, über- fiel sie. Es war gefährlich, wenn man seinen Geist solchermaßen offen legte. Sie war nicht wie Yuda ausgebildet, der sich selbst zu schützen vermochte, während er sich auf eine derartige Suche be- gab. Sie sah den vorbeiziehenden Nebel, den der Zug durchtrennte und der sich in schemenhaften Wolken zurückzog. Die Nacht schien sie mit verborgenen, glitzernden Augen zu beobachten. Sie kehrte an ihren sicheren, doch ungemütlichen Platz im Tender zu- rück, und eine plötzliche Kälte durchströmte sie. Das Bild der To- ten aus Yudas Geist war noch immer in ihren Gedanken, die hilf- losen Gesichter, einige bereits von Fliegeneiern besudelt, die Haut glänzend und gespannt. Ihr Kopf schnellte nach oben, als sie aufwachte, ohne zu wissen, dass sie eingeschlafen war. Der Himmel im Osten war mit einem Hauch von strahlendem, wässrigem Jadegrün überzogen. Nebel wall- te neben den Schienen auf und vermischte sich mit dem Zischen des Dampfes, den der plötzlich zum Stehen gekommene Zug aus- stieß. Shaka lehnte sich aus dem Führerstand, um die vor ihnen lie- genden Schienen zu betrachten, während Nami mit den Füßen stampfte, um sich warm zu halten. Yuda war verschwunden. Steif richtete sich Annat auf und streckte ihre Arme und Beine. Wenn die Sonne erst einmal aufginge, würde der Königstag anbrechen. »Warum halten wir?«, fragte sie Nami. »Es sind Schafe auf den Schienen. Der Schäfer versucht gerade,, sie herunterzutreiben.« Annat spähte hinaus und sah die Schafe, die über den Stein- schotter kletterten und dabei ein schwaches Blöken ausstießen. Sie war versucht, auszusteigen und dem Schäfer zu helfen, denn sie kannte sich im Hüten einer Herde ein wenig aus, doch als sie auf den Tritt stieg, packte Shaka sie am Ärmel. »Du bleibst hier, Missis«, sagte er. »Wir wollen nicht, dass jemand aussteigt.« »Wo ist Tate?« »Er ist zurückgegangen, um mit Scorpion zu sprechen.« Sie mussten lange warten, während der Schäfer und seine Hunde die Schafe vom Bahnkörper vertrieben, doch schließlich war die vor ihnen liegende Strecke wieder frei, und der Schäfer rief seinen Dank hinauf. »Wir haben Verspätung«, sagte Shaka. »Wir können nur hoffen, dass die Übergänge von hier nach Gard Ademar offen sind.« Er stieß einen kurzen Pfiff aus; der Klang scheuchte einen Schwarm dunkler Vögel aus dem nahe gelegenen Unterholz auf. Ei- nige Augenblicke lang war die Luft erfüllt von Flügeln und rütteln- den Schwingen. Annat fröstelte kurz und fragte sich, ob es Raben oder Krähen waren. Ihre rauen Stimmen schienen im Nebel wider- zuhallen. Ungerührt öffnete Shaka das Ventil, damit die Lok anzog, doch als sie losfuhren, ertönte aus den hinter ihnen liegenden Wag- gons ein Schrei. Nami zog am Bremsregler, und der Zug kam mit einem Ruck zum Stehen. »Scheiße«, sagte der Fahrer. »Was ist denn nun wieder?« Lyude tauchte an der Spitze des ersten Waggons auf. »Tut mir Leid, Hauptmann«, rief er, »ein Passagier ist verschütt gegangen.« »Woher wissen sie das?«, murmelte Shaka in sich hinein. »Pyotr hat sich auf den Weg gemacht, um ihn wieder einzufan- gen«, fuhr Lyude fort. »Es ist dieses Vasilyevich-Rebjonok, der Junge. Ist losgegangen, um sich die Bäume anzusehen.« Shaka stieß eine Salve von Flüchen aus, die Annat noch nie ge-, hört hatte. »Schafe, verfluchte Vögel und verfluchte herumstreifende Jungs«, brüllte er. »Das ist doch kein verdammtes Schulpicknick.« Annat schrie auf. Die Angst brach plötzlich aus ihr hervor wie bei einem Brechreiz. Sie kamen. Ein bitterer Geschmack lag in ihrem Mund, in ihrem Geist herrschte Chaos. Ein unbändiges Gefühl der Panik zwang sie, hinaus in den kühlen Nebel zu rennen, fort von der sengenden, reißenden Berührung des gesammelten Bösen. Dann fühlte sie die Wirkung eines heftigen Machtstoßes, der stärker war als alles, was sie bislang erlebt hatte. »Malchik«, sagte sie und sprang hinaus auf den Schotter. Sie rannte zur Quelle der Macht. Jemand schrie im Nebel; ein schreck- liches, heulendes Schluchzen ertönte. Yuda war vor ihr; sie konnte seine Hitze spüren, die sich in einer weiß glühenden Mitte sammel- te. Hinter ihr stieß Scorpion einen Schlachtruf aus. Annat lief von Zorn vorangetrieben den Bahndamm entlang. Der Nebel lichtete sich, und sie sah sie: Vier Männer und eine Frau, in Lumpen ge- kleidet, beugten sich über eine ausgestreckt liegende Gestalt, die sich auf dem Boden wand: Pyotr – oder was einmal Pyotr gewesen war. Das Produkt ihrer vereinigten Macht war eine pulsierende Masse, eine lebende, losgelöste Kreatur, die den Gestank von Grau- samkeit und ungezähmter Wildheit verströmte. Yuda hielt inne, ließ sich auf ein Knie fallen, streckte seinen rech- ten Arm aus und schickte einen Machtstoß in die Gruppe. Annat konnte von ihrem Standort aus den Einschlag spüren, doch auf die fünf schien es keine Wirkung auszuüben. In einer raschen, mecha- nischen Bewegung wandten sie Yuda die Köpfe zu, und Annat sah, dass ihre Augen weiß waren. Sie rannte zu ihrem Vater hinüber, von Schrecken und Wut getrieben, und schleuderte ihnen eine eige- ne kleine, verlorene Flamme entgegen. Über Yudas Kopf hinweg feuerte Scorpion ihre Waffe ab, und der blaue Strahl einer Ozon- ladung traf einen der Männer unter dem Kinn und ließ ihn zurück- schnellen. Einen Augenblick lang zögerte die Gruppe, dann fühlte Annat, wie sie Kraft für ihren Gegenangriff sammelten, der die wei-, chen Teile ihres Körpers ausdörren und verbrennen würde. Es war nichts, was für das Auge sichtbar gewesen wäre, doch sie fühlte ei- nen reißenden Schmerz, der sie von den Füßen aufwärts durchzog. Während sie fiel, sah sie Yuda, der wieder auf den Beinen war und seine Arme zu einer Mauer ausgestreckt hatte. Der Stoß wurde ab- gelenkt und zerteilte sich in Splitter, die den Nebel durchschnitten und in Strömen überhitzten Dampfes ausglühten. Als Scorpion ihr Gewehr fallen ließ und einen Blitz aus ihrer hohlen Hand schoss, rannte Yuda auf die Lichtung und rammte dem nächststehenden Mann sein Messer in den Leib. Annat sah, wie die blau gefärbten Innereien aus dem Schnitt hervorquollen; der sterbende Mann packte Yuda bei den Schultern und versuchte, mit dem Blick aus seinen milchigen Augen seinen Geist auszulöschen. Die nichtmenschliche Macht geriet dank Scorpions Feuer ins Wanken, doch die drei Überlebenden nahmen die Kraft ihres ster- benden Begleiters auf. Sie schienen zu einer Wasserstoffwolke zu verschmelzen und von allem, was sie umgab, Kraft in ihre Tiefen aufzusaugen. Obwohl Yuda in die Knie gezwungen war, gelang es ihm doch, genügend Kraft für einen weiteren Stoß aufzubringen; weiße Blitze schossen aus seiner Hand, durchdrangen die Macht- wolke und rissen tiefe Löcher in sie. Er blutete am Kopf und an der Brust; Annat konnte Scorpions Verbrennungen riechen. Annat versuchte aufzustehen, doch ihre Arme und Beine schie- nen aus Watte. Scorpion bückte sich nach ihrer Waffe und feuerte eine weitere Salve auf die Entseelten. Dieses Mal zehrten sie von ihrer Kraft, saugten sie in ihre überladenen Körper. Ihre Gesichter waren schwarz und rot verbrannt, und die Haut löste sich von ih- ren Körpern. Annat kämpfte ihre Übelkeit nieder und rappelte sich hoch auf die Knie. Dann versuchte sie, genügend Kraft aufzubrin- gen, um sie zu erreichen. Es war Yuda, der zuerst angriff und sich in ihre Mitte warf, um so die Kette zu durchbrechen und sie aus- einander zu treiben. Er kniete sich über den Mittleren und rammte ihm das Messer ins Gesicht und in den Körper, sodass ihm das Blut über Gesicht und Hände strömte. Annat fühlte, wie das Netz der, Gestalten zerriss, als es in Fetzen zerhackt wurde; die Schreie der beiden Übriggebliebenen klangen gespenstisch und kamen von weit her, und dahinter in der Ferne glaubte sie das Lachen der Krähen zu hören. Der Geruch des Bösen wurde schwächer und verwehte und mischte sich schließlich mit dem Nebel. Yuda mühte sich auf die Beine und wischte sich das Blut aus den Augen. Annat blieb auf Händen und Knien liegen und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, als die Angst sie schließlich ein- holte. »Mutter«, sagte Scorpion. »Fast hätten sie uns erwischt. Alles klar, Vasilyevich?« »Fick dich selbst.« Scorpion beugte sich über Annat und half ihr auf, doch sie zuck- te, als sie versuchte, ihre verbrannten Hände zu benutzen. »Er ist sauer«, sagte sie. Eine Gestalt, groß und dünn, löste sich aus dem Nebel neben dem See. Malchiks Gesicht war beinahe ebenso weiß wie die Wol- ken, und er zitterte sichtlich. Er lief herüber zu Yuda und berührte ihn am Ärmel. Yuda holte mit dem Arm aus und traf Malchik mit- ten ins Gesicht, der daraufhin lang hinschlug. »Verflucht, Junge, was hast du getan? Deinetwegen ist einer mei- ner Männer tot.« Malchik lag auf dem Boden und schirmte mit den Händen sei- nen Kopf ab. »Ich weiß nicht«, stammelte er. »Ich wollte mir die Vögel ansehen …« »Hast du noch nie Krähen gesehen?«, fragte Yuda und wischte sich über sein blutendes Gesicht. »Es tut mir Leid. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe …« Yuda trat nach ihm. »Steh auf!« »Lass ihn in Ruhe«, schrie Annat und riss sich von Scorpion los. »Er wusste es nicht.« »Du verschwindest wieder im Zug. Um dich kümmere ich mich später.« »Komm, Rebjonok«, sagte Scorpion. »Bald wird er sich wieder ab-, geregt haben.« »Aber er verletzt Malchik.« »Ich glaube kaum, dass man es eine schwere Verletzung nennen kann im Vergleich zu dem, was er durchgemacht hat, um ihn zu retten.« Scorpion legte ihren Arm unter Annats Achseln und half ihr zu- rück zum Zug, wo sich eine aufgeregte, mütterliche Rosa ihrer an- nahm. Annat saß auf einem Stuhl im Abteil der Wachen, während Rosa ihre Schnitte und Kratzer mit heißem, klarem Wasser aus- wusch. »Ich habe dem Jungen gesagt, er soll nicht gehen«, sagte sie und strich Annats Haare aus dem Gesicht, um sie zu waschen. In einer Ecke hatte sich Scorpion bis auf ihr Unterzeug ausgezo- gen und versorgte ihre eigenen Wunden mit Verbandszeug und Sal- be, wobei sie die Sicherheitsnadeln zwischen ihre Zähne nahm. An- nat weinte noch immer. Sie konnte die verbrannten Gesichter der Entseelten nicht vergessen, ebenso wenig wie ihre weißen Augen. »Er konnte nichts dafür«, schluchzte sie. »Er wusste nichts von der Gefahr.« Rosa umarmte sie und drückte sie an ihren Busen, der nach wei- ßem Leinen und Lavendel duftete. »Ich glaube nicht, dass er das so bald wieder tun wird«, sagte Scorpion. »Wo ist er jetzt?«, fragte Rosa. »Ich glaube, Vasilyevich hat ihn zur Lok gebracht. Shaka wollte nicht, dass die anderen in seine Nähe gelangen. Ich nehme an, sie sind im Moment heiß darauf, ihn umzubringen.« Die Abteiltür flog auf und Yuda trat ein. Sein Gesicht und der größte Teil seines Körpers waren blutgetränkt. Er streifte seine Jacke ab und ließ sie zu Boden fallen. Dann knurrte er Rosa an: »Bring mir Wasser, Frau.« Als sie davoneilte, sank er neben Scorpion auf den Boden. »Kein schöner Anblick«, sagte er. »Was machen deine Verbrennungen?«, »Ich hab' schon schlimmere gesehen.« »Jammerschade, dass wir uns nicht selber heilen können, was?« »Wie schwer bist du verletzt, Vasilyevich?« »Ziemlich schwer«, sagte er und wurde ohnmächtig.

KAPITEL 4 Der Königstag war angebrochen. Annat saß auf dem Dach desZuges und sprach im Rhythmus der Räder leise ihre Gebete.

Ihr rechter Arm steckte in einer Schlinge, denn sie hatte sich die Hand verbrannt, als sie ihre Macht gegen die Entseelten eingesetzt hatte. Gerade hatte sie Malchik im Führerstand besucht; er hatte Prellungen im Gesicht, und er war noch immer blass vor Zorn und Angst. Annat seufzte innerlich. Yuda hätte ihn nicht schlagen sol- len, aber sie konnte verstehen, warum er es getan hatte. Sie hatten den Leichnam Pyotrs in das Abteil der Wachen gebracht, wo er nun mit einem Laken bedeckt lag. Das Gesicht war eine rohe Mas- se aus verbranntem Fleisch. Inzwischen hatte sich eine brütende Stille zwischen den Männern und Frauen auf dem Zug ausgebreitet, als ob sie ihres toten Kameraden gedächten und ihre Wut aufstau- ten. Yuda hatte Malchik zur Lok geschickt, sodass Shaka ihn be- schützen konnte. Lediglich Scorpion, die sich der Länge nach auf dem Dach ausgestreckt hatte und in ihren wollenen Mantel gehüllt war, verströmte keine Gefühle von Zorn oder Verlust. Lyude saß allein am Ende des Waggons, spielte an seiner Waffe herum und ließ seine Beine über den Rand baumeln. Er hatte Annat angelächelt, als sie zurückkam, doch es war ein Lächeln, das sich nur mühsam über die Trauer spannte. Annat sah der Sonne des Königstags zu, wie sie über den östli- chen Hügeln aufstieg. Dieser Tag war dem Einen gewidmet, er war, seine Braut. Zu Hause würden die Frauen des Hauses abwechselnd die Rolle der heiligen Braut spielen und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eine silberne Krone tragen. Die Wanderer würden heute keinerlei Arbeit nachgehen; sie würden in ihren Häusern sit- zen und in den Heiligen Büchern lesen, während die Männer in das Haus des Lehrens gehen würden, um zu beten. Die Wanderer hat- ten keine Tempel; es hatte nur einen wahren Tempel in Zyon gege- ben, und dieser war zerstört worden. Annat wünschte sich zu Yuste und ihren Großeltern nach Hause. Am Vorabend des Königstages hätte ihre Bubbe bereits besondere Mohnkuchen gebacken, und Annat wäre ihr dabei zur Hand ge- gangen, während sie den Geschichten ihrer Großmutter über die Magie gelauscht hätte. Doch Bubbe war nicht die einzige, die Ge- schichten erzählte. In Mames Schlafzimmer hatte sie auf dem Bett gesessen, während Mames Finger über die weiche Wolle glitten, die sie so gerne zum Stricken verwendete. Malchik hatte sich zusam- mengerollt gegen den Arm seiner Mutter gelehnt, den Daumen in den Mund gesteckt und hatte Annat mit einem Blick aus seinen blassen Augen bedeutet, sie solle sich zurückhalten. So hatten sie Audes im Flüsterton erzählten Geschichten vom großen Wald ge- lauscht, der grün und dunkel war. Mame war im Wald von Ademar geboren worden, der eine raunende Stimme wie das Meer hatte. Die Hälfte des Jahres verbrachte er schlafend unter einer Schneede- cke; die andere Hälfte der Zeit bebte er voller Leben mit seiner Viel- zahl an verschiedenen Tieren: Hirsche, Füchse, Dachse und sogar Wölfe. Von der Großen Kälte eingeschlossen, hatte der Wald einen langen Winter erduldet, der die nördlichen Länder fünfhundert Jah- re lang von der Außenwelt abschnitt. Erst zu Lebzeiten von Annats Großeltern hatte die Schmelze eingesetzt und die Schneeschichten abgetragen, um Dörfer, Städte und ganze Landzüge freizulegen, die in der langen Zeit verloren gewesen waren. Die Hügel im Osten rückten näher und verloren ihre blaue Fär- bung. Schon bald konnte Annat die Umrisse der Bäume erkennen; dünne, schwarze Pinien, kegelförmige Tannen und die ausladende, Fülle gelber Eichenblätter. Auf den Anhöhen standen vereinzelte Birken knöcheltief im Farndickicht. Es hatte den Anschein, als habe der Wald Kundschafter ausgeschickt, die das Vordringen der Eisen- bahntrasse beobachten sollten. Der Wind wehte den schwachen Ge- ruch von Baumharz herüber. Annat erhob sich, denn sie wollte ver- suchen, die Ausdehnung des Waldes zu überblicken, doch die Hü- gel versperrten ihr die Sicht. Der Schlangenzug nahm mit einem Zucken des Schwanzes eine Kurve, und Annat konnte vor sich einen kleinen Bahnhof sehen. Als der Zug abbremste, durchzuckten sie ein Energiestrom und ein Angststoß. Doch es war niemand da, der ihre Gefühlslage hätte tei- len können: Scorpion rekelte sich im Halbschlaf und hatte ihren Geist verschlossen, Lyude hatte ihr den Rücken zugekehrt. Annat wollte laut schreien, um sie wissen zu lassen, dass dies ihr wichtig- ster Tag, ihre Bahnfahrt war. Stattdessen sah sie zu, wie die Stein- häuser mit ihren roten Ziegeldächern größer wurden, bevor die Lo- komotive sie mit den großen Dampfwolken aus ihren Bremsen in Nebel hüllte. Der Zug kam zum Stehen, und die Reisenden drängten wie Ma- den aus einem riesigen Kadaver, strotzend vor neuem Leben. Annat hockte auf der Kante des Daches und beobachtete sie. Yuda hatte ihr nicht gesagt, was sie tun solle, wenn sie angekommen waren. Als sie sah, wie sich Lyude über den Rand nach unten schwang und in der Menschenmenge verschwand, begann sie sich mit dieser Unge- wissheit unbehaglich zu fühlen, als sei sie ganz allein an einem frem- den Ort angelangt. »Los komm, spring«, hörte sie Scorpions träge, warme Stimme. »Es sei denn, du willst mit mir bis zum Depot fahren.« Annat sprang auf den Bahnsteig hinunter und landete auf ihren Händen und Füßen. Sofort spürte sie die üblichen starrenden Bli- cke der Leute auf dem Bahnhof, als diese das Schwarz der Wande- rer bemerkten. Sie trugen die Farben der Doxoi: Grau, Blau und fades Grün. Annat rappelte sich auf und versuchte, trotz des An- starrens stolz aufzutreten, nur um festzustellen, dass sie gar nicht, länger der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit war. Sie hörte die Leute plaudern und sich etwas in Franj zurufen, genau wie die Städter zu Hause, allerdings mit einem anderen Akzent, den Annat schwer zu verstehen fand. Und sie war nicht allein. Jemand beobachtete sie. Ein untersetzter Dunkler mit massigen Schultern, breitem Rücken und muskulösem Nacken. Als sich An- nats und sein Blick kreuzten, lächelte er, trat näher und begrüßte sie in Sklav. »Du musst Annat sein.« Sein Kopf war von dünnem, krausem, schwarzen Lockenhaar be- deckt, ein dichter Bart wuchs an seinem Kinn, und er trug einen blauen Overall, der seinen muskulösen Körper kaum zu fassen schien. Er war weit dunkler als Sival und hatte eine große Nase und hohe Wangenknochen; Annat kam zu dem Schluss, dass er wie Sha- ka einer der Dunklen aus Morea sein musste. »Und wer sind Sie?«, fragte sie. »Govorin, der Sheriff von Gard Ademar. Freut mich, dich kennen zu lernen«, antwortete er und streckte eine Hand von der Größe einer kleinen Insel aus. Annat betrachtete sie und war sich nicht sicher, was sie als Nächstes tun sollte. Sie wollte sagen, dass ein Dunkler keinen Sklavnamen tragen konnte, doch sie wollte nicht dumm erscheinen. Govorin schüttelte ihre unversehrte Hand, wo- bei er ihre kleinen Finger vollständig umschloss, ohne sie jedoch zu zerdrücken. »Yudas Rebjonok«, sagte er mehr zu sich selbst. »Du siehst ihm so ähnlich. Wie ein Echo. Er ist mein ältester Freund, und doch gibt es da eine verborgene Seite in ihm – dich, deinen Bruder und eure Mutter, die ich nie kennen gelernt habe. Wie hast du dir die Verlet- zung an deiner Hand zugezogen?« »Wir haben gegen die Entseelten gekämpft. Ich hatte nicht ge- wusst, dass sie so stark sind.« Kälte wallte in Annat auf und ver- schloss ihren Mund. Sie starrte ihn eindringlich an und wünschte sich, sie könne ihre Gedanken mit größerer Geschwindigkeit in sei- nen Geist schicken. Er warf ihr ein kleines, verlegenes Lächeln zu,, als habe er ihren Wunsch vernommen und bemitleide sie wegen ihrer Hilflosigkeit. »Yuda hat oft gesagt, er wünschte, ich wäre ein Schamane«, sagte er. »Manchmal fand ich es seltsam, dass weder Shaka noch ich die Macht haben. Und wir sind beide Dunkle.« Die Frage sprudelte ihr von den Lippen, ehe sie es verhindern konnte. »Aber Sie kommen aus Sklava, Mister Govorin. Wie kön- nen Sie denn ein Dunkler sein?« Sie war erleichtert zu sehen, wie sich sein Lächeln zu einem Grin- sen vertiefte. »Weißt du, dass mir dein Vater bei unserem ersten Treffen die gleiche Frage gestellt hat? Er war neu in Masalyar, voll- ständig in das Schwarz der Wanderer gekleidet, mit einem langen Mantel, einem großen Hut und einem Bart. Natürlich konnte er es nicht besser wissen, doch ich glaubte, er versuche mich zu beleidi- gen. Ich war drauf und dran, ihn dort auf der Straße stehen zu las- sen, ganz alleine, mitten in der Stadt – und du hast gesehen, wie groß die Stadt ist –, als er in seiner üblichen ruhigen Art sagte: ›Kommen Sie zurück, Mister Govorin. Abgesehen von Sival sind Sie der Einzige, der je mit mir als Mann und nicht als Wanderer ge- sprochen hat. Ich glaube, wir könnten Freunde werden.‹ Das ließ mich kehrtmachen. Ich ging zurück und erzählte ihm meine Ge- schichte, und er berichtete mir von seiner. Beide hatten wir Vorfah- ren, die seit Generationen in Sklava lebten – seine waren Wanderer, meine waren schwarz. Sein Volk hatte im Shtetl gewohnt, meines am Hof von Staryetz. Ich nehme an, das reicht für den Anfang als Erklärung.« Schüchtern erwiderte Annat sein Lächeln. Govorin klopfte ihr auf die Schulter. »Dein Vater und ich sind schon beinahe so lange Freunde, wie du am Leben bist«, sagte er. »Blutsbrüder sogar. Aber wo steckt er? Ich hätte gedacht, er würde dich begleiten, um mich zu treffen, und nicht im Zug herumlungern.« Sie hatte keine Zeit mehr, ihm alles zu erklären, denn Shaka bahnte sich seinen Weg durch die Menschenmenge und packte Go- vorins Handgelenk zu einem überschwänglichen Händeschütteln., »Sergey Gavrilovich! Wie ich sehe, ist mit der neuen Frau auch dein Bart gesprossen.« Govorin umfasste Shakas Handgelenk mit festem Griff und blick- te ihn mit der Gelassenheit eines alten Bekannten an. »Ich habe gehört, ihr hattet eine interessante Fahrt.« »Nicht ohne Zwischenfall«, erwiderte Shaka mit einem grimmigen Grinsen. »Pyotr ist tot, und Vasilyevich blutet das ganze Abteil der Wachen voll. Und Rosa, wie ich vermute.« »Pyotr tot? Er war ein erfahrener Eisenbahner. Er wird eine größe- re Lücke als jeder andere von uns hinterlassen. Wie ist das passiert?« »Yudas Junge ist losgegangen, um sich Krähen anzusehen – und hat stattdessen die Entseelten gefunden. Er ist nicht sehr beliebt im Zug. Und auch selber nicht besonders strahlender Laune. Yuda hat ihn verprügelt.« »Hart, aber gerecht«, sagte Govorin. »Wie schlimm steht es um Yuda?« »Scorpion hat ihn geheilt, mehr oder weniger jedenfalls. Ich neh- me an, er kommt auf beiden Beinen aus dem Zug, sobald er sich von Rosa verabschiedet hat. Oder ich gehe rein und werfe ihn raus.« »Wer ist Rosa?« »Sein Schatz. Du kennst doch Yuda. Er kann einfach nicht an einem Ufer bleiben.« Govorin knuffte Shaka gegen den Arm. »Er kann nichts dafür. So ist das mit den Schamanen.« »Er weiß genau, wenn er einem anderen Mann nachsteigt, breche ich ihm seinen verdammten Hals.« Während sie sprachen, sah Annat Yuda aus dem Abteil der Wa- chen kommen; er sah zerzaust und blutbesudelt aus. Zittrig winkte er ihnen zu. »Ich werde ihm mit den Taschen helfen«, sagte Shaka. »Hol du besser den Jungen. Er versteckt sich im Wagen, wie ich es ihm ge- raten habe. Ich will nicht noch einen Mord heute.« Während sich Govorin auf den Weg zur Lok machte, stand An- nat unentschlossen herum, bevor sie Shaka hinterherrannte. Yuda, lehnte gegen das Abteil der Wachen und zündete sich eine Zigaret- te an. »Hallo, mein kleiner Mandelkeks«, sagte er, als sie bei ihm an- kam. Sein Gesicht war weiß wie Papier. Shaka packte ihn an den Schultern. »Was soll ich nur mit dir machen, du alter Schwerenöter?«, fragte er und warf Annat einen Blick zu. Yuda lächelte ihn herzlich an. »Ich will dich nicht verlieren. Nicht an eine Frau und nicht an den Tod.« Yuda erwiderte nichts, streichelte jedoch Shakas Wangen. »Du könntest mich wenigstens anlügen. Mach mir falsche Hoffnungen.« Yuda blies den Rauch von Shakas Gesicht weg in die Luft. »Du verdienst es besser, Mister«, sagte er. Shaka ließ ihn los und stemm- te beide Hände links und rechts neben Yudas Kopf gegen den Wag- gon. Ihre Gesichter waren sehr nahe beieinander, doch Shaka sah Yuda nicht in die Augen. »Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin«, sagte er. Annat verstand das nicht, denn neben Yudas augenscheinlicher Zerbrechlichkeit war er der Inbegriff der Stärke. Sie fühlte, dass Yuda so war, wie es gewöhnlich die Frauen waren; ihn umgab der Anschein von Verletz- lichkeit, die seine Unverwüstlichkeit verhüllte. Seine Liebe für Sha- ka schien rein und einfach wie ein glatter, runder Kiesel. »Ja, das bist du. Es sind nur sechs Monate. Wir werden uns wie- dersehen«, sagte er sanft. Shaka hob die Augenbrauen. »Du weißt genau, dass ich das nicht gemeint habe.« Yuda stand auf den Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr. Shaka nickte. »Ja«, sagte er. »Aber ich habe Angst. Etwas ist an diesem Ort. Denk daran, was mit Isabel passiert ist.« Yuda blickte ihn eine Weile schweigend an. Dann sagte er: »Wir werden uns vorsehen.« Shaka brach in Gelächter aus. »Du verlogener Bastard! Wann bist du jemals vorsichtig gewesen? Sieh dich doch an, halbtot und blut- getränkt.«, Er holte Annats Bündel und ihre Vyel aus dem Waggon und be- gleitete Yuda zum Bahnsteig, während die übrigen Taschen in sei- ner anderen Faust baumelten. Annat hielt mit ihnen Schritt und umklammerte ihren Rucksack; ihren Daumen hatte sie gedanken- verloren in den Mund gesteckt. Govorin und Malchik warteten am Eingang des Bahnhofs auf sie. Auf der bleichen Wange ihres Bru- ders prangten die Male von einzelnen Fingern wie ein rotes Mal. Govorin schüttelte ihrem Vater die Hand. »Wie ich sehe, hattet ihr eine ereignisreiche Reise«, bemerkte er trocken. »Habe schon ruhigere Fahrten erlebt«, antwortete Yuda. »Ich hof- fe, du hast den Wagen mitgebracht, oder du musst mich in die Stadt tragen.« »Er steht draußen vor dem Bahnhof. Wir fahren direkt zu mei- nem Haus, wo ihr euch waschen und frische Kleidung anziehen könnt. Mein Deputy hat uns zum Abendessen in seinem Haus ein- geladen.« »Die Freude wird ganz auf seiner Seite sein«, sagte Shaka und klopfte dem Sheriff auf den Rücken. »Sari ist ein guter Mann. Immer sehr gastfreundlich zu Fremden«, sagte Govorin und warf Shaka einen seltsamen Blick zu. Wie eine Warnung, dachte Annat. Yuda verschränkte die Arme. »Ich habe gehört, es warst nicht du, der ihn ausgesucht hat, Sergey.« »Er wurde auf den Posten gewählt. Genau wie ich. Ein angesehe- nes Mitglied der Gemeinschaft.« Shaka legte seinen Arm um Yudas Schultern. »Du weißt, dass du uns nichts vormachen kannst, Mister Govorin«, sagte er. Annat spürte, dass sie viel mehr meinten als das, was sie tatsäch- lich aussprachen. Allen voran Govorin schien sich durch nervöse Bewegungen seiner Hände und Augen mitzuteilen. Die drei Män- ner kannten sich gut, und obgleich Yuda der einzige Schamane war, mussten sie das, was sie ausdrücken wollten, nicht in Worte packen. »Ich freue mich schon darauf, ihn zu treffen«, sagte Yuda. »Ich sehe, du hast bei deinem Sohn schon Eindruck gemacht.«, Yuda blickte zu Malchik hinüber, der zu Boden starrte. »Ja, ich habe ihm einen hübschen Abdruck verpasst. Tut mir Leid, Junge«, sagte er recht zerknirscht. »Schon gut«, flüsterte Malchik kaum hörbar. Govorin schüttelte den Kopf. »Dies ist eine andere Welt«, sagte er. »Die Menschen erinnern sich. Sie hegen ihren Zorn. Sie haben einen Ehrenkodex. Sie verlangen, dass man ihn ohne Erklärung ver- steht. Ein Wort zur falschen Zeit oder ein Blick kann eine Fehde auslösen, die generationenlang andauert. Es ist ein Eiertanz.« »Klingt wie meine Familie«, sagte Yuda. Govorin seufzte. »Ich meine es ernst, Vasilyevich. Diplomatie ist nicht gerade dein zweiter Name.« »Er hat gar keinen zweiten Namen«, sagte Shaka. »Ich bin jetzt ein Arzt, Sergey. Ein Arzt versucht, die Menschen zu heilen und geht mit der Hoffnung zu Bett, dass niemand seiner Patienten stirbt. Er kümmert sich nicht um Ehre.« Govorin klatschte in die Hände. »Du siehst schrecklich aus, Va- silyevich. Lass mich dich nach Hause bringen. Ich hätte dich hier nicht mit Reden festhalten sollen.« »Und ich muss noch einen Zug zum Depot bringen. Ich komme später nach, Sheriff. Und du pass auf dich auf, Yudele«, sagte Shaka und drückte Yudas Arm. »Ja, ja. Ich werde jemanden nach dir schicken, wenn ich eine Großmutter brauche.« Shaka breitete seine Arme zu einer kräftigen Umarmung aus. »Ich lasse ihn in deiner Obhut, Mister Govorin«, sagte er. »Versuch, ihn am Leben zu halten.« Govorin warf ihm ein kurzes Lächeln zu und hob die Hand zum Abschied. Sie nahmen den östlichen Weg in die Hügel, um Gard Ademar zu erreichen. Die Fahrt in Govorins pferdegezogenem Wagen dau- erte ungefähr eine halbe Stunde. Die Stadt selbst lag auf einer rauen Anhöhe; sie hockte auf der Hügelspitze über burgenartigen Mauern aus Kalkstein, die in der Sonne zu glühen schienen. Und Annat sah, den Wald; ein prachtvoller, gewaltiger Schatten, der die Hügel bis in den Osten krönte und sich bis zum Fuße des Hügels erstreckte, wo sich die Stadt befand. – Zyon, ich kann es von hier aus fühlen, drängte sich Yudas Gedanke in ihren Geist. Auch Annat fühlte es. Der gesamte Wald hatte eine eigene Prä- gung wie der Geist eines Schamanen, doch größer und viel kom- plexer. Sie fühlte, wie der Wald sie wahrnahm. Er verhieß Gefahr, doch zugleich auch einen Traum und ein Versprechen. In ihren Händen spürte sie, wie sich der hölzerne Körper der Puppe regte. Annat hob sie verdutzt empor, doch die glatten Züge waren unver- ändert. Die Häuser der Stadt drängten sich wie goldene Steine innerhalb der Stadtmauern. Das Pony fand einen Weg hinein, eine enge Straße mit Kopfsteinpflaster zwischen den blanken Mauern. Vom Haupt- platz aus, auf dem ein Brunnen Wasser aus einem Löwenmaul in ei- nen verwitterten Trog spie, mussten sie sich zu Fuß auf den Weg bis zur Steintreppe des Hauses vom Sheriff machen. Es stand in der Nähe eines Tempels der Doxoi; ein quadratisches, stuckverziertes Haus, dreistöckig, mit geschlossenen Fensterläden. Der Stuck war mit blassem Rostrot in der Farbe von späten Äpfeln bestäubt. »Werden wir hier wohnen?«, fragte Annat. »Nein«, sagte Govorin mit einem Lächeln. »Ich habe ein leeres Haus ganz in der Nähe für euch gefunden. Meine Frau Casildis hat es für euch hergerichtet. Wir werden dorthin gehen, wenn wir ge- gessen haben.« Er öffnete das schmiedeeiserne Gitter, das die innere Tür versperr- te, und sie folgten ihm in eine enge Halle, die mit Marmor ausge- stattet war. Sie war sauber gefegt, und die Wände waren frisch ge- kalkt worden, doch trotzdem umwehte den Ort ein Hauch von Alter. Als Malchik die Tür geschlossen hatte, hörte man aus dem hinteren Teil des Hauses schallendes Gelächter, gefolgt von hasten- den Schritten und einer zuschlagenden Tür., »Das wird die Frau meines Deputys sein, die uns gerade verlassen hat«, sagte Govorin. »Es ist ihr nicht erlaubt, Fremde zu treffen.« »Nicht erlaubt? Sagt wer?«, fragte Yuda. »Ihr Ehemann. Die meisten Einheimischen sind streng wie die Doxoi, und die Frauen bleiben hinter verschlossenen Türen.« »Zu Hause war das anders«, sagte Malchik. »Es dauert eine Weile, bis man sich daran gewöhnt«, meinte Go- vorin. »Alle sagen, ich wäre viel zu duldsam mit meiner Frau. Ich würde gerne den Mann kennen lernen, der sie eingesperrt halten kann.« Während er sprach, kam eine junge Frau die Treppe hinunterge- rannt und warf ihre Arme um seinen Hals. Einen Moment lang war alles, was Annat sehen konnte, eine Fülle ungebundenen goldenen Haares, das in alle Richtungen flog, als ob es lebendig wäre. Die Frau war etwas größer als Govorin und hatte einen kräftigen, schlan- ken Körper; sie trug weite Hosen aus blauer Seide unter einer lan- gen Seidentunika. »Da bist du ja, meine Liebe«, sagte Govorin und versuchte, sich die blonden Haare aus den Augen zu streichen. »Wie ich sehe ist es Mari gelungen, rechtzeitig zu verschwinden.« »Seht! Du solltest gar nicht wissen, dass sie hier war. Sie war nicht hier«, sagte die Frau aufgebracht und schlug ihn beinahe mit dem Holzlöffel in ihrer rechten Hand. »Casildis, dies sind unsere Gäste.« Annat erhaschte durch das Haar einen kurzen Blick aus lachen- den blauen Augen. Casildis schlug sich die Hand auf den Mund. »Es tut mir Leid«, sagte sie. »Ich hätte fast vergessen, dass ihr kommt. Seid herzlich willkommen. Ich habe noch nie zuvor Wan- derer getroffen. Sind sie alle klein mit dunklen Augen und großen Nasen? Oh, und dort ist ein großer.« In ihrem Gelächter schwang keine Bosheit mit. Nicht einmal Mal- chik schien von ihrer rüden Art verletzt, auch wenn er wie Yuda und Annat nicht anders konnte, als seine Nase zu berühren. »Normalerweise nicht ganz so groß«, sagte Yuda., Casildis winkte ihnen mit dem Löffel zu. Annat konnte nun ihr Gesicht sehen und fand es sehr schön, wenn auch nicht klassisch gleichmäßig. Casildis hatte einen feinen Spalt in ihrer Oberlippe. Eine Hasenscharte, die ihre Schönheit jedoch eher erhöhte, als sie zu mindern. »Was sagt man über Männer mit großen Nasen?«, fragte sie schel- misch. »Ich will die Wahrheit hören, mein Ehemann, nachdem ihr euer Bad genommen habt.« »Wir baden nicht zusammen! Oder doch?«, fragte Malchik mit tiefem Abscheu. »Das ist eine unserer nördlichen Sitten«, sagte Casildis. »Dieses Haus hat einen Schwitzraum. Annat und ich werden zuerst unser Bad nehmen, danach könnt ihr so viel Unordnung machen, wie ihr wollt.« »Das ist gut«, sagte Annat. »Natürlich hätten wir baden sollen, be- vor der Königstag anbricht, doch das ging nicht, weil wir auf dem Zug waren.« Sie folgte Casildis nach oben in den duftenden Himmel ihres Schlafzimmers. Das Bettgestell war massiv und hatte die Form eines stilisierten Bootes mit Bug und Heck; das Leinenzeug war ebenso weiß wie die Vorhänge und die Wände. Ein schwacher Geruch von warmem Lavendel hing in der Luft. Casildis reckte die Arme gen Himmel. »Ich liebe diesen Raum«, sagte sie. »Ich habe ihn selber gestaltet. Mein Zimmer der Freiheit, in dem ich neben meinem geliebten Ehe- mann schlafe.« »Es ist sehr weiß«, sagte Annat, »und es riecht gut.« Sie legte ihre Puppe aufs Bett und schickte sich an, ihren dicken Wintermantel auszuziehen. Casildis warf einen Blick auf die kleine, hölzerne Figur auf dem Bett und kam mit zwei großen Schritten, um sie anzustarren. Sie hatte ihre Hand ausgestreckt, um sie zu be- rühren, zögerte jedoch. »Grundgütige«, sagte sie. »Woher hast du denn diese Puppe?« Annat schüttelte den Mantel von den Schultern und hielt ihn, dann steif und förmlich in den Armen. »Meine Mame hat sie mir geschenkt«, sagte sie mit plötzlicher Zurückhaltung. Casildis legte den Löffel auf dem Deckbett ab, kniete sich hin und berührte das grüne Kittelkleid der Puppe mit zärtlicher Ehr- furcht. »Sie ist zu uns zurückgekehrt«, hauchte sie. »Wie lautet der Name deiner Mutter, Annat?« »Sie hieß Aude. Aude d'Iforas, glaube ich.« Casildis schüttelte den Kopf. »Wie seltsam. Ich kenne sie. Sie war einige Jahre älter als ich. Ihre Familie hat diesen … Teil des Landes verlassen, nachdem meine Schwester Huldis verschwunden war. Deine Mutter war die Freundin meiner Schwester. Ein hübsches Mädchen mit ihren roten Haaren. Ihre Familie war jahrhunderte- lang im Besitz dieser Puppe. Und wir haben sie verloren geglaubt.« »Mame gab mir die Puppe, bevor sie sich umbrachte. Oder viel- leicht war es auch ein Unfall. Sie ist ertrunken.« »Arme Aude«, sagte Casildis und warf Annat unter schweren Li- dern hervor einen Blick zu. In der Dämmerung des weißen Raumes war das Blau ihrer Augen dunkel und umwölkt. »Vielleicht hat sie der Verlust meiner Schwester verfolgt, obwohl sie keine Schuld da- ran trug, und das hat dich mutterlos gemacht.« »Es ist nicht gerade eine gewöhnliche Puppe, was?«, fragte Annat. »Nein«, sagte Casildis. »Und du weißt das. Das ist auch der Grund dafür, warum du sie mit dir herumträgst, obwohl du zu alt für Puppen bist.« Sie entkleideten sich mit einer seltsamen Feierlichkeit. Casildis reichte Annat ein großes, weißes Handtuch, das sie auf dem Weg zum Schwitzraum um sich wickeln konnte. Sie löste die mittler- weile schmutzigen Verbände von Annats rechter Hand und zuckte beim Anblick des rohen, roten Fleisches und der Blasen zurück. »Ich werde später eine Salbe für dich suchen«, sagte sie. »Meine Mutter hatte den besten Kräutergarten aller Schlossherrinnen auf dieser Seite der Berge, und ich habe etwas von ihren Fertigkeiten, im Umgang mit Heilpflanzen gelernt.« Sie rannten über den steinernen Treppenabsatz zum Schwitz- raum, wobei sie die mit Blattmetall belegten Steingesichter beo- bachteten. Es war kein Feuer zu sehen, doch der Raum dampfte vor Hitze, und sie mussten Holzpantinen anziehen, damit ihnen der Boden nicht die Füße verbrannte. »Es gibt eine Fußbodenheizung«, erklärte Casildis, »und einen Ofen in der Küche. Meine Magd hilft mir, ihn früh am Morgen an- zufachen. Einige dieser Häuser sind sehr alt. Teile von diesem wur- den in der Zeit des Alten Imperiums in den Tagen der Kadagoi er- baut.« Annat hatte von den Kadagoi gehört. Ihr Imperium hatte sich über Neustria und Morea erstreckt und reichte sogar bis nach Zyon. Später dann war Doxa die Staatsreligion geworden. Sie wollte Casildis auf die Probe stellen, die eine Doxoi sein musste, um zu sehen, ob sie deren älteste und schändlichste Überzeugung teilte: dass die Wanderer den Sohn verraten hatten und dass sein eigener Zwillingsbruder ihn für einen Beutel voller silberner und goldener Shekel an die Kadagoi verkauft hatte. »Es waren die Kadagoi, die den Sohn töteten, nicht die Wande- rer«, sagte sie. »Jeder macht uns dafür verantwortlich.« Casildis saß auf der Holzbank, die rings um die Wand des Schwitzraumes lief, und rieb sich die Schultern mit ihrem Hand- tuch ab. »Einige beschuldigen euch. Aber das sind nicht die, die klug sind.« »Die Kadagoi haben die Wanderer aus Zyon verbannt«, fuhr An- nat fort. »Mame erzählte mir, dass sie den Sohn auf das Rad ge- flochten haben, als wäre er ein Verbrecher.« »Es ist eine grausame Geschichte«, erwiderte Casildis. »Aber die Kadagoi haben auch seltsame und schöne Dinge gemacht – Dinge, die von den Doxoi zerstört wurden, sodass wir nicht mehr wissen, wie man sie herstellt.« Annat zog die Knie an und schlang die Arme um sie. Ihr Körper war dünn und dunkelhäutig, und sie hatte fast keine Brüste. Casil-, dis hatte selbst eine knabenhafte Figur, und ihre Haut war von blas- sen Sommersprossen von der Farbe von Mandelblüten überzogen. Annat schaute sie gerne an, denn sie war ungewöhnlich und voll- kommen. Der nächste Raum war kühler als der erste, und es stand ein Kü- bel mit kaltem Wasser in der Ecke. Annat kreischte vor Schreck und Vergnügen, als Casildis mit einer Kelle das Wasser abschöpfte und sie damit bespritzte. Schon bald war der Raum überflutet, denn sie kippten das eisige Wasser übereinander aus, jagten sich gegensei- tig und lachten. Als sie beide tropfnass waren, führte Casildis An- nat in den letzten Raum, wo sie auf einer Bank einen Stoß frischer Handtücher und kleine Phiolen duftenden Öls zum Einreiben in die Haut vorfanden. »Werden das die Männer auch tun?«, fragte Annat, als sie die tro- ckenen Handtücher um sich geschlungen hatten. »Das werden sie – auch wenn ich mir mit dem Duftöl nicht so sicher bin.« »Malchik wird das hassen. Er ist so gehemmt.« »Armer Junge. Ich wette, dein Vater und mein Mann werden nackt herumlaufen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.« »Ich wünschte, wir könnten lauschen«, sagte Annat und rubbelte sich kräftig das Haar trocken. »Ich habe strenge Regeln. Männer und Frauen baden getrennt. Ansonsten hätten wir ja gar keine Geheimnisse.« Sie eilten zurück in Casildis' Schlafzimmer, wo sich Annat aufs Bett setzte, während Casildis trockene Kleidung für sich heraus- suchte. »Ich habe für dich einige neue Sachen aus der Wäscherei mitge- bracht«, sagte sie und wühlte im Kleiderschrank. »Natürlich in Weiß und Schwarz. Govorin sagte mir, du wärest klein und schlank. Ich glaube, er hatte von Yuda etwas über dich gehört.« Annat besah sich die Kleidungsstücke näher, die Casildis neben sie aufs Bett gelegt hatte: ein Hemd aus feiner Baumwolle und ein schwarzes Trägerkleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichen würde, und eine bestickte Passe hatte. »Die gefallen mir«, sagte sie und befühlte den weichen Stoff. »Ich fürchte, du wirst deine Beine bis zu den Knöcheln bedecken müssen«, sagte Casildis. »Ein Mädchen in deinem Alter muss die gleiche Züchtigkeit an den Tag legen wie eine Frau. Ich sollte einen Schleier tragen, aber hier im Haus schere ich mich da nicht drum. Govorin hasst all diese Vorschriften, doch ich bin daran gewöhnt. Zu Hause sind sie sogar noch strenger.« »Woher stammst du?«, fragte Annat. »Ich wurde im Wald von Ademar geboren«, antwortete Casildis und zog ein feines Baumwollunterhemd über. Sie schüttelte ihre nassen Haare aus und flocht sie zu einem Zopf, um den sie ein Handtuch wickelte. Draußen auf dem Treppenabsatz war der Klang von Stimmen und Gelächter zu hören. »Da sind sie ja«, sagte Casildis. »Und keine neugierigen Blicke!«, denn Annat war in Richtung der Tür geschlichen. »Meine Mutter ist im Schloss von Ademar aufgewachsen«, sagte Annat. »Ja, und ihr Vater war der Seneschal.« »Was ist das?« »Der Hüter des Schlosses.« Casildis seufzte. »Ich bin viel fröh- licher, seitdem ich mit meinem Bruder und seiner Frau Mari herge- zogen bin. Ich sollte nicht über unser Zuhause sprechen. Sogar Go- vorin weiß nicht viel mehr, als ich dir erzählt habe.« »Meine Mutter hat immer Geschichten vom Wald und dem Schloss erzählt. Ich wünschte, ich könnte es sehen.« »Sie würden dich töten«, sagte Casildis und stand unbeweglich mit ihrem Unterrock in der Hand. Wenn sie ernst war, ähnelte ihr Gesicht den bemalten Statuen in einem Tempel der Doxoi. Annat drückte den Saum eines Handtuchs, das sie trug, zwischen ihren Händen. »Aber ich bin ein Rebjonok«, sagte sie. »Du bist eine Wanderin und eine Geächtete. Sie würden sich um dein Alter nicht scheren. Sie verbrennen Ungläubige und Schama- nen.«, »Bist du deshalb fortgegangen?«, fragte Annat. »Ich bin gegangen, weil ich mich gefangen fühlte. Und auch so wurde es mir nur deshalb erlaubt zu gehen, weil meine Mutter und mein Bruder ebenfalls gingen. Er ist Govorins Deputy. Es war seine Idee, nach Gard Ademar zu ziehen, um mit den Eisenbahnleuten zu leben.« »Dann gehen wir also zum Abendessen in das Haus deines Bru- ders?« Casildis lächelte und schlüpfte in ihren Unterrock. »Es war Zhans Vorschlag. Er wollte euch alle kennen lernen.« Annat ließ das Handtuch zu Boden fallen und kramte in ihrem Bündel nach sauberen Unterhosen und einem Hemd. Sie begann sich eilig anzukleiden, denn in diesem Raum war es kälter als in den beheizten, die sie gerade verlassen hatten. Das Trägerkleid und die Bluse, die Casildis für sie ausgesucht hatte, passten recht gut, auch wenn der Rock etwas zu lang war. »Wie sehe ich aus?«, fragte sie und breitete die Arme aus. »Sehr schön. Ich werde dir die Haare trocknen. Meine brauchen Stunden, um zu trocknen, deshalb lasse ich sie bedeckt. Das wird meinem Bruder gefallen.« Casildis hatte einen langen, grünen Überwurf aus gewebter Wolle angelegt. Sie legte sich eine Kette aus Granat um den Hals und steckte sich winzige Granatsteine durch die Ohrläppchen. »Jetzt muss ich mir noch das Gesicht anmalen«, sagte sie. »Mein Bruder hasst das.« Sie setzte sich an die Frisierkommode aus Mahagoniholz und schraubte einige kleine Fläschchen auf, die zwischen den Bürsten, Schildpattkämmen, silbernen Handspiegeln und gläsernen Parfum- flakons standen. Annat war beeindruckt. Nicht einmal ihre Mutter hatte je solche Schätze besessen. Doch bevor Casildis ihr die Far- ben für das Gesicht und die Lippen zeigen konnte, klopfte es an der Tür und Govorins Stimme rief: »Ich habe hier einen Mann, der verbunden werden muss. Kannst du das machen, Casildis?« »Schick ihn herein. Ich muss sowieso nach Annats Hand sehen,, also bin ich für heute die Ärztin.« Die Tür öffnete sich, und Yuda trat ein, nur mit einer Hose be- kleidet – mit einer sauberen, nicht der blutgetränkten, die er bei ihrer Ankunft getragen hatte. Er hielt seine Augen von Annat und Casildis abgewandt, als fürchtete er, sie könnten nackt sein. »Komm her, Yuda, und lass mich einen Blick auf dich werfen«, befahl Casildis. Annat saß auf der Bettkante und sah zu, wie Casildis ihn unter- suchte. Yudas Brust und seine Schultern waren von einem Netz fei- ner, weißer Narben überzogen, und oberhalb seiner Rippen waren zwei kaum verheilte Male zu sehen, halb Verbrennung, halb Wun- de. Casildis berührte seine Verletzungen mit vorsichtigen Fingern. »Das haben die Entseelten angerichtet?«, fragte sie. »Ich habe einen Energiestoß abgewehrt. Das ist, als wenn man sich durch ein Fenster stürzt. Eine der Wunden war ziemlich schlimm, doch mein Kumpel Scorpion hat sie geheilt, so gut sie konnte.« »Ich habe eine Salbe, die verhindern wird, dass die Wunde nässt. Setz dich an meinen Toilettentisch, während ich sie aus der Vorrats- kammer hole.« Yuda gehorchte und sah seltsam fehl am Platze aus neben der Fülle der zerbrechlichen Gegenstände, die auf Casildis' Frisierkom- mode verstreut waren. Annat starrte ihn an, während sie ihr Haar trockenrieb, und sie fragte sich, wie viele Kämpfe er wohl bestritten hatte, um sich so viele Narben zuzuziehen. Was immer er denken mochte, er verbarg es ohne merklich bewusste Anstrengung vor ihr. Er blickte erst auf, als Casildis mit einem Steintopf zurückkam, der mit einer sauberen Handschrift versehen war. »Diese Salbe enthält einen Extrakt der Schwarzwurzel«, sagte sie und öffnete den Topf. »Es kann sein, dass du sie etwas kalt findest.« Yuda verzog das Gesicht, als sie ihm die Salbe auf die Körperseite strich. Casildis arbeitete rasch und verwendete nur wenig Creme. Dabei sah sie ihm zum ersten Mal ins Gesicht., »Ich habe sie selbst gemacht«, sagte sie. »Hier in dieser Stadt gab es vor deiner Ankunft keinen Arzt, weshalb wir unsere eigene Me- dizin herstellen mussten. Meine Mutter hat die Rezeptur vieler die- ser Salben an mich weitergegeben.« Yuda schien aus seinen Gedanken aufzutauchen. Er warf ihr eines seiner unvermittelten, strahlenden Lächeln zu. »Govorin versteht es, eine Frau auszusuchen«, sagte er. Casildis senkte die Augen und presste leicht belustigt die Lippen zusammen. »Ich bin sicher, ich bin seine erste«, sagte sie, erhob sich und wischte sich die Finger an einem der auf den Boden geworfenen Handtücher trocken. »Bist du nicht. Aber du bist mit Sicherheit die hübscheste.« Casildis stieß ein kurzes Lachen aus. Sie öffnete eine der Schub- laden ihres Toilettentisches und nahm einige Verbandsrollen her- aus. »Ich bin die, die ihn geheiratet hat. Das ist das Einzige, was für mich zählt«, sagte sie. Yuda stand auf, damit sie die Verbände um den Mittelteil seines Körpers wickeln konnte, was sie flink und gewandt tat, um sie dann mit einer Sicherheitsnadel zu befestigen. Ihr schien nicht aufzufal- len, dass er jede ihrer Bewegungen mit einer seltsamen Versunken- heit beobachtete und in sich hineinlächelte. »Fertig«, sagte Casildis und trat einen Schritt zurück, um sich ihr Werk anzusehen. »Wir wechseln sie morgen. Ich werde Annat einen Topf mit Salbe und einige Verbandsrollen mitgeben. Es wird wich- tig für sie sein, das zu lernen.« »Nee, das werde ich selbst tun. Ich bezweifle, dass sie deine ru- hige Hand hat.« Annat protestierte bei diesem Seitenhieb nicht. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie seine vorsichtigen Bewegungen in Casildis Ge- genwart, als befürchte er, eine zu ausladende Geste seinerseits könn- te ihr Schaden zufügen. Casildis zeigte keine solche Zurückhaltung; sie ging so sorglos mit ihm um, dass es geringschätzig hätte wirken, können, wenn sie nicht zu solcher Bosheit unfähig schien. Sie gab sich ihm gegenüber ohne jede Ehrfurcht, als sei er ein kleiner Jun- ge, der ihr zum Verbinden gebracht worden war. »Nach allem, was ich gehört habe, werden wir bald zu dir kom- men, um geheilt zu werden, Mister Vasilyevich.« »Ja, wenigstens ich werde tun, was mein Vater wünschte – mich niederlassen, um als Arzt tätig zu sein, wenn auch nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Ich glaube, er versteht noch immer nicht, wie es möglich ist, dass der Eine ihn mit solchen Kindern gestraft hat.« Casildis stand da und sah ihn mit fest umklammerten Hän- den an; in ihrem Blick lag ein plötzlicher Schmerz. »Wo ich herkomme, verbrennen sie Schamanen bei lebendigem Leibe.« Yuda hielt ihrem Blick stand. »Sag mir, woher du stammst, da- mit ich die Gegend meiden kann.« »Sie kommt aus dem Wald von Ademar«, mischte sich Annat ein, die die seltsame, unausgesprochene Anspannung zwischen ihnen bemerkt hatte. Sie hatte so etwas noch nie erlebt: eine Unterhal- tung, die sich hinter den eigentlichen Worten abspielte. Yuda warf ihr einen ziemlich scharfen Blick zu. »Das klingt unschön nahe«, scherzte er. »Du weißt, dass Govorins Tunnel unter einem Teil des Waldes hindurchführt. Seit Beginn der Arbeiten dort haben die Menschen zu sterben begonnen.« »Und was soll das mit mir zu tun haben, Casildis?«, fragte Yuda sanft, um sie herauszufordern. »Govorin sagt…« »Govorin redet zu viel. Ich habe gehört, dass wir mit deinem Bru- der zu Abend essen«, sagte er und hielt ihrem Blick eisern stand. Annat betrachtete die zwei und hielt den Atem an. Sie fragte sich, wovon er Casildis abhalten wollte, es auszusprechen. Die Frau senkte den Blick. »Zhan will dich unbedingt kennen ler- nen«, sagte sie. Yuda verschränkte die Arme vor der Brust. »Shaka hat ihn ein, oder zwei Male getroffen«, bemerkte er und sah zu Boden. Casildis betrachtete ihn ängstlich wie jemand, der versucht, die Gedanken eines anderen anhand dessen Gesichtsausdrucks und dessen Gesten zu lesen. Auch Annat wünschte sich, sie könnte Zugang zu Yudas verborgenen Gedanken bekommen. Sie vermutete, dass Shaka den Deputy nicht mochte. »Er spricht mit großem Respekt von Shaka«, sagte Casildis, als wollte sie Yuda beruhigen. Doch es war nicht Yuda, der besorgt schien. Er runzelte mit einem Ausdruck nach innen gerichteter Konzentration die Stirn, und Annat fühlte sich an Malchik erin- nert. »Tut er das?«, fragte er. Casildis wirkte beinahe linkisch. Sie hatte die ruhige Überlegen- heit verloren, die zuvor noch bewirkt hatte, dass sie sich in seiner Anwesenheit so gelöst gab. »Er sagte, er würde sich gerne mit ihm messen, Mann gegen Mann.« Yuda zuckte mit den Augenbrauen, als ob er über eine trockene Erwiderung nachsinnen würde – und Annat war sich sicher, dass er das tat –, doch er sagte: »Das ist ein interessantes Kompliment.« »Mein Bruder ist ein Krieger. Er hat es nett gemeint.« »Da bin ich mir sicher. Ich werde es Shaka ausrichten, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.« – und dabei lachen, sendete Annat in Gedanken. Er zeigte mit kei- nem Deut, dass ihr Gedanke ihn erreicht hatte, doch sie wusste, dass das der Fall war. Er war kurz davor loszuprusten. Casildis zuck- te ernüchtert mit den Schultern. »Unsere Wege müssen dir sehr wundersam vorkommen.« »Ich kenne deine Wege noch nicht, Casildis. Mir gefällt, was ich sehe.« »Gut«, antwortete Casildis. Sie schien ihn loswerden zu wollen. »Ich ziehe besser mein Hemd über«, sagte Yuda, als hätte er ver- standen. »Ich will nicht alle anderen vom Essen abhalten.« Casildis lachte angespannt. »Ich bezweifle, dass du das tust«, sagte, sie. Yuda lächelte und ging ohne eine Antwort. Als er den Raum ver- lassen hatte, setzte sich Casildis an ihren Frisiertisch und löste das Handtuch um ihren Kopf. Eine Weile saß sie da, starrte ihr Spiegel- bild an und befühlte ihre gespaltene Lippe. »Was für ein seltsamer Mann dein Vater ist«, sagte sie. Annat fielen darauf alle möglichen Arten der Zustimmung ein: ihr Vater und Rosa; der Kampf; ihr Vater, wie er Malchik schlug. Doch sie glaubte nicht, dass Casildis eine Antwort erwartete. »Ich kenne ihn noch nicht sehr lange«, sagte sie.

KAPITEL 5 Es war früh am Nachmittag, als sie sich dem Haus des Deputysnäherten. Casildis hatte ihr Haar, das ihr sonst beinahe bis zu

den Knien reichte, mit einem langen, weißen Schleier bedeckt, der von einem silbernen Band zusammengehalten wurde, und über ih- rem Überwurf trug sie einen grünen Samtmantel. Neben ihr fühlte sich Annat schlicht und schäbig in ihrem schwarzen Mantel, den Yuste vor zwei Wintern für sie angefertigt hatte. Casildis hatte sich hinter die Männer zurückfallen lassen, woraufhin sich Annat ver- dutzt fragte, ob alle Frauen in Gard Ademar einige Schritte hinter ihren Ehemännern gingen. Sie bemerkte, dass viele der Häuser im Dorf offen standen und einen verlorenen, sogar niedergeschlagenen Eindruck machten; ihre Fenster ähnelten tief liegenden, traurigen Augen. »Das Dorf war verlassen, bis die Leute von der Eisenbahn hierher gezogen sind«, erklärte Casildis. »Warum war es denn verlassen?«, fragte Annat. Sie musste zwei Schritte machen, um mit Casildis' ausladendem Gang mithalten zu, können. »Man sagte, es würde heimgesucht werden«, sagte Casildis. Sie schüttelte ihren Kopf. »Der Wald hat sich seit der Großen Kälte ausgebreitet. Er reicht jetzt viel weiter als früher an das Dorf heran. Die Dorfbewohner waren immer abergläubisch, was den Wald be- trifft, aber vor zwanzig Jahren fingen sie an zu glauben, sie seien selbst dann nicht mehr sicher hier, wenn sie ihn mieden. Und so beschlossen sie wegzugehen.« »Aber der Wald muss schon länger als zwanzig Jahre hier stehen«, sagte Annat. »Es kam etwas aus dem Wald«, sagte Casildis. Inzwischen liefen sie im Sonnenschein eine enge Gasse mit Kopf- steinpflaster hinunter. Zu beiden Seiten erhoben sich kleine Häus- chen, deren stuckverzierte Mauern mit strahlenden Farben wie Ko- baltblau, Rosa oder Sonnenblumengelb überzogen waren. Die Far- ben schienen im Sonnenlicht zu glühen, und auch wenn außer ih- nen niemand auf der Straße war, herrschte doch eine ruhige, ge- schäftige Atmosphäre: Rauch, der aus den Schornsteinkappen weh- te, der Geruch nach frisch gebackenem Brot und das Bellen verbor- gener Hunde. Auf dieser Straße schienen Casildis' unheilvolle Wor- te fehl am Platze. »Glaubst du daran, dass hier etwas umgeht?«, fragte Annat. »Das Böse geht hier um«, antwortete Casildis ruhig. »Aber jeden Tag wird ein Kampf geführt, sowohl hier als auch im Wald.« Sie verließen die enge Gasse und stiegen eine Treppenflucht hin- auf zu einem kleinen, schräg abfallenden Platz, in dessen Mitte eine von einem Geländer umgebene Platane wuchs. Einige der Blätter lagen auf dem Kopfsteinpflaster verstreut. Die Häuser rings um den Platz waren aus goldenem Kalkstein erbaut, der dem ähnelte, den Annat am Bahnhof gesehen hatte. Die fünf stiegen den Hang zum anderen Ende des Platzes hinauf, wo eine Reihe großer, dreistöckiger Häuser hinter verschlossenen Fensterläden zu ihnen herabspähten. Die Kalksteinblöcke waren sorgfältig behauen und fügten sich nur mit einem winzigen Spalt, dazwischen aneinander. Govorin trat zu einer Eichentür mit einem eisernen Türklopfer, der in den Kiefer einer hohläugigen Maske ein- gelassen war. Bevor der Sheriff Gelegenheit hatte zu klopfen, wurde die Tür von einer untersetzten Frau geöffnet, die eine makellos weiße Schürze über ihrem grauen Kleid trug; ihr Haar war von ei- nem Kopftuch bedeckt. Govorin schenkte ihr ein Lächeln, das sie nicht erwiderte. »Ist mein Deputy zu Hause?«, fragte er in Franj. »Kommen Sie herein. Sie werden erwartet«, sagte die Frau. Sie betraten eine lange, getäfelte Halle, die nach Bienenwachs roch. Silberne Kerzenleuchter waren an der Wand befestigt. In ih- nen steckten Kerzen, die nicht entzündet waren. Im Treppen- schacht hing ein Hirschgeweih auf einer Tafel über einer gefährlich aussehenden Sammlung von Waffen: Schwerter, Piken und Muske- ten, die zu einem Sonnenaufgang angeordnet waren. Die Frau, die eine Bedienstete zu sein schien, verschwand in einem Nebengang und ließ sie in der Halle stehen. Niemand wusste, was als Nächstes zu tun sei, bis sich linker Hand in der Halle eine Tür öffnete und ein Mann eintrat. Er war größer als Malchik und fast so breit wie Govorin. Als er sich höflich verbeugte und dabei seine Hand auf die Brust legte, schien seine bloße Anwesenheit die Halle auszufüllen. Er trug gewöhnliche Kleidung – graue Hosen und ein blau kariertes Hemd unter einer blauen Kordweste –, doch seine Finger waren schwer von den goldenen und juwelenbesetzten Ringen schlichter, doch kostbarer Machart. Casildis kam als Erste bei ihm an; sie küsste ihn leicht auf beide Wangen. »Der Friede der Mutter sei mit dir, Zhan«, sagte sie. Govorin machte einen Schritt nach vorne; er wirkte eilfertig, doch schüchtern, und er packte die Hand des Mannes mit seiner riesigen Pranke. »Einen schönen Tag, Mister«, sagte er. »Dies sind Yuda Vasilye- vich und seine Kinder Annat und Malchik.« Annat spürte, dass sie Höflichkeit an den Tag legen sollte, doch sie wusste nicht, wie. Sie sah, wie Yuda die beringte Hand ergriff,, doch neben dem Mann wirkte er zwergenhaft klein. Sari hatte ein breites, schönes Gesicht mit vorspringenden Wangenknochen, ei- nem kantigen Kiefer und großen, hellblauen Augen. Sein Haar war wie das von Casildis strohblond und klebte in Widderlocken an sei- nem Kopf; links und rechts trug er lohfarbene Koteletten. »Seien Sie willkommen in diesem Haus«, sagte er. »Danke«, antwortete Malchik, der als Einziger groß genug war, um ihm in die Augen zu schauen. Neben Saris muskulöser Gestalt wirkte er wie ein Schilfrohr. Der Deputy geleitete sie in einen Raum, dessen Ausstattung mit seiner massigen Pracht dem Stil seiner Ringe entsprach. Die Stühle waren aus Eichenholz gehauen, und der Tisch bestand aus einer einzigen polierten Platte. Zwei riesige, graue Hunde lagerten vor einem Holzfeuer, und eine getigerte Katze hatte sich vor der Ka- minplatte zusammengerollt. Gewebte Wandbehänge, die Blätter zeigten, zitterten im Luftzug des Feuers, und ein schwerer Geruch nach Zimt und Gewürznelken hing in der Luft. Als Annat den Ess- tisch sah, hielt sie die Luft an; die Weinkelche waren aus rosenfar- benem Kristall gefertigt, die Teller waren aus Gold, und eine silber- ne Salzmühle thronte in der Mitte des Tisches. Sari goss Wein aus einer staubigen Flasche in einen der Kelche und hob es jedem entgegen, bevor er den Becher an Govorin reich- te. Govorin schien zu wissen, was von ihm erwartet wurde, denn er trank seinerseits Sari zu, nahm einen Schluck Wein und gab den Kelch an Yuda weiter. Yuda nahm ihn in seine rechte Hand, doch anstatt wie seine Vorgänger zu verfahren, sprach er ein Gebet darü- ber, lächelte und trank. Als er ihn Malchik reichte, schien der junge Mann einen Augenblick lang mit seiner Unentschlossenheit zu kämpfen, bevor er den Segensspruch wiederholte, an dem Wein nippte und ihn dann unsicher zu Sari schwenkte, der ihn mit einem leichten Kopfnicken entgegennahm. Er bot ihn weder Casil- dis noch Annat an. Als die Männer den Wein geteilt hatten, kehrte die Dienerin zurück, um ihre Überkleider entgegenzunehmen. »Wunderschöne Hunde«, sagte Yuda und schlenderte hinüber,, um einen der beiden hinter den Ohren zu kraulen. Der hob den Kopf und sah ihn aus seelenvollen Augen an. »Ein Wolfshundepaar«, sagte Sari. »Sie stammen aus einem präch- tigen Wurf.« »Jagen Sie Wölfe?«, fragte Yuda. Er streichelte dem Hund den Nacken. »Wölfe, Hirsche, wilde Eber; der Wald ist voll von Wild«, sagte Sari. »Sari ist ein guter Schütze. Er kann mit dem Bogen und der Waf- fe umgehen«, sagte Govorin. »Ich werde Ihnen meinen Stall zeigen«, sagte Sari. »Sie können jedes Reittier auswählen, das Sie wünschen.« »Ich kann nicht reiten«, erwiderte Yuda und erhob sich. Er verzog leicht das Gesicht, denn er hatte seine Wunden vergessen. »Ich glaube, Vasilyevich braucht einen Stuhl«, sagte Govorin freundlich. »Er ist heute verwundet worden, als er gegen die Ent- seelten kämpfte.« »Wo ist er verletzt worden?«, fragte Sari. Annat fand das eine seltsame Frage. »Zu nah an den Nieren«, antwortete Yuda und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Er griff sich in die rechte Seite und widerlegte, was er eben gesagt hatte. Sari lächelte, als hätte jemand einen Witz gemacht, von dem er nicht zugeben wollte, dass er ihn nicht verstanden hatte. »Lass dich nicht von ihm auf den Arm nehmen, Sari«, sagte Go- vorin. »Er ist einer der besten Kämpfer der Eisenbahner. Die Wa- chen würden ihm in die Hölle und zurück folgen.« »Was ist Ihre Waffe, Mister Vasilyevich?«, fragte Sari. »Die Waffe bin ich«, sagte Yuda. »Aber ich kann auch ein Messer benutzen, wenn ich muss.« »Und ist auch Ihr Sohn ein Krieger?«, fragte Sari und klopfte ihm auf die Schultern. »Nein, bin ich nicht«, sagte Malchik bestimmt. Annat sah Yudas Gesicht. Er hätte lieber einen Sohn gehabt, der, ein Schamane war und etwas von seiner Kühnheit besaß. Er war enttäuscht und beschämt, dass er nicht einmal darauf hoffen konn- te, Malchik auszubilden, damit dieser in seine Fußstapfen treten konnte. Annat wünschte sich, ihr Vater würde sich über ihre Bega- bung freuen, doch sie fürchtete, er würde nicht die gleiche Befriedi- gung daraus ziehen, eine Tochter zu unterrichten, gleichgültig wie mächtig sie auch sein mochte. Unwillkürlich hatte sie das Gefühl, dass Sari es irgendwie gespürt und absichtlich die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hatte, auch wenn er noch so freundlich wirkte. Das Essen war köstlich. Es gab kein unreines Fleisch, das einen Wanderer hätte beleidigen können: Taubenpasteten, die in Wildpil- zen geschmort wurden, Endiviensalat und in Wein eingelegte Bir- nen. Erst als Annat zu Ende gegessen hatte und sich dem Gespräch zuwandte, bemerkte sie das Unbehagen wie einen Juckreiz in ihrem Geist. Aus irgendeinem Grund konnte sie Sari nicht leiden, auch wenn sein Lächeln strahlend war und seine Augen freundlich schie- nen. Govorin war so anders. Trotz seiner massigen Gestalt war et- was Zartes an ihm, und er ging vorsichtig und bedächtig mit den zerbrechlichen Gläsern um. Er konnte sowohl stark als auch sanft sein. Annat fragte sich, was Sari an sich hatte, das sie abstieß. Nichts, das ihr einfiel, schien gerecht oder begründet. Seine Augen waren zu blau; sein Haar zu gelblich; sein Lächeln zu blitzend. An- nat tadelte sich selbst für ihre ablehnende Haltung ihm gegenüber. Sie musste jedoch feststellen, dass von Yuda eine ähnliche Gefühls- regung ausging. Auch wenn er es sich in seinem Verhalten nicht an- merken ließ, fühlte er sich nicht wohl. »Wie geht es der Gemahlin?«, erkundigte sich Govorin höflich. »Ihr geht es gut, danke. Die Frauen können zu ihr hinaufgehen, wenn sie das wünschen. Dann können wir uns offen unterhalten, ohne befürchten zu müssen, ihnen zu nahe zu treten. Ich bin nicht an diese südlichen Sitten gewöhnt, nach denen die Frauen mit den Männern zusammen essen.« »Ich glaube, dass dir das sehr seltsam erscheinen muss, aber für uns ist das ganz alltäglich«, sagte Govorin, und mit einer Spur von, Ironie in der Stimme fragte er: »Was willst du tun, Casildis?« »Sei unbesorgt. Ich weiß, Zhan will, dass wir gehen, damit er vom Jagen, Kämpfen oder anderen Männerfreuden berichten kann.« Casildis erhob sich mit einem silberhellen Rascheln von Baum- wolle und Seide von ihrem Stuhl. »Nun los, Zhan, ich weiß, dass du darauf brennst, Vasilyevich über den Kampf auszufragen.« »Muss ich auch gehen?«, fragte Annat, der es nicht gefiel, dass Malchik das Vorrecht haben sollte zu bleiben, auch dann nicht, wenn die Unterhaltung unendlich langweilig zu werden versprach. Casildis packte ihre Hand mit einem kühlen, festen Griff. »Mari Reine möchte dich kennen lernen. Ich weiß, dass sie oben sitzt und keine andere Gesellschaft als ihren Webstuhl hat. Neben- bei gesagt wird Zhan nicht glücklich sein, wenn wir nicht beide gehen.« Die Männer mussten aufstehen, als sie den Tisch verließen, auch wenn sowohl Malchik als auch Yuda zögerten, als seien sie Andäch- tige bei der falschen Zeremonie. Yuda winkte Annat kurz und iro- nisch zu. Sie war sich sicher, er hätte den Klatsch und Tratsch der Frauen Saris Redseligkeit vorgezogen, und auch Malchik sah so un- glücklich aus, als stände ein weiteres gemeinsames Bad in Aussicht. Casildis führte Annat die Treppe unter dem Hirschgeweih am En- de der Halle empor. Weiter oben hingen noch andere Tierköpfe; ei- nige waren bloße Schädel, andere waren ausgestopft. Als Annat ei- nen hübschen Schild entdeckte, der vier schwarze Vögel auf rotem Grund zeigte, regte sich etwas in ihrem Geist, und sie machte Halt, um sich ihn anzusehen, bevor sie eilig hinter Casildis herrannte. Auf dem ersten Treppenabsatz hing ein riesiger Wandteppich, der Männer in grünen Tuniken und engen Beinkleidern zeigte, die ei- nen schwarzen Eber erlegten. Ein Glaskasten beherbergte eine Sammlung von Reliquien, die aus Silber und beschlagenem Gold gefertigt waren und die hand- schriftlich beschildert waren. In verblasster Tinte waren dort die Überreste der Heiligen und Märtyrer ausgewiesen, die jede Reliquie beinhaltete. Annat eilte an dem Schrein vorbei; sie verstand das, Vergnügen der Doxoi an der Aufbewahrung und Verehrung der Leichname ihrer Heiligen nicht. Den Wanderern waren nur ihre Bü- cher heilig, die ihnen von dem Einen gegeben worden waren. Im nächsten Stock war alles anders. Es war nicht nur der Geruch, der auf Nelken und Moschus schließen ließ; die Wandbehänge zeigten eine schöne Frau, die einem Einhorn zugewandt war und diesem sein Bild in einem Spiegel zeigte. Der Hintergrund war mit stilisierten Blumen bedeckt. »Mari hat diese Wandteppiche als Teil ihrer Mitgift angefertigt«, sagte Casildis. »Sie ist eine Meisterin dieser Kunst geworden. Ich selbst kann nur Muster weben.« Sie öffnete eine der Türen, die vom Treppenabsatz abgingen. An- nat betrat einen Raum, der leer war, wenn man von einem großen Webstuhl, Kissen und Polstern absah, die über einen prächtig ge- webten Vorleger verstreut lagen. Eine verhüllte Frau saß am Web- stuhl und bewegte das Schiffchen mit flinken Fingern. Sie sah auf, als Casildis die Tür öffnete, und Annat bemerkte, dass ihr rechtes Auge verfärbt und geschwollen war. »Grundgütige!« Casildis durchquerte mit wenigen Schritten den Raum. »Was hat er dir diesmal angetan!« »Es ist nichts«, sagte Mari Reine und zupfte an ihrem Schleier, um ihr Gesicht zu verhüllen. »Er war zornig, weil ich so lange in eurem Haus geblieben bin.« »Verlass ihn, Mari.« »Sari ist mein Ehemann.« »Und bist du schon so eine gute Doxoi geworden, dass du bei ihm bleibst, gleichgültig, wie sehr er dich misshandelt?« »Du weißt, dass ich in meinem Herzen keine Doxoi bin, Casil- dis.« Annat lehnte in der Tür und war sich nicht sicher, ob sie zuhö- ren sollte oder besser nicht. Die Frauen sprachen Franj, und einige der Wörter, die sie benutzten, waren ihr nicht vertraut. Dann schien Mari Reine sich zum ersten Mal des Ausmaßes ihres Schweigens bewusst zu werden, und sie streckte die Hand aus, um Annat zu, sich zu winken. Annat näherte sich dem Webstuhl beinahe auf Ze- henspitzen, als wäre sie in der Gegenwart einer Heiligen. Über dem Raum hing eine seltsame Stille und Ruhe, und das schräg einfallen- de Licht der Fenster brach sich frisch und kühl auf den weißen Wänden und dem unbehandelten Holz des Webstuhls. Es war, als betrete man einen Schrein oder das Studierzimmer Zaides, in dem Annat häufig schweigend gestanden hatte, um den Kopfbewegun- gen ihres Großvaters zu folgen, der sich über den Heiligen Büchern hin und her wiegte. Mari Reine griff mit ihren kühlen, trockenen Fingern nach An- nats Hand. Ihr Gesicht war weich und makellos, und ihre goldene Haut glich dem bemalten Gesicht der Muttergestalt in den Tem- peln. Ihr unversehrtes Auge war braun und traurig. Annat spürte, dass sie in einen Strudel von Wissen und Zeit blickte: Da war das jahrhundertealte Wissen der Frauen, die an einem Webstuhl wie diesem gesessen hatten, sogar in den Zeiten der Kadagoi, sogar im Jahr des Sohnes. Wenn sie Maris Hand lange genug hielt, würde sie in diesen Strudel hineingezogen werden. »Wer bist du denn, Missis?«, fragte sie. Als sie sprach, spürte An- nat, dass ihr etwas entrissen wurde, ein flüchtiger Blick in eine kalte Welt. Doch Mari Reine war nur der Übergang in diese Welt, und sie war nicht von ihr befleckt oder eisig erstarrt. »Genau wie deine Mutter ihre Puppe hatte, haben auch wir un- sere Geheimnisse«, sagte Casildis. Annat starrte auf das halbfertige Tuch auf dem Webstuhl. Zu sehen waren Myriaden von sternengleichen Blumen, die zu Füßen einer Frau und um die Hufe eines Einhorns erblühten. Annat streck- te die Hand aus, um das Flechtwerk mit den unzähligen, vielfar- bigen Fäden zu berühren. »Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte sie. Casildis legte sanft die Hand auf Maris Schulter, als ob sie sie beruhigen wollte. »Es gibt so wenig mehr als Gerüchte, die wir dir berichten können. Ge- schichten, die uns unsere Mütter flüsternd erzählt haben.« Annat gab vor, nichts zu hören. Sie fühlte, wie ihr Blick von, Maris traurigem Ikonengesicht angezogen wurde. »Lassen Sie mich Ihr Auge anschauen«, sagte sie ohne Scheu. Kleine Heilungen waren leicht, selbst für jemanden wie sie ohne Ausbildung. Casildis trat zurück, und Annat nahm Maris Gesicht zwischen ihre Hände und drehte es vorsichtig ins Licht. Die Sonne zauberte einen tiefen, lichterfüllten Bronzeton in das offene Auge der Frau. »Ich bin weit entfernt von dem Haus meiner Mutter«, sagte Mari, und Annat sah, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten und von dem verschwollenen Lid rannen. Annat biss sich auf die Lip- pen. Der Schmerz der anderen Frau schien zu ihrer eigenen Pein zu werden. Sie dachte an Kühle und hob ihre rechte Hand, bis sie die geschwollene und glänzende Haut von Maris Auge bedeckte. Die Macht floss aus ihren Fingerspitzen in einem kühlen Strom, der ganz anders war als der scharfe Kampfstoß des gestrigen Tages, der ihre Hand verbrannt hatte. »Wo lebt sie?«, hörte sie sich selbst fragen. Während sie zusah, begann die Schwellung abzuklingen, und die grausame Rötung verblasste. Mari erstickte ein leises Geräusch in ihrer Kehle. Casildis Antwort schien aus weiter Entfernung zu An- nat durchzudringen; die Worte glitten durch die Luft wie Staub- flocken. »Unsere Mütter wurden im Wald geboren, und sie erinner- ten sich noch daran, wie es einst war, als Frauen ohne Männer, die über sie bestimmten, dort beteten.« Annat blinzelte. Ihre Fingerspitzen kribbelten. Sie beugte sich nahe an Maris Auge und untersuchte es; die langen, dunklen Wim- pern, die honigfarbene Haut und die klare, unverletzte Linse. Das Auge selbst war kein Fenster, das zu ihr hinausblickte, sondern ein lebender Stein, der in einem Flussbett glitzerte. »Sie sollten es einige Stunden bedeckt halten«, sagte sie in der Arztstimme Zaides. »Damit sich die Heilung legt.« Mari hob die Hand ans Gesicht und befühlte mit sanften Fingern ihr Auge. »Es ist geheilt«, sagte sie und wandte sich mit einem Lächeln ihrer Freundin zu. Annat trat zurück und stemmte die, Hände in die Hüften. Das Erstaunen der Frau war ihr unangenehm, denn schließlich hatte sie eine einfache Heilung bewirkt, die viel simpler war als die komplexen Prozesse, die ihr Vater bewirken konnte. Casildis nahm Maris Auge unter die Lupe wie ein Uhr- macher, der einen wertvollen Edelstein betrachtet. »Es ist makellos«, sagte sie und richtete sich auf, um Annat anzu- strahlen, als wolle sie ihren Erfolg nicht nur loben, sondern auch ihren Stolz darauf teilen. Annat war an eine solch unmittelbare Belohnung für ihre Arbeit nicht gewöhnt; auch wenn Yuste erfreut gewesen war, hatte sie es nur selten gezeigt. Das ungewohnte Ge- fühl war wie ein unverhoffter Schluck warmen Weines, stark und süß. »Ach, das war doch keine große Sache«, murmelte sie verlegen. Casildis packte sie an den Schultern und küsste sie auf beide Wan- gen, wobei ihre Lippen Annats Haut nur flüchtig streiften. »Vielleicht wird die Zeit für Geschichten schon bald wiederkom- men«, sagte sie. Annat konnte sich auf ihre Worte keinen Reim machen. Ihre Re- ligion erzählte nur von dem Einen, der weit entfernt und unteilbar war, zugleich jedoch nahe und greifbar wie ein hölzerner Becher. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, sagte sie und wich zurück. Casildis sah sie an, lächelte und nestelte an den Steinen ihres Gra- nathalsschmucks. »Wenn wir uns länger kennen, werde ich dir von Dingen berichten können, Annat«, sagte sie. »Doch für heute muss ich es gut sein lassen, ebenso wie Mari.« Bestimmt unterhalten sie sich übers Stricken, dachte Malchik. Er wusste nicht, was schlimmer war. Er hätte sich nie träumen lassen, dass es so viel über Wildbret zu sagen geben könnte. Und als Sari genug über die Jagd gesprochen hatte, begann er, Yuda über seine Schlachten auszufragen. Es war ganz anders gewesen, als er und Yuda mit Govorin allein gewesen waren. Der Sheriff war ein kulti- vierter Mann, und als er sich mit Yuda über seine Zeit in der Stadt, unterhielt, spürte Malchik etwas von der Aufregung, die Masalyar mit seinen breiten Straßen, Märkten und Hafenbars zu bieten hatte. Govorin zeigte keinerlei Langeweile, während er an Saris Tisch saß, doch Malchiks Gesicht war ganz steif von dem Versuch, das Gäh- nen zu unterdrücken. Der kräftige, schwere Wein zum Nachtisch machte ihn schläfrig; er merkte, wie ihm die Augenlider zuzufallen drohten. »Ist Ihre Frau nicht wohlauf?«, hörte Malchik seinen Vater fragen. Er setzte sich auf. Sari spielte mit einem leeren Kelch herum. »In unserem Volk schickt es sich nicht für eine verheiratete Frau, sich unter Fremde zu mischen.« Govorin formte ein Wort mit den Lippen, und seine Augen- brauen hoben sich zu einem verärgerten Ausrufungszeichen. »Sie meinen, sie geht nicht aus?«, fragte Yuda. »Das sollte sie nicht. Manchmal jedoch vergisst sie das.« Malchik dachte an seine Tante, und was sie wohl zu dieser Situa- tion zu sagen gehabt hätte. Zu Hause waren die Frauen eine starke Macht; Zaide blieb in seinem Zimmer und kümmerte sich um seine Studien. Mit starrem Blick suchte er in Saris Gesicht nach einer Spur von Ironie. Auch wenn er wusste, dass sein Vater hinter Saris Rücken lachen würde, verärgerte ihn dessen Anmaßung. »Und wie rechtfertigen Sie das?«, platzte er heraus. Zaide hatte ihn zu solch gelehrten Disputen ermutigt, die manchmal in Zank und Streit endeten. Saris blaue Augen suchten seinen Blick, doch es lag keine Spur von Zorn darin. Malchik hatte bislang nichts gesagt; er war weder ein Krieger noch ein Jäger, und es hatte nichts gegeben, das er zum Gespräch hätte beitragen können. »Rechtfertigen?« Der Deputy war ernsthaft erstaunt. Malchik spür- te die Hitze der Verlegenheit auf seinen Wangen brennen, drängte jedoch weiter, obgleich er fürchtete, seine Frage könnte die örtli- chen Bräuche angreifen. »Warum sperren Sie sie ein?« »Männer sind schwach.« Sari bekräftigte das Offensichtliche mit, einem Achselzucken. »Der Anblick der Schönheit einer Frau könn- te sie in Versuchung führen. Und eine Frau, die ihre Ehre verliert, ist nichts wert. So ist allen am besten gedient, wenn die Frauen im Haus bleiben. Der Sheriff weiß, dass ich glaube, er lässt Casildis zu lange Zügel.« »Was geschieht, wenn Sie erfahren, dass Ihre Frau das Haus ver- lassen hat?«, fragte Yuda und trommelte mit den Fingern gegen seine Lippen. »Dann bestrafe ich sie«, sagte Sari. »Ich bin ihr Herrscher, und sie ist mein Vasall. Sie schuldet mir Gehorsam.« »Da, wo wir herkommen, läuft es nicht so ab«, meinte Govorin und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um Yuda einen raschen Blick zuzuwerfen. »Ich weiß. Ich habe die Frauen der Stadt gesehen. Ich verstehe das nicht. Die Stadt muss ein verruchter Ort sein, wo die Männer den Frauen keinen Respekt zollen.« »Aber ich habe gehört, dass Sie mit Isabel Guerreres befreundet waren«, sagte Yuda. Sari überlegte einen Augenblick, bevor er antwortete. »Isabel hatte den Geist und das Herz eines Mannes. Sie war mit ihrem Schwert vermählt wie eine der Heiligen Jungfrauen der Mutter. Sie war nicht wie andere Frauen.« »Das würde ich auch so sehen«, murmelte Yuda. »Ich empfinde große Trauer über ihren Tod«, sagte Sari. »Sie kann- ten sie?« Yuda klopfte sich mit der Faust auf die Brust. »Bis ins Innerste«, sagte er. »Sie war meine Schwertpartnerin.« »Wer war sie?«, fragte Malchik. Der Wein hatte ihn innerlich an- gefacht, und er hatte seine übliche Schüchternheit verloren. »Die Leute von der Eisenbahn hatten sie angeheuert, um den Schwierigkeiten auf den Grund zu gehen«, sagte Govorin. »Sie wur- de ermordet. Es muss jemand gewesen sein, den sie kannte, denn es gab keinerlei Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, doch ihre Kehle wurde durchgeschnitten.«, »Isabel hätte sich selbst verteidigen können. Es sei denn, es wäre ein anderer Schamane gewesen«, sagte Yuda. »Es gab damals keine weiteren Schamanen in Gard Ademar«, sag- te Govorin. »Es hätte ein getarnter Schamane sein können. Jemand, der mäch- tig genug war, seine Fähigkeiten zu verbergen.« »Möglicherweise.« Govorin spähte auf den Grund seines Glases. »Sinnen Sie auf Rache?«, fragte Sari Yuda. »Ich? Ich möchte gerne sein Gesicht sehen. Oder ihres, falls es eine Frau war.« »Gerechtigkeit ist wichtiger«, sagte Govorin. Malchik nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, wischte sich über den Mund und sammelte Mut. Die Lampen schienen inzwischen etwas heller zu strahlen. Die drei Männer waren von einem Schein umgeben. Er dachte über Rache nach und fragte sich, ob er mehr als dumpfen Hass für seinen Vater empfand. Sie waren zu ungleich, was ihre physische Kraft betraf. Er könnte sich nie ge- gen Yuda erheben, um ihn niederzuschlagen. Der Gedanke war überwältigend und beängstigend, und er wandelte die Wärme des Alkohols in hohle Furcht. »Rache ist gut«, hörte er sich selbst mit schwerer Zunge sagen. »Was weißt du denn von Rache?«, fragte Yuda und wandte sich ihm mit freundlichem Spott zu. Malchik fehlten die Worte. Unterschwellig zehrte die Angst an ihm, doch die Hitze der Prahlerei hielt sie in Schach. »Einmal hast du meine Mutter geschlagen«, sagte er in einem Ton- fall, langsam und trocken wie Lehm. Yuda erwiderte nichts. Ein seltsamer Ausdruck lag auf seinem Ge- sicht, als sei er geschlagen worden und einen Moment zu erschro- cken, als dass er Zorn hätte spüren können. »Du erinnerst dich an all das?«, fragte er. »An alles«, sagte Malchik und hatte jeden anderen im Raum ver- gessen. »Malchik«, setzte Govorin an., »Nein, Sergey. Ich will hören, was er zu sagen hat.« Yuda hatte die Hand ausgestreckt. »Das war's«, sagte Malchik und spürte, wie sich Erleichterung mit einer Spur von Übelkeit in ihm ausbreitete. Der Wein brandete in seinem Schädel auf und verebbte wie eine goldene Welle. »Auch ich erinnere mich«, sagte Yuda. Sein flehentlicher Blick suchte den Malchiks. »An all diese Jahre, seitdem du ein kleines Rebjonok warst. Ich musste davonlaufen.« Er wandte sich um, um Sari anzusehen. »Verraten Sie mir das Geheimnis, Mister. Wie Sie es schaffen, sich selbst zu vergeben. Wie Sie gelernt haben sich zu sa- gen, es würde nicht zählen.« Sari warf Govorin einen Seitenblick zu, als könne er ihn mit ei- nem Lächeln auf seine Seite bringen, doch der Sheriff hatte die Au- gen mit der Hand bedeckt. »Ich glaube nicht, dass ich Sie verstehe, Mister Vasilyevich.« »Wir behandeln unsere Frauen mit Respekt«, sagte Yuda rau. »Zu viel Respekt. Sie kriechen wie Würmer in unsere Herzen. Wir kön- nen diese Huren nicht schlagen. Sie machen es schon ganz richtig, Mister Sari. Lassen Sie sie nicht raus.« »Das reicht, Vasilyevich«, sagte Govorin mit leiser Stimme wie ein entferntes Donnern. Das Kristallglas in Yudas Hand zersprang in scharfkantige Scher- ben. »Sie hat mir meinen Sohn weggenommen«, sagte er. Malchik fühlte, wie überwältigende Übelkeit über ihn hinweg- brandete. Er griff nach dem Tisch und würgte Galle hinab. Der Raum war ein Schiffsdeck geworden, das sich hob und senkte. Blin- zelnd sah er durch Tränen der Übelkeit zu seinem Vater hinüber und spürte ein nie gekanntes, berauschendes Gefühl in ihm reißen. Ein Wurm in seinem Herzen. Er verstand den Zorn und die Verletzun- gen seines Vaters. Dieselben Empfindungen erfassten auch ihn und vermischten sich mit den Wellen der Trunkenheit, die der Wein aufrührte. Jemand hatte seinem Vater den Sohn genommen. Alleine auf den Klippen, wiegte ihn seine Mutter in Armen, die weder Wärme noch Sicherheit gaben. Er biss sich auf die Zunge., »Ich wollte nicht, dass du gehst.« Die Worte entrangen sich seiner Brust wie ein Schluchzen. Überrascht starrte Yuda auf seine verletzte Hand. »Zyon!«, sagte er. Der plötzliche Schmerz hatte ihn wieder nüchtern gemacht. Sari stand auf. »Ich werde das Mädchen schicken, damit es Wasser bringt.« »Nein. Wir sollten gehen. Ich habe zu viel getrunken. Und Mal- chik ebenfalls.« »Hör mich an!«, schrie Malchik. »Ich wollte nicht, dass du gehst.« Mit ruhigem Blick sah Yuda ihn an. »Das weiß ich, Malchik. Aber ich hatte keine Wahl.« Jemand taumelte über den schwankenden Boden zu ihm herüber. Malchik brach vor seinen Füßen auf dem Boden zusammen und verbarg sein Gesicht im Schoß seines Vaters. Der kühle Duft ge- waschener Kleidung. Dunkelheit. Er hatte die weite Leere durch- quert, zerrissen und gequält von dieser seltsamen neuen Empfin- dung. Seine Tränen fielen aus den Augen eines Fremden. Er spürte die Berührung auf seinem Kopf, leicht, wie ein Vogelflügel, der über sein Haar streifte. »Wir haben noch einen langen Weg vor uns, du und ich«, hörte er Yudas brüchige, atemlose Stimme. Govorins Arme hoben Malchik mühelos auf die Beine. Der Sheriff hielt ihn fest an seinem Platz wie ein ausgeworfener Anker in einem Sturm. Yuda erhob sich, die Hände in den Jackentaschen. »Es tut mir Leid«, sagte er zu Sari. Die massige Gestalt des Deputys ragte im Raum empor wie eine goldene Statue. »Ich habe keine Söhne«, sagte er. »Es tut mir Leid«, wiederholte Yuda. Er wandte sich zu Govorin und ihre Blicke kreuzten sich. »Jemand sollte besser die Frauen rufen«, sagte der Sheriff. »Wir können nicht nach oben gehen«, sagte Malchik und klopfte ihm auf die Schultern. »Du ganz sicher nicht. Wir werden schon mal vorgehen. Es ist, noch nicht dunkel.« Malchik hörte Govorin seufzen. »Ich werde sie begleiten. Sie sollten nicht alleine draußen sein«, sagte Sari. »Sie ist deine Schwester, Sari. Klär du das mit ihr«, sagte der Sheriff. Im Dämmerlicht schwankten sie durch die Straßen zurück; Mal- chik fand unsicheren Halt zwischen Yuda und Govorin. Malchiks Füße schienen einen anderen Weg einschlagen zu wol- len als sein Körper; immer wieder versuchte er, sie zu zählen, und war verwirrt, weil er manchmal auf mehr als zwei an der Zahl ge- kommen war. Nach der Pein der letzten Minuten fühlte er sich nun leicht und glücklich. Wenn er noch schwereloser wäre, würde er zu den Dächern abheben und seine Begleiter mit sich ziehen. Govorin war sein ältester Freund, und er hatte das Gefühl, ihm alles erzählen zu müssen. »Ich kann ihn nicht leiden. Hast du gehört?« Govorin knurrte. Er hatte sich einen Arm von Malchik um die Schultern gelegt und versuchte, ihn davon abzubringen, ihn zu er- würgen. Yuda auf der anderen Seite war zu klein, um viel Unterstüt- zung zu bieten. »Ich glaube, er meint mich«, bemerkte Yuda. »Er war so groß«, sagte Malchik sinnend. Da war jemand, der viel kleiner war als er, klein und dünn. Er versuchte sich daran zu erin- nern, wer das war. »Ich musste sie beschützen. Der Falke und der Turm. Als mein wahrer Vater zu mir kam.« Yudas Hand hatte sein Hemd gepackt. Malchik versuchte, seinen Blick auf die scheckigen Züge zu konzentrieren, doch er sah ein Durcheinander aus Augenbrauen, Nase und Mund. »Was meinst du mit deinem richtigen Vater?« »Mame hat mir von ihm erzählt. Dass er uns retten würde. Vor dem Bösen.« »Lass ihn in Ruhe, Yuda. Das ist das Gerede eines Betrunkenen.« »Sag mir die Wahrheit, Malchik. Bist du mein Sohn? Sag es mir!«, »Sie sagte …«, Malchik brach ab. »Ich habe Angst vor ihm«, sagte er an niemanden gerichtet. Yuda machte sich von ihm los und trat nach einem Stein. »Das würde ihr ähnlich sehen«, fluchte er verbittert. »Dem Rebjonok zu erzählen, es sei nicht von mir. Ihm diese Scheiße in den Kopf zu setzen.« »Ich weiß alles«, sagte Malchik vertraulich und blies warmen Atem über Govorins Nacken. Er stieß auf, und in seinem Kopf platzte eine Blase, die ihn die Dinge im rechten Licht sehen ließ. »Es macht aber nichts«, gratulierte er sich selbst. Yuda setzte sich auf die Straße. »Ich kann das nicht aushalten«, sagte er. »Schaff du ihn nach Hause, Sergey. Schaff ihn mir aus den Augen.« »Er war mein Vater«, sagte Malchik abschließend. »Dann sag mir seinen Namen. Bring es zu Ende«, sagte Yuda und raufte sich die Haare. Malchik blickte den kleinen Mann auf der Straße an, der zusam- mengesunken und schwarz und ohne Zauber war. Er war leicht er- staunt. »Wer ist denn das?«, fragte er Govorin. »Komm schon, Malchik. Du musst dich hinlegen«, sagte der Sheriff. »Morgen früh werde ich wissen, wer er war«, stimmte Malchik zu. Die Straße war schwierig zu bewältigen. Lange, warme Schatten zogen schwache Linien über das Kopfsteinpflaster. Malchik taumel- te voran und drückte sein Gewicht gegen die starke Gestalt, die ihn aufrecht hielt. Der lichte Moment war wieder aus seinem Hirn ge- wichen, und ihm war nicht klar, was er eben noch gewusst hatte. Ir- gendwo hinter ihnen war ein Schrei zu hören, der klang wie von einem Tier. Govorin hielt an und schlug den Kreis über seine Brauen. »Mut- ter«, sagte er. Malchik starrte hinauf zu den gelbbraunen Spitzdächern. Das Ge- räusch des Wahnsinns war ihm in die Glieder gefahren und hatte, ihn ausgenüchtert. Unvermittelt tauchte der Schatten seines Vaters neben ihm auf. »Junge? Hast du das gehört?« »Ja«, sagte Malchik nüchtern. Er streckte die Hand aus, um die Schultern des Mannes zu berühren. »Ich dachte, du wärst das gewe- sen.« »Du hast uns einen Schrecken eingejagt, Yuda«, sagte der Sheriff. »Nicht einmal ich schreie so laut«, sagte Yuda, und seine Wangen flatterten. »Aber was zur Hölle war das denn sonst?«, fragte Govorin. Yuda ließ eine Flamme von seinen Fingern aufsteigen. »Ich würde einiges darum geben, es zu erfahren«, sagte er und schirmte die Flamme ab, um sich seine Zigarette anzuzünden. »Fast bin ich froh darüber, dass Sari bei den Frauen im Haus ist, auch wenn er sie sicher zu Tode langweilt.« Malchik fühlte, wie ihm der Moment der Erkenntnis und des Mitleids entglitt. Er packte seinen Vater fast grob am Ärmel und er- haschte einen kurzen Blick Yudas ohne dessen übliche Wachsam- keit; einen Blick, der seine Traurigkeit nicht völlig verbarg. »Ich kann es noch nicht sagen«, stieß Malchik hervor, der gegen sein Herz ankämpfte. »Kannst du das nicht sehen? Es ist egal, was Mame gesagt hat. Auch wenn ein anderer mein Vater ist. Er ist nie gekom- men, um uns zu retten. Das war nur ein Traum von ihr, eine Prin- zessin in einem Schloss mit einem Ritter, der kommt, um sie zu be- freien. Mein wahrer Vater aber war ein Wanderer.« »Ich verstehe«, sagte Yuda. »Danke, mein Junge. Es muss nicht leicht für dich sein, so etwas zu sagen. Ich weiß, dass du keinerlei Liebe für mich empfindest.« »Ich wünschte …« »Was?« Malchik sah seinen Vater an. Er wollte ihn fest an sich pressen, um den Druck seines feingliedrigen Körpers zu spüren. Er lachte über sich selbst. Es gab gewisse Dinge, die ein Mann oder ein Junge nicht sagen durfte, eine Regel, die ebenso streng und so, lächerlich war, wie die Vorschriften Saris, was die Frauen betraf. Seine Brille saß schief, und Yuda wirkte leicht verschwommen. Malchik war noch nie in der Lage gewesen, ihn richtig zu sehen. Yuda wandte sich ab. »Dies ist ein gefährlicher Ort«, sagte er. »Ich wusste, dass die Dinge nicht friedlich verlaufen würden, wenn ihr erst mal hier wäret«, sagte Govorin. Sie schafften es ohne weitere Zwischenfälle nach Hause. In der Küche, im Haus des Sheriffs, entzündete Govorin die Lampen und kochte einen starken Kaffee. Sie saßen schweigend, bis Annat und Casildis lachend eintrafen. »Er hat uns den ganzen Weg nach Hause begleitet«, sagte Casildis und streifte ihren Mantel ab. »Er schlägt seine Frau«, sagte Annat ernst. Malchik starrte seine kleine Schwester an. Er wünschte, er könnte vergessen, was er gesagt hatte, doch irgendwie hatte es sich ihm ins Gedächtnis geätzt. Annat war so sehr das Ebenbild ihres Vaters mit ihren buschigen Augenbrauen und ihren funkelnden Augen. Sie hatte nie Schwierigkeiten damit, zu sagen, was sie dachte; die Worte sprudelten ihr einfach so aus dem Mund. Außerdem konnte sie, wenn sie wollte, ihre Fähigkeit des Sendens nutzen. Er selbst konn- te Yuda etwas ganz Einfaches nicht mitteilen, nämlich dass in ihm Hass und Zorn Seite an Seite mit einer schmerzlichen, lange verges- senen Liebe existierten. »Ein schlechter Mann«, sagte Yuda bitter mit einem Seitenblick auf Malchik. Casildis starrte sie an. »Was ist denn mit euch dreien passiert?«, fragte sie. »Frag nachher im Bett Govorin«, sagte Yuda. »Gab es Streit?«, fragte Annat hoffnungsvoll. »Wir haben alle ein wenig zu viel getrunken. Das ist alles«, sagte Govorin. Annat warf ihrem Vater einen seltsamen Blick zu. Er schüttelte den Kopf. Malchik fragte sich, was sie wohl ausgetauscht hatten. Er beneidete sie um ihre mühelose Kommunikation. Mit seinen, besten Worten konnte er nicht genügend sagen. Er sah zu, wie die schlanke Gestalt seiner Schwester einen Stuhl neben Yudas zog und sich ohne etwas zu sagen zu ihm setzte. Aus den wenigen Bewegungen, die sie machten, schloss Malchik, dass sie miteinander sprachen. »Zhan hat angedeutet, dass es eine hitzige Auseinandersetzung ge- geben hat«, sagte Casildis. »Ich glaube nicht, dass er wusste, worum es ging.« »Das bezweifle ich auch, denn er hat noch nie jemanden wie Va- silyevich getroffen. Oder wie Malchik. Sie kannten seine Eigenhei- ten nicht und er ganz sicher nicht die ihren.« »Maris Gesicht war wieder verschwollen.« »Ich wünschte, ich könnte etwas tun, aber es ist nicht mein Zu- ständigkeitsbereich.« »Du könntest mit ihm reden, Sergey. Er respektiert dich. Auf mich würde er nicht hören.« »Ich glaube kaum, dass er einen Versuch, sich in seine Rechte ein- zumischen, verstehen oder hinnehmen würde. Mari gehört ihm.« »Der Mutter sei Dank, dass ich dich geheiratet habe.« Malchik hörte schüchtern zu. Er hoffte, Casildis würde nicht be- merken, dass er sie anstarrte. Ihr Gesicht war vollkommen oval, und der Spalt in der Lippe, der ihrer Stimme ein leichtes Zischen verlieh, tat ihrer Erscheinung keinen Abbruch. Während Sari aus Bronze oder Gold gehauen schien, war sie beweglich und geschmei- dig wie ein Blütenzweig, der im Wind zitterte. Mit Ausnahme seiner Mutter, an deren Gesicht er sich kaum noch erinnerte, hatten alle Frauen, die Malchik kennen gelernt hatte, schlichte und grobe Züge. Er blickte zu seiner Schwester, um unbemerkt einen Vergleich zu ziehen, doch ihr Gesicht war ihm zu vertraut. Stattdessen stieg eine plötzliche drängende Übelkeit in ihm auf, die ihn daran erinnerte, dass er heute Abend zu viel getrunken hatte, und heftig und dankbar übergab er sich.,

