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In den höllischen Domänen, wo das absolute Böse lauert, in den wahrhaftig stygischen Zonen der Un- terwelt, an Orten schauerlicher Schrecknisse – dort ist er Zuhause: Nifft, der clevere Meisterdieb, den man wegen seiner hageren Gestalt auch ›den Dürren‹ nennt. Nifft fürchtet weder Tod noch Teufel: Ob er die Königin der Vampire austrickst oder sich in die tief- sten Untiefen der Erde vorwagt: stets ist er darauf bedacht, neben seiner starken Schwerthand auch den Grips mit einzusetzen. Dennoch springt er den Mächten der Finsternis oft nur noch in allerletzter Se- kunde von der Schaufel. Michael ...
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In den höllischen Domänen, wo das absolute Böse lauert, in den wahrhaftig stygischen Zonen der Un- terwelt, an Orten schauerlicher Schrecknisse – dort ist er Zuhause: Nifft, der clevere Meisterdieb, den man wegen seiner hageren Gestalt auch ›den Dürren‹ nennt. Nifft fürchtet weder Tod noch Teufel: Ob er die Königin der Vampire austrickst oder sich in die tief- sten Untiefen der Erde vorwagt: stets ist er darauf bedacht, neben seiner starken Schwerthand auch den Grips mit einzusetzen. Dennoch springt er den Mächten der Finsternis oft nur noch in allerletzter Se- kunde von der Schaufel. Michael Shea, ein würdiger Nachfolger des promi- nenten Fantasy-Autors Jack Vance, beweist mit sei- nem neuen phantastischen Roman, daß er auf dem besten Wege ist, sich an die Spitze zu schreiben. DIE REISE DURCH DIE UNTERWELT wurde als bester Fantasy-Roman des Jahres 1982 mit dem »World Fantasy Award« ausgezeichnet. »Ein starker Roman ... eine wichtige neue Stimme in- nerhalb der Fantasy-Literatur ... Höchst empfehlens- wert.« (LOCUS Magazin), Science Fiction Ullstein Buch Nr. 31081 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Titel der Originalausgabe: NIFFT THE LEAN (1. Teil) Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andreas Brandhorst Umschlagentwurf: Hansbernd Lindemann Umschlagillustration: Paul Lehr Alle Rechte vorbehalten Copyright © 1982 by Michael Shea Übersetzung Copyright © 1984 by Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Printed in Germany 1984 Gesamtherstellung: Elsnerdruck GmbH, Berlin ISBN 3-548-31081-8 Juli 1984 CIP-Kurztitelaufnahme der deutschen Bibliothek Shea, Michael: Die Reise durch die Unterwelt: Roman/ Michael Shea. [Aus d. Amerikan. übers, von Andreas Brandhorst]. – Frankfurt/Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1984. (Ullstein-Buch; Nr. 31081: Science-fiction) Einheitssacht.: Nifft the lean ‹dt.› Teilausg. ISBN 3-548-31081-8 NE:GT, Michael Shea

Die Reise durch

die Unterwelt Roman Science Fiction Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!,

Shag Margolds

LOBREDE AUF DEN DÜRREN NIFFT seinen lieben Freund Der Dürre Nifft weilt nicht länger unter uns, und mir bleibt nun nichts anderes übrig, als mich jetzt endlich damit abzufinden, ihn nie wiederzusehen. Dement- sprechend habe ich versucht, noch all das für ihn zu tun, was im Rahmen meiner Möglichkeiten steht – so wenig es auch sein mag. Nifft ist von uns gegangen, aber hiermit lege ich zumindest eine Aufzeichnung all dessen vor, was er erlebte und wie er sich in der Welt zurechtfand. Man kann Verbitterung dabei emp- finden, daß einmal das Lebenslicht von uns allen wie eine Kerze ausgeblasen wird, und es stimmt mich noch düsterer zu wissen, daß nunmehr auch die ein- zigartige Glut seiner ganz persönlichen Flamme aus- gelöscht und ihr heller Schein völlig verblaßt ist, nur noch eine warme Erinnerung, wie von Dunkelheit aufgesogener Rauch. Können wir so etwas in unse- rem tiefsten Innern akzeptieren, irgend jemand von uns? Diese Verschwendung von Wissen! Es macht ei- nen ... wütend und zornig. Im Falle Niffts setzt mir diese Erkenntnis ganz besonders zu. Aber die Doku- mente, die ich nun meinen Mitbürgern vorlege – Auf- zeichnungen, die mir von Nifft, Barnar dem Chiliten oder anderen gemeinsamen Bekannten während der Jahre zur Verwahrung anvertraut wurden – spenden mir großen Trost angesichts des immensen Verlustes, den sein Dahingehen für mich bedeutet. Ganz genau genommen will ich nicht behaupten, Nifft sei tot. Das, kann niemand wissen. Aber so teuer mir mein lieber Freund auch war – wenn ich an das Ding denke, das ihn aus unserer Mitte riß, dann wünsche ich ihm den Tod. Entkommen kann er nicht. Nifft war ein Mann, der große Wagnisse einging und doch immer wieder einen Pfad zurück ins Sonnenlicht fand. Diesmal je- doch rechne ich nicht mit einer Rückkehr meines Weggefährten. Nifft war ein herzlicher Mensch. Er pflegte Freund- schaften mit großer Sorgfalt und achtete stets auf das Wohl seiner Gefährten. Das ist einer der Gründe, warum meine ganze derzeitige Aufmerksamkeit den Aufzeichnungen seines Lebens gilt. Nifft mochte es, über seine Heldentaten zu berichten (aus reiner Eitel- keit, wie er immer wieder behauptete), und seine Freunde ebenso. Nachdem wir uns kennengelernt hatten, gelang es ihm, mich zum Hüter aller Manu- skripte zu machen, indem er vorgab, sein wechsel- haftes Leben mache es ihm unmöglich, auf sie acht- zugeben. Dabei handelte es sich um nichts anderes als einen taktvollen Altruismus. Er hatte auch andere Freunde, denen er die Unterlagen hätte überlassen können, aber für mich – einen Historiker und Karto- graphen – stellten sie gewissermaßen einen Schatz dar. Und meine neueste Arbeit, der Zweite Überarbei- tete Weltatlas –, verdient in der Tat das überschweng- liche Lob, dessen ich mich größtenteils aufgrund der neuen und detaillierten Informationen erfreuen konnte, die mir in Niffts Aufzeichnungen während der Erstellung dieses Werkes zur Verfügung standen. Dann und wann wurde ich bei ihm vorstellig und bot ihm eine Bezahlung für seine Unterlagen an, bis er, mir schließlich eines Tages die Hand auf die Schulter legte (Er hatte große Hände – das war auch der Grund seiner Überlegenheit im Umgang mit allen Arten von Pfeilen, Wurfspießen, Lanzen und Spee- ren). Er sah mich ernst an und sagte: »Bitte, hör damit auf, Shag. Ich kann kein Geld von einem Mann an- nehmen, den ich ebenso sehr bewundere wie er mich. Du bist der am weitesten herumgekommene ehrliche Reisende, den ich kenne.« Wenn es Nifft mit der Ehrlichkeit vielleicht auch nicht ganz so genau nahm, so war er doch ehrbar, und es ist sinnlos, im Falle eines Diebes in dieser Hin- sicht weitergehende moralische Maßstäbe anzulegen. Nifft war einer der Meisterdiebe seiner Generation, das wird von niemandem in Frage gestellt. Der ge- neigte Leser möge beachten, daß ich diese Worte in Karkhman-Ra niederschreibe, dem Juwel der Ephesi- schen Kette – ein Ort, an dem viele von Niffts Gilden- kameraden anzutreffen sind. Um seine berufliche Re- putation in Erfahrung zu bringen, mußte ich nicht weit reisen. Ich kann mir darüber von solch legendä- ren Talenten wie Taramat Flinkfinger, Nab dem Be- trüger und Ellen Errin der Kadrashitin berichten las- sen. Nach dem einmütigen Urteil sowohl dieser Leute als auch der ihnen Ebenbürtigen stand Nifft in der er- sten Reihe des größten Gildenruhmes. Er war ein gelenkiger, hohlwangiger Mann und ei- ne volle Spanne größer als der Durchschnitt. Obgleich von rücksichtsvollem und nachsichtigem Wesen, wirkte sein äußeres Erscheinungsbild eher respekt- einflößend: Die Adern seines Leibes sahen aus wie durch die Haut gezogene, dicke Seile, und seine Muskeln waren knotig und verliehen ihm außerge-, wöhnliche Kraft. Sein Gesicht war lang, schmal und komisch, die große Nase ein wenig platt und krumm, der breite Mund schief. Seine Miene war ein erstaun- lich ausdrucksstarkes Instrument, das er ganz nach Belieben einzusetzen vermochte, und manchmal gab er uns damit eine ulkige Pantomime zum besten. Er zeigte eine hohe Begabung in dieser Kunstform. Im Alter von dreizehn Jahren erschwindelte er sich eine Lehrzeit auf diesem Gebiet, bei einer Gruppe reisen- der Akrobaten, die zu jener Zeit gerade seinen Hei- matort besuchte. Und damit begann seine weitläufige Karriere, die ihm solchen Ruhm bescheren sollte und die ihn, obgleich er weit auf dem Angesicht der Erde herumkam, nie wieder an den Ort seiner Geburt zu- rückführte. Als er das zwanzigste Lebensjahr er- reichte, beherrschte er all das, was wir vielleicht als »Lustbarkeitskünste« bezeichnen, und als junger Mann hatte er bereits viele Erfahrungen gesammelt. Von der Meisterung diebischer Marktschreierkünste bis hin zum eingehenden Studium gänzlich krimi- neller Aneignung fremden Besitztums und aller se- kundären Wissenschaften war es für Nifft nur ein kleiner und unbedeutender Schritt. Er brachte seine frühe »schauspielerische Ausbildung« immer in einen direkten Zusammenhang mit seinem Erfolg als Dieb und erklärte, sie habe ihm ein umfassendes Ver- ständnis der elementaren Grundlagen seiner Profes- sion verliehen: lügen, betrügen und flink sein. In letzter Zeit hatte Nifft eine besondere Fähigkeit ent- wickelt, und man konnte an ihm eine gewisse un- nachahmliche nervöse Unruhe beobachten. Aufgrund seiner Art, sich zu bewegen – wachsam, huschend, wohlüberlegt –, verglichen seine Freunde ihn mit ei-, ner Eidechse: ein Bild, das er nicht zu mögen vorgab, an dem er aber insgeheim, wie ich glaube, Gefallen fand. Es fällt mir wirklich schwer, mich damit abzufin- den, ihn nie wiederzusehen! Er war einer jener Män- ner, die oft totgesagt werden, sich jedoch mit unge- heurer Zähigkeit ans Leben klammern – ein Mann, der auf einem Schiff in einen heftigen Sturm gerät, mitsamt den Planken und Tauen in den aufge- peitschten Fluten untergeht ... und nach dem Abflau- en des Orkans einem Korken gleich wieder auftaucht und ruhig auf den Wellen schwimmt. Es kam einmal zu einer Zeit, als alle seine Bekannten – auch ich – ihn fünf Jahre lang für tot hielten. Während dieser Zeit besuchte ich einige Gedenkfeiern, die ihm zu Ehren von seinen Gildenkameraden veranstaltet wurden. Ausgelassene Gelage waren es, und sie wurden anbe- raumt und durchgeführt, ohne daß man sich der Selbstbeschränkung einer sich an den Kalender hal- tenden »Jahresfeier« hielt. Ich hatte bereits an elf sol- chen Gedenkveranstaltungen teilgenommen, als ich ein Jahrfünft nach Niffts »Dahinscheiden« meine er- ste ausgedehnte Kreuzfahrt in die Region der südli- chen Meere begann. Ich gehörte zu einer Gruppe ephesischer Gelehrter. Das Schiff, das wir für unsere auf ein Jahr angesetzte Erkundungsfahrt gemietet hatten, war mit einer hochentwickelten und auf ei- nem Gerüst auf dem Vordeck montierten Signalanla- ge versehen. Wir beabsichtigten, auf diese Weise mit jedem anderen Schiff, das wir sichteten, Kontakt auf- zunehmen. Unser Interesse galt nicht nur allein frem- den Küsten, Klimata und ozeanischen Besonderhei- ten, sondern wir erkundigten uns bei den mit Hilfe, der Signalanlage herbeigeführten Begegnungen auch nach den persönlichen Umständen der jeweiligen Be- satzungsmitglieder – ihren bisherigen Reisen, ihrer Heimat und Kultur. Während unseres zweiten Mo- nats auf See umsegelten wir den Glazialen Mahlstrom und machten dabei eine Brigg von exotischer Archi- tektur aus. Wir gaben ihr ein Signal, drehten kurz bei und begannen mit dem uns bereits zur Gewohnheit gewordenen Austausch von Höflichkeiten und Nach- richten. Bei den Eignern der Brigg handelte es sich um zwei reiche Teppichhändler aus Fregor Ingens, und zu ih- nen gehörte ein dritter Mann in der Funktion eines Juniorpartners und Kontoristen. Dieser Mann war es, der uns während der heiteren kleinen Zusammen- kunft die Gläser füllte. Ich betrachtete die breite, grobknochige Hand, die den Kelch meinem Becher entgegenneigte, blickte an dem muskulösen Arm em- por und starrte in Niffts schwarze Augen, in das Funkeln in seinen Pupillen. Er hatte sich das Haar lang wachsen lassen und es sich im Stile der Jarke- ladd-Nomaden im Nacken zu einem geflochtenen Knoten zusammengebunden. Auf diese Weise wurde offensichtlich, daß er das linke Ohr eingebüßt hatte ... aber es war Nifft, ohne Zweifel. Unsere gemeinsame Kommunikation zu diesem Zeitpunkt bestand nur aus verstohlenen Blicken, denn ich begriff rasch, daß seine Beziehung zu den Kaufleuten, denen er mit sol- cher Ehrerbietigkeit begegnete, von einer Beschaffen- heit war, die durch eine jähe Enthüllung seiner wah- ren Identität gefährdet werden konnte. Ich stellte ihn nicht bloß, aber ich grinste innerlich bei dem Gedan- ken an das, was mir Nifft alles erzählen würde, wenn, wir das nächste Mal bei einem kräftigen Schluck zu- sammensaßen. Und ich würde ihn auch jetzt nicht verraten – wie es aufgrund dieser Seiten letztendlich geschehen muß –, wenn Aussicht darauf bestünde, daß er jemals wie- der heimkehrt in die Welt der Lebenden. Ich hätte die Vollendung dieser Arbeit unbegrenzt hinausgescho- ben, aus dem Widerstreben heraus, mit der Fertig- stellung dieses verbalen Denkmals für sein Leben und seine großen Taten den Verlust dieses Freundes zu akzeptieren. Doch ich bin alt, und mit meiner Ge- sundheit steht es übler als nur schlecht. Niemand weiß, was mit ihm geschah, und ich bin dazu ge- zwungen, diese Arbeit zu vollenden, solange ich überhaupt noch arbeiten kann. Daraus sollte die gro- ße Bedeutung ersichtlich werden, die ich diesem Werk zumesse. Gleichzeitig aber muß ich eingeste- hen, daß ich während all der Monate, die ich diesem Bericht widmete, nicht unberührt blieb von dem ver- zweifelten Zynismus, mit dem sich alle Männer in ih- rem Lebenswinter auseinandersetzen müssen. Voller Spott fragte ich mich nach dem Sinn meiner Bemü- hungen. Geht es mir darum, der Nachwelt die Vor- trefflichkeit meines Freundes zu schildern? Aber die »Nachwelt« ... welch haarsträubend breite Zeitkluft kommt doch in diesem einen Wort zum Ausdruck! Hinter uns liegt schon ein unermeßlich großer Fried- hof der Geschichte. Eine Menschenwelt nach der an- deren erblühte, starb und glitt auf ihrer separierten Zeit-Insel hinaus in die einsame Düsternis der Ewig- keit. Und vor uns liegen noch weitere Welten – oder das Ende des Seins selbst. Ich habe uralte Karten ge- sehen, die mir ein völlig anderes Bild der Erde zeig-, ten, voller sorgfältig eingetragener Einzelheiten, die heutzutage niemand mehr in den fünf Meeren finden kann. Wohin lasse ich die Hülle dieses Mannes trei- ben, welcher wechselhaften Strömung vertraue ich sie an? Und in welchem Strudel wird sie schließlich en- den, als ein gefühlloser Splitter in einer fremden Zunge, ein Fragment, das nicht einmal dem gebildet- sten Gelehrten bekannt ist – vorausgesetzt, es bleibt überhaupt etwas von dem übrig, was ich zu gestalten hoffe? Aber ich habe diese zynische Mattigkeit als ver- schwenderischen und kindischen Fehler erkannt und überwunden. Wenn die Finsternis von einem ver- gleichsweise trüben Lichtschimmer erhellt wird, be- steht die vordringlichste Notwendigkeit darin, die Flamme zu schüren, auf daß sie heller glänze. Es wäre zwar töricht, die uns umgebende Dunkelheit zu leugnen, aber es ist auch nicht nötig, sie zu übertrei- ben. Und ich wage zu behaupten, daß ich nicht der einzige bin, der davon profitieren kann, sich diese Ermahnung zu Herzen zu nehmen. Ich glaube, heutzutage ist eine solche Auffassung weit verbreitet, insbesondere, da wir in einem dunk- len Zeitalter leben, in dem unbedeutende Wissen- schaftler vor dem trüben Unbekannten erzittern, auf das man allenthalben stoßen kann. Diese Art des nur allzu bereitwilligen Pessimismus mindert die Ent- schlossenheit zu Nachforschungen ebenso, wie sie zum Obskurantismus führt, zu einer gewissen Bil- dungsfeindlichkeit – zu einer hoffnungslosen Gewiß- heit, die uns ermutigt, Wahrheiten, Halbwahrheiten und selbst die ausgefallensten Lügen und Hirnge- spinste mit einem tiefgründigen Mangel an Urteilsfä-, higkeit willkommen zu heißen. Welcher verantwortlich denkende Mensch kann leugnen – um hier nur die Wissenschaft der Karto- graphie zu erwähnen –, daß weite Bereiche des Lan- des und der Meere selbst für die Gebildetsten ein ein- ziges Mysterium darstellen? Ein Beispiel ist die große kolodrianische Bergkette. Die Thaumetoninseln und das Hinterland der Jarkeladd-Tundren sind weitere. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist der Umstand, wie klar und deutlich wir unsere Unkenntnis abgren- zen können. Tatsache ist: Die groben Konturen unse- rer Welt – Küsten und Klimata, Ozeane und Strö- mungen – sind bekannt. Für andere Bereiche trifft dies in ähnlicher Weise zu. Wir verfügen über ausrei- chende Hinweise – oder entsprechende Überlieferun- gen –, um mit Sicherheit sagen zu können, daß der Mensch einst weitaus mächtiger und verwerflicher war als heute. Wenn unsere Werkzeuge und Techni- ken primitiv sein mögen im Vergleich zu den unfaß- baren Hilfsmitteln vergangener Zeitalter, so stellen sie doch ein Beispiel hervorragender Wirksamkeit dar, wenn man daran denkt, wie sich unser Ge- schlecht während anderer Epochen durchgewurstelt hat. Wenn man sich die Begrenztheit seines Wissens eingesteht, was kann es uns dann nützen, sich in un- heimlichen Phantasievorstellungen und irrigen Wah- nideen zu ergehen? Wenn wir nicht dazu in der Lage sind, Gewißheit zu enthüllen, wenn wir spekulieren müssen, dann sollten wir achtgeben auf den Unter- schied zwischen sorgfältiger Faktenerfassung und vorsichtigen Hypothesen und der unbekümmerten Multiplikation bizarrer Annahmen und Ideen. Um, das, was ich meine, mit einem klassischen Beispiel zu veranschaulichen: Wir können nicht genau sagen, was Dämonen sind. Wenn entsprechendes Wissen existierte, so ist es dem Heute verlorengegangen. Al- so müssen wir uns an jene Theorien halten, die seit langem die Diskussionen der auf diesem Gebiet Fachkundigen beherrschen. Dämonen – kaum einem dieser Geschöpfe mangelt es an einem menschlichen Element – könnten die Vorväter der Menschheit ge- wesen sein. Oder sie gingen aus unserer Rasse hervor und stellen gewissermaßen unsere degenerierten Kinder dar. Vielleicht sind sie auch das Ergebnis der ausschweifenden Schöpferkraft des Menschen, Pro- dukte einer mächtigen (aber krankhaften) Zauber- kraft, über die er einst verfügte. Vorstellbar wäre auch, daß sich die Bevölkerung der legendären Un- terwelt nach der Hypothese Undle Neunfingers zu- sammensetzt. Danach entstehen die Dämonen als »geistiges Destillat« des dem Menschen innewoh- nenden Bösen, als »Verdichtung« psychischer Energi- en, die daraufhin zu den materiellen Präsenzen wer- den, die wir heute kennen. Der gescheite Mensch mag zwar seine ganz private Ansicht vertreten, aber er muß auch allen anderen vernünftigen Überlegungen Gehör schenken. Aber sollte er auch die Vorstellung aufgreifen, nach der Dämonen aus entsprechenden Samen entstehen, die bei Vollmond auf die Erde nie- derregnen? Oder wonach jeder Dämon der vitale Schatten eines Lebenden ist und im Augenblick der Zeugung des Betreffenden in der Unterwelt entsteht und sich im Augenblick des Todes seines Gegenparts auflöst? Damit sollte deutlich geworden sein, wie meine, Vorbemerkungen zu jedem der nachfolgenden Be- richte gemeint sind. Ich werde nur das als wahr und richtig darstellen, was durch eingehende Nachfor- schungen bestätigt wurde, durch meine ganz persön- lichen und umfassenden Untersuchungen – immerhin bin ich, obwohl ein Gelehrter, weit herumgekommen. Wo auch immer ein Rest an Zweifel verblieben sein mag, beschreibe ich unzweideutig das Ausmaß und die Art dieser Bedenken. Außerdem füge ich all die Gründe hinzu, die ich haben kann, eine Hypothese einer anderen vorzuziehen. Wenn der Leser trotz al- ler obigen Ausführungen eine solchermaßen ehrliche Unklarheit geringschätzt und hartnäckig festhält an der alle Unsicherheiten ausschließenden Anmaßung, auf die man in von selbsternannten und von jeder Kenntnis unbefleckten »Forschern« verfaßten und angeblich nur Fakten schildernden Reisebüchern sto- ßen kann (oder auch den scheinheiligen »naturge- schichtlichen Abhandlungen«, die zusammengestellt wurden von prinzipienlosen und armseligen Schrei- berlingen, die ihre schmierigen Dachböden im Schriftgelehrtenviertel nie verlassen haben und deren geistiger Horizont so weit reicht, wie ich spucken kann), dann kann ich dem Betreffenden nicht helfen. Dann kann ich mich nur bei ihm entschuldigen und ihn getrost seinen Illusionen überlassen. Hiermit also widme ich diesen Bericht dem Geden- ken an den Dürren Nifft. Gäbe es einen Grabstein, der den Ort kennzeichnet, an dem seine sterblichen Über- reste ruhen, so hätte ich eine entsprechende Inschrift angebracht – und ihm jenen Wunsch erfüllt, den er in dieser Beziehung einmal äußerte: Dann hätte ich die Verse eingemeißelt, die er liebte, Verse, die von dem, unvergessenen Parple stammen, den »Gruß an die Welt« des Barden. Sollen sie also an dieser Stelle ste- hen, da es kein Grabmal gibt. Gruß an die Welt, erblickt bei Morgengrauen vom Gipfel des Berges Eburon Äonenlang trieben deine Kontinente dahin, in knir- schender Umarmung. Wie Wale schoben sie sich durch die Meere. Dann brachen und splitterten sie und teilten sich langsam, ohne Ahnung. Während sich die Berge erhoben und sanken auf die Knie, zu deiner Ehre. Lang und einsam waren deine Zeitalter des Eises. Lang des Feuers ewige Hitze. Lang hast du getragen Das Leid des Menschen Und die Dunkelheit, die erstickt aller Hoffnung Schätze. Welche Heerscharen – geboren, aufgewachsen und dann Zerfallen im Sande – Haben gewimmelt in deinen Millionen Babylons? Wie viele Gräber hat der Mensch gegraben? Von wie vielen Gipfeln hat er gesehen, mit sicherem Stande? Von großer Zahl waren deine Reiche aus Blut, Viel geringer die Imperien aus lichtem Herzen. Nun sind ihre Weisheiten und Kriege, So fern wie die Sterne und Siege, Kalt und vergessen in der samtenen Schwärze. Jetzt kann nicht einmal der Klügste in der Runde Jemals zurückgewinnen einen Teil der Wahrheit, Die der Mensch verlor auf seiner blutigen Reise – Nicht ein einziges Buch der strahlenden Kunde Die so viele verehrten, und zu so hohem Preise. Denn die Böen zerrissen die vielen Seiten Und die gehorteten Geheimnisse verwehten im Wind – Zerfetzt und dahingewirbelt Durch die einsamen Wüsten Wo die Geschichte zu Staub zerfiel, geschwind.,

Shag Margolds

Vorwort zu

SO KOMM DENN, STERBLICHER – WIR SUCHEN IHRE SEELE

Das Manuskript dieses Berichts ist im Stile eines pro- fessionellen Autors niedergeschrieben, aber es trägt doch unverkennbar die Handschrift Niffts. So etwas muß nicht unbedingt immer der Fall sein, selbst dann nicht, wenn eine bestimmte Geschichte so erzählt wird, als schildere sie Nifft aus eigener Sicht. Zwei seiner besonders guten Freunde haben etwas in Worte gefaßt, was Nifft ihnen erzählte, jedoch nicht selbst aufschrieb, und es gefiel den beiden, sich in seine Lage zu versetzen und das nachzuahmen (so- weit sie dazu fähig waren), was sie für seine unter- haltsame Erzählweise hielten. (Nehmen Sie als Bei- spiel nur das Kapitel, das seine Begegnung mit der Vampirkönigin Vulvula betrifft). Was jedoch das Nachfolgende anbelangt, bin ich davon überzeugt, daß wir die entsprechenden Informationen von dem Meisterdieb selbst erhalten. Der Große Spalten-See liegt in Lúlumë, nahe dem Zentrum des nördlichsten Ausläufers des Kontinents, und Lurknahöhe ist in weitem Umkreis die einzige wirklich bedeutende Stadt. Sie erstreckt sich über den »Vorsprung«, einen langgezogenen Auswuchs der südlichen Küstenlinie, der fast einen Kilometer nach Norden reicht und die weite Wasserfläche praktisch, in zwei große Teile schneidet. Zahlreiche kleine Fi- scherdörfer säumen den See, denn in seinem Wasser wimmelt es nur so von schmackhaften und auch an- derweitig begehrten Fischen. Die bemerkenswerte- sten Geschöpfe dieser Wasserwelt sind die gespren- kelten Widderköpfe, Bartfloßler, Schnapper, Rochen und die kleinen Schädelknacker. Aber wie die Größe der meisten dieser Fische schon vermuten läßt, so er- forderte ein in echtem kommerziellem Ausmaß auf diesem See durchgeführter Fischfang große Schiffe und umfangreiche Ausrüstungen, und das nördliche Lúlumë als Ganzes ist zu arm und hat eine zu geringe Bevölkerungsdichte, um die nötigen Mittel für solche Unternehmungen bereitzustellen. Lurknahöhe ver- dankt den Aufstieg dem Reichtum Kolodrias. Vor rund zweihundert Jahren kamen unternehmungslu- stige Leute aus den Großen Senken und rüsteten die damals kleine und unbedeutende Ortschaft mit der ersten großen Fischereiflotte aus. Und nachdem im Großen Spalten-See auf diese Weise die Saat von Schiffen keimte, sind es heute die Kaufleute Ko- lodrias, die die eingebrachte Flossenernte mit ihren Handelsschiffen über das Agonische Meer bringen und überall in den Senken verkaufen. Dieser ökonomische Hintergrund ist nicht ganz unbedeutend für die Liebe, die Dalissem gegenüber Defalk empfand – und den gräßlichen Ausgang, den sie nahm. Alles, was uns Nifft über dieses Tempel- kind mit dem Temperament eines Vulkans erzählte, kennzeichnet es als einen klassischen Vertreter des sogenannten Ersten Volkes des nördlichen Lúlumë – Menschen, die nicht als eigentliche Ureinwohner zu betrachten sind, sondern vor mehr als einem Jahrtau-, send aus den nördlichen Jarkeladd-Tundren hierher abwanderten. Sie kamen über die Inselketten- Eisbrücke, und sie brachten sowohl einen Nomaden- Stoizismus nach Lúlumë, als auch eine ungeschlachte (aber sehr wirkungsvolle) Zauberei, mit der der grimmigste Jarkeladd-Schamane – dort, wo es diese Magie heute noch gibt – eine sofortige empathische Verbundenheit empfinden würde. Tatsächlich aber ist diese aus den Tundren stam- mende und heute in der Region des Spalten-Sees an- sässige Kultur jetzt zu einem großen Teil verdrängt. Die Gewohnheit von Wohlstand und Reichtum, die die kolodrianischen Kaufleute Lurknahöhe bescher- ten, die urbane und kosmopolitische Selbstgefällig- keit, die von einem zwei Jahrhunderte andauernden Handel mit Kolodria begünstigt wurde, haben das Erste Volk seiner ursprünglichen Werte beraubt – seiner wilden Leidenschaften und stolzen Strenge ... der allgemeinen Hochachtung, die es einst genoß. Und Defalk war ebenso ein unverwechselbarer Be- standteil der Kultur des heutigen Lurknahöhe, wie Dalissem zum Ersten Volk gehörte. Allein die Tatsa- che, daß sie ein Tempelkind war, erhärtet diese Be- hauptung. Jener Kult – in den Dalissem hineingebo- ren war und zu dem sie durch eine Bewerbung allein niemals Zugang gefunden hätte – stellt eine der nach wie vor blühenden Institutionen des Ersten Volkes dar, und in Lurknahöhe wird ihm eine nicht zu über- sehende Existenz gestattet. Der Name des Kultes wird von den Eingeweihten Außenstehenden gegen- über niemals genannt, und seine Lehren sind nach wie vor unklar. Aber der hochgebildete Quall von Hursh-Himin hat wahrscheinlich recht, wenn er sagt,, es drehe sich dabei hauptsächlich um eine strenge und heilige Askese (wobei Jungfräulichkeit das höch- ste Gut im breiten Spektrum des verlangten Selbst- verzichts darstellt), und daß das jährliche Mysterium weitergehende physische Härten verlange. Das Ziel dieser eine Trance hervorrufenden Gruppenprüfun- gen besteht in einer visionären Ekstase (hierin wird wieder der Einfluß der Tundra-Kultur deutlich). In dieser Offenbarung enthüllt sich dem Tempelkind – und im gleichen Augenblick auch all seinen Schwe- stern – die Identität des Gläubigen, der während des jährlichen sakralen Selbstmords geehrt werden soll. Dalissems Handlungen – obgleich aufrührerisch pro- fan in ihrem begrenzten Ausdrucksrahmen – neigen sicherlich dazu, die Authentizität dieses Berichts zu bestätigen. Zwar erschöpft sich in dem oben Dargelegten der Umfang unserer als zuverlässig geltenden Informa- tionen über den Kult, aber ich glaube, ich muß an dieser Stelle besonders betonen, daß es keinen Grund gibt, der völlig abwegigen Bemerkung des ansonsten sehr vertrauenswürdigen Arsgrave Glauben zu schenken, nach der die angebliche Keuschheit der Kultanhänger nur zur Tarnung dient für eine höchst unkeusche Praxis (er nennt es das »Hauptziel« der Kultfeiern!): nämlich eine orgiastische Massenkopu- lation mit Wasserdämonen in den Tiefen des Spalten- Sees. Kein ernsthafter und besonnener Kenner der Wasserdämoniade kann die Tatsache leugnen, daß Frischwasser-Dämonen seit mindestens drei Jahrtau- senden ausgestorben sind. Meiner eigenen Meinung nach ist Arsgrave aufgrund seines sexuellen Dünkels (den er im übrigen offenbar nicht unterdrücken kann,, nicht einmal in einem Zusammenhang, der mit dieser Angelegenheit rein gar nichts zu tun hat) absolut au- ßerstande zu glauben, daß man beim Entzücken einer »normalen« Kopulation auf alle Freuden verzichten kann, bis auf jene eben, die einer völlig grotesken Leidenschaft gewidmet sind. Schließlich, und das gilt der Welt der Toten, möchte ich weder meinen Glauben – und der ist voll- kommen unerschütterlich – an die Aufrichtigkeit Niffts in Frage stellen, indem ich Zweifel an ihrer Exi- stenz laut werden lasse, noch will ich meine redak- tionelle Unparteilichkeit gefährden, indem ich an die- ser Stelle weitergehende Ausführungen anfüge. Es mag aber vielleicht von gewisser Bedeutung sein zu bemerken, daß sowohl Undle Neunfinger als auch der große Pandector – die sich auf völlig verschiedene Quellen stützten und schrieben, ohne voneinander zu wissen – das Vorhandensein jener Sphäre bestätigen. Außerdem beschreibt Pandector in seinen Ausfüh- rungen zudem eine Möglichkeit, mit deren Hilfe Le- bende das Reich der Toten betreten können – und sie stimmt in jedem wichtigen Detail mit der Beschrei- bung Niffts überein. Shag Margold,

