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Thomas Mann Zeichnung aus dem Jahre 1939 von Paul Citroen Thomas Mann Der Zauberberg Roman Einführung in den Zauberberg Für Studenten der Universität Princeton Als Vorwort Gentlemen. Es ist entschieden ein außerordentlicher Fall, daß bei Ihren lite- rarischen Studien der Autor zugegen ist und mit Ihnen sein Werk betrachtet. Zweifellos hätten Sie es vorgezogen, von Monsieur de Voltaire oder Sefior Cervantes einige persönliche Bemerkungen über ihre berühmten Bücher zu hören. Aber das Gesetz der Zeit und der Zeitgenossenschaft bringt es nun ein- mal mit sich, daß Sie mit mir vorlieb nehmen müssen...
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Thomas Mann Zeichnung aus dem Jahre 1939 von Paul Citroen, Thomas Mann Der Zauberberg Roman, Einführung in den Zauberberg Für Studenten der Universität Princeton Als Vorwort Gentlemen. Es ist entschieden ein außerordentlicher Fall, daß bei Ihren lite- rarischen Studien der Autor zugegen ist und mit Ihnen sein Werk betrachtet. Zweifellos hätten Sie es vorgezogen, von Monsieur de Voltaire oder Sefior Cervantes einige persönliche Bemerkungen über ihre berühmten Bücher zu hören. Aber das Gesetz der Zeit und der Zeitgenossenschaft bringt es nun ein- mal mit sich, daß Sie mit mir vorlieb nehmen müssen, mit dem Verfasser des »Zauberbergs«, der nicht wenig verwirrt ist, sein Buch den großen Werken der Weltliteratur als Studienobjekt eingegliedert zu sehen. Die Generosität Ihres verehrten Lehrers hat es nun einmal für richtig gehalten, daß auch ein modernes Werk im Zyklus dieser Stunden gelesen und analysiert werden solle, und wenn ich mich natürlich auch herzlich darüber freue, daß seine Wahl auf eines meiner Bücher gefallen ist, so bilde ich mir nicht ein, daß das eine endgültige Klassifizierung be- deutet. Es bleibt der Nachwelt vorbehalten, darüber zu entschei- den, ob man den »Zauberberg« als ein »Meisterwerk« im Sinn der übrigen klassischen Objekte Ihrer Studien betrachten darf. Immerhin, ein Dokument der europäischen Seelenverfassung und geistigen Problematik im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts wird diese Nachwelt wohl einmal darin sehen, und so mögen Ihnen ein paar Äußerungen des Verfassers über die Entstehung des Buches und über die Erfahrungen, die er da- mit machte, willkommen sein. Daß ich diese Äußerungen auf Englisch zu machen habe, ist mir ausnahmsweise keine Erschwerung, sondern eine Erleichte- rung. Ich denke dabei gleich an den Helden meiner Erzählung, den jungen Ingenieur Hans Castorp, der am Ende des ersten Bandes der kirgisenäugigen Madame Chauchat eine seltsame Liebeserklärung macht, der er das Schleiergewand einer frem- den Sprache, der französischen, überwerfen kann. Das kommt seiner Schamhaftigkeit zustatten und ermutigt ihn, Dinge zu sa- gen, die er auf Deutsch kaum über die Lippen bringen würde., »Parier français«, sagt er, »c'est parier sans parier, en quelque ma- suchen darf. Ich tue besser, Ihnen rein historisch-anekdotisch et- nìere.« Kurzum, es hilft ihm, seine Hemmungen zu überwin- was von Konzeption und Entstehung des Romans zu erzählen, den, - und auch die Hemmungen, die der Autor empfindet, der wie sie sich aus meinem Leben ergaben. über sein eigenes Buch sprechen soll, werden gemildert durch Im Jahre 1912 - es ist schon nahezu ein Menschenalter her, das transponierte Sprechen in einer anderen Sprache. und wenn man heute Student ist, so war man damals noch gar Übrigens sind sie nicht die einzigen, die sich spürbar machen. nicht geboren - war meine Frau an einer - übrigens nicht Es gibt Autoren, deren Namen mit dem eines einzigen großen schweren - Lungenaffektion erkrankt, die sie immerhin nötigte, Werkes verbunden und fast identisch mit ihm sind, deren We- ein halbes Jahr im Hochgebirge, in einem Sanatorium des sen in diesem einen Werk vollkommen ausgesprochen ist. Dan- Schweizer Kurorts Davos, zu verbringen. Ich blieb unterdessen te - das ist die Divina Commedia. Cervantes - das ist der Don bei den Kindern in München und in unserem Landhause in Quixote. Aber es gibt andere - und zu ihnen muß ich mich Tölz an der Isar; aber im Mai und Juni des Jahres besuchte ich rechnen - bei denen das einzelne Werk keineswegs diese voll- meine Frau dort oben für einige Wochen, und wenn Sie das Ka- endete Repräsentativität und Signifikanz besitzt, sondern nur pitel am Anfang des »Zauberbergs« lesen, das »Ankunft« über- Fragment eines größeren Ganzen ist, des Lebenswerkes, ja des schrieben ist, wo der Gast Hans Castorp mit seinem kranken Lebens und der Person selbst, die zwar danach streben, das Ge- Vetter Ziemßen im Restaurant des Sanatoriums zu Abend speist setz der Zeit und des Nacheinander aufzuheben, indem sie in und nicht nur die ersten Kostproben der vorzüglichen Berghof- jeder Hervorbringung ganz da zu sein versuchen, aber doch nur Küche, sondern auch von der Atmosphäre des Ortes und dem so, wie der Roman »Der Zauberberg« selbst und auf eigene Leben »bei uns hier oben« empfängt, - wenn Sie dieses Kapitel Hand sich an der Aufhebung der Zeit versucht, nämlich durch lesen, so haben Sie eine ziemlich genaue Beschreibung unseres das Leitmotiv, die vor- und zurückdeutende magische Formel, Wiedersehens in dieser Sphäre und meiner eigenen wunderli- die das Mittel ist, seiner inneren Gesamtheit in jedem Augen- chen Eindrücke von damals. blick Präsenz zu verleihen. So hat auch das Lebenswerk als Gan- Diese so sehr besonderen Eindrücke verstärkten und vertief- zes seine Leitmotive, die dem Versuche dienen, Einheit zu ten sich während der drei Wochen, die ich in dem Davoser schaffen, Einheit fühlbar zu machen und das Ganze im Einzel- Krankenmilieu als Gesellschafter meiner Frau verbrachte. Es werk gegenwärtig zu halten. Aber gerade darum wird man dem sind die drei Wochen, die Hans Castorp ursprünglich dort zu einzelnen nicht gerecht, wenn man es gesondert ins Auge faßt, verbringen gedenkt, und aus denen für ihn die sieben Märchen- ohne seinen Zusammenhang mit dem Gesamt-Lebenswerk zu jahre seiner Verzauberung werden. Ich konnte davon wohl er- beachten und dem Beziehungssystem Rechnung zu tragen, in zählen, denn es fehlte nicht viel, so wäre es mir selbst so ergan- dem es steht. Es ist zum Beispiel sehr schwer und fast untunlich, gen. Eines seiner Erlebnisse wenigstens - und eigentlich das über den »Zauberberg« zu sprechen, ohne der Beziehungen zu grundlegende - ist eine genaue Übertragung einer eigenen Er- gedenken, die er - rückwärts - zu meinem Jugendroman »Bud- fahrung des Autors auf seinen Helden: nämlich die Untersu- denbrooks«, zur kritisch-polemischen Abhandlung »Betrachtun- chung des unbeteiligten Gastes aus dem Flachland, bei der sich gen eines Unpolitischen« und zum »Tod in Venedig« und - ergibt, daß er selber ein Kranker ist. vorwärts - zu den Joseph-Romanen unterhält. Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei Was ich da sagte, Gentlemen, um die Hemmungen anzudeu- feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Ka- ten, die ich angesichts der Aufgabe empfinde, mich über ein tarrh der oberen Luftwege zuzog. Da zwei Spezialisten im Hau- Buch von mir, den »Zauberberg«, zu äußern, führt schon ziem- se waren, der Chef und sein Assistent, lag nichts näher, als der lich tief hinein in die Struktur dieses Buches und in die Struktur Ordnung und Sicherheit halber meine Bronchien untersuchen des ganzen künstlerischen Lebensversuches, wovon es ein Teil zu lassen, und so schloß ich mich denn meiner Frau an, die ge- und Beispiel ist, - tiefer, als ich heute eigentlich zu dringen ver- rade zur Untersuchung befohlen war. Der Chef, der, wie Sie 8 9, sich denken können, meinem Hofrat Behrens in Äußerlichkei- rangen eine Erzählung zu machen, setzte sich sehr bald bei mir ten ein wenig ähnlich sah, beklopfte mich und stellte mit größ- lest. Meine literarische Situation war damals die folgende. Nach ter Schnelligkeit eine sogenannte Dämpfung, einen kranken dem Abschluß des Prinzenromanes »Königliche Hoheit« hatte Punkt an meiner Lunge fest, die, wenn ich Hans Castorp gewe- ich mich auf das wunderliche Unternehmen eingelassen, die sen wäre, vielleicht meinem ganzen Leben eine andere Wen- Memoiren eines Hochstaplers und Hoteldiebes zu schreiben, ei- dung gegeben hätte. Der Arzt versicherte mir, ich würde sehr nen Roman, der in der Form des Kriminellen und Anti-Sozia- klug handeln, mich für ein halbes Jahr hier oben in die Kur zu lm im Grunde auch eine Künstlergeschichte wie die des kleinen begeben, und wenn ich seinem Rat gefolgt wäre, wer weiß, Prinzen in »Königliche Hoheit« war. Der Stil dieses kuriosen vielleicht läge ich noch immer dort oben. Ich habe es vorgezo- Haches, von dem nur ein größeres Fragment übrig geblieben ist, gen, den »Zauberberg« zu schreiben, worin ich die Eindrücke war eine Art von Parodie auf die große Memoiren-Literatur des verwertete, die ich in kurzen drei Wochen dort oben empfing, achtzehnten Jahrhunderts und auch auf Goethes »Dichtung und und die hinreichten, mir von den Gefahren dieses Milieus für Wahrheit«, und sein Ton war auf lange Zeit schwer durchzuhal- junge Leute - und die Tuberkulose ist eine Jugendkrankheit - ten. So drängte sich das Bedürfnis nach einem stilistischen Aus- einen Begriff zu geben. Diese Krankenwelt dort oben ist von ruhen in anderen Sphären der Sprache und des Gedankens auf, einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie und ich unterbrach mich in diesem Roman, indem ich die long ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman la- short story »Der Tod in Venedig« schrieb. Mit ihm war ich na- sen. Es ist eine Art von Lebens-Ersatz, der den jungen Men- hezu fertig zu dem Zeitpunkt meines Besuches in Davos, und schen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben voll- die Erzählung nun, die ich plante - und die sofort den Titel kommen entfremdet. Luxuriös ist oder war alles dort oben, »Der Zauberberg« erhielt -, sollte nichts weiter sein als ein hu- auch der Begriff der Zeit. Bei dieser Art von Kuren handelt es moristisches Gegenstück zum »Tod in Venedig«, ein Gegen- sich stets um viele Monate, die sich oft zu Jahren summieren. stück auch dem Umfang nach, also eine nur etwas ausgedehnte Nach einem halben Jahr aber hat der junge Mensch nichts an- short story. Sie war gedacht als ein Satyrspiel zu der tragischen deres mehr im Kopf als die Temperatur unter seiner Zunge und Novelle, die ich eben beendete. Ihre Atmosphäre sollte die Mi- den Flirt. Und nach einem zweiten halben Jahr wird er in vie- schung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonder- len Fällen nie wieder etwas anderes im Kopf haben können als baren Ort hier oben erprobt hatte. Die Faszination des Todes, dies. Er wird endgültig untauglich für das Leben im Flachland der Triumph rauschhafter Unordnung über ein der höchsten geworden sein. Es handelt oder handelte sich bei diesen Institu- Ordnung geweihtes Leben, die im »Tod in Venedig« geschildert ten um eine typische Erscheinung der Vorkriegszeit, nur denk- ist, sollte auf eine humoristische Ebene übertragen werden. Ein bar bei einer noch intakten kapitalistischen Wirtschaftsform. simpler Held, der komische Konflikt zwischen makabern Nur unter jenen Verhältnissen war es möglich, daß die Patien- Abenteuern und bürgerlicher Ehrbarkeit, soweit ging mein Vor- ten auf Kosten ihrer Familien Jahre lang oder auch ad infinitum satz. Der Ausgang war ungewiß, würde sich aber finden; das dies Leben führen konnten. Es ist heute zu Ende oder so gut Ganze schien leicht und unterhaltsam zu machen und würde wie zu Ende damit. Der »Zauberberg« ist zum Schwanengesang nicht viel Raum einnehmen. Als ich nach Tölz und München dieser Existenzform geworden, und vielleicht ist es etwas wie zurückgekehrt war, begann ich das erste Kapitel zu schreiben. ein Gesetz, daß epische Schilderungen eine Lebensform ab- Eine heimliche Ahnung von den Gefahren der Ausdehnung schließen, und daß sie nach ihnen verschwindet. Heute geht die dieser Erzählung, von der Neigung des Stoffes zum Bedeuten- Lungentherapie vorwiegend andere Wege, und die Mehrzahl den und zum gedanklich Uferlosen, beschlich mich schon bald. der schweizerischen Hochgebirgssanatorien ist zu Sporthotels Ich konnte mir nicht verhehlen, daß er in einem gefährlichen geworden. Beziehungszentrum stand. Die Unterschätzung eines Unterneh- Der Gedanke, aus meinen Davoser Eindrücken und Erfah- mens ist vielleicht nicht nur bei mir eine immer wiederkehren-, de Erfahrung. Bei der Konzeption erscheint eine Arbeit in Scherze«, so spricht Goethe einmal von seinem Faust, und es ist harmlosem, einfachem und praktischem Licht. Sie scheint keine dir Definition aller Kunst, auch des »Zauberbergs«. Aber ich große Mühe und Ausführung zu erfordern. Mein erster Roman, hätte nicht scherzen und spielen können, ohne vorher seine »Buddenbrooks«, war als ein Buch nach dem Muster skandina- Problematik in blutiger Menschlichkeit durchlebt zu haben, vischer Kaufmanns- und Familienerzählungen, als ein Buch von über die ich mich dann als freier Künstler erhob. Das Motto der 250 Seiten gedacht und es wurden zwei starke Bände daraus. Betrachtungen lautet: »Que diable allait il faire dans cette ga- Der »Tod in Venedig« sollte eine short story für das Münchner lere?« Die Antwort lautet: den »Zauberberg«. Magazin »Simplicissimus« werden. Dasselbe war bei den Jo- Die ersten künstlerischen Gehversuche nach dem geistigen seph-Romanen, die mir zunächst in Gestalt einer Novelle etwa Dienst mit der Waffe, dem ich mich im Kriege unterzogen hat- vom Umfang des »Tod in Venedig« vorschwebten. Nicht an- te, waren zwei Idyllen, der »Gesang vom Kindchen« und die ders verhielt es sich beim »Zauberberg«, und es handelt sich da Tiergeschichte »Herr und Hund«, dann endlich nahm ich den wohl um einen notwendigen produktiven Selbstbetrug. Machte »Zauberberg« wieder auf, aber immer wieder wurde er unter- man sich alle Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines Werkes brochen durch kritische Essays, die ihn begleiteten, und von de- im voraus klar und kennte man seinen eigenen Willen, der sich nen die drei wichtigsten nach ihrem Gehalt direkte geistige von dem des Autors häufig gar sehr unterscheidet, so ließe man Schößlinge und Ableger des großen laufenden Romanes waren, wohl die Arme sinken und hätte gar nicht den Mut zu begin- nämlich »Goethe und Tolstoi«, »Von Deutscher Republik«, und nen. Ein Werk hat unter Umständen seinen eigenen Ehrgeiz, »Okkulte Erlebnisse«. der den des Autors weit übertreffen mag, und das ist gut so. Endlich, im Herbst 1924, erschienen die beiden Bände, die Denn der Ehrgeiz darf nicht ein Ehrgeiz der Person sein, er darf aus der Konzeption der short story entstanden waren, und die nicht vor dem Werk stehen, sondern dieses muß ihn aus sich mich alles in allem nicht sieben, sondern zwölf Jahre in ihrem hervorbringen und dazu zwingen. So, glaube ich, sind die gro- Bann gehalten hatten, und seine Aufnahme hätte viel ungünsti- ßen Werke entstanden und nicht aus einem Ehrgeiz, der sich ger sein dürfen, um meine Erwartungen bis zur Verblüffung zu von vornherein vorsetzt, ein großes Werk zu schaffen. übertreffen. Ich bin gewohnt, eine vollendete Arbeit in achsel- Kurzum, ich merkte früh, daß die Davoser Geschichte es in zuckender Resignation, ohne die geringste Zuversicht in ihre sich hatte und über sich selbst ganz anders dachte als ich. Selbst Weltmöglichkeit aus der Hand zu geben. Die Reize, die einst äußerlich traf das zu, denn der englisch-humoristisch ausladen- von ihr auf mich, ihren Betreuer, ausgegangen, haben sich längst de Stil, in dem ich mich dabei von der Strenge des »Tod in Ve- schon abgenutzt, das Fertigmachen war eine Sache produktions- nedig« erholte, verlangte Raum und die zugehörige Zeit. Dann ethischer Bravheit, des Eigensinns im Grund, und vom Eigen- kam der Krieg, dessen Ausbruch mir zwar sofort den Schluß des sinn überhaupt scheint mir die jahrelange Verbissenheit darein Romanes an die Hand gab und dessen innere Erfahrungen das viel zu sehr bestimmt, sie erscheint mir in viel zu hohem Grade Buch unberechenbar bereicherten, der mich aber in seiner Aus- als problematisches Privatvergnügen, als daß ich mit der Teil- führung auf Jahre unterbrach. nahme Vieler an der Spur meiner sonderbaren Vormittage im Ich schrieb in jenen Jahren die »Betrachtungen eines Unpoli- geringsten zu rechnen mich getraute. Ich »falle aus den Wol- tischen«, ein mühseliges Werk der Selbsterforschung und des ken«, wenn, wie mehrmals in meinem Leben, diese Teilnahme Durchlebens der europäischen Gegensätze und Streitfragen, ein sich dennoch in fast turbulentem Maße einstellt, und dieser Buch, das zur ungeheueren, Jahre verschlingenden Vorbereitung freundliche Sturz war im Falle des »Zauberbergs« besonders tief auf das Kunstwerk wurde, das eben zum Kunstwerk, zum Spiel, und überraschend. War zu glauben gewesen, daß ein wirtschaft- wenn auch zu einem sehr ernsten Spiel, nur werden konnte lich bedrängtes und gehetztes Publikum aufgelegt sein werde, durch die materielle Entlastung, die es durch die vorangegange- den träumerischen Verknüpfungen dieser in zwölfhundert Sei- ne analytisch-polemische Arbeit erfuhr. »Diese sehr ernsten ten ausgebreiteten Gedankenkomposition zu folgen? (»Seines 12 13, beleben, und auf wen ein Werk diese Wirkung nicht übt, der Liedes Riesenteppich - zweimalhunderttausend Verse«: diese soll es liegen lassen und sich zu andrem wenden. Wer aber mit Wendung aus Heines »Firdusi« war mein Lieblingszitat während dem »Zauberberg« überhaupt einmal zu Ende gekommen ist, der Arbeit gewesen und dann jenes Goethesche »Daß du nicht dem rate ich, ihn noch einmal zu lesen, denn seine besondere enden kannst, das macht dich groß«.) Würden unter den heuti- Machart, sein Charakter als Komposition bringt es mit sich, daß gen Umständen mehr als ein paar tausend Leute sich bereit fin- das Vergnügen des Lesers sich beim zweiten Mal erhöhen und den, für eine so wunderliche Unterhaltung, die mit Romanlek- vertiefen wird, - wie man ja auch Musik schon kennen muß, türe in irgendeinem gewohnten Sinne fast nichts zu tun hätte, um sie richtig zu genießen. Nicht zufällig gebrauchte ich das den Preis von sechzehn oder zwanzig Mark zu erlegen? Sicher Wort Komposition, das man gewöhnlich der Musik vorbehält. war, daß die beiden Bände auch nur zehn Jahre früher weder Die Musik hat von jeher stark stilbildend in meine Arbeit hin- hätten geschrieben werden noch Leser finden können. Es waren eingewirkt. Dichter sind meistens »eigentlich« etwas anderes, dazu Erlebnisse nötig gewesen, die der Autor mit seiner Nation sie sind versetzte Maler oder Graphiker oder Bildhauer oder Ar- gemeinsam hatte, und die er beizeiten in sich hatte kunstreif chitekten oder was weiß ich. Was mich betrifft, muß ich mich machen müssen, um mit seinem gewagten Produkt, wie einmal zu den Musikern unter den Dichtern rechnen. Der Roman war schon, im günstigen Augenblick hervorzutreten. Die Probleme mir immer eine Symphonie, ein Werk der Kontrapunktik, ein des »Zauberbergs« waren von Natur nicht massengerecht, aber Themengewebe, worin die Ideen die Rolle musikalischer Moti- sie brannten der gebildeten Masse auf den Nägeln, und die all- ve spielen. Man hat wohl gelegentlich - ich selbst habe das ge- gemeine Not hatte die Rezeptivität des breiten Publikums ge- tan - auf den Einfluß hingewiesen, den die Kunst Richard Wag- nau jene alchimistische »Steigerung« erfahren lassen, die das ei- ners auf meine Produktion ausgeübt hat. Ich verleugne diesen gentliche Abenteuer des kleinen Hans Castorp ausgemacht hat- Einfluß gewiß nicht, und besonders folgte ich Wagner auch in te. Ja, gewiß, der deutsche Leser erkannte sich wieder in dem der Benützung des Leitmotivs, das ich in die Erzählung über- schlichten aber »verschmitzten« Helden des Romans; er konnte trug, und zwar nicht, wie es noch bei Tolstoi und Zola, auch und mochte ihm folgen. noch in meinem eigenen Jugendroman »Buddenbrooks«, der In der Tat ist der »Zauberberg« ein sehr deutsches Buch, er ist Fall ist, auf eine bloß naturalistisch-charakterisierende, sozusa- es in dem Grade, daß fremdländische Beurteiler seine Welt- gen mechanische Weise, sondern in der symbolischen Art der möglichkeit vollkommen unterschätzten. Ein hervorragender Musik. Hierin versuchte ich mich zunächst im »Tonio Kröger«. schwedischer Kritiker erklärte öffentlich mit aller Entschieden,- Die Technik, die ich dort übte, ist im »Zauberberg« in einem heit, daß man niemals eine Übertragung dieses Buches in eine viel weiteren Rahmen auf die komplizierteste und alles durch- fremde Sprache wagen werde, weil es absolut untauglich dazu dringende Art angewandt. Und eben damit hängt meine anma- sei. Das war eine falsche Prophezeiung. Der »Zauberberg« ist in ßende Forderung zusammen, den »Zauberberg« zweimal zu le- fast alle europäischen Sprachen übersetzt worden, und soweit sen. Man kann den musikalisch-ideellen Beziehungs-Komplex, ich darüber urteilen kann, hat keines meiner Bücher in der Welt den er bildet, erst richtig durchschauen und genießen, wenn überhaupt und, ich konstatiere es mit Freude, besonders in man seine Thematik schon kennt und imstande ist, das symbo- Amerika so viel Interesse erregt wie dieses. lisch anspielende Formelwort nicht nur rückwärts, sondern auch Was soll ich nun über das Buch selbst sagen und darüber, wie vorwärts zu deuten. es etwa zu lesen sei? Der Beginn ist eine sehr arrogante Forde- Damit komme ich auf etwas schon Berührtes zurück, nämlich rung, nämlich die, daß man es zweimal lesen soll. Diese Forde- auf das Mysterium der Zeit, mit dem der Roman auf mehrfache rung wird natürlich sofort zurückgezogen für den Fall, daß man Weise sich abgibt. Er ist ein Zeitroman in doppeltem Sinn: ein- sich das erste Mal dabei gelangweilt hat. Kunst soll keine Schul- mal historisch, indem er das innere Bild einer Epoche, der euro- aufgabe und Mühseligkeit sein, keine Beschäftigung contre päischen Vorkriegszeit, zu entwerfen versucht, dann aber, weil cœur, sondern sie will und soll Freude bereiten, unterhalten und, die reine Zeit selbst sein Gegenstand ist, den er nicht nur als die Erfahrung seines Helden, sondern auch in und durch sich selbst auf das Lungen-Sanatoriums-Leben. Er machte seinerzeit nicht behandelt. Das Buch ist selbst das, wovon es erzählt; denn in- geringes Aufsehen in der medizinischen Welt, erregte darin teils dem es die hermetische Verzauberung seines jungen Helden ins Zustimmung, teils Entrüstung, einen kleinen Sturm in den Zeitlose schildert, strebt es selbst durch seine künstlerischen Fachblättern. Aber die Kritik der Sanatoriumstherapie ist sein Mittel die Aufhebung der Zeit an durch den Versuch, der musi- Vordergrund, einer der Vordergründe des Buches, dessen Wesen kalisch-ideellen Gesamtwelt, die es umfaßt, in jedem Augen- Hintergründigkeit ist. Die lehrhafte Warnung vor den morali- blick volle Präsenz zu verleihen und ein magisches »nunc stans« schen Gefahren der Liegekur und des ganzen unheimlichen Mi- herzustellen. Sein Ehrgeiz aber, Inhalt und Form, Wesen und lieus bleibt recht eigentlich Herrn Settembrini, dem redneri- Erscheinung zu voller Kongruenz zu bringen und immer zu- schen Rationalisten und Humanisten, überlassen, der eine Figur gleich das zu sein, wovon es handelt und spricht, dieser Ehrgeiz ist unter anderen, eine humoristisch-sympathische Figur, zuwei- geht weiter. Er bezieht sich noch auf ein anderes Grundthema, len auch das Mundstück des Autors, aber keineswegs der Autor auf das der Steigerung, welcher oft das Beiwort »alchimistisch« selbst. Für diesen sind Tod und Krankheit und alle makabren gegeben wird. Sie erinnern sich: der junge Hans Castorp ist ein Abenteuer, die er seinen Helden durchlaufen läßt, ja gerade das simpler Held, ein Hamburger Familien-Söhnchen und Durch- pädagogische Mittel, durch das eine gewaltige »Steigerung« und schnitts-Ingenieur. In der fieberhaften Hermetik des Zauberber- I orderung des schlichten Helden über seine ursprüngliche Ver- ges aber erfährt dieser schlichte Stoff eine Steigerung, die ihn zu fassung hinaus erzielt wird. Sie sind, eben als Erziehungsmittel, moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern fähig macht, weitgehend positiv gewertet, wenn auch Hans Castorp im Laufe von denen er sich in der Welt, die immer ironisch als das Flach- seines Erlebens hinausgelangt über die ihm angeborene Devo- land bezeichnet wird, nie hätte etwas träumen lassen. Seine Ge- tion vor dem Tode und eine Menschlichkeit begreift, die die schichte ist die Geschichte einer Steigerung, aber sie ist Steige- Todesidee und alles Dunkle, Geheimnisvolle des Lebens zwar rung auch in sich selbst, als Geschichte und Erzählung. Sie ar- nicht rationalistisch übersieht und verschmäht, aber sie einbe- beitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie zieht, ohne sich geistig von ihr beherrschen zu lassen. ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, Was er begreifen lernt, ist, daß alle höhere Gesundheit durch indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das die tiefen Erfahrungen von Krankheit und Tod hindurchgegan- Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung ihrer Figuren tut gen sein muß, sowie die Kenntnis der Sünde eine Vorbedin- sie das, die für das Gefühl des Lesers alle mehr sind als sie gung der Erlösung ist. »Zum Leben«, sagt einmal Hans Castorp scheinen: sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Send- zu Madame Chauchat, »zum Leben gibt es zwei Wege: der eine boten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. Ich hoffe, sie ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, sind deswegen keine Schatten und wandelnde Allegorien. Im er führt über den Tod und das ist der geniale Weg.« Diese Auf- Gegenteil bin ich durch die Erfahrung beruhigt, daß der Leser lassung von Krankheit und Tod, als eines notwendigen Durch- diese Personen, Joachim, Clawdia Chauchat, Peeperkorn, Set- gangs zum Wissen, zur Gesundheit und zum Leben, macht den tembrini und wie sie heißen, als wirkliche Menschen erlebt, de- »Zauberberg« zu einem Initiations-Roman (initiation story). ren er sich wie wirklich gemachter Bekanntschaften erinnert. Ich habe diese Bezeichnung nicht aus mir selbst. Die Kritik Dies Buch also ist räumlich und geistig auf dem Wege der hat sie mir nachträglich an die Hand gegeben, und ich mache Steigerung weit über das hinausgewachsen, was der Autor ur- Gebrauch von ihr, da ich zu Ihnen über den Zauberberg spre- sprünglich mit ihm vorhatte. Aus der short story wurde der chen soll. Ich lasse mir gern dabei von fremder Kritik helfen, zweibändige Wälzer - ein Malheur, das sich nicht ereignet hät- denn es ist ja ein Irrtum, zu glauben, der Autor selbst sei der be- te, wenn der »Zauberberg« das geblieben wäre, was viele Leute ste Kenner und Kommentator seines eigenen Werkes. Er ist das anfangs in ihm sahen und noch heute in ihm sehen: eine Satire vielleicht, solange er noch daran wirkt und darin verweilt. Aber ein abgetanes, zurückliegendes Werk wird mehr und mehr zu, etwas von ihm Abgelöstem, Fremdem, worin und worüber an- Grail romances tragen. Ihr Held, ob er nun Gawain, Galahad dere mit der Zeit viel besser Bescheid wissen als er, so daß sie oder Perceval heißt, ist eben der Quester, der Suchende und ihn an vieles erinnern können, was er vergessen oder vielleicht Fragende, der Himmel und Hölle durchstreift, es mit Himmel sogar nie klar gewußt hat. Man hat überhaupt nötig, an sich er- und Hölle aufnimmt und einen Pakt macht mit dem Geheim- innert zu werden. Man ist keineswegs immer im Besitz seiner nis, mit der Krankheit, dem Bösen, dem Tode, mit der anderen selbst, unser Selbstbewußtsein ist insofern schwach, als wir das Welt, dem Okkulten, der Welt, die im Zauberberg als »fragwür- Unsere durchaus nicht immer gegenwärtig beisammen haben. dig« gekennzeichnet ist - auf der Suche nach dem »Gral«, will Nur in Augenblicken seltener Klarheit, Sammlung und Über- sagen nach dem Höchsten, nach Wissen, Erkenntnis, Einwei- sicht wissen wir wahrhaft von uns, und die Bescheidenheit be- hung, nach dem Stein der Weisen, dem aurum potabile, dem deutender Menschen, die oft überrascht, mag zum guten Teil Trunk des Lebens. darauf beruhen: daß sie gemeinhin wenig von sich wissen, sich Ein solcher Quester-Held, erklärt der Verfasser - und erklärt nicht gegenwärtig sind und sich mit Recht als gewöhnliche er es nicht mit Recht? - ist auch Hans Castorp. Der Gral-Que- Menschen fühlen. ster insbesondere, Perceval, wird im Beginn seiner Wanderun- Wie dem auch sei, es hat seine Reize, sich von der Kritik über gen gern als »Fool«, »Great Fool«, »Guilless fool« bezeichnet. sich selbst aufklären, sich über zurückliegende Werke belehren Das entspricht der »Einfachheit«, Simplizität und Schlichtheit, und sich in sie zurückversetzen zu lassen, wobei es selten an die dem Helden meines Romanes beständig zugeschrieben wird dem Gefühle fehlen wird, das sich am treffendsten in die fran- - so als ob ein dunkles Überlieferungsgefühl mich gezwungen zösischen Worte zusammenfassen läßt: »Possible que j'ai eu tant hätte, auf dieser Eigenschaft zu bestehen. Ist nicht auch Goethes d'esprit?« Meine stehende Dankesformel für solche Liebesdien- Wilhelm Meister ein guilles fool, zwar in hohem Maße iden- ste lautet: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich so tisch mit dem Autor, dabei aber stets das Objekt seiner Ironie? freundlich an mich selbst erinnert haben.« Das habe ich gewiß Man sieht hier Goethes großen Roman, der zu der hohen As- auch an Professor Hermann I. Weigand von der Yale University zendenz des »Zauberbergs« gehört, ebenfalls in der Traditions- geschrieben, als er mir sein Buch über den »Zauberberg« sandte, reihe der Questerlegends. Und was ist denn wirklich der deut- die umfassendste und gründlichste kritische Studie, die über- sche Bildungsroman, zu dessen Typ der »Wilhelm Meister« so- haupt diesem Roman gewidmet worden ist. Denjenigen unter wohl wie der »Zauberberg« gehören, anderes, als die Sublimie- Ihnen, die sich intimer für ihn interessieren, möchte ich diesen rung und Vergeistigung des Abenteuerromans? Der Gral-Que- wirklich geistvollen Kommentar wärmstens empfehlen. ster muß sich, bevor er den heiligen Berg erreicht, einer Reihe Nun gelangte vor kurzem ein englisches Manuskript an mich, von schrecklichen und geheimnisvollen Proben unterziehen in das einen jungen Gelehrten der Harvard University zum Ver- einer Kapelle am Wege, die der »Atre Périlleux« heißt. Wahr- fasser hat. Es heißt: »The Quester Hero. Myth as Universal scheinlich waren diese abenteuerlichen Prüfungen ursprünglich Symbol in the Works of Th. M.«, und die Lektüre hat mir Erin- luitiations-Riten, Bedingungen der Annäherung an das esoteri- nerung und Bewußtsein meiner selbst nicht wenig aufgefrischt. sche Geheimnis, und immer ist die Idee des Wissens, der Er- Der Verfasser stellt den »Magic Mountain« und seinen schlich- kenntnis verbunden mit der »other world«, mit Tod und Nacht. ten Helden in eine große Tradition hinein, - nicht nur in eine Viel ist im »Zauberberg« von einer alchimistisch-hermetischen deutsche, sondern in eine Welttradition; er subsumiert ihn ei- Pädagogik, von »Transsubstantiation« die Rede; und wieder war nem Typus von Dichtung, den er »The Quester Legend« nennt ich, ein guilles fool ich selber, von einer geheimen Tradition und der weit im Schrifttum der Völker zurückreicht. Seine be- geleitet, denn das sind dieselben Worte, die im Zusammenhang rühmteste deutsche Erscheinungsform ist Goethes Faust. Aber mit den Gral-Mysterien immer wieder angewandt werden. hinter Faust, dem ewigen Sucher, steht die Gruppe von Dich- Nicht umsonst auch spielen die Freimaurerei und ihre Myste- tungen, die den allgemeinen Namen von Sangraal- oder Holy rien so stark in den »Zauberberg« hinein, denn die Maurerei ist 18 19, der direkte Abkömmling der alten Initiationsriten. Mit einem Vorsatz Worte, der »Zauberberg« ist eine Abwandlung des Tempels der Initiation, eine Stätte gefährlicher Forschung nach dem Geheim- nis des Lebens, und Hans Castorp, der »Bildungsreisende«, hat eine gar vornehme, mystisch-ritterliche Ahnenschaft: er ist der typische, im höchsten Sinne neugierige Neophyt, der freiwillig, nur zu freiwillig, Krankheit und Tod umarmt, weil gleich seine erste Berührung mit ihnen ihm das Versprechen außerordentli- Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, - nicht chen Verstehens, abenteuerlicher Förderung geben - verbunden um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn natürlich mit einem entsprechend hohen Risiko. auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), Es ist ein sehr hübscher und gescheiter Kommentar, den ich sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade er- da zu Hilfe genommen habe, um Sie (und mich) über meinen zählenswert scheint (wobei zu. Hans Castorps Gunsten denn Roman zu belehren, - dies späte, modernverzwickte, bewußte doch erinnert werden sollte, daß es seine Geschichte ist, und daß und auch wieder unbewußte Glied in einer großen Überliefe- nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr rungsreihe. Hans Castorp als Gralssucher - Sie werden das nicht lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edel- gedacht haben, als Sie seine Geschichte lasen, und wenn ich rost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Ver- selbst es gedacht habe, so war es mehr und weniger als Denken. gangenheit vorzutragen. Vielleicht lesen Sie das Buch noch einmal unter diesem Ge- Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein sichtspunkt. Sie werden dann auch finden, was der Gral ist, das Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je ver- Wissen, die Einweihung, jenes Höchste, wonach nicht nur der gangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigen- tumbe Held, sondern das Buch selbst auf der Suche ist. Sie wer- schaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Be- den es namentlich finden in dem »Schnee« betitelten Kapitel, schwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heu- wo der in tödlichen Höhen verirrte Hans Castorp sein Traum- le auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenig- gedicht vom Menschen träumt. Der Gral, den er, wenn nicht sten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre findet, so doch im todesnahen Traum erahnt, bevor er von sei- fahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr ner Höhe herab in die europäische Katastrophe gerissen wird, liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem das ist die Idee des Menschen, die Konzeption einer zukünfti- Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht ei- gen, durch tiefstes Wissen um Krankheit und Tod hindurchge- gentlich der Zeit, - eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit gangenen Humanität. Der Gral ist ein Geheimnis, aber auch die und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elemen- Humanität ist das. Denn der Mensch selbst ist ein Geheimnis, tes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen sei. und alle Humanität beruht auf Ehrfurcht vor dem Geheimnis Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdun- des Menschen. keln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief Princeton, Mai 1939 zerklüftenden Wende und Grenze spielt .Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat ge- spielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu be- ginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscha- rakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und2021, märchenhafter, je dichter »vorher« sie spielt? Zudem könnte es Erstes Kapitel sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen hat. Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, - denn wann wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Ge- schichte abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die sie Ankunft in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem Odium der Peinlich- keit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das Gründli- Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Ham- che wahrhaft unterhaltend sei. burg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Ge- Er fuhr auf Besuch für drei Wochen. schichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche wer- Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; den dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am be- zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. sten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit Es geht durch mehrerer Herren Länder bergauf und bergab, von ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es der süddeutschen Hochebene hinunter zum Gestade des Schwä- werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein! bischen Meeres und zu Schiff über seine springenden Wellen Und somit fangen wir an. hin, dahin über Schlünde, die früher für unergründlich galten. Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in direkten Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und Um- ständlichkeiten. Beim Orte Rorschach, auf schweizerischem Ge- biet, vertraut man sich wieder der Eisenbahn, gelangt aber vor- derhand nur bis Landquart, einer kleinen Alpenstation, wo man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine Schmalspur- bahn, die man nach längerem Herumstehen in windiger und wenig reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, wo die kleine, aber offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine sich in Bewegung setzt, beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil der Fahrt, ein jäher und zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen scheint. Denn Station Landquart liegt vergleichsweise noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es auf wilder, drangvol- ler Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge. Hans Castorp - dies der Name des jungen Mannes - befand sich allein mit seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Ge- schenk seines Onkels und Pflegevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen hier gleich zu nennen, - seinem Winter- mantel, der an einem Haken schaukelte, und seiner Plaidrolle in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei niedergelas- senem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr ver- kühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüber- ziehers aufgeschlagen. Neben ihm auf der Bank lag ein bro-, schiertes Buch namens »Ocean steamships«, worin er zu An- gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und Ordnung lagen fang der Reise bisweilen studiert hatte; jetzt aber lag es nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief unter vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem der schwer ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend zwi- keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpar- schen ihnen und dem Unbekannten fragte er- sich, wie es ihm tikeln verunreinigte. dort oben ergehen werde. Vielleicht war es unklug und unzu- Zwei Reisetage entfernen den Menschen - und gar den jun- träglich, daß er, geboren und gewohnt, nur ein paar Meter über gen, im Leben noch wenig fest wurzelnden Menschen - seiner dem Meeresspiegel zu atmen, sich plötzlich in diese extremen Alltagswelt, all dem, was er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens einige Tage an ei- Aussichten nannte, viel mehr, als er sich auf der Droschkenfahrt nem Platz von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er wünschte, zum Bahnhof wohl träumen ließ. Der Raum, der sich drehend am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte wälzt, bewahrt wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten glaubt; von sein, in welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen her, die den sah hinaus: der Zug wand sich gebogen auf schmalem Paß; man von ihr bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser Weise sah die vorderen Wagen, sah die Maschine, die in ihrer Mühe übertreffen. Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es aber, in- braune, grüne und schwarze Rauchmassen ausstieß, die verflat- dem er die Person des Menschen aus ihren Beziehungen löst terten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten; links strebten und ihn in einen freien und ursprünglichen Zustand versetzt, - dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen steingrauen ja, selbst aus dem Pedanten und Pfahlbürger macht er im Hand- Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wie- umdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit, sagt man, ist Le- der Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit Ortschaften in the; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie weniger der Tiefe sich auf. Sie schlossen sich, neue Engpässe folgten, mit gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher. Schneeresten in ihren Schründen und Spalten. Es gab Aufent- Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beab- halte an armseligen Bahnhofshäuschen, Kopfstationen, die der sichtigt, diese Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich inner- Zug in entgegengesetzter Richtung verließ, was verwirrend lich auf sie einzulassen. Seine Meinung vielmehr war gewesen, wirkte, da man nicht mehr wußte, wie man fuhr und sich der sie rasch abzutun, weil sie abgetan werden mußte, ganz als der- Himmelsgegenden nicht länger entsann. Großartige Fernblicke selbe zurückzukehren, als der er abgefahren war, und sein Leben in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen Augenblick Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er völlig in dem sich und gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, hatte sich mit wieder verloren. Hans Castorp bedachte, daß er die Zone der dem jüngst Zurückliegenden, seinem Examen, und dem unmit- Laubbäume unter sich gelassen habe, auch die der Singvögel telbar Bevorstehenden, seinem Eintritt in die Praxis bei Tunder wohl, wenn ihm recht war, und dieser Gedanke des Aufhörens & Wilms (Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede) und der Verarmung bewirkte, daß er, angewandelt von einem beschäftigt und über die nächsten drei Wochen mit soviel Un- leichten Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die geduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur immer zuließ. Augen mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände seine volle Auf- der Aufstieg ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwun- merksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe, sie auf die den war. Auf ebener Talsohle rollte der Zug nun bequemer da- leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden in Re- hin. gionen, wo er noch nie geatmet und wo, wie er wußte, völlig Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See er- ungewohnte, eigentümlich dünne und spärliche Lebensbedin- schien in landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und gungen herrschten, - es fing an, ihn zu erregen, ihn mit einer schwarz stiegen Fichtenwälder neben seinen Ufern an den um- 24 25, gebenden Höhen hinan, wurden dünn weiter oben, verloren »Ja, danke!« erwiderte Joachim etwas bitter. »Ein Kriegsvete- sich und ließen nebelig-kahles Gestein zurück. Man hielt an ei- ran! Der hat es im Knie - oder hatte es doch, denn dann hat er ner kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans Castorp sich die Kniescheibe herausnehmen lassen.« draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am Ziele Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. »Ja, so!« sagte sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim Ziemßens er, indem er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig um- Stimme, seines Vetters gemächliche Hamburger Stimme, die blickte. »Du wirst mir aber doch nicht weismachen wollen, daß sagte: »Tag, du, nun steige nur aus«; und wie er hinaussah, stand du noch so etwas hast? Du siehst ja aus, als ob du dein Portepee unter seinem Fenster Joachim selbst auf dem Perron, in brau- schon hättest und gerade aus dem Manöver kämst.« Und er sah nem Ulster, ganz ohne Kopfbedeckung und so gesund ausse- den Vetter von der Seite an. hend wie in seinem Leben noch nicht. Er lachte und sagte wie- Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugend- der: kraft und wie für die Uniform geschaffen. Er war von dem sehr »Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!« braunen Typus, den seine blonde Heimat nicht selten hervor- »Ich bin aber noch nicht da«, sagte Hans Castorp verdutzt bringt, und seine ohnehin dunkle Gesichtshaut war durch Ver- und noch immer sitzend. brennung beinahe bronzefarben geworden. Mit seinen großen »Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium ist es schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen über dem näher von hier. Ich habe 'nen Wagen mit. Gib mal deine Sachen vollen, gutgeschnittenen Munde wäre er geradezu schön gewe- her.« sen, wenn er nicht abstehende Ohren gehabt hätte. Sie waren Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und sein einziger Kummer und Lebensschmerz gewesen bis zu ei- des Wiedersehens reichte Hans Castorp ihm Handschuhe und nem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er andere Sorgen. Hans Ca- Wintermantel, die Plaidrolle mit Stock und Schirm und schließ- storp fuhr fort: lich auch »Ocean steamships« hinaus. Dann lief er über den en- »Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich gen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur eigentlichen kein Hindernis.« und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung mit seinem »Gleich mit dir?« fragte der Vetter und wandte ihm seine Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen Leuten von großen Augen zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen kühlen und spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar zu sagen, fünf Monaten aber einen etwas müden, ja traurigen Ausdruck aber von jeher hatten sie es vermieden, einander beim Vorna- angenommen hatten. »Gleich wann?« men zu nennen, einzig und allein aus Scheu vor zu großer »Na, in drei Wochen.« Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht gut mit Nachnamen »Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das Du. Das war Gedanken«, antwortete Joachim. »Nun, warte nur, du kommst eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern. ja eben erst an. Drei Wochen sind freilich fast nichts für uns Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einan- hier oben, aber für dich, der du zu Besuch hier bist und über- der - der junge Ziemßen in militärischer Haltung - rasch und haupt nur drei Wochen bleiben sollst, für dich ist es doch eine ein bißchen verlegen die Hände schüttelten, und kam dann her- Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist gar nicht so an, um sich Hans Castorps Gepäckschein auszubitten; denn er leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht das war der Concierge des Internationalen Sanatoriums »Berghof« einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues se- und zeigte sich willens, den großen Koffer des Gastes vom hen, paß auf. Und was du von mir sagst, das geht denn doch Bahnhof »Platz« zu holen, indes die Herren direkt mit dem Wa- nicht so flott mit mir, du, ›in drei Wochen nach Haus‹, das sind gen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend, und so Ideen von unten. Ich bin ja wohl braun, aber das ist haupt- so war das erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen fragte: sächlich Schneeverbrennung und hat nicht viel zu bedeuten, wie »Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?« Behrens auch immer sagt, und bei der letzten Generaluntersu- 2 6 27, chung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es wohl ziemlich si- Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleich- cher noch dauern.« laufende Straße ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt, »Ein halbes Jahr? Bist du toll?« rief Hans Castorp. Sie hatten hatten dann nach links hin das schmale Geleise gekreuzt, einen sich eben vor dem Stationsgebäude, das nicht viel mehr als ein Wasserlauf überquert und trotteten sanft nun auf ansteigendem Schuppen war, in das gelbe Kabriolett gesetzt, das dort auf stei- Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen, dorthin, wo auf niedrig nigem Platze bereit stand, und während die beiden Braunen an- vorspringendem Wiesenplateau, die Front südwestlich gewandt, zogen, warf sich Hans Castorp empört auf dem harten Kissen ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor lauter herum. »Ein halbes Jahr? Du bist ja schon fast ein halbes Jahr Balkonlogen von weitem löcherig und porös wirkte wie ein hier! Man hat doch nicht so viel Zeit -!« Schwamm, soeben die ersten Lichter aufsteckte. Es dämmerte »Ja, Zeit«, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus, oh- rasch. Ein leichtes Abendrot, das eine Weile den gleichmäßig ne sich um des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. »Die bedeckten Himmel belebt hatte, war schon verblichen, und je- springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar ner farblose, entseelte und traurige Übergangszustand herrschte nicht. Drei Wochen sind wie ein Tag vor ihnen. Du wirst schon in der Natur, der dem vollen Einbruch der Nacht unmittelbar sehen. Du wirst das alles schon lernen«, sagte er und setzte hin- vorangeht. Das besiedelte Tal, lang hingestreckt und etwas ge- zu: »Man ändert hier seine Begriffe.« wunden, beleuchtete sich nun überall, auf dem Grund sowohl Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite. wie da und dort an den beiderseitigen Lehnen, - an der rechten »Du hast dich aber doch prachtvoll erholt«, sagte er kopf- zumal, die auslud, und an der Baulichkeiten terrassenförmig schüttelnd. aufstiegen. Links liefen Pfade die Wiesenhänge hinan und ver- »Ja, meinst du?« antwortete Joachim. »Nicht wahr, ich denke loren sich in der stumpfen Schwärze der Nadelwälder. Die ent- doch auch!« sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück; fernteren Bergkulissen, hinten am Ausgang, gegen den das Tal doch nahm er gleich wieder eine schrägere Stellung ein. »Es sich verjüngte, zeigten ein nüchternes Schieferblau. Da ein Wind geht mir ja besser«, erklärte er; »aber gesund bin ich eben noch sich aufgemacht hatte, wurde die Abendkühle empfindlich. nicht. Links oben, wo früher Rasseln zu hören war, klingt es »Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend«, jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm, aber unten ist es sagte Hans Castorp. »Wo sind denn die Gletscher und Firnen noch sehr rauh, und dann sind auch im zweiten Interkostalraum und die gewaltigen Bergriesen? Diese Dinger sind doch nicht Geräusche.« sehr hoch, wie mir scheint.« »Wie gelehrt du geworden bist«, sagte Hans Castorp. »Doch, sie sind hoch«, antwortete Joachim. »Du siehst die »Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte Baumgrenze fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf, ich gern im Dienste schon wieder verschwitzt«, erwiderte Joa- die Fichten hören auf, und damit hört alles auf, aus ist es, Felsen, chim. »Aber ich habe noch Sputum«, sagte er mit einem zu- wie du bemerkst. Da drüben, rechts von dem Schwarzhorn, die- gleich lässigen und heftigen Achselzucken, das ihm nicht gut zu ser Zinke dort, hast du sogar einen Gletscher, siehst du das Gesichte stand, und ließ seinen Vetter etwas sehen, was er aus Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es ist ein Gletscher, wie es der ihm zugekehrten Seitentasche seines Ulsters zur Hälfte her- sich gehört, der Skaletta-Gletscher. Piz Michel und Tinzenhorn auszog und gleich wieder verwahrte: eine flache, geschweifte in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht sehen, liegen auch Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. »Das ha- immer im Schnee, das ganze Jahr.« ben die meisten von uns hier oben«, sagte er. »Es hat auch einen »In ewigem Schnee«, sagte Hans Castorp. Namen bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du siehst dir »Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon. die Gegend an?« Aber wir selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sech- Das tat Hans Castorp, und er äußerte: »Großartig!« zehnhundert Meter über dem Meer. Da kommen die Erhebun- »Findest du?« fragte Joachim. gen nicht so zur Geltung.« 28 29, »Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange gewor- selbst ist auch so ein alter Zyniker - ein famoses Huhn neben- den, kann ich dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das sind ja bei, alter Korpsstudent und glänzender Operateur, wie es annähernd fünftausend Fuß, wenn ich es ausrechne. In meinem scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch Krokowski, der Leben war ich noch nicht so hoch.« Und Hans Castorp nahm Assistent - ein ganz gescheites Etwas. Im Prospekt ist besonders neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von der fremden auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich Seelenzer- Luft. Sie war frisch - und nichts weiter. Sie entbehrte des Duf- gliederung mit den Patienten.« tes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging leicht ein und sagte »Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!« der Seele nichts. rief Hans Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er »Ausgezeichnet!« bemerkte er höflich. war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern hatte die See- »Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich die lenzergliederung es ihm vollends angetan, und er lachte so sehr, Gegend heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt sie daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen, mit der er, sich besser aus, besonders im Schnee. Aber man sieht sich sehr sich vorbeugend, die Augen bedeckte. Joachim lachte ebenfalls satt an ihr. Wir alle hier oben, kannst du mir glauben, haben sie herzlich - es schien ihm wohlzutun -, und so kam es, daß die ganz unaussprechlich satt«, sagte Joachim, und sein Mund wur- jungen Leute in großer Aufgeräumtheit aus ihrem Wagen stie- de von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der übertrieben -en, der sie zuletzt im Schritt, auf steiler, schleifenförmiger An- und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht gut kleidete. fahrt vor das Portal des Internationalen Sanatoriums Berghof »Du sprichst so sonderbar«, sagte Hans Castorp. getragen hatte. »Spreche ich sonderbar?« fragte Joachim mit einer gewissen Besorgnis und wandte sich seinem Vetter zu .Nr. 34 »Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick so vor!« beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte aber die Gleich zur Rechten, zwischen Haustor und Windfang, war die Wendung »Wir hier oben« gemeint, die Joachim schon zum Concierge-Loge gelegen, und von dort kam ein Bediensteter dritten- oder viertenmal gebraucht hatte und die ihn auf irgend von französischem Typus, der, am Telephon sitzend, Zeitungen eine Weise beklemmend und seltsam anmutete. gelesen hatte, in der grauen Livree des hinkenden Mannes am »Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du Bahnhof ihnen entgegen und führte sie durch die wohlbeleuch- siehst«, fuhr Joachim fort. »Fünfzig Meter. Im Prospekt steht tete Halle, an deren linker Seite Gesellschaftsräume lagen. Im ›hundert‹, aber es sind bloß fünfzig. Am allerhöchsten liegt das Vorübergehen blickte Hans Castorp hinein und fand sie leer. Sanatorium Schatzalp dort drüben, man kann es nicht sehen. Wo denn die Gäste seien, fragte er, und sein Vetter antwortete: Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunter- »In der Liegekur. Ich hatte Ausgang heute, weil ich dich ab- befördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.« holen wollte. Sonst liege ich auch nach dem Abendbrot auf dem »Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!« rief Hans Castorp. Balkon.« Und plötzlich geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingli- Es fehlte nicht viel, daß Hans Castorp aufs neue vom Lachen ches Lachen, das seine Brust erschütterte und sein vom kühlen überwältigt wurde. Wind etwas steifes Gesicht zu einer leise schmerzenden Gri- »Was, ihr liegt bei Nacht und Nebel auf dem Balkon?« fragte masse verzog. »Auf dem Bobschlitten! Und das erzählst du mir er mit wankender Stimme .so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden in »Ja, das ist Vorschrift. Von acht bis zehn. Aber komm nun, diesen fünf Monaten!« sieh dir dein Zimmer an und wasch dir die Hände.« »Gar nicht zynisch«, antwortete Joachim achselzuckend. Sie bestiegen den Lift, dessen elektrisches Triebwerk der »Wieso denn? Das ist den Leichen doch einerlei .Übrigens Franzose bediente. Im Hinaufgleiten trocknete Hans Castorp kann es wohl sein, daß man zynisch wird hier bei uns. Behrens sich die Augen. 30 31, »Ich bin ganz entzwei und erschöpft vor Lachen«, sagte er chim. »Behrens meinte gleich, daß sie fertig sein würde, bis du und atmete durch den Mund. »Du hast mir soviel tolles Zeug kämest, und daß du das Zimmer dann haben könntest. Ihr Ver- erzählt .Das mit der Seelenzergliederung war zu stark, das lobter war bei ihr, englischer Marineoffizier, aber er benahm hätte nicht kommen dürfen. Außerdem bin ich doch auch wohl sich nicht gerade stramm. Jeden Augenblick kam er auf den ein bißchen abgespannt von der Reise. Leidest du auch so an Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie ein kleiner Junge. kalten Füßen? Gleichzeitig hat man dann so ein heißes Gesicht, Und dann rieb er sich die Backen mit Coldcream ein, weil er das ist unangenehm. Wir essen wohl gleich? Mir scheint, ich ha- lasiert war und die Tränen ihn da so brannten. Vorgestern abend be Hunger. Ißt man denn anständig bei euch hier oben?« hatte die Amerikanerin noch zwei Blutstürze ersten Ranges, und Sie gingen geräuschlos den Kokosläufer des schmalen Korri- damit war Schluß. Aber sie ist schon seit gestern morgen fort, dors entlang. Glocken aus Milchglas sandten von der Decke ein und dann haben sie hier natürlich gründlich ausgeräuchert, mit bleiches Licht. Die Wände schimmerten weiß und hart, mit ei- Formalin, weißt du, das soll so gut sein für solche Zwecke.« ner lackartigen Ölfarbe überzogen. Eine Krankenschwester zeig- Hans Castorp nahm diese Erzählung mit einer angeregten te sich irgendwo, in weißer Haube und einen Zwicker auf der Zerstreutheit auf. Mit zurückgezogenen Ärmeln vor dem geräu- Nase, dessen Schnur sie sich hinter das Ohr gelegt hatte. Offen- migen Waschbecken stehend, dessen Nickelhähne im elektri- bar war sie protestantischer Konfession, ohne rechte Hingabe an schen Lichte blitzten, warf er kaum einen flüchtigen Blick zu ihren Beruf, neugierig und von Langerweile beunruhigt und be- der weißmetallenen, reinlich bedeckten Bettstatt hinüber. lastet. An zwei Stellen des Ganges, auf dem Fußboden vor den »Ausgeräuchert, das ist famos«, sagte er gesprächig und etwas weiß lackierten numerierten Türen, standen gewisse Ballons, ungereimt, indem er sich die Hände wusch und trocknete. »Ja, große, bauchige Gefäße mit kurzen Hälsen, nach deren Bedeu- Methylaldehyd, das hält die stärkste Bakterie nicht aus, - H2CO, tung zu fragen Hans Castorp fürs erste vergaß. aber es sticht in die Nase, nicht? Selbstverständlich ist strengste »Hier bist du«, sagte Joachim. »Nummer Vierunddreißig. Sauberkeit eine Grundbedingung ..« Er sagte »Selbstvers- Rechts bin ich, und links ist ein russisches Ehepaar, - etwas sa- tändlich« mit dem getrennten st, während sein Vetter sich, seit lopp und laut, muß man wohl sagen, aber das war nicht anders er Student war, die verbreiterte Aussprache angewöhnt hatte, zu machen. Nun, was sagst du?« und fuhr mit großer Geläufigkeit fort: »Was ich noch sagen Die Tür war doppelt, mit Kleiderhaken im inneren Hohl- wollte .Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier sich mit dem raum. Joachim hatte das Deckenlicht eingeschaltet, und in sei- Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen, man macht ner zitternden Klarheit zeigte das Zimmer sich heiter und fried- sich doch leichter wund mit den Dingern, als mit einem gut ab- lich, mit seinen weißen, praktischen Möbeln, seinen ebenfalls gezogenen Messer, das ist wenigstens meine Erfahrung, ich ge- weißen, starken, waschbaren Tapeten, seinem reinlichen Lino- brauche abwechselnd eins und das andere .Na, und auf der leum-Fußbodenbelag und den leinenen Vorhängen, die in mo- gereizten Haut tut das Salzwasser natürlich weh, da war er wohl dernem Geschmacke einfach und lustig bestickt waren. Die Bal- vom Dienst her gewöhnt, Coldcream anzuwenden, es fällt mir kontür stand offen; man gewahrte die Lichter des Tals und ver- nichts auf daran ..« Und er plauderte weiter, sagte, daß er nahm eine entfernte Tanzmusik. Der gute Joachim hatte einige zweihundert Stück von Maria Mancini - seiner Zigarre - im Blumen in eine kleine Vase auf die Kommode gestellt, - was Koffer habe, - die Revision sei höchst gemütlich gewesen - und eben im zweiten Grase zu finden gewesen war, etwas Schafgar- richtete Grüße von verschiedenen Personen in der Heimat aus. be und ein paar Glockenblumen, von ihm selbst am Hang ge- »Wird hier denn nicht geheizt?« rief er plötzlich und lief zu den pflückt. Röhren, um die Hände daran zu legen .»Reizend von dir«, sagte Hans Castorp. »Was für ein nettes »Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten«, antwortete Zimmer! Hier läßt es sich gut und gern ein paar Wochen hausen.« |oachim. »Da muß es anders kommen, bis im August die Zen- »Vorgestern ist hier eine Amerikanerin gestorben«, sagte Joa- tralheizung angezündet wird.«, »August, August!« sagte Hans Castorp. »Aber mich friert! mich wenigstens nicht, - das ist ja gar kein lebendiger Husten Mich friert abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht mehr. Er ist nicht trocken, aber lose kann man ihn auch nicht bin ich auffallend echauffiert, - da, fühle doch mal, wie ich nennen, das ist noch längst nicht das Wort. Es ist ja gerade, als brenne!« ob man dabei in den Menschen hineinsähe, wie es da aussieht, - Diese Zumutung, man solle sein Gesicht befühlen, paßte alles ein Matsch und Schlamm ..« ganz und gar nicht zu Hans Castorps Natur und berührte ihn »Na«, sagte Joachim, »ich höre es ja jeden Tag, du brauchst es selber peinlich. Joachim ging auch nicht darauf ein, sondern mir nicht zu beschreiben.« sagte nur: Aber Hans Castorp konnte sich gar nicht über den vernom- »Das ist die Luft und hat nichts zu sagen. Behrens selbst hat menen Husten beruhigen, er versicherte wiederholt, daß man den ganzen Tag blaue Backen. Manche gewöhnen sich nie. Na, förmlich dabei in den Herrenreiter hineinsähe, und als sie das go on, wir kriegen sonst nichts mehr zu essen.« Restaurant betraten, hatten seine reisemüden Augen einen er- Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsich- regten Glanz. tig und neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stock- werk blieb Hans Castorp plötzlich stehen, festgebannt von ei- nem vollkommen gräßlichen Geräusch, das in geringer Entfer- Im Restaurant nung hinter einer Biegung des Korridors vernehmlich wurde, einem Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht abscheulicher Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag gleich Art, daß Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen Vetter rechts an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber, und mit erweiterten Augen ansah. Es war Husten, offenbar, - eines wurde, wie Joachim erklärte, hauptsächlich von neu angekom- Mannes Husten; aber ein Husten, der keinem anderen ähnelte, menen, außer der Zeit speisenden Gästen, und von solchen, die den Hans Castorp jemals gehört hatte, ja, mit dem verglichen Besuch hatten, benutzt. Aber auch Geburtstage und bevorste- jeder andere ihm bekannte Husten eine prächtige und gesunde hende Abreisen wurden dort festlich begangen, sowie günstige Lebensäußerung gewesen war, - ein Husten ganz ohne Lust und Ergebnisse von Generaluntersuchungen. Manchmal gehe es Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie hoch her im Restaurant, sagte Joachim; auch Champagner wer- ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflö- de serviert. Jetzt saß niemand als eine einzelne etwa dreißigjäh- sung klang. rige Dame darin, die in einem Buche las, aber dabei vor sich hin »Ja«, sagte Joachim, »da sieht es böse aus. Ein österreichischer summte und mit dem Mittelfinger der linken Hand immerfort Aristokrat, weißt du, eleganter Mann und ganz wie zum Her- leicht auf das Tischtuch klopfte. Als die jungen Leute sich nie- renreiter geboren. Und nun steht es so mit ihm. Aber er geht dergelassen hatten, wechselte sie den Platz, um ihnen den Rük- noch herum.« ken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte Joachim leise, Während sie ihren Weg fortsetzten, sprach Hans Castorp an- und esse immer mit einem Buche im Restaurant. Man wollte gelegentlich über den Husten des Herrenreiters. »Du mußt be- wissen, daß sie schon als ganz junges Mädchen in Lungensana- denken«, sagte er, »daß ich dergleichen nie gehört habe, daß es lorien eingetreten sei und seitdem nicht mehr in der Welt ge- mir völlig neu ist, da macht es natürlich Eindruck auf mich. Es lebt habe. gibt so vielerlei Husten, trockenen und losen, und der lose ist »Nun, dann bist du ja noch ein junger Anfänger gegen sie eher noch vorteilhafter, wie man allgemein sagt, und besser, als mit deinen fünf Monaten und wirst es noch sein, wenn du ein wenn man so bellt. Als ich in meiner Jugend (»in meiner Ju- Jahr auf dem Buckel hast«, sagte Hans Castorp zu seinem Vet- gend« sagte er) Bräune hatte, da bellte ich wie ein Wolf, und sie ter; worauf Joachim mit jenem Achselzucken, das ihm früher waren alle froh, als es locker wurde, ich kann mich noch dran nicht eigen gewesen war, zur Menükarte griff. erinnern. Aber so ein Husten, wie dieser, war noch nicht da, für Sie hatten den erhöhten Tisch am Fenster genommen, den 34 35, hübschesten Platz. An dem cremefarbenen Vorhang saßen sie eine besondere freudige und doch etwas quälende Unruhe war einander gegenüber, die Gesichter beglüht vom Schein des rot in seinen Gliedern. Seine Worte überhasteten sich, er versprach umhüllten elektrischen Tischlämpchens. Hans Castorp faltete sich des öfteren und ging mit einer wegwerfenden Handbewe- seine frisch gewaschenen Hände und rieb sie behaglich-erwar- gung darüber hin. Übrigens war auch Joachim in belebter Stim- tungsvoll aneinander, wie er zu tun pflegte, wenn er sich zu Ti- mung, und um so freier und aufgeräumter ging ihr Gespräch, als sche setzte, - vielleicht weil seine Vorfahren vor der Suppe ge- die summende, pochende Dame ganz plötzlich aufgestanden betet hatten. Ein freundliches, gaumig sprechendes Mädchen in und davongegangen war. Sie gestikulierten beim Essen mit den schwarzem Kleide mit weißer Schürze und einem großen Ge- Gabeln, machten, einen Bissen in der Backe, wichtige Mienen, sicht von überaus gesunder Farbe bediente sie, und zu seiner lachten, nickten, hoben die Schultern und hatten noch nicht or- großen Heiterkeit ließ Hans Castorp sich belehren, daß man die dentlich hinuntergeschluckt, wenn sie schon weitersprachen. Kellnerinnen hier »Saaltöchter« nenne. Sie bestellten eine Fla- Joachim wollte von Hamburg hören und hatte das Gespräch auf sche Gruaud Larose bei ihr, die Hans Castorp noch einmal fort- die geplante Eibregulierung gebracht. schickte, um sie besser temperieren zu lassen. Das Essen war »Epochal!« sagte Hans Castorp. »Epochal für die Entwicklung vorzüglich. Es gab Spargelsuppe, gefüllte Tomaten, Braten mit unserer Schiffahrt, - gar nicht zu überschätzen. Wir setzen fünf- vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete süße Speise, eine zig Millionen als sofortige einmalige Ausgabe dafür ins Budget, Käseplatte und Obst. Hans Castorp aß sehr stark, obgleich sein und du kannst überzeugt sein, wir wissen genau, was wir tun.« Appetit sich nicht als so lebhaft erwies, wie er geglaubt hatte. Übrigens sprang er, bei aller Wichtigkeit, die er der Eibregu- Aber er war gewohnt, viel zu essen, auch wenn er keinen Hun- lierung beimaß, gleich wieder ab von diesem Thema und ver- ger hatte, und zwar aus Selbstachtung. langte, daß Joachim ihm Weiteres von dem Leben »hier oben« Joachim tat den Gerichten nicht viel Ehre an. Er hatte die und von den Gästen erzähle, was auch bereitwillig geschah, da Küche satt, sagte er, das hätten sie alle hier oben, und es sei Joachim froh war, sich erleichtern und mitteilen zu können. Brauch, auf das Essen zu schimpfen; denn wenn man hier ewig Das von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinuntersandte, und drei Tage sitze .Dagegen trank er mit Vergnügen, ja mit mußte er wiederholen und noch einmal ausdrücklich versichern, einer gewissen Hingebung von dem Wein, und gab unter sorg- daß es auf Wahrheit beruhe. Da Hans Castorp wieder vom La- fältiger Vermeidung allzu gefühlvoller Wendungen wiederholt chen ergriffen wurde, lachte auch er, was er herzlich zu genie- seiner Genugtuung Ausdruck, daß jemand da sei, mit dem man ßen schien, und ließ andere komische Dinge hören, um der ein vernünftiges Wort reden könne. Ausgelassenheit Nahrung zu geben. Eine Dame sitze mit ihm »Ja, es ist brillant, daß du gekommen bist!« sagte er, und sei- am Tische, namens Frau Stöhr, ziemlich krank übrigens, eine ne gemächliche Stimme war bewegt. »Ich kann wohl sagen, es Musikergattin aus Cannstatt, - die sei das Ungebildetste, was ist für mich geradezu ein Ereignis. Das ist doch einmal eine Ab- ihm jemals vorgekommen. »Desinfiszieren«, sage sie, - aber in wechslung, - ich meine, es ist ein Einschnitt, eine Gliederung in vollstem Ernst. Und den Assistenten Krokowski nenne sie den dem ewigen, grenzenlosen Einerlei ..« »Fomulus«. Das müsse man nun hinunterschlucken, ohne das »Aber die Zeit muß euch eigentlich schnell hier vergehen«, Gesicht zu verziehen. Außerdem sei sie klatschsüchtig, wie übri- meinte Hans Castorp. gens die meisten hier oben, und einer anderen Dame, Frau Iltis, »Schnell und langsam, wie du nun willst«, antwortete Joa- sage sie nach, sie trage ein »Sterilett«. »Sterilett nennt sie das, - chim. »Sie vergeht überhaupt nicht, will ich dir sagen, es ist gar das ist doch unbezahlbar!« Und halb liegend, gegen die Lehnen keine Zeit, und es ist auch kein Leben, - nein, das ist es nicht«, ihrer Stühle zurückgeworfen, lachten sie so sehr, daß ihnen der sagte er kopfschüttelnd und griff wieder zum Glase. Leib bebte und sie fast gleichzeitig Schluckauf bekamen. Auch Hans Castorp trank, obgleich sein Gesicht nun wie Zwischendurch betrübte Joachim sich und gedachte seines Feuer brannte. Aber am Körper war ihm noch immer kalt, und Loses. 36 37, »Ja, da sitzen wir nun und lachen«, sagte er mit schmerzen- daß er den Kopf schräg zurücklegen mußte, um ihnen ins Ge- dem Gesicht und zuweilen von den Erschütterungen seines sicht zu sehen, - und außerordentlich bleich, von durchschei- Zwerchfelles unterbrochen; »und dabei ist gar nicht abzusehen, nender, ja phosphoreszierender Blässe, die noch gehoben wurde wann ich hier wegkomme, denn wenn Behrens sagt: noch ein durch die dunkle Glut seiner Augen, die Schwärze seiner Brau- halbes Jahr, dann ist es knapp gerechnet, man muß sich auf en und seines ziemlich langen, in zwei Spitzen auslaufenden mehr gefaßt machen. Aber es ist doch hart, sage mal selbst, ob es Vollbartes, der bereits ein paar weiße Fäden zeigte. Er trug einen nicht traurig für mich ist. Da war ich nun schon genommen, schwarzen, schon etwas abgenutzten Sakkoanzug, schwarze, und im nächsten Monat könnte ich meine Offiziersprüfung ma- durchbrochene, sandalenartige Halbschuhe zu dicken, grauwol- chen. Und nun lungere ich hier herum mit dem Thermometer lenen Socken und einen weich überfallenden Halskragen, wie im Mund und zähle die Schnitzer von dieser ungebildeten Frau Hans Castorp ihn bis dahin nur bei einem Photographen in Stöhr und versäume die Zeit. Ein Jahr spielt solch eine Rolle in Danzig gesehen hatte und welcher der Erscheinung Dr. Kro- unserem Alter, es bringt im Leben unten so viele Veränderun- kowskis in der Tat ein ateliermäßiges Gepräge verlieh. Herzlich gen und Fortschritte mit sich. Und ich muß hier stagnieren wie lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne sichtbar ein Wasserloch, - ja, ganz wie ein fauliger Tümpel, es ist gar wurden, schüttelte er dem jungen Manne die Hand, indem er kein krasser Vergleich ..« mit baritonaler Stimme und etwas fremdländisch schleppenden Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur mit Akzenten sagte: der Frage, ob man hier eigentlich Porter bekommen könne, und »Seien Sie uns willkommen, Herr Castorp! Möchten Sie sich als sein Vetter ihn etwas erstaunt betrachtete, sah er, daß jener rasch einleben und sich wohlfühlen in unserer Mitte. Sie kom- im Einschlafen begriffen war, - eigentlich schlief er schon. men zu uns als Patient, wenn ich mir die Frage erlauben darf?« »Aber du schläfst ja!« sagte Joachim. »Komm, es ist Zeit, zu Es war rührend zu sehen, wie Hans Castorp arbeitete, um sich Bett zu gehen, für uns beide.« artig zu erweisen und seiner Schläfrigkeit Herr zu werden. Er »Es ist überhaupt keine Zeit«, sagte Hans Castorp mit schwe- ärgerte sich, so schlecht in Form zu sein, und sah mit dem miß- rer Zunge. Aber er ging doch mit, etwas gebückt und steifbei- trauischen Selbstbewußtsein junger Leute in dem Lächeln und nig, wie ein Mensch, der von Müdigkeit förmlich zu Boden ge- dem aufmunternden Wesen des Assistenten Zeichen nachsichti- zogen wird, - nahm sich jedoch gewaltsam zusammen, als er in gen Spottes. Er antwortete, indem er von den drei Wochen der nur noch matt erleuchteten Halle Joachim sagen hörte: sprach, auch seines Examens erwähnte und hinzufügte, daß er, »Da sitzt Krokowski. Ich muß dich, glaube ich, rasch noch gottlob, ganz gesund sei. vorstellen.« »Wahrhaftig?« fragte Dr. Krokowski, indem er seinen Kopf Dr. Krokowski saß im Hellen, am Kamin des einen Konver- wie neckend schräg vorwärts stieß und sein Lächeln verstärk- sationszimmers, gleich bei der offenen Schiebetür, und las eine te .»Aber dann sind Sie eine höchst studierenswerte Erschei- Zeitung. Er stand auf, als die jungen Leute auf ihn zutraten und nung! Mir ist nämlich ein ganz gesunder Mensch noch nicht Joachim in militärischer Haltung sagte: vorgekommen. Was für ein Examen haben Sie abgelegt, wenn »Darf ich Ihnen, bitte, meinen Vetter Castorp aus Hamburg die Frage erlaubt ist?« vorstellen, Herr Doktor. Er ist eben erst angekommen.« »Ich bin Ingenieur, Herr Doktor«, antwortete Hans Castorp Dr. Krokowski begrüßte den neuen Hausgenossen mit einer mit bescheidener Würde. gewissen heiteren, stämmigen und aufmunternden Herzhaftig- »Ah, Ingenieur!« Und Dr. Krokowskis Lächeln zog sich keit, als wollte er andeuten, daß Aug in Auge mit ihm jede Be- gleichsam zurück, büßte an Kraft und Herzlichkeit für den Au- fangenheit überflüssig und einzig fröhliches Vertrauen am Plat- genblick etwas ein. »Das ist wacker. Und Sie werden hier also ze sei. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, breitschultrig, keinerlei ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen, weder in fett, bedeutend kleiner als die beiden, die vor ihm standen, so körperlicher noch in psychischer Hinsicht?« 38 39, »Nein, ich danke tausendmal!« sagte Hans Castorp und wäre in diesem Bette vorgestern jemand gestorben sei. »Es wird nicht fast einen Schritt zurückgewichen. das erstemal gewesen ein«, sagte er zu sich, als könne ihm das Da brach das Lächeln Dr. Krokowskis wieder siegreich her- zur Beruhigung dienen. »Es ist eben ein Totenbett, ein gewöhn- vor, und indem er dem jungen Manne aufs neue die Hand liches Totenbett.« Und er schlief ein. schüttelte, rief er mit lauter Stimme: Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und »Nun, so schlafen Sie denn wohl, Herr Castorp, - im Vollge- träumte fast unaufhörlich bis zum anderen Morgen. Hauptsäch- fühl Ihrer untadeligen Gesundheit! Schlafen Sie wohl und auf lich sah er Joachim Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage auf Wiedersehn!« - Damit entließ er die jungen Leute und setzte einem Bobschlitten eine schräge Bahn hinabfahren. Er war so sich wieder zu seiner Zeitung nieder. phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski, und vorneauf saß Der Aufzug hatte keine Bedienung mehr, und so legten sie der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie jemand, den zu Fuß die Treppen zurück, schweigend und etwas verwirrt von man lediglich hat husten hören, und lenkte. »Das ist uns doch der Begegnung mit Dr. Krokowski. Joachim begleitete Hans ganz einerlei, - uns hier oben«, sagte der verrenkte Joachim, Castorp auf Nummer Vierunddreißig, wo der Hinkende das und dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so grauenhaft Gepäck des Ankömmlings richtig eingeliefert hatte, und sie breiig hustete. Darüber mußte Hans Castorp bitterlich weinen plauderten noch eine Viertelstunde, während Hans Castorp und sah ein, daß er in die Apotheke laufen müsse, um sich Nacht- und Waschzeug auspackte und eine dicke, milde Ziga- Coldcream zu besorgen. Aber am Wege saß Frau Iltis mit einer rette dazu rauchte. Zur Zigarre kam er heute nicht mehr, was spitzen Schnauze und hielt etwas in der Hand, was offenbar ihr ihm wunderlich und außerordentlich erschien. »Sterilett« sein sollte, aber nichts weiter war als ein Sicherheits- »Er sieht sehr bedeutend aus«, sagte er, indem er beim Spre- Rasierapparat. Das machte Hans Castorp nun wieder lachen, und chen den eingeatmeten Rauch hervorsprudelte. »Wachsbleich ist so wurde er zwischen verschiedenen Gemütsbewegungen hin er. Aber mit seiner Chaussure, höre mal, da steht es scheußlich. und her geworfen, bis der Morgen durch seine halboffene Bal- Grauwollene Socken und dann diese Sandalen. War er zum kontür graute und ihn weckte. Schluß eigentlich beleidigt?« »Er ist etwas empfindlich«, gab Joachim zu. »Du hättest die ärztliche Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen, we- nigstens nicht die psychische. Er sieht es nicht gern, wenn man sich dem entzieht. Auf mich ist er auch nicht besonders zu spre- chen, weil ich ihm nicht genug anvertraue. Aber dann und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er was zu zer- gliedern hat.« »Nun, dann hab ich ihn eben vor den Kopf gestoßen«, sagte Hans Castorp verdrießlich; denn es machte ihn unzufrieden mit sich selbst, jemanden gekränkt zu haben, und so kam denn die Müdigkeit auch mit erneuter Stärke über ihn. »Gute Nacht«, sagte er. »Ich falle um.« »Um acht hole ich dich zum Frühstück«, sagte Joachim und ging- Hans Castorp machte nur flüchtige Nachttoilette. Der Schlaf übermannte ihn, kaum daß er das Nachttischlämpchen gelöscht hatte, aber er schreckte noch einmal auf, da er sich erinnerte, daß 40 41, Zweites Kapitel Klassizismus erbauten, in einer trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus an der Esplanade, mit Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte des um fünf Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei Obergeschossen außer der Beletage, wo die Fenster bis zu den Fußböden hinuntergezogen und mit Von der Taufschale und vom Großvater gegossenen Eisengittern versehen waren. in zwiefacher Gestalt Hier lagen ausschließlich Repräsentationsräume, eingerechnet das helle, mit Stuck verzierte Eßzimmer, dessen drei weinrot Hans Castorp bewahrte an sein eigentliches, Elternhaus nur blas- verhangene Fenster auf das rückwärtige Gärtchen blickten, und se Erinnerungen; er hatte Vater und Mutter kaum recht gekannt. wo während der achtzehn Monate Großvater und Enkel alltäg- Sie starben weg in der kurzen Frist zwischen seinem fünften lich um vier Uhr allein miteinander zu Mittag aßen, bedient und siebenten Lebensjahr, zuerst die Mutter, vollkommen über- von dem alten Fiete mit den Ohrringen und silbernen Knöpfen raschend und in Erwartung ihrer Niederkunft, an einer Gefäß- am Frack, der zu diesem Frack eine ebensolche batistene Hals- verstopfung infolge von Nervenentzündung, einer Embolie, binde trug, wie der Hausherr selbst, auch auf ganz ähnliche Art wie Dr. Heidekind es bezeichnete, die augenblicklich Herzläh- das rasierte Kinn darin barg, und den der Großvater duzte, in- mung verursachte, - sie lachte eben, im Bette sitzend, es sah so dem er plattdeutsch mit ihm sprach; nicht scherzender Weise - aus, als ob sie vor Lachen umfiele, und dennoch tat sie es nur, er war ohne humoristischen Zug -, sondern in aller Sachlichkeit weil sie tot war. Das war nicht leicht zu verstehen für Hans und weil er es überhaupt mit Leuten aus dem Volk, mit Spei- Hermann Castorp, den Vater, und da er sehr innig an seiner cherarbeitern, Postboten, Kutschern und Dienstboten so hielt. Frau gehangen hatte, auch seinerseits nicht der Stärkste war, so Hans Castorp hörte es gern, und sehr gern hörte er auch, wie wußte er nicht darüber hinwegzukommen. Sein Geist war ver- Fiete antwortete, ebenfalls platt, indem er sich beim Servieren stört und geschmälert seitdem; in seiner Benommenheit beging von links hinter seinem Herrn herumbeugte, um ihm in das er geschäftliche Fehler, so daß die Firma Castorp & Sohn emp- rechte Ohr zu sprechen, auf dem der Senator bedeutend besser findliche Verluste erlitt; im übernächsten Frühjahr holte er sich hörte als auf dem linken. Der Alte verstand und nickte und aß bei einer Speicherinspektion am windigen Hafen die Lungen- weiter, sehr aufrecht zwischen der hohen Mahagonilehne des entzündung, und da sein erschüttertes Herz das hohe Fieber Stuhles und dem Tisch, kaum über den Teller gebeugt, und der nicht aushielt, so starb er trotz aller Sorgfalt, die Dr. Heidekind Enkel, ihm gegenüber, betrachtete still, mit tiefer und unbe- an ihn wandte, binnen fünf Tagen und folgte seiner Frau unter wußter Aufmerksamkeit, die knappen, gepflegten Bewegungen, ansehnlicher Beteiligung der Bürgerschaft ins Castorpsche Erb- mit denen die schönen, weißen, mageren alten Hände des begräbnis nach, das auf dem St.-Katharinen-Kirchhof sehr Großvaters mit den gewölbten, spitz zulaufenden Nägeln und schön, mit Blick auf den Botanischen Garten, gelegen war. dem grünen Wappenring auf dem rechten Zeigefinger einen Bissen aus Fleisch, Gemüse und Kartoffeln auf der Gabelspitze Sein Vater, der Senator, überlebte ihn, wenn auch nur um ein anordneten und unter einem leichten Entgegenneigen des Kop- . weniges, und die kurze Zeitspanne, bis er auch starb - übrigens fes zum Munde führten. Hans Castorp sah auf seine eigenen, gleichfalls an einer Lungenentzündung, und zwar unter großen noch ungeschickten Hände und fühlte darin die Möglichkeit Kämpfen und Qualen, denn zum Unterschiede von seinem vorgebildet, späterhin ebenso wie der Großvater Messer und Sohn war Hans Lorenz Castorp eine schwer zu fällende, im Le- Gabel zu halten und zu bewegen. ben zäh wurzelnde Natur -, diese Zeitspanne also, es waren nur anderthalb Jahre, verlebte der verwaiste Hans Castorp in seines Eine andere Frage war, ob er je dazu gelangen würde, sein Großvaters Hause, einem zu Anfang des abgelaufenen Jahrhun- Kinn in einer solchen Binde zu bergen, wie sie die geräumige derts auf schmalem Grundstück im Geschmack des nordischen Öffnung des sonderbar geformten, mit den scharfen Spitzen die 42 43, Wangen streifenden Halskragens des Großvaters ausfüllte. Denn Glasschrank, aus dessen Innerem es dem Knaben eigentümlich dazu mußte man so alt sein wie dieser, und schon heute trug au- angenehm und merkwürdig entgegenduftete. Es waren allerlei ßer ihm und seinem alten Fiete weit und breit niemand mehr außer Gebrauch befindliche und eben darum fesselnde Gegen- solche Binden und Kragen. Das war schade, denn dem kleinen stände darin aufbewahrt: ein Paar geschweifte silberne Arm- Hans Castorp gefiel es besonders wohl, wie der Großvater das leuchter, ein zerbrochenes Barometer mit figürlicher Holz- Kinn in die hohe, schneeweiße Binde lehnte; noch in der Erin- schnitzerei, ein Album mit Daguerreotypien, ein Likörkasten nerung, als er erwachsen war, gefiel es ihm ausgezeichnet: es lag aus Zedernholz, ein kleiner Türke, hart anzufassen unter seinem etwas darin, was er aus dem Grund seines Wesens billigte. buntseidenen Anzug, mit einem Uhrwerk im Leibe, das ihn Wenn sie fertig gegessen und ihre Servietten zusammenge- dereinst befähigt hatte, über den Tisch zu laufen, nun aber schon legt, gerollt und in die silbernen Ringe gesteckt hatten, ein Ge- lange den Dienst versagte, ein altertümliches Schiffsmodell und schäft, mit dem Hans Castorp damals nicht leicht zu Rande kam, ganz zu unterst sogar eine Rattenfalle. Der Alte aber nahm von da die Servietten so groß waren wie kleine Tischtücher, so stand einem mittleren Fach eine stark angelaufene runde silberne der Senator von dem Stuhle auf, den Fiete hinter ihm wegzog, Schale, die auf einem ebenfalls silbernen Teller stand, und wies und ging mit schlürfenden Schritten ins »Kabinett« hinüber, um beide Stücke dem Knaben vor, indem er sie voneinander nahm sich seine Zigarre zu holen; und zuweilen folgte der Enkel ihm und unter schon oft gegebenen Erklärungen einzeln hin und dorthin. her bewegte. Dieses »Kabinett« war dadurch entstanden, daß man das Eß- Becken und Teller gehörten ursprünglich nicht zueinander, zimmer dreifenstrig gemacht und durch die ganze Breite des wie man wohl sah, und wie sich der Kleine aufs neue belehren Hauses gelegt hatte, weshalb nicht, wie sonst bei diesem Haus- ließ; doch seien sie, sagte der Großvater, seit rund hundert Jah- typus, Raum für drei Salons, sondern nur für zwei übriggeblie- ren, nämlich seit Anschaffung des Beckens, im Gebrauche verei- ben war, von denen jedoch der eine, senkrecht zum Eßsaal gele- nigt. Die Schale war schön, von einfacher, edler Gestalt, ge- gene, mit nur einem Fenster nach der Straße, unverhältnismäßig formt von dem strengen Geschmack der Frühzeit des letzten tief ausgefallen wäre. Darum hatte man etwa den vierten Teil Jahrhunderts. Glatt und gediegen, ruhte sie auf rundem Fuße seiner Länge von ihm abgesondert, eben das »Kabinett«, einen und war innen vergoldet; doch war das Gold von der Zeit schmalen Raum mit Oberlicht, dämmerig und nur mit wenigen schon zum gelblichen Schimmer verblichen. Als einziger Zierat Gegenständen ausgestattet: einer Etagere, auf der des Senators lief ein erhabener Kranz von Rosen und zackigen Blättern um Zigarrenschrank stand, einem Spieltisch, dessen Schublade an- ihren oberen Rand. Den Teller angehend, so war sein weit hö- ziehende Dinge enthielt: Whistkarten, Spielmarken, kleine heres Alter ihm von der Innenseite abzulesen. »Sechzehnhun- Markierbrettchen mit aufklappbaren Zähnchen, eine Schieferta- dertundfünfzig« stand dort in verschnörkelten Ziffern, und al- fel nebst Kreidegriffeln, papierne Zigarrenspitzen und anderes lerlei krause Gravierungen umrahmten die Zahl, ausgeführt in mehr; endlich mit einem Rokoko-Glasschrank aus Palisander- der »modernen Manier« von damals, schwülstig-willkürlich, holz in der Ecke, hinter dessen Scheiben gelbseidene Vorhänge Wappen und Arabesken, die halb Stern und halb Blume waren. gespannt waren. Auf der Rückseite aber fanden sich in wechselnder Schriftart die »Großpapa«, konnte der kleine Hans Castorp im Kabinett Namen der Häupter einpunktiert, die im Gange der Zeit des wohl sagen, indem er sich auf die Zehenspitzen erhob und zu Stückes Inhaber gewesen: Es waren ihrer schon sieben, versehen dem Ohr des Alten emporstrebte, »zeig' mir doch, bitte, die mit der Jahreszahl der Erb-Übernahme, und der Alte in der Taufschale!« Binde wies mit dem beringten Zeigefinger den Enkel auf jeden Und der Großvater, der ohnedies den Schoß seines langen einzelnen hin. Der Name des Vaters war da, der des Großvaters und weichen Gehrocks vom Beinkleid zurückgerafft und sein selbst und der des Urgroßvaters, und dann verdoppelte, verdrei- Schlüsselbund aus der Tasche gezogen hatte, öffnete damit den fachte und vervierfachte sich die Vorsilbe »Ur« im Munde des 44 45, Erklärers, und der Junge lauschte seitwärts geneigten Kopfes, hatte, - der ist nun auch schon lange, lange bei Gott. Aber vor mit nachdenklich oder auch gedankenlos-träumerisch sich fest- fünfundsiebzig Jahren, da war ich es selber, den sie tauften, sehenden Augen und andächtig-schläfrigem Munde auf das Ur- auch da im Saal, und meinen Kopf hielten sie über die Schale Ur-Ur-Ur, - diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitver- hier, wie sie da auf dem Teller steht, und der Geistliche sprach schüttung, welche dennoch zugleich einen fromm gewahrten dieselben Worte wie bei dir und deinem Vater, und ebenso floß Zusammenhang zwischen der Gegenwart, seinem eigenen Le- das warme, klare Wasser von meinem Haar (es war nicht viel ben und dem tief Versunkenen ausdrückte und ganz eigentüm- mehr damals, als ich jetzt auf dem Kopfe habe) da in das golde- lich auf ihn einwirkte: nämlich so, wie es auf seinem Gesichte ne Becken hinein.« sich ausdrückte. Er meinte modrig-kühle Luft, die Luft der Ka- Der Kleine blickte empor auf des Großvaters schmales Grei- tharinenkirche oder der Michaeliskrypte zu atmen bei diesem senhaupt, das eben wieder über die Schale geneigt war, wie zu Laut, den Anhauch von Orten zu spüren, an denen man, den der längst verflossenen Stunde, von der er erzählte, und ein Hut in der Hand, in eine gewisse, ehrerbietig vorwärts wiegen- schon erprobtes Gefühl kam ihn an, die sonderbare, halb träu- de Gangart ohne Benutzung der Stiefelabsätze verfällt; auch die merische, halb beängstigende Empfindung eines zugleich Zie- abgeschiedene, gefriedete Stille solcher hallender Orte glaubte henden und Stehenden, eines wechselnden Bleibens, das Wie- er zu hören; geistliche Empfindungen mischten sich mit denen derkehr und schwindelige Einerleiheit war, - eine Empfindung, des Todes und der Geschichte beim Klang der dumpfen Silbe, die ihm von früheren Gelegenheiten her bekannt war, und von und dies alles mutete den Knaben irgendwie wohltuend an, ja, der wieder berührt zu werden er erwartet und gewünscht hatte: es mochte wohl sein, daß er um des Lautes willen, um ihn zu sie war es zum Teil, um derentwillen ihm die Vorzeigung des hören und nachzusprechen, gebeten hatte, die Taufschale wieder stehend wandernden Erbstücks angelegen gewesen war. einmal betrachten zu dürfen. Prüfte der junge Mann sich später, so fand er, daß das Bild Dann stellte der Großvater das Gefäß auf den Teller zurück seines Altervaters sich ihm viel tiefer, deutlicher und bedeuten- und ließ den Kleinen in die glatte, leicht goldige Höhlung se- der eingeprägt hatte als das seiner Eltern: was möglicherweise hen, die aufschimmerte von dem einfallenden Oberlicht. auf Sympathie und physischer Sonderverwandtschaft beruhte, »Nun sind es bald acht Jahre«, sagte er, »daß wir dich darüber denn der Enkel sah dem Großvater ähnlich, soweit eben ein ro- hielten und daß das Wasser, mit dem du getauft wurdest, da siger Milchbart einem gebleichten und starren Siebziger ähnlich hinein floß .Küster Lassen von St. Jacobi goß es unserem gu- sehen kann. Hauptsächlich aber war es doch wohl für den Alten ten Pastor Bugenhagen in die hohle Hand, und von da lief es bezeichnend, der ohne Frage die eigentliche Charakterfigur, die über deinen Schopf hier in die Schale. Aber wir hatten es ge- malerische Persönlichkeit in der Familie gewesen war. wärmt, damit du nicht erschrecken und nicht weinen solltest, Im öffentlichen Sinne gesprochen, so war die Zeit über Hans und das tatst du auch nicht, sondern im Gegenteil, du hattest Lorenz Castorps Wesen und Willensmeinungen schon lange vor vorher geschrien, so daß Bugenhagen es nicht leicht gehabt hat- seinem Abscheiden hinweggegangen. Er war ein hochchristli- te mit seiner Rede, aber als das Wasser kam, da wurdest du still, cher Herr gewesen, von der reformierten Gemeinde, streng her- und das war die Achtung vor dem heiligen Sakrament, wollen kömmlich gesinnt, auf aristokratische Einengung des gesell- wir hoffen. Und vierundvierzig Jahre sind es in den nächsten schaftlichen Kreises, in dem man regierungsfähig war, so hart- Tagen, da war dein seliger Vater der Täufling, und von seinem näckig bedacht, als lebte er im vierzehnten Jahrhundert, wo das Kopf floß das Wasser hier hinein. Das war hier im Haus, seinem Handwerkertum gegen den zähen Widerstand des altfreien Pa- Elternhaus, drüben im Saal, vor dem mittleren Fenster, und es triziertums sich Sitz und Stimme im städtischen Rat zu erobern war noch der alte Pastor Hesekiel, der ihn taufte, derselbe, den begonnen hatte, und für das Neue zu schwer zu haben. Sein die Franzosen als jungen Menschen beinahe erschossen hätten, Wirken war in Jahrzehnte eines heftigen Aufschwungs und weil er gegen ihre Räubereien und Brandschatzungen gepredigt vielfältiger Umwälzungen gefallen, Jahrzehnte des Fortschritts 46 47, in Gewaltmärschen, die an den öffentlichen Opfer- und Wage- oder in ehrwürdiger Unbewußtheit mit sich bringt; und jeden- mut beständig so hohe Anforderungen gestellt hatten. An ihm falls blieb sie die einzige, die Hans Castorps kindlicher Scharf- aber, dem alten Castorp, das wußte Gott, hatte es nicht gelegen, blick je an des Großvaters Äußerem gewahrte. Für den Sieben- wenn der Geist der Neuzeit die weit bekannten, glänzenden jährigen aber sowohl wie später in der Erinnerung des Herange- Siege gefeiert hatte. Er hatte auf Vätersitte und alte Institutionen wachsenen war die alltägliche Erscheinung des Alten nicht seine weit mehr gehalten als auf halsbrecherische Hafenerweiterun- eigentliche und wirkliche. In eigentlicher Wirklichkeit sah er gen und gottlose Großstadt-Alfanzereien, hatte gebremst und noch anders, weit schöner und richtiger aus, als gewöhnlich, - abgewiegelt, wo er nur konnte, und wäre es nach ihm gegangen, nämlich so, wie er auf einem Gemälde, einem lebensgroßen so sah es in der Verwaltung noch heutigentages so idyllisch-alt- Bildnis erschien, das früher im elterlichen Wohnzimmer gehan- fränkisch aus wie seinerzeit in seinem eigenen Kontor. gen hatte und dann zusammen mit dem kleinen Hans Castorp So stellte der Alte, zu seinen Lebzeiten und nachher, sich an die Esplanade übergesiedelt war, wo es seinen Platz über dem bürgerlichen Auge dar, und wenn der kleine Hans Castorp dem großen rotseidenen Sofa im Empfangszimmer erhalten auch nichts von Staatsangelegenheiten verstand, so machte sein hatte. still anschauendes Kinderauge im wesentlichen doch ganz die- Es zeigte Hans Lorenz Castorp in seiner Amtstracht als Rats- selben Wahrnehmungen, - wortlose und also unkritische, viel- herrn der Stadt - dieser ernsten, ja frommen Bürgertracht eines mehr nur lebensvolle Wahrnehmungen, die übrigens auch spä- verschollenen Jahrhunderts, die ein zugleich gravitätisches und ter, als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort- und zergliede- verwegenes Gemeinwesen durch die Zeiten mitgeführt und in rungsfeindliches, schlechthin bejahendes Gepräge durchaus be- pomphaftem Gebrauch erhalten hatte, um zeremoniellerweise wahrten. Wie gesagt war da Sympathie im Spiele, jene ein Glied die Vergangenheit zur Gegenwart, die Gegenwart zur Vergan- überspringende Nächstverbundenheit und Wesensverwandt- genheit zu machen und den steten Zusammenhang der Dinge, schaft, die nichts Seltenes ist. Kinder und Enkel schauen an, um die ehrwürdige Sicherheit ihrer Handlungsunterschrift zu be- zu bewundern, und sie bewundern, um zu lernen und auszubil- kunden. Senator Castorp stand da in ganzer Figur, auf rötlich den, was erblicherweise in ihnen vorgebildet liegt. gepflastertem Boden, in einer Pfeiler- und Spitzbogen-Perspek- Senator Castorp war hager und hochgewachsen. Die Jahre tive. Er stand, das Kinn gesenkt, den Mund nach unten gezogen, hatten ihm Rücken und Nacken gekrümmt, aber er suchte die die blauen, sinnig blickenden Augen mit den Tränensäcken dar- Krümmung durch Gegendruck auszugleichen, wobei sein unter ins Weite gerichtet, in dem schwarzen und mehr als knie- Mund, dessen Lippen nicht mehr von Zähnen gehalten wurden, langen, talarartigen Überrock, der, vorne offen, am Rande und sondern unmittelbar auf dem leeren Zahnfleisch ruhten (denn Saume eine breite Pelzverbrämung zeigte. Aus weiten, hochge- sein Gebiß legte er nur zum Essen an), sich auf würdig-mühsa- pufften und bordierten Oberärmeln kamen engere Unterärmel me Art nach unten zog, und hierdurch eben, wie auch wohl als von schlichtem Tuch hervor, und Spitzenmanschetten bedeckten Mittel gegen eine beginnende Unfestigkeit des Kopfes, kam die die Hände bis zu den Knöcheln. Die schlanken Greisenbeine ehrenstreng aufgerückte Haltung und Kinnstütze zustande, die staken in schwarzseidenen Strümpfen, die Füße in Schuhen mit dem kleinen Hans Castorp so zusagte. silbernen Schnallen. Um den Hals aber lag ihm die breite, ge- stärkte und vielfach gefaltete Tellerkrause, vorn niedergedrückt Er liebte die Dose - es war eine längliche, mit Gold einge- und an den Seiten aufwärts geschwungen, unter welcher hervor legte Schildpattdose, die er handhabte, - und benutzte aus die- tum Überfluß noch ein gefaltetes Batistjabot auf die Weste sem Grunde rote Taschentücher, deren Zipfel ihm aus der hinte- hing. Unter dem Arme trug er den altertümlichen Hut mit brei- ren Tasche seines Gehrocks zu hängen pflegten. War das eine irr Krempe, dessen Kopf sich nach oben verjüngte. heitere Schwäche in seiner Erscheinung, so wirkte sie doch durchaus als Alterslizenz, als eine Nachlässigkeit, wie die Es war ein vortreffliches Bild, von nahmhafter Künstlerhand Betagtheit sie sich entweder bewußt und jovialerweise gestattet geschaffen, mit gutem Geschmack in dem altmeisterlichen Stile 48 49, gehalten, den der Gegenstand nahelegte, und in dem Beschauer Kissen hochgestützt, so daß das Kinn aufs schönste in der vor- allerlei spanisch-niederländisch-spätmittelalterliche Vorstellun- deren Einbuchtung der Ehrenkrause ruhte; und zwischen die gen weckend. Der kleine Hans Castorp hatte es oft betrachtet, halb von den Spitzenmanschetten bedeckten Hände, deren Fin- nicht mit Kunstverstand natürlich, aber doch mit einem gewis- ger bei künstlich-natürlicher Anordnung Kälte und Unbelebt- sen allgemeineren und sogar eindringlichen Verstande; und ob- heit nicht verhehlten, hatte man ihm ein Elfenbeinkreuz ge- gleich er den Großvater so, wie die Leinwand ihn darstellte, in steckt, auf das er mit gesenkten Lidern unverwandt niederzu- Person nur ein einziges Mal, bei einer feierlichen Auffahrt am bücken schien. Rathaus, und auch da nur flüchtig gesehen hatte, konnte er, wie Hans Castorp hatte den Großvater zu Anfang von dessen wir sagten, nicht umhin, diese seine bildhafte Erscheinung als letzter Krankheit wohl mehrmals, gegen das Ende hin aber nicht seine eigentliche und wirkliche zu empfinden und in dem mehr gesehen. Mit dem Anblick des Kampfes, der auch zu sei- Großvater des Alltags sozusagen einen Interims-Großvater, ei- nem Hauptteile nächtlicherweile vor sich gegangen war, hatte nen behelfsweise und nur unvollkommen angepaßten zu erblik- man ihn gänzlich verschont, nur mittelbar, durch die beklom- ken. Denn das Abweichende und Wunderliche in dieser seiner mene Atmosphäre des Hauses, die roten Augen des alten Fiete, Alltagserscheinung beruhte offenbar auf solcher unvollkomme- das An- und Wegfahren der Doktoren, war er davon berührt nen, vielleicht etwas ungeschickten Anpassung, es waren nicht worden; das Ergebnis aber, vor das er sich im Saale gestellt ganz zu tilgende Reste und Andeutungen seiner reinen und fand, ließ sich dahin zusammenfassen, daß der Großvater der wahren Gestalt. So waren die Vatermörder, die hohe weiße Interimsanpassung nun feierlich überhoben und in seine eigent- Binde altmodisch; aber unmöglich war diese Bezeichnung an- liche und angemessene Gestalt endgültig eingekehrt war, - ein wendbar auf das bewunderungswürdige Kleidungsstück, wovon billigenswertes Ergebnis, wenn auch der alte Fiete weinte und jene nur die Interimsandeutung bildeten, nämlich auf die spani- ununterbrochen den Kopf schüttelte, und wenn auch Hans Ca- sche Krause. Und ebenso verhielt es sich mit dem unüblich ge- storp selber weinte, wie er beim Anblick seiner unvermittelt ge- schweiften Zylinder, den der Großvater auf der Straße trug, und storbenen Mutter und seines bald darauf ebenfalls still und dem in höherer Wirklichkeit der breitkrempige Filzhut des Ge- fremd daliegenden Vaters geweint hatte. mäldes entsprach; mit dem langen und faltigen Gehrock, als Denn es war ja nun schon das drittemal binnen so kurzer dessen Urbild und Eigentlichkeit dem kleinen Hans Castorp der Zeit und bei so jungen Jahren, daß der Tod auf den Geist und bordierte, pelzverbrämte Talar erschien. die Sinne - namentlich auch auf die Sinne - des kleinen Hans So war er denn auch im Herzen einverstanden, daß der Castorp wirkte; neu war ihm der Anblick und Eindruck nicht Großvater in seiner Richtigkeit und Vollkommenheit prangte, mehr, sondern bereits recht wohl vertraut, und wie er schon die als es eines Tages hieß, Abschied von ihm zu nehmen. Das war beiden ersten Male sich durchaus gesetzt und verläßlich, keines- im Saale, demselben Saal, wo sie so oft am Eßtisch einander ge- wegs nervenschwach, wenn auch mit natürlicher Betrübnis da- genübergesessen; in seiner Mitte lag Hans Lorenz Castorp nun gegen verhalten hatte, so auch jetzt, und in noch höherem Gra- auf der von Kränzen umstellten und umlagerten Bahre im sil- de. Unkundig der praktischen Bedeutung der Ereignisse für sein berbeschlagenen Sarge. Er hatte die Lungenentzündung durch- Leben oder auch kindlich gleichgültig dagegen, in dem Vertrau- gekämpft, hatte zäh und lange gekämpft, obgleich er doch, wie en, daß die Welt schon so oder so für ihn sorgen werde, hatte er es schien, im gegenwärtigen Leben nur anpassungsweise zu an den Särgen eine gewisse ebenfalls kindliche Kühle und sach- Hause gewesen war, und lag nun, man wußte nicht recht ob liche Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, welche beim dritten- siegreich oder überwunden, auf jeden Fall mit streng befriede- mal durch das Gefühl und den Ausdruck erfahrener Kenner- tem Ausdruck und stark verändert und spitznäsig vom Kampfe schaft noch eine besondere, altkluge Abschattung erhielt, - häu- auf seinem Paradebett, den Unterkörper von einer Decke ver- figer Tränen der Erschütterung und der Ansteckung durch ande- hüllt, auf welcher ein Palmzweig lag, den Kopf vom seidenen re als einer selbstverständlichen Rückwirkung nicht weiter zu 50 51, gedenken. In den drei oder vier Monaten, seit sein Vater gestor- Stoff: das eben war das Unanständige und kaum auch Traurige, ben war, hatte er den Tod vergessen, nun erinnerte er sich, und traurig so wenig, wie Dinge traurig sind, die mit dem Körper alle Eindrücke von damals stellten sich genau, gleichzeitig und zu tun haben und nur mit diesem. Der kleine Hans Castorp be- durchdringend in ihrer unvergleichbaren Eigentümlichkeit wie- trachtete den wachsgelben, glatten und käsig-festen Stoff, aus der her. dem die lebensgroße Todesfigur bestand, das Gesicht und die Aufgelöst und in Worte gefaßt, hätten sie sich ungefähr fol- Hände des ehemaligen Großvaters. Eben ließ eine Fliege sich gendermaßen ausgenommen. Es hatte mit dem Tode eine from- auf die unbewegliche Stirne nieder und begann, ihren Rüssel me, sinnige und traurig schöne, das heißt geistliche Bewandtnis auf und ab zu bewegen. Der alte Fiete verscheuchte sie vorsich- und zugleich eine ganz andere, geradezu gegenteilige, sehr kör- tig, indem er sich hütete, die Stirn dabei zu berühren, und mit perliche, sehr materielle, die man weder als schön, noch als sin- einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und nig, noch als fromm, noch auch nur als traurig eigentlich an- wolle er von dem, was er da tat, nichts wissen, - einem Aus- sprechen konnte. Die feierlich-geistliche Bewandtnis drückte druck von Sittsamkeit, der sich offenbar auf die Tatsache bezog, sich aus in der pomphaften Aufbahrung der Leiche, der Blu- daß der Großvater nur noch Körper und nichts weiter mehr menpracht und den Palmenwedeln, die bekanntlich den himm- war; allein nach schweifendem Auffluge nahm die Fliege auf lischen Frieden bedeuteten; ferner und noch deutlicher in dem den Fingern des Großvaters, in der Nähe des Elfenbeinkreuzes, Kreuz zwischen den gestorbenen Fingern des ehemaligen Groß- kurz aufsitzend wieder Platz. Während aber dies geschah, glaub- vaters, dem segnenden Heiland von Thorwaldsen, der zu Häup- te Hans Castorp deutlicher als bisher jene von früher her ver- ten des Sarges stand, und in den zu beiden Seiten aufragenden haute leise, aber so ganz eigentümlich zähe Ausdünstung zu Kandelabern, die bei dieser Gelegenheit ebenfalls einen kirchli- verspüren, die ihn beschämenderweise an einen mit einem lästi- chen Charakter angenommen hatten. Alle diese Anstalten hatten gen Übel behafteten und darum allerseits gemiedenen Schulka- ihren genaueren und guten Sinn offenbar in dem Gedanken, meraden erinnerte, und die zu übertäuben der Duft der Tubero- daß der Großvater nun auf immer zu seiner eigentlichen und sen unter der Hand bestimmt war, ohne es bei aller schönen wahren Gestalt eingegangen war. Außerdem aber hatten sie, wie Üppigkeit und Strenge imstande zu sein. der kleine Hans Castorp wohl bemerkte, wenn auch nicht mit Er stand wiederholt an der Leiche: einmal allein mit dem al- Worten sich eingestand, allesamt, im besonderen aber die Men- len Fiete, das zweitemal zusammen mit seinem Großonkel ge der Blumen und unter diesen wieder besonders die vielfach Tienappel, dem Weinhändler, und den beiden Onkeln James vertretenen Tuberosen, noch einen weiteren Sinn und nüchter- und Peter, und dann noch ein drittes Mal, als eine Gruppe von nen Zweck, nämlich den, die andere, weder schöne, noch ei- sonntäglich gekleideten Hafenarbeitern einige Augenblicke am gentlich traurige, sondern eher fast unanständige, niedrig kör- offenen Sarge stand, um sich von dem ehemaligen Chef des perliche Bewandtnis, die es mit dem Tode hatte, zu beschöni- Hauses Castorp und Sohn zu verabschieden. Dann kam das Be- gen, in Vergessenheit zu bringen oder nicht zum Bewußtsein gräbnis, bei dem der Saal voller Leute war und Pastor Bugenha- kommen zu lassen. gen von der Michaeliskirche, derselbe, der Hans Castorp getauft Mit dieser Bewandtnis hing es zusammen, daß der tote hatte, angetan mit der spanischen Halskrause, die Gedächtnis- Großvater so fremd, ja eigentlich nicht als der Großvater, son- rede hielt und sich nachher in der Droschke, der ersten gleich dern als eine lebensgroße, wächserne Puppe erschien, die der hinter dem Leichenwagen, der dann eine lange, lange Reihe Tod statt seiner Person eingeschoben hatte, und mit der nun all folgte, sehr freundlich mit dem kleinen Hans Castorp unter- dieser fromme und ehrenvolle Aufwand getrieben wurde. Der hielt, - und dann war auch dieser Lebensabschnitt zu Ende, und da lag, oder richtiger: was da lag, war also nicht der Großvater Hans Castorp wechselte gleich darauf Haus und Umgebung, selbst, sondern eine Hülle, - die, wie Hans Castorp wußte, nicht zum zweitenmal tat er das ja bereits in seinem jungen Leben. aus Wachs bestand, sondern aus ihrem eigenen Stoff; nur aus 52 53, Bei Tienappels sie war es auch, die bei dem kleinen Hans Castorp, so gut sie Und von Hans Castorps sittlichem Befinden konnte, Mutterstelle vertrat. Hans Castorp wuchs auf bei miserablem Wetter, in Wind Zu seinem Schaden geschah es nicht, denn er kam zu Konsul und Wasserdunst, wuchs auf im gelben Gummimantel, wenn Tienappel ins Haus, seinem bestellten Vormund, und hatte da man so sagen darf, und fühlte sich im ganzen recht munter da- nichts zu vermissen: in Hinsicht auf seine Person gewiß nicht, bei. Ein bißchen blutarm war er ja wohl von Anfang an, das und ebensowenig, was die Betreuung seiner weiteren Interessen sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten betraf, von denen er noch nichts wußte. Denn Konsul Tienap- Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, - ein pel, ein Onkel von Hansens seliger Mutter, verwaltete die Ca- gehaltvolles Getränk, wie man weiß, dem Dr. Heidekind blut- storpsche Hinterlassenschaft, er brachte die Immobilien zum bildende Wirkung zuschrieb und das jedenfalls Hans Castorps Verkauf, nahm auch die Liquidation der Firma Castorp und Lebensgeister auf eine ihm schätzenswerte Weise besänftigte, Sohn, Import und Export, in die Hand, und was er herausschlug, seiner Neigung, zu »dösen«, wie sein Onkel Tienappel sich aus- waren noch ungefähr vierhunderttausend Mark, Hans Castorps drückte, nämlich mit schlaffem Munde und ohne einen festen Erbe, das Konsul Tienappel in mündelsicheren Papieren anlegte, Gedanken ins Leere zu träumen, wohltuend Vorschub leistete. indem er, seiner verwandtschaftlichen Gefühle unbeschadet, an Sonst aber war er gesund und richtig, ein brauchbarer Tennis- jedem Quartalsbeginn zwei Prozent Provision von den fälligen spieler und Ruderer, wenn er auch lieber, statt selber die Rie- Zinsen für sich in Abzug brachte. men zu handhaben, an Sommerabenden bei Musik und einem Das Tienappelsche Haus lag im Hintergrunde eines Gartens guten Getränk auf der Terrasse des Uhlenhorster Fährhauses saß am Harvestehuder Weg und blickte auf eine Rasenfläche, in der und die beleuchteten Boote betrachtete, zwischen denen Schwä- auch nicht das kleinste Unkraut geduldet wurde, auf öffentliche ne auf dem bunt spiegelnden Wasser dahinzogen; und wenn Rosenanlagen und dann auf den Fluß. Der Konsul ging jeden man ihn sprechen hörte: gelassen, verständig, ein bißchen hohl Morgen, obgleich er ein schönes Fuhrwerk besaß, zu Fuß in sein und eintönig, mit einem Anflug von Platt, ja, wenn man ihn Geschäft in der Altstadt, um doch ein bißchen Bewegung zu ha- auch nur ansah in seiner blonden Korrektheit, mit seinem gut ben, denn manchmal litt er an Blutstauungen im Kopfe, und geschnittenen, irgendwie altertümlich geprägten Kopf, in dem kehrte um fünf Uhr abends auch so zurück, worauf bei Tienap- ein ererbter und unbewußter Dünkel sich in Gestalt einer ge- pels mit aller Kultur zu Mittag gegessen wurde. Er war ein ge- wissen trockenen Schläfrigkeit äußerte, so konnte kein Mensch wichtiger Mann, in beste englische Stoffe gekleidet, mit wasser- bezweifeln, daß dieser Hans Castorp ein unverfälschtes und blau vorquellenden Augen hinter der goldenen Brille, einer rechtschaffenes Erzeugnis hiesigen Bodens und glänzend an sei- blühenden Nase, grauem Schifferbart und einem feurigen Bril- nem Platze war, - er selbst hätte es, wenn er sich daraufhin auch lanten an dem gedrungenen kleinen Finger seiner Linken. Seine nur geprüft hätte, nicht einen Augenblick lang bezweifelt. Frau war längst tot. Er hatte zwei Söhne, Peter und James, von Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmo- denen der eine bei der Marine und wenig zu Hause, der andere sphäre aus Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter Le- im väterlichen Weinhandel tätig und designierter Erbe der Fir- benslust gewesen war, er atmete sie mit tiefem Einverständnis, ma war. Den Hausstand führte seit vielen Jahren Schalleen, eine mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen. Die Ausdün- Goldschmiedstochter aus Altona mit weißen Stärkrüschen um stungen von Wasser, Kohlen und Teer, die scharfen Gerüche ge- ihre walzenförmigen Handgelenke. Sie stand dafür ein, daß der häufter Kolonialwaren in der Nase, sah er an den Hafenkais un- Frühstücks- und Abendtisch reichlich mit kalter Küche, mit geheure Dampfdrehkrane die Ruhe, Intelligenz und Riesenkraft Krabben und Lachs, Aal, Gänsebrust und Tomato Catsup zum dienender Elefanten nachahmen, indem sie Tonnengewichte Roastbeef bestellt war; sie hatte ein wachsames Auge auf die von Säcken, Ballen, Kisten, Fässern und Ballons aus den Bäu- Lohndiener, wenn Herrendiner bei Konsul Tienappel war, und chen ruhender Seeschiffe in Eisenbahnwagen und Schuppen 54 55, löschten. Er sah die Kaufmannschaft in gelben Gummimänteln, nicht sonderlich aristokratisch in der Form, waren gepflegt und wie er selbst einen trug, um Mittag zur Börse strömen, woselbst frisch von Haut, mit einem Kettenring aus Platin und dem es scharf herging, seines Wissens, und jemand ganz leicht Ver- großväterlichen Erbsiegelring geschmückt, und seine Zähne, die anlassung bekommen konnte, in aller Eile Einladungen zu ei- etwas weich waren und mehrfach Schaden gelitten hatten, mit nem großen Diner zu verschicken, um seinen Kredit zu fristen. Gold ergänzt. Er sah (und hier lag ja später sein besonderes Interessengebiet) Im Stehen und Gehen schob er den Unterleib etwas vor, was das Gewimmel der Werften, sah die Mammutleiber gedockter einen nicht eben strammen Eindruck machte; aber seine Hal- Asien- und Afrikafahrer, turmhoch, Kiel und Propeller entblößt, tung bei Tische war ausgezeichnet. Er wandte den aufrechten von baumdicken Streben gestützt, in ihrer monströsen Unbe- Oberkörper höflich dem Nachbarn zu, mit dem er plauderte hilflichkeit auf dem Trockenen, bedeckt mit zwerghaften Hee- (verständig und etwas platt), und seine Ellenbogen lagen leicht ren scheuernder, hämmernder, tünchender Arbeiter; sah auf den an, während er sein Stück Geflügel zerlegte oder geschickt mit überdachten Hellings, von rauchigem Nebel umsponnen, die dem dazu bestimmten Tafelgerät das rosige Fleisch aus einer Spantenskelette entstehender Schiffe ragen und Ingenieure, Hummerschere zog. Sein erstes Bedürfnis nach beendeter Konstruktionszeichnung und Lenztafel zur Hand, den Bauleu- Mahlzeit war die Fingerschale mit parfümiertem Wasser, das ten ihre Weisungen geben, - vertraute Gesichte dies alles für zweite die russische Zigarette, die unverzollt war, und die er Hans Castorp von Jugend auf und lauter Empfindungen gemüt- unterderhand, auf dem Wege gemütlicher Durchstecherei be- lich-heimatlicher Zugehörigkeit in ihm erweckend, Empfin- zog. Sie ging der Zigarre voran, einer sehr schmackhaften Bre- dungen, die ihren Höhepunkt etwa in jener Lebenslage fanden, mer Marke namens Maria Mancini, von der noch die Rede sein wenn er Sonntag vormittags mit James Tienappel oder seinem wird, und deren würzige Gifte sich so befriedigend mit denen Vetter Ziemßen - Joachim Ziemßen - im Alsterpavillon warme des Kaffees vereinigten. Hans Castorp entzog seine Tabakvorrä- Rundstücke mit Rauchfleisch nebst einem Glase alten Portweins te den schädlichen Einflüssen der Dampfheizung, indem er sie frühstückte, und sich danach, mit Hingebung an seiner Zigarre im Keller aufbewahrte, wohin er jeden Morgen hinabstieg, um ziehend, im Stuhle zurücklehnte. Denn namentlich darin war er seinem Etui den Tagesbedarf einzuverleiben. Nur widerstre- echt, daß er gerne gut lebte, ja, seines dünnblütig verfeinerten bend hätte er Butter gegessen, die ihm in einem Stück und nicht Äußern ungeachtet, innig und fest, wie ein schwelgerischer vielmehr in Form geriefelter Kügelchen vorgesetzt worden wäre. Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben Genüssen Man sieht, daß wir darauf denken, alles zu sagen, was für ihn hing. einnehmen kann, aber wir beurteilen ihn ohne Überschwang Bequem und nicht ohne Würde trug er auf seinen Schultern und machen ihn weder besser noch schlechter, als er war. Hans die hohe Zivilisation, welche die herrschende Oberschicht der Castorp war weder ein Genie noch ein Dummkopf, und wenn handeltreibenden Stadtdemokratie ihren Kindern vererbt. Er wir das Wort »mittelmäßig« zu seiner Kennzeichnung vermei- war so gut gebadet wie ein Baby und ließ sich von jenem den, so geschieht es aus Gründen, die nicht mit seiner Intelli- Schneider kleiden, der das Vertrauen der jungen Leute seiner genz und kaum etwas mit seiner schlichten Person überhaupt zu Sphäre besaß. Der kleine, sorgfältig gezeichnete Wäscheschatz, tun haben, nämlich aus Achtung vor seinem Schicksal, dem wir den die englischen Züge, seines Schrankes bargen, ward von eine gewisse überpersönliche Bedeutung zuzuschreiben geneigt Schalleen aufs beste betreut; noch als Hans Castorp auswärts sind. Sein Kopf genügte den Anforderungen des Realgymna- studierte, schickte er ihn regelmäßig zur Reinigung und Ausbes- siums, ohne sich überanstrengen zu müssen, - aber dies zu tun, serung nach Hause (denn seine Maxime war, daß man außer in wäre er auch ganz bestimmt unter keinen Umständen und um Hamburg im Reiche nicht zu bügeln verstehe), und eine aufge- keines Gegenstandes willen geneigt gewesen: weniger aus rauhte Manschette eines seiner hübschen farbigen Hemden hät- Furcht, sich weh zu tun, als weil er unbedingt keinen Grund da- te ihn mit heftigem Unbehagen erfüllt. Seine Hände, obgleich zu sah oder, richtiger gesagt: keinen unbedingten Grund; und eben 56 57, darum vielleicht mögen wir ihn nicht mittelmäßig nennen, weil Einjährigenzeugnis hatte, beschloß er, die Schule durchzuma- er das Fehlen solcher Gründe auf irgendeine Weise empfand. chen, - hauptsächlich, die Wahrheit zu sagen, weil damit ein ge- Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Ein- wohnter, vorläufiger und unentschiedener Zustand verlängert zelwesen, sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner und Zeit zu der Überlegung gewonnen wurde, was denn Hans Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen Castorp am liebsten werden wollte, denn das wußte er lange und unpersönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbe- nicht recht, wußte es auch in der obersten Klasse noch nicht, dingt gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem und als es sich dann entschied (daß nämlich er sich entschieden Einfall, Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute hätte, wäre beinah schon zu viel gesagt), fühlte er wohl, daß er Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, sich ebensogut anders hätte entscheiden können. daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage be- Aber so viel war ja richtig, daß er an Schiffen immer großes einträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei Vergnügen gehabt hatte. Als kleiner Junge hatte er die Blätter persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen seiner Notizbücher mit Bleistiftzeichnungen von Fischkuttern, schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Gemüseewern und Fünfmastern gefüllt, und als er mit fünfzehn Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit Jahren von einem bevorzugten Platze aus hatte zusehen dürfen, selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Reg- wie der neue Doppelschrauben-Postdampfer »Hansa« bei samkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungs- Blohm & Voß vom Stapel lief, da hatte er in Wasserfarben ein los, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt und der wohlgetroffenes und bis weit ins einzelne genaues Bildnis des bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie gestell- schlanken Schiffes ausgeführt, das Konsul Tienappel in sein Pri- ten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbeding- vatkontor gehängt hatte, und auf dem namentlich das transpa- ten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen rente Glasgrün der rollenden See so liebevoll und geschickt be- entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren Menschen- handelt war, daß irgend jemand zu Konsul Tienappel gesagt hat- tums eine gewisse lähmende Wirkung solches Sachverhalts fast te, das sei Talent, und daraus könne ein guter Marinemaler wer- unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch- den, - eine Äußerung, die der Konsul seinem Pflegesohn ruhig Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des In- wiedererzählen konnte, denn Hans Castorp lachte bloß gutmü- dividuums erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des tig darüber und ließ sich auf Überspanntheiten und Hungerlei- schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung aufgelegt zu derideen auch nicht einen Augenblick ein. sein, ohne daß die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende »Viel hast du nicht«, sagte sein Onkel Tienappel manchmal Antwort wüßte, dazu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit zu ihm. »Mein Geld bekommen im wesentlichen mal James und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und heroischer Na- und Peter, das heißt, es bleibt im Geschäft, und Peter bezieht tur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine noch das seine Rente. Was dir gehört, liegt ja ganz gut und trägt dir was andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl Sicheres. Aber von Zinsen zu leben, dabei ist heutzutage kein mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn. Spaß mehr, wenn man nicht wenigstens fünfmal so viel hat, wie Wir haben hier nicht nur von des jungen Mannes innerem du, und wenn du was vorstellen willst hier in der Stadt und le- Verhalten während seiner Schulzeit, sondern auch von den dar- ben, wie du's gewohnt bist, dann mußt du ordentlich zuverdie- auffolgenden Jahren gesprochen, als er seinen bürgerlichen Be- nen, das merk' dir lieber, min Söhn.« ruf schon gewählt hatte. Was seine Laufbahn durch die Klassen Hans Castorp merkte es sich und sah sich nach einem Berufe betraf, so mußte er die eine und andere davon sogar repetieren. um, mit dem er vor sich selbst und den Leuten bestehen könnte. Im ganzen aber halfen seine Herkunft, die Urbanität seiner Sit- Und als er einmal gewählt hatte - es geschah auf Anregung des ten und schließlich auch eine hübsche, wenn auch leidenschafts- alten Wilms, in Firma Tunder & Wilms, der nämlich am sonn- lose Begabung für Mathematik ihm vorwärts, und als er das abendlichen Whisttisch zu Konsul Tienappel sagte, Hans Ca- 58 59, storp solle doch Schiffbau studieren, das sei eine Idee, und bei wortendes Prinzip zu glauben und sich dabei zu beruhigen ver- ihm eintreten, dann wolle er wohl auf den Jungen ein Auge ha- mocht hätte? Es wird damit wieder die Frage seiner Mittelmä- ben -, da dachte er sehr hoch von seinem Beruf und fand, daß ßigkeit oder Mehr-als-Mittelmäßigkeit aufgeworfen, die wir er zwar ein verdammt komplizierter und anstrengender, dafür nicht bündig beantworten wollen. Denn wir betrachten uns aber auch ein ausgezeichneter, wichtiger und großartiger Beruf nicht als Hans Castorps Lobredner und lassen der Vermutung sei und für seine friedliche Person jedenfalls bei weitem dem Raum, daß die Arbeit in seinem Leben einfach dem Genuß von seines Vetters Ziemßen vorzuziehen, Stiefschwestersohns seiner Maria Mancini etwas im Wege war. - seligen Mutter, der durchaus Offizier werden wollte. Dabei war Zum militärischen Dienst wurde er seinerseits nicht herange- Joachim Ziemßen nicht mal ganz fest auf der Brust, aber eben zogen. Seine innere Natur widerstrebte dem und wußte es zu darum mochte ein Freiluft-Beruf, bei dem von geistiger Arbeit verhindern. Auch mochte wohl sein, daß Stabsarzt Dr. Eber- und Anspannung kaum ernstlich die Rede sein konnte, denn ding, der am Harvestehuder Weg verkehrte, von Konsul Tien- wohl das Richtige für ihn sein, wie Hans Castorp mit leichter appel gesprächsweise gehört hatte, daß der junge Castorp in der Geringschätzung urteilte. Denn vor der Arbeit hatte er den al- Nötigung sich zu bewaffnen eine empfindliche Störung seiner lergrößten Respekt, obwohl ihn persönlich die Arbeit ja leicht soeben auswärts begonnenen Studien erblicken würde. ermüdete. Sein Kopf, der langsam und gelassen arbeitete, zumal Hans Wir kommen hier auf unsere Andeutungen von früher zu- Castorp die beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks auch rück, die nämlich auf die Vermutung zielten, daß Beeinträchti- auswärts beibehielt, füllte sich mit analytischer Geometrie, Dif- gungen des persönlichen Lebens durch die Zeit geradezu den ferentialrechnung, Mechanik, Projektionslehre und Graphosta- physischen Organismus des Menschen zu beeinflussen ver- tik, er berechnete geladenes und ungeladenes Deplacement, Sta- möchten. Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten sol- bilität, Trimmverlagerung und Metazentrum, wenn es ihm zu- len? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, mußte sie ihm weilen auch sauer wurde. Seine technischen Zeichnungen, diese als das unbedingt Achtungswerteste gelten, es gab im Grunde Spanten-, Wasserlinien- und Längsrisse, waren nicht ganz so nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem gut, wie seine malerische Darstellung der »Hansa« auf hoher man bestand oder nicht bestand, das Absolutum der Zeit, sie be- See, aber wo es galt, die geistige Anschaulichkeit durch die antwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung vor ihr war also sinnliche zu unterstützen, Schatten zu tuschen und Querschnitte religiöser und, so viel er wußte, unzweifelhafter Natur. Aber ei- in munteren Materialfarben anzulegen, tat Hans Castorp es an ne andere Frage war, ob er sie liebte; denn das konnte er nicht, Geschicklichkeit den meisten zuvor. so sehr er sie achtete, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Wenn er in den Ferien nach Hause kam, sehr sauber, sehr gut sie ihm nicht bekam. Angestrengte Arbeit zerrte an seinen Ner- angezogen, mit einem kleinen rotblonden Schnurrbart in sei- ven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß er ei- nem schläfrigen jungen Patriziergesicht und offenbar auf dem gentlich viel mehr die freie Zeit liebe, die unbeschwerte, an der Wege zu ansehnlichen Lebensstellungen, so sahen die Leute, die nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die Zeit, die offen sich mit kommunalen Dingen befaßten, auch mit Familien- und vor einem gelegen hätte, nicht abgeteilt von zähneknirschend Personalverhältnissen gut Bescheid wußten - und das tun die zu überwindenden Hindernissen. Dieser Widerstreit in seinem meisten in einem sich selbst regierenden Stadtstaat -, so sahen Verhältnis zur Arbeit bedurfte genau genommen der Auflösung. seine Mitbürger ihn prüfend an, indem sie sich fragten, in wel- War es möglicherweise so, daß sein Körper sowohl wie sein che öffentliche Rolle der junge Castorp wohl einmal hinein- Geist - zuerst der Geist und durch ihn auch der Körper - zur wachsen werde. Er hatte ja Überlieferungen, sein Name war alt Arbeit freudiger und nachhaltiger willig gewesen wäre, wenn er und gut, und eines Tages, das konnte beinahe nicht fehlen, wür- im Grunde seiner Seele, dort, wo er selbst nicht Bescheid wuß- de man mit seiner Person als mit einem politischen Faktor zu te, an die Arbeit als unbedingten Wert und sich selbst beant- rechnen haben. Er würde dann in der Bürgerschaft oder dem6061, Bürgerausschuß sitzen und Gesetze machen, würde im Ehren- es zu seinem Typus paßte. Dr. Heidekind schalt, so oft er ihn amt an den Sorgen der Souveränität teilnehmen, einer Verwal- sah, und forderte Luftveränderung, das heißt: eine gründliche. tungsabteilung der Finanzdeputation vielleicht oder der für das Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, sei es dieses Mal Bauwesen angehören, und seine Stimme würde gehört und mit- nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte Hans Castorp, gezählt werden. Man konnte neugierig sein, wie er wohl einmal bevor er auf die Werft gehe, für ein paar Wochen ins Hochge- Partei bekennen würde, der junge Castorp. Äußerlichkeiten birge. mochten täuschen, aber eigentlich sah er ganz so aus, wie man Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen nicht aussah, wenn die Demokraten auf einen rechnen konnten, und Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre und die Ähnlichkeit mit dem Großvater war unverkennbar. Wege, denn ihn, Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge Vielleicht würde er ihm nacharten, ein Hemmschuh werden, ein keine vier Pferde. Das sei nichts für ihn, er brauche einen ver- konservatives Element? Das war wohl möglich - und ebenso- nünftigen Luftdruck, sonst kriege er Zufälle. Ins Hochgebirge wohl auch das Gegenteil. Denn schließlich war er ja Ingenieur, solle Hans Castorp nur freundlichst alleine reisen. Er solle doch ein angehender Schiffsbaumeister, ein Mann des Weltverkehrs Joachim Ziemßen besuchen. und der Technik. Da konnte es sein, daß Hans Castorp unter die Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich Radikalen ging, ein Draufgänger wurde, ein profaner Zerstörer war krank, - nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf wirk- alter Gebäude und landschaftlicher Schönheiten, ungebunden lich mißliche Weise krank, es war sogar ein großer Schrecken wie ein Jude und pietätlos wie ein Amerikaner, geneigt, den gewesen. Schon immer hatte er zu Katarrh und Fieber geneigt, rücksichtslosen Bruch mit würdig Überliefertem einer bedächti- und eines Tages war richtig auch roter Auswurf dagewesen, und gen Ausbildung natürlicher Lebensbedingungen vorzuziehen Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos gehen müssen, zu und den Staat in wagehalsige Experimente zu stürzen, - das war seinem größten Leidwesen und Kummer, denn eben stand er auch denkbar. Würde er es im Blute haben, daß Ihre Wohlweis- am Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang hatte er nach heiten, vor denen der Doppelposten am Rathaus präsentierte, al- dem Willen der Seinen Jurisprudenz studiert, aber aus unwider- les am besten wüßten, oder würde er die Opposition in der stehlichem Drange hatte er umgesattelt und sich als Fahnenjun- Bürgerschaft zu unterstützen gestimmt sein? In seinen blauen ker gemeldet und war auch schon angenommen. Und nun saß Augen unter den rötlich blonden Brauen war keine Antwort auf er seit über fünf Monaten im Internationalen Sanatorium solche Fragen mitbürgerlicher Neugier zu lesen, und er wußte Berghof« (dirigierender Arzt: Hofrat Dr. Behrens) und lang- auch wohl noch gar keine, Hans Castorp, dies unbeschriebene weilte sich halb zu Tode, wie er auf Postkarten schrieb. Wenn Blatt. also Hans Castorp denn schon eine Kleinigkeit für sich tun Als er die Reise antrat, auf der wir ihn betrafen, stand er im wollte, bevor er bei Tunder & Wilms seinen Posten antrat, so dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Damals hatte er vier Semester lag nichts näher, als daß er auch dort hinauf fuhr, um seinem ar- Studienzeit am Danziger Polytechnikum hinter sich und vier men Cousin Gesellschaft zu leisten, - für beide Teile war es das weitere, die er auf den Technischen Hochschulen von Braun- Angenehmste. schweig und Karlsruhe verbracht hatte, war kürzlich ohne Glanz Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise ent- und Orchestertusch, aber mit gutem Anstande aus der ersten schloß. Die letzten Juli-Tage waren schon da. Hauptprüfung gestiegen und schickte sich an, bei Tunder & Er fuhr auf drei Wochen. Wilms als Ingenieur-Volontär einzutreten, um auf der Werft seine praktische Ausbildung zu empfangen. An diesem Punkt nahm sein Weg nun erst einmal folgende Wendung. Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten müssen und sah, als er heimkam, denn doch noch matter aus, als 62 63, Drittes Kapitel lauschte wohlgefällig, den Kopf auf die Seite geneigt, mit offe- nem Munde und etwas geröteten Augen. Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium her- auf, die er gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, stern- förmiger Enzian stand im feuchten Grase des Abhanges. Ein Teil der Plattform war als Garten eingezäunt; dort gab es Kies- Ehrbare Verfinsterung wege, Blumenrabatten und eine künstliche Felsengrotte zu Fü- ßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech gedeckte Halle, Hans Castorp hatte befürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, und dane- überaus müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den ben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, Beinen und hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohn- an deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, - eine heiten ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohn- Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkun- heiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale de, einem Schlangenstab, in der Mitte. mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von dü- Hauptrolle spielten, - und mit den Geschäften der Säuberung sterem, ja tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet und der Körperpflege das andere des Auspackens und Einräu- und um das wirre schwarzgraue Haar einen schwarzen Schleier mens zu verbinden. Während er den versilberten Hobel über gewunden, wanderte sie ruhelos und gleichmäßig rasch, mit seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte, er- krummen Knien und steif nach vorn hängenden Armen auf den innerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nach- Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der Stirn, mit kohl- sichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tages- schwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen, starr licht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht mit viel Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen Mund mit dem jungen Tage. erinnerte Hans Castorp an das Bild einer berühmten Tragödin, Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Bak- das ihm einmal zu Gesichte gekommen, und unheimlich war es ken, in seiner fil d'écosse-Unterhose und roten Saffian-Pantof- zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau, offenbar ohne es zu wis- feln auf den Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst sen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der herüberklin- undurchsichtiger, nicht ganz bis zum Geländer vortretender genden Marschmusik anpaßte. Glaswände in einzelne Zimmerbereiche geteilt war. Der Mor- Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hin- gen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen unbe- ab, und ihm war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die weglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, Morgensonne. Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes weißes und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken auf, etwas Hörbares, Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer und Streifen von Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und zur Linken, dem Zimmer des russischen Ehepaars, nach Joa- wenn ein Sonnenblick einfiel, schimmerte die Ortschaft im Tal- chims Angabe, kamen und gleichfalls nicht zu dem heiteren, fri- grunde weiß gegen die dunklen Fichtenwälder der Hänge. Ir- schen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie klebrig zu gendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in demselben verunreinigen schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte. Cho- schon gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine ral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte Müdigkeit ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, ein Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da Kichern und Keuchen, dessen anstößiges Wesen dem jungen sie ganz ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, näm- Mann nicht lange verborgen bleiben konnte, obgleich er sich lich tief beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, infangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu deuten. Man 64 65, hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können, Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ern- stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, an sten und schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden der er gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig gewor- Namen der Wahrheitsunlust und Duckmäuserei, oder selbst den den, und die bei dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt hat- einer mystischen Scheu und Frömmigkeit, - von alledem war te. Das stimmte ihn nicht freundlicher gegen die benachbarten etwas in Hans Castorps Verhalten zu den Geräuschen nebenan, Eheleute, vielmehr murmelte er mit vorgeschobenen Lippen ein und physiognomisch drückte es sich aus in einer ehrbaren Ver- sehr absprechendes Wort gegen sie und beging dann den Fehler, finsterung seiner Miene, so, als dürfe und wolle er von dem, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was das Übel be- was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck von Sittsamkeit, -tend verschlimmerte. So geschah es, daß seine Stimme miß- der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten Gele- mutig schwankte, als er seinem Vetter antwortete, der ihm zuru- genheiten anzunehmen pflegte. fend an die Wand geklopft hatte, und daß er bei Joachims Ein- Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins Zim- tritt nicht eben den Eindruck eines erfrischten und morgenfro- mer zurück, um nicht länger Vorgänge zu belauschen, die ihm hen Menschen machte. ernst, ja erschütternd schienen, obgleich sie sich unter Gekicher kundtaten. Aber im Zimmer war das Treiben jenseits der Wand Frühstück nur noch deutlicher zu hören. Es war eine Jagd um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, man ergriff einan- »Tag«, sagte Joachim. »Das war ja nun deine erste Nacht hier der, es gab ein Klatschen und Küssen, und hierzu kam, daß es oben. Bist zu zufrieden?« nun Walzerklänge waren, die verbraucht melodiösen Phrasen Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig eines Gassenhauers, die von außen und fernher die unsichtbare gearbeiteten Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster, in Szene begleiteten. Hans Castorp stand, das Handtuch in Hän- dessen Seitentasche sich die flache Flasche abzeichnete. Einen den, und horchte wider besseren Willen. Und plötzlich errötete Mut hatte er heute nicht. er unter seinem Puder, denn was er deutlich hatte kommen se- »Danke«, erwiderte Hans Castorp, »es geht. Ich will weiter hen, war gekommen und das Spiel nun ohne allen Zweifel ins nicht urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann hat Tierische übergegangen. Herrgott, Donnerwetter! dachte er, in- das Haus ja den Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das ist etwas dem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen Bewe- lästig. Wer ist denn die Schwarze da draußen im Garten?« gungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Joachim wußte sogleich, wer gemeint war. Gottes Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hel- »Ach, das ist ›Tous-les-deux‹«, sagte er. »So wird sie allge- len Morgen, das ist doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie mein genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was man schon gestern abend keinen Frieden gehalten. Schließlich sind von ihr zu hören bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann kein sie doch krank, da sie hier sind, oder wenigstens einer von ih- Wort deutsch und auch französisch fast gar nicht, nur ein paar nen, da wäre etwas Schonung am Platze. Aber das eigentliche Brocken. Sie ist seit fünf Wochen hier bei ihrem ältesten Sohn, Skandalöse ist selbstverständlich, dachte er zornig, daß die Wän- einem vollständig hoffnungslosen Fall, der jetzt ziemlich rasch de so dünn sind und man alles so deutlich hört, das ist doch ein eingehen wird, - er hat es schon überall, durch und durch ver- unhaltbarer Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig giftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann zuletzt unge- gebaut! Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ih- fähr wie Typhus aus, sagt Behrens, - scheußlich für alle Beteilig- nen gar vorgestellt werde? Das wäre im höchsten Grade pein- ten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der zweite Sohn lich. Und hier wunderte sich Hans Castorp, denn er bemerkte, herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte -, bildhübscher daß die Röte, die ihm vorhin in die frisch rasierten Wangen ge- Kerl übrigens, wie auch der andere, - beide sind bildhübsche stiegen war, nicht daraus weichen wollte, oder doch nicht das Kerle, so glutäugig, die Damen waren ganz aus dem Häuschen. 66 67, Na, der jüngere hatte unten ja wohl schon ein bißchen gehustet, nervös wie ein junger Mensch, der im Begriffe ist, sich vielen war aber sonst ganz munter gewesen. Und kaum ist er hier, was fremden Leuten zu präsentieren und der dabei von dem deutli- meinst du, kriegt er Temperatur, - aber gleich 39,5, höchstes chen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht zu Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett, und wenn er noch auf- Ilaben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war vielmehr kommt, sagt Behrens, dann hat er mehr Glück als Verstand. Je- blaß. denfalls sei es die höchste Zeit gewesen, sagt er, daß er herauf- »Ehe ich es vergesse!« sagte er plötzlich mit einem gewissen kam .Ja, und seitdem geht die Mutter nun so herum, wenn Minden Eifer. »Du kannst mich gern der Dame im Garten vor- sie nicht bei ihnen sitzt, und wenn man sie anspricht, sagt sie stellen, wenn es sich gerade so macht, dagegen habe ich nichts. immer nur ›Tous les deux!‹, denn mehr kann sie nicht sagen, Sie soll nur immerhin ›tous les deux‹ zu mir sagen, das macht und hier ist im Augenblick niemand, der spanisch versteht.« mir gar nichts, ich bin ja vorbereitet und verstehe den Sinn und »So ist es also mit der«, sagte Hans Castorp. »Ob sie es wohl werde schon das richtige Gesicht dazu machen. Aber mit dem auch zu mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das wäre russischen Ehepaar wünsche ich nicht bekanntzuwerden, hörst doch sonderbar, - ich meine, es wäre komisch und unheimlich du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind überaus unmanierli- zu gleicher Zeit«, sagte er, und seine Augen waren wie gestern: che Leute, und wenn ich schon drei Wochen lang neben ihnen sie schienen ihm heiß und schwer, als habe er lange geweint, wohnen soll und es nicht anders einzurichten war, so will ich und jenen Glanz hatten sie wieder, den der neuartige Husten sie doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht, daß ich mir das des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es ihm vor, mit aller Bestimmtheit verbitte ..« als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden, als sei »Schön«, sagte Joachim. »Haben sie dich denn so gestört? Ja, er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen zu- es sind gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem Wort, nächst so recht nicht der Fall gewesen war. Er sei übrigens fer- ich hab' es dir ja im voraus gesagt. Er kommt immer in einer tig, erklärte er, indem er etwas Lavendelwasser auf sein Ta- Lederjoppe zum Essen, - abgeschabt, sage ich dir, mich wundert schentuch träufelte und sich die Stirn und die Gegend unter den immer, daß Behrens nicht dagegen einschreitet. Und sie ist auch Augen damit betupfte. »Wenn es dir recht ist, können wir tous nicht die Properste, trotz ihrem Federhut .Übrigens kannst les deux zum Frühstück gehen«, scherzte er mit einem Gefühl du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von uns fort, am von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn sanft an- Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten Russentisch, blickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und et- wo nur feinere Russen sitzen -, und es gibt kaum eine Mög- was spöttisch, wie es schien, - warum, das war seine Sache. lichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn du Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen bei wolltest. Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften zu ma- sich habe, nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen, trotzi- chen, schon weil so viele Ausländer unter den Gästen sind, und gerweise, denn er war seiner Lebensform und Gesittung allzu ich selbst kenne persönlich nur wenige, so lange ich hier bin.« gewiß, um sich so leicht und auf bloße drei Wochen fremden »Wer ist denn krank von den beiden?« fragte Hans Castorp. und neuen Gebräuchen zu fügen - und so gingen sie denn, gin- • Er oder sie?« gen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies Joachim »Er, glaube ich. Ja, nur er«, sagte Joachim merklich zerstreut, auf diese und jene Tür und nannte die Namen der Inwohner, während sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal ableg- deutsche Namen und solche von allerlei fremdem Klang, indem ten. Und dann traten sie ein in den hellen, flachgewölbten er kurze Anmerkungen über ihren Charakter und die Schwere Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät klapperte und die Saal- ihres Falles hinzufügte. töchter mit dampfenden Kannen umhereilten. Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück zu- Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längs- rückkehrten, und wenn Joachim jemandem Guten Morgen sag- richtung, nur zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln; für te, lüftete Hans Castorp höflich den Hut. Er war gespannt und lehn Personen jede, wenn auch die Gedecke nicht überall voll- 68 69, zählig waren. Nur ein paar Schritte schräg in den Saal hinein, die sich an den weitgespannten Gurten des flachen Gewölbes und Hans Castorp war schon an seinem Platz; er war ihm an der fortsetzten. Mehrere Kronleuchter, elektrisch, aus blankem Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn stand, zwi- Messing, schmückten den Saal, bestehend aus je drei übereinan- schen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter seinem Stuh- der gelagerten Reifen, welche mit zierlichem Flechtwerk ver- le, verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich gegen die bunden waren und an deren unterstem wie kleine Monde Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell bekannt Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier Glastüren da, machte, und die er kaum sah, geschweige daß ihm ihre Namen an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die hinaus auf eine ins Bewußtsein gedrungen wären. Einzig Frau Stöhrs Person vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn links, die gerade- und Namen faßte er auf, und daß sie ein rotes Gesicht und fetti- wegs in die vordere Halle führte, und dann jene, durch die ge aschblonde Haare hatte. Man konnte ihr die Bildungsschnit- Hans Castorp von einem Flur aus eingetreten war, da Joachim zer wohl zutrauen, so störrisch unwissend war ihr Gesichtsaus- ihn eine andere Treppe hinabgeführt hatte als gestern abend. druck. Dann setzte er sich und nahm beifällig wahr, daß man Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz das erste Frühstück hier als eine ernste Mahlzeit behandelte. mit flaumigem Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig. Schüsseln mit wie eine Nähterin oder Hausschneiderin sah, wohl auch weil sie Milchreis und Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem Fleisch; ausschließlich Kaffee mit Buttersemmeln frühstückte und weil er Butter war freigebig aufgestellt, jemand lüftete die Glasglocke die Vorstellung einer Hausschneiderin von jeher mit derjenigen über einem tränenden Schweizer Käse, um davon abzuschnei- von Kaffee und Buttersemmeln verbunden hatte. Zur Linken den, und eine Schale mit frischem und trockenem Obst stand saß ihm ein englisches Fräulein, schon angejahrt gleichfalls, sehr obendrein in der Mitte des Tisches. Eine Saaltochter in Schwarz häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern, die rundlich geschrie- und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu trinken wünsche: Ka- bene Briefe aus der Heimat las und einen blutfarbenen Tee dazu kao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie ein Kind, mit einem al- trank. Neben ihr folgte Joachim und dann Frau Stöhr in einer ten, langen Gesicht, - eine Zwergin, wie er mit Schrecken er- schottischen Wollbluse. Die linke Hand hielt sie geballt in der kannte. Er sah seinen Vetter an, aber da dieser nur gleichmütig Nähe ihrer Wange, während sie speiste, und bemühte sich sicht- mit Schultern und Brauen zuckte, als wollte er sagen: »Ja, nun, lich, beim Sprechen eine feingebildete Miene zu machen, in- was weiter?«, so fügte er sich in die Tatsachen, bat mit besonde- dem sie die Oberlippe von ihren schmalen und langen Hasen- rer Höflichkeit um Tee, da es eine Zwergin war, die ihn fragte, zähnen zurückzog. Ein junger Mann mit dünnem Schnurrbart und begann Milchreis mit Zimt und Zucker zu essen, während und einem Gesichtsausdruck, als habe er etwas Schlechtschmek- seine Augen über die anderen Speisen hingingen, von denen zu kendes im Munde, setzte sich neben sie und frühstückte voll- kosten ihn verlangte, und über die Gästeschaft an den sieben Ti- Mündig schweigend. Er kam herein, als Hans Castorp schon saß, schen, Joachims Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle in- senkte im Gehen und ohne jemanden anzublicken einmal zum nerlich krank waren und schwatzend frühstückten. Gruße das Kinn auf die Brust und nahm Platz, indem er es Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten, durch sein Verhalten rundweg ablehnte, sich mit dem neuen welcher der sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantasti- Gaste bekannt machen zu lassen. Vielleicht war er zu krank, um schen Einschlag zu geben weiß. Er war nicht sehr tief im Ver- für solche Äußerlichkeiten noch Sinn und Achtung zu haben hältnis zu seiner Länge und von einer Art Wandelgang umlau- oder überhaupt an seiner Umgebung Interesse zu nehmen. Ei- fen, in dem Anrichten standen und der sich in großen Bögen nen Augenblick saß ihm gegenüber ein außerordentlich mage- gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die Pfeiler, bis res, hellblondes junges Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet, dann glatt seinen Teller entleerte, die Milchspeise auflöffelte und sich un- beweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke, wiesen verzüglich wieder entfernte. buntfarbige Bandstreifen auf, einfältige und lustige Schablonen, Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim plau- 70 71, derte formell mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach ihrem Be- deren Grund wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine un- finden und vernahm mit korrektem Bedauern, daß es zu wün- mittelbaren Sorgen hatten und zahlreich beisammen waren. schen übrig lasse. Sie klagte über »Schlaffheit«. »Ich bin so Einzelne freilich saßen, den Kopf in die Hände gestützt, am Ti- schlaff!« sagte sie gedehnt und zierte sich auf ungebildete Wei- sche und starrten vor sich hin. Man ließ sie starren und achtete se. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt, und wie nicht auf sie. werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin bekann- Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusam- te sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte aber, daß sie sich men. Eine Tür war zugefallen, es war die Tür links vorn, die im Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich gespannt und rastlos, als gleich in die Halle führte, - jemand hatte sie zufallen lassen stände ihr etwas Besonderes und Entscheidendes bevor, was oder gar hinter sich ins Schloß geworfen, und das war ein Ge- doch gar nicht der Fall sei, sondern es sei eine körperliche Erre- räusch, das Hans Castorp auf den Tod nicht leiden konnte, das gung ohne seelische Ursachen. Sie war doch wohl keine Haus- er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte dieser Haß auf Er- schneiderin, denn sie sprach sehr richtig und fast gelehrt. Übri- ziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, - genug, er gens fand Hans Castorp diese Aufgeregtheit oder doch die Äu- verabscheute das Türwerfen und hätte jeden schlagen können, ßerung davon irgendwie unangemessen, ja fast anstößig bei ei- der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen ließ. In die- nem so unscheinbaren und geringen Geschöpf. Er fragte nach- sem Fall war die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben ge- einander die Nähterin und Frau Stöhr, wie lange sie schon hier lullt, und das verstärkte den Chok: es war ein Schmettern und oben seien (jene lebte seit fünf Monaten, diese seit sieben in Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp wütend, was ist denn das für der Anstalt), suchte hierauf sein Englisch zusammen, um von eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in demselben Au- seiner Nachbarin zur Linken zu erfahren, was für einen Tee sie genblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, so hatte er keine da trinke (es war Hagebuttentee) und ob er denn gut schmecke, Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen sei. Doch stan- was sie fast stürmisch bejahte, und sah dann in den Saal hinein, den Falten zwischen seinen blonden Brauen, und sein Gesicht in dem man kam und ging: das erste Frühstück war keine streng war peinlich verzerrt, während er der Nähterin antwortete. gemeinsame Mahlzeit. Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken ge- Ja, zum erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, - sie habt, aber er fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt zu hätten den Saal verlassen fast in dem Augenblick, als die Vettern hier im Saale, man hatte nicht das Gefühl, sich an einer Stätte gekommen seien. Dann wollten sie gehen und nicht warten, des Jammers zu befinden. Gebräunte junge Leute beiderlei Ge- meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur Vorstellung werde sich schlechts kamen trällernd herein, sprachen mit den Saaltöchtern im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür wären sie fast mit und hieben mit robustem Appetit in das Frühstück ein. Auch Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, gefolgt von Dr. Kro- reifere Personen waren da, Ehepaare, eine ganze Familie mit kowski, im Geschwindschritt hereinkam. Kindern, die russisch sprach, auch halbwüchsige Jungen. Die »Hoppla, Achtung die Herren!« sagte Behrens. »Das hätte Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende Jacken aus Wolle leicht schlecht ablaufen können für die beiderseitigen Hühner- oder Seide, sogenannte Sweater, weiß oder farbig, mit Fallkra- augen.« Er sprach stark niedersächsisch, breit und kauend. »So, gen und Seitentaschen, und es sah hübsch aus, wenn sie, beide das sind Sie«, sagte er zu Hans Castorp, den Joachim mit zusam- Hände in diese Seitentaschen vergraben, standen und plauder- mengezogenen Absätzen präsentierte; »na, freut mich.« Und er ten. An mehreren Tischen wurden Photographien herumgezeigt, gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie eine neue, selbst angefertigte Aufnahmen ohne Zweifel; an einem Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe höher anderen tauschte man Briefmarken. Es wurde vom Wetter ge- als Dr. Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit heraus- sprochen, davon, wie man geschlafen und wieviel man morgens tretendem Genick, großen, vorquellenden und blutunterlaufe- im Munde gemessen. Die meisten waren lustig, - ohne beson- nen blauen Augen, in denen Tränen schwammen, einer aufge- 72 73, worfenen Nase und kurzgeschnittenem Schnurrbärtchen, das das Richtige. Total anämisch natürlich«, sagte er, indem er ohne schief gezogen war, und zwar infolge einer einseitigen Schür- weiteres auf Hans Castorp zutrat und ihm mit dem Zeige- und zung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen gesagt Mittelfinger ein Augenlid herunterzog. »Selbstverständlich total hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau; und so anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das war gar nicht so wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen Chirur- dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal auf einige Zeit sich genrock, den er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel, selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte Einrichtung, der unten seine gestreiften Hosen und ein paar kolossale Füße dieses Hamburg; stellte uns immer ein nettes Kontingent mit in gelben und etwas abgenutzten Schnürstiefeln sehen ließ. seiner feuchtfröhlichen Meteorologie. Aber wenn ich Ihnen bei Auch Dr. Krokowski war im Berufskleide, allein sein Kittel war dieser Gelegenheit einen unmaßgeblichen Rat geben darf - schwarz, aus einem schwarzen Lüsterstoff, hemdartig, mit Gum- ganz sine pecunia, wissen Sie -, so machen Sie, solange Sie hier mizügen an den Handgelenken, und hob seine Blässe nicht we- sind, mal alles mit, was Ihr Vetter macht. In Ihrem Fall kann nig. Er verhielt sich rein assistierend und beteiligte sich auf kei- man gar nichts Schlaueres tun, als einige Zeit zu leben wie bei ne Weise an der Begrüßung, doch ließ eine kritische Spannung leichter tuberculosis pulmonum, und ein bißchen Eiweiß anzu- seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes Verhältnis setzen. Das ist nämlich kurios hier bei uns mit dem Eiweiß- als wunderlich empfinde. stoffwechsel .Obgleich die Allgemeinverbrennung erhöht »Vettern?« fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwi- ist, setzt der Körper doch Eiweiß an .Na, und Sie haben schen den jungen Leuten hin und her deutete und mit seinen schön geschlafen, Ziemßen? Fein, was? Also nun mal los mit blutunterlaufenen blauen Augen von unten blickte .»Na, will dem Lustwandel! Aber nicht mehr als 'ne halbe Stunde! Und er denn auch zum Kalbsfell schwören?« sagte er zu Joachim und nachher die Quecksilberzigarre ins Gesicht gesteckt! Immer wies mit dem Kopf auf Hans Castorp .»I, Gott bewahre, - hübsch aufschreiben. Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft! was? Ich habe doch gleich gesehen« - und er sprach nun direkt Sonnabend will ich die Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch zu Hans Castorp -, »daß Sie so was Ziviles haben, so was Kom- gleich mitmessen. Messen kann nie was schaden. Morgen, die fortables, - nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer Herren! Gute Unterhaltung! Morgen .Morgen ..« Und Dr. da. Sie wären ein besserer Patient als der, da möcht ich doch Krokowski schloß sich ihm an, der weiter segelte, mit den Ar- wetten. Das sehe ich jedem gleich an, ob er einen brauchbaren men schlenkernd, die Handflächen ganz nach hinten gekehrt, Patienten abgeben kann, denn dazu gehört Talent, Talent gehört indem er nach rechts und links die Frage richtete, ob man zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch kein bißchen Ta- »schön« geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde. lent. Zum Exerzieren, das weiß ich nicht, aber zum Kranksein gar nicht. Wollen Sie glauben, daß er immer weg will? Immer- zu will er weg, irrt mich und plagt mich und kann es nicht er- Neckerei. Viatikum. Unterbrochene Heiterkeit warten, sich da unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen will er uns schenken. Und dabei ist es doch »Sehr netter Mann«, sagte Hans Castorp, als sie nach freund- ganz schön hier bei uns, - nun sagen sie mal selbst, Ziemßen, schaftlicher Begrüßung mit dem hinkenden Concierge, der in ob es nicht ganz schön hier ist! Na, Ihr Herr Vetter wird uns seiner Loge Briefe ordnete, durch das Portal hinaus ins Freie tra- schon besser zu würdigen wissen, wird sich schon amüsieren. ten. Das Portal war an der Südostflanke des weißgetünchten Damenmangel ist auch nicht, - allerliebste Damen haben wir Gebäudes gelegen, dessen mittlerer Teil die beiden Flügel um hier. Wenigstens von außen sind manche ganz malerisch. Aber ein Stockwerk überragte und von einem kurzen, mit schiefer- Sie sollten sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, farbenem Eisenblech gedeckten Uhrturm gekrönt war. Man be- sonst fallen Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens rührte den eingezäunten Garten nicht, wenn man das Haus hier goldner Baum, aber als Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz verließ, sondern war gleich im Freien, angesichts schräger Berg- 74 75, wiesen, die von vereinzelten, mäßig hohen Fichten und auf den freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, daß ich eigent- Boden geduckten Krummholzkiefern bestanden waren. Der lich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich Weg, den sie einschlugen - eigentlich war es der einzige, der in auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre für Betracht kam, außer der zu Tale abfallenden Fahrstraße -, leitete mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser sie leicht ansteigend nach links an der Rückseite des Sanato- Tag, und wenn ich mir morgens sagen müßte: heut gibt's nichts riums vorbei, der Küchen- und Wirtschaftsseite, wo eiserne Ab- zu rauchen, - ich glaube, ich fände den Mut gar nicht, aufzuste- falltonnen an den Gittern der Kellertreppen standen, lief noch hen, wahrhaftig, ich bliebe liegen. Siehst du: da hat man eine ein gutes Stück in derselben Richtung fort, beschrieb dann ein gut brennende Zigarre - selbstverständlich darf sie nicht Ne- scharfes Knie und führte steiler nach rechts hin den dünn be- benluft haben oder schlecht ziehen, das ist im höchsten Grade waldeten Hang hinan. Es war ein harter, rötlich gefärbter, noch ärgerlich - ich meine: hat man eine gute Zigarre, dann ist man etwas feuchter Weg, an dessen Saume zuweilen Steinblöcke la- eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich nichts ge- gen. Die Vettern sahen sich keineswegs allein auf der Promena- schehn. Es ist genau, wie wenn man an der See liegt, dann liegt de. Gäste, die gleich nach ihnen ihr Frühstück beendet, folgten man eben an der See, nicht wahr, und braucht nichts weiter, we- ihnen auf dem Fuße, und ganze Gruppen, auf dem Rückweg, der Arbeit noch Unterhaltung .Gott sei Dank raucht man ja kamen ihnen mit den stapfenden Tritten absteigender Leute in der ganzen Welt, es ist nirgendwo unbekannt, soviel ich entgegen. weiß, wohin man auch etwa verschlagen werden sollte. Selbst »Sehr netter Mann!« wiederholte Hans Castorp. »So eine die Polarforscher statten sich reichlich mit Rauchvorrat aus für flotte Redeweise hat er, es machte mir Spaß, ihm zuzuhören. ihre Strapazen, und das hat mich immer sympathisch berührt, ›Quecksilberzigarre‹ für ›Thermometer‹ ist doch ausgezeichnet, wenn ich es las. Denn es kann einem sehr schlecht gehen, - ich habe es gleich verstanden .Aber ich zünde mir nun eine nehmen wir mal an, es ginge mir miserabel; aber solange ich richtige an«, sagte er stehenbleibend, »ich halte es nicht mehr noch meine Zigarre hätte, hielte ich's aus, das weiß ich, sie aus! Seit gestern mittag habe ich nichts Ordentliches mehr ge- brächte mich drüber weg.« raucht .Entschuldige mal!« Und er entnahm seinem automo- »Immerhin ist es etwas schlapp«, sagte Joachim, »daß du so billedernen und mit silbernem Monogramm geschmückten Etui daran hängst. Behrens hat ganz recht. Du bist ein Zivilist - er ein Exemplar von Maria Mancini, ein schönes Exemplar der meinte es ja wohl mehr als Lob, aber du bist ein heilloser Zivi- obersten Lage, an einer Seite abgeplattet, wie er es besonders list, das ist die Sache. Übrigens bist du ja gesund und kannst liebte, kupierte die Spitze mit einem kleinen, eckig schneiden- tun, was du willst«, sagte er, und seine Augen wurden müde. den Instrument, das er an der Uhrkette trug, ließ seinen Ta- »Ja, gesund bis auf die Anämie«, sagte Hans Castorp. »Reich- schenzündapparat aufflammen und setzte die ziemlich lange, lich geradezu war es ja, wie er es mir so sagte, daß ich grün aus- vorne stumpfe Zigarre mit einigen hingebungsvoll paffenden sehe. Aber es stimmt, es ist mir selber aufgefallen, daß ich im Zügen in Brand. »So!« sagte er. »Nun können wir meinethalben Vergleich mit euch hier oben förmlich grün bin, zu Hause habe den Lustwandel fortsetzen. Du rauchst natürlich nicht vor lauter ich es nicht so bemerkt. Und dann ist es ja auch wieder nett von Biereifer.« ihm, daß er mir so ohne weiteres Ratschläge gibt, ganz sine pe- »Ich rauche ja nie«, antwortete Joachim. »Warum sollt' ich cunia, wie er sich ausdrückt. Ich will mir gern vornehmen, es zu denn gerade hier rauchen?« machen, wie er sagt, und mich ganz nach deiner Lebensweise »Das verstehe ich nicht!« sagte Hans Castorp. »Ich verstehe es richten, - was sollt' ich denn sonst auch wohl tun bei euch hier nicht, wie jemand nicht rauchen kann, - er bringt sich doch, so- oben, und es kann ja nicht schaden, wenn ich in Gottes Namen zusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz Eiweiß ansetze, obgleich es etwas widerlich klingt, das mußt du eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, mir zugeben.« daß ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so Joachim hüstelte ein paarmal im Gehen, - die Steigung 76 77, schien ihn doch anzustrengen. Als er zum drittenmal ansetzte, aus Gummi erinnerte, die klagend ihre eingeblasene Luft fahren blieb er mit gerunzelten Brauen stehen. »Geh nur voran«, sagte lassen und zusammensinken, drang irgendwie und unbegreif- er. Hans Castorp beeilte sich, weiterzugehen und sah sich nicht licherweise aus ihrer Brust hervor, und dann war sie mit ihrer um. Dann verlangsamte er seinen Schritt und blieb schließlich Gesellschaft vorüber. fast stehen, da ihm war, als müsse er einen bedeutenden Vor- Hans Castorp stand starr und blickte ins Weite. Dann wandte sprung vor Joachim gewonnen haben. Aber er sah sich nicht er sich hastig um und begriff wenigstens so viel, daß das Ab- um. scheuliche ein Scherz, eine abgekartete Fopperei gewesen sein Ein Trupp von Gästen beiderlei Geschlechtes kam ihm entge- mußte, denn er sah an den Schultern der Abziehenden, daß sie gen, - er hatte sie droben auf halber Höhe des Hanges den ebe- Lichten, und ein untersetzter Jüngling mit Wulstlippen, welcher, nen Weg entlang kommen sehen, jetzt stapften sie abwärts, ge- beide Hände in den Hosentaschen, auf ziemlich unschickliche rade auf ihn zu und ließen ihre verschiedenartigen Stimmen er- Art seine Jacke emporgerafft hielt, drehte sogar unverhohlen tönen. Es waren sechs oder sieben Personen gemischten Alters, den Kopf nach ihm und lachte .Joachim war herangekom- die einen blutjung, ein paar schon etwas weiter an Jahren. Er men. Er grüßte die Gruppe, indem er nach seiner ritterlichen sah sie sich an mit seitwärts geneigtem Kopfe, während er an Gewohnheit beinahe Front machte und sich mit zusammenge- Joachim dachte. Sie waren barhaupt und braun, die Damen in zogenen Absätzen verbeugte, und trat dann sanft blickend zu farbigen Sweaters, die Herren meist ohne Überzieher und selbst seinem Vetter. ohne Stöcke, wie Leute, die ohne Umstände und die Hände in »Was machst du denn für ein Gesicht?« fragte er. den Taschen ein paar Schritte vors Haus machen. Da sie bergab »Sie pfiff!« antwortete Hans Castorp. »Sie pfiff aus dem Bau- gingen, was keine ernsthaft tragende Anstrengung, sondern nur che, als sie an mir vorüberkam, willst du mir das erklären?« ein lustiges Bremsen und Anstemmen der Beine erfordert, da- »Ach«, sagte Joachim und lachte wegwerfend. »Nicht aus mit man nicht ins Laufen und Stolpern gerät, ja eigentlich nichts dem Bauche, Unsinn. Das war die Kleefeld, Hermine Kleefeld, weiter als ein Sichfallenlassen ist, hatte ihre Gangart etwas Be- die pfeift mit dem Pneumothorax.« schwingtes und Leichtsinniges, was sich ihren Mienen, ihrer »Womit?« fragte Hans Castorp. Er war außerordentlich erregt ganzen Erscheinung mitteilte, so daß man wohl wünschen und wußte nicht recht, in welchem Sinne. Er schwankte zwi- konnte, zu ihnen zu gehören. schen Lachen und Weinen, als er hinzufügte: »Du kannst nicht Nun waren sie bei ihm, Hans Castorp sah ihre Gesichter ge- verlangen, daß ich euer Rotwelsch verstehe.« nau. Sie waren nicht alle gebräunt, zwei Damen stachen durch »So komm doch weiter!« sagte Joachim. »Ich kann es dir Blässe ab: die eine dünn wie ein Stock und elfenbeinern von doch auch im Gehen erklären. Du bist ja wie angewurzelt! Es ist Angesicht, die andere kleiner und fett, von Leberflecken verun- etwas aus der Chirurgie, wie du dir denken kannst, eine Opera- ziert. Sie sahen ihn alle an, mit einem gemeinsamen, dreisten tion, die hier oben häufig ausgeführt wird. Behrens hat große Lächeln. Ein langes junges Mädchen in grünem Sweater, mit Übung darin .Wenn eine Lunge sehr mitgenommen ist, ver- schlecht frisiertem Haar und dummen, nur halb geöffneten Au- stehst du, die andere aber gesund oder vergleichsweise gesund, gen strich dicht an Hans Castorp vorbei, indem es ihn fast mit so wird die kranke mal einige Zeit von ihrer Tätigkeit dispen- dem Arme berührte. Und dabei pfiff sie .Nein, das war ver- siert, um sie zu schonen .Das heißt: man wird hier aufge- rückt! Sie pfiff ihn an, doch nicht mit dem Mund, den spitzte schnitten, hier irgendwo seitwärts - ich kenne die Stelle ja nicht sie gar nicht, sie hielt ihn im Gegenteil fest geschlossen. Es pfiff genau, aber Behrens hat es großartig los. Und dann wird Gas in aus ihr, indes sie ihn ansah, dumm und mit halbgeschlossenen einen hineingelassen, Stickstoff, weißt du, und so der verkäste Augen, - ein außerordentlich unangenehmes Pfeifen, rauh, Lungenflügel außer Betrieb gesetzt. Das Gas hält natürlich nicht scharf und doch hohl, gedehnt und gegen das Ende im Tone ab- lange vor, halbmonatlich etwa muß es erneuert werden - man fallend, so daß es an die Musik jener Jahrmarktsschweinchen wird gleichsam aufgefüllt, so mußt du dir's vorstellen. Und 78 79, wenn das ein Jahr lang geschieht oder länger, und alles geht gut, so frei.Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt so kann die Lunge durch Ruhe zur Heilung kommen. Nicht im- keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum mer, versteht sich, es ist wohl sogar eine gewagte Sache. Aber es sollen sie da ernste Gesichter schneiden. Ich denke manchmal: sollen schon schöne Erfolge mit dem Pneumothorax erzielt Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, sie sind mehr worden sein. Alle haben ihn, die du eben sahst. Frau Iltis war so eine Art Bummelei, Ernst gibt es genaugenommen nur im auch dabei - die mit den Leberflecken - und Fräulein Levi, die Leben da unten. Ich glaube, daß du das mit der Zeit schon ver- magere, du erinnerst dich - sie hat so lange zu Bett gelegen. Sie stehen wirst, wenn du erst länger hier oben bist.« haben sich zusammengefunden, denn so etwas wie der Pneu- »Sicher«, sagte Hans Castorp. »Das glaube ich sogar sicher. mothorax verbindet die Menschen natürlich, und nennen sich Ich habe schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier oben, und ›Verein Halbe Lunge‹, unter diesem Namen sind sie bekannt. wenn man sich interessiert, nicht wahr, dann kommt das Verste- Aber der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, weil sie mit - von selber .Aber wie ist mir denn nur, - sie schmeckt dem Pneumothorax pfeifen kann, - das ist eine Gabe von ihr, es nicht!« sagte er und betrachtete seine Zigarre. »Ich frage mich kann es durchaus nicht jeder. Wie sie es fertig bringt, das kann die ganze Zeit, was mir fehlt, und nun merke ich, daß es Maria ich dir auch nicht sagen, sie selbst kann es nicht deutlich be- ist, die mir nicht schmeckt. Sie schmeckt wie Papiermache, ich schreiben. Aber wenn sie rasch gegangen ist, dann kann sie aus versichere dich, es ist gerade, wie wenn man einen völlig ver- ihrem Inneren pfeifen, und das benutzt sie natürlich, um die dorbenen Magen hat. Das ist doch unbegreiflich! Ich habe ja Leute zu erschrecken, besonders die neuangekommenen Kran- ungewöhnlich viel zum Frühstück gegessen, aber das kann der ken. Ich glaube übrigens, daß sie Stickstoff dabei verschwendet, Grund nicht sein, denn wenn man viel gegessen hat, so denn alle acht Tage muß sie aufgefüllt werden.« schmeckt sie zunächst sogar besonders gut. Meinst du, es kann Nun lachte Hans Castorp; seine Erregung hatte sich bei daher kommen, daß ich so unruhig geschlafen habe? Vielleicht Joachims Worten zum Heitern entschieden, und indem er im bin ich dadurch in Unordnung geraten. Nein, ich muß sie gera- Gehen die Augen mit der Hand bedeckte und sich vorneigte, dezu wegwerfen!« sagte er nach einem neuen Versuch. »Jeder wurden seine Schultern von einem raschen und leisen Kichern Zug ist eine Enttäuschung; es hat keinen Zweck, daß ich es for- erschüttert. ciere.« Und nachdem er noch einen Augenblick gezögert, warf »Sind sie auch eingetragen?« fragte er, und das Sprechen wur- er die Zigarre den Abhang hinab zwischen das feuchte Nadel- de ihm nicht leicht; es klang vor zurückgehaltenem Lachen wei- holz. »Weißt du, womit es meiner Überzeugung nach zusam- nerlich und leise jammernd. »Haben sie Statuten? Schade, daß menhängt?« fragteer.»Meiner festen Überzeugung nach du nicht Mitglied bist, du, dann könnten sie mich als Ehrengast hängt es mit dieser verdammten Gesichtshitze zusammen, an zulassen oder als .Konkneipant .Du solltest Behrens bit- der ich nun schon wieder seit dem Aufstehen laboriere. Weiß ten, daß er dich teilweise außer Betrieb setzt. Vielleicht würdest der Teufel, mir ist immer, als wäre ich schamrot im Gesicht.du auch pfeifen können, wenn du's drauf anlegtest, es muß Hast du das auch so gehabt, als du ankamst?« doch schließlich zu lernen sein .Das ist das Komischste, was »Ja«, sagte Joachim. »Mir war auch zuerst etwas sonderbar. ich in meinem Leben gehört habe!« sagte er tief aufseufzend. Mach dir nichts draus! Ich hab dir ja gesagt, daß es nicht so »Ja, verzeih, daß ich so davon spreche, aber sie selbst sind ja in leicht ist, sich einzuleben bei uns. Aber du kommst wieder in der besten Laune, deine pneumatischen Freunde! Wie sie daher- Ordnung. Siehst du, die Bank steht hübsch. Wir wollen uns et- kamen .Und zu denken, daß es der ›Verein Halbe Lunge‹ was setzen und dann nach Hause gehen, ich muß in die Liege- war! ›Tiuu‹ pfeift sie mich an, - eine tolle Person! Aber das ist ku r .« doch heller Übermut! Warum sind sie so übermütig, du, willst Der Weg war eben geworden. Er lief nun in der Richtung du mir das mal sagen?« auf Platz Davos, etwa in Drittelhöhe des Hanges, und gewährte Joachim suchte nach einer Antwort. »Gott«, sagte er, »sie sind Wischen hohen, schmal gewachsenen und windschiefen Kie- 8 0 81, fern den Blick auf den Ort, der weißlich in hellerem Lichte lag. den Gängen. Aber stelle dir vor, ich hatte verschlafen, ich war in Die schlicht gezimmerte Bank, auf der sie sich setzten, lehnte der Hauptliegekur eingeschlafen und hatte das Gong überhört sich an die steile Bergwand. Neben ihnen fiel ein Wasser in of- lind mich um eine Viertelstunde verspätet. Da war ich nun im fener Holzrinne gurgelnd und plätschernd zu Tal. entscheidenden Augenblick nicht, wo alle waren, sondern war Joachim wollte den Vetter über die Namen der umwölkten hinter die Kulissen geraten, wie du sagtest, und wie ich über Alpenhäupter unterrichten, die das Tal im Süden zu schließen den Korridor gehe, da kommen sie mir entgegen, in Spitzen- schienen, indem er mit der Spitze seines Bergstockes auf sie hemden und ein Kreuz voran, ein goldenes Kreuz mit Laternen, wies. Aber Hans Castorp blickte nur flüchtig hin, er saß vorn- der eine trug es voran wie den Schellenbaum vor der Janitscha- übergebeugt, zeichnete mit der Zwinge seines städtischen, sil- renmusik.« berbeschlagenen Stockes Figuren im Sand und verlangte anderes »Das ist kein Vergleich«, sagte Hans Castorp nicht ohne zu wissen. Strenge. »Was ich dich fragen wollte -«, fing er an .»Der Fall in »Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert. meinem Zimmer war also gerade eingegangen, als ich kam. Aber höre nur weiter. Sie kommen also auf mich zu, marsch, Sind sonst schon viele Todesfälle vorgekommen, seit du hier marsch, im Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht irre, vor- oben bist?« - »Mehrere sicher«, antwortete Joachim. »Aber sie an der Mann mit dem Kreuz, darauf der Geistliche, eine Brille werden diskret behandelt, verstehst du, man erfährt nichts da- auf der Nase, und dann noch ein Junge mit einem Räucherfäß- von oder nur gelegentlich, später, es geht im strengsten Ge- chen. Der Geistliche hielt das Viatikum an der Brust, es war zu- heimnis vor sich, wenn einer stirbt, aus Rücksicht auf die Pa- gedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf schief, es ist ja ihr tienten und namentlich auf die Damen, die sonst leicht Zufälle AI Irrheiligstes.« bekämen. Wenn neben dir jemand stirbt, das merkst du gar »Eben üben darum«, sagte Hans Castorp. »Eben aus diesem Grunde nicht. Und der Sarg wird in aller Frühe gebracht, wenn du noch wundere ich mich, daß du von Schellenbaum sprechen magst.« schläfst, und abgeholt wird der Betreffende auch nur in solchen »Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst, wüß- Zeiten, zum Beispiel während des Essens.« test du auch nicht, was du für ein Gesicht machen solltest in der »Hm«, sagte Hans Castorp und zeichnete weiter. »Hinter den Erinnerung. Es war, daß man davon träumen könnte -« Kulissen also geht so etwas vor sich.« »In welcher Hinsicht?« »Ja, so kann man sagen. Aber neulich, es ist nun, warte mal, »Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu ver- möglicherweise acht Wochen her -« halten habe unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abneh- »Dann kannst du nicht neulich sagen«, bemerkte Hans Ca- men hatte ich nicht auf-« storp trocken und wachsam. »Siehst du wohl!« unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch »Wie? Also nicht neulich. Du bist aber genau. Ich habe die einmal. »Siehst du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll! Es Zahl ja nur so geraten. Also vor einiger Zeit, da habe ich doch ist mir natürlich aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben. einmal hinter die Kulissen gesehen, aus reinem Zufall, ich weiß Mm soll aber einen aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann, es wie heute. Das war, als sie der kleinen Hujus, einer Katholi- bei Gelegenheiten, wo es sich schickt. Aber was denn nun wei- schen, Barbara Hujus, das Viatikum brachten, das Sterbesakra- ter?« ment, weißt du, die Letzte Ölung. Sie war noch auf, als ich hier »Ich stellte mich an die Wand«, sagte Joachim, »in anständi- ankam, und ausgelassen lustig konnte sie sein, so dalberig, recht gen Haltung, und verbeugte mich etwas, als sie bei mir waren, - wie ein Backfisch. Aber dann ging es rapide mit ihr, sie stand es war gerade vor dem Zimmer der kleinen Hujus, Nummer nicht mehr auf, drei Zimmer von meinem lag sie, und ihre El- achthundzwanzig. Ich glaube, der Geistliche freute sich, daß ich tern kamen, und nun kam denn also der Priester. Er kam, wäh- grüßte; er dankte sehr höflich und nahm seine Kappe ab. Aber rend alles beim Tee war, nachmittags, es war kein Mensch auf zugleich machen sie auch schon halt, und der Ministrantenjunge 82 83, mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt er auf und läßt mußte doch noch eine Menge Kraft haben, so wie sie sich seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und nun stelle dir vor wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man sollte den Priester und male dir meinen Schrecken aus und meine Empfindungen! nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.« In dem Augenblick, wo der Priester den Fuß über die Schwelle »Sie war auch schwach«, erwiderte Joachim. » .Ach, zu er- setzt, geht da drinnen ein Zetermordio an, ein Gekreisch, du zählen gäbe es viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu tref- hast nie so etwas gehört, drei-, viermal hintereinander, und da- fen .Schwach war sie schon, es war nur die Angst, die ihr so- nach ein Schreien ohne Pause und Absatz, aus weit offenem viel Kräfte gab. Sie ängstigte sich eben fürchterlich, weil sie Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer darin und ein Entset- merkte, daß sie sterben sollte. Sie war ja ein junges Mädchen, da zen und Widerspruch, daß es nicht zu beschreiben ist, und so muß man es schließlich entschuldigen. Aber auch Männer füh- ein greuliches Betteln war es auch zwischendurch, und auf einen ren sich manchmal so auf, was natürlich eine unverzeihliche Schlag wird es hohl und dumpf, als ob es in die Erde versunken Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen umzugehen, er wäre und tief aus dem Keller käme.« hat den richtigen Ton in solchen Fällen.« Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt. »Was für einen Ton?« fragte Hans Castorp mit zusammenge- »War das die Hujus?« fragte er aufgebracht. »Und wieso: aus zogenen Brauen. dem Keller?« »»Stellen Sie sich nicht so an!‹ sagt er«, antwortete Joachim. »Sie war unter die Decke gekrochen!« sagte Joachim. »Stelle »Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, - wir wissen es dir meine Empfindungen vor! Der Geistliche stand dicht an der von der Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten Schwelle und sagte beruhigende Worte, ich sehe ihn noch, er half. Es war so einer, der zu guter Letzt eine scheußliche Szene schob immer den Kopf dabei vor und zog ihn dann wieder zu- machte und absolut nicht sterben wollte. Da hat Behrens ihn rück. Der Kreuzträger und der Ministrant standen noch zwi- angefahren: ›Stellen Sie sich gefälligst nicht so an!‹ hat er ge- schen Tür und Angel und konnten nicht eintreten. Und ich sagt, und sofort ist der Patient still geworden und ist ganz ruhig konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer sehen. Es ist ja ein gestorben.« Zimmer wie deins und meins, das Bett steht links von der Tür Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und an der Seitenwand, und am Kopfende standen Leute, die Ange- warf sich gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum Him- hörigen natürlich, die Eltern und redeten auch beschwichtigend mel aufblickte. auf das Bett hinunter, man sah nichts als eine formlose Masse »Na, höre mal, das ist doch stark!« rief er. »Fährt auf ihn los darin, die bettelte und grauenhaft protestierte und mit den Bei- und sagt einfach zu ihm: ›Stellen Sie sich nicht so an!‹ Zu ei- nen strampelte.« nem Sterbenden! Das ist doch stark! Ein Sterbender ist doch ge- »Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?« wissermaßen ehrwürdig. Man kann ihn doch nicht so mir »Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesa- nichts, dir nichts .Ein Sterbender ist doch sozusagen heilig, krament mußte sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und auch sollte ich meinen!« die beiden anderen traten ein, und die Tür wurde zugezogen. »Das will ich nicht leugnen«, sagte Joachim. »Aber wenn er Aber vorher sah ich noch: der Kopf von der Hujus kommt für sich nun doch dermaßen schlapp benimmt ..« eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem hellblonden Haar, »Nein!« beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu und starrt den Priester mit weitaufgerissenen Augen an, so blas- dem Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis sen Augen, ganz ohne Farbe, und fährt mit Ah und Huh wieder stand. »Das lasse ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender et- unters Laken.« was Vornehmeres ist, als irgend so ein Lümmel, der herumgeht »Und das erzählst du mir jetzt erst?« sagte Hans Castorp nach und lacht und Geld verdient und sich den Bauch vollschlägt! einer Pause. »Ich verstehe nicht, daß du nicht schon gestern Das geht nicht -« und seine Stimme schwankte höchst sonder- abend darauf zu sprechen gekommen bist. Aber, mein Gott, sie bar. »Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir nichts -«, 84 85, und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff und ihn Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe. ›Ein Drehor- überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquel- gelmann!‹ dachte er. Und so wunderte er sich nicht über den lenden, leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das ihm die Namen, den er zu hören bekam, als Joachim sich von der Bank Augen schloß und Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte. erhob und in einiger Befangenheit vorstellte: »Mein Vetter Ca- »Pst!« machte Joachim plötzlich. »Sei still!« flüsterte er und storp, - Herr Settembrini.« stieß den haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans Castorp Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, die blickte in Tränen auf. Spuren seiner Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. Aber Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierli- der Italiener bat beide in höflichen Worten, sich nicht in ihrer cher brünetter Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurr- Bequemlichkeit stören zu lassen und nötigte sie auf ihre Plätze bart und in hellkariertem Beinkleid, der, herangekommen, mit zurück, während er selbst in seiner angenehmen Pose vor ihnen Joachim einen Morgengruß tauschte - der seine war präzis und stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und die Vettern, na- wohllautend - und mit gekreuzten Füßen, auf seinen Stock ge- mentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese seine etwas stützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb. spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen Mundwin- kels unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts bog, war von eigentümlicher Wirkung, es hielt gewissermaßen zur Geistesklarheit und Wachsamkeit an Satana und ernüchterte den trunkenen Hans Castorp im Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte: Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig »Die Herren sind aufgeräumt, - mit Grund, mit Grund. Ein und vierzig mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Ge- prächtiger Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne lacht -«, samterscheinung jugendlich wirkte, so war sein Haupthaar doch und er hob mit einem leichten und gelungenen Schwung seines an den Schläfen schon silbrig durchsetzt und weiter oben merk- «Annes die kleine, gelbliche Hand zum Himmel, während er lich gelichtet: zwei kahle Buchten sprangen neben dem schma- zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls dort hinauf- len, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die Stirn. Sein Anzug, sandte. »Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich be- diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein flausartiger, findet.« zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr großen Auf- Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit sei- schlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz zu erheben; ner Lautbildung hätte man allenfalls den Ausländer erkennen auch zeigte sein rund umgebogener Stehkragen sich von häufi- können. Seine Lippen formten die Worte mit einer gewissen ger Wäsche an den Kanten schon etwas aufgerauht, seine Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen. schwarze Krawatte war abgenutzt, und Manschetten trug er of- »Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?« fenbar überhaupt nicht, - Hans Castorp erkannte es an der wandte er sich an Castorp .»Ist man schon im Besitz seines schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk hingen. Urteils? Ich meine: hat die düstere Zeremonie der ersten Unter- Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor sich habe; der suchung schon stattgehabt?« - Hier hätte er schweigen und war- gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine freie, ja schöne ten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu hören; denn er hatte Haltung ließen keinen Zweifel daran. Diese Mischung aber von seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte sich an, zu ant- Schäbigkeit und Anmut, schwarze Augen, dazu der weich ge- worten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: »Ist sie glimpflich schwungene Schnurrbart, erinnerten Hans Castorp sogleich an verlaufen? Aus Ihrer Lachlust -«, und er schwieg einen Augen- gewisse ausländische Musikanten, die zur Weihnachtszeit in den blick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels sich vertiefte, heimischen Höfen aufspielten und mit emporgerichteten Samt- »lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. Wieviel Monate ha- augen ihren Schlapphut hinhielten, damit man ihnen ben unsere Minos und Rhadamanth Ihnen aufgebrummt?« - 86 87, Das Wort »aufgebrummt« nahm sich in seinem Munde beson- ben Sie in Aussicht genommen? Ich frage nicht fein. Aber es ders drollig aus. - »Soll ich schätzen? Sechs? Oder gleich neun? soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man sich zu- Man ist ja nicht knauserig ..« diktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Rhada- Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern such- manth!« te, wer Minos und Rhadamanth doch gleich noch gewesen »Drei Wochen«, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leich- seien. Er antwortete: tigkeit, da er merkte, daß er beneidet wurde. »Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem -« »O dio, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es »Settembrini«, verbesserte der Italiener klar und mit nicht fast etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Schwung, indem er sich humoristisch verneigte. Wochen hierher und reise dann wieder? Wir kennen das Wo- »Herr Settembrini, - Verzeihung. Nein, also Sie irren. Ich bin chenmaß nicht, mein Herr, wenn ich Sie belehren darf. Unsere gar nicht krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir. rechnen im großen Stil, paar Wochen und will mich bei dieser Gelegenheit auch ein das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben noch andere, und bißchen erholen -« sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen, welchen Be- »Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind ge- ruf Sie ausüben im Leben - oder wohl richtiger: aufweichen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine Fes- sund, Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? seln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.« Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen -« »Bitte sehr«, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft. »Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!« rief Settem- »In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! brini. »Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich Ich bin ja rund fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen her- meine eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.« auf -« »Herr Settembrini ist Literat«, sagte Joachim erläuternd und »Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täu- etwas verlegen. »Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für schung«, sagte der Italiener mit einer entscheidenden Handbe- Carducci geschrieben, - Carducci, weißt du.« Und er wurde wegung. »Wir sind tief gesunkene Wesen, nicht wahr, Leut- noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sa- nant«, wandte er sich an Joachim, der sich über diese Anrede gen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso wenig nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte und besonnen wie ich, sollte ich meinen. erwiderte: »Das ist richtig«, sagte der Italiener kopfnickend. »Ich hatte »Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann die Ehre, Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Po- sich schließlich wieder zusammenreißen.« eten und Freidenkers zu erzählen, als es abgeschlossen war. Ich »Ja, Ihnen traue ich's zu; Sie sind ein anständiger Mensch«, kannte ihn, ich darf mich seinen Schüler nennen. In Bologna sagte Settembrini. »So, so, so«, sagte er dreimal mit scharfem S, habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm verdanke ich, was ich an indem er sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalz- Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir sprachen te dann ebensooft mit der Zunge leise am oberen Gau- von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zuse- men. »Sieh, sieh, sieh«, sagte er hierauf, ebenfalls dreimal hends emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so unverwandt als der Vertreter einer ganzen Welt der Arbeit und des prakti- ins Auge blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde Ein- schen Genies!« stellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, »Aber Herr Settembrini - ich bin ja eigentlich noch Student fort: und fange erst an.« »Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Herunterge- »Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit kommenen und wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer ist schwer, die diesen Namen verdient, nicht wahr?« Gesellschaft gönnen. Nun, das ist schön. Und welche Frist ha- 88 89, »Ja, das weiß der Teufel!« sagte Hans Castorp, und es kam verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man nun auch ihm von Herzen. nicht der Stärkste ist .Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber der Settembrini zog rasch die Brauen empor. Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lü- »Sogar den Teufel rufen Sie an«, sagte er, »um das zu bekräf- l',en, wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausge- tigen? Den leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß mein gro- zeichnet bekäme. Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das ßer Lehrer eine Hymne an ihn gerichtet hat?« muß ich sagen. Recht gesund fühle ich mich eigentlich nur, »Erlauben Sie«, sagte Hans Castorp, »an den Teufel?« wenn ich gar nichts tue -« »An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesun- »Zum Beispiel jetzt?« gen, bei festlichen Gelegenheiten. O salute, o Satana, o Ribel- »Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, - etwas ver- lione, o forza vindice della Ragione .Ein herrliches Lied! wirrt, können Sie sich denken.« Aber dieser Teufel war es wohl kaum, den Sie im Sinne hatten, »Ah, - verwirrt.« denn er steht mit der Arbeit auf ausgezeichnetem Fuß. Der, den »Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann Sie meinten und der die Arbeit verabscheut, weil er sie zu war das erste Frühstück zu ausgiebig .Ich bin ja ein ordentli- fürchten hat, ist vermutlich jener andere, von dem es heißt, daß ches Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll -« scheint, zu kompakt für mich, too rich, wie die Engländer sagen. Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. Kurz, ich fühle mich etwas beklommen, und besonders wollte Italienisch verstand er nicht, und das übrige war ihm auch nicht mir heute morgen meine Zigarre nicht schmecken, - denken behaglicher. Es schmeckte nach Sonntagspredigt, obgleich es in Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur, wenn ich ernstlich leichtem und scherzhaftem Plauderton vorgetragen wurde. Er krank bin, - und nun schmeckte sie mir heute wie Leder. Ich sah seinen Vetter an, der die Augen niederschlug, und sagte mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es forcier- dann: te. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann kön- »Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu nen Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäu- genau. Das mit dem Teufel war nur so eine Redewendung von schung das für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders mir, ich versichere Sie!« gern raucht, wie ich ..« »Irgend jemand muß Geist haben«, sagte Settembrini, indem »Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet«, erwiderte Set- er melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder belebend, tembrini, »und befinde mich übrigens mit dieser Unerfahren- erheiternd und anmutig einlenkend fuhr er fort: heit in keiner schlechten Gesellschaft. Eine Reihe von edlen »Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut. daß Sie da einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden Sie bei unserem erwählt haben. Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo huma- Rhadamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres La- nus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen, so aufrichtig siere.« der Respekt ist, den ich ihnen zolle. Aber vorstellen kann ich »Nun, - Laster, Herr Settembrini ..« mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen klaren und schar- »Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft fen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, - ist es bezeichnen. Das verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe nicht so?« Laster.« »Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustim- »Und Hofrath Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender men«, antwortete Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich Mann.« bemühte, ein wenig beredt zu sprechen. »Die Anforderungen »Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft sind kolossal heutzutage, man darf es sich gar nicht so klar ma- gemacht?« chen, wie scharf sie sind, sonst könnte man wahrhaftig den Mut »Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas wie9091, eine Konsultation, aber sine pecunia, wissen Sie. Er sah gleich, war. Sie selbst kann nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht daß ich ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, hier so zu der Welt erblickt haben ..« leben 'wie mein Vetter, viel auf dem Balkon zu liegen, und »Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.« messen soll ich mich auch gleich mit, hat er gesagt.« »Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein we- »Wahrhaftig?« rief Settembrini .»Vorzüglich!« rief er nach nig -«, sagte Settembrini. »Mein Kummer ist, daß ich verurteilt oben in die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. bin, meine Bosheit an so elende Gegenstände zu verschwenden. »Wie heißt es doch in der Oper Ihres Meisters? ›Der Vogelfän- Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Bosheit, Ingenieur? In ger bin ich ja, stets lustig, heisa hopsassa!‹ Kurz, das ist sehr meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe der Vernunft gegen amüsant. Sie werden seinen Rat befolgen? Zweifelsohne. Wie die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit. Bosheit, mein sollten sie nicht. Ein Satanskerl, dieser Rhadamanth! Und wirk- Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den Ursprung lich ›stets lustig‹, wenn auch zuweilen ein wenig gezwungen. Er des Fortschrittes und der Aufklärung.« Und im Nu begann er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt ihm nicht - sonst von Petrarca zu reden, den er den »Vater der Neuzeit« nannte. wäre es übrigens kein Laster -, der Rauchtabak macht ihn »Wir müssen nun aber in die Liegekur«, sagte Joachim be- schwermütig, - weshalb unsere verehrungswürdige Frau Oberin sonnen. die Vorräte in Verwahrung genommen hat und ihm nur kleine Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegun- Tagesrationen zuteilt. Es soll vorkommen, daß er der Versu- gen begleitet. Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebär- chung unterliegt, sie zu bestehlen, und dann verfällt er der de ab, die auf Joachim hinwies, und sagte: Schwermut. Mit einem Wort: eine verworrene Seele. Sie ken- »Unser Leutnant treibt zum Dienst: Gehen wir also. Wir ha- nen auch unsere Oberin schon? Nicht? Aber das ist ein Fehler! -en den gleichen Weg, - ›rechtshin, welcher zu Dis, des Gewal- Sie tun unrecht, sich nicht um ihre Bekanntschaft zu bewerben. -en, Mauern hinanstrebt‹. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er Aus dem Geschlechte derer von Mylendonk, mein Herr! Von ist unübertroffen. Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber der mediceischen Venus unterscheidet sie sich dadurch, daß sie Virgil verfügt über Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ..« dort, wo sich bei der Göttin der Busen befindet, ein Kreuz zu I lud während sie sich auf den Heimweg machten, fing er an, la- tragen pflegt..« teinische Verse in italienischer Aussprache vorzutragen, unter- »Ha, ha, ausgezeichnet!« lachte Hans Castorp. brach sich jedoch, als irgendein junges Mädchen, eine Tochter »Mit Vornamen heißt sie Adriatica.« des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht sonderlich »Auch das noch?« rief Hans Castorp .»Hören Sie, das ist hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein schwere- merkwürdig! Von Mylendonk und dann Adriatica, es klingt, als nöterhaftes Lächeln und Trällern. »T, t, t«, schnalzte er. »Ei, ei, müßte sie längst gestorben sein. Geradezu mittelalterlich mutet ei! La, la la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht es an.« doch, ›es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‹«, zitierte er - »Mein geehrter Herr«, antwortete Settembrini, »hier gibt es Gott wußte, was es war - und sandte dem verlegenen Rücken manches, was ›mittelalterlich anmutet‹, wie Sie sich auszudrük- des Mädchens eine Kußhand nach. ken belieben. Ich für meine Person bin überzeugt, daß unser Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, und Rhadamanth einzig und allein aus künstlerischem Stilgefühl dabei blieb er auch, als Settembrini nach seiner galanten An- dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines Schreckenspalastes wandlung wieder zu medisieren begann. Hauptsächlich hatte er gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, - das wissen Sie nicht? Er es auf Hofrat Behrens abgesehen, stichelte auf den Umfang sei- malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht verboten, nicht wahr, ner Füße und hielt sich bei seinem Titel auf, den er von einem es steht jedem frei .Frau Adriatica sagt es jedem, der es hören an Gehirntuberkulose leidenden Prinzen erhalten habe. Von will, und den andern auch, daß eine Mylendonk Mitte des drei- dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen spreche noch zehnten Jahrhunderts Äbtissin eines Stiftes zu Bonn am Rheine heute die ganze Gegend, aber Rhadamanth habe ein Auge zuge- 9 2 93, drückt, beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren übr i - Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja selbst die gens wüßten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? Ja, er grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter mit e inem und kein anderer. DemVerdienste seine Krone. Früher hätten offensichtlichen, sich mit tei lenden und heiterstimmenden Be- im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem Tale ausge- -agen und schien viel zu klaren und gegenwärtigen Geistes, um harrt. Da habe »unser Humorist« mit unbestechlichem Scharf- sich auch nur ein einziges Mal zu versprechen. blick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als die Frucht eines »Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini«, sagte Hans Ca- Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß, wenigstens so- storp, »so lebhaft, - ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.« weit sein Institut in Frage komme, die sommerliche Kur nicht »Plastisch, wie?« entgegnete der Italiener und fächelte nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders sich mit dem Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. »Das wirksam und geradezu unentbehrl ich sei. Under habe dieses wird das Wort sein, das Sie suchen. Ich habe eine plastische Theorem unter die Leute zu bringen gewußt, habe populäre Ar- Art zu sprechen, wol len Sie sagen. Aber halt!« rief er. »Was tikel darüber verfaßt und sie in die Presse lanciert. Seitdem gehe sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter! Welch einAn- das Geschäft im Sommer so flott wie im Winter. »Genie!« sagte blick!« Settembrini. »In-tu-i-tion!« sagte er. Unddann hechelte er die Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder zu- übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte auf beißende rückgelegt. War es den Reden Settembrinis, dem Gefälle der Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. Da sei Professor Kafka .Straße zu danken, oder hatten sie sich in Wahrhei t weniger weit Alljährlich, zur kritischen Zeit der Schneeschmelze, wennviele vom Sanatorium entfernt, als Hans Castorp geglaubt hatte, - Patienten abzureisen verlangten, finde Professor Kafka sich ge- denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, ist bedeutend zwungen, rasch noch auf acht Tage zu verreisen, wobei er ver- länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen -: jedenfalls spreche, nach seiner Rückkehr die Entlassung vorzunehmen. war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten gegan- Dann aber bleibe er sechs Wochen aus, und die Ärmsten war te- gen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, das dortun- ten, wobei sich, am Rande bemerkt, ihre Rechnungen vergrö- len auf dem freien Platz die Rückseite des Sanatoriums entlang- ßerten. Bis nach Fiume lasse man Kafka kommen , bevor man strebte, voran der Hofrat im weißen Kittel, mi t heraustretendem fünftausend gute Schweizer Franken sichergestellt, worüber Genick und die Hände wie Ruder bewegend, auf seiner Fährte vierzehn Tage vergingen. Einen Tag nach der Ankunft des Cele- Dr. Krokowski im schwarzen Oberhemd und desto selbstbe- brissimo sterbe alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmannbe- wußter um sich blickend, als der klinische Brauch ihn nötigte, treffe, so sage er dem Professor Kafka nach, daß er seine Sprit- sich auf Dienstgängen hinter dem Chef zu halten. zen nicht rein genug halte und den Kranken Mischinfektionen »Ah, Krokowski!« rief Settembrini. »Dort geht er und weiß beibringe. Er fahre auf Gummi , sagte Salzmann, damit seineTo- alle Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feineSymbo- ten ihn nicht hörten, - wogegen wiederum Kafka behaupte, bei lik seiner Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, um anzu- Salzmann werde den Patienten »des Rebstocks erheiternde Ga- deuten, daß sein eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. Dieser be« in solchen Mengen aufgenötigt - nämlich ebenfalls behufs Mann hat in seinem Kopf nur einen Gedanken, und der ist Abrundung ihrer Rechnungen -, daß die Leute wie die Fliegen schmutzig. Ingenieur, wiekommtes, daß wir von ihm noch gar stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber .nicht gesprochen haben! Sie haben seine Bekanntschaft ge - So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und gut- macht?« mütig über diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. Die Hans Castorp bejahte. Suade des Italieners lautete eigentümlich angenehm in ihrerun- »Nun, und? Ich fange an zu vermuten, daß auch er Ihnen ge - bedingten, von jeder Mundar t freien Reinheit und Richtigkeit. fallen hat?« Die Worte kamen prall, nett und wie neugeschaffen von seinen »Ich weiß wirklich nicht, Herr Settembrini. Ich bin ihm nur beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten, bissig behenden erst flüchtig begegnet. Unddann bin ich auch nicht sehr rasch 94 95, von Urteil. Ich sehe mir die Leute an und denke: So bist du al- Gedankenschärfe so? Nun gut.« »Das ist Dumpfsinn!« antwortete der Italiener. »Urteilen Sie! Aber Joachim konnte nur noch behindert und undeutlich ant- Dafür hat die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben. Sie worten. Er hatte aus einem rotledernen, mit Samt gefütterten fanden, ich spräche boshaft; aber wenn ich es tat, so geschah es Etui, das auf seinem Tische lag, ein kleines Thermometer ge- vielleicht nicht ohne pädagogische Absicht. Wir Humanisten nommen und das untere, mit Quecksilber gefüllte Ende in den haben alle eine pädagogische Ader .Meine Herren, der histo- Mund gesteckt. Links unter der Zunge hielt er es, so, daß ihm rische Zusammenhang von Humanismus und Pädagogik be- «las gläserne Instrument schräg aufwärts aus dem Munde her- weist ihren psychologischen. Man soll dem Humanisten das vorragte. Dann machte er Haustoilette, zog Schuhe und eine li- Amt der Erziehung nicht nehmen, - man kann es ihm nicht lewka-artige Joppe an, nahm eine gedruckte Tabelle nebst Blei- nehmen, denn nur bei ihm ist die Überlieferung von der Wür- stift vom Tisch, ferner ein Buch, eine russische Grammatik - de und Schönheit des Menschen. Einst löste er den Priester ab, denn er trieb Russisch, weil er, wie er sagte, dienstlichen Vorteil der sich in trüben und menschenfeindlichen Zeiten die Führung davon erhoffte -, und so ausgerüstet nahm er draußen auf dem der Jugend anmaßen durfte. Seitdem, meine Herren, ist Balkon im Liegestuhl Platz, indem er eine Kamelhaardecke nur schlechterdings kein neuer Erziehertyp mehr entstanden. Das leicht über die Füße warf. humanistische Gymnasium, - nennen Sie mich rückschrittlich, Sie war kaum nötig: schon während der letzten Viertelstunde Ingenieur, aber grundsätzlich, in abstracto, ich bitte, mich wohl war die Wolkenschicht dünner und dünner geworden, und die zu verstehen, bleibe ich sein Anhänger ..« Sonne brach durch, so sommerlich warm und blendend, daß Noch im Lift führte er dies weiter aus und verstummte erst, |oachim seinen Kopf mit einem weißleinenen Schirm schützte, als die Vettern im zweiten Stockwerk den Aufzug verließen. Er der vermittelst einer kleinen, sinnreichen Vorrichtung an der selber fuhr bis zum dritten weiter, wo er, wie Joachim erzählte, Armlehne des Stuhles zu befestigen und dem Stande der Sonne ein kleines Zimmer nach hinten hinaus bewohnte. nach zu verstellen war. Hans Castorp lobte diese Erfindung. Er »Er hat wohl kein Geld?« fragte Hans Castorp, der Joachim wollte das Ergebnis der Messung abwarten und sah unterdessen begleitete. Es sah bei Joachim genau so aus wie drüben bei ihm. zu, wie alles gemacht wurde, betrachtete auch den Pelzsack, der »Nein«, sagte Joachim, »das hat er wohl nicht. Oder doch nur in einem Winkel der Loggia lehnte (Joachim bediente sich sei- gerade so viel, um den Aufenthalt hier bestreiten zu können. ner an kalten Tagen), und blickte, die Ellenbogen auf der Brü- Sein Vater war auch schon Literat, weißt du, und ich glaube, der stung, in den Garten hinab, wo die allgemeine Liegehalle nun Großvater auch.« von lesend, schreibend und plaudernd ausgestreckten Patienten »Ja, dann«, sagte Hans Castorp. »Ist er denn eigentlich ernst- bevölkert war. Übrigens sah man nur einen Teil des Inneren, et- haft krank?« wa fünf Stühle. »Es ist nicht gefährlich, soviel ich weiß, aber hartnäckig und »Aber wie lange dauert denn das?« fragte Hans Castorp und kommt immer wieder. Er hat es schon seit Jahren und war zwi- wandte sich um. Joachim hob seinen Finger empor. schendurch mal fort, mußte aber bald wieder einrücken.« »Die müssen doch um sein - sieben Minuten!« »Armer Kerl! Wo er doch so fürs Arbeiten zu schwärmen Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Ther- scheint. Riesig gesprächig ist er dabei, so leicht kommt er von mometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: einem aufs andere. Mit dem Mädchen war er ja etwas frech, es »Ja, wenn man ihr aufpaßt, der Zeit, dann vergeht sie sehr genierte mich momentan. Aber was er nachher von der mensch- langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich lichen Würde sagte, klang doch famos, ganz wie bei einem gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: eine Festakt. Bist du denn öfter mit ihm zusammen?«, Minute oder gar ganze sieben, - wo man sich hier die sieben Tage der Woche so gräßlich um die Ohren schlägt.« 96 97, »Du sagst ›eigentlich‹. ›Eigentlich‹ kannst du nicht sagen«, um sie messen zu können .warte! Um meßbar zu sein, müßte entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrie- Brüstung, und das Weiße seiner Augen war rot geädert. »Die ben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut sie es nicht, wir Zeit ist doch überhaupt nicht ›eigentlich‹. Wenn sie einem lang nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut, und unse- vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, re Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal ..« so ist sie kurz, aber wie lang oder wie kurz sie in Wirklichkeit »Gut«, sagte Joachim, »dann ist es wohl auch bloß Konven- ist, das weiß doch niemand.« Er war durchaus nicht gewohnt, zu tion, daß ich hier vier Striche zuviel habe auf meinem Thermo- philosophieren und fühlte dennoch den Drang dazu. meter! Aber wegen dieser fünf Striche muß ich mich hier her- Joachim widersprach. umräkeln und kann nicht Dienst machen, das ist eine ekelhafte »Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Tatsache!« Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er »Hast.du 37,5?« für dich und mich und uns alle um.« »Es geht schon wieder herunter.« Und Joachim machte die »Dann paß auf«, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zei- Eintragung in seine Tabelle. »Gestern abend waren es fast 38, gefinger neben seine trüben Augen. »Eine Minute ist also so das machte deine Ankunft. Alle, die Besuch bekommen, haben lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich mißt?« Erhöhung. Aber es ist doch eine Wohltat.« »Eine Minute ist so lang .sie dauert so lange, wie der Se- »Ich gehe ja nun auch«, sagte Hans Castorp. »Ich habe noch kundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.« eine Menge Gedanken über die Zeit im Kopf, - es ist ein ganzer »Aber er braucht ja ganz verschieden lange - für unser Ge- Komplex, kann ich wohl sagen. Aber ich will dich jetzt nicht fühl! Und tatsächlich .ich sage: tatsächlich genommen«, wie- damit aufregen, da du sowieso zuviel Striche hast. Ich werde es derholte Hans Castorp und drückte den Zeigefinger so fest ge- schon alles behalten, und wir können später darauf zurückkom- gen die Nase, daß er ihre Spitze vollständig umbog, »ist das eine men, vielleicht nach dem Frühstück. Wenn es Frühstückszeit ist, Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! rufst du mich wohl. Ich gehe jetzt auch in die Liegekur, es tut ja Wir messen also die Zeit mit dem Raume, aber das ist doch nicht weh, gottlob.« Und damit ging er an der gläsernen Schei- ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, - was dewand vorbei in seine eigene Loge hinüber, wo gleichfalls doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg ein Liegestuhl nebst Tischchen aufgeschlagen war, holte sich nach Davos sind zwanzig Stunden, - ja, mit der Eisenbahn. Ocean steamships« und sein schönes, weiches, dunkelrot und Aber zu Fuß, wie lange ist es da? Und in Gedanken? Keine Se- grün gewürfeltes Plaid aus dem reinlich aufgeräumten Zimmer kunde!« und ließ sich nieder. »Hör mal«, sagte Joachim, »was hast du denn? Ich glaube, es Auch er mußte sehr bald den Schirm aufspannen; sowie man greift dich an hier bei uns?« lüg, wurde der Sonnenbrand unerträglich. Man lag aber ganz »Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Ungewöhnlich bequem, das stellte Hans Castorp sogleich mit Zeit?« fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so ge- Vergnügen fest, - er erinnerte sich nicht, daß ihm je ein so an- waltsam zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde. »Willst du genehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Das Gestell, ein wenig mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren altmodisch in der Form - was aber nur eine Geschmacksspiele- Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. rei war, denn der Stuhl war offenbar neu -, bestand aus rot- Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir das mal braun poliertem Holz, und eine Matratze mit weichem, kattun- eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir artigem Überzug, eigentlich aus drei hohen Polstern zusam- denn etwas messen, wovon wir genaugenommen rein gar mengesetzt, reichte vom Fußende bis über die Rückenlehne nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir hinauf. Außerdem war vermittelst einer Schnur eine weder zu sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit gesticktem Leinen-, Überzug daran befestigt, die von besonders wohltuender Wir- Frage. Leider war keiner da. Aber sie versprach, Kulmbacher kung war. Hans Castorp stützte einen Arm auf die breite, glatte Hier zu bringen und brachte es auch. Es war dick, schwarz, Fläche der Seitenlehne, blinzelte und ruhte, ohne »Ocean braunschaumig und ersetzte den Porter aufs beste. Hans Castorp steamships« zu seiner Unterhaltung in Anspruch zu nehmen. trank durstig davon aus einem hohen Halbliterglase. Er aß kal- Durch die Bögen der Loggia gesehen, wirkte die harte und kar- ten Aufschnitt dazu auf Röstbrot. Wieder war Haferbrei aufge- ge, aber hell besonnte Landschaft draußen gemäldeartig und wie stellt und wieder viel Butter und Obst. Er ließ wenigstens seine eingerahmt. Hans Castorp betrachtete sie gedankenvoll. Plötz- Augen darauf ruhen, da er nicht fähig war, sich davon zuzufüh- lich fiel ihm etwas ein, und er sagte laut in die Stille: ren. Auch betrachtete er die Gästeschaft, - die Massen begannen »Es war ja eine Zwergin, die uns beim ersten Frühstück be- sich für ihn zu teilen; Einzelpersonen traten hervor. diente.« Sein eigener Tisch war komplett, bis auf den oberen Platz »Pst«, machte Joachim. »Leise doch. Ja, eine Zwergin. Und?« ihm gegenüber, welcher, wie er sich belehren ließ, der Doktor- »Nichts. Wir. hatten uns noch gar nicht darüber ausgespro- platz war. Denn die Ärzte, wenn ihre Zeit es irgend erlaubte, chen.« beteiligten sich an den gemeinsamen Mahlzeiten und wechsel- Und dann träumte er weiter. Es war schon zehn Uhr gewe- ten dabei die Tische: an einem jeden war zu oberst ein solcher sen, als er sich niedergelegt hatte. Eine Stunde verging. Es war Doktorplatz freigehalten. Jetzt war keiner von beiden anwe- eine gewöhnliche Stunde, nicht lang, nicht kurz. Als sie verflos- send; man sagte, sie seien bei einer Operation. Wieder kam der sen war, tönte ein Gong durch Haus und Garten, erst fern, dann junge Mann mit dem Schnurrbart herein, senkte einmal das näher, dann wieder fern. Kinn auf die Brust und setzte sich mit sorgenvoll-verschlosse- »Frühstück«, sagte Joachim, und man hörte, daß er aufstand. ner Miene. Wieder saß die Hellblonde, Magere an ihrem Platze Auch Hans Castorp beendete für diesmal die Liegekur und und löffelte Yoghurt, als ob dies ihre einzige Speise wäre. Ne- ging ins Zimmer, um sich ein wenig zurechtzumachen. Die Vet- ben ihr saß diesmal eine kleine, muntere alte Dame, die in rus- tern trafen sich auf dem Korridor und gingen hinunter. Hans sischer Zunge auf den stillen jungen Mann einredete, der sie Castorp sagte: sorgenvoll anblickte und nicht anders als mit Kopfnicken ant- »Nun, es lag sich ja ausgezeichnet. Was sind denn das für wortete, wobei er jenes Gesicht machte, als habe er etwas Stühle? Wenn es die hier zu kaufen gibt, dann nehme ich mir Schlechtschmeckendes im Munde. Ihm gegenüber, an der ande- einen mit nach Hamburg, man liegt ja darauf wie im Himmel. ren Seite der alten Dame, war ein weiteres junges Mädchen pla- Oder meinst du, daß Behrens sie eigens nach seinen Angaben ziert, - hübsch war sie, von blühender Gesichtsfarbe und hoher hat anfertigen lassen?« Brust, mit kastanienbraunem, angenehm wellig geordnetem Joachim wußte es nicht. Sie legten ab und betraten zum Haar, runden braunen, kindlichen Augen und einem kleinen zweiten Male den Speisesaal, wo die Mahlzeit schon wieder in Rubin an ihrer schönen Hand. Sie lachte viel und sprach eben- vollem Gange war. falls Russisch, nur Russisch. Sie hieß Marusja, wie Hans Castorp Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch: an jedem hörte. Ferner bemerkte er beiläufig, daß Joachim mit strengem Platz stand ein großes Glas, wohl ein halber Liter voll. Ausdruck die Augen niederschlug, wenn sie lachte und sprach. »Nein«, sagte Hans Castorp, als er wieder an seinem Tischen- Settembrini erschien durch den Seiteneingang und schritt de zwischen der Nähterin und der Engländerin Platz genom- schnurrbartkräuselnd zu seinem Platze, der am Ende des Tisches men und ergeben seine Serviette entfaltet hatte, obgleich er gelegen war, der schräg vor demjenigen Hans Castorps stand. noch so schwer belastet vom ersten Frühstück war. »Nein«, sag- Seine Tischgenossen brachen in schallendes Lachen aus, als er te er, »Gott steh mir bei, Milch kann ich überhaupt nicht trinken sich niedersetzte; wahrscheinlich hatte er eine Bosheit gesagt. und am wenigsten jetzt. Ist nicht vielleicht Porter da?« Und er Auch die Mitglieder des »Vereins Halbe Lunge« erkannte Hans wandte sich zuerst höflich und zart an die Zwergin mit dieser Castorp wieder. Hermine Kleefeld schob mit dummen Augen 100101, zu ihrem Tische dort drüben vor der einen Verandatür und be- befand, als habe er zwei oder drei Atemzüge von Chloroform grüßte den wulstlippigen Jüngling, der vorhin so unschicklich getan. Daß Dr. Krokowski doch nun beim Frühstück erschien seine Jacke emporgerafft hatte. Die elfenbeinfarbene Levi saß und an seiner Tafel, ihm gegenüber, Platz nahm, bemerkte er neben der fetten und leberfleckigen Iltis unter Unbekannten an nur traumweise, obgleich der Doktor ihn wiederholentlich dem querstehenden Tische rechts von Hans Castorp. scharf ins Auge faßte, während er mit den Damen zu seiner »Da sind deine Nachbarn«, sagte Joachim leise zu seinem Rechten russisch konversierte, - wobei die jungen Mädchen, näm- Vetter, indem er sich vorneigte .Das Paar ging dicht an Hans lich die blühende Marusja sowohl wie auch die magere Yoghurt- Castorp vorbei zu dem letzten Tisch rechts, dem »Schlechten esserin, unterwürfig und schamhaft die Augen vor ihm nieder- Russentisch« also, wo schon eine Familie mit einem häßlichen schlugen. Übrigens hielt Hans Castorp sich redlich, wie sich von Knaben große Haufen Porridge verschlang. Der Mann war selbst versteht, schwieg, da seine Zunge sich widerspenstig zeigte, schmächtig gebaut und hatte graue und hohle Wangen. Er trug lieber still und handhabte Messer und Gabel sogar mit beson- eine braune Lederjoppe und an den Füßen plumpe Filzstiefel derem Anstand. Als sein Vetter ihm zunickte und sich erhob, mit Spangenverschluß. Seine Ehefrau, ebenfalls klein und zier- stand er ebenfalls auf, verneigte sich blind gegen die Tischgenos- lich, in wippendem Federhut, trippelte auf winzigen, hochge- sen und ging bestimmten Schrittes hinter Joachim hinaus. stöckelten Juchtenstiefelchen; eine unsaubere Boa aus Vogel- »Wann ist denn wieder Liegekur?« fragte er, als sie das Haus federn lag um ihren Hals. Hans Castorp betrachtete die beiden verließen. »Das ist das Beste hier, soviel ich sehe. Ich wollte, ich mit einer Rücksichtslosigkeit, die ihm sonst fremd war und die läge schon wieder auf meinem vorzüglichen Stuhl. Gehen wir er selbst als brutal empfand; doch war es eben das Brutale daran, weit spazieren?« das ihm plötzlich ein gewisses Vergnügen verursachte. Seine Augen waren zugleich stumpf und zudringlich. Als in demsel- ben Augenblick die Glastür zur Linken zufiel, schmetternd und Ein Wort zuviel klirrend, wie beim ersten Frühstück, zuckte er nicht zusammen wie heute früh, sondern schnitt nur eine träge Grimasse; und als » Nein«, sagte Joachim, »weit darf ich ja gar nicht gehen. Um die- er den Kopf nach jener Seite wenden wollte, fand er, daß ihm se Zeit gehe ich immer ein bißchen hinunter, durchs Dorf und bis dies allzu schwer falle und daß es die Mühe nicht lohne. So Platz, wenn ich Zeit habe. Man sieht Läden und Leute und kauft kam es, daß er auch diesmal nicht zu der Feststellung gelangte, ein, was man braucht. Man liegt vor Tische noch eine Stunde, wer mit der Tür denn so liederlich umgehe. und dann liegt man wieder bis vier Uhr, sei ganz unbesorgt.« Die Sache war die, daß das Frühstücksbier, sonst nur von mä- Sie gingen im Sonnenschein die Anfahrt hinab und über- ßig benebelnder Wirkung auf seine Natur, den jungen Mann schritten den Wasserlauf und das schmale Geleise, die Bergge- heute vollständig betäubte und lähmte, - es zeitigte Folgen, als stalten der rechten Tallehne vor Augen: das »Kleine Schiahorn«, hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen. Seine Lider wa- die »Grünen Türme« und den »Dorfberg«, die Joachim bei Na- ren wie Blei so schwer, die Zunge gehorchte dem einfachen men nannte. Dort drüben, in einiger Höhe, lag der ummauerte Gedanken nicht recht, als er aus Artigkeit mit der Engländerin Friedhof von Davos-Dorf, - auf diesen ebenfalls wies Joachim zu plaudern versuchte; auch nur die Richtung des Blicks zu ver- mit seinem Stocke hin. Und sie gewannen die Hauptstraße, die, ändern, erforderte große Selbstüberwindung, und hinzu kam, um ein Stockwerk über die Talsohle erhöht, die terrassierte Leh- daß der abscheuliche Gesichtsbrand den gestrigen Grad nun ne entlang führte. wieder vollauf erreicht hatte: seine Wangen schienen ihm ge- Von einem Dorf konnte übrigens nicht gut die Rede sein; je - dunsen vor Hitze, er atmete schwer, sein Herz pochte wie ein denfalls war nichts davon als der Name übrig. Der Kurort hatte umwickelter Hammer, und wenn er unter all dem nicht sonder- es aufgezehrt, indem er sich immerfort gegen den Taleingang lich litt, so war es deshalb, weil sein Kopf sich in einem Zustand hin ausdehnte, und der Teil der gesamten Siedelung, welcher102103, »Dorf« hieß, ging unmerklich und ohne Unterschied in den als indem er beide Hände zum Herzen führte wie ein Verliebter, »Davos Platz« bezeichneten über. Hotels und Pensionen, alle »warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen habe, - es ist so mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen reichlich ver- beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach. Siehst du, sehen, auch kleine Privathäuser, in denen Zimmer zu vermieten man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude waren, lagen zu beiden Seiten; hier und da kamen Neubauten; bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbe- manchmal setzte auch die Bebauung aus, und die Straße ge- wegungen, nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von sel- währte den Blick in die offenen Wiesengründe des Tals .ber klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen auf eigene Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, Hand, das finde ich geradezu unheimlich, versteh mich recht, es geliebten Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, ist ja so, als ob der Körper seine eigenen Wege ginge und kei- und wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere ver- nen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte, gewissermaßen mochte er zu seiner unaussprechlichen Genugtuung hier und da wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist - das gibt etwas von dem ersehnten Aroma zu verspüren: nur selten und es gar nicht -, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt, schwach freilich, - es war eine gewisse nervöse Anstrengung nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, und der Nägel, und auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfä- mir habe sagen lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herr- hig, sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach schen ..« dem Genuß, der sich ihm entweder versagte oder nur spottend »Was sind denn das für Ausdrücke«, sagte Joachim besonnen ahnungsweise von ferne zeigte, und warf die Zigarre endlich er- verweisend. »Ein munterer Betrieb!« Und vielleicht rächte er müdet und angewidert fort. Trotz seiner Benommenheit fühlte sich damit ein wenig für den Verweis, den er heute früh wegen er die Höflichkeitsverpflichtung, Konversation zu machen, und des »Schellenbaums« erhalten. suchte sich zu diesem Zwecke der ausgezeichneten Dinge zu »Aber es ist doch so! Es ist ein sehr munterer Betrieb! Warum erinnern, die er vorhin über die »Zeit« zu sagen gehabt hatte. nimmst du denn Anstoß daran?« fragte Hans Castorp. »Übri- Allein es erwies sich, daß er den ganzen »Komplex« ohne Rest gens erwähnte ich das nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sa- vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten Ge- gen als: es ist unheimlich und quälend, wenn der Körper auf ei- danken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er gene Hand und ohne Zusammenhang mit der Seele lebt und von körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten Herzklop- sonderbar. fen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer Gemüts- »Wann mißt du dich denn wieder?« fragte er. »Nach dem Es- bewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der sen? Ja, das ist gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da Angst, wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, - so geht es muß es sich zeigen. Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte wenigstens mir, ich kann nur von mir reden.« mich ebenfalls messen, das war doch wohl nur Spaß, höre mal, - »|a, ja«, sagte Joachim seufzend, »es ist wohl so ähnlich, wie Settembrini lachte ja aus vollem Halse darüber, es hätte doch abso- wenn man Fieber hat - dabei herrscht auch ein besonders ›mun- lut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht mal ein Thermometer.« terer Betrieb‹ im Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, »Nun«, sagte Joachim, »das wäre das wenigste. Du brauchst und da mag es schon sein, daß man sich unwillkürlich nach ei- dir nur eines zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu ha- ner Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, wodurch der Be- ben, beinahe in jedem Laden.« -eb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt .Aber wir »Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir ge- reden so unangenehmes Zeug«, sagte er mit bebender Stimme fallen, die will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zu- Und brach ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, viel für einen Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber Und zwar ganz so, wie er es gestern abend zuerst bei Joachim euch hier oben. Wenn ich nur wüßte«, fuhr Hans Castorp fort, gesehen hatte. 104105, Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim: Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, - die »Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an Hauptstraße eines internationalen Treffpunktes, das sah man unserem Tisch?« wohl. Flanierende Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zu- Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht. meist, Kavaliere in Sportanzügen und ohne Hut, Damen, eben- »Gott«, sagte er, »sie scheinen mir nicht sehr interessant. An falls ohne Hut und in weißen Röcken. Man hörte Russisch den anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das und Englisch sprechen. Läden mit schmucken Schaufenstern kommt einem vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen Neu- das Haar waschen lassen, es ist so fett. Und diese Mazurka da, gier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang oder wie sie. heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß seine Augen, zu sehen, und verweilte lange vor einem Herren- sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter Ki- modegeschäft, um festzustellen, daß die Auslage durchaus auf chern.« der Höhe sei. Joachim lachte laut über die Namensverdrehung. Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine »›Mazurka‹ ist ausgezeichnet!« rief er. »Marusja heißt sie, Kapelle konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Ten- wenn du erlaubst, - das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich nisplätzen waren Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jüng- zu ausgelassen«, sagte er. »Und dabei hätte sie allen Grund, ge- linge in scharf gebügelten Flanellhosen, auf Gummisohlen und setzter zu sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.« mit entblößten Unterarmen spielten gebräunten und weißge- »Das sollte man nicht denken«, sagte Hans Castorp. »Sie ist kleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in der Sonne so gut im Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht hal- steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft ten.« Und er versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfel- tauschen, fand aber, daß Joachims sonnverbranntes Gesicht eine dern. Die Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem fleckige Färbung zeigte, wie sonnverbrannte Gesichter sie an- Spiele zuzusehen und es zu kritisieren. nehmen, wenn das Blut daraus weicht, und daß sein Mund sich »Du spielst hier wohl nicht?« fragte Hans Castorp. auf ganz eigentümliche Weise verzerrt hatte, — zu einem Aus- »Ich darf ja nicht«, antwortete Joachim. »Wir müssen liegen, druck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten immer liegen .Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von zu wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, ihm. - Es sind Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbote- wobei er Marusja und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu ver- nerweise. Übrigens spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, - mehr gessen suchte, was ihm auch völlig gelang. des Kostüms wegen .Und was das Verbotensein betrifft, da Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robin- gibt es noch mehr Verbotenes, was hier gespielt wird, Poker, son. Die Nähterin war keine Nähterin, sondern Lehrerin an ei- verstehst du, und in dem und jenem Hotel auch petits chevaux, ner staatlichen höheren Töchterschule in Königsberg, und dies hei uns steht Ausweisung darauf, es soll das Allerschädlichste war der Grund, weshalb sie sich so richtig ausdrückte. Sie hieß sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle hinun- Fräulein Engelhart. Was die muntere alte Dame betraf, so wußte ter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er auch schon hier hat, soll es auch immer getan haben.« oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt essen- Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, den jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er lebte. Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumen- übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in fal- kohl, Leo Blumenkohl aus Odessa, - mit dem Schnurrbart und schem Takte zu der Musik, was er dumpf als quälend empfand. der sorgenvoll verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit begann hier oben .er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte. 106107, Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter Miene zuhörte. Ihre stolperte sogar ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte magere Großnichte aß endlich etwas anderes als Yoghurt, näm- wehmütig darüber, indem er den Kopf schüttelte. Der Hinken- lich die seimige Crême d'orge, welche die Saaltöchter in Tellern de fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. Sie trennten sich vor serviert hatten; doch nahm sie nur wenige Löffel davon und Nummer vierunddreißig mit einem kurzen »Auf Wiedersehen«. ließ sie stehen. Die hübsche Marusja stopfte ihr Taschentüch- Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon hin- lein, das ein Apfelsinenparfüm ausströmte, in den Mund, um ihr aus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen Kichern zu ersticken. Miß Robinson las dieselben rundlich ge- ließ und, ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern, schriebenen Briefe, die sie schon heute morgen gelesen hatte. in einen schweren, von dem raschen Schlag seines Herzens Offenbar konnte sie kein Wort deutsch und wollte es auch nicht peinlich belebten Halbschlummer sank. können. Joachim sagte in ritterlicher Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, was sie einsilbig kauend beantwortete, um dann ins Schweigen zurückzukehren. Was Frau Stöhr in ih- Natürlich, ein Frauenzimmer rer schottischen Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag untersucht worden und berichtete darüber, indem sie sich auf Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt ge- ungebildete Weise zierte und die Oberlippe von ihren Hasen- kommen war, ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht unmit- zähnen zurückzog. Rechts oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, telbar zur Mahlzeit, es mahnte nur, sich bereit zu machen, wie außerdem klinge es unter der linken Achsel noch sehr verkürzt, Hans Castorp wußte, und so blieb er noch liegen, bis das metal- und fünf Monate, habe »der Alte« gesagt, müsse sie noch blei- lische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und sich entfernte. ben. In ihrer Unbildung nannte sie Hofrat Behrens »den Alten«. Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen, wollte Übrigens zeigte sie sich empört darüber, daß der »Alte« heute Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim es nicht nicht an ihrem Tische sitze. Der »Tournee« zufolge (sie meinte mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. Wie man denn wohl »Turnus«) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, wäh- vorwärtskommen wolle und gesund. werden, um Dienst ma- rend »der Alte« schon wieder am Nebentische links sitze - chen zu können, sagte er, wenn man sogar zu schlapp sei, um (wirklich saß Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen die Essenszeit einzuhalten. Da hatte er natürlich recht, und Hans Hände vor seinem Teller). Aber freilich, dort habe ja die dicke Castorp konnte lediglich darauf hinweisen, daß er ja nicht Frau Salomon aus Amsterdam ihren Platz, die jeden Wochentag krank, dafür aber im höchsten Grad schläfrig sei. Er wusch sich dekolletiert zum Essen komme, und daran finde »der Alte« of- nur rasch die Hände; dann gingen sie in den Saal hinunter, zum fenbar Gefallen, obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht begreifen drittenmal. könne, denn bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel von Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch Frau Salomon. Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß die Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, gestern abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle - der und bald saßen sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie nämlich, die sich auf dem Dache befinde - das Licht ausgelöscht davon aufgestanden. Dies war wenigstens Hans Castorps Ein- worden sei, und zwar zu Zwecken, die Frau Stöhr als »durch- druck, - ein rein träumerischer und vernunftwidriger Eindruck sichtig« bezeichnete. »Der Alte« habe es gemerkt und so gewet- natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich jedoch einen Au- tert, daß es in der ganzen Anstalt zu hören gewesen sei. Aber genblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein gewis- den Schuldigen habe er natürlich wieder nicht ausfindig ge- ses Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit suchte macht, während man doch nicht auf der Universität studiert zu er ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge vollkom- haben brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Haupt- mener Täuschung. Die muntere alte Dame redete wieder in ih- mann Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damenge- rer verwischten Sprache auf den ihr schräg gegenübersitzenden sellschaft überhaupt nie dunkel genug sein könne, - ein Mensch108109, ohne all und jede Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und der Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die Augen zu wi- seinem Wesen nach einfach ein Raubtier, - ja, ein Raubtier, schen, - man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß wiederholte Frau Stöhr mit erstickter Stimme, indem ihr auf oder Tränen. Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In welchen Bezie- Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen hungen Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm ste- Mahlzeit und erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit he, das wisse ja Dorf und Platz, - man könne wohl kaum noch sein Befinden dies zuließ. Erstens fiel wieder die Glastür zu, - von geheimnisvollen Beziehungen sprechen. Denn nicht genug, es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und sagte dann daß der Hauptmann zuweilen schon morgens zu der General- in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er unbedingt diesmal den konsulin aufs Zimmer komme, wenn diese noch im Bett liege, Eiter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur, er sagte es auch worauf er dann ihrer ganzen Toilette beiwohne, sondern am mit den Lippen, so ernst war es ihm. »Ich muß es wissen!« flü- vorigen Dienstag habe er das Zimmer der Wurmbrand über- sterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, so daß Miß haupt erst morgens um vier Uhr verlassen, - die Pflegerin des Robinson sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert anblickten. jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem neulich der Und dabei wandte er den ganzen Oberkörper nach links und riß Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei betroffen seine blutüberfüllten Augen auf. und vor Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß sie sich plötz- Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein lich in dem Zimmer des Staatsanwalts Paravant aus Dortmund junges Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater gesehen habe .Schließlich erging Frau Stöhr sich längere Zeit und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in über eine »kosmische Anstalt«, die sich drunten im Ort befinde, Zöpfen um den Kopf gelegt trug. Hans Castorp sah nur wenig und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, - Joachim blickte starr auf von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie ging ohne Laut, was zu seinen Teller nieder .dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem Gegensatz stand, Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie auch ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen Kop- im höchsten Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerech- fes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür net, bestand es aus nicht weniger als sechs Gängen. Dem Fisch stand, dem »Guten Russentisch« nämlich, wobe i sie die eine folgte ein gediegenes Fleischgericht mit Beilagen, hierauf eine Hand in der Tasche der anliegenden Wolljacke hielt, die andere besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel dann, eine Mehl- aber, das Haar stützend und ordnend, zum Hinterkopf führte. speise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit nicht Hans Castorp blickte auf diese Hand, - er hatte viel Sinn und nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel ward kritische Aufmerksamkeit für Hände und war gewöhnt , auf d ie - zweimal gereicht - und nicht vergebens. Man füllte die Teller sen Körperteil zuerst, wenner neue Bekanntschaften machte, und aß an den sieben Tischen, - ein Löwenappetit herrschte im sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht sonderlich damenhaft, Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl ein Vergnügen die Hand, die das Haar stützte, nicht so gepflegt und veredelt, gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf irgendeine Weise wie Frauenhände in des jungen Hans Castorp gesellschaftlicher unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte. Nicht nur die Munte- Sphäre zu sein pflegten. Ziemlich breit und kurzfingrig, hatte sie ren legten ihn an den Tag, die schwatzten und einander mit etwas Primitives und Kindliches, etwas von der Hand eines Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen und Finsteren, die Schulmädchens; ihre Nägel wußten offenbar nichts vonMani- in den Pausen den Kopf in die Hände stützten und starrten. Ein küre, sie waren schlecht und recht beschnitten, ebenfalls wie bei halbwüchsiger Mensch am Nebentisch links, ein Schuljunge einem Schulmädchen, und an ihren Seiten schien die Haut et- seinen Jahren nach, mit zu kurzen Ärmeln und dicken, kreis- was aufgerauht, fast so, als werde hier das kleine Laster des Fin- runden Brillengläsern, schnitt alles, was er sich auf den Teller gerkauens gepflegt. Übrigens erkannte Hans Castorp dies eher häufte, im voraus zu einem Brei und Gemengsei zusammen; ahnungsweise, als daß er es eigentlich gesehen hätte, die Entfer- dann beugte er sich darüber und schlang, indem er zuweilen mit nung war doch zu bedeutend. Miteinem Kopfnicken begrüßte110111, die Nachzüglerin ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich Glossen. »Der Ärmste!« sagte sie. »Der pfeift bald aus dem letz- setzte, an die Innenseite des Tisches, den Rücken gegen den ten Loch. Schon wieder muß er sich mit dem Blauen Heinrich Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort den Vorsitz hatte, besprechen.« Ganz ohne Überwindung, mit störrisch unwissen- wandte sie, noch immer die Hand am Haar, den Kopf über die der Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung »der Blaue Schulter und überblickte das Publikum, - wobei Hans Castorp Heinrich« über die Lippen, und Hans Castorp empfand ein Ge- flüchtig bemerkte, daß sie breite Backenknochen und schmale misch von Schrecken und Lachreiz, als sie es sagte. Übrigens Augen hatte .Eine vage Erinnerung an irgend etwas und ir- kehrte Dr. Blumenkohl nach wenigen Minuten in der gleichen gendwen berührte ihn leicht und vorübergehend, als er das bescheidenen Haltung zurück, in der er hinausgegangen war, sah .nahm wieder Platz und fuhr fort zu essen. Auch er aß sehr viel, Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und wie- von jedem Gerichte zweimal, stumm und mit sorgenvoll ver- der murmelte er es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehre- schlossener Miene. rin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. Die dürftige alte Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten Jungfer lächelte gerührt. Bedienung - denn die Zwergin besonders war ein sonderbar »Das ist Madame Chauchat«, sagte sie. »Sie ist so lässig. Eine raschfüßiges Wesen - hatte es nur eine gute Stunde gedauert. entzückende Frau.« Und dabei verstärkte sich die flaumige Röte Hans Castorp, schwer atmend, und ohne recht zu wissen, wie er auf Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, - was heraufgekommen war, lag wieder auf dem vorzüglichen Stuhl übrigens immer der Fall war, sobald sie den Mund öffnete. in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war Liegekur bis »Französin?« fragte Hans Castorp streng. zum Tee, - sogar die wichtigste des Tages und streng einzuhal- »Nein, sie ist Russin«, sagte die Engelhart. »Vielleicht ist der ten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die ihn von Mann Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich nicht Joachim trennten, lag er und dämmerte mit pochendem Herzen, sicher.« Indem er Luft durch den Mund holte. Als er sein Taschentuch Ob es der dort sei, fragte Hans Castorp, noch immer gereizt, benutzte, fand er es von Blut gerötet, aber er hatte nicht die und deutete auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich er ja etwas Guten Russentisch. ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu hypochon- O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei drischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine Maria Manci- überhaupt noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt. ni angezündet, und diesmal rauchte er sie zu Ende, mochte sie »Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!« sagte Hans Castorp. nun wie immer schmecken. Schwindelig, beklommen und träu- »Immer läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.« merisch bedachte er, wie sehr sonderbar es ihm hier oben erge- Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteck- he. Zwei- oder dreimal ward seine Brust von innerem Lachen te, als sei sie selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren Frau von Madame Chauchat. — Stöhr in ihrer Unbildung sich bedient hatte. Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl vorübergehend den Saal verließ, - weiter war es nichts. Plötz- lich verstärkte sich der leise angewiderte Ausdruck seines Ge- - Herr Albin sichtes, sorgenvoller als sonst blickte er auf einen Punkt, schob Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem dann mit bescheidener Bewegung seinen Stuhl zurück und ging Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große Unbildung im sich wieder gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und so- vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner Genugtuung gleich war es fast unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, begleitete Liegehalle schien voll besetzt; es herrschte Gespräch mit Geki- sie seinen Weggang mit halb mitleidigen, halb verächtlichen cher dort unten. 1 1 2, »Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stek- kreisch. »Er ist natürlich scharf geladen«, fuhr Herr Albin fort. ken Sie es ein, es geschieht ein Unglück damit!« klagte eine ho- »In dieser Scheibe hier stecken die sechs Patronen, die dreht sich he, schwankende Damenstimme. Und: bei jedem Schuß um ein Loch weiter .Übrigens halte ich mir »Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere das Ding nicht zum Spaß«, sagte er, da er bemerkte, daß die Nerven und bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die Brusttasche Augen!« mischte sich eine zweite darein, - worauf ein blond- gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein auf köpfiger junger Mann, welcher, eine Zigarette im Munde, seit- seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. wärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in frechem Tone erwi- »Durchaus nicht zum Spaß«, wiederholte er und preßte die Lip- derte: pen zusammen. »Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch erlauben, »Wozu denn? Wozu denn?« fragten ahnungsvoll bebende etwas mit meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein Stimmen. »Entsetzlich!« schrie plötzlich eine einzelne, und da besonders scharfes Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blin- nickte Herr Albin. den Zauberer abgekauft... Er konnte es verschlucken, und »Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen«, sagte er. »In der Tat, gleich darauf grub sein Boy es fünfzig Schritte von ihm entfernt dazu halte ich ihn mir«, fuhr er leichthin fort, nachdem er trotz aus dem Boden .Wollen Sie sehen? Es ist viel schärfer als ein der überstandenen Lungenentzündung eine Menge Rauch ein- Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu berühren, und -ezogen und wieder von sich geblasen hatte. »Ich halte ihn in sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie, ich zei- Bereitschaft für den Tag, wo mir dieser Trödel hier zu langwei- ge es Ihnen näher ..« Und Herr Albin stand auf. Ein Ge- lig wird und wo ich die Ehre haben werde, mich ergebenst zu kreisch erhob sich. »Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!« sag- empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach .Ich habe einiges te Herr Albin. »Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz ver- Studium darauf verwandt und bin mit mir im reinen darüber, flixtes Ding. Von einer Durchschlagkraft .Ich hole ihn aus wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem Worte »deichseln« meinem Zimmer.« ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet aus .Der Ansatz »Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!« zeterten mehrere ist mir da nicht recht bequem .Auch ziehe ich es vor, das Be- Stimmen. Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle her- wußtsein an Ort und Stelle auszulöschen, nämlich indem ich vor, um auf sein Zimmer zu gehen, - blutjung und schlenkricht, mir so einen hübschen kleinen Fremdkörper in dieses interes- mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenstreifen neben sante Organ appliziere ..« Und Herr Albin deutete mit dem den Ohren. Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen Blondschädel. »Man muß hier ansetzen« - Herr Albin zog den vernickelten Revolver »Herr Albin«, rief eine Dame hinter ihm drein, »holen Sie wieder aus der Tasche und klopfte mit der Mündung an seine lieber Ihren Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Schläfe -, »hier oberhalb der Schlagader .Sogar ohne Spiegel Sechs Wochen haben Sie mit Lungenentzündung gelegen, und ist es eine glatte Sache ..« nun sitzen Sie hier ohne Überzieher und decken sich nicht ein- mal zu und rauchen Zigaretten! Das heißt Gott versuchen. Herr Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich so- Albin, mein Ehrenwort!« gar ein heftiges Schluchzen mischte. Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach »Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie den wenigen Minuten kehrte er mit dem Revolver zurück. Da Revolver von Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! Herr kreischten sie noch alberner als vorhin, und man hörte, daß Albin, Sie sind jung, Sie werden gesund werden, Sie werden ins mehrere von den Stühlen springen wollten, sich in ihre Decken Leben zurückkehren und sich der allgemeinen Beliebtheit er- verwickelten und stürzten. freuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren Mantel an, legen »Sehen Sie, wie klein und blank er ist«, sagte Herr Albin, Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie Kur! Jagen Sie den »aber wenn ich hier drücke, so beißt er zu ..« Ein neues Ge- Bademeister nicht wieder fort, wenn er kommt, um Sie mit Al- 114115, kohol abzureiben! Lassen Sie das Zigarettenrauchen, Herr Albin, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile der letzteren hören Sie, wir bitten um Ihr Leben, Ihr junges, kostbares Le- geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise ben!« in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, Aber Herr Albin war unerbittlich. wie es sein müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre »Nein, nein«, sagte er, »lassen Sie mich, es ist gut, ich danke ledig war und auf immer die bodenlosen Vorteile der Schande Ihnen. Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, aber genoß, erschreckte den jungen Mann ein Gefühl von wüster Sie werden einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal in die Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch hastigerem Speichen zu fallen. Ich bin im dritten Jahr hier .ich habe es ( lange erregte. satt und spiele nicht mehr mit, - können Sie mir das verargen? Unheilbar, meine Damen, - sehen Sie mich an, wie ich hier sit- ze, bin ich unheilbar, - der Hofrat selbst macht kaum noch eh- Satana macht ehrrührige Vorschläge ren- und schandenhalber ein Hehl daraus. Gönnen Sie mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich aus dieser Tatsache re- Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr war es sultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, wenn es entschieden halb vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand ihn weckte: war, daß man sitzen blieb und nicht mehr gefragt wurde und Dr. Krokowski, der um diese Zeit ohne den Hofrat die Runde nichts mehr zu tun brauchte. Zu diesem glücklichen Zustand bin machte, sprach dort russisch mit dem unmanierlichen Ehepaar, ich nun endgültig wieder gediehen. Ich brauche nichts mehr zu erkundigte sich, wie es schien, nach dem Befinden des Gatten tun, ich komme nicht mehr in Betracht, ich lache über das Gan- und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen. Dann aber setzte er sei- ze. Wollen Sie Schokolade? Bedienen Sie sich! Nein, Sie berau- nen Weg nicht durch die Balkonlogen fort, sondern umging ben mich nicht, ich habe massenweise Schokolade auf meinem Hans Castorps Abteil, indem er sich auf den Korridor zurückbe- Zimmer. Acht Bonbonnieren, fünf Tafeln Gala-Peter und vier gab und durch die Zimmertür bei Joachim eintrat. Daß man Pfund Lindtschokolade habe ich da oben, - das alles haben die solchergestalt einen Bogen um ihn beschrieb und ihn links lie- Damen des Sanatoriums mir während meiner Lungenentzün- gen ließ, empfand Hans Castorp denn doch als etwas verletzend, dung zustellen lassen ..« obgleich ihn nach einem Zusammensein unter vier Augen mit Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin lachte Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte. Freilich, er war eben kurz auf, - es war ein flatternd-abgerissenes Lachen. Dann ward gesund und zählte nicht mit, - denn bei denen hier oben, dach- es still in der Liegehalle, so still, als sei ein Traum oder Spuk te er, lagen die Dinge so, daß derjenige nicht in Betracht kam zerstoben; und sonderbar klangen die gesprochenen Worte im und nicht gefragt wurde, der die Ehre hatte, gesund zu sein, und Schweigen nach. Hans Castorp lauschte ihnen, bis sie völlig er- das ärgerte den jungen Castorp. storben waren, und obwohl ihm unbestimmt schien, als ob Herr Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Albin ein Laffe sei, so konnte er sich doch nicht eines gewissen Minuten verweilt hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem Schulleben I (ans Castorp hörte den Vetter sagen, daß man nun aufstehen entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, denn er und sich zur Vespermahlzeit bereit machen könne. »Schön«, selbst war ja in Untersekunda sitzengeblieben, und er erinnerte sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn sehr vom sich wohl des etwas schimpflichen, aber humoristischen, ange- langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm das nehm verwahrlosten Zustandes, dessen er genossen hatte, als er Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens zum im vierten Quartal das Rennen aufgegeben und »über das Gan- Frösteln neigte, - vielleicht hatte er sich nicht warm genug zu- ze« hatte lachen können. Da seine Betrachtungen dumpf und gedeckt. Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar verworren waren, so ist es schwer, sie zu präzisieren. Hauptsäch- und seine Kleider und traf mit Joachim auf dem Korridor zu- lich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile für sich habe, sammen. 116117, »Hast du diesen Herrn Albin gehört?« fragte er, als sie die Yoghurt löffelte. Außerdem gab es Milch, Tee, Kaffee, Schoko- Treppen hinuntergingen .lade, ja sogar Fleischbrühe, und überall waren die Gäste, die seit »Natürlich«, sagte Joachim. »Der Mensch müßte diszipliniert dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend verbracht hat- werden. Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem Geschwätz ten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten Rosinenku- und regt die Damen so auf, daß er sie um Wochen zurückbringt. chen zu streichen. Eine grobe Insubordination. Aber wer will denn den Denun- Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwie- zianten machen. Und außerdem sind solche Reden ja den mei- back hinein. Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinen- sten als Unterhaltung willkommen.« kuchen betrachtete er genau, doch erzitterte er buchstäblich bei »Hältst du es für möglich«, fragte Hans Castorp, »daß er Ernst dem Gedanken, davon zu essen. Abermals saß er an seinem macht mit seiner ›glatten Sache‹, wie er sich ausdrückt, und sich Platze im Saal mit dem einfältig bunten Gewölbe, den sieben einen Fremdkörper appliziert?« Tischen, - zum viertenmal. Etwas später, um sieben Uhr, saß er »Ach, doch«, antwortete Joachim, »ganz unmöglich ist es zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen. In die nicht. Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang ich kam, hat sich ein Student, der schon lange hier war, nach ei- zu jener Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal - der Weg ner Generaluntersuchung im Walde drüben aufgehängt. Es war war jetzt dicht belebt von Patienten, so daß die Vettern häufig in meinen ersten Tagen noch viel die Rede davon.« zu grüßen hatten - und eine neuerliche Liegekur auf dem Bal- Hans Castorp gähnte erregt. kon, von flüchtigen und gehaltlosen anderthalb Stunden. Hans »Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch«, erklärte er, »das kann Castorp fröstelte heftig dabei. ich nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht bleiben Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß kann, du, daß ich abreisen muß, - würdest du es mir weiter dann zwischen Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe, übelnehmen?« gebackenes und gebratenes Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke »Abreisen? Was fällt dir ein!« rief Joachim. »Unsinn. Wo du von einer Torte, in der alles vorkam: Makronenteig, Buttercre- gerade erst angekommen bist. Wie willst du denn urteilen nach me, Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr guten Käse dem ersten Tage!« auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher »Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wär ich dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte geleert schon lange - lange bei euch hier oben.« hatte, erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett gehöre. In »Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisie- deinem Kopfe rauschte es, seine Augenlider waren wie Blei, sein ren!« sagte Joachim. »Ganz konfus hast du mich heute morgen Herz ging wie eine kleine Pauke, und zu seiner Qual bildete er gemacht.« »ich ein, daß die hübsche Marusja, die, vornüber geneigt, ihr »Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen«, erwiderte Hans Gesicht in der Hand mit dem kleinen Rubin verbarg, über ihn Castorp. »Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht hatte, keinerlei scharf mehr im Kopfe, das ist vorüber .Nun gibt es also Tee.« Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne hörte er Frau »Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von heute Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm als so tolles Zeug morgen.« erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet, ob er noch richtig »In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini höre oder ob Frau Stöhrs Äußerungen sich vielleicht in seinem nicht wieder. Ich kann mich heute an keinem gebildeten Ge- Kopfe zu Unsinn verwandelten. Sie erklärte, daß sie achtund- spräch mehr beteiligen, das sage ich dir im voraus.« zwanzig verschiedene Fischsaucen zu bereiten verstehe, - sie ha- Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser be den Mut, dafür einzustehen, obgleich ihr eigener Mann sie Stunde nur irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank gewarnt habe, davon zu sprechen. »Sprich nicht davon!« habe er wieder ihren blutroten Hagebuttentee, während die Großnichte gesagt. »Niemand wird es dir glauben, und wenn man es glaubt, 118119, so wird man es lächerlich finden!« Und doch wolle sie es heute nur durch Portieren vom Spielzimmer getrennt war, und bilde- einmal sagen und offen bekennen, daß es achtundzwanzig ten dort eine intime Clique. Es waren außer Madame Chauchat: Fischsaucen seien, die sie machen könne. Das schien dem armen ein blondbärtiger, schlaffer Herr mit konkavem Brustkasten und Hans Castorp entsetzlich; er erschrak, griff sich mit der Hand an glotzenden Augäpfeln; ein tief brünettes Mädchen von origi- die Stirn und vergaß vollkommen, einen Bissen Pumpernickel nellem und humoristischem Typus, mit goldenen Ohrringen mit Chester, den er im Munde hatte, fertig zu kauen und hin- und wirrem Wollhaar; ferner Dr. Blumenkohl, der sich ihnen unterzuschlucken. Noch als man vom Tische aufstand; hatte er zugesellt hatte, und noch zwei hängeschultrige Jünglinge. Ma- ihn im Munde. dame Chauchat trug ein blaues Kleid mit weißem Spitzenkra- Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale, gen. Sie saß, als Mittelpunkt ihrer Gruppe, auf dem Sofa hinter die immer zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führ- dem runden Tisch, im Hintergrunde des kleinen Gemaches, das te. Fast alle Gäste nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß Gesicht dem Spielzimmer zugewandt. Hans Castorp, der die um die Stunde nach dem Diner in der Halle und den anliegen- ungezogene Frau nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, den Salons eine Art von Geselligkeit stattfand. Die Mehrzahl dachte bei sich: Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd umher. An ich nicht sagen, an was .Ein langer Mensch von etwa dreißig zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man dem Spiele Jahren und mit gelichtetem Haupthaar spielte an dem kleinen ob; es war Domino an dem einen, Bridge an dem anderen Ti- braunen Pianoforte dreimal hintereinander den Hochzeits- sche, und hier waren es nur junge Leute, die spielten, darunter marsch aus dem »Sommernachtstraum«, und als einige Damen Herr Albin und Hermine Kleefeld. Ferner gab es ein paar unter- ihn darum baten, begann er das melodiöse Stück zum vierten- haltende optische Gegenstände im ersten Salon: einen stereo- mal, nachdem er einer nach der anderen tief und schweigend in skopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man die in seinem die Augen geblickt hatte. Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel einen vene- »Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, In- zianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit er- genieur?« fragte Settembrini, welcher, die Hände in den Hosen- blickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop, an dessen taschen, zwischen den Gästen umhergeschlendert war und nun Linse man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte Handha- vor Hans Castorp hintrat .Noch immer trug er seinen grauen, bung eines Rades, buntfarbige Sterne und Arabesken in zauber- I lausartigen Rock und die hell karierten Beinkleider. Er lächelte hafter Abwechslung vorzugaukeln; eine drehende Trommel bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans Castorp etwas wie endlich, in die man kinematographische Filmstreifen legte und Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch gekräusel- durch deren Öffnungen, wenn man seitlich hineinsah, ein Mül- ten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen Schnurrbar- ler, der sich mit einem Schornsteinfeger prügelte, ein Schulmei- tes. Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde, mit schlaf- ster, einen Knaben züchtigend, ein springender Seiltänzer und - Munde und rotgeäderten Augen an. ein Bauernpärchen im ländlertanz zu beobachten waren. Hans »Ach, Sie sind es«, sagte er, »der Herr vom Morgenspazier- Castorp, die kalten Hände auf den Knien, blickte längere Zeit in gang, den wir bei dieser Bank da oben .beim Wasserlauf.jeden der Apparate. Er verweilte sich auch ein wenig am Natürlich, ich habe Sie sofort wieder erkannt. Wollen Sie glau- Bridgetische, wo der unheilbare Herr Albin mit hängenden ben«, fuhr er fort, obgleich er wohl einsah, daß er es nicht hätte Mundwinkeln und weltmännisch wegwerfenden Bewegungen sagen dürfen, »daß ich Sie damals im ersten Augenblick für ei- die Karten handhabte. In einem Winkel saß Dr. Krokowski, be- nen Drehorgelmann gehalten habe? .Das war natürlich der griffen in frischem und herzlichem Gespräch mit einem Halb- reine Unsinn«, setzte er hinzu, da er sah, daß Settembrinis Blick kreise von Damen, zu welchem Frau Stöhr, Frau Iltis und Fräu- einen kühl forschenden Ausdruck annahm, »- eine furchtbare lein Levi gehörten. Die Inhaber des Guten Russentisches hatten Dummheit, mit einem Wort! Es ist mir sogar vollständig unbe- sich in den anstoßenden kleineren Salon zurückgezogen, der greiflich, wie in aller Welt ich ..« 120121, »Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen«, erwider- Albin mit anhört und obendrein in horizontaler Lage. Denken te Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch einen Au- Sie, mir ist immer, als dürfte ich meinen fünf Sinnen nicht genblick schweigend betrachtet hatte. »Und wie haben Sie also mehr recht trauen, und ich muß sagen, das geniert mich noch Ihren Tag verbracht, - den ersten Ihres Aufenthaltes an diesem mehr, als die Hitze im Gesicht und die kalten Füße. Sagen Sie Lustorte?« mir offen: halten Sie es für möglich, daß Frau Stöhr achtund- »Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig«, antwortete Hans zwanzig Fischsaucen zu machen versteht? Ich meine nicht, ob Castorp. »Vorwiegend auf ›horizontale Art‹, wie Sie es mit Vor- sie sie wirklich machen kann, - das halte ich für ausgeschlos- liebe nennen sollen.« sen -, sondern ob sie es auch nur wirklich vorhin bei Tische be- Settembrini lächelte. »Es mag sein, daß ich mich gelegentlich hauptet hat oder ob es mir nur so vorkam, - nur das möchte ich so ausgedrückt habe«, sagte er. »Nun, und Sie fanden sie kurz- wissen.« weilig, diese Lebensweise?« Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben. »Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen«, erwiderte Wieder hatten seine Augen »sich festgesehen«, waren in eine fi- Hans Castorp. »Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden, wis- xe und blinde Einstellung geraten, und wie heute morgen sagte sen Sie. Ich habe mich durchaus nicht gelangweilt, - dazu ist es er je dreimal, »so, so, so« und »sieh, sieh, sieh«, - spöttisch- doch ein allzu munterer Betrieb bei Ihnen hier oben. Man be- nachdenklich und mit scharfem S-Laut. kommt so viel Neues und Merkwürdiges zu hören und zu se- »Vierundzwanzig sagten Sie?« fragte er dann .hen .Und doch ist mir auch andererseits wieder, als ob ich »Nein, achtundzwanzig!« sagte Hans Castorp. »Achtund- nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier wäre, - ge- zwanzig Fischsaucen! Nicht Saucen im allgemeinen, sondern radezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden wäre, so speziell Fischsaucen, das ist das Ungeheuerliche.« kommt es mir vor.« »Ingenieur!« sagte Settembrini zornig und ermahnend. »Klüger auch?« sagte Settembrini und zog die Brauen hoch. »Nehmen Sie sich zusammen und lassen Sie mich mit diesem »Wollen Sie mir die Frage erlauben: Wie alt sind Sie eigent- liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich weiß nichts davon und will lich?« nichts davon wissen. - Im vierundzwanzigsten, sagten Sie? Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im I Im .gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen unmaß- Augenblick nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter geblichen Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt Ih- Anstrengungen, sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen, nen nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich körperlich und, ließ er sich die Frage wiederholen und sagte dann: wenn mich nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns » .Ich .wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzig- befinden, - wie wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten, sten. Demnächst werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie, ich hier älter zu werden, kurz, wenn Sie noch heute nacht wieder bin müde!« sagte er. »Und Müdigkeit ist noch gar nicht der aufpackten und sich morgen mit den fahrplanmäßigen Schnell- Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie das, wenn man zügen auf- und davonmachten?« träumt und weiß, daß man träumt, und zu erwachen sucht und »Sie meinen, ich sollte abreisen?« fragte Hans Castorp .nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt muß "Wo ich gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will ich ich Fieber haben, anders kann ich es mir gar nicht erklären. denn urteilen nach dem ersten Tage!« Wollen Sie glauben, daß ich bis zu den Knien hinauf kalte Füße Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und habe? Wenn man so sagen darf, denn die Knie sind ja natürlich sah dort Frau Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und nicht mehr die Füße, - entschuldigen Sie, ich bin im höchsten breiten Backenknochen. Woran, dachte er, woran und an wen in Grade konfus, und das ist ja auch am Ende kein Wunder, wenn aller Welt erinnert sie mich nur. Aber sein müder Kopf wußte man schon am frühen Morgen mit dem .mit dem Pneumo- die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu beantworten. thorax angepfiffen wird und nachher die Reden dieses Herrn »Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen122123, hier oben zu akklimatisieren«, fuhr er fort, »das war doch vor- mich nicht alles täuscht. Leutnant, hier haben Sie ihren Vetter!« auszusehen, und deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen, wandte er sich zu Joachim, der eben herantrat. »Führen Sie ihn nur weil ich vielleicht ein paar Tage ein bißchen verwirrt und zu Bette! Er vereinigt Vernunft und Mut, aber heute abend ist er heiß sein werde, da müßte ich mich ja schämen, geradezu feig ein wenig hinfällig.« würde ich mir vorkommen, und außerdem ginge es gegen alle »Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!« beteuerte Hans Vernunft, - nein, sagen Sie selbst ..« Castorp. »Die ›Stumme Schwester‹ ist also nur eine Quecksil- Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulter- bersäule, ganz ohne Bezifferung, - Sie sehen, ich habe es voll- bewegungen, und schien den Italiener bestimmen zu wollen, kommen aufgefaßt!« Aber dann fuhr er doch mit Joachim im seinen Vorschlag in aller Form zurückzunehmen. Lift hinauf, zusammen mit mehreren Patienten, - die Gesellig- »Ich salutiere der Vernunft«, antwortete Settembrini. »Ich sa- keit war beendet für heute, man ging auseinander und suchte lutiere übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen, läßt sich wohl Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur. Hans Ca- hören, es dürfte schwer sein, etwas Triftiges dagegen einzuwen- storp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden des Korridors den. Auch habe ich wirklich schöne Fälle von Akklimatisation mit dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen un- beobachtet. Da war im vorigen Jahre Fräulein Kneifer, Ottilie ter seinen Füßen, aber er empfand es nicht weiter unangenehm. Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter eines höheren Er setzte sich in Joachims großen geblümten Lehnstuhl - ein Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb Jahre hier und hatte solcher Stuhl stand auch in seinem eigenen Zimmer - und zün- sich so vortrefflich eingelebt, daß sie, als ihre Gesundheit voll- dete sich eine Maria Mancini an. Sie schmeckte nach Leim, nach kommen hergestellt war - denn das kommt vor, man wird zu- Kohle und manchem anderen, nur nicht, wie sie sollte; doch weilen gesund hier oben -, daß sie auch dann noch um keinen fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen, während er zusah, wie Preis fort wollte. Sie bat den Hofrat von ganzer Seele, noch Joachirn sich zur Liegekur fertig machte, seine litewka-artige bleiben zu dürfen, sie könne und möge nicht heim, hier sei sie Hausjoppe anlegte, darüber einen älteren Paletot zog und dann zu Hause, hier sei sie glücklich; da aber lebhafter Zudrang und der Nachttischlampe und seinem russischen Übungsbuch herrschte und man ihr Zimmer benötigte, so war ihr Flehen auf den Balkon hinausging, wo er das Lämpchen einschaltete umsonst, und man beharrte darauf, sie als gesund zu entlassen. und auf dem Liegestuhl, das Thermometer im Munde, sich mit Ottilie bekam hohes Fieber, sie ließ ihre Kurve tüchtig anstei- erstaunlicher Gewandtheit in zwei große Kamelhaardecken zu gen. Allein man entlarvte sie, indem man ihr das gebräuchliche wickeln begann, die über den Stuhl gebreitet waren. Hans Ca- Thermometer mit einer ›Stummen Schwester‹ vertauschte - Sie storp sah mit aufrichtiger Bewunderung, wie geschickt er es aus- wissen noch nicht, was das ist, es ist ein Thermometer ohne Be- führte. Er schlug die Decken, eine nach der anderen, zuerst von zifferung, der Arzt kontrolliert es, indem er ein Maß daran legt, links der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von und zeichnet die Kurve dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte unten über die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein 36,9, Ottilie war fieberfrei. Da badete sie im See, - wir schrie- vollkommen ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem ben Anfang Mai damals, wir hatten Nachtfröste, der See war nur Kopf, Schultern und Arme hervorsahen. nicht geradezu eiskalt, er hatte genaugenommen ein paar Grad »Das machst du ja ausgezeichnet«, sagte Hans Castorp. über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies oder »Es ist die Übung«, antwortete Joachim, indem er beim jenes abzubekommen, - allein der Erfolg? Sie war und blieb Sprechen das Thermometer mit den Zähnen festhielt. »Du lernst gesund. Sie schied in Schmerz und Verzweiflung, unzugänglich es auch. Morgen müssen wir uns unbedingt ein paar Decken für den Trostworten ihrer Eltern. ›Was soll ich da unten?‹ rief sie dich besorgen. Du kannst sie unten schon wieder brauchen, und wiederholt. ›Hier ist meine Heimat!‹ Ich weiß nicht, was aus ihr hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders da du ja keinen geworden ist .Aber mir scheint, Sie hören mich nicht, Inge- Pelzsack hast.« nieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf den Beinen zu halten, wenn »Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon«, erklärte124125, Hans Castorp. »Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich. Es wür- und milden Veilchenseife und zog das lange Batisthemd an, das de mir gar zu sonderbar vorkommen. Alles hat seine Grenzen. auf der Brusttasche mit den BuchstabenHCbestickt war. Dann Und irgendwie muß ich ja schließlich auch markieren, daß ich legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen heißen, ver- nur zu Besuch bin bei euch hier oben. Ich sitze hier noch etwas störten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin zurückfal- und rauche meine Zigarre, wie es sich gehört. Sie schmeckt mi- len ließ. serabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das muß mir für heute Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, - allerdings, leider ist es sinken werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine noch nicht mal neun. Aber wenn es halb zehn ist, dann ist es ja Lider, die er vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, - jetzt schon so weit, daß man halbwegs normalerweise zu Bett gehen wollten sie durchaus nicht geschlossen bleiben, sondern öffne- kann.« ten sich unruhig zuckend, sobald er sie senkte. Es war noch Ein Frostschauer überlief ihn, - einer und dann mehrere nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er sich, und dann hatte rasch hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum er wohl tagsüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen ein Tep- Wandthermometer, als gelte es, ihn in flagranti zu ertappen. pich geklopft, - was ja wenig wahrscheinlich und in der Tat Nach Réaumur waren neun Grad im Zimmer. Er faßte die Röh- überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich, daß sein ren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte etwas Ungeord- Herz es war, dessen Schlag er außer sich und weit fort im Freien netes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es doch eine hörte, genau so, als werde dort draußen ein Teppich mit einem Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den Monats- geflochtenen Rohrklopfer bearbeitet. namen komme es an, den man eben schreibe, sondern auf die Es war im Zimmer nicht völlig dunkel geworden; der Schein herrschende Temperatur, und die sei so, daß ihn friere wie einen der Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und bei dem Hund. Aber sein Gesicht brannte. Er setzte sich wieder; stand Paare vom Schlechten Russentisch, fiel durch die offene Bal- nochmals auf, bat murmelnd um Erlaubnis, Joachims Bettdecke kontür herein. Und während Hans Castorp mit blinzelnden Li- nehmen zu dürfen, und breitete sie sich, im Stuhle sitzend, über dern auf dem Rücken lag, erneute sich ihm plötzlich ein Ein- den Unterkörper. So saß er, hitzig und fröstelnd, und quälte sich druck, ein einzelner des Tages, eine Beobachtung, die er mit mit der widerlich schmeckenden Zigarre. Ein großes Elendsge- Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen gesucht hatte. fühl überkam ihn: ihm war, als sei es ihm noch nie im Leben so Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen hatte, schlecht ergangen. »Das ist ja ein Elend!« murmelte er. Dazwi- als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften die Rede schen aber berührte ihn plötzlich ein ganz absonderlich aus- gewesen war, - diese ganz eigentümliche klägliche Verzerrung schweifendes Gefühl der Freude und Hoffnung, und als er es seines Mundes nebst fleckigem Erblassen seiner gebräunten empfunden hatte, saß er nur noch da, um zu warten, ob es nicht Wangen. Hans Castorp verstand und durchschaute, was es be- vielleicht wiederkäme. Es kam aber nicht wieder; nur das Elend deutete, verstand und durchschaute es auf eine so neue, einge- blieb. Und so stand er denn schließlich auf, warf Joachims Dek- hende und intime Art, daß der Rohrklopfer da draußen seine ke aufs Bett zurück, murmelte verzerrten Mundes etwas wie Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der Stärke nach verdop- »Gute Nacht!« und »Erfriere nur nicht!« und »Zum Frühstück pelte und beinahe die Klänge des Abendständchens in »Platz« holst du mich ja wohl wieder« und schwankte über den Korri- übertäubte - denn es war wieder Konzert in jenem Hotel dort dor in sein Zimmer hinüber. Unten; eine symmetrisch gebaute und abgeschmackte Operet- Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus Fröh- tenmelodie klang durch das Dunkel herüber, und Hans Castorp lichkeit. Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte er pfiff sie im Flüstertone mit (man kann ja flüsternd pfeifen), die kleinen Handgriffe und kulturellen Pflichten der Nachttoi- während er mit seinen kalten Füßen unter dem Federdeckbett lette, goß hellrotes Mundwasser aus dem Reiseflakon ins Glas den Takt dazu schlug. und gurgelte diskret, wusch sich die Hände mit seiner guten Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, undI2Ö127, binson durch die Lüfte geflogen kamen und sich ihm rechts und Hans Castorp spürte auch gar keine Neigung dazu. Seit er auf so links auf die Schultern setzten, wie sie im Speisesaal rechts und neuartige und lebhafte Weise verstanden, warum Joachim sich links von Hans Castorp saßen. So ging der Hofrat mit hüpfen- verfärbt hatte, schien die Welt ihm neu, und jenes Gefühl aus- den Tritten davon, wobei er mit einer Serviette hinter die Brille schweifender Freude und Hoffnung berührte ihn wieder in sei- fuhr, um sich die Augen zu wischen, - man wußte nicht, was da nem Innersten. Übrigens wartete er noch auf etwas, ohne sich zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen. recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte, wie die Nachbarn zur Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf dem Rechten und Linken die abendliche Liegekur beendeten und ih- Schulhof, wo er so viele Jahre hindurch die Pausen zwischen re Zimmer aufsuchten, um die horizontale Lage draußen mit den Unterrichtsstunden verbracht, und sei im Begriffe, sich von derjenigen drinnen zu vertauschen, gab er vor sich selbst der Madame Chauchat, die ebenfalls zugegen war, einen Bleistift zu Überzeugung Ausdruck, daß das barbarische Ehepaar Frieden leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten, nur noch halblangen in halten werde. Ich kann ruhig einschlafen, dachte er. Sie werden einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem sie Hans Ca- heute abend Frieden halten, das erwarte ich aufs bestimmteste! storp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte, ihn ihr nach der Aber sie taten es nicht, und Hans Castorp hatte es auch gar nicht Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie ihn ansah, mit ih- aufrichtig gedacht, ja, die Wahrheit zu sagen, hätte er es persön- ren schmalen blaugraugrünen Augen über den breiten Backen- lich und seinerseits nicht einmal verstanden, wenn sie Frieden knochen, da riß er sich gewaltsam aus dem Traum empor, denn gegeben hätten. Trotzdem erging er sich in tonlos hervorgesto- nun hatte er es und wollte es festhalten, wovon und an wen sie ßenen Ausrufen des heftigsten Erstaunens über das, was er hör- ihn eigentlich so lebhaft erinnerte. Eilig brachte er die Erkennt- te. »Unerhört!« rief er ohne Stimme. »Das ist enorm! Wer hätte nis für morgen in Sicherheit, denn er fühlte, daß Schlaf und dergleichen für möglich gehalten?« Und zwischendurch betei- Traum ihn wieder umfingen, und sah sich alsbald in der Lage, ligte er sich wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmack- Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu müssen, der ihm nach- ten Operettenmelodie, die hartnäckig herübertönte. stellte, um Seelenzergliederung mit ihm vorzunehmen, wovor Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die krausen Hans Castorp eine tolle, eine wahrhaft unsinnige Angst emp- Traumbilder, noch krausere als in der ersten Nacht, aus denen er fand. Er floh vor dem Doktor behinderten Fußes an den Glas- des öfteren schreckhaft oder einem wirren Einfall nachjagend wänden vorbei durch die Balkonlogen, sprang mit Gefahr seines emporfuhr. Ihm träumte, er sähe Hofrat Behrens mit krummen Lebens in den Garten hinab, suchte in seiner Not sogar die rot- Knien und steif nach vorn hängenden Armen die Gartenpfade hraune Flaggenstange zu erklettern und erwachte schwitzend in dahinwandeln, indem er seine langen und gleichsam öde anmu- dem Augenblick, als der Verfolger ihn am Hosenbein packte. tenden Schritte einer fernen Marschmusik anpaßte. Als der Hofrat vor Hans Castorp stehenblieb, trug er eine Brille mit Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wie- dicken, kreisrunden Gläsern und faselte Ungereimtes. »Zivilist der eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen natürlich«, sagte er und zog, ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans für ihn gestaltete: Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini Castorps Augenlid mit Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen vom Fleck zu drängen, welcher dastand und lächelte, - fein, Hand herunter. »Ehrsamer Zivilist, wie ich gleich bemerkte. trocken und spöttisch, unter dem vollen, schwarzen Schnurrbart, Aber nicht ohne Talent, gar nicht ohne Talent zur erhöhten All- dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts bog, und dieses gemeinverbrennung! Würde mit den Jährchen nicht geizen, den Lächeln eben war es, was Hans Castorp als Beeinträchtigung flotten Dienstjährchen bei uns hier oben! Na, nun mal hoppla empfand. »Sie stören!« hörte er sich deutlich sagen. »Fort mit die Herren und los mit dem Lustwandel!« rief er, indem er sei- Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann, und Sie stören hier!« ne beiden enormen Zeigefinger in den Mund steckte und so ei- Allein Settembrini ließ sich nicht von der Stelle drängen, und gentümlich wohllautend darauf pfiff, daß von verschiedenen Hans Castorp stand noch, um nachzudenken, was hier zu tun Seiten und in verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Ro- sei, als ihm ganz unverhofft die ausgezeichnete Einsicht zuteil129128, wurde, was eigentlich die Zeit ist: nämlich nichts anderes, als Viertes Kapitel einfach eine Stumme Schwester, eine Quecksilbersäule ganz oh- ne Bezifferung, für diejenigen, welche mogeln wollten, - wor- über er mit dem bestimmten Vorhaben erwachte, seinem Vetter Joachim morgen von diesem Funde Mitteilung zu machen. Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die Notwendiger Einkauf Nacht, und auch Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und Hauptmann Miklosich, welch letzterer Frau Stöhr in seinem Ra- »Jetzt ist euer Sommer zu Ende?« fragte Hans Castorp am drit- chen davontrug und von Staatsanwalt Paravant mit einem Spee- ten Tag ironisch seinen Vetter .re durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene Rolle dabei. Ei- Es war ein schrecklicher Wettersturz. nen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal in dieser Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben ver- Nacht und zwar beide Male genau in derselben Form, - das lebt hatte, war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau leuchtete letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit den sieben Tischen, der Himmel über den lanzenartigen Wipfeltrieben der Fichten, als unter dem größten Geschmetter die Glastür ins Schloß fiel während die Ortschaft im Talgrunde grell in der Hitze schim- und Madame Chauchat hereinkam, im weißen Sweater, die eine merte und das Geläut der Kühe, die umherwandelnd das kurze, Hand in der Tasche, die andere am Hinterkopf. Statt aber zum erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, heiter beschaulich die Guten Russentische zu gehen, bewegte die unerzogene Frau sich Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten Frühstück in ohne Laut auf Hans Castorp zu und reichte ihm schweigend die zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit durchbroche- Hand zum Kusse, - aber nicht den Handrücken reichte sie ihm, nen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet hatte, - Frau sondern das Innere, und Hans Castorp küßte sie in die Hand, in Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, ihre Arme ihre unveredelte, ein wenig breite und kurzfingerige Hand mit waren zu schwammig. Duftigkeit der Kleidung eignete sich nun der aufgerauhten Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn einmal nicht für sie. Auch die Herrenwelt des Sanatoriums hatte wieder von Kopf bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, der schönen Witterung auf verschiedene Weise in ihrem Äuße- das in ihm aufgestiegen war, als er zur Probe sich des Druckes ren Rechnung getragen. Lüsterjacken und leinene Anzüge wa- der Ehre ledig gefühlt und die bodenlosen Vorteile der Schande ren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen hatte elfenbeinfarbene genossen hatte, - dies empfand er nun wieder in seinem Traum, Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, eine Zusammen- nur ungeheuer viel stärker. stellung, die seiner Erscheinung ein vollständig militärisches Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, so hatte er zwar wie- derholt das Vorhaben geäußert, den Anzug zu wechseln. »Teu- fel!« hatte er gesagt, als er nach dem Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, »wie die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden müssen.« Aber trotzdem es ge- wählt ausgedrückt war, hatte er nach wie vor seinen langen Flaus mit den großen Aufschlägen und seine gewürfelten Bein- kleider anbehalten, - wahrscheinlich war das alles, was er an Garderobe besaß. Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu Falle gebracht und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Es war nach der Hauptmahlzeit, und man befand sich seit zwanzig Minuten in130131, der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, häßlich torfbrau- gehen, und im Sommer, nun, das siehst du ja schon, wie es im nes Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und ein Sommer hier manchmal ist. Und dann der Schnee - er bringt Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein er- alles durcheinander. Es schneit im Januar, aber im Mai nicht schreckend, als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, viel weniger, und im August schneit es auch, wie du bemerkst. plötzlich durch das Tal fegte, die Temperatur umstürzte und ein Im ganzen kann man sagen, daß kein Monat vergeht, ohne daß ganz neues Regiment eröffnete. es schneit, das ist ein Satz, an dem man festhalten kann. Kurz, es »Schnee«, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand. gibt Wintertage und Sommertage und Frühlings- und Herbstta- »Was meinst du mit ›Schnee‹?« fragte Hans Castorp darauf. ge, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei »Du willst doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?« uns hier oben.« »Sicher«, antwortete Joachim. »Den Wind, den kennen wir. »Das ist ja eine schöne Konfusion«, sagte Hans Castorp. Er Wenn der kommt, dann gibt es Schlittenbahn.« ging in Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter in »Unsinn!« sagte Hans Castorp. »Wenn mir recht ist, so den Ort hinab, um sich Decken für die Liegekur zu besorgen, schreiben wir Anfang August.« denn es war klar, daß er bei dieser Witterung mit seinem Plaid Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er war nicht auskommen werde. Vorübergehend erwog er sogar, ob er in die Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken setzte nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, nahm dann aber unter wiederholten Gewitterschlägen ein gewaltiges Schneetrei- Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem Gedanken ben ein, - ein Gestöber, so dicht, daß alles in weißen Dampf zurück. gehüllt erschien und man von Ortschaft und Tal fast nichts »Nein, nein«, sagte er, »bleiben wir bei den Decken! Ich wer- mehr erblickte. de unten schon wieder Verwendung für sie haben, und Decken Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung hat man ja überall, es ist weiter nichts so Besonderes oder Auf- ward angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in Be- regendes dabei. Aber so ein Pelzsack ist etwas gar zu Spezielles, nutzung nahm und sich im Kurdienste nicht stören ließ, flüch- versteh mich recht, wenn ich mir einen Pelzsack anschaffe, kä- tete sich Hans Castorp in das Innere seines Zimmers, rückte ei- me ich mir selber vor, als ob ich mich hier häuslich niederlassen nen Stuhl an die erwärmten Röhren und blickte von dort unter wollte und schon gewissermaßen zu euch gehörte .Kurz, ich häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. Am nächsten will nichts weiter sagen, als daß es ja absolut nicht lohnen wür- Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das Außenther- de, für die paar Wochen eigens einen Pelzsack zu kaufen.« mometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee doch fuß- Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in ei- hoch liegengeblieben, so daß eine vollkommene Winterland- nem hübschen, reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels schaft sich vor Hans Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. zwei solche Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein beson- Man hatte die Heizung wieder ausgehen lassen. Die Zimmer- ders langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfar- temperatur betrug sechs Grad über Null. be, und gaben Order, daß sie sofort ins Sanatorium gesandt »Ist jetzt euer Sommer zu Ende?« fragte Hans Castorp seinen werden sollten, ins Internationale Sanatorium »Berghof«, Zim- Vetter mit bitterer Ironie .mertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans Castorp sie »Das kann man nicht sagen«, erwiderte Joachim sachlich. zum erstenmal in Gebrauch nehmen. »Will's Gott, so wird es noch schöne Sommertage geben. Selbst Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, im September ist das noch sehr wohl möglich. Aber die Sache denn sonst bot die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den Ort ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so sehr voneinander ver- hinunterzugehen. Es regnete jetzt, und der Schnee auf den Stra- schieden sind, weißt du, sie vermischen sich sozusagen und hal- ßen hatte sich in spritzenden Eisbrei verwandelt. Auf dem ten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft die Sonne so Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher unter einem Re- stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht beim Spazieren- genschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium 132 133, zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich ersichtlich scher Stilist wie sonst keiner mehr, ein uomo letterato nach in elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten Worten Boccaccios Herzen .Von weither kamen die Gelehrten, um jammerte er über die Kälte, die Nässe, unter der er so bitter litt. sich mit ihm zu besprechen, der eine aus Haparanda, ein anderer Wenn wenigstens geheizt würde! Aber diese elenden Machtha- aus Krakau, sie kamen ausdrücklich nach Padua, unserer Stadt, ber ließen die Heizung ja ausgehen, sobald es zu schneien auf- um ihm Hochachtung zu erweisen, und er empfing sie mit höre, - eine stumpfsinnige Regel, ein Hohn auf alle Vernunft! freundlicher Würde. Auch ein Dichter von Distinktion war er, Und als Hans Castorp einwandte, er denke sich, daß eine mäßi- welcher in seinen Mußestunden Erzählungen in der elegante- ge Zimmertemperatur wohl zu den Kurprinzipien gehöre, - sten toskanischen Prosa verfaßte, - ein Meister des idioma gen- man wolle einer Verwöhnung der Patienten offenbar damit tile«, sagte Settembrini mit äußerstem Genuß, indem er die hei- vorbeugen, da antwortete Settembrini mit dem heftigsten Spott. matlichen Silben langsam auf der Zunge zergehen ließ und den Ei, in der Tat, die Kurprinzipien. Die hehren und unantastbaren Kopf dabei hin und her bewegte. »Sein Gärtchen baute er nach Kurprinzipien! Hans Castorp spreche wahrhaftig in dem richti- dem Beispiele Virgils«, fuhr er fort, »und was er sprach, war ge- gen Tone von ihnen, nämlich in dem der Religiosität und der sund und schön. Aber warm, warm mußte er es haben in sei- Unterwürfigkeit. Nur auffallend - wenn auch in einem durch- nem Stübchen, sonst zitterte er und konnte wohl Tränen vergie- aus erfreulichen Sinne auffallend -, daß gerade diejenigen unter ßen vor Ärger, daß man ihn frieren ließ. Und nun stellen Sie ihnen so unbedingte Verehrung genössen, die mit den ökono- sich vor, Ingenieur, und Sie, Leutnant, was ich, der Sohn meines mischen Interessen der Gewalthaber genau übereinstimmten, - Vaters, an diesem verdammten und barbarischen Orte leiden während man denen gegenüber, bei denen dies weniger zutref- muß, wo der Körper im hohen Sommer vor Kälte zittert und fe, ein Auge zuzudrücken geneigt sei .Und während die Vet- erniedrigende Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es ist tern lachten, kam Settembrini auf seinen verstorbenen Vater zu hart! Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufels- sprechen, im Zusammenhang mit der Wärme, nach der er sich knecht von Hofrat Krokowski« - und Settembrini tat, als müsse sehnte. er sich die Zunge zerbrechen - »Krokowski, dieser schamlose »Mein Vater«, sagte er gedehnt und schwärmerisch, - »er war Beichtvater, der mich haßt, weil meine Menschenwürde mir ein so feiner Mann, - empfindlich am Körper wie an der Seele! verbietet, mich zu seinem pfäffischen Unwesen herzugeben .Wie liebte er im Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, Und an meinem Tische .Welche Gesellschaft, in der ich zu von Herzen liebte er es, stets mußten zwanzig Grad Réaumur speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer darin herrschen, vermöge eines rotglühenden Öfchens, und aus Halle - Magnus ist sein Name - mit einem Schnurrbart, der wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen, wenn der einem Heubündel ähnelt. ›Lassen Sie mich mit der Literatur in schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des Häuschens Ruhe!‹ sagt er. ›Was bietet sie? Schöne Charaktere! Was fang' her eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein linder Man- ich mit schönen Charakteren an! Ich bin ein praktischer Mann, tel um die Schultern, und die Augen füllten sich mit wohligen und schöne Charaktere kommen im Leben fast gar nicht vor.‹ Tränen. Vollgepfropft war das Stübchen mit Büchern und Dies ist die Vorstellung, die er sich von der Literatur gebildet Handschriften, worunter sich große Kostbarkeiten befanden, hat. Schöne Charaktere .o Mutter Gottes! Seine Frau, ihm ge- und zwischen den Geistesschätzen stand er in seinem Schlafrock genüber, sitzt da und verliert Eiweiß, während sie mehr und aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete sich der Li- mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist ein schmutziger Jam- teratur, - zierlich und klein von Person, einen guten Kopf klei- mer ..« ner als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken Büscheln aus Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren Joa- grauem Haar an den Schläfen und einer Nase, so lang und chim und Hans Castorp eines Sinnes über diese Reden: sie fan- fein .Welch ein Romanist, meine Herren! Einer der Ersten den sie wehleidig und unangenehm aufrührerisch, freilich auch seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache wie wenige, ein lateini- unterhaltsam, ja bildend in ihrer kecken und wortscharfen Auf- 134 135, sässigkeit. Hans Castorp lachte gutmütig über das »Heubündel« sich den Anschein geben, da sie offenbar Geist besitzen. Erlau- und auch über die »schönen Charaktere«, oder vielmehr über ben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihren Deduktio- die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini davon sprach. nen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen in wirkli- Dann sagte er: cher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie mich da se- »Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in so hen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und lasse mich einer Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, lieber einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten unbe- - wohin sollte denn das auch führen. An unserem Tisch sitzt kämpft ließe, die mir so bekämpfenswert scheinen wie die von auch so eine Dame .Frau Stöhr, - ich denke mir, daß Sie sie Ihnen entwickelten ..« kennen? Mörderlich ungebildet ist sie, das muß man ja sagen, »Aber, Herr Settembrini ..« und manchmal weiß man nicht recht, wo man hinsehen soll, »Ge-statten Sie mir .Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie sehr über ihre Tempe- wollen sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, daß die ratur und daß sie so schlaff ist, und ist wohl leider gar kein ganz von Ihnen vertretenen Anschauungen nicht ohne weiteres die leichter Fall. Das ist so sonderbar, - krank und dumm -, ich Ihren sind, sondern daß Sie gleichsam nur eine der möglichen weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke, aber mich mutet es und in der Luft schwebenden Anschauungen aufgriffen, um sich ganz eigentümlich an, wenn einer dumm ist und dann auch unverantwortlicherweise einmal darin zu versuchen. So ent- noch krank, wenn das so zusammenkommt, das ist wohl das spricht es Ihrem Alter, welches männlicher Entschlossenheit Trübseligste auf der Welt. Man weiß absolut nicht, was man für noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten Versu- ein Gesicht machen soll, denn einem Kranken möchte man che anstellen mag. Placet experiri«, sagte er, indem er das c von doch Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krank- »placet« weich, nach italienischer Mundart sprach. »Ein guter heit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so Satz. Was mich stutzig macht, ist eben nur die Tatsache, daß Ihr sagen darf. Aber wenn nun immer die Dummheit dazwischen Experiment sich gerade in dieser Richtung bewegt. Ich bezweif- kommt mit ›Fomulus‹ und ›kosmische Anstalt‹ und solchen le, daß hier Zufall waltet. Ich befürchte das Vorhandensein einer Schnitzern, da weiß man wahrhaftig nicht mehr, ob man wei- Neigung, die sich charaktermäßig zu befestigen droht, wenn nen oder lachen soll, es ist ein Dilemma für das menschliche man ihr nicht entgegentritt. Darum fühle ich mich verpflichtet, Gefühl und so kläglich, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich Sie zu korrigieren. Sie äußerten, Krankheit und Dummheit ge- meine, es reimt sich nicht, es paßt nicht zusammen, man ist paart sei das Trübseligste auf der Welt. Ich kann Ihnen das zuge- nicht gewohnt, es sich zusammen vorzustellen. Man denkt, ein ben. Auch mir ist ein geistreicher Kranker lieber als ein dummer Mensch muß gesund und gewöhnlich sein, und schwindsüchtiger Dummkopf. Aber mein Protest beginnt, wenn Krankheit muß den Menschen fein und klug und besonders Sie Krankheit mit Dummheit im Verein gewissermaßen als ei- machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich sa- nen Stilfehler betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Na- ge da wohl mehr, als ich verantworten kann«, schloß er. »Es ist tur und ein Dilemma für das menschliche Gefühl, wie Sie sich aus- nur, weil wir zufällig darauf kamen ..« Und er verwirrte sich. zudrücken beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vorneh- Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg mes und - wie sagten Sie doch - Ehrwürdiges zu halten schei- mit erhobenen Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, nen, daß sie sich mit Dummheit schlechterdings nicht zusammen- als warte er aus Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklich- reimt. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck. Nun denn, nein! Krank- keit hatte er es darauf abgesehen, Hans Castorp erst völlig aus heit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht ehrwürdig, - dem Konzept kommen zu lassen, bevor er antwortete: diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu. Viel- »Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben an leicht rufe ich am sichersten Ihren Abscheu gegen sie wach, den Tag, deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen hätte! Ih- wenn ich Ihnen sage, daß sie betagt und häßlich ist. Sie rührt aus rer Theorie zufolge müßten Sie weniger gesund sein, als Sie abergläubisch zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des 136 137, Menschlichen zum Zerrbild entartet und entwürdigt war, angst- die geistig zu ehren Verirrung - prägen Sie sich das ein! - eine vollen Zeiten, denen Harmonie und Wohlsein als verdächtig Verirrung und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, und teuflisch galten, während Bresthaftigkeit damals einem deren Sie Erwähnung taten, - ich verzichte darauf, mich ihres Freibrief zum Himmelreich gleichkam. Vernunft und Aufklä- Namens zu entsinnen - Frau Stöhr also, ich danke sehr - kurz- rung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche auf der um, diese lächerliche Frau, - nicht ihr Fall ist es, wie mir Seele der Menschheit lagerten, - noch nicht völlig, sie liegen scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Di- noch heute im Kampfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Ar- lemma versetzt. Krank und dumm, - in Gottes Namen, das ist beit, mein Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Eh- die Misere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Er- re und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue ge- barmen und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die Tragik stählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen beginnt, wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der vollends befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und Persönlichkeit zu brechen - oder von vornherein unmöglich zu der Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren machen -, indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist mit Lichte entgegenleiten.« einem zum Leben nicht tauglichen Körper verband. Kennen Sie Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein unglücklicher Dich- das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? lor meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann mit ur- Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und was er nur im- sprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber beständig mer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der Arbeit, ob- gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezoge- gleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte: ner Seele, deren Klagen das Herz zerreißen. Hören Sie dieses!« »Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht.gar die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin nicht plastischer ausdrücken, meine ich.« und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbeküm- »Rückneigung«, setzte Settembrini wieder ein, indem er sei- mert darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden. Sichtlich nen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hin- war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine Aussprache weghob, »geistige Rückneigung in die Anschauungen jener fin- selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu brin- steren, gequälten Zeiten - glauben Sie mir, Ingenieur, das ist gen. Endlich sagte er: Krankheit, - eine sattsam erforschte Krankheit, für welche die »Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzli- Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen aus der Schön- chen Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, heits- und Seelenlehre und einen aus der Politik, - Schulaus- empfinden Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, drücke, die nichts zur Sache tun und deren Sie gern entraten und dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig machte, der mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und ei- Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der Glanz des Ruhmes nes sich aus dem andern ergibt, da man dem Teufel nicht den und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm böse - kleinen Finger reichen darf, ohne daß er die ganze Hand nimmt übrigens ist sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin -, und den ganzen Menschen dazu .da andererseits ein gesun- und er verzweifelte - es ist furchtbar zu sagen -, er verzweifelte des Prinzip immer nur lauter Gesundes zeitigen kann, gleich- an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Inge- viel, welches man nun an den Anfang stelle, - so prägen Sie es nieur. Hier haben Sie Ihr ›Dilemma für das menschliche Ge- sich ein, daß Krankheit, weit entfernt, etwas Vornehmes, etwas fühl‹, - nicht bei jener Frau dort, - ich lehne es ab, mein Ge- allzu Ehrwürdiges zu sein, um mit Dummheit leidlicherweise dächtnis um ihren Namen zu bemühen .Sprechen Sie mir verbunden sein zu dürfen, vielmehr Erniedrigung bedeutet, - ja, nicht von der ›Vergeistigung‹, die durch Krankheit hervorge- eine schmerzliche, die Idee verletzende Erniedrigung des Men- bracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine schen, die man im Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, wie ein 138 139, Körper ohne Seele, und übrigens ist das erstere die seltene Aus- »Gott bewahre!« sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im nahme und das zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, Lift stand. »Das ist wirklich ein Pädagog, - er sagte es ja neulich der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar auf- und sich aufs widerwärtigste emanzipiert. Ein Mensch, der als passen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt, sonst gibt es Kranker lebt, ist nur Körper, das ist das Widermenschliche und ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja, wie er zu spre- Erniedrigende, - er ist in den meisten Fällen nichts Besseres als chen versteht, jedes Wort springt ihm so rund und appetitlich ein Kadaver ..« vom Munde, - ich muß immer an frische Semmeln denken, »Komisch«, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, wenn ich ihm zuhöre.« um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite Joachim lachte. ging. »Etwas ganz Ähnliches hast du doch neulich auch gesagt.« »Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre ent- »So?« sagte Hans Castorp. »Ja, es kann ja wohl sein, daß mir täuscht, zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Leh- was Ähnliches auch schon durch den Kopf ging.« rcn.« Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er: »Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe »Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um die Leh- Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphiloso- ren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern phie vorzutragen, - das ist nicht meines Amtes. Wenn unser In- besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen und rol- genieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat, so len l äß t .so elastisch wie Gummibälle .und daß es ihm gar bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er geistig dilettiert, nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch darauf achtet. daß er nach Art begabter Jugend mit den möglichen Anschau- Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm mit seinen ›schö- ungen vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte junge nen Charakteren‹, aber Settembrini hätte doch sagen sollen, Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon ge- nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, ich verstehe mich ja schrieben steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Er- auch nicht weiter darauf und hatte bis jetzt noch nie einen Lite- ziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche raten gesehen. Aber wenn es nicht auf die schönen Charaktere aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung auf ankommt, so kommt es offenbar auf die schönen Worte an, das immer auszulöschen. Die Herren haben Einkäufe gemacht?« ist mein Eindruck in Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vo- fragte er veränderten, leichten Tones .kabeln gebraucht! Ganz ohne sich zu genieren, Spricht er von »Nein, nichts weiter«, sagte Hans Castorp, »das heißt ..« ›Tugend‹ - ich bitte dich! Mein ganzes Leben lang habe ich das »Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt«, ant- Wort noch nicht in den Mund genommen, und selbst in der wortete Joachim gleichgültig. Schule haben wir immer bloß ›Tapferkeit‹ gesagt, wenn ›virtus‹ »Für die Liegekur .Bei dieser Hundekälte .Ich soll ja im Buche stand. Es zog sich etwas zusammen in mir, das muß mitmachen die paar Wochen«, sagte Hans Castorp lachend und ich sagen. Und dann macht es mich etwas nervös, wenn er so sah zu Boden. schimpft, auf die Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, »Ah, Decken, Liegekur«, sagte Settembrini. »So, so, so. Ei, ei, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Opposi- ei. In der Tat: Placet experiri!« wiederholte er mit italienischer tionsmann, darüber war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt alles Bestehende, und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten, und in kann mir nicht helfen.« der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume ab, »Das sagst du so«, antwortete Joachim bedächtig. »Aber dann um vor Tische die Zeitungen zu lesen, wie er sagte. Die zweite hat er doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht verwahrlost Liegekur schien er schwänzen zu wollen. anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein Mensch, der auf 140141, sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen, und das ge- auch eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte fällt mir an ihm, das hat was Anständiges in meinen Augen.« Hans Castorp lachen, während er mit schmerzendem Rücken »Da hast du recht«, sagte Hans Castorp. »Er hat sogar etwas sich zurückfallen ließ, und Joachim, der nicht gleich verstand, Strenges, - es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil man sich was hier komisch war, sah ihn unsicher an, lachte dann aber - sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das ist gar keine auch. schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß ich immer das »So«, sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenför- Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit, daß ich mir mig, die nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von all der Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas dagegen und Gymnastik im Stuhle lag, »wenn es nun zwanzig Grad Kälte hielte sich irgendwie darüber auf?« hätte, so könnte dir auch nichts passieren.« Und dann ging er »Nein«, sagte Joachim erstaunt besonnen. »Wie könnte das hinter die Glaswand, um sich ebenfalls einzupacken. wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken.« Und dann Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und Pack in die denn ihn fror entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, Liegekur, während Hans Castorp gleich begann, sich für die während er durch die Holzbögen in die sickernde, nieselnde Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, - es war ohne- Nässe dort draußen blickte, die jeden Augenblick auf dem dies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin. Punkte schien, wieder in Schneefall überzugehen. Wie sonder- bar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem überheizten Exkurs über den Zeitsinn Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Übungen mit den Decken, - wahrhaftig, »Ocean steamships« Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zitterte ihm in den Händen, sobald er es vor die Augen führte. zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon, - So überaus gesund war er doch eben auch nicht, - total an- der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der Kunst, sich ämisch, wie Hofrat Behrens gesagt hatte, und deswegen neigte einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder Neuling er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen Empfindungen es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und jedoch wurden aufgewogen durch die große Bequemlichkeit dann die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende ein seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnis- reichliches Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man Platz vollen Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim und begann, die innere um sich zu schlagen: zuerst der Länge ersten Versuche schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, nach bis unter die Achsel, hierauf von unten über die Füße, wo- und die sich wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der bei man sich sitzend bücken und das gefaltete Ende doppelt fas- Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rücken- sen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei der doppelte lehne, der passenden Höhe und Breite der Armstützen oder Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, wenn die auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht Danach beobachtete man genau dasselbe Verfahren bei der äu- humaner gesorgt sein als durch diesen vorzüglichen Liegestuhl. ßeren Decke, - ihre Handhabung war etwas schwieriger, und Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen dar- Hans Castorp, als Stümper und Anfänger, ächzte nicht wenig, über, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm la- indem er, sich bückend und wieder ausstreckend, die Griffe üb- gen, diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der te, die man ihm lehrte. Nur einige wenige Altgediente, sagte Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine Joachim, könnten beide Decken gleichzeitig mit drei sicheren Be- ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig wegungen um sich schleudern, aber das sei eine seltene und ge- von Natur, konnte lange ohne Beschäftigung wohl bestehen neidete Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die von betäu- 142 143, bender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt und ver- und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist scheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, hierauf und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins abermals Ruhe im Stuhl, um sieben das Abendessen, welches, Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Ge- wie überhaupt die Mahlzeiten, gewisse Spannungen und Se- wicht und Solidität, so daß ereignisreiche Jahre viel langsamer henswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man sich freuen vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich konnte, danach ein oder der andere Blick in den stereoskopi- her bläst, und die verfliegen. Was man Langeweile nennt, ist al- schen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und die kine- so eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit matographische Trommel .Hans Castorp hatte den Tageslauf infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei un- bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel gesagt wäre, unterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode er- daß er schon »eingelebt«, wie man es nennt, gewesen sei. schreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit Sicheinleben an fremdem Orte, dieser — sei es auch — mühseli- würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und un- gen Anpassung und Umgewöhnung, welcher man sich beinahe versehens verflogen sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht unter- doch ein Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre zieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch bald danach, langsam erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zurückzukehren. abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und Neuge- in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum wöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unse- Zweck der »Erholung«, das heißt: der erneuernden, umwälzen- ren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Ver- den Übung des Organismus, welcher Gefahr lief und schon im langsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensführung unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck sich zu verwöhnen, zu erschlaffen und abzustumpfen. Worauf des Orts- und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit der beruht dann aber diese Erschlaffung und Abstumpfung bei zu Abwechslung und der Episode. Die ersten Tage an einem neuen langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so sehr körperlich- Aufenthalt haben jugendlichen, das heißt starken und breiten geistige Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen Gang, - es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem Maße, wie des Lebens, worauf sie beruht (denn für diese wäre ja einfache man »sich einlebt«, macht sich allmähliche Verkürzung bemerk- Ruhe das wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas bar: wer am Leben hängt oder, besser gesagt, sich ans Leben Seelisches, es ist das Erlebnis der Zeit, - welches bei ununter- hängen möchte, mag mit Grauen gewahren, wie die Tage wie- brochenem Gleichmaß abhanden zu kommen droht und mit der leicht zu werden und zu huschen beginnen; und die letzte dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und verbunden ist, Woche, etwa von vieren, hat unheimliche Rapidität und Flüch- daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne daß auch das tigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung des Zeitsinnes dann über andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe. Über, das die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man zur Regel zu- Wesen der Langenweile sind vielfach irrige Vorstellungen ver- rückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause breitet. Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit und Neuheit werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und des Gehaltes die Zeit »vertreibe«, das heißt: verkürze, während jugendlich erlebt, aber nur einige wenige: denn in die Regel Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme. Das lebt man sich rascher wieder ein, als in ihre Aufhebung, und ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und Monotonie mögen wenn der Zeitsinn durch Alter schon müde ist oder - ein Zei- zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und »langweilig« chen von ursprünglicher Lebensschwäche - nie stark entwickelt machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon nach vier- 144 145, undzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen, und als sei die Reise der Traum einer Nacht. doch und größerer Zeiteinheiten unterlag er gewissen regelmä- Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil ßigen Abwandlungen, die sich erst nach und nach einfanden, der junge Hans Castorp Ähnliches im Sinne hatte, als er nach die eine zum erstenmal, nachdem die andere sich schon wieder- einigen Tagen zu seinem Vetter sagte (und ihn dabei mit rotge- holt hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von äderten Augen ansah): Dingen und Gesichtern betraf, so hatte Hans Castorp noch auf Schritt und Tritt zu lernen, obenhin Angeschautes genauer zu »Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird zu bemerken und Neues mit jugendlicher Empfänglichkeit in sich Anfang, an einem fremden Ort. Das heißt .Selbstverständlich aufzunehmen. kann keine Rede davon sein, daß ich mich langweile, im Ge- genteil, ich kann wohl sagen, ich amüsiere mich königlich. Aber Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die wenn ich mich umsehe, retrospektiv also, versteh' mich recht, auf den Gängen vor einzelnen Türen standen und auf die gleich kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß wie lange hier am Abend seiner Ankunft sein Auge gefallen war, enthielten oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam und nicht Sauerstoff, - Joachim erklärte es ihm auf Befragen. Reiner gleich verstand, daß ich da war, und du noch sagtest: ›Steige nur Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon, und das bele- aus!‹ - erinnerst du dich? -, das scheint mir eine ganze Ewigkeit. bende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck einer letzten An- Mit Messen und überhaupt mit dem. Verstand hat das ja absolut feuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zugeführt, - sie schlürf- nichts zu tun, es ist eine reine Gefühlssache. Natürlich wäre es ten es durch einen Schlauch. Denn hinter den Türen, vor denen albern, zu sagen: ›Ich glaube schon zwei Monate hier zu sein‹, - Milche Ballons standen, lagen Sterbende oder »moribundi«, wie das wäre ja Nonsens. Sondern ich kann eben nur sagen: »Sehr Hofrat Behrens sagte, als Hans Castorp ihm einmal im ersten lange‹.« Stockwerk begegnete - der Hofrat kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor entlanggerudert, und sie gin- »Ja«, antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, »ich. gen zusammen die Treppe hinauf. habe auch gut davon, ich kann mich gewissermaßen an dir fest- halten, seit du da bist.« Und Hans Castorp lachte darüber, daß »Na, Sie unbeteiligter Zuschauer, Sie!« sagte Behrens. »Was Joachim dies so einfach, ohne Erklärung, sagte. machen Sie denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfenden Blik- ken? Ehrt uns, ehrt uns. Ja, unsere Sommersaison, die hat's in sich, die ist nicht von schlechten Eltern. Habe es mir auch was Er versucht sich in französischer Konversation kosten lassen, um sie ein bißchen zu poussieren. Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen wollen bei uns, - Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die Kennt- Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab' ich gehört? Ach, nis des hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, — drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt ja das Ablegen gar eine Kenntnis, die er in so wenigen Tagen unmöglich gewinnen nicht; na, wie Sie meinen. Aber schade ist es doch, daß Sie den konnte und, wie er sich sagte (und es auch gegen Joachim aus- Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist«, sagte sprach), selbst in drei Wochen leider nicht würde gewinnen er mit scherzhaft unmöglicher Aussprache, »die internationale können; noch auch in bezug auf die Anpassung seines Organis- Hotevoleh da unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im mus an die so sehr eigentümlichen atmosphärischen Verhältnis- Winter, und die müßten Sie sehen, da täten Sie was für Ihre Bil- se bei »denen hier oben«, denn diese Anpassung wurde ihm dung. Zum Kugeln, wenn die Kerls so Sprünge machen auf ih- sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie überhaupt ren Fußbrettern. Und dann die Damen, herrje, die Damen! nicht vonstatten gehen. Bunt wie die Paradiesvögel, sag ich Ihnen, und mächtig ga- Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organi- lant .Nun muß ich aber zu meinem Moribundus«, sagte er, siert, man kam rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn »auf siebenundzwanzig hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch man sich seinem Getriebe einfügte. Im Rahmen der Woche je- die Mitte ab. Fünf Dutzend Fiaskos Oxygen hat er gestern und, heute noch ausgekneipt, der Schlemmer. Aber bis Mittag wird und, sobald die jungen Leute Miene machten, weiterzugehen, er wohl ad penates gehen. Na, lieber Reuter«, sagte er, indem er sich mit hastigen Worten und Blicken, auch einem verzweifel- eintrat, »wie wäre es, wenn wir noch einer den Hals brä- len Lächeln an sie klammerte, so daß sie aus Erbarmen noch bei chen ..« Seine Worte verloren sich hinter der Tür, die er zu- ihr stehenblieben. Sie sprach des langen und breiten von ihrem zog. Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im Hintergrun- Papa, welcher Jurist, und ihrem Cousin, der Arzt sei, - offenbar de des Zimmers auf dem Kissen das wächserne Profil eines jun- um sich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen und ihre Herkunft gen Mannes mit dünnem Kinnbart gesehen, der langsam seine aus gebildeter Gesellschaftsschicht zu bekunden. Was ihren sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte. Pflegling dort hinter der Tür betraf, so war er der Sohn eines Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem Koburger Puppenfabrikanten, Rotbein mit Namen, und neuer- Leben zu sehen bekam, denn seine Eltern sowohl wie der dings habe es sich bei dem jungen Fritz auf den Darm gewor- Großvater waren ja damals gleichsam hinter seinem Rücken ge- fen. Das sei hart für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl storben. Wie würdevoll der Kopf des jungen Mannes mit auf- vorstellen könnten; namentlich wenn man nun einmal aus aka- wärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen hatte! demischem Hause stamme und die Feinfühligkeit der höheren Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewesen Klassen besitze, so sei es hart. Und nicht den Rücken dürfe man war, als er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Castorp, kehren .Neulich, was glaubten die Herren, komme sie von noch ganz vertieft in den flüchtigen Anblick, versuchte unwill- einem kurzen Ausgange zurück, nichts als ein wenig Zahnpulver kürlich, ebenso große, bedeutende und langsame Augen wie der habe sie sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette Moribundus zu machen, während er weiter zur Treppe ging, flitzend, vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, und mit diesen Augen blickte er eine Dame an, die hinter ihm ein derbes Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimi- aus einer Tür getreten war und ihn am Treppenkopf überholte. schen Leckerbissen hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat war. Sie lä- Kräftigung. Aber am nächsten Tage sei er natürlich mehr tot als chelte leise über die Augen, die er machte, stützte dann mit der lebendig gewesen. Er selbst beschleunige sein Ende. Aber das Hand die Flechte an ihrem Hinterkopf und ging vor ihm die werde die Erlösung ja nur für ihn bedeuten, nicht auch für sie - Treppe hinunter, geräuschlos, schmiegsam und etwas vorgescho- Schwester Berta sei übrigens ihr Name, in Wirklichkeit Alfreda benen Kopfes. Schildknecht -, denn sie komme dann eben zu einem anderen Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Tagen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem Stadium, hier und auch später noch lange nicht. Die Tagesordnung war dem oder in einem anderen Sanatorium, das sei die Perspektive, die im ganzen nicht günstig; auch war Hans Castorp ja zurückhal- sich ihr eröffne, und eine andere eröffne sich eben nicht. tenden Wesens, fühlte sich überdies als Gast und »unbeteiligter Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber doch Zuschauer« hier oben, wie Hofrat Behrens gesagt hatte, und ließ auch befriedigend, sollte er denken. sich an Joachims Gespräch und Gesellschaft in der Hauptsache Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, - befriedigend, gern genügen. Die Krankenschwester auf dem Korridor freilich aber sehr schwer. reckte so lange den Hals nach ihnen, bis Joachim, der ihr schon Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern wollten früher manchmal kleine Plaudereien gewährt hatte, seinen Vet- gehen. ter mit ihr bekannt machte. Das Kneiferband hinter dem Ohr, Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, sprach sie nicht nur geziert, sondern geradezu gequält und und so jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte, die machte bei näherer Prüfung den Eindruck, als habe unter der jungen Leute ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewe- Folter der Langenweile ihr Verstand gelitten. Es war sehr sen wäre, ihr nicht noch eine Frist zu gewähren. schwer, wieder von ihr loszukommen, da sie vor der Beendi- »Er schläft!« sagte sie. »Er braucht mich nicht. Da bin ich für gung des Gespräches eine krankhafte Furcht an den Tag legte einige kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ..« Und sie 148 149, »Je le sais, madame«, antwortete Hans Castorp gedämpft. »Et begann über Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, in dem er je le regrette beaucoup.« mit ihr verkehre und der allzu zwanglos sei, um ihrer Herkunft Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen zu entsprechen. Bei weitem gab sie Herrn Dr. Krokowski den waren so groß und schwer, wie er es noch bei keinem Men- Vorzug, - ihn nannte sie seelenvoll. Dann kam sie wieder auf schen gesehen. Ein leiser, welker Duft ging von ihr aus. Es war ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn gab nichts weiter her. ihm sanft und ernst um das Herz. Vergebens rang sie danach, die Vettern noch ein wenig zu fes- »Merci«, sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die son- seln, indem sie plötzlich mit einem Anlauf die Stimme erhob derbar zu der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der ei- und beinahe zu schreien begann, wenn sie gehen wollten, - sie ne Winkel ihres großen Mundes hing tragisch tief hinab. Dann entschlüpften ihr endlich und gingen. Aber die Schwester sah zog sie die Hand unter die Mantille zurück, neigte den Kopf ihnen noch eine Weile mit vorgebeugtem Oberkörper und sau- und machte sich wieder ans Wandern. Hans Castorp aber sagte genden Blicken nach, als wollte sie sie mit den Augen zu sich im Weitergehen: zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer ihrer Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer zurück. »Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit ihr fertig geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit der ganz gut fertig, glaube ich, ich verstehe mich von Natur auf den schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er im Umgang mit ihnen, - meinst du nicht auch? Ich glaube sogar, Garten gesehen hatte und die »Tous-les-deux« genannt wurde. ich komme mit traurigen Menschen im ganzen besser aus, als Es geschah wirklich, daß auch er aus ihrem Munde die trübseli- mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht daran, daß ich ge Formel hörte, die ihr zum Spitznamen geworden war; aber «loch Waise bin und meine Eltern so früh verloren habe, aber da er sich vorbereitet hatte, so bewahrte er gute Haltung dabei wenn die Leute ernst und traurig sind und der Tod im Spiele ist, und konnte nachher zufrieden mit sich sein. Die Vettern trafen das bedrückt mich eigentlich nicht und macht mich nicht verle- sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem ersten Frühstück den -en, sondern ich fühle mich dabei in meinem Element und je- vorgeschriebenen Morgenspaziergang antraten. In ein schwarzes denfalls besser, als wenn es so forsch zugeht, das liegt mir weni- Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen Knien und langen, ruhelos ger. Neulich dachte ich: Es ist doch eine Albernheit von den wandernden Tritten erging sie sich dort, und gegen den schwar- hiesigen Damen, sich dermaßen vor dem Tode zu graulen und zen Schleier, der um ihr silbern durchzogenes Haar geschlungen allem, was damit zusammenhängt, daß man sie ängstlich davor und unter dem Kinn zusammengebunden war, schimmerte bewahren muß und das Viatikum bringt, wenn sie gerade essen. mattweiß ihr alterndes Gesicht mit dem großen, verhärmten Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du nicht ganz gern einen Munde. Joachim, ohne Hut wie gewöhnlich, begrüßte sie durch Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. Ich finde, ein Sarg ist ein Verneigung, und sie dankte langsam, während beim Schauen geradezu schönes Möbel, schon wenn er leer ist, aber wenn je- die Querfalten in ihrer engen Stirn sich vertieften. Sie blieb ste- mand darin liegt, dann ist es direkt feierlich in meinen Augen. hen, da sie ein neues Gesicht bemerkte, und erwartete, leise mit Begräbnisse haben so etwas Erbauliches, - ich habe schon dem Kopf nickend, die Annäherung der jungen Leute; denn of- manchmal gedacht, man sollte, statt in die Kirche, zu einem Be- fenbar hielt sie es für notwendig, zu hören, ob der Fremde von gräbnis gehen, wenn man sich ein bißchen erbauen will. Die ihrem Schicksal wisse, und seine Äußerung darüber entgegen- heute haben gutes schwarzes Zeug an und nehmen die Hüte ab zunehmen. Joachim stellte seinen Vetter vor. Sie reichte dem und sehen auf den Sarg und halten sich ernst und andächtig, Gast aus der Mantille heraus die Hand, eine magere, gelbliche, und niemand darf faule Witze machen, wie sonst im Leben. Das hochgeäderte, mit Ringen geschmückte Hand, und fuhrt fort, habe ich sehr gern, wenn sie endlich mal ein bißchen andächtig ihn nickend anzublicken. Dann kam es: sind. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich nicht hätte »Tous les dé, monsieur«, sagte sie. »Tous les dé, vous sa- Pastor werden sollen, - in gewisser Weise hätte das, glaube ich, vez ..« 151150, nicht schlecht für mich gepaßt .Hoffentlich habe ich keinen auch heute ihre unsaubere Federboa, darunter aber eine grünsei- Fehler im Französischen gemacht bei dem, was ich sagte?« dene Bluse mit Halskrause, trug .Hans Castorp runzelte die »Nein«, sagte Joachim. »›Je le regrette beaucoup‹ war ja so- Brauen, als er der beiden ansichtig wurde, und verfärbte sich, weit ganz richtig.« wozu er hier auffallend neigte. Gleich nach dem zweiten Frühstück begann die Kurmusik auf der Terrasse; allerlei Blech- und Holzbläser fanden sich dort Politisch verdächtig! ein und spielten abwechselnd flott und getragen, fast bis zum Mittagessen. Während des Konzertes war die Liegekur nicht Regelmäßige Abwandlungen des Normaltages fanden sich ein: streng obligatorisch. Zwar genossen einige den Ohrenschmaus zuerst ein Sonntag - und zwar ein Sonntag mit Kurmusik auf auf ihren Balkons, und auch in der Gartenhalle waren drei oder der Terrasse, wie er vierzehntägig erschien, eine Markierung der vier Stühle besetzt; aber die Mehrzahl der Gäste saß an den Doppelwoche also, in deren zweite Hälfte Hans Castorp von kleinen, weißen Tischen auf der gedeckten Plattform, während außen eingetreten war. An einem Dienstag war er gekommen, leichte Lebewelt, der es zu ehrbar scheinen mochte, auf Stühlen und so war es der fünfte Tag, ein Tag von Frühlingscharakter zu sitzen, die steinernen Stufen besetzt hielt, die in den Garten nach jenem abenteuerlichen Wettersturz und Rückfall in den hinunterführten, und dort viel Frohsinn entfaltete: jugendliche Winter, - zart und frisch, mit reinlichen Wolken am hellblauen Kranke beiderlei Geschlechts, von denen Hans Castorp die mei- Himmel und mäßigem Sonnenschein über Hängen und Tal, die sten schon dem Namen nach oder von Ansehen kannte. Hermi- wieder ein ordnungsgemäßes Sommergrün angenommen hat- ne Kleefeld gehörte dazu, sowie Herr Albin, der eine große ge- ten, da der Neuschnee denn doch zu raschem Versickern verur- blümte Schachtel mit Schokolade herumgehen und alle daraus teilt gewesen war. essen ließ, während er selbst nicht aß, sondern mit väterlicher Es war deutlich, daß jedermann sich befliß, den Sonntag zu Miene Zigaretten mit goldenem Mundstück rauchte; ferner der ehren und auszuzeichnen; Verwaltung und Gäste unterstützten wulstlippige Jüngling vom »Verein Halbe Lunge«, Fräulein Le- einander in diesem Bestreben. Gleich zum Morgentee gab es vi, dünn und elfenbeinfarben, wie sie war, ein aschblonder jun- Streuselkuchen, an jedem Platz stand ein Gläschen mit ein paar ger Mann, der auf den Namen Rasmussen hörte und seine Hän- Blumen, wilden Gebirgsnelken und sogar Alpenrosen, welche de nach Art von Flossen aus schlaffen Gelenken in Brusthöhe die Herren sich in das Knopfloch des Aufschlages steckten hängen ließ, Frau Salomon aus Amsterdam, eine rot gekleidete (Staatsanwalt Paravant aus Dortmund hatte sogar einen schwar- Frau von reicher Körperlichkeit, die sich ebenfalls der Jugend zen Schwalbenschwanz mit punktierter Weste angelegt), die beigesellt hatte und in deren bräunlichen Nacken jener lange Damentoiletten trugen das Gepräge festlicher Duftigkeit - Frau Mensch mit gelichtetem Haar, der aus dem »Sommernachts- Chauchat erschien zum Frühstück in einer fließenden Spitzen- traum« spielen konnte und nun, mit den Armen seine spitzen matinee mit offenen Ärmeln, worin sie, während die Glastür Knie umschlingend, hinter ihr saß, unablässig seine trüben Blik- ins Schloß schmetterte, erst einmal Front machte und sich dem ke gerichtet hielt; ein rothaariges Fräulein aus Griechenland, ein Saal gleichsam anmutig präsentierte, bevor sie sich schleichen- anderes unbekannter Herkunft mit dem Gesicht eines Tapirs, den Schrittes zu ihrem Tisch begab, und die sie so ausgezeichnet der gefräßige Junge mit den dicken Brillengläsern, ein weiterer kleidete, daß Hans Castorps Nachbarin, die Lehrerin aus Kö- fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge, der ein Monokel ein- nigsberg, sich ganz begeistert darüber zeigte - und sogar das geklemmt hatte und beim Hüsteln den lang gewachsenen salz- barbarische Ehepaar vom Schlechten Russentisch hatte dem löffelähnlichen Nagel seines kleinen Fingers zum Munde führ- Gottestag Rechnung getragen, indem nämlich der männliche te, ein kapitaler Esel offenbar - und noch andere mehr. Teil seine Lederjoppe mit einer Art von kurzem Gehrock und Dieser Junge mit dem Fingernagel, erzählte Joachim leise, sei die Filzstiefel mit Lederschuhwerk vertauscht hatte, sie freilich nur ganz wenig leidend gewesen, als er gekommen sei, - ohne 152 153, Temperatur, und nur der Vorsicht halber sei er von seinem Va- fel zeigte: er setzte seinen gewaltigen Fuß auf eine höhere Stufe, ter, einem Arzt, heraufgeschickt worden und habe nach des löste die Bänder, ergriff sie nach einer besonderen Praktik mit Hofrats Urteile etwa drei Monate bleiben sollen. Jetzt, nach einer Hand und wußte sie, ohne die andere zu Hilfe zu neh- drei Monaten, habe er 37,8 bis 38 und sei recht krank. Aber er men, mit solcher Fertigkeit kreuzweise einzuhaken, daß alle sich lebe ja auch so unvernünftig, daß er Maulschellen verdiene. wunderten und mehrere umsonst versuchten, es ihm gleichzu- Die Vettern hatten ein Tischchen für sich, etwas abseits von tun. den übrigen, denn Hans Castorp rauchte zu seinem schwarzen Später erschien auch Settembrini auf der Terrasse, - er kam, Bier, das er vom Frühstück mit herausgenommen hatte, und von auf seinen Spazierstock gestützt, aus dem Speisesaal, auch heute Zeit zu Zeit schmeckte ihm seine Zigarre ein wenig. Benom- in seinem Flaus und seinen gelblichen Hosen, mit feiner, ge- men vom Biere und von der Musik, die wie immer bewirkte, weckter und kritischer Miene, sah sich um und näherte sich daß sein Mund sich öffnete und sein Kopf sich auf die Seite dem Tische der Vettern, indem er »Ah, bravo!« sagte und um legte, betrachtete er mit geröteten Augen das sorglose Badele- die Erlaubnis bat, sich zu ihnen setzen zu dürfen. ben ringsumher, wobei das Bewußtsein ihn durchaus nicht stör- te, sondern im Gegenteil dem Ganzen eine erhöhte Merkwür- »Bier, Tabak und Musik«, sagte er. »Da haben wir Ihr Vater- digkeit, einen gewissen geistigen Reiz verlieh, daß alle diese land! Ich sehe, Sie haben Sinn für nationale Stimmung, Inge- Leute in ihrem Inneren von einem schwer aufzuhaltenden Zer- nieur. Sie sind in Ihrem Elemente, das freut mich. Lassen Sie fall ergriffen waren und daß die meisten von ihnen in leichtem mich etwas teilnehmen an der Harmonie Ihres Zustandes!« Fieber standen .Man trank perlende Kunstlimonade an den Hans Castorp nahm seine Züge zusammen, - hatte es schon Tischchen, und auf der Freitreppe wurde photographiert. Andere getan, als er des Italieners nur ansichtig geworden war. Er sagte: tauschten dort Briefmarken, und das rothaarige Fräulein aus »Sie kommen aber spät zum Konzert, Herr Settembrini, es Griechenland zeichnete Herrn Rasmussen auf einem Block, muß ja bald aus sein. Hören Sie nicht gern Musik?« wollte ihm dann aber das Bild nicht zeigen, sondern wandte »Nicht gern auf Kommando«, erwiderte Settembrini. »Nicht sich, mit breiten, weit auseinander stehenden Zähnen lachend, nach dem Wochenkalender. Nicht gern, wenn sie nach Apothe- hin und her, so daß er es lange nicht vermochte, ihr den Block ke riecht und mir von oben herab aus sanitären Gründen zuge- zu entreißen. Hermine Kleefeld saß mit nur halb geöffneten messen wird. Ich halte ein wenig auf meine Freiheit oder doch Augen auf ihrer Stufe und schlug mit einer zusammengerollten auf jenen Rest von Freiheit und Menschenwürde, der unserei- Zeitung den Takt zur Musik, während sie sich von Herrn Albin nem übrigbleibt. Bei solchen Veranstaltungen hospitiere ich, ein Sträußchen Wiesenblumen an ihrer Bluse befestigen ließ, wie Sie im großen bei uns hospitieren, - ich komme auf eine und der Wulstlippige, zu Frau Salomons Füßen sitzend, plauder- Viertelstunde und gehe wieder meiner Wege. Das gibt mir die te gedrehten Halses zu ihr empor, indes der dünnhaarige Pianist Illusion der Unabhängigkeit.Ich sage nicht, daß es mehr ist ihr von hinten unverwandt in den Nacken blickte. als eine Illusion, aber was wollen Sie, wenn sie mir eine gewisse Genugtuung bereitet! Mit Ihrem Vetter, das ist etwas anderes. Die Ärzte kamen und mischten sich unter die Kurgesell- Für ihn ist es Dienst. Nicht wahr, Leutnant, Sie betrachten es als schaft, Hofrat Behrens in weißem und Dr. Krokowski in zum Dienst gehörig. Oh, ich weiß, Sie kennen den Trick, in der schwarzem Kittel. Sie gingen die Reihe der Tischchen entlang, Sklaverei Ihren Stolz zu bewahren. Ein verwirrender Trick. wobei der Hofrat beinahe an jedem ein gemütliches Witzwort Nicht jedermann in Europa versteht sich darauf. Musik? Fragten fallen ließ, so daß ein Kielwasser heiterer Bewegung seinen Sie nicht, ob ich mich als Liebhaber der Musik bekenne? Nun, Weg bezeichnete, und stiegen dann zur Jugend hinab, deren wenn Sie ›Liebhaber‹ sagen (eigentlich entsann Hans Castorp weiblicher Teil sich sofort mit Wippen und schrägen Blicken sich nicht, so gesagt zu haben), der Ausdruck ist nicht übel ge- um Dr. Krokowski scharte, während der Hofrat dem Sonntage wählt, er hat einen Anflug zärtlicher Leichtfertigkeit. Gut denn, zu Ehren der Herrenwelt das Kunststück mit seinem Schnürstie- ich schlage ein. Ja, ich bin ein Liebhaber der Musik, - womit, nicht gesagt sein soll, daß ich sie sonderlich achte, - so etwa, chen. Aber ich finde doch, daß man hier dankbar sein muß für wie ich das Wort achte und liebe, den Träger des Geistes, das ein bißchen Musik. Ich bin gar nicht besonders musikalisch, und Werkzeug, die glänzende Pflugschar des Fortschritts .Mu- dann sind die Stücke, die gespielt werden, ja auch nicht weiter sik ..sie ist das halb Artikulierte, das Zweifelhafte, das Unver- großartig, - weder klassisch noch modern, sondern nur einfach antwortliche, das Indifferente. Vermutlich werden Sie mir ein- Blechmusik. Aber es ist doch eine erfreuliche Abwechslung. Es wenden, daß sie klar sein könne. Aber auch die Natur kann klar füllt ein paar Stunden so anständig aus, ich meine: es teilt sie sein, auch ein Bächlein kann klar sein, und was hilft uns das? Es ein und füllt sie im einzelnen aus, so daß doch etwas daran ist, ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssa- während man sich hier sonst die Stunden und Tage und Wo- gende und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne chen so schauderhaft um die Ohren schlägt .Sehen Sie, so ei- Konsequenzen, gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich ne anspruchslose Konzertnummer dauert vielleicht sieben Mi- bei ihr zu beruhigen .Lassen Sie die Musik die Gebärde der nuten, nicht wahr, und die sind etwas für sich, sie haben Anfang Hochherzigkeit annehmen. Gut! Sie wird damit unser Gefühl und Ende, sie heben sich ab und sind gewissermaßen bewahrt entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die Vernunft zu ent- davor, so unversehens im allgemeinen Schlendrian unterzuge- flammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung selbst, - hen. Außerdem sind sie ja wieder noch vielfach eingeteilt, gleichwohl habe ich sie im Verdachte des Quietismus. Lassen durch die Figuren des Stückes, und die wieder in Takte, so daß Sie mich die Sache auf die Spitze stellen: Ich hege eine politi- immer was los ist und jeder Augenblick einen gewissen Sinn sche Abneigung gegen die Musik.« bekommt, an den man sich halten kann, während sonst .Ich Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu weiß nicht, ob ich mich richtig ..« schlagen und auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem »Bravo!« rief Settembrini. »Bravo, Leutnant! Sie bezeichnen Leben noch nicht gehört. sehr gut ein unzweifelhaft sittliches Moment im Wesen der »Ziehen Sie es trotzdem in Erwägung!« sagte Settembrini lä- Musik, nämlich dieses, daß sie dem Zeitablaufe durch eine ganz chelnd. »Die Musik ist unschätzbar als letztes Begeisterungsmit- eigentümlich lebensvolle Messung Wachheit, Geist und Kost- tel, als aufwärts und vorwärts reißende Macht, wenn sie den barkeit verleiht. Die Musik weckt die Zeit, sie weckt uns zum Geist für ihre Wirkungen vorgebildet findet. Aber die Literatur feinsten Genusse der Zeit, sie weckt .insofern ist sie sittlich. muß ihr vorangegangen sein. Musik allein bringt die Welt nicht Die Kunst ist sittlich, sofern sie weckt. Aber wie, wenn sie das vorwärts. Musik allein ist gefährlich. Für Sie persönlich, Inge- Gegenteil tut? Wenn sie betäubt, einschläfert, der Aktivität und nieur, ist sie unbedingt gefährlich. Ich sah es sofort an Ihren Ge- dem Fortschritt entgegenarbeitet? Auch das kann die Musik, sichtszügen, als ich kam.« auch auf die Wirkung der Opiate versteht sie sich aus dem Hans Castorp lachte. Grunde. Eine teuflische Wirkung, meine Herren! Das Opiat ist »Ach, mein Gesicht dürfen Sie nicht ansehen, Herr Settem- vom Teufel, denn es schafft Dumpfsinn, Beharrung, Untätig- brini. Sie glauben nicht, wie die Luft bei Ihnen hier oben mir keit, knechtischen Stillstand .Es ist etwas Bedenkliches um zusetzt. Es fällt mir schwerer, als ich dachte, mich zu akklimati- die Musik, meine Herren. Ich bleibe dabei, daß sie zweideuti- sieren.« gen Wesens ist. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sie für poli- »Ich fürchte, Sie täuschen sich.« tisch verdächtig erkläre.« »Nein, wieso! Weiß der Teufel, wie müde und heiß ich noch Er sprach noch weiter in dieser Art, und Hans Castorp hörte immer bin.« auch zu, vermochte aber so recht nicht zu folgen, erstens seiner »Ich finde doch, daß man der Direktion für die Konzerte Müdigkeit wegen, und dann auch, weil er abgelenkt war durch dankbar sein muß«, sagte Joachim besonnen. »Sie betrachten die die geselligen Vorgänge unter der leichten Jugend dort auf den Sache ja von einem höheren Standpunkt, Herr Settembrini, so- Stufen. Sah er recht oder wie war das eigentlich? Das Fräulein zusagen als Schriftsteller, und da will ich Ihnen nicht widerspre- mit dem Tapirgesicht war beschäftigt, dem Jungen mit dem 156 157, lichkeit, nach der er eine Weile gesucht hatte und die ihm im Monokel einen Knopf an den Kniebund seiner Sporthose zu Traume aufgegangen war .Marusjas Lachen aber, der Anblick nähen! Und dabei ging ihr der Atem schwer und heiß vor ihrer runden, braunen Augen, die kindlich über das Tüchlein Asthma, während er seinen salzlöffelähnlichen Fingernagel hü- hinwegblickten, womit sie den Mund bedeckte, und ihrer ho- stelnd zum Munde führte! Sie waren ja krank, alle beide, aber hen Brust, die innerlich gar nicht wenig krank sein sollte, erin- trotzdem zeugte es von sonderbaren Verkehrssitten unter den nerte ihn an etwas anderes, Erschütterndes, was er neulich gese- jungen Leuten hier oben. Die Musik spielte eine Polka .hen hatte, und so blickte er vorsichtig und ohne den Kopf zu bewegen zur Seite auf Joachim. Nein, gottlob, so fleckig im Hippe Gesicht sah Joachim nicht aus wie damals, und auch seine Lip- pen waren jetzt nicht so kläglich verzerrt. Aber er sah Marusja So hob der Sonntag sich ab. Sein Nachmittag war überdies ge- an - und zwar in einer Haltung, mit einem Augenausdruck, die kennzeichnet durch Wagenfahrten, die von verschiedenen unmöglich militärisch genannt werden konnten, vielmehr so Gästegruppen unternommen wurden: mehrere Zweispänner trüb und selbstvergessen erschienen, daß man sie als ausgemacht schleppten sich nach dem Tee die Wegschleife herauf und hiel- zivilistisch ansprechen mußte. Dann raffte er sich übrigens zu- ten vorm Hauptportal, um ihre Besteller aufzunehmen, Russen sammen und blickte rasch nach Hans Castorp, so daß dieser hauptsächlich, und zwar russische Damen. eben noch Zeit hatte, seine Augen von ihm fortzutun und sie ir- »Russen fahren immer spazieren«, sagte Joachim zu Hans Ca- gendwohin in die Lüfte zu senden. Er fühlte sein Herz klopfen storp, - sie standen zusammen vor dem Portal und sahen zu ih- dabei, - unmotiviert und auf eigene Hand, wie es das hier nun rer Unterhaltung den Abfahrten zu. »Nun fahren sie nach Cla- einmal tat. vadell oder nach dem See oder ins Flüelatal oder nach Klosters, Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgese- das sind so die Ziele. Wir können auch mal fahren während hen vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als ge- deiner Anwesenheit, wenn du Lust hast. Aber ich glaube, vor- wöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens eine läufig hast du genug zu tun, um dich einzuleben, und brauchst erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (Zum Mittagessen gab keine Unternehmungen.« .ein Chaud-froid von Hühnern, mit Krebsen und halbierten Hans Castorp stimmte dem bei. Er hatte eine Zigarette im Kitschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in Körbchen, die Munde und die Hände in den Hosentaschen. So sah er zu, wie aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und dann auch die kleine, muntere, alte russische Dame mit ihrer mageren noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein Bier getrunken, Großnichte und zwei anderen Damen in einem Wagen Platz fühlte Hans Castorp sich noch erschöpfter, frostiger und schwe- nahm; es waren Marusja und Madame Chauchat. Diese hatte ei- rer von Gliedern als die Tage vorher, sagte seinem Vetter schon nen dünnen Staubmantel, mit einem Gurt im Rücken, angelegt, gegen neun Uhr gute Nacht, zog eilig das Federbett bis über das war jedoch ohne Hut. Sie setzte sich neben die Alte in den Kinn und schlief ein wie erschlagen. Fond des Wagens, während die jungen Mädchen die Rückplätze einnahmen. Alle vier waren lustig und regten unaufhörlich die Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den Münder in ihrer weichen, gleichsam knochenlosen Sprache. Sie der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmä- sprachen und lachten über die Wagendecke, in die sie sich unter ßig wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich ei- Schwierigkeiten teilten, über das russische Konfekt, das die nen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig im Speise- Großtante als Mundvorrat in einem mit Watte und Papierspit- saal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen Sprache kun- zen gepolsterten Holzkistchen mitführte und schon jetzt präsen- digen und nicht moribunden Publikum des »Berghofes« hielt. tierte .Hans Castorp unterschied mit Anteil Frau Chauchats Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem Vetter hörte, um verschleierte Stimme. Wie immer, wenn ihm die nachlässige eine Reihe zusammenhängender Kollegien, einen populärwis- Frau vor Augen kam, bekräftigte sich ihm aufs neue jene Ähn- senschaftlichen Kursus unter dem Generaltitel »Die Liebe als 158 159, krankheitbildende Macht«. Die belehrende Unterhaltung fand tete, und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, es nach dem zweiten Frühstück statt, und es war, wie wiederum müsse gut sein, dem Bannkreise des »Berghofes« einmal zu ent- Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum mindesten höchst un- kommen, im Freien tief aufzuatmen und sich tüchtig zu rühren, gern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, - weshalb es um, wenn man abends müde war, doch wenigstens zu wissen, denn auch als erstaunliche Frechheit galt, daß Settembrini, ob- warum. Und so trennte er sich denn unternehmend von Joa- gleich des Deutschen mächtiger als irgend jemand, die Vorträge chim, als dieser nach dem Frühstück seinen dienstlich abgemes- nicht nur niemals besuchte, sondern sich auch in den abschät- senen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne antrat, und zigsten Äußerungen darüber erging. Was Hans Castorp betraf, marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab seine eige- so war er vor allem aus Höflichkeit, dann aber auch aus unver- nen Wege. hohlener Neugier sofort entschlossen, sich einzufinden. Vorher Es war ein kühler, bedeckter Morgen - gegen halb neun Uhr. jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes und Fehlerhaftes: er ließ Wie er es sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief die rei- sich einfallen, auf eigene Hand einen ausgedehnten Spaziergang ne Frühluft, diese frische und leichte Atmosphäre, die mühelos zu machen, was ihm über alles Vermuten schlecht bekam. einging und ohne Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, ohne Erinne- »Jetzt paß auf!« waren seine ersten Worte, als Joachim mor- -gen war .Er überschritt den Wasserlauf und das Schmal- gens in sein Zimmer trat. »Ich sehe, daß es mit mir nicht so spurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig bebaute Straße, ver- weitergeht. Ich habe die horizontale Lebensweise nun satt, - das ließ sie gleich wieder und schlug einen Wiesenpfad ein, der nur Blut schläft einem ja dabei ein. Mit dir ist es selbstverständlich ein kurzes Stück zu ebener Erde lief und dann schräg hin und was anderes, du bist Patient, dich will ich durchaus nicht ver- ziemlich steil den rechtsseitigen Hang empor führte. Das Steigen führen. Aber ich will nun mal gleich nach dem Frühstück einen heute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn du es mir nicht Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe übelnimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl in die Welt zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum Frühstück in die Tasche, dem er auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu dann bin ich unabhängig. Wir wollen doch sehen, ob ich nicht singen. ein anderer Kerl bin, wenn ich nach Hause komme.« Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volks- »Schön!« sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen ernst tümlich empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turn- war mit seinem Begehren und Vorsatz. »Aber übertreibe es liederbüchern stehen, unter anderem eines, worin die Zeilen nicht, das rate ich dir. Es ist hier anders als wie zu Hause. Und vorkamen: dann sei pünktlich zum Vortrag zurück!« »Die Barden sollen Lieb' und Wein, In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe als nur der Doch öfter Tugend preisen« - körperliche, die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben ein- gegeben hatten. Ihm war, als ob an seinem hitzigen Kopf, dem sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer schlechten Geschmack, den er meistens im Munde hatte, und Kraft. Sein Bariton war spröde, aber heute fand er ihn schön, dem willkürlichen Klopfen seines Herzens viel weniger die und das Singen begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte er zu Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien als solche hoch eingesetzt, so verlegte er sich auf fistelnde Kopftöne, und Dinge wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die auch diese erschienen ihm schön. Wenn sein Gedächtnis ihn im Reden der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des Stil he ließ, so half er sich damit, daß er der Melodie irgendwel- Herrenreiters weicher Husten, den er täglich auf den Korrido- che sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er nach Art der ren vernahm, die Äußerungen Herrn Albins, die Eindrücke, die Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem Gau- er von den Verkehrssitten der leidenden Jugend empfangen men-R in die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, so- hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja betrach- wohl was den Text als auch was die Töne betraf, nur noch zu160161, phantasieren und seine Produktion sogar mit opernhaften Arm- gann er sogar wieder ein wenig zu singen, wenn auch mit Vor- bewegungen zu begleiten. Da es sehr anstrengend ist, zugleich sicht und obgleich seine Knie beim Abstiege noch befremdli- zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald der Atem knapp cher zitterten als vorher. Aber aus dem Gehölz hervortretend, und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um der stand er überrascht vor einer prächtigen Szenerie, die sich ihm Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und gab öffnete, einer intim geschlossenen Landschaft von friedlich- unter häufigen Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich in großartiger Bildmäßigkeit. äußerster Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern vor In flachem, steinigem Bett kam ein Bergwasser die rechtssei- Augen und mit fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer tige Höhe herab, ergoß sich schäumend über terrassenförmig niedersinken ließ, - nach so großer Erhebung plötzlich die Beu- gelagerte Blöcke und floß dann ruhiger gegen das Tal hin Wei- te durchgreifender Verstimmung, eines Katzenjammers, der an -er, von einem Stege mit schlicht gezimmertem Geländer male- Verzweiflung grenzte. risch überbrückt. Der Grund war blau von den Glockenblüten Als er mit leidlich wieder befestigten Nerven sich aufmachte, einer staudenartigen Pflanze, die überall wucherte. Ernste Fich- um seinen Spaziergang fortzusetzen, zitterte sein Genick sehr ten, riesig und ebenmäßig von Wuchs, standen einzeln und in lebhaft, so daß er bei so jungen Jahren genau auf dieselbe Weise Gruppen auf dem Boden der Schlucht sowie die Höhen hinan, mit dem Kopfe wackelte, wie der alte Hans Lorenz Castorp es und eine davon, zur Seite des Wildbaches schräg im Gehänge dereinst getan hatte. Er selbst fand sich durch die Erscheinung an wurzelnd, ragte schief und bizarr in das Bild hinein. Rauschende seinen verstorbenen Großvater herzlich erinnert, und ohne sie als Abgeschiedenheit waltete über dem schönen, einsamen Ort. widerwärtig zu empfinden, gefiel er sich darin, die ehrwürdige Jenseits des Baches bemerkte Hans Castorp eine Ruhebank. Kinnstütze nachzuahmen, womit der Alte dem Kopfzittern zu Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick steuern gesucht und die dem Knaben einst so zugesagt hatte. des Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu las- Er stieg noch höher, in Serpentinen, Kuhglockengeläut zog sen, dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch inner- ihn an, und er fand auch die Herde; sie graste in der Nähe einer lich abwechslungsvollen Geräusch zu lauschen; denn rauschen- Blockhütte, deren Dach mit Steinen beschwert war. Zwei bärti- des Wasser liebte Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja viel- ge Männer kamen ihm entgegen, mit Äxten auf den Schultern, leicht noch mehr. Aber kaum hatte er sich's bequem gemacht, und trennten sich, als sie nahe herangekommen. »Nun, so leb als ein Nasenbluten ihn so plötzlich befiel, daß er seinen Anzug wohl und hab Dank!« sagte der eine zum andern mit tiefer, nicht ganz vor Verunreinigung schützen konnte. Die Blutung gaumiger Stimme, legte seine Axt auf die andere Schulter und war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine halbe Stunde begann ohne Weg und mit knackenden Tritten zwischen den lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen Bach Fichten zu Tal zu schreiten. Es hatte so sonderbar in der Einsam- und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, keit geklungen, dieses »Leb wohl und hab Dank«, und träume- Wasser aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Bretter- risch Hans Castorps vom Steigen und Singen benommenen sitz hinzustrecken, das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er Sinn berührt. Er sprach es leise nach, indem er sich bemühte, die liegen, als endlich das Blut versiegte - lag still, die Hände hinter gutturale und feierlich-unbeholfene Mundart des Gebirglers dem Kopf verschränkt, mit hochgezogenen Knien, die Augen nachzuahmen, und stieg noch ein Stück über die Almhütte hin- geschlossen, die Ohren erfüllt vom Rauschen, nicht unwohl, aus, da es ihm darum zu tun war, die Baumgrenze zu erreichen; eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß und in einem Zustande doch ließ er nach einem Blick auf die Uhr von diesem Vorha- sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; denn wenn er ausge- ben ab. -et hatte, fühlte er lange kein Bedürfnis, neue Luft einzuho- Er folgte linkshin, in der Richtung gegen den Ort, einem len, sondern ließ mit stillgestelltem Leibe ruhig sein Herz eine Pfade, der eben lief und dann abwärts führte. Hochstämmiger Reihe von Schlägen tun, bis er spät und träge wieder einen Nadelwald nahm ihn auf, und indem er ihn durchwanderte, be- oberflächlichen Atemzug aufnahm. 162 163, Da fand er sich auf einmal in jene frühe Lebenslage versetzt, zeigten einen eigentümlichen, schmalen und genau genommen die das Urbild eines nach neuesten Eindrücken gemodelten sogar etwas schiefen Schnitt, und gleich darunter saßen die Bak- Traumes war, den er vor einigen Nächten geträumt .Aber so kenknochen, vortretend und stark ausgeprägt, - eine Gesichts- stark, so restlos, so bis zur Aufhebung des Raumes und der Zeit bildung, die in seinem Falle durchaus nicht entstellend, sondern war er ins Dort und Damals entrückt, daß man hätte sagen kön- sogar recht ansprechend wirkte, die aber genügt hatte, ihm bei nen, ein lebloser Körper liege hier oben beim Gießbache auf seinen Kameraden den Spitznamen »der Kirgise« einzutragen. der Bank, während der eigentliche Hans Castorp weit fort in Übrigens trug Hippe schon lange Hosen und dazu eine hochge- früherer Zeit und Umgebung stünde, und zwar in einer bei aller schlossene, blaue, im Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen Einfachheit gewagten und herzberauschenden Situation. einige Schuppen von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten. Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in kurzen Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer Hosen, und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit einem an- Hand her sein Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, - aus deren, ungefähr gleichaltrigen Jungen aus einer anderen Klasse, dem ganzen ihm bekannten und unbekannten Gewimmel des - einem Gespräch, das Hans Castorp ziemlich willkürlich vom Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn interessierte, ihm mit Zaune gebrochen hatte, und das ihn, obgleich es seines sachli- den Blicken folgte, soll man sagen: ihn bewunderte? auf jeden chen und knapp umschriebenen Gegenstandes wegen nur ganz Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und sich schon kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. Es war die auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit seinen Pause zwischen der vorletzten und letzten Stunde, einer Ge- Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen zu se- schichts- und einer Zeichenstunde für Hans Castorps Klasse. ilen und von weitem seine Stimme zu unterscheiden, die ange- Auf dem Hofe, der mit roten Klinkern gepflastert und von ei- nehm belegt, verschleiert, etwas heiser war. Zugegeben, daß für ner mit Schindeln gedeckten und mit zwei Eingangstoren ver- diese Teilnahme kein recht zureichender Grund vorhanden war, sehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt war, gingen die wenn man nicht etwa den heidnischen Vornamen, das Muster- Schüler in Reihen auf und nieder, standen in Gruppen, lehnten schülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen konnte) halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen des Gebäudes. oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen Es herrschte Stimmengewirr. Ein Lehrer im Schlapphut beauf- wollte, - Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seiten- sichtigte das Treiben, indem er in eine Schinkensemmel biß. Mick, der nicht zum Sehen diente, auf eine schmerzende Weise Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit uns Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten, - so machte Hans Vornamen Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß das r Castorp sich doch wenig Sorge um die geistige Rechtfertigung dieses Vornamens wie sch auszusprechen war: es hieß »Pschibis- seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa notfalls zu lav«; und dieser absonderliche Vorname stimmte nicht schlecht benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft konnte nicht zu seinem Äußeren, das nicht ganz durchschnittsmäßig, ent- gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht »kannte«. Aber er- schieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines Historikers stens lag nicht die geringste Nötigung zur Namengebung vor, und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler folglich da kein Gedanke daran war, daß der Gegenstand je zur Sprache und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, obgleich kaum gebracht werden könnte, - dazu eignete er sich nicht und ver- älter als dieser, stammte aus Mecklenburg und war für seine langte auch nicht danach. Und zweitens bedeutet ein Name ja, Person offenbar das Produkt einer alten Rassenmischung, einer wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, das heißt Unterbrin- Versetzung germanischen Blutes mit wendisch-slawischem - gung im Bekannten und Gewohnten, während Hans Castorp oder auch umgekehrt. Zwar war er blond, - sein Haar war ganz doch von der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber seine Augen, blau- daß ein inneres Gut wie dieses vor solcher Bestimmung und grau oder graublau von Farbe - es war eine etwas unbestimmte Unterbringung ein für allemal geschützt sein sollte. und mehrdeutige Farbe, die Farbe etwa eines fernen Gebirges -, Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese 164 165, dem Namen und der Mitteilung so fernen Empfindungen von Weile so im Vordergrunde gestanden hatte und dann allmählich solcher Lebenskraft, daß Hans Castorp sich schon fast seit einem wieder zurückgetreten und ohne Abschiedsweh in den Nebeln Jahr - ungefähr seit einem Jahr, denn genau waren ihre Anfän- entschwunden war. ge nicht aufzufinden - im stillen damit trug, 'was zum minde- Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche Si- sten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters sprach, tuation, in die Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, das wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr in diesem Gespräch, ein wirkliches Gespräch mit Pribislav Hippe, kam fol- Lebensalter bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen von gendermaßen zustande. Die Zeichenstunde war an der Reihe, Charaktereigenschaften regelmäßig ein moralisches Urteil inne, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen Bleistift nicht bei sei es im lobenden oder tadelnden Sinn, obgleich sie alle ihre sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte den seinen; zwei Seiten haben. Hans Castorps »Treue«, auf die er sich übri- liier er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen diesen gens weiter nichts zugute tat, bestand, ohne Wertung gespro- und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen kön- chen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit und Be- nen. Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, am harrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden Grundstimmung, nächsten stand ihm dieser, mit dem er im stillen schon so viel die ihm Zustände und Lebensverhältnisse der Anhänglichkeit zu tun gehabt hatte; und mit einem freudigen Aufschwunge und des Fortbestandes desto würdiger erscheinen ließ, je länger seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit - eine Gelegenheit sie bestanden. Auch war er geneigt, an die unendliche Dauer des nannte er es - zu benutzen und Pribislav um einen Bleistift zu Zustandes, der Verfassung zu glauben, worin er sich gerade be- bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich sein werde, da fand, schätzte sie eben darum und war nicht auf Veränderung er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging ihm, oder erpicht. So hatte er sich an sein stilles und fernes Verhältnis zu er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwür- Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt und hielt es im Grunde für diger Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im Ge- eine bleibende Einrichtung seines Lebens. Er liebte die Gemüts- wühle des Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und sagte bewegungen, die es mit sich brachte, die Spannung, ob jener zu ihm: ihm heute begegnen, dicht an ihm vorübergehen, vielleicht ihn »Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?« anblicken werde, die lautlosen, zarten Erfüllungen, mit denen Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den sein Geheimnis ihn beschenkte, und sogar die Enttäuschungen, vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner an- die zur Sache gehörten und deren größte war, wenn Pribislav genehm heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne »fehlte«: dann war der Schulhof verödet, der Tag aller Würze Verwunderung an den Tag zu legen. bar, aber die hinhaltende Hoffnung blieb. »Gern«, sagte er. »Du mußt ihn mir nach der Stunde aber be- Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen Höhe- -immt zurückgeben.« Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein punkt gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der bewah- versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben renden Treue Hans Castorps, und dann hörte es auf - und zwar mußte, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. ohne daß er mehr von der Lockerung und Auflösung der Bande Er erläuterte den einfachen Mechanismus, während ihre beiden merkte, die ihn an Pribislav Hippe knüpften, als er von ihrer Köpfe sich darüberneigten. Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ Pribislav, infolge der »Aber mach ihn nicht entzwei!« sagte er noch. Versetzung seines Vaters, Schule und Stadt; aber das beachtete Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt Hans Castorp kaum noch; er hatte ihn schon vorher vergessen. hätte, den Stift etwa nicht zurückzuerstatten oder gar ihn fahrläs- Man kann sagen, daß die Gestalt des »Kirgisen« unmerklich aus sig zu behandeln. Nebeln in sein Leben getreten war, langsam immer mehr Deut- Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr zu lichkeit und Greifbarkeit gewonnen hatte, bis zu jenem Augen- sagen blieb, so kehrten sie sich erst die Schultern und dann die blick der größten Nähe und Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Kücken zu und gingen. 166 167, Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem elf Uhr zum Vortrag im Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat Leben nie gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pri- hier sein Schönes, aber auch seine Schwierigkeiten, wie es bislav Hippes Bleistift zeichnete, - mit der Aussicht obendrein, scheint. Ja, ja, aber hierbleiben kann ich nicht. Es ist nur, daß ich ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen, was als rei- vom Liegen etwas lahm geworden bin; in der Bewegung wird ne Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus dem Vorher- es schon besser werden.« Und er versuchte nochmals, auf die gehenden folgte. Er war so frei, den Bleistift etwas zuzuspitzen, Beine zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so und von den rot lackierten Schnitzeln, die abfielen, bewahrte er ging es. drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang in einer inneren Schub- Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so lade seines Pultes auf, - niemand, der sie gesehen hätte, würde hochgemuten Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da geahnt haben, wie Bedeutendes es damit auf sich hatte. Übri- er fühlte, daß sein Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß gens vollzog die Rückgabe sich in den einfachsten Formen, was ihm auf die Stirne trat und das regellose Verhalten seines Her- aber ganz nach Hans Castorps Sinne war, ja, worauf er sich so- zens ihm den Atem benahm. Kümmerlich kämpfte er sich so gar etwas Besonderes zugute tat, - abgestumpft und verwöhnt, die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des Kurhauses wie er war, durch den intimen Verkehr mit Hippe. das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die gedehnte »Da«, sagte er. »Danke sehr.« Wegstrecke zum »Berghof« unmöglich noch aus eigener Kraft Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur flüchtig werde überwinden können, und da es keine Trambahn gab und den Mechanismus und schob das Crayon in die Tasche .kein Mietsfuhrwerk sich zeigte, so bat er einen Fuhrmann, der Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber einen Stellwagen mit leeren Kisten gegen »Dorf« hin lenkte, dies eine Mal, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war es ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an Rücken mit dem Kutscher, eben doch geschehen .die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten mit ver- Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrückt- wunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im heit. »Ich glaube, ich habe geträumt!« dachte er. »Ja, das war Pri- Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, zog er dahin, bislav. Lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Wo sind die stieg ab beim Bahnübergange, gab Geld hin, ohne zu sehen, wie Schnitzel hingekommen? Das Pult ist auf dem Boden, zu Hause viel und wie wenig, und hastete kopfüber die Wegschleife hin- bei Onkel Tienappel. Sie müssen noch in der inneren kleinen an. Schublade links hinten sein. Ich habe sie nie herausgenommen. »Dépêchez-vous, monsieur!« sagte der französische Türhüter. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, sie wegzuwerfen, erwies »La Conference de M. Krokowski vient de commencer.« Und ich ihnen .Es war ganz Pribislav, wie er leibte und lebte. Ich Hans Castorp warf Hut und Stock in die Garderobe und zwäng- hätte nicht gedacht, daß ich ihn je so deutlich wiedersehen wür- te sich hastig-behutsam, die Zunge zwischen den Zähnen, durch de. Wie merkwürdig ähnlich er ihr sah, - dieser hier oben! Dar- die kaum geöffnete Glastür in den Speisesaal, wo die Kurgesell- um also interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: schaft reihenweise auf Stühlen saß, während an der rechten habe ich mich darum so für ihn interessiert? Unsinn! Ein schö- Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock hinter einem gedeckten ner Unsinn. Ich muß übrigens gehen, und zwar schleunigst.« und mit einer Wasserkaraffe geschmückten Tische stand und Aber er blieb doch noch liegen, sinnend und sich erinnernd. sprach .Dann richtete er sich auf. »Nun, so leb wohl und hab Dank!« sagte er und bekam Tränen in die Augen, während er lächelte. Damit wollte er aufbrechen; aber er setzte sich, Hut und Stock in der Hand, rasch noch einmal nieder, denn er hatte bemerken müssen, daß seine Knie ihn nicht recht trugen. »Hoppla«, dachte er, »ich glaube, das wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt 168 169, Analyse Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf Frau Chauchats schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedan- Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der Tür. ken zu sein, und wurden zur Träumerei, in welche Dr. Krokow- Er stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an, als hätte er skis schleppender Bariton, sein weich anschlagendes r wie aus hier schon immer gesessen. Das Publikum, mit ernster Auf- weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im Saal, die tiefe Auf- merksamkeit an Dr. Krokowskis Lippen hängend, beachtete ihn merksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt, wirkte auf ihn, kaum; und das war gut, denn er sah schrecklich aus. Sein Ge- sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er blickte um sicht war bleich wie Leinen und sein Anzug mit Blut befleckt, sich .Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist, den Kopf im so daß er einem von frischer Tat kommenden Mörder glich. Die Nacken, und lauschte mit offenem Munde und gekreuzten Ar- Dame vor ihm freilich wandte den Kopf, als er sich setzte, und men. Die Lehrerin, Fräulein Engelhart, weiter drüben, hatte gie- musterte ihn mit schmalen Augen. Es war Madame Chauchat, er rige Augen und rotflaumige Flecke auf beiden Wangen, - eine erkannte sie mit einer Art von Erbitterung. Aber das war doch Hitze, die sich auf den Gesichtern anderer Damen wiederfand, des Teufels! Sollte er denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte die Hans Castorp ins Auge faßte, auch auf dem der Frau Salo- gedacht, hier still am Ziele sitzen und sich ein wenig erholen zu mon dort, neben Herrn Albin, und der Bierbrauersgattin Frau können, und da mußte er sie nun gerade vor der Nase haben, - Magnus, derselben, die Eiweiß verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, ein Zufall, über den er sich unter anderen Umständen ja mög- etwas weiter zurück, malte sich eine so ungebildete Schwärme- licherweise gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie er war, -ei, daß es ein Jammer war, während die elfenbeinfarbene Levi, was sollte es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein mit halbgeschlossenen Augen und die flachen Hände im Schoß Herz und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem hal- in der Stuhllehne ruhend, vollständig einer Toten geglichen ten. Genau mit Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein hätte, wenn nicht ihre Brust sich so stark und taktmäßig geho- Gesicht und auf die Blutflecke seines Anzuges geblickt, - ziem- ben und gesenkt hätte, wodurch sie Hans Castorp vielmehr an lich rücksichtslos und zudringlich übrigens, wie es zu den Ma- eine weibliche Wachsfigur erinnerte, die er einst im Panopti- nieren einer Frau paßte, die mit den Türen warf. Wie schlecht kum gesehen und die ein mechanisches Triebwerk im Busen sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in Hans Castorps heimischer gehabt hatte. Mehrere Gäste hielten die hohle Hand an die Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem Tischherrn zu- Ohrmuschel, oder deuteten dies wenigstens an, indem sie die wandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen. Frau Hand bis halbwegs zum Ohre erhoben hielten, als seien sie mit- Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken war ten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit erstarrt. Staatsanwalt rund, sie ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem Paravant, ein brauner, scheinbar urkräftiger Mann, schüttelte so- hielt sie auch noch den Kopf vorgeschoben, so daß der Wirbel- gar sein eines Ohr mit dem Zeigefinger, um es hellhöriger zu knochen im Nackenausschnitt ihrer weißen Bluse hervortrat. machen, und hielt es dann wieder Dr. Krokowskis Redeflüsse Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich gehalten; er jedoch hin. war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt hatte (ob- Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengan- gleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb Hans Castorp ge bewegte er sich? Hans Castorp nahm seinen Verstand zusam- sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), - während es klar men, um aufs laufende zu kommen, was ihm nicht gleich ge- und deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige Haltung, ihr lang, da er den Anfang nicht gehört und beim Nachdenken über Türenwerfen, die Rücksichtslosigkeit ihres Blickes mit ihrem Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte. Es Kranksein zusammenhingen, ja, es drückten sich darin die Un- handelte sich um eine Macht .jene Macht.kurzum, es war gebundenheit, jene nicht ehrenvollen, aber geradezu grenzenlo- die Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständ- sen Vorteile aus, deren der junge Herr Albin sich gerühmt lich! Das Thema lag ja im Generaltitel des Vortragszyklus, und hatte .wovon sollte Dr. Krokowski denn auch sonst wohl sprechen, da 170171, dies nun einmal sein Gebiet war. Etwas wunderlich war es ja, von Büchern und losen Blättern, die vor ihm auf dem Tische la- auf einmal ein Kolleg über die Liebe zu hören, während sonst gen, seine Aufstellungen durch allerlei Beispiele und Anekdo- immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe im ten stützte und mehrmals sogar Verse rezitierte, handelte Dr. Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man es an, einen Krokowski von erschreckenden Formen der Liebe, wunderli- Gegenstand von so spröder und verschwiegener Beschaffenheit chen, leidvollen und unheimlichen Abwandlungen ihrer Er- am hellen Vormittag vor Damen und Herren zu erörtern? Dr. scheinung und Allgewalt. Unter allen Naturtrieben, sagte er, sei Krokowski erörterte ihn in einer gemischten Ausdrucksweise, in sie der schwankendste und gefährdetste, von Grund aus zur zugleich poetischem und gelehrtem Stile, rücksichtslos wissen- Verirrung und heillosen Verkehrtheit geneigt, und das dürfe schaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden Tones, was den nicht wundernehmen. Denn dieser mächtige Impuls sei nichts jungen Hans Castorp etwas unordentlich anmutete, obgleich Einfaches, er sei seiner Natur nach vielfach zusammengesetzt, gerade dies der Grund sein mochte, weshalb die Damen so hit- und zwar, so rechtmäßig wie er als Ganzes auch immer sei, - zige Wangen hatten und die Herren ihre Ohren schüttelten. In- zuammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da man nun sonderheit gebrauchte der Redner das Wort »Liebe« beständig liier, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski fort, da man in einem leise schwankenden Sinn, so daß man niemals recht es nun aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit der Be- wußte, woran man damit war, und ob es Frommes oder Leiden- standteile auf die Verkehrtheit des Ganzen zu schließen, so sei schaftlich-Fleischliches bedeute, - was ein leichtes Gefühl von man unweigerlich genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit des Seekrankheit erzeugte. Nie in seinem Leben hatte Hans Castorp Ganzen, wenn nicht seine ganze Rechtmäßigkeit, auch für die dieses Wort so oft hintereinander aussprechen hören wie hier einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu nehmen. Das sei eine For- und heute, ja, wenn er nachdachte, so schien ihm, daß er selbst derung der Logik, und daran bitte er seine Zuhörer festzuhalten. es noch niemals ausgesprochen oder aus fremdem Munde ver- Seelische Widerstände und Korrektive seien es, anständige und nommen habe. Das mochte ein Irrtum sein, - jedenfalls fand er ordnende Instinkte von - fast hätte er sagen mögen bürgerlicher nicht, daß so häufige Wiederholung dem Worte zustatten käme. Art, unter deren ausgleichender und einschränkender Wirkung Im Gegenteil, diese schlüpfrigen anderthalb Silben mit dem die verkehrten Bestandteile zum regelrechten und nützlichen Zungen-, dem Lippenlaut und dem dünnen Vokal in der Mitte Ganzen verschmölzen, - ein immerhin häufiger und begrüßens- wurden ihm auf die Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung werter Prozeß, dessen Ergebnis jedoch (wie Dr. Krokowski et- verband sich für ihn damit wie von gewässerter Milch, - etwas was wegwerfend hinzufügte) den Arzt und Denker weiter Weißbläulichem, Labberigem, zumal im Vergleich mit all dem nichts angehe. In einem anderen Falle dagegen gelinge er nicht, Kräftigen, was Dr. Krokowski genau genommen darüber zum dieser Prozeß, wolle und solle er nicht gelingen, und wer, so besten gab. Denn so viel ward deutlich, daß man starke Stücke fragte Dr. Krokowski, vermöge zu sagen, ob dies nicht vielleicht sagen konnte, ohne die Leute aus dem Saale zu treiben, wenn den edleren, seelisch kostbareren Fall bedeute? In diesem Falle man es anfing wie er. Keineswegs begnügte er sich damit, allge- nämlich eigne beiden Kräftegruppen, dem Liebesdrange sowohl mein bekannte, doch gemeinhin in Schweigen gehüllte Dinge wie jenen gegnerischen Impulsen, unter denen Scham und Ekel mit einer Art von berauschendem Takt zur Sprache zu bringen; besonders zu nennen seien, eine außerordentliche, das bür- er zerstörte Illusionen, er gab unerbittlich der Erkenntnis die gerlich-übliche Maß überschreitende Anspannung und Leiden- Ehre, er ließ keinen Raum für empfindsamen Glauben an die schaft, und, in den Untergründen der Seele geführt, verhindere Würde des Silberhaares und die Engelsreinheit des zarten Kin- der Kampf zwischen ihnen jene Einfriedung, Sicherung und des. Übrigens trug er auch zum Gehrock seinen weichen Fall- Sittigung der irrenden Triebe, die zur üblichen Harmonie, zum kragen und seine Sandalen über den grauen Socken, was einen vorschriftsmäßigen Liebesleben führe. Dieser Widerstreit zwi- grundsätzlichen und idealistischen Eindruck machte, wenn auch schen den Mächten der Keuschheit und der Liebe - denn um Hans Castorp etwas darüber erschrak. Indem er an der Hand einen solchen handle es sich -, wie gehe er aus? Er endige 172 173, scheinbar mit dem Siege der Keuschheit. Furcht, Wohlanstand, lenkt durch den Rücken vor ihm und den zugehörigen Arm, der züchtiger Abscheu, zitterndes Reinheitsbedürfnis, sie unter- »ich hob und rückwärts bog, um mit der Hand, dicht vor Hans drückten die Liebe, hielten sie in Dunkelheiten gefesselt, ließen Castorps Augen, von unten das geflochtene Haar zu stützen. ihre wirren Forderungen höchstens teilweise, aber bei weitem Es war beklemmend, die Hand so nahe vor Augen zu haben, nicht nach ihrer ganzen Vielfalt und Kraft ins Bewußtsein und man mußte sie betrachten, ob man wollte oder nicht, sie stu- zur Betätigung zu. Allein dieser Sieg der Keuschheit sei nur ein dieren in allen Makeln und Menschlichkeiten, die ihr anhafte- Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl lasse sich nicht ten, als habe man sie unter dem Vergrößerungsglas. Nein, sie knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte Liebe sei nicht hatte durchaus nichts Aristokratisches, diese zu gedrungene tot, sie lebe, sie trachte im Dunklen und Tiefgeheimen auch fer- Schulmädchenhand mit den schlecht und recht beschnittenen ner sich zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann und Nägeln, - man war nicht einmal sicher, ob sie an den äußeren erscheine wieder, wenn auch in verwandelter, unkenntlicher Fingergelenken ganz sauber war, und die Haut neben den Nä- Gestalt .Und welches sei denn nun die Gestalt und Maske, rrin war zerbissen, das konnte gar keinem Zweifel unterliegen. worin die nicht zugelassene und unterdrückte Liebe wiederer- Hans Castorps Mund verzog sich, aber seine Augen blieben haf- scheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte die Reihen ent- ten an Madame Chauchats Hand und eine halbe und unbe- lang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen Zuhörern. stimmte Erinnerung ging ihm durch den Sinn an das, was Dr. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, nachdem er schon Krokowski über die bürgerlichen Widerstände, die sich der Lie- so manches gesagt hatte. Niemand außer ihm wußte es, aber er be entgegenstellten, gesagt hatte .Der Arm war schöner, die- würde bestimmt auch dies noch wissen, das sah man ihm an. ser weich hinter den Kopf gebogene Arm, der kaum bekleidet Mit seinen glühenden Augen, seiner Wachsblässe und seinem war, denn der Stoff der Ärmel war dünner als der der Bluse, - schwarzen Bart, dazu den Mönchssandalen über grauwollenen die leichteste Gaze, so daß der Arm nur eine gewisse duftige Socken, schien er selbst in seiner Person den Kampf zwischen Verklärung dadurch erfuhr und ganz ohne Umhüllung wahr- Keuschheit und Leidenschaft zu versinnbildlichen, von dem er scheinlich weniger anmutig gewesen wäre. Er war zugleich zart gesprochen hatte. Wenigstens war dies Hans Castorps Eindruck, und voll - und kühl, aller Mutmaßung nach. Es konnte hin- während er wie alle Welt mit größter Spannung die Antwort sichtlich seiner von keinerlei bürgerlichen Widerständen die darauf erwartete, in welcher Gestalt die unzugelassene Liebe Rede sein. wiederkehre. Die Frauen atmeten kaum. Staatsanwalt Paravant Hans Castorp träumte, den Blick auf Frau Chauchats Arm ge- schüttelte rasch noch einmal sein Ohr, damit es im entscheiden- richtet. Wie die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und je- den Augenblick offen und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. nes von ihrem Nacken und ihrer Brust, sie verklärten ihre Arme Krokowski: In Gestalt der Krankheit! Das Krankheitssymptom mit durchsichtiger Gaze .Das taten sie in der ganzen Welt, sei verkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte um unser sehnsüchtiges Verlangen zu erregen. Mein Gott, das Liebe. Leben war schön! Es war schön gerade durch solche Selbstver- Nun wußte man" es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu ständlichkeit, wie daß die Frauen sich verlockend kleideten - würdigen vermochten. Ein Seufzer ging durch den Saal, und denn selbstverständlich war es ja und so allgemein üblich und Staatsanwalt Paravant nickte bedeutsamen Beifall, während Dr. inerkannt, daß man kaum daran dachte und es sich unbewußt Krokowski fortfuhr, seine These zu entwickeln. Hans Castorp und ohne Aufhebens gefallen ließ. Man sollte aber daran den- seinerseits senkte den Kopf, um zu bedenken, was er gehört hat- ken, meinte Hans Castorp innerlich, um sich des Lebens recht te, und sich zu erforschen, ob er es verstünde. Aber ungeübt, zu freuen, und sich vergegenwärtigen, daß es eine beglückende wie er war in solchen Gedankengängen, und außerdem wenig und im Grunde fast märchenhafte Einrichtung war. Versteht geisteskräftig infolge seines unbekömmlichen Spazierganges, sich, es war um eines gewissen Zweckes willen, daß die Frauen war er leicht abzulenken und wurde denn auch sogleich abge- sich märchenhaft und beglückend kleiden durften, ohne da- 174 175, durch gegen die Schicklichkeit zu verstoßen; es handelte sich und in benommener Einhelligkeit, wie das Gewimmel hinter um die nächste Generation, um die Fortpflanzung des Men- dem Rattenfänger. Hans Castorp blieb stehen im Strom, seine schengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau nun inner- Stuhllehne in der Hand. Ich bin nur zu Besuch hier, dachte er; lich krank war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft taugte, - ich bin gesund und komme gottlob überhaupt nicht in Betracht, was dann? Hatte es dann einen Sinn, daß sie Gazeärmel trug, und den nächsten Vortrag erlebe ich gar nicht mehr hier. Er sah um die Männer neugierig auf ihren Körper zu machen, - ihren Frau Chauchat hinausgehen, schleichend, mit vorgeschobenem innerlich kranken Körper? Das hatte offenbar keinen Sinn und Kopfe. Ob auch sie sich zergliedern läßt? dachte er, und sein hätte eigentlich für unschicklich gelten und untersagt werden Herz begann zu pochen .Dabei bemerkte er nicht, daß Joa- müssen. Denn daß ein Mann sich für eine kranke Frau interes- chim zwischen den Stühlen auf ihn zu kam, und zuckte nervös sierte, dabei war doch entschieden nicht mehr Vernunft, als .zusammen, als der Vetter das Wort an ihn richtete. nun, als seinerzeit bei Hans Castorps stillem Interesse für Pribis- lav Hippe gewesen war. Ein dummer Vergleich, eine etwas »Du kamst aber im letzten Augenblick«, sagte Joachim. »Bist peinliche Erinnerung. Aber sie hatte sich ungerufen und ohne du weit gewesen? Wie war es denn?« sein Zutun eingestellt. Übrigens brach seine träumerische Be- »Oh, nett«, erwiderte Hans Castorp. »Doch, ich war ziemlich trachtung an diesem Punkte ab, hauptsächlich weil seine Auf- weit. Aber ich muß gestehen, es hat mir weniger gut getan, als merksamkeit wieder auf Dr. Krokowski hingelenkt wurde, des- Ich erwartete. Es war wohl verfrüht oder überhaupt verfehlt. Ich sen Stimme sich auffallend erhoben hatte. Wahrhaftig, er stand werde es vorläufig nicht wieder tun.« da mit ausgebreiteten Armen und schräg geneigtem Kopf hinter Ob ihm der Vortrag gefallen, fragte Joachim nicht, und Hans seinem Tischchen und sah trotz seines Gehrockes beinahe aus Castorp äußerte sich nicht dazu. Wie nach schweigender Über- wie der Herr Jesus am Kreuz! einkunft erwähnten sie des Vortrages auch nachher mit keinem Worte. Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines Vortrages große Propaganda für die Seelenzergliederung machte Zweifel und Erwägungen und mit offenen Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen. Kommet her zu mir, sagte er mit anderen Worten, die ihr müh- Am Dienstag war unser Held nun also seit einer Woche bei de- selig und beladen seid! Und er ließ keinen Zweifel an seiner nen hier oben, und so fand er denn, als er vom Morgenspazier- Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig und beladen gang zurückkehrte, in seinem Zimmer die Rechnung vor, seine waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham und erste Wochenrechnung, ein reinlich ausgeführtes kaufmänni- Gram, von der erlösenden Wirkung der Analyse; er pries die sches Dokument, in einen grünlichen Umschlag verschlossen, Durchleuchtung des Unbewußten, lehrte die Wiederverwand- mit illustriertem Kopf (das Berghofgebäude war bestechend ab- lung der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, mahnte gebildet dort oben) und links seitwärts geschmückt mit einem. zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er die Arme sin- in schmaler Kolonne angeordneten Auszuge aus dem Prospekt, ken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die Druckschriften worin auch der »psychischen Behandlung nach modernsten zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten, und in- Prinzipien« in Sperrdruck Erwähnung geschah. Die kalligraphi- dem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der linken Hand gegen die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen Hauptes schen Aufstellungen selbst betrugen ziemlich genau 180 Fran- durch den Wandelgang. ken, und zwar entfielen auf die Verpflegung nebst ärztlicher Be- -ndlung 12 und auf das Z immer 8 Franken für den Tag, ferner Alle standen auf, rückten die Stühle und begannen, sich lang- auf den Posten »Eintrittsgeld« 20 Franken und auf die Des in- sam gegen denselben Ausgang zu bewegen, durch den der Dok- fektion des Zimmers 10 Franken, während kleinere Sportein für tor den Saal verlassen hatte. Es sah aus, als drängten sie ihm Wüsche, Bier und den zum ersten Abendessen genossenen Wein konzentrisch nach, von allen Seiten, zögernd, doch willenlos die Summe abrundeten., Hans Castorp fand nichts zu beanstanden, als er mit Joachim schaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende unter ihre die Addition überprüfte. »Ja, von der ärztlichen Behandlung Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein selbstän- mache ich keinen Gebrauch«, sagte er, »aber das ist meine Sa- diger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär, ein che; sie ist inbegriffen in den Pensionspreis, und ich kann nicht Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste freilich, verlangen, daß sie in Abzug gebracht wird, wie sollte das auch die Seele des Ganzen, von bestimmendem Einfluß auf die ge- geschehen? Bei der Desinfektion machen sie einen Schnitt, samte Organisation, die Intendantur nicht ausgeschlossen, ob- denn für 10 Franken H2CO können sie unmöglich verpulvert gleich er als dirigierender Arzt über jede Beschäftigung mit dem haben, um die Amerikanerin auszuräuchern. Aber im ganzen kaufmännischen Teil des Betriebes natürlich erhaben war. Aus muß ich sagen, ich finde es eher billig als teuer, in Anbetracht dem Nordwesten Deutschlands gebürtig, war er, wie man wuß- dessen, was geboten wird.« Und so gingen sie denn vor dem te, wider Absicht und Lebensplan vor Jahren in diese Stellung zweiten Frühstück auf die »Verwaltung«, um die Schuld zu be- gelangt: heraufgeführt durch seine Frau, deren Reste schon reinigen. längst der Friedhof von »Dorf« umfing, - der malerische Fried- Die »Verwaltung« befand sich zu ebener Erde: wenn man, hof von Dorf Davos dort oben am rechtsseitigen Hange, weiter jenseits der Halle, an der Garderobe und den Küchen- und An- zurück gegen den Eingang des Tales. Sie war eine sehr liebliche, richteräumen vorüber den Flurgang verfolgte, konnte man die wenn auch überäugige und asthenische Erscheinung gewesen, Tür nicht verfehlen, zumal sie durch ein Porzellanschild ausge- den Photographien nach zu urteilen, die überall in des Hofrats zeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit Interesse einen ge- Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge, wissen Einblick in das kaufmännische Zentrum eines Anstalts- die, von seiner eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den betriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein Schreib- Wänden hingen. Nachdem sie ihm zwei Kinder geschenkt, ei- maschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte sa- nen Sohn und eine Tochter, war ihr leichter, von Hitze ergriffe- ßen über Pulte gebückt, während im anstoßenden Raum ein ner Körper in diese Gegenden heraufgezogen worden, und in Herr von dem höheren Ansehen eines Chefs oder Direktors an wenigen Monaten hatte seine Aus- und Aufzehrung sich voll- einem frei stehenden Zylinderbureau arbeitete und nur über endet. Man sagte, Behrens, der sie vergöttert habe, sei durch den sein Augenglas hinweg einen kalten und sachlich musternden Schlag so schwer getroffen worden, daß er vorübergehend in Blick auf die Klienten warf. Während man sie am Schalter ab- Tiefsinn und Wunderlichkeit verfallen sei und sich auf der Stra- fertigte, einen Schein wechselte, kassierte, quittierte, bewahrten ße durch Kichern, Gestenspiel und Selbstgespräche auffällig ge- sie eine ernst-bescheidene, schweigsame, ja botmäßige Haltung, -t habe. Er war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen wie junge Deutsche, die die Achtung vor der Behörde, der Lebenskreis zurückgekehrt, sondern an Ort und Stelle geblie- Amtsstube auf jedes Schreib- und Dienstlokal übertragen; aber ben: gewiß auch darum, weil er sich von dem Grabe nicht tren- draußen, auf dem Weg zum Frühstück und später im Laufe des nen mochte; den Ausschlag aber hatte wohl der weniger senti- Tages plauderten sie einiges über die Verfassung des Berghof- mentale Grund gegeben, daß er selbst etwas abbekommen hatte Instituts, wobei Joachim als der Eingesessene und Kundige die und seiner eigenen wissenschaftlichen Einsicht nach einfach Fragen seines Vetters beantwortete. hierher gehörte. So hatte er sich eingebürgert als einer der Ärzte, Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der An- die Leidensgenossen derjenigen sind, deren Aufenthalt sie stalt, - obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte. überwachen; die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie aus Über und hinter ihm standen unsichtbare Mächte, die sich eben dem freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern nur in Gestalt des Bureaus bis zu einem gewissen Grade mani- selber ihr Zeichen tragen, - ein eigentümlicher, aber durchaus festierten: ein Aufsichtsrat, eine Aktiengesellschaft, der anzuge- nicht vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein hören nicht übel sein mochte, da sie nach Joachims glaubwürdi- Bedenkliches hat. Kameradschaft des Arztes mi t dem Patienten ger Versicherung trotz hoher Ärztegehälter und liberalster Wirt- ist gewiß zu begrüßen, und es läßt sich hören, daß nur der Lei- 178 179, dende des Leidenden Führer und Heiland zu sein vermag. Aber raum, das Laboratorium, der Operationssaal und das Durch- ist rechte geistige Herrschaft über eine Macht denn möglich bei strahlungsatelier, in dem gut belichteten Kellergeschoß des An- dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann befreien, wer staltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem Kellerge- selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt Paradoxon für schoß, weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung. Wird führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich in ei- nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit durch nen Keller begebe, - was aber beinahe ganz auf Täuschung be- das erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und sittlich ge- beruhte. Denn erstens war das Erdgeschoß ziemlich hoch gelegen, stärkt als getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit nicht in das Berghofgebäude aber zweitens, im ganzen, auf abschüssigem klarer Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen, ist nicht eindeutig Grunde, am Berge errichtet, und jene »Keller«-Räumlichkeiten als Partei; und mit aller gebotenen Vorsicht muß man fragen, ob schauten nach vorn, gegen den Garten und das Tal: Umstände, ein der Krankheitswelt Zugehöriger an der Heilung oder auch durch die Wirkung und Sinn der Treppe gewissermaßen durch- nur Bewahrung anderer eigentlich in dem Sinne interessiert kreuzt und aufgehoben wurden. Denn man glaubte wohl über sein kann wie ein Mann der Gesundheit .ihne Stufen von ebener Erde hinabzusteigen, befand sich aber Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp drunten immer noch und wiederum zu ebener Erde oder doch auf seine Weise einiges aus, als er mit Joachim vom »Berghof« nur ein paar Schuh darunter, - ein belustigender Eindruck für und seinem ärztlichen Leiter schwatzte, aber Joachim bemerkte Hans Castorp, als er seinen Vetter, der sich vom Bademeister dagegen, man wisse ja gar nicht, ob Hofrat Behrens heute noch wiegen lassen sollte, nachmittags einmal in diese Sphäre »hin- selber Patient sei, - wahrscheinlich sei er schon längst genesen. unter«-begleitete. Es herrschte klinische Helligkeit und Sauber- Daß er hier zu praktizieren begonnen hatte, war lange her, - er keit dort; alles war weiß in weiß gehalten, und in weißem Lack hatte es eine Weile auf eigene Hand getrieben und sich als fein- schimmerten die Türen, auch die zu Dr. Krokowskis Empfangs- höriger Auskultator wie auch als sicherer Pneumotom rasch ei- zimmer, an der die Visitenkarte des Gelehrten mit einem Reiß- nen Namen gemacht. Dann hatte der »Berghof« sich seiner Per- nagel befestigt war und zu der noch eigens zwei Stufen von der son versichert, das Institut, mit dem er nun bald seit einem Höhe des Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Jahrzehnt so eng verwachsen war .Dort hinten, am Ende des Raum einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von nordwestlichen Flügels, lag seine Wohnung (Dr. Krokowski der Treppe, diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp hauste nicht weit davon), und jene altadelige Dame, die Schwe- hatte ein besonderes Auge auf sie, während er, auf Joachim ster Oberin, von der Settembrini so höhnisch gesprochen und wartend, den Korridor auf und nieder ging. Er sah auch jeman- die Hans Castorp bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem den herauskommen, eine Dame, die kürzlich eingetroffen war kleinen Witwerhaushalte vor. Im übrigen war der Hofrat allein, und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine, Zierliche denn sein Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte sich tief, seine Tochter war schon vermählt: nämlich an einen Advokaten die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes sie mit der im französischen Teile der Schweiz. Der junge Behrens kam in anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an den Mund den Ferien zuweilen zu Besuch, was sich während Joachims preßte und darüberhin aus ihrer gebückten Haltung mit großen, Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er sagte, die Damen blassen, verstörten Augen ins Leere blickte. So eilte sie mit en- der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen stiegen, gen Trittchen, bei denen ihr Unterrock rauschte, zur Treppe, Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den Liegehallen, blieb plötzlich stehen, als besänne sie sich auf etwas, setzte sich und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis besonderer trippelnd wieder in Lauf und verschwand im Stiegenhause, im- Sprechstunde .mer gebückt und ohne das Tüchlein von den Lippen zu neh- Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein eige- men. nes Zimmer eingeräumt, das, wie der große Untersuchungs- Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler 180181, merkte .Jetzt sagt sie ihren Leuten guten Tag .Sie sollten sich Madame nennt, geschieht nicht nur der größeren Ansehn- doch einmal hinsehen, es ist so erquickend, sie zu beobachten. lichkeit wegen, wie ausländische Fräulein es machen, wenn sie Wenn sie so lächelt und spricht wie jetzt, bekommt sie ein ein wenig reif sind, sondern wir alle wissen es, daß sie wirklich Grübchen in die eine Wange, aber nicht immer, nur wenn sie einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist im ganzen Orte will. Ja, das ist ein Goldkind von einer Frau, ein verzogenes Ge- bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen Namen, einen schöpf, daher ist sie so lässig. Solche Menschen muß man lie- russischen und keinen französischen, einen auf -anow oder ben, ob man will oder nicht, denn wenn sie einen ärgern durch ukow, ich habe ihn schon gewußt und nur wieder vergessen; ihre Lässigkeit, so ist auch der Ärger nur ein Anreiz mehr, ihnen wenn Sie wollen, erkundige ich mich danach; es gibt sicher zugetan zu sein, es ist so beglückend, sich zu ärgern und den- mehrere Personen hier, die den Namen kennen. Einen Ring? noch lieben zu müssen ..« Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon aufgefallen. Lieber So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht macht er ihr den anderen, während die flaumige Röte auf ihren Altjungfern- eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, einen Ehe- wangen an ihre übernormale Körpertemperatur erinnerte; und ring zu tragen, so einen glatten Reif .es fehlt nur der Schlüs- ihre wollüstigen Redereien gingen dem armen Hans Castorp in selkorb .nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig .Ich kenne Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit schuf ihm das das, die russischen Frauen haben alle so etwas Freies und Groß- Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß Madame zügiges in ihrem Wesen. Außerdem hat so ein Ring etwas gera- Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem wünschte dezu Abweisendes und Ernüchterndes, er ist doch ein Symbol der junge Mann, sich von außen zur Hingabe an Empfindungen der Hörigkeit, möchte ich sagen, er gibt einer Frau direkt etwas ermutigen zu lassen, denen seine Vernunft und sein Gewissen Nonnenhaftes, das reine Blümchen Rührmichnichtan macht er störende Widerstände entgegensetzten. JUS ihr. Ich wundere mich gar nicht, wenn das nicht nach Frau Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Chauchats Sinne ist.Eine so reizende Frau, in der Blüte der Beziehung nur wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte Jahre .Wahrscheinlich hat sie weder Grund noch Lust, jeden beim besten Willen nichts Näheres über Frau Chauchat auszusa- Herrn, dem sie die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebunden- gen, nicht mehr als jedermann im Sanatorium; sie kannte sie heit fühlen zu lassen ..« nicht, konnte sich nicht einmal einer Bekanntschaft rühmen, die Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans Ca- sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das einzige, womit sie storp sah ihr ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war, daß sie Blick mit einer Art von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen in Königsberg - also nicht gar so sehr weit von der russischen beide eine Weile, um sich zu erholen. Hans Castorp aß und un- Grenze — zu Hause war und einige Brocken Russisch kannte, — terdrückte das Zittern seines Kopfes. Endlich sagte er: dürftige Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber etwas wie »Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er be- weitläufige persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat zu sehen sucht sie niemals hier oben? Was ist er denn eigentlich?« bereit war. »Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem ganz »Sie trägt keinen Ring«, sagte er, »keinen Ehering, wie ich se- entlegenen Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das liegt he. Wie ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, haben ganz östlich über den Kaukasus hinaus, dahin ist er komman- Sie mir gesagt?« diert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß noch nie ihn jemand hier Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon wieder im dritten getrieben und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich Monat hier.« fühlte sie sich für Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber. »Sie ist also nicht zum erstenmal hier?« »Das dürfen Sie nicht so genau nehmen«, sagte sie. »Zuver- »() nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie wie- lässig ist sie verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. Daß sie der wo anders, an ähnlichen Orten. - Umgekehrt, sie besucht 184 185, ihn zuweilen, nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit. Sie le- fe, Sie haben von Ihrer schönen Minka geträumt? .Nein, wie ben getrennt, kann man sagen, und sie besucht ihn zuweilen.« Sie gleich rot werden, wenn man sie nur erwähnt! Ganz ver- »Nun ja, da sie krank ist ..« narrt sind Sie in sie, das leugnen Sie nur lieber nicht!« »Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht so. Doch nicht so Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über ernstlich krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von ihre Tasse beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel: ihrem Manne getrennt leben müßte. Das muß schon weitere »Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von Ih- und andere Gründe haben. Hier nimmt man allgemein an, daß nen, daß Sie mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren Anspie- es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr nicht in Daghestan lungen. Alle merken es ja, daß wir es auf sie abgesehen haben, hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten Gegend, das und daß Sie mir Dinge sagen, über die ich rot werden muß ..« wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein wenig muß es Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben. doch auch an dem Manne liegen, wenn es ihr so gar nicht bei Itcide wußten, daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans ihm gefällt. Er hat ja einen französischen Namen, aber darum ist Castorp nur, um von Frau Chauchat sprechen zu können, die er doch ein russischer Beamter, und das ist ein roher Menschen- Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein ungesundes und übertra- schlag, wie Sie mir glauben können. Ich habe einmal einen da- genes Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen zu schä- von gesehen, er hatte so einen eisenfarbenen Backenbart und so kern, - welches ihrerseits darauf einging: erstens aus kuppleri- ein rotes Gesicht .Im höchsten Grade bestechlich sind sie, schen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen Manne zu und dann haben sie es alle mit dem Wutki, dem Branntwein, Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat vergafft hatte, wissen Sie .Anstandshalber lassen sie sich eine Kleinigkeit zu und endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich irgendwie von essen geben, ein paar marinierte Pilze oder ein Stückchen Stör, ihm necken und rot machen zu lassen. Dies wußten sie beide und dazu trinken sie - einfach im Übermaß. Das nennen sie von sich und vom anderen und wußten auch, daß jeder es von dann einen Imbiß ..« sich und vom anderen wisse, und das alles war verwickelt und »Sie schieben alles auf ihn«, sagte Hans Castorp. »Wir wissen unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von verwickelten und aber noch nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn sie unsauberen Dingen im ganzen angewidert wurde und sich auch nicht gut miteinander leben. Man muß gerecht sein. Wenn ich in diesem Falle davon angewidert fühlte, so fuhr er doch fort, in sie mir so ansehe und diese Unmanier mit dem Türenwer- dem trüben Elemente zu plätschern, indem er sich zur Beruhi- fen .ich halte sie für keinen Engel, das nehmen Sie mir, bitte, gung sagte, daß er ja nur zu Besuch hier oben sei und demnächst nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg. Aber Sie sind nicht wieder abreisen werde. Mit erkünstelter Sachlichkeit beurteilte unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in Vorurteilen zu er kennerhaft das Äußere der »lässigen« Frau, stellte fest, daß sie ihren Gunsten ..« von vorn gesehen entschieden jünger und hübscher wirke als So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner im Profil, daß ihre Augen zu weit auseinander lägen und ihre Natur eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute Haltung viel zu wünschen übriglasse, wofür allerdings ihre Ar- Fräulein Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht das, me schön und »weich geformt« seien. Und indem er dies sagte, was sie, wie er sehr wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete, son- suchte er das Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber dern als sei diese Schwärmerei eine selbständige, drollige Tatsa- nicht nur erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche che, mit welcher er, der unabhängige Hans Castorp, die alte Anstrengung bemerkte, sondern auch mit dem größten Wider- Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande necken willen die Wahrnehmung machte, daß sie selber ebenfalls mit konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese dem Kopf zitterte. Auch war es nichts als Politik und unnatürli- dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so che Schlauheit gewesen, daß er Frau Chauchat als »schöne Min- war nichts damit gewagt. ka« bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter fragen: »Guten Morgen!« sagte er. »Haben Sie wohl geruht? Ich hof- »Ich sage ›Minka‹, aber wie heißt sie denn eigentlich in 186 187, Wirklichkeit. Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie Sieun- freuen, - sofern nämlich »sich freuen« das richtige Wort war für streitig in sie sind, müssen Sie doch unbedingt ihren Vornamen die Art von Erwartung, mi t der er dem neuen Zusammensein wissen.« mit der kranken Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht Die Lehrerin dachte nach. (in zu leichtes, vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Mög- »Warten Sie, ich weiß ihn«, sagte sie. »Ich habe ihn gewußt. licherweise ist der Leser geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich Heißt sie nicht Tatjana? Nein , das war es nicht, und auch nicht vergnügte und gewöhnliche, in bezug auf Hans Castorps Person Natascha. Natascha Chauchat? Nein , so habe ich's nicht gehört. und sein Innenleben als passend und zulässig zu erachten; aber Halt, ich habe es! Awdotja heißt sie. Ode r es war doch etwas in wir erinnern daran, daß er sich als ein junger Mann von Ver- diesem Charakter. DennKatjenka oder Ninotschka heißt sie nunft und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau Chau- nun einmal bes t immt nicht. Es ist mir wahrhaftig entfallen. chats nicht einfach »freuen« konnte und, da wir es wissenmüs- Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung bringen, wennsen, stellen wir fest, daß er dies Wort, wennman es ihm ange- Ihnen daran gelegen ist.« boten hätte, achselzuckend verworfen haben würde. Wirklich wußte sie am nächsten Tag den Namen. Sie sprach Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, - das ihn beim Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß schmetter- ist eine Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er ging te. Frau Chauchat hieß Clawdia. umher, indes seine Wangen in trockener Hitze standen, und Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich denNamensang vor sich hin, sang in sich hinein, denn sein Befinden war wiederholen und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann musikalisch und sensitiv. Er summte ein Liedchen, das er, wer sprach er ihn mehrmals nach, indem er dabei mi t rot geäderten weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei einemWohl- Augen zu Frau Chauchat hinüberblickte und ihn ihr gewisser- tätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranst imme ge - maßen anprobierte. hört und jetzt in sich vorgefunden hatte, - einen sanftenUn- »Clawdia«, sagte er, »ja, so mag sie wohl heißen, esstimmt sinn, der anfing: ganz gut.« Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die inti- »Wie berührt mich wundersam me Kenntnis und sprach jetzt nur noch von »Clawdia«, wenner Oft ein Wort von dir«, Frau Chauchat meinte. »Ihre Clawdia dreht ja Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.« »Eskommtdarauf an, wer und er war im Begriffe, hinzuzusetzen: es tut«, antwortete die Lehrerin. »Clawdia steht es.« »Das von deiner Lippe kam Ja, die Mahlzei ten im Saal mit den sieben Tischen hatten denUndzum Herzen mir!« - allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, wenn eine davon zu Ende ging, aber sein Trost war, daß er sehr bald, in als er plötzlich die Achseln zuckte, »lächerlich« sagte und das zwei oder zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen werde, und zarte Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam ver- wenner wieder hier saß, so war es, als sei er nie aufgestanden. warf und von sich wies, - es mit einer gewissen Melancholie Was lag dazwischen? Nichts. Ein kurzer Spaziergang zum Was- und Strenge von sich wies. An solchem innigen Liedchen serlauf oder ins Englische Viertel, ein wenig Ruhe im Stuhl. Das mochte irgendein junger Mann Genüge und Gefallen finden, war keine ernste Unterbrechung, kein schwer zu nehmendes der »sein Herz«, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-, friedli- Hindernis . Etwas anderes, wennArbeit, irgendwelche Sorgen cher- und aussichtsreicherweise i rgendeinem gesunden Gäns- undMühensich vorgelagert hätten, die im Geiste nicht leicht chen dort unten im Flachlande »geschenkt« hatte und sich nun zu übersehen, zu übergehen gewesen wären. Dies war jedoch leinen erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde nicht der Fall im klug und glücklich geregelten Leben des vergnügten Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis »Berghofs«. Hans Castorp konnte sich, wenn er von einer ge- zu Madame Chauchat - das Wort »Verhältnis« kommtauf seine meinsamen Mahlzeit aufstand, ganz unmittelbar auf die nächste Rechnung, wir lehnen die Verantwortung dafür ab - schickte 188 189, sich ein solches Gedichtchen entschieden nicht; in seinem Lie- lung. Abwechslung ist für die Langjährigen. Aber ich mit mei- gestuhl fand er sich bewogen, das ästhetische Urteil »albern!« nen drei Wochen, was brauche ich Abwechslung.« darüber zu fällen und brach in der Mitte ab, indem er die Nase So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür einzusetzen und Stelle. Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung wußte. wie Enttäuschung ihm hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp. Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf Langeweile war es nicht, was ihn plagte; im Gegenteil begann sein Herz, sein körperliches Herz achtete, das rasch und ver- er zu fürchten, das Ende seines Aufenthalts möchte allzu be- nehmlich in der Stille pochte, - der vorschriftsmäßigen Haus- schwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt vor, zwei Drittel ordnungsstille, die während der Haupt- und Schlafliegekur über seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach erst das dritte dem ganzen »Berghof« waltete. Es pochte hartnäckig und vor- an, so dachte man schon an den Koffer. Die erste Auffrischung dringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat, seitdem er von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei; schon begannen hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings weniger die Tage dahinzufliegen, und das taten sie, obgleich jeder ein- Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte jetzt nicht elne von ihnen sich in immer erneuter Erwartung dehnte und mehr sagen, daß es auf eigene Hand, grundlos und ohne Zu- von stillen, verschwiegenen Erlebnissen schwoll .Ja, die Zeit sammenhang mit der Seele klopfte. Ein solcher Zusammenhang ist ein rätselhaftes Ding, es hat eine schwer klarzustellende Be- war vorhanden oder doch unschwer herzustellen; eine rechtfer- wandtnis mit ihr! tigende Gemütsbewegung ließ sich der exaltierten Körpertätig- Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans keit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte nur an Frau Castorps Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher Chauchat zu denken - und er dachte an sie -, so besaß er zum zu kennzeichnen? Aber jedermann kennt sie, es waren durchaus Herzklopfen das zugehörige Gefühl. die gewöhnlichen in ihrer sensiblen Nichtigkeit, und in einem vernünftiger und aussichtsreicher gelagerten Fall, auf den das abgeschmackte Liedchen »Wie berührt mich wundersam« an- Aufsteigende Angst wendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht anders abspie- Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt im Zwielicht len können. Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die sich Das Wetter war spottschlecht, - in dieser Beziehung hatte Hans von einem gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend et- Castorp kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in diesen was hätte bemerken sollen; und daß sie etwas, ja möglichst viel Gegenden. Es schneite nicht gerade, aber es regnete tagelang davon bemerkte, lag zügelloserweise durchaus in Hans Castorps schwer und häßlich, dicke Nebel erfüllten das Tal, und Gewitter Absichten. Wir nennen das zügellos, weil er sich über die Ver- von lächerlicher Überflüssigkeit - denn es war ohnehin so kalt, -ftwidrigkeit seines Falles völlig im klaren war. Aber um daß man im Speisesaal sogar geheizt hatte - entluden sich mit wen es steht, wie es um ihn stand oder zu stehen begann, der umständlich ausrollendem Widerhall. will, daß man drüben von seinem Zustande Kenntnis habe, auch »Schade«, sagte Joachim. »Ich hatte gedacht, wir wollten mal wenn kein Sinn und Verstand bei der Sache ist. So ist der mit dem Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas unterneh- Mensch. men. Aber es scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich wird deine Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig letzte Woche besser.« oder unter magnetischer Einwirkung beim Essen nach jenem Aber Hans Castorp antwortete: lisch umgewandt hatte und jedesmal den Augen Hans Castorps »Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen. Meine begegnet war, blickte sie zum viertenmal mit Vorbedacht hin- erste ist mir nicht sonderlich bekommen. Ich erhole mich am über und begegnete seinen Augen auch diesmal. In einem fünf- besten, wenn ich so in den Tag hineinlebe, ohne viel Abwechs- ten Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar; er war gerade190191, zu »präsentieren«. Das war hart. Aber da diese Unterlassungen nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, daß sie ihn an- sich ganz ohne Zweifel auf ihn bezogen, so war eine Beziehung sah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie sich lächelnd ab- eben doch deutlich vorhanden, wenn auch in negativer Gestalt; wandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts die- und das mochte genügen. ses Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, so täuschte sie Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte mit sich. Sein Bedürfnis nach Verfeinerung war bedeutend. Bei seiner Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft zu sechster Gelegenheit, als er ahnte, spürte, die innere Kunde ge- machen, außer mit Tischgenossen. Denn während der einzigen wann, daß sie herüberblickte, tat er, als betrachte er mit ein- knappen Stunde nach dem Diner, in der eine gewisse Gesellig- dringlichem Mißfallen eine finnige Dame, die an seinen Tisch keit regelmäßig statthatte, die aber oft auf zwanzig Minuten getreten war, um mit der Großtante zu plaudern, hielt eisern zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat ohne Ausnahme durch, wohl zwei oder drei Minuten lang, und gab nicht nach, mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen Herrn, der humoristi- bis er sicher war, daß die Kirgisenaugen dort drüben von ihm schen Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl und den hän- abgelassen hatten, - eine wunderliche Schauspielerei, die Frau geschultrigen Jünglingen, im Hintergrunde des kleinen Salons, Chauchat nicht nur durchschauen mochte, sondern ausdrücklich der dem »Guten Russentisch« vorbehalten schien. Auch drängte durchschauen sollte, damit Hans Castorps große Feinheit und Joachim stets bald zum Aufbruch, um die Abendliegekur nicht Selbstbeherrschung sie nachdenklich stimme .Es kam zu fol- zu verkürzen, wie er sagte, und vielleicht noch aus anderen diä- gendem. In einer Eßpause wandte Frau Chauchat sich nachlässig tetischen Gründen, die er nicht anführte, die aber Hans Castorp um und musterte den Saal. Hans Castorp war auf dem Posten ahnte und achtete. Wir erhoben den Vorwurf der Zügellosigkeit gewesen: ihre Blicke trafen sich. Indes sie einander ansehen - gegen ihn, aber wohin seine Wünsche nun immer gehen moch- die Kranke unbestimmt spähend und spöttisch, Hans Castorp ten, die gesellschaftliche Bekanntschaft mit Frau Chauchat war mit erregter Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, wäh- es nicht, was er anstrebte, und mit den Umständen, die dagegen rend er ihren Augen standhielt) - will ihr die Serviette entfal- wirkten, war er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt ge- len, ist im Begriffe, ihr vom Schoße zu Boden zu gleiten. Ner- spannten Beziehungen, die sein Schauen und Betreiben zwi- vös zusammenzuckend greift sie danach, aber auch ihm fährt es schen ihm und der Russin hergestellt hatten, waren außergesell- in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle empor, und schaftlicher Natur, sie verpflichteten zu nichts und durften zu blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen nichts verpflichten. Denn ein beträchtliches Maß von gesell- zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde schaftlicher Ablehnung vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner es eine Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden er- Seite, und die Tatsache, daß er den Gedanken an »Clawdia« dem reichte .Knapp über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. Klopfen seines Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, Aber aus ihrer gebückten Haltung, überquer zu Boden geneigt, den Enkel Hans Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend die Serviette am Zipfel und mit verfinsterter Miene, offenbar EU machen, daß er mit dieser Fremden, die ihr Leben getrennt ärgerlich über die unvernünftige kleine Panik, der sie unterle- von ihrem Mann und ohne Trauring am Finger an allen mögli- gen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld gibt, - blickt chen Kurorten verbrachte, sich mangelhaft hielt, die Tür hinter sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine Sprungstellung, sich zufallen ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an den Fin- seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd ab. gern kaute, - daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur, jene geheimen Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen Ausgelassenheit. Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn haben könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen Madame Chauchat wandte sich nun volle zwei Tage lang, also trennten, und daß er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit während der Dauer von zehn Mahlzeiten, überhaupt nicht mehr ihr bestehen würde. Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei ihrem Ein- ohne persönlichen Hochmut; aber ein Hochmut allgemeiner tritt, wie es sonst ihre Gepflogenheit gewesen, dem Publikum, und weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf der Stirn und um Castorp von der Lehrerin hörte, in einer gemeinsamen Liege- die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und aus ihm halle, nämlich der, die sich auf dem Dache befand, derselben, in entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim An- der Hauptmann Miklosich neulich das Licht abgedreht hatte), so blick von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten, aber auch konnte noch wollte. Es war sonderbar, daß er sich dieses weit- sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen bis zum Abend die läufigen Überlegenheitsgefühls besonders lebhaft und vielleicht Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung gegeben. überhaupt zum erstenmal bewußt wurde, als er Frau Chauchat Und auch dies, ebenso wie das andere, daß keine Sorgen und eines Tages Deutsch sprechen hörte, - sie stand, beide Hände in Mühen die Aussicht versperrten, fand Hans Castorp famos, den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit im Saa- wenn auch solches Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr le, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen wahr- zugleich etwas Beklemmendes hatte. nahm, im Gespräch mit einer anderen Patientin, einer Liegehal- Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und stell- lengenossin wahrscheinlich, auf übrigens reizende Art um die te seinen Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu ver- deutsche Sprache, Hans Castorps Muttersprache, wie er mit bessern. Da Frau Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet zu Ti- plötzlichem und nie gekanntem Stolze empfand, - wenn auch sche kam, so legte er es darauf an, ebenfalls zu spät zu kommen, nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem Entzücken um ihr unterwegs zu begegnen. Er versäumte sich bei der Toi- aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und Radebrechen lette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat, um ihn abzuholen, ihn erfüllte. Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stil- ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme gleich nach. Be- len Verhältnis zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ulen von dem Instinkt seines Zustandes, wartete er einen ge- ein Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft - sei- wissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, und eilte ins nes eigenen vernünftigen Gewissens - keinerlei Anspruch auf erste Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe benutzte, die die Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil Fortsetzung derjenigen bildete, die ihn herabgeführt hatte, son- Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich dern den Korridor fast bis ans Ende, bis zur anderen Treppe ver- wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer folgte, die einer längst bekannten Zimmertür - es war die von Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Ca- N r. 7 - nahegelegen war. Auf diesem Wege, den Korridor ent- storps Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war .lang, von einer Treppe zur anderen, bot sozusagen jeder Schritt Nein, ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in eine Chance, denn jeden Augenblick konnte die bewußte Tür den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in andert- sich öffnen, - und das tat sie wiederholt: krachend fiel sie hin- halb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms in die Praxis trat, ter Frau Chauchat zu, die für ihre Person lautlos hervorgetreten wohl oder übel folgenlos beendet sein. war und lautlos zur Treppe glitt .Dann ging sie vor ihm her Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefan- und stützte das Haar mit der Hand, oder Hans Castorp ging vor gen hatte, die Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen ihr her und fühlte ihren Blick in seinem Rücken, wobei er ein und Enttäuschungen, die ihm aus seinen zarten Beziehungen zu Reißen in den Gliedern sowie ein Ameisenlaufen den Rücken der Patientin erwuchsen, als den eigentlichen Sinn und Inhalt hinunter verspürte, in dem Wunsche aber, sich vor ihr aufzu- seines Ferienaufenthaltes zu betrachten, ganz ihnen zu leben spielen, so tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein Einzel- und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu machen. Die leben in kräftiger Unabhängigkeit, - die Hände in die Rockta- Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten Vor- schen grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder schub, denn man lebte bei feststehender und jedermann bin- sich heftig räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust dender Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, und schlug, - alles, um seine Unbefangenheit zu bekunden. wenn auch Frau Chauchat in einem anderen Stockwerk - im er- Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem sten - zu Hause war (sie hielt übrigens ihre Liegekur, wie Hans er am Eßtisch schon Platz genommen, sagte er bestürzt und är- 194 195, gerlich, indem er sich mit beiden Händen betastete: »Da, ich und (so fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnitte- habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt heißt es, sich noch ein- nen Kirgisenaugen, deren Farbe das Graublau oder Blaugrau fer- mal hinaufbequemen.« Und er ging zurück, damit er und ner Berge war, und die sich zuweilen, bei einem gewissen Sei- »Clawdia« einander begegneten, was denn doch noch etwas ande- tenblick, der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende res, gefährlicher und von schärferen Reizen war, als wenn sie Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten, - vor oder hinter ihm ging. Das erstemal, als er dies Manöver Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus ausgeführt, maß sie ihn zwar aus einiger Entfernung mit den nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Aus- Augen, und zwar recht rücksichtslos und ohne Verschämtheit, druck denen Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend von oben bis unten, wandte aber, herangekommen, gleichgültig ähnlich waren! »Ähnlich« war gar nicht das richtige Wort, - es das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis dieses waren dieselben Augen; und auch die Breite der oberen Ge- Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen war. Beim 1 sichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis auf die gerötete zweitenmal aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, - die Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei Frau ganze Zeit sah sie ihn an, 'während des ganzen Vorganges, blick- Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen te ihm fest und sogar etwas finster in das Gesicht und drehte im liier oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur Vorübergehen sogar noch den Kopf nach ihm, - es ging dem ar- im Freien war, - alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht an- men Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens sollte man ders hatte dieser ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof an- ihn nicht bedauern, da er es nicht anders gewollt und alles selbst einander vorübergingen. in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn ge- Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war be- waltig, sowohl während sie sich abspielte wie namentlich noch geistert von der Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie nachträglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deut- aufsteigende Angst, eine Beklemmung derselben Art, wie das lich, wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Ge- Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr auf engem Raum sicht so nahe, so in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich ihm verursachte: auch dies, daß der längst vergessene Pribislav gehabt: er hatte die kurzen Härchen unterscheiden können, die ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete und ihn mit sich aus dem Geflecht ihres blonden, ein wenig ins Metallisch- Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein mit Unum- Rötliche spielenden und einfach um den Kopf geschlungenen gänglichem oder Unentrinnbarem, - in beglückendem und Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war gewesen ängstlichem Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersa- zugleich auch unheimlich, ja bedrohlich, und ein Gefühl der men, ihm aber von langer Hand her vertrauten Bildung, die Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans Castorp an, - in sei- ihm zusagte wie nichts in der Welt: einer Bildung, fremdartig nem Inneren vollzogen sich unbestimmte und instinktmäßige und charaktervoll (denn nur das Fremde scheint uns Charakter Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, als ein Tasten und zu haben), von nördlicher Exotik und geheimnisreich, zur Er- Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mö- gründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und Verhältnis- gen; er dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die se nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war ZU denken etwa zuträglich sein mochte. wohl die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Sei- sie bedrängte die ungewohnt flach, ungewohnt weit voneinan- -, dessen Augen in diesen Monaten einen so traurigen Aus- der liegenden Augen und trieb sie ein wenig ins Schiefe, wäh- druck angenommen, und der zuweilen so wegwerfend-heftig rend sie zugleich die Ursache abgab für das weiche Konkav der mit den Achseln zuckte, wie er es früher nie und nimmer getan, Wangen, das wiederum, von seiner Seite und mittelbar, die Joachim mit dem »Blauen Heinrich« in der Tasche, wie Frau leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann aber Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem so störrisch waren da namentlich die Augen selbst gewesen, diese schmal schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele 196 197, entsetzte .Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Beh- Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stel- rens tirrte und plagte, um fortzukommen und in der »Ebene« le, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oder im »Flachlande«, wie man hier die Welt der Gesunden mit oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm beobachtete, einem leisen, aber deutlichen Akzent von Geringschätzung hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer heilig- nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzunehmen, so daß schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so ver- ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen, fast schwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der Handha- Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, - tat es um seiner baldi- bung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung gen Genesung willen, ohne Frage, aber, wie Hans Castorp in der Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige Mumie aus manchmal zu spüren glaubte, ein wenig doch auch um des Kur- sich machte, schöne Gewandtheit gewonnen; es fehlte nicht dienstes willen, der am Ende ein Dienst war wie ein anderer, viel, so tat er es Joachim gleich in der sicheren Fertigkeit und und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung. So drängte denn Joa- Kunst, sie vorschriftsmäßig um sich zu schlagen, und fast mußte chim abends schon nach einer Viertelstunde aus der Geselligkeit er sich wundern bei dem Gedanken, daß in der Ebene drunten fort in die Liegekur, und das war gut, denn seine militärische niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift wußte. Ja, das Genauigkeit kam dem zivilen Sinn Hans Castorps gewisserma- war wunderlich; - aber zugleich wunderte sich Hans Castorp ßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn- und aussichtsloserweise, darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn gern noch des längeren an der Geselligkeit beteiligt hätte, mit innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neuer- Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber Joachim so dings in ihm auf. dringlich darauf bedacht war, die Abendgeselligkeit abzukürzen, Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen sine pe- das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den cunia erteilten Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft und sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Er- sich sogar auch zu messen, - und an Settembrini, der über die- blassen und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sen Rat so laut in die Luft hinein gelacht und dann etwas aus sich in gewissen Augenblicken verzerrte, so genau verstehen ge- der »Zauberflöte« zitiert hatte. Ja, auch an diese beiden dachte er lernt hatte. Denn auch Marusja, die ewig lachlustige Marusja probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut täte. Hofrat Behrens mit dem kleinen Rubin an ihrem schönen Finger, dem Apfelsi- war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans Castorps Vater sein nenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust war ja bei der können. Dazu war er Vorsteher der Anstalt, die höchste Autori- Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Castorp begriff, daß tät, - und väterliche Autorität war es, wonach der junge Hans dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf ei- Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch ne schreckliche Weise anzog. War auch Joachim »eingesperrt«, - wollte es ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats noch enger und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja mit kindlichem Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau mit ihrem Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch begraben, ein Kummer, von dem er vorübergehend etwas wun- fünfmal am Tage mit ihnen zusammen an demselben Eßtisch derlich geworden war, und dann war er am Orte geblieben, saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zuviel mit sich selbst zu tun, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst etwas ab- als daß sein Dasein eigentlich innerlich hilfreich für Hans Ca- bekommen hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und storp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus der Gesellig- unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie keit wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als beruhigend recht bald ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor, als Seine Backen waren beständig blau, und eigentlich sah er aus, ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im als hätte er Übertemperatur. Aber das mochte auf Täuschung be- Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er ihm zuteil wer- ruhen und nur die Luft schuld sein an dieser Gesichtsfarbe: den ließ, ihr Bedenkliches hätten. I [ans Castorp selber spürte hier ja tagein, taugaus eine trockene 198 199, Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer brini und hörte bereitwillig und nicht ohne prüfende Aufmerk- beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, samkeit auf das, was er alles zum besten gab bei Begegnungen, konnte man wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an der war nicht ganz richtig mit seiner Redeweise: sie klang so forsch Bergwand oder nach »Platz« hinab sich beiläufig ereigneten, und fidel und gemütlich, aber es war etwas Sonderbares darin, oder bei anderer Gelegenheit, zum Beispiel, wenn Settembrini etwas Exaltiertes, besonders wenn man die blauen Backen mit nach beendeter Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen ka- in Betracht zog, sowie die tränenden Augen, die aussahen, als rierten Beinkleidern, einen Zahnstocher zwischen den Lippen, weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp erinnerte durch den Saal mit den sieben Tischen schlenderte, um gegen sich dessen, was Settembrini über des Hofrats »Schwermut« und alle Vorschrift und Übung ein wenig am Tische der Vettern zu »Lasterhaftigkeit« ausgesagt, und daß er ihn eine »verworrene hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger Haltung, mit ge- Seele« genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeute- kreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher lei; aber er fand trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, an Hofrat Behrens zu denken. nahm Platz an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Leh- Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der rerin einerseits oder zwischen Hans Castorp und Miß Robinson Oppositionsmann, Windbeutel und »homo humanus«, wie er andererseits und sah zu, wie die neun lischgenossen ihren sich selber nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten ver- Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet zu haben schien. wiesen hatte, Krankheit und Dummheit zusammen einen Wi- »Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis«, sagte er, indem derspruch und ein Dilemma für das menschliche Gefühl zu er den Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es zuträglich, an ihn zu mit einer Verbeugung umfaßte. »Dieser Bierbrauer dort drü- denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er in mehreren ben .von dem verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte zu schweigen. Aber dieser Herr Magnus, - soeben hat er einen erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, trockenen Lä- völkerpsychologischen Vortrag gehalten. Wollen Sie hören? cheln des Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines ›Unser liebes Deutschland ist eine große Kaserne, gewiß. Aber Schnurrbartes kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann ge- es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich tausche unsere Ge- scholten und ihn wegzudrängen versucht hatte, weil er hier stö- -egenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein. Was hilft re. Aber das war im Traum gewesen, und der wachende Hans mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen werde Castorp war ein anderer, weniger ungehemmt als der des Trau- in diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da mes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, - vielleicht tat er mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den gut daran, es innerlich mit Settembrinis neuartigem Wesen zu Hacken, eine alte Jungfer aus Siebenbürgen, die ohne Unterbre- versuchen, - mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie chung von ihrem ›Schwager‹ spricht, einem Menschen, von larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen dem niemand etwas weiß, noch wissen will. Kurzum, ich kann Pädagogen genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub gemacht.« und den jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt »Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen«, sagte Frau Stöhr, zu werden, - was ja freilich so weit nicht zu gehen brauchte, »das kann ich mir denken.« daß er sich von Settembrini bestimmen ließ, seinen Koffer zu »Exakt!« rief Settembrini. »Das Panier! Ich sehe, hier weht packen und vor der Zeit abzureisen, wie jener es neulich allen ein anderer Wind, - kein Zweifel, ich bin vor die rechte Ernstes in Vorschlag gebracht hatte. Schmiede gekommen. Fluchtartig also ergriff ich es .Wer so Placet experiri, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel La- seine Worte zu setzen wüßte! - Darf ich mich nach den Fort- tein verstand er auch noch, ohne sich einen homo humanus schritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau Stöhr?« nennen zu dürfen. Und so hatte er denn ein Auge auf Settem- Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. »Großer Gott«, 200201, sagte sie, »es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man sers - in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des tut zwei Schritte vorwärts und drei zurück, - hat man fünf Mo- Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er tra- nate abgesessen, so kommt der Alte und legt einem ein halbes ge ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Ge- Jahr zu. Ach, es sind Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, wicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren Sie? Sie sind und glaubt man, oben zu sein ..« doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen, und während der »Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tanta- irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur machte, erlustierte lus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise sich der spirituelle in der Gesellschaft des Hauptmanns Miklo- einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre sich und an seinen Baisers ..« Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, es gehen geheimnisvolle Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kit- Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von Doppelgänge- zelt. rei, Astralleibern .Ich habe daran nicht geglaubt bisher, aber »Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll«, was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ..« sagte Settembrini. »Daß Sie die Baisers allein genossen und die »Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir trei- Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ..« ben.« »Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie »Hi, hi, hi ..« mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz und wir »Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?« fragte werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache mir ge- der Italiener unvermittelt. »Jemand ist abgeholt worden, - vom stern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewe- Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tat- gung im Garten, - ich blicke dabei die Balkons entlang -, das kräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneer- elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. mann, Anton Schneermann, der dort vorn am Tische von Ma- Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Ver- demoiselle Kleefeld saß, - Sie sehen, sein Platz ist leer. Er wird nunft und Vorschrift. ›Da liegt unsere schöne Kranke‹, sage ich bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir keine Sorge, aber zu mir selbst, ›und beobachtet treulich die Verordnung, um bal- Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh er's ge- digst heimkehren zu können in die Arme des Herrn Stöhr.‹ dacht. Anderthalb Jahre war er hier - mit seinen sechzehn; es Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie zu derselben waren ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was Stunde im cinematógrafo (Herr Settembrini sprach das Wort geschieht? Ich weiß nicht, wer Madame Schneermann ein Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) - im cine- hatte zufließen lassen, auf jeden Fall hatte sie Wind bekommen matógrafo der Kurhausarkaden gesehen worden sind und her- von dem Wandel ihres Söhnchens in Baccho et ceteris. Unange- nach noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen meldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone - drei Köpfe Baisers, und zwar ..« größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Ser- ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim viette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl Kragen und setzt ihn auf die Bahn. ›Soll er zugrund gehen‹, sagt mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-vertraulich sie, ›so kann er's auch unten.‹ Und fort geht's nach Hause.« und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefälligkeit zu Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settem- erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der Aufsicht ihr brini erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem laufenden über die brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hinauszustellen, sich letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemein- heimlich davonzumachen und drunten im Englischen Viertel schaftsleben Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt. Er ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die Le- auf sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese bensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß gestern Praktik übte. bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vor- » .und zwar«, fuhr Settembrini fort, »hätten Sie diese Bai- genommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom202203, Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühle- werden würden. In der letzten Nacht hatte sich, seiner Erzäh- rische Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und lung nach, das Hündchen der Madame Kapatsoulias aus Mytile- bei aller Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, ge- ne auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem Nacht- lang es ihnen nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abnei- tisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und Tumult gung, ja des Widerwillens aus ihren Zügen zu verbannen. Frei- entstanden war, besonders, da man Madame Kapatsoulias nicht lich lagen die Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus last hundert Jahre, es war Geschichte, und aus der Geschichte, Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier lächeln über diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gel- unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie lend, indem sie die linke Brust mit beiden Händen preßte. nie gedacht hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Be- Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von rührung zu kommen. Auch hatte sich mit dem Aufrührer- und sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, Konspirantentum dieses Großvaters, wie sie hörten, eine große gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mit- Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei tagstisch, wenn die große Mehrzahl der Patienten den Saal wissen wollte, - ja, sein umstürzlerisches Betreiben war Frucht schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine Weile an und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter ab- sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die räumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte, deren Vettern, einen wie den andern, auch anmutete - denn sie waren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig, sich be- Ordnungssinn gleichzusetzen -, so mußten sie bei sich selber einflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich verhalten die ihm eine sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten. hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit mit Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen mochte Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und et- gleichbedeutend gewesen sein. was wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften- Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Set- Mitarbeiter vorgestellt hatte, - auch er ein Oppositionsmann, lembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem, kühne- Freiheit dürstenden Völker, denn nach dem Scheitern eines ge- rem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er selber mit wissen Hand- und Staatsstreichversuches, den man in Turin un- Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das Leben und ternommen, und an dem er mit Wort und Tat beteiligt gewesen, Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln, nur mit genauer Not den Häschern des Fürsten Metternich ent- höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen kommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu benutzt, in und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die Un- hatte jener den Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Öster- abhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu blu- reich und die Heilige Allianz konspiriert, die damals sein zer- ten. Hier war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, — wes- stückeltes Vaterland im Banne dumpfer Knechtschaft gehalten halb er denn wohl auch ein so großer Humanist und Liebhaber hatte, und war eifriges Mitglied gewisser, über Italien verbreite- des klassischen Altertums geworden war, — geboren übrigens ter geheimer Gesellschaften gewesen, - ein Carbonaro, wie Set- von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe hatte das tembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte, als sei es auch Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Land- Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den flüchtigkeit, hatte er in die Heimat zurückkehren können und 204205, zu Mailand als Advokat gewirkt, keineswegs aber darauf ver- seine Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr zichtet, die Nation durch das gesprochene und geschriebene bemüht, als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und zur Herstellung der Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um politische einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende Program- Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber oder doch me mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen dessen Vorväter hatten ursprünglich alle Rechte gehört, und die und klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Er- Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier Jahrhunderten mit richtung des allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzel- Gewalt und Redensarten entrissen .Da waren sie nun beide heit, deren Settembrini, der Enkel, erwähnte, machte besonde- immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der ren Eindruck auf den jungen Hans Castorp: daß nämlich Groß- im Süden, und beide zu dem Zwecke, einen strengen Abstand vater Giuseppe sich zeit seines Lebens ausschließlich in schwar- zwischen sich und die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der zer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern gezeigt habe, denn eine hatte es aus Frömmigkeit getan, der Vergangenheit und er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vater- dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen angehörte; der andere land, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines frömmigkeitsfeindli- Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher chen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder Himmelsge- ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Groß- gegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen vater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend allezeit schwarz getragen hatte, aber in gründlich anderem Sin- bald in die eine, bald in die andere blickte, so meinte er, habe er ne, als dieser Großvater hier: an die altmodische Tracht, dachte es schon einmal erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen er, mit der Hans Lorenz Castorps eigentliches, einer vergange- Kahnfahrt im Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im nen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise und unter An- Spätsommer, vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewe- deutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte, sen, die Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte der Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend rhu Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Wasser dahin ruderte, eine verwirrende und träumerische Kon- Hans Castorp dachte darüber nach, indes seine Augen sich fest- stellation geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein sahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte, so, daß es ebenso- glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den gut als ein Zeichen der Bewunderung für Giuseppe Settembrini, Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte, höchst zauberhaf- wie auch als Befremdung und Verneinung gedeutet werden te, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht geblickt. konnte. Auch hütete er sich redlich, das Fremdartige zu verurtei- Das sonderbare Verhältnis hatte wohl eine knappe Viertelstunde len, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und Feststellung be- bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht und des Mondes wenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans Lo- ausgeglichen, und mit heitrem Staunen waren Hans Castorps ge- renz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der blendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und Land- Taufschale, des stehendwandernden Erbstückes neigen, - gerun- schaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht deten Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe »Ur«, wieder in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken. diesen dumpfen und frommen Laut, die an Orte erinnerte, an Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat denen man in eine ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ver- Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehn- fiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, ten Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der allgemeine mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick gelobend Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel glaubhaft mach- gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran te, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende beseelt, und Hans gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe und von206207, einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in An- sammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander ge- spruch genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini trennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und Sittlich- es meinte, wenn er diesen Grundsatz »die Quelle der Freiheit keit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des und des Fortschritts« nannte. Unter dem letzten hatte Hans Ca- Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereini- storp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des He- gung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbrei- bezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er fand denn tung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich die große auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig ein- französische Staatsumwälzung es zum Gesetz erhoben habe. Das schätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Ita- mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch aus unbestimmten liener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Eh- Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste konfus re in Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden wor- an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte den sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und gemacht habe, sowie die Druckerpresse; denn diese habe die zwar zu Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater demokratische Verbreitung der Ideen - das heiße: die Verbrei- sich recht von Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der tung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also Pariser Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit damals das Wort gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die drei Tage von Paris neben die sechs Tage der Weltschöpfung Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen stellen würden. Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, mit der Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis in den Grund sei- erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit entrollt ner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, Hans Ca- 1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gege- storps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er ben, lieben die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der beste von den Wassern geschieden und die ewigen Himmels- Bank am Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser lichter sowie Blumen, Bäume, Vögel, Fische und alles Leben ge- Mächte selbst willen zu geschehen, sondern in Anbetracht ihrer schaffen hatte, schien ihm stark, und noch nachher, allein mit Bedeutung für die moralische Vervollkommnung der Men- seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und gesprächsweise, fand schen, - denn eine solche Bedeutung erklärte er freudig ihnen er es überaus stark, ja geradezu anstößig. beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr die Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die kli- und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein Ge- matischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verläs- schmack gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge er- sigste Mittel, die Völker einander nahe zu bringen, ihre gegen- hoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich vor- seitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwi- kam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn abge- schen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und end- schmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Über- lich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen. Das Men- schwang wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so schengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, jedoch zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die Barrikaden den auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts ei- »Volksthron« genannt und erklärt hatte, es gelte, »die Pike des nem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen«. Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, ( Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem er so nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl sprach, faßte er in einer Auslassung des Atems Kategorien zu- war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Rei- 208209, senden und Hospitanten, der sich gegen keinen Eindruck ver- das knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkt und Le- härtet und die Dinge an sich herankommen läßt, in dem Be- bensnerv seines Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. wußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel Österreich gelte es aufs Haupt zu schlagen und zu zerstören, lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: - et- einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes und dann, um was wie eine Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die Wege sein, die Vorschrift und Mahnung eines irgendwie schlechten zu leiten. Gewissens, bestimmte ihn, dem Italiener zuzuhören, ein Bein Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembri- über das andere geschlagen und an seiner Maria Mancini zie- nis wohllautenden Ergießungen interessierte Hans Castorp nun hend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel gegen den gar nicht mehr, sie mißfiel ihm, ja berührte ihn peinlich wie ei- Berghof emporstiegen. ne persönliche oder nationale Verbissenheit, sooft sie wieder- Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei kehrte, - von Joachim Ziemßen zu schweigen, der, wenn der Prinzipien im Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit verfinsterten Brauen die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl zum das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewe- Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch gung, des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische Prin- Hans Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten zip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa war Aufmerksamkeit zu schenken, - offenbar lagen sie außer der das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden Tä- Grenze dessen, wovon versuchsweise sich beeinflussen zu lassen tigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die eine Gewissensvorschrift ihn mahnte, und zwar so vernehmbar untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der bei- mahnte, daß er selbst, wenn Herr Settembrini sich zu ihnen den Mächte endlich der Sieg zufallen würde, - es war die der setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn aufforderte, sich Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn über seine Ideen zu äußern. immer neue Völker raffte die Menschlichkeit auf ihrem glän- Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Set- zenden Wege mit fort, immer mehr Erde eroberte sie in Europa tembrini, seien Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn selbst und begann nach Asien vorzudringen. Doch fehlte noch alle drei hätten sie ihnen ihr Leben und ihre Geisteskräfte ge- viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige widmet, der Großvater, Vater und Enkel, ein jeder nach seiner Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, Art: der Vater nicht weniger als der Großvater Giuseppe, ob- welche das Licht erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag gleich er nicht, wie dieser, ein politischer Agitator und Frei- kam, wo auch in den Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit heitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter, ein Hu- weder ein achtzehntes Jahrundert noch ein 1789 erlebt hatten, manist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der Hu- die Monarchien und Religionen zusammenstürzen würden. manismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und da- Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini und lächelte mit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die fein unter seinem Schnurrbart, - er werde, wenn nicht auf Tau- Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm benfüßen, so auf Adlerschwingen kommen und anbrechen als eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; die Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zei- aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der Würde chen der Vernunft, der Wissenschaft und des Rechtes; die heili- des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum Mittelal- ge Allianz der bürgerlichen Demokratie werde er bringen, das ler, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben, leuchtende Gegenstück zu jener dreimal infamen Allianz der sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken gewesen Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind Großvater sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, Giuseppe gewesen, - mit einem Worte die Weltrepublik. Zu die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebens- diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, freude verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig210211, den Spatzen zu überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Hu- Sie es, meine Herren!« rief Settembrini. »Da haben Sie es!« manist gewesen, und er sei identisch mit jenem Satanas, auf den Und er sprach vom »Worte«, vom Kultus des Wortes, der Elo- Carducci seine Hymne gedichtet.Ach, mein Gott, die Vet- quenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn tern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna gegen die christ- das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das liche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und wet- 1 eben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, - Hu- tern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schat- manität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung und ten- und Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem Worte, mit »bleichen Himmelsnonne Luna« verglichen habe! Per Baccho, Literatur, verbunden - (»Siehst du wohl«, sagte Hans Castorp es sei ein Hochgenuß gewesen! Und hören sollen hätten sie später zu seinem Vetter, »siehst du wohl, daß es in der Literatur auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, - als Bürger einer auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich gemerkt«) Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und Weltver- und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder vielmehr: neinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde, sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogi- und Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. schen Schatten der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen »Sie hatten in Ihrem Lande«, sagte Settembrini, »vor zweihun- der »Donna gentile e pietosa« geehrt; so heiße vielmehr seine dert Jahren einen Dichter, einen prächtigen alten Plauderer, der Gattin, die im Gedicht das Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, großes Gewicht auf eine schöne Handschrift legte, weil er der praktischen Lebensarbeit verkörpere .meinte, daß eine solche zum schönen Stile führe. Er hätte ein Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante ge- wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner Stil zu hört, und zwar aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht schönen Handlungen führe.« Schön schreiben, das heiße beina- darauf, in Anbetracht der Windbeutelei des Vermittlers; aber he auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr hörenswert war immerhin, daß Dante ein geweckter Großstäd- zum schönen Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervoll- ter gewesen sei. Und dann hörte er weiter zu, wie Settembrini kommnung entstamme dem Geiste der Literatur, diesem Geiste von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des Enkels Lodo- der Menschenehre, welcher zugleich auch der Geist der Hu- vico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner unmittelba- manität und der Politik sei. Ja, dies alles sei eins, sei ein und ren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die hu- dieselbe Macht und Idee, und in einen Namen könne man es manistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Li- zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name terat, ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur letze sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Ma- sei nichts anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Hu- jestät die Vettern aber gewiß so recht noch niemals begriffen manismus und Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, lullen, - er laute: Zivilisation! Und indem Settembrini dies als ja Humanismus selber schon Politik und Politik Humanis- Wort von den Lippen ließ, warf er seine kleine Rechte empor, mus sei .Hier horchte Hans Castorp auf und gab sich Mühe, wie jemand, der einen Toast ausbringt. es recht zu verstehen; denn er durfte nun hoffen, Bierbrauer Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar un- Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu erfahren, verbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als auf alle Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne »schöne Charaktere«. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je auch gegen Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das von Herrn Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschrei- Thermometer im Munde hatte und also nur undeutlich antwor- ber von Florenz um 1250, der ein Buch über die Tugenden und ten konnte, danach auch allzu beschäftigt war, die Ziffer abzule- Laster geschrieben? Dieser Meister zuerst habe den Florentinern sen und in die Tabelle einzutragen, um sich zu Settembrinis Schliff gegeben und sie das Sprechen gelehrt sowie die Kunst, Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir sagten, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken. »Da haben nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung212213, sein Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wa- Das Thermometer chende Mensch sich von dem blöde träumenden unterscheidet, - als welcher Hans Castorp Herrn Settembrini schon mehrmals Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann geschimpft und ihn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht hatte, weil seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein er »hier störe«; als Wachender aber hörte er ihm höflich und paar Tage zurück, - die bescheidene Wochenrechnung von rund aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil, selbst auszugleichen und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts, Anordnungen und Darstellungen in ihm erheben wollten. eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in Anschlag Denn daß gewisse Widerstände in seiner Seele sich regten, soll brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar nicht geleugnet werden: es waren solche, die von früher her, ur- gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die sprünglich und immer schon darin vorhanden gewesen, wie vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage besonders sondern allein und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen Er- gasthausmäßige Leistung, das bequeme Logis, die fünf überge- lebnissen bei Denen hier oben. waltigen Mahlzeiten. Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewis- »Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, sen! Wie versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Er- daß man dich überfordert hier oben«, sagte der Hospitant zu laubnis zur Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um «lern Eingesessenen. »Du brauchst also rund 650 Franken den der Billigkeit, des Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche Herrn Settembrini zu und prüfte wohlmeinend seine Aspekte Behandlung schon inbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst im über die Vernunft, die Republik und den schönen Stil, bereit, Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du an- sich davon beeinflussen zu lassen. Desto statthafter aber fand er ständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen wieder in ande- 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und rer, in entgegengesetzter Richtung freien Lauf zu lassen, - ja, Sportein gibt. Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht auszu- Zigarren, man macht mal einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn sprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem du willst, und dann und wann gibt es eine Schuster- oder Zwecke gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu er- Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst du mit dem langen, den es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Was oder wer aber befand sich auf dieser anderen, dem Patrio- Noch keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10 000 tismus, der Menschenwürde und der schönen Literatur entge- Mark im Jahr. Mehr ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.« gengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein Sinnen und Be- »Kopfrechnen lobenswert«, sagte Joachim. »Ich wußte gar treiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jah- sich .Clawdia Chauchat, - schlaff, wurmstichig und kirgisen- reskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von dir, ent- äugig; und indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist schieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens rech- »gedenken« ein allzu gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr nest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und Anzüge hoffe innerlich zuzuwenden), war es ihm wieder, als säße er im Kahn ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich danke!« auf jenem holsteinischen See und blicke aus der glasigen Tages- »Also sogar noch zu hoch«, sagte Hans Castorp etwas ver- helle des westlichen Ufers vexierten und geblendeten Auges wirrt. Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte, - Himmel. was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts weiter214215, als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen Gaben. da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher langsam und war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvi- bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem Falle war site, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so zwar auf schriftlicher Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp im Handumdrehen verging? Solche Raschlebigkeit war ja ein eines Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends Trost für Joachim in Hinsicht auf die fünf Monate, die ihm nun doch hinaus, da alle es taten) eigens von seinem vorzügli- noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein Bewenden haben chen Liegestuhl aufgestanden war, um sich, einem plötzlichen würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der Zeit et- Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier und Bleistift zum was besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens ge- Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt, daß sein schah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem so bedeutenden Zeitspanne wurden .Hans Castorp fühlte 12 000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich herzliches Mitleid mit seinem Vetter, dem die Trauer über den klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirt- nahe bevorstehenden Verlust des menschlichen Gesellschafters schaftlich mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von in den Augen zu lesen war, - fühlte in der Tat das stärkste Mit- 18-19 000 Franken jährlich betrachten durfte. leid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen ge- ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im Flach- gen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen land lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrs- will, wie daß er sich mitten in der dritten und planmäßig letzten technik tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am kommenden für die Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig wiederkehren- daß er zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich ge- den Kurkonzerte hier miterleben und am Montag noch einem winnen und Joachim allein würde hier oben lassen können. So der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr. sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn Krokowskis beiwohnen, - sagte er zu sich selbst und zu seinem auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger Vetter; am Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin Joachim wieder allein hier zurücklassen, den armen Joachim, und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir dem Rhadamanth noch wer weiß wie viele Monate zudiktiert sagten, schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich jedesmal wehmü- letzten Augenblick nicht daran denken zu wollen. tig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid heranrücken- »Nun wollen wir wenigstens hoffen«, sagte Joachim, »daß du der Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferien- dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du zeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, - man wußte hinunterkommst.« wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich »Ja, ich werde also allerseits grüßen«, erwiderte Hans Ca- einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verle- storp, »und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nach- ben sollen, eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am An- kommst. Erholt? Du meinst, ob ich mich erholt habe in diesen fang. Und nun waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügi- paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erho- ge Tage davon übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, et- lung muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattge- was beschwert allerdings durch die beiden periodischen Ab- funden haben. Allerdings waren es so neuartige Eindrücke hier wandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber auch an- Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts strengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das Ge- hier oben, - sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste fühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akkli- Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und matisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Er- 216217, holung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit einigen Tagen bin Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letz- ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu tere war das ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlecht- Zeit wird immer noch mein Taschentuch rot, wenn ich es be- hin geurteilt, die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp nutze, und die verdammte Hitze im Gesicht mitsamt dem sinn- je erprobt zu haben sich erinnerte, ein Urteil, in dem er sich da- losen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis zum durch nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbo- Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation naro sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die »hori- kann man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so zontale« Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie kurzer Zeit. Da brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisie- ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämp- ren und mit den Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte chen glühte und man, warm in Decken, die wieder schmecken- die Erholung beginnen und das Ansetzen von Eiweiß. Schade. de Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer be- Ich sage ›schade‹, weil es entschieden fehlerhaft war, daß ich stimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt vorbehielt, - zur Ver- eisiger Nasenspitze und ein Buch - es war immer noch »Ocean fügung wäre sie ja schließlich gewesen. So ist mir zumute, als Steamships« - in den freilich arg verklammten, rot angelaufe- ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der nen Händen, durch die Bogen der Loggia über das dunkelnde, Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden Lichtern abgearbeitet komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und ärgerlicherweise dieser Katarrh hinzu ..« wenigstens eine Stunde lang, Musik hinauftönte, angenehm ab- Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Ca- gedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren storp mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder es, Stücke aus »Carmen«, aus dem »Troubadour« oder dem eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der »Freischütz«, wohlgebaute, zügige Walzer sodann, Märsche, bei Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abend- denen man hochgemut den Kopf hin und her wandte, und liegekur, an der er sich seit einer Woche beteiligte, trotz des muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich, die naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr bes- mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dik- sern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als schlecht ken Milchglaswand, lag Joachim, - dann und wann wechselte nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters be- Hans Castorp ein vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rück- stand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein sichtnahme auf die anderen Horizontalen. Joachim hatte es in Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen seiner Loge ebensogut wie Hans Castorp, wenn er auch unmu- Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an sikalisch war und sich an den Abendkonzerten nicht so zu freu- die Gedanken und Gebräuche der Umgebung, in die sie sich en verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in seiner eben versetzt findet, hatte Hans Castorp angefangen, sich diese russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ »Ocean Steam- Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie aus Kannen ships« auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnah- goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft weniger me auf die Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tie- trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor fe ihrer Faktur und empfand so inniges Vergnügen an einer cha- hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer über- rakter- und stimmungsvollen melodischen Eingebung, daß er heizten Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber sich zwischendurch nur mit Feindseligkeiten an Settembrinis die Kälte anging, die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich gehabt, sich vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, - was in der Tat schneite, wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der der Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung .Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teil- 218219, haftig, und auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ist es nicht.‹ Dabei hatte es sein Bewenden. Ja, wir müssen sehn, ihm fremd; sonst aber lag er ebenso wohlgeborgen in seiner was sich tun läßt. Ich werde es morgen früh dem Bademeister Loge, geborgen und befriedet. Der Tag war zu Ende, für dies- sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg, und er mal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute nichts mehr wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine für dich geschieht.« Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden wür- So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als den. Zugleich aber war man sicher, daß morgen dies alles mit der I [ans Castorp am Freitag von der Morgenmotion in sein Zim- Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmä- mer zurückkehrte, klopfte es bei ihm, und es ergab sich für ihn ßigkeit der Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn die persönliche Bekanntschaft mit dem Fräulein von Mylen- beginnen 'werde; und diese doppelte Sicherheit und Geborgen- donk oder der »Frau Oberin«, wie sie genannt wurde, - bisher heit war überaus behaglich, sie gestaltete zusammen mit der hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem Musik und der wiedergefundenen Würze Marias die Abendliege- erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den kur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen Lebenslage. Korridor überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospi- oder sie flüchtig im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quä- tant und weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo kende Stimme vernommen. Nun also galt ihm selbst ihr Be- nun immer) tüchtig erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen -h; durch seinen Katarrh herbeigezogen, klopfte sie knö- schien im Anzuge, er saß ihm in der Stirnhöhle und drückte, das chernhart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast bevor er Zäpfchen im Halse war weh und wund, die Luft ging ihm nicht I lerem gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal zu- wie sonst durch den von der Natur hierzu vorgesehenen Kanal, rükbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen. sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf unaufhörlich »Vierunddreißig«, quäkte sie ungedämpft. »Es stimmt, erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die Klang- Menschenskind, one me dit, que vous avez pris froid, I hear, farbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrann- you have caught a cold, Wy kaschetsja, prostudilisj, ich höre, Sie ten Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in sind erkältet? Wie soll ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe eben dieser Nacht kein Auge zugetan, da eine erstickende Trok- schon. Ach, der Besuch vom jungen Ziemßen, ich sehe schon. kenheit des Schlundes ihn je und je hatte vom Kissen auffahren Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, der wird chlorofor- lassen. miert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine Augen »Höchst ärgerlich«, sagte Joachim, »ist das und beinahe pein- nicht überall hat .Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier lich. Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht reçus, man erkältet haben?« leugnet sie, sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altad- nicht vor, und als Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, ligen Dame. Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen wenn man sich erkältet melden wollte. Aber bei dir ist es ja et- Worte hinweg, indem sie unruhig, in rollender, schleifenförmi- was anderes, du hast am Ende das Recht dazu. Es wäre doch gut, ger Bewegung den Kopf mit suchend erhobener Nase hin und wenn wir den Katarrh noch abschneiden könnten, im Flachlan- her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre sommerspros- de kennt man ja Praktiken, hier aber - ich zweifle, ob man sich sige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier lie- sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: »Rasch, ber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine rasch, rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern re- alte Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich den Sie selbst, daß ich fortkomme!« Sie war eine Vierzigerin, . ankam, war hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr kümmerlichen Wuchses, ohne Formen, angetan mit einem wei- Ohr und jammerte über Schmerzen, und schließlich sah Beh- hen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, auf dessen Brust ein rens es an. ›Sie können ganz beruhigt sein‹, sagte er, ›tuberkulös Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam spärliches220221, rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen, an Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit noch das Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Bank steht, nichts weiß und schweigt. Nase aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief »Messen Sie sich etwa überhaupt nie?« vorstehender Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd be- »Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.« wegte. Indessen Hans Castorp betrachtete sie mit all der be- »Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, scheiden duldsamen und vertrauensvollen Menschenfreund- ob man Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach lichkeit, die ihm angeboren war. keins?« »Was ist denn das für eine Erkältung, he?« fragte die Oberin »Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht wieder, indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit was aber nicht gelang, da sie abschweiften. »Wir lieben solche meiner Ankunft hier oben.« Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht »Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?« auch so oft erkältet? Wie alt sind Sie denn? Vierundzwanzig? »Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Das Alter hat's in sich. Und nun kommen Sie hier herauf und Besuch hier, ich bin gesund.« sind erkältet? Wir sollten hier nicht von ›Erkältung‹ reden, ge- »Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund ehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack von unten. sind?« (Das Wort »Schnickschnack« nahm sich ganz abscheulich und »Nein«, lachte er höflich, »sondern weil ich mich etwas -« abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlip- »- erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter pe schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben den wunderschönsten vorgekommen. Hier!« sagte sie und kramte wieder in ihrer Ta- Katarrh der Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an sche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen, den Augen an.« (Und wieder machte sie den sonderbaren Ver- ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch leg- such, ihm durchdringend in die Augen zu blicken, ohne daß es te. »Dieses hier kostet drei Franken fünfzig und das hier fünf ihr recht gelingen wollte.) »Aber Katarrhe kommen nicht von Pranken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf. Das ist et- der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für die man was fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.« aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die ge- ist Schnickschnack.« (Schon wieder das schauderhafte »Schnick- nau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten Samtpol- schnack«!) »Ist ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr sterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit roten, die Zehn- zum Harmlosen neigt«, sagte sie und sah ihn an mit ihrem vor- telgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die Bezifferung war geschrittenen Gerstenkorn, er wußte nicht, wie. »Hier haben Sie rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig glänzendem Queck- ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen möglicherweise gut silber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit unter dem tun.« Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, die ihr am Normalgrade tierischer Wärme. Hans Castorp wußte, was er Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch stellte. sich und seinem Ansehen schuldig war. Es war Formamint. »Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie »Ich nehme dieses«, sagte er, ohne dem anderen nur Beach- Hitze hätten.« Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blik- tung zu schenken. »Das hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort..« ken, aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. »Haben »Abgemacht!« quäkte die Oberin. »Nur nicht knausern bei Sie sich gemessen?« wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rech- Er verneinte. nung. Geben Sie her, wir wollen es erst noch recht klein ma- »Warum nicht?« fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobe- chen, ganz hinunterjagen - so.« Und sie nahm ihm das Ther- ne Unterlippe in der Luft stehen .mometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die Luft und trieb222223, so das Quecksilber noch tiefer, bis unter35hinab. »Wird schon Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeine- steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!« sagte sie. halbe Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, »Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er tat tau- gemacht wird bei uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben send Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat Minuten, viermal am Tag, und gut die geschätzten Lippen drum auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu schließen. Adieu, Menschenskind! Wünsche gute Ergebnisse!« machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn Und sie war aus dem Zimmer. schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern, Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das des »Brembühl«, dessen Rücken schräg gegen den Ort abfiel Instrument, das sie zurückgelassen. »Das war nun die Oberin und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den von Mylendonk«, dachte er. »Settembrini mag sie nicht, und Bergformationen zur Rechten, deren Namen ihm ebenfalls ge- wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn läufig geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht immer. Aber hier aus gesehen, im Süden zu schließen schien, - sah hinab auf warum nennt sie mich immer ›Menschenskind‹, noch dazu mit die Wege und Beete der Gartenplattform, die Felsengrotte, die einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und da Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der Liegehalle hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer paar in der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu Läden, auch da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim verbessern suchte, um dann wieder durch Vorrecken des sagte es. Aber ich habe mich nicht zu bemühen brauchen, es ist Armes den Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unter- mir von selbst in den Schoß gefallen.« Er nahm das zierliche arm vor das Gesicht zu biegen. Mit Mühe und Anstrengung, Gerät aus dem Futteral, betrachtete es und ging dann mehrmals unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam, waren sechs in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz klopfte rasch Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer ste- und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und hend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antrie- so verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf be, Joachim aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wie- Katzenpfötchen, eine neue Armbewegung offenbarte ihm der am Tische stehen, indem er sich räusperte, um die Dumpf- ihr heimliches Entkommen, und es war ein wenig spät, die heit seiner Stimme zu prüfen. Hierauf hustete er. »Ja, ich muß achte lag schon zu einem Dritteile im Vergangenen, als er nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe«, sagte er und führte mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das Ergebnis rasch das Thermometer in den Mund, die Quecksilberspitze un- nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer ter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwi- aus dem Munde riß und mit verwirrten Augen darauf nie- schen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um kei- derstarrte. ne Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz Ablauf von sieben Minuten zu warten. des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glas- mantels zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu »Keine überflüssige Sekunde«, dachte er, »und keine zu we- stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er führte das nig. Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und her und er- braucht es mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertau- kannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen Wendung, wurde schen, wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und bearbeitete es hastig Kneifer.« Und er ging im Zimmer umher, das Instrument mit mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt, der Zunge niederdrückend. er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich hoch ge- 2 2 5, stiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze nor- »Nun?« fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl maler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6. trat .Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6 - Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. das war zuviel, es war »Temperatur«, Fieber als Folge einer In- Dann gab er zur Antwort: fektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es fragte sich »Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.« nur, was für eine Art Infektion das war. 3 7,6 - mehr hatte auch »Was soll das heißen?« fragte Joachim. »Fühlst du dich fieb- Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der nicht als schwer- rig?« krank oder moribund das Bett hütete, weder die Kleefeld mit Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten dem Pneumothorax noch .noch auch Madame Chauchat. Es und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende: war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, - blo- »Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Emp- unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Ca- findungen, sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich storp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit gemessen.« er sich erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht »Du hast dich gemessen?! Womit?!« rief Joachim erschrok- schon früher befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ken. ihm nahegelegt hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag ge- »Selbstverständlich mit einem Thermometer«, antwortete wesen, das zeigte sich nun, und Settembrini hatte völlig unrecht Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. »Die Oberin hat getan, so höhnisch darüber in die Lüfte zu lachen, Settembrini mir eines verkauft. Warum sie einen immer ›Menschenskind‹ mit der Republik und dem schönen Stil. Hans Castorp verachte- anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein sehr te die Republik und den schönen Stil, während er immer wie- gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft, und wenn der die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt es da drin- durch die Blendung verlorenging und die er dann durch eifriges nen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.« Drehen und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lau- Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zu- tete auf 37,6, und das am frühesten Vormittag! rückkehrte, sagte er zögernd: Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das »Ja, das sind 37 Komma 5½.« Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch »Dann ist es etwas zurückgegangen!« versetzte Hans Castorp waagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung eine rasch. »Es waren sechs.« Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit »Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormit- auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst einmal mit Pa- tag«, sagte Joachim. »Eine schöne Bescherung«, sagte er und letot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die Decken stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer »schönen um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten, Bescherung« steht, die Arme in die Seiten gestemmt und mit eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann gesenktem Kopfe. »Du wirst ins Bett müssen.« still, die Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit. erwartend. Zuweilen lächelte er, und es war, als lächle er jeman- »Ich sehe nicht ein«, sagte er, »warum ich mich mit 37,6 ins dem zu. Zuweilen hob sich seine Brust mit einem beklomme- Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht nen Beben, und dann mußte er husten, aus seiner katarrhali- weniger haben, - wo ihr alle hier frei herumlauft.« schen Brust. »Das ist aber doch etwas anderes«, sagte Joachim. »Bei dir ist Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.« Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück »Erstens«, erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun abzuholen. sogar in erstens und zweitens ein, »verstehe ich nicht, warum 226 227, man mit harmlosem Fieber - ich will einmal annehmen, daß es kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe des so etwas gibt -, mit harmlosem Fieber das Bett hüten muß, mit Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von einem, anderem aber nicht. Und zweitens sage ich dir ja, daß der der den Unschuldigen gespielt hatte. »Na, na, Sie«, sagte die Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon vorher Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, indes sie lä- war. Ich stehe auf dem Standpunkt«, schloß er, »daß 37,6 gleich chelnd drohte. »Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.« Wart', wart', wart'.« - »Ei, ei, ei«, machte auch Frau Stöhr und »Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam«, drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn ne- wandte Joachim ein; »und erst als sich zeigte, daß die Tempera- ben die Nase hielt. »Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind tur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich aufstehen.« mir einer, - der Rechte sind Sie mir, ein Bruder Lustig!« - Hans Castorp lächelte. Selbst die Großtante am oberen Tischende drohte ihm scherz- »Nun und?« fragte er. »Ich denke, bei dir war es etwas ande- haft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr drang; die res? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst un- hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, terscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein Schnickschnack ..« gegen die Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Au- Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich sei- -n an, indes sie drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr nem Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Ge- die Sache erzählte, konnte nicht umhin, sich der allgemeinen sicht noch eine Schattierung dunkler geworden war. Gebärde anzuschließen, ohne freilich Hans Castorp dabei anzu- »Nein«, sagte er, »ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfu- sehen, und nur Miß Robinson zeigte sich teilnahmslos und ver- sionsrat. Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an schlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit anständiger deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den Prozeß ab- Miene die Augen gesenkt. zukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst. Wenn du Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte aber nicht willst, - ich meine: wenn du dich nicht legen willst, hescheiden ablehnen zu müssen. »Nein, nein«, sagte er, »Sie ir- so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine Vorschriften. Je- ren sich; mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe denfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist über die Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust Zeit!« ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm ge- »Richtig. Los!« sagte Hans Castorp und warf die Decken von nug ..« Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an, sie sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: »Ja, ja, ja, fahren, und während er es tat, sah Joachim noch einmal nach Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!« dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei Hans Castorp Uud dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, schweigend, und unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren belebt von saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo es, wie der Nachricht; unter den sieben Tischen war an diesem wäh- immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch. rend des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten. Frau Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts über ihrer brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein danke sehr, höch- fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die stens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? Was Vergnüglichkeit des Hustens, - ja, es habe unbedingt eine un- für Neuerungen! Warum kein Bier? - Er habe ein bißchen terhaltliche und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal. Gründen der Brust der Kitzel sich mehre und wachse und man Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, - es war sehr son- mit Krampf und Pressung so recht tief hinunterlange, um dem derbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das wie das Niesen, 228229, wenn die Luft dazu gewaltig anschwelle und unwiderstehlich »Mahlzeit, die Herren!