KAPITEL 6 Malchik ging es so schlecht, dass sie ihn im Haus des Sheriffszurücklassen mussten, und deshalb brachte Govorin Annat

und ihren Vater allein zu ihrem neuen Heim. Dort hatte Annat so- gar ein eigenes Schlafzimmer! Während Govorin und Yuda sich in der Küche unterhielten, rannte sie von Raum zu Raum, öffnete Schränke und spähte unter die Betten. Das Häuschen war eines der kleinen, leuchtend gestrichenen, an denen sie früher am Tag vor- übergegangen waren. Unten befanden sich die Küche und der Raum, den Yuda als sein Behandlungszimmer nutzen sollte; im ers- ten Stock gab es zwei saubere, weiß getünchte Schlafzimmer, und eine Leiter führte vom Treppenabsatz hinauf zum Dachboden, den Annat für sich beanspruchte. Ein Hauch von Casildis' Lavendel strömte aus den Wandschränken und stieg von den Laken auf, die faltenlos wie die Seiten eines Buches geplättet waren. Annat warf sich auf das schmale Bett, war jedoch viel zu sehr in Hochstim- mung, um schläfrig zu sein. Zu Hause hatte sie sich immer mit Malchik ein Zimmer geteilt, das immerhin durch einen Vorhang abgeteilt war, um ihnen etwas Privatsphäre zu ermöglichen. Hier gab es ein Gaubenfenster zu jeder Seite des Daches; eines blickte zur Straße hinaus, das andere in den dunklen Garten hinter dem Haus. Sie lag auf dem Bett und schaute im Licht ihrer Öllampe hinauf zu den Dachsparren. Ihre Gedanken rasten, während sie sich daran zu erinnern versuchte, was Casildis ihr gegenüber angedeutet hatte. Annat fühlte einen leichten Schauer ihr Rückgrat hinunterlaufen. Sie nahm ihre Puppe und durchquerte den Raum, um in den Spie- gel zu schauen, der neben der Tür hing. Sie sah ein dünnes, bleich- gesichtiges Mädchen, über dessen Kopf Schatten sprangen und tanzten. Ein grauer Altersschleier überzog die Oberfläche des gold- gefassten Glases, sodass ihr Spiegelbild in weiter Entfernung aus der, Dunkelheit eines Wassers zu ihr emporzublicken schien. Annat hauchte auf die Spiegelfläche. Wenn sie zu lange hier stehen bliebe, dann würde die Wärme ihres Blutes etwas aus den Tiefen herauszie- hen, etwas Kaltes und Hungriges. Annat presste die Puppe gegen ihre schmale Brust. Sie fühlte, wie sich ein schwaches, unsichtbares Feuer unter ihrer Hand wand. Mame hatte ihr die Puppe gegeben, als sei sie ein Spielzeug, und ihr weder ihren Namen noch etwas von ihren Geheimnissen verraten. Doch nun wusste sie, dass die Puppe, trotz ihrer Reglosigkeit, Annat vor den hungrigen, leeren Augen beschützte, die unter der Oberfläche des Spiegels lauerten. Sie legte sich wieder aufs Bett, und die Schlafstätte wurde zu einem Boot, das sie einem unbekannten Fluss entgegentrug. Das Morgenlicht weckte sie; sie lag auf ihrem Deckbett, noch immer bekleidet mit ihren neuen Anziehsachen. Sie sprang aus dem Bett, rannte zum Fenster, das zur Straße hinausging, und stieß die Fens- terläden auf. Draußen brach die Morgendämmerung über der neb- ligen Straße an. Eine Menschenmenge wartete vor ihrer Vordertür. Annat lehnte sich weit aus dem Fenster. »Hallo«, rief sie. »Sind Sie gekommen, um den Doktor zu spre- chen?« Von Zaides Haus her war sie ähnliche Szenen gewohnt. Die war- tenden Patienten sahen erstaunt zu ihr auf. Zu dieser Stunde war es kühl auf der Straße, und sie waren eingemummelt in ihre Mäntel und dicken Schals. Annat konnte nicht richtig verstehen, was sie ihr mitzuteilen versuchten, doch sie schrie herunter: »Warten Sie dort. Ich gehe ihn aufwecken.« Sie platzte in Yudas Zimmer, wo sie ihn noch immer unter ei- nem Berg von Decken liegend vorfand. Annat schüttelte ihn kräftig und wurde im nächsten Augenblick beinahe ohnmächtig vor Schmerzen. »Tu das nie wieder, Rebjonok«, warnte er sie. »Ich hätte dich töten können.« Annat antwortete unerschrocken: »Du hast Patienten. Sie warten unten auf dich.«, Yuda schwang seine Beine seitlich aus dem Bett und benutzte das Laken, um seine Blöße zu bedecken. »Großartig«, sagte er. »Ich hat- te gehofft, meinen Kater ein bisschen länger hegen und pflegen zu können.« Annat grinste ihn an. »Ich bringe dir Wasser«, sagte sie. »Und ich werde hinuntergehen und die Leute hereinlassen.« »Wenn du das nächste Mal in mein Zimmer platzt, dann klopf doch bitte vorher an. Es wäre möglich gewesen, dass ich nicht allein bin.« »Das wäre mir egal.« »Aber mir nicht. Hinaus mit dir, damit ich mich anziehen kann«, fügte er hinzu und schubste sie liebevoll zur Tür. Annat hüpfte die Treppen hinab, um die Vordertür zu öffnen. Sie blickte empor in das Gesicht eines älteren Mannes, dessen Augen- brauen mit Raureif überzogen waren. Die Küche war warm von der Hitze, die der Holzofen abgab, und sie bat alle Patienten herein, die in der Küche stehen blieben und den Boden voll tropften. An- nat fand heraus, dass sie Wasser aus einem Metallhahn bekommen konnte, der über einem robusten weißen Spülbecken neben dem Ofen angebracht war, statt die Pumpe im Hinterhof benutzen zu müssen. Zu Hause hätte sie ihren Mantel und ihre Schuhe an- ziehen müssen, um durch die Hintertür zur Pumpe zu gelangen, die sie von Hand bedienen musste, bis der Eimer voller Wasser, Roststückchen und ertrunkenen Spinnen war. Sie suchte nach ei- nem Kessel, um heißes Wasser für einen Chai zu machen, den die Sklavs dem Kaffee vorzogen. Sie zählte die Patienten und stellte fest, dass es fünf waren, unter anderem eine Mutter mit einem klei- nen Jungen, der so fest eingewickelt war, dass seine Arme und Bei- ne steif abstanden. Annat ließ den Kessel zum Sieden auf dem Ofen und eilte die Treppe empor. Sie fand Yuda angezogen vor; er versuchte gerade, sich gleichzeitig die Haare zu kämmen und sich zu rasieren. »Ich habe dir Frühstück gemacht«, sagte sie. »Nichts zu essen. Nur Chai. Zyon, wie spät ist es?«, »Kurz nach Tagesanbruch.« »Wann stehen denn diese Leute auf?« »Wir stehen zu Hause immer im Morgengrauen auf.« »Ich hasse das Landleben«, knurrte er und wischte sich das Kinn mit einem Handtuch ab. »Was ist das für ein Lärm?« Annat bewegte sich nicht. Das schwache Stimmengewirr von un- ten hatte sich zu einem Tumult aus Schreien und schweren Schrit- ten verändert. »Ich werde hinuntergehen und nachsehen«, setzte sie an. »Nein, du bleibst hier. Mir gefällt dieser Lärm nicht.« Yuda legte sein Messer ab und eilte aus dem Zimmer. Annat setz- te sich aufs Bett und lauschte seinen leichten Schritten die Treppe hinunter. Sie wünschte sich, mit ihm gehen zu können, wie Scor- pion zu sein, eine Schamanenkriegerin, die an der Seite ihres Vaters kämpfen konnte. Ihr wurde langsam kalt in ihrer dünnen Bluse und dem Kittel. Sie durchwühlte seine Taschen, doch Yuda gehörte nicht zu der Sorte von Leuten, die sich die Mühe machten, warme Ober- teile mit sich herumzutragen. Annat kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück, wo sie sich abmühte, wollene Strumpfhosen und einen der unerfreulichen Pullover über- zuziehen, die Yuste für sie gestrickt hatte. Plötzlich stand Yuda in der Tür. Der Schrecken, der sie überwältigte, war wie ein Schlag ins Gesicht. »Komm mit«, befahl er, und Annat folgte ihm, ohne Fragen zu stellen. Auf halber Treppe packte er mit hartem, knochigem Griff ihre Hand. »Verlierst du das Bewusstsein, wenn du Blut siehst?« »Nein, ich werde nicht ohnmächtig«, sagte Annat. Im neuen Behandlungszimmer lag ein Mann auf dem bloßen, weißen Tisch; die Hälfte seiner Kehle war herausgerissen, sein Atem ging schwach und rasselnd. Der Raum war voller schwitzender, ver- ängstigter Männer, an deren Händen Erde klebte. Yuda – klein, los- gelöst von seiner Umgebung, ruhig – fühlte den flatternden Puls in der unverletzten Schlagader. Seine Augen suchten Annats. Galle sammelte sich dünn und sauer in ihrem Mund, doch sie durfte ihn, nicht enttäuschen. Er hatte sie mit heruntergenommen, damit sie seine Einschätzung bestätigte, dass man nichts mehr tun konnte. Sie schüttelte den Kopf. »Wir können ihn nicht retten«, sagte Yuda. »Wo habt ihr ihn ge- funden?« »Er hatte Wache am Eingang des Tunnels. Wir haben dort immer jemanden stehen, seit…« Der Sprecher war ein großer Junge mit blauen Augen und einem dunklen Haarschopf. Er wirkte, als würde nur der Zorn seine Trä- nen in Schach halten. Yuda legte dem sterbenden Mann die Hand über die Augen. Der schwache Puls versiegte. »Ein wildes Tier könnte das angerichtet haben«, sagte er. »Wie hieß er?« Aus seinem blassen Gesicht war alle Farbe gewichen, und es sah aus wie frisch gebleichtes Papier. »Zarras, Sir. Er ist der Siebte, wenn wir Missis Isabel und die Ver- schwundenen nicht mitrechnen. Sie wurden alle nahe dem Tunnel gefunden«, sagte der groß gewachsene Jugendliche. »Das tut mir Leid«, sagte Yuda. »Sind sie alle auf diese Art gestor- ben?« Die Männer blickten zu Annat hinüber, die mit dem Rücken zur Wand stand und noch immer auf den kläglichen, zerstörten Körper auf dem Tisch starrte. Es war der erste Todesfall, bei dem sie Zeu- gin wurde. »Einige waren schlimmer«, sagte der Halbwüchsige. »Und einigen war kein Haar gekrümmt worden. Aber ihre Gesichter! Sie sind vor Angst gestorben.« »Ihr erzählt das besser dem Sheriff. Und lasst ihn wissen, dass ich ihn sprechen will.« »Ja, Sir«, sagten sie und traten zögernd vor, um den toten Kör- per aufzuheben. »Ich heiße Vasilyevich«, sagte er. Als sie gegangen waren, schwankte er in die Küche, wo die ersten Patienten noch immer niedergedrückt und schweigend warteten, und begann, sich die Hände im Becken zu waschen. Annat folgte, ihm. – Du hast ihm beim Sterben geholfen, sendete sie. – Das war alles, was ich tun konnte. Er beugte sich über das Spülbecken und versuchte, sich mit tie- fen Atemzügen zu beruhigen. Ein Tod unter seinen Händen; er hat- te den letzten Lebensfunken ins Nichts befördert. – Es tut mir Leid. – Leid tun ist nicht genug; du musst mit ihnen sterben. – Ich verstehe nicht. Yuda drehte sich um und legte ihr seine nasse Hand auf die Schul- ter. – Ich hoffe, es wird noch lange dauern, bis du das verstehst. Als er mit Annats Hilfe die anderen Patienten versorgt hatte, be- gleitete sie ihn zum Haus des Sheriffs, wo sie Malchik in der Küche sitzend vorfanden, der ein beeindruckendes Frühstück verspeiste, welches Govorin für sie beide zubereitet hatte. Beim Geruch von Spiegeleiern drehte sich Annat der Magen um, doch ihr Bruder schien unter keinerlei Nachwirkungen des gestrigen Abends zu lei- den. Casildis war bereits fortgegangen. Govorin kam mit einer Pfanne in der Hand, um sie zu begrüßen. Es lagen seltsam aussehende Krapfen darin, die in Olivenöl brutzel- ten. »Ich hoffe, ihr leistet uns Gesellschaft«, sagte er. Yuda schüttelte den Kopf. »Mir reichen Zigaretten und Chai«, sagte er. »Natka kann ja was nehmen, wenn sie möchte. Habt ihr schon die Neuigkeiten von Mister Zarras gehört?« Govorin schob Malchik zwei Streifen auf den Teller. »Es ist mir schon zu Ohren gekommen«, sagte er. »Das macht zusammen sie- ben Todesfälle – nein, acht. Diejenigen nicht mitgezählt, die bei Unfällen gestorben sind.« Er bediente sich selbst, setzte sich und begann zu essen. »Es ist Chai im Samowar. Casildis hat noch im- mer nicht herausgefunden, wie man ihn bedient.« Annat ließ sich am Tisch nieder und beobachtete den Sheriff, wie er in großen Happen aß. Sie konnte nicht begreifen, wie wenig es, ihm auszumachen schien, dass einer seiner Männer gerade eines furchtbaren Todes gestorben war. Sie sah Yuda zu, wie er einen He- bel am Bronzesamowar umlegte und vier Becher mit Chai füllte. »Was ist mit denen, die verschwunden sind?«, fragte Yuda und stellte einen Becher des dampfenden Getränks vor dem Sheriff auf den Tisch. Aus irgendeinem Grund erinnerte Annat dies an seinen gestrigen Wortwechsel mit Casildis. Er hatte die Frau unterbrochen, als sie versuchte, ihm das zu berichten, was er nun unbedingt von Govorin erfahren wollte. »Den Einwohnern zufolge war das der Hauptgrund, warum sie die Stadt verlassen haben. Leute gingen in den Wald und kehrten nie wieder zurück.« Er kaute und fuchtelte mit der Gabel. »Aber seitdem sich unsere Leute hier niedergelassen haben, hat es sowohl Tote als auch Verschwundene gegeben.« »Euch muss doch der Gedanke gekommen sein, dass jemand die Leute von der Eisenbahn loswerden will«, sagte Yuda. »Natürlich kam mir der Gedanke«, sagte Govorin. »Aber wer? Die Städter sind ebenso verängstigt wie wir.« Annat roch Blut. Plötzlich wurde der Raum schmaler und ver- schwamm. Sie fühlte ihren eigenen schwachen Puls klopfen und at- mete den stechenden Gestank der Angst, durchsetzt von Scheiße und Pisse. Eine warme Flut rollte über ihren Kopf, und sie sah ihre weit entfernten Gesichter aufsteigen und an der Decke zusammen- laufen. Als sie aufwachte, lag sie in einem in Blau gehaltenen Raum auf einem Sofa. Yuda kniete neben ihr und hielt ihr Handgelenk. »Was ist passiert?«, fragte sie und setzte sich auf. »Sag du es mir.« Mit einem fachkundigen Stirnrunzeln ließ er ihr Handgelenk los. »Wo bin ich?« »In einem von Casildis' Zimmern. Warum fällst du denn jetzt noch um?« »Ich weiß es nicht.« Yuda stand auf und wandte ihr den Rücken zu. »Ist so etwas, noch nie zuvor vorgekommen?«, fragte er und berührte einen der irisblauen Vorhänge. »Es war das Blut.« Annat fand es schwierig zu erklären, was mit ihr geschehen war. »Du wirst dich daran gewöhnen müssen«, sagte Yuda schroff. Annat rang nach den richtigen Worten. Sie wünschte sich, sie könnte ihre Gedanken unmittelbar in seinen Geist senden, doch er hatte ihn ihr gegenüber verschlossen. »Es war mein Blut«, sagte sie. Yuda setzte sich neben sie aufs Sofa. Als ob er laut dachte, setzte er an: »In den Minen halten sich die Männer einen Vogel im Käfig. Wenn giftiges Gas in die Luft gelangt, ist er der Erste, der stirbt, und so wissen sie, dass sie fliehen müssen. Vielleicht bist du wie dieser Vogel und spürst die Gefahr, bevor andere etwas merken. Lass uns gehen.« »Wohin?«, fragte Annat, die sich noch immer schwindelig und verwirrt fühlte. »Zum Tunnel.« Silberne Schienen wanden sich über die neuen Bahndämme, die noch provisorisch und von Unkraut überwuchert waren. Als Annat Govorin und Yuda vorausrannte, tanzte ein langer Herbstschatten vor ihren Füßen. Die schwere, Übelkeit erregende Furcht, die sie im Hause noch verspürt hatte, hatte sich zerstreut wie Nebel, der vom Wind zerteilt wird; sie hatte das angstverzerrte Gesicht des toten Mannes vergessen. Der Tunnel blieb ein Ehrfurcht einflößender Ort, der wie der Mund eines Erdgottes aufklaffte. Höher als der Kirchturm eines Tempels der Doxoi erhob sich der Tunnelbogen, der von Männern und Frauen in blauen Overalls bevölkert war, welche Schubkarren vor sich herschoben. Die ersten hundert Meter waren bereits mit Ziegeln ausgelegt; dahinter, wo die Steinmetze ar- beiteten und den Tunnel mit Steinen einfassten, ragten Gerüste aus Massivholz empor; und am Ende, dem Herzstück der Arbeit, be-, fand sich das große Metallgerüst aus Teilen verschraubten Stahls, wo ein Trupp mit Spitzhacken arbeitete und den harten Felsen aus- höhlte. Es war zu laut, um zu sprechen oder zu denken; in dem tanzenden Licht der Öllampen sah Annat die sich abmühenden Schatten. Der Geruch frischen Schweißes und rauer Erde hing in der Luft. Sie fühlte sich klein und ungeschützt und drückte sich nahe an Yuda. Eine fette Frau lief mit einem Korb voller Erde auf der Schulter an ihnen vorbei und nickte Govorin im Vorübergehen zu. Ihr Gesicht war eine Rußmaske. Als sie zum Tunneleingang zurückkehrten, zeigte ihnen Govorin, wo die Arbeiter den toten Mann gefunden hatten. Der Vorsteher, ein Franj namens Lesol, hatte die Stelle mit einem Steinhügel mar- kiert, doch das wäre nicht nötig gewesen. Blutflecken überzogen das Gras, und der Boden war zertrampelt und aufgerissen. »Wie haben sie ihn gefunden?«, fragte Yuda Lesol. »Mitten in der Nacht wurde die Wache abgelöst. Sie ließen Zarras mit einer Lampe und einer Waffe zurück. Kurz vor dem Morgen- grauen hörten einige aus dem Trupp, die im Lager waren, Schreie. Sie fanden ihn hier, mit aufgerissener Kehle. Die Waffe war ver- schwunden.« »Dann hat also das Tier, das ihn angriff, auch die Waffe mitge- nommen«, sagte Yuda mit einem düsteren Lächeln. Govorin schnaubte. »Es war kein Tier, Mister«, sagte Lesol. Er war ein kleiner, dunkel- häutiger Mann, dessen gelocktes Haar oben bereits ausdünnte. Er trug ein schmutzig graues Unterhemd und weite, blaue Hosen. Yu- da bot ihm eine Zigarette an, die er mit verhaltener Freude entge- gennahm. »Hatte er die Waffe abgefeuert?«, fragte ihn Yuda. »Wir hörten zwei Schüsse. Und dann die Schreie eines Mannes, als ob ihm seine Seele aus dem Leib gerissen würde.« Yuda entzündete zwischen seinem Daumen und Zeigefinger eine Flamme und grinste über den erstaunten Blick des Vorstehers. Lesol schlug einen Kreis über seine Brauen, das Zeichen des Rades., »Er ist ein Schamane, Lesol«, sagte Govorin. »Danke, Mister«, sagte der Vorsteher zweifelnd und zündete sich die Zigarette an der Flamme an, als erwartete er, sie würde in sei- nem Gesicht explodieren. »Und wer war als Erster am Schauplatz?«, fragte Yuda. »Sie holten mich. Der Junge, Philippe, und einer der Fremden. Philippe half dabei, ihn in Ihr Haus zu bringen.« »Sind Sie ein Einheimischer, Mister Lesol?« Der Vorsteher wandte sich Govorin zu. Seine Hände und sein Schulterzucken drückte Misstrauen aus. »Wer ist er, Mister Sheriff?« Govorin legte Yuda die Hand auf die Schulter. »Mein Freund und ein Freund Zhan Saris. Er ist hergekommen, weil wir einen Arzt brauchen.« Lesol kraulte sein Kinn und ließ seinen Blick zu Yuda, dann zu Annat schweifen. »Ihr wisst überhaupt nichts, ihr Leute von der Ei- senbahn«, sagte er. »Ihr wisst nicht, wie wir gelitten haben. Dies war einmal ein guter Ort. Glaubt ihr, ihr könntet hierher kommen und alles wieder in Ordnung bringen mit eurer Wissenschaft und eurem Dampf? Manche Dinge sind zu dunkel.« »Du hast Recht, Lesol«, sagte Govorin. »Wir verstehen nicht, was vor sich geht. Und wir leiden mit euch. Das Mädchen Isabel wurde ermordet und sieben weitere der Fremden, wie du uns nennst, wur- den ebenfalls hier umgebracht. Ihr müsst uns helfen.« Lesol schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Nein. Meine Frau braucht einen Ehemann und meine Kinder einen Vater. Ich habe bereits zu viel gesagt.« Yuda packte Lesol bei den Trägern seines Hemdes, und ohne gro- ße Zeichen von Anstrengung hob er ihn vom Boden. Da Lesol ein wenig größer als Yuda und muskelbepackt war, war dies ein über- raschender Anblick. »Hör zu«, sagte er. »Der Sheriff ist ein besonnener Mann. Das bin ich nicht. Isabel war meine Freundin, und ich werde zumindest her- ausfinden, wer sie getötet hat.«, Govorin versuchte, zwischen die beiden zu gelangen, doch Yuda hatte Lesol mit solch wildem Griff gepackt, dass die Versuche des Sheriffs vergebens waren. »Bei der Mutter, Yuda, lass ihn los«, schrie er. Yuda ließ Lesol zu Boden fallen. »Tut mir Leid, Mister. Ich bin jähzornig«, sagte er und lächelte verschlagen. Es war eine Drohung, keine Entschuldigung. Lesol rappelte sich auf und spuckte knapp neben Yudas Füßen auf den Boden. »Genug«, herrschte Govorin sie an und hieb seine Faust in die Hand. »Ein Mann ist tot, und ihr streitet wie kleine Jungs. Schüt- telt euch die Hände, oder ich knalle eure hohlen Köpfe zusam- men.« Yuda nahm Lesols knurrend dargebotene Hand ohne Erbitterung. Trügerisch, diese langen, schlanken Finger, dachte Annat. Schwierig, der Macht und der Wärme dieses Lächelns zu widerstehen. Sie sah Lesol unter diesem Eindruck dahinschmelzen. »Wir fürchten uns alle, Mister. Angst ist eine grausame Herr- scherin«, sagte er. »Angst verrät ihre Diener«, entgegnete Yuda. Sie folgten dem sonnenbeschienenen Weg zurück zum Lager der Arbeiter. Govorin hatte dort sein eigenes Zelt. Bevor er Sheriff ge- worden war, war er sowohl Lokführer als auch Arbeiter im Trupp gewesen, und noch immer war er der Hauptvorsteher. Im Zelt ließ er sich in einen Stuhl aus Segeltuch sinken. »Mutter, Yuda, du musst dein Temperament zügeln. Diese Leute haben ein gutes Gedächtnis.« »Du sorgst für Frieden, Sergey, das ist dein Job. Nicht meiner. Ich glaube, jemand hat dich eingewickelt.« Yuda ging zum Eingang des Zeltes und sah hinaus in das mittäg- liche Sonnenlicht. Govorin beobachtete ihn mit einem müden Aus- druck auf dem Gesicht. »Glaubst du?«, fragte er schließlich. Eine Drossel trällerte in die Stille hinein, und die Geräusche aus, dem Lager verstummten. Annat konnte das schwache Geklapper von Töpfen und Pfannen hören. Sie hoffte, dass einer der beiden Männer bald ans Essen denken würde. Sie saß auf dem niedrigen Campingbett am Ende des Zeltes und hatte ihre Knie zum Kinn ge- zogen. Es schien ihr, auch wenn sie es nicht sagte, dass Yuda mehr als bloße Neugier an den Todesfällen und den Verschwundenen zeigte. Als Govorin Lesol gesagt hatte, dass ihr Vater der Arzt der Stadt war, hatte es unpassend geklungen. Yuda verhielt sich nicht wie Zaide oder jeder andere Doktor, den sie sich vorstellen konnte. Er stellte Fragen, die nichts mit seiner Arbeit zu tun hatten. »Ich werde es herausfinden«, sagte Yuda. »Dieser Mann, Lesol, ist er ein Einheimischer?« »Ja. Er wurde in Gard Ademar geboren. Die Städter arbeiten Seite an Seite mit uns. Nur Sari und Casildis kommen von außerhalb.« Yuda drehte sich zu ihm um und lauschte aufmerksam. Annat mischte sich ein: »Casildis sagt, Gard Ademar ist vom Bösen heim- gesucht.« »Das Böse nimmt einem Mann nicht die Waffe ab«, sagte Yuda. »Du glaubst, es handelt sich um einen menschlichen Täter?«, fragte Govorin. »Lass uns zunächst das Offensichtliche klären. Als Erstes möchte ich wissen, was Isabel geglaubt hat.« »Ihre Notizbücher wurden gestohlen.« »Es ist ziemlich klar, dass sie etwas herausgefunden hatte. Das war der Grund, weshalb sie sterben musste.« »Natürlich. Du hast gehört, was Lesol meinte: ›Ich habe bereits zu viel gesagt.‹« Yuda setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und senkte den Kopf. »Du hast Recht, Sergey, wie immer. Ich kann hier nicht herein- platzen und erwarten, dass sie mir vertrauen. Ich bin ein Wanderer, ein Schamane, ein Divko.« »Du wirst einen Weg finden, Yuda.« Annat hörte ihnen zu, ohne etwas zu sagen; ihre Hände waren in, ihrem Schoß gefaltet. Eine Frage begann sich in ihren Gedanken zu formen, doch sie war noch nicht so weit, sie Yuda zu stellen. Nach einem hastigen Mahl in der Kantine der Arbeiter, in der Männer und Frauen an getrennten Tischen saßen, liefen Yuda und Annat alleine zum Lager zurück. Annat konnte sich inzwischen fließender mit ihrem Vater austauschen, ohne ihre Gedanken zu formulieren, als spräche sie diese laut aus. Sie liefen im Schatten des Waldes, und der Wald war ein dritter Geist, riesig, mit feinen und vernetzten Ranken, dessen Gedanken schwirrten, auch wenn Annat sie nicht zu erfassen vermochte. Yuda fühlte es ebenfalls und drehte oft seinen Kopf zu den Bäumen, als erwarte er, eine Stimme zu hören. »Was, glaubst du, hat Mister Zarras getötet?«, fragte sie ihn, als der Pfad in Sichtweite kam, der von dem neuen Bahndamm hoch nach Gard Ademar führte. »Die Verletzungen könnten von einem Tier stammen. Doch da ist noch die Sache mit der verschwundenen Waffe. Ich muss die Be- richte über die anderen Todesfälle lesen. Ich glaube, wir können Isabel ausklammern. Sie war die Einzige, deren Leichnam nicht in der Nähe des Tunnels gefunden wurde.« Er brach abrupt ab, und Annat fühlte, wie er rasch das Bild seiner Freundin aus seinen Gedanken riss. Isabel war die einzige Frau ge- wesen, die er als Freundin geliebt und der er vertraut hatte, nach- dem er Yuste verloren hatte. Annat war verlegen, weil sie diese ver- traulichen Informationen erhascht hatte. Sie hatte keine derartigen Geheimnisse. Als Yuda die Tür zum Blauen Haus öffnete, stieg ihnen sofort ein Geruch in die Nase; nicht von Blut, dem Parfum des Todes, son- dern von Lavendel, kräftig und antiseptisch. Annat nieste. »L'abriut«, sagte Yuda und trat in die Küche. »Diese Frau war hier.« Der Tisch war voller Päckchen, von denen einige sorgfältig in Gingan eingewickelt waren, andere spien ihren Inhalt wie ein Füll- horn aus: Wurzeln, an denen noch immer Erdklümpchen hingen,, grüne Blätter, die so dunkel waren, dass sie schon fast schwarz schie- nen, und rote, überreife Tomaten. »Diese Frau ist noch immer hier«, sagte Casildis und trat aus dem Behandlungszimmer, einen nassen Lappen in der Hand. Ihr Haar war am Hinterkopf zu einer ausgefallenen Krone aufgetürmt und von weißen Tüchern eingehüllt, als sei sie eine der Frauen aus Mo- rea; sie trug einen staubigen Kittel, der von alten Flecken übersät war, und ein Paar blaue Jeans, die sie sich von Govorin ausgeliehen haben musste. Yuda blieb stehen, und Annat, die den Tisch und die Last darauf begutachten wollte, fragte sich, wie es Casildis schaff- te, in diesem Dienstbotenaufzug sogar noch schöner zu erscheinen. Annat hatte nie zuvor jemanden getroffen, dessen bloße Erschei- nung Freude bereiten konnte. Sie brauchte Yuda nicht anzusehen, um seine Bewunderung zu spüren. Casildis schüttelte den Lumpen in ihre Richtung aus. »Ich wusste, dass ihr zu beschäftigt sein würdet, um zu putzen«, sagte sie. »Und die Toten herzurichten ist hier Frauenarbeit. Ich bin hergekommen, um meinen Teil beizutragen.« »Der arme Kerl«, sagte Yuda und meinte damit Zarras. Er zeigte auf den Tisch. »Was ist das alles? Hast du deinen Garten umge- graben?« Casildis lachte. »Ich teile mir eine Gartenparzelle mit Mari Reine. Sie wollte Annat etwas als Dank für die Heilung schenken.« »Welche Heilung?«, wollte Yuda wissen. Annat blickte ihn schüch- tern an. Er schien verärgert, als habe er erwartet, sie würde ihn um Erlaubnis fragen, bevor sie es wagte, ihre eigenen Fähigkeiten ein- zusetzen. »Sari hat ihr das Auge blau geschlagen. Ich habe es wiederherge- stellt.« »Zyon!« Yuda starrte auf den Tisch hinab und nahm ein Baum- wollbündel in die Hand. »Es scheint ihr eine Menge Gemüse wert gewesen zu sein.« Casildis trat näher, um ihn auf einige andere Dinge auf der Tischplatte hinzuweisen. »Zarras' Mutter hat einen Topf Honig für, dich dagelassen. Und Zhan Sari bat mich, dir eine Flasche von sei- nem Wein zu überbringen. So also wirst du hier bezahlt werden, mit Gaben. Wir verwenden nur selten Münzen in dieser Stadt.« »Das ist ungefähr die Art, auf die mein Vater entlohnt worden ist, auch wenn er es sich angewöhnt hatte, die Schweine abzulehnen, die ihm angeboten wurden. Eine freundlich gemeinte Geste«, fügte er mit einem Seitenblick auf Annat hinzu. »Aber wir hätten eine ganze Zugbelegschaft damit verpflegen können.« »Du wirst etwas davon für den Winter einmachen müssen«, sagte Casildis. Yuda wog das Päckchen in der Hand und erwiderte ihren Blick. »Und hinterlässt du überall, wo du gehst und stehst, den Duft von Lavendel?«, fragte er in anklagendem Tonfall. Die Frage überraschte Annat und Casildis gleichermaßen. »Der Duft hat viele gute Eigenschaften«, antwortete Casildis und sah ihm in die Augen. Annat kam nicht umhin zu bemerken, wie klein und unbedeutend sie und ihr Vater in Anwesenheit dieser gro- ßen, königlichen Frau schienen. Dann berichtigte sie sich selbst: Yuda könnte nie unbedeutend sein. »Du auch«, sagte er schroff. »Ich hätte mir nie vorstellen können, wie du Böden schrubbst.« »Ich tue, was getan werden muss«, sagte Casildis. »Noch keine Rebjata, was?« Annat konnte sehen, dass sich die Frau nicht wohl in ihrer Haut fühlte. Sie machte eine rasche Bewegung, als Casildis fragte: »Was sind Rebjata?« »Kinder. Nachwuchs.« Annat drehte sich zu ihrem Vater. »Tante sagt, wir sollen keine persönlichen Bemerkungen machen«, sagte sie. »Wer hat dich gebeten, etwas zu sagen?«, sagte Yuda mit hoch- gezogenen Augenbrauen. »Wir sind noch kinderlos«, sagte Casildis. Yuda drehte sich weg und suchte in seiner Tasche nach Zigaret- ten. Annat war erstaunt von den Gefühlsregungen, die von ihm, ausgingen; seine Gedanken waren ihr ganz nah. »Ich habe meine Frau verlassen, als ich dreiundzwanzig war«, sagte er und beugte sich über seine Zigarette. »In der Stadt sind die Mädchen gerade mal vierzehn, wenn sie schwanger werden. Meine Aude war achtzehn. Und du musst siebenundzwanzig sein.« »Wegen meiner Hasenscharte wollte mich niemand heiraten«, sagte Casildis mit wohlüberlegten, knappen Worten. »Bis ich Sergey traf.« Yuda blies Rauch in die Luft. »Sie konnten dich wegen deiner Hasenscharte nicht richtig sehen«, sagte Yuda verächtlich. »Und es brauchte jemanden wie Sergey, um dich so zu sehen, wie du wirk- lich bist.« »Sergey ist ein guter Mann.« »Dieser Teufelskerl! Er ist ein sehr glücklicher Mann.« Plötzlich lachte er und steckte Casildis damit an. Annat war völlig durcheinander. »Du liebst ihn sehr, nicht wahr?«, fragte Casildis. Die Spannung der letzten Augenblicke war verflogen, hatte sich mit dem Rauch verflüchtigt. »Wir sind Blutsbrüder. Näher können sich Männer nicht kom- men – mit Ausnahme von Shaka natürlich. Aber ich habe Govorin kennen gelernt, bevor ich Shaka traf.« Er zuckte die Schultern, legte das Bündel zurück zu den anderen und fragte mit einem schelmi- schen Unterton: »Du kochst doch nicht etwa auch noch?« Als Ca- sildis den Mund für eine Erwiderung öffnete, fuhr er fort: »Das schaffen wir schon. Ich kann Annat ein bisschen was Neues zeigen. Und dem Jungen … wo zum Teufel steckt der überhaupt?« »Ich habe ihn zu Zhan Sari geschickt, damit er nach einer Be- schäftigung fragt. Ich nehme an, er erledigt Gartenarbeit. Unkraut jäten auf dem Friedhof.« »Ich glaube, das könnte ihm Spaß machen. Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, was er tun könnte. Mein Vater hat ihn aus- gebildet, damit er als Schreiber oder als Rashim arbeiten kann, was bedeutet, dass er zu nichts anderem zu gebrauchen ist. Und er beo-, bachtet gerne Vögel.« »Ich muss gehen«, sagte Casildis und band ihren Kittel los. »Ich habe versprochen, heute Nachmittag eine Schicht in der Wäscherei zu übernehmen. Ich habe einen Zettel mit deinen heutigen Haus- besuchen an die Spüle geheftet. Er scheint ein netter Junge zu sein, aber ganz schön schüchtern«, fügte sie hinzu und zog den Kittel über den Kopf. »Ich bin nicht sicher, ob ich ihn nett nennen würde«, sagte Yuda langsam. »Er hat mich letzte Nacht ganz schön geschafft. Wir hatten auf dem Nachhauseweg einen Schrei gehört – Zyon, viel- leicht war das Mister Zarras, der seinem Schöpfer begegnete.« »Um diese Zeit müssen wir noch im Haus gewesen sein«, sagte Casildis. »Ich frage mich, was den Mann getötet hat. Unten beim Tunnel, tief in der Nacht, allein. Keine nette Vorstellung.« Casildis sah ihn an und faltete den Kittel zusammen. »Der Tun- nel sollte nicht dort sein«, sagte sie. »Wie bitte?« »Ich habe das auch Isabel gesagt. Jetzt ist sie tot, und ich weiß nicht, warum. Es ist besser für mich, wenn ich nichts sage.« Sie zog ihren langen Mantel über und ging zur Tür, doch Yuda versperrte ihr den Weg. »Warte. Missis Govorin, hast du irgendeine Idee, wer Isabel ge- tötet haben könnte?« »Nein«, antwortete sie knapp. »Mari und ich waren eng mit ihr befreundet. Zhan Sari ebenfalls. Sie hat manchmal von dir ge- sprochen. Einmal sagte sie, du seist wie ein Feuer, das man nicht löschen kann.« Sie griff an ihm vorbei nach der Türklinke. Dann zögerte sie und sagte: »Ich fange an zu verstehen, was sie damit meinte.« Yuda trat zur Seite, um ihr den Weg frei zu machen, und schloss dann die Tür hinter ihr. Einen Augenblick lang stand er mit dem Gesicht zur hölzernen Täfelung, dann wandte er sich um zu Annat. »Du hast keine Ahnung, was das alles bedeuten soll, oder?«, fragte, er. Alleine mit ihm fühlte sich Annat plötzlich schüchtern und ver- legen. Sie glaubte, die seltsame Hitze wiederzuerkennen, die wie ein zweites Parfum im Raum hing: Es war der Geruch, der die Begeg- nung mit Rosa begleitet hatte. Doch unterschwellig schwang noch mehr mit, eine Note, die sie nicht richtig herausfiltern und nir- gends einordnen konnte. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihr Wis- sen mit ihm teilen wollte. Er wäre sicherlich wenig erfreut, wenn er erführe, dass sie seine ureigensten Empfindungen aufnahm. »Na los, spuck es aus«, sagte er ungeduldig. Annat beugte sich vor, um die Kohlblätter auf dem Tisch in Au- genschein zu nehmen, und fragte sich, was sie mit ihnen anstellen könnte. Sie glaubte sich daran zu erinnern, dass aus einem anderen Beutel eine Fenchelstange hervorgelugt hatte. Es war besser, nichts zu sagen, bis Yuda sich entschied, ihr gegenüber seine Gefühle ein- zugestehen. »Soll ich dich auf deiner Besuchsrunde begleiten?«, fragte sie. »Du kleiner Teufelsbraten! Du lernst schnell!«, sagte Yuda bewun- dernd. »Natürlich kannst du mitkommen. Wie sonst sollte ich dir was beibringen?« Annat strahlte ihn an. Sie fühlte sich ihm nicht überlegen, weil sie wusste, er fühlte sich zu Casildis hingezogen; sie war sich sicher, dass er sich selbst darüber im Klaren war. Doch sie freute sich, dass sie langsam zu lernen begann, wie sie ihn davon abhalten konnte, ihre Gedanken zu belauschen. Es trug dazu bei, dass sie sich gleich- wertig fühlte. Die Hausbesuche beschäftigten sie den Rest des Nachmittags. Yuda trug eine Ledertasche mit seinen Instrumenten und den Me- dikamenten bei sich, auch wenn er Erstere kaum brauchte. Der schwerste Fall, um den er sich kümmern musste, war eine Tuberku- loselunge; er nahm sich viel Zeit, um mit der Ehefrau des kranken Mannes zu sprechen und Anweisungen und Adressen für sie auf ei- nen Papierfetzen zu schreiben. Was Annat überraschte, war sein Auftreten: Er war freimütig, manchmal schonungslos, doch stets, freundlich; wenn ihm danach war zu fluchen, dann tat er es in ei- niger Entfernung vom Haus der Patienten. Er erlaubte Annat, bei allen Untersuchungen zuzusehen, mit einer Ausnahme, wo er er- klärte, er würde einer Frau ›in den Schlitz schauen‹ (eine Bezeich- nung, die für Annat neu war), und er ermutigte sie, Fragen zu stel- len. Trotzdem gestattete er es ihr nicht, die einfachsten Heilungen auszuführen, sie durfte sich nicht einmal um die Fälle von Schwer- mut kümmern, was sie zu Hause für Yuste häufig erledigt hatte. »Diese Leute verlangen nach einem Arzt«, sagte er. »Wenn ich dich die Dinge tun lasse, dann gilt unser Besuch bald als die Zir- kusnummer der Wunderheiler, nicht als Arztsprechstunde. Ich übe diesen Beruf als Heiler aus, nicht als verfluchter Wunderwirker.« Und damit musste sich Annat zufrieden geben, denn schließlich stand ihr die zermürbende Ehrfurcht Mari Reines nach ihrem Ex- periment letzte Nacht deutlich vor Augen. Sie beschloss, dass es jetzt nicht an der Zeit wäre, ihn zu fragen, ob Govorin ihn wirk- lich nur hergeholt hatte, damit er hier als Arzt arbeitete. Beide waren müde und reizbar, als sie nach Hause kamen, und Yuda war alles andere als erfreut, Malchik am Küchentisch vorzu- finden, wo er neben einem nicht angerührten Haufen Gemüse saß und las. Er riss seinem Sohn das Buch aus den Händen. »Ich bin nicht dein Dienstbote, Junge, und deine Schwester auch nicht. Wir haben heute hart gearbeitet, und ich habe nicht erwartet, dich in der Küche vorzufinden, wo du herumlungerst und auf uns wartest, damit wir für dich Abendessen kochen.« »Ich habe den ganzen Nachmittag auf dem Friedhof gearbeitet«, sagte Malchik aufgebracht und errötete. Noch immer zeichneten sich die Fingerabdrücke auf seiner Wange ab. Yuda ließ das Buch zuschnappen. »Den ganzen Nachmittag«, fauchte er. »Mein Herz läuft über vor Mitleid. Tu etwas Sinnvolles, und hilf deiner Schwester hier beim Zubereiten, während ich auf- räume und meine Abendgebete spreche.« Als Yuda nach oben gegangen war, betrachtete Malchik flüchtig die Dinge auf dem Tisch und murmelte dabei vor sich hin. Annat, beobachtete ihn einige Augenblicke lang und nahm dann Anlauf. »Wir essen geschmorten Fenchel«, sagte sie. »Du suchst den Fenchel für mich raus und etwas Knoblauch und Kräuter, während ich den Rest sichte.« »Ich dachte, wir hätten letzte Nacht alles geklärt«, murrte Mal- chik. »Sei nicht so ein Kleinkind, Malchku«, sagte Annat und ahmte die schroffe Art ihrer Tante nach. »Jemand ist heute Morgen hier gestorben und Tate hat seitdem ununterbrochen hart gearbeitet.« Ihr Bruder streckte ihr die Zunge raus, begann jedoch zögernd nach dem Fenchel zu suchen, während sich Annat daranmachte, den Inhalt der Bündel zu erkunden und ihn sachgemäß zu ver- stauen. Im Geiste überlegte sie sich bereits, was eingemacht und für den Winter beiseite gelegt werden könnte und was gleich frisch ver- zehrt werden müsste. Sie hatten genug zu essen für mehrere Feste geschenkt bekommen: ein buntes Sammelsurium an Gemüse, ge- trockneter Nahrung, Früchten, Nüssen und Korn, doch kein Fleisch. Casildis hatte wohlweislich einen Brotkasten und zwei lange Ge- bäckstangen mitgebracht, zusammen mit einem Klumpen Butter, der in ein feuchtes Tuch eingewickelt war. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Malchik den Fenchel putzte, machte sich Annat an die Vorbereitungen, goss helles Oli- venöl in eine Pfanne und gab einige ihrer Lieblingskräuter hinzu. »Ich muss auch meine Abendgebete sprechen, das weißt du«, knurrte ihr Bruder. »Faulpelz! Dann verschwinde schon, ich kann besser kochen, wenn du mir nicht im Weg stehst.« Während sie das Essen zubereitete, wünschte sich Annat, sie kön- ne aufhören, über Yuste nachzudenken. Zu Hause hatten sie solche Arbeiten häufig zusammen erledigt, manchmal unter den Augen von Bubbe. Annat wünschte sich, ihre Tante würde ihr einen Brief schreiben, doch wenn die Eisenbahn erst einmal für den Winter stillgelegt war, würde es bis zum nächsten Jahr nach der Schmelze keine Nachrich-, ten mehr geben. Sie dachte auch an ihre Großmutter und fragte sich, wie sie sich fühlen mochte, allein mit Zaide im Haus, der kein Mann vieler Worte war. Ihre Großmutter war schlau und schlagfer- tig wie eine junge Frau, die den Körper einer alten bewohnte. Als dann der Fenchel auf der Platte köchelte – immerhin hatte Malchik Holz im Herd nachgelegt – ging Annat, um sich zu wa- schen und ihre eigenen Gebete zu sprechen. Die Gebete der Frauen waren nicht so lang wie die der Männer, und als sie sah, dass Yuda und Malchik im Garten hinter dem Haus noch immer mit ihrer Andacht beschäftigt waren, gesellte sie sich zu ihnen. Beide Männer hatten den Kopf mit einem Gebetsschal bedeckt und sich mit ei- nem kleinen Gebetsbuch in der rechten Hand nach Osten in Rich- tung Zyon gewandt. Sie wiegten sich vor und zurück, während sie sprachen – Malchik mit mehr Schwung als Yuda, der seine Lobprei- sungen an den Allmächtigen richtete, während eine Zigarette von seiner linken Hand hinabbaumelte. Annat bedeckte ihr Gesicht, murmelte kurz die Segenssprüche vor sich hin und dachte dann wieder an Yuste. Ihre Tante konnte Ebreu lesen, die alte Schrift der Wanderer, die Annat nie erlernt hatte. Sie hatte die Gebete durch reine Übung auswendig gelernt und verstand nur wenige der Worte. Ihr fiel auf, dass Yuda die Zeilen sprach, als befände er sich mitten in einem Gespräch. Sie erinnerte sich daran, was ihr Casildis über die Frauen erzählt hatte, die einst im Wald Andacht hielten, und sie fragte sich, ob sie dies ihm gegenüber erwähnen sollte. Sie aßen schweigend, hauptsächlich, weil Malchik beschlossen hatte zu schmollen. Als Yuda so tat, als würde er die Schweigsam- keit seines Sohnes nicht bemerken, fiel es Annat schwer, nicht zu kichern. Sie war zufrieden mit dem Geschmack ihres Fencheleintop- fes, den auch Malchik zu genießen schien, wenn er zeitweilig ver- gaß, dass er schlechte Laune hatte. Yuda aß wenig und trank nur ein Glas des herben Rotweins, der nicht aus der beeindruckenden, staubigen Flasche stammte, die Sari ihnen aus seinem Keller ge- schickt hatte. Er schien abwesend und Annat unternahm keinen Versuch, in seine Gedanken einzudringen. Stattdessen vertrieb sie, sich die Zeit damit, ihren Bruder zu ärgern, trat unter dem Tisch nach ihm und versuchte, seinen Fuß zu erwischen. »Könntet ihr zwei euch mal stillhalten«, sagte Yuda verärgert und drückte mit unruhigen Fingern eine weitere Zigarette aus. »Ich ver- suche nachzudenken, so gut es geht.« Unruhig saßen sie vor ihren leeren Tellern, beobachteten ihn und schnitten sich über den Tisch hinweg Grimassen. Nach einer Weile bemerkten sie, dass Yuda ihnen nun mit einem nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht zusah und sie fielen in Schweigen. »Langsam fange ich an mir zu wünschen, ich hätte euch nicht hierher gebracht«, sagte er. Als Annat den Mund zum Protest öff- nete, hob er die Hand. »Es hat nichts mit euch zu tun, auch wenn ich zugeben muss, dass ihr beide einen Mann um den Verstand bringen könnt. Nein, es ist dieser Ort. Was immer hier vor sich geht, es ist weit schlimmer, als ich erwartet habe. Die Ursachen sind dunkler, und sie liegen tiefer.« »Was denn, Sir?«, fragte Malchik, und seine hellen Augen runde- ten sich zu erschreckten Os. »Zyon, Junge, nenn mich nicht ›Sir‹ – wir sind nicht beim Militär. Nenn mich Vasilyevich, oder Mister, oder alles, was dir sonst so einfällt – nein, nicht Froschgesicht«, fügte er mit einem scharfen Seitenblick auf Annat hinzu, der ihre Gedanken entwischt waren, und musste ordentlich lachen. »So nennt sie mich auch, Sir, Mister«, sagte Malchik aufgebracht. Yuda rollte mit den Augen. »Ich versuche, ernsthaft mit euch zu reden. Ich habe Yuste versprochen, euch aus aller Gefahr herauszu- halten, auch wenn ihr beide bisher die Bedrohungen regelrecht an- zuziehen scheint – besonders du, Junge. Gesunder Menschenver- stand ist euch nicht gerade gegeben, und ihr habt den Überlebens- instinkt einer Schnecke in der Bratpfanne. Auf Natka kann ich mich verlassen – bis zu einem gewissen Punkt«, fügte er rasch hinzu und warf ihr einen warnenden Blick zu, »weil ihre Fähigkeiten sie sen- sibel für Gefahren machen.« Er legte die Fingerspitzen aneinander. »Aber was dich betrifft, Malchku, weiß ich es einfach nicht.«, Annat sah, wie ihr Bruder blinzelte und wusste, dass er mehr von der Verwendung seines Kosenamens als von den bedenklichen Wor- ten ihres Vaters bewegt war. »Ich werde versuchen, besser aufzupassen, Vasilyevich«, sagte er, beugte sich vor und blickte ernst durch seine Brillengläser. »Das ist es nicht, Junge«, sagte Yuda mit einem freudlosen Lä- cheln. »Es ist deine Urteilskraft. Du weißt nicht, wann Vorsicht ge- boten ist. Das kann ein angeborener Instinkt sein oder etwas, das du erlernst – aber du hast beides nicht.« »Das tut mir Leid, Sir.« Yuda verschränkte die Arme. »Entschuldige dich nicht bei mir, Junge«, sagte er. »Du trägst daran nicht die Schuld. Aber du wirst in Gefahr geraten – das bist du schon – und andere ebenfalls. Der alte Pyotr wurde getötet, als er dir nachging, und auch wenn er nicht mein liebster Wachmann war, denke ich, er hatte noch einige Jahre vor sich, um zu trinken und rumzuhuren. Aber ich habe dich nicht deshalb verprügelt. Ich hatte eine Scheißangst, ich dachte, ich hätte dich verloren.« »Es tut mir wirklich Leid«, sagte Malchik, und Annat konnte sehen, dass er es mit tatsächlicher, bedrückter Ehrlichkeit meinte. »Aber kann ich dir vertrauen?«, fragte Yuda sanft. »Ich – ich weiß nicht«, antwortete Malchik mit gesenkten Augen. »Ich auch nicht. Und ich frage mich, ob es nicht besser wäre, wenn du nach Masalyar zurückkehren würdest, um in der Nähe von Yuste zu sein. Ich wollte, dass du weißt, was ich denke und ver- stehst, dass es nicht als Strafe oder Demütigung gemeint ist.« »Aber wir sind doch gerade erst angekommen«, stammelte Mal- chik. »Wenn du willst, kannst du mir die Schuld dafür geben, Malch- ku. Ich bin derjenige, der die Situation falsch eingeschätzt hat. Ich glaube, wir haben es mit etwas weit Schlimmerem als einigen uner- klärlichen Todesfällen zu tun. Als ich in Zarras' sterbenden Geist geblickt habe, konnte ich nichts als Angst sehen. Nichts aus seinem Leben, keine Erinnerungen; die Gedanken des armen Kerls waren, wie leer gefegt, wie eine gewischte Tafel. Von der Angst ausge- löscht.« Er kaute an den Nägeln, und Annat spürte seine Sorge. Wie Malchik beobachtete sie ihn schweigend und nachdenklich. »Fängst du jetzt an zu verstehen, Malchku?«, fragte Yuda nach einer Weile. »Was immer seinen Tod hervorgerufen hat, war kein Tier und war auch kein Mensch. In so einer Situation hätten Natka oder ich eine Chance im Kampf gehabt, aber du nicht. Du trägst gerade genug Spuren eines Schamanen in dir, um verletzlich zu sein.« »Bitte schick mich nicht zurück, Mister«, sagte Malchik. »Ich habe das Gefühl, es ist eine Chance – eine, die ich sonst nicht be- kommen würde. Zaide will, dass ich Rashim oder ein Gelehrter wer- de, aber ich nicht – ich bin nicht gläubig …« Er brach ab, und Annat sah seinen ängstlichen Blick auf Yudas ausdruckslosem Gesicht ruhen. »Du bist nicht gläubig«, sagte Yuda matt. »Das ist deine Angele- genheit und nicht meine. Aber deine Sicherheit geht mich etwas an. Du warst heute auf dem Friedhof? Außerhalb der Stadtmauern, un- mittelbar am Waldrand. Ich wette, du hast dir dabei nichts Böses gedacht.« »Zhan Sari sagte mir, ich solle dorthin gehen.« »Ich nehme an, wir müssen seinem Urteil vertrauen – er hat sein ganzes Leben lang im Wald gelebt. Und du scheinst überlebt zu ha- ben – bislang«, setzte er hinzu und lächelte grimmig. »Ich weiß nicht – da war etwas Seltsames«, sagte Malchik und runzelte die Stirn. Yuda lehnte sich zurück und warf Malchik einen nachdenklichen Blick zu. »Was war los, Junge?«, fragte er und spielte mit dem Reif auf seinem Ringfinger herum. Malchiks Augen schienen nach innen gerichtet, als würde er die Szene in seinem Gedächtnis wieder auf- leben lassen. »Es war ein ruhiger Ort, völlig überwuchert. Und friedlich. Über- haupt nicht unheimlich«, fuhr er fort und hob seinen Blick, um Yuda anzuschauen., »Die meisten Gräber waren ungepflegt, und es gab viele frisch ausgehobene. Ich denke, Sari wollte, dass ich den Ort sauber her- richte, um ihn für Zarras' Begräbnis vorzubereiten. Auf einigen Grä- bern wuchsen Blumen, und vor dem Grabstein der Frau, die du kanntest – Isabel Guerreres – blühte ein großer, weißer Rosenstock. Ich ging hin, um ihn mir anzusehen, aber als ich die Hand aus- streckte, um die Rosen zu berühren, stach ich mir in den Finger. Und dann wurde es dunkel.« Er hielt inne, um seine Hand zu un- tersuchen. »Und du bist in einen hundertjährigen Schlaf gefallen und wur- dest von einem schönen Prinzen errettet?«, fragte Yuda mit hoch- gezogenen Augenbrauen. Malchik warf seinem Vater ein schiefes Lächeln zu. »Das ist schon möglich, Mister«, sagte er. »Ich kann mich nicht daran erinnern. Als ich aufwachte, kniete ich beim Grab, und mein Finger blutete – doch an die Zwischenzeit habe ich keine Erinnerung. Es ist, als wäre ich in Ohnmacht gefallen.« »Ihr seid ein Paar«, sagte Yuda und warf Annat einen Blick zu. »Werdet ohnmächtig wie alte Jungfern.« Sein Achselzucken glich einem Schauder. »Es war richtig, mir davon zu erzählen, Junge. Lass uns hoffen, dass es nichts zu bedeuten hatte, was? Aber ich sollte morgen besser mit Sari sprechen – mir wäre es erst mal lieber, wenn du dich innerhalb der Stadtmauern aufhalten würdest.« »Mir hat es auf dem Friedhof gefallen. Es war still, und ich konn- te nachdenken.« »Wir werden sehen«, sagte Yuda. »Ich habe mich noch nicht ent- schieden, ob ich dich in Gard Ademar behalten möchte. Du musst mir erst beweisen, dass ich dir vertrauen kann – dass du nicht wie- der Vögeln hinterherjagst oder so. Ist das angekommen?« »Ja, Sir. Yuda.« »Und überleg dir endlich, wie du mich anreden möchtest«, fügte Yuda hinzu. Er stand auf und rückte seinen Stuhl zurück. »Genug der Ermahnungen für heute Abend. Ich gehe aus. Hier gibt es zwar keine Bars, aber Govorin sagte mir, dass die Eisenbahnarbeiter un-, ten im Lager eine illegale Schnapsbude betreiben. Ich werde also spät heimkommen. Und hoffentlich betrunken«, fügte er hinzu und klopfte auf seine Taschen. Nachdem er gegangen war, benahmen sich Annat und Malchik, wie sie es zu Haus auch getan hätten; sie räumten den Tisch ab und stritten. Sie waren daran gewöhnt, sich selbst zu zerstreuen und ver- brachten den Abend, indem sie Karten spielten, mit Harfe und Vyel musizierten und plauderten. Annat fiel auf, was es für ein Lu- xus war, ohne lästige Beschränkungen durch anwesende Erwachsene mit ihrem Bruder alleine gelassen zu werden. Sie musste zugeben, dass sie seine Gesellschaft genoss, vor allem die alten Witze, die er mit traurigem Clownsgesicht erzählte. Sie wäre gerne mit ihm aus- gegangen und die dunklen Straßen der Stadt entlangspaziert, doch Yudas Warnung hatte einen kalten Schauer in ihrer Seele hinterlas- sen. So war sie froh, neben dem warmen Ofen zu sitzen und sich mit Malchik einige Haselnüsse zu teilen, die sie in ihrem Nah- rungsvorrat gefunden hatten. Sie war erleichtert, dass Malchik nicht versuchte, mit ihr über ihren Vater zu sprechen; sie wollte so tun, als sei sie wieder daheim in Sankt Eglis, doch ohne Erwach- sene, die einem die Zeit verleideten. Sie wünschte sich, sie könnten eines der Spiele aus ihrer Kinderzeit aufleben lassen, einen umge- drehten Tisch zu einem Boot umfunktionieren und aus Laken und Kissen ein Zelt bauen. Doch Malchik war dafür zu alt, und sie ebenfalls. Sie hatte nicht vergessen, was Yuda zu Casildis gesagt hat- te über die Stadtmädchen, die mit vierzehn bereits Kinder trugen. Ihr eigener Körper veränderte sich, ob sie das wollte oder nicht; ihre Brüste hatten zu knospen begonnen und brachten kleine, wei- che Ausbuchtungen in ihrem Kleid hervor, und schwarzes Haar sammelte sich zwischen ihren Beinen an wie Bienen auf einem Zuckerstück. Sie kauerte sich zusammen und lachte viel zu laut über die Scherze ihres Bruders; sie wünschte, sie könnte diesen Mo- ment festhalten, damit er ihr nicht entglitt. Malchik ging früh zu Bett, wie er es auch zu Hause getan hätte. Annat blieb allein auf, legte verschwenderisch Holz im Herd nach, und träumte vor sich hin; nicht von einem schönen Prinzen oder Rössern mit weißen Flanken, sondern von geflügelten Kreaturen, schwimmenden Burgen und Mädchen mit smaragdgrünen Haaren. Schließlich gestand sie sich ein, dass sie müde war, und stieg nach einer Katzenwäsche hinauf zu ihrem Bett, wo sie ihre Puppe steif und wachsam auf ihrem Kopfkissen vorfand. Die schlief niemals.

KAPITEL 7 In Erinnerung daran, wie früh am gestrigen Tag die ersten Patien-ten erschienen waren, stand Annat schon vor Morgengrauen auf

und kleidete sich in der gespenstischen Stille an, die sich ausbrei- tete, als die Vögel ihr Lied beendet hatten. Sie zog einen schwarzen Pullover, eine weiße Bluse und einen ihrer alten Röcke an, der noch immer ein wenig nach der Seife roch, mit der Yuste ihn im- mer gewaschen hatte. Auf Strümpfen schlich sie sich nach unten und fachte das Feuer im Herd an, das sie gelöscht hatte, bevor sie gestern zu Bett gegangen war. Sie hockte sich nahe an die Tür und ließ sich die Wärme der Flammen im Innern über das Gesicht strei- chen, als wären es Katzenzungen. Geduldig gab sie dem Feuer neue Nahrung in Form von Holzscheiten, bis sie sicher sein konnte, dass es eine gleichmäßige Flamme geben würde. Sie erinnerte sich an Nami, die Heizerin, die Holz in die Feuerbüchse der Lok schaufel- te, um deren bodenlosen Hunger zu stillen. Vielleicht, irgendwo in derselben Frühdämmerung, ließen Nami und Shaka die Lokomo- tive dampfen und kauerten sich an diesem kalten Morgen unter der Dampfsäule zusammen. Annat ließ die Ofentür zuschnappen und machte sich auf den Weg, um den Kessel an dem Hahn über der Spüle zu füllen. Sie staunte über den klaren Strom, der aus der Öff-, nung schoss. Sie hievte den schweren Eisenkessel auf die Platte, die kaum handwarm war. In ihrem Hinterkopf zogen die Überreste ei- nes halbvergessenen Traums vorüber wie Wolkenfetzen am Him- mel. Obgleich der Traum ein Gefühl der Angst zurückgelassen hat- te, das auf ihre Stimmung drückte, als sie allein in der kaum er- leuchteten Küche saß, konnte sie sich an keine Einzelheiten erin- nern. Als die Sonne aufging, lief sie hinaus in den Hintergarten, um einen Segen zu sprechen. Sie blieb dort und sah zu, wie die Schat- ten auf den Dächern von Gard Ademar die Farbe wechselten, als das Licht sie berührte und so die darunterliegenden Töne von Ter- rakotta und blassem Rosa hervorzauberte. Sie ging zurück in die Küche, um die Fenster zu öffnen und die Fensterläden aufzuma- chen, damit das erste, silbrige Licht des Tages hereinfallen konnte. Der Kessel auf der Platte begann zu klappern und zu dampfen und Annat fragte sich, ob Malchik wohl auftauchen würde, um das ganze heiße Wasser für sein tägliches Bad zu beanspruchen. Sie hat- te noch nicht herausgefunden, wie und wann sie Gelegenheit zum Baden haben würde; sie hatte nicht vor, in der Küche zu sitzen, wo- mit sich Malchik zufrieden gab und wie sie es zu Hause auch getan hätte. Doch ihr Bruder ließ sich nicht blicken, und da ein Päck- chen gerösteter Kava-Bohnen unter den Geschenken gewesen war, die Mari Reine gestern gebracht hatte, entschied sich Annat, eine Kanne zu kochen. So könnte sie sich selbst vormachen, dass sie noch immer mit Sival und ihrer Tante in der Shkola sei. Sie durch- suchte den Schrank nach einer Moule, um die schwarzen Bohnen zu mahlen, und setzte sich dann an den Tisch, um den stechen- den, belebenden Geruch einzuatmen. Sie hatte Yuda letzte Nacht nicht nach Hause kommen hören und fragte sich, wie spät er wohl eingetroffen war. Wenn die Pa- tienten heute so früh wie gestern kämen, dann würde sie ihn wohl wecken müssen, schätzte sie. Als sie das kochende Wasser in die Kava-Kanne goss, beschloss sie, dass sie ihn heute fragen würde, ob er nur deshalb nach Gard Ademar gekommen war, weil die Sied- lung einen Heiler benötigte, oder ob es noch andere Gründe gab,, die er vor ihr verborgen halten wollte. Während sie den Kava zie- hen ließ, holte sie drei Schalen aus dem Schrank, stellte sie in einer Reihe auf den Tisch und betrachtete die blaue Lasur über dem ge- brannten roten Ton. Sie wusste, dass die Sklavs Chai tranken, wäh- rend die Franj Kava bevorzugten; es war ihre Mutter gewesen, die den verführerischen, bitteren Geschmack dieses rötlich gelben Ge- tränks in ihrem Haushalt eingeführt hatte. Sie goss sich selbst eine Schale ein, stellte die Kanne auf die Platte des Herdes, um sie warm zu halten und setzte sich an den Tisch, wo sie den Dampf des Kava einsog. Sie behielt die Flüssigkeit auf der Zunge und fragte sich, ob sich draußen bereits eine Schlange von Patienten gebildet hatte. Und dann kippte die Welt… Malchik lag im Bett, seine Augen starrten in das Dunkel, und er lauschte den Stimmen in seinem Kopf. Zuerst hatte es den Anschein gehabt, sie wür- den in einiger Entfernung streiten, doch nun sprachen sie mit ihm und dräng- ten ihn in ein unbekanntes Schicksal. Yudas Warnung lag ihm in den Ein- geweiden. Er blinzelte heftig und versuchte sich einzureden, dass die Stim- men – oder die eine Stimme – nur ein Traum war. Sie schien aus weiter Ent- fernung zu kommen, doch sie flüsterte so vertraulich wie eine Mutter zu ihm; die Worte, die sie sprach, hinterließen keine Spur. Er durfte nicht zu- hören, oder die Dämonen seiner Kindheit würden sich seiner Gedanken bemächtigen und ihm schreckliche Träume schicken. Er warf sich unruhig herum, drückte sein Kinn in seine Faust und starrte zu der Stelle, wo sich die Tür befand. Wenn er hinaus ins Dunkel ginge, würde er sich seinem Vater widersetzen, der Malchik sein Vertrauen ange- boten hatte. Bliebe er hier bei der Stimme, die ihre Süße in seinen Geist träufelte, würde er bis zum Morgen den Verstand verloren haben und wäre dann nicht mehr in der Lage, deren Gemurmel von seinen eigenen Gedan- ken zu unterscheiden. Er setzte sich auf und schwang seine Beine seitlich aus dem Bett. Er war gerufen worden und er musste aufstehen, um herauszu- finden, was ihm mit diesen nur halb zu hörenden, lockenden Worten ver- sprochen wurde. Er zog sein Nachthemd über den Kopf und stand nackt in der Dunkelheit, lauschend, bis die Stimme wieder zu ihm sprach. Malchik entzündete die Öllampe auf dem Nachttisch an seinem Bettende,, griff nach seiner Brille und putzte die Gläser. Goldene Spiegelungen blitzten auf dem geschliffenen Glas, verschwanden jedoch, als er den Rahmen auf die Nase setzte. Um ihn herum schlief das Haus und Schnarchen umfing ihn, als er sich rasch ankleidete. Er zog seinen graugrünen Wollmantel über seine Sachen, dann fiel ihm gerade noch ein, seine Harfe von seinem Platz am Bettende zu nehmen und sie sich über die Schultern zu hängen. Etwas in sei- nem Inneren sagte ihm, dass er sich auf eine lange Reise machte und das Ge- wicht der Harfe auf seinem Rücken fühlte sich an wie eine wohlmeinende Hand. Er öffnete die Tür, warf einen vorsichtigen Blick über den Treppenabsatz zu Yudas Tür und sah, dass sie weit offen stand. Sein Vater war nicht zu Hause. Malchik machte die Tür seines eigenen Schlafzimmers zu und öffnete die Küchentür, dann fühlte er die kalte Luft nach seinem Gesicht greifen, als er nach draußen trat. Die Stimme schien ihn in einen warmen Kokon zu hüllen und ihn die Kopfsteinpflasterstraße einem weit entfernten Licht ent- gegen zu ziehen, vorüber an verschlossenen und blinden Häusern. Malchik ließ sich von ihr führen. Er lief zielstrebig, obgleich er sich, wenn er es gewollt hätte, von dem Rhythmus der Stimme hätte treiben lassen, sich von ihrem wohltuenden Parfum hätte umhüllen lassen können. Doch noch war er nicht bereit, sich der Macht dieses Giftes zu unterwerfen; in seinem Inneren schlugen Yudas Warnungen bitter und hart gegen seine Rippen und ließen ihn wachsam bleiben, während die Stimme selbst ihn einzulullen versuchte. Die Stimme drängte ihn voran, umschmeichelte ihn, wenn er zögerte, und verhieß ihm schemenhafte Wunder, die seine Einbildung verführten. Er sagte sich selbst, dass es inzwischen zu spät zum Umdrehen war; sein Vater würde ihn zornig und enttäuscht erwarten. In seinen Gedanken schwoll Yu- das Wut zu einem riesigen, bedrohlichen Schatten an, dem er sich nicht ge- genüberzutreten traute. Als er das Stadttor erreichte, stand es offen und kein Wachposten war in Sicht. Malchik hielt nicht an, er wunderte sich nicht, sondern trat in die kühle, undurchdringliche Dunkelheit hinaus und begann den steilen Pfad hinabzusteigen, der von der Stadt weg zu den Eisenbahnschienen führte. Er fand seinen Weg trotz der lockeren, unebenen Steine, als ob er ihn im Dun- keln vor sich sehen könnte. Ein goldenes Licht spielte an den Rändern seines, Sichtfeldes, von wo aus die Stimme sehnsüchtig nach ihm rief und ihn an- flehte, ihren Ruf zu beantworten; sie war so einsam, so hungrig, schon seit so vielen Jahren. Malchik fragte sich unwillkürlich, wer da nach ihm rief; er wollte von ihr Auskunft bekommen, doch die Frage gefror in seinen Ge- danken und ließ ihn in einem narkosegleichen Dämmerzustand zurück. Auch wenn er sich etwas davor fürchtete, sich vorzustellen, was für ein We- sen solche Macht über ihn erlangen konnte, blieb ihre Sehnsucht so überwäl- tigend wie die Bilder von Freuden und Erfüllung, die sie ihm eingeflößt hat- te, um seine Sinne zu betören. Die Nacht war kühl und der neblige Atem des Herbstes schwang in ihr mit; um ihn herum seufzten die Bäume und Büsche und stießen ihren Atem in die Luft, die am Tage noch so warm gewesen war. Malchik bemerkte, dass er den verlassenen Schienen folgte, einer silbernen Straße, die wie ein Speer in die vor ihm liegende Schwärze stieß. Seine Füße knirschten in gleichmäßigem Rhythmus auf dem Steinschotter, und die Harfe hüpfte auf seinem Rücken, als wolle sie ihn auch jetzt noch an das Versprechen erin- nern, das er Yuda gegeben hatte. Als er den Eingang des Tunnels vor sich lie- gen sah, fühlte Malchik, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Auch wenn die Stimme ihn vorwärts drängte, war er einen Augenblick lang ent- täuscht und fragte sich, warum er zu einem Loch im Berg gebracht worden war. Die bedrohliche Höhe des riesigen Tunnelbogens konnte ihn nicht beein- drucken, und kein Gefühl der Angst konnte ihn dort im Angesicht der ver- lassenen Arbeitsstätte, wo andere ihr Leben gelassen hatten, beschleichen. Im Eingangsbereich des Tunnels hielt er inne, denn er war von diesem Gewalt- marsch außer Atem, doch das goldene Lied der Stimme schwirrte triumphie- rend um ihn herum und lockte ihn tiefer in das Innere des Tunnels. Zum ersten Mal widerstand Malchik, und es verlangte ihn nach mehr als Schmeicheleien, die ihm alles versprachen, was er sich nur wünschte. Plötzlich hatte es den Anschein, als würden die glänzenden Fäden, die ihn gebunden und abgeschirmt hatten, zerreißen, als ob ein Messer das Netz auf einem Webstuhl durchtrennt hätte, und aus dem Riss kam sie kreischend auf ihn zu: eine augenlose Krähe mit Krallen, die gekrümmt waren, um ihm das Gesicht zu zerkratzen. Malchik kauerte sich hin und schützte seinen Kopf, als sie über ihn hinwegschoss, und er schauderte in der grausamen, Kälte, die ihre Flügel verbreiteten. Die Dunkelheit vor ihm war lebendig, zu einem silbrigen Spalt aufgerissen, aus dem Schnee und Licht mit gierigen Fingern nach ihm griffen. Er kämpfte, um sich dagegen zur Wehr zu setzen, doch er war schon zu weit gegangen: Die Göttin hatte ihren Samen in seiner Seele verborgen, und nun wirbelte sie ihren schwarzen, schwingengleichen Mantel um ihn herum und stieß einen Triumphschrei aus, der ihn durch das fahle Licht in die dahinterliegende Welt trieb. Annat öffnete die Augen. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war und was mit ihr geschehen war. Sie lag auf dem harten Fußboden, jemand stützte ihren Kopf, und ihre Schultern und ihre Fingerspitzen glitten über kalten, glatten Stein. Sie drehte den Kopf und stellte fest, dass sie Yuda geradewegs ins Gesicht schaute. Er lächelte. »Hallo, mein kleiner Kanarienvogel«, sagte er. »Du hast es schon wieder getan.« Annat versuchte, sich zu bewegen, doch ihre Glieder hörten nicht auf ihre Befehle. »Habe ich den Kava verschüttet?«, fragte sie schwach. »Über den ganzen Boden«, sagte er fröhlich. »Willst du mir er- zählen, wohin du diesmal gegangen bist?« »Malchik«, sagte sie. »Willst du deinen Bruder sprechen? Ich kann ihn holen gehen …« »Er ist weg, Tate. Die Kalte hat ihn geholt.« Tränen quollen aus ihren Augen; sehr sanft wischte Yuda sie mit dem Daumen fort. »Jetzt mal langsam, in Ordnung?«, sagte er. »Eins nach dem ande- ren. Du sagst, dass Malchik fort ist? Das können wir jetzt gleich überprüfen.« Er half Annat mit den Armen hoch, denn sie war noch immer zu schwach zum Stehen; dann eilte er zur Treppe und stieg sie bis zum Treppenabsatz empor, wo sein Zimmer neben dem von Malchik lag. Als er die Tür zum Raum des Jungen aufstieß, sahen sie beide gleichzeitig in dem schwachen Licht, das durch die geschlossenen Fensterläden hereindrang, das leere Bett mit seinen hellen, zerwühlten Laken. Genau wie sie es letzte Nacht, gesehen hatte, hatte Malchik seine Harfe genommen und war hinaus in die Dunkelheit gegangen. »Sie hat ihn uns gestohlen, Tate.« Yuda sah ihr ins Gesicht. Er machte sich nicht die Mühe zu sen- den. »Du erzählst mir besser, was geschehen ist«, sagte er ruhig. Er trug sie die Treppe hinab und setzte sie in einen der Küchenstüh- le, bevor er für sie beide eine frische Schale Kava einschenkte. »Wa- rum bist du ohnmächtig geworden?«, fragte er, als er den neuen Becher vor Annat absetzte. »Ich bin ziemlich sicher, dass du einen guten Grund dafür gehabt hast.« Als sie nach dem Gefäß griff, be- merkte er, wie ihre Hände zitterten, weshalb er es für sie hochhob und an ihre Lippen hielt, sodass sie einige Schlucke nehmen konn- te, bevor sie antwortete. Annat wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und blickte ihn an. Sie fühlte sich ruhiger, doch sie wusste, sie musste ihm die schlimmen Dinge, die sie gesehen hatte, mitteilen. Es wäre nicht gut, wenn er ihren Traum als den Alptraum eines kleinen Mädchens, eines Kindes, abtun würde. Sie wrang ihre Hände, damit sie zu zittern aufhörten, und begann dann, ihrem Va- ter zu erzählen, wie die Stimme Malchik dazu verleitet hatte, das Haus zu verlassen, wie sie ihn in den Tunnel gelockt und ihn dort durch das Tor in eine unsichtbare Welt befördert hatte. »Eine Schamanenwelt«, sagte Yuda sanft, als sie am Ende ihres Be- richts angelangt war. Selbst im Ruhezustand wirkte er wie eine ge- spannte Feder. »Was ist das?« Er senkte den Blick. »Wir Schamanen haben die Fähigkeit, andere Dimensionen, andere Welten zu betreten.« »Hast du das schon mal getan?«, flüsterte Annat. »Bist du schon mal in die Welten der Schamanen gereist?« »Ja«, sagte Yuda. »Und du wirst das auch tun.« »Dann glaubst du mir also?«, fragte sie. Yuda betrachtete sie nachdenklich, und seine Gedanken ruhten deutlich an der Oberfläche seines Geistes. Er unternahm keinen Versuch, sich vor ihr zu verschließen. »Ich glaube dir«, sagte er ru-, hig. »Aber je eher du und ich mit Govorin sprechen, desto besser ist es. Wir müssen herausfinden, ob der Sheriff etwas weiß, bevor wir damit beginnen, nach dem Jungen zu suchen.« »Er ist in Gefahr«, sagte Annat und ballte die Fäuste, sodass ihre Nägel in ihre Handflächen drangen. Yuda griff in die Innenseite seines Mantels, um sicherzugehen, dass sein Messer und sein Gürtel an der richtigen Stelle waren. »Wenn Malchik in eine Schamanenwelt verschwunden ist, müssen wir ihm so schnell wie möglich folgen«, sagte er. »Bist du bereit, mit mir zu kommen?« Annat sah ihm in die Augen. Sie fühlte, wie ihr ein Kälteschauer den Rücken hinablief. »Ja«, sagte sie. In gewisser Hinsicht wunderte sie sich, dass Yuda sich nicht über ihre Geschichte lustig gemacht hatte. Es hatte so unglaubwürdig geklungen, als sie sie ihm gegen- über wiederholt hatte, dass sie schon selbst ihre Zweifel daran be- kommen hatte. Es beängstigte sie sogar ein wenig, dass er ihr so vorbehaltlos vertraute. Sie hätte nie geglaubt, dass er sie um ihre Begleitung auf einer Reise in die Schamanenwelt bitten würde. Als sie sich ihren Mantel und ihre Schuhe angezogen hatte, verlie- ßen sie das Haus und fanden eine einsame Menschenschlange vor, die vor ihrer Vordertür wartete. Es gab ein kurzes, erleichtertes Aufseufzen, als die Patienten Yuda sahen; die Leute griffen nach ihren Taschen und machten sich bereit, ins Haus zu kommen. »Heute gibt es keine Sprechstunde, mes amis«, sagte Yuda eilig. »Mein Sohn ist verschwunden, und ich muss den Sheriff sprechen. Kommen Sie mittags wieder, dann sehe ich, was ich tun kann.« Die Menge fand sich damit ab und begann, sich unter enttäusch- tem Gemurmel zu zerstreuen. Einige kamen zu Yuda herüber, um ihr Bedauern auszudrücken und ihm ihre Hilfe anzubieten, doch er lehnte ab. Annat erinnerte sich, zu Hause Zeugin von ähn- lichen Szenen gewesen zu sein, wenn die Städter kamen, um Zaide um Rat und Hilfe zu bitten. Als sich Yuda wieder zu ihr gesellte, hatte er einen Apfel in der Hand, den er ihr mit den Worten ent- gegenstreckte: »Gaben, um den Hexendoktor friedlich zu stimmen.«, »Was meinst du damit?«, fragte sie, nahm den Apfel und biss ein Stückchen ab, während sie die Straße hinunterliefen. »Sie haben Angst vor mir. Vor Schamanen«, sagte Yuda grimmig. Bei Govorins Haus angelangt, öffnete ihnen eine junge Dienst- magd die Tür und knickste. Sie war nicht viel älter als Annat, und ihr Haar war ohne viel Erfolg von einer hübschen Spitzenhaube be- deckt, aus der Strähnen und Büschel braunen Haars hervorlugten. Nervös wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und brachte die beiden in die Küche, wo Govorin und Casildis bei einem Teller frisch gebrochenen Brotes tief in ein Gespräch versunken am Tisch saßen. Der Sheriff sprang auf und riss dabei fast seinen Stuhl um, dann eilte er mit einem erfreuten Lächeln auf Yuda zu. »Yudele«, sagte er und schüttelte dessen Hand. »Bist du schon aus dem Behandlungszimmer geflüchtet? Komm und leiste uns Gesell- schaft!« »Ich muss wissen, ob du etwas von Malchik gehört hast«, sagte Yuda. »Was ist denn los? Ich dachte, du hättest ihn zu Hause im Bett gelassen«, antwortete der Sheriff. Yuda schüttelte den Kopf. »Er war heute Morgen nicht in seinem Bett«, sagte er. »Er ist fort. Und Natka glaubt zu wissen, wohin.« »Die Kalte hat ihn zu sich genommen«, wiederholte Annat. »Wie bitte?«, fragte Govorin, und Casildis rang nach Luft. »Du erzählst ihnen besser, was du gesehen hast, Natka«, sagte Yuda und zog einen Stuhl für sie heran. Sie saßen schweigend dort, während Annat noch einmal von ih- rem Traum berichtete. Als sie zum Ende gekommen war, stieß Govorin einen Pfiff aus. Geistesabwesend ergriff Casildis die Hand ihres Ehemannes. »Dann glaubst du, dass Annats Traum real war, Yuda?«, fragte der Sheriff. »Ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht glauben sollte. Ich bin mir aber weniger sicher, was er bedeuten soll.« »Da gab es Geschichten …«, setzte Casildis an, brach jedoch ab,, ohne ihren Satz zu beenden. Yuda beugte sich ohne ein Lächeln über den Tisch. »Ich brauche jetzt mehr als Geschichten, Missis Govorin«, sagte er. Casildis schüttelte sich, als wollte sie eine kalte Hand abstreifen. »Du hast die Geschichten gehört, dass Leute – Städter und an- dere – verschwunden sind«, sagte sie. Sie hielt wieder inne und ließ ihren Blick von Yuda zu Annat und wieder zurück schweifen. Yuda warf ihr ein schwaches Lächeln zu. »Das ist jetzt unwichtig«, sagte er. »Annat muss den wahren Grund erfahren, warum ich hier bin. Es ist nicht mehr die Zeit, es vor ihr zu verheimlichen.« »Was willst du damit sagen?«, fragte Annat und richtete sich auf. »Yudas Posten. Sein Auftrag«, sagte Govorin. »Wir brauchten ei- nen Heiler, aber meine Wahl fiel auf Yuda, weil er … noch andere Fähigkeiten hat. Ich brauchte jemanden, der Isabels Platz ein- nimmt. Einen Ermittler.« »Warum habt ihr mir das nicht erzählt?« Yuda musterte sie einen Moment lang, bevor er antwortete. »Yus- te und ich sind übereingekommen, den wahren Grund vor dir zu verheimlichen. Und um es vorweg zu sagen: Ich dachte, wir würden das Richtige tun. Aber seit ich dich kennen gelernt habe, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Egal. Jetzt musst du es wissen. Und Casildis kann frei sprechen«, fügte er mit einem dunklen Lächeln hinzu. Casildis seufzte. »Ich hatte eine ältere Schwester, die Huldis hieß«, begann sie. »Als ich vier Jahre alt war, verschwand sie. Damals ging es los, dass Leute vermisst wurden, bis schließlich die Städter Gard Ademar verließen. Die Leute von der Eisenbahn fanden die Stadt verlassen vor.« Govorin spielte mit einem Stückchen Brot herum. »Aber unsere Leute sind an diesem Ort gestorben«, sagte er zu Yuda. Einige Zeit lang sahen sich die Männer schweigend an; sie hätten Schamanen sein können, die in der Stille miteinander kommuni- zierten, und einmal mehr beobachtete Annat, wie sehr ihre langjäh-, rige Freundschaft ihnen Wege eröffnet hatte, sich ohne Worte zu verständigen. Als Yuda wieder zu sprechen ansetzte, wandte er sich nur an Govorin und schloss die anderen aus. »Es hat den Anschein, als habe unser Kommen etwas verändert, Mister. Es verschlimmert die Dinge. Die Vorsteher schickten Isabel los, um den Grund dafür herauszufinden, und als sie dabei war, die Wahrheit aufzudecken, starb sie. Das gibt uns nicht nur ein Rätsel auf; jemand will auch verhindern, dass wir es lösen. Jetzt ist mein Sohn verschwunden, der Sohn des neuen Ermittlers.« »Aber warum sollte jemand Malchik wählen? Er ist doch für nie- manden eine Bedrohung«, sagte Govorin. »Darüber habe ich nachgedacht. Er hat mir gestern etwas Seltsa- mes erzählt, doch da habe ich dem Ganzen noch kaum Beachtung geschenkt. Es ging darum, dass ihm schwarz vor Augen wurde, wäh- rend er auf dem Friedhof arbeitete. Ich frage mich, ob das der Mo- ment war, an dem er – befallen wurde. Begreifst du, was ich meine, Mister?« Govorin verschränkte seine mächtigen Arme vor der Brust. »Ich verstehe, Yuda – aber ich kann mir nicht vorstellen, wie.« »Er sagte, er habe sich den Finger an einer Rose auf Isabels Grab gestochen. Das war es, was ihn ohnmächtig werden ließ. Auch wenn es zunächst bedeutungslos schien, glaube ich nun doch, dass das der Moment war. Aber wer könnte dort Blumen gepflanzt haben?« »Wir alle, Yuda«, sagte Casildis rasch. »Auch mein Bruder Zhan Sari hat ihren Tod besonders betrauert. Er bringt häufig Blumen aus seinem Garten dorthin.« »Saris Rosen«, sagte Yuda und wiegte den Kopf. »Das macht kei- nen Sinn.« »Ich finde es sogar schwer zu glauben, dass der Junge in eine an- dere Welt gezogen worden sein soll. Was hat mein Tunnel damit zu tun?«, fragte Govorin. »Es sieht so aus, als würde der Tunnel einen Übergang in die Schamanenwelt bieten. Vielleicht haben die Todesfälle deshalb be- gonnen, nachdem wir angekommen waren. Als hätten wir etwas, aufgescheucht.« Er erhob sich. »Genug geredet. Ich will sehen, ob ich diese Pforte finden kann.« Mit gekreuzten Beinen ließ er sich auf den Steinfliesen nieder und legte die Hände auf die Knie. Er fing Annats Gedanken auf und fügte hinzu: »Es ist gefährlich, Kind, aber du kannst mir folgen, wenn du möchtest.« Govorin und Casildis sahen zu, wie Annat sich neben ihm auf den Boden kniete und sich dann auf die Fersen setzte. Sie zog ihren Rock zurecht und sah Yuda an, während sie darauf wartete, dass er ihr ein Zeichen gab. »Bist du bereit?«, fragte er. Annat nickte. Sie streckte die Hand aus und ergriff die seine; ihre Finger waren eisig, seine warm. Yuda musterte sie ernst. »Bist du sicher, dass du das tun willst, Missis?« »Ja, Tate.« Es fühlte sich an, als würden sie ins dunkle Meer eintauchen. Langsam sanken sie tiefer, und eine Kette funkelnder Luftblasen strömte an ihnen vorbei zur Oberfläche. Zu Annats Rechter war Yuda, ein silberblaues Feuer; sich selbst empfand Annat als rote Flamme, matter als er. Das Gefühl, nach unten zu treiben, hielt ei- ne lange Zeit an; dann berührten ihre Füße den Grund. Fast hätte sie ihre Hand aus seiner gelöst, denn hier gab es dunkle, aufregende Schemen und Lichtpunkte wie Perlen in einer offenen Muschel- schale. Yuda hielt sie fest. Er streckte seinen rechten Arm aus und zog eine schimmernde, funkelnde Sternenspur hinter sich her. Er zog Annat mit sich in das wässrige Dämmerlicht und schickte ei- nen langen Lichtstrahl von seiner Hand aus. Annat sah zu, wie eine glitzernde Welt aus Edelsteinen, Knochen und Schädeln erleuchtet wurde. Sie blieb reglos stehen und beobachtete, wie das Licht über die Landschaft glitt. Auch wenn sie das, was sie sah, nicht verstand, schien Yuda zu wissen, wonach sie suchten, führte den Lichtstrahl langsam durch die Dunkelheit und ließ ihn über knochige Felsen und adergleiche Bäume gleiten. – Ah, hier ist es. Annat wusste nicht, was er bemerkt hatte, doch er hielt das Licht ruhig, damit es über einen Spalt im Boden spielen konnte, von, dem aus Blasen kochenden Wassers emporzuschießen schienen. Ein rotes Glühen ging vom Eingang des Spaltes aus, farbige Strahlen in allen Schattierungen, von lebhaftem Orange bis zu trübem Rot. – Es sieht aus wie ein Vulkan, dachte Annat. – Das ist eine Pforte. Eine große sogar. Sie ist nicht weit entfernt, doch um zu sehen, ob sie den Tunnel kreuzt, müssen wir die Ebenen wechseln. Er packte sie und stieß sich vom Meeresboden ab, sodass sie bei- de hinaufzusteigen begannen, viel schneller als zuvor, eingehüllt in einen Nebel aus leuchtend blauen Bläschen. Obgleich das Wasser in Annats Ohren schrillte, verspürte sie keine Furcht, nur Heiter- keit, denn sie schossen wie Delfine durch die Tiefen. Ihr hätte es gefallen, dort im Wasser zu bleiben, doch Yuda glitt weiter. Als tanz- ten sie auf der Fontäne eines Wals, brachen sie mit einer Sprühwol- ke von Tröpfchen durch die Wasseroberfläche und schraubten sich hinauf in die Luft. Als sie zur Ruhe kamen, glitten sie über einen hohen Gebirgs- kamm, nahe den Lerchen und dem Himmel, der tiefer blau gefärbt war, als Annat es jemals bei Tageslicht gesehen hatte. Unter ihnen erhob sich eine Felswand, in die der Wind eine raukantige Öffnung geschnitten hatte, die einen Blick auf die darunterliegende Land- schaft erlaubte. Durch einen Schleier sah Annat die strahlend ge- malten Felder und grün gesäumten Täler; es war der Nebel eines Herbstmorgens. – Ist das ein realer Ort? – Es ist ein Teil der Hügelkette, die über dem Wald aufragt. Yuda zeigte ihr die Dächer von Gard Ademar, die sich blass in der Ferne erho- ben, und das tiefe, schwere Grün des Waldmantels, der hier und dort von Tupfen aus Smaragd und Gold durchbrochen wurde. Als Yuda auf die Stelle wies, wo sich in einer Falte samtigen Zypressen- grüns der Tunnel befand, konnte Annat winzige Ameisen, die um eine glitzernde Spielzeuglok schwärmten, und eine schwache Rauch- wolke ausmachen, die aus dem Schornstein einer unsichtbaren Zug- maschine aufstieg. Unten im Bahnhof brach sich ein metallenes Glitzern auf dem Aalkörper eines langen Zuges. Es war ein so strah-, lender, frischer Morgen, dass Annat sich wünschte, sie könnte hier in Wirklichkeit stehen, um die süße Luft einzuatmen und über die Ebenen bis zur blauen Fläche des Flusses Krön zu blicken. – Zyon, dachte Yuda. Er deutete auf den Hang über dem Tunnel, und Annat sah, was er gesehen hatte: eine zusammengeballte, viel- blättrige Dunkelheit, die über den huschenden Ameisen brodelte, welche nichts davon ahnten. Annat fühlte einen Schauer in ihrer Seele, als Yuda das Labyrinth der Bäume absuchte und das Muster der Schatten betrachtete, das permanent vor ihren Augen die Ge- stalt zu ändern schien. – Ich kann das Tor sehen; aber da ist noch was anderes. Scheiße! Er wirbelte herum und riss Annat mit sich, als ein Zittern über die Waldoberfläche lief, und sie sah, wie das Kräuseln der Wellen- bewegung eine Form auf dem grünen Teppich zeichnete, die die Umrisse einer Frau hatte. Sie strich suchend über die gebeugten Baumkronen, wie eine Welle, die aus den Tiefen emporsteigt. – Ich schätze, sie sucht nach uns, sagte Yuda. – Es wird Zeit zu gehen. Sie schossen hinab, fielen pfeilschnell abwärts wie Falken im Sturz- flug. Als sie sich dem Blätterdach näherten, glitt das Wellenmuster auf sie zu, und Annat fühlte den Atem des kalten Windes, der es vorantrieb und die Baumwipfel niederdrückte. Riesige Hände streck- ten sich aus, um nach ihnen zu greifen, während sie hinabstürzten, doch Yuda war zu schnell; mit einer lachsgleichen Drehung riss er sie vom Himmel und ließ sie hart in ihre eigenen Körper nieder- fahren. Es fühlte sich an, als ob sie tatsächlich aus der Luft zu Bo- den gestürzt wären; Annat rang nach Atem, denn vom raschen Fall war ihr die Luft weggeblieben. Als sie ihre Hand hob, bemerkte sie, dass Yuda sie so fest gepackt hatte, dass seine Nägel tiefe Spuren in ihrer Handfläche hinterlassen hatten. Yuda lehnte sich zurück, er- löste seine Beine aus dem Schneidersitz und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von den Brauen. »Was habt ihr gesehen?«, fragte Govorin und beugte sich über ihn. Annat zitterte. Sie fühlte sich, als wäre sie nackt im Meer ge-, schwommen und dann hinaus an die eisig kalte Luft getreten. Sie war erstaunt und dankbar, als Casildis ihr einen Schal um die Schultern legte, der warm und wunderbar weich war. Yuda beugte sich schwer atmend vor, wie ein Läufer am Ende ei- nes Rennens. Er legte den Kopf auf seine Knie und ließ sich das Haar ins Gesicht fallen. Annat konnte sehen, dass er zitterte. »Der Schatten einer Göttin«, murmelte er. »Der Schatten einer Göttin.« Sobald sich Yuda und Annat erholt hatten, beratschlagten die vier, was zu tun wäre; Yuda war still und niedergedrückt. »Ich glaube, dass wir keine Wahl haben«, sagte er. »Annat und ich müssen heute Nacht durch den Tunnel gehen.« »Nur ihr beide?«, fragte Govorin. »Ich kann niemanden sonst bitten sich mir anzuschließen. Dies ist meine persönliche Angelegenheit, und je weniger gehen, umso besser ist es.« »Das sehe ich nicht so«, sagte Govorin. »Ihr könnt nicht alleine gehen, nur du und das Rebjonok. Für mich wäre es ein Leichtes, Sari die Verantwortung für die Arbeiten hier zu übertragen und mit dir zu kommen.« »Das ist ein nettes Angebot, Sergey, aber was, wenn wir nicht zu- rückkehren? Was wird aus dem Tunnel und all deinen Plänen?« Govorin stieß ein bellendes Lachen aus. »Die Leute von der Ei- senbahn werden einen Ersatz für mich finden können, nicht wahr?« »Ich wäre dankbar für deine Begleitung«, sagte Yuda. »Aber wir wissen nichts von der Welt, die wir betreten wollen. Du bist kein Schamane, Mister.« »Ich glaube, die Welt, von der du sprichst, hat einen Namen«, sagte Casildis. »Das Waldvolk nennt sie La Souterraine, weil sie un- ter den Wurzeln des Waldes liegt.« »Du wusstest von ihr?«, fragte Yuda scharf. »Es gibt eine sehr alte Legende über einen solchen Ort, doch sie war nur eine Geschichte. Die Leute haben sie immer wieder erzählt, ohne zu wissen, wer sie erfunden hat und ob sie einen wahren Kern, birgt.« »La Souterraine bedeutet in Franj ›Der unterirdische Ort‹«, sagte Govorin. Er verschränkte die Finger. »Ich wünschte, wir hätten da- von gewusst, bevor wir zu graben anfingen. Das Letzte, was ich im Sinn gehabt hatte, war, irgendeine heilige Stätte zu stören.« »Du hättest es nicht wissen können, Sergey«, sagte Casildis. »Zu dem Zeitpunkt, als wir aus dem Wald kamen, um uns dir anzu- schließen, hatte die Arbeit am Tunnel schon begonnen.« »Und die Aufseher kümmern sich nicht um die örtlichen Legen- den«, sagte Govorin mit einem Blick zu seiner Frau. »Wie dem auch sei. Ich werde mit dir gehen, Yudele. Ich kann dich und Nat- ka das nicht alleine durchstehen lassen.« »Wenn Sergey geht, dann gehe ich auch«, sagte Casildis. »Du nicht, Missis«, sagte Yuda. »Ich brauche Truppen, keine Pas- sagiere. Ich will niemanden dabeihaben, den ich beschützen muss.« »Hast du eine so geringe Meinung von mir?«, fragte Casildis sanft. »Dass ich nur eine Last für dich wäre? Ich würde dir nicht anbieten mitzukommen, wenn ich meinen Teil nicht selber tragen könnte. Ich kann ein Pferd reiten und mit dem Bogen schießen, und ich bin zäh und stark. Govorin kann das bezeugen, falls dir mein Wort nicht genügt.« »Es ist wahr, Yuda«, sagte Govorin. »Casildis mag keine ausgebil- dete Kämpferin wie Isabel sein, aber sie ist härter, als sie aussieht. Und mir wäre wohler mit ihr an meiner Seite. Sie ist nicht die Art von Frau, die ein Mann zurücklässt, damit sie in ihr Taschentuch schnupft.« Mit versteinertem Gesicht blickte Yuda von einem zum andern. »Ihr versteht nicht«, sagte er. »Keiner von euch beiden hat je eine Schamanenwelt betreten. Für jemanden, der kein Schamane ist, kann diese Welt der unseren täuschend ähneln. Doch Govorin ist wenigstens als Kämpfer ausgebildet. Ich kann mich darauf verlassen, dass er sich in jeder Situation selbst verteidigen kann – und mir den Rücken deckt.« Casildis beugte sich vor. »Bitte vertrau mir, Yuda«, sagte sie. »Ich, bin die Einzige von uns, die die Legenden des Waldes kennt. Es könnte sein, dass sich mein Wissen als hilfreich entpuppt. Ihr seid alle aus dem Süden und wisst nicht, wie es war, hier in der Gegend zu leben, bevor die Schwierigkeiten begannen. Ihr werdet es nicht bereuen, wenn ihr mich mitnehmt.« Yuda sah sie eindringlich an. »Ich kann dir nicht versprechen, dass ich dich beschützen werde, Missis«, sagte er. »Das musst du wissen, wenn du mit uns kommst. Und auch Govorin kann das nicht beschwören. Wir reisen entweder als gleichwertige Partner in diesem Unterfangen, oder überhaupt nicht.« Casildis lächelte ihn an. »Ich werde zu diesen Bedingungen mit euch gehen, Yuda.« Er nickte. »Dann ist es beschlossen«, sagte er. »Natka und ich werden euch eine Stunde nach Sonnenuntergang am Tunneleingang treffen. Sagt niemandem außer Sari, wohin wir reisen.«

KAPITEL 8 Als Annat mit Yuda zusammen nach Hause lief, hatte sie das Ge-fühl, als ob eine Wolke über den Straßen schwebte. Immerzu

sah sie hinauf in den Himmel, halb in der Angst, sie könnte den riesigen Umriss der Göttin den Horizont verdunkeln sehen, wenn sie auf sie hinabstieß. Yudas Schweigen tröstete sie wenig; als er da- mit kämpfte, sich eine Zigarette anzuzünden, hatte Annat bemerkt, dass seine Hände noch immer zitterten. Jetzt gab es nichts anderes zu tun, als abzuwarten; Yuda hatte sich entschieden, seine Sprech- stunde abzuhalten, als sei es ein ganz normaler Tag. Die wenigen Dinge, die sie tragen konnten, würden sie zusammenpacken, sobald der letzte Patient gegangen war. Annat fühlte sich seltsam kalt im Innern, als würde die Sonne, die, über das Kopfsteinpflaster der Straße flutete, keinerlei Wärme mehr bieten. Sie wünschte sich, Yuda würde seine Gedanken ihr gegen- über öffnen, damit sie sich nicht so klein und verlassen fühlte. Es war nicht so, dass sie sich vor der Reise fürchtete, aber sie ängstigte sich schrecklich vor dem Moment, wenn sie den Tunnel selbst be- treten müssten. Der Gedanke an ihren Bruder, der in der seltsamen Welt gefangen war, erschreckte sie, und so verschränkte sie ihre dün- nen Arme vor ihrer Brust und wünschte sich, sie könne Malchik durch das schwache Band zu fassen bekommen, das ihr kaum mehr verriet, als dass er noch am Leben war. »Bist du in Ordnung?«, fragte Yuda und blickte mit der rauen Fürsorglichkeit, die ihr langsam an ihm vertraut wurde, zu ihr hin- unter. »Nein.« Er antwortete nicht, doch er streckte die Hand aus und legte sie ihr ins Kreuz, als wolle er sie daran erinnern, dass sie nicht alleine war; Yuda war da, um ihre Sorgen und ihre Angst zu teilen. Als sie das Haus mit den blauen Mauern erreichten, in dem sie erst zwei Nächte verbracht hatten, schien es der gemütlichste und vertrauteste Ort der Welt. Während Yuda in dem Untersuchungs- raum Ordnung für seine Sprechstunde schaffte, wischte Annat den Kava auf, den sie über den Fußboden geschüttet hatte, und fegte die Überreste der zerschmetterten Schale zusammen. Sie würde sich zu ihrem Vater setzen, während er sich um seine Patienten küm- merte, und sie fragte sich, wie sie es ertragen sollte, ihren Beschwer- den zu lauschen. Als sie zu Yuda hereinsah, arbeitete er ruhig und überlegt, als ob ihm nichts anderes im Kopf herumginge. Sie ging nach oben in ihr Zimmer und begann, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenzusuchen. Für sie stand es außer Frage, die Puppe mit- zunehmen; es war das einzige Relikt aus Audes früherem Leben, das sie Annat hinterlassen hatte, wenn man von ihren Geschichten ab- sah. Vorsichtig wickelte Annat die Puppe ein und legte sie in ihren Rucksack. Obgleich sie Aude immer Mame genannt hatte, war es, Yuste, die, solange sie zurückdenken konnte, eine Mutter für sie ge- wesen war. Für Malchik mochte es anders gewesen sein, denn Aude war ihm gegenüber sehr besitzergreifend gewesen, doch Annat war sich sicher, dass auch für ihn Yuste die Stelle der Mutter eingenom- men hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, nach dem Tod ih- rer Mutter getrauert zu haben, denn Aude hatte ihr weder jemals Liebe noch Interesse entgegengebracht; ihre Anwesenheit in dem Haus in Sankt Eglis war wie die der Puppe gewesen, wunderbar und unnahbar. Der Tag ging schneller vorüber, als Annat es erwartet hatte. Nach einem eiligen gemeinsamen Abendessen, das aus Wurst und Rog- genbrot bestand, packte Yuda die restlichen Sachen zusammen und gesellte sich zu Annat in die Küche. Annat war erstaunt zu sehen, dass er seine Vyel auf den Rücken gebunden hatte; all seine anderen Besitztümer hatten in dem kleinen Sack Platz gefunden, den er sich über die Schulter geworfen hatte. Sie fragte sich, wie er mit so we- nig auszukommen gedachte. Spöttisch blickte er auf ihren ausge- beulten Rucksack, nahm ihn ihr aus der Hand und leerte ihn auf den Küchentisch. »Hier ist viel zu viel drin. Sortier etwas aus.« »Das geht nicht«, protestierte Annat. »Einmal Kleidung zum Wechseln ist genug. Damit wirst du aus- kommen müssen. Wir müssen mit leichtem Gepäck reisen, und es wird noch mehr Kram zu tragen sein. Govorin und Casildis werden ihn mitbringen.« Unwillig legte Annat einige sorgfältig zusammengerollte Röcke und Blusen beiseite und behielt nur den kurzen Rock aus dickem Material und die Hose, die Yuda ihr für die Zugfahrt gegeben hatte. Sie war wild entschlossen, mehrere Paar saubere Unterhosen mitzu- nehmen, und eine Zahnbürste und Zahnpuder waren unerlässlich. Sie bemerkte, wie Yuda gegen ein Lächeln ankämpfte, als sie die übrig gebliebenen Dinge in den Rucksack stopfte. »Du nimmst deine Vyel mit«, sagte sie anklagend. »Musik hat Macht«, entgegnete er mit funkelnden Augen., Die Straßen draußen waren kühl und neblig. Yuda pfiff beim Ge- hen vor sich hin, als ob sie sich auf den Weg zu einem kurzen, net- ten Abstecher in die Gegend machten. Wenn er unter irgendeiner Anspannung stand, dann hatte er sie tief in seinem Inneren ver- borgen, wo Annat sie nicht spüren konnte. Sie schwankte zwischen Aufregung und Beklommenheit, als sie auf dem vom Tau glänzen- den Kopfsteinpflaster zwischen den Häusern mit geschlossenen Fensterläden entlang liefen. Als Yuda Halt machte, um die Laterne, die er trug, zu entzünden, beugte sich Annat über die Flamme, die das Gesicht und die Hände ihres Vaters erleuchtete. Sie zitterte ein wenig vor Kälte, doch es waren auch ihre Nerven, die bloß lagen. Sie waren die Einzigen, die auf der Straße unterwegs waren; die Stadtbewohner hatten ihre Türen vor der Dunkelheit verschlossen. Annat verließ sie, um sich auf eine Reise zu begeben, die sie noch immer nicht fassen konnte. Sie sah zu Yudas Gesicht empor und fragte sich, wie oft er schon in die Nacht aufgebrochen war, mit nur einer schwachen Vorstellung davon, wohin er ging, und ohne die Gewissheit, ob er je wieder zurückkehren würde. Er war der Meister und sie die Schülerin; in den alten Zeiten hatten Schama- nen ihre Fähigkeiten auf diese Weise gelernt, bevor Wanderer wie Sival ihre Schulen gegründet hatten. Der Sheriff hatte Yuda ein Schriftstück mitgegeben, damit er die Stadt nach Sonnenuntergang verlassen durfte. Das Tor befand sich am nördlichen Ende der Stadt: eine schwer verriegelte Tür in der unebenen Mauer. Annat wartete, während Yuda dem Wachposten seinen Ausweis zeigte, und betrachtete derweil die aufgetürmten Steine mit ihrem brüchigen Mörtel und der verwitterten Oberflä- che. Obenauf, wo noch immer die Überreste der Zinnen zu erken- nen waren, hatten Büsche zwischen den Steinen Wurzeln geschla- gen. Das Flutlicht des Wachmanns hob ihre Silhouette gegen den Himmel ab, sodass die Landschaft wie ein fantastischer Garten wirkte, der außer Reichweite wuchs. Sie fragte sich unwillkürlich, warum kein Wachposten am Tor gewesen war, als Malchik gestern fortgegangen war, und entschied sich, ihren Vater danach zu fragen., Als die Tür hinter ihnen geschlossen und verriegelt worden war, befanden sie sich am Rande des Hügels und starrten hinunter auf die dunkle Landschaft. Schamanen verfügten über eine gute Nacht- sicht, und Annat konnte sowohl den abschüssigen Hang unter ih- nen ausmachen, den fahlen Steinweg, dem sie folgen mussten, als auch die Zypressen, die wie Hexenfeuer wild aus dem Boden spros- sen. Yuda begann mit dem Abstieg; er bewegte sich rasch und siche- ren Fußes über die unebenen Steine, und sie folgte ihm langsamer, damit sie sich in den schimmernden Schichten der Nacht umsehen konnte: das Tal, das voller Nebel war und das die Erhöhung, auf der die Stadt angesiedelt war, von dem Wald trennte; der tiefe Schat- ten, der das Herz des Waldes anzeigte und der in seiner Schwärze bis zur Spitze des nahen Hügels reichte; und schließlich, als sie um die Ecke bogen, der bleiche Fluss der Eisenbahnschienen, der die Dunkelheit wie eine Schneckenspur durchschnitt. Annat eilte Yuda hinterher und hielt ihren Blick auf die tanzende Laterne gerichtet, die in seiner rechten Hand baumelte. Sie warf ei- nen gelben Lichtkegel, der ein Glimmen auf seine Füße zauberte und sich manchmal in seinem glatten Haar fing. Er sah nicht zu- rück, ob sie mit ihm mithalten konnte. Sie wusste, dass dies ein Vertrauensbeweis war, denn er hielt sie nicht für ein kleines Mäd- chen, dessen Schritte überwacht werden mussten, sondern für eine Schamanin, deren Kräfte seinen Rücken decken konnten. Flüchtig dachte sie an die tote Isabel, die seine Kampfpartnerin gewesen war; sicherlich hatte er ihr an vielen gefährlichen Orten zugetraut, hinter ihm zu gehen und Wache zu halten. Annat bezweifelte, dass Yuda je solches Vertrauen in sie setzen würde. Sie war zu unerfahren, und weil sie seine Tochter war, würde er immer glauben, er müsste sie vor Gefahr beschützen. Als sie auf gleicher Höhe mit den Eisenbahnschienen waren, machte Yuda Halt, um sie anzublicken. Sie sah einen Moment lang sein Gesicht, bevor er die Flamme löschte und die dunkle Laterne auf dem Schotter absetzte. In seiner freien Hand hielt er eine Ziga- rette, und der winzige, rote Punkt glomm wie ein Glühwürmchen,, das er schützend in seiner Hand hielt. »Tate«, sagte sie in dem kurzen Augenblick, bevor sie weitereilten. »Warum hat der Wachposten Malchik letzte Nacht nicht davon ab- gehalten, fortzugehen? Wo war er?« Yuda antwortete nicht sofort. Als er sprach, sah er sie nicht an. »Jemand hatte den Wachmann in die Schnapsbrennerei gelockt. Eine Gruppe von uns war dort.« Annat wartete einen Augenblick, bevor ihre Hand nach vorne schoss, um Yuda am Ärmel zu zupfen. »Es war nicht dein Fehler, Mister.« »Ich würde sagen doch. Es gab keine andere Möglichkeit sicher- zustellen, dass wir auch wieder in die Stadt zurückkehren können, nachdem das Tor geschlossen worden war. Deshalb war es möglich, dass der Junge unentdeckt durchschlüpfen konnte. Doch es hilft nichts, wenn ich mich jetzt damit quäle. Er ist fort, und wir müssen ihn zurückholen.« Gemeinsam liefen sie in der Mitte der Schienen, die ein gespens- tischer, leuchtender Pfad zu sein schienen, welcher bis zu den Ster- nen führte. Yuda hatte aufgehört zu pfeifen, doch er ließ Annat die Spitze seiner Erregung teilen. Obwohl er damals auf dem Zug von seiner Abneigung gegen den Kampf gesprochen hatte, wurde ihr nun klar, dass ein Teil von ihm diese Gefahr genoss. Die Nacht vor ihnen war undurchdringlich, abgesehen vom schwachen Glühen des Himmels mit seinem Sternenstaub, und sie liefen der Schwärze entgegen, ihre Rücken den Feuern der Stadt zugewandt. Auf ihrem Weg zum Tunnel kamen sie am Rangierbahnhof vorü- ber, wo zwei Züge still und reglos herumstanden, deren Leiber wie riesige Klumpen unentfachter Kohle schienen, während eine dritte, kleinere Lok in der Dunkelheit klopfte und eine Säule aus flam- menbewehrtem Dampf emporschickte. »Ist Shaka hier?«, flüsterte Annat. »Er nicht. Er wird weiter unten im Süden stecken.« Er zuckte mit den Schultern. »Der Mann ist daran gewöhnt, dass ich verschwinde. Govorin wird ihm eine Nachricht hinterlassen, damit er weiß, wo-, hin wir gegangen sind.« »Wenn du ihn liebst, warum schläfst du dann mit Frauen?«, fragte Annat ohne nachzudenken. Yuda hielt den Atem an. Laut sagte er: »Wer weiß das schon? Aber es ist eine Tatsache, dass ich ihn liebe. Ich schlafe nur mit Frauen, weil es mir Spaß macht, und ich verspreche ihnen nichts. Wenn ich glaube, sie könnten mehr fordern, lasse ich es sein.« »Was ist mit Isabel?« Yuda kicherte kläglich. »Ich habe nie mit ihr geschlafen. Wir stan- den uns zu nahe. Sie war eine Freundin, genauso, wie Govorin ein Freund ist. Und Shaka auch … Ich glaube nicht, dass du das schon verstehen kannst.« »Ich habe keine Freunde«, sagte Annat und blickte hinab auf die Eisenbahnschwellen und die Schotterberge zwischen ihnen. »Hatte ich auch nicht, als wir in Sankt Eglis wohnten. Bis ich dei- ne Mutter kennen lernte. Sie war mutig und schlau und schön …« Er brach ab. »Darüber zu reden, macht die Sache auch nicht bes- ser.« Ihr Herz machte einen Sprung, als Annat undeutlich vor sich die brennenden Öllampen ausmachte, die das Lager säumten. Yuda sah sie an. »Das ist der schwere Teil«, sagte er. »Aber wir werden zum Tunnel hinuntergehen und Govorin und Casildis treffen, und der Rest wird schnell vorüber sein.« Annat nickte, doch es fühlte sich an, als ob ihr Herz hinter ihren Rippen auf- und abhüpfte und hinabstürzte, nur um sogleich wie- der emporzuschießen. Sie starrte geradeaus, betrachtete die golde- nen Lichter, die wie Löcher in die Dunkelheit gestanzt waren, und sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Sie waren nur noch einige hundert Meter vom Tunneleingang entfernt, und in ihrer Vorstellung sah sie Zarras, einen traurigen Geist, der sie mit seiner aufgerissenen Kehle inmitten einer Menge anderer schattenhafter Gestalten erwartete. Sie blinzelte. Jemand stand tatsächlich neben den Schienen, nahe bei der Einfahrt des Tunnels, doch es war nicht Govorins massiger Umriss oder die schlanke Gestalt Casildis'. Ohne, zu wissen, weshalb, wurde Annat von einer unerklärlichen Angst ge- packt, als sie den Mann anhand seiner Statur und dem Schimmer seiner blonden Locken erkannte. Es war Sari, der Deputy. Mit großen Schritten kam Sari näher, das Licht blitzte in seinen Augen und auf dem Stahl an seiner Hüfte auf. Ein Schreck durch- fuhr Annat, als sie sah, dass er ein Schwert an seinem Gürtel trug. Sie drängte sich näher an Yuda, der ihr einen Arm um die Schul- tern legte. Einige Schritte vor ihnen machte der Deputy Halt und stand dort mit gespreizten Beinen. Die Schatten modellierten sein schönes Gesicht. »Guten Abend«, sagte er mit einer Verbeugung. »Ihnen auch einen schönen Abend, Mister Sari«, sagte Yuda sanft. Die Frage schwang in seiner Stimme mit, ohne dass er sie hätte aussprechen müssen: »Und was führt Sie heute hierher?« »Meine Schwester hat mir von eurer Reise berichtet.« »Wie ich sehe, haben Sie daran gedacht, Ihren Schürhaken mit- zubringen«, sagte Yuda und machte eine Geste in Richtung des Schwertes. Trotz allem fühlte Annat, wie ihn Erleichterung durch- strömte; einen Moment lang hatte er, wie sie, befürchtet, Sari habe etwas anderes im Sinn. Sari schien die Anspielung nicht verstanden zu haben, obwohl er seine Hand an seinen Schwertknauf geführt hatte. Abgesehen von der Schwertersammlung im Hause des Deputys hatte Annat erst einmal zuvor solche Waffen gesehen, nämlich in dem Haus des Va- ters ihrer Mame, wo sie auf dem Kaminvorsprung über dem Sims hingen. »Sind der Sheriff und seine Frau schon hier?«, fragte Yuda. »Der Sheriff bat mich, Ihnen auszurichten, dass er sich verspätet. Er hat mich vorgeschickt, um sicherzugehen, dass Sie in Sicherheit sind. Er wurde von einer wichtigen Nachricht aufgehalten.« »Zu freundlich von Ihnen«, sagte Yuda knapp. Annat wusste so- fort, dass er Verdacht geschöpft hatte; auch sie konnte sich nicht vorstellen, warum Govorin und Casildis plötzlich ihre Pläne ändern sollten, oder was so dringend sein könnte, dass Govorin Sari nicht, bitten würde, sich selbst darum zu kümmern. »Ich habe einige Begleiter mitgebracht«, sagte Sari und winkte zu den Schatten auf der rechten Seite des Tunnels hinüber. »Dies ist nicht der richtige Ort, um nachts allein zu sein.« »Ich hatte gehofft, ohne große Verabschiedung davonzukommen, doch Sie haben ohne Zweifel Recht«, sagte Yuda. »Sieben Tote sind genug, um einen Mann nachdenklich zu stimmen.« Ohne zu antworten machte Sari ihnen den Weg frei und lief mit ihnen gemeinsam die Schienen entlang auf den gewölbten Eingang des Tunnels zu. Einmal mehr fühlte Annat den kalten Atem, der ihnen entgegenwehte, als ob der Tunnel selbst die Kehle eines Rie- sen wäre. Entsetzen packte sie bei der Vorstellung, sie würden ver- schluckt werden und wären in der Dunkelheit verloren und ver- nichtet. Sie wünschte sich, dass Yuda die Laterne behalten hätte. Die Gedanken ihres Vaters waren ziemlich deutlich, und sie betra- fen sein Misstrauen gegenüber den wahren Motiven des Deputys. Er wollte Sari am Sprechen halten, bis klar war, warum er gekom- men war. Sie folgte ihrem Vater auf dem Fuße und wünschte sich, ihr Herz würde nicht so laut pochen. Am Rande des Tunnels blieb Yuda stehen und wandte sich Sari zu. »Es sieht Govorin gar nicht ähnlich, zu spät zu kommen«, sagte er und rieb die Hände aneinander. »Das muss aber eine sehr wich- tige Nachricht gewesen sein.« »Ich glaube, die Mitteilung kam mit dem Abendzug aus Masal- yar«, antwortete Sari. »Etwas, das ich wissen sollte?«, fragte Yuda und starrte zu ihm empor. »Oder geht das nur den Sheriff etwas an?« »Ich habe es nicht selbst gelesen«, sagte Sari. »An Ihrer Stelle wäre ich neugierig gewesen«, sagte Yuda mit ei- nem schwachen Lächeln. »Ich hatte meine Anweisungen vom Sheriff«, sagte Sari ohne eine Spur von Humor. »Zweifellos wird er es uns erzählen, wenn er kommt«, sagte Yuda. Annat fuhr zusammen. Durch das Leder ihres Rucksacks hatte sie, gespürt, wie sich die Puppe in ihrer Umhüllung geregt und gewun- den hatte, als ob sie zum Leben erwacht wäre. Plötzlich sah Sari sie merkwürdig an, und sie wusste, dass auch er es gespürt hatte. Die Wucht der Erkenntnis war so stark, dass sie kaum glauben konnte, dass Yuda selbst nichts bemerkt hatte. Es konnte nur eines bedeu- ten: Sari war ein Schamane, doch ein so mächtiger, dass er es wie Scorpion verbergen konnte. Sie packte das Handgelenk ihres Vaters. »Was?«, sagte er ärgerlich. »Wir können nicht gehen«, sagte Annat, und ihre Stimme war ganz dünn vor Angst. »Wovon sprichst du, Mädchen?« Annat sah zu Sari hinauf. Sie war außerstande, ihre Augen von ihm abzuwenden. Er beobachtete sie mit einer Eindringlichkeit, die sie zu verzehren schien, als könnte sein Blick ihr das Fleisch von den Knochen reißen. Ihr wurde klar, dass er sie davon abhalten konnte, ihr Wissen preiszugeben. Sofort dämmerte ihr die Wahr- heit: Sie würden niemals zurückkehren, nicht deshalb, weil sie beim Betreten von La Souterraine verloren gehen würden, sondern weil Sari und seine unsichtbaren Begleiter sie hier im Dunkeln töten würden. Und ihre Leichname würden nie gefunden werden. Verdutzt ließ Yuda den Blick von dem Mann zu seiner Tochter wandern. »Was ist denn los?«, fragte er sanft und berührte sie an der Schulter. Irgendwie erlöste sie seine Berührung von Saris Mäch- ten, und der Gedanke flog von ihrem Geist in Yudas. Rascher je- doch, so flink, dass Annat nicht gesehen hatte, wie er sich bewegte, ließ sich Yuda auf ein Knie sinken und schleuderte einen silbrig- blauen Lichtstrahl auf Sari. Der Deputy taumelte zurück und war einen Augenblick lang geblendet, doch seine Hand griff nach seinem Schwert. »Lauf«, sagte Yuda zu Annat, aber bevor sie in der Schutz verhei- ßenden Dunkelheit verschwinden konnte, tauchte ein Schwarm der schwarzen Gestalten im Licht auf, und der gelbe Schein wurde von ihren geschärften, stählernen Waffen zurückgeworfen. Yuda drückte sich kurz hinter dem Eingang zu ihrer Linken gegen die Tunnel-, wand und zog Annat mit sich, während Sari sich die Tränen aus den geblendeten Augen wischte. »Versuch nicht, deine Kräfte zu nutzen«, zischte ihr Yuda ins Ohr. »Überlass das mir.« Im Halbkreis kamen die Männer näher und schwangen ihre Schwerter und Äxte. Annat konnte nur das Licht sehen, das sich in ihren Augen spiegelte. Sie presste sich gegen Yuda und wünschte sich, sie könnte sich hinter ihm verstecken. Sari tauchte hinter den Reihen seiner Begleiter auf und hielt nun die gezogene Klinge in der Hand. Er bahnte sich seinen Weg durch die Männer und türmte sich vor Annat und Yuda auf wie eine große Pinie, neben der eine Birke zwergenhaft erschien. »Was willst du?«, fragte Yuda und hielt seinen Arm vor Annat verschränkt, um sie festzuhalten. »Das Mädchen weiß, was ich will«, sagte der Deputy und zeigte seine weißen Zähne. »Verschwende nicht meine Zeit. Hast du vor, uns zu töten?« »Ich werde euch töten, Wanderer, so langsam, wie ich es möchte. Aber ich kann auch gnädig sein. Der Tod des Mädchens wird schnell sein.« – Zyon, er ist verrückt, dachte Yuda. Er fühlte, wie Annat zitterte, deshalb fügte er hinzu: Ganz ruhig. »Gibt es irgendeinen Anlass?«, fragte er laut. »Ich habe meine Gründe«, sagte Sari. »Doch ich sehe keine Ver- anlassung, sie dir zu verraten. Wenn ich mit dir fertig bin, werde ich dein Herz herausschneiden und es an meine Hunde verfüttern.« »Mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst«, sagte Yuda und bleckte die Zähne. – Sorg dafür, dass er weiter spricht. Gewin- ne Zeit. »Ich weiß nicht, was du gegen mich hast, Mister. Ich bin ge- rade mal drei Tage hier.« »Du weißt es also nicht, Wanderer? Vielleicht bist du doch nicht so schlau, wie du immer tust. Wenn du so ein mächtiger Schamane bist, dann stell es unter Beweis. Sag mir meine Gedanken.« Yuda schwankte auf seinen Füßen und blinzelte. Annat fühlte die, Auswirkungen eines reißenden Angriffs auf den Geist, der ihr wie Feuerhauch ins Gesicht blies. Sie sah, wie sich das Gesicht ihres Va- ters mit einem Ausdruck von Verachtung und Abscheu verzerrte. »So ist das also?«, sagte er. »Ich kenne deine Gedanken besser als du selbst, Sari.« Er stieß Annat grob gegen das Mauerwerk, baute sich vor ihr auf und sagte: »Dein Zorn trifft nur mich, nicht das Rebjonok. Lass sie gehen. Was hat sie dir denn getan?« Sari hob das Schwert, sodass die Spitze auf Yudas Brust ruhte. Annat fühlte, wie ihr Vater sich verkrampfte. Die Klinge war keine elegante, silberne Waffe, sondern ein mörderisches Stück rauen Stahls, das zum Durchtrennen und Zerhacken von Gliedern ge- dacht war. Sie fühlte die Macht durch ihre Hände fließen und sich den Weg bahnen, um hervorzuschießen und Saris Gesicht zu ver- sengen. Sie kämpfte darum, sie unter Kontrolle zu bekommen und steckte ihre Hände unter die Achseln. Wenn sie den Deputy jetzt angreifen würde, würde ihn das nur noch weiter aufbringen, doch das Verlangen, ihm das grinsende Gesicht mit den großen Augen zu verbrennen, war wie ein quälender Juckreiz. Ihre Panik mischte sich mit Wut wie Tinte in Wasser; in Yuda jedoch war kein Platz mehr für Furcht. »Na los, du verdammter Bastard«, sagte er verächtlich. »Spieß uns schon auf, dann werde ich dich mit mir reißen. Oder glaubst du nicht, dass ich das kann?« Er griff nach dem Schwert und zog es zu sich, obwohl er sich dabei die Hände an den scharfen Kanten aufschnitt. Sari reagierte, wie Yuda es gehofft hatte, und machte in der ersten Schrecksekun- de einen Schritt zurück. Und Yuda setzte nach; die Macht in seinen Händen begann zu knospen. Gleichzeitig ertönte ein Schrei in der Nacht: ein langer, kreischender Ruf, der von den gewölbten Wän- den des Tunnels widerhallte. Er riss nicht ab, und Annat schlug sich die Hände über die Ohren. Aus der Dunkelheit stürmte eine schwarze, stampfende Masse mit einer grauen Rauchmähne herbei und zerstreute Saris Begleiter, die ihr aus dem Weg sprangen. Bei dem Versuch, dem Zorn des Monsters zu entgehen, verlor der De-, puty den Halt und fiel über die Schienen. Annat kauerte sich zu- sammen, denn sie fürchtete sich vor dem riesigen, metallenen Leib auf Rädern, den sie einen Augenblick lang nicht einzuordnen wusste. Das Ungeheuer schrie wie ein Pferd in Todesangst, als es zum Halten kam; Yuda riss sie hoch in seine Arme und rannte da- rauf zu, doch in ihrer Angst wehrte sie sich gegen ihn. Er warf sie in den Bauch des Ungetüms, und sie landete hart auf dem heißen Metallboden, während ihr Vater durch die Tür hinter ihr hereinklet- terte. Sie hörte eine vertraute Stimme rufen, und eine kühle Hand berührte ihr Gesicht. Dann setzte sich die Lok zitternd in die ent- gegengesetzte Richtung in Bewegung, ihre kreischende Stimme er- füllte die Dunkelheit, und sie ließen den Tunnel hinter sich zurück auf dem Weg zum Rangierbahnhof. Yuda hockte sich neben Annat, nach Luft ringend und an der Hand und aus der Brust blutend. Er blickte über die Schulter und sah gerade noch, wie ein wildes Ge- sicht mit glotzenden Augen in der Tür erschien. Die Haut war gelb- lich wie die einer Leiche, die Augen eiskalt. Yuda beugte sich über Annat, um sie abzuschirmen, und sah dann Casildis, die mit we- hendem blondem Haar zur Türöffnung sprang und den Angreifer mit einer langstieligen Schaufel abschüttelte. Govorin bediente die Regler der Lok und führte sie mit wachsender Geschwindigkeit die Schienen entlang zurück. »Sergey«, keuchte Yuda. »Wir müssen zurück zum Tunnel.« »Wir müssen von hier weg, Mister!« »Fahr uns in den Tunnel. Es ist unsere letzte Chance. Wenn wir heute Nacht nicht durchkommen, glaubst du wirklich, dass Sari dann einen von uns am Leben lassen wird? Wir nehmen die Lok mit uns nach La Souterraine.« Govorin legte den Bremsregler um und drehte das Rad zur Um- kehr der Fahrtrichtung so heftig, dass die Lok mit einem Satz zum Halten kam, ihre Metallräder kreischten auf den Schienen. »Du willst, dass ich sie gegen die Mauer fahre?«, fragte Govorin und wischte sich mit dem Ärmel den Ruß aus dem Gesicht. »Du musst tun, was er sagt, Sergey«, sagte Casildis und richtete, sich von ihrer Arbeit an der Feuerbüchse auf. »Du hast gesehen, was Sari vorhatte. Denkst du, nach der heutigen Nacht lässt er auch nur einen Stein deines Tunnels auf dem anderen? Wir müssen es wagen.« »Wir werden sterben, das weißt du«, sagte Govorin trocken. »Glaubst du, ich würde dich bitten, dich selbst, meine Tochter und deine Frau zu töten? Zyon, Mann, da unten ist eine Schama- nenpforte, so groß wie ein Scheunentor. Heiz sie an!«, schrie Yuda und rappelte sich auf. Govorin schwieg einen Augenblick. Dann, mit grimmigem Ge- sicht, drehte er am Rad und betätigte das Ventil, sodass eine Dampfwolke ausgestoßen wurde. Die Lok schoss voran und stampf- te die Bahnlinie entlang wie ein eiserner Drachen. Annat sah den Tunneleingang auf sie zukommen, ein weit aufgerissener Schlund, der sie verschlingen wollte. Die kleinen Gestalten rannten auf den Zug zu, und wieder sah sie Sari, der sein Schwert schwang, als er aus dem Schatten rannte. Er hätte ebensogut eine Haarnadel halten können; der Zug rauschte an ihm vorbei, und einen Augenblick lang sah Annat sein schreiendes Gesicht, bevor sie in die Dunkel- heit eintauchten. Sie sprang auf die Beine und fühlte, wie ihr die heiße Luft und der Ruß ins Gesicht bliesen; ihre Gedanken waren erfüllt vom Kreischen der Räder und dem Stampfen der Lok. Sie ge- wannen an Geschwindigkeit, und sie sah den blanken Felsen auf sich zurasen, umgürtet von den Stahlstreben des Bohrgerüstes. Sie beugte sich nach vorne und schützte den Kopf mit ihren Händen, als sich die Lok gegen den Felsen warf. Es gab ein heulendes Ge- räusch, das Brüllen von Dampf und das Kreischen von Metall, be- vor die Dunkelheit vor ihnen zerriss und die Lok den Spalt über- sprang. Sie brannte sich ihren Weg in ein kaltes Licht.,

