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Rocksängerin Catz hat einen schrägen Ruf, aber sie steht für ihre Freunde ein. Dazu gehört Clubbesitzer Stu Cole, der in San Francisco als einer der Letzten der Mafia trotzt und seinen Club unabhängig zu halten versucht. Eines Nachts taucht bei Catz' Konzert ein unheimlicher Mann auf. Während er durch die Menge geht, ändert sich seine Kleidung, seine Hautfarbe, seine Statur, nur eines nicht: die undurchsichtige Spiegelbrille, die ihm direkt aus den Schläfen wächst … Er ist die fleischgewordene Persönlichkeit der Stadt. Und er hat die allgegenwärtige Korruption satt. Für Stu und Catz beginnt ei...
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Rocksängerin Catz hat einen schrägen Ruf, aber sie steht für ihre Freunde ein. Dazu gehört Clubbesitzer Stu Cole, der in San Francisco als einer der Letzten der Mafia trotzt und seinen Club unabhängig zu halten versucht. Eines Nachts taucht bei Catz' Konzert ein unheimlicher Mann auf. Während er durch die Menge geht, ändert sich seine Kleidung, seine Hautfarbe, seine Statur, nur eines nicht: die undurchsichtige Spiegelbrille, die ihm direkt aus den Schläfen wächst … Er ist die fleischgewordene Persönlichkeit der Stadt. Und er hat die allgegenwärtige Korruption satt. Für Stu und Catz beginnt eine höllische Achterbahnfahrt durch die Halbweltmilieus der siechen Metropole: Stadt räumt auf! Der große Vorreiter der Cyberpunk-Literatur in Neufassung, von John Shirley überarbeitet, dann vollständig neu übersetzt, mit einem Vorwort von William Gibson: ein radikaler Roman, hart, rhythmisch, provokant. »Die protoplasmische Mutter aller Cyberpunkromane« William Gibson, John Shirley

Stadt geht los

Mit einem Vorwort von William Gibson Deutsch von Hannes Riffel SF – Social Fantasies 2054 ariadne, SF – Social Fantasies Herausgegeben von Else Laudan und Hannes Riffel www.socialfantasies.de Titel der amerikanischen Originalausgabe: City Come A-Walkin' Copyright © 1996 by John Shirley Vorwort © 1996 by William Gibson Von John Shirley bei ariadne erschienen Es werde Licht Social Fantasies 2046; ISBN 3-88619-946-0 John Shirley, Stadt geht los Social Fantasies 2054; ISBN 3-88619-954-1 Deutsche Erstausgabe der vom Autor überarbeiteten Neufassung Alle Rechte vorbehalten © Argument Verlag 2000 Eppendorfer Weg 95a, 20259 Hamburg Telefon 040 / 4018000 – Fax 040 / 40180020 www.argument.de Lektorat: Else Laudan Texterfassung durch den Übersetzer Umschlaggestaltung & Satz: Martin Grundmann Belichtung: Satzwerk, Göttingen Druck: Alfa Druck, Göttingen Gedruckt auf säure- und chlorfreiem Papier ISBN 3-88619-954-1, Für jede Frau, die sich je mit mir abplagen musste,

Vorwort

von William Gibson

John Shirley war der prototypische Patient des Cyberpunk,

die erste Manifestation des Virus, erwiesenermaßen hochgradig ansteckend. Ein Überträger. Stadt geht los ist Beweis dafür und mehr. (Als ich es kürzlich nochmals las, stieß mir schon ein wenig auf, wie sehr all meine frühen Texte diesen Roman nach- ahmen.) Aufgepasst, Bildung winkt: Die Stadt-Avatare in Stadt sind wahrscheinlich die Vorläufer sowohl des vernunftbegabten Cyberspace als auch der KIs1 in Neuromancer, und ja, es sieht eindeutig so aus, als wäre Mollys chirurgisch eingepflanzte Spiegelbrille der nachempfunden, die City an den Schläfen direkt in Haut und Schädelknochen wächst. (Shirley selbst wurde bald stolzer Besitzer eines Kassengestells von Bausch & Lomb: eine Ur-Spiegelbrille.) Die Atmosphäre des Buches, nahe Zukunft im Post-Punk-Milieu, ist auf die Spitze getriebener Cyberpunk, satte zwei Jahre vor Bladerunner2. So ist dies also – und zwar in jedem Sinn – ein zukunftswei- sendes Werk; fast alle Elemente der noch ungeborenen Bewe- gung treiben hier in den schimmernden Wirbeln von Shirleys literarischer Verve., Dieser Junge aus Oregon mit seiner Spiegelbrille. Der Junge aus Oregon in der Rückschau mit einer strähni- gen, schmutzigblonden Locke in der Stirn, um seinen Hals ein Gürtel aus Zeiten einer längst ausgestorbenen Lackglanz-Mode: orangefarbene Schweinshaut, zünftig verrottet, um die rohen Glieder einer sich hindurchziehenden Metallfeder zu zeigen: ›Johnny Paranoid‹3 zuckte wie ein galvanisierter Frosch auf der Sperrholzbühne einer Kellerkneipe in Portland herum. Wirk- lich außergewöhnlich. Und, sagte er, er hatte bei Clarion4 mit- gemacht. Ob ich beeindruckt war? Und wie! Ich lernte Shirley kennen, als ich mich erstmals am Schreiben versuchte. Oder besser gesagt, ich hatte angefangen und das ganze Projekt dann hingeschmissen, aber dieser Mensch aus Portland beschämte mich derart, dass ich wieder anfing – dieser Frontmann einer Punkband, der tagsüber Sciencefiction schrieb. Zu diesem Zeitpunkt auf Shirley zu treffen war absolut entscheidend, wurde zum Dreh- und Angelpunkt meiner Karriere. Er glich einem Totem: Er war einfach da, zimmerte diese Geschichten zusammen und montierte sie mitten in der Wüste der Norm, wo ihre hastig gestalteten, doch oft atembe- raubend wild wachsenden Gliedmaßen den Weg in Andere Welten wiesen. Allein die Tatsache, dass ein Autor wie Shirley überhaupt verlegt wurde, wie unangemessen auch immer, war ein unüber- treffliches Gegengift für das flaue Gefühl, das mich überkam, wann immer ich im Laden an der Ecke George Scithers' Asi- mov's SF5 durchblätterte. Die Erstausgabe von Stadt geht los war im Juli 1980 als Taschenbuch bei Dell erschienen und unterlief, damit den Radar der Genreleser. Angesiedelt in einer ›nahen Zukunft‹, die sich beunruhigend wie die Gegenwart anfühlte (eine Wirkung, die ich seither zu erzielen suche), gespickt mit für Shirley typischen Obsessionen (die Gegenkultur des Punk, faschistische Bürgerwehrler, panoptische Überwachungssyste- me, ekstatische Bewusstseinszustände) entspricht Stadt weniger einem Sciencefictionroman, der in einer Rock-Halbwelt spielt, als vielmehr einer Rock-Gebärde, die zufällig in Gestalt eines Taschenbuchs daherkommt. Shirley ließ das mit Plastikfolie verhüllte Sofa, das für die Sciencefiction der Siebziger steht, aufs Schönste in der Versen- kung verschwinden. Seine Schreibe zu entdecken war wie zum ersten Mal Patti Smiths Horses zu hören: die archetypische Form mit großer Leidenschaft neu eingenommen von verdor- benen und doch eigentümlich unschuldigen Machern, deren Fähigkeit an sich, dies überhaupt zu tun, unablässig in Frage gestellt wurde durch die Anforderungen dessen, was im Grunde eine schamanische Handlung war. Beiden ist eine unbändige zerlumpte Verwegenheit gemeinsam, ein Gefühl, als suche der Künstler Verbindung zum Jenseits. Sie beschwören ihre jeweili- gen Götter herauf (die sich gelegentlich überschneiden, tatsäch- lich gehörte sie zu den seinen) und stürzen sich aus unterprivi- legierten Teenager-Schlafzimmern, in der hoch erhobenen Hand zersplitterte Metaphern, so eigentümlich geformt wie Gefängnisbesteck. Mr. Shirley, der mich so lässig auf das Schreiben von Geschich- ten stieß wie einen Partygast in den Swimmingpool. Rings um ihn herrschte ein gewisses Chaos, ein Gefühl, als gäbe es zu viele, Möglichkeiten – einige davon immer gefährlich: wie als jene Freundin, die Alice in Tenniels6 Zeichnungen lächerlich ähnlich sah, sich umdrehte und die puertorikanischen Quartalssäufer übel und gänzlich unverdient beschimpfte, lange nach Mitter- nacht in Alphabet City7, während der Besuch aus Vancouver schreckgelähmt dabeistand und seinen Ohren nicht traute. »Ignorier sie, Mann«, empfahl J. S. den Puertorikanern, »sie ist eben aufgedreht.« Und ja, das war sie. Dazu neigten sie, die Shirleyschen Mä- dels. Ich schaue mir Shirley heute an, den erwachsenen Mann, der sich selbst zum Trotz noch lebt und weiß, dass das keine leichte Sache war. Eine Katze mit noch ein paar zusätzlichen Leben. Was mich heute verwundert, ist, wie schnell ich etwas wie Stadt geht los als gegeben hinnahm. Es gab nichts, was diesem Roman auch nur im Entferntesten gleichkam, aber ich ging wohl einfach davon aus, dass es eben Johns Buch war, und John kam schließlich auch niemand gleich. Stadt zischte und knister- te, mit einer gottlosen, elektrisch auberginefarben glühenden Aura, irgendwo zwischen Neon und einem einen Tag alten Bluterguss – Stadt war Beweismaterial für gewisse Möglichkei- ten, die bis dahin noch niemals benannt worden waren. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bevor das, was später Cyberpunk genannt wurde, aus Städten wie Austin und Van- couver sickerte. Shirley hatte es zu diesem Zeitpunkt irgendwie in seiner Abfolge von Beziehungen (na ja, eigentlich Ehen – unser Junge war der Typ, der sich kopfüber hineinstürzt) von New York nach Paris verschlagen, von Paris nach Los Angeles, (wo er heute lebt) und weiter nach San Francisco (hallo, City).

Er machte mir Höhenangst. Ich glaube, mit der Zeit erwarteten

wir genau das von ihm als dem magnetisch anziehenden Ver- rückten unseres Stammes, und wir blinzelten überrascht, als er allmählich sein Leben in sichere Bahnen lenkte. Heute lebt er im Valley8 und schreibt für Film und Fernsehen, doch es gibt

Gerüchte, dass er ein neues Buch9 in Arbeit hat. Darauf freue

ich mich sehr. Unterdessen können wir uns bei dem Verlag bedanken, der die protoplasmische Mutter aller Cyberpunk-

Romane neu herausbringt: Stadt geht los. Vancouver, 31. März 1996

1 »Künstliche Intelligenzen«, vernunftbegabte Computer 2 bahnbrechender SF-Film (1982, Literaturvorlage: Philip K. Dick) mit Harrison Ford, Rudger Flauer; Regie: Ridley Scott 3 kurz darauf schreibt William Gibson seine Erzählung Johnny Mnemonic (1981 erschienen) 4 Clarion Writers Workshop: angesehener Autoren-Workshop für Science- fiction in den USA 5 Asimov's SF: einflussreiches SF-Magazin im Digest-Format, unter Schirm- herrschaft des gleichnamigen Autors gegründet 6 John Tenniel, der klassische Illustrator von Alice in Wonderland 7 Stadtteil von New York, wo die Straßen mit Buchstaben bezeichnet sind 8 in der Gegend um Hollywood 9 Silicon Embrace, deutsch: Es werde Licht (Argument/Ariadne 1999),

Intro In einem Aufnahmestudio rückte eine junge Frau ihren

Kopfhörer zurecht und gab dem Mann am Mischer ein Zeichen. Der Tontechniker auf der anderen Seite der Glasscheibe nickte und drückte auf einen Knopf, der die Instrumentalbegleitung abspielte. Sie bevorzugte Kopfhörer. Das erste Stück, harter improvisierter Rock – ein Stil, der manchmal seltsamerweise als Angstrock bezeichnet wird –, war bereits vor einigen Wochen aufgenommen worden. Die junge Frau war die Sängerin der Band. Es war das erste Mal, dass jemand diese Aufnahmen zu hören bekam; sie hatten das Geld für das Tonstudio selbst auftreiben müssen. Sie hatte noch keinen Plattenvertrag. Vielleicht würde sie nie einen bekom- men. Ihr Name war Sonja Pflug, doch ihr Künstlername lautete Catz Wailen. Inzwischen wurde sie von allen nur noch Catz genannt, sogar von ihrer Familie. Während Catz den Aufzeich- nungen zwei Minuten lang zuhörte, sanken ihre Mundwinkel langsam herab und ihre Stirn legte sich in Falten. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie schien es sich auf dem harten Plastikstuhl im Aufnahmestudio nicht bequem machen zu können. Sie wurde zusehends angespannter. Sie konzentrierte, sich auf die Aufnahmen und schüttelte den Kopf. Sie klopfte gegen die Scheibe, die den Aufnahmeraum vom Mischraum trennte, und der Techniker schaltete das Band ab. Sie legte einen Kippschalter um und sprach über die Gegensprechanlage. »Da ist eine Stimme im Hintergrund. Die stammt nicht von uns. Klingt nicht nach jemand aus der Band. Ich kann auch nichts verstehen. Was zum Teufel ist das? Diese Stimme … Was soll das Schulterzucken, Mann? Was? Komm schon. Ähm – das muss irgendein Sprechfunkkanal sein oder so `n Scheiß, der durch die Isolierung dringt. Wenn wir das, ähm, aus unseren Aufnahmen rausmischen wollen, weißt du, sollten wir besser rauskriegen, was das ist. Was für eine Frequenz. Warum schüt- telst du den Kopf – hör zu, die verdammte Luft wird von Über- tragungen nur so durchdrungen, Radio und Fernsehen und Mikrowelle, alles zischt unablässig durch uns hindurch, un- merklich … So eine Art Äther, so haben es die Wissenschaftler früher genannt, ein Medium für den angesagten geistlosen Kommerz. Stimmt's? Ich nehme an, wir haben uns irgend so eine bescheuerte Nachrichtensendung eingefangen oder eine Bierreklame. Verdammt, ich kann es hören. Es ist da, jawohl. Also filter das mal – misch es neu ab, damit ich es deutlicher hören kann und rauskriege, was es ist, ein Radiosender oder so, vielleicht sagen sie ihre Telefonnummer durch … Das versaut uns wirklich die ganzen Aufnahmen – oh, schon klar? Du hast es rausgefiltert? Gut … ich …« Sie setzte den Kopfhörer wieder auf und gab dem Tontechni- ker das Startzeichen. Und die Stimme auf dem Band, die sich jetzt klar und deut- lich von der Musik abhob, sagte: »Hallo, Catz.« Dann lachte sie., Ein ziemlich verrücktes Lachen. »Ich hoffe, du kannst mich gut verstehen. Die anderen hier haben mit äußerst gemischtem Erfolg versucht, ihre Stimmen bis in deine Welt dringen zu lassen. Tote haben keinen Kehlkopf. Zumindest nicht aus eurer Perspektive, denn aus eurer –« Die Stimme unterbrach sich und lachte. Es klang eindeutig hysterisch. Sie kannte diese Stimme. »– Tut mir Leid. Immer wenn ich an Perspektive denke, muss ich lachen, wegen allem, was passiert ist. Wie ich die Dinge jetzt sehe. Und wie ich sie früher sah. Vor dem Großen Kehraus. Bevor ich das große Bewusstsein gesehen habe. Das große Bewusstsein ist das Bewusstsein aller. Aber ich sollte dir besser eins nach dem anderen erzählen. Ich bin herumgelaufen – gelaufen? – und ob, denn ich habe einen Körper, im Dort, wo ich mich jetzt befinde. Aus deiner Perspektive betrachtet natür- lich nicht. Halt, eins nach dem anderen. Ich muss mich erst in die richtige Bewusstseinsstufe versetzen, um dir diese Geschich- te zu erzählen, denn … ich muss sie dir ja aus der, hihi, Per- spektive deiner Welt erzählen. Ich laufe seit Tagen herum und denke darüber nach, verknüpfe alles in Gedanken miteinander, kehre zurück, um mich zu beobachten – zurück in die Vergan- genheit, will ich damit sagen, wozu sich um klare Worte drük- ken – um mich zu beobachten, wie ich alles durchlebe. Um endlich zu begreifen. Ich habe genügend Zeit, alles zu verstehen, denn ich werde deiner Welt noch weitere vierzig relative Jahre erhalten bleiben. Ich befinde mich fast in deiner Welt, nur eben nicht ganz. Nur eine Phasenverschiebung entfernt. Ich harre hier aus wegen City, und wegen der anderen. Ich bin ihnen behilflich. Sie sind alle miteinander verbunden, unmittelbar, oder mittelbar. Der herrschende Geist jeder Stadt mündet in einen gemeinsamen Strang … New York, San Francisco, Los Angeles – auch wenn die Verbindung zu L. A. eher diffus ist, bruchstückhaft und gefährlich. All diese Städte sind auf einer psychischen Ebene miteinander verknüpft. Ein gewaltiger Bewusstseinsspeicher, so hässlich und zugleich schön. Du bist wirklich schön, Catz. Das habe ich dir glaube ich noch nie gesagt. Du bist schön. Ich wollte dir das immer schon sagen. Ich hatte befürchtet, du würdest mich auslachen und behaupten, ich wäre übermäßig sentimental oder blind. Du hättest mich verspottet. Doch jetzt ist alles anders. Ich kann dir sagen, dass ich dich liebe. Und ich kann dir erklären, warum ich das alles getan habe. Warum ich dich nach Chicago habe gehen lassen – ich wusste, du würdest Verbindung mit dem Bewusstsein aufnehmen, das Chicago ist. Irgendwie wusste ich schon die ganze Zeit, was alles passieren würde. Catz, ich erfülle jetzt eine Funktion. Jesus Maria, Catz, du bist so schön. Ich kann in dein Inner- stes hineinsehen, in dein Energiefeld, bis in den Brennpunkt deines Feldes, wo sich dein – wie haben sie es genannt? – der Sitz deines Bewusstseins befindet. Ich sehe es in dir leuchten wie ein Lichtbogen in einer Vakuumröhre. Hoffentlich erkennst du meine Stimme. Ich wende eine Art Psychokinese an, um die entsprechenden Schallwellen zu erzeu- gen. Hoffentlich erkennst du meine Stimme überhaupt. Das alles ließe sich vielleicht als interdimensionales Bauchreden beschreiben. Hörst du mich? Ich bin's, Stu! Wer auch sonst, was?« Catz nahm den Kopfhörer ab. Sie gab dem Tontechniker ein, Zeichen. Er hielt das Bandgerät an. Sie blieb sitzen und starrte mit bleichem Gesicht das Mischpult an. Dann stand sie auf, ging zu ihrer Tasche und holte ein Medikamentenfläschchen heraus. Sie nahm ein Beruhigungsmittel und atmete tief durch. Er ist es wirklich, dachte sie. Sie kehrte an ihren Platz zurück, nahm den Kopfhörer in die Hand und setzte ihn wieder auf. Sie zögerte, blieb eine Weile reglos sitzen und nahm schließlich ihren ganzen Mut zusam- men. Sie gab dem Techniker ein Zeichen und hörte weiter zu. »Catz, ich möchte, dass du mich verstehst. Warum ich dich nicht begleiten konnte. Weshalb ich zugelassen habe, dass City das alles getan hat. Seltsamerweise hat die Zeit keine Bedeutung mehr für mich. Wenn du das Labyrinth erst einmal durchschaut hast, kannst du dich in jede Richtung fortbewegen. Wir können aus uns heraus treten und zuschauen, wie wir geboren werden. Ich habe – unsichtbar – neben dem Krankenhausbett meiner Mutter gestanden und meiner Geburt zugesehen! Ich habe mich auf- wachsen sehen. Ich bin zurückgereist und habe mir alles noch einmal angeschaut. Um Zeugnis abzulegen, als objektiver Beobachter. Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen, ob- wohl du das Meiste selbst miterlebt hast. Ich hoffe, es passt alles auf dein Band. Ich will mit jener Nacht im Club anfangen, am zweiten Abend deiner San Francisco-Tour. Da warst du gerade aus Chicago zurück. Dieser Abend, an dem ich dich gebeten habe, den Kerl auszuchecken, den ich als Rausschmeißer ein- stellen wollte. Ich betrete jetzt die entsprechende Bewusstseins- ebene. Ich kann es fühlen. In der dritten Person. Ich bin die dritte Person, ganz klar.«, Er lachte. Catz verzog das Gesicht. Nur ein kleines bisschen verrückt. »Das war so um den 10. Mai des Jahres 2008. Im guten alten San Francisco … dem San Francisco von damals, vor den Veränderungen, dem großen Kehraus, und – na, egal. Ist schon komisch – nach meinem Zeitgefühl stand ich erst vor Kurzem mitten im Zentrum einer Explosion, ein Teil des Kehraus. Um mich herum flog ein Haus in die Luft. Ich bin nicht verletzt worden. Es hat mir Spaß gemacht. Ich schlenderte davon und fühlte mich, als hätte ich bei hohem Wellengang im Meer gebadet. So, jetzt eins nach dem anderen. Ich gehe zurück. In die Ellis Street. Der Club Anesthesia. Mein Club, und es ist mir egal, was für Gerüchte im Umlauf waren. Die Bewertung im Chronicle lautete: ›… ein Stern, wenn Sie auf eine angenehme und menschliche Atmosphäre Wert legen; vier Sterne, wenn Sie auf pausenlosen Lärm, Schlägereien, Exzentriker, Huren und bewaffnete Überfälle aus sind.‹ Scheiß auf den Chronicle. Das war mein Club und ich mochte ihn …« Catz hörte zu und hatte das Gefühl, innerlich zu zerlaufen. Auf ihrer Stirn perlte Schweiß. Im Hintergrund, unter der körperlosen Stimme, heulte und dröhnte und tobte der Angst- rock ihrer Band, nackter, abgespeckter Metal, schnelle und wütende Musik wie das Echo einer U-Bahn, die in einen Bahn- hof donnert. Die Stimme auf dem Band erzählte eine Geschichte.,

EINSSS! Samstagabend, zehn Uhr, und der Club war randvoll.