SO KOMM DENN, STERBLICHER – WIR SUCHEN IHRE SEELE

Der Dürre Nifft und Barnar der Chilit waren überein- gekommen, in dieser Nacht nicht zu schlafen. Die Dunkelheit hatte sie im Sumpf überrascht. Zwar ver- mochten sie ihren Leibern eine Ruhepause gönnen, nicht aber ihrer Wachsamkeit – nicht hier. Sie kletterten in die Astgabel eines großen Mo- rastbaumes mit weitausladende Krone empor. Hier gab es Platz genug, es sich bequem zu machen und ein kleines Feuer anzuzünden, das der dicken und reptilienartigen Borke des sie tragenden Riesen kaum etwas anhaben konnte. Sie wagten es nicht, das Feuer soweit anzufachen, um es warm zu haben angesichts der betäubenden, feuchtkalten Luft. Sie trockneten ih- re Stiefel an der kleinen flackernden Flamme, und sie verloren auch nicht alles Gefühl aus Händen und Fü- ßen, aber einen größeren Komfort gab es nicht für sie. Die beiden Freunde unterhielten sich leise und schwiegen oft, um mit weit geöffneten Augen das weite und dunstige Naß des Sumpfes abzusuchen und dem langsamen Kriechen eines Baumlauerers zu lauschen, der über einen Ast glitt, der auch ihnen Halt bot. Beide Männer waren an unterschiedliches und schwieriges Terrain gewöhnt, und in der Art und Weise von Männern ihrer Art waren sie offenbar in der Lage, zu einer gewissen körperlichen Harmonie zu finden, egal, wo sie sich auch befanden. Nifft hatte, die Arme um die Knie geschlungen. Seine hohlwan- gige, schmale, gelenkige und knöcherne Ruhe erin- nerte unwillkürlich an die großen, sich von Aas er- nährenden Vögel, von denen sie während ihres Ta- gesmarsches durchs Moor viele gesehen hatten. Bar- nar hingegen erinnerte mehr an die Wasserbullen dieser Gegend. Reglos wie ein Felsblock hockte er auf dem Ast, wuchtig und breit, doch seinen flinken Au- gen und seiner empfindlichen Nase entging nichts. Schließlich stellten sie ihr Gespräch ein. Es folgte eine lang anhaltende Stille. Barnar schielte eine ganze Weile in die sie umgebende feuchte Dunkelheit hin- ein. Dann zuckte er die Achseln, und es schien, als wolle er auf diese Weise düstere Gedanken abschüt- teln. »Man kann es sehen, wie man will – es bleibt dennoch ein fauliges Stück Welt; dieser Ort ist nicht für Menschen geschaffen, jedenfalls nicht für jene, die noch bei Verstand sind.« Nifft vollführte eine vage Geste und gab keine Antwort. Er sah in die Sumpflandschaft hinaus, und in seinem Blick kam mehr zufriedene Beschaulichkeit zum Ausdruck, als in dem seines Gefährten. Barnar stocherte mißmutig im Feuer. Er brauchte Unterhal- tung. Für stille Nachdenklichkeit war seine Stim- mung zu düster, deshalb suchte er nach einem geeig- neten Thema. Schließlich fand er eins, das er in weni- ger niedergedrückter Laune für taktlos gehalten und nicht angesprochen hatte – denn nicht einmal den hochgeschätzten Partner fragte man nach seiner Ver- gangenheit. Unter Dieben mußten solche Informatio- nen freiwillig und ganz von allein gewährt werden. »Du kanntest doch einmal jemanden aus dieser Gegend, nicht wahr? Ein Gildenkamerad, der sich ei-, nen ruhmreichen Namen machte ... Hieß er nicht Haldar?« »Haldar Dirkniss«, antwortete Nifft. Als er Barnar einen kurzen Blick zuwarf, funkelte in seinen Augen gutmütiger Spott. Eine derart indiskrete Frage war gänzlich untypisch für Barnar, und sie reichte Nifft aus, um zu begreifen, was in seinem Begleiter vor sich ging. Er zögerte einen Augenblick, dann setzte er sich auf und streifte seine Wortkargheit ab. »Er war sechs Jahre lang mein Partner, Barnar. Du hättest ihn gemocht. Er hatte eine hervorragende Phantasie, und außerdem war er recht ernst. Du hättest einmal erle- ben sollen, wie er die Vorbereitungsarbeiten für ein bedeutsames Unternehmen leistete – konzentriert, still und schweigsam. Er war so ... sorgfältig und gründlich! Und auf den Stil kam es ihm ebenso sehr an wie auf das Ergebnis. Er bewunderte einen ein- fallsreichen Kniff ebenso sehr wie das Gold, das er einbrachte. Wir hätten sogar das Trio der Schwarzen Spalte übertölpeln können!« »Wo ist er jetzt?« »Im Reich der Toten«, erwiderte Nifft, und seine Stimme klang seltsam gepreßt dabei. Er beobachtete Barnar mit einer Aufmerksamkeit, deren Sinn der Chilit nicht zu begreifen vermochte. Seine Verwunde- rung gründete sich auf Niffts letzte Bemerkung. »Das tut mir leid«, sagte Barnar unsicher. »Wir alle müssen diesen Ort einmal aufsuchen, das steht fest – und meist viel zu früh.« »Aber wohl kaum auf diese Art und Weise, Barnar – wohl kaum so, wie Haldar und ich diese Sphäre be- suchten. Wir wanderten als Lebende durch die Un- terwelt!«, Wenn Niffts Stimme bei diesen Worten ernst ge- klungen hätte, wäre Barnar sicher gewesen, es mit ei- nem Scherz zu tun zu haben. Doch er untermalte sei- ne Worte mit dem hintergründigen Lächeln, das er für Dinge der Wahrheit und des Schreckens aufhob, ein spöttisches Lächeln, das den Zweifel seines jewei- ligen Zuhörers herausforderte. Barnar kannte den Humor seines Gefährten: Wenn er jetzt mit einer ab- fälligen Bemerkung darauf reagierte, würde Nifft auflachen, wie zum Eingeständnis eines Schwindels, und kein weiteres Wort darüber verlieren. Barnar hatte ihn oft so erlebt, im Kreise von Kollegen und in mehr als nur einer Taverne, in der die Männer der Gilde zusammenkamen, um zu zechen und Prahle- reien auszutauschen. Ihm klang noch das skeptische Lachen in den Ohren, mit denen die anderen Gilden- kameraden auf die Schilderung diverser Abenteuer reagierten, die er, Barnar, vielleicht auch mit Hohn beiseite geschoben hätte, hätte er sie nicht selbst an Niffts Seite miterlebt. Nifft lächelte ihn noch immer an. Das Echo seiner letzten Worte klang wie eine Herausforderung, der man sich stellen mußte, wenn es weitergehen sollte. Schließlich brummte der Chilit widerwillig: »Nun, wenn man so etwas vollbringen kann, dann dürftest du der geeignetste Mann dafür sein, den ich kenne – auch wenn ich zugeben muß, daß ich einen solchen Brocken nur schwer schlucken kann. Läßt der Führer der Geister denn zu, daß Sterbliche seine Tore durchschreiten?« Das reichte aus: Nifft richtete sich auf und kam ganz offensichtlich in Fahrt. »Da es jetzt endlich zur Sprache gekommen ist, fällt es mir leicht weiterzuer-, zählen. Seit ich dich kenne, habe ich immer gezögert, dir davon zu berichten. Ich fürchtete, du würdest mich verspotten und erzürnen, und dann wäre es vielleicht zum Streit zwischen uns gekommen. Seit wir in den Sümpfen sind, geht mir die Erinnerung an dieses Erlebnis nicht mehr aus dem Kopf. Weißt du, Barnar, es gibt kein eigentliches Tor, das Zugang gestattet zum Reich der Toten. Man gelangt praktisch von einem Augenblick zum anderen hinein. Man muß in der Nähe eines Menschen weilen, der vom Tod ereilt wird, und im Moment seines Dahin- scheidens muß man eine Formel sprechen, die einen mit dem Sterbenden verbindet. Und dann, weißt du, ist man ebenfalls zugegen, wenn sich sowohl Geister- führer als auch Seelenfänger an ihn wenden. Und obwohl es in dem betreffenden Augenblick noch andere Lebende geben mag, die das Totenbett umringen, so erscheinen sie einem doch nur als reglo- se Statuen. Für sie erfolgt der Tod des Betreffenden im Bruchteil einer Sekunde. Derjenige aber, der sich mit Hilfe der Formel mit dem Zeitablauf des Gestor- benen verbunden hat, bewegt sich innerhalb der Zeit selbst und gelangt zu einer Schleife – einen in sich selbst geschlossenen temporalen Kosmos, in dem sich den Toten die Ewigkeit öffnet.« Barnar setzte zu einer Frage an, doch er klappte den Mund wieder zu, als er den geistesabwesenden und in die Ferne gerichteten Blick seines Gefährten bemerkte. Nifft schickte sich nun an, die ganze Ge- schichte zu erzählen, und Barnar wußte, daß er keine Unterbrechungen liebte. Der Chilit fand zu einer et- was bequemeren Sitzstellung. Mit einem Ohr lauschte er weiterhin den Geräuschen des Morastes, doch der, Rest seiner Aufmerksamkeit galt den Worten Niffts, der sich selbst ein dünnes Lächeln schenkte. »Aber es kommt noch etwas anderes hinzu – etwas ganz anderes, Barnar. Wenn man sich dem Unterta- nen des Führers zum Kampf stellt ... wenn man mit dem Seelenfänger ringt und ihn bezwingt ... dann nimmt dich der Geisterführer mit auf seiner Reise in die Unterwelt. Dann bringt er dich zu jeder Seele, die du suchst, ganz gleich, an welchem Ort in der Domä- ne des Todes sie auch sein mag. Und wenn man Glück hat, gewährt er einem auch die Rückkehr ins Reich des Lichts ...« Wir durchquerten die großen Steppen, als die Nacht uns überraschte, Haldar und mich – genauso wie heute. Falls du es nicht wissen solltest: Es ist eine Re- gion der Wölfe, und ich meine damit nicht die aas- fressenden Schleicher der Vorberge, sondern große, blutdürstige Menschenfresser, die einem bis zur Schulter reichen, wie ein zweijähriges Fohlen. Unsere Pferde waren völlig erschöpft, da sie den ganzen Tag über einen respektablen Abstand zu ih- nen wahren mußten. Wir hatten kein spezielles Ver- folgerrudel auf unserer Fährte, aber nur deswegen, weil wir die Rösser zu einem Tempo antrieben, das sie schließlich umbringen mußte, wenn wir am fol- genden Tag nicht mehr Rücksicht nahmen. Trotzdem ritten wir auch nach Einbruch der Nacht noch weiter, ermutigt von dem Vollmond, der nach dem Verblas-, sen des letzten Tageslichts über den Horizont stieg. Unsere Bemühungen erwiesen sich letztendlich als sinnlos – diese Ebenen halten keine sicheren Lager- plätze bereit –, und so mußten wir uns schließlich mit den Gegebenheiten abfinden. Wir trieben die Pferde in einen Einschnitt in der Flanke eines Bergrückens hinein und hielten in einem schmalen Bereich an, unter einer vom Mond in perlmuttenen Schein ge- tauchten Felsüberhang. Die Pferde banden wir im Zugang des Einschnitts fest. Die überall aufragenden Felsblöcke waren aus glattgeschliffenem Granit, und sie stellten eine recht nützliche Rückendeckung dar, sollte es erforderlich werden, mit dem Schwert gegen die Wölfe zu kämpfen. Aber andererseits waren sie auch kalt und stumm und vermittelten nicht das an- heimelnde Gefühl einer gemütlichen Unterkunft. Der Kies, auf dem wir uns niederhockten, hatte etwas Ab- stoßendes an sich – eine Art widerwärtigen Geruch. Du kennst sicher solche Orte: Eine Art von Furcht scheint ihnen anzuhaften, und man kann die in einem emporsteigende Besorgnis einfach nicht fassen. Wir entfachten ein kleines Feuer und holten einen Laib Brot und Käse hervor. Wir sprachen nicht miteinan- der. Die kleinen und schäbigen Steppendörfer, auf die wir während unserer Reise gestoßen, und das Pech, mit dem wir dort konfrontiert worden waren, hatten uns arg mitgenommen und unsere Lebhaftigkeit be- täubt. Alle Kniffe und Tricks hatten sich als unzurei- chend und nutzlos erwiesen; unsere Börsen waren nicht gefüllt, unsere Bäuche leer und unsere Haare zerzaust und verfilzt. Lurknahöhe an der Küste des Großen Spalten-Sees war kaum mehr als ein Tagesritt, entfernt – eine große Stadt, reich und alt. Wenn es uns gelang, die Nacht zu überleben, konnten wir uns eine reelle – oder gar noch bessere – Chance ausrechnen, sie auch zu erreichen. Aber wir fanden keinen Trost in dieser Aussicht. Weißt du, unsere niedergedrückte Stimmung hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine philosophische Qualität angenommen. Besser gesagt: Zuerst war dies bei Haldar der Fall gewesen, und wie üblich hatte er mich angesteckt. Das Ergebnis war, daß wir uns genügend vom Schicksal heimgesucht fühlten, um zu bezweifeln, daß wir Lurknahöhe je er- reichten. Wir hockten auf dem Kies, kauten langsam und starrten mißmutig auf die Ebene hinaus, die sich vom Fuße der Anhöhe bis hin zum Horizont er- streckte. Schon das Land selbst ist abstoßend. Die glatten und bleichen Felsblöcke ragten wie die Knochen der Erde aus dem hungerleidenden Boden. In der Steppe draußen hüllte der Vollmond das Gras in einen sil- bermatten Glanz; es wuchs dünn und in einzelnen erbärmlichen Büscheln. Es ähnelte einem verlausten Pelz, der den Boden überzog. Und wenn man diesem Bild noch deutlichere Konturen geben will: Die Wölfe waren die Läuse, die durch die silbrigen Flecken huschten oder mit den Schatten verschmolzen. Wir sahen eine ganze Anzahl von ihnen, aber damals ver- band sich mit ihrem Anblick nichts Lustiges. Schließlich seufzte Haldar verbittert und ließ die Brotkruste fallen, an der er die ganze Zeit über genagt hatte. Er sah mich an, dann starrte er ins Feuer. »Weißt du, wir unterscheiden uns überhaupt nicht von den Wölfen da draußen«, knurrte er. »Wir gehen zwar auf den Hinterläufen und wir ziehen uns Hosen, über den Hintern, aber das ist auch schon alles.« Für jemanden, der Haldars Gedankengänge seit Jahren teilte, drückte er damit in wenigen Worten ei- ne ganze Menge aus. Ich muß an dieser Stelle bemer- ken, daß mein Gefährte furchtbar idealistisch einge- stellt war. Ich liebte ihn wie einen Bruder und ver- suchte immer wieder, ihn von diesem Leiden zu erlö- sen – ohne Erfolg. Und wenn ich sage furchtbar, meine ich es ernst. Möchtest du ein Beispiel hören? Wir gingen einmal in Bagág Marsh ein trickreiches Unternehmen an. Es war eine ordentliche und wohl- überlegte Arbeit, das kann ich dir sagen. Nachdem wir sie zum Abschluß gebracht hatten, galoppierten wir nachts aus der Stadt hinaus, jeder von uns mit ei- nem Zentner geschmiedeten Goldes beladen. Nun, wir galoppierten aus reinem Übermut. Und unsere Gerissenheit hatte dafür gesorgt, daß wir eine ganze Weile nicht mit einer Verfolgung rechnen mußten. Wie dem auch sei: Wir gelangten an eine Brücke, die einen Fluß überspannte, dessen Fluten ziemlich rasch dem Norden der Stadt entgegenschäumten. Mitten auf der Brücke ließ Haldar plötzlich die Zügel los und richtete sich in den Steigbügeln auf. Er war nicht besonders schwer – ebenso drahtig wie ich, aber von durchschnittlicher Größe. Er hatte ein scharf ge- schnittenes Gesicht: Nase und Kinn formten eine ge- zackte Linie, die durch schwarze Augen und einen schwarzen Bart besonders betont wurde. Ein schma- les und ausdrucksstarkes Gesicht war es, wie das ei- nes Falken, und während er sich in die Steigbügel stemmte, warf er den Kopf in den Nacken und rich- tete den Blick trotzig und herausfordernd gen Him- mel. Er machte den Eindruck, als wolle er die ganze, Nacht mit einigen tiefen Atemzügen in sich hinein- saugen, und man hätte beinah glauben können, er sei auch dazu fähig – so still und konzentriert war er. Plötzlich stieg er ab, zog die Satteltasche von der Hinterpausche und warf seinen Zentner Gold in den Fluß. Ich glaube, in jenem Augenblick starb ein klei- ner Teil von mir, Baraar. Nein! Es starb sogar eine ganze Menge von mir! Der Spalte sei Dank – ich war Profi genug, um mich eines Kommentars über das zu enthalten, was man mit seinem Beuteanteil anstellt. Aber ich mußte wirklich die Zähne zusammenbeißen, um still zu bleiben. Doch obgleich schockiert, so offenbarte sich mir doch ein gewisses Begreifen. Er konnte seinen Stolz auf die geleistete Arbeit nur dadurch auf angemesse- ne Weise verdeutlichen, indem er zeigte, daß daneben das Gold ohne Bedeutung war. Oh, er war auch ein Künstler, durch und durch ebenso aufrecht und ehr- bar wie wir beide, Barnar, und ich begegnete ihm mit aufrichtiger Bewunderung für die Leidenschaft, die in seiner großen Geste zum Ausdruck kam. Aber hätte er nicht auch eine poetische Bemerkung von sich ge- ben können, wie zum Beispiel: »Neben dem Schatz meiner Künste stellt dieses Gold hier nur Plunder für mich dar!« Und anschließend hätte er es für rein weltliche Dinge verprassen können – Festgelage und Zechereien –, um seine Verachtung für diese Art Reichtum deutlich zu machen. Tja, nun ist es mit Haldar eben folgendermaßen: Es gibt für ihn einfach keinen Ersatz für das Absolute. Wenn er depressiv wird, was nicht allzu selten ge- schieht, verliert er vielleicht keine Worte darüber. Aber andererseits wäre er durchaus auch in der Lage, gewesen, plötzlich aufzuspringen, in die Steppe hin- abzuklettern und sich mit den Wölfen zu verbrüdern – nur um seinen Sarkasmus und den Abscheu gegen- über der Lebensweise eines Diebes zum Ausdruck zu bringen. Der Eindruck der Kühle und Niedergeschlagenheit, der unser Lager so trostlos machte, hatte sich noch immer nicht aufgelöst. Dazu war die zornige Ver- zweiflung, die Haldar ausstrahlte, noch immer viel zu intensiv. »Zum Teufel mit dir!« knurrte ich. »Laß den Kopf doch nicht so hängen. Hölle und Verdammnis, Hald- ar, du hast kein Recht, so verdrießlich zu sein. Wenn du dich gehenläßt, ist mit mir auch nicht mehr viel her. Ich bin kein Wolf! Und selbst wenn es so wäre, ich fände bestimmt ebenso viel Gefallen an seinem Dasein, wie jetzt an diesem, und ich habe nicht die Absicht, mein gegenwärtiges Leben aufzugeben.« Traurig und ohne Mühe wischte er meine Worte beiseite. »Du machst dir selbst etwas vor, Nifft. Die großen Unternehmen gehören der Vergangenheit an, siehst du es nicht ein? Jene Heldentaten großer Schlauheit und tapferen Wagemuts – wir haben selbst einige vollbracht, aber jetzt ist es vorbei damit, ganz gleich, wie sehr wir das Gegenteil auch herbeisehnen. Und wie du weißt, kann man sich wirklich glücklich schätzen, wenn man begreift, daß man den Höhe- punkt des Lebens erreicht hat. Bei den meisten Men- schen ignoriert die Seele diesen erhabenen Augen- blick. Und man ist erst dann so klug, ihn zu erfassen, wenn sich die Hoffnung auflöst, weitere zu erleben. Dann sieht der Rest des Lebens so aus ...« Er winkte in Richtung der vom Mondschein erhellten Ebene., »Eine Einöde, die man gierig und auf allen vieren durchstreift.« Nun, normalerweise bin ich durchaus fähig, auf ei- nen solch elegischen Quatsch mit einer scharfen Er- widerung zu reagieren, ebenso wie auch Haldar, bei anderen Gelegenheiten. Aber damals fehlte mir ein- fach die Spucke dafür. Die frostige und zersetzende Niedergeschlagenheit, die ich verspürte, war viel zu groß. Und gleichzeitig begriff ich auch, daß dieser Eindruck, der sich einem bleiernen Gewicht gleich auf meine Schultern legte, nach wie vor von dem La- gerplatz ausging. Denn das Gefühl entstand nicht in mir selbst, sondern tropfte in mich hinein. Die Fels- blöcke und der Kies erzeugten es ebenso, wie Eis Kälte hervorruft. Irgend etwas befand sich hier, und seine Präsenz wurde stärker und stärker. Haldar reagierte offensichtlich darauf, ohne sich der Ursache bewußt zu sein. Mit hängenden Schul- tern hockte er inmitten der Steine und stocherte mit einem Stock im Feuer, als wolle er die Flammen da- mit erschlagen. Ich wollte meine Stimme heben, doch es schien, als schnüre mir etwas den Hals zu, und ei- ne Zeitlang glaubte ich, es wolle mir nicht einmal ge- lingen, ganz schlichte Worte zu finden. Mein Gefährte warf den Stock zur Seite und rieb sich die Stirn. Dann sprang er auf und streckte die Faust gen Himmel. »Bei der Spalte!« rief er. »Ich gäbe mein Leben, könnte ich noch eine große Tat vollbringen – eine, die größer und ruhmreicher ist als alle anderen, die ich bisher vollbrachte. Mein Leben! Ich schwöre es beim Magischen Schlüssel!« Seine Worte schockierten mich ziemlich. Obwohl die Furcht vor diesem Ort mein Herz immer eisiger umklammerte – einer giftigen, Frucht gleich, die schließlich abfallen und zerplatzen und aus der etwas Fauliges und Finsteres entspringen mußte –, war ich doch noch so weit bei Verstand, um alarmiert und verblüfft zugleich zu sein. Alarmiert, weil Haldar kein Mann war, der eine Vorliebe für theatralische Schwüre hatte – denn wenn er einen formulierte, meinte er es höchst ernst damit. Und verblüfft war ich von dem sonderbaren Eid selbst. Hast du jemals gehört, daß irgend jemand außer ei- nem Fremden aus Kairnish beim Magischen Schlüssel schwört? Eine Redewendung Haldars war es ganz gewiß nicht. Wir starrten uns gegenseitig an, und er war ebenso überrascht wie ich. Und dann entstand ein bestimmtes Gespür in mir. »Irgend etwas ist hier«, sagte ich. »Fühlst du es? Es ist nicht allzu weit entfernt. Unter uns vielleicht ... aber es kommt näher.« Haldar blickte sich um, nickte finster und beob- achtete die Schatten aus zusammengekniffenen Au- gen. »Hör mich an!« rief er. »Wer oder was auch im- mer in unserer Nähe weilen mag! Du hast mir einen Gedanken eingegeben und meine Zunge bestimmte Worte formulieren lassen. Aber ich trotze dir! Ich er- hebe Anspruch auf den Eid, soll er wirklich der mei- nige sein. Ich stehe zu ihm, als hätte ich ihn aus eige- nem Antrieb abgelegt. So trete nun hervor, wenn du dich meiner Herausforderung stellen willst!« In diesen Worten kam das innerste Wesen Haldars zum Ausdruck, Barnar. Niemand kam mit weniger Umschweife auf den Punkt zu sprechen. Wenn im Dunkel eines Waldes namenlose Geschöpfe umher- schlichen, so rief er sie in der Finsternis an und ver- langte von ihnen, sich ihm zu offenbaren., Wir warteten schweigend. Die gräßliche Kälte nagte noch immer an meinem Herzen. Ich war so konzentriert, daß ich erst bemerkte, nach dem Heft des Schwertes gegriffen zu haben, als es bereits halb aus der Scheide heraus war. Ich vernahm ein Ge- räusch, das mich an das Kratzen von Krallen auf Fels erinnerte, und ich dachte: Nein, es ist nur ein Wolf. In gewisser Weise war ich also nicht überrascht, als Haldars Pferd wieherte. Wir drehten uns um und sa- hen, wie sich die Beine des Rosses krümmten, als zwei große Wölfe die Fänge in seinen Hals schlugen und es hinabzerrten. Zwei weitere sausten aus der Dunkelheit heran und stürzten sich auf das Tier, während sich mein Pferd auf die Hinterläufe erhob und einem fünften Wolf mit den Vorderläufen den Schädel zerschmetterte. Ich hatte mich bereits in Be- wegung gesetzt, als ich aus den Augenwinkeln den Wolf auf dem Felsvorsprung sah, der unser Feuer überragte. Mitten im Sprung rief ich Haldar eine Warnung zu, und ich sah noch, wie sich das Raubtier auf ihn herabstürzte: ein großer silberner Hund, der einige Meter über ihm in der vom flackernden Feuer- schein erhellten Nacht schwebte. Dann galt meine ganze Aufmerksamkeit nur noch den Dingen, mit denen ich selbst konfrontiert war. Nach dem frostigen und wühlenden Unbehagen glich der meinen Körper durchspülende Adrenalinschub einer frischen Brise. Ich umfaßte das Schwert mit bei- den Händen und vollführte einen mörderischen Hieb gegen einen der Wölfe. Aber die Klinge drang nur bis zur Hälfte in den Nacken des Raubtiers ein, obwohl ich weit ausgeholt hatte und mit aller Kraft zuge- schlagen. So ist eben die Beschaffenheit dieser ab-, scheulichen Geschöpfe. Die Schwertklinge blieb bei- nah zu lange im zähen Fleisch stecken, während ein weiterer Wolf aus der Dunkelheit heransprang. Doch es gelang mir noch rechtzeitig genug, mit der Spitze auf die Kehle des Raubtiers zu zielen, und es starb durch seine eigene Bewegung. Die Wucht des Auf- pralls kugelte mir beinahe die Arme aus. Ich durch- trennte die Seile, die mein Pferd an dem Pflock hiel- ten, damit es den Angriffen der Wölfe nicht mehr ganz schutzlos ausgeliefert war. Als ich dem Roß Haldars einen kurzen Blick zuwarf, sah ich, daß sich vier Raubtiere bereits bis zu den Schultern in den von Krallen aufgerissenen Bauch hineingefressen hatten, während es noch immer voller Panik und Schmerzen wieherte. Mein Gefährte schrie. Der Wolf, von dem er attackiert worden war, hatte sich die Klinge in den geöffneten Rachen getrieben. Aber das Tier war so groß, daß es erst dann ernsthaft verletzt wurde, als ihm das Schwert bis zum Heft ins Maul hineinreichte. Haldar mußte die Klinge loslas- sen, wenn er nicht die Hand einbüßen wollte. Das Raubtier lag am Boden und wand sich hin und her, den Schwertknauf zwischen den scharfen Zähnen. Und Haldars einzige Bewaffnung bestand nunmehr aus einem brennenden Ast, den er in einer Hand hielt, und einem Messer in der anderen. Damit sah er sich jetzt mit einem neuen Angreifer auf dem Felsvor- sprung konfrontiert. Ich schwöre, der Wolf war nur wenig kleiner als ein ausgewachsenes Pferd. Er hatte Schultern wie ein Bär. Sein Magenknurren war so laut und hallend wie Totengeläut – unser Totengeläut. Die Augen waren so gelb wie Honig, und gieriger Hun- ger und Tücke irrlichterten darin. Wenn das schrille, Wiehern des Pferdes einmal etwas leiser wurde, war zu hören, wie weitere Krallen über felsiges Gestein kratzten. Doch der riesenhafte Wolf sprang nicht hinunter, sondern wich statt dessen vom Rande des Felsvor- sprungs zurück. Der zottelige Schwanz schien im Schein des Feuers aufzuglühen, als sich das Tier um- wandte und verschwand. Das Geräusch vieler dahin- hastender Tatzen erklang in der uns umgebenden Dunkelheit, und die Wölfe, die sich an Haldars Roß gütlich taten, zogen die blutbesudelten Schädel aus dem zerfetzten Bauch des Pferdes, legten die schleimbedeckten Ohren an und suchten in furchtsa- mem Schreck das Weite. Das Pferd wieherte noch immer, jetzt aber nicht mehr so laut. Ich verspürte das Bedürfnis, mich an seinem Wimmern festzuklam- mern, aus Furcht vor der Stille, die davon ferngehal- ten wurde. Schließlich aber gewann das Mitleid die Oberhand, und ich spaltete dem armen Tier den Schädel. »Etwas nähert sich«, unterbrach Haldar die Stille. »Aber aus welcher Richtung?« Seine Stimme klang gepreßt und fasziniert. Es konnte keinen Zweifel an der Annäherung einer furchteinflößenden Präsenz geben. Das düstere Prickeln der Luft stellte ein un- verkennbares Anzeichen dar. Die Steine zu unseren Füßen erzitterten wie eine Million Ameisen, die von einer düsteren Vorahnung erfaßt worden waren. Auch ich verspürte eine gewisse Faszination. Das Ge- fühl des Abscheus jedoch war weitaus intensiver. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, die Flucht zu er- greifen – weißt du, dazu ist man einfach nicht in der Lage, wenn man so tief drinsteckt, wie es bei uns der, Fall war; und man alle Entschlossenheit und Kamp- feswut verloren hat. Aber ich vermochte es nicht zu ertragen, still abzuwarten. Wie eine Magd fing ich in einem Anflug von Arbeitswut an, Ordnung zu schaf- fen. Ich zog Haldars Schwert aus dem Rachen des Wolfes und wischte die Klinge am struppigen Pelz ab. Ich zerrte die Raubtierkadaver aus dem vom Feu- er erhellten Bereich des Lagerplatzes. Ich fluchte, knurrte und konzentrierte meine ganze Kraft auf die- se Bemühungen. Und währenddessen spürte ich, wie das Prickeln der Luft immer weiter zunahm. Haldar rief: »Nifft! Sieh zum Felsen!« Während ich mich umdrehte, konnte ich sehen, wie einer der großen Felsblöcke in der Nähe des Feuers anschwoll. Er buchtete sich aus, wie der Bauch einer Schwangeren, in dem das Kind ungeduldig auf die Geburt wartet, sich ruckartig bewegt und mit den Beinen tritt. Dann nahm der Stein wieder seine alte Form an. Kurz darauf buchtete er sich ein zweites Mal aus und dann noch einmal. Nur wenig später schwoll er ein weiteres Mal an, und diesmal bildete sich die Ausbuchtung nicht wieder zurück. Das Ding im Innern wand und streckte sich nun unaufhörlich und mit beeindruckender Kraft. Ein Riß bildete sich im Scheitelpunkt der Auswölbung, und gleichzeitig – so, als entströme er dieser Spalte – war die Luft erfüllt von einem penetranten Verwesungsgeruch. Der Riß erweiterte sich jäh, und eine knöcherne Hand streckte sich hindurch. Sie wies gerade genügend Knorpel und Sehnen auf, um die einzelnen Knochen beisammenzuhalten. Sie schnappte und tastete wie eine entstellte Krabbe durch die Luft, ein beinerner Krebs, der sich an einem, Algenstrang labt. Dann kam erneut Bewegung in den Felsen. Der Spalt erweiterte sich, und nun ragte der ganze Arm mit einem geraden und einem gebogenen Knochen heraus. Arm und Hand fuhren ruckartig umher, und der Felsblock erbebte erneut – wesentlich stärker diesmal. Unsere Knie wurden weich ange- sichts des gräßlichen Gestanks, der uns entgegen- wehte. Eine weitere Hand samt Arm ragte ins Freie – und die Finger dieser Hand hielten einen goldenen Schlüssel. Ein Geschöpf aus Knochen, trockenen Seh- nen und Bändern bahnte sich einen Weg aus dem Stein. Auf dem Schädel zeigten sich einige Strähnen aus verfilztem schwarzem Haar, das feucht schim- merte und flach anlag, wie der noch gebärmutternas- se Schopf eines eben geborenen Kindes. Der Felsblock war nun in zwei Hälften geteilt, und das Knochending kroch auf uns zu. Die Rippen hin- terließen muschelartige Spuren im Boden. Es bewegte sich wie ein erschöpfter Schwimmer, der sich nach ungeheurer Anstrengung an Land zieht – aus einem eisigen und stinkenden Meer. Die frostige Kälte, die die Knochen ausstrahlten, war ebenso durchdringend wie der eklige Geruch. Als das Geschöpf neben dem Feuer liegenblieb, wurden die Flammen rot und san- ken in sich zusammen, als würden sie vom Frost ge- löscht. Nun, habe ich von Gestank gesprochen? Bei der Spalte, bis dahin kannte ich nicht einmal die Bedeu- tung dieses Wortes. Während das Knochending ne- ben dem Feuer lag und sich schwach bewegte, be- gann es sich zu verändern, und als es sich veränderte, schienen unsere Nasen und Kehlen vollgestopft zu werden mit dem halbverwesten Inhalt eines Grabes –, solcher Gestank ging von den Geschöpfen aus. Wir lehnten uns an die Felsen und starrten wir betäubt auf die sich verändernden Knochen. Fleisch fing an zu wachsen und stülpte sich über die Sehnen. Nein, kein Fleisch, um genau zu sein. Es war jene schleimige Masse, die sich nach Beginn des Verwe- sungsprozesses bildet, kurz bevor nur noch Knochen übrigbleiben. Dieser abscheuliche Brei wuchs nun rasch in die Breite und Länge. Einige Klumpen davon dehnten sich im Brustkasten aus, wie Brotlaibe in ei- nem Backofen. Auf dem Rest des Skeletts verdickte sich die Masse nach und nach, wurde fester und ver- wandelte sich in Haut. Und diese Haut bewegte sich kurz darauf, begann sich zu kräuseln und zu wabern – mit einer Vielzahl von Würmern. Tief in meinem Innern dankte ich für den nur mat- ten Schein des Feuers, denn mir fehlte die Kraft, den Blick abzuwenden. Sowohl Haldar als auch ich hiel- ten uns mit beiden Händen Mund und Nase zu, doch der Gestank überwand auch dieses Hindernis, als sei es überhaupt nicht vorhanden. Das Geschöpf rollte sich auf den Rücken. Die sich hin und her windenden Maden bedeckten es mit einer so dicken Schicht, daß ganze Fladen da- von abfielen, so wie der Wind Schaum fortwehen mag, den ein Schwimmer aus den Meeresfluten mit sich bringt. Die Würmer krochen hin und her und regneten herab. Hier und dort löste sich ihre dicke Schicht vollständig auf und hinterließ Flecken heller und reiner Haut. Über den Rippen bildeten sie zwei geschwungene Kegel, und dann wogten die Würmer herab und offenbarten zwei volle, mit rosafarbenen Warzen versehene Brüste, die so hell leuchteten wie, Vollmonde. Gleichzeitig streiften feste Oberschenkel und Hüften den Kokon aus Fäulnis ab, und die Au- genhöhlen spuckten ihren schleimigen Inhalt aus, als sie sich mit zwei großen schwarzen Pupillen füllten. Eine Frau war geboren worden, nackt und leben- dig. Der Boden, auf dem sie lag, war sauber, und die Luft war wieder rein. Aber als sich die Fremde be- wegte, ging von ihr noch immer ein kalter Hauch aus, gleich einem über einen Gletscher hinwegstreichen- den Wind. Sie fuhr sich mit einer Hand über die Wange. Mit der anderen – derjenigen, die den Schlüs- sel hielten – berührte sie eine ihrer Brustwarzen. Sie legte den Kopf in den Nacken und lächelte den Ster- nen zu. Ihre Zähne bildeten eine gerade weiße Linie, und in ihren Augen glänzte eine mit Bitterkeit durch- setzte Freude. Dann begann sie damit, mit den Fin- gerspitzen ihren Körper zu erkunden. Ihre Hände bewegten sich flink und zitterten – wie die eines Geizhalses, der einen Schatz streichelt, den er schon verloren geglaubt hat. Zwei große Tränen glitten aus ihren Augenwinkeln und benetzten das schwarze Haar an den Schläfen. Sie drehte den Kopf, um uns über das Feuer hinweg anzublicken. Eine Weile starrte sie uns nur an, dann verzog sie das Gesicht zu einem gepreßten Lächeln, und ihre Brüste hoben und senkten sich langsam. »Helft mir auf, ihr Sterblichen«, erhob sie kurz darauf ihre Stimme. »Ich habe mich fast völlig verausgabt infolge der Anstrengung, zu euch hochzuklettern. Und mir bleibt nicht viel Zeit.« Ihre Stimme, Barnar! Sie durchzog meine Gedan- ken wie ein kühler seidener Schal, der ins eine Ohr hineingestopft und durchs andere wieder hinausge- zogen wird – man hört sich verrückt an, will man sie, beschreiben! Ich machte Anstalten, ihr zu gehorchen, aber ich war zu schwerfällig. Ich hatte mich kaum ge- rührt, als Haldar schon an ihrer Seite war. Er streckte ihr die Hand entgegen, dieser Frau aus dem Reich der lebenden Toten – ebenso hastig wie ein durstiger Mann seinen Kelch mit Wein von der Theke heben und an die Lippen setzen will. Aber er mußte einen Aufschrei unterdrücken, als sie seine Hand ergriff. Er hielt tapfer aus, als sie sich erhob, und schließlich kniete er sich nieder, damit sie sich schwankend auf ihn stützen konnte, indem sie ihm die eine Hand auf die Schulter legte. Es kostete ihn große Mühe, die Qual angesichts ihrer Berührung nicht offen zu zeigen. Und was die Frau betraf: Ihr Körper war voll entwickelt, geschmeidig und kräftig, wie der einer gut Zwanzigjährigen. Aber sie war of- fenbar nur dann fähig, aufrecht zu stehen, wenn sie sich ganz darauf konzentrierte. Als sie aufgestanden war, hielt sie sich auch weiterhin mit der einen Hand am Felsblock neben ihr fest. Haldar kniete noch im- mer, neigte den Kopf und sagte schüchtern: »Vergebt mir meinen Aufschrei, Lady. Es war ...« »Es war kalt, Haldar Dirkniss«, sagte sie und sah wie eine zufriedene Königin, die einen Lieblingsgra- fen vor sich hat, auf ihn herab. »Es war die Kälte und die Magie des Schlüssels, die du berührtest. Aber du mußt nun zur Seite treten, kleiner falkengesichtiger Sterblicher. Ich habe nicht viel Zeit, meine Botschaft zu überbringen.« Oh, hochgeschätzter Haldar! Niemals büßte er die Fähigkeit ein, mich zu verblüffen, Barnar! Was Frau- en betrifft, war er immer korrekt, jedoch nur selten höflich und zuvorkommend. Seine Verhaltensweise, gegenüber der Fremden konnte nur bedeuten, daß er ... schier überwältigt war von diesem dem Grab ent- stiegenen Geist. Nein, es war kein Irrtum möglich. Die Art, wie er bei der Bezeichnung »klein« auf- sprang und sich zur vollen Größe aufrichtete, wie er sie mit einem betroffenen und vorwurfsvollen Blick versah – und die Anrede »Lady«, die er für sie ge- wählt hatte. Er war kein Heuchler im Umgang mit Worten. Er hätte sie auch Finsterling genannt, wie es allgemein üblich war, aber nur in einer plötzlichen und ganz speziellen Leidenschaft. Nicht, daß es sich in ihrem Fall um eine besonders aufreizend und verführerisch wirkende Frau gehan- delt hätte. Ihr Gesicht war schmal und kantig; die Zähne wirkten ein wenig zu groß, und das Funkeln in ihren schwarzen Pupillen wirkte wie das eines Tieres. Ihre Augen standen recht weit auseinander, und sie wies die gewölbten Jochbeine auf, die man bei einer sargalesischen Bäuerin oder einer Bewohnerin der Grünen Ebenen findet. Ihre Lippen waren voll, es haftete ihnen ein beständiges Zittern und Beben an. Sie schenkte Haldar ein ironisches Lächeln. »Lieber Sterblicher, es kostet unvorstellbare und unsägliche Mühe, aus dem Reich der Toten hierher emporzustei- gen. Es ist ein langer und beschwerlicher Weg durch die einzelnen Phasen des Zerfalls, und mit der Rück- kehr verhält es sich ebenso. Nur allein um hier zu stehen und in der Sphäre der Lebenden zu sprechen, ist die Kraft eines Titanen erforderlich. Der Mond- schein verbrennt mich. Lieber Dieb, halte dich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. Tritt zur Seite und hör mich an.« Haldar folgte ihrer Aufforderung, und mit einer Verbeugung machte er seine Reue deutlich., Die Fremde nickte mir zu. »Gruß dir, schlauer Nifft, der du auch der Dürre Nifft genannt wirst. Ihr seid mir beide bekannt – und auch die Qualität eurer Künste und die Ehrbarkeit eurer Seelen. Es ist euer Glück, daß ihr euch entschieden habt, an diesem Ort zu lagern, und meins, hier Kontakt mit euch aufzu- nehmen. So wißt denn, edle Diebe, daß sich euer Schicksal wendet. Ich bin eure Pforte zum Ruhm – zu Reichtum und Macht von einem Ausmaß, das sich eurer Vorstellungskraft entzieht. Wenn ihr mich durchschreitet, so wandelt ihr zunächst durch gräßli- che Finsternis, dann aber werdet ihr strahlendes Ta- geslicht erreichen, Pracht und Jubel. Ich bin Dalissem. Ich war ein Tempelkind aus Lurknahöhe, und seit sieben Jahren schon bin ich tot.« Ich hatte den Eindruck, jedes ihrer Worte einen Hauch eher zu hören, als ihre Lippen es formulierten. Bei jeder Silbe vernahm ich ihre Stimme zweimal – als doppeltes Echo, das nur in meinen Gedanken er- klang. Haldar trat einen zögernden Schritt auf sie zu, und bestimmt wollte er sich dazu hinreißen lassen, ihr ewige Treue zu schwören. Sie streckte warnend die Hand aus und schüttelte den Kopf, wodurch ihr schwarzes Haar schlangenartig die Schultern um- wogte. »Hört mir nur zu! Ich vermag mich dem Sog der Unterwelt nicht lange zu widersetzen. Es stimmt, Haldar – ich gab deinem Geist einen bestimmten Ge- danken ein. Aber es geschah nicht aus böser Absicht. Ich veranlaßte dich, beim Magischen Schlüssel zu schwören, weil ich diesen Schlüssel besitze – das Kleinod aus dem Domizil des marmianischen Zaube- rers. Es ist dieser hier. Und ich bin zu euch gekom-, men, um euch das anzubieten, was ihr wünscht. Ich ermögliche euch die größte Heldentat eures Lebens – euer größtes Unternehmen –, und ich werde als Ge- genleistung dafür nicht dein Leben fordern, Haldar, obgleich dein Schwur es als Pfand einsetzte. Statt des- sen will ich euch etwas geben – den Magischen Schlüssel. Im Austausch dafür müßt ihr mir einen Le- benden bringen, einen Menschen, den der Tod noch nicht ereilt hat, ihr müßt ihn zu mir herabführen, in die Region der Winde von Warr, dorthin, wo meine Heimat liegt, im Reich der Wandelnden Toten.« Während sie sprach, deutete sie immer wieder zu Boden. Haldar und ich tauschten einen bedeutsamen Blick aus. Ich bin sicher, es kostete ihn keine geringe Mühe, die Augen von ihr abzuwenden, und in sei- nem Gesicht kam deutlich zum Ausdruck, was er von alldem hielt. Das Funkeln seiner Pupillen vermittelte mir die schlichte Botschaft: Welch prächtiger Zufall, nicht wahr, Nifft? Welch ungeheurer Glücksfall! Und ich muß zugeben, es erging mir kaum anders. Stell dir vor, Barnar, du sähst dich plötzlich Sarks Zauberstab oder den Stiefeln Rascher Flucht gegen- über. Man glaubt schlicht und einfach nicht daran, daß es sie überhaupt gibt. Es verschlägt dir die Spra- che, daran zu denken, jemand könne tatsächlich den Schlüssel zum Domizil des marmianischen Zauberers besitzen – ganz zu schweigen davon, daß die betref- fende Person vor einem steht und ihn in der Hand hält! Dalissem zeigte ihn uns von allen Seiten, so, wie man ein Schwert hebt und jemandem droht, der noch ein ganzes Stück entfernt ist. Der Kopf bestand aus einem Quincunx aus geschmiedeten Goldrosen – so, wie es die Legenden erzählen. Er war so schwer, daß, die Mühe, ihn zu halten, Dalissems Arm deutlich be- lastete. Natürlich konnte man nur dann feststellen, ob es wirklich der echte Magische Schlüssel war, wenn man versucht hätte, ihn ins Türschloß des Zauberer- domizils einzupassen. Höflich fragte ich: »Darf ich ihn anfassen, Finsterling, um ganz sicher zu sein?« Ich zwang mich dazu, sie nicht mit »Lady« anzusprechen. Und als ich das Wort erst einmal über die Lippen gebracht hatte, schien es die zutreffendste Bezeichnung für sie zu sein. Ich wollte sie ein wenig verärgern, sie aus dem Gleichgewicht bringen und damit die Benommenheitstrance auflösen, die sie durch meinen Geist gesponnen hatte. Daran muß man immer denken, wenn man es mit Geschöpfen zu tun hat, die nicht wie wir Sterbliche sind. Dalissem kicherte. Es hörte sich an, als wende sich eine große Bergkatze fauchend und zischend an mich: Man be- wundert die Schönheit des Raubtiers, gleichzeitig aber fürchtet man sich vor den Konsequenzen einer solchen Begegnung. Ihr Gesicht zeigte deutlich, wie ihr die fortdauernde Anstrengung zusetzte, aber in ihrer Mimik offenbarte sich auch Verbitterung und düsteres Entzücken. »Liebster Nifft«, sagte sie, »für dieses Unternehmen ist deine anmaßende Unver- schämtheit geradezu vonnöten. Ich schätze deine Frechheit sehr, denn du wirst sie noch brauchen. So komm und berühre den Schlüssel. Komm und spüre die Macht, die er verkörpert.« Ich trat auf sie zu, und mit jedem Schritt sank ich tiefer ein in die von ihr ausgehende Kälte. Es war ein Frost, der den ganzen Leib ausfüllte – der sogar in die Knochen eindrang –, jedoch nicht die Bewegungsfrei- heit einschränkte. Als ich dicht vor ihr stand, fürch-, tete ich schon, wieder den Grabesgeruch wahrzu- nehmen. Statt dessen aber roch ich das Aroma von Regen und Sturmböen, den Duft von feuchtem Wind, von Wolken, in denen sich nasser Frost und zuckende Blitze verbargen. Bei der Spalte, ihre Augen waren so dunkel und unergründlich. Ich betrachtete den Schlüssel und streckte vorsichtig, ganz vorsichtig, die Hand danach aus. Ich glaubte zwar, vorbereitet zu sein, doch ich schrie beinahe auf, als ich die gewaltige Kraft spürte, die im Innern des Goldes knisterte und rumorte. Ich zog die Hand zurück, doch der flüchtige Kontakt reichte aus, um flammende Wahnvorstellungen Ge- stalt annehmen und die visionären Bilder durch die langen und spiegelglatten Korridore meines Geistes huschen zu lassen. Ich nickte und trat zurück. Dalissem schwankte nun leicht hin und her. Sie hatte die Beine fest gegen den Boden gestemmt, wie ein Athlet, der ein schweres Gewicht über seinen Kopf hebt. Sie preßte den Schlüssel an ihren Bauch, und das Gold wurde eins mit ihrem Leib. Anschlie- ßend suchte sie mit beiden Händen an dem Felsblock Halt und schenkte uns ein erschöpftes Lächeln. »Ihr seid Männer dieser Welt. Es mag wichtig für euch sein zu wissen, daß das Leben dessen, nach dem es mich verlangt, nach den Gesetzen aller Domänen des Reiches der Sterblichen als auch denen der Un- terwelt verwirkt ist. Es ist Defalk aus Lurknahöhe, den ich fordere. Mit einem Schwur band er sein Le- ben an mich, wie ich das meinige an ihn. Ich beglich meine Schuld gegenüber dem Tod, zur angesetzten Stunde, ohne zu zögern. Während der vergangenen sieben Jahre jedoch schenkte er seinem Eid keine Be-, achtung. Er gab sich ganz seinem Fleisch hin und wandelt weiterhin in der Welt des Lichts. Ihr könnt die Bewohner der Stadt nach dieser Geschichte fra- gen. Dann werdet ihr feststellen, daß ich die Wahrheit spreche. Meine Mutter ist eine Läuterin, eine Angehörige des obersten Siebenerzirkels des Lurknatempels. Sie lebt noch. Mit einem Eid band sie mich an die weiße Tunika. Weil sie mich haßte. Weil ich ihr meinen Wunsch offenbarte, die männliche Liebe zu erfahren. Ich lernte Defalk kennen, und wir fanden Mittel und Wege. Und wir erlebten eine schöne Zeit. Bis man mich verfolgte und wir bei einem Rendez- vous ertappt wurden. Wir lagen im Bett, und als sie die Tür aufbrachen, schworen wir noch unter der Decke unseren gemeinsamen Tod. Wir einigten uns auf die Art, wie wir in die andere Welt überwechseln wollten, und auch den Zeitpunkt. Denn wir waren si- cher, uns nicht mehr wiederzusehen. Ihm würde man einen Verweis erteilen – und ihn dann wieder freilas- sen. Ich dagegen hatte die weiße Tunika mit Schande befleckt und mußte damit rechnen, am nächsten Läuterungsabend durch die Hand meiner Mutter zu sterben. Und ich wollte ihr zuvorkommen.« Dalissem hatte zu schwitzen begonnen. Als ich sah, wie die glitzernde Nässe an ihren Schläfen herabrann, erinnerte ich mich unwillkürlich an den schrecklichen Anblick, den sie zuvor geboten hatte. Sie umarmte nun den Felsblock und lehnte den Kopf dagegen, während ihr Rücken mit Schattenlinien der Anspan- nung auf den Sog der Erde reagierte. Ihr dünnes Lä- cheln drückte einen fast genüßlichen Haß aus. »Doch meine Mutter wollte verhindern, daß ich vor, ihr in den Tod floh. Sie verdammte mich dazu, alt zu werden und in einer kleinen Kammer zu sterben, dessen einziges Fenster zu hoch lag, als daß ich es hätte erreichen können. Aber ich ... entkam.« Ihre Beine knickten ein. Die nackten Knie preßten sich mit einem lauten Knirschen in den Kies. Noch immer klammerte sie sich an dem Felsen fest, aber die Länge ihrer Arme reichte bei weitem nicht aus, ihn ganz zu umschließen. »Meine Wächterin aber ... so unerfahren. Ich tötete sie am zweiten Tag ihres Dienstes. Sie dachte ... es sei ein Posten, den sie ein Leben lang ausfüllen könne. Sie hatte ... recht, im wahrsten Sinne des Wortes. An jenem Morgen, als ich floh ... schien die ganze Welt mein Verbündeter zu sein. Ich besorgte mir ein Pferd. Ich ritt um die Stadt herum, um zu Defalk zu gelangen. Ich wahrte keinen ausreichenden Abstand. Man sah mich. Eine Pa- trouille wurde mir nachgeschickt. Ich ritt den ganzen Tag. Ich konnte meine Verfolger nicht abschütteln. Sie blieben auf meiner Fährte, auch wenn sie nicht in der Lage waren, mich einzuholen. Mein Pferd war kräf- tig, aber es verausgabte sich. In der Nähe dieses Or- tes. Und inzwischen rückte auch die Stunde meines versprochenen Todes näher. Ich hatte Zeit genug, mich zu entkleiden, mir das Haar zu flechten, das Messer zu heben, meinem Geliebten einen letzten Gruß zuzurufen und ihm Lebwohl zu sagen. Der Hauptmann der Patrouille war mir so nahe, daß ich das Weiße in seinen Augen sehen konnte. Und er sah in den meinen die Entschlossenheit zum Tod. Hinter ihm erblickte ich zu meiner Freude den Zorn meiner Mutter. Ich ... ich muß mich niederlegen, es bleibt mir, keine andere Wahl. Ich muß mich hinlegen ...« Sie sank an dem Felsen zu Boden. »Komm näher zu mir, Haldar Dirkniss.« Sie sah vom Kies zu ihm em- por und lächelte angesichts der Hast, mit der er ihrer Aufforderung nachkam. Obgleich sie nun auf dem Rücken lag, schien ihr Leib noch immer voller An- spannung zu sein. Ihr Kopf ruhte entspannt auf dem Boden, doch der Rest ihres Körpers kämpfte nach wie vor gegen den von der Unterwelt ausgehenden Sog. »Der Zugang zu meiner Welt liegt im Tode eines anderen Menschen.« Ihre Stimme klang nun nicht mehr so gepreßt, und sie blickte sowohl mich als auch Haldar an. »Es gibt einen Mann in Lurknahöhe, der sich bald auf die Reise in die Unterwelt begeben wird. Die Vorbereitungen wären natürlich einfacher, wür- det ihr euch irgendeinen Gassenstreuner schnappen und ihn umbringen. Mit der Formel, die ich euch nenne, seid ihr dazu fähig, den Wechsel in die andere Sphäre durch den Tod jedes beliebigen Menschen zu vollführen.« »Wir sind keine Mörder!« platzte es empört aus Haldar heraus. Er brauchte mir nicht erst einen fra- genden Blick zuzuwerfen, um zu wissen, daß er auch für mich sprach. »Wir schätzen Schwierigkeiten. Und wir sind bereit, deine Welt durch die Pforte zu betre- ten, die sich bereits zu öffnen beginnt.« Dalissem nickte langsam, und das grelle Funkeln in ihren Augen deutete Zustimmung an. »Wohl gespro- chen, kleiner Sterblicher. Du weißt sehr gut, Haldar Dirkniss, daß du kein kleiner Mann bist.« Sie fügte dies mit barscher Stimme hinzu, als sich das Gesicht meines Gefährten erneut zu verfärben begann. »In den wenigen verstrichenen Jahren sind schon viele, diesen Weg gegangen. Ich habe ihnen keine Beach- tung geschenkt. Ärgert euch nicht über meine Worte. Hätte ich etwa die Fesseln der Unterwelt abgestreift und die ungeheure Mühe dieses langen und erschöp- fenden Aufstiegs auf mich genommen, um mich an zwei kleine, unbedeutende Männer zu wenden? Komm näher. Dann werde ich deinem Gedächtnis die Art des Sphärenwechsels samt der dazu nötigen Formel geben.« Mein Gefährte beugte sich zu ihr hinab. Sie flü- sterte eine ganze Zeit lang in sein Ohr, und Haldars Blick ging währenddessen in die Ferne. Das trübe Flackern in seinen Augen war Anzeichen genug für das sonderbare Verständnis, mit dem Dalissem sei- nen Geist impfte. Als sie fertig war, ließ sie den Kopf zur Seite sin- ken. Ihr Leib erbebte in zitternder Erschöpfung, dann spannten sich ihre Muskeln wieder etwas an. »Tritt zurück«, zischte sie. »Wendet euch von mir ab. Ich muß auf jene Weise zurückkehren, in der ich zu euch kam. Im Angesicht des Schreckens konzentriert eure Gedanken auf den Schlüssel. Er wird euch gehören.« Wir wandten uns ab. Stinkende Kälte flutete uns entgegen. Das knisternde und schabende Geräusch Zehntausender kleiner Madenkiefer wurde lauter und lauter. Zwei große Tränen lösten sich aus den Augenwinkeln meines Gefährten und tränkten seinen Bart. In jener Nacht schliefen wir, ohne daß einer von uns wachte. Die Präsenz des Todes war an diesem Ort so stark, daß die Wölfe auf Tage hinaus den Be- reich der aufragenden Felsen meiden würden. Mein Pferd war im Einschnitt des Bergrückens ver- blieben. Es hatte rasch gewittert, daß die Wölfe ver-, schwunden waren. Wir brachen noch vor Sonnenauf- gang auf, sattelten das Roß und kamen überein, ab- wechselnd zu reiten und zu Fuß zu gehen. Ich war als erster an der Reihe, darauf zu verzichten, vom Pferd getragen zu werden. Als wir beim ersten trüben Glanz des neuen Tages den Bereich der Felsblöcke verließen, meinte Haldar nachdenklich: »Weißt du, Nifft, sie hat mir viel mehr erzählt als nur die Be- schaffenheit der Formel, und ihre Informationen be- zogen sich nicht nur auf Defalk und Shamblor. Sie be- richtete mir auch von tausend anderen Dingen, und ihre Worte erschienen mir wie ein endloser Strom.« »Nun, was sagte sie denn?« fragte ich. »Ich weiß es nicht! Sie verstaute alles tief in mei- nem Bewußtsein, unmittelbar außerhalb der Reich- weite meiner Gedanken.« Er ritt, und ich lief neben ihm. Ich überließ es ihm, die Zeit des Wechsels zu bestimmen. Ich lief den gan- zen Morgen über, so geistesabwesend war er. Drei oder vier Stunden lang beklagte ich mich nicht, denn immerhin bin ich recht flink mit den Beinen. Schließ- lich aber mußte ich ihn in die Wirklichkeit zurückho- len. Und er schwor, seinem Empfinden nach sei nicht einmal eine einzige Stunde verstrichen. Im Laufe des Tages suchte Defalk aus Lurknahöhe eine ganze Reihe von Tavernen und Schenken auf. Er besuchte die eleganteren im Marktviertel, einem Be- reich der Stadt, der auf riesigen Flößen auf dem See, schwimmt, ein Stück von der Küste entfernt. Er trat ein in die bizarreren Lokale im Kaidistrikt am Ufer. Und er ließ auch die Herbergen der Altstadt nicht außer acht, in jenem Teil von Lurknahöhe, in dem die Gerichtsbarkeit untergebracht ist. Wohin er seine Schritte lenkte, hing davon ab, ob er sich mit einem Makler besprach, den Verkauf eines Fangs der Fi- schereiflotte seines Schwiegervaters leitete oder ei- nem Richter in der Maritimen Billigkeit schmeichelte, auf daß er eine Lizenz erneuerte, mit der es statthaft war, in den besonders fischreichen Zonen des Großen Spalten-Sees die Netze auszuwerfen. Ich kann dir versichern, Barnar: Wir lernten Lurknahöhe wirklich gut kennen, als wir dem Burschen folgten und dabei kreuz und quer durch die Stadt wanderten. Mit ei- nem Ohr lauschten wir dabei immer den Neuigkei- ten, die sich auf den Flottenherrn Shamblor bezogen. Weißt du, Shamblor war nicht im eigentlichen Sinne der Befehlshaber einer Flotte, sondern vielmehr ihr Eigner – einer der wohlhabendsten und einflußreich- sten Männer der Stadt. Es gab Klatsch im Überfluß über seinen Gesundheitszustand, und wir nahmen ihn mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis, denn sein Tod stellte für uns den Zugang zur Unterwelt dar, durch den wir unser Opfer hinabgeleiten sollten. Kurz nach unserer Ankunft in der Stadt kam der Flottenherr wieder zu Kräften, und er gab uns damit einen Spielraum von einer Woche – Zeit, die wir nicht vergeudeten. Das Ergebnis war folgendes: An jenem Nachmittag, für den wir uns entschieden hatten, kauerte ich in ei- ner Gasse neben einer Taverne, die den Namen »Fe- derkiel und Schriftrolle« trug. Sie liegt im Zentrum, der Stadt, und unsere Entscheidung für diesen Ort gründete sich auf die hier besonders schmalen Stra- ßen: Wenn Passanten hier rascher vorankommen wollen, sind sie gezwungen, einen der von Läufern gezogenen Wagen zu benutzen, die in diesem Viertel die einzigen brauchbaren Beförderungsmittel dar- stellen. Defalk ging niemals zu Fuß, wenn ihm auch eine andere Möglichkeit der Fortbewegung zur Ver- fügung stand, und an fast jedem Tag nahm er hier sein Mittagsmahl ein. In der vorherigen Nacht hatte ich der Taverne ei- nen Besuch abgestattet – zu recht später Stunde, wenn du verstehst, was ich meine – und hoch oben in der einen Wand eine kleine Spalte geschaffen, durch die ich jenen Bereich der Schenke überblicken konnte, den unser Opfer bevorzugte. Im Gassenzugang auf- gestapelte leere Kisten schirmten mich vor der Neu- gier all jener ab, die im Vorübergehen einen kurzen Blick in diese Straße werfen mochten. Ich kletterte auf ein Faß und schob mich an die Beobachtungsspalte heran. Eigentlich war es meine Absicht, auf sein Ein- treten zu warten, doch Defalk befand sich bereits im Innern der Taverne und saß an dem Tisch, der meiner Position am nächsten war. Er war ein großer, blonder Mann. Seine breiten Schultern deuteten auf eine aktive Jugendzeit hin, doch Hüften und Bauch konnten sich inzwischen sehr wohl mit der Massigkeit der Schultern messen. Sein Gesicht war noch immer recht ansehnlich, obgleich die Züge durch ein unbeschwertes Wohlleben bereits deutlich weicher geworden waren. Unattraktiv je- doch war er gewiß nicht, und bei den Frauen seiner Welt hatte er bestimmt nicht unerheblichen Erfolg., Seine Welt war die des Nicht-mehr-Jungen und Ich- werde-bald-reich-sein. Sein Schwiegervater hatte es zu leidlichem Wohlstand gebracht, aber wir wußten inzwischen, daß er Defalk knapp hielt. Bei unserem Opfer handelte es sich um einen Mann, der damit rechnen durfte, nach gewisser Zeit eine recht hohe Position einzunehmen – wenn er die mittleren Jahre erreichte und rund ein Jahrzehnt als Vermittler und Assistent in der Finanzwelt gearbeitet hatte. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß Defalk auch ein einfacher Mann war, der nicht mehr Ehrgeiz verspürte, als reich zu sein, bewundert zu werden und sich nicht mit Arbeit belasten zu müssen. Sein Gesicht sprach es ganz deutlich aus: »Ich bin ein sympathischer Kerl. Habe ich das mir vorschwebende Leben etwa nicht verdient?« Ich versichere dir, Bar- nar: Ich hätte ihm beinahe zugestimmt, so unkompli- ziert, offen und ehrlich war seine Überzeugung. Wäh- rend wir ihn beschatteten, drehte sich Haldar einmal zu mir um und meinte mit eigenartiger Verbitterung: »Bei der Spalte, in ihrer Unerfahrenheit fallen selbst die schönsten und begehrenswertesten Frauen auf solche Männer herein. Ich glaube, das größte Myste- rium, wie man das Herz einer Frau erobert, besteht in hirnloser Selbstzufriedenheit!« Ein stämmiger, schwarzbärtiger und in burgunder- rote Seide gekleideter Mann betrat die Schenke, und Defalk winkte ihm zu. Der Neuankömmling war in Defalks Alter, aber seine Bewegungen waren kraftvoll und energisch, und in seinen Augen funkelte eine verschlagene und lüsterne Vitalität. Beiden Männern waren die Zeichen von Wohlstand zu eigen – in erster Linie die pelzbesetzten Kurzumhänge, die damals in, Mode waren. Aber wenn man Defalks hängende Schultern und seine mit einem blassen Blauschimmer versehenen Augen betrachtete und sich dann mit dem Temperament des anderen Mannes konfrontiert sah, dann wußte man sofort, daß der Neuankömm- ling in jene Welt hineingeboren war, in die zu gelan- gen Defalk sich immer noch bemühte. Der Mann trat an Defalks Tisch heran und versetzte ihm einen gutmütig gemeinten, aber sehr kräftigen Hieb auf die Schulter, eine Geste, deren Vertrautheit beinahe wie ein Donnerschlag in der relativ ruhigen Taverne wirkte. Er blieb eine ganze Weile stehen, scherzte lautstark und zog damit die Blicke der ande- ren Gäste auf sich, woran er offenbar Gefallen fand, Defalk aber ganz offensichtlich nicht. Schließlich nahm er Platz, verminderte seine Lautstärke jedoch nicht, während er mit Defalk sprach. Die beiden Männer plauderten miteinander. Defalk hielt die Stimme deutlich gesenkt und versuchte gleichzeitig, eine eigene Version der zur Schau gestellten Fröh- lichkeit seines Gegenübers zu entwickeln. Es machte mich betroffen, seine peinliche und ungelenke Art zu beobachten. Sein Gesprächspartner, Kramlod war sein Name, reagierte darauf mit noch übertriebenerer lärmender Scherzhaftigkeit. Schließlich schob Defalk seinen Weinbecher bei- seite und beugte sich zu Kramlod vor. »Wir kennen uns nun schon lange genug, um ganz offen sein zu können«, meinte er. »Sag mir, was du trinken möch- test, dann erzähle ich dir, was ich auf dem Herzen habe.« Er winkte dem Wirt zu. Kramlod lächelte. »Ach, Defalk, du bist wirklich der Mann, der sagt, was er auf dem Herzen hat! Ich weiß noch, wie du in, jungen Jahren Tempelröcken nachgejagt bist, um dich zu vergnügen – Tempelröcke mußten es sein, nichts Geringeres! Damals hielten wir dich alle für einen verrückten Romantiker und glaubten, du stündest himmelhoch über uns eher weltlich orientierten See- len. Weißt du noch, was du von der Welt der Finan- zen und Geschäfte sagtest? Du hieltest sie für eine Welt der Speichellecker und Günstlinge – Habenicht- se, die reichen Fettbäuchen in den Hintern kriechen, weil sie sich davon einen Vorteil erhofften. War es nicht so? Wie sehr sich die Ansichten und Überzeu- gungen unserer Jugend doch wandeln!« Es war ganz offenkundig, daß er nur vorgab, all- gemein zu sprechen. Er grinste sein Gegenüber an, als Defalk leise lachte – ein unbehagliches und nervöses Krächzen war es (jedenfalls für mich), aber in Kram- lods Ohren schien es wie Musik zu klingen. Der Wirt trat an den Tisch, und Kramlod machte aus der Be- stellung eine fröhlich-lärmende Angelegenheit. Er forderte Defalk auf, ihm bestimmte Dinge zu emp- fehlen, antwortete teilweise abfällig und teilweise bewundernd darauf und wartete auf die Reaktion des Wirtes. Schließlich bestellte er sich ein kleines Glas Punsch. Defalk dagegen entschied sich für ein dop- peltes Feuerwasser, und ich konnte es ihm nicht ver- denken. »Du hast von dem Bestreben gesprochen, Gunst und Wohlwollen zu erringen«, sagte Defalk, als der Wirt wieder verschwunden war. »Wie es der Zufall will, Kramlod, liegt genau das in meiner Absicht! Vielleicht hast du es schon erraten! Dir kann man eben nichts vormachen, du alter Halunke! Also kurz gesagt, lieber Freund: Du mußt uns heute abend zu, dir einladen! Es würde uns sehr weiterhelfen und dir überhaupt nichts ausmachen. Lurissil läßt dir durch mich ebenfalls eine freundliche Bitte zukommen – ei- ne sehr liebevolle Bitte, wie ich dir versichern kann, eine, die dich sofort bezaubern würde, könnte sie sie selbst überbringen. Komm schon, ich weiß doch, daß du uns einfach nur vergessen hast!« Kramlod verzog das Gesicht zu einem Lächeln, das unschuldige Überraschung ausdrückte. »Ich bin platt!« erwiderte er dann. »Ich bin perplex. Es ver- schlägt mir direkt die Sprache. Du und Lurissil, als die Musikliebhaber, die ihr seid! Natürlich ist es das Orchester auf dem Floß, die Aussicht auf eine musi- kalische Darbietung, untermalt von plätscherndem Wasser und funkelnden Sternen, bei der dir der Mund wäßrig wird, wenn du an unser kleines Abendfest denkst! Da sieht man es wieder – da glaubt man doch, jemanden gut zu kennen, und schon of- fenbart er einem völlig unbekannte und überraschen- de Charakterzüge!« Die Getränke kamen. Kramlod griff nach seinem Glas und sah sich mit freundlicher Miene in der Schenke um, als sei dieses Thema damit erledigt. De- falk lächelte schief und nippte an seinem Feuerwasser – sicherlich, um einen bestimmten Geschmack loszu- werden. »Du bist mir wie ein großer Bruder«, ki- cherte er und schüttelte den Kopf, als riefe ihm das Erscheinungsbild Kramlods tatsächlich eine ange- nehme Erinnerung ins Gedächtnis zurück. »Du hältst einem die Süßigkeiten so hoch über den Kopf, daß man sie nicht erreichen kann – nur aus Freude, größer zu sein! Hör mal, hiermit hast du mir wirklich einen bösen Streich gespielt, großer Bruder. Und du weißt, ganz genau, daß ich kein Musikliebhaber bin! Du ge- wissenloser Schuft!« Mit einem heiteren Lächeln be- kundete er seine Wertschätzung für die Schuftigkeit Kramlods. Die seine Augen säumenden Falten deu- teten jedoch eher auf innere Qual hin als auf Fröh- lichkeit, und Kramlod studierte sie aufmerksam und begierig. »Im Ernst, Defalk. Ich bin wirklich verwirrt. Was außer der Aussicht auf eine musikalische Darbietung könnte dich dazu veranlassen, mit solchem Nach- druck um eine Einladung zu unserer kleinen abendli- chen Zusammenkunft zu ersuchen? Ich bin beinahe geneigt zu glauben, du willst mich auf den Arm nehmen. Vielleicht denkst du überhaupt nicht ernst- haft daran zu kommen.« Defalk schüttelte langsam den Kopf und gab sich den Anschein, am Humor seines Bekannten noch immer Gefallen zu finden. »Nun, wie ich sehe, willst du noch nicht damit aufhören, den schlauen Fuchs zu spielen. Ich habe nicht die Absicht, meine Beweg- gründe zu verbergen. Der heutige Abend soll Lurissil die Möglichkeit geben, Lady Squamash zu ihrem für nächste Woche geplanten Nachmittag einzuladen. Lady Squamashs Flotte hat eine Fischereilizenz für die Bereiche des Sees, die an die meines Schwieger- vaters angrenzen. Wir haben vor, entsprechende Ver- handlungen aufzunehmen. Tja, das wär's. Offener kann ein Mann nicht sein. Und versteh mich bitte nicht falsch: Ich möchte auf keinen Fall herunterspie- len, wie sehr wir uns dir gegenüber verpflichtet füh- len für diesen kleinen Gefallen.« »Bei der Spalte, jetzt verstehe ich endlich! Manch- mal bin ich wirklich wie auf den Kopf gefallen, De-, falk. Geradezu lächerlich – ein Rätsel aus einer Sache zu machen, die ich bei der Betrachtung aus dem rich- tigen Blickwinkel sofort hätte begreifen können. Lord Squamash! Aber natürlich! Selbst Darla meint, ich sei viel zu begriffsstutzig, um öffentliche Pflichten wahr- zunehmen. Ich streite das ihr gegenüber ab, aber in meinem tiefsten Innern muß ich ihr zubilligen, daß sie recht hat! Dieses Getränk war wirklich köstlich. Wie hieß es doch gleich?« »Rotmilchpunsch.« »Ja, wirklich gut. Nun, unsere Zusammenkunft hier hat mich sehr gefreut, mein Freund. Jetzt muß ich aber gehen – Darla hat das Orchester für den ganzen Tag engagiert, und sie braucht meine Hilfe für die Vorbereitungen. Gib Lurissil einen ganz besonders herzlichen Kuß von mir.« Kramlod stand auf und strahlte übers ganze Ge- sicht. Defalk sah mit verkniffenem Gesicht zu ihm auf, und ich nehme an, er mußte die in ihm aufstei- gende Übelkeit niederkämpfen, um sprechen zu kön- nen. Kramlod wartete in gefälligem Schweigen und gab ihm die Zeit, die er brauchte. Schließlich brachte Defalk hervor: »Und das Fest heute abend bei dir, Kramlod – sind wir eingeladen?« Seine Stimme klang brüchig. Und es gelang ihm nicht – oder vielleicht wollte er es auch gar nicht –, allen Abscheu daraus zu verbannen. Die Frage stellte offenbar die letzte Won- ne dar, auf die Kramlod noch wartete. Sein Lächeln drückte ein Vergnügen aus, dessen offene Zurschau- stellung Defalk gegenüber eine Obszönität darstellte. Dann verzog er strahlend das Gesicht, als erinnere er sich erst jetzt wieder, und griff in die Tasche seines Umhangs., »Jetzt kannst du selbst sehen, wie sehr mein Ge- dächtnis bereits Schaden genommen hat! Da haben wir doch über nichts anderes gesprochen, und die ganze Zeit über hatte ich dies hier bei mir, das ich dir von Darla geben soll! Hier! Schone meine Würde, De- falk, und behalte es für dich, welch beschämendes Beispiel meiner ... Vergeßlichkeit ich an den Tag ge- legt habe!« Er warf eine zusammengeschnürte Schriftrolle auf den Tisch und verabschiedete sich mit einem fröhlichen Winken. Eine Zeitlang saß Defalk ganz still am Tisch und starrte ins Leere. Er sah ganz wie ein Mann aus, der sich bemühte, nichts zu denken oder zu empfinden. Ich fühlte mich so peinlich berührt, als hätte ich wäh- rend des heuchlerischen Gesprächs die ganze Zeit über mit ihm am Tisch gesessen. Ich war so beschämt um seinetwillen, daß ich den Wunsch verspürte, ihn zu schlagen. Eine sonderbare Sache. So etwas hätte ich natürlich niemals empfunden, wäre ich nicht dar- über informiert gewesen, daß Dalissem für diesen Mann in den Tod gegangen war. Defalk griff nach seinem Glas, trank es in einem Zug aus und saß wie- der ganz still. Sein Blick kehrte sich nach innen. Auf seinem Gesicht spiegelten sich rachsüchtige Phantasi- en, und seine Lippen bebten, als sie – wie ich vermu- tete – triumphierende Zurechtweisungen formulier- ten. Er stieß einen langen Seufzer aus und bestellte sich ein weiteres Feuerwasser. Er griff erst nach der Schriftrolle mit der Einladung, als er das zweite Glas ausgetrunken hatte und aufgestanden war. Dann schob er es rasch in die Tasche und ging. Ich kannte den Weg, den er von der Taverne zur, Hauptverkehrsstraße nahm, und ich eilte ihm voraus und blickte mich dann und wann um, um mich zu vergewissern, daß er noch hinter mir war. Haldar wartete unmittelbar jenseits der ersten Kurve, die ich durchschritt. Du hast es vielleicht schon erraten, Bar- nar: Er stand an einem Beförderungswagen. Sein Oberkörper war nackt und als Schutz gegen die Kälte mit Öl eingeschmiert – ganz in der Art und Weise ei- nes Dienstläufers aus Lurknahöhe. Er hatte recht na- he an der Federkiel- und Schriftrolle-Taverne Auf- stellung bezogen, und normalerweise konnte Defalk nicht hoffen, so rasch ein Transportmittel zu finden. Immerhin lag die Schenke in einem Bereich der Stadt, die für den Geschäftsverkehr ohne Bedeutung war. Wir durften also sicher sein, daß er unser Bequem- lichkeitsangebot annahm. »Er ist dicht hinter mir«, informierte ich Haldar. Mein Gefährte warf mir einen Ledersack zu. Ich ha- stete bis zur nächsten Straße und lief dort hinunter. Behende und flink rannte ich weiter, bis ich eine Sackgasse zwischen zwei leeren Gebäuden erreichte. Sie war lang genug, um auf den ersten Blick den Ein- druck einer ganz normalen Passage zu erwecken. Nach einigen Metern und einer leichten Biegung stellte sich dann jedoch heraus, daß die Gasse an ei- ner Wand endete. Hinter der Biegung kauerte ich mich auf den Boden nieder. Nach kurzer Zeit hörte ich, wie der Wagen näher kam, und dann erklang Defalks Stimme: »Ist das hier ein Durchgangsweg? Ich bezweifle es.« »Es handelt sich um eine Abkürzung, mein Herr, und dadurch können wir das Gewühl auf der Vertig- straße meiden.«, »Ich möchte keine Zeit verlieren ...« Der Wagen sauste an mir vorbei. Als Haldar plötz- lich anhielt und die Zugleinen emporriß, sprang ich mit einem Satz hinter den Karren. Defalk rutschte mir rücklings und mit dem Kopf voran entgegen. Ich öff- nete den Sack für ihn, und er stülpte sich selbst bis zur Hüfte hinein – genauso leicht und geschwind, wie man am Morgen in die Stiefel tritt. Dann war Haldar an meiner Seite. Gemeinsam drehten wir den Sack um, so daß Defalk auf den Füßen stehen konnte, und wir knoteten die festen Seile an der Sacköffnung zusammen. Defalk schrie so laut, als wolle er die Wände zum Einsturz bringen. Wir richteten ihn auf, und ich versetzte ihm einen Hieb in Höhe des Zwerchfells. Ich schlug gerade so fest zu, um ihm den Atem zu nehmen. Er krümmte sich, wir schoben ihn auf den Wagen. Dort mußten wir ihn regelrecht zu- sammenklappen, so daß die Beine nicht herausragten. Ich nahm im Sitz Platz. Haldar drehte den Wagen um, dann trabte mein Gefährte in Richtung unserer Unterkünfte im Kai-Viertel. Defalk geschlagen zu haben, verschaffte mir Ge- nugtuung. Es war fast so, als hätte ich Rache genom- men. Wie konnte er das sein, was er war, wenn er zu- vor mit Dalissem liiert gewesen war – einer Frau, die ihm zu dem hätte verhelfen können, was er hätte werden können? Ich glaube, ich war ebenso wütend auf ihn wie Haldar. Aber da ich andererseits auch weniger idealistisch veranlagt war als er, eröffnete sich mir unwillkürlich auch eine wesentlich nüchternere Einschätzung sei- ner Lage. Defalk war nur schwach und eitel gewesen. Ein kaltblütiger Mord ist schon schlimm genug, nicht, wahr? Aber einen lebenden Menschen ins Reich der Toten zu verschleppen ... Er hatte seinen Eid gebro- chen. Er hatte geschworen, sich umzubringen, und damit war nach allen Gesetzen, die sowohl in der Welt des Lichts als auch der der Dunkelheit gelten, sein Leben verwirkt. Ich ließ den Gedanken an diese Tatsache nicht einschlafen, dessen kannst du dir ge- trost sicher sein, Barnar. Und hättest du dich nicht ebenso verhalten, die Zähne zusammengebissen und ihn verschleppt – für den Magischen Schlüssel zum Domizil des marmianischen Zauberers? Zwei Tage nachdem wir uns Defalk geschnappt hat- ten, lagen wir zum Abstieg ins Reich der Finsternis bereit. Unser Gefangener befand sich zwischen uns, Hände und Füße gefesselt und die Spitze von Hald- ars Dolch an der Kehle. Ich habe schon eine ganze Menge damit gesagt, in- dem ich bemerkte, wir lagen bereit. Folgendes meine ich damit: Wir lagen auf einem samtenen Baldachin, der das Bett Shamblors überspannte. Direkt unter uns stöhnte der Flottenherr höchstpersönlich inmitten seiner Kissen und war mit dem Sterben beschäftigt. Noch ein halbes Dutzend weiterer Personen hielt sich in dem Raum auf. Der Baldachin war so hoch, daß uns niemand entdecken konnte, solange wir uns nicht aufrichteten. Andererseits aber war es so still im Zimmer, daß man selbst das Knurren eines hungrigen Magens deutlich hätte vernehmen können. Infolge ei-, niger vorsichtiger Blicke und der gedämpft geführten Unterhaltung wußte ich, wo sich die Gäste am Ster- bebett Shamblors befanden. Bei zweien von ihnen handelte es sich um Drogi- sten, und sie trugen ihre Zobelkapuzen als Zeichen dafür, aus beruflichen Gründen an diesem Ort zu weilen. Sie hatten nicht Platz genommen, denn die Gildendoktrin verbot ihnen dies an einem Sterbebett. Von den anderen vier Personen saßen zwei. Eine war eine vertrocknet wirkende Frau namens Gladda, die ledige Tochter des Magnaten, sein einziges Kind. Die andere war ihre Zofe, eine untersetzte, kurzhaarige Frau, deren Gesicht eine sonderbare Anmut zeigte. Bei den beiden noch verbleibenden Personen han- delte es sich um Shamblors Vetter und dessen Frau. Sitzgelegenheiten für sie gab es ebenfalls – das Zim- mer war praktisch vollgestopft mit luxuriösem Mobi- liar –, aber sie zogen es vor zu stehen, und das mit ei- ner Unerschütterlichkeit, die eine der Situation an- gemessene dankbare Demut offenbarte. Der Mann, ein dürrer und rachitischer Typ, bestand darauf, Shamblor höchstpersönlich die Medizin zu verabrei- chen, als der Atem des Sterbenden sich in ein ras- selndes Zischen verwandelte. Und die Arznei – das war nichts anderes als mit Wein angereicherte Milch in einem goldenen Becher, der auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stand. Wir hatten den betäubten Defalk tags zuvor in je- nes Haus geschafft, im Innern eines protzigen Be- stattungsmementos, das dem Domizil Shamblors mit den Beileidsbekundungen eines fiktiven Grafen über- bracht wurde. Es war ein großer Grabstein aus Por- zellan, geschmückt mit Kränzen aus geschwärzten, Federn. Das Innere dieses »Gedenksteins« bot gerade ausreichend Platz, um den zusammengefalteten De- falk aufzunehmen. Die Tochter des Hauses nahm das Memento mit großer Überraschung in Empfang. Eine Stunde später folgte ich, in einer angemessenen Kostümierung, die mich als jenen Grafen auswies, drückte Gladda auf höchst beeindruckende Weise mein Mitgefühl aus und drückte ihr dabei die Hand. Als ich ein kleiner und armer Junge gewesen war (so erzählte ich), da- mals, als meine Familie noch nicht das Vermögen an- gehäuft hatte, das heute unser Leben beglückte (ich beschrieb uns als eine bedeutende und wohlhabende Familie, mit der es in letzter Zeit allerdings ein wenig bergab ging), trat einmal ein alter und freundlicher Herr auf mich zu und gab mir eine Münze, damit ich mir etwas Süßes kaufen konnte. Er klopfte mir auf die kleine und schmale Schulter und richtete aufmun- ternde und ermutigende Worte an mich, die in mir eine Flamme entfachten, an der ich mich seitdem wärmte. Aber immer vergißt man gerade diese einerseits so trivialen und andererseits wiederum doch so bedeut- samen Augenblicke. Die verstreichende Zeit, sich überstürzende Ereignisse, die Umstände, die einen so in Anspruch nehmen! Seit langem schon kannte ich den Namen des freundlichen alten Herrn – es war Flottenherr Shamblor –, und doch hatte ich nie ein Dankeswort an ihn gerichtet oder ihm die harte, aber barmherzige Hand geschüttelt. Und jetzt kam ich zu spät! Ich hatte vom Ableben dieses großen Mannes erfahren. Und aus diesem Grund hatte ich ihr jene kleine Beileidsaufmerksamkeit zukommen lassen, die, sie bereits in Empfang genommen hatte. Außerdem führte ich selbst noch eine Gedenkplatte aus ge- schmiedetem Silber mit mir, die eine ewige Erinne- rung an seine gute Tat mir gegenüber darstellte. Was? Er lebte noch?! Es eröffnete sich mir also doch noch die Möglichkeit, in jene so freundlichen Augen zu blicken? Ich hatte doch noch die Gelegenheit, vor ihm auf die Knie zu fallen und ihm meinen Dank auszusprechen für ... Nun, auf diese Weise ging es weiter. Nach ein paar Minuten schon war Gladda ganz ergriffen von mei- ner Schilderung und führte mich in Shamblors Kam- mer, und es gelang ihr dabei – trotz ihres vertrock- neten und argwöhnischen Erscheinungsbildes –, eine gehörige Portion Würde auszustrahlen. Aber sie war auch nicht dumm. Manchmal verlieren Menschen elementarste Tatsachen aus den Augen, nur weil sie schon seit langem an sie gewöhnt sind. Ich hatte mei- ne Geschichte mit detaillierten Ausführlichkeiten ausgeschmückt – es kam dabei nur auf gründliche Nachforschungen an –, aber Gladda vergaß vorüber- gehend das, was sie niemals in Frage gestellt hätte, wenn es von mir direkt angesprochen worden wäre: nämlich, daß Flottenherr Shamblor ohne Erwartung einer Gegenleistung nicht einmal einem Verhungern- den eine Brotkrume geben würde. Die Gedenkplatte war recht kostbar – der Silberschmied, von dem sie stammte, hatte selbst dafür bezahlt, auch wenn er sich darüber nicht klar sein mochte –, und vielleicht war Shamblors Tochter vom hohen Wert dieses Ge- schenks geblendet. Wohlgemerkt: Ich hatte ihr das deutliche Bild eines reichen Mannes gezeichnet, der nichts Besseres zu tun hatte, als durch die Stadt zu, wandern und kleinen Jungen Münzen für Süßigkei- ten zu schenken. Am Sterbebett des Magnaten legte ich voller Ergrif- fenheit die Gedenkplatte ab, bespritzte sie mit einem noch schaumigeren Strom unsinnigen Geschwafels und drückte die talgige Hand des Flottenherrn. Shamblor starrte zu mir empor, glotzäugig wie ein Fisch durch Eis. Und während ich Gladda damit ab- lenkte, nahm ich das in Angriff, was der eigentliche Grund für meine Anwesenheit war. Ich ließ ein Kü- gelchen aus Rattenlockmittel aus der Hosentasche fallen, und als ich mich – das Gesicht eine Maske in- nigster Trauer – erhob, zermalmte ich es mit dem Stiefelabsatz. Ich fragte nach der Toilette. Gladda errötete, be- schrieb mir den Weg und blieb im Zimmer. Ich trat auf den Korridor, und als sie die Tür hinter mir schloß, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als den näch- sten Raum zu betreten. Dieses Zimmer stellte den einzigen geeigneten Unterbringungsort für den Kranken dar, sobald es im anderen nicht mehr aus- zuhalten war – und dieser Zustand würde etwa ge- gen Mitternacht eintreten. Ich zog ein dünnes, aber sehr belastungsfähiges Seil aus meinem Wams, befe- stigte es am Fensterpfosten und ließ es nach draußen fallen. Wir hatten es zuvor in der Tönung der steiner- nen Wände von Shamblors Haus eingefärbt. Ich schloß das Fenster wieder, verriegelte es aber nicht. Dann kehrte ich ins Zimmer des Sterbenden zurück und verabschiedete mich wortreich. Unser Plan war riskant und gewagt. In einem so großen Haus konnte die Entscheidung für die Unter- bringung des Kranken durchaus zugunsten eines an-, deren Zimmers fallen. Oder vielleicht kamen die Ratten zu rasch, woraufhin Shamblor verlegt wurde, bevor wir in den anderen Raum gelangten. Nun, in jedem großen Haus – ganz gleich, wie prächtig es sein mag, wie gepflegt – gibt es eine Men- ge Ratten, ganz besonders in Städten, die wir Lur- knahöhe in der Nähe einer großen Wasserfläche er- richtet worden sind. In diesem Fall aber war die Die- nerschaft gut bezahlt, und Gladda führte ein strenges Regiment. Zudem wirkte der von mir ausgelegte Kö- der tatsächlich so langsam, wie wir hofften. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit kletterten Haldar und ich am Seil empor. Wir versteckten uns, blieben ganz still liegen und lauschten, bis wir uns über die Anzahl der tätigen Diener und die Häufigkeit klargeworden waren, mit der sie durch den Bereich des Hauses wandelten, in dem wir uns befanden. Als wir den Eindruck gewannen, daß die Aktivitä- ten angesichts des später werdenden Abends allmäh- lich nachließen, verließen wir unseren Schlupfwinkel. Ohne Schwierigkeiten schlichen wir die Treppe hin- unter, holten Defalk aus dem angeblichen Gedenk- stein und brachten ihn ins Schlafzimmer. Als wir alle zusammen auf dem Baldachin lagen, hatten wir Zeit genug, für eine halbe Stunde ein Nickerchen zu ma- chen. Anschließend weckten wir Defalk mit Hilfe ei- ner anregenden Kräuteressenz aus seinem Betäu- bungsschlaf. Wir wollten vermeiden, daß er während der entscheidenden Augenblicke unseres Unterneh- mens ganz plötzlich von selbst das Bewußtsein wie- dererlangte. Er war von uns auf die Situation vorbe- reitet worden, mit der er sich nun konfrontiert sah, aber Erklärungen irgendeiner Art hatten wir ihm, nicht gegeben. Er war davon überzeugt, es sei unsere Absicht, ein Lösegeld für ihn zu erpressen, und er käme mit heiler Haut davon, wenn er sich nur ruhig verhielt, ganz gleich, wie verwirrend die Umstände auch waren, denen er sich ausgesetzt sah. Aus diesem Grund starrte er uns nur groß an, als er schließlich wieder zu sich kam, aber er sprach kein Wort. Haldar und ich blieben still liegen und horchten. Gegen Mitternacht vernahmen wir die ersten eili- gen Schritte auf dem Korridor, gefolgt von ekel- und abscheuerfüllten Ausrufen. Kurz darauf hörten wir das Trippeln Dutzender von dem Köder aufgesta- chelter Ratten, die an der Tür unseres Zimmers vor- beihasteten. Nach den Geräuschen zu schließen, schwoll der Strom der Ratten immer weiter an, und er verdünnte sich nicht einmal dann, wenn Bedien- stete stampfend und polternd durch den Gang eilten. Irgendwo knirschte und krachte etwas, und mensch- liche Stimmen riefen durcheinander. Dann hörten wir die schrillen Schreie und das Fauchen sterbender Ratten. Die Reaktion war ganz so, wie wir es uns er- hofften. Der Dienerschaft fiel rasch die stürmische Fi- xierung der Rattenflut auf, die einzig und allein einer ganz bestimmten Tür galt. Zwei keuchende Bedien- stete stürzten in unser Zimmer, und sie trugen die Matratze mit dem Kranken. Die untersetzte Zofe folgte ihnen dichtauf, wie eine Harpyie aus den fin- steren Gewölben der Hölle. Sich mit Ratten abzuge- ben oblag schließlich nur der einfachen Dienerschaft. Draußen auf dem Korridor wälzten sich noch im- mer die haarigen und zirpenden Fluten vorbei, und bis sich die Wirkung des Lockmittels verflüchtigte, würde sich daran nichts ändern. Sowohl die beiden, Drogisten als auch die Verwandten des Sterbenden kehrten der Schlacht bald den Rücken, überließen die Ratten den Hausangestellten und zogen in unseren Raum um. Starke Getränke wurden gereicht, und nach den Geräuschen zu urteilen lehnte niemand die Hilfe eines aufmunternden Schluckes ab. Einige Male vernahmen wir den Versuch, ein Gespräch zu begin- nen, aber es blieb bei wenigen Wortwechseln. Und als wir bereits mehr als zwei Stunden lang auf dem Baldachin warteten, kam ich zu dem Entschluß, es werde nun notwendig, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Shamblor hatte inzwischen ein lautstarkes Schnarchen angestimmt, das ganz nach einem erholsamen Schlaf klang. Dann und wann keuchte er; wenn dies der Fall war, flößte ihm der ra- chitische Vetter ein wenig von dem Milchwein ein, und dann schlief der Flottenherr weiter. Man hätte fast meinen können, der Kranke käme wieder zu Kräften. Ich hatte nicht die Absicht, dem Seelenfänger mit zerrütteten Nerven und einem aufgrund der stra- paziösen Wartezeit erlittenen Muskelkater gegen- überzutreten. Ich streckte den Arm über Defalk hin- weg, um mit einem sanften Stoß seine Aufmerksam- keit zu erregen, doch bevor ich ihn berühren konnte, brach Gladda das lange Schweigen. »Glaubt ihr, sie hatten es auf Vater abgesehen!« »Nein«, erwiderte die Zofe rasch. Während man ihnen zuhörte, gewann man den deutlichen Eindruck, daß sie alles andere um sich herum vergessen hatten. »Sie sind ihm nicht hierher gefolgt, oder?« Und sie schloß: »Das dürfte Antwort genug sein auf deine Frage.« Danach folgte wieder eine kurze Stille. »So viele ...« sagte Gladda., Das war ein Hinweis, den ich ohne zu zögern auf- nahm. Ich holte eine Kupfermünze aus der Hosenta- sche und dankte der Tatsache, daß der dicke Teppich in diesem Zimmer von dunkelbrauner Farbe war. Ich holte aus, warf sie und zielte auf die gegenüberlie- gende Wand. Bei dem schabenden Geräusch gab der alte Vetter des Flottenherrn ein durchdringendes Kreischen von sich, und jemand anders sprang mit einer so jähen und ungestümen Bewegung auf, daß der Stuhl umkippte. Die beiden Drogisten wurden aufgefordert, die andere Seite des Zimmers in Augen- schein zu nehmen, und die anderen Personen hielten sich hinter ihnen. Ich kam ein wenig in die Höhe und warf eine Giftpille in den auf dem Tisch neben dem Bett stehenden Kelch. Mir blieb nur ein Sekunden- bruchteil Zeit, um den Becher anzuvisieren, und au- ßerdem war meine Bewegungsfreiheit mehr als nur eingeschränkt, aber ich brachte es dennoch fertig, ge- nau ins Ziel zu treffen. Mit leisem Plätschern tauchte die Pille in den Milchwein ein. Dieses Geräusch rief weitere erschrockene Reaktionen hervor, aber nie- mand war in der Lage, den Ausgangspunkt zu lokali- sieren. Und sie fanden auch meine Kupfermünze nicht. Jetzt brauchten wir nur noch auf das nächste Keuchen des Magnaten zu warten. Das Gift im Kelch machte die ganze Angelegenheit wesentlich einfacher. Der Mann würde nun mit Be- stimmtheit sterben, und zwar in absehbarer Zeit. Das bedeutete, daß sich uns die Pforte zur anderen Welt mit ebensolcher Bestimmtheit öffnen würde, gleich- falls in absehbarer Zeit. Niemand außer uns konnte sehen, wie sie sich öffnete; nur wir würden sehen, wer und was hindurchschritt. Und eins kannst du mir, glauben, Barnar: Manchmal hätte ich dort oben auf dem Baldachin beinahe einen Lachkrampf bekom- men. Manchmal packte es mich derart, daß die ganze Überspannung bebte, als ich krampfhaft versuchte, Ruhe zu bewahren. Weißt du, der Grund war Defalk. Der Schrecken, der ihm nun immer näher kam, zusammen mit der Lächerlichkeit all dessen, was er bisher hatte über sich ergehen lassen müssen! Welch groteske Formen seine verwirrten Vermutungen annehmen mußten, und wie sehr er sich in all seinen noch so verrückte- sten Annahmen irrte! Ich erinnere mich noch an die letzten Worte, die er von sich gab, bevor wir ihn uns schnappten: Ich möchte keine Zeit verlieren. Ach, armer Defalk! In dem Augenblick, als du diese Worte sprachst, karrte dich Haldar der Ewigkeit entgegen! Ich bin sicher, Barnar, du nimmst aufgrund meines Spaßes nicht an, ich hätte kein Mitleid mit ihm ge- habt. Mitleid war eins der Motive, die meiner Heiter- keit zugrunde lagen. Es gelang mit nur mit größter Mühe, das schallende Gelächter zu unterdrücken, das aus mir herausplatzen wollte – ein unheilvolles Omen angesichts der schweren Prüfung, die mir bevorstand. Der Kranke keuchte und stöhnte, und aus dem nachfolgenden Geräusch schloß ich, daß ihm der Ra- chitiker erneut einen Schluck aus dem Kelch verab- reichte. Diesen Laut zu hören glich dem Gefühl, je- mand drehe mir einen Schlüssel in der Magengrube um und öffne mein Innerstes einem in der Nähe lau- ernden Entsetzen. Haldar berührte mich kurz an der Schulter, um mir seine Bereitschaft zu bekunden. Über Defalks Brust hinweg reichten wir uns die Hän- de, und Haldar begann die Formel zu sprechen. Der, Atem des Flottenherrn fing plötzlich an zu rasseln und zu zischen. »Dein Vater!« stieß die Zofe hervor. »Sieh ihn nur an!« Ihre Stimme klang schrill und leb- haft, und es haftete ihr ein genüßliches Vibrieren an. Es war fast so, als bereite ihr das Dahinscheiden des Magnaten körperliches Vergnügen. Und ich ver- spürte ihre Worte so, als kröchen sie streichelnd über mich hinweg. Meine Haut war außergewöhnlich empfindsam geworden. Ich konnte die Anwesenheit der Personen in diesem Zimmer so deutlich fühlen, als seien sie ein Teil meines Nervensystems. Ich spürte das Beben in den Lenden der Zofe, und als Gladda »Vater!