KAPITEL 9 Das fahle Tageslicht stach Annat in den Augen; sie blinzelte dieAngsttränen fort und rieb sich die Lider. Sie verstand nicht,

warum der Zug weiterglitt, als ob sich die Schienen auf der ande- ren Seite des Tores nach La Souterraine fortsetzten. Govorin betä- tigte wieder die Bremsen, sanfter dieses Mal, und die Lok kam äch- zend zum Stehen, eingehüllt in die zischenden, säuselnden Wirbel ihres eigenen Dampfes. Annat hörte Casildis husten; sie selbst sprang zu Yuda und schlang die Arme um ihn; sie klammerte sich an ihn, wie sie einst an Yuste gehangen hatte. Yuda hielt sie fest. »Du warst ganz schön tapfer, Missis«, sagte er und streichelte ihr übers Haar. »Ich habe den Tod schon einige Male gesehen, doch dieses Mal kam er so nah, dass ich seinen schmutzigen Atem rie- chen konnte. Was hat dich so lange aufgehalten, Mister Govorin?« Govorin stand mit gespreizten Beinen nach vorne gebeugt und schnappte nach Luft. »Bei der Mutter, Yuda«, japste er. »Das nenne ich Glück. Cas und ich waren tatsächlich spät dran, weil mir Sari eine Nachricht aus Masalyar gebracht hatte, doch als ich einen Blick darauf warf und sah, wie nichtssagend sie war, wurde ich miss- trauisch. Wir haben das Haus verlassen und sind den ganzen Weg hierher gerannt. Kaum waren wir angekommen, sahen wir, woher der Wind wehte. Deshalb rannte ich zum Rangierbahnhof, be- schlagnahmte diesen Zug und fuhr mit voller Geschwindigkeit zum Tunnel. Ich werde jetzt die Strecke weiterfahren. Macht keinen Sinn, hier zu warten, bis Sari sich zu uns gesellt.« »Welche Strecke?«, rief Yuda. »Es hat den Anschein, als hätte jemand die Schienen auf dieser Seite des Tunnels weiterverlegt.« Yuda, Annat und Casildis drängten sich auf Govorins Seite, wo sie durch das Führerfenster spähen konnten. Die Schienen verliefen geradewegs in die Ferne, stahlgrau, durch die öde, schneeweiße Ebe-, ne. Yuda wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. »Das wird uns einen Vorsprung vor Sari geben«, sagte er. »Aber mir wäre wohler, wenn ich sehen könnte, wohin der Weg führt – und wüsste, wer die Schienen verlegt hat. Vielleicht schicken sie uns über einen Abhang.« »Es gibt nur einen Weg, das rauszufinden«, sagte Govorin mit ei- nem grimmigen Lächeln. Er wandte sich wieder den Anzeigen zu und betätigte ein Ventil, sodass sich der Zug vom Tunnel entfernte und auf der Fahrt durch die weite Fläche an Geschwindigkeit zu- legte. Der Himmel bildete ein perlweißes Gewölbe, das sich makel- los von Horizont zu Horizont erstreckte. Annat dachte, so müsste es sich anfühlen, wenn man sich plötzlich in einem Hühnerei wie- derfände und empor zum blassen Baldachin der Schale schaute. Auf beiden Seiten des Bahndamms war das Land von einer kristall- klaren Schneedecke überzogen. Sie machte einen Schritt zurück und sagte zu Yuda: »Du blutest.« »Das kannst du wieder heilen, Natka«, sagte Yuda. »Es ist ein glat- ter Schnitt. Wenn Sari tiefer gelangt wäre, hätten wir meine Inne- reien sortieren müssen.« »Er wollte dich töten, nicht wahr?«, fragte Casildis traurig. »Ich kann es nicht glauben. Ich verstehe nicht, was ihn so verändert hat.« »Er wollte uns beide umbringen«, sagte Yuda ruhig. »Tut mir Leid, Missis«, fügte er hinzu, als sich Casildis wegdrehte und ihr Gesicht in den Händen vergrub. »Schon gut, Yuda. Nicht jetzt. Du bist verletzt; lass mich weiter heizen, während sich Annat um deine Heilung kümmert.« Yuda betrachtete die Frau mit einem besorgten Gesichtsausdruck, während er Annat seine Hand entgegenstreckte. Das Schwert hatte zwei tiefe Furchen in seiner Handfläche hinterlassen, aus denen reichlich Blut quoll. »Das kann ich nicht, Mister«, sagte Annat ängstlich. »Natürlich kannst du«, sagte er stirnrunzelnd und lächelte sie zu- gleich an. »Es wird Zeit, dass ich dir zeige, was zu tun ist. Als ich in, deinem Alter war, habe ich schon viel größere Wunden geheilt – doch ich hatte Sival, der mir alles zeigte.« Yuda ließ den Sheriff und seine Frau im Waggon zurück und kletterte über den mit Holzscheiten angefüllten Tender, um sich an der Rückseite der Lokomotive auf den Wassertank zu setzen. Er hielt seine rechte Hand in die Höhe und untersuchte mit fachmännischem Blick die beiden Schnitte auf seiner Handfläche, während sich Annat neben ihn kauerte, nun plötzlich blind für die Landschaft, durch die sie fuhren. Als er ihr die Hand hinhielt, nahm sie sie vorsichtig in ihre eigene. »Es gibt drei Dinge, auf die du achten musst«, sagte Yuda. »Ge- webe, Blutgefäße und Haut. Kümmere dich erst mal nicht um Ner- ven. Schließ deine Augen, und sieh mit den Fingerspitzen.« Annat gehorchte und war plötzlich verloren in der belebten Welt der Zellen, Zellkerne und des Plasmas. Sie machte sich ihre Fähig- keit zu Nutze und versuchte, die Nervenenden wieder in die Struk- tur einzupassen, aus der sie herausgelöst worden waren, doch sie schnellten hin und her und entglitten ihr. »Es ist wie Nähen«, sagte Yuda. »Ich werde dich führen.« Er legte seine linke Hand auf ihre und steuerte ihre Kraft; er machte aus ihr die Nadelspitze, die sich zwischen den farbigen Zel- len bewegte und sie langsam zusammennähte. Unter Annats Berüh- rung begannen sich die Muskelfasern zu lösen und neu anzuord- nen, sodass sich der Schnitt, der sie versehrt hatte, wieder schloss. Sie lachte atemlos. »Du musst langsam arbeiten«, sagte er und drückte ihren Hand- rücken. »Du musst sie nur – anstoßen.« Annat bewegte ihre Fingerspitzen gleichmäßig am Rand des Schnitts entlang; ihre Augen hielt sie so fest geschlossen, dass An- nat hinter ihren Lidern das dünne Muskelgewebe, die hin- und her schnellenden Blutkörperchen und die verletzlichen Blutgefäße, die wie winzige Orgelpfeifen aneinander hingen, sehen konnte. Zwi- schen ihnen befanden sich Yudas Nervenenden, feurig blaue Sträh- nen, die funkelten und zischten., Sie war überrascht, wie schnell sie das Ende des Spalts erreicht hatte, der ersten Wunde in Yudas Handfläche. Ihre Augen öffneten sich, und sie lächelte ihm ins Gesicht. »Gar nicht schlecht für eine Anfängerin«, sagte Yuda und zeigte ihr die rohe, rote Narbe, die die Heilung hinterlassen hatte. »Eine solche Naht sollte sich in einigen Stunden verschlossen haben und nur einen blassen Strich hinterlassen. Jetzt sollte es für dich ein- facher sein, die andere Wunde anzugehen.« Der zweite Schnitt war weniger tief und hatte lediglich die Haut verletzt. Annat fand es leichter, die beiden Seiten zu verbinden, ohne die Augen zuzukneifen und durch die Fingerspitzen blicken zu müssen. Sie zog die beiden Hautlappen zusammen und ver- schmolz sie, indem sie das Gewebe unter ihrer Berührung zusam- menfließen ließ. Als sie fertig war, hob Yuda die Hand, bog sie und drehte sie in alle Richtungen. »Ich brauche dir ja nicht zu sagen, dass dies meine Messerhand ist«, sagte er trocken. »Ich hoffe, ich werde sie wieder benutzen können.« »Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte sie besorgt. »Nein, nein. Aber du musst noch viel lernen. Genauso, wie du den Zellen sagst, sie sollen sich teilen, musst du ihnen auch sagen, wann es genug ist.« Er grinste. »Ich habe das diesmal getan. Ich wollte nicht, dass mir ein Paar Handschuhe wachsen.« Annat schauderte. Seine Worte riefen ihr das Entsetzen und die namenlose Angst der Augenblicke im Tunnel ins Gedächtnis zu- rück, als Sari sie verhöhnte. »Wie konntest du so furchtlos sein, als Sari…« »Du hast das gemerkt. Seltsame Sache mit der Angst. Ich über- nehme das Heizen, und ich rate dir zu schlafen. Muss schon ganz schön spät sein.« Annat spürte, dass er mit seinem gleichgültigen Getue nur seine wahren Gefühle vor ihr verbarg. »Was ist mit der Wunde in deiner Brust?«, fragte sie. Yuda lächelte. »Das ist keine Wunde«, sagte er. »Das ist ein Krat-, zer.« Damit kletterte er vom Wassertank in den Tender, um Casil- dis abzulösen. Annat fühlte sich nicht im mindesten schläfrig. Sie stand auf dem Dach des Tenders, stemmte sich gegen den Fahrtwind und warf die Haare zurück. Von ihrem Standort aus konnte sie sehen, wie Ca- sildis Holz in die offene, glühende Feuerbüchse schaufelte und wie Govorin seine Hände ruhig auf den Reglern hielt. Von Zeit zu Zeit drehte er seinen Kopf, um die Skalen und Ventile auf der schwar- zen Anzeigetafel der Lok zu überprüfen. Dies war keine mächtige Lokomotive wie die, die Shaka gefahren hatte; der Kessel war klei- ner und kompakter, und sie hatte sowohl einen langen, lodernden Schornstein als auch einen Dampfdom aus Messing. Die Lok war mit einem glänzenden, schwarzen Lack versehen, der im fahlen Licht des Himmels und durch die Spiegelungen des weißen Bodens leuchtete; der Ausstoß aus dem Schornstein war eine wolkengraue Rauchfahne, die über Annats Kopf hinwegwehte und den Geruch nach Asche und Teer verbreitete. Die kalte Luft fing sich während der rasenden Fahrt in Annats Haar, und sie breitete die Arme aus, um sie zu umfassen. Wenn die- ses Land La Souterraine war, dann gehörte es in diesem Augenblick nur ihr allein. Es gab keine Fußstapfen im Schnee, keine Spuren von Vögeln oder Andeutungen von eingeschneiten Bäumen, die die Oberfläche durchbrachen: nur die dunklen Linien der Bahnschie- nen, die mit dem Horizont zu verschmelzen schienen. Annat dreh- te sich auf der Stelle, um den Weg, den sie gekommen waren, zu- rückzublicken, und der Wind fuhr ihr in den Nacken. Sie konnte gerade noch den dunklen Fleck des Tunneleingangs ausmachen, den sie eben verlassen hatten – und dann sah sie die Pferde. Sie wandte sich zur Lok, um ihren Vater zu rufen und ihm zu zeigen, was sie gesehen hatte, doch sie entschied sich dagegen. Die Reiter waren so weit entfernt, dass sie kaum ihre Farben erkennen konnte. Dieser Zug bewegte sich nicht langsam wie der, mit dem sie von Masalyar nach Gard Ademar gekommen waren; er fuhr schnell ge- nug durch die Ebene, um die Reiter abzuhängen – fürs Erste., Sie beobachtete Casildis, die sich im Tender zusammengerollt hatte und versuchte, ein bisschen Schlaf zu bekommen. Annat war enttäuscht, dass die Frau döste, während sie sich danach sehnte, mit jemandem die Aufregung über die Seltsamkeit dieser Welt zu teilen, die den Anschein erweckte, gerade erst entstanden zu sein, nur um sie zu empfangen. Die Landschaft hatte etwas Zartes an sich, sie wirkte, als sei sie tatsächlich gerade erst aus dem Ei ge- schlüpft und hätte sich noch nicht gefestigt. Sie setzte sich auf das kalte Dach, umfasste ihre Knie mit beiden Händen und leerte ihre Gedanken, bis nichts als das vollkommene Weiß und die Stille von La Souterraine in ihrem Kopf Platz hatte. Plötzlich kam die Lok zum Stehen. Die Räder kreischten in den Bremseisen, sprühten Funken und knirschten, und Dampf strömte aus den Zylindern und hüllte die Lok ein. Govorin lehnte sich auf der linken Seite aus dem Führerstand, und Yuda spähte über seine Schulter. Von ihrem erhöhten Ausblick aus sah Annat in einiger Entfernung eine Gestalt mit gesenktem Kopf, die den näher kommenden Zug gar nicht zu bemerken schien. »Bei der Mutter, es ist Malchik!«, schrie Govorin. Annat sah, wie ihr Vater aus dem Wagen sprang und für einen Augenblick verschwand, bevor er vor ihnen auf den Schienen wie- der auftauchte und mit großen Schritten zu ihrem Bruder sprang, der ihn nicht beachtete. Sie folgte Yuda, sprang in den Tender und kletterte über die schwankenden Holzscheite, als Casildis sich auf- setzte, sich die Augen rieb und nach dem Grund für den Zwischen- stopp fragte. Annat antwortete nicht; ihr Herz klopfte schneller, als es sollte, und ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, das ihr fast den Atem nahm, als sie aus dem Wagen hinauskletterte. Bevor Yuda bei dem Jungen angekommen war, blieb Malchik stehen, gebückt wie unter einer unerträglichen Last, und hob den Kopf. Er stand da wie eine Figur aus geschmolzenem Wachs, als ob er kurz davor wäre, zu zergehen und in dem schneebedeckten Schot- ter zu versickern. Mit Entsetzen fragte sich Annat, ob das tatsäch- lich ihr Bruder war, oder eine Illusion, die ausgeschickt worden war,, um sie in eine Falle zu locken. Sie sah, wie Yuda seine Hände auf Malchiks Schultern legte, doch der Junge sackte zu seinen Füßen zusammen und klammerte sich an Yuda, als erkenne er ihn nicht. Annat durchzuckte ein Schmerzstoß; sie wusste, dass sie die Ge- fühle ihres Vaters teilte. Sie musste den Qualen Einhalt gebieten und presste die Hände in die Taille, als ob sie Seitenstiche hätte. Es war sehr still, bis auf das Zischen des Zuges hinter ihr. Sie hör- te Yuda flüstern: »Malchku«, und dann: »Was ist mit dir gesche- hen?« Ihr Bruder antwortete nicht und zeigte keinerlei Regung. Ihr Vater beugte sich über ihn und packte ihn bei den Oberarmen, um ihm in den Stand zu helfen. »Komm schon, Rebjonok. Sei ein Mann«, sagte er sanft und fast berührte sein Gesicht Malchiks ge- senkten Kopf. Annat blieb zögernd in einiger Entfernung stehen und fühlte, dass ihre Anwesenheit nicht gewünscht war. Sie sah zu, wie Yuda Malchik zuredete, doch aufzustehen, und wie er den Jun- gen ermunterte, wie man es mit einem kleinen Kind getan hätte. Malchik lehnte gegen seinen Vater und war kaum in der Lage, auf- recht zu stehen. Annat eilte an seine Seite, als sie sah, dass ihr Vater Mühe hatte, den großen Körper seines Sohnes zu stützen. Sie nahm den linken Arm ihres Bruders und legte ihn sich um die Schultern; Malchik sagte benommen, aber erfreut: »Hallo Annat.« Yuda sagte: »Danke, Rebjonok. Ich dachte, wir würden uns gleich im Schnee wiederfinden.« »Fahren wir nach Hause?«, fragte Malchik und blinzelte zu dem Zug hinüber, den er zum ersten Mal wahrzunehmen schien. Wieder fühlte Annat Yudas Traurigkeit. »Noch nicht, Junge«, sagte er. »Wir treffen Mister Govorin, und du kannst dich auf schö- nem, knorrigem Holz hinlegen.« Malchik stieß ein zischendes Geräusch aus, das offensichtlich als Lachen gemeint war. Abwechselnd stützte er sich schwer auf Yuda und Annat; er schwankte hin und her, während sie ihm die Schie- nen entlang halfen. Unglaublicherweise trug er noch immer die Harfe auf seinen Rücken geschnürt, die einige Male gegen Annat schwang und ihren Arm prellte. Als sie kurz vor der Lok waren,, rannte ihnen Govorin entgegen und nahm Annats Platz ein; fast trug er Malchik die letzten Meter allein. Er lud den Jungen im Ten- der ab, nachdem er ihn zuvor von seiner Harfe befreit hatte, und Casildis zog ihre Jacke aus und legte sie zusammengefaltet unter Malchiks Kopf. Kurzsichtig blinzelte Malchik sie an; ihr Gesicht war rußverschmiert, was das Blau ihrer Augen noch strahlender er- scheinen ließ. »Guter Junge«, sagte Yuda, der in der Tür zum Tender lehnte. »Jetzt, wo wir dich gefunden haben: Was sollen wir mit dir ma- chen?« »Konnte nicht fliehen«, sagte Malchik, und es schien eine große Anstrengung, die Worte herauszupressen. Yuda ließ sich neben seinem Sohn auf den Holzstößen nieder. »Erzähl uns besser alles, Malchku«, sagte er und ergriff die Hand des Jungen. Malchik schniefte und drückte seine Nasenspitze. »Ich wusste nicht, wo ich war. Verloren.« Er hielt inne, schloss die Augen und gähnte ausgiebig. »So müde«, sagte er schläfrig. »Sprich weiter, Rebjonok. Wir werden dich gleich schlafen lassen.« »Ich kam hindurch, aber ich konnte nicht zurück«, sagte Mal- chik; mit Mühe stieß er die Worte hervor. Er klopfte sich auf die Brust. »Samen, Eiskorn. In mir. Wächst. Wie bei Sari. Darf nicht wie Sari werden.« »Aber wie kann Sari…?«, schrie Casildis auf. Yuda streckte seine freie Hand aus, um sie zu stoppen, und schüttelte den Kopf. »Was ist mit dem Eissamen, Junge?«, fragte er. »Wir hören dir zu.« »Sie hat mich dazu gebracht, hindurchzugehen. Und sie hat mir das Eiskorn eingepflanzt. Um mich zu ihrem Diener zu machen.« Er starrte vor sich hin, und in seinen Zügen zeichnete sich das Entsetzen ab. »Die Kalte. Ich musste ihr folgen. Durfte mich ihr nicht widersetzen. Es tut mir Leid, Tate, es tut mir so Leid …« Und er rollte sich zur Seite, Tränen quollen unter seinen geschlossenen Lidern hervor. Yuda drückte Malchiks Hand. »Entschuldige dich nicht bei mir, Junge«, sagte er sanft. »Wie ich, schon sagte: Du bist gerade Schamane genug, um verletzlich zu sein. Aber weißt du, was vor uns liegt? Hast du irgendjemanden ge- sehen?« Malchik sah ihn jämmerlich an. »Niemanden, Tate. Nur Schnee. Endlosen Schnee. Ich war allein.« »Das reicht erst mal, Junge«, sagte Yuda. »Schlaf jetzt. Schlaf!« Und er legte Malchik die Hand auf die Stirn und ließ sie einige Zeit dort ruhen, bis dem Jungen die Augen zufielen und sein Körper sich entspannte. Yuda setzte sich zurück zwischen die Holzscheite und sah Govorin mit grimmigem Gesicht an. »Hast du das gehört, Mister?«, sagte er. »Wir haben eine Fahrkarte zur Hölle, keinen Rückschein, und Sari ist uns auf den Fersen.« »Aber wir haben doch jetzt Malchik gefunden, warum können wir nicht nach Hause zurück?«, fragte Annat. »Wir könnten gegen Sari kämpfen!« Yuda sah sie einen Moment lang an, bevor er ihr antwortete. »So einfach ist das nicht, Natka. Irgendetwas hat Malchik befleckt – mit dem Eiskorn. Er sagte selbst, dass er nicht fliehen konnte. Wenn wir jetzt versuchen würden, diese Welt zu verlassen, könnte ihn das töten. Wir müssen mehr über die Kalte herausfinden, und warum sie ihn hierher gebracht hat. Wir können nicht umkehren.« »Was mir Sorgen macht, ist die Frage, warum Sari uns folgt«, sag- te Govorin. »Er ist uns alle auf einen Streich los. Er braucht uns nicht umzubringen.« »Aber er will mich tot«, sagte Yuda. »Trotzdem, du hast Recht, Sergey. Das kann nicht sein einziger Grund sein, in eine andere Welt zu tauchen und uns auf dem Pferderücken zu jagen, wenn er weiß, dass wir ihm entkommen können.« Casildis wischte sich über das Gesicht und verschmierte dabei den Kohlenstaub. »Ich kann nicht glauben, dass mein Bruder so mordlustig sein kann«, sagte sie. »Er war immer ein harter Mann, ein schroffer Mann – doch nicht böse. Es ist wahr, dass er sich in den letzten Jahren sehr verändert hat. Er hat Mari früher nie ge- schlagen …«, Annat spürte das Mitleid ihres Vaters Casildis gegenüber, doch es schwang etwas anderes in dem Mitgefühl mit, ein kleiner, glühender Funke, dessen Bedeutung Yuda für sich behielt. Es war feiner, doch intensiver als die raue Leidenschaft, die er für Rosa empfunden hat- te: Es war etwas Neues. Während Yuda sich wieder dem Heizen zuwandte, zogen Casildis und Annat Malchik weiter in den Tender hinein, damit er nicht der Schaufel im Weg war. Weil Casildis zögerte, auf das Dach des Was- sertanks zu klettern, ließen sie sich an der Rückseite eines Holz- stoßes nieder und versuchten, es sich zwischen den Scheiten behag- lich zu machen. Casildis überredete Annat, sich an sie zu lehnen, und einige Zeit saßen sie schweigend dort und sahen zu, wie die traumgleiche Landschaft an ihnen vorbeiflog. Es wurde nie dunkel; das Licht schien sich zu ändern und einen seltsamen und schönen Widerschein auf die Eiswüste zu werfen, sodass der Schnee mit sei- nen wechselhaften blauen Schatten schimmerte. Casildis streichelte Annats Haar, und das beruhigende Gefühl der Berührung ihrer Fin- ger half Annat, trotz des Brüllens vom Feuer unter dem Rost und dem Knirschen der Lok, von Zeit zu Zeit einzudösen. Annat drückte ihren Rucksack gegen die Brust und fühlte durch das Leder den kantigen Körper ihrer Puppe. Diese hatte sich nicht bewegt, seit dem Moment draußen vor dem Tunnel, als sie sich wie ein lebendiges Wesen geregt hatte. In Gedanken sah Annat ihre drei Gestalten wie ein Schnitzwerk vor sich: Casildis mit Annats Kopf, der auf ihren Knien ruhte, und sich selbst, wie sie ihre Puppe in den Armen wiegte, wie eine altertümliche Mumie in Kleidung und Häute eingewickelt. Unterhalb der Stelle, wo ihre Füße lagen, schnarchte Malchik mit offenem Mund. Hinter ihm in der Lok schaufelte ihr Vater unermüdlich Holz; seine Jacke hatte er ausge- zogen, seine Ärmel hochgekrempelt. Das Glühen aus der Feuer- büchse flackerte auf seinem blassen Gesicht und seinen Händen, wann immer er Pause machte, um mit Govorin zu sprechen. Die dunkle, glänzende Haut des Sheriffs veränderte sich in diesem Licht zu rötlicher Bronze, und seine Zähne strahlten wie Porzellan. Ge-, legentlich, wenn der Lärm eine Sekunde lang verebbte, hörte sie die hohen Töne von Govorins Gelächter. Doch sie konnte ihre Gedan- ken nicht davon abhalten, zu Sari und seinem ruhigen, schönen Gesicht zurückzukehren, als er Yuda bedrohte. Wenn Yuda wäh- rend des Augenblicks, in dem sie sich mit Hilfe des Sendens ver- ständigten, etwas vom Deputy erfahren hatte, dann hatte er sich da- gegen entschieden, es ihr anzuvertrauen. Annat runzelte die Stirn. Sie fragte sich, was wohl geschehen wäre, wenn sie doch umgekehrt wären und sich ihren Verfolgern entgegengestellt hätten. Sicher hätten sie sich die Bahnlinie ent- lang zurückziehen und dann an Sari vorbeischlüpfen können, bevor er in der Lage gewesen wäre, sie zu stoppen. Dann, wie schon ein- mal, hätten sie durch das Schamanentor in die obere Welt springen und in die Sicherheit fahren können … Annat tastete nach den Bän- dern, die ihren Rucksack verschlossen, und ließ ihren Blick von dem Glühen des Führerstands über die perlweiße Oberfläche der Landschaft und zurückgleiten. Alles um sie herum war in Bewe- gung: Die beiden Männer im Führerhaus, die sich abmühten, die Lok unter Kontrolle zu halten und ihr ewig hungriges Maul stopf- ten, und das Land, das nach hinten außer Sichtweite verschwand und sich wie ein Kaleidoskop vor ihren Augen veränderte, obgleich es stets weiß blieb. Ihr Vater musste Recht haben. Auch wenn sie Malchik gefunden hatten, konnten sie nicht riskieren, den Zorn der Kalten auf sich zu ziehen beim Versuch, ihn von dem Ort wegzu- holen, an dem sie ihn eingekerkert hatte. Sie mussten weiterfahren, bis sie einen Weg gefunden hatten, ihn zu heilen. Die Nacht brach so plötzlich herein, dass Annat nach Luft schnappte und sich aufsetzte. Die blassen, schimmernden Wolken zogen sich zurück und enthüllten einen tiefen, majestätischen Brunnen in Mitternachtsblau, auf dem geisterhafte Lichter wie ein violetter, indigoblauer und mauvefarbener Schleier tanzten und zuckten. Es gab Sterne, größer und klarer als alle, die sie je zuvor gesehen hatte, kalt und nah, und riesige, zerklüftete Monde, die am Horizont glühten. Govorin betätigte die Bremsen, diesmal mit, mehr Gefühl, und mit einem Ruck kam die Lok zum Stehen; Qualm quoll unter Funkensprühen aus dem Schornstein. Die bei- den Männer standen in der Tür zum Führerstand und schauten hinauf in den Himmel; Annat sah, wie Yuda zitterte. »Zyon, es ist wunderschön«, sagte er. »Gepriesen sei der Eine, der die Nacht hereinbrechen lässt.« »Gelobt sei sein Name«, murmelte Annat. Govorin legte Yuda seine mächtige Hand auf den Rücken. »Ein schönes Gebet, mein Freund«, polterte er. »Wir werden es brauchen.«

KAPITEL 10 Sie schlugen ihr Nachtlager neben den Bahnschienen auf. Bei derVorbereitung ihrer Reise hatten Govorin und Casildis zwei Ta-

schen mit Schlafsäcken, Verpflegung und Wasserflaschen zusam- mengepackt. Sie wollten Malchik ungestört schlafen lassen, und so teilte Govorin die grob geschätzte Zeit der Dunkelheit in vier Ein- heiten und schlug vor, dass die drei, die keine Wache hatten, die Schlafsäcke teilen sollten, während der Wachposten das Feuer am Brennen hielt. Yuda wählte die erste Schicht, und das Letzte, was Annat sah, bevor sie, gemütlich zwischen Govorin und Casildis ein- gekuschelt, einschlief, war das dunkelbraune Gesicht ihres Vaters auf der anderen Seite der Flammen, der aus einer Schnapsflasche trank. Stimmengewirr weckte sie. Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch sie war eingeklemmt wie ein eingewickeltes Baby. Es kostete sie ei- nige Anstrengung, sich freizukämpfen, ohne Govorin oder Casildis aufzuwecken. Ein Mann saß neben Yuda am Feuer: ein Mann mit langen, grauen Haaren, der nichts als Hosen aus Leder und eine, Fellweste trug. Als er sprach, konnte Annat seine knotigen Hände sehen; an seinen Fingern steckten mehrere funkelnde Ringe. Sie fragte sich, wer er war und wo er hergekommen sein mochte. Yuda schien ihm ohne eine Spur von Besorgnis zuzuhören; während An- nat ihn beobachtete, bot er dem Fremden die entkorkte Schnaps- flasche an, die dieser ergriff, um einen tiefen Schluck zu nehmen. Annat stand auf. Sie packte ihren Mantel vom Stapel und zog sich ihn über, denn die Nacht war bitter kalt. Über ihnen glitzerte ein erstaunlicher, strahlender Himmel; die großen Monde standen weit über ihr, und in den Tiefen hing ein roter Planet, über dessen Oberfläche sich langsam gelbe Strahlen bewegten. Annat lief um das Feuer herum und hörte in der Stille von La Souterraine die sanf- ten Stimmen der Männer murmeln. Hinter ihr rumpelte der Zug im Schlaf; Govorin hatte den Ofen heruntergedimmt, allerdings sichergestellt, dass er nicht vor dem Morgen ausgehen würde. Eine gleichbleibende Rauchfahne stieg aus dem Schornstein auf und färbte den Himmel grau. Annat näherte sich den beiden Männern, ihre Füße knirschten im Schnee, und der Fremde wandte den Kopf, um sie sehen zu kön- nen. Er hatte ein zerfurchtes braunes Gesicht, seine Haut war ge- bräunt wie von Wetter und Alter gegerbte Tabakblätter. Seine dunk- len Augen blickten ihr glühend entgegen, als er sich erhob und ihr ein Lächeln schenkte, das abgebrochene Zähne enthüllte. Er war nicht viel größer als Yuda, und seine Haare ringelten sich wie Rat- tenschwänze, doch sein Lächeln war warm und freundlich. »Sei gegrüßt, meine Schöne, mein Name ist Santos«, sagte er und presste seine flache Hand auf die haarlose Brust. Er sprach Franj, doch mit einem Akzent, den Annat nicht einordnen konnte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Niemand hatte sie jemals ›schön‹ genannt. Während sie zögerte, fuhr er fort: »Wie heißt du?« Annat blickte über das Feuer zu Yuda hinüber, der sie mit un- durchdringlichem Gesicht beobachtete, das Kinn in die Hände ge- stützt. Sie glaubte, den Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen spielen zu sehen., »Ich bin Annat, und das ist mein Vater«, sagte sie rasch. »Komm und setz dich zu uns«, sagte Santos. »Ich sagte deinem Vater, dass du heute Nacht unser Gast sein musst. Wir können dir Essen und warme Decken neben einem warmen Feuer anbieten. In La Souterraine ist es nie besonders klug, nach Einbruch der Dun- kelheit noch draußen zu sein.« Yuda hatte sich eine Zigarette angezündet und ließ Rauchkringel von seinen Lippen aufsteigen. Er schien auf Annats Antwort zu warten. »Woher kommen Sie?«, fragte sie. »Ich habe gar keine Häuser ge- sehen.« »Wenn es Tag wäre, könntest du unser Haus sehen. Ich lebe mit meinen Brüdern in einem Hügel, dem Bald Hill. Unser Heim hat kein Dach und keine Mauern; nur die Erde trennt uns vom Him- mel.« Annat zögerte. Sie wünschte sich, Yuda würde etwas sagen oder ihr einen Gedanken senden; dann begriff sie, dass er sich auf ihren Instinkt für Gefahr verließ; das war auch der Grund, warum er sie manchmal seinen ›kleinen Kanarienvogel‹ nannte. Er wollte ihre Wahrnehmung nicht dadurch beeinflussen, dass er sie sein eigenes Urteil wissen ließ. Schweigend teilte sie ihm mit, dass sie keinerlei Grund fand, Santos zu misstrauen; sie fühlte nichts Merkwürdiges. »Ich bin hungrig«, gab sie zu. Ihr Abendessen war mager ausgefal- len, denn sie mussten ihre Rationen strecken. Schließlich wussten sie nicht, wie viel Zeit vergehen würde, ehe sie auf neue Nahrung stießen. Yuda sagte: »Meine Tochter hat immer einen leeren Magen, Mis- ter Santos.« »Dann wird es Zeit, euren Führer zu wecken und ihn zu fragen. Schlaft nicht draußen unter den kalten Sternen und dem Gesicht von Rogastron, dem bitteren Planeten. Kommt mit zurück zum Hügel, seid unsere Gäste, und erwacht morgen früh ausgeruht für eure Reise.« Leichtfüßig erhob sich Yuda und streckte sich wie eine Katze,, bevor sie hinterm Ofen vorkommt. »Ich werde sehen, was er zu sagen hat; ich jedenfalls würde lieber nicht im Schnee schlafen, wenn es bessere Angebote gibt«, sagte er. Santos blieb am Feuer zurück und rieb seine Hände, wie um sie zu wärmen. Annat sah, wie sich ihr Vater den schlafenden Bündeln, die Govorin und Ca- sildis waren, näherte. Der Sheriff setzte sich mit einem Ruck auf, als Yuda ihn an der Schulter berührte, und auch Casildis begann sich zu regen. Nachdem er den geflüsterten Worten Yudas gelauscht hat- te, kam Govorin mit großen Schritten zum Feuer, kämpfte sich in seinen Mantel und beäugte Santos kritisch von oben bis unten. »Willkommen, Freund und Führer des Eisenbiestes«, sagte Santos und verbeugte sich vor Govorin. »Meine Brüder haben mich ge- schickt, um euch zu unserer Behausung zu bringen, wo ihr Unter- schlupf vor der eisigen Nacht finden werdet.« »Nichts wäre mir lieber«, sagte Govorin. »Aber ich kann eure Gastfreundschaft nicht annehmen. Jemand muss hier bleiben, um den Zug zu bewachen – das Eisenbiest. Ich sehe aber keinen Grund, warum nicht meine Freunde mit dir heimkehren sollten, wenn sie das möchten.« Er sah zu Yuda hinüber, der nickte. Govorin fuhr fort: »Ich schlafe in der Lok, wo ich ein Auge auf den Jungen haben kann. Es wäre eine Schande, ihn zu wecken, damit er sich woanders hinbewegt. Wenn du damit einverstanden bist, Yuda.« »Er ist da besser untergebracht, wo er gerade ist«, stimmte Yuda zu. »Ich habe ihn in einen tiefen Schlaf versetzt, und er wird bis zum Tagesanbruch nicht aufwachen.« Nachdem sich Casildis zu ihnen gesellt hatte, trugen sie die Schlafsäcke zur Lok und ließen Govorin allein, damit er es sich in dem Führerstand gemütlich einrichten konnte. Sie deckten das Feu- er ab, so gut sie konnten, und hofften, dass es bis zum Morgen nicht verlöschen würde. Santos sah ihnen dabei zu und trat von einem Fuß auf den anderen, als ob er es eilig hätte aufzubrechen. Als sie so weit waren, wölbte er die Hände, und eine glühende blaue Kugel erschien in seinen Handflächen, die sich drehte und wie eine Seifenblase schimmerte. Casildis schnappte nach Luft, und, Annat kam näher, um das leuchtende Rund genauer zu betrachten, welches einen saphirblauen Schein um Santos warf und den Schnee erhellte. »Ein einfacher Trick, aber einer, der uns den Weg weisen wird«, sagte Santos. »Sind Sie ein Schamane?«, fragte Annat. »Ich bin nur ein Zauberer, doch einer, der ein paar solcher Kunst- stücke beherrscht. Folgt mir.« Er hielt die Kugel in die Höhe und ging voran in die Dunkelheit, weg von dem Bahndamm. Yuda, Ca- sildis und Annat folgten ihm, die beiden Frauen eng aneinander gedrückt; Casildis wickelte eine Falte ihres Mantels um Annat, An- nat hingegen drückte den harten Körper ihrer Puppe an sich, als ob auch sie warm gehalten werden müsste. »Glaubst du, man kann diesem Mann trauen, Mister Vasilye- vich?«, flüsterte Casildis. »Er schien sehr freundlich, als wir uns beim Feuer unterhielten«, sagte Yuda. »Natka hat nicht gespürt, dass irgendwelche bösen Sig- nale von ihm ausgehen, und ihre Instinkte sind recht zuverlässig.« »Santos ist ein seltsamer Name«, sagte Casildis. »Es ist keiner der Franj, und ich habe noch nie einen ähnlichen gehört.« Yuda nickte und blickte auf den Rücken ihres davonstrebenden Gastgebers. »Seine Art zu sprechen erinnert mich an Isabel und sein Akzent an Hi Brésil«, sagte er nachdenklich. Der Bald Hill hatte ungefähr die Höhe eines zweistöckigen Hau- ses und war von dickem Schnee bedeckt. Es gab nur einen Eingang, eine schmale Öffnung, die von einer gewebten Decke verhängt war und an deren Seite Santos wartete, um sie einzulassen. Im Innern sahen sie einen niedrigen Raum wie eine Höhle, und Annat hielt den Atem an, als ihnen die verschwenderische Wärme entgegen- schlug. Ein Feuer brannte in der Mitte des Raumes, unmittelbar un- ter einem Rauchabzug, und zwei Männer, die bei der Hitzequelle gesessen hatten, erhoben sich. Das konnten nur Santos' Brüder sein, denn sie sahen ihm sehr ähnlich; doch einer hatte einen bu- schigen Schnauzbart und der andere hatte einen schiefen Kneifer, auf dem Nasenrücken klemmen. »Dies sind meine Brüder Dios und Muerte«, sagte Santos, als sich Kneifer und Schnäuzer nacheinander verbeugten. »Willkommen an unserem Feuer«, sagte der eine, den Santos Muerte genannt hatte. Seine Haut war von der Sonne gezeichnet, und er hatte blaugraue Augen, die Annat anlächelten, als sie näher trat; seine Stimme war unerwartet hoch. »Wir fühlen uns geehrt, Gäste zu haben«, sagte Dios und steckte seinen Kneifer höher auf die Nase. »Nur sehr wenige kommen uns besuchen, so weit draußen in der Ödnis.« Casildis nahm die Haltung der Hofdame an, die sie ja tatsächlich war, schwebte zu ihnen und streckte ihre Hand aus. Die Brüder drängten sich fast beiseite in ihrem Bestreben, sich über die darge- botene Hand zu beugen; dann führte Dios Casildis zur Feuerstelle und legte ein großes Kissen für sie auf den Boden. Während die drei Männer um die Aufmerksamkeit von Casildis buhlten, sah An- nat sich flüchtig im Raum um. Die Wände waren mit Tierpelzen und gewebten Tüchern behängt; gegerbte Häute bedeckten den Bo- den, und von der Decke hingen unzählige Büschel getrockneter Kräuter, gesalzene Fische, die steif wie Bretter waren, und ausge- stopfte oder verdorrte Kadaver von Eidechsen und kleinen Tieren. Außerdem war da ein Geruch nach Zimt und Nelken, der nicht nur angenehm war und etwas Widerliches überdecken sollte, das Annat nicht einordnen konnte. Dann nahm Muerte ihre Hand und sagte: »Komm zum Feuer und wärme dich«, in diesem hohen, nasalen Ton, der nicht zu sei- nem onkelhaften Gesicht passte. Annat ließ sich von ihm zum Feu- er führen, auch wenn es ihr in ihrem langen Mantel langsam zu heiß wurde. Yuda folgte ihnen mit den Händen in den Mantelta- schen und setzte sich auf den Boden, ohne darauf zu warten, dass ihm jemand ein Kissen holte. Als Annat den Mantel ausziehen woll- te, legte sie die Puppe neben ihrem Vater auf den Boden und war höchst erstaunt zu sehen, dass Muerte vor ihr zurückschreckte wie vor einem glühenden Eisen. Annat starrte ihn an und sah, wie sein, Blick zu Dios wanderte. Auch als Dios die Puppe erblickte, zog er sich zurück und achtete darauf, dass das Feuer sie voneinander trennte. Nur Santos schien unbesorgt. »Wir haben Essen für euch, und dann könnt ihr schlafen«, sagte er und wies auf den kleinen, schwarzen Ofen am hinteren Ende des Raumes, auf dem ein großer Topf köchelte. »Es muss schwer sein, Vorräte anzulegen«, sagte Casildis höflich. »In der Tat, wir müssen essen, was wir finden und töten können«, sagte Dios. »Unser Speiseplan besteht vor allem aus Fisch, wie ihr feststellen werdet, wenn ihr weiter durch dieses Land reist.« Er schien sich wieder im Griff zu haben, auch wenn Annat glaubte, dass er von Zeit zu Zeit zweifelnde Blicke in Richtung der Puppe warf. Sie war versucht, über dieses ungewöhnliche Verhalten zu la- chen, doch es machte sie auch argwöhnisch. Warum sollten sich diese Fremden vor ihrer Puppe fürchten? »Wir hoffen, Sie werden das Mahl aus gesalzenem Fisch und Kräutern mit uns teilen«, fügte Muerte hinzu, als sie sich dem Ofen näherten. Er hob den Kessel herunter, während Santos die Leiter in den versteckten, oberen Raum emporstieg und mit einem Schöpf- löffel und einem Arm voll Holzteller zurückkehrte. Annat fühlte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte, als sie sah, wie Muerte den Eintopf aus dem Kessel auf die Teller löffelte. Sie musste nicht lan- ge warten, denn schnell brachte Dios zwei Teller zu ihr und Casil- dis und überreichte sie mit einer Verbeugung. Er trödelte nicht her- um, sondern trat hastig wieder zurück. Annat wartete darauf, dass ihr ein Löffel gereicht würde, und war sehr erstaunt, als sie nur ei- nen großen Kanten Schwarzbrot bekam. Sie sah, dass Casildis das Brot mit einem huldvollen Lächeln entgegennahm und sofort zu essen begann, wobei sie Bröckchen des Brotes benutzte, um den Eintopf mit den Fingern aufzuwischen. Yuda sah zu, wie die Frauen aßen, und wieder bemerkte sie den schwachen Funken der Belusti- gung und des Gefallens in ihm. Es war interessant, dass er Casildis so gerne beobachtete, auch wenn nichts Aufdringliches in seinem Blick lag., Annat richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Eintopf. Das Brot war feucht und krümelig und schmeckte leicht nach Malz; der Ein- topf hatte viele Geschmacksnoten, und das Salz war nicht zu vor- herrschend. Sie stocherte in den Fischstreifen und zog einige lange Gräten hervor, dann begann sie mit Genuss zu essen. Yuste und Bubbe hatten zu Hause häufig Fisch zubereitet: in Bröseln gebraten, in Milch eingelegt oder nur im eigenen Saft. Sie bemerkte, dass Yuda wieder einmal sein Essen hin- und herschob und fragte sich, ob er ihr das Übriggebliebene überlassen würde. Sie blinzelte verär- gert, als sie bemerkte, dass sie beinahe eine weitere Gräte ver- schluckt hätte, und zog sie eilig aus ihrem Mund, in der Hoff- nung, dass es niemand sonst bemerkt hatte. Als sie sie auf dem Tel- ler neben den anderen abstreifte, fiel ihr die merkwürdige Form ins Auge. Es war überhaupt keine Fischgräte, sondern ein langer Span von einem Nagel. Annat würgte. Wenn sie daran dachte, dass sie ihn beinahe verspeist hätte! Sie wollte sich gerade beklagen, als ihr Blick auf Santos und seine Brüder fiel, die ihre Portion vom Ein- topf aßen. Von Zeit zu Zeit hielt einer inne und warf einen verstoh- lenen Blick zu Casildis, Yuda oder ihr selbst herüber und beobach- tete sie, wie sie aßen. Als ob sie abwarteten, was passieren würde. – Tate! Sei vorsichtig. Es ist etwas im Essen. Sie sah ihn zusammenzucken. – Ich dachte, du hättest gelernt, nicht so zu schreien. – Ich habe einen Nagel in meinem Eintopf gefunden. Ich glaube, sie versuchen, uns etwas anzutun. – Das bezweifle ich, Rebjonok. Wahrscheinlich ist es nachlässig zuberei- tet. Er lächelte in sich hinein. Annat warf Casildis einen ängstlichen Blick zu. Die Frau wischte ihren Teller mit dem letzten Stückchen Brot sauber. Wenn in ihrer Portion etwas gewesen war, so musste sie es schon verschluckt haben. Annat konnte ihren Verdacht nicht verdrängen. Ihre Finger wanderten zur Puppe, die neben ihr auf dem Boden lag. Und tatsächlich regte sie sich unter ihrer Berüh- rung, als ob sie zum Leben erwachte., – Du musst auf mich hören … Yuda. Irgendetwas ist faul. Diese Männer fürchten sich vor meiner Puppe. Und ich habe gefühlt, wie sie sich bewegt hat. Sie regt sich nur, wenn Gefahr droht. Yuda rollte mit den Augen, doch sie sah, dass er sein Essen sorg- fältiger absuchte. Er aß mit vorsichtigen Bissen, und nach einer kurzen Weile, ohne ein äußeres Zeichen oder eine Geste, hörte sie ihn denken: – Zyon. Du hast Recht, Rebjonok. Er wischte sich den Mund am Ärmel ab, und Annat war sich sicher, dass er den Stein des Anstoßes loswerden wollte. Er stellte seinen erst zur Hälfte geleerten Teller ab und schenkte ihren Gast- gebern ein Lächeln. »Ein ausgezeichnetes Abendessen«, sagte er. Casildis erhob sich und streckte sich. »Ich bin so schläfrig«, sagte sie gähnend. »Ich könnte ein Jahr lang schlafen.« »In dem oberen Zimmer sind Betten«, sagte Dios im Aufstehen. »Dort kann die wunderschöne Dame wie eine Prinzessin schlafen.« »Ich glaube, ich werde dort auch einkehren«, sagte Yuda und stand auf. »Was gäbe es für eine bessere Begleitung als eine schöne Frau.« Annat erwartete, dass Casildis Einwände erheben würde, doch stattdessen lächelte sie verträumt, als habe sie nicht gehört, was er gesagt hatte. – Du auch, Annat, dachte Yuda. Ich lasse dich nicht allein mit diesem Haufen. – Siehst du nicht, dass etwas mit Casildis nicht stimmt? – Das ist deutlich genug. Die Männer kicherten über Yudas Höflichkeit, die er noch da- durch betonte, dass er Casildis am Ellenbogen packte und sie zur Leiter führte. Vorsichtig, um sich nicht zu schnell zu bewegen, er- hob sich Annat ebenfalls, gähnte und streckte sich. Sie hob die Puppe auf und drückte sie an sich. Casildis sackte gegen Yuda und war schon fast eingeschlafen. Er drehte sich um, um Annat mit ei- ner ironischen Geste zu sich zu winken. »Komm schon, meine Kleine. Deine Bettzeit ist schon überschrit-, ten.« Annat ging mit vor der Brust verschränkten Armen zu ihm und versuchte, das Zahnlückengrinsen der Brüder zu übersehen. »Die Leiter hoch mit dir«, sagte Yuda. Sie reagierte auf die Warnung in seiner Stimme und kletterte die Sprossen empor, die zu dem oberen Raum führten. Es gab drei Pritschen, auf denen Decken und Kopfkissen lagen; ein stechender Geruch wie Weihrauch erfüllte den Raum und mischte sich mit dem Holzrauch vom Feuer unten. Annat zog ihren Mantel aus, be- hielt jedoch ihre Stiefel an und legte sich auf die Matratze, die am weitesten von der Leiter entfernt war. Obgleich das Bett mit einem sauberen, wenn auch häufig geflickten Leinenlaken bezogen war, überfiel Annat, kaum dass sie sich hingelegt hatte, ein starkes Ge- fühl des Unbehagens und der Qual, als ob sie etwas Verunreinigtes berührte. Sie war froh, dass nur wenig von ihrer Haut mit dem Laken in Berührung kommen musste. Casildis schob sich langsam durch die Luke, ihr Kopf baumelte, und sie plumpste auf das mittlere Bett, wo sie sofort in tiefen Schlummer zu fallen schien. Yuda kam ihr nach, setzte sich auf die dritte Pritsche und legte den Finger an die Lippen. – Was haben sie vor?, dachte Annat. Er schüttelte den Kopf und deutete zum unten liegenden Raum. Annat verstand, dass er sogar vermeiden wollte zu senden. Einige Augenblicke lang war es still, bevor sie Muerte sprechen hörten. »Es ist lange her, dass wir solche Beute gemacht haben, meine Brüder.« »Vielleicht können wir die Kleine behalten. Sie hat große Macht«, sagte Dios. »Nein, meine Brüder«, sagte Santos. »Wir müssen der Kalten un- seren Tribut zollen. Sie wird uns gehen lassen, wenn wir ihr das Herz eines Schamanen anbieten.« »Was wollen wir sonst heute noch ernten?«, fragte Muerte und summte eine kleine Melodie zwischen den Zähnen. »Ich brauche dringend einen Kopf«, sagte Dios. »Ich werde den, Schädel des Mannes nehmen.« »Das ist gut«, sagte Muerte. »Bruder Santos und ich werden uns die Frau teilen. Es ist schon eine Weile her, dass wir weibliches Fleisch gekostet haben. Die Augen, Lippen und Geschlechtsteile kann ich auf vielerlei Art verwenden.« Er seufzte tief. »Wir werden weitsichtig, können fliegen und teilen eine große Macht. Vielleicht können wir sogar in unser Heim zurückkehren.« »Ach, Bruder Muerte«, sagte Santos. »Nicht einmal du könntest so hoch fliegen. Die Göttin wird es uns nicht gestatten. Du kennst den Preis, den sie von denen verlangt, die in ihr Land eindringen. Aber wir werden neue Diener haben. Die alten sind fast schon aus- getrocknet.« »Lass mich sie diesmal töten«, sagte Dios. »Ich will den Kopf schneiden, solange er noch frisch ist.« – Da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden, dachte Yuda mit schwarzem Humor. Seine Augen suchten Annats, und er schickte ihr ein Gefühl des Trostes, das wie eine Berührung war. – Was können wir tun?, dachte Annat. Über ihrem Deckbett krampfte sie die Hände zusammen, damit sie aufhörten zu zittern. – Warten. Und lauschen. »Der Prinz von Ademar wird kommen«, sagte Santos. »Ich habe sein Gesicht in meiner Glaskugel gesehen.« »Vielleicht sollten wir ihn zum Fest einladen«, sagte Muerte kichernd. »Er isst kein Menschenfleisch. Aber er könnte sich bei der Göttin für uns verwenden, wenn wir ihm die Schädel von seinen Feinden zeigen.« »Vielleicht«, sagte Santos. »Wir wissen nicht, welchen er sucht. Und zwei sind nicht in unserer Gewalt. Vielleicht ist es das Mäd- chen. Sie trägt die Puppe.« »Sprich nicht davon«, sagte Dios mit leiser Stimme. »Wir müssen einen Weg finden, sie loszuwerden.« »Diese Aufgabe werden wir dir überlassen, mein Bruder«, sagte, Santos spöttisch. »Jetzt werden wir erst mal alle schlafen gehen. Und wenn du sie hast, können wir den jungen Ademar um seinen Rat bitten. Wir wären töricht, seine Beute zu zerstören, ohne vorher seine Erlaubnis einzuholen.« Yuda saß ganz still und lauschte, doch das Gespräch von unten war verstummt. Er nahm das Messer aus der Scheide an seinem Gürtel und begann, seine Fingernägel damit sauber zu machen, als ob ihn keine Sorge belasten würde. Einen Moment später sah An- nat einen Kopf in der Luke erscheinen, und ihr Vater schlug mit der Kraft und der Schnelligkeit einer Viper zu. Das Messer traf den Mann unterhalb der Schädelplatte in den Nacken und mit einem seufzenden Geräusch ließ er die Streben der Leiter los und fiel au- ßer Sichtweite. Yuda war aufgesprungen. – Weck Casildis und folgt mir. Annat spürte die Macht des Befehls wie einen Peitschenhieb. Sie warf sich auf Casildis, schüttelte sie und versuchte, ihre Gedanken zu erreichen. Es war nahezu unmöglich. Anders als ein Schamanen- geist waren Casildis' Gedanken mit einem unlösbaren Code ver- schlüsselt; das Gewebe war mit blauen Fäden der Verzauberung ge- schlossen und mit Machtsträngen versiegelt, die wie Kletten an- einander hingen. Annat war vor Angst wie von Sinnen und zerrte den großen Körper der Frau aus dem Bett, über den Fußboden, auf den Durchgang zu. Doch wie schaffte sie es, Casildis durch die Öff- nung hinabzulassen, ohne sie zu verletzen? Plötzlich bewegte sich die Frau und rieb sich die Augen. »Annat, was tust du?«, fragte sie. »Ich hatte so schöne Träume – lass mich schlafen …« Und sie rollte sich zusammen und bedeckte ihr Ohr mit der Hand. Wieder schüttelte Annat sie. »Nein, Casildis, du musst wach bleiben!«, schrie sie. Sie wusste nicht genau, was unten vor sich ging, doch während sie versuchte, Casildis wieder auf die Beine zu ziehen, erschien langsam ein schrecklicher Kopf in dem offenen Durchgang und schwankte hin und her. Er hatte keine Augen, nur leere, rote Höhlen, und die Lip- pen waren abgeschnitten worden, sodass die Zähne in einem starren, Grinsen gebleckt waren. Die Gesichtshaut war rot und schrumpe- lig. Ungewollt stieß Annat einen Angstschrei aus und ließ Casildis fallen, als sich das Ding von selbst durch die Luke bewegte und mit seiner geblendeten Schnauze nach ihr suchte. Während sich Casil- dis erhob und sich schwach durch den magischen Nebel hindurch beklagte, ließ Annat ihren Mächten freien Lauf, allerdings mit we- nig mehr Genauigkeit als bei dem Angriff auf den Masalyar-Zug. Die Wucht ihres Feuers brachte die Kreatur aus dem Gleichgewicht, sodass sie rückwärts auf den Fußboden fiel, und in diesen wenigen Augenblicken gelang es Annat, Casildis auf die Leiter zu stellen und halb ihr hinunterzuhelfen, halb sie fallen zu lassen. Sie betete, dass sie genug bei Sinnen war, um nach den Streben zu greifen. An- nat ließ sich auf Casildis gleiten und hockte auf ihrem Rücken wie ein Babyaffe in einem Bilderbuch. Auf beiden Seiten von ihr packte sie die Leiterstreben und hoffte, dass Casildis ihr eigenes Gewicht würde tragen können. Casildis glitt mehr zu Boden, als dass sie hin- abkletterte, und Annat rutschte an den Pfosten hinab und scheu- erte sich dabei die Handflächen auf. Bevor sie am Fuß der Leiter angekommen war, hatte sie sich gedreht, sodass sie nun in den Raum schaute. Yuda war in die Ecke getrieben worden und befand sich in einem magischen Duell mit Santos und Muerte, deren Sprüche mit blau- en und orangefarbenen Fäden um ihn wirkten wie ein buntes Spin- nennetz. Er verfügte über keine Magie, die er ihnen hätte entgegen- setzen können, nur das vielgestaltige Werkzeug seiner Macht, das er benutzte, um die klebrigen Fäden ihres Gewebes zu durchdringen und mit regenbogenfarbigen Schnitten das Netz, das sich um ihn zog, zu zerstören. Casildis lehnte sich gegen Annat, doch sie schnippte mit den Fingern und lenkte damit kurz die Männer ab, die herumwirbelten, um zu sehen, woher das Geräusch gekommen war. Die Macht sang freudig in ihren Ohren, als Annat ihre rechte Hand ausstreckte und ihre Kräfte in einem mächtigen Strom hin- ausfließen ließ, dessen Farben den Raum erhellten. Es war nicht wie der saphirblaue Lichtstoß Yudas, fein und präzise, sondern viel-, mehr eine verschwommene Feuerwelle, die über die Hexer rollte und das Gewirr ihrer Macht zusammenschrumpfen ließ. Kaum war Yuda wieder frei, sprang er auf sie zu, riss ihr Casildis aus den Ar- men und schulterte die Gestalt der Frau wie einen Mehlsack. Er schrie »Mir nach!« und rannte zur Tür, und Annat, die noch dabei war, das Erstaunen über ihren Augenblick des Triumphs zu ver- dauen, flog ihm hinterher und prallte schließlich gegen ihn, als er sich bückte, um durch den niedrigen Eingang zu gelangen. Draußen in der Dunkelheit hetzte ihr Vater hin und her, bevor er nach rechts davonrannte, wobei Casildis unglücklich auf seinem Rücken hin- und hergeschleudert wurde. Annat sah drei verstüm- melte Gestalten durch die Nacht auf sie zukommen und spurtete los, um Yuda einzuholen, der nach Luft rang, während er vorwärts taumelte. Casildis' Haar hatte sich gelöst und schmiegte sich um sein Gesicht und Nacken, als ob es lebendig wäre. Annat erspähte den blaugrauen Schatten einer abscheulichen, handlosen Gestalt, die neben ihnen rannte. Doch Annat war eine kraftlose Hülle; die- ser eine Stoß hatte all ihre Reserven aufgebraucht, und sie brauchte ihre Kraft zum Rennen. »Yuda, sie ziehen an uns vorbei!« – Spar deinen Atem. Ich kann sie sehen. Plötzlich, mit einem Schmerzenslaut, ließ er Casildis über seinen gesenkten Kopf in den Schnee rollen und stellte sich vor ihren Körper. Als Annat bei ihm ankam, rückten die drei Kreaturen be- reits näher; sie bewegten sich mit den langsamen Schritten von Au- tomaten. Yuda packte Annat beim Handgelenk, zog sie zu sich her- an und fletschte die Zähne zu einem kriegerischen Knurren. Als die erste Kreatur einen Satz auf ihn zumachte, schnellte ein blauer Blitz von seinen Fingern und färbte die Nacht. Während der Mutilé, wie Annat ihn in Gedanken nannte, zurücktaumelte, rückten die beiden anderen nach; sie gaben kein Geräusch von sich, fielen jedoch plötzlich wie Hunde über Yuda her und versuchten, ihn mit ihrer Kraft zu überwältigen. Er schlug mit seinem Messer und trat nach ihnen, doch Annat und Casildis behinderten ihn. Annat schlüpfte, unter seinem Arm hindurch und verschwand im Dunkeln. Wie sie gehofft hatte, ließ eine der Kreaturen von ihrem Vater ab und stol- perte hinter ihr her. Annat fühlte, wie Gelächter und Angst glei- chermaßen in ihr aufstiegen, als sie das unförmige Ding weiter und weiter von Yuda fortlockte. Doch das Gelächter blieb ihr im Halse stecken, als der Mutilé seine Bewegungen beschleunigte, und sie hörte seine Füße durch den Schnee pflügen, während er sie langsam einholte. Ein langer, gequälter Schrei drang durch die Nacht wie der Schrei eines Vogels, der durch die Wildnis hallt. Annat drehte sich auf dem Absatz um und wich den knochendünnen Armstümpfen aus, die sich nach ihr ausstreckten und sie zu packen versuchten. Sie peilte das blaue Signalfeuer von Yudas Macht an und raste leicht- füßig über den harten Schnee. Sie sah ihn, wie er nach den Strän- gen eines verschrumpelten Kopfes an seinem Nacken schlug. »Govorin kommt! Der Zug kommt!«, schrie sie im Rennen. Sie sah, wie Yuda die schwankende Gestalt abschüttelte und sich bück- te, um Casildis auf die Arme zu heben. Auch diesmal scheiterte er beinahe an ihrer Größe, schwang ihren leblosen Körper dann aber doch über seinen Rücken und taumelte tief gebeugt auf Annat zu. Annat konnte die Schritte des anderen Mutilé hinter sich hören, während sich der dritte Yuda von hinten näherte. Doch der Boden bebte schon im Takt der nahenden Lok, und Annat sah die feurige Wolke in die Luft strömen, während sie auf sie zuraste. Als Govorin sie am Schienenrand im blauen Licht von Yudas Macht erspäht hatte, begann er zu bremsen; Annat sprang auf den Schotter und rannte nebenher, um das Geländer zu fassen zu kriegen und sich auf den Zug zu ziehen. Yuda war kurz hinter ihr und ließ Casildis auf den metallenen Boden fallen. Einen schrecklichen Augenblick lang setzte ihr Herz aus, als der Zug stehen blieb, weil Govorin die Bremsen betätigt hatte, als er die Regler bediente. Die zwei verblie- benen Mutilés näherten sich, und Annat sah ihre scheußlichen Ge- sichter über Yudas Schulter, der in der Türöffnung stand. Langsam setzte sich die Lok unter einer Kakophonie von Geräuschen wieder, in Bewegung; Dampfwolken stiegen aus dem Schornstein auf, doch die beiden verstümmelten Gestalten konnten weiter mithalten. Die Lokomotive hängte sie erst ab, als Yuda aufsprang, einen Satz über die reglose Casildis hinweg machte, eine Schaufel nahm und damit begann, die hungrige Feuerbüchse zu füttern. Es blieb Annat über- lassen, die Frau aus dem Weg zu ziehen und so den Durchgang für ihn zum Tender frei zu machen, wo Malchik noch immer zwischen den Laken und Schlafsäcken schlief. Casildis, die von der rauen Be- handlung, die ihr zuteil geworden war, anscheinend nichts bemerkt hatte, drehte sich um, rollte sich zwischen den Holzscheiten zusam- men und sank wieder in ihren verzauberten Schlummer. Annat saß neben ihr, erschöpft, doch viel zu aufgedreht, um zur Ruhe zur kommen; ihre Hand kribbelte von der Macht, die sie durchströmt hatte. Sie streichelte Casildis übers Haar und fragte sich, wie sie die Wirkung des Zaubers aufheben sollten, der möglicherweise schlim- mere Folgen als nur Schlaf zeitigen könnte. Der Zug fauchte durch die Nacht, angestrahlt vom Licht Rogas- trons und seiner drei seltsamen Monde. Annat lehnte sich zurück, an Casildis gekuschelt, um sich warm zu halten, und betrachtete die seltsame Konstellation. In der Lok schienen die zwei Männer unermüdlich zu arbeiten, und während sie sich weiter vom Bald Hill entfernten, verblassten die Brüder in Annats Gedanken wie die Bewohner eines Traums. Sie döste ein und erwachte erst wieder, als die Lok ein weiteres Mal zum Stehen kam und silberne Dampf- fahnen hisste, die die Sterne vor ihr verbargen. Annat setzte sich im Tender auf und sah Yuda, der sich mit gesenktem Kopf auf die Schaufel stützte, während Govorin die Bremsen gesetzt hatte und die Wasserventile prüfte. Annats Gesicht musste seine Aufmerksam- keit erregt haben, denn er wandte sich ihr zu, nickte und sagte: »Dein Vater ist ausgelaugt, Natka, und ich könnte auch eine Pause gebrauchen. Wir scheinen ein neues Land erreicht zu haben, also könnten wir hier gut Rast machen. Wir haben ordentlich Meilen zwischen uns und dieses Entsetzen gebracht.« Annat stand auf und kletterte in den Führerstand. Ihr kurzes, Schläfchen hatte sie erfrischt. »Wo willst du dich schlafen legen, Mister Govorin?«, fragte sie. »Ich werde mir hier eine Decke auf den Boden legen, und Yuda wird einen Platz im Tender finden.« »Ich muss nach Casildis sehen«, sagte Yuda, der beinahe im Ste- hen einschlief. »Bei der Mutter, Mann, kann das nicht bis morgen warten? Du bist doch total erschlagen.« »Nein, das duldet keinen Aufschub«, sagte Yuda und ließ die Schaufel mit einem Scheppern zu Boden fallen, das aber keinen der Schlafenden aufweckte. Annat bot ihm ihren Arm zum Aufstützen an und half ihm in den Tender, wo er schwankend über Casildis stand. »Vielleicht hat er Recht, Tate«, flüsterte sie. »Ich muss den Nagel entfernen«, sagte Yuda ohne sie anzusehen. Er beugte sich über Casildis, schüttelte sie kräftig und murmelte ihren Namen, bis sie sich rührte und ihre Augen öffnete. Yuda kniete neben ihr. Er streichelte ihren Kopf. »Es tut mir Leid«, sagte er, »aber ich muss dafür sorgen, dass dir übel wird …« Dann steckte er ihr den Finger in den Hals; Casildis richtete sich würgend auf, Yuda schlug ihr auf den Rücken und führte sie zur Seite, wo sie sich über den Zugrand erbrach. Das Geräusch drehte Annat den Magen um, doch Yuda blieb bei Casildis und rieb ihr die Schul- tern, bis sie fertig war. Sie hockte sich hin und wischte sich ange- widert über den Mund. »Heilige Frau! Yuda, warum hast du das getan?« »Fühlst du dich jetzt schläfrig?«, fragte er mit einem Lächeln in den Augen. »Schläfrig? Göttin, nein – wie könnte ich jetzt schlafen wollen?« Yuda kraxelte auf den Holzstoß, wo Malchik lag, breitete eine Decke aus und machte sich ein Nest. »Das ist sehr gut!«, sagte er und ließ sich auf sein unebenes Lager fallen, wo er sich drehte, bis es gemütlich war. »Yuda!«, schrie Casildis., Govorin berührte sie an der Schulter. »Lass ihn schlafen, meine Liebste«, sagte er. »Wir müssen bis morgen warten, bis wir die Ge- schichte hören. Ich hole dir etwas Wasser zum Trinken.« Casildis zitterte, und der Sheriff legte seine Arme um sie und zog sie mit sich auf die Decke auf dem Fußboden der Lok, wo sie beide sich mit einem Mantel zudecken konnten. Annat bemerkte die an- dere Decke, der Yuda keinerlei Beachtung geschenkt hatte und die zur Hälfte entrollt in einer Ecke des Tenders lag. Sie breitete die Decke aus und legte sich hin, doch sie wünschte sich, sie hätte wei- tere Laken. Sie drängte sich nahe an Yuda, aber er lag zusammen- gerollt mit seinem Gesicht in der Armbeuge und sie wollte ihn nicht stören. Ihr kam der Gedanke, dass sie Wache halten könnte, wäh- rend die anderen schliefen, denn schließlich war sie putzmunter. Sie kletterte auf den Wassertank, ließ sich dort mit gekreuzten Beinen nieder und betrachtete die Umgebung. Zu ihrer Linken, weit entfernt am nördlichen Horizont – wenn es denn Norden war – erhoben sich Berge mit weißen Spitzen in den Himmel, gewölbt wie das Rückgrat eines Wales. Gleichmäßig lief die Ebene auf sie zu und glitzerte wie Glimmerstaub, in dem jede Facette der Körnchen die Sterne widerzuspiegeln schien. Die Stille war unendlich, perfekt und nicht unfreundlich; die kahlen Berg- silhouetten, von Adern durchzogen, die die Baumgrenze markier- ten, und ein zugefrorener Fluss, der durch die Öde auf sie zu mä- anderte: ein Fluss voller Sterne, die auf ihren Aufstieg in den Him- mel warteten. Annat saß reglos, umhüllt vom lauten Klang ihres eigenen Atems und Herzschlags. Sie wollte die Stille nicht stören, die sich nur ihr allein eröffnete. Sie fragte sich, ob der Fluss einen Namen hatte und ob die Gleise sie morgen diesen Bergen näher bringen würden. Die Ebene selbst mochte der Fußstapfen eines Riesen sein, den er hinterlassen hatte, als er durch die Welt streifte, oder ein Fußabdruck von der Göttin selbst. Vielleicht würden sie am nächsten Tag sehen, ob eine Sonne aufging und die Wolken vertrieb, die den Himmel bei Tag verdun- kelt hatten. Annat lehnte sich zurück auf das Metalldach und schau-, te hinauf zu den drei Monden, die so tief strahlten, dass sie eine blaue Aura hatten. Eine weit entfernte Galaxie füllte eine Ecke des Himmels mit ihrer Milchstraße, umhüllt von einer Sternenwolke, die um sie herumschwebte wie ein Bienenschwarm. Annat wünschte sich, sie könnte jemanden nach dem Namen der Galaxie und den Sternbildern fragen, die so tief hingen, dass sie glaubte, sie könnte sie berühren oder sie vom Himmel pflücken wie Blumen von einer Wiese. Sie versuchte sich vorzustellen, dass der Eine vielleicht alle Lichter im Universum gleichzeitig sehen könnte, wie auf einer riesigen Landkarte, oder dass er zwischen ihnen um- herwandern und für alle Zeiten ihre Schönheit und Fremdheit be- trachten könnte. Die Göttin würde wie ein Komet über den Him- mel flammen, doch der Eine würde sich unendlich ausdehnen und die Welten, Galaxien und Universen zusammenhalten, als wären sie nur strahlendes Spielzeug, das er selbst erschaffen hatte. Plötzlich hörte Annat einen schwachen, hohlen Schrei, wie den Ruf eines Nachtvogels. Sie setzte sich eifrig auf, in der Hoffnung, sie könne vielleicht einen Blick auf das Tier erhaschen. Stattdessen fiel ihr Auge auf Unglaubliches. Über die Ebene aus westlicher Rich- tung kam eine Gruppe spindeldürrer Wesen von unmöglicher Grö- ße, die über den Boden wateten, als wäre er weich und nachgiebig. Annats Herz raste, als sie ihnen zusah; sie kamen näher, doch ihre Reiseroute ging in Richtung der weit entfernten Berge. Mit einem Schreck, der sie auflachen ließ, begriff sie, dass die Gestalten ge- wöhnliche Männer und Frauen waren, die geschickt auf riesigen Stelzen balancierten, um den sumpfigen Boden zu überqueren. Es waren ungefähr fünfzig, und sie bewegten sich in einem langsamen, anmutigen Schwarm wie Schreitvögel. Im Mondlicht zogen sie blas- se Schatten hinter sich her. Annat fragte sich, ob sie den Zug und sie selbst oben auf dem Dach sitzend sehen konnten. Sie folgte ei- nem Impuls, stand auf und breitete die Arme aus, um zu winken. Sie sah, wie eine Wellenbewegung durch die Gruppe ging, während sie weiterliefen, dann begriff sie, dass sie ihr zurückwinkten, ohne von ihrem Kurs abzuweichen. Annat lachte leise in sich hinein,, froh darüber, dass sie als Einzige wach war und das seltsame Schau- spiel zu sehen bekam. Der Boden, über den die Stelzenläufer wate- ten, musste unter dem Schnee moorig sein und nicht den festen Untergrund bieten, den sie früher auf der Strecke vorgefunden hat- ten. Lange Zeit beobachtete sie sie und sah, wie ihre Schatten klei- ner wurden, als sie Richtung Norden auf die Berge zureisten, ge- rade so, als wären sie Kraniche, die sich ihren Weg durch den Mo- rast bahnten. Annat fühlte die Sehnsucht aufsteigen, ihnen zu fol- gen, herauszufinden, wer sie waren und wohin sie zogen in der Leere dieser Nacht. Es war nichts Bedrohliches an ihnen; sie folgten einem seltsamen Auftrag oder einer eigenen Pilgerfahrt; sie wander- ten durch die Ebene wie ein Gänseschwarm, der zu Beginn des Win- ters nach Süden fliegt. Sie bezweifelte, dass sie sie noch einmal se- hen würde; die Gleise würden sicher den Fuß der entfernten Berge streifen, ohne tiefer vorzudringen, da die Steigungen zu steil für die Lok sein würden. Sie sah den Gestalten nach, wie sie kleiner wur- den, bis sie ihre Umrisse vor den zerfurchten Bergen aus den Au- gen verlor. Mit einem Seufzer setzte sie sich. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie ihren Begleitern davon berichten würde, was sie gesehen hatte. Es schien einzig ihr zu gehören, während dieser Nachtwache, in der nur sie allein keinen Schlaf fand.

KAPITEL 11 Beim Frühstück war niemand von ihnen strahlender Laune. Alles,was sie zu essen hatten, waren Dörrobst und trockene Kekse,