Nicht einfach nur voll, er platzte fast. Die Leute quollen aus den Fenstern. Stuart Cole war das nur recht. Der Club war auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen, die die überfüllten Sams- tagabende brachten. Allerdings bedeutete das auch, dass er in dieser einen Nacht drei, zählt ruhig nach, drei Rausschmeißer anheuern und, was schlimmer war, bezahlen musste. Und Cole hatte nur einen Rausschmeißer auftreiben können, der völlig überlastet war. Der arme Kerl hatte schon wunde Fingerknö- chel. Cole war auf der Suche nach zwei weiteren und hatte sich schon bei zwei Schwarzgurten, einem ehemaligen Green Beret und einer riesigen Lederlesbe einen Korb geholt. Sie schienen alle keinen Wert auf zerschlagene Gesichter zu legen. Das Anesthesia hatte so seinen Ruf. Cole mixte sich einen Rusty Nail und machte sich Gedanken über Rausschmeißer, als ihm der Mann mit der Sonnenbrille auffiel. Der Mann fiel ihm auf, wie der Blick von einer Boje in den Wellen angezogen wird, weil sich die Boje nicht von der Stelle bewegt: ein verankerter Gegenstand im fließenden Trei- ben. Menschenmassen verhalten sich wie Wasser, sie sind voller Strömungen und Strudel. Menschen sind weich, sie bestehen, fast ausschließlich aus Wasser und ihre Bewegungen sind eher fließend als ruckartig. Dieser Mann dagegen bewegte sich wie ein Eisbrecher – hart und unerbittlich, doch mit einer ganz eigenen beharrlichen Anmut. Er war nicht wuchtig oder steif, aber er strahlte eine gewisse Unbeugsamkeit aus. Beständigkeit. Der ideale Rausschmeißer. Cole musterte den Mann eingehend und kam zu dem Schluss, dass er nicht gut bei Kasse war: der lange schwarze Trenchcoat des Fremden war an zwei Stellen eingerissen, der Gürtel fehlte und der braune breitrandige Hut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, war zerbeult. Die Spiegelbrille sah neu aus und ihre Gläser versprühten die wirbelnden Lichtrefle- xe der altmodischen Facettenkugel über der Tanzfläche. Viel- leicht ein Polizist in Zivil, dachte Cole. Oder schlimmer, ein Vigilant, ein Auftragskiller einer rechtsradikalen Bürgerwehr. Die Vigs drohten immer wieder damit, die Prostituierten mit weiteren Blitzüberfällen auszuräuchern, und hier im Club gab es jede Menge Huren. Er hatte ein kantiges Gesicht, blass und makellos, dabei grob wie ein Eckstein aus Marmor, der sich zur Gestalt eines Mannes abgenutzt hatte. Sein gespaltenes Kinn ragte weiter vor als seine Knollennase. Seine Haar war kurz, lockig, mit blauschwarz metallischem Schimmer. Er war knapp einsachtzig und mittel- gewichtig. Aber er hielt sich kerzengerade, ragte auf wie ein Wolkenkratzer, und das wirkte auf selbstgefällige Art bedroh- lich. Cole beobachtete ihn und dachte: Pass auf, wen du einstellst … In San Francisco ließ man sich nicht mit jedem beliebigen Irren ein – es musste schon die richtige Sorte Irrer sein., Daher behielt Cole den Mann im Auge, ohne es sich anmer- ken zu lassen. Er überließ Bill Wallach das Getränkemixen und gab vor, die Anlage auf der Bühne überprüfen zu wollen. Von der Bühne aus hatte er bessere Sicht. Also stellte er Mikro-Ständer fest und verzurrte Kabel, an denen es nichts zu verzurren gab, und beobachtete. Der Mann mit der Spiegelbrille war im Schatten neben dem Zigarettenau- tomaten stehen geblieben, am Rand der Menge, ein regloser Zuschauer. Cole hätte zu gern seine Augen gesehen. Doch sein Blick blieb ständig an den Lippen des Mannes hängen. Seine Lippen waren farblos, zusammengepresst, eingezogen und – sie bewegten sich nicht. Nicht das kleinste Zucken. Catz kam auf die Bühne und wollte wissen, ob mit der Anlage alles in Ord- nung war und warum Cole an einem Gitarrengurt herumspielte …? »Ich, äh, stell ihn nur ein, Catz. Hey – könntest du mal den Kerl da neben dem Zigarettenautomaten unter die Lupe neh- men? Mit der Spiegelbrille. Der ist entweder gefährlich oder der ideale Rausschmeißer. So oder so wüsste ich es gern. Ich möchte ihm keinen Job anbieten, bevor ich nicht weiß, ob er Ärger macht, ich kann keinen Spion der Vigs gebrauchen …« Catz zuckte die Achseln und nickte. Ihr kurzes silbrig ge- flecktes Haar wippte wie ein Plastikvorhang um ihr wölfisches Gesicht. Ihre goldenen Augen wurden schmal – wie immer, wenn sie eine Frage stellen wollte. Cole schüttelte den Kopf und kehrte an die Bar zurück, um auf »Catz' Bericht« zu warten. Die Mitglieder von Catz' Band folgten ihr auf die Bühne, und als sie ihre Instrumente gestimmt und eingestöpselt hatten, legte Cole den Schalter um, der die Dosenmusik abschaltete,, und brüllte ins Barmikrophon: »Verehrte Samen und Huren – CATZ WAILEN!« Die Hälfte der Leute auf der Tanzfläche stöhnte und die andere Hälfte jubelte. Alles raunte erwartungs- voll. Selbst diejenigen, die Catz nicht mochten, hatten Ge- schichten über sie gehört. Während sie ihre Gitarre stimmte, beugte sich Catz vor und flüsterte einer Kellnerin etwas zu, die nickte und sich durch die grabschende Menge zu Cole durchschlängelte. »Catz lässt dir ausrichten, ihr ›Bericht steckt im Songtext‹. Was zum Teufel redet sie da?« »Erklär ich später«, antwortete Cole, obwohl er das keines- wegs vorhatte. Sie belud ihr Tablett mit Gläsern und ging die Schweine tränken. Cole wartete. Der Bericht steckt im Songtext? Ein Schauer überlief ihn. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die bei Catz' Songs die Texte verstanden. Weil er sie seit Jahren kannte? Vielleicht. Aber es gab auch eine gewisse Nähe zwi- schen ihnen. Kaum jemand wusste, dass Catz ihre Texte impro- visierte. Sie spontan erdichtete. Sie änderten sich von Abend zu Abend. Manchmal reimten sie sich sogar. Die Band war eingestimmt, gestimmt, eingestöpselt und war- tete – eine fünfköpfige Angstrock-Band mit Catz im Brenn- punkt. Sie blinzelte, als die Bühnenbeleuchtung aufflammte, dann klopfte sie gegen das Mikrophon, um zu sehen, ob es funktionierte und bellte ins Publikum: »MAUL HALTEN!« Cole hatte noch keine andere Figur auf der Bühne gesehen, die damit durchkam. Das Publikum war heute besonders lärmig, Gläser splitterten und Plastikflaschen flogen herum, alles lachte und kreischte. Im Lauf des Abends nahm das hemmungslos zu: Um Mitternacht, würde sich die Menge völlig gehen lassen, die Wände würden unter ihrem Ansturm erbeben. Nur – Catz, eine dürre, schlaksi- ge kleine Frau, hatte gerade Maul halten gesagt. Und sie hielten das Maul. Es war ein Wunder: Es war still. Hier hustete, dort kicherte jemand, Feuerzeuge klickten. Der verqualmte Raum leuchtete hier und dort auf, als einige Zuschauer in Erwartung des Auf- tritts einen Joint anzündeten. Die Menschen auf der Tanzfläche standen still, ließen ihre Muskeln spielen und warteten auf den Rhythmus der Musik. Die Stille schien unnatürlich und alle warteten darauf, dass sie endete. Die Erwartung wurde mehr als erfüllt, als die Band mit der Eröffnungsnummer loslegte. Es gab eine Explosion aus Rauschen und Feedbacks und die Leadgitarre fegte durch ein wildes Solo wie das Quietschen einer ungeölten Winde, die unter einer Tonne losen Altmetalls stöhnt. Das Donnern des Basses zwang das Mahlen des Heavy Metal zu einer zusammenhängenden vorwärts preschenden Einheit, wie Schrauben einen rasenden Panzer zusammenhalten. Catz schob ihre Rhythmusgitarre beiseite und fing zu singen an. Cole entschlüsselte stirnrunzelnd ihr Kreischen. All ihr miesen Wichser und all ihr miesen Schlampen seid abgesagt, ihr seid abgesagt ihr winselnden Weiber und dumpfgeilen Deppen du Stricher, dein einziger Freund ist das Neppen ihr seid abgesagt, seid abgesagt weil die Straße euch zum Teufel jagt ihr seid jetzt abgesagt, Denn die Straße hat das satt, die Straße hat euch über Schluss mit Pisse auf Asphalt und Autoreifen drüber Weiß wird die Nacht und schwarz wird der Tag Denn die City geht jetzt los Stadt geht los und räumt ab … Die Leadgitarre spielte ein langes Solo, definierte Jugend in der Sprache der Elektrizität. Catz tanzte Hunderte von Permutatio- nen der letzten Zuckungen einer Motte durch, die in der Flam- me einer Kerze brannte. Catz trat den Bassisten in den Arsch und lachte, schlug Räder mit ihren Armen und sprang einen Meter in die Luft, warf sich herum, versetzte der Leadgitarre noch in der Luft einen Tritt, schlug sich auf die Knie, klatschte in die Hände, landete mitten auf der Bühne, schlängelte ihren Hals, wackelte mit Arsch und Schultern in doppelter Provokati- on, ohne je aus dem Takt zu geraten. Schlagzeug und Bass wurden leiser, ein dramatisches Vor- spiel, und ihre übergroßen Augen wurden noch größer, ihr koboldgleich geschnittenes platinfarbenes Haar klebte schweiß- nass an ihrem Kopf. Ihr Gesicht verlor jede Ungewissheit und sie nickte dem Mann mit der Spiegelbrille zu; sie sang: Stadt geht los um aufzuräumen Hindus und ihre Avatare Catz und ihre E-Gitarre Zeus beschwant Leda manchmal kommt die Welt in Göttergestalt manchmal kommen Götter in Menschengestalt, manchmal gehn Götter wie Sterbliche um und heut Nacht geht die Stadt los und wir sind abgesagt … Catz kreischte das knapp an der Tonart vorbei und gerade noch im Rhythmus und die Menge hatte keinen Schimmer, was sie sang. Aber sie waren hingerissen. Denn sie gab ihnen das Ge- fühl, dass sie wirklich ernst meinte, was auch immer sie da sang. Das Stück eskalierte, so wie ein Krieg, die Facettenkugel drehte sich und warf Lichtgarben in den Raum, Plastikflaschen flogen umher, Rauch wirbelte empor und Catz blickte Cole direkt in die Augen (Cole wünschte, er wäre keine zweiundvier- zig mit einem Hang zur Dickleibigkeit) und sprach ins Mikro- phon: »Dieser Teil des Songs – hey, ihr Wichser, HÖRT ihr mir ZU –« Die Menge brüllte mit fröhlicher Wut zurück. »Na also! Ihr Wichsratten, dieser Abschnitt des Songs erzählt eine Ge- schichte in zehn Teilen, wie zehn Kapitel in einem Buch. Ich werde jedem Kapitel einen Namen geben und ihr müsst selber rausfinden, was passiert, indem ihr euch die unsichtbare Archi- tektur der Musik vorstellt (wenn ihr Dummköpfe mir so weit folgen könnt), also PASST VERDAMMT NOCH MAL AUF!« Sie holte tief Luft, die Band hielt inne, der Lärm der Menge flaute ab, und sie schrie: »EINSSS!« Die Leadgitarre erwürgt ein sich windendes Schlangenriff und Cole hat den Eindruck, sich und den Mann mit der Spiegelbrille zusammen auf der Straße zu sehen. »– ZWO!« Der Bass stimmt dröhnend mit ein und erzeugt Bilder des Mannes mit der Spiegelbrille auf einem Fernseh- schirm., »Drr-EIII!« Das Schlagzeug entwirft ein Bild von Vigilanten, die bei einem Rockkonzert wild in die Zuschauermassen feuern. »VIE-jah!« Der Synthesizer schüttelt die Hirnrinde durch mit Unterschall- und Überschall-Klangbildern, Bilder von Catz und Cole, die auf einem Holzboden verbluten, umgeben von la- chenden Männern. »FÜÜÜ-hünf!« Die Rhythmusgitarre schafft eine Vision von Cole und Catz, wie sie miteinander schlafen. »Uuh-SEX!« Die Rhythmusgruppe arbeitet Hand in Hand mit den Leadinstrumenten, bildet einen Kontrast wie schwarz und weiß und zeigt Cole, der auf einem Bett liegt, daneben Catz, die einen Koffer packt. »SIE-bähn!« Das Schlagzeug beschwört ein Bild von Cole herauf, der einen Schritt zurücktritt, als ihm ein guter Freund die Tür vor der Nase zuschlägt. »A-A-acht!« Die Keyboards zeigen Cole einen Schnapp- schuss, er in einer Gefängniszelle. »NEU-ihn!« Cole sieht sich selbst, wie er nackt vor einem Spiegel steht und sich die Augen reibt. »ZEHNNN!« Alle Instrumente verschmelzen zu einem einzi- gen Akkord, beschwören eine Vision von Cole herauf, der sich im Zentrum einer Explosion befindet … Plötzlich war der Song zuende. Cole rannte auf die Toilette, er konnte nicht anders. Nachdem er sich übergeben hatte, fühlte er sich etwas besser. Er mixte sich einen Drink, um das anhaltende Gefühl der Desorientiertheit zu vertreiben. Warum hat sie mir das alles gezeigt? Cole begab sich hinter die Bar und ging an die Arbeit, zur, Beruhigung, wie eine Art Yoga. Catz und die Band stimmten einen neuen Song an. Der Mann mit der Spiegelbrille betrachtete nachdenklich die Bühne – er war der einzige Mensch im ganzen Raum, der sich nicht im Rhythmus bewegte. Selbst die Barkeeper klopften mit den Fingern auf die Theke. Der fremde Mann starrte einfach nur hin. Und rührte sich nicht. Cole nahm Bestellungen entgegen und fütterte die tausend Mäuler des Monsters, das kaum von der hölzernen Theke in Schach gehalten wurde – goss ihm Drinks in den Rachen und die Mäuler schrien nach mehr … Entlang der Bar standen in regelmäßigen Abständen Intercash-Automaten und nahmen von den Gästen Karten entgegen, zeigten an, ob das Guthaben den Verzehr deckte, transferierte blitzartig entsprechende Beträge vom Konto des Inhabers auf das Konto des Empfän- gers, bestätigte den Vorgang auf seinem digitalen Zahlendisplay … Mindestens einmal pro Abend knallte jemand anstatt der In- tercash-Karte Bargeld auf den Tresen. Heute war es ein alter Mann mit einer schmutzig weißen Haarmähne und nässenden blauen Augen. »Wo hast du dein Geld, Opa?«, sagte Cole. »Richtiges Geld, verstehst du? IC-Karte.« »Gottverdammt noch mal, das hier ist richtiges Geld, die be- schissenen Karten sind die Fälschung –« »Ja, ja, ich weiß, was du meinst, aber für Bargeld bekommst du hier nichts, Schlamper, und sonst auch nirgends. Nicht mal Erdnüsse. Kaffee oder Schnaps, egal was – du brauchst für alles eine IC-Karte … ich weiß wirklich nicht, wie ihr mit diesem Zeug klarkommt. In der ganzen City gibt es noch höchstens, drei Läden, die Bargeld akzeptieren. Blitzüberweisung –« »SCHEISSDRAUF!«, knurrte der alte Mann, leckte sich die trockenen Lippen und kramte seine Scheine zusammen. »Die Musik hier drin ist eh für 'n Arsch!« Dann ging er hinaus. »Tut mir Leid, Opa«, rief ihm Cole traurig hinterher. Manche Leute können sich einfach nicht anpassen. Der Rest des Auftritts schien an ihm vorbei zu rasen, so be- schäftigt war er. Catz kündigte eine Pause an und stapfte von der Bühne. Cole schaltete wieder auf Dosenmusik um und mixte Catz einen Drink. Sie kippte ihren trockenen doppelten Martini auf Ex und Cole stellte ihr zwei weitere hin. Catz war überdreht und zitterte – wie immer nach einem Auftritt aufge- heizt bis zum Siedepunkt. »Hast du's gehört?«, fragte sie. Cole beugte sich über die Bar, pflanzte seine Ellbogen auf das Holz und fragte: »Wie zum Teufel soll ich das verstehen?« »Warst du am College nicht auf Lyrik spezialisiert, Stu?«, fragte sie halb spöttisch zurück. »Und? Ich bitte dich um einen Bericht über einen Kerl, ob ich ihm trauen und ihn als Rausschmeißer anstellen kann, und du erzählst mir irgendwelchen Scheiß, von wegen ›heute Nacht geht die Stadt los‹ oder so was.« »Hast du die Psi-Bilder empfangen, die ich dir geschickt ha- be?« »Ja, aber – so richtig verstanden hab ich sie nicht.« »Na ja – ich auch nicht. Du willst wissen, ob du dem Kerl trauen kannst?« Sie lachte. »Du sprichst von einem ›Kerl‹. Ob du ihm ›trauen‹ kannst. Himmel noch mal! Ja, klar, du könntest, diesem Kerl deine Kinder anvertrauen, wenn du welche hättest, oder dein Geld, oder einen Job als Rausschmeißer. Wenn er sich drauf einlassen würde, könntest du auf ihn bauen. Aber er würde sich nie darauf einlassen. Er hat für so was keine Zeit – er muss was erledigen und ihm bleibt nur eine Nacht … Und überhaupt, das ist nicht eine Person. Verstehst du das nicht? Das ist die City. Höchstpersönlich. Die schlafenden Bestandtei- le, die erwacht sind und sich einen Echtkörper träumen, Schlamper. Kapiert? Das ist die Fleisch gewordene Gestalt von all dem hier, dieser ganzen verdammten City, in einen Mann gebannt. Manchmal kommt die Welt in Göttergestalt und manchmal kommen Götter in Menschengestalt. Manchmal. Jetzt. Das ist eine ganze Stadt, dieser Mann, und ich meine das nicht metaphorisch.« Das sagte sie, ohne eine Miene zu verziehen. Bei jedem ande- ren hätte Cole nur die Augen verdreht. Niemand kann einen Fremden ansehen und ihn begreifen, als würde er ihn ein Leben lang kennen. Niemand außer Catz. Catz hatte eine besondere Fähigkeit. Ein Mann von der Duke-Universität hatte ihr mal einen Haufen Geld angeboten, damit sie mit in den Osten kam und sich einem Esper-Test unterzog. Doch Catz hatte abge- lehnt. Catz hat ihre Visionen, wenn sie es sagt, wenn ihre Intui- tion meldet, dass etwas kommt. Cole wusste, dass er sich auf Catz' Urteil verlassen konnte – es war das Urteil ihrer besonde- ren Fähigkeit. Also wusste Cole nun, wer der Fremde war. Und hatte Angst. Catz ging wieder auf die Bühne. Mit einem Mal schien es im Club Anesthesia sehr stickig zu sein. Der Qualm von Dope und Zigarettensmog und der vielfältige menschliche Gestank drück-, ten Cole die Kehle zu – fast musste er würgen. Er ließ sich von Bill ablösen und ging nach draußen. Auf dem Bürgersteig blieb er stehen und atmete die frische Frühlingsluft ein. Cole konnte nicht still stehen. Er lief vor dem Club auf und ab, um überschüssige Energie abzubauen. Er war nicht nur der frischen Luft wegen hier raus gekom- men. Er wollte sich von etwas überzeugen. Er betrachtete die City. Es herrschte starker Verkehr, größtenteils Freier auf der Pirsch nach billigen Mösen und Jugendliche, die in der Gegend herumfuhren. Die Autos hupten und knurrten, Scheinwerfer duellierten sich, Kids brüllten unzusammenhängende Wörter aus den Wagenfenstern. Jemand warf beiläufig eine Flasche nach Cole. Sie prallte neben ihm gegen die Wand. »Arschlö- cher«, murmelte er geistesabwesend. Die Betonadern waren mit Leuchtpunkten bedeckt – fahlblaue Lichtflecke von Fernseh- schirmen in finsteren Wohnzimmern, helle weiße Lichtflecke von Badezimmern, bunte Lichter von Partys. Pornoschuppen glommen in lüsternem Neonpink und ein schwacher Wind spielte müßig mit Konfetti im Rinnstein. »Bruder, kannst du mir vielleicht was abgeben –« Cole warf dem Penner einen kurzen Blick zu, ging die zwei Schritte zum IC-Automaten an der Ecke und tippte eine Freiga- be für zwei Dollar ein. Die schmutzige Karte des Penners – jede Karte, die als nächstes in den Schlitz gesteckt wurde – war nun für einen halben Liter Wein gut. Der Penner lud sich den Betrag herunter und stolperte da- von. Cole schob die Hände in die Hosentaschen und machte ein, missmutiges Gesicht. Seine Schürze flatterte im Wind. Es roch nach Abgasen und schalem Wein und noch schalerer Pizza aus dem Laden an der Ecke, der eine Viertelpizza für einen Viertel- dollar verkaufte. Der Gehweg wimmelte von Huren, dazwi- schen ein paar Designer-Punks, Geldverleiher und eine Frau, die ihren Pudel spazieren führte, eine Hand in der Tasche, wo wahrscheinlich eine Waffe steckte. Aus dem Club dröhnte immer noch Dosenmusik. Catz hatte noch nicht mit ihrem zweiten Set angefangen. Er lächelte, als er sich an ihre Debatten über Mainstreampop erinnerte. Sie be- stand darauf, dass das Zeug inzwischen ausschließlich per Computer gemacht wurde, basierend auf Umfragen, psycholo- gischen Trendprofilen, immer der neueste Stand nach gerade gültigem gesellschaftlichen Status Quo. So war Mainstreampop zu einem Mittel der Repression geworden, einem Betäubungs- mittel, das dazu beitrug, dass ja alles blieb, wie es war. Der Rock'n'Roll der herrschenden Verhältnisse. Cole lachte darüber und hielt dagegen, dass jede populäre Musik den bestehenden Status Quo widerspiegelte oder doch die Sehnsucht danach, in die bestehenden Verhältnisse hineinzupassen, und er führte seinen Club nach Möglichkeit entsprechend der Vorlieben seiner Gäste – er ließ die Kellnerinnen zweimal im Jahr Umfra- gen durchführen, was für Musik seine Gäste zwischen den Liveauftritten am liebsten hören wollten, und größtenteils wollten sie handelsüblichen Mainstreampop. Das gab Cole die Möglichkeit, von Zeit zu Zeit ungewöhnlichere Bands zu bu- chen, radikalere Bands wie Catz Wailen – weil er auf anderen Gebieten Kompromisse einging. Eben weil die meisten Bands, die er buchte, konventionelle Barmusiker waren und spielten,, was gerade angesagt war. Catz fauchte nur, dass er sich der faschistischen Mentalität anpasste, und fügte hinzu: »Unterm Strich, Cole mein Freund, bist du eben doch nur ein Kollekti- vist. Du machst die Hure für Volkes Wille. Ich bin Individuali- stin.