« rief, nahm ich den mit Hoffnung durchtränkten Zweifel wahr, der in diesem einen Wort zum Ausdruck kam. Alle drängten sich mur- melnd ans Bett heran ... Und abgesehen von dem rasselnden Atem des Sterbenden war es dann plötzlich völlig still im Zim- mer. Nichts rührte sich. Der Eindruck von der Leere des Raumes war so intensiv, daß ich mich kerzenge- rade auf dem Baldachin aufrichtete. Es versetzte mir fast einen körperlichen Schlag zu sehen, daß noch alle da waren, wie erstarrt in ihrer Absicht, ans Bett des Magnaten heranzutreten. Gladda blickte direkt in un- sere Richtung, aber ihr Gesicht war in einem stum- men Bittgebet verzerrt, und ihre Augen sahen nichts. Dann ertönte draußen auf dem Korridor ein Ge- räusch. Nein, eine Abfolge von Geräuschen – Schritte. Seltsamerweise schienen sie über felsiges Gestein hin- wegzuschaben und nicht von einem dicken Teppich gedämpft zu sein. Und es war, als hallten sie in einem Gewölbe wider, nicht in einem Gang. Die Tür des Rau- mes glitt auf – nach innen, entgegen der Richtung, die, ihr von den Angeln aufgezwungen wurde. Ein nacktes Geschöpf trat herein, eine Kreuzung aus Mensch und Drachen, hochgewachsen, breit, mit gewölbten Schul- tern. Da dieses Wesen in der einen Hand einen Le- dersack hielt, vermutete ich, es handele sich bei ihm um den Seelenfänger, meinen Gegner. Sein Schweif war kurz und dick und in seiner flexiblen Biegsam- keit besser als nur ein drittes Bein. Bei einem Kampf mochte es mir sehr schwerfallen, ihm das Gleichge- wicht zu rauben und ihn zu Boden zu werfen. Doch als der Geisterführer seinem Diener ins Zim- mer folgte, schickte ich ein Dankgebet gen Himmel, nur den zuerst eingetretenen Knappen bezwingen zu müssen. Bei dem Führer handelte es sich um einen zottelhaarigen Barbaren. Er mußte sich ducken, um den Raum zu betreten – ich schätzte ihn auf mehr als zwei Meter Größe. Er trug einen zerschlissenen und verschmutzten Kilt und nicht minder verdreckte Kampfsandalen, deren Schnürriemen sich um mus- kulöse Waden schlangen. Vervollständigt wurde sei- ne Bekleidung von einem Reiseumhang, unter dem sich sein Leib als ebenso dicht behaart erwies wie der eines Affen. Seine Augen glichen dunklen Höhlen, die Wangen eisigen Gletscherhängen, flach und kalt. Der Mund war eine behende und bodenlose Spalte, die sich tief ins Gestrüpp seines Bartes fraß. Er trug nichts weiter als einen Stock bei sich, doch es han- delte sich dabei um eine lebende Schlange, die so dick war wie mein Arm. Die beiden Gestalten blickten zu uns empor, blie- ben ohne ein Zeichen von Überraschung auf ihrem Weg ans Totenbett stehen und warteten. Ich räus- perte mich., »Gruß dir, Geisterführer«, sagte ich. »Wir bitten darum, dich begleiten zu dürfen, wenn du mit dem Leben Shamblor Castertasters in die Unterwelt zu- rückkehrst.« »Kommt herunter«, erwiderte der Geisterführer gedehnt. Er hatte eine Stimme, die diesen beiden Worten eine höchst beeindruckende Bedeutsamkeit verlieh. Und sie schien trotz der knappen Antwort ei- ne ganze Ewigkeit lang zu ertönen – sie hallte wider und wehte von ihm fort, stülpte sich gleichzeitig aber wie eine imaginäre Fessel über denjenigen, der sie vernahm, zog den Betreffenden an sich und ließ ihn nicht mehr los. Ich sprang auf den Boden, und meine Beine knickten beinah ein, was auf das lange und an- gespannte Warten im Liegen zurückzuführen war. Haldar ließ Defalk hinab – er hatte sich zu widerset- zen begonnen, als er sich langsam ausmalte, was wir beabsichtigten, und Haldar hatte ihn daraufhin mit einem Schlag in den Nacken zum Schweigen ge- bracht. Dann sprang auch Haldar zu Boden. Wir be- fanden uns mitten unter den Besuchern am Sterbebett Shamblors. Gladda hatte den Kopf noch immer in den Nacken gelegt. Die Zofe stand an der Bettkante, eingefroren in einer Stellung, die an die eines Jagd- hundes erinnerte. Und das ältere Pärchen hatte sich an den Händen ergriffen und eilte mit erstarrter Hast an die Seite seines Förderers. Außer uns war nur Shamblor wach und sich des Augenblicks bewußt. Sein Blick glitt voller Abscheu von einem zum anderen, und auf seiner Stirn glänzte echter Schweiß. Er wußte, daß seine Stunde geschla- gen hatte, und sein Leben eröffnete sich für den ent- scheidenden Moment., Der Riese starrte uns an. Ich glaube, er lächelte, als er die Fesseln Defalks bemerkte. Während er uns mit einem durchdringenden Blick versah, neigte sich die aus seinem Stock sprießende Schlange näher zu uns, und ihre Zunge zischte forschend an meinem Gesicht vorbei. Die kalten und obsidianschwarzen Augen des Reptils betrachteten uns so forschend, wie eine hung- rige Kröte eine in der Nähe summende Fliege beob- achtet. Shamblor Castertaster meldete sich zu Wort, und es war das erstemal, daß ich seine Stimme hörte. Sie klang rauh und war so dünn und leise wie das Sirren einer Mücke. »Was? Jetzt?« Der Geisterführer richtete seinen schlitzäugigen Blick auf den Menschendrachen. Er deutete auf Shamblor. Der Seelenfänger trat mit den schwanken- den und kraftvollen Schritten eines Ringers ans Ster- bebett heran. Er kroch hinein und legte sich über die Beine des Magnaten. Shamblor wand sich inmitten seiner Decken schwach hin und her. Der Drachendä- mon senkte den Kopf und preßte ihn an den Bauch des Sterbenden – zumindest nahm ich an, daß sonst weiter nichts geschah. Kurz darauf aber sah ich, wie die flache Schuppenschnauze und dann auch der ganze Schädel durch die Decke hindurchsank. Und dann begann das abscheuliche Ungetüm damit, mit- samt Ledersack und Haut und Haaren in den vorge- wölbten Bauch des alten Mannes zu kriechen. Für kurze Zeit war es verschwunden. Shamblor schnappte nach Luft, und sein Leib wurde von son- derbar rhythmischen Krämpfen erschüttert. Dann platzte sein Gesicht wie eine überreife Feige ausein- ander und das massige Menschenreptil bahnte sich einen Weg aus der klaffenden Wunde., Anschließend sprang der Seelenfänger aus dem Bett, in dem Shamblor nun völlig unverletzt, aber mausetot lag. Der Drachenmann hielt seinen Leder- sack jetzt fast ganz unten umfaßt, und während der größte Teil des Behältnisses ganz offensichtlich leer war, war in einem kleinen Teil eine winzige Aus- beulung zu sehen. Der Geisterführer nickte in Rich- tung des Sacks. »Seht es euch nur an, ihr Sterblichen«, sagte er. »Er hatte fast überhaupt keine Seele – nur einen kleinen Klumpen Ektoplasma. Es wird kaum eine Welle geben, wenn er den Gossenwassern der Unterwelt übergeben wird.« Was konnte man darauf schon erwidern? Ich ver- neigte mich. »Großer Geisterführer, wie lautet deine Antwort auf unser Ersuchen? Bist du bereit, uns ins Reich der Lebenden Toten zu geleiten und wenig- stens zwei von uns in die Sphäre des Lichts zurück- zubringen?« »Du mußt dir im Kampf eine Berechtigung dazu erwerben«, entgegnete der Führer. Seine Worte war- fen ein gräßliches Echo in der von ihm verkörperten Leere. »Einer von euch muß mit meinem Seelenfänger ringen und ihn bezwingen.« »Ich bin auf diese Aufgabe vorbereitet, großer Gei- sterführer«, erwiderte ich. »Aber ich würde gern auf eine solche Prüfung verzichten, solltest du sie als nicht erforderlich erachten.« »Sie ist notwendig«, sagte der Geisterführer., Es war tatsächlich nötig, den Ringkampf mit dem Seelenfänger ohne Verzug aufzunehmen, denn der Drachenmensch reichte seinen Sack nun dem Geister- führer – der ihn daraufhin an der gleichen Stelle um- faßte –, stürzte sich auf mich und warf mich zu Bo- den. Es war, als versuche man, gegen eine Sturmflut an- zukämpfen. Die einzige Möglichkeit, den Angriff zu überstehen, bestand darin, mit der Woge zu rollen, sich hin und her zu winden und dann fortzukriechen, um sich aus der Umklammerung zu befreien. Ich vergaß rasch den Gedanken an einen Gegenangriff! Das Geschöpf verfügte in seinem muskulösen Schwanz nicht nur über ein drittes Bein, sondern in Form seiner Kiefer auch über eine dritte Hand. Das Maul des Seelenfängers war zwar zahnlos, verfügte aber über zwei knöcherne Beißkanten, die meine Muskeln zermalmen konnten. Sieh dir nur meinen Unterarm an, hier, diese beiden Narben. Der Seelen- fänger hat sie hinterlassen. Ja, jetzt kannst du dir vor- stellen, wie groß sein Rachen war. Bis heute weiß ich nicht, wie ich den anderen Arm aus der Umklamme- rung freimachen und ihn gegen den Hals des Unge- heuers stemmen konnte. Der Rest meines Körpers schabte über den Boden und entging immer nur knapp dem Schicksal, von der gewaltigen Masse des Seelenfängers wie eine faule Tomate zerquetscht zu werden. Ich drosch ihm den Unterarm gegen die Kehle, und als sich seine Umklammerung daraufhin ein wenig lockerte, krachten wir gegen die Beine, Gladdas. Es war, als stieße man mit einer massiven und völlig unbeweglichen Bronzestatue zusammen. Der Aufprall raubte mir beinah die Sinne, aber es ge- lang mir, mit beiden Händen nach ihrem Arm zu greifen und mich daran in die Höhe zu ziehen. Auf diese Weise machte ich mich endgültig von der Dra- chenkreatur frei, deren Kopf mit noch weitaus größe- rer Wucht gegen das unbewegliche Monument gesto- ßen war. Mit einem Augenzwinkern nur streifte der Seelen- fänger die Benommenheit ab. Aber es blieb mir Zeit genug, wieder ganz auf die Beine zu kommen, und als mein Gegner um die zur Statue gewordene Frau herumsauste, versetzte ich ihm von der Seite her ei- nen Tritt gegen die Brust. Wohlgemerkt: Ich legte alle meine Kraft in diesen Tritt, meine ganze Masse. Der Drachenmensch rollte sich zurück und hatte einen Atemzug später wieder seine dreibeinige Stellung eingenommen. Ich trat erneut zu, wirbelte zurück und zielte mit dem nächsten Hieb nach seinen Geni- talien. Dieses Ziel war ein wenig problematischer. Die in- timen Stellen von Reptilien befinden sich hinter einer von vielen rippenähnlichen und den Bauch säumen- den Schuppen. Ich wählte die breiteste und hoffte auf das beste. Infolge meiner nunmehr größeren Erfahrung kann ich nur jedem von dieser Taktik im Kampf gegen große Reptilien oder reptilienartige Wesen abraten. Der Seelenfänger erbebte angesichts dieses Tritts, dann schoß er nach vorn, als hätte ihm der Hieb neue Kraft verliehen. Für einen Augenblick glaubte ich, ihn überlistet zu haben, als ich ihm auswich und von der, Seite her mit dem Arm einen Schlag in den Nacken versetzte. Aber dann klebte ich einfach an ihm fest, als er mit mir durchs ganze Zimmer stürmte und Bo- den und Wände und in der Zeitschleife erstarrte Ster- bebettgäste mit meinem Leib behämmerte. Es kostete mich eine derartige Mühe, die Muskeln meines Körpers angesichts des Schmetterns und der mir von meinem Gegner verabreichten mörderischen Hiebe angespannt zu lassen, daß ich kaum Kraft er- übrigen konnte, ihn erneut in den Würgegriff zu nehmen. Ich schaffte es nur gerade, seinen Kopf und damit die knöchernen Beißkiefer außer Reichweite zu halten. Wir krachten gegen die alte Frau – ihre üppi- gen Röcke waren so hart wie Beton –, und von ihr aus ging es weiter in Richtung eines großen eichenen Kleiderschranks. Der Seelenfänger rammte mich mitten ins Ziel hinein, und ich klammerte mich mit aller Kraft an seinem Hals fest. Wir splitterten durch das Hindernis hindurch und ins Innere des Schranks hinein – durch eine fast drei Zentimeter durchmes- sende Wand aus massiver Eiche! Warte mal. Sieh dir mal diese Stelle an, hier auf dem Rücken. Dort trug ich eine Schnittwunde davon, als die Wucht unseres Aufpralls das Holz zerschmetterte. Und dann war es, als ginge der Kampf unter Was- ser weiter. Ich konnte nichts sehen und hatte das Ge- fühl, in der Masse aus dicken Pelzen und Mänteln zu ertrinken. Der Seelenfänger drehte sich halb um, und seine Beißkiefer schnappten dicht an meinem Gesicht vorbei. Ich glaubte, in seinem muffigen Atem zu er- sticken. Inzwischen hatte sich mein Gegner zur Seite gewunden und hieb mit dem Schwanz auf meinen Schädel ein. Er hatte mich nunmehr in eine Ecke des, Schranks gedrängt und konnte durchaus davon aus- gehen, mir mit einigen weiteren Hieben das Bewußt- sein zu rauben, wenn ich ihm Zeit genug dafür ließ. Ich war dazu gezwungen, mit einem Arm den Kopf zu schützen, und durch die wuchtigen Schläge wich alles Gefühl aus meiner Schulter. Als der Schwanz zum nächsten Hieb ausholte, packte ich ihn mit der Hand, die ich in Kopfhöhe er- hoben hatte, und schob ihn in den weit aufgerissenen Rachen des Seelenfängers. Das gab mir soviel Bewe- gungsfreiheit zurück, um mit beiden Händen den Hals des Drachenmenschen zu umfassen und es ihm auf diese Weise unmöglich zu machen, den Schwanz wieder aus dem Rachen herauszuziehen. Sein Leib krümmte sich wie ein Reif um mich zusammen, und mein Gewicht drückte ihn nieder. Wenn der Seelenfänger einen schwachen Punkt hatte, dann waren es seine Hände. Sie waren so groß wie die eines normalen Menschen, besaßen jedoch nur drei Finger, und ihnen war die für ein Reptil cha- rakteristische Zartheit zu eigen. Ich nehme an, es er- fordert in erster Linie Geschicklichkeit und Ge- wandtheit, um eine Seele aus ihrer fleischigen Hülle zu rupfen. Jedenfalls war der Seelenfänger nicht dazu in der Lage, sich aus meinem Würgegriff zu befreien, und als ihm allmählich die Luft ausging, blieb ihm nichts anderes übrig, als ganz still zu liegen und sich damit geschlagen zu geben. Ich schwankte zum Geisterführer zurück. Mein Gegner war mit einem Satz auf den Beinen und bezog an der Tür Aufstellung. Er offenbarte nicht die ge- ringsten Anzeichen von Erschöpfung oder Schwäche. Ich begriff, daß er den Kampf ohne Schwierigkeiten, erneut aufnehmen und mich endgültig hätte schlagen können. »Es war Dalissem, die dich rief, das Tempel- kind aus Lurknahöhe«, sagte der Geisterführer. Haldar und ich bestätigten das. Defalk versah den Geisterführer mit einem starren Blick, aber in seiner Miene zeigte sich keine echte Überraschung. Sicher- lich hatte er schon erraten, wer für seine Verschlep- pung die letztendliche Verantwortung trug. Man konnte einer Frau nicht so nahestehen, wie es bei ihm der Fall gewesen war, ohne ein Gespür dafür zu ent- wickeln, wann man es mit ihrem Einfluß zu tun hatte. »So komm denn, Sterblicher«, sagte der Führer. »Wir suchen ihre Seele.« Er gab dem Drachenmann den Sack zurück. Nachdem wir Defalks Fußfesseln durchtrennt hatten, folgten wir. Der Kleiderschrank, bemerkte ich nun, wies nicht die geringste Beschädi- gung auf. Und die Gäste am Sterbebett schienen nun langsam aus ihrer Starre zu erwachen und sich wie- der zu bewegen. Wir traten durch die Tür in eine ausgedehnte Düsternis hinein. Der von Fackelschein erhellte Korridor war verschwunden. Wir befanden uns in einem geräumigen und penetrant stinkenden Kanal. Der Tunnel war gewölbt und durchmaß mehrere hundert Meter. Das einzige Licht war ein mattes Glü- hen, das von dem schäumenden Fluß ausging, dessen flutende Wasser sich von Wand zu Wand erstreckten. Wir standen auf einer wackeligen hölzernen Treppe, die zu einem kleinen Pier hinabführte. Am Kai ver- täut schwankte ein aus geteerten Holzbohlen zu- sammengebundenes Floß auf den Wellen. Der Seelenfänger stieg auf dieses Floß, und der Geisterführer folgte ihm. Wir stießen Defalk vor uns, her und traten ebenfalls auf die schaukelnden Plan- ken. »Ihr könnt euren Gefangenen jetzt losbinden«, sagte der Geisterführer. »Ihr befindet euch bereits im Reich des Todes. Wenn einer von euch die Sphäre meines Schutzes verläßt, fällt seine Seele für immer dem Tod anheim.« Daraufhin durchtrennten wir auch Defalks Hand- fesseln. Am Kopf der Treppe schloß sich die verzierte Tür zu Shamblor Castertasters Sterbezimmer, dann löste sie sich auf und verschwand zusammen mit der Treppe aus dem schmutzigen und stinkenden Kanal. Unser Floß schwamm bereits dahin und hatte den Ritt auf den schäumenden Wellen begonnen. Das Drachenwesen hatte eine lange Stange zur Hand ge- nommen und steuerte unser schwankendes Gefährt der Mitte des Flusses entgegen. Das Wasser des Stroms brodelte. Es wimmelte re- gelrecht in den Fluten, Barnar. Hier und dort glühten Strudel in einem faulig aussehenden orangefarbenen Schein, und in diesen matten Lichtflecken konnte man ihre Scharen sehen: kleine und fratzenhafte Ge- sichter aus Ektoplasma, die mit feuchten und blinden Augen aus dem Schimmern starrten und fühlerähnli- che Auswüchse in stummem Flehen erzittern ließen. Andere wieder sahen aus wie halbverweste Schlan- gen mit nur einem menschlichen Auge und leprösen Lippen. Aber es gab auch größere Geschöpfe, viel größere; ihr Schwimmen verursachte ölige Wellen in der von Lichtflecken durchsetzten und abscheulich stinkenden Schaumsuppe. Eines dieser Wesen hob einen ganzen menschlichen Kopf aus dem Wasser, und der Hals sah aus wie der Tentakel eines Polypen., Es sabberte und riß wütend das Maul auf, aber es vermochte uns nicht mehr als ein unartikuliertes Lal- len entgegenzuschleudern. All diese Kreaturen fürch- teten das Floß, aber man konnte dennoch spüren, wie sich direkt unter uns Tausende von ihnen durch die trüben Fluten des Flusses wälzten. Die dicken Holz- bohlen, aus denen sich das Floß zusammensetzte, schienen ebenso empfindlich auf die Bewegungen der Toten zu reagieren, wie die Bespannung einer Trom- mel auf einen Schlag. »Defalk«, sagte der Geisterführer. »Dies ist eine Reise für dich, die du schon vor langer Zeit in anderer Form hättest antreten sollen.« »Dann kennst du also unseren Begleiter, Erhabe- ner?« fragte ich. Defalk wandte den Blick vom Gei- sterführer ab und schwieg. »Welcher Name ist mir nicht bekannt, Nifft, ruhm- reicher Dieb? Ich erfahre den Namen eines jeden Le- benden in dem Augenblick, in dem er gegeben wird. Wenn die Mutter ihrem Säugling zum ersten Mal sei- nen Namen zuflüstert, raunt sie ihn gleichzeitig auch in mein Ohr. Obwohl sie es nicht wissen kann, sagt sie mir folgendes: ›Hier, o Geisterführer, ist Defalk, und eines Tages wirst du auch ihn besuchen.‹« Die riesenhafte Gestalt kicherte leise. Ihren Worten schloß sich ein lang anhaltendes Schweigen an. Der Gestank im Kanal war so allgegenwärtig und umfas- send, daß ich die Feststellung machte, ihn ignorieren zu können. Es war wie mit dem Dröhnen eines Was- serfalls, das man nicht mehr wahrnimmt, wenn man es lange genug gehört hat. Nach einer Weile gewann ich den Eindruck, als wälzten sich die zähen Fluten ein wenig rascher dahin., »Aber selbst wenn ich nicht sofort von ihm erfah- ren hätte«, meldete sich der Geisterführer plötzlich wieder zu Wort, »so wäre er mir später doch noch bekannt geworden. Schließlich habe ich Dalissem in die Unterwelt getragen, oder etwa nicht? Oh, jener Messerstich, den sie sich selbst versetzte, bedeutete Arbeit für mich, ihr Sterblichen. Sie zögerte nicht ei- nen Augenblick – zwischen die Rippen und genau ins Herz. Sie zerschnitt es so zielsicher und entschlossen, wie eine Köchin einen Apfel durchtrennt. Das war ei- ne Frau! Ihre Seele füllte den ganzen Sack aus! Er schwoll an infolge ihres temperamentvollen Geistes! Und dies kommt wirklich nur höchst selten vor, das kann ich euch versichern. Meistenteils haben wir es bei dem, was wir abholen, nur mit zusammenge- schrumpften und jämmerlichen kleinen Klumpen aus Habgier, Eitelkeit und Furcht zu tun – wie auch in diesem Fall! Solchen armseligen Würmern helfen wir nicht, sondern lassen sie sich selbst ihren Weg zum Grund der Hölle graben. So etwa!« Der Geisterführer hielt den Sack über den Rand des Floßes hinweg und entleerte ihn. Irgend etwas von der Größe einer Ratte sauste durch die Luft und tauchte plätschernd ins Wasser. Ein schnurrbärtiges Schnauzengesicht ohne Augen tauchte kurz auf und wandte sich mit einem kummererfüllten Quieken an uns. Der Seelenfänger hieb mit seiner Stange danach, und daraufhin schwamm es rasch fort. »Dalissem aber ...« sagte der Geisterführer. »Dalis- sem war eine von jenen, die einen festen Platz errin- gen. Wißt ihr, Seelen, die hell genug strahlen, sichern sich eine ewige Existenz in diesem Reich – ich meine eine Art von Sein, die man Sein nennen kann, nicht, etwa das Siechtum, dem die meisten anderen anheim- fallen. Das Feuer, das ihr Kraft gab, bestand aus Flammen des Zorns. Und deshalb kann man sie heute bei den Zornigen Toten finden, bei den Winden von Warr.« »Zorn?« platzte es aus Defalk heraus. Es über- raschte uns alle, plötzlich seine Stimme zu hören. Er starrte den Führer an. »Warum befindet sie sich an einem Ort des Zorns? Sie starb, weil sie liebte – weil sie mich liebte!« In seiner Stimme vernahm ich so- wohl ein Gefühl der Schuld, als auch den Hauch einer tiefen und umfassenden Eitelkeit. »Das mußt du dir zu deiner eigenen Schande ein- gestehen!« Haldar stieß diese Worte hervor, und er packte Defalks Arm und schüttelte ihn. »Aber es war noch mehr Zorn als Liebe. Hast du sie denn nicht bes- ser gekannt? Ich erfaßte ihren Charakter mit einem einzigen Blick – von einem solch prächtigen Wesen ist sie! Sie hätte viel lieber ihre Feinde mit eigenen Hän- den umgebracht und damit ihrem Zorn freien Lauf gelassen, als zu sterben. Doch sie war ihnen gegen- über machtlos und konnte sich nur gegen sich selbst wenden. Darum richtete sie die Klinge gegen sich und entging so der Schmach eines Lebens in demüti- gender Gefangenschaft.« »Sie ist ein Geschöpf voller anmutiger Schönheit, nicht wahr, Haldar Dirkniss?« fragte der Geisterfüh- rer mit leiser und sanft klingender Stimme. »Das ist sie, Lord Geisterführer.« »Und du, Defalk«, sagte der Herr des Seelenfän- gers. »Du hättest ihre Reise in die Unterwelt erleben sollen. Du hättest sehen sollen, wie sie sich aus dem Sack des Seelenfängers freimachte. Solche Pracht war, es, die daraus zum Vorschein kam. Aufrechte und stolze Seelen erscheinen in ihrer ursprünglichen Ge- stalt. Vor sieben Jahren lag sie hierbei uns auf dem Deck dieses Floßes, und sie rührte sich kaum, als sie begriff, an welchem Ort sie sich befand. Mit ihrer er- sten Bewegung streckte sie langsam den Arm aus, wie eine Schlafende am frühen Morgen, die sich ver- gewissern will, daß der Mann, den sie liebt, neben ihr liegt. Dann richtete sie sich langsam auf und sah sich um. Ich wandte den Blick von ihr ab, um ihr die Schmach der großen Enttäuschung zu ersparen. Sie sprach kein Wort. Nach einer Weile erhob sie sich und beobachtete unsere Umgebung. Während der ganzen Reise stand sie neben mir und betrachtete die Fluten des Flusses, und ihr Gesichtsausdruck ver- änderte sich kaum dabei. Als wir schließlich die Schluchten der Region erreichten, in der die Winde von Warr heulen, deutete ich auf die Treppe, die dort in die Tiefe führt. Mit ernster und feierlicher Miene trat sie von mir fort. Dann wandte sie sich nochmals zu mir um und verneigte sich, wobei sie sich aufs Knie niedersinken ließ. Sie war wie eine Königin! An- schließend schritt sie die Treppe hinunter, voller An- mut und Entschlossenheit. Aber ganz unten, am Ran- de des finsteren Abgrunds, konnte der von ihr ausge- strahlte Zorn nicht mehr allein nur mit kühlem Stolz beschrieben werden. Sie blieb stehen, hob beide Arme und schüttelte die geballten Fäuste. Dann sprang sie von der Treppe fort und tauchte mit dem Kopf voran in den schwarzen Sturmstrudel hinein.« Während der Riese erzählte, ließ sich Defalk auf dem Deck nieder und stützte den Kopf in die Hände. Wie sehr kann man Schwäche verabscheuen? Er tat, mir leid. Doch seine erste Reaktion auf das gerade Gehörte bestand in folgender Antwort: »Was hat sie jetzt mit mir vor? Will sie mein Leben fordern?« »Das wissen wir nicht«, erwiderte Haldar. Und ge- naugenommen entsprach dies auch der Wahrheit. Andererseits: Konnte daran überhaupt irgendein Zweifel bestehen? Defalk sah noch immer nicht auf, als er nach einer Weile fragte: »Was hat sie euch für eure Dienste ver- sprochen?« Haldar gab ein angewidertes Schnauben von sich. Es war eine sonderbare Reaktion: Schließlich wurden wir ja für unsere Bemühungen entlohnt, oder etwa nicht? Ich antwortete: »Sie gibt uns den Schlüssel zum marmianischen Zaubererdomizil. Er befindet sich in meinem Besitz, aus welchen Gründen auch immer. Sie zeigte ihn uns.« Ich warf dem Geisterführer bei diesen Worten einen hoffnungsvollen Blick zu. Doch er verlor keine Silbe darüber, wie ein Lebender Toter ein solches Kleinod in die Hand bekommen konnte. Und nach längerem Schweigen bemerkte Defalk ganz leise: »Ich verstehe.« Der finstere Kanal mit den schäumenden Seelenfluten verzweigte sich einige Male, und das Floß rauschte auf den schmutzigen Wellen dahin. Eine Ewigkeit lang glitten wir durch das stinkende Labyrinth. De-, falk hockte zusammengekauert und schweigsam auf den schwankenden Planken und hing ganz offen- kundig Erinnerungen nach. Haldar stand hochaufge- richtet an der Seite des Geisterführers, und in seinen Augen glühte ein das Zwielicht durchdringendes, gieriges Funkeln. Ich vermochte sein gelassenes Entzücken nicht zu teilen. Ich gewann den Eindruck, als wälzten sich die Fluten rascher dahin und als trübe sich das den Wel- len anhaftende Schimmern – und irgendwo voraus erklang ein Geräusch. Es war zu leise, als daß ich es hätte deuten können, aber es wurde allmählich lauter. Ich fühlte mich alles andere als wohl in meiner Haut. Und angesichts der in mir um sich greifenden Unbe- haglichkeit begriff ich, wie unterschiedlich unsere Gedankengänge gerade in den letzten Tagen gewesen waren, trotz all der gemeinsamen Planungen und Aktionen. Für meinen Gefährten stellte dieses Unter- nehmen eine großartige Heldentat dar, ein Abenteuer im Namen der Ehre und Gerechtigkeit. Er schätzte mich sehr, und er betonte immer wieder, wie sehr er sich auf die Belohnung freute, die wir mit unseren Bemühungen erringen würden. Andererseits aber verhielt er sich nur aus Rücksicht auf meine Empfin- dungen so, denn wenn er sein Desinteresse dem Ma- gischen Schlüssel gegenüber allzu deutlich hätte werden lassen, wäre dies einer Verhöhnung meiner elementaren Motivationen gleichgekommen. Ach, der gute Haldar! Ich konnte ihn so leicht durchschauen. Ich sah es schon ganz deutlich voraus: Wenn der Au- genblick der Erfüllung des Schwurs kam, würde er von Dalissem verlangen, daß sie den Schlüssel des marmianischen Zauberers allein mir übereignete., Und dann mochte er dem Königinnengeist seine Lie- be erklären. Defalk war für ihn nichts weiter als ein räudiger Köter, Dalissem aber fast eine Göttin. Ich aber hatte in erster Linie den Schlüssel im Au- ge. Für mich stellte das düstere Schicksal Defalks nur eine bedauernswerte Notwendigkeit dar, und in Da- lissem sah ich einen zwar stolzen und aufrechten, aber auch eigenwilligen Geist. Und was noch wichti- ger war: In dieser Sphäre konnte man sich auf nichts verlassen. In der Welt des Todes konnte sich jede Übereinkunft, ganz gleich, wie fest die entsprechen- den Zusagen auch sein mochten, plötzlich als null und nichtig erweisen; und es stellte sich vielleicht heraus, daß selbst ein noch so zwingender Eid von einem Augenblick zum anderen widerrufen wurde. Das einzige Gesetz, über das sich an diesem Ort nie- mand hinwegsetzen konnte, war der Tod selbst. Dann wurde mein Unbehagen allmählich von einer gehörigen Portion Zuversicht verdrängt. Die Strö- mung beschleunigte sich nun ganz deutlich. Ich schloß es aufgrund des unverkennbaren Brodelns und Kochens der Ektoplasmafluten – ein Schäumen, das aufgeregt wirkte und voller Widerstreben zu sein schien. Gleichzeitig intensivierte sich das Glühen – wie Nebel verdichtete sich ein gelber Lichtschein. In diesem Leuchten waren die mit Streben versehenen Gewölbe über uns deutlicher zu erkennen. Ich ent- deckte zu meinem Entsetzen, daß der Geisterführer keine Pupillen hatte. Seine Augenhöhlen glichen zwei mit Rauchschwaden gefüllten gefurchten Kratern. Ich war mir sicher, in Shamblors Sterbezimmer Augen im Gesicht des Riesen gesehen zu haben – oder etwa nicht? Ich konnte mir nicht erklären, war-, um mich sein Anblick nun so erschütterte. Ich starrte ihn groß an. Er wandte mir seine Aufmerksamkeit zu und wartete. »Was bedeutet dieses Geräusch, Lord Geisterfüh- rer?« fragte ich mit zitternder Stimme. »Es stammt vom Eingang in die Domäne des To- des«, lautete die Antwort. Das mochte durchaus sein. Es war ein hallendes Tosen – die donnernde Stimme brandender Gischt. Der Seelenfänger schwenkte die Steuerstange hin und her. Um uns herum gab der Seelenmatsch – all die verzerrten Schrumpelgesichter, die einäugigen Schnauzen und kummervoll vibrie- renden Fühler – ein klagendes Wimmern von sich, und es brodelte noch stärker, als verrottete Seelenlei- ber gegen die Strömung anzukämpfen versuchten. Die schlammigen Wasser des Seelenkanals ergossen sich plötzlich auf ein tieferliegendes Niveau und wälzten sich abrupt um eine scharfe Biegung. Als unser Floß durch die Kanalkurve sauste, er- blickten wir das Ende des Tunnels: ein weit vor uns liegender Bogen, den strahlend gelbes Licht säumte. Die Art, in der das tosende Rumoren des Wasserfalls von dem jenseits des Bogens liegenden Bereich ver- schluckt wurde, machte uns einen Rückschluß auf die gewaltige Ausdehnung des Gewölbes möglich, in das sich der schlammige Seelenkanal ergoß. Das Echo der zischend und fauchend sprühenden Gischt verhallte in unermeßlicher Weite. Und in jenem Augenblick eröffnete sich mir eine Erkenntnis: Ich begriff, daß wir hereingelegt worden waren, daß wir drei für alle Zeiten und ohne Aussicht auf Rückkehr in die Sphäre des Todes entführt wurden. Ich konnte von Glück sa- gen, von dem Gedanken an die vor uns liegenden, Kaskaden derart gelähmt zu sein, daß ich mich über- haupt nicht zu rühren vermochte. Aus diesem Grund riß ich nicht das Schwert aus der Scheide, um den Geisterführer anzugreifen. Wehe mir, wenn ich mich dazu hätte hinreißen lassen! Während des letzten Ge- fälles schien unser Floß die hohen und tanzenden Wellen kaum zu berühren, so weich und sanft sau- sten wir dahin. Dann tauchten wir durch die Bogen- pforte hindurch, und über unseren Köpfen und um uns herum wölbte sich ein gelblicher Himmel. Wir schwebten ohne Halt durch die Luft, und als ich zurückblickte, sah ich, daß sich hinter uns nun ei- ne hohe Wand befand, die sich bis in eine endlose und in Dunstschleiern verborgene Ferne nach rechts und links erstreckte. Auf jeder Seite waren Hunderte dunkler Kanalöffnungen zu erkennen, aus denen der schlammige Schaum anderer Seelenfluten hervor- quoll und zerstob. Die stinkende Gischt formte einen riesenhaften nebligen Schleier, der weiter unten mit wallenden Dampfschwaden verschmolz. Und in die- sen Nebel sanken wir nun selbst hinab. Das Floß drehte sich, neigte sich zur Seite und schwankte. Es bewegte sich in einem sonderbaren Zickzack-Kurs, gleich dem Wanken von Zechern auf dem Nachhau- seweg, und doch glitten wir so sanft und langsam wie ein vom Wind getragenes Blatt in die Tiefe. Bald um- hüllten uns die Nebelschwaden. Es ging so lange durch den Dunst hinab, daß ich überaus dankbar für seine Existenz war, weil er ver- barg, wie hoch über dem eigentlichen Grund dieser Kaverne wir uns befunden hatten. Schließlich ließen wir den Bereich der gelblichen Dünste hinter uns. Um uns herum lichtete sich die trübe Nässe, und unter, uns erblickten wir einen großen schwarzen See. Der Geräuschkulisse entnahmen wir, daß wir die Region der zerstäubenden Seelenfluten nunmehr weit hinter uns gelassen hatten, aber selbst hier kräuselte sich noch die Oberfläche des Sees und erzitterte gleich dem Schmutzwasser einer Regentonne. Während wir der Oberfläche des Sees entgegensanken, sträubten sich mir die Nackenhaare, als ich im schwarzen Was- ser das verschwommene Abbild eines Auges sah, das halb so groß war wie unser Floß. Es zwinkerte und tauchte fort. Das Wasser lebte. Die Küste war nicht weit entfernt – eine Reihe ge- zackter und in den Himmel hinaufragender Felsklip- pen –, aber auf unserem Weg dorthin bekamen wir eine Menge zu sehen. Wir glitten stetig und gleich- förmig dahin (auf welche Weise dies bewerkstelligt wurde, blieb uns verborgen), und die Wasserbewoh- ner entdeckten und folgten uns. Einige der Geschöpfe waren an einen Ort gebunden und nicht in der Lage, uns zu begleiten: Ihre Beine waren zusammenge- wachsen und vereinten sich zu einem dünnen, sten- gelartigen Auswuchs; die Körper befanden sich un- mittelbar unterhalb der Wasseroberfläche, und alle Adern, Nerven und Sehnen ragten – filigranen Sta- cheln gleich – aus ihnen hervor. Sie glichen rotgrauen Korallen, über denen sich Hirnwindungen wie Baumkronen wölbten. Krabben mit menschlichen Zügen krochen an den Nervengirlanden auf und ab. Überall im Wasser konnten wir armlose und kahlköp- fige Homunkuli beobachten. Fett wie Würste waren sie, und sie schwammen durch die Schwärze. Eine noch weitaus größere Gruppe dieser Kreaturen war in seidene Bandagen gehüllt. Ihr folgten riesenhafte,, glotzäugige und auf dem Wasser dahingleitende Spinnen, die so groß waren wie ausgewachsene Hunde. Nein, es handelte sich nicht im eigentlichen Sinne um Spinnen, denn im flachen und haarigen Unterleib, unmittelbar hinter den Kiefern, zeigten sich Gesichter mit menschlichen Mienen. Wenn sich schon in den oberen Bereichen des Sees so viele Beispiele erbitterter Kämpfe zeigten, wie mußte es dann erst in den Untiefen zugehen? Mit großen Schneckenhäusern auf dem Rücken versehene Menschenwesen tauchten hier und dort auf und ran- gen miteinander; sowohl die angesichts des Kampfes nach außen gestülpten Gliedmaßen als auch die rosa- farbenen und schleimigen Mägen waren ineinander verknotet. Weiter vorn durchbrach ein gewaltiges, walähnliches Etwas die Fluten und warf eine schau- mige Woge empor. Über die ganze Länge des riesen- haften Leibs zitterten in mitleiderweckender Weise Dutzende von spindeldürren Gliedern – die Arme von Menschen. Kurz darauf begriffen wir die von den bebenden Bewegungen ausgedrückte Furcht, als das Fleischgebirge von einer an Schneidemesser erin- nernden Flut aus Skorpion- und Krebsmensch über- schwemmt wurde. Von scharfen Klauen wurden die wedelnden Armtentakel rasch abgetrennt. Am Fuße der Klippen, auf die wir zuschwebten, standen einige Hütten. Jenseits des schroffen und die Küste kennzeichnenden Höhenzuges war nur gelber Himmel zu sehen, was darauf hindeutete, das dort das Land unter den Wasserspiegel des Sees abfiel. Der Seelenfänger sprang vom Floß herunter und zog das Gefährt an den Strand. Dann betraten wir den Boden der Domäne des Todes. Er schien auf scheußli-, che Weise unter den Füßen zu federn, und es haftete ihm eine gepeinigte und schweißfeuchte Qualität an. Der Drachenmensch wankte mit ausholenden Schrit- ten auf die Hütten zu und verschwand dazwischen. Der Geisterführer blieb am Ufer stehen. Er richtete seinen rauchigen Blick zunächst auf mich, dann auf Haldar. »Wenn ihr durch diese Sphäre wandeln wollt, Sterbliche, so müßt ihr euch einer harten Bedingung unterwerfen. Die Statthalter des Herrschers sind überall. Um jene Regionen zu durchstreifen, für die sie das Tributrecht haben, müßt ihr mit einem Stück eures Fleisches Zoll bezahlen.« »Verfügt der Herrscher über ... viele Statthalter?« fragte ich. »So viele, wie es Wege gibt, in dieses Reich zu ge- langen«, lautete die Antwort. »Doch es wird von niemandem verlangt, den Tribut mehr als einmal zu zahlen. Und der Zoll birgt seinem Wesen nach nicht die Gefahr des Todes in sich.« Da wir nun schon so weit gekommen waren, woll- ten wir uns nicht von einer derart ghoulhaften Not- wendigkeit aufhalten lassen. Wir nickten. Defalk sprach kein Wort. Er wußte, daß wir seine Zustim- mung nicht brauchten. Hinter den Hütten ertönte ein lautstarkes Knirschen, dann das mahlende Geräusch von Rädern und das leise Klirren von Gurtzeug. Der Seelenfänger kam wieder zum Vorschein. Er führte zwei in Tücher und Decken gehüllte Tiere, die einen großen, schwarzen Wagen zogen. Die Räder waren so groß wie ein ausgewachsener Mann, und der Wagen ähnelte dem Bug einer Ge- fechtsschaluppe. Er war so schwarz wie Obsidian,, doch im Innern zeigten sich Stützstreben aus Elfen- bein. Von den Zugtieren konnten wir nur die haari- gen Schwänze und acht riesige Tatzen sehen, deren Klauen so lang waren wie meine Finger. Ihre schwar- zen Leinentücher hatte man mit Lederriemen fest zu- sammengebunden. Der Geisterführer bestieg den Wagen, griff nach den Zügeln und zog sie straff. »Steigt ein – und haltet euch an der Brüstung fest«, sagte er. »Ihr müßt festen Halt gefunden haben, bevor sich die Zugtiere in Bewegung setzen.« Wir stiegen ein, aber Defalk widersetzte sich. »Es ist einfach unfair!« platzte es aus ihm heraus. »Wie viele Schwüre werden von jungen Liebenden abge- legt und später gebrochen?!« Niemand gab ihm eine Antwort darauf. Wir warteten, denn wir wußten, er hatte keine andere Wahl, als sich schließlich doch zu uns zu gesellen – und ihm war es ebenfalls klar. Aber wir gaben ihm dennoch die Möglichkeit, seinem Kummer Luft zu machen, bevor wir uns anschickten, sein Schicksal zu erfüllen. »Ich liebte sie sehr. Ich liebte sie von ganzem Herzen, daran kann auch euer Hohn nichts ändern. Aber Liebe bedeutet Leben – und nicht, sich ein Messer ins Herz zu stoßen! Wie hätte ich ahnen können, daß sie ihren Eid wirklich erfüllen würde?« »Oh, natürlich«, erwiderte Haldar. »Ich bin davon überzeugt, du hieltest sie für ebenso oberflächlich und wankelmütig wie dich selbst – du mußtest gera- dezu zu dieser Einschätzung kommen, um deinen Stolz zu wahren. Aus diesem Grund nahmst du dir zur angesetzten Stunde nicht das Leben? Aber war- um hast du es danach nicht getan, als du erfuhrst, daß, sie ihr Versprechen eingelöst hatte? Sieben Jahre lang hattest du Zeit, deinen Fehler gutzumachen.« »Mich selbst umbringen! Mir mit einem Dolch den Bauch aufschlitzen! O ja, Dieb – es ist ja so einfach, nicht wahr? Sie war tot. Ihr Leid gehörte damit der Vergangenheit an. Ich spielte eigentlich gar keine Rolle bei ihrer Konfrontation mit dem Haß ihrer Mutter und der Einkerkerung. Sie hätte jeden Mann geliebt, dem sie begegnet wäre, nur aus Groll gegen ihre Mutter. Und sie wäre auch für jeden anderen Mann gestorben, aus eben diesem Groll.« »Steig ein, Mann des Wohllebens«, sagte der Gei- sterführer. »Es liegt noch ein weiter und beschwerli- cher Weg vor uns. Wir müssen nun aufbrechen.« Defalk ließ die Schultern hängen und sah zu Bo- den. Dann gab er sich einen Ruck und kletterte zu uns. Der Geisterführer zog die Zügel straffer, packte seinen Stock nahe am Griff und hielt ihn über das in Leinen gehüllte Zuggespann. Die Schlange wand sich nervös hin und her, ihre Zunge zischte. Der Seelen- fänger knüpfte die Tücher auseinander und sprang mit einem Satz fort, als er sie zur Seite zog. Zwei riesenhafte schwarze Hunde sprangen ins Licht und heulten. Unmittelbar darauf fielen sie wie halbverhungerte Haie übereinander her. Ihre knoti- gen, schmächtigen Leiber waren nicht von lebendem Fleisch, sondern vielmehr aus einer Art Lehm: Ihre roten Kiefer rissen sich gegenseitig große Brocken aus den Körpern, und es floß dennoch kein Blut. Nur die Kraft eines Riesen vermochte sie mit den Zügeln im Zaum zu halten. Der Wagen ruckte und erbebte. Der Kopf der Schlange zuckte immer wieder zu den Hunden hinab., Mit der Gewalt eines Schlaghammers und der jä- hen Plötzlichkeit einer Peitsche grub sie ihre spitzen Eckzähne in die Hälse und Schultern der Zugtiere. Die Hunde winselten schmerzerfüllt und schnappten mit den Kiefern nach dem Leib der Schlange. Aber sie waren zu langsam. Mit kurzen Handbewegungen fügte ihnen der Geisterführer weitere Pein zu, bis schließlich ihre Kampfeswut nachließ und sie sich voneinander abwandten. Dann holte er mit den Zü- geln aus, und die Hunde unterwarfen sich seinem Willen. Der Seelenfänger verabschiedete sich mit ei- ner Verbeugung von dem Geisterführer. Wir sahen nicht mehr, wie er sich wieder aufrichtete – so rasch rissen die Hunde den Wagen davon. Wir donnerten den Hang der Uferklippen empor und sausten über sie hinweg. Vor uns erstreckte sich die Ebene der Hölle bis in weite Ferne. Einige Flüsse gurgelten in die finsteren Regionen jenseits des Hö- henzuges hinab. Breite Einrisse, Spalten und tiefe Abgründe zeigten sich dort, geschaffen von sich ver- zweigenden Wasserfluten. Der Boden ähnelte dem Erscheinungsbild jenen von Holzwürmern zernagten Ästen, die an Strände gespült werden. Nach kurzer Zeit ging es hinab. Oh, bei allen Mächten des Lichts und der Dunkel- heit! Was für eine Fahrt, Barnar! Eine Straße gab es nicht – es war auch keine erforderlich. Der Geister- führer bevorzugte zwar die Fahrt auf höhergelege- nem Terrain und folgte dem Verlauf des Klippenge- birges, aber dann und wann lenkte er den Wagen auch über Hänge, über in tiefe Schluchten führende schmale Pfade hinweg oder durch Furten, wobei die mächtigen Räder des Wagens das Wasser hochgisch-, ten ließen und zerstäubten. Wir begrüßten die Vorliebe des Geisterführers und verspürten nicht den Wunsch, länger als unbedingt notwendig in den tiefen Abgründen zu verweilen. Von oben sah man nur breite Flußgabelungen, in de- nen es sich langsam und träge bewegte, manchmal auch die Dächer sonderbarer Bauten. In den Tälern aber erblickte man jene Kreaturen, die sich an Dingen festklammerten, die von weiter oben wie Baumkro- nen gewirkt hatten, und hier nagten sie und stillten ihren ekligen Appetit. Die Dächer, dessen wurde man sich bewußt, bestanden aus einzelnen Knochen und waren mit schwarzem Blut getüncht. Ich war dankbar für jede Ansiedlung, für jede Ansammlung von Dä- chern, der wir auswichen. Gleichzeitig aber war es mir unmöglich, nicht zu jubeln oder mich zumindest hämisch zu freuen über unsere rasende Fahrt durch eine Sphäre voller gefangener erbarmungswürdiger Existenzen. Kilometer um Kilometer durch eine Fin- sternis zu sausen, eine Welt immerwährender und ewiger Dunkelheit, und dabei frei zu sein, erfüllt von loderndem Leben ...! Ich fing Haldars Blick ein. Er lä- chelte und nickte. Wir tranken die Luft der To- dessphäre wie süßen Wein, und wir wankten und schwankten hinter den toten Titanen, die von der Schlange angetrieben wurden. Doch unsere Begeisterung über die prächtige Reise fand kurz darauf ein Ende. Wir rasten an den Hängen eines weiteren Höhenzuges empor und erreichten kurz darauf eine Hochebene, die weit voraus an einer Schlucht endete. Auf der Ebene wuchsen große Dor- nenbüsche, und in jedem der Sträucher hockte ein Mann oder eine Frau. Die Füße der Leidenden ver-, wuchsen mit den knorrigen Wurzeln, und die Körper wurden an hundert Stellen von Dornen durchstoßen. Kleine und kübelförmige Hülsen hingen von den Zweigen der Büsche herab, und in ihnen sammelte sich das Blut, das sich mit Dutzenden von kleinen Rinnsalen in die Dornen ergoß und niemals versiegte. Drei alte Weiber durchstreiften die Pflanzenreihen. Hier und dort beschnitten sie die Äste und Zweige, tasteten die Rebenkelche ab oder genossen den Inhalt der Sammelhülsen. Sie erblickten uns, als wir näher kamen, und daraufhin wandten sie sich von ihrer Ar- beit ab. Sie liefen der Schlucht entgegen, auf den Punkt zu, auf den wir zuzusteuern schienen. Ihre krummen, dürren Beine bewegten sich mit verblüffender Flinkheit, und die Hexenweiber kräh- ten wie Dohlen und wedelten mit den Armen. Die Hunde liefen an den tausend blutenden Leibern vor- bei, und das Knirschen der Räder hallte über die Köp- fe der Peinerfüllten hinweg. Die alten Weiber er- reichten das Ziel vor uns – eine Brücke, die über die Kluft hinwegführte. Sie versperrten uns den Weg, und sie kicherten und maßen uns mit gierigen Blicken, als der Geisterführer die Zügel anzog und die Hunde mit kehligem Bellen und in einem Durcheinander aus umherscharrenden Tatzen stehenblieben. Die Rücken der Hexen waren gebeugt, aber ihre Größe reichte dennoch an die des Geisterführers heran. Ein ihrer Größe entsprechender Gestank ging von ihnen aus – die Duftnote eines Lei- chenhauses, vermischt mit dem Aroma, auf das man im Waschraum eines Bordells stoßen kann. Ihre Au- gen waren glanzlos und trübe, lagen tief in den Höh- len und glichen in ihrer Beschaffenheit glasiertem, Speichel. Ihre Schädel wiesen hier und dort lichte Stellen auf, und davon wurde nicht etwa schrumpeli- ge Haut offenbart, sondern gelbliche Knochen. Ihre Gesichter aber waren fleischig – übersät mit eitrigen Geschwulsten und Warzen. Gekleidet waren sie in zerrissene Leinentücher, die sie in Höhe der Taille mit Galgenseil zusammengeschnürt hatten. Bei einer der Hexen konnte ich einen kurzen Blick durch ein Loch in ihrem zerschundenen Kilt werfen. Ich erblickte ei- ne krebsbefallene Brust, in der sich ein Loch zeigte, in das ich leicht meine Faust hätte schieben können. Daraus zog ich den Schluß, daß ihre Kleidung einer unseren Augen gewährleistete Gnade gleichkam. Die häßlichste der drei Alten trat hervor und grinste. Ei- ner der Hunde sprang knurrend auf sie zu. Mit der Faust versetzte sie dem Tier einen Schlag auf den Schädel, und die Wucht des Hiebes war so groß, daß der Hund alle viere von sich streckte und in seinem Geschirr zitterte. »Fleisch, Geisterführer!« schrillte sie. »Menschen- fleisch mit Blut darin, lebendem Blut. Wir fordern ein Stück davon, wenn ihr die Schlucht überqueren wollt. Und wir wollen es auf der Stelle!« »Gruß euch, Hungerschwestern«, erwiderte der Geisterführer. »Wir zahlen euch den Zoll.« Er wandte sich zu uns um. Haldar und ich tauschten einen ra- schen Blick und drehten uns zu Defalk um. Er begriff unsere Absicht, zuerst ihn den Tribut bezahlen zu lassen. Die in seinem Gesicht zum Ausdruck kom- mende verzweifelte Hoffnungslosigkeit ließ in mir ein Gefühl der Schuld emporkeimen, und deshalb sagte ich: »Ich stelle mich zur Verfügung, Lord Geisterfüh-, rer.« Schließlich wäre ich früher oder später ohnehin an der Reihe gewesen. Der Riese nickte und bedeu- tete mir, vom Wagen herunterzuspringen. »Welches Stück von diesem Mann verlangt ihr, Hungerschwestern?« fragte er. Daraufhin berieten sich die Hexen heiser. Sie zeterten, zischten, fauchten und fluchten mit einer Hingabe, die mir ekelerregen- de Wolken ihres stinkenden Vampiratems entgegen- wehen ließ. Sie nannten die Namen aller Körperbe- standteile, die einem in den Sinn kommen konnten, und es gab Augenblicke, in denen ich erblaßte und mir selbst gelobte, das Schwert zu ziehen und lieber verdammt zu sein. Schließlich trat die häßlichste von ihnen näher. »Wir verlangen ein Ohr«, krächzte sie. »Ein hüb- sches, fettes, rotes Ohr, das saftig ist und voll von ro- tem, heißem Blut. Ein linkes Ohr.« »Nein!« schrillte hinter ihr eine andere. »Ein rechtes Ohr. Wir wollen ein rechtes Ohr, du schäbiger Grab- schleimhaufen!« »Ein linkes Ohr«, beharrte die erste. Sie riß eine ro- stige Schere hinter der Taillenschlaufe hervor. Dort, wo das Blut geronnen war und eine dicke Kruste bil- dete, klebte Schimmelflaum – dennoch nahm ich die Schere fast dankbar entgegen. Weißt du, es war schließlich nur ein Ohr, und ich konnte nachher ja immer noch mit der Öffnung hören. Sieh mal, hier. Das habe ich selbst fertiggebracht. Wie du siehst, ha- be ich mir nicht restlos alles abgeschnitten, aber ich mußte ihnen das ganze Ohrläppchen geben, weil das die Stelle ist, in der sich das meiste Blut befindet. Und was das betrifft, wäre ihnen ein Betrugsversuch sicher nicht entgangen. Ich sah wie durch einen hellroten, Nebelvorhang, warf ihnen zunächst die Schere zu, dann den verlangten Tribut. Sofort verwandelten sich die drei alten Weiber in einen kreischenden Haufen aus durcheinanderwirbelnden Gliedern, die sich den Zoll gegenseitig streitig machten. Haarbüschel wur- den ausgerissen und Fleischfetzen von mageren Hüften geschabt. Sie kämpften wie halbverhungerte Möwen miteinander. Unterdessen kletterte ich wie- der auf den Wagen, und der Geisterführer trieb die Hunde an. Während wir über die Brücke rasten, ver- band mich Haldar mit einem Stoffetzen, den er von meinem Ärmel abgerissen hatte. Die Brücke wollte kein Ende nehmen. Der Abgrund unter uns schien bodenlos zu sein. Irgendwo weit unten wälzten sich zähe Wasserfluten stöhnend und murmelnd durch die Dunkelheit. Noch bevor sich die in mir emporkeimende Übel- keit auflöste und der Schmerz allmählich nachließ, stellte ich fest, daß ich nun in einer ganz anderen Qualität zu hören vermochte: Ich hörte mit einer Deutlichkeit, die sich mir zuvor nicht eröffnet hatte – ich vernahm die geheimsten Geräusche dieser Welt. Das leiseste aus der Schlucht emporsteigende Flü- stern fand auf eine Weise Eingang in mein Bewußt- sein, als murmelten imaginäre kleine Rattenmäuler direkt an der abgetrennten Eingangspforte meines Schädels. Raunendes Flehen, in der wortlosen Spra- che unartikulierten Stöhnens. Murmelnde Glaubens- bekenntnisse, die dem Teufel galten. Das Knacken, von dem Mahlzeiten untermalt wurden, bei deren Vorstellung sich mir erneut der Magen umdrehte. Das Scharren von Hufen, mahlende Klauen – selbst das seidene Knistern zarter Flossen. Jene Schlucht, und auch all die anderen sich daran anschließenden Abgründe erzählten mir eine Menge, während wir über sie hinwegrasten. Wispernd berichteten sie mir von Dingen, die ich lieber nicht erfahren hätte. Ich glaube, Haldar entging das Mitleid nicht, daß ich Defalk gegenüber empfunden hatte. »Ich bezahle als nächster, Lord Geisterführer«, sagte er nach einer Weile. »Das wird sehr bald sein«, lautete die Antwort. Seit geraumer Weile zogen die Hunde den Wagen durch eine tiefe Schlucht, deren Felswände überhin- gen und deren Verlauf oft Biegungen und zahlreiche Abzweigungen aufwies und damit einem Irrgarten ähnelte. Der vom Fluß und seinen Ufern stammende Lichtschein war trüb und voller langer Schatten. Die Hunde hetzten immer weiter, unermüdlich, einer verheerenden Flutwelle gleich, die sich auf Dutzende von Kilometern nicht erschöpft. Doch die graue Schlucht verspottete unsere Geschwindigkeit, indem sie einfach kein Ende zu nehmen schien. Auf die Andeutung des Geisterführers hin hielten wir nach Anzeichen einer Veränderung Ausschau, aber zunächst vermochten wir nur bereits vertraute Dinge auszumachen. Wir erblickten Hütten, deren Türen aus an Schnüren aufgereihten Zähnen bestan- den und deren Zittern noch auf die rasche Flucht der jeweiligen Bewohner hindeutete. (Nur ich allein ver- nahm ihr heiseres Atmen im Innern der Baracken,, ebenso das Stöhnen ihrer Opfer, das zu dämpfen sie sich alle Mühe gaben.) Wir sahen auch leichenfledde- rische Schmieden, in denen krötenartige Riesen mit rauchenden Armen auf sich windende, auf Ambossen festgezurrte Seelen einschlugen. In anderen Hütten waren ähnliche Riesen damit beschäftigt, mit Hilfe großer Blasebälge aus einer zähflüssigen Fleischma- sse schreiende Zwergenkreaturen zu formen. Rat- tenmänner waren in dichten gewebten Tarantelge- spinsten gefangen, und wir entdeckten Gehölze, de- ren Kronen aus Dung bestanden und deren knorrige Stämme so halbdurchsichtig wie Gedärme waren. Seelenwinzlinge wie Shamblor hausten in diesen kleinen Wäldern und grasten dort unaufhörlich. Ihr jammerndes Winseln bekundete, daß sie sich nicht aus freiem Willen dazu entschlossen hatten. Ich war der erste, der das Neue spürte, dem wir uns näherten. Ich vernahm das Knurren und Knir- schen Zehntausender aasfressender Mäuler. Es war das Geräusch eines unersättlichen Hungers, der vol- ler räuberischer Gier gesättigt wurde. Kurz darauf erwachte auch die Aufmerksamkeit meiner Begleiter, als sie die rußige Wolke aus Vögeln sahen, die hinter der nächsten Flußbiegung flatternd dahinschwebte. Wir sausten mit donnernden Rädern durch die Kurve. Direkt vor uns reichte ein riesiger Wall von den Wänden zu beiden Seiten des Flusses bis hin zum Ufer. Er glich einem Gebirge und bestand aus den Leichen kürzlich Getöteter – in einer Höhe von fünfzehn und über eine Länge von rund hundert Metern waren sie aufgestapelt. Entlang des ganzen Walls gruben Schakale ihre scharfen Zähne ins Fleisch der Toten und stritten sich knurrend mitein-, ander. Die oberen Bereiche des Walls hingegen ge- hörten allein den durcheinanderwogenden Vogel- schwärmen. Aasfressende Insekten erfüllten die Luft mit ihrem Sirren und bildeten Wolken, die so schwarz waren wie Kohlenstaub. Und mit schreckli- cher Deutlichkeit vernahm ich das blutige Mahlen ih- rer Kiefer. Auf unserer Seite des Flusses gab es eine Passage, die durch den Leichenhügel hindurchführte. Zur ei- nen Seite erhob sich ein Wachtturm aus Knochen. Als wir näher kamen, konnten wir beobachten, wie sich etwas Großes in diesem Turm bewegte. Und wir er- kannten darüber hinaus, daß es sich bei den meisten Toten in diesem Bereich des Walls um Frauen und Kinder handelte. Ihre zerfetzten Gesichter starrten blicklos aus dem schwarzen Brodeln aus Flügeln, Kie- fern und Schneidklauen heraus. Der Turm stellte ein verrücktes Konglomerat aus den knöchernen Überbleibseln aller möglichen Ge- schöpfe dar. Eigentlich handelte es sich auch nicht um einen Turm, sondern eher um ein Affengerüst. Und der Riese, der sich nun daran in die Tiefe schwang, ähnelte mehr einem Gorilla als einem Men- schen. Während er sich zu uns herabhangelte, ertönte seine dumpfe Stimme, aber seine großen Fangzähne machten es ihm unmöglich, deutliche Worte zu for- mulieren. »Fleisch! Du hast lebendes Fleisch in deiner Beglei- tung, Geisterführer! Ich verlange etwas davon!« Der Geisterführer zog die Zügel an und rief: »Gruß dir, Kriegsvater. Wir geben dir den geforderten Tri- but.« Als Helm trug der Gorilla die obere Hälfte eines, menschlichen Schädels – den eines Riesen, wohlge- merkt, denn der Affe war so groß wie die Hexen, und dennoch reichte ihm der Schädel so weit ins Gesicht hinab, daß seine roten Pupillen durch die beinernen Augenhöhlen glühen konnten. Die restliche Ausstat- tung des Unsterblichen bestand aus Schulterstücken, die aus geflochtenem Menschenhaar bestanden. Be- waffnet war er mit einer Kampfaxt, deren Schneide so breit war wie der Schutzschild eines Soldaten. Er kam uns mit einigen Sätzen entgegen und benutzte dabei eine freie Hand als dritten Fuß. Beide Hunde stürzten sofort auf ihn zu. Der Gorilla hieb knurrend auf sie ein, aber es dauerte eine ganze Weile, bis sie von ihm abließen und sich in ihren Zuggeschirren zusammen- kauerten. Haldar sprang vom Wagen herunter. »Welches Teil verlangst du, Hungernder?« fragte der Geisterführer. Der Unsterbliche hatte seinen Entschluß bereits ge- faßt. »Ich will einen Zeigefinger.« Er war in ständiger nervöser Bewegung, verlagerte sein Gesicht von der einen Seite zur anderen und stützte sich dabei auf Füße und Fingerknöchel ab. Haldar streckte ihm den linken Arm aus und hielt ihm den Zeigefinger hin. Und daraufhin fing der Affe an zu tanzen, mit ei- ner eleganten Anmut, die uns alle überraschte. Er wedelte mit den Armen, vollführte jähe Schwenker und holte mit der Axt zu einem Scheinangriff aus. Im Kreis sauste er um Haldar herum. Staub wirbelte auf, und er heulte und brüllte, wenn er sprang und die Schneide der Axt zischend durch die Luft fuhr. Er duckte sich, wich einem imaginären Gegenangriff aus und parierte eine Attacke. Als der entscheidende Au- genblick heranrückte, sprang er mit einem plötzli-, chen Satz auf Haldar zu, holte weit mit der Axt aus und zielte nach dem Zeigefinger meines Gefährten. Haldar erbebte angesichts des Schocks, hielt sich jedoch fest auf den Beinen. Der Zeigefinger wurde so fein säuberlich abgetrennt wie ein Gänseblümchen an einem dünnen Stengel, und die Klinge berührte nicht einmal einen anderen Knöchel. Der Gorilla rollte den erbeuteten Finger mehrmals auf dem Boden hin und her. »Mit Staub ist es am be- sten«, knurrte er freundlich. Anschließend schob er sich den Tribut zwischen die Zähne und kaute eine Weile genüßlich darauf herum. Dies gab Haldar Zeit genug, sich die Hand zu verbinden. Sein Gesicht war schweißnaß angesichts des Wundschmerzes, ebenso wie es bei mir der Fall gewesen war. Traurig schluckte der Kriegsvater den letzten Bissen hinunter und seufzte. »Ich wünschte, ich könnte noch mehr fordern«, grollte der Unsterbliche sehnsüchtig. »Was meinst du dazu, Menschenkumpel? Würdest du mir noch einen anderen Finger überlassen, hm?« Er versetzte Haldar einen kameradschaftlichen Schlag gegen die Schulter. »Es reicht, Ungeheuer!« erwiderte Haldar scharf. »Verdammt sei deine Gier!« Mit beiden Beinen stampfte der Affe wütend auf den Boden. Er holte die Axt aus und hieb die Schneide mit solcher Wucht in den Staub, daß der Wagen wankte. Haldar nutzte die Gelegenheit, um wieder zu uns zu klettern. Der Gei- sterführer trieb die Hunde an, und wir sausten durch die Passage. Als wir an ihnen vorbeidonnerten, stie- gen ganze Schwärme erschrockener Vögel und In- sekten auf. Eine Zeitlang hingen ihre Wolken aufge- regt wogend über dem Wall, wie schwarzer Dunst,, der auf die Plünderung einer großen Stadt hinweist. Dann ließen sie sich wieder tiefer sinken und wand- ten ihre hungrige Aufmerksamkeit erneut dem Hügel aus blinden und zerrissenen Gesichtern zu. Kurz dar- auf lenkte der Geisterführer den Wagen aus der Schlucht heraus. Noch bevor der Geisterführer irgendeine Erklärung abgab, konnte ich hören, daß wir uns unserem Ziel näherten. Ich vernahm das Heulen von Wind, die fauchende Stimme von Sturm, untermalt vom Zi- schen lodernder Flammen, die an weiten und einsa- men Orten brannten – und doch war in dieser Welt nichts so unbewegt und still wie die Luft. Auch Haldar begann etwas zu ahnen. Er sagte nur, es liefe ihm kalt über den Rücken, aber ich hatte ihn beob- achtet und gesehen, daß er seit der Begleichung des Zolls schauderte. Er hatte die Eigenart, sich auf son- derbare Weise über die Arme zu streichen, so als wolle er auf diese Weise unangenehme Empfindun- gen vertreiben, und manchmal musterte er seine Hände mit einem verwunderten Blick, als erwarte er, etwas ganz Bestimmtes an ihnen zu finden, etwas vielleicht, das über seine Knöchel hinwegkroch. Ich vermutete, daß seine Finger nun eine ähnliche Emp- findsamkeit aufwiesen wie mein Gehör. Kurz darauf deutete der Geisterführer auf einen Bereich aufragen- der Felszacken, die sich aus einer lehmigen Bergebe- ne erhoben und weiter oben ein felsigeres Hochland, bildeten. »Dort oben«, verkündete der Riese, »befin- den sich die Tore zur Region der Winde von Warr.« Es schien, als bliebe Defalk die Notwendigkeit ei- nes Tributs erspart, und das machte ihm ganz offen- sichtlich Mut. Er begann, Haldar und mich ironisch zu mustern. »Du siehst erheitert aus«, stellte ich fest. »Welcher Sonnenstrahl hat wieder Licht in dein dü- steres Leben gebracht?« »Ich habe nur nachgedacht, Kamerad Assassine«, erwiderte er. Ich reagierte nicht darauf. »Ich habe überlegt, wie sehr es Dalissem ähnlich sähe, mein Le- ben zu verschmähen. Ich meine, wenn es ihr erst ge- lungen ist, mich ganz ihrem Wohl und Wehe zu un- terwerfen, entspräche es gar nicht ihrer Art, mich ein- fach zu töten – für sie wäre dies kein angemessener Abschluß. Bestimmt würde sie mir ihre Verachtung auf eine ausgefeiltere Weise verdeutlichen. Vielleicht spuckt sie mir ins Gesicht und schickt mich in mein kleines, unbedeutendes Leben zurück – wie sie es möglicherweise bezeichnen mag ...« Ich glaubte, in seinem Lächeln ebenso viel Belustigung wie Abscheu vor sich selbst zu erkennen. Meinem Gefährten aber riß der Geduldsfaden. Das war nur zu verständlich, wenn man daran dachte, wie plausibel Defalks Ver- mutungen klangen. Und tatsächlich traf er nicht allzu weit am Ziel vorbei, wie sich schließlich herausstellen sollte. »Wie kannst du nur deine eigene erbärmliche Win- zigkeit ertragen?« fragte ihn Haldar. Sein ganzer Leib erbebte angesichts einer neuen Woge ihm arg zuset- zender Empfindsamkeit, doch in seiner Empörung nahm er offenbar keine Notiz davon. »Mit welcher Selbstgefälligkeit du auf ihren Heldenmut vertraust!, Und wie dankbar du fortkriechen würdest, spuckte sie dir nur ins Gesicht! Wenn du deine dreckige Haut auf diese Weise retten könntest, wärst du mit über- schäumendem Vergnügen dazu bereit, ihre Verach- tung auf dich zu nehmen.« »Du bist ein diebischer, heimtückischer Hund!« platzte es aufgebracht aus Defalk heraus. Er war in diesem Augenblick völlig außer sich und bemerkte nicht einmal den düsteren Blick, den ihm der Geister- führer zuwarf. »Dein ganzes schmutziges Leben stellt eine einzige Aneinanderreihung feiger Diebstähle und Meuchelmorde dar. Und ausgerechnet du plu- sterst dich hier auf und sprichst von Heldenmut und aufrechter Ehrbarkeit ...« Seine Stimme klang schrill, und es fehlten ihm die Worte für das, was er aus- drücken wollte. Ich erkannte auf den ersten Blick, daß er ebenso außer sich war wie der Mann, der ihn ver- höhnt hatte. Armer Defalk – handelte es sich dabei doch um eine Gemeinsamkeit mit Haldar. Zugunsten meines Gefährten muß ich an dieser Stelle bemerken, daß er sich beherrschte. Er gab nicht einmal Antwort. Vielleicht war er zur gleichen Einsicht wie ich ge- langt. Nun, als wir dem Hochland mit den schroffen Fel- sen näher kamen, stellten wir fest, daß es noch eine letzte Kluft zu überwinden galt. Wir hatten sie beina- he schon erreicht, als wir sie zum ersten Mal sahen. Als die Hunde mit dem Wagen in die Schlucht hin- einhetzten, entdeckten wir unter uns eine Straße und eine kleine Stadt, die sich an den Boden des Ab- grunds duckte. Der Weg, über den die Hunde jagten, wand sich an der einen Wand der Kluft in die Tiefe und führte direkt zur Stadt und durch sie hindurch., Schwarze Rauchschwaden hingen über den Dächern. Hier und dort ragten Türme von den Straßen in die Höhe, und in ihnen befanden sich die Kohlebecken, aus denen der Qualm emporstieg. Selbst in dieser Höhe vernahmen wir bereits einen Gestank, der an einen in Flammen aufgegangenen Medikamentenla- den erinnerte. Jenseits der Stadt erblickten wir eine Anzahl großer, quadratischer Gruben, über denen der Rauch in noch dichteren Wolken hing, aber der Wa- gen rumpelte rasch tiefer, und kurz darauf lagen die- se Bereiche der Schlucht außerhalb unseres Blickfel- des. »Eine Seuche ...?« murmelte Defalk vor sich hin. Es handelte sich tatsächlich um einen von einer Seuche heimgesuchten Ort. Aber die Stadt war noch immer voller Leben und Aktivität und unterschied sich damit von allen anderen von ähnlichen Plagen heimgesuchten Ansiedlungen, von denen ich jemals gehört hatte. Der Geisterführer zog die Zügel nicht an, als wir in die Stadt hineindonnerten, und kaum hatten wir die ersten Häuser erreicht, als wir auch schon den Bewohnern des Ortes begegneten. Alle waren dick verhüllt – mehrere Kapuzen, sogar Gesicht und Hände unter Tüchern verborgen. Auf den ersten Blick schien es sich um einen Ort des Mü- ßiggangs zu handeln: Die Bewohner saßen und hockten in Hauseingängen und Wandnischen, oder sie kauerten direkt auf dem Kopfsteinpflaster und kehrten den Mauern den Rücken zu. Wir sahen sie sogar in Dachrinnen liegen, unterhalb der Fensterflü- gel des obersten Stocks. Der Fußgängerverkehr nahm auch die Mitte der Straße in Anspruch. Alle bewegten sich in hastiger Eile, und jeder machte um jeden einen großen Bogen. Die Hunde bellten und schnappten zu,, und der Geisterführer zielte mit seinem Schlangen- stock nach den Köpfen derjenigen, die unseren Weg blockierten. Andere Wagenlenker und Fuhrleute rea- gierten auf Hindernisse ebenso unnachsichtig, aber angesichts unseres furchteinflößenden Zuggespanns zogen sie rasch die Zügel an. Die Karren, denen wir begegneten, waren voll beladen mit in Leichentücher eingehüllten Toten. Wir zogen mit der Kraft einer menschlichen Flut- welle durch die Straßen, von denen einige plötzlich schmaler wurden, weil man hier und dort am Weges- rand provisorische Behandlungs- und Versorgungs- stätten errichtet hatte, bei denen es sich jedoch um nicht mehr als behelfsmäßig überdachte Unterstände handelte. Die dort tätigen Äskulaps waren mit Kapu- zenmänteln bekleidet, und die aus den fleckigen Tü- chern hervorragenden Arme ähnelten stacheligen, dünnen Stöcken. Sie waren völlig untätig und schie- nen nur von schadenfroher Gier erfüllt zuzusehen, wie Geschöpfe, deren Aussehen an Filzläuse erin- nerte, die aber groß wie Katzen waren, von Unter- stand zu Unterstand krochen und Eier in die offenen Wunden der Infizierten legten. Mehr als nur ein Kranker, dessen Leiden einen Hö- hepunkt aus Schmerz und geistiger Umnachtung er- reicht hatte, rannte schreiend und mit Schaum vor dem Mund durch die Passantenmenge und zog dabei Mullbinden und Bettlaken hinter sich her. Einer von ihnen packte eine Mutter, die sich mit ihrem Kind ei- nen Weg durch das Gewühl bahnte. Er riß ihren Ge- sichtsschleier beiseite und gab ihr einen innigen Kuß. Anschließend wandte er sich dem Kind zu, entließ die Mutter dabei aber nicht aus seinem festen Griff,, selbst dann nicht, als sie ihn mit einem Stein nieder- schlug. Ein anderer Infizierter, der im Delirium durch die Straße stürzte, wurde von mehreren Drogisten verfolgt. Er war völlig nackt und schien gerade aus dem Krankenbett entflohen zu sein, und während er vor den Äskulaps floh, platzten große Schwellen in Bauch und Nacken auf. Schleimfeuchte junge Wespen von der Größe ausgewachsener Tauben krochen aus den Brutgeschwüren, klammerten sich an den gepei- nigten Leib und breiteten die Flügel aus, um sie zu trocknen. Währenddessen wurden oberhalb der Straße Frau- en aktiv und lehnten sich aus den Fenstern holzgetä- felter Häuser. Einige benutzten Besenstiele, um die während der Nacht Gestorbenen über die Dachrinnen zu stoßen und auf die Ladeflächen der wartenden Karren fallen zu lassen. Andere verhandelten am Rande der Straße mit den Fuhrleuten. Wir sahen, wie eine Frau ihren Topf einem Mann reichte, der einen Lebensmittelwagen mit abgedeckter Ladung lenkte. Während sie in ihrer Börse nach einer Münze suchte, griff der Mann in seinen Wams und holte einige sich windende Küchenschaben hervor. Er warf sie in die Milch, mit der er unmittelbar zuvor den Topf gefüllt hatte, zwinkerte mir zu und stülpte den Deckel dar- über. Für Defalk kam das Schlimmste erst, als wir die Stadt schon hinter uns gelassen hatten. Es war das Tor, das sich vor dem Bereich der jenseits der An- siedlung befindlichen qualmenden Gruben erhob. Die Straße führte durch dieses Tor, und eine riesenhafte, in schmutzige, eiterdurchtränkte Bandagen gehüllte Gestalt versperrte uns den Weg. Sie weinte und, wiegte in ihren Armen ein in Tücher gewickeltes Ob- jekt. Auf der anderen Seite des Tores war ein zweiter Bandagierter gerade damit beschäftigt, die auf der Transportfläche eines Karrens aufgestapelten Toten in eine der rauchenden Gruben zu werfen. Er benutzte eine Heugabel, mit der er drei Leichen auf einmal aufspießen konnte. Der kummererfüllt stöhnende Riese sprang auf. Seine Stimme verriet das, was die verschmutzten Tücher verhüllten – weibliches Ge- schlecht. »Geisterführer!« klagte sie. »Unser Kind ist so furchtbar hungrig und krank! Mein kleiner Sohn braucht Menschenfleisch. Bitte, gib meinem verhun- gernden Kleinen ein wenig Menschenfleisch!« Der Entlader des Wagens – er war noch größer als die Riesin, und offenbar war er ihr Gatte – hatte sich be- reits vom Karren abgewandt und eilte auf uns zu. »Ja!« rief er. »Menschenfleisch für unseren kleinen Liebling, Geisterführer!« »Gruß euch, Pesteltern«, sagte unser Wagenlenker. »Steig ab und tritt auf sie zu, Mann des Wohllebens. Welches Stück von ihm möchtet ihr haben, Statthalter des Herrschers?« Die Eltern wandten sich mit zärtlichen Worten an ihren kleinen Schatz und berieten sich mit ihm. Sie zupften die Windeltücher zur Seite und erkundigten sich streichelnd nach den Vorlieben ihres Kindes: »Was möchte der Kleine denn? Hat unser süßes Kindlein denn überhaupt Appetit auf irgend etwas?« Schließlich hob die Mutter den Kopf und jauchzte: »Ein Auge. Mein Schatz möchte ein Auge, jajaja!« Defalk war inzwischen vom Wagen gestiegen, trat auf die beiden Riesen zu und hielt sich dabei recht, gut. Doch als er vernahm, was von ihm verlangt wurde, wich er unwillkürlich zurück. Er war jedoch bei weitem nicht so schnell wie die Hand des Pestva- ters, die plötzlich vorschoß. Die schwarzen, fauligen Finger tasteten Defalks Gesicht ab. Defalk schrie mit schriller Stimme, seine Knie gaben nach. Dann wandte sich der Pestvater wieder seinem kleinen Sohn zu und hielt mit einer neckenden Geste etwas über das verdreckte Tuchbündel. »Siehst du es? Siehst du das? Na, würde das unserem Liebling schmecken, ja? Möchte er es haben?« Die Mutter zog die Windelbandagen ein wenig weiter auseinander und enthüllte ... nicht ein Gesicht, sondern ein stinkendes Madengewimmel, das von ihr zärtlich umschmiegt wurde. »Siehst du? Na, siehst du? Hat unser kleiner Süßer denn überhaupt Appetit darauf ...?« Dann öffneten sich die schwarzen Finger, ein Auge löste sich von der Hand, zog rote Schleimfäden hinter sich her und fiel in die wimmelnde, summende, wo- gende Masse hinein. Es tanzte einige Sekunden lang auf dem Madenhaufen hin und her, als schwömme es auf einer zähen Flüssigkeit. Defalk schlug die Hände vors Gesicht und schrie. Die Insekten schäumten gie- rig über die glänzende Kugel hinweg, die daraufhin unter ihren hungrigen Leibern verschwand. Defalk heulte erneut. Und offenbar verbarg er nicht aus Schmerz allein das Gesicht hinter seinen zitternden Händen, sondern auch, um mit dem ihm noch ver- bleibenden Auge nicht das gräßliche Bild sehen zu müssen., Als wir das höher gelegene und felsigere Terrain er- reichten und schließlich an den Rand des Zugangs ei- ner weiteren Hochebene gelangten, zog der Geister- führer die Zügel an. Er stieß den Stock in den Boden und band die Hunde daran fest, auf daß sie von der Schlange bewacht wurden. Mit einem Wink bedeu- tete er uns, ihm zu folgen, und dann begann er, in den Felsen emporzuklettern. Defalks schlimmste Schmerzen hatten gerade erst nachgelassen. Er wimmerte und klagte nun nicht mehr laut, aber er fuhr sich immer wieder mit der Hand übers Gesicht und raunte heiser und gepreßt vor sich hin – wie jemand, der immer wieder einen Zauberspruch formuliert, den niemand sonst hören soll. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, und die vor uns liegende Felswand war Dutzende von Metern hoch und nahezu senkrecht. Der Granit wies tiefe Einbrüche und Kamine auf, die das Klettern er- leichterten, und wir halfen Defalk nach Kräften. Meh- rere Male jedoch sah ich ihn schon abstürzen und damit all unsere Bemühungen von einem Augenblick zum anderen zunichte machen. Aber ich will damit keineswegs behaupten, sein Schwindel habe sich auf Furcht oder mangelnde Ent- schlossenheit gegründet. Defalk bemühte sich einfach nur, die Benommenheit des Schmerzes und die Be- täubung des Schocks zu überwinden. Sein Bestreben galt allein der Anstrengung, einen klaren Kopf zu gewinnen, und nach einer Weile schüttelte er unsere Hände ab, wenn wir ihm Hilfe anboten. Seine Bewe-, gungen wurden bald immer sicherer. Ich glaube, er wurde von Haß und Gewissensbissen angetrieben. Du magst mich für einen Tölpel halten, Barnar, aber damals bewunderte ich den armen Defalk geradezu. Ich hörte sogar auf, ihm gegenüber Mitleid für das zu empfinden, was ich ihm antun mußte – in gewisser Weise bescherte ich ihm die tapferste Zeit seines Le- bens. Er wollte nicht, daß wir ihn an den Haaren zu Dalissem zerrten. Er hatte sich vielmehr dazu ent- schlossen, aufrecht wie ein Mann vor sie zu treten. Und so kämpfte er sich mühsam die Felsen hinauf, wie eine Dohle mit gebrochenem Flügel, die alle Kraft darauf konzentrierte, gen Himmel emporzuflattern. Mit seiner mittlerweile arg in Mitleidenschaft gezo- genen Seidenkleidung machte er einen völlig abgeris- senen Eindruck. Und auch sein Gesichtsausdruck hatte sich grundlegend verändert. Der weichliche, nur auf sich selbst fixierte Mensch war verschwun- den. Die Miene des nun zum Vorschein gekommenen Mannes war hohler und düsterer. Es war ein von fin- steren Visionen umwölktes Gesicht, ähnlich dem ei- nes Propheten oder eines Sehers. Ein schmutziges Blutrinnsal erstreckte sich von den zusammengeknif- fenen Lidern über die Wangen. Und Visionen hatte er zweifellos: Sicherlich sah er bereits Bilder von dem Ort, dem wir nun so nahe wa- ren. Ich war deswegen so überzeugt davon, weil ich es schon während des Aufstiegs hörte. Wie klar und deutlich die Geräusche doch zu vernehmen waren: das Knistern von Feuer und das Heulen von stürmi- schem Wind. Und es gab auch noch etwas anderes, etwas, das von dem leisen Tosen umhüllt wurde, das sich darin verbarg, mir jedoch nicht entging: eine, Vielzahl von Stimmen. Ich möchte es ausdrücklich betonen: Stimmen waren es, nicht das Krächzen und Stöhnen von Seelenmatsch – deutlich artikulierte Ge- danken und Leidenschaften. Ich vernahm die Stim- men stabiler und vitaler Seelen, die sich in einem sonderbar bizarren und begeisterten Triumph ver- einten. Ausdrucksstärke und Deutlichkeit dieses Ge- räusches wirkten berauschend in dieser Welt aus dü- sterer und hoffnungsloser Qual. Ich sah, wie sich Haldar den Arm rieb und lächelte, als sich ihm eine Erinnerung offenbarte. Defalk kletterte mit neuer Entschlossenheit weiter. Als wir das obere Ende der Felswand erreichten und das Hochplateau betraten, stand er so sicher auf den Beinen wie Haldar und ich. Ich will damit sagen, daß wir nach der Kletterpartie erwarteten, ein Hochplateau zu erreichen. Tatsächlich aber war das, was unsere Vorahnungen bereits wahr- genommen hatten, wesentlich näher, als wir glaub- ten. Es ist schon ein ziemlicher Schock, eine Schlucht hinter sich zu lassen, eine hohe Felswand zu erklim- men, sich über den Rand hinwegzuschieben und dann festzustellen, daß sich unmittelbar vor einem eine Kluft befindet, die noch tausendmal tiefer ist – eine Kluft, von deren Abgrund einen nur wenige Meter trennen. So etwas wie eine Ebene existierte überhaupt nicht. Wir hatten nichts anderes als die äußere Felswand eines gewaltigen Kraters erstiegen. Als ich hinabblickte in den Abgrund, gewann ich für einen Augenblick den Eindruck, am Grunde be- fände sich ein glitzernder schwarzer See. Doch der aus dem Krater emporheulende Wind und die wie durch unermeßlich weite Gewölbe hallenden Echos rieten mir dazu, genauer hinzusehen. Der angebliche, See stellte ein riesiges Loch im Kraterboden dar. Es handelte sich dabei um den Zugang zu einem ausge- dehnten Kavernensystem von unauslotbarer Tiefe, Höhlen, in denen mächtige Winde Feuerzungen wie unterirdische Blitze tanzen ließen. Eine in den Stein gemeißelte Treppe führte an der Kraterwand entlang in die Tiefe – sie glich einer lan- gen, stufengeschuppten Schlange, deren einzelne Fa- cetten sehr schmal waren. Der Geisterführer war be- reits halb hinunter, und er winkte uns ungeduldig zu. Wir folgten ihm. Es ist schier unbeschreiblich, wie klein und verletz- lich man sich fühlt, wenn man in einen so düsteren Sturmkessel hinabsteigt, auf einer Treppe mit derart schmalen Stufen. Es war so, als wolle man während eines Schneesturms auf einem völlig vereisten Zie- genpfad die Imau-Berge überqueren. Im Krater aber wechselten die Böen ständig die Richtung und zerr- ten und zogen an uns. Man wagte kaum, sich der ei- nen entgegenzustemmen, aus Furcht, vom nächsten und aus der entgegengesetzten Richtung kommenden Sturmhauch gepackt und davongewirbelt zu werden. Während unseres Wegs hinab offenbarten sich uns nicht sonderlich viele Einzelheiten des Kraterab- grunds. Die unaufhörlich zuckenden und flackernden Flammenzungen warfen ihren unsteten Schein dann und wann auf zerklüftete Gewölbe oder dunkle Tun- nelzugänge. Das Feuer selbst machte auf mich den Eindruck eines glänzenden Netzgespinstes. Die Flammen erhoben sich zu einer fauchenden Wand, wurden dann von zischenden Böen erfaßt und in ein- zelne Glutfetzen zerrissen. Gelegentlich konnten wir einen kurzen Blick auf die Bewohner der Kluft erha-, schen, dann, wenn ihr Flug sie mit den Feuerschleiern verband. Aber sie waren zu schnell und befanden sich zu tief im Innern des Abgrunds, als daß wir mehr als nur dahinsausende Schemen wahrnehmen konn- ten – Schatten, die für unsere Augen nicht größer wa- ren als Motten. Die letzten Stufen der Treppe führten über den Rand des Kraterabgrunds hinaus und formten eine Rampe, die in die tosende Finsternis führte. Der Gei- sterführer blieb ein ganzes Stück vorher stehen und winkte uns an sich vorbei. »Es ist an euch, sie zu rufen – geht also weiter.« Wir schoben uns an dem Unsterblichen vorbei – zuerst Haldar, dann Defalk und schließlich ich. Mein Gefährte trat die letzten Stufen hinunter, und für mein Gefühl bewegte er sich dabei mit einer fast un- heimlichen Sicherheit – einer unerschütterlichen Ge- lassenheit, die von der unauslotbaren Tiefe unmittel- bar vor uns in keiner Weise beeinträchtigt wurde. »Dalissem!« rief er. Der Wind stahl ihm sofort die Silben von den Lippen. »Dalissem aus Lurknahöhe. Komm zu uns. Wir bringen dir Defalk!« Die Worte schienen in dem heulenden Tosen nicht einmal wenige Meter zu überbrücken, aber wie als Antwort auf Haldars Ruf stieg eine kalte Brise aus dem Dunkel vor uns empor – eine eisige Bö, die sich mit beständigem Druck gegen unsere Gesichter preßte. Ganz tief unten und direkt unterhalb der Kante der letzten Stufe bewegte sich etwas. Zunächst war es nur ein kleiner Fleck, der aber allmählich grö- ßer wurde. Es war eine zu uns emporfliegende Ge- stalt. Und auf diese Weise kam sie zu uns, Barnar. Aus, der Finsternis kommend schwebte sie zu uns empor, die Augen groß und erfüllt von einem fiebrigen Glanz, und ihr nackter Leib glich einer hellen Fackel in der Nacht des Abgrunds. In jener Welt fiel es ihr nicht schwer, sich zu bewe- gen. So leichtfüßig und gelenkig wie eine Katze sprang sie auf die Treppe. Mit in die Seiten ge- stemmten Armen stand sie vor uns, und nachdem sie den Geisterführer mit einem Nicken begrüßt hatte, lächelte sie Haldar und mich an. Sie schien den Mann, den wir ihr gebracht hatten, nicht einmal zu sehen. Defalk wandte sich an sie, und seine Stimme vibrierte dabei: »Dalissem! Verzeih mir und nimm mein Le- ben!« Das überraschte selbst Haldar, und er hob die Au- genbrauen und drehte sich zu Defalk um. Und auch ich starrte ihn groß an, als ich seine Worte vernahm. Dalissem aber sprach zu uns, als sei bisher noch nicht eine einzige Silbe formuliert. »Ihr habt ihn mir also gebracht! Ich habe meine Helfer gut ausgesucht. Wahrhaftig: Durch dieses Unternehmen habt ihr bewiesen, daß ihr zu den größten Helden eurer Gilde gehört!« (Ich versichere dir, Barnar: Genau das waren ihre Worte.) »Ach, ihr treuen Abenteurer – aber wer wird euch Glauben schenken, wenn ihr von dieser Heldentat berichtet?« Haldar antwortete ihr, und seine Stimme bebte an- gesichts der intensiv in ihm emporsteigenden Emp- findung. »Lady, was mich angeht, so ist die Bezahlung für unseren Dienst von zweitrangiger Bedeutung. Hier- mit lehne ich den Magischen Schlüssel für mich selbst ab – soll er ganz allein Nifft gehören. Bitte weist die-, ses Zeichen meiner Verehrung und großen Liebe für Euch nicht zurück.« Sie lachte. »Ich weise nichts zurück, weder Vereh- rung noch alles andere, Haldar Dirkniss. Oh, und ich bin dir dankbar für die Ehre, die du mir erweist, überaus dankbar! Und was den Schlüssel angeht – du brauchst die Belohnung nicht abzulehnen. Sie exi- stiert nicht: Ich habe euch mit einer Nachbildung hinters Licht geführt.« Sie lachte erneut, schenkte Haldar einen erwartungsvollen Blick und mir einen von fröhlicher Heiterkeit. Mit ihren üppigen Brüsten und dem schwarzen und Wärme verheißenden Drei- eck zwischen den Schenkeln war sie wirklich eine Schönheit, und sie steckte so voller Energie wie eine Katze, die sich bereitmachte, sich auf ein Beutetier zu stürzen. Defalk schwankte benommen, gab aber kei- nen Laut von sich. Ich glaube, er war wie betäubt an- gesichts der Nichtbeachtung, die ihm entgegen- schlug. Ich selbst war ziemlich mitgenommen von dem Schock der Bestätigung – der bereits lange in mir rumorende Verdacht hatte nun eine reale Grundlage erfahren. Dalissem warf triumphierend die Arme empor und wandte das Gesicht gen Himmel. »Oh, wie ich dich überlistet habe, König Tod! Großer Dieb, du bist nicht halb so verschlagen wie die arme kleine Dalissem, die seit sieben Jahren tot ist, betrogen um die Liebe, der sie ihr Leben opferte. Sieh nur, was sie jetzt vollbracht hat! Sie hat sich gerächt, Erhabener Herrscher. Sie stahl sich die Liebe, auf die sie ein Recht hatte. Ach, armer, kleiner falkengesichtiger Sterblicher. Dein Le- ben im Reich des Lichts ist zu Ende. Ich entschied mich sofort für dich, als ich deine Ausstrahlung, durch die Pforte meines Sterbeorts spürte. Ich wußte sofort, wie sehr du mich lieben würdest. Und jetzt gehörst du allein mir – gib es zu!« »Ja!« schrie Haldar, und eine Stimme hallte wie die Hafenglocke von Karkhman-Ra. Und dann schrillte Defalk: »Dalissem! Bitte, hör mich an. Willst du mein Le- ben nehmen? Ich war weniger, als du glaubtest – und du warst mehr, als ich ahnte! Jetzt aber will ich dein sein. Dieser Mann bedeutet dir gar nichts. Erinnere dich, wie es mit uns war!« Er machte zu jenem Zeitpunkt einen wirklich guten Eindruck, Barnar – mit dem einen roten Tränenstrom und der ganz neuen Art von Stolz, die seinen Leib er- füllte. Er erinnerte mich an einen alten Delphin, des- sen Kunststücken ich einmal zusah und der nur noch dazu fähig war, auf recht unbeholfene Weise aus dem Wasser zu schnellen. Defalks Seele hatte große Ähn- lichkeit mit dem alten, fetten Fisch. Andererseits brachte es der verweichlichte Stutzer hier mit ange- messener Eleganz fertig, ganz hochaufgerichtet zu stehen und so den Eindruck mutiger und furchtloser Entschlossenheit zu erwecken. Schließlich wandte Dalissem den Kopf und sah ihn an. Vielleicht hatte es ursprünglich nicht ihrer Absicht entsprochen, ihm auf diese Weise den Tribut ihrer Aufmerksamkeit zu zollen. »Tatsächlich, du bist es wirklich, Defalk! Welche Freude, dich an diesem Ort wiederzusehen. Ich bin so, wie du mich siehst.« Defalk ließ den Kopf hängen. »Ich war ein kleiner und unbedeutender Mann, der sich zu wichtig nahm. Inzwischen habe ich aus meinen Fehlern gelernt!«, »Aber was soll denn das heißen, Defalk? Du bittest mich darum, dein Leben zu nehmen? Du ersuchst mich, dich in Empfang zu nehmen und mich mit dir im Tode zu vereinen? Bist du vielleicht nicht ganz bei Verstand? Hast du dir möglicherweise Gedanken über dein bisheriges Leben gemacht und daraufhin erkannt, daß es nur Duckmäusertum und Arschkrie- cherei war, womit du weiterkommen wolltest? Hast du endlich begriffen, daß ein solches Leben einer Ver- schwendung gleichkommt? Kann es möglich sein, daß du angeekelt bist von den Schminkkrügen und dem geistlosen Geschwätz deiner Frau?« »Sie ist eine kleine, unbedeutende Frau, Dalissem. Auch ich bin unbedeutend, und ich habe ihr nicht ge- holfen, mehr zu werden, als sie ist. Ich bitte dich um Vergebung für ...« »Ich bin gern dazu bereit, das zu vergeben, was be- reits der Vergessenheit anheimfiel«, unterbrach sie ihn. »Du bist vergessen, Defalk – jetzt, da ich die bei- den Dinge habe, die ich von dir wollte: deine Selbst- verachtung und deine Eifersucht. Dadurch kann ich endlich die Schmach überwinden, dich geliebt zu ha- ben. Und was nun dich angeht, Haldar Dirkniss – komm näher, denn ich möchte dich mit mir in die Tiefe nehmen.« Mein Gefährte nickte und trat vor. Er war in Leder und dicke Wolle gekleidet, aber Dalissem legte ihm die Hände auf die Brust und riß ihm die Kleidung vom Leib: Sie löste sich so einfach und mühelos in Fetzen auf wie ein welkes Blatt. Sie entblößte ihn völ- lig, und als er splitternackt vor ihr stand, musterte sie ihn lächelnd, und in ihren Augen funkelten Wollust und Stolz. Mein Gefährte besaß einen durchtrainier-, ten und sehr männlichen Körper, ebenso wie ich. Sie verdrängte ihr Verlangen, das sich einem physischen Druck gleich gegen uns preßte, so fest und beständig wie der stetige Wind. Sie verschränkte die Hände hinter seinem Nacken und sprang zurück. Ihr Satz wirbelte sie weit davon – unnatürlich weit über die lodernden Flammenblitze hinweg. Sie stürzten nicht in die Tiefe, sondern schwebten weiter fort, als glitten sie auf Eis dahin. Haldar legte sich auf sie. Und während sie kopulierten, sanken sie langsam und in weiten Kreisen hinab. Sie drehten sich um die eigene Achse, als sie sich der Finsternis näherten. Dann wandten sich die Köpfe nach unten, und einen Augenblick später wurden sie von der Schwärze ver- schluckt und waren verschwunden. Irgendwo in der Nähe ertönte ein Schrei so kehlig wie der eines Stiers. Defalk hob langsam die Fäuste über den Kopf. Er brüllte erneut, ohne eine verständ- liche Silbe zu formulieren – als erprobe er nur das In- strument seiner Stimme. Dann stieß er sich von der Treppe ab und sprang in den Abgrund. Der in seinem letzten Ruf zum Ausdruck gekom- mene Zorn mochte ihm gewiß Zutritt verschaffen zu jenem Ort der wütenden Raserei. Aber der Feuer- sturm nahm ihn nicht in Empfang. Defalk streckte in der Luft alle viere von sich, doch er schwebte nicht dahin, sondern blieb wie an einem unsichtbaren Klebnetz haften. Er hüpfte und bebte und zitterte in den Böenarmen. Es war ihm unmöglich, weiter in die Tiefe zu gelangen: Das kalte Toben des Sturms nagte an seiner Substanz und begann sie aufzulösen, als er auf dem fauchenden Atem des Windes tanzte. Seine Hände verwandelten sich in einen konturlosen wei-, ßen Fleck, sein Gesicht löste sich von einem Augen- blick zum anderen auf. Dann war nichts mehr von ihm übrig. Ich wandte mich zum Geisterführer um. Langsam, aber mit festen Schritten kletterte ich die Stufen zu ihm empor und blieb vor ihm stehen. »Lord Geisterführer«, sagte ich und starrte in die rauchigen Krater seiner Augen, »zwei der beiden be- rühmtesten Diebe dieser Epoche sind auf schamlose Weise betrogen worden. Einen von ihnen brachte man gar um sein Leben, auch wenn der Betreffende das nicht so bezeichnen mag. Doch was mich angeht, mein Lord: Ich glaube, mir steht noch weitere Zeit in der Sphäre des Lichts zu, bevor ich dir und deinem Diener ein zweitesmal ins Antlitz sehen muß. So soll wenigstens dieser Eid erfüllt werden: Bring mich so- fort in die Welt der Lebenden zurück.«,