und es gab nur Wasser zu trinken. Davon war nicht genug da, um sich zu waschen oder die Zähne zu putzen, doch Yuda bestand da- rauf, sich zu rasieren. Er erklärte, mit dem Bart, der über Nacht ge- sprossen war, sehe er aus wie ein Desperado. Sie bildeten einen ein-, samen Kreis im Schnee, wo sie auf Decken rund um ein kleines Feuer lagerten, das Govorin hatte entzünden können. Ihr einziger Trost war das blasse, verhangene Blau des Himmels über ihnen. Selt- sam war nur, dass es zwar Sonnenlicht gab, sie aber keine Sonne se- hen konnten. »Toller Platz für ein Picknick«, höhnte Yuda, der rauchte; er schien den größten Teil seines Rucksacks mit Tabak gefüllt zu ha- ben. »Ich kann dieses Zeug nicht essen«, sagte Casildis und spuckte ei- nen Mund voll Dörrfleisch aus. »Du solltest das nicht verschwenden, Liebling«, sagte Govorin. »Sag nicht ›Liebling‹ zu mir, Sergey! Das kenne ich.« »Es gibt keinen Grund zu schreien, Casildis«, sagte Govorin mit ruhiger Stimme. »Bitte nicht streiten, ich habe rasende Kopfschmerzen«, sagte Malchik und presste seine Hand gegen die Stirn. »Annat, kümmere du dich um den Kopf deines Bruders«, sagte Yuda schroff. »Ich kann nicht. Meine Hand ist immer noch wund von gestern.« »Ihr zwei wisst gar nicht, was Not ist«, sagte Yuda mit Abscheu. Er stand auf und lief vom Feuer weg; seine Schultern hatte er unter seinem Mantel zusammengezogen. Govorin seufzte. »Einige von uns sollten Holz für die Lok sammeln«, sagte er. Nie- mand wollte als Erster antworten. Der Sheriff fuhr fort: »Wir hatten alle eine harte Nacht. Wir könnten wenigstens fürsorglich miteinan- der umgehen.« Annat verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die Decke, auf der sie saß. Sie nahm es Malchik übel, dass er sich über eine Migräne beschwerte, wo er selbst allen Ärger verschlafen hatte. Sie sah auch nicht ein, wieso Yuda sich nicht selbst um die Kopf- schmerzen ihres Bruders kümmern konnte. »Soll ich es dir buchstabieren?«, brüllte Yuda und wirbelte zu ihr herum. Er hatte ihre Gedanken gehört. »Yuda«, sagte Govorin schroff. »Ich brauche deine Hilfe. Einige, von uns müssen bei der Lok bleiben, während die anderen sich auf die Suche nach Holz und Nahrung machen. Wasser gibt es mehr als genug; wir können etwas Schnee schmelzen.« »Ich fühle mich so schmutzig«, jammerte Casildis. Yuda zuckte mit den Schultern, als ob er seine schlechte Laune abschütteln wollte. Er trat mit dem Fuß die Zigarette im Schnee aus, ging zu Malchik hinüber und hockte sich hinter ihn, von wo aus er dem Jungen die Hände an die Schläfen legte. »Ich bin schmerzfrei, um die Wahrheit zu sagen«, sagte er und massierte mit den Händen langsam Malchiks Kopfhaut. »Was ist mit dir, Junge?« »Ich weiß nicht«, sagte Malchik und schloss die Augen, denn die Berührungen seines Vaters lösten seine Schmerzen. »Ich bin so lan- ge gelaufen. Ich habe gedacht, dass das niemals mehr aufhört.« »Denk jetzt nicht mehr daran«, sagte Yuda, und seine Augen such- ten Annats. Heute hatten sie einen verhangenen, hartherzigen Aus- druck, und seine Gedanken waren fest verschlossen. Annat wich sei- nem Blick aus, denn sie war noch immer verletzt, weil er sie vor den anderen angeschrien hatte. »Vielleicht können Annat und ich allein gehen. Casildis sieht er- schöpft aus, und Malchik sollte sich noch ein Weilchen länger aus- ruhen«, sagte Govorin. »Und was ist mit mir?«, platzte es aus Annat heraus. »Ich habe letzte Nacht hart gearbeitet. Ich musste vor den Mutilé davonlau- fen!« »Wir haben letzte Nacht alle schwer gearbeitet, kleine Natka«, sagte Govorin sanft. »Niemand hat vergessen, was du getan hast. Aber du und ich können einen Marsch besser durchstehen als die anderen. Ich nehme an, die Gleise führen nahe an diese Berge, und wir sollten dort Feuerholz finden, vielleicht auch noch anderes. Casildis hat einige Haken und Leinen eingepackt, wir können also ein Eisloch schneiden und Elritzen fischen.« Er grinste in seinen Bart. »Ich wette, die schmecken besser als Dörrfleisch.«, »Alles schmeckt besser als Dörrfleisch«, sagte Casildis mit einem Schauder. Sie löschten das Feuer mit Schnee und legten die Decken zusam- men, bevor sie sich schweigend auf den Weg zur Lokomotive mach- ten. Als sie im Führerhäuschen saßen, packte Yuda die Heizerschau- fel mit einer Grimasse und rieb sich das Kreuz; Annat nahm an, dass er es letzte Nacht überstrapaziert hatte, als er Casildis getragen und Holz geschaufelt hatte. Sie trat hinter ihn und legte ihre Hand auf sein Rückgrat, um zu sehen, ob noch etwas von ihrer Heilfähig- keit übrig war, das sie nutzen konnte, um ihm Linderung zu ver- schaffen. Überrascht richtete sich Yuda auf und blickte sie über die Schulter hinweg an. »Hast du's dir anders überlegt?«, fragte er. »Ich werd's nicht tun, wenn du nicht willst!« Der Mann hob die Schultern und zuckte dabei zusammen. »Mach lieber weiter«, sagte er. Annat war versucht, ihm zu sagen, dass er die Schmerzen doch wohl aushalten könnte, doch sie widerstand und ließ stattdessen kleine Wellen ihrer Kraft über die Muskeln spülen, die die Wirbelsäule umgaben. Als sie fertig war, beugte sich Yuda nach vorne, richtete sich dann zu seiner vollen Größe auf und stellte sich auf die Zehenspitzen. »Jetzt ist es besser«, sagte er. »Ich fühle mich wieder wie ein Mann, nicht mehr wie ein Igel.« »Kann der Mann auch wieder Holz schaufeln, oder muss ich mei- ne Frau bitten?«, fragte Govorin mit einem schelmischen Grinsen. »Lass sie sich ausruhen«, sagte Yuda. Der Sheriff steuerte den Zug langsam die Gleise entlang bis zu einer Stelle, wo, wie er es vorausgesagt hatte, die Berge mit ihrem dunklen Baumbewuchs zusammenrückten. Schon bald liefen die Gleise neben dem zugefrorenen Fluss entlang, der sich seinen Weg zwischen ihnen und den steilen, von Pinien bedeckten Hängen gebahnt hatte. Kaum dass die Lok zum Stillstand gekommen war, sprang Annat leichtfüßig in den Führerstand, wo die Hitze aus der Feuerbüchse so enorm war, dass Yuda hemdsärmelig arbeitete., »Das könnte ich selbst für Geld nicht mein Leben lang tun«, sag- te er und betrachtete seine Blasen an den Handflächen. »Ich wette, Shaka würde lachen, wenn er uns jetzt sehen könnte«, sagte Govorin. »Wenn er lachen würde, würde ich ihm eins auf seine verfluchte Nase geben«, sagte Yuda hitzig. Sie sahen, dass Annat sie beobach- tete, und sofort fragte ihr Vater: »Wen starrst du denn so an?« »Dich«, erwiderte Annat. Govorin öffnete die Aschenkastenklappe, was ein lautes Zischen und einen Dampfstoß bewirkte. »Natka, glaubst du, wir drei kön- nen Malchik und Casildis mit ruhigem Gewissen hier zurücklassen, damit sie auf den Zug aufpassen?« »Weiß nicht«, sagte Annat und vergrub ihre Hände in ihren Man- teltaschen. »Was meine Tochter meint, Mister Govorin, ist, dass sie keinerlei Gefahr spürt, aber es nicht der Mühe wert findet, uns das zu sa- gen«, meinte Yuda. Annat sah ihn finster an, was er mit einem schrecklichen Grinsen beantwortete. »Ich gehe das Risiko ein«, sagte Govorin. »Ich glaube nicht, dass Sari den ganzen Tag und die ganze Nacht in vollem Tempo reiten kann, ohne seine Pferde zu töten. Zwei oder drei Stunden Stopp sollten uns noch nicht in Gefahr bringen. Casildis und ich haben mehrere Seile eingepackt und auch einige Haken und Schnüre für euch – die können wir mitnehmen, genau wie einige Rationen Es- sen.« Während der Sheriff seinen Mantel aus dem Tender holte, wo er noch etwas blieb, um mit Casildis ein paar Worte zu wechseln, schlüpfte Yuda in seine Jacke und löste die Axt des Heizers von sei- nem Platz im Führerstand. Er schätzte das Gewicht ab und probier- te aus, wie sie in den Händen lag, bevor er sie sich in den Gürtel schob. Govorin kehrte zurück und hatte einen der Rucksäcke da- bei, den er und Casildis mitgebracht hatten, und außerdem noch Yudas und Annats eigenen, kleineren Sack. »Ich habe mir die Freiheit genommen, euer Zeug auszuleeren«,, sagte er mit einem beschwichtigenden Lächeln. »Casildis hat zuge- stimmt, dass wir unsere Sachen sortieren und gleichmäßiger auftei- len. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, eine Harfe und eine Vyel vorzufinden!« »Wohin ich auch immer gehen mag, die Vyel kommt mit«, sagte Yuda. »Und der Junge war nicht so dumm. An einem Ort wie die- sem bedeutet Musik Macht.« »Hat er ansonsten erzählt, was ihm zugestoßen ist?« Yuda warf Annat einen Blick zu. »Mir nicht«, sagte er. »Aber es gibt Spuren des Eindringlings in seinem Geist. Das ist mir aufgefal- len, als ich seine Kopfschmerzen gelindert habe.« »Stellt er eine Bedrohung für uns dar?«, fragte der Sheriff und zog die Augenbrauen zusammen. »Noch nicht. Malchik hat die Kontrolle über sich, bislang. Aber wir werden ihn im Auge behalten.« Annat hatte Gewissensbisse, weil sie so erbost über ihren Vater ge- wesen war. Wie einen Schatten hatte sie einen kurzen Moment lang den anderen Yuda in seiner Schale gesehen, der so oft hart und lieb- los erschien. Obgleich er seine Gedanken noch immer nicht freige- geben hatte, spürte sie, wie besorgt er um ihren Bruder war. Sie be- griff, dass sich eine Verbindung zwischen Yudas Gefühlen und ih- ren eigenen entwickelt hatte; oft konnte sie spüren, was er empfand, ob er sich ihr gegenüber nun öffnete oder nicht, und sie fragte sich, ob er die gleichen empathischen Erlebnisse hatte. Das Wissen ängstigte sie ein wenig. Yudas Geist war so tief und mächtig, dass seine Gefühle sie manchmal zu überwältigen schienen. Sie entschloss sich, ihn bei sich bietender Gelegenheit zu fragen, was das zu bedeuten hatte. Govorin warf Malchik, der jetzt im Tender saß, einen Blick zu. »Hast du schon eine Idee, warum die Kalte ihn ausgewählt hat?« »Nur Vermutungen«, sagte Yuda. »Doch wir haben etwas in Er- fahrung bringen können, als wir letzte Nacht die Brüder belausch- ten. Sie erwähnten einen Prinz von Ademar.« »Und sie fürchteten sich vor der Puppe«, sagte Annat., Als Govorin sie überrascht ansah, nickte Yuda. »Tatsächlich«, sag- te er zum Sheriff. »Sie hatten vor, sie zu zerstören. Ich möchte wis- sen, warum sie glaubten, dass das so wichtig sei.« »Wir tappen im Dunkeln, Vasilyevich«, sagte Govorin und streifte sich die Träger des Rucksacks über die Schultern. »Unsere Feinde kennen die Regeln und halten das Heft in der Hand. Wir wissen nicht einmal, wohin die Gleise führen oder wer sie verlegt hat.« »Ich schätze, das werden wir herausfinden, wenn wir ihnen weiter folgen«, sagte Yuda grimmig. Annat dachte an die Puppe und fragte sich, ob sie sie mitnehmen sollte. Ihr Instinkt riet ihr, sie bei Malchik und Casildis zurückzu- lassen, denn sie glaubte, dass die Puppe die beiden wie ein Talis- man beschützen könnte. Schnell befreite sie sie aus ihrer Hülle, rannte zu Casildis und drückte sie ihr in die Hände. »Bitte beschütze sie für mich«, sagte sie. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie hier lasse.« Casildis lächelte. »Ich werde auf sie aufpassen«, sagte sie. Annat fühlte sich aufgeregt und beschwingt, als sie von der Lok kletterten. Die hohen Berge mit ihren runden Rücken schienen sie zu locken, und die tiefen Schluchten, von Pinien überschattet, lu- den sie ein, sie zu betreten und zu erkunden. Sie hoffte, dass der Boden am Fluss nicht morastig war wie die Ebene, durch die die Stelzengänger letzte Nacht gewatet waren. Sie beeilte sich, um mit ihrem Vater und Govorin mitzuhalten; trotz seines massigen Kör- pers war der Sheriff schnell zu Fuß, und er lief über den Schnee, als ob die Oberfläche fest unter seinen Füßen wäre. Yudas kleine Ge- stalt hielt mit ihm Schritt, und wie immer baumelte eine Zigarette in seiner Hand. Sie waren schwarze Schatten gegen das unabänder- liche Weiß der Landschaft, doch härter und fester als Schatten, so- dass ihre Schritte tiefe Spuren im weißen Untergrund hinterließen. Annat hastete hinter ihnen her und hatte ihre Müdigkeit vergessen; sie war froh, dass der Sheriff sie als Begleitung ausgewählt und sie nicht ihrer Langweile überlassen hatte, dort im Zug mit den In-, validen. Casildis döste. Malchik versuchte zu überschlagen, wie lange Annat und die anderen schon fort waren. Ohne Möglichkeit, die Zeit ge- nau zu bestimmen, konnte er nur schätzen, dass etwa eine Stunde vergangen sein musste. Der Himmel über ihnen blieb leer, ohne wandernde Sonne, die ihm einen Hinweis auf die Tageszeit hätte geben können. Seine Mittagsration hatte er bereits verspeist: Rog- genbrot, Käse und eine Scheibe eingelegte Essiggurke, um sich ge- gen Skorbut zu schützen. Casildis konnte nichts essen; sie beließ es bei kleinen Schlucken aus der Feldflasche, die Govorin ihr überlas- sen hatte. Malchik saß mit seiner ausgewickelten Harfe auf den Knien und ließ seine Finger über die Saiten gleiten. Er hatte seine Fähigkeit, Melodien zu spielen, verloren, doch das sanfte Klimpern tröstete ihn und hielt ihn davon ab, dem Krebsgeschwür in seinen Gedan- ken nachzuhängen. Es war ein schwarzer Schatten wie ein Insekt, das Malchik von innen zerfraß und durch das er Sari und seine Männer über die Ebene zurück nach Westen reiten sehen konnte. Er nahm an, dass Sari ihn in gleicher Weise sehen konnte, wenn er das wollte; Malchik konnte in seinen Gedanken den stinkenden Schweiß dieses scharfen, gebrochenen Geistes riechen. Wenn Yuda und Govorin zurückkehrten, musste er ihnen sagen, was er wusste – wenn er dazu in der Lage wäre. Der schwarze Käfer in seinem Schädel hielt ihn fest in seinem Griff, und er war sich nicht sicher, ob der Käfer ihn sprechen lassen würde. Auch wenn Yuda seine Kopfschmerzen vertrieben hatte, schien in seinem Gehirn noch im- mer ein zusätzlicher Herzschlag zu pochen, als ob etwas unter sei- ner Haut wachsen würde. Wenn er sich doch nur an eine Melodie erinnern könnte! Musik würde ihm Erleichterung verschaffen. Malchik zupfte wahllose Ak- korde auf der Harfe, Tonleitern und Arpeggios, die wenigstens eine Klangfolge bildeten. Und dann, kaum zu glauben, kam jemand zu, ihm: ein sanfter Geist, den Malchik nicht sehen konnte. Er fühlte die Anwesenheit neben sich und die kühle Berührung von Fingern auf seinen Brauen. »Wer bist du?«, flüsterte er, um Casildis nicht aufzuwecken. – Sing, Malchik, sing für mich. »Ich kann nicht singen, meine Freundin«, sagte er und spürte Trä- nen in den Augen. – Ich wäre traurig, wenn du dich nicht an mein Lied erinnern würdest… Er fühlte, wie ihr sanftes Lachen ihm entgegenschlug wie der Atem des Windes, der in den Ohren klingt, oder die Stimme einer Muschel, in der das Blut widerhallt. »Wie kann ich mich an dein Lied erinnern, wenn ich nicht weiß, wer du bist?«, fragte er kläglich. Er spürte ihre Berührung auf seinem Hinterkopf. – Sie können viele Dinge zerstören, doch sie können uns nicht die Musik nehmen. Das Leben, aber nicht die Musik. Ich habe dieses Lied so oft für dei- nen Vater gesungen … »Isabel?«, fragte er und fühlte, wie ihm der Atem stockte. Er glaubte, wenn er die Augen schließen würde, sodass er nur noch durch die Wimpern spähte, könnte er sie vielleicht sehen. – Sari hat mir meine Stimme gestohlen, deshalb musst du für mich singen. Singe, Malchik! Seine Finger glitten über die Saiten der Harfe, und Töne erklan- gen, zunächst noch leise. Er bemerkte, wie ein Lächeln auf seinen Lippen spielte, als unter seinen Fingern eine Melodie entstand, und Isabel flüsterte ihm die Worte ins Ohr. »Ein rotes Schiff sticht in die blitzende See, Und fliegt in der Morgenbrise, die in der Nacht schon aufkam …« Malchik empfand die Traurigkeit dieser Worte, während er sang, die Sehnsucht nach einer verlorenen Freundschaft und die Schwer- mut des Abschieds. Bald kannte er sie auswendig und sang mit Freu-, den, und die Musik verdrängte alle anderen Gedanken aus seinem Kopf. Neben ihm flüsterte der Geist von Isabel Guerreres die Wor- te, die sie geschrieben hatte, und er spürte die Umrisse ihrer Ge- stalt: eine kleine, hübsche Frau mit lockigem Bernsteinhaar, die sich im Takt der Melodie wiegte, nur aus den Augenwinkeln zu erken- nen. Einen Moment lang war er frei von der Göttin und ihrem ver- zehrenden Starren. »Ich stand am Ufer mit einer Laterne in der Hand, und die Flamme der Kerze strahlte hell.« Jetzt konnte er Isabel beinahe neben sich sehen, als ob das Lied ihrer Gestalt einen Körper verleihen und sie ins Leben zurückrufen würde. Doch wenn er den Kopf drehte, um sie direkt anzuschauen, so war dort nichts. Er konzentrierte sich darauf, die Verse zu sin- gen, die sie ihm vorgab, und fühlte eine wachsende Sicherheit in seinen Händen, während er die Saiten zupfte. Er konnte sehen, dass Casildis aufgewacht war und seinem Singen lauschte; sie hatte ihr Kinn in die Hand gestützt, ihre langen, blonden Haare schmiegten sich um die Wellenlinie ihres Körpers. Es schien ihm, dass die Luft unter dem Klang der Töne lebendig wurde; eine sanfte Brise um- spielte ihn, und das Flüstern von Isabels Stimme war das Echo sei- ner Worte. Als er geendet hatte, klatschte Casildis. Malchik lächelte sie an und drehte sich um, um nach Isabel zu sehen, doch sie war fort. Die Brise hatte sich in einen kalten, grausamen Wind verwandelt, der an ihm riss wie ein Kätzchen, das mit einer Maus spielt, bevor es sie tötet. Er umklammerte die Harfe und versuchte, die sanfte Schwermut von Isabels Anwesenheit in Erinnerung zu behalten, doch die Zunge des Windes zerrte an ihm, verlangte gierig nach ihm. Aus dem Himmel stießen zerrupfte Schatten wie Krähen her- ab, die seinen Kopf umkreisten und ihn mit ihren Flügeln schlu- gen. Malchik warf die Arme in die Luft, um seinen Kopf zu schüt- zen, und er hörte Casildis vor Angst schreien. Die dunklen Vögel, rissen mit Schnäbeln und Krallen, die er nicht sehen konnte, an ihm; taumelnd stand er auf, ließ die Harfe fallen und versuchte, sie mit Händen zu vertreiben, die bereits bluteten. Casildis stolperte zu ihm hinüber; sie zog ihren Mantel aus und schlug mit ihm wie mit einem großen Flügel, um Malchiks Peini- ger zu verscheuchen, doch das Kleidungsstück wurde ihr aus den Händen gerissen und in die Luft getragen, wo es sich im Wirbel des Luftstroms drehte und bauschte. Sie mühte sich vorwärts und ver- suchte, Malchik zu umarmen und ihn mit ihrem Körper abzuschir- men; ihr blondes Haar wehte wild um sie beide herum und verfing sich im Eis und Hagel und in schwarzen Krähen. Sie standen im Auge eines Wirbelsturms, aneinander geklammert, nicht in der La- ge, die Stimme des anderen durch das Kreischen des Windes und der Vögel hindurch zu hören. Es schien Malchik, als ob die einzige Sicherheit und Wärme in dem abgeschlossenen Raum zwischen ih- ren beiden Körpern lag; er schloss die Augen, versteckte sein Ge- sicht an Casildis' Schulter und fragte sich, ob dieses Leiden jemals enden würde. Sie liefen in der Sohle eines tiefen Tales, geschützt durch die schnee- bedeckten Äste der Nadelbäume. Sie hatten bereits einen Zwischen- stopp eingelegt, um ein Loch ins Eis zu schlagen, das den am Fuße des Hügels verlaufenden Fluss überzog; sie hatten ihre Haken mit Brot gespickt und gewartet, reglos und schweigend um das Loch hockend, ob ein Fisch den Köder schlucken würde. Yuda hatte ein Paar silberne Forellen gefangen und Govorin einen jungen Hecht, den er mit den Händen im Eiswasser gepackt und, während dieser noch zuckte und um sich schlug, herausgezogen hatte. Annat hatte zusammengekauert gesessen und ihre einsame Leine durch das Eis- loch baumeln lassen, jedoch nichts gefangen. Sie hatten den Fisch eingeschlagen und ihn in Yudas Rucksack gelegt, bevor sie dem Flusslauf das Tal hinauf folgten und durch den jungfräulichen Schnee stapften., Plötzlich mündete das abfallende Tal in einen Canyon; die Hänge glitzerten vom Eis, und der Strom weitete sich zu einem breiten, dunklen See. Annat sog die Luft ein. Vor ihnen lag wie ein spitzer, gläserner Wachturm ein gefrorener Wasserfall, der sich in schier un- bezwingbare Höhen erhob, sodass es aussah, als ob er ein glänzen- des Tor in dem vor ihnen liegenden Felsen bildete. Die Stalaktiten und Eiszapfen hingen wie schweigende Windspiele, die im Augen- blick des Klingens versteinert worden waren. »Ich glaube nicht, dass wir in diesem Tal weiterkommen«, sagte Govorin lakonisch. »Vielleicht ist es für uns an der Zeit, umzudre- hen und etwas Holz zu schlagen.« Die drei liefen über die spiegelglatte Oberfläche des Sees und starrten von ihrer Position unten im Tal aus hinauf zu den silber- nen Zapfen der Kaskade. »Ich frage mich, ob das irgendjemand sonst zu sehen bekommen hat«, sagte Annat laut. Yuda lief zum Rand der eisernen Wand, spähte um sie herum und steckte seine Hand in die Spalte. »Zyon, das wirst du nicht glauben«, sagte er. »Hier ist eine Höhle dahinter, und ich glaube, wir können uns hindurchzwängen. Sogar du, Mister Govorin.« »Sogar ich?«, sagte Govorin und stemmte die Hände in die Hüf- ten. »Und warum sollte ich mich in diese Höhle quetschen wollen, Mister Vasilyevich?« Yuda lehnte sich an den rutschigen Felsen, auf seinem Gesicht zeichneten sich Grübchen ab, und seine Augen blitzten schelmisch. »Warum kommst du nicht her und siehst es dir an, Hauptmann?« »Zehn zu eins, dass es ein tiefes, schlammiges Loch ist und dass ich darin ende«, sagte Govorin mit einem Bühnenflüstern zu An- nat. Doch beide versammelten sich um Yuda und warfen einen Blick um den Rand des Wasserfalls. Im Innern befand sich eine tie- fe Höhle, deren bernsteinfarbene und safrangelbe Wände von Kup- fergrün durchzogen waren; Dampf hing in der Luft, der von einem breiten See aufstieg, welcher sich bis zum hinteren Rand der Höhle, erstreckte und der sein Wasser wie ein weiches, flüssiges Geschmei- de über ein Steinsims in unsichtbare Tiefen goss. »Das Wasser ist heiß!«, sagte Govorin, drehte den Kopf und starr- te Yuda an. »Ich würde vorschlagen, wir lassen den Fisch draußen«, sagte Yuda. »Was ist mit dem Rebjonok?«, fragte Govorin, sah Annat an und musste fast lachen. »Zyon, das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schamgefühle. Wir drei sind schmutzige Leute, die ein Bad brauchen. Es sei denn, du willst sie zurückschicken, um Casildis zu holen.« »Glaubst du, es ist hier sicher, Tate?«, fragte Annat unschlüssig. Seit dem Zusammentreffen mit den Brüdern war sie argwöhnisch und weniger vertrauensselig, was ihre schützenden Instinkte betraf. Yuda tätschelte ihre Schulter und sagte: »Du und ich sollten jede Gefahr wahrnehmen, bevor sie zu nahe rückt. Dieser Ort fühlt sich gut an, würde ich sagen. Was meinst du, mein kleiner Kanarienvo- gel?« »Ja-a«, antwortete Annat zögernd. »Hier ist nichts Böses. Aber wo- her weißt du, dass du dich auf mich verlassen kannst? Letzte Nacht habe ich falsch gelegen.« Yuda lächelte sie mit den Augen an. »Ich vertraue dir mehr als allen anderen, Natka«, sagte er. »Du warst nicht diejenige, die sich letzte Nacht hat täuschen lassen. Ich habe mich beschwatzen las- sen, weil Santos so ein freundlicher Kerl schien, als er mit mir am Feuer getrunken hat.« Wie Yuda ließen sie ihre Rucksäcke auf einem Haufen am Ein- gang zurück und zwängten sich durch den schmalen Spalt zwischen dem Eis und der Felsöffnung. Im Innern herrschte ein sonderbares Zwielicht, in das sich das silbrige Licht mischte, das den gefrorenen Wasserfall durchdrang, ebenso wie der zurückgeworfene Schein des Sees, an dessen Rändern die Wände von den bernsteinfarbigen Ab- lagerungen des Eisenoxids glitzerten. Ein tiefer Vorsprung, der eben unter den Füßen war, führte die Wand der Höhle entlang ins Inne-, re, wo sie den Ursprung der heißen Quelle fanden, die vom Boden aufsprudelte. Yuda kniete sich hin und schöpfte mit der hohlen Hand Wasser, um es zu kosten. Er zog eine Grimasse. »Schmeckt nach Rost«, stellte er fest. »Heißes und kaltes fließendes Wasser: wie im Badehaus«, sagte Govorin. »Und ein Bad ist genau das, was ich brauche«, sagte Yuda, ließ sich auf dem Felsvorsprung nieder und schnürte die Stiefel auf. »Bist du gerade dabei, deine Kleidung abzulegen?«, fragte Annat, die es noch nicht ganz hatte glauben können, dass er wirklich so weit gehen würde. »Ich werde dir zuliebe nicht voll bekleidet hineinspringen, Missis. Entweder du wartest draußen und hütest deine Sittsamkeit, oder du ziehst dich bis auf Hemd und Unterhose aus. Ich verspreche dir, dass der Körper einer Dreizehnjährigen weder den Sheriff noch mich in Erregung versetzen wird. Wir brauchen mehr Futter.« Annat merkte, wie sie rot wurde. Yuda hatte ihre Ängste richtig gedeutet, doch sie wünschte sich, er würde mit ihr nicht vor Govo- rin darüber sprechen, dem sie etwas ehrfürchtig gegenüberstand. Der Sheriff fuhr sich mit der Hand durch sein moosartiges Haar. »Das Problem war aber nicht zu ahnen«, sagte er. »Es muss einige Einschnitte im Felsen geben, die du zum Umziehen nutzen kannst. Aber irgendwie scheint das nicht richtig.« »Sei keine alte Jungfer, Seriozha«, sagte Yuda und zog seinen Mantel aus. »Wenn Annat nicht wohl dabei ist, kann sie ja draußen warten, bis wir fertig sind und dann später alleine reinspringen.« Annat wünschte sich, sie könnte das Erröten stoppen. Sie ent- schied sich jedenfalls, Govorins Rat zu folgen, und suchte einen schmalen, hohlen Platz am Ende der Höhle, wo sie eilig ihre Klei- dung bis auf ihre Unterhose auszog; dann verschränkte sie die Arme über ihren kleinen, unzulänglichen Brüsten, nahm Anlauf und sprang direkt in das Wasser. Sie war zu beschäftigt damit, wegen der Hitze zu planschen und zu husten, als dass sie groß mitbekam, was Yuda und Govorin taten, oder ob sie ihr zusahen. Doch einige Au-, genblicke später gab es zwei heftigere Spritzer und zwei Köpfe und Schultern erschienen neben ihr im Wasser. Govorins Haut war von einem sinnlichen Schokoladenbraun, wohingegen Yudas Fleisch lachhaft weiß wie das einer gehäuteten Eidechse war. »Oh Mann, ist das heiß!«, sagte Yuda und nieste. Govorin durch- querte den See und bespritzte Yuda, wobei er ein Paar Hinterba- cken wie zwei braune Findlinge zur Schau stellte. Plötzlich fing An- nat ohne Grund an zu kichern und steckte ihre Finger in den Mund. Der einzige Mann, den sie jemals nackt gesehen hatte, war ihr Bruder gewesen, und plötzlich begriff sie, dass er weit davon entfernt war, typisch auszusehen. »Was ist mit dir los?«, fragte Yuda entrüstet. »Der Sheriff ist überall braun!«, rief Annat. Govorin drehte sich auf den Rücken und ließ sich auf der ande- ren Seite des Sees im Wasser treiben. »Habe ich etwas verpasst, Yuda?«, fragte er. »Ich nehme an, in Sankt Eglis gibt es nicht viele Dunkle«, sagte Yuda. »Und sie scheinen ihre Hosen anbehalten zu haben.« Verschämt erstickte Annat ihr Lachen. Sie konnte nicht anders, sie fragte sich, ob auch der Penis des Sheriffs braun sei und wie er wohl aussah. Sie war versucht zu tauchen, um einen genaueren Blick drauf zu werfen, entschied dann jedoch, dass es unfair wäre, wo Govorin doch versucht hatte, ihr Peinlichkeiten zu ersparen. Sie beobachtete, dass Yuda sehr wenig Haare auf der Brust hatte, abge- sehen von den Büscheln langen, schwarzen Haars unter den Achseln, und dass seine Schultern und Arme muskulös waren, wenn auch nicht zu vergleichen mit den Muskelbergen an Govorins Brust und Rücken. Sie schwamm im See hin und her und dachte bei sich, wie seltsam die Körper der Männer waren. Ihre Haut wirkte hart wie Pappe, ihre Hände und Füße waren zu groß, und ihr Körper war gerade, wo er doch hätte kurvig sein sollen. Annat schloss die Augen und tauchte ihren Kopf unter Wasser, damit ihre Haare benetzt wurden. Da sie in der Nähe des Meeres aufgewachsen war, empfand sie dieses warme, frische Wasser als ei-, nen Luxus, an den sie nicht gewöhnt war. Sie drehte sich herum, um sich auf dem Rücken treiben zu lassen, wäre aber dann beinahe untergegangen, als ihr einfiel, dass sie ihre Brust bedecken müsste. Sie drehte sich wieder auf den Bauch und sah Govorin und Yuda zu, wie sie hin und her schwammen. Yuda schwamm anmutig und bewegte sich leicht durch das Wasser wie eine Robbe, doch Go- vorin spritzte, schlug um sich und verursachte Wellen, die die Was- seroberfläche kräuselten. Annat bemerkte mit Erleichterung, dass sich die beiden nicht im Geringsten für sie oder ihren heranwach- senden Körper interessierten. Sie war so sicher, als ob sie noch im- mer ein kleines Mädchen wäre, eben und flach wie ein geglätteter Stab. Sie tauchte hinab auf den Grund des Sees und öffnete die Au- gen, um die reichen Eisenablagerungen zu untersuchen, die die Fel- sen dort unten überzogen. Es gab wiegende Gräser, lang und fein wie Haare, und das Wasser selbst hatte einen grünlichen Stich, so- dass es in den Tiefen fast düster war. Als sie wieder an die Oberfläche kam, alberten Govorin und Yuda wie zwei Jungen herum, tauchten einander unter und planschten wild mit den Füßen. Annat beobachtete die beiden mit einem Hauch von Verachtung und fragte sich, wie sie so dumm sein konn- ten. Sie stieg aus dem See – und stand Aug' in Aug' mit einem selt- samen Mann, der aus dem Nichts erschienen war und der abgese- hen von einem Lendenschurz aus Bärenfell nackt war. Bevor sie um Hilfe rufen konnte, war er zu ihren Füßen niedergekniet und hatte den Boden vor ihr mit der Stirn berührt. Annat verschränkte die Arme fest vor ihrer Brust und fragte sich, was sie nun tun sollte. Der Mann hockte sich auf die Fersen und sprach sie in dieser Haltung an: »Willkommen, Nymphe, Dienerin der Großen Göttin Arte- myas!« Zu diesem Zeitpunkt war Yuda schon aus dem Wasser ge- sprungen und rannte zu ihnen herüber. Er stellte sich neben Annat, nackt und tropfend, und fragte: »Wer zur Hölle sind Sie?« Der Mann, dessen graue Augen etwas unstet wirkten, hob beide Hände mit nach oben gerichteten Innenflächen und stimmte an: »Das Bärenvolk hat mich geschickt, um euch willkommen zu hei-, ßen, oh, ihr Diener der Göttin! Wir haben sie in eurer Begleitung gesehen, wie sie ihren Streitwagen aus Stahl und Feuer lenkte, und wir haben sie an ihrem großen Körper und dem Schein ihres Wei- zenhaares erkannt!« »Oh, Scheiße«, flüsterte Yuda. Govorin gesellte sich zu ihnen und bedeckte, anders als Yuda, seinen Schritt mit der Hand. »Wer ist der Kerl?«, wollte er wissen und sprach in Sklav, damit der Fremde sie nicht verstehen konnte. »Er scheint zu glauben, dass deine Frau die Große Göttin Artemyas ist«, sagte Yuda. »Bin mir nicht sicher, was das aus uns macht.« Die drei nahmen den Fremden unter die Lupe, der sie seinerseits mit Ehrfurcht betrachtete. Er war groß, hellhäutig, mit dunklem Haar und blauer Tätowierung in Form einer Bärentatze auf seiner Schulter. »Ich bitte euch, unsere Hallen zu betreten, oh ihr Großen Einzi- gen«, sagte der Mann und senkte den Kopf. »Einige aus meinem Volk sind von Arrun, unserem Häuptling, ausgesandt worden, um die Göttin und ihren Spielmann dorthin zu führen. Wir haben un- sere Wachen ausgeschickt, um den magischen Streitwagen zu bewa- chen und sicherzustellen, dass niemand wagt, seine entweihenden Hände aufzulegen. Ich flehe darum, dass ihr mir als Ehrengäste fol- gen möget.« »Als das letzte Mal jemand so etwas zu mir sagte, hätte ich fast als Eintopf geendet«, sagte Yuda. Er warf einen Blick auf Annat, die zitterte. Die Luft in der Höhle war alles andere als warm im Ver- gleich zum Wasser im See. »Was meinst du, mein kleiner Kanarien- vogel?« »Was ist eine Nymphe?«, fragte Annat den Mann in Franj. Er tat ihr ein wenig Leid, und sie fand es unrecht von ihnen, ihn knien zu lassen, während sie auf seine Kosten Witze machten. Zu ihrer Über- raschung lächelte der Mann, und seine Augen schienen weniger wild und unnahbar. »Du bist eine Nymphe, eine Jungfrau, eine keusche Dienerin der tugendhaften Göttin«, sagte er., Annat erwiderte sein Lächeln. Es ging kein offenkundiger Geruch der Gefahr von ihm aus, auch wenn ihr klar war, dass die Dinge nicht so gut laufen würden, wenn er und sein Volk herausbekamen, dass Casildis keine Göttin war. »Bitte sagen Sie mir Ihren Namen, Mister«, sagte sie. »Ich bin Teress aus dem Hause Arrun«, sagte er. »Ich bitte euch, mir zu folgen, Große Einzige, damit mein Volk euch ehren kann.« – Er ist in Ordnung, Tate. Nur ein bisschen verwirrt. Ich glaube, es wird nur Ärger geben, wenn wir versuchen wegzulaufen. – Im Moment haben wir keine große Wahl. Ich hoffe nur, dass sie uns nicht zu lange aufhalten. Wir wollen doch nicht, dass Sari den eisernen Streitwagen findet und ihn in Einzelteile zerschlägt. Er legte seine Hand auf die Brust und machte eine Verbeugung vor Teress mit den Worten: »Ich bin Yuda aus dem Hause Vasilye- vich, und das ist der mächtige Hauptmann Govorin aus dem Hau- se Gavril«, – Govorin schnaubte – »und wir schätzen uns glücklich, Ihnen folgen zu dürfen, oh, Teress, wenn wir erst mal unsere Klei- dung angelegt haben.« »Ich jedenfalls friere«, fügte Govorin hinzu und stampfte auf der Stelle. »Unsere Mägde werden euch frische Kleidung bringen und eure benutzten Sachen waschen«, sagte Teress. Die Mägde entpuppten sich als vier Frauen und zwei junge Mäd- chen. Sie trugen lange Röcke und reich bestickte Blusen unter schö- nen Lederjacken, die von Fell gesäumt waren. Wie Teress hatten sie dunkle Haare und Augen, die grau oder von einem erstaunlichen Winterblau waren – doch keine von ihnen war blond. Die Frauen überreichten Yuda und Govorin Handtücher und zogen sich in züchtige Entfernung zurück, während diese sich abtrockneten. Die Mädchen taten das Gleiche für Annat, und sie war ein wenig ent- täuscht über ihr verschrecktes Verhalten und ihre gesenkten Augen. Sie wollte ihnen etwas zurufen und ihnen sagen, dass sie keine Nymphe war, und auch keine Begleiterin der Göttin oder Derarti- ges; doch stattdessen hüllte sie sich in ein Handtuch und trocknete, sich eilig ab, denn ihre Haut war kalt, und ihre Füße waren am Er- frieren. Govorin und Yuda sprachen leise miteinander, als sie sich abge- trocknet hatten; Yuda hatte sein Messer und seinen Gürtel vom Kleiderstapel genommen, bevor jemand sie wegtragen konnte. Als sie beinahe fertig waren, gingen die Mägde weg, nur um eilig mit drei Stapeln Kleidung wiederzukommen. Offenbar hielt das Bä- renvolk ihre eigenen Anziehsachen für zu schlicht für die Diener ihrer Göttin. Die Mädchen reichten ihr ein weißes Unterhemd, eine graue Tunika und eine Schürze, die mit roten Fäden bestickt war. Um sie warm zu halten, gaben sie ihr einen gewebten Umhang aus rötlicher Wolle, der auf der Schulter mit einer goldenen Spange be- festigt wurde. Als Annat sah, was Govorin und Yuda trugen, musste sie lachen, denn es unterschied sich erheblich von ihrer gewöhnli- chen Kleidung. Govorin war mit einer prächtigen langen Robe aus rot gefärbter Wolle bekleidet, die mit goldenen Fäden durchsetzt war, einer Weste aus Bärenhaut und einem gelben Umhang; Yuda hatte graue Beinkleider an, ein blaues Hemd und eine schwarze Weste, auf deren Vorderseite Silber und kleine Spiegel genäht wa- ren. Er hatte darauf bestanden, sein Messer darüber zu gürten, und das wirkte gar nicht so unpassend, wie Annat es erwartet hätte. Sie hatten ihm einen grauen Umhang gegeben, und Annat fragte sich, ob sie solche Kleidung in verschiedenen Größen vorrätig hatten oder ob Yuda zufällig in die hineinpasste, die sie für ihn ausgewählt hatten. Aus irgendeinem Grund fand sie die Tatsache, dass ihnen allen die Kleidung so gut passte, etwas beunruhigend. Es gab kei- nen Weg, auf dem das Bärenvolk von ihrer Ankunft erfahren haben konnte, es sei denn, sie verfügten über ungewöhnlich genaue Wahr- sager. Als sie alle angekleidet waren, führte sie Teress zu einem engen Spalt am hinteren Ende der Höhle, aus dem er und die Mägde ge- kommen waren. Als sie sich dem Durchgang näherten, stellte sich heraus, dass er breiter war, als es den Anschein gehabt hatte, und dass es ihnen möglich war, ohne Schwierigkeiten hindurchzugelan-, gen. Ein Hohlweg führte durch den Felsen, der immer wieder in Steintreppen überging. Die Wände waren feucht vom laufenden Wasser und von Erzadern durchzogen. Annat, die an der Spitze hin- ter Teress und den Frauen lief, ließ ihre Hand über die ölige Ober- fläche gleiten. Das Licht der Fackeln, die in dem Tunnel brannten, spiegelte sich in lebendigem Grün, das in blaue Schattierungen über- ging, welche so reich waren wie das Wasser des Großen Meeres. Es war ein langer Aufstieg, doch schließlich kamen sie im Tages- licht heraus. Sie befanden sich auf einer Waldlichtung mit einer niedrigen Palisadenumgrenzung und gesäumt von hohen Bäumen, deren üppiges Blätterwerk beinahe frei von Schnee war. Der Boden war gefegt und mit Piniennadeln bestreut worden, und eine kleine Herde Schafe – weiße, rotbraune und schwarze – stand gegen die Umzäunung zu ihrer Linken gedrückt, wo sie an Haufen aus Na- deln und Kräutern rupften, die um sie herum als Futter aufge- schichtet worden waren. Die Innenseite der Umgrenzung war mit riesigen Bärenfellen behängt, die im Stück gegerbt worden waren, und ein oder zwei trugen sogar noch einen Bärenschädel. »Dies ist unser Wohnort im Bärenwald«, sagte Teress schlicht. »Der Bär ist unser Beschützer, unser Freund – und unser Feind. Wir jagen ihn, doch wir essen nicht von seinem heiligen Fleisch, das der Göttin, der Bärin, dargeboten wird.« Innerhalb der Umgrenzung drängten sich viele runde Hütten von unterschiedlicher Größe; ihre Wände bestanden aus festem Lehm, und ihre Dächer waren aus Zweigen gemacht, die dicht mit Ried bedeckt waren. Teress führte sie einen schmalen Pfad entlang, der zwischen diesen runden Behausungen verlief, von denen einige mit leuchtenden, stilisierten Formen bemalt waren. Annat wäre gerne stehen geblieben, um sie eingehender zu betrachten. Sie folgte Te- ress mit Yuda und Govorin auf den Fersen; die sechs Mägde bilde- ten das Schlusslicht. In der Mitte des Dorfes befand sich ein runder Versammlungsplatz, wo der gesamte Stamm in einem großen Kreis zusammengekommen zu sein schien und sie erwartete. In der Mitte der Runde stand ein großer Mann mit einem edlen Gesicht, der, sich auf einen Stock stützte; aber das Beeindruckendste an ihm war das unversehrte Bärenfell, das er über seinen Kopf gelegt trug, so- dass es seinen Rücken hinunterhing. Als er Teress näher kommen sah, trat er nach vorne, pochte dreimal mit seinem Stab auf die Erde und rief: »Willkommen, Große Einzige, Begleiter der Göttin! Ich bin Arrun, der Häuptling des Bärenvolkes.« Govorin, Yuda und Annat standen in einer Reihe und waren sich nicht sicher, was sie antworten sollten, als die versammelte Menge in Beifallsrufe ausbrach. Nach einigem Zögern, und nachdem die beiden Männer sich beraten hatten, trat Govorin nach vorne und verbeugte sich. »Seid gegrüßt, edler Arrun«, sagte er. »Ich bin Govorin aus Masal- yar, Ehemann der Göttin, und das ist mein Freund und Bluts- bruder, der mächtige Yuda, Sohn von Mordechai.« Bevor er noch mehr sagen konnte, lief ein seltsames Seufzen durch die Menge, und alle außer Arrun fielen auf die Knie. »Oje«, flüsterte Govorin, »was habe ich gesagt?« »Auf jeden Fall hast du Eindruck gemacht«, antwortete Yuda. Arrun verbeugte sich tief vor ihnen und presste seine Hand auf die Brust. »Dann ist das ein dreifach gesegneter Tag für uns, oh ihr Großen Einzigen, da ihr gekommen seid, um unsere Hallen auf die- se Art zu ehren. Folgt mir, und ich werde euch zur Göttin führen.« Er senkte seinen Stab und schritt quer durch den Kreis; die Men- ge teilte sich, um ihn hindurchzulassen. Nach einigen Augenbli- cken des Zögerns begriff Annat, dass sie Arrun folgen sollten, und sie hastete hinterher, ließ es dabei jedoch so sehr an Würde man- geln, dass es recht unpassend für eine Nymphe und eine Jagdbeglei- terin der Göttin schien. Der Häuptling steuerte auf einen großen Rundbau mit hohem Dach zu, der am Rande des Kreises rechts der Lichtung stand. Aus irgendwelchen Gründen war der Eingang nicht einmal halb so hoch wie ein Mensch, und selbst Annat war ge- zwungen, sich zu bücken, um einzutreten. Sie fand sich selbst in ei- nem schattigen, runden Raum mit einem hohen Kuppeldach wie- der, in dem die einzigen Lichtquellen einige Pinienfackeln bildeten,, die an dem mit Lehm beworfenen Flechtwerk befestigt waren. An der anderen Seite des Raumes befand sich ein kleines Podium, auf dem ein Stuhl stand; und es war Casildis, die auf diesem Podest thronte. Ihr Gesicht war sauber und ihre Haare glatt gebürstet; sie trug einen fließenden weißen, mit Gold verbrämten Umhang. Die Puppe lag auf ihrem Schoß. Malchik saß ungemütlich zu ihren Fü- ßen, die Harfe auf seinen Knien balancierend, und Annat bemerkte sofort die frischen Kratzer auf seinem Gesicht und seinem Nacken. Sie starrte ihn an, bevor ihr einfiel, dass man von ihr erwartete, ihre Rolle zu spielen. Ihr gelang eine wacklige Verbeugung vor Casildis, dann stimmte sie an: »Heil dir, Große Göttin Artemyas, Herrin der Nymphen.« Die Augen der Frau fingen ihren Blick auf, und Belustigung paarte sich mit langsamem Begreifen. »Sei gegrüßt, Annat, meine treue Dienerin«, sagte Casildis und hob die Hand zu einer königlichen Geste. »Ich bitte dich, hinter meinen Thron zu treten und mir dienlich zu sein, wie du es schon so viele Male im Paradies getan hast.« – Das ist gut, dachte Yuda. Wir müssen uns die Stichworte von Casildis geben lassen – und hoffen, dass sie weiß, was sie tut! »Es ist immer ein Vergnügen, Eure Befehle auszuführen, Gnädig- ste Einzige«, sagte Annat, die anfing, Spaß an der Rolle, die ihr auf- gedrängt worden war, zu empfinden. Sie achtete diesmal darauf, sich nicht zu hastig zu bewegen, und schwebte stattdessen durch den Raum, ließ ihre Hand über Malchiks Schulter streifen, als sie an ihm vorbeikam, und nahm ihre Position auf dem Podest hinter dem Thron ein, wo sie einen guten Überblick über alles hatte, was in der Hütte vor sich ging. Casildis stand nun würdevoll auf und hob ihre Arme, an den Ellenbogen gebeugt und mit den Handflä- chen nach außen. »Edelster Gatte«, sagte sie und lächelte Govorin an. »Ich bin sehr froh, euch wiederzusehen, nachdem die Schrecken auf uns nieder- gekommen sind. Denn meine Schwester, die missgünstige Nyssa, hat ihre Vögel des Bösen geschickt, um meinem Diener Malchik, Leid zuzufügen, und er ist gerade so mit dem Leben davongekom- men.« Malchik nickte eifrig und zeigte auf die Kratzer auf seinem Ge- sicht. Govorin trat vor, wandte sich an Casildis und sagte: »Edle Dame, ist die Göttin Nyssa unter den Sterblichen als die Kalte be- kannt?« »Ja, mein Gemahl, und sie versucht unablässig, mein Volk zu zer- stören.« Sie warf ihren Kopf zurück, hob die Arme hoch über ihren Kopf und schrie: »Lasst mich frei, lasst mich frei, ich bitte euch. Denn ohne mich wird meine Schwester noch böser, und ich schwä- cher. Ich prophezeie euch, wenn der Tag kommt, wird ohne uns fünf alles verloren sein.« Als sie geendet hatte, wurde Casildis plötzlich schwach und brach langsam auf dem Boden des Podests zusammen wie eine welkende Rose. Erschrocken schrie Arrun auf, und Annat und Govorin rann- ten beide herbei, um die am Boden liegende Frau aufzurichten. – Das war eine gelungene Vorstellung – wenn es denn ein Schauspiel war … dachte Yuda in Annats Geist. Casildis öffnete die Augen und lächelte verträumt hinauf zu Go- vorin. »Sie ist in mich gefahren – die Strahlende ist in mich gefah- ren«, murmelte sie. »Es ist so lange her …« Bei diesen Worten sah Govorin erstaunt aus, doch alles, was er sagte, war in besonnenem Sklav: »Leider sprach sie in Rätseln, mei- ne Geliebte.« Gemeinsam halfen Govorin und Annat Casildis zurück auf ihren Stuhl, und Annat bändigte ihr wildes Haar, das sich wieder in alle Richtungen gelöst hatte. Sie nahm die Puppe auf und reichte sie Casildis mit einem Lächeln, das nur sie beide teilten. Arrun schien zu glauben, ihm stünde ein wichtigerer Part in den Feierlichkeiten zu, und so trat er an das Podium und klopfte dreimal mit dem Stab auf den Boden. »Es ist ein wunderbarer Zufall, Heilige, Mensch gewordene Göt- tin, der Euch hierher gebracht hat, um unsere Feuerstellen in Be- gleitung Eures Gemahls und seines Bruders mit eurer Anwesenheit, zu beehren«, sagte er. »Durch Eure Vereinigung wird die Erde fruchtbar und blühend werden, und die Frühlingssonne wird den Himmel wärmen, der seit drei Jahren nur den Winter kennt.« »Vereinigung?«, fragte Govorin. Arrun, der diesen Moment des Triumphes als Häuptling und Ho- hepriester zu genießen schien, fuhr fort: »So müsst Ihr Euch zu- nächst mit dem Bruder Eures Gatten paaren, um Abschied vom alten Jahr zu nehmen. Und dann, zu Eurer gnädigen Freude, ver- einigt Ihr Euch mit Eurem mächtigen Gemahl, um die Geburt des neuen Jahres einzuläuten.« Es herrschte tiefes Schweigen, bevor sich Govorin aufrichtete und sagte »Wie war das?«, und Casildis hastig einwarf: »Nein, nein, edler Arrun, nicht so. Ich werde heute Nacht bei meinem wahren Ehe- mann liegen, und alles wird gut.« »Nein, Hoheit. Ihr selbst habt es in Euren Lehren festgeschrieben, dass Ihr mit dem Gatten des vergangenen Jahres das Lager teilen müsst, bevor Ihr die Freuden mit Eurem eigenen, wahren Gatten teilen könnt, der Euer König und Gemahl ist.« »Nein, wartet einen Augenblick –«, setzte Govorin an, doch Ar- run fuhr fort: »Wenn es nicht richtig, der Sitte entsprechend, voll- zogen wird, wird die Macht der Kalten nicht gebrochen werden, und der Winter wird fortdauern. Mein Volk beginnt zu verküm- mern und krank zu werden, und uns werden nur wenige Nachkom- men geboren. Es wird großen Aufruhr geben, wenn sie erfahren, dass ihre eigene geliebte Göttin ihr Versprechen nicht gehalten hat.« Govorin und Yuda warfen sich einen Blick zu. Govorin machte eine Bewegung, die wie ein Achselzucken aussah, und Yuda schüttelte den Kopf. »Dann soll es so sein«, schloss Arrun triumphierend, auch wenn Annat eine Spur von Angst in seiner Stimme ausmachte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich ihm jemand widersetzen könnte. »Dann soll es so sein«, sagte Govorin und klopfte seiner Frau auf die Schulter. Casildis sah mit einem wenig erfreuten Blick zu ihm auf., »Sieh, Göttin, wie Euer nobler Ehemann sich dem Gesetz beugt«, sagte Arrun rasch. »Wir haben so lange auf Eure Ankunft gewartet und wir waren uns sicher, dass Ihr um unser Begehr wusstet, als wir erfuhren, dass Ihr Euren Ehemann und seinen Bruder mit Euch führt. In der Tat, so soll es sein.« »So soll es sein«, sagte Casildis und erhob sich. »Doch, wie bei jeder Ehefrau, schlägt mein Herz für meinen Ehemann, und seines für mich. Denn Sterblichkeit und das Göttliche vereinen sich zu gleichen Teilen in meiner Brust. Meine Liebe gilt meinem Ehe- mann, doch ich werde meine Pflicht meinem Volk gegenüber nicht vergessen, das so lange und so geduldig auf meine Ankunft gewartet hat.« »Gelobt sei die Große und Geliebte Göttin, die in ihrer Weisheit alle Dinge sieht«, schmetterte Arrun. »Ich werde Eure Worte an das Volk weitergeben, sodass es die Nacht Eurer Vereinigung mit Festen und Feierlichkeiten begehen kann.« Kaum dass er die Kammer verlassen hatte, scharten sich die fünf umeinander. »Was hast du dir dabei gedacht, Sergey?«, fauchte Casildis. »Das kann ich nicht tun.« »Du hast dich von ihnen mit Göttin ansprechen lassen, Missis. Nun müssen wir den Schein wahren.« »Ich werde nicht mit Casildis schlafen«, sagte Yuda und ver- schränkte die Arme vor der Brust. »Ich glaube nicht, dass wir eine große Wahl haben, Yuda«, sagte Govorin. »Unser Leben könnte davon abhängen.« Rasch stellten sie sich wieder in Position, als Arrun sich durch die Tür duckte. Er lächelte, und er sah so vollkommen glücklich aus, dass in Annat eine Spur von Mitleid für ihn aufkeimte. »Euer Volk hat mich geschickt, um Euch Dank zu übermitteln, Große Göttin. Und auch meinen Dank, denn ich musste mit an- sehen, wie mein eigenes geliebtes Volk sich verzehrte und dahin- schwand. Der Ort wird gerade vorbereitet, und wenn er hergerichtet ist, werden wir Euch hinführen. Doch zuvor muss der Hunger des, sterblichen Fleisches befriedigt werden, und ich bitte Euch, unser Fest mit Eurer Anwesenheit zu beehren.« Casildis erhob sich und bot Govorin ihre Hand dar, ohne ihn ei- nes Blickes zu würdigen. Als er sie vom Podest führte, streckte sie die andere Hand nach Yuda aus, und ein Blick ging vom einen zum anderen, in dem sich Angst mit einer anderen Empfindung mischte, von der Annat glaubte, dass sie sie langsam zu erkennen begann.

KAPITEL 12 Während des gesamten Festes konnte Annat die Augen nicht vonYuda, Govorin und Casildis abwenden. Die drei saßen an

einem abgetrennten Tisch, der sich weit über die der anderen er- hob, sodass alle Versammelten sie gut sehen konnten. Annat sah sie lachen, scherzen und miteinander sprechen, als ob sie die Freuden des Mahls ungetrübt genießen konnten; doch sie bemerkte, dass Govorin die ihm eingeschenkten Weinkelche leerte, als trinke er Li- monade, und Casildis tat es ihm fast Zug um Zug gleich. Yuda hin- gegen nahm sich Zeit und achtete darauf, dass sein Kelch gefüllt wurde, noch bevor er ihn ganz ausgetrunken hatte. Wenn er nicht mit seinen Freunden sprach, sah Annat, wie seine Augen die Menge absuchten, als würde er ihre Flucht planen und die Gefahr und die Möglichkeiten des Entkommens abwägen. Obwohl Casildis zwi- schen ihm und Govorin saß, sah er sie nur selten an. Stattdessen betrachtete er genau, was sich auf seinem Teller befand, und schob es mit dem Messer hin und her, als ob er es faszinierend fände. Selbst aus dieser Entfernung konnte Annat die starken Gefühle auf- nehmen, denn er machte sich nicht die Mühe, sie vor ihr zu verste- cken. Doch sie konnte sie nicht richtig deuten: Es war etwas wie, Angst, doch es gab auch eine Komponente, die ohne Furcht war. Diese bewegte er in seinen Gedanken, als sei sie ein schmackhafter Bissen auf seiner Zunge, den er genoss und dessen Geschmack er erkundete, bevor er ihn hinunterschluckte, als ob er die Freuden scheute, die er ihm bereitete. Annat war auf der Frauenseite ein Einzeltisch zugewiesen worden, nahe genug am Hohen Tisch, sodass sie einen guten Überblick hat- te, was vor sich ging. Das Essen wurde in mehreren Gängen serviert und schien aus Lamm, Hammel und anderen Leckerbissen vom Schaf zu bestehen. Sie war sich ziemlich sicher, dass während eines Gangs allen Männern ein Teller mit Widderhoden serviert wurde, während den Frauen kleine Weizenkekse, in Ringform gebacken, ge- reicht wurden. Malchik, dem ein Stuhl am Fuße des Hohen Tisches angeboten worden war, ließ die gebratenen Bällchen verstohlen von seinem Teller ins Gras gleiten, woraufhin Annat sich fast an ihrem Keks verschluckte. Casildis und die beiden Männer schienen unflä- tige Zoten auszutauschen, und Annat deutete den Gesichtsausdruck Casildis' so, dass die Frau imstande war, Dinge zu sagen, die selbst Yuda schockierten. Als Casildis den Finger durch das Loch in ih- rem Keks steckte, begriff Annat mit einiger Verspätung, dass er eine Vagina darstellen sollte, und wurde von dem plötzlichen Wunsch gepackt, sie hätte es wie Malchik gemacht und ihren Keks unter den Tisch rutschen lassen. Zum Glück aller wurden ihnen nicht nur Würste, Maiskolben und andere phallische Nahrungsmittel gereicht, die am Hohen Tisch ebensolches Gelächter wie die Kekse hervorriefen. Annat konnte nicht verstehen, was daran so lustig sein sollte; sie fand es schlüpf- rig und eher ekelhaft. Sie war erleichtert, als sich der letzte Gang als Schafskäse erwies, den sogar Malchik essen konnte, ohne zu errö- ten. Als das Essen vorüber war, hielt Arrun eine lange, einschläfern- de Rede, die der glich, die der Bürgermeister von Sankt Eglis jedes Jahr auf dem Stadtfest hielt. Sie war etwas erstaunt, als Teress an ih- rem Tisch vorbeikam und ihr unvermittelt und schelmisch zuzwin- kerte. Beim Versuch, das Blinzeln zu erwidern, schloss Annat beide, Augen. Als die Rede vorüber war, forderte Arrun Malchik auf, eine Melodie anzustimmen. Auf dem Gesicht ihres Bruders zeichnete sich Panik ab; doch er saß dort mit der Harfe auf seinen Knien und schlug ein Lied an, das sie ihn noch nie zuvor hatte spielen hören – zögernd zunächst, doch dann wurde seine Stimme stärker und sein Spiel sicherer. Sie sah, dass sich Yuda mit einem erstaunten Ausdruck über den Tisch beugte; er schien jedes Wort in sich auf- zusaugen. Das Lied hatte für Annat keinerlei Bedeutung; es war irgendetwas mit einem roten Schiff. Doch einige Augenblicke lang sah sie die Umrisse einer kleinen Frau, die hinter Yudas Schulter stand und ihn anlächelte. Die Frau war verschwunden, kaum dass das Lied zu Ende war. Yuda schien nicht bemerkt zu haben, dass sie da gewesen war. Als Malchik fertig war, brandete tosender Beifall auf, und plötz- lich war die Nacht hereingebrochen. Über ihnen sah Annat den Pla- neten Rogastron und seine drei Monde. Ein kurzer Schauer überfiel sie, und sie zog ihren Umhang enger um sich. Sie fragte sich, wer die Frau gewesen sein mochte, die sie neben Yuda hatte stehen se- hen. Aber sie würde keine Chance haben, ihn danach zu fragen, denn Arrun klatschte in die Hände und kündigte an, dass es an der Zeit wäre, die Königin und ihren Bräutigam zu ihrem Bett zu gelei- ten. Casildis stand schwankend auf und lächelte beschwipst; Govo- rin leerte einen weiteren Weinkelch. Nur Yuda schien ruhig, auch wenn er nicht froh aussah. Annat wurde herbeigerufen, um Casildis zu stützen, und Arrun führte sie durch die Stadt zu einer kleinen Hütte, die sich jenseits der Umgrenzung befand. Eine Traube Frau- en stand wartend draußen, und als Annat und Casildis näher ka- men, begannen sie ein süßes Lied über eine Taube zu singen, die zu ihrem Nest fliegt. Casildis hielt inne. »Ich kann das nicht tun, Annat«, sagte sie. »Ich kann meinen Ehe- mann nicht betrügen.« »Das musst du doch auch nicht«, sagte Annat überrascht. »Sag ihnen einfach morgen früh, dass ihr es getan habt.« »Du verstehst nicht. Die Strahlende …« Casildis brach ab. »Komm, herein, und hilf mir bei den Vorbereitungen«, sagte sie mit klarerer Stimme. Das Bärenvolk hatte ihnen immerhin ein gemütliches Nest im Inneren der Hütte bereitet; sie war mit Bärenfellen behangen, und der Boden war mit Teppichen und gewebten Decken in vielen Schattierungen von Rot und Blau ausgelegt. Casildis nahm die Pup- pe, die sie die ganze Zeit bei sich getragen hatte, und legte sie auf eines der Kissen. Dann betrachtete sie sie mit ernstem Gesicht. Das Bett war weich; Annat glaubte, dass es mit Farn und Heidekraut ge- füllt war. Sie hüpfte einige Male darauf herum, bis sie Casildis' Ge- sichtsausdruck sah. Sie half der Frau, sich aus ihrem schweren Um- hang zu schälen, und begann damit, ihr langes, goldenes Haar mit wohlgeführten Strichen zu bürsten. Casildis stand kerzengerade und reglos und starrte hinaus auf die von den Fackeln erleuchtete Men- schenmenge, die draußen wartete. »Wie kann ich die Liebe mit je- mandem vollziehen, den ich gar nicht liebe?«, fragte sie. Annat zog es vor, nicht zu antworten; sie nahm an, dass Casildis laut dachte. Sie ging um die Frau herum, die sich bis auf ihr Hemd ausgezogen hatte, und fand, dass Casildis in dem Zwielicht tatsächlich fälschli- cherweise für eine Göttin gehalten werden könnte. Sie reichte ihr ihre Haarbürste, und Casildis schien Annat zum ersten Mal richtig wahrzunehmen, als ob ihr ihre Anwesenheit gerade erst aufgefallen sei. »Wünsch mir viel Glück, Natka«, sagte sie und beugte sich hinun- ter, um sie auf die Wange zu küssen. »Bete für mich zu deinem Gott, dass ich das Richtige tue.« »In Ordnung«, sagte Annat, stellte sich auf die Zehenspitzen und erwiderte den Kuss. Sie zögerte, bevor sie hinzufügte: »Eine Menge Frauen scheinen Tate sehr nett zu finden.« Casildis warf den Kopf zurück und lachte, bis ihr die Tränen ka- men. Mit zärtlicher Hand berührte sie Annat. »Oh, du dumme Gans, siehst du denn nicht, dass eben das das Problem ist?«, sagte sie nicht unfreundlich. »Eine Frau kann nur einen Mann lieben, doch das bedeutet nicht, dass sie nicht – den Wert der anderen, schätzen kann.« Sie seufzte und drückte die Haarbürste gegen ihre Brust. »Morgen sind wir schlauer«, sagte sie und sprach wieder mit sich selbst. Als Annat hinaus in die kalte Nacht trat, ging ein Raunen durch die versammelte Menschenmenge, denn Yuda löste sich. Er stand nicht weit von Annat entfernt und starrte auf die Hütte hinter ihr. Es gab kein Zeichen von Govorin. Yuda kam zu Annat herüber und legte ihr die Hand auf die Schulter. Er war keine Spur angeheitert. »Lass dir das eine Lehre sein, Rebjonok«, sagte er. »Erstens: Iss kei- nen Eintopf. Zweitens: Misch dich nicht in Fragen der Religion.« Annat sah zu ihm empor. Das Gefühl, das von ihm ausging, war so stark, dass es ihr wie ein Geruch erschien: wie der Geruch von Wein oder Honig an einem warmen Tag. Annat fand seine Gegen- wart verstörend und fremd, auch wenn sie an sich nicht unange- nehm war. Sie war versucht, ihn zu fragen, was das zu bedeuten hatte, doch die Schüchternheit ließ sie schweigen. »Viel Glück, Tate«, sagte sie ernst. Yuda grinste. »Ich werde nicht geköpft, Natka«, sagte er. »Ich wer- de nur eine Nacht mit dem Versuch verbringen, nicht mit der Frau meines besten Freundes zu schlafen.« Und er ging in die Hütte, wo er den Vorhang vor der Tür zuzog. Ein Seufzen ging durch die Menge, die sich zu zerstreuen begann. Annat fand Malchik, wie er allein am Rande stand und einen selt- samen Gesichtsausdruck hatte. Etwas wie Wut lag in seinen Zügen. »Ist alles in Ordnung mit dir, Malchku?«, fragte sie schüchtern. »Wie kann er das nur tun?«, platzte es aus ihm heraus. »Ich glaube nicht, dass er eine große Wahl gehabt hätte«, antwor- tete Annat. Sie zupfte ihn am Ärmel und führte ihn zurück ins In- nere der Umgrenzung, wo sich die Tore hinter ihnen schlossen. »Was war das für ein Lied, das du gesungen hast?«, fragte sie. »Das habe ich noch nie gehört.« Malchik starrte sie an, seine braunen Augen schienen riesig hinter seinen Brillengläsern. »Du wirst es mir niemals glauben, wenn ich, dir das erzähle«, sagte er ohne Groll. »Vielleicht doch«, sagte Annat und versuchte zu lächeln. Malchik seufzte. »Ich habe es von Isabel Guerreres gelernt. Von ihrem Geist.« Annat nickte. »Du glaubst mir?«, fragte er verblüfft. »Ich glaube, ich habe sie hinter Yuda stehen sehen, als du heute Nacht gespielt hast. Nur einen Augenblick lang.« »Auch sie konnte mir nicht helfen«, sagte Malchik langsam. »Die Krähen haben sie vertrieben.« Er drehte sich um und verschwand durch die Abenddämmerung auf die Mitte der Siedlung zu. Annat schaffte es, ihm zu folgen, und hatte den seltsamen Verdacht, er könnte vielleicht irgendwie eifersüchtig auf Yuda sein, als sie plötzlich jemand am Arm packte. Es war Teress. »Hab keine Angst, Mädchen, ich bin nicht gekommen, um deine Tugend zu bedrohen«, sagte er freundlich. »Auch wenn es heute Nacht ohne Zweifel viele Paarungen geben wird. Geh schnell zu- rück in das Haus der Jungfrauen, bevor ein törichter Halbwüchsiger dich als seine Braut zu beanspruchen versucht. Aber ich bin gekom- men, um dich zu warnen: Wenn Arrun begreift – was morgen der Fall sein wird –, dass eure Göttin nicht die wahre ist – wenn auch eine wirkliche Priesterin aus Fleisch und Blut –, dann werdet ihr nicht ohne Freunde sein. Wir befolgen die alten Sitten, doch nicht alle unsere Augen sind mit Scheuklappen versehen.« »Danke, Teress«, sagte Annat, als er sie losließ. »Ich werde daran denken – aber wo ist das Haus der Jungfrauen?« Teress kicherte und wies auf eine Hütte, die sich genau auf der anderen Seite der Versammlungshalle des Dorfes befand. Annat eilte dort hin und war erstaunt, von den anderen Mädchen freund- lich empfangen zu werden, die ihr begegneten, als sei sie eine von ihnen. Sie hielten sie noch lange wach, stellten Fragen und kicher- ten, besonders, als sie ihnen von Casildis und dem Keks erzählte. Sie schienen viel angenehmer als die Stadtmädchen in Sankt Eglis, und es war seltsam für Annat, willkommen geheißen und von Mäd- chen in ihrem Alter wie eine von ihresgleichen behandelt zu wer-, den. Schließlich legte sie sich doch zum Schlafen auf ihre schmale Pritsche. Obwohl es draußen kalt war, war es Annat unter den De- cken und Laken unerträglich heiß. Sie schüttelte sie ab, warf sich von einer Seite auf die andere und wurde von einem Jucken in ih- ren Gedanken wachgehalten, das sie nicht durch Kratzen lindern konnte. Schließlich stand sie auf und schlich zur Tür; sie stieß sie auf, sodass sie nach draußen spähen konnte. Die mondhelle Nacht schien erfüllt von sanftem Stöhnen und Seufzen, wie das Branden der Wellen am Ufer. Vereinzelt brannten hier und dort kleine Lich- ter zwischen den Häusern und unter den Bäumen, wie das Leuch- ten von Glühwürmchen. Annat rieb sich über die Gänsehaut auf ihren nackten Armen. Seine Hände berühren meine bloße Haut… die sanfte Berührung seines Fleisches … Annat blinzelte. Es war ein Gefühl, als würde man einen Weinkelch langsam und sehnsuchtsvoll bis zur Neige leeren, um dann jedes Zuckerkörnchen mit der Zunge aufzu- lecken. Nur ein Körnchen, denn es gibt so viele und jedes einzelne ist so un- glaublich süß. Dann bitter. Der vollkommene Geschmack der Bitterkeit in- mitten der Süße … Annat schlug die Hände an den Kopf und wünschte sich, dass sie das seltsame, überwältigende Gefühl verschonen möge. Sie hatte keine Ahnung, wo es herkommen mochte, doch es war zu stark für sie. Ihr Mund war trocken, und ihre Handflächen waren feucht. Zu- sammen sein. Wir halten unsere Hände, verschränken die Finger, einen Fin- ger über den anderen, jeder Finger schiebt sich in die weiche andere Hand, verwoben, immer und immer wieder … Annat wurde schwindelig und übel. Sie setzte sich auf den Boden, den Kopf zwischen den Knien, während die Wellen des Weines in ihr brandeten. »Bitte aufhören«, flüsterte sie. Doch stattdessen brach in ihrem Kopf ein Vulkan aus. Annat sackte unter dem heißen Aschestaub und den Wolken von stechenden, summenden Bienen zusammen, und jeder Stich war so unerträglich süß wie zarte Honiglippen. Ihre Kehle war eng, und sie sehnte sich nach einem Glas reinen, stillen Wassers. Sie öffnete den Mund und schrie mit aller Macht, zer- schmetterte die Süße in Millionen Teilchen, die auf sie niederregne-, ten wie die Asche aus dem Vulkan, sie sanft begruben, sie mit voll- kommenen, zärtlichen Fingern umschlossen … Eines der anderen Mädchen beugte sich über sie und tupfte ihre Stirn mit einem feuchten Tuch ab. »Keine Sorge«, flüsterte sie, »es ist nur ein heißer Traum. Wir alle bekommen sie, besonders in Nächten wie dieser.« Annat setzte sich auf. Sie war sich sicher, dass es kein Traum ge- wesen war. Sie fühlte sich benommen und verträumt, wie ein über- sättigtes Baby, das an der Brust der Mutter gestillt worden war. »Ich glaube, es waren mein Vater und Casildis«, hörte sie sich sa- gen. Sie ließ es zu, dass das andere Mädchen ihr beim Aufstehen behilflich war und ging hinein, um auf ihr eigenes Bett zu sinken; ihre Gedanken waren schwer und verwirrt. Nach einem erfrischenden Schlaf erwachte sie bei Morgengrauen mit den anderen Mädchen. Als sie sich anzogen, wollte Annat die anderen nach dem Inhalt ihres Traumes fragen, doch irgendetwas band ihr die Zunge. Sie legten ihre Umhänge um und gingen ge- meinsam hinaus, um die Göttin und ihren Gatten zu begrüßen. Es war ein harscher Morgen, doch sogar der Kälte gelang es nicht, die Gemüter der Mädchen zu kühlen; ein blauer Streifen zeigte sich am Eishimmel, ebenso wie eine Ahnung der unzuverlässigen Sonne, die über dem Wald aufstieg. Gemeinsam liefen sie plaudernd und la- chend wie ein Schwarm munterer Vögel, und Annat war endlich einmal eine von ihnen; mit verschränkten Armen ging sie neben dem Mädchen, das ihr letzte Nacht zu Hilfe gekommen war. Als sie sich dem Tor in der Umgrenzung näherten, begannen die Mäd- chen zu singen; aus voller Kehle stimmten sie ein bittersüßes Lied an wie das, welches Annat letzte Nacht gehört hatte. Die Melodie klang frisch in der Stille des Morgens, als wäre trotz des Wetters der Frühling angebrochen. Annat konnte es den hohen Stimmen der anderen Mädchen nicht gleichtun, doch sie schwang mit ihnen mit, eingehüllt von der Musik. Das Tor der Umgrenzung stand offen, aber abgesehen von ei- nigen Kriegern und dem allgegenwärtigen Arrun waren sie die Ers-, ten, die gekommen waren, um die Göttin zu begrüßen. Es fehlte jede Spur von Malchik und Govorin, die die Nacht im Lager der Männer verbracht haben mussten. Als sie alle versammelt waren, klopfte Arrun dreimal mit seinem Stab auf die Erde und rief mit lauter Stimme: »Seid gegrüßt, Große Göttin, Retterin und Bringerin des Frühlings.« Es dauerte einen Augenblick, bevor Yuda und Casildis aus ihrer Hütte traten; beide sahen erfrischt und wach aus. Sie hielten einan- der an den Händen, und Annat beobachtete, dass Casildis nur ihr Unterhemd, Yuda sein neues Hemd und die neue Hose trug. Als sie in die versammelte Menge der Mädchen lächelten, wurde Annat mit Entsetzen klar, dass sie in der vergangenen Nacht tatsächlich miteinander geschlafen hatten, und sie begriff die Bedeutung ihres Traumes. Die Verbindung zwischen ihren und Yudas Gedanken war so stark geworden, dass sie seine Empfindungen, Freud und Leid, mit ihm teilte. Obgleich sie die Vorstellung hätte empören können, tat sie es aus irgendeinem Grund nicht. Ihr kam der Gedanke, dass dies schrecklich für Govorin sein musste, und sie fragte sich, ob Casildis und Yuda ihm die Wahrheit sagen würden. Es war ein Se- gen, dass er zu dieser Stunde noch nicht da war, wo es so offen- sichtlich war, dass sie glücklich miteinander waren, und sie nicht wie zwei Menschen wirkten, die eine Sünde begangen hatten. Dies weckte in Annat die Erinnerung an die vereinzelten Worte, die Ca- sildis ausgestoßen hatte, als wäre sie tatsächlich besessen gewesen … »Ich grüße Euch an diesem schönen Morgen, Heilige Göttin«, sagte Arrun und trat nach vorne. »Ich habe Vertrauen darin, dass es eine höchst glückliche und gelungene Vereinigung war.« Casildis lachte und schien nicht im Mindesten peinlich berührt von dieser törichten Aussage. »Höchst glücklich und gelungen, edler Arrun«, sagte sie, und ihre Augen strahlten. Yuda küsste sie plötzlich mitten auf den Mund. Sie beugte sich zu ihm hinunter, und Annat dachte, was für ein seltsames Paar sie doch abgaben. Ca- sildis' Haar fiel über ihn und tauchte ihn in Gold. Plötzlich löste sich Annat von ihrer neuen Freundin und rannte zu ihnen hinüber., »Ihr habt es getan«, sagte sie, weder erfreut, noch vorwurfsvoll. »Ihr habt es getan.« Sie wandten sich zu ihr um, und Casildis sagte sanft: »Wir müs- sen meinen Ehemann anlügen. Im Moment jedenfalls. Er könnte es nicht ertragen, auch wenn ich Yuda zu mir nahm, um den Willen der Strahlenden zu erfüllen. Ich weiß nicht, warum dies ihr Wunsch ist, aber es war nicht falsch.« »Und dir auch einen guten Morgen, Missis«, sagte Yuda und lä- chelte Annat an, die ihrerseits Casildis voller Erstaunen anstarrte und sich fragte, wovon sie eigentlich sprach. Dann erwiderte Annat ernst seinen Blick, denn trotz ihres Traumes in der vergangenen Nacht war ihr das Verlangen erwachsener Männer und Frauen fremd. Yuda berührte ihre Schulter. »Mach dir darüber keine Ge- danken«, sagte er freundlich. »Alles zu seiner Zeit.« »Und nun«, schmetterte Arrun, »ist die Zeit für das Opfer gekom- men.« Sie drehten sich um, um den Häuptling anzusehen, und sahen seinen Blick erwartungsvoll auf ihnen ruhen. Weit und breit war keine Spur von einem unseligen Tier im Schlepptau zu sehen. »Um was für ein Opfer handelt es sich, edelster Arrun?«, fragte Casildis. »Ihr, Große Göttin, werdet nun eigenhändig das Leben Eures Bräutigams beenden und sein Blut über den öden Boden ergießen.« »Hups«, sagte Yuda und begann auf eine Weise zu lachen, die der Feierlichkeit des Augenblicks kaum angemessen war. Annat blickte zurück zu ihren Begleiterinnen und sah den Ausdruck von Abscheu und Entsetzen auf ihren Gesichtern. Die Wachen schauten gleich- mütig und uninteressiert, als ob Religionsfragen nicht zu ihren An- gelegenheiten gehörten. »Nein, das werde ich nicht«, sagte Casildis bestimmt. »Die Strah- lende verlangt kein Blutopfer. Es gibt keine Überlieferung, nach der der Bräutigam sterben muss.« »Dann seid Ihr nicht die wahre Göttin«, erwiderte Arrun. »Unzäh- lige Male ist es so geschehen. Doch das Opfer wird dargebracht, werden, und auch du, ungläubige Frau, wirst für dieses Sakrileg ster- ben.« Teress trat aus der Umgrenzung, als hätte er dort gewartet und die ganze Zeit zugehört. »Hör mir zu, Arrun, alter Narr, Arrun, der Blinde«, sagte er. Die versammelten Mädchen hielten die Luft an. »Ich nenne dich einen Narren, mein Vater, weil du dir selbst etwas vormachst, du, der du einst Arrun der Weise genannt wurdest. Es ist offenkundig, und es war bereits die ganze Zeit überdeutlich, dass dies eine sterbliche Frau ist, und eine Priesterin, denn sie hat dir die Worte der Prophezeiung offenbart. Eine Weile lang glaubte auch ich, in ihr die Göttin zu sehen. Und das ist die Wahrheit. Die Göt- tin mag in ihr wohnen, aber sie selbst ist nicht die Göttin. Die Göt- tin isst nicht und trinkt nicht, und sie liegt auch nicht bei sterbli- chen Männern.« Arrun umklammerte seinen Stab und zitterte vor Wut, doch An- nat sah Tränen in seinen Augen. Als er sprach, schwang ein flehent- licher Ton in seiner Stimme mit. »Wie kannst du, mein eigener Sohn, vor all diesen Menschen so mit mir sprechen?«, fragte er. »Weil ich dich davon abhalten will, das Falsche zu tun, edler Va- ter. Ich schulde dir Ehrerbietung und Pflichterfüllung, doch nicht, indem ich einen unschuldigen Mann töte. Sie haben ihre Schuldig- keit getan, wie du es gewünscht hast, und bald wird auch der Früh- ling zurückkehren. Die Kalte kann nicht für immer regieren, und die Ankunft dieser Fremden bei uns muss ein Zeichen sein. Die Priesterin hat uns eine Prophezeiung gebracht. Allein darüber soll- test du glücklich sein.« »Ohne Zweifel eine falsche Prophezeiung«, sagte Arrun, und Trä- nen quollen aus seinen Augen. Er schlug ein weiteres Mal auf den Boden, doch er wusste, dass er verloren hatte. »Ich habe mit den Kriegern im Lager der Männer gesprochen, und sie sind meiner Meinung«, sagte Teress bestimmt. »Es tut mir Leid, dass ich dich enttäuschen muss, aber es wird hier kein Opfer geben. Wir werden den Fremden für ihre Freundlichkeit danken und sie wohlbehalten ihres Weges schicken. Denn wie die Götter, können sie nicht bei uns verweilen, sondern müssen ihre Reise fort- setzen.« »Danke, Teress«, sagte Casildis. »Ich bin die Priesterin der Artem- yas, und sie spricht durch mich. Ich hoffe, wenn wir das gefunden haben, wonach wir suchen, wird euer Frühling zurückkehren.« Annat hielt die Luft an. Casildis hatte so leichthin gesprochen, als ob das, was sie sagte, kurz bevorstand. Sie musste wissen, dass ihre Worte alles verändert hatten; sie hatte Yuda und Annat gegen- über bekräftigt, dass sie die Dienerin einer Göttin war, die sie als die Schwester der Kalten bezeichnet hatte. Teress legte Arrun die Hand auf die Schulter. »Verurteile ihn nicht, Frau«, sagte er. »Er sorgt sich nur um das Wohl seines Vol- kes. Vielleicht war es vor meiner Zeit Sitte, dass der Bräutigam der Göttin getötet wurde. Aber es sind neue Zeiten angebrochen.« Plötzlich von ihrer Furcht erlöst, stürmten die Mädchen nach vorne und umringten Annat, Yuda und Casildis. Einigen standen wie Arrun die Tränen in den Augen. »Bitte geht nicht, Strahlende«, sagte eine. »Bleibt bei uns, und seid unsere Priesterin.« »Wir haben keine Blumen, die wir Euch geben könnten«, sagte eine andere. »Es gibt schon so lange keine mehr. Wir können kaum den Weizen anbauen, den wir für unser Brot benötigen.« »Kann Annat hier bleiben?«, fragte ein drittes Mädchen. »Wir können nicht länger verweilen«, sagte Casildis traurig. »Und ich muss zu meinem Ehemann zurück, der mich erwartet.« Die Mädchen baten und redeten ihnen noch eine Weile länger gut zu, doch am Ende gaben sie sich damit zufrieden, Casildis und Yuda in die Umgrenzung zu begleiten. Teress blieb eine Weile zu- rück und sprach besänftigend mit Arrun, doch es war offenkundig, dass er stillschweigend den Häuptling abgelöst hatte. In der Mitte des Dorfes fanden sie Govorin und Malchik, die von einer Menge von Dörflern umringt waren. Das Gesicht des Sheriffs war grau vor Erschöpfung, und seine Augen waren blutunterlaufen. Sofort ging Casildis zu ihm und küsste ihn auf die Wange, dann flüsterte sie, ihm etwas ins Ohr. Er versuchte, sie anzulächeln, ihr übers Haar zu streicheln, doch er sah nicht viel fröhlicher aus. Malchik hatte ein missmutiges Gesicht, und Annat fragte sich, was ihn so unzufrieden stimmen konnte. Es war so seltsam zu denken, dass auch er eine Leidenschaft für Casildis gehegt hatte. Sie bemerkte, dass Yuda sich zurückfallen ließ, als ob er zögerte, sich Govorin zu nähern. Annat konnte sich nicht vorstellen, wie er oder Casildis die Wahrheit lan- ge vor Govorin verbergen wollten. Govorin war ein scharfsinniger Mann, und mit Sicherheit würde er sowohl ihr verändertes Verhal- ten, wenn sie beisammen waren, als auch Yudas Zurückhaltung ihm gegenüber bemerken. »Du bist keine Närrin, kleine Annat«, sagte Yuda leise. »Ich wünschte, wir hätten diesen Ort nie gesehen.« »Ich weiß, dass du Casildis begehrt hast«, sagte sie. »Ja«, sagte er langsam. »Ja, das stimmt. Wenn das nur alles wäre.« Was seine Gefühle für Casildis betraf, gab es nun keine offenen Fragen mehr zwischen ihnen; in der Verkleidung des Begehrens hat- te er diese Frau zu lieben begonnen. Als die Zeit des Abschiednehmens gekommen war, erfuhren sie, dass Arrun die Anweisung gegeben hatte, ihre alten Anziehsachen zu verbrennen. Da die Zeremonien-Kleidung, die sie angelegt hat- ten, nicht geeignet für die Reise war, bot ihnen Teress Ersatz an. Auf Casildis' Vorschlag hin kleideten sie und Annat sich, wie die Männer, in Hemden, weite Hosen, Westen und lange Mäntel. An- nat war hocherfreut, als ihr gestattet wurde, den Umhang aus wei- cher, roter Wolle, der ihr ganz am Anfang gegeben worden war, zu behalten. Teress rüstete sie auch mit Waffen aus: einem Bogen und einem Köcher mit Pfeilen für Casildis, einem kurzen Knüppel für Govorin und einem kleinen Messer für Annat. Sowohl Yuda als auch Malchik lehnten die angebotenen Bögen und Speere ab, doch Yuda nahm eine schmale Axt an, die jene aus dem Führerstand er- setzen sollte, die er am See in der Höhle zurückgelassen hatte. Ca- sildis schien sich ganz besonders über ihren Bogen zu freuen, den sie, wie sie sagte, zum Jagen nutzen konnte. Annat war erleichtert,, als sie sah, dass sie die Puppe nicht vergessen hatte, sondern sie aus der Hütte, in der sie die Nacht mit Yuda verbracht hatte, mitge- nommen hatte. Glücklicherweise hatte Teress ihre drei Rucksäcke gerettet, die er Annat, Govorin und Yuda eilig überreichte, bevor sie aufbrachen. Teress war begierig, sie mit Proviant und Holz auszustatten, und ihnen allen ging der Gedanke an Sari im Kopf herum, als sie vom bewaldeten Abhang hinabstiegen, den Zug verloren am Flussufer stehen sahen und weder Dampf noch Rauch aus seinem Schorn- stein aufstiegen. Nachdem sie sich von ihren Gastgebern verab- schiedet hatten, standen sie in einer Reihe und betrachteten ängst- lich ihre einzige Fluchtmöglichkeit. »Es wird uns eine Weile kosten, sie wieder anzuheizen«, sagte Go- vorin, und es waren die ersten Worte, die er an jemand anderen als Casildis gerichtet hatte. »Er könnte uns schon dicht auf den Fersen sein«, sagte Yuda. Niemand musste fragen, wen er meinte. Es war entmutigend, den Zug kalt und das Feuer grau und erstorben vorzufinden. Govorin und Yuda begannen sofort damit, den Rost von Asche und Schla- cke zu säubern, doch obgleich sie gut miteinander arbeiteten, beo- bachtete Annat, dass eine Stille zwischen ihnen herrschte, als ob sich keiner traute, seine Gedanken laut zu äußern. Sie nahm ihre Position auf dem Dach des Wassertanks ein und hielt Ausschau nach Anzeichen der Reiter auf den hinter ihnen liegenden Gleisen. Casildis und Malchik gesellten sich zu ihr. Annat hätte gerne mit Casildis die Bedeutung der nächtlichen Ereignisse besprochen, doch Malchiks Anwesenheit machte sie verlegen. Sie war sich nicht sicher, dass er mitfühlend reagieren würde, wenn er die Wahrheit er- führe; er schien die Vorstellung, Casildis könnte mit Yuda geschla- fen haben, als einen persönlichen Affront zu betrachten, und so hatte Annat Angst davor, das Thema anzuschneiden. Mit einem un- guten Gefühl der Vorahnung sah sie auf die schwarzen Schienen- stränge, die in einiger Entfernung zusammenliefen. Sie strengte ihre Augen an und versuchte, irgendwelche Bewegungen am Horizont, auszumachen, doch es war nichts zu sehen außer der schwarzwei- ßen Gleichförmigkeit der Schienen, die in sanften Kurven über die Ebene in Richtung Westen verliefen. »Wie lange wird es dauern, die Lok anzuheizen?«, fragte Casildis und verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Sie trug den Köcher mit den Pfeilen über den Rücken und den Bogen über die Schultern gehängt. Die Kleidung, die sie ausgesucht hatte, hatte die Farbe von hellem Sand und verschmolz mit dem schim- mernden Schnee. Annat hatte sich aus den gleichen Gründen für Grautöne entschieden; Malchik jedoch strahlte trotzig in Ehren- preisblau, was ihn, wie Yuda bemerkte, zum perfekten Ziel für jeden Bogenschützen machte. »Ich weiß es nicht«, sagte Annat wahrheitsgemäß. Sie warf einen Blick zurück in das Führerhäuschen, in dem es den beiden Män- nern gelungen war, ein Feuer auf dem Rost zu entfachen. Der Schornstein stieß dunkle Rauchwolken aus. »Sie müssen das Wasser im Kessel zum Kochen bringen, damit die Lok Dampf bekommt. Genug Dampf, um die Kolben anzutreiben.« »Das klingt, als würde es lange dauern«, sagte Casildis und spielte an der Saite ihres Bogens herum. »Was wir brauchen sind lange Pfähle, um die Reiter abzuwehren«, sagte Malchik. »Ich wünschte, ich hätte einen Speer mitgenom- men.« »Sie hätten ihn nur gepackt und dich von der Lok gezogen«, sag- te Annat. »Oder ihn benutzt, um dich aufzuspießen.« »Sie würden mir nichts tun«, sagte Malchik mit grimmiger Ge- wissheit. »Sari glaubt, ich bin ein Diener der Kalten.« »Woher weißt du das?«, fragte Annat überrascht. Während der vergangenen Tage hatte ihr Bruder keinerlei Anzeichen schamanisti- scher Fähigkeiten gezeigt. »Ich kann ihn spüren. In meinem Kopf«, sagte Malchik und warf ihr einen durchdringenden Blick aus Augen zu, die eher stählern als braun waren. »Weißt du, warum er uns verfolgt, Malchik? Und warum er Yuda, töten will?«, fragte Casildis. Malchik hockte sich hin und berührte das kalte Metall des Tanks mit den Fingerspitzen. »Wenn ich euch sage, dass ich eventuell eine Ahnung habe, würdet ihr versprechen, keine weiteren Fragen zu stellen?«, fragte er. »Ich weiß nicht, was du meinst, Malchku«, sagte Annat; Casildis sah verwirrt aus. »Ich meine, dass ihr den Grund gar nicht wirklich wissen wollt«, sagte Malchik und sah mit unglücklichem Gesicht zu den beiden hinauf. »Aber jetzt hast du uns neugierig gemacht«, sagte Casildis und versuchte, ihn zu einem Lächeln zu bewegen. »Nun, ich wüsste auch gerne, was letzte Nacht zwischen dir und meinem Vater passiert ist, doch ich werde nicht danach fragen, weil ich es eigentlich doch nicht wissen will«, sagte Malchik so grob, dass es beinahe grausam war. »Das ist schrecklich«, sagte Annat hitzig. »Wie kannst du so mit Missis Govorin sprechen?« »Weil es die Wahrheit ist«, sagte Malchik. »Malchik hat Recht«, sagte Casildis. »Es ist etwas zwischen mir und meinem Ehemann. Aber es gibt andere Dinge, die ich euch erzählen muss; ich schulde euch eine Erklärung.« Es herrschte Schweigen, und Annat fragte sich, ob Casildis ahnte, welche Fragen sie stellen wollte, vor allem jene, die die Strahlende betrafen. Wieder blickte sie in den verlassenen Horizont mit seinen schneeigen Luftspiegelungen der Kälte vor dem zarten Blau des frü- hen Morgenhimmels. Sie versuchte, Umrisse in dem gestaltlosen Dunst auszumachen, der sich an den Rändern ihres Gesichtsfeldes veränderte und ihr entglitt. Sie begann zu hoffen, dass das gereizte Warten ein Ende hätte, dass sie eine Bewegung ausmachen würde und sich die Gestalten der Reiter aus dem Nebel herauslösten. Ca- sildis schirmte ihre Augen ab, um den unerträglich hellen Horizont abzusuchen. Malchik erhob sich und machte auf dem Absatz kehrt, als ob er zur Lok zurück wollte, doch er hielt mitten im Schritt, inne, wies nach links und stieß einen warnenden Schrei aus. Casildis wirbelte herum und legte einen Pfeil in ihren Bogen ein; Annat folgte ihr. Südlich des Zuges befanden sich Reiter, die im Galopp durch die Ebene näher kamen. Sie waren weit genug her- angekommen, dass Annat die Farbe ihrer Pferde erkennen konnte: schmutziges Rötlichgrau, Kastanie und reines Grau. Den Rest der fächerförmig im Schnee ausgeschwärmten Reiter konnte sie nur als eine einzige verschwommene Bewegung ausmachen, die über glit- zernde Reflexionen im Schnee dahin preschte. Yuda kam auf das Dach des Tanks geklettert, stellte sich neben Annat und sah dem Angriff entgegen. Er rieb Finger und Daumen seiner rechten Hand aneinander, um eine kleine Flamme hervorzu- bringen, und zündete eine Zigarette an. Seine Hände zitterten. – Kannst du deine Macht nutzen?, fragte er. – Ich glaube schon. Die Reiter nahmen schließlich feste Gestalt an. An ihrer Spitze auf einem weißen Pferd ritt Sari. Zu seiner Rechten befand sich ein Mann, der seine Axt schwang und auf seinem Reittier saß, ohne die Zügel zu halten. Zu seiner Linken war ein anderer an seinem wir- belnden, grünen Umhang zu erkennen; ein dritter zielte mit gesenk- ter Lanze auf die Seite des Zuges. Annat bemerkte, wie sie die Kon- trolle über ihren Atem verlor und wie sich ihre Brust in flachen, schnellen Zügen hob. Yuda packte sie am rechten Arm, um sie zu beruhigen. Er stand mit weit gespreizten Beinen und drehte seine Zigarette zwischen den Fingern. Malchik hatte sich hingehockt und schirmte seine Augen ab. »Was werden wir tun?«, fragte er schroff. Sie konnten das Donnern der Hufe auf dem harten Schnee hö- ren. Das Licht brach sich auf dem Schwert in Saris rechter Hand. Er saß vornübergebeugt auf seinem Reittier und hatte seine Zähne zu einem weißen Grinsen gebleckt. Casildis zielte, ließ aber den Pfeil nicht von der Sehne schnellen. »Warum schießt sie denn nicht?«, fragte Malchik, und seine Stim- me war brüchig vor Panik., »Ruhig, Junge«, sagte Yuda. Obwohl die Hufe der Pferde wie in einem Trommelwirbel zu flie- gen schienen, sah es so aus, als ob die Reiter gar nicht näher kom- men würden. Das einzige Geräusch war das stetige Donnern ihrer eisenbehuften Beine. Kriegsschreie verzerrten die Gesichter der Män- ner zu schrecklichen Masken. Annat schluckte, um ihre Kehle zu befeuchten, und zwang sich, sie zu zählen. Drei waren vor ihnen, unter ihnen Sari; vier hinter ihnen, deren Rösser langsam an Gestalt und Farbe gewannen. »Es wird Zeit«, sagte Yuda. »Runter mit euch. Alle außer Casil- dis.« Annat war froh darüber, sich klein machen zu können, und kauerte sich auf das Metalldach. Neben ihr wippte Yuda auf den Zehenspitzen und zog gelassen an seiner Zigarette. Sie konnte die Schreie der Männer hören, sah, wie sich ihre Lippen bewegten und konnte den Schaum vor dem Gebiss ihrer Pferde erkennen. »Jetzt«, sagte Yuda. Casildis zielte hoch. Sie zog die Bogensehne zurück und schon teilte der Pfeil mit einem Flattern wie von Flügeln einer Taube die Luft und schnellte in einem Bogen empor. Kaum dass er abge- schossen war, zog Casildis einen weiteren aus dem Köcher, spann- te ihn in den Bogen, zog die Saite zurück und zielte in den Him- mel. Rechts von Annat ertönte ein Schrei und das Klirren von Me- tall. Sie sah den grünen Umhang fallen und das Pferd auf die Seite niedergehen, die Hufe in die Luft gestreckt. Blutflecke auf dem Schnee. Nachdem sie ihren zweiten Pfeil abgefeuert hatte, kniete Casildis nieder und griff nach einem dritten Schaft. Die Reiter nä- herten sich. Sari ritt geradewegs auf sie zu, hoch aufgerichtet in seinen Steig- bügeln, und schwang sein Schwert über seinem Kopf. Es flog hoch und durchschnitt die Luft nahe ihrer Füße wie Silberfolie, doch Yuda war schneller. Ein blauer Blitz löste sich von seinen Handflä- chen und prallte an der Klinge ab; ein zweiter Schlag traf Sari in voller Breite und schleuderte ihn in seinem Sattel zurück. Während, er abdrehte, näherten sich die anderen; einer überquerte die Schie- nen und versuchte, auf die andere Seite des Zuges zu gelangen. »Annat«, rief Yuda, ohne sie anzusehen. Annat kroch über das Dach, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Hinter sich hörte sie ein Surren, als Casildis den nächsten Pfeil abschoss. Der Mann, der auf einem kastanienbraunen Wallach saß, hatte sie gesehen; plötzlich ritt er mit gesenktem Speer auf sie zu, und sie konnte seine Augen sehen, die unter dem Helm im Schatten lagen. Sie legte sich flach auf den Bauch, doch die Speer- spitze schien ihr zu folgen. Das Pferd wurde größer, und sie sah sei- ne rollenden Augen. Als der Speer zu nahe kam, rollte sie sich auf die Seite und zwang die Macht ihren Arm hinunter, wobei sie all ihre Reserven aufbot. Sie sah, wie der Blitz die Speerspitze durch- schlug und das Heft spaltete. Er traf die Hand des Mannes an der Stelle, an der er den Speer umfasste, welcher emporflog wie ein Blitzableiter und von der Elektrizität zischte. Der Mann zuckte im Sattel zusammen und fiel hintenüber; das Pferd wendete, jagte da- von und schleppte den Reiter in den Steigbügeln baumelnd hinter- her. Annat legte ihr Gesicht auf das kalte Metall und schluchzte. Doch sie durfte keine Zeit verlieren. Sie rappelte sich auf die Knie und stellte sich wieder dem Kampf. Yuda befand sich mit einer be- helmten Gestalt im Nahkampf, die auf den Zug aufgesprungen war. Malchik hatte irgendwie einen Speer zu fassen bekommen, schwenk- te ihn gefährlich und schrie wie ein Wahnsinniger. Zwischen ihnen zielte Casildis einen wertvollen Pfeil auf die vier verbliebenen Rei- ter, die sich zu einem neuen Angriff formierten. Annat sah Yudas Messerhand ausholen und einmal, zweimal auf die gepanzerte Keh- le des Mannes niederfahren. Dieser griff nach der Wunde und fiel vom Dach, während sein Helm ihm vom Kopf rutschte. »Govorin«, brüllte Yuda, »wann fährt dieser verdammte Zug ir- gendwohin?« »Ich brauche dich, Mann! Ich kann nicht heizen und gleichzeitig steuern.« »Ich werde gehen«, sagte Casildis rasch. Sie streifte sich den Bo-, gen über den Kopf und quer über die Brust, dann sprang sie in den Tender. Erst jetzt sah Annat den trägen Blutstrom von Yudas linker Hand tropfen und sich auf dem Metall sammeln. Sie warf ihrem Bruder einen Blick zu und sah einen roten Riss in seinem Ärmel und einen anderen an seiner Schulter; auch seine Nase blutete. »Du bist verletzt«, rief sie. »Keine Zeit«, sagte Yuda leichthin. Die Ritter griffen erneut an. Dieses Mal schwangen drei ein Schwert, der vierte eine Axt. Ihre kalten Schreie durchdrangen sie bis auf die Knochen. Sie stand zwischen ihrem Bruder und ihrem Vater und zitterte so, dass sie glaubte, sie würde hinfallen. Die Pfer- de bewegten sich wie große Maschinen und wirbelten den Schnee mit ihren Hufen auf. »Ziel auf Sari«, sagte Yuda leise, »ziel auf ihren Anführer.« Ein langer, kreischender Ruf kam von der Lok, als Govorin die Pfeife betätigte. Annat blickte zur Lok und sah den grauen Dampf aus dem Schornstein aufsteigen. Wenn sie doch nur ein wenig län- ger aushielten … »Runter«, sagte Yuda. Die Reiter näherten sich und schlugen mit ihren Schwertern nach ihnen. Yuda schleuderte ihnen mit beiden Händen einen Stoß entgegen; ein Feuerball löste sich, der durch den Schnee zwischen ihnen sauste. Sofort bäumten sich die Pferde auf und kreischten, als die Reiter an den Zügeln rissen. Sari beru- higte sein Pferd früher als der Rest. Als der Zug sich zu entfernen begann, langsam zuerst, galoppierte er nebenher, und Annat sah sein aschgraues Gesicht von oben. Er erhob sich in seinen Steigbü- geln, und bevor sie ihn davon abhalten konnten, griff er ein herab- hängendes Ende von Malchiks Umhang und zog seinen Körper vom Dach. Entsetzen durchfuhr Annat, als sie ihren Bruder auf- schreien hörte, weil er den Halt verloren hatte und über den Rand gerutscht war. Während der Zug davonfuhr, sah sie, wie Sari ihn packte und ihn über seinen Sattel warf. Yuda wollte vom Zug sprin- gen, doch Annat hielt ihn am Ärmel. Der Zug bewegte sich zu schnell, und sie ließen die Reiter hinter sich. Saris Pferd wieherte,, sie sah, wie er ihm die Sporen in die Flanken stieß und davonritt, den Weg zurück, den er gekommen war. Yuda sank auf die Knie. »Der Junge. Ich habe den Jungen verloren …«, flüsterte er.

KAPITEL 13 Es war Annat, die Yudas blutiges Hemd und seine Weste auszog,während Casildis Govorin im Führerstand half. Als sie das Blut