« Und Cole widersprach ihr, und so drehten sich ihre Debatten im Kreis und kamen nicht von der Stelle, wie Main- streampop. Die Dosenmusik brach abrupt ab, als Catz ins Mikrophon kreischte – ihre Stimme hallte über die Anlage die Straße hinauf und hinunter, die Huren mussten lachen und die Streuner erschraken: »Macht das hirnlose Gedudel AUS!« Catz' Musik dröhnte auf die Straße, dass die Laternenpfähle bebten – Cole lehnte mit der Hand an einem und spürte, wie die Bässe in der Stahlsäule vibrierten. Ihm war danach, den Krach eine Weile hinter sich zu lassen und dem Beigeschmack von Anklage in Catz' Gesang zu entkommen, der sich heute Nacht unterschwellig gegen ihn zu richten schien. Er schlenderte Richtung Süden, die Hände in den Taschen, blieb von Zeit zu Zeit stehen und flachste mit den Dealern und Streunern, auf- gemotzt sinnloses Gewäsch unter Straßenlampen … Cole nickte und sagte: »Echt wahr? Klingt gut, wenn du das nötige Kapital zusammenkratzen kannst«, als Mario ihm erzählte, er würde in der Modewelt »fett Kohle« machen, denn seine Alte hatte sich Jeans ohne Hosenboden ausgedacht, mit durchsichtigem Mate- rial über dem Hintern, er musste jetzt nur noch einen Geldge- ber auftreiben, dann würde er wirklich abzocken. Und Cole sagte: »Na, Mario, du hast schon immer jedem Arsch nachge- schaut.« Alle lachten – Filipinos aus dem benachbarten Viertel, die auf Abenteuer aus waren. Cole spendierte ein paar Zigaret-, ten, lehnte Marios Angebot ab, seinen Sturmangriff auf die Bekleidungsindustrie zu finanzieren, mimte einen Zug an einem Zelluloid-Stäbchen und ging seiner Wege. Er unterhielt sich mit dem schwarzen Klumpfuß in der Hardcore-3D-Videothek, sah sich höflich die neuesten Live- Abspielgeräte an, betrachtete mit zurückhaltendem Interesse die Regale – all die Leiber, in der Vielzahl menschlicher Paa- rungen zu Fleischknoten verschmolzen. Bei näherer Überle- gung kam ihm der Verdacht, dass er den Pornohändler auf- suchte, weil er sich eine Kostprobe der Erregung erhoffte, und sei es nur ein winziges Zucken beim Betrachten der holographi- schen Fruchtbarkeitsriten. Bloß um sich zu überprüfen, ob sich nicht doch etwas geändert hatte. Aber nein, keine Erregung, nicht einmal eine halbe Erektion … Er lachte höflich über den Stapel alter Bücher, die ihm der Verkäufer im Hinterzimmer zeigte. Niemand las mehr Pornoromane. Die Leute wollten Magazine und 3D-Videos und Filme und Multisimulatoren. »Die schlappen Teile liegen jetzt schon fünf Jahre hier rum und keiner kauft sie«, sagte der Verkäufer und stampfte wieder nach vorne. »Vergisses. Ich verbrenn den ganzen Scheiß, wenn sie mir dieses Jahr das Gas abdrehen. Gottverdammte Gasrationie- rung.« Cole pflichtete ihm bei und kehrte auf die Straße zurück. Er kam an einer Gruppe von drei schwarzen Huren vorbei. Die eine, die ihn noch nicht kannte, machte ihm das obligatorische Angebot: »Wie wär's mit uns?« Die anderen beiden taten aus Spaß so, als würden sie ihn anmachen, und Cole spielte den interessierten Freier. »Ihr verkauft euch aber unter Wert, meine Damen. Für so wunderschöne Beine würde ich glatt 737.000, Dollar abbuchen. Das könnte ich euch allerdings nicht antun. Die Jungs von der Steuer würden euch auseinander nehmen.« »Scheiße, ich mach's für einen kostenlosen Drink in deinem Rattenloch, Cole.« »In einem Rattenloch gibt's nichts zu trinken, Miststück.« »Ich hab natürlich das vornehme stadtbekannte Lokal ge- meint, das du da betreibst, Schätzchen.« »Schätzchen, ja? Vornehmes stadtbekanntes Lokal, ja? Komm mal nach Mitternacht vorbei, und ich spendier dir einen Brandy mit Seven-Up.« Die anderen beeilten sich, seinen Club zu loben: »Ich hab über den Laden im Bon Appetit gelesen. He, ich hab dein Bild sogar in einer Zeitschrift gesehen, Mann.« »Was?« »Im Überblick, Mann.« »Schon wahr, die liest die ganze Zeit so 'n Kram«, sagte eine der anderen Frauen und zündete sich einen Joint an. »In dem Artikel stand, was du doch für ein Alleskönner bist, Cole. Du hast gesagt, dass ein paar Dinge in deinem Club die Vigilantenwichser ganz schön auf die Palme bringen werden.« »Wie bitte? Davon weiß ich gar nichts. Der Kerl hat mir ein paar Fragen gestellt, ich hab sie beantwortet und gleich wieder vergessen. Ich hätte mich da nicht drauf einlassen sollen.« »Du hast gesagt, dass die Vigs für die Schläger des Viertels arbeiten, die die Huren organisieren wollen, doch die Huren- gewerkschaft hat das nicht zugelassen, also haben sie diese Typen angeheuert, die die Huren und Stricher belästigen und so tun, als wären sie moralisch entrüstet, dabei geht es ihnen nur um Schutzgelder …«, »Genau so läuft's«, sagte jemand, doch Cole schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich Sorgen zu machen. Die Vigs hatten einen Club in Oakland in die Luft gejagt, weil er Huren reinließ … Er sagte: »Bis später, die Damen«, und setzte seinen Spazier- gang fort. Als er durch den Inhalt einer umgestoßenen Abfall- tonne stapfte, rannte eine Kakerlake von der Größe einer Maus über seinen Stiefel. Wütend trat er nach dem Insekt und es klatschte auf die Windschutzscheibe eines parkenden Mini- Dampfcad. Er suchte sich eine Kombination aus Telefonzelle und Zei- tungskiosk, setzte sich auf den Stahlhocker, steckte seine IC- Karte in den Schlitz und tippte den Code für die Zeitschriften ein. Eine Übersicht der verfügbaren Blätter erschien auf dem Bildschirm über dem Telefon. Er wählte den Überblick vom Mai 2008. Das Inhaltsverzeichnis erschien; er klickte die entspre- chende Seite an: DREI MÄNNER UND DREI NACHTCLUBS Ich habe drei Abende lang mit drei Nachtclubbesitzern gesprochen, und ich habe drei unterschiedliche Facetten unserer City kennen gelernt. Am Freitag habe ich mich mit Billy Russiter getroffen, dem Besitzer des renommier- ten Carlton an der … Cole verzog das Gesicht und klickte weiter, bis er zu dem Ab- schnitt kam, der sich um den Club Anesthesia drehte., … Stuart Coles eigentümlicher Sinn für Humor zeigt sich einerseits im Namen seines Clubs, andererseits in der Aus- stattung der Räumlichkeiten. Natürlich gehen wir alle in eine Bar, um uns zu betäuben, um den Schmerz mit Alko- hol zu lindern und uns von der Show ablenken zu lassen – eine Gelegenheit, sich in der Menge zu verlieren. Dieser Club ist – oder war, bevor der größte Teil des Mobiliars zerschlagen und die Dekoration verwüstet wurde – wie die Station eines Krankenhauses gestrichen und eingerichtet. Die mittlere Tischreihe besteht aus Krankenhausbetten, deren Matratzen durch Tischplatten ersetzt sind, hier und dort stehen Ständer für IV-Flaschen und Medikamenten- schränkchen, an den Wänden hängen Patientenberichte. Natürlich geht der größte Teil der Wirkung verloren, ein- schließlich der gedämpft weißen Wandfarbe, wenn die Beleuchtung heruntergedreht wird und die Band auf der kleinen Bühne durchstartet. Stu Cole ist ein Mann mittleren Alters, jünger vielleicht als er aussieht, von harten Jahren und einer Vielfalt harter Arbeiten gezeichnet. Seine Haare werden dünner und sein wohlwollender Gesichtsausdruck kann die tiefen Sorgen- falten nicht verbergen. Cole machte ein finsteres Gesicht und sprang weiter zum Inter- view. Überblick: Sie sind vor zehn Jahren aus New York hierher gekommen ? Cole: Richtig, in New York habe ich acht Jahre gelebt, aber, eigentlich bin ich hier in der Gegend aufgewachsen, größten- teils in Oakland und Berkeley. Früher habe ich von San Fran- cisco geträumt – äußerst lebhaft! –, sogar noch, als ich bereits sechs Jahre in New York wohnte. Vielleicht bin ich deshalb hierher zurückgekehrt. Überblick: Was haben Sie denn in New York so getan? Cole: Das ist eine sehr allgemeine Frage. Wenn Sie wissen möchten, wovon ich gelebt habe, nun ja … ich habe als Stri- cher angefangen. Überblick: Eine männliche Prostituierte? Cole: Ja, klar. Sie wollten doch ehrliche Antworten, oder? Mei- stens hatte ich es mit schwulen älteren Männern zu tun, manchmal auch mit Heteropärchen. Ich war nicht unbedingt schwul, aber wenn ich dafür bezahlt wurde, konnte ich da schon mit. Allerdings war es auch eine harte Zeit. Ich habe aufgehört, nachdem mich ein Widerling draußen in Queens in einem Rangierbahnhof im Regen zurückgelassen hat. Er hat mich einfach aus dem Auto gestoßen, als ich mich anzog. Also habe ich mich um ein Stipendium beworben und bin wieder zur Schule gegangen. Überblick: Und Sie haben Ihr Examen mit Auszeichnung be- standen, wenn ich mich nicht irre, doch dann haben Sie Ih- ren Titel ausgeschlagen. Warum? Cole: Ich fand die Examenstitel elitär und bedeutungslos mit ihrem ausschließlichen Zweck, einen aus der Masse hervor- zuheben. Ich wollte nie aus der Masse hervorgehoben wer- den. Ich habe mich immer ein bisschen, na ja, wie ein Au- ßenseiter gefühlt, und umso mehr habe ich mir gewünscht, dazuzugehören. Also kann man sagen, ich habe mein ganzes, Leben nach einem Umfeld gesucht, wo ich hingehöre. Ich habe wohl irgendeine Art von Familie gebraucht. Mit meinen Eltern habe ich mich nie besonders gut verstanden. Meine Schwester ist seit längerer Zeit verschwunden. Alles, was ich habe, ist mein Club und meine … na, im Grunde die ganze verdammte City. Überblick: Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich langjährige Bewohner von San Francisco in ihrer Stadt zu Hause fühlen. Manche werden dabei richtiggehend fanatisch. Cole: Das geht mir ähnlich. Ich bin wohl auch ein Fanatiker, allerdings kein Bekehrer oder Eiferer. Viele Leute regen sich über die Touristen auf, die über die City herfallen. Für mich gehören Touristen zum Mobiliar. Die Stadt ist auf sie ange- wiesen. Diese City ist auch deswegen so ungewöhnlich, weil sie so dicht bevölkert ist. Was ich damit sagen will – das Zen- trum ist völlig überlaufen, alles passiert auf dieser kleinen Halbinsel und an den Steilhängen der Hügel. Die Latinos und die schwarze Bevölkerung und die Filipinos und die Chinesen und die Japaner und die Schwulen, all die Homos hier, und die Araber und die Inder und die weiße Mittelklas- se – alles lebt hier dicht an dicht, von morgens bis abends, und die diversen »Ghettos« haben fließende Grenzen. So hat sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt, glaube ich. Überblick: In Ihrer Ausdrucksweise liegt eine starke Spannung, Stu. Sie schwanken zwischen Straßenslang und der Wortwahl eines gebildeten Mannes. Cole: (lacht) Nun ja, es gibt Bildung und Bildung. Mir hat das, was ich auf der Straße gelernt habe, mehr gebracht. Aber klar, es ist eine seltsame Mischung. Ich habe etliche Leute, kennen gelernt, die von den Medien wohl eher der »Unter- welt« zugeordnet werden, und viele Künstler und Fotografen … ich suche wohl immer nach dem alles umfassenden Be- greifen dieser Stadt. All die verschiedenen Bruchstücke. Als ich vor zehn Jahren diesen Haufen Kredite aufgenommen und mich bis zum Arsch verschuldet habe, um den Club auf die Beine zu stellen, ging es mir wohl auch darum, neutralen Boden zu schaffen, um mit der City als Ganzes Kontakt auf- zunehmen. Eine Zeit lang sah der Club genauso aus wie alle anderen. Aber mir schwebte etwas anderes vor. Sie würden sich wundern, wie viele verschiedene Leute zu uns kommen. Modezombies, Neopunks, Transen, Künstler, Mechaniker, eine ganze Reihe superkonventionelle Gestalten und haufen- weise Durchgeknallte … Überblick: Mit ihrem Programm scheinen Sie es ja genau darauf anzulegen. Multimedia-Shows, Stegreifkomiker, Soulmusi- ker, Rockbands, Jazzformationen, Popgruppen … und jetzt Catz Wailen … Cole: Nun, ich kenne Catz schon recht lange. So jemanden wie sie muss es am Anfang jedes Jahrzehnts geben. Um reinen Tisch zu machen. In den Sechzigern waren das Bob Dylan und Lou Reed und Hendrix, in den Siebzigern Patti Smith, in den Achtzigern John Lydon … Überblick: Damit heben Sie sie aber in erlauchte Gesellschaft. »Du verdammter Rotzbengel«, murmelte Cole. Er zwang sich zum Weiterlesen., Cole: Das hat sie mehr als verdient, mein Freund. Sie – Überblick: Vor einigen Jahren haben Sie sich in der Stadtpolitik engagiert, inzwischen haben Sie sich allerdings wieder zurückgezogen. Cole: Ach, ich habe Unterschriften gesammelt, ein paar Volks- entscheide angeregt, ein paar Artikel geschrieben, einen Kandidaten unterstützt … nichts Besonderes … Überblick: Immerhin gab es Gerüchte, Sie würden für das Amt des Polizeipräsidenten kandidieren. Cole: Ich habe das in Erwägung gezogen. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Chancen nicht gut standen. Aber klar, mich interessiert stadtinterne Politik, Verwaltung, Fragen, die über die Interessen der Unterhaltungsindustrie hinausgehen. Ich identifiziere mich mit der City. Also sind ihre Probleme auch meine. Überblick: Sie haben einige Leute ziemlich auf die Palme ge- bracht, als Sie sich um einen Gesetzesentwurf bemühten, der es kleinen Geschäften erlauben sollte, weiterhin Bargeld zu verwenden. Cole: Der Siegeszug der AEA-Lobby hat die Leute verängstigt. Überblick: Wovor haben sie Angst? Cole: Die schiere Macht dieser Organisation. Sie hat uns alle in der Hand, denn sie kontrolliert unsere finanziellen Transak- tionen. Das ist eine gefährliche Situation. Stellen Sie sich nur mal vor, das organisierte Verbrechen – bloß als Beispiel – würde über Intercash die Kontrolle über die AEA erlangen. Da alle Transaktionen elektronisch durchgeführt werden und dies einen Zugriff aus der Ferne ermöglicht, könnte das zu einer Veruntreuung … nun, vielleicht sollte ich das nicht zu, weit ausführen. Überblick: Ich habe gehört, dass auch Ihr Club eine Drohung aus den Reihen der Vigilanten erhalten hat. Cole: Stimmt. Sie haben sie an die Tür geklebt. Ich habe zwei Stunden gebraucht, um sie wieder runterzukriegen. Aber sie liegen falsch – ich »rechtfertige« die Prostitution nicht. Al- lerdings verurteile ich sie auch nicht. Die Menschen sind, wie sie sind, es wird immer Prostituierte geben. Seit es jetzt halb legal ist, wie Kiffen, mit einer eigenen Gewerkschaft, ist alles viel sicherer geworden. Dieser neue Puritanismus ist absurd, Mann. Er ist verdächtig. Überblick: Was meinen Sie mit verdächtig? Cole: Diese Typen sind viel zu gut organisiert. Sie nehmen die Laster ins Visier, mit denen das große Geld verdient wird – Geldspiele, Prostitution –, lassen andererseits das neue, von der Regierung subventionierte Drogenprogramm unangeta- stet – die Ausgabe von H an Junkies und Speed an Speed- freaks, um alle im Visier zu behalten. Ich glaube, dass die für jemanden arbeiten, der an all dem verdient und noch mehr verdienen möchte … Der Bildschirm wurde schwarz bis auf die Wörter ZAHLEN SIE NOCHMALS $1 FÜR WEITERE ZEHN MINUTEN. Cole zuckte die Achseln und wandte sich ab. In Gedanken versunken schlenderte er zum Club zurück. Der Lärm aus den Kneipen schwoll an und ab, während er vorüberging. Die Nacht war angenehm mild. Er näherte sich dem Anes- thesia. Catz' verstärkte Stimme hallte von den umliegenden Gebäuden wider. Er musste an die Psi-Bilder denken, die sie, ihm übermittelt hatte. Etwas Kaltes kroch seinen Rücken hinab. Er blieb vor dem Eingang des Clubs stehen, als die Band eine Pause einlegte, damit Catz eins ihrer Gedichte vortragen konn- te. Cole lauschte der City, filterte Geräusche. Er schaute um sich, sortierte Eindrücke. Und fand, was er gesucht hatte. Die Präsenz der City, das alle Schattierungen einbeziehende Ge- staltmuster, die unsichtbare Beziehung zwischen den Glas- scherben im Rinnstein und der Antenne einer Limousine, die unmerkliche Verbindung zwischen dem Geruch erbrochenen Weines und dem Duft der Blumenstände … diese Präsenz, nach der nur ein Narr nicht suchen würde. Denn war man erst empfänglich für die Präsenz, dann spürte man für gewöhnlich, ob um die Ecke eine gefährliche Gang auf der Lauer lag oder ob im eigenen Mietshaus ein Brand auszubrechen drohte. Man verließ aus einer Eingebung heraus unvermittelt das Gebäude, ohne den Grund zu kennen – bis man ihn am nächsten Tag aus der Zeitung erfuhr. Und diese Präsenz war jetzt hier. Doch wenn der fremde Mann war, was Catz behauptete … Dann verstand Cole. Die Präsenz war da, hier draußen. Doch ihre Persönlichkeit, dieser Faktor aus eigensinniger Intelligenz, der das geschäftige Summen der City begleitete – war fast verschwunden. Er hatte sich materialisiert. Hier draußen auf der Straße war er gedämpft. Denn die Persönlichkeit der City befand sich drinnen, verkörpert von einem Mann, der in Coles Club wartete. Dort drinnen, und er trug einen zerbeulten brau- nen Hut und eine Spiegelbrille. Cole nickte nachdenklich. Es ging mir darum, neutralen Boden zu schaffen, um mit der City als Ganzes Kontakt aufzunehmen …, Cole betrat seinen Club. Da stand er. Cole entdeckte den Mann mit der Spiegelbrille auf Anhieb. Catz sprach mit ihm, sie standen beisammen wie alte Freun- de. Cole schob sich durch die Menge, den Blick auf den Frem- den geheftet. Er wollte unbedingt mit ihm sprechen. Er hatte keine Ahnung, was er ihm sagen würde. Cole blieb einen Meter entfernt stehen und betrachte sein doppeltes Spiegelbild in den Brillengläsern. Catz sprach leise, dicht am Ohr des Mannes; die endlos stereotypen Schnörkel des Konservenpops überlagerten ihre Stimme. Ein Dutzend Fragen lagen Cole auf der Zunge. Alle kamen ihm völlig blödsinnig vor. Er hätte gern gefragt: ›City, wo hast du meine Schwester Perle versteckt? Sie ist Alkoholikerin und ich habe seit acht Monaten nichts von ihr gehört. Sie muss tot sein oder in Oakland. Oak- land ist nicht der Tod, aber es ist schon eine Art Koma.