Shag Margolds

Vorwort zu

DIE PERLEN DER VAMPIRKÖNIGIN

Dieser Bericht ist von Ellen Errin erstellt worden (die vielleicht ebensogut als Greymalkin Mary bekannt ist). Ich möchte behaupten, selbst dann zu dieser Er- kenntnis gelangt zu sein, wäre das Manuskript nicht in ihrer einerseits so außerordentlich kleinen und ge- drängten und andererseits so unglaublich deutlichen und leserlichen Handschrift niedergeschrieben. Denn ich kenne nicht nur ihre einzigartige Eigenheit in be- zug auf die schriftliche Fixierung von Worten, son- dern auch ihre Vorliebe für eine subtile Nachahmung von Niffts Ausdrucksweise. Es muß an dieser Stelle nicht extra betont werden, daß die beiden viele Jahre lang ein Liebespaar waren. Ellen begegnet dieser Tat- sache ohne Zweifel mit ausgeprägtem Stolz, und im Falle Niffts war dies für gewöhnlich nicht anders. Wahrscheinlich kann man es am besten als eine sich auf einer derartige Beziehung gründende Freiheit verstehen, die sich Ellen nimmt, wenn sie Niffts Art der Schilderung parodiert und er dadurch noch weit- aus prahlerischer wirkt, als er es in Wirklichkeit schon war. Dabei entstellte sie nie seinen Tonfall, sondern immer nur das Ausmaß des Eigenlobs, mit dem er sich versah. Im vorliegenden Beispiel konnte sich in erster Linie Taramat Flinkfinger an ihrem scherzhaften Humor erfreuen: Er erhielt ihre Bot- schaft aus Chilia, wo Ellen sechs Monate lang mit, Nifft und Barnar zusammen war, bevor sie die Kunde von seinen Abenteuern ihrem gemeinsamen Freund in Karkhman-Ra überbringen ließ. Kurz gesagt: Ich muß zugeben, diese für sie charakteristischen und nicht zu aufdringlichen Parodien entlocken mir im- mer ein Lächeln, denn Nifft war tatsächlich nicht allzu bescheiden. Der Ort, an dem die Handlung dieses Abschnittes über die Erlebnisse Niffts angesiedelt ist – Fregor In- gens –, gilt bei einigen sturen Angehörigen der Kar- tographengilde noch immer als der »vierte Konti- nent«. Dabei ist dieser »Erdteil« nicht einmal ein Sechstel so groß wie Lúlumë, und er ist eindeutig Teil einer Inselkette, die gemeinhin Ingenshaufen genannt wird und auf halbem Wege zwischen der südlichen Spitze Kolodrias und dem Glazialen Mahlstrom des Südpols liegt. Doch weil es sich dabei um die größte aller bekannten Inseln handelt, gibt es offenbar im- mer wieder rechthaberische Leute, die nicht müde werden in dem Bemühen, dieser Insel einen konti- nentalen Status zuzusprechen. Meiner Meinung nach sollten diese Kommentatoren ihre Anstrengungen auf andere Fachgebiete richten, wo sie möglicherweise üppigere Früchte trügen – etwa der Erweiterung un- seres extrem lückenhaften und spärlichen Wissens über Geographie und Bewohner des zentralen Hoch- lands von Fregor, eines außergewöhnlich gebirgigen Terrains. Hier finden sich einige der höchsten Berge der Erde, und der größte Teil dieser Region ist stän- dig von dichten Wolken verhüllt. Das Tiefland an der Nordküste Fregors ist dafür aber recht gut bekannt, und wenn man von der Keil- bucht einige hundert Kilometer ins Landesinnere, vorstößt, trifft man schließlich auf das Sumpfland der Vampirkönigin. Tatsächlich verdanken die Städte der Bucht ihren recht umfangreichen Schiffsverkehr größtenteils der Nähe der reichen Perlendomänen der Königin Vulvulas. In ihrem Reich gibt es praktisch keine anderen natürlichen Ressourcen, deshalb ist Vulvula in großem Maße von dem in dieser Hinsicht umfassenden Reichtum des kolodrianischen Konti- nents abhängig. Die Sumpfperlen gleichen einem endlosen und glitzernden schwarzen Strom, der sich über Land mit schwerbewaffneten Karawanen nach Norden ergießt, während die Handelsschiffe Ko- lodrias von den Großen Senken aus nach Süden se- geln. In den Häfen der Keilbucht treffen die beiden Ströme aufeinander. Hier sprüht ihre Gischt in Ver- rechnungsstellen und Versteigerungshallen empor, und anschließend trennen sich die beiden Fluten wieder voneinander: Die Perlen rinnen weiter nach Norden, übers Meer hinweg, und die gegen sie ein- getauschten Waren werden über Land nach Süden transportiert, in die nach ihnen hungernden Moore und Sumpftäler der Vampirkönigin. Und indem ich in diesem Zusammenhang von Hunger spreche, wende ich mich bereits dem Kern der Sache zu, dem die Aufmerksamkeit all jener gel- ten muß, die den Bericht von Niffts fregorianischem Abenteuer studiert haben: Kann die Herrschaft eines Vampirs gerecht sein? Ich gestehe ein, diese Frage ist noch immer »lebendig« – das heißt, unbeantwortet. Selbst nach mehr als elf Jahren eingehender und gründlicher Nachforschungen konnte ich in diesem Zusammenhang nicht mehr Gewißheit finden als zu jenem Zeitpunkt, als mir Taramat das Manuskript, zeigte. Vielleicht kann es hilfreich für die Lösung die- ses Problems sein, wenn man seine Aufmerksamkeit auf ein Reich in Vulvulas unmittelbarer Nachbar- schaft richtet, das von Gelidor Ingens. Gelidor stellt die zweitgrößte und südlichste Insel der Ingenskette dar (sie ist ebenso groß wie Chilia). Während der Zeit der Sirikone dauert es nur fünf Tage, um von Samádrios – der westlichsten Insel der Ephesischen Kette, die meine Heimat darstellt – nach Gelidor zu segeln. Ob die diesbezüglichen Erfordernisse von Samádrios eine entsprechende Industrie in Gelidor erforderte oder andererseits Gelidors natürlicher Reichtum in Hinsicht auf den nachgefragten Rohstoff die Neigung Samádrios förderte, sich in eine immer größer werdende Abhängigkeit zu geben, muß als ei- ne der größten und bedeutendsten Kontroversen in der ephesischen akademischen Tradition gelten. (Seit den Handelskriegen der Ureinwohner handelt es sich dabei um eine Tatsache, und das legt den Schluß nahe – zumindest was mich betrifft –, daß man die Ant- wort entweder nicht einmal mit noch so gründlichen und sorgfältigen Nachforschungen finden kann, oder sie von einer so offenkundigen Beschaffenheit ist, daß sie sich meiner wissenschaftlichen Aufmerksamkeit entzog.) Außer Zweifel steht jedoch Gelidors Überle- genheit als Waffenschmiede, besonders seit dem Nie- dergang der Amboßweiden (über den an anderer Stelle berichtet wird), und Samádrios war jahrhun- dertelang abhängig von diesen Waffen, um sich die Vorherrschaft über die Inseln des kolodrianischen Fortsatzes zu sichern. Außerdem ist Samádrios auch nicht der einzige Kunde Gelidors. Die Söldner dieser Insel sind die höchstbezahlten der ganzen Welt. Das, Geschick und die Kriegslust der Armee haben Geli- dor nicht nur zur Herrschaft über die Hälfte aller In- seln des großen und in seiner Beschaffenheit so un- terschiedlichen Ingenshaufens verholfen. Es hat auch dazu geführt, daß der Krieg zu einem der bedeutend- sten Exportgüter Gelidors wurde. Wenn es dem Hip- parchen von Gelidor nicht gelingt, wenigstens zwei Drittel der jährlich von der Militärakademie abge- henden Offiziere zu vermieten und auf die rund um den Globus verteilten blutigen Schlachten zu schik- ken, so läßt er seine so an Reichtum gewöhnte Insel – sehr zum Kummer der Bevölkerung – einer raschen Verringerung des Wohlstandes anheimfallen. Und aus diesem Grund kann man sich durchaus die Frage stellen: Wer trinkt mehr Blut – der Hipparch oder Königin Vulvula?,