weggewischt hatte, sah sie, dass Yuda zwei tiefe Wunden hatte, ei- nen bedrohlichen Schnitt in der linken Seite und einen Riss über seinem linken Oberarm. »Kannst du das heilen, Annat?«, fragte er mit ruhiger Stimme. Annat schüttelte den Kopf. »Ich kann mir ansehen, was du für einen Schaden erlitten hast, aber es ist zu viel für mich zum Heilen«, sagte sie. »Ich habe bei- nahe meine ganze Kraft im Kampf aufgebraucht.« »Sieh es dir an«, sagte Yuda. »Wenn du sonst nichts tun kannst, dann verbinde die beiden Wunden, um die Blutung zu stoppen.« Annat biss sich auf die Lippen und ließ die Hand über die klaf- fende Wunde in Yudas Seite gleiten. Der Hieb war abgeglitten und hatte die Lungen und das Herz verfehlt, aber er hatte eine der vie- len großen Arterien verletzt, die den Torso durchziehen. Sie musste versuchen, Yuda zu versorgen, wenn sie sonst schon nichts tun konnte. Sie verzog das Gesicht; in ihrem Mund sammelte sich Spu- cke, als ob sie kurz davor war, sich zu übergeben. Sie ließ ihre Fin- ger in die Wunde gleiten und schloss die Augen, um die Arterie ausfindig zu machen und zwang sich selber, sich vorzustellen, es handle sich um einen Fahrradreifen, den sie mit Flickzeug in Ord- nung bringen wollte. Diese Tätigkeit hatte nichts von der Faszina- tion des langsamen Arbeitens damals, als sie Yudas Hände geheilt, hatte; wenn sie hier einen Fehler machte, würde er verbluten, und sie würde hilflos danebenstehen. Sie zehrte von ihren letzten Macht- reserven, und mit einer winzigen Flamme, schwächer als eine Löt- lampe, arbeitete sie, um die Wände der Arterie zu verschließen. Mit Befriedigung sah sie sie verschmelzen, und das Loch wurde kleiner und kleiner, bis es sich ganz schloss und nur eine winzige Narbe zu- rückließ. Schaudernd zog Annat ihre Hand zurück und wischte sich die blutigen Finger an der Hose ab. Sie wollte mit Yuda spre- chen, doch er war ohnmächtig geworden. Annat wusch die Wunde mit Wasser aus der frisch gefüllten Feld- flasche aus und riss eines von Yudas überzähligen Hemden in Strei- fen, um die beiden Schnitte zu verbinden. Vorsichtig legte sie ihren Vater auf eine der Pritschen und bedeckte ihn mit Laken, um ihn warm zu halten. Sie blieb, wo sie war, griff aber nach Yudas Hand, denn sie wusste, dass ein Schock ebenso leicht wie Wunden töten konnte. In Gedanken ging sie immer wieder die letzten schreck- lichen Momente durch, als Sari Malchik vom Zug gezerrt hatte; sie hörte noch einmal seinen hilflosen Schrei und sah ihn über den Rand stürzen, und es gab nichts, was sie hätte tun können. Nach einer Weile besänftigte sie der Rhythmus des Zuges. Sie beobachtete, wie Casildis im Führerstand mit ihrem Mann sprach, der ihr zuhörte, ohne den Kopf umzuwenden. Gelegentlich schien Govorin sie zu bitten, eine Anzeige zu überprüfen – den Wasser- stand oder den Dampfdruck. Casildis stand neben ihm, ihr Haar wurde vom Wind wild zerzaust. Annat dachte, dass sie verstehen konnte, warum Yuda diese Frau so sehr liebte; es waren nicht nur ihr Aussehen, sondern die Stärke und heitere Gelassenheit, die sie so schön machten – ihr lachendes wie ihr schlafendes Gesicht. Sie konnte spüren, dass Yuda in seinem ohnmächtigen Zustand träumte. Seine Augen bewegten sich unter geschlossenen Lidern, und manchmal zuckte er wie eine Katze. Annat hoffte, dass sie bald einen Ort für einen Zwischenstopp finden würden, eine Stadt oder ein Dorf, wo die Bewohner freundlich wären. Wenn sie angegriffen würden, ohne dass Yuda sie verteidigen konnte, würde es in einer, Katastrophe enden. Sie hielt sein Handgelenk, um den Puls zu mes- sen, und fand ihn flacher vor, als ihr lieb war. Wenn er zu viel Blut verloren hatte, würde sein Herz versagen. Noch einmal sammelte sie all ihre Machtreserven und ließ ihre Hand über seinen Körper gleiten; sie ließ ihre Energie durch seinen Körper spülen, um ihn zu stärken. Es sollte den Blutgefäßen helfen, sich zu teilen und zu ver- vielfachen, auch wenn Annat nie richtig gelernt hatte, wie sie das bewerkstelligen sollte. Doch die Wärme und die Stärke aus einem gewöhnlichen Heilungsvorgang sollten genügen, um ihn davon ab- zuhalten, ihr zu entgleiten. Yuda öffnete die Augen. Sofort stieg der Schmerz in ihr auf wie eine reißende Säge. »Hallo, kleine Natka«, sagte er. »Dieses Mal habe ich es echt ver- masselt, was?« »Du hast viel Blut verloren«, sagte Annat. »Aber du hast die Blutung gestoppt? Schlaues Mädchen!« »Du solltest nicht sprechen«, sagte sie, als seine Augen sich schlos- sen und sie den Widerhall seines Schmerzes spürte. »Nein. Es ist besser, wenn ich jetzt wach bleibe.« »Es ist nicht deine Schuld, dass Sari Malchik geholt hat«, sagte sie hitzig, denn sie hatte einen Schatten dieses Gedankens in seinem Geist gespürt. »Ist es nicht? Ich hätte wissen müssen, dass Malchik derjenige war, hinter dem Sari her war. Stattdessen war ich so eitel zu glau- ben, dass er mir nachstellte.« Er brach mit einer Grimasse ab. »Ich glaube, Malchik hat es gewusst, aber er hatte es uns gerade eben erst gesagt…« »Der Fluch ist, Natkele, dass ich nicht weiß, wie wir ihn zurück- holen sollen.« »Zuerst müssen wir dich heilen. Ich habe geschlossen, was ich konnte, aber ich kann verlorenes Blut nicht ersetzen. Und du hast so viel Blut verloren …« Sie hörte ihre eigene Stimme zittern. »Wo ist Casildis?«, fragte er, als ob er sie nicht gehört hätte. »Sie hilft Govorin.«, »Gute Frau. Ich könnte mich in sie verlieben.« Er bewegte seinen unverletzten Arm und kratzte durch die Ver- bände seine Brust. »Ich weiß das, Yuda. Aber es wird Ärger geben.« »Kann ich nicht ändern«, sagte Yuda schläfrig. »Sie ist in mir drin- nen, hier.« Er klopfte sich auf die Brust. »Unter der Haut. Anders als Shaka, weißt du. Kenne ihn schon so lange. Bruder, Freund, Ge- liebter. Ich könnte nirgends leben, ohne ihn um mich zu haben. So ist es bei ihr nicht; es brennt. Ich habe nicht gewusst, dass ich das kann. Zwei Menschen lieben.« Annat bemerkte, dass sie Govorins Rücken anstarrte und Casildis, die neben ihm stand und ihr Gesicht von ihnen abgewandt hatte. »Was willst du tun?«, fragte sie. »Weiß nicht. Die Frau des besten Freundes. Kann nichts ma- chen.« Er sank zurück, seine Hand ruhte auf seiner Brust, und er blickte schweigend in den Himmel, der über ihnen hinweg fegte. Annat fühlte sich so hilflos, dass sie fast verzweifelt war; sie konnte in ihm den Wunsch spüren, zu sterben und den Kampf, Dinge ver- stehen zu wollen, die zu schwer zu begreifen waren, aufzugeben. Sie sah, wie seine Augen zufielen und sein Kopf zur Seite sackte; sie packte sein Handgelenk und konnte den unregelmäßigen Puls un- ter ihren Fingern ertasten. – Yuda!, schrie sie und fühlte die Wucht des Rufes durch sie fah- ren und nach ihm greifen, ihn zurückrufen. Doch das Pochen in seinen Adern unter ihren Fingern schien schwächer zu werden, als ob er es dem Tod leicht machen wollte; als ob er auf dem seichten Fluss, der sein Blut war, außer Sicht driftete. »Yuda«, schluchzte sie. Und in diesem Augenblick setzte sich je- mand neben sie, eine kleine, hübsche Frau in einem kurzen Blüm- chenkleid, die einen roten Schal um ihren Hals und Nacken ge- schlungen hatte. – Wir können das nicht zulassen, sagte Isabel und beugte sich über Yuda, um ihn sanft zu schütteln, mit Armen und Händen, die durch seinen Körper hindurchgriffen. Annat setzte sich mit offe-, nem Mund auf. Der Geist lächelte sie an, die braunen Sommer- sprossen waren deutlich auf seiner blassen Haut zu erkennen. – Du fürchtest dich nicht vor mir, Annat? Annat war einen Moment lang zu erschrocken, um zu antworten. Dann kehrte ihr gesunder Menschenverstand zurück und sie sagte rasch: »Hilf mir, Isabel. Er stirbt.« – Er will sterben. Das ist nicht dasselbe. Die kleine Frau beugte sich über Yuda und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Wieder griff Annat nach dem schlaffen Handgelenk und fühlte unter ihren Fingern den schwachen Puls. »Isabel?«, flüsterte Yuda. Isabel streichelte seine Haare mit Fin- gern, die durch die schwarzen Strähnen und die darunter liegende Stirn glitten. »Isabel!« Er öffnete die Augen und setzte sich auf, doch im gleichen Augenblick war die Erscheinung verschwunden, hatte sich aufgelöst wie die Wolkenfetzen im Wind. Annat packte Yuda an den Schultern und zwang ihn, sich wieder hinzulegen, doch sein Griff war plötzlich stark, und sie fühlte das Blut kräftig und schnell in ihm pulsieren, wie ein kleines Tier, das zum Angriff auf- gescheucht worden war. »Lieg still, Mister«, sagte sie. Yuda sah sie aus verständnislosen Augen an und sagte: »Ich glaubte, Isabel sei hier. Sie sprach mit mir.« »Vielleicht hast du geträumt«, antwortete sie. »Bleib bei mir, Natka.« Er umfasste ihren Unterarm mit einem festen und lebensstrotzenden Griff. »Das werde ich, wenn du mich nicht verlässt, Tate.« Yuda sah sie an, sagte aber nichts. Auch seine Gedanken ruhten, doch er ließ ihr Handgelenk nicht los. Annat setzte sich neben ihn und hoffte und wünschte, sie würden bald an einen Ort kommen, der nicht feindlich war und wo es Ärzte, vielleicht sogar Heiler gäbe. Sie war sich nur seines Griffes bewusst und starrte in die Landschaft, durch die sie fuhren. Gerade ratterten sie zwischen zwei hohen Hügeln links und rechts eines gewundenen Tales hindurch. Die Baumreihen sahen zu ihnen hinab und schienen die Hänge, hinunter und dem Fluss und dem schnellen Zug, der an ihnen vor- beisauste, entgegenzueilen. Annat kannte einige von ihnen, die sie zu Hause an den Felshängen gesehen hatte; andere waren ihr nur aus Bilderbüchern vertraut. Schwarze Zypressen wie zusammenge- klappte Regenschirme waren über die Hügel verstreut, blaue Fich- tengehölze, wie ein eingefangener Vogelschwarm, der in Holz und Blätter verwandelt worden war, und Tannen, die ihre Schneetracht anmutig trugen, wie eine altjüngferliche Tante ihren Umhang. Der kalte Fahrtwind des Zuges blies durch ihre Haare. Trotz der Bewe- gung war sie in einem Moment der Stasis gefangen, allein mit die- sem Mann, der einst nur dem Namen nach ihr Vater gewesen war. Annat war sich nicht sicher, ob er inzwischen für sie zum Vater ge- worden war; für sie bedeutete dieses Wort Zuhause und Stabilität: Zaide, der in der Küche die Heiligen Schriften las, während Bubbe arbeitete, oder der seine Geschichten laut vorlas, dabei in seinen Bart kicherte und aufsah, um einen Witz oder einen weisen Spruch mit ihr zu teilen, während sie wach im Bett saß. Yuda mochte sie in seinen Armen getragen haben, als sie noch ein Baby war, aber sie hatte keine Erinnerung an ihn, kein geisterhaftes Gesicht, das sie verfolgt hatte, als sie ein Kind war. Doch nun war der Griff an ih- rem Arm so flehentlich, als ob sie das Einzige wäre, das ihn in die- ser Welt verankerte. Es schien ihr, als würde dieser Moment ewig dauern. Langsam be- gannen die Hügel die Häupter zu neigen und in eine flachere und stärker bewaldete Landschaft auszulaufen. Zu beiden Seiten der Glei- se reichten sie bis zu den Schienen heran und verströmten trotz der Kälte ihren Myrrheduft. Yuda lag mit geschlossenen Augen, sein Atem ging ruhig, und von Zeit zu Zeit warf ihm Annat ängstlich ei- nen Blick zu, denn sie fürchtete, er könnte ihr entgleiten, wenn ihre Gedanken woanders waren. Wenn sie doch nur eine Siedlung oder ein Dorf finden könnten, um dort Halt zu machen! Sie wollte Go- vorin zurufen, er möge schneller fahren, und Casildis, sie solle Holz schaufeln, bis ihr Rückgrat brach. Sie saß reglos, blinzelte die Trä- nen aus ihren Augen und hoffte, ihr Vater würde es nicht bemer-, ken. Das Tal verbreiterte und öffnete sich, als die Hügel und die Bäu- me zurückwichen. Wieder einmal wölbte sich der blaue, leere Him- mel über ihnen. Nur der Fluss behielt seinen gleichmäßigen, ge- schmeidigen Rhythmus neben den Schienen bei und verschwand manchmal, um zwischen den Schneebänken zu mäandern, dann kehrte er wie ein alter Freund zurück, um dem Verlauf der Strecke zu folgen. »Wie geht es ihm?«, fragte Casildis leise. Sie hatte ihren Platz im Führerstand verlassen, war herübergekommen und stand nun am Rande des Tenders. Annat öffnete den Mund, doch statt der Worte kamen Schluchzer. »Ich dachte, er würde sterben«, sagte sie. »Nein«, sagte Yuda mit fester Stimme. »Keine Chance.« »Annat, wenn du dich ausruhen willst, werde ich mich zu ihm setzen«, sagte Casildis. »Govorin kann mich für einige Minuten ent- behren.« »Ich kann ihn nicht verlassen!« Yuda öffnete die Augen, und Annat sah die Spur eines Lächelns darin. »Du gehst, Missis«, flüsterte er und drückte ihr Handgelenk. »Ich verspreche, ich werde dir nicht sterben, während du weg bist.« Annat wollte nicht von ihm fortgehen, doch ohne große Schwie- rigkeiten erriet sie, dass er mit Casildis allein sein wollte. Einen Au- genblick lang wurde sie von einer mächtigen Eifersucht überfallen. Sie wollte ihn für sich haben, um das Band zu bewahren, das sie ge- woben und das ihn am Leben erhalten hatte. Doch streng erinnerte sie sich daran, dass es Isabel gewesen war, die ihn zurückgerufen hatte, als sie selbst versagt hatte. Sie sah Casildis in die Augen und fürchtete, dass sich ihr Hass zeigen würde; es wäre noch schlimmer, wenn Casildis ihn sehen, Annat jedoch verstehen und ihr verzeihen könnte. Yuda ließ ihren Arm frei, und sie stand auf. Dabei bemerk- te sie die Abdrücke, die seine Finger auf ihrer Haut hinterlassen hat- ten. Annat stand über ihm, der Wind rüttelte an ihr, und sie rieb sich das Handgelenk, um ihr ungutes Gefühl zu vertreiben. Noch immer flatterte die Furcht in ihr wie ein Vogel, der in ihrer Brust, gefangen war. Dann sah sie das gepresste Lächeln, mit dem Yuda Casildis begrüßte. Er war noch zu schwach, und all ihre Anstren- gungen hatten ihn nicht weiter ins Leben zurückgebracht, sondern ihn eher in einer Schwebe gehalten, aus der er leicht wieder entglei- ten konnte. Annat kletterte hinaus in das Führerhaus und stand im Eingang herum. Sie blickte über das weite Tal und dachte, wenn der Frühling jemals käme, würde dies ein wunderschöner Ort sein. Neben dem Fluss streckten kahle, gekappte Weiden ihre geborste- nen Finger in einer flehenden Geste empor. Annat besah sich ihre seltsamen Formen und fragte sich, ob sie tot waren oder ob tief un- ter der Rinde noch eine Spur vom Saft fortlebte, der darauf wartete, dass die Jahreszeiten wiederkehrten. Dann, während sie die Weiden betrachtete, erschütterte sie die Erkenntnis, dass jemand sie be- schnitten und die neuen Triebe gestutzt haben musste, damit sie hoch wuchsen. Wenn Menschen an diesen Bäumen gearbeitet hat- ten, dann könnte es nicht weit entfernt eine Siedlung oder ein Dorf geben. Annat drehte sich um, um Govorin zu erzählen, was sie entdeckt hatte. Der Sheriff lächelte in seinen Bart. »Sieh durchs Fenster«, sagte er. Zuerst konnte Annat nichts sehen, bis auf die weißen Rundungen des vor ihnen liegenden Tals und des endlosen Laufs der Gleise, die sanft nach links schwenkten. Dann tat ihr Herz einen Sprung, als sie andere Umrisse erkannte, viereckige Blöcke, aus denen Häuser wurden, Mauern und Türme, die strahlten, als die verborgene Son- ne ihre unterschiedlichen Farbtöne einfing. Annat packte Govorin am Arm. Ihre Verlegenheit ihm gegenüber war verschwunden. »Es ist eine Stadt, Mister Govorin!« Govorin hielt die Hände ruhig auf dem Umkehrrad und warf ihr ein Lächeln zu. Es war ein freudiger Moment, obgleich keiner von ihnen wusste, ob sich hinter den gefärbten Häuserwänden Bewoh- ner verbargen, die freundlich oder feindlich gesonnen waren. Plötz- lich hob der Sheriff die Hand und zog kräftig an dem Pfeifenseil, sodass der Zug einen schrillen Schrei ausstieß. »Sie sollen wissen, dass wir kommen«, sagte er und zeigte Annat, seine weißen Zähne. Sie hätte gerne die Arme um ihn geschlungen, doch sie wollte ihn nicht ablenken. Stattdessen streckte sie die Hand aus, und plötzlich legte Govorin seine Hände um ihre Taille und hob sie hoch, sodass auch sie an dem Seil ziehen und einen lauten, gequälten Ruf durch die Stadt schicken konnte. Annat legte ihre Arme um seinen Nacken und küsste sein verwittertes Gesicht. Sie fühlte die Weichheit der ihr fremden Haut, dicker als ihre eigene, doch nicht rauer. Govorin legte seine Hand auf die Regler und be- gann am Umkehrrad zu drehen, um den Zug zum Stehen zu brin- gen. Als die Stadt näher kam, sah Annat, dass sie keine Mauern hatte; sie erstreckte sich über das gesamte Tal, von den baufälligen Hüt- ten der Vororte bis zu den hohen, eleganten Gebäuden im Stadt- innern. Sie war ein gekrümmter Abdruck im Schnee, als ob sie vom Himmel gefallen wäre; die lebendigen Farben der Stuckwände schri- en gegen das Weiß an, und das verschlungene Schmiedeeisen der Balkone und Zäune, schwarz gestrichen, stach heraus wie die Sil- houette von Scherenschnitten. Hier und dort, in den Ausläufern der Stadt, waren ein oder zwei Gebäude weiß gestrichen, was wie ein Versuch schien, den strahlenden Schnee als Tarnung zu nutzen; doch die zugrunde liegende Farbe fing an durchzuscheinen, und so trugen die Wände ein zartes Rosa, ein blasses Gelb oder ein Azur- blau. Annat stand neben Govorin und betrachtete die kleine Stadt, die ihnen entgegenkam. Sie konnte die Umrisse von Gestalten erken- nen, die aus den Gebäuden schwärmten und über den gefrorenen Fluss eilten, um zu den Gleisen zu gelangen. Fast schien es, als wür- den sie von der Stadt wegrennen, um dem Zug zu begegnen, so als hätten sie darauf gehofft, dass er kommen würde. »Sieht aus, als hätten wir ein Empfangskomitee«, sagte Govorin und entlockte der Pfeife einen weiteren ordentlichen Pfiff. Wieder drehte er das Umkehrrad und langte hinunter, um den Bremsregler zu betätigen. Als der Zug auf den Schienen ausrollte, rannte Annat zur Tür auf der entgegengesetzten Seite des Führerstands, so neugie-, rig war sie darauf, einen genaueren Blick auf die Leute zu werfen. Sie konnte sie jetzt deutlicher erkennen, und auf einen Blick erfasste sie die Tatsache, dass fast alle von ihnen in Schwarz gekleidet waren, mit einer Spur Weiß hier und dort. Als der Zug langsam zum Ste- hen kam, blickte Annat in die Gesichter, die verschreckt und voller Entsetzen zu ihr und der sagenhaften Maschine, in der sie fuhr, em- porschauten. Düstere Gesichter, helle Haut und dunkle Augen und einige Tupfen rotgoldener Haare, grell zwischen Schwarz und Braun. Wanderer! Die Lok stoppte und stieß als Willkommensgruß eine Dampfwol- ke aus, die sie selbst in Brautweiß hüllte. Ein Wanderer-Zug, in Schwarz gekleidet mit weißer Pelerine. Annat sprang aus dem Füh- rerhäuschen und hatte ganz vergessen, was für ein sonderbares Bild sie abgeben musste mit ihrer grauen Hose und dem Hemd, beides blutbesudelt, und ihrem wilden, verfilzten Haar. Sie stand mit dem Rücken zur Lok und starrte in die ängstlichen Gesichter der kleinen Leute. Sie sah die verhüllten Mütter, die kleine Kinder an den Hän- den hielten, und die Väter mit ihren schwarzen Mänteln, breitkrem- pigen Hüten und dunklen Bärten, deren Augen sie über Meilen der Einsamkeit und Verbannung hinweg anstarrten. Und hier und da fand sich zwischen ihnen ein Farbtupfer: die bernsteinfarbenen Bär- te und Locken eines Roten Wanderers, oder ein weißhaariger Alter, der in einem purpurnen Kaftan leuchtete, und ein Kind mit einem strahlenden Kleid, das angezogen wurde, um dem Neustrianischen Gesetz zu trotzen. Annats Herz hämmerte in ihrer Brust, als sie ih- nen entgegensah. Dann hob sie die Faust über ihren Kopf und schrie in Ebreu, der Sprache ihres Volkes: »Gelobt sei der Eine in Zyon!« Eine Wellenbewegung und ein Murmeln lief durch die ersten Reihen der Menschenschar, Gesichter wandten sich einander zu und einige wiederholten ihre Worte. Es war ein junger Mann mit einem schwarzen Bart und lachenden Augen, der vortrat und ant- wortete: »Einer und nur ein Einziger.« Als er geendet hatte, griffen andere Stimmen leise den Ruf auf, und er wurde durch die Menge, getragen; einige wiederholten ihn laut, andere formten das uralte Gebet und den Gruß lediglich mit den Lippen. Der junge Mann trat auf Annat zu. »Dann seid ihr Wanderer«, sagte er. »Es ist ein Wunder!«, und er lachte in sich hinein, riss sich den Hut herunter, der seine dunklen Locken und das Käppchen, das er darunter trug, bedeckte, und schwang ihn über seinem Kopf. Auch Annat lachte. »Was ist das für eine Stadt?«, fragte sie. »Was tut ihr hier in La Souterraine?« »Wir könnten euch das Gleiche fragen, Rebjonok«, sagte der junge Mann atemlos. »Zuerst erschienen eines Nachts die Schienen, und wir fragten uns, was das wohl zu bedeuten habe. Und hier ist der Zug!« »Ihr wisst über Züge Bescheid?«, rief Annat. »Bis vor drei Jahren lebten wir in Neustria«, sagte er grinsend. »Doch ich muss dich und deine Freunde zum Rashim bringen, da- mit er entscheiden kann, was mit euch geschehen soll. Seid ihr alle Wanderer?«, fügte er hinzu und sah ehrfurchtsvoll in Govorins schwarzes Gesicht empor. »Drei von uns sind Wanderer und zwei sind Dzuzukim«, sagte An- nat und verwendete das Wort, das Wanderer untereinander benutz- ten, wenn sie über Doxoi sprachen. »Doch sie sind den Wanderern freundlich gesonnen, gute Menschen«, fügte sie hastig hinzu. »Mis- ter, mein Vater ist schwer verletzt. Habt ihr Ärzte oder Schamanen hier in eurer Stadt? Mein Tate braucht einen Heiler. Es sind böse Dzuzukim hinter uns her, die uns in den Tod hetzen wollen.« »Oy vaz mir«, rief der junge Mann. »Der Rashim selbst ist ein gro- ßer Heiler. Warte hier; ich werde einige meiner Freunde bitten, eine Bahre für deinen Vater zu bringen. Der Name der Stadt ist Chora- zin«, fügte er hinzu, machte auf dem Absatz kehrt und bahnte sich seinen Weg durch die Menschenmenge. Als er gegangen war, fand sich Annat wieder der Menge gegenüber, und ihr fiel auf, wie matt und verängstigt viele der Gesichter erschienen. Dann wagte es eine Frau, sich vorzubeugen und Annats Ärmel zu berühren, als wolle, sie sehen, ob sie aus Fleisch und Blut bestehe. Rasch zog sie die Hand wieder zurück und lächelte mit gesenktem Blick. Eine ältere Frau, die neben ihr stand und ihr Haar mit einer Seidenhaube be- deckt trug, flüsterte einige missbilligende Worte. Sie müssen denken, ich sehe unzüchtig aus, dachte Annat und erinnerte sich mit einiger Verspätung daran, dass sie das Hemd und die Hose trug, die ihr das Bärenvolk geschenkt hatte. Als der junge Mann zurückkehrte, war er in Begleitung von zwei stämmigen Burschen, die ihre Kleidung gelockert hatten und ihre Westen und Hemdsärmel zeigten. Einer der beiden trug eine zu- sammengeklappte Bahre über der Schulter. »Der Rashim wünscht, dass wir den Patienten zu seinem Haus bringen«, sagte der junge Mann. »Er würde selber herauskommen, um euch zu begrüßen, aber er studiert gerade. Wo ist der verletzte Mann?« Annat kletterte zurück in die Fahrerkabine, um ihnen zu zeigen, wo Yuda im Tender lag, ungemütlich zwischen die Holzscheite ge- drängt. Mit erstaunlicher Schnelle und Geschicklichkeit hoben die beiden Männer die Decke mitsamt Yuda auf die Bahre und ließen ihn vorsichtig aus dem Führerstand auf die Gleise nieder, während sich die Leute mit Äußerungen des Entsetzens und des Mitleids herumdrängten. Annat fühlte einen aufgeregten Stoß, trotz der Sorge um Yuda. Es war wunderbar, so viele Leute auf einmal die Sprache der Wanderer sprechen zu hören, diesen sonderbaren Jar- gon aus einer Mischung von Sklav, Ebreu und Alleman, den ihre Familie zu Hause ebenfalls gebraucht hatte. Sie bat Casildis, ihr die Puppe zu geben, folgte den Bahrenträgern durch die Menge und lächelte dabei in die glotzenden, verwunderten Gesichter. Hinter ihr ging Govorin, Hand in Hand mit seiner Frau. Es war jedoch die Erscheinung des Sheriffs, die die größte Verwunderung hervorzuru- fen schien, sogar Rufe der Überraschung und der Freude, denn ei- nige Leute hielten es für ein gutes Zeichen, einen Schwarzen zu sehen. Annat nahm an, dass die meisten von ihnen noch nie einen Dunklen gesehen hatten, ganz zu schweigen von einem, der so, schön und muskulös wie Govorin war. Die einfältige Bewunderung, die er auf sich zog, belustigte den Sheriff glücklicherweise, und er lächelte und winkte, als wäre er ein Prinz, der an einem Feiertag sein Volk begrüßt. Casildis' Kleidung brachte ihr einige entsetzte Blicke der Frauen ein, und viele Männer drehten sich weg und ver- deckten die Augen vor solcher Unzüchtigkeit. Niemand schien sich allzu sehr um Annats Kleidung zu kümmern, vielleicht, weil sie sie noch eher als Rebjonok sahen, das für seine Entgleisungen nicht ver- antwortlich war. Sie mussten ein kurzes Stückchen von der Bahnstrecke weglaufen, um den gefrorenen Fluss zu überqueren, bevor sie die äußersten Häuser der Stadt erreichten. Die Menge folgte ihnen, mit leisen Stimmen murmelnd, und erneut spürte Annat deren Angst. Als sie in der Stadt ankamen, bemerkte sie, dass viele Menschen von Haus zu Haus rannten, ohne auch nur Zeit zu finden, sie eines Blickes zu würdigen; sie duckten sich, als fürchteten sie, jemand im Himmel über ihnen könne sie sehen. Sie blickte empor, und ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als sie hoch oben einen flatternden Schwarm schwarzer Schatten sah, der über den Häusern kreiste: Krähen. Nach dem ersten Moment des Entsetzens, dass Sari ihn vom Dach des Zuges gezogen hatte, blieb Malchik keine Gelegenheit, an etwas anderes zu denken als daran, wie ungemütlich es war, über dem Rü- cken eines Pferdes zu liegen, das Gesicht dicht an die dampfende Flanke gepresst. Als er die Pferde aus der Entfernung gesehen hat- te, hatte ihn die Kraft und die Anmut ihrer Bewegungen fasziniert. Nun, da er quer über dem Sattel niedergedrückt lag, hüpfte sein Kopf im Rhythmus zu den galoppierenden Hufen, und er fühlte nichts, außer der Angst vor diesem Berg pochender Muskeln und Knochen. Sein Rückgrat war den Stößen ausgesetzt, und seine Seh- nen im Nacken schienen vor Schmerz zu reißen. Ihm stieg der scharfe Geruch nach Schweiß und gegorenem Mist des Tieres in die Nase. Das Pferd bewegte sich geschmeidig wie eine Maschine, doch, aus dieser Nähe gab es keinen Zweifel, dass es sich um ein Tier handelte, eines mit Hufen, die Löcher in den Schnee schlugen und ihn aufrissen wie mit Waffen. Im Fallen hatte Malchik sich in die Hosen gemacht, und nun wur- de ihm von der Geruchswolke und der Bewegung des Hengstes schwindlig und übel. Seine Arme waren frei, doch er konnte nichts tun, um sich abzustützen; er musste die unablässigen Stöße ertra- gen, die ihn durchrüttelten wie eine Puppe ohne Knochen. Er hatte keine Ahnung, wohin die Reise ging. Alles, was er sehen konnte, waren der aufgewirbelte Schnee und die mörderischen Hufe des Pferdes, die in einem fein abgestimmten Rhythmus niedersausten. Wenn er sich hochziehen oder sich irgendwie vom Rücken des Pfer- des abstoßen könnte, dann könnte er entweder seine Lage etwas er- träglicher machen oder einen Fluchtversuch unternehmen, doch er hatte zu viel Angst, zwischen diese Hufe zu fallen und zu Brei ge- treten zu werden. Er versuchte, den Sattel zu packen zu bekom- men, doch seine Hände waren rutschig vom Schweiß. Als Sari un- vermutet sein Reittier stoppte, indem er an den Zügeln riss, schleu- derte der Stoß Malchik vom Pferderücken, und er polterte zu Bo- den, wo er mit dem Gesicht im Schnee liegen blieb. Seine Glieder und Gelenke taten weh, und in seinem Schädel pochte der Schmerz. Er hörte neben sich den Schnee knirschen, als Sari abstieg, und das Geräusch seines Atems, als er über ihm stand. »Was glaubt ihr, was ich hier gefangen habe, mes amis?«, fragte Sari. »Ist es ein Fisch, ein Huhn oder ein knochenloser Aal?« Trotz seiner Schmerzen kämpfte Malchik, um sich auf den Rü- cken zu rollen. Er sah hinauf in Saris Gesicht, das von den Anstren- gungen des Ritts und der Freude über seine Beute gerötet und strah- lend war. Rasch entschied Malchik, dass er seine wahren Gefühle so gut er konnte verbergen musste; Sari wusste, dass ihre Gedanken verbunden waren und dass Malchik in der Gewalt der Kalten war. Er könnte glauben, dass Malchik erfreut darüber war, von einem ihrer Diener gefangen worden zu sein. Ein weiterer Reiter kam neben Sari zum Stehen. Er trug ein langes, Kettenhemd mit einer Haube, die seinen Kopf bedeckte, und einen konischen Helm aus Eisen mit einem Nasenschutz. Sein Gesicht war rötlich, die Haut weich, und er wirkte wie ein Mann mittleren Alters. Er war stämmig und hoch gewachsen, was jedoch durch Saris Größe relativiert wurde. »Für mich sieht das aus wie ein Fisch, Mon Seigneur«, sagte er. »Warum hast du ihn mitgenommen? Es ist besser, wir schneiden ihm die Kehle durch und sparen uns den Ärger.« »Das ist der, den ich wollte, De Boissac. Die anderen können war- ten. Sie werden an der Burg nicht vorbeikommen.« De Boissac zuckte mit den Schultern, um deutlich zu machen, dass er glaubte, ihr Befehlshaber würde ihre Zeit verschwenden, dann ging er davon. Sari hockte sich hin, sodass er Malchik sehr nahe kam, der spürte, wie seine Lippen zitterten. »Was werden Sie mit mir tun, Zhan Sari?«, flüsterte er. »Das hängt von dir ab, Messieur Vasilyevich«, sagte Sari und ver- schränkte seine Hände zu einer verknoteten Faust. »Und von dei- ner Herrin. Ich bin sicher, du weißt, wen ich meine.« »Die Kalte«, sagte Malchik und drehte den Kopf so, dass er Sari nicht ansehen musste. Der eisige Schnee brannte auf seinen Wan- gen. »Ich kann dich sehen, und du kannst mich sehen«, sagte Sari. »Wir sind beide ihre Diener. Und dich hat sie aus einem bestimm- ten Grund erwählt.« »Und der wäre?«, fragte Malchik und drehte sich, um zum De- puty aufzublicken. Sari grinste ihn an. »Sie beobachtet dich schon seit einiger Zeit. Bevor du jemals nach Gard Ademar kamst, hatte sie dich schon erwählt. Und sie beauf- tragte mich, deiner habhaft zu werden. Spät im Jahr für Rosen, nicht wahr?« »Die Blumen auf Isabels Grab«, sagte Malchik. »Ich bin erstaunt, dass dein schlauer Vater nichts bemerkt hat. Ich befürchtete, du würdest Verdacht schöpfen. Das war meine ein- zige Angst. Doch es scheint, als wäre alles glatt verlaufen.«, »Aber warum?«, fragte Malchik und fühlte die Tränen hinter sei- nen Lidern. Sari erhob sich und legte die Hände auf seinen Gürtel. »Ich weiß nicht, inwieweit ich dir trauen kann«, sagte er freundlich. »Du bist nicht gänzlich in der Macht der Göttin, sonst wärst du aus eigenem Antrieb zu mir gekommen. Doch der Samen wächst in dir. Das Eis- korn. Um deine Frage zu beantworten: Ich werde dich mit mir nach Gard Ademar nehmen, das zwischen den Welten liegt. Ein Weg führt nach La Souterraine, ein anderer in die obere Welt. Du kannst dort als Gefangener einkehren oder als Gast, das liegt ganz bei dir.« Malchik bemühte sich, sich aufzusetzen, und stöhnte wegen der Schmerzen in seinem Rücken. »Ich werde mit Ihnen gehen«, sagte er. Tief in seinem Geist war der Gedanke an Yuda, und er wusste, dass er seinem Vater beides schuldete: am Leben zu bleiben und von innen gegen die Macht der Kalten anzukämpfen. Sari lachte. »Das ist eins der Dinge, bei denen du keine Wahl hast, kleiner Schmutzfink«, sagte er nicht unfreundlich. »In der Tat wirst du mit mir zur Burg von Ademar ziehen. Und wenn wir dort sind, wirst du deine Loyalität meinem Vater gegenüber unter Beweis stellen, dem Doyen von Ademar.« »Ich werde zeigen, dass ich der ergebene Diener der Kalten bin«, sagte Malchik. »Ich werde ihr treuer Untergebener sein.« »Wir werden sehen«, sagte Sari und beugte sich vor, um Mal- chik die Hand zu reichen und ihm auf die Beine zu helfen. Aus der Nähe bemerkte Malchik, dass der Deputy – falls er ihn noch immer so nennen sollte – eine lange Tunika aus grünem Stoff trug, die bis zum Knie reichte, einen prachtvollen Umhang, der an der Schulter mit einer goldenen Spange befestigt war, und dunkle Strumpfhosen unter kalbsledernen Reitstiefeln. Malchik war sich seiner eigenen zerrissenen und blutbefleckten Kleidung nur zu deutlich bewusst. Er sah zu Sari empor und wünschte sich, er würde sich weniger wie ein Schößling neben einer mächtigen Eiche fühlen. Ein Hieb von Saris Faust würde ihn umwerfen. Er fragte sich, wie viele seiner Ge-, danken der Deputy hören konnte, und hoffte, es wären nur wenige; Malchik war nicht genug Schamane dafür, dass sein Geist anderen offen stand. Die Ritter befanden sich bei ihren Pferden und warteten auf ein Signal ihres Anführers. Sari wandte sich seinem Hengst zu, der in der Nähe wartete, streichelte seine Nüstern und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Zitternd vor Kälte und Schreck fürchtete Malchik den Moment, in dem er wieder über seinem Rücken liegen würde oder in dem man von ihm verlangte, im Sitzen zu reiten. Als Sari mit dem Pferd sprach, hob es den langen Hals und stieß ein wildes Wiehern aus. Sari klopfte ihm auf den Hals, doch statt sich selbst in den Sattel zu schwingen, griff er nach den Zügeln und führte es auf die Gruppe der Männer zu, wobei er Malchik an einem Man- telzipfel, den er zu fassen bekommen hatte, hinterherzog. Malchik stolperte bei dem Versuch, mit Saris langen Schritten mitzuhalten. Als sie sich den Rittern näherten, trat De Boissac nach vorne und begrüßte Sari mit dem Schwert. »Zur Burg, nicht wahr, Mon Seigneur?« »Zur Burg«, sagte Sari. »Mein edler Vater wird uns schon erwar- ten. Ich habe die Krähen ausgesandt, um ihn von unserem Kom- men zu unterrichten.« »Nicht alle von uns werden heute Abend in die Hallen zurückrei- ten«, sagte De Boissac bitter. »Du wirst deine Rache dafür nehmen können, und noch mehr, mon ami«, sagte Sari. »Rache für all das Unrecht, das deinem Volk widerfahren ist.« Sari und seine Männer standen in einem Kreis, ihre Pferde neben sich. Sari hielt Malchiks Mantel fest in seiner Faust. Malchik fragte sich, was sie vorhatten und ob sie gedachten, ein Gebet für die Mut- ter der Doxoi zu sprechen – oder für die Kalte. Aber stattdessen trat, während er zusah, De Boissac in den Kreis und begann damit, mit der Schwertspitze einen Umriss in den Schnee zu ritzen, wie ein Kind, das Muster in den Sand malt. Als Malchik die wachsende Zeichnung genauer betrachtete, konnte er die groben Umrisse eines, Gebäudes mit Türmen und Zinnen ausmachen, einem Tor und einem Fallgitter. De Boissac entwarf eine Burg. Als der Ritter fertig war, trat er zurück in den Kreis und nahm die Zügel seines Pferdes. Malchik schaute auf das rasch gezeichnete Bild im Schnee und war versucht, hysterisch aufzulachen. Es schien absurd, eine derartige Aufgabe mit solchem Ernst auszuführen. Er blickte sich im Kreis der Gesichter um und sah, dass sie gespannt auf die Zeichnung starrten, als warteten sie darauf, dass etwas ge- schah. Das einzige Geräusch war das eines Pferdes, welches mit den Hufen stampfte, und das Klirren seines Geschirrs. Malchik spürte, wie die Stille außerhalb des Kreises näher rückte. Plötzlich gab es ein zischendes Geräusch, als sei ein Sturm aus der Eiswüste hereingefegt. Ein Wirbelwind kam an den Rändern des Kreises auf, sein Strudel wirbelte Puderwolken vom Boden auf. Langsam wurden sie von spiralförmigen, weißen Säulen umkreist, die wuchsen, bis sie den Himmel zu berühren schienen. Das war der Moment, in dem De Boissac in die Kreismitte trat, über dem Bild, das er gezeichnet hatte, stehen blieb und außer Sicht verschwand. Malchik hielt den Atem an. Er warf Sari einen Blick zu und sah, wie er den Platz, an dem sich De Boissac und sein Pferd befunden hatten, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht betrat. Einer nach dem anderen nahmen die Ritter ihren Platz in der Mitte des Rings ein, ihr fügsames Pferd an den Zügeln, und der Rei- he nach verschwanden sie, als hätte der Wirbel sie plötzlich hinauf in den Himmel geschleudert. Schließlich waren Sari und Malchik als Einzige noch übrig. Der Deputy schaute Malchik an, zog an seinem Mantel und zerrte ihn vorwärts, bis er bei den niedergetrampelten Überresten der Zeichnung zum Stehen kam; sein Pferd führte er mit der freien Hand. Malchik zitterte in der beißenden Kälte des Windes, der außerhalb des Kreises wehte. Dann gab es ein knallendes Geräusch, und er fühlte, wie er gewaltsam nach oben katapultiert wurde. Er hatte nicht das Gefühl, als würde er durch die Luft fliegen, vielmehr war es ein, Moment vollkommener Stille und Leere, währenddessen er vom Schillern einer Seifenblase umgeben zu sein schien. Er konnte fühlen, dass Sari ihn an seinem Mantel festhielt, und er fragte sich, was mit ihm geschehen würde, wenn der Mann losließe. In diesem Augenblick schien die Seifenblase geräuschlos zu zerplatzen, und Malchik fiel mit dem Rücken auf den harten, festgetretenen Schnee, erschöpft und übel zugerichtet. Der Himmel über ihm schien von dem gleichen transparenten Blau, doch dort thronten sich verjüngende Türmchen und zylinderförmige Türme einer mächtigen Burg. Er konnte die Flaggen an den Fahnenmasten im Wind klatschen hören. »Willkommen in der Burg von Ademar, deinem neuen Zuhause«, sagte Sari. Zuerst trotteten sie schlammige Straßen entlang, doch als sie sich dem Zentrum von Chorazin näherten, bedeckten unregelmäßige Kopfsteine den Boden, und es gab sogar Rinnen und Abflüsse für das überschüssige Wasser. Die Häuser waren vier oder fünf Stock- werke hoch, mit Dächern aus grauem Schiefer und Fenstern mit Fensterläden. Sie waren reich mit Stuck verziert, der das winterliche Sonnenlicht einfing, sodass Annat hinter jeder Ecke ihre frischen oder bereits verblassenden Farbtöne entgegenblitzten; Kornblumen- blau, Mimosengelb oder Lehmrot. Sie lehnten krumm und schief gegeneinander, als ob ein mächtiges Erdbeben sie durcheinander ge- rüttelt hätte, und viele lange Risse durchzogen die Fassaden. Die Läden hingen lose und baumelten aus den Fensterrahmen; Annat rechnete fortwährend damit, dass die Gebäude anfangen könnten zu bröckeln und vor ihren Augen einzustürzen. Verzierte eiserne Gitter hingen vor den Fenstern in den unteren Geschossen, und mehrere Male sah Annat fahle und ängstliche Gesichter durch zer- brochenes Glas zu ihr hinausstarren. Das Beit oder Gebetshaus lag im Herzen der Stadt, ein lang ge- strecktes, niedriges Gebäude mit einem Schrägdach, dessen Haupt-, fenster, welches durch ein vergoldetes Drahtgitter geschützt war, zum Marktplatz hinausging. Neben seinen Mauern befand sich eine enge Gasse mit Häusern, deren aufragende Giebel fast das Dach des Beit berührten. Der junge Mann führte sie in diese Kluft und mach- te vor einer massiven Tür Halt, die mit vielen Riegeln versehen war. Dort klingelte er. Annat blickte hinab auf Yudas Gesicht; obgleich seine Augen eingesunken und er bleich wie Papier war, war er bei Bewusstsein und schien ebenso an diesem seltsamen Ort, den sie er- reicht hatten, interessiert zu sein wie sie. Im Haus hörte man den Klang von Schritten, und einige Augen- blicke später wurde die Haustür von einer jungen Frau in einem langen, taillierten Kleid aus dunklem Stoff geöffnet, die ihr schwar- zes Haar zu einem Knoten zurückgesteckt hatte. Als sie den jun- gen Mann auf der Schwelle stehen sah, senkte sie die Augen und lä- chelte. »Sind dies die Besucher, Natan? Mein Vater wird sie jetzt empfan- gen, oben in seinen Räumen. Er hat Hadass und mich gebeten, Wasser und Wundverbände vorzubereiten.« »Es muss ein Tag der Zeichen und Wunder sein, Dalit, wenn er dich zum zweiten Mal hinuntergeschickt hat, um mit mir zu spre- chen.« Das Mädchen machte ein wütendes Gesicht. »Seht, Natan, du bringst mich noch in Verruf«, sagte sie. »Sag ihnen, sie sollen den verletzten Mann nach oben bringen. Und die Fremden sollen her- einkommen, die Yaudi und der Dzuzukim. Aber du nicht, Natan ben Shmuel!« Sie hielt die Tür auf, damit die Bahrenträger eintreten konnten und warf Annat ein schüchternes Lächeln zu; dann flog sie mit ra- schelnden Röcken die Treppe hinauf und ließ den verschmähten, doch fröhlich grinsenden jungen Mann auf der Türschwelle stehen. Die beiden Männer trugen Yuda die steile Treppe nach oben, und Annat kletterte hinter ihnen her. Sie fühlte das abgegriffene Gelän- der unter ihrer Handfläche und bemerkte, dass die Schritte vieler Füße Dellen in den Steinstufen hinterlassen hatten. Im zweiten, Stock sah sie ein Stückchen eines dunkelgrauen Kleides durch ei- nen Eingang verschwinden, bevor die Tür mit einem Schlag zuge- worfen wurde. Als sie auf dem Treppenabsatz ankam, konnte sie er- sticktes Lachen hören. Die Zimmer des Rashims lagen in der zweiten Etage, und als An- nat den Männern mit der Bahre durch eine offene Tür folgte, sog sie mit Freuden den vertrauten Geruch von Staub, Kerzendochten und alten Büchern ein, der sie an Zaides Studierzimmer erinnerte. In einer Ecke des Zimmers stand ein beeindruckendes Himmelbett, das wie für ein Begräbnis in Purpur und Schwarz bezogen war; der glatte Boden war mit prächtigen türkischen Teppichen bedeckt, von denen einige so verschlissen waren, dass sie nur noch an den Web- fäden zusammengehalten wurden, und ein mächtiger Schreibtisch aus Mahagoni stand am Fenster, auf dem riesige Bücher und Schrift- rollen in Haufen aufgestapelt lagen, die mit der schwarzen, gesto- chen scharfen Schrift der Yaudi bedeckt waren. Neben dem Schreib- tisch saß ein alter Mann in einem vergoldeten Stuhl, dessen weißes Haar mit einer rostroten Kippa bedeckt war. Sein schmaler Körper steckte in einem mit Samt verbrämten Kaftan aus purpurner Seide, reich mit goldener Stickerei verziert. Als sie den Raum betraten, erhob sich der Rashim, zog sich den Gebetsschal von den Schultern und nahm den kleinen Kneifer von seiner Nase. Obgleich ihm die weißen Locken einen Anschein von Ehrwürdigkeit verliehen, eilte er durch das Zimmer, als die zwei Männer die Trage auf dem Boden absetzten, und Annat bemerkte, dass der Mann wie Zaide kaum älter als sechzig sein konnte. Sie nä- herte sich ihm, zögerte, verknotete die Finger hinter ihrem Rücken und wünschte sich, sie würde passendere Kleidung tragen. »Ist das der Mann?«, fragte der Rashim barsch in die Runde, ohne jemanden Bestimmtes anzusprechen. »Gelobt sei der Eine in Zyon«, sagte Yuda heiser. Mit einigen Schwierigkeiten beugte sich der Rashim über die Bahre und ließ sich auf ein Knie sinken; ein Auge hielt er geschlossen, während er Yuda genauer betrachtete., »Einer und der Einzige«, sagte er geistesabwesend. »Wie ist Ihr Name, junger Mann?« »Yuda ben Mordechai, bekannt als Vasilyevich.« Der Rashim zupfte an seinem Bart. »Es ist so viel Zeit vergangen, und noch immer geben sie uns diese absurden dzuzukischen Na- men«, murmelte er. »Und jemand sagte, Sie würden einen Heiler benötigen?« »Ich habe viel Blut verloren, Zaide.« Der alte Mann zuckte, als er sich weiter hinabließ, bis er auf dem Boden kniete. »Diese Verbände sind gut voll gesogen«, sagte er. »Wer hat dich geheilt?« Yuda machte eine schwache Geste mit der rechten Hand. »Mein Kindele, Annat bat Yuda«, sagte er und brachte ein verzerrtes Lä- cheln zustande. »Wir sind beide Schamanen.« »Schamanen also, hm? Die Kleine in der unpassenden Kleidung? Sei's drum.« Er zog die Verbände ab und untersuchte die Schnitte in Yudas Brust und seinem linken Arm, indem er sie mit seinem linken, geschlossenen Auge genauer betrachtete. Dann ließ er die Fingerspitzen über die Wundränder gleiten und murmelte in sich hinein. »Sag mir, Rebjonok, wie hast du es geschafft, dir solche Ver- letzungen zuzuziehen? Sie sehen aus wie das Werk eines Schwertes und eines Speers.« »Das liegt daran, dass sie genau das sind, Zaide«, sagte Yuda mit einem Anflug von Schelm. »So scheint es auch. Natan ben Shmuel, dieser Halunke und Nachkomme von Halunken, mögen sie ein schwarzes Jahr haben, hat meiner Tochter berichtet, dass ihr von bösen Dzuzukims ver- folgt werdet.« »Von meinem Feind Zhan Sari und seinen Männern.« »Zyon«, rief der alte Mann aus und riss beide Augen auf. Sie wa- ren jung, tief und voller Feuer. Er blickte zu Annat und nickte ihr dann zu. »Später, Rebjonok, musst du mir erzählen, warum der Prinz von Ademar auf euch aufmerksam geworden ist«, sagte er zu ihr. »Ich kenne ihn und seinen Vater von früher.« Er hob den Kopf, und wandte sich an die beiden Bahrenträger. »Yossi und Motke, bringt diese Leute hinunter in die Speisekammer und versorgt sie mit Brot und Bier. Wir brauchen Yosef nicht zu stören. Aber du bleibst hier bei mir, Kindele«, fügte er an Annat gewandt hinzu, die sich fragte, warum er Sari als Prinz von Ademar bezeichnet hatte. Als die beiden Männer Govorin und Casildis aus dem Zimmer geleitet hatten, stand der Rashim schwerfällig auf und ging zu sei- nem Schreibtisch, wo er eine Glocke an einem langen Griff auf- nahm und sie heftig schüttelte. Einige Augenblicke später hörte An- nat schwere Schritte auf der Treppe draußen; dann schwang die Tür auf, und eine riesige Gestalt betrat den Raum. Annat hätte fast auf- geschrien, denn das Gesicht des Mannes war eine blinde Maske aus Lehm und ein Buchstabe des Heiligen Namens war in die Stirn ge- ritzt. Ein Golem! »Dies ist Yosef, mein Diener«, sagte der Rashim ruhig. »In Zeiten der Gefahr beschützt er uns vor unseren Feinden, doch meistens verrichtet er gewöhnliche Arbeiten für mich hier und im Beit, wo er einer der Wächter ist. Yosef, heb diesen Mann auf, und leg ihn auf das Bett.« Die riesige Kreatur stolperte durch den Raum und bückte sich, um Yuda mit seinen tellergroßen Händen samt Laken Bahre und al- lem Weiteren aufzuheben. Er wiegte Yuda leicht wie ein Baby und ging durch den Raum zum Himmelbett, wo er ihn sanft ablegte, sich aufrichtete und dann seinen blinden Kopf zu seinem Meister zurückwandte und auf einen weiteren Befehl wartete. »Sehr gut, Yosef«, sagte der Rashim. »Du kannst gehen.« Annat bemerkte erst, wie erschrocken sie gewesen war, als der Golem das Zimmer verlassen hatte. Sie würde ihm nicht in Abwesen- heit des Rashims begegnen wollen. Kaum dass Yosef gegangen war, begab sich der alte Mann zum Bett und entfernte den Rest der schmutzigen Verbände. Dann lief er zum Kopf der Treppe und rief nach seinen Töchtern, die rasch kamen und heißes Wasser und fri- sche Verbände brachten. Annat erkannte das Mädchen Dalit wie- der, auf das sie an der Tür getroffen war. Die jüngere Schwester,, Hadass, war nicht viel größer als Annat, mit einem Kopf voller strahlender roter Locken und Augen, die grün wie das Meer waren. Sie warf Annat ein Lächeln zu und flüsterte: »Unser Tate hat uns ge- beten, einige Kleidungsstücke für dich herauszusuchen.« Annat fühl- te einen eigenartigen Stich, als sie in das weiche, sommersprossige Gesicht des Mädchens starrte. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie jemals jemanden gesehen hatte, der so wunderschön war. Dann rief der Rashim ungeduldig nach ihr. Nachdem er seine Hän- de gewaschen hatte, betupfte er vorsichtig die Wunden und hielt von Zeit zu Zeit inne, um sie genauer zu untersuchen. Während er arbeitete, sprach er mit Annat. »Ich benutze hier eine Tinktur aus Schwarzwurz. Die Blätter des Krautes, in Alkohol aufgequollen, wir- ken unübertrefflich gegen Infektionen. Aber dank dem Heiligen Ei- nen, gelobt sei er, sind dies hier saubere Schnitte.« Nachdem er die Wunden ausgewaschen hatte, legte er die Stückchen schmutziger Baumwolle in einen Korb auf dem Boden und beugte sich über Yuda, um seine Hände über das Loch in seiner Seite gleiten zu las- sen. Während der Rashim arbeitete, sprach er einen Segen in Ebreu. Annat kniete seitlich neben dem Bett und beobachtete fasziniert, wie sich die Wundränder zu regen begannen und aufeinander zu- krochen. Yuda verzog das Gesicht, bewegte sich jedoch nicht. Lang- sam begannen die beiden Seiten des Schnittes zu verschmelzen, als würde eine winzige und unsichtbare Nadel sie zusammenziehen, bis schließlich nur noch eine zornig rote Narbe auf Yudas Seite übrig blieb, die verriet, wo die Verletzung gewesen war. Der Rashim wie- derholte die Prozedur bei dem Riss in Yudas Arm; er berührte ihn niemals, sondern ließ die Finger stets einige Zentimeter über der Oberfläche gleiten. Als er fertig war, bewegte sich Yuda ruhelos und hob seine Hand, als ob er an den Narben kratzen wolle. »Lieg still, junger Mann«, befahl der Rashim. »Ich habe den Heil- vorgang noch nicht beendet.« Er hockte sich zurück auf seine Ha- cken und rieb sich das Kreuz, dann wandte er sich an Annat. »Siehst du, Rebjonok, das ist der leichtere Teil. Nun muss ich die Zellen da- zu anregen, Blut zu produzieren. Doch dein Vater muss einen Tag, oder länger im Bett verbringen, während sich das Blut nachbildet.« »Davon weiß ich nichts«, sagte Yuda. Annat war erleichtert, dass er nicht mehr so leichenblass aussah. »Du bist bemerkenswert stark«, sagte der Rashim unwirsch. »Sol- che Verletzungen hätten einen schwächeren Mann getötet. Und die Arbeit, die deine Tochter geleistet hat, hat dich zweifellos gerettet, auch wenn sie unbeholfen und simpel war.« Annat war sich nicht sicher, ob sie das als Lob oder als Vor- wurf auffassen sollte. Aufmerksam sah sie zu, als der Rashim erneut die Hände über Yudas Glieder gleiten ließ. Auch Yuda beobachtete den alten Mann bei seinen Tätigkeiten, und seine Augen waren wach und strahlend. »Ich nehme an, du weißt selbst, wie das geht, junger Mann?«, fragte der Rashim, während er arbeitete. »Ich habe gelernt, wie es geht«, sagte Yuda. »Aber ich habe es noch nie in die Praxis umgesetzt.« »Die Macht des Einen fließt durch uns, gewaltig und unendlich«, sagte der Mann mit versonnener Stimme. »Wir sind wie der kleinste Stern am Himmel. Ein unscheinbares Licht, das schwer auszulö- schen ist. Aber du, mein Sohn, bist ein strahlender Stern, eine klei- ne, leuchtende Sonne. Ich war ebenso in meiner Jugend. Und so wird auch deine Tochter werden, denn sie hat deine Stärke geerbt.« Er hob die Hände hoch in die Luft und presste die Handinnen- flächen gegeneinander. »Es ist vollbracht. Nun können wir nur da- rauf warten, dass sich das Blut selbst erneuert. Ich werde nach Yosef schicken, damit er dir hilft, den Rest deiner verschmutzten Klei- dung abzulegen, und er wird sie auch für dich waschen. Bei diesen Dingen kann er sanft wie eine Krankenschwester sein. Und für dich, mein Kindele, ist es Zeit, hinunter zu meinen Töchtern zu gehen, die dir einige Kleidungsstücke geben und dir zeigen werden, wo du dich waschen kannst. Ab mit dir!«, fügte er hinzu, als Annat zögerte. Sie eilte nicht gerade aus dem Zimmer, denn halb fürchtete sie ein Zusammentreffen mit dem Golem auf der Treppe. Ohne anzu-, klopfen, platzte sie durch die Tür im ersten Stock und fand sich in einem dämmrigen Raum wieder, dessen einziges Licht von zwei ho- hen Fenstern herrührte. Ein Tisch aus Walnussholz mit einer Spit- zendecke stand in der Mitte, sechs massive Stühle waren um ihn angeordnet. Die Wände waren aus getünchtem Gips; auf ihnen hin- gen verblasste Bilder und religiöse Texte in Ebreu, unter anderem eine Mizrach an der östlichen Wand, die es den Hausbewohnern er- leichtern sollte, ihre Gebete gen Zyon zu richten. Den einzigen Farbtupfer bildete eine Chaiselongue in der Ecke, die von einem roten Tuch bedeckt war, das mit leuchtenden Farben bestickt und mit kleinen Spiegeln benäht war. Auf diesem Sofa saß Dalit und las ein Buch; es gab keine Spur von Hadass, die Annat zu sehen ge- hofft hatte, doch eine Innentür öffnete den Durchgang zu einem dahinter liegenden Zimmer. Dalit fuhr zusammen, als Annat ins Zimmer stürmte, lächelte dann aber, schloss ihr Buch und erhob sich von der Couch. »Hat dich mein Vater zu uns geschickt?«, fragte sie. Annat nickte. »Er sagte, ihr würdet mir zeigen, wo ich mich wa- schen kann und wo ich andere Kleidung finde.« Dalit legte das Buch auf den Tisch, nachdem sie sich sorgfältig ihre Stelle im Text markiert hatte. »Hadass ist einverstanden, dass du etwas von ihrer Kleidung bekommst, weil ihr euch in der Größe ähnlicher seid«, sagte sie. »Und ich werde Yosef auftragen, in dei- nem Schlafzimmer eine Wanne für dich mit Wasser zu füllen.« »Ist er gerade hier?«, fragte Annat ängstlich. Dalit lachte freundlich. »Du hast nichts von Yosef zu befürch- ten«, sagte sie. »So lange, wie er unter dem Befehl meines Vaters steht, wird er kein Unheil anrichten. Sein einziges Problem ist, dass er nicht weiß, wann er aufhören muss. Aber dies ist ein seltsames Haus, das viele Wunder birgt. Du musst nicht überrascht sein, wenn du seltsame Dinge hörst, vor allem in der Nacht. Mein Vater ist ein Tzaddik, ein heiliger Mann, doch auch ein großer Zauberer und Meister der Illusionen. Komm, du freust dich bestimmt schon da- rauf, dich zu waschen«, fügte sie hinzu und blickte neugierig auf, die Puppe in Annats Armen. Annat folgte ihr in das andere Zimmer, das im Gegensatz zum vorherigen lichtdurchflutet war. Zwei schmale Holzbetten mit weißen Kissen und Überdecken mit Blumenmuster standen an der Wand gegenüber; zur Linken befand sich ein massiver Schrank aus Birnenholz, dessen Tür offen stand und den Blick auf Reihen von Kleidung bot. Hadass stand vor dem Spiegel hinter der Tür und hielt ein langes Brokatkleid mit Puffärmeln an, um ihr eigenes Spiegelbild zu bewundern. Etliche abgelegte Kleider lagen über einem Stuhl verstreut. »Hadass, du kleiner Dämon, ich habe dir nicht erlaubt, meine Kleider anzuprobieren!«, schrie Dalit. Sie fegte durch den Raum, riss ihrer Schwester das Kleidungsstück aus den Händen und stopf- te es gewaltsam in den Schrank zurück. »So ist es, wenn man eine Schwester hat! Auch wenn ich das nicht sagen sollte, Annat.« »Ich bin dreizehn und habe nur einen Bruder«, sagte Annat. »Aber er wurde von den bösen Dzuzukim gefangen genommen.« Hadass nahm ihre Hand. »Wir werden deine Schwestern sein, während du hier bist«, sagte sie und führte Annat zu dem Stuhl mit dem Kleiderberg. Die nächste Stunde verlief angenehm für Annat, denn zunächst nahm sie ein Bad in einer Zinkwanne und probierte dann Hadass' Kleider eines nach dem anderen an. Zuletzt entschied sie sich für ein tailliertes Kleid aus schwarzem Taft mit einem weißen Schulter- tuch. Es wäre für die Zugfahrt nicht geeignet, doch sie wählte noch ein anderes, schlichteres Leinenkleid für diesen Zweck. Dalit kämm- te ihr die Haare, die ziemlich lang gewachsen waren, und es gelang ihr, sie in Annats Genick zu einem Knoten aufzustecken, während Hadass sehnsüchtig zuschaute. »Du hast so ein Glück, solche Haare zu haben«, sagte sie. »Meine stehen nur in alle Richtungen ab.« »Aber dein Haar ist wunderschön!«, rief Annat. »Ich habe noch nie einen Roten Wanderer gesehen, bevor ich hierher kam. Meine ganze Familie ist dunkel, mit Ausnahme meines Bruders.«, Dalit legte Hadass die Hand auf die Schulter. »Wir sind hier in La Souterraine im Exil«, sagte sie. »Es scheint so lange her, dass wir ei- nen Frühling oder Sommer erlebt haben. Aber unser Tate sagt, eure Ankunft bedeutet, das Warten habe bald ein Ende.« »Das hoffe ich«, sagte Annat. »Doch dieser Mann jagt uns, und er will uns töten.« »Der Golem wird euch beschützen, während ihr in diesem Haus seid«, sagte Dalit. »Deshalb hat unser Tate ihn erschaffen. La Sou- terraine ist ein gefährlicher Ort.« »Wie kommt es, dass ihr hier seid, dass es hier eine Stadt der Wan- derer gibt?«, fragte Annat. »Der Rashim hat vor, euch die ganze Geschichte beim Abendes- sen zu berichten«, sagte Hadass. »Doch sie hängt mit dem Mann zusammen, der euch verfolgt, dem Prinzen von Ademar, und sei- nem Vater, dem Doyen.«

KAPITEL 14 Malchik rappelte sich auf und rieb sich seinen Rücken. Über ihmthronte die Burg, viereckig und mächtig. Zum Boden hin

waren die Fenster schmal wie Schießscharten, doch weiter oben öff- neten sie sich in elegante Fensterfronten mit dickem, grünem Glas, in dem sich das winterliche Tageslicht spiegelte. Hinter dem Ge- bäude erhoben sich die Hänge, die das weiße Tal säumten und ein natürliches Amphitheater im Hintergrund bildeten; Malchiks Blick erhaschte schlanke Bäume, die die Gipfel gegen den Himmel ab- grenzten. Saris fester Griff schloss sich um seinen Oberarm. »Nun ist es an der Zeit, deine Wahl zu treffen«, sagte er. »Willst du die Burg als Gast und als Freund von Ademar betreten oder als Gefangener und, Feind?« »Ich habe wohl keine große Wahl, oder?«, fragte Malchik und blickte ihm zum ersten Mal fest ins Gesicht. Sari lachte. »Es ist deine Entscheidung. Wenn du mir dein Parole gibst, werde ich es als dein Ehrenwort nehmen und dich dement- sprechend behandeln. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor dein Geist dem meinen gleicht und sich dem Dienste der Kalten beugt. Dann wird es kein Zurück mehr geben.« Malchik starrte ihn an. Sein Instinkt sagte ihm, er solle Sari zur Hölle schicken und dann die Konsequenzen tragen; doch einmal mehr dachte er an Yuda und wusste, sein Vater würde wollen, dass er am Leben bliebe. Auch wenn dies Lügen und List erforderlich machte, war nichts Falsches daran, solche Mittel gegen einen Mann wie Sari anzuwenden. Er stemmte sich hoch und sagte ruhig: »Ich habe meinen Vater schon immer gehasst. Ich wurde als Doxoi ge- salbt, als ich noch ein Kind war, und das ist mein wahrer Glaube.« »Tatsächlich?«, fragte Sari und hob die Augenbrauen. Malchik hatte keine Ahnung, ob er sich hatte täuschen lassen. »Diese Neu- igkeiten werden meinen edlen Vater erfreuen. Er ist ein großer An- hänger des wahren Glaubens. Aber er wird deine Glaubwürdigkeit prüfen wollen. Hüte dich davor, ihn irreführen zu wollen.« Er brachte Malchik zum großen Portal, das in die Mauern der Burg eingelassen war. Die anderen Ritter hatten sich zerstreut und folgten De Boissac um das Gebäude herum. Als sie näher kamen, stieß Sari einen Ruf aus und hob einen Arm über den Kopf. Als Antwort auf seinen Schrei begannen die mächtigen Tore aufzuglei- ten, sodass das gelbe Licht der Wachskerzen und Fackeln nach drau- ßen fiel. Ein Diener kam die Treppe heruntergerannt, um sie zu be- grüßen, und Sari reichte ihm die Zügel seines Pferdes, ohne ihn ei- nes weiteren Blickes zu würdigen. Er blieb stehen, um seinen Um- hang aus grüner Wolle wieder über seinen Schultern zu befestigen, und musterte Malchik von oben bis unten. »Es schickt sich nicht, wenn du diese Kleidung in der Gegenwart meines Vaters trägst«, sagte er. »Ich werde dich zu Cluny schicken,, meinem Halbbruder, der ungefähr deine Größe hat. Er wird geeig- netere Gewänder für dich haben.« Malchik folgte ihm die Treppen empor zur geöffneten Tür und starrte dabei finster auf seinen Rücken. Die Türen führten zu einem breiteren, zugigen Korridor, und Malchik erspähte einen weiteren, kleineren Durchgang auf der anderen Seite, der sich in eine große, überfüllte Halle voller grün gekleideter Männer öffnete. Sari schritt rasch am Eingang vorbei und führte Malchik zu einer Wendeltrep- pe, die aus den Wänden eines mächtigen Turmes gehauen war. »Die Räume meines Bruders liegen im zweiten Stock«, sagte er und schickte hinterher: »Es wäre nicht klug, an eine Flucht zu denken. Denn dann würde ich aufhören, dich als meinen Freund und Ver- bündeten zu betrachten.« Malchik versuchte, empört auszusehen, allerdings ohne Erfolg, wie er selber bemerkte. »Nichts läge mir ferner, Mon Seigneur«, sagte er und hoffte, dass seine Stimme die verborgene Ironie nicht offen legen würde. »Geh hinauf zu meinem Bruder«, sagte Sari mit einem verzerrten, aber nicht unfreundlichen Lächeln, als kenne er Malchiks Gedan- ken nur zu gut und fände sie belustigend. Malchik stieg die Stufen empor. In seinem Kopf hämmerte es. Seine Hände glitten über die Steine der Turmmauer, und er zählte die Stufen, die ihn zum ersten Treppenabsatz führten. Dabei ver- suchte er, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. In einer Ecke der Treppe befand sich eine mit Nägeln beschlagene Tür, und er wartete einen Moment, bevor er klopfte. Eine leise Stimme forderte ihn auf hereinzukommen, und als Malchik eintrat, fand er sich in einem unerwartet luftigen, halbrunden Raum wieder, der von einer Fülle von Bienenwachskerzen erleuchtet wurde. An einem Ende des Halbrunds brannte ein Feuer in einem hohen, zylindrischen Ofen, der mit Lehmziegeln bedeckt war. Am Fenster war eine Staffelei auf- gebaut, und davor stand ein junger Mann und malte. Sein dichtes, braunes Haar war über den Ohren gestutzt, und er trug eine lange Tunika aus grüner Wolle über Strumpfhosen aus trübem Grün und, Halbschuhen aus Ziegenleder. Er drehte den Kopf, als Malchik ein- trat, und warf ihm ein verhaltenes Lächeln zu. Seine braunen Au- gen waren dunkel und tiefliegend und seine Haut hell wie Honig. Lediglich der Hochmut seiner langen Nase gab einen Hinweis auf die Herkunft, die er mit Sari gemein hatte. »Wie ich sehe, hat Sie der Erbe zu mir geschickt, Messieur«, sagte er. »Ich bin Cluny, der Bastard von Ademar. Mein Bruder hat eine Nachricht gesandt, dass er einen Gefangenen heimbringen würde; man hätte meinen können, er hätte einen mächtigen Krieger in Ket- ten gelegt, nicht ein Bürschchen, wie ich selbst eins bin.« »Ich bin ein Bürschchen?«, fragte Malchik. Plötzlich wurde ihm schwindlig, und er setzte sich auf den Boden, der mit prächtigen Vorlegern bedeckt war. Es gab nur einen einzigen Stuhl und ein Bett in dem Zimmer, von der Staffelei abgesehen. Cluny legte sei- nen Malpinsel und seine Palette weg. »Bei der Mutter«, rief er aus. »Es tut mir sehr Leid. Du bist ver- letzt und müde von der seltsamen Reise. Davon hat Jean Sorel nichts gesagt.« Malchik starrte dumpf zu ihm hinauf. Er konnte die Hoffnung kaum ertragen, dass sich dieser junge Mann als eine Art Verbünde- ter erweisen könnte, als jemand in dieser Burg seines Feindes, dem er vertrauen könnte. Cluny hatte Recht; zum ersten Mal bemerkte Malchik die kleinen Schnitte an seinen Armen, und sein Körper schien überall zu schmerzen. »Was soll ich tun?«, fragte er, was allerdings eher als Frage an sich selbst denn an seinen Gastgeber gerichtet war. Cluny starrte ihn durchdringend an. »Wie wär's, wenn du dich erst mal auf den Stuhl setzen würdest«, sagte er. »Und ich werde einige Kleidungsstücke heraussuchen, die dir passen könnten. Dann müssen wir uns unterhalten.« Während Cluny in den Nebenraum schlüpfte, der sowohl als Schrank als auch als Abort diente, schleppte sich Malchik zum Stuhl und ließ sich nieder. Er stützte die Ellenbogen auf die Arm- lehnen und seinen Kopf in die Hand. Unwillkürlich fragte er sich,, wie es den anderen ergangen sein mochte und wohin sie gezogen waren. Er hatte den Ausdruck des Entsetzens auf ihren Gesichtern gesehen, als Sari ihn vom Zug gezerrt hatte. Sicher würden sie ihn retten wollen, doch wie lange würden sie brauchen, um herauszu- bekommen, wo er war, und wie sollten sie es schaffen, in die Burg zu gelangen? Als Cluny zurückkam, fragte er sich, inwieweit er dem jungen Mann trauen konnte. »Ich habe nicht viele Kleidungsstücke«, sagte Cluny entschuldi- gend. »Dies ist eine alte Tunika von mir und eine Hose.« Er hielt eine lange Leinentunika in die Höhe und ein Paar gestopfter, blau- er Beinlinge. »Vielleicht siehst du etwas schäbig aus, aber du wirst merken, dass diese Gewänder meinen Vater weit mehr erfreuen wer- den als die, die du im Moment trägst. Du willst ihn doch nicht da- ran erinnern, dass in dir das Blut von Wanderern fließt.« »Du weißt, dass ich ein Wanderer bin?«, fragte Malchik wachsam, während er sein Hemd und die Weste, die ihm das Bärenvolk gege- ben hatte, auszog. Cluny kam herüber und untersuchte seine Wun- den mit einem kritischen Blick. »Sie sind nicht tief, aber sie sollten gereinigt werden«, sagte er. »Ich werde einen der Diener nach Wasser schicken.« Sein Blick traf Malchiks. »Jean Sorel hat uns die Nachricht übermittelt«, sagte er knapp. »Wir wussten, dass in der Gruppe, die er verfolgte, drei Wan- derer waren.« »Meine Mutter hat mich als Doxoi salben lassen, als ich ein Kind war«, wiederholte Malchik. Der junge Mann hob die Augenbrauen. »Das ist ein Glück«, sagte er. »Ich schlage vor, dass du das meinem Vater gegenüber erwähnst, wenn du zu ihm gebracht wirst. Trotzdem bleibt die Möglichkeit bestehen, dass er befehlen wird, man möge dich verbrennen.« Malchik starrte ihn entsetzt an, doch Cluny drehte sich weg und ging zur Tür, um nach einem Diener zu rufen. Er hatte nicht zu erkennen gegeben, ob er mit der Sicht des Doyens einverstanden war oder nicht. Als der Diener mit einem sauberen Tuch und einer Schüssel heißen Wassers zurückkehrte, nahm Cluny sie ihm aus der, Hand und begann, Malchiks Schnitte mit ruhiger Hand abzutup- fen. »Mein Bruder scheint sich besonders um dich bemüht zu haben«, sagte er, ohne Malchik anzusehen. »Er erzählte uns, du wärst der- jenige, der am ehesten zum Wohle Ademars gewonnen werden könnte. Die anderen sind so gut wie tot.« Malchik zuckte zusammen, nicht, weil Cluny ihm wehgetan hat- te, sondern wegen seiner Worte. Der junge Mann hielt inne und sagte: »Es tut mir Leid. Es müssen Verwandte von dir sein. Aber Jean Sorel hat uns zu verstehen gegeben, dass du dich wenig um ihr Schicksal sorgen würdest.« Malchik verbarg sein Gesicht in den Händen. Er schämte sich, nicht nur, weil er nicht in der Lage war, seine Gefühle vor einem Fremden zu verbergen, der Saris Verbündeter sein konnte, sondern auch, weil Cluny, der ein guter Mensch zu sein schien, ihn für so herzlos hielt. »Das kann er leicht sagen«, sagte er bitter. »Er weiß, dass wir miteinander verbunden sind – durch das Eiskorn, das die Kalte in uns beide gepflanzt hat.« Er wusste, dass es leichtsinnig war, Cluny so viel zu verraten, doch er musste die Gelegenheit beim Schopfe packen. Cluny fuhr fort, die Wunden zu betupfen und sprach, während er arbeitete. »Ich weiß von dieser Göttin und von dem Übel, das sie in Män- nern sät. Muss ich dir sagen, dass der Samen, den mein Bruder Jean trägt, gewachsen ist, bis der Mann kaum noch wiederzuerkennen war? Der Doyen hat das hingenommen, ich aber nicht.« »Was rätst du mir, was soll ich tun, Cluny?«, fragte Malchik. Die Hoffnung in ihm war stärker geworden, dass er, indem er Cluny sei- ne wahren Gefühle offenbarte, sich die Möglichkeit einer Freund- schaft eröffnet hatte. Bevor er antwortete, ging der junge Mann zur Garderobe und kehrte mit einem alten Hemd wieder, das er in Streifen riss, um Malchiks Arm zu verbinden. »Tritt vor meinen Vater, wie es von dir verlangt wird, und hoffe, dass er dir gnädig ist. Danach können wir weiterdenken.«, Während er sprach, klopfte es an der Tür zu seinem Zimmer. Cluny ging, um sie zu öffnen, und stieß auf Sari, der ins Zimmer trat. Als er sah, dass Malchik noch immer zur Hälfte in seiner eige- nen Kleidung steckte, befahl er ihm, sich unverzüglich umzuziehen. Malchik zog sich ins Nachbarzimmer zurück, wo er sich auch er- leichtern konnte, und mühte sich dann in die unvertrauten Gewän- der. Er fühlte sich wie ein Narr in der langen Tunika, die ihn an ein Kleid erinnerte. Als er aus dem Raum schlurfte, brach Sari in Ge- lächter aus, und auch Cluny konnte sich eines Lächelns nicht er- wehren. »Wie ich sehe, bist du ein Witzbold, Junge«, sagte Sari, »aber du solltest deine Scherze besser nicht vor meinem Vater ausprobieren; er ist nicht für seinen Humor bekannt.« Malchik bemühte sich, die Tunika zu richten und die Hosen hochzuziehen, die sich um die Knie ausbeulten. »Der Doyen ist be- reit, dich zu empfangen«, fuhr Sari fort. »Wir sollten ihn besser nicht warten lassen.« Der Vorabend des Königstags hatte etwas von der Heiligkeit des Ta- ges selbst, und das Abendessen im Hause des Rashims war eine feier- liche Angelegenheit. Dalit und Hadass hatten den Tisch mit einer weißen Damastdecke geschmückt und silberne Messer und Gabeln für jeden Gast ausgelegt. Es gab eine Challah und eine Karaffe mit Rotwein, den der Rashim vor der Mahlzeit segnete. Er setzte sich ans Kopfende des Tisches, mit Annat zu seiner Rechten und Govo- rin und Casildis zu seiner Linken. Der Sheriff und seine Frau hat- ten beide frische Kleidung angelegt: Govorin einen schwarzen An- zug und ein weißes Hemd in der Art der Wanderer-Männer, und Casildis einen grauen Seidenrock mit einer weiten Bluse, die die Schönheit ihrer hellen Haut noch unterstrich. Um dem Brauch Respekt zu erweisen, hatte sie ihr langes Haar mit einem Schal be- deckt. Dalit und Hadass trugen das Essen auf, das aus einer Gemü- sebrühe, einem im eigenen Saft gekochten Karpfen und einem Man-, delpudding bestand. Die Steifheit und Vornehmheit erinnerten An- nat ein wenig an ihr Abendessen in Saris Haus, doch es hätte an- sonsten nicht unterschiedlicher sein können. Während sie aßen, wurde nur wenig gesprochen, aber als der Rashim sein Gebet zum Schluss der Mahlzeit beendet hatte, begann er Geschichten und Gleichnisse zu erzählen, von denen viele einen versteckten kleinen Scherz enthielten. Es war Dalit, die, als sie den Tisch abgeräumt hatte, ihren Vater drängte, die Sage von ihrer Ankunft in La Sou- terraine zu erzählen. Der Rashim klatschte in die Hände und ließ seinen Blick auf jedem Gast rund um den Tisch ruhen, auch wenn seine Augen das Gesicht Casildis' mieden. »Yuda ben Mordechai erzählte mir, wie ihr vom Prinzen von Ademar verfolgt wurdet, von Zhan Sari«, sagte er. »Das ist eine lange Geschichte, Rashim«, sagte Govorin. »Es gibt ein Rätsel in seinem Herzen. Wir wissen noch immer nicht, warum, doch er will uns alle töten, mit Ausnahme meiner Frau, die seine Schwester ist. Und nun hat er den Sohn von Yuda ben Mordechai geraubt.« »Wenn ich gewusst hätte, dass Sie aus diesem Haus stammen, Madame, hätte ich euch keinen Schutz unter meinem Dach ge- währt«, sagte der alte Mann schroff. »Wie dem auch sei. Der Weise sagt, dass nicht alle, die den gleichen Namen tragen, verurteilt wer- den sollen. Vielleicht werdet ihr die Gefahr, der wir gegenüberste- hen, etwas besser verstehen, wenn ich euch erzählt habe, was ich weiß. Diese Stadt, in der wir uns befinden, Chorazin, lag einst nörd- lich des Waldes von Ademar, in der Nähe der Burg, die den Seig- neur des Waldes beherbergt, den Doyen von Ademar. Als ich noch ein junger Mann war und in der Yeshiva lernte, war der alte Seig- neur ein träger Mann, der uns in Frieden ließ – von den Steuern abgesehen. Doch als er starb, kam sein Sohn in unsere Stadt, um seine Herrschaft zu beanspruchen, und ich sah, er hatte die blauen Augen eines Fanatikers. Die Schikanen begannen schleichend. Zuerst wurden immer und immer wieder die Steuern erhöht. Dann kamen die Männer des, Doyens, um unsere Ernte und unser Vieh zu beschlagnahmen, und oft verhungerten die Menschen. Der Doyen borgte sich von uns zinspflichtig Geld und schmähte uns als verfluchte Wucherer. Als der Verleih getätigt war, schickte er uns wenigstens nicht länger seine Männer, um unser Gut zu stehlen. Doch hin und wieder kam eine Gruppe Ritter in die Stadt galoppiert, und wenn sie einen Unglücklichen zu fassen bekamen, schnitten sie ihm den Bart ab und zwangen ihn, Dreck oder unreine Nahrung zu essen. Manchmal töteten sie ihn auch. Mädchen wurden geschändet, Häuser niedergebrannt und Kinder entführt, die gezwungen wurden, Doxoi zu werden. Ich war etwas älter als der Doyen, und ich erreichte das Mannesalter vor ihm. Wie er heiratete ich eine Frau und gründete eine Familie. Doch anders als er war ich mit vielen Kindern gesegnet. Er hat nur drei legitime Nachkommen, seinen Sohn und Erben und zwei Töchter. Sie, Madame, müssen eine der Töchter sein, und ich frage mich, wie es gekommen sein mag, dass Sie zu einer ›Wanderer-Freundin‹ geworden sind.« Er sprach mit solch beißendem Spott, dass Govorin fast protestiert hätte, doch Casildis antwortete mit gesenktem Blick: »Meine Mutter war niemals eine Doxoi, Sir, und sie erzog ihre Töchter dazu, alle Menschen gerecht zu behandeln. In der Tat, ich hätte meinen Gatten nicht geheiratet, wenn ich ihn nicht als Mann gekannt hätte, und zwar als den besten aller Männer.« »Eine gute Antwort«, sagte der Rashim und strich sich über den Bart. »Ich habe nur wenig Zuneigung für die Dzuzukim, und es überraschte und betrübte mich zu erfahren, dass Yuda ben Mor- dechai zwei als seine Begleiter erwählt hat. Aber ihr seid meine Gäs- te, die Fremden innerhalb meiner Tore. Vor etwas mehr als drei Jahren hat der Doyen den Verstand verloren. Seine ältere Tochter Huldis verschwand, und er machte uns für seinen Verlust verant- wortlich; er schwor, dass wir sie entführt und dem Tod am Rad übergeben hätten wie den Sohn. Seine Männer umstellten die Stadt und drohten, dass sie uns lebendig verbrennen würden, jeden Ein- zelnen von uns, ob wir zum Glauben der Doxoi konvertierten, oder nicht.« Casildis rang nach Luft. »Das wusste ich nicht, Sir. Aber ich war erst vier Jahre alt, als meine Schwester verschwand.« Sie hielt inne und fügte dann hinzu: »Aber es ist jetzt dreiundzwanzig Jahre her, dass Huldis verloren ging – und Sie sind erst drei Jahre hier.« »Das ist ein Mysterium«, sagte der Rashim sanft. »Es gibt keinen Zweifel daran, dass unser Exil erst seit drei Jahren andauert. Ob- gleich hier nur der Winter regiert, war das ausgehungerte Licht der unsichtbaren Sonne genug für uns, um Getreide unter Glas anzubauen. Wären wir hier schon länger eingepfercht, fürchte ich, wären wir bereits alle umgekommen.« Govorin wandte sich an Casildis. »Wenn nur drei Jahre in La Souterraine vergangen sind, aber dreiundzwanzig in unserer Welt, was bedeutet das für uns? Wir sind erst seit ein paar Tagen fort…« »Dann vergeht die Zeit in dieser Welt langsamer«, sagte Casildis ernst. »Wir können nicht sagen, wie lange wir schon unterwegs sind. Wenn wir zurückkehren, stellen wir vielleicht fest, dass Mo- nate oder mehr in unserer Abwesenheit vergangen sind.« »Was können wir tun?«, fragte Annat. Sie blickten sich schweigend an. Es gab nichts, was sie hätten tun können; sie hatten diese Reise begonnen, und sie würden sie bis zum Ende durchstehen müssen. Casildis wandte sich an den Rashim. »Aber was geschah, als mein Bruder Chorazin angriff? Es hat den Anschein, dass ihr überlebt habt.« Der Rashim nickte. »Alles, was ich tun konnte, war, zum Heiligen Einen zu beten, gelobt sei er, und um Erlösung zu flehen. Mein verehrter Vater war verstorben, und ich war an seiner Stelle Rashim geworden. Die Leute wandten sich an mich, damit ich sie führen möge. Nach dem Abendgebet ging ich zum leeren Beit und stand allein vor dem Tabernakel, wo ich in die ewige Flamme schaute. Ich durfte nicht verzweifeln, doch ich konnte mir nicht vorstellen, warum wir errettet werden sollten, wo so viele Wanderer vor uns umgekommen waren. In meinem Herzen stellte ich die Weisheit, des Heiligen Einen in Frage, denn ich wollte von ihm eine Antwort auf die Frage nach dem Warum haben. Ich sagte ihm, dass er unge- recht sei, da er so viel von seinem Volk verlangte, um es dann doch dem Zorn seiner Feinde zu überlassen. Die ganze Nacht haderte ich mit ihm, tobte und vergoss Tränen wie ein Kind, das seine Eltern herausfordert. Und am Morgen, als ich das Gebetshaus verließ und mich auf den Weg zu meinem Haus machte, herrschte eine merk- würdige Stille in den Straßen. Da gab es kein Kriegerlager vor un- seren Mauern, ja, es waren überhaupt keine Mauern zu sehen. Statt der Augusthügel mit ihren Buchsbäumen und Eichen gab es plötz- lich weiße Felder und einen blauen, aber sonnenlosen Himmel. Es schien, als habe der Heilige Eine in der Tat meine Gebete erhört; er hatte uns ins Exil in dieses sonderbare Land geschickt und unser Leben gerettet. Es dauerte jedoch nicht lange, bis wir entdeckten, dass das Böse, vor dem wir so eifrig geflohen waren, hier auf uns wartete. In einigen Meilen Entfernung steht die Burg von Ademar, hier ebenso wie in der obigen Welt. Und auch wenn sie noch nicht ihre Krieger gegen uns ausgeschickt haben, wissen wir, dass es nur eine Frage der Zeit ist; denn kurz nachdem die Stadt hier erschie- nen war, begannen Krähenschwärme wie Spione über die Stadt zu fliegen; die Vögel der Kalten, ausgesandt von Ademar.« »Ich habe sie gesehen«, sagte Annat mit leiser Stimme. »Aber glauben Sie, dass Sari mit der Kalten verbunden ist?«, fragte Govorin. Der Rashim zuckte mit den Achseln. »Wie sonst sollte es möglich sein, dass die Burg von Ademar sowohl hier als auch im obigen Wald zu sehen ist?« »Aber ich bin in der Burg von Ademar aufgewachsen!«, sagte Ca- sildis. »Ich habe nie etwas vom Eingang nach La Souterraine ge- hört.« »Vielleicht haben sie ihn vor Ihnen verborgen«, sagte der Rashim und faltete die Hände. »Oder vielleicht hat sich das Tor erst in der letzten Zeit geöffnet.« Casildis stützte den Kopf auf ihre Hände und Govorin legte ihr, sanft den Arm über den Rücken. »Das sind Neuigkeiten für mich, Rashim«, sagte er. »Ich wusste, dass Sari aus dem Wald stammt und dass meine Frau nur zu glück- lich war, ihr ehemaliges Zuhause verlassen zu können – doch nicht, dass der Mann, der als mein Deputy arbeitete, von einem Tyran- nengeschlecht abstammt. Und ich bezweifle, dass Casildis selbst es gewusst hat.« »Oh, ich kannte meinen Vater«, sagte Casildis bitter. »Doch ich war eine Frau und blieb in den Räumen der Frauen; ich kannte meinen Platz.« »Wenn der Prinz von Ademar Yudas Sohn geraubt hat, ist es wahrscheinlich, dass er ihn zur Burg bringen wird«, sagte der Rashim. »Nicht, solange ich etwas zu sagen habe«, sagte Yuda, der schwan- kend in der Tür stand. Er trug nur die Verbände und ein Paar Py- jamahosen, und sein linker Arm steckte in einer Schlinge. Der Ra- shim erhob sich, zuckte zusammen und sagte: »Wer hat dir erlaubt, das Bett zu verlassen, mein Sohn? Dir geht es nicht gut.« »Golems sind nicht sehr gut darin, Konversation zu machen«, sagte Yuda, lehnte sich gegen den Türpfosten und grinste. »Und an- sonsten hätte ich mir die Zeit nur damit vertreiben können, meine neuen Blutzellen zu zählen.« Auch Govorin stand auf, lief rasch durch den Raum und legte Yuda seinen Arm um die Schultern. »Der Rashim hat Recht, Vasilyevich«, sagte er. »Wenn du es ohne uns nicht aushältst, werden wir mit dir nach oben kommen müs- sen. Du solltest im Bett bleiben.« »Ihr hättet Annat nach oben schicken können, damit sie mir Ge- sellschaft leistet«, sagte Yuda fröhlich. »Ich hätte ihr beibringen können, wie man in meinem Kopf Kreuzworträtsel löst. Oder war es in ihrem Kopf? Ich habe es vergessen.« »Wenn du schon nicht in dein Zimmer zurück willst, dann setz dich wenigstens«, sagte der Rashim unwirsch. »Am anderen Ende des Tisches sind noch freie Stühle. Ich werde meine Töchter bitten,, Kava für dich zu bereiten und für alle, die sonst noch wollen. Ein rarer Genuss nach drei Jahren Exil und deshalb aus Chicorée zuberei- tet.« Govorin half Yuda um den Tisch herum, sodass er sich setzen konnte und sofort eine Zigarette anzündete. Irgendwie beendete sein Kommen die Anspannung der letzten Stunde. Als Annat ihren Stuhl rückte, um sich neben ihn zu setzen, zog Yuda eine Augen- braue hoch. Abgesehen davon, dass er wackelig auf den Beinen war, schien er sich wieder vollständig erholt zu haben. Er sah davon ab, seine Füße auf den Stuhl zu legen, doch er schien weniger ehrfürch- tig dem Rashim gegenüber als die anderen. »Dann war es also ein Wunder, Rashim?«, fragte er. »Es hatte den Anschein, ein Wunder zu sein. Es kam wie die Ant- wort auf meine Gebete.« Er klatschte in die Hände, um Dalit her- beizurufen, die aus dem anderen Raum geeilt kam. Als das Mäd- chen nach unten in die Küche gegangen war, um den Chicorée zu- zubereiten, wandte sich der Rashim wieder Yuda zu. »Stellst du denn in Frage, dass es sich um ein Wunder gehandelt hat?«, fragte er und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen. Er schien sich für Yuda erwärmt zu haben, als sei er ein Lieblingssohn, dem viel vergeben wurde. »Ich hatte mich gefragt, ob euch die Kalte hergebracht hat. Als kleine Belustigung für sich selbst. Euer Leben zu verschonen und euch dann zu ewigem Winter zu verdammen. Ich bin ziemlich si- cher, dass sie es war, die die Tochter des Doyen gestohlen hat.« Er warf Casildis einen Blick zu und fuhr dann mit einer Stimme fort, die plötzlich ganz hart war: »Aber wahrscheinlich weißt du mehr darüber als wir anderen, Missis Govorin. Wenn man bedenkt, dass du die Priesterin der Strahlenden bist.« Casildis sah aus, als habe er sie ins Gesicht geschlagen, und An- nat war erstaunt darüber, dass ihr Vater so schroff gegenüber der Frau war, von der sie wusste, dass er sie liebte. Sie sah, wie Govorin die Stirn runzelte. Yuda fuhr fort: »Ich frage mich, wieviel du noch vor uns versteckt hältst, Missis. Ich denke, es ist an der Zeit, dass, du uns die Wahrheit sagst, nicht wahr?« Casildis war weiß geworden. »Ich habe dich niemals angelogen, Yuda«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Nein, du hast uns nie angelogen. Aber du weißt eine Menge mehr über die Kalte, als du uns verraten hast. Das Wissen hätte uns nützlich sein können.« »Lass sie in Ruhe, Yuda«, sagte Govorin. »Ich weiß schon lange, dass es Dinge gibt, die mir Casildis nicht sagen kann. Und ich ver- traue ihr.« »Das magst du tun«, sagte Yuda. »Ich aber möchte hören, was sie weiß.« Govorin wollte aufstehen, doch Casildis legte ihm ihre Hand auf den Arm. »Es ist schon gut, Sergey«, sagte sie sanft. »Was Yuda sagt, verlangt nach einer Antwort. Doch meine Glaubensgemeinschaft ist so lange verfolgt worden, dass wir uns die Geheimhaltung ange- wöhnt haben. Weil ihr beide Männer seid, würdet ihr die Mysterien der Frauen für gewöhnlich nicht erfahren.« Govorin seufzte und setzte sich. »Ich glaube, wir haben es alle be- griffen, dass du die Priesterin der Strahlenden bist, meine Liebe«, sagte er. Casildis presste die Hände zusammen. »Einst herrschten über die- ses Land die Zwillingsgöttinnen«, sagte sie. »Sie regierten in Frieden und brachten Dunkelheit und Licht, Wärme und Kälte. Sie hielten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Alles, was wir – die Frauen – wis- sen, ist, dass das Gleichgewicht vor vielen Jahren gestört wurde und die Göttinnen erzürnt wurden. Die Kalte suchte den Wald heim, während jede Spur der Strahlenden verloren ging. Bis zu dem Au- genblick beim Bärenvolk, als ihr Geist von mir Besitz ergriff, hatte die Göttin seit vielen Jahren nicht mehr gesprochen.« Sie blickte über den Tisch hinweg zu Yuda. »Verstehst du jetzt, dass ich nichts zurückgehalten habe, was dir hätte schaden können?« »Ich weiß nicht, Missis«, antwortete Yuda. »Wir sind im Dunkeln getappt – oder wir waren selber blind. Und nun hat Sari Malchik ge- raubt, und wir wissen nicht, warum. Stattdessen haben wir von die-, ser Burg von Ademar gehört und davon, dass Sari der Erbe eines großen Herren ist.« »Das ist nicht der Fehler von Missis Govorin«, sagte Annat plötz- lich. »Ich wusste, dass es eine Burg im Wald gibt. Mame stammte von da. Doch es schien bislang nicht wichtig.« »Vielleicht nicht«, sagte Yuda. »Alles, was ich weiß, ist, dass ich den Jungen verloren habe und ihn nicht retten konnte.« »Mein Sohn«, sagte der Rashim. »Dieser Schatten hat sich über uns alle gelegt, Wanderer und Dzuzukim gleichermaßen. Es ist schwer zu entscheiden, was am besten zu tun ist. Der Heilige Eine, gelobt sei er, hat viele Geister erschaffen, reine und unreine; da ist die Shkine, die strahlende Erscheinung, die in dieser neu erschaffe- nen Welt wie eine Mutter zu uns ist; doch da ist auch die Dunkel- heit, eine zerstörerische Macht. Ebenso wie unsere junge Frau hier von jenen gesprochen hat, die sie Göttinnen nennt, so können auch wir Umrisse sehen, die unter der Ägide Seiner Göttlichkeit Gestalt annehmen – auch wenn sie nicht an Seiner Statt geheiligt werden sollten!« Er warf ein Stirnrunzeln in Casildis' Richtung. »Aber haltet euren Ärger und eure Bitterkeit nicht über Nacht auf- recht. Dies ist ein Haus des Friedens.« Yuda stützte seinen Kopf in die Hände. »Es tut mir Leid, Missis«, sagte er barsch. »Es gibt einige Dinge, die nicht gesagt werden soll- ten.« »Mir tut es auch Leid, Yuda«, sagte Casildis. »Aber ich dachte, als ein Wanderer würdest du verstehen, was es bedeutet, verfolgt zu werden und in Furcht zu leben.« Sie sahen sich an, und Annat bemerkte das Flackern des unsicht- baren Bandes, das wie eine Berührung zwischen den beiden verlief. Sie fragte sich, ob auch Govorin es sah. Nacheinander wünschten sie dem Rashim eine gute Nacht und zogen sich in ihre jeweiligen Räume zurück. Annat war ein Rollbett zwischen Dalit und Hadass gegeben worden, Govorin und Casildis schliefen im dritten Stock, und Yuda kehrte in die einsame Pracht des Himmelbetts im Zimmer des Rashims zurück. Es war nicht klar,, wo der Rashim selbst zu schlafen gedachte und ob er überhaupt schlafen wollte. Als alle Lichter gelöscht und das Plaudern und Flüstern versiegt waren, lag Annat hellwach in der Dunkelheit, horchte auf das leise Atmen ihrer beiden Zimmergenossinnen und war außerstande, ihre Augen zu schließen. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr und schlug die vollen und die viertel Stunden mit einem volltönenden Klang. Annat fing an, auf ihren Gong zu warten und auf das Knarren der Uhrenräder, das jedem Ton voranging, was nur dazu beitrug, sie daran zu erinnern, wie lange sie schon wach gele- gen hatte. Als es ein Uhr schlug, warf sie die Decken zurück und ließ ihre Füße zu einer Seite aus dem Bett gleiten, bis sie die raue Oberfläche eines alten Drogetts unter den Sohlen spürte. Sie schlüpfte aus dem Schlafzimmer auf den dunklen Flur dahinter und hinaus auf die Treppe. Langsam stieg sie die kalten Steinstufen empor und beabsichtigte, den Raum, in dem Yuda schlief, zu betre- ten und ihn aufzuwecken. Ihr Geist summte von all den schlaflosen Gedanken und Ideen, die sie nicht für sich behalten konnte. Im Zimmer des Rashims brannte Licht, und der Tzaddik selbst saß an seinem Schreibtisch, fest eingeschlafen, seinen Kopf zurückge- legt, den Mund offen und leise schnarchend. Sein weißer Bart hob und senkte sich wie eine Wolke aus Löwenzahnsamen. Annat schlich über die polierten Dielen zu dem altertümlichen Bett, des- sen Vorhänge in lilafarbenen und schwarzen Falten hinabhingen wie Begräbnisblumen. Als sie das Bett erreicht hatte, bei dem die Vorhänge offen waren, stieß sie auf die erste Überraschung. Yuda schlief tief, seine Hände waren über der Bettdecke verschränkt, doch er war nicht allein. Auf den Decken, in einem langen, weißen Nacht- hemd, lag Casildis eingehüllt in ein Gewirr blonder Haare, reglos wie ein Wachsbildnis, ihren Arm ausgestreckt, sodass ihre Hand nahe an Yudas Herz zu liegen gekommen war. Annat wagte kaum zu atmen; sie stand vor den Wolken aus purpurnem Damast und betrachtete das seltsame Bild, das sich ihr bot. Es war nun undenk- bar für sie, Yuda zu wecken; sie fragte sich, ob er sich der Anwesen- heit der Frau bewusst war, denn Casildis lag so unbeweglich., Annat stahl sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, aber anstatt in ihr Bett zurückzukehren, stieg sie die Treppe in den dritten Stock empor. Dort gingen drei Türen vom Treppenabsatz ab, und sie probierte sie der Reihe nach aus. Im zweiten Zimmer stand ein mächtiges Doppelbett, und Annat machte nur einige Schritte hin- ein, bevor sie Casildis ein weiteres Mal sah, wie sie behaglich an ihren Ehemann geschmiegt mit dem Kopf in seiner Schulterbeuge lag. Annat stand lange Zeit dort und starrte sie an, und ein kurzer, kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Wenn Casildis schla- fend in den Armen ihres Govorins lag, wen hatte sie dann mit Yuda in dem unteren Zimmer gesehen? Sie schloss die Tür zu dem schlafenden Paar und näherte sich zögernd der dritten Tür. Dort steckte ein Schlüssel im Schloss, den sie drehen musste, bevor sie eintreten konnte. Der kleine, dahinter liegende Raum war erfüllt vom flackernden Schein vieler Kerzen. Eine Frau lag in ihrem Bett, die Hände gefaltet, ihr Gesicht im Tode erstarrt. Sie trug eine weiße Spitzenhaube, und auch die weiße Tagesdecke war mit blassen Spit- zenrosen bestickt; es lag kein Geruch nach Tod in der Luft, nur ein Hauch von Zedern, Myrrhe und Balsamierungskräutern, der betö- rend in der Luft hing und sie einlud, sich hinzulegen und zu schla- fen. Annat wich zurück, ihre Hand griff nach der kalten Bronze des Türknaufs, und sie hatte Angst vor dem, was sie gesehen hatte. Sie wollte gerade die Tür schließen, als etwas ihre Schulter streifte, und vor Furcht hätte sie beinahe aufgeschrien. Es war Yosef, der Golem. Das stumme Gesicht öffnete einen schrecklichen Spalt, und der Go- lem sprach zu ihr: »Meine Herrin schläft. Weck sie nicht auf.« Annat blinzelte ängstlich zum Bett und fürchtete fast, die dunk- len Augen würden sich öffnen, die Gestalt sich aufsetzen und sie anstarren. Sie wich zurück, und der Golem machte einen Schritt auf sie zu, wobei er wiederholte: »Weck sie nicht auf.« Annat ließ den Türknauf los und floh, ihre flinken Füße patsch- ten auf den Steinen, zurück in die Sicherheit der unteren Etage, wo der Rashim schlief. Der Golem folgte ihr unerbittlich mit langsamen, schwerfälligen Schritten. Doch als sie im Zimmer des Rashims an-, langte, waren die Lichter gelöscht worden, und der Stuhl war leer. Annat stand am Rande der dunklen Höhle, zu der das Zimmer nun geworden war, und fürchtete sich vor dem, was sie entdecken moch- te, wenn sie sich in das Dunkel hineinwagte. »Yuda«, flüsterte sie und traute sich nicht, ihre Stimme zu he- ben; aber niemand antwortete. Da war das Geräusch von leisem Atmen, doch sie konnte nicht erkennen, wo das Bett stand, und sie wagte nicht, sich ihren Weg durch den Raum zu tasten, aus Angst, sie könne in der Finsternis über etwas fallen, oder ihre Hand aus- strecken und irgendetwas berühren – ein Gesicht vielleicht. Sie schlüpfte aus der Tür, und dort war der Golem, der auf dem Trep- penabsatz auf sie wartete. »Weck sie nicht auf«, wiederholte er monoton. Annat hatte nun keinen anderen Gedanken, als in ihr Zimmer und in die Sicherheit ihres Bettes zu gelangen. Sie erinnerte sich an die Puppe, die sie auf ihrem Kopfkissen hatte liegen lassen, und wünschte sich, dass sie ihren Holzkörper an sich drücken könnte. Dann kam ihr der Ge- danke, dass die Puppe selbst wie ein Golem war, ein hölzerner Kör- per, der einen Geist enthielt. »Beim heiligen Namen, lass mich in Ruhe«, stammelte sie. Der Golem drehte ihr den Rücken zu und setzte seinen schleppenden Abstieg die Treppen hinunter in die Keller fort. Annat floh, ihr Herz hämmerte, und sie gelangte zur Flurtür, die sie weit aufstieß und beinahe hinter sich zuwarf. Kaum war sie im Innern des Zim- mers, stand sie Aug' in Aug' mit Hadass, die eine Kerze hielt und gähnte. »Was ist denn los, Annat?«, fragte sie verschlafen. »Nichts. Nichts. Ich wollte bloß mit Tate sprechen und habe den Golem geweckt.« »Mach dir keine Gedanken über Yosef«, sagte Hadass und packte Annats Arm mit einem warmen Griff. »Er streicht nachts durchs Haus wie ein Wachhund. Aber er würde dir nichts tun. Sieh nur, du zitterst. Du kannst mein Bett mit mir teilen, wenn du magst. Wie Dalit sagte: Dieses Haus ist seltsam während der Nacht.«, Annat war überaus dankbar, in das warme Bett zu schlüpfen und sich an den dünnen Körper des Mädchens zu kuscheln. Hadass legte ihre Arme um Annat, und es war wunderbar beruhigend. Sie hatte nicht mehr so nahe bei jemandem geschlafen, seit sie ein klei- nes Kind war und Yustes Bett geteilt hatte. Langsam, nach und nach, begann sie Hadass die Wahrheit zu erzählen: Wie sie etwas in Yudas Bett gesehen hatte, das wie Casildis aussah, und von der to- ten Frau in dem Zimmer mit den Kerzen. »Das war meine Mutter, die du gesehen hast«, sagte Hadass sanft. »Lange Zeit wollte mein Vater ihren Leichnam nicht in der ver- fluchten Erde von La Souterraine begraben. Er bewahrte sie einbal- samiert in diesem Zimmer auf, wie du gesehen hast. Doch eines Nachts kam sie im Traum zu ihm und bat ihn, sie dem Gesetz der Wanderer entsprechend zu beerdigen. Sie wurde am nächsten Tag zu Grabe getragen, und das Zimmer steht nun leer.« »Es tut mir Leid, Hadass«, sagte Annat. »Ich hätte nicht so neu- gierig sein dürfen. Und der Golem sprach zu mir und sagte, ich solle sie in Frieden lassen.« Hadass streichelte ihr Haar. »Ein Golem versteht den Tod nicht«, sagte sie. »Aber vielleicht hast du es geträumt. Yosef hat noch nie gesprochen, noch nicht einmal zu meinem Vater.« »Ich glaube nicht, dass es ein Traum war«, sagte Annat zitternd. »Vielleicht nicht. Nachts an diesem Ort scheinen Träume und Realität zu verschwimmen, sodass es manchmal schwer sein kann zu entscheiden, was es ist. Aber jetzt bist du hier bei mir, und auch Dalit ist hier. Ihr Mut würde den feurigsten Drachen verjagen. Yosef gehorcht ihr, und sie ist die Einzige, von Tate abgesehen, die ihn befehligen kann.« Trotz Hadass' Worte und ihrer tröstenden Arme brauchte Annat eine Weile, um einzuschlafen; sie sah immer wieder das Gesicht des Golems vor sich und die wächserne Maske der Mutter, die tot in dem oberen Raum lag. Zusammen schienen diese Bilder eine Bot- schaft zu formen, die nur sie alleine lesen sollte, doch sie konnte sie nicht entschlüsseln. Stattdessen wurde daraus ein nicht zu lösen-, des Rätsel, das sie noch lange wachhielt, nachdem der Atem von Hadass ruhig und langsam geworden war und ihr Griff um Annat sich gelockert hatte. Malchik und Cluny folgten Sari hinunter in die Halle, wo Fackeln in eisernen Leuchtern an der Wand brannten. Die Dachsparren wa- ren mit zerrissenen Seidenbannern behangen und mit Ginster und grüner Stechpalme geschmückt, die einen schwachen Geruch nach Baumharz von sich gaben. Die Spuren eines Festes waren beseitigt worden, und die Edelleute und die Bürgerlichen gleichermaßen sa- ßen in Reihen an langen Tischen auf Böcken. Es befand sich nicht eine einzige Frau im Raum; sogar die Diener waren männlich. Sari führte Cluny und Malchik den Mittelgang entlang bis zu dem Po- dest, auf dem der Doyen thronte und ihnen mit einem Ausdruck distanzierter Neugierde entgegensah. Seine Augen waren blau und hart wie Saphire und lagen in einem langen, schönen Gesicht, das wettergegerbt und gebräunt war. Sein Haar, das zu einem winterli- chen Weiß verblasst war, war über den Ohren geschnitten, und ein Goldreif bedeckte seine Brauen. Er war mit einem bestickten Um- hang aus lila Wolle bekleidet, den er über einer langen Robe aus reinem weißen Satin trug, in der Taille zusammengehalten von ei- nem breiten Schwertgürtel. Mächtige goldene Ringe, die mit vielen Edelsteinen besetzt waren – Onyx, Rubin, Smaragd und Amethyst – blitzten an seinen Fingern, wenn er die Hände bewegte. Er funkelte wie ein Eikon in einem Tempel der Doxoi; eine goldene Kette um seinen Hals hielt einen schweren Anhänger in der Form des Rades, der mit Diamanten, Perlen und Granatsprenkeln wie Blut besetzt war. Als Cluny am Fuße des Podests angelangt war, verneigte er sich vor seinem Vater, der daraufhin mit dem Kopf nickte. Malchik, der in seinem ganzen Leben noch nie vor irgendjemandem das Knie ge- beugt hatte, brachte eine steife Verbeugung mit dem Oberkörper zustande, die den Doyen zufrieden zu stellen schien, denn er wink-, te ihn näher. Malchik schien es klug, vor dem Thron niederzu- knien. »So«, sagte der alte Mann, »ein Doxoi in der Haut eines Wande- rers. Jean Sorel berichtete mir, du seist gekommen, um deinen Na- men unserer Sache zu verschreiben und dich von deinen Freunden und deiner Verwandtschaft loszusagen.« »Ja, Mon Seigneur«, sagte Malchik. »Ich wurde als Kind im wah- ren Glauben gesalbt. Meine Mutter …« »Wir kennen deine Mutter«, schnitt ihm der Doyen das Wort ab. »War ihr Name nicht Aude?« »Ja«, stammelte Malchik. »Ja, Mon Seigneur.« Der alte Mann beugte sich vor und sah Malchik fest ins Ge- sicht. »Ich sehe so viel von meiner Aude in dir, und doch ist da auch eine Menge von der verfluchten Rasse. Sie war eins meiner Bastar- de, wie Cluny hier, auch wenn ihr Vater immer dachte, sie wäre von ihm.« Malchik fühlte sich, als ob ihm jemand ins Gesicht geschlagen hätte. »Was … für eine große Ehre, Mon Seigneur«, hauchte er und stellte sich vor, wie Yuda lachen würde, wenn ihm diese Neuigkei- ten zugetragen würden. Wenn Yuda noch lachen konnte, dachte Mal- chik mit einem Schauer. »Irgendwann, wenn du dich als würdig erwiesen hast, werde ich dich als meinen Sohn annehmen und anerkennen«, sagte der Do- yen. »Doch zunächst musst du die Unerschütterlichkeit deines Glau- bens und deine Verbundenheit mit Ademar unter Beweis stellen. Wusstest du, Junge, dass ich deine Mutter und ihre Familie aus die- sem Haus verbannt habe, auf dass sie unter Androhung der Todes- strafe niemals wiederkehre?« »Das wusste ich nicht, Mon Seigneur«, sagte Malchik und sah in die winterblauen Augen empor wie ein Hase, der von einer Schlan- ge gebannt war. »Du warst noch nicht geboren, als das Verbrechen begangen wur- de«, sagte der Doyen und untersuchte Malchiks Gesichtszüge, als, versuche er, in ihnen wie in einem Buch zu lesen. »Aber es war ein schweres Vergehen, eines, das nicht verziehen werden kann. Meine Huldis …« Seine Stimme wurde brüchig, und er lehnte sich in sei- nem Stuhl zurück, um den Blick hinauf zu den Dachsparren zu richten. »Es war ein bitterer Verlust«, sagte er. »Lass dir von den an- deren die Geschichte der Trauer berichten. Ich selbst habe sie schon so viele Male durchlebt, und doch weiß ich noch immer nicht, wie sie geraubt wurde, ob es die rückständigen Wanderer wa- ren oder ob sie einem Werk der Dunkelheit zum Opfer fiel, wie Aude behauptete.« Er faltete die Hände in seinem Schoß. »Doch nun ist der Erbe zu mir gebracht worden, ein Kind, um das Kind zu ersetzen, das ich verloren habe. Vielleicht ist dies der Zeitpunkt, an dem unser Siegeszug beginnt.« Er schien darauf zu warten, dass Malchik etwas sage, doch Mal- chik wusste nicht, auf welchen Sieg er anspielte. Er sah auf in das Gesicht des alten Mannes und fühlte ein plötzliches und unerwar- tetes Mitleid mit ihm. »Das hoffe ich, Mon Seigneur«, sagte er mit zitternder Stimme. Der Doyen lächelte ihn beinahe an. »Du bist einer der Außen- seiter, der Grenzgänger, und doch bist du zu mir gekommen«, sagte er. »Schwöre mir die Treue, und ich werde dich als meinen Vasallen und Diener annehmen.« Er streckte die Hände aus und hielt dabei die Handflächen pa- rallel zueinander. Es war Cluny, der zu Malchiks Unterstützung herbeieilte; er ergriff dessen Hände bei den Handgelenken und presste sie zusammen, als ob Malchik beten würde. Er führte Mal- chiks zusammengelegte Hände, bis sie zwischen denen des Doyens zu liegen kamen und der alte Mann seine Finger zu einem kalten Griff um sie schließen konnte. »Sprich mir nach, Kind: ›Ich schwöre bei der Mutter und all ih- ren Heiligen, dass ich den Doyen von Ademar als meinen Lehns- herren anerkenne, ihm in guten und in schlechten Zeiten dienen werde, was immer kommen möge, bis zum Tode.‹« Malchik wiederholte die Worte langsam mit schwankender Stim-, me und wagte auch nicht für eine Sekunde, den Blick von den Au- gen des Doyens abzuwenden, obgleich er sich sicher war, dass der alte Mann in seinen Geist schauen und die Zweifel und die aufrüh- rerischen Gedanken in ihm wahrnehmen konnte. Als er geendet hatte, ließ ihn der Doyen los und beugte sich vor, um ihm einen eisigen Kuss auf die Brauen zu drücken. »Du bist uns herzlich willkommen, mein Sohn«, sagte er. »Nun hast du mir deine Dienste geschworen, ebenso wie meine Söhne, der edle Erbe, und Cluny der Bastard. Ich beschwöre dich, daran zu denken, dass dies ein Eid bis zum Tode ist. Brich ihn und mein Zorn gegen dich wird unerbittlich sein. Und in den Tagen, die vor uns liegen, wirst du sehen, was meine Wut anrichten kann, wenn wir diese elenden Kreaturen zu fassen bekommen, deine ehemaligen Begleiter, und sie dem Ende zuführen, das wir für sie vorbereitet ha- ben.« Malchik blickte den Doyen hilflos an. »Ich bin sicher, dass es ein verdientes Ende ist, Mon Seigneur«, sagte er und fühlte sich bei jedem Wort wie ein Verräter. Der Doyen sah über seinen Kopf hinweg in die Tiefen der Hal- le. »Du weißt nicht, was du da sagst, Kind«, hob er an. »Aber das wirst du lernen müssen. Denn dies sind die ersten Grenzgänger, die in meine Reichweite gelangt sind. Meine Rache wird rasch und ebenso beispiellos wie fürchterlich sein.«

KAPITEL 15 Als der Morgen des Königstags dämmerte, waren Dalit und Ha-dass in ihren weißen und silbernen, hauchdünnen Nachthem-

den schon aufgestanden, doch Annat klammerte sich an ihr Kopf- kissen und sehnte sich danach, im Bett bleiben zu dürfen. Ihr Geist, war von den traumgleichen Ereignissen der vorangegangenen Nacht erfüllt, und als Hadass sie mit Hilfe eines nassen Schwammes aus dem Bett getrieben hatte, war ihr erster Instinkt, nach ihrem Vater zu sehen. Nachdem sie sich selbst in ihrer geliehenen Pracht be- wundert hatte, einem Unterrock aus Satin und einem bestickten Kleid, das ihr von Hadass geborgt worden war, eilte sie ins Zimmer des Rashims, ängstigte sich jedoch ein wenig vor dem, was sie dort zu sehen bekommen würde. Yuda lag ausgestreckt in dem großen Himmelbett und sah zum Baldachin empor, während der Rashim, gekleidet in einen purpurfarbenen, mit goldenen Fäden durchsetz- ten Kaftan, seine Wunden untersuchte. Annat hastete an die Seite des Bettes und fürchtete, dort Casildis vorzufinden, oder ein Phan- tom von ihr, das in einer Ecke verborgen sein mochte; doch das Tageslicht hatte alle Geister vertrieben. »Da bist du ja, Natka«, sagte ihr Vater und sah zu ihr hoch. »Ganz dazu angezogen, die Braut des Königstags zu sein.« Annat strich gedankenverloren ihren Rock glatt. »Werden wir gleich losziehen, wenn der Königstag vorbei ist?«, fragte sie. »Früher, wenn es nach mir geht«, sagte Yuda und blickte den Rashim an, der sich aufrichtete und seinen Rücken rieb. »Es ist keine Sünde, den Königstag zu brechen, wenn ein Leben in Gefahr ist«, sagte er. »Aber es wäre eine Sünde für mich als Hei- ler, wenn ich zulassen würde, dass sich dein Vater heute von hier fortrührt – und das weiß er. Das war eine schlimme Wunde, tief und gefährlich, und sie braucht Zeit, um sich wieder zu beruhigen. Außerdem hat sich noch nicht alles Blut ersetzt. Wenn dein Sohn noch lebt, Yuda ben Mordechai, dann wirst du ihm nicht dadurch helfen, dass du zu seiner Rettung eilst, ehe du ganz genesen bist. Folge mir als ein Vater, wenn du schon als Rashim nicht auf mich hören willst.« Yuda drehte seinen Kopf zum Rashim und lächelte. »Ich war ein sehr ungehorsamer Sohn meinem eigenen Vater gegenüber«, sagte er. »Das musst du mit dir und deinem Gewissen ausmachen«, sagte, der Rashim, nahm seine Augengläser und putzte sie mit einem Ta- schentuch. »Vielleicht solltest du dich zur Abwechslung in der Mitz- vah des Gehorsams üben. Zu deinem eigenen Besten.« Annat setzte sich auf die Bettkante und nahm die unverletzte Hand ihres Vaters. »Wir können bis morgen früh hier bleiben«, sag- te sie. »Ich kann spüren, dass Malchik am Leben ist. Er erzählte uns, dass Sari ihm nichts antun würde.« »Das hängt davon ab, was du unter ›antun‹ verstehst, Natkele«, sagte Yuda und sah aus unergründlichen Augen zu ihr empor. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sari den Jungen töten wird. Doch er wird das Eiskorn, das Malchik in sich trägt, hegen, um Malchik ihm gleichzumachen. Und da ist noch etwas anderes, wenn der Rashim auch zu freundlich war, um es zu erwähnen; unsere Anwesenheit bringt die Stadt in Gefahr. Wenn Sari oder der Doyen herausfin- den, dass wir hier aufgenommen wurden, wird die Stadt schnell die Vergeltung zu spüren bekommen.« »In der Tat«, sagte der Rashim ernst. »Die Krähen sind Beobachter aus Ademar.« »Die Vögel der Kalten«, sagte Yuda. »Sie haben uns von Beginn an begleitet. Aber findest du es nicht seltsam, Rashim, dass die Kalte uns nicht selbst angegriffen hat? Wir sahen sie über dem Wald, doch hier in La Souterraine sind wir nicht auf sie gestoßen.« »Darauf habe ich keine Antwort, mein Sohn«, sagte der Rashim. »Aber wenn Ademar das Böse auf unsere Köpfe herabbeschwören könnte, dann hätte er es schon vor langer Zeit getan. Stattdessen hat er die Hände stillgehalten, aber ich weiß, dass er nur ausharrt und auf die Stunde wartet, in der es ihm gefällt zuzuschlagen.« Yuda setzte sich im Bett auf und sah Annat an. »Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um das zu verhindern, Rashim«, sagte er. »Sogar, wenn wir es mit der Kalten selbst aufnehmen müs- sen.« Er seufzte. »Und ich werde wie ein braver Patient liegen blei- ben, bis du mir erlaubst zu gehen.« Annat war erstaunt über das geschäftige Treiben der prachtvollen Vorbereitungen für den Königstag, den sie noch nie mit anderen, Wanderern außerhalb ihrer Familie begangen hatte. Es war ein Tag der Ruhe, und sie durften keine Arbeiten verrichten; das Frühstück war schon am Abend zuvor im Wohnzimmer für sie gedeckt wor- den. Obschon Govorin und Casildis den anderen beim Essen Ge- sellschaft leisteten, würden sie nicht zum Gottesdienst ins Beit mit- kommen, weil das für einen Dzuzukim verboten war. Die drei Mädchen verließen als Erste das Haus und eilten die Straße zum Beit hinauf, wo sie in den noch leeren Bereich der Män- ner spähten, bevor sie nach oben auf die Empore für die Frauen rannten. Eine Zahl aufgeputzter, imposanter Matronen füllte be- reits die Sitze, und Dalit führte sie zu einer Bank am Ende der Em- pore, von der aus sie durch die reich verzierte Trennwand auf die Menge der Männer hinabschauen konnten, die sich unten langsam einzufinden begannen. Viele Männer blieben stehen, um ihren Ge- betsschal zu küssen, bevor sie ihn umlegten, und um zu beten, wo- bei sie auf ihren Füßen wippten, während sie die Segenssprüche aus ihrem kleinen Gebetsbuch mit solcher Ernsthaftigkeit rezitierten, dass Annat ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Es kehrte erst wieder Stille ein, als der Rashim vor die Bima trat, ein hohes Podest mit Holzschnitzereien, das vor dem Tabernakel stand, um den Gottesdienst zu beginnen. Frauen hatten wenig an- deres zu tun, als den Verlauf in ihren Gebetbüchern zu verfolgen, und als Antwort auf den Kantor zu singen, der sich zum Rashim be- geben hatte und den Gottesdienst eröffnete, indem er mit zittern- der, sonorer Stimme das Eingangsgebet sang. Annat unternahm kei- ne großen Anstrengungen, dem Gottesdienst zu folgen, doch sie lauschte der traurigsüßen Stimme des Kantors, murmelte die Worte in sich hinein, wenn sie sie wiedererkannte, und sang auch die Ant- wortstrophen. Sie war erstaunt und auch ein wenig erschrocken, als einige der Männer unten zu tanzen begannen und mit melancholi- schen Stimmen die uralten Gebete sangen. Der aufregendste Mo- ment war, als die ganze Gemeinde aufstand, um die Worte zu spre- chen, die ihren Glauben bezeugten: »Gelobt sei der Eine in Zyon, der Eine und der Einzige.« Zum ersten Mal spürte Annat, dass sie, Teil einer Gemeinschaft war, nicht einer kleinen, isolierten Ver- sammlung, die unter Fremden lebte. Ihr Herz ging auf, als sie sich zu Hadass drehte und diese sie anlächelte; ihre grünen Augen spie- gelten die juwelengleichen Lampen wider, die die Empore erleuch- teten. Der Gottesdienst dauerte lange, und es war schwer, sich zu kon- zentrieren und still zu sitzen. Einige der modisch gekleideten Frau- en hinter Annat raschelten mit Seide und Satin und tratschten hin- ter ihren Gebetbüchern, bewunderten Hüte und schmähten rück- ständige Kleidung. Annat wäre lieber unten bei den Männern ge- wesen, in der Mitte des Geschehens, hätte ihren Kopf in dem Ge- betsschal verborgen und gesungen und gelacht. Trotzdem begann sie sich nach dem Ende des Gottesdienstes zu sehnen und konnte nicht aufhören, an das Mittagessen zu denken, denn die Mitte des Tages war bereits verstrichen. Nach dem Ausgangsgebet war sie ganz wild darauf, die Stufen hinab und auf die Straße zu rennen, doch sie musste bei Dalit und Hadass warten, bis die Matronen in einem gleichmäßigen Strom nach draußen gedrängt waren, gefolgt von den jüngeren Frauen mit ihren kleinen Kindern. Als sie zum Haus zurückeilten, konnte Annat wieder die schreckliche Angst spüren, denn die Leute hasteten heim, ohne vor dem Beit stehen zu bleiben, zu grüßen und zu plaudern. Hadass presste beim Rennen ihre Hand, und als Annat in den Himmel hinaufschaute, sah sie gerade noch das Schwanzende des kreisenden Krähenschwarms, der sie unermüdlich überwachte. »Heute musst du die Heilige Braut sein«, flüsterte Hadass. »Nor- malerweise sind Dalit und ich das abwechselnd.« Als sie beim Haus ankamen, wurde Annat auf einen Thron ge- setzt und mit einer silberfarbigen Krone aus Pappe geschmückt. Sie gab Anweisungen und Befehle, während Govorin und Casildis das Mittagsmahl auftrugen, das sie vorbereitet hatten, denn schließlich gab es kein Gesetz, das einen Dzuzukim von der Arbeit abhielt. An- nat hatte schon früher die Rolle der Heiligen Braut übernommen, und so wusste sie, was zu tun war; es war ihre Aufgabe, sicherzu-, stellen, dass das Essen gleichmäßig verteilt wurde, dass dem Ältes- ten zuerst aufgetan wurde und Fremde nicht hungrig blieben. Es gab lautes, ungehöriges Gelächter, als Govorin plötzlich einfiel, dass er vergessen hatte, Yuda seinen Anteil zu bringen und lauthals von diesem gescholten wurde. Nachdem das Mahl beendet worden war und der Golem die Teller abgeräumt hatte, setzten sich Hadass und Dalit, um Karten zu spie- len und forderten die anderen auf, sich ihnen anzuschließen, wäh- rend sich der Rashim für ein Schläfchen nach oben zurückzog. An- nat ging, um ihrem Vater Gesellschaft zu leisten, und fand ihn im Bett sitzend und ein Buch in Ebreu lesend vor. Er schlug es zu und sah auf, als sie näher kam. – Was ist los, Missis? Annat lächelte über die Leichtigkeit und das Vergnügen, das das Senden ihr bereitete. Sie setzte sich auf die Bettkante, fühlte sich etwas unbeholfen in dem ungewohnten Weiß und spielte an den Quasten der schweren Überdecke herum. – Was bat das zu bedeuten, wenn du dieselbe Person an zwei Stellen gleich- zeitig siehst? Yuda machte ein verwirrtes Gesicht. – Ich glaube, ich kann dir nicht folgen, Missis. – Ich kam letzte Nacht hier herein und sah Casildis auf dem Bett liegen. Aber als ich nach oben ging, schlief sie bei Govorin. – Ich glaube, das musst du geträumt haben, Natka. Casildis war nicht hier. Annat schüttelte den Kopf. – Ich habe sie gesehen. – Dann solltest du vielleicht Casildis selbst fragen. Annat spähte zur offenen Tür, durch die sie das Gelächter der Kartenspieler in den unteren Räumen hören konnte. Sie wusste nicht, wann sie die Gelegenheit haben würde, mit Casildis zu sprechen; sie fühlte sich gemein, weil sie versuchte, die Angelegenheit vor Govorin geheim zu halten. – Vielleicht willst du, dass ich das tue, dachte Yuda, schwang seine Beine seitlich aus dem Bett und warf die Decke zurück., »Tate, nein!«, sagte sie, doch er ging bereits durch den Raum auf die Treppe zu. Annat eilte ihm nach, ihre Röcke raschelten, und sie packte ihn am Arm, doch er schüttelte sie ab. Sie verstand seinen plötzlichen Zorn nicht, der ihn zu einer leichtsinnigen Tat trieb. Jeder im Raum sah erstaunt auf, als Yuda in der Tür stehen blieb und plötzlich auf den Beinen schwankte. Er lehnte sich gegen den Türrahmen, sah geradewegs Govorin an und sagte: »Ich möchte in Ruhe mit dem Hauptmann und seiner Frau sprechen. Alleine. Jetzt gleich.« Dalit und Hadass sahen sein Gesicht und warteten nicht ab, um zu streiten, sondern sprangen auf, wobei sie die Karten verstreuten, und eilten in ihr Schlafzimmer. Yuda trat in das Zimmer, drehte sich um, ohne Annat anzuschauen, und schloss fest die Tür, sodass sie ausgesperrt auf dem Treppenabsatz zurückblieb. Als der Doyen ihn entlassen hatte, hoffte Malchik, dass er sich selbst überlassen bliebe, sodass er versuchen konnte, Ordnung in seine besorgten Gedanken zu bringen. Er konnte nicht begreifen, warum er den alten Mann nicht so hasste, wie er sollte. Er hätte gerne mit Cluny gesprochen, doch stattdessen drängte ihn ein Die- ner in grüner Livree zu den Kleiderräumen, wo er gemessen und wo lange wollene Stoffbahnen an ihn gehalten wurden, sowohl gröbere als auch feinere, als wäre er eine Braut, die für ihre Hochzeit ausge- stattet wurde. Große Scheren schnitten durch die Stoffbahnen, und silberne Nadeln flogen, als sich der Schneider daranmachte, die Umhänge für Malchik zu nähen, die seinem Rang als Enkel des Doyens angemessen waren. Er hätte sich weniger unwohl gefühlt, wenn nicht die ganze Zeit über Sari anwesend gewesen wäre, der schweigend und mit finsterem Gesicht zusah, wie die unfertigen Kleidungsstücke an Malchiks ergebenem Körper festgesteckt wur- den. Als die Schneider zufrieden gestellt waren, führte Sari Malchik in die Rüstkammer, um eine Waffe für ihn auszusuchen. Malchik blick-, te mit Unbehagen auf die Reihen blitzender Schwerter und langer Speere und wünschte, er könnte seiner Erleichterung Ausdruck ver- leihen, als Sari für ihn einen Kurzdolch in einer Scheide aussuchte. Ihm blieb auch die Hochachtung, die jeder dem Erben entgegen- brachte, nicht verborgen; Malchik trafen nur gelegentliche, neugie- rige Blicke von den Waffenbrüdern, die in der Rüstkammer arbeite- ten, und er hörte ihr raues Lachen, als Sari ihn wieder fortführte. Statt Malchiks Begleitung müde zu werden, fuhr der Erbe damit fort, ihm jede Ecke in der Burg zu zeigen, von der unreinen Dun- kelheit der Verliese bis zu den luftigen Turmzimmern, wo die Män- ner Wache hielten. Jeder schien Sari zu kennen, und während ihm die einen mit einem offenen, unbeschwerten Lächeln begegneten, waren andere argwöhnisch und befangen und wollten ihn möglichst schnell wieder loswerden. Malchik selbst war eher gelangweilt als verängstigt, denn als ihm klar geworden war, dass Sari ihn mehr als Bekehrten denn als ein Opfer wahrnahm, wusste er, dass sein Leben nicht unmittelbar gefährdet war. Er zwang sich, sich den Grundriss der Burg einzuprägen und ihn zu behalten, beispielsweise dass sich Clunys Zimmer im Nordwestturm befand, während der Doyen seine Räumlichkeiten im südwestlichen Turm hatte. Die Frage, die er gerne gestellt hätte, nämlich, wo sich die Pforte befand, die den Durchgang zur oberen Welt eröffnete, hielt er in seinem Mund verschlossen. Er vermutete, dass es das große Tor an der Rückseite der Burg war, von wo aus es zu den Ställen und Quartieren der Diener ging. Er hatte bemerkt, dass diese Tür schwerer als der Eingang bewacht wurde und dass Sari ihn nicht nach draußen führte. Malchik trödelte auf der Schwelle herum und sah mit tiefer Sehnsucht hinauf zu den Gipfeln, wo sich Pinien gegen den Horizont abhoben. Dann begriff er, dass in La Souterraine die hohe Kulisse des natürlichen Amphitheaters hinter der Burg lag und von kahlen Bäumen bedeckt war. Malchik drehte sich von der offenen Tür weg und sein Herz war schwer. Selbst wenn das Tor nicht bewacht wäre, würde er es nicht wagen hinauszutreten. Wenn er versuchte, La Souterraine gegen den, Willen der Kalten zu verlassen, wusste er, dass das Eiskorn, das sie in seinen Geist gepflanzt hatte, ihn zerstören würde. Er folgte Sari den mit Läufern ausgelegten Gang entlang, fühlte die kalte Luft in seinem Nacken und wusste, dass er der Hoffnung auf Freiheit den Rücken gekehrt hatte. Der Erbe führte Malchik zurück zu Clunys Raum, der, wie Mal- chik beobachtet hatte, viel kleiner als Saris eigene Räumlichkeiten im Nordwestturm war. Er fragte sich, ob Clunys Illegitimität die Bescheidenheit seines Wohnraumes erklärte oder ob es da noch ei- nen anderen Grund gab. Er hatte bemerkt, dass der Haupteingang – wenn nicht gar der einzige Zutritt – zu den Verliesen am Grund dieses Turmes lag. »Cluny ist weit jünger als du, nicht wahr?«, fragte er Sari, als sie den Absatz der Wendeltreppe über Clunys Zimmer erreicht hatten. Sari sah erstaunt aus, denn es war das erste Mal, dass Malchik sich getraut hatte, nicht nur auf eine Frage zu antworten. »Er ist ungefähr in deinem Alter. Ein Nachzügler meines Vaters. Die Frucht alter Lenden«, sagte Sari, was mehr an Information war, als Malchik hatte hören wollen. Er starrte Sari an und fragte sich, warum der Erbe keine Kinder hatte. Er fragte sich auch, inwieweit sich Sari darüber im Klaren war, dass Malchik sein Geheimnis kann- te. »Du wirst schon bald wie ein Sohn für mich sein«, sagte Sari, als hätte er einen Teil dessen verstanden, was Malchik gedacht hatte. »Sobald ich deinen Vater getötet habe.« Malchiks Blick flatterte nicht. Er fühlte sich, als ob das Eis ihn durchdrungen hätte. »Das wirst du genießen, nicht wahr, Sari?«, fragte er. Saris Augen ruhten auf Malchik, als habe er sich zuvor nie die Mühe gemacht, ihn anzusehen. Er schien sich von Malchiks Wor- ten nicht aus der Fassung bringen zu lassen, doch er betrachtete Malchiks Gesicht, als ob er nach einem Schlüssel für die Bedeutung suchte. »Du kannst zuschauen, wenn du möchtest«, sagte er. Mal- chik schüttelte den Kopf. »Nein, danke«, sagte er. »Auch wenn ich, keine Liebe für diesen Mann empfinde, muss ich ihn doch auch nicht sterben sehen.« Während er sprach, wurde ihm klar, dass er bei Sari eine Schwäche gefunden hatte, eine Stelle, an der ihn die Verderbtheit der Göttin verletzbar gemacht hatte. Wie sehr ihre Macht Malchik auch verändern mochte, sie konnte ihn nicht dazu bringen, den Schmerz eines anderen zu genießen. Er nahm an, dass er so werden würde, wie er sich jetzt fühlte: kalt wie ein Stein und so gleichgültig, wie auch der Doyen wirkte. Er machte einen Schritt zurück und fragte sich, ob seine Abscheu auch in seinen Zügen ab- zulesen war. Sari verschränkte seine breiten Arme vor der Brust. Er lächelte nicht, doch es schien ihn auch nicht zu beunruhigen, was Malchik gesagt hatte. »Magst du den Anblick von Blut nicht, Vasilyevich?«, fragte er. Malchik spürte ein eisiges Gefühl in seiner Kehle, als er den Na- men seines Vaters hörte. Er fragte sich, ob Sari sich über ihn lustig machte und seine eigenen Verletzbarkeiten und schwachen Punkte ausfindig machen wollte. Doch er war noch immer in den Fängen dieser alles durchdringenden Kälte. Es kümmerte ihn nicht, ob Sari ihn für einen Feigling hielt. »Es bereitet mir keine Freude, nein«, antwortete er. »Wenn du mich nun entschuldigen würdest, Mon Seigneur, ich wünsche mich hinzulegen. Ohne Zweifel können wir diese Unterhaltung ein anderes Mal weiterführen.« Er spürte, dass eine Spur von Bewunderung in dem Blick lag, den Sari ihm zuwarf, als ob sein kühles Auftreten den Erben beein- druckt hätte. Aber die Worte, die Sari sprach, trösteten ihn nicht: »Du kannst gehen, Junge. Ich kann sehen, dass ich irrte, als ich dir nicht vertraute. Die Göttin hat weise gewählt.« Malchik schloss die Tür zu Clunys Zimmer hinter sich und lehn- te sich dagegen, dann holte er tief Luft. Obwohl die Nacht schon fast hereingebrochen war, stand Cluny wieder einmal an seiner Staf- felei und hielt einen Pinsel in der Hand. Cluny blickte zu ihm her- über und fragte mit unbewegtem Gesicht: »Hast du deinen Emp- fang in der Burg von Ademar genossen?«, Malchik sah ihn an und sann darüber nach, wie er diese Frage be- antworten sollte. Er bemerkte, dass ein Rollbett unter Clunys Bett- gestell hervorgezogen und mit Decken und Kissen versehen worden war. »Ich hatte überhaupt keinen Empfang erwartet.« »Es war weise von dir, meinem Vater von deiner Abstammung zu erzählen. Nun sieht er dich als einen der unsrigen an«, sagte Cluny, tauchte seinen Pinsel in einen Farbklecks auf seiner Palette und zog ihn über die Leinwand. »Ich wusste nicht, dass meine Mutter …«, setzte Malchik an. Er brach ab. »Ich bezweifle, dass sie es selber wusste.« »Komm und sieh dir das Bild an«, sagte Cluny mit einem plötz- lichen, warmen Lächeln. »Ich fange langsam an zu glauben, dass es besser wird, als ich erwartet habe.« Malchik kam näher und sah über seine Schulter hinweg auf das Bild auf der Leinwand. Er war beeindruckt von dem Gemälde, das er dort sah, auch wenn es nichts glich, was er je zuvor gesehen hat- te. Es erinnerte an den verzierten Hintergrund eines Eikons, mit sti- lisierten Felsen und Bäumen, von denen alle schneebedeckt gemalt waren. Cluny sah ihm ins Gesicht. »Ich nehme an, das sieht fremd für dich aus«, sagte er belustigt. »Es sieht – alt aus«, sagte Malchik zögernd. »Als wäre es Hunderte von Jahren alt, doch erst heute gemalt.« Cluny legte seinen Pinsel und die Palette weg und wandte sich zu Malchik um. »Du weißt, dass ich noch nie den Wald verlassen habe«, sagte er schlicht. »Mein Vater verbietet es. Unsere Familie lebt hier schon seit der Zeit vor der Großen Kälte.« »Nun ist es auch meine Familie. Ist das nicht sonderbar?«, fragte Malchik und runzelte die Stirn. »So kann es nicht weitergehen. Fremde werden früher oder später kommen. Mein Vater glaubt, dass er sie für immer zurückhalten kann.« »Aber mich hat er akzeptiert. Und ich bin ein Fremder«, sagte Malchik., Cluny legte seine Hände sanft auf Malchiks Schultern. »Willst du wirklich hier bleiben und ihm als deinem Lehnsherren dienen?«, fragte er. Malchik wich seinem Blick aus. »Du musst die Antwort darauf kennen, Cluny«, sagte er. »Ich will sie von dir hören.« »Nein. Nicht in tausend Jahren. Ich muss hier so schnell wie möglich fort.« Cluny wandte sich ab, und Malchik hörte ihn schwer atmen. Ei- nen Moment lang fragte er sich, ob er sich selbst etwas vorgemacht hatte, als der junge Mann sagte: »Der Mutter sei Dank. Die Kalte befehligt dich noch nicht. Ich könnte es nicht ertragen, noch ein- mal zu sehen, dass sich jemand so verändert, wie Jean sich verän- dert hat.« Mit einem Schwung drehte er sich wieder zu Malchik zurück; seine dünnen Arme waren verschränkt, als umarme er sich selbst. »Du weißt, dass ich als Gefangener hier gehalten werde«, sagte er, aber Malchik schüttelte den Kopf. »Mein Vater erwähnt das nicht, weil es ihm Schande bereitet. Ich habe ihm ins Gesicht gesagt, dass ich den Pakt nicht akzeptieren könne, den Jean mit der Kalten ge- schlossen hat, und erst recht nicht, dass es mit der Billigung meines Vaters geschah. Und doch verdanke ich es nur dem Eingreifen mei- nes Bruders, dass der Doyen mich nicht in den Verliesen gefangen hält.« »Dann ist dieser Turm für Gefangene gedacht.« »Gefangene auf Ehrenwort«, sagte Cluny. »Ich kann mit dem Haushalt zusammen essen und mich einmal am Tag im Innenhof körperlich betätigen. Die übrige Zeit bin ich eingeschlossen und habe weder Zugang zu La Souterraine noch zur oberen Welt.« »Das tut mir Leid«, sagte Malchik. »Und nun haben sie dir auch noch mich aufgehalst.« Cluny trat näher und seine Augen strahlten. »Es könnte sein, dass ich eine gute Tat vollbringen kann, etwas, das den stolzen Na- men meiner Familie wieder aufleben lassen wird«, sagte er., »Was meinst du?«, fragte Malchik. Cluny wandte sich wieder der Leinwand zu, wo die letzte Schicht der Farbe zu trocknen begonnen hatte. »Ich habe meine eigenen verborgenen magischen Kräfte«, sagte er. »Kräfte, von denen weder mein Vater noch Jean Sorel etwas ahnen. Ich kann mein Bild auf diese Leinwand malen und für eine Weile nach La Souterraine flie- hen. Ich muss immer wieder zurückkehren, denn ich habe das Bild gemalt, doch wenn ich das Gleiche für dich tun würde …« »Sie haben mich hierher gebracht, indem sie das Bild der Burg in den Schnee zeichneten«, sagte Malchik. »Sie machen es so, wenn sie rasch reisen müssen, aber sie haben nur die eine Möglichkeit erlernt, in die Burg zurückzugelangen. Wenn ich jedoch mit meinem Pinsel ein Bild von dir entwerfe, könntest du in wenigen Augenblicken verschwunden sein.« Malchik betrachtete zweifelnd die stilisierte Landschaft. »Wo wäre ich denn dann?«, fragte er. Clunys Lächeln vertiefte sich. »Ich bin mir nicht sicher, wo das ist«, sagte er. »Es liegt außerhalb der Gren- zen der Burg, doch nicht weit entfernt. Diese Bäume, die ich hier zugefügt habe« – er zeigte an den Rändern der Szene auf sie – »bil- den einen Teil des Waldes, der uns umgibt.« »Es könnte funktionieren«, sagte Malchik. »Aber ich bin durch den Samen des Eises, den wir beide teilen, an Sari gebunden. Ich bin mir sicher, er könnte mir folgen. Und ich muss irgendwie mei- ne Familie und meine Freunde erreichen. Ich weiß nicht, wo sie sich befinden. Wenn ich sie nicht rechtzeitig finde, werden sie viel- leicht zur Burg kommen, um nach mir zu suchen. Sie müssen erra- ten haben, dass Sari mich hierher gebracht hat.« »Ich verstehe«, sagte Cluny. »Jean Sorel und mein Vater werden auf sie warten. Selbst wenn du entkommen könntest, wäre die Falle trotzdem gestellt, es sei denn, du könntest ihnen die Nachricht zu- kommen lassen, dass du frei bist. Gibt es keine Möglichkeit, wie du herausbekommen könntest, wo sie sich befinden? Du könntest sogar die Kräfte der Kalten benutzen.« Malchik biss sich auf die Lippen. »Bei mir geht das so nicht«, sag-, te er. »Ich kann ihre Macht nicht nutzen. Nicht, bevor ich nicht vollständig in ihrer Macht stehe. Der einzige Nutzen bislang war meine Fähigkeit zu spüren, was Sari denkt. Aber ich wäre lieber ohne dieses Wissen.« »Wir haben nicht viel Zeit«, sagte Cluny. »Jean Sorel wird ver- suchen, dir seinen Willen aufzuerlegen. Ich weiß nicht, welche Plä- ne er für dich hat, aber sobald er weiß, dass er dir vertrauen kann, bist du verloren. Bis dahin müssen du und ich versuchen, einen Weg zu finden, deine Leute zu warnen. Wenn Sorel die Krähen als Spione für sich nutzen kann, könnte es Wege geben, sie dazu zu verwenden, eine Botschaft zu überbringen.« »Du willst mir also helfen, Cluny?« Cluny nahm Malchiks Hand und hielt sie. »Bei der Seele der Mutter, ich schwöre es«, sagte er. Annat stand auf dem Treppenabsatz und starrte auf die polierte Holzmaserung der Türpaneele. Nach einigen Augenblicken hörte sie laute Stimmen, drehte sich um und steckte sich die Finger in die Ohren. Sie setzte sich auf die oberste Stufe und rollte sich zu einer Kugel zusammen in dem Versuch, die wütenden Geräusche, die aus dem Wohnzimmer drangen, nicht zu hören. Wenn sie nur wüsste, wohin der Rashim gegangen war! Sie könnte ihn holen ge- hen, und er würde den Streitereien ein Ende machen. Aber das wür- de bedeuten, sie müsste ihm verraten, was Yuda und Casildis getan hatten, und sie war sich sicher, er würde es verurteilen; das Gesetz der Wanderer verbot Ehebruch. Sie konnte nicht verstehen, warum sich Yuda dafür entschieden hatte, den Sheriff und seine Frau gleich- zeitig zur Rede zu stellen. Es war, als ob das Wissen, dass Annat Casildis mit beiden Männern gesehen hatte, ihn beleidigt hätte. Sie fragte sich, was er wohl sagen mochte. Plötzlich entzündete sich eine kleine Flamme des Zorns in ihr. Es war ihr Traum oder ihre Vision gewesen, die Yuda dazu getrieben hatte, nach einer Erklärung zu verlangen, doch sie hatten sie aus, dem Raum ausgesperrt, als ob sie ein kleines Rebjonok wäre. Sie stand auf und glättete den Rock ihres weißen Kleides. Sie war die Braut des Königstags, und sie würde diesen Tag nicht dadurch verderben, dass sie einen Streit anzettelte. Sie sah zur Tür und fühlte einen eisigen Schauer unter ihrem Brustknochen bei dem Gedanken daran, die Klinke zu drücken und in den Raum zu treten. Eine ihrer Pflichten bestand darin, die Friedensstifterin zu sein, doch zu Hause war sie immer diejenige gewesen, die den Streit begonnen hatte. Sie fragte sich, ob sie die nötige Erfahrung hatte oder ob sie so viel Respekt einflößen würde, dass sie in diesen erbitterten Streit eingreifen konnte. Yuda würde ihr vielleicht sagen, dass sie dies nichts anginge, und sie hinauswerfen. Die Tür schwang auf und Casildis stand vor ihr. Die Frau war blass, von zwei geröteten Stellen auf ihren Wangenknochen abgese- hen. Annat hatte sie noch nie so zornig gesehen. »Annat, wo hast du die Puppe gelassen?«, fragte sie mit dünner, beherrschter Stimme. Annat zitterte. »Ich habe sie auf mein Kopfkissen gelegt«, antwortete sie. »Bitte geh zu dem Bett, in dem dein Vater geschlafen hat, und schau nach, ob sie da ist oder nicht.« Annat war verwirrt, doch zu verschreckt, um zu streiten. Sie eilte hinauf in das Studierzimmer des Rashims und drehte die Decken auf dem Bett ihres Vaters um. Und tatsächlich war dort die Puppe, als ob Annat selbst sie neben Yuda gelegt hätte. Sie hob sie auf und starrte in ihr gemaltes Gesicht. Sie war sich sicher, dass sie sie gestern Nacht auf ihrem eigenen Kopfkissen gelassen hatte. Sie rannte zurück zur Treppe und streckte sie Casildis ohne ein Wort entgegen. Die Frau sah grimmig aus. »Das dachte ich mir«, sagte sie ohne weitere Erklärung. Sie fegte zurück in das Esszimmer, und Annat schoss hinterher, ehe irgend- jemand die Tür schließen konnte. Yuda stand mit dem Rücken zum Raum am Fenster; Govorin saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Casildis blieb am Ende des Tischs stehen und, sagte: »Die Puppe war dort, wie ich es gesagt habe. Glaubst du mir nun?« Govorin ließ die Hände sinken. Sein Gesicht war grau. »Was macht es für einen Unterschied, ob ich dir glaube oder nicht?«, fragte er. Yuda rührte sich nicht. Annat drückte sich in eine Ecke und wünschte sich bereits, sie wäre nicht dort eingedrungen, wo sie nicht hingehörte. Der Schmerz im Raum war greifbar wie ein Geruch oder die Anwesenheit einer dritten, nicht sichtbaren Person. Casildis legte mit einer beherrsch- ten Geste die Puppe auf den Tisch, als fürchte sie, sie könne sie sonst nach jemandem werfen. Sie blickte zu Annat, als ob sie sie kaum zur Kenntnis nehmen würde. »Das kann nicht so weitergehen«, sagte sie mit einer Stimme wie aus Eisen. »Ich höre deine Worte, Casildis«, sagte Govorin. »Und das ist auch alles, was es für mich bedeutet: Es sind nur Worte. Ich will nicht wie Sari werden, für den seine Frau eine Leibeigene ist, aber ich kann diese Geschichte, dass du uns irgendwie beide liebst, nicht glauben. Sie hat keine Bedeutung für mich.« Yuda drehte sich langsam um. »Das ist der Punkt, in dem wir uns unterscheiden, Mister«, sagte er und sah Govorin an. »Ich habe keine Schwierigkeiten damit zu verstehen, wie es ist, zwei Leute zu lieben, auch wenn es mir in der Seele wehtut. Darum musste ich auch wissen, was Casildis letzte Nacht getan hat.« Casildis setzte sich an den Tisch. »Dann weißt du, was das bedeu- tet«, sagte sie. »Annat sah meinen Schatten, nicht die Substanz. Die Puppe nahm meine Stelle ein, weil du mich brauchtest. Sie hat viele seltsame Fähigkeiten, und sie wusste, wie es in meinem Herzen aussah.« Yuda näherte sich dem Tisch, stützte sich darauf und sah gerade- wegs Govorin an, als hätte er nicht gehört, was Casildis gesagt hatte. »Was ist mit dir, Mister?«, fragte er. »Können wir weitermachen, wenn du weißt, wie ich empfinde? Wenn immer etwas zwischen uns stehen wird wie ein Spiegel, der nicht unsere Gesichter zurück-, wirft?« »Ich weiß nicht«, sagte Govorin. »Ich dachte, ich würde dich ken- nen, Yuda. Was mich verletzt, was mich verstört, ist die Tatsache, dass da mehr als bloßes Verlangen zwischen euch ist. Dass ihr zwei etwas teilt, das ich nie werde teilen können.« »Dann töte mich«, sagte Yuda. »Entledige dich meiner. Ich kann nicht derjenige sein, der dir im Weg steht.« Er zog mit der rechten Hand das Messer aus dem Gürtel und reichte es Govorin. Als der Sheriff es von ihm entgegengenommen hatte, riss er die Verbände herunter, die sein Herz bedeckten. Govorin wog das Messer in der Hand. »Nein, Yuda«, sagte er. »Wie kannst du glauben, dass ich dich töten könnte? Dann könnte ich mir genauso gut die eigene Kehle durchtrennen.« Er warf das Messer auf den Tisch, wo es zwischen ihnen landete. Yuda sah ihm ins Gesicht. »Dann sitze ich in der Falle«, sagte er. »Denn ich kann nicht le- ben, ohne dich zu verletzen. Casildis zu lieben ist wie das Atmen für mich, wie Brot oder Salz. Und du weißt, was du mir bedeutest.« »Ich weiß«, sagte Govorin. »Das ist mein Problem. Dass unter all den Menschen ausgerechnet du derjenige bist. Ich bin nicht mal Manns genug, dich zu hassen.« »Ich wünschte, ich könnte sagen, es tut mir Leid, Mister«, sagte Yuda. »Leid tun würde nicht ausreichen. Und auf eine Art tut es mir nicht mal Leid.« Govorin ballte die rechte Hand zur Faust. »Es muss schwer für dich sein, das zu sagen, Yuda«, sagte er. »Und noch härter für mich, es zu hören. Aber ich wollte die Wahrheit und nicht eine mem- menhafte, halbherzige Entschuldigung. Das habe ich von dir erwar- tet, und du hast mich nicht enttäuscht. Das hast du noch nie.« Schließlich setzte sich Yuda an den Tisch und beugte sich vor, als wäre er kurz davor, ohnmächtig zu werden. Casildis sah von einem Mann zum anderen und sagte: »Ich bin diejenige, die meinen Eid gebrochen und das in mich gesetzte Vertrauen missbraucht hat. Wenn Sari das wüsste, dann würde er mich eine Hure nennen. Aber, ich bin die Priesterin der Strahlenden und durch nichts an einen Mann gebunden als durch meine freie Wahl. Es war ihr Wille und mein Wunsch, dass ich bei Yuda liege. Ich bin sterblich und schwach, und sie ist eine Göttin. Auch wenn ich nicht entschuldi- gen kann, was ich getan habe, gab sie doch den Segen dazu.« Govorin streckte den Arm über den Tisch, um nach ihrer Hand zu greifen. »Ich weiß nicht, ob ich damit leben kann, Missis«, sagte er. »Wenn ich dich in meinen Armen halte, woher werde ich wis- sen, an wen du denkst? Du bist das Einzige, was ich nicht teilen kann. Ich möchte dich für mich.« »Ich weiß«, sagte Casildis. »Denn ich könnte dich auch nicht mit einer anderen Frau teilen. Ich würde sie aus ganzem Herzen hassen. Ich weiß, wie zerrissen du bist. Alles, was ich sagen kann, ist, ob du es glaubst oder nicht, dass ich genügend Liebe für euch beide habe. Es gibt keinen Teil in meinem Herzen, Sergey, der dich wegen Yuda weniger liebt. Er ist anders als du, so anders.« »So sieht es also aus«, sagte Govorin, streckte die Hände aus und wies auf die Gegenstände auf dem Tisch: das Messer, die Puppe und die Karten. »Wir wissen, wo wir stehen. Irgendwie müssen wir gemeinsam weitermachen.« Yuda sah zu Casildis hinüber; ein wildes Sehnen lag offen auf sei- nem Gesicht. »Wir müssen weitermachen, als ob nichts geschehen wäre«, sagte er und wiederholte Govorins Worte. »Als ob wir frei wären.« »Du bist frei, Yuda«, sagte sie. Er stand auf und blickte von ihr zu Govorin. »Nein«, sagte er. »Das war ich niemals.« Es war der Abend des Tages nach Malchiks Ankunft in der Burg von Ademar. Der Tag war ruhig verlaufen, und er war kein weiteres Mal zum Doyen beordert worden. Er hatte mit Cluny in ihrem ge- meinsamen Raum zu Abend gegessen und einige Zeit damit ver- bracht, durch die Burg zu wandern und sich dabei die Wege einzu-, prägen. Doch gegen Abend war er seltsam ruhelos geworden und hinaus in den Innenhof und von dort aus zum großen Tor getre- ten, das sich zu La Souterraine öffnete. Niemand versuchte ihn auf- zuhalten. Zuerst war Malchik überrascht und erfreut über seine Flucht gewesen, bis er begriff, dass ihn ein unsichtbarer Faden hin- ter Sari herzog, dessen schattenhafte Gestalt er über sich sah, wie er auf langen Skiern über die offene Weite fuhr, ohne sich umzuse- hen. Die Nacht brach plötzlich herein, und die gelbrote Kugel des Ro- gastrons und seine drei Monde standen am Himmel. Die Kälte um- klammerte Malchik wie eine Falle und erinnerte ihn daran, dass er nur mit einer Tunika und Beinlingen bekleidet war. Obgleich ihm der Gedanke kam zurückzukehren, verwarf er ihn gleich wieder. Er fühlte, dass er zu weit gegangen war. Schwankend kletterte er über das vereiste Flussbett und folgte ihm zwischen dem schattigen, über- wuchernden Unterholz zum Fuße des Hügels. Es gab keine Geräu- sche außer seinen Schritten und seinem keuchenden Atem; die Bäu- me beobachteten ihn ohne Augen, und der Schnee schien alle Far- be verloren zu haben; er war fahl wie die Haut eines Leichnams. Malchik sah weder nach rechts noch nach links, sondern blickte auf seine Füße, während er Schritt für Schritt über die Eisschollen sprang. Das Wasser darunter war trüb und eisig und zu blauen Tauen gefroren, die zu tief reichten, um noch Leben zu bergen. Al- les war leblos wie eine dunkle, ausgeblutete Ader in der Kehle eines toten Mannes – ein Pfad, der zwei Niemandsländer miteinander verband. Malchik musste stundenlang gelaufen sein, und er wollte sich nicht länger die steilen Hänge hinaufkämpfen. Der Klang sei- nes Herzens schien gefährlich laut geworden zu sein. Er lief schnel- ler, glitt auf dem eisigen Untergrund aus und löste Schneemassen von den Bänken, als er von einer Seite zur anderen schlitterte. Nach scheinbar weit mehr als einer Meile wurde die Schneise breiter und öffnete sich zu einem weitläufigen Tal, das von skelettartigen Ul- men gesäumt wurde. Malchik watete durch den makellosen Schnee zur anderen Seite; seine Füße hinterließen tiefe, sperrige Löcher in, der Oberfläche. Immer wieder sah er hinauf zu den abgestorbenen Bäumen, die sich gegen den Phosphorhimmel abhoben. Als er das Tal halb durchquert hatte, blickte er auf, und sein Herz verkrampf- te sich in seiner Brust. Die Gestalt eines Mannes zeichnete sich zwi- schen den toten Bäumen ab, seine Hände ruhten auf Skistöcken. Malchik blieb stehen, wo er war, und rang vor Entsetzen nach Luft. Es vergingen einige Augenblicke, ehe er aus der Größe des Mannes und dem massigen Körperbau schloss, dass es Sari selbst sein muss- te. Der Prinz von Ademar stieß sich von der Spitze des Hügels ab und glitt geschmeidig zu der Stelle herab, an der sich Malchik be- fand. Dann kam er mit einer Drehung in seiner Nähe zum Stehen. »Ich wusste, dass du mir folgen würdest«, sagte er mit leiden- schaftlicher, bedeutungsschwangerer Stimme. Malchik schauderte. Er musste nicht fragen, woher Sari wusste, dass ihre Geister verbun- den waren. »Was willst du von mir?«, fragte er und rieb seine eisigen Hände aneinander. Er war sich nicht sicher, ob er die Antwort hören wollte. Sari warf den Kopf zurück und lachte; ein Geräusch, das immer und immer wieder von den eisigen Schatten zurückgeworfen wurde. »Immer noch verängstigt?«, fragte er mit spöttischer Freundlichkeit. »Ich habe dich nicht den ganzen Weg hierher gebracht, um dir etwas anzutun. Ich hege keine bösen Absichten gegen dich. Wir zwei sind vom selben Schlag, du und ich. Die Kalte wohnt in uns beiden. Der einzige Unterschied ist, dass ich sie aus meinem eige- nen freien Willen heraus gebeten habe, mich zu durchdringen. Ich wusste, was ich tat.« »Du hast mich den ganzen Weg hierher geführt, um mir das zu sagen?«, fragte Malchik. »Hier draußen sind wir der Göttin näher. So nahe, wie wir ihr nur sein können, hier, in ihrem eigenen Land. Die Kalte ist aus La Sou- terraine ins Exil gegangen; es war alte Magie, die sie vertrieben hat, und nun durchstreift sie die obere Welt.«, »Aber ich dachte …« »Sie hat dich hierher getrieben, aber sie konnte selbst nicht zu- rückkehren. Sie jagt im Wald von Ademar, hungrig und allein. Es gibt nur eines, das sie zurückbringen kann: ein Opfer.« Malchik schlang die Arme um sich. »Und du willst sie zurück- bringen?«, fragte er. »Das war der Preis, den sie von mir verlangte. Wir haben einen Pakt geschlossen. Ich gab ihr meine Seele, und dafür …« Er hielt inne und lächelte Malchik an. »Die Zeit wird kommen, wenn ich dir erzähle, was sie für mich getan hat – für Ademar. Alles, was du wissen musst, ist, dass sie den Tod eines Schamanen verlangt. Es ist jedoch nicht gleichgültig, an welchem Ort er zu Tode kommt; der Schamane muss innerhalb der Rotunda sterben, im Herzen der Do- maine.« Malchik sah Sari an und erriet nur zu schnell, dass er selbst ein möglicher Kandidat für das Opfer war. Er spürte den unpassenden Wunsch zu lachen und antwortete: »Ich nehme an, du hast vor, dich selbst anzubieten?« Sari blickte ihn seltsam an, als könne er nicht entscheiden, ob Malchik sich über ihn lustig machte. »Das Opfer ist noch nicht ge- wählt«, sagte er. »Ich bin der treue Diener der Kalten, und sie ver- langt nicht nach meinem Leben. Wenn du ihr folgst, so wie ich es tat, musst du nicht fürchten, erwählt zu werden. Sieh, wie sich mei- ne Macht vergrößert hat. Ich war immer ein mächtiger Schamane, doch seit ich mich ihr verschrieben habe, bin ich so stark gewor- den, dass selbst dein Vater mich nicht entdeckt hat – bis es zu spät war. In der Burg muss ich meine Fähigkeiten verbergen, obgleich mein Vater weiß, dass ich der Göttin diene – und sie mir. Auch du könntest Stärke erlangen, von der du jetzt nur träumen kannst; Männer werden dich fürchten und Angst davor haben, sich dir in den Weg zu stellen.« Malchik sah ihn an. »Ich sehne mich nicht nach dieser Art von Macht, Sari«, sagte er. »Ja, ich könnte in Ademar stark werden. Ich könnte der vertrauteste Ratgeber deines Vaters werden und seine, Entscheidungen lenken. Ich könnte wie die Faust in seinem Hand- schuh herrschen. Doch ich würde wie ein Schatten über die Flure gleiten, und niemand würde vor mir die Knie beugen. Ich suche nicht das, was du mir anbietest, ich muss das nicht erreichen. Ich habe mein eigenes Abkommen mit der Kalten – oder ich könnte es haben, wenn ich mich entscheiden würde nachzugeben.« Sari sah ihn eine Weile an, bevor er sprach: »Du überraschst mich immer wieder, du kleine Raupe«, sagte er. »Du bist weiser, als du scheinst. Ich habe mich anfangs gewundert, warum die Göttin so einen Schwächling ausgewählt hat – ich dachte, sie könnte dich nur überwinden, weil du so schwach bist. Doch heute hast du mir be- reits zum zweiten Mal eine andere Seite gezeigt. Ich bezweifle, dass dein eigener schlichter Vater weiß, dass du so tiefgründig bist.« Der Gedanke an seinen Vater blitzte in Malchiks Gedanken wie ein Leuchtfeuer auf. »Oh, er kennt mich«, sagte er. »Er kennt die Dunkelheit in mir. Und das war es auch, was die Göttin zu mir ge- zogen hat wie eine Biene zu süßem Pollen. Sie liebt den Geruch der Dunkelheit.« Er wandte sich ab, denn er fürchtete, sein Gesicht würde seine Abscheu verraten. Saris Stimme kam von hinter ihm. »Ich glaube, du bist bereit, dich unserer Sache zu verschreiben«, sagte er. »Ich werde meinem Vater alles von diesem Treffen berichten, was er wissen muss. Es könnte sein, dass du den Platz von Cluny in seiner Gunst einneh- men wirst, wenn er sieht, welche Dienste du uns leisten kannst. Aber sieh nur!« Flügel flatterten, Malchik drehte sich erstaunt um und sah einen einzelnen schwarzen Vogel auf Saris Handgelenk landen, als sei er ein Falke. Die Krähe hockte dort mit angelegten Flügeln und das eine Auge, das Malchik zugewandt war, war ein Loch in der Dun- kelheit. »Die Krähen haben Masalyar erreicht«, sagte er. »Die Fremden wissen es noch nicht, doch sie werden den Tag bereuen, an dem sie sich entschieden, das Land von Ademar zu betreten.«,