‹ Und: ›City, gibt es für mich nicht eine schönere Wohnung als diese Zweizimmerbude im Mission-Viertel?‹ Und: ›City, warum musste mein bester Freund auf der Autobahn unter den Rädern eines Sattelschleppers sterben? Hast du was gegen Tramper?‹ Doch er behielt all diese Fragen für sich. Er starrte in die ver- spiegelten Gläser und verspürte den Drang, in Tränen auszu- brechen. Er zog die Schürze aus und warf sie auf den Boden. Für heute Nacht hatte er genug. Eine Kellnerin sagte etwas zu City. Die Dosenmusik wurde für einen Augenblick leiser, und Cole hörte: »Sir, die Gäste an Tisch Fünf würden Sie gerne zu einem Drink einladen.« City nickte und folgte ihr durch einen Wald aus durchsichtigen Plastikmänteln und Sträflingshaut-Leggings zu Tisch Fünf, wo, ein paar Modezombies mit ausdruckslosen Gesichtern saßen und sich verzweifelt amüsieren wollten. Sie prunkten in durch- sichtigen Kunststoffanzügen mit Bordüren in dezentem Blau und Neonrot. City war noch gut zehn Meter von den vier Zombies entfernt, als Cole ihn vorübergehend aus den Augen verlor. Als er im Gewühl der Menge verschwand, trug er seinen Hut und den abgetragenen Trenchcoat. Zehn Sekunden später tauchte er wieder auf und trug eine glitzernde Maschendraht- Weste, ein durchsichtiges Webplastik-Jackett und gelbe Satin- leggings, keinen Hut und an den Füßen Sträflingshautstiefel (negro) mit Spikes – und noch dieselbe stahlgerahmte Spiegel- brille. Catz hatte Recht. Eine Stadt wandelte unter Menschen. Catz stand im Hintergrund und hörte zu, wie City mit den Leuten am Tisch redete. Cole konnte das Gesicht von City nicht sehen, konnte aber an der angewiderten Faszination der vier Spießer ablesen, dass er etwas zu ihnen sagte. Catz lachte. Cole kämpfte sich zu dem Tisch durch. Je näher er kam, desto lauter wurde die Musik, obwohl er sich immer weiter von den Boxen entfernte … Wenn er sonst an der Bar arbeitete, hörte er die Musik aus den 2-Meter-Boxen, die um die Tanzfläche herum standen, gar nicht mehr. Er hatte gelernt sie auszublenden. Ein Mensch, der immer wieder die gleichen Nummern von einem neunzigminü- tigen Endlosband hört, wird entweder hysterisch oder teil- nahmslos. Die maschinelle Perfektion ununterbrochener Beats, die gefühllose Beschwörung von Gefühlen, die hypnotische Unerbittlichkeit von tausend Varianten erotischer Zuckungen – der verschlungene Stoff, aus dem Alpträume wuchern und, Paranoia sich nährt. Aber jetzt hörte Cole hin. Die Musik brachte ihn City näher. Je dichter er an Tisch fünf herankam – die Zombies waren aufgestanden und brüllten herum –, desto lauter gellte die Musik in seinen Ohren, und die Stimme vom Band intonierte: IMMER IM KREIS BIS ZU ALLERLETZT / HORCH WIE DER MANN DAS RASIERMESSER WETZT / IMMER IM KREIS BIS ZU ALLERLETZT / HORCH WIE DER MANN DAS RASIERMESSER WETZT / IMMER IM KREIS … Das war der ganze Text, computergeneriert wie die Musik, und er wiederholte sich bis zum Fadeout. Cole erreichte den Tisch. City schwieg jetzt. Er sah zu, wie einer der kunstvoll gekleideten Zombies einen Nadeldolch aus einem seiner kniehohen Sträflingshautstiefel zog und einem anderen Glitzerzombie zwischen die Rippen stach. Der Emp- fänger dieses eisigen, spitz zulaufenden Geschenkes fiel hinten- über und stieß gegen einen anderen Zombie, der offenbar im Begriff war, die Frau des Messerstechers zu vergewaltigen. Die Frau schlug mit einer Gummiflasche auf Kopf und Schultern des Vergewaltigers ein. Catz und die Menge sahen zu. Rich, der Rausschmeißer, ging leicht ärgerlich dazwischen und schleifte die Beteiligten nach draußen. City wandte sich Cole zu. City trug keine Plastikklamotten mehr. Er trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, eine blaue Spiralkrawatte – wie Cole. City machte sich auf den Weg zur Tür. Cole folgte ihm, ohne irgendetwas in Frage zu stellen. Catz gab ihrer Band ein Zeichen, den Abend mit einer Instru- mentalsession zu beenden, und schloss sich an. Als City den Bürgersteig betrat, krachten auf der Straße fünf, Autos ineinander, als wolle sich der Verkehr vor ihm demüti- gen, ein Kniefall aus zerknautschtem Blech. Ein Stück ver- chromte Stoßstange zischte an Coles Kopf vorbei und blieb im Mauerwerk stecken. Die urbane Spannung der Großstadt lag fast greifbar in der Nacht. City warf einen Blick auf die Auto- wracks, nickte und wandte sich ab. Catz und Cole stiegen über die Modezombies, die noch auf dem Gehweg zappelten und bluteten, und folgten City, knapp links hinter ihm, sodass sie ihn aus den Augenwinkeln beobachten konnten. Zurück blieben ein blauer gasoholbetriebener Ford Stampfer Lieferwagen, ein gelber VW Schuft Elektro, ein goldener 69er Ford Falke, ein weißer dampfbetriebener Lincoln Continental und ein roter VW Käfer, mit zerknautschten Schnauzen inein- ander verschlungen, aus fünf Richtungen miteinander verheira- tet, ein Pentagramm aus verbogenem Stahl, zerfetztem Gummi, loderndem Treibstoff, Glasscherben und rot triefendem Fleisch. Das Dosenmusik-Endlosband schien City auf die Straße ge- folgt zu sein, ja aus seinem Körper zu dringen. Zielstrebig, unablässig, die vertonte Blaupause des Stadtplans einer Groß- stadt. Die Computermusik hallte von den Mauern, rüttelte an Schaufenstern und entlockte Cole einen Seufzer. Catz pfiff mit, hüpfte fröhlich umher und trat nach Abfalleimern. »Was hat er den Zombies erzählt, dass sie übereinander her- gefallen sind?«, flüsterte Cole Catz zu, die vor sich hin summte und den Reißverschluss ihrer schwarzen Lederjacke zuzog. Sie lachte. »Er hat dem Mann mit dem Messer erzählt, dass sein bester Freund – der mit dem Messer zwischen den Rippen – ein Verhältnis mit seiner Frau hat. Daraufhin hat er seinen, besten Freund ermordet, weil der sein Liebhaber war und – soweit ich das mitbekommen habe – nur mit ihm schlafen sollte. Weil er aber mit der Frau des Messerstechers gevögelt hat, ist er gleichzeitig ihm untreu geworden.« »Schon gut. Was war mit dem Vergewaltiger?« »Der Vergewaltiger war der Bruder des Opfers. Er begehrt seine Schwester schon sein Leben lang. City hat ihm erklärt, dass seine Schwester ein Verhältnis mit seinem älteren Bruder hat, ihn aber ziemlich widerlich findet und ihn nur an der Nase herum führt, weil sie Gefallen an seiner Lüsternheit gefunden hat, ihn aber nie an sich heranlassen würde.« »Und sie wussten, dass er die Wahrheit sagt. Sie haben keine Sekunde an seinen Worten gezweifelt.« »Nein, das haben sie nicht. Er ist ungefähr so überzeugend wie ein Dreißigtonner mit Höchstgeschwindigkeit. Hast du vielleicht Zweifel?« »Nein. Schließlich bin ich hier, oder? Wohin gehen wir ei- gentlich? Warum ist er heute Abend hier? Warum zeigt er sich unter uns? Und wie?« »Er möchte sich selbst in- und auswendig kennen lernen. Ei- ne nur zu verständliche Motivation. Er klopft sich selbst ab, überprüft seine Reflexe, forscht und schmeckt, sucht nach Selbstbestätigung. Wie? Das kollektive Unterbewusstsein hat von einem Menschen Besitz ergriffen und ihn verwandelt. Er lässt Dinge wahr werden, er löst Spannungen, er rechtfertigt die Dramen des Lebens, indem er unser Schicksal erfüllt.« »Du sprichst absichtlich in Rätseln, um mich auf die Folter zu spannen. Catz, dir macht es Spaß, mich zu verwirren.« »›Please allow me to introduce myself … ahnt Ihr endlich,, wer ich bin? – Was euch so verwirrt, ist mein Spiel im besten Sinn.‹« Die Nacht hatte ihren Höhepunkt erreicht. Alle Leute ver- folgten irgendwelche persönlichen Ziele und waren ganz auf diese Ziele fixiert, nahmen sonst nicht viel wahr, Ziele wie ein Knochen für einen Hund. Niemand bemerkte, dass City Pop- musik verströmte, obwohl er keinerlei Abspielgerät bei sich hatte. In der Ferne überlappten sich die strengen Gesichtszüge der City in einer Patina betörender Schuppen, brach sich das Licht der Neonröhren, Autoscheinwerfer, Straßenlaternen und Me- talloberflächen; funkelte durch Wolken von Zigarettenqualm, Dampf aus Kanaldeckeln und Kohlenmonoxyd. Die warme Brise vermischte Gerüche von gekochtem Fleisch und Abfällen. Cole wurde übel. Und er war nervös. Die City kam ihm unnatürlich energiege- laden vor; die Geräusche, pfeifende Knaben, knirschende Kol- ben, einrastende Gänge – alles zu laut. Kopfschmerz und Brechreiz drückten ihn nieder, Elend er- fasste ihn. Cole wünschte sich nur noch, diese widerliche Pop- musik möge endlich aufhören. Doch er kam nicht auf den Gedanken, von Citys Seite zu weichen. Sie durchquerten Chinatown und die Hälfte der Straßen- schilder zeigten Ideogramme, Rätsel in Neon; der Hügel wurde steiler, Coles Kopfschmerz pochte stärker. Auf dem Kamm des Hügels blieben sie stehen und bewunderten die Skyline. Das eckige Diagramm der Lichter der Großstadt spiegelte sich in Citys gläsernen Augen. Er öffnete leicht den Mund und hauchte unhörbar einen Namen., Von links hallte jungenhaftes Gelächter herüber. Diese Rich- tung schlug City ein, folgte einer finsteren Seitenstraße. Abfall häufte sich auf dem Gehweg um die Hintertüren chinesischer Lebensmittelgeschäfte, es roch nach Fisch und verfaultem Gemüse. Sie liefen schnell, in aller Stille, fünfzehn Häuserblocks wei- ter, bis sie Chinatown verließen und zwischen eng aneinander gedrängten, hochmütigen viktorianischen Häusern einen steil abfallenden Hügel hinab schlidderten. Unvermittelt blieb City stehen und betrachtete nachdenklich die Häuser zu ihrer Rechten. Die ewig gleiche Musik dämpfte sich zu einem Flüstern. Die Haustüren dreier nebeneinander stehender Häuser wur- den aufgestoßen. Fünf Menschen stürzten heraus, zwei Paare und eine ältere Frau. Mit hochroten Gesichtern stürmten sie ihre Holztreppen hinunter und hasteten über ihre Vorgarten- Kieswege auf City, Cole und Catz zu, die unter einer Straßenla- terne warteten. Cole warf City einen Seitenblick zu. Dann starrte er ihn an. City trug jetzt einen konservativen grauen Anzug und auf Hochglanz polierte, teuer aussehende braune Schuhe. Beide Paare waren mittleren Alters und obere Mittelschicht. Einmal Mann und Frau mit eckigen deutschen Gesichtern und kurz geschnittenen grauschwarzen Haaren; der Mann trug eine lose schwarze Krawatte, die er eilig zurechtrückte. Das andere Paar steckte in Schlafanzügen und Morgenmänteln. Der Mann neigte zu Glatze und Korpulenz, sein Mund unter dem Schnurrbart stand offen und die behausschuhten Füße rutsch- ten nervös auf dem Pflaster; seine Frau blinzelte City durch, dicke Brillengläser an, ihr mausbraunes Haar steckte in einem Haarnetz. Die fünfte Person, eine alte Frau, trug ein weißes Nachthemd, einen abgewetzten blauen Bademantel, Haus- schlappen und ein Haarnetz, das über und über mit roten Plastikrosen bedeckt war. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Taschenlampe, in ihrer Linken eine kleine, vernickelte Pistole. Ihre dunkel umschatteten Augen waren schwarz mit bitteren Falten ringsherum. Sie sprach als Erste: »Was für ein Notfall denn?« Sie wandte sich ihrem Haus zu, als würde sie jeden Moment damit rechnen, dass es in Flammen aufging. »Ich habe gehört –« Sie runzelte die Stirn. Die andere Frau im Morgenmantel sprach mit zitternder Stimme: »Was haben Sie gehört? Wir haben gehört, wie jemand ›Ein Notfall! Gehen Sie sofort nach draußen!‹ gerufen hat. So verdammt laut, dass ich dachte, mir platzen die Trommelfelle. Mein Gott, ich habe schon gedacht, es wäre ein Bombenalarm –« »Ja, ja, genau das habe ich auch gehört«, sagte der ältere Mann mit leicht deutschem Akzent. »Es klang irgendwie offizi- ell. ›Ein Notfall! Gehen Sie nach draußen!‹« Alle starrten City böse an und warteten auf eine Erklärung. »Möchten Sie heute Nacht Ihre Kinder sehen?« Das war das erste Mal, dass Cole City sprechen hörte. Eine kalte, aber klang- volle Stimme. Citys Gesicht hatte sich erneut verändert. Sein Kinn war immer noch breit, doch plötzlich hatte er eine Ha- kennase und seine Lippen bildeten einen misstrauischen Schnörkel wie bei einem einflussreichen Bürokraten. Dieselbe undurchsichtige Brille. Mit einer fließenden Handbewegung zog er eine lange schwarze Brieftasche aus seiner Jacke. Als er sie aufklappte, kam eine Marke der Polizei von San Francisco, zum Vorschein. Sittendezernat. »Unsere … Kinder?«, fragte die alte Frau und versuchte, sich ihre Wissbegier nicht anmerken zu lassen. »Ja. Wenn Sie bitte mitkommen wollen. Lassen Sie Pistole und Taschenlampe in Ihrem Briefkasten und folgen Sie mir.« »Jetzt? Zu dieser nachtschlafenden Zeit?«, fragte die Matrone im schwarzen Morgenmantel. City nickte. Er wies auf die Straße hinter sich. Cole wandte sich um und bemerkte überrascht zwei Taxen, die mit leuchtenden Scheinwerfern und offenen Türen auf sie warteten. Er hatte sie nicht heranfahren hören. Die Gesichter beider Taxifahrer lagen im Schatten. Es gab keine weitere Debatte. Alle stiegen in die Taxen. Die alte Frau saß im selben Fahrzeug wie Cole, auf dem Vordersitz. Die Ehepaare folgten ihnen mit dem anderen Taxi. Die Musik von City, der sich neben Cole gezwängt hatte, klang leise, wie aus weiter Ferne. Cole ahnte, dass die alte Frau sie gar nicht hörte. Catz saß rechts neben City. Cole klemmte zwischen City und der Tür. Sein Arm wurde gegen Citys Körper gepresst – ein Körper, so hart und kalt wie Granit. Citys Ellbogen ruhte mit dem Gewicht eines Stahlträgers auf Coles Hüfte. City saß reglos da, den Blick nach vorn gerichtet. Zum ersten Mal sah Cole die Spiegelbrille aus der Nähe. Die Bügel der Brille lagen nicht auf seinen Ohren auf. Einen Zentimeter hinter dem Rahmen ver- schwanden sie in seinen Schläfen, verschmolzen nahtlos mit Haut und Knochen. Der Rahmen der undurchsichtigen Gläser schmiegte sich so in die Augenhöhlen, dass Cole die Augen dahinter nicht sehen konnte. Falls da Augen waren. Zwischen, den Gläsern gab es keinen Steg. Stattdessen war der Rahmen in Haut und Knorpel des Nasenrückens implantiert. Die Spiegel- brille war Teil seines Schädels. Niemand hatte dem Taxifahrer die Richtung angegeben. Er sprach kein Wort, keine Silbe. Er schien zu wissen, wohin er wollte. Cole konnte kaum den Umriss seines Kopfes erkennen. Das Taxameter war nicht eingeschaltet. Es stand auf Null. Lichtkreise zogen an ihnen vorbei. Das Auto – ein brasiliani- scher Sabo, der mit Alkohol aus Rohrzucker betrieben wurde – schnurrte fast lautlos über den Asphalt. Die alte Frau auf dem Beifahrersitz schluchzte. Cole hörte ein leises: »Marie …« Die Taxen hielten hintereinander am Straßenrand und alle stiegen aus. Sie befanden sich auf der Hyde Street, nur wenige Häuser- blocks vom Anesthesia entfernt, im Bezirk Tenderloin, im Hurenmekka. Ohne auf Entlohnung zu warten fuhren die Taxen davon. Der Mann mit dem dünnen Schnurrbart zog seinen Morgen- mantel fester um sich und sah den Taxen erstaunt nach. Aus seiner Überraschung wurde Angst, als er bemerkte, dass der Polizist mit der Spiegelbrille verschwunden war und ihn um Mitternacht an einer Straßenecke zurückgelassen hatte, im Schlafanzug und umgeben von Huren und Zuhältern und Catz und Cole. Cole tippte ihm auf die Schulter und lächelte ihn an – beru- higend, wie er hoffte. Cole hätte ihm gerne eine Erklärung gegeben. Aber es war sinnlos, ihm zu erklären, dass der Schwar- ze mit der umgedrehten Baseballmütze und der Spiegelbrille, der da mit dem schwarzen Zuhälter sprach, der Polizist war, der, sie hierher gebracht hatte und der gar kein ›Polizist‹ war, son- dern ein Mann, der gar kein Mann war, sondern von Catz mit der Stadt gleichgesetzt wurde. Sinnlos. Stattdessen also: »Ihr Name, Sir?«, fragte Cole freundlich. »Chester Jones, und ich warne Sie, ich bin Anwalt, und wenn das hier –« »Warum um Himmels willen sind wir hier?«, fuhr der ältere Mann im dunklen Anzug dazwischen. Cole drehte sich um und sah, wie City mit dem Zuhälter in dem alten Mietshaus verschwand. Cole war auf sich gestellt. »Ich bin, äh, Dubois von der Kri- po«, improvisierte er. »Ich – ich ermittle verdeckt. Was wir hier machen –« Er zögerte. Warum waren sie hier? »Wir möchten Sie wieder mit ihren Kindern zusammenbringen«, sagte er hastig. »Mein Roy? Haben Sie ihn gesehen? Roy Jones? Er ist –«, leg- te Mrs. Jones los. »Er ist groß, ein etwas blässlicher Junge –« »Mein Roy! Mein Roy!