DIE PERLEN DER VAMPIRKÖNIGIN

An Taramat Flinkfinger Sau-und-Ferkel-Herberge Karkhman-Ra Meine besten Grüße, o Prinz aller Schurken und Ha- lunken! Hochverehrtes Genie von einem Dieb, Vor- bild aller Verbrecher, Nabob der Lumpen – guten Morgen, guten Abend oder gute Nacht, was immer auch angemessen sein mag, wenn Dich diese Bot- schaft erreicht! Kannst Du erraten, wer Dich auf diese Weise grüßt? Na? Aber natürlich. Wer sonst als Dein flinker, dürrer und immer unerschrockener Nifft – der einzigartige Nifft mit dem messerscharfen Ver- stand! Sind es nun schon zwei Jahre her, seit wir uns zum letzten Mal begegnet sind? Ja, und sogar noch länger, bei der Schwarzen Spalte! Sicher hast Du mich bereits für tot gehalten – oder glaubtest, ich sei auf ähnliche Weise für immer verschwunden –, und ich versichere Dir, Taramat, damit hättest Du beinahe auch den Na- gel auf den Kopf getroffen: In Fregor Ingens konnten Barnar und ich einen großartigen Coup landen, und wir brauchten die ganzen sechsundzwanzig Monate dazu, um unsere Beute auf geradezu halsbrecherische Weise zu verprassen. Wenn wir beide gewöhnliche Reiche gewesen wären, hätte uns aufgrund der La- ster, derer wir frönten, bestimmt der Tod ereilt, bevor wir alles unter die Leute hätten bringen können., Ein Coup? In Fregor? Aber natürlich – Du weißt ja noch nichts davon! Wirklich dumm von mir ... Wür- dest Du Dich freuen, wenn ich Dir einen netten lan- gen Brief schriebe und Dir alles darüber erzählte? Es regnet hier in Chilia, wo wir gerade Barnars Familie besuchen. Ich habe jetzt eine Menge Zeit, und wir wollen hier noch eine Weile bleiben, so daß wir uns wahrscheinlich erst im späten Frühjahr wiedersehen werden. Also gut, dann sind wir uns einig. Und ich versichere Dir, es macht mir überhaupt keine Mühe: Ich mag es, vergangene Abenteuer noch einmal vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen, ganz besonders dann, wenn es sich um außergewöhnliche Unternehmen handelt. Bitte sorg dafür, daß auch El- len Errin diesen Brief zu Gesicht bekommt, wenn sie Dir zufällig über den Weg laufen sollte – Du weißt ja, wie sie in mich vernarrt ist und welchen Wert sie darauflegt, über mein Wohl und Wehe auf dem lau- fenden zu bleiben. Nun, es ging um Sumpfperlen, Taramat – fünfhun- dert Stück für jeden. Ja. Da kannst Du ruhig große Au- gen machen (wie ich es so gut von Dir kenne). Ich bin sicher, Du weißt genau, was sie wert sind, aber hast Du jemals eine mit eigenen Augen gesehen? Sie sind so schwarz wie Obsidian, weisen zwölf Facetten auf (die kleineren sechs) und sind so groß wie Dein Daumen. Ihr Anblick ist großartig und verwirrend – nicht mehr und nicht weniger, und Barnar und ich zweifelten nie daran, daß es, um in den Besitz solcher Kleinode zu gelangen, wert sei, den Zorn der Vam- pirkönigin auf sich zu ziehen. Wir wissen nun, daß die Taucher Königin Vulvulas jeweils zu dritt nach ihnen suchen – ein Perlenpflük-, ker und zwei Würger. Der Grund dafür besteht in ih- rer Achtsamkeit, nicht die Polypen umzubringen, die die Perlen tragen. Zwei kräftige Würger sind dazu fähig, die Tentakel des Kraken festzuhalten, dann kann der Pflücker die Perlen einsammeln, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Sie führen nur dann einen ernsthaften Angriff auf den Polypen aus, wenn sich ein Angehöriger der jeweiligen Dreiergruppe in einer lebensgefährlichen Tentakelumklammerung be- findet. Aber die Ablenkung durch Würger, die ein Perlenpflücker braucht, um seiner Aufgabe nachzu- gehen, kann auch von einem Mann allein bewerkstel- ligt werden – wenn der Betreffende stark genug ist, ohne große Umschweife den Würgeknoten des Kra- ken packt und mit dem Zudrücken den Tod des Po- lypen im Sinn hat. Man muß alles daransetzen, mög- lichst schnell zu sein und das Ungeheuer möglichst nicht zu töten, da die Bogenschützen in den oben wartenden Booten aufgrund der Kadaver leicht den Aufenthaltsort der unbefugten Perlenfischer ausma- chen können. Du weißt ja, wie kräftig Barnar ist. Ich war zuversichtlich, mit ihm als alleinigem Würger das Wagnis des Perlenpflückens zu überstehen, und er war ebenfalls zu dem Versuch bereit. Wir heuerten also als Kämpfer auf einem chilitischen Plänkler an, um auf diese Weise nach Keilbucht zu gelangen. Drei Tage verbrachten wir in Draar-Hafen und rüsteten uns unserem Unternehmen gemäß aus, dann mach- ten wir uns auf den Weg nach Süden. Mit guten Pferden braucht man nur etwa zehn Ta- ge, um die Domäne Vulvulas zu erreichen. Es war ei- ne unwegsame und öde Landschaft, durch die unsere Reise führte, aber acht Tage lang hatten wir Glück, und kamen gut voran. Wir befanden uns in den Salzmooren in der Nähe der Berge, die die Grenze zum Sumpfland darstellen, als wir von drei großen Salzkäfern angegriffen wurden. Zwar war Holz in dem Gebiet recht knapp, aber wir hatten unser Lager- feuer dennoch soweit geschürt, um die Finsternis der Nacht mit ein wenig Licht zu durchtränken, ohne daß wir bei unserer Gegenwehr völlig orientierungslos gewesen wären. Wir töteten die Käfer, aber zuvor fielen ihnen unsere Pferde zum Opfer. Und was noch schlimmer war: Ihr ätzendes Blut zerstörte unsere Speerschäfte. Wir hatten noch unsere Bögen und die Schwerter, aber wir hätten lieber auf sie als auf die Lanzen verzichtet, die in den Sümpfen die einzig wirklich nützlichen Waffen sind. Wenn man schwimmt, kann man mit einem Bogen nichts anfan- gen. Gegen Lauerer richten Pfeile nicht sonderlich viel aus, ebensowenig gegen Ghoule, deren Leiber bis auf wenige Stellen von einer ungeheuer zähen und dicken Haut geschützt sind. Und will man sich mit einem Schwert zur Wehr setzen, muß man viel näher an einen Lauerer oder Ghoul heran, als einem lieb ist. Das Morastland begann südlich der Salzzahnberge. Kaum hatten wir den oberen durch diese Gebirgs- kette führenden Paß erreicht, als unser Blick auf eine Wolkenebene fiel, die kein Ende zu nehmen schien. Die Berge bildeten eine Barriere, die von den Wolken nicht überwunden werden kann, und die sich im Sü- den anschließenden Ebenen sind schon seit Tausen- den von Jahren Regensümpfe. Als unser Weg an den südlichen Hängen des Ge- birges hinabführte, waren wir von dichtem Nebel- dunst umgeben. Doch als wir uns der Ebene näher-, ten, erreichten wir einen Bereich klarer Luft, der sich zwischen den Wolken und dem Sumpf erstreckte. In dem kühlen grauen Licht zwischen der Wolkendecke und dem wasserdurchtränkten Boden konnten wir viele Kilometer weit über den Morast und die mit dichten, struppigen Gewächsen überwucherten Sümpfe hinwegsehen, unter deren zäher Oberfläche sich die Objekte unseres frevelhaften Abenteurertums verbargen. Die Stege und Brücken aus trügerischem Schlamm bildeten ein den Morast durchziehendes, labyrinthenes Gewirr. Sie unterteilten die Wasserflä- chen, die aus der Ferne pechschwarz aussahen, in ein Schachbrettmuster aus einzelnen, unregelmäßig ge- formten Lagunen. Der Pflanzenwuchs auf den Trok- kenstegen war jedoch nicht so üppig, wie man viel- leicht hätte erwarten können. Er bestand hauptsäch- lich aus Sträuchern und Blumen. Große Bäume waren sehr selten. Diese Tatsache konfrontierte uns mit dem Problem geeigneter Verstecke. Es existierten nur we- nige die Sicht behindernde Boden- oder Gewächs- formationen, und ein Mann, der sich in einem Flach- boot aufrichtete, konnte problemlos und mit einem Blick ein Dutzend Lagunen sondieren. Als wir aber unmittelbar am Rande des Morastes standen und hier zögerten, bevor wir ins eigentliche Sumpfland stießen, schniefte Barnar leise und sagte dann: »Es hat diesen Geruch, Nifft. Hier könnte ein regelrechtes Vermögen auf uns warten.« Und damit hatte er zweifellos recht. Aber es war nicht nur der Geruch lockenden Reichtums, sondern auch der pe- netrante Gestank großer Gefahr. Ich betrachtete die niedrighängende, dichte Wolkendecke, die einen ebenso abgescheuerten und schmutzigen Eindruck, erweckte wie ein schmieriger Stallboden. Dann rich- tete ich den Blick auf die sich bis zum Horizont er- streckende Fläche aus brackigem Wasser. Und ich wußte, daß in den schlammigen Fluten ungeheure Reichtümer heranreiften – ein Vermögen, dessen Er- ringung mit so vielfältigen und unermeßlichen Ge- fahren verbunden war, daß seine Wächter längst da- von überzeugt waren, es könne ihnen niemals ge- raubt werden – nicht einmal von einem tüchtigen und fähigen Dieb. Das Wasser sah nur schmutzig aus. Als wir in die Fluten hineinglitten, machten wir die überraschende Entdeckung, bis zu den Füßen hinabblicken zu kön- nen – sogar bis zum Grund der meisten Lagunen, von denen keine, nicht einmal die größte, sonderlich tief war. Die Ursache dafür ist der Boden des Sumpflan- des. Wenn man hinabtaucht, eine Handvoll von dem Schlamm am Grund hervorholt und das Wasser her- auspreßt, merkt man, daß das Material so schwer wie Eisen ist. Und wenn man den Schlamm mit den Fü- ßen aufwühlt, kann man sehen, daß er sich rasch wieder setzt. Wie ich inzwischen in Erfahrung brachte, brauchen die Kraken diesen dichten und schweren Boden, damit ihre Perlen wachsen können. Als wir den Morast erreichten, war der Tag noch hell – soweit man das angesichts des matten Graus sagen konnte, das durch die Wolkendecke schimmerte –, und wir beeilten uns, die Sache in Angriff zu nehmen., Eine halbe Stunde brauchten wir, um alle Vorbe- reitungen abzuschließen, dann schwammen wir. Wir schoben unsere Vorrats- und Ausrüstungssäcke mit der einen Hand vor uns her, und in der anderen hielten wir das Schwert, wobei wir mit der Klinge nach unten zielten. Wir hatten Kork in die Taschen hineingestopft und sie in Ölzeug gewickelt, und die Schneiden der Schwerter hatten wir sorgfältig und dick mit Fett eingeschmiert. Die beste Möglichkeit, in der Region der Sümpfe zu überleben, besteht darin, sich in eine Wasserratte zu verwandeln, den ganzen Tag über in den dunklen Fluten zu verweilen und nur zum Schlafen auf einen Trockensteg zu kriechen. Zum einen hielt das die ans Wasser gewöhnten Refle- xe in ständiger Bereitschaft. Infolge der Transparenz wurden wir einige Sekunden vorher gewarnt, wenn uns ein Lauerer vom Lagunengrund entgegen- schnellte, aber wenn man ständig aus dem Wasser an Land kriecht und wieder zurück, bleibt dem Auge keine Zeit für eine umfassende Anpassung an die veränderten Umweltbedingungen, und dann ist man zu langsam, um auf solche Warnungen zu reagieren. Zum anderen waren alle Lagunen untereinander ver- bunden, und wenn man die labyrinthenen Wasser- wege durchschwamm, brauchte man nicht das Risiko einzugehen, eine Landbrücke zu überqueren und möglicherweise dabei gesehen zu werden. Der erste Polyp, den wir entdeckten, wuchs in ei- nem kleineren Tümpel. Er war so groß wie ein hoch- gewachsener Mann, und seine Tentakelspitzen ragten beinahe bis zur Wasseroberfläche empor. Weder Bar- nar noch ich wußte, ob wir es mit einem besonders großen oder nur durchschnittlichen Exemplar zu tun, hatten. Der Krake hätte einen prächtigen Eindruck auf uns gemacht, wie er dort in der Lagune schwamm, während seine blutrote Gummihaut zu lodern schien – hätten wir es nicht mit diesem Mon- strum aufnehmen müssen. Als wir in den Tümpel hineinschwammen, begannen die Tentakel des Poly- pen forschend hin und her zu tasten. Wir wahrten ei- nen respekterfüllten Abstand und tauchten, um ihn unter Wasser eingehender zu studieren. Am unteren Ende des Ankerstengels, direkt unterhalb der Aus- buchtung, aus der die Tentakelarme ragten, befand sich eine Ansammlung filigraner Membranen, die man »Würgeknoten« nennt – ein Name, der auf den diesem Körperteil von Menschen zugesprochenen Verwendungszweck zurückgeht. Auf der anderen Seite des Stengels machten wir auf gleicher Höhe zwei große Beulen aus – bestimmt die Perlenblasen, auf die wir es abgesehen hatten. Wir tauchten wieder auf. »Hol gut Luft, Würger vom Dienst«, riet ich meinem Gefährten. »Ich küm- mere mich in dem Augenblick um die Blasen, in dem du den Knoten packst und mir die Tentakel vom Leib hältst. Atme tief durch.« Barnar nickte und befestigte das Schwert an seinem schwimmenden Ausrüstungsbeutel. Ich hielt meins noch immer in der Hand, um angreifenden Lauerern gegenüber bewaffnet zu sein, aber Barnar mußte bei- de Hände frei haben. Er atmete abwechselnd aus und holte dann wieder tief Luft, wobei er mit jedem Rhythmus einen größer werdenden Sauerstoffvorrat anlegte. Ich folgte seinem Beispiel. Mit einem kurzen Nicken bekundeten wir unsere Bereitschaft, und dann ging es hinab., Wir schwammen auf den Polypen zu und trennten uns, um das Geschöpf von zwei Seiten aus zu attak- kieren. Ich mußte mich so lange zurückhalten, bis Barnar alle Tentakel herabgezerrt hatte, und ich sah zu, wie er ganz dicht am Grund des Tümpels an den Kraken heranschwamm und dann den Würgeknoten packte. Im gleichen Augenblick bewegten sich alle blutroten Pseudopodien in einem zuckenden Reflex und schnappten nach ihm – schneller, als sich nach meiner bis dahin sicheren Überzeugung irgend etwas unter Wasser zu bewegen vermochte. Ich duckte mich wie ein Busch unter einer jähen Sturmbö, und dann hatte das Biest Barnar so plötzlich an Nacken, Bauch und Bein gepackt, daß er den Würgeknoten nur noch mit einer Hand bearbeiten konnte und die andere dazu einsetzen mußte, den mörderischen Druck auf seinen Hals zu lindern. Ich griff an. Ich berührte das Geschöpf nur kurz, aber dieser kurze Kontakt jagte mir dennoch einen kalten Schauer über den Rücken: Das Monstrum fühlte sich an wie ein Felsblock, der lebt und sich be- wegen kann. Es ist in erster Linie die Festigkeit des Leibes, die es einem so schwermacht, denn die Haut kann von keiner noch so scharfen Waffe aufgeschlitzt oder gar durchstoßen werden. Ich preßte beide Seiten der einen Blase zusammen, und die Perle glitt mir entgegen, wie ein aus einer reifen Frucht gequetschtes Samenkorn. Ich wollte das kostbare Kleinod festhal- ten, aber es rutschte mir immer wieder aus den Hän- den. Dann traf mich etwas wie ein Hammerschlag genau zwischen den Schultern. Ich brachte es fertig, die erbeutete Perle doch noch zu fassen, kraulte mit aller Kraft durch den Schlamm am Grund des Tüm-, pels und steckte zwei weitere Hiebe ein, die mir alle Knochen im Leib zu zerschmettern schienen. Dann war ich außer Reichweite des Polypen, tauchte auf und schnappte gierig nach Luft. Barnar war noch immer unten – ein dunkler Sche- men im Schlamm, auf den die roten Tentakel mit der Wucht von Dreschflegeln einschlugen. Ich verstaute die Perle, holte Luft und tauchte wieder hinab. Der Kampf zwischen Barnar und dem Polypen hatte zu einem Patt geführt: Mein Gefährte hatte den Würge- knoten mit einer Hand umklammert, und damit hielt er gerade so viele Tentakel von sich ab, daß er den Attacken der restlichen Pseudopodien wenige Au- genblicke lang standhalten konnte. Während ich oben gewesen war, hatte er mit der einen Hand einen Salz- brocken gepackt – er war so groß wie eine Wegmarke –, und damit hieb er auf den Polypen ein. Aber seine Lungen mußten jetzt kurz vorm Platzen sein, wäh- rend die Kraft des Kraken in keiner Weise nachließ. Ich schwamm rasch an seine Seite und umklammerte ebenfalls den Würgeknoten. Damit setzten wir dem Polypen so sehr zu, daß er die restlichen Tentakel von meinem Gefährten löste. Sofort wandten wir uns zur Flucht. Irgend etwas peitschte mir durchs Gesicht und riß mir ganze Hautfladen ab, dann waren wir in Sicherheit. Barnar prustete wie ein Wal, als er die Wasseroberfläche durchstieß. Erschöpft schwammen wir auf einen Moraststeg zu und krochen halb aus dem Tümpel heraus. Ich zeigte Barnar die Perle. Sein Gesicht wies zwei üble Wunden auf – Abschürfun- gen, wie sie durch Einwirkung eines Steins entstehen. Meine linke Wange war nur noch eine blutige Masse. Siehst du die Narben hier?, »Tja«, meinte Barnar. »Ein hoher Lohn für harte Arbeit.« »In der Tat«, bestätigte ich. »Aber wie dem auch sei, mein Freund: Dies könnte durchaus die be- schwerlichste Arbeit meines ganzen Lebens gewesen sein.« Und dann hörten wir, wie sich etwas bewegte. Es war ein gedämpftes und undeutliches Geräusch, aber das, was es verursachte, konnte nur eine oder zwei Lagunen von uns entfernt sein. Wir zogen die Schwerter und schoben unsere Ausrüstungsbündel in den angrenzenden Tümpel hinein. Auf dem nächsten Trockensteg bewegten sich einige Büsche. Und aus der sich daran anschließenden Lagune ertönten die leisen Geräusche eines Kampfes – rauschendes Was- ser und das Stöhnen und Keuchen eines Menschen. Wir schwammen auf die nächste Morastbrücke zu und spähten darüber hinweg. Ein kleinerer Mann kraulte im Wasser hin und her und stieß immer wie- der eine Lanze in die Tiefe der Lagune hinab. Wäh- rend wir zusahen, beruhigte er sich zusehends und setzte seinen Speer methodischer und gezielter ein. Um ihn herum trübte sich das Wasser mit einer dik- keren und grünlichen Flüssigkeit, und es blubberte und schäumte, als auch Luftblasen emporstiegen. Ich gewann allmählich den Eindruck, den Mann zu kennen. Er drehte die Lanze um und stieß mit dem stumpfen Ende etwas weiter in die Tiefe hinab. Sein Kopf war besudelt vom Blut seines Gegners und schimmerte grün. Kurz darauf fluchte er, spuckte aus und schwamm auf einen Trockensteg zu, wo einige Bündel im Morast lagen und an den Zweigen eines Busches ein Schwert befestigt war. Ich erinnerte mich plötzlich, ihn während des Marktes in Shapur gese-, hen zu haben, jenem Ort, wo ich zum erstenmal von den Perlensümpfen hörte. Er hatte sich in dem klei- nen Zimmer aufgehalten, in dem sich Freunde und Bekannte von mir über Fragen eines Raubzuges be- rieten. Wenn man sich seine achtlos auf den Trocken- steg geworfene Ausrüstung ansah, schien er keine tiefgehende Lehren aus dem damaligen Gespräch ge- zogen zu haben. Wenn man seine Sachen derart offen liegenließ, war das ein nicht zu übersehendes Signal für jeden Bogenschützen in einem Flachboot, und es ließ einen eindeutigen Rückschluß zu, daß man in unmittelbarer Nähe weilte. Dann konnte es nicht mehr lange dauern, bis man von den Perlenhütern aufgestöbert wurde, auch wenn man es zunächst fer- tigbrachte, sich weiter zu verbergen. Und was insbe- sondere das Schwert anging: Selbst im trüben Licht des Sumpflandes stellte die Klinge aus ziselierter Bronze kaum weniger dar als ein weithin sichtbar flatterndes Banner. »Ich glaube, ich kenne ihn«, erklärte ich Barnar. »Am besten tun wir uns mit ihm zusammen, was meinst du? Zu dritt fällt uns die Arbeit leichter, und wenn wir ihn nicht auf seinen Unverstand hinweisen, lockt er noch Patrouillen in dieses Gebiet.« »In Ordnung«, erwiderte mein Gefährte. »Aber bis er sich nicht besser macht, bekommt er nur ein Viertel der Beute. Ganz offensichtlich ist er ein blutiger An- fänger. Und ich glaube, er hat gerade seinen Partner verloren.« Das war tatsächlich der Fall, wie uns kurz darauf klar wurde, als wir in seinen Tümpel hinein- schwammen. Mit einigen Gesten bedeuteten wir ihm, in friedlicher Absicht zu kommen. Er zielte mit der, Spitze der Lanze auf uns und wartete wachsam. Dann hatten wir nur noch Augen für das, was sich unter- halb der Wasseroberfläche befand. Zunächst erkannten wir, daß es sich bei unserem Polypen um ein recht kleines Exemplar gehandelt hatte. Dieser Tümpel wurde von einem Perlenkraken bewohnt, der fast drei Meter groß war. In seinen seh- nigen Tentakeln lag ein zweiter Mann, der ein ganzes Stück größer war als der, der den Kampf überlebt hatte. Aber der Tod dieses Mannes ging nicht auf das Konto des Polypen – und ganz offenkundig trug auch nicht die Unerfahrenheit seines Partners die Schuld daran. Das Debakel war allein auf Pech zurückzufüh- ren. Am Grunde der Lagune erblickten wir einen Lauerer von der eindrucksvollen Größe eines Bullen- beißers. Die Fangzähne hatten sich tief in ein Bein des Toten gegraben, und der flache, mit vielen Augenrin- gen versehene Schädel war zerschmettert und hatte das grüne Blut verströmt, von dem das Wasser des Tümpels verfärbt war. Lauerer haben erhebliche Ähnlichkeit mit Spinnen, abgesehen vom Hinterleib, der nicht wie ein dicker Sack geformt ist – er ist viel- mehr gepanzert und wie der Körper einer Küchen- schabe mit Ringschuppen versehen. Das Gift eines Lauerers läßt einen Menschen gut auf seine andert- halbfache Größe anschwellen. Aber selbst wenn man diesen Umstand berücksichtigte, so mußte die bleiche Wurst des Toten dort zu Lebzeiten von solchen Aus- maßen gewesen sein, daß Barnar daneben einen ganz gewöhnlichen Eindruck machte. Von den drei Geschöpfen im Tümpel lebte nur noch der Polyp, und als wir an ihm vorbeischwam- men, brachten wir noch etwas anderes über die Per-, lenkraken in Erfahrung: Im Gewirr ihrer Tentakel be- finden sich auch einige Mundöffnungen, und wenn sie einen ausreichend trägen Körper gepackt haben, verschlingen sie ihn mit abscheulicher Langsamkeit. Der Polyp hatte einen Arm des Toten mit seinen Pseudopodien umklammert und nagte sich mit einer an den Nerven zerrenden Gelassenheit und mit scha- benden, knackenden und saugenden Geräuschen durch das Fleisch seiner Beute. Der Name des kleinen Mannes lautete Kerkin. Er entsann sich an unsere Besprechung, und mit ange- messener Bescheidenheit möchte ich an dieser Stelle bemerken, daß er meinen Namen kannte, ohne daß ich mich ihm extra hätte vorstellen müssen. Er war nicht weniger als wir beeindruckt von der Schwierig- keit, die das Perlenpflücken mit sich brachte, und wir kamen rasch zu einer Übereinkunft, mit der wir zu Partnern wurden. Kerkins Hoffnungen auf Reichtum wären ohne unsere Hilfe ihrer Grundlage beraubt gewesen, und so erklärte er sich betont demütig mit einem Anteil von fünfundzwanzig Prozent an unse- rer Beute einverstanden. Wir gaben ihm etwas Kork und gingen ihm dabei zur Hand, seine Ausrüstung in Ordnung zu bringen. »Seht dort!« rief er. Der große Polyp begann, mit seinen Tentakelarmen wild um sich zu schlagen. Zu Anfang hatte sein Leib in einem mehr ins Purpurne gehenden Rot geschimmert – wir erfuhren später, daß dies im allgemeinen die Farbe der größeren Exempla- re darstellte. Jetzt aber war der Perlenkrake erstaun- lich bleich, fast weiß, und seinem rhythmischen Zu- sammenkrümmen haftete etwas Hilfloses und Ver- zweifeltes an. Wir gewannen den Eindruck, als erlitte, das Geschöpf starke Schmerzen. Kurz darauf ver- langsamten sich die zitternden Bewegungen und hörten ganz auf. »Das Gift des Lauerers!« sagte Barnar. Und damit traf er natürlich den Nagel auf den Kopf. Der zähe und harte Leib des Polypen hätte jedem noch so hef- tigen Angriff auch des größten Lauerers standgehal- ten. Doch das Gift hatte einen viel einfacheren Weg gefunden, in den Körper des Kraken einzudringen: zusammen mit der versuchten Mahlzeit. Der Polyp wies vier Blasen auf. In drei von ihnen befanden sich voll ausgebildete Perlen, die vierte beinhaltete eine kleinere. Eine Zeitlang verfügten wir über ein bestens geeig- netes Erntewerkzeug. Wir schleppten die Leiche von Kerkins Partner (man hatte ihn Krampe genannt) noch in einige weitere Lagunen. Wir stellten fest, daß jeder Polyp – wenn man seinen Würgeknoten nur stark genug reizte – alles angriff, was sich in seiner Nähe bewegte, und er verschmähte auch nicht den Toten, den wir in seine Pseudopodien bugsierten. Auf diese Art und Weise erbeuteten wir mehr als ein Dut- zend Perlen, und dann begann Krampe allmählich Schaden zu nehmen. Die Leiche löste sich nicht etwa aufgrund des Krakengenages auf, sondern infolge des Lauerergifts. Mit einer erschreckenden Plötzlichkeit splitterten die Knochen und zersetzte sich die Haut, woraufhin sich das Tümpelwasser mit faserigen Wol- ken verfaulenden Fleisches trübte. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich die ganze Lagune in eine abscheuliche Brühe, aus der wir mit überstürzter Hast hervorkrochen, auf daß unsere Gesichter nicht von dem giftdurchtränkten Naß benetzt wurden., Zwei kleine dort wachsende Polypen gingen daran zugrunde, aber wir tauchten nicht hinab, um uns in den Besitz ihrer Perlen zu bringen. Dadurch sahen wir uns wieder mit der Notwen- digkeit wirklich harter Arbeit konfrontiert. Während das Ernten der Perlen so einfach gewesen war, hatte Kerkin begonnen, zu klagen und sich bei uns zu be- schweren: Immerhin habe es sich bei Krampe um sei- nen Partner gehandelt, und deshalb sei es nur ange- messen, wenn er ein Drittel der Beute erhielte. Als das Risiko nun wieder erheblich größer wurde, ließ er dieses Thema rasch fallen. In der gleichen Zeit, in der wir zuvor das erste Dutzend Perlen geerntet hatten, gewannen wir nur drei weitere hinzu. Als der Abend dämmerte, kletterten wir auf einen breiten Trocken- steg und waren viel zu müde, um etwas von dem Dörrfleisch in unseren Vorratsbeuteln zu essen. Wir verkrochen uns in die Büsche und blieben dort wie tot liegen – das heißt, bei Barnar und mir war das der Fall. Kerkin übernahm die erste Wache, und die Auf- regung über den Reichtum, den er bereits angesam- melt hatte, machte es ihm ohnehin unmöglich, Ruhe zu finden und zu schlafen. Er wollte es nicht einmal zulassen, daß ich die Augen schloß. Seine so offen- sichtliche Begeisterung verriet, wie sehr er noch Amateur war, aber ich konnte nicht anders, als ihm dennoch mit einem gewissen Wohlwollen zu begeg- nen: Er war wie ein etwas törichteres Ebenbild meiner selbst in seinem Alter. Also unterhielt ich mich eine Zeitlang mit ihm. »Nicht ein einziges Flachboot haben wir den gan- zen Tag über gesehen«, jauchzte er. »Ach, Nifft, es wissen nur so wenige Leute, wie leicht es in dieser, Jahreszeit ist, hier Perlen zu erbeuten. Wäre es allge- mein bekannt, würden sich im Herbst ganze Heer- scharen auf den Weg machen, um hier ihr Glück zu suchen, und das wiederum könnte der Aufmerksam- keit der Perlenwächter nicht entgehen, was das Ende bequemer Ernteunternehmen bedeutete. Aber wir sind hier, und wir sind reich, und das ist wirklich ei- ne großartige Sache!« »Du sagtest, es sei das Fest des Jahreskönigs, das die Perlenhüter ablenkt«, erwiderte ich. »Was hat es damit auf sich, Freund Kerkin?« Kerkin war ganz versessen, darüber zu sprechen. Was die Regierungsgeschäfte der Vampirkönigin an- ging, so war sein Wissen weitaus umfangreicher als das unsere, und jeder mag es, sich auf einem be- stimmten Gebiet als Experte hervorzutun. »Dem Fest liegt die sogenannte Vergöttlichung des Jahreskönigs zugrunde. Das bedeutet folgendes: An- geblich beendet die Königin seine jährliche Herr- schaft, indem sie ihn unsterblich macht.« Er hielt kurz inne und kicherte, und ich ging auf ihn ein und frag- te: »Und wie bringt sie das zustande?« »Wie wohl? Vor den Augen des versammelten Volkes saugt sie ihm alles Blut aus dem Leib. Sie geht sehr gründlich dabei vor, denn sie braucht restlos al- les. Wenn sie auch nur einen einzigen Blutstropfen zurückläßt, ist der Zauber der Zeremonie unvollstän- dig, und dann mag es geschehen, daß die Magie der Entleerung versagt.« »Und worin besteht diese Magie für sie, Kerkin?« »Sie verjüngt den Körper der Vampirkönigin um ein ganzes Jahr! Aber natürlich ist diesem Vorgang, wie allem großen Zauber eine schreckliche Strafe für eine nicht vollständige Ausführung zu eigen. Es be- ginnt mit der heiligen Nacht: Mit jeder folgenden Nacht, in der sie nicht das Blut des Jahreskönigs trinkt, altert sie um ein ganzes Jahr. Und diese Alte- rung kann auch dann nicht mehr rückgängig gemacht werden, wenn sie den Zeremonienzauber anschlie- ßend doch noch erfüllt. Dann nämlich setzt das Blut des Jahreskönigs dem Alterungsprozeß nur im au- genblicklichen Stadium ein Ende. Weißt du, wenn sie einen Monat zu spät dran ist, wäre sie danach eine Greisin; und sie bliebe selbst dann eine Greisin, wenn sie schließlich doch noch das Blut des Königs tränke.« Kerkin stellte eine unerschöpfliche Informations- quelle dar, und ich ermutigte ihn dazu, weiterhin zu sprudeln: Es ist schließlich in keiner Weise verwerf- lich, soviel Wissen wie möglich anzusammeln, wenn es einem freimütig angeboten wird. Der Appetit der Königin war nicht allein auf das sich jährlich wieder- holende Fest beschränkt, obgleich sie dabei ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigte. Dann und wann labte sie sich auch bei anderen Gelegenheiten – wobei sie darauf achtete, fatale Folgen möglichst aus- zuschließen, um die Toleranz ihrer Untertanen nicht über Gebühr zu strapazieren. Die Bewohner des Sumpflandes akzeptierten sie nun schon seit über dreihundert Jahren als Herrscherin, denn sie hatte die notwendigen magischen Anstrengungen unternom- men, um die Ghoule zu vertreiben, mit denen das Sumpfvolk seit Urzeiten eine erbitterte Auseinander- setzung führte. Kerkin wurde im Verlauf seiner Erzählung immer übermütiger. Er schlug vor, wir sollten einen Ghoul, umbringen oder den toten Lauerer nehmen und da- mit Vulvulas Palast einen Besuch abstatten, um die von ihr angebotene Belohnung in Empfang zu neh- men. Die große Pyramide im Herzen der Sümpfe würde zu diesem Zeitpunkt von Festbesuchern nur so wimmeln. Man stelle sich nur jenes großartige Schauspiel vor – und man denke nur an den Spaß, das Fest zu besuchen und unter dem Wams ein Ver- mögen an erbeuteten Perlen bei sich zu tragen! Viel- leicht konnten wir sogar einen Blick auf den zum To- de verurteilten Jahreskönig erhaschen, der in seinem Schicksalskerker die »Vergöttlichung« erwartete, denn gegen ein kleines Schmiergeld ließen sich die Wächter für gewöhnlich dazu herab, ihre Aufmerk- samkeit für einige Augenblicke von ihm abzuwenden – das war schon fast Tradition. Kerkin plapperte im- mer weiter und beschrieb das labyrinthene Innere von Vulvulas Palast so, als sei er dort aufgewachsen. Leider überlebte der arme Kerkin nicht einmal bis zum Nachmittag des folgenden Tages. Er fiel hinter uns zurück, als wir den zweiten Polypen jenes Ern- tetages suchten. Der erste hatte uns den ganzen Mor- gen über beschäftigt, uns fast zu Tode erschöpft und schließlich nur eine kleine Perle preisgegeben. Kerkin verfügte nicht über unsere Ausdauer und schwamm in benommener Trance hinter uns her. Als er uns aus den Augen verlor, geriet er in einen Seitenkanal und ließ sich irrtümlicherweise in einen Tümpel treiben, von dem er annahm, wir hätten ihn bereits vor ihm durchquert. Als er mit wirbelnden Armen und Beinen Wasser emporspritzten ließ, wurden wir aufmerksam und kehrten zurück. Wir waren wie gelähmt, als wir sahen, was sich in der Lagune abspielte. Kerkin war, in einen recht tiefen Tümpel geraten, in dem ein sehr alter Polyp wuchs: Die Perlenkrake war so groß, daß sich mir bei ihrem Anblick unwillkürlich die Nacken- haare sträubten: Vom Ankerstengel bis zu den Spit- zen der Pseudopodien maß sie mindestens fünf Me- ter. Dieser Polyp hatte ganz offensichtlich nicht erst einen Angriff abgewartet, sondern Kerkins das Was- ser durchteilende Beine mit Tentakeln gepackt, die dicker waren als sein Leib. Wir erreichten die betref- fende Lagune, als unser Partner gerade unter Wasser gezerrt wurde. Die Perlenkrake schlang zwei mächti- ge Pseudopodien um den Schädel des Unglücklichen und drückte kräftig zu. Kerkins Körper krampfte sich plötzlich zusammen, als fahre ein Blitzschlag durch ihn hindurch. Dann hing er schlaff und reglos im Tentakelgriff des rie- senhaften Wesens. Unmittelbar darauf begann der Polyp damit, sich mahlend, knirschend und knak- kend an dem Opfer zu laben, und binnen weniger uns Übelkeit bereitender Sekunden wurde der bleiche Knochen eines Arms entblößt. Wir unternahmen nicht einmal den Versuch, die Perlen dieses Polypen zu erbeuten. Wir schwammen auf einen morastigen Trockensteg und krochen auf den Schlick. Unsere Stimmung war so düster wie ein Winter im Norden. Jetzt waren die Erntearbeiten wieder weitaus schwieriger für uns, und inzwischen hatten wir das volle Ausmaß an Gefahren und möglichen Zwischen- fällen begreifen gelernt, die einem Mann hier von ei- nem Augenblick zum anderen ins Totenreich schik- ken konnten. Ein weiteres Mal zählten wir unsere bis dahin erbeuteten Perlen. Wir hatten genug, um von dem Erlös ein Jahr lang ein ausschweifendes Leben, zu führen – genug, um damit teure Magie von den besten Zauberern zu kaufen, genug, um damit gewis- se Zeit die Gunst der talentiertesten Freudendamen zu mieten. Aber um uns herum lockte noch so viel mehr. Du kennst dieses Gefühl sicher, Taramat. Ich war schon einmal davon überwältigt worden. Ich hatte damals gerade den Grafen von Manxlaw be- raubt, und es war mitten in der Nacht, als ich mich aufmachte, seine Villa zu verlassen, und dabei durch das Serail schlich. Ein außergewöhnlich liebreizendes Geschöpf hinderte mich an der Verwirklichung mei- ner Absicht. Der Erfolg des Beutezuges hatte meine Stimmung entsprechend gehoben und mich ein we- nig sorglos gemacht, und deshalb war ich ihr dien- lich, gewiß nicht ohne einen Funken von Eigennutz. Kaum jedoch erhob ich mich wieder von ihrem Lager, war bereits ein halbes Dutzend anderer Mädchen er- wacht, und ihr verlangendes Flüstern ließ mein Tem- perament hoch emporgischten. Ich war zutiefst be- wegt. Ich fühlte mich erfüllt von dem begehrlichen Wunsch, noch etwas länger zu bleiben, und ich spürte, daß ich die Kraft hatte, ihnen allen zu Dien- sten zu sein. Andererseits aber befand sich in meiner Tasche der Schatz eines Königs, und so machte ich mich auf den Weg und hatte dabei das Gefühl, mein Herz müsse zerbrechen. In diesem Falle aber war es noch weitaus schlim- mer. Vom Gewicht her sind Perlen viel mehr wert als Gold – aus diesem Grund ist ein Vermögen in jener schwarzen Pracht von einem flinken und behenden Mann auch so leicht mit sich zu tragen! Und dennoch: Wir starrten zu den düsteren Wolken empor, und je- der von uns wartete darauf, daß der andere als erster, den Vorschlag machte, sich mit dem zufriedenzuge- ben, was wir bereits in unseren Besitz gebracht hat- ten. »Tja«, seufzte ich, nur um das Schweigen zu bre- chen. »Wir müssen der Königin dafür dankbar sein, daß sie dieses Gebiet so sicher gemacht hat, wie es nun ist. Stell dir nur einmal vor, wir hätten es hier auch mit Ghoulen zu tun!« »Ghoule atmen wenigstens Luft und haben Körper aus Fleisch und Blut«, knurrte Barnar. »Es sind nicht solche scheußlichen und sich halb im Schlamm ver- bergende Geschöpfe. Polypen, Lauerer – pa!« Bei die- sen Worten konzentrierte sich meine Aufmerksam- keit nur zum Teil auf ihn, denn im gleichen Augen- blick entwickelte mein Bewußtsein einen Plan. Und es war ein so unglaublich prächtiger und schlauer Plan, daß ich beinah Ehrfurcht meiner eigenen Genialität gegenüber empfand. »Bei der schwarzen Spalte«, brachte ich leise und gepreßt hervor. »Barnar: Ich habe eine Idee, die uns einen schier unvorstellbaren Reichtum bescheren wird. Wir müssen uns den Kadaver des Lauerers ho- len, den Kerkin tötete, und wir müssen auch einen Ghoul umbringen. Dann bringen wir die Überbleibsel beider Geschöpfe zur Pyramide der Königin, recht- zeitig genug, um noch vor der Vergöttlichung des Jahreskönigs dort einzutreffen. Kerkin erzählte mir, es sei in fünf Tagen soweit. Wir könnten zwei Tage vorher da sein, und das reicht völlig aus!«, Du kannst mir noch so sehr zusetzen und auf mich einreden: Ich vermag dennoch nicht zu sagen, was schlimmer ist – mit einem über zwei Meter langen Speer einen Lauerer in einem Lagunentümpel zu tö- ten, oder in den Schwarzen Bergen westlich der Sümpfe einen Ghoul zu jagen. Wir mußten beides in Angriff nehmen. Du wirst dich jetzt vielleicht voller Erstaunen fra- gen, ob wir nicht fähig waren, zur Lagune zurückzu- finden. Oh, das fiel uns nicht sonderlich schwer. Un- ser Polyp dort war inzwischen ganz schwarz gewor- den, und die Hälfte der Tentakel waren von ihm ab- gefallen. Auch der Lauerer befand sich noch dort. Unglücklicherweise aber war sein ganzer Hinterleib weggefressen. Immerhin blieb uns die Mühe erspart, nach einem anderen Lauerer Ausschau zu halten, denn es war ein anderer, der sich über den Kadaver des ersten hergemacht hatte, und er hielt sich noch immer in dem betreffenden Tümpel auf. Ich hoffe in- ständig, das Schicksal beschert mir nie wieder einen solchen Anblick: Das Untier war so schwarz wie der Schlick, und es schien mit seiner enormen Größe die Hälfte der Lagune auszufüllen. Ich schwamm Barnar voraus, weil ich den Speer besser zu handhaben weiß, und das Monstrum ließ augenblicklich von seiner Mahlzeit ab und wandte sich mir zu. Was die Lanze anging, war es wirklich ein Glücks- fall, auf Kerkin gestoßen und durch diese Begegnung überhaupt in den Besitz einer solchen Waffe gelangt zu sein. Aber um einer besseren Verwendbarkeit des, Speers willen hätte man einen halben Meter vom Schaft absägen und das ganze Ding neu ausbalancie- ren sollen. Angesichts der recht zähen Widerstands- kraft des Wassers war er mehr als nur unhandlich. Wenn ich nicht mit der Spitze der Lanze nach unten gezielt hätte – obgleich dadurch meine Schwimmge- schwindigkeit erheblich reduziert wurde –, wäre ich sofort ums Leben gekommen. Die Fänge des Lauerers waren so lang wie meine Unterarme, und bevor ich überhaupt zu reagieren vermochte, waren sie meinen Oberschenkeln so nahe, daß ich die dornigen Haare zählen konnte, mit denen sie bedeckt wurden. Mir blieb gerade noch Zeit genug, die Arme zu heben – und durch seine eigene Bewegung trieb sich der Lauerer die scharfe Spitze der Lanze selbst in den fla- chen Teil seines Körpers, und dadurch wurden fast alle seiner schwarzen Knopfaugen ausgestochen. Ich klammerte mich mit aller Kraft an dem Schaft des Speers fest, wie eine von Sturmböen gebeutelte Amei- se an einem Grashalm, und die Wucht der riesigen Höllenspinne warf mich fast ganz aus dem Wasser heraus, so daß ich einen Augenblick lang auf dem Rücken des Ungeheuers stand. Es kann sich als recht nützlich erweisen, daß alle harten Körperteile eines Lauerers außen liegen – die- se festen Bestandteile sind nicht sonderlich schwer. Das Innere eines solchen Monstrums besteht aus ei- ner gallertartigen Masse, und wenn man sie auslau- fen läßt, bleibt durch den festen Außenpanzer ihre ursprüngliche Körperform auf perfekte Weise erhal- ten, dann sind sie so leicht wie ein Ballen Stroh. In diesem Fall war der Lauerer so groß wie ein Pferd, doch als wir die Körperflüssigkeit aus ihm herausrin-, nen ließen, konnten wir dadurch sein Gewicht auf die Hälfte reduzieren. Wir wrangen auch die Giftbeutel aus – und dort, wo die Flüssigkeit den Boden des Trockenstegs benetzte, liefen die Sträucher vor unse- ren Augen gelb an und gingen binnen weniger Mo- mente ein. Wir trugen den Kadaver aus der Region der Sümp- fe heraus bis in die Vorberge des Höhenzuges, über den wir tags zuvor diese Region erreicht hatten. An- schließend sammelten wir genügend trockenes Holz, um in einem ehemaligen Flußbett ein Feuer anzu- zünden. Wir schnitten dem toten Lauerer den Bauch auf, schoben glühende Kohlen und erhitzte Steine hinein und machten kurz darauf die Feststellung, daß auf diese Weise auch die restlichen Innereien verflüs- sigt und herausgetropft werden konnten. Den Rest des Tages waren wir damit beschäftigt, schließlich war der Kadaver ausgehöhlt und bestand nur noch aus einer festen Hülle – ein Panzer aus einzelnen und flexiblen Schuppen, der zu eindrucksvoll wirkte, um zu offenbaren, daß er nun nichts mehr schützte. Das ganze Ding war daraufhin nicht schwerer als ein leichter Mann, jedoch recht sperrig. Wir spießten die Hülle mit der Lanze auf und trugen sie gleich einem stolzen Beutetier. Die ganze Nacht über wanderten wir den Bergen im Westen entgegen. Als der Morgen dämmerte, hatten wir unser Ziel erreicht. In diese Region hatten sich die Ghoule zu- rückgezogen: Sie hielten sich in der Nähe des Sum- pflandes, gerade außerhalb des Einflußbereiches von Vulvulas Zauberei. Wir verbargen den Lauerer in ei- nem Graben und bedeckten ihn mit Steinen – auch wenn nur ein Lauerer Appetit auf einen anderen Laue-, rer verspürt und sie das Wasser nur selten verlassen. Ganz in der Nähe fanden wir einen Schlafplatz, und wir versteckten uns ebenfalls, obgleich Ghoule tags- über nur in den seltensten Fällen unterwegs sind. Nur in der Nacht machen sie sich zur Jagd auf, und wir schliefen, bis der Abend dämmerte – denn die Dun- kelheit ist auch die Zeit, in der man sie jagen muß. Diese Geschöpfe kann man nur dadurch erlegen, indem man ihnen einen Speer durch das sehr schmale Brustbein stößt, und die nach hinten einknickenden Beine verleihen den Monstren die Schnelligkeit und Springkraft von Hasen. Taramat, Du kennst mich als einen Mann, der keinen Speerwurf-Wettstreit meidet und recht sicher ist, als Sieger daraus hervorzugehen. Aber im Falle der Ghoule lege ich Wert darauf, zu- nächst das Ziel gut anvisieren zu können und die Chance zu haben, den Speer zu werfen, bevor das Ziel meine Anwesenheit bemerkt. Wir versuchten es mit einer außergewöhnlichen Technik. Es war Barnars Idee, und ich muß zugeben, sie war nicht ohne Verstand. Er gründete seinen Plan auf die weithin bekannte charakteristische Melancho- lie der Ghoule. Häufig begehen sie Selbstmord, in- dem sie sich gegen die Barriere Vulvulas werfen. Es heißt, hier und dort kann man auf sie stoßen, wie sie mitten in der Luft hängen, gefangen in dem unsicht- baren magischen Gespinst, das Vulvula gewoben hat, und auf ihren Kadavern wimmelt es dann von blauen Würmern, die der Zauberspruch der Königin in ihnen wachsen ließ. Barnar führte aus, aufgrund dieser traurigen Grundstimmung würde ein Ghoul einem Mann Glauben schenken, der vorgab, auf diese Weise in den Tod zu gehen., Wir entdeckten unseren Ghoul aufgrund des Scheins seines Kochfeuers weit oben in den Bergen. Wir hielten uns noch eine Weile in den Felsen ver- borgen und nutzten diese Zeit, um das Geschöpf ein- gehend zu studieren. Am Spieß über dem Feuer brieten Bein und Hüftpartie eines Menschen: Die Haut löste sich in kleinen Aschewolken, und das feste Muskelfleisch war ganz angeschwollen durch die brodelnden Säfte. Die übrigen Teile des Opfers lagen auf der einen Seite der Feuerstelle, und Gliedmaßen und Kopf waren wie bei einem gerupften Huhn vom Torso gerissen. (Ghoule benutzen weder Messer noch scharfkantige Steine.) Die großen Hände, die die Mahlzeit auf diese Weise zerlegt hatten, waren von schwarzem Blut verkrustet. Nehmen wir als Beispiel unseren gemeinsamen Freund Grimmlat. Laß seine Arme so lang, wie sie sind, aber stell Dir vor, die Hände befänden sich in der Mitte des Unterarms – und dann pack alle Mus- keln in den so verkürzten Arm. Mal Dir in deiner Phantasie die Füße von einer ähnlichen Beschaffen- heit aus, mit Zehen wie Fingern, und nimm an, die Beine beugten sich nicht nach vorn, sondern nach hinten. Verdoppele die Größe seiner roten Augen, verbreitere den Kiefer um einige Zentimeter und gib ihm spitze Zähne, die so lang sind wie Dein Daumen – dann hast Du einen Ghoul. Ich duckte mich tiefer in den Schatten zwischen den Felsen. Barnar seufzte tief und rief: »Gruß dir! Bist du ein Ghoul?« Geräuschvoll wankte er auf den Lagerplatz des Ungeheuers, und sein lärmendes Auftreten machte es mir möglich, die Position in der gewünschten Weise zu wechseln. Der Ghoul sprang, auf, als er Barnar entdeckte. »Darf ich mich setzen, Freund Ghoul?« fragte mein Gefährte. »Ich möchte dich um den Gefallen bitten, mir das Leben zu nehmen.« Trotz seines überaus scheußlichen und abstoßen- den Erscheinungsbildes haftete dem Gesicht des Ghoul ein tieftrauriger Ausdruck an, und die großen Augen, deren Lider am Rande kummervoll herab- sanken, unterstrichen diesen Eindruck noch. Wenn man nicht unmittelbar mit ihnen konfrontiert war, konnte man sogar Mitgefühl ihnen gegenüber emp- finden. In diesem Fall nahm der Ghoul eine wachsa- me Verteidigungsstellung ein, denn sonst hätte ich mich nicht zurückgehalten und ohne Umschweife den Speer geschleudert. In fast allen Stellungen hal- ten Ghoule ihre Schultern so nach vorn gebeugt, daß das Brustbein von festen und harten Muskeln ver- deckt wird. Und das Brustbein stellt ihre einzige ver- wundbare Stelle dar. Und diesem Punkt galt auch der Plan Barnars. Er ließ sich im Schneidersitz nieder und erweckte ganz den Eindruck eines Mannes, der län- gere Zeit zu bleiben gedachte. Die Wachsamkeit in der Miene des Ghouls begann von Ärger und Zorn verdrängt zu werden. »Bist du taub?« fragte Barnar scharf. »Warum stehst du da nur so herum und sabberst? Bring mich um!« Das gefiel dem Ghoul gar nicht. Er schnaubte, ließ sich wieder nieder und begann, mit sturem Gesicht erneut den Spieß über dem Feuer zu drehen. »Warum sollte ich?« erwiderte er. Die Stimme eines Ghouls klingt schrill und brüchig wie die eines alten Weibes., »Warum nicht?« donnerte Barnar. »Du kannst mich verspeisen! Bist du denn vollkommen verblödet? Ich bin ebenso ein Mensch wie der, dessen Fleisch du ge- rade brätst.« Aufgebracht deutete er auf den Kopf, der neben dem Ghoul auf dem Boden lag. Den Toten zierte ein beneidenswert schwarzer Schnurrbart. »Du hättest mich ohne zu zögern getötet, wenn ich dich nicht darum gebeten hätte – dein Verhalten ergibt doch einfach keinen Sinn!« klagte Barnar. »Nicht ich bin hier der Idiot, sondern du«, schrillte der Ghoul verbittert. »Du wärst ja schon halb ver- west, bevor ich erneut Hunger bekäme. Kannst du dir das nicht vorstellen? Und außerdem mache ich nur das, was mir gefällt. Von einem Haufen Pferdeschei- ße wie dir nehme ich doch keine Befehle an!« Und das Ungeheuer entblößte seine scharfen Zähne zu ei- nem anzüglichen Grinsen, um die Wirkung der Schmähung noch zu vertiefen. »Beleidigungen!« schrie Barnar. »Und ich glaubte, es sei eine Angelegenheit von beiderseitigem Nut- zen.« Er seufzte tief und senkte den Kopf. Der Ghoul machte nun einen interessierten Eindruck. »Warum willst du sterben?« erkundigte er sich wi- derwillig. »Warum?« Barnar hob ungläubig den Kopf. »Die Welt ist so grau und trüb und schmutzig und kalt ... das Leben so kurz und scheußlich und armselig und überall und an jedem Ort von Zerstörung und Nie- dertracht begleitet – und da fragst du mich nach ei- nem Grund? Ich habe die Nase voll von alledem – das ist der Grund!« Der Ghoul blickte nachdenklich zu Boden. Dann stand er langsam auf und nahm den Kopf seiner, Mahlzeit in die Hand. Die Hand war so groß, daß der Kopf mehrere Male von den blutverkrusteten Klauen bis in die schaufelbreite Handfläche hineinrollen konnte. Gedankenversunken starrte der Ghoul den Kopf eine Zeitlang an, dann holte er mit dem Arm zum Wurf aus. Und damit war ich an der Reihe. Ich schleuderte den Speer mit solcher Wucht, daß die Hälfte des Lanzenschaftes den Leib des Mon- strums durchbohrte und auf dem Rücken wieder austrat. Doch Ghoule verfügen über eine unglaublich zähe Vitalität, und es gelang unserem Exemplar, den Wurf auszuführen, obwohl es bereits durchbohrt war. Barnar wich rechtzeitig aus, und der Schädel krachte so hart gegen den Felsen hinter ihm, daß er wie ein irdener Krug in Hunderte von Bruchstücken zer- splitterte. Wir schleppten den Ghoul dorthin zurück, wo wir den Lauerer versteckt hatten, und wir erreichten den betreffenden Ort gegen Morgengrauen. Nun mußten wir den Kadaver des Lauerers irgendwie transportfä- hig machen. Wir waren davon überzeugt, ihn noch ein ganzes Stück zusammenfalten zu können, und nach einigem Experimentieren fanden wir heraus, wie man die Beine über den Kopfteil stülpt und die einzelnen Schuppen des Hinterleibpanzers zerglie- dert und auch auf diese Weise Platz spart. Mit einigen Schnüren banden wir den Kadaver in dieser wesent- lich handlicheren Position fest und wickelten ihn in Ölzeug. Das schließlich aus all diesen Bemühungen hervorgehende Bündel war so groß wie ein kleinge- wachsener Mann, der sich zum Schlafen zusammen- gerollt hat. Wir ließen auch den Ghoul ausbluten, aber was ihn betraf, unternahmen wir keine weiter-, gehenden Vorbereitungen, als ihn an Armen und Fü- ßen zusammenzuschnüren. Barnar warf ihn sich quer über die Schulter, dann suchten wir wieder das Sum- pfland auf. Diesmal hielten wir uns nicht im Verbor- genen, sondern wanderten ganz offen über die Trok- kenstege hinweg. Wo es sich als erforderlich erwies, schoben wir den Lauerer durchs Wasser. Wir kamen recht zügig voran. Schon bald stießen wir auf einen der markierten Wege, die zur Pyramide führten. Es handelte sich um einige gelbe Pfähle, die ein praktisch ununterbroche- nes System miteinander verbundener Trockenstege kennzeichneten. Wir hielten uns an diese Pfade, und am späten Abend erblickten wir zum ersten Mal das Domizil der Vampirkönigin. Es ist ein gewaltiges Bauwerk, das aus den Wassern der Sümpfe bis zur faserigen und düsteren Wolkendecke emporreicht. Auf einer breiten Morastbank und inmitten von dichtem Buschwerk legten wir uns zur Ruhe. Und das Einschlafen an diesem Abend fiel uns gar nicht schwer. Am folgenden Morgen beschwerten wir den zusam- mengebundenen Kadaver des Lauerers und ließen ihn im Wasser eines Lagunentümpels versinken, an der sechsten Wegmarke vom Palast aus gesehen – mehr als anderthalb Kilometer von der Pyramide ent- fernt. Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Domizil Vulvulas., Ich bin schon weit herumgekommen, und ich habe überall die Augen offengehalten und nie Scheuklap- pen getragen – aber ich kann Dir eins sagen, Taramat: Als ich diese Pyramide erblickte, war ich wirklich be- eindruckt. Sie muß fast zweihundert Meter hoch sein, da ihre oberen Bereiche in den Wolken verschwinden. Der Palast glich einem mächtigen, mit Terrassen ver- sehenen Berg. Ganz unten war er von zahllosen Kais und Piers gesäumt, denn er erhob sich aus einem See heraus, und das Wasser erstreckte sich fast einen Ki- lometer weit in alle Richtungen, ohne von einem Trockensteg durchzogen zu sein. Die unteren zwei Drittel der Pyramide bestanden aus Stein, doch die oberen Bereiche waren aus Holz errichtet worden. Die breiten und wuchtigen Balken sahen ebenso be- eindruckend aus wie die gewaltigen Steinquader un- ter ihnen. Sie mußten aus den weit entfernten und am Rande der Eisenberge liegenden Arbalestwäldern hergeschafft worden sein. Die deutliche Schwärzung des Holzes an der Spitze der Pyramide stellte einen untrüglichen Hinweis auf den hohen Feuchtigkeits- gehalt des die Spitze des Palastes umschmeichelnden Wolkendunstes dar. Als wir den Rand des großen Pyramidensees er- reichten, waren bereits einige Boote an uns vorbeige- glitten, die das gleiche Ziel hatten wie wir. Auf dem See wimmelte es nur so von Transportflößen, denn von der einen Seite des Palastes zur anderen gelangte man am schnellsten, indem man um die Pyramide herumsegelte. Das Innere stellt ein ungeheuer kom- pliziertes Labyrinth aus Hunderten und Tausenden von Gängen und Korridoren dar. Wir sahen nur eine Gruppe von Bogenschützen auf Patrouillenfahrt. Die, Bewaffneten winkten uns zu. Fremde sind im Reich Vulvulas willkommen, und mit einem toten Ghoul auf den Schultern in Richtung Palast unterwegs zu sein, bedeutet, die bestmögliche Garantie des Will- kommenseins zu erringen, die sich ein Reisender wünschen kann. Auf unser Zeichen hin steuerte eins der Transportflöße sofort von der verkehrsreichen Nähe der Pyramide fort und kam auf uns zu. Auch unser Fährmann mochte fremde Reisende, aber er hielt uns offenbar für ein wenig beschränkt, da wir solche Mühe auf uns nahmen. Ein Mann ge- währt nie mehr Einblick in seine Gedankenwelt, als wenn er einem anderen mit freundlicher Gering- schätzung begegnet. Wir trugen keinen Beute- schmuck aus Klauen oder Fangzähnen, und deshalb mußten wir Anfänger sein, und angesichts dieser Schlußfolgerung waren auch unsere naiven Fragen in Hinsicht auf das Innere des Palastes und des Ritus der Vergöttlichung verständlich. Die Antworten be- stätigten das, was wir bereits von Kerkin in Erfah- rung gebracht hatten. »Wir hörten, der ganze obere Bereich der Pyramide bestünde aus mächtigen Holzbohlen«, bemerkte Bar- nar in einem Tonfall grünschnäbliger Ehrfurcht. Wir kamen dem Palast nun rasch näher. Aus kleinen Ris- sen in der dichten Wolkendecke tropfte Licht an den Flanken der Pyramide herab, aber es war ein nur trü- ber und matter Schein, bei dem es sich nur um ein dünnes und aus höheren Wolkenschichten hervorge- sickertes Rinnsal handelte. Dennoch: Alles, was so gewaltig und lebendig und alt und von Menschen- hand errichtet worden ist, muß einen mit Ehrfurcht erfüllen – das ist jedenfalls meine Ansicht. Die Fähr-, mann spuckte abfällig ins Wasser. – Du kennst ja si- cher diese Geste, die ausdrücken soll, es sei alles gar nicht so toll. »Da solltet ihr erst mal die Balken in den Kammern mit den gewölbten Decken ganz oben sehen, dort, wo der König seine Wallfahrt beginnt«, sagte er. »Man- che von ihnen wiegen eine ganze Tonne, und doch sind sie außerordentlich kunstvoll bearbeitet und wirken so zart und filigran wie die Haare einer Flie- ge.« Die Worte des Fährmanns waren dazu angetan, uns in allen wichtigen Punkten zu beruhigen. Aus seinen Schilderungen ging hervor, daß man den ge- samten oberen Pyramidenbereich unter den bestau- nenswerten Deckenbalken durchstreifen konnte, ohne aufgehalten oder von unten aus gesehen zu werden. Und die Wache vor der Tür des Königs bestand nur aus zwei Speerträgern: Man verabreichte der Majestät einen betäubenden Trank, den er am Vorabend der entscheidenden Zeremonie zu sich nehmen mußte. Dann saß er völlig reglos und doch wach in seinem fensterlosen Kerker. Und obgleich am Abend vor dem Ritual das unterhalb dieses Bereiches liegende Stockwerk isoliert wurde, um den Zugang zur Da- chebene zu versperren, wurde die Wache dort nicht verstärkt: Die Annahme, daß der Jahreskönig seiner Vergöttlichung regelrecht entgegenfiebert, ist nämlich ein wichtiger Bestandteil des Festes, und daher galten die beiden Bewaffneten vor seiner Tür in gewisser Weise nur als Ehrenwache. Wir legten am Westkai an, und dieses Pier war bei weitem am stärksten frequentiert. Das Kabinett der Königin hatte alle östlichen Molen für Angelegen-, heiten des Militärs und des Handels mit Beschlag belegt, und die Terrassen im Süden und Norden wurden in Wasserhöhe von verschiedenen Öffnun- gen unterbrochen. Es handelte sich dabei um Kanäle, die tief ins Innere des Palastes hineinführten und die für entsprechende Schiffe und Boote einen direkten Zugang zum See und dem Sumpfland gestatteten. Auf der westlichen Seite der Pyramide war der größte Teil der Märkte und Basare angesiedelt, und hier fan- den sich die meisten Kneipen und Herbergen. Wir schlenderten über die Plätze, sahen uns in den Werkstätten der Schärper und Schwertschmiede um und tranken hier und dort ein Glas Wein. Wir ließen uns überall sehen und plauderten mit Händlern. Mit anderen Worten: Wir nahmen die Atmosphäre dieses Ortes in uns auf und sammelten Eindrücke. Und wir prägten dabei auch ein bestimmtes Bild von uns, weißt Du. Der Ghoul auf Barnars Schultern stellte ei- ne ganz vorzügliche Visitenkarte dar. Die meisten Leute begegneten uns mit der gleichen herablassen- den Herzlichkeit wie der Fährmann. Jagdausflüge zu unternehmen, um Ruhm zu ernten und auf diese Weise zum erstenmal die Metropole von Vulvulas Domäne zu besuchen, sind weit verbreitet unter der Jugend der nördlichen Berge, und die Bewohner der Palaststadt haben es sich längst zur Angewohnheit gemacht, bei den Besuchern aus der Provinz eine be- zeichnende Naivität festzustellen. Jemandem mit wachsamen Augen wäre sicher sofort unser reiferes Alter aufgefallen, aber wir wissen ja, daß die meisten Leute ihrer Umgebung nur sehr oberflächliche Auf- merksamkeit schenken. In einer Taverne forderte der Schankkellner einen zu hohen Preis von mir, zur all-, gemeinen Belustigung der anderen Gäste, und als ich mich anschickte, den verlangten Preis anstandslos zu zahlen, enthüllte er mir die Natur des Scherzes mit einem anzüglichen Lächeln. Daraufhin brachen wir alle in ein schallendes Gelächter aus, und als wir gin- gen, stahl ich den mit einem Deckel versehenen Kelch, in dem man mir den Wein serviert hatte. Er war genau das, was wir brauchten. Als nächstes kauften wir ein Seil und Bogensehnen. Wir brauchten einige Meter von beidem. Wir trennten uns, um die Käufe zu tätigen, und jeder von uns suchte verschiedene Handelsstände und Geschäfte auf, um das Nötige zu erstehen. Weniger erfahrene und professionelle Männer hätten sich vielleicht von der in der Palaststadt herrschenden allgemeinen Heiterkeit und dem dichten Gewühl einlullen lassen. Man konnte den Eindruck gewinnen, als hätten sich alle Bewohner des nördlichen Sumpflandes – jener trockengelegten Region, in der der größte Teil der Bevölkerung zu Hause ist – zu der bereits recht um- fangreichen Einwohnerschaft der Pyramide gesellt. Wir wußten, daß nur ein verschwommener Verdacht hinter einigen mißtrauischen Stirnen nötig war, um all unsere Pläne zunichte zu machen und über den Haufen zu werfen. Gegen Mittag wohnten wir der Audienz bei, die im zentralen und in Höhe des Wasserspiegels liegenden Saal der Palaststadt veranstaltet wurde. Hier resi- dierte die Königin die größte Zeit des Jahres über, unermüdlich, unerschöpflich. Derzeit dauerte noch ihre siebentägige Phase der Zurückgezogenheit an, und sie befand sich in den Katakomben tief im Fun- dament der Pyramide, weit unterhalb des Wasser-, spiegels. Dort weilte sie bei den Mumien der vergan- genen Jahreskönige. Am Abend der Vergöttlichung gebot es die traditionelle Zeremonie, daß sie von dort aus zurückkehrte, und gleichzeitig wurde der König aus seinem Kerker in der Spitze des Palastes – die als »Himmels«-Station seiner rituellen »Wallfahrt« galt – herabgeführt. Vampirkönigin und Jahreskönig wür- den sich dann in der Audienzkammer treffen, die wir nun betraten. Nach ihrer Begegnung würde man den Körper des Jahreskönigs in die Katakomben hinab- tragen – in die »Nacht«-Station seiner Wallfahrt –, um ihn dort zu den anderen Jahresmajestäten zu gesellen. Und dort herrschen sie dann gemeinsam, als Götter – Götter der Nacht natürlich. Ach, mein lieber Taramat Flinkfinger – der Audi- enzsaal war von solchen Ausmaßen, daß man be- quem fünf oder sechs Tavernen normaler Größe in ihm hätte unterbringen können. Drei Priesterinnen der Königin nahmen die Klagen und Beschwerden der Bittsteller entgegen – das Fällen einer Entschei- dung obliegt allein Vulvula selbst, und sie verläßt sich dabei auf ihre kluge Umsicht und eine in Jahr- hunderten gesammelte Erfahrung –, und Dutzende von untergeordneten Sachverständigen führten an einzelnen Plätzen des Saals bestimmte Tribunale. Es mochten rund tausend Klageführer sein, die sich im Audienzsaal aufhielten, und doch war die Räumlich- keit nicht annähernd gefüllt. Es soll an dieser Stelle einmal besonders betont werden: Niemand, mit dem wir sprachen, stellte die Tatsache in Abrede, daß Vul- vula wirkliche Gerechtigkeit übt und in keiner Weise Willkür walten läßt; sie behandelt die Reichen auf gleiche Weise wie die Armen. Sicher, in ihrer Domäne, werden jährlich einige Dutzend Untertanen ganz plötzlich krank und wachen nach einer von schreckli- chen Alpträumen begleiteten Nacht schwach und be- nommen auf. In der Regel müssen sie dann einen Monat lang das Bett hüten, und rund ein Dutzend von ihnen wacht am nächsten Morgen gar nicht mehr auf. Tja, aber eine gerechte Herrschaft hat nun mal ih- ren Preis, oder? Solchen Routineangelegenheiten wie etwa der Er- hebung von Steuern waren eigene Tribunale zuge- wiesen, und bald hatten wir das gefunden, das für Ehrengaben zuständig war. Der Bedienstete dort wies uns einen Gerber zu. Der Mann erhob sich von einer Bank, auf der außer ihm noch zwei weitere in schmutzige Schürzen gekleidete Gestalten saßen. Er geleitete uns aus dem Audienzsaal hinaus und führte uns durch ein mehr als einen Kilometer durchmes- sendes Labyrinth aus Gängen und Korridoren. Die Pyramide ist wirklich faszinierend. Man bekommt überhaupt keine Vorstellung von dem ihrer Errich- tung zugrundeliegenden architektonischen Muster, selbst dann nicht, wenn man sich längere Zeit in ihr aufhält. Die Deckenhöhe ist unterschiedlich, und manche Hallen sind in viele kleine Kammern und Zimmer unterteilt, während man sich an anderen Orten lange und hohe Korridore schnurgerade da- hinziehen. Die Einheimischen – und es wimmelt in den Gängen nur so von ihnen – kennen kaum mehr als die unmittelbar an ihren Wohnort angrenzenden Bereiche. Schließlich erreichten wir die Ostseite der Pyramide, die Region des Handels und der Verwal- tung. Der Gerber zog dem toten Ghoul die Haut mit ei-, nem Ruck ab, und er ging dabei mit einer derartigen Schnelligkeit zu Werke, daß ich seinen Bewegungen nicht zu folgen vermochte. Sie stellen damit Perga- ment her, und Schneider fertigen daraus Hausschuhe für wohlhabende Männer und Dolchscheiden für nicht minder reiche Frauen. Gedärme und Knochen warf der Mann in einen auf einem Floß stehenden Behälter, mit denen die Lauererfallen in den Uferbe- reichen des Sees mit Ködern versehen werden. Der Kopf wanderte ebenfalls in die Tonne – nachdem er die Kieferknochen mit einem Vorschlaghammer zer- trümmert und die Zähne des Ghouls für uns heraus- gepuhlt hatte. Zehn Stück waren es insgesamt – große Mahlsteine mit scharfen Kanten. Als Bezahlung er- hielten wir eine kleinere Polypenperle. Auf dem Ostkai saß auch ein alter Kupferschmied. Er bot uns an, die Zähne mit Draht zu einer Kette zu- sammenzubinden, die dann am Hals getragen wer- den konnte. Er arbeitete schnell und gegen ein nur geringes Entgelt, danach besaßen wir unsere Trophä- en: jeweils eine Kette mit fünf Zähnen. Dies bestätigte unsere Rolle, hatte aber noch einen Schönheitsfehler. Vollwertige Ehrenmänner trugen »Kiefer« zur Schau – Ketten mit jeweils zehn Zähnen. Sie neigten dazu, mit Novizen ihrer Gilde recht rauh umzuspringen – sie behandeln sie so, wie Grünschnäbel überall behandelt werden, und noch ein bißchen herablassender, wenn Du verstehst, was ich meine. Bestimmt gab es ganz hervorragende Ehrenmänner, die in dieser Beziehung über weitaus mehr Erfahrung verfügten, als es bei uns der Fall war. Es blieb uns also keine andere Wahl, als die Unannehmlichkeiten über uns ergehen zu las- sen, wenn wir uns mit ihnen konfrontiert sahen., Und als nächstes verhielten wir uns auch genau so, wie sich zwei grünschnäblige Tölpel verhalten wür- den: Wir machten uns auf den Weg in die Spitze der Pyramide, um den dortigen Wächtern mit einem Be- stechungsgeld einen Blick auf den Jahreskönig in sei- ner Zelle abzuringen. Wie ich bereits sagte: Der obere Bereich der Pyramide ragt in die Wolken hinein. Von den äußeren Terras- sen aus kann man nichts weiter als naßkaltes Grau sehen: oben, unten, überall. Wenn man dort steht, hat man das Gefühl einer umfassenden Einsamkeit. Die trübe und dunstige Konturlosigkeit deutet auf zeitlo- ses Nichts hin, eine Art Tod. Man fühlt sich so, als sei man tot gewesen, ohne sich darüber klargeworden zu sein, als handele es sich bei allen abenteuerlichen Unternehmen nur um Grabesträumereien – als sei man selbst nur ein Skelett, ein Haufen fleischloser weißer Knochen, der sich seit tausend Jahren nicht von der Stelle gerührt hat. Wir kehrten ins Innere der Palaststadt zurück und stiegen bis zur höchsten Ebe- ne empor, die nur vom vorletzten Stockwerk aus zu erreichen ist. Außer uns waren noch viele andere Leute unter- wegs, aber dem Brauch, einen verstohlenen Blick auf den Jahreskönig zu werfen, haftete noch immer ge- nug Frevelhaftes und Verbotenes an, um die Neugie- rigen hier oben aufgeregt werden zu lassen, denn sie unterhielten sich nur flüsternd miteinander. Als Bau-, ern, die erst kürzlich zu Ehrenmännern geworden waren, konnten wir es uns erlauben, langsamer als die anderen zu sein und uns mit großen Augen um- zusehen. Dieser Bereich der Pyramide war von einer tadello- sen Übersichtlichkeit – der einzige Bestandteil der Py- ramide, dem eine uneingeschränkte architektonische Übersichtlichkeit anhaftete: Es handelte sich um einen Saal, der in lange Reihen einzelner Kammern unter- teilt und von schnurgeraden Korridoren durchzogen war. Erst nach einer zwölfjährigen Reinigungsphase durfte die Wartezelle eines Jahreskönigs von einem anderen wieder benutzt werden. Aus diesem Grund hielt sich jeder Jahreskönig am Vorabend seiner Wall- fahrt in einem anderen Raum auf. In den Gängen war es finster. Ihre niedrigen Decken wiesen starke Wöl- bungen auf, denn das oberste Stockwerk der Pyrami- de ist so konstruiert, um die Palaststadt mit einer kunstvollen Dachkrone zu schmücken, auch wenn sie niemand von den weiter unten gelegenen Ebenen bewundern kann. Wir empfanden große Zuversicht, als wir die bei- den Wächter sahen, die vor der letzten Kammer eines Ganges postiert waren und in der Nähe der Korrido- recke standen. Barnar flüsterte mir zu: »Ich kann es schaffen. Aber ich brauche einige Seile – sie müssen sich von unmittelbar oberhalb der Tür um die Ecke herum und rund zwanzig Meter durch den nächsten Gang spannen.« »Ich knüpfe sie heute nacht fest«, erwiderte ich. Wir musterten die Wächter, während wir darauf warteten, daß die Reihe an uns kam, einen Blick durch das vergitterte Fenster der Kammer zu werfen., Es waren kampferfahrene Veteranen: ausdruckslose Gesichter, ein starrer Blick, in dem dennoch Wach- samkeit zum Ausdruck kam; eine disziplinierte Un- beweglichkeit, die jedoch jederzeit ein Ende finden konnte. Sicher handelte es sich bei ihnen um gute Männer. Sie übten einen lukrativen Dienst aus, und unmittelbar vor Beginn der Zeremonie kam es in den Rängen der Palastwache zu Ausscheidungswett- kämpfen, mit denen entschieden wurde, wer im be- treffenden Jahr die Königswache übernehmen durfte. Ich bezahlte einen der beiden Uniformierten, dann traten wir ans Fenster heran. Es war unserer Auf- merksamkeit nicht entgangen, daß die Tür kein Schloß hatte. Die Zelle verfügte über kein Fenster und stellte den schlichtesten kleinen Holzkasten dar, den man sich vorstellen kann. An der gegenüberliegenden Wand erhob sich ein Kissenstapel. Auf dem Boden saß ein junger Mann, den Rücken an die Polster gelehnt. Die Beine hatte er locker von sich gestreckt. Er trug nur einen Lendenschurz, und die Füße steckten in Mo- kassins. Beides erschimmerte in einem silbernen Farbton. Damit wurden Mondschein und Nacht sym- bolisiert, zu deren Gott er bald werden sollte. Kör- perlich war der Mann prächtig entwickelt; er hatte Muskeln, die an die eines Sprinters erinnerten. Und aus diesem Grund bot er einen gespenstischen An- blick: Einerseits war sein Leib so fest und glänzend und ganz offenbar an die Aktivitäten und Freuden des Lebens gewöhnt, doch andererseits lag er so apathisch und teilnahmslos da. Er schien nicht einmal die Kraft zu haben, sich aufrecht hinzusetzen. Seine Augen bewegten sich langsam und ziellos, aber aus, irgendeinem unerfindlichen Grund heftete sich sein Blick schließlich auf unsere Gesichter hinter den Git- terstäben des Fensters. Er runzelte die Stirn, und sei- ne auf den Kissen ruhende Hand bewegte sich zuk- kend, als wolle er sie heben und damit sein eigenes Gesicht berühren. Aber sie sank wieder zurück, bevor er sich mit den Fingern über die Wangen tasten konnte. Ich fragte mich, welche Art von Alptraum oder Omen wir für ihn darstellten. Wenn er die Wahrheit geahnt hätte, wäre er sich darüber klarge- wesen, daß wir ihm weder zu helfen noch zu schaden beabsichtigten. Wir kehrten in die auf Seehöhe liegende Etage zu- rück, ohne nach dem entsprechenden Weg zu fragen. Zwei Stunden lang irrten wir durch die Pyramide, aber in dieser Zeit bekamen wir allmählich ein Gefühl für die räumliche Aufteilung der Palaststadt, und wir brachten einen direkten Weg zur Pyramidenspitze hinauf in Erfahrung – auf eine Art und Weise, die darüber hinaus sicherstellte, daß sich die entspre- chende Route uns auch ins Gedächtnis einprägte. Ich ging nicht mit Barnar zum Kai hinaus. In einer dunklen Biegung übergab ich ihm meinen Anteil an den gekauften Bogensehnen und auch die restliche Ausrüstung, die ich mit mir führte – bis auf das Seil. Er händigte mir dafür seine Stränge aus. Zu jenem Zeitpunkt hatten wir bereits eine bestimmte Taverne als späteren Treffpunkt verabredet. Barnar machte sich auf den Weg, um einen Drogisten aufzusuchen. Ich kehrte den Weg zurück, der uns wieder in die Tie- fe geführt hatte, und lenkte meine Schritte erneut den oberen Bereichen der Palaststadt entgegen. Kurz darauf entdeckte ich eine Schenke und ließ, eine Stunde bei Wein und Räucheraal verstreichen. Es war schon völlig dunkel draußen, als ich zum zwei- tenmal die düsteren Korridore mit den Wallfahrts- kammern der Jahreskönige betrat. Ich werde heutzu- tage der Dürre Nifft genannt, aber als ich mir zum er- stenmal einen Namen machte – in einem ganz ande- ren Zusammenhang, mein Freund, und es ist schon eine ganze Zeit her –, nannte man mich den Hurtigen Nifft. In den folgenden beiden Stunden erledigte ich den weitaus schwierigsten Teil der für dieses großar- tige Unternehmen erforderlichen Arbeit. Unmittelbar hinter der Tür, durch die ich die Halle betrat, warf ich ein mit meinem Dolch beschwertes Seil hinauf und zog mich zu den Deckenbohlen empor. Ich wartete den passendsten Zeitpunkt ab: als einige lautstark schnatternde Zecher die Treppenstufen hinter mir er- klommen und, nach den Geräuschen der Schritte zu urteilen, einige andere vor mir Anstalten machten, um die nächste Biegung des Ganges zu schwanken. Es dauerte nur ein Augenzwinkern, dann war ich oben und zog rasch das Seil nach. Ich kletterte bis auf rund fünfzig Meter an die be- wachte Kammer heran, paßte meine Bewegungen da- bei immer besser an die Umgebung an und erkannte bald das Muster der Balken und Sparren. Dann ließ ich mich nieder und begann mit der Vorbereitung meiner Seile. Ich knüpfte sie so zusammen, daß sie angesichts der Abstände der einzelnen Balken, die natürlich überall im Dachsaal gleich waren, einge- setzt werden konnten. Ich legte die einzelnen Berei- che der Seilverbindung dreifach aus, verflocht sie lose miteinander und verknotete sie – drei Knoten für je- des Balkenintervall. Als ich damit fertig war, waren, die verbundenen Seile rund dreißig Meter lang. Ich schlang sie mir über die Schulter, und sie waren etwa halb so schwer wie ich selbst. Nun kam die schwie- rigste Aufgabe. Ich kletterte bis zur Wartezelle des Jahreskönigs weiter, erreichte eine Stelle direkt ober- halb der beiden Wächter und begann damit, die für Barnars Bemühungen erforderliche Verbindung her- zustellen. Ich befestigte die Seile hoch oben und knüpfte sie so, daß zwei Balkenintervalle zwischen mir und den Wachtposten lagen. Da ich infolge der regelmäßigen Abstände zwischen den Deckenbohlen für jeden, der sich aufmerksam umsah, gut erkennbar war, hielt ich mich immer in den schattigeren Bereichen auf, und deshalb stellte das Entdecktwerden nicht die eigentli- che Gefahr dar. Das Risiko, das ich eingehen mußte, war vielmehr folgendes: Nur fünf Meter trennten mich von den Ohren der Wächter unter mir. Ich arbei- tete noch langsamer als die Hand eines Geizhalses nach seiner Börse greift, um eine Rechnung zu beglei- chen. Ständig kamen und gingen Leute, die einen Blick auf den Jahreskönig werfen wollten, und es ge- lang mir, die geräuschintensivsten Phasen meiner Be- mühungen während des Murmelns und Flüsterns der Neugierigen zu absolvieren. Sie bestanden in der Straf- fung der einzelnen Knoten, denn die Seilverbindung durfte nicht knirschen und knarren, wenn Barnar sie benutzte, weil sich dann keine Besucher mehr im Saal aufhielten, die solche verräterischen Geräusche über- tönen konnten. Doch angesichts der großen Zurück- haltung, mit der die Passanten unten wenige Worte wechselten, und des jähen Knisterns, das vom Span- nen des Seils verursacht wurde, dauerte es qualvoll, lange, um auch nur den ersten Knoten zu festigen. Der auf mir lastende Druck ließ ein wenig nach, als ich um die Gangecke herumkam und mich über dem nächsten Korridor befand. Bald schon aber troff mein ganzer Leib vor Schweiß, und es erstaunte mich, daß er nicht herabtropfte und mich auf diese Weise ver- riet. Bei der schwarzen Spalte: Nichts ist schwieriger, als eine unbestimmte Zeit lang wie erstarrt in der Luft zu hängen, immer wieder den Atem anzuhalten und zu fürchten, jeden Augenblick entdeckt zu werden. Um ganz offen zu sein: Man muß schon Nerven aus Stahl haben, um damit fertig zu werden. Doch als ich die Aufgabe erledigt hatte, konnte ich auf eine zu- verlässige Seilverbindung zurückblicken, die sich parallel zu einem der längslaufenden Deckenholme erstreckte. Barnar konnte sich nun mit dem einen Fuß auf dem Seil und dem anderen auf dem Balken ab- stützen, und auf diese Weise hatte er beide Hände frei, um seinen Teil des Unternehmens in Angriff zu nehmen. In der Palaststadt ist es so kalt wie in einem Glet- scher, und ich war so verschwitzt, daß ich mir auf dem Rückweg beinah eine Erkältung holte. Lautstar- ke Niesanfälle aber hätten die für die nächste Nacht vorgesehenen Bemühungen zunichte machen kön- nen. Ich lief, um mich warm zu halten, und in der Schenke am Kai, in der ich Barnar traf, bestellte ich mir einen Kelch mit heißer Milch und Wein. Barnar reichte mir die Besorgung, die er am Nach- mittag gemacht hatte: ein Heilharz, das von Perlen- tauchern verwendet wurde, um Wunden zu ver- schließen, die sonst vielleicht Lauerer angelockt hät- ten. Es war umhüllt von einem Stück Ghoulhaut. Ich, schob es mir in die Tasche, bestellte mir einen zwei- ten Milchwein und fühlte mich schon wieder wesent- lich besser. Schließlich begann mir aufzufallen, daß unser Tisch von anderen Gästen respektvoll gemie- den wurde und uns interessierte Blicke galten. Wis- pernd erklärte mir Barnar: »Du könntest in eine Auseinandersetzung gezogen werden, wenn ich von hier verschwinde. Zwei Eh- renmänner, jeweils mit vollständigen Kieferketten. Ziemlich große Burschen – derjenige mit den beiden Lauerer-Fangzähnen über der Kieferkette ist der Streitlustige. Ich habe davon abgesehen, ihm den Arm zu brechen, weil ich dachte, es würde zuviel Aufmerksamkeit erregen, wenn man den Burschen wegtragen müßte. Die Leute sagen ihnen bestimmt, daß du zu mir gehörst, und wenn sie den Fehler ma- chen, dich zu unterschätzen, könntest du Schwierig- keiten bekommen.« »Na schön«, erwiderte ich. »Gibt es etwas, auf das ich besonders achten muß?« »Er ist zwar ziemlich stark, aber dafür auch recht langsam. Sein Kumpel ist eher verschlagen und hält sich im Hintergrund.« Barnars Bemerkung deutete darauf hin, daß er die wichtigste Aufgabe, die an diesem Tag in seinen Zu- ständigkeitsbereich fiel, noch nicht erledigt hatte. Und wir waren davon ausgegangen, es in der betref- fenden Nacht hinter uns zu bringen, da Zauberer be- kanntlich Kinder der Dunkelheit sind. »Dann hast du also niemanden gefunden, den man zu Rate ziehen könnte?« fragte ich. »Es war schon schwierig genug, überhaupt einen Namen in Erfahrung zu bringen«, knurrte er. »Ich, mußte eine ganze Reihe von Tavernen besuchen und verschiedenen Gerüchten nachgehen, um jemanden zu finden, dem man Vertrauen schenken kann. Es scheint eine gewisse Einmütigkeit zu herrschen, was eine bestimmte Sumpfhexe angeht. Ich mache mich jetzt auf den Weg zu ihr. Sie lebt im nördlichen Sumpfgebiet. Ich habe schon einen Fährmann ange- heuert, und er wartet mit seinem Floß auf mich.« »Und wenn du mit ihr gesprochen hast, holst du den Lauerer?« »Ja. Wir treffen uns nach Morgengrauen am Dock, an dem wir heute morgen anlegten.« »Dann viel Glück, Ochsenrücken. Es dürfte ein schwieriger Handel werden. Wenn du ihr mehr als eine Perle anbietest, hält sie dich für einen Grün- schnabel und speist dich mit Unfug ab.« Er war gerade gegangen, als ich ebenfalls aufbrach und nach einer Herberge Ausschau hielt, um Schwie- rigkeiten möglichst aus dem Weg zu gehen. Offenbar aber wurde ich dennoch gesehen und verfolgt. Sie verhielten sich wie lichtscheue Halsabschneider und warteten, bis die Nacht am dunkelsten, und aus die- sem Grund konnte ich noch einige Stunden schlafen – ich hatte mich für eine recht große Herberge mit mehr als dreißig Betten entschieden –, bevor ich geweckt wurde. Eine schwere Stiefelspitze trat mir hart gegen die Fußsohlen. Bevor Barnar verschwunden war, hatte er mir sei- nen Speer überlassen. Die Lanze lag neben mir unter der Decke, mit der Spitze an den Füßen. Genau auf diese Weise sollte man einen Speer deponieren, wenn man damit rechnet, ihn rasch einsetzen zu müssen: So braucht man ihn nur hochzureißen, um ihn auf einen, Angreifer zu richten, der einen vom Fußende des Bettes her attackiert – und aus einer anderen Rich- tung konnte er nicht kommen, da sich direkt an mei- nem Kopfende die Wand anschloß. Nachdem ich den Tritt verspürt hatte, brauchte ich nur eine Sekunde, um die beiden Schemen in der Dunkelheit auszuma- chen und mir über die Bedeutung der an ihren Häl- sen klirrenden und schimmernden Zahnketten klar- zuwerden. Dann verstrich eine weitere Sekunde, in der der Mann, der mir den Tritt versetzt hatte, das Wort »Pack« hervorstieß, in einem gepreßt klingenden Flü- stern, das diese Silbe deutlich betonte. Wahrschein- lich hatte er noch mehr als nur »Pack« sagen wollen, doch er kam nicht mehr dazu, weil ihm die Spitze meines Speers das Herz durchbohrte. Ich stieß mit ausreichender Wucht zu, um die Spit- ze der Lanze in die Brust des Angreifers zu bohren und ihn zu töten, und ich hütete mich davor, mit mehr Kraft zuzustoßen, da ich wußte, daß ich die Waffe unmittelbar darauf gegen meinen zweiten Gegner einsetzen mußte. Niemand, der nicht flink genug ist, wird zum stolzen Besitzer einer vollständi- gen Kieferkette. Bestimmt war der zweite Angreifer so schnell und gelenkig wie eine Ratte. Ich stieß also zu und nutzte denselben Bewegungsablauf dazu, den Speer wieder aus der tödlichen Wunde herauszuzie- hen und auf die Beine zu springen. Der zweite Mann war wirklich schnell. Ich mußte mich anstrengen, um auszuholen und die Lanze zu werfen, bevor er die Tür erreichte, und der Speer bohrte sich ihm unmit- telbar unter dem einen Arm in die Seite, als er sich gerade durch die Tür warf. Ich traf ihn, bevor der er-, ste Angreifer zu Boden stürzte. Ich schwöre Dir, Ta- ramat: Ich hatte gerade noch Zeit genug, um ihn auf- zufangen und damit ein lautes Poltern zu verhindern. Ich ließ ihn auf meine Matratze sinken und machte mich rasch an die Verfolgung seines Kumpans. Einige Leute waren zwar wach geworden, gaben aber vor zu schlafen, als sie sahen, daß die kurze Auseinanderset- zung schon wieder beendet war. Ich trug den zweiten Ehrenmann zu meinem Lager zurück, legte ihn neben seinen Gefährten und zog die Decke über sie. An- schließend packte ich meine Sachen zusammen, wischte die Speerspitze sauber und ging. In einer an- deren Herberge schlief ich drei weitere Stunden. Am frühen Morgen herrscht im Sumpfland eine Friedhofsatmosphäre. Die Luft unter der dichten Wolkendecke ist nicht klar, sondern dunstig, da von den weiten Wasserflächen Nebel aufsteigen. In lang- sam dahindriftenden und faserigen Schwaden treibt er über die Anlegestellen, und wenn man direkt am Wasser steht, kann man die Pyramide nicht einmal mehr sehen. Ich traf Barnar am Dock. Gemeinsam trugen wir den zusammengefalteten Lauerer über die Terrasse und ins Innere der Palaststadt hinein. Im Innern der Pyramide begann die erste Aktivität des neuen Tages: Hier und dort wurde die Pforte ei- ner Taverne geöffnet, und man konnte sehen, wie die Wirte drinnen das Feuer im Kamin des Schankraums schürten. Wir schritten so rasch aus, wie es möglich, war, ohne den Eindruck von Hetze zu erwecken, und wir fürchteten nicht die Fragen Neugieriger. Da der Audienzsaal nun bis zur Vergöttlichung des Königs geschlossen war, würden ankommende Ehrenmänner ihre Beute solange einhüllen und in einer Herberge unterbringen. In den weiter oben gelegenen Bereichen aber gab es weder Herbergen noch Tavernen, und Fremde, die mit einer großen Last in die oberen Etagen empor- stiegen, mußten unweigerlich die mißtrauische Auf- merksamkeit von Wachtposten erwecken. Dort schritten wir noch rascher aus, bereit dazu, sich uns entgegenstellende Uniformierte nötigenfalls umzu- bringen. Wir hofften, die frühe Stunde würde uns dies ersparen. Wir begegneten niemandem, und schließlich erreichten wir die Außentreppe, die Zu- gang zur vorletzten Etage gestattete. Wir kletterten die Stufen empor, und ich schlich zur Tür. Im sich daran anschließenden Gang pa- trouillierte ein Wächter, und am Ende des Korridors führte eine weitere Treppe zur Wallfahrts-Etage des Jahreskönigs empor. Der Uniformierte trat an der entsprechenden Tür vorbei und ging um die Ecke des Ganges. Ihm folgte ein zweiter Wächter, der die glei- che Strecke zwanzig Sekunden später abschritt. Und dabei blieb es: Fünf Minuten lang beobachtete ich die Wachtposten, aber ihre Patrouillengänge wiesen kein Intervall auf, das uns Zeit genug gab, die zweite Treppe unbemerkt zu erreichen. Also mußten wir ei- nen der Uniformierten ausschalten. Ich beriet mich kurz mit Barnar und prägte mir dann das Gesicht des nächsten Wächters ein, der an uns vorbeikam. Wir entschieden uns für den Unifor-, mierten, der ihm folgte. Barnar packte ihn von hinten, als er um die Ecke kam, er brach ihm sofort das Ge- nick. Anschließend schleppten wir ihn durch die Tür und auf die erste Treppe hinaus. Ursprünglich hatten wir die Absicht, seine Leiche unter den Stufen festzu- binden, doch dann entdeckte ich eine Flasche bei ihm, und die machte es möglich, eine weitaus weniger Rätsel hervorrufende Lösung zu verwirklichen. Wir durchtränkten Bart und Wams mit dem Alkohol aus der Flasche und schoben sie ihm in die Tasche zu- rück. Dann hob Barnar ihn hoch. Sechs Etagen tiefer befand sich eine begrünte Terrasse – sie war nun im Dunst verborgen, aber ich erinnerte mich deutlich an sie und wies meinen Gefährten ein. Er streckte die Arme und seufzte tief. Der tote Wächter schwebte von uns fort, schien schwerelos und mit schlaffen Gliedern im Nebel zu hängen und starrte mit trüben Augen und offenem Mund zu uns empor. Dann wur- de er von dem trüben Grau verschluckt. Nach einer Weile ertönte das gedämpfte Knirschen zerfetzenden Buschwerks. Um den vermeintlichen Absturz noch plausibler zu machen, riß Barnar schließlich einen Teil des schweren Treppengeländers los und beließ es so. Als der Wächter, dessen Gesicht ich mir zuvor eingeprägt hatte, um die Ecke des Korridors ver- schwand, eilten wir durch die Tür und hasteten mit- samt unserer Last den Gang hinunter. Ich stieg ins Deckengebälk empor, und Barnar warf mir den Laue- rer zu, der auf einer der Bohlen landete. Dann klet- terte auch mein Gefährte hinauf und zog das Seil nach. Am späten Vormittag würde das jetzt unter uns liegende Stockwerk von einer kompletten Wach- mannschaft abgeriegelt werden, womit der Beginn, der zweitägigen vorzeremoniellen Isolation des Kö- nigs eingeleitet wurde. Unmittelbar nach der Früh- stückszeit mußten wir also damit rechnen, daß noch einige letzte Neugierige hier heraufkamen, um sich am Anblick des Königs zu erfreuen. Wir ließen uns nieder, ruhten aus und sparten das, was noch vor uns lag, für die geräuschvolleren Stunden auf. Als die ersten Besucher kamen, transportierten wir den Lauerer bis auf fünfzig Meter an die Tür des Kö- nigs heran und enthüllten den leeren Panzer. Durch den aufgeschlitzten Bauch führte ich ihm einige extra dafür vorbereitete Stabilisierungsstöcke ein, durch die der leere Leib auf beeindruckende Weise an- schwoll. Barnar bereitete drei jeweils rund zehn Me- ter lange Bogensehnen vor und befestigte sie an dem Kadaver – eine ganz hinten und jeweils eine zu bei- den Seiten der flachen und breiten Kopfpartie, dort, wo dem Spinnenleib die Beine entsprangen. Als da- mit praktisch alle Vorbereitungen abgeschlossen wa- ren, trugen wir den Panzer bis direkt oberhalb der Königszelle. Wir entfalteten ihn auf einem längslau- fenden Balken und befestigten Hinterleib und Vor- derbeine mit zwei Dolchen, die wir ins Holz der Bohle bohrten. Es blieb ein ganzer Tag Zeit, damit sich die letzten Schnürfalten des Panzers strafften. Wir deponierten die zusammengerollten Bogenseh- nen auf dem Rücken des toten Ungetüms und mach- ten uns wieder fort. Ich bin in der glücklichen Lage, freie Zeit zum Schlafen nutzen zu können, und Barnar war die gan- ze Nacht unterwegs gewesen. Wir suchten uns geeig- nete Plätze – zwei Korridore entfernt für den Fall, daß wir schnarchten., Als wir erwachten, sagte mir mein Zeitempfinden, daß es noch rund eine Stunde bis zu jenem Zeitpunkt dauerte, den wir für den Beginn unseres Unterneh- mens gewählt hatten: Mitternacht. Während dieser Phase der Nachtwache standen die Uniformierten unter einem Schweigegebot, dem sie jedoch keine Be- achtung schenkten. Wir lauschten den unverständli- chen Silbenbrocken, die zu uns empordrifteten – leise Reste ihrer Unterhaltungen, denen wir nicht zu fol- gen vermochten. Manchmal schwankte die Lautstär- ke ihrer Gespräche abrupt, gleich einer jäh flackern- den und zu erlöschen drohenden Kerzenflamme in einem Zimmer, durch das Sturmböen fauchen. Der Art und Weise, wie sie ihre Stimmen hoben, wie sie plötzlich gedämpfter sprachen und kurz verstumm- ten, um sich anschließend erneut zu Wort zu melden, konnte man entnehmen, was sie empfanden und was in ihnen vor sich ging. Barnar und ich wechselten ei- nen Blick und bekundeten damit unsere gemeinsame Einschätzung der Lage: Die Wächter würden so rea- gieren, wie es unser Plan erforderte. Es war ein Mann wie sie selbst, den sie bewachten, und es dauerte nun nicht mehr lange, bis für ihn der Zeitpunkt gekommen war, eine gräßliche Reise an- zutreten. Wenn Menschen Übereinkünfte schließen mit Wesen, die mehr sind als Menschen (oder weni- ger), dann mögen sie vielleicht Zuflucht nehmen zu Traditionen und Ritualen, von denen sie sich Trost und einen inneren Halt erhoffen – aber dennoch ver- bleibt in ihnen ein diffuser Schrecken, den sie niemals ganz überwinden können. Schließlich krochen wir weiter, und als wir näher kamen, wurden unsere Be- wegungen so behende und leise wie das Schleichen, von Ratten, wobei in unserem Falle nicht einmal das Schaben kleiner Krallen und Tatzen ertönte. Wir er- reichten die gefährliche Stelle oberhalb der Kammer des Königs, und wir blickten auf die beiden glänzen- den Kuppeln der Wächterhelme hinab. Ihre Unter- haltung war erneut versiegt. Man konnte ihre düstere Stimmung fast körperlich spüren. Und damit waren sie reif für unser Spiel. Wir zogen die Dolche aus dem Balken und mach- ten den Lauerer damit wieder frei. Sein Leib hatte sich inzwischen beeindruckend aufgebläht. Barnar ergriff die zusammengerollten Bogensehnen und klemmte sie sich unter den Arm. Dann setzte er den Lauerer in Bewegung, wobei er die Sehnen dicht am Haken festhielt. Ich duckte mich auf der einen Seite der Lücke zwischen zwei Balken in den Schatten und befestigte ein Seil an der Bohle. Baraar stand auf der anderen Seite der Lücke, mit dem einen Fuß auf der zuvor von mir geknüpften Seilverbindung, dem an- deren auf dem Balken, und er dirigierte den Kadaver des Lauerers genau zwischen die beiden Holme. Er- innere Dich nur an das Gewicht des Monstrums, Freund! Er sah in meine Richtung, und ich bedeutete ihm mit einem Nicken, bereit zu sein. Daraufhin be- gann er, sich die Sehnen langsam zwischen den Fin- gern hindurchgleiten zu lassen. Er drehte den Panzer so, daß die Vorderbeine nach unten zeigten und der Leib des Lauerers parallel zur senkrechten Wand verlief. Auf diese Weise erweckte er den Eindruck, als krieche das Untier die Mauer hinab. Es wirkte so echt, daß sich mir beinah die Nackenhaare sträubten: Die sechs schwarzen Beine waren ausgestreckt, und der keilförmige und haarige Leib wirkte angespannt. Es, sah so aus, als seien die Giftbeutel an den Kiefern prall gefüllt. Wenn ich seit zwölf Stunden in dem dü- steren Gang Wache geschoben hätte, heimgesucht von finsteren Gedanken, um mich dann umzudrehen und einen halben Meter über meiner Schulter ein sol- ches Ungeheuer zu sehen, wäre meine Reaktion wahrscheinlich genauso ausgefallen wie die der bei- den Wachen. Mit diesen Worten will ich keineswegs die Ver- dienste Barnars schmälern, der den Kadaver wirklich meisterhaft dirigierte. Als er das Monstrum in die richtige Position gebracht hatte, ließ er es einen guten Meter hinabsinken, wobei der Panzerleib knisternd über die Wand schabte. Dieses Geräusch veranlaßte die Uniformierten genau zum richtigen Zeitpunkt, sich umzudrehen und den Kopf zu heben: Sie sahen ein furchterregendes Untier, das nur eine Armeslänge von ihnen entfernt an der Wand klebte und sich an- schickte, sich auf sie zu stürzen. Entsetzt taumelten sie von der Tür fort, stolperten und krochen paniker- füllt durch den Korridor. Einer der beiden Unifor- mierten verlor seinen Speer, als er versuchte, der vermeintlichen Todesgefahr zu entrinnen. Während- dessen zog Barnar wieder an den Sehnen und zerrte den Lauerer hinauf: Es sah so aus, als krabbele das Ungeheuer an der Wand empor, um sich in eine bes- sere Sprungposition zu bringen. Mit ausgestreckten Armen hielt er den Lauerer vor sich, eilte über Balken und Seilverbindung zur näch- sten größeren Lücke zwischen zwei Holmen und warf das Monstrum hindurch. Er hatte gut gezielt. Der Panzer des Kadavers prallte mit einem rasseln- den Knirschen unmittelbar neben den beiden Män-, nern zu Boden, die gerade versuchten, wieder auf die Beine zu kommen. Barnar ging nun ein nicht uner- hebliches Risiko ein, denn die Bogensehnen waren alles andere als unsichtbar. Er ging jedoch so rasch und zeitlich gut aufeinander abgestimmt vor, daß er in den beiden Wachtposten eine größtmögliche Panik lebendig erhielt. Angesichts der zweiten Attacke wankten sie um die Ecke herum. Ich hatte bereits mein Seil hinabgelassen, hangelte mich in die Tiefe und betrat die Kammer des Königs, bevor ich hörte, wie Barnar den Lauerer im angrenzenden Korridor erneut zu Boden stürzen ließ. Es konnte nicht besser laufen: Die Wächter verfügten nur noch über einen Speer und würden es nicht wagen, sich damit dem Lauerer zu stellen. Barnar konnte sich noch einige Augenblicke beschäftigen, bevor sie wieder einiger- maßen zu Verstand kamen und sich Fragen in Hin- sicht auf die Echtheit des Lauerers stellten. Ich bewegte mich so flink und rasch wie eine im Wind tanzende Mücke. Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich Becher, Salbe und Dolch hervorgeholt und den König an den Füßen gepackt. Ich ritzte ihm die Haut unterhalb des einen Fußballens, dort, wo soviel Blut ausläuft, um den Becher zur Hälfte zu füllen, be- vor sich die Wunde wieder schließt. Anschließend verstaute ich den Kelch wieder, reinigte den Schnitt und versiegelte ihn mit der Salbe. Ich erübrigte kaum Zeit genug, um das Gesicht des Königs zu mustern: Er versah mich mit einem sonderbar durchdringen- den Blick tiefen Kummers, und ich gewann fast den Eindruck, als kenne er mich und als sei er enttäuscht von mir. Dann schloß ich schon wieder die Tür hinter mir, hangelte mich am Seil empor und zog es hinauf., Ich eilte über die Seilverbindung um die Ecke des Korridors und winkte meinem Gefährten zu. Barnar war gerade dabei, den Lauerer wieder emporzuzie- hen. Er löste die Bogensehnen und plazierte das gro- ße Spinnengeschöpf so auf einem Balken, daß die Vorderbeine hinabhingen und von den Wächtern deutlich gesehen werden konnten. Dann kehrte er zu mir zurück, und wir eilten fast so schnell über die Holme und Sparren des Dachgebälks, wie man sich auf ebenem Boden fortbewegen kann. Wir schlugen dabei eine Richtung ein, die uns zu jener Tür bringen mußte, durch die die Verstärkung hereineilen würde. Die beiden von uns an der Nase herumgeführten Uni- formierten riefen bereits seit geraumer Zeit um Hilfe – es war ihnen bei Androhung der Todesstrafe ver- boten, ihren Posten zu verlassen –, und wir hörten schon, wie draußen schwere Stiefel die Treppe em- pordonnerten. In unserem Plan war der weitere Ablauf des Ge- schehens von diesem Zeitpunkt eher ein wenig vage und verschwommen. Wir rechneten mit einem Durcheinander, aber wir waren nicht in der Lage, ge- nau vorherzusagen, um welche Art von Chaos es sich handeln würde. Wir hatten sogar an die Möglichkeit gedacht, uns als Witzbolde und Possenreißer zu er- kennen zu geben: Immerhin gab es sicher genügend Wachmänner, die auf unsere beiden Opfer aufgrund ihres lukrativen Postens neidisch waren und auf die Offenbarung unseres Streiches mit Gelächter und Schadenfreude reagieren würden. Andererseits aber war dies der Vorabend der Vergöttlichung – die sich nur einmal in jedem Jahr dem Sumpfvolk bietende Gelegenheit, sich richtig auszuleben und zu feiern., Zu diesem Zeitpunkt mußte die ganze Pyramide, von der Spitze bis zum Fundament, voller Trunkenheit und Gesang sein, und in dieser Tatsache sahen wir zumindest eine kleine Chance für einen eleganten Rückzug. Unsere Hoffnungen wurden nicht betrogen. Die Verstärkungsmannschaft stürmte in den Gang, in dem ihre beiden Kollegen auf sie warteten, und nachdem das dröhnende Trampeln von Stiefeln für kurze Zeit verklungen war, hasteten weitere und viel- fältigere Schritte die Treppe empor. Wir ließen uns rasch von den Balken hinab und erreichten den Bo- den des Ganges, als ein Strom rotgesichtiger Pyrami- denbürger die Stufen emporquoll. Sie drängten sich am oberen Ende der Treppe zusammen, da sie ange- sichts der vielen Wächter, die sich in der Halle auf- hielten, in der es zu dem Zwischenfall gekommen war, nicht hineingelangen konnten. Wir sprangen um die Ecke herum und winkten aufgeregt. »Hier entlang!« rief ich. »Wir können hier drüben durch!« Sechzig Männer und Frauen gröhlten begei- stert und stürzten uns nach. Wir ließen uns von der Menge einholen, gingen darin unter und fielen all- mählich zurück. Als sie um die letzte Ecke stürmten, die sie noch von der Wartezelle des Königs trennten, wandten wir uns unbemerkt von dem schreienden Mob ab und liefen zur Treppe zurück. Am nächsten Abend standen wir am Podium in der Mitte des Audienzsaals. Es hatte uns die Polypen-, perle gekostet, die wir für den Ghoul erhalten hatten, um uns von den Saalhütern diesen guten Platz zu er- kaufen. Die anderen um uns herum hatten ein ver- gleichbares Vermögen geopfert. Diesmal war die ganze riesige Halle gefüllt. Dicht an dicht drängten sich die Menschen, keuchend und schwitzend, von Wand zu Wand. Barnar und ich hatten unsere Plätze schon einige Stunden zuvor eingenommen, und wir hörten, wie die Geschichte von der »Marionetten- Vorstellung« im obersten Stock unter den Versam- melten die Runde machte und dabei verschiedenen Verschönerungen und Ausschmückungen unterzo- gen wurde. Die Leute fanden großen Gefallen daran. Vielleicht hätten wir mit unserer Aktion sogar eine neue Scherz-Tradition begründet, wenn die Lustig- keit dieser Darbietung später von uns gegenüber der Königin nicht zunichte gemacht worden wäre. Um Mitternacht erschien sie in dem großen Tor. Eine ganze Kompanie Wachtposten hielt eine breite Passage frei, die von der hohen Pforte zum Podium führte, auf dem der Altar errichtet war. Sie blieb im Tor stehen und rührte sich eine ganze Weile nicht von der Stelle. Sie trug eine schlichte weiße Robe, die ih- ren Leib von Kopf bis Fuß bedeckte. Ihr langes, schwarzes Haar war nicht geflochten, und ihrem Ge- sicht haftete eine gräßliche Schönheit an – Scheuß- lichkeit und Anmut standen in einer sonderbaren Harmonie miteinander. Es war das Gesicht einer Kö- nigin: eine große und gerade Nase, die Augen weit auseinander, mit Pupillen, die dunklen Abgründen glichen, ein herrlich breiter Mund, dessen Lippen ei- ne unerforschliche Ausdruckskraft besaßen. Während sie so reglos im Tor stand, erschien sie, mir wie eine Verkörperung unerschütterlicher Macht. Sie war eine Realität, der gegenüber die Menge der versammelten Menschen schemenhaft, konturlos und überaus vergänglich wirkte. Hochaufgerichtet stand sie da, schweigend und sechshundert Jahre alt – sie war schon alt und erfahren gewesen, als sie vor Jahr- hunderten das Sumpfland aufgesucht hatte –, und die vielen tausend Besucher in der Halle erschienen so kurzlebig und fragil wie Blätter, auf die der Herbst schon seine gelben und braunen Todesmuster ge- zeichnet hatte. Sagt selbst, Freunde: Ist unser Leben nicht so flüchtig wie der über eine Mauer huschende Schatten eines Diebes? Königin Vulvula fuhr sich mit der Hand an den Hals, und die Tunika fiel von ihr ab. Nackt schritt sie durch den breiten Gang. Sie hatte einen Körper, bei dessen Anblick sich Hit- ze in der Magengrube eines Mannes ausbreitet: große und pralle Melonenbrüste, feste und wohlgerundete Oberschenkel, Hüften wie eine bauchige Vase für Milch und Duftöl. Doch als sie dem Podium näher kam, sahen wir, daß es ein herbstlicher Leib war. Auf den Warzen der Brüste glänzte Rauhreif, und sie schienen von innen heraus zu verwelken, so, wie ein Apfel allmählich schrumpelig wird. Ihre Oberschen- kel bewegten sich so langsam, als müßten die Mus- keln gegen eine zunehmende Froststarre ankämpfen, und auf den Handrücken begannen sich die Adern immer deutlicher abzuzeichnen. Und als sie zum Al- tar emporstieg, entdeckten wir, daß von den Rändern ihres breiten, zitternden Mundes dunkle Gespinste winterlicher Erosion über den ganzen Unterkiefer wuchsen. Als sie auf dem Podium stand, spürte ich ihre Ge-, genwart so deutlich, als bliese mir aus dem eisigen Abgrund ihres Herzens eine kalte Bö ins Gesicht. Sie sah über uns hinweg wie ein Bauer, der einem Feld mit kargem Boden eine zufriedenstellende Ernte ab- gerungen hat. Sie war sich darüber klar, welch fremdartigen Eindruck sie auf ihre Untertanen machte, und sie wußte auch um das gedämpfte Ent- setzen und die Furcht, die damit bei ihrem Volk ein- hergingen. Sie genoß es. Ihr von langen Jahrhunder- ten geprägtes Leben fand Gefallen am Risiko und der Lust der Macht. Sie deutete ein Lächeln an. Wenn man ihre Mundpartie betrachtete, wußte man sofort, daß ihre Lippen zwei Gletscherrücken ähnelten und daß ein Kuß von ihr die Seele des Betreffenden erstar- ren lassen mußte. Sie wandte sich dem Kopf des Al- tars zu. Und es war im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf, denn bei dem Altar handelte es sich um die große Statue eines Mannes in der Haltung eines Rin- gers: Mit Händen und Füßen stützte er sich auf den Boden, so daß Oberschenkel, Magengrube und Brust eine glatte Fläche bildeten. Der Kopf war nach hinten gebeugt, das Gesicht wies nach oben. Die Königin formulierte einige Worte in ihrer Sprache, die ich noch nie zuvor vernommen hatte. Ihre Stimme klang dabei sanfter, als ich unwillkürlich erwartete, und den einzelnen Silben haftete eine fast seidene Weichheit an. Mühelos erfüllte sie den ganzen Saal. Während sie sprach, deutete sie zunächst nach oben, dann auf den Altar und schließlich zu Boden, wobei ihre letzte Ge- ste ohne Zweifel den Katakomben in der Tiefe der Pyramide galt. Anschließend erhob sie ihre Stimme zu einer Litanei, der wir zu folgen vermochten:, »Deine Söhne sind fett geworden in meinem Rei- che. Auf deinen Flößen stapelt sich friedliche Fracht. Und keines Mannes Frau muß fürchten des Ghoules Streiche. Deine Perlen gehen nicht ein in die Beute der Diebe – Sie werden geschützt von Gesetzen, die steigern ihren Wert. Und das erbarmungslose Schwert des Krieges soll ruhen und nicht ausführen tödliche Hiebe. Ihr hattet alles, was aufrechte Menschen sich auf Erden erhoffen. Erkennet nun an, daß eure Königin gütig ist und grausam nicht, Jene, die gepeinigt von Kummer und Gram, nun von heißem Verlangen getroffen. Ihr langentbehrter Herr, nach himmlischen Äo- nen, Kehrt jetzt zurück, um ihre Sehnsucht zu beloh- nen.« Der König erschien im Tor. Er kauerte in einer Sänfte, die von zwei Trägern befördert wurde. Er war noch immer völlig kraftlos und hing schlaff auf dem Sitz, doch seine Miene machte deutlich, daß er sich seiner Umgebung nun stärker bewußt war als zuvor. Um die Stirn trug er ein Opferband aus gravierter Bronze, und als er von den beiden Männern auf den Altar zu-, getragen wurde, konnte man deutlich sehen, wie sich unter dem Metall seine Augen bewegten. Die Träger setzten die Sänfte vor dem Altar ab. Es waren kräftige, athletische Burschen von der Art Bar- nars. Der eine packte den König an den Handgelen- ken, der andere an den Füßen. Daraufhin erklang wieder die Stimme der Königin, und diesmal drück- ten ihre Worte eine sonderbare Zärtlichkeit aus: »Erhebe dich nun zu mir, Geliebter, als König, Und steige wieder hinab als Gott. Zusammen mit deinem Geschlecht wirst du sit- zen auf dem Thron der Ewigkeit, Und herrschen über des Todes unsterbliche Scharen. Du wirst das Zepter der Schattengeschöpfe hal- ten Und Richter und Hirte sein über der Geister Kla- gen. Erhebe dich nun zu mir, Geliebter, als König, Und steige wieder hinab als Gott.« Als sie die Litanei damit zu Ende gebracht hatte, ho- ben die Träger den König auf den Altar. Er wandte das Gesicht unserer Seite des Podiums zu, und die Männer preßten seine Beine gegen die der Statue, den Rücken auf die steinerne Brust, Arme und Schultern an die der Skulptur. Und als er seinen Blick über die Versammelten schweifen ließ, glaubte ich für einen Augenblick, er sähe mich an und schenke mir ein dünnes Lächeln. Ich will es nicht mit letzter Sicherheit, behaupten – ich nehme eher an, ich bildete mir dies nur ein. Zu jenem Zeitpunkt herrschte eine Atmo- sphäre großer Anspannung im Audienzsaal, und das Schweigen glich einer Armee von Ameisen, die über die Haut der Zuschauer krabbelte. War es möglich, daß der König begriff, was ihm nun bevorstand, und daß er in seinem zuversichtlichen Gebaren so etwas wie einen letzten verächtlichen Trost suchte? Vulvula kniete sich neben ihm nieder. Ihr Gesicht glich einer Maske, wirkte geläutert aufgrund einer Aufwallung frostiger Liebe. Sie schien direkt vor un- seren Augen jünger geworden zu sein, nur durch ihre erregte und erwartungsvolle Vorfreude. Sie beugte sich herab – ehrfurchtsvoll, verehrend, in der Absicht, den Geliebten zu küssen –, und ihre Lippen näherten sich der Stelle, an der sich Hals und Schulter trafen. Und dann vernahmen wir ein kurzes, knirschendes Geräusch, das mit erschreckender Deutlichkeit den ganzen Saal durchhallte. Ihre Hände umklammerten seine Schultern, und der Körper des Königs zuckte und krümmte sich auf der Altarstatue. Er wandte sich hin und her wie ein aufgespießter Aal. Die beiden muskulösen Männer hielten ihn fest und stöhnten leise, und der Kopf der Königin hob und senkte sich im Takt des Körpers unter ihr, als sei dies ein Teil der Zeremonie. Wie ein gestrandeter Delphin, der verzweifelt versucht, ins Wasser zu- rückzugelangen, bäumte sich der König auf der stei- nernen Skulptur auf. Seine Bewegungen wurden aber bald langsamer, und als er sich nicht mehr rührte, klammerte sich Vulvula noch fester an ihn und labte sich an seinem Lebenssaft, mit der alles andere ver- gessenden Gier eines ausgehungerten Wiesels. Wäh-, rend sie saugte, arbeiteten ihre Schultern wie Pum- pen, und ihre Hände kneteten den Leib des Königs, als handele es sich dabei um einen großen Euter, der nichts als rotes und warmes Blut spendete. Sie er- stickte beinah an ihrer eigenen Gier, und sie mußte sich dazu zwingen, den Kopf zu heben und zu atmen. Sie schnappte so zischend und fauchend und pru- stend nach Luft wie ein Taucher, der vom Grunde ei- nes tiefen Sees nach geraumer Zeit wieder an die Oberfläche schwimmt. In ihren glasigen Augen irr- lichterte es, als sie sich wieder den Zuschauern zu- wandte. Die Lippen waren verschmiert, und Blut tropfte rot von ihrem Kinn. Ihre Brüste wirkten nun ein ganzes Stück voller. Mit jugendlicher Üppigkeit wölbten sie sich prall hervor, und ich sah eine dünne rote Spur, die von beiden Warzen ausging. Dann beugte sie sich wieder zu ihrem Opfer hinab und saugte erneut. Der König bewegte sich kaum noch. Die Haut spannte sich ihm straff über die Knochen, und die Muskeln schienen allmählich zu schrumpfen. Vulvula beruhigte sich zusehends und ging me- thodischer vor. Sie wandte sich vom Hals ab und trank als nächstes von beiden Handgelenken, dann von den Innenseiten beider Oberschenkel. Es war ihre Absicht, ihn ganz zu entleeren. Mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen und säuberte sich den Mund. Anschließend umfaßte sie ihre Brüste, hob sie an und leckte auch die Brustwarzen sauber. Eine Priesterin stieg mit einer Schüssel zum Podium empor, und mit dem Wasser darin reinigte sich Vulvula ein zweites Mal, um dann die ganze Schüssel auszutrinken. Eine zweite Priesterin reichte ihr eine scharlachrote Robe. Sie streifte sie über und stieg, begleitet von beiden, Priesterinnen, vom Podium herunter. Es war voll- bracht. Als sie die Halle verlassen hatte, hoben die beiden Träger den toten König vom steinernen Altar, legten ihn in die Sänfte und transportierten den Leichnam aus dem Saal. Die Königin würde die Nacht in der Spitze der Pyramide verbringen, in der Wallfahrts- zelle des Königs, in der die Priesterinnen einen gro- ßen und mit Gold eingefaßten Spiegel für sie ange- bracht hatten. Der König wurde nun in die Katakom- ben hinabgebracht, wo andere Priesterinnen bereits mit den heiligen Präparationsinstrumenten auf ihn warteten. Am nächsten Morgen hielten wir uns am Westkai auf und warteten auf das Unvermeidliche, das bald ge- schehen mußte. Wir hatten uns ein Floß gemietet, das in unmittelbarer Nähe auf uns wartete. Kurz darauf überbrachten aufgeregt dahinhastende Passanten- trauben die Kunde von dem im Palast herrschenden Aufruhr. Ganz offensichtlich war die Königin am frühen Morgen nichtsahnend erwacht, hatte einen Blick in den Spiegel geworfen und dann geschrien. Sofort kletterten wir aufs Floß. Eine Stunde später erreichten wir einen ganz bestimmten Trockensteg am Rande des Sumpfes. Er war so groß, daß er beina- he den Eindruck einer richtigen Insel machte. Hier warteten wir, nachdem wir den Fährmann großzügig bezahlt, ihm eine Schriftrolle für die Königin mit auf, den Weg gegeben und ihn aufgefordert hatten, so rasch wie möglich zur Palaststadt zurückzukehren. Wir hatten uns in seinem Fall für einen Mann ent- schieden, der nicht auf den Kopf gefallen und gewitzt genug war, sich auch in dem großen Durcheinander, das nun im Domizil Vulvulas herrschen mußte, Ge- hör zu verschaffen. Die Aufschrift der Nachricht würde ihm dabei helfen. Wir hatten sie mit folgenden Worten versehen: »Betrifft das fehlende Blut des Jah- reskönigs.« Als er einen kurzen Blick darauf gewor- fen hatte, legte er sich noch mehr in die Riemen, holte weit mit den Rudern aus und war kurz darauf außer Sicht. Dies war die schwierigste Phase unseres Unter- nehmens. Es fiel jetzt nicht weiter schwer, sich in den Besitz von zweitausend erstklassiger Sumpfperlen zu bringen. Aber auch nur eine Sekunde am Leben zu bleiben, nachdem Königin Vulvula das restliche Blut des Jahreskönigs erhalten hatte – dazu war unser ganzer Einfallsreichtum und alle Nervenkraft not- wendig, die wir aufzubringen vermochten. Die Un- terredung Barnars mit der Sumpfhexe ging auf diese Problematik zurück. Wenn man sich sein Überleben angesichts der Macht von Zauberern absichern möchte – und die Vampirkönigin verfügte auf diesem Gebiet über eine nicht unerhebliche Begabung –, so muß man dafür sorgen, daß einem ihre eigene Magie zu Hilfe kommt. Der Trick besteht darin, sie zu ver- anlassen, einem mit einer Zauberei zu Hilfe zu kom- men, die sie nachher selbst nicht übertreffen können. Man muß das Beste ihres magischen Repertoires für sich gewinnen. Im Falle der Sumpfhexe handelte es sich nicht um, eine zweite Vulvula. Aber es war der Mühe wert, sie zu Rate zu ziehen und ihre fachliche Meinung dar- über einzuholen, welche magische Präsenz man be- schwören muß, um den schnellsten Beistand zu er- halten. Die Antwort, die sie meinem Gefährten gab, hätte ich selbst erraten können, ohne dafür mit einer kostbaren Perle zu bezahlen. Aber es war immerhin eine Bestätigung, die uns zuversichtlicher machte. Sie erklärte Barnar, das schnellste Geschöpf sowohl der Ober- als auch der Unterwelt sei ein Basilisk. Ich kann direkt sehen, wie Du wissend nickst, Taramat. Aber lies ruhig weiter. Neben den Perlen forderten wir aus diesem Grund einen magischen Ring, mit dessen Zauberkraft wir einen Basilisken herbeirufen konnten. Und als der Fuhrmann mit unser Nachricht verschwunden war, ließen wir uns nieder, genehmigten uns ein wenig Dörrfleisch und Wein und warteten. Die Priesterin der Königin kam so schnell, daß wir fast den Eindruck gewannen, als sei sie auf dem Wind geritten. Wir sahen sie auf dem Floß in Beglei- tung zweier Bogenschützen, und daraufhin watete ich rasch ins Wasser. Das Blut des Königs war ge- trocknet und hatte sich in eine graue Masse mit einer Vielzahl kleiner Löcher verwandelt: Es sah nun fast so aus wie ein Lavabrocken. Ich hielt es hoch und rief: »Werft die Bögen ins Wasser – und zwar schnell! Sonst muß die Königin den ganzen Sumpf austrin- ken, um sich ihre Jugend zu erhalten!« Die Bögen gingen über Bord. Die Soldaten behiel- ten ihre Speere. Das war nur fair, da auch wir einen besaßen und von ihnen nicht erwarten konnten, das Risiko einzugehen, von uns ausgeraubt zu werden., Das Floß trieb auf den Trockensteg zu. Wir bedeute- ten den Soldaten, an Bord zu bleiben. Die Priesterin trat mit zwei ledernen Beuteln auf uns zu, blieb dann ruhig stehen und starrte uns an. Zorn funkelte in ih- ren Augen, aber ihre Lippen blieben stumm. Ich hielt mich weiterhin im Wasser, da die Soldaten in unmit- telbarer Nähe weilten. »Die Zeit ist knapp, Frau«, sagte Barnar. »Gib uns den Ring. Wir händigen dir das Blut aus, wenn wir auf dem Rücken des Basilisken sitzen.« Sie nickte wortlos und warf ihm einen unscheinbaren Silberring zu. Barnar schob ihn sich auf den kleinen Finger und hob die Arme. Die Formel, die ihm die Sumpfhexe genannt hatte, war nur kurz. Er intonierte sie mit großer Ausdruckskraft und legte allen Nachdruck in seine Stimme. Zunächst schloß sich Schweigen an seine Worte an. Dann begann es im Boden zu knistern und zu knir- schen, wie von zerbrechenden und zerspringenden Töpfen, und im Boden des Trockenstegs bildete sich ein zehn Meter langer Riß. Die Spalte wurde dunkler und verbreiterte sich. Im morastigen Schlamm fing es an zu brodeln, und selbst ich, der ich im Wasser stand, spürte, wie sich in der Tiefe ein riesenhafter Leib krümmte und zum Aufstieg bereit machte. Ein Drachenfuß streckte sich aus dem aufgeworfenen Schlick, und die Extremität war so groß, daß sie mich wie eine kleine Puppe hätte packen können. Ein zweiter folgte kurz darauf, und dann schob sich ein glattes, schuppiges Maul hervor. Es krachte und ru- morte in der immer breiter werdenden Spalte, und dann kroch der restliche Leib des riesenhaften Ge- schöpfes daraus hervor. Es wirbelte schwere Mo-, rastfladen nach allen Seiten fort und ließ das Wasser so hohe Wellen schlagen, daß ich Mühe hatte, die Blutmasse davor zu bewahren, in den Fluten zu ver- sinken. Mit majestätischer Selbstsicherheit tauchte der Basilisk auf der anderen Seite der Insel ins Wasser und breitete seine Schwingen aus, um sie zu baden. Ganz ausgestreckt waren sie nicht größer als das Floß, auf dem die Soldaten standen, und damit ver- liehen sie dem Körper ein sonderbar verkümmert wirkendes Aussehen. Der Basilisk ließ sich reichlich Zeit. Nach einer ganzen Weile kroch er auf die Insel zurück und richtete den Blick seines obsidianschwar- zen Auges – es war so groß wie ein Schutzschild – aufmerksam auf Barnar. Beim Basilisken handelt es sich eigentlich nicht um einen echten Dämonen, denn er kann so gut wie gar nicht sprechen, aber seine Existenz geht eindeutig auf die Große Epoche der Thaumaturgie zurück und ist Teil des Machterbes, das unsere Vorfahren uns hin- terließen. Man sagt ihm, wohin man reisen möchte. Er bringt einen daraufhin an den gewünschten Ort, und als Gegenleistung füttert man ihn mit dem magi- schen Ring, wodurch er wieder in die Unterwelt zu- rückkehren kann. Und es ist besser, sich an dieses Abkommen zu halten und das Geschöpf nicht zu weiteren Reisen zu zwingen: Die Magie des Ringes zwingt den Basilisken zu einer Dienstleistung, und danach mag sich der Zauber durchaus verselbständi- gen. Barnar flüsterte den Namen unseres Ziels in die zerklüftete Hörhöhle des Dämonenwesens, dann schwang er sich auf den Rücken des Basilisken. Ich sprang aus dem Wasser und kletterte hinter ihn, wo- bei ich jederzeit dazu bereit war, die verhärtete Blut-, masse in den Sumpf zu schleudern. Die Priesterin kam näher und schnürte beide Beutel auf, damit wir uns in Hinsicht auf den Inhalt Gewiß- heit verschaffen konnten. Ich weiß nicht, was un- wirklicher und bizarrer auf mich wirkte: auf dem Rücken des riesenhaften Drachenungeheuers zu hok- ken oder die glänzende Pracht von zweitausend gro- ßen Sumpfperlen zu betrachten. Die Priesterin trat noch einige Schritte näher an uns heran, die Beutel in der einen Hand, die andere fordernd nach dem Blut ausgestreckt. Ich vollführte den Austausch mit der Flinkheit eines Taschendiebs und preßte die Säcke mit der kostbaren Beute an mich. »Lauf!« rief Barnar. Die tonnenförmige Brust unter uns füllte sich in quälender Langsamkeit mit Luft. Einen Augenblick lang geschah gar nichts, und es wunderte mich flüchtig, warum sich in dieser Zeit weder die Prieste- rin noch die beiden Soldaten rührten. Sie standen völlig erstarrt, und doch bot sich ihnen jetzt eine aus- gezeichnete Gelegenheit, uns – wenn sie gut waren – mit den Speeren von dem Basilisken zu holen. Dann plötzlich waren wir zwanzig Meter weit weg. Die Schuppen des Basilisken waren so groß wie Pflastersteine und glatt wie Wachs. Glücklicherweise waren die Zwischenräume tief genug, um halb die Hand hineinschieben und so Halt gewinnen zu kön- nen, denn der Rücken des Drachenwesens war viel zu breit, als daß wir rittlings auf ihm hätten hocken kön- nen. Es vollführte nicht mehr als drei weite Sprünge – wobei er über Lagunen wie Pfützen hinwegsetzte und Trockenstege als Abstoßpunkte benutzte. Dann schlug der Basilisk zweimal mit den Schwingen, und plötzlich waren wir nur noch von faserigem und trü-, bem Dunst umgeben, und der Sumpf schien Teil ei- ner ganz anderen Welt geworden zu sein. Eine Zeitlang sausten wir durch Wolken und Ne- belschwaden, und wir klammerten uns krampfhaft an den Leib des Riesen unter uns, als wir immer schnel- ler wurden. Dann durchstießen wir die Wolken, die sich unseren Blicken bald darauf nur noch als weißer Flaum tief unter uns darboten, aus dem sich die dün- nen Finger schroffer Felsen erhoben. Jenseits der Ber- ge, über die uns der Flug nun hinwegführte, er- streckte sich die Salzsteppe unter einer heißen, blauen Leere. Nach einer ganzen Weile vernahmen wir weit hinter uns ein Kreischen, das sogar das Rauschen des Windes und das ledrige Knirschen der ausgebreiteten Schwingen übertönte. Wir sahen zurück und brachten mit nur einem Blick in Erfahrung, daß es doch etwas gibt, das schneller ist als ein Basilisk. Wie immer jenes Ge- schöpf auch bezeichnet werden mag – den Namen er- fuhren wir bis heute nicht –, es sauste nun aus dem Wolkenflaum hervor, den wir kurz zuvor hinter uns zurückgelassen hatten. Eine menschliche Gestalt hockte auf dem Rücken des Wesens. Und selbst in je- nem Moment großen Erstaunens bewunderte ich den Mut des Mannes, es zu wagen, rittlings auf dem dün- nen Hals jenes Geschöpfes zu sitzen. Ich habe solche Wesen schon in kleineren Ausgaben gesehen: stel- zenbeinige Insekten mit langen Leibern und zwei Vorderbeinen, die als Greifwerkzeug Verwendung finden und an den Innenseiten über Stachel verfügen, die beim Zugreifen ein Opfer durchbohren. Ihre fla- chen und dreieckigen Köpfe besitzen drei kugelför- mige Augen und ein kleines gieriges Maul, dessen, Appetit zu stillen sich die beiden Vorderbeine alle Mühe geben müssen. Der Schädel dieses Exemplars war so groß, daß ein ausgewachsener Mann darauf tanzen konnte, und der Körper war schneeweiß. Nur das Wirbeln der Schwingen – zwei glänzende Schleier zu beiden Seiten – erlaubte es uns, es vor dem weißen Hintergrund der Wolken überhaupt zu erkennen. Das Flugwesen war groß genug, um eine ernste Bedro- hung für unseren Basilisken darzustellen, auch wenn es wahrscheinlich nicht dazu in der Lage war, mehr als zwei Drittel davon zu verspeisen. Aber ganz si- cher würde es Barnar und mich als Appetithäppchen ansehen. Es hatte keinen Sinn, den Basilisken anzutreiben, denn es lag in seiner Natur, immer mit Höchstge- schwindigkeit zu fliegen. Inzwischen dirigierte der Reiter der Königin das große, bleiche Insekt empor, in einem bogenförmigen Kurs, der es schließlich an den Basilisken heranführen mußte, da wir an Höhe verlo- ren hatten. Ich erinnerte mich deutlich an die unge- heure Flinkheit der kleineren Ausgabe des Fliegers: Sie konnten eine Spinne aus dem Netz reißen, ohne daß das silberne Gespinst auch nur erzitterte. Die Greifklauen unseres Gegners hatten gewiß eine Reichweite von rund fünf Metern, und was noch schlimmer war: Ich konnte uns nur mit einer Hand den Rücken decken. Es war absolut erforderlich, sich zumindest mit einer Hand in den Schuppen- Zwischenräumen des Basilisken festzuhalten, denn sonst wären wir unweigerlich von dem an uns zer- renden Wind davongeweht worden. Wir befanden uns nun über der Steppe. Ich nahm die Lanze zur Hand, um damit zustoßen zu können,, aber meine Hoffnungen schwanden allmählich. Der hinter uns aufsteigende und rasch näherkommende insektoide Flieger bot einen zerbrechlichen und an- mutigen Anblick. Die beiden unteren Beinpaare bil- deten einen schleierartigen Bogen unter dem langen und schlanken Leib, der einen ebenso glatten und eleganten Eindruck machte wie die Kriegskanus der Wilden im Südosten. Das Wesen war nun schon so nahe heran, daß man die einzelnen Facetten der drei Augenkugeln ausmachen konnte, und das Funkeln glich einer Verhöhnung des Perlenvermögens in un- seren beiden ledernen Säcken. Ich konnte sogar die Züge des Mannes erkennen, der den Flieger lenkte. Es ist höchst eigenartig, das Gesicht eines Mannes zu mustern, während man von Wind umtost wird, vom ganz leeren Himmel umgeben ist und weit unter sich die stille Welt sieht, eine karge Welt – und gleichzeitig bekam ich doch einen Eindruck von der Vergangenheit und dem Charakter des Soldaten, so als säßen wir in einer gemütlichen Taverne bei einem Becher Wein beisammen. Aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, das Wesen des Mannes auf den ersten Blick hin deuten zu können. Allein der gesunde Men- schenverstand wies schon darauf hin, daß es sich an- gesichts einer so wichtigen Mission um einen erfah- renen und mutigen Soldaten handeln mußte. Es kam deutlich in seinem Gesicht zum Ausdruck, das und noch mehr: die Narben ober- und unterhalb der glän- zenden und fest blickenden Augen, die angesichts des heulenden Windzugs zusammengekniffen waren, der Mund geschlossen, die Lippen von einem nach- denklichen Zug umspielt. Das ließ auf einen ent- schlossenen, kaltblütigen Profi schließen, dessen Ge-, danken vorausplanen und der ohne zu zögern tötet, wenn es seinem Auftrag entspricht und sich ihm die Gelegenheit dazu bietet. Gute Soldaten bleiben am Leben, weil sie sich kei- nen Gefühlsduseleien hingeben, es verstehen, auf die beste Möglichkeit zu warten und sie dann sofort wahrnehmen. Es blieb mir keine Zeit, das Problem weiter hin und her zu wälzen. Dieser kurze Einblick in die Natur unseres Verfolgers zeigte mir den einzig möglichen Ausweg aus der verfahrenen Situation, und ohne noch länger darüber nachzudenken, brachte ich das größte Opfer meines ganzen Lebens. Ich packte einen der beiden ledernen Beutel am unte- ren Ende und schüttelte ihn kurz, wodurch sich die Schnüre lösten. Dann hob ich ihn an und verstreute den ganzen kostbaren Inhalt, der sofort vom Wind er- faßt und fortgerissen wurde. Ich stöhnte dabei und blickte zurück. Als glänzend schwarze Wolken fielen die Perlen dem Boden entgegen. Sie drifteten nur ganz langsam auseinander und wirkten aus der Höhe betrachtet wie ein Bienenschwarm, der sich gerade anschickte, sich auf die Suche nach Nektar zu bege- ben. Unsere hohe Fluggeschwindigkeit addierte sich zu der ihres Falls, und daher gerieten sie noch rascher außer Sicht. Manchmal sehe ich dieses Bild heute noch vor meinem inneren Auge: tausend schwarze Sterne, die durch einen strahlenden Mittagshimmel der Erde entgegenstürzen. Ich weiß nicht, ob dem Soldaten jemals zuvor der Gedanke an einen Verrat der Königin durch den Sinn schoß. Vielleicht wäre die Gewohnheit seiner Loyali- tät niemals erschüttert und in Frage gestellt worden, wenn er seine Mission beendet, uns erwischt und sich, damit auch in den Besitz beider Beutel mit insgesamt zweitausend Perlen gebracht hätte. Jetzt aber sah er die schwarze Pracht glitzernd und schimmernd durch die Wolken fallen, und als er sich klarmachte, daß sie entweder sein Eigentum oder das irgendeines hergelaufenen Namenlosen sein konnte ... Mit einem Mal begriff er, mit welchem Reichtum er es zu tun hatte. Wenn er den Perlen nicht folgte und statt des- sen weiterhin uns jagte, würden sie bald viele Kilo- meter entfernt sein, und vielleicht fand er sie dann nie wieder. Fast ohne zu zögern riß er an den Zügeln und lenkte seinen Insektenflieger in die Tiefe. Weißt Du, Taramat, es mußten auf einen Schlag tausend sein, denn einige würden ganz sicher verlo- rengehen, und der Rest mußte ausreichen, um schnell genug reich zu werden, zu verschwinden und ein neues Leben anzufangen. Wenn der Soldat umsichtig genug war, dachte er sicher daran, daß die Königin den Flieger letztendlich mit einer Zauberformel zu- rückrief, und in der Zwischenzeit konnte er ihn zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Möge das Glück je- nem Mann hold sein – ich trage ihm nichts nach! Aber wie ich bereits sagte: Vor meinem inneren Auge sehe ich sie manchmal immer noch hinunterfallen, je- ne tausend schwarzen, schimmernden Perlen. Ach ja! Wenn mein Anteil an der gemeinsamen Beute ganze tausend Perlen betragen hätte, so wäre es nur noch schwieriger gewesen, ein so ungeheures Vermögen zu verprassen. Der Soldat war gewiß ein Mann, der weit in die Zukunft dachte, der plante und große Investitionen machte, um seine neue Position abzusichern. Wahrscheinlich genießt er gerade in die- sem Augenblick seinen Reichtum und fürchtet nichts, mehr als Diebe. Was mich angeht, so fiel es mir schwer genug, die fünfhundert Perlen zu verschwen- den, mit denen meine Bemühungen belohnt wurden. Stell dir nur vor: Ich habe es in zwei Jahren geschafft! Und das ist doch gewiß eine ebenso große Leistung wie all jene anderen auch, die nötig waren, um uns in den Besitz dieser schwarzen Pracht zu bringen ...,