« sagte er. »Immer auf der Walze? War werde und man mit berauschter Miene ein paarmal stürmisch wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von einem aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über den gesegneten ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, - große Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben fünfzig Pro- zwei-, dreimal hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse zent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben wir's besser des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die raus, aber öfters muß man doch mortis causa vorzeitig einpak- Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, - sich so ken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb für den recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Augenblick ganz stramm bei der Stange.Doll, so ein Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, un- dann sähe man eine Teufelsfratze. kleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis Was macht die werte Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebens- die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt wandel zu zweien, was, Ziemßen, alter Schlauberger? Warum war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang antraten, weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?« wandte er sich den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim war in sich ge- auf einmal an Hans Castorp. »Öffentliches Weinen ist hier nicht kehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor Schnupfen und erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.« räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege sagte Joa- »Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat«, antwortete Hans Ca- chim: storp. »Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir ei- »Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, - morgen nen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch, und ordent- nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine General- lich auf der Brust liegt es mir.« untersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt »So?« sagte Behrens. »Dann sollten Sie mal einen verständi- Krokowski ein paar Notizen machen. Da könntest du mitkom- gen Arzt zu Rate ziehen.« men und bitten, dich auch bei der Gelegenheit rasch zu behor- Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die chen. Es ist ja lächerlich, - wenn du zu Hause wärst, du ließest Absätze zusammenzog: Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im Hause »Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Un- sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, tief es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzule- auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es handelt gen.« sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ..« »Schön«, sagte Hans Castorp. »Wie du meinst. Natürlich, so »M. w.!« sagte Behrens. »M. w. m. F.! Machen wir mit Ver- kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal gnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn man schon einer Untersuchung beizuwohnen.« liier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber man mag sich ja So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium natürlich nicht aufdrängen. Also morgen um zwei, gleich wenn gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens per- Sie von der Krippe kommen!« sönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, ste- »Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber«, merkte Hans henden Fußes ihr Anliegen vorzubringen. Castorp noch an. Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen »Was Sie sagen!« rief Behrens. »Sie wollen mir wohl Neuig- steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, keiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?« blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit, im Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger auf seine bei- Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort zu den blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden Augäpfel. machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke ge- »Wieviel ist es denn übrigens?« wesen, wie er erklärte. Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer. 230231, »Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!« Stöße verstört und sich ganz wie ein Alter, die gläserne Zigarre Und mit krummen Knien und rudernden Händen begann er im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine Rauchfahne Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument volle von seiner Zigarre rückwärts wehte. acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius sich »Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet«, sagte nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6 - was ja übri- Hans Castorp. »Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, gens Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun Vormittage vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schim- können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft oder mernde Säulchen auf 37,7, verharrte abends, als der Patient nach Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein bißchen den Erregungen und Neuigkeiten des Tages sehr müde war, auf ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt wie ich. 37,5 und zeigte in der nächsten Morgenfrühe gar nur auf 37, Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!« sagte um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu erreichen. Unter er. »Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge ist es mir diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden Tages unlieb. ›Gesegnete Nahrungsaufnahme‹! Was für ein Kauder- und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran. welsch. Man kann sagen: ›Gesegnete Mahlzeit‹! denn ›Mahl- Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat zeit‹ ist ein poetisches Wort sozusagen, wie ›tägliches Brot‹, und während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen verträgt sich ganz gut mit ›gesegnet‹. Aber ›Nahrungsaufnahme‹ Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu, jeden- ist ja die reine Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das falls neu für Castorp gewesen war, und worin sie bei ihrem wie ist doch ein höhnisches Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans Castorp so wohl wenn er raucht, es hat etwas Beängstigendes für mich, weil ich an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den Saal gemacht weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn melancholisch macht. hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische geglit- Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei gezwungen, und ten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht al- lag, aber doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich les nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt beim Sprechen bewegen sehen und aufs neue die Rundung ih- man mit Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann res Nackens, die schlaffe Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn kommt ganz anderes dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu er hinter dem Settembrinis vorbei, der am Ende des schräg da- tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge, und die Repu- zwischenstehenden Tisches saß, zum »Guten Russentisch« hin- blik und der schöne Stil kommen einem auch nur noch abge- übergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich während schmackt vor ..« des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der große Ketten- und Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Seite an und sagte »Auf Wiedersehn«, worauf ein jeder auf sein Saals, dort, wo der Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen Zimmer und in seine Balkonloge ging. hatte, da war es zu Hans Castorps rätselhafter Erschütterung »Wieviel?« fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, ob- dennoch, geschehen: während die Uhr zwei schlug - eins und gleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer zwei - hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und ein wieder zu Rate gezogen hatte .Und Hans Castorp antwortete wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter gleichgültigen Tones: »Nichts Neues.« deutlich und unverhohlen zu Hans Castorps Tische - und nicht Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen nur im allgemeinen zu seinem Tische, nein, unmißverständlich 232 233, und streng persönlich zu ihm herübergeblickt, ein Lächeln um »Tempo, Tempo«, sagte er und richtete seine quellenden Au- die geschlossenen Lippen und in ihren schmalgeschnittenen Pri- gen auf die Wanduhr. »Un poco più presto, Signori! Wir sind bislav-Augen, als wollte sie sagen: »Nun? Es ist Zeit. Wirst du nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhan- gehen?« (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede den.« per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal »Sie« gesagt Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, hat) - und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, - kaum hatte er sei- Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich nen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats An- Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte den Eintre- gesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und ihr tenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit, die Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich auf nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen. zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? Genau so »Na, her mit der Konduite!« antwortete der Hofrat auf hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahr- Joachims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus scheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch, der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich beeil- in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht te, seinen Oberkörper freizumachen und die abgelegten Klei- dem Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung dungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich nicht. Er stand überflüssig: ein Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragen- eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem altmodi- den Lächeln freilich dahingewelkt waren und sich in lauter ab- schen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite eines stoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In der nächsten Se- Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit breit- kunde hatte denn Joachim auch schon seine gerollte Serviette rückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen Brauen zuge- den Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem winkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch ver- Wachstuch überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde lassen, - worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch Chaiselongue vorhanden, über deren Kopfpolster eine Papier- äußerlich festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blik- serviette gebreitet war. ken und Lächeln immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum »Komma 7, Komma 9, Komma 8«, sagte Behrens, die Wo- Saal hinaus folgte. chenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetragen. »Immer Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigen- noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können nicht ge- dem Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon über die rade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden sind. vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens bestand auf Pünktlich- (» Neulich«, das war vor vier Wochen gewesen.) Nicht entgiftet, keit. Es ging vom Speisesaal den ebenerdigen Korridor entlang, nicht entgiftet«, sagte er. »Na, das geht natürlich nicht so von an der »Verwaltung« vorbei und die reinliche, mit gehohntem heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.« Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß »hinab«. Joachim Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, ob- klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich gegenüber, durch gleich er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer zu er- gestern hier oben sei. kennen gab. »Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es »Herein!« rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten mal höflich bei Ihnen anklopfen.« Und die Auskultation be- das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel gann. klopfte. Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hö- 234 235, rer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rech- er gut körperlich gesinnt, viel mehr als ich, oder doch auf ande- ter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich des ge- re Weise; denn ich war immer ein Zivilist, und es war mir mehr waltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer bediente um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm aber um und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er unter das männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren und unte- ganz andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten ren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm und hat sich selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wie- Krankheit. Illuminiert ist er und will sich nicht entgiften und derholte das Ganze sich linkerseits, und damit fertig, komman- solide werden, so gern der arme Joachim auch Soldat sein dierte der Hofrat »Kehrt!« zur Beklopfung der Brustseite. Er möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Bu- klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüsselbein, klopfte über che steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. und unter der Brust, zuerst rechts und dann links. Als er aber Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchen über, indem, er sein denn Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf Joachims Brust und Rük- macht ihn gänzlich zum Körper .Und wie er dies dachte, er- ken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft hatte. Dabei mußte schrak er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten, was ihn Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Aus- was er dort innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehen- druck über den Zuschauer hin ins Leere sahen. den Worten zum Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen. nicht umhin konnte, an den Vorgang beim Schneider zu den- »Na, is gut, Ziemßen«, sagte er. »Alles in Ordnung, so weit es ken, wenn der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge möglich ist. Nächstes Mal« (das war in vier Wochen), »wird es das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller gewiß überall wieder ein bißchen besser sein.« das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder »Wie lange meinen Herr Hofrat, daß —« legt und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Zif- »Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls fern in die Feder diktiert. »Kurz«, »verkürzt«, diktierte Hofrat doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Behrens. »Vesikulär«, sagte er, und abermals: »Vesikulär« (das Jährchen habe ich neulich gesagt, — rechnen Sie meinetwegen war gut, offenbar). »Rauh«, sagte er und schnitt ein Gesicht. von neulich an, aber betrachten Sie es als Minimum. Schließlich »Sehr rauh.« »Geräusch.« Und Dr. Krokowski trug alles ein, wie läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höflich sein. Wir sind ja der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders. doch kein Bagno und kein .sibirisches Bergwerk! Oder wol- Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kop- len Sie sagen, daß wir mit so was Ähnlichkeit haben? Is gut, fes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!« rief er und Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arm reichte er dabei sein Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten Haut hoch Hörrohr zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, über den zurückfallenden Magen hoben, — diesem schlanken, um eine kleine Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzu- gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den schwarzen nehmen. Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen Armen, Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk Person des Hofrats gefesselt, der breitbeinig dastehend, offenen trug. Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer Mundes in Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in gern geturnt, während ich mir nichts daraus machte, und das Bereitschaft zu setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus hing mit seiner Lust zum Soldatenstande zusammen. Immer war seinem punktierten Manschettenhemd heraus, als er es sich über 236 237, den Kopf zog. Und dann stand er, weiß, blond und schmal, vor eher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Na- Hofrat Behrens, — von zivilerer Bildung schien er als Joachim se umsah und eines Tages erfuhr, daß er gut täte — und nicht Ziemßen. bloß ›gut täte‹, bitte mich wohl zu verstehen —, hier ganz ohne Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. unbeteiligte Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu Dr. Krokowski hatte schon wieder Platz genommen und Joa- machen.« chim sich ans Ankleiden gemacht, als Behrens sich endlich ent- Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, schloß, von dem, der da auch noch Lust hatte, Notiz zu nehmen. sich die Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben »Ach so, das wären nun Sie!« sagte er, faßte Hans Castorp mit Stand, und lauschte .seiner riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und be- »Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter«, fuhr trachtete ihn scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man der Hofrat fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims Seite einen Menschen ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn deutete und sich dabei auf Fußballen und Absätzen schaukelte, um, wie man einen Körper umdreht, und betrachtete auch sei- » der nun ja hoffentlich bald wird sagen können, daß er ein- nen Rücken. »Hm«, sagte er. »Na, wollen mal sehen, wie Sie mal krank gewesen ist, aber wenn wir so weit sind, so wird er sich anspielen.« Und wie vorhin begann er sein Klopfen. doch eben immer noch früher einmal krank gewesen sein, Ihr Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und Herr rechter Vetter, und das wirft a priori, wie der Denker sagt, kehrte zu verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ..« klopfte er abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben »Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.« beim Schlüsselbein und etwas weiter unten. »Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleug- »Hören Sie?« fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber .nen wollen. Stief oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsver- Und Dr. Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch sit- wandter. Von welcher Seite denn?« zend, bekundete durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst »Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief-« senkte er das Kinn auf die Brust, so daß sein Bart eingedrückt »Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?« wurde und die Spitzen sich aufwärts bogen. »Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.« »Tief atmen! Husten!« kommandierte der Hofrat, der nun »Oh, warum denn?« das Hörrohr wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp »An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.« arbeitete schwer, wohl acht oder zehn Minuten lang, während »Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Va- der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein Wort dabei, setzte das ter?« Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte namentlich und »Der ist an der Lungenentzündung gestorben —«, sagte Hans wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen Castorp, »und mein Großvater auch —«, setzte er hinzu. verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, »So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie legte die Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und betrifft, so waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, Hans Castorp auf den Fußboden nieder. nicht? Aber müde wurden Sie gar nicht leicht bei körperlicher »Ja, Castorp«, sagte er — und es geschah zum erstenmal, daß und geistiger Arbeit? Doch? Und haben viel Herzklopfen? er den jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte —, »die Sa- Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja offenbar eine che verhält sich so praeter-propter, wie ich sie mir schon immer lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen Sie, gedacht hatte. Ich habe Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun daß Sie früher schon krank waren?« kann ich's Ihnen ja sagen, — von vornherein, schon seit ich »Ich?« zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, Sie kennenzulernen, »Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unter- — und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen ein Hiesiger schied?« Und der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so man- Brust und etwas weiter unten. 238 239, »Da klingt es etwas dumpfer als hier«, sagte Hans Castorp. noch Ihre Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so »Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine ziemlich den akustischen Wahrnehmungen.« Dämpfung, und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, »Ich dachte nur«, sagte Hans Castorp, »das Fieber käme von wo schon Verkalkung eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie meinem Katarrh.« wollen. Sie sind ein alter Patient, Castorp, aber wir wollen es »Und der Katarrh?« versetzte der Hofrat.»Wovon kommt niemandem übelnehmen, daß Sie es nicht erfuhren. Die Früh- der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie diagnose ist schwierig, — zumal für die Herren Kollegen im auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindun- Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren ha- gen, soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut gegen ben, obgleich ja die SpezialÜbung einiges ausmacht. Aber die die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist auch so. Luft hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft Aber sie ist auch gut für die Krankheit, verstehen Sie mich, sie hier oben.« fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper, sie bringt »Gewiß, natürlich«, sagte Hans Castorp. tue latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch, »Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie schon will nun mal mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie nichts wäre mit Ihnen, verstehen Sie, und es bei den Dämpfun- es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst gen und Narben an Ihrem Äolusschlauch da drinnen und mit durch Ihren Katarrh, — um meine Meinung zu sagen.« den kalkigen Fremdkörpern darin sein Bewenden hätte, so wür- »Ja«, sagte Hans Castorp, »ja, das glaube ich wirklich auch.« de ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und mich auch »Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst«, bekräftigte keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie der Hofrat. »Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien aber die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnerven- wo Sie nun einmal hier bei uns sind, — so lohnt es die Heimrei- system, verstehen Sie, und dann kriegt man heitere Bäckchen. se nicht, Hans Castorp, — in kurzem müßten Sie doch wieder Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp; wir müssen antreten.« sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe nüchtern Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strö- kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine men, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren schöne Innenansicht von Ihnen auf — es wird Ihnen Spaß ma- Knöpfen, und hatte die Augen niedergeschlagen. chen, so Einblick zu gewinnen in Ihre eigene Person. Das sage »Denn außer den Dämpfungen«, sagte der Hofrat, »haben Sie ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute da links oben auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Ge- bis übermorgen, Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei räusch ist und zweifellos von einer frischen Stelle kommt, — ich nicht aufzuweisen. Es kam mir doch gleich so vor, als ob Sie ein will noch nicht von einem Erweichungsherd reden, aber es ist besserer Patient sein würden, mit mehr Talent zum Kranksein, bestimmt eine feuchte Stelle, und wenn Sie's da unten so weiter als der Brigadegeneral da, der immer gleich 'weg will, wenn er treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was hast du was kannst du, mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein der ganze Lungenlappen zum Teufel.« ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich sonderbar, und deutlich konnte man sein Herz gegen die Rip- also nicht enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis pen pulsieren sehen. Er blickte zu Joachim hinüber, dessen Au- nicht Lügen strafen, bitt' ich mir aus! Und nun marsch, in die gen er nicht fand, und dann wieder in des Hofrats Gesicht mit Remise mit Ihnen!« den blauen Backen, den ebenfalls blauen Quellaugen und dem Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte einseitig geschürzten Schnurrbärtchen. sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften »Als objektive Bestätigung«, fuhr Behrens fort, »haben wir da die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit 240241, auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, Fünftes Kapitel schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes und kernig lä- chelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte. Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich, allzusehr darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei Denen hier oben (einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb eingestandenen Erwartungen nur zu sehr ent- spricht, — wird die Bewältigung der nächsten drei Wochen sei- nes Besuches an diesem Orte kaum so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten, Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein. Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung und entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhö- rens. Denn in der Ordnung ist es und diesen Gesetzen ent- ipricht es, daß uns die Zeit genau so lang oder kurz wird, für unser Erlebnis sich genau ebenso breit macht oder zusam- menschrumpft, wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit Beschlag belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp; und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses auf noch ganz andere Wunder und Phäno- mene, als das hier auffallende, vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft zustoßen werden. Für jetzt genügt es, daß jeder- mann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine »lange« Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt: es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von »Wiederho- lung« zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehen- den Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir 242 243, die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie dir mit seinem Vetter zu beraten. Er stellte sich an dessen Bett und morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht es sagte aufseufzend: dich an — du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt, indes »Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen. du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen Sie erwarten dich ja zu Hause.« dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des Seins »Noch nicht«, antwortete Hans Castorp. dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher »Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donners- man dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die Ewigkeit aber tag.« von Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; und Paradoxe »Ach«, sagte Hans Castorp, »sie erwarten mich überhaupt wollen wir meiden, besonders im Zusammenleben mit diesem nicht so genau auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als auf Helden. mich zu warten und die Tage zu zählen, bis ich wiederkomme. Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, Wenn ich komme, so bin ich da, und Onkel Tienappel sagt: ›Da da Hofrat Behrens, die oberste Autorität in der Welt, die uns bist du ja auch wieder!‹ und Onkel James sagt: ›Na, war's einschließt, es so angeordnet hatte. Da lag er, sein Monogramm üchön?‹ Und wenn ich nicht komme, so dauert es lange, bis es auf der Brusttasche seines Nachthemds, die Hände hinter dem ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich müß- Kopf gefaltet, in seinem reinlichen, weißen Bett, dem Totenbett te man sie mit der Zeit benachrichtigen ..« der Amerikanerin und wahrscheinlich noch mancher anderen »Du kannst dir denken«, sagte Joachim und seufzte wieder, Person, und blickte mit einfachen, vom Schnupfen getrübten »wie unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt wer- blauen Augen zur Zimmerdecke empor, die Sonderbarkeit sei- den? Natürlich fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich. ner Lebenslage betrachtend. Dabei ist nicht anzunehmen, daß Du kommst hier herauf, um mich zu besuchen, und ich führe seine Augen ohne Schnupfen klar, hell und unzweideutig ge- dich ein hier oben, und nun sitzt du fest, und niemand weiß, blickt hätten, denn so sah es in seinem Inneren, wie einfach die- wann du wieder loskommst und deine Stelle antreten kannst. ses auch sein mochte, nicht aus, sondern in der Tat sehr trübe, Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten Grade peinlich ist.« verworren, undeutlich-halbaufrichtig und zweifelhaft. Bald er- »Erlaube mir!« sagte Hans Castorp, immer die Hände unter schütterte, wie er so dalag, ein tolles, tiefaufsteigendes dem Kopf. »Was machst denn du dir für Kopfzerbrechen? Das Triumphgelächter von innen her seine Brust, und sein Herz ist doch Unsinn. Bin ich heraufgekommen, um dich zu besu- stockte und schmerzte von einer nie gekannten, ausschweifen- chen? Auch; aber in erster Linie doch schließlich, um mich zu den Freude und Hoffnung; bald wieder erblaßte er vor Schrek- erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und nun zeigt sich ken und Bangen, und es waren die Schläge des Gewissens eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir alle uns selbst, mit denen sein Herz in raschem, fliegendem Takt gegen haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der erste, der glaub- die Rippen pochte. te, hier eine Stippvisite zu machen, und für den es dann anders Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied kam. Denke doch nur zum Beispiel an ›Tous les deux'‹ zweiten jede Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins Krankenzim- Sohn, und wie es den hier denn doch noch ganz anders getrof- mer, nickte dem Liegenden zu und fragte der guten Form we- fen hat, — ich weiß nicht, ob er noch lebt, vielleicht haben sie gen, ob ihm was abgehe. Übrigens fiel es ihm um so leichter, ihn abgeholt während einer Mahlzeit. Daß ich etwas krank bin, Hans Castorps Scheu vor einer Auseinandersetzung zu erkennen ist mir ja eine Überraschung, ich muß mich erst darein finden, und zu achten, als er sie teilte und sich nach seiner Auffassung mich hier als Patient und richtig als einer von euch zu fühlen, sogar in einer peinlicheren Lage befand als dieser. statt, wie bisher, nur als Gast. Und dann überrascht es mich Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem doch auch wieder fast gar nicht, denn so recht prachtvoll instand wie früher allein zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob habe ich mich eigentlich niemals gefühlt, und wenn ich denke, er es trotzdem nicht länger, das nun unmittelbar Notwendigste wie früh meine beiden Eltern gestorben sind, — woher sollte die 244 245, Pracht denn schließlich auch kommen! Daß du einen kleinen ein besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager. Es hat ja Knacks hast, nicht wahr, wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, auch die Durchleuchtung und photographische Aufnahme noch darüber machen wir uns alle nichts vor, und also kann es ja sein, gar nicht stattgefunden, die erst den Sachverhalt objektiv klar- daß es ein bißchen in unserer Familie liegt, Behrens wenigstens stellen wird, und wer weiß, ob da etwas Nennenswertes zutage machte so eine Bemerkung. Jedenfalls liege ich hier schon seit kommt und ob ich nicht vorher schon fieberfrei bin und euch gestern und überlege mir, wie mir doch eigentlich immer zu- Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß wir uns nicht vor der Zeit mute war und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum Le- aulfspielen und denen zu Hause nicht gleich die größten Räu- ben, weißt du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst bergeschichten erzählen. Es genügt, wenn wir nächstens mal und eine gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen schreiben — ich kann selbst schreiben, mit der Füllfeder hier, lag immer in meiner Natur, — wir sprachen noch neulich davon, wenn ich mich etwas aufsetze —, daß ich stark erkältet und febril und daß ich manchmal fast Lust gehabt hätte, geistlich zu wer- und bettlägrig bin und vorderhand noch nicht reisen kann. Das den, aus Interesse für traurige und erbauliche Dinge, — so ein Weitere findet sich.« schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen Kreuz darauf »Gut, so können wir's vorläufig machen. Und dann können oder R. I. P.Requiescat in pace .das ist eigentlich das wir ja auch mit dem anderen noch etwas zuwarten.« schönste Wort und mir viel sympathischer als ›Hoch soll er le- »Mit welchem anderen?« ben‹, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich mir, »Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei Wochen kommt wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und mich eingerichtet mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst Wäsche, von Anfang an auf die Krankheit verstehe, — es zeigt sich bei Unter- und Oberwäsche und Winterkleider, und brauchst mehr dieser Gelegenheit. Aber wenn es sich nun doch so verhält, so Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt du dir kommen las- kann ich ja von Glück sagen, daß ich heraufgekommen bin und sen.« mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir nicht die gering- »Wenn«, sagte Hans Castorp, »wenn ich das alles brauche.« sten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja gehört: »Gut, warten wir's ab. Aber wir sollten .nein«, sagte Joa- wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter getrieben chim und ging in Bewegung durchs Zimmer, »wir sollten uns hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein ganzer keine Illusionen machen! Ich bin zu lange hier, um nicht Be- Lungenlappen zum Teufel gegangen.« scheid zu wissen. Wenn Behrens sagt, daß da eine rauhe Stelle »Das kann man nicht wissen!« sagte Joachim. »Das ist es ja ist, beinah ein Geräusch .Aber selbstverständlich, wir können eben, daß man das gar nicht wissen kann! Du sollst ja früher ja zusehen!« — schon Stellen gehabt haben, um die sich niemand gekümmert Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- hat und die ganz von selbst verheilt sind, so daß du jetzt nur und vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre noch ein paar gleichgültige Dämpfungen davon hast. So wäre es Rechte, — auch in seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp möglicherweise auch mit der feuchten Stelle gegangen, die du' teil daran, wo nicht durch unmittelbaren Mitgenuß, so durch jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu mir heraufgekom- Berichte, die Joachim abstattete, wenn er ihn besuchte und sich men wärst, — man kann es nicht wissen!« für eine Viertelstunde auf seine Bettkante setzte. »Nein, wissen kann man gar nichts«, antwortete Hans Ca- Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein storp. »Und darum hat man kein Recht, das Ärgerlichste in An- Frühstück brachte, war mit einem Blumenväschen geschmückt, satz zu bringen, zum Beispiel auch was die Dauer meines Kur- Und man hatte nicht versäumt, ihm von dem Feingebäck zu aufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand weiß, wann ich loskom- schicken, das heute im Saale gereicht wurde. Später wurde es me und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst es im pessi- drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit Trara mistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man es ja eben und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskon- nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt, er ist zert ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: er 246 347, nahm die Darbietung bei offener Balkontür draußen in der Lo- »Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen ge entgegen, während Hans Castorp von seinem Bette aus, halb Mal, wie er sich ausdrückt.« sitzend, den Kopf auf die Seite gelegt und liebevoll-andächtig »Aber was gab er denn Neues zum besten?« verschwimmenden Blickes den heraufdrängenden Harmonien »Nichts weiter Neues .Ja, es war die reine Chemie, was er lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend der Redereien Set- heute verzapfte«, ließ Joachim sich widerstrebend herbei, zu be- tembrinis von der »politischen Verdächtigkeit« der Musik zu lichten. Es handelte sich »dabei« um eine Art von Vergiftung, gedenken. von Selbstvergiftung des Organismus, habe Dr. Krokowski ge- Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über die sagt, die so entstehe, daß ein noch unbekannter, im Körper ver- Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht erstat- breiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die Produkte dieser Zer- ten, fragte ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten gebracht setzung wirkten berauschend auf gewisse Rückenmarkszentren habe, Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees ein, nicht anders, als wie es sich bei der gewohnheitsmäßigen war es jedoch zu kalt gewesen); auch ob nachmittags Wagen- Einführung von fremden Giftstoffen, Morphin oder Kokain, fahrten stattgefunden hätten (wirklich waren welche unternom- verhalte. men worden: der Verein »Halbe Lunge« war in corpore nach »Und dann kriegt man heitere Bäckchen!« sagte Hans Ca- Clavadell ausgeflogen); und am Montag verlangte er, von Dr. storp. »Sieh an, das ist ja hörenswert. Was der nicht alles weiß —. Krokowskis Conference zu hören, als Joachim davon zurück- Er hat es mit Löffeln gegessen. Warte nur, eines Tages entdeckt kehrte und, bevor er in die Mittagsliegekur ging, bei ihm vor- er dir noch den unbekannten Stoff, der im ganzen Körper ver- sprach. Joachim zeigte sich mundfaul und abgeneigt, über den breitet ist, und stellt die löslichen Gifte her, die berauschend Vortrag zu berichten, — wie ja auch von dem vorigen weiter aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute auf eine besonde- nicht zwischen den beiden die Rede gewesen war. Aber Hans re Weise beschwipsen. Vielleicht war man früher schon einmal Castorp bestand darauf, Einzelheiten zu hören. »Ich liege hier so weit. Wenn man ihn hört, so könnte man denken, daß etwas und zahle den vollen Preis«, sagte er. »Ich will auch etwas haben Wahres ist an den Geschichten von Liebestränken und solchem von dem, was geboten wird.« Er erinnerte sich an den Montag Zeug, wovon in den Sagenbüchern die Rede ist .Gehst du vor vierzehn Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der schon?« ihm so wenig gut getan, und gab der bestimmten Vermutung »Ja«, sagte Joachim, »ich muß unbedingt noch etwas liegen. Ausdruck, daß er es eigentlich gewesen sei, der revolutionierend Ich habe ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache mit dir hat auf seinen Körper gewirkt und die still vorhandene Krankheit mir doch etwas zugesetzt.« — zum Ausbruch gebracht habe. »Aber wie die Leute hier reden«, Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und Morgen rief er; »das niedere Volk, — so würdig und feierlich: es klingt wurde der dritte Tag von Hans Castorps Aufenthalt in der »Re- zuweilen wie Poesie. ›Nun so leb' wohl und hab' Dank!<« wie- mise«, ein Wochentag ohne Auszeichnung, der Dienstag. Es war derholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes nach- aber der Tag seiner Ankunft hier oben, er war nun rund drei ahmte. »So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse es Wochen an diesem Ort, und so trieb es ihn doch, den Brief meiner Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann mit an- nach Hause zu schreiben und seine Onkel wenigstens obenhin deren Eindrücken oder Erinnerungen, weißt du, und man behält Und für den Augenblick über den Stand der Dinge zu unterrich- es bis an sein Lebensende im Ohr. — Und Krokowski hat also ten. Sein Plumeau im Rücken, schrieb er auf einem Briefbogen wieder von ›Liebe‹ gesprochen?« fragte er und schnitt ein Ge- der Anstalt, daß seine Abreise von hier sich planwidrig verzöge- sicht bei dem Wort. re. Er liege mit einer fiebrigen Erkältung, die von Hofrat Beh- »Selbstredend«, sagte Joachim. »Wovon denn sonst. Es ist ja renss, übergewissenhaft, wie er wohl sei, offenbar nicht ganz auf nun einmal sein Thema.« die leichte Achsel genommen werde, da er sie mit seiner, des »Was sagte er denn heute davon?« Schreibers, Konstitution überhaupt in Zusammenhang bringe. 248 249, Denn gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der dirigierende nicht zur Langeweile gebracht haben würde, — während doch Arzt ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem scheine es, Hans Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu seiner oben reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet und was etwa daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten werde. Weiteres ehetunlichst. — So ist es gut, dachte Hans Ca- hatte und der beiden dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift storp. Da ist kein Wort zu viel und doch hält es auf jeden Fall kaum bedurft hätte, die, der Anstaltsbibliothek entstammend, eine Weile vor. — Der Brief wurde dem Hausdiener übergeben, auf seinem Nachttisch lagen. der ihn unter Vermeidung des Umweges über den Kasten un- Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim mittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen Zug beförderte. seinen zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein leichtes Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und Stündchen. Er sprach dann wieder vor bei Hans Castorp und er- mit beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten zählte von dem und jenem, was ihm im Spazieren auffällig ge- und Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag hinein, worden, stand oder saß einen Augenblick am Krankenbette, be- den vielfach in kurze Stückchen geteilten und in seiner festste- vor er in die Mittagsliegekur ging, — und wie lange dauerte die? henden Einförmigkeit weder kurz- noch langweiligen Normal- Nur wieder ein Stündchen! Man hatte kaum, die Hände hinter tag, der immer derselbe war. Morgens trat nach mächtigem An- dem Kopf gefaltet, ein wenig zur Decke geblickt und den Ge- klopfen der Bademeister herein, ein nerviges Individuum na- -nken nachgehangen, so dröhnte das Gong, das die nicht Bett- mens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln, hochgeäderten lägrigen und Moribunden aufforderte, sich zur großen Mahlzeit Unterarmen und einer gurgelnden, schwer behinderten Sprech- instandzusetzen. art, der Hans Castorp, wie alle Patienten, mit seiner Zimmer- Joachim ging, und es kam die »Mittagssuppe«: ein einfältig nummer anredete und ihn mit Alkohol abrieb. Nicht lange nach symbolischer Name für das, was kam! Denn Hans Castorp war seinem Abgang erschien Joachim, fertig angezogen, um guten nicht auf Krankenkost gesetzt, — warum hätte man ihn darauf Morgen zu sagen, nach seines Vetters Sieben-Uhr-früh-Tempe- setzen sollen? Krankenkost, schmale Kost war auf keine Art in- ratur zu fragen und seine eigene mitzuteilen. Während er drun- diziert bei seinem Zustande. Er lag hier und zahlte den vollen ten frühstückte, tat Hans Castorp, sein Plumeau im Rücken, mit Preis, und was man ihm bringt in der stehenden Ewigkeit dieser dem Appetit, den eine neue Lebenslage erzeugt, dasselbe —, Stunde, das ist keine »Mittagssuppe«, es ist das sechsgängige kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen Einbruch Berghof-Diner ohne Abzug in aller Ausführlichkeit, — am Allta- der Ärzte, die um diese Zeit den Speisesaal passiert hatten und ge üppig, am Sonntag ein Gala-, Lust- und Parademahl, von ei- ihren Rundgang durch die Zimmer der Bettlägrigen und Mori- nem europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der bunden im Geschwindschritt zurücklegten. Den Mund voll Anstalt bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettläg- Eingemachtem, bekundete er, »schön« geschlafen zu haben, sah rigen zu versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldek- über den Rand seiner Tasse hin zu, wie der Hofrat, der seine keln und in leckeren Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der Fäuste auf die Platte des Mitteltisches stemmte, rasch die dort sich eingefunden, dies einbeinige Wunder von Gleichgewichts- aufliegende Fiebertabelle prüfte, und erwiderte gleichmütig ge- konstruktion, quer über sein Bett vor ihn hin, und Hans Castorp dehnten Tones den Morgengruß der Abziehenden. Dann zün- tafelte wie der Sohn des Schneiders am Tischleindeckdich. dete er sich eine Zigarette an und sah Joachim schon von sei- Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück, und nem morgendlichen Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er bis dieser in seine Loggia ging und die Stille der großen Liege- kaum gedacht hatte, daß er fortgegangen sei. Wieder plauderten kur sich über Haus »Berghof« senkte, war es soviel wie halb sie dies und das, und der Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten drei geworden. Nicht ganz, vielleicht; genau genommen wohl Frühstück — Joachim hielt Liegekur unterdessen — war so kurz, erst ein Viertel über zwei. Aber solche überzählige Viertelstun- daß selbst ein ausgemachter Hohlkopf und Geistesarmer es den außerhalb runder Einheiten werden nicht mitgerechnet, 250251, sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige Zeitwirtschaft nen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr Verhältnis zu uns ist herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger Bahnfahrt oder in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus dem Gaste ein sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn alles Streben und Kamerad geworden ..« (Das Wort »Kamerad« hatte Hans Ca- Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen von Zeit zurückge- storp etwas geängstigt.) »Wer hätte es gedacht!« hatte Dr. Kro- führt ist. Ein Viertel über zwei Uhr — das gilt für halb drei; es kowski kameradschaftlich gescherzt .»"wer hätte es gedacht an gilt in Gottes Namen auch gleich für drei Uhr, da schon die dem Abend, als ich Sie zuerst begrüßen durfte und Sie meiner Drei im Spiele ist. Die dreißig Minuten werden als Auftakt zur irrigen Auffassung — damals war sie irrig — mit der Erklärung runden Stunde von drei bis vier Uhr verstanden und innerlich begegneten, Sie seien vollkommen gesund. Ich glaube, ich beseitigt: so macht man es unter solchen Umständen. Und so drückte damals etwas wie einen Zweifel aus, aber, ich versichere beschränkte sich denn die Dauer der großen Liegekur schließ- Sie, ich meinte es nicht so! Ich will mich nicht scharfsichtiger lich und eigentlich wieder auf eine Stunde, — die übrigens an hinstellen, als ich bin, ich dachte damals an keine feuchte Stelle, ihrem Ende vermindert, weggestutzt und gleichsam apostro- ich meinte es anders, allgemeiner, philosophischer, ich verlaut- phiert wurde. Der Apostroph war Dr. Krokowski. barte meinen Zweifel daran, daß ›Mensch‹ und ›vollkommene Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nach- Gesundheit‹ überhaupt Reimworte seien. Und auch heute noch, mittagsrundgang keinen Bogen mehr um Hans Castorp. Dieser auch nach dem Verlauf Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich zählte nun mit, er war nicht länger ein Intervall und Hiatus, er nun einmal bin, und im Unterschiede von meinem verehrten war Patient, er wurde gefragt und nicht links liegengelassen, wie Chef, diese feuchte Stelle da« — und er hatte mit der Fingerspitze es zu seinem geheimen und leichten, aber täglich wieder emp- leicht Hans Castorps Schulter berührt — »nicht als im Vordergrund fundenen Ärger so lange geschehen war. Es war am Montag ge- des Interesses stehend erachten. Sie ist für mich eine sekundäre wesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal im Zimmer erschie- Erscheinung .Das Organische ist immer sekundär ..« nen war, — wir sagen »erschienen«, denn das ist das rechte Wort Hans Castorp war zusammengezuckt. für den sonderbaren und sogar etwas entsetzlichen Eindruck, » .Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erschei- dessen Hans Castorp sich damals nicht hatte erwehren können. nung dritter Ordnung«, hatte Dr. Krokowski sehr leicht hinzu- Er hatte im Halb- oder Viertelschlummer gelegen, als er auf- gefügt. »Wie steht es damit? Die Bettruhe wird in dieser Hin- schreckend gewahrte, daß der Assistent im Zimmer war, ohne sicht gewiß rasch das ihre tun. Was haben Sie heute gemessen?« durch die Tür hereingelangt zu sein, und von der Außenseite Und von da an hatte der Besuch des Assistenten den Charakter her auf ihn zuschritt. Denn sein Weg war nicht über den Korri- einer harmlosen Kontrollvisite getragen, wie er ihn denn auch dor, sondern durch die äußeren Loggien gewesen, und durch die folgenden Tage und Wochen beständig trug. Dr. Krokow- die offene Balkontür war er eingetreten, so daß sich die Vorstel- ski kam¾4Uhr oder auch schon etwas früher über den Balkon lung aufdrängte, als sei er durch die Lüfte gekommen. Da hatte herein, begrüßte den Liegenden auf mannhaft heitere Art, stellte er nun jedenfalls an Hans Castorps Lager gestanden, schwarz- die einfachsten ärztlichen Fragen, leitete auch wohl ein kurzes, bleich, breitschultrig und stämmig, der Apostroph der Stunde, persönlicher bestimmtes Geplauder ein, scherzte kameradschaft- und in seinem geteilten Bart waren gelblich und mannhaft lä- lich, — und wenn alles dies eines Anfluges von Bedenklichkeit chelnd die Zähne zu sehen gewesen. nicht entbehrte, so gewöhnt man sich endlich auch an das Be- »Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp«, hatte denkliche, falls es in seinen Grenzen bleibt, und Hans Castorp er mit baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas geziert fand bald nichts mehr gegen das regelmäßige Erscheinen Dr. und mit einem exotischen Gaumen-r gesprochen, das er jedoch Krokowskis zu erinnern, das nun einmal zum stehenden Nor- nicht rollte, sondern durch ein nur einmaliges Anschlagen der maltage gehörte und die Stunde der großen Liegekur apostro- Zunge gleich hinter den oberen Vorderzähnen erzeugte; »ich phierte. erfülle aber lediglich eine angenehme Pflicht, wenn ich bei Ih- Es war also vier Uhr, wenn der Assistent wieder auf den Bal- 252 253, kon zurücktrat, — das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich und eh' um Tage — von den kleinen Vorkommnissen und Schwankun- man's gedacht, war es tiefer Nachmittag, — der sich übrigens un- gen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit Hans Castorp Fra- gesäumt ins annähernd Abendliche vertiefte: denn bis der Tee gen gestellt hatte, waren sie allgemeiner und unpersönlicher Art getrunken war, drunten im Saal und auf Nummer 34, ging es gewesen. Die Neugier des Isolierten ging dahin, zu wissen, ob stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von seinem dritten etwa neue Gäste angekommen oder von den vertrauten Phy- Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter wieder vor- siognomien jemand abgereist sei; und es schien ihn zu befriedi- sprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur bis zum gen, daß nur jenes der Fall war. Ein »Neuer« war eingetroffen, Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, weder ein junger Mann, grünlich und hohl von Gesicht, und hatte sei- auf eine Stunde beschränkte, — eine spielend aus dem Felde zu nen Platz am Tische der elfenbeinernen Levi und der Frau Iltis, schlagende Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken im Kopf und gleich rechts von dem der Vettern erhalten. Nun, Hans Castorp außerdem einen ganzen Orbis pictus auf dem Nachttische hat. konnte es erwarten, ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde war also niemand? Joachim verneinte kurz, indem er die Augen gebracht. Das Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und niederschlug. Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, während Hans Castorp aß, dunkelte es zusehends im weißen eigentlich jeden zweiten Tag. Obgleich er schließlich, eine ge- Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in sein Plumeau gelehnt, wisse Ungeduld in der Stimme, ein für allemal Bescheid zu ge- vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte in die ben versucht und gesagt hatte, seines Wissens stehe niemand rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung heute, die vor der Abreise, so schlankerhand werde hier ja überhaupt nicht von der gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen nur abgereist. schwer zu unterscheiden war. Es war Abend, — nachdem es eben Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich noch Morgen gewesen. Der zerkleinerte und künstlich kurzwei- nach ihm gefragt und zu hören verlangt, was jener »dazu ge- lig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen zer- -agt« habe. Wozu? »Nun, daß ich hier liege und krank sein soll.« bröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwun- Wirklich hatte Settembrini sich geäußert, wenn auch sehr knapp. derung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen Gleich am Tage von Hans Castorps Verschwinden war er an hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke Joachim mit der Frage nach dem Verbleib des Gastes herange- er »immer noch«. treten, wobei er sichtlich zu erfahren bereit gewesen war, daß Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans Castorp abgereist sei. Auf Joachims Erklärungen hatte er Hans Castorp bettlägrig war, pochte es um diese Stunde, das nur mit zwei italienischen Wörtern erwidert: zuerst hatte er heißt: bevor Joachim vom Abendessen und von der Gesellig- »Ecco« und dann »Poveretto« gesagt, zu deutsch: »da haben keit zurückgekehrt war, an die Stubentür, und auf Hans Castorps wir`s« und »armer Kleiner«, — man brauchte nicht mehr Italie- fragendes Herein erschien Lodovico Settembrini auf der nisch zu verstehen als die beiden jungen Leute, um den Sinn Schwelle, — wobei es mit einem Schlage blendend hell im Zim- dieser beiden Äußerungen zu erfassen. »Wieso ›poveretto‹?« mer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei noch offe- hatte Hans Castorp gesagt. »Er sitzt doch auch hier oben mit sei- ner Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet hat- ner Literatur, die aus Humanismus und Politik besteht, und te, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgewor- kann die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte fen, den Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte. mich nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme im- Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgä- mer noch früher ins Flachland als er.« sten, nach der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich Nun stand also Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zim- und namentlich bei Joachim erkundigt hatte. Joachim berichtete mer, — Hans Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur ihm ja ohnedies, sooft er für zehn Minuten auf seines Vetters Tür gewandt hatte, erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er Bettrand saß oder neben ihm stand — und das geschah zehnmal ihn erkannte. Wie immer trug Settembrini seinen dicken Rock 254 255, mit den großen Aufschlägen, einen etwas schadhaften Umlege- »Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat ist kragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom Essen kam, beendet, Sie haben Profeß getan. Meine feierliche Gratulation. hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen Zahnstocher Sie sagen ja auch schon ›unser Speisesaal‹. Übrigens — ohne Ih- zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter der schönen rer Manneswürde zu nahe treten zu wollen — erinnern Sie mich Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, nüchternen fast mehr an ein junges Nönnlein als an einen Mönch, — an so und kritischen Lächeln gespannt. ein eben geschorenes, unschuldiges Bräutchen Christi mit gro- »Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen um- ßen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer ge- zusehen? Wenn ja, so bedarf es dazu des Lichtes, — verzeihen sehen nie ohne .nie ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, Sie meine Eigenmächtigkeit!« sagte er, indem er die kleine ja, ja, Ihr Herr Vetter hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im Hand schwunghaft zur Deckenlampe emporwarf. »Sie kontem- letzten Moment noch untersuchen lassen.« plierten, — ich möchte beileibe nicht stören. Neigung zur Nach- »Da ich febril war —. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei ei- denklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem Fall, und zum nem solchen Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie sehen, meine Arzt gewandt. Und hier, wo man sozusagen an der Quelle sitzt, Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. Trotzdem, man wo zwei Spezialisten im Hause sind, — es wäre doch komisch lebt auf so engem Raum beieinander, man faßt Teilnahme von gewesen ..« Mensch zu Mensch, geistige Teilnahme, Herzensteilnahme .»Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich Es ist eine gute Woche, daß man Sie nicht sieht. Ich fing wahr- also schon, bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es Ihnen haftig an, mir einzubilden, Sie seien abgereist, als ich Ihren Platz übrigens sofort empfohlen. Das Thermometer hat Ihnen die drunten im Refektorium leer sah. Der Leutnant belehrte mich Mylendonk zugesteckt?« eines Besseren, hm, eines weniger Guten, wenn das nicht un- »Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines ab- höflich klingt.Kurz, wie geht es? Was treiben Sie? Wie füh- gekauft.« len Sie sich? Doch nicht allzu niedergeschlagen?« »Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und wie- »Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. Ha, ha, viel Monate hat der Chef Ihnen aufgebrummt? .Großer Gott, › Refektorium‹? Da haben Sie gleich wieder einen Witz ge- so habe ich Sie schon einmal gefragt! Erinnern Sie sich? Sie wa- macht. Nehmen Sie den Stuhl, bitte. Sie stören mich keine ren frisch angekommen. Sie antworteten so keck damals ..« Spur. Ich lag da und sinnierte, — sinnieren ist schon zu viel ge- »Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel Neues sagt. Ich war einfach zu faul, das Licht anzudrehen. Danke viel- habe ich seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch wie heute. mals, es geht mir subjektiv so gut wie normal. Mein Schnupfen Gleich damals waren Sie so amüsant und machten Hofrat Beh- ist beinah behoben durch die Bettruhe, aber er soll ja eine se- rens zum Höllenrichter .Radames .Nein, warten Sie, das kundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre. Die Tempe- ist was anderes ..« ratur ist eben immer noch nicht, wie sie sein sollte, mal 37,5, »Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so nannte. mal 37,7, das hat sich in diesen Tagen noch nicht geändert.« Ich behalte nicht alles, was mein Kopf gelegentlich hervorspru- »Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?« delt.« »Ja, sechsmal am Tage, ganz wie Sie alle hier oben. Haha, »Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! Auch entschuldigen Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie unsern von Carducci erzählten Sie uns damals gleich ..« Speisesaal ›Refektorium‹ nannten. So sagt man doch im Kloster, »Erlauben Sie, lieber Freund, den wollen wir beiseite lassen. nicht? Davon hat es hier wirklich etwas, — ich war ja noch nie in Der Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu fremdartig einem Kloster, aber so ähnlich stelle ich es mir vor. Und die BUS in Ihrem Munde!« ›Regeln‹ habe ich auch schon am Schnürchen und beobachte sie »Auch gut«, lachte Hans Castorp. »Ich habe durch Sie aber ganz genau.« doch viel über ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine Ahnung 256 257, und antwortete Ihnen, ich sei auf drei Wochen gekommen, an- Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden haben, — die ders wußte ich's nicht. Gerade hatte die Kleefeld mich zur Be- alten Stellen, wo ich früher schon krank war, ohne es zu wissen, grüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon war ich et- habe ich selbst beim Klopfen gehört, und nun soll auch eine fri- was außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich damals gleich, sche hier irgendwo zu hören sein — ha, ›frisch‹ ist übrigens ei- denn die Luft hier ist ja nicht nur gut gegen die Krankheit, sie ist gentümlich gesagt in diesem Zusammenhang. Aber bis jetzt auch gut für die Krankheit, manchmal bringt sie sie erst zum handelt es sich ja nur um akustische Wahrnehmungen, und die Ausbruch, und das ist am Ende wohl nötig, wenn Heilung ein- rechte diagnostische Sicherheit werden wir erst haben, wenn ich treten soll.« wieder auf bin und die Durchleuchtung und photographische »Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen Aufnahme stattgefunden hat. Dann werden wir positiv Bescheid auch von der Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, — nein: wissen.« vorvoriges Jahr fünf Monate hier hatten? Nicht? Das hätte er »Meinen Sie? — Wissen Sie, daß die photographische Platte tun sollen. Eine liebenswürdige Dame, deutschrussisch ihrer oft Flecken zeigt, die man für Kavernen hält, während sie bloß Abstammung nach, verheiratet, junge Mutter. Sie kam aus dem Schatten sind, und daß sie da, wo etwas ist, zuweilen keine Flek- Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es lag auch wohl etwas ken zeigt? Madonna, die photographische Platte! Hier war ein Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen Monat hier und klagt, sie junger Numismatiker, der fieberte; und da er fieberte, sah man fühle sich schlecht. Nur Geduld! Es vergeht ein zweiter Monat, deutlich Kavernen auf der photographischen Platte. Man wollte und sie behauptet fortgesetzt, daß es ihr nicht besser, sondern sie sogar gehört haben! Er wurde auf Phthisis behandelt, und schlechter geht. Ihr wird bedeutet, wie es ihr gehe, könne einzig darüber starb er. Die Obduktion lehrte, daß seiner Lunge nichts und allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie fehlte, und daß er an irgendwelchen Kokken gestorben war.« sich fühle, — und daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei »Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion man zufrieden. Gut, sie schweigt, sie macht Kur und verliert all- reden Sie! Soweit ist es mit mir doch wohl noch nicht.« wöchentlich an Gewicht. Im vierten Monat wird sie bei Unter- »Ingenieur, Sie sind ein Schalk.« suchungen ohnmächtig. Das schadet nichts, erklärt Behrens; mit »Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, ihrer Lunge sei er recht wohl zufrieden. Als sie aber im fünften das muß man sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft Monat nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem Manne glauben Sie. Zeigt denn bei Ihnen die Platte Flecke?« nach Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, — es »Ja, sie zeigt welche.« stand ›Persönlich‹ und ›Dringlich‹ darauf in markiger Schrift, »Und sind Sie wirklich etwas krank?« ich habe ihn selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die »Ja, ich bin leider ziemlich krank«, erwiderte Herr Settem- Achseln, es scheine sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das brini und ließ das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in der er Klima hier nicht vertrage. Die Frau war außer sich. Das hätte er hüstelte. Hans Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf den zum ihr doch früher sagen müssen, rief sie, sie habe es immer ge- Schweigen gebrachten Gast. Ihm war, als hätte er mit seinen fühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich ..! Wir wollen beiden sehr einfachen Fragen alles mögliche widerlegt und zum hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder zu Kräften Verstummen gebracht, sogar die Republik und den schönen Stil. gekommen ist.« Von seiner Seite tat er nichts, um das Gespräch wieder in Gang »Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, zu bringen. geradezu plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Ge- Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd schichte mit dem Fräulein, das im See badete, und der man die wieder auf. Stumme Schwester gab, habe ich noch oft im stillen lachen »Erzählen Sie mir nun, Ingenieur«, sagte er, »wie haben die müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt gewiß nicht aus. Ihren die Nachricht aufgenommen?« Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im Ungewissen. Der »Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner 258 259, Abreise? Ach, die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause be- Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstelleri- stehen aus drei Onkeln, einem Großonkel und zwei Söhnen sche Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner von ihm, zu denen ich mehr im Vetternverhältnis stehe. Weiter Ruhelage ins Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr früh Doppelwaise ge- war. Er erinnerte sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, die worden. Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel, nicht Distanz ermunterte und befähigte ihn dazu. Er antwortete: mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe »Man ist reich, ja, — oder man ist es nicht. Und wenn nicht, — ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht rei- desto schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das Meine ist sen. Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, ha- mir sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu leben. Sehen be ich noch einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei wir von mir mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: Man muß reich durch den Katarrh auf den Zustand meiner Brust aufmerksam sein da hinten, — dann hätte ich Ihnen zugestimmt. Denn ange- geworden und dringe darauf, daß ich meinen Aufenthalt verlän- nommen, man ist nicht reich, oder hört auf, es zu sein, — dann gere, bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon werden sie sehr wehe! ›Der? Hat der denn noch Geld?‹ fragen sie .Wörtlich ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.« so und mit genau solchem Gesicht; ich habe es oft gehört, und »Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen Wir- ich merke, daß es sich mir eingeprägt hat. Also muß es mir doch kungskreis, in den Sie eben einzutreten gedachten.« wohl sonderbar vorgekommen sein, obgleich ich gewöhnt war, »Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf der es zu hören, — sonst hätte es sich mir nicht eingsprägt. Oder wie Werft zu entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswe- meinen Sie. Nein, ich glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, gen da Verzweiflung herrscht. Die können sich beliebig lange als homo humanus, zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich auch ohne Volontär behelfen.« dort zu Hause bin, ist es öfters kraß vorgekommen, wie ich »Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in Ord- nachträglich merke, obgleich ich persönlich ja nicht darunter zu nung. Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phleg- leiden gehabt habe. Wer nicht die besten, teuersten Weine ser- matisch bei Ihnen zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch?« vieren läßt bei seinen Diners, zu dem geht man überhaupt nicht, »O ja, energisch auch, doch, sehr energisch«, sagte Hans Ca- und seine Töchter bleiben sitzen. So sind die Leute. Wie ich storp. Er prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfer- liier so liege und es von weitem sehe, kommt es mir kraß vor. nung und fand, daß sein Unterredner sie richtig kennzeichne. Was brauchten Sie für Ausdrücke, — phlegmatisch und? Und »Phlegmatisch und energisch, so sind sie wohl.« energisch! Gut, — aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und »Nun«, fuhr Herr Settembrini fort, »sollten Sie länger blei- was heißt hart und kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame ben, so wird es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekannt- Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von wei- schaft Ihres Herrn Onkels — ich meine den Großonkel — ma- tem sieht, kann es einem davor grauen.« chen. Zweifellos wird er heraufkommen, sich nach Ihnen um- Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als zusehen.« Hans Castorp vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen »Ausgeschlossen!« rief Hans Castorp. »Unter gar keinen Um- war und nicht mehr sprach. Dann atmete er auf und sagte: ständen! Keine zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein On- »Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natür- kel ist stark apoplektisch, wissen Sie, er hat fast keinen Hals. liche Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft an- Nein, der braucht einen vernünftigen Luftdruck, es würde ihm nimmt, nicht beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausam- hier noch schlimmer ergehen als Ihrer Dame aus dem Osten, al- keit bleibt ein ziemlich sentimentaler Vorwurf. Sie würden ihn le Zustände würde er kriegen.« an Ort und Stelle kaum erhoben haben, aus Furcht, vor sich sel- »Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir da ber lächerlich zu werden. Sie haben ihn mit Recht den Drücke- Phlegma und Energie. — Ihr Herr Onkel ist wohl reich? Auch bergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt erheben, zeugt Sie sind reich? Man ist reich bei Ihnen zu Hause?« von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern anwachsen se- 260261, hen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu erheben, kann ganz Geld?‹ und dem Gesicht, das sie dazu machen. Mir war es ei- leicht dem Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verlo- gentlich nie ganz natürlich, obgleich ich nicht einmal ein homo ren gehen. Wissen Sie, Ingenieur, was das heißt: ›Dem Leben humanus bin, — ich merke nachträglich, daß es mir immer auf- verlorengehen?‹ Ich, ich weiß es, ich sehe es hier alle Tage. Spä- fallend vorgekommen ist. Vielleicht hing es mit meiner unbe- testens nach einem halben Jahr hat der junge Mensch, der her- wußten Neigung zur Krankheit zusammen, daß es mir nicht na- aufkommt (und es sind fast lauter junge Menschen, die herauf- türlich war, — ich habe die alten Stellen ja selbst gehört, und kommen), keinen anderen Gedanken mehr im Kopf als Flirt nun hat Behrens angeblich eine frische Kleinigkeit bei mir ge- und Temperatur. Und spätestens nach einem Jahr wird er auch funden. Es kam mir wohl überraschend, und doch habe ich nie wieder einen anderen fassen können, sondern jeden ande- mich im Grunde nicht sehr darüber gewundert. Geradezu fel- ren als ›grausam‹ oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwis- senfest habe ich mich eigentlich nie gefühlt; und dann sind send empfinden. Sie lieben Geschichten, — ich könnte Ihnen meine beiden Eltern so früh gestorben, — ich bin von Kind auf aufwarten. Ich könnte Ihnen von dem Sohn und Ehemann er- Doppelwaise, wissen Sie ..« zählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er war ein Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen wenig älter als Sie, glaube ich, — sogar schon etwas älter. Man eine einheitliche Gebärde, die die Frage »Nun, und? Was wei- entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zu- ter?« heiter und artig anschaulich machte. rück in die Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren »Sie sind doch Schriftsteller«, sagte Hans Castorp, »— Literat; Mutter und Gattin. Den ganzen Tag lag er mit dem Thermome- Sie müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, daß ter im Munde und wußte von nichts anderem. ›Das versteht ihr man unter diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt sein nicht‹, sagte er. ›Dazu muß man oben gelebt haben, um zu wis- und die Grausamkeit der Leute ganz natürlich finden kann, — sen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die Grundbegriffe.‹ Es der gewöhnlichen Leute, wissen Sie, die herumgehen und la- endete damit, daß seine Mutter entschied: ›Geh nur wieder hin- chen und Geld verdienen und sich den Bauch vollschlagen .auf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‹ Und er ging wieder Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ..« hinauf. Er kehrte in die ›Heimat‹ zurück, — Sie wissen doch, Settembrini verbeugte sich. »Sie wollen sagen«, erläuterte er, man nennt dies ›Heimat‹, wenn man einmal hier gelebt hat. »daß die frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Seiner jungen Frau war er völlig entfremdet, es fehlten ihr die Grundstimmung des Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und ›Grundbegriffe‹ und sie verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Kruditäten des unbedachten Weltlebens, sagen wir: gegen sei- Heimat eine Genossin mit übereinstimmenden ›Grundbegrif- nen Zynismus reizbar und empfindlich macht.« fen‹ finden und dableiben werde.« »Genau so!« rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu ha- »Tadellos ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr Settembrini! ben. Noch immer schaute er in die Glühlichtklarheit des weißen Mit dem Tode —! Ich wußte es ja, daß Sie als Literat ..« Zimmers hinein wie in eine Weite. Er lachte verspätet und Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den sagte: Kopf auf die Seite legte und die Augen schloß, — eine sehr schö- »Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas senti- ne und sanfte Gebärde des Einhalttuns und der Bitte um weite- mental, wie Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne Zahl. Ich res Gehör. Er verharrte mehrere Sekunden in dieser Stellung, dachte eben noch weiter nach über das, was wir von Härte und auch als Hans Castorp schon lange schwieg und in einiger Ver- Grausamkeit sprachen, ich habe es mir in diesen Tagen schon ver- legenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten. Endlich schiedentlich durch den Kopf gehen lassen. Sehen Sie, man muß schlug er seine schwarzen Augen — die Augen der Drehorgel- wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von Natur so ganz männer — wieder auf und sprach: einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da unten »Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen im Tieflande und mit solchen Fragen, wie ›Hat der denn noch und Ihnen ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde und edle, 262 263, übrigens auch — ich will das ausdrücklich hinzufügen — auch die Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar aus Hochachtung vor einzig religiöse Art, den Tod zu betrachten, die ist, ihn als Be- der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung eine düstere Gril- standteil und Zubehör, als heilige Bedingung des Lebens zu be- le, mit der man den Gedanken des Menschen entehre, und Sie greifen und zu empfinden, nicht aber — was das Gegenteil von schienen zu meinem Vergnügen denn doch nicht ganz abge- gesund, edel, vernünftig und religiös wäre — ihn geistig irgend- neigt, meinen Einwand in Erwägung zu ziehen. Wir sprachen wie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen und auch von der Neutralität und geistigen Unschlüssigkeit der Ju- ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Al- gend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer Neigung, mit den mögli- ten schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens chen Standpunkten Versuche anzustellen, und davon, daß man und der Zeugung, sogar mit obszönen Symbolen, — das Heilige solche Versuche noch nicht als endgültige und lebensernste Op- war der antiken Religiosität ja sehr häufig eins mit dem Ob- tionen betrachten dürfe, — zu betrachten brauche. Wollen Sie szönen. Diese Menschen wußten den Tod zu ehren. Der Tod ist mir —«, und Herr Settembrini beugte sich lächelnd auf seinem ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der Erneu- Stuhle vor, die Füße nebeneinander am Boden, die zusammen- erung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur gelegten Hände zwischen den Knien, den Kopf gleichfalls etwas Pratze — und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als schräg vorgeschoben — »wollen Sie mir auch fernerhin«, sagte selbständige geistige Macht ist eine höchst liederliche Macht, er, und es war eine leichte Bewegung in seiner Stimme, »erlau- deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos sehr stark ist, aber ben, Ihnen bei Ihren Übungen und Experimenten ein wenig zur mit der zu sympathisieren ebenso unzweifelhaft die greulichste Hand zu gehen und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Verirrung des Menschengeistes bedeutet.« Gefahr verderblicher Fixierungen droht?« Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allge- »Aber gewiß, Herr Settembrini!« Hans Castorp beeilte sich, meinheit stehen und endete auf das bestimmteste. Es war ihm seine befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das Ernst; nicht unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es ver- Trommeln auf der Bettdecke zu unterlassen und sich seinem schmäht, seinem Partner Gelegenheit zur Anknüpfung und Ge- Gaste mit bestürzter Freundlichkeit zuzuwenden. »Es ist sogar genrede zu bieten, sondern am Ende seiner Aufstellungen die außerordentlich liebenswürdig von Ihnen .Ich frage mich Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht. Er saß ge- wirklich, ob ich .Das heißt, ob es sich bei mir ..« schlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein Bein »Ganz sine pecunia«, zitierte Herr Settembrini, indem er auf- in der karierten Hose über das andere geschlagen, und wippte stand. »Wer will sich denn lumpen lassen.« Sie lachten. Man nur leicht mit dem in der Luft schwebenden Fuß, den er streng hörte die äußere Doppeltür gehen, und im nächsten Augenblick betrachtete. wurde auch die innere geklinkt. Es war Joachim, der aus der Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau Abendgeselligkeit zurückkehrte. Beim Anblick des Italieners er- sitzend, wandte er den Kopf zur Wand und trommelte leicht rötete auch er, wie Hans Castorp für sein Teil es vorhin getan: mit den Fingerspitzen auf der Steppdecke. Er kam sich belehrt, die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes vertiefte sich um ei- zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und in seinem Schweigen ne Schattierung. lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause dauerte »Oh, du hast Besuch«, sagte er. »Wie angenehm für dich. Ich ziemlich lange. bin aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie Bridge Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte gepreßt, — Bridge nennen sie das nach außen hin«, sagte er kopf- lächelnd: schüttelnd, »und dabei war es schließlich ganz was anderes. Ich »Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen habe fünf Mark gewonnen ..« Disput schon einmal geführt haben — man kann sagen: densel- »Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich be- ben? Wir plauderten damals — ich glaube, es war auf einem Spa- kommt«, sagte Hans Castorp. »Hm, hm. Herr Settembrini hat ziergang — über Krankheit und Dummheit, deren Vereinigung mir unterdessen so schön die Zeit vertrieben .was übrigens 264 265, gar kein Ausdruck ist. Es gilt allenfalls von euerem falschen teilung des Tages diesen kurzweilig machte, so war es bei Nacht Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die Zeit so bedeutend die verschwimmende Einförmigkeit der schreitenden Stunden, ausgefüllt .Als anständiger Mensch müßte man ja mit Hän- was in der gleichen Richtung wirkte. Nahte sich aber erst ein- den und Füßen trachten, hier fortzukommen, — wo es nun mal der Morgen, so war es unterhaltend, das allmähliche Er- schon mit falschem Bridge losgeht in eurer Mitte. Aber um grauen und Erscheinen des Zimmers, das Hervortreten und Ent- Herrn Settembrini noch recht oft zu hören und mir von ihm schleiertwerden der Dinge zu beobachten, den Tag draußen in gesprächsweise zur Hand gehen zu lassen, könnte ich beinahe trüb schwelender oder heiterer Glut sich entzünden zu sehen; wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben und hier bei euch und eh man's gedacht, war wieder der Augenblick da, wo das festzusitzen .Am Ende muß man mir noch eine Stumme handfeste Klopfen des Bademeisters das Inkrafttreten der Tages- Schwester geben, damit ich nicht mogle.« ordnung verkündete. »Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind«, sagte Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug mit- der Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen. Mit genommen, und so fand er sich in betreff des Datums nicht im- seinem Vetter allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf. mer ganz genau auf dem laufenden. Dann und wann forderte er »Ist das ein Pädagog!« sagte er .»Ein humanistischer Päd- Auskunft von seinem Vetter, der aber in diesem Punkte auch agog, das muß man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war. Immerhin boten auf dich ein, abwechselnd in Form von Geschichten und in ab- die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit Konzert, strakter Form. Und auf Dinge kommt man mit ihm zu spre- den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen Anhalt, chen, — nie hätte man gedacht, daß man darüber reden oder sie und so viel war gewiß, daß der September nachgerade ziemlich auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im Flachlande weit, bis gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war. Draußen im mit ihm zusammengetroffen wäre, so würde ich sie auch nicht Tale war, seitdem Hans Castorp Bettlage eingenommen, das trü- verstanden haben«, fügte er hinzu. be und kalte Wetter, das damals geherrscht hatte, herrlichen Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte Hochsommertagen gewichen, ungezählten solcher Tage, einer zwei, drei Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal ganzen Serie davon, so daß Joachim allmorgendlich in weißen spielten sie Schach auf Hans Castorps Eßtischplatte, — Joachim Hosen bei seinem Vetter eingetreten war und dieser ein redli- hatte ein Spiel von unten heraufgebracht. Später begab er sich ches Bedauern, ein Bedauern der Seele und seiner jungen Mus- mit Sack und Pack, das Thermometer im Munde, auf seinen keln, über den Verlust solcher Prachtzeit nicht hatte unterdrük- Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes Mal, wäh- ken können. Sogar eine »Schande« hatte er es einmal mit leiser rend leichte Musik von näher oder fernher aus dem nächtlichen Stimme genannt, daß er sie solcherart versäume, — dann aber zu Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur beendigt; seiner Beschwichtigung hinzugefügt, daß er auf freiem Füße man hörte Joachim; man hörte das Ehepaar vom Schlechten auch nicht viel mehr als jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da Russentisch .Und Hans Castorp nahm Seitenlage ein, in Er- sich ihm ausgiebige Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. wartung des Schlafes. Und einigen Anteil an dem warmen Schimmer dort draußen Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn Hans gewährte die breite, weit offene Balkontür ihm immerhin. Castorp erwachte oft und lag nicht selten stundenlang wach, sei Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit es, weil seine nicht ganz korrekte Blutwärme ihn munter hielt, schlug wieder das Wetter um. Über Nacht war es neblig und oder weil Lust und Kraft zum Schlafe durch seine derzeit völlig kalt geworden, das Tal hüllte sich in nasses Schneegestöber, und horizontale Lebensweise Einbuße erlitten. Dafür waren die der trockene Hauch der Dampfheizung erfüllte das Zimmer. So Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen und sehr le- war es auch an dem Tage, als Hans Castorp bei der Morgenvisite bensvollen Träumen belebt, denen er nachhängen konnte, wäh- der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er heute drei Wochen liege, rend er wach lag. Und wenn die vielfache Gliederung und Ein- und um die Erlaubnis bat, aufzustehen. 266 267, »Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?« sagte Behrens. »Lassen dem Oktober begann. Und die Schwere von Hans Castorps Fall, Sie mal sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie man alt wird. sein Krankheitsgrad, gab ihm kaum ein Recht, besonderen An- Geändert hat sich mit Ihnen ja nicht gerade viel unterdessen. spruch auf Beachtung zu erheben. Frau Stöhr etwa war in all ih- Was, gestern war es normal? Ja, bis auf die 6-Uhr-Nachmittags- rer Dummheit und Unbildung ohne Zweifel viel kränker als er, messung. Na, Castorp, dann will ich ja auch nicht so sein und von Dr. Blumenkohl ganz zu schweigen. Man hätte jedes Sin- will Sie der menschlichen Sozietät zurückerstatten. Stehen Sie nes für Rangordnung und Abstand entbehren müssen, um in auf und wandeln Sie, Mann! In den gegebenen Grenzen und Hans Castorps Fall nicht bescheidene Zurückhaltung zu üben, — Maßen natürlich. Wir machen nächstens Ihr Innenkonterfei. besonders da eine solche Gesinnung zum Geiste des Hauses ge- Vormerken!« sagte er im Hinausgehen zu Dr. Krokowski, in- hörte. Leichtkranke galten nicht viel, er hatte es öfters aus den dem er mit seinem riesigen Daumen über die Schulter auf Hans Gesprächen herausgehört. Man sprach mit Geringschätzung von Castorp deutete und den bleichen Assistenten mit seinen bluti- ihnen, nach dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über gen, tränenden blauen Augen ansah .Hans Castorp verließ die Achsel angesehen, und zwar nicht allein von den Höher- die »Remise«. und Hochgradigen, sondern auch von solchen, die selbst nur Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummihand- »leicht« waren: womit diese freilich Geringschätzung auch ihrer schuhen begleitete er seinen Vetter zum ersten Male wieder zur selbst an den Tag legten, aber eine höhere Selbstachtung rette- Bank am Wasserlauf und zurück, nicht ohne unterwegs die Fra- ten, indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist es mensch- ge aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn wohl hätte liegen las- lich. »Ach, der!« konnten sie wohl voneinander sagen, »dem sen, wenn er die Frist nicht als abgelaufen gemeldet hätte. Und fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem hoff- Nicht mal eine Kaverne hat er ..« Dies war der Geist; er war nungslosen »Ach« geöffnet, machte in die Luft hinein die Ge- aristokratisch in einem besonderen Sinne, und Hans Castorp sa- bärde des Unabsehbaren. lutierte ihm aus angeborener Achtung vor Gesetz und Ordnung jeder Art. Ländlich, sittlich, heißt es. Reisende zeigen sich wenig gebildet, wenn sie über die Sitten und Werte ihrer Wirtsvölker »Mein Gott, ich sehe!« sich lustig machen, und der Eigenschaften, die Ehre schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen Joachim selbst beobachtete Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin von Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und Rücksicht, — nicht Mylendonk ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt wurde. Er sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war und sein Anlei- mochte nicht drängen. Man war beschäftigt im Hause »Berg- ter und Cicerone in dieser Welt —, sondern namentlich, weil er hof«, offenbar hatten Ärzte und Personal alle Hände voll zu tun. der zweifellos »Schwerere« war. Da aber alles so lag, war es be- Neue Gäste waren in den letzten Tagen angelangt: zwei russi- greiflich, daß man dazu neigte, aus seinem Falle das Mögliche sche Studenten mit dickem Haar und geschlossenen schwarzen zu machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen ließen; ein um zur Aristokratie zu gehören oder ihr näher zu kommen. holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis Tische Plätze ange- Auch Hans Castorp, wenn er bei Tische gefragt wurde, nannte wiesen wurden; ein buckliger Mexikaner, der die Tischgesell- wohl ein paar Striche mehr, als er in Wahrheit gemessen, und schaft durch furchtbare Anfälle von Atemnot in Schrecken setz- konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, wenn te: er klammerte sich dabei mit ehernem Griff seiner langen man ihm mit dem Finger drohte, wie einem, der es faustdick Hände an seine Nachbarn, ob Herr oder Dame, hielt fest wie hinter den Ohren hat. Aber auch, wenn er ein wenig auftrug, ein Schraubstock und zog die entsetzt Widerstrebenden, um blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, eine Person von Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum, der Speise- geringen Graden, und so waren Geduld und Zurückhaltung saal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison erst mit denn sicherlich das ihm zukommende Betragen. 268 269, Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies verstehen und sich darüber ärgern sollte. Auf jeden Fall hatte schon vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken, wel- Joachims Seite wieder aufgenommen, und es ging wie am che die zwischen der Kranken und ihm obwaltende gesell- Schnürchen vom ersten Tage an, als sei es nie unterbrochen schaftliche Unbekanntschaft auf eine in seinen Augen unge- worden. In der Tat war diese Unterbrechung nichtig gewesen; heuerliche und berauschende Weise verleugnet und Lügen ge- er bekam es gleich gelegentlich seines ersten Wiedererscheinens straft hatte, — sich fast schmerzhaft zusammengekrampft schon, bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der auf sol- als die Glastür klirrte, denn auf diesen Augenblick hatte er mit che Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches Ge- kurz gehendem Atem gewartet. wicht legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den Platz des Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Bezie- Erstandenen schmückte. Aber die Begrüßung durch die Tischge- hungen zu der Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme nossen war wenig festlich, unterschied sich von früheren, denen seiner Sinne und seines bescheidenen Geistes an ihrer mittel- eine Trennung nicht von drei Wochen, sondern von drei Stun- großen, weich schleichenden, kirgisenäugigen Person, kurzum den vorangegangen war, nur unwesentlich: weniger aus Gleich- seine Verliebtheit (das Wort habe statt, obgleich es ein Wort gültigkeit gegen seine einfache und sympathische Person und von »unten«, ein Wort der Ebene ist und die Vorstellung erwek- weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das heißt: mit ihrem ken könnte, als sei das Liedchen »Wie berührt mich wunder- interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, weil ihnen sam« hier irgendwie anwendbar gewesen) während seiner Zu- die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und Hans Ca- rückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht hatte. Ihr Bild storp konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, denn er hatte ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, in das sich zögernd selbst saß an seinem Platz am Tischende, zwischen der Lehrerin entschleiernde Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werden- und Miß Robinson, nicht anders, als habe er spätestens gestern de Dämmerung geblickt hatte (auch zu jener Stunde, als Set- zuletzt hier gesessen. tembrini unter plötzlichem Aufflammen des Lichtes bei ihm Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich vorgeschwebt, Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, — wie und dies war der Grund gewesen, weshalb er bei dem Anblick hätte man im weiteren Saal welches davon machen sollen? Dort des Humanisten errötet war); an ihren Mund, ihre Wangenkno- hatte buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, chen, ihre Augen, deren Farbe, Form, Stellung ihm in die Seele — mit alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach Schluß der schnitt, ihren schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, den Halswir- Mahlzeit zu spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung herange- bel im Nackenausschnitt ihrer Bluse, ihre von dünnster Gaze kommen war. Hans Castorp hätte freilich noch eine weitere verklärten Arme hatte er gedacht wärend der einzelnen Stunden Einschränkung gemacht, deren Berechtigung wir dahinstellen des zerkleinerten Tages, — und wenn wir verschwiegen, daß dies müssen. Er behauptete bei sich, daß Clawdia Chauchat sein das Mittel gewesen, wodurch ihm die Stunden so mühelos ver- Wiedererscheinen bemerkt —, gleich bei ihrem, wie immer, ver- gingen, so geschah es, weil wir sympathisch teilnehmen an der späteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, ihren schma- Gewissensunruhe, die sich in das erschreckende Glück dieser len Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er mit seinem begeg- Bilder und Gesichte mischte. Ja, es war Schreck, Erschütterung net war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, noch einmal über damit verbunden, eine ins Unbestimmte, Unbegrenzte und die Schulter sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, vollständig Abenteuerliche ausschweifende Hoffnung, Freude wie vor drei Wochen, bevor er zur Untersuchung gegangen. und Angst, die namenlos war, aber des jungen Mannes Herz — Und eine so unverhohlene und rücksichtslose Bewegung war sein Herz im eigentlichen und körperlichen Sinn — zuweilen so das gewesen — rücksichtslos in betreff seiner selbst wie auch der jäh zusammenpreßte, daß er die eine Hand in die Gegend dieses übrigen Gästeschaft —, daß er nicht gewußt hatte, ob er sich dar- Organs, die andere aber zur Stirn führte (sie wie einen Schirm über entzücken oder es als ein Zeichen von Geringschätzung über die Augen legte) und flüsterte: »Mein Gott!« 270271, Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, mosphäre scheute und floh, ergriff Hans Castorp, hielt ihn die den Bildern und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit selbst in einiger Zucht und Ordnung und hinderte ihn, sich von eigentlich erst verliehen, und die sich auf Madame Chauchats der Schmaläugigen sozusagen »einen Bleistift zu leihen«, — wo- Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit bezogen, auf ihr Krank- zu er ohne die disziplinierende Nachbarschaft aller Erfahrung sein, die Steigerung und Betonung ihres Körpers durch die nach sehr bereit gewesen wäre. Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die Krank- Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und so heit, an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun teil- verbot es sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia haben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche Chauchat zu sprechen. Er hielt sich schadlos durch verstohlenen Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lä- Austausch mit der Lehrerin zu seiner Rechten bei Tische, wobei cheln die zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbe- er das alte Mädchen durch Neckereien mit ihrer Schwäche für kanntschaft außer acht ließ, so, als seien sie überhaupt keine ge- die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und unterdessen sellschaftlichen Wesen und als sei es nicht einmal nötig, daß sie die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. miteinander sprächen .und ebendies war es, worüber er er- Auch drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche Ver- schrak: in demselben Sinne erschrak wie damals im Untersu- hältnisse, über ihre Herkunft, ihren Mann, ihr Alter, die Art ih- chungszimmer, als er von Joachims Oberkörper eilig suchend res Krankheitsfalles Neues und Wissenswertes in Erfahrung zu zu seinen Augen emporgeblickt hatte, — mit dem Unterschiede, bringen. Ob sie denn Kinder habe, wollte er wissen. — Aber daß damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens nein doch, sie hatte keine. Was sollte eine Frau wie sie wohl mit gewesen, hier aber ganz anderes im Spiele war. Kindern beginnen? Wahrscheinlich war es ihr streng untersagt, Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und welche zu haben — und andererseits: was würden denn das auch wohlgeregelte Leben auf engem Schauplatz wieder seinen wohl für Kinder sein? Hans Castorp mußte dem beipflichten. gleichmäßigen Gang, — Hans Castorp, in Erwartung der Innen- Nachgerade sei es auch wohl zu spät dafür, vermutete er mit ge- aufnahme, fuhr fort, es mit dem guten Joachim zu teilen, indem waltsamer Sachlichkeit. Zuweilen, im Profil, scheine Madame er es Stunde für Stunde genau so trieb wie dieser; und diese Chauchats Gesicht ihm fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl Nachbarschaft war wohl gut für den jungen Mann. Denn ob- über dreißig sei? — Fräulein Engelhart widersprach heftig. Claw- gleich es nur eine Krankennachbarschaft war, so war viel militä- ilia dreißig? Allerschlimmstenfalls sei sie achtundzwanzig. Und rische Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die freilich, ohne es ge- was das Profil betraf, so verbot sie ihrem Tischnachbar, so etwas wahr zu werden, schon im Begriffe stand, im Kurdienste Genü- zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten Jugendlichkeit ge zu finden, so daß dieser gleichsam zum Ersatzmittel tieflän- und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil sei discher Pflichterfüllung und zum untergeschobenen Berufe und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe fügte wurde, — Hans Castorp war nicht so dumm, es nicht ganz genau Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß Frau Chau- zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl ihre zügelnde, zurück- hat öfters Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in »Platz« haltende Wirkung auf sein zivilistisches Gemüt, — sogar mochte wohnenden Landsmannes: sie empfange ihn nachmittags auf es diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel und die Beaufsichti- ihrem Zimmer. gung durch sie, was ihn von äußeren Schritten und blinden Un- Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich ge- ternehmungen zurückhielt. Denn er sah wohl, was der brave gen alle Bemühung, und auch die auf »Was nicht gar« und »Se- Joachim von einer gewissen, täglich auf ihn eindringenden Ap- ile einer an« gestimmten Redensarten, mit denen er die Eröff- felsinenatmosphäre, worin es runde braune Augen, einen klei- nung zu behandeln versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vor- nen Rubin, viel schwach gerechtfertigte Lachlust und eine äu- handensein dieses Landsmannes auf die leichte Achsel zu neh- ßerlich wohlgebildete Brust gab, auszustehen hatte, und die men, wie er sich anfangs den Anschein hatte geben wollen, kam Vernunft und Ehrliebe, mit der Joachim den Einfluß dieser At- er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. Ein jüngerer 272 273, Mann? — Jung und ansehnlich, nach allem, was sie höre, erwi- Inhalt zu Ohren kamen! Zwar schien es allgemein möglich, daß derte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein konnte sie die Beziehungen des russischen Besuchers zu seiner Landsmän- nicht urteilen. — Krank? — Höchstens leichtkrank! Er wolle hof- nin nüchterner und harmloser Natur waren; aber Hans Castorp fen, sagte Hans Castorp höhnisch, daß mehr Wasche an ihm zu war seit einiger Zeit geneigt, Nüchternheit und Harmlosigkeit sehen sei als bei den Landsleuten am Schlechten Russentisch, — für Schnickschnack zu halten, — wie er sich denn auch nicht wofür die Engelhart, noch immer zur Strafe, einstehen zu wol- überwinden oder bereden konnte, die Ölmalerei als Beziehung len erklärte. Da gab er zu, es sei eine Angelegenheit, um die zwischen einem forsch redenden Witwer und einer schmal- man sich kümmern müsse, und beauftragte sie ernstlich, in Er- äugig-leisetreterischen jungen Frau für etwas anderes anzuse- fahrung zu bringen, was es mit diesem aus- und eingehenden hen. Der Geschmack, den der Hofrat mit der Wahl seines Mo- Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber dells bekundete, entsprach zu sehr seinem eigenen, als daß er zu bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig Neues. hier an Nüchternheit hätte glauben können, worin ihn die Vor- Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert — stellung von des Hofrats blauen Backen und seinen rot geäder- und fragte Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn nicht, so ten Quellaugen denn auch nur wenig unterstützte. könne er trotzdem überzeugt davon sein, sie habe es aus sicher- Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand ster Quelle. Seit längerem sitze sie hier im Hause jemandem und zufällig machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, ob- Modell zu ihrem Bildnis — und zwar wem? Dem Hofrat! Herrn gleich es sich abermals um eine Bestätigung seines Geschmackes Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe täglich in sei- handelte. Es war da am querstehenden Tische der Frau Salomon ner Privatwohnung bei sich sehe. und des gefräßigen Schülers mit der Brille, links von dem der Diese Kunde ergriff Castorp noch mehr als die vorige. Er Vettern, nächst der seitlichen Glastür, ein Kranker, Mannheimer machte fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, es sei seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört hatte, etwa ja bekannt, daß der Hofrat in Öl male, — was die Lehrerin denn dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, kariösen Zähnen und wolle, das sei nicht verboten, und so stehe es jedermann frei. In einer zaghaften Redeweise, — derselbe, der zuweilen während des Hofrats Witwerheim also? Hoffentlich sei wenigstens Fräu- der Abendgeselligkeit auf dem Piano spielte, und zwar meistens lein von Mylendonk bei den Sitzungen anwesend. — Die habe den Hochzeitsmarsch aus dem »Sommernachtstraum«. Er sollte wohl keine Zeit. - »Mehr Zeit als die Oberin sollte auch Beh- sehr fromm sein, wie es begreiflicherweise nicht selten unter rens nicht haben«, sagte Hans Castorp streng. Aber obgleich da- Denen hier oben der Fall sei, so hatte Hans Castorp sagen hö- mit etwas Endgültiges über die Sache gesagt schien, war er weit ren. Allsonntäglich sollte er den Gottesdienst drunten in »Platz« entfernt, sie fallen zu lassen, sondern erschöpfte sich in Fragen besuchen und in der Liegekur andächtige Bücher lesen, Bücher nach Näherem und Weiterem: über das Bild, sein Format und mit einem Kelch oder Palmzweig auf dem Vorderdeckel. Dieser ob es Kopf- oder Kniestück sei; auch über die Stunde der Sit- nun, so bemerkte Hans Castorp eines Tages, hatte seine Blicke zungen, — während doch Fräulein Engelhart mit Einzelheiten ebendort, wo er selbst sie hatte, — hing mit ihnen an Madame auch hier nicht dienen konnte und ihn auf die Ergebnisse wei- Chauchats schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die terer Nachforschungen vertrösten mußte. scheu und zudringlich bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Hans Castorp maß 3 7,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. Castorp es einmal beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder Weit mehr noch, als die Besuche, die Frau Chauchat empfing, Und wieder festzustellen. Er sah ihn abends im Spielzimmer in- schmerzten und beunruhigten ihn diejenigen, die sie machte. mitten der Gäste stehen, trübe verloren in den Anblick der lieb- Frau Chauchats Privat- und Eigenleben als solches an und für -hen, wenn auch schadhaften Frau, die drüben im kleinen Sa- sich und schon unabhängig von seinem Inhalt hatte angefangen, -n auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara (so hieß ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und wie sehr mußte sich das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl und den beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten über diesen konkaven und hängeschultrigen Herren ihres Tisches plauderte; 274 275, sah ihn sich abwenden, sich herumdrücken und wieder langsam, So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um drei- mit seitlich gedrehten Augäpfeln und kläglich geschürzter ßig Minuten abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier die Oberlippe den Kopf über die Schulter dorthin wenden. Er sah steinerne Treppe in das falsche Kellergeschoß »hinab«-gestiegen ihn sich verfärben und nicht aufblicken, dann aber dennoch auf- und saßen zusammen in dem kleinen Warteraum, der das Ordi- blicken und gierig schauen, wenn die Glastür fiel und Frau nationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium trennte, — Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals sah er, wie der Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter Ruhe, Hans Arme sich nach Tische zwischen Ausgang und Gutem Russen- Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man bisher noch nie- tisch aufstellte, um Frau Chauchat an sich vorübergehen zu las- mals Einblick in sein organisches Innenleben genommen. Sie sen und sie, die seiner nicht achtete, aus unmittelbarer Nähe mit waren nicht allein: mehrere Gäste hatten, zerrissene illustrierte Augen zu verschlingen, die bis zum Grunde mit Traurigkeit an- Zeitschriften auf den Knien, schon im Zimmer gesessen, als sie gefüllt waren. eingetreten waren, und warteten mit ihnen: ein reckenhafter Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp junger Schwede, der im Speisesaal an Settembrinis Tische saß, nicht wenig zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mann- und von dem man sagte, er sei bei seiner Ankunft im April so heimers ihn nicht in dem Sinne beunruhigen konnte, wie der krank gewesen, daß man ihn kaum habe aufnehmen wollen, Privatverkehr Clawdia Chauchats mit Hofrat Behrens, einem nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen und sei im Be- ihm an Alter, Person und Lebensstellung so übergeordneten griffe, als völlig geheilt entlassen zu werden; ferner eine Frau Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer, vom Schlechten Russentisch, eine Mutter, selbst kümmerlich, — es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht entgangen, mit ihrem noch kümmerlicheren, langnäsigen und häßlichen wenn es der Fall gewesen wäre, und nicht der widrige Stachel Knaben namens Sascha. Diese Personen also warteten schon der Eifersucht war es also in diesem Falle, den er in der Seele länger als die Vettern; offenbar hatten sie in der Reihenfolge spürte. Aber er erprobte alle Empfindungen, die Rausch und der Bestellungen den Vorrang vor ihnen, Verspätung schien ein- Leidenschaft eben erproben, wenn sie in der Außenwelt ihrer gerissen nebenan im Durchleuchtungsraum, und so stand kalter selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste Gemisch aus Tee in Aussicht. Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden. Unmöglich, alles zu Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des Hof- ergründen und auseinanderzulegen, wenn wir von der Stelle rats war zu hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier Uhr kommen wollen. Auf jeden Fall war es viel auf einmal für seine oder etwas darüber, als die Tür sich öffnete, — ein technischer Verhältnisse, was auch die Beobachtung des Mannheimers dem Assistent, der hier unten tätig war, öffnete sie — und nur erst der armen Hans Castorp zu durchkosten gab. schwedische Recke und Glückspilz eingelassen wurde: offenbar So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durch- hatte man seinen Vorgänger durch einen anderen Ausgang ent- leuchtung. Er hatte nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen lassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller ab. Nach würden, aber als er eines Morgens beim Frühstück durch die zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen Skandina- Oberin (sie hatte schon wieder ein Gerstenkorn, es konnte nicht vier, diese wandelnde Empfehlung des Ortes und der Heilan- mehr dasselbe sein, offenbar war dies harmlose, aber entstellen- stalt, sich starken Schrittes über den Korridor entfernen, und die de Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den Befehl erhielt, sich russische Mutter nebst Sascha wurde empfangen. Wiederum, nachmittags im Laboratorium einzufinden, da waren sie eben wie schon beim Eintritt des Schweden, bemerkte Hans Castorp, vergangen. Zusammen mit seinem Vetter sollte Hans Castorp daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, das heißt künstliches sich stellen, eine halbe Stunde vor dem Tee, denn auch von Joa- Halblicht herrschte, — gerade wie andererseits in Dr. Krokow- chim sollte bei dieser Gelegenheit wieder eine Innenansicht ikis analytischem Kabinett. Die Fenster waren verhüllt, das Ta- aufgenommen werden, — die letzte mußte schon für veraltet geslicht abgesperrt, und ein paar elektrische Lampen brannten. gelten. Während man aber Sascha und seine Mutter einließ und Hans 276 277, Castorp ihnen nachblickte, — gleichzeitig also hiermit ging die stimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte etwas Korridortür auf, und der nächstbestellte Patient betrat den War- schleppend und gebrochen, die Sprechende hatte kein natürli- teraum, verfrüht, da Verspätung obwaltete, es war Madame ches Anrecht darauf, sie lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon Chauchat. ein paarmal hatte tun hören, mit einer Art von Überlegenheits- Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen gefühl, das aber von demütigem Entzücken umwogt war. Eine befand; Hans Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen, in- Hand in der Tasche ihrer Wolljacke und die andere am Hinter- dem er deutlich fühlte, wie das Blut ihm aus dem Gesichte wich kopf, fragte Frau Chauchat: und sein Unterkiefer erschlaffte, so daß sein Mund im Begriffe »Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?« war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt hatte sich so nebenbei, so Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter ge- unversehens vollzogen, — auf einmal teilte sie den engen Auf- worfen hatte, antwortete, indem er sitzend die Absätze zusam- enthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch keineswegs da- menzog: gewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp und schlug »Auf halb vier Uhr.« dann nicht nur die Augen nieder, sondern nahm das illustrierte Sie sprach wieder: Blatt, das er schon fortgelegt hatte, wieder vom Tisch und ver- »Ich auf dreiviertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es barg sein Gesicht dahinter. Hans Castorp fand nicht die Ent- sind Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?« schlußkraft, ein gleiches zu tun. Nach dem Erblassen war er sehr »Ja, zwei Personen«, antwortete Joachim. »Sie waren vor uns rot geworden, und sein Herz hämmerte. an der Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das Ganze Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in einem hat sich um eine halbe Stunde verschoben.« rundlichen kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam rudi- »Das ist unangenehm!« sagte sie und betastete nervös ihr mentären Armlehnen Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht ein Haar. Bein über das andere und blickte ins Leere, wobei ihre Pribis- »Eher«, erwiderte Joachim. »Wir warten auch schon fast eine lav-Augen, die durch das Bewußtsein, daß man sie beobachtete, halbe Stunde.« aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt wurden, etwas schiel- So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans ten. Sie trug einen weißen Sweater und einen blauen Rock und Castorp zu. Daß Joachim mit Frau Chauchat sprach, war beinahe hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband, wie dasselbe, wie wenn er selbst mit ihr gesprochen hätte, — wenn es schien, während sie mit der Sohle des am Boden stehenden freilich auch wieder etwas ganz und gar anderes. Das »Eher« Fußes leise aufpochte. hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm frech und mindestens Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, befremdend gleichmütig vor in Anbetracht der Umstände. Aber blickte um sich, stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, Joachim konnte am Ende so sprechen, — er konnte überhaupt mit woran sie sei und wohin sie sich zu wenden habe — und begann ihr sprechen und tat sich vielleicht vor ihm noch etwas zugute zu sprechen. Sie fragte etwas, richtete eine Frage an Joachim, darauf mit seinem kecken »Eher«, — ungefähr wie er selbst vor obgleich dieser in seine illustrierte Zeitung vertieft schien, wäh- |oachim und Settembrini sich aufgespielt hatte, als man ihn ge- rend Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, — bildete Worte mit ih- lragt, wie lange er zu bleiben gedenke und er »drei Wochen« rem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen Kehle: es geantwortet hatte. An Joachim, obgleich er die Zeitung vor das war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende, ange- Gesicht gehalten, hatte sie sich gewandt mit ihrer Anrede, — ge- nehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte — von langer wiß weil er der älter Eingesessene, ihr länger von Ansehen Be- Hand her kannte und einmal sogar aus unmittelbarer Nähe ver- kannte war; aber doch auch aus jenem anderen Grunde, weil ein nommen hatte: damals, als mit dieser Stimme für ihn selbst ge- Verkehr auf gesittetem Fuße, ein artikulierter Austausch in ih- sagt worden war: »Gern. Du mußt ihn mir nach der Stunde aber rem Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, Schreckliches bestimmt zurückgeben.« Das war jedoch fließender und be- Und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand 278 279, Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ih- gab ihre äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der nen gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Leinwand wieder. Jetzt aber würde er im Halbdunkel Licht- Wort zu führen und »Eher« zu sagen, — unabhängig und rein, strahlen auf sie lenken, die ihm das Innere ihres Körpers bloß- wie er ihr gegenüberstand. »Gewiß, eher unangenehm, wertes legten. Und indem Hans Castorp dies dachte, wandte er mit einer Fräulein!« hätte er gesagt und vielleicht sein Taschentuch mit ei- ehrbaren Verfinsterung seiner Miene den Kopf beiseite, einem nem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu schneu- Ausdruck von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich selber zen. »Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage.« anzunehmen ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien. Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, — wahr- Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen währ- scheinlich aber, ohne sich ernstlich an seine Stelle zu wünschen. te nicht lange. Man hatte drinnen mit Sascha und seiner Mutter Nein, auch Hans Castorp war nicht eifersüchtig auf Joachim, wohl nicht viel Federlesens gemacht, man sputete sich, die Ver- wie die Dinge lagen, obgleich dieser es war, der mit Frau Chau- spätung wieder einzuholen. Neuerdings öffnete der Techniker chat sprechen durfte. Er war einverstanden damit, daß sie sich an im weißen Kittel die Tür, Joachim warf aufstehend sein Zei- ihn gewandt hatte; sie hatte den Umständen Rechnung getra- tungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp folgte ihm, gen, indem sie es tat, und so zu erkennen gegeben, daß sie sich wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche Be- dieser Umstände bewußt war .Sein Herz hämmerte. denken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, den- Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch noch auf gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und ihr den Joachim erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie eine Vortritt anzubieten, vielleicht sogar auf Französisch, wenn es leise Feindseligkeit auf Seiten des guten Joachim gegen die Mit- sich machen ließ, und hastig suchte er bei sich nach den Voka- patientin gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei aller beln, der Satzbildung. Aber er wußte nicht, ob solche Höflich- Erschütterung lächeln mußte, — versuchte »Clawdia« einen keiten hier ortsüblich waren, ob nicht die angesetzte Reihenfol- Gang durch das Zimmer zu tun, doch fehlte es an Raum dazu, ge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war. Joachim mußte es und so nahm auch sie ein illustriertes Heft vom Tische und wissen, und da er nicht Miene machte, vor der anwesenden Da- kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen me zurückzustehen, obgleich Hans Castorp ihn bewegt und zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er die Kinnstüt- dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn an Frau Chauchat ze seines Großvaters nachahmte und so dem Alten wirklich lä- vorbei, die nur flüchtig aus ihrer gebückten Haltung aufschaute, cherlich ähnlich sah. Da Frau Chauchat wieder ein Bein über das und durch die Tür ins Laboratorium. andere gelegt hatte, zeichnete sich ihr Knie, ja, die ganze schlan- Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von ke Linie ihres Beines unter dem blauen Tuchrock ab. Sie war den Abenteuern der letzten zehn Minuten, als daß mit dem nur von mittlerer Größe, einer in Hans Castorps Augen höchst Übertritt in den Durchleuchtungsraum auch seine innere Ge- angenehmen und richtigen Größe, aber verhältnismäßig, hoch- genwart sich sogleich hätte umstellen können. Er sah nichts beinig und nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht zurückge- oder nur sehr Allgemeines im künstlichen Halblicht. Er hörte lehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit der sie ge- Oberschenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerun- sagt hatte: »Was gibt es denn .Es sind Personen eben noch detem Rücken und vorfallenden Schultern, so daß die Nacken- eingetreten .Das ist unangenehm ..«, und dieser Stimm- wirbel hervortraten, ja, unter dem anliegenden Sweater beinahe klang schauerte ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. Er das Rückgrat zu erkennen war und ihre Brust, die nicht so hoch sah ihr Knie unter dem Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem und üppig entwickelt wie bei Marusja, sondern klein und mäd- gebeugten Nacken, unter dem kurzen rötlichblonden Haar, das chenhaft war, von beiden Seiten zusammengepreßt wurde. dort lose hing, ohne in die Zopffrisur aufgenommen worden zu Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß auch sie hier in Er- sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals überlief ihn der wartung saß, durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt von den Eintreten- 280281, den, vor einem Schrank oder regalförmigen Einbau stehen und ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen eine schwärzliche Platte betrachten, die er mit ausgestrecktem beim Schäferstündchen, verstehen Sie.« Und er lachte, wobei Arm gegen das matte Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen seine Oberlippe mit dem gestutzten Schnurrbärtchen sich ein- sie tiefer in den Raum hinein, überholt von dem Gehilfen, der seitig höher schürzte. Hans Castorp wandte sich zur Seite, dort- Vorbereitungen zu ihrer Behandlung und Abfertigung traf. Es hin, wo Joachims Innenaufnahme sich vorbereitete. roch eigentümlich hier. Eine Art von abgestandenem Ozon er- Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der füllte die Atmosphäre. Zwischen den schwarzverhängten Fen- Hofrat anfangs gestanden. Joachim hatte auf einer Art von Schu- stern vorspringend, teilte der Einbau das Laboratorium in zwei stersessel vor einem Brett Platz genommen, gegen das er die ungleiche Hälften. Man unterschied physikalische Apparate, Brust preßte, wobei er es außerdem mit den Armen umschlang, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente, und mit knetenden Bewegungen verbesserte der Gehilfe seine aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell, Stellung, indem er Joachims Schulter weiter nach vorn drückte, gläserne Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelassen seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich hinter die Ka- waren, — man wußte nicht, war man in dem Atelier eines Pho- mera, um, wie irgendein Photograph, gebückt, breitbeinig, die tographen, einer Dunkelkammer oder einer Erfinderwerkstatt Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit aus und mahnte und technischen Hexenoffizin. Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen und, bis alles vor- Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper über, die Luft anzuhalten. Joachims gerundeter Rücken dehnte freizumachen. Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und rot- sich und blieb stehen. In diesem Augenblick hatte der Gehilfe bäckiger Eingeborener in weißem Kittel, wies Hans Castorp an, am Schaltbrett den nötigen Handgriff getan. Zwei Sekunden ein gleiches zu tun. Es gehe schnell, er sei sofort an der Rei- lang spielten fürchterliche Kräfte, deren Aufwand erforderlich he ..Während Hans Castorp die Weste auszog, kam Behrens war, um die Materie zu durchdringen, Ströme von Tausenden aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den geräumigeren von Volt, von hunderttausend, Hans Castorp glaubte sich zu herüber. erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten »Hallo!« sagte er. »Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp auf Nebenwegen sich Luft zu machen. Entladungen knallten und Pollux .Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie wie Schüsse. Es knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuh- nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. Ich ren knisternd die Wand entlang. Irgendwo blickte ein rotes glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu eröffnen? Licht, einem Auge gleich, still und drohend in den Raum, und Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, haben Sie mei- eine Phiole in Joachims Rücken füllte sich grün. Dann beruhig- ne Privatgalerie schon gesehen?« Und er zog Hans Castorp am te sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden, und Joa- Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er knip- chim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen. send Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder. »Nächster Delinquent!« sagte Behrens und stieß Hans Ca- Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, slorp mit dem Ellenbogen. »Nur keine Müdigkeit vorschützen! Ober- und Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des Menschenleibes Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an die Wand war schemenhaft und dunstig von Kontur; wie ein Nebel und projizieren!« bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar, minutiös und Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. entschieden hervortretenden Kern, das Skelett. Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich »Sehr interessant«, sagte Hans Castorp. zu setzen, zu halten habe. »Umarmen!« sagte er. »Das Brett um- »Das ist allerdings interessant!« erwiderte der Hofrat. »Nütz- armen! Stellen Sie sich meinetwegen was darunter vor! Und gut licher Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, die Brust andrücken, als ob Glücksempfindungen damit verbun- verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie den wären! Recht so. Einatmen! Stillgehalten!« kommandierte 282 283, er. »Bitte, recht freundlich!« Hans Castorp wartete blinzelnd, die Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter los, knisterte, und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen neuen knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv hatte in sein Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden bebte gleich- Inneres geblickt. mäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht, blickte mit Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm ge- stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein Blitz. Und schehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im gering- langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes Fenster, sten empfindlich geworden war. »Brav«, sagte der Hofrat. »Nun trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms her- werden wir selbst sehen.« Und schon hatte Joachim, bewandert vor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel wie er war, sich weiter hinbegeben, näher der Ausgangstür an ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken den weitläufig Stumpfnase dicht an der Scheibe, die Einblick in eines Men- sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine schen organisches Inneres gewährte. halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre ge- »Sehen Sie, Jüngling?« fragte er .Hans Castorp beugte sich wahrte, vor sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, Rollzügen schwebte. Zu seiner Linken, inmitten eines Schalt- wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren, die sanft bretts und Instrumentariums, erhob sich eine rote Lampenglok- und traurig blicken mochten, wie damals bei der Untersuchung, ke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm auf einem Schemel und fragte: reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubin- »Du erlaubst doch?« licht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses »Bitte, bitte«, antwortete Joachim liberal aus seiner Finster- mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die nis. Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Ru- Laboranten ein. moren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch »Erst müssen die Augen sich gewöhnen«, hörte man den das bleiche Fenster, spähte durch Joachims leeres Gebein. Der Hofrat im Dunkel sagen. »Ganz große Pupillen müssen wir erst Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur dunklen, knorpeligen kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wollen. Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst wurde von dem des Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit un- Kückens überschnitten, das blasser erschien. Geschwungen seren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen könnten. zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden Seiten ab, und in Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich dürr und mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.« scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims Oberarm- »Selbstredend«, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats knochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel. war, ob man sie offen hielt oder nicht, so schwarz war die »Klares Bild«, sagte der Hofrat. »Das ist die anständige Ma- Nacht. »Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis wa- gerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, — schen, um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es sogar undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sammeln, sozu- müßte man erst mal entdecken, die durch so eine Fettschicht ge- sagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen ge- hen .Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie das Zwerchfell?« schlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach sagte er und wies mit dem Finger auf den dunklen Bogen, der riecht es hier nur?