«, kreischten die Huren und kicherten los. Eine schwarze Frau mit blonder Perücke und Sternenstaub auf den Augenlidern und ein weißes Mädchen mit schwarzer Perücke und Mitternachtsstaub auf den Augenlidern klatschten schallend die Hände aneinander – im Wechselspiel äfften sie Mrs. Jones nach, rangen die Hände und sangen im Chor: »Mein Royie! Mein kleiner Royie!« Die Dame im schwarzen Nachthemd ignorierte die Huren und fragte Cole: »Lucille Schmidt?« Sie beugte sich mit flehen- dem Blick vor. »Sie haben sie gesehen?« »Ähm, wir werden uns um sie kümmern, Ma'am«, sagte Co- le, da ihm nichts Besseres einfiel. Er zog Catz beiseite. »Hey,, Catz, kannst du mal deine Antennen befragen: Irgendeinen Schimmer, was er mit ihnen vorhat? Ich weiß nicht, wenn die Kinder auf den Strich gehen, was bringt das alles –« »Er wird sie miteinander aussöhnen, so oder so. Entweder gehen sie mit ihren Eltern und sie suchen gemeinsam einen Weg, oder sie beenden ihre Beziehung zu ihren Eltern auf andere Art – sie zerstören sie. Das ist ihm gleichgültig, wenn die Sache damit nur erledigt ist, auf die eine oder andere Art. Er überprüft Schaltkreise. Darin liegt keine Wertung. Huren sind ein Teil der City, er hat nichts gegen sie.« »Hey, hast du schon mal erlebt, dass jemand vom Strich weg einfach nach Hause gegangen ist, so einfach über Nacht? Be- sonders wenn alle anderen zuschauen? Als ich damals –« »Verdammt, weißt du nicht mehr, wie du mit diesen Idioten in New York in der Dreiundfünfzigsten Straße gehaust hast? Gab es da nicht Zeiten, wo du dich so fertig und beschissen gefühlt hast, wenn deine Eltern genau dann aufgetaucht wären, vielleicht warst du zehn Minuten lang so einsam, dass du mit ihnen gegangen wärst … oder? War es nicht so?« »Ja. Klar. Immer mal wieder ein paar Minuten lang. Wenn mein alter Herr den richtigen Zeitpunkt erwischt hätte … Ich versteh schon. City wird am besten wissen, wann die Zeit reif ist.« Catz deutete in ein Treppenhaus: City schob einen Teenager vor sich her. »Mama, was zum Henker machst du denn hier?«, rief das Mädchen und kam die Stufen herunter. Sie war klein, mollig und blond. Sie trug Leggings und ein eng anliegendes Sweat- shirt, die Haare in Zöpfen und fast keine Schminke. Der Schüle-, rinnen-Look – darauf flogen die Freier. Sie warf ihrem Vater einen wütenden Blick zu. Ihre Mutter rannte zu ihr und Lucille ließ sich widerstrebend umarmen, schaute entschuldigend zu den anderen Huren hinüber und rollte mit den Augen … Doch zwei Minuten später wollte sie ihre Mutter nicht mehr loslassen. Sie heulte. Und zischte die feixenden Stricherinnen wütend an: »Verpiss dich, Fotze!« Ihr Vater stand steif daneben und wollte seiner Tochter gerade die Leviten lesen, als City – der sich wieder in den Zivilpolizisten zurückverwandelt hatte – zu ihm sagte: »Ihre selbstgerechte Einstellung ist unangemessen, Herr Schmidt. Im Juni des Jahres 2002 haben sie einem jungen Mann in einem blauen Chevrolet fünftausend Dollar gezahlt. Wissen Sie noch, wofür?« Schmidt schaute City an. Angesichts der Unerbittlichkeit der Stadt San Francisco, die dieser Mann ausstrahlte, war Leugnen zwecklos. Schmidts Gesicht, bis dahin der Inbegriff der Missbilligung, ein steinernes Mahnmal seiner Verachtung für seine Tochter, fiel zusammen, und er brach in Tränen aus. Er warf die Arme um seine Frau und seine Tochter. Mr. und Mrs. Chester Jones warteten Hand in Hand unter einer Laterne. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, unser Junge sei hier – «, setzte Jones an. »Die Bar dort«, sagte City ruhig und zeigte auf den Back Door Club, einen Block weiter nördlich. »Dort verkauft er seinen Arsch für Drogen. Auch jetzt. Suchen Sie ihn …« City streckte eine Hand aus und berührte Jones an der Schulter. Jones schauderte und zog seine Frau an sich. »Ich fühle mich, komisch«, murmelte er und rieb sich die Schulter. »Als ob etwas in mir ist …« »Roy wird sich Ihnen nicht widersetzen: Meine Autorität be- gleitet Sie. Nehmen Sie ihn einfach in die Arme, und er wird mit Ihnen kommen. Er ist reif. Berühren Sie ihn, aber sagen Sie nichts und verurteilen Sie ihn mit keinem Wort.« »Ich kann da nicht einfach so reingehen«, widersprach Jones. »Schon gar nicht in diesem Aufzug. Ich bin Anwalt, ich bin der Hausanwalt von Ivory Meats und mit dieser Tätigkeit ist eine gewisse Verantwortung für das Image der Firma verbunden und wenn sich da drin Männer treffen, die auf die Straße gehen, also damit will ich nichts zu tun haben –« »Wir alle gehen auf diesen Straßen«, erwiderte City. »Oder können Sie fliegen? Los, gehen Sie.« Langsam gingen Mr. und Mrs. Chester Jones die Straße ent- lang, zogen ihre Morgenmäntel enger um sich und verschwan- den durch die Vordertür des Back Door Club. Es war ein Uhr morgens. Es waren kaum noch Autos unter- wegs, die Straße war fast leer, ihre Stimmen hallten über den Asphalt. Dann: »Marie!«, schrie die alte Frau, die sich auf die Stufen vor ei- nem Hauseingang gesetzt hatte. Sie sprang auf und drängte sich durch eine Gruppe erstaunter Huren. Ein Stück die Straße hinunter blieb eine abgemagerte Silhouette stehen und starrte sie an. »Marie!«, rief die alte Frau und rannte unbeholfen auf die verschwommene Gestalt zu. Marie drehte sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. »Verpiss dich, lass mich in Ruhe!«, drang es leise durch das Knurren der Stadt., Sie hatte einen halben Block Vorsprung vor ihrer Mutter und entfernte sich immer schneller. City senkte kaum merklich den Kopf. Der Boden erbebte kurz. Marie stolperte. Sie fiel aufs Gesicht und blieb eine halbe Minute lang benommen liegen, bis ihre Mutter sie eingeholt hatte. Der Zuhälter kam in großen Sprüngen die Treppe herunter und rammte City einen Finger in die Brust. »Für wen zum Teufel hältst du dich, Arschloch? Na? Wo ist der Bruder von vorhin? Der Typ mit der weißen Mütze?« Als City nicht ant- wortete, rückte er seine eigene Brille zurecht, Spiegelbrille starrte in Spiegelbrille und reflektierte die gläsernen Masken bis in die Unendlichkeit. »Willst du dich mit mir anlegen, oder was? Du bist kein verdammter Bulle, du Arschloch. Mit denen hab ich andere Absprachen. Hee, ich spreche mit dir, Arsch- loch, wenn ich diese Mösen verliere, kostet mich das jeden Tag –« Er hielt inne. City streckte einen Arm aus, die Handfläche nach unten, und überschwemmte den Gehweg mit altmodischem Bargeld. Hundertdollarscheine regneten aus seiner Handfläche, tauchten aus dem Nichts zwischen seinen Fingern auf und segelten brandneu und grün auf Bürgersteig und Straße. Reflexe über- nahmen die Kontrolle; niemand stellte das Phänomen in Frage. Der Zuhälter und die Huren krochen auf Händen und Knien herum und ernteten Bargeld. Catz mischte sich lachend unter sie. Cole hob einen Schein auf und begutachtete ihn. Er war echt. Er steckte ihn in die Tasche. Mindestens zehntausend Dollar bedeckten den Gehweg, als City seine Arme senkte und den Geldsegen einstellte. ITC hatte dafür gesorgt, dass Papier- geld bei den meisten Transaktionen überflüssig geworden war,, aber man konnte es in der Intercash-Zentrale für Kartenkredit eintauschen. Eine der Huren, eine Chicana mit leuchtend rotem Lippenstift und einer riesigen blonden Perücke, beschloss sich der Quelle des Reichtums an den Hals zu werfen. Sie legte ihre Arme um City und ließ eine Hand zwischen seine Beine gleiten. Cole beobachtete ihre tastenden Finger. City bewegte sich nicht. Die Frau packte ihn im Schritt. Und fuhr entsetzt zurück. »Er – äh – als ob –« stotterte sie. »Er ist total …« Sie presste sich eine Hand auf den Mund, rannte die Stufen hinauf und verschwand im Gebäude. Mr. und Mrs. Jones kehrten zurück, einen ausgemergelten jungen Mann zwischen sich. Alle drei heulten. Aus drei unterschiedlichen Gründen. Mr. Jones heulte, weil er der Hausanwalt einer Fleischverpackungs- firma war, die der Mafia gehörte und hinter der sich ein Vertei- lerring für Drogen verbarg. Sein Sohn ging auf den Strich, und so sehr sich Mr. Jones auch bemühte, konnte er eigentlich keinen Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Be- schäftigung erkennen. Seine Frau heulte um ihren Sohn, ihr Sohn heulte um seinen Stoff. Ein ganzes Stück die Straße runter kämpfte Marie mit ihrer Mutter. Sie rollten über den Gehweg, traten und kratzten, beide in Tränen aufgelöst. Ohne nachzudenken ging Cole auf sie zu. Die Popmusik begleitete ihn wie die elektronische Parodie eines Grabgesangs, wurde lauter, je näher Cole ihnen kam. Als er Marie und ihre Mutter fast erreicht hatte, donnerte der Rhyth- mus in seinen Ohren und eine der beiden schattenhaften Ge- stalten auf dem Gehweg rührte sich nicht mehr. Die andere schwang einen Arm hoch über ihren Kopf und ließ ihn mit aller, Gewalt auf den reglosen Körper der Mutter herabsausen. »Ma- rie …« murmelte Cole. Hinter sich hörte er verängstige Rufe. Die Popmusik brach schlagartig ab. Cole fuhr herum und rannte auf City und Catz zu. Drei gelbe Mittelklassewagen bildeten ein U um die Stufen vor dem Eingang des Mietsgebäudes, wo der Zuhälter, die Frauen und Catz sich immer noch die Taschen mit Scheinen voll stopften. City stand breitbeinig da, den Blick auf die Scheinwerfer gerichtet. Ein Taxi fuhr vorbei, schattengleich wie das, welches Cole hierher gebracht hatte. Darin saßen die Jones, die Schmidts und ihre Kinder. Das Taxi glitt an ihnen vorüber und verschwand um eine Ecke. Catz richtete sich auf und blinzelte in das Scheinwerferlicht, als Cole die letzte Straße überquerte, die sich noch zwischen ihnen befand. Ein Mann mit glänzendem Waffenstahl in der Hand stieg aus einem der Fahrzeuge. »Catz, runter mit dir!«, brüllte Cole. »Das sind Vigilanten, Dummkopf!« Sechs Männer, die Gesichter von Nylonstrümpfen zu rosa schimmernden Wasserspeiern verflacht, stießen die Huren und ihren Aufpasser gegen die Wand. Der Zuhälter versuchte sich rauszureden und wedelte mit Geldbündeln; einer der Vigilanten trat ihm in den Bauch; als er sich krümmte, schlug ihm ein anderer den Kolben seiner Waffe über den Schädel. Er blieb mit dem Gesicht nach unten liegen. Eine der Huren schrie: »Hee, uns macht ihr keine Angst,, Arschloch!« Ein Schuss aus der Waffe, roter Qualm und grollende Echos. Das rechte Knie der Hure explodierte. Sie stürzte, ihre Freun- dinnen beugten sich über sie, Fluchen, Weinen, Schreien. Cole bremste ab, er war noch zehn Meter entfernt und drückte sich in den Schatten. Die Vigilanten hatten ihn noch nicht bemerkt – sie machten selbst zu viel Lärm, begrabschten die kreischenden Stricherinnen und lachten. Vier weitere be- waffnete Männer waren in das Mietshaus eingedrungen, um den Rest der Huren aufzustöbern. Sie würden sie alle auf einmal umbringen. Ein Polizeifahrzeug wollte gerade in die Straße einbiegen, doch beim Anblick der wohlbekannten gelben Fahr- zeuge der Vigs – ohne Nummernschilder – zog es sich rasch zurück. Die Streife konnte immer behaupten, von einem ande- ren Notfall abgelenkt worden zu sein und nichts gesehen zu haben. Zwei der Männer in Strumpfmasken brüllten City an, einer stieß ihn drohend zur Seite. Oder versuchte es vielmehr – er hielt sich die verletzte Hand, während ein anderer City seinen Gewehrlauf über das Gesicht zog. City stand da, als hätte er Wurzeln geschlagen. Er trug wieder seinen Trenchcoat und seinen Filzhut. Und die Spiegelbrille. Der Kleinere der beiden Männer feuerte seine Waffe aus nächster Nähe auf Citys Solarplexus ab. Drei Mal. City zuckte leicht, zeigte aber sonst keine Reaktion. Er blieb einfach stehen und ließ die Arme herabhängen. Dann öffnete er den Mund … Eine Sirene heulte aus seinem offenen Mund. Cole schlug sich die Hände auf die Ohren. Die Fenster neben ihm erzitterten und der Schmutz, der sie bedeckte, löste sich in, Wolken von ihrer Oberfläche. Eine Alarmsirene heulte mit fünfzigfacher Lautstärke aus Citys Hals. Darauf musste die Polizei reagieren. Sie konnten nicht vorgeben, eine Sirene von dieser Lautstärke nicht zu hören. Die Vigilanten quetschten sich in ihre Autos, die Hände über den Ohren. Der Wagen, der vor City parkte, fuhr rückwärts bis an den gegenüberliegenden Randstein, ging in die Knie, ließ seine Räder durchdrehen und preschte los. Er rammte City mit voller Wucht. Das Fahrzeug bockte und prallte mit heulendem Motor ab. City blieb stehen. Immerhin schüttelte er den Kopf, als müsse er einen bösen Traum verscheuchen. Blut floss unter seinen Hosenaufschlägen hervor auf seine Schuhe und aus einem Winkel seines offenen Mundes. Das Heulen der Sirene bekam einen gurgelnden Unterton, stockte aber nicht. Die Huren nutzten die Gunst der Stunde. Sie rannten an Cole vorbei, die Straße hinunter und um die nächste Ecke. Catz hielt sich nahe an der Wand, das Gesicht wegen des Lärms verzogen, und schlich zu Cole hinüber. Sic behielt den Wagen der Vigil- anten im Auge, während Cole sie in einen finsteren Hausein- gang zog. Der Wagen fuhr erneut ein Stück rückwärts. Sein Motor hu- stete und wurde abgewürgt. Ein anderes gelbes Fahrzeug fuhr bereits rückwärts die Straße hinunter, links an Cole vorbei. Er sah sich nach etwas um, das er hätte werfen, mit dem er es hätte aufhalten können. Doch es holte einen ganzen Wohnblock lang Schwung, bevor es City rammte. Dieses Mal wurde er umgeris- sen und das Auto fuhr über ihn hinweg und knallte in eine Ecke, zwischen Betontreppe und Gebäudewand … Sein Kotflü-, gel schlitterte seitlich weg und kollidierte mit der Mauer. Be- tonstaub rieselte herab, eine Dampfwolke zischte empor. Dann war es still bis auf das leise Ticken des Motors. Alles war still – fünf Sekunden lang. Bis die Polizeisirenen ertönten und näher kamen. Dem abgewürgten Fahrzeug gelang es, den Motor wieder an- zuwerfen. Es fegte dem verbliebenen Wagen nach, der bereits einen halben Block entfernt war und weiterraste. Cole sah sich nach City um. City war ein triefender Haufen Kleider und Fleisch auf dem Gehweg, keine zehn Meter ent- fernt. Die zerfetzte Leiche war kaum noch als Mensch zu erken- nen. Cole blickte zur Skyline von San Francisco empor. Würde sie sich nicht im nächsten Augenblick aufbäumen und zusam- menstürzen? Die City stand so unerschütterlich da wie immer. Also war jede Trauer unangebracht. Cole betrachtete die spiegelnde, samtrote Blutlache, die eilig ihre nassen Finger nach der Bordsteinkante ausstreckte. In diesem Moment erreichten die beiden gelben Wagen die nächste Kreuzung. Cole betrachtete den zielgerichteten Fluss von Citys Blut auf die Straße zu und wusste, dass die Vigilanten es nicht schaffen würden. Catz wusste es auch und lachte laut los. Die Straßenlampen, die sich den Fahrzeugen in den Weg warfen, bogen sich nicht wie Gummi: Sie schossen herab und schmetterten ihre Leuchtkörper mit berstendem Knall aufs Pflaster. Sie riegelten die Straße beiderseits der Fahrzeuge ab. Sechs der verbliebenen acht Vigilanten sprangen aus den Autos und flohen in wilder Panik, fluchten dabei und rissen sich die, Masken runter. Zwei, die Seite an Seite Richtung Süden rann- ten, prallten in Sekundenschnelle gegen stählerne Klauen, die aus dem Asphalt wucherten – zuerst glaubte Cole riesige Finger aus schwarzem Stahl zu sehen, schaute genauer hin und erkann- te vier dicke Versorgungsrohre, die auf die beiden Männer herabklatschten wie eine riesige Mausefalle. Und sie augenblick- lich zerquetschten. Bis Cole sich nach den anderen Männern umschaute, waren auch sie tot. Dicke blaue Funken tanzten noch um die abgerissenen Starkstromleitungen, die die zucken- den Leichen fesselten. Der Boden bebte, als direkt unter dem letzten noch rollenden gelben Fahrzeug zwei weitere dreißig Zentimeter dicke Rohre den Asphalt durchstießen, schwarze Steinbrocken und blauen Staub in alle Richtungen verteilten, sich mit einem schreckli- chen Quietschen durch die Ölpfanne bohrten, beiderseits des Motorblocks und durch die Stoßstangen hindurch den Motor halb aus der Motorhaube drückten. Verdrehte Metallsplitter flogen durch die Luft, gefolgt von Dampf und Rauch, die aus der durch die Mangel gedrehten Front des Wagens schossen. Das Auto ruhte leicht schief auf den aufgespießten Deichseln, die Vorderreifen drehten sich hilflos in einem Meter Höhe. Dann explodierte der Benzintank und der Wagen verschwand in züngelndem Rot und Schwarz. Einer der Männer war zerfetzt worden, der andere war beim Aufprall durch die Windschutzscheibe geflogen und umarmte die brennende Maschinerie, die von keiner Haube mehr ver- deckt wurde. Gekrümmte Stahlstacheln ragten aus seinem Rücken. Öliger schwarzer Rauch wand sich empor und verzerrte die Gesichter der Menschen, die aus den Fenstern gafften, zu, dämonischen Fratzen. Das Heulen der Sirenen kam näher und mischte sich mit dem Getöse der Feuerwehrlöschzüge. Cole fiel in Catz' Gelächter ein. Kinder rannten vorbei und bewunderten das Wrack. Cole verstummte und dachte daran, nach Hause zu gehen. »Kann ich bei dir übernachten?«, fragte Catz. Sie schlender- ten ohne große Eile davon, fädelten sich durch die Menschen- menge, die aus Wohnungen und Häusern strömte. »Was zum Teufel ist hier los?«, fragte ein Chicano auf einem Motorrad. Cole zuckte die Achseln. »Klar kannst du bei mir übernachten, Catz«, sagte Cole. »Ich habe ein Sofa, dass sich ausklappen lässt.« »Mann, hier liegt ein total zermatschter Kerl!«, brüllte je- mand von hinten. Cole warf einen Blick über die Schulter; die Spiegelbrille von City glitzerte unversehrt auf dem Bordstein und blickte ihnen nach. »Ja, das wäre klasse«, fuhr Catz fort. »Wir könnten fernsehen oder so.« Cole drängte sich durch eine Menschenansammlung, die je- manden auf dem Bürgersteig begaffte, stieg über Maries Mutter hinweg und ging weiter, ohne sich umzusehen. »Klar«, sagte Cole. »Ich kriege InterSat. Da kommt sicher irgendwas.« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist noch nicht zu spät, um fernzusehen.« Das taten sie dann auch. Sie sahen sich in PT-109 so ein Dreckschwein an, das Kennedy darstellen sollte. Danach saßen sie schweigend am Fenster und betrachteten die Lichter der City, bis sie im Morgengrauen eins nach dem anderen ausgin- gen; trostlos wuchs die Großstadtlandschaft dem Tag entgegen., = ZWO!