Shag Margolds

Vorwort zu

DIE GÖTTIN IM GLAS

Vielleicht besteht der einzige sachdienliche Hinweis, den ich in Hinsicht auf den Ursprung dieses Ab- schnitts anführen kann, darin, daß ich feststelle, nicht der Autor zu sein. Einige meiner Bekannten haben dies nämlich behauptet, und vermutlich gründet sich ihre diesbezügliche Vermutung auf die Tatsache, daß ich darin ebenfalls kurze Erwähnung finde. Ich weiß nicht, wer dieses Manuskript verfaßt hat, und ebenso unbekannt ist mir, wie es in meine Unterlagen ge- langte. Nifft selbst wäre durchaus in der Lage gewe- sen, es heimlich meinen (sicher vertrauten) Doku- menten hinzuzufügen – aber auch einige unserer ge- meinsamen Freunde. Gewiß mangelt es niemandem von ihnen an jenen besonderen Fähigkeiten, die für eine solche Schikane notwendig sind, und weder der Stil, in dem das Manuskript verfaßt ist, noch die Handschrift – es handelt sich ganz offensichtlich um einen Schriftgelehrten unbekannter Nationalität – lie- fert irgendeinen Hinweis darauf, wessen Feder die folgende Erzählung entstammt. Was den Inhalt der Geschichte angeht, so gibt es inzwischen sicher nur noch wenige Zeitgenossen, die noch nichts von dem Unglück gehört haben, das Am- boßweide ereilte, und für viele dürfte sich ausrei- chend Anhaltspunkte ergeben, um das verständlich zu machen, was bisher nur als phantastisches und, geheimnisvolles Gerücht galt. Vielleicht sagt man mir Mitleidslosigkeit nach, wenn ich bekenne, daß mir je- ne Stadt nicht leid tut. Was ich von Söldnern halte, dürfte inzwischen recht klargeworden sein. Ich glau- be, meine Vorbemerkung zu Die Perlen der Vampirkö- nigin lassen in dieser Beziehung keinen Zweifel zu. Selbst wenn ich eingestehen mag, daß es sich dabei um ein Vorurteil handelt: Ich bin davon überzeugt, daß kein gut informierter Mensch abstreiten kann, daß im Hinblick auf Waffenlieferanten die Handels- geschichte von Amboßweide die schändlichste des ganzen Jahrhunderts ist. Die moralischen Werte, nach denen Waffenhändler ihre professionellen Aktivitäten entfalten, haben einen derartigen Niedergang erlebt, daß es sich bei dem gleichzeitigen Verkauf von Kriegsgerät an beide Kontrahenten einer laufenden Auseinandersetzung um eine Sache handelt, ange- sichts der sich nur ein Naivling oder hoffnungslos romantischer Weltverbesserer die Mühe einer öffent- lichen Verurteilung machen würde. Man denke nur an die ungezwungene Art und Weise, in der Am- boßweide sowohl Hallam als auch Baskin-Sharpz zu Diensten war. Aber die Geschichte dieser Aktivitäten von Amboßweide enthält mehr als nur ein Beispiel solcher Dinge, die selbst dem zynischsten Kosmopo- liten die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ich möchte es mir in dieser Beziehung jedoch nur erlauben, den geneigten Leser an die bekannteste jener Travestien zu erinnern, die noch nicht allzu lange zurückliegt. Ich spreche vom »Kreuzzug« Pythnas gegen die Stadt Taarg. Pythnas Haltung in dem erwähnten Konflikt war zweifellos absolut lachhaft. Die Domäne gehört natür-, lich zur astrygalischen Inselgruppe. Gleichzeitig aber ist dieses Eiland Teil des ein wenig abseits liegenden Bereichs, der oft als die Sieben Kleinen Schwestern bezeichnet wird. Die auf Pythna vorherrschende Zauberei – die es auch auf den anderen Sechs Kleinen Schwestern gibt – ist keineswegs vergleichbar mit der von Straga, Shamna oder Hagia. Es ist vielmehr die Thaumaturgie der drei riesenhaften Großen Schwe- stern, der den Astrygalern ihren verdienten Ruf als weltgrößtes und bedeutendstes Zentrum der magi- schen Macht verleiht. In der Tat wird das kleine Py- thna von Deenwary dem Reisenden in angemessener Weise beschrieben, auch wenn der Bericht über seine Erlebnisse und Erfahrungen im südlichen Meer von Kolodria teilweise übertrieben und entstellt worden ist (zugegebenerweise aber auf eine recht vergnügli- che Art). »Die Einwohner von Pythna«, so schreibt Deenwary, »sind ein bunter Haufen von Einfaltspin- seln und Halbverrückten.« Der so oft laut ausposaunte casus belli Pythnas ist ebenfalls lächerlich. Die Werkausgabe eines unge- nannten Philosophen Pythnas (Es sind vier Bände, die ich alle gelesen habe, und ich muß sagen, daß die Be- zeichnung Plagiat diesem Machwerk nur schmeicheln kann.) wurde von einem Verleger in Taarg unberech- tigterweise an sich gebracht und in veränderter Fas- sung veröffentlicht (was dabei herauskam, entzieht sich meiner Kenntnis). Vielleicht am lächerlichsten aber war das ehrgeizige Machtstreben Pythnas, das mit Hilfe dieses Vorfalls verschleiert werden sollte: Man wollte thaumaturgisches Renommee und Be- rühmtheit erringen, indem man sich eine Macht zu unterwerfen gedachte, die so von gefährlichem dä-, monischen Einfluß durchsetzt und durchdrungen war wie Taarg. Die ganzen pythnäischen Einfaltspin- sel hatten es satt, weiterhin die Kleine Schwester von Straga, Shamna und Hagia zu sein. Man mag darüber lächeln, wenn auch nur hinter- gründig, aber irgendwann wird man nachdenklich. Taarg liegt in unmittelbarer Nähe des Strudels, der den Namen der Stadt trägt (siehe hierzu Der Fischzug im Dämonenmeer) und ist in der Tat – in der Einschät- zung aller gut unterrichteten Kommentatoren, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, und auch nach der fachkundigen Meinung all jener, die je an diesem Ort weilten (ich gehöre in diesem Zusam- menhang zur letzteren Gruppe, wenn die Annahme, ich sei bei den Erstgenannten einzuordnen, auch nur zu verständlich sein mag) – völlig ausgehöhlt vom stinkenden Atemdunst des dämonischen Einflusses, der aus dem schäumenden und gischtenden Rachen des Strudels hervorströmt. Wenn Kreuzfahrer auf ih- re Rösser steigen – welche Narren sich auch zu einem solche Unternehmen bereit erklären mögen –, dann sollten sie mit ihren Schwertern und Lanzen gegen eine Stadt ziehen, wie es Taarg damals war und wie es sie, in gewissem Ausmaß, auch heute noch ist. Je- denfalls bin ich der Meinung, aber dem Leser steht es natürlich frei, selbst zu entscheiden, welcher Seite seine Sympathie gelten soll. Amboßweide bewirtete die Botschaften beider Sei- ten, und man ging dabei mit der traditionellen Dis- kretion vor, indem man jeder Seite das peinliche Wis- sen um die Bewirtung des jeweiligen Rivalen erspar- te. Die Pythnäer kauften eine fürchterliche Waffe von den Aristarchen: Es handelte sich dabei um einen, Schwarm höchst gefährlicher Harpyien – fliegende Carnivoren, die wie ferngelenkte Stoßtruppen einge- setzt und von einfachen Zaubersprüchen gelenkt und gesteuert werden konnten, so daß selbst die mensch- lichen Militärbefehlshaber, die von tiefgründigen magischen Kenntnissen unbefleckt waren, sie dirigie- ren konnten. Für die Harpyien war es ganz einfach, selbst den größten und mächtigsten Wehrwall binnen weniger Augenblicke aller möglichen Verteidiger zu entblößen. Die Botschaft Taargs verfügte über finan- zielle Mittel, die zum Teil aus einem Reservoir stammten, das in den Tiefen der Unterwelt liegt – und die ganze Welt weiß ja, wie unerschöpflich jene Schatz- quellen sind –, und sie erstand von Amboß weide ei- ne perfekte Abwehrwaffe gegen jede Form eines An- griffs aus der Luft (weil der Stadt gewisse Einzelhei- ten der taktischen Pläne Pythnas bekannt geworden waren): Es war ein erstaunlich leichtes und sehr wi- derstandsfähiges System aus stählernen Gespinsten; es konnte mit Hilfe eines von Federwerken angetrie- benen, sehr großen Rahmens ausgebreitet und inner- halb von Sekunden zum Einsatz gebracht werden. Taargs Flotte lag zu einem Gegenangriff bereit, der in jenem Augenblick begann, als die Pythnäer zur Attacke bliesen. Kurz darauf ergriffen letztere mit wehenden Fahnen die Flucht und kehrten nach Hau- se zurück – nur wenige Kilometer hinter sich eine Armada, die groß genug war, um ein großangelegtes Landungsunternehmen durchzuführen. Der Kreuz- zug gegen Taarg drohte nunmehr tatsächlich in einer Invasion Pythnas und der Eroberung der Insel zu gip- feln. Die Flotte der Verfolger aus Taarg muß wirklich einen furchterregenden Anblick geboten haben, denn, die Flaggschiffe wurden von Dami-ergs komman- diert, und auf jeder Bugplattform hatten hundert ih- rer dämonischen Soldaten Aufstellung bezogen. Py- thnas geschlagene Flotte zog sich in heilloser Flucht vor diesem riesigen Moloch zurück, und ihre Reihen waren so sehr von Panik erfüllt, daß sie nicht einmal den Versuch unternahmen, den eigenen Heimathafen zu blockieren, bevor die taargischen Schiffe das Ei- land erreichten. Und wie allgemein bekannt ist, ent- ging Pythna dem Verderben nicht etwa durch eigene Verdienste, sondern vielmehr durch die Hilfe Stregas. Auf jener Insel herrschte eine zornige Entschlossen- heit zu verhindern, daß Geschöpfe aus dem Reich der Dämonen sich jemals erdreisten konnten, ihre Klauen nach einer Insel der astrygalischen Gruppe auszu- strecken. Die konzentrierte Aufmerksamkeit, die die Bewohner Stregas der Verfolgerflotte angedeihen ließ, führte kurz darauf dazu, daß nun ihrerseits die Taarger die Flucht ergriffen und sich schreiend, blu- tend und voller Entsetzen geradewegs in den Strudel zurückzogen und durch den schäumenden Rachen dieser Unterweltpforte verschwanden. Aber welche Ansicht man auch immer im Hinblick auf die Auseinandersetzung und richtige Verteilung von Schuld und Schande zwischen jenen vertreten mag, die auf der einen Seite einen Krieg beginnen, auf der anderen die dazu nötigen Waffen zur Verfügung stellen und dadurch solche blutrünstigen Ambitionen überhaupt erst ermöglichen – ich hoffe, es gibt nur wenige, die eine andere Meinung vertreten als die, die Konsequenz gutzuheißen, die sich daraus für Amboßweide ergab. Kurz nach der Katastrophe, die Amboßweide ereilte, fand der Handelskrieg zwischen, Hallam und Baskin-Sharpz ein Ende, und die beiden Kontrahenten erzielten einen Kompromiß, der bis heute, da ich dies alles zu Papier bringe, überdauert hat. Darüber hinaus nahmen sie einige gemeinsame Unternehmen in Angriff, die Anlaß zu der Hoffnung geben, daß damit eine neue Ära der Zusammenarbeit zwischen den ökonomischen Einflußsphären dieser beiden Städte eingeleitet wird. Wenn sie überhaupt von weitreichender Bedeu- tung ist, so stellt die Geschichte des Niedergangs von Amboßweide eine kontrastreiche Illustration jener tragischen Engstirnigkeit dar, der der Mensch so leicht zum Opfer fällt. Die uns noch zur Verfügung stehenden Informationen über die ferne Vergangen- heit von Amboßweide sind nicht sonderlich umfang- reich. Aber jeder, der sich einige Wochen lang an den richtigen Orten mit einem gründlichen Studium der entsprechenden Hintergründe beschäftigen würde, wäre bald ausreichend informiert, um höchst beun- ruhigt zu sein über den Großteil der orakelhaften Anweisungen, mit denen Dame Lybis ihr Stadtvolk versah. Und es würde den Interessierten rundweg verblüffen, von der Erfüllung jener Anweisungen zu erfahren. Aber was diesen Punkt betrifft: Meine eige- ne im folgenden aufgeführte Zusammenstellung diesbezüglicher Informationen – zu der Nifft auf- grund der Erfahrungen seiner Streifzüge einen eige- nen und nicht unbedeutenden Beitrag leistete – stellt nicht die einzige zur Verfügung stehende schriftliche Abhandlung über diese Thematik dar. Wenn man hartnäckig genug sucht, kann man auch in den Wer- ken anderer Gelehrter etwas darüber in Erfahrung bringen., Die Geographie des Südlichen Ausläufers von Lúlumë – der Ort, wo Amboßweide liegt – ist noch eine nähere Betrachtung wert. Der überaus hohe Metallgehalt des Gebirges wurde bereits von vielen Autoren erwähnt. Den aufgewühlten Fluten des Agonischen Meeres gelingt es trotz der endlosen An- griffe seiner sonst so erodierend wirkenden Wogen nicht, die sich ihnen hartnäckig entgegenstemmenden und sich majestätisch gen Himmel reckenden Klippen des Ausläufers anzukratzen. Der unbekannte Autor des folgenden Berichtes beschreibt uns deutlich, daß sie kaum Anzeichen einer entsprechenden Verwitte- rung aufweisen. Seit Jahrtausenden schon halten sie dem Gischten und Schäumen des Ozeans stand. Über eine Länge von nahezu achthundert Kilometern stel- len sie der vergeblichen Belagerung durch das Meer eine fast völlig glatte und vertikale Felswandbarriere entgegen. Verschiedene Autoren – unter ihnen dürfte der fachkundige Quall der glaubwürdigste sein – er- wähnen eine uralte Legende, nach der der Ausläufer aus einem nicht auf der Erde entstandenen Material besteht: Angeblich soll er das Überbleibsel eines Feu- erballs sein, der irgendwann in grauer Vorzeit von den Sternen herabfiel und auf die südliche Spitze Lúlumës stürzte. Dieser Sage mangelt es nicht an ei- ner gewissen poetischen Romantik: An dem Ort, der zur späteren Heimstatt von Amboßweide werden sollte, wurde danach eine Gießerei errichtet, in der man Sternenschiffe konstruierte, und es heißt, daß die Besucher von den Sternen die Schmiedehilfe der Me- teoritenschauer benötigten, die damals vom Himmel herabregneten und den von Nacht eingehüllten Oze- an über Hunderte von Kilometern in allen Richtun-, gen taghell erleuchteten. Es erscheint mir nur als an- gemessen, daß jene kosmischen Matrosen ihr Schiff mit den Materialien instand setzten, die in den stella- ren Meeren herangewachsen waren, über die zu se- geln ihre Aufgabe war – und auch ihr Triumph. Shag Margold,