KAPITEL 16 Als es für sie an der Zeit war, Chorazin zu verlassen, versammel-ten sie sich im Zimmer des Rashims. Es herrschte eine Stim-

mung düsterer Vorahnung. Sie hatten sich entschieden, zur Burg von Ademar zu ziehen, um das Land zu überblicken und zu versu- chen, etwas über Malchiks Aufenthaltsort herauszufinden. Niemand zweifelte daran, dass es sich um ein gewagtes Unterfangen handelte, denn sie wussten nicht, ob Sari noch immer hinter ihnen her war oder ob er vorausgegangen war und Malchik mitgenommen hatte, in der Erwartung, sie würden ihm dann folgen. Annat hatte ihr Seidenkleid von gestern beiseite gelegt, ebenso wie das Baumwollnachthemd mit der Borte, das sie sich von Ha- dass geliehen hatte. Sie hatte nur das schlichte Leinenkleid behal- ten, von dem sie wusste, dass es ihr gute Dienste leisten würde. Die anderen hatten darum gebeten, die neuen Kleidungsstücke behalten zu dürfen, und Casildis sah elegant aus in dem schwarzen Satin- kleid, das der verstorbenen Frau des Rashims gehört hatte, während Yuda und Govorin die schwarzen Anzüge und weißen Hemden der Wanderermänner trugen. Hadass hatte Annat eine schwarze Schleife gegeben, um ihr Haar zurückzubinden; ein Luxus, der ihr noch nie zuvor zuteil geworden war. Der Rashim begrüßte sie feierlich und drängte sie, Platz zu neh- men. »Von hier aus brecht ihr auf zu einer langen Reise«, sagte er. »Es ist möglich, dass ihr unsere Retter sein werdet und uns aus dieser Unterwelt befreit, an die wir nun gebunden sind. Ich kann nicht in die Zukunft blicken und sollte deshalb keine Prophezeiung aussprechen, aber ich weiß wohl, dass ihr in Gefahr geraten und einer Dunkelheit gegenübertreten werdet, aus der ihr vielleicht nicht zurückkehren werdet. Aus diesem Grund gebe ich jedem Ein- zelnen von euch meinen Segen und rufe den Segen des Allmächti- gen auf euch herab, denn er kennt den Anfang und das Ende einer, jeden Reise. Ich habe einige einfache Geschenke für euch, von de- nen die schlichtesten, doch zugleich die hilfreichsten, zu meinen Füßen liegen.« Er wies auf den Boden unter seinem Schreibtisch, und Annat sah, dass er ihnen ein gutes Bündel Skier zeigte, die wun- derschön aus poliertem Holz gefertigt worden waren. »Haben Sie Dank, Rashim«, sagte Govorin. »Sie werden mehr als hilfreich für uns sein.« »Ihr werdet sie brauchen, um die Burg von Ademar zu erreichen. Sie liegt nicht in der Nähe der Bahnstrecke. Wer auch immer die Schienen gelegt hat, hat große Anstrengungen unternommen, sie zu umgehen. Doch abgesehen von den Schiern habe ich noch etwas für jeden einzelnen von euch.« Er nickte Annat zu, die schüchtern zum Schreibtisch trat. Der Rashim streckte die Hand aus und ließ etwas in ihre Handfläche fallen; er war vorsichtig bemüht, sie nicht zu berühren. Sie fand heraus, dass er ihr ein winziges, rundes Käst- chen gereicht hatte, das aus Silber und Perlmutt gefertigt worden war. »Öffne das Kästchen nicht, ehe du es wirklich brauchst«, sagte er. »Es befindet sich Staub von der Stirn des Golems darin. Er kann kein Leben spenden, denn nur dem Einen ist das möglich, aber er kann dem einen Körper verleihen, was sonst nur Schatten ist, und er kann das Unbelebte bewegen.« Annat knickste unwillkürlich und ließ das kleine, kühle Kästchen in das Oberteil ihres Kleides gleiten. Der Rashim wandte sich nun Casildis zu. »Ich habe dich nicht vergessen, Madame«, sagte er. »Ich bereue, dass ich mit dir wie mit einer Feindin gesprochen ha- be. Diesen kleinen Gegenstand habe ich als junger Mann angefer- tigt; es war mein Gesellenstück, als ich in der oberen Welt als Juwe- lier arbeitete.« Annat sah, wie er eine kleine Kugel in Casildis' Hand gleiten ließ. »Sie enthält einen unzertrennbaren Faden, der so lang ist, wie du es dir wünschst«, sagte der Rashim mit einem schwachen Lächeln, auch wenn er die Augen niedergeschlagen hielt. »Er wird zwar nicht das Gewicht eines Mannes tragen, aber er ist stärker, als er aussieht, wie der Faden einer Spinne. Vielleicht ist da irgendwo eine Spinne, im Herzen der Dinge. Es pflegte meinen Kindern Freu-, de zu bereiten, als sie noch klein waren; vielleicht wird es irgend- wann auch deine Kinder erfreuen.« »Ich habe mich nie vor Spinnen gefürchtet«, sagte Casildis und lächelte zurück, dann steckte sie die Kugel in die Tasche ihres Klei- des. Als Nächstes benannte der Rashim Yuda. »Mein Sohn«, sagte er und ergriff Yudas Hand. »Ich wünschte, ich könnte dir das geben, was du am dringendsten brauchst: ein weises Herz. Doch die Jun- gen folgen nur selten dem Rat eines alten Mannes. Stattdessen ist alles, was ich für dich habe, ein Stein von geringem Wert, den mein Vater getragen hat, und dessen Vater vor ihm.« Er gab Yuda einen schlichten Messingring mit einem kleinen, schwarzen Stein im Ring- kasten. Yuda ließ ihn über den Zeigefinger gleiten und hielt ihn ins Licht. »Da lodert ein Feuer im Inneren, unten in den Tiefen«, sagte er nachdenklich. »Vielleicht«, sagte der Rashim. »Es ist das erste Mal, dass ich ihn abgenommen habe, seit mein Vater ihn mir gab. Aber ich glaube nicht, dass meine Söhne ihn vermissen werden.« Govorin war als Letzter an der Reihe. »Nicht zu vergessen«, sagte der Rashim, »du bist der erste Mann, den ich treffe, der aus den brennenden Ländern stammt. Ich wünschte, ich hätte ein besseres Geschenk für dich; deine Bescheidenheit und Stärke haben mich beeindruckt, auch wenn du nur wenig gesprochen hast. Auch dürf- test du der erste Dzuzukim gewesen sein, der mit mir wie mit einem Mann, nicht wie mit einem Hund gesprochen hat. Solche Dinge werden von denjenigen geschätzt, die sonst mit Füßen getreten wer- den, auch wenn es für dich nur von geringer Wichtigkeit erscheint. Deshalb gebe ich dir dieses Juwel und eine Kette, um es zu tragen, denn du besitzt bereits, was wertvoller als alle Rubine ist.« Er reichte Govorin ein kleines Medaillon an einer goldenen Kette, die sich der Sheriff über den Kopf streifte und unter seinem Hemd verbarg. »Ich bin sprachlos«, sagte Govorin strahlend. »Wir sollten dich, mit Geschenken überhäufen, Rashim, aus Dankbarkeit für deine Gastfreundschaft. Ich fürchte, wir waren nicht die angenehmsten Gäste.« »Alle Fremden sind willkommen, Wanderer und Dzuzukim glei- chermaßen«, sagte der Rashim. »Aber jetzt muss ich euch fortschi- cken, denn die Traurigkeit hat mich ermüdet. Ich vertraue auf den Einen, dass er euch zu mir zurückführen wird, wenn alles überstan- den ist.« »Ich bezweifle, dass wir zurückkehren werden, Rashim«, sagte Yu- da. »Selbst wenn es uns gelingt, Malchik zu retten, dann fehlen uns immer noch die Mittel, ihn vom Samen des Eises zu befreien, den die Kalte ihm eingepflanzt hat.« Der Rashim legte seine Hände über die Augen. »Dann müsst ihr in die Domaine der Göttin aufbrechen«, sagte er. »Sie liegt östlich von hier; ich weiß allerdings nicht, in welcher Entfernung. Doch ich habe keinen Zweifel daran, dass die Eisenbahnschienen euch dorthin führen werden. Und in der Tat fürchte ich, dass wir uns nicht wiedersehen werden.« Nachdem sie sich verabschiedet hatten, machten sie sich auf den Weg zum Zug; viele Passanten blieben stehen, um ihnen Lebewohl zu sagen und viel Glück zu wünschen. Sie sahen, dass der Tender mit frischem Holz aufgefüllt und Wasser in den Tank gegossen worden war, doch niemand war verwegen genug gewesen, das Feuer unter dem Kesselrost anzufachen. Während sich Govorin und Yuda daranmachten, den Kessel anzuheizen, sortierten Annat und Casil- dis den wilden Haufen ihrer Besitztümer, die Decken, Taschen und Pfannen, und versuchten, etwas Ordnung zu schaffen. Plötzlich fragte Casildis: »Was ist es, dessen Wert den von Rubinen über- steigt?« »Hmm?«, fragte Annat abwesend. »Eine Frau mit Mut.« »Eine Frau mit Mut?«, wiederholte Casildis. »Vielleicht ist das eine Tugend«, sagte Annat und drehte die Harfe in ihren Händen. »Warum fragst du?« »Ich weiß auch nicht. Nur ein Satz, der mir im Gedächtnis ge-, blieben ist«, sagte Casildis und ließ sich in der Lücke zwischen den Holzscheiten nieder, die sie frei geräumt und wo sie eine Decke hingelegt hatte. Plötzlich ertönte ein Ruf auf der anderen Seite des Flusses. Annat stand auf, um zu sehen, von wem er gekommen war, und sah die kleine Gestalt von Hadass, die über den Schnee rannte; ihre roten Haare loderten, während sie rannte und auf der glatten Oberfläche rutschte und schlitterte. Annat kletterte aus dem Tender, sprang von der Lok und lief ihr entgegen. Atemlos warf Hadass ihre Arme um Annat. »Ich konnte dich nicht gehen lassen, ohne mich von dir zu verabschieden,«, sagte sie. »Ich wünschte, du könntest länger bei uns bleiben. Ich habe gerade erst angefangen, dich kennen zu ler- nen.« Annat presste den mageren Körper an sich. »Ich wünschte auch, ich könnte noch bleiben, doch ich sorge mich um Malchik«, sagte sie. Hadass schlüpfte aus ihrer Umarmung und stand keuchend vor ihr. »Ich würde gerne mit euch kommen«, sagte sie. »Ich habe Cho- razin noch nie verlassen.« Annat rang ihre Hände. »Es wäre zu gefährlich«, sagte sie und be- merkte, dass der Zug hinter ihr Dampf ausstieß und zur Abfahrt bereit war. »Du hast nicht die Kräfte einer Schamanin, und wir müssten dich beschützen. Aber ich wünschte ebenfalls, du könntest mitkommen. Ich glaube, wir könnten Freundinnen werden.« »Wir sind doch schon Freundinnen«, sagte Hadass und lächelte ihr zu. »Und ich werde auf dich warten, wenn du von eurer Reise zurückkehrst. Vielleicht wird Dalit bis dahin unseren Tate überzeugt haben, dass sie Natan ben Shmuel heiraten darf!« Gemeinsam brachen sie in Gelächter aus, bevor sich Hadass vor- beugte, um Annat auf die Wange zu küssen. »Möge der Eine dich segnen, wohin auch immer du gehst«, sagte sie leidenschaftlich. »Und dich ebenso«, sagte Annat. Sie griff nach der Hand von Ha- dass und hielt sie einen Augenblick lang, bevor sie sich zum Zug umdrehte und in den Führerstand einstieg. Sie sah, dass Yuda, und Govorin sie beobachtet hatten, doch sie wandte ihnen den Rücken zu und stand in der Fahrertür. Von dort aus sah sie Ha- dass, die am Schienenrand stand, während der Zug langsam davon ratterte und sich selbst mit Girlanden aus Dampf schmückte. Ha- dass begann zu winken und hüpfte auf der Stelle auf und ab, und Annat winkte zurück; ihr Herz war voll seltsamer Gefühle, die so- wohl Lachen als auch Tränen beinhalteten. Sie winkte immer wei- ter, bis die kleine schwarze Gestalt mit den leuchtenden Haaren nicht mehr als ein Tupfen in der Entfernung war. Dann setzte sie sich einsam und verlassen neben Casildis in den Tender und war nicht sehr erstaunt, als die Frau den Arm um sie legte. Annat lehn- te ihren Kopf an Casildis' Schulter und dachte an die zwei Arten des Verlustes: an Malchik, der geraubt worden war und in einer Burg gefangen gehalten wurde, und an Hadass, die ganz allein am verlassenen Abfahrtsort stehen geblieben war und dem schwarzen Zug hinterhersah, wie er sich auf die Fahrt in gefährliche Weiten begab. Sie nahm die Puppe aus dem Durcheinander ihrer Besitztü- mer und drückte sie an ihre Brust, während sie sich wünschte, dass sie noch einmal zu ihr sprechen würde, um ihr zu sagen, was sie tun solle. Malchiks Träume waren von schwarzen Krähenflügeln erfüllt, die über ihm in der Dunkelheit flatterten. Er sah noch immer die Stra- ßen von Masalyar, die im Wintersonnenschein strahlten, bis ein Schatten über sie fiel, das Muster flatternder Flügel… Mit einem Ruck fuhr er in seinem Bett auf und bemerkte, dass die Fensterlä- den offen standen und das Licht in den Raum flutete. Cluny war aufgestanden und angekleidet und arbeitete bereits an seiner Staffe- lei, wo er versuchte, anhand von Malchiks Beschreibungen eine Dampflok zu malen; das Ergebnis jedoch sah mehr aus wie eine Mischung aus einem Ofen und einem Drachen, ein fantastisches Monster, das aus vielen Öffnungen Dampfwölkchen ausstieß. Mal- chik stieg aus dem Bett und tapste mit nackten Füßen über den, Fußboden, um das Bild genauer zu betrachten, als Cluny einen Schritt zurücktrat, um sein Werk zu begutachten. »Wie findest du es, Malchik?«, fragte er mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. »Ich finde, es sieht nicht aus wie irgendetwas Irdisches«, sagte Malchik und nahm sich ein Stück des Weißbrotes, das ihnen zum Frühstück gebracht worden war, ließ den Wein jedoch stehen. Cluny boxte ihn im Spaß, jedoch so leicht, dass es nicht wehtat. »Ich bin schon vor dem Morgengrauen aufgestanden, um daran zu arbeiten und um dir beim Schnarchen zuzuhören«, sagte er. »Ich finde deinen Mangel an Dankbarkeit höchst enttäuschend.« Malchik verschluckte sich an einem Krümel trockenen Brotes und bekam einen Hustenanfall, denn Cluny hatte exakt die Stimme und die Sprechweise des Doyens nachgeahmt. Während er einen Schluck des sauren Weins nahm, um seine Kehle zu beruhigen, klopfte es an der Tür. »Was ist denn nun?«, flüsterte Cluny Malchik leise zu. »Der Doyen wünscht unverzüglich Messieur Paul d'Iforas in sei- nen Privatgemächern zu sehen«, sagte eine laute Männerstimme auf dem Treppenabsatz vor der Tür. »Er ist schon da«, sagte Cluny mit einem Blick auf Malchik in seinem Nachthemd. Die beiden taumelten durch den Raum und versuchten, so leise es ging zu lachen; und während Malchik sein Nachthemd auf den Boden warf und nach seiner Unterhose und seinen Beinlingen griff, warf ihm Cluny eine der frisch angefertigten Tuniken zu und einen feinen Umhang aus roter Wolle, den der Schneider ihm gebracht hatte. Schließlich war Malchik angekleidet und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, öffnete die Tür und stand einem grün livrierten Waffenbruder gegenüber, der ungedul- dig vor der Tür gewartet hatte. »Mein Herr schätzt es nicht, wenn man ihn warten lässt«, sagte er. Malchik rückte den Dolch an dem Gürtel um seine Taille zu- recht und eilte dem Mann nach, dankbar, dass er nicht Schwert und Scheide hatte, über die er stolpern konnte. Sie hasteten den, mit Teppichen ausgelegten Flur des Korridors hinunter, der den nordwestlichen mit dem südwestlichen Turm verband, und klom- men eine Wendeltreppe zum nächsten Stockwerk empor, wo der Diener die Tür aufstieß und mit tonloser Stimme ankündigte: »Messieur Paul d'Iforas.« Malchik gewöhnte sich langsam daran, sei- ne beiden Namen in Franj zu verwenden, denn der Doyen hatte be- funden, dass sie passender waren als seine Namen in Sklav. Eilig verbeugte er sich auf der Türschwelle, wie Cluny es ihm gezeigt hat- te, und wartete auf die Aufforderung, den Raum zu betreten. Als er sich aufrichtete, bemerkte er überrascht die Wandteppiche mit Tau- senden von Blumen, die im Luftzug zitterten, als ob der ganze Raum von einem Meer aus blühenden Blumen umgeben war. Es war schwer, das mächtige Bauwerk und seinen rauen Herrn mit etwas so Zartem in Verbindung zu bringen. »Eintreten«, sagte der Doyen mit seiner harten Stimme, und Mal- chik betrat den polierten Parkettboden, auf dem ein einzelner Vor- leger vor der Feuerstelle ausgebreitet lag und ein gelbbrauner Hund nahe bei den Kohlen schlief. Der Doyen war nicht allein. Sari stand hinter seinem Stuhl und hatte seinen Rücken dem Mittelpfostenfenster zugewandt. Er trug eine bernsteinfarbene Wolltunika, einen stechpalmengrünen Um- hang und dunkle Beinlinge. Er schien völlig entspannt, und die Ju- welen an seinen Händen und um seinen Hals fingen die Strahlen des Feuers ein. Der Doyen wirkte ruhig in seinem pelzverbrämten Umhang, den er über einem langen, scharlachroten Hemd mit ei- nem goldenen Gürtel trug. Er winkte Malchik näher und bedeutete ihm, sich auf einem niedrigen Schemel zu seinen Füßen niederzu- lassen. Der Raum war nur spärlich eingerichtet, doch an einer Wand stand eine hölzerne Anrichte, deren aus dunklem Eichenholz ge- schnitzte Wölbung die Kleeblattbögen des Fensters nachahmte. Malchik ließ sich auf dem Stuhl nieder und blickte unbehaglich in das Gesicht des Doyens. Der alte Mann schien ihn mit einem schwachen Lächeln auf den dünnen Lippen abzuschätzen. »Wir sind zufrieden mit dir, mein Junge«, sagte er. »Mein Erbe, hat mir berichtet, dass du bereit bist, der Sache von Ademar zu die- nen und uns dein Wissen über die Dinge zur Verfügung zu stellen, die sich außerhalb dieser Mauern und dieser Domaine befinden.« »Ich fühle mich geehrt, Mon Seigneur«, sagte Malchik und be- trachtete das Gesicht des alten Mannes, wobei er versuchte, Sari hinter dessen Schulter nicht wahrzunehmen. Der Doyen nickte. »Das solltest du auch, denn du bist von nie- derer Geburt, und ich muss mich anstrengen, wenn ich vergessen will, dass in dir das Blut von Wanderern fließt. Doch viele, die ihren Irrtum eingesehen und sich dem wahren Glauben verschrieben ha- ben, sind im Königreich zu großer Macht aufgestiegen.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und faltete die Hände. »Das König- reich ist nicht mehr als eine Erinnerung«, sagte er. »Es wäre eine edle Aufgabe, seine Großartigkeit wieder zum Leben zu erwecken. Doch ich habe dich nicht hergerufen, um den Träumen eines alten Mannes zu lauschen. Hat Jean Sorel mit dir über das Unternehmen gesprochen, mit dem wir gerade beschäftigt sind?« Unwillkürlich wanderte sein Blick zu Saris Gesicht. Er blickte rasch wieder weg. »Der Erbe sagte mir, Sie würden mir das Wissen offenbaren, Mon Seigneur«, sagte er und wählte seine Worte sorg- fältig. Er war sich bewusst, dass die geschraubten Sätze in der Sprechweise des Doyens eine kunstvolle Manipulation der Worte verbarg, die der eigentlichen Bedeutung eine unterschwellige Wen- dung verleihen konnte. »Das hat er gut gemacht«, sagte der Doyen nickend. »Mein Sohn und ich stimmen in dieser Hinsicht völlig überein. Drei Jahre lang haben wir geduldig gelitten, während die Fremden in unsere Lände- reien drangen. Zuerst waren wir langmütig und töteten nur hier und dort als Warnung, doch sie bauten weiter an ihrem verfluchten Tunnel, der mein Eigentum befleckt und den Frieden des Waldes stört, den seit Hunderten von Jahren keine gottlose Hand ange- rührt hat.« Er stützte den Kopf auf die Hand. »Es betrübt mich, Junge, zu sehen, wie gute Bäume gefällt werden und sich niedere, hässliche Bauwerke an deren Stelle erheben. Meine Väter haben, schon lange vor der Ankunft der Kalten in diesen Landesteilen ge- herrscht, und so wurde es weitergegeben, vom Vater an den Sohn, bis zu meiner Zeit. Es war mein Schicksal, sowohl zu sehen, wie sich an den Rändern meiner Domaine die Wanderer wie Ratten ver- mehrten, als auch Zeuge zu werden, wie die Höllenmaschine kam, die Feuer und Rauch aus ihren Eingeweiden spuckt. Ich habe bei den Seelen meiner Vorväter geschworen, dass ich den Wald von den Eindringlingen befreien werde, und dies werde ich auch tun, selbst wenn ich sie alle töten muss.« Er warf Sari einen Blick über seine Schulter hinweg zu. »Wir wissen, was geschehen wird, wenn wir die Fremden vertrei- ben«, sagte der Erbe. »Andere werden kommen und ihren Platz ein- nehmen. Die Leute aus dem Süden werden uns nicht in Ruhe las- sen. Sie werden Truppen senden, um ihren Willen durchzusetzen. Aber das ändert nichts. Wir sind bereit für sie. Wir stellen eine Ar- mee auf, um das Böse an der Wurzel zu bekämpfen.« »Dies waren der Plan meines Sohnes und seine Gedanken. Einer nach dem anderen wird der Feind unserer Klinge zum Opfer fallen. Wir werden dieses Land von den Unreinen befreien. Ich kann in deinem Gesicht lesen, mein Junge, dass du mich gut verstehst.« Malchik hoffte, dass sein Ausdruck nicht das wachsende Unbeha- gen enthüllte, das er verspürte. »Sie können von der Kraft der Göt- tin zehren, Mon Seigneur«, sagte er und versuchte, seinen Tonfall neutral zu halten. »Das haben wir vor«, sagte der Doyen. »Sie hat die Qualen einer Mutter durchlitten, als die gottlosen Füße ihre heiligen Hölzer nie- dertrampelten. Sie war es, die uns als ein getreuer Geist diente, in- dem sie die Nachzügler und die Unvorsichtigen für uns tötete. Im Gegenzug versprachen wir ihr ein weitaus größeres Schlachtbankett und die Seelen unserer Feinde. Schockiere ich dich, Junge? Verstört es dich, dass einer, der sich selbst den wahren Sohn einer Doxoi nennt, solch eine Verbindung eingeht?« Malchik wählte seine Worte mit Bedacht. »Es scheint mir, Mon Seigneur, dass Sie die Ehre Ihres Hauses gegen die Lehre der Doxoi, abgewogen und das eine als für leichter als das andere befunden haben.« »Du bist scharfsinnig und verfügst über eine kluge Zunge, Junge«, sagte der Doyen. »Ich bin nicht vom wahren Glauben abgefallen, doch Jean Sorel in seiner Weisheit hat mir die Vorteile aufgezeigt, die wir haben, wenn wir uns diese uralte Macht, welche die Unwis- senden als Göttin bezeichnen, zu Nutze machen. Nein, mein Jun- ge. Es ist der Genius Loci, der Geist des Waldes selbst, der uns um Hilfe angefleht hat und in der Stunde der Not mit uns gemeinsame Sache macht.« Malchiks Kopf schmerzte. Er fragte sich, ob der alte Mann seine eigenen Worte glaubte oder ob Sari ihn mit irgendeiner Spitzfindig- keit davon überzeugt hatte, dass kein Widerspruch darin lag, der Kalten und der Kirche gleichermaßen zu dienen. »Was ist denn dann Ihr Plan, Mon Seigneur?«, fragte er. »Hat Jean dir nicht davon berichtet? Sogar Masalyar liegt in un- serer Reichweite. Sobald wir unsere Standarte erheben, wird der Feind vor uns fallen wie Korn unter der Sense.« »Er hat die Krähen gesehen, Mon Seigneur«, sagte Sari und beug- te sich über die Stuhllehne des Doyens. »Er weiß, wie weit unsere Vorhut vorgestoßen ist. Eines Tages, bald schon, werden diese deka- denten Städter gen Norden blicken und einen großen Schatten kommen sehen, der wie ein Blitzschlag auf sie niederfährt.« »Ich – zittere bei dem Gedanken an deine Macht, Jean Sorel«, sagte Malchik. Kaum dass diese Worte heraus waren, wurde ihm klar, dass sie ironisch klingen mochten, doch es war zu spät. Der Doyen warf ihm ein Lächeln zu, das sein verwittertes Gesicht zu verändern schien. »Du hast nichts zu befürchten, mein Junge«, sagte er. »Solange du uns getreue Dienste leistest, wird unsere Un- terstützung wie die Mittagssonne sein und auf dich hinablachen. Denn du hast dich für die bessere Seite entschieden, und der Fluch der Wanderer ist von dir genommen, als wäre er nie gewesen. Auch wenn dein Blut niemals so rein wie das einer unbefleckten Abstam- mung sein wird, wird die Inbrunst deiner Konvertierung um ein, Vielfaches belohnt werden, und deine Abkehr vom Irrtum wird dich frohlockend zu Füßen Megalmayars bringen.« Malchik blickte unwillkürlich zu Sari, der ihm unmissverständlich einen Wink gab. Er blickte rasch weg und fürchtete, sein Gesicht könnte rot werden. »Ich bedaure nur, dass ich als Eindringling nach Gard Ademar kam, Mon Seigneur«, sagte er behutsam. »Du konntest nicht mehr wissen als die Fremden«, sagte der Do- yen. »Sie verschwendeten keinen Gedanken an unsere uralten Rech- te, doch sie beanspruchen einen Anteil am Wald, als wäre dieser eine gesetzlose Wildnis. Sie haben nichts anderes getan, als ihrer Unwissenheit und Habgier zu folgen, wie es Männern geziemt, die wenig besser als Räuber sind. Solche Sorglosigkeit schreit nach ge- bührender Vergeltung.« »Aber Jean Sorel hat Ihnen sicher von den Schamanen erzählt, die sie zu ihrem Schutz herbeigerufen haben, Mon Seigneur«, sagte Malchik und hoffte im Stillen, dass seine Bemerkung Sari beschä- men mochte. »Ich habe von ihrer Anrufung und ihren Liedern, von ihren Zau- bersprüchen und anderem Mummenschanz gehört. Sie machen mir keine Angst. Ich werde mit ihnen verfahren, wie ich schon immer mit Zauberern umgegangen bin. Mein Jean hat Erfahrung darin, solche Schwindler zu fangen. Und wenn wir sie haben, dann wer- den sie brennen wie das gewöhnliche Volk.« »Brennen, Mon Seigneur?«, fragte Malchik. »Wir gewähren ihnen die Gnade der Garotte. Dann werden ihre Körper zu Asche verbrannt. Nicht alle Herrscher beweisen solchen Langmut.« Malchik beugte den Kopf, als ob er ihm beipflichtete, doch sein Herz war weit davon entfernt, willfährig zu sein. Er musste etwas unternehmen, und das schnell, bevor er zu sehr in die Vorhaben dieser abscheulichen Familie verwickelt wurde. Er konnte sich nicht in die Gefangenschaft zurückziehen und Bilder malen wie Cluny. Es war offensichtlich, dass Sari nicht vorhatte, ihn in Ruhe zu las- sen. Er dachte an seine Familie und versuchte, sich nicht auszuma-, len, was geschehen würde, wenn sie jemals Sari in die Hände fallen würde. Yuda sang, während er das Holz aus dem Tender in die Feuer- büchse schaufelte. Annat erkannte die Melodie wieder; es war das Lied, das Malchik beim Fest des Bärenvolkes gespielt hatte. Dieses Fest schien nicht einige Tage, sondern bereits Monate zurückzulie- gen. »Ein rotes Schiff sticht in die blitzende See, Und fliegt in der Morgenbrise, die in der Nacht schon aufkam … Ich stand am Ufer mit einer Laterne in der Hand, Und die Flamme der Kerze strahlte hell.« Yuda betonte bestimmte Worte, während er die Schaufel zwischen die Holzscheite rammte und sie dann in die Feuerbüchse hob. Manchmal war seine Stimme im Lärm des Windes und der stamp- fenden Lok kaum zu hören; manchmal sang er laut und deutlich. Isabels Lied. Annat dachte an den freundlichen Geist und fragte sich, ob dieser ihnen noch immer folgte und als wohlmeinende, doch körperlose Präsenz über sie wachte. Obgleich Yuda lebhaft sang, schien die wehmütige Natur der Worte die Unsicherheit ihrer Lage nur zu betonen, wie eine rote Flagge, die zum Trotz gegen einen Gewitterhimmel geschwungen wird. »Woher werden wir wissen, wann wir die Burg von Ademar errei- chen?«, fragte sie Casildis. Sie waren seit ungefähr einer Stunde un- terwegs und hatten gerade die Flussebene mit ihren knotigen Wei- den hinter sich gelassen, um nun zwischen Hügelketten mit dunkel bewaldeten Höhen zu fahren, wo von beiden Seiten Bäume gegen die Schienen drängten. Auch wenn der Fluss noch immer ihrem Lauf folgte, eingefroren in seinem steinernen Bett, war die Atmos- phäre düster und bedrückend. Casildis beugte sich vor, um sich ihre Schuhe anzuziehen, die sie weggeschleudert hatte, als sie zwischen den Decken gesessen hatte., »Ich denke, dass einer von uns Wache halten sollte, sobald sich die Landschaft verändert«, sagte sie. »Es ist eine seltsame Vorstellung, dass ich mich diesmal als Feindin nähere.« »Wir hatten zu Hause Skier, aber wir haben sie nie zum Spaß ver- wendet«, sagte Annat. »Nur, wenn wir aus der Stadt hinaus mussten, um Vorräte zu besorgen.« Casildis teilte ihr Haar in zwei lange Strähnen und begann sie zu flechten. »Ich glaube, auch dieses Mal werden wir nicht zum Ver- gnügen Ski fahren«, sagte sie. »Ich hoffe, dass dein Vater oder mein Mann einen Plan gemacht haben, was wir tun sollen, sobald wir die Burg erreicht haben. Mein Vater, der Doyen, pflegte sie stets schwer bewachen zu lassen, doch vielleicht hält er es in dieser Welt nicht für nötig.« Nachdem sie ihr Haar geflochten und es wie eine Krone auf ihrem Kopf befestigt hatte, kletterte Casildis aus dem Tender ins Führerhaus, wo sie blieb, um einige Worte mit Yuda zu wechseln. Annat schauderte, denn ihre Körper sprachen noch immer in der Sprache der Leidenschaft, wenn sie nahe beieinander standen, auch wenn sie sich selbst dessen nicht bewusst waren. Sie hoffte, dass Govorin zu beschäftigt damit war, die Gleise vor ihnen zu beo- bachten, als dass er es bemerkte. Doch etwas sagte ihr, dass Yuda und Casildis, auch wenn sie getrennt voneinander standen, einen Moment der Wärme im Angesicht der vor ihnen liegenden Gefahr teilten, als ob einer einen Schluck aus einem Becher mit einem war- men Getränk genommen hatte, bevor er ihn an den anderen weiter- reichte. Als Casildis sich löste und in der Tür stand, wo sie mit einer Hand ihre weiten Röcke packte, damit sie aufhörten, im Wind zu flattern, hielt Yuda nicht in seiner Arbeit inne, wie er es früher getan hätte. Welche Gefühle auch immer sie hegten, sie waren Part- ner in einem Unternehmen, in dem Gefühle des Begehrens außen vor gelassen werden mussten. Auch Annat kletterte über die gestapelten Scheite, sodass sie von der Spitze des Tenders aus die vorbeifliegende Landschaft betrach- ten konnte. Von oben besehen sauste das dunkelgrüne Laubwerk in, einem verschwommenen Streifen vorüber und formte ein immer wiederkehrendes Muster vor ihren Augen. Ihr war schwindelig, sie klammerte sich an die Ränder des Tenders, und ihre Gedanken kreisten wie ein Wirbelwind in ihrem Kopf. Sie wünschte, sie wäre in der Wärme des Hauses vom Rashim, wo der Golem war und sie beschützen könnte, auch wenn sie sich vor ihm ängstigte. Die Furcht, der sie sich nun gegenübersah, hatte kein Gesicht, nur die Umrisse von Saris Gestalt und eine Hand voll Namen: der Doyen, die Burg von Ademar. Sie fragte sich, wie es Govorin, Casildis und Yuda gelang, ihr Entsetzen in den Griff zu bekommen. Sie konnte keine Spur von Besorgnis bei ihrem Vater aufnehmen, obgleich er wusste, dass ihm ein Kampf bevorstand. Er arbeitete zu hart und verscheuchte die Grübeleien mit jedem Stich und Schwung seiner Schaufel. Plötzlich öffnete sich die Landschaft vor ihnen, und die Bäume wurden dünner und vereinzelter. Statt der dicht gedrängten, üppigen Nadelbäume erhoben sich die großen Gerippe von Eichen, Birken und Ulmen in vereinzelter Trostlosigkeit aus dem weichen Schnee, wie Kandelaber, deren Wachskerzen schon vor langer Zeit niedergebrannt waren und ihn geschwärzt und leer zurückgelassen hatten. Casildis sah sich eine Zeit lang um, dann verließ sie ihren Platz in der Tür, ging mit langen Schritten zu ihrem Mann hinüber und packte seinen mächtigen Arm. Annat wusste, was das zu bedeuten hatte; Casildis musste etwas gesehen haben, das sie an das Parkgelände erinnerte, welches in der obigen Welt die Burg umsäumte. Sie sah, wie Govorin das Umkehrrad schwang und sich bückte, um die Bremsen zu betätigen. Als der Zug ruckend zum Stehen kam, spürte sie, dass ihr Herz wie eine Faust gegen ihre Rippen hämmerte. Als die Lokomotive stillstand, war sie sofort aus dem Tender gesprungen und hatte sich zu den anderen im Führerstand gesellt. »Was sollen wir tun?«, fragte Casildis. »Uns langsam dorthin begeben, um das Land zu erkunden«, sagte Yuda. »Wir müssen uns einen Eindruck von der Burg machen, ohne, dass sie uns sehen.« »Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass Malchik dort ist«, sagte Annat ängstlich. »Ich schätze, wir können sogar ziemlich sicher sein, dass er dort ist. Wohin sonst sollte Sari ihn gebracht haben?« Govorin lächelte grimmig. »Was mir am meisten Sorgen bereitet, ist die Frage, wo sich Sari im Moment aufhält«, sagte er. »Er könnte in der Burg sein oder noch immer auf unseren Fersen. Ich wäre glücklicher, wenn ich es wüsste.« »Nicht nur du, Mister«, sagte Yuda. »Aber noch glücklicher wäre ich, wenn ich wüsste, was er denkt.« Er kaute an den Fingernägeln und fügte hinzu: »Es gibt einen sicheren Weg, um es herauszufin- den: Wir warten ab, bis er uns aus den Büschen heraus anspringt.« »Hier gibt es keine Büsche«, sagte Casildis. »Aber hier gibt es diese verdammten Bäume. Ich mag keine Bäu- me«, sagte Yuda. Er wandte sich zu Annat und sagte: »Du bleibst besser nahe bei mir, Missis. Ich habe ein ungutes Gefühl. Mir wäre wohler, wenn Sari schon früher versucht hätte, uns eine Falle zu stellen, indem er einen Ast über die Schienen gelegt hätte oder Stei- ne über unsere Köpfe hätte regnen lassen. Ich schätze, er weiß, dass wir kommen.« Govorin wickelte das Bündel Skier und die Skistöcke aus und gab sie an die anderen weiter. Während er dies tat, legte Casildis ihren Bogen und den Köcher mit den wenigen verbliebenen Pfeilen um. Die Skier waren so gefertigt, dass man damit über Land reisen konn- te, und hatten nur einen einfachen Fußriemen. Annat sah, dass je- mand ein kleineres Paar zur Verfügung gestellt hatte, welches ihr passte. Einer nach dem anderen sprangen sie aus der Führerkabine und schlüpften mit den Füßen in die Laschen. Annat war klar, dass es schwer werden würde, gleichzeitig Ski zu laufen und zu kämpfen, es sei denn, man wäre bemerkenswert geschickt oder würde über eine Schusswaffe verfügen. Sie sah zu, wie Casildis zum Fuße des Bahndamms glitt und entschied, dass sie gewandt genug wirkte, um die Ski zu beherrschen und ihren Bogen zu händeln. Sie folgte ihr,, zunächst noch zögernd, merkte aber rasch, dass ihre Füße sich an die Bewegungen erinnerten. Voller Selbstvertrauen, da sie sich im- merhin aufrecht halten konnte, fuhr sie in einem weichen Bogen den Hang hinab. Yuda und Govorin folgten weniger elegant, indem sie mit der schmalen Seite der Skier den Hang hinabstiegen. »Du fährst besser voran, Missis«, sagte Yuda zu Casildis, die ihre Augen abschirmte, um die vor ihnen liegende Landschaft abzusu- chen. »Ich glaube, dies hier ist der beste Weg«, sagte Casildis und stieß sich schräg in nordöstliche Richtung ab. »Die Burg befindet sich im Tal.« Die vier bewegten sich in der Formation einer Raute voran; Casil- dis führte, Annat und Yuda befanden sich gemeinsam in der Mitte, und Govorin bildete das Schlusslicht. Nebel hing zwischen den Bäumen, und der Himmel über ihnen war grau wie der Rauch von Holzfeuer. Es wurde Annat schnell klar, dass Yuda ein fortgeschrit- tener Skiläufer war, denn er glitt dahin, indem er im Schritttempo erst seinen linken, dann seinen rechten Ski parallel nach vorne brachte, als sie zu einem abschüssigen Hang kamen. Govorin, der ihnen folgte, lief eher gekonnt als anmutig, doch er blieb auch nicht zurück. Sie bewegten sich zwischen den gemarterten Bäumen entlang, die mit verzweifelten Fingern nach dem Himmel zu greifen schienen. Casildis behielt einen gleichmäßigen Rhythmus bei; manchmal schritt sie, manchmal glitt sie dahin und drehte sich am Ende um, um zu sehen, ob ihr die anderen auch folgten. Zwischen den Bäu- men hob sich ihre Gestalt mit dem dunklen, langen Umhang und der hochgetürmten Haarkrone ab. Annat steuerte auf sie zu, blickte gelegentlich über die kleinen Täler und Hügel, die sie passierten, und sann darüber nach, dass dies hier, wenn die Bäume ihr Herbst- kleid trugen, ein wunderschöner Ort sein könnte, der nun verzwei- felt und unheilvoll schien. Schließlich kamen sie zum Rand eines weiten, steilen Abhangs, der hinab zu einem mondsichelförmigen Tal führte. Die Burg, die in, der Talsohle lag, war ein weiß getünchtes Bauwerk mit einem mäch- tigen, zylindrischen Turm in jeder Ecke, das ein konisches Dach mit roten Ziegeln trug. Einige der Fenster waren eher Schlitze, doch andere waren groß und weit, tief ins Mauerwerk eingelassen und verglast. Es war gleichermaßen eine verteidigungsfähige Burg wie ein Schloss: eine Wohnstätte für einen Landesherrn, der unter sei- nen Leibeigenen lebte. Casildis stützte sich auf ihre Skistöcke und blickte hinab. »Dies ist die Burg meines Vaters, gerade so, wie man sie im Wald von Ademar sehen würde«, sagte sie. »Das ist nicht, was ich erwartet habe«, sagte Govorin und rieb sich die Augen. »Irgendwie habe ich erwartet, sie würde – düsterer aus- sehen.« »Ich bin hier aufgewachsen, erinnerst du dich?«, sagte Casildis. »Für mich fühlt es sich düster genug an«, sagte Yuda und stützte sich auf seine Skistöcke. Während er sprach, war ein Krächzen und das Schwirren von Flü- geln in der Luft über ihnen zu hören, als ob sie einen Schwarm von Krähen aus ihren Nestern aufgescheucht hätten. Mörderische Krähen … dachte Annat. Im nächsten Augenblick, mit dem Kreischen eines alptraumhaften Sturmes, stieß der Schwarm schwarzer Gestalten auf sie herab, schlug mit den knochigen Flügeln nach ihnen und hieb mit den Klauen. Annat warf ihre Arme empor, um ihren Kopf zu schützen, und spähte zu den anderen, die unter dem Angriff der schwarzen Federn taumelten und rutschten. Die Vögel waren au- genlose Kreaturen aus Knochen und Federn. Ihre Schreie schnitten durch den Himmel, und sie schlugen auf Annat ein, hackten und zerrten. Obwohl sie ihre Augen fest zusammenpresste, konnte sie ihre Schnäbel und reißenden Klauen spüren, die ihre Haut verletz- ten und durch ihre Kleidung drangen. Sie hörte Casildis vor Zorn aufschreien; sie öffnete die Augen und sah, wie die Frau darum kämpfte, einen Pfeil aus ihrem Bogen abzuschießen. Yuda kauerte unter einer Wand von Flügeln auf dem Boden. Govorin schlug mit den Händen in die Luft und hieb nach rechts und nach links; einige Leichname waren zu seinen Füßen ge-, fallen. Annat war in einer Wolke von Flügelspitzen gefangen, wank- te jedoch zu ihrem Vater und mühte sich, die Macht in ihre Hände zu zwingen. Plötzlich gab es einen Blitz, den Gestank von verseng- tem Fleisch, und das Vogelgewirr, das an Yuda klammerte, explo- dierte. Dieser blutete an Gesicht und Händen, kämpfte sich aber auf die Beine, als die Leichen rauchend auf ihn niederprasselten. Sie sah, wie Casildis ein Geschoss in die kreischende Menge über ihnen jagte. Der Pfeil flatterte und verfehlte sein Ziel; er schnellte in die Luft, trieb die Wolke auseinander und fiel wie eine Rakete zu Bo- den, wo er sich bis zum Schaft in den Schnee grub. Mit einer trotzigen Geste streckte Yuda die Hände aus, und ein blauer Blitz löste sich von seinen Innenflächen, der auf Annat zu- schoss. Sie sah, wie er in die gefiederten Kadaver um sie herum ein- schlug und sie versengte und zum Rauchen brachte. Plötzlich war sie frei. Die Wolke von krächzenden Vögeln umkreiste die Gruppe und sammelte sich für einen weiteren Angriff. Wieder spannte Ca- sildis einen Pfeil in ihren Bogen. Sie zielte hoch, tief in das Herz des Schwarms. Wie eine Flamme schoss der Pfeil empor, drehte sich im Flug und geriet in der dunklen Masse über ihnen außer Sicht. Annat rannte an die Seite ihres Vaters und starrte in den Him- mel, dann sah sie, wie sich die Dunkelheit lichtete und nach Osten abdrehte. Bevor sie erleichtert nach Luft ringen konnte, begannen Pfeile wie Regen auf sie niederzuprasseln. Yuda warf sich auf den Boden und zog sie mit sich. Überall um sie herum konnte Annat das pfeifende Surren der Schäfte hören. Einer verfehlte sein Ziel und fiel neben ihrer Hand in den Schnee. Sie umklammerte Yudas Hand und wünschte sich, sie würde sich nicht fürchten. – Das ist die Kalte, dachte sie. Er antwortete nicht, doch seine Finger drückten ihre. Die Pfeile schwirrten, schlugen um sie herum ein und bohrten sich in den Schnee. Eine Pfeilspitze durchdrang den Ärmel ihres Mantels und heftete sie an den Boden. Dann hörte sie jemanden aufschreien. Es war eine Männerstimme in Todesqualen. Sie schirmte ihren Kopf ab und setzte sich mit Yuda an ihrer Seite auf. Der Pfeilhagel ver-, siegte so plötzlich, wie er begonnen hatte. Govorin kroch auf den Knien zu der Stelle hinüber, an der Casildis auf der Seite lag; das leuchtende Haar umfloss ihren Kopf. Ein schwarz befederter Schaft ragte unterhalb ihrer linken Brust aus ihrer Seite. Yuda sprang auf, rannte zu ihr und drehte sie auf den Rücken. Casildis stöhnte, und ihre Finger spielten mit dem Holz des Pfeiles. »Mutter, was hast du vor, Yuda?«, schrie Govorin. Yuda antwor- tete nicht. Er packte den Pfeilschaft und brach ihn ab. Dann nahm er das Gesicht Casildis' in die Hände, sanft und rau zugleich. »Casildis!« »Mit meinen eigenen Pfeilen niedergeschossen«, murmelte Casil- dis. Yuda fuhr ihr mit der Hand über die Lippen und besah seine Handfläche. »Kein Blut«, sagte er. »Du wirst sie zurück zum Zug bringen müs- sen, Mister Govorin. Wenn wir warten, werden sie uns angreifen. Ich kann sie spüren.« »Du musst sie heilen, Yuda.« »Entseelte, Sergey. Du weißt, was das zu bedeuten hat? Du musst sie von hier fortbringen. Hol die Pfeilspitze heraus. Ich glaube nicht, dass sie die Lunge oder das Herz durchdrungen hat. Aber mir bleibt keine Zeit, sie zu heilen. Annat und ich müssen uns den Entseelten stellen.« Govorin verbarg sein Gesicht in den Händen. »Verdammt, Yuda«, sagte er sanft. »Ich werde tun, was du sagst. Aber wenn sie stirbt, dann schicke ich dich hinterher.« Yuda richtete sich auf. »Sie wird nicht sterben«, sagte er freudlos. Dann beugte er sich plötzlich vor und küsste Casildis auf den Mund. »Stirb mir ja nicht, Frau«, sagte er. Govorin nahm Casildis in seine Arme und kämpfte sich auf die Füße. Für ihn war sie eine viel leichtere Bürde, als sie es für Yuda gewesen war. Er warf Yuda einen Blick zu, der irgendwo zwischen Hass und Verzweiflung lag, und drehte sich um. Dann begann er, den Weg zurück in das Gehölz zu klettern; die Skier lagen nutzlos, im Schnee. – Entseelte?, dachte Annat. Yuda nickte und zog schwarze Handschuhe aus den Taschen. Er ging seine Skier holen, die sich gelöst hatten, und legte sie an. – Lass uns in die Ebene ziehen, Rebjonok. Weg von diesen verdammten Bäumen. Sie fuhren mit ihren Skiern über den Hügelrand und stießen sich in das halbmondförmige Tal zu ihrer Linken ab. Unablässig schaute Yuda von der Burg unter ihnen bis zum Dickicht links von ihnen. – Ich kann nichts spüren, sendete ihm Annat. – In einigen Jahren wirst du gelernt haben, die Handschrift zu lesen, die sie hinterlassen. Es tut mir Leid, Natka; ich glaube nicht, dass wir überleben werden. – Aber du hast die anderen zerstört! – Das war was anderes. Er glitt den Hügel hinunter und näherte sich der Burg, deren weiße Mauern im kalten Licht des Himmels leuchteten. Er war nur noch eine kleine, schwarze Gestalt, als er sich umdrehte und auf sie wartete. Der Angriff erfolgte plötzlich, kurz bevor Annat Yuda erreicht hatte. Große Gestalten in weißen Umhängen und hohen, weißen Kapuzen mit ausgeschnittenen Löchern für die Augen erhoben sich aus dem Schnee. Während sie den Hügel hinuntergeglitten war, hat- te Annat die wahnsinnige Macht ihrer vereinigten Seelen gespürt und den Gestank von Wahn und des Bösen wahrgenommen. Yuda riss Annat an sich, und sie standen Rücken an Rücken, während sie ihre Skier abstreiften. Die maskierten Männer umrundeten sie in ei- nem endlosen Kreis und webten so einen violetten Ring der Macht. Sie hörte Yuda leise fluchen. Er bückte sich, griff eine Hand voll Schnee und formte daraus einen Ball. Als er ihn in das Kraftfeld schleuderte, zischte er und verpuffte in einer Dampfwolke. Annat fiel eine andere Gestalt auf, die hoch oben zwischen den Bäumen auf dem Hügelkamm stand. Sie starrte sie eindringlich an und erkannte Sari, in einen grünen Umhang und eine lange,, grüne Tunika gehüllt, einen Schwertgurt an den Hüften. Auch Yuda hatte ihn gesehen. »Ich wusste es«, sagte er und bleckte die Zähne. »Ich hoffe, Govo- rin ist ihm entkommen.« – Was wollen wir tun? – Dies. Er beugte sich tief nach unten und rannte aus der Mitte des Kreises auf den pulsierenden Ring zu, und bevor Annat auf- schreien konnte, hatte er sich dagegen geworfen. Einen Augenblick lang wurde der Himmel schwarz. Dann waren Schreie zu hören und magenta- und blutrote Blitze zerrissen die Luft. Flammenwolken schossen in den Himmel, und der Gestank von verbranntem Fleisch hing in der Luft. Annat rief Yudas Namen, rannte zu der Stelle, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte, und stolperte über seinen Körper. Sei- ne Kleidung rauchte noch immer, und sie roch versengte Haare. Sie drehte ihn um und schrie beim Anblick seines geschwärzten Ge- sichts auf. Dann öffneten sich seine Augen, und er hob die Hand, um den Ruß fortzuwischen. Seine Haarspitzen hatten sich gekräu- selt und waren verbrannt; seine Kleidung war mit Asche bedeckt, doch er war unversehrt. Die Entseelten waren nicht so leicht davon- gekommen. Zwei Körper lagen verkohlt und glimmend im Schnee, und ein dritter stand in Flammen, eine rasende, schreiende, mensch- liche Fackel. Annat vergrub ihr Gesicht in Yudas Arm. – Ich dachte, du wärst tot. – Das darfst du nie tun, Missis, dachte er und packte sie am Ober- arm. Die verbliebenen Entseelten sammelten sich wieder. Noch einmal begannen sie, im Kreis um Yuda und Annat herumzulaufen. Er streichelte ihr Haar mit einer Hand, die nach Rauch stank. – Siehst du, wir sind nicht davongekommen. Ich kann das nicht noch ein- mal tun. Es sind zu viele von ihnen, und Sari führt sie an. Ein geistig ge- sunder Schamane macht die Gestalt viel stärker. Als er zu Ende gesprochen hatte, sah Annat den schwachen, vio- letten Ring der Macht, der sich wieder zu bilden begann. Die Ent- seelten rückten näher und bewegten ihre Hände in komplizierten, Mustern. Yuda erhob sich langsam und legte seine Arme um An- nats Schultern. – Alles, was wir tun können, ist warten. – Was wird mit uns geschehen? Yuda sah zu der reglosen Gestalt auf dem Hügel hinauf. Saris Ge- sicht leuchtete wie Feuer. – Dies ist ein Bindezauber. Ich glaube nicht, dass er vorhat, uns gleich zu töten. Leider. Die Entseelten kamen näher, und Annat glaubte, sie könne die Augen hinter den Löchern in den Kapuzen sehen. Sie klammerte sich an Yuda und versuchte sich zu überlegen, wie sie ihn schützen könnte. Der zitternde, summende Ring zog sich enger um sie zu- sammen wie ein Lasso. Yuda wischte sich über das Gesicht und rieb den Rauch und den Schweiß fort. Sie konnte ihn abschätzen hören, ob er es wagen sollte, den Kreis noch einmal zu durchbrechen. Er putzte seine Hände an den Hosen ab und hob sie in eine Verteidi- gungshaltung; dabei zählte er die Entseelten, die sie umrundeten. – Glaubst du, du kannst dich auf diesen dort konzentrieren? Den großen, dünnen? Er ist der schwächste. Annat legte ihren Arm um Yudas Rücken und verstand, was er vorhatte. Er hatte eine Menge seiner Macht verbraucht, als er sich beim Durchbrechen des Ringes schützen musste. Mit ihr verbun- den jedoch könnte er in der Lage sein, ein Glied in der Kette zu schwächen. Gemeinsam fixierten sie den kreisenden Mann. Es war unbedingt nötig, dass sie zur gleichen Zeit feuerten, oder die Ener- gie würde sich zerstreuen und zu kraftlos sein, um durch das Macht- feld zu brechen. Annat streckte ihren Arm neben Yudas aus und hörte ihn leise zählen. »Feuer auf drei«, murmelte er. Annat ließ ihre Augen auf der großen Gestalt ruhen, so lange sie konnte. Als sie wieder von rechts in ihr Sichtfeld trat, hörte sie, wie Yuda zu zählen begann. – Mach dich bereit zu rennen, dachte er. Annat beschwor die Macht aus ihren tiefsten Reserven herauf und, fühlte sie in ihrem Arm pochen. Als Yuda schrie »Drei«, schleuder- te sie eine Flamme aus ihrer Hand; sie brannte durch den Kreis, zischte und drehte sich um das blaue Geschoss von Yudas Blitz. Sie zerriss das Kraftfeld des Rings, vergrub sich in der Brust des dünnen Mannes und warf ihn von den Füßen. Der Kreis verschob sich und fiel auseinander, Yuda rannte zur Lücke und zog Annat mit sich. Er sprang den Hügel hinauf und steuerte geradewegs zu der Stelle, an der Sari stand. Dieser zog sein Schwert und trat ihnen entgegen. Wieder spürte Annat, wie Yuda die Energiefäden zusammenzog und sie durch seinen Körper in seinen rechten Arm zwang. Hinter ihnen konnte sie die Füße der Entseelten auf dem Schnee hämmern hö- ren. Sari rannte auf sie zu. Als er nur mehr wenige Schritte entfernt war, warf er sein Schwert beiseite und hob seine Hände in einer Geste, die die Yudas nachahmte. Annat sah den roten Blitz von sei- nen Fingern ausgehen. Yuda erwiderte ihn mit einer silberblauen Flamme, und die beiden trafen sich auf halber Strecke, wo sie zu einem Funkenball verschmolzen, der kreiste und sich zunächst auf Yuda zu bewegte, bevor er zu Sari zurückwich. Plötzlich gab es eine Rauchwolke. Yuda schnappte nach Luft, und Sari machte einen Schritt zurück. Der Lichtball verschwand und ließ ein Vakuum in der Luft zurück, das sich selbst verschluckte und verschwand. An- nat hörte das Lachen des Deputys, als er sich bückte, um das Schwert aufzuheben. »Wir sind ein ebenbürtiges Paar, du und ich«, sagte er. »Aber das ist egal.« Im gleichen Augenblick legten sich kalte Hände auf Annat und zogen sie von Yuda fort. Sie sah ihn im Griff von zwei Entseelten kämpfen, doch ihre vereinte Macht war genug, um seine schwin- denden Kräfte zu besiegen. Sari trat lächelnd zu ihm. »Willkommen auf der Burg von Ademar, Mister Vasilyevich«, sagte er. »Ich habe besondere Räume für jemanden wie dich und deine Tochter vorbereitet. Nur für den Fall, dass du auf eine Flucht gehofft hattest.«, »Was steht zwischen dir und dem Rebjonok?«, fragte Yuda atemlos. »Noch nichts. Doch ich habe vor, sie dort zu verwahren, wo ihre Macht dir keine Hilfe sein wird – und für mich keine Gefahr.« Er wies auf die Burg und die Entseelten, die Yuda hielten und da- mit begannen, ihn und Annat den Hügel hinab zum Tor zu ziehen. Annat sah zum bleichen Antlitz der Burg empor und nahm sie als eine wunderschöne Maske wahr, die einen Schädel verbarg.

KAPITEL 17 Der Doyen von Ademar saß in vollem Prunk in seiner großenHalle auf einem Podest, das ihn über seine Bediensteten er-

hob. Als Yuda und Annat durch die Menge der Gefolgsleute und Waffenbrüder zum Podium gezerrt wurden, hatten sie Gelegenheit, das Gesicht des alten Mannes zu betrachten, der in seinem vergol- deten Stuhl saß. Der Ausdruck auf seinem Gesicht schien gedan- kenverloren und desinteressiert, doch seine Augen folgten ihnen, als sie durch den Raum gedrängt wurden. Er trug prächtige, seltsame Kleidung, anders als alles, was sie bislang gesehen hatte; sie hatte das Gefühl, dass sie in ein anderes Jahrhundert versetzt worden war, obgleich dieses ebenso lebendig wie ihr eigenes Zeitalter erschien. Annat und Yuda wurden zum Rand des Podests gebracht und ge- zwungen, vor dem Doyen zu knien. Annat hielt ihren Kopf gesenkt und die Augen auf den Boden gerichtet, doch Yuda hob die Au- gen, und sein Blick kreuzte den des alten Mannes. Auch wenn er auf den Knien lag, gelang es ihm, stolz zu erscheinen, trotz seiner verbrannten Kleidung und dem Ruß, der sein Gesicht und seine Hände beschmierte. Er blickte aber nicht herausfordernd, sondern setzte sich auf seine Fersen und ließ die Hände auf den Knien ru-, hen. Annat fielen unwillkürlich die beiden Ringe auf, die er trug, den schlichten Hochzeitsreif aus Gold und den dunklen Stein, der in trübes Metall eingelassen war und den der Rashim ihm gegeben hatte. Sari stellte sich hinter sie und beugte vor seinem Vater, dem Do- yen, das Knie. Der alte Mann hob eine juwelenbesetzte Hand. »Sind dies die beiden, von denen du mir berichtet hast, Jean So- rel?«, fragte er mit einer Stimme, die kalt wie der Nordwind war. »Dies sind die Wanderer, die ich verfolgt habe«, sagte Sari. »Und meine Männer werden die anderen bringen, den schwarzen Mann und meine gefallene Schwester, die schwer verwundet worden ist.« – Verflucht, dachte Yuda, auch wenn sein Gesicht keine Gefühls- regung verriet. Annat fühlte sich, als ob sie gleich zu weinen be- ginnen würde, doch sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, denn sie wollte die anderen nicht wissen lassen, dass sie sich fürchtete. »Bringt meine Schwester zu einem Arzt, und lasst ihren Ehe- mann einsperren, bis ich mich entschieden habe, was mit ihm zu tun ist«, sagte der Doyen und winkte königlich mit der Hand. »Die- se zwei übergebe ich dir, Jean Sorel, um sie loszuwerden. Führt den Mann der Folter zu, um herauszufinden, was er weiß, und sperrt das Mädchen in ein Verlies, damit sie zu gegebener Zeit auf den Scheiterhaufen gebracht wird, nachdem sie Gelegenheit hatte, ihre Irrtümer zu bereuen.« Annat sprang auf. »Nein!«, schrie sie. »Das können Sie nicht tun! Mein Vater ist ein guter Mann. Was gibt Ihnen das Recht, uns Schaden zuzufügen? Wir haben Ihnen nichts getan. Selbst ein Ver- brecher hat das Recht zu erfahren, wessen er angeklagt wird!« Eine der Wachen holte mit dem Arm aus und schlug sie von den Beinen. Der Doyen beugte sich auf seinem Stuhl vor und stützte das Kinn in die Hände. »Sie weiß es nicht«, sagte er und blickte aus Augen mit schweren Lidern zu ihr herab. »Ist es möglich, dass un- ser Gesetz diesen Fremden nichts bedeutet? Sie verstehen nicht, wie schwer sie uns beleidigt haben?« Annat erhob sich auf Hände und Knie; der Schmerz dröhnte, durch ihre linke Gesichtshälfte. »Meine Mutter war Aude d'Iforas, die Freundin Ihrer Tochter Huldis. Das können Sie nicht leugnen!« Der Doyen lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete ihr Gesicht mit einem düsteren Ausdruck. Einen Augenblick lang dachte Annat, er würde Mitleid haben, wenigstens genug, um ihnen mitzuteilen, warum sie verurteilt wurden. »Also hatte Aude eine Tochter«, sagte er. »Wie seltsam es für mich ist, drei aus dem glei- chen Haus zu sehen, von denen der eine ein wahrer Sohn der Do- xoi ist, die anderen jedoch ungläubig und verschlagen. Ich habe deinen Bruder verschont, mein Kind, weil er gesalbt worden ist und weil er sich mir unterworfen hat. Dich kann ich nicht verschonen, auch wenn ich dich bemitleide. Denn das heilige Salböl hat deine Brauen nicht benetzt, und du hast mit den Wanderern von Cho- razin gemeinsame Sache gemacht, die unter unserem Verdikt ste- hen.« Annat kämpfte sich auf die Füße und sah dem alten Mann in die Augen. »Mein Bruder lebt«, sagte sie. »Ist er hier?« Der Wachposten machte eine Bewegung, als wolle er sie wieder schlagen, doch der Doyen hob die Hand. »Kein Mann soll seine Hände an dieses Mädchen legen, denn in ihren Adern fließt unser Blut«, sagte er. Er blickte von Annat zu Yuda. »Ich habe entschie- den, deinem Bruder die Schande zu ersparen, mit ansehen zu müs- sen, wie tief seine Familie gesunken ist«, sagte er. »Auch wenn er sich unserer Sache verschrieben hat, halte ich ihn nicht für so pflichtvergessen, dass er die Verhaftung seines Vaters bejubeln wür- de. Ich werde ihm diese Neuigkeiten selbst überbringen.« Annat fühlte sich seltsam verwirrt. Trotz seiner grausamen Anwei- sungen war nichts Unmenschliches an diesem alten Mann. Er schien Malchik gut behandelt zu haben, obschon sie aus seinen Worten schloss, ihr Bruder habe vorgegeben, ein Gefolgsmann des Doyens zu werden. Sie konnte es ihrem Bruder nicht verübeln; diese Wahl waren ihr oder Yuda, der so ruhig schien, nicht einmal angeboten worden. Sie entschied, einen letzten Versuch zu unternehmen. Ihre Hand berührte Yudas Schulter. »Bitte tun Sie meinem Vater nichts,, Sir«, sagte sie. »Er wird nicht für sich selber sprechen, deshalb muss ich es tun.« Sie sah den kurzzeitig weichen Ausdruck auf dem Gesicht des alten Mannes verschwinden, sodass es wieder wie ein verwittertes Blatt aussah. Wenn Yuda aus Stahl war, dann war er aus Granit. »Keine Gnade für ihn, Kind«, sagte er. »Sein Schicksal ist be- siegelt. Führt sie ab.« Annat wurde ergriffen und aus der Halle geschleift, vorbei an den neugierigen Blicken der Ritter und Gefolgsleute in ihren grünen Uniformen. Sie sah nicht, was mit Yuda geschah. Es gab ein Ge- sicht in der Menge, das sie mitleidig anblickte, als die Wachen sie vorbeizerrten; ein großer, junger Mann mit dunklem Haar und dunklen Augen stand zwischen den anderen und nestelte an seinem Schwertknauf, und einen flüchtigen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Dieser Ausdruck fand seinen Weg in ihre Seele. Ein Mann, der sie als Mensch und nicht als Wanderin und Geächtete sah. Der junge Mann war nicht viel älter als Malchik, und sie glaub- te, in den Gesichtszügen eine Ähnlichkeit mit dem Doyen ausma- chen zu können. Vielleicht war er ein anderer Sohn, ein jüngerer Sohn, der nicht so bevorzugt wie der Erbe war, oder vielleicht war er sogar illegitim. Dieser Blick, dieses Gesicht war wie ein Glas fri- sches Wasser, das an ihre Lippen geführt wurde, um ihren Durst zu löschen. Als sie die Halle verlassen hatten, brachten sie die Wachen zu ei- nem der runden Türme und führten sie eine Wendeltreppe hinun- ter, die von Pinienfackeln erleuchtet wurde. Sie sprachen nicht mit ihr, plauderten jedoch über Angelegenheiten des Haushaltes, als ob sie gar nicht vorhanden wäre. Am Fuße des Turmes trat sie auf Steinfliesen, die mit schmutzigem Stroh bestreut waren. Die Ritter stießen sie einen engen Gang hinunter, an einer Vielzahl versperrter Holztüren vorbei, bis sie beinahe den Fuß des nächsten Turmes er- reicht hatten. Eine der Wachen hielt an einer grün gestrichenen Tür, um sie mit einem Schlüssel zu öffnen, der an einem Ring an seinem Gürtel hing. Der andere hielt Annats Arm umklammert., »Siehst du ihn?«, brüllte er ihr ins Ohr. »Das ist Jacques, der Wär- ter. Stell dich gut mit ihm, und er wird dich gut behandeln. An- sonsten kannst du Essen und Wasser vergessen, und du wirst in dei- ner eigenen Scheiße sitzen.« Jacques, der Wärter, stieß die Tür auf. »Dies hier«, sagte er lang- sam, »ist ein besonderes Verlies, das Zhan Sari für deinesgleichen vorbereitet hat. Also keine fiesen Tricks, Süße. Hier sitzt du, und hier wirst du bleiben.« »Sie gehört dir, Jacques, wenn du willst. Ich sehe niemanden, der dich dabei stören würde.« »Was sollte ich wohl mit einem mageren Ding wie diesem hier machen? Im Übrigen hat der Seigneur gesagt, niemand soll sie an- rühren. Daran solltest du dich erinnern, Guyot, wenn dir dein Kopf lieb ist.« Guyot murmelte kaum hörbar etwas vor sich hin und stieß Annat durch die Tür, sodass sie der Länge nach ins Stroh fiel. Sie lag flach auf dem Gesicht, weinte und hörte, wie hinter ihr die Tür zuge- schlagen wurde und der Schlüssel sich im Schloss drehte. Kaum war die Tür zu, fühlte sie, wie sich der Druck der Mauern auf sie legte. In der Tat hatte Sari den Raum vorbereitet und den Stein mit ei- nem weiteren Ring der Macht gebunden. Sie konnte das violette Licht durch ihre geschlossenen Augen hindurch sehen. Sie setzte sich auf, rang nach Atem und fühlte sich, als ob sie ersticken wür- de. Zuerst konnte sie nicht glauben, dass sie die Augen geöffnet hatte, denn sie befand sich in völliger Dunkelheit. Dann erkannte sie einen schwachen Spalt roten Lichts, der unter der Tür hindurch und durch die Risse in den Planken schien. Die Tür wäre das schwa- che Glied im Kraftfeld, doch selbst wenn es ihr gelänge herauszu- kommen, wohin sollte sie dann gehen? Es gab keinen Zweifel da- ran, dass Jacques und Guyot irgendwo draußen als Wachen sitzen würden, und sie würden keine Gnade kennen, wenn sie zu fliehen versuchte. Annat setzte sich auf und legte ihre Arme um die Knie. In der Zelle lag ein eigenartiger Geruch: der Gestank nach verrottendem, Stroh, Fäkalien und Feuchtigkeit. Die Kälte des Ortes griff nach ihr wie eine tote Hand. Wenn sie doch nur daran gedacht hätte, die Puppe mitzunehmen! Ihre tröstende Gegenwart wäre für sie wie ein kleines Körnchen Hoffnung gewesen. Aber nun waren sie alle Ge- fangene, Yuda, Govorin und Casildis und auf eine gewisse Art auch Malchik. Sie vergrub ihr Gesicht in ihrem Schoß und versuchte, nicht zu denken und nicht zu weinen. Der Urteilsspruch des Do- yens wiederholte sich immer wieder in ihrem Kopf. Sie würde ver- brannt werden und Yuda gefoltert. Wie hatte alles so schlimm kom- men können? Als der Rashim ihnen die Geschenke gegeben hatte, hatte sie gehofft, dass er ihnen magische Hilfe mit auf den Weg gab. Annat ließ ihre Hand in das Vorderteil ihres Kleides gleiten und sie zog das kleine Metallkästchen heraus. Sie schloss die Faust da- rum und fühlte die Kühle des glatten Deckels und der metallenen Seiten. Der Rashim musste einen Grund dafür gehabt haben, es ihr zu geben! Sie war überzeugt davon, dass er, gleichgültig, was er ge- sagt hatte, ihr Schicksal vorausgesehen hatte. Mit Sicherheit hatte er sie nicht in den Flammen verschrumpeln sehen, brennend auf dem Scheiterhaufen. Sie versuchte, das Bild des unglücklichen Ent- seelten, der wie eine menschliche Fackel zu Tode brannte, aus ihren Gedanken zu vertreiben, den Schmerz, das Entsetzen, wenn das eigene Fleisch verzehrt wurde und es kein Wasser gab, um es zu löschen. Niemand verdiente ein derartiges Schicksal, nicht einmal ein Mann wie dieser. Annat konnte nicht glauben, dass die Männer, die sie in der Halle versammelt gesehen hatte, ihren Tod gutheißen würden, dass sie kommen und ruhig und ohne etwas zu sagen zusehen würden, wie sie zu den aufgetürmten Scheiten geführt wurde. Doch nie- mand hatte gegen den Urteilsspruch aufbegehrt, niemand hatte auch nur einen Finger gerührt, um sie zu retten. Sie stand auf und begann in der Zelle herumzugehen, um rasch die Ausmaße abschät- zen zu können. Es gab eine Rinne in einer Ecke, wo der Gestank nach Urin und Fäkalien beinahe zu stark war, als dass man ihn er-, tragen konnte. Annat wandte sich ab und wünschte, sie könnte sich davon abbringen, an Wasser zu denken. Etwas, das der Doyen ge- sagt hatte, verwirrte sie. »Sie hat unser Blut in ihren Adern.« Sie fragte sich, was er damit gemeint hatte. Ihre Mutter, Aude, war ein Dienstmädchen gewesen, eine Hofdame bestenfalls, doch eine der Bediensteten des Doyen und nicht Teil seines Stammbaumes. Das Bild der beiden Mädchen, Aude und Huldis, kam ihr so lebendig in den Sinn, als wäre es früher an diesem Morgen gewesen, dass sie gemeinsam aus dem Schnee gekommen waren, lachend, Arm in Arm, während Aude ihre Puppe in einer Schlinge über dem Rücken baumelnd trug. Annat fühlte die Traurigkeit, die über diesem längst vergangenen Tag schwebte, als sie begriff, dass ihre Mutter allein zur Burg zurückgekehrt war, den Verlust ihrer Freundin beweinte, und niemanden hatte, der ihr ihre Geschichte glaubte. Der Schmerz traf sie wie ein Stein in den Magen, und sie fiel zu Boden. Sie rollte sich zu einer Kugel zusammen und ballte die Fäuste. Messer hieben nach ihr, schnitten eine Reihe von Papier- puppen aus ihrer Haut, und jede Puppe war ein Ebenbild ihrer selbst. Zusammengekauert presste Annat die Augen zusammen. Sie war bereits auf dem Scheiterhaufen und brannte. Doch sie durfte sie nicht sehen lassen, was sie fühlte; sie durften nicht wissen, wie sehr sie sie quälten. Sie dachte an das große Licht, das Himmels- feuer, das von Seinem Ring stammte. Dort oben, über den Wolken, erhob sich der Erste der Zehn, Keter, die Krone. Die große Sonne sah mit ihrem göttlichen Auge auf sie hinab, denn das war der Blick des Einen, wie Er die Schöpfung betrachtete. Die Qualen endeten so plötzlich, wie sie begonnen hatten. Annat schnappte nach Luft und spürte, wie die Krämpfe in ihren Armen und ihrem Bauch abebbten. Sie hob die Hand, um den Schweiß von ihrer Stirn zu wischen. Die Gedanken, die ihr gerade gekom- men waren, waren nicht ihre eigenen; sie wusste nichts von einer Krone, oder von Sephirot. Sie hatte die Worte nie zuvor gehört. Sie stand schwankend auf und würgte kurz von den Nachwehen der Schmerzen. Sie ertastete sich den Weg zu einer der Mauern, wo sie, ihr brennendes Gesicht gegen die kühle, feuchte Oberfläche presste. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie einen Fieberanfall erlitten hatte, denn ihr Geist schien in eine Art Delirium gefallen zu sein. Sie fühlte ein Stechen in ihrer Hand und als sie sie öffnete, ent- deckte sie, dass sie das kleine Kästchen so hart gedrückt hatte, dass ihr die Kanten in die Handflächen geschnitten hatten. Und dann begriff sie. Es war Yudas Schmerz, den sie teilte, während sie ihn folterten. Das Kraftfeld des Raumes genügte nicht, um das Band zwischen ihren Seelen zu durchtrennen. »Oh nein«, sagte Annat sanft. Sie kauerte sich auf den Boden und ließ das kühle Kästchen zurück in seinen Hohlraum an ihrer Brust gleiten. Sie wusste, dass dies nur der erste Krampf war, dass weitere folgen würden, und dann noch mehr. Sie suchte verzweifelt nach einem Weg, wie sie Yuda ihre Unversehrtheit senden könnte, die Kühle der feuchten Zelle und die tröstende Dunkelheit. Doch statt- dessen kehrte der Schmerz zurück, um sie mit heiserem, krächzen- dem Gelächter zu quälen, und sie fiel zurück auf die Seite, auf den Boden, wo sie die Augen fest zusammenpresste. Es klopfte an der Tür. Malchik sprang auf, und Gedanken schwirr- ten durch seinen Kopf. Früher am Morgen war Cluny gerufen wor- den, er jedoch nicht; und so war er im Zimmer geblieben und hatte abgewartet, während seine Gedanken um den Grund für seinen Ausschluss kreisten. »Herein«, sagte er und eilte dann, um die Tür zu öffnen. Der Doyen selbst stand draußen, mit Cluny in seinem Rücken, doch es gab kein Zeichen von Zhan Sari. Malchik dachte sofort daran, eine Verbeugung zu machen und zur Seite zu treten, damit der alte Mann, auf seinen Stock gestützt, in den Raum humpeln konnte. Während der Doyen zu dem einzigen Stuhl hinkte, versuchte Mal- chik, Clunys Blick zu erhaschen, doch der junge Mann sah ent- schlossen zu Boden. »Komm zu mir, Junge«, sagte der Doyen und ließ sich auf den, Stuhl sinken, wobei sich der Schmerz in seine Gesichtszüge grub. »Cluny, schließ die Tür, und warte draußen. Sorg dafür, dass wir nicht gestört werden.« Malchik setzte sich zu Füßen des Doyen auf den Boden und war- tete darauf, dass sein Herr zu sprechen begann. Der Doyen schien eine lange Zeit zu brauchen; er saß mit geschlossenen Augen, ver- zog das Gesicht und rieb sich sein rechtes Bein. Schließlich sagte er: »Verzeih mir, mein Junge. Die Kälte dieses Ortes verträgt sich nicht gut mit alten Wunden. Du musst dich fragen, was mich in deine Räume führt, anstatt dich in meine rufen zu lassen. Der Grund dafür ist schlicht; ich habe versprochen, dich selbst davon zu unterrichten, und ich breche niemals mein Wort, selbst dann nicht, wenn ich es einem Ungläubigen gegeben habe.« Malchik fühlte die Kälte, die den Raum erfüllte und bis zu seinen Knochen vorzudringen schien. »Ich bin doppelt geehrt, Mon Seig- neur«, sagte er, und er war in der Tat beeindruckt, dass es der alte Mann auf sich genommen hatte, sich die Treppen von der Halle hinaufzumühen, nur um ihn zu sehen. Der Doyen seufzte. »Ich dachte, ich sollte der Überbringer der Neuigkeiten sein«, sagte er. »Jean Sorel neigt dazu, schroff in seiner Art zu sein, und du solltest es von keinem Geringeren hören. Deine Schwester und dein Vater sind gefasst worden, gemeinsam mit ihren Begleitern; sie sind meine Gefangenen.« Malchik hörte, wie er selbst nach Luft schnappte. Die Kälte zog die Farbe aus seinem Gesicht, und er begann zu zittern. Der Doyen legte Malchik seine Klauenhand auf den Kopf. »Wie ich es mir schon gedacht habe«, sagte er freundlich. »Diese Nachricht bewegt dich, und das sollte sie auch. Mein ältester Sohn hat sich der Kal- ten verschrieben, und es scheint, dass der Preis der Verlust jeder menschlichen Regung war. Auch wenn ich das Opfer, das er ge- bracht hat, zu schätzen weiß, fürchte ich doch, dass er, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, meine Kehle durchschneiden würde, wenn es seinem Zweck dienlich wäre. Er ist nicht mehr der Mann, den ich einst kannte. Du, Kind, empfindest noch immer, menschliche Freundlichkeit und bist betrübt von dem Schicksal deiner Verwandten. Aber sie müssen sterben. Sie sind Wanderer und Schamanen, und ich kann ihnen keine Gnade erweisen, ebenso wenig wie ich es raubgierigen Wölfen gegenüber könnte.« »Mon Seigneur –«, setzte Malchik an. Er fühlte sich schwach, und dunkle Schwaden zogen vor seinen Augen vorbei. »Wie geht es meiner Schwester?«, fragte er und biss sich auf die Lippen. »Sie ist ein Mädchen, das nicht ohne Courage ist. Ich habe oft festgestellt, dass die Frauen dieses Volkes über mehr Mut verfügen als die Männer. Ich halte es für das Beste, wenn du sie nicht siehst. Ich werde nach dem Biskopa von Yonar schicken, damit er ihre Verbrennung beaufsichtigt. Sei versichert, dass sie nicht leiden wird: Opfer wie sie werden erdrosselt, bevor das Feuer entzündet wird.« Malchik stand kurz vor dem Zusammenbruch. Er hob die Hand vor die Augen und schlug dabei seine Brille hinunter. »Bitte ent- schuldigen Sie, Mon Seigneur«, sagte er. Er wünschte, er könnte in seinem Herzen Hass gegen diesen alten Mann verspüren, doch alles, was er empfand, war die Freundlichkeit des Doyens hinter diesen schrecklichen, wahnsinnigen Worten. »Eines Tages wirst du mit ihrem Schicksal im Reinen sein«, sagte der Doyen. »Du wirst die Gerechtigkeit meines Urteils begreifen. Ich werde dich jetzt deinen Gedanken überlassen, Junge.« Er bückte sich, um Malchiks Brille vom Boden aufzuheben, und reichte sie ihm. »Möge die Mutter selbst dir Frieden geben und dich zu einer Versöhnung mit dem wahren Weg führen«, sagte er. Malchik sprang auf und half dem alten Mann dabei, sich vom Stuhl zu erheben. Er wagte nicht, ihm ins Gesicht zu blicken. Er führte den Doyen zur Tür und fühlte die Stärke dieses zerbrech- lichen Körpers in seinem Arm. Als der Doyen an die hölzernen Pa- neele klopfte, öffnete Cluny die Tür und blieb draußen stehen, um seinen Vater hindurchzulassen. Eine bewaffnete Wache wartete da- rauf, den Doyen wieder in seine Räume zu geleiten. Die beiden Männer traten ins Zimmer zurück. Einen Augenblick lang herrschte eine schreckliche Stille, bevor sich Malchik schwer, auf den Boden sinken ließ und seinen Kopf in die Hände stützte. »Mein Gott, Cluny, was soll ich nur tun?«, sagte er. »Es tut mir so schrecklich Leid«, sagte Cluny und hockte sich ne- ben ihn. »Cluny – meine Schwester – wie ging es ihr?« Cluny zuckte kaum merklich mit den Achseln. »Ich sah sie nur einmal, als sie vom Podium zu den Verliesen gebracht wurde. Sie schien mir zu jung, um auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu wer- den. Und dein Vater zeigte keine Furcht, als er zur Folter geführt wurde. Das ist alles, was ich sagen kann.« »Folter?«, flüsterte Malchik. »Jean Sorel glaubte, man solle ihn dazu bringen, zu enthüllen, was er von unserer Anwesenheit hier weiß, und von dem Pakt mit der Kalten. Wir – sie – müssen herausbekommen, was die Fremden in Erfahrung gebracht haben. Und er ist ein Spion für die Frem- den.« Malchik packte Cluny am Arm. »Du verstehst das doch, oder, Cluny? Ich muss sie retten.« Cluny runzelte die Stirn, und seine tief liegenden Augen mieden Malchiks Gesicht. »Es gibt nur wenig, was du oder ich tun könn- ten, um ihnen ihr Schicksal zu erleichtern.« Er warf einen Blick zu seiner Staffelei. »Tatsächlich gibt es doch etwas, das ich tun kann. Aber du müsstest sie alle hierher zu mir bringen, in diesen Raum.« »Wie soll ich das machen?«, fragte Malchik niedergeschlagen. »Ich weiß nicht – doch wenn es dir gelänge, könnte ich mein Bild benutzen, um sie zu befreien. Aber es ist müßig, dir das zu sagen und dich mit sinnloser Hoffnung zu quälen. Dein Vater und deine Schwester sind in den Verliesen; der schwarze Mann ist ein Gefan- gener auf Ehrenwort, auch wenn er nicht im Turm ist, und meine Halbschwester Casildis ist dem Tode nah, denn sie wurde von ei- nem Pfeil verletzt. Sie wurden gefasst, als sie versuchten, dir zur Ret- tung zu kommen.« Malchik stand auf. »Ich muss etwas tun, Cluny«, sagte er. »Ich war immer derjenige, der andere in Gefahr gebracht hat. Es ist mei-, ne Schuld, dass sie gefasst wurden. Heute Nacht werde ich versu- chen herauszufinden, wo Govorin und Casildis gefangen gehalten werden. Wirst du mir helfen?« Cluny sah zu ihm auf und brachte ein schwaches Lächeln zustan- de. »Ich glaube, du kennst die Antwort auf diese Frage, Malchik«, sagte er. Annat lag in der Dunkelheit auf dem Boden und hatte ihr Gesicht mit der Hand bedeckt. Seit einiger Zeit hatte sie nun keine neuen Schmerzen mehr verspürt, doch all ihre Knochen taten weh, und ihre Haut schmerzte, sobald sie etwas berührte. Sie konnte keine angenehme Position finden, wie auch immer sie sich legte, und sie konnte nicht schlafen. Sie hatte keine Vorstellung davon, ob es Nacht oder Tag war. Vielleicht schon vor einigen Stunden hatte ei- ne der Wachen die Tür aufgestoßen und eine Schale mit saurem Wasser und ein Brett mit kaltem, schmierigem Fleisch hereinge- schoben. Als der Mann Annat auf dem Boden zusammengekrümmt liegen sah, hatte er in sich hineingelacht und war davongegangen. Sie begriff nicht, wie jemand so verrohen konnte, dass er sich am Anblick des Leidens anderer erfreuen konnte. Nach einer Weile hatte sie das Wasser getrunken und das Fleischbrett in den Abort geleert. Es war mehr als wahrscheinlich, dass es Schweinefleisch war, das man ihr gebracht hatte, um sie zu verhöhnen. Unvermutet spürte sie eine Bewegung in der Dunkelheit. Annat rührte sich nicht, sondern stellte sich vor, dass es nur das Kraftfeld war, das sich wieder stabilisierte, weil Sari sich näherte. Dann plötz- lich hallte eine schwache, heisere Stimme in ihrem Kopf, kühl wie das Wasser, das sie getrunken hatte. »Annat.« Einen Moment lang glaubte sie, es sei ihr Vater, der nach ihr rief, doch als sie sich aufsetzte, gewahrte sie eine leuchtende, unscharfe Gestalt vor ihr. Es waren die Umrisse von Isabel Guerreres, der er- mordeten Schamanin, die in ihrem geblümten Kleid und ihrem ro-, ten Haar, welches wie ein entferntes Leuchtfeuer glühte, vor ihr stand. »Isabel«, flüsterte sie. »Wie bist du hier hereingekommen?« »Ich war bei deinem Vater, Annat, doch es gibt nichts mehr, was ich für ihn tun kann. Deshalb bin ich nun zu dir gekommen.« Sie hockte sich nieder, und ihre zarte Hand streichelte Annat über das Haar. Annat fühlte den kühlen Lufthauch wie einen sanf- ten Wind. »Isabel, was kann ich tun?«, fragte sie jämmerlich. »Das Kraftfeld in der Zelle hält meine Macht in mir eingeschlossen.« »Es gibt so wenig, was ich tun kann, und ohne mich kannst du überhaupt nichts ausrichten«, sagte Isabel traurig. »Ich bin wenig mehr als ein Geist, ein Schatten ohne Körper, und ein Atemhauch der Kalten kann mich davonblasen wie Wolkenfetzen.« Annat spürte etwas Hartes in ihrem Kleid, das gegen ihre Brust drückte. Als sie danach griff, um es herauszuholen, fielen ihr die Worte des Rashims ein. Staub von der Stirn des Golems, um etwas Leblosem einen Körper zu verleihen. Sanft wog sie das Kästchen in ihrer Handfläche und blickte auf den Schein des Perlmuttdeckels. »Isabel, wenn ich dir einen Körper geben könnte, wärst du dann in der Lage, den Ring der Macht zu durchbrechen?«, fragte sie. Isabel zuckte leicht mit den Schultern. »Wenn du mir einen Kör- per verleihen könntest, wäre ich sowohl Leib als auch Schatten«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme. »Aber ich bin ein Geist. Auch wenn ich durch Steinmauern gehen kann, die sechs Fuß breit sind, kann ich keine eisernen Fesseln lösen.« »Vielleicht ist das nur ein Traum«, sagte Annat zu sich selbst. »Vielleicht werde ich gleich erwachen und mich selbst im Bett in Sankt Eglis vorfinden.« Sehr vorsichtig öffnete sie das kleine Käst- chen. Sie konnte nicht sehen, was sich im Inneren befand, doch sie hob es empor und blies über die Oberfläche. Ein feiner Staub, der wie Glimmer glitzerte, stieg in die Luft auf und wehte zu Isabel hin- über, die ein leichter Schauer überfiel, als er sich ihr näherte. Wäh- rend Annat zusah, lief ein Zittern über die Gestalt des Geistes, die, zu zerfallen und in farbige Teilchen zu zerbrechen begann, die durch die Luft schwebten. Annat wartete und beobachtete, wie die sanft tanzenden Splitter sich zusammenfanden und wie sie sich zu neuen kleinen Anhäufungen formierten. Eine Scherbe glitzerte wie ein Stück Silber, eine andere war tiefrot wie gefärbtes Glas und eine dritte von einem verwaschenen Blau, durch das das Licht flutete wie der gefilterte Sonnenschein eines Tages. Annat hielt den Atem an und fragte sich, ob sie Zeugin einer Auflösung oder einer begin- nenden Veränderung wurde. Langsam fügten sich die Stückchen zusammen und verbanden sich, wobei ihre Farben ineinander liefen. Nachdem sie einen glü- henden, klebrigen Ball geformt hatten, begann dieser, sich auf dem Fleck zu drehen. Der Anblick ließ Annat schwindeln, und sie war gezwungen, die Augen zu schließen. Es war kein Laut zu hören, bis am Schluss ein klarer, glockengleicher Ton erklang, der süß wie zer- berstende Eiszapfen war. Als Annat die Augen öffnete, stand Isabel vor ihr, noch immer schwach strahlend, doch undurchsichtig, eine massive Gestalt mit den Farben und den Schatten des Lebens. Isabel seufzte. »Wenn nur deine schöne Magie mir auch mein Le- ben zurückgeben könnte«, sagte sie in heiserem Flüstern. »Aber sieh nur, ich verfüge nun über einen Körper. Ich habe den Körper einer Sterblichen und die Macht eines Geistes. Schau!« Sie griff in die schwachen Stränge aus pulsierendem Violett, die den Machtkreis bildeten, welcher die Wände der Zelle band, und riss sie auseinander, schleuderte sie in Funken brennenden Blaus fort. Dieses Mal gab es kein Feuer und auch keinen Blitz, wie es der Fall gewesen war, als Yuda das Kraftfeld durchbrochen hatte. Isabel stand in einem Regen aus lilafarbenen Kristallscherben, die auf sie niederprasselten und sich ohne Schaden am Boden auflös- ten. »Isabel«, sagte Annat leise. Der Druck in ihrem Schädel war ver- schwunden, und sie konnte wieder leicht durchatmen. Die Gestalt der jungen Frau sah sie traurig an. »Ich wünschte, ich könnte auch Sari so mühelos zerstören«, sagte, sie, »doch die Göttin beschützt ihn.« »Isabel, kannst du mich hier rausbringen? Ich muss Tate finden, bevor sie ihn töten.« »Ich glaube, ich kenne einen Weg«, sagte Isabel. Ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf ihren Gesichtszügen ab. »Dies ist nicht das erste Verlies, aus dem ich fliehe.« Und sie bückte sich, um die Wasserschale aufzuheben, die bei der Tür stand, wo Annat sie zurückgelassen hatte. Es gab in der Halle ein großes Fest, um die Ergreifung der Gefan- genen zu feiern. Der Doyen saß am hohen Tisch und wurde von Cluny und anderen Jünglingen bedient, während Malchik einen Ehrenplatz an seiner Seite innehatte. Sari saß zur Linken des Do- yens und aß mit gutem Appetit, während Malchik in seinem Essen stocherte und sein Kopf voller Entsetzen und dunkler Gedanken war. Das Fest schien schon Stunden zu dauern, und all die Ver- gnügungen, Jongleure, Hofnarren und Zauberkünstler, hatten nur die Kälte, die in ihm aufstieg, verstärkt und ihn an seine Familie er- innert, die irgendwo unter seinen Füßen im Dunkeln angekettet war. Er hatte bemerkt, dass Sari gegangen war, bevor das Fest zu Ende war, und hätte fast darum gebeten, sich ebenfalls zurückzie- hen und ihm folgen zu dürfen, doch er hatte geschwiegen. Es gab nichts, das er für Yuda oder Annat hätte tun können; Wachen, dicke Mauern und möglicherweise starke Magie würden sie binden. Spät in der Nacht lag Malchik in seinem Rollenbett in Clunys Zimmer. Immer wieder kreisten die gleichen Gedanken in seinem Kopf. Wenn er richtig verstanden hatte, war Govorin nicht in eine Zelle gesperrt worden, und Casildis war in der Obhut eines Arztes und war keine wirkliche Gefangene. Er lag reglos und lauschte auf die Uhr über dem Haupthof der Burg, die die Stunde schlug, und als zwei Uhr verstrichen war, beschloss er, zum Schlag auszuholen. Er setzte sich im Bett auf und überlegte, ob er Cluny wecken soll- te. Doch während es möglich wäre, dass Malchik durch das Gemäl-, de entfliehen könnte, würde Cluny bleiben müssen und Malchik wollte den Verdacht so wenig wie möglich auf ihn lenken. Er klet- terte aus dem Bett und setzte seine Brille auf. Er trug ein langes, weißes Nachthemd, das ihm von Cluny geliehen worden war; es war bitterkalt in dem Zimmer, obwohl der Ofen noch immer glüh- te. Malchik suchte nach einem überzähligen Umhang und bemühte sich, dabei nicht allzu viel Lärm zu machen; dann zog er ihn sich zitternd über die Schultern. Er schlüpfte in seine Pantoffeln und glitt so gewappnet aus dem Raum auf den Treppenabsatz. Cluny rührte sich nicht. Eine weitere Tür war seitlich in den Turm einge- lassen und erhob sich einige Fuß über der, die zu Clunys Zimmer führte. Malchik wusste, sie würde zu einem der Korridore führen, die die vier Türme der Burg verbanden. Er öffnete sie ein Stück und spähte in einen langen, breiten Gang, der von Leuchtern an den Wänden erhellt wurde und verlassen wirkte. Nur die Schatten und die Spuren des Mondlichts waren zu sehen, das durch die Lichtgaden in den Mauern hereinfiel, die zum Innenhof hinausführ- ten. Malchik trat auf den Flur, dessen Steinfliesenboden von lan- gen, wollenen Läufern bedeckt war, die sich von einem Ende bis zum anderen erstreckten. Zu seiner Rechten befand sich eine lange Reihe verschlossener Türen. Einen Augenblick lang stellte er sich vor, wie er sie eine nach der anderen öffnete, sich entschuldigte und den Kopf wieder zurückzog. Es gab vier solcher Korridore in jedem Stockwerk, und die Burg selbst war dreigeschossig. Malchik lief den Korridor entlang. Mit Steinfliesen als Bodenbe- lag gab es keine knarzenden Bretter, die ihn hätten verraten kön- nen, und der Teppich dämpfte seine Schritte. Er fragte sich, ob alle Türme bewacht waren. Wenn es Wachposten am Hauptportal gab, blieb die Frage, wie viele in der Burg ihren Wachdienst versahen und wo sie platziert waren. Sari hatte keine Wache vor dem Raum zurückgelassen, den er mit Cluny teilte, sodass der Erbe anzuneh- men schien, dass entweder Cluny ein Auge auf seinen Begleiter hat- te oder dass Malchik selbst vertrauenswürdig sei. Es musste schnell, gehen, doch noch immer hatte er keine wirkliche Idee, wie er die Suche beginnen wollte. Im Moment war er auf dem Weg in die Pri- vatgemächer des Doyens im südwestlichen Turm. Mit Sicherheit würde es dort einen Wachposten geben, und es könnte möglich sein, ihn zu fragen, wo sich die Gefangenen aufhielten. Als Malchik die Tür am anderen Ende des Gangs erreicht hatte, zögerte er. Er hatte keine Ahnung, ab wann der Haushalt beginnen würde, sich zu regen. Er legte die Hand auf die eiserne Türklinke und hielt inne, bevor er sie verstohlen öffnete. Eine gesenkte Pike erschien vor seinem Gesicht, und eine raue Stimme bellte: »Wer dort?« Malchik starrte in das im Schatten liegende Gesicht, das von einem konischen Helm mit einem tiefgehenden Nasenschutz ver- deckt wurde. »Freund«, sagte er schwach und zog in dem Versuch, sein Nacht- gewand zu verbergen, den Umhang fester um sich. »Wie lautet das Passwort für diese Nacht?«, fragte die Wache miss- trauisch. »Ich habe keine Ahnung«, sagte Malchik. »Ich suche die Latri- nen.« Die Wache hob die Pike und sagte: »Dies sind die Gemächer des Seigneurs, Junge, und niemand außer seinen Verwandten oder de- nen, die das Passwort kennen, dürfen eintreten. Um zu den Latri- nen zu kommen, gehst du besser wieder zurück in den Nordwest- turm und folgst dem Gang. Du wirst sie im Grundgeschoss des Nordostturmes finden. Ich bezweifle, dass du nach dem Fest heute Nacht der Einzige sein wirst.« »Einsame Aufgabe, was, Wache zu schieben, während die anderen feiern?«, sagte Malchik, als er sich auf den Flur zurückzog. Die Wache nickte. »In der Tat eine einsame Tätigkeit, Junge. Die Burschen an den Toren haben sich wenigstens gegenseitig zum Un- terhalten. Selbst die Gefangenenwärter haben ihre Freuden. Aber es gibt reichlich wenig von uns Nachtwachen. Wozu sollten sie uns brauchen, wenn sie Magie und Ähnliches haben, um die Gefange- nen sicher zu verwahren? Und nun wünsche ich dir eine gute, Nacht.« Malchik dankte ihm und entschuldigte sich, dann trat er hinter die Tür. Er hastete den Flur zu Clunys Turm zurück und betrat die Treppe. Dort gab es einen anderen Eingang, der sich zum nördli- chen Gang öffnete; er eilte hindurch und hoffte, sein Herz würde aufhören, so schnell zu schlagen. Mit großer Sorgfalt schloss er die Tür hinter sich, hielt dann inne und nahm einige tiefe Atemzüge, um sich selbst zu beruhigen. Wenigstens hatte er eine Entschuldi- gung, falls ihn jemand fragen sollte, warum er nächtens durch die Burg wanderte. Nun sah er sich zu seiner Linken einer weiteren Reihe glatter Tü- ren gegenüber und etlichen hoch eingelassenen Fenstern zu seiner Rechten. Gerade wollte er einen Schritt den Flur hinunter machen, als ihm etwas ins Auge fiel und sein unruhiges Herz wieder zum Pochen brachte. Am anderen Ende des Flurs glitt eine große Ge- stalt in gespenstischem Weiß entlang. Einen Moment lang war er sich sicher, dass er einen Geist gesehen hatte, bis ein Mondstrahl auf die Gestalt fiel und ein langes Gewirr strahlend blonder Haare beleuchtete. Es war Casildis. Sie kam Malchik entgegen wie ein Phantom, das durch die Mond- strahlen schritt. Ihre Schönheit in diesem Zwielicht war unwirklich, als ob sie der Geist der Strahlenden war, die ihn aufsuchte. Als sie nur noch wenige Meter voneinander entfernt waren, blieb sie ste- hen und blickte ihn fragend an. Malchiks Stimme blieb ihm im Hals stecken. »Es tut mir so Leid, es tut mir so Leid«, sagte er gepresst. »Mein Ehemann ist ein Gefangener auf Ehrenwort, doch Yuda und Annat sind in den Verliesen«, sagte Casildis kühl. »Ich wurde angeschossen und verwundet, doch dann nahm Zhan Sari meine Heilung in eigene Hände. Aber du bist vom Doyen empfangen wor- den und weilst hier als sein Gast…« Malchik unterbrach sie und versuchte, den Schmerz, den ihre Worte verursachten, zu ignorieren. »Wir müssen hier herauskommen, Casildis«, sagte er und spürte,, wie er rot wurde. »Wir müssen Govorin finden und ihn in Clunys Turm bringen. Cluny kennt einen Weg, wie er uns zur Flucht ver- helfen kann.« Dann zögerte er, als etwas von dem, was sie gesagt hatte, bei ihm ankam. »Zhan Sari hat dich geheilt?« »Nun bin ich für immer seine getreue Dienerin«, sagte Casildis bitter. »Aber warum sollte ich dir vertrauen, Malchik? Sie haben mir berichtet, dass du meinem Vater die Gefolgschaft geschworen hast.« »Casildis, du musst mir vertrauen. Es ist deine einzige Chance«, sagte er eindringlich. »Wenn ich hier noch viel länger bleibe, wird die Göttin mich überwältigen. Aber es ist nicht zu spät – noch nicht. Bitte hilf mir.« Casildis schüttelte den Kopf. »Selbst wenn ich bereit wäre, dir zu helfen: Govorin ist in einem Raum eingeschlossen, und ich habe keinen Schlüssel. Und wenn er bleiben muss, werde ich es auch tun.« Malchik trat näher. Ihre Augen waren wunderschön, glänzend und klar. Auch wenn sie ihn misstrauisch anblickten, fühlte er, dass er all sein Vertrauen in diese Frau legen und sein Leben auf sie set- zen konnte. »Wenn wir nichts tun, solange wir die Gelegenheit haben, dann werden sie Annat verbrennen«, sagte er. »Ich habe dem Doyen un- ter Zwang die Gefolgschaft geschworen. Welche Wahl hatte ich? Bitte, führ mich zu Govorin. Ich werde euch nicht verraten. Wenn du mir nicht glaubst, können wir zu Cluny gehen, und er wird für mich bürgen. Aber wir haben so wenig Zeit!« Casildis sah ihn an. »Ich vertraue dir, Malchik«, sagte sie. »Ich habe keine andere Hoffnung. Nur wir beide sind frei und können die Flure der Burg betreten. Ich werde dich zu Govorin führen, doch höre: Wenn du uns verrätst, wirst du durch meine eigene Hand sterben!«,