« sich unten im Fenster hob und senkte .»Sehen Sie die Buckel »Sauerstoff«, sagte der Hofrat. »Das ist Oxygen, was Sie in hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die Rippenfellentzün- den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewit- dung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!« komman- ters, verstehen Sie mich .Augen auf!« sagte er. »Jetzt fängt dierte er. »Tiefer! Ich sage rief!« Und Joachims Zwerchfell hob die Beschwörung an.« Hans Castorp gehorchte eilig. sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen 284 285, Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt. Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am »Ungenügend!« sagte er. »Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich die Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die milchige die Gifte her, die ihn beschwipsen.« Aber Hans Castorps Auf- Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus seinen halb- merksamkeit war in Anspruch genommen von etwas Sackarti- lauten Äußerungen, abgerissenen Schimpfereien und Redensar- gem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme ten schien hervorzugehen, daß der Befund seinen Erwartungen Sichtbarem, und zwar größtenteils zur Rechten, vom Beschauer entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, daß der aus gesehen, — das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zu- Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm betrachte, da sammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle. er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was zu »Sehen Sie sein Herz?« fragte der Hofrat, indem er abermals sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Men- die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger schen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals auf das pulsierende Gehänge wies .Großer Gott, das war das gedacht hatte, daß ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans Castorp sah! in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er »Ich sehe dein Herz!« sagte er mit gepreßter Stimme. vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, wor- »Bitte, bitte«, antwortete Joachim wieder, und wahrschein- in er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und lich lächelte er ergeben dort oben im Dunkeln. Aber der Hofrat tiarin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfindsamkeiten zu deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Ge- her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding kräusel im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückte, der be- nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein zu stimmt ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. An- weiter geht an ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. dacht und Schrecken erfüllten ihn. »Jawohl, jawohl, ich sehe«, Mit den Augen jener Tienappelschen Vorfahrin erblickte er ei- sagte er mehrmals. »Mein Gott, ich sehe!« Er hatte von einer nen vertrauten Teil seines Körpers, durchschauenden, vorausse- Frau gehört, einer längst verstorbenen Verwandten von Tienap- henden Augen, und zum erstenmal in seinem Leben verstand pelscher Seite, — sie sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet er, daß er sterben werde. Dazu machte er ein Gesicht, wie er es oder geschlagen gewesen sein, die sie in Demut getragen, und zu machen pflegte, wenn er Musik hörte, — ziemlich dumm, die darin bestanden hatte, daß Leute, die baldigst sterben soll- schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die ten, ihren Augen als Gerippe erschienen waren. So sah nun Schulter geneigt. Der Hofrat sagte: Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe und auf »Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es zu verkennen!« nichts zu bedeuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam zur zumal er Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Den- Ruhe, die Lichterscheinungen schwanden, das magische Fenster noch wandelte Verständnis ihn an für die Melancholie im hüllte sich wieder in Dunkel. Das Deckenlicht ging an. Und Schicksal jener seherischen Tante. Heftig bewegt von dem, was während auch Hans Castorp sich in die Kleider warf, gab Beh- er sah, oder eigentlich davon, daß er es sah, fühlte er sein Ge- rens den jungen Leuten einige Auskunft über seine Beobach- müt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge tungen, unter Berücksichtigung ihrer laienhaften Auffassungs- seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines fähigkeit. Was im besonderen Hans Castorp betraf, so hatte der Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerren- Optische Befund den akustischen so genau bestätigt, wie die Eh- de Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefüh- re der Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es seien die alten len der Rührung und Frömmigkeit. Stellen sowohl wie die frische zu sehen gewesen, und »Stränge« 286 287, zögen sich von den Bronchien aus ziemlich weit in das Organ kopfschüttelnd ihre von Dummheit umschleierten Augen zur hinein, — »Stränge mit Knötchen«. Hans Castorp werde es selbst Decke richtete. »Lustig, Rasmussen!« sagte sie hierauf und auf dem Diapositivbildchen nachprüfen können, das ihm, wie schlug ihrem Kameraden auf die abfallende Schulter. »Machen gesagt, demnächst werde eingehändigt werden. Also Ruhe, Ge- Sie Witze!« — »Ich weiß nur wenige«, erwiderte Rasmussen und duld, Manneszucht, messen, essen, liegen, abwarten und Tee ließ die Hände wie Flossen in Brusthöhe hängen; »die aber trinken. Er wandte ihnen den Rücken. Sie gingen. Hans Ca- wollen mir nicht vonstatten gehn, ich bin immer müde.« — »Es storp, hinter Joachim, blickte im Hinausgehen über die Schulter. möchte kein Hund«, sagte Gänser hinter den Zähnen, »so oder Vom Techniker eingelassen, betrat Frau Chauchat das Laborato- ähnlich noch viel länger leben.« Und sie lachten achselzuckend. rium. Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den Lippen, hatte in der Nähe gestanden, und im Hinausgehen sagte Freiheit er zu Hans Castorp: »Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen nie- Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa so, mals, wenn sie schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme, ob- als ob die sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne al- gleich sie sich nur zu sehr zu Hause fühlen. Führen ein Lotter- len Zweifel schon bei Denen hier oben verbracht hatte, nur sie- leben und erheben auch noch Anspruch auf Mitleid, dünken sich ben Tage gewesen wären? Oder schien ihm im Gegenteil, daß zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum Zynismus! ›An diesem er schon viel, viel länger, als wirklich zutraf, an diesem Orte le- Lustort!‹ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will meinen, daß es be? Er fragte sich selbst danach, sowohl innerlich, wie auch in einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester Bedeutung! der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte aber zu keiner ›Betrogen‹, sagt dies Frauenzimmer; ›an diesem Lustort um das Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall: zugleich Leben betrogen‹. Aber entlassen Sie sie in die Ebene, und ihr unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im Rück- Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel darüber lassen, blick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit daß sie es darauf anlegt, baldmöglichst wieder heraufzukom- war, so wollte es ihm nicht scheinen, — wobei vorausgesetzt men. Ach ja, die Ironie! Hüten Sie sich vor der hier gedeihen- wird, daß Zeit überhaupt Natur, und daß es statthaft ist, den Be- den Ironie, Ingenieur! Hüten Sie sich überhaupt vor dieser gei- griff der Wirklichkeit mit ihr in Verbindung zu bringen. stigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades und klassisches Mittel Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen Augenblick miß- konnte er eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp, sich verständlich, da wird sie zur Liederlichkeit, zum Hindernis der das auszurechnen, und außerdem wurde er durch Gespräche sei- Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit dem Stillstand, dem ner Mitpatienten darauf hingewiesen, denen er zuhörte. »Wis- Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre, in der wir leben, dem sen Sie, daß in fünf Tagen wieder einmal der Erste ist?« hörte er Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar sehr günstig ist, darf Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren ihrer Gesellschaft sa- ich hoffen oder muß fürchten, daß Sie mich verstehen.« gen, dem Studenten Rasmussen und jenem Wulstlippigen, des- Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die sen Name Gänser war. Man stand nach der Hauptmahlzeit im noch vor sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur Speisedunst zwischen den Tischen herum und zögerte plau- Schall gewesen wären, für deren Bedeutung aber der Aufenthalt dernd, in die Liegekur zu gehen. »Der erste Oktober, ich habe hier oben seinen Geist empfänglich gemacht hatte: empfänglich es in der Verwaltung an dem Kalender gesehen. Das ist der im Sinne intellektuellen Verständnisses, nicht ohne weiteres zweite seiner Art, den ich an diesem Lustort verlebe. Schön, der auch in dem der Sympathie, was vielleicht noch mehr besagen Sommer ist hin, soweit er vorhanden war, man ist um ihn be- will. Denn obgleich er im Grunde seiner Seele froh war, daß trogen, wie man um das Leben betrogen ist, im ganzen und Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was geschehen, fort- überhaupt.« Und sie seufzte aus ihrer halben Lunge, indem sie fuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter belehrte, 288 289, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging seine Auf- »Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte fassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte beurteilte die Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich Ihnen und ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem gewis- über die Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt sein, und sen Grade, vorenthielt. »Sieh an«, dachte er, »er spricht von der noch einiges mehr! Das Paradoxon ist die Giftblüte des Quietis- Ironie ganz ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, daß er sie nius, das Schillern des faulig gewordenen Geistes, die größte ›politisch verdächtig‹ nennt, nämlich von dem Moment an, wo Liederlichkeit von allen! Im übrigen stelle ich fest, daß Sie wie- sie aufhört, ein ›gerades und klassisches Lehrmittel‹ zu sein. der einmal die Krankheit in Schutz nehmen ..« Aber eine Ironie, die ›keinen Augenblick mißverständlich‹ ist, - »Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu was wäre denn das für eine Ironie, frage ich in Gottes Namen, an manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen vorbringt. wenn ich schon mitreden soll? Eine Trockenheit und Schulmei- Auch er erklärt die organische Krankheit für eine sekundäre Er- sterei wäre sie!« - So undankbar ist Jugend, die sich bildet. Sie scheinung.« läßt sich beschenken, um dann das Geschenk zu bemäkeln. »Kein ganz reinlicher Idealist.« Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm im- »Was haben Sie gegen ihn?« - »Eben dies.« merhin zu abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Ein- »Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?« wände auf Herrn Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, »Nicht jeden Tag. - Sehr schlecht und sehr gut, beides ab- das ihm ungerecht erschien oder das er aus bestimmten Grün- wechselnd, Ingenieur.« den sich so erscheinen lassen wollte. »Wie soll ich das verstehen?« »Aber das Fräulein ist krank!« sagte er. »Sie ist ja wahr- und »Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt zu Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüt- sein! Was wollen Sie eigentlich von ihr?« tert, natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt, »Krankheit und Verzweiflung«, sagte Settembrini, »sind auch gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert, ver- oft nur Formen der Liederlichkeit.« menschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist »Und Leopardi«, dachte Hans Castorp, »der ausdrücklich so- schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben gar an Wissenschaft und Fortschritt zweifelte? Und er selbst, der an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse Herr Schulmeister? Er ist doch auch krank und kommt immer kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der wieder herauf, und Carducci hätte wenig Freude an ihm.« Laut Tod, zu dem sie denn doch wohl eigentümlich gehören mag, - sagte er: verwandt dem Grabe und seiner anrüchigen Anatomie ..« »Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras beißen, »Gut gebrüllt, Löwe«, konnte Hans Castorp nicht umhin zu und das nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich schon denken, wie gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas Pädago- näher erklären. Wenn Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen ei- gisches geäußert. Er sagte aber nur: ne Folge der Liederlichkeit, so wäre das plausibel ..« »Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Par- »Sehr plausibel«, schaltete Settembrini ein. »Meiner Treu, es terrekeller. Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.« wäre Ihnen recht, wenn ich dabei stehenbliebe?« »Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, »Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit und?« manchmal zum Vorwand dienen, - auch das ließe ich mir gefal- »Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen«, sagte Hans Ca- len.« storp, indem er sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, »Grazie tanto!« die bei diesem Anblick in ihm aufgestiegen waren. »Haben Sie »Aber Krankheit eine Form der Liederlichkeit? Das heißt: auch Ihres auch einmal zeigen lassen?« nicht aus der Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Lieder- »Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein lichkeit? Das ist doch paradox!« Skelett. Und das ärztliche Ergebnis?« 290291, »Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.« ärgern, murmelte dies und das vor sich hin gegen diesen Wind- »Teufelsknecht.« beutel und Räsonneur, der sich in Dinge mischte, die ihn nichts »So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. Was angingen, während er selbst die Mädchen auf der Straße anträl- meinen Sie damit?« lerte, - und fühlte sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht auf- »Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!« gelegt, - dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspie- »Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe zu, daß lungen förmlich die Stimmung dazu verdorben. Aber so oder der Mann seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist mir selbst so, er mußte Winterzeug haben, Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz auf die Dauer nicht angenehm; sie hat zuweilen was Gewaltsa- alles, was er mitgenommen haben würde, wenn er gewußt hät- mes, besonders wenn man sich erinnert, daß er den großen te, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern .son- Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben einzubüßen. Aber was dern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls für ein verdienter und achtbarer Mann ist er doch alles in allem, ein Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns hier ein Wohltäter der leidenden Menschheit! Neulich begegnete ich oben die Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, ihn ihm, als er eben von einer Operation kam, einer Rippenresek- wohl gar einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens als tion, einer Sache, bei der es auf Biegen oder Brechen gegangen Möglichkeit, nach Hause mitgeteilt sein. Es galt diesmal ganze war. Es machte großen Eindruck auf mich, wie ich ihn so von Arbeit zu tun, Denen dort unten reinen Wein einzuschenken seiner schwierigen, nützlichen Arbeit kommen sah, auf die er und weder sich noch ihnen länger etwas vorzumachen .sich so gut versteht. Noch ganz erhitzt war er und hatte sich zur In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der Belohnung eine Zigarre angezündet. Ich war neidisch auf ihn.« Technik, die er Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liege- »Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?« stuhl, mit dem Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochge- »Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.« zogenen Knien. Er schrieb auf einem Briefbogen der Anstalt, »Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen von denen ein Vorrat in der Tischschublade bereit lag, an James wir unsere Stellungen.« Sie verabschiedeten sich vor Nummer Tienappel, der ihm unter den drei Onkels am nächsten stand, 34. und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er sprach von einem »Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. Es leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich bewahrhei- muß lustiger sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. Unter- tet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit, ei- halten Sie sich? Sind es interessante Leute, mit denen Sie Kur nen Teil des Winters, vielleicht den ganzen, hier oben zu ver- machen?« bringen, denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger als »Ach, das sind lauter Parther und Skythen!« solche, die sich pompöser anließen, und es gelte doch, nach- »Sie meinen Russen?« drücklich einzugreifen und beizeiten ein für allemal vorzubau- »Und Russinnen«, sagte Herr Settembrini, und sein Mund- en. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte er, sei es ja ein Glück winkel spannte sich. »Adieu, Ingenieur!« und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt heraufgekom- Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans Castorp men und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu lassen; denn betrat in Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, wie es sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand im unklaren um ihn stand? Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch nachge- geblieben und später vielleicht auf viel empfindlichere Art dar- spürt und die Wege verfolgt, die seine Augen gingen. Hans Ca- über belehrt worden. Was die voraussichtliche Dauer der Kur storp war zornig auf den Italiener und auf sich selbst, weil er betreffe, so möge man sich nicht wundern, daß er sich wahr- unbeherrschterweise den Stich herausgefordert hatte. Während scheinlich den Winter werde um die Ohren schlagen müssen er sein Schreibzeug zusammensuchte, um es mit in die Liegekur und kaum früher als Joachim in die Ebene werde zurückkehren zu nehmen - denn nun galt kein Zögern mehr, der Brief nach können. Die Zeitbegriffe seien hier andere, als die sonst wohl Hause, der dritte, wollte geschrieben sein -, fuhr er fort, sich zu für Badereisen und Kuraufenthalte gültigen; der Monat sei so- 292293, zusagen die kleinste Zeiteinheit, und einzeln spiele er gar keine 37,8. Ich sehe, daß ich mich vorläufig sehr ruhig verhalten muß. Rolle .Ihr müßt entschuldigen, wenn ich selten schreibe.« Dann lag er Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt, mit und hob seine Hand gegen den Himmel, das Innere nach außen, geröteten Händen. Manchmal blickte er auf von seinem Papier, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten. Aber das Him- das sich mit vernünftigen und überzeugenden Sätzen bedeckte, melslicht ließ ihre Lebensform unberührt, sogar noch dunkler und blickte in die vertraute Landschaft, die er kaum noch sah, und undurchsichtiger wurde ihr Stoff vor seiner Helle, und nur dieses gestreckte Tal mit dem heute glasig-bleichen Gipfelge- ihre äußersten Umrisse zeigten sich rötlich durchleuchtet. Es schiebe am Ausgang, dem hell besiedelten Grunde, der manch- war die Lebenshand, die er zu sehen, zu säubern, zu benutzen mal sonnig aufglänzte, und den teils waldrauhen, teils wiesigen gewohnt war - nicht jenes fremde Gerüst, das er im Schirme Lehnen, von denen Kuhgeläute kam. Er schrieb mit wachsender erblickt -, die analytische Grube, die er damals offen gesehen, Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich vor dem Brief hatte sich wieder geschlossen. hatte fürchten können. Im Schreiben begriff er selbst, daß nichts einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen, und daß sie Launen des Merkur zu Hause selbstverständlich das vollste Einverständnis finden würden. Ein junger Mann seiner Klasse und in seinen Verhält- Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen pflegen, nissen tat etwas für sich, wenn es sich als ratsam erwies, er - es ist an und für sich ein vollkommen bescheidenes und ge- machte Gebrauch von den eigens für seinesgleichen bereitge- räuschloses Anbrechen, ohne Zeichen und Feuermale, ein stilles stellten Bequemlichkeiten. So gehörte es sich. Ware er heimge- Sicheinschleichen also eigentlich, das der Aufmerksamkeit, reist, - man hätte ihn auf seinen Bericht hin wieder heraufge- wenn sie nicht strenge Ordnung hält, leicht entgeht. Die Zeit schickt. Er bat, ihm zukommen zu lassen, was er brauchte. Auch hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt kein Gewitter oder um regelmäßige Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Drommetengetön beim Beginn eines neuen Monats oder Jah- Schluß; mit 800 Mark monatlich sei alles zu decken. res, und selbst bei dem eines neuen Säkulums sind es nur wir Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach Hau- Menschen, die schießen und läuten. se war ausgiebig, er hielt vor - nicht nach den Zeitbegriffen von In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein Haar unten, sondern nach den hier oben herrschenden; er befestigte dem letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreund- Hans Castorps Freiheit. Dies war das Wort, das er anwandte, lich wie dieser, und die nächstfolgenden waren es auch. Man nicht ausdrücklich, nicht, indem er auch nur innerlich seine Sil- brauchte den Winterpaletot und beide Kamelhaardecken in der ben gebildet hätte, aber er empfand seinen weitläufigsten Sinn, Liegekur, nicht nur abends, sondern auch am Tage; die Finger, wie er es während seines hiesigen Aufenthaltes zu tun gelernt mit denen man sein Buch hielt, waren feucht und steif, wenn hatte, - einen Sinn, der mit demjenigen, den Settembrini die- auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim war sem Worte beilegte, nur wenig zu schaffen hatte, - und eine sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er un- ihm schon bekannte Welle des Schreckens und der Erregung terließ es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen. ging über ihn hin, die seine Brust beim Aufseufzen erzittern Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang ließ. und Mitte des Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen Sommer fiel ein von solcher Pracht, daß es zum Verwundern brannten. Er nahm Merkurius vom Lampentischchen und maß war. Nicht umsonst hatte Castorp den Oktober dieser Gegen- sich, als gelte es, eine Gelegenheit zu benutzen. Merkurius stieg den rühmen hören; wohl zweieinhalb Wochen lang herrschte auf 37,8. Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag überbot den »Seht ihr?« dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskrip- anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter Kraft tum hinzu: »Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich messe brannte die Sonne darein, daß jedermann sich veranlaßt fand, 294 295, das leichteste Sommerzeug, Musselinkleider und Leinwandho- ser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen Vergleich sen, die schon verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen, und anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, die er gegen selbst der große Segeltuchschirm ohne Krücke, den man vermit- Joachim tat, an eine »Omelette en surprise« mit Gefrorenem telst einer sinnreichen Vorrichtung, einem mehrfach gelochten unter dem heißen Eierschaum. Er sagte öfter solche Dinge, sagte Pflock, an der Armlehne des Liegestuhles befestigte, in den sie rasch, geläufig und mit bewegter Stimme, wie ein Mensch mittleren Tagesstunden nur ungenügend Schutz gegen die Glut spricht, den es fröstelt bei heißer Haut. Dazwischen war er frei- des Gestirnes bot. lich auch schweigsam, um nicht zu sagen: in sich gekehrt; denn »Schön, daß ich das hier noch mitmache«, sagte Hans Castorp seine Aufmerksamkeit war wohl nach außen gerichtet, aber auf zu seinem Vetter. »Wir haben es manchmal so elend gehabt, - einen Punkt; das übrige, Menschen wie Dinge, verschwamm im es ist ja ganz, als hätten wir den Winter schon hinter uns und Nebel, einem in Hans Castorps Hirn erzeugten Nebel, den nun käme die gute Zeit.« Er hatte recht. Wenige Merkmale deu- Hofrat Behrens und Dr. Krokowski zweifellos als das Produkt teten auf den wahren Sachverhalt, und auch diese waren un- löslicher Gifte angesprochen haben würden, wie der Benebelte scheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte Ahorne beiseite, die sich selbst sagte, ohne daß diese Einsicht das Vermögen oder unten in »Platz« nur eben ihr Leben fristeten und längst mutlos auch nur im entferntesten den Wunsch in ihm gezeitigt hätte, ihre Blätter hatten fallen lassen, so gab es keine Laubbäume hier, des Rausches ledig zu werden. deren Zustand der Landschaft das Gepräge der Jahreszeit aufge- Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, drückt hätte, und nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Na- und dem nichts unerwünschter und verabscheuungswürdiger deln trägt und diese wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich scheint, als die Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen kahl. Der übrige Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder ge- dämpfende Eindrücke, er läßt sie nicht zu, um sich zu bewahren. duckt, war immergrünes Nadelholz, fest gegen den Winter, der Hans Castorp wußte, und hatte es früher selbst zur Sprache ge- undeutlich eingeschränkt, seine Schneestürme hier über das bracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht günstig aussah, etwas ganze Jahr verteilen darf; und nur ein mehrfach gestufter, rost- scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er vermied es, sie im rötlicher Ton über dem Forst ließ trotz dem Sommerbrande des Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen, wenn sie Himmels das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da, näher ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es tat ihm zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur Sa- weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die Gelegenheit che redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, die wahrnehmen sollen, sie zur Geltung zu bringen! Aber was ver- staudenförmige Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers An- langt man .Er wurde blaß vor Entzücken, als Clawdia in die- kunft noch das Gehänge geschmückt hatten, und auch die wilde sen glänzenden Tagen zum zweiten Frühstück wieder einmal in Nelke war nicht mehr da. Nur noch der Enzian, die kurzaufsit- der weißen Spitzenmatinee erschien, die sie bei warmem Wetter zende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben Bescheid über trug, und die sie so außerordentlich reizvoll machte, - verspätet eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten Atmo- und türschmetternd darin erschien und lächelnd, die Arme sphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast Verseng- leicht zu ungleicher Höhe erhoben, gegen den Saal Front mach- ten plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer te, um sich zu präsentieren. Aber er war entzückt nicht sowohl dem Fieberglühenden. dadurch, daß sie so günstig aussah, sondern darüber, daß es so Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit war, weil das den süßen Nebel in seinem Kopf verstärkte, den der die Zeit bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsich- Rausch, der sich selber wollte, und dem es darum zu tun war, tigt, ihre Einheiten abteilt, zählt und benennt. Er hatte auf den gerechtfertigt und genährt zu werden. stillen Anbruch des zehnten Monats nicht achtgehabt; nur das Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut mit der geheimen Frost- hätte angesichts eines solchen Mangels an gutem Willen gerade- frische darin und darunter, - eine Empfindung, die ihm in die- zu von Liederlichkeit, von »einer Form der Liederlichkeit« spre- 296 297, chen mögen. Hans Castorp gedachte zuweilen der schriftstelle- innerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben hatte. Es war rischen Dinge, die jener über »Krankheit und Verzweiflung« richtig, daß die Sitten dieser Leute einem Humanisten wohl geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu finden lebhafte Abstandsgefühle erregen konnten. Sie aßen mit dem sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat an, Messer und besudelten auf nicht wiederzugebende Weise die die Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung ihres Toilette. Settembrini behauptete, daß einer von ihrer Gesell- Kopfes; er sah sie beständig mit großer Verspätung zu Tisch schaft, ein Mediziner zu höheren Semestern, sich des Lateini- kommen, ohne Grund und Entschuldigung, einzig aus Mangel schen vollkommen unkundig erwiesen, beispielsweise nicht ge- an Ordnung und gesitteter Energie, sah sie aus eben diesem wußt habe, was ein Vacuum sei, und nach Hans Castorps eige- grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen lassen, nen tatsächlichen Erfahrungen log Frau Stöhr wahrscheinlich durch die sie aus- oder einging, Brotkugeln drehen und gele- nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das Ehepaar Nr. 3 2 empfan- gentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, - und eine wort- ge den Bademeister morgens, wenn er zur Abreibung komme, lose Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank war, und das zusammen im Bette liegend. war sie wohl, fast hoffnungslos krank, da sie ja schon so lange Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige und oft hier oben hatte leben müssen, - ihre Krankheit, wenn Scheidung von »gut« und »schlecht« nicht umsonst, und Hans nicht gänzlich, so doch zu einem guten Teile moralischer Natur, Castorp versicherte sich selbst, er habe nur ein Achselzucken für und zwar wirklich, wie Settembrini gesagt hatte, nicht Ursache irgendeinen Propagandisten der Republik und des schönen Stils, oder Folge ihrer »Lässigkeit«, sondern mit ihr ein und dasselbe der, hochnäsig und nüchtern - namentlich nüchtern, obgleich war. Er erinnerte sich auch der wegwerfenden Gebärde, womit auch er febril und beschwipst war -, die beiden Tischgesell- der Humanist von den »Parthern und Skythen« gesprochen hat- schaften unter dem Namen von Parthern und Skythen zusam- te, mit denen er Liegekur halten müsse, einer Gebärde natürli- menfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans Castorp cher und unmittelbarer, nicht erst zu begründender Gering- sehr weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich auf die Zu- schätzung und Ablehnung, auf die Hans Castorp sich von früher sammenhänge von Frau Chauchats Krankheit mit ihrer »Lässig- her wohl verstand, - von damals her, als er, der sich bei Tische keit« zu verstehen. Aber es verhielt sich, wie er selbst eines Ta- sehr gerade hielt, das Türenwerfen aus Herzensgrund haßte und ges zu Joachim gesagt hatte: man beginnt mit Ärgernis und Ab- nicht einmal in Versuchung kam, an den Fingern zu kauen standsgefühlen, auf einmal aber »kommt ganz anderes dazwi- (schon darum nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gege-, schen«, was »mit Urteilen gar nichts zu tun hat«, und die Sitten- ben war), an den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren strenge hat ausgespielt, - man ist pädagogischen Einflüssen re- Anstoß genommen und sich eines Gefühls der Überlegenheit publikanischer und eloquenter Art kaum noch zugänglich. Was nicht hatte entschlagen können, als er die schmaläugige Fremde ist aber das, fragen wir, wahrscheinlich auch in Lodovico Set- in seiner Muttersprache sich hatte versuchen hören. lembrinis Sinn, was ist das für ein fragwürdiges Zwischen- Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf kommnis, das des Menschen Urteil lahmlegt und ausschaltet, Grund der inneren Sachlage, fast ganz begeben, und der Italie- ihn des Rechtes darauf beraubt oder vielmehr ihn bestimmt, ner war es viel mehr, an dem er sich ärgerte, weil dieser in sei- sich dieses Rechtes mit unsinnigem Entzücken zu begeben? Wir nem Dünkel von »Parthern und Skythen« gesprochen, - wäh- fragen nicht nach seinem Namen, denn diesen kennt jeder. Wir rend er doch nicht einmal Personen vom »Schlechtem Russen- erkundigen uns nach seiner moralischen Beschaffenheit, - und tisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die Studenten erwarten, offen gestanden, keine sehr hochgemute Antwort dar- mit dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren Wäsche saßen auf. In Hans Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in und unaufhörlich in ihrer wildfremden Sprache disputierten, dem Grade, daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern außer der sie sich offenbar in keiner auszudrücken wußten, und auch begann, mit der Lebensform, die es ihm angetan, seiner- deren knochenloser Charakter an einen Thorax ohne Rippen er- seits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man 298 299, bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmus- und unter allen Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist keln bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er durchdringend; er enthält ein entehrendes Element, wie jeder schritt, nicht umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie Schmerz, und bedeutet eine solche Erschütterung des Nerven- zufallen zu lassen, und auch dies erwies sich sowohl als bequem systems, daß er den Atem verschlägt und einem erwachsenen wie als angemessen: es entsprach im Ausdruck jenem Achsel- Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden zucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof be- gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus un- grüßt, und das er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden scheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich als hatte. die Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war fähig, Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Oh- sie zu zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal zu be- ren in Clawdia Chauchat verliebt, - wir gebrauchen nochmals treten, bemerkt Hans Castorp den Gegenstand seiner Träume dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinter sich. Das Ergebnis ist im voraus klar und von größter hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen. Freundlich gemütvol- Simplizität, aber innerlich entzückend bis zu ebenfalls tränen- le Wehmut im Geist jenes Liedchens war es also nicht, was das treibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich nahe, die seinen Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr war das eine und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer Sitz und Schnitt ziemlich riskierte und unbehauste Abart dieser Betörung, aus ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, aber auch ohne Frost und Hitze gemischt wie das Befinden eines Febrilen oder Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr zuerst den Weg durch wie ein Oktobertag in oberen Sphären, und was fehlte, war die Tür freizugeben. Mit halbem Lächeln und einem halblauten eben ein gemüthaftes Mittel, das ihre extremen Bestandteile »Merci« macht sie Gebrauch von seinem nicht mehr als gesitte- verbunden hätte. Sie bezog sich einerseits mit einer Unmittel- ten Anerbieten, geht vorbei und hindurch. Im Hauch ihrer vor- barkeit, die den jungen Mann erblassen ließ und seine Gesichts- überstreichenden Person steht er, närrisch vor Glück über das züge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie und die Linie ihres Bei- Zusammentreffen und darüber, daß ein Wort ihres Mundes, nes, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel und ihre Oberarme, nämlich »Merci«, ihm direkt und persönlich gegolten. Er folgt von denen die kleine Brust zusammengepreßt wurde, - mit ei- ihr, er schwankt rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf nem Worte auf ihren Körper, ihren lässigen und gesteigerten, seinen Stuhl sinkt, darf er wahrnehmen, daß Clawdia drüben, durch die Krankheit ungeheuer betonten und noch einmal zum ebenfalls Platz nehmend, sich nach ihm umblickt, - mit einem Körper gemachten Körper. Und sie war andererseits etwas äu- Ausdruck des Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ßerst Flüchtiges und Ausgedehntes, ein Gedanke, nein, ein ihm scheint. O unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph Traum, der schreckhafte und grenzenlos verlockende Traum ei- und grenzenloses Frohlocken! Nein, diesen Rausch phantasti- nes jungen Mannes, dem auf bestimmte, wenn auch unbewußt scher Genugtuung hätte Hans Castorp nicht erprobt bei dem gestellte Fragen nur ein hohles Schweigen geantwortet hatte. Blick irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im Wie jedermann, nehmen wir das Recht in Anspruch, uns bei der Flachlande erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im hier laufenden Erzählung unsere privaten Gedanken zu machen, Sinne jenes Liedchens, »sein Herz geschenkt« hätte. Mit fiebri- und wir äußern die Mutmaßung, daß Hans Castorp die für sei- ger Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen nen Aufenthalt bei Denen hier oben ursprünglich angesetzte hat und flaumig errötet ist, worauf er Miß Robinson mit engli- Frist nicht einmal bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt scher Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das überschritten hätte, wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen Fräulein, im Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt der Zeit über Sinn und Zweck des Lebensdienstes eine irgend- und ihn mit Blicken voller Befürchtungen mißt. wie befriedigende Auskunft zuteil geworden wäre. Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen zu untergehenden Sinne auf den Guten Russentisch. Man hat die 300301, Vorhänge vor die Verandatüren und Fenster gezogen, aber ir- Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem Mittagessen gendwo klafft da ein Spalt, und durch ihn findet der rote Schein pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil der Kurge- kühl, aber blendend seinen Weg und trifft genau Frau Chau- sellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte Veranda hin- chats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem konkaven Lands- aus zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise in der mann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen schützen Sonne zu verweilen. Es ging da zu, und ein Bild entwickelte muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere, niemand sich, ähnlich wie bei der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. kümmert sich darum, die Betroffene selbst ist sich der Unbe- Die jungen Leute, absolut müßig, übermäßig gesättigt mit quemlichkeit wohl nicht bewußt. Aber Hans Castorp sieht es Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht fiebernd, plau- über den Saal hinweg, - auch er sieht es eine Weile mit an. Er derten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam moch- überprüft die Sachlage, verfolgt den Weg des Strahles, stellt den te wohl an der Balustrade sitzen, - hart mit den Knien bedrängt Ort seines Einfalles fest. Es ist das Bogenfenster dort hinten von dem wulstlippigen Gänser auf der einen und dem schwedi- rechts, in der Ecke zwischen der einen Verandatür und dem schen Recken auf der anderen Seite, der, obgleich völlig gene- Schlechten Russentisch, weit von Frau Chauchats Platze entfernt sen, seinen Aufenthalt zu einer kleinen Nachkur noch etwas und fast genau ebensoweit von dem Hans Castorps. Und er faßt verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu sein, denn sie erfreute seine Entschlüsse. Ohne ein Wort steht er auf, geht, seine Ser- sich seit kurzem der Gesellschaft eines »Bräutigams«, von übri- viette in der Hand, schräg zwischen den Tischen hin durch den gens zugleich melancholischer und untergeordneter Erschei- Saal, schlägt da hinten die cremefarbenen Vorhänge gut über- nung, dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte, einander, überzeugt sich durch einen Blick über die Schulter, gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines daß der Abendschein ausgesperrt und Frau Chauchat befreit ist, Mannes mit Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener - und begibt sich unter Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Brust und drohenden Augen, entgegenzunehmen. Es waren da Rückweg. Ein aufmerksamer junger Mann, der das Notwendige Liegehallendamen verschiedener Nationalität, neue Figuren dar- tut, da sonst niemand darauf verfällt, es zu tun. Die wenigsten unter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar geworden, die Hans Ca- hatten auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau Chauchat hatte die storp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte, unter- Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, - sie blieb in mischt mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokel- dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder erreicht tragenden Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Hollän- hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit der mit rosigem Gesicht und monomanischer Leidenschaft für freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf den Briefmarkenaustausch; verschiedenen Griechen, pomadi- mehr vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. siert und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen geneigt; zwei Sein Herz war unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schla- eng zusammengehörigen Stutzerchen, die »Max und Moritz« gen. Erst später, als alles vorüber war, begann es zu hämmern, genannt wurden und für große Ausbrecher galten .Der buck- und da bemerkte er erst, daß Joachim die Augen still auf seinen lige Mexikaner, dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Spra- Teller gerichtet hielt, - wie ihm auch nachträglich deutlich wur- chen den Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unauf- de, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die Seite gestoßen hatte hörlich photographische Aufnahmen vor, indem er sein Stativ und überall am eigenen Tische und an den anderen mit geduck- mit schnurriger Behendigkeit von einem Punkt der Terrasse tem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte .zum andern schleppte. Auch der Hofrat mochte sich wohl ein- finden, um das Kunststück mit den Stiefelbändern aufzuführen. Wir schildern Alltägliches, aber das Alltägliche wird sonder- Irgendwo aber drückte sich einsam der mannheimische Reli- bar, wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab Span- giöse in die Menge, und seine bis in den Grund hinein trauri- nungen und wohltätige Lösungen zwischen ihnen, - oder wenn gen Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege. nicht zwischen ihnen (denn wie weit Madame Chauchat davon Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein lassen), so doch für 302 303, »Spannungen und Lösungen« zurückzukommen, so mochte bei Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete einer solchen Gelegenheit Hans Castorp auf einem lackierten noch eine Weile fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes Gartenstuhl und in gesprächiger Unterhaltung mit Joachim, den auf seinen Stiefel innerlich recht ansichtig geworden, ver- er trotz seines Widerstrebens gezwungen hatte, mit herauszu- stummte er beinahe mitten im Wort und sank in Gram. Die kommen, an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau Kleefeld, gelangweilt und beleidigt, ging ihrer Wege. Nicht oh- Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an ne Gereiztheit in der Stimme meinte Joachim, nun könnten sie der Brüstung stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. Sie ja wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete wandte ihm den Rücken zu .Man sieht, wir haben jetzt einen ihm bleichen Mundes, das könnten sie. bestimmten Fall im Auge. Des Vetters Gespräch hatte ihm nicht Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage genügt für seine affektierte Redseligkeit, er hatte absichtlich ei- lang; denn nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine ne Bekanntschaft gemacht, - welche? Die Bekanntschaft Hermi- brennende Wunde gewesen wäre. Warum dieser Blick? Warum ne Kleefelds - hatte wie von ungefähr das Wort an die junge ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen Gottes Namen? Sah sie Dame gerichtet, sich selbst und Joachim ihr namentlich vorge- ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, dessen Auf- stellt und auch ihr einen lackierten Stuhl herangezogen, um sich nahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie eine Un- zu dritt besser aufspielen zu können. Ob sie noch wisse, fragte schuld aus dem Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen er, wie teufelsmäßig sie ihn damals erschreckt habe, bei ihrer er- Kerl, der herumging und lachte und sich den Bauch vollschlug sten Begegnung seinerzeit auf der Morgenpromenade. Ja, das und Geld verdiente, - einen Musterschüler des Lebens, der sich sei er gewesen, den sie damals so herzerfrischend zum Will- auf nichts als auf die langweiligen Vorurteile der Ehre verstand? komm angepfiffen! Und ihren Zweck habe sie erreicht, das War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, unteilhaft ihrer wolle er freiwillig gestehen, er sei wie mit einer Keule vor den Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan auf Grund einer feuch- Kopf geschlagen gewesen, sie solle nur seinen Vetter fragen. Ha, ten Stelle, - war er nicht eingereiht und zugehörig, einer von ha, mit dem Pneumothorax zu pfeifen und harmlose Wanderer Uns hier oben, mit zwei guten Monaten auf dem Buckel, und damit zu erschrecken! Ein frevles Spiel nenne er das, als sünd- war nicht Merkurius noch gestern abend wieder auf 37,8 gestie- haften Mißbrauch bezeichne er es freierdings und in gerechtem gen? .Zorne .Und während Joachim im Bewußtsein seiner werk- Aber das eben war es, das machte sein Leiden vollständig! zeughaften Rolle mit niedergeschlagenen Augen saß und auch Merkurius stieg nicht mehr! Die furchtbare Niedergeschlagen- die Kleefeld aus Hans Castorps blinden und abschweifenden heit dieser Tage bewirkte eine Erkältung, Ernüchterung und Ab- Blicken allmählich für ihre Person das kränkende Gefühl ge- spannung von Hans Castorps Natur, die sich zu seiner bitteren wann, nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte Hans Beschämung in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergeb- Castorp und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich nissen äußerte, und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie eine wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau sein Kummer und Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und ihm Clawdias Sein und Wesen immer nur weiter noch zu entfernen. ins Gesicht blickte, - aber nur einen Augenblick. Denn so ge- Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich in staltete es sich, daß ihre Pribislav-Augen an seiner mit über- der Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig und schlagenem Beine sitzenden Figur rasch hinunterglitten und mit Irisch, mit grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne und ab- einem Ausdruck von so geflissentlicher Gleichgültigkeit, daß er nehmender Mond standen gleichzeitig ziemlich gleich hoch am wie Verachtung aussah, genau wie Verachtung, eine Weile auf reinen Himmel. Die Vettern waren früher als gewöhnlich auf- seinem gelben Stiefel haften blieben, - worauf sie sich phleg- gestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren Morgenspa- matisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer Tiefe wieder ziergang ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, auf dem zurückzogen. Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne stand, et- 304 305, was weiter vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade eben- Vorhaben auszuführen. Und jenseits des Wegknies, zwischen falls einen erfreulichen Abstieg aufwies, hatte die erfrischende Abhang und Bergwand, zwischen den rostig gefärbten Fichten, Unregelmäßigkeit befürwortet und Hans Castorp nicht nein ge- durch deren Zweige Sonnenlichter fielen, trug es sich zu und sagt. »Wir sind ja genesene Leute«, hatte er gesagt, »abgefiebert begab sich wunderbar, daß Hans Castorp, links von Joachim, die und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland. Warum sollten liebliche Kranke überholte, daß er mit männlichen Tritten an wir nicht ausschlagen wie die Füllen.« So wanderten sie bar- ihr vorüberging, und in dem Augenblick, da er sich rechts ne- haupt — denn seit er Profeß getan, hatte Hans Castorp sich in ben ihr befand, mit einer hutlosen Verneigung und einem mit Gottes Namen der herrschenden Sitte anbequemt, ohne Hut zu halber Stimme gesprochenen »Guten Morgen« sie ehrerbietig gehen, so sicher er sich anfangs, diesem Brauch gegenüber, sei- (wieso eigentlich: ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr ner Lebensform und Gesittung gefühlt hatte, - und setzten ihre empfing: mit freundlicher, nicht weiter erstaunter Kopfneigung Stöcke. Sie hatten aber den ansteigenden Teil des rötlichen We- dankte sie, sagte auch ihrerseits guten Morgen in seiner Sprache, ges noch nicht zurückgelegt, waren erst ungefähr bis zu dem wobei ihre Augen lächelten, - und das alles war etwas anderes, Punkte gelangt, wo damals der pneumatische Trupp dem Neu- etwas gründlich und beseligend anderes als der Blick auf seinen ling begegnet war, als sie vor sich in einiger Entfernung, lang- Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der Dinge zum sam steigend, Frau Chauchat gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und fast die Fas- in weißem Sweater, weißem Flanellrock, und sogar in weißen sungskraft überschreitend; es war die Erlösung. Schuhen, das rötliche Haar von der Morgensonne erleuchtet. Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude im Genauer gesagt: Hans Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand Besitz des Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp sich erst durch ein unangenehmes Gefühl des Ziehens und Zer- an des mißbrauchten Joachim Seite vorwärts, der schweigend rens an seiner Seite auf die Umstände hingewiesen, - ein Ge- von jenem fort den Abhang hinunterblickte. Ein Streich war es fühl, hervorgebracht durch die antreibend beschwingtere Gang- gewesen, ein ziemlich ausgelassener, und wohl sogar etwas wie art, die sein Begleiter plötzlich angeschlagen, nachdem er zuvor Verrat und Tücke in Joachims Augen, das wußte Hans Castorp seine Schritte jäh gehemmt hatte und beinahe stehengeblieben sehr gut. Es war nicht geradeso, wie wenn er jemand Wildfrem- war. Solches Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst unzu- des um einen Bleistift ersucht hätte, - vielmehr wäre es beinahe träglich und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er ungehobelt gewesen, an einer Dame, mit der man seit Monaten hüstelte. Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe unter demselben Dache lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung prachtvoll zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da vorüberzugehen, und war nicht neulich im Wartezimmer Claw- sein Vetter der Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend dia sogar ins Gespräch mit ihnen gekommen? Darum mußte die Brauen zusammen und hielt Schritt, denn unmöglich konn- Joachim schweigen. Aber Hans Castorp verstand wohl, weshalb te er jenen allein voranlaufen lassen. der ehrliebende Joachim sonst noch schwieg und abgewendeten Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch Kopfes ging, während er selbst über seinen gelungenen Streich hatten in der Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausge- so ausbündig und durchgängerisch glücklich war. Glücklicher ruht, und klar leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß konnte nicht sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-, aussichts- der Augenblick gekommen war, da der Bann, der auf ihm gele- reicher- und im Grunde vergnügterweise einem gesunden gen, gebrochen werden sollte. So griff er aus, den keuchenden, Gänschen »sein Herz geschenkt« und großen Erfolg dabei ge- auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich ziehend, und vor habt hatte, - nein, so glücklich, wie er nun über das wenige, das der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin den be- er sich in guter Stunde geraubt und gesichert, konnte ein solcher waldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat so gut nicht sein .Darum schlug er nach einer Weile seinem Vetter wie erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das Tempo wieder, mit Macht auf die Schulter und sagte: um nicht in einem von Anstrengung verwilderten Zustand sein »Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! Nachher 306 307, wollen wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie wahrschein- senen schwedischen Recken oder mit dem Staatsanwalt Paravant lich Musik, bedenke mal! Vielleicht spielen sie ›Hier an dem aus Dortmund oder drittens mit beiden zugleich. Denn daß die Herzen treu geborgen, die Blume, sieh, von jenem Morgen‹ aus Bande, die den Staatsanwalt und Frau Salomon aus Amsterdam ›Carmen‹. Was ist dir über die Leber gelaufen?« mehrere Monate lang verknüpft hatten, nach gütlicher Überein- »Nichts«, sagte Joachim. »Aber du siehst so heiß aus, ich kunft gelöst worden waren und Frau Salomon, dem Zuge ihrer fürchte, mit deiner Senkung ist es zu Ende.« Jahre folgend, sich den zarteren Semestern zugewandt und den Es war zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung wulstlippigen Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fitti- von Hans Castorps Natur war überwunden durch den Gruß, che genommen oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanz- den er mit Clawdia Chauchat getauscht hatte, und ganz genau leistil, dabei aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn genommen, war es dies Bewußtsein, dem eigentlich seine Ge- »sich beigebogen« hatte, - das war sicher und bekannt, so daß nugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt: Merkurius stieg folglich der Staatsanwalt freie Hand hatte, sich der Generalkon- wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem Spaziergang zu sulin wegen mit dem Schweden zu schlagen oder zu vertragen. Rate zog, auf rund38Grad. Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und be- sonders unter der febrilen Jugend anhängig waren, und bei de- Enzyklopädie nen die Balkondurchgänge (an den Glaswänden vorbei und das Geländer entlang) offenbar eine bedeutende Rolle spielten: die- Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans Castorp se Vorgänge hatte man im Sinn, sie bildeten einen Hauptbe- geärgert hatten, - verwundern durfte er sich nicht darüber und standteil der hiesigen Lebensluft, - und auch damit ist das, was hatte kein Recht, den Humanisten erzieherischer Spürsucht zu hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans Castorp zeihen. Ein Blinder hätte bemerken müssen, wie es um ihn hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer stand: er selbst tat nichts, um es geheimzuhalten, eine gewisse Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinläng- Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte ihn einfach, aus sei- liche, in Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt nem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin er sich im- wird, hierorts denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszei- merhin - und vorteilhaft, wenn man will, - von dem dünnhaa- chen lag, so schwer und vor Schwere so neu, daß es die Sache rigen Verliebten aus Mannheim und seinem schleichenden We- selbst in einem völlig neuen und, wenn nicht schrecklichen, so sen unterschied. Wir erinnern und wiederholen, daß dem Zu- doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte erscheinen ließ. stande, in dem er sich befand, in der Regel ein Drang und Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere Mienen und be- Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein Trieb zum Be- merken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen bisher kenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit von in einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen haben sollten, sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, - desto es aus denselben geheimen Gründen geschehen wäre, aus denen befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, Vernunft es oft geschieht, ohne daß für die Leichtigkeit oder Spaßhaftig- und Hoffnung offenbar bei der Sache ist. Wie solche Leute es keit der Sache damit irgend etwas bewiesen wäre; und in der eigentlich anfangen, sich zu verraten, ist schwer zu sagen; sie Sphäre, wo wir uns befinden, wäre das in der Tat noch weniger können, scheint es, nichts tun und lassen, was sie nicht verriete, der Fall als anderwärts. Hans Castorp hatte geglaubt, sich aufje- - besonders nun gar in einer Gesellschaft, von der ein urteilen- ne gern bewitzelte Grundangelegenheit im üblichen Maße zu der Kopf bemerkt hatte, sie habe im ganzen nur zwei Dinge im verstehen, und mochte mit Recht so geglaubt haben. Nun er- Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann - nochmals Tempe- kannte er, daß er sich im Flachlande nur sehr unzulänglich dar- ratur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit wem Frau General- auf verstanden, eigentlich sich in einfältiger Unwissenheit dar- konsul Wurmbrandt aus Wien sich für die Flatterhaftigkeit des über befunden hatte, - während hier persönliche Erfahrungen, Hauptmanns Miklosich schadlos halte: ob mit dem völlig gene- deren Natur wir mehrfach anzudeuten versuchten, und die ihm 308 309, in gewissen Augenblicken den Ausruf »Mein Gott!« abpreßten, Abends während der Salongeselligkeit betreffen, wie er mit ihn allerdings von innen her befähigten, den steigenden Akzent Hermine Kleefeld, ihren beiden Tischherren Gänser und Ras- des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen wahrzunehmen mussen und viertens dem Jungen mit dem Einglas und dem und zu begreifen, den unter Denen hier oben die Sache allge- Fingernagel zusammenstand und mit Augen, die ihren übernor- mein und für jeden trug. Nicht daß man nicht auch hier darüber malen Glanz nicht verleugneten, mit bewegter Stimme eine gewitzelt hätte. Aber weit mehr noch als unten trug hier diese Stegreifrede über Frau Chauchats eigen- und fremdartige Ge- Manier das Gepräge des Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähne- sichtsbildung hielt, während seine Zuhörer Blicke tauschten, klapperndes und Kurzatmiges, was sie als durchsichtigen Deck- sich anstießen und kicherten. mantel für die darunter verborgene oder vielmehr nicht zu ver- Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher bergende Not allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp erin- Lustbarkeit war unempfindlich gegen die Enthüllung seines Zu- nerte sich des fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, Standes, er mochte meinen, daß derselbe, unbeachtet und ver- als jener zum ersten und einzigen Mal in der unschuldig nek- borgen, nicht zu seinem Rechte gekommen wäre. Des allgemei- kenden Art des Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit nen Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die Schadenfreu- gebracht hatte. Er erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als de, die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht nur von er Frau Chauchat vom einfallenden Abendlichte befreit, sein ei- seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von anderen, genes Gesicht überzogen hatte, - und daran, daß er sie vorher benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem Erblei- und nachher bei verschiedenen Gelegenheiten auf manchem chen und Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer Mahlzeit fremden Gesicht gewahr geworden war: auf zweien zugleich in die Glastür ins Schloß schmetterte, und auch hiermit war er der Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau Salomon wohl gar noch zufrieden, da es ihm schien, daß seinem Rausch, und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau Stöhr indem er Aufmerksamkeit erregte, eine gewisse Anerkennung so redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt hat- und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet, seine Sache te. Er erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß es unter zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen Hoffnun- solchen Umständen nicht nur sehr schwer gewesen wäre, sich gen zu ermutigen, - und das beglückte ihn sogar. Es kam dahin, nicht zu »verraten«, sondern daß auch die Bemühung darum nur daß man sich buchstäblich versammelte, um dem Verblendeten wenig gelohnt haben würde. Mit anderen Worten: es mochte zuzusehen. Das war etwa nach Tische auf der Terrasse oder am denn doch wohl nicht allein Hoch- und Treuherzigkeit, son- Sonntagnachmittag vor der Conciergeloge, wenn die Kurgäste dern eine gewisse Ermutigung durch die Atmosphäre im Spiele dort ihre Post in Empfang nahmen, die an diesem Tage nicht auf sein, wenn Hans Castorp sich wenig bemüßigt fand, seinen die Zimmer verteilt wurde. Vielfach wußte man, daß da ein ko- Empfindungen Zwang anzutun und aus seinem Zustand ein lossal Beschwipster und Hochilluminierter sei, der sich alles an- Hehl zu machen. merken ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engel- Ware nicht die von Joachim sofort hervorgerufene Schwie- hart, die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Papiergesicht, rigkeit gewesen, hier Bekanntschaften zu machen, diese Schwie- der unheilbare Herr Albin, der junge Mann mit dem Finger- rigkeit, die man hauptsächlich darauf zurückführen muß, daß die nagel und noch dieses oder jenes Mitglied der Patientenschaft,— Vettern in der Kurgesellschaft sozusagen eine Partie und Minia- standen mit heruntergezogenen Mündern und durch die Nase turgruppe für sich bildeten, und daß der militärische Joachim, prustend und sahen ihm zu, der, verloren und leidenschaftlich auf nichts als rasche Genesung bedacht, der näheren Berührung lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am ersten und Gemeinschaft mit den Leidensgenossen grundsätzlich ab- Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, hold war: so hätte Hans Castorp noch weit mehr Gelegenheit den schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in ei- gehabt und genommen, seine Gefühle hochherzig-zügellos un- ner bestimmten Richtung blickte .ter die Leute zu bringen. Immerhin konnte Joachim ihn eines Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er unter310311, solchen Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in ein Ge- storp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie ins Wirkli- spräch zu ziehen und nach seinem Ergehen zu fragen; aber es ist che übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen entgegen, zweifelhaft, ob dieser die menschenfreundliche Vorurteilslosig- die teils militärischer, teils zivilistischer Natur waren: - teils keit, die darin lag, dankbar zu würdigen wußte. Es mochte im nämlich mit der Gegenwart des ehrenhaften Joachim und mit Vestibül sein, am Sonntagnachmittag. Beim Concierge drängten Hans Castorps eigener Ehre und Pflicht zusammenhingen, teils sich die Gäste und streckten die Hände nach ihrer Post. Auch aber auch in dem Gefühl ihren Grund hatten, daß gesellschaftli- Joachim war dort vorn. Sein Vetter war zurückgeblieben und che Beziehungen zu Clawdia Chauchat, gesittete Beziehungen, trachtete in der beschriebenen Verfassung, einen Blick Clawdia bei denen man »Sie« sagte und Verbeugungen machte und wo- Chauchats zu gewinnen, die mit ihrer Tischgesellschaft in der möglich Französisch sprach - nicht nötig, nicht wünschenswert, Nähe stand, wartend, daß das Gedränge an der Loge sich lichten nicht das Richtige seien .Er stand und sah sie lachend spre- möge. Es war eine Stunde, die die Kurgäste durcheinander- chen, genau wie Pribislav Hippe dereinst auf dem Schulhof mischte, eine Stunde der Gelegenheiten, geliebt und ersehnt aus sprechend gelacht hatte: ihr Mund öffnete sich ziemlich weit diesem Grunde von dem jungen Hans Castorp. Vor acht Tagen dabei, und ihre schiefstehenden graugrünen Augen über den war er am Schalter in sehr nahe Berührung mit Madame Chau- Backenknochen zogen sich zu schmalen Ritzen zusammen. Das chat gekommen, so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit war durchaus nicht »schön«; aber es war, wie es war, und bei flüchtiger Kopfbewegung »Pardon« zu ihm gesagt hatte, - wor- der Verliebtheit kommt das ästhetische Vernunfturteil so wenig auf er kraft einer febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu zu seinem Recht, wie das moralische. - antworten vermocht hatte: »Pas de quoi, madame!« »Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?« Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntagnachmittag So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr zusam- mit Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! Man men und wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd vor kann sagen, daß er die Woche konsumiert hatte, indem er auf ihm stand. Es war das feine und humanistische Lächeln, mit die Wiederkehr derselben Stunde in sieben Tagen wartete, und dem er dereinst bei der Bank am Wasserlauf den Ankömmling warten heißt: voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart nicht als zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte sich Hans Castorp, Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, ihren Eigen- als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume den »Drehorgel- wert verneinen und vernichten und sie im Geist überspringen. mann« von der Stelle zu drängen gesucht hatte, weil er »hier Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl oder störe«, - der wachende Mensch ist besser als der träumende, sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, und nicht nur zu seiner Beschämung und Ernüchterung wurde ohne sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man Hans Castorp dieses Lächelns wieder ansichtig, sondern auch könnte sagen, der Nichts-als-Wartende gleiche einem Presser, mit Gefühlen dankbarer Bedürftigkeit. Er sagte: dessen Verdauungsapparat die Speisen, ohne ihre Nähr- und »Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft durchtriebe. Man könnte Ambassadeur! Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von uns. weitergehen und sagen: wie unverdaute Speise ihren Mann Mein Vetter sieht eben mal nach.« nicht stärker mache, so mache verwartete Zeit nicht älter. Freilich »Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korre- kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor. spondenzen schon ausgehändigt«, sagte Settembrini und führte Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnach- die Hand zur Seitentasche seines unvermeidlichen Flausrockes. mittagspoststunde wieder in Kraft getreten, nicht anders, als wä- »Interessante Dinge, Dinge von literarischer und sozialer Trag- re es immer noch die von vor sieben Tagen. Aufs erregendste weite, ich leugne es nicht. Es handelt sich um ein enzyklopädi- fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen, barg und bot in jeder Mi- sches Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres Institut mich nute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in gesellschaftliche würdigt .Kurz, um schöne Arbeit.« Herr Settembrini brach Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen Hans Ca- ab. »Aber Ihre Angelegenheiten?« fragte er. »Wie steht es damit? 312313, Wie weit ist beispielsweise der Akklimatisierungsprozeß gedie- rend er das funebre Lichtbild prüfte, - ohne ganz deutlich wer- hen? Sie weilen alles in allem so lange noch nicht in unserer den zu lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus Mitte, daß die Frage nicht mehr an der Tagesordnung wäre.« anderen Gründen geschah. »Danke. Herr Settembrini, es hat nach wie vor seine Schwie- »Ja, ja«, sagte er dann. »Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich rigkeiten damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letz- danke bestens.« Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, ten Tage haben wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein reichte es ihm von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Vetter mir gleich, als ich ankam. Aber man gewöhnt sich daran, Arm hinüber und abgewandten Gesichtes. daß man sich nicht gewöhnt.« »Haben Sie die Stränge gesehen?« fragte Hans Castorp. »Und »Ein verwickelter Vorgang«, lachte der Italiener. »Eine son- die Knötchen?« derbare Art der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu al- »Sie wissen«, antwortete Herr Settembrini schleppend, »wie lem fähig. Sie gewöhnt sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.« ich über den Wert dieser Produkte hier denke. Sie wissen auch, »Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.« daß die Flecke und Dunkelheiten da im Inneren zum allergröß- »Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreif- ten Teil physiologisch sind. Ich habe hundert Bilder gesehen, lich. Asien verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Ge- die ungefähr aussahen wie Ihres, und die die Entscheidung, ob sichter.« Und Herr Settembrini wandte diskret den Kopf über sie wirklich einen ›Ausweis‹ bildeten oder nicht, einigermaßen die Schulter. »Dschingis-Khan«, sagte er, »Steppenwolfslichter, in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als Laie, aber Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg und Christentum. immerhin als ein langjähriger Laie.« Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen Altar er- »Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?« richten, - im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein »Ja, etwas schlimmer. - Übrigens ist mir bekannt, daß auch Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Para- unsere Herren und Meister auf dieses Spielzeug allein keine vant in Streit geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe Diagnose gründen. - Und Sie beabsichtigen nun also, bei uns sein, seine Post zu empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, zu überwintern?« aber für mein Gefühl steht der Staatsanwalt im Schutze der »Ja, lieber Gott .Ich fange an, mich an den Gedanken zu Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein.« gewöhnen, daß ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder Hans Castorp lachte, - was Herr Settembrini niemals tat. hinunterfahren werde.« Man konnte ihn sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über »Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht .die feine und trockene Spannung seines Mundwinkels brachte Sie formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre Sa- er es nicht hinaus. Er sah dem jungen Manne beim Lachen zu chen erhalten, - warme Kleider, solides Schuhwerk?« und fragte dann: »Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich ha- »Ihr Diapositiv - haben Sie bekommen?« be meine Verwandten informiert, und unsere Haushälterin hat »Das habe ich bekommen!« bestätigte Hans Castorp wichtig. mir alles als Eilgut geschickt. Ich kann es nun aushalten.« »Schon neulich. Hier ist es.« Und er griff in die innere Brust- »Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, ei- tasche. nen Pelzsack, - wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nach- »Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozu- sommer ist trügerisch; in einer Stunde kann es tiefer Winter sagen, einen Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sein. Sie werden hier die kältesten Monate verbringen ..« sehen!« Und Herr Settembrini hob die kleine, mit schwarzen »Ja, der Liegesack«, sagte Hans Castorp, »der ist wohl ein Zu- Papierstreifen gerahmte Glasplatte gegen das Licht, indem er sie behör, Ich habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß wir in zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Linken hielt, - eine den nächsten Tagen mal, mein Vetter und ich, in den Ort gehen oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier oben. Sein Gesicht müssen und einen kaufen. Man braucht das Ding später nie mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig, wäh- wieder, aber schließlich für vier bis sechs Monate lohnt es.« 314 315, »Es lohnt, es lohnt. - Ingenieur!« sagte Herr Settembrini lei- diterranen Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf er- se, indem er näher an den jungen Mann herantrat. »Wissen Sie freuliche Art, klar, wohllautend und - man kann wohl sagen - nicht, daß es grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten herum- plastisch zu Gehör gebracht. Hans Castorp antwortete nicht an- werfen? Grauenhaft, weil unnatürlich und Ihrem Wesen fremd, ders, als mit der kurzen, steifen und befangenen Verbeugung ei- nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre beruhend. Ach, diese über- nes Schülers, der eine verweisartige Belehrung entgegennimmt. große Gelehrigkeit der Jugend! - sie ist die Verzweiflung der Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, das Herr Set- Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im Schlimmen zu tembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken gegen die ganze üb- bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger rige Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, hatte zu sachli- Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform ange- chen, zu ungesellschaftlichen, zu wenig gesprächsmäßigen Cha- messen ist! Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, - nicht rakter getragen, als daß der Takt erlaubt hätte, auch nur Beifall umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mon- zu äußern. Man antwortet einem Lehrer nicht: »Das haben Sie golei! Diese Leute« - und Herr Settembrini deutete mit dem schön gesagt.« Hans Castorp hatte es wohl früher manchmal ge- Kinn über die Schulter hinter sich - »richten Sie sich innerlich tan, gewissermaßen um das gesellschaftliche Gleichheitsverhält- nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infi- nis zu wahren, allein so dringlich erzieherisch hatte der Huma- zieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr höheres Wesen gegen nist noch niemals gesprochen, es blieb nichts übrig, als die Ver- das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des We- mahnung einzustecken, - benommen wie ein Schuljunge von stens, des göttlichen Westens, - dem Sohn der Zivilisation, nach soviel Moral. Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedan- Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch kentätigkeit auch im Schweigen noch ihren Portgang nahm. ist asiatischer Stil, - das mag ein Grund sein, weshalb es den Noch immer stand er dicht vor Hans Castorp, so daß dieser sich Kindern des Ostens an diesem Orte behagt. Haben Sie nie be- sogar ein wenig zurückbeugte, und seine schwarzen Augen wa- merkt, daß, wenn ein Russe ›vier Stunden‹ sagt, es nicht mehr ren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des jungen ist, als wenn unsereins ›eine‹ sagt? Leicht zu denken, daß die Mannes Gesicht gerichtet. Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der »Sie leiden, Ingenieur!« fuhr er fort. »Sie leiden wie ein Ver- wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel irrter, - wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten Raum ist, da ist viel Zeit, - man sagt ja, daß sie das Volk sind, zum Leiden sollte ein europäisches Verhalten sein, - nicht das das Zeit hat und warten kann. Wir Europäer, wir können es des Ostens, der, weil er weich und zur Krankheit geneigt ist, nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich ge- diesen Ort so ausgiebig beschickt .Mitleid und unermeßliche gliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaf- Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu begegnen. Es kann, es tung des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung, Nut- darf die unsrige, die Ihre nicht sein! .Wir sprachen von mei- zung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als Sinnbild, ner Post.Sehen Sie, hier .Oder besser noch, - kommen diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese Misch- Sie! Es ist unmöglich, hier .Wir ziehen uns zurück, wir treten kessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, welche .dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, Kommen Sie!« Und sich umwendend, zog er Hans Castorp fort in demselben Maße, bemerken Sie das, wird dort auch die Zeit aus dem Vestibül, in das erste, dem Portal am nächsten gelegene immer kostbarer. Carpe diem! Das sang ein Großstädter. Die der Gesellschaftszimmer, das als Schreib- und Leseraum einge- Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie richtet und jetzt leer von Gästen war. Es zeigte eichene Wandtäfe- nutze - sie nutze, Ingenieur, im Dienste des Menschheitsfort- lungen unter seinem hellen Gewölbe, Bücherschränke, einen von schritts.« Stühlen umgebenen, mit gerahmten Zeitungen belegten Tisch Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner me- in der Mitte und Schreibgelegenheiten unter den Bögen der Fen- 316 317, sternischen. Herr Settembrini schritt bis in die Nähe eines der Bund, den politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit der Fenster vor, Hans Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen. seinem Material zur Hand zu gehen .Sie folgen meinen »Diese Papiere«, sagte der Italiener, indem er aus der beutel- Worten, Ingenieur?« »Absolut!« antwortete Hans Castorp heftig artigen Seitentasche seines Flausches mit fliegender Hand ein und überstürzt. Er hatte bei diesem Worte das Gefühl eines Konvolut, ein umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert zog Menschen, der ausgleitet und sich eben noch glücklich auf den und seinen Inhalt, verschiedene Drucksachen nebst einem Füßen hält. Schreiben, vor Hans Castorps Augen durch die Finger gleiten Herr Settembrini schien befriedigt. ließ, »diese Papiere tragen in französischer Sprache den Auf- »Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die Sie druck: ›Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts‹. da tun?« Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau des »Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese .Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen Grundsätzen, sei- diese Anstrengungen höre.« nen Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. Die Liga für »Hätten Sie nur«, rief Settembrini leise, »hätten Sie nur frü- Organisierung des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre her davon gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu spät Darwins die philosophische Anschauung ab, daß der innerste davon. Nun, diese Druckschriften .Sie wollen wissen, was sie Naturberuf der Menschheit ihre Selbstvervollkommnung ist. behandeln .Hören Sie weiter! Im Frühjahr war eine feierli- Sie folgert daraus weiter, daß es Pflicht eines jeden ist, der sei- che Hauptversammlung des Bundes nach Barcelona einberufen, nem Naturberuf genügen will, am Menschheitsfortschritt tätig - Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer Beziehungen zur mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe gefolgt; die Zahl ihrer politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der Kongreß tagte ei- Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, der Türkei und selbst ne Weile lang unter Banketten und Festlichkeiten. Guter Gott, in Deutschland ist bedeutend. Auch habe ich die Ehre, in den ich wollte hinreisen, es verlangte mich sehnlichst, an den Bera- Bundesregistern geführt zu werden. Ein wissenschaftlich aus- tungen teilzunehmen. Aber dieser Schuft von Hofrat verbot es gearbeitetes Reformprogramm großen Stils ist entworfen, das mir unter Todesdrohungen, - und, was wollen Sie, ich fürchtete alle augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten des den Tod und reiste nicht. Ich war verzweifelt, wie Sie sich den- menschlichen Organismus umfaßt. Das Problem der Gesund- ken können, über den Streich, den meine unzulängliche Ge- heit unserer Rasse wird studiert, man prüft alle Methoden zur sundheit mir spielte. Nichts ist schmerzhafter, als wenn unser Bekämpfung der Degeneration, die ohne Zweifel eine bekla- organisches, unser tierisches Teil uns hindert, der Vernunft zu genswerte Begleiterscheinung der zunehmenden Industrialisie- dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung über diese Zu- rung ist. Ferner betreibt der Bund die Gründung von Volksuni- schrift des Bureaus von Lugano .% Sie sind neugierig auf ihren versitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch all die Inhalt? Das glaube ich gern! Ein paar flüchtige Informatio- sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zwecke empfehlen, nen .Der ›Bund zur Organisierung des Fortschritts‹, einge- endlich die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch denk der Wahrheit, daß seine Aufgabe darin besteht, das Glück die Entwicklung des internationalen Rechts. Sie sehen, die An- der Menschheit herbeizuführen, mit anderen Worten: das strengungen der Liga sind hochherzig und umfassend. Mehrere menschliche Leiden durch zweckvolle soziale Arbeit zu be- internationale Zeitschriften zeugen von ihrer Tätigkeit, - Mo- kämpfen und am Ende völlig auszumerzen, - eingedenk ferner natsrevuen, die in drei oder vier Weltsprachen höchst anregend der Wahrheit, daß diese höchste Aufgabe nur mit Hilfe der so- über die fortschrittliche Entwicklung der Kulturmenschheit be- ziologischen Wissenschaft gelöst werden kann, deren Endziel richten, zahlreiche Ortsgruppen sind in den verschiedenen Län- der vollkommene Staat ist, - der Bund also hat in Barcelona die dern begründet worden, die durch Diskussionsabende und Herstellung eines vielbändigen Buchwerkes beschlossen, das Sonntagsfeiern im Sinne des menschlichen Fortschrittsideals den Titel ›Soziologie der Leidem führen wird, und worin die aufklärend und erbaulich wirken sollen. Vor allem beeifert sich menschlichen Leiden nach allen ihren Klassen und Gattungen in 318 319, genauer und erschöpfender Systematik bearbeitet werden sol- dert mich keinen Augenblick, daß die Liga an Sie gedacht hat. len. Sie werden mir einwenden: was nützen Klassen, Gattun- Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun behilflich sein kön- gen, Systeme! Ich antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind nen, die menschlichen Leiden auszumerzen!« der Anfang der Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der unbekannte. Man muß das Menschengeschlecht »Es ist eine weitläufige Arbeit«, sagte Herr Settembrini sin- aus den primitiven Stadien der Furcht und der duldenden nend, »zu der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zu- Dumpfheit herausführen und es zur Phase zielbewußter Tätig- mal«, fügte er hinzu, während sein Blick sich in der Vielfältig- keit leiten. Man muß es darüber aufklären, daß Wirkungen hin- keit seiner Aufgabe zu verlieren schien, »zumal in der Tat der fällig werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann schöne Geist sich fast regelmäßig das Leiden zum Gegenstande aufhebt, und daß fast alle Leiden des Individuums Krankheiten gesetzt hat und selbst Meisterwerke zweiten und dritten Ranges des sozialen Organismus sind. Gut! Dies ist die Absicht derSo- sich irgendwie damit beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! ziologischen Pathologie‹. Sie wird also in etwa zwanzig Bänden So umfassend die Aufgabe immer sein möge, auf jeden Fall ist von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle aufführen sie von der Art, daß ich mich ihrer zur Not auch an diesem ver- und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von den fluchten Aufenthalt entledigen kann, obgleich ich nicht hoffen persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkon- will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu beenden. Man flikten, den Leiden, die aus Klassenfeindschaften und interna- kann dasselbe«, fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans Ca- tionalen Zusammenstößen erwachsen, sie wird, kurz gesagt, die storp herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, chemischen Elemente aufzeigen, aus deren vielfältiger Mi- »man kann dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die Ihnen die schung und Verbindung sich alles menschliche Leiden zusam- Natur auferlegt, Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, mensetzt, und indem sie die Würde und das Glück der Mensch- woran ich Sie mahnen wollte. Sie wissen, wie sehr ich Ihren heit zur Richtschnur nimmt, wird es ihr in jedem Falle die Mit- Beruf bewundere, aber da er ein praktischer, kein geistiger Beruf tel und Maßnahmen an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung ist, so können Sie ihm, anders als ich, nur in der Welt drunten der Leidensursachen angezeigt scheinen. Berufene Fachmänner nachkommen. Nur im Tiefland können Sie Europäer sein, das der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte, Volkswirte und Psycho- Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt fördern, logen, werden sich in die Ausarbeitung dieser Enzyklopädie der die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir zugefallenen Auf- Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau zu Lugano gabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie zu sich zu bringen, wird das Sammelbecken sein, in dem die Artikel zusammenflie- um Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich offenbar unter atmo- ßen. Sie fragen mich mit den Augen, welche Rolle nun mir bei sphärischen Einflüssen zu verwirren beginnen. Ich dringe in Sie: all dem zufallen soll? Lassen Sie mich zu Ende reden! Auch den Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht schönen Geist will dieses Große Werk nicht vernachlässigen, an das Fremde! Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kir- soweit er eben menschliches Leiden zum Gegenstande hat. Dar- ke, auf dem ungestraft zu hausen Sie nicht Odysseus genug um ist ein eigener Band vorgesehen, der, den Leidenden zu sind. Sie werden auf allen vieren gehen, Sie neigen sich schon Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung und kurzgefaßte auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu grunzen be- Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt in Betracht kom- ginnen, - hüten Sie sich!« menden Meisterwerke der Weltliteratur enthalten soll; und - Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den dies ist die Aufgabe, mit der man in dem Schreiben, das Sie hier Kopf eindringlich geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlage- sehen, Ihren ergebensten Diener betraut.« nen Augen und zusammengezogenen Brauen. Es war unmög- lich, ihm scherzhaft und ausweichend zu antworten, wie Hans »Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir aber, Castorp es zu tun gewohnt war und wie er es auch jetzt einen Sie herzlich zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand mit gesenkten Auftrag und ganz wie für Sie gemacht, wie mir scheint. Es wun- Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso leise: 3 2 1, »Was soll ich tun?« Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembri- »Was ich Ihnen sagte.« nis Pose unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos »Das heißt: abreisen?« und sagte: Herr Settembrini schwieg. »Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst »Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?« wenn Ihre Logik der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in »Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, Inge- einem hier üblichen abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, nieur.« sonst würde ich Ihnen erwidern, daß ich bedeutend kränker bin »Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unver- als Sie, - leider in der Tat so krank, daß ich die Hoffnung, die- nünftig fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die hiesige sen Ort je wieder verlassen und in die untere Welt zurückkeh- Luft mir ein bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage ren zu können, nur künstlicher- und ein wenig selbstbetrüge- aber doch geändert. Seitdem hat sich diese Untersuchung erge- rischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als völlig ben, nach der Hofrat Behrens mir klipp und klar gesagt hat, es unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuerhalten, werde ich lohne die Heimreise nicht, in kurzem müßte ich doch wieder dieser Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage antreten, und wenn ich's da unten so weitertriebe, so ginge mir, irgendwo im Tal ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teu- aber da meine Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird fel.« es mich nicht hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sa- »Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.« che der Menschheit zu dienen und dem Geist der Krankheit die »Ja, das sagen Sie so ironisch .mit der richtigen Ironie na- Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf den Unterschied, der in dieser türlich, die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein Beziehung zwischen uns besteht, bereits aufmerksam gemacht. gerades und klassisches Mittel der Redekunst, - Sie sehen, ich Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres Wesen hier zu merke mir Ihre Worte. Aber können Sie es denn verantworten, behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie halten mir auf diese Photographie hin und nach dem Ergebnis der mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats die Heim- Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber reise anzuraten?« ich tat es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete er und schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat sich auf, schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz auf meines armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen le- Hans Castorp richtete, und erwiderte mit einer Betonung, die bendig ist, indem Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte des theatralischen und effekthaften Einschlages nicht entbehrte: Folge leisten, - ob es nicht vielmehr der Körper ist und sein bö- »Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.« ser Hang, dem Sie nur zu bereitwillig gehorchen ..« Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er »Was haben Sie gegen den Körper?« unterbrach Hans Castorp hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini eben- ihn rasch und blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, de- falls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand ren Weißes von roten Adern durchzogen war. Ihm schwindelte seinen Mann. Einflüsse aus der Nähe »stärkten« ihn. Da war ein vor seiner Tollkühnheit, und man sah es ihm an. »Wovon spre- Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige Frau. Er ent- che ich?« dachte er. »Es wird ungeheuerlich. Aber ich habe mich schuldigte sich nicht einmal für das, was er sagte; er fügte nicht einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm, so lange hinzu: »Nehmen Sie es mir nicht übel.« Er antwortete: es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er es »Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! Sie haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profi- sind nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fort- -ieren. Ich werde ihn reizen.« Er ergänzte seinen Einwand: schrittskongreß gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben »Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den hier.« Körper zu sprechen sein?« 322 323, Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß. surdität, dort, wo der Geist gegen die Natur seine Würde be- »›Was haben Sie gegen die Analyse?‹« zitierte er, den Kopf auf haupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken .Haben Sie der Schulter. »»Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‹ - von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?« Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, »Nein, - ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ..« Ingenieur«, sagte er mit Verbeugung und einer salutierenden »Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauer- Handbewegung gegen den Fußboden, »besonders wenn Ihre lich - und kennzeichnend für diesen Ort -, daß Sie es hier ver- Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne Eleganz. säumen, die Presse zu lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das Humanist, - gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Naturereignis, von dem ich spreche, ist nicht aktuell, es fand vor Sie mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den beiläufig hundertundfünfzig Jahren statt ..« Körper, wie ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Hei- »Ja so! Oh, warten Sie, - richtig! Ich habe gelesen, daß Goe- terkeit und den Genuß bejahe, ehre und liebe, - wie ich die the damals nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer zu sei- ›Welt‹, die Interessen des Lebens vertrete gegen sentimentale nem Diener sagte ..« Weltflucht, — den Classicismo gegen die Romantik. Ich denke, »Ah, - nicht davon wollte ich reden«, unterbrach ihn Settem- meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein Prinzip brini, indem er die Augen schloß und seine kleine braune Hand aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und in der Luft schüttelte. »Übrigens vermengen Sie die Katastro- letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses phen. Sie haben das Erdbeben von Messina im Sinn. Ich meine Prinzip ist der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein ver- die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte, im Jahre 1755. dächtiges Mondscheingespinst und -gespenst, das man ›die See- »Entschuldigen Sie.« le‹ nennt, gegen den Leib ausgespielt zu sehen, - innerhalb der »Nun, Voltaire empörte sich dagegen.« Antithese von Körper und Geist bedeutet der Körper das böse, »Das heißt.wie? Er empörte sich?« das teuflische Prinzip, denn der Körper ist Natur, und die Natur »Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum - innerhalb ihres Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich nicht hin, er weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte im wiederhole das! - ist böse, - mystisch und böse. ›Sie sind Hu- Namen des Geistes und der Vernunft gegen diesen skandalösen manist! ‹ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein Freund des Unfug der Natur, dem drei Viertel einer blühenden Stadt und Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Mensch- Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen .Sie stau- heit und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, nen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin staunen, was das Lä- in der Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den cheln betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, es Ihnen zu ver- Vorwurf des christlichen Obskurantismus erheben ..« weisen! Voltaires Haltung war die eines echten Nachkömmlings Hans Castorp wehrte ab. jener alten Gallier, die ihre Pfeile gegen den Himmel schleu- » .Sie werden«, beharrte Settembrini, »diesen Vorwurf derten .Sehen Sie, Ingenieur, da haben Sie die Feindschaft ganz vergebens erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die des Geistes gegen die Natur, sein stolzes Mißtrauen gegen sie, Gebundenheit des Geistes an das Körperliche, an die Natur ei- sein hochherziges Bestehen auf dem Rechte zur Kritik an ihr nes Tages als Erniedrigung, als Schimpf empfinden lernt. Wis- und ihrer bösen, vernunftwidrigen Macht. Denn sie ist die sen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung überliefert Macht, und es ist knechtisch, die Macht hinzunehmen, sich mit ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?« fragte Settembrini ihr abzufinden .wohlgemerkt, sich innerlich mit ihr abzufin- und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans Castorp ge- den. Da haben Sie aber auch jene Humanität, die sich schlech- nötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was er höre. terdings in keinen Widerspruch verstrickt, sich keines Rückfalls »Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn Sie in christliche Duckmäuserei schuldig macht, wenn sie im Kör- wollen. Aber das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und per das böse, das widersacherische Prinzip zu erblicken sich ent- nichts kann im Grunde ärmlicher sein als der Einwand der Ab- schließt. Der Widerspruch, den Sie zu sehen meinen, ist im 324 325, Grunde immer derselbe. ›Was haben Sie gegen die Analyse?‹ einem Rondell junger Tannen. - Der Platz lag am nordwestli- Nichts .wenn sie Sache der Belehrung, der Befreiung und chen Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das Tal des Fortschritts ist. Alles .wenn ihr der scheußliche Hautgout erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes bil- des Grabes anhaftet. Es ist mit dem Körper nicht anders. Man dete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte innerlich muß ihn ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzi- mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit pation und Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Glück und um Lust. Man muß ihn verachten, sofern er als Prin- Wunsch und Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, be- zip der Schwere und der Trägheit sich der Bewegung zum Lich- vor sie den Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch te entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar das Prinzip der von Joachim. Genau genommen, waren sie nicht die siamesi- Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein spezifischer Geist schen Zwillinge. Sie konnten sich trennen, wenn ihre Neigun- der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der Verwesung, der gen auseinandergingen. Hans Castorp war ja nicht hier, um Joa- Wollust, und der Schande ..« chim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst Patient. Er Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu stehend, fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Sei- werden. Entsatz näherte sich für Hans Castorp, Joachim betrat, tentaschen seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich ge- zwei Postkarten in der Hand, das Lesezimmer, die Rede des Li- streckt, hielt er die lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im teraten brach ab, und die Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ersten Stadium der Konsumtion befand, das heißt: von deren ins gesellschaftlich Leichte hinüberwechselte, verfehlte nicht ih- stumpfer Spitze er die Asche noch nicht abgestreift hatte, in der ren Eindruck auf seinen Schüler, - wenn man Hans Castorp so Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts hing, und genoß nennen konnte. nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun völlig wie- »Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht ha- der habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung ben, - verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, - hier oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich wenn mir recht ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist nicht gewöhnte, - was den Chemismus seines Magens, die Ner- kein übler Räsonneur, Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährli- ven seiner trockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäu- cher Gegner im Wortstreit, wenn es ihm darauf ankommt.« te betraf, so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünf- Humaniora undsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungs- Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen mittel wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch ei- Vermögens. Die moralische Genugtuung verstärkte den physi- ner dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, schen Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue mitgebrachten Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbe- über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelte slände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, - dieser blechern-friedli- Weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, che, einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit die stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen um- vertiefend, die über hohen Gegenden waltet. flatterten Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt. Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Gar- 326 327, ten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am »Danke, wir können ja mal tauschen.« Und sie zogen ihre Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen Hände vor Etuis. seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl auf der Ter- »Die hat Rasse«, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hin- rasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen, wahrscheinlich reichte. »Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St.-Felix- das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden, der es noch Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten. Ein nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege schlendernd her- rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps, und namentlich an, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz, den gegen das Ende hat sie was Fulminantes. Einige Zurückhaltung steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an der ande- die sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauch- ren anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen wolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf..« Backen, der Stumpfnase, den feuchten, blauen Augen und dem Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fin- geschürzten Bärtchen waren klein im Verhältnis zu der langen, gern, prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Kör- leicht gebückten und geknickten Gestalt und zu dem Umfange per, die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er zu- hie und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden. sammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas ver- Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer legen, da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas der gewohnten Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit »Sieh organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus: da, sieh da, Timotheus!« und Segenswünschen für ihren Stoff- »So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause wechsel, indem er sie nötigte, sitzenzubleiben, da sie sich zu ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechki- seinen Ehren erheben wollten. ste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen »Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war tot binnen Wo- schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Pa- chenfrist, - lauter ledrige Leichen.« tienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht nötig. Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.« Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Ha- und Mittelfinger seiner riesigen Rechten. vannas geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei kleine »Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal se- Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans Herz ge- hen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist nommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar unter den denn das für eine bräunliche Schöne?« Rasen gebracht. »Ich rauche sie zum Kaffee«, sagte er, »eine nach »Maria Mancini, Postre de Banquett aus Bremen, Herr Hof- der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig rat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Far- bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich zu Sinne ben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Leben. Nach Hause zu kommen, war keine Kleinigkeit, und wie Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mi- ich da bin, da denke ich erst recht, mich laust der Affe. Eisbeine, schung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es wissen Sie, kalter Schweiß, so Sie wollen, linnenweiß das Ge- gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höch- sicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, - mal fadenförmig stens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber und kaum zu fühlen, mal holterdiepolter, über Stock und Stein, die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung .Ich war denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?« das Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur 328 329, Kennzeichnung meines Befindens. Denn eigentlich war es Aber gleich auf der Stelle, wenn's Ihnen Spaß macht! Kommen höchst fidel und eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Sie her, kommen Sie mit, ich braue uns einen türkischen Kaffee Angst hatte oder, richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst be- auf meiner Bude!« Und er nahm die jungen Leute am Arm, zog stand. Aber Angst und Festivität schließen sich ja nicht aus, das sie von der Bank und führte sie, eingehängt zwischen ihnen, weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, die, wie sie wuß- soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur ten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des Berghofgebäudes so vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe ge- gelegen war. schmolzen, mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die »Ich habe mich ja selbst«, erklärte Hans Castorp, »früher hie Mylendonk brachte mich mit ihren Anwendungen aus der und da in dieser Richtung versucht.« Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage, eine Kampferinjek- »Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?« tion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.« »Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab' ich's Elans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte nicht hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens Aber ich sehe Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ..« auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Trä- Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und nen gefüllt hatten. aufgeklärt über seines Vetters befremdende Neugier durch diese »Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat«, sagte er plötzlich. Erläuterung, - und mehr für ihn, als für den Hofrat, hatte Hans Der Hofrat tat, als pralle er zurück. Castorp sich denn auch auf seine eigenen künstlerischen Versu- »Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?« che berufen. Sie langten an: es gab kein so prächtiges, von La- »Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es ternen flankiertes Portal an dieser Seite, wie drüben an der Auf- fiel mir eben ein.« fahrt. Ein paar gerundete Stufen führten zu der eichenen Haus- »Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. tür empor, die der Hofrat mit einem Drücker seines reichhalti- Wir sind allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorge- gen Schlüsselbundes öffnete. Seine Hand zitterte dabei, ent- kommen. Anch'io sono pittore, wie jener Spanier zu sagen schieden war er nervös. Ein Vorraum, als Garderobe ausgestattet, pflegte.« nahm sie auf, wo Behrens seinen steifen Hut an den Nagel »Landschaften?« fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. hing. Drinnen, auf dem kurzen, vom allgemeinen Teil des Ge- Die Umstände verleiteten ihn zu diesem Tone. bäudes durch eine Glastür abgetrennten Korridor, an dessen »Soviel Sie wollen!« antwortete der Hofrat mit verlegener beiden Seiten die Räumlichkeiten der Privatwohnung lagen, Prahlerei. »Landschaften, Stilleben, Tiere, - was ein Kerl ist, rief er nach dem Dienstmädchen und machte seine Bestellung. schreckt überhaupt vor gar nichts zurück.« Dann ließ er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden Re- »Aber keine Porträts?« densarten eintreten, - durch eine der Türen zur Rechten. »Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen Sie Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, gegen mir Ihres in Auftrag geben?« das Tal blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, »Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr Hof- nur durch Portieren getrennt: ein »altdeutsches« Eßzimmer, ein rat uns Ihre Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.« Wohn- und Arbeitszimmer mit Schreibtisch, über dem eine Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, be- Studentenmütze und gekreuzte Schläger hingen, wolligen Tep- eilte sich zu versichern, daß das sehr freundlich sein würde. pichen, Bibliothek und Sofaarrangement und noch ein Rauchka- Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. Er binett, das »türkisch« eingerichtet war. Überall hingen Bilder, wurde sogar rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen ihre die Bilder des Hofrats, - höflich und zur Bewunderung bereit Tränen diesmal vergießen zu wollen. gingen die Augen der Eintretenden sogleich darüberhin. Des »Aber gern!« rief er. »Aber mit dem allergrößten Pläsier! Hofrats entschwebte Gattin war mehrmals zu sehen: in Öl und 330 331, auch als Photographie auf dem Schreibtisch. Es war eine dünn »Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist die und fließend gekleidete, etwas rätselhafte Blondine, welche, die Dame vom Guten Russentisch, mit dem französischen Na- Hände an der linken Schulter gefaltet - und zwar nicht fest ge- men ..« faltet, sondern nur so, daß die oberen Pingerglieder schwach »Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich fin- ineinander lagen -, ihre Augen entweder gen Himmel gerichtet den.« oder tief niedergeschlagen und unter den langen, schräg von »Sprechend!« log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, als in den Lidern abstehenden Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus dem Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen zuge- und dem Beschauer entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gangen wäre, das Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, - so gab es hauptsächlich gebirgige Landschaftsmotive, Berge im wenig, wie Joachim es aus eigenen Kräften jemals erkannt hätte, Schnee und im Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, der gute, überlistete Joachim, dem nun freilich ein Licht auf- und Berge, deren trockene und scharfe Umrisse unter dem Ein- ging, das wahre Licht nach dem falschen, das Hans Castorp ihm flusse Segantinis in einen tiefblauen Himmel schnitten. Ferner vorher angezündet. »Ja so«, sagte er leise und schickte sich dar- waren da Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter Weide ste- ein, das Bild betrachten zu helfen. Sein Vetter hatte sich für ihr hend und lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten Fernbleiben von der Verandageselligkeit schadlos zu halten ge- Hals zwischen Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blu- wußt. Es war ein Bruststück im Halbprofil, etwas unter Lebens- menstücke, Gebirglertypen und anderes mehr -, gemalt dies al- größe, dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und les mit einem gewissen flotten Dilettantismus, in keck aufge- Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden klecksten Farben, die öfters aussahen, als seien sie unmittelbar Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als aus der Tube auf die Leinwand gedrückt, und die lange ge- sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch sein braucht haben mußten, bis sie getrocknet waren - bei groben wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Fehlern war es zuweilen wirksam. Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht getroffen, zu stro- Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände hig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz der Physiognomie entlang, begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein Mo- nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch Vergröberung tiv bei Namen nannte, meistens aber schweigend, in der stolzen seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich pfuscherhaftes Beklommenheit des Künstlers, es genoß, seine Augen zusam- Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig ver- men mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu lassen. wandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer an der weiter genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chau- Fensterwand, - Hans Castorp hatte es schon beim Eintreten mit chats Person waren ihm eng genug, das Bild sollte Frau Chauchat raschem Blicke erspäht, obgleich es nur eine entfernte Ähnlich- darstellen, sie selbst hatte in diesen Räumen dazu Modell geses- keit aufwies. Absichtlich mied er die Stelle, hielt seine Begleiter sen, das genügte ihm, bewegt wiederholte er: im Eßzimmer fest, wo er einen grünen Blick ins Sergital mit »Wie sie leibt und lebt!« bläulichen Gletschern im Hintergrunde zu bewundern vorgab, »Sagen Sie das nicht«, wehrte der Hofrat ab. »Es war ein steuerte dann aus eigener Machtvollkommenheit zuerst ins tür- klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit kische Kabinett hinüber, das er, Lob auf den Lippen, ebenfalls fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gründlich durchmusterte, und besichtigte dann die Eingangs- gehabt haben, - wie wollen Sie denn fertig werden mit einer so wand des Wohnzimmers, auch Joachim manchmal zur Beifalls- vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen sein, äußerung auffordernd. Endlich wandte er sich um und fragte mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, wie auf- mit Maßen stutzend: gesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht »Da ist doch ein bekanntes Gesicht?« man die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine »Erkennen Sie sie?« wollte Behrens hören. Vexierrätsei. Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie 332 333, nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt Sie sie denn?« schimmernde Weiße dieser zarten, aber nicht mageren Brüste, »Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ..« die sich in der bläulichen Schleierdraperie verlor, hatte viel Na- »Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen tur; sicherlich war sie mit Gefühl gemalt, aber unbeschadet ei- Sie, über arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbe- ner gewissen Süßigkeit, die davon ausging, hatte der Künstler wegung, da weiß ich bei ihr so ziemlich Bescheid - aus be- ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und lebendiger Ge- stimmten Gründen. Das Oberflächliche bietet größere Schwie- nauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen Cha- rigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen sehen? Wie sie rakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in der Ge- geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen Sie zum Ex- gend der zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch die Ölfarbe empel die Augen, - ich rede nicht von der Farbe, die auch ihre hindurch als natürliche Unebenheit der Hautoberfläche wirken Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. Die Lidspalte, sa- zu lassen. Ein Leberfleckchen links, wo die Brust sich zu teilen gen Sie, ist geschlitzt, schief. Das scheint Ihnen aber nur so. Was begann, war nicht außer acht gelassen, und zwischen den Erhe- Sie täuscht, ist der Epikanthus, das heißt eine Varietät, die bei bungen glaubte man schwächlich-bläuliches Geäder durchschei- gewissen Rassen vorkommt und darin besteht, daß ein Haut- nen zu sehen. Es war, als ginge unter dem Blick des Betrachters überschuß, der von dem flachen Nasensattel dieser Leute her- ein kaum merklicher Schauer von Sensibilität über diese Nackt- rührt, von der Deckfalte des Lides über den inneren Augenwin- heit, - gewagt zu sagen: man mochte sich einbilden, die Perspi- kel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut über der Nasenwurzel ration, den unsichtbaren Lebensdunst dieses Fleisches wahrzu- straff an, und sie haben ein Auge ganz wie von unsereinem. Ei- nehmen, so als würde man, wenn man etwa die Lippen darauf ne pikante Mystifikation also, übrigens nicht weiter ehrenvoll; drückte, nicht den Geruch von Farbe und Firnis, sondern den denn bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus auf eine atavisti- des menschlichen Körpers verspüren. Wir geben mit alldem die sche Hemmungsbildung hinaus.« Eindrücke Hans Castorps wieder: aber wenn er besonders bereit »So verhält sich das also«, sagte Hans Castorp. »Ich wußte es war, solche Eindrücke zu empfangen, so ist doch sachlich festzu- nicht, aber es interessiert mich schon längst, was es mit solchen stellen, daß Frau Chauchats Dekollete das bei weitem bemer- Augen auf sich hat.« kenswerteste Stück Malerei in diesem Zimmer war. »Vexation, Täuschung«, bekräftigte der Hofrat. »Zeichnen Sie Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosenta- sie einfach schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie müs- schen, auf Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit zu- sen die Schiefheit und Geschlitztheit zuwege bringen, wie die gleich mit den Besuchern betrachtete. Natur sie zuwege bringt, Illusion in der Illusion treiben, sozusa- »Freut mich, Herr Kollege«, sagte er, »freut mich, daß es Ih- gen, und dazu ist natürlich nötig, daß Sie über den Epikanthus nen einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, Bescheid wissen. Wissen kann überhaupt nicht schaden. Sehen wenn man auch unter der Epidermis ein bißchen Bescheid weiß Sie sich die Haut an, die Körperhaut hier. Ist das anschaulich, und mitmalen kann, was nicht zu sehen ist, - mit anderen Wor- oder ist es nicht so besonders anschaulich Ihrer Meinung nach?« ten: wenn man zur Natur noch in einem andern Verhältnis steht »Enorm«, sagte Hans Castorp, »enorm anschaulich ist sie ge- als bloß dem lyrischen, wollen wir mal sagen; wenn man zum malt, die Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir nie vor- Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, Anatom und von den gekommen. Man meint die Poren zu sehen.« Und er fuhr leicht Dessous auch noch so seine stillen Kenntnisse hat, - das kann mit dem Handrande über das Dekollete des Bildes, das sehr von Vorteil sein, sagen Sie, was Sie wollen, es gibt entschieden weiß gegen die übertriebene Rötung des Gesichtes abstach, wie ein Prä. Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht ausgesetzt ist, mit dem Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersu- und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung des Entblößtseins chen. Da sehen Sie nicht bloß die Schleim- und Hornschichten aufdringlich hervorrief, - ein jedenfalls ziemlich plumper Effekt. der Oberhaut, sondern darunter ist das Lederhautgewebe ge- 334 335, dacht mit seinen Salbendrüsen und Schweißdrüsen und Blutge- Ausübung des pädagogischen Berufs verbunden ist? Und die fäßen und Wärzchen, - und darunter wieder die Fetthaut, die Theologie, die Seelsorge, das geistliche Hirtenamt? Alle mit Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren vielen Fett- dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen von ein zellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt. Was und demselben wichtigen und .hauptsächlichen Interesse, aber mitgewußt und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es nämlich dem Interesse am Menschen, es sind die humanisti- fließt Ihnen in die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da schen Berufe, mit einem Wort, und wenn man sie studieren und irgendwie doch da, und das gibt Anschaulichkeit.« will, so lernt man als Grundlage vor allem einmal die alten Hans Castorp war Feuer und Flamme für dieses Gespräch, Sprachen, nicht wahr, der formalen Bildung halber, wie man seine Stirn war gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, sagt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich so davon rede, ich bin was er zuerst erwidern sollte, denn er hatte vieles zu sagen. Er- ja bloß Realist, Techniker. Aber ich habe noch neulich im Lie- stens beabsichtigte er, das Bild von der beschatteten Fenster- gen darüber nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine ausge- wand fort an einen günstigeren Platz zu schaffen, zweitens zeichnete Einrichtung in der Welt, daß man jeder Art von hu- wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über die Natur manistischem Beruf das Formale, die Idee der Form, der schö- der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens nen Form, wissen Sie, zugrunde legt, - das bringt so etwas No- aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken bles und Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von auszudrücken versuchen, der ihm ebenfalls höchst am Herzen Gefühl und .Höflichkeit, - das Interesse wird dadurch beina- lag. Während er schon die Hände an das Porträt legte, um es ab- he schon zu etwas wie einem galanten Anliegen . .. Das heißt, zuhängen, fing er hastig an: ich drücke mich höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man »Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte sa- sieht da, wie das Geistige und das Schöne sich vermischen und gen .Das heißt, Herr Hofrat sagten: »Noch in einem anderen eigentlich immer schon eines waren, mit anderen Worten: die Verhältnis‹. Es wäre gut, wenn außer dem lyrischen - so, glaube Wissenschaft und die Kunst, und daß also die künstlerische Be- ich, sagten Sie -, dem künstlerischen Verhältnis noch ein an- schäftigung unbedingt auch dazu gehört, als fünfte Fakultät ge- deres vorhanden wäre, wenn man die Dinge, kurz gesagt, noch wissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist als ein humani- unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, zum Beispiel stischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen Interesses, dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend - entschuldigen insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch auch wie- Herr Hofrat -, ich meine, es ist darum so hervorragend richtig, der der Mensch ist, das werden Sie mir zugeben. Ich habe ja bloß weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene Ver- Schiffe und Wasser gemalt, wenn ich mich in meiner Jugend hältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern genau genom- mal in dieser Richtung versuchte, aber das Anziehendste in der men immer um ein und denselben - bloß um Spielarten davon, Malerei ist und bleibt in meinen Augen doch das Porträt, weil es ich meine: Schattierungen, ich meine also: Variationen von ein unmittelbar den Menschen zum Gegenstand hat, darum fragte und demselben allgemeinen Interesse, von dem auch die künst- ich gleich, ob Herr Hofrat sich auch auf diesem Gebiet betätig- lerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein Ausdruck ist, wenn ten ..Würde es hier nun nicht ganz erheblich günstiger hängen?« ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, ich hänge das Bild ab, es Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er sich hat ja hier absolut kein Licht. Sie werden sehen, ich trage es mal dessen nicht schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengere- eben zum Sofa hinüber, ob es denn da nicht doch ganz an- det. Aber Hans Castorp war viel zu sehr bei der Sache, um ver- ders .Ich wollte sagen: Womit beschäftigt sich die medizini- legen zu werden. Er hielt das Bild an die Sofawand und ver- sche Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber langte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser belichtet sei. sie beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, ( deichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem Brett heißes die Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Men- Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. Der Hofrat schen. Und die Sprachforschung, mit der ja meistenteils die wies ins Kabinett und sagte: 336 337, »Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für Ma- nen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp in einem lerei interessieren, als in erster Linie für Skulptur .Doch, da Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats Porträt ge- hat es natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es so viel lehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. Der Hofrat löf- davon verträgt.Für Plastik, meine ich, weil die es doch am felte Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, goß Wasser reinsten und ausschließlichsten mit dem Menschen im allge- nach und ließ das Getränk über der Spiritusflamme aufkochen. meinen zu tun hat. Daß uns aber das Wasser nicht wegkocht.« Es schäumte braun in den Zwiebeltäßchen und erwies sich beim »Sehr wahr, die Plastik«, sagte Hans Castorp, während sie Nippen als ebenso stark wie süß. hinübergingen, und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen oder »Ihre übrigens auch«, sagte Behrens. »Ihre Plastik, soweit da- abzustellen, er nahm es mit, trug es bei Fuß ins anstoßende von die Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn auch nicht Zimmer. »Sicher, so eine griechische Venus oder so ein Athlet, in dem Grade wie bei den Weibern. Bei unsereinem macht das da zeigt sich das Humanistische zweifellos am deutlichsten, es Fett gewöhnlich bloß den zwanzigsten Teil vom Körpergewicht ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich humanistische Art aus, bei den Weibern den sechzehnten. Ohne das Unterhaut- von Kunst, wenn man es sich überlegt.« zellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. Mit den Jahren »Na, was die kleine Chauchat betrifft«, bemerkte der Hofrat, schwindet es ja, und dann gibt es den bekannten unästhetischen »so ist das wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die Male- Faltenwurf. Am dicksten und fettesten ist es an der weiblichen rei, ich glaube, Phidias oder der andere mit der mosaischen Na- Brust und am Bauch, an den Oberschenkeln, kurz überall, wo mensendung, die hätten die Nase gerümpft über ihre Art von ein bißchen was los ist für Herz und Hand. Auch an den Fuß- Physiognomie .Was machen Sie denn, was schleppen Sie sich sohlen ist es fett und kitzlig.« denn mit dem Schinken?« Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwi- »Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da steht schen den Händen. Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl eher es ja für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker indischer oder persischer, als türkischer Herkunft: der Stil der in kümmerten sich aber nicht viel um den Kopf, es kam ihnen auf das Messing gearbeiteten Gravierungen, deren Flächen blank den Körper an, das war vielleicht gerade das Humanistische .aus dem matt gehaltenen Grunde traten, deutete darauf hin. Und die weibliche Plastik, das ist also Fett?« Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich klug dar- »Das ist Fett!« sagte endgültig der Hofrat, der einen Wand- aus werden zu können. Als er klug daraus geworden war, errö- schrank aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeeberei- tete er unversehens. tung entnommen hatte, eine röhrenförmige türkische Mühle, »Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren«, sagte den langgestielten Kochbecher, das Doppelgefäß für Zucker und Behrens. »Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. Mei- gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. »Palmitin, Stearin, ne Küchenfee könnte sich die Augen daran verderben. Sie wer- Olein«, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus einer Blech- den ja wohl weiter keinen Schaden davontragen. Ich habe es büchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. »Die mal von einer Patientin geschenkt bekommen, einer ägypti- Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es schen Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. Sie se- schmeckt noch mal so gut. - Was dachten Sie denn? Daß es hen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?