DIE GÖTTIN IM GLAS

Als der Dieb Nifft aus Karkhman-Ra ungefähr dreißig Jahre alt war (ob darüber oder darunter, ist nicht be- kannt), hatte er die erste Stufe der Meisterlichkeit sei- ner Kunst erreicht. Das bedeutet: Er hatte einen eige- nen Stil entwickelt und ihn verfeinert, aber es fehlte ihm noch an einem angemessenen Ziel, auf das er seine diesbezüglichen Bemühungen ausrichten konnte. Er trieb sich mehr herum, als daß er konzen- triert arbeitete. Und während dieses Sommers, als er mit Barnar Ochsenrücken im Hochland Chilias Bergschweine jagte, erreichte ihn ein Brief von seinem Freund Shag Margold, dem Historiker und Kartographen aus Karkhman-Ra. Margold wußte, daß Nifft die Absicht hatte, nach Westen über das Agonische Meer zu se- geln, sobald er sich entschloß, Chilia den Rücken zu kehren, und er bat seinen Freund, unterwegs einen Zwischenaufenthalt in Amboßweide zu machen – ei- nem Ort, der auf dem Südlichen Ausläufer Lúlumës liegt. Margold beschäftigte sich zu jener Zeit mit ei- nem sehr bedeutsamen Schriftstück, und im Zusam- menhang damit brauchte er unbedingt Informationen über den wichtigsten religiösen Kult jener Stadt. Er fügte seinem Brief ein ganzes Paket von Fragen bei, die Nifft in seinem Auftrag dem Orakel vom Schrein der Herdenhüterin stellen sollte. In jenem Bereich der Welt, in dem sich der Gelehrte aufhielt, bestand die neueste Nachricht über die Stadt, darin, daß sich ihre Bewohner seit mehr als einem Jahr über eine Phase erstaunlichen Wohlstands freu- ten, die scheinbar auf eine Offenbarung zurückging, die den Bürgern von der Göttin und durch das Orakel zuteil wurde. Es hieß, in ihrer Geschichte sei die Stadt schon des öfteren mit der Gunst ähnlich hilfreicher Theophanien von der Herdenhüterin gesegnet wor- den, und der gegenwärtige Aufschwung Amboßwei- des stellte offenbar eine hervorragende Möglichkeit dar, in dieser Sache einige ehrerbietige Nachfor- schungen anzustellen. Somit ging Nifft einige Wochen später an Bord sei- nes Schiffes, verließ Chilia und machte sich auf die Reise nach Amboßweide. Der Wohlstand des Ortes war ihm nicht unbekannt. Seit einigen Dekaden schon dominierten auf den Märkten der Großen Senken die Waffen aus den Amboßschmieden, und während der letzten neun Monate hatte sich dieses Monopol auf beeindruckende Weise verstärkt. Schwerter, Panzer- harnische, allgemeines Kriegsgerät, alles, was ein kämpferisches Herz begehrte: von Kettenhemden bis zu Schwertklingen. Und alles zeichnete sich durch überragende Qualität aus; der Stahl war unglaublich biegsam und doch schier unzerbrechlich. Und die Waffen und sonstigen Ausrüstungsgegenstände wurden von den Gießereien und Schmieden zu derart günstigen Preisen hergestellt, daß die Konkurrenz zu beiden Seiten des Agonischen Meeres nicht mehr mithalten konnte. Nifft rechnete nicht mit Schwierig- keiten, ein Schiff zu finden, das den Hafen von Am- boßweide zum Ziel hatte. Aber es überraschte ihn doch ein wenig, daß es sich bei dem einzigen zur Verfügung stehenden und ge-, eigneten Beförderungsmittel, das er zu entdecken vermochte, um einen großen gelidorianischen Trup- pentransporter handelte, auf dem siebenhundert von den Aristarchen in Amboßweide angeforderte Söld- ner verschifft wurden. Teil dieser Truppen war auch ein nicht unbeträchtliches Kontingent leichter und schwerer Pioniereinheiten. Keiner der Soldaten wuß- te, aus welchem Grund ihre Dienste von der Stadt in Anspruch genommen wurden, aber sie konnten Nifft andere Neuigkeiten mitteilen. Danach hatte die Glückskurve von Amboßweide in jüngster Zeit einen im wahrsten Sinne des Wortes scheußlichen Einbruch erlitten. Einer der großen und verformten Berge, die die Stadt flankierten, war auf unheilvolle Weise kol- labiert. Der Gipfel war auseinandergeklafft, und eini- ge Wochen lang hatte die ganze Masse gewisserma- ßen in der Schwebe gelegen und sich kurz vor einem weiteren Zusammenbruch befunden, von dem die Stadt am Fuße des Berges unweigerlich völlig zerstört worden wäre. Der Aristarkion – eine Körperschaft aus reichen Kaufleuten, die die Stadt regierte –, hatte daraufhin das Orakel der Herdenhüterin um Rat er- sucht und um ein Mittel gebeten, mit dem die Kata- strophe zu verhüten war. Die Göttin im Glas – diese Bezeichnung war bei den Söldnern ebenso gebräuch- lich wie die Titulierung »Herdenhüterin« – gab dar- aufhin durch das Orakel zur Antwort, daß ihr Volk bei dieser Krise mit ihrer Hilfe rechnen könne. Zu- nächst aber müßten die Aristarchen, gewissermaßen als eine Art Unterpfand für ihre ehrlich gemeinte Treue, für die Göttin dieses umfangreiche Expediti- onskorps aus professionellen Soldaten erster Güte be- schaffen., Beim Abendessen nahm Nifft neben dem Befehls- haber der Pioniere Platz, einem Hauptmann namens Kandros. Er hatte inzwischen die Erfahrung gemacht, daß Kandros, was das Dilemma anging, in dem sich Amboßweide befand, der beste und zuverlässigste In- formant war. Als die Rumration ausgeteilt wurde, hatten die beiden Männer bereits zahlreiche Anek- doten ausgetauscht und verschiedene philosophische Standpunkte erörtert, und bei diesem Gespräch machten sie auch die Feststellung, daß sie sich recht sympathisch waren. Kandros war ein hagerer und ledrig-zäh wirkender Mann. Er mochte noch nicht ganz vierzig Jahre alt sein, aber in den Augenwinkeln war seine Haut so faltig und runzlig wie der Panzer einer Wüstenschildkröte, und in seinen Pupillen schwammen die Erfahrungen, die er während zweier ereignisreicher Jahrzehnte gemacht hatte. Manchmal glänzten dort Bilder von Heerlagern und Befesti- gungsanlagen, von Belagerungen und Schlachten. Die Hände, die von dürren Armen herabhingen, glichen knorrigen, sehnigen Klauen. Seine großen Pranken, deren Knöchel wie Hammerköpfe wirkten und sich nur selten rührten, waren in ihren wenigen Bewe- gungen ungewöhnlich direkt und exakt. Nifft nippte an seinem Branntwein und meinte: »Kandros – irre ich mich, wenn ich den Eindruck habe, daß das Kontingent an Pionieren im Vergleich zur Größe des kämpfenden Truppenteils außerge- wöhnlich hoch ist?« »Nein, da hast du völlig recht. Wir haben keine Ahnung, welchen Gegner wir für unseren Auftragge- ber belagern und attackieren sollen, aber unsere Truppe reicht gewiß nicht aus, um irgendeine größere, Stadt mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen. Außerdem kann ich mir kaum vorstellen, welchen Nutzen Am- boßweide davon hätte, wenn wir für die Stadt ir- gendeine Festung oder Bastion einnähmen.« »Ihr seid zwar vom Aristarkion verpflichtet wor- den, aber ich vermute, das Regierungskonzil tappt, was eure eigentliche Aufgabe angeht, ebenso im dunkeln wir du.« »Das denke ich auch. Der Aristarkion geht nicht immer mit gottesfürchtiger Eile daran, eine Anwei- sung der Herdenhüterin auszuführen. Es gibt da zum Beispiel einen Fall, der sich vor mehr als einem Jahr ereignete. Durch ihr Orakel verkündete die Göttin, daß ihre Herde in die Welt der Sonne zurückgekehrt sei und daß sie – jetzt zitiere ich wörtlich – sie bei sich haben müsse, jedes einzelne Schaf ihrer Gemeinde, denn sie seien schon so schrecklich lange verschwun- den. Im Namen der Göttin verlangte das Orakel eine Expedition mit dem Ziel, die Herde zurückzubringen. Sie befände sich, so das Orakel, irgendwo an der süd- östlichen Küste Kairnheims, wo sie offenbar nach ei- ner Ewigkeit aus ihrem unterirdischen Grab empor- gestiegen war. Und die Aristarchen lehnten es nach reiflicher Überlegung ab, sich auf ein so vages Geheiß hin in große Kosten zu stürzen.« »Dann hat es aber den Anschein, als habe die Göttin ihnen diesen Ungehorsam verziehen. Es muß nach die- ser Weigerung gewesen sein, als sie der Stadt den Weg zu ihrem gerade erst erfolgten Aufschwung wies.« Eine gewisse Wachsamkeit breitete sich in Nifft aus. Er hatte den Eindruck, als hafte den letzten Be- merkungen Kandros' eine gewisse unterschwellige Bedeutung an, die er noch nicht ganz zu erfassen, vermochte. Als der Hauptmann antwortete, klang seine Stimme nachdenklich. »Was religiöse Fragen angeht, halte ich die Stadt- väter für recht inkonsequent und widersprüchlich. Wenn ihnen die Göttin Orakelsprüche zukommen läßt, die auf einen möglicherweise zu erzielenden Profit hindeuten, sind sie sofort zur Frömmigkeit be- reit und glauben an die Macht ihrer Gottheit. Der Leichnam der Göttin beinhaltet eine sonderbare Fi- xierung auf den Boden, auf die Rätselhaftigkeiten und Geheimnisse in der Tiefe. Die Orakel verfügen über das Wissen, die Offenbarungen der Herdenhüte- rin zu deuten, wobei aber gleichzeitig das Mysterium selbst gewahrt bleibt. Du hast recht, was die Großzü- gigkeit der Göttin betrifft. Ihre den Aufschwung be- gründende Enthüllung gegenüber dem Aristarkion erfolgte nur eine Woche nach der Weigerung, die verlangte Expedition auszurüsten und auf den Weg zu schicken.« Nifft lächelte geistesabwesend und starrte in seinen Becher. »Ich habe den Eindruck«, sagte er, »daß den Angelegenheiten der Stadt eine gewisse Ironie an- haftet, die du mir erst noch enthüllen mußt.« Kandros nickte bestätigend. »Auf jemanden, der keine direkte Verbindung zu dieser Sache hat, muß folgender Umstand recht erheiternd wirken: Es war die übereilte Hast des Aristarkions, Kapital zu schla- gen aus dem Aufschwung, den die Göttin durch ihr Orakel prophezeien ließ, die infolge eines unglückse- ligen Zufalls die gefährliche Instabilität im Gefüge des Berges verursachte, von der nun die ganze Stadt bedroht wird.«, Nifft und Kandros standen mittschiffs an der Reling. »Weißt du«, meinte Nifft, »ich habe immer wieder versucht, mir alles bildlich vorzustellen, aber ich fin- de es dennoch einfach sinnwidrig und lächerlich.« Nifft lächelte, schüttelte den Kopf und beobachtete die Berge, die die Bucht säumten, in die das Schiff nun hineinsegelte. »Beschreibungen allein können nie einen angemes- senen Eindruck vermitteln.« »Woraus besteht die Landungsbrücke?« »Aus Stahl oder so etwas, glaube ich. Es wird ›Weidengips‹ genannt. Es handelt sich dabei um ein Relikt aus der Ära der Herdenhüterin.« »Weidengips ... Und wann war die Ära der Göt- tin?« Kandros zuckte die Achseln. »Zu einer Zeit, als diese Bucht hier entstand und sich die Berge dort von dem Küstenmassiv abspalteten. Es war eine Zeit, in der die Berge zweimal so hoch wie jetzt und von noch gräßlicherer Gestalt waren.« Die Landungsbrücke aus Weidengips ragte fast ei- nen halben Kilometer weit in die Bucht und stellte das Rückgrat der Hafenanlage dar. Der Boden der Lagune fiel zum Meer hin sanft ab, und dadurch ver- sank die Brücke allmählich in den Fluten, so daß sich Nifft kein Bild von ihrer tatsächlichen Länge machen konnte. Obgleich sie zu allen Seiten umgeben war von einem daraus entspringenden skelettenen Netz- werk aus Stein und Holz, zog die zyklopenhafte Ha- fenachse doch sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Es war, als fehle es allen anderen Einrichtungen und Anlagen, die zum Hafen gehörten – und die nicht alle aus dem uralten Metall bestanden –, an der notwen-, digen Solidität, um die Landungsbrücke zu einer Konstruktion unter vielen zu machen. Sie fesselte den Blick der vom Meer kommenden Besucher und lenkte ihn zur Küste hin, zu ihrem Ende. Die Architekten hatten sie dort in das Fundament eines der zahlrei- chen und zur imposanten Stadtmauer gehörenden Türme gegliedert. Und an jener Stelle wurde das Au- ge des Betrachters erneut abgelenkt, begegnete den großen und erhaben wirkenden Gebäuden von Am- boßweide mit verächtlicher Geringschätzung und richtete seine staunende Aufmerksamkeit auf die Berge, die die Stadt säumten. Dem Hauptmann Kandros war keine sonderlich blumige Sprache zu eigen, und er hatte die Berge als das bezeichnet, was sie waren – sie hatten eine gräßli- che Form. Als Ganzes gesehen bestand der Südliche Ausläufer im wesentlichen aus einem gewaltigen und über große Metallvorkommen verfügenden Felsblock mit einer Ausdehnung von mehr als zweihundert Längen. Mit seinen glatten und steilen Klippenwän- den trotzte dieser titanische Monolith den wogenden Fluten des Agonischen Meeres. Zwar war die natürli- che Erosion auch an diesem gewaltigen Fels nicht ganz spurlos vorübergegangen, aber dennoch wies die allgemeine Glätte der gewaltigen Barriere prak- tisch nirgends einen schroffen Vorsprung auf. Dort allerdings, wo sich nun die Türme und Gebäude von Amboßweide erhoben, hatte sich eine weitaus stärke- re Kraft als die von Wind und Gezeiten in den Fels hineingefressen. Sie hatte die tiefe Bucht ausgehöhlt, die heute als Hafen diente. Sie hatte die Nische in den Fels hineingenagt, die heute der Stadt Platz bot, und unter ihrem Einfluß hatte sich das Fundament des, Kontinents emporgewölbt und Berge gebildet, die in ihrer kahlen Nacktheit an ein Skelett erinnerten und sich über eine Länge von fast hundert Kilometern ins Landesinnere hinein erstreckten. Direkt von der Kü- ste aus ragten sie drei Kilometer und mehr erschrek- kend steil in die Höhe. Es waren schroffe und zer- klüftete Kegel. Und in ihrer verzerrten Vielfalt kamen auf irgendeine Weise Pein, Qual und Kummer zum Ausdruck. »Ich erinnere mich an ein bestimmtes Schlachtfeld, das ich vor einigen Jahren einmal sah«, bemerkte Nifft. »Zwei Wochen bevor ich diesen Ort erreichte, hatte dort eine heftige und wütende Auseinanderset- zung stattgefunden, und dabei waren viele Menschen und Tiere ums Leben gekommen. Es war während eines fürchterlich heißen Hochsommers. Ich entsinne mich noch genau an die vielen Hektar, auf denen die von der Sonne festgebackenen, mumienhaften Lei- chen und Kadaver lagen, in unüberschaubarer Viel- zahl. Ich sehe sie ganz deutlich vor mir, die ge- krümmten Beine und in Todesqualen erstarrten Ar- me, die in jedem Winkel wie exotische Gewächse aus dem Boden hervorragten.« Kandros pflichtete diesem Bild knurrend bei und nickte in Richtung des Berggipfels. »Stell dir sie ein- mal doppelt so hoch vor, mit Flanken und Graten, die noch nicht während langer Äonen von Wind und Re- gen glattgeschliffen sind.« Die beiden Männer lehnten geistesabwesend an der Reling und beobachteten den Hafen, während das Schiff seinem Liegeplatz entgegenglitt. Dabei pas- sierten sie einige bewaffnete Schaluppen, die einlau- fenden Schiffen offenbar keine Beachtung schenkten,, dafür aber jedes auslaufende Boot anhielten, kaum daß es abgelegt und den Hafen verlassen hatte. An- schließend wurden Ladung und Besatzung einer Überprüfung unterzogen. »Hallamesen«, meinte Kandros, als er den fragen- den Blick Niffts bemerkte. »Das ist wirklich eine ko- mische Sache. Hallam befindet sich mit Baskin- Sharpz im Krieg, einer Stadt, die in der Nähe des Äquators an der Küste Lúlumës liegt. Ich nehme an, du hast von der Auseinandersetzung der Stadtstaaten gehört?« »Ja. Hallam liegt auf Moira, der nächsten Insel öst- lich von Chilia. Es ist ein Handelskrieg, nicht wahr?« »Genau. Man sollte doch meinen, das Agonische Meer sei groß genug für beide Kontrahenten. Wie dem auch sei: Es heißt, zwischen den beiden Mächten sei nur deshalb ein offener Krieg ausgebrochen, weil von beiden Seiten aus heimlich Abordnungen nach Amboßweide geschickt wurden; sowohl die Diplo- maten von Hallam als auch die von Baskin-Sharpz verhandelten mit dem Aristarkion und waren der Überzeugung, einen überaus vorteilhaften und exklu- siven Waffenlieferungsvertrag mit den Aristarchen abgeschlossen zu haben. Daraufhin fielen sie über- einander her und mußten die überraschende und un- angenehme Feststellung machen, daß der jeweils an- dere etwa doppelt so gut bewaffnet und ausgerüstet war, als man zuvor vermutet hatte. Wenn die Kämpfe nicht so heftig und erbittert gewesen wären, hätte es aufgrund dieser Entdeckung sehr wohl zu einem Frieden zwischen den beiden kriegführenden Partei- en kommen können. Und vielleicht hätten sie sich verbündet, um der Stadt hier den Garaus zu machen,, trotz der mächtigen Schutzwälle, die Amboßweide umgeben. So wie sich die Lage jetzt darbietet, stellt der hiesige Hafen nun für beide Seiten eine neutrale Zone dar. Wahrscheinlich kommen in ein paar Tagen baskinische Schiffe an und nehmen den Platz der hallamesischen ein. Wie du siehst, lassen sie es nicht zu, daß irgend jemand aus Amboßweide emigriert. Sie haben die feste Absicht, dafür zu sorgen, daß alle Einwohner hierbleiben, um ihren Teil des Waffen- kontrakts zu erfüllen, den sowohl Hallam als auch Baskin-Sharpz teuer bezahlten. Beide Parteien verfü- gen über Diplomatenstäbe, die in der angenehmen und bequemen Umgebung der Aristarchen-Domizile wohnen und sich bewirten lassen. Die Abgesandten führen täglich Buch über die Aktivitäten und das Li- quiditätserfordernissen entsprechende Vermögen der reichsten und mächtigsten Männer der Stadt, um so zu gewährleisten, daß sowohl das eine als auch das andere hierbleibt. Das ist auch der einzige Grund, warum die prächtige Metropolis dort noch zu keiner Geisterstadt geworden ist.« Sie betrachteten die hohen Wehrwälle, an deren Fuß sie nun andockten. Das beeindruckende und prächtige Mauerwerk dieser Barriere stellte eine Ver- körperung von Wohlstand und Macht dar – ebenso wie die großen Gebäude, die sich etwas weiter han- gaufwärts in der Stadt erhoben und deren Dachzin- nen über die Wehrgänge der Wälle hinausragten. »Weidengips«, überlegte Nifft nachdenklich. »Ist das die offizielle Bezeichnung für das Material, aus dem die Landungsbrücke besteht? Ich glaube, ich habe schon einmal von dieser Substanz gehört; aber ich habe den Eindruck, sie trug einen anderen Namen., Vielleicht war auch die Aussprache anders.« »Nun, ich kenne die Substanz nur unter der Be- zeichnung, die ich dir schon nannte: Weidengips.« »Na gut. Sollen wir uns einen Krug Wein zu Ge- müte führen, während wir darauf warten, den Tem- pel aufsuchen zu können?« »Ich begleite dich in die Hammerschlag-Schenke, aber ich bestehe auf dem Privileg, den Krug Wein be- zahlen zu dürfen.« »Das ist wohl gesprochen, sehr zuvorkommend gemeint und freudig akzeptiert.« Der hagere Hauptmann mußte sich zu den anderen Kommandeuren und Offizieren des Söldner- Kontingents gesellen, wenn sie sich beim Orakel der Herdenhüterin meldeten, um ihren Auftrag in Erfah- rung zu bringen. Kandros vertrat die Ansicht, daß Nifft in Hinsicht auf das Gespräch mit dem Orakel größere Erfolgsaussichten hatte, wenn er sich zu- nächst in der Begleitung der Soldaten zeigte, die das Orakel im Namen der Göttin hatte herbeischaffen sollen. Dies entsprach auch Niffts eigener Meinung. »Bevor wir gehen, haben wir wahrscheinlich noch Zeit genug, um uns einen zweiten hiervon zu geneh- migen«, sagte Kandros und wog den leeren Krug in der Hand. Er winkte dem Wirt der Schenke zu. »Aber nur, wenn ich diesmal bezahlen kann«, meinte Nifft. »Kommt gar nicht in Frage. Wenn du so versessen, darauf bist, mir etwas zu vergelten, dann habe ich bei einer anderen Gelegenheit nichts dagegen.« Nifft lächelte nachdenklich. »Na gut. Also bei einer anderen Gelegenheit.« »Dein Blick klebt am Kamin«, stellte Kandros fest, kurz nachdem der zweite Krug Wein gebracht wor- den war. »Offenbar besteht seine Innenwand aus Metall statt aus Ziegeln.« Tatsächlich war gut zu sehen, daß das Material angesichts der Hitze des Feuers glühte. Kandros nickte mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der eine genau vorausberechnete Wirkung erzielt hatte. »Es handelt sich sogar noch um ein weitaus größeres Stück Eisen, als du von hier aus zu erkennen vermagst. Die ganze dortige Wand der Schenke besteht daraus.« »Die Hammerschlag-Schenke ...« murmelte Nifft. »Darauf also bezieht sich der Name dieser Taverne.« »Ich zeige es dir, wenn wir hinausgehen.« »So sei es, o Soldat voller Rätsel und Geheimnisse.« Ein hochgewachsener, wohlgenährter Mann in ei- ner pelzbesetzten Robe trat in den Gästeraum, und seine Art drückte hastige Würde aus. Er blieb im Ein- gang stehen, klatschte in die Hände, um den Wirt herbeizubeordern, und ließ gleichzeitig seinen Blick suchend durchs Zimmer gleiten. Der Wirt hatte es nicht sonderlich eilig, sein Gespräch mit einem an ei- nem Ecktisch sitzenden Gast zu beenden, und als er schließlich der Aufforderung folgte, begegnete er dem Neuankömmling mit gleichgültiger Ehrerbie- tung. Kandros stieß seinen Bekannten an. »Ich glaube, der Mann kommt vom Tempel«, sagte er. Und tat- sächlich lenkte der Wirt die Aufmerksamkeit des, Fremden in Richtung ihres Tisches. Daraufhin konnte man deutlich sehen, wie der Mann mit dem breiten, glatten Gesicht die Möglichkeit erwog, die beiden Ge- suchten von ihrem Tisch zu sich zu rufen. Aber ir- gend etwas in der Haltung der Betreffenden veran- laßte den Neuankömmling dazu, sich in Bewegung zu setzen und an den Tisch heranzutreten. »Guten Tag, ihr Herren. Wer von euch ist Haupt- mann Kandros?« »Das bin ich. Und du bist der Minorit-Küster, nicht wahr?« Der Mann nickte. Er wirkte dabei zugleich befrie- digt und ein wenig mürrisch. Es schien, als stelle die Verkündigung seiner Identität eine seiner gewohnten Freuden dar. »Die Schreinherrin möchte sich ein we- nig früher mit euch unterhalten, als sie es euch ur- sprünglich wissen ließ. Ich habe den anderen Offizie- ren davon berichtet, und sie trugen mir auf, euch zum Schrein zu geleiten. Mein Transportmittel wartet draußen.« »Möchtest du ein Glas mit uns trinken?« fragte Nifft. »Es grenzt ja schon an Blasphemie, einen so köstlichen Wein zu verschwenden.« Der Blick der öligen Augen des Küsters ruhte auf dem Krug und stimmte den Worten Niffts scheinbar zu. »Dame Lybis forderte mich zur Eile auf ...« Er zö- gerte. Dann gab er sich einen Ruck. »Ach, was soll's! Ich bin ihr Küster, nicht ihr Lakai. Ich danke euch für die Einladung, ihr Herren.« Er zog sich einen Stuhl heran, nahm Platz und bedeutete dem Wirt mit einem Wink, einen dritten Becher zu bringen. Mit deutlich sichtbarem Genuß schenkte er sich ein und nippte an dem Wein. »Einer der anderen Offiziere, Freund Kü-, ster«, sagte Kandros, »erzählte mir, deine Schreinher- rin sei ziemlich jähzornig und aufbrausend. Ich hoffe, sie verwandelt die große Ehre deines Amtes dadurch nicht in eine schwere Bürde für dich.« Allem Anschein nach nahm der Küster diese Be- merkung dankbar auf. Er schnitt eine vertrauliche Grimasse, beugte sich näher zu seinen Einladern her- an und schenkte ihnen damit einen intensiveren Dufthauch seiner Haarpomade. »Die Ehre ist, wie du es so wohlwollend umschrie- ben hast, in der Tat beschwerlich. Ich danke den Ster- nen dafür, ein naher Verwandter des Aristarchen Hamp zu sein – dessen Hilfe es überhaupt erst er- möglichte, daß ich zum Küster werden konnte, wo- durch ich nunmehr in der Lage bin, einen bescheide- nen Anspruch auf Respekt und eine gewisse soziale Stellung zu erheben. Was meinen Vetter angeht, so ...« »Ich habe tatsächlich schon viel von dir gehört, Meister Küster, und es freut mich, die Möglichkeit zu haben, von deiner Kenntnis der hiesigen Situation zu profitieren. Ich habe deine Heimatstadt schon mehr- mals besucht, aber ich muß zugeben, daß mir noch immer ein unfassendes Verständnis der Angelegen- heiten von Amboßweide fehlt.« Der Küster nickte erfreut, und in seinen großen schwarzen Augen glänzten die Lichter großen Ver- stehens. Nifft schenkte die drei Becher wieder voll. »Vor allen Dingen ist es mir nie gelungen, ein ganz bestimmtes Rätsel zu lösen«, fuhr Kandros fort. »Trotz all ihrer Exzentrizität muß Dame Lybis doch andererseits eine Priesterin sein, die über echte Macht verfügt, denn ist die Göttin, der sie dient und in de-, ren Namen sie spricht, nicht schon lange tot?« »Hast du etwa Zweifel daran, ob die Herdenhüte- rin wirklich tot ist?« erwiderte der Küster. »Hast du sie einmal gesehen?« Kandros nickte. »Ja. Aber wie bringt es Dame Lybis fertig, ihre Offenbarungen von einem heiligen Leich- nam zu gewinnen? Wie können Tote, auch wenn es sich dabei um Gottheiten handelt, sich überhaupt noch irgend jemandem mitteilen?« Der Küster lächelte nachsichtig, betrachtete seinen Becher und leerte ihn mit einem genießerischen Zug. »Bitte entschuldige meine Erheiterung, Hauptmann, aber deine Bemerkungen über Heiligkeit – obgleich wir die Herdenhüterin als Göttin bezeichnen – kom- men mir reichlich naiv vor. Was ist denn ein Gott oder eine Göttin? Wie vage doch eine solche Bezeich- nung ist! Sicherlich weißt du, daß die fachkundige allgemeine Meinung jene Geschöpfe, die hier Götter genannt werden, für Besucher hält, die von den Ster- nen zu unserer Welt kamen. Die ihnen anhaftende Andersartigkeit, die Kräfte und Fähigkeiten, über die sie verfügen und die so völlig verschieden von den unsrigen sind – das ist der Grund für die Aura des Geheimnisvollen und Mysteriösen, die sie umgibt und auf die sich die Zeremonien des Kultes gründen. Als die Herdenhüterin noch lebte, war sie keineswegs einzigartig, sondern vielmehr eine von vielen ihrer Art. Durch einen Zufall überlebte sie die Katastrophe, der die anderen fremden Kolonisten auf unserer Welt zum Opfer fielen. Welche Gaben ihre Art auch immer besaß, die sie befähigte, einen tiefen Einblick zu ge- winnen in das Gefüge von Stein und Boden – diese Fähigkeiten haben sich in ihrem Körper erhalten. Die, Schreinherrinen haben Mittel und Wege (die sie über viele Generationen hinweg als Geheimnis zu hüten verstanden), die es ihnen ermöglichen, in gewisser Weise mit den Augen der Toten zu sehen und sich somit dann und wann einen Teil der Gabe zu er- schließen, die es ermöglicht, zu geologischen Ein- sichten zu gelangen. Hast du jemals bemerkt, daß die Fühler der Göttin nach vom ausgestreckt sind und ih- re Spitzen an einem Punkt nahe der Oberfläche des Glasblocks verharren?« »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder.« »Nun, es ist nicht bekannt, wie sich das Orakel mit der Göttin in Verbindung setzt, da dies niemals in der Öffentlichkeit geschieht. Aber es gibt die weitver- breitete Vermutung, ein Teil dieser Zeremonie beste- he darin, die Hände genau an der zuvor benannten Stelle auf das Glas zu legen. Übrigens wird dieses Ritual als ›Bitte an die Göttin‹ bezeichnet. Was dar- aufhin zwischen Dame Lybis und der Herdenhüterin vor sich geht, ist außerhalb der Gilde der Schrein- wächter nicht bekannt. In einem Punkt könnt ihr si- cher sein: Viele Unternehmer aus Amboßweide haben sich in den frühen Morgenstunden – wenn der Tem- pel leer und verlassen ist – zum Schrein geschlichen, die Hände aufs Glas gelegt und sich bemüht, einen millionenschweren Hinweis auf das übernatürliche Wissen der Göttin zu empfangen ...« An dieser Stelle hob der Küster die Augenbrauen, und in seinem Ge- sicht entstand der Ausdruck ironischer Selbstbesin- nung. »Aber es war immer vergeblich. Doch haben wir es in dieser Angelegenheit tatsächlich mit echter Heiligkeit zu tun? Natürlich ist es eine Frage des Vor- gehens, des historischen Wissens. Den meisten von, uns mag es mysteriös erscheinen, aber im wesentli- chen steckt nicht viel hinter der ganzen Sache.« Nifft hatte die Becher erneut gefüllt, und der Mino- rit zögerte kurz, um den seinen in einem Zug zu lee- ren, bevor er schloß. »Nun, meine Freunde, wollen wir jetzt gehen? Dame Lybis wird ziemlich erbost sein, wenn wir uns zuviel Zeit lassen ...« Als sie die Schenke verließen, hob Kandros die Hand, um den Küster zurückzuhalten, der die Tür des Landauers öffnete. »Gedulde dich bitte noch ei- nen Augenblick«, sagte er. »Ich möchte Nifft erst noch den Hammer zeigen.« Zuvor hatten sich die beiden Männer der Taverne aus einer Richtung genähert, die der, in die Kandros Nifft nun geleitete, genau gegenüberlag. Sie schritten um die Ecke des großen und alten Gebäudes herum, und Nifft sah, daß es unmittelbar an eins der Haupt- tore der Stadtmauer angrenzte. Der Wall war dreißig Meter hoch, und die Torpfosten ragten noch um weitere zehn Meter empor. Sie stützten Wachzinnen, die dazu dienten, bei einer Belagerung der Stadt zum Einsatz zu kommen. Der linke Turm bestand völlig aus massivem Stein. Der rechte aber, ebenso wie der Zinnenauswuchs am oberen Ende, war wie aus einem Stück gemeißelt – ein mächtiger Eisenblock von an- nähernd rechteckiger Form, der auf einer der beiden Schmalseiten in die Höhe wuchs. Trotz des umfang- reichen Mauerwerks, von dem er umgeben war, zog er sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Die daran an- grenzende Schenke war zwar ein großes und überaus stabil wirkendes Gebäude, aber neben dem Metall- block wirkte sie doch nur wie ein Provisorium, das man hastig aus dem Boden gestampft hat und das, dazu verurteilt ist, binnen kurzer Zeit zu Staub zu zerfallen, während der gewaltige, eiserne Monolith noch Jahrtausende Wind und Sonne trotzen würde. Und ganz offensichtlich handelte es sich bei ihm um einen Hammer: Nicht ganz in halber Höhe wuchs ein horizontaler Metallbalken aus dem massiven Tor- so heraus und ragte bis in den Wehrwall hinein. Er verschwand in dem hohen Mauerwerk, aber er schien nicht etwa ein integraler Bestandteil desselben zu sein, sondern die Mauer eher zu durchstoßen und zu verletzen. »Und das«, sagte Nifft nach einer Weile schwei- genden Staunens, »ist also der Weidenhammer?« »In der Tat«, bestätigte Kandros, und er blickte ebenfalls beeindruckt und bewundernd empor, was seiner Rolle als Fremdenführer, die er in diesem Au- genblick für Nifft spielte, völlig widersprach. Nifft nickte und wandte den Blick dem Minorit-Küster zu, der ihnen um die Ecke der Schenke gefolgt war und sich angesichts der neuerlichen Verzögerung weniger nervös als erfreut über Niffts folgende Erkundigung zeigte: »Entschuldige bitte, wenn ich dich mit einer Frage langweile, die dir sicher sehr trivial erscheinen muß, guter Küster. Aber ich bin kein sonderlich ge- lehrter Mann, und deine Heimatstadt fasziniert mich. Dies hier wird Weidenhammer genannt. Ist es denn auch der Hammer der Weiden?« »Damit hast du völlig recht, mein Freund, in jeder Beziehung.« Der Küster schien großen Gefallen zu finden an der Mehrdeutigkeit seiner Antwort, und ganz offensichtlich wartete er darauf, mit weiteren Fragen konfrontiert zu werden, die ihm Anlaß zur Erheiterung gaben. Aber die, die ihm Nifft kurz dar-, auf stellte, während sein Blick den Bergen galt, schie- nen den Tempeldiener zunächst zu verblüffen und dann zu mißfallen. »Man kann sich kaum einen Landstrich vorstellen, der weniger zu Weideland ge- eignet ist, als diesen hier, nicht wahr?« Der Küster zuckte die Achseln und runzelte die Stirn. »Im üblichen Sinne hast du damit gewiß recht. Der Name der Stadt bezieht sich natürlich auf einen historischen Hintergrund. Die Herde der Herdenhü- terin setzte sich aus Steinfressern zusammen. Mit ih- rem Grasen schufen sie die Bucht, und sie ließen da- durch auch die Berge entstehen, die zuvor ebenfalls nur glatte und metallhaltige Klippen waren. Die Aus- scheidungen der Herde stellten der Industrie der Göttin sowohl reines Metall zur Verfügung, als auch eine Art Kohle, mit der die Schmieden befeuert wur- den. Es gibt hier also Weiden, auch wenn darauf keine Krummhörner oder Jabóbos grasen. Kommt nun, ihr Herren ... wir sollten uns jetzt wirklich auf den Weg machen.« Nahe dem landeinwärts gelegenen Rand der Stadt erhob sich eine zentrale Anhöhe. Es handelte sich da- bei um einen großen und monolithischen Tafelberg, auf dessen Gipfelebene sich die erhabensten Bauwer- ke von Amboßweide befanden. Sie drängten sich an einen großen und von Säulenreihen gesäumten Platz, auf dem der Landauer des Küsters seine drei Passa- giere entließ. Der Tempeldiener machte sich sofort, daran, die beiden Männer einem großen Gebäude mit offenen Terrassen entgegenzuführen, das das zweit- größte Monument jener Akropolis darstellte. Nifft je- doch schenkte dem Küster keine Beachtung, schritt geistesabwesend in die genau entgegengesetzte Richtung und blieb erst in der Mitte des Platzes ste- hen, wo ein zerklüftetes Schattenschwert auf den Pflastersteinen lag. Es stellte den größten Auswuchs einer ausgedehnten Schattenzone dar, den die Ge- bäude angesichts der Mittagssonne auf den Platz warfen und wodurch mehr als die Hälfte des hoch- gelegenen Teils verdunkelt wurde. Der Küster hob den linken Arm und begann sich bitter über Nifft zu beklagen. Kandros und er sahen, wie der dürre Mann aus Karkhman-Ra den Blick von dem zackigen Schatten abwandte und seine Aufmerksamkeit auf den Megalithen richtete, der ihn verursachte. Darauf- hin ließ der Küster den Arm wieder sinken, und für eine Weile musterten die drei Männer eine Zeitlang schweigend den Hammer des Verderbens, der über der reichen Stadt schwebte. Der halb zerstörte Berg – der möglicherweise noch alles zerstören konnte – ähnelte so sehr seinen grotes- ken Artgenossen, daß sein Zustand auch den anderen einen noch stärkeren Eindruck drohenden Unheils verlieh. Aber auch ohne dieses Attribut haftete ihnen eine niederdrückende Wirkung an. Der helle Glanz der Mittagssonne spiegelte sich blendend auf den Graten wider und riß die zerklüfteten Schlünde zur Hälfte aus der ewigen Dunkelheit der dazwischenlie- genden Täler. Deutlich waren die verschiedenen Me- talladern zu erkennen. Sie waren labyrinthartig inein- ander verdreht und verzerrt, und es hatte den An-, schein, als seien die unterschiedlichen Metallvor- kommen einst in einem riesigen Kessel geschmolzen und von einer kosmischen Kelle umgerührt worden. Und dieses irrgartenhafte Gespinst war auch die Ur- sache für die heutige, so sehr in Mitleidenschaft ge- zogene und skelettene Form der Berge. Es war durch jahrhundertelanges »Abschälen« zum Vorschein ge- kommen – durch einen spiralförmig erfolgten Abbau sowohl der einzelnen Metalladern als auch des da- zwischenliegenden Gesteins. Letztere Substanz besaß nicht die Vielfalt des darin eingebetteten Metalls. Zum größten Teil handelte es sich um massiven, fein- strukturierten Fels von schwarzbrauner Tönung: Es war jene fäkale Kohle, die der Küster bereits erwähnt hatte. Und sie war in ebensolchem Umfang abgebaut worden wie auch das Metall. Der dem jähen Kataklysmus anheimgefallene Gip- fel wies in einem Punkt starke Ähnlichkeit mit allen anderen auf: Er war so sehr ausgehöhlt worden, daß die noch nicht abgeschabten Erzadern, die die Masse der weiter oben liegenden Bereiche des Berges ab- stützten, nunmehr deutlich sichtbar zu Tage traten. An einer Stelle, die vielleicht um ein Fünftel der ge- samten Höhe unterhalb der Spitze lag – genau dort, wo sich gewissermaßen der »Hals« befand –, war es zu einem erheblichen Erdrutsch gekommen, der jene dünnen Adern bloßgelegt hatte, die den massiven und zerklüfteten Gipfel abstützten. Die drei in sich verdrehten Metallstreben, die dies bewerkstelligten, sahen viel zu dünn aus, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Und tatsächlich krümmten sie sich unter der großen Last. Sie hatten sich bereits in einem Win- kel gebogen, der auf halbem Wege zwischen der Ver-, tikalen und der Horizontalen lag, und die Neigung in Richtung der Stadt nahm immer bedrohlichere Aus- maße an. Um die Bruchstelle herum war ein unre- gelmäßig geformtes Gerüst aus hölzernen und stäh- lernen Pfeilern errichtet worden. Für menschliche Be- griffe hatte es eine beeindruckende Größe, aber es reichte nicht einmal annähernd aus, um die Masse zu halten, die es umgab. Nifft drehte sich um und gesellte sich wieder zu den beiden anderen Männern. Während der Küster sie auf den Tempel zuführte, murmelte Nifft: »Dieses Stützgerüst dort oben ... Es ist doch gewiß mehr als psychologische Beruhigungsmaßnahme errichtet worden, und nicht etwa, weil man an die Effektivität einer solchen Konstruktion glaubt, nicht wahr?« Der Küster nickte betrübt. »Wie groß ist der Gipfel im Vergleich mit der Stadt?« fuhr Nifft fort. »Ich mei- ne, wenn er herabstürzt – oder sagen wir, wenn man ihn auf das Gebiet der Stadt setzen würde ... wäre dann ganz Amboß weide davon bedeckt?« Der Küster warf Nifft einen Blick zu, in dem ver- wunderter Sarkasmus zum Ausdruck kam. »Um Himmels willen, nein! Weißt du, man hat das genau berechnet. Sieh mal in jene Richtung und schau dir die Stelle in der Nähe des Hafens an. Kannst du die Baracken erkennen, die am entferntesten Winkel des Walls stehen?« »Meinst du den kleinen graubraunen Fleck dort, der aussieht, als stünden dort Hütten aus verwitter- tem Holz?« »Genau! Nun, wenn das dort oben ...« – er deutete mit einer Hand auf den Gipfel, ohne ihn dabei anzu- sehen – »... hier abgesetzt würde ...« – er breitete die, Arme aus, und die Geste umfaßte die ganze Stadt – »... dann wäre der Bereich dort drüben ...« – erneut zeigte er auf den Fleck in der Nähe des Hafens – »... völlig unbedeckt. Was den Rest angeht ...« Der Küster zuckte mit den Schultern, und es war, als wolle er damit sagen, man könne eben nicht alles haben. Kandros und Nifft warteten vor dem Eingang des Tempels, während der Küster eintrat und kurz mit einem der Schreindiener sprach. Anschließend kehrte er wieder zurück, um den beiden Wartenden Bericht zu erstatten. »Die anderen Offiziere sind bereits da. Die Schreinherrin Lybis berät sich derzeit mit den Ari- starchen. Wenn ihr euch bitte der Gruppe im Tempel hinzugesellen wollt ... die Dame Lybis wird bald kommen.« Kandros nickte, aber Nifft legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Ich frage mich, ob Kandros da- zu verleitet werden kann, die Neugier eines Tölpels zu tolerieren und mir eine kurze Führung durch diese herrliche Akropolis zu gewährend, während wir auf die Ankunft des Orakels warten.« »Na schön. Nehmt euch bitte nicht zuviel Zeit. Der Diener im Tempel wird euch zum Schrein der Her- denhüterin führen, wenn ihr hierher zurückkehrt.« Als der Küster wieder im Innern des Tempels ver- schwunden war, wandte sich Nifft an Kandros. »Ist nicht eins dieser Gebäude hier der Aristarkion?« »Das dort drüben.« »Höchst beeindruckend! Könntest du mir zeigen, wie es von innen aussieht? Vielleicht haben wir sogar das Glück, einige Bemerkungen zu hören, die die Priesterin an die Aristarchen richtet.«, Kandros lächelte dünn. »Das wäre wahrscheinlich nicht sehr überraschend«, erwiderte er. »Genauge- nommen sind solche Versammlungen zwar nicht öf- fentlich, aber es gibt dort viele Galerien, die es erlau- ben, den Geschehnissen im Aristarkion diskret zu folgen.« Der Aristarkion war das einzige Gebäude der Akropolis, dessen Größe über die des Tempels der Herdenhüterin hinausging. Für den Sitz einer regie- renden Körperschaft handelte es sich um eine recht offene Konstruktion: Sie stellte sich als ausgedehntes Konglomerat weitflächig überdachter Kolonnaden und Säulengänge dar, und in der Mitte befand sich ein großer Saal – der eigentliche Aristarkion. Jede der vier Wände verfügte über ein breites und offenes Portal, und deshalb konnte man von den die Halle säumenden Galerien das Innere des Saals problemlos überblicken und auch alles verstehen, was unter der hohen, widerhallenden Decke gesprochen wurde. Nifft kam auf diesen Punkt zu sprechen, als sie gera- de die Treppe betreten hatten, die vom Platz empor- führte, und Kandros deutete daraufhin ein Lächeln an. »Diese Architektur«, erklärte er, »bringt die Auf- richtigkeit der herrschenden Oligarchie zum Aus- druck. Weißt du, die Aristarchen lassen es niemals zu, daß ihre legislative Politik von persönlichem Ge- winnstreben beeinflußt wird, und deshalb brauchen sie sich auch nicht davor zu fürchten, daß das Volk ihren Beratungen zuhört. Außerdem besteht schon seit langer Zeit die Tradition, die eigentliche Regie- rungsarbeit bei zwanglosen Zusammenkünften in ih- ren jeweiligen Wohnsitzen zu erledigen. Wenn sie, sich hier versammeln, geschieht das für gewöhnlich nur, um in einem würdigen und feierlichen Akt neue Bestimmungen und Gesetze in Kraft zu setzen, deren Einzelheiten zuvor besprochen und abgesegnet wor- den sind. Und bei diesen Gelegenheiten wählen sie die zurückhaltendsten und am wenigsten Aufsehen und Unruhe erregenden Formulierungen.« Sie erreichten die Wandelgänge und stellten fest, daß sich viele Leute in den von Säulen gesäumten Korridoren aufhielten. Die Bummler und Zuschauer unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Die mei- sten schienen den Worten einer Frau zu lauschen, die von der Halle her heranwehten. Es war eine laute und ein wenig schrill klingende Stimme, aber die bei- den Männer vermochten dem Vortrag noch nicht ganz zu folgen. »Dennoch«, fuhr Kandros fort, »sind bestimmte Personen unter gewissen Voraussetzungen in der La- ge, die Aristarchen zu einer Versammlung hier im Aristarkion zu veranlassen – selbst dann, wenn sie aufgrund ihres nicht unbeträchtlich ausgeprägten Taktgefühls eine diskretere Form des Konferierens bevorzugt hätten. So kann zum Beispiel der Gilden- meister der Schmelzer und Gießer einmal im Jahr ei- ne Sitzung verlangen, um Angelegenheiten der Schmiede besprechen zu lassen. Und das Orakel der Göttin vermag die Aristarchen jederzeit zusammen- zurufen, wenn es eine Botschaft von der Herdenhüte- rin erhalten hat und der Meinung ist, der Aristarkion müsse davon unterrichtet werden.« Sie schritten auf die nächstgelegene Tür des Konfe- renzsaals zu, und die Stimme der Frau wurde nun deutlicher inmitten der Echos, die von den marmor-, nen Säulen steinernen Wänden widerhallten. »... denn bei der Ansprache, die ich an euch richte, geht es erneut um Geld, meine Herren. Und ihr braucht nicht unruhig und nervös zu werden, weil wir schon einmal von Geld gesprochen haben – es ist jetzt gut ein Jahr her, und ihr erinnert euch doch ge- wiß noch daran, nicht wahr? Amboß, Weidengips und Hammer! Was hat euch damals beherrscht, ihr Herren? Unsere im Himmel geborene Herdenhüterin, die ihr alle verehrt, der ihr alle eine ganze Reihe von Wohltaten zu verdanken habt, die sie euch durch mich angedeihen ließ ... unsere Göttin hat uns um et- was gebeten, und das führte zu jener Zusammen- kunft – entsinnt ihr euch? –, bei der wir auch von Geld sprachen, ebenso wie jetzt ... Jetzt erinnert ihr euch doch gewiß, ihr Herren? Was hast du gesagt, Direktor Pozzle? Entschuldige bitte, aber ich habe deinen Zwi- schenruf nicht verstanden. Würdest du ihn bitte wie- derholen, etwas lauter diesmal?« Wenn sich in dem Konferenzsaal überhaupt ir- gendeine andere Stimme als die der Frau zu Wort gemeldet hatte, so hatten Nifft und Kandros keinen einzigen Laut davon vernommen. Sie betraten eine Kolonnade, die direkt auf das eine Portal der Halle zuführte, und dabei konnten sie die Sprecherin erst- mals sehen. Sie stand auf einer hohen Tribüne, die im Halbkreis von marmornen Rängen umgeben war, auf denen die Aristarchen Platz genommen hatten. Sie war klein, und das Haar hing ihr üppig und in dicken Strähnen vom Haupte. Die eine zur Faust geballte Hand hatte sie in ein Schurzfell geschoben, unter der der zerschlissene Stoff einer abgetragenen Tunika sichtbar wurde. Die Säume des Rocks hatte sie em-, porgezogen und mit Nadeln in Höhe der Schienbeine schief zusammengesteckt – vielleicht um sich auf die- se Weise mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen für ihre unruhig umherscharrenden und in Sandalen steckenden Füße. Sie beugte sich vor und erweckte den Eindruck, als konzentriere sie sich ganz darauf, die Wiederholung der angeblichen Bemerkung Pozzles zu hören, und selbst in dieser Haltung kam sie nicht zur Ruhe: Ungeduldig trat sie immer wieder vom einen Fuß auf den anderen. Ein prächtig geklei- deter Mann in der Mitte der höchsten Sitzreihe ver- zog das Gesicht zu einer düsteren Miene und schüt- telte den Kopf. In einem Tonfall, in dem nicht die Spur provozierenden Ärgers zum Ausdruck kam, meinte er: »Du irrst dich, Dame Lybis. Ich habe nichts gesagt.« »Du hast nichts gesagt? Ach, du meinst, du hättest jetzt nichts zu sagen! Ich verstehe! Denn während der Versammlung vor einem Jahr, als wir ebenfalls über Geld sprachen, hast du eine ganze Menge gesagt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesem Irr- tum unterlag – ich glaubte, du würdest uns jetzt jene so blumigen Worte zitieren, mit denen du die Diskus- sion während der Konferenz vor zwölf Monaten abge- schlossen hast. Und ich muß zugeben, es war eine wirklich sehr eindrucksvolle Rede, die du da hieltest, Pozzle. Ich erinnere mich besonders deutlich an einen bestimmten Punkt, den du zur Sprache brachtest. Du hast uns dabei geholfen, uns darüber bewußt zu wer- den, wie hoch die Kosten sein würden, die nötig wä- ren, um die Herde der Göttin zurückzuholen. Wenn ich nicht irre, Pozzle, dann hast du doch folgende Be- rechnung angestellt: Wenn die Geschöpfe der Herde, tatsächlich so groß sind, wie die Göttin andeutet, dann wäre, um auch nur eins davon aus dem südli- chen Kairnheim hierher zu transportieren, mehr Geld erforderlich, als man zum Bau dreier großer öffentli- cher Gebäude benötigt. Ja, es waren wirklich sehr überzeugende Ausführungen, besonders das Beispiel, das du wähltest – schließlich warst du zu jenem Zeit- punkt ganz versessen darauf, finanzielle Unterstüt- zung zu erringen für die Absicht, eine neue Gilden- halle für die Schweißer, Gießer der Schmiede zu er- richten. Und der Himmel weiß, daß du überaus gute Gründe dafür hattest, ihr Wohlwollen zu erringen und sie zu besänftigen – immerhin hast du es auf er- staunlich kreative Weise fertiggebracht, den für sie bestimmten Teil des Finanzhaushaltes für dich selbst arbeiten zu lassen! O ja! Wie sich doch die Perspekti- ven verändert haben! Auch nur eins der Geschöpfe der Herdenhüterin hierherzuschaffen, würde soviel Geld kosten, wie nötig ist, um drei große Gebäude zu errichten. Und wie viele Gebäude werden wir einbü- ßen, wenn wir ein zweites Mal die Hände in den Schoß legen? Wie viele gibt es in Amboß weide?« Sie hatte sich bei den letzten Worten von ihrer Zu- hörerschaft abgewandt, aber nun wirbelte sie wieder herum und fesselte erneut die Blicke aller Aristarchen an sich. »Bedenkt das wohl!« Sie schrie fast. »Nehmt euch meine Worte zu Herzen und auch die, die ich bisher noch nicht ausgesprochen habe!« Sie schenkte den Männern ein flüchtiges und breites Lächeln und gab damit die Mehrdeutigkeit ihrer letzten Bemer- kung zu erkennen. Ihr Haar hatte die Farbe schmut- zigen Honigs. Sie trug eine Art Kopfnetz, das offen- bar aus Draht bestand. Es ging in ihren Pelz über und, war tief darin eingelassen. Aus den dichten Maschen des Gitterwerks keimte ihr Haar lanzengleich empor und erinnerte damit an die halb aufgerichteten Fe- dern eines Falken. Ihre Nase war, wie fast alles an ihr, klein, aber sie war so stark gekrümmt wie der Schna- bel eines Adlers und entsprach damit ganz der Nach- barschaft ihrer Augen: sie waren groß und schwarz, glänzten vor aufmerksamer Wachsamkeit und gaben ihrem Gesicht einen fast kämpferischen Ausdruck. Ihre Lippen waren voll und rot wie reife Erdbeeren, und in der Ruhestellung hätten sie gewiß einen sinn- lichen Eindruck vermittelt. Aber sie waren entweder zum Zeichen wilder Entschlossenheit zusammenge- preßt oder deuteten ein ironisches Lächeln an. Nifft und Kandros lehnten an den gegenüberliegenden Seiten des Portals, und mit ihren neugierigen Blicken erforschten sie die betont weiblichen Wölbungen ih- res Beckens und der vollen Brüste. »Was ich bisher noch nicht gesagt habe«, heulte ihre Stimme, »ist folgendes: Die Göttin hat die Absicht, uns den Auftrag zu erteilen, ihre Herde herbeizu- schaffen – um dadurch die Stadt zu retten. Ich bin die demütige Dienerin der Herdenhüterin, und ich will mich nicht erdreisten, ihre Botschaft vorwegzuneh- men. Aber was liegt näher als diese Vermutung, hm? Und wenn sie uns tatsächlich nach Kairnheim schickt – gibt es eine bessere denkbare Wiedergutmachung für den Geiz, den ihr vor einem Jahr bewiesen habt, eh? Genug damit. Ich habe euch von einer wichtigen Sache zu unterrichten. Die Söldner sind von euch verpflichtet worden, so wie es die Göttin verlangte. Wenigstens dagegen habt ihr euch nicht gesträubt,, das muß ich anerkennen. Aber ich muß euch davor warnen, nun wieder in das alte Zaudern zu verfallen. Zu welchen Zwecken auch immer ihr die Soldaten nach ihrem Willen einsetzen sollt – beugt euch ihrer Anweisung und scheut nicht die damit verbundenen Kosten. Ich werde mich nun auf den Weg machen, um mit den Offizieren der Truppe zu sprechen. Ich habe nicht die Absicht, in Hinsicht auf die Kosten in lange Verhandlungen einzutreten oder zu knausern. Sie alle sind erfahrene Berufssoldaten aus Gelidor In- gens. Wenn sie hören, welchen Auftrag sie ausführen sollen, werden sie den höchsten Preis fordern, den zu bezahlen man von einigermaßen vernünftigen und gut informierten Kunden angesichts der fraglichen Arbeit erwarten darf. Und es fällt in euren Zustän- digkeitsbereich, meine Herren, ihre Forderung zu ak- zeptieren und die erforderlichen Mittel in angemes- sener Eile zur Verfügung zu stellen. Da es sonst nichts gibt, was ihr für eure eigene Rettung unter- nehmen könnt, braucht ihr nichts weiter zu tun. In einer Stunde beginne ich die Zeremonie der Bit- te. Ich fordere euch auf, pünktlich zu sein.« Als Kandros und Nifft erneut über den Platz schritten und auf den Tempel zuhielten, sahen sie die Sänfte des Orakels bereits ein ganzes Stück vor sich, und daraufhin beeilten sie sich. Nifft beobachtete den Tragsessel und lächelte. »Ihr Auftreten gefällt mir«, sagte er., »Ja. Es ist genau abgestimmt auf die Art ihrer Zu- hörerschaft.« Sie gingen weiter. Niffts Blick schweifte in die Fer- ne ab. »Erzähl mir das, was du über den historischen Hintergrund der ganzen Sache weißt, Kandros. Wie kam es überhaupt dazu, daß die Herde verschwand, und wie ist es möglich, daß sie bis heute überlebte?« »Sie ging während des Angriffs verloren, dem die Herdenhüterin und ihre Artgenossen zum Opfer fie- len.« »Rivalisierende Besucher von ... dort oben?« Nifft deutete zum Himmel. Kandros schüttelte den Kopf. »Menschen. Offenbar geschah es in einer Zeit, als unsere Rasse groß und mächtig war. Ich habe sogar gehört, daß die Menschen damals Besuchern wie der Herdenhüterin ganz gelassen und voller Toleranz ge- genübertraten, da sie damals selbst die Sternenklüfte überwunden und andere, fremde Welten kolonisiert hatten.« »Hm. Aber was die Herdenhüterin anging, riß ih- nen bald der Geduldsfaden?« »Offensichtlich wurde ihre Toleranz von Habsucht verdrängt. Wie es heißt, nahm die hiesige Kolonie ei- nen großen Aufschwung und war bald wegen ihres Reichtums berühmt. In einer Legende wird behaup- tet, dieser Ort sei eine Art Schmiede gewesen, die den großen Sternenschiffen zu Diensten war, die Men- schen und Götter von Welt zu Welt trugen. Wie dem auch sei: Die Menschen einer benachbarten Stadt – die damals offenbar sehr mächtig war, allerdings un- terging, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen – grif- fen die Weiden an. Die Attacke war so wild, daß alle Herdenhüter ihr Leben verloren. Die Göttin des, Tempels dort vorn ist in gewisser Weise doch einzig- artig, denn sie erlitt den Tod, ohne daß ihr Leib ver- nichtet wurde. Deshalb vermutlich auch ihre Konser- vierung – als eine Art monumentenhafte Trophäe, nehme ich an. Nun, der Kampf verursachte einen gewaltigen Erdrutsch über den Hängen, auf denen die Herde graste. Die Geschöpfe wurden alle unter den herabstürzenden Massen begraben, deshalb hat- ten die Angreifer nur einen Pyrrhussieg errungen und eine Geister-Schmiede erobert, der rasch Metall und Brennstoff ausgingen. Aber was die Herde selbst angeht: Die Steinfresser brauchten offenbar keine Luft zum Leben, und deshalb bescherte ihnen die Ver- schüttung nicht den Tod.« »Und so nagten sie sich tief unten durch den Bo- den? Und seit jenen Tagen in grauer Vorzeit lebten sie in der Tiefe und sind erst jetzt wieder hervorgekom- men?« »Offensichtlich ja.« »Und es war niemand bei ihnen, um sie zu ... hü- ten?« Kandros hob bei dieser Frage die Augenbrauen, und Nifft zog seine Frage mit einem kurzen Aufla- chen zurück. »Wenn du damit andeuten willst«, ent- gegnete Kandros, »eine der Herdenhüterinnen hätte überleben können, indem sie ebenfalls verschüttet wurde, zusammen mit ihren Schutzbefohlenen, dann brauchst du dir nur einmal die Göttin anzusehen, um zu wissen, daß ihre Art nichts davon hielt, sich durch die Erde zu graben.« Am Tempeleingang wartete ein Ministrant auf sie. Es war ein ungewöhnlich alter Mann, der sie ins Ge- bäude hineingeleitete und bei jeder Bewegung seufzte, und vor sich hin murmelte. Als Nifft den Schrein der Herdenhüterin betrat – es war ein großer und nur matt beleuchteter Raum, der das Zentrum des Tem- pels ausmachte – zögerte er sichtlich. Sowohl die Ge- stalt der Göttin als auch ihre Positur erweckten auf den ersten Blick den Eindruck, als wolle sie sich mit ihrer beeindruckenden Größe auf den Betrachter stürzen. Sie ähnelte einer riesigen Libelle. Das lange und schlanke Hintersegment ihres Leibes wölbte sich über den vier kantigen Bögen empor, die von den acht un- glaublich fragil erscheinenden Beinen gebildet wur- den. Ihr Körper füllte den ganzen Glasblock aus, in dem sie sich befand – und der war mindestens sechs Stockwerke hoch. Die Herdenhüterin hatte zwei Fühlerpaare. Zwei dieser Auswüchse waren kurz, erinnerten an zarte Wedel und ragten wie dünne Hörner dicht hinter den pyramidenartig geformten Facettenaugen des ellipsoiden Schädels empor. Die beiden anderen Fühler waren ebenfalls recht dünn und federähnlich, wiesen aber im Vergleich zum er- sten Paar eine weitaus größere Länge auf. Sie waren nach vorn geneigt, und ihre Spitzen endeten nur we- nige Zentimeter unterhalb der Oberfläche des Glas- blocks, an einer Stelle, die dem Boden der Kammer ganz nahe war und für gewöhnlich von einigen Vor- hängen verhüllt wurde. Jetzt aber waren die Planen zur Seite gezogen. Dame Lybis trat durch eine Hintertür neben der ei- nen Ecke des gläsernen Monolithen. Ihre Hände wa- ren noch immer damit beschäftigt, den Knoten eines bestickten Stirnbandes zu knüpfen, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte. Sie blieb direkt vor der, ersten Sitzreihe stehen, schob die Hände in ihre Schurztasche, verneigte sich würdevoll und musterte die Versammelten. »Meine Herren, ihr seid hier höchst willkommen – und das ist noch sehr milde ausgedrückt. Bitte ver- zeiht die Eile, die euch an Unhöflichkeit denken las- sen mag, aber dies ist nicht die passende Gelegenheit für eine richtige Konferenz. Diese Zusammenkunft räumt mir die Möglichkeit ein, euch in groben Zügen die Lage zu schildern und die wichtigsten Fragen zu beantworten, mehr nicht. Kommen wir also zum ersten Punkt: Wenn ich die Zeremonie der Bitte erfüllt habe und ihr euch über die Art der Aufgabe klargeworden seid, die ihr für uns erledigen sollt, dann erhebt die höchste Entgelt- forderung, die ihr auf der Grundlage eurer Redlich- keit an uns stellen könnt. Die Aristarchen sind nur dann zur Zusammenarbeit bereit, wenn man ihnen von Anfang an mit unerschütterlicher Festigkeit ent- gegentritt. Zweitens: Zwar weiß ich genaugenommen noch nichts von der Willensoffenbarung der Göttin, solan- ge ich noch nicht das Ritual der Bitte erfüllt habe, aber ich kann behaupten, nur geringen Zweifel zu hegen, was diesen Punkt betrifft. Deshalb bin ich in der La- ge, euch mit den Einzelheiten eures Auftrages ver- traut zu machen. Seit sich vor mehr als einem Jahr der Göttin das Wissen erschloß, daß ihre Herde aus der Tiefe wieder zum Vorschein gekommen ist, gilt ihr ganzes Streben sicherlich nur dem Ziel, die ihr einst- mals Anvertrauten wieder hierherzubringen – und zudem stellt die Herde auch die einzige Arznei gegen das Leiden dar, mit dem das Schicksal unsere Stadt, zu bedrohen gedachte.« Lybis deutete mit einer Hand in Richtung Decke, aber sie wandte den Blick dabei nicht von den Offizieren der Söldnertruppe ab. »Also – was hat es mit der Herde auf sich? Es ist nicht genau bekannt, wie viele Tiere zu ihr gehören: einige hundert vielleicht, tausend aber gewiß nicht. Es sind große Steinfresser. Ich vermute, sie reichen der Göttin bis zu den Knien.« (Bei diesen Worten richteten sich die neugierigen Blicke der Offiziere auf die Göttin. Jedes der acht Beine der Herdenhüterin wies drei Gelenke auf. Das untere war rund fünf Meter vom Boden entfernt.) »Ihre Masse entspricht der eines großen Wals. Sie sind sehr fügsam. In den Hügeln des südlichen Vorgebirges von Kairnheim sind sie wieder an die Oberfläche gekommen – in ei- ner Region, die sehr unwegsam und von dichten Dschungeln bedeckt ist und deshalb von den Bewoh- nern von Erstes Kairnrecht nie besiedelt wurde. In der gegenwärtigen Jahreszeit braucht man etwa zehn Tage, um die See von Catastor zu überqueren. Und bevor ihr nun damit beginnt, euch auszurechnen, wie viele Überfahrten nötig sind, um die ganze Herde herzubringen, sollt ihr noch eins wissen: Diese Tiere zeichnet ein außergewöhnlich fester Körper aus; sie sind so gut wie unverletzlich und kommen gänzlich ohne Atemluft aus. Man kann sie also zu viert oder fünft zusammenbinden, ins Wasser und von einem Schiff mit ausreichender Größe abschleppen lassen, in dessen Laderäumen noch einer oder gar zwei weitere Steinfresser untergebracht werden können.« Sie unterbrach sich und hob die Augenbrauen, um zu Fragen aufzufordern. Einer der Infanterie- Offiziere, Menodon, murmelte: »Dann wären zwan-, zig Schiffe in der Lage, mit einer Überfahrt hundert- vierzig Tiere zu befördern. Stehen uns zwanzig Schif- fe zur Verfügung?« »Wir haben fünfunddreißig. Die Aristarchen kön- nen allein zwanzig aus unserer Handelsflotte rekru- tieren, und sie werden sich bereitwillig damit einver- standen erklären, fünfzehn weitere aus den Watten der Aristozinseln zu besorgen.« »Hm. Verzeih mir, Dame Lybis, aber ich muß eini- ge deiner Bemerkungen neu formulieren, damit sie meiner Ansicht nach exakter und zutreffender sind. Vor Äonen waren die uralten Vorfahren der Herdentie- re recht umgänglich und fügten sich den Befehlen der Herdenhüterinnen ...« – er nickte bedeutungsvoll in Richtung des im Glas erstarrten titanenhaften Ge- schöpfes – »... aber wir werden es mit Tieren zu tun haben, die niemals die Gegenwart einer Hüterin er- fuhren und nie lernten, sich ihren Anweisungen zu fügen. In diesem ganz anderen Licht laß mich noch einmal eine Frage wiederholen, die du zuvor auf in- direkte Weise bereits beantwortet hast: Müssen wir mit aus Schwierigkeiten erwachsenden Gefahren rechnen während des Einfanges und des Transports dieser riesigen Geschöpfe? Bitte, sei ganz ehrlich. Wir weichen nicht vor Risiken oder Problemen zurück. Uns geht es nur darum, die Lage richtig einzuschät- zen und einen angemessenen Preis zu verlangen. Die- se nomadischen und seit einer Ewigkeit frei und un- gezwungen lebenden Wesen werden sich wohl kaum einfach so an die Kette legen und ins Meer ziehen las- sen, wo sie zusammengeschnürt und durch die Flu- ten geschleppt werden, ohne einen gewissen Wider- stand zu leisten. Ich will dir keineswegs zu nahe tre-, ten, Dame Lybis, aber was veranlaßt dich dazu, uns ein solches Versprechen zu geben?« Lybis lächelte offen; ihre Hände ruhten nach wie vor in der Schurztasche, und sie schüttelte in gutmü- tiger Verneinung den Kopf. »Du hast die Lage noch nicht in allen Einzelheiten erfaßt, mein Freund. Es wird ganz bestimmt schwierig und problematisch sein, die betreffende Region zu durchqueren. Viel- leicht stoßt ihr dabei auch auf andere, die es auf die Herde abgesehen haben, und dann könnte es not- wendig werden, um sie zu kämpfen. Die Tiere fressen alle Arten erzhaltigen Gesteins, und sie scheiden das jeweilige Metall in völlig reiner Form aus, zusammen mit einer Art Heizkohle überragender Qualität. Und wenn das von anderen Menschen bemerkt wird, so legen die Entdecker bestimmt nicht die Hände in den Schoß! Aber gewiß brauchen wir nicht damit zu rechnen, daß sich die Herde unserem Willen wider- setzt. Denn die Tiere werden von der Stimme einer Herdenhüterin zum Gehorsam angetrieben. Über- zeugt es dich, wenn ich dir sage, daß die Tiere wäh- rend der Expedition von der Stimme der Göttin zu Folgsamkeit aufgefordert werden? Spricht sie nicht mit meinem Mund? Erklärt sie nicht durch meine Person ihren Willen? Und bin ich nicht die ganze Zeit über bei euch? In diesem Fall wird es sich bei dem ei- gentlichen Kommunikationsmedium allerdings nicht um Sprache an sich handeln; aber ihr könnt dennoch gewiß sein, daß die Herdenhüterin ihre Befehle durch mich vermittelt, und es kann kein Zweifel daran be- stehen, daß die Tiere diese Anweisungen verstehen. Und die Steinfresser – ganz gleich, wie lange sie sich durch die Dunkelheit der Tiefe gruben – sind von ei-, ner Art, die es ihnen unmöglich macht, sich dem Ge- heiß einer Herdenhüterin zu widersetzen.« Kurzes Schweigen schloß sich an, und während dieser Stille waren alle Augen auf die Dame Lybis ge- richtet und brachten eine Frage zum Ausdruck. Das Orakel forderte die Versammelten mit seinem ruhi- gen Lächeln dazu auf, sie zu formulieren, und schließlich meldete sich Nifft zu Wort. »Ich bitte um Entschuldigung, Dame Lybis: Mit einem solchen Unterfangen enthüllt die Tote doch einen seit grauer Vorzeit verborgenen Schatz; offensichtlich ist sie fä- hig, das ferne Auftauchen seit langem verschwunde- ner Geschöpfe zu bemerken, und sie scheint ebenso dem Verlauf der bevorstehenden Expedition folgen zu können, mit einer beständigen und im Hinter- grund verbleibenden Wachsamkeit ...« Inzwischen wanderten die Aristarchen nacheinan- der und in stummer Ehrerbietung in den Schrein hin- ein. Die Priesterin wandte den Blick nicht von Nifft ab. Eine Zeitlang musterte sie ihn nachdenklich, dann erwiderte sie: »Mein Herr, du weißt sehr wohl, daß die ersten beiden Dinge zutreffen. Ob du zu glauben bereit bist, daß sie auch den dritten Punkt zu bewerk- stelligen vermag ... diese Entscheidung mußt du ganz allein treffen, ebenso wie die hier versammelten Offi- ziere, bevor sie den Auftrag annehmen.« Es herrschte Stille im Schrein. Sowohl die Aristarchen als auch die Söldner beobachteten die langen Falten, des zugezogenen Bittschleiers, den der Minorit- Küster hinter Dame Lybis geschlossen hatte, als sie an den gläsernen Sarkophag herangetreten war. Er stand nun unmittelbar vor dem Vorhang und wartete dar- auf, daß ihm die Priesterin verkündete, die Zeremo- nie der Bitte sei beendet. Wenn das geschah, würde er den Schleier wieder öffnen. Obgleich sich die Söldner und Aristarchen ähnlich waren in der schweigenden und angespannten Auf- merksamkeit, die auf den plissierten Vorhang ge- richtet war, so beobachteten letztere den Schleier doch mit Blicken, in denen düstere Vorahnungen zum Ausdruck kamen: Sie befürchteten den schmerzlichen Verlust einer großen Geldmenge, die die bevorstehende Offenbarung nach sich ziehen würde. Die Gesichter der Offiziere hingegen verrieten insgeheime Selbstzufriedenheit, während sie mit ähnlicher Konzentration warteten. Aber auch wenn sich beide Gruppen in ihren Gedankengängen so sehr voneinander unterschieden, konnte man doch eine Gemeinsamkeit entdecken: Wenn sich einige Falten des Bittschleiers sanft bewegten, so klangen sowohl den Söldnern als auch den Aristarchen die gleichen sonderbaren Laute an die Ohren – es war das leise Klirren von Fünf-Lictor-Goldmünzen, die in einem großen Beutel klapperten. Für die eine Hälfte der Zu- hörerschaft war dies eine überaus melancholische Melodie, während sie für die andere einer triumpha- len Hymne gleichkam. Die Augen der Wartenden beider Gruppen wiesen jedoch die gleiche Tendenz auf – immer dann, wenn die entsprechenden Blicke über den Vorhang glitten. Söldner und Offiziere neigten dann dazu, an dem im gläsernen Sarg einge-, schlossenen Titanen emporzusehen. Die großen und sich in weiten Bögen nach vorn neigenden Fühler, die sich nur deshalb herunterzustrecken schienen, um die Anfragen der zwergenhaften Bittsteller entgegenzu- nehmen, wurden mit unbehaglicher Nachdenklich- keit gemustert. Offenbar hielten es die Versammelten durchaus für möglich, daß die Herdenhüterin fähig war, die Vorgänge in ihrer Umgebung wahrzuneh- men. Jenseits des Schleiers wurde ein triumphieren- des Krächzen laut. »Ha! Ich habe es ja gewußt! Und dein Wunsch, Herrin, soll erfüllt werden, das verspreche ich dir hoch und heilig! Ha!« Die Füße des Küsters bewegten sich unruhig. Ver- wirrung löste die ehrwürdige Ausdruckslosigkeit seiner Miene auf. Stille folgte den krächzenden Wor- ten der Dame Lybis, und kurz darauf war ein leises und unstetes Knistern und Knarren zu vernehmen, das aus dem Bittschleier selbst zu kommen schien. Dann rief Lybis: »Ihr Wille ist bekannt! Ihr Wille ge- schehe!« Der Küster wandte sich feierlich um und machte Anstalten, den Schleier zu öffnen, um das Orakel hervortreten zu lassen – offenbar gab ihm die Ver- kündigung der rituellen Worte den Anlaß dazu –, aber er hatte die Wende kaum ausgeführt, als der Vorhang mit einem Ruck zur Seite gerissen wurde. Der eine Teil des Schleiers hüllte Kopf und Schultern des Küsters ein, und Dame Lybis kam hervor. In den Händen trug sie eine wächserne Platte und einen Griffel. Mit dem Stift deutete sie triumphierend auf sich selbst, während sie die Tafel wild umher- schwang., »Habe ich es euch nicht vorausgesagt, ihr Herren? Na? Habe ich es nicht gewußt?« Sie steckte sich den Griffel ins Haar, und er verschwand zwischen ihren Strähnen. Dann legte sie sich die Platte flach auf die ausgestreckte Hand, und ein hintergründiges Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. »So vernehmt die Bot- schaft«, sagte sie. Sie las von der Tafel ab, und ihre Stimme klang dabei so laut und durchdringend wie ein Fanfarenstoß: »Von altem Greuel, tief vergraben wie ein Keim, Sind Ähren gewachsen in der Sonne Schein. So mag der Mensch ernten, was er bestattete einst. Als er verscharrte das Ding, aus dem nun wächst die Blüte, Wollte er stillen den Hunger mit seinem blutigen Ernst. In Kairnheims Süden ist das Morden ohne Ende und Güte; Doch errettest du die Amboßstadt, Die letzte noch blühende Bastion, so rein, Und sich vermindert der Unglück Bürde, die dich macht so matt, So wirst du voller Segen sein.« »Nun, meine Herren?« platzte es aus Lybis heraus, als sei sie verblüfft angesichts der unerschütterlichen Ruhe, in der alle Versammelten sie anstarrten, nach- dem ihnen diese bereits in aller Ausführlichkeit pro- phezeite Botschaft an die Ohren gedrungen war. »Könnt ihr angesichts dieser Offenbarung tatsächlich so kühl bleiben? Seid ihr nicht von heldenhaften, Empfindungen und kosmischen Phänomenen beein- druckt? Ach, ihr spielt doch alle nur die völlig Unbe- wegten, so wie es Männer gerne tun. Zumindest einer von euch muß mir in Vertretung aller anderen zeigen, daß er die Worte vernommen hat. Sonst bin ich zu der Annahme gezwungen, daß ihr alle taub oder stumm seid – oder beides. Münzmeister Hamp! Ja, ich meine dich! Du sollst es sein, als ein achtenswerter und recht kluger und umsichtiger Aristarch! Komm, Lord Hamp. Was entnimmst du der Botschaft der Göttin?« Der fragliche Mann – auf seinem mit sorgfältigem Nachdruck kahlgeschorenen Schädel zeigte sich nur ein einzelner grauer Stoppel – trug eine etwas nach- denklichere Miene zur Schau als die anderen Ver- sammelten. Hamp musterte die Dame Lybis mit ver- drießlicher Miene, und seine verzogenen Lippen klagten schon jetzt darüber, daß man seine Antwort falsch auslegen würde. »Ich bitte dich, Lord Hamp«, drängte das Orakel. »Kann eine Botschaft der Herdenhüterin deutlicher sein? Wie interpretierst du die Offenbarung?« Hamp sah viele auffordernde Blicke auf sich ge- richtet, darunter auch den von Pozzle, und daraufhin räusperte er sich und ließ schließlich zu, daß Bewe- gung in seine massiven Kiefer kam. »Nun, was die Herdenhüterin im wesentlichen meint, ist das, was du uns bereits im Aristarkion vorausgesagt hast: Die In- terpretation geht dahin, daß die einzige Möglichkeit zur Lösung unseres Problems darin besteht, alles in die Wege zu leiten, um die Herde der Göttin zurück- zuholen. Und das wiederum entspricht, wie du be- reits sagtest, genau der Situation, mit der wir uns, schon vor gut einem Jahr konfrontiert sahen.« Hamp räusperte sich erneut, und er faßte ein wenig Mut infolge des Schweigens und des nachdenklichen Ausdrucks im Gesicht von Dame Lybis. Sie schüttelte langsam den Kopf, wandte dabei aber nicht den Blick von ihm ab. Dann lächelte sie breit. Anschließend warf sie den Kopf in den Nacken und lachte schal- lend. Erst nach einer ganzen Weile gelang es ihr, sich wieder zu beruhigen. »Ach, mein lieber Lord Hamp«, sagte sie. »Der Se- gen von Amboß, Weidengips und Hammer möge sich auf uns alle senken! Ihr sollt wissen, ich meine dies keineswegs herabwürdigend. Ich kenne dich, Hamp, und zu hören, wie du deine Ansicht äußerst, war immer eins meiner größten Vergnügen – aber das, was du gerade zum besten gegeben hast, ist wirklich die dämlichste Stellungnahme, die ich in all den Jah- ren von dir vernommen habe. Ganz offensichtlich will sie, daß wir ihre Herde zurückbringen. Was könnte denn klarer sein? Aber begreift denn niemand, wel- che Bedeutung diese Anweisung hat, wenn wir sie erst ausgeführt haben? Aus welchem Grund haben Geist und Entschlossenheit der Göttin all die langen Jahr- hunderte ihres Todes überdauert? Warum hat sie uns stets geholfen? Kurz gesagt: Warum hat sie in all den seit damals verstrichenen Äonen niemals diesen von ihr eingenommenen Wachtposten verlassen? Welcher andere Grund kann es sein, genau auf diesen Augen- blick gewartet zu haben? Auf die Rückkehr ihrer Herde nach Hause und damit die Wiederherstellung der Welt, wie sie einst war, vor Urzeiten, vor der Vernichtung durch Menschen? Und wessen Glück ist das? Wer erbt diese seit so langer Zeit verschollenen, Geschöpfe, die Berge schufen und zerstörten, die sich durch Berge hindurchgruben? Es ist einfach unfaßlich, wenn man daran denkt, daß man uns zwingen muß- te, den damit einhergehenden ungeheuren Reichtum zu akzeptieren! Wie habgierig ihr in eurer Kurzsich- tigkeit doch seid, und wie träge und phantasielos, wenn es um Dinge von größerer Tragweite geht!« »Ja, gezwungen!« platzte es aus Direktor Pozzle her- aus. »Genau das meine ich!« »Wie? Murmelst du vor dich hin, Direktor Pozzle?« Pozzle war auf die Beine gesprungen und deutete mit dem ausgestreckten Arm anklagend auf die Göt- tin. Doch er hatte diese Positur kaum eingenommen, als das beeindruckende Erscheinungsbild des im Glasblock eingeschlossenen Libellenwesens seine Knie veranlaßte, leicht zu zittern. Seine Stimme wur- de brüchig und verklang dann ganz, und es schien, als widerlege das Schweigen der gigantischen Gestalt der Herdenhüterin alles, was er gegen sie hätte vor- bringen können. »Erpressung«, stieß er schließlich hervor. Dieses ei- ne Wort tropfte leise und gedämpft von seinen Lip- pen, und es klang wie der vergebliche und erheiternd wirkende Versuch, sich in aller Vertraulichkeit an die anderen Versammelten zu wenden, ohne daß ihn die Göttin im Glas hören konnte. »Es ist nichts anderes als Erpressung. Wir haben ja schon im Aristarkion darüber gesprochen.« Sein finsterer Blick entlockte den anderen Aristarchen ein zustimmendes Nicken und beipflichtendes Murmeln. »Die Göttin wußte von der instabilen Tragader – sie wußte, daß sie nicht an- nähernd so dick war, wie sie außen aussah. Das ei- gentliche Flöz, auf das sie uns hinwies, lag tiefer, und, sie wußte auch davon. Sie muß einfach von der Tragader gewußt haben, die so wichtig war, um ...« Lybis hatte die Hand erhoben und nickte ruhig. »Lord Pozzle. Die Göttin läßt sich nicht dazu herab, ihre heiligen Motivationen mit ihrer demütigen Die- nerin zu diskutieren, aber hältst du mich wirklich für eine solche Närrin? Liegt der einzig mögliche Schluß nicht ganz klar auf der Hand? Und ich will euch das sagen, was ich mir selbst sagte, als ich schließlich be- griff. Was nun? Wollt ihr euch ihrem Willen etwa aus Trotz widersetzen? Wenn die Herdenhüterin dafür sorgen kann, daß sich das Haupt eines Berges unserer Stadt entgegenneigt, ist sie gewiß auch die einzige, die einen solchen Berg zu enthaupten vermag. Welche andere Möglichkeit habt ihr, Amboßweide vor dem Untergang zu bewahren? Natürlich – die Kasse der Stadt untersteht eurer Zuständigkeit. Ich werde euch nun allein lassen, damit ihr irgendeine Übereinkunft mit den hier anwesenden Offizieren treffen könnt. Unterrichtet mich von eurer Entscheidung. Ich bin in der Vorhalle.« Nifft folgte der Schreinherrin aus der Kammer. »Dame Lybis, könnte ich dich sprechen?« Er hielt ihr ein zusammengeschnürtes Pergamentbündel entge- gen. »Ein sehr guter Freund von mir in Karkhman-Ra – ein Gelehrter von höchster Reputation – läßt dir dies durch mich schicken. Vielleicht hast du schon einmal von Shag Margold gehört?« Sie hob die Augenbrauen und nahm das Bündel entgegen. »Margold? Seine Geschichte der Kolodriani- schen Wanderung steht an der Stelle in meinem Regal, wo ich meine liebsten Bücher untergebracht habe. Was schreibt er mir?«, »Er arbeitet derzeit an einer Abhandlung über die wichtigsten religiösen Kulte der Welt. Er hat sich immer besonders für den interessiert, der von dir re- präsentiert wird, und er konnte bisher ziemlich um- fangreiche Informationen darüber sammeln.« Nifft zögerte, senkte den Blick und räusperte sich. »In dem Schreiben, das er dir durch mich zukommen läßt, stellt er dir eine Reihe von Fragen, von denen er hofft, daß du so freundlich bist, sie ihm zu beantworten, damit er das Kapitel abschließen kann, das sich mit ... mit Amboßweide beschäftigt. Verzeih mir meine Aufdringlichkeit, aber das ist ein prächtiger Ring, den du da trägst. Stellt er einen Amboß dar?« »Ja.« »Ein überaus beeindruckendes Beispiel der Kunst- fertigkeit des entsprechenden Silberschmieds. Ist er von demselben Handwerker gefertigt worden, der auch Stab und Hammer herstellte?« Lybis' Blick ging inzwischen in die Ferne, und gei- stesabwesend berührte sie die letztgenannten Minia- turmodelle, die sie an einer Kette um den Hals trug. »Das nehme ich an. Es sind Erbstücke des Tempels, und sie wurden lange vor meiner Zeit gefertigt.« »Nun, ich habe die Absicht, noch eine Weile hier in der Stadt zu bleiben – ich suche nach Arbeit, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Vielleicht findest du eine Gelegenheit, den Brief Shag Margolds rechtzeitig ge- nug zu beantworten, daß ich deine Erwiderung mit- nehmen kann.« Lybis nickte, sprach aber kein Wort. »Wunderbar! Ich danke dir dafür. Ich glaube, ich wandere nun ein wenig umher und genieße draußen auf dem Platz die wunderbare Aussicht. Auf Wieder- sehen.«, Nifft bummelte seit etwa zehn Minuten draußen über den Platz, als schließlich die Aristarchen den Tempel verließen. Nach ihnen kamen die Offiziere. Erstere gaben sich recht feierlich und ernst und auch ein wenig niedergedrückt, und letztere wirkten im Kontrast dazu ziemlich heiter und aufgeräumt. Nifft wandte sich an Kandros und sagte ihm, er solle ohne ihn weitergehen, denn man könne sich nachher dort treffen, wo man die Söldner untergebracht habe. Als er etwa weitere zehn Minuten allein gewesen war, eilte Dame Lybis aus dem Tempel. Sie entdeckte ihn und kam geradewegs auf ihn zu. Ein recht ange- spannt wirkendes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du bist also immer noch hier? Weißt du, ich bin ein wenig neugierig – hast du den Brief deines Freundes gelesen?« Nifft straffte seine Gestalt und zeigte sich empört. »Nun, was hältst du denn von mir – natürlich nicht!« Sein aufgebrachter Gesichtsausdruck konnte den in seiner Stimme deutlich werdenden Mangel an Über- zeugungskraft kaum ausgleichen. »Natürlich nicht«, meinte Lybis. »Entschuldige, daß ich das gefragt habe. Weißt du, ich möchte meine Shag Margold geltende Bewunderung auf eine nach- drücklichere Weise verdeutlichen als nur durch eine Antwort auf seinen Brief. Du erwähntest doch, du suchst Arbeit? Du scheinst mir ein zuverlässiger und recht nützlicher Mann zu sein. Es wäre mir daher ein Vergnügen, dir einen Posten in unserem Expediti- onskorps zuzuweisen, mit dem Sold eines Offiziers. Bist du damit einverstanden?« »Du bist wirklich sehr gütig! Ich nehme dein An- gebot in höchster Dankbarkeit an und verspreche dir,, mich zu bemühen, deinen Erwartungen gerecht zu werden!« Das Wetter und die Winde waren der Expedition hold. Die Schiffe überquerten ohne Zwischenfall die See von Catastor, und am Nachmittag des neunten Tages nach dem Verlassen von Amboßweide gingen sie an einer günstig gelegenen Stelle vor Anker, von wo aus die Entfernung zu ihrem Ziel möglichst ge- ring war. Siebenhundert Längen hatte man inzwi- schen zurückgelegt. Aber es dauerte drei Wochen, die verbleibenden achtzig Kilometer hinter sich zu brin- gen und dann das Meer ein zweites Mal zu überque- ren, diesmal mit der Herde der Göttin im Schlepptau. Zum Teil ging diese Verzögerung auf die Hinder- nisse in Gestalt gebirgiger Dschungel zurück, die es, kaum daß man an Land gegangen war, zu überwin- den galt. Zum anderen Teil lag es auch an der Me- thode, mit der sie sich einen Weg suchten. Auf dem offenen Meer konnte der lenkende Einfluß der Göttin – gewissermaßen ihre ausgestreckten Empfindungs- fäden – die weite und ebene Fläche überwinden, ohne von Hindernissen abgelenkt zu werden ... auch wenn die große Entfernung zu einer entsprechenden Zerfa- serung führen konnte. Aber während sich das Expe- ditionskorps einen Weg durch mit dichten Farnen bewachsene Schluchten und Wälder bahnte, wobei die Männer dem Verlauf schmaler Flüsse und Bäche folgten, die ihnen die einzige Möglichkeit boten, hohe, Bergrücken zu überqueren und sich durch Gegenden zu schlagen, in denen sie besonders mit Nebel, Schlamm, Schlick und sonstigem trügerischen Unter- grund zu kämpfen hatten – war Lybis oft gezwungen, sich aus der psychischen Verbindung mit der Göttin zu lösen. Manchmal verlor sie dadurch so sehr die Orientierung, daß sie eine Anhöhe emporklettern mußte, um von dort aus in Erfahrung zu bringen, wo sie sich befand. Erst dann war sie in der Lage, die Richtung des ermüdenden Weges entsprechend zu korrigieren. Und es gab auch noch einen dritten Umstand, der viel Zeit kostete: Als sie auf die Herde stießen, fanden sie in ihrer Nähe eine Armee, die von den Steinfres- sern Besitz ergriffen hatte – und ein zweites Heer, das die erste Streitmacht belagerte. Allerdings war die erste Armee nur in technischer Hinsicht im Besitz der einträglichen Geschöpfe. Die Tiere befanden sich in einer Bastion, die sie selbst er- richtet hatten: In die Flanken zweier aneinander an- grenzender Hügel hatten sie eine breite Schlucht mit flachem Grund hineingefressen. Die Herde war um- geben von zerklüfteten und fast vertikal aufragenden Felswänden, die etwa dreißig Meter hoch waren. Von den Hügeln aus konnte man sich zwar recht einfach mit Hilfe von Seilen herablassen, aber befand man sich erst einmal darin, hatte man praktisch keine Fluchtmöglichkeit mehr. Daraus folgte, daß das Hauptinteresse der Belagerer in erster Linie der be- eindruckenden Wand aus Holz und Stein galt, die die Verteidiger vor dem einen offenen Zugang der Grube errichtet hatten – dem schmalen Talboden, über den die Steinfresser sich den Hügeln genähert hatten, die, ihnen so verlockend erschienen waren. Und außer- dem befanden sich die Verteidiger nur in dem Sinne im Besitz der Herde, als die Steinfresser zu gemäch- lich an den Flanken der Hügel nagten, als daß sie zu weit entfernt gewesen wären, wenn die Schlacht wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreichte und ent- schieden wurde. Die Tiere schienen völlig apathisch zu sein – wenn nicht gar blind – angesichts der Ereig- nisse, die so unbedeutend waren wie von Menschen ausgetragene Kriege. Und wenn sie die zwergenhaf- ten Krieger überhaupt bemerkten, so ließen sie sich nicht dazu herab, den Anspruch in Frage zu stellen, den die Armee, die hinter ihnen den Wall errichtet hatten, auf sie erhob. Die Leiber der Steinfresser wirkten durch und durch massiv und unverletzlich. Sie waren von ein- zelnen Platten und tafelförmigen Gebilden bedeckt, was den Anschein hervorrief, als seien sie mit Streben oder Planken versehen. Die Körperform erinnerte an umgestülpte Schiffsrümpfe. Sie schoben sich auf einer Vielzahl von gekrümmten und relativ kleinen Beinen vorwärts, und die schwarzen und vierfach gelappten Mäuler mahlten wie Schweineschnauzen. Wenn sie geschlossen waren, sahen sie aus wie Tulpenblüten, und sie gruben sich mit knirschendem Gleichmut durch den Fels. Beide Heere stammten aus Erstes Kairnrecht. Sie waren aus der fruchtbaren südlichen Hälfte des Kon- tinents hierhergezogen, kamen dorther, wo große Rinderherden auf den weiten Ebenen grasten. Zwei rivalisierende Provinzen hatten die Soldaten ausge- schickt, in der Hoffnung, sich mit Hilfe der Steinfres- ser großen Reichtum zu sichern. Das wurde von den, Überlebenden der zweiten, die erste belagernden Armee in Erfahrung gebracht, die sich zu einem An- griff auf die Söldnerstreitmacht hinreißen ließen. Die ganze Zeit über hatten die Soldaten mit der Ankunft einer Ersatztruppe für den Feind gerechnet, und in dem dichten Dschungel war ihnen zu spät klarge- worden, daß sie nicht mit dem kleinen Kontingent konfrontiert waren, mit dem sie es nach Aussagen der Späher zu tun hatten, sondern vielmehr mit einer Streitmacht, die nicht nur fast doppelt so groß war wie ihre eigene, sondern auch wesentlich besser aus- gerüstet. Nach dem kurzen Kampf konnten die Söldner fest- stellen, daß sich ihre taktischen Probleme erheblich vereinfacht hatten. Am nächsten Morgen zogen sie in Richtung des Walls, den die Kämpfer des ersten Hee- res errichtet hatten. Dort stießen sie auf den kleinen Rest der Belagerer, die man hier zurückgelassen hat- te, um den Rückzug der Hauptstreitmacht den Ver- teidigern gegenüber nicht allzu deutlich werden zu lassen. Außerdem wollte man keinen Ausfall des Gegners und damit einen Angriff von hinten riskie- ren. Die Söldner forderten sie zur Kapitulation auf. Anschließend wandte sich Menodon an die Verteidi- ger auf der anderen Seite des Walls und verlangte von ihnen, sich friedlich zurückzuziehen, da seine Streitmacht die rechtmäßigen Besitzansprüche auf die Herde repräsentiere. Dieser Vorschlag wurde von den Verteidigern jedoch mit vielen Schmähungen ab- gelehnt. Kandros hatte diese Entwicklung bereits vorausge- sehen und deshalb die Konstruktion eines einzelnen, hohen Belagerungsturms angeordnet. Er wurde dar-, aufhin bis auf ein paar hundert Meter an den Wall herangebracht, und Lybis kletterte empor. Menodon und Nifft begleiteten sie und gaben ihr mit Schilden Deckung. Sie identifizierte sich als Stellvertreterin der rechtmäßigen Eigentümerin der Herde und wieder- holte die von Menodon an die Verteidiger gerichtete Aufforderung, sich zurückzuziehen. Die Soldaten jenseits des Walls forderten sie verächtlich auf, sich ihr Eigentum selbst zurückzuholen, und lächelnd er- widerte Lybis daraufhin, dies sei gar nicht nötig. An- schließend streckte sie die Arme aus und deutete mit den Händen in Richtung Herde. Die Geschöpfe reagierten mit einer Einmütigkeit darauf, die angesichts so großer und träger Tiere er- schreckend wirkte. Mit einem Ruck kehrten sie ihrer Mahlzeit den Rücken und machten sich daran, mit donnernden und stampfenden Beinen auf Lybis zu- zustürmen. Die nicht unbeträchtliche Anzahl der Sol- daten, die zu überrascht waren, um den Wall noch rechtzeitig verlassen zu können, wurde mit ihm zu- sammen zerschmettert. Obgleich es für das Expeditionskorps nicht nötig war, sich erst einen Weg zurück zur Küste zu suchen, war es aufgrund der Masse der fünfhundert Kolosse, die dem Zug nun folgten, gezwungen, einen Pfad zu nehmen, der sich oftmals in engen Serpentinen an den Berghängen entlangwand. Umwege machen zu müssen, war schon schlimm genug, aber es war noch nervenaufreibender, welche zu finden. Viele der stei- len, dichtbewachsenen Berghänge waren mit einer so üppigen Schicht aus Humusboden und feucht- glitschigem Blattwerk bedeckt, daß selbst der unge- heure, Granit zerquetschende Druck, den die verblüf-, fend kleinen Insektenbeine der Steinfresser auf den Boden auszuüben vermochten, machtlos war ange- sichts des sofortigen Gehorsams, der den gewaltigen und schlammverkrusteten Leibern der Tiere von den Gesetzen der Schwerkraft aufgezwungen wurde. Nur zu oft mußten einige Führungstiere der Herde ver- anlaßt werden, sich durch den Dreck bis hinein in den Felskern der Berge zu nagen und auf diese Weise einen langsam ansteigenden Graben aus festem Fels durch die Hänge zu fressen, durch den die anderen Tiere dann emporgetrieben werden konnten. Schließlich erreichten sie die Küste. Dort waren in- zwischen von den bei den Schiffen zurückgebliebe- nen Pioniereinheiten die Konstruktionen fertiggestellt worden, mit deren Hilfe man die Schwierigkeiten be- züglich des Transports der Herde zu überwinden ge- dachte. Die größten Gerüste verfügten über mehrere Ladebereiche, die jeweils einen Steinfresser aufneh- men konnten – immerhin durfte so wenig Zeit wie möglich verloren werden, wodurch die Expedition gezwungen war, die gesamte Herde mit höchstens zwei Überfahrten nach Amboßweide zu schaffen. Vom Strand aus erstreckte sich eine große, gewölbte Rampe über den Bereich der küstennahen Felsen hinweg bis ins tiefere Wasser hinein. Es war eine hal- be Brücke, von deren bogenförmigem Ende ein Lade- baum von beeindruckenden Ausmaßen übers Wasser ragte. Um die Herde zu einzelnen Transporteinheiten von jeweils einem halben Dutzend Tieren zusammenfas- sen zu können, die dann hinter den Schiffen hergezo- gen werden sollten, waren fünfunddreißig Pferche im Gezeitensand errichtet worden, jeder mit einer Auf-, nahmekapazität von sechs Walen (die Größe der Herdentiere wurde inzwischen ganz allgemein in Walmassen ausgedrückt). Zehn Meter lange Pfähle reihten sich aneinander, und die Absperrwände zum offenen Meer hin verfügten über Tore, die man ein- zeln öffnen konnte. Waren die in einem bestimmten Pferch befindlichen Steinfresser bei Ebbe zusammen- gebunden, warteten die Schiffe, deren Frachträume inzwischen ebenfalls gefüllt waren, auf die Flut: Wenn das Wasser hoch genug stand, schleppten sie ihre Heckfracht gleichzeitig durch die großen Tore, setzten die Segel und machten sich rasch auf den Weg, um die kostbaren Werkzeuge zur Rettung von Amboßweide so schnell wie möglich abzuliefern. Die Herde ließ jede Phase des Verladevorgangs mit unerschütterlicher Geduld und ruhigem Gehorsam über sich ergehen, und kaum waren die Steinfresser in den Frachtkammern der Schiffe untergebracht oder im Heck aneinandergebunden, als alle Beteiligten wegen des massigen Trägheitsmoments dieser La- dung ein sonderbares und stark ausgeprägtes Gefühl empfanden: Sie hatten den Eindruck, auf Gedeih und Verderb einer Herrschaft ausgeliefert zu sein, deren Machtzentrum sich Tausende von Kilometern ent- fernt befand. Und tatsächlich erfreute sich die Göttin nun, da sie nur noch von der weiten Fläche des offe- nen Meeres von ihrer Herde getrennt war, an einer durch nichts mehr beschränkten Herrschaft über die Steinfresser; Lybis wies darauf hin, die Herdenhüte- rin sei darüber hinaus nunmehr in der Lage, auch alle Einzelheiten der jeweiligen Umgebung der Tiere wahrzunehmen und ihnen die Verhaltensweisen auf- zuerlegen, die zu ihrem Schutz vor möglichen Gefah-, ren nötig seien. Somit wurde die eine Hälfte der Her- de, die nicht bei der ersten Überfahrt transportiert werden konnte, zurückgelassen. In Begleitung eines nicht unbeträchtlichen Truppenteils warteten die Tie- re an der Küste auf die Rückkehr der Flotte, und Da- me Lybis machte sich mit dem ersten Konvoi auf den Weg nach Amboßweide. Als die Schiffe noch etwa zwei Tage von der Stadt entfernt waren, begegneten sie unterwegs einer Flotte von baskinischen Kriegsschiffen. Das der Hauptma- sse der Streitmacht voraussegelnde Schiff gab dem Flaggschiff Lybis' ein Signal. Anschließend wurde von der Schreinherrin verlangt, ein Kontrollkom- mando an Bord zu nehmen – und dachte man an die sonst für die beiden kriegführenden Mächte so cha- rakteristische Herablassung und Schroffheit im Um- gang mit Repräsentanten von Amboßweide, so er- folgte das ultimative Ersuchen in einem fast höflichen und zuvorkommenden Tonfall. Die schrille Herzlich- keit von Dame Lybis machte es beinahe überflüssig, die baskinische Abteilung mit Hilfe des Signalhorns aufzufordern, an Bord zu kommen. Der Admiral der Kriegsflotte war recht überrascht von dem, was er hinter den Schiffen im Meer schwimmen sah, und seine Verwirrung stieg weiter, als er die Frachträume des Seglers einer Inspektion unterzog, zu der ihn sei- ne fröhliche und überaus redselige Gastgeberin ein- lud. Nachher bat sie ihn, mit ihr zusammen in ihrer Kabine ein Glas Likör zu genießen. Inzwischen hatte der Admiral – es war ein massiger, geistig etwas schwerfälliger und narbengesichtiger Mann, der sich entsprechend der Traditionen von Baskin-Sharpz in Friedenszeiten gewiß als Kaufmann seinen Lebens-, unterhalt verdiente – den inneren Kern des fast an Unverschämtheit grenzenden Verhaltens seiner Gast- geberin erfaßt, und Dame Lybis begann ihm darauf- hin sympathisch zu werden. Er leerte sein zweites Glas, erhob sich, um sich wieder auf den Rückweg zu machen, streckte dabei ohne das geringste Anzeichen von Schwerfälligkeit die Hand aus und berührte den Arm der jungen Frau. »Bei allen Teufeln des Meeres, Priesterin – du bist zwar klein von Gestalt, aber du hast Courage und Temperament für zwei! Ich hoffe, du hast Erfolg mit dem, was du planst. Weißt du, ich glaube fast, wir könnten einen Waffenstillstand mit Hallam schließen, sollte deine Heimatstadt zerstört werden. Und ich muß dir sagen, daß beinahe überall auf der Welt die Bemühungen zur Rettung von Amboßweide in aller Munde sind – allerdings wünscht ihnen kaum je- mand ein gutes Gelingen. Es tut mir leid, aber so ist es nun einmal.« Lybis maß ihn mit einem sonderbaren Blick und lä- chelte. »Aber meine Stadt hofft auf einen entspre- chenden Erfolg, Admiral.« Als sie wieder in Amboßweide weilten, gab Lybis Kandros den Auftrag, eine Anordnung aus einzelnen Rampen und Gerüsten zu bauen und damit den Gip- fel des kollabierten Berges zu umgeben, unmittelbar unterhalb der Bruchstelle. Die bereits existierenden Balken und Holme sollten in dieses Stützsystem inte- griert werden. Die schon bestehende Konstruktion war zwar ebenfalls dafür vorgesehen, den herabzu- stürzen drohenden Gipfel zu stabilisieren, war ange- sichts dieses Zwecks jedoch von einer schier lächerli- chen Unzulänglichkeit. Meistenteils war Lybis stän-, dig unterwegs, und Nifft hielt sich ihren Anweisun- gen gemäß weiterhin an Deck des Flaggschiffes auf. Manchmal kehrte sie wieder an Bord zurück und trank mit ihm zusammen ein Glas Wein in ihrer Ka- bine. Bei solchen Gelegenheiten befragte sie ihn über sein bisheriges Leben, und angesichts seiner Ant- worten brach sie oftmals in schallendes Gelächter aus. Am Morgen nach der Rückkehr der Expedition nach Amboßweide schlenderten Nifft, Kandros und der Küster über den Platz der Akropolis und näherten sich jener Stelle, von wo aus sie eine hervorragende Aussicht über die Herde hatten, die auf einer freien Fläche vor dem Haupttor der Stadt zusammengetrie- ben wurde. Dann und wann gingen ihre Blicke auch zum Berg empor: Kleine Gestalten bewegten sich auf dem Rampengerüst, das den kollabierten Gipfel wie einen Kragen umgab, hin und her, und manchmal wehte der Wind die leisen Stimmen der Arbeiter und das Klirren und Klappern von Werkzeugen an ihre Ohren. »Bis zum Mittag dürften sie fertig sein«, meinte der Minorit-Küster, blickte mit teilnahmslosem Gesicht in den strahlenden Himmel empor und kniff die Augen zusammen. »Und dann werden wir ja sehen, ob das Gerüst sta- bil genug ist, um die Tiere aufzunehmen.« »Wenn die Steinfresser bis dahin hinaufgeschafft worden sind«, sagte Nifft. Seine beiden Begleiter, blickten ihn an, und er lächelte. »Ich habe das Gefühl, als gäbe es erst noch eine weitere Bitt-Zeremonie.« Er nickte in Richtung Tempel, der sich hinter ihnen er- hob, auf der anderen Seite des Platzes. Einige Kut- schen fuhren gerade vor, und es machten sich bereits die ersten Aristarchen daran, die heilige Stätte zu be- treten. »Zur Hölle mit dieser Frau!« platzte es aus dem Küster heraus. »Ich bin der oberste Würdenträger ih- rer Dienerschaft! Sie hat mir nicht ein einziges Wort gesagt! Immer wieder setzt sie sich über mich hinweg und bringt mich auf!« Nifft klopfte ihm auf die Schulter. »Ich hoffe, es macht die Sache nicht noch schlimmer, daß Lybis Kandros und mich davon unterrichtete. Weißt du, die Priesterin hat den Eindruck, die Göttin könnte etwas fordern, bei dem erneut die Fähigkeiten und das Ge- schick meines Freundes Kandros gebraucht werden. Komm – laß uns weitergehen und die Aussicht ge- nießen. Wir dürften noch eine halbe Stunde Zeit ha- ben.« Als sie weiterschritten, murmelte der Küster verär- gert vor sich hin. »Kann dich ihre Feindseligkeit denn überraschen, Minorit-Küster?« entfuhr es Kandros schließlich. »Liebt sie etwa die Aristarchen? Du bist stolz darauf, eine feste Beziehung zu ihnen zu haben, und darüber hinaus verdankst du deine Stellung ih- rem Einfluß. Du gibst offen zu, die Heiligkeit der Herdenhüterin zu bezweifeln – das ist noch milde ausgedrückt. Was aber andererseits Dame Lybis an- geht, so zeichnet eine tiefe Frömmigkeit sie aus und ...« »A-Aa! Weißt du, gerade in dem Punkt irrst du dich, gewaltig!« Damit war ein Thema angesprochen, das dem Küster offenbar sehr am Herzen lag und über das zu sprechen er ganz begierig war. Sie hatten nun die Brüstung am nördlichen Fortsatz des Platzes er- reicht – an jenem Ausläufer, der zum Ende hin spitz zulief. Der Küster ballte die Faust und schlug damit kurz auf das Geländer. »Betrachtet es einmal ganz objektiv. Es gibt da ein Ding – die Leiche einer soge- nannten Göttin, ein Körper, der unleugbare Macht ausstrahlt. Dieser Leichnam gleicht in gewisser Weise einem erhitzten Schürhaken: Die Macht glüht aus ihm fort, strahlt glänzend von ihm aus – auch noch lange nach dem Erlöschen des Feuers, auf die die Erhitzung zurückgeht. Und mit Feuer und Hitze wissen wir alle umzugehen. Aber angenommen, es handelt sich um eine Macht und es gäbe einen Trick, um sie einsetzen zu können, einen gewissen Kniff? Man gehört zu ei- ner alten Gilde, die einem das Wissen um diesen Kniff vererbt, und als Gegenleistung dafür ist ein Lippenbekenntnis zu irgendeiner quasiheiligen Lita- nei erforderlich, die das alleinige und ausschließliche Wissen um den besagten Trick legitimiert. Was wür- det ihr dann behaupten? Andererseits aber handelt es sich doch nur um eine flüchtige Restmacht in einem durch Zufall erhalten gebliebenen fremdartigen Leib, mehr nicht. Wäre eine Göttin, die ihren Willen über die weite Kluft des Ozeans hinweg kundtun kann, nicht in der Lage, die Hindernisse eines etwa unebe- nen Geländes zu überwinden, um sich so den Seelen ihrer Gläubigen mitzuteilen? Handelt es sich bei die- ser lächerlichen Unfähigkeit vielleicht um das exem- plarische Beispiel einer heiligen Präsenz? Ha! Aber ein einziges konkretes Beispiel dieser Macht – wie, etwa Glut und Hitze eines Schürhakens ... das könnte durchaus auf einen entsprechenden Widerhall stoßen, so wie ein Spiegel die Glut des angesprochenen Schürhakens zu reflektieren und um die Ecke zu len- ken vermag.« »Aber es gibt ein Gefühl in dieser reflektierten Macht«, sagte Nifft. Die in seinen Augen schwim- mende Erheiterung war nicht genau zu erkennen, glich einem Leuchten in der Ferne. Vielleicht war der Grund das konkrete Problem, über das sie derzeit sprachen. »Es haftet ihr eine anleitende und lenkende Bewußtheit an.« »Aber wer will schon wissen, mit welchen Kräften jene Wesen von den Sternen einst erglühten?« erwi- derte der Küster schrill. »Es handelt sich doch nur um ein unbelebtes und seelenloses Etwas. Und Dame Ly- bis setzt es ebenso nüchtern und realistisch denkend für ihre Zwecke ein, wie es der zynischste Ketzer tun könnte.« »Nun ja«, seufzte Nifft. »Wer will schon behaupten, deine Beschreibung sei, zumindest was die groben Umrisse angeht, falsch?« An diese Worte schloß sich Schweigen an, und sie beobachteten das, nach dem sie Ausschau gehalten hatten – die Herde der Göttin. Aus dieser Entfernung gesehen hätte es sich bei den Hunderten von Stein- fressern auch um eine kleine Stadt handeln können, die unmittelbar außerhalb des Wehrwalls von Am- boßweide errichtet worden war – eine bizarre Sied- lung aus Gebäuden, die wie Brotlaibe geformt waren, vielleicht ebenso fremdartig und exotisch wie Städte, die sich auf anderen Welten befinden mochten. Und dieser Eindruck wurde auch nicht abgeschwächt, durch den Hintergrund aus zerklüfteten und skelet- tenen Gipfeln, durch die sich Dutzende Adern zogen, die metallen glänzten – Silber, Kupfer, Bronze und Messing – und die mit den schwarzen Flächen aus der äonenalten Fäkalkohle der Steinfresser ein un- entwirrbares Labyrinth bildeten. Tatsächlich war es sogar die große und von einem mächtigen Wall aus hellem Fels umgebene Stadt – Amboß weide selbst –, die den drei Beobachtern als am wenigsten real er- schien, als der flüchtigste und vergänglichste Teil des Panoramas. »›Bei Amboß, Stab und Hammer‹«, murmelte Nifft. »Wo ist der Amboß, Küster?« »Hm? Was meinst du? Welcher Amboß?« »Der Amboß, der außer dem Stab – womit die Landungsbrücke in der Bucht gemeint ist – und dem Hammer in der Stadtmauer Erwähnung findet: ›Am- boß, Stab und Hammer.‹ Die Schreinherrin spricht doch dauernd davon.« »Ach!« Der Küster kicherte. »Es gibt keinen. Das dort im Hafen ist der Stab von Amboß. Und im Wall dort siehst du den Hammer von Amboß. Damit hät- ten wir also Stab und Hammer von Amboß – und mit letzterem ist die Stadt selbst gemeint.« Er schien überaus zufrieden zu sein mit der verbalen Eleganz dieser Erklärung. Nifft lachte daraufhin und be- merkte, daß Kandros ihm einen kurzen Blick zuwarf. »Ich verstehe. Wie dumm von mir. Weißt du, Kü- ster, die Göttin ist zwar von wirklich immenser Ge- stalt, aber man fragt sich doch, wie sie, oder auch alle einstigen Herdenhüterinnen zusammen, in der Lage waren, solche Werkzeuge zu handhaben.« Der Küster schnaubte kurz, aber seine Antwort er-, folgte diesmal nicht so unverzüglich wie zuvor. Schließlich zuckten seine Schultern, und er sagte: »Eine sonderbare Überlegung. Ich vermute, es han- delte sich dabei gewissermaßen um Bildnisse, weithin sichtbare Kennzeichen. Vielleicht ergaben sie zu- sammen einen Schild, der ihre Stadt aus der Luft kommenden Besuchern identifizierte!« Erneut zeigte sich der Küster befriedigt über seine eigene Erklä- rung. Nifft nickte. »Nun, das klingt wirklich sehr einleuchtend«, bemerkte er und lächelte hintergrün- dig. Sie kehrten zum Tempel zurück. Als sie die Stufen zum Eingangsportal emporschritten, war es der alte Pfarrdiener – Nifft hatte ihn bereits zuvor kennenge- lernt –, der sie hineingeleitete. Die Miene des Küsters verfinsterte sich, als er den Mann erblickte. »Krekkit! Du seniler Schleicher – ich habe dich für zwei Wochen vom Dienst suspendiert! Du solltest hier nicht herumlungern ...!« »Von mir aus kannst du dir eine Schlinge binden und dich irgendwo aufknüpfen – dann würdest du passend hängen«, gab der alte Mann zurück und führte sie tiefer ins Tempelinnere hinein. Der Küster packte ihn an der Schulter und hielt ihn dicht vor dem Zugang zum Sanktuarium fest. Fast im gleichen Augenblick tauchte dort Dame Lybis auf. »Laß sofort meinen Ministranten los!« schrillte sie. Der Küster gehorchte und entgegnete dann: »Ich habe ihn bestraft! Ich ertappte ihn dabei, als er es wagte, den Schleier im Schrein beiseite zu ziehen, und es riskierte, die Göttin zu betrachten und einen Blick auf ihre ...« »Auf was ...?«, »Auf ihre intimen Bereiche zu werfen, den ver- schleierten Teil ihres Leibes, den nur du selbst ... Ich meine, steht im Protokoll nicht ausführlich geschrie- ben, daß ...« »Schweig! Gibt es denn irgendeinen Schreindiener, der nicht einen Blick darauf gewagt hat? Dich selbst eingeschlossen? Und der die betreffende Stelle auch berührt hat, versuchsweise – eben jenen ... intimen Be- reich?« Lybis grinste schelmisch. »Ich sage dir eins, o Mi- norit-Küster: Krekkit kam hierher, nachdem er vier- zig Jahre lang in den Schmieden gearbeitet hat; er bot seine Dienste aus Demut der Göttin gegenüber an, und von den vierzig Jahren, die ich nun Schreinherrin bin, war er zwölf Jahre hier tätig. Verstehst du, was ich meine? Er hatte Respekt vor ihrer Macht ...« – die Priesterin deutete bei diesen Worten in das Sanktua- rium hinein –, »... und nicht vor der der Aristarchen. Und wenn es sich schon nicht vermeiden läßt, daß sich irgend jemand verstohlen die intimen Körper- teile der Herdenhüterin ansieht, dann möchte ich, daß es Krekkit ist und nicht etwa du – weil ich mir vorstellen kann, mit welcher scheußlichen und wi- derwärtigen Begierde du einen Blick durch den Schleier werfen würdest. So, und jetzt fordere ich dich auf, am Ritual der Bitte teilzunehmen und auf- zuhören, Unruhe zu stiften. Ich habe das Gefühl, das Orakel des heutigen Tages dürfte uns alle in helle Aufregung versetzen.« Mit singender und durchdringender Stimme – wobei sie von Zeit zu Zeit ihren entzückten Blick von der Tafel hob – las die Schreinherrin das Orakel vor:, »Oh, führt die Zuchtamme in des Brütlings Kammer! Obgleich sie gefangen sein mag in ihrem uralten Tode, So tragt sie – sie selbst und auch ihrer Bahre Banner – Zu jenen, denen galt ihres früheren Lebens Ge- halt. In den Hort jener zarten Unschuldigen, auf Kis- sen, Tragt sie, damit sie, erfüllt von Wissender Leere, Gesegnet werden mit ihrem Großen Wissen, Und begreifen ihre barmherzige Lehre. Was macht es, daß erstarrt ist im Tode ihre Ge- stalt? Ihr Wissender Teil, das ahnen wir nicht nur, lebt dennoch weiter – Und möge er als Anleitung dienen ihren Kin- dern, auf daß Sie werden gescheiter!« Mit für sie ungewöhnlichem Feingefühl schob sich die Priesterin die Tafel in die Schurztasche. Den Grif- fel aber legte sie nicht beiseite. Sie drehte ihn langsam zwischen den Fingern hin und her, starrte ihn an und begann schließlich wieder zu sprechen. Ihre Stimme glich einem beständigen und alle Zuhörer in den Bann schlagenden Strom aus leidenschaftlichem Temperament: »Bei allen Göttern, ihr Herren! Auch wenn es nicht unseren ureigensten Interessen entspräche, ihrem Willen Genüge zu verschaffen – wie könnten sich un- sere Herzen ihr verschließen? Schon oft bin ich bis in mein tiefstes Inneres von der Göttin bewegt worden,, von ihrem Gefühl, von ihrem unvorstellbar alten Wissen, ihren Wünschen. Diesmal aber ...