KAPITEL 18 Isabel hielt die Schale in einer Hand, ging zur Zellentür und be-rührte das Schloss. Vor Annats Augen zerschmolz das Metall

und tropfte auf den Boden, wo es zischte und dampfte. Ebenso, wie sie den Machtkreis durchbrochen hatte, der die Zelle umschlos- sen hatte, zerstörte Isabel nun die einzige Barriere, die sie von ihrer Flucht abhielt. Vielleicht war es das, was sie gemeint hatte, als sie sagte, sie habe den Körper einer Sterblichen und die Macht eines Geistes. Isabel hob den Kopf und lächelte Annat zu, dann führte sie einen Finger an die Lippen. Wenn sie das Schloss aufgebrochen hätte, hätte es ein lautes Geräusch gegeben; auf diese Weise jedoch würde es kein Anzeichen dafür geben, wie Annat die Flucht gelungen war, von einer kleinen, abkühlenden Metalllache auf dem Boden abgese- hen. Draußen in dem steinernen Gang war niemand zu sehen, und es gab kein Geräusch bis auf das Zischen der Pinienfackeln, die in ihren Eisenhaltern an den Wänden brannten. – Die Wärter befinden sich in dieser Richtung, dachte Isabel und dreh- te sich nach links. Folge mir, doch bleib außer Sicht. Ihr Raum ist im Grundgeschoss dieses Turmes. Annat folgte ihr den Flur hinunter und blickte nervös zu den ver- schlossenen Zellentüren auf beiden Seiten. Sie erwartete immer wie- der, dass Jacques oder Guyot aus den Räumen kommen und sie pa- cken könnten. Isabel ging selbstbewusst mit hoch erhobenem Kopf; sie wiegte die steinerne Schale in ihren Armen, und Annat bemerk- te, dass sie barfuß über das zertretene und schmutzige Stroh lief. Als sie zum Eingang des Turms gelangten, hieß Isabel Annat hinter der Tür warten und öffnete sie vorsichtig. Annat lugte durch den Spalt zwischen den Scharnieren und sah, dass ein gelbes Licht die kleine Kammer unten erfüllte, in der Jacques, der Wärter, und sein Kumpel Guyot an einem Holztisch saßen, sich mit leisen Stimmen, unterhielten und Karten spielten. Sie blickten überrascht auf, als Isabel den Raum betrat. Sie musste eine erstaunliche Gestalt für sie sein mit ihrem gestutzten, roten Haar, dem scharlachroten Schal um ihren Hals und dem kurzen Kleid, das kaum ihre Knie bedeckte. Ein schlankes, verwahrlostes Kind mit dem Gesicht einer Frau. »Was kann ich für dich tun, meine Schöne?«, fragte Jacques mit gespielter Höflichkeit. »Ich kann mich nicht daran erinnern, dein Gesicht in den Küchen gesehen zu haben. Und ich erinnere mich immer an ein hübsches Gesicht.« »Ich bringe euch auf Geheiß des Doyens Wein«, sagte Isabel sanft. Jacques und Guyot wanden sich vor Lachen auf ihren Stühlen. »Nicht diese alte Geschichte«, sagte Jacques und rieb sich die Au- gen. »Jemand will fliehen, deshalb schicken sie uns ein Mädchen mit einem Krug versetzten Weines. Nun, mich könnt ihr nicht her- einlegen. Komm her, und gib mir einen Kuss.« »Nein, es ist nicht diese Geschichte«, sagte Isabel und hieb ihm die Schale hart auf den Kopf, wobei sie das Steingut in tausend Teile zerschmetterte. Während Jacques ohnmächtig von seinem Stuhl rutschte und Blut durch seine Kopfhaut quoll, sprang Guyot von seinem Sitz auf, zu erschrocken, um nach den Wachen zu ru- fen. Bevor er seine Sinne wieder beisammen hatte, hatte Isabel ihn mit einem raschen Schlag mit der Handkante auf die Oberlippe aus dem Gefecht gezogen und er fiel, aus der Nase blutend, nach vorn. »Keineswegs diese alte Geschichte«, sagte Isabel. Annat schnappte nach Luft; fast hätte sie gelacht, denn das Schicksal der Wärter war auf diese Weise rasch und endgültig besiegelt worden. Sie kam aus ihrem Versteck und fand Isabel dabei, wie sie einen Schlüsselbund von Jacques' Gürtel löste. – Sind sie tot? – Natürlich sind sie tot. Isabel richtete sich mit den Schlüsseln in der Hand auf. Aus ihren meergrünen Augen blickte sie zu Annat und dachte: – Wie gut es tut, dass ich meinen Körper und meine Stärke wiederhabe. Weißt du, wie lange diese Veränderung andauern wird?, – Nein, das weiß ich nicht, dachte Annat als Antwort. – Es bedeutet mir so viel. Aber nun suchen wir deinen Vater. Sie hielt inne. – Du musst stark sein. Es wird ihm nicht helfen, wenn du zu weinen beginnst. – Ich bin stark. Annat schauderte kurz vor Angst. Sie war sich nicht sicher, dass sie ihren eigenen Gedanken glaubte. Isabel berührte ihren Arm und lächelte traurig. – Vertrau mir, dachte sie. Sie geleitete Annat durch den Raum der Wärter und durch die Tür am anderen Ende, die zu einem Korridor führte, der dem sehr ähnlich war, den sie gerade verlassen hatten. Annat zitterte und spürte Yudas Anwesenheit bereits, bevor sie ihn gefunden hatten. Ohne ein Wort nahm Isabel ihre Hand in ihren kalten Griff und führte sie den Flur entlang, bis sie an der Tür zur letzten Zelle auf der linken Seite angelangt waren. Während Isabel am Bund nach einem Schlüssel suchte, der die Verriegelung öffnen würde, hieb Annat plötzlich mit einem schwachen Ruf mit der Hand gegen die Tür. Sie schwang auf. Als sie eintraten, nahm Annat rasch mehrere Dinge gleichzeitig wahr. Dieses Verlies war viel größer als jenes, in dem sie gefangen gehalten worden war, und das Kraftfeld war versiegt. Yuda war auf der gegenüberliegenden Seite mit den Armen über dem Kopf an die Wand gekettet; er schien in Blutrot gekleidet zu sein. Im Licht der Fackeln, die an den Wänden brannten, sah sie Zhan Sari nahe bei ihrem Vater stehen, zu nahe. Ein Schauer des Abscheus lief ihr den Rücken hinunter, als Annat sah, was der Raum sonst noch beher- bergte: die Pfanne mit den glühenden Kohlen, das Brandeisen und das Messer. Sie wollte nicht weinen, wie Isabel es befürchtet hatte; Annat wurde von entsetzlichem Zorn erfasst, und sie sah sich selbst vor ihrem geistigen Auge, wie sie das Eisen nahm und Saris überhebliches Gesicht damit versengte. Doch Sari blickte gar nicht hochmütig, als er sich umwandte, um zu sehen, wer das Verlies betreten hatte. Obgleich seine Züge zu- nächst noch ein seltsames Lächeln zeigten, wich alle Farbe aus sei-, nen Wangen, als er Isabel erkannte, und er sank auf die Knie und verdeckte seine Augen, um sie nicht sehen zu müssen. Annat fragte sich nach dem Grund für diese plötzliche Furcht. »Ich bin es, Zhan Sari«, sagte Isabel mit kratzender Stimme und ging quer durch den Raum zu ihm. »Es gibt einige Dinge, die nicht einmal du töten kannst. Erinnerst du dich noch daran?« Mit diesen Worten riss sie den Schal von ihrem Hals und entblößte einen hässlichen Schnitt in ihrer Kehle. »Nicht du«, sagte Sari zusammenhanglos. »Jeder andere, aber nicht du.« Isabel beugte sich vor, sodass ihre Gesichter ganz nah beieinander waren. »Ein so mächtiger Schamane, dass ich dich nicht entdecken konnte«, sagte sie. »Aber inzwischen bin ich stark, und du bist schwach. Ich kann dich nicht töten – das ist mir verboten –, aber ich kann trotzdem genug ausrichten.« Sie legte ihm ihre Hand auf die Brust. Mit einem Stöhnen fiel Sari zur Seite und streckte seine Glieder aus wie ein totes Insekt, dann lag er reglos. Isabel machte verächtlich einen Schritt über ihn hinweg und ging zu Yuda, der sich nicht bewegt hatte, seitdem sie die Zelle betreten hatten. Erschlafft hing er mit gesenktem Kopf an der Wand, offenbar ohnmächtig. Annat folgte Isabel langsam. Sie hatte sich eingestehen müssen, dass Yuda keinen blutroten Umhang trug, sondern dass er tatsäch- lich blutüberströmt war. Als sie zu Isabel gelangte und sich zu zwin- gen versuchte, ihn anzusehen, stiegen ihr heiße Tränen in die Au- gen. Ohne sie anzublicken, legte ihr Isabel zärtlich die Hand ins Kreuz. »Wir müssen ihn von dort herunterholen«, sagte sie. »Dann kannst du ihn heilen.« »Das ist zu viel«, schluchzte Annat. »Ich glaube, er wird sterben, bevor ich fertig bin.« Irgendetwas glitzerte in der Dunkelheit über Yudas Kopf. Annat blinzelte und sah, dass es der Stein in dem Ring des Rashims war. Er glühte in dem trüben Licht wie ein winziges Kohlenstück, lebendig, und brennend. Auch Isabel bemerkte es. »Was ist das?«, fragte sie. »Der Rashim hat es Tate gegeben. Er sagte, es sei ein Stein von ge- ringem Wert.« »Vielleicht«, sagte Isabel. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und zog den Ring von Yudas Finger. Als er in ihrer Handfläche lag, schien er vor sprühendem Leben zu pochen und wechselte die Far- be von Rot über Orange bis zu einem wirbelnden Gold. Tief in ih- rem Herzen glaubte Annat, sie könne ein Muster ausmachen: ein seltsames Gebilde, das aus zehn Kreisen bestand, die miteinander verbunden waren, und in jedem stand ein Name in Ebreu. Sie hatte das Gefühl, dass die Kreise größer wurden oder dass sie selbst in die Mitte des Steins gesogen wurde, sodass sie die Namen lesen konnte. Sie erkannte den obersten aus ihrem Delirium wieder, in das sie frü- her am Tag gefallen war, als sie den Schmerz Yudas geteilt hatte: Keter, die Krone. »Was, glaubst du, ist das?«, fragte Isabel. »Ich weiß es nicht – doch der Rashim muss es Tate aus gutem Grund gegeben haben.« Annat nahm den Ring von Isabel entgegen und drehte ihn in ihrer Hand; sie fühlte, wie er sich wie eine winzige Spinne regte. Zehn Sephirot. Dies waren die Worte, die Yuda benutzt hatte. Es war, als ob er versucht hatte, ihr eine Nachricht zukommen zu lassen, eine, die er nicht hatte beenden können. Annat hielt den Ring em- por und streckte ihn in Richtung des Körpers ihres Vaters, um zu sehen, was geschehen würde. Sofort erblühte ein goldenes Glühen in dem Stein, und zehn Kreise wurden auf den Körper Yudas ge- worfen: Keter, die Krone, über seinen Kopf; Daat, das Wissen, über seine Kehle; Tiferet, die Schönheit, über sein Herz; Yesod, die Gründung, über seine Lenden und Malkhut, das Königreich, unter seine Füße. Obgleich Annat die Bedeutung der Namen verstand, wusste sie nicht, welchem Zweck sie dienten. Ehrfürchtig stand sie dort und sah, wie das goldene Licht über Yuda hinwegspülte, und sogar das geronnene Blut verflüssigte sich wieder und begann, in, die Adern zurückzusickern. Eine nach der anderen verheilten die Wunden und hinterließen dunkle Narben. Yuda rührte sich nicht, und Annat fragte sich, ob er mitbekam, was mit ihm geschah. Ob- wohl sein Körper und seine Glieder mit Schnitten übersät waren, schlossen sich die Wunden nach und nach und die Blutergüsse an seinen Händen und Füßen schwanden. »Das ist mehr als Magie«, sagte Isabel. »Euer Rashim muss ein Mann von großer Macht sein.« »Der Rashim hat nur gesagt, dass er den Ring besitzt, nicht, dass er ihn gefertigt hat«, sagte Annat. Schließlich verebbte das goldene Licht, und der Ring in Annats Hand wurde wieder zu einem trüben und leblosen Stein. Sie schloss die Faust darum und fühlte die Wärme. Yudas schlaffer Kopf hob sich, und er öffnete die Augen; ihre Schwärze schien unendlich tief. Er streckte die Arme und zerrte an den Ketten, die ihn hielten; ohne ein Zeichen von Anstrengung riss er sie aus der Wand. »Yuda!«, schrie Isabel kurz und schrill auf, und es war das erste Mal, dass sie irgendwelche Gefühle offenbarte. Er senkte seine Arme, und seine Augen schienen auf der kleinen Frau zu ruhen. »Bist du das, Isabel?«, fragte er leise. Er streckte seine Glieder und trat von der Wand weg, bis ihre Gesichter kurz voreinander waren; sie hatten ungefähr die gleiche Größe. Er war bis auf ein dreckiges Lendentuch nackt, und die dunklen Male bedeckten vorne und hinten seinen Körper. »Was haben sie dir angetan, Yuda?«, fragte Isabel mit schmerzer- füllter Stimme. Er streckte die Hand aus und berührte ihr Gesicht. »Ich hätte nie geglaubt, dich wieder zu sehen, Isy. Und hier am allerwenigsten.« Isabel erinnerte sich an den roten Schal in ihrer Hand und band sich ihn rasch um den Hals, um die Wunde in ihrer Kehle zu ver- bergen. »Ich hatte noch eine offene Rechnung«, sagte sie schlicht. »Ich bin nur ein Geist.« »Du erscheinst mir aber nicht wie ein Geist«, sagte er und be- fühlte das Fleisch an ihrem Arm, wie man liebevoll eine Katze hät-, scheln würde. Es lag eine unaussprechliche Sanftheit in der Art, wie er sie berührte, doch er strahlte nicht das Begehren aus, das er Ca- sildis gegenüber gezeigt hatte. »Es war Annat, die mir einen Körper verliehen hat, indem sie den Staub aus ihrem kleinen Kästchen verwendet hat. Es hat den An- schein, als ob der Rashim vorausgesehen hätte, was ihr benötigen würdet.« Yuda blickte zu Annat, die ihm schweigend den Ring reichte. Er nahm ihn von ihr und streifte ihn sich über den Zeigefinger. Sie war ehrfürchtig sowohl wegen der Stärke, die er gezeigt hatte, als er der Folter standhielt, wie auch wegen der Macht, die sie nun in ihm spürte. Es war, als ob er einen neuen Schatten warf, den sie nicht sehen konnte, riesig und golden. »Du warst da, Natka«, sagte er. »Du warst an meiner Seite.« »Ich konnte nicht helfen!«, schrie Annat. »Aber du bist geblieben«, sagte Yuda leise. Er bemerkte Saris aus- gestreckten Körper auf dem Fußboden und fügte hinzu: »Wir soll- ten besser von hier verschwinden. Sicher kommt jemand, um nach dem Prinzen von Ademar zu suchen. Es sei denn, sie wollen ihn alleine seinem Vergnügen nachgehen lassen.« Annat schauderte. »Er stand so nahe bei dir.« »Besser du denkst nicht mehr daran, Natka. Wohin sollen wir ge- hen, Isy? An diesem Ort muss es vor Wachen nur so wimmeln.« »Wir sollten Malchik finden. Sie haben ihn in einen Turm mit dem Bastardsohn des Doyens gelegt. Ich habe zuerst nach ihm ge- sehen, bevor ich mich um den Rest von euch gekümmert habe.« »Vielleicht möchte er gerne bleiben«, sagte Yuda gepresst. »Das glaube ich nicht, Yuda. Ich habe ihn gesehen, und sein Geist war beladen. Die Kalte hat ihn noch nicht überwältigt.« »Ich möchte wissen, wie du uns hinausschleusen willst, wenn wir den Jungen gefunden haben.« Isabel lachte auf. »Ach, es wird leicht für uns sein, Mister. Hast du keine Vorstellung von deiner neuen Stärke? Du hast die Ketten aus der Wand gerissen.«, Yuda hob seinen rechten Arm und untersuchte die Handfesseln, die an seinem Handgelenk baumelten. Er riss die Kette ab, sodass nur die eisernen Schellen übrig blieben. »Habe ich das getan?«, frag- te er ohne ein Lächeln. Er streckte die Hand aus und nahm Isabels in seine, dann hob er sie zwischen sich. »Wenn ich lebendig aus der Domaine der Göttin zurückkehre, werde ich diesen Ort Stein für Stein niederreißen«, sagte er. »Ich schwöre es bei dem Blut, das sie mir genommen haben.« Ungeachtet ihrer harten Worte nahm Casildis Malchiks Hand in ihren warmen Griff und zog ihn hinter sich her, als wäre er ein klei- nes Kind. Sie gingen den Korridor entlang bis zu einer der glatten Türen, die in die Außenmauern der Burg eingelassen war und sich nicht im Geringsten von den anderen unterschied. Sie klopfte leise an und sagte: »Sergey? Malchik ist hier.« Malchik hörte die Stimme des Sheriffs ohne eine Spur von Feind- seligkeit. »Ist er hier, um das Schloss zu öffnen?« »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Mister Govorin«, sagte Malchik mit zitternder Stimme. »Ist irgendetwas bei dir drin, womit du die Tür öffnen könntest?« »Nicht ohne einen Höllenlärm zu veranstalten«, sagte Govorin kläglich. »Ich habe nichts bei mir, außer dem, was in meinen Ta- schen ist – und diesen Anhänger, den der Rashim von Chorazin mir gegeben hat.« »Was ist das?«, flüsterte Malchik. »An seiner Stelle hätte ich es Casildis gegeben. Ich habe nie daran gedacht, in das Medaillon zu schauen – er sagte, da sei ein Juwel –, aber ich kann mir nicht denken, was es groß nutzen soll…« Es gab eine Pause und dann hörte Malchik Govorin sagen: »Verdammt soll ich sein. Da ist ein goldener Schlüssel drin. Ist das nicht Ironie des Schicksals?« »Ich habe immer noch das Fadenknäuel, das er mir gegeben hat«, sagte Casildis nachdenklich. »Was, wenn er unsere Schwierigkeiten, vorausgesehen hat und uns Geschenke gegeben hat, die uns helfen sollen? Vielleicht solltest du versuchen, ihn ins Schloss zu stecken.« »Er ist zu klein, mein Liebling. Wie etwas, das für eine Puppe ge- dacht ist«, sagte Govorin. »Versuch es doch einfach, Mister, bitte!«, sagte Malchik sanft und drängend. »Ich sehe sonst keine andere Chance.« Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen, das von einem schwachen Rütteln und Klicken unterbrochen wurde; dann schwang die Tür geräuschlos auf, und Govorin stand vor ihnen. »Verdammt soll ich sein«, wiederholte er. »Ein Nachschlüssel!« Dann fiel ihm Casildis in die Arme. Sie küssten sich leidenschaft- lich, und Govorin streichelte ihr über den Kopf. »Bitte beeilt euch«, sagte Malchik ängstlich. Auch wenn sie sich bemüht hatten, keinen Lärm zu machen, fürchtete er beständig, dass ein ruheloser Schläfer den Flur betreten könnte oder dass eine Wa- che auf ihrem Rundgang vorbeikommen könnte. Govorin zog so leise es ging die Tür zu. Nach einer kurzen, geflüsterten Bespre- chung eilten sie gemeinsam zurück zu Clunys Turm, wo sie auf der Steintreppe genau vor der Tür zu seinem Raum Halt machten. »Wir können nicht ohne Yuda und das Rebjonok fliehen«, sagte Govorin. Casildis verschränkte die Arme. »Wir werden mehr als einen gol- denen Schlüssel brauchen, um sie zu befreien«, sagte sie. »Mein Vater hat sie in die Verliese werfen lassen, wo die Wärter sind …« Sie brach ab und biss sich auf die Lippen. »Und die Folterknechte«, sagte Govorin leise. »Sari hat mir be- richtet, was er Yuda anzutun gedenkt. In allen Einzelheiten.« Er schüttelte sich. »Wie dem auch sei. Wir müssen versuchen, sie zu befreien. Es ist besser, nicht über die Risiken nachzudenken. Bist du bereit, Malchik? Du musst nicht mitkommen.« »Das bin ich«, sagte Malchik elend. »Ich kann nicht mehr zurück. Verstehst du nicht? Wenn ich jetzt zurückgehe, bedeutet das, ich muss bei Sari bleiben und wie er werden.« Govorin tätschelte ihm den Arm. »Guter Junge«, sagte er sanft., »Ich weiß, dass in dir ein Kampf tobt. Es wird Zeit, dass wir ge- hen.« Sie stiegen die Wendeltreppe hinunter, Malchik vorneweg, und seine Hand griff nach der kalten Geländerstange. Doch bevor sie am Fuße der Treppe angelangt waren, standen sie Aug' in Aug' mit einer Wache, die den Speer senkte und fragte: »Wer da?« Malchik starrte auf die Metallklinge wenige Fuß von seinem Ma- gen entfernt. Govorin war nur einige Stufen über ihm, und Malchik hatte keine Ahnung, ob die Wache ihn gesehen hatte. »Ich wünsche, die Gefangenen zu sehen«, sagte er mit einer Stim- me, von der er hoffte, sie würde Autorität ausstrahlen. »Und wer bist du?«, fragte der Wachmann, ohne seinen Speer zu heben. »Ich bin Malchik, der Freund von Jean Sorel«, sagte Malchik und spürte, wie seine Stimme zitterte. »Der Erbe hat seine eigenen Angelegenheiten im Verlies zu erledi- gen, und niemand darf ihn stören«, sagte die Wache gehässig. »Es gibt für heute Nacht kein Passwort. Niemand bekommt Zutritt außer den Wärtern. Er hat besondere Gefangene dort unten, und er lässt ihnen besondere Aufmerksamkeit zukommen.« Malchik fühlte sich wacklig auf den Beinen. Er schwankte und griff nach dem Geländer; das Gesicht des Wachpostens schien vor seinen Augen zu verschwimmen. Das Bild von Sari, wie er auf dem Fest speiste, zog an ihm vorüber. Es gab keine andere Möglichkeit, als umzudrehen und zu hoffen, dass der Wachmann Casildis und Govorin hinter ihm nicht gesehen hatte. Er wollte gerade eine Ent- schuldigung murmeln, als etwas geschah, das ihn völlig unerwartet traf. Drei Gestalten näherten sich von der Biegung der Treppe un- ter ihnen, die sich geräuschlos über die Steinfliesen bewegten. Mal- chik verzog das Gesicht, obwohl er jede Regung zu vermeiden ver- suchte, doch ihre bloße Erscheinung war so erschreckend, dass er nicht anders konnte. Yuda war bis auf die Haut entblößt, und sein Körper und seine Glieder waren von dunklen, hässlichen Narben übersät, die frisch geheilt aussahen. Annats Augen waren riesig, und, ihr Gesicht schien beinahe bis auf die Knochen eingefallen zu sein; doch die dritte, Isabel, war menschlich und hatte einen Körper; sie war nicht länger ein Phantom. »Was starrst du so?«, fragte die Wache misstrauisch. »Versuchst du, mich in die Irre zu führen?« Malchik sah den hilflosen Mann an, dem drei Schamanen im Rü- cken standen, und begann, wild zu lachen. Er konnte nicht anders. Der Wachmann wirbelte herum, doch es war bereits zu spät. Ein rascher Feuerball flog aus Yudas Hand und traf die Wache im Ge- sicht, was sie von den Füßen schlug, als wäre sie von einem Blitz getroffen worden. Es gab ein Klirren, als der Speer zu Boden fiel, gefolgt von einem dumpfen Klatschen, als der Körper des Mannes auf den Stufen aufprallte. Yuda rieb die Handflächen gegeneinander und blies hinein. »Ich glaube, wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen, was meinst du, Junge?«, fragte er trocken, als hätte er sein Erscheinen für diesen Augenblick geplant gehabt. Malchik konnte kaum atmen. Er sah nur die Wundmale, die sich über Yudas Körper wanden. Der kleine Mann starrte zu ihm em- por, als erwarte er eine Antwort auf seine Frage. Dann trat Govorin aus seinem versteckten Platz auf der Treppe und sagte: »Mein Gott, Yuda, was haben sie dir angetan?« »Er war einfallsreich, das muss man ihm lassen«, sagte Yuda. »Sol- len wir mit euch hoch gehen, oder wolltet ihr herunterkommen?« Malchik fasste sich wieder etwas. »Mister, ich glaube, Cluny kann uns hier rausbringen … der Bastardsohn des Doyens«, fügte er als Erklärung hinzu. »Er sagte, wenn ich euch alle zu ihm führen wür- de, könnte er etwas unternehmen.« »Ich würde es bevorzugen, auszubrechen und dabei so viele wie möglich zu töten«, sagte Yuda. »Ich bin nicht gerade in versöhnli- cher Stimmung. Lass uns zu deinem Cluny gehen und sehen, was er zu sagen hat. Es sei denn, du möchtest hier bei deinen neuen Freunden bleiben.« Malchik beantwortete dies mit einer Verwünschung. Er war auf, gegenseitige Vorwürfe nicht eingestellt. »Gib dem Burschen eine Chance, Yuda«, sagte Govorin. »Er hat sich selbst in Gefahr begeben, um uns zu helfen. Wir tun besser, was er sagt.« Mit Malchik in Führung stiegen sie die Treppe zu Clunys Raum empor, und Malchik öffnete die Tür. Er zögerte, bevor er zu spre- chen ansetzte, dann eilte er durch das Zimmer und entzündete die Kerze neben Clunys Bett. Er hielt sie so, dass er das Gesicht des jungen Mannes sehen konnte, und zischte: »Cluny, ich habe sie alle hergebracht.« Die anderen betraten den Raum, als er zu Ende gesprochen hatte. Cluny war mit einem Ruck erwacht und setzte sich im Bett auf, dann keuchte er beim Anblick seiner unerwarteten Gäste. »Du hast es geschafft!«, flüsterte er. Malchik bewunderte seine Beherrschung, denn es war ein seltsamer Haufen, der sich dort im flackernden Licht der Kerze zeigte. »Bist du der junge Mann, der glaubt, er kann uns hier lebend her- ausbringen?«, fragte Govorin skeptisch. Cluny schwang die Beine seitlich aus dem Bett und nahm Mal- chik die Kerze aus der Hand, um sie in die Höhe zu halten. In seinem Nachthemd ging er zu ihnen. »Nicht nur mein Bruder beherrscht die Magie«, sagte er. »Ich ver- füge zwar lediglich über eine Fähigkeit, doch die sollte ausreichen.« Er eilte zur Staffelei und zerrte das farbbefleckte Abdecktuch her- unter. Das darunterliegende Bild zeigte eine stilisierte Landschaft unter einem Himmel, der von so blassem Blau war, dass die Farbe sich beinahe in der Luft verlor. »Und wie gedenkst du uns zu befreien?«, fragte Yuda. Cluny sah ihn ernst an. »Sie werden niemals herausfinden, wie ihr fliehen konntet. Ich werde eure Figuren dem Bild hinzufügen, und ihr werdet euch selbst in diesen Teil der Landschaft transportiert finden, von wo aus ihr euch frei bewegen könnt. Wenn sie kom- men, um nach euch zu sehen, wird das Bild wieder leer sein. Nicht einmal Jean Sorel wird Verdacht schöpfen.«, »Aber wird es nicht sehr lange dauern, uns alle zu malen?«, fragte Malchik und warf einen Blick auf seine Begleiter. »Das ist das Schöne daran«, sagte Cluny und nahm seinen Pinsel und seine Palette zur Hand. »Einige Umrisse und Farbspuren soll- ten genügen.« »Am besten malst du mich zuerst«, sagte Yuda und trat nach vorn. Cluny schüttelte den Kopf. »Sie müssen sich vorstellen, dass Sie sich so, wie Sie sind, draußen im Schnee wiederfinden«, sagte er. »Und Sie, Sir, sind so nackt wie ein Wurm.« Yuda grinste. »Sie haben mir die Schuhe weggenommen. Sie ha- ben mir alles weggenommen. Haben wohl gedacht, ich würde es nicht mehr brauchen«, sagte er. Er klopfte Cluny auf die Schulter. »Kein Grund für ein langes Gesicht, Junge. Es war ja nicht deine Idee. Und ich brauche jetzt keine Kleidung. Ich kühle mich immer noch ab.« Als er Clunys verwirrten Blick sah, lachte er. »Mal ein- fach, und lass den Rest meine Sorge sein.« Cluny wandte sich an Casildis. »Aber du, Schwester, musst einige Kleidungsstücke von mir borgen – und du musst dich auch an- ziehen, Malchik. Du kannst nicht in deinen Nachtgewändern drau- ßen durch den Schnee stapfen. Während du dich ankleidest, fange ich an, die anderen zu malen.« Als Malchik in die Garderobe eilte, um seine Kleidung zu wech- seln, spürte er einen scharfen Stich des Bedauerns wegen der Wär- me, mit der Yuda mit Cluny gesprochen hatte. Er fühlte, dass er eine derartige Freundschaft verspielt hatte. Er fragte sich, ob Yuda jemals so wie Casildis glauben würde, dass er sich nicht aus freien Stücken entschieden hatte, gemeinsame Sache mit dem Doyen zu machen, sondern nur unter Zwang. Während er in die Beinlinge schlüpfte und seine ledernen Halbschuhe anzog, hoffte er, dass sie dick genug wären, um den Schnee abzuhalten. Er versuchte sich vorzustellen, wie er sich Yuda wieder annähern könnte, doch ihm kamen keine Einfälle. Als er aus dem Umkleidezimmer zurückkehrte, war Yuda ver- schwunden, und eine seltsame Figur wie ein Stock war auf der, Oberfläche des Gemäldes erschienen. Trotz seines Elends musste Malchik ein Lachen unterdrücken. Cluny arbeitete schnell und kleckste ein Abbild von Isabel auf die Leinwand, indem er Orange für ihr Haar, Rot für den Schal und Farbtupfen für die Blumen auf ihrem Kleid verwendete. Kaum dass er fertig war, machte Isabel ei- nen Schritt auf das Bild zu und verschwand. Während Malchik das Kunstwerk betrachtete, hätte er schwören können, dass er sah, wie sich die beiden kleinen Figuren bewegten. Cluny hatte bereits schwarze Farbe auf seine Palette gedrückt, skizzierte die Umrisse Annats und gab ihr zwei Punkte als Augen und einen Strich als Nase. Govorin beobachtete die Entstehung mit wachsamer Auf- merksamkeit und stützte das Kinn auf seine Faust. Clunys Hand schien sich so schnell zu bewegen, dass es schwer war, ihr zu fol- gen; als sich Casildis zu ihnen gesellte, bekleidet mit einer der bes- seren Tuniken ihres Halbbruders über einem Paar Strumpfhosen, das schon einige Flickereien aufwies, war Annat verschwunden, und Cluny hatte seine Aufmerksamkeit Govorin zugewandt. »Ich frage mich, ob sie schon gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt«, sagte Malchik ängstlich und rieb seine Hände aneinander. »Mit Sicherheit hat mittlerweile jemand in den Verliesen nachgese- hen und festgestellt, dass die Gefangenen fort sind.« Während er sprach, verschwand Govorin im Bild, und nur Mal- chik und Casildis blieben noch zurück. Cluny begann damit, seine Schwester zu malen; bevor Casildis noch Zeit hatte, etwas zu sagen, malte er bereits lange Linien in goldenem Gelb auf die Leinwand, die für ihre Haare standen. »Cluny …«, sagte sie und trat einen Schritt nach vorne. »Ich dan- ke dir. Ich werde dir das niemals vergessen. Und ich wünschte, du könntest mit uns kommen.« »Das wünschte ich auch«, sagte Cluny ohne innezuhalten. Er brachte das Blau ihrer Tunika und das Rostbraun ihrer Strumpf- hose auf die Leinwand, wobei er den Blick nicht von der Staffelei hob, während er arbeitete. Casildis beugte sich vor, um ihre Lippen auf seine Wange zu pressen, und schon war sie verschwunden; sie, überließ Malchik und Cluny allein ihren Gedanken über die klei- nen, nervösen Figuren, die sich nun im Rahmen tummelten. »Ich kann dir nicht angemessen danken«, sagte Malchik, der plötzlich von starken und seltsamen Gefühlen überwältigt wurde. »Du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet. Dass du das für uns ge- tan hast…« Cluny lachte bitter auf. Er malte zwei Kreise für Malchiks Brille und kleckste ein Auge in jeden. »Du ahnst nicht, wie viel es mir be- deutet, meinem Bruder einen Strich durch die Rechnung zu ma- chen«, sagte er. »Er muss gestoppt werden, bevor er uns alle zer- stört. Vielleicht ist es dafür schon zu spät.« Er lächelte Malchik an und unterbrach seine Arbeit. »Ich hoffe, ihr landet irgendwo, wo es sicher ist«, sagte er. Er spritzte Gelb für Malchiks Haare und Leder- braun für seine Tunika auf die Leinwand. »Und ich hoffe, dass wir uns eines Tages als Freunde wiedertreffen«, fuhr er fort. »Wir sind bereits Freunde«, stammelte Malchik. Er machte einen Schritt, doch Cluny war bereits verschwunden. Malchik fühlte das Brausen kalter Luft in seinem Gesicht und nahm den starken Ge- ruch von Leinöl und Hanf wahr. Einen Augenblick lang wurde er zu der kleinen Strichfigur, die auf die Leinwand geschmiert worden war und die wie gebannt ihre farbigen Begleiter anstarrte. Auf der anderen Seite dieser flachen Welt lag das Turmzimmer, gekrümmt wie eine Linse, Clunys Gesicht blickte ihnen entgegen, riesig und verzerrt, und in seiner Hand hielt er den Pinsel. Dann, mit einem schwachen Ploppen wie platzender Blasentang, fiel Malchik in den Schnee, landete zusammengekrümmt und starrte zu den anderen empor. »Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen«, sagte Yuda und sah seinem Sohn mit leichter Belustigung zu, als dieser schwach sei- ne Glieder regte wie ein Käfer, der auf dem Rücken zu liegen ge- kommen war. Dann streckte er seinen Arm aus, zog Malchik auf die Beine und klopfte ihm mit einer solch rauen Freundlichkeit den Schnee vom Rücken, dass es Malchik die Sprache verschlug. »Bist du nicht … Ich wollte nicht …«, stammelte er. Yuda blickte, ihm gerade in die Augen. »Du hast uns hier rausgeholt. Was mich betrifft, sind wir jetzt wieder quitt.« Nachdem sie sich rasch darüber ausgetauscht hatten, was Cluny Malchik über die Lage der Szenerie in dem Gemälde gesagt hatte, machten sie sich auf den Weg durch den weiten, unberührten Schnee in die Richtung, von der sie hofften, sie würde zum Fluss führen. Isabel war die Einzige, die ein Gefühl für den Weg, den sie nehmen mussten, zu haben schien. Sie liefen schnell; Yuda führte sie mit der Geisterfrau an seiner Seite an, rutschte jedoch barfuß wie er war über die Schneedecke. Etliche Male drängte Isabel sie nach links oder nach rechts, bis sie zuletzt einen Hang erklommen und den Zug einige hundert Meter entfernt vor dem Hintergrund blattloser Bäume stehen sahen. Um ihn herum wuselten die Män- ner Ademars mit ihren grünen Umhängen. »Runter«, zischte Yuda, und sie warfen sich flach in den Schnee. Annat kroch auf dem Bauch voran, bis sie neben ihrem Vater zu liegen kam. Sie konnte gerade noch hören, wie er seine Fähigkeit des Sendens nutzte, um seine Gedanken mit Isabel zu teilen, je- doch viel schneller und rätselhafter, als es ihr bislang jemals mög- lich gewesen war. Sie besprachen Entfernungen und Schusslinien mit überraschender Genauigkeit. Die beiden versuchten, die Män- ner, welche die Lokomotive untersuchten, zu zählen, und kamen zu dem Schluss, dass es ungefähr zehn waren. Es war schwer zu beur- teilen, ob sie schon vor einiger Zeit geschickt worden waren, um den Zug zu bewachen, oder ob sie gerade aus der Burg gekommen waren, um die Flüchtenden zu verfolgen. – Nein, das wäre zu schnell gegangen, sendete Yuda ihr. Isy und ich könnten den Haufen ohne Schwierigkeiten loswerden, aber wir würden auch gleich den Zug rösten. Wir müssen sie weglocken. Verstanden? Wir müssen schnell rennen. Annat hatte Schwierigkeiten, bei der Geschwindigkeit seiner Ge-, danken mitzuhalten, doch sie schickte so etwas wie ein schwaches Nicken der Zustimmung. – Gutes Mädchen. Du begreifst schnell. Darum geht's. Er sprang auf: eine sonderbare, nackte Gestalt, die die Männer dort unten aufschreckte. Isabel und Annat taten es ihm gleich. Yuda schrie mit lauter Stimme: »Hey, ihr Dummköpfe! Fickt euch selber und euren Herrn, den Doyen von Ademar.« Seine Worte be- gleitete er mit einer obszönen Geste. Als Antwort ertönte ein Wutgeheul, dann flogen die ersten Pfeile, und die grün gewandeten Männer rasten über den Schnee zu ihnen herüber. Yuda war schon fort; wie ein Hirsch glitt er leichtfüßig über den Schnee und zog Isabel und Annat in seinem Windschat- ten mit sich. Sie rannten die Schienen entlang gen Osten, weg von dem Zug und ihren Freunden. Pfeile flogen ihnen hinterher, und jemand schleuderte einen Speer, der, ohne Schaden anzurichten, neben ihren Füßen zu Boden krachte. Während sie rannten, sen- dete Yuda eine Flut von Anweisungen von Geist zu Geist. Sie steu- erten nach rechts und erklommen den leichten Hang, der von den Gleisen wegführte. Annat fühlte sich, als ob sie auf Luft rennen würden; eine mächtige Verbindung schien sie an Isabel und Yuda zu fesseln, sodass sie mit ihnen mithalten konnte und mühelos über die Oberfläche der Schneewehen gelangte, die ihre Verfolger behinderten und aufhielten. Als sie die Spitze des Hügels erreicht hatten, drehte sich Yuda um. Er befahl Annat, sich zu Boden zu ducken. Mit Isabel an sei- ner Seite vollführte er komplizierte Handbewegungen und schickte einen Energiestoß, den Annat ihn noch nie zuvor hatte benutzen sehen: ein Netz goldener Flammen. Annat wusste, dass er und Isa- bel es gemeinsam woben, aber er war die treibende Kraft. Sie sah, wie die sie verfolgenden Männer im Lauf innehielten, als die Ma- schen auf sie zuflogen; obwohl sie versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen, kam das Netz rasch wie ein großer Vogel auf sie niederge- saust. Die Ritter waren in seinen leuchtenden Schlingen gefangen. Annat beobachtete sie, wie sie gegen die Taue ankämpften, die sich, nur noch fester um sie zu winden schienen, je mehr sie strampel- ten. Einen kurzen Augenblick lang konnte sie schwache Schreie hö- ren, doch sie verstummten langsam. Yuda ballte seine Hand zur Faust. – Jetzt werden wir den Rest erledigen, dachte er. Annat war sein Selbstvertrauen etwas unheimlich. Die Verände- rung an ihm war augenfällig; seitdem sie den Ring des Rashims be- nutzt hatte, um ihn zu heilen, schienen sich seine Kräfte auf eine Art gewandelt zu haben, die sie nicht verstand. Als er an ihr vorbei- ging, fühlte sie eine Hitze von ihm ausgehen wie Dampf aus einer Lok. Es war, als sei er von der Schwelle des Todes zu einem zwei- ten Leben zurückgerufen worden. Sie folgte ihm, und ein wenig sei- ner wilden Freude übertrug sich auf sie selbst. Er, der das Opfer gewesen war, war jetzt der Jäger. Genau wie er sich an die Wunden, die sie ihm beigebracht hatten, erinnern und die Narben auf seinem Körper tragen würde, wünschte er, sie sollten seinen Namen und die Verluste, die er sie würde erleiden lassen, in Erinnerung behalten. Ungefähr vier bewaffnete Männer waren in der Nähe des Zuges geblieben, und Yuda hatte sie im Blick. Annat sah den Ausdruck der Verwirrung und der Furcht in ihren Gesichtern, als sie die Flüch- tigen alleine, ohne ihre Verfolger, zurückkehren sahen. Sie konnten nicht begreifen, wie dieser kleine Mann, die schmale Frau und das schmächtige Kind bewaffnete Ritter besiegen konnten. Einer von ihnen hob unsicher eine Armbrust, ein anderer senkte seinen Speer. Yuda grinste mit der Freundlichkeit eines Wolfes. – Ich nehme die beiden auf der linken Seite, hörte Annat ihn Isabel zu- senden. Das Töten ging schnell und war von brutaler Gründlichkeit. Zu- erst vollführte Yuda mit dem linken Arm die Bewegung einer Sense, eine Klinge aus blauem Feuer flog unter seiner Hand hervor und zischte durch den Raum zwischen ihnen. Sie zerteilte die beiden Männer in der Mitte und mähte sie nieder wie Kornähren, die umfielen und zu Staub zerbröselten. Nun schleuderte Isabel eine, kleine Flamme aus ihrer Handfläche, die in den Himmel aufstieg, zart wie ein Vogel, um dann über den Köpfen der letzten Wachen niederzugehen und sie mit einer Feuerdecke zu umhüllen, die sie zu Kohle verbrannte. Es folgte eine schmerzhafte Stille. Annat emp- fand Mitleid für die Leben, die so schnell ausgelöscht worden wa- ren. Dort, wo die vier Männer gestanden hatten, war nichts als Aschehaufen zu sehen, die über den Schnee verwehten. – Ich hatte vergessen, wie es war, mit dir zu arbeiten, Isy, dachte Yuda. – Es tut gut, Yuda, aber es ist vorbei. – Was meinst du? – Ich muss wieder gehen, nun, wo meine Aufgabe erfüllt ist. Ich bin noch immer nicht mehr als ein Geist, der kommt und geht wie der Nebel. Ich kann nicht bei dir bleiben, um das Ende der Reise mitzuerleben. Yuda schlang seine Arme um sie, um sie fest an sich zu pressen und sein Gesicht in ihrem Haar zu verbergen. Da waren noch an- dere Gedanken zwischen ihnen, doch Annat versuchte nicht, sie zu hören. Sie stand verloren in einiger Entfernung, während Govorin und die anderen langsam aus ihrem Versteck heraus und den Hang empor zu ihnen kamen. Sie musste nicht fragen, wie sich ihr Vater fühlte; seine Traurigkeit drang in ihre eigene Seele, und sie trauerte mit ihm um die tote Freundin, die zu Gast sein konnte, niemals je- doch zu verweilen vermochte. Die beiden Schamanen trennten sich erst, als sich Govorin zu ihnen gesellte, doch Yuda hielt noch im- mer Isabels Hand. »Da ist dein Zug, Mister Govorin«, sagte er. »Ich bin verblüfft«, sagte Govorin knapp. »Ich habe noch nie so ein Schamanenwerk gesehen. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich es noch einmal sehen möchte.« »Nein«, sagte Yuda. »Aber sie hätten uns getötet oder uns zum Sterben zurück nach Ademar gebracht.« Govorin schüttelte den Kopf und klopfte den pudrigen Schnee von seiner Jacke. »Sie haben dich schlimm verletzt, was, Mister?«, fragte er sachlich. Yuda blickte ihm in die Augen, als wären sie zwei Schamanen, und nickte leicht zur Antwort., »Genau wie das Rebjonok«, sage er. »Sie teilt, was ich fühle.« Als Malchik und Casildis zu ihnen stießen, sagte Isabel: »Ich muss gehen. Ich muss alleine bleiben.« »Die Musik beschwört dich herauf«, sagte Malchik schüchtern. »Das Lied vom roten Schiff.« Isabel lächelte ihn an. »Vielleicht«, sagte sie und beugte sich vor, um Yudas Stirn zu küssen. Dann ging sie fort von ihnen, auf den Hang südlich der Schienen zu, ohne noch einen Blick zurück zu werfen. Mit Annat an seiner Seite sah Yuda ihr lange nach.

KAPITEL 19 Sie mussten warten, während Govorin das Feuer auf dem Rost an-fachte, um den Kessel anzuheizen. Selbst Yudas Hilfe beim Be-

feuern konnte den Vorgang der Dampferzeugung nicht beschleuni- gen. Während die beiden Männer arbeiteten, beobachtete Annat ge- meinsam mit Malchik und Casildis den Wald und erwartete jeden Augenblick, Ritter aus dem Morgennebel auftauchen zu sehen. Nur Casildis schien ruhig; als Annat zu zittern begann, zog sie sie näher und wickelte den Umhang fester um sie beide. Malchik war so an- gespannt, als wäre er auf der Flucht, wie ein wilder Hirsch, der auf der Hut vor Jägern ist. Als Annat die weißen Atemwolken sah, die rasch aus dem Mund und den Nasenlöchern ihres Bruders aufstie- gen, wurde ihr klar, dass nun er am meisten Angst vor Sari und dem Doyen hatte. Wenn sie ihn zu fassen bekommen würden, würden sie ihn als Verräter verurteilen und keinerlei Gnade walten lassen. Als endlich der Schornstein eine Dampfwolke auszustoßen be- gann, öffnete Govorin das Ventil, und mit dem Anschwellen des Rauches setzten sie sich in Bewegung. Nachdem Annat von der, Aufgabe entbunden worden war, Wache zu halten, suchte sie in dem Berg ihrer Habseligkeiten im Tender herum, bis sie die Puppe gefunden hatte; dann setzte sie sich und drückte den starren Kör- per mit einer Hand an sich. Nach einiger Zeit ließ sich Malchik ne- ben ihr nieder, und seine Hände baumelten zwischen seinen Knien. Sein Gesicht hatte einen verlorenen Ausdruck, als würde er nicht verstehen, wie es kam, dass er dort war, wo er sich nun befand. An- nat kam die Einsicht, dass ihre Gefangenschaft in der Burg von Ademar sie alle auf unterschiedliche Art und Weise verletzt hatte. Für Malchik war es das Leid gewesen, Zeuge dessen zu sein, was sei- ner Familie und seinen Freunden zustieß. Nach einer Weile übernahm Casildis das Feuern für Yuda, damit er sich etwas anziehen konnte, und er kam zurück in den Tender geklettert, wo er Annat und den in Gedanken versunkenen Malchik mit einem recht sorgenvollen Blick bedachte. Er streifte sich ein sauberes Hemd und Hosen über, die er aus ihren Taschen genommen hatte, und warf das Lendentuch fort. Er suchte nach seiner Vyel, nahm sie aus ihrer Hülle und sank mit ihr auf den Knien zu Boden. Dann ließ er die Finger über die Saiten gleiten, bis unter seinem Anschlag eine langsame Melodie erklang. Das Netz seiner Musik schien sich wie ein gewobener Kokon des Friedens um Annat zu legen, auch wenn sie die Klänge nur schwer über dem Lärm der Lokomotive hören konnte. Sie wusste, dass er spielte, um den Teil in ihnen allen zu heilen, den die Magie des Rashims nicht berühren konnte. Er sprach mit ihr nicht darüber, was Sari zu ihm gesagt und was er ihm angetan hatte, doch mit seinen Harmonien konnte er jeden von ihnen auf eine Art trösten, die Worte nicht vermocht hätten. Sie bemerkte, dass sich die Landschaft langsam veränderte. Sie hatten den Wald mit den kahlen Bäumen, die in der Parklandschaft rund um die Burg gewachsen waren, verlassen und erklommen eine Anhöhe, die in eine Seite des Berges gekerbt war. Der Berg war nur in jenen Spalten und Vorsprüngen silbrig vom Schnee, wo dieser Schutz gefunden hatte. Der Fluss verschwand in einer Schlucht un-, ter ihnen, und zu ihrer Linken tat sich ein jäher Abgrund auf, der in das gefrorene Wasser mündete. Es war eine wunderschöne, ge- fährliche Landschaft, über die dunkle Vögel kreisten und kreisch- ten. Annat, die sich auf der linken Seite des Tenders an den Rand gedrängt hatte und darüber spähte, drückte noch immer ihre Pup- pe. Die Luft wurde kälter und hatte eine frostige Note, die scharf wie eine geschliffene Sense war; doch es lag auch eine lebendige Frische in ihr, die Annat bislang in La Souterraine noch nicht be- merkt hatte. Der Himmel war von einem atemlosen, tiefen Blau, und der Berggipfel mit seinem weiß gekrönten Kamm aus zerklüfte- ten Felsen schien gestochen scharf aus ihm herausgeschnitten. Yuda legte seine Vyel weg und kam herüber, um ihr Gesellschaft zu leisten. »Schön, nicht wahr?«, fragte er nach einer Weile. Annat stimmte ihm schweigend zu. Sie bemerkte, dass sein Geist erfrischt war und einen Frieden barg, der die Stille der Landschaft widerzuspiegeln schien. Sie warf ihm einen Blick zu und er lächelte. Es war das erste ungezwungene Lächeln, das sie bei ihm sah, seitdem sie aus der Burg entflohen waren. – Wie sieht es bei dir aus?, dachte sie. – Das wollte ich dich auch gerade fragen … Er beugte sich neben ihr über den Rand des Tenders und blickte hinunter ins Tal. Der Wind spielte mit seinen schwarzen Haaren und ließ sie in alle Richtungen flattern. Es lag ein Ausdruck von tiefer Begeisterung auf seinem Gesicht, der Annat fast an einen klei- nen Jungen erinnerte; obwohl er schon seit vielen Jahren Züge fuhr, konnte es Yuda noch immer begeistern, eine neue Landschaft und eine unerwartete Situation vorzufinden. Ein Tropfen Wasser bildete sich an seiner Nasenspitze; er zog eine Grimasse und wischte ihn weg. Annat lachte und fühlte sich plötzlich erleichtert. Yuda moch- te sich verändert haben, doch er hatte sich noch nicht so weit ent- fernt, dass sie ihn nicht mehr erreichen konnte. – Ich frage mich, wie lange es dauert, bis wir die Domaine der Göttin erreichen, dachte sie., – Ich muss mit dem Hauptmann darüber sprechen. Er setzte sich zurück und lächelte sie wieder an, dieses Mal etwas verzerrter. Sie fragte sich, was er für Casildis empfand, nach all dem, was seit ihrer gemeinsamen Nacht vorgefallen war. Obwohl sie bezweifelte, dass sich seine Gefühle geändert hatten, waren doch nur die oberflächlichen Schichten seines Geistes für sie zugänglich, und seine dunklen und innersten Gedanken waren sorgfältig verbor- gen. – Es gibt Dinge, von denen ich nicht möchte, dass du sie erfährst. – Das weiß ich. Aber ich habe so viel mit dir geteilt. – Wir brauchen unsere Geheimnisse. Zyon, Rebjonok, ich bin dein Va- ter! Annat blickte stumm zu ihm empor und presste ihre Puppe gegen die Brust. Wenn es wenigstens nicht daran lag, dass er ihr nicht vertraute! – Es gibt Dinge, für die bist selbst du noch zu jung, um sie zu erfahren. Noch! Annat zuckte ergeben mit den Schultern. Was er ihr sagte, mach- te Sinn. Doch wenn er sich ihr nicht anvertraute, mit wem sonst konnte er die tiefsten, schmerzvollsten Gedanken teilen? Es war nicht sicher, dass er sich an Govorin wenden würde. – Das ist es, was ich meine, dachte Yuda. Es gibt einige Dinge, die ein Mann nicht einmal mit seinen engsten Freunden bespricht. Vielleicht erwar- tet er, dass sie es nicht verstehen. Vielleicht begreifen sie es nicht auf die Art und Weise, wie er es gehofft hat. Vielleicht ist es bei Männern etwas anders. Manches musst du mit dir allein abmachen. Annat glaubte ihn zu verstehen, auch wenn sie nicht sicher war, ob sie mit allem einverstanden war, was er gesagt hatte. Die Vorstel- lung solcher Einsamkeit jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie an seiner Stelle hätte das Bedürfnis verspürt zu reden, ihre Ge- fühle zu teilen, auch wenn es nur wäre, um etwas lachend abzutun, das zu schmerzhaft war, um es zu erklären. Sie sah Yuda zu, wie er in das Führerhaus kletterte und Govorin an der Schulter berührte. Govorin drehte den Kopf ein wenig, und Yuda sprach leise mit, ihm. Sie sah den Sheriff zustimmend nicken. Die beiden standen sich schon seit so langer Zeit nahe, dass ungeachtet all der Dinge, die geschehen waren, Govorin Yuda nicht von sich stieß. Der She- riff war ganz anders als Yuda, und doch war er jemand, den ihr Va- ter brauchte, ein zuverlässiger Fels in der Brandung. Aber sie konn- te nicht sicher sein, dass sich Yuda Govorin anvertrauen würde, ge- nauso wenig, wie er es ihr gegenüber getan hatte. Während Yuda mit Govorin sprach, erreichten die Schienen einen viel steileren Hang. Es war, als ob der unbekannte Verleger der Schienen, der sie gleichmäßig den Berg entlang hatte laufen lassen, an einen Ort gestoßen war, wo es keine Alternative gab, als den Hang hinaufzufahren oder einen langen Tunnel durch das Herz des Berges zu graben. Die Lokomotive begann zu kämpfen, und Annat sah die beiden Männer im aufgeregten Gespräch. Sie saß mit der Puppe im Schoß zwischen den Scheiten und blickte auf ihr bemal- tes Holzgesicht. Es war so lange her, seit sie mit ihr gesprochen hat- te, dass sie schon selbst zweifelte, ob sie jemals die Stimme gehört hatte. Sie streichelte ihr gelbes Haar und dachte, dass es als Abbild von Casildis gedacht gewesen sein könnte. Sie beugte sich über sie und murmelte der Kopie eine stumme Entschuldigung zu. Schließ- lich antwortete die Stimme ruhig. – Nicht mehr lange, Annat. Wir kommen in die Domaine. Annat setzte sich erstaunt zurück und konnte die Worte, die sie gerade in ihrem Kopf gehört hatte, kaum glauben. Sie packte die Puppe und warf ihr tief in ihrem Herzen vor, dass sie ihnen nicht geholfen hatte und dass sie sie so lange ohne Führung gelassen hat- te. Die Stille, die folgte, sagte Annat, dass sie nicht so bald eine Antwort auf das Rätsel erhalten würde. Sie saß mit der Puppe auf den Knien, sann über das nach, was sie ihr gesagt hatte, und fragte sich, ob sie es den anderen erzählen sollte. Yuda kam zurück in den Tender geklettert und beanspruchte den Platz zwischen ihr und Malchik. »Es sieht so aus, Rebjata«, sagte er mit ruhiger, grimmiger Stimme. »Wir müssen den Wassertank abwerfen. Und wir drei werden aus-, steigen und zu Fuß gehen müssen.« »Aber wie sollen wir ohne Wasser für die Lok auskommen?«, frag- te Malchik besorgt. »Wir werden es nicht brauchen. Wir sind nicht mehr weit von der Domaine entfernt.« »Woher weißt du das?«, fragte Annat. »Die Puppe hat mir gerade das Gleiche gesagt.« Yuda schnitt eine Grimasse. »Seitdem du mich mit dem Ring des Rashims, geheilt hast, scheint es Dinge zu geben, die ich einfach weiß, Natka«, sagte er. »Ich erzähle dir mehr davon, wenn wir den Pass überquert haben.« Er hockte sich an der Rückwand des Führerstandes nieder und mühte sich damit ab, den Wassertank zu lösen. Es war beinahe un- möglich, und die Schwerkraft arbeitete gegen ihn, doch Yudas neue Kräfte halfen ihm schließlich, und er schaffte es doch noch. Sie standen nebeneinander und sahen zu, wie sich der Tank rasend schnell von ihnen auf den Gleisen entfernte, bis er aus den Schie- nen sprang und langsam umzukippen schien, wobei sich der Inhalt in einem wirbelnden Strom ergoss. Sie sahen dem Tank zu, wie er fiel und sich in der Luft drehte; es war, als seien sie gezwungen, Zeu- ge beim Sterben eines Freundes zu sein. Er flog außer Sichtweite; etwas später hörten sie das dröhnende Geräusch, als er vom Berg abprallte, und der Klang seiner Zerstörung hallte zwischen den Hü- geln. »Kommt, Kinder«, sagte Yuda. »Wir müssen aussteigen und lau- fen. Auf diese Art und Weise werden einige von uns überleben, wenn der Zug umkippt.« Einer nach dem anderen sprangen sie auf der Seite aus dem Zug, die dem Abhang abgewandt war; die Lok arbeitete und dampfte langsam. Selbst Malchik gelang es, einen Satz aus dem Führerhäus- chen zu machen, aber er geriet auf dem Schotter unten ins Strau- cheln. Yuda stand an den Schienen und schrie Govorin entgegen: »Wir sehen uns auf der anderen Seite, Mister Sheriff.« Annat sah Govorin winken, als der Zug langsam den Hang, erklomm, die Räder drehten durch und kreischten. Yuda kletterte auf den Schotter hinunter und führte sie von den Gleisen weg zu einer breiten Krümmung im Hang. Er schien zu wissen, wohin er ging; als die Schienen und der Abhang hinter ihnen außer Sicht waren, entdeckte er einen steinigen Weg, der sich im Zickzack den Berg emporwand; seine graue Spur durchzog die Felsen bis zu einem Bergrücken über ihnen. Es war ein langsamer Anstieg, selbst für Annat. Sie hatte sich die Puppe auf den Rücken gebunden, um die Hände frei zu haben. Yuda ging als Letzter und kam Malchik zu Hilfe. Auch wenn er mit den mächtigen Felsen zum Festhalten weniger ängstlich war als da- mals, als er dem Wasserfall gegenüberstand, brauchte er dennoch Zuspruch. Yuda musste ihm zeigen, wohin er die Füße setzen solle, und musste sein Handgelenk halten, wenn sie die scharfen, rutschi- gen Haarnadelkurven nahmen. Annat eilte ihnen voraus und klet- terte leichtfüßig über die Steine. Sie hielt den Blick auf das lichtbe- schienene Joch gerichtet, den Gebirgspass über ihnen. Manchmal konnte sie ihn überhaupt nicht erkennen, wenn der Berg eine Fels- nase ausgebildet hatte. Zu anderen Zeiten glitzerte er viel verspre- chend im Licht, und sie konnte ein Fenster in der Wand entdecken wie jenes, durch das Yuda und sie hindurchgeblickt hatten, um nach unten über den Wald zu schauen: ein Guckloch für die Son- ne, die sie nicht sehen konnten. Annat machte Halt, um nach Yuda und ihrem Bruder zu sehen. Sie schienen langsam über den bloßen Fels zu klettern, der unter seinem pudrigen Schnee ein sanftes, blasses Goldgrau enthüllte. Als sie die beiden so betrachtete, hatte sie das seltsam ungute Gefühl, es wäre das letzte Mal, dass sie sie so beisammen sehen würde. Sie wollte sich bei der Puppe Trost holen, doch wieder einmal war diese in hölzernes Schweigen verfallen. Mit einem Schaudern, das nichts mit der Kälte zu tun hatte, drehte sie sich zum Weg zurück und stieg weiter empor und um ihr Herz blieb ein eisiges Gefühl. Der Berg hatte freundlich gewirkt, als ob er ihr eine Schulter an- böte, aber nun spürte sie, dass etwas Bedrohliches über den golde-, nen Felsklüften lag, durch die sie kletterten. Der Wind hatte ihnen fantastische Gestalten gegeben und das weiche Gestein zu Türmchen und Zinnen geschliffen; einige jedoch erinnerten sie an menschliche Gestalten, die sich am Hang festklammerten, mit Löchern, die anstelle von Augen in ihre Gesichter getrieben worden waren. Annat war versucht, darauf zu warten, dass Yuda und Malchik zu ihr aufschlossen, doch sie eilte weiter, spähte von einer Seite zur anderen und versuchte das Gefühl niederzukämpfen, dass sich die Felsformationen bewegten, sobald sie sie nicht beobachtete. Die letzte Etappe des Aufstiegs führte sie geradewegs über eine glatte, schräge Verwerfung. Annat benutzte ihre Hände und Füße, um den Weg über die Oberfläche zu meistern. Sie konnte die Adern in dem Stein im Licht blitzen sehen, wenn sie das Sonnenlicht ein- fingen wie versteckte Edelsteine. Dort oben gab es eine Vielzahl an Formen und Silhouetten. Annat hielt auf der Spitze der Felsen inne, ihr Herz hämmerte. Ein Schatten lag über dem Gebirge, doch sie konnte noch immer die leuchtenden Umrisse ausmachen, die über dem Boden verstreut lagen: das weiche, runde Schimmern ver- blichener Totenköpfe, hohle Rippenbögen im Wind und die kleine- ren Teile, Wirbel und Fingerknochen, die zwischen den Steinen ver- teilt lagen, alle zu einem fleischlosen Elfenbein gebleicht. Annat verspürte ein Stechen in der Seite; sie blieb nach Luft ringend ste- hen und schirmte die Augen gegen das Licht ab. Vor ihnen, kurz vor dem Durchgang, erhob sich eine riesige Sta- tue. Sie war in Gestalt zweier Frauen gehauen, die Seite an Seite saßen; die Gesichter waren abgetragen und konturenlos, mit Aus- nahme zweier Löcher für die Münder. Umgeben waren sie von an- deren Gestalten, grau und golden wie das Felsmaterial, mit rau her- ausgeschlagenen Köpfen und kantigen Körpern; ihre abgestumpften Hände umklammerten Äxte und Schwerter, die aus dem Felsen ge- trieben worden waren. Als Annat genauer hinsah, bemerkte sie, wie sie sich rührten und auf sie zutaumelten, als ob der Kalkstein auf- gebrochen und zu Leben erweckt worden wäre und seine Vorsprün-, ge zwingen würde, vorwärts zu schreiten. – Yuda, schrie sie und traute sich nicht, ihre Stimme zu benutzen. Sie wandte sich um und sah, wie ihr Vater Malchik die letzten Kehren empor führte. Er hob den Kopf, um ihren Ruf zu beant- worten und packte Malchik an der Hand, um ihn rasch über den Bergvorsprung zu führen, damit er an ihrer Seite stand. Wortlos wies Annat auf die steinernen Kreaturen. Yuda legte ihr die Hand auf die Schulter. – Es gibt keinen Weg zurück, dachte er. Gemeinsam näherten sich die drei, den leichten Abhang empor- kletternd, der Stelle, wo die Statuen saßen. Die Steinmänner, die zur Seite traten, um sie passieren zu lassen, und die die Reihe hinter ihnen wieder schlossen, sahen aus, als wären sie zum Teil aus dem Felsen gehauen, zum Teil aus Felsbrocken zusammengesetzt; ihre Gesichter waren zähnefletschende Masken mit schweren Brauen und Kieselsteinaugen. Yuda näherte sich den Füßen der Statue. Die zwei massiven Ge- stalten saßen Seite an Seite und hielten die Hände verschränkt. Die kantige Gestalt ihrer Kleidung war abgetragen und vom Wind glatt geschliffen. »Die Zwillingsgöttinnen«, sagte Yuda, sodass auch Malchik ihn hören konnte. Während er sprach, ertönte eine beängstigend laute Stimme aus dem Mund der rechten Statue, und Nebel drang hervor. Es klang krächzend, als ob ein Rabe die menschliche Sprache benutzen wür- de. »Ihr dürft nicht passieren!«, sagte sie. Annat bemerkte, dass das steinerne Volk näher gerückt war und seine stumpfen Waffen bereithielt. Yuda drückte sie an sich und blickte empor zu dem konturlosen Gesicht der Statue, die gespro- chen hatte. »Was wollt Ihr, Göttin?«, fragte er ruhig. »Bevor ihr das Joch von Pertuis überqueren könnt, müsst ihr mir ein Leben geben. Wenn nicht Blut meine Füße benetzt, dann wer-, det ihr alle sterben, du und deine Freunde, die es wagten, meinen Berg zu erklimmen.« »Verdammt«, murmelte Yuda und packte Annat fester. Sie be- trachtete die Gestalten, die sie umringten und deren leere Gesichter keinerlei Regung zeigten. Eine kalte Luft ging von ihnen aus, als ob sie atmeten. Sie hatten die Farbe und die Struktur des Berges, waren ohne Mitleid und kannten kein menschliches Gefühl. – Wir können uns hier nicht den Weg freikämpfen, dachte Yuda. Noch einmal ertönte die Stimme der Kalten aus dem Mund der Statue. Annat sah Wölkchen eisigen Nebels in die sonnendurchflu- tete Luft aufsteigen, während sie sprach; der Klang hallte von den Felswänden des Passes wider. »Gib mir den Jungen. Sein Leben ist verwirkt.« »Niemals«, sagte Yuda beinahe lachend. »Dann werde ich das Mädchen nehmen. Reines Jungfrauenblut ist mir heilig.« Yuda drehte sich zu ihnen um. Seine Augen leuchteten, und sein Gesicht trug einen harten Ausdruck, als ob er das Gespräch mit einer steinernen Gottheit lächerlich fand. Er legte Malchiks und Annats Hände ineinander. »Wartet hier. Ich regle das«, flüsterte er. Umgeben von den Felsmännern, die von allen Seiten näher rück- ten, ging Yuda auf die Zwillingsgöttinnen zu. Annat erwartete zu sehen, wie er die Hände hob, um sie mit einem Stoß der goldenen Macht, über die er verfügte, wegzufegen, doch zu ihrer Überra- schung kniete er mit gesenktem Kopf zu ihren Füßen nieder. »Göttin«, sagte er schlicht. »Lasst mich derjenige sein. Nimm mein Leben.« Noch während Annat aus Protest aufschrie, packte der Steinmann ihn und schleuderte ihn über die Füße der Statue; dann erhob er seine Waffe. Malchik zog seine Hand aus der ihren und sie rann- ten auf die Menge zu, doch genauso gut hätten sie auch eine Mau- er angreifen können. Sie sah Yuda dort liegen und mit ruhigem Ge- sicht zu den Masken emporblicken; dann drehte er sich um und, schloss die Augen. Als der Steinmensch sein Messer niedersausen ließ, verbarg Annat ihr Gesicht an Malchiks Brust, und er umarmte sie fest. Es gab ein reißendes Geräusch, als ob der Felsen selbst zersplitter- te. Annat hob den Kopf und sah, wie die Statue über ihnen von Kopf bis Fuß von einem großen Riss durchzogen wurde, der die beiden sitzenden Gestalten trennte. Während sie zusah, brach der Kopf der Kalten ab und fiel zu Boden, wo er in Tausende von Split- tern zerbarst. Eine Eissäule stieg aus dem hohlen Nacken empor. Überall um sie herum erstarrten die Steinmänner auf der Stelle; sie spalteten sich, bröckelten und brachen auseinander. Staub stieg vom Boden auf, und die Brocken, die nicht mehr länger menschliche Gestalt hatten, sondern zu formlosem Geröll geworden waren, pol- terten davon. Annat riss sich von Malchik los und bahnte sich ihren Weg durch die Steinhaufen der zerfallenen Felsen. Sie fand Yuda reglos zu Füßen der Statue liegen; Blut bedeckte sein Gesicht und sein Hemd. In blinder Trauerbezeugung warf sich Annat über ihn und blendete ihre Umgebung vollständig aus. Sie vermutete, dass er mit seiner Bereitschaft zum Sterben den Spruch gebannt hatte, der sie davon abhielt, den Pass zu überqueren. Sie fühlte Malchiks Berüh- rung auf ihrem Nacken und hörte ihn weinen. Dann spürte sie, wie sich Yuda unter ihr regte. Sie richtete sich auf, strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah, wie ihr Vater die Augen öffnete. »Noch nicht tot?«, fragte er mit dem Anflug eines Lächelns. Er setzte sich langsam auf und streckte die Hand aus, um ihr Gesicht zu streicheln. »Sieht aus, als wäre etwas schiefgelaufen.« »Ich dachte, sie hätten dich getötet«, sagte Annat. Yuda schwang herum, sodass er auf den massiven Füßen der Sta- tue saß. »Dieses Mal noch nicht«, sagte er sanft. Er sah zu Malchik auf und fügte hinzu: »Ich bin froh, euch beide wohlauf zu sehen. Doch wir sollten besser weiterziehen.« Als er aufstand und den Steinstaub abklopfte, ließ sich Malchik auf die Knie sinken, schlang die Arme um Yudas Taille und verbarg, sein Gesicht. Yuda sah mit einigem Erstaunen zu ihm hinunter, das schließlich in Kummer umschlug. »Junge«, sagte er hilflos. »Malchku, nicht.« »Du wärst für uns gestorben. Gestorben«, sagte Malchik mit dün- ner Stimme. Yuda sah seinen Sohn mit einem seltsamen Ausdruck an. Er strei- chelte Malchik über den Kopf und presste ihn mit wilder Zunei- gung an sich. »Das ist egal, Junge«, sagte er fest. »Es ist vorbei. Nie- mand ist gestorben.« Plötzlich blickte er zu Annat herüber. Sie war von diesem Augen- blick nicht ausgeschlossen, auch wenn er sich zwischen ihm und Malchik abspielte. Sie war diejenige, der Yuda die Tiefen seiner Qual gezeigt hatte. Er musste ihr seine Liebe nicht erklären, doch was er für Malchik empfand, schmerzte wie eine offene Wunde, ei- ne alte Wunde, die niemals verheilt war. »Verstehst du, Malchku? Ich war bereit. Manchmal muss man be- reit sein«, sagte er. Er befreite sich selbst von Malchik und hockte sich hin, sodass er ihm ins Gesicht sehen konnte; dann nahm er seinen Kopf in die Hände. »Du musst nicht vor mir knien, Malchik. Es zerreißt mir das Herz. Ein Wanderer kniet nicht.« Annat beobachtete die beiden Männer zwischen den Steinen. Sie ging zu ihnen hinüber und berührte Yuda an der Schulter. Er brach- te ein Lächeln zustande, und gemeinsam halfen sie Malchik auf die Beine. Arm in Arm verschränkt gingen die drei von den gefallenen Statuen und den zerborstenen Steinen fort, bis sie beim Joch ange- langt waren. Auf der anderen Seite fiel der Weg ab, und sie sahen das Licht auf dem Kupfer des Zuges dort unten auf den Schienen leuchten. Er wartete auf sie. – Ich werde es Govorin selbst sagen, wenn die Zeit reif ist, dachte Yuda. – Er kennt dich besser als wir, dachte Annat. Sie wollte, dass er ihre Verwunderung spürte, auch wenn sie nicht so offen wie Malchik sein konnte. – Er weiß, zu was du fähig bist. »Wir kennen uns schon sehr lange«, sagte Yuda und sah sie an., Da wusste sie, dass sie einen Teil seines verborgenen Selbst gesehen hatte: Nicht nur seine Liebe zu Malchik, sondern auch die Hingabe für diejenigen, um die er sich sorgte. Und sie war ihm so lieb wie ihr Bruder, auch wenn es niemals der gleichen deutlichen Gesten bedürfen würde. Sie war eine Schamanin, und er hatte von ihr er- wartet, dass sie auch ohne Worte verstand, was er fühlte. Während des langen Abstiegs sagten sie nichts mehr, und sie wa- ren sehr still, als sie auf Govorin und Casildis stießen. Der Sheriff warf ihnen einen seltsamen Blick zu, als er beschrieb, wie er den Zug die Steigung emporgelockt hatte; ein oder zwei Mal hatte er befürchtet, dass er zurückrollen oder aus den Gleisen springen wür- de. Yuda hörte schweigend zu und nickte gelegentlich; er sah sehr müde aus. Als der Zug weiterfuhr, blieb er bei Govorin im Führerhaus, wäh- rend Annat und Malchik es sich im Tender zwischen dem Holz be- quem machten, ohne ein Wort miteinander wechseln zu wollen. Der Zug fuhr auf dem Bergrücken und balancierte zwischen dem Felsen und der bloßen Luft. Von Zeit zu Zeit rollte er durch Tun- nel, die in den nackten Stein gehauen worden waren, und das Echo umtoste Annat, während sie entlangdonnerten. Die Bahnstrecke verlief in Zickzacklinien über die breiten Schultern des Berges ober- halb des Abgrunds, den der Fluss gegraben hatte. Sie waren in Rich- tung Süden unterwegs, und das Licht der Sonne glitzerte auf den eisigen Felsen gegenüber; es erreichte sie, wenn sie aus einem Tun- nel fuhren, und brach sich auf den Bronzebeschlägen der Lok. Als Yuda in den Tender zurückgeklettert kam und den Platz zwischen Annat und Malchik einnahm, fühlte sie sich seltsam eingeschüch- tert und konnte ihm nicht ins Gesicht schauen. »Wir werden bald Halt machen«, sagte er ruhig. Malchik blinzelte. »Wo?«, fragte er und blickte unruhig in Rich- tung des Abgrunds auf der anderen Seite des Zuges. »Wo es einen Ort für uns gibt, an dem wir uns hinsetzen kön- nen«, versicherte Yuda ihm. »Wir müssen uns unterhalten. Wir alle, nicht nur wir drei.«, »Die Kalte«, sagte Malchik beinahe zu sich selber. »Was hast du gesagt, Junge?«, fragte Yuda und lehnte sich zurück gegen die Holzscheite. »Sari benutzt sie, um die Eindringlinge aus dem Wald zu vertrei- ben. Und die Krähen sind bereits bis nach Masalyar vorgedrungen. Sie sind zum Angriff bereit.« »Er hat mir etwas Ähnliches gesagt«, sagte Yuda barsch. »Sari hat mit dir gesprochen?«, fragte Malchik erstaunt. »Oh, er hat einige Zeit mit mir verbracht. Er wollte, dass ich weiß, wie entscheidend mein Versagen ist. Dass ich es voll und ganz begreife, so wie er es sieht. Er war aufgeregt beim Gedanken an meine Verzweiflung.« Er richtete sich auf und hieb die Hände ineinander. »Ich hoffe, ich habe ihn enttäuscht. Weißt du, Junge, Annat und ich sind mit- einander verbunden. Sie fühlt, was ich fühle. Sie war dort in der Dunkelheit wie eine kleine Kerze, die sich weigert auszugehen. Al- les, was ich von dir wusste, Malchik, war, dass du am Leben warst. Doch dieses Wissen war ebenso wichtig für mich wie Annats Flam- me der Hoffnung. Was auch immer Sari sagen mochte, ich vertrau- te darauf, dass etwas in dir widerstehen würde. Verstehst du, was ich sagen will?« Annat bemerkte erst, dass ihr Bruder weinte, als er seine Brille ab- setzte, um sich die Augen zu wischen. »Ich denke schon«, sagte er. »Das ist gut, Junge. Es ist wichtig für dich, dass du dich daran er- innerst, denn die Schwierigkeiten sind noch nicht vorbei. Du trägst das Korn in dir, und wenn es Sari nicht gelungen ist, dich dazu zu bringen, dich ihm zu fügen, dann wird es mit Sicherheit die Kalte versuchen.« Er schlug sich die Hand vor den Mund, dann fügte er hinzu: »Ich habe zu viel geredet. Aber es gibt so viel zu sagen, und ich bin so verdammt hungrig.« Govorin stoppte die Lok, als sie die Spitze des Plateaus erreicht hatten und auf der einen Seite der Abhang lag, auf der anderen ein schneebedeckter Vorsprung. Sie sprangen von der Lok und bereite- ten ein Feuer, um Wasser für den Chai zu erhitzen und aufzuteilen,, was von ihren Essensrationen noch übrig war. Sie hatten noch im- mer etwas Dörrfleisch und ein wenig der Vorräte, die die Wanderer ihnen mitgegeben hatten und die die Wachen ignoriert zu haben schienen. Sie breiteten die Schlafsäcke im Schnee aus, um sich da- rauf zu setzen. So genossen sie das erste Beisammensein seit meh- reren Tagen. Nicht einmal Casildis beschwerte sich über den Ge- schmack des Trockenfleisches. Sie befanden sich hoch über dem Tal in der dünnen, flirrenden Luft; vor ihnen brannte heiß das Feuer, hinter ihnen befand sich die schwarze Lok. Trotz der Kälte war es, als säßen sie unter dem Dach eines hohen, blauen Pavillons, der mit Vögeln bestickt war. Sie kuschelten sich in ihre Umhänge und Mäntel, einzig Yuda saß barfuß und hemdsärmelig und schien unbeeindruckt von Eis und Wind. Als er mit dem Essen fertig war, holte er eine Zigarette aus seiner Tasche, steckte sie an und inhalierte tief, mit einem beinahe verzückten Ausdruck auf dem Gesicht. »Zyon, tut das gut!«, sagte er. »Wenigstens wusste Sari nicht, dass ich für Tabak alles tun würde.« »Ich bin froh, dass du in deiner Tasche noch ein wenig Platz für saubere Hosen gelassen hattest«, bemerkte Govorin. »Ich würde mich nicht gerade auf eine Reise in Begleitung dieses Lendentuches freuen.« »Es hat seinen Zweck erfüllt«, sagte Yuda grinsend. »Ich sollte ihm ein ehrenvolles Begräbnis geben.« »Einäscherung wäre schon zu gut dafür«, sagte der Sheriff. Sie lächelten sich an und verfielen wieder in Schweigen; Yuda holte einen angekokelten Zweig aus dem Feuer und begann, Muster in den Schnee zu zeichnen. Annat beugte sich vor und versuchte zu sehen, was er zeichnete, konnte jedoch nur bedeutungslose Kritze- leien entdecken. »Einer von uns beiden muss mit der Aussprache anfangen, Yuda«, sagte der Sheriff. »Willst du beginnen, oder soll ich?« Yuda blies Rauch aus. »Ich sage meinen Teil, wenn du fertig bist, Seriozha«, sagte er schlicht., Govorin lehnte sich zurück und verschränkte die Arme über sei- ner breiten Brust. »Nun«, sagte er langsam. »Yuda und ich müssen dem Rest von euch etwas mitteilen. Ich glaube, Annat weiß es be- reits: Wir nähern uns der Domaine. Sie könnte hinter dem nächsten Hügel liegen oder noch ein bisschen weiter entfernt. Wir wissen nicht, ob uns die Gleise bis ganz dorthin bringen werden, vielleicht müssen wir auch ein Stück laufen. Aber dies ist das Ende unserer Reise. Auch wenn ich unsere Chancen nicht allzu hoch ansetze, glaube ich, eine geringe bleibt uns.« Er schüttelte den Kopf. »Zu dir, Yudele. Ich habe ihnen den angenehmen Teil verraten, du sagst ihnen das Unangenehme.« »Govorin hat Recht«, sagte Yuda. »Als wir losfuhren, war unser Ziel, Malchik wieder nach Hause zu holen. Es hat einige Zeit ge- dauert, bis uns klar wurde, dass dies nicht möglich sein würde. Wir fünf müssen es mit der Kalten aufnehmen, und das bedeutet, dass wir Sari ausschalten müssen. Der Tod nährt die Kalte, und sie ist hungrig. Folter nährt sie, Leid nährt sie – doch sie wird nur immer ausgehungerter.« Er hielt inne und sah sie der Reihe nach an. »Während ich bei Sari war, ging ich auf eine Schamanenreise. Ich reiste nach innen. Er versuchte mich zu brechen, doch nicht nur durch Wunden, sondern durch Dunkelheit und Magie. Er hat mich an einen Ort hinter den Schmerzen getrieben, und dort sah ich Dinge, Geheimnisse und Schatten, die ich mir niemals hätte träu- men lassen. Als Annat mich fand und mit der Macht der zehn Se- phirots heilte, reiste ich aus den tiefsten Tiefen in die höchsten Hö- hen. Ich habe keine Worte, um auszudrücken, was ich sah, doch das Feuer verbrannte mich zu Asche und erneuerte mich.« Wieder hielt er inne und betrachtete seine Hände, die auf seinen Knien ruh- ten. »Und eines der Dinge, die ich erfuhr, war wie eine Erinnerung, eingebrannt in die Wände der Burg. Ich sah sie, Huldis und ihre Freundin, gemeinsam. Ich sah die Magie, die sie vollbrachten, und wie Huldis fortgerissen wurde. Doch als ich das Gesicht des ande- ren Mädchens sah, erkannte ich sie. Es war meine Aude.« »Ich habe sie ebenfalls gesehen«, flüsterte Annat., »Der alte Mann sagte mir, dass Aude seine Tochter war. Ein Bas- tard wie Cluny«, sagte Malchik. Yuda schüttelte sich. »Das scheint ihn nicht davon abgehalten zu haben, Annat zu verurteilen«, sagte er. »Mein Vater hat vor niemandem außer den Heiligen Respekt«, sagte Casildis. »Er würde seinen eigenen Sohn verurteilen, wenn er glaubte, das sei richtig.« »Wenn wir mit Sari fertig sind, irgendwie, irgendwann, werde ich zur Burg von Ademar zurückkehren«, sagte Yuda sanft. »Ich mache mir Sorgen um Cluny«, sagte Malchik. »Ich hoffe, er wurde nicht dafür bestraft, dass er uns geholfen hat. Wenn sie es nur nicht herausgefunden haben.« »Du kennst Saris Geist besser als jeder andere von uns, Junge. Kannst du uns sagen, wo er sich aufhält?« Malchik schüttelte den Kopf. »Nun nicht mehr, nachdem ich ihn verraten habe. Alles, was ich weiß, ist, dass er auch mich töten will. Und ich weiß …« Er brach ab. »Du musst es nicht sagen, Malchku«, sagte Yuda. »Sari hat seine eigenen Gründe, warum er mich hasst. Sich selbst hasst er, mich muss er zerstören.« »Du wusstest es?«, fragte Malchik schmerzerfüllt und hob seinen Blick zu Yuda. »Für solche Männer ist dieses Gefühl schlimmer als der eigene Tod. Sie können keine Schwäche akzeptieren, kein Zeugnis ihrer ei- genen Verletzlichkeit.« Annat dachte an den Ausdruck auf Saris Gesicht, als sie ihn in der Folterkammer gesehen hatte. Es war eine Art ausgehungerte Ra- serei, die sie durch das Elementare darin erschreckt hatte, auch wenn sie ihre Bedeutung nicht begriff. Sie nahm ihre Puppe hoch und wiegte sie in ihrem Schoß. Dabei fragte sie sich, ob die Hunde von Ademar schon ihre Spur aufgenommen hatten oder ob sie zu den Krähen blickten, die wie ein Schwarm böser Engel über ihnen kreisten. Govorin sprach ihre Gedanken aus. »Ich glaube nicht, dass wir ihn endgültig abgeschüttelt haben«, sagte er., »Das bezweifle ich ebenfalls.« »Er muss einen Schamanen töten, um die Kalte zurückzubrin- gen«, sagte Malchik. »Doch damit das gelingt, muss der Schamane in der Rotunda sterben, dem Herzen ihrer Domaine.« Es herrschte Schweigen, bevor Yuda antwortete: »Da sehe ich ein Problem, Junge. Wir müssen zur Kalten vordringen, um dich zu be- freien. Das bedeutet, dass wir das Gleiche wollen wie Sari. Und einer von uns muss sterben.« »Nein«, sagte Annat laut. Alle sahen sie an. »Nicht du, Yuda. Ich werde das nicht zulassen.« Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als sie eine Stimme hörten, laut und fröhlich und etwas heiser, die rief: »Hallo dort am Lager- feuer. Was dagegen, wenn ich mich zu euch geselle?« Yuda sprang auf, Govorin stand knapp hinter ihm, doch es gab kein Zeichen des Sprechers. Annat fiel sofort auf, dass er in Sklav und nicht in Franj geredet hatte, obgleich er es schlecht sprach. »Wo sind Sie, Mister?«, brüllte Govorin zurück. »Kommen Sie heraus, damit wir Sie sehen können«, sagte Yuda und tastete nach seinem Messergurt, den er gar nicht mehr trug. Es gab eine Pause, dann erschien eine große, unbekümmerte Ge- stalt, die von Osten her die Gleise emporstieg. Der Mann trug den Overall eines Eisenbahners und ein gepunktetes Tuch um den Hals gebunden. Annat erkannte ihn sofort; es war Zarras, der Vorarbei- ter, der an ihrem ersten Tag in Gard Ademar in Yudas Behand- lungsraum gestorben war. »Freund im Anmarsch«, rief er mit seiner krächzenden, verletzten Stimme und winkte mit der Hand. Es war nichts Leichenhaftes an ihm, auch wenn sein Gesicht unter der Sonnenbräune fahl zu sein schien. Govorin und Yuda erstarrten. »Zarras?«, fragte der Sheriff. »Bist du das wirklich?« »Ich bin's, Hauptmann«, bestätigte der tote Mann. »Hoffe, ich habe dir keinen Schreck eingejagt.« »Einen Schreck? Mann, du bist tot! Ich war auf deinem Begräb- nis! Was tust du denn hier?«, Annat drückte ihre Puppe so fest, als ob diese sie wärmen könn- te. Die Ankunft des toten Vorarbeiters, der so gar nicht erstaunt war, sie hier vorzufinden, war gleichermaßen traurig wie komisch. »Seid gegrüßt«, sagte er, als er sich Yuda und Govorin näherte. »Die anderen haben mich ausgeschickt, um euch zu suchen.« »Die anderen? Welche anderen?«, fragte Govorin aufgeregt. Dann schlug er sich auf den Oberschenkel und rief: »Bei der Mutter, das ist es! Ihr wart es, die die Schienen verlegt haben!« Yuda streckte mit einem vorsichtigen Blick die Hand nach Zarras aus, der sie ergriff und mit warmer Geste schüttelte. »Es tut mir Leid, dass wir uns nie kennen gelernt haben, Mister«, sagte er. »Aber Ihr Gesicht ist das Letzte, an das ich mich aus meinem Leben erinnere. Sie haben mir einen leichten Tod ermöglicht, und ich mag es nicht, wenn ich meine Rechnungen nicht begleichen kann.« »Sind all die anderen auch hier?«, fragte Govorin. »St. Paul, Ra- zumovsky und der Rest? Einige sind schon vor Jahren von uns ge- gangen.« »Wir sind alle hier, Hauptmann, doch wir dachten, ich sollte al- lein herkommen, um euch zu warnen. Dort oben gibt es ein klei- nes Problem, wie ihr wisst.« »Das ist jetzt egal – ruf die anderen! Es wird mir gut tun, ihre Ge- sichter zu sehen, selbst wenn sie tot sind. Und dann kannst du uns von dem Problem berichten.« Zarras lächelte. »Ich werde sie herüberrufen, Hauptmann«, sagte er. »Es ist eine seltsame Geschichte, wie es kommt, dass wir hier sind.« Er lüftete seinen Hut in Casildis' Richtung, dann überquerte er die Schienen und blieb am äußersten Rand des Abhangs stehen, wo er die Hände zum Trichter formte und schrie: »Kommt, Jungs! Der Hauptmann will eure hässlichen Gesichter sehen!« Govorin und Yuda wandten sich einander zu und teilten ein un- gläubiges Lachen. »Hast du das erwartet?«, fragte Yuda. »Nicht wirklich; aber wer sonst würde eine Bahnstrecke durch La Souterraine verlegen?«, Es gab das Geräusch von fallenden Felsen und von Flüchen, be- vor sechs weitere Gestalten im strahlenden Rot und Blau der Eisen- bahner über den Rändern der Schienen auftauchten. Es war ein bunter Haufen; einige trugen die Wunden, die sie getötet hatten, einige waren dünn und blass, während ein paar braun gebrannt und fröhlich waren, als ob sie nie gestorben wären. Allen voran Zarras, kamen sie zum Lagerfeuer geschlurft und begrüßten Govorin mit einer Spur von Schüchternheit. Annat versuchte, einen bärtigen Mann nicht so genau anzusehen, denn sein halbes Gesicht fehlte; die andere Hälfte jedoch schaute fröhlich aus der Wäsche. »Danke, Jungs«, sagte Govorin. »Ich hatte gehofft, ihr würdet etwas Frieden im Tod finden, wenn ich euch nicht mehr ausbeute!« »Es ist nicht dein Fehler, Mister Govorin«, sagte Zarras, der ihr Sprecher zu sein schien. »Als wir starben, fand sich jeder einzelne von uns in La Souterraine wieder. Wir wussten nicht, wo wir waren, und wir verlegten die Schienen einfach weiter, weil wir keinen Grund sahen, damit aufzuhören. Am Anfang waren wir uns nicht sicher, ob wir tot oder am Leben waren. Und, wenn ich das sagen darf, wir haben unsere Arbeit gut gemacht!« »Und alles ohne einen Lokführer«, sagte Govorin grinsend. Als er der Reihe nach jedem der Männer die Hand schüttelte, war Annat beeindruckt, dass er nicht vor ihren entstellten Gesichtern zurück- schreckte. »Ihr seid wirklich ein Gewinn für die Eisenbahn, Jungs, auch wenn ich sagen muss, es ist hart, nicht mal einen Tag freizu- bekommen, wenn man gestorben ist!« Ein kleiner, drahtiger Mann mit einem zahnlückigen Grinsen er- griff das Wort. »Und wir bekommen auch keinen Lohn, Mister G.!« »Wir hätten es ohne euch nie so weit gebracht«, sagte der Sheriff, diesmal ernsthafter. »Sari hätte uns schon lange gefangen, wenn wir zu Fuß oder auch mit dem Pferd unterwegs gewesen wären, Gott behüte! Aber warum schließt ihr euch uns nicht an? Ich biete euch Essen und Schnaps – du hast doch noch was übrig, oder nicht, Yu- da –, aber ich nehme an, das nützt euch nichts!« »Das Feuer ist willkommen, Mister«, sagte Zarras. »Es scheint, als, ob wir an diesem Ort nie warm werden.« Casildis schaffte Platz für die Gruppe der Vorarbeiter; sie ließen sich um das Feuer herum nieder, streckten ihre Hände der Hitze entgegen und warfen zögernde Blicke auf Annat und Malchik. Et- liche Männer lüfteten ihren Hut in Richtung der ›Missis Haupt- mann‹, wie sie sich entschlossen hatten, Casildis zu nennen; wie ihr Mann schien sie alle beim Namen zu kennen. Die Vorarbeiter mochten tot sein, doch ihre Anwesenheit war eine Erleichterung. Es dauerte nicht lange, und Annat begann sich an ihr seltsames Äußeres zu gewöhnen, so als wären es Männer, die lebendig und entstellt waren. Sie legte ihre Puppe vorsichtig in den Schnee und rückte näher ans Feuer, in der Hoffnung, ihre Ge- schichten zu hören. Auch sie schienen begierig, die ganze Geschich- te ihrer Reise zu hören und waren fasziniert von Yuda. Sie waren beeindruckt, dass er die Kälte nicht zu spüren schien; sie konnten nicht nah genug ans Feuer kommen, badeten wie Eidechsen in der Wärme und rieben ihre Hände über den brennenden Scheiten. Go- vorin, der sich von dem ersten Schrecken des Zusammentreffens er- holt hatte, plauderte mit ihnen wie mit alten Freunden. Yuda, der sie nicht kannte, war weniger gesprächig, doch Zarras schien ihn besonders ins Herz geschlossen zu haben und stellte ihm höflich Fragen über die Kräfte eines Schamanen. Bald erhob sich Annat von ihrem Sitzplatz und drängte sich zwischen Yuda und Casildis, sodass sie hören konnte, was gesprochen wurde. »Wer ist das kleine Mädchen, Mister?«, fragte Zarras. »Sie ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten.« Yuda blickte Annat an und legte ihr dann den Arm um die Schul- tern. »Dies ist meine Tochter, Mister Zarras«, sagte er. »Eines Tages wird sie eine mächtige Schamanin sein.« »Gerade habe ich deinem Vater erzählt, Missis«, sagte Zarras, »dass wir das Ende der Strecke erreicht haben, die wir bauen können. Vor uns liegt ein tiefer Spalt, und die Brücke, die ihn überquert, ist aus Knochen gebaut. Wir konnten dort keine Schwellen verlegen.«, »Wie sollen wir dann dort hinüberkommen?«, fragte Annat. »Ich schätze, ihr müsst zu Fuß gehen, auch wenn es mir wie ein unsicherer Weg vorkommt. Ich denke, er ist eher dazu gedacht, die Leute drüben zu halten, anstatt ihnen hinüberzuhelfen.« »Ist die Domaine der Göttin auf der anderen Seite?«, fragte Annat. »Das scheint so zu sein, auch wenn noch niemand von uns ver- sucht hat, dorthin zu gelangen. Wir wollen keinen Ärger mit ir- gendeiner Göttin, und mit der Kalten am allerwenigsten. Manche von uns haben schon viel zu viel von ihr gesehen.« »Was haben Sie jetzt vor, wo die Strecke fertig gestellt ist, Mis- ter?«, fragte Yuda. »Ich denke mal, wir werden hier bleiben, bis ihr zurückkommt«, meinte Zarras. »Es ist gut zu wissen, dass uns jemand den Rücken freihält. Ihr könnt Sari und seinen Rittern einen Denkzettel verpassen.« Zarras' Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Das ist doch mal ein süßer Gedanke, Mister«, sagte er. »Süß wie eine Nuss. Er muss, genau wie ihr, die Knochenbrücke überqueren.« »Aber er hat Pferde«, sagte Yuda und zog Annat an sich. »Wir können zwar vieles, aber fliegen gehört nicht dazu.« Während er sprach, ertönte schallendes Gelächter von Govorin und seinen ehemaligen Vorarbeitern, und jemand begann zu sin- gen. Die Worte waren in Sklav, und einer nach dem anderen fielen die toten Männer, so gut sie konnten, ein, auch wenn einige von ihnen Stimmen hatten, die so dünn wie Rohrflöten waren. Govo- rins Bass bildete das Rückgrat des Liedes, und nach einem Mur- meln des Wiedererkennens stimmte Yuda ein. Auch wenn Annat ihn schon zuvor hatte singen hören, war sie doch immer wieder er- staunt darüber, wie tief seine Stimme war. Sie lehnte sich an ihn und fragte sich, wie er das Herz finden konnte zu singen, wenn ihre Zukunft so zweifelhaft war. Wie viele Lieder der Sklav, war es me- lancholischer Natur und drückte die Sehnsucht nach dem verlore- nen Heimatland aus; die Wanderer sangen manchmal solche Melo- dien über ihre Rückkehr nach Zyon, obwohl sie es schon vor so, langer Zeit verlassen hatten. Sie beobachtete Malchik über das Feuer hinweg und lauschte; wie sie kannte er weder die Melodie noch die Worte. Trotzdem hatte es eine mächtige Wirkung auf sie und be- schwor ein Heimweh herauf, das nicht ihr Geburtsrecht war. Yuda drückte ihr die Schulter; auch er war in Neustria geboren, nicht in Sklava, doch er teilte etwas von der Kultur und den Träumen, die Govorin und seine Mitarbeiter verband. Er erinnerte Annat in Ge- danken daran, dass dieses Lied für all jene war, die weit weg von zu Hause waren und die sich nach einer Rückkehr sehnten. Die Vor- arbeiter würden ihr Heimatland nicht wiedersehen, doch es gab die Hoffnung, so gering sie auch sein mochte, dass Annat in ihres zu- rückkehren würde.