« Ambrosia wäre?« »Ja, das ist merkwürdig«, erwiderte Hans Castorp. »Ha, nein, »Nein, ich wußte es schon selbst. Es ist nur merkwürdig, es mir macht es natürlich nichts. Man kann es ja sogar ernst und so zu hören«, sagte Hans Castorp. leierlich nehmen, wenn man will, - obgleich es dann am Ende Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz am Platz ist. Die Alten sol- Bambustaburett mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, len ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen angebracht haben. auf der das Kaffeegerät zwischen Rauchutensilien Platz gefun- Das Obszöne und das Heilige waren ihnen gewissermaßen ein den hatte: Joachim neben Behrens auf der reichlich mit seide- und dasselbe.« 338 339, »Na, was die Prinzessin betrifft«, sagte Behrens, »die war das zentrale Nervensystem, müssen Sie wissen, ist bloß eine nun, glaub ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten ha- leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und bei den niede- be ich übrigens auch noch von ihr, das ist was Extrafeines, wird ren Tieren, da gibt's den Unterschied zwischen zentral und peri- nur bei erstklassigen Gelegenheiten aufgefahren.« Und er holte pher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken mit der die grellbunte Schachtel aus dem Wandschrank, um sie anzubie- Haut, müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt bloß ten. Hautsinnlichkeit, - muß ganz behaglich sein, wenn man sich so Joachim enthielt sich, indem er die Absätze zusammenzog. hineinversetzt. Dagegen bei so hoch differenzierten Lebewesen, Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich große und wie Sie und ich, da beschränkt sich der Ehrgeiz der Haut auf die breite, mit einer Sphinx in Golddruck geschmückte Zigarette an, Kitzligkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und Meldeorgan, aber die in der Tat wundervoll war. höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem Körper zu nahe »Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut«, bat er, treten will, - sie streckt ja sogar noch Tastapparate über sich hin- »wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Hofrat!« Er hatte aus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, die bloß aus ver- Frau Chauchats Porträt wieder an sich genommen, hatte es auf hornten Hautzellen bestehen und eine Annäherung schon spü- sein Knie gestellt und betrachtete es, in den Stuhl zurückge- ren lassen, bevor die Haut selbst noch berührt ist. Unter uns ge- lehnt, die Zigarette zwischen den Lippen. »Nicht gerade von der sagt, es ist sogar möglich, daß sich der Schutz- und Abwehrbe- Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf sich hat. Aber ruf der Haut nicht bloß aufs Körperliche erstreckt.Wissen von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie so gut zu Sie, wie Sie rot und blaß werden?« malen verstehn.« »Ungenau.« »Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?« »Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, »Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten wenigstens was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist nicht Grade interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich ganz aufgehellt, denn erweiternde Muskeln, die durch die vaso- immer hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich mich motorischen Nerven in Bewegung gesetzt werden könnten, ha- schon gefragt, ob ich nicht Arzt hätte werden sollen, - in gewis- ben sich bis dato an den Gefäßen nicht nachweisen lassen. Wie- ser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt. so dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt - oder was sich Denn wer sich für den Körper interessiert, der interessiert sich sonst für renommistische Beispiele anführen lassen, - das ist so- ja auch für die Krankheit - namentlich sogar für die -, tut er das zusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische Einwir- nicht? Übrigens hat es nicht viel zu sagen, ich hätte Verschiede- kung handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen der nes werden können. Ich hätte zum Beispiel auch Geistlicher Großhirnrinde und dem Gefäßzentrum im Kopfmark bestehen. werden können.« Und bei gewissen Reizen also, zum Exempel: Sie schämen sich »Nanu?« mächtig, da spielt diese Verbindung, und die Gefäßnerven nach »Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekom- dem Gesichte spielen, und dann dehnen und füllen die dortigen men, als ob ich dabei eigentlich ganz in meinem Element gewe- Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen wie ein Puter, ganz sen wäre.« hochgeschwollen von Blut sind Sie da und können nicht aus »Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?« den Augen sehen. Dagegen in anderen Fällen, Gott weiß, was »Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren Ihnen bevorsteht, was ganz gefährlich Schönes möglicherweise, Umstände, die darin den Ausschlag gaben.« da ziehen die Blutgefäße der Haut sich zusammen, und die »Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem Haut wird blaß und kalt und fällt ein, und dann sehen Sie aus Sinnesblatt erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, - on- wie 'ne Leiche vor lauter Emotion, mit bleifarbenen Augenhöh- togenetisch ganz desselben Ursprungs wie der Apparat für die len und einer weißen, spitzen Nase. Aber das Herz läßt der sogenannten höheren Sinnesorgane da oben in Ihrem Schädel: Sympathikus ordentlich trommeln.« 340 341, »So kommt das also«, sagte Hans Castorp. und dergleichen .Was ist damit? Ich würde gern mehr davon »So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber alle hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel, wenn Sie die Reaktionen und Reflexe von Haus aus einen Zweck haben, so Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert mich sehr.« vermuten wir Physiologen beinah, daß auch diese Begleiter- »Das will ich glauben«, erwiderte Behrens. »Die Lymphe, das scheinungen psychischer Affekte eigentlich zweckmäßige ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Kör- Schutzmittel sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie die Gänse- perbetrieb, — es schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so vor, haut. Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?« wenn Sie fragen. Man spricht immer von Blut und seinen My- »Auch nicht so recht.« sterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber die Lymphe, »Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, die die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, wissen Sie, Blut- die Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges Se- milch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, — nach Fettnahrung kret, wissen Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die Haut sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.« Und aufgeräumt und geschmeidig, damit sie vor Dürre nicht reißt und springt und redensartlich begann er zu schildern, wie das Blut, diese theater- angenehm anzufassen ist, — es ist ja nicht auszudenken, wie die mantelrote, durch Atmung und Verdauung bereitete, mit Gasen menschliche Haut anzufassen wäre ohne die Cholesterin- gesättigte, mit Mauserschlacke beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, schmiere. Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische Zucker- und Salzbrühe, die achtunddreißig Grad heiß von der Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn sie das Herzpumpe durch die Gefäße gedrückt werde und überall im tun, dann wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin den Körper den Stoffwechsel, die tierische Wärme, mit einem Wor- Eimer mit den Gründlingen über den Leib goß, wie ein Reibei- te das liebe Leben in Gang halte, — wie also das Blut nicht un- sen wird Ihre Haut, und wenn der Reiz stark ist, so richten auch mittelbar an die Zellen herankomme, sondern wie der Druck, die Haarbälge sich auf, — die Haare sträuben sich Ihnen auf dem unter dem es stehe, einen Extrakt und Milchsaft davon durch Kopf und die Härchen am Leibe, wie einem Stachelschwein, das die Gefäßwände schwitzen lasse und ihn in die Gewebe presse, sich wehrt, und Sie können sagen, Sie haben das Gruseln ge- so daß er überall hindringe, als Gewebeflüssigkeit jedes Spält- lernt.« chen fülle und das elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das »Oh, ich«, sagte Hans Castorp, »ich habe das schon manchmal sei die Gewebsspannung, der Turgor, und wieder der Turgor gelernt. Mir gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschie- seinerseits mache, daß die Lymphe, wenn sie die Zellen bespült densten Gelegenheiten. Was mich wundert, ist nur, daß die und Stoff mit ihnen getauscht habe, in die Lymphgefäße getrie- Drüsen bei so verschiedenen Gelegenheiten sich aufrichten. ben werde, die vasa lymphatica, und zurück in das Blut fließe, es Wenn einer mit einem Griffel über Glas fährt, so kriegt man ei- seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das Röhren- und ne Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik kriegt man Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von dem Brustmilch- auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das gang, der die Lymphe der Beine, des Bauches und der Brust, ei- Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das nes Armes und einer Kopfseite sammle, von zarten Filterorga- Graupeln und Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es ist nen sodann, welche vielerorts in den Lymphgefäßen ausgebildet doch sonderbar, wodurch nicht alles die kleinen Muskeln in seien, Lymphdrüsen genannt und gelegen am Halse, in der Bewegung gesetzt werden.« Achselhöhle, den Ellbogengelenken, der Kniekehle und an ähn- »Ja«, sagte Behrens, »Reiz ist Reiz. Der Inhalt des Reizes lich intimen und zärtlichen Körperstellen. »Da können nun kümmert den Körper den Teufel was. Ob Gründlinge oder Schwellungen vorkommen«, erklärte Behrens, »und davon gin- Abendmahl, die Talgdrüsen richten sich eben auf.« gen wir ja wohl aus, — Verdickungen der Lymphdrüsen, sagen »Herr Hofrat«, sagte Hans Castorp und betrachtete das Bild wir mal: in den Kniekehlen und den Armgelenken, wasser- auf seinen Knien, »worauf ich noch zurückkommen wollte. Sie suchtähnliche Geschwülste da und dort, und das hat immer ei- sprachen vorhin von inneren Vorgängen, Lymphbewegungen nen Grund, wenn auch nicht gerade einen schönen. Unter Um- 342 343, ständen wird einem der Verdacht der tuberkulösen Lymphge- »Auffallend richtig. Oxydation.« fäßverstopfung näher als nahgelegt.« »Und Leben?« Hans Castorp schwieg. »Ja«, sagte er leise nach einer Pause, »Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist haupt- »es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilch- sächlich auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt gang .Die Lymphe der Beine .Das interessiert mich sehr. - die schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu viel Was ist der Körper!« rief er auf einmal stürmisch ausbrechend. hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen, »Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des Menschen! Woraus - une destruction organique, wie irgendein Franzose es in seiner besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr Hofrat! angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt hat. Es riecht auch Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es wis- danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so ist unser sen!« Urteil bestochen.« »Aus Wasser«, antwortete Behrens. »Für organische Chemie »Und wenn man sich für das Leben interessiert«, sagte Hans interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, Castorp, »so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres man das nicht?« und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. »Na, so eine Art von Unterschied bleibt ja immerhin. Leben Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.« davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Pro- »Wozu die Form erhalten«, sagte Hans Castorp. teinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler ausdrücken wollen, »Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen huma- denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett und Salz zugesetzt nistisch, was Sie da sagen.« ist, das ist so gut wie alles.« »Form ist ete-pe-tete.« »Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?« »Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förm- »Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, lich was Draufgängerisches. Aber ich falle nun ab«, sagte der Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln Hofrat. »Ich werde nun melancholisch«, sagte er und legte seine ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch riesige Hand über die Augen. »Sehen Sie, das kommt so über mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen getrunken, und es hat und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das kommt, weil das mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über mich, daß ich Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon ent- wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich schuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen mög- Ihnen denn noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein lichen Spaß gemacht..« Eiweiß, das Myosinogen, das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwür- und die Totenstarre erzeugt.« fe, sagten sie, den Herrn Hofrat so lange .Er gab beruhigende »Ja so, die Totenstarre«, sagte Hans Castorp munter. »Sehr Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich, Frau Chau- gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anato- chats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und wieder an seinen mie des Grabes.« Platz zu hängen. Sie betraten den Garten nicht mehr, um in ihr »Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg durch das Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozu- Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür begleitete. sagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen Ingre- Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem Ge- dienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden durch mütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.« mit seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippen- »Fäulnis, Verwesung«, sagte Hans Castorp, »das ist doch Ver- schürzung schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Aus- brennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.« druck gewonnen. 344 345, Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans nur noch Schnee, das Tal war angefüllt mit Gestöber, und da das Castorp: »Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.« reichlich lange so ging, auch die Temperatur unterdessen be- »Jedenfalls war es eine Abwechslung«, erwiderte Joachim. trächtlich gefallen war, so konnte der Schnee nicht ganz weg- »Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei schmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag in dün- dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein nem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß das Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal er- wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten in wärmten die Röhren sich laulich. Das war Anfang November, den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete um Allerseelen, und es war nicht neu. Auch im August war es von mir, daß ich so darauf halte, — draufgängerisch, wie du neu- schon so gewesen, und längst hatte man sich entwöhnt, den erdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so nötig Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets und bei wie ich.« jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren Forschungen davon in den Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang vorzuliegen schien, und immer hatten die So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Ca- fernsten Bergmajestäten des Südens im Schnee herübergegrüßt. storp noch vor kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Win- Aber beides hielt an, der Schneefall und der Wärmerückgang. ter fiel ein, der hiesige Winter, den Joachim schon kannte, da Der Himmel hing blaßblau und niedrig über dem Tal, löste sich der vorige noch in voller Herrschaft gewesen, als er hier einge- in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in übertrie- troffen war, vor dem aber Hans Castorp sich etwas fürchtete, bener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet wußte. Sein Vetter wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem suchte ihn zu beruhigen. Zimmer sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur »Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen«, sagte er, noch fünf. Das war der Prost, und er hielt sich in Grenzen, aber »nicht gerade arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der er hielt sich. Es hatte bei Nacht gefroren, nun fror es auch am Lufttrockenheit und der Windstille. Wenn man sich gut ver- Tage, und zwar von morgens bis abends, wobei es weiterschnei- packt, kann man bis tief in die Nacht auf dem Balkon bleiben, te, mit kurzen Unterbrechungen den vierten und fünften, den ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der Temperaturum- siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an, nach- kehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren La- gerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienst- gen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wege zur Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab wenn es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und ge- ins Tal, Gehbahnen geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab heizt wird auch ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.« kein Ausweichen darauf, bei Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis zum Knie. Eine Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein nicht die Rede sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen nicht sehr anders aus, als mancher Tag, den auch der Hochsom- des Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von alt- mer schon mit sich geführt hatte. Ein paar Tage lang hatte Süd- fränkisch postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge wind geweht, die Sonne drückte, das Tal schien verkürzt und vorn, der die weißen Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen des Aus- zwischen dem Kurhausviertel und dem »Dorf« genannten nörd- gangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und lichen Teil der Siedelung. Die Welt, die enge, hohe und abge- Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. schiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick bepelzt und Dann regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weiß- gepolstert; es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine weiße lichgrau, Schnee hatte sich dareingemischt, es war schließlich 346 347, Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwan- sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen den, verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humori- Anstoß daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit da- stisch geformte Kissen lasteten überall auf den Zweigen der mit abzufinden, und wo nicht überall und unter welchen Um- Kiefern, da und dort rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog ständen war in der Welt schon Weihnachten begangen worden! als Wolke und weißer Nebel zwischen den Stämmen dahin. Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Ad- Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in den unteren Bezirken, vent von Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich weich zugedeckt die über die Baumgrenze hinausragenden, ver- sechs Wochen bis dahin. Diese aber übersprang und verschlang schieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne stand nur man im Speisesaal, — ein inneres Verfahren, auf das Hans Ca- als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee storp ja schon auf eigene Hand sich verstehen gelernt hatte, gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben ge- die Welt und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen un- wöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche ter den weißen oder farbigen Wollmützen rot waren. Etappen im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der An- eben recht als Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über bruch des Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das leere Zwischenzeiten behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hat- Gespräch. Viele Touristen und Sportsleute, hieß es, seien einge- ten alle Fieber, ihr Stoffumsatz war erhöht, ihr Körperleben ver- troffen und bevölkerten die Hotels von »Dorf« und »Platz«. stärkt und beschleunigt, — es mochte am Ende wohl damit zu- Man schätzte die Höhe des geworfenen Schnees auf sechzig sammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft durch- Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im Sinne des trieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen schon als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Hange von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, Fastnacht gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt schon in den nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vor- war man mitnichten im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten ausgesetzt, daß nicht der Föhn einen Strich durch die Rechnung machte man halt, es gab Anlaß zu Sorgen und Kopfzerbrechen. mache. Man freute sich auf das Treiben der Gesunden, der Gäste Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das nach bestehen- unten, das nun sich hier wieder entwickeln werde, auf die der Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am Heiligen Sportfeste und Rennen, denen man auch gegen Verbot beizu- Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine wohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und ent- Sammlung eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Rei- wischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfin- sekoffer geschenkt, wie diejenigen überlieferten, die seit mehr dung aus Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die als Jahresfrist hier waren. Man sprach für diesmal von einem Teilnehmer auf Skiern stehend von Pferden ziehen lassen wür- neuen Operationstisch, einer Malstaffelei, einem Gehpelz, ei- den. Dazu wollte man entwischen. — Auch von Weihnachten nem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie »ein- war die Rede. gelegten« Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikogra- nicht gedacht. Er hatte leicht sagen und schreiben können, daß phischen Werkes, genannt »Soziologie der Leiden«; doch fiel er kraft ärztlichen Befundes mit Joachim den Winter hier werde ihm einzig ein Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der zubringen müssen. Aber das schloß ein, wie sich nun zeigte, daß Kleefeld saß. Einigung hatte sich noch nicht ergeben wollen. er hier Weihnachten verleben sollte, und das hatte ohne Zweifel Die Verständigung mit den russischen Gästen bot Schwierigkei- etwas Erschreckendes für das Gemüt, schon deshalb, aber nicht ten. Die Sammlung spaltete sich. Die Moskowiter erklärten, ganz allein deshalb, weil er diese Zeit überhaupt noch niemals Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau Stöhr anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie, verlebt hatte. zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetra- In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen ges, zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise 348 349, für Frau Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten chen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben »vergaß«. Sie »vergaß« es, — die Betonungen, mit denen Frau einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die Stöhr dies Wort versah, waren vielfach abgestuft und sämtlich allen Bewohnern des »Berghofs« noch um neun Uhr aufs Zim- darauf berechnet, den tiefsten Unglauben an eine Vergeßlich- mer gebracht wurde, und in die Hans Castorp sich einen Schuß keit zu bekunden, die allen Anspielungen und feinen Gedächt- Kognak goß, um sie sich mundgerechter zu machen. Schon hatte nisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie versicherte, er alle verfügbaren Schutzmittel gegen die Kälte aufgeboten, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach ver- den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak er in dem knöpfba- zichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe ren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft des Kuror- zu schenken. »Ich zahle also für mich und für sie«, sagte sie, tes rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden Ka- »gut, nicht mein ist die Schande!« Endlich aber war sie auf ei- melhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über nen Ausweg verfallen, von dem sie der Tischgesellschaft zu all- dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine gemeiner Heiterkeit Mitteilung machte: sie hatte sich die zehn wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen Franken auf der »Verwaltung« auszahlen und der Iltis in Rech- dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der nung stellen lassen, — womit die träge Schuldnerin denn überli- Finger nicht hindern konnten. stet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war. Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitter- Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Him- nacht (wenn das schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst mel sich, graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Son- verlassen hatte), war wohl auch der Zauber der Winternacht, zu- nenblicke einfallen, die die Landschaft bläulich färbten. Dann mal bis elf Uhr Musik darin wob, die von näher und ferner her wurde es völlig heiter. Klarer Frost herrschte, reine, gesicherte aus dem Tale heraufdrang, — hauptsächlich aber Trägheit und Winterspracht um Mitte November, und das Panorama hinter Angeregtheit, beides zugleich und im Verein: nämlich die Träg- den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die weich- heit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines Körpers und gefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem blaustrah- die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über gewissen lenden Himmel, war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerun- neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich ein- dete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wun- gelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte derbar. Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte ihm zu, der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die seinen Organismus. Er aß viel, nutzte die gewaltigen Berghof- dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Ster- mahlzeiten, bei denen auf garniertes Rostbeaf gebratene Gänse nen bestickt. Scharfe, genaue und intensive Schatten, die wirkli- folgten, mit jenem übergewöhnlichen Appetit, der hier durch- cher und bedeutender schienen als die Dinge selbst, fielen von aus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als im Sommer, den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen auf die an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn Schlaf- blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar sucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die den Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und er- oftmals einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosig- starrt im Traum eines phantastischen Todeszaubers. keit seine Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen — und Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Bal- er neigte hier mehr als ehemals im Tiefland zu schnellem, rück- konloge über dem verwunschenen Wintertal, weit länger als haltlosem und selbst gewagtem Plaudern -, lebhaftes Sprechen Joachim, der sich um zehn, oder doch nicht viel später, zurück- also mit Joachim während ihrer Dienstgänge im Schnee er- zog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit dem dreiteiligen Polster schöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von Be- und der Nackenrolle war nahe an das Holzgeländer gerückt, auf täubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem weißen Tisch- Hitze. Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, 350 351, und Hofrat Behrens hatte etwas von Injektionen fallen lassen, zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren Liegehalle, die er bei hartnäckiger Übertemperatur anzuwenden pflegte, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen, und ei- und denen zwei Drittel der Gäste, auch Joachim, sich regelmä- ner gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede be- ßig zu unterziehen hatten. Mit der gesteigerten Wärmeerzeu- hauptete, sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, gung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp, hatte gewiß die kam es nach dem Diner zu einer mehr als unerquicklichen, ei- geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an ihrem Teil gentlich gewalttätigen Szene, der Hans Castorp in seiner Bal- bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl fest- konloge zuzuhören hatte, und die mit einem hysterischen hielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen Schreikrampf einer der beiden Damen — es konnte die Redisch, nah. konnte aber auch die Hessenfeld sein — und der Verbringung Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Pri- der Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte vatbalkons des internationalen Sanatoriums »Berghof«, — na- sich des Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. mentlich von Anfängern und Kurzfristigen, denn die Vielmo- Sie studierte es teilweise gemeinsam nach dem Souper auf ver- natigen oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch ohne schiedenen Zimmern. Hans Castorp sah, wie der Junge mit dem Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu vernich- Fingernagel es im Speisesaal einer jungen, frisch eingetroffenen ten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu bringen, ja, Leichtkranken, Fränzchen Oberdank, einhändigte, einem blond sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich dabei an gescheitelten Haustöchterchen, das erst kürzlich von seiner ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Mutter heraufgebracht worden war. Schoß oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stun- sich versorgt zu fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an den des Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Be- Bilderwerken reich, der erweiterte Unterhaltungsbestand eines schäftigung, einem irgendwie förderlichen Studium erfüllten, zahnärztlichen Wartezimmers, bot sich der freien Benutzung an. sei es auch nur, um dadurch eine Verbindung mit dem Leben Romanbände aus der Leihbibliothek von »Platz« wurden ausge- der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein wenig Schwere und tauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift auf, um die Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst überhaupt nichts man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn Settembrini, mit erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem ehr- wo wir halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu liebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch Hand, das Herr Albin eingeführt hatte und das »Die Kunst, zu dieser und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen verführen« betitelt war. Es war sehr wörtlich aus dem Französi- des Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so mögli- schen übersetzt, ja selbst die Syntax dieser Sprache war in der cherweise gerade unter den Bettlägrigen und Moribunden, - Übertragung beibehalten, wodurch der Vortrag viel Haltung Hans Castorp war geneigt, es zu glauben. Ihn selbst angehend, und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte die Philoso- so hatte er sich seinerzeit, da Ocean steamships ihm nichts mehr phie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines weltmännisch- zu sagen hatte, zusammen mit seinem Winterbedarf, auch einige lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald gele- in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher, Ingenieur-Wissen- sen und fand es »berauschend«. Frau Magnus, dieselbe, die Ei- schaftliches, Schiffsbautechnisches, von zu Hause heraufkom- weiß verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bier- men lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten brauer, wollte für seine Person bei der Lektüre manches profi- anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöri- tiert haben, bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich ger Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust aufgenommen, denn dergleichen »verhätschele« die Frauen und gefaßt. Es waren solche der Anatomie, Physiologie und Lebens- bringe ihnen unbescheidene Begriffe bei. Diese Äußerung ver- kunde, abgefaßt in verschiedenen Sprachen, auf deutsch, franzö- stärkte die Begierde nach dem Buchwerk nicht wenig. Zwischen sisch und englisch, und sie wurden ihm eines Tages vom Buch- 352 353, händler des Ortes heraufgeschickt, offenbar, weil er sie bestellt, nen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu und zwar auf eigene Hand, stillschweigend, gelegentlich eines binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Ner- Spazierganges, den er ohne Joachim (da dieser gerade zur Injek- vensystems zu bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein tion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach »Platz« hinunter Nervensystem, geschweige daß sie ein Großhirn gehabt hätten, gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung in sei- doch wagte es niemand, ihnen die Fähigkeit der Empfindung nes Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaft- von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das Leben betäu- liche Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten ben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der Reizemp- der Deckel und auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum pfindlichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man Hans Castorp sie sich nicht, wenn er dergleichen schon lesen konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im wollte, vom Hofrat geliehen habe, der diese Literatur doch si- Pflanzen- wie im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte cher in guter Auswahl besitze. Aber Hans Castorp erwiderte, er liier und Samenfäden mit Chloroform, Chloralhydrat oder wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes Lesen, wenn Morphium narkotisieren. Bewußtsein seinerselbst war also das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift dar-; schlechthin eine Punktion der zum Leben geordneten Materie, einzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen seines Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Blätter broschierter Bogen trennt. Erklärung des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungs- Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte voll-hoffnungslosen Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, sie im Liegen mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Ma- einem Sich-in-sich-Wühlen der Natur, vergeblich am Ende, da gen. Es drückte, aber er nahm das in Kauf; halboffenen Mundes Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben im Letzten sich ließ er seine Augen über die gelehrten Seiten hinuntersteigen, nicht belauschen kann. die fast unnötigerweise vom rötlichen Schein des beschirmten Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im starken Mondlicht den natürlichen Punkt, an dem es entsprang und sich entzünde- lesbar gewesen wären, — folgte mit dem Kopf, bis sein Kinn auf te, Nichts war unvermittelt oder nur schlecht vermittelt im Be- der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das reiche des Lebens von jenem Punkte an; aber das Leben selbst Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlum- erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber aussagen ließ, mernd oder im Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart sein, Er forschte tief, er las, während der Mond über das kristallisch daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen glitzernde Hochgebirgstal seinen gemessenen Weg ging, von vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wir- der organisierten Materie, den Eigenschaften des Protoplasmas, beltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich, im Verglei- der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer Seins- che mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung des Lebens schwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz, und ihrer und jener Natur, die nicht einmal verdiente, tot genannt zu Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod war nur die Grundformen, las mit dringlichem Anteil vom Leben und sei- logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und unbeleb- nem heilig-unreinen Geheimnis. ter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung verge- Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bens zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien bewußt, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im ge- nicht, was es sei. Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzwei- ringsten dadurch einzubüßen. Man hatte sich, um ein Binde- felhaft, erwachte bis zu einem gewissen Grade schon auf den glied zu finden, zu dem Widersinn der Annahme strukturloser niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines Vorkommens, es war Lebensmaterie, unorganisierter Organismen herbeigelassen, die unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an irgendei- in der Eiweißlösung von selbst zusammenschössen, wie der 354 355, Kristall in der Mutterlauge, — während doch organische Diffe- Sichentfalten und Gestaltbilden von etwas Gedunsenem aus renziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles Lebens Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man Fleisch nannte, blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde, da- einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des bei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Jubels, mit dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen Denn diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in des Meeres gefischt hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte den Werken der Dichtung und Musik, auch nicht getragen von sich, daß man Gipsniederschläge für Protoplasma gehalten. Um einem neutralen und geistverzehrten, den Geist auf eine un- aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu müssen — denn das schuldige Art versinnlichenden Stoff, wie die Form und Schön- Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in dieselben heit der Bildwerke. Vielmehr war sie getragen und ausgebildet Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, von der auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, ein Wunder gewesen -, war man trotzdem genötigt, an Urzeu- der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst, dem rie- gung, das heißt an die Entstehung des Organischen aus dem chenden Fleische .Unorganischen, zu glauben, die übrigens ebenfalls ein Wunder Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und Übergänge zu ersin- seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte nen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die niedriger sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten Frostnacht standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch ursprünglichere das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien, die entrückt und doch sinnennah, der Leib, der Körper, matt weiß- niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen lich, ausduftend, dampfend, klebrig, die Haut, in aller Unreinig- Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthe- keit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit Flecken, Papillen, Gil- se von Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte .bungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden, überzogen Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären Lanu- formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von goflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und Wiederher- in seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas stellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Kühlem, Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Haut war, die Hände im Nacken verschränkt, und blickte unter Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten und gesenkten Lidern hervor, aus Augen, die eine Varietät der Lid- fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit süß-schmerz- hautbildung schief erscheinen ließ, mit halb geöffneten, ein we- lich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es nig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden entgegen, ge- war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwi- stützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in schen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber Beins, leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich wiewohl nicht materiell, war es sinnlich bis zur Lust und zum gegen die Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lä- Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar gewor- chelnd gedreht, in seiner Anmut lehnend, die schimmernden denen Materie, die unzüchtige Form des Seins. Es war ein Ellbogen vorwärts gespreizt, in der paarigen Symmetrie seines heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des Alls, Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf dünstenden Dunkel eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die Nacht Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, und üblen Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es den roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte war das durch Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglich- Nabel entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und te und in eingeborene Bildungsgesetze gebannte Wuchern, im Rückenmark entspringender motorischer Nerven regten sich 356 357, Bauch und Brustkorb, die Pleuroperitonealhöhle blähte sich und Schutz, zur Stütze, zur Beförderung der Säfte oder zur Fort- zog sich zusammen, der Atemhauch, erwärmt und befeuchtet pflanzung einseitig ausgebildet und tüchtig waren. Es gab Lok- von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit Ausschei- kerungen dieser zum hohen Ich vereinigten organischen Plurali- dungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nach- tät, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen nur auf dem er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit zusam- Hämoglobin des Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn mengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung Hans Castorp verstand, daß dieser Lebenskörper in dem ge- der Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, de- heimnisvollen Gleichmaß seines blutgenährten, von Nerven, ren einzelne Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte einge- Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten, von Lymphe hüllt, oft weit voneinander lagen, mehrzellige Bildungen im- durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von merhin, die aber, zur Rede gestellt, nicht zu sagen gewußt hät- fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und ten, ob sie als Siedelung einzelliger Individuen oder als Ein- Wurzelknochen, die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem heitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer Selbstaussa- Gallertgewebe, mit Hilfe von Kalksalzen und Leim sich befe- ge zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt ha- stigt hatten, um ihn zu tragen; mit den Kapseln und schlüpfrig ben würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwi- geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner Gelenke, schen der hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindivi- seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der Er- duen zu Geweben und Organen einer übergeordneten Ichheit - nährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienen- und der freien Einzelexistenz dieser Einfachheiten: der vielzel- den Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, ab- lige Organismus war nur eine Erscheinungsform des zyklischen sonderungsreichen Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk sei- Prozesses, in dem das Leben sich abspielte, und der ein Kreislauf ner verwickelten, durch Leibesöffnungen in die äußere Natur von Zeugung zu Zeugung war. Der Befruchtungsakt, das ge- mündenden Innenfläche: daß dieses Ich eine Lebenseinheit von schlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber, stand am An- hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von der Art jener fang des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche at- Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementar- meten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus geschöpfe stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen Akt war nachhaltig durch viele Geschlechter, die seiner nicht her ihren Ursprung genommen, sich durch immer wiederkeh- bedurften, um sich in immer wiederholter Teilung zu vermeh- rende Teilung vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststel- ren, bis ein Augenblick kam, wo die ungeschlechtlich entstan- lungen und Verbänden geordnet, gesondert, eigens ausgebildet denen Nachkommen zur Erneuerung des Kopulationsgeschäftes und Formen hervorgetrieben hatten, die Bedingung und Wir- sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich schloß. So kung ihres Wachstums waren. war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der Kernver- Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Le- schmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vie- bens-Ich war also eine ungeheure Vielheit atmender und sich ler ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindivi- ernährender Individuen, welche, durch organische Einordnung duen; sein Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungs- und Sonderzweckgestaltung, des ichhaften Seins, der Freiheit kreis schloß sich, wenn Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke und Lebensunmittelbarkeit in so hohem Grade verlustig gegan- der Fortpflanzung ausgebildete Elemente, sich in ihm hergestellt gen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden waren, daß hatten und den Weg zu einer das Leben neu antreibenden Ver- die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit ge- mischung fanden. gen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, noch verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verän- verfolgte der junge Abenteurer die Entwicklung des Organis- dern oder Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum mus von dem Augenblick an, wo der Samenfaden, einer von 358 359, vielen und dieser zuerst, sich antreibend durch die peitschenden degewebszellen Kalksalze und Fette aus den umspülenden Säf- Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner Kopfspitze an die ten an sich ziehen und verknöchern. Der Embryo des Menschen Gallerthülle des Eies stieß und sich in den Empfängnishügel kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des Schweines einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner Annäherung durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und entgegenwölbte. Keine Pratze und Farce war auszudenken, in stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges geblähten Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wis- sich nicht ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das senschaft, deren Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und Männchen im Darm des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, düster war, als die flüchtige Wiederholung einer zoologischen bei denen der Arm des Erzeugers der Erzeugerin durch den Ra- Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte er Kiementaschen wie chenschlund in das Innere griff, um seine Sämereien dort nie- ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus den Entwick- derzulegen, worauf er, abgebissen und ausgespien, allein auf sei- lungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen nen Fingern davonlief, zur Betörung der Wissenschaft, die ihn Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten lange auf Griechisch-Latein als selbständiges Lebewesen anspre- geboten hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Ab- chen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die Gelehr- wehr der Insekten ausgestattet und dicht behaart, die Ausdeh- tenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von nung seiner Riechschleimhaut gewaltig, seine abstehenden, be- denen die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollen- weglichen, am Mienenspiel lebhaft beteiligten Ohren zum deter kleiner Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. Damals hatten Erreger seines Wachstums, während die anderen im Samenfa- seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt, seit- den, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein vorgebildetes Lebe- lich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Ru- wesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, — bis man diment die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu über- übereingekommen war, der Ei- und Samenzelle, die aus ur- wachen vermocht hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr sprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden langes Darmrohr, viele Mahlzähne und Schallsäcke am Kehl- waren, gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den ein- kopf zum Brüllen besessen und auch die männlichen Ge- zelligen Organismus des befruchteten Eies auf dem Wege, sich schlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen. in einen vielzelligen umzuwandeln, indem es sich furchte und Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher teilte, sah die Zellenleiber zur Schleimhautlamelle sich zusam- die Gliedmaßen des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre ober- menschmiegen, die Keimblase sich einstülpen und einen Becher flächlichen und ihre tiefen, hinteren Muskeln, Sehnen und Bän- und Hohlraum bilden, der das Geschäft der Nahrungsaufnahme der: diejenigen der Schenkel, des Fußes und namentlich der Ar- und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das Urtier, die me, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die lateinischen Na- Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der men, mit denen die Medizin, diese Abschattung des humanisti- fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äuße- schen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und unter- re und die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, schieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen erwiesen sich als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Ausstülpungen die Drüsen, die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, Einheit alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Diszipli- die Körperfortsätze sich bildeten. Ein Streifen des äußeren nen darin sich betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne, schloß sich merkwürdigste an seinen eigentlichen — oder muß man sagen: zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und früheren — Beruf, die wissenschaftliche Charge erinnert, als de- wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu ren Zugehöriger er bei seiner Ankunft hier oben sich den Be- Knorpel festigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsub- gegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn Settembrini) vorge- stanz zu erzeugen begannen, sah er an gewissen Orten die Bin- stellt hatte. Um irgend etwas zu lernen — es war recht gleichgül- 360 361, tig gewesen, was -, hatte er auf Hochschulen dies und das von Der lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der Veränderungen, die die Totenstarre hervorrief, genügten, um al- Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des me- les Experimentieren nichtssagend zu machen. Niemand ver- chanischen Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, stand den Stoffwechsel, niemand das Wesen der Nervenfunk- zu meinen, daß die Ingenieurwissenschaften, die Regeln der tion. Welchen Eigenschaften verdankten die schmeckenden Mechanik auf die organische Natur Anwendung gefunden hät- Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige ten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß sie davon abge- Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin leitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin wiederholt die Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im Bau und Menschen beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen die niemand zu nennen gewußt hätte. Die Zusammensetzung Minimum von solider Substanz den statischen Ansprüchen Ge- des Sekrets, das man Schweiß nannte, war wenig geklärt. Die nüge geschah. Ein Körper, hatte Hans Castorp gelernt, der den Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die unter Säu- Anforderungen gemäß, die durch Zug und Druck an ihn gestellt getieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über deren werden sollen, nur aus Stäben und Bändern eines mechanisch Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein er- brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann dieselbe klärte. Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen Stof- des Körpers war in Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm fes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich beiseite lassen, der ein Mysterium war, und den man beim Ka- verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Sub- ninchen regelmäßig mit einem breiigen Inhalt angefüllt fand, stanz an ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch von dem nicht zu sagen war, wie er wieder hinausgelangen oder unnötig wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwan- sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit der weißen delten. Der Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, Konstruktion die organische Natur durch die Richtung, die sie der mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Ein- den Knochenbälkchen gegeben, auf ein Haar die gleichen Zug- lagerungen der »Brücke«? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans Castorp bei der war dermaßen zersetzlich, daß keine Hoffnung bestand, je ihren graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen Aufbau zu ergründen. Was enthob beim Einschlafen die Groß- Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit hirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die Selbstverdauung des Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organi- Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen ereignete? schen Natur überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis ste- Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft hen: dem lyrischen, dem medizinischen und dem technischen, - des lebenden Protoplasmas, — und tat, als bemerke man nicht, so groß war seine Angeregtheit, und diese drei Verhältnisse, daß das eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so all- fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren Abwandlun- täglichen Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. gen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische Der gesteigerte Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion Fakultäten .zur Folge. Aber warum steigerte sich nicht, wie sonst, kompen- satorisch die Wärmeausgabe? Beruhte die Lähmung der Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der Haut? Aber unerklärlich, dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu be- nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war greifen. Die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge war nicht die Haut vielmehr heiß. Der »Wärmestich« kennzeichnete das nur unbekannt, sondern es lag in ihrer Natur, sich der Einsicht Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der Zusammenset- Umsatz wie für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu zung der Lebenseinheit, die man die »Zelle« nannte, fast nichts. nennen sich begnügte, da man sie nicht zu bestimmen wußte. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? 362 363, Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit der organisch, als Lebensordnung »aufgebaut« sein; denn der Be- Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Ge- griff der Lebenseinheit war identisch mit dem des Aufbaues aus dächtnisses oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächt- kleineren, untergeordneten, das hieß: zu höherem Leben geord- nisses stand, das die Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? neten Lebenseinheiten. Solange die Teilung organische Einhei- Die Unmöglichkeit, auch nur die Ahnung einer mechanischen ten ergab, die die Eigenschaften des Lebens, nämlich die Fähig- Erklärbarkeit solcher Leistungen der Zellsubstanz zu fassen, war keiten der Assimilation, des Wachstums und der Vermehrung vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und verwickelte besaßen, waren ihr keine Grenzen gesetzt. Solange von Lebens- Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das Ei übertrug, einheiten die Rede war, konnte nur fälschlich von Elementar- war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die stärkste Vergröße- einheiten die Rede sein, denn der Begriff der Einheit umschloß rung reichte nicht hin, ihn anders denn als homogenen Körper ad infinitum den Mitbegriff der untergeordnet-aufbauenden erscheinen zu lassen und die Bestimmung seiner Abkunft zu er- Einheit, und elementares Leben, also etwas, was schon Leben, möglichen; denn bei einem Tier sah er aus wie beim anderen. aber noch elementar war, gab es nicht. Das waren Organisationsverhältnisse, die zu der Annahme Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt derglei- zwangen, daß es sich mit der Zelle nicht anders verhielt als mit chen irgendwie wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, das dem höheren Leib, den sie aufbaute; daß also auch sie schon ein hieß: der Entstehung des Lebens aus dem Nichtlebenden, war ja übergeordneter Organismus war, der seinerseits und wiederum nicht von der Hand zu weisen, und jene Kluft, die man in der sich aus lebenden Teilungskörpern, individuellen Lebenseinhei- äußeren Natur vergebens zu schließen suchte, die nämlich zwi- ten zusammensetzte. Man schritt also vom angeblich Kleinsten schen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen Inne- zum abermals Kleineren vor, man löste notgedrungen das Ele- ren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder überbrücken. mentare in Unterelemente auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich Irgendwann mußte die Teilung zu »Einheiten« führen, die, zwar aus verschiedenen Spezies von Tieren, wie der tierisch-mensch- zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, zwischen Leben liche Organismus aus einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, und Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, den Übergang so bestand derjenige der Zelle aus einem neuen und vielfältigen bildend zwischen Lebensordnung und bloßer Chemie. Allein Tierreich elementarer Lebenseinheiten, deren Größe tief unter beim chemischen Molekül angekommen, fand man sich bereits der Grenze des mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig in der Nähe eines Abgrundes, der weit mysteriöser gähnte als wuchsen, selbsttätig, nach dem Gesetz, daß jede nur ihresglei- der zwischen organischer und unorganischer Natur: nahe dem chen hervorbringen konnte, sich vermehrten und nach dem Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen. Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinsam der nächsthöheren Le- Denn das Molekül setzte sich ja aus Atomen zusammen, und bensordnung dienten. das Atom war bei weitem nicht mehr groß genug, um auch nur Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, — Hans als außerordentlich klein bezeichnet werden zu können. Es war Castorp war erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche Be- dermaßen klein, eine derart winzige, frühe und übergängliche kanntschaft zu machen. Nur fragte er sich in seiner Angeregt- Ballung des Unstofflichen, des noch nicht Stofflichen, aber heit, wie es bei abermals verbesserter Beleuchtung um ihre Ele- schon Stoffähnlichen, der Energie, daß es kaum schon oder mentarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben trugen, mußten kaum noch als materiell, vielmehr als Mittel und Grenzpunkt sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf Organisation; wenn zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen gedacht sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht elementar sein, werden mußte. Das Problem einer anderen Urzeugung, weit denn ein Organismus ist nicht elementar, er ist vielfach. Sie wa- rätselhafter und abenteuerlicher noch als die organische, warf ren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit der Zelle, die sich auf: der Urzeugung des Stoffes aus dem Unstofflichen. In sie organisch aufbauten. Wenn dem aber so war, so mußten sie, der Tat verlangte die Kluft zwischen Materie und Nichtmaterie obgleich über alle Begriffe klein, selbst »aufgebaut«, und zwar ebenso dringlich, ja noch dringlicher nach Ausfüllung als die 364 365, zwischen organischer und anorganischer Natur. Notwendig »kleinsten« Stoffteile sich offenbart hatte, und die Begriffe des mußte es eine Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Außen und Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer Standfe- Verbindungen, aus denen das Stoffliche entsprang, wie die Or- stigkeit gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie ganismen aus unorganischen Verbindungen entsprangen, und höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, orga- die Atome mochten die Probien und Moneren der Materie dar- nisch betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumeri- stellen, — stofflich ihrer Natur nach und auch wieder noch nicht. sche Kühnheit eines Forschers von »Milchstraßentieren« gespro- Aber angelangt beim »nicht einmal mehr klein«, entglitt der chen, — kosmischen Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Ge- Maßstab; »nicht einmal mehr klein«, das galt bereits soviel wie hirn sich aus Sonnensystemen aufbaute? War dem aber so, wie »ungeheuer groß«; und der Schritt zum Atom erwies sich ohne Hans Castorp dachte, dann fing in dem Augenblick, da man ge- Übertreibung als im höchsten Grade verhängnisvoll. Denn im glaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze von vorn Augenblick letzter Zerteilung und Verwinzigung des Materiel- an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten seiner len tat sich plötzlich der astronomische Kosmos auf! Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch einmal, noch Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, hundertmal, warm eingehüllt, in einer Balkonloge mit Aussicht worin Weltkörper rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum ra- in die mondhelle Hochgebirgsfrostnacht und studierte mit er- sten, und durch dessen Ätherraum mit Lichtjahrgeschwindigkeit starrten Fingern und heißem Gesicht aus humanistisch-medizi- Kometen fuhren, welche die Kraft des Zentralkörpers in ihre nischer Anteilnahme das Körperleben? exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur ein Ver- Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich gleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib der viel- in den roten Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn zelligen Wesen einen »Zellenstaat« nannte. Die Stadt, der Staat, durch einen Text, der mit Abbildungen durchsetzt war, über das die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete soziale Ge- Wesen der parasitischen Zellvereinigung und der Infektionsge- meinschaft war dem organischen Leben nicht nur zu verglei- schwülste. Diese waren Gewebsformen — und zwar besonders chen, sie wiederholte es. So wiederholte sich im Innersten der üppige Gewebsformen -, hervorgerufen durch das Eindringen Natur, in weitester Spiegelung, die makrokosmische Sternen- fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie auf- welt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren, bleich vom nahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Monde, zu Häupten des vermummten Adepten über dem frost- Weise — aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie lie- glitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, zu denken, daß derliche Weise — günstige Bedingungen bot. Weniger, daß der gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems — dieser Heere Parasit dem umgebenden Gewebe Nahrung entzogen hätte; und Milchstraßen von Sonnensystemen, die die Materie auf- aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle, Stoff wechselte, or- bauten -, daß also einer oder der andere dieser innerweltlichen ganische Verbindungen, die sich für die Zellen des Wirtsorga- Weltkörper sich in einem Zustand befand, der demjenigen ent- nismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich verderbenbrin- sprach, der die Erde zu einer Wohnstätte des Lebens machte? Für gend erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen die einen im Zentrum etwas beschwipsten jungen Adepten von Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande darzustel- »abnormer« Hautbeschaffenheit, der im Gebiete des Unerlaub- len verstanden, und es verwunderlich gefunden, in welchen ge- ten ja nicht mehr all und jeder Erfahrung entbehrte, war das ei- ringen Dosen diese Stoffe, die einfach in die Reihe der Eiweiß- ne nicht nur nicht ungereimte, sondern sogar bis zur Aufdring- verbindungen gehörten, in den Kreislauf eines Tieres gebracht, lichkeit sich nahelegende, höchst einleuchtende Spekulation die allergefährlichsten Vergiftungserscheinungen, reißende Ver- von logischem Wahrheitsgepräge. Die »Kleinheit« der inner- derbnis bewirkten. Das äußere Wesen dieser Korruption war weltlichen Sternkörper wäre ein sehr unsachgemäßer Einwand Gewebswucherung, die pathologische Geschwulst, nämlich als gewesen, denn der Maßstab von Groß und Klein war spätestens Reaktionswirkung der Zellen auf den Reiz, den die zwischen damals abhanden gekommen, als der kosmische Charakter der ihnen angesiedelten Bazillen auf sie ausübten. Hirsekorngroße 366 367, Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt aus schleimhautgewe- auf dem Magen und drückte, beschwerte ihm sehr den Atem, beartigen Zellen, zwischen denen oder in denen die Bazillen doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die zuständigen Mus- nisteten, und von welchen einige außerordentlich reich an Pro- keln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die Seite toplasma, riesengroß und von vielen Kernen erfüllt waren. Die- hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider se Lustbarkeit aber führte gar bald zum Ruin, denn nun began- waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das nen die Kerne der Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfal- Bild des Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischge- len, ihr Protoplasma an Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere tragne Schönheit. Sie hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, Gewebsteile der Umgebung wurden von der fremden Reizwir- und ihre Arme, die sie öffnete, und an deren Innenseite, na- kung ergriffen, entzündliche Vorgänge griffen um sich und zo- mentlich unter der zarten Haut des Ellbogengelenks, die Gefä- gen die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße Blut- ße, die beiden Äste der großen Venen, sich bläulich abzeichne- körperchen wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu, ten, — diese Arme waren von unaussprechlicher Süßigkeit. Sie das Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte ihren or- längst die löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, ganischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße der Organismus stand in Hochtemperatur, mit wogendem Bu- Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor sen, sozusagen, taumelte er seiner Auflösung entgegen. Lust und Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der dorthin, wo die den Triceps überspannende, körnige Haut von Schmerzbetonung des Körpers, die aber, als Betonung des Kör- wonniger Kühle war, fühlte er auf seinen Lippen die feuchte perlichen, zugleich eine Lustbetonung war, — Krankheit war die Ansaugung ihres Kusses. unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung der Materie, — wie Totentanz das, was man die Urzeugung der Materie nennen durfte, viel- leicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des Immateriellen Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter .Aber vorher war? Der anfänglichste Schritt zum Bösen, zur Lust und zum spielte eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden Festtage, Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch oder, wenn man den Tag des Heiligen Abends mitzählte, diese den Kitzel einer unbekannten Infiltration, jene erste Dichtig- drei, denen Hans Castorp mit einigem Schrecken und der kopf- keitszunahme des Geistigen, jene pathologisch üppige Wuche- schüttelnden Erwartung entgegengesehen hatte, wie sie sich hier rung seines Gewebes sich vollzog, die, halb Vergnügen, halb wohl ausnehmen würden, und die dann, als natürliche Tage mit Abwehr, die früheste Vorstufe des Substanziellen, den Über- Morgen, Mittag, Abend und mittlerer Zufallswitterung (es taute gang des Unstofflichen zum Stofflichen bildete. Das war der etwas), auch nicht anders, als andere ihrer Gattung, heraufge- Sündenfall. Die zweite Urzeugung, die Geburt des Organischen kommen und verblichen waren: — äußerlich ein wenig ge- aus dem Unorganischen, war nur noch eine schlimme Steige- schmückt und ausgezeichnet, hatten sie während der ihnen zu- rung der Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des gemessenen Frist ihre Bewußtseinsherrschaft in den Köpfen und Organismus eine rauschhafte Steigerung und ungesittete Über- Herzen der Menschen geübt und waren unter Zurücklassung ei- betonung seiner Körperlichkeit war -: nur noch ein Folgeschritt nes Niederschlages unalltäglicher Eindrücke zu naher und fer- war das Leben auf dem Abenteuerpfade des unehrbar geworde- nerer Vergangenheit geworden .nen Geistes, Schamwärmereflex der zur Fühlsamkeit geweckten Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbe- Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig gewesen war .such und wohnte bei seinem Vater im Seitenflügel, — ein hüb- Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins lag scher, junger Mann, dem aber ebenfalls schon der Nacken etwas am Boden, neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, zu sehr heraustrat. Man spürte die Anwesenheit des jungen und dasjenige, worin Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten Lachlust, Putz- 368 369, sucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen die Woche Tage hatte: was war auch das in Anbetracht der wei- handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, im Wal- teren Frage, was denn so eine Woche, so ein kleiner Rundlauf de oder im Kurhausviertel. Übrigens erhielt er selbst Besuch: vom Montag zum Sonntag und wieder Montag war. Man eine Anzahl seiner Universitätskameraden kam in das Tal her- brauchte nur immer nach Wert und Bedeutung der nächstklei- auf, sechs oder sieben Studenten, die im Orte wohnten, aber neren Einheit zu fragen, um zu verstehen, daß bei der Summie- beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen, und, zum Trupp verbun- rung nicht viel herauskommen konnte, deren Wirkung überdies den, mit ihren Kommilitonen die Gegend durchstreiften. Hans und zugleich ja auch eine sehr starke Verkürzung, Verwischung, Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute und wich ihnen Schrumpfung und Zernichtung war. Was war ein Tag, gerechnet mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu begeg- etwa von dem Augenblick an, wo man sich zum Mittagessen nen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von setzte, bis zu dem Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierund- diesen Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte zwanzig Stunden? Nichts, — obgleich es doch vierundzwanzig von ihnen nichts hören und wissen. Außerdem schienen die Stunden waren. Was war denn aber auch eine Stunde, verbracht meisten von ihnen aus dem Norden zu stammen, womöglich etwa in der Liegekur, auf einem Spaziergang oder beim Essen, - waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte die größte womit die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so gut Scheu vor Landsleuten, oft erwog er mit Widerwillen die Mög- wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung lichkeit, daß irgendwelche Hamburger im »Berghof« eintreffen des Nichts war wenig ernst ihrer Natur nach. Am ernstesten könnten, zumal Behrens gesagt hatte, diese Stadt stelle der An- wurde die Sache, wenn man ins Kleinste stieg: jene sieben mal stalt immer ein stattliches Kontingent. Vielleicht befanden sich sechzig Sekunden, während derer man das Thermometer zwi- welche unter den Schweren und Moribunden, die man nicht schen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen zu können, sah. Zu sehen war nur ein hohlwangiger Kaufmann, der seit ein waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten sich zu ei- paar Wochen am Tische der Iltis saß, und der aus Cuxhaven sein ner kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von höchster So- sollte. Hans Castorp freute sich im Hinblick auf ihn, daß man lidität in dem schattenhaften Huschen der großen Zeit.mit Nicht-Tischgenossen hierorts so schwer in Berührung kam, Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewoh- und ferner darüber, daß sein Heimatsgebiet groß und sphären- ner kaum zu stören. Eine wohlgewachsene Tanne war schon ei- reich war. Die gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns nige Tage zuvor an der rechten Schmalseite des Speisesaals, entkräftete in hohem Grade die Besorgnisse, die er an das Vor- beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet worden, und ihr kommen von Hamburgern hier oben geknüpft hatte. Duft, der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch die Der Heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor Speisenden zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit der Tür und hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen .in den Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. Es waren noch reichlich sechs Wochen bis zu ihm gewesen, da- Beim Abendessen des 24. Dezember zeigte der Baum sich bunt mals, als Hans Castorp sich gewundert hatte, daß man hier geschmückt mit Lametta, Glaskugeln, vergoldeten Tannenzap- schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also noch, rechne- fen, kleinen Äpfeln, die in Netzen hingen, und vielerlei Kon- risch genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts nach fekt, und seine farbigen Wachskerzen brannten während der ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der Dauer Mahlzeit und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen, seiner Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war das damals hieß es, brannten Bäumchen, jedes hatte das seine. Und die Pa- eine große Menge Zeit gewesen, namentlich die erste Hälfte, ketpost war reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch wie es Hans Castorp nachträglich schien, — während die rechne- Joachim Ziemßen und Hans Castorp hatten Sendungen aus der risch gleiche Menge jetzt sehr wenig bedeutete, beinahe nichts: fernen und tiefen Heimat bekommen, sorglich verpackte Be- die im Speisesaal, so fand er nun, hatten recht gehabt, sie so ge- scherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet hatten: sinn- ring zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal so viele also, wie reiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in Leder 370 371, und Nickel, sowie viel Pestgebäck, Nüsse, Äpfel und Marzipan, mals geboren worden sei und seinen bis heute ununterbroche- - Vorräte, die die Vettern mit zweifelnden Blicken betrachteten, nen Siegeslauf begonnen habe, das sei die Idee des Wertes der indem sie sich fragten, wann hier je der Augenblick kommen Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit gewesen, — mit werde, davon zu genießen. Schalleen hatte Hans Castorps Paket einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem Sin- hergestellt, wie er wußte, und auch, nach sachlicher Besprechung ne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. Ein Brief von James seine Ausdrucksweise »equivok und gemütlos«. Sie erhob sich Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, doch in Maschinen- unter Protest, und da man ohnedies die Gesellschaftsräume auf- schrift. Der Onkel übermittelte darin des Großonkels und seine zusuchen begonnen hatte, so folgten die Tischgenossen ihrem eigenen Fest- und Genesungswünsche und fügte aus praktischen Beispiel. Gründen gleich die nächstens fälligen Neujahrsgratulationen Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben hinzu, wie übrigens auch Hans Castorp verfahren war, als er durch die Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit rechtzeitig seinen Weihnachtsbrief nebst klinischem Rapport an Knut und der Mylendonk auf eine halbe Stunde herüberkam. Konsul Tienappel liegend aufgesetzt hatte. Die Handlung vollzog sich in dem Salon mit den optischen Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und hielt Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand in etwas in den Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde wach. Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte Man hatte Toilette gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsan- das Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen zug, man sah an den Frauen Schmuckstücke, die ihnen von lie- vollkommene Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der bender Gattenhand aus den Ländern der Ebene gekommen sein Chaiselongue, die die übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den ortsüblichen man wenigstens liegen, obgleich sie noch ohne Decke und Kis- Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, das aber einen sen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch war ihr Kopfende Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale hatte: es war verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit, indem ein helles, gesticktes Gürtelkostüm von bäuerlich-russischem, er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach oder doch balkanischem, vielleicht bulgarischem Grundcharak- darauf ausstreckte, die Augen schloß und zu schnarchen begann ter, mit kleinen Goldflittern besetzt, dessen Faltigkeit ihrer Er- wie ein Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. scheinung eine ungewohnt weiche Fülle verlieh und ausge- Der Jubel war allgemein. Auch Frau Chauchat lachte sehr über zeichnet mit dem zusammenstimmte, was Settembrini ihre »ta- diese Aufführung, wobei ihre Augen sich zusammenzogen und tarische Physiognomie«, insbesondere ihre »Steppenwolfslich- ihr Mund offen stand, beides genau auf dieselbe Weise, so fand ter« zu nennen beliebte. Man war sehr heiter am Guten Russen- Hans Castorp, wie es bei Pribislav Hippe, wenn er lachte, der tisch; dort zuerst knallte der Champagner, der dann fast an allen Fall gewesen war. Tischen getrunken wurde. An dem der Vettern war es die Groß- Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die tante, die ihn für ihre Nichte und für Marusja bestellte, und sie Spieltische. Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den traktierte alle damit. Das Menü war gewählt, es endete mit Kä- kleinen Salon. Einige Gäste umstanden im Saale den Weih- segebäck und Bonbons; man schloß Kaffee an und Liköre, und nachtsbaum, sahen dem Erlöschen der Lichtstümpfchen in ihren dann und wann rief ein aufflammender Tannenzweig, der kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem Aufgehängten. Löscharbeit forderte, eine schrille, übermäßige Panik hervor. An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt wa- Settembrini, gekleidet wie immer, saß gegen Ende des Fest- ren, saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt, ver- essens eine Weile mit seinem Zahnstocher am Tische der Vettern, schiedentlich aufgestützt, in getrenntem Schweigen. hänselte Frau Stöhr und sprach dann einiges über den Tischler- Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien sohn und Menschheitsrabbi, dessen Geburtstag man heute fin- Wolken, sagte Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht giere. Ob jener wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber da- hier oben. Aber Wolken oder Nebel, auf jeden Fall war die 372 373, Nässe empfindlich. Der liegende Schnee taute oberflächlich an, Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren wurde porös und klebrig. Gesicht und Hände erstarrten im Kur- es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pfle- dienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost. gerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete Vor- Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veran- kommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm ein- staltung am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und dringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er »Berghof« geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben hier oben empfangen, — zu denen, die zuerst, wie ihm schien, von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Be- den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, rufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, — teils aus ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer Stim- moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er hielt me, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die An- Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang: sprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das Fest noch er- »Ich trage meine Minne lebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier erwiesen ge- mit mir herum.« habt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem begreif- Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig .Frau lich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit Hil- Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um fe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik er vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das (es war Musik unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lau- müsse ins Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen schen konnte, indem er während des Gesanges den Text der könnten, und dabei sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in Lieder mitlas, der auf dem Programm gedruckt stand. Eine Wei- deren Armen er danach verschieden, völlig mittellos hinterblei- le saß Settembrini an seiner Seite, verschwand aber ebenfalls, be. Joachim mißbilligte diesen Aufwand. Wozu die Quälerei nachdem er über den dumpfen bel canto der Ansässigen einiges und kostspielig künstliche Hinfristung in einem ganz aussichts- Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen dar- losen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß er das teure über ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und trau- Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt hatte. lich unter sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn Erleichterung, als sie beide fort waren, die Schmaläugige und in Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen der Pädagog, und er in Freiheit den Liedern seine Aufmerksam- sollen, ganz abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit keit widmen konnte. Er fand es gut, daß in der ganzen Welt Rücksicht auf diese. Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und noch unter den besondersten Umständen Musik gemacht und so weiter. Dem widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende mehr, als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, einem gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als um seinen Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre er vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, - jeder Respekt und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahres- Er wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht ferner: zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es sich angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß, im Kreislauf erneuern würde, — schließlich nur sieben Monate erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen Ver- mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte. such zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch ge- macht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hin- Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor 374 375, weis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, Aufbau und vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhö- ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen. hung der Füße am Ende unter der Decke, desto flacher, fast Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat brettartig flach erschien. Ein Blumengewinde lag in der Gegend es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung, der Knie, und der daraus hervorragende Palmzweig berührte die weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hö- großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der eingefallenen ren-wollen der andern verachtete und ihm durch die Tat zu wi- Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das Gesicht dersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall zur mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn be- dessen Dicke die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch schämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob gewor- stärker vertiefte. Die Augen waren auf eine gewisse unnatürlich den. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen, hatte sie ge- feste Weise geschlossen, — zugedrückt, mußte Hans Castorp fragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube genossen. denken, nicht zugemacht: den letzten Liebesdienst nannte man Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft, sorg- das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr als um des fältig davor, von solchen Geschichten berührt zu werden, und Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon, dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. den Muskeln vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er Blumenkohl, den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der lag und starrte, und um die sinnige Vorstellung des »Schlum- Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar werden. Da mers« war es getan. war es, daß der Gescholtene den Entschluß gefaßt und ihm auch Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Ele- Ausdruck verliehen hatte, für seine Person dem abgeschiedenen mente stand Hans Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. Hausgenossen durch einen Besuch und stille Andachtsverrich- »Er scheint zu schlafen«, sagte er aus Menschlichkeit, obgleich tung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und auch Joa- große Unterschiede vorhanden waren. Und dann begann er mit chim hatte er bestimmt, das zu tun. schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der Witwe des Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten, sei- in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen ne letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zer- Transport des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von zauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das Taschen- einer teils medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme tuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem Plaidman- und Eingeweihtheit zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch tel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war sehr kalt im schleppenden und näselnden Sprechweise und zuweilen auf- Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen. Ge- schluchzend, fand es bemerkenswert, daß junge Leute zur Be- dämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen schäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt zeigten, dann, durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja das Zimmer zum Bett, — mit ehrerbietig vorwärts wiegenden selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den Schritten gingen sie, ohne Benutzung der Stiefelabsätze, und Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, standen in Betrachtung am Lager des Toten, ein jeder nach sei- von langer Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Wel- ner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in salutierender Halb- chen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, er sei verbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die Hände vor Techniker »gewesen«. — Gewesen? — Gewesen insofern, als nun sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene, ähn- ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt begrenzter lich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herren- Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was doch einen reiters Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen 376 377, Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim einkommt, ganz in Schwarz mit dem Hosenbandorden und sah ihn mit forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? dem Goldenen Vlies, und langsam den Hut zieht, der beinahe - Der wolle Soldat sein im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. - schon aussieht wie unsere Melonen, — so nach oben hin zieht er Oh, sagte sie, das Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, ihn und sagt: ›Bedeckt euch, meine Granden‹ oder so ähnlich, - der zum Ernst anhalte, ein Soldat müsse damit rechnen, unter im höchsten Grade gemessen ist das, darf man wohl sagen, von Umständen mit dem Tode in nahe Berührung zu kommen und Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die Rede tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick zu gewöhnen. sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ›In mei- Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher Fas- nem Frankreich wars doch anders‹, natürlich, der ist es zu akku- sung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklom- rat und umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. menen Lage und besonders der hohen Oxygenrechnung, die Aber was heißt menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch der Gatte zurückgelassen. Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk Gottesfürchtige und Demütig-Feierliche und streng Abgezirkel- zurück. Hans Castorp zeigte sich befriedigt von dem Besuch te ist eine sehr würdige Fasson der Menschlichkeit, sollte ich und geistlich angeregt durch die empfangenen Eindrücke. meinen, und andererseits kann man mit dem Worte ›mensch- »Requiescat in pace«, sagte er. »Sit tibi terra levis. Requiem lich‹ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst du aeternam dona ei, Domine. Siehst du, wenn es sich um den Tod mir recht geben.« handelt und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch »Da gebe ich dir recht«, sagte Joachim, »Schlappheit und Ge- wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle Sprache in sol- henlassen kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß chen Fällen, da merkt man, was für eine besondere Sache es mit sein.« dem Tode ist. Aber es ist nicht aus humanistischer Courtoisie, »Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren, die Totensprache ist versteht man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von einem ganz an- von eurem Handwerk zu sagen, es habe eine ernsthafte Be- deren Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl sa- wandtnis damit, denn immer müßtet ihr mit dem äußersten gen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu tun zu be- dumpfer, eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, - kommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und proper und Settembrini fände kein Gefallen daran, es ist nichts für Huma- hat einen steifen Kragen, das gibt euch Bienséance. Und dann nisten und Republikaner und solche Pädagogen, es ist von einer habt ihr die Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch anderen Geistesrichtung, der anderen, die es gibt. Ich finde, man umständlich Ehre untereinander, das geschieht in spanischem muß sich klar sein über die verschiedenen Geistesrichtungen Geiste, aus Frömmigkeit, ich mag es im Grunde wohl leiden. oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen sollte, Bei uns Zivilisten sollte von diesem Geiste auch mehr herr- es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, schen, in unseren Sitten und unserem Gehaben, das wäre mir aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben dem Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen soll- in Pacht zu haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält te, mit einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und auch viel menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung ernst, gedämpft und förmlich miteinander verkehren im Gedan- zu einer Menge Wohlanstand und properer Haltung und nobler ken an den Tod, — so wär es mir recht, es wäre moralisch. Siehst Förmlichkeit, mehr sogar als die »freie«, obgleich sie die du, das ist auch so ein Irrtum und Eigendünkel von Settembrini, menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja besonders im Auge noch einer, es ist ganz gut, daß ich gesprächsweise mal darauf hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so wichtige komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er in Pacht zu Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater ›Don Carlos‹ gesehen haben, sondern auch die Moral, — mit seiner ›praktischen Le- und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp her- bensarbeit‹ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man 378 379, nicht gerade sonntags an was anderes zu denken hätte als an den nesungswünsche, — das Wort Genesung bleibt höflicherweise Fortschritt) und mit seiner systematischen Ausmerzung der Lei- immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden natürlich den, wovon du übrigens nichts weißt, aber mir hat er zu meiner doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen Belehrung davon erzählt, — systematisch will er sie ausmerzen, freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie vermittelst eines Lexikons. Und wenn mir nun das gerade un- uns auf einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln moralisch vorkommt, — was dann? Ihm sage ich es natürlich noch ein paar menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner plasti- So denke ich es mir. Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil schen Mundart und sagt: ›Ich warne Sie, Ingenieur!‹ Aber den- hab ichs mir jedenfalls vorgenommen.« ken dürfen wird man sich ja sein Teil, — Sire, geben Sie Ge- Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel zu dankenfreiheit. Ich will dir was sagen«, schloß er. (Sie waren in erinnern. »Es ist gegen die Hausordnung«, sagte er; »du durch- Joachims Zimmer hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum brichst sie gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, und Liegen bereit.) »Ich werde dir sagen, was ich mir vorgenommen wenn du nun einmal den Wunsch hast, wird Behrens dir wohl habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit sterbenden Leuten und Permiß geben, denke ich. Du kannst dich ja auf dein medizini- mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht allein, daß sches Interesse berufen.« man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird »Ja, unter anderem darauf«, sagte Hans Castorp; denn wirk- auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Be- lich waren es verschlungene Motive, aus denen sein Wunsch er- rührung kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, wuchs. Der Protest gegen den obwaltenden Egoismus war nur den werden sie nun auch wieder heimlich auf die Seite bringen, eines davon. Was mitsprach, war namentlich auch das Bedürfnis während wir vespern oder frühstücken. Das finde ich unmora- seines Geistes, Leiden und Tod ernst nehmen und achten zu lisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend, weil ich den Todesfall dürfen, — ein Bedürfnis, für das er sich von der Annäherung an nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie schon unge- die Schweren und Sterbenden Genugtuung und Stärkung er- bildet ist und glaubt, daß ›Leise, leise, fromme Weise‹ im hoffte, als Gegengewicht gegen vielfache Beleidigungen, denen ›Tannhäuser‹ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, er es sonst auf Schritt und Tritt, alltäglich und stündlich ausge- so könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die setzt fand, und durch die gewisse Urteile Settembrinis eine ihn anderen auch. Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zu- kränkende Bekräftigung erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu kunft etwas mehr um die Schweren und Moribunden im Hause zahlreich an; hätte man Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zu kümmern, das wird mir wohltun, — schon unser Besuch eben zuerst auf solche Personen im Hause »Berghof« zu sprechen ge- hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf kommen, die eingestandenermaßen überhaupt nicht krank wa- Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal ren und vollkommen freiwillig, unter dem offiziellen Vorwan- sah, ist gewiß schon längst ad penates gegangen und heimlich de leichter Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur zu ihrem auf die Seite gebracht worden, — er hatte schon damals so über- Vergnügen und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusag- trieben große Augen. Aber dafür sind andere da, das Haus ist te, hier lebten, wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessen- voll, es fehlt nie an Zuzug, und Schwester Alfreda oder auch die feld, eine lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie Oberin oder sogar Behrens selbst werden uns gewiß behilflich wettete mit den Herren, wettete auf alles und um alles, wettete sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, das wird sich auf das Wetter, das eintreten, die Gerichte, die es geben würde, ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat auf das Ergebnis von Generaluntersuchungen und darauf, wie Geburtstag, und wir erfahren es, — das läßt sich ja in Erfahrung viele Monate jemandem zugelegt werden würden, auf gewisse bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden — oder ihr — ihm Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder Ski-Champions bei sport- oder ihr, je nachdem — einen Blumentopf aufs Zimmer, eine lichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich anspinnender Liebes- Aufmerksamkeit von zwei ungenannten Kollegen, — beste Ge- geschichten unter den Gästen und auf hundert andere, oft gänz- 380 381, lich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete um Schoko- Rechtsanwalts nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen lade, um Champagner und Kaviar, die dann im Restaurant fest- Oberdank mit einzubeziehen, jenes glattgescheitelte Haustöch- licherweise verzehrt wurden — um Geld, um Kinobilletts und terchen, das vor wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer wür- selbst um Küsse, zu gebende und zu nehmende, — kurzum, sie digen Provinzdame, heraufgeleitet worden war. Fränzchen brachte mit dieser Passion viel Spannung und Leben in den Oberdank hatte bei ihrer Ankunft und nach der ersten Untersu- Speisesaal, nur daß ihr Treiben den jungen Hans Castorp natür- chung für leichtkrank gegolten; aber mochte sie Fehler began- lich sehr ernst nicht dünken wollte, ja, daß ihr bloßes Vorhan- gen haben, mochte ein Fall vorliegen, in dem die Luft zunächst densein ihm. als Beeinträchtigung der Würde eines Leidensortes nicht sowohl gegen als vor allen Dingen einmal für die Krank- erschien. heit gut gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche Denn diese Würde zu schützen und vor sich selbst aufrecht Intrigen und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr ge- zu halten, war er im Innern treulich bestrebt, so schwer es ihm schadet hatten: vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß fallen mochte nach einem nun fast halbjährigen Aufenthalt un- sie, von einer neuen Untersuchung kommend, beim Betreten ter Denen hier oben. Die Einblicke, die er nach und nach in ihr des Speisesaals ihr Handtäschchen in die Luft warf und mit hel- Leben und Treiben, ihre Sitten und Anschauungen getan, waren ler Stimme ausrief: »Hurra, ein Jahr muß ich bleiben!!« — wor- seinem guten Willen wenig behilflich. Da waren jene beiden über im ganzen Saal ein homerisches Gelächter sich verbreitet mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig und »Max hatte. Aber vierzehn Tage später war die Nachricht in Umlauf und Moritz« genannt, deren abendliches Aussteigen zum Zwek- gekommen, daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen Oberdank ke des Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft dem wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Aus- Gerede viel Stoff bot. Kürzlich, das heißt etwa acht Tage nach druck auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Ca- Neujahr (denn man muß festhalten, daß, während wir erzählen, storps, denn den Trägern der Nachricht schien diese ihrem We- die Zeit in ihrer still strömenden Art rastlos fortschreitet), hatte sen nach wohl nicht neu genug, um zu so starken Worten anzu- sich beim Frühstück die Nachricht verbreitet, der Bademeister regen. Auch gaben sie achselzuckend zu verstehen, daß zu sol- habe die beiden morgens in zerknitterten Gesellschaftsanzügen chen Geschichten ja zweie gehörten, und daß vermutlich nichts auf ihren Betten betroffen. Auch Hans Castorp lachte; aber gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen sei. We- wenn es beschämend für seinen guten Willen war, so war es nigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche Stimmung noch gar nicht viel im Vergleich mit den Geschichten des in fraglicher Angelegenheit. Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, eines spitzbärtigen Vierzi- Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den jun- gers mit schwarzbehaarten Händen, der seit einiger Zeit an Stel- gen Hans Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemü- le des genesenen Schweden am Tisch Settembrinis saß und hungen störte, so war es das Sein und Wesen dieser Frau. Ihre nicht nur jede Nacht betrunken nach Hause kam, sondern dies beständigen Bildungsschnitzer hätten genügt. Sie sagte: »Agon- neulich überhaupt nicht getan hatte, vielmehr auf der Wiese ge- je« statt »Todeskampf«; »insolvent«, wenn sie jemandem Frech- funden worden war. Er galt für einen gefährlichen Liederjahn, heit zum Vorwurf machte, und gab über die astronomischen und Frau Stöhr konnte auf die — im Tiefland übrigens verlobte Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den greulichsten - junge Dame mit ihrem Finger weisen, die man zu einer be- Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, sagte sie, stimmten Stunde aus Einhufs Zimmer hatte treten sehen, be- sei es »eine wahre Kapazität«; und eines Tages setzte sie Herrn kleidet nur mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mittei- Reformhose getragen haben sollte. Das war skandalös, — nicht lung, sie lese zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes nur in allgemein moralischem Sinn, sondern skandalös und be- Buch, das ihn angehe, nämlich »Benedetto Cenelli in der Über- leidigend für Hans Castorp persönlich, im Sinn seiner geistigen setzung von Schiller«! Sie liebte Redensarten, die dem jungen Bemühungen. Es kam aber hinzu, daß er an die Person des Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit und modisch ordinären 382 383, Verbrauchtheit wegen, auf die Nerven gingen, wie zum Bei- greife! »Die Füße voran ..!« Sie schlug verzweifelten Lärm, spiel: »Das ist die Höhe!« oder: »Du ahnst es nicht!« Und da die und sofort mußte das Bett umgestellt werden, obgleich sie fort- Bezeichnung »blendend«, die das Modemaul lange Zeit für an vom Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf beeinträchtigte. »glänzend« oder »vorzüglich« gebraucht hatte, sich als gänzlich Das alles war unernst, es kam Hans Castorps geistigen Be- ausgelaugt, entkräftet, prostituiert und sohin veraltet erwies, so dürfnissen sehr wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, warf sie sich auf das Neueste, nämlich das Wort »verheerend«, der sich um diese Zeit während einer Mahlzeit ereignete, mach- und fand nun, im Ernst oder höhnischerweise, alles »verhee- te besonderen Eindruck auf den jungen Mann. Ein noch neuer rend«, die Schlittenbahn, die Mehlspeise und ihre eigene Lei- Patient, der Lehrer Popow, ein magerer und stiller Mensch, der beswärme, was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam ihre mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut am Guten Rus- Klatschsucht, die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, sentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da eben das Essen in Frau Salomon trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn vollem Gange war, als epileptisch, indem er einen krassen An- sie sei zur Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den fall dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen dämonischer und Ärzten mit feinem Unterzeug: — es hatte seine Richtigkeit da- außermenschlicher Charakter oft geschildert worden ist, zu Bo- mit, Hans Castorp selbst hatte den Eindruck gewonnen, daß die den stürzte und neben seinem Stuhle unter den scheußlichsten Prozedur der Untersuchung, unabhängig von ihrem Ergebnis, Verrenkungen mit Armen und Beinen um sich schlug. Erschwe- den Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett dafür rend wirkte, daß es ein Fischgericht war, das eben gereicht wor- schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung den, so daß zu befürchten stand, Popow möchte in seiner sagen, Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen Krampfverzückung an einer Gräte Schaden nehmen. Der Auf- Rückenmarks stehe, müsse wöchentlich einmal zehn Minuten ruhr war unbeschreiblich. Die Damen, Frau Stöhr voran, aber lang vollständig nackt vor Hofrat Behrens im Zimmer hin und ohne daß etwa die Frauen Salomon, Redisch, Hessenfeld, Mag- her marschieren? Die UnWahrscheinlichkeit dieser Behauptung nus, Iltis, Levi und wie sie nun heißen mochten, ihr etwas nach- kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau Stöhr verfocht und gegeben hätten, wurden von den verschiedensten Zuständen beschwor sie aufs äußerste, — obgleich schwer begreiflich er- betreten, so daß einige es Herrn Popow fast gleichtaten. Ihre schien, wie die Arme auf Dinge, wie diese, so viel Eifer, Nach- Schreie gellten. Man sah nichts als zugekrampfte Augen, offene druck und Rechthaberei verwenden mochte, da ihre eigensten Münder und verdrehte Oberkörper. Eine einzelne gab stiller Angelegenheiten ihr schwer zu schaffen machten. Denn zwi- Ohnmacht den Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von schendurch suchten Anfalle von feiger und weinerlicher Be- dem wilden Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht wor- sorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich zunehmende den war, spielten sich ab. Ein Teil der Tischgesellschaft suchte »Schlaffheit« oder das Ansteigen ihrer Kurve war. Sie kam durch die verfügbaren Ausgänge das Weite, auch durch die Ve- schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen von Tränen randatüren, obgleich es draußen sehr naßkalt war. Es trug aber überströmt und heulte in ihr Taschentuch, daß Behrens sie in ihr der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner Entsetz- Bett schicken wolle, sie aber wolle wissen, was er hinter ihrem lichkeit auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer Rücken gesagt habe, was ihr fehle, wie es um sie stehe, sie wolle allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den der Wahrheit ins Auge sehen! Zu ihrem Entsetzen hatte sie ei- jüngsten Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker war nes Tages bemerkt, daß ihr Bett mit dem Fußende in der Rich- nämlich bei seinen Ausführungen über die Liebe als krankheits- tung der Haustür stehe und erlitt fast Krämpfe dieser Entdek- bildende Macht gerade am letzten Montag auf die Fallsucht zu kung wegen. Man verstand ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne reden gekommen und hatte dies Leiden, worin die Menschheit weiteres, Hans Castorp im besonderen verstand sich nicht gleich in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine heilige, ja propheti- darauf. Nun und? Wieso? Warum das Bett nicht stehen solle, sche Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit gesehen, mit wie es stehe? — Aber ob er, um Gottes willen, denn nicht be- halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen Worten als 384 385, Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns angesprochen, mentopf und den Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß seine Zuhörer hatte Leila jetzt nicht Geburtstag, würde diesen auch, menschli- die Aufführung des Lehrers Popow, diese Illustration des Vor- cher Voraussicht nach, nicht mehr erleben, da er, wie Hans Ca- trags, als wüste Offenbarung und mysteriösen Skandal verste- storp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr fiel; doch brauchte hen mußten, so daß denn auch in dem verhüllten Entfliehen der das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine solche Damen eine gewisse Schamhaftigkeit sich ausdrückte. Der Hof- barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die rat selbst war bei der Mahlzeit zugegen, und er war es, der, zu- Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blu- sammen mit der Mylendonk und einigen jungen, handfesten menladen, dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphä- Tafelgenossen, den Ekstatiker, blau, schäumend, steif und ver- re er mit bewegter Brust einatmete, und erstand einen hübschen zerrt, wie er war, aus dem Saal in die Halle schaffte, wo man die Hortensienstock, den er ohne Namensnennung, mit einer Karte, Ärzte, die Oberin und anderes Personal noch längere Zeit an auf der nur »Von zwei Hausgenossen, mit besten Genesungs- dem Sinnlosen hantieren sah, der dann auf einer Bahre davon- wünschen« geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs getragen wurde. Ganz kurze Zeit danach aber sah man Herrn Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, ange- Popow stillvergnügt, in Gesellschaft seiner ebenfalls stillver- nehm benommen vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des gnügten Braut, wieder am Guten Russentisch sitzen und, als sei Ortes, die nach der Außenkälte seine Augen tränen ließ, mit nichts geschehen, sein Mittagessen beenden! klopfendem Herzen und einem Gefühl der Abenteuerlichkeit, Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren Unternehmens, respektvollen Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß. auch dies ihn nicht ernst an, Gott mochte ihm helfen. Popow Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand hätte an seinem Fischbissen freilich ersticken können, aber in unmittelbar der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern hatte, bei aller be- Ärzte; aber Schwester Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie wußtlosen Wut und Lustbarkeit, im stillsten wohl dennoch ein erstattete den jungen Leuten Bericht über die Wirkung ihrer wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, als habe Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der aussichtslosen Beschränkt- er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold benom- heit ihres Zustandes, hatte sich kindisch gefreut über den frem- men, erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch seine Erschei- den Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie liebkoste sie mit nung aber war nicht danach angetan, Hans Castorps Ehrfurcht Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und hing selbst vor dem Leiden zu stärken; auch sie, in ihrer Art, vermehrte die noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie heimsuchten, Eindrücke unernster Liederlichkeit, denen er sich widerstrebend mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer hier oben ausgesetzt fand, und denen er durch eine den herr- Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und er- schenden Sitten widersprechende nähere Beschäftigung mit den freut gewesen, und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, Schweren und Moribunden entgegenzuwirken wünschte. die Geber zu erraten nicht einmal versuchen konnten, so hatte Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag die Schildknecht, wie sie gestand, sich nicht enthalten können, ein ganz junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den die Anonymität zu lüften und die Vettern als Spender namhaft Mitteilungen Schwester Alfredas zufolge im Begriffe war, zu zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei Gerngroß sterben. Sie hatte binnen zehn Tagen vier heftige Blutungen er- um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die litten, und ihre Eltern waren heraufgekommen, um sie viel- beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, leicht noch lebend heimzubringen; doch schien das nicht an- auf Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein. gängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der armen Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Ge- kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Ca- schöpf mit genau vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz storp sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blu- furchtbarer Blutverluste und einer Atmung, die nur vermittelst 386 387, eines ganz unzulänglichen Restbestandes von tauglichem Lun- worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so gern heiraten und gengewebe geschah, einen zwar zarten, aber eigentlich nicht leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und genesen sei elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit etwas tonar- sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann, mer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten ge- ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die dacht habe. Aber so rein und stark er sei, — er habe das Unglück anwesenden Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, doch nicht verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei wie man es erwartete, und sich gewissermaßen entschuldigt hat- dem Kinde, da sei das Schreckliche, das Begrabene und Verges- te, sprach gedämpft und bewegt, mit zärtlicher Ehrerbietung. Es sene wieder zum Vorschein gekommen, und es werde nicht fer- fehlte nicht viel — der innere Antrieb dazu war jedenfalls vor- tig damit, es gehe zugrunde daran, während sie, die Mutter, dar- handen — daß er sich vor dem Bett auf ein Knie niedergelassen über hinweggekommen und in ein gefestetes Alter getreten sei, hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest, obgleich - es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben keine Hoff- dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß nung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben. war, denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; bestän- Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über dig verausgabte sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst die Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin hätte eingeschnurrt und vertrocknet sein müssen, wenn nicht schluchzte nur auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für al- der gierigste Konsum von Limonade, von der auch eine Karaffe les, für die Hortensie und dafür, daß sie das Kind durch ihren voll auf ihrem Nachttische stand, der Transsudation ungefähr Besuch noch ein wenig zerstreut und beglückt. Da läge die die Waage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll, wie sie waren, Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während andere junge hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände der Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Un- Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust terhaltung nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major ertöte. Sie hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein war ein breitschultriger Mann mit niedriger Stirn und gesträub- Gott, wohl den letzten. Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg tem Schnurrbart, — ein Hüne, dessen organische Unschuld an und das Geplauder mit den beiden stattlichen Kavalieren wie der Disposition und Aufnahmelustigkeit des Töchterchens in ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das habe sie, Mutter die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich vielmehr seine Gerngroß, wohl gesehen. Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem Typus, Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. da die Majorin das Wort »Flirt« obendrein nicht richtig, daß Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder viel- heißt nicht englisch, sondern mit deutschem i ausgesprochen mehr Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen er- hatte, was ihn maßlos irritierte. Auch war er kein stattlicher Ka- höhte sich, während ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend valier, sondern hatte die kleine Leila aus Protest gegen den herr- glänzten), und die Vettern, von Schwester Alfreda mit den Blik- schenden Egoismus und in medizinisch-geistlicher Meinung ken dazu gemahnt, sich verabschiedeten, geleitete Frau Gern- besucht. Kurz, er war etwas verstimmt über den letzten Ausgang groß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in Selbstanklagen, der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in Frage kam, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr allein sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das ar- Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte me Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe des Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren nicht das geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versi- ihm davon in Seele und Sinn zurückgeblieben. Und da ein An- chern, habe nur ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur fang gemacht war, verabredete er noch gleichen Tages mit ein bißchen und obenhin, ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem Pflegling Fritz Rot- Dann habe sie es überwunden, ganz und gar, wie ihr bezeugt bein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich langweilte, 388 389, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann, und in dieser ganz kurze Weile beschieden war. Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben war. Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner Castorps Antrieb und caritativer Unternehmungsgeist war stär- Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort ker als seines Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch war er erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös Schweigen und Niederschlagen der Augen geltend machen betrachtet und dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf konnte, da er sie, ohne Mangel an Christentum zu bekunden, Wassersuppendiät gesetzt, wodurch er so sehr heruntergekom- nicht zu begründen gewußt hätte. Hans Castorp sah das sehr men sei. Hier oben habe er essen dürfen, und er habe es getan: wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch genau im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette gesessen und den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein Darm nun doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unterneh- sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man mungen, und wenn sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er ihm von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. über Joachims stillen Widerstand eben hinwegschreiten. Er er- Nun sei sein Vater in Anreise von Koburg, von Behrens telegra- wog mit ihm, ob man auch dem jungen Fritz Rotbein Blumen phisch berufen. Denn es solle ja nun ein entscheidender Ein- schicken oder bringen könne, obgleich dieser Moribundus griff, die Rippenresektion, bei ihm vorgenommen werden, man männlichen Geschlechts war. Er wünschte sehr, es zu tun, Blu- wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich die Chancen ver- men, fand er, gehörten dazu, der Streich mit der Hortensie, die schwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich hierüber und violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend nahm auch die Frage der Operation durchaus von der geschäftli- gefallen; und so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht chen Seite, — solange er eben lebte, würde er die Dinge unter durch seinen finalen Zustand ausgeglichen werde, und daß er, diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte um Blumenspenden entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag er, sei, die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend zu haben brauche, da Sterbende ohne weiteres und in Perma- Franken fixiert, denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in nenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien. So gesonnen, Betracht, sechs bis acht Rippen, und es frage sich nun, ob das ei- suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme Duft- ne irgendwie lohnende Anlage sein werde. Behrens rede ihm atmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rot- zu, aber sein Interesse sei eindeutig, während das seine zweifel- bein mit einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nel- haft scheine und man nicht wissen könne, ob er nicht klüger tä- ken- und Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schild- te, ruhig mit seinen Rippen zu sterben. knecht, die die jungen Leute gemeldet hatte. Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müs- Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon et- se die hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats was kahl und grau auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit bei der Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die großen Händen, großer Nase und großen Ohren, zeigte sich zu Meinung des im Anrollen begriffenen alten Rotbein den Aus- Tränen dankbar für Zuspruch und Zerstreuung, — wirklich wein- schlag geben zu lassen. Bei der Verabschiedung weinte der jun- te er aus Schwäche etwas, als er die beiden begrüßte und das ge Fritz wieder etwas, und obgleich es nur aus Schwäche ge- Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an dieses, schah, standen die Tränen, die er vergoß, in sonderbarem Ge- sofort, wenn auch nur mit flüsternder Stimme, auf den europä- gensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und Sprech- ischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende weise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der und sie versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr da- Gärtnereien von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und zu. Denn da abends der Puppenfabrikant eingetroffen, war man Postsendungen, die von diesen Orten täglich nach allen Seiten am nächsten Vormittag zur Operation geschritten, nach welcher ausgingen, auf die Engrosmärkte von Paris und Berlin und die der junge Fritz nicht mehr empfängnisfähig gewesen war. Und 390 391, zwei Tage später sah Hans Castorp im Vorbeigehen mit Joa- Munde genommen und ihm genau das angeboten, um was er chim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde. ihn eben habe bitten wollen. Dankbar mache er Gebrauch von Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das denn sei, die schon verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribunden in ›Überfüllte‹, und wie er den Namen verstehen solle. einer anderen Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr »Wörtlich«, sagte der Hofrat. »Ganz präzise und unmetapho- Kneiferband hinter dem Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da risch. Lassen Sie sichs von ihr selbst erzählen.« Mit wenigen dies eben die Perspektive war, die sich ihr einzig eröffnete. Schritten waren sie am Zimmer der »Überfüllten«. Der Hofrat Ein »verlassenes«, ein freigewordenes Zimmer, 'worin bei drang durch die Doppeltür, indem er seinem Begleiter zu war- aufeinandergetürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert ten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und lustiges La- wurde, wie man bemerkte, wenn man auf dem Weg in den chen und Sprechen klang bei Behrens' Eintritt aus dem Zimmer Speisesaal oder ins Freie daran vorüberkam, — war ein vielsagen- und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Be- der, dabei aber so gewohnter Anblick, daß er einem kaum noch sucher klang es wieder entgegen, als ihm einige Minuten später viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit, von einem Einlaß gewährt wurde und Behrens ihn der im Bette liegenden soeben auf solche Art »freigewordenen« und gestöberten Zim- blonden Dame vorstellte, die ihn aus blauen Augen neugierig mer Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. betrachtete, — Kissen im Rücken, lag sie halb sitzend, in Unruhe, Zuweilen wußte man, wer auf der betreffenden Nummer ge- und lachte beständig perlend, ganz hoch und silberhell, indem wohnt hatte, was dann immerhin zu denken gab: so diesmal sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es schien, von ih- und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im Vorbeigehen rer Beklemmung. Aber über des Hofrats Redensarten lachte sie das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand er- wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abge- blickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten henden vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wieder- Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden sehn nach, indem sie mit der Hand hinter ihm drein winkte, Geschäftigkeit. Er stand und schaute, versonnen und betroffen, seufzte klingend, lachte silberne Läufe, stemmte die Hände ge- als eben der Hofrat des Weges kam. gen die unter dem Batisthemd wogende Brust und konnte die »Ich stehe hier und sehe stöbern«, sagte Hans Castorp. »Gu- Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann. ten Tag, Herr Hofrat. Die kleine Leila ..« Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte ei- »Tja -«, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach ei- nige Wochen lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen nem Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, Schülers gesessen und immer viel gelacht. Dann war sie ver- setzte er hinzu: schwunden, ohne daß der junge Mann sich weiter darum ge- »Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den kümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er gemeint, so- Hof gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lun- weit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet genpfeiferchen in ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der »Überfüll- rüstig wie Sie persönlich sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, ten«, auf dessen Erklärung er wartete. nee, lassen wir das mal seine Richtigkeit haben, daß es ein ganz »Hahaha«, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. »Furcht- hübscher Zug ist in Ihrem Charakterbild. Soll ich Sie gelegent- bar komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und lich ein bißchen einführen dann und wann? Ich habe da noch amüsanter Mann, zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie allerlei Zeisige sitzen, — wenn es Sie interessiert. Jetzt gehe ich sich doch, Herr Kasten, Herr Carsten, oder wie Sie heißen, Sie zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner ›Überfüllten‹. Kom- heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, entschuldigen Sie! Setzen Sie men Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden Leidens- sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, aber erlauben Sie, daß ich genossen vor.« strample, ich kann es — ha .a«, seufzte sie offenen Mundes Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom und perlte dann wieder, »ich kann es unmöglich lassen.« 392 393, Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber hatte es zu gut mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so angenehme Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen recht verstanden, und kurz und gut: in überfülltem Zustande, waren bläulich, und auch die Nasenspitze wies diese Tönung das heißt unter Herzbeklemmung und Atemnot — ha! hihihi - auf, zweifellos infolge Luftmangeis. Ihre Hände, die von sym- war sie hier oben wieder eingetroffen und von Behrens, der pathischer Magerkeit waren, und die die Spitzenmanschetten mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt worden. des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich ebensowenig Denn nun sei sie schwerkrank, — nicht hochgradig eigentlich, ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit aber verpfuscht, verpatzt, — hahaha, sein Gesicht, was er denn für »Salzfässern« über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die ein komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit Brust, unter dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unru- dem Finger hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun hig knapper und ringender Bewegung gehalten, schien zart und auch ihre Stirn sich blau zu färben begann. Aber am allerko- jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr schöne Blumen zu schik- mischsten, sagte sie, sei Behrens mit seinem Gewetter und sei- ken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von Nizza und ner Grobheit, — schon im voraus habe sie darüber lachen müs- Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimm- sen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. »Sie schweben in te er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit absoluter Lebensgefahr«, habe er sie angeschrien ohne Um- ein. schweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschul- »Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?« fragte sie. digen Sie. »Wie amüsant und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Sie aber, ich bin gar nicht hochgradig, das heißt, ich war es ei- Erklärung so perlend lachte, — ob nur ihrer »Grobheit« wegen gentlich gar nicht, noch bis vor kurzem, nicht im geringsten .und weil sie nicht daran glaubte, oder obgleich sie daran glaubte Bis mir neulich diese Geschichte .Hören Sie nur, ob es nicht - denn das mußte sie doch wohl tun -, aber die Sache selbst, das das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen Leben ..« Und heißt die Lebensgefahr, in der sie schwebte, eben nur furchtbar nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte sie ihm, komisch fand. Hans Castorp hatte den Eindruck, daß dies letzte- was ihr zugestoßen war. re zutreffe, und daß sie wirklich nur aus kindischem Leichtsinn Ein wenig krank war sie heraufgekommen, — krank immer- und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle, trillere und tirilie- hin, denn sonst wäre sie nicht gekommen, nicht ganz leicht re, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr Blumen, sah vielleicht sogar, aber eher leicht als schwer. Der Pneumothorax, aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn diese noch junge und rasch zu großer Beliebtheit gelangte Er- nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten rungenschaft der chirurgischen Technik, hatte sich auch in ihrem worden, war sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war vollkommen gelun- Gatten denn richtig gestorben, — eine Gans in Folio, wie der gen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die er- Hofrat, von dem Hans Castorp es hörte, von sich aus hinzu- freulichsten Fortschritte, ihr Mann — denn sie war verheiratet, fügte. wenn auch kinderlos — durfte sie in drei bis vier Monaten zu- Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Un- rückerwarten. Da machte sie, um sich zu amüsieren, einen Aus- ternehmungsgeist mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals flug nach Zürich, — es lag kein anderer Grund vor für diese Rei- weitere Beziehungen zu den Schwerkranken des Hauses ange- se als der des Amüsements. Sie hatte sich auch amüsiert nach knüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit zu dem Sohne Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit innegeworden, von »Tous-les-deux«, dem zweiten, der noch übrig war, nach- sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft einen dem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch, ha- H2CO geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der haha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es kürzlich aus dem »Fridericianum« genannten Erziehungsinstitut, gab keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er für das sein Fall zu schwer gewesen, heraufgekommen war. Fer- 394 395, ner zu dem deutsch-russischen Versicherungsbeamten Anton störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, das war zu erwarten Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder. Ferner zu der un- gewesen. Aber wenn Hans Castorp nach wie vor bereit war, glückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von Mallinck- ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise hö- rodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und renswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beein- die von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals flussen zu lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwel- mit Brei gefüttert wurde .Nachgerade gelangten sie in den cher erzieherischer Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen Ruf von Samaritern und barmherzigen Brüdern. Auch redete zu verzichten, die ihm, trotz Mutter Gerngroß und ihrer Re- Settembrini Hans Castorp eines Tages in diesem Sinne an. densart vom »netten kleinen Flirt«, trotz auch dem nüchternen »Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wan- Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der Über- del. Sie haben sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen füllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von Rechtfertigung durch gute Werke?« bedeutender Tragweite erschienen. »Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, Der Sohn ›Tous-les-deux'‹ hieß Lauro. Er hatte Blumen er- wovon es lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und halten, erdig duftende Nizzaveilchen, »von zwei teilnehmenden ich ..« Hausgenossen mit besten Genesungswünschen«, und da die »Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es Anonymität zur reinen Formsache geworden war und jeder- mit Ihnen zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das mann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete ist gewiß. Der Leutnant ist eine respektable, aber einfache und Tous-les-deux selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, geistig unbedrohte Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe ver- bei einer Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, ursacht. Sie werden mich an seine Führerschaft nicht glauben indem sie sie mit rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch machen. Der Bedeutendere, aber auch der Gefährdetere sind ein gramvoll einladendes Gebärdenspiel aufforderte, den Dank Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Sorgenkind ihres Sohnes — de son seul et dernier fils qui allait mourir aussi des Lebens, — man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben - persönlich entgegenzunehmen. Das geschah auf der Stelle. Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.« Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner junger Mann mit »Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und pracht- von Ihnen. Und ›Sorgenkind des Lebens‹ ist hübsch. Worauf so vollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob sproßte, — zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Ge- ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt baren, daß die Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe mich nun also ein biß- als Joachim Ziemßen, froh waren, als sich die Tür des Kranken- chen mit den ›Kindern des Todes‹ ab, das ist es ja wohl, was Sie zimmers wieder hinter ihnen schloß. Denn während Tous-les- meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit habe, ganz ne- deux in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den schwarzen Schleier benbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter, nach unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen Stirn und den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ih- ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit rem Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen sterben.« Winkel ihres großen Mundes harmvoll tief herabhängen ließ »Es steht doch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begra- und dann und wann sich den am Bette Sitzenden näherte, um ben«, sagte der Italiener. ihren tragischen Papageienspruch zu wiederholen: »Tous les dé, Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene vous comprenez, messiés .Premièrement l'un et maintenant aus, daß gar so manches geschrieben stehe, dies und auch wieder l'autre« — erging sich der schöne Lauro, ebenfalls auf franzö- jenes, so daß es schwer sei, das Rechte herauszufinden und es zu sisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden befolgen. Selbstverständlich hatte der Drehorgelmann einen Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, 396 397, comme héros, à l'espagnol, gleich seinem Bruder, de même que meinem Rippenfell herumfährt, — meine Herren, meine Her- son fier jeune frère Fernando, der ebenfalls wie ein spanischer ren ! da war es um mich geschehen, es war aus mit mir, es erging Held gestorben sei, — gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um mir ganz unbeschreiblich. Das Rippenfell, meine Herren, das den Streichen des Todes die gelbe Brust zu bieten, und betrug soll nicht berührt werden, das darf und will nicht berührt wer- sich so fort, bis ein Hustenanfall, der ihm dünnen, rosafarbenen den, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt, isoliert und un- Schaum auf die Lippen trieb, seine Rodomontaden erstickte und nahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt und ta- die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen hinauszugehen. stete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich, mei- Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und ne Herren, — nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal scheuß- auch im stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils liches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abge- über sein Gehaben. Besser gefiel es allen beiden bei Anton Kar- sehen von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohn- lowitsch Ferge aus Petersburg, der mit seinem großen gutmüti- macht, — in drei Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine brau- gen Schnurrbart und seinem ebenfalls mit gutmütigem Aus- ne und eine violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, druck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und sich nur langsam der Pleurachok warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Her- und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax bei ren, es roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf in der Hölle riechen muß, und bei alldem hörte ich mich la- der Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen chen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein Mensch lacht, Chok dabei erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, die bei diesem modischen Eingriff. Bei ihm aber war der Pleura- ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwer- chok in ausnehmend gefährlicher Form, als vollständiger Kol- den des Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die laps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem Worte so schwer allerinfamste, übertriebenste und unmenschlichste Weise gekit- aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen und zelt würde, so und nicht anders ist es mit dieser verdammten vorläufig vertagen müssen. Schande und Qual, und das ist der Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.« Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Kar- kam, der für ihn grauenhaft gewesen sein mußte. »Ohne Nar- lowitsch Ferge auf dies »hundsföttische« Erlebnis zurück und kose, meine Herren. Gut, unsereiner verträgt das nicht, es ver- ängstigte sich nicht wenig vor seiner Wiederholung. Übrigens bietet sich in diesem Fall, man begreift und findet sich als ver- hatte er sich von vornherein als einen einfachen Menschen be- nünftiger Mensch in die Sache. Aber das Örtliche reicht nicht kannt, dem alles »Hohe« vollständig fernliege und an den man tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht es stumpf, man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht stellen spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein Drücken dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem frühe- nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin ren Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Le- links. Es ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist ben eines Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesell- das Fleisch, das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt schaft: von Petersburg aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und wird. Aber da höre ich den Herrn Hofrat sagen: ›So!‹ und in Querfahrten durch ganz Rußland die assekurierten Fabriken be- dem Augenblick, meine Herren, fängt er an, mit einem stump- sucht und die wirtschaftlich zweifelhaften auszukundschaften fen Instrument — es muß stumpf sein, damit es nicht vorzeitig gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade schlecht gehen- durchsticht — das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um die den Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum sei rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlas- er denn ausgesandt worden, um unter diesem oder jenem Vor- sen kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf wande einen Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu 398 399, erstatten, damit zu rechter Zeit durch verstärkte Rückversiche- nung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, ver- rung oder Prämienteilung empfindlichem Verlust habe vorge- ließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde beugt werden können. Von winterlichen Reisen durch das weite sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an der unte- Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte hindurch bei unge- ren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit heuerem Frost, im Liegeschlitten, unter Schaffelldecken, und ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen über sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der Reformhose dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohl- und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann legte er sich wie- suppe wie Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an der. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem den Stationen, beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anders mehr als worden waren, wobei sich das Brot als frisch wie am ersten Ta- eben immer nur dies erwarte. ge erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn unterwegs plötzlich Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Nata- Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in Stücken mitge- lie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen Ringen nommene Kohlsuppe ausgelaufen. in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher La- In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und zarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit geschla- wieder seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles gen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt, so recht und schön, aber wenn nur nicht noch einmal der Versuch daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd und gleichzei- mit dem Pneumothorax bei ihm gemacht werden müsse. Es war tig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogen war ihr Haut- nichts Höheres, was er vorbrachte, aber faktischer Natur und organ, das zu großen Teilen von einem qualvoll juckenden, da ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem es förder- und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, wor- lich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu ver- aus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. In- nehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen nere Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Kirchen mit so vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien Lungen, der Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Be- glichen. Auch von der dortigen Menschenart, ihrer nördlichen wußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab bei Frau von Mallinck- und darum in seinen Augen desto abenteuerlicheren Erotik, ließ rodt, und Herzschwäche, hervorgerufen durch Fieber und er Herrn Ferge erzählen, von dem asiatischen Einschuß ihres Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte zum Beispiel, daß Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem finnisch- sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich hinunterbrachte: mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken. Kurzum, die Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen — rasch, verwaschen, Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der Welt; wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, Ferges gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorste- das heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrer- henden Kehlkopf hervor -, und desto besser (wie einmal die seits von ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern Jugend ist) fand sich Hans Castorp von alldem unterhalten, als von ihr selbst erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf dem er sich tum- nicht ohne Mittel, da der Ehemann sie mit solchen versah. Sie melte. machte ohne unangebrachten Stolz von seiner Anständigkeit Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlo- oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da sie sich witsch Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy selbst nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, aus dem »Fridericianum«, einen eleganten Vierzehnjährigen, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, ver- ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der schnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzähl- elementaren Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die te. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der Entfer- über das Elend ihres bräunlichen Körpers triumphierte und400401, noch aus dem weißen Gazeverband, den sie aus irgendeinem sens dabei, eine Freude, die auf dem Gefühl von der Förderlich- schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein kleidsames keit und heimlichen Tragweite seines Tuns beruhte, sich übri- Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck, be- gens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an dem gann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens misch- Erfreut durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offen- te, einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in sichtlich eine mehr galante als caritative Bedeutung beilegte, der Tat, daß weder vom militärischen noch vom humanistisch- ließ sie die jungen Herren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie pädagogischen Standpunkte irgend etwas Ernstliches dagegen aus einer Schnabeltasse trank, die Finger ohne Ausnahme der erinnert werden konnte. Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nah- Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren men Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats, von ihm der mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Charität der Vettern empfohlen. Seit vier Jahren hier oben, war Mann, ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die Mittellose von harten Verwandten abhängig, die sie schon die ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals einmal, da sie doch sterben müsse, von hier fortgenommen, und sonderlich hatte erwärmen können, und von dem halben Kna- nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt hatten. ben, mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärt- Sie domizilierte im »Dorf«, in einer billigen Pension, — neun- lichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hät- zehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, ten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe die zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hek- sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die da- tischen Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer cha- mals vielfältig und stürmisch zum Ausdruck gekommen. Ob die rakteristisch belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stim- Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre me. Sie hustete fast ohne Unterbrechung, und ihre sämtlichen Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr das Fingerspitzen waren verpflastert, da sie infolge der Vergiftung halbe Gesicht überzog. offen waren. Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie sich geekelt, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achsel- nun einmal so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. Mit zucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut einer Blumensendung begann es, dann folgte ein Besuch bei der des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter armen Karen auf ihrem kleinen Balkon in »Dorf« und hierauf Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der unglückseligen diese und jene außerordentliche Unternehmung zu dritt: die Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen kleine Pfle- Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines Bobsleighrennens. gerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten, Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres Hochtales das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die Veran- eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu ge- staltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, ben, wenn der Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern denen die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich- im Bette behilflich zu sein; denn zu allem übrigen erschwerte flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja al- eine Operationswunde ihr auch das Liegen. In diesen Handrei- len Zerstreuungen hier oben abhold. Nicht um solcher willen chungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum Speisesaal war er hier, — war überhaupt nicht hier, um zu leben und sich oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach, mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn angenehm und indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz allein, nur rasch den Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollie- um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene ren, — und empfand eine beglückende Ausdehnung seines We- Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, 402 403, der ein Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur wider- tischen Mützen und weißen Zähnen sprachen französisch mit willig duldete. Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war penetrant duftenden Damen, die von oben bis unten in bunte ihm verboten, und den Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Wolle gekleidet waren, und von denen einige in Hosen gingen. Was aber Hans Castorp betraf, so fühlte er sich zu sehr, in einem Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, die zu strengen und intimen Verstande, als Mitglied Derer hier Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach au- oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von Leuten, ßen gekehrt war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen die in diesem Tale ein Sportgelände sahen. Ansehens, und Holländer von malaiischem Kreuzungstyp saßen Die caritative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Kar- zwischen deutschem und schweizerischem Publikum, während stedt brachte hierin einige Änderung hervor, — ohne unchrist- allerlei Unbestimmtes, französisch Redendes, vom Balkan oder lich zu erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen er- der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans Castorp eine ge- heben. Sie holten die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in wisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als »Dorf« und führten sie bei prächtig heiß durchsonntem Frost- zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall einge- wetter durch das nach dem Hotel d'Angleterre genannte Engli- sprengt war. Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaf- sche Viertel, zwischen den Luxusläden der Hauptstraße hin, auf ten Aufgaben, stolperten über die Bahn, am einen Fuß einen der Schlitten läuteten, reiche Genießer und Tagediebe aus aller Schnee-, am anderen einen Schlittschuh, oder indem die Kna- Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen Hotels, ben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich her schoben. Sie lie- barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stof- fen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer sein Licht, fen, mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse Schneestrahlung, sich ergingen, und hinab auf den nicht weit überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte vom Kurhause in der Tiefe des Tales gelegenen Eisplatz, der im Gießkannen lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die Sommer eine zum Fußballspiel benutzte Wiese gewesen. Musik reichsten, berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf der Empore des höl- das Töchterchen eines holländischen Multimillionärs, den Sohn zernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig gestreckten eines preußischen Prinzen und einen Zwölfjährigen, der den Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen Namen einer weltbekannten Champagnerfirma trug. Die arme standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte vor das von drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so fanden Plätze und schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, dankbar. Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es schwarzen Trikots, Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, war nicht weit zum Ziel, weder vom »Berghof« noch auch von schwebten, zogen Figuren, sprangen und kreiselten. Ein virtuo- Karen Karstedts Wohnung, denn die Bahn, von der Schatzalp ses Paar, Herr und Dame, Professionals und außer Konkurrenz, herunterkommend, endete in »Dorf« zwischen den Siedelungen vollführte etwas in der ganzen Welt nur von ihm Vermochtes, des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort errichtet, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf um den wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer verschie- gemeldet wurde. Zwischen den vereisten Schneebarrieren, auf dener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuwei- den metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die fla- len das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite chen Gerüste, bemannt mit Männern und Frauen in weißer Viereck. Man läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zu- Wolle, Schärpen in allerlei Landesfarben um die Brust, einzeln, weilen brandete die Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall in größeren Abständen, aus der Höhe daher. Man sah rote, an- auf. gestrengte Gesichter, in die es hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft in den Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Mu- Vettern und ihr Schützling, sich umsahen. Engländer mit schot- 404 405, sik spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen ge wegzuckte, im Saale das Licht aufging und das Feld der Vi- oder schoben sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben sionen als leere Tafel vor der Menge stand, so konnte es nicht der Bahn geschaufelt war. Holzbrücken, über die er später führ- einmal Beifall geben. Niemand war da, dem man durch Applaus te, die die Bahn überspannten, und unter denen von Zeit zu Zeit hätte danken, den man für seine Kunstleistung hätte hervorru- ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste, waren ebenfalls mit fen können. Die Schauspieler, die sich zu dem Spiele, das man Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben nah- genossen, zusammengefunden, waren längst in alle Winde zer- men den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die stoben; nur die Schattenbilder ihrer Produktion hatte man gese- Kurven hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach hen, Millionen Bilder und kürzeste Fixierungen, in die man ihr auch davon. Handeln aufnehmend zerlegt hatte, um es beliebig oft, zu rasch Selbst ins Bioskop-Theater von »Platz« führten sie Karen blinzelndem Ablauf, dem Elemente der Zeit zurückzugeben. Karstedt eines Nachmittags, da sie das alles so sehr genoß. In der Das Schweigen der Menge nach der Illusion hatte etwas schlechten Luft, die alle drei physisch stark befremdete, da sie Nervloses und Widerwärtiges. Die Hände lagen ohnmächtig nur das Reinste gewohnt waren, sich ihnen schwer auf die Brust vor dem Nichts. Man rieb sich die Augen, stierte vor sich hin, legte und einen trüben Nebel in ihren Köpfen erzeugte, flirrte schämte sich der Helligkeit und verlangte zurück ins Dunkel, eine Menge Leben, kleingehackt, kurzweilig und beeilt, in auf- um wieder zu schauen, um Dinge, die ihre Zeit gehabt, in fri- springender, zappelnd verweilender und wegzuckender Unruhe, sche Zeit verpflanzt und aufgeschminkt mit Musik, sich wieder zu einer kleinen Musik, die ihre gegenwärtige Zeitgliederung begeben zu sehen. auf die Erscheinungsflucht der Vergangenheit anwandte und bei Der Despot starb unter dem Messer, mit einem Gebrüll aus beschränkten Mitteln alle Register der Feierlichkeit und des offenem Munde, das man nicht hörte. Man sah dann Bilder aus Pompes, der Leidenschaft, Wildheit und girrenden Sinnlichkeit aller Welt: den Präsidenten der französischen Republik in Zy- zu ziehen wußte, auf der Leinwand vor ihren schmerzenden linder und Großkordon, vom Sitze des Landauers auf eine Be- Augen vorüber. Es war eine aufgeregte Liebes- und Mordge- grüßungsansprache erwidernd; den Vizekönig von Indien bei schichte, die sie sahen, stumm sich abhaspelnd am Hofe eines der Hochzeit eines Radscha; den deutschen Kronprinzen auf ei- orientalischen Despoten, gejagte Vorgänge voll Pracht und nem Kasernenhofe zu Postdam. Man sah das Leben und Treiben Nacktheit, voll Herrscherbrunst und religiöser Wut der Unter- in einem Eingeborenendorf von Neumecklenburg, einen Hah- würfigkeit, voll Grausamkeit, Begierde, tödlicher Lust und Von nenkampf auf Borneo, nackte Wilde, die auf Nasenflöten blie- verweilender Anschaulichkeit, wenn es die Muskulatur von sen, das Einfangen wilder Elefanten, eine Zeremonie am siame- Henkersarmen zu besichtigen galt, — kurz, hergestellt aus sym- sischen Königshof, eine Bordellstraße in Japan, wo Geishas hin- pathetischer Vertrautheit mit den geheimen Wünschen der zu- ter hölzernen Käfiggittern saßen. Man sah vermummte Samoje- schauenden internationalen Zivilisation. Settembrini, als Mann den im Rentierschlitten durch eine nordasiatische Schneeöde des Urteils, hätte die humanitätswidrige Darbietung wohl scharf kutschieren, russische Pilger zu Hebron anbeten, an einem per- verneinen, mit gerader und klassischer Ironie den Mißbrauch sischen Delinquenten die Bastonade vollziehen. Man war zuge- der Technik zur Belebung so menschenverächterischer Vorstel- gen bei alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückge- lungen geißeln müssen, dachte sich Hans Castorp und flüsterte stellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes, von dergleichen seinem Vetter auch zu. Frau Stöhr dagegen, die Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt. Ein junges marok- ebenfalls anwesend war und nicht weit von den dreien saß, er- kanisches Weib, in gestreifter Seide, aufgeschirrt mit Ketten, schien ganz Hingabe; ihr rotes, ungebildetes Gesicht war im Spangen und Ringen, die strotzende Brust halb entblößt, ward Genusse verzerrt. plötzlich in Lebensgröße angenähert. Ihre Nüstern waren breit, Übrigens verhielt es sich ähnlich mit allen Gesichtern, in die ihre Augen voll tierischen Lebens, ihre Züge in Bewegung; sie man blickte. Wenn aber das letzte Flimmerbild einer Szenenfol- lachte mit weißen Zähnen, hielt eine ihrer Hände, deren Nägel 406 407, heller schienen als das Fleisch, als Schirm über die Augen und senzähne störrisch entblößt, dem Verhältnis der drei jungen winkte mit der anderen ins Publikum. Man starrte verlegen in Leute auf den Grund zu kommen, der ihr ganz deutlich nur war, das Gesicht des reizvollen Schattens, der zu sehen schien und soweit die arme Karen in Frage stand, welcher es, so sagte Frau nicht sah, der von den Blicken gar nicht berührt wurde und des- Stöhr, wohl passen mochte, bei ihrem leichten Wandel von sen Lachen und Winken nicht die Gegenwart meinte, sondern zwei so flotten Rittern zugleich chaperoniert zu werden. Weni- im Dort und Damals zu Hause war, so daß es sinnlos gewesen ger klar erschien ihr der Fall von Seiten der Vettern aus gese- wäre, es zu erwidern. Dies mischte, wie gesagt, der Lust ein Ge- hen; aber bei aller Dummheit und Unbildung verhalf die Intui- fühl der Ohnmacht bei. Dann verschwand das Phantom. Leere tion ihrer Weiblichkeit ihr doch zu einiger Einsicht, wenn auch Helligkeit überzog die Tafel, das Wort »Ende« ward daraufge- nur zu einer halben und ordinären. Denn sie verstand und gab worfen, der Zyklus der Darbietungen hatte sich geschlossen, dem Stichelnderweise Ausdruck, daß hier der wahre und eigent- und stumm räumte man das Theater, während von außen neues liche Ritter Hans Castorp sei, während der junge Ziemßen bloß Publikum hereindrängte, das eine Wiederholung des Ablaufs zu assistierte, und daß Hans Castorp, dessen innere Richtung gegen genießen begehrte. Frau Chauchat ihr bekannt war, die kümmerliche Karstedt nur Ermuntert durch Frau Stöhr, die sich ihnen anschloß, besuch- ersatzweise chaperonierte, da er sich jener anderen offenbar te man hierauf noch, der armen Karen zu Gefallen, die vor nicht zu nähern wußte, — eine Einsicht, Frau Stöhrs nur zu wür- Dankbarkeit die Hände gefaltet hielt, das Cafe des Kurhauses. dig und ganz ohne sittliche Tiefe, sehr unzulänglich und von Auch hier gab es Musik. Ein kleines, rotbefracktes Orchester ordinärer Intuition, weshalb Hans Castorp denn auch nur mit spielte unter der Führung eines tschechischen oder ungarischen einem müden und verächtlichen Blick darauf erwiderte, als sie Primgeigers, der, von der Truppe gelöst, zwischen tanzenden sie platt-neckisch zu erkennen gab. Denn allerdings bedeutete Paaren stand und unter feurigen Körperwindungen sein Instru- ihm der Verkehr mit der armen Karen eine Art von Ersatz- und ment bearbeitete. Mondänes Leben herrschte an den Tischen. Es unbestimmt förderlichem Hilfsmittel, wie alle seine caritativen wurden seltene Getränke herumgetragen. Die Vettern bestellten Unternehmungen ihm dergleichen bedeuteten. Aber zugleich Orangeade zur Kühlung für sich und ihren Schützling, denn es waren sie doch auch Zweck ihrer selbst, diese frommen Unter- war heiß und staubig, während Frau Stöhr süßen Schnaps zu nehmungen, und die Zufriedenheit, die er empfand, wenn er sich nahm. Um diese Stunde, sagte sie, sei es mit dem Betriebe die bresthafte Mallinckrodt mit Brei fütterte, sich von Herrn hier noch nicht völlig das Rechte. Der Tanz belebe sich noch Ferge den infernalischen Pleurachok beschreiben ließ oder die bedeutend bei vorrückendem Abend, zahlreiche Patienten der arme Karen vor Freude und Dankbarkeit in die Hände mit den diversen Heilanstalten und wildlebende Kranke aus den Hotels verpflasterten Fingerspitzen klatschen sah, war, wenn auch von und dem Kurhause selbst, viel mehr noch als jetzt, beteiligten übertragener und beziehungsvoller, so doch zugleich auch von sich später daran, und schon manche. Hochgradige sei hier in die unmittelbarer und reiner Art; sie entstammte einem Bildungs- Ewigkeit hinübergetanzt, indem sie den Becher der Lebenslust geiste, entgegengesetzt demjenigen, den Herr Settembrini päd- gekippt und den finalen Blutsturz in dulci jubilo erlitten habe. agogisch vertrat, indessen wohl wert, das Placet experiri darauf Was Frau Stöhrs große Unbildung aus dem »dulci jubilo« anzuwenden, wie es dem jungen Hans Castorp schien. machte, war ganz außerordentlich; das erste Wort entlehnte sie Das Häuschen, worin Karen Karstedt wohnte, lag unweit des dem italienisch-musikalischen Vokabular ihres Gatten und Wasserlaufs und des Bahngeleises an dem gegen »Dorf« führen- sprach also »dolce«, das zweite aber erinnerte an Feuerjo, Jubel- den Wege, und so hatten die Vettern es bequem, sie abzuholen, jahr oder Gott wußte woran, — die Vettern schnappten gleich- wenn sie sie nach dem Frühstück auf ihren dienstlichen Lust- zeitig nach den Strohhalmen in ihren Gläsern, als dieses Latein wandel mitnehmen wollten. Gingen sie so gegen »Dorf«, um in Kraft trat, doch focht das die Stöhr nicht an. Vielmehr suchte die Hauptpromenade zu gewinnen, so sahen sie vor sich das sie auf dem Wege der Anspielungen und Sticheleien, die Ha- kleine Schiahorn, dann weiter rechts drei Zinken, welche die 408 409, Grünen Türme hießen, jetzt aber ebenfalls unter blendend be- sondern wußte Bescheid, wie es mit ihr stand und was es mit sonntem Schnee lagen, und noch weiter rechts die Kuppe des der Nekrose ihrer Fingerspitzen auf sich hatte. Sie wußte ferner, Dorfberges. Auf Viertelhöhe seiner Wand sah man den Friedhof daß ihre harten Verwandten vom Luxus des Heimtransportes liegen, den Friedhof von »Dorf«, von einer Mauer umgeben kaum würden etwas wissen wollen, sondern daß ihr nach dem und offenbar mit schönem Blick, vermutlich auf den See, wes- Exitus ein bescheidenes Plätzchen dort oben zum Quartier wür- halb er als Zielpunkt eines Spazierganges wohl ins Auge zu fas- de angewiesen werden. Und kurz, man konnte wohl finden, sen war. Sie wanderten denn auch einmal hinauf, die drei, an daß dieses Wanderziel moralisch passender für sie war, als man- einem schönen Vormittag, — und alle Tage waren nun schön: ches andere, zum Beispiel der Bobstart oder das Kino, — wie es windstill und sonnig, tiefblau, heißfrostig und glitzerweiß. Die denn übrigens nicht mehr als ein anständiger Akt der Kamerad- Vettern, der eine ziegelrot im Gesicht, der andere bronziert, schaft war, Denen dort oben einmal einen Besuch zu machen, gingen im baren Anzug, da Mäntel lästig gewesen wären in die- gesetzt, daß man den Friedhof nicht einfach als Sehenswürdig- sem Sonnenprall, — der junge Ziemßen in Sportdreß mit Gum- keit und neutrales Spaziergebiet betrachten wollte. mischneeschuhen, Hans Castorp gleichfalls in solchen, aber in Im Gänsemarsch gingen sie langsam hinauf, denn der ge- langen Hosen, da er nicht körperlich genug gesinnt war, um schaufelte Pfad gestattete nur ein einzelnes Gehen, ließen die kurze zu tragen. Es war zwischen Anfang und Mitte Februar, im letzten, an der Lehne zuhöchst gelegenen Villen hinter und un- neuen Jahre. Ganz recht, die Jahreszahl hatte gewechselt, seit- ter sich und sahen im Steigen das vertraute Landschaftsbild in dem Hans Castorp heraufgekommen; man schrieb eine andere seiner Winterpracht sich wieder einmal perspektivisch ein wenig jetzt, die nächste. Ein großer Zeiger der Weltzeitenuhr war um verschieben und öffnen: es weitete sich nach Nordost, gegen eine Einheit weiter gefallen: nicht gerade einer der allergrößten, den Taleingang, der erwartete Blick auf den See tat sich auf, nicht etwa der, welcher die Jahrtausende maß, — sehr wenige, dessen umwaldetes Rund zugefroren und mit Schnee bedeckt die lebten, würden das noch erleben; auch der nicht, der die war, und hinter seinem fernsten Ufer schienen Bergschrägen Jahrhunderte anmerkte oder nur die Jahrzehnte, das nicht. Der sich am Boden zu treffen, hinter denen fremde Gipfel, ver- Jahreszeiger aber war kürzlich gefallen, obgleich Hans Castorp schneit, einander vor dem Himmelsblau überhöhten. Sie sahen ja noch kein Jahr, sondern erst wenig mehr als ein halbes hier das an, im Schnee vor dem Steinernen Tore stehend, das den oben war, und stand nun fest nach Art der nur von fünf zu fünf Eingang zum Friedhof bildete, und betraten die Stätte dann Minuten fallenden Minutenzeiger gewisser großer Uhren, bis durch die eiserne Gittertür, die dem Steintore eingefügt und er wieder vorrücken würde. Bis dahin aber mußte der Monats- nur angelehnt war. zeiger noch zehnmal vorrücken, ein paarmal öfter, als er es ge- Auch hier fanden sie Pfade geschaufelt, die zwischen den tan, seitdem Hans Castorp hier oben war, — den Februar zählte umgitterten, schneebepolsterten Gräbererhöhungen, diesen er nicht mehr mit, denn angebrochen war abgetan, gleichwie wohl und ebenmäßig aufgemachten Bettlagern mit ihren Kreu- gewechselt so gut wie ausgegeben. zen aus Stein und Metall, ihren kleinen, medaillon- und in- Auch zu dem Friedhof am Dorfberge also gingen die drei schriftgeschmückten Monumenten dahinführten; doch ließ kein einmal spazieren, — exakter Rechenschaft halber sei auch dieser Mensch sich sehen noch hören. Die Stille, Abgeschiedenheit, Ausflug noch angeführt. Die Anregung dazu war von Hans Ca- Ungestörtheit des Ortes schien tief und heimlich in mancherlei storp ausgegangen, und Joachim hatte wohl anfangs der armen Sinn; ein kleiner steinerner Engel oder Puttengott, der, eine Karen wegen Bedenken gehabt, dann aber eingesehen und zu- Schneemütze etwas schief auf dem Köpfchen, irgendwo im Ge- gegeben, daß es zwecklos gewesen wäre, mit ihr Verstecken zu büsche stand und mit dem Finger die Lippen schloß, mochte spielen und sie im Sinne der feigen Stöhr vor allem, was an den wohl als sein Genius gelten, — will sagen: als der des Schwei- Exitus erinnerte, ängstlich zu bewahren. Karen Karstedt gab sich gens, und zwar eines Schweigens, das man sehr stark als Gegen- noch nicht den Selbsttäuschungen des letzten Stadiums hin, teil und Widerspiel des Redens, als Verstummen also, keines- 410411, wegs aber als inhaltsleer und ereignislos empfand. Für die bei- wenig nach hinten abgeneigt, — worauf die Vettern mit gleich- den männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit gewesen, zeitiger Neugier von den Seiten verstohlen in Karen Karstedts die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten. Aber Miene blickten. Sie merkte es dennoch und stand da, verschämt sie waren ja barhaupt, auch Hans Castorp war es, und so gingen und bescheiden, den Kopf ein wenig schräg vorgeschoben, und sie denn nur in ehrerbietiger Haltung, das Körpergewicht auf lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei sie rasch mit den die Fußballen legend und gleichsam mit kleinen Verbeugungen Augen blinzelte. nach rechts und links, im Gänsemarsch hinter Karen Karstedt her, die sie führte. Walpurgisnacht Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann Sieben Monate waren es in den nächsten Tagen, daß der junge ebenfalls rechteckig nach beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte Hans Castorp hier oben verweilte, während Vetter Joachim, der mehrfach Vergrößerung sich als notwendig erwiesen und war deren fünf auf dem Buckel gehabt hatte, als jener eingetroffen Acker angestückt worden. Trotzdem schien das Gehege auch ge- war, nun auf zwölfe zurückblickte, auf ein Jährchen also — ein genwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang der rundes Jahr -, rund in dem kosmischen Sinn, daß, seit die klei- Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten ne, zugkräftige Lokomotive ihn hier abgesetzt, die Erde einmal Teilen, — kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ihren Sonnenumlauf beendet hatte und zu dem Punkte von da- ein Unterkommen darin gewesen wäre. Die drei Auswärtigen mals zurückgekehrt war. Es war Faschingszeit. Fastnacht stand wanderten längere Zeit diskret in den schmalen Gehrinnen und vor der Tür, und Hans Castorp erkundigte sich bei dem Jähri- Passagen zwischen den Mälern umher, indem sie dann und gen, wie das denn sei. wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und »Magnifik!« antwortete Settembrini, dem die Vettern wieder Sterbedatum zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren einmal bei der Vormittagsmotion begegnet waren. »Splendid!« anspruchslos, bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften antwortete er. »Das ist so lustig wie im Prater, Sie werden se- betraf, so stammten die Namen aus allen Winden und Welten, hen, Ingenieur. Dann sind wir gleich im Reihen hier die glän- sie lauteten englisch, russisch oder doch allgemein slawisch, zenden Galanten«, sprach er, und fuhr dann prallen Mundes zu auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die Daten aber tru- medisieren fort, indem er seine Hechelreden mit gelungenen gen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen auffallend Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: »Was wollen gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug Sie, auch in der maison de santé finden bisweilen ja Bälle statt, überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Ju- für die Narren und Blöden, wie ich gelesen habe, — warum gend und keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes nicht auch hier? Das Programm umfaßt die verschiedensten Volk, das sich aus aller Welt hier zusammengefunden hatte und danses macabres, wie Sie sich denken können. Leider kann ein zur horizontalen Daseinsform endgültig eingekehrt war. gewisser Teil der vorjährigen Festteilnehmer diesmal nicht er- Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des scheinen, da das Fest schon um9½Uhr sein Ende findet ..« Angers, gegen die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von »Sie meinen .Ach so, vorzüglich!« lachte Hans Castorp. Menschenlänge, eben und unbelegt, zwischen zwei Aufgebette- »Sind Sie ein Witzbold -! ›Um 9½‹, — hast du's gehört, du? ten, um deren Steine Dauerkränze gehängt waren, und unwill- Allzu früh nämlich, als daß ›ein gewisser Teil‹ der Vorjährigen kürlich blieben die drei Besucher davor stehen. Sie standen, das noch ein Stündchen teilnehmen könnte, meint Herr Settembri- Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die zarten Anga- ni. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der Teil, der dem ben der Steine, — Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich ge- ›Fleisch‹ unterdessen schon endgültig Valet gesagt hat. Verstehst kreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt«, sagte Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein er. »Ich finde es richtig, daß wir hier so die Feste feiern, wie sie412413, fallen, und auf die übliche Art die Etappen markieren, die Ein- der Kleefeld bereits Papierschlangen, und mehrere Personen, schnitte also, damit es kein ungegliedertes Einerlei gibt, das wä- zum Beispiel die rundäugige Marusja, trugen papierne Kopfbe- re zu sonderbar. Da haben wir Weihnachten gehabt und wuß- deckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden vorn in der Loge ten, daß Neujahr war, und nun kommt also Fastnacht. Dann zu kaufen waren; aber abends entfaltete sich im Saal und in den rückt Palmsonntag heran (gibt es hier Kringel?), die Karwoche, Konversationsräumen eine Festgeselligkeit, die in ihrem Ver- Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später ist, und dann ist lauf .Nur wir wissen vorderhand, wozu, dank Hans Castorps ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende, verstehen Unternehmungsgeist, diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Ver- Sie, und es geht auf den Herbst ..« laufe führte. Aber wir lassen uns durch unser Wissen nicht hin- »Halt! halt! halt!«, rief Settembrini, indem er das Gesicht gen und nicht aus unserer Bedächtigkeit reißen, sondern geben der Himmel hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und überstürzen nichts, — viel- »Schweigen Sie! Ich verbiete Ihnen, sich in dieser Weise die Zü- leicht sogar zögern wir die Ereignisse hin, weil wir die sittliche gel schießen zu lassen!« Scheu des jungen Hans Castorp teilen, die den Eintritt dieser »Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil .Übrigens Ereignisse so lange hintangehalten hatte. wird Behrens sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen Allgemein war man nachmittags nach »Platz« gepilgert, um entschließen, um meine Entgiftung zu erzielen, denn ich habe das Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs unentwegt siebenunddreißig-vier, -fünf, -sechs und auch -sie- gewesen, Pierroten und Harlekine, die klappernde Pritschen ge- ben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und bleibe nun mal ein handhabt hatten, und zwischen den Fußgängern und den eben- Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja nicht, Rhada- falls maskierten Insassen der vorüberläutenden, geschmückten manth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, aber er sagt, Schlitten waren Konfetti-Scharmützel geliefert worden. Schon es wäre sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, wo ich sehr hochgestimmt fand man sich zur Abendmahlzeit an den nun doch schon so lange hier oben bin und soviel Zeit inve- sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen Geist in ge- stiert habe, sozusagen. Was nützt es auch, wenn er mir einen schlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, Schnarren Termin setzte? Das hätte nicht viel zu bedeuten, denn wenn er und Tuten des Concierge hatten starken Abgang gefunden, und zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, so ist es sehr knapp ge- Staatsanwalt Paravant hatte mit weiterer Travestierung den An- rechnet, man muß sich auf mehr gefaßt machen. Das sieht man fang gemacht, indem er einen Damenkimono und einen fal- an meinem Vetter, der sollte Anfang des Monats fertig sein - schen, laut vielseitigem Zuruf, der Generalkonsulin Wurm- fertig im Sinne von ausgeheilt -, aber das letztemal hat Behrens brandt gehörigen Zopf angelegt, auch seinen Schnurrbart mit ei- ihm vier Monate zugelegt, zu seiner völligen Ausheilung, - na, nem Brenneisen schräg nach unten gezogen hatte und so wirk- und was haben wir dann? Dann haben wir Sommersonnenwen- lich aufs Haar einem Chinesen glich. Die Verwaltung war nicht de, wie ich sagte, ohne daß ich Sie reizen wollte, und es geht zurückgestanden. Sie hatte jeden der sieben Tische mit einem wieder auf den Winter zu. Aber für den Augenblick haben wir Papierlampion geschmückt, einem farbigen Mond mit brennen- freilich erst einmal Fastnacht, — Sie hören ja, ich finde es gut der Kerze im Inneren, so daß Settembrini beim Eintritt in den und schön, daß wir hier alles der Reihe nach, und wie's im Ka- Saal, an Hans Castorps Tische vorbeistreifend, einen auf diese lender steht, begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Concierge- Illumination bezüglichen Dichterspruch zitierte: loge Kindertrompeten zu kaufen gibt?« Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdiens- »Da sieh nur, welche bunten Flammen! tag, der sofort da war, ehe man ihn von weitem nur recht ins Es ist ein muntrer Klub beisammen«, Auge gefaßt, — schon in der Frühe gab es im Speisesaal allerlei Töne aus scherzhaften Blasinstrumenten, schnarrend und tutend, äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu sei- beim Mittagessen flogen vom Tische Gänsers, Rasmussens und nem Platze weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfge- 414 415, schossen empfangen zu werden, dünnwandigen und mit einer an ihr gesehen, — aus leichter und dunkler, ja schwarzer, nur wohlriechenden Flüssigkeit gefüllten Kügelchen, die beim An- manchmal ein wenig goldbräunlich aufschimmernder Seide, das prall zerbrachen und den Getroffenen mit Parfüm überschütte- am Halse einen mädchenhaft kleinen Rundausschnitt zeigte, ten. kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der Schlüsselbeine und Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgespro- hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung etwas heraus- chen. Gelächter herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuch- tretenden Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar sicht- tern herabhängend, wehten im Luftzuge hin und her, in der bar blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern hin- Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah man die Zwergin auf frei ließ, — ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, - mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche geschäf- kühl dabei, aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß tig vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu gegen die seidige Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar gegen erschütternde Art, daß Hans Castorp, die Augen schließend, in Ende der Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch die sich hineinflüsterte: »Mein Gott!« — Er hatte diese Art Kleider- Lampions den Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-näch- schnitt noch nie gesehen. Er kannte Balltoiletten, festlich statt- tig erleuchteten, war die Stimmung vollkommen, und es erregte hafte, ja vorschriftsmäßige Enthüllungen, die weit umfassender am Tische Hans Castorps viel Zustimmung, als Settembrini ei- gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten so sensa- nen Zettel herübersandte (er händigte ihn der ihm zunächstsit- tionell zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere zenden, mit einer Jockei-Mütze aus grünem Seidenpapier ge- Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die ver- schmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift geschrieben nunftwidrige Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er hatte: durch dünne Gaze hindurch bereits gemacht hatte, ohne eine so »Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll, ahndevolle »Verklärung«, wie er es damals genannt, sich viel- Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, leicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum! Verhängnisvolle So müßt Ihr's so genau nicht nehmen.« Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende Nackt- heit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, war ein Ereignis, weit stärker sich erweisend, als die Verklärung murmelte mit jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder ei- von damals, eine Erscheinung, auf die es keine andere Antwort gentlich Lippenausdruck etwas vor sich hin, woraus man ent- gab, als den Kopf zu senken und lautlos zu wiederholen: »Mein nehmen konnte, was das für Verse seien. Hans Castorp seiner- Gott!« seits meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen, fühl- Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß: te sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu schreiben, die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen »Gesellschaft, wie man wünschen kann. können. Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand Wahrhaftig, lauter Bräute! aber keinen und konnte auch von Joachim und der Lehrerin Und Junggesellen Mann für Mann, keinen erhalten. Seine rot geränderten Augen gingen nach Aus- Die hoffnungsvollsten Leute!« hilfe gen Osten, in den linksrückwärtigen Winkel des Saales, und man sah, wie sein flüchtiges Vorhaben in so weitläufigen »Bravo, bravo!« wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, Assoziationen ausartete, daß er erbleichte und seine Grundab- der in kleinen irden-braunen Kännchen serviert wurde, bezie- sicht überhaupt vergaß. hungsweise auch bei den Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat Siiß-Geistiges für ihr Leben gern schlürfte. Die Gesellschaft be- dort hinten hatte zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein gann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man besuchte einander, neues Kleid, jedenfalls ein Kleid, das Hans Castorp noch nicht wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich schon in die, Konversationsräume verzogen, 'während ein anderer seßhaft »welscher Hahn« und forderte ihn auf, seine »Zötchen« für sich blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam zu behalten, wobei sie ihn im Geiste der Maskenfreiheit duzte, nun persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den denn diese Verkehrsform war schon während des Essens allge- Zahnstocher zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend mein aufgenommen worden. Er schickte sich an, ihr zu antwor- an die Tischecke zwischen Hans Castorp und die Lehrerin. ten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn unterbrachen »Harzgebirg«, sagte er. »Gegend von Schierke und Elend. und Aufsehen im Saal erregten.' Habe ich Ihnen zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß' ich mir Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen ka- das doch eine Messe! Aber warten Sie nur, unser Witz erschöpft men, hielten zwei sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der sich nicht so bald, wir sind noch nicht auf der Höhe, geschwei- Kostümierung wohl eben erst fertig geworden waren. Die eine ge am Ende. Nach allem, was man hört, wird es noch mehr war als Diakonissin angezogen, doch war ihr schwarzes Habit Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, - vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer benäht, das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.« kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Herrentracht, operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausla- Sie hielt den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in dende Formen, die Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohl- der Rechten eine Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau tem Flaschenkork; Herren, umgekehrt, die Frauenroben ange- in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im legt hatten, über deren Röcke sie strauchelten, wie zum Beispiel Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue Wollmütze Studiosus Rasmussen, welcher, in schwarzer, jettübersäter Toi- schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem An- oder lette, ein pickliges Dekollete zur Schau stellte, das er sich mit ei- Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück gear- nem Papierfächer kühlte, und zwar auch den Rücken. Ein Bet- beitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der telmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. Je- Mitte zum Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis mand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz und Herrn Albin. Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf de- ein Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine nen geschrieben stand: »Die stumme Schwester« und: »Der Augen ein unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund blaue Heinrich«. In einer Art Wackelschritt zogen sie selbander mit Lippenpomade blutig aufgehöht. Es war der Junge mit dem um den Saal. Fingernagel. Ein Grieche vom Schlechten Russentisch, mit schö- Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ih- nen Beinen, stolzierte in lila Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, ren Besen unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte Papierkrause und einem Stockdegen als spanischer Grande oder maßlos und ordinär nach Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach Schluß der Rolle als Scheuerweib. Nur Settembrini zeigte sich unzugäng- Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht län- lich. Seine Lippen, unter dem schön geschwungenen Schnurr- ger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als bart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen kurzen Blick auf Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und auf- das erfolgreiche Maskenpaar geworfen. gestülpten Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen Kinn geknotet und bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu aus den Konversationszimmern wieder herübergekommen wa- handhaben begann, indem sie mit dem nassen Schrubber unter ren, befand sich auch Clawdia Chauchat. Zusammen mit der die Tische, den Sitzenden zwischen die Füße fuhr. wollhaarigen Tamara und jenem Tischgenossen mit dem konka- ven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der Abendanzug trug, »Die alte Baubo kommt allein«, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische vorbei rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den und bewegte sich schräg hinüber zu dem jungen Gänser und der Reimvers hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Au- 418 419, gen lachend und plaudernd stehenblieb, während ihre Begleiter »Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ›Du‹ unter den allegorischen Gespenstern weiter folgten und mit ihnen Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes den Saal wieder verließen. Auch Frau Chauchat hatte sich mit wegen ›Sie‹ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel einer Faschingsmütze geschmückt, — es war nicht einmal eine mit dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich verabscheue, gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern anfertigt, weil es sich im Grund gegen Zivilisation und entwickelte aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und Menschlichkeit richtet, — sich frech und schamlos dagegen rich- kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkel- tet. Ich habe Sie auch nicht ›Du‹ genannt, bilden Sie sich das goldbraune Seidenkleid war fußfrei, der Rock war bauschig ge- nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer Na- arbeitet. Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. Sie waren tionalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ..« nackt bis zu den Schultern hinauf. »Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, - »Betrachte sie genau!« hörte Hans Castorp Herrn Settembrini weil mir der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum wie von weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, ge- spreche ich so. Ich sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist gen die Glastür, zum Saal hinaus, mit den Blicken folgte. »Lilith und leicht fällt, dich ›Du‹ zu nennen, im Gegenteil, es kostet ist das.« mich eine gewisse Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck »Wer?« fragte Hans Castorp. geben, um es zu tun, aber diesen Ruck gebe ich mir gern, ich Der Literat freute sich. Er replizierte: gebe ihn mir freudig und von Herzen ..« »Adams erste Frau. Nimm dich in acht..« »Von Herzen?« Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Ti- »Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun sche, an seinem entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, schon so lange beieinander hier oben, — sieben Monate, wenn auch Joachim, war in die Konversationsräume übergesiedelt. du nachrechnest; das ist ja für unsere Verhältnisse hier oben Hans Castorp sagte: noch nicht einmal sehr viel, aber für untere Begriffe, wenn ich »Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun das zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, und die haben wieder für eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? Ich wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier zusam- hatte keine Ahnung ..« menführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante »Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nacht- Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, spuk geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch von denen ich unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. ihre schönen Haare.« Aber hier sehr wohl; hier waren sie mir sehr wichtig und nahe- »Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas liegend, so daß ich immer, wenn wir diskutierten, in höchstem kannst du nicht leiden, was? Da kommst du und drehst das Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn du mir die Din- elektrische Licht an, sozusagen, um die jungen Männer auf den ge als homo humanus expliziertest; denn ich hatte natürlich aus rechten Weg zu bringen, — tust du das nicht?« sagte Hans Ca- meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen und storp phantastisch. Er hatte ziemlich viel von der Weinmischung konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du getrunken. sagtest. Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden .»Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!« befahl Settembrini Das mit Carducci war das Wenigste, aber wie beispielsweise die mit zusammengezogenen Brauen. »Bedienen Sie sich der im Republik mit dem schönen Stil zusammenhängt oder die Zeit gebildeten Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten mit dem Menschheitsfortschritt, — wohingegen, wenn keine Person pluralis, wenn ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht zu Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein könnte, son- Gesicht, worin Sie sich da versuchen.« dern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein fauliger »Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert Tümpel wäre, — was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen heute abend ..« wärst! Ich nenne dich einfach ›Du‹ und rede dich sonst nicht420421, weiter an, entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten gleich kom- sollte, — ich kann es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage ein- men, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So fach ›Du‹ zu dir, das genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch gingen sie hinüber. mit einem Namen, du bist ein Vertreter, Herr Settembrini, ein Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, Vertreter hierorts und an meiner Seite, — das bist du«, bestätigte die ihm kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand auf das Tisch- dem runden Tisch in der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob tuch. »Und nun will ich dir einmal danken«, fuhr er fort und mit einem Schöpflöffel dampfendes Getränk aus einer Terrine. schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Set- Auch.er hatte sein Äußeres ein wenig karnevalistisch aufgemun- tembrinis Kaffetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit tert, indem er nämlich zu dem klinischen Kittel, den er auch ihm anzustoßen, — »dafür, daß du dich in diesen sieben Mona- heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, einen echten tür- ten so freundlich meiner angenommen hast und mir jungem kischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm über das Mulus, auf den so viel Neues eindrang, zur Hand gegangen bist Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, — Kostüm genug für ihn, dies bei meinen Übungen und Experimenten und berichtigend auf beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Er- mich einzuwirken gesucht hast, ganz sine pecunia, teils mit Ge- scheinung ins durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu stei- schichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das deutliche gern. Der weiße Langkittel übertrieb des Hofrats Größe; brachte Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all man die Nackenbeugung in Anschlag, indem man sie in Gedan- das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein ken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe aufrichtete, so schlechter Schüler war, ein ›Sorgenkind des Lebens‹, wie du erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem sagtest. Es hat mich sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedes- Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Ca- mal, wenn ich daran denke, rührt es mich wieder. Ein Sorgen- storp wenigstens war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorge- kind, das war ich wohl auch für dich und deine pädagogische kommen, wie heute unter der närrischen Bedeckung: diese Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu sprechen stutznäsig flache und bläulich hitzige Physiognomie, in der un- kamst, — natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhän- ter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend quollen und gen, die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Päd- über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund agogik, — es würden mir mit der Zeit gewiß noch mehrere ein- das helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abge- fallen. Verzeih mir also und denke meiner nicht im bösen! Dein neigt von dem Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! Ich leere mein Glas zu ließ er das braune Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur Ausmerzung der Bogen aus der Schöpfkelle in die dargereichten Gläser rinnen, menschlichen Leiden!« schloß er, trank, hintenüber geneigt, mit unaufhörlich in seinem aufgeräumten Kauderwelsch sich erge- ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand auf. hend, so daß Lachsalven rund um den Tisch den Ausschank be- »Nun wollen wir zu den anderen hinübergehen.« gleiteten. »Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?« »Herr Urian sitzt obenauf«, erläuterte Settembrini leise mit sagte der Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ einer Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach gleichfalls den Tisch. »Das klingt wie Abschied ..« Hans Castorps Seite fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war an- »Nein, warum Abschied?« wich Hans Castorp aus. Er wich wesend. Klein, stämmig und kernig, sein schwarzes Lüsterhemd nicht nur figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch kör- mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, so daß es domi- perlich, indem er mit dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, noartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in Augen- und hielt sich an die Lehrerin, Fräulein Engelhart, die eben kam, höhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken tra- sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im Klavierzimmer mit eige- vestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem ner Hand einen Fastnachtspunsch, den die Verwaltung gestiftet Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, 422 423, auf der Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk niederblickte. von Grieg, deren Charakter national und salonmäßig war. Man Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. Die applaudierte wohlwollend, auch an den beiden Bridge-Tischen, Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, die aufgeschlagen waren, und an denen Maskierte und Unmas- so daß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hof- kierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die Türen stan- rat opferte aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher den offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine Gruppe Staatsanwalt Paravant, nach heimlicher Überlegung, das um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den Schweinchen in einem Zuge hinzumalen versuchte, — mit dem Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen übertraf: geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem aber zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die die Augen geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer entfernteste Ähnlichkeit auf: Hallo, Gelächter und stürmische Visitenkarte mit Bleistift blindlings eine Figur, — es waren die Glückwünsche! Man brachte Menükarten aus dem Speisesaal Umrisse eines Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zu- herzu, — so konnten nun mehrere Personen, Damen und Her- hilfenahme der Augen hinmalte, eines Schweinchens im Profil, ren, auf einmal zeichnen, und jeder Konkurrierende hatte seine - etwas einfach und mehr ideell als lebenswahr, aber es war un- Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum ein jeder An- verkennbar die Grundgestalt eines Schweinchens, die er unter wärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es waren so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das war ein drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege ge- dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, leitet und bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten ver- aber doch ungefähr an seinen Platz, es verhielt sich nicht anders schwunden. mit dem Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerunde- Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter ei- ten Bäuchlein hingen; und als Fortsetzung der ebenso gerunde- nem Zeichnenden zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese ten Rückenlinie ringelte das Schwänzchen sich sehr artig in sich Schulter stützte, sein Kinn mit allen fünf Fingern erfaßt hielt selber. Man rief »Ah!« als das Werk getan, und drängte sich zu und die andere Hand in die Hüfte stemmte. Er redete und lach- dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem Meister gleichzu- te. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte laut danach und er- tun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit offenen hielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man konnte ihn Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf Was kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte Zusammenhang. Das Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die laut und verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit Beinchen ins Innere des Wanstes, der seinerseits weit entfernt fliegender Hand einen greulichen Unsinn auf den Karton warf, war, sich zu schließen, und das Schwänzchen ringelte sich ir- schließlich sogar diesen verfehlte und auf das Tischtuch geriet. gendwo abseits, ganz ohne organische Beziehung zur verworre- »Das gilt nicht!« rief er in das verdiente Gelächter hinein. »Wie nen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man wollte sich soll man mit einem solchen — zum Teufel damit!« Und er warf ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen ent- den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. »Wer hat ei- stand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten nen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehen- einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch den sahen dem, der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er einen?« rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm nicht blinzle, wozu einige durch das Gefühl ihrer Ohnmacht noch auf die Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in sich verführen ließen, kicherten und prusteten, solange er seine der Luft schüttelnd. Er bekam keinen. Da wandte er sich um blinden Irrtümer beging, und brachen in Jubel aus, wenn er, die und ging ins Zimmer hinein, indem er zu rufen fortfuhr, — ging 424 425, gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er gewußt hatte, nicht einbezieht. »Du bist sehr ehrgeizig .Du bist .sehr .eif- weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und von hier aus rig«, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit fremdem r und dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte. fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei ihre leicht ver- Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: schleierte, angenehm heisere Stimme das Wort »ehrgeizig« auch »Eh! Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di ra- noch auf der zweiten Silbe betonte, so daß es völlig fremdspra- gione, sa! Ma è matto questo ragazzo!« Aber er übertönte diese chig klang, — und kramte in ihrem Ledertäschchen, blickte su- Stimme mit der seinen, und so sah man Herrn Settembrini, eine chend hinein und zog unter einem Taschentuch, das sie zuerst Hand mit dem gespreizten Arm über den Kopf geworfen — eine zutage gefördert, ein kleines silbernes Crayon hervor, dünn und in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht leicht auf zerbrechlich, ein Galanteriesächelchen, zu ernsthafter Tätigkeit ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen kaum zu gebrauchen. Der Bleistift von damals, der erste, war »Ehh —!« begleitet war — die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. — handlich-rechtschaffener gewesen. Hans Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus näch- »Voilà«, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, ster Nähe in die blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den indem sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze vortretenden Backenknochen und sprach: hielt und leicht hin und her schlenkerte. »Hast du nicht vielleicht einen Bleistift?« Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt es zu empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des von seinem Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. Stiftes, dicht daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht Die Gefäßnervenleitung nach seinem Gesichte spielte mit dem vollends zugreifend, und blickte aus seinen bleifarbenen Erfolg, daß die entglutete Haut dieses jungen Gesichtes blaßkalt Augenhöhlen abwechselnd auf den Gegenstand und in Claw- einfiel, die Nase spitz erschien und die Partie unter den Augen dias tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen standen offen, ganz so bleifarben wie bei einer Leiche aussah. Aber Hans Ca- und sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen, als er storps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart trommeln, sagte: . daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr die Rede sein »Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen.haben wür- konnte, und Schauer überliefen den jungen Menschen als Ver- dest.« anstaltung der Hautsalbendrüsen seines Körpers, die sich mit- »Prenez garde, il est un peu fragile«, sagte sie. »C'est à visser, samt ihren Haarbälgen aufrichteten. tu sais.« Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm mit einem Lächeln, worin keinerlei Besorgnis angesichts der die landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes, Verwüstung seines Äußeren zu erkennen War. Dies Geschlecht wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, kennt ein solches Mitleid und eine solche Besorgnis überhaupt wenn man die Schraube öffnete. nicht vor den Schrecken der Leidenschaft, — eines Elementes, Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Ge- ihm offenbar viel vertrauter, als dem Mann, der von Natur kei- sellschaftsanzug war, trug er heute abend einen steifen Kragen neswegs darin zu Hause ist und den es nie ohne Spott und und konnte das Kinn darauf stützen. Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens würde er sich für Mit- »Klein, aber dein«, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den leid und Besorgnis ja freilich auch bedanken. Stift hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Aus- »Ich?« antwortete die bloßarmige Kranke auf das »Du« .lassung des Labiallautes. »Ja, vielleicht«. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und ihrer »Oh, auch witzig bist du«, antwortete sie mit kurzem Lachen, Stimme etwas von der Erregung, die auftritt, wenn nach lan- indem sie sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. gem, stummem Verhältnis die erste Anrede fällt, — einer listigen (Übrigens mochte Gott wissen, womit er witzig war, da er ja Erregung, die alles Vorangegangene in den Augenblick heimlich offensichtlich keinen Tropfen Blut im Kopfe hatte.) »Also geh, 426 427, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne dich aus!« Witzig auch über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben. schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen sa- »Nein, du hast noch nicht gezeichnet. Du mußt zeichnen«, ßen andere Leute, standen auf, um zu tanzen und machten sol- sagte er unter Auslassung des m von »mußt« und trat auf zie- chen Platz, die müde waren. Es war ein Kommen und Gehen. hende Art einen Schritt zurück. »Du hast ein neues Kleid«, sagte er, um sie betrachten zu dür- »Ich?« wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das et- fen, und hörte sie antworten: was anderem mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In ei- »Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?« ner gewissen Verwirrung lächelnd blieb sie noch stehen, folgte »Habe ich nicht recht?« aber dann seiner magnetisierenden Rückwärtsbewegung ein »Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Luka- paar Schritte gegen den Bowlentisch. cek im Dorf. Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr dir?« vorhielt, in den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte »Sehr gut«, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal aber keine Zuschauer mehr. Die Karten waren mit Unsinn be- umfaßte und ihn dann niederschlug. »Willst du tanzen?« fügte deckt, jedermann hatte seine Ohnmacht erprobt, der Tisch stand er hinzu. fast verlassen, zumal eine Gegenströmung eingesetzt hatte. Da »Würdest du wollen?« fragte sie mit erhobenen Brauen lä- man gewahr geworden, daß die Ärzte fort waren, lautete plötz- chelnd dagegen, und er antwortete: lich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch beiseite ge- »Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.« schleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und »Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist«, sagte sie, des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den und da er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: »Dein Vetter Ball zum Stehen zu bringen, falls etwa »der Alte«, Krokowski ist schon gegangen.« oder die Oberin sich wieder zeigen sollten. Ein slawischer »Ja, er ist mein Vetter«, bestätigte er unnötigerweise. »Ich sah Jüngling griff mit Ausdruck in die Tastatur des kleinen Nuß- auch vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.« baumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im Inneren eines »C'est un jeune homme très étroit, très honnête, très alle- unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen mand.« Zuschauer saßen. »Étroit? Honnête?« wiederholte er. »Ich verstehe Französisch Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwe- besser, als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch ist. benden Tisch mit der Handbewegung: »Fahr hin!« Mit dem Hältst du uns Deutsche für pedantisch — nous autres Alle- Kinn deutete er dann auf freie Sitzgelegenheiten, die er im klei- inands?« nen Salon gewahrte, und auf die geschützte Zimmerecke rechts »Nous causons de votre cousin. Mais c'est vrai, ihr seid ein neben der Portiere. Er sagte nichts, vielleicht, weil ihm die Mu- wenig bourgeois. Vous aimez l'ordre mieux que la liberté, toute sik zu laut war. Er zog einen Stuhl — es war ein sogenannter l'liurope le sait.« Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung - »Aimer .aimer .Qu'est-ce que c'est! Ça manque de dé- Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch be- linition, ce mot-là. Der eine hat's, der andere liebt's, comme zeichnet hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, kra- nous disons proverbialement«, behauptete Hans Castorp. »Ich chenden Korbstuhl mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich habe in letzter Zeit«, fuhr er fort, »manchmal über die Freiheit zu ihr setzte, gegen sie vorbeugte, die Arme auf den Lehnen, ihr nachgedacht. Das heißt, ich hörte das Wort so oft, und so dachte Crayon in den Händen, die Füße weit unter dem Stuhl. Sie ih- ich darüber nach. Je te le dirai en français, was ich mir dachte. rerseits lag allzu tief in dem Plüschgehänge, ihre Knie waren Ce que toute l'Europe nomme la liberté, est peut-être une chose emporgehoben, doch schlug sie trotzdem das eine über das an- assez pédante et assez bourgeoise en comparaison de notre dere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen Knöchel besoin d'ordre — c'est ça?« 428 429, »Tiens! C'est amusant. C'est ton cousin à qui tu penses en die unnatürlicherweise aus ihren schwarzen Herrenhosen her- disant des choses etranges comme ça?« vorkamen, mit dem Pierrot, dessen Lippen blutrot in seinem ge- »Nein, c'est vraiment une bonne âme, eine einfache, unbe- weißten Antlitz leuchteten, und dessen Augen denen eines Al- drohte Natur, tu sais. Mais il n'est pas bourgeois, il est mili- bino-Kaninchens glichen. Der Grieche im Mäntelchen schwang taire.« das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den dekolletierten und »Unbedroht?« wiederholte sie mühsam .»Tu veux dire: dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt im Kimono, une nature tout à fait ferme, sûre d'elle-même? Mais il est sé- die Generalkonsulin Wurmbrandt und der junge Gänser tanzten rieusement malade, ton pauvre cousin.« sogar selbdritt, indem sie sich mit den Armen umschlungen »Wer hat das gesagt?« hielten; und was die Stöhr betraf, so tanzte sie mit ihrem Besen, »Man weiß hier voneinander.« den sie ans Herz drückte und dessen Borsten sie liebkoste, als »Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?« wären sie eines Menschen aufrecht stehendes Haupthaar ge- »Peut-être en me faisant voir ses tableaux.« wesen. »C'est-à-dire: en faisant ton portrait?« »Das wollen wir«, wiederholte Hans Castorp mechanisch. Sie »Pourquoi pas. Tu l'as trouvé réussi, mon portrait?« sprachen leise, unter den Tönen des Klaviers. »Wir wollen hier »Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement rendu ta sitzen und zusehen wie im Traum. Das ist für mich wie ein peau, oh vraiment très fidèlement. J'aimerais beaucoup être por- Traum, mußt du wissen, daß wir so sitzen, — comme un rêve traitiste, moi aussi, pour avoir l'occasion d'étudier ta peau com- singulièrement profond, car il faut dormir très profondément me lui.« pour rêver comme cela .Je veux dire: C'est un rêve bien con- »Parlez allemand, s'il vous plaît!« nu, rêvé de tout temps, long, éternel, oui, être assis près de toi »Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. C'est une comme à présent, voilà l'eternité.« sorte d'étude artistique et médicale — en un mot: il s'agit des »Poète!« sagte sie. »Bourgeois, humaniste et poète, — voilà lettres humaines, tu comprends. Wie ist es nun, willst du nicht 1'Allemand au complet, comme il faut!« tanzen?« »Je crains que nous ne soyons pas du tout et nullement com- »Aber nein, das ist kindisch. En cachette des médecins. Aussi- me il faut«, antwortete er. »Sous aucun égard. Nous sommes tôt que Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter sur les peut-être des Sorgenkinder des Lebens, tout simplement.« chaises. Ce sera fort ridicule.« »Joli mot. Dis-moi donc .II n'aurait pas été fort difficile »Hast du so großen Respekt vor ihm?« de rêver ce rêve-là plus tot. C'est un peu tard que monsieur se »Vor wem?« sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig résout à adresser la parole à son humble servante.« sprechend. »Pourquoi des paroles?« sagte er. »Pourquoi parier? Parier, »Vor Behrens.« discourir, c'est une chose bien républicaine, je le concède. Mais »Mais va donc avec ton Behrens! Es ist auch viel zu eng zum je doute que ce soit poétique au même degré. Un de nos pen- Tanzen. Et puis sur le tapis .Wollen wir zusehen, dem Tanze.« sionnaires, qui est un peu devenu mon ami, Monsieur Settem- »Ja, das wollen wir«, pflichtete er bei und schaute neben ihr brini ..« hin, mit seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blik- »Il vient de te lancer quelques paroles.« kenden Augen seines Großvaters, in das Gehüpf der maskierten »Eh bien, c'est un grand parleur sans doute, il aime même Patienten hier im Salon und drüben im Schreibzimmer. Da beaucoup à réciter de beaux vers, — mais est-ce un poète, cet hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen Heinrich, und homme-là?« Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste, ge- »Je regrette sincèrement de n'avoir jamais eu le plaisir de fai- kleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem Schnurr- re la connaissance de ce chevalier.« bart und Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, »Je le crois bien.« 430 431, »Ah, tu le crois.« »Aber morgen. Après dîner.« »Comment? C'était une phrase tout à fait indifférente, ce que In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. Er j 'ai dit là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle guère le fran- sagte: çais. Pourtant, avec toi je préfère cette langue à la mienne, car »Wohin?« pour moi, parier français, c'est parier sans parier, en quelque ma- »Sehr weit fort.« nière, — sans responsabilité, ou comme nous parlons en rêve. Tu »Nach Daghestan?« comprends?« »Tu n'es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment..« »A peu près.« »Bist du denn geheilt?« »Ça suffit .Parier«, fuhr Hans Castorp fort, »- pauvre af- »Quant à ça .non. Aber Behrens meint, es sei vorläufig faire! Dans l'éternité, on ne parle point. Dans l'éternité, tu sais, hier nicht mehr viel für mich zu erreichen. C'est pourquoi je on fait comme en dessinant un petit cochon: on penche la tête vais risquer un petit changement d'air.« en arrière et on ferme les yeux.« »Du kommst also wieder!« »Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l'éternité, sans aueun doute, »Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. Quant à moi, tu la connais à fond. Il faut avouer que tu es un petit rêveur as- tu sais, j 'aime la liberté avant tout et notamment celle de choisir sez curieux.« mon domicile. Tu ne comprends guère ce que c'est: être obsédé d'indépendance. C'est de ma race, peut-être.« »Et puis«, sagte Hans Castorp, »si je t'avais parlé plus tot, il m'aurait fallu te dire ›vous‹!« »Et ton mari au Daghestan te l'accorde, — la liberté?« »Eh bien, est-ce que tu as l'intention de me tutoyer pour tou- »C'est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit pour jours?« la troisième fois. J'ai passé un an ici, cette fois. Possible que je revienne. Mais alors tu seras bien loin depuis longtemps.« »Mais oui. Je t'ai tutoyé de tout temps et je te tutoierai éter- nellement.« »Glaubst du, Clawdia?« »C'est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n'auras pas »Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au sérieux trop longtemps l'occasion de me dire ›tu‹. Je vais partir.« les coutumes du carnaval!« Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein »Weißt du denn, wie krank ich bin?« drang. Dann fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem »Oui — non — comme on sait ces choses ici. Tu as une petite Schlaf Gestörter. Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten lache humide là dedans et un peu de fièvre, n'est-ce pas?« gegangen, da Hans Castorp das Französische schwerfällig und »Trente-sept et huit ou neuf l'après-midi«, sagte Hans Ca- wie in zögerndem Sinnen sprach. Das Klavier, das kurze Zeit storp. »Und du?« geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter den Händen »Oh, mon cas, tu sais, c'est un peu plus compliqué .pas des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und Noten tout à fait simple.« aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte um. »Ilyaquelque chose dans cette branche de lettres humaines Der Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der Pensionä- dite la médecine«, sagte Hans Castorp, »qu'on appelle bouche- re schien horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor ihnen ment tuberculeux des vases de lymphe.« saß niemand mehr. Im Lesezimmer spielte man Karten. »Ah, tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien.« »Was tust du?« fragte Hans Castorp entgeistert.»Et toi .Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, »Ich reise ab«, wiederholte sie, scheinbar verwundert lä- dich dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals chelnd über sein Erstarren. von Tische zur Untersuchung ging, vor sechs Monaten .Du blicktest dich um nach mir, erinnerst du dich?« »Nicht möglich«, sagte er. »Das ist nur Scherz.« »Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.« »Quelle question? Ilyasix mois!« »Wann?« »Wußtest du, wohin ich ging?« 432 433, »Certes, c'était tout à fait par hasard ..« moi-même, en entendant qu'il va peut-être mourir. Si c'est vrai, »Du wußtest es von Behrens?« son état ressemble beaucoup au mien et je ne le trouve pas parti- »Toujours ce Behrens!« culièrement imposant. Il est moribond, et moi, je suis amou- »Oh, il a représenté ta peau d'une façon tellement exacte .reux, eh bien! — Tu as parlé à mon cousin à atelier de Photogra- D'ailleurs, c'est un veuf aux joues ardentes et qui possède un phie intime, dans l'antichambre, tu te souviens.« service à café très remarquable .Je crois bien qu'il connaisse »Je me souviens un peu.« ton corps non seulement comme médecin, mais aussi comme »Donc ce jour-là Behrens a fait ton portrait transparent!« adepte d'une autre discipline de lettres humaines.« »Mais oui.« »Tu as décidément raison de dire, que tu parles en rêve, mon »Mon dieu. Et l'as-tu sur toi?« ami.« »Non, je l'ai dans ma chambre.« »Soit .Laisse-moi rêver de nouveau après m'avoir réveillé »Ah, dans ta chambre. Quant au mien, je Tai toujours dans si cruellement par cette cloche d'alarme de ton départ. Sept mois mon portefeuille. Veux-tu que je te le fasse voir?« sous tes yeux .Et à présent, oû en réalité j 'ai fait ta connais- »Mille remérciements. Ma curiosité n'est pas invincible. Ce sance, tu me parles de départ!« sera un aspect très innocent.« »Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt.« »Moi, j 'ai vu ton portrait extérieur. J'aimerais beaucoup »Du hättest es gewünscht?« mieux voir ton portrait intérieur qui est enfermé dans ta cham- »Moi? Tu ne m'échapperas pas, mon petit. Il s'agit de tes intér- bre .Laisse-moi demander autre chose! Parfois un monsieur êts, à toi. Est-ce que tu étais trop timide pour t'approcher d'une russe qui löge en ville vient te voir. Qui est-ce? Dans quel but femme à qui tu parles en rêve maintenant, ou est-ce qu'il y avait vient-il, cet homme?« quelqu'un qui t'en a empêché?« »Tu es joliment fort en espionnage, je l'avoue. Eh bien, je r- »Je te Tai dit. Je ne voulais pas te dire ›vous‹.« ponds. Oui, c'est un compatriote souffrant, un ami. J'ai fait sa »Farceur. Réponds donc, — ce monsieur beau parleur, cet Ita- connaissance à une autre Station balnéaire, ilyaquelques années lien-là qui a quitté la soirée, — qu'est-ce qu'il t'a lancé tantôt?« déjà. Nos relations? Les voilà: nous prenons notre thé ensemble, »Je n'en ai entendu absolument rien. Je me soucie très peu de nous fumons deux ou trois papiros, et nous bavardons, nous ce monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu oublies .il philosophons, nous parlons de l'homme, de Dieu, de la vie, de n'aurait pas été si facile du tout de faire ta connaissance dans le la morale, de mille choses. Voilà mon compte rendu. Es-tu satis- monde. II y avait encore mon cousin avec qui j'étais lié et qui fait?« incline très peu à s'amuser ici: Il ne pense à rien qu'à son retour »De la morale aussi! Et qu'est-ce que vous avez trouvé en fait dans les plaines, pour se faire soldat.« de morale, par exemple?« »Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu'il ne sait. Ton »La morale? Cela t'intéresse? Eh bien, il nous semble, qu'il ami italien du reste ne va pas trop bien non plus.« faudrait chercher la morale non dans la vertu, c'est-à-dire dans »II le dit lui-même. Mais mon cousin .Est-ce vrai? Tu la raison, la discipline, les bonnes mœurs, l'honnêteté, — mais m'effraies.« plutôt dans le contraire, je veux dire: dans le péché, en s'aban- »Fort possible qu'il aille mourir, s'il essaye d'être soldat dans donnant au danger, à ce qui est nuisible, à ce qui nous consume. les plaines.« Il nous semble qu'il est plus moral de se perdre et même de se »Qu'il va mourir. La mort. Terrible mot, n'est-ce pas? Mais laisser dépérir que de se conserver. Les grands moralistes c'est étrange, il ne m'impressionne pas tellement aujourd'hui, ce n'etaient point de vertueux, mais des aventuriers dans le mal, mot. C'était une façon de parier bien conventionelle, lorsque je des vicieux, des grands pécheurs qui nous enseignent à nous in- disais ›Tu m'effraies‹. L'idée de la mort ne m'effraie pas. Elle me cliner chrétiennement devant la misère. Tout ça doit te déplaire laisse tranquille. Je n'ai pas pitié — ni de mon bon Joachim ni de beaucoup, n'est-ce pas?« 434 435, Er schwieg. Er saß noch immer wie anfangs, die verschlunge- sérieusement que ça me surprenne? Pour quel sot me prends-tu? nen Füße tief unter seinem knisternden Stuhl, vorgeneigt gegen Dis donc, qu'est-ce que tu penses de moi?« die Liegende im Papierdreispitz, ihr Crayon zwischen den Fin- »C'est un sujet qui ne donne pas beaucoup à penser. Tu es un gern, und blickte aus Hans Lorenz Castorps blauen Augen von petit bonhomme convenable, de bonne famille, d'une tenue ap- unten in das Zimmer, das leer geworden war. Zerstoben die Gä- pétissante, disciple docile de ses précepteurs et qui retournera steschaft. Das Klavier, in der schräg gegenüberliegenden Ecke, bientôt dans les plaines, pour oublier complètement qu'il a ja- tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt mit einer Hand mais parlé en rêve ici et pour aider à rendre son pays grand et von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die Lehre- puissant par son travail honnête sur le chantier. Voilà ta Photo- rin saß und in einem Notenbuch blätterte, das sie auf den Knien graphie intime, faite sans appareil. Tu la trouves exactè, j 'espe- hielt. Als das Gespräch zwischen Hans Castorp und Clawdia re?« Chauchat verstummte, hörte der Pianist vollends zu spielen auf »Il y manque quelques détails que Behrensyatrouvés.« und legte auch die Hand, mit der er die Tasten leicht gerührt »Ah, les médecins en trouvent toujours, ils s'y connais- hatte, in den Schoß, während Fräulein Engelhart fortfuhr, in ih- sent ..« re Noten zu blicken. Die vier von der Fastnachtsgeselligkeit üb- »Tu parles comme Monsieur Settembrini. Et ma fièvre? D'où riggebliebenen Personen saßen unbeweglich. Die Stille dauerte vient-elle?« mehrere Minuten. Langsam neigten sich unter ihrem Druck die »Allons donc, c'est un incident sans conséquence qui passera Köpfe des Paares am Pianino tiefer und tiefer, der des Mannhei- vite.« mers gegen die Klaviatur hinab, der Fräulein Engelharts auf »Non, Clawdia, tu sais bien que ce que tu dis la, n'est pas das Notenheft. Endlich, beide gleichzeitig, wie nach geheimer vrai, et tu le dis sans conviction, j 'en suis sûr. La fièvre de mon Verständigung, standen sie vorsichtig auf, und leise, auf den corps et le battement de mon cœur harassé et le frissonnement Zehen, indem sie es künstlich vermieden, sich nach der ande- de mes membres, c'est le contraire d'un incident, car ce n'est ren noch belebten Zimmerecke umzusehen, die Köpfe eingezo- rien d'autre -« und sein bleiches Gesicht mit den zuckenden gen und die Arme steif am Leibe, verschwanden der Mann- Lippen beugte sich tiefer zu dem ihren — »rien d'autre que mon heimer und die Lehrerin miteinander durch das Schreib- und amour pour toi, oui, cet amour qui m'a saisi à l'instant, où mes Lesezimmer. yeux t'ont vue, plutôt, que j 'ai reconnu, quand je t'ai reconnue »Tout le monde se retire«, sagte Frau Chauchat. »C'etaient les toi, — et c'était lui, évidemment, qui m'a mené à cet endroit ..« derniers; il se fait tard. Eh bien, la fête de carnaval est finie.« »Quelle folie!« Und sie hob die Arme, um mit beiden Händen die Papiermütze »Oh, l'amour n'est rien, s'il n'est pas de la folie, une chose von ihrem rötlichen Haar zu nehmen, dessen Zopf als Kranz um insensée, défendue et une aventure dans le mal. Autrement c'est den Kopf geschlungen war. »Vous connaissez les conséquences, une banalité agréable, bonne pour en faire de petites chansons monsieur.« paisibles dans les plaines. Mais quant à ce que je t'ai reconnu et Aber Hans Castorp verneinte mit geschlossenen Augen, ohne que j'ai reconnu mon amour pour toi, — oui, c'est vrai, je t'ai dé- im übrigen seine Stellung zu verändern. Er antwortete: jà connu, anciennement, toi et tes yeux merveilleusement obli- »Jamais, Clawdia. Jamais je te dirai ›vous‹, jamais de la vie ni ques et ta bouche et ta voix, avec laquelle tu parles, — une fois de la mort, wenn man so sagen kann, — man sollte es können.; déjà, lorsque j'étais collégien, je t'ai demandé ton crayon, pour Cette forme de s'adresser à une personne, qui est celle de l'Oc- faire enfin ta connaissance mondaine, parceque je t'aimais irrai- cident cultivé et de la civilisation humanitaire, me semble fort sonnablement, et c'est de là, sans doute c'est de mon ancien bourgeoise et pédante. Pourquoi, au fond, de la forme? La for- amour pour toi que ces marques me restent que Behrens a trou- me, c'est la pédanterie elle même! Tout ce que vous avez fixé à vées dans mon corps, et qui indiquent que jadis aussi j'étais ma- l'égard de la morale, toi et ton compatroite souffrant, — tu veux lade ..« 436 437, Seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte den einen Fuß qui ne se compose ni de teinture à l'huile ni de pierre, mais de unter seinem knisternden Stuhl hervorgezogen, während er matière vivante et corruptible, pleine du secret fébrile de la vie phantasierte, und indem er ihn vorschob, diesen Fuß, berührte et de la pourriture! Regarde la symétrie merveilleuse de l'édifice er mit dem anderen Knie schon den Boden, so daß er denn also humain, les épaules et les hanches et les mamelons fleurissants neben ihr kniete, gebeugten Kopfes und am ganzen Körper zit- de part et d'autre sur la poitrine, et les côtes arrangées par paires, ternd. »Je t'aime«, lallte er, »je t'ai aimée de tout temps, car tu es et le nombril au milieu dans la mollesse du ventre, et le sexe le Toi de ma vie, mon rêve, mon sort, mon envie, mon éternel obscur entre les cuisses! Regarde les omoplates se remuer sous la désir ..« peau soyeuse du dos, et l'échine qui descend vers la luxuriance »Allons, allons!« sagte sie. »Si tes préeepteurs te voyaient ..« double et fraîche des fesses, et les grandes branches des vases et Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf, das Gesicht über des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles, et dem Teppich, und antwortete: comme la strueture des bras correspond à celle des jambes. Oh, »Je m'en ficherais, je me fiche de tous ces Carducci et de la les douces régions de la jointure intérieure du coude et du jarret République éloquente et du progrès humain dans le temps, car avec leur abondance de délicatesses organiques sous leurs cous- je t'aime!« sins de chair! Quelle fête immense de les caresser ces endroits Sie streichelte ihm leicht mit der Hand das kurzgeschorene délicieux du corps humain! Fête à mourir sans plainte après! Haar am Hinterkopf. Oui, mon dieu, laisse-moi sentir l'odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l'ingénieuse capsule articulaire sécrète son huile »Petit bourgeois!« sagte sie. »Joli bourgeois à la petite tache glissante! Laisse-moi toucher dévotement de ma bouche 1'Arte- humide. Est-ce que tu m'aimes tant?« ria femoralis qui bat au front de ta cuisse et qui se divise plus Und begeistert von ihrer Berührung, nun auf beiden Knien, bas en les deux artères du tibia! Laisse-moi ressentir l'exhalation den Kopf im Nacken und mit geschlossenen Augen fuhr er zu de tes pores et tâter ton duvet, image humaine d'eau et d'albu- sprechen fort: mine, destinée pour l'anatomie du tombeau, et laisse-moi périr, »Oh, l'amour, tu sais .Le corps, l'amour, la mort, ces trois mes lèvres aux tiennes!« ne font qu'un. Car le corps, c'est maladie et la volupté, et c'est lui qui fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l'amour et la Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen, er blieb, mort, et voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu wie er war, den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silber- comprends, c'est d'une part une chose mal famée, impudente stiftchen von sich gestreckt, auf seinen Knien bebend und qui fait rougir de honte, et d'autre part c'est une puissance très schwankend. Sie sagte: solennelle et très majestueuse, — beaueoup plus haute que la vie »Tu es en effet un galant qui sait solliciter d'une manière pro- riante gagnant de la monnaie et farcissant sa panse, — beaueoup fonde, à l'allemande.« plus vénérable que le progrès qui bavarde par les temps, — parce Und sie setzte ihm die Papiermütze auf. qu'elle est l'histoire et la noblesse et la piété et l'éternel et le »Adieu, mon prince Carnaval! Vous aurez une mauvaise ligne sacré qui nous fait tirer le chapeau et marcher sur la pointe des de fièvre ce soir, je vous le prédis.« pieds .Or, de même, le corps, lui aussi, et l'amour du corps, Damit glitt sie vom Stuhl, glitt über den Teppich zur Tür, in sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps rougit et pâlit à deren Rahmen sie zögerte, halb rückwärts gewandt, einen ihrer sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais aussi il est nackten Arme erhoben, die Hand an der Türangel. Über die une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie orga- Schulter sagte sie leise: nique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l'amour »N'oubliez pas de me rendre mon crayon.« pour lui, pour le corps humain, c'est de même un intérét extre- Und trat hinaus. mement humanitaire et une puissance plus éducative que toute le pédagogie du monde! .Oh, enchantante beauté organique 438 439, Sechstes Kapitel er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort Ähn- liches zu gewärtigen hatte, — schwer zu sagen, von welcher am wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Veränderungen Castorp es eines Abends auf französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande Soldat zu sein und mit der bald Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, — wesenlos und allmächtig. Ei- sich nähernden, bald foppend wieder ins Weite schwindenden ne Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkop- Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten Kampfe lag, pelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! Ist die Zeit eine auf Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag em- Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide iden- pörerischen Anwandlungen, er begehrte auf gegen die »Gaffky- tisch? Nur zugefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale Beschaffen- Skala«, jenes Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium heit, sie »zeitigt«. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt ist drunten, oder dem »Labor«, wie man gewöhnlich sagte, der nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewe- Grad erkundet und bezeichnet wurde, in welchem ein Patient gung. Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreis- mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz vereinzelt oder un- läufig ist, in sich selber beschlossen, so ist das eine Bewegung zählbar massenhaft in dem analysierten Probestoff sich vorfan- und Veränderung, die man fast ebensogut als Ruhe und Still- den, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf stand bezeichnen könnte; denn das Damals wiederholt sich be- diese eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die ständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner eine endliche Zeit Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten Anstren- Zahl der Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu ver- gung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich ent- weilen haben, war unschwer danach zu bestimmen, angefangen schlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu »denken«, von der halbjährigen Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche »Le- - in der Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, benslänglich«, der zeitlich genommen oft genug nun wieder so doch etwas besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des nur allzu wenig besagte. Gegen die Gaffky-Skala denn also em- Ewigen und Unendlichen die logisch-rechnerische Vernichtung pörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer Autorität den Glau- alles Begrenzten und Endlichen, seine verhältnismäßige Redu- ben, — nicht ganz offen, nicht gerade gegen die Oberen, aber zierung auf null? Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. »Ich habe es satt, Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den ich lasse mich nicht länger zum Narren haben«, sagte er laut, Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Ent- und das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht: »Vor vier- fernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein zehn Tagen hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin! Aussichten, und heute Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das nicht mehr die Rede. Da soll doch der Teufel klug daraus wer- gleich bei seiner Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen den, wie es mit einem steht, es ist nicht zum Aushalten. Oben und Quengeleien sich aufgelegt gezeigt hatte und durch eine auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer Bauer, sie haben schlimme, aber gewaltige Lust, die er seitdem gebüßt, vielleicht ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn hergeschickt, - besonders dafür geschärft und zum Querulieren dreist gemacht ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm, jeden Tag worden war. Er fragte sich selbst danach und den guten Joachim kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, obgleich Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische 440 441, Hauptmann, der gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere sie, schon 10 gewesen, nur so gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hat- der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt, te er bloß eine ganz kleine Kaverne gehabt. Gaffky kann mir aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schnee- gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich reise nach Hause, und polster, Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord wenn es mein Tod ist!« So Joachim; und alle waren schmerzlich für Geist und Gemüt. Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem gelbe und rote, wohl auch um die Augen zu schonen, doch Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joa- mehr noch fürs Herz. chims Drohung, er werde alles hinwerfen und ins Flachland ab- Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sie- reisen, an gewisse Äußerungen zu denken, die er auf französisch ben! Die Zeit schreitet fort, während wir erzählen, — unsere Zeit, von dritter Seite vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er die wir dieser Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene dem Vetter seine eigene Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Zeit, Hans Castorps und seiner Schicksalsgenossen dort oben im Stöhr es tat, die Joachim wirklich ermahnte, nicht so lästerlich Schnee, und sie zeitigt Veränderungen. Alles war auf dem be- aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu schicken und sich ein sten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans Castorp es am Faschings- Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie, Karoline, hier tage auf dem Heimwege von »Platz« zum Zorne Herrn Settem- oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem Heim zu brinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gera- Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst de, daß schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht ge- ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ih- wesen wäre, aber Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der rer Person zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp April schritt vor, der Blick auf Pfingsten war frei, bald würde denn doch nicht, zumal er seit dem Faschingsfest vor Joachim der Frühling anbrechen, die Schneeschmelze, — nicht aller ein schlechtes Gewissen hatte, — das heißt: sein Gewissen sagte Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern im Süden, in den ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie nicht sprachen, wovon Felsschründen der Rhätikonkette im Norden blieb immerdar Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, Desertion und welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermo- Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar runder natlich einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbe- brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein Ap- dingt verhieß die Umwälzung des Jahres entscheidende Neu- felsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausge- erungen binnen kurzem, denn seit jener Fastnacht, in der Hans setzt war, vor denen er aber streng und anständig seine Augen Castorp sich von Frau Chauchat einen Bleistift geliehen, ihr spä- auf den Teller niederschlug .Ja, noch in dem stillen Wider- ter denselben auch wieder zurückgegeben und auf Wunsch et- streben, mit dem Joachim seinen Spekulationen und Aspekten was anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe, die über die »Zeit« begegnete, glaubte Hans Castorp etwas von die- er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflos- ser militärischen Sittsamkeit, die einen Vorwurf für sein Gewis- sen, — doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier sen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das dick verschneite oben bleiben wollen. Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem vorzüglichen Liegestuhl aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen richtete, so Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und braun-grün- Castorp die Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still und dann so viel später auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, der dienstfromme Joachim auf das seine; sechs Wochen seit bald qualmverhüllt, bald diamanthart glitzernd in Mondnacht- dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise gebracht hatte, zauber, — bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender ihre Abreise für diesmal, ihre vorläufige Abreise nach Daghestan, Sonne, aber immer im Schnee, seit sechs undenklichen, wenn ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise vor- auch huschartig vergangenen Monaten, und alle Gäste erklärten, läufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, — unbestimmt wann, 442 443, aber daß sie einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte besaß Hans Castorp Versicherungen, direkte und mündliche, die beständig, wahrscheinlich russisch, während man ihre Knie mit nicht in dem mitgeteilten fremdsprachigen Dialog gefallen wa- einer Pelzdecke umwickelte .Nicht nur Frau Chauchats ren, sondern folglich in die unsererseits wortlose Zwischenzeit, Landsleute und Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere während welcher wir den zeitgebundenen Fluß unserer Erzäh- Gäste waren zur Stelle gewesen, Doktor Krokowski hatte kernig lung unterbrochen und nur sie, die reine Zeit, haben walten las- lächelnd seine gelben Zähne im Barte gezeigt, noch mehr Blu- sen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene Versicherungen und men hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt, »Konfäkt- tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34 zurückgekehrt chen« wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade, war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit Frau gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von wei- - dieser in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leid- tem gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und vollen Augen waren am Hause emporgeglitten, wo sie Hans weißer Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieb- Castorp am Korridorfenster gewahrt und trübe auf ihm verweilt lich schleichend noch einmal zu Tische gegangen war, wobei hatten .Hofrat Behrens hatte sich nicht gezeigt; offenbar hat- ihm das Herz im Halse geschlagen und nur die scharfe Bewa- te er sich von der Reisenden schon bei anderer, privater Gele- chung, die Fräulein Engelhart ihm zugewandt, ihn gehindert genheit verabschiedet .Dann hatten unter dem Winken und hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; — und dann Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich bei- Chauchats schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbe- gewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das wegung des Schlittens ein Zurücksinken ihres Oberkörpers ge- den Blick auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte. gen das Polster bewirkt hatte, noch einmal lächelnd die Front Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn des Berghof-Hauses überflogen und während des Bruchteils ei- während seines Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich ner Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt .Bleich war hatte abspielen sehen: der Schlitten oder Wagen hielt an der der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, Rampe, Kutscher und Hausknecht schnürten die Koffer auf, Sa- um den Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit natoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen oder nicht, um zu Geklingel die Anfahrtstraße hinab gegen »Dorf« hingeglitten leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland antrat, oder war, hatte sich dann in seinen Stuhl geworfen und aus der auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis Brusttasche die Erinnerungsgabe gezogen, das Pfand, das dies- auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein mal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, sondern in einem Herr im Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die man stellten sich ein, und dann kam der Abreisende heraus, — strah- gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, - lenden Angesichtes meist und huldvoll die neugierig Umste- Clawdias Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Ge- henden und Zurückbleibenden grüßend, mächtig belebt für den bein ihres Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches Augenblick durch das Abenteuer .Diesmal nun war es Frau licht und geisterhaft umgeben, nebst den Organen der Brust- Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den höhle erkennen ließ .Arm voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in Reisemantel und großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ih- der Zeit, die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung ge- rem konkaven Landsmann, der ein Stück Weges mit ihr reiste. zeitigt hatte! Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben Auch sie schien freudig erregt, wie jeder Abreisende es war, - in räumlich weiter Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig davon, ob man gezeitigt, und zwar geschwinder, als man hätte denken sollen: mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus verzweifeltem die hiesige Zeit war ja besonders danach geartet und außerdem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen den zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, wenn auch 444 445, nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der klir- genannt hatte, was etwas wie die Übersetzung der Redensart rende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war Settembrinis vom »Sorgenkind des Lebens« gewesen war, so nicht mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser Wesensmischung ungeheurer Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das ande- - eine Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit re ..Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er auf ähnliche Art vermengt und verbunden war wie die Zeit mit selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war den Körpern im Raum: vielleicht war das ihre Krankheit, und und daß auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wie- nichts weiter .Aber war sie unsichtbar-abwesend, so war sie derkommen können, — obgleich er ja freilich überhaupt nur doch zugleich auch unsichtbar-anwesend für Hans Castorps deshalb noch immer hier oben saß, damit er nicht wiederzu- Sinn, — der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in ausschrei- kommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei so vielen, der tungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein friedliches Sinn seines Verweilens. kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen hatte, Eine spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war einge- und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Mona- troffen: Hans Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in ten so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug. steiler Zacke, die er mit einem Gefühl von Festlichkeit einge- In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Spra- zeichnet, war seine Kurve damals emporgestiegen und, nach ei- che und in der angeborenen so manches Ausschreitungsvolle nigem Absinken, als Hochplateau fortgelaufen, das sich, nur halb unbewußt und halb erstickt gestammelt: Vorschläge, Aner- leicht gewellt, dauernd über der Ebene des bisher Gewohnten bietungen, tolle Entwürfe und Willensvorsätze, denen alle Billi- hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und Hartnäckig- gung mit Fug und Recht versagt geblieben war, — so, daß er den keit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in kei- Genius über den Kaukasus begleiten, ihm nachreisen, ihn an nem rechten Verhältnis stand. »Sind eben doch vergifteter, als dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich zum näch- man Ihnen zutrauen sollte, Freundchen«, sagte er. »Na, greifen sten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals wir mal zu den Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, mehr von ihm zu trennen, und andere UnVerantwortlichkeiten vier Monaten sind Sie wie der Fisch im Wasser, wenn es nach mehr. Was der schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dem Unterfertigten geht.« So kam es, daß Hans Castorp nun dieser Stunde tiefen Abenteuers, war eben nur das Schat- zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend gleich nach tenpfand gewesen und die dem Range des Wahrscheinlichen der Morgenmotion, sich im »Labor« drunten einzufinden hatte, sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem vierten um seine Einspritzung entgegenzunehmen. Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob frü- jener, aber der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, in- her oder später, — Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied dem er beim Einstich zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte wieder geheißen, werde dann unbedingt »längst weit fort« sein; er sich nicht um die Stelle, wohin er stach, so daß der Schmerz und der geringschätzige Sinn dieser Prophezeiung wäre noch zuweilen des Teufels war und der Punkt noch lange brennend schwerer erträglich gewesen, wenn man nicht hätte bedenken verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark angreifend auf können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden, damit sie den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie eine eintreten, sondern damit sie nicht eintreten, gleichsam im Sinn Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr inne- der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, wohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmit- indem sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich telbar, für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so schäme, sich wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius hatte der Hofrat es vorausgesagt, und so geschah es denn auch, ihn, Hans Castorp, im Laufe des mitgeteilten Gesprächs und au- gesetzmäßig und ohne daß es an der vorausgesagten Erschei- ßerhalb seiner einen »joli bourgeois au petit endroit humide« nung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur war rasch abge- 446 447, tan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels will sie ja ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich oder Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben auf- mitgeteilt, — wie kamen wir überhaupt auf sie? — Ja, damals tra- gelegt und vom Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der fen wir Sie im Garten, Herr Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das Injektion doch zu einem kleinen Gespräch mit ihm, das Hans heißt Sie trafen uns, denn wir saßen auf einer Bank, ich weiß Castorp etwa wie folgt zu lenken wußte: noch auf welcher, genau könnt' ich sie Ihnen bezeichnen, auf »Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffee- der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte, denn mein stunde damals bei Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten wie sich das zufällig so machte. Gerade noch gestern, oder ist es auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere schon etwas länger her, habe ich meinen Vetter daran erin- Marken, wie mir eben wieder einfällt, — Ihre Brasil hat mir aus- nert ..« gezeichnet geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit »Gaffky sieben«, sagte der Hofrat. »Letztes Ergebnis. Der jungen Pferden, glaub ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen Junge will und will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat damals nach den beiden kleinen Importen, als Sie mit wogen- er mich noch nie so getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er dem Busen abtanzen wollten, — da es gut gegangen ist, kann weg will und einen Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens neulich mir über seine fünf Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, wieder ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben, ich die er sich um die Ohren geschlagen. Weg will er, so oder so, - hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Rich- sagt er es zu Ihnen auch? Sie sollten ihm mal ins Gewissen re- tung sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll den, von Ihnen aus, und das mit Nachdruck! Das Mannsbild und Porto ist ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig Ihren gemütvollen noch was Beträchtliches zulegen, Herr Hofrat, so bin ich im- Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser braucht nicht stande und bekehre mich schließlich zu einem hiesigen Kraut, - viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere, der Zivi- man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen. Und dann durf- list, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf ten wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute, und hatte den zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.« größten Genuß davon, — geradezu perplex war ich, was Sie mit »Tu' ich, Herr Hofrat«, antwortete Hans Castorp, ohne die der Ölfarbe riskieren, ich würd' es mich nie unterstehen. Da sa- Führung fahren zu lassen. »Tu' ich öfters, wenn er so aufmuckt, hen wir ja auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig ge- und denke ja auch, er wird Räson annehmen. Aber die Beispie- malten Haut, — ich darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals le, die man vor Augen hat, sind ja nicht immer die besten, das kannte ich das Modell noch nicht, nur vom Ansehen, dem Na- ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen vor, — Abreisen ins men nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer diesmaligen Abreise, Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, aber es ist habe ich sie ja noch persönlich kennengelernt.« eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat was »Was Sie sagen!« erwiderte der Hofrat, — ebenso, wenn die Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neu- Rückbeziehung erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Ca- lich .wer ist denn neulich noch abgereist