« Aus ihren Augen blitzte es nun der stummen Versammlung entgegen. »Ich sage euch: Es ist fast so, als sei sie noch lebendige. Das seelenstarke Drängen ihres Verlangens, in der Nähe ihrer Schutzbefohlenen zu weilen ... wie sie sie zu sich zu rufen scheint – ja. Offenbar empfin- det sie ihnen gegenüber wie eine Mutter für ihre Kin- der. Wie ungeheuer stark ihre Bindung als Hüterin an die Herde doch gewesen sein muß! Ich versichere euch: Ich konnte nicht einmal einen Bruchteil des emotionalen Widerhalls erfassen – der mütterlichen Leidenschaft, die in ihrem wortlosen Geheiß zum Ausdruck kam! Und ich kann sie sehr gut verstehen, ihr Herren, auch wenn keine direkte Verwandtschaft zwischen ihr und jenen Tieren besteht! Habe ich es nicht erfah- ren, wie es ist, einem fremden Geschöpf zu dienen, mich der Herrlichkeit und Pracht einer Entität zu widmen, die völlig anders ist als unsere Rasse? Und ich habe auch gespürt, wie ich dadurch eine Freude erfuhr, eine Bindung des Stolzes, die wie Liebe selbst ist. Ich will mich nicht erkühnen, euch mit Einzelhei- ten solcher persönlichen Empfindungen zu belästi- gen. Ich will euch nur auf eins hinweisen: Es macht mich glücklich zu wissen, daß sich die Göttin in ih- rem Tode jener Nähe zu ihren Mündeln erfreut, die während ihres Lebens von so zentraler Bedeutung für sie war. Und natürlich muß alles getan werden, um ihrem Verlangen zu entsprechen. Sicherlich ist es eine recht schwierige Operation, der sie die geistlosen und stu- piden Riesen ihrer Herde unterziehen muß, und ihre, Hand muß das Skalpell so sicher wie nur möglich führen – das sagt allein schon der gesunde Men- schenverstand ... Weiterhin ist es ganz klar, daß ihrer vom Glas gedämpften und abgeschwächten Aus- strahlung jede nur denkbare Verstärkung dienlich ist. Die harmonisch mütterliche Nähe zu den ihr Schutz- befohlenen, ehrenwerte Aristarchen, stellt unseren größten Aktivposten in Hinsicht auf Fragen der Si- cherheit dar. Weiterhin liegt es auf der Hand, daß sie sie nicht zu unserer Rettung auffordern wird, solange nicht die von ihr gewünschten Bedingungen herge- stellt sind, und deshalb bleibt uns, was diesen Punkt betrifft, praktisch keine Wahl. Somit ist für jedermann klar erkennbar, was noch getan werden muß ...« Die von einer großen Menschenmenge beobachtete Prozession der Göttin aus der Stadt hinaus war prächtig und majestätisch. Vier Tage dauerte sie, und trotz der sorgfältigen Planung der Route war es den- noch erforderlich, neun Gebäude von nicht unbe- trächtlicher Größe teilweise oder gar ganz zu demon- tieren, um den nötigen Platz für den titanischen Leichnam zu schaffen. Und noch bevor dieser arbeits- reiche Pilgerzug bewerkstelligt werden konnte, mußte es erst einmal vollbracht werden, die Göttin auf ähnlich komplizierte und anstrengende Weise von der Akropolis herunterzuschaffen. Der gläserne Megalith wurde von einem gewaltigen Flaschenzug herabgelassen und hing an einem Ausleger, dessen, Einzelteile von den Schmieden der Stadt in weniger als achtundvierzig Stunden in lärmender und schweißtreibender Plackerei hergestellt und anschlie- ßend zu einem Ladebaum von mehr als beeindruk- kenden Ausmaßen zusammengefügt worden waren. Es dämmerte bereits der Abend, als das Glasgebirge mit der darin eingeschlossenen Herdenhüterin vom felsigen Auswuchs des Tafelberges herabgelassen wurde. Auf den an der steilen Wand befestigten Laufstegen gleißten die Lichter von Fackeln, die für die Arbeiter, die das Herablassen des Blocks über- wachten, die einsetzende Nacht erhellten. Auch auf dem Plateau funkelte perlender Lichterschein: Er er- weckte den Eindruck, als sprühe ein Funkenschauer von der Ebene des großen Tafelbergs, als die Göttin zum erstenmal seit Gedenken der Priestergilde aus ihrem Schrein heraus- und in die Tiefe gebracht wur- de. Schließlich dann war der immense kristallene Grabblock durch das Haupttor aus der Stadt hinaus- geknirscht – auf Rollen, die von zahlreichen Baum- stämmen gebildet wurden und die von dem gläser- nen Gebirge während des Weitertransports gleich zu Hunderten zermalmt wurden. Das gewaltige Portal in der Stadtmauer war gerade groß genug, um den Glasblock hindurchzulassen. Die Sonne war bereits seit einer Stunde hinter dem Horizont versunken, als der kristallene Sarg schließlich die vorgesehene Posi- tion erreichte: jenen Bereich, vor dem Stadtwall, in dem man die Herde zusammengetrieben hatte. Hier waren Pfähle in den Boden getrieben worden, und von den Seilen, die man daran befestigt hatte, hingen Wandteppiche und Tapisserien herab. Sie schirmten, den Bereich ab, zu dem nur Priester und Tempeldie- ner Zutritt hatten und der von gewöhnlichen Bürgern nicht betreten werden durfte. Dame Lybis – bereits halb verschleiert von der sich schwärzenden Finster- nis der Nacht – schritt in den abgeteilten Bereich hin- ein. Die versammelten Bürger der Stadt sahen ihr schweigend dabei zu, und die Fackeln, die Männer und Frauen in Händen hielten, übergossen den Platz mit einem diffusen und unsteten orangefarbenen Schein. In diesem Licht konnte man den Eindruck gewinnen, als käme unruhige und nervöse Bewegung in die völlig reglose Herde. Und tatsächlich: Noch bevor die Priesterin aus dem abgetrennten Bereich des neuen Domizils der Herdenhüterin zurückkehrte, breitete sich in der Zuschauermenge jähe Unruhe aus, als die Männer und Frauen, die den Steinfressern am nächsten waren, plötzlich zusammenzuckten und laut aufschrien. Die Tiere setzten sich schlurfend in Bewegung und hielten auf die Berge zu. Die Dunkelheit verbarg ihren Aufstieg die Hänge empor, und es war auch nicht in allen Einzelheiten zu erkennen, wie sie die gewaltige und unter der Lei- tung von Kandros errichtete Führungsrampe mit Be- schlag belegten. Aber die Söldner, die man zuvor hochgeschickt hatte, um die Steinfresser beim Auf- stieg zu beobachten, berichteten während der ersten lichtlosen Stunden ihrer Wache, daß die Tiere eine tadellose Marschordnung einhielten. Als die Sonne aufging, sahen die Zuschauer, daß sich die Steinfres- ser bereits an die Arbeit gemacht hatten. Während der nächsten zehn Tage wurden die Bür- ger von Amboßweide nicht müde, dieses Schauspiel zu beobachten. Die riesenhaften Körper der Geschöp-, fe waren selbst aus großer Entfernung deutlich zu se- hen. Schwieriger war es schon, die vergleichsweise wenigen Söldner auszumachen, die ständig damit be- schäftigt waren, die Rampe von den Ausscheidungen der Steinfresser zu säubern und sie – da es sich dabei immerhin um verschiedene Arten reinen Metalls und viele Tonnen Fäkalkohle handelte, mit der man die Schmelzöfen der Schmieden befeuern konnte – die Hänge hinab in Richtung Stadt zu befördern. In die- ser Zeit wurde die Masse des großen und natürlichen Hammers, der die Stadt bedrohte, beträchtlich redu- ziert – wollte man den zuversichtlichsten Schätzun- gen Kandros' oder seine Männer glauben, um ein Fünftel oder gar fünfundzwanzig Prozent. Die hoch aufragende Rampe wurde zum beliebten Anlaß diverser Festlichkeiten und Veranstaltungen. Die Bewohner von Amboßweide machten es sich zur Gewohnheit, sich auf der Akropolis oder vor der nördlichen Stadtmauer zu treffen, dort ein Picknick zu veranstalten und sich bei Musik und Tanz zu amüsieren – und die ganze Zeit über erfreuten sie sich an der wie magischen und miniaturisierten Akti- vität am Berggipfel. Es war eine Aktivität, die die tödliche Bedrohung beständig und vergleichsweise rasch tilgte, die seit so langer Zeit über den Dächern von Amboßweide geschwebt hatte. Als also am Morgen des elften Tages die Sache schiefging, geschah dies vor den zufriedenen Augen Tausender glücklicher und selbstgefälliger Zuschau- er. Eine halbe Stunde nachdem sich die Katastrophe abzuzeichnen begann, erreichten die ersten Gruppen aufgeregter und bestürzter Arbeiter mit der entspre- chenden Neuigkeit die Stadt, und selbst unmittelbar, danach lag der größte Teil von Amboßweide noch in seinem selbstvergessenen Schlaf, der den Bewohnern das Gefühl der Sicherheit vorgaukelte. Einigen Bür- gern war nur eine gewisse hastige Aktivität bei den vom Talgrund aus kaum auszumachenden Arbeits- kolonnen oben am Berg aufgefallen, und einige Män- ner und Frauen glaubten, bei den Bewegungen der Steinfresser eine bis dahin nicht dagewesene sprung- hafte und unstete Qualität entdeckt zu haben. Als sich die Nachricht von dem Unheil in der Stadt aus- gebreitet hatte, waren die entsprechenden Auswir- kungen bereits deutlich zu sehen. Die zum Gipfel emporführende Rampe fing an, sich zu krümmen und zu verziehen, und kleine Lawinen losen Erd- reichs lösten sich dicht unterhalb des Gipfels und rutschten in die Tiefe. Ein immer weiter anschwel- lender Strom entsetzter Bürger gesellte sich zu der beinahe hysterischen Menge, die sich auf der Wiese vor dem Wehrwall drängte, in unmittelbarer Nähe des neuen Domizils der Herdenhüterin. Die Steinfresser waren außer Rand und Band ge- raten. Sie hatten nicht nur ihre disziplinierte Grab- und Freßordnung am Rande des äußeren Gipfelbe- reichs aufgegeben, sondern auch mit einem stamp- fenden und fast rhythmischen Tanz auf der Rampe begonnen. Die dadurch erzeugten Vibrationen hatten bereits die ersten Halte- und Stabilisierungspfähle aus ihrer Verankerung gelöst. Und was noch schlimmer war: Einige Dutzend Tiere hatten ihren verheerenden Appetit auf das glänzende Metall des angesichts der hohen Belastung bereits verbogenen Rückgrats des Berges selbst gerichtet. Diese letzte Nachricht veran- laßte die versammelten Bürger von Amboßweide, beinah dazu, ebenfalls außer Rand und Band zu ge- raten. Dame Lybis war bereits in den abgetrennten heili- gen Bereich geschritten, um ein Dringlichkeits- Bittritual durchzuführen, wovon sie sich Beistand und Erleuchtung erhoffte. Sie befand sich noch immer am gläsernen Sarkophag der Göttin, als die Zuschau- er sahen, wie die gesamte Rampe in sich zusammen- brach und sich der so bedrohliche Berggipfel weitere drei entsetzliche Meter der Stadt entgegenneigte. Die meuternden Steinfresser stürzten schon die Hänge hinab, als das Getöse, mit dem die Rampe einstürzte, an die Ohren der Versammelten drang. Es vergingen endlose und doch nur Sekunden andauernde Ewig- keiten, in denen sich der Gipfel – dem nun eine un- eingeschränkte und atemlose Aufmerksamkeit galt – nicht weiter in die Tiefe neigte. Inzwischen hatten die völlig unempfindlichen und unverwundbaren Stein- fresser infolge ihres unkontrollierten und durchein- anderwirbelnden Sturzes den Fuß des Berges erreicht. Sie befreiten sich langsam aus den Schutthaufen aus Geröll und zersplitterten Holzpfählen, versammelten sich träge – fast widerwillig, konnte man meinen – und krochen auf die Stadt zu. Das war der Augen- blick, in dem Dame Lybis ihre Beratung mit der Göt- tin beendete, aus dem abgeschirmten Bereich wieder hervorkam und das verkündete, was sie in Erfahrung gebracht hatte. Nach ihren Worten hatte die Göttin in den vergangenen Tagen ihre Kontrolle über die Her- de mit immer weiter anwachsender Mühe ausgeübt. Nun war sie aufgrund dieser Anstrengung erschöpft, und deshalb hatten sich die Tiere ihrem beherrschen- den Willen entziehen können. Die Herdenhüterin, hatte daraufhin ihre letzten Kraftreserven mobilisiert, um die Steinfresser wieder soweit in ihre Gewalt zu bringen, um sie auf die Ebene zurück zu dirigieren. Das Gesicht des Minorit-Küsters machte mehr als deutlich, welchen Abscheu er über seinen Auftrag empfand, als er in den Schmiederaum einer der grö- ßeren und in der Nähe des im Nordwall der Stadt eingelassenen Portals liegenden Gießerei trat. Er bahnte sich einen Weg durch das lärmende Durch- einander und heischte mit kreischender Stimme ver- geblich um die Aufmerksamkeit einiger jener tausend schwitzenden Teufel, deren Feuer und schier ohren- betäubender Lärm seine diesbezüglichen Versuche so nutzlos machten. Jeder einzelne Mann bewegte sich wie ein auf seine ganz bestimmte Aufgabe konzen- trierter Muskel im Körper der auf nur ein Ziel ausge- richteten und verzweifelten Stadt. Es mußte erneut eine Führungsrampe gebaut werden, die man um den Gipfel herum montieren konnte – vorausgesetzt na- türlich, die gegenwärtigen Bemühungen der Prieste- rin, die Hilfe und Unterstützung der Herdenhüterin zu erlangen, führten tatsächlich dazu, daß man die plötzliche Widerspenstigkeit der Steinfresser über- winden konnte. In der Zwischenzeit darüber nachzu- denken, ob sie überhaupt Hilfe gewähren würde – sprich: sich Gedanken darüber zu machen, ob der ge- schwächte Arm des Berges, der den Hammer des kollabierten Gipfels hielt, noch lange genug festhielt,, um eine Hilfeleistung zu ermöglichen – ... solche Überlegungen waren weitaus quälender und mar- ternder als selbst die mörderischsten Arbeitsanstren- gungen. Aus diesem Grund ging jeder Schmied und jeder Heizer ganz in seiner Arbeit auf, und alle han- tierten mit der Wildheit von Besessenen an Klam- mern, Bolzen, Manschetten, Balken, Holmen und an- deren Einzelheiten, die zur Konstruktion der neuen Rampe notwendig waren. Der Küster wanderte durch die Halle und schnitt ein finsteres und beleidigtes Ge- sicht, wenn er das Zischen von Stahl in den Här- tungsbecken oder das Brodeln des aus den Schmelz- tiegeln geleiteten flüssigen Metalls vernahm – als handele es sich dabei um Schmähungen, die sich ge- gen ihn persönlich richteten. In einer Ecke fand er einen Schmied, der auf sei- nem Amboß ein Nickerchen machte, während sich im Ofen daneben das für seine Arbeit nötige Metall er- hitzte. Der Mann hatte sich friedlich auf eine Seite zu- sammengerollt. Der Kopf ruhte auf den aneinander- gelegten Händen, und die Füße ragten über den Vor- sprung des Werkzeuges hinaus. Der Küster konnte sehen, daß direkt unter dem Mann ein Schmiede- hammer an der Wand lehnte. Er rüttelte den Mann wach. Der Schmied – ein pausbäckiger Mann, dessen Schädel allmählich kahl wurde – gähnte ausgiebig, als ihm der Küster ins Ohr brüllte: »Es ist ein neues Orakel offenbart worden. Dame Lybis schickt mich, um einen Schmiedehammer zu besorgen. Gib mir deinen!« Nachdem er diese Worte geschrien hatte, richtete sich der Küster wieder auf, preßte die Lippen zu- sammen und zog sich ganz in die unergründliche, Würde seines Amtes zurück. Er setzte ganz darauf, daß er den Hammer aufgrund des schlaftrunkenen Erstaunens des Schmiedes erhalten würde, ohne noch einmal brüllen zu müssen. Der Mann rollte sich vom Amboß herunter und holte das Werkzeug. Der Küster schätzte das Gewicht des Hammers falsch ein, als der Schmied ihm das Werkzeug mit dem Stielende voran reichte. Es verrenkte ihm fast den Arm, als er den Hammer entgegennahm. Das schmerzerfüllte Schimmern in seinen Augen, das von dieser Anstrengung erzeugt wurde, löste sich erst auf, als er den Blick hob, durch das Haupttor sah und die groteske und bizarre Konstruktion sah, die um den gläsernen Sarkophag der Herdenhüterin er- richtet worden war. Der transparente Block war nun von den Spanten eines hohen Gerüstes umgeben. Ly- bis – sie trug noch immer die für das Bittzeremoniell vorgesehene Robe – befand sich gut in halber Höhe dieses vertikalen Labyrinths. Sie wurde nicht nur be- gleitet von dem verabscheuungswürdigen alten Mini- stranten, sondern darüber hinaus von den Aristar- chen Pozzle, Hamp und Smalling. Auf der ebenen Fläche vor der Göttin war die Bevölkerung der Stadt zusammengeströmt. Diejenigen aber, die den Stein- fressern am nächsten standen, achteten darauf, einen respektablen Abstand zur Herde einzuhalten. Diese Tatsache war nicht gerade dazu angetan, das wach- sende Unbehagen des Küsters zu lindern. Nifft nahm ihm den Hammer aus den Händen und reichte ihn einigen Arbeitern auf den unteren Holmen des Gerü- stes. Anschließend klopfte er dem Küster aufmun- ternd auf die Schulter. »Sei getröstet, ehrwürdiger Küster. Begreifst du, denn nicht – wenn du an die Art und Weise denkst, wie sie die Aristarchen behandelt –, daß du keine Er- folgsaussichten hast, wenn du ihrem exzentrischen Gebaren Paroli bietest und dich über die ausgefalle- nen Aufträge grämst, mit denen sie dich versieht? Finde dich damit ab, mein Freund. Sie hat großen Ge- fallen daran, dich immer wieder an den Zynismus zu erinnern, den du über all die Jahre hinweg insgeheim in Hinsicht der Göttin empfunden hast. Ich meine: Es ist zwar kein sehr edles Verhalten und kommt mehr einer Rache gleich – aber andererseits ist es durchaus verständlich für jemanden, der sich über viele Jahre hinweg einem von vielen als verschroben und lächer- lich erachteten Mysterium widmete.« »Es war einfach nicht nötig, auf einem gebrauchten Schmiedehammer zu bestehen, zumal ein einziger Schlag ausreicht«, gab der Küster mit verdrießlich klingender Stimme zurück. Inzwischen hatte die Prie- sterin das Werkzeug entgegengenommen, und trotz seines zur Schau gestellten Mißmuts schien nun auch der Küster von einem Hauch jener Aufregung erfaßt zu werden, die sich auf die Zuschauermenge herab- senkte. In der Art und Weise eines Mannes, der sich mit der Notwendigkeit konfrontiert sieht, einem anderen Trost zu spenden – was angesichts der gegebenen Umstände mehr als sonderbar war –, meinte Nifft: »Oh, ich bin davon überzeugt, es klappt, Küster. Wenn sie in der Lage ist, aus dem Glasblock heraus selbst die verborgensten Metalladern in den Bergen zu lokalisieren, dann sollte es ihr gewiß auch gelin- gen, eine schwache Stelle im Gefüge ihres Sarkophags zu entdecken, nicht wahr? Beruhige dich nur. Die, Göttin wird jetzt – um es in ihren eigenen Begriffen auszudrücken – ›enthüllt‹. Bei allen heiligen Mächten, Küster – waren das nicht wirklich erhabene und er- greifende Verszeilen? Ich meine die ihnen anhaftende Ausdruckskraft, ganz abgesehen von der grundle- genden Bedeutung, die uns die darin enthaltene In- formation vermittelt hat.« Nifft legte in einer Geste der Anerkennung den Kopf in den Nacken und erweckte den Eindruck, als wolle er die von ihm so bewunderten Verse rezitie- ren. Es war jedoch sehr unwahrscheinlich, daß der Küster ihm überhaupt Aufmerksamkeit schenkte, denn in diesem Augenblick beobachtete er voller Fas- zination die Dame Lybis. Die Priesterin hob den Hammer hoch über den Kopf und holte zum Schlag aus, und das Werkzeug wirkte dabei unverhältnis- mäßig groß im Vergleich zu ihrer eher zierlichen Ge- stalt. Nifft überlegte es sich anders. Er schwieg und deutete statt dessen auf eine der Abschriften des letzten Orakels, die überall in der Stadt verteilt wor- den waren, nur kurz nach der ersten Verkündigung. Er las vor: »Kann die gefesselte Herrin binden und beherr- schen ihres Sklaven Glaube? Entblößet meine Glieder, die so lange bedeckt vom Staube ...« (Inzwischen nahm Lybis mit aller Vorsicht eine breit- beinige Stellung ein und berührte mit dem großen Metallbolzen versuchsweise die gummigepufferte Stelle des Kristallsargs, dem der Schlag gelten sollte.), »Enthüllet mich, auf daß meine Macht, die nie- mals starb, Uneingeschränkt zu neuen Höhen sich auf- schwingen mag. So wie damals, bevor sich um mich schloß des Grabes Stille, Und es regierte nur mein stolzer Wille ...« Ein zweites Mal holte die Priesterin mit dem Hammer aus, und dann hieb sie den stählernen Barren mit al- ler Kraft gegen die markierte Stelle. Ein dumpfes und enttäuschend leises Pochen hallte über die Köpfe der Zuschauermenge hinweg. Ein Seufzen durchlief die Masse der Wartenden. Die Oberfläche des Glasblocks begann milchig zu werden und sich zu trüben. Feine Risse bildeten sich. Und dann zerfiel der kristallene Sarkophag – so haltlos wie ein Haufen trockenen Sandes rieselten die Glassplitter von der bis dahin eingeschlossenen riesenhaften und fremdartigen Ge- stalt. Das Gerüst war sehr stabil und ganz dicht an dem Glasblock errichtet worden. Dadurch sollte gewähr- leistet werden, daß die immer noch überaus beein- druckenden sterblichen Überreste der Herdenhüterin Halt bekamen und zumindest zum Teil abgestützt wurden, wenn der Kristall in sich zusammenbrach. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich nun als über- flüssig. Die Gestalt der Göttin neigte sich nicht zur Seite. Völlig sicher und federnd stand sie auf ihren mehrgelenkigen Beinen, und ihre schillernden Schwingen hoben und senkten sich versuchsweise in der Luft. Angesichts des Geräusches, das diese Bewegung in, der Menge der Zuschauer hervorrief, wandte Nifft in plötzlicher Überraschung den Kopf. Der vielstimmige Aufschrei brachte jene sonderbare Art von seufzen- der Erleichterung zum Ausdruck, mit der etwas be- stätigt wurde, was man die ganze Zeit über nur vor- ausgeahnt hatte. Der Rhythmus, mit dem die durch die Luft sirrenden Flügel der Herdenhüterin aus- schlugen, beschleunigte sich. Die Konturen waren nun kaum noch sichtbar, doch trotz des immer schneller werdenden und sehr kräftigen Vibrierens berührten sie nicht einmal die in unmittelbarer Nähe befindlichen Holme des Gerüstes. Ganz langsam und anmutig stieg das Geschöpf vertikal in die Höhe und befreite sich auf diese Weise aus seinem wirren höl- zernen Kokon. Und mit ebensolcher Geschmeidigkeit glitt es über die ebene Fläche hinweg und brachte der widerspenstigen Herde höchstpersönlich die Bot- schaft seiner Wiederauferstehung. Und als es sich den riesenhaften Steinfressern nä- herte, stellten die gewaltigen Geschöpfe seinen Herr- schaftsanspruch offenbar nicht einmal für einen Se- kundenbruchteil in Frage. Die Herdenhüterin schien ihre Schutzbefohlenen einer sonderbar rituellen Gei- ßelung zu unterziehen – sie bestrafte nicht alle, son- dern vielleicht hundert einzelne Tiere, eins nach dem anderen. Über jedem einzelnen der betreffenden Ge- schöpfe schwebte sie eine Weile in der Luft und neigte ihre Schwanzspitze herab – es war eine völlig andere Krümmungsart als die normale bogenförmige Wölbung ihres sich verjüngenden Hinterleibs. An- schließend senkte sie den Stachel in den Leib des je- weiligen walähnlichen Riesen und verband sich mit ihm. Dann schien sie eine Zeitlang fast bewegungslos, in der Luft zu verharren, während ihr Körper rhyth- misch schauderte. Danach löste sie sich wieder von dem Tier und flog zu einem anderen, offenbar rein zufällig ausgewählten Angehörigen der Herde. Als sich die Göttin schließlich von dieser bizarren Geißelung abwandte und zurückkehrte, schien sie völlig entkräftet zu sein. Ihr Flug machte einen unsi- cheren Eindruck, und als sie nicht weit von den zer- splitterten Resten ihres Glassarges entfernt im Gras niederging, knickten ihr auf der linken Seite die Beine ein. Sie ließ den Kopf hängen. Wie kurz darauf von Dame Lybis zu erfahren war, sah sich die Wohltäterin der Stadt nun mit dem na- hen Tode konfrontiert. Ihr Leben – jenes lange gehü- tete Geheimnis – floß nun rasch aus ihr heraus, nach- dem sie den letzten Dienst erwiesen hatte, dessen sie fähig gewesen war. Man könne nicht sicher sein – so die Priesterin –, wie lange die Göttin noch leben wür- de. Und die einzige Versicherung, die Lybis im Na- men der Herdenhüterin an die Bürger zu richten vermochte, war die, daß die Steinfresser – zumindest für eine Weile – ihren Widerstand aufgeben und sich der Herrschaft der Göttin gebeugt hatten, und sie würden sich sofort wieder an die Arbeit machen, wenn die zweite Rampe fertiggestellt sei. Darüber hinaus würden die Tiere während ihres Rettungsfres- sens eine zunehmende Trägheit aufweisen, da ihre Brunftzeit nun immer näher rückte. Aber solange die- se Zeit noch nicht unmittelbar bevorstand, mußte man davon ausgehen, daß sie ihrer Aufgabe zumin- dest gehorsam nachkamen – wenn nicht sogar mit entschiedenem Nachdruck. Wenigstens konnte man ein solches Verhalten von, den Steinfressern erwarten, solange die Herdenhüte- rin noch lebte. Es entstanden aber bald die düstersten Vorstellungen in Hinblick auf die Frage, wie sie rea- gieren würden, wenn die Göttin starb. Eine große Zeltplane wurde über die riesenhafte Gestalt der Herdenhüterin gespannt. Die sterbende Titanin wur- de ständig von demütigen und besorgten Besuchern aus der Stadt umringt. Ein Freiluftschrein erglühte im Lichte tausender Votivkerzen – ein Glanz, den der Tempelaltar nie kennengelernt hatte. Dame Lybis er- suchte um ein weiteres Orakel, und die Bitte wurde ihr gewährt. Die entsprechende Verkündigung ent- hielt einige vage Hinweise darauf, welchen Trost die Stadt in dem traurigen Ereignis des Todes der Göttin suchen konnte. Die allgemeine Veröffentlichung eines Orakels war inzwischen zu einem festen Brauch ge- worden, und so hingen bald überall in Amboßweide entsprechende Abschriften: »Mein Leben verrinnt, nähert sich dem düsteren Ende. Wenn der Tod meiner Herrschaft über die Jünger bringt die Wende, So wird es jemanden geben, nicht fern von hier, von dessen heilgem Namen Verkörpert wird seine uralte Liebe für unsere Stadt Lebensrahmen – Pastur.* Sein Grab zeige ich euch dann, Wenn die Flammenglut * Wortspiel: Die Bezeichnung »Pastur« bedeutet soviel wie »Grü- nen«, »Weiden«, oder auch – in einem symbolischen Sinne – »Er- blühen« und »Gedeihen«. (Anmerkung des Übersetzers), Meines verbleibenden Lebens flackert und dann ruht. Bis dahin werde ich nichts verraten, Es sei denn, Habgier mag ihn finden und wecken Des schlafenden Riesen Gefährten zu selbstsüch- tigen Zwecken – Eitle Bedeutung und eigennützige Macht. Denn unter jenen Renegaten, Mit denen ich teilte meine Welt, könnte Pastur steuern Ihre riesenhaften Leiber, um zu entsprechen sei- nen unbeschwertesten Launenfeuern. Er lenkte sie, wie es ihm gefiel, ohne Scham, Ungehindert von mir oder den Jüngern, den meinen, Und sie duckten sich, als er kam.« Kurz darauf begann die Herde wieder am kollabier- ten Gipfel des Berges zu grasen – in einer Art und Weise allerdings, die unter den Bürgern der Stadt dü- stere Spekulationen über die nachlassende Kraft der Göttin Tür und Tor öffnete. Die Herde gehorchte zwar, zeigte sich aber zunehmend träge und stör- risch, und der Appetit der Steinfresser war eher zu- rückhaltender Natur. Abgesehen von der heranrük- kenden Brunftzeit schien es sich zumindest bei einem Teil dieser Abgestumpftheit um eine deutliche Ent- sprechung zur flackernden und langsam erlöschen- den Lebensflamme der Herdenhüterin zu handeln., Niemand brachte genug Mut auf, um eingehender über die Verminderung der medikamentösen Bemü- hungen der Steinfresser nachzudenken, und die Bür- ger wagten es auch nicht, sich die Folgen eines zwei- ten anarchischen Tumults auszumalen, die sich un- ausweichlich ergeben würden, gelänge es den Tieren, sich erneut aus dem Gehorsamszwang der Göttin zu befreien. Zwei Wochen lang war die Stadt von sol- cherart gemischten Gefühlen heimgesucht, und in dieser Zeit konnten die Bürger von Amboßweide zu- sehen, wie sich die Masse des kollabierten Gipfels nach und nach reduzierte, aber immer noch mehr als zwei Drittel des ursprünglichen Umfangs besaß – und diese immer noch höchst bedrohliche Granitwol- ke wurde von einem aus Metall und Fels bestehenden Rückgrat getragen, das längst nicht mehr seine ur- sprüngliche Dicke aufwies. Und dann ließen die Steinfresser in Scharen ihre Arbeit im Stich. Eines Morgens erwachten die Bürger der Stadt und mußten feststellen, daß der Gipfel völ- lig verlassen war, und auf der ebenen Fläche vor dem Nordwall wimmelte es von den reglosen Leibern der Riesen. Bald schon drängten sich Zuschauermengen auf der Stadtmauer und der Wiese vor dem Wall. Die Bürger waren herbeigeeilt, um Zeugen des erstaunli- chen biologischen Ereignisses zu werden, das auf der Ebene stattfand. Kurz darauf machte man die Fest- stellung, daß es sich bei weitaus mehr als der Hälfte der Tiere um Weibchen handelte. Um die Mittagszeit herum befanden sich rund vierhundert Steinfresser auf der Wiesenfläche und waren dort mit dem Be- gattungsprozeß beschäftigt. Damit hatte also die bereits angekündigte Brunft-, zeit begonnen. Jedes Weibchen stellte eine Schwanz- verbindung mit dem Boden her, die rund eine Stunde lang anhielt. Anschließend wurde die Schwanzspitze dann wieder aus dem Boden herausgezogen. Das be- treffende Weibchen schob dann die apikale Hinter- leibsöffnung zur Seite und enthüllte damit, was es unter so großen Mühen und mit rhythmischem Schaudern in den Boden eingelassen hatte: ein glän- zendes, weißes und geriffeltes Ellipsoid, das von ei- ner mit Widerhaken versehenen Spitze ausgerüstet war. Wahrscheinlich verfügte es auch am unteren Ende über solche Halteanker; die waren jedoch ins Erdreich eingelassen. Wahrscheinlich war es jenen Fortsätzen zu verdanken, daß die gerade gelegten Ei- er nicht von dem vom Meer her wehenden Wind da- vongerollt wurden, sondern sich von den imaginären streichelnden Händen nur sanft hin und her schau- keln ließen. Jede einzelne der so riesigen Steinfresser- kühe legte mindestens zwölf Eier, einige sogar über fünfzig. Das Ausbringen der Eier kennzeichnete den Beginn einer alarmierenden Verringerung der bereits stark beeinträchtigten Vitalität der Herdenhüterin. Die Bei- ne waren halb eingeknickt unter ihrem am Boden lie- genden Leib, und der Hinterleib krümmte sich stär- ker über ihr, als es während der äonenlangen Ein- schließung im Kristallsarkophag der Fall gewesen war. Es bewegten sich nun fast nur noch ihre Fühler. Man konnte sehen, wie sie schwach hin und her zit- terten während der verschiedenen Unterredungen, die Lybis mit der Göttin führte und in denen es nicht um die Offenbarung eines weiteren Orakels ging. Bei diesen Konsultationen unterrichtete die Herdenhüte-, rin ihre Priesterin von dem Ausmaß, mit dem die Kraft ihres Lebens aus ihr herausrann. Es wurde im- mer schlimmer: Bald darauf hing der massige Schädel der Göttin haltlos herab, und ihre großen Fühler wa- ren so kraftlos, daß sie in einem weiten Bogen in die Tiefe ragten und beinah den Boden berührten. Man konnte beobachten, wie sie dann und wann unruhig erbebten. Sowohl Haltung als auch Zustand der Göt- tin hinderten die Dame Lybis an der Durchführung einer formellen Bitt-Zeremonie, und sie konnte den furchterfüllten und besorgten Herzen der Bürger von Amboßweide nicht mehr Trost spenden, als ihnen folgendes zu versichern: Wenn die Herdenhüterin tatsächlich vom Tod ereilt werden sollte, so würde sie sich zum Wohle ihrer menschlichen Herde (so be- trachtete die Göttin nach den Worten Lybis' inzwi- schen die Bürger der Stadt) ein letztes Mal erheben und erneut eine Botschaft verkünden, um den Be- wohnern von Amboßweide eine Möglichkeit zu ihrer endgültigen Errettung aufzuzeigen. Sie wollte ihnen dann mitteilen, wie man die Riesen aus der Vergan- genheit dazu veranlaßte, ihre Arbeit wieder aufzu- nehmen. Während die Herde so gut wie keine Aktivität ent- faltete – zwar kam dann und wann unruhige Bewe- gung in die Leiber der Steinfresser, aber im allgemei- nen verhielten sie sich so, als seien sie in einem Koma gefangen: Jede Kuh stand reglos und wie betäubt ne- ben den von ihr gelegten Eiern –, litten die Bürger der Stadt endlose Qualen angesichts der Bedeutung des letzten Orakels, in dem angedeutet worden war, daß die Tiere tatsächlich zu einem zweiten unkontrollier- ten Amoklauf in der Lage waren, sollte die Göttin, sterben. Man hielt es sogar für möglich, daß die Tiere die Stadt angriffen. Als die Brunftzeit vier Tage an- dauerte, wiesen die Aristarchen mit solchem Nach- druck immer wieder auf diese Möglichkeit hin, daß in Zusammenarbeit mit Kandros und seiner Streitmacht ein Plan zur Verteidigung der Stadt entwickelt wurde – für den Fall, daß die haarsträubende Befürchtung tatsächlich zur Realität wurde. Da es ganz offensichtlich nutzlos war, die Tiere mit Steinbarrieren aufzuhalten, wurde die Möglichkeit, zusätzliche Wehrwälle oder andere vertikale Hinder- nisse zu errichten, von vornherein verworfen. Solche Barrikaden würden zu schnell der Zerstörung an- heimfallen – allein Masse und Gewicht der Steinfres- ser reichten aus, um sie zum Einsturz zu bringen –, und wollte man sie tatsächlich unüberwindlich ma- chen, so war für die entsprechende Konstruktion be- stimmt mehr Zeit erforderlich, als der Stadt zur Ver- fügung stand. Man einigte sich schließlich darauf, ei- nen breiten Graben mit steilen Wänden in den Boden zu treiben – dies schien die beste Möglichkeit zu sein, die Kolosse aufzuhalten. Zu den Grabarbeiten wur- den ganze Scharen der Bewohner von Amboßweide befohlen, und sie arbeiteten zusammen mit den Söld- nern. Die Zahl der mit diesem Projekt Beschäftigten schwoll bald so stark an, daß es möglich wurde, den Graben in weniger als einer Woche zu vollenden. Er war fast zwei Kilometer lang und trennte die nördli- che Stadtmauer von der sich daran anschließenden Ebene. Er war mehr als dreißig Meter breit und eben- so tief. Von der zur Stadtmauer hin gelegenen Innen- seite ragte eine Palisade aus angespitzten Holzbalken in einem steilen Neigungswinkel empor, und vom, Wehrgang aus waren die Verteidiger in der Lage, das Heraufklettern der potentiellen Angreifer zumindest zu stören. Kurze Zeit nach dieser beeindruckenden Leistung handwerklichen Geschicks – während noch Gruppen von der Arbeit schmutziger Bürger durch die Parks und über die Plätze der Stadt wanderten und wie benommen auf den nächsten Notfall warte- ten, der ihnen alles abverlangte –, ließ die Priesterin alle Bewohner von Amboßweide zu einem neuen Bitt-Zeremoniell zu sich rufen: Die Herdenhüterin hatte ihre Fühler erhoben und suchte nervös nach der Aufmerksamkeit ihrer demütigen Dienerin. Es hatte den Anschein, als könne dies die letzte Offenbarung sein, die die Göttin ihrer menschlichen Herde ange- deihen ließ. Ein weiterer Grund, der Aufforderung rasch nachzukommen, so die Schreinherrin, läge in der Tatsache begründet, daß es den Anschein hatte, als schlüpften bald die Nachkommen der Herdentiere aus den von den Steinfresserkühen gelegten Eiern. Darüber hinaus schienen die versammelten und reg- losen Kolosse allmählich aus ihrer wie betäubten Starre zu erwachen – und offenbar bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen der Bürger, denn einige Tiere krochen in Richtung Stadt. Als die Dame Lybis den Schleier zur Seite schob und hervortrat, war ihr Gesicht blaß. Die sich in ihrer Miene abzeichnende leidenschaftslose Entschlossen- heit veranlaßte die Zuschauermenge, die Aufmerk- samkeit für eine Zeitlang von dem erschreckenden allgemeinen Erwachen auf der Wiese – gut dreihun- dert Meter vom Rande des gerade erst fertiggestellten Grabens entfernt – abzuwenden. »Die Göttin und Herdenhüterin ist tot. Lange lebe, die Göttin! Lang lebe die Herdenhüterin!« Mit einem dumpfen Murmeln, das alle Reihen der versammelten Menge erfaßte, wiederholten die Bür- ger der Stadt die Worte der Priesterin. Es war ein vielstimmiger und entsetzter Aufschrei, denn sie alle sahen nun, was ihnen bisher entgangen war, weil sie nur Augen für die wieder zu sich kommenden Stein- fresser gehabt hatten: Der Kopf der Herdenhüterin hing schlaff und haltlos herab, und die langen Fühler rollten sich wie tote Schlangenleiber im Gras. »Wir haben alle nur erdenklichen Anstrengungen unternommen, um uns zu schützen«, fuhr Lybis fort und deutete dabei auf den mit einer Palisade aus spitzen Pfählen versehenen Graben. »Sie werden auf die Stadt zukriechen – sie haben sich, wie ihr alle se- hen könnt, bereits in Bewegung gesetzt. Beobachtet sie. Und hört mir zu, während eure Blicke in jene Richtung gehen. Seht euch an, was uns bedroht. Be- trachtet das Verhängnis, das sich uns nähert, in allen Einzelheiten, während ich euch die Möglichkeit unse- rer Rettung verkünde. Und dann soll euch das Ver- derben treffen, wenn ihr, nachdem ihr meine Worte vernommen habt, nicht sofort alles daransetzt, die Anstrengungen zu unternehmen, die unsere Rettung ermöglichen könnten.« Und damit holte sie die Tafel aus ihrer Schurzta- sche hervor und las den schweigenden Bewohnern der Stadt das letzte Orakel der Göttin vor. Während die Priesterin vorlas, galten die Blicke der Bürger den Geschehnissen auf der Ebene, und dort spielte sich in der Tat eine ganze Menge ab. Zwar waren die von den Steinfresserkühen gelegten Eier alle gleich – sie liefen oben und unten spitz zu und wiesen die gleiche, Färbung und Riffelung auf –, aber es schlüpften zwei völlig unterschiedliche Arten von Wesen aus den aufbrechenden Hüllen. Bei der überwiegenden Anzahl handelte es sich gewiß um Nachkömmlinge der Steinfresser. Zwar waren die Beinansammlungen erst rudimentär aus- gebildet und kaum mehr als knotenförmige Andeu- tungen, aber die Körperform entsprach bereits im großen und ganzen der ihrer Eltern. Es gab aber auch einige Eier – insgesamt mochten es etwa hundert sein –, aus denen völlig andersartige Brütlinge schlüpften, die einen starken Gegensatz zur normalen Nachkommenschaft bildeten. Ihre schwar- zen, faßförmigen Körper waren mit Dornen versehen; die unüberschaubare Vielzahl der Beine war weitaus stärker ausgebildet, und die Gliedmaßen zeigten sich gelenkiger und wiesen ebenfalls filigrane Stacheln auf. Die Nagekiefer hatten eine ähnliche komplexe Struktur und unterschieden sich damit kraß von den bestens für das Zermahlen von Fels geeigneten Wühl- schnauzen der zahlreicheren Kälber. Beide Brütlingsarten fingen sofort an zu fressen, kaum daß ihre Köpfe ins Freie ragten – auch wenn der Rest ihres Leibes erst noch aus dem Eiinnern her- ausgezogen werden mußte. Die normalen Kälber nagten an dem ersten nackten Fels, den sie entdeck- ten. Und die dornleibigen Schwarzen fielen mit der gleichen Gier über die Kälber her. Ein schreckliches und entsetzliches Gemetzel schloß sich an, das zudem einen völlig sinnlosen und unfairen Eindruck erweckte. Die Kälber schienen die Attacken ihrer entarteten Geschwister überhaupt nicht zu bemerken – oder es mangelte ihnen an der, Möglichkeit, Widerstand zu leisten. Einige von ihnen wanden sich vergeblich hin und her. Andere nagten weiterhin an den granitenen Delikatessen, während sie gleichzeitig von den an Scheren erinnernden Beiß- kiefer der anderen Brütlinge in blutige Fetzen zer- schnitten und anschließend verschlungen wurden. Die Eltern zeigten unterdessen nicht mehr Interesse an diesen Vorgängen als ihre sterbenden Nach- kömmlinge selbst. Sie setzten ihren kriechenden und knirschenden Vormarsch in Richtung Stadt fort. Die Bürger beobachteten die heranrückenden Steinfresser auch dann noch, als die Dame Lybis das Orakel längst verlesen hatte, und schließlich erkannten die Bewohner der Stadt ein bestimmtes Muster in der Bewegung der Tiere. Die kannibalisch veranlagten Brütlinge hielten sich mehr oder weniger an einem Ort auf, an dem sie für gewöhnlich von den blutigen und schmierigen Überresten von sechs oder sieben verschlungenen Kälbern umgeben waren. Sie rührten sich praktisch nicht von der Stelle und warteten ein- fach darauf, bis ein weiterer Gang des Festschmauses nichtsahnend herankroch. Die Kälber hingegen, die dem Gemetzel entgangen waren, beendeten inzwi- schen ihre Entpuppung – wobei sie nicht einen Au- genblick lang mit dem Nagen an Fels und Gestein in- nehielten –, und begannen dann den erwachsenen Steinfressern zu folgen. Letztere schienen nun die noch verbliebenen Reste der Benommenheit abzu- streifen, vereinten sich zu einer Streitmacht mit un- heilvoller Absicht und rückten auf die erst kürzlich fertiggestellte Grube zu. Seltsamerweise stellten nachher nur wenige der Bürger von Amboßweide fest, daß sie die Abschriften, des letzten Orakels der Herdenhüterin lesen mußten, um sich die entsprechenden Zeilen ins Gedächtnis zurückzurufen. Während sie ganz in den Anblick dieses unwirklich erscheinenden und unheilschwan- geren Schauspiels versunken gewesen waren, hatten sich die Worte der Priesterin offenbar unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingeprägt. Deshalb erinnerten sich die meisten ganz deutlich an die in der Botschaft zum Ausdruck kommende Verpflichtung und die anmuti- ge Melodie des Orakels: »In Ossuaridon, wo Priester und Zukunftsschau- er Erkenntnis suchen in visionärer Trauer, Isoliert in des Titanen knöchernem Schrein, Umgeben von Finsternis, die ihnen mag besche- ren hellen Schein, Suchen sie des großen Pasturs Katastrophentra- ge. Grabet ihn aus und bringet zurück seine Reste an den Tage. Denn seine Knochen – wenn ihr sie holt aus des Todes kaltem Arm, Und mit ihnen von neuem erbauet seine Pracht – Um zu beherrschen jene, die euch bescheren Un- heil, Besitzen große Macht. Findet den Zauber des Ermordeten, der noch größer war Als meine erhabene Scham! Beeilt euch, ihn zu finden und dorthin zu brin- gen, Wo Amboßstadt ihm bietet größtes Platzangebot., Oh, beeilt euch! Denn sonst wird wirklich, was nur erst droht! Und fürchtet nicht die Jünger, die ohne Gesetz sind durch meinen Tod. Alles zerreißen können ihrer hungrigen Mäuler Zähne, Bis auf Gold allein – das ist ihnen zu hart. So betrachtet euer Vermögen, Und entscheidet ohne Häme, Ob es euch mehr wert ist als euer Leben. Wenn nicht, so ist klar beschrieben euer Pfad.« In der Begleitung von Kandros und Nifft (die nun allgemein als ihre ausgewählten Berater in jenen Fra- gen galten, die der Priesterin aufgrund ihres Amtes aufgebürdet wurden) nahm Lybis an der Expedition teil, deren Aufgabe es war, die Gebeine Pasturs zu holen. Sie blieb lange genug, um zu erleben, wie die entsprechenden Arbeiten voranschritten, und dann eilte sie nach Amboßweide zurück, um dort die letzte Phase der »Verdickung« der Wehrwälle zu überwa- chen. Wenn Lybis eine spezielle Anstrengung unter- nommen hatte, um in den Bürgern der Stadt neuen entschlossenen Tatendrang zu erwecken, so war ihr diesbezüglicher Erfolg beeindruckend. Eine Art gro- ßer Gemeinschaftssinn hatte sich entwickelt. Die Materiallager überall in der Stadt wurden den stren- gen Reglements unterworfen, die Umfang und Be- deutung der jeweiligen Arbeit induzierten, und Be-, wohner aus allen Schichten arbeiteten mit großer Hingabe Hand in Hand und leisteten die Hilfe, die ihnen bezüglich der ihnen zugewiesenen Aufgabe möglich war. Sie arbeiteten an den Stadtmauern, nahmen teil an den mühseligen Konvois aus schwer beladenen Wagen, die die Knochen Pasturs aus Os- suaridon nach Amboßweide transportierten, oder sie gehörten zu den Arbeitskolonnen, die mit großem Ei- fer dabei waren, die Straße zu bauen, über der der Wagenzug heimwärts rollte (wobei sie der Vorhut der Karawane kaum mehr als einen Kilometer voraus waren). Schulter an Schulter mit den Pioniereinheiten der Söldner mühten sie sich ab, und zu unterscheiden von den Soldaten waren sie nur durch eine besonde- re, maskenhaft-starre Konzentration – eine ganz auf sich selbst beschränkte, hingerissene Fixierung, die die Augen der Betreffenden mit einer glasig-trüben Patina überzog und an das Erscheinungsbild un- barmherzig angetriebener Sklaven erinnerte. Aber die weitaus mühseligste Plackerei fiel denje- nigen zu, die die Aufgabe hatten, die Gebeine Pasturs auszugraben. Ossuaridon – bisher hatten die meisten Bewohner von Amboßweide dabei nur an ein kleines Dorf gedacht, in dem religiöse Fanatiker lebten – war nur eine Fünf-Tage-Reise entfernt und lag hinter den hohen Bergrücken, die die Stadt zum Landesinnern hin abschirmten. Der Hinweg war dabei nicht weiter schwierig: Die Expedition machte sich zu Fuß auf den Weg und führte nur einige Wagen mit geringer La- dung mit sich. Der Rückweg aber machte die bereits erwähnte Trasse erforderlich, und trotzdem brauch- ten die zu diesem Zeitpunkt schwer beladenen Kar- ren acht Tage, um die Barriere der Berge zu überwin-, den. Das Dorf Ossuaridon schmiegte sich an die Flanken einer steilen und von Eis und Schnee be- deckten, zerklüfteten Klippe. Es war direkt auf den Knochen des Riesen errichtet worden, sowohl im ar- chitektonischen als auch kulturellen Sinne. Trotz der recht unterschiedlichen Herkunft und Abstammung war den Einwohnern eine eigentümlich schamanisti- sche Geisteshaltung zu eigen. Die Eiszeit, die sich dem Anschein nach an den Tod Pasturs angeschlos- sen hatte und irgendwann in ferner Vergangenheit zu Ende gegangen war, hatte den größten Teil des Ge- steins, unter dem der Riese begraben lag, fortgescho- ben. Die nachfolgenden Erosionseinflüsse hatten das Grab noch weiter geöffnet, und viele Knochen ragten nun deutlich sichtbar aus der letzten Ruhestätte em- por. In erster Linie aber war es der Schädel, der auf diese Weise fast vollständig zu Tage gefördert wor- den war: Die höchst frommen und demütigen An- hänger des Riesen konnten durch eine der beiden Augenhöhlen ins Innere der beinernen Kaverne klet- tern und dort die trauminduzierenden Nachtwachen zelebrieren, die über viele Jahrhunderte hinweg an- dere Menschen an diesen Ort gelockt hatten – wo- durch Ossuaridon überhaupt erst entstanden war. Die eher armseligen Gebäude der Ansiedlung such- ten an den Rippen und sonstigen Knochen des ske- lettenen Titanen einen Halt – aber die Einwohner des Dorfes zeigten sich nicht im geringsten verärgert und leisteten auch keinen Widerstand, als die Neuan- kömmlinge Anstrengungen unternahmen, die auf ein vollständiges (und rasches) Zerlegen ihrer Häuser hinausliefen. Sie offenbarten auch keine Anzeichen von Betroffenheit, als anschließend das Verehrungs-, objekt ihres Kultes vollständig ausgegraben und ab- transportiert wurde. Als die Ausgrabungsarbeiten in vollem Gange wa- ren und sich die ersten großen Knochenteile auf dem Rückweg zur Stadt befanden – auf der Trasse, die dem Wagenzug dicht voraus in die Länge wuchs –, machte sich Lybis in Begleitung Niffts, Kandros' und eines kleinen Söldnertrupps daran, nach Amboßwei- de zurückzukehren. Gerade als die Gruppe das Dorf verlassen wollte, zerrte die Priesterin plötzlich an den Zügeln, zwang ihr Roß herum und galoppierte in das Lager der Schamanen hinein. Die Bewohner der nunmehr abgebrochenen Ansiedlung hatten ihre per- sönliche Habe in aller Stille fortgeschafft und in den Zelten untergebracht, die man ihnen auf Anordnung der Priesterin hin zur Verfügung gestellt hatte. Vor der nächsten dieser provisorischen Unterkünfte stand ein Mann, und Lybis brachte das Pferd zum Stehen, als sie ihn erreichte. Seine Augen glänzten in einem schwarzen, perlmuttenen Glanz, in dem Erinne- rungsbilder von Entbehrungen schwammen. Sie schienen alt zu sein, obgleich sein hagerer und in zerlumpte Kleidung gehüllter Körper ganz und gar keinen greisenhaften Eindruck machte. Lybis beugte sich im Sattel vor. »Bist du glücklich darüber, daß dies hier ...« – sie deutete auf die große und von Gerüsten gekennzeichnete Ausgrabungs- stätte –, »... geschehen muß?« »Ja, ich bin glücklich darüber, Priesterin.« »Könntest du mir deinen Beweggrund erklären?« Die Lippen des Mannes deuteten ein Lächeln an. Es war ein Vorgang, der den Rest seines sonnenge- bräunten Gesichts (die religiösen Wachen der Ossua-, ridoniten waren nicht allein auf das Schädelinnere ih- res Kultobjekts beschränkt) aussparte. »Verhelft ihr ihm nicht wieder zu seiner einstigen Größe? Wäre es von unserer Seite aus ein angemessener Dank für die Einsichten und Offenbarungen, die er in all den Äo- nen immer wieder gewährte, wenn wir uns nun sei- ner Wiederauferstehung widersetzten?« Lybis lä- chelte bei seinen Worten und nickte vor sich hin. Dann räusperte sie sich vorsichtig und erwiderte: »Es freut mich, das zu hören, und ich bin dir dankbar da- für. Ganz besonders zu Dank verpflichtet bin ich dir, weil ihr unseren Arbeitern keine Schwierigkeiten macht und ihre Bemühungen nicht behindert ...« »Und wir sprachen auch nicht mit ihnen, über nichts – kein einziges Wort haben wir mit ihnen ge- wechselt, Priesterin.« Der Mann nickte langsam, und selbst das schiefe Lächeln auf seinen Lippen löste sich nun auf. »Und so werden wir es auch weiterhin halten. Wir haben nicht die Absicht, eure Bemühungen in irgendeiner Weise zu stören.« »Sei dafür gesegnet, Schamane.« »Und auch du, Orakel.« Als sich die Dame Lybis wieder ihren Begleitern hinzugesellt hatte und sie bereits eine Weile unter- wegs waren, wandte sich Nifft murmelnd an Kandros. »Wirklich herrlich, diese Augenhöhlen, nicht wahr? Bist du einmal hineingeklettert, Kandros?« »Nein. Irgendwie ergab sich nie die Gelegenheit dazu.« Nifft schenkte seinem Gefährten ein kurzes Lä- cheln, dann nahm er seine laut formulierten Überle-, gungen wieder auf. »Wie warm es im Innern der Schädel-Kaverne war! Und als die Arbeiter einen überhängenden Felsen losbrachen, der das Innere der Augenhöhlen beschattete ... weißt du, was sie da fest- stellten? Die beinerne Rückwand des linken Auges ist durchbrochen. Sie weist ein dickes Loch auf, und wenn man hindurchsieht, kann man ein Stück einer großen Metallkugel ausmachen, die sich im Innern des Schädels befindet, wo man eigentlich das Gehirn hätte vermuten sollen. Ich sage dir eins, mein Freund: Der Kopf dürfte mit Abstand von allen Dingen am schwersten sein.« Als sie wieder nach Amboßstadt zurückgekehrt waren, konnten sie erkennen, daß das Verteidigungs- projekt bereits recht gute Fortschritte machte. Bevor man es begonnen hatte, hatten im Aristarkion wie- derholt heftige und tumultartige Debatten stattge- funden. Die von der allgemeinen Notwendigkeit mehr als schmerzlich berührten Aristarchen, aus de- ren Taschen der Großteil des Schutzgoldes kommen mußte, hielten die vorgesehenen Maßnahmen für nutzlos. Sie wiesen darauf hin, daß die Steinfresser – wie effektiv auch immer eine Schicht Gold auf der Stadtmauer den destruktiven Appetit der Herdentie- re einzudämmen vermochte – sich einfach nur einen Tunnel unter dem sich ihnen als Hindernis darstel- lenden Wall hindurchgraben mußten, um ihn trotz all des eingesetzten Vermögens doch noch einstürzen zu lassen. Die Aristarchen litten demzufolge in gewisser Weise an einem Maulwurfs-Syndrom. Und während die Tage der Diskussionen und verbalen Auseinan- dersetzungen kein Ende zu nehmen schienen, rückten die Steinfresser immer näher. Sowohl die erwachse-, nen Tiere als auch die jungen Kälber schienen einen Sturz in den tiefen Graben zu fürchten (obgleich viele der größeren Steinfresser beim Auseinanderbrechen der ersten Rampe in eine weitaus tiefere Kluft gefal- len und ohne einen Kratzer davongekommen waren): Sie hatten sich schräg in den Boden hineingefressen und auf diese bequemere Weise den Höhenunter- schied überwunden. Und kaum befanden sie sich an der tiefsten Stelle der Grube, machten sie sich unver- züglich daran, auf der anderen, zur Stadt hin ge- wandten Seite ebenfalls einen schrägen Tunnel durch das Gestein zu nagen, um so wieder an die Oberflä- che zu gelangen. Sie zeigten dabei nicht die geringste Reaktion auf die Speere und Lanzen, die die Vertei- diger hinter den zugespitzten Pfählen der Palisade auf sie herabschleuderten. Als die Barrikade auf- grund der unablässigen Wühlaktivität der Herdentie- re zu schwanken begann, zunehmend instabil wurde und deshalb aufgegeben werden mußte, und zudem schon abzusehen war, wann die ersten Tiere vor der Stadtmauer wieder das Bodenniveau erreichten, ver- langten die Bürger von Amboßweide mit solchem Nachdruck nach einer gemeinsamen Aktion gegen die bedrohlicher werdende Gefahr, daß die zögern- den und zaudernden Aristarchen schließlich nachga- ben. Man konstruierte große, durch Blasebälge ange- triebene Pumpen. Sie wurden an Schmelztiegel ange- schlossen, in die die Aristarchen ihr gehortetes Gold schütteten – wobei sie sichtlich tausend Qualen litten –, zusammen mit all den Münzen, die in verschiede- nen Schatzkammern der Stadt versteckt gelagert hat- ten. Als Lybis zurückkehrte, waren die ersten Berei- che des Wehrwalls bereits mit der dünnsten Gold-, schicht überzogen worden, die die Aristarchen dem von ihnen streng überwachten Stab an Technikern hatten abringen können. Lybis übergab die noch ver- bleibende Weiterführung dieses Unternehmens rasch der Verantwortlichkeit von Kandros und seinen Männern, und Nifft sollte ihnen assistieren. Ange- sichts der damit verbundenen Arbeit begrüßten die hier Tätigen jede hilfreiche Hand: Die Steinfresser hatten sich bereits halb aus dem Graben herausge- nagt, und jene Männer, denen die Arbeit an den Bla- sebälgen und Schmelztiegeln zugewiesen worden war, erfüllten ihre Aufgabe mit einer energischen Entschlossenheit, aus der nach und nach furchtsame Hast wurde. Nifft und Kandros ordneten einige Än- derungen im Verfahren an, und daraufhin schritt die Vergoldung der Stadtmauer etwas rascher fort. Wäh- renddessen trafen nach und nach auch die Gebeine Pasturs in der Stadt ein. Das relativ geringe Gewicht der Knochen stellte den einzigen erfreulichen Umstand dar, mit dem es die dem Konvoi angehörenden und bei der Ausgra- bungsstelle tätigen Arbeiter zu tun bekommen hatten. Jene Bürger, die mit solchen Dingen vertraut waren, schworen, daß die zyklopenhaften Überreste des Rie- sen mindestens dreißig Prozent weniger wogen, als es bei Tierknochen vergleichbarer Größe der Fall gewe- sen wäre. Auf der Akropolis erhoben sich noch im- mer die Kräne und Ladebäume, mit deren Hilfe man den gläsernen Sarg mit der Herdenhüterin in die Tie- fe gelassen hatte. Und da der große Platz vor dem Tempel der einzige Ort in der Stadt zu sein schien, wo ein Skelett von solchen Ausmaßen untergebracht werden konnte, wurden die Gerüste und Ausleger, ein zweites Mal zur Rettung von Amboßweide her- angezogen. Die einzelnen Bestandteile Pasturs wur- den so rasch emporgehievt, wie sie durch das östliche Stadttor herangeschafft werden konnten. Es mußten weitere Abbrüche durchgeführt werden, um Platz zu schaffen für den Transport des kolossalen Fossils bis hin an den Fuß des Tafelberges, und dieser Notwen- digkeit fielen rund siebenunddreißig Gebäude ganz oder teilweise zum Opfer. Dies alles geschah, bevor man oben auf dem Platz noch richtig damit beginnen konnte, die einzelnen Gebeine zusammenzusetzen. Es war schon jetzt abzusehen, daß für das gewaltige me- mento mori* ein entsprechend beeindruckendes Stütz- gerüst erforderlich war. Man baute daraufhin eine gewaltige Plattform, die an der breitesten Stelle des Platzes aufgestellt wurde. Als etwa zwei Wochen nach Lybis' Rückkehr der Schädel in die Stadt trans- portiert wurde, plazierte man ihn mit größten An- strengungen und nicht minder großer Umsicht auf dem nach Norden gerichteten Vorsprung der Akro- polis, dort, von wo aus Nifft und seine Begleiter zu- vor einmal die Herde auf der Wiese beobachtet hat- ten. Das Rückgrat des Riesen war inzwischen fast vollständig rekonstruiert worden, und Füße und Bei- ne hatte man auf der Plattform am anderen Ende des Platzes angebracht: Somit wurde nun deutlich, daß Pastur zu Lebzeiten rund achtzig Stockwerke groß gewesen war. Zu jenem Zeitpunkt trugen die Aristarchen der Dame Lybis eine in schrillen Tönen gehaltene Be- * Eines von zwei Gebeten der röm.-kath. Messe; im übertragenen Sinne auch »Mahnung an den Tod« (Anm. d. Übersetzers), schwerde vor, bei der es um die Leitung der Stadt- verteidigung ging, insbesondere was die Vergoldung der Wehrwälle anging. Die Mathematiker hatten eine volumetrische Gleichung entwickelt und genau aus- gerechnet, wieviel Gold nötig war, um einen be- stimmten Bereich der Stadtmauer ganz und mit der gewünschten und hoffentlich ausreichenden Dicke zu überziehen. Nach den daraus resultierenden Werten hatte der Wehrwall, der nunmehr praktisch ganz ver- goldet war, mehr als anderthalbmal soviel Edelmetall verschlungen, wie nach den Berechnungen zur Ver- goldung der Außenflächen erforderlich gewesen wäre. Die Arbeitsgruppen von Nifft und Kandros gingen wei- terhin ihrer Arbeit nach, auch wenn ihre Rechtschaf- fenheit von der im Aristarkion mit aller Arroganz (und zornigem Nachdruck) vorgetragenen Klage in Frage gestellt wurde. Das war auch gut so, denn noch bevor die Aristarchen – unter der Anleitung von Dame Ly- bis – angesichts ihrer Beschwerde einen Beschluß faßten, wurde die Vergoldung der Stadtmauer end- gültig vollendet. Und unmittelbar darauf krochen die hungrigen Steinfresser aus dem Graben und gingen zum Angriff auf Amboßweide über. Die draußen be- findlichen Bürger flohen durch die Tore in die Stadt, drängten sich aufgeregt und furchtsam auf dem Wehr- wall, machten die dort installierten Verteidigungsan- lagen einsatzbereit und warteten auf den ersten und entscheidenden Kontakt der Herdentiere mit der nun so kostbaren Stadtmauer. Wie Schweine an einen Trog, so drängten sich die Riesen an den Wall heran. Sie machten Anstalten, sich mit ihren verheerend wirkenden Mäulern einen Weg in die Stadt hineinzu- fressen – und zogen sich wieder zurück., In den Tagen voller Anspannung, die dieser ersten Abwehr folgten, gaben die Steinfresser ihren Angriff auf die Stadt niemals auf. Die Herdentiere zogen sich stumpfsinnig zurück – die auf sie herabgeschleuder- ten Lanzen und das siedende Öl, das die Verteidiger über sie ergossen, konnten ihnen nichts anhaben –, und nach einer kurzen Verschnaufpause wogten sie wieder an den Wall heran. Bei ihren Folgeattacken setzten sie jedoch nie ihre von den Bürgern so ge- fürchteten Nagekiefer ein, denn das Gold schien ih- nen in dieser Beziehung tatsächlich wirksam Wider- stand zu leisten. Dafür richteten sie sich soweit auf ihren Hinterläufen auf, wie es ihre kurzen Beine zu- ließen, und sie hämmerten donnernd gegen die Mau- er. Es handelte sich dabei um eine Taktik, die durch- aus ihre Wirkung erzielte. Als die Tage verstrichen, gab es bald verschiedene Stellen am Wall, wo sich Risse zu bilden begannen, und an der Innenseite zeigten sich bald Auswölbungen, die Anlaß zu düste- ren Befürchtungen gaben. Inzwischen mochten der Herde rund zweitausend Tiere angehören: Das Wachstum der Kälber schien sich noch beschleunigt zu haben. Sie waren nun halb so groß wie die Eltern- tiere und verfügten praktisch schon über alle körper- lichen Attribute, die die erwachsenen Steinfresser auszeichneten. Eine Armee von solchen Ausmaßen, die zudem niemals aufhörte, ihre massigen Leiber wie Rammböcke gegen die Stadtmauer zu schmet- tern, mußte schließlich in der Lage sein, auch einen beträchtlich stabileren Wehrwall als den von Am- boßweide einstürzen zu lassen. Die Bürger der Stadt plackten sich mit unermüdlicher Entschlossenheit ab. Sie hockten auf der Mauer hinter den Verteidigungs-, anlagen oder reparierten vom Stadtinnern her den Wall dort, wo sich deutliche Beschädigungen zeigten. Einige besonders optimistische Bürger von Amboß- weide vermochten in dieser Situation zwei positive Aspekte zu erkennen. Erstens: Die Herde schien nicht ein einziges Mal Anstalten zu machen, zu der Taktik der Untertunnelung Zuflucht zu nehmen, die von den Aristarchen so sehr gefürchtet worden war und wodurch die schützende Stadtmauer ganz gewiß ein- gestürzt wäre – in der Hälfte der Zeit, die inzwischen seit dem ersten Angriff der Steinfresser vergangen war. Und zweitens: Die so gefährlichen, kannibali- schen Geschwister-Brütlinge der Kälber ignorierten die fortgesetzten Attacken der Herde völlig und zeigten somit ein beruhigend passives Verhalten. Kurz bevor die Kolosse zum ersten Angriff auf die vergoldete Stadtmauer übergegangen waren, hatten sie sich halb in den Boden eingegraben und waren anschließend offenbar einer schlafähnlichen Starre anheimgefallen. In den nächsten Tagen bemerkten Beobachter auf dem Wehrwall, daß die aus den Bo- denlöchern emporragenden vorderen Körperteile der Tiere sich mit einer milchig-trüben und anscheinend recht festen Substanz zu überziehen begannen. Of- fenbar handelte es sich dabei um eine Art zweite Ei- hülle. Nachdem jetzt mehr als zehn Tage verstrichen waren, gaben die entsprechenden Nachkömmlinge der Steinfresser nicht das geringste Lebenszeichen mehr von sich, und die neuen Kokons, in denen sie steckten, machten einen überaus festen und stabilen Eindruck. Unterdessen wurden nach und nach die einzelnen Gebeine des erhofften Erretters der Stadt durch das, östliche Tor gebracht. Männer riefen sich Hinweise und Anordnungen zu, Zugtiere schnauften und grunzten, und diese Geräuschkulisse wurde unter- malt vom Rumpeln und Knarren schwerbeladener Wagen und diverser Gerüste. Die Karawane kroch in Serpentinen an der steilen Stelle der Akropolis empor und erreichte oben dann schließlich das riesige und sich weiter vervollständigende Skelett des ruhenden Titanen, das auf dem Tempelplatz in die Höhe ragte. Die Hektik der Arbeit ließ niemals nach, nicht einmal in der Nacht. Wenn sich Finsternis über die Berge und die Stadt senkte, leuchteten auf dem Plateau er- neut Tausende von Fackeln auf, und dann wirkte der Tafelberg ein weiteres Mal wie ein konturloses Maul, das Funken sprühen ließ. Die Aristarchen Pozzle, Hamp und Smalling standen spät am Nachmittag vor dem Tempel, und ihre Mie- nen waren ernst, als sie mit dem Minorit-Küster spra- chen. Vor der heiligen Stätte zu weilen – oder über- haupt irgendwo auf der Akropolis –, bedeutete jetzt, unter einem gewaltigen, monströsen und labyrinthe- nen Gespinst aus riesigen Balken und gewölbten Holmen zu stehen, und eine fast unübersehbare Viel- zahl von Arbeitern, Rampen und Ladebäumen brachte nicht etwa Ordnung in dieses Durcheinander, sondern gestaltete es noch verwirrender und atembe- raubender. Angesichts dieser wie drohend aufragen- den Gerüste schien die übliche Arroganz der Aristar-, chen erheblich gedämpft zu sein, und sie duckten sich beinahe, während der Küster noch mehr Würde ausstrahlte. Vielleicht lag dies daran, daß er nunmehr einen gewissen Stolz über die enorme Produktivität des Tempels zu entwickeln begann, dem man zuvor nur geringe Beachtung geschenkt hatte. Nach seinem Verständnis haftete der Bezeichnung Macht nun eine weitergehendere Bedeutung an, als er diesem Begriff bisher zugesprochen hatte. Seine Haltung besaß jetzt nicht mehr die leichte und ehrerbietige Gebeugtheit, die sein Körper normalerweise zum Ausdruck brachte, wenn er sich in Gesellschaft der Mächtigen der Stadt aufhielt, und er wirkte außergewöhnlich munter und selbstbewußt. Die drei Aristarchen hin- gegen machten einen eher niedergeschlagenen, de- primierten und fast jämmerlichen Eindruck – so, als seien sie innerlich völlig verausgabt und leergebrannt angesichts der scheinbar grenzenlosen Notwendig- keit, ihr Vermögen in den Dienst der Öffentlichkeit stellen zu müssen. »Es tut mir sehr leid, meine Herren«, sagte der Kü- ster freundlich. »Die Dame Lybis ist derzeit damit be- schäftigt, in der Bibliothek der heiligen Schriften nach einem Hinweis zu suchen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Glaubt mir: Ich bedaure den Kummer, den euch dies alles bereitet. Versucht doch, ein wenig Trost zu finden. Hat sich der Tempel nicht gerade in den letzten Monaten als Quelle der Macht und erstaunlichen Vielfalt von Offenbarungen erwie- sen? Ich muß zugeben, ihr Herren, was mich selbst angeht, so empfinde ich einen schier unbezähmbaren Optimismus – wie düster und bedrohlich die allge- meine Lage auch sein mag. Schließlich haben uns die, Göttin und ihr Kult aus jeder Gefahr, mit der sie uns konfrontierte, wieder befreit. Versucht, in dieser Er- kenntnis neue Zuversicht zu gewinnen.« Pozzle versah den Küster mit einem Blick, in dem nur mühsam unterdrückte Verärgerung zum Aus- druck kam. Die Angehörigen der Macht- und Finan- zelite von Amboßweide führten sehr genau Buch über die kleinen Steuern des Respekts und der Schmeicheleien, die sie von ihren Untertanen ver- langten, und der Aristarch schien insbesondere dar- über erzürnt zu sein, daß er in dieser Hinsicht von dem Küster betrogen wurde. Darüber hinaus erfolgte dieser Betrug auch noch in völliger Straffreiheit – ein Umstand, der auf genau den Kult zurückging, der Pozzles Finanzen auf derart nachdrückliche Weise dem Ruin hatte anheimfallen lassen. Als er zu einer Erwiderung ansetzte, klang seine Stimme ein wenig gepreßt, aber es gelang ihm, in dennoch ruhigem Tonfall hervorzubringen: »Soviel Mühe hat es geko- stet, Küster ...« – er deutete mit einer Hand nach oben –, »... und jetzt müssen wir feststellen, daß das Skelett unvollständig ist, daß ein vergleichsweise unbedeu- tender Bestandteil fehlt. Als Folge steht uns die von dem Riesen einst repräsentierte Macht nicht zur Ver- fügung. Und wenn man dann noch daran denkt, wie unvorstellbar es überhaupt ist, wie es uns in irgendei- ner Weise hilfreich sein kann in der Abwehr der vor der Stadt wartenden Ungeheuer, ein uraltes Skelett einfach wieder zusammenzusetzen ... wenn man sich all dies durch den Kopf gehen läßt, dann kann man nur eine umfassende Verbitterung empfinden. Mehr noch: Man ist direkt wütend ...« Aristarch Smalling, ein schlanker und recht her-, ausgeputzter Mann, legte seinem Kollegen Pozzle be- sänftigend – und auch vorbeugend – die Hand auf den Arm. »Vom nördlichen Ende des Gerüstes aus ...« – er deutete mit einem Arm in Richtung des Schädels, dessen leere Augenhöhlen zum Himmel starrten –, »... kann man sehr gut sehen, Küster, daß der von den Steinfressern attackierte Bereich des Wehrwalls schon an mehreren Stellen erhebliche Risse und Dellen auf- weist. Und selbst die größten Reparaturbemühungen können nicht gewährleisten, daß die Barriere länger als nur wenige Tage standhält. Ist denn jeder Zweifel ausgeschlossen, daß die fehlende Hand nicht unter dem gleichen Fels begraben liegt wie ehemals das restliche Skelett? Falls nötig, könnten wir die ganze Klippe abtragen, um die Knochen zu finden – was es auch kosten mag.« Bei diesen Worten seines Kollegen gab Pozzle ein leises Stöhnen von sich, das auf mühsam unter- drückten, schier ohnmächtigen Zorn hindeutete, und Hamp – ein Mann mit kantigem Gesicht – lief ein we- nig rot an. Der Küster schüttelte den Kopf, und seine Augenbrauen stiegen bedauernd in die Höhe. »Ge- nau das ist der Kernpunkt unseres derzeitigen Pro- blems, meine Herren. Aber gleichzeitig wird es, im Hinblick auf viele andere Dinge dieser Angelegenheit auch, der Schlüssel zu unserer Rettung sein. Wißt ihr, die Dame Lybis entsann sich plötzlich wieder der Abtrennung der fehlenden Hand des Riesen vom Rest des Titanenleibes, als ihr ein Text einfiel, den sie damals als Novizin studierte und in dem Pastur Er- wähnung fand. Tatsächlich aber war der Hinweis so unklar und verschwommen, daß sich die Priesterin erst wieder daran erinnerte, als uns das Fehlen der, Hand auffiel. Begreift ihr nicht, was das bedeutet? Sobald sie in den Archiven die entsprechenden Un- terlagen gefunden hat, wird sie aller Wahrscheinlich- keit nach auch eine Beschreibung jenes Ortes entdek- ken, wo wir die Hand ausgraben können.« »Wenn es sie überhaupt noch gibt«, murmelte Pozzle. Es war ein Kommentar, den er mehr an seine eigene Adresse richtete, und er warf einen unbehagli- chen, ärgerlichen Blick zum Knochengerüst empor. Und als der Tag zu Ende ging, als sich die Sonne langsam dem Horizont entgegenneigte, war die Ar- beit am Skelett bis auf einige letzte Stabilisierungs- maßnahmen beendet. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte man alle bisher ausgegrabenen Gebeine Pasturs an der richtigen Stelle zusammengefügt. Damit war das Skelett komplett – bis auf die fehlende rechte Hand. Im Verlauf des Tages waren verschiedene Gruppen von Aristarchen zu Besuch gekommen. Sie hatten vor dem Tempel Aufstellung bezogen, waren hineinge- schritten, nach einiger Zeit wieder herausgetreten und hatten die Akropolis anschließend verlassen. Als der Schatten des Skeletts nun seine größte Länge er- reichte und sich wie ein fremdartiges, bizarres Git- terwerk über die Dächer der östlichen Stadthälfte legte, versammelte sich eine große Zahl der Würden- träger vor den heiligen Pforten, hinter denen sich – hoffentlich – eine neue Möglichkeit zur Rettung der Stadt verdichtete. Schließlich öffnete sich das Hauptportal mit einem Ruck. Die Priesterin eilte aus dem Gebäude und halb die Treppe herunter, und in der Hand schwang sie einen Fetzen Pergament. Ihre zierliche Gestalt warf ebenfalls einen langen Schatten, und die Menge der, hochgestellten Personen drängte sich um sie zusam- men. Ihre Stimme klang dünn, war aber andererseits so schrill, daß man sie schon aus weiter Ferne hören konnte – wenn auch nicht allzu deutlich –, und ihre Worte wehten durch das Knochengerüst und woben unsichtbare Netzwerke durch das gewaltige Bein- haus. Die nun ganz auf sie konzentrierten und ge- spannt lauschenden Zuhörer standen wir erstarrt in ihrer unmittelbaren Nähe. Plötzlich veränderte sich der Tonfall ihrer Stimme. Die Arme der Schreinherrin vollführten weit ausladende Gesten, und kurz darauf machte sich die Menge der Aristarchen auf den Rückweg. Es geschah so plötzlich, als sei mitten unter den Würdenträgern eine verbale Bombe detoniert. Nifft wandte sich an Kandros, mit dem zusammen er auf der Sitzbank einer provisorischen und mit diver- sen Vorhängen versehenen Tribüne hockte, die auf den sich hoch emporwölbenden Rippen des Titanen errichtet worden war. Nifft hatte den Blick von den Geschehnissen unter ihnen abgewandt und sah nun in Richtung der nördlichen Stadtmauer. »Hast du das dort drüben schon bemerkt, Kandros? Jenseits der Stadtmauer, die sich keinen direkten Angriffen durch die Steinfresser ausgesetzt sieht, scheint dennoch eine gewisse feindselige Aktivität zu herrschen – aller- dings eine, die auf kleine und schemenhafte Gestalten zurückgeht.« Er reichte dem Söldner den Weinkrug, dessen Inhalt sie gemeinsam genossen. Kandros nahm einen großzügigen und genießerischen Schluck, bevor er erwiderte: »Ja. Offenbar handelt es sich um Menschen. Ich frage mich, was sie vorhaben. Möglicherweise steht ihnen der Sinn nach dem Gold, das man auf den Wall, aufgetragen hat. Die Bogenschützen auf der Stadt- mauer dürften ihnen ziemlich zusetzen.« Nifft nickte, und in seinem Gesicht zeichnete sich die ernste und verstehende Mimik eines Mannes ab, dem man gerade eine scharfsinnige Theorie vorgetra- gen hatte. »Diebe. Natürlich. Seit die Sache mit der Vergoldung allgemein bekanntgeworden ist, sind sie wahrscheinlich aus allen Küstenstädten hierher ge- eilt.« Kandros reichte ihm den Krug zurück, und Nifft legte eine kurze Pause ein, um sich ebenfalls an ihrem Inhalt zu laben. »Weißt du, Kandros, angesichts der großen Freundschaft zwischen uns beiden muß ich dir etwas gestehen: Ich bin selbst nicht ganz unver- traut mit der Arbeit von Dieben.« Nun nickte Kandros, und er nahm den Krug wie- der zurück. »Keinem Mann, der sich in der Welt aus- kennt und weit herumgekommen ist, kann die Arbeit von Dieben unbekannt sein«, sagte er und nahm ei- nen Schluck. Als sich die Dunkelheit der Nacht über die Stadt senkte, machte sich eine lange und von vielen Fackeln hell erleuchtete Wagenkolonne vom Fuße des Tafel- berges aus rasch auf den Weg zum Hafen. Mit dem Ende des Tages wartete dort neue Arbeit auf die Be- wohner von Amboßweide. Bei Morgengrauen wurde ein großes Floß von den Docks ins Wasser gelassen. Darauf erhob sich ein großer Ladebaum, dessen Ausleger bis weit übers Wasser reichte. Abgestützt wurde die beeindrucken- de Konstruktion von massigen Schwimmern, die aus leeren Metalltonnen und -fässern gefertigt waren. Mit Hilfe des auf dem Floß angebrachten Ladebaums ging man beim ersten Tageslicht mit der Unterstüt-, zung von Tauchern daran, einige große algenüber- wucherte und mit Muschelschalen besetzte Blöcke aus dem Wasser zu ziehen. Der größte maß rund sechs Meter in der Länge. Bald häufte sich auf dem Dock eine beträchtliche Menge von ihnen an. Sie alle wurden in einem Bereich aus dem Wasser gehoben, der in unmittelbarer Nähe des Stabes lag, etwa in der Mitte der ins Meer hinausragenden Landungsbrücke. Die Hälfte der Blöcke mußte ganz offensichtlich unter der Landungsbrücke hervorgezerrt werden. Dazu war es notwendig, daß Sand und Schlamm von durch Blasebälgen betriebene Pumpen – sie befanden sich auf kleineren Flößen, zu deren Begleitung ebenfalls Dutzende von Tauchern und Mechanikern gehörten – fortgespült wurden. Sobald die betreffenden Blöcke auf dem Dock abgesetzt worden waren, machten sich dort Arbeitsgruppen daran, sie mit Sägen und Äxten zu säubern – Werkzeuge, die für gewöhnlich von den Fischern zur Zerteilung ins Netz gegangener großer Meerestiere Verwendung fanden. Als die Blöcke von der Algen- und Muschelschicht befreit waren, lud man sie auf die bereitstehenden Wagen und trans- portierte sie durch das Hafentor. Dabei wurde rasch deutlich, um was es sich bei den Blöcken eigentlich handelte: Es waren Knochen. Aufgrund des mariti- men Verkrustungskokons, der sie äonenlang ein- hüllte, waren sie von den Einflüssen der natürlichen Erosion nicht zersetzt worden, und sogar jemand, der keine Ahnung von Anatomie hatte, konnte sie auf den ersten Blicken als einzelne Bestandteile einer rie- senhaften Hand erkennen. Als auch dieser Tag sich dem Ende entgegenneigte, drängten sich die Bewohner der Stadt auf den Wehr-, wällen. Dort warteten sie aufgeregt auf die endgülti- ge Fertigstellung von Pasturs Skelett – eine Aufgabe, die, wie man überall verkündet hatte, nur noch eine Stunde in Anspruch nehmen würde. Pozzle und Smalling nahmen den privilegierten Platz in der Nä- he der Standpfeiler des nördlichen Stadttors ein – ein Bereich, von dem aus man einen besonders guten Überblick hatte, der allein für die Aristarchen reser- viert war und dessen Befestigungsanlagen zudem ei- ne besondere Zuverlässigkeit aufwiesen. »Wo versteckt sich denn das kleine Wiesel?« krächzte Pozzle und schielte in Richtung des Pla- teaus, auf dem sich das gewaltige Skelett des Titanen erhob. Smalling folgte dem Blick seines Kollegen und entgegnete: »Ich glaube, dieser glitschige Aal sitzt in der Tempelkutsche, die gerade von der Akropolis herunterkommt. Er scheint sogar in ziemlicher Eile zu sein. Ich frage mich, wem oder welcher Sache seine mysteriösen ›Ermittlungen‹ galten.« Ein besorgtes Murmeln durchlief die Reihen der sich auf dem Wall drängenden Zuschauer. Irgend je- mand etwas weiter entfernt glaubte gesehen zu ha- ben, wie sich die Erdhügel, in denen die kannibali- schen Brütlinge ruhten, bewegt hatten und erbebten. Eine Zeitlang galt die atemlose Aufmerksamkeit aller Menschen auf der Stadtmauer allein der Ebene. Die kleinen Erhebungen, unter denen sich die entarteten Nachkommen der Steinfresser selbst begraben hatten, schienen völlig starr und bewegungslos zu sein. Dar- aufhin wandten die Zuschauer ihre Blicke wieder den Herdentieren zu, die noch immer mit unermüdlicher Entschlossenheit ihre riesenhaften Leiber gegen den Wall schmetterten. Und ebenso unaufhörlich ergoß, sich ein Regen aus Lanzen und siedendem Öl auf die Angreifer – der den Steinfressern im Prinzip über- haupt nichts anzuhaben vermochten und von dem sie nur zeitweise zurückgetrieben wurden. Pozzle und Smalling richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Weg, den die Kutsche nehmen mußte, um zu ih- nen zu gelangen, und als sie den Landauer wieder erblickten, stellten sie fest, daß er erstaunlich nahe herangekommen war. »Warum solche Eile?« knurrte Pozzle. »Schon wie- der eine neue Katastrophe?« »Da kommt er.« Völlig außer Atem sprang der Minorit-Küster aus der Kutsche und hetzte die Rampe zu den am Tor be- findlichen Verteidigungsanlagen empor. Als er die Aristarchen erreichte, bemühte er sich mit auffallen- der Unauffälligkeit um Diskretion – und genau das veranlaßte die versammelten Bürger, den Blick auf die drei Männer zu richten, als der Küster Pozzle und Smalling in eine Ecke dirigierte. »Eine schreckliche Katastrophe ist über uns herein- gebrochen«, stöhnte er. »In ihrer Nervosität hat Dame Lybis nicht den ganzen Abschnitt gefunden. Ich hatte schon so ein Gefühl. Ich suchte das Archiv auf, und ... und ich fand den Rest, ganz in der Nähe jener Abtei- lung, von der sie nach der Entdeckung der ersten Seite die Aufmerksamkeit abwandte. Seht es auch an. Hier, lest es selbst.« Smalling nahm das Dokument entgegen. Er hielt es so, daß es auch Pozzle lesen konnte. Nachdem sie die Zeilen überflogen hatten, traten sie an die ausge- hängte Kopie heran, in der das zu lesen war, was die Dame Lybis während der letzten Nacht im Archiv ge-, funden hatte. Sie lasen die betreffenden Zeilen noch einmal und sahen sich dann wieder das an, was der Küster ihnen ausgehändigt hatte. Von Anfang an lautete der Text folgendermaßen: Entwaffnet von Feinden, losgelöst von des Todes Qual, Und obgleich zerfetzt, so klammert sich Pastur doch An die Leben derer, über die er einst befahl. Und mit reglosen Fingern berührt er noch, was letztlich Herausführen mag aus dem Jammertal. (An dieser Stelle endete die veröffentlichte Passage und begann der Text des Küsters.) Einst war verbunden miteinander alles Bein, Und deshalb gleicht sein Tod einem Schlaf, tief und rein. An Geist und Macht wird er irgendwann gene- sen sein. Sei dir dessen bewußt, denn sonst steigt er herab aus Seinem himmlischen Gefilde – Und was der große Pastur jagt, das wird er auch stellen – ohne Milde. Als die beiden Aristarchen wieder aufblickten, schenkten sie dem Küster einen starren Blick. Die Menge der Bürger beobachtete sie nun mit unver- hohlener Neugier. »Wo ist Lybis?« fragte Pozzle mit schwankender, und dünn klingender Stimme. Der Schock in ihm keimte erst und hatte sich noch nicht zu vollem Be- wußtsein entwickelt. »Sie muß hiervon Kenntnis er- halten ...« »Hört nur!« stieß Smalling hervor. Die anderen wa- ren inzwischen so sehr auf die drei Männer konzen- triert, daß auch sie diese Aufforderung befolgten. Die Köpfe der auf dem Wehrwall Versammelten ruckten herum, und die Augen blickten fragend. Und unmit- telbar darauf ertönte überall auf der Mauer ein ver- wirrtes Seufzen. Es war ein Geräusch, das von nichts anderem untermalt oder gar übertönt wurde. Man konnte es selbst auf den entferntesten Winkeln des Walls vernehmen – denn die stampfenden und schmetternden Attacken der Steinfresser hatten völlig aufgehört. Die Aristarchen eilten an die Brüstung heran, von wo aus die Bürger der Stadt bereits auf die nunmehr reglosen und stummen Kolosse hinabstarr- ten. Selbst die Diebe, die noch immer damit beschäf- tigt waren, am nördlichen Stadtrand Gold von der Mauer zu kratzen, das sie in ihren Hütten einschmel- zen wollten, hielten erstaunt inne. Irgendwo ertönte ein Schrei, und hier und dort erklang ein kreischen- des Echo, das Erschrecken ausdrückte: »Draußen auf der Wiese! Seht nur die Hügel!« Die Erdhaufen, in denen sich die kannibalischen Brütlinge vergraben hatten, begannen zu zittern und zu beben. Aufgelockertes Erdreich rieselte von schwarzen Kokons, die aufzusplittern begannen, als sie sich aus den nicht sonderlich tiefen Gruben her- ausschoben. Diejenigen, deren Entwicklungsstadium am weitesten fortgeschritten war, lagen allesamt dem Graben am nächsten. Die Sonne war gerade hinter, dem Horizont versunken – es gab nun keine Schat- tenzonen mehr, und vom Firmament herab ergoß sich rotgoldener Lichtschein. Die Bewohner von Amboß- weide konnten ganz deutlich sehen, wie sich der erste Kokon der Länge nach öffnete, und mit ebensolcher Deutlichkeit vermochten sie zu erkennen, was daraus hervorkroch, sich auf stelzenartige Beine erhob und mit filigranen und transparenten Schwingen schlug, um die Flügel zu trocknen. Es war eine Herdenhüte- rin. Und obgleich das Ei, das sie geboren hatte, relativ klein gewesen war, war sie nur etwas weniger als halb so groß wie die Göttin selbst, deren von einer großen Plane bedeckter und ganz in der Nähe liegen- der Leichnam so lange Zeit den unvergänglichen Sa- men getragen hatte, dem das neue Libellenwesen ent- sprungen war. Als das letzte Licht des sterbenden Tages verblaßte, wimmelte es auf der Ebene von einer ganzen Legion Herdenhüterinnen. Inzwischen hatten sie lange ge- nug ruhig verharrt und mit fast nervös wirkenden Flügelschlägen ihre Schwingen getrocknet, so daß sie sie nun immer rascher durch die Luft sausen lassen konnten. Bald vermochte kein menschliches Auge mehr dem rasenden Rhythmus zu folgen. Scheinbar waren sie nun dazu bereit, emporzusteigen und fort- zufliegen. Doch sie blieben am Boden der Wiese ste- hen, ohne daß ihre Flügel zur Ruhe kamen, und die Herdentiere, die von ihnen durch den zernagten Gra-, ben getrennt waren, schienen von der gleichen ab- wartenden Lähmung befallen zu sein. Kurz darauf begriffen die Bürger von Amboß wei- de, daß der belagerten Stadt eine unverhoffte und wie vom Himmel gesandte Atempause gewährt wurde (offenbar handelte es sich dabei um irgendeine Ei- gentümlichkeit im biologischen Entwicklungszyklus dieser Geschöpfe, daran konnte kaum ein Zweifel be- stehen), und daraufhin richtete die versammelte Menge ihre Aufmerksamkeit auf die Akropolis, wo weiterhin in fieberhafter Eile an der Wiederherstel- lung des seit einer Ewigkeit und mehr zerbrochenen Skeletts Pasturs gearbeitet wurde. Es war ein ziemlich dramatischer Anblick, der sich den Zuschauern darbot. Er entlockte Hunderten von Kehlen einen hoffnungsvollen Aufschrei und führte unter den Bürgern zu aufgeregten Gesprächen. Der sich weit emporreckende Ladebaum, der die Aufgabe hatte, das Anfügen der Hand zu bewerkstelligen, und der auf einer Plattform am Rande der Beckenknochen errichtet worden war, stand nun unmittelbar vor der Vollendung der Arbeit. An seinem Ausleger hing nun offenbar das letzte Teilglied des letzten noch fertigzu- stellenden Fingers, und dieses Segment baumelte nur noch wenige Meter von dem Punkt entfernt in der Luft, wo es mit dem Gelenkhöcker des vorletzten Fingerelements verbunden werden mußte. Das restli- che Licht des Tages verblaßte nun zwar rasch, aber die vielen Laternen und Fackeln, die auf dem das Skelett einhüllenden Gerüst angebracht und ange- zündet worden waren, verbreiteten einen Glanz, der alle Einzelheiten der riesenhaften Gestalt aus der Fin- sternis der anbrechenden Nacht herausriß. Größten-, teils war es – abgesehen natürlich von der enormen Größe – eine überwiegend menschenähnliche Gestalt. Jedoch wies sie an einigen Stellen besondere Auswöl- bungen und Verjüngungen auf. Arme und Hände waren von einer affenähnlichen Beschaffenheit, was Länge und Breite anging. Aber die Finger erinnerten mehr an die Klauen eines Greif- vogels, und sie wiesen vier Knöchel auf. Der Daumen war überdies mit einem außerordentlich beweglich scheinenden Gelenk mit dem Mittelhandknochen verbunden. Die Rippen des Brustkastens wölbten sich zum Kopf hin stark empor – eine Anordnung, die den Armen gewiß große Kraft verlieh. Zur Taille hin ver- ringerte sich der Körperumfang des Titanen, und sei- ne Beine waren vergleichsweise dünn, auch wenn sie gewiß kräftig sein mochten. Was den Schädel betraf: Im Vergleich zum Torso war er massiger als der eines Menschen, aber das Mehr an Umfang konzentrierte sich in erster Linie auf die Stirnpartie, deren besonde- re Ausprägung offenbar in vier knöcherne Vorsprün- ge unterteilt werden konnte. Hin zu den recht schmalen und fast zerbrechlich wirkenden Kiefern nahm der Umfang des Kopfes rapide ab. Angesichts der starken Vorwölbung der Stirn mußte das Gesicht des Titanen einen gespenstischen Eindruck gemacht und wie das eines riesenhaften Gnoms gewirkt ha- ben. Der sonderbar zarte Aspekt, für den sich überall an der skelettenen Gestalt Beispiele finden ließen, kam auch in dem letzten Glied zum Ausdruck, das nun von dem Ausleger des Ladebaums herabgelassen und seinem ihm angestammten Verankerungspunkt entgegengesenkt wurde. Der Knochen war kaum ei- nen Meter lang, wirkte dünn, fast dürr, und er ver-, vollständigte ein Glied, das in seiner schlanken Ge- schmeidigkeit den anderen Fingern der Hand glich. Doch gerade in diesem Augenblick wurde die Be- wegung des Ausläufers – wie um die Zuschauer auf dem Wehrwall auf die Folter zu spannen – von einem Ruck erfaßt und hielt dann ganz inne. Der Knochen war zwar recht leicht, aber er hatte sich dennoch mit dem Kabel des Ladebaums verfangen, und durch das plötzliche Verhaken in der Verankerungsschlinge mußte von einem weiteren Herabsenken abgesehen werden. Die Menschenmenge auf der Stadtmauer stöhnte und wurde, unruhig. Die Nervosität glich der einer Rinderherde, die nahe daran war, Amok zu lau- fen. Nur die drei Männer in der unmittelbaren Nähe des Tores waren skeptisch, und ihre Körperhaltung drückte unbestimmte Besorgnis aus. Die große Masse der Zuschauer beugte sich vor, als könne sie aus der Ferne dazu beisteuern, daß der Ladebaum rascher mit der Last des letzten Fingerknochens fertig wurde. Smalling, Pozzle und der Küster hingegen wandten zwar ihren Blick nicht von dem Geschehen auf der Akropolis ab, aber ihre Körper verkrampften sich, und sie schienen vor dem zurückzuweichen, was sich ihren Augen darbot – oder vor etwas, das nur in ihrer besorgten Vorstellung existierte. Der Ausleger des Ladebaums stieg wieder empor und schwang herum, und der nun wieder völlig frei und beweglich am Kabel hängende Fingerknochen zeichnete sich deutlich vor dem vom glänzenden Fackelschein erhellten Himmel ab. Die Menge auf der Stadtmauer seufzte und beugte sich wieder wie auf ein Kommando hin vor. Es war eine gleichzeitig, komplexe und auch einmütige Bewegung, und sie erinnerte an den Phototropismus* in einem Garten, in dem viele unterschiedliche Gewächse Wurzeln ge- schlagen haben. Das Glied wurde langsam herabge- lassen. Zwei Arbeiter hockten auf Laufstegen zu bei- den Seiten der nunmehr fast kompletten Hand. Sie griffen nach dem noch fehlenden Fingerknochen und dirigierten ihn weiter hinab. Dann befestigten sie den entsprechenden Gelenkhöcker vorsichtig – mit fast zärtlicher Hingabe – an der richtigen Stelle des vor- letzten Fingerglieds. Das Segment rastete mit einem Ruck ein und verursachte dabei ein knirschendes Ge- räusch, das einen Augenblick später von den ge- spannten Zuschauern auf dem Wall in aller Deutlich- keit vernommen werden konnte. Dem Knarren folgte ein weitaus lauteres Geräusch. Zunächst war zu sehen, wie das Skelett von einem sanften Ruck erfaßt wurde und sich auf rätselhafte Weise fester zusammenzufügen schien. Es war, als würden die einzelnen Knochen des titanischen Fossils gleichzeitig magnetisiert und daraufhin lückenlos an- einandergeflanscht. Diesem Vorgang folgte einen Atemzug später das Geräusch: Es war, als vollführe eine gut ausgebildete Armee eine plötzliche Wende; es glich dem öligen Rasseln, Klirren und Knarren von hunderttausend Schilden, Speeren und Schwertgür- teln. Dieser Laut wehte über die wie betäubt empor- starrenden Zuschauer hinweg. Und dann füllten sich die Augenhöhlen des auf der Plattform liegenden Schädels mit schwefelgelbem Lichtschein, und zwei * Phototropismus: Bewegung von Pflanzen hin zum Licht (Anm. des Übersetzers), mächtige und weit emporragende Türme aus fun- kelndem Gleißen wuchsen in den Nachthimmel. Die rechte Hand schloß sich langsam um die darauf hok- kenden Arbeiter. Ein neuer Schrei wurde laut und übertönte sogar den, der diesen Vorgang verursacht hatte: Die Legion der gerade erst ausgeschlüpften Herdenhüterinnen stieg auf. Nur einen Augenblick später nahmen die Steinfresser der Herde ihren donnernden Ansturm gegen den Wehrwall mit solchem Nachdruck wieder auf, daß dagegen ihre vorherigen Bemühungen träge und müde wirkten. Angesichts der völligen Verwir- rung, die in den folgenden Sekunden alle Bürger be- herrschte, fiel niemandem auf, daß sich dem nördli- chen Stadttor aus der Luft eine große Gestalt näherte. Auf dem Rücken des Wesens – es handelte sich dabei um eine der neuen Herdenhüterinnen – hockten die Dame Lybis und, hinter ihr, der aus Karkhman-Ra stammende Nifft. »Aristarchen!« rief die Schreinher- rin. »Bürger von Amboßweide! Hört mich an, ihr käuflichen Jünger, ihr habsüchtigen Heerscharen! Hört mich alle an, ihr skeptischen und nur an Geld denkende Winzlinge, die ihr in Pasturs rechtmäßiges und prächtiges Königreich eingedrungen seid! Ich bringe euch die letzte Verkündigung als Priesterin. Oh, es handelt sich sogar um die letzte Offenbarung des Kultes! Zuerst aber betrachtet den Großen und Erhabenen Pastur!« Es war eine ironisch gemeinte Aufforderung. Alle sahen, wie sich der Titan aufsetzte. Sie sahen alle, wie er mit einer eigentümlich vorsichtigen und zugleich langsamen und doch sehr entschlossen wirkenden Bewegung die Hand über das Plateau hinwegstreckte, und die darin gefangenen Arbeiter inmitten des in- zwischen völlig verlassenen Häusermeers der Stadt freiließ. Sie sahen, wie er – mit einem kurzen und beinah affektiert wirkenden Fingerschnippen – die spinnennetzartigen Balken und Holme des ihn um- gebenen Gerüstes fortwirbelte. Der schwere Stahl der Streben klirrte dumpf, als er auf die Dächer der Ge- bäude auf der Akropolis herabregnete. Die eigen- tümliche und den Wehrwall erst mit einer Verzöge- rung erreichende Melodie dieses Vorgangs wirkte auf die von einer verblüfften Erstarrung erfaßte Men- schenmenge ebenso hinreißend und verzückend wie die noch unglaublicheren Dinge, derer sie ansichtig wurde. Denn unmittelbar darauf stieg der Titan von dem Tafelberg herunter. Er stützte die Hände auf den Platz, auf dem er zuvor gelegen hatte, und verharrte in dieser Stellung. Der aus seinen Augen sprühende Glanz tanzte wie nachdenklich und sinnend über sei- ne Ruhestätte hinweg. »Und wenn ihr wollt, dann ...« Lybis ließ ihre hal- lende Stimme verklingen und erzeugte damit ein aufmerksames Schweigen. Als sie sah, daß sich das Interesse der auf dem Wall Versammelten allein auf sie richtete, setzte sie erneut mit schriller Stimme an: »Und wenn ihr wollt, so betrachtet Pasturs Amboß, mit dem er nun wieder arbeiten wird, so wie einst. Und diesmal wird er damit keine Sternenschiffe für andere schmieden, sondern sein eigenes, denn er hat unsere Welt satt, ihr früheren Pfarrkinder meiner Gemeinde. Er ist ihrer völlig und gänzlich überdrüs- sig. Die Hüterinnen werden sich nun seiner Herde annehmen, für die Gold eigentlich überhaupt kein Hindernis darstellt. Die Steinfresser werden die, Stadtmauer rasch – und friedlich, wenn ihr euch nicht einmischt – von der Goldschicht befreien. Eine Grup- pe von Göttinnen bezieht nun im Bereich des Hafens Stellung und bewacht ihn, und eine andere Abteilung patrouilliert auf den anderen Abschnitten des Wehr- walles. Ihr werdet für Pastur arbeiten. Ihr werdet hart und mit aller nur möglichen Hingabe arbeiten. Ihr dürft mit großen Mühen und Anstrengungen rech- nen, und Pastur fügt euch kein Leid zu, wenn ihr ihm gehorcht und ihm in seinen Schmieden und Gießerei- en zu Diensten seid. Und nun entbiete ich euch mei- nen Abschiedsgruß und will euch nicht vorenthalten, daß ich eine gewisse Schadenfreude über euer Schicksal empfinde. Seit ich sechzehn bin, diene ich einem Schrein, über den ihr euch alle lustig machtet, zu dem ihr aber immer angekrochen kamt, wenn es die Göttin in ihrer unermeßlichen Güte für angemes- sen hielt, euch jene lukrativen Offenbarungen zu ent- hüllen, auf die ihr so begierig wart. Ich habe große Einsamkeit erfahren. Nun, ich bin durchaus bereit einzugestehen, daß die von meinem Amt hervorgeru- fene Isolation manchmal von lachender Heiterkeit und Fröhlichkeit aufgelockert und gewürzt wurde, und zudem konnte ich auf den ungeheuer kostbaren Trost zurückgreifen, der mir von der Herde und dem nicht im Glas gefangenen Ich der Göttin gewährt wurde und mich immer wieder zuversichtlich stimmte während meiner demütigen und bescheide- nen Dienste. All diese Umstände führten dazu, daß ich eine unerschütterliche Entschlossenheit entwik- kelte, und ich bin dankbar dafür, daß gerade mir die Ehre zufiel, alles in die Wege zu leiten – und nicht den Tausenden von Priestern und Priesterinnen, die, der Göttin vor mir dienten. Und nun ... Küster, tritt vor. Du wirst mich begleiten!« Während der Ansprache von Dame Lybis kam die Herdenhüterin, auf deren Rücken sie ritt, rasch näher, und die Aristarchen zogen sich daraufhin furchtsam zurück. Der Küster schien völlig verwirrt zu sein und machte keine Anstalten, der Aufforderung der Prie- sterin zu folgen. »Was?« donnerte die Stimme Lybis'. »Glaubst du etwa, du würdest in diesem großen Sklavenlager überleben können – jetzt, da allen deine Komplizen- schaft mit mir bekanntgeworden ist? Entweder du kletterst zu mir, oder du bleibst hier und stirbst – so einfach ist das. Pastur muß sich um wichtigere An- gelegenheiten kümmern, als daß er die Zeit erübrigen kann, über das Wohl und Wehe eines einzelnen un- wichtigen Menschen zu wachen.« Der Küster hatte den Behauptungen der Priesterin mit leidenschaftlichen Bemerkungen widersprechen wollen. Aber bei den letzten Worten der Dame Lybis schnappte er nur nach Luft und kletterte an einem der dünnen Stelzenbeine der Herdenhüterin in die Höhe. Die Göttin trug sie empor, und Lybis rief: »Und nun ... lebt wohl! Euer neuer Herr wird sich nun an die Arbeit machen, und er braucht dazu seine Werkzeuge. Ihr dort, die ihr euch in der Nähe des To- res aufhaltet – ihr tätet gut daran, euch von jener Stelle zu entfernen, wenn er sich seinen Hammer holt!« Pastur wischte mit der Hand über die Oberfläche des Ambosses hinweg. Mit dieser einen Bewegung fegte er alles fort, was sich darauf befand. Der Ari- starkion vereinte sich mit dem Tempel zu einem, Trümmerkonglomerat, das vom Plateau des Tafel- berges herabstürzte. Dann machte sich Pastur in Richtung Hafen auf den Weg, und er setzte dabei sei- ne Füße mit großer Vorsicht auf die breitesten Zwi- schenräume, die die Gebäude der Stadt voneinander trennten. Er konnte es jedoch nicht vermeiden, daß dennoch eine Anzahl von Häusern niedergestampft wurde. Er streckte die Hand in Richtung Meer aus und griff nach seinem Stab. Seine Hand tauchte ge- nau in jene Fluten hinein, aus der man sie zuvor unter großen Mühen herausgeholt hatte. Es ertönte ein weithin hallendes Knirschen, gefolgt von einem sau- genden Geräusch, als sich der Stab aus dem Grunde des Hafenbeckens löste und im Sternenlicht er- schimmerte. Die ursprünglich daran angeflanschten Gebäude und Anlagen der Docks und Molen wurden zerfetzt und zerschmettert. Das obere Ende des Sta- bes wies einen gekrümmten Auswuchs auf, der an den eines Spazierstocks erinnerte. Ein Dutzend der neu ausgeschlüpften Herdenhüterinnen stieg empor, flog in Richtung Meer und ließ sich schließlich auf dem gewölbten Ende des Stabes nieder. Der Titan richtete die Leuchtfeuer seiner Augen auf den nördli- chen Bereich des Stadtwalles und deutete in die ent- sprechende Richtung. Die Hüterinnen flogen sofort los und begannen damit, ihn von den erstaunten Be- wohnern von Amboßweide zu säubern, während sich Pastur daranmachte, den Hammer zu ergreifen, der so lange herrenlos gewesen war. »Also hat niemand jemals etwas von der alten Va- riante des Namens der Stadt erfahren? Und keiner der Bürger las jemals etwas über Pastur selbst? Wie sonderbar ...«, »Hm, ich will dir eins sagen, Shag: Es ist mir schon immer äußerst seltsam vorgekommen, wie gleichgül- tig sich die Leute im allgemeinen zeigen – es sei denn, es betrifft ihre eigene kleine Insel in Zeit und Raum.« »Ja. Wenn der Kult selbst für die systematische Verschleierung seines Ursprungs und seiner Traditi- on verantwortlich war, so hat er doch andererseits nichts verborgen oder geheimzuhalten versucht, nachdem man sich mit dem nötigen Nachdruck er- kundigte. Nun, in der Tat hat die Gemeinschaft der Gelehrten sich nicht gerade sonderlich angestrengt, die Tempelgeschichte möglichst genau aufzuzeichnen ... Wie dem auch sei, jedenfalls hast du alles gut über- standen. Natürlich wirst du verstehen, daß ich auf keinen Fall ein Geschenk von solchem Wert anneh- men kann.« Der Gelehrte deutete mit ernster Miene auf einen kleinen Stapel Goldbarren, der in einer Ecke des Arbeitszimmers auf dem Boden lag. »So wie du das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster wirfst, dürftest du das Gold bald selbst brauchen.« »Tja, wenn du dich in dieser Beziehung halsstarrig geben willst, dann mußt du eben selbst sehen, wie du das Zeug los wirst. Die Barren sind wirklich schwer. Wenn du sie aus dem Zimmer trägst, empfehle ich dir, immer nur einen zu nehmen und längere Ruhe- pausen einzulegen. Und überhaupt: Was ist mit dei- ner neuen wissenschaftlichen Abhandlung – ist das Vermögen der Akademie gewachsen, so daß du Druck und Veröffentlichung dieses hervorragenden Werkes, in dem mein bescheidener Name so oft in ausführlichen Fußnoten Erwähnung findet, nicht mehr zu subventionieren brauchst?« Margold starrte eigensinnig auf seine breiten und, reichlich mitgenommen aussehenden Hände. Nach einer Weile sah er auf und blickte Nifft an, in dessen Augen sowohl heitere Ironie als auch Entschlossen- heit leuchteten. Daraufhin seufzte der Historiker. »Na gut. Wo hält sich Dame Lybis jetzt auf?« »Irgendwo in der Aristozkette.« Der Gelehrte nickte beeindruckt. »Ich verstehe. Sie scheint mir eine Frau zu sein, die ihr thaumaturgi- sches Studium mit aller Entschlossenheit betreibt.« Nifft stimmte dieser Bemerkung zu, zeigte sich da- bei aber auch ein wenig nervös. Er stand auf, trat ans Fenster und erwiderte dann: »Das ist genau meine Meinung. Und ich muß zugeben, daß ich mir deswe- gen auch schon einige Sorgen gemacht habe. Ich schätze Dame Lybis wirklich sehr – ich zolle ihrer Persönlichkeit hohen Respekt, und ich bewundere auch ihren Mut und ihr großes Geschick. Anderer- seits aber mangelt es ihr auch nicht an einem gewis- sen Zynismus. Ganz bestimmt wird sie Macht errin- gen. Sie hat den Willen zu einem entsprechenden Er- folg, und sie wird sich selbst gnadenlos antreiben. Ob sie ihren gutmütigen und hilfsbereiten Charakter be- wahren kann, wenn sie die machtvollen Geheimnisse der Thaumaturgie erkannt hat – nun, das ist eine Fra- ge, die ich nicht so ohne weiteres mit aller Entschie- denheit beantworten kann.« Margold brach in ein schallendes Gelächter aus. Sein dichtes graues Haar bildete flammenartige Bü- schel, und einen Augenblick lang schien sein wetter- gegerbtes Gesicht in der Erheiterung über Niffts Be- merkung von innen heraus zu erstrahlen. »›Ob sie ih- ren gutmütigen Charakter bewahren kann‹, sagtest du? Bei der Spalte und bei allem, das daraus hervor-, kriecht – bei Amboß, Stab und Hammer! Das gefällt mir wirklich! Ich meine es ernst. Bewahren. Wenn ich das meinen Kollegen erzähle, muß ich mich an den genauen Wortlaut erinnern und es im gleichen Ernst wie du formulieren!« Der Kartograph kicherte in sich hinein. Nifft ließ eine Augenbraue in die Höhe stei- gen und betrachtete seine Fingernägel. Schließlich lachte er selbst leise vor sich hin. »Ich streite ja gar nicht ab, daß es eine ziemlich üble Sache war. Die Bürger der Stadt erlitten zwar nicht den Tod, den sie mit ihrem Kriegsgerät zuvor so fröhlich und ungezwungen feilboten, aber einige von ihnen dürften schließlich in Erfahrung gebracht ha- ben, wie es ist, sich zu wünschen, lieber tot zu sein.« Die beiden Männer lachten ausgiebig über diese mehrdeutige Anspielung. »Weißt du«, meldete sich Margold schließlich wie- der zu Wort, »was deine Beschreibung der Knochen angeht, ich meine, wie leicht sie waren ... Nun, es ist eine sonderbare Vorstellung, aber vielleicht wurden sie nie von Fleisch umhüllt. Vielleicht war er selbst ... das Produkt einer Schmiede, einer fernen Gießerei, die sogar noch größer war als seine eigene ...« »Du meinst, er könnte eine riesige Art ... Mario- nette gewesen sein?« Der Historiker nickte. »Denk daran, was die Über- lieferungen – wenn wir ihnen vertrauen können – über seine Vernichtung aussagen. Es heißt, der Erd- rutsch, den die Angreifer verursachten, habe ihn nicht ... getötet. Angeblich war er nachher noch in der Lage, Hand und Stab aus dem Trümmerhaufen her- auszustrecken. Und bestimmt hätte er jene ziemlich wirkungsvolle Waffe bald zu seiner Befreiung einge-, setzt, wenn die Abtrennung der Hand nicht seine körperliche Einheit zerstört und seine Existenz damit einem Interludium unterworfen hätte. Man gab sich alle Mühe, die Hand möglichst weit vom Körper fort- zubringen, und schließlich wurde sie einfach ins Meer geworfen. Ein Mensch, der eine Hand verliert, stirbt deswegen noch lange nicht. Aber eine Uhr hört sofort auf zu funktionieren, wenn man auch nur eine kleine Feder entfernt, und sie fängt erst dann wieder an zu schlagen, wenn man das fehlende Teil wieder in den Mechanismus einsetzt.« Nifft sah in Gedanken versunken aus dem Fenster. »Danach könnte er also für noch größere und mächti- gere Herren auf einer anderen Welt gearbeitet haben? Nun, warum nicht? Er war also ebenfalls nichts wei- ter als ein Sklave? Trotzdem – er war auch ein schreckliches und überaus eindrucksvolles Geschöpf, Shag. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er sich zum letzten Mal meinem Blick darbot. Das Erinne- rungsbild vor meinem inneren Auge ähnelt einer der Holzarbeiten aus Parples Pan Demonion, die du mir einmal zeigtest – wie hieß noch der entsprechende Künstler?« »Du meinst Rotto Starvs Holzschnitte?« »Starv. Ja, genau. Wie dem auch sei: Einen Tag be- vor wir Segel setzten, stiegen Kandros und ich zu- sammen mit dem Küster und Krekkit auf dem Rük- ken einer Herdenhüterin auf. Es war kurz nach Son- nenuntergang, und wir wollten noch einen letzten Blick auf die Stadt werfen, gewissermaßen als Lebe- wohl. Sowohl Kandros und ich verspürten diesen Wunsch, als auch der Küster und der alte Mann, die wir inzwischen beide gut kennengelernt hatten und, sehr mochten. Nun, wir flogen also über die südli- chen Gipfel hinweg in Richtung Stadt, und dort krei- sten wir und beobachteten Amboßweide im verblas- senden Licht des Tages. Es war ein Anblick, der einen mit Ehrfurcht erfüllte, Shag – diese Heerscharen, ihre gemeinsam empfundene Verzweiflung. Ich meine die Bewohner von Amboßweide. Sie drängten sich in den Straßen und bewegten sich in der beständigen Wechselhaftigkeit, die einen breiten Strom ausmacht. Sie betrieben jene Schmieden und Gießereien, die von Amboßweide schon immer be- trieben wurden – aber jetzt arbeiteten alle für sie. Die Herde der Steinfresser hatte sich inzwischen auf den Weg gemacht und nagte an einem fernen Berg in der Nähe von Ossuaridon. Die eine Hälfte der Hüterin- nen hielt sich bei den Tieren auf, und die andere pa- trouillierte über den Straßen und am Rande der Stadt, wo die Trümmer der Mauer beiseite geräumt wur- den. Ihre Wachsamkeit war kaum erforderlich. Die alleinige Präsenz Pasturs reichte völlig aus, um jeden Mann und jede Frau zur Arbeit anzutreiben. Der Ti- tan ruhte sich unterdessen von seinen Anstrengungen aus. Sein Amboß vibrierte noch immer von den gera- de zurückliegenden, wuchtigen Schlägen des Ham- mers, und glühende Metallfragmente waren darauf verstreut. Er lehnte an den aufragenden Bergen und hatte die Arme auf den angezogenen Knien ver- schränkt. Der Hammer hing wie beiläufig in seiner rechten Hand. Er betrachtete die Stadt, und er beob- achtete sie so, wie ein Ausflügler vielleicht eine inter- essante Aussicht genießt. Aus den Kaminen und Schloten trieben dicke Rauchschwaden, und in den Feuergruben loderte und glühte es so hell, wie ich es, – und auch niemand sonst – noch nie gesehen hatte. Das grelle Flackern in seinen Augen tanzte über die Dächer der Häuser und die Straßen hinweg, in denen sich die Arbeiter drängten, und dann und wann hob er den Blick und sah zu den Sternen empor.« Nachdem eine Zeitlang Schweigen geherrscht hat- te, murmelte Margold: »Ließ er die Herde der Stein- fresser dort nagen, wo er einst zusammen mit ihren Vorfahren verschüttet wurde? Vielleicht plante er damals schon seine Rückkehr nach Hause.« »Ja. Man fragt sich, was er dort vorfinden wird, nachdem er so lange fortgewesen ist. Und er schien ebenfalls darüber nachzudenken.«]
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