KAPITEL 20 Der Zug rollte langsam die Schienen entlang; die toten Männerliefen zu beiden Seiten nebenher. Yuda und Annat standen ge-

meinsam auf der Spitze des Tenders, als ob sie in einem Triumph- wagen führen. Über ihnen breiteten sich Wolken wie Fächer aus und beschatteten den wässrig blauen Himmel; vor ihnen entfaltete sich die Landschaft, während sie von einem kurvigen Bergrücken zum nächsten rollten. Der Wind hatte aus den Felsen zerklüftete Zinnen geformt, bis sie so kompliziert wie eine Spitzenborte wirk- ten: seltsame, zarte Steingirlanden hingen über dem Abgrund und warfen groteske Schatten, die auf den Zug fielen, als die verborgene Sonne Richtung Westen wanderte. Es gab gerade genug Wind, um Annat das Haar aus dem Gesicht zu pusten und ihre Röcke aufzu- bauschen; sie fühlte sich, als ob sie über das Himmelszelt reite und auf die Landschaft blicke, die sich dort drunten ausbreitete. Sie hielt die Puppe in ihren Armen, sodass deren Gesicht nach vorne, starrte und auch sie sehen konnte, wohin sie unterwegs waren. Un- ter sich konnte sie Malchik sehen, der aufrecht und wachsam auf seinem Thron aus Holzscheiten saß, und Casildis, die Holz in die Feuerbüchse schaufelte, während Govorin den Zug mit ruhiger Hand steuerte und die Strecke vor ihnen beobachtete. Sie stießen ganz plötzlich auf den Spalt; der Abgrund machte ei- ne Biegung nach rechts und wurde im Süden bis in die Ferne zu ei- ner langen Talspalte, die sie von der gegenüberliegenden Seite ab- schnitt. Die Gleise folgten der runden Landzunge noch eine Weile, bevor sie ausliefen und in einem Paar Puffer endeten. Govorin brachte den Zug geschmeidig um die Kurve und betätigte die Brem- sen, sodass die Lokomotive ordentlich zum Stehen kam. Casildis richtete sich auf und rieb sich das Kreuz, dann lächelte sie nach oben zu Annat und Yuda, die auf dem Dach standen. Niemand sprach viel, als sie sich an die Arbeit machten, ihre Sa- chen zusammenzusuchen und auf einen Haufen zu legen. Sie lie- ßen die Schlafsäcke und die Decken zurück. Casildis verstaute die Wasserflaschen in ihrem Rucksack, während Govorin die verblie- bene Nahrung einpackte. Malchik band sich die Harfe auf den Rü- cken, und Yuda nahm nichts außer der Vyel und einer Tasche voller Zigaretten mit. Annat sah ihnen zu und drückte die Puppe an ihre Brust. Sie alle schienen von der stillschweigenden Annahme auszugehen, dass sie nicht mehr viel benötigen würden, wenn sie erst mal die Domaine betreten hatten; von dort würden sie entweder fliehen, oder sie würden sterben. Einer nach dem anderen kletterten sie aus dem Zug und gingen am Rande des Abgrunds entlang, bis sie die Brücke erreichten, wo die toten Männer auf sie warteten. Annat sah, wie sich Malchik ge- gen den Zug lehnte und sich den Weg mit geschlossenen Augen er- tastete, bis er in der Mitte der Gleise, weg von dem Abhang, gehen konnte. Auf dem schmalen Felsvorsprung bildeten sie eine kleine Gruppe und blickten zur Brücke, die den Spalt überspannte. Wie Zarras beobachtet hatte, war sie aus Knochen gefertigt, eine schma- le Konstruktion mit einem engen Laufgang und ohne Geländer., Sie sah aus, als ob sie kaum einen Mann tragen würde, ganz zu schweigen von einer Eisenbahn. Obgleich die Entfernung gering war, war die Kluft doch nicht so schmal, dass man sie mit einem Satz überwinden konnte, auch wenn es einem Mann auf einem Pfer- derücken vielleicht gelingen könnte. »Hier verlassen wir euch«, sagte Govorin zu Zarras. Dann lachte er in seinen Bart. »Wahrscheinlich in senkrechter Richtung.« »Wir gehen besser einer nach dem anderen hinüber«, sagte Yuda. »Ich bezweifle, dass die Brücke stabil genug ist, zwei von uns zu tra- gen.« »Ich glaube nicht, dass ich das schaffe«, sagte Malchik und seine Lippen zitterten. »Doch, das kannst du, Junge. Halt einfach deinen Kopf erhoben und schau auf die andere Seite. Ich werde zuerst gehen, damit du sehen kannst, wie man es macht.« Ohne zu zögern betrat Yuda die Brücke und überquerte sie rasch, ohne nach unten zu blicken. Annat sah, wie die zerbrechliche Kon- struktion unter seinem Gewicht zitterte, und fragte sich, ob sie je- manden wie Govorin tragen konnte. Yuda nickte ihr zu. »Du bist die Nächste, Natka«, sagte er be- stimmt. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu gehen. Sie sah nach unten auf das Weiß der Knochen, und ihr Herz hämmerte, dann erinnerte sie sich an Yudas Worte. Als sie den Kopf hob, lächelte er sie an, und seine Zuversicht griff nach ihr wie eine starke Hand. An- nat machte den ersten Schritt auf die Brücke, und als sie losgelau- fen war, gab es kein Zurück mehr. Ihre Beine zitterten, und ohne nach unten zu schauen, rannte sie hinüber; unter ihren Füßen spür- te sie die Knochenverbindung tanzen. Sie hielt den Blick auf Yuda gerichtet, doch es schien viel Zeit zu vergehen, bis sie in seine Ar- me rannte und sich zitternd und schwitzend auf der anderen Seite wiederfand. Erst jetzt traute sie sich, in den schmalen Felskamin zu blicken, der so tief schien, dass sie die Felsen am Grund nicht se- hen konnte. Yuda umarmte sie. »Gut gemacht, Rebjonok«, sagte er. »Ich wusste, du würdest es, schaffen. Ich wünschte, bei Malchik wäre ich mir auch so sicher.« Als er zu Ende gesprochen hatte, war Casildis bereits auf die Brü- cke getreten. Sie ging schmerzhaft langsam und hielt den Blick ge- nau auf die Stelle gerichtet, wohin sie ihren Fuß als Nächstes setzen musste, doch ihr Gleichgewichtssinn war gut, und sie bewegte sich gleichmäßig, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt. Yuda packte Annats Handgelenk fast zu fest, während er der Frau zusah und wünschte, sie würde aufrecht stehen bleiben. Plötzlich machte Ca- sildis einen Satz nach vorne und nahm den letzten Meter mit ei- nem einzigen Sprung, sodass die Brücke schwankend und tanzend unter ihr zurückblieb. Yuda schnappte nach Luft und ging zu ihr; er ergriff ihre Arme, damit der Schwung sie nicht über den Rand fallen ließe. Dann führte er sie wortlos zurück zum breiten Vor- sprung und beobachtete dabei jeden ihrer Schritte. »Ich bin in Ordnung, Yuda«, sagte Casildis und lachte atemlos. »Du kannst mich jetzt loslassen.« Malchik und Govorin waren auf der anderen Seite inmitten des Haufens der toten Vorarbeiter zurückgeblieben. Annat konnte se- hen, dass ihr Bruder versuchte, mit dem Sheriff zu streiten; doch schließlich drehte er sich um, ließ sich auf Hände und Füße sinken und tastete sich den Weg über die Brücke, die unter seinem Ge- wicht schwang und schaukelte. »Oh Gott«, sagte Yuda. »Ich glaube, ich kann mir das nicht an- sehen.« Doch er ging zum Ende der Brücke und begann, Mal- chik vorwärts zu lotsen. Annat war übel, als sie zusah, wie sich ihr Bruder den Weg über die Leisten bahnte und immer nur eine Hand löste. Er umklammerte fest die Ränder, zu fest, und die Brücke schwankte und wölbte sich wie eine Hängebrücke, als er sich der Mitte näherte. Malchik hielt an, und Annat konnte sehen, dass sein Atem rasch ging. »Halt nicht an, Junge«, sagte Yuda. »Es ist nur noch ein kleines Stück.« Er trat auf die Brücke und streckte Malchik seine Hand entgegen. Es gab ein schwaches, berstendes Geräusch, und die Seile, die die, Leisten am anderen Ende zusammenhielten, rissen. Einen Augen- blick lang schien die Brücke zu schweben, dann krachte sie außer Sichtweite nach unten; Malchik klammerte sich an den Laufgang. Yuda fiel wie ein Stein. Annat schrie. Sie rannte zum Rand des Abgrunds, beugte sich vor und sah hinunter. Yuda war genau unter ihr und hing an einer Hand, Malchik war noch unter ihm. Während sie zusah, drehte sich ihr Vater in der Luft und griff mit der freien Hand nach der Brücke. Annat glaubte, er würde in Sicherheit klettern, doch statt- dessen machte er sich an den Abstieg. Er packte Malchik am Kra- gen seiner Tunika und mit einer Hand die Brücke umklammernd kletterte er wieder hoch. »Das schafft er nie«, stöhnte Casildis. »Sei still«, sagte Annat. Sie hockte sich an den Rand und trieb Yuda mit ihrem Willen an, wie er es bei ihr gemacht hatte. Einzig die neue Stärke, die er erworben hatte, als sie ihn heilte, versetzte ihn in die Lage, Malchiks Gewicht zu halten. Sie konnte sehen, dass ihr Bruder Yuda behinderte; er klammerte sich noch immer an die Streben der Brücke, und alles, was Yuda tun konnte, war, ihn anzufauchen, damit er losließ. Ihr Vater hing an einer Hand, und Annat konnte sehen, wie sich die Knochenschwellen unter dem Ge- wicht, das er trug, bogen. Endlich begann Malchik, sich langsam nach oben zu bewegen, und Yuda ließ ihn einen winzigen Moment lang los, um sich selbst nach oben auf den Vorsprung zu schwin- gen. Er legte sich neben Annat auf den Bauch und langte so tief er konnte über die Steinkante, um Malchik die Hand entgegenzustre- cken. »Nimm meine Hand, Junge«, schrie er. Malchik bewegte sich nicht. Er war ungefähr zwei Meter von der Kante entfernt und Yudas Hand baumelte über seinem Kopf. Er musste nur den Arm ausstrecken und sie ergreifen. Annat konnte sehen, wie die Brücke langsam unter seinem Gewicht schwang. Je- den Augenblick könnte sie sich aus ihren Verankerungen lösen und in den Abgrund verschwinden., »Nimm meine Hand!« »Ich kann nicht. Ich falle«, stöhnte Malchik. Yuda lehnte sich noch weiter vor und packte Malchiks Hand am Gelenk. »Ich habe dich, Junge. Jetzt lass los!« Malchik klammerte sich noch immer mit geschlossenen Augen an die Streben, Yuda zerrte an seinem Handgelenk und endlich öff- nete Malchik die Faust: Seine Handflächen bluteten. Yuda um- schloss die Hand fest und begann zu ziehen. Langsam gelangte Mal- chik nach oben; sein Gewicht wurde nur von seiner Hebelbewe- gung an der Brücke und Yudas Griff getragen. Annat sah und hör- te, wie die Verankerungen, die die Brücke hielten, auseinander zu brechen begannen. Yuda erhob sich auf die Knie, und mit einem mächtigen Ruck zog er Malchik über den Rand; er zerrte ihn auf den Vorsprung, als die Brücke sich schließlich aus der Vertäuung löste und krachend in den Abgrund unter ihnen sauste. Yuda riss Malchik zu sich und beugte sich über ihn; der klam- merte sich an seinen Rücken, als ob er sich fürchtete, loszulassen. Seine Schultern zitterten. »Zyon, Junge, ich dachte, ich hätte dich verloren«, murmelte er. Malchik lag ausgestreckt auf den Steinen, sein Gesicht war in Yudas Schoß verborgen. Er schien mehr tot als lebendig. Yuda streichelte dem Jungen einige Male rau über den Kopf, erhob sich dann und half auch Malchik dabei aufzustehen. Annat konnte sehen, dass ihr Bruder am ganzen Leib zitterte. Yuda führte ihn auf sicheren Bo- den, weg von dem Abgrund, und sorgte dafür, dass er sich hinsetzte und sich mit dem Rücken gegen die Felswände lehnte. Dann wand- te er sich an Annat und Casildis. »Wir haben ein Problem«, sagte er. Govorin war auf der anderen Seite der Schlucht zwischen den Vorarbeitern zurückgeblieben, und es gab keine Möglichkeit für ihn herüberzukommen. Yuda stand an der Kante und schrie ihm entge- gen: »Du wirst hier bleiben müssen, Mister. Und auf uns warten.« Govorin winkte kläglich. »Ich und die Jungs werden einen Emp- fang für Sari vorbereiten!«, rief er., »Wir kommen zurück, Sergey, egal, was geschieht!«, rief Casildis. Yuda drehte sich mit einem grimmigen Gesicht um. »Ich hoffe, du behältst Recht damit, Missis«, sagte er sanft. Govorin blies Casildis einen Kuss hinüber, und sie tat so, als ob sie ihn mit der rechten Hand auffing. Sie winkten dem Sheriff und seinen Begleitern zum Abschied zu und machten sich auf den Weg, auf dem Pfad, der sie ins Landesinnere führen würde, in die Do- maine. Annat hatte wieder einmal die Puppe herausgeholt und hielt sie in den Armen, als sie auf dem Vorsprung entlangwanderten, der von der Kluft wegführte. Yuda ging an der Spitze, Annat war hinter ihm, gefolgt von Malchik, der sich noch immer den Weg an der Felswand entlang tastete wie ein blinder Mann; Casildis ging als Letzte. Der Sims war in den bloßen Stein gehauen worden, und er war weniger als zwei Meter breit. Über ihnen erhob sich senkrecht die Felsmauer, die von Vogelkot gesprenkelt war. Unter ihnen war der freie Fall bis zum gefrorenen Fluss. Die Höhe schreckte Annat nicht, sondern forderte sie heraus und erregte sie. Sie blickte auf Yudas Rücken und beobachtete, wie selbstsicher er auf dem engen Pfad ausschritt. Sein Geist war auf das Ziel vor ihnen gerichtet. Nach einer Weile wand sich der Pfad seitlich die Felsen empor. Zunächst führte er steil nach oben, und Annat musste manchmal eine Hand benutzen, um über die Felsen zu gelangen. Sie sah Yuda vor sich um eine enge Haarnadelkurve klettern, wo der Weg einen scharfen Knick machte. Von hier ab führte er in Serpentinen die Felswand empor, und die Berge selbst neigten sich und vermittelten ein Gefühl der Sicherheit. Annat konnte nach unten schauen, um den mühseligen Fortschritten ihres Bruders zuzusehen, während Ca- sildis geduldig hinter ihm wartete. Annat selbst war in der Lage, sich viel rascher zu bewegen, und kletterte, mit einer Hand an den Felsen, Yuda hinterher. Gelegentlich machte Yuda Pause, um Mal- chiks Vorankommen zu beobachten; einmal wollte er umkehren, doch Casildis gab ihm ein Zeichen, weiterzugehen; sie vertraute da- rauf, dass es ihr gelang, alleine über Malchiks Schritte zu wachen., Schließlich erreichte der Pfad die Spitze des Gebirgskamms. Es gab einen zweiten senkrechten Abhang auf der anderen Seite, der Pfad tanzte gefährlich über den schmalen Gipfel und suchte sich seinen Weg durch die verblüffenden Felsschornsteine, die vom Wind in zerbrechliche Formen gebracht worden waren. Yuda war- tete, bis Annat zu ihm auf den Kamm aufgeschlossen hatte, und sie konnte in seinem Gesicht lesen, dass auch er nichts als Herausfor- derung in den Gefahren des Aufstiegs sah. Als sie ihn erreicht hatte, war sie außer Atem; er war allein auf dem Gipfel, der Wind hatte sein Haar aus dem Gesicht geweht, und er stand so ruhig, als ob er sich auf einer offenen Ebene befände. Annat sah, als sie näher ge- kommen war, dass er über die geriffelten Muster in der Schlucht unter ihnen schaute. Auf der anderen Seite ahmten fantastische Formen und Säulen die Felsformationen des Kamms nach; dahinter befand sich ein blauer Schimmer, der eine grasbedeckte Hügelkette oder auch ein Meer in weiter Entfernung sein mochte. Es gab keine Spur von Schnee. – Ich würde sagen, es hat sich schon gelohnt, nur um das hier zu sehen, dachte er. – Es ist wie fliegen. Sie standen Seite an Seite und blickten über die Weite, und für kurze Zeit hatten sie das Ziel ihrer Reise vergessen. Nicht weit unter ihnen kämpfte sich Malchik mit Casildis' Hilfe den Zickzackpfad empor. Yuda sah mit besorgtem Ausdruck zu seinem Sohn hinun- ter, doch er wartete nicht lange auf ihn. Stattdessen machte er sich auf den Weg, den Bergkamm entlang, und stieg den ersten Felsgrat empor, der etwas Schutz vor dem Abgrund zur Rechten bot. Tat- sächlich war der Pfad weniger bedrohlich, als es zunächst den An- schein gehabt hatte; die Felswand rechts bildete eine steile Geröll- halde, die in einem schmalen Felsgesims endete, bevor sie dann in die niederen Abhänge außer Sicht stürzte. Annat folgte Yuda und blieb ihm eng auf den Fersen. Mit seinen bloßen Füßen fand er be- sonders gut Halt auf dem Gestein, und er kletterte die steinernen Verwerfungen mit der Leichtigkeit eines Affen empor. Trotz des, Ernstes ihres Vorhabens fand Annat ein kindliches Vergnügen da- rin, ihm hinterherzurennen, und als sie am Fuße der Felssäule ange- langt waren, machten sie Halt und lächelten sich an. Es war harte Arbeit, den Kamm zu überqueren, denn es erforderte Aufstiege bis zu der Höhe der Kamine; dem folgten vorsichtige Ab- stiege zum Pfad zurück. Immer mal wieder warf Annat einen Blick zurück zu ihrem Bruder und Casildis, die auch jetzt noch etwas zu- rücklagen und sich den Weg entlangmühten; langsam erklommen sie die Felsspitzen wie zwei Maulwürfe im Tageslicht. Der Wind sang über ihr ein klagendes Lied durch die ausgehöhlten Löcher und Ritzen des Steinkamins. Endlich jedoch begann der Fußweg vom Gipfel abwärts zu führen und bahnte sich den Weg durch den gefurchten Berggrat in Richtung eines neuen Tales. Ganz schwach, tief dort unten, konnte Annat die silbergrauen Weiten von Wiesen sehen, die von den langen Biegungen der Felswand gesäumt wur- den. Hinter dieser Wand befand sich ein Meer aus gesprenkeltem Dunkelgrün, und Annat begriff mit Schrecken, dass sie auf die Do- maine der Göttin blickte, die sich unter ihr ausbreitete. Der Abstieg vom Berg ging viel langsamer vonstatten als der Auf- stieg. Annat und Yuda suchten sich ihren Weg auf dem steinernen Pfad, der sich über die Bergschultern wand, krochen zwischen Fels- verwerfungen hindurch und kauerten nieder, um einen Abhang hin- unterzugelangen und eine Reihe unebener Stufen zu nehmen, von denen einige so hoch waren, dass Annat springen musste. Unter ih- nen schimmerte die Landschaft wie eine Luftspiegelung unter dem Nebel niedrig hängender Wolken; als sie weiter hinabstiegen, wur- den die Einzelheiten klarer, und Annat konnte die dunklen Schat- ten der verschlungenen Gassen sehen, die ein Labyrinth bildeten, und die gläserne Kuppel der Rotunda in ihrer Mitte. Sie hielt an, um es sich genauer anzusehen, und ihr Herz hämmerte laut; Yuda blieb hinter ihr stehen. Ihr Ziel lag nun in Sichtweite, und die Be- rührung der Sonne hatte etwas Bedrohliches zu einem verzauberten Garten gewandelt, der ihnen zuzuwinken und sie zu ermutigen schien, sich ihm zu nähern., »Ich frage mich, ob es ein Tor gibt«, fragte Yuda laut. Annat ant- wortete nicht; Angst ließ ihren Mund trocken und ihren Magen hohl werden. Yuda sah mit einem fragenden Blick zu ihr zurück; er musste sich auf ihren Sinn für Gefahren verlassen, wo er selber kei- ne Furcht mehr kannte. Annat ließ sich auf dem Weg nieder und wiegte ihre Puppe auf den Knien. »Vielleicht können wir etwas war- ten, damit Malchik zu uns aufschließen kann«, sagte sie ernst. »Das sollten wir vielleicht tun«, sagte Yuda und blickte zu ihr hin- ab. »Ich wusste, dass Casildis eine ruhigere Führerin abgeben würde als ich. Ich hätte schon vor einer ganzen Weile die Geduld verlo- ren.« »Er hatte schon immer Höhenangst. Er ist zu Hause nie in die Berge gestiegen.« »Das ist kein Wunder. Kurz bevor ich deine Mutter verlassen habe, ließ ich Malchik über eine Klippe baumeln, um ihr einen Schreck einzujagen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich wusste, dass ich gehen muss; ich war dabei, mich in ein Monster zu verwan- deln.« Er wandte sich von ihr ab, und sie spürte die scharfen Klin- gen von Bedauern und Trauer. »Mit mir hast du so etwas nie gemacht«, sagte Annat. »Deine Mutter hat sich nur um Malchik gesorgt. Du sahst zu sehr wie eine Wanderin aus, um sie glücklich zu machen. Das ist der Grund, warum dich Yuste adoptiert hat. Doch Aude war ver- narrt in Malchik. Das arme Rebjonok.« Er sah zu der Stelle, an der Casildis und Malchik langsam hinab- kletterten. Casildis ging voran, während Malchik auf seinem Hosen- boden herunter polterte. Yuda seufzte. »Ich hielt mich für so schlau«, sagte er zu sich selbst. »Und sieh ihn dir jetzt an. Aber er schafft es; vielleicht auf seine eigene Art, die nicht ganz so anmutig ist, aber er schafft es.« Annat kratzte sich am Bein; ihre Wollstrümpfe juckten. »Malchik versucht es«, sagte sie. »Ich glaube, er würde alles tun, um dir zu ge- fallen.« Sie warteten, bis Casildis und Malchik in Rufweite waren, bevor, sie wieder aufbrachen. Der Pfad war weniger steil, als er es weiter oben gewesen war, und Annat und Yuda bewegten sich rasch; leicht- füßig sprangen sie über Steine und unebene Felsbrocken. Der Hü- gel unter ihnen breitete sich wie ein dicker Bauch aus, und dürre Pflanzen begannen sich in den Felsspalten zu zeigen, kleine, dor- nige Büsche und Disteln, die die Unvorsichtigen kratzten. Annat beneidete Yuda nicht darum, dass er ohne Schuhe unterwegs war, doch er schien recht geschickt und wich den Dornen aus. Nur ein- mal blieb er stehen, um einige Stacheln aus seiner Fußsohle zu ent- fernen. Nach einer Weile bewegten sie sich zwischen zerzausten Stechginsterbüschen entlang, und die ersten mageren, windgeschüt- telten Bäume brachen aus der steinernen Erde, rau und ausgefranst und so grau vom Staub wie der Felsen. Der Pfad war nun breit und flach genug, dass Yuda und Annat Seite an Seite gehen konnten, und froh über den Windschutz trotteten sie voran. Der Hang machte eine weiche Biegung und traf auf die Baum- grenze; die ersten dunklen Pinien bahnten sich ihren Weg, um sie zu empfangen, und spendeten ein ruhiges Zwielicht, das nach dem harten, ungetrübten Licht im Gebirge seltsam schien. Zwischen grü- nen Schatten liefen sie auf einem gewundenen, hellen Pfad entlang, der in die Schatten eintauchte und wieder heraus führte. Keine Vö- gel unterbrachen die Stille, nur das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Pinien war zu hören, was die düstere Einsamkeit des Ortes noch betonte. Annat und Yuda liefen langsam und vorsichtig wie Eindringlinge; Erwartung lag in der Luft, als ob jeden Augen- blick etwas aus den Bäumen herausspringen könnte. Sie waren ungefähr eine Meile den Wanderweg entlang gelaufen, als er sich zu einem breiten Grasweg öffnete, der zu beiden Seiten von mächtigen Eiben gesäumt wurde. Jeder Baum war in eine Form gestutzt worden: es gab Türme und Schlösser, Schiffe und Wind- mühlen, Tiere und Monster. Die dunklen Gestalten mit ihren glat- ten Blättern ragten bedrohlich über Yuda und Annat auf, wie Rei- hen von Wachen, die während einer Prozession die Menge zurück- drängen wollten. Der Weg führte, so weit das Auge sehen konnte,, den Berg hinab, und am Fuße konnte Annat gerade noch die He- cke ausmachen, welche die Felswand der Domaine säumte. »Jetzt sind wir fast da«, sagte Yuda, der plötzlich müde klang. An- nat sah im Gehen zu ihm hoch. Außer Malchik und Casildis waren sie meilenweit die einzigen lebenden Kreaturen in dieser Wildnis. »Bist du bereit?«, fragte sie ihn. »Das werden wir herausfinden, wenn wir angekommen sind«, sagte er grimmig. Die kalte Sonne schien einen Streifen goldenen Grüns vor ihnen zu enthüllen. Sie durchquerten die Schatten der Eiben und stapften eilig durch das hohe Gras. Der Wind war hier unten nicht zu hö- ren, und es hätte ein angenehmer Ort sein können, hätte es nicht immerfort den Anschein gehabt, dass etwas sie beobachtete und auf sie wartete: der Geist der Göttin. Yuda legte Annat den Arm um die Schultern; sie hasteten vorwärts und fühlten, dass der Schatten ein Freund und das Sonnenlicht ihr Feind war. Die Sonne, die sie noch nie gesehen hatten, war die Kundschafterin der Göttin; sie richtete ihren Blick auf sie, zwei winzige und unbedeutende Gestalten, die durch die gebeugten Eiben und die weiten Flächen des leeren Wal- des hinter ihnen noch kleiner wurden, allein in der endlosen Land- schaft. Ein oder zwei Mal schaute sich Yuda um, um zu sehen, ob Mal- chik und Casildis ihnen noch folgten. Sie waren jetzt auf festerem Boden, und das Paar begann aufzuschließen. Vor ihnen schien die hohe Hecke nicht näher zu rücken, sondern eher in Ausmaß und Einzelheiten zu wachsen. Annat konnte das verflochtene Dornen- gestrüpp erkennen, das die Hecke bildete, die kräftigen Ranken und die Stacheln. Sie war nicht überrascht, als Yuda plötzlich zu rennen begann, und die letzten paar hundert Meter fegten sie Hand in Hand dahin, von einem drängenden Gefühl beherrscht, das sie zwang, sich dieser unschönen Barriere zu stellen, anstatt endlos lan- ge auf sie zuzulaufen, während sie immer höher und dichter wurde. Hinter ihnen begannen auch Malchik und Casildis zu rennen, und die vier kamen beinahe gleichzeitig vor der hohen Heckenmauer, an. Sie standen in einer Reihe und betrachteten die dicke Dornen- wand, die ebenso tief wirkte, wie sie in die Höhe ragte. Einige der Nadeln waren bis zu zehn Zentimeter lang, und ohne eine Axt gab es keine Möglichkeit hindurchzugelangen. »Dies ist der Eingang«, sagte Yuda und sah zur Spitze der Hecke empor. »Glaubst du, wir können hinüberklettern?«, fragte Casildis. »Wir würden in Stücke gerissen«, antwortete er. Annat spürte, wie er über das Problem nachgrübelte. Sie konnten an der Grenze ent- langlaufen, um zu sehen, ob es eine Stelle gäbe, wo die Hecke we- niger dick wäre; oder sie könnten versuchen, sich hier Eintritt zu verschaffen. »Irgendeine Chance, dass deine Puppe uns hilft?«, frag- te er und fuhr fort, die dicht verschränkten Dornenranken zu un- tersuchen. Annat schüttelte den Kopf. Die Puppe schwieg, doch Annat spürte etwas im Inneren, das von ihrem Flehen wusste und ihnen geholfen hätte, wenn es dazu in der Lage gewesen wäre. »Dann gibt es nur eins, was wir tun können«, sagte Yuda und blickte in die Runde. »Der Rest von euch tritt weit zurück. Das schließt dich mit ein, Natka«, fügte er hinzu, denn er fühlte ihre Frage in seinen Gedanken. Annat folgte Malchik und Casildis und zog sich zurück, um ihrem Vater dabei zuzusehen, wie er vor der Hecke stand und die Innenfläche seiner Hände befühlte. Er schätzte mit den Augen die Höhe der Ranken ab, als ob er die Maße eines Feindes überschlug. Obwohl Annat wusste, was kommen würde, war sie nicht im min- desten auf die Hitze und die Kraft vorbereitet, als Yuda die Hände ausstreckte und einen weißen Flammenstoß ausschickte. Er zerriss die Hecke, griff nach den trockenen Ranken und verkohlte sie zu Asche. Als Yuda zurücksprang, ging die ganze Hecke in einer gol- denen, brüllenden, blendenden Hölle auf, eine Feuerwand, die ge- gen den weit entfernten Himmel zu schlagen schien und eine große Rauchsäule emporschickte. Yuda kam zu ihnen herüber, Dampf- schwaden stiegen von seinen Händen auf, doch das Feuer hatte ihn nicht berührt., »Das war, nun ja, beeindruckend«, sagte Malchik trocken. »Nun müssen wir nur noch durch eine Wand aus brennenden Dornen.« Yuda lachte und tat so, als ob er seinen Sohn boxen wollte. Das Feuer hatte sich von seinem eigentlichen Entzündungspunkt aus ausgebreitet und das knochentrockene Holz erfasst. Vor ihnen schienen sich die Ranken in Höllenqualen zu winden und zu dre- hen, während die Flammen sie verschlangen. Die Hitze des Stoßes war so intensiv gewesen, dass an einigen Stellen die Stämme keine Zeit zum Brennen gefunden hatten; sie waren sofort zu Kohle ge- worden und fielen bröckelnd unter dem Gewicht der berstenden Ranken über ihnen zusammen. Ein geschwärztes Loch erschien in der Hecke und zeichnete sich zwischen zwei Feuerbalken ab: eine Stelle, an der es nichts mehr gab, was brennen konnte. Annat konn- te erkennen, dass die Mauer weiter hinten nachgab und von den Kletterpflanzen, die sich in ihr verankert hatten, niedergerissen wur- de, ebenso wie von der verzehrenden Macht der Flammen. Wäh- rend sie zusah, ergab sich die Hecke dem Feuer und verlor ihre Ge- stalt, als nach und nach alle Stämme Feuer fingen oder zu Asche er- starrten. Die geschwärzten Überbleibsel lagen über den Boden ver- streut, rauchend, und die Erde unter ihnen war weiß verbrannt. »Zeit zu gehen«, sagte Yuda. Er wandte sich von ihnen ab und ging auf die Dornen zu, die in einem wilden, verkeilten Haufen schwarzer Äste und Zweige auf dem Boden lagen. Er trat mit dem Fuß gegen die Anhäufung. Es gab eine deutliche Lücke in der He- cke, und die Steine dahinter waren zusammengefallen, sodass ein Spalt zurückgeblieben war, der von unregelmäßigen Rändern ge- rahmt war. Sie hatten die Mauer der Domaine durchbrochen. Einer nach dem anderen folgten sie Yuda durch die Öffnung und traten hinaus auf das kleine Grasstück, das dahinter lag. Sie fanden sich auf einem tief liegenden Weg wieder, der durch die hängenden Bögen von Zaunrosen führte und beim Eingang in das Labyrinth endete. Hoher Buchsbaum und Eiben bildeten die Mauern. Hinter ihnen erhob sich die Kuppel der Rotunda, die auf hohen Steinsäu- len ruhte. Der Anblick war wunderschön und ruhig wie der verlas-, sene Garten eines großen Hauses, dessen Bewohner sich ins Innere zurückgezogen hatten, um Schutz vor der Sonne zu finden; hier jedoch verbreitete die Sonne keine Hitze. Annat spürte eine Vor- ahnung drohenden Unheils, die viel stärker war als alles, was sie empfunden hatte, als sie den Berg bestieg oder durch den Wald ging. Sie drehte sich zu Yuda um und sagte: »Wir blicken unserem Tod entgegen.« Sie standen in einer Reihe und starrten auf den eingesunkenen Pfad, der von Rosen eingeschlossen war, die nicht zur Jahreszeit passten. Es gab keine Bienen, die mit ihrem Summen die Stille ver- zauberten; es herrschte das atemlose, vollkommene Schweigen einer Leichenhalle, in der die Toten lagen, ernst und bloße Hüllen, und auf den Einbalsamierer warteten. Annat fühlte die Kälte auf ihrer Haut wie eine ungewollte Berührung. Selbst die Blumen hatten das wächserne Aussehen von Grabschmuck. Hier gab es kein Leben, nur die bewahrte Illusion, die sich ausbreitete, um die Sinne zu täu- schen. »Sollen wir gehen?«, fragte Malchik nervös. Ohne zu antworten brach Yuda langsam auf, den geschützten Weg hinunter. Annat eilte hinter ihm her und drückte den hölzer- nen Körper ihrer Puppe fest gegen die Brust. Hier gab es Schatten, die von den verschlungenen Ranken der Kletterrosen geworfen wur- den, welche in der Zeit eingefroren zu sein schienen. Sie spürte, dass die Zeit selbst sich zurückgezogen hatte und nichts außer Still- stand zurückgelassen hatte. Vielleicht würden sie für alle Ewigkeit versuchen, das Ende des Weges zu erreichen, oder sie würden al- tern, während sie den Pfad hinabliefen, bis ihre Knochen bröckel- ten und im Gras zusammenfielen. Die Reihen der blumenbedeck- ten Bögen schienen endlos, und jeder Reif versprühte den gleichen süßen Geruch, der schon fast an Verfall erinnerte; sie alle schienen Annat näher zum Leichentisch des Einbalsamierers zu ziehen und ihr ein Leichentuch und einen Sarg mit vollkommenen Blüten dar- zubieten. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich ausgestreckt, bleich und leblos, wie sie eine weiße Rose gegen ihre Brust presste und in, einem gläsernen Sarg den Blicken ausgeliefert war. Yudas Hand berührte sie im Kreuz. »Versuch nicht daran zu den- ken«, sagte er. Als Annat ihn anschaute, sah sie an seiner Statt eine zerschmetterte, blutgetränkte Gestalt mit offenem Mund und hän- gendem Kiefer. Yuda drückte ihre Schulter und sein wahres Bild drang zu ihr vor; er war lebendig und lief neben ihr, und sie hatten bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt. Am Ende vor ihnen be- fand sich die grüne Wand des Labyrinths. Davor war ein eingesun- kenes, rundes Grasstück mit einer Sonnenuhr in der Mitte zu se- hen. Yuda und Annat näherten sich der Uhr und machten Halt, um den Zeiger und den Schatten, den er warf, genauer zu betrach- ten: Er zeigte Mittag an. Yuda strich mit den Fingerspitzen über den von Flechten überwucherten Stein. »Ich möchte wissen, seit wie vielen Jahren sie diese Zeit anzeigt«, sagte er. »Alles ist angehalten«, sagte Annat und sah zu ihm hoch. »Ich glaube, dass die Zeit hier stehen blieb, als die Kalte vertrieben wur- de«, antwortete er und suchte ihren Blick. »Was ist mit uns, Tate? Wie viel Zeit wird vergangen sein, wenn wir in die obere Welt zurückkehren?« Yuda sah sie mit traurigen Augen an. »Das kann man nicht wis- sen, Natka.« Mit den Fingern fuhr er den Rand der Uhr entlang und beugte sich vor, um die Inschrift zu lesen. »›Die Herrschaft der Sonne wird überschattet, wenn sich ihr Gesicht wieder zeigt.‹« »Wir können die Sonne jetzt nicht sehen«, sagte Annat. »Wir ha- ben sie noch nie gesehen.« – Die Sonne ist das Geschenk der Strahlenden, sagte die Puppe leise, doch vernehmlich. Yuda richtete sich auf, und Annat konnte an seinem Gesicht erkennen, dass auch er es gehört hatte. »Keine Sonne, kein Wechsel, keine Zeit«, sagte er. Als Malchik und Casildis zu ihnen gestoßen waren, liefen sie gemeinsam den zweiten Teil des Weges hinunter. So von ihren Freunden umringt, war Annat nicht länger bedrückt von den Bil-, dern des Todes und Verlusts; doch die schwelende Traurigkeit blieb. Es überraschte sie nicht zu sehen, dass Yuda Casildis' Hand genom- men hatte; sie liefen zusammen, in gemeinsames Schweigen versun- ken, und sahen dem Eingang zum Labyrinth entgegen, während sie sich ihm näherten. Die vier blieben unmittelbar davor stehen, und Casildis holte das winzige Fadenknäuel, das ihr der Rashim gegeben hatte, aus ihrer Tasche. »Dies wird uns helfen, den Weg zu finden, wenn wir zur Rückkehr gezwungen sind«, sagte sie und band das eine Ende an einen Zweig in der Hecke. Das Labyrinth sah eher einladend als be- drohlich aus; sie konnten gerade noch den schattigen Weg ausma- chen, der nach dem Eingang nach links führte und mit einem Tep- pich aus kurzem, grünem Gras ausgelegt war. Sie folgten Casildis, die das Fadenknäuel in ihrer Faust hielt, in die erste Gasse. Diese schien sich sanft nach rechts zu biegen und endete in einer un- durchdringlichen Ligusterwand und einer versteckten Abzweigung. Sie liefen zum Ende des Weges, wo sie nach rechts abbiegen muss- ten; der Weg führte sofort wieder in gleicher Richtung zurück. So ging es einige Male, bevor er sich gabelte und in zwei gleich aus- sehende Wege rechts und links mündete. An dieser Abzweigung zö- gerten sie, entschieden sich aber dann für den Weg zur Rechten, der sich vielversprechend Richtung Mitte wand. Eine Stunde später – vielleicht hatte es auch länger gedauert – hatten sie sich verirrt. Das verschlungene Netz des Labyrinths hatte sie hin und her geführt und zu ihrem Leidwesen hatten sie einige Male Casildis' Faden gekreuzt, den sie zuvor gespannt hatten. Sie versuchten, ihre Spuren zurück zu verfolgen und das wertvolle Fa- denknäuel wieder aufzurollen, bis sie sich erneut an der Gabelung fanden, an der sie die falsche Entscheidung getroffen hatten; dort folgten sie diesmal einem anderen Pfad, nur um an dessen Ende das Gold eines verführerischen Spinnennetzes in den Büschen schim- mern zu sehen. Gemeinsam machten sie am Fuße einer verwitterten Steinstatue Halt, die eine Nymphe zeigte, welche mühelos eine Weltkugel auf der Schulter balancierte. Malchik beugte sich vor, und las die Inschrift, während sich die anderen beratschlagten, wo- hin sie als Nächstes gehen sollten. »Hier ist mein Faden«, sagte Casildis und befühlte ihn, »aber ich bin mir sicher, dass wir hier nie lang gekommen sind. Ich kann mich an keine Statue erinnern.« »Da dies eine Sackgasse ist, hättest du das Fadenknäuel wieder aufgewickelt«, sagte Yuda grimmig. »Hier steht etwas auf dem Sockel«, sagte Malchik. »Wenn ich es doch nur lesen könnte.« Er versuchte, die Inschrift mit dem Finger nachzufahren. »Komm, oh Tod, und erlöse die … das kann ich nicht lesen … Blume, die die Stille der Stunde bewacht … Der Rest ist zu verwittert, doch das Wort sah aus wie ›erstarrte‹. Eine erstarrte Blu- me?« »Komm, Junge«, sagte Yuda. »Verschwende nicht deine Zeit da- mit.« »Wir müssen den Weg zurück nehmen, den wir gekommen sind«, sagte Annat und blickte den Pfad entlang, der seltsam überschattet wirkte. In der Kälte und Stille hier lag ein Hauch von Bedrohung, den sie in den entlegeneren Teilen des Labyrinths nicht bemerkt hatte. »Ich glaube, an der letzten Gabelung gab es drei Abzweigungen«, sagte Yuda. »Und dies ist die dritte, die wir ausprobieren.« Langsam gingen sie über das kurze Gras, das den Abdruck ihrer Fußstapfen auf den federnden Halmen trug. Malchik zögerte und sann noch immer über die Inschrift auf der Statue nach. Annat eilte voraus und fühlte einen Anflug von Panik. Sie hoffte, dass Yuda sich irrte und dass sie nicht bereits alle Abbiegungen an der Gabelung genommen hatten. Vielleicht mussten sie zu einer frühe- ren Verzweigung zurückkehren, um in eine andere Richtung zu ge- langen. Sie wünschte sich, dass ihr Gehirn nicht voller Nebel und Verwirrung wäre. Sie konnte sich kaum an die Biegungen erinnern, die sie gegangen waren, bevor sich der Weg das letzte Mal aufspal- tete, ganz zu schweigen davon, ob sie alle Wege erkundet hatten. Als sie an eine Kreuzung gelangt waren, machten sie wieder Halt,, um sich zu orientieren. Annat drehte sich zu den anderen um und war sich nicht mehr sicher, welchem Weg sie folgen sollte. Sie sah, wie Yuda mit grimmigem Gesicht zu ihr eilte, Casildis im Schlepp- tau, die sorgfältig den goldenen Faden aufwickelte. Es gab keine Spur von Malchik. »Warum ist Malchik nicht bei euch?«, rief Annat und kam ihnen rasch entgegen. »Ich dachte, er wäre hinter mir«, sagte Casildis und blickte zu- rück. »Verdammter Bursche, warum kann er nicht bei uns bleiben?«, sagte Yuda ungeduldig. »Wenigstens können wir ihn in einer Sack- gasse nicht verlieren.« Noch während er sprach, ertönte ein langer, hoher Schrei aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, doch es war nicht Malchiks Stimme – sie klang überhaupt nicht menschlich. »Zyon«, sagte Yuda und rannte den Weg zurück, die anderen dicht auf den Fersen. Während sie rannten, ertönte der Schrei noch einmal, dieses Mal schien er jedoch einen spöttischen Tonfall zu haben. Sie bogen um eine Ecke in der Eibenwand und standen vor einer dicken, grünen Barriere, die quer über ihrem Pfad wuchs. An- nat war sich sicher, dass sie eben noch nicht hier gewesen war. Es gab keine Spur von Malchik, und die Statue der Nymphe war eben- falls verschwunden. Yuda warf sich gegen die Barriere und zerrte an den verschlungenen Blättern des Buchsbaums und der Eibe, ohne Erfolg jedoch. Die Hecke schien so massiv und dick, als ob sie dort über Jahre hinweg gewachsen wäre. Yuda schimpfte und verfluchte der Reihe nach sich selbst, Malchik und die Kalte. Es gab nichts, was er hätte tun können; Malchik war verschwunden, so voll und ganz, als ob sich der Boden aufgetan und ihn verschluckt hätte. Durch den Verlust Malchiks schien Yuda des letzten Hoffnungs- schimmers beraubt, und er machte sich verbissen an die Arbeit, ohne Freude jedoch. Weder Annat noch Casildis wussten, wie sie ihn trösten sollten. Sie kehrten zur Wegkreuzung zurück und such- ten nach einem anderen Pfad. Es schien ihnen allen, dass es nicht, länger wichtig war, für welche Abzweigungen sie sich entschieden, wo doch die Göttin das Labyrinth um sie herum veränderte. Sie lie- fen hintereinander, Yuda an der Spitze und Casildis als Schlusslicht. Sie machten nur Halt, um sich zu beraten, wenn sie wieder eine Wahl treffen mussten. Es war ein mühseliger Vorgang, und oft fan- den sie ihre eigenen Fußabdrücke vor. Während der gesamten Zeit änderte sich das klare Sonnenlicht nicht, sondern warf seinen Mit- tagsschatten über sie, während sie hin und her liefen. Schließlich setzten sie sich zum Ausruhen auf ein Rasenstück, das von den Zweigen eines Birnbaumes geschützt wurde, welcher in voller Blüte stand. Yuda stützte sein Kinn auf die Hand, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, und Annat spielte lustlos mit der Puppe in ihrem Schoß, während sie sich fragte, wie lange sie schon in der mittäglichen Stille gefangen waren. Sie hatte die Pup- pe gebeten, ihnen zu helfen, doch die hatte ihr nicht geantwortet. Nach einer Weile wandte sich Yuda an Casildis, die neben ihm saß. »Was denkst du, Missis?«, fragte er beinahe feindselig. »Welchen Weg sollten wir nehmen?« »Für mich sehen alle Wege gleich aus, Yuda«, antwortete sie. »Ich glaube, das Geschenk des Rashims hat uns keinen guten Dienst ge- leistet. Die Fallen, die uns die Göttin stellt, sind zu ausgeklügelt.« »Ich bin so müde«, sagte er. »Trotz all meiner Kräfte fällt mir nichts ein.« »Leg dich hin, und ruh dich aus«, sagte Casildis. »Was kann es schon schaden? Wir werden Malchik nicht schneller finden, selbst wenn wir uns zu Tode hetzen.« Yuda legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie streichelte mit ihren langen Fingern sein Haar. »Die Göttin wird ihm nichts tun«, dachte er laut. Casildis seufzte. »Aber das ist es nicht, was dir wirklich Sorgen bereitet«, sagte sie. »Wir könnten schon seit Jahren hier sein«, sagte Annat und blick- te auf die Blüten über ihnen. Ihre Zartheit ließ sie weniger unheil- voll erscheinen als die wächsernen Rosen. Sie erzählten von Ver-, gänglichkeit inmitten all dieser Stille. »Was, wenn sie über seinen Geist gebietet?«, fragte Yuda. »Ich weiß nicht, wie wir ihn wieder zurückholen sollen.« »Vielleicht findest du einen Weg«, sagte Casildis. »Du bist wunderschön«, sagte Yuda und blickte ihr fest ins Ge- sicht. Als Casildis ihre Finger an seine Wange hob, streckte Annat die Hand aus, um einen Spross der baumelnden Blüten zu pflü- cken. Er brach leicht unter ihrer Hand ab, und sie hob ihn an die Nase, denn sie fragte sich, ob er noch irgendeine Spur von Duft trug. Sie hielt ihn in den gewölbten Handflächen und wurde von der überwältigenden Traurigkeit des Ortes gepackt. Vergänglichkeit und Veränderung waren der wahre Kern des Lebens, nicht diese vollkommene Konservierung. Sie sah zu, wie der Blütenzweig in ihrer Hand verwelkte und die Blätter abwarf, die langsam zu grau- em Staub wurden. Sie blies ihn aus ihrer Hand und hatte das Ge- fühl, etwas verstanden zu haben. An diesem Ort hatte es seit Jah- ren keine Veränderung gegeben; sie jedoch hatte durch das Pflü- cken der Blüte einen Wechsel erzwungen. Sie sprang auf und ver- streute den Rest des Staubes. »Ich habe die Antwort«, rief sie. »Und die wäre?«, fragte Yuda matt und drehte den Kopf in ihre Richtung. »Nichts verändert sich hier, nichts stirbt und nichts wird geboren. Nur das Labyrinth verändert seine Gestalt um uns herum. Aber wir sind lebendig, wir verändern uns und wir können sterben. Wo wir herkommen, geht die Sonne auf und wieder unter. Wenn wir uns daran erinnern, sollte sich das Labyrinth als das zeigen, was es wirk- lich ist.« »Annat hat Recht«, sagte Casildis. »Nichts kann nach drei Jahren des Winters so vollkommen sein – ganz zu schweigen nach drei- undzwanzig Jahren. Es muss eine Illusion sein.« Yuda setzte sich auf, zog Casildis an sich und küsste sie mit aller Kraft auf den Mund. Als sie ihn wegstieß und sanft protestierte, sprang er auf die Füße und nahm Annat an der Hand., »Was war ich für ein Narr! Die ganze Zeit hat es uns ins Gesicht gestarrt – aber es brauchte meine schlaue Tochter, um die Wahrheit herauszufinden. Seht nur!« Überall um sie herum veränderte sich das Labyrinth. Die Blüten- blätter fielen wie Schnee von den Zweigen des Birnbaums und ver- welkten zu filigranen Skeletten. Die Blätter regneten in Schauern, und die hohen Hecken schrumpften und stürzten in sich zusam- men und wurden nach und nach eine traurige Wildnis aus braunen Blättern und verrotteten Baumstämmen. Das Gras vermoderte und verkümmerte unter ihren Füßen und enthüllte feuchte Moosstellen, die mit toten Blättern übersät waren. Schließlich war der wahre Zu- stand des Gartens zu sehen; er war eine Ruine, von Unkraut und Dornengewächsen überwuchert, die sich selbst zerstört hatten und nur ihr Skelett zurückgelassen hatten, welches vom Winterregen ge- sättigt war. Das schwache Sonnenlicht schien fahl auf die Szene des Verfalls; die drei standen unter den kahlen Ästen des Birnbaums, und lediglich die Blütenblätter, die sich auf ihrem Haar verteilt hat- ten, waren nicht zu Staub zerfallen.

KAPITEL 21 Unmittelbar vor ihnen erhoben sich die Mauern der Rotunda.Aus der Nähe betrachtet war es ein mächtiges Bauwerk, dessen

Kuppel von Korinthischen Säulen getragen wurde, welche aus wei- ßem Marmor gefertigt waren. Die runden Mauern waren aus stuck- verziertem Gips, aber an vielen Stellen hatte er angefangen zu brö- ckeln und sich von dem darunter liegenden Mauerwerk zu lösen. Nichts konnte die Ehrfurcht einflößende Schönheit der Stätte schmälern, die sich inmitten der Ruinen des Labyrinths befand wie einer der uralten Tempel der Kadagoi, der von der Zeit gezeichnet, sein mochte, doch noch immer eine Ahnung der früheren Anmut vermittelte. Yuda hielt Annats Hand. Er blickte zu Casildis, und ohne ein weiteres Wort brachen die drei auf; sie bahnten sich ihren Weg durch das Gewirr brauner Eiben und gestürzter Dornenbüsche. Oh- ne den Anschein der Vollkommenheit hatte das Labyrinth nicht län- ger die Macht, sie zu bedrohen; es war nichts übrig als eine schwe- bende Melancholie ob der verlorenen Größe. Vorsichtig liefen sie zur Rotunda und umgingen dabei die aufgetürmten Haufen der Dis- teln und Dornen. Die Stille war die niederdrückendste Musik der Welt, welche die gefallene Großartigkeit und die verwelkten Hoff- nungen betrauerte. Sie gingen an der Mauer der Rotunda entlang und blickten empor zur Silhouette der Kuppel, bis sie zu einer Tür kamen, die unter ei- nem prächtigen, marmornen Eingangsportal eingelassen war, das vor langer Zeit so aufgefüllt worden war, dass nur ein schmaler Ein- gangsspalt übrig geblieben war. Yuda ließ Annat los. Er war der Erste, der in das düstere Innere trat, das dahinter lag. Die anderen folgten ihm und machten gemeinsam im kalten Zwielicht Halt, um darauf zu warten, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhn- ten. Währenddessen wehten die gurrenden Klänge von Tauben von dem unsichtbaren Dach über ihnen hinunter. Der runde Raum war leer, abgesehen von einem Kreis von Sta- tuen, die etwas zurückgesetzt im Schatten der Säulen standen. In der Mitte befand sich ein großes Podest, auf dem ein Doppelthron stand, von dem jedoch nur ein Platz besetzt war. Dort saß die Ge- stalt einer Frau, deren Kopf mit einem weißen Schleier bedeckt war, auf dem eine silberne Krone thronte; sie saß reglos, mit dem Rü- cken zu ihnen, in ihrem Stuhl nach vorne gesunken in der Haltung einer lange Verstorbenen. »Göttin«, sagte Yuda leise, doch seine Stimme durchschnitt die Stille. »Wo ist mein Sohn?« Es herrschte Schweigen, bevor zwei Gestalten von der anderen Seite des Throns nach vorne traten; eine davon war Sari, und er, hatte den Arm um Malchiks Schultern gelegt. Die Augen des Jun- gen waren leer und starr. »Malchik!«, schrie Annat. »Er wird dir nicht antworten«, sagte Sari ruhig. »Er hat in das Ge- sicht der Göttin geblickt, und nun ist er eins mit ihr, ebenso wie ich.« Annat hörte den Schrei der Trauer in Yudas Geist. Er griff nach ihrem Arm wie ein ertrinkender Mann. – Aber das kann nicht sein, Tate. Wir können ihn doch bestimmt zurück- holen, oder? Sie schickte den Gedanken in die Stille hinein, doch Yuda ant- wortete ihr nicht. »Geh, solange du noch kannst, Vasilyevich«, sagte Sari. »Du kannst hier nichts ausrichten.« »Ich bin gekommen, um meinen Sohn zu retten, die Göttin zu zerstören – und dich«, sagte Yuda. »Es bleiben also noch zwei Din- ge, die ich tun kann. Und ich bin nicht allein.« »Was willst du mit meiner Schwester und dem Kind bewirken? Du konntest dich selbst nicht vor den Entseelten retten, ganz zu schweigen davon, dich gegen die Göttin zu wenden. Dreh um, Va- silyevich, und kehre heim mit deiner Niederlage. Ich brauche dich jetzt nicht zu töten.« Die Flamme, die von Yudas Hand sprang, er- leuchtete den trommelförmigen Raum und erweckte die Statuen rund um die Mauer zu flackerndem Leben. Das Strahlen wuchs und umschloss Malchik, Sari und die Gestalt auf dem Thron wie ei- ne Lichtblase, deren Leuchten zunahm, je mehr sie anschwoll, um den Ort anzufüllen. Die Wölbung der Kuppel sprang mit dem Ge- räusch berstender Erde, und noch immer hielt Yuda die Arme aus- gestreckt, als wolle er die ganze Welt umschließen. Annat kauerte nieder und schirmte ihre Augen ab, und Casildis schlug sich die Hände vor die Ohren. Sie sahen, wie Sari zurückwich und seinen Mund zu einem unhörbaren Schrei öffnete, während Malchik auf die Knie fiel wie eine Lumpenpuppe. »Vergib mir, Malchku«, flüsterte Yuda., Die Blase platzte, und Feuerbänder liefen über die Wände und das Dach der Rotunda; das Innere füllte sich mit Rauch. Sari war zu- rück auf die Stufen zum Podest gefallen, seine Kleidung schwelte auf seinem Körper. Ohne einen Blick in seine Richtung zu werfen, eilte Yuda zu Malchik und kniete neben ihm, um den toten Körper in seinen Armen zu wiegen. Und dann kam die Göttin. Ihre Anwesenheit kündigte sich zunächst durch eine kriechende Kälte an, die Nebelranken vom Boden aufsteigen ließ, doch schon bald bildete sich Eis an den Wänden und wuchs über den Boden. Es warf Tentakel aus, um Yuda an die Stelle zu binden, an der er saß, und kroch zu Sari hinüber und leckte mit Eiszungen an seinen Wunden. Annat begann zu zittern und drückte ihre Puppe an ihre Brust. Sie sah Casildis allein stehen, ihren Kopf wie in Trance erhoben, ihr langes Haar lag steif in raureifbedeckten Strähnen über ihrem Rücken. Es fiel kein Schnee, doch die Luft schien vom Winteratem zu knacken, und Eiskristalle kamen aus Annats Mund, als atme sie Edelsteine aus. Die Göttin verstärkte ihren Griff um sie und verbannte auch den letzten Lichtschimmer aus der Kuppel, als ob selbst die verborgene Sonne von ihrem aufgehenden Schatten verdunkelt würde. »Herrin«, stöhnte Sari. Die Haut in seinem Gesicht war schwarz verbrannt, und seine Hände waren roh; doch wie geschäftige Na- deln krochen die Eissprossen über ihn hinweg und hüllten ihn in eine silbrige Schale, die sich wie eine zweite Haut bewegen ließ. Der Tempel war erfüllt von der Anwesenheit der Göttin: dunkel und kalt und tödlicher als der Winter. Einmal wieder spürte Annat die hoffnungslose Stille der Leichenhalle, eine Lautlosigkeit, die das Ende allen Lebens verhieß. Vor ihren Augen erhob sich die Ge- stalt auf dem Podest steif und wandte ihnen das Gesicht zu. Zu ver- froren, um aufzuschreien, starrte Annat sie in blankem Entsetzen an. Die Haut des Gesichts war von einem glatten, glänzenden Weiß, als sei sie zu lange unter Wasser verrottet; sie hatte schwarze Löcher, wo sich die Augen befinden sollten, und der Mund war eine braune Linie. Die Gestalt stieg die Treppen hinab,, bis sie genau über der Stelle stand, an der Sari lag. In ihrem Geist hörte Annat die Stimme der Puppe, so schwach, dass sie die Worte fast nicht verstehen konnte. – Lass mich frei, Annat! – Aber wie soll ich dich befreien?, fragte Annat flehentlich. Es kam keine Antwort. Der Mund der Kalten öffnete sich zu einer höhlenartigen Dunkelheit. »Zerstöre meine Feinde«, sagte sie mit der Stimme einer Schlange. Sari stand auf, von Kopf bis Fuß in eine silberne Rüstung gehüllt. Auch wenn Annat das rohe Fleisch unter der durchsichtigen Hülle, die ihn umgab, sehen konnte, schien er keine Schmerzen zu spüren. Er streckte den Arm aus, und ein Eisspeer fiel in seine Hand; er schwang ihn triumphierend und stieg die Stufen hinab zu der Stelle, an der Yuda kniete und noch immer Malchiks Leichnam hielt. Annat versuchte sich zu bewegen, doch die eisigen Fesseln banden sie. Sie war am Boden festgefroren, über ihre Puppe gebeugt. Als Sari über Yuda zum Stehen kam, ließ ihr Vater Malchiks Körper zu Boden gleiten. Er drehte den Kopf und sah Sari an, dann sagte er: »Worauf wartest du so lange?« Als Sari den Speer hob, um ihn in Yudas Herz zu versenken, riss sich Casildis mit einem Wutschrei von ihren Fesseln los und warf sich blutend durch den Raum. Sie packte das Heft mit beiden Händen, sodass die Spitze an ihrer eigenen Brust zu liegen kam. »Töte mich zuerst, Zhan!«, schrie sie. »Zeig mir, dass du die Stärke hast, das zu tun. Denn ich schwöre bei der Strahlenden, dass du uns beide wirst töten müssen.« »Tritt zur Seite, Casildis«, sagte Sari und versuchte den Speer ihrem Griff zu entwinden. Yuda erhob sich und nahm Casildis sanft bei den Schultern. »Nicht du, Missis«, sagte er. »Das ist eine Sache zwischen uns, zwischen ihm und mir.« Casildis drehte sich zu ihm um und schirmte ihn mit dem Rü- cken von Sari ab. »Du hast eine Tochter, die lebt!«, schrie sie., »Kümmert es dich nicht, was die Kalte mit ihr tun wird, wenn du fort bist?« »Sie beide töten«, sagte die Stimme der Göttin. Sari hob den Speer, als wolle er Casildis und Yuda gemeinsam niederstrecken, doch seine Hand zitterte. Annat sah, wie ihr Vater zu dem Gesicht der Frau emporsah und der Anblick ihrer Schön- heit wie stets sein Herz erwärmte. »Mein Sohn ist tot«, sagte er hartnäckig. Annat schickte ihm eine Flut von Gedanken und flehte ihn an zu bleiben; sie zeigte ihm die Splitter ihrer eigenen Trauer und bat ihn, sich an sie zu erinnern. Sie sah, wie Yuda zu ihr blickte, und las in seinen Augen, dass er sie trotz all seines Schmerzes nicht verlassen würde; einige wenige Worte von Casildis hatten ihn daran erinnert, wie sehr er sich um seine einzige Tochter sorgte. Er legte Casildis die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Lächeln, das gleichermaßen traurig wie bitter war: »Die Frau hat Recht, Zhan Sari. Du wirst uns beide aufspießen müssen.« Er packte Casildis an der Taille und zog sie an sich, bis sich die Oberschenkel berührten, und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Sari trat zurück. »Ich kann das nicht tun, Herrin. Ich kann nicht meine Schwester töten«, sagte er. Der Speer in seiner Hand zerbrach in Eissplitter, die auf den Boden zu seinen Füßen fielen. Yuda stieß Casildis von sich. »Ich bin nicht deine Schwester, Zhan Sari«, sagte er. »Und ich kann dich töten.« Er streckte die Hand aus, wie Sari es getan hatte, und griff eine feurige Waffe aus der Luft. Während eine glühende Scheibe wie ein Schild an seinem Arm erschien, fielen zwei strahlende Klingen in Saris Hand, und er sprang zu Yuda, der herumwirbelte, um ihm entgegenzutreten, in der Hand ein Flammenschwert. Die beiden Männer prallten aufeinander wie Hammer und Amboss, und Fun- ken und Eissplitter stoben von ihren Klingen auf. Yuda kannte sei- ne eigenen Stärken und Schwächen; er blieb nicht mit Sari verkeilt, sondern schnellte zurück und verhöhnte ihn mit seiner Gewandt-, heit und Leichtfüßigkeit. Als Sari ihm nachsetzte, griff er wieder an und riss die eisige Rüstung mit Flammenzungen auf. Sari wirbelte und fluchte wie ein Mann, der von einer Viehbremse belästigt wird, doch Yuda war immer gerade außer Reichweite seiner wirbelnden Schwerter. Er bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers, sprang mit sicherem Fuß über den rutschigen Boden und verleitete Sari da- zu, ihm zu folgen, nur um sich dann umzudrehen und das Fleisch des Erben zu versengen, wenn er zu nahe kam. Das Blut strömte aus Saris Arm, als das Schwert ihn schnitt, und er verfluchte Yuda und verlangte, er solle stehen bleiben und wie ein Mann kämpfen. Annat sah ihren Väter lachen und mit jedem Streich seinen Ärger und seinen Schmerz stillen; er parierte Saris Gegenhiebe und ließ sie auf seinem Bronzeschild abprallen. Sie bemerkte, dass sie sich wieder bewegen konnte. Das Netz aus Eiszapfen, das sie auf dem Boden niedergedrückt hatte, hatte in der Hitze des Kampfes zu schmelzen begonnen. Und endlich begriff sie, dass die Puppe den Geist der Strahlenden beherbergte und dort eingeschlossen worden war, als Aude und Huldis die Kalte herauf- beschworen hatten; ein Wissen, das zu spät zu kommen schien, als dass es sie noch retten könnte. Sie hob die Puppe nahe an ihr Ge- sicht und bat in ihrem Herzen die Göttin Artemyas, ihr zu enthül- len, wie Annat sie freisetzen konnte. Sie spürte, dass die Antwort leicht war, doch die Puppe konnte es ihr nicht sagen; Annat musste diesen letzten Schritt selbst erahnen. Yuda und Sari umkreisten einander, gebückt wie Ringer. Annat konnte sehen, wie Sari schwitzte, als seine Rüstung wegzuschmelzen begann. Yuda rannte auf ihn zu, stieß einen wortlosen Schrei aus, und noch einmal prallten das kalte Eisen und der flammende Stahl aufeinander, sodass Funken in einem weißen Sprühregen aufstiegen. Nachdem er Sari seinen Rhythmus aufgezwungen hatte, erhöhte ihr Vater den Druck auf seinen Gegner und schuf ein Gewebe aus Licht- fäden zwischen den blitzenden Klingen. Es schien, als ob Yuda mit seiner neuen Stärke Sari beinahe ebenbürtig war; er parierte die mächtigen Hiebe mit seinem Schild und fing die Schläge auf, die, unablässig wie Hämmer auf ein schmelzendes Werkzeug niedergin- gen. Annat rappelte sich auf. Die Kalte stand reglos auf den Stufen; ihr schreckliches Gesicht war ausdruckslos. Wer auch immer zuerst fiel – sie würde sich seiner Seele bemächtigen; und wenn Sari ge- wänne, würde sie Annat und Casildis ihr gleichmachen oder sie zer- stören. Annat bewegte sich auf den Kampf zu und sah den bewe- gungslosen Körper ihres Bruders nahe der Stufen zum Podest lie- gen. Sie fühlte Hass in sich aufsteigen, weil sein Leben so sinnlos geopfert worden war, als ob er nichts wert gewesen wäre. Sie sah ihre eigenen Gefühle in Yudas Gesicht widergespiegelt und bemerk- te das Glühen in seinen Augen. Er verschwendete keinen Gedanken an seine eigene Sicherheit, nur an sein Vorhaben, Sari zu töten. Beide Männer waren verwundet, das frische Blut spritzte über den Boden und glänzte im Licht. Annat fragte sich, wie Sari nahe genug an Yuda herangelangen konnte, um ihn zu verletzen. Sie sah, wie ihr Vater den großen Krieger verspottete, nicht mit Worten, son- dern mit raschen Bewegungen, die ihn immer dorthin gelangen lie- ßen, wo Sari gerade nicht war. Während die zwei Männer einander auswichen und sich gegenseitig mit schnellen Klingenhieben täusch- ten, sah ihnen Casildis von den Stufen zum Podest aus zu, Hoff- nung und Sehnsucht in ihren Augen; sie hätte gerne an Yudas Seite gefochten und wünschte, sie könnte ihm in diesem ungleichen Kampf eine Gefährtin sein. Denn Sari schien unverwundbar. Ob- gleich Yuda ihm Schnitte zugefügt hatte, zeigte er keinerlei Anzei- chen von Ermüdung; die Eisrüstung erneuerte sich und bedeckte seine Gliedmaßen, und er schien sich über dem schmächtigen Mann wie ein silberner Riese zu erheben. Yuda verlor die Geduld. Sein Schild war in Stücke zerhackt wor- den, und er warf es beiseite. Dann wechselte er das Schwert in die linke Hand und hieb mit einem Blitzschlag nach Sari, den er wie eine Peitsche von seiner Hand ausschnellen ließ. Sari zerteilte den Lichtstrahl und beugte sich zu Yuda hinunter, der aus der Drehung heraus den Stahl aus Saris rechter Hand hebelte. Die zwei verblei-, benden Klingen krachten Schneide auf Schneide; die Männer waren verkeilt und standen knurrend Gesicht an Gesicht. Sari versuchte, Yuda zu Boden zu drücken, doch Yuda schlüpfte unter ihm hinweg wie ein Aal und hätte ihn fast ins Gesicht gestochen, aber Saris er- hobenes Schwert schlug die Waffe aus Yudas Hand und ließ sie klirrend über den Boden gleiten. Als Sari einen Satz auf Yuda zu machte und ihm eine Schnittwun- de an der Schulter zufügte, stieß Annat einen Schrei des Schmerzes und der Bestürzung aus, sah dann jedoch, dass ihr Vater den Schlag wegsteckte und sich mit einem Feuerstoß den Weg frei brannte. Er schüttelte sich, und wieder ging eine Leuchterscheinung von seinem Ring aus, die wie ein Vogel mit roten Schwingen auf Sari zusteu- erte. Als sein Gegner zurückwich, setzte Yuda nach, nur um uner- wartet von dem Schwert in Saris Hand erfasst und durchbohrt zu werden. Yuda hielt sich auf den Beinen, doch sein dunkler Kopf sank nach vorne. Als Sari die Klinge herauszog, fiel er schließlich und lag plötzlich gebrochen auf dem Marmorboden. »Nein!«, schrie Annat. Sie schleuderte die nutzlose Puppe auf den Boden, wo sie in scharfe Einzelteile zerschlug; dann schnellte sie quer durch den Raum zu der Stelle, an der Yuda lag. Casildis war vor ihr dort und hob den Kopf des Mannes in ihren Schoß. Als Annat auf die Knie neben ihm sank, sah sie das langsame Heben und Senken von Yudas Brustkorb, während das Blut aus der Wun- de unter seinem Brustknochen sickerte. Die Kalte stieg die Stufen hinab und blieb kurz über ihnen ste- hen. »Seine Seele gehört mir«, sagte sie. Yuda öffnete die Augen. »Der Junge ist bei mir«, sagte er flüs- ternd, doch recht deutlich. »Sag ihr, uns bekommt sie nicht.« »Sie weiß das«, sagte Casildis und streichelte sein Haar. Die Tür schwang auf und schlug in den Angeln zurück, und ein Windstoß fuhr in den Raum, der die Nebelschwaden und Rauch- wolken aufwirbelte. Als Annat den Kopf hob, sah sie die Gestalt eines Mannes, der im Türeingang stand, schwarz wie die tiefste, Nacht; es war Govorin. »Du bist nicht die Einzige, die einen Fürsprecher hat, Göttin«, rief er, als er die Halle betrat. Sari drehte sich langsam um, das Schwert hing blutig in seiner Hand, und Dunkelheit senkte sich über die beiden Männer, sodass sie kaum mehr zu sehen waren, au- ßer durch die Flammen, die noch immer an den Wänden und auf dem Boden glommen. Annat konnte ein Summen in ihren Ohren hören wie den Klang vieler Bienen. Es war keine Klage und kein Totenlied. Es sprach zu ihr und murmelte sanft Worte, die sie nicht richtig verstehen konn- te. Sie streckte die Hand aus und legte sie über Yudas Wunde. »Dieses Mal nicht, Natka«, sagte er zärtlich. »Ich bin erledigt.« »Nein«, sagte Annat und bleckte die Zähne. »Ich lasse dich nicht gehen.« Das goldene Lied kam ihr in den Sinn und erzählte von der Wär- me eines langen Sommernachmittags, an dem die Bienen nach Hau- se in ihren Stock flogen, mit Pollen beladen. Das Summen wurde lauter und lauter. Annat beugte sich über Yuda, die Macht umhüll- te ihre Hand wie ein Handschuh und träufelte Honigfäden in die Wunde. Geschäftig wie eine Spinne webte, knüpfte und heilte der süße Saft, verschloss zerrissene Adern und zog verletzte Zellen zu- sammen. Govorin traf in der Mitte der Halle auf Sari und schwang einen Knüppel, der aus Ebenholz gefertigt war. So wie Sari mit einer Eis- rüstung bekleidet war, war Govorin nackt, von einer kupfernen Panzerung abgesehen, die ihn von Kopf bis Fuß einzuhüllen schien; Saris Macht konnte sie nicht durchdringen. Mit einem Gesicht wie ein Donnergott schlug er zu, und das Schwert in Saris Hand zer- barst in Einzelteile. Yuda drehte den Kopf, um den Kampf der bei- den Männer sehen zu können, dann sprach er wieder mit flüstern- der Stimme. »Du weißt, was das bedeutet, Natka; du hast es geschafft«, sagte er. Annat hörte ihn kaum, denn sie war damit beschäftigt, goldene, Fäden hervorzubringen. Sie fühlte, wie die Hitze sie durchströmte wie Musik; ein Lied, das sich von selbst aus der Sprache der Bienen ergab. Starrsinnig beugte sie sich über Yuda, von dem Willen getrie- ben, ihn zu heilen und die Macht zu benutzen, die immer stärker aus den Einzelteilen der zerbrochenen Puppe auf sie übergegangen war. Sie hatte sie nur zerschmettern müssen, hier in der Rotunda, um die Strahlende aus ihrem Gefängnis zu befreien. »Nicht sterben, Tate, du darfst nicht sterben«, sagte sie. Er ant- wortete nicht. Sie sah Casildis' schmale Hand auf seinem Haar ru- hen und fühlte die Flamme seines Lebens in ihr aufflackern, wie ei- ne Kerze, die zu verlöschen drohte. Hinter ihr stieß Govorin einen Schrei aus. Er trieb Sari vor sich her, doch die Kalte hatte Sari ein neues Schwert gegeben. Stahl prallte auf Holz, als die beiden Männer aufeinander losgingen. Wie vor ihm Yuda, lachte auch Govorin, doch seine Augen waren kalt vor Zorn. Er schien zu brennen wie ein schwarzes Kohlenstück, in dem eine Flamme loderte, und während er sich behauptete, ver- losch das schwache Züngeln in Yuda nicht, der still lag und die Au- gen geschlossen hatte. Annat fühlte Malchiks Geist in der Luft schweben, und sie wusste, dass er zwischen Leben und Tod verharr- te. Sie ergriff Yudas schlaffe Hand, fürchtete, dass sie alles getan hatte, was in ihrer Macht stand, und wandte sich dann um, um dem Kampf zuzusehen, von dem ihrer aller Leben abhing. Die Krieger rückten näher. Es gab kein Nachgeben, nur das Klir- ren ihrer Waffen. Annat sah, dass Saris linker Arm nutzlos an seiner Seite hing, denn er war von dem mächtigen Ebenholzstab zer- schmettert worden. Diesen ließ Govorin über seinem Kopf wirbeln, um einen tödlichen Hieb zu landen, doch in diesem Augenblick rutschte sein Fuß auf den blutigen Steinen aus, und er ging vor Saris Füßen zu Boden. Casildis schrie auf, als Sari sich breitbeinig über ihn stellte und sein Schwert in die Höhe hob, bereit, es zum Ziel zu führen, als sich Yuda plötzlich auf die Ellenbogen aufrichtete und einen letzten strahlenden Feuerstoß mitten in Saris Gesicht schickte. Es gab einen Blitz, einen Schock und eine Wolke schwar-, zen Rauchs; das Geschoss schleuderte Sari quer durch den Raum, wo er gegen eine Wand krachte, so dass sich der Schädel spaltete und eine dunkle Masse versprühte. Als Sari zu Boden fiel, ließ Yuda sich zurücksinken, krümmte seine Hand auf seiner Brust, und sein Kopf hing kraftlos von den Schultern. Annat sah, wie Casildis ihr Gesicht in den Händen verbarg. Sie fühlte einen Druck auf ihren Schultern und wusste, dass Govorin hinter ihr stand. »Es tut mir Leid, Natka«, sagte er. »Ich glaube, er ist von uns ge- gangen.« Annat ließ den Kopf sinken. In ihrem Kopf war nichts als eine endlose, schmerzende Leere, nicht einmal die schwächste Spur einer Kerzenflamme. Doch das sanfte Summen der Bienen hielt unabläs- sig an, und nun wurde es wieder stärker. Sie hob die Hand und be- rührte Govorins; sie wollte ihm nicht antworten und die Hoffnung verlieren. Sie spürte, wie ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen und auf ihre Hand und in Yudas Wunde tropften. Es war zu spät für ihren Vater; er war tot, und das Singen der Bienen würde ihn nicht von dem Stein erheben, auf dem er lag. Sie hörte Casildis sprechen, und ihre Stimme schien aus großer Entfernung zu kom- men. »Nein, Sergey, du irrst dich. Du musst dich irren; die Strahlende ist hier …« Annat wandte den Kopf. Sie sah, wie eine schimmernde Gestalt, Sonnenlicht gleich, das vom Wasser zurückgeworfen wird, die Stu- fen des Podests emporstieg, bis sie an der Stelle anlangte, wo die Kalte stand. Die Strahlende berührte die Schulter ihrer Schwester, und noch als sie dies tat, brach sie auseinander wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift, und enthüllte eine wunderschöne Gestalt, ganz aus Mondlicht und Schatten bestehend, mit einer Spur des Sternenlichts im Haar. Über ihnen wurde der verdunkelte Himmel über der Kuppel heller, und die Sonne warf ihre volle Pracht in die zerstörte Halle. Ihre Stärke wurde nur vom Marmor der Gruft leicht getrübt., Yuda öffnete die Augen; sie waren dunkler als der leere Himmel. Annat hatte ihn geheilt, oder es war das Werk der Strahlenden, die durch sie gewirkt hatte; doch Annat erwartete nicht, dass er ihr dafür danken würde. Er war bei Malchik gewesen, an einem Ort, wohin sie nicht gelangen konnte; nun war er allein zurückgekehrt, um sich dem Wissen zu stellen, dass seine Handlung seinem Sohn das Leben gekostet hatte. »Tate«, setzte sie an und drückte seine Hand. Die Flamme war wieder da, stetig und ohne Zittern. »Es ist alles in Ordnung, Natka«, sagte er und fühlte die Stärke ihrer Finger. »Ich bin zurückgekommen.« »Ist das wahr, Vasilyevich?«, fragte Govorin und beugte sich über Annat. »Haben wir ihn getötet, Sergey?«, fragte Yuda mit einem schwa- chen Lächeln. »Du hast es getan, Mister. Du hast ihn getötet und mein Leben gerettet.« Annat hockte sich auf die Fersen und fühlte sich seltsam und hohl ohne ihre Puppe in ihren Armen. Die Zwillingsgöttinnen sa- ßen Seite an Seite auf ihrem Thron und hielten sich an der Hand, wie Mittag und Mitternacht, die sich verbunden hatten. Es war nicht möglich, ihre Gesichter zu sehen, nur ein schattiges Gold wie die halbverdeckte Sonne und ein tief blaues, sich veränderndes Mondlicht waren zu erkennen. Es wurde nicht gesprochen, doch die Göttinnen beugten sich zu Annat herunter, um zu erfahren, was sie von ihnen wollte. Sie spürte, dass sie hinter dem Sonnenlicht und dem Schatten lächelten und strahlende Geschenke verhießen: einen Teil ihrer Weisheit, ihres Friedens und ihrer Freude. Annat konnte ihr Lächeln nicht erwidern. Das Einzige, was sie sich wünschte, war, dass Malchik am Leben wäre und dass Yuda wieder gänzlich hergestellt werden würde. Ohne ihren Bruder wäre das Leben hohl, für alle Zeit sinnlos und zerbrochen. Die Göttinnen antworteten ihr nicht, doch die Strahlende erhob sich und klatschte in die Hände. Auf ihr Signal hin war die Rotunda von, Musik erfüllt, nicht von dem Gurren der Tauben oder dem Summen der Bienen, sondern vom Klang von Stimmen, die beinahe menschlich klangen und Tausende von klaren Tönen flüsterten und sangen. Annat sah sich unwillkürlich nach der Quelle des Singens um und sah mit einem Schaudern, dass die Statuen rings an den Wänden zum Leben erwachten, eine nach der anderen aus ihren Winkeln heraustraten und sich dem Podest in der Mitte näherten. Als sie die Schatten verließen, sah Annat zu ihrer Überraschung, dass es überhaupt keine Steinfiguren waren, sondern lebendige Männer und Frauen, die ihre Glieder streckten und ihre Gelenke rieben, um nach der langen Zeit der Bewegungslosigkeit die Steifheit zu lösen. Govorin sah sich ungläubig um. »Das glaube ich nicht«, sagte er. »Heißt das, dass wir es geschafft haben? Vollbracht haben, weshalb wir hierher gekommen sind?« Plötzlich verebbte der Gesang. Die Strahlende stieg vom Podest herab, bahnte sich ihren Weg durch die Menge und wirkte wie eine Kerze, die eine dunkle Halle erhellte, bis sie vor ihnen stand. Von nahem betrachtet schien ihre Gestalt aus dem immerwährenden Spiel von Licht und Feuer zu bestehen, von Sonnenblumengelb über Gold bis hin zu tiefem, geschmolzenem Rot. Von Zeit zu Zeit waren ihre Augen zu sehen, wie Sterne oder Schatten oder Flecken nebligen Blaus. Als Yuda seinen Kopf drehte, um sie anzusehen, verbeugte sie sich vor ihm und vor den anderen. Sie hielt ihre linke Hand in die Höhe, als wolle sie eine Frucht von einem Baum pflü- cken, und ein goldener Apfel erschien in ihrer Handfläche. Mit einer fließenden Bewegung schleuderte sie ihn von sich; er rollte über den Boden, drehte sich und kreiste, bis er schließlich dort zur Ruhe kam, wo Malchik lag. Zu Annats Erstaunen drehte sich Mal- chik langsam herum, setzte sich auf und griff nach dem Apfel. Er hob ihn auf und nahm einen großen Bissen aus dem goldenen Fruchtfleisch. Vor ihren Augen schien seine Haut den aschgrauen Ton zu verlieren und lebendige Farben anzunehmen; Annat sah das tiefe Braun seiner Augen und das Rot, das auf seinen Wangen prang-, te. Offensichtlich ohne die anderen wahrzunehmen, fuhr Malchik fort, seinen Apfel zu verspeisen, nahm große Bissen und kaute hef- tig. Das Licht in der Kuppel brach sich auf seinem goldenen Haar, und seine Hände, die weiß und leblos gewesen waren, gewannen ihre natürliche Farbe zurück. »Junge«, sagte Yuda mit schwacher Stimme. Sein Griff um Annats Hand lockerte sich nicht, und sie wusste, auch wenn sein Geist vom Schock über Malchiks Rückkehr erfüllt war, hatte er sie doch nicht vergessen. Sie war so durcheinander von der plötzlichen Freu- de des Augenblicks, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Malchik bemerkte sie und mühte sich auf die Füße, den halb ge- gessenen Apfel hielt er in der Hand. Mit einem verwirrten Aus- druck auf dem Gesicht kam er zu ihnen herüber, und Annat fragte sich, wie sie wohl auf ihn wirken mussten, zusammengesunken auf dem Boden in ihrer klammen, schmutzigen, blutbefleckten Klei- dung. Ihr Bruder kniete neben ihr nieder, betrachtete Yuda und streckte ihm plötzlich die Überreste des Apfels hin. »Du solltest etwas davon essen, Mister«, sagte er ernst. »Er ist gut.« Yuda lag still und blickte seinen Sohn und den dargebotenen Apfel an. Dann streckte er die Hand aus, nahm die Frucht von Malchik entgegen und drehte sie in der Hand. »Einige Dinge können nicht wieder gerichtet werden, Malchku«, sagte er. Malchik setzte sich auf die Hacken zurück. »Iss, Mister«, sagte er stirnrunzelnd. »Ich bin am Leben.« Yuda biss in den Apfel und schluckte unter Schmerzen. Die Ver- änderung, die ihn überkam, setzte nicht so rasch und augenfällig ein wie bei Malchik, doch er richtete sich langsam auf und ließ An- nats Hand los. »Zyon, Junge«, sagte er. »Ich dachte, ich hätte dich verloren!« »Wir dachten, wir hätten dich verloren, Vasilyevich«, sagte Casil- dis. Yuda sah zu Govorin hinüber, der zustimmend nickte. »Annat hat mich geheilt«, sagte er und warf ihr den Anflug eines, Lächelns zu. Sie halfen sich gegenseitig beim Aufstehen und bemerkten, dass sie in einiger Entfernung von einer Menge ehrfürchtiger, unsicherer Fremder umringt waren. Die meisten von ihnen schienen Städter aus Gard Ademar zu sein, doch es gab auch einige Leute von der Eisenbahn unter ihnen. Casildis stieß einen kurzen Schrei aus und lief auf ein Mädchen zu, eine goldhaarige Schönheit, die vor ihrer Berührung zurückwich. »Huldis! Ich bin Casildis, ich war deine jüngere Schwester.« »Was ist mit mir geschehen?«, fragte das Mädchen. Es wirkte nicht älter als Annat, und es war offensichtlich, dass es während all der Zeit in der Rotunda nicht gealtert war. »Huldis«, sagte Yuda zu Govorin. »Ich kann es noch nicht glauben, Mister«, sagte der Sheriff. »Wenn dies unser Sieg ist, warum fühlt es sich dann wie eine Niederlage an?« »Es hat uns genug gekostet«, sagte Yuda. Er warf den Apfel in die Luft und fing ihn mit einer Hand auf. »Aber ich fange an, es zu glauben.« Er streckte seine freie Hand Annat entgegen, und plötzlich rannte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um ihn. Sie wusste, dass er Recht hatte; sie fing gerade erst an zu begreifen, dass Malchik wirk- lich am Leben und ihr Vater geheilt war. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich traute, nach so viel Leid glücklich zu sein. Doch sie fand Zuflucht unter den Schwingen von Yudas Erleichterung, denn er hatte dem Tod den Rücken gekehrt und fühlte, wie die Sonne sein Gesicht wärmte. Casildis kam näher und führte Huldis an der Hand. Sie verbeugte sich vor der Göttin. »Habt Dank, meine Herrin«, sagte sie. »Ihr habt mir all meine Wünsche erfüllt. Alle, die gestattet waren.« Annat nahm an, dass sie auf Sari anspielte, dessen zerschmetterter Körper dort, wo er gefallen war, im Staub an der Mauer der Rotun- da lag. Nicht einmal die Göttin konnte ihn wieder zum Leben er-, wecken und die Jahre ungeschehen machen, in denen er Böses ge- tan hatte, um der Kalten zu dienen. Doch er war Casildis' Bruder gewesen, und er hatte sie verschont; sie gestand sich ihre Traurig- keit darüber ein, dass er der Einzige war, der nicht erlöst werden konnte. Die Strahlende hob ihre schimmernden Hände über Ca- sildis' Kopf, als wolle sie sie segnen. Annat sah, wie die schüchterne Huldis sie neugierig beobachtete, ebenso wie sie selbst, ihren Vater, Malchik und Govorin. Das blasse, hübsche Gesicht erinnerte sie ein wenig an Sari, doch ohne dessen Grausamkeit. Und ihre Augen waren die von Casildis. Als Casildis zu ihnen stieß und ihre Schwester mitbrachte, um- ringten die vier sie. Malchik legte ohne zu fragen seinen Arm um Yudas Schultern und wurde nicht zurückgestoßen. Casildis lächelte sie an, doch lag eine Spur von Traurigkeit in ihrem Lächeln. »Nat- ka, dies ist meine Schwester Huldis, die Freundin deiner Mutter: Sieh, Huldis, Aude hat eine Tochter – und einen Sohn. Und dies war ihr Ehemann. Alle sind hierher gekommen, um dich zu be- freien – und dies ist Govorin, mein Ehemann.« Huldis lächelte schüchtern von einem zum anderen. Sie war schmaler als Casildis, und ihr Gesicht war blass nach der langen Zeit der Gefangenschaft. »Ist das wahr?«, fragte sie und es war beinahe ein Flüstern. Yuda berührte Annats Kopf. »Dieses Mädchen hier sieht mehr wie ich aus, auch wenn es eine Ähnlichkeit mit ihrer Mutter gibt, wenn du genau hinschaust«, sagte er. »Doch Malchik ist ein Abbild von Aude.« »Sie war nicht so groß«, sagte Huldis und blinzelte Malchik an, und Annat wurde klar, dass sie, wie zögernd auch immer, einen Scherz gemacht hatte. »Wir haben ein Problem, Casildis«, sagte Govorin und ver- schränkte die Arme vor seiner breiten Brust. »Das Mädchen gehört nach Ademar, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man uns einen allzu warmen Empfang bereiten würde, wenn wir sie dorthin brächten.«, »Huldis braucht Zeit«, sagte Casildis bestimmt. »Sie hat dreiund- zwanzig Jahre verloren und ist noch immer ein junges Mädchen. Ich war ein Kind, als sie uns genommen wurde, und Zhan war ein liebevoller Bruder. Ich kann sie nicht nach Hause schicken, wo sie unter Fremden leben würde. Sie hat erfahren, dass Aude fort ist und dass eine lange Zeit vergangen ist, während der sie hier als Ge- fangene gehalten wurde. Ich muss sie an einen sicheren Ort brin- gen, einen Ort, an dem sie in Ruhe leben kann, bis sich die Einzel- teile ihres Lebens wieder zu einem Stück zusammengefügt haben.« Annat ergriff das Wort. »Was ist mit uns, Mister Govorin?«, fragte sie. »Können wir nach Hause zurückkehren?« »Nach Hause«, wiederholte Govorin nachdenklich. »Die Mutter weiß, was wir vorfinden werden, wenn wir nach Gard Ademar zu- rückkehren. Der Doyen bewohnt beide Welten, und während un- serer Abwesenheit kann er den Ort dem Erdboden gleichgemacht haben. Es könnte sein, dass unser Zuhause nicht mehr ist als eine rauchende Ruine.« »Ich möchte diesen Ort gerne verlassen«, sagte Yuda mit einem grimmigen Lächeln. »Aber sie sagen, ein Wanderer hat kein Zu- hause. Ich möchte nach Chorazin zurückkehren und dem Rashim seinen Ring zurückgeben; wenn er es gestattet, würde ich gerne eine Weile mit den Rebjata dort bleiben. Auch sie brauchen Zeit und ei- nen Ort, um zu genesen, besonders Annat. Da der alte Mann da- rauf hofft, das Wunder rückgängig zu machen und in die obere Welt zurückzukehren, könnte es sein, dass er jemanden braucht, der ihn bei seiner Ankunft dort beschützt.« »Chorazin«, sagte Govorin und spielte mit seinem Bart. »Es lag von Gard Ademar aus gesehen auf der anderen Seite des Waldes, nicht weit von der Burg entfernt. Wohin auch immer du gehst, Yuda, ich werde mit dir gehen. Ich werde dich erst mal eine Weile nicht aus den Augen lassen. Du wärst hier beinahe vor meinen Au- gen gestorben, und das kann ich gar nicht haben.« »Wir sollten alle gemeinsam gehen«, sagte Casildis. »Huldis ist noch nicht bereit, meinem Vater gegenüberzutreten. Wenn uns der, Rashim Zuflucht gewährt, glaube ich, wir sollten dort Schutz su- chen.« »Vielleicht wird er darüber nicht gerade glücklich sein«, sagte Yuda knapp. »Der Doyen hat ihn bezichtigt, Huldis geraubt zu ha- ben.« »Aber von dort aus kann ich sie zwischen den Frauen in Sicher- heit bringen. Als ihre Priesterin muss ich ihnen erzählen, was ge- schehen ist. Und Mari Reine finden …« Sie hielt inne und senkte den Blick zu Boden. »Meine Frau hat Recht, Yuda«, sagte Govorin mit einem klägli- chen Lächeln. »Keiner von uns kann einfach so nach Gard Ademar zurück- kehren. Wenn der Doyen herausfindet, dass wir seinen Sohn und Erben getötet haben, wird er auf Rache sinnen. Ich bezweifle, dass es ihn groß kümmern wird, dass wir es taten, um seine Tochter zu retten. Wenn der Rashim uns bei sich haben will, sollten wir uns in Chorazin verstecken, zumindest bis wir wissen, aus welcher Rich- tung der Wind weht. Vielleicht können wir von dort aus unseren Freunden eine Nachricht zukommen lassen und herausfinden, ob das Dorf – und mein Tunnel – noch immer stehen.« »So soll es geschehen, Mister Govorin«, sagte Yuda und lächelte ihn an. »Du bist der Hauptmann. Ich hoffe nur, dass wir für den Rashim willkommene Gäste und keine unschöne Überraschung sein werden.« Die Strahlende trat zu ihnen. Nun sprach sie zum ersten Mal; das Wort war »Chorazin«, und ihre Stimme hallte leise, wie der Nach- klang einer Melodie. Yuda verbeugte sich vor ihr, wie Casildis es ge- tan hatte. »Unseren Dank«, sagte er. »Shkineh, die Strahlende, Toch- ter des Einen.« Die Göttin hob ihre Hände, und wieder ertönte das getragene Lied der Stimmen. Langsam verschwand die Rotunda um sie herum wie Nebel, und die sechs fanden sich in einem kleinen, ummauer- ten Garten wieder, wo eine Fontäne aus einem Marmorbecken auf- stieg und ein großer Baum seinen Schatten über das kurze Gras, warf. Es war mild wie an einem frühen Frühlingstag, und Blätter- knospen zeigten sich an den tief hängenden Zweigen der Bäume. Neben dem Baumstamm stand ein Stuhl, auf dem ein Mann saß und las. Er trug einen langen, violetten Kaftan, der mit Pelz ver- brämt war, und die Brille saß ihm halb auf der Nase. Es war der Rashim, und unmittelbar auf der anderen Seite neben ihm stand mit einem erschrockenen Ausdruck auf dem Gesicht Hadass. »Sieh nur, Tate, es regnet Menschen!«, schrie sie. Der Rashim schlug sein Buch zu, vergaß jedoch nicht, sich die Seite zu kennzeichnen, und hob seinen Kopf. Dann zog er seine Brille noch weiter hinab, sodass er über die Ränder schauen konn- te. »In der Tat«, sagte er und lächelte in sich hinein. »Der erste Tag des Frühlings und ›die Blumen sprießen aus der Erde‹, um es mit den Worten des Shaalmi zu sagen.« Hadass kam zu ihnen gerannt, um sie zu begrüßen, blieb dann je- doch stehen und war offensichtlich befangen wegen ihrer zerrisse- nen und blutbefleckten Kleidung. Über die Schulter sah sie zu ihrem Vater, der sich erhob, seine Brille abnahm und sie in die Tasche seines Kaftans steckte. »Wir sind keine Geister, Hadass. Wir sind es wirklich«, sagte An- nat, löste sich von Yuda und machte einen Schritt auf sie zu. »Eine lange Reise«, sagte der Rashim, kam näher und sah sie der Reihe nach an. »Und nun seid ihr zurück nach Chorazin gekommen. Ist heute der Tag, an dem meine Gebete beantwortet werden und die Stadt zurück in die obere Welt kehrt?« »Wir hoffen, dass du die Antwort darauf weißt, Rashim«, sagte Govorin. »Die Strahlende schickte uns hierher, geradewegs aus dem Herzen ihrer Domaine. Wie du vielleicht schon geahnt hast«, fügte er hinzu und sah an seiner strahlenden Bronzerüstung hinab. »Werden wir bei unserem Volk willkommen sein, Rashim?«, fragte Casildis zögernd. »Ich habe meine Schwester Huldis zurückge- bracht, die von der Kalten gefangen gehalten worden war. Ich scheue mich davor, sie nach Ademar zu bringen, aus Furcht davor,, was der Doyen tun könnte. Denn Sari, der Erbe, ist gefallen, getötet von Vasilyevich.« »Yuda ben Mordechai«, sagte der alte Mann und wandte ihm das Gesicht zu. »Hast du den Ring benutzt, den ich dir gab?« Yuda hob die Hand, und der Ring flackerte in der Sonne. »Ich bin gekommen, um ihn dir zurückzugeben, Zaide«, sagte er. Der Rashim schüttelte den Kopf. »Behalte ihn«, sagte er. »Er gehört dir. Ich habe viele Male in sein Herz geschaut und Welten hinter den Welten liegen sehen. Doch nun, wo seine Macht dich verändert hat, gehört er dir alleine.« Während er noch sprach, erklang ein brausendes Geräusch, als ob ein Wind aufgekommen wäre, der die Äste der Bäume schüttelte. Sie standen beisammen und sahen in den Himmel. Wolken zogen über ihnen zusammen, unverbrauchte Sonnenaufgänge dämmerten herbei und vergingen, und im Sternenwirbel rasten Nächte vorüber. Annat spürte, wie Yuda ihre Hand ergriff. Seite an Seite standen sie und sahen zu, wie sich der Himmel veränderte, während das Ge- stirn Rogastron und seine drei Monde langsam verblassten. Schritt für Schritt änderte sich das Sternbild und wurde vertrauter; die Son- ne, die über den Himmel eilte, wurde weiß und brennend und blieb schließlich hoch über den Wipfeln der Bäume stehen, die An- nat und den anderen Schutz gewährten. Stille senkte sich über sie, bevor die Vögel wieder zu singen begannen, unsicher noch. Annat sah zum Gesicht ihres Vaters und zu Malchiks hinter ihm empor. Der Rashim war der Erste, der das Schweigen brach. »Meine Kin- der«, sagte er. »Der Tag ist gekommen, und Chorazin liegt wieder zwischen den uralten Hügeln. Ich habe euch nicht willkommen ge- heißen, doch nun empfange ich euch mit offenen Armen, Dzuzu- kim wie Wanderer. Ich weiß, dass ihr mein Volk gerettet habt und die Winterherrschaft der Kalten beendet habt. Mögt ihr bei uns blei- ben, bis die Zeit reif ist, und bei uns leben als Freunde und Nach- barn.« »Wir werden dich beschützen, Rashim«, sagte Yuda. »Das letzte Mal, als der Doyen seine Männer schickte, um eure Häuser zu ver-, wüsten, waren keine Krieger da, um euch zu verteidigen. Doch ich und mein Bruder hier, Govorin, werden dafür sorgen, dass sich die Waage zu euren Gunsten neigt, wenn er noch einmal kommen soll- te.« »Ich hoffe, dass dies nicht der Fall sein wird«, sagte der Rashim. »Doch eure Anwesenheit erfreut mich mehr als alle Rüstung und Kriegsmaschinerie. Denn auch wenn zwanzig Jahre und mehr in dieser unserer Welt vergangen sind, glaube ich nicht, dass die Zeit den Hass des Doyen auf uns gemindert hat.« »Da er in beiden Welten lebt, wissen wir nicht, wie lange er schon von Saris Tod weiß«, sagte Govorin. »Aber wir können davon aus- gehen, dass er unsere Köpfe will. Als Gesetzlose könnte diese Stadt ein willkommenes Versteck für uns sein.« Plötzlich ließ sich Casildis ins Gras sinken, als ob ihre Beine sie nicht länger tragen würden. »Vergib mir, Rashim«, sagte sie und schlug die Hand vors Gesicht, »doch es war ein langer Tag, länger als jeder andere, an den ich mich erinnere.« »Mein Tate«, sagte Hadass tadelnd, »wir haben unsere Gäste ste- hen lassen, obwohl sie gerade die schwerste Aufgabe der Welt be- wältigt haben. Lass sie hier mit dir im Garten sitzen, während ich nach Yosef schicke, damit er Essen, heißes Wasser und frische Klei- dung bringt.« »Sitzen klingt gut«, sagte Govorin und ließ sich auf den Boden neben seine Frau sinken, während er damit begann, die oberen Tei- le seiner Körperrüstung abzunehmen. »Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal hingesetzt habe, ohne dass irgendein Schrecken mich wieder aufgescheucht hat.« »Vergebt mir, meine Kinder«, sagte der Rashim und setzte seine Brille wieder auf die Nase. »In meiner Freude habe ich vergessen, wie weit ihr gereist und welch großen Gefahren ihr begegnet seid. Alte Männer sind vergesslich, und ich selbst bin es mehr als die meisten. Geh, Hadassle und finde den Golem – doch pass auf, dass er nicht wieder den Küchenboden überschwemmt!« Hadass warf Annat ein Lächeln zu und rannte ins Haus. Der Ra-, shim ließ sich mit einem dankbaren Seufzen in seinem Stuhl unter dem Baum nieder, und Annat teilte seine Erleichterung, als sie ins kurze Gras sank. Malchik setzte sich sofort neben sie und sagte: »Meine Beine fühlen sich wie Gummi an!« Yuda und Huldis ent- spannten sich als Letzte. Yuda legte sich der Länge nach auf den Boden und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Warum hast du gesagt, ein Wanderer hätte kein Heim, Mister?«, fragte ihn Annat. »Ich will nach Hause. Ich will Yuste sehen.« Er drehte seinen Kopf in ihre Richtung. »Aber wo ist dein Zuhau- se, Natkele?«, fragte er. »Ist es bei Bubbe und Zaide in Sankt Eglis? Oder in Masalyar bei Yuste? Oder bei mir?« Annat konnte nicht sofort antworten. »Ich weiß nicht«, setzte sie an. »Ich weiß nicht mehr, wo ich lebe. Ich vermisse den schwarzen Zug.« Malchik streckte seine langen Beine vor sich aus. »Ich glaube, ich weiß, was Vasilyevich meint«, sagte er nachdenklich. »Wenn du auf so einer Reise warst, scheinst du irgendwie nicht mehr in die alte Welt zu gehören. Ein Teil von dir bleibt in dieser seltsamen Welt zurück und macht, dass du dorthin zurückkehren willst.« »Der Junge hat Recht«, sagte Yuda. »Der Fluch der Wanderer ist es, ruhelos zu sein. Wir sind stets auf dem Rückweg zu einem ver- lorenen Ort – das alte Land oder Zyon selbst. Und wir waren in La Souterraine und haben einen Teil unserer Seele dort gelassen. Es wäre seltsam, Natka, wenn du wüsstest, wohin du gehörst.« »Ich gehöre zu dir und Malchik«, erwiderte Annat sofort, wie um ihm zu beweisen, dass er Unrecht hatte. Sie sah ihn lächeln und sei- ne Augen mit der Hand bedecken. Statt laut zu sprechen, sendete er ihr einen Gedanken. – Vielleicht ist das die richtige Antwort. Ich weiß es nicht, jetzt bin ich erst mal glücklich hier in diesem Garten mit meinen Freunden um mich herum und keiner drohenden Gefahr. Er hielt inne – Denn ich glaube nicht, dass unsere Reise schon zu Ende ist. »Was meinst du, Yuda?«, fragte Annat leise, und Malchik sah sie erschrocken an., Yuda rollte sich auf den Bauch und suchte in seiner Tasche nach einer Zigarette. Er zog eine heraus, die zerdrückt und zerknittert war, bog sie in Form und steckte sie sich in den Mund, um sie an- zuzünden. »Ich schätze, ihr werdet erfahren, wie es sich anfühlt«, sagte er und sah von einem zum anderen, »wenn ihr die erste Schlacht ge- wonnen habt, jedoch feststellt, dass dies erst der Beginn eines Krie- ges ist.« Malchik nickte. »Ich glaube, ich verstehe, Mister«, sagte er. Annat zog die Beine an und umschlang sie mit den Armen. Sie sah ihren Vater lange an und wusste, dass er Recht hatte. Sie hatten die Kalte vertrieben, doch irgendwie hatte dieser Sieg eine andere, unbekannte Welt eröffnet. Sie würde keine Zeit mehr haben, um wieder Kind zu sein. Sie hatte zu viel gesehen und zu viel gelernt, und sie hatte ihre Puppe zerbrochen.,

Danksagung

Ich danke meinem Verleger Tim Holman für seine klugen Worte, ohne die dieses Buch vermutlich niemals geschrieben worden wäre. Alle meine Freunde halfen mir bei der Verwirklichung meines Pro- jekts, vor allem Debbie, Gillian und Jonathan. Mein Dank gilt auch meinen Korrekturlesern David Coles und Annette Chaudet, die vortreffliche Arbeit geleistet haben und mir mit ihrem Rat zur Seite standen, sowie meiner ehemaligen Therapeutin Deirdre Moylan.]
15

Similar documents

R. A Salvatore Das brennende Herz
R. A Salvatore Das brennende Herz Dämonendämmerung 8 Ins Deutsche übertragen von Joannis Stefanidis BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Mortalis« (Parts 3 + 4) bei Del Rey/Ballantine Books, New York. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unter
Barlach im Gespräch
Barlach im Gespräch ************************* Insel-Bücherei Nr. 762 Barlach im Gespräch Aufgezeichnet von Friedrich Schult Erschienen im Insel-Verlag In dem kalten Frühjahr achtundachtzig lief ich in den Straßen Hamburgs herum wie ein Tier, das in seinem Käfig unablässig gegen die Stäbe springt. In
Rainer Schmidt DAS SPIELT DAS VOLK IN CHINA Mah Jongg · Chinesisches Schach · Go und andere
Rainer Schmidt DAS SPIELT DAS VOLK IN CHINA Mah Jongg · Chinesisches Schach · Go und andere China Studien- und Verlagsgesellschaft Frankfurt am Main INHALT Vorwort 5 MAH-JONGG 7 Mah-Jongg zu zweit 12 Das Spiel zu viert 18 Mah-Jongg zu dritt 22 Das Spiel mit Blumen- und Jahreszeitensteinen 22 CHINESI
Buch Sario kehrt im Körper des Wandermalers und Botschafters
Buch Sario kehrt im Körper des Wandermalers und Botschafters Dioniso ins Königreich Tira Virte zurück. Er will immer noch Oberster Hofmaler werden, aber Dioniso ist zu alt. Daher plant er, den jungen und begabten Rafeyo Grijalva als Wirt heranzu- ziehen. Im Andenken an Saavedra ist es zu einem feste
DIE GEHEIMNISVOLLE LIMOUSINE
KLEINEJUGENDREIHEW.SAPARIN DIE GEHEIMNISVOLLE LIMOUSINE Wissenschaftlich-phantastische ErzählungVERLAGKULTURUNDFORTSCHRITTBERLIN1952 M Russischer Originaltitel: Deutsch von Erna Becker Copyright 1952 by Verlag Kultur und Fortschritt GmbH., Berlin Printed in Geimany « Alle Rechte vorbehalten Lizenz-N
Birgit Rupprecht-Stroell Mobbing – nicht mit mir!
Birgit Rupprecht-Stroell Mobbing – nicht mit mir! BIRGIT RUPPRECHT-STROELL Mobbing – nicht mit mir! WIRTSCHAFTSVERLAG LANGEN MÜLLER HERBIG Besuchen Sie uns im Internet unter http://www.herbig.net 2000 by Wirtschaftsverlag Langen Müller/Herbig in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH. München All
Der Autor Klappentext
Der Autor Andreas Richter wurde 1966 in Hamburg geboren und lebt und arbeitet in Ahrensburg. Vor sieben Jahren hat er seine Existenz als Berliner Jungunter- nehmer an den Nagel gehängt, um seinen Jugendtraum vom Schreiben zu verwirklichen. Andreas Richter ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
ROBERT RODI THE BIRDCAGE
ROBERT RODI THE BIRDCAGE Ein Paradies für schrille Vögel Der Roman zum Film nach einem Drehbuch von Elaine May Aus dem Amerikanischen von Rolf W. Blum Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE ALLGEMEINE REIHE Nr. 01/9999 Titel der Originalausgabe THE BIRDCAGE Redaktion: Dr. Andreas Gö
Buch Der junge Sario Grijalva fühlt sich doppelt gestraft: durch die
Buch Der junge Sario Grijalva fühlt sich doppelt gestraft: durch die Kontrolle, die seine Lehrer über ihn ausüben, und durch das Verbot der Liebe zu seiner Cousine Saavedra, die aus Gründen der Familienpolitik niemals seine Frau werden darf. Saavedra wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als daß
HABEN SIE VERDRUSS?
HABEN SIE VERDRUSS? — dann gehen Sie in Callahan‘s Saloon, lassen Sie sich von Mike Callahan ein Glas einschenken, tre- ten Sie an die Linie, bringen Sie einen Trinkspruch aus und pfeffern Sie ihr Glas in den großen offe- nen Kamin, und Sie werden sehen: Gleich ist Ih- nen wohler. Und außerdem finde
Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an-
Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an- deren spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen Nachbarn. Von der Herrscherin gibt es seit vielen Jahren nur noch Bilder zu sehen. Das Land ist inzwischen so ausgeblutet, dass sogar Vampire und Trolle rekrutiert werden. Doch man kappt auch noch eine wichtige Nachrichtenverb
GERT PROKOP Die Phrrks
GERT PROKOP Die Phrrks Phantastische Geschichten Verlag Das Neue Berlin ISBN 3-359-00743-3 1. Auflage dieser Ausgabe 1994 © 1989 Eulenspiegel · Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, PF 106,10103 Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: P. Fischer Sternaux Satz: Pencil, Text-Satz-Korrekt
Tantra der 21 Taras
Gonsar Rinpotsche Tantra der 21 Taras PDF-Version: Diotallevi Das Umschlagmotiv zeigt ein Detail eines Tara-Mandalas, das von tibetischen Mönchen des Klosters Ganden Schartse (Südindien) in Sand gestreut wurde. In der Mitte einer Utpala-Blüte befindet sich die Wurzelsilbe Tam, umgeben von zehn Blüte
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE PROPERZ · DIE LIEBESGEDICHTE DIEDERICHS TASCHENAUSGABEN 12 PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE Deutsch von Fritz Diettrich EUgEN DiEDERichs VERLAg copyright 1958 by Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln Entwurf des schutzumschlags von Fritz blankenhorn gesamtherstellung: buchdruc
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An-
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An- kunft im kleinen Königreich Lancre mit nichts anderem als einer schlich- ten religiösen Zeremonie. Doch ehe er sich’s versieht, ist er in den schönsten Krieg zwischen Hexen und Vampiren verwickelt. Und er weiß nicht, ob es dab
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di-
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Hexen hexen. Aber manche von ihnen heiraten auch. So die junge Ma- grat Knobloch, die kurz vor ihrer Vermählung mit dem ehemaligen Nar- ren Verence steht, der inzwischen Kön
Buch: Während Kommandeur Mumm von der Stadtwache den Verbrecher
Buch: Während Kommandeur Mumm von der Stadtwache den Verbrecher Carcer verfolgt, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Mumm wird vom Blitz getroffen und dreißig Jahre in die Vergangenheit versetzt, ins alte Ankh-Morpork. Dort droht jeden Moment eine Revolution auszubrechen, was die Wache aber nic
Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt
Buch: Als wabernde Herbstnebel Ankh-Morpork fest im Griff haben, beginnt jemand, harmlose alte Männer um die Ecke zu bringen. Die Wache muß den Mörder aufspüren. Vielleicht wissen die Golems etwas – doch die todernsten Geschöpfe aus Lehm, die immer nur arbeiten und eigentlich noch nie Ärger machten,
Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit.
Buch: Beim alten Adel von Ankh-Morpork wächst die Fremdenfeindlichkeit. Man ist der Ansicht, dass zu viele Trolle, Zwerge und Untote in der Stadt sind, und im Patrizier sieht man den Schuldigen. Zum Zweck seiner Enthebung wird die »Neue Firma« in Gestalt der zwei skrupello- sen Gangster Nadel und Tu
Rosamunde Pilcher Die Muschelsucher
Rosamunde Pilcher Die Muschelsucher Penelope Keeling, eine sehr patente alte Dame, blickt nach ihrem Herzanfall auf 64 Jahre zurück. Ihre unkonventionelle Kindheit, ihr Vater ein Maler, ihre Mutter, eine wesentlich jüngere Französin, ihre Ehe mit dem Vater ihrer drei Kinder und den Verlusten den die
R.J. Pineiro CH@OS
R.J. Pineiro CH@OS Inhaltsangaben Die Errungenschaften der modernen Technik haben einen hohen Preis … Bei einem verheerenden Zugunglück in Florida verlieren zahllose Menschen ihr Leben. Die Ursache scheint ein defekter Mikrochip zu sein. Wenig später geschieht aus demselben Grund eine weitere Katast
Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos.
Buch: In Hunghung, der Hauptstadt des achatenen Reiches, herrscht Chaos. Der tyrannische Kaiser liegt im Sterben, und der Großwesir Lord Hong will die Macht, um das Reich bis nach Ankh-Morpork auszudehnen. Allerdings hat er nicht mit der Grauen Horde gerechnet, die mit Cohen dem Barbaren und einem g
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di-
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Chaos in Ankh-Morpork: Eine Waffe mit bislang unbekannten Wirkun- gen, ein sogenanntes Gfähr ist gestohlen worden. Als die ersten unbe- scholtenen Bürger der Stadt dahingera
Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder
Buch: Ein neues Land taucht aus dem Meer der Scheibenwelt auf, und jeder will es haben – auch wenn keiner so genau weiß, warum. Samuel Mumm, vielgeplagter Kommandant der Wache von Ankh-Morpork, sieht sich plötzlich mit einem Verbrechen konfrontiert, das so groß ist, daß es kein Gesetz dagegen gibt:
Nur du kannst die Menschheit retten
Nur du kannst die Menschheit retten Das mächtige ScreeWee™ Imperium™ mach« sich bereit, die Erde anzugreifen! Unsere Kampfschiffe sind in einem Über- raschungsangriff vernichtet worden! Nichts kann die Erde vor der furchtbaren Ra- che der ScreeWees™ bewahren! Doch ein Kampfschiff ist übriggeblieben.
Nur du hast den Schlüssel
Nur du Hast den Schlüssel Ich möchte mich bedanken beim Meteorologischen Amt, bei der Königlichen Münzanstalt und bei meinem alten Freund Bernard Pearson - der immer jemanden weiß, der weiterweiß, wenn er einmal etwas nicht weiß—für ihre Hilfe bei der Vor- bereitung dieses Buches. Sollten historisch
Buch: Der fünfte Elefant, so eine uralte Legende der Zwergenvölker von Ü-
Buch: Der fünfte Elefant, so eine uralte Legende der Zwergenvölker von Ü- berwald, raste vor langer, langer Zeit heulend und trompetend durch die Luft der noch jungen Scheibenwelt, und er landete hart genug, um Kontinente zu zerreißen und Berge aus dem Grund wachsen zu lassen. Und da solche abermill
das auszusprechen, dann überlegte er es sich anders. Sie
Sie wussten, daß sie dem Tod geweiht waren... Eingekreist von kubanischen Militärberatern und Angehörigen einer obskuren Nationalen Front saßen sie in der Falle. Wenn sie weiterkämpften, würden sie aufgerieben, ergaben sie sich, dann wartete auf sie ein Schauprozess und am Ende das Todesurteil, das
Buch: Irgendwo am Ende der Scheibenwelt gibt es einen Kontinent, der nur als
Buch: Irgendwo am Ende der Scheibenwelt gibt es einen Kontinent, der nur als mißratene Schöpfung bezeichnet werden kann. Dort ist es heiß und trocken, und alles, was nicht sowieso giftig ist, kann tödlich wirken. Also das glatte Gegenteil vom schönsten Ort auf der ganzen Welt, und es droht mit ihm e