Cole starrte ungläubig auf das Formular. Er stand an

einem grässlichen, nassen und windigen Montagmorgen im Mai am Fenster seines Hausflurs und las wieder und wieder, was der öffentliche PC ausgespuckt hatte. »Das musste ja an einem Montag kommen.« Er strich mit der Hand über die herrisch roten, elektronisch geprägten Buchstaben: BITTE ÜBERWEISEN SIE DEN BETRAG VON $3.000,00 AN DIE INTERCASH ERFASSUNG. ZU HÄNDEN J. SALMON, AB- TEILUNG ELEKTRONISCHE AUSZAHLUNGEN: ÜBER- FÄLLIGE BEARBEITUNGSSTEUERN … »Überfällige Bearbeitungssteuern«, wiederholte Cole. Der Kaffee in seinem Mund (sein Magen brannte, er hätte keinen Kaffee auf leeren Magen trinken sollen) hatte einen säuerlichen Geschmack angenommen. Den Geschmack von Korruption, dachte er und spuckte in den Mülleimer im Treppenflur. Mit dem Ausdruck in der Hand ging er in seine Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Nachdenklich legte er ihn auf das verstaubte Fernsehgerät. Dann wandte er sich der Nachrich- tenbox an der Seite des Apparates zu, drückte auf den Knopf und überflog die Titelseite, die auf dem Bildschirm erschien. … Präsident unterzeichnet ITC-Frist … Er ließ seinen Blick weiter, gleiten, schnappte ein paar Datenfetzen auf … bis November muss die Umstellung auf das elektronische Finanztransfersystem abgeschlossen sein. Die Gouverneure von Louisiana und Wa- shington haben protestiert und um mehr Zeit gebeten … Senator Wiley beharrt darauf dass genügend Zeit zur Verfügung stand, namentlich eingedenk der langen Liste von Städten, die Instant Transfer bereits einsetzen. … Eine UN-Resolution fordert Fonds zur Realisierung des weltweiten Einsatzes des elektronischen Finanztransfersystems … Da verschwand die Nachrichtenanzeige. Cole blinzelte ver- wirrt. Er warf einen Blick auf die Stecker. Das Gerät war ange- schlossen. Ein anderes Programm erschien, ein Zeichentrick- film, Fucky Graffiti, ein Grundkurs in Pornographie für Kinder: Ein grob skizziertes männliches Geschlechtsorgan – ohne Körper, dafür mit kleinen Beinchen – verfolgte eine flüchtende Vagina. Er drückte auf den Aus-Schalter und die hektischen Genitalien verblassten. Was sollte das? Er drückte wieder auf den An-Schalter und schaltete die Nachrichtenbox zu. »Was zum Teufel ist mit den Nachrichten los?«, murmelte er. Keine Nachrichten. Dafür – Buchstaben, wie elektronisch geprägt: DER NACHRICHTENSERVICE IST BIS ZUR ZAHLUNG DER AEA-BEARBEITUNGSSTEUER EINGESTELLT … »Schweinepriester!«, brüllte er und drosch auf den Aus- Schalter, bevor Fucky Graffiti erneut übernehmen konnte. Er ging zum Telefon. Seine Finger drückten die Tasten fast automatisch, und voller Ungeduld betrachtete er den kleinen Bildschirm. Er kochte innerlich, während er darauf wartete, dass sein Anwalt auf dem Bildschirm auftauchte. »Büro Arthur Topp. Was kann ich für Sie tun?«, hörte er die, Stimme eines jungen Mannes; vermutlich Arts Sekretär. Und Liebhaber. »Tja …«, fing Cole an und starrte dann mit wachsendem Argwohn auf seinen leeren Teleschirm. »Ich muss ihn sprechen. Stu Cole hier.« »Legen Sie Wert darauf, ohne Bild zu sprechen, mein Herr?« Der Junge klang verärgert. Es war sehr unhöflich, jemanden ohne Bildfunktion anzurufen, auch wenn der Empfänger die Möglichkeit hatte, ohne Bild zu antworten. »Äh, nein – mein Monitor funktioniert nicht. Muss wohl re- pariert werden oder so.« »Ich verstehe.« Pause, ein Klicken. »Stu? Was ist mit deinem Bild los? Hast du etwa Angst, dass dich jemand am Montagmorgen zu sehen bekommt?« Topps Stimme. Kein Bild. »Der Bildschirm funktioniert nicht – die AEA hat ihn abge- schaltet. Meine Nachrichtenbox haben sie auch abgeschaltet. Sie wollen mich unter Druck setzen, damit ich zahle. Die Tonver- bindung werden sie auch bald kappen.« »Ist Mama AEA hinter dir her?« »Glaubst du, dass zwischen der Telekom und ITC konzernin- terne Verbindungen bestehen? Ich bin mir fast sicher …« »Gut. Du schuldest ihnen also Geld …?« »Ja, ich – nein! Nein, das behaupten sie nur. Deshalb rufe ich dich an.« »Bei mir hast du auch noch Schulden«, sagte Topp, eher a- müsiert als vorwurfsvoll. »Mhmm. Die werde ich umgehend begleichen, und dein hal- bes Honorar im Voraus. Aber hör zu, es geht um eine Bearbei-, tungssteuer.« »Ach.« Topps Stimme hatte plötzlich einen resignierten Un- terton. »Das.« »Komm schon, dagegen kann man doch wohl angehen –« »Nur wenn du bis vors Bundesgericht gehst. Das dauert al- lerdings. Ziemlich lange sogar. Die Gerichte sind im Augenblick ziemlich lahm gelegt durch die ganzen Verfahren um den Nuklearterroranschlag in Oregon.« »Was? Gegen wen haben die denn Anklage erhoben? Sie ha- ben den Kerl doch nicht einmal erwischt, wie können sie –« »Die Regierung wird verklagt, weil das FBI ihn angeblich hat entwischen lassen. Die Anklage lautet auf Fahrlässigkeit. Will sagen, die Familien von zweihunderttausend Menschen, ver- stehst du – Familien im ganzen Land, die ganze Verwandt- schaft. Es ist dumm von den Gerichten, es überhaupt zur Ver- handlung kommen zu lassen, sie wissen doch, dass sie einen Präzedenzfall schaffen, wenn sie jemandem etwas zusprechen, und sie wissen, dass der Kerl – oder ein anderer – es wieder tun wird. Eine weitere Stadt – unsere vielleicht – verdampft in einem Atompilz, weil irgendein Kerl mit ein paar Semestern Physik so ein Ding zusammenbastelt und Erpresser spielt –« »Ja, klar – wahrscheinlich werden sie alles niederschlagen. Jedenfalls müssen wir irgendwo anfangen –« »Im Ernst«, unterbrach ihn Topp hastig, »die ganze ver- dammte Stadt, Salem in Oregon, ist weg, ausgelöscht, nur noch ein Krater, und verflucht, es könnte genauso gut hier passie- ren.« »Du erzählst mir das, weil du nicht über die Bearbeitungs- steuer sprechen willst. Komm schon.«, »Wie du meinst.« Für eine Weile herrschte Stille bis auf ein Knistern aus dem Lautsprecher unter dem kleinen rechteckigen Bildschirm. Der Monitor war oberhalb einer roten Plastikgabel angebracht. Schließlich sagte Topp: »Ich kann dir da nicht helfen. Wir wissen beide, dass die Bearbeitungssteuer Schwachsinn ist, die Jungs von der AEA sahnen noch mal so richtig ab –« »Schön und gut. Das kann ich ja verstehen. Ich bin daran gewöhnt, Schutzgelder zu bezahlen. Aber ich soll diese angeb- lich überfällige Zahlung jetzt auf einen Schlag begleichen – verstehst du, alle anderen fangen bei Null an. Nur ich soll rückwirkend zahlungspflichtig sein für die ganzen Jahre, die ich ITC-Einrichtungen in Anspruch genommen habe … und weißt du warum?« »Warum?«, fragte Topp, obwohl er es wusste. Cole hörte ihn an seiner Zigarette saugen. »Weil ich die Huren in meinen Club lasse und sie um diese ganzen Steuer- und Schutzgeldgeschichten herumkommen. Die AEA will sie organisieren, und genau das wollen sie nicht.« »Du redest leichtfertig über gefährlichen Kram – hörst dich an, als wären sie die Mafia.« Eine klare Warnung, dass die AEA- Scheißer sehr wahrscheinlich mithörten. »Nenn es, wie du willst«, sagte Cole. »Deswegen sind sie hin- ter mir her – sie haben mich gewarnt – und sie wissen, dass ich den Unterschriften-Aufruf verfasst habe, damit kleinere Läden weiterhin Bargeld verwenden können, und sie wissen, dass ich –« »Cole, verdammt noch mal!« »Hör auf mit dem Gedruckse, Topp! Sie wissen Bescheid. Wenn sie mithören, erfahren sie nichts Neues, Mann.«, »Gut. Sie wissen, dass du die Initiative gegen die Umstellung auf rein elektronische Transfers verfasst hast.« Topps Stimme klang müde. Cole zögerte. Ihm war ein neuer Gedanke gekommen. »Topp, haben sie –?« »Nur Drohungen.« »Also – du wirst mich in dieser Sache nicht vertreten?« »Nur wenn ich unbedingt aus der Anwaltskammer fliegen will.« »Erzähl mir jetzt bloß, das wäre alles legal, Mann. Sie können doch nicht –« »Hör zu, die hiesigen Richter haben auch ihre Bankkonten, und die AEA findet immer einen Grund, jemandem das Kredit- limit zu streichen, wenn er nicht brav ist. Du wirst hier in der Gegend niemanden finden, der zu deinen Gunsten entscheidet. Und wie ich dir bereits erklärt habe, die Bundesgerichte sind für Monate beschäftigt. Du könntest zu, hm –« Er zögerte; dann, etwas zurückhaltender: »Tja, weißt du … ähm –« »Ach, möchtest du mir doch lieber keinen Rat geben?«, fragte Cole erbittert. »Ich muss zu einem Mittagessen. Geschäftlich, äußerst wich- tig –« »Und ob du das musst. Hoffentlich beißt er ihn dir ab«, knurrte Cole und stach mit seinem Daumen auf den Trenn- knopf. Geistesabwesend nahm er eine Zigarre aus einem Schränk- chen neben dem Telefon, zündete sie an, steckte sie sich zwi- schen die Zähne und paffte nachdenklich, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Er ging zum Sofa hinüber, setzte sich, hin und starrte ins Leere. Das niedrige rote Sofa mit seinen schief liegenden, abgewetz- ten Kissen stand schräg in einer Ecke des Wohnzimmers. Er saß dem leeren Bildschirm des tragbaren Fernsehgerätes direkt gegenüber. Das Zimmer war ganz in gebrochenem Weiß gestri- chen, die Leuchten direkt in der weißen Decke versenkt. Coles Fotografien waren die einzige Dekoration: Stadtansichten. Die City. Cole war Amateur-Fotograf. »Ich werde meine Kamera nicht verkaufen«, murmelte er, während er die Fotos betrachtete. »Nicht meine Nikon. Eher verkaufe ich den Club.« Er zog an der Zigarre und sagte: »Hör auf, Selbstgespräche zu führen, du Idiot.« Dann lachte er. Über dreißig mattierte Schwarzweißfotografien waren über die Wände verteilt, so angeordnet, dass sie die Grenzen von Wohnblocks andeuteten. Die meisten zeigten detailgenaue Luftaufnahmen, aus dem Stadtrundflug-Hubschrauber fotogra- fiert. Die City in Gestalt von Halbleiter-Schaltkreisen. »Ich werde den Club nicht verkaufen. Die Arschlöcher kön- nen mich mal«, sagte er laut. Er rieb sich seine größer werdende kahle Stelle und runzelte die Stirn, als er einen Pickel bemerkte. Er verzog seinen ausgeprägten, breiten Mund. Für einen flüch- tigen Moment machte er sich Sorgen um sein Alter, um seinen Bauch, um seine Angewohnheit, Selbstgespräche zu führen, um Perle, ob er einen Privatdetektiv anheuern sollte, um sie zu finden, und ob er sich das leisten konnte. Und um den Schrieb von der AEA. »Wann?«, fragte er niemand Bestimmten. Er stand auf, ging zum Fernseher und nahm das Schreiben in die Hand … IM FALLE UNTERLASSENER ODER UNVOLL-, STÄNDIGER ZAHLUNG BIS ZUM 24. APRIL WERDEN ALLE DIENSTLEISTUNGEN AN DEN CLUB ANESTHESIA EINGESTELLT. »Vierundzwanzigster April. Die wissen genau, dass ich nicht so viel Geld auftreiben kann«, murmelte er. »Und sie kontrollieren das Kreditwesen.« Hör auf, Selbstgespräche zu führen, dachte er. »Du bemühst dich nach Kräften, nicht an mich zu denken, und mit beträchtlichem Erfolg«, sagte jemand, obwohl niemand da war. »Was –? Au Scheiße!«, entfuhr es Cole. Sein Rücken wurde steif, ruckartig verschränkte er die Arme über der Brust. Er sah sich um. Niemand da. Bis sein Blick an dem Gesicht auf dem Fernsehschirm hängen blieb. Der Fernseher war aus. Aber jemand war darauf zu sehen. Eine blinzelnde Linie flimmerte über den Bildschirm und kräuselte das Bild. Dann war er wieder da. Kopf und Schultern eines Mannes. Ein sprechender Kopf. »City …« »Wäre es dir lieber, mich zu vergessen?«, forschte das Ge- sicht auf dem Fernsehschirm. Es war schwarzweiß. »Ja … jedenfalls, was passiert ist. Nicht dich«, sagte Cole, die Knie hochgezogen und aneinander gepresst, die Arme drum- herum geschlungen. Er starrte das ernste Gesicht auf dem Bildschirm an. Spiegelbrille, harte Kanten. Eine unvollendete Büste aus Stein. Das kalte Gesicht des Mannes, der vor seinen Augen von einem Auto zerquetscht worden war. Der herr- schende Geist der Stadt. »Es wird dir schwer fallen, das zu vergessen, sobald du raus- gehst«, sagte City. »Die Leute reden davon. Wenn du bis zum, letzten Beitrag der Nachrichtenseiten gekommen wärst, hättest du eine Meldung über die polizeiliche ›Ermittlung‹ bezüglich der Todesfälle von Samstagabend gesehen. Die Männer, die ich getötet habe.« »Psst!«, zischte Cole entsetzt. »Sie hören nicht mit«, entgegnete City. »Sie können es nicht.« Seine Lippen schienen sich einen Sekundenbruchteil später zu bewegen, als Cole die Wörter hörte. »Ich bin hier ein Bestandteil von allem«, fuhr City fort. »Mit Ausnahme der AEA. Die fühlt sich an wie Krebszellen.« Die harten Gesichts- züge verzogen sich einen Augenblick lang sorgenvoll. »Ich lasse sie nicht mithören …« »Sag mal –« Cole entspannte sich etwas, legte seine Zigarre an den Rand des Aschenbechers und beugte sich vor. »Wenn hier jemand reinkommen würde, während du mit mir sprichst … ähm –könnte er dich sehen?« »Klar. Du hast keine Halluzinationen. Aber mach dir nicht die Mühe, jemanden zu holen. Ich würde verschwinden und niemand könnte mich mehr sehen. Ich möchte nur mit dir und Catz sprechen.« »In Ordnung«, sagte Cole, und seine eigene Stimme klang mechanisch in seinen Ohren. »Soll ich Catz holen?« »Nein. Sie hört später von mir … Jetzt möchte ich dir etwas zeigen.« Das Fernsehbild veränderte sich. Es zeigte jetzt eine Schwarzweißaufnahme – von der Decke aus aufgenommen, aus einer Ecke – von vier Männern, die in einem vornehmen Büro vor einem Tafelglasfenster um einen Tisch herum saßen. »Er- kennst du den Mann am oberen Tischende, Cole?« Citys Bild war verschwunden, aber Cole hörte deutlich seine Stimme, voll, der herzlichen Freundlichkeit eines Zeitansagers, der am Tele- fon die Minuten runterzählt. Cole betrachtete den Mann am oberen Tischende. Eine breit gebaute Gestalt mit kräftiger Gesichtsfarbe, dicken Brillenglä- sern, weißen Haaren (eine Perücke vermutlich) und langen weißen Koteletten. »Rufe Roscoe. Der Mafioso.« »Richtig. Und die anderen?« Der Bursche mit dem karottenroten Flaum auf dem Kopf und den Sommersprossen und dem dümmlichen Blick – »Salmon. Der Anwalt von Intercash.« »Richtig. Die anderen kennst du nicht?« »Nein.« »Dann horche mal …« Neue Stimmen drangen aus dem Lautsprechergitter des Fernsehers. Salmon sagte gerade: » … Rusk hat uns seinen Anteil zum Einkaufspreis überlassen, aus steuerlichen Gründen! Boswell hat Gewinn gemacht, vier Prozent; damit sind wir bei zweiundvierzig, also haben wir als Nächstes –« »Schon gut«, unterbrach ihn Roscoe ungeduldig. »Wo stehen wir jetzt?« Salmon lächelte. »Dreiundfünfzig Prozent.« »Wunderschön!«, sagte Roscoe, obgleich seine Miene keiner- lei Entzücken spiegelte. Er sah aus, als hätte er gerade etwas getötet und dabei leidlich Spaß gehabt. »Aber …«, nahm Salmon zögerlich den Faden wieder auf. Roscoe beugte sich vor. Salmon sagte: » … da wäre noch dieser Topp, er und der Be- zirksstaatsanwalt wollen Anklage erheben wegen illegaler Akti- enaneignung, vielleicht sogar die Gewinne einfrieren –«, »Der Bezirksstaatsanwalt«, ging Roscoe dazwischen. Er sprach leise, doch Salmon unterbrach sich sofort. Roscoe lehnte sich zurück. »Der Bezirksstaatsanwalt ist ein alter Mann. Sollte er einem Herzinfarkt erliegen, würde sich niemand wundern. Ich kenne da einen Arzt … Nun gut, vergessen Sie ihn einfach. Und Topp eventuell auch.« »Es wäre besser, Topp nur einen Schrecken einzujagen. Wenn zu viele Leute verschwinden, die mit dieser Sache zu tun haben …« »Nun gut. Wenn er erfährt, dass wir über die Mehrheit der Anteile von ITC verfügen, schleicht er mit dem Schwanz zwi- schen den Beinen nach Hause …« Roscoe lächelte süffisant und blickte gedankenverloren zum Fenster hinaus. Das Bild verging in Dunkelheit, wurde von City abgelöst. »Woher hast du das?«, fragte Cole heftig. »Roscoe hat die exzentrische Neigung, alles aufzuzeichnen, wie bei Nixon und den Aufnahmen im Weißen Haus, nur hat er aus Nixons Fehlern nichts gelernt. Er besteht darauf, weil die Jungs aus seinem Umfeld einander nur ans Messer liefern, wenn sie ihre eigenen kleinen rosa Schwänze in Sicherheit gebracht haben. Also hat er sich ein Archiv mit unwiderlegba- ren audiovisuellen Aufzeichnungen angelegt, so dass er jeden, der unter FBI-Schutz gegen ihn aussagt, mit reinreiten kann. Diese Aufnahmen führen in jedem Fall zur Anklage. Die Mit- glieder des Ausschusses wissen Bescheid – ein gutes Abschrek- kungsmittel gegen Verrat. Er richtet die Kameras selbst aus und kümmert sich persönlich um die Filme, die dann in einen Tresor wandern.« »Ziemlich dumm von ihm. Wahrscheinlich ist das Risiko, größer, dass die Bullen ohne sein Einverständnis an sie ran- kommen, als die Gefahr, die er abwenden möchte. Es ist wirk- lich äußerst blöd, diese Filme aufzubewahren. Wenn die FBIler je einen Durchsuchungsbefehl für diesen Tresor bekommen …« »Stimmt«, sagte City. »Zum Glück ist ihm das nicht bewusst. Er kennt nur seine Sicht der Dinge und ist ziemlich dickköpfig. Hält sich für unfehlbar.« »Warum zeigst du das dann nicht dem Polizeipräsidenten, auf seinem Fernseher?« »Er steckt mit der AEA unter einer Decke. Außerdem kann ich mit ihm keinen Kontakt aufnehmen. Jedenfalls nicht so leicht. Er wäre überzeugt, den Verstand zu verlieren. Du – bei dir habe ich das Gefühl, als würdest du mich heraufbeschwören. Ich dringe zu dir durch. Jedenfalls, als einziges Beweismaterial würden die Aufzeichnungen nicht genügen, da unser Zugang zu ihnen illegal ist. Gesetzeswidrige Aneignung von Beweisen.« »Ich verstehe. Weil wir sie stehlen müssten. Und beim der- zeitigen Stand der Dinge würde sich das FBI kaum überzeugen lassen, einen Durchsuchungsbefehl zu organisieren … Moment mal – wie kannst du mir Aufnahmen zeigen, die in seinem Tresor liegen?« »Das Band befindet sich in seiner Schneidemaschine. Er hat es gerade eben durchgesehen, die Gesichter seiner Komplizen nach verräterischem Mienenspiel abgesucht, als er unterbro- chen wurde. Er hat das Schneidegerät im Tresorraum angelas- sen. Ich habe die Aufzeichnungen zurückgespult und abgespielt und gleichzeitig durch eine elektronische Verbindung hierher übertragen. Die Stromquelle –« »Aber das hier ist ein Fernseher!«, »Nein, das ist ein Teil von mir. Ein Fernsehgerät ist ein me- diales Ventil der Stadt. Ein Neuron in meinem Gehirn. Ich übertrage die Bilder vom Band auf elektrische Muster, schicke sie die Kabel entlang und speise sie in deinen Fernseher – mittels einer Art Telekinese. Manipulation von Elektronik durch Gedanken. Nachts verfüge ich über sämtliche zerebralen Batterien der City. Das Gehirn speichert Elektrizität. Ich kann jeden anzapfen, der schläft … Über Tag stehen mir nur die zur Verfügung, die tags schlafen – weit weniger, also bin ich da eingeschränkt. Immerhin unterstützen mich alle, die fernsehen, denn das ist auch eine Form des Schlafes … Ich bin die Summe der unbewussten Erkenntnisse jedes Gehirns in der Stadt. Auch Rufe Roscoe steckt in mir drin – ich bin seine Selbstverach- tung.« Er hielte inne, während Cole versuchte, das alles zu verdau- en. Dann fragte City: »Warum, glaubst du, habe ich dich heraus- gegriffen, Cole?« »Warum?« »Weil … du nicht vor Angst zu schreien anfängst. Du bist nervös, aber du bist nicht desorientiert. Die meisten Leute wären entsetzt, wenn ich so vor ihnen auftauchen, unmittelbar mit ihnen sprechen, ihnen all dies erzählen würde. Du verstehst die übergeordnete städtische Wirklichkeit instinktiv. Die ge- heimen Geometrien der City.« »Tja … wenn du meinst.« »Außerdem hast du Portraits von mir, Cole, überall an dei- nen Wänden.« Cole lächelte., City blieb ernst. »Also«, Cole räusperte sich und senkte den Blick. »Ich nehme mal an, du willst etwas von mir – dass ich etwas für dich erledi- ge. Stimmt's?« »Jemand muss sie aufhalten.« »Die Mafia?« Cole warf einen Blick auf die Zahlungsauffor- derung und nickte. »Mein Club bedeutet mir alles.« »Ja. Die Mafia …« Nur die Mafia?, fragte sich Cole. »Vielleicht«, fuhr er fort, »könnte ich jemanden anheuern, der in den Tresorraum ein- bricht, die Bänder klaut und sie als Beweismaterial an die Zei- tungen gibt, wenn die FBIler schon nicht –« City schüttelte den Kopf. »Nein, ohne meine Hilfe kommen sie da nicht rein. Du vielleicht – aber sie würden dich umbrin- gen, wenn du die Bänder erst hast. Lass uns als Erstes in ihrer Organisation Zwist stiften. Sie sollen einander an die Gurgel gehen; die Videos sparen wir uns auf, bis sie schwach sind, und zaubern sie hervor, wenn wir die AEA vor Gericht gebracht haben. Dann spielen wir sie den Zeitungen zu, damit die Ge- schworenen sich auf sie stürzen. Langfristig kann ich dir Zu- gang zum Tresorraum verschaffen. Aber es gibt noch einiges Andere, was du zuerst tun musst. Du und niemand sonst.« Cole schüttelte den Kopf. City nickte grimmig. Cole schüttelte wild den Kopf. »Hey – ich kann dir bei der Planung helfen, ich kann dir Leute vermitteln, die – die für dich die Arbeit machen. Aber ich selbst bin dazu nicht imstande. Ich bin nicht James Bond, Alter. Ich bin ganz schlecht in Form.« »Du bist der Einzige, mit dem ich zusammenarbeiten kann., Du und diese Frau. Vielleicht nicht einmal sie. Das wird sich zeigen.« »Was zum Teufel kann ich schon tun?« »Sehr, sehr viel, mit meiner Unterstützung. Du hast gesehen, wie es den Vigilanten ergangen ist. Wie sie sich nennen.« Cole dachte nach. Er schnappte sich seine Zigarre aus dem Aschenbecher, zündete sie wieder an und paffte violette Wol- ken. »Sie werden mir meinen Club wegnehmen«, sagte er, um sich selbst zu überzeugen. »Mir bleibt nichts. Sollen sie mich umbringen, na und?« Doch seine Hand zitterte und die Asche löste sich von der Glut seiner Zigarre. »Als ich vor zehn Jahren den Club gekauft habe, dachte ich, ich hätte es geschafft. Es sah so leicht aus. Jede Woche war es ein Kampf, schon um die –« »Cole«, unterbrach City ihn, »ich kann dir helfen, sie aufzu- halten. Ich kann ein paar Dinge in Bewegung setzen, die ganz nützlich sein dürften. Allerdings nur nachts. Denk daran. Mit dir sprechen kann ich tagsüber … manchmal.« »Das ist mir klar.« »Bring die Frau heute Abend mit, um sieben.« »Catz? Und wenn sie einen Auftritt –« »Sie kommt. Zu dir kann ich mit Hilfe technischer Mittel sprechen – doch zu ihr habe ich eine stärkere psychische Ver- bindung. Sie ist zugänglich. Wir werden sie brauchen können, zumindest eine Zeit lang.« »Was soll das heißen, eine Zeit lang?« City ignorierte die Frage. »Deine Assistentin soll sich heute Nacht um den Club kümmern. Du und Catz, ihr kauft euch Masken und Schusswaffen. Ihr geht zum Pyramid Building., Fahrt rauf zum achtzehnten Stock. Da gibt es Wachmänner. Mit denen werden wir fertig.« Angst schnürte Cole die Kehle zu. Das Schwindelgefühl war verflogen. Sein Herz war bleischwer – vor seinem inneren Auge sah er sich selbst mit der Zielscheibe eines Scharfschützen auf der Brust. Cole räusperte sich und brachte heraus: »Hör mal – ich glaube nicht, dass ich bereit bin, jemanden umzubringen. Zumindest noch nicht. Ich kann das nicht ein- fach so.« »Das musst du auch nicht – noch nicht«, sagte City mit zu- nehmend heiserer Stimme. Das Fernsehbild flackerte, ver- schwand … und erschien wieder, etwas verschwommener. »Ich kann den Kontakt nicht mehr lange aufrecht erhalten, Cole. Also hör zu – ich werde heute Nacht bei euch sein. Ich kann keine physische Gestalt mehr annehmen, es sei denn, ich finde das ideale Gefäß, jemand, von dem ich leicht Besitz ergreifen kann …« Etwas lief kalt und brennend wie Trockeneis Coles Rücken hinunter. Das ideale Gefäß … City (seine Stimme wurde immer leiser) fuhr fort: »Ich muss jetzt weg – ich werde heute Nacht bei euch sein. Sie wird mich spüren und du wirst es wissen. Aber ich kann die nicht umbrin- gen, noch nicht. Sie gehören zum Syndikat, also würden einfach andere ihren Platz einnehmen. Wir müssen das aus der Stadt schaffen – die AEA selbst ist –« »Ich weiß nicht recht«, murmelte Cole. »Ich bin mir nicht sicher, ob das so erstrebenswert ist, selbst wenn es machbar wäre –« Die ganze Zeit hatte City gleichbleibend gelassen geklungen., Jetzt plötzlich verzerrte Wut seine Stimme und mischte sich mit einem hohen Pfeifton, einem schmerzhaften Kreischen, das Cole in die Gehörgänge fuhr. »Wir alle sind nichts als Mario- netten, Cole, und die halten die Fäden in der Hand! ITC ist eine als Dienstleistung getarnte Seuche! Bring die Frau heute Abend hierher.« Und dann erlosch der Bildschirm. Cole blieb sitzen und starrte auf die Mattscheibe. Er konnte nicht aufhören, über einen beängstigenden Beiklang in Citys Stimme nachzugrübeln. Als City über die ITC als Drahtzieher einer gewaltigen Verschwörung hergezogen war, erinnerte das Cole an eine andere Stimme – bei einem anderen Anlass. Eine Stimme am Telefon, als Catz und er nur so zum Spaß die Hot- line der Amerikanischen Nazipartei angerufen und kichernd dem Gegeifer gelauscht hatten, das sich über die Verschwörung der Juden, kommunistischen Neger und Homosexuellen aus- ließ. Die Stimme des Nazis hatte diesen Beiklang absolut uner- weichbarer Verbohrtheit gehabt … wie bei City. Aber irgendwie wusste Cole, dass er tun würde, was City ver- langte. Cole schaute auf die Fotos an den Wänden. Er könnte diese Stadt nie verlassen. »Wenn er uns hilft, wozu brauchen wir dann Knarren?«, fragte Catz. Sie saßen gemeinsam im Fond eines gemieteten Wagens. Zwischen sich, auf dem geschwungenen Vinylsitz, lag eine Papiertüte, am offenen Ende säuberlich gefaltet und mehrfach umgeknickt. Sie enthielt zwei 38er und zwei Gummimasken., »Du warst dabei und hast genauso viel gehört wie ich«, sagte Cole und sah auf die Uhr. Bei der Einsatzbesprechung – kurz und äußerst knapp – hatten sie keine Zeit gefunden, City Fra- gen zu stellen. Er hatte vom Bildschirm aus Anweisungen heruntergeleiert. »Er hat das eigentlich gar nicht erklärt. Das mit den Waffen.« »Wahrscheinlich benötigen wir sie wegen der Wachen, und die Männer im Sitzungssaal könnten auch bewaffnet sein. Roscoe zumindest. City kann uns nicht alles abnehmen. Also brauchen wir die Kanonen, um zu bluffen –« »Wir wedeln ihnen damit vor dem Gesicht herum? Ist das alles?« »Hoffentlich.« Coles Hände lagen feucht auf dem Fiberglas des Lenkrads und seine Handflächen verursachten saugende Geräusche, als er sie herunternahm, um den kalten Schweiß an der Hose abzureiben. »Wir stellen ihn nicht in Frage«, bemerkte sie. Diese Feststel- lung schien sie nicht zu beunruhigen. Cole nickte. »Das ist schon seltsam. Aber – das ist wahr- scheinlich auch der Grund, warum er uns ausgesucht hat – wir sind, äh – wir sind, na ja –« Cole rang um Worte. »Städtische Eingeborene. Wildnis-Eingeborene tragen sich auch nicht mit Zweifeln, wenn sie von Naturgeistern angespro- chen werden.« »Vielleicht ist es das«, räumte Cole ein. Ihm wurde bewusst, dass sie abstrakte Zusammenhänge besprachen, um sich von der Gefahr abzulenken, die vor ihnen lag. Er sah erneut auf die Uhr. Sein Herz sackte. »Es ist so weit«, sagte er. Catz langte auf den Rücksitz und zerrte eine große Einkaufs-, tasche aus Lederimitat nach vorn, in der ein Aufnahmegerät steckte. »Hoffentlich stimmt es, das Stimmprofile sich von Person zu Person unterscheiden. Andernfalls ist der ganze Aufwand« – sie stopfte die Masken in die Einkaufstasche und ließ den Trageriemen über ihre Schulter gleiten – »umsonst.« Mit fatalistischer Geste stieß Cole den geladenen Revolver in die Innentasche seiner Jacke, sodass er mit dem Kolben nach oben gegen seine Brust drückte. Er bedeckte die Wölbung mit einem Mantel, den er sich über die linke Schulter legte. Catz schob ihre Waffe in die Handtasche. Dann stieg sie aus dem Auto. Beide trugen ausgemusterte Militäroveralls über ihrer gewohnten Kleidung. Die Autotüren fielen ungewöhnlich laut ins Schloss und Cole zuckte zusammen. Er holte tief Luft und marschierte durch den milden Maiabend zum Haupteingang des stiftförmigen Pyra- mid Building. »Achtzehnter Stock«, murmelte er. Die Straße war verlassen: Dies war ein Geschäftsviertel und um diese Zeit fast ausgestorben. Von der Market Street ein paar Blocks weiter rief leise das Nachtleben. Ein einzelnes Auto fuhr die Straße entlang und schien langsamer zu werden, als es sich Cole näherte. Er musste sich zusammennehmen, um nicht loszulaufen. Doch der Wagen fuhr weiter, bog um eine Ecke und verschwand. Und dann waren sie am Eingang. Cole blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken. Das pyramidenförmige Gebäude war lang, schmal und unbe- lebt, mit Ausnahme dreier Fenster, die im achtzehnten Stock leuchteten. Cole sah Catz an und schluckte. Catz zupfte ihn am Ärmel., Gemeinsam stießen sie die Glastüren auf. Ein bewaffneter Wachmann stand neben dem Aufzug. Aller- dings mit dem Rücken zu ihnen. Cole folgte seiner Blickrich- tung: Der Mann starrte zwei Feuerlöscher an, die im Korridor rechts neben dem Aufzug an der Wand hingen. Die Feuerlö- scher sprühten wild mit Löschschaum um sich, ihre Schläuche zuckten und peitschten vor Überdruck und die vibrierenden Chromzylinder schlugen mit monotonem Donnern gegen die Wand. Der Wachmann – er starrte die manischen Feuerlöscher an, sah Cole und Catz nicht – ging den Flur entlang, schüttelte den Kopf, überlegte, was er tun sollte. Bemüht, dem heraus- schießenden Schaum auszuweichen, tastete er zaghaft nach der Düse, suchte einen Schalter, der die Zufuhr unterbrach … Cole und Catz liefen mit den Händen am Griff ihrer Waffen zum Fahrstuhl. Die Türen öffneten sich augenblicklich vor ihnen. Ein Blick zum Wachmann, doch er wandte ihnen immer noch den Rücken zu. Sie betraten den Aufzug und Cole meinte Catz' Herzschlag im Gleichtakt mit seinem zu hören. Sie atme- ten gleichzeitig aus, als sich die Türen hinter ihnen schlossen. Sie brauchten keinen Knopf zu drücken – die Schaltfläche mit der 18 leuchtete auf und der Fahrstuhl fuhr aufwärts. »Danke, City«, hauchte Cole, ohne eine Antwort zu erwarten. Doch Citys Stimme drang aus der Sprechanlage neben der Knopfleiste: »Zieht eure Masken über. Oben sind noch mehr. Zwei reguläre Wachleute und zwei Mietkiller, die einen im Flur und die anderen im Büro. Die Wachleute oben wissen, dass jemand ohne Genehmigung das Gebäude betreten hat – sie behalten die Stockwerksanzeige im Auge und der Wachmann unten hat Anweisung, sie anzurufen, wenn jemand herein-, kommt – also haben sie sehr wahrscheinlich ihre Waffen schussbereit. Ich werde sie ablenken, aber stellt euch darauf ein, eure Waffen zu gebrauchen – versucht sie möglichst leise außer Gefecht zu setzen.« Sie holten ihre Gummimasken hervor – beides traurige Pen- nerfratzen – und zogen sie über. Cole fing sofort zu schwitzen an, seine Haut juckte von der Berührung mit dem Gummi. Es war eng und stickig in diesem unwirklichen Gesicht. Cole zog seine Waffe, und die Türen des Aufzugs öffneten sich.,

Drr- EIII! Da lag ein toter Mann und blutete auf den Teppich. Über

ihm stand ein weiterer Mann mit einer rauchenden Waffe in der Hand. Beide Männer trugen Uniformen; der Stehende weinte. »Hee – das sieht nur so aus, wirklich!«, sagte er und wandte sich dem Aufzug zu. »Die Knarre ist einfach losgegan- gen …« Dann sah er ihre Masken. Er hob seine Waffe und feuerte. Cole und Catz hatten sich bereits flach gegen die Seiten des Aufzugs geworfen. Cole blieb vor Unentschlossenheit wie angewurzelt stehen: Das Feuer erwidern? Die Aufzugstüren schließen? Sich ergeben? Aber Catz feuerte einen Schuss ab und der Wachmann fiel um, eine Kugel im Leib. Er krümmte sich auf dem Teppich zu ihren Füßen und rief irgendeinen Namen. Oh Gott, dachte Cole. Im Fernsehen sind sie immer gleich tot. Der Mann lag auf dem Bauch, schrie wie ein geohrfeigtes Kind und versuchte den Fluss des Blutes aus seinem zerfetzten Bauch aufzuhalten, sein Gesicht war schneeweiß und seine Mütze eierte neben ihm auf dem Boden, als wiegte sie sich voll Mitleid. Cole hob seine Waffe, unterdrückte ein Winseln und feuerte, auf den Kopf des Mannes. Noch mal. Und noch mal. Zwei der Kugeln gingen fehl. Eine traf den Mann von hinten in die rechte Schulter. Catz schlug Coles Waffe nach unten und fragte: »Was machst du da?« »Ich hab versucht – ihn von seinen …« stammelte Cole. »Ich wollte ihn nicht dort treffen: Ich habe auf seine Beine gezielt. Vielleicht überlebt er es. Gib ihm eine Chance.« »Glaubst du, öhm, City hat – äh, seine Waffe losgehen lassen, um den anderen zu töten?« Catz kam nicht zum Antworten. Sie wurden aus zwei Rich- tungen angegriffen. Von vorn tauchten aus der Empfangshalle vor dem Konferenzraum zwei untersetzte Männer mit Halb- glatzen und dunklen Anzügen auf. Die Revolver im Anschlag kamen sie auf sie zu, drückten ab und – ihre Waffen feuerten nicht. Verblüfft starrten sie darauf hinunter, während von rechts ein Autosecur heranrumpelte, einer dieser einfältigen Roboter, die 1979 als Wachen für Warenlager und geschlossene Kaufhäuser auf den Markt gekommen waren. »Bleiben Sie stehen und bewegen Sie sich unter keinen Umständen«, erklang eine gebieterische mütterliche Stimme aus dem runden Chrom- kopf des Roboters. Seine Arme, dicht segmentiert wie Staubsau- gerschläuche und mit stumpfen Greifwerkzeugen versehen, hoben sich und umklammerten die beiden überraschten Si- cherheitskräfte. Er wiederholte seine »Bleiben Sie stehen und …« – Litanei und dämpfte damit den Protest des Größeren: »Hee, was soll'n der Scheiß, du Spinner sollst doch –« Er brach ab, als die Befreiungsversuche seines Kumpels ein grelles Blitz- licht am Kopf des Autosecur auslösten, das aus dieser Nähe, beide Männer vorübergehend blind machte. Cole und Catz blinzelten die verschwommenen farbigen Wirbel weg, die der Blitz hinterlassen hatte. Die Männer in den Armen des Autosecur zappelten, fluchten und schüttelten die Köpfe, als könnten sie sich so von ihrer Blindheit befreien. Ein kleines rotes Lämpchen blinkte auf der zylinderförmigen Brust des Roboters, an und aus, und zugleich zuckten und zitterten die beiden Wachleute, als der Computer sie mit kurzen Elektroschocks impfte. Dann erlahmte ihre Gegenwehr, erschöpft und verwirrt; einer fing zu weinen an; Gas zischte aus einer Öffnung an der Naht zwischen Kopf und Brust der Maschine, und die Wachen ließen sich – durch das Lachgas wie hysterische Kinder kichernd – abschleppen, den Flur hinunter … Durch die offene Tür der Vorhalle sah Cole, wie sich der Eingang zum Konferenzraum öffnete. »Was zum Henker ist hier los?«, fragte eine unsichtbare Gestalt, als die Tür nach außen schwang. »Wir versuchen hier –« Cole wollte sich umdrehen und weglaufen, doch Catz, die er im Verdacht hatte, dass sie das Ganze irgendwie genoss, sprang mit erhobener Waffe vor und zerrte sich dabei die Maske tiefer übers Gesicht. »Sofort wieder da rein«, brüllte sie mit künstlich heiserer Stimme. Cole rannte ihr nach, der Raum tanzte vor den klebrigen Au- genschlitzen seiner Maske. Durchdringender Gummigeruch erfüllte seine Nase. Der Mann hing im Türrahmen wie sein erstaunter Ge- sichtsausdruck zwischen seinen Hängebacken, dann stolperte er hektisch rückwärts, verlor das Gleichgewicht und plumpste auf, seinen breiten Arsch. Catz und Cole drängten sich in den Raum und schwenkten ihre Waffen. Jemand rief: »Verdammt, die wollen uns entführen!« Es waren fünf Männer, das entsetzte Knäuel auf dem Boden eingerechnet, und Cole erkannte nur Rufe Roscoe und seinen Anwalt Salmon. Zwei der Männer sahen keine Spur verängstigt aus: Roscoe und ein Auswärtiger (nach dem New Yorker Schnitt seines Anzugs zu urteilen), ein blassgesichtiger Mann mit schwarzen Augenringen und einem höflichen, geschäftsmäßigen Lächeln auf den fischigen Lippen. Cole fiel sein Text wieder ein. »Na schön«, sagte er zu Sal- mon und hoffte, dass es skrupellos genug klang. »Wen soll ich nun umlegen? Alle oder nur den, von dem die Rede war?« Der Auswärtige wandte sich gelassen, aber mit fragendem Blick Salmon zu. Als Cole das Profil des Mannes sah, erkannte er ihn: Gullardo, der Kurier der Mafia. Sein Profil war auf einem Foto in einem Zeitschriftenartikel gewesen. Cole lächelte unter seiner Maske: Den Jungs vom Syndikat würde es nicht gefallen, dass ein Anschlag stattfand, wenn einer der ihren zugegen war. Gut. Cole hob seine Waffe und zielte auf Gullardo. »Soll ich ihn erledigen oder nicht?«, fragte er Salmon. »Wa- äh – nein!« »Haben Sie es sich anders überlegt?«, hakte Cole nach. In diesem Augenblick löste sich ein Schuss aus seiner Waffe. Er starrte die Waffe entgeistert an. Er hatte nicht abgedrückt. Aber Gullardo brach zusammen, würgte an seinem Blut, die Kehle aufgerissen., »O Scheiße, City!«, sagte Cole und stolperte rückwärts. Er drehte sich um und rannte los. Catz folgte ihm, rief etwas, das er nicht verstand. Im Türpfosten zu seiner Rechten erschien plötzlich ein Loch, als er vorbeirannte, und Splitter stachen ihm in die Wangen. Die Aufzugtüren standen offen, schienen zu warten. Catz und Cole warfen sich in den Aufzug, flach an die Wände ge- drückt. Eine weitere Kugel fetzte knapp unterhalb der Decke in die Wand, ein paar Zentimeter über Coles Kopf. »Jesus-Maria- verdammte-Scheiße«, die Aufzugtüren schlossen sich. Etwas schlug von der anderen Seite mit einem metallischen Pling eine leichte Delle hinein. Dann glitten die inneren Türen davor und sie sanken abwärts. Siebzehnter Stock … zwölfter … achter … fünfter … »City, halt im ersten Stock!«, brüllte Cole. »Lass uns da raus, wir nehmen die Treppe, sonst nehmen uns die Wachleute im Parterre –« Doch der Aufzug fuhr am ersten Stock vorbei und öffnete sich im Erdgeschoss. Catz und Cole duckten sich und Catz feuerte wild drauflos. Niemand. Eine Kugel durchschlug die Fensterfront und hinterließ eine Korona feinster Spinnwebrisse um das Durchschussloch. Die Wache war nirgends zu sehen. Cole verließ hinter Catz vorsichtig den Aufzug. Zur Linken, einige Meter den Flur hinunter, lag der erste Wachmann, den sie gesehen hatten, auf dem Bauch. Neben ihm stand ein Feuerlöscher. Der Schlauch führte über den Teppich zu seinem Gesicht und das Ventil – »Durchs Auge!«, zischte Cole angewidert. Ohne zu überlegen eilte Cole den Korridor entlang und, drückte die Türklinken herunter, bis er – die dritte Tür – ein offenes Büro fand. Drinnen auf dem Schreibtisch stand ein Telefon. Er drückte die Null, um ein Amt zu kriegen, und schaltete die Bildfunktion ab, um eine visuelle Aufzeichnung zu vermeiden. »Was machst du da?«, wollte Catz wissen. »Wir müssen weg, nichts wie raus hier!« »Ich ruf einen Krankenwagen …« Er bekam kein Amt. Stattdessen erklang Citys Stimme: »Haut ab, Cole, beeilt euch. Ich kann ihre Anrufe zu ihren Kumpanen nicht mehr lange abblocken –« »Hier liegen halb zerfetzte Leute rum«, sagte Cole, seine Stimme klang hoch und dünn. »Die müssen –« »Die müssen sterben«, sagte Citys Stimme, eine Stimme so kalt und hallend wie eine Straße in der Innenstadt um Mitter- nacht im Winter. »Je weniger Zeugen, desto besser. Die AEA wird den ganzen Vorfall zu vertuschen wissen, damit ihre Verbindung zu Gullardo nicht bei einer Untersuchung ans Licht kommt. Sie werden ihn wegschaffen und behaupten, er wäre woanders umgebracht worden –« Wutschnaubend hämmerte Cole mit der Hand auf den Knopf, der die Verbindung unterbrach. Catz wartete unruhig im Korridor. Mit steifen Bewegungen folgte Cole ihr zum Auto … Ein paar Straßenecken weiter südlich zogen sie die Masken und die Overalls aus und Cole wischte sich den Schweiß vom Gesicht. »Ich glaube, ich kriege von diesem Gummizeug einen Nesselausschlag«, murmelte er. Catz fuhr schweigend weiter. Cole fragte (denn er brauchte den Klang ihrer Stimme):, »Meinst du, die Bullen kommen?« »Nein. City blockiert solche Anrufe. Und ich glaube nicht, dass sie Bullen dabei haben wollen, bevor sie Gullardo losge- worden sind. Falls er überhaupt tot ist.« »Das –« Cole drehte sich der Magen um. Er schluckte Säure hinunter. »Dasselbe hat City … am Telefon gesagt … Er hat mich keinen Krankenwagen rufen lassen.« Zwischen ihnen lag etwas in der Luft, dass ihnen beiden Angst machte; eine unausgesprochene Erkenntnis: City hatte sie belogen. »Es ist nicht so gelaufen … wie er gesagt hat …«, murmelte Cole schließlich. Mit einem defensiven Unterton – obwohl sie sich nicht zu verteidigen brauchte – sagte Catz: »Hey, Stu – niemand ist unfehlbar. Er kann nicht alles unter Kontrolle haben. Er ist nicht der Zeitgeist persönlich. Er muss improvisieren, wie es gerade kommt.« Irgendwie schien es, als verteidigte sie City nur, um Coles Gefühle zu schonen; damit er nicht durchdrehte. »Ich habe den Schuss auf Gullardo nicht abgefeuert«, sagte Cole tonlos. »City hätte nicht –« »Was?« Sie wandte ihm plötzlich ihre Aufmerksamkeit zu und vergaß darüber fast, dass sie in einem Auto saß. Cole trat instinktiv auf eine nicht existierende Bremse, als sie fast eine rote Ampel überfuhren. Halb auf der Kreuzung blieben sie stehen und Catz legte den Rückwärtsgang ein. Die Straße war hier fast leer, mit Ausmahne einiger finsterer Gestalten, die sich hinter dem getönten Glas einer schwach beleuchteten Bar abzeichneten, den steilen Hügel hinunter auf der rechten Seite. »Ich habe ihn nicht erschossen. Ich habe nicht abgedrückt., City hat den Schuss ausgelöst.« »Na, vielleicht –« Sie hielt inne, als die Ampel auf Grün um- schaltete und sie Gas geben musste. Das Auto fuhr rückwärts. »City, lass das!« Sie stieg auf die Bremse und der Wagen kam bockend zum Stehen. »Du hast noch den Rückwärtsgang drin«, sagte Cole mit ei- nem schwachen Lächeln. »Als du auf die Kreuzung gefahren bist und wieder zurück musstest, hast du –« »Oh!« Sie lächelte verlegen, schaltete und entspannte sich, als der Wagen vorwärts anfuhr. »Richtig.« Sie zögerte. »Jedenfalls – vielleicht wusste City nicht, dass wir auf Gullardo treffen, und unter den Umständen war das einzig Mögliche, ihn zu töten. Aber – Mann, ich weiß wirklich nicht, warum das nötig sein soll …« Cole merkte, dass er stocksteif und mit durchgedrücktem Kreuz dasaß. Er zitterte. Er versuchte sich bewusst zu entspan- nen und sein Körper erzitterte. Er ließ sich gegen die Tür sak- ken, drückte auf den Knopf, der das Fenster öffnete, und atmete die kühle, frische Luft tief ein. »Ich brauch was zu trinken.« »Oder vielleicht …«, fuhr Catz fort und nagte mit den Schneidezähnen an ihrer Unterlippe, »vielleicht hast du ja abgedrückt. Da kannst du dir nicht sicher sein, das ist wie bei einem Unfall. Dein Finger kann gezuckt haben …« Coles Stirn legte sich in Falten. Vielleicht hatte er es getan und nicht City. Was denn getan?, dachte er wütend. »Getötet«, murmelte er laut, um sich an den Klang zu gewöhnen. »Ja, gewöhn dich lieber dran«, sagte Catz. »Ich mag es nicht, wenn Du meine Gedanken liest, ohne dass, ich dich darum gebeten habe«, sagte er leise. »Tut mir Leid. Ich habe nur etwas aufgefangen, aus Verse- hen.« »Ja. Klar. Sicher. Schwachsinn.« »Hör mal, mach nicht mir die Hölle heiß, Stu. Du bist doch nicht auf mich wütend.« »Woher zum Teufel willst du wissen, auf wen ich wütend bin?« Seine Stimme bebte. Er starrte geradeaus. »Außer du liest meine Gedanken.« »Nein. Ich kann das eh nicht dauernd tun. Ich weiß, worüber du dich aufregst, weil ich dich kenne. Das merke ich schon an der Art, wie du deine Hände hältst. Als müsstest du dich daran hindern, dir selber die Fäuste in die Fresse zu hauen, Schlamper. Gib's zu: Du hast eine persönliche Schuld zu begleichen. Schieb das nur nicht mir in die Schuhe. Ich unterschreib deine Schuld- scheine nicht.« Cole zitterte. Er versuchte damit aufzuhören und konnte es nicht. Es fühlte sich an, als müsste er zittern und immer weiter zittern, bis das Auto auseinanderfiel. Es fühlte sich an, als würde er zerbrechen oder ersticken. »Lass mich hier raus«, sagte er plötzlich. »Ich brauch Bewegung. Wir sehen uns im Club. Ich muss nachdenken.« Sie bremste hart. »Vielleicht sehen wir uns im Club.« Er stieg aus. Sie fuhr an, ehe er die Tür zumachen konnte. Das Auto schoss vorwärts und die Tür knallte zu, als wäre sogar der Wagen wütend. Er schaute sich um und stellte fest, dass er keine Ahnung hat- te, wo er sich befand. Er stand auf der Polk Street. Er holte tief Luft und zitterte., Die Nacht schien ungewöhnlich kalt zu sein. Eine große, flachsblonde Frau, so konservativ gekleidet wie eine Empfangsdame, hielt einer Gruppe von vier Teenie- Strichjungen einen Vortrag. »Es ist mir egal, ob ihr mir das abnehmt – ihr werdet von selbst darauf kommen. Glaubt mir. Die Gewerkschaft ist auf Dauer die einzige wirksame Waffe gegen die Vigilanten, und gegen die Bullen und alle anderen Fieslinge, die euch verarschen wollen.« Eine Vertreterin der Prostituiertengewerkschaft. Cole ließ sich langsam außer Hörweite treiben. Er ging an einer Kneipe vorbei, durchschritt den warmen Luftstrom des Abluftrohres, es roch nach Bier und Wein und Dope und Tabak und trug den Lärm der Betrunkenen mit sich, die einander zu übertönen versuchten. Er kam an einem Video- und CD-Rom-Laden vorbei, schlenderte durch das bunte Licht, das Dröhnen der Musik. Er durchquerte eine Gegend, die fast ausschließlich von Homose- xuellen bewohnt war. Es war eine fröhliche Gegend, voller Gelächter und Zuneigung. Die Schwulen akzeptierten so ziem- lich jeden, und manchmal ging er in Schwulen- und Lesben- bars, um Männer mit Männern und Frauen mit Frauen flirten zu sehen. Er beobachtete Männer, die Männer streichelten … Ihm gefiel das Gemeinschaftsgefühl, das sich in ihren Zärtlich- keiten ausdrückte, die allgemeine Entspanntheit, die fröhliche Rebellion. Cole hatte seine Heterosexualität mehr als einmal bedauert. Manchmal dachte er wehmütig, dass sein erotisches Feuer wieder auflodern würde, wenn es ihm nur gelänge, so gemeinschaftlich zu lieben wie die Schwulen, besonders seit sie endlich über den Impfstoff verfügten., Er kam an einer Horde Drag Queens vorbei und lauschte von Weitem ihrer Unterhaltung. … »Aber Miss Dodo, schau dich doch an, Schätzchen, mit der Haarfarbe hast du wohl etwas übertrieben. Heutzutage trägt niemand mehr Grün, das nächste Auto verwechselt dich mit einer Ampel und fährt dich um.« Cole lächelte schwach. Es klappte nicht. Er versuchte sich in der City zu verlieren. Und es klappte nicht. Sein Schmerz schirmte ihn gegen den Rest der Welt ab. Und er lief zu schnell. Die bärtigen Männer in Armeestiefeln und Jeans, schwule Motorradritter in Leder mit herausgetrenn- tem Hosenboden, Pärchen und Dreier und Gruppen aus bis zu acht und zehn Leuten, die Joints herumgehen ließen und sich küssten und sinnlose Witze rissen, auf dem Bürgersteig vor ihm – er musste sich immer wieder zwischen ihnen hindurchdrän- geln. Eine Drag Queen sah ihn wütend an und sagte: »Latsch mir bloß nicht auf meine Pumps, Mädel, ich hab mir die Quäl- geister gerade erst gekauft.« »Tschuldigung«, murmelte Cole und schob sich verzweifelt weiter. Sein Herz hämmerte. Er versuchte, vor dem Bild wegzulaufen … es zu unterdrük- ken … es blitzte auf: Da lag ein toter Mann und blutete auf den Teppich. Über ihm stand ein weiterer Mann mit einer rauchenden Waffe in der Hand. Cole steuerte die nächste Bar an, drängte sich grob an die Theke vor und brüllte den Barkeeper an: »Bourbon pur!« Der Barkeeper, ein kleines, verhutzeltes Tantchen, das seine Haare zu oft gefärbt hatte, schürzte die Lippen und schnalzte vor-, wurfsvoll mit der Zunge. Die Musikbox spielte ein uraltes Stück von den Pet Shop Boys … Der Barkeeper schaute Cole in die Augen und es däm- merte ihm. Er zuckte die Achseln und goss Cole einen Drink ein. Einen Doppelten. Cole trug sein Glas in eine leere Eckni- sche und setzte sich, nahm kleine Schlucke, erschauerte von dem starken Drink und zitterte vor Anstrengung, um endlich alles zu verdrängen … Und scheiterte. Der Mann lag auf dem Bauch, schrie wie ein geohrfeigtes Kind und versuchte den Fluss des Blutes aus seinem zerfetzten Bauch aufzuhalten … »City …«, sagte Cole heiser, zu nichts und niemandem. Cole hob seine Waffe, unterdrückte ein Winseln und feuerte auf den Kopf des Mannes. Noch mal. Und noch mal. Zwei der Kugeln gingen fehl. Eine traf den Mann von hinten in die rechte Schulter … »City!«, sagte Cole, mit zusammengebissen Zähnen, die Au- gen fest geschlossen. … Gullardo brach zusammen, würgte an seinem Blut, die Kehle aufgerissen … »CITY!«, brüllte Cole und riss die Augen auf. »Geht's dir gut, Schätzchen?« Ein kleiner Mann mit einem gepflegten Ziegenbärtchen und einem Ohrring. Er lächelte ein wenig. Noch jemand kam an den Tisch … eine Drag Queen, stellte Cole dumpf fest. Er schüttete seinen Drink in drei Schlu- cken hinunter, verzog das Gesicht und stand auf. »Mädel, du siehst schlimm aus«, sagte die Drag Queen, als Cole an ihr vorbei schlich, »– du solltest besser nach Hause, gehen und –« »Ja«, sagte Cole. »Ja, danke. Das mach ich. Nach Hause ge- hen.« Blinzelnd ging er zur Tür hinaus. Cole tappte blind die Straße entlang, murmelte Entschuldi- gungen, atmete schwer und war sich dunkel bewusst, dass er an Schwulen-Discos vorbeikam, an Schwulenkinos, schwulen Polizisten, die auf Streife Händchen hielten, an schwulen Holo- videotheken. Er marschierte drauflos wie ein Wilder. Schließlich blieb er stehen und schüttelte sich. Er holte tief Luft und sah sich um. Er fühlte sich besser. Er befand sich in der Innenstadt, in der Nähe des Embarcadero Centers. Gasohol- Autos schnurrten rechts an ihm vorbei, Wolkenkratzer ragten hart und kalt und scharfkantig in der Straßenbeleuchtung über ihm auf. Die Gehwege waren fast leer. Links von ihm lag je- mand zusammengerollt in einem Hauseingang. Cole verkrampfte sich. Die dunkle Gestalt trug eine Spiegel- brille, einen verbeulten Hut und einen langen Mantel. Ge- dämpfte Musik drang leise aus seinem Leib … »City?«, flüsterte Cole und ging langsam näher. Er beugte sich über die schlafende Gestalt. »City?« Der Mann in dem Hauseingang roch nach Wein und Erbrochenem. Coles Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Er starrte dem Mann ins Gesicht. Die Brille saß schief, rutschte ihm fast von der Nase. Der Mann schlief und schnarchte leicht. Sein Chica- no-Gesicht war mit Aknenarben überzogen. Die Musik kam aus einem kleinen tragbaren Radiogerät, dass halb in seiner Arm- beuge versteckt lag. Ein Rocksender, der leiser und lauter wur- de, von statischem Rauschen begleitet. Cole wandte sich bitter enttäuscht ab., »Wie geht es dir, Cole?« Citys Stimme, hinter ihm. Cole wandte sich wieder der finsteren Gestalt zu, die mit hochgezogenen Knien im Hauseingang schlief. Der Mann schnarchte immer noch. »City?« »Ja, Cole.« Die Stimme kam aus dem Radio, übertönte die Musik. Cole ging näher an ihn heran, beugte sich über das Radio und sprach leise, um den schlafenden Säufer nicht zu wecken. »City … ich bin total fertig. Ich leide.« »Woran? Warum, Cole?«, fragte das Radio. Die Musik schwoll wieder an, während City auf eine Antwort wartete. »Es ekelt mich so an. Mir ist richtiggehend übel. Seltsam … erst ging es mir gar nicht so schlecht. Ich stand wohl unter Schock oder so. Und dann habe ich, äh, angefangen zu zittern und plötzlich erwischte es mich. Ich habe diesen Mann getötet. Du und ich, wir beide haben ihn getötet. Du hast mich belogen. Und dieser Wachmann. Mag sein, dass Gullardo sterben muss- te, vielleicht hat er es verdient, dass jemand ihm die – au Schei- ße! – die Gurgel zerschießt … Aber der Sicherheitsmann, der wusste von nichts.« »Er war breit, Cole. Der Wachmann war breit und litt unter Wahnvorstellungen. Er hätte jeden erschossen, der aus dem Aufzug kam.« »Selbst wenn das stimmt, es hätte eine andere Möglichkeit geben müssen, ihn auszuschalten, als –« »Ja, hätte es, aber gab es nicht.« Citys Stimme wurde lauter, durchdringender. Der Säufer zuckte und wimmerte im Schlaf., »Pass auf, ich kann so was nicht. Ich kann – ich kann die Verantwortung dafür nicht ertragen. Ich kann nicht über diese Leute richten und sie wegpusten. Ich kann diesen Anblick nicht aushalten, das Gefühl danach …« Cole brach ab und räusperte sich. Er schluchzte. Hinter ihm stöhnten die Autos. Er schaute rechts und links den Gehweg entlang. Es kam niemand. »Das musste sein, Cole. Dieser Augenblick der Erkenntnis in dir. Es fängt mit Schmerz an, mit Angst und Desorientierung, und dann erkennst du dich selbst und deine Rolle, und du verstehst.« »Nein, Mann. Ich verstehe überhaupt nichts.« »Cole – du hast diese Männer nicht erschossen. Ich habe das getan. Möglicherweise habe ich dich dafür benutzt. Als Mittel zum Zweck. Aber im Ernst, es war meine Entscheidung und meine Verantwortung –« »Ich muss selbst entscheiden – oder ich sollte es zumindest können –, wann ich dein verfluchtes Mittel zum Zweck bin und wann nicht.« »Nichts da. Nein, Stu, diese Entscheidung ist vor langer Zeit gefallen. Du bist auserwählt worden – aber du hast dich auch freiwillig gemeldet. Du hast dich bereit erklärt, ein Teil von mir zu werden, mein Agent zu sein, lange bevor du mich in deinem Club getroffen hast. Beantworte mir eine äußerst wichtige Frage, Stu: Was bin ich? Wofür hältst du mich?« Cole zögerte. »Du – bist das Unterbewusstsein der Stadt. Das kollektive Unterbewusste. Von uns allen. So hat Catz es be- schrieben.« »Das kommt der Wahrheit recht nahe. Aber überleg mal – was heißt das letztlich? Ich erfülle die unerfüllten Wünsche aller, Menschen dieser Stadt. Sie fürchten sich heimlich vor ITC und der AEA, vor der Computerisierung der Welt und der Dezen- tralisierung ihrer City. Sie haben Angst vor den Leuten, die sich dieser Mittel bedienen, um sie langsam aber sicher in ihre Gewalt zu bekommen. Trotz der Konditionierung, die darauf hinarbeitet, dass sie das bewusst hinnehmen, möchten sie sich unterbewusst dagegen wehren. Deswegen haben sie mich er- schaffen, damit ich ihr verlängerter Arm sein kann. Sie haben Gullardo erschossen, Stu. Sie haben die Vigs auf der Straße umgebracht. Schließlich warst auch du immer dafür, die Mehr- heit regieren zu lassen, den Menschen eine kollektive Stimme zu geben. Du warst immer auf ihrer Seite. Du bist ihr Kind. Sie sind deine Familie.« Cole dachte darüber nach. Es leuchtete ein. Es half ihm. Es war eine stimmige Erklärung. Es spielte keine Rolle, ob City moralisch im Recht war. Es kam darauf an, dass Cole für das, was er in jener Nacht getan hatte, eine Rechtfertigung besaß. Das Blut klebte nicht mehr an seinen Händen. Er teilte die Schuld mit allen anderen. Wer durfte über ihn richten? Er fühlte sich entlastet. Er zitterte, doch dieses Mal aus Erleichte- rung. »Na gut«, sagte er. »Von Zeit zu Zeit«, fuhr City fort, »wirst du an ihnen zwei- feln, und an mir, und du wirst nichts mehr damit zu tun haben wollen. Vielleicht sogar schon heute Nacht. Doch jetzt weißt du, wie du damit fertig werden kannst. Es wird vorübergehen. Cole, lass keinen Menschen, lass niemanden mit deinem Schuld- und Unrechtsbewusstsein Ball spielen.« Wen meinte City damit? Catz?, Das Radio knisterte und maunzte wieder dümmliche Musik. Citys Stimme war weg. Doch seine Präsenz war gegenwärtig, deutlich spürbar in all den aneinander gedrängten Häusern rings um Cole. Cole ging weiter und lächelte erleichtert vor sich hin. Er fühl- te sich frei. Die Anspannung war von ihm abgefallen. Er dachte an seinen Club und bog in eine Straße ein, die ihn dorthin führte: zum Anesthesia. Ihm kam der Gedanke, dass er sich seinem Club widmete wie andere der Verwirklichung einer Idee oder dem Aufrechterhal- ten einer Erinnerung. Die City glich einem riesigen Gehirn, einer Matrix aus Gedanken, Projekten, Entwürfen, in Beton und Asphalt gegossen, und er war der Mittelpunkt des Bewusstseins, das dieses Gehirn durchstreifte, mal diese Idee kurz berührte – diesen Ort in der Stadt –, und mal jene, die Adressen ordentlich aufgelistet, eine führte zur anderen, wie die Bahnen freier Assoziation. Er hatte mehr denn je das Gefühl, ein Teil von Citys Gedan- ken zu sein. »Hey, Stu!« Er blickte auf und sah Catz vor dem Club Anes- thesia stehen. Er lächelte und hob grüßend die Hand. Sie wirkte erleichtert. Sie kam ihm entgegen, nahm seine Hand und ge- meinsam traten sie in den Lärm des Nachtclubs. In unausge- sprochenem Einvernehmen redeten sie über dies und das und alles Mögliche – nur nicht über City und die Toten im Pyramid Building. Sie gingen ins Hinterzimmer und Cole schenkte ihnen ein Bier ein. Sie redeten über Musik, über das Publikum, und fast wäre es ihnen gelungen zu vergessen., Aber in Catz' Stimme lag der Hauch einer Anschuldigung. Sie rang mit sich, um ja nicht davon zu sprechen. Cole spürte, wie sein Ekel vor sich selbst zurückkehrte. Die Entscheidung liegt nicht bei mir, sagte er sich. Alle Menschen in der Stadt haben für mich entschieden. Er stand auf, reckte sich und gab zu bedenken, dass er sich jetzt wieder an die Arbeit machen musste. Catz nickte und blickte zu Boden. Cole ging in den Schankraum. Zwei Stunden lang verlor er sich in seiner Arbeit. Er mixte Drinks und fütterte das vielmäulige Ungeheuer; er spülte Glä- ser, bediente die Kasse und wischte den Tresen; er stellte die Compudisco neu ein und überprüfte ID-Karten, warf Randalie- rer hinaus und tat so, als würde er Anekdoten lauschen, die er über den Lärm hinweg nicht verstehen konnte; er schenkte Drinks ein, immer wieder. Manchmal erledigte er all diese Dinge nacheinander, manchmal fast gleichzeitig, innerhalb von fünf Minuten, in bester Blitzbar-Manier. Er flitzte hinter dem Tresen hin und her wie eine Billardkugel, die von den Kanten eines Loches abprallt. Das tat ihm gut. Er war ein funktionierendes Teilchen der Maschinerie der nächtlichen City, und er fühlte sich geborgen. Er mixte Drinks, ölte die Zahnrädchen der samstagabendli- chen Entspannungsmaschine und behielt sein Reich durch die von Rauchschwaden gedämpften Lichtblitze im Auge. Das Summen der Intercash-Geräte, das Klappern des Ge- schirrspülers, die Dschungelgeräusche der drängelnden Gäste – all das verschmolz zu einem einzigen Meeresbrausen. Er war der Kapitän des Club Anesthesia. Er war der Ober- arzt, der Vergessen in mit Alkohol gefüllten Spritzen verab-, reichte, und fast wäre es ihm gelungen, die sich windenden Wachleute zu vergessen, den Italiener, dessen Kehle zerfetzt wurde im achtzehnten Stockwerk eines Gebäudes, das Erdbeben überstehen sollte … Bis zu einer halben Stunde am Stück konn- te er das vergessen. Und immer wieder erinnerte er sich daran, dass die ganze Stadt abgedrückt hat; ich habe nur ihren Befehl ausgeführt. Manchmal verwandelte sich das pyramidenförmige Gebäude vor seinem inneren Auge in die Pyramide auf den alten ge- druckten Dollarnoten: mit einem großen, starrenden Auge darauf. Sie werden nach mir suchen, dachte er, sobald sie herausge- funden haben, dass nicht Salmon dahinter steckt. Ich gehöre zu den Hauptverdächtigen: Sie wissen, dass ich Grund habe, sie zu hassen. So war er nicht weiter überrascht, als um zehn Uhr, nachdem Catz' Band eine Stunde lang gespielt hatte, zwei Männer in grauen Anzügen hereinkamen und zielstrebig die Bar ansteuer- ten. Der Ältere trug eine gelb getönte Brille und sein schmales Gesicht wirkte durch Brandnarben, die seine Wangen zusam- mendrückten, noch schmaler. Der andere war ein kleinerer junger Mann, dunkel, mit braunen Augen und pechschwarzem Haar; wahrscheinlich ein Chicano. Der Mann mit den Narben sagte: »Cole? Drummond«, und wies mit einem fast unmerklich gekrümmten Daumen auf sich. Er nickte in Richtung seines Begleiters. »Mein Kollege Hulera.« Drummond zeigte seine Dienstmarke. Als Hulera seine Lippen bewegte, verschwand sein leises Lä- cheln nicht: »Haben Sie uns erwartet? Hat Ihnen jemand was, gesteckt?« »Was? Äh –« Nicht stottern, redete sich Cole zu. »Nein, ver- dammt, nein. Aber ich erkenne Polizisten, wenn ich sie sehe. Sie gehören nicht zur regulären Streife, die sonst hier geschäftig herumläuft.« Drummond schien das zu genügen, doch Hulera fragte: »Sie haben keine Ahnung, weshalb wir Sie sprechen möchten?« »Ach, hör auf mit deinen Spielchen«, sagte Drummond ver- ärgert zu Hulera. »Der Kerl ist nicht bescheuert … Cole, haben Sie irgendetwas über ein paar Jungs gehört, die im Pyramid zu Schaden gekommen sind?« »Jungs?«, fragte Cole sorgsam uninteressiert. »Sie meinen Kinder?« »Ich meine Wachleute. Einer von ihnen ist auf ziemlich un- angenehme Art und Weise zu Schaden gekommen.« »Äußerst unangenehm«, warf Hulera ein und schüttelte den Kopf. Sein Lächeln war verflogen. »Jemand hat ihm einen Feuerlöscherschlauch ins Auge getrieben.« »Äh – blöde Art zu sterben.« Cole schluckte, um einen Wür- gereiz zu unterdrücken. »Wie zum Teufel kam das?«, fragte er mit einem vermutlich recht dünnen Grinsen. »Das wollten wir von Ihnen wissen«, antwortete Hulera. »Warum von mir?« »Wir haben gehört, dass Sie gewissen Leuten eine Menge Geld schulden. Eine Menge. Den Leuten im achtzehnten Stock«, sagte Drummond. »Und dass Ihnen das ziemlich gestunken hat.« Cole spürte Drummonds prüfenden Blick. Der Mann beo- bachtete jede Veränderung in Coles Gesichtsausdruck genaue-, stens. »Aber Drummond«, erwiderte Cole. »Bestimmt würde es meine Schulden tilgen, wenn ich in ihr Büro renne und ihren Wachleuten Gegenstände ins Auge bohre. Aber sicher. Mann, dass war irgendein verdammter Irrer. Mann, wenn ich wegen diesen angeblichen Schulden durchdrehen würde – und ich will nicht so tun, als ob ich darüber nicht sauer wäre –, äh, wenn ich deswegen durchknallen und da raufgehen würde, um Leute auseinander zu nehmen, wäre ich ganz sicher nicht in der Verfassung, ein paar Stunden später hier meiner Arbeit nach- zugehen, oder?« Hulera zuckte mit den Schultern, verzog das Gesicht und blickte Cole mit zusammengekniffenen Augen an. »Würde es ihnen etwas ausmachen, uns auf die Wache zu begleiten?«, wollte Drummond wissen. »Tut mir Leid«, sagte Cole. »Nicht ohne Haftbefehl.« »Wir können uns bis morgen früh einen besorgen«, sagte Hulera. Die Lichter gingen langsam aus und Catz ging in die nächste Runde. Sie mussten alle drei brüllen, um den Rock'n'Roar zu übertönen. Cole war froh über die funzlige Beleuchtung, so konnte Drummond sein Gesicht nicht klar erkennen. Er war sicher, dass das Entsetzen, das in ihm aufstieg – vor nichts hatte er mehr Angst, als davor, eingesperrt zu werden –, sich in seinem Gesicht widerspiegelte. »Sie werden sich einen Haftbefehl besorgen müssen«, sagte Cole. »Ich muss eine Bar betreiben, und mit diesen Schulden im Nacken gedenke ich hier zu bleiben und so viel Geld wie möglich zu verdienen, da können Sie Gift, drauf nehmen –« »Das ist eine ziemlich lahme Entschuldigung, Freundchen«, sagte Hulera mit gewollt harter Stimme und beugte sich über den Tresen. »Verdammt, Hulera, das ist eine ziemlich gute Entschuldi- gung«, schnauzte Drummond seinen Kollegen an. Er nickte Cole zu. »Bis morgen.« Dann führte er den missbilligend drein- schauenden Hulera aus der Bar. Cole machte sich einen Drink. »Verdächtiges Verhalten«, murmelte Cole vor sich hin, nahm einen Schluck aus seinem Glas und sah den Polizisten nach. »Ich hätte mit ihnen gehen sollen. Vielleicht sollte ich hinter- herlaufen und ihre Fragen beantworten. Ach, zum Teufel da- mit.« Eine Gestalt, die sich im neonfarbenen Schaufenster mit der blinkenden Bierreklame spiegelte, zog seine Aufmerksamkeit auf sich – eine schattenhafte Gestalt, die das Spiegelbild der Leute in der Bar überdeckte. Sie war nur sichtbar, wenn die Reklame von gelb auf rot wechselte. Rot: Da stand City in Trenchcoat, Schlapphut und Spiegelbrille. Cole schaute sich um. Kein City weit und breit (außer ma- krokosmologisch). Das Spiegelbild war alles, was von ihm anwesend war. Ein Spiegelbild ohne dazugehöriges Original. City blickte ihn direkt an und schüttelte den Kopf. »Meinst du«, sagte Cole tonlos, »wegen den Bullen? Soll ich ihnen hinterher und mit ihnen reden?« City schüttelte erneut den Kopf und war verschwunden. Cole wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Als ihr Auftritt vorbei war, kam Catz an die Bar. »Ich habe Citys Stimme aus, den Monitorboxen gehört«, sagte Catz. »Er hat zu mir gespro- chen.« Coles Herz wurde kalt. »Er hat noch einen Auftrag für uns …« Sie nickte. »Er hat gesagt, du sollst an das öffentliche Telefon gehen.« »Warum?« Cole warf seinen Polierlappen auf den Tresen. »Für heute Nacht langt es. Ich kann nicht mehr. Ach – es hat für die nächsten zehn Jahre gereicht.« Aber er ging zum Telefon hinüber. Er nahm den Hörer des Wandtelefons ohne Bildschirm ab, blendete den größten Teil der Musik mit einem Finger im anderen Ohr aus und lauschte. Sofort war über das Freizeichen hinweg Citys Stimme zu hören: »Vermeide jedes weitere Ge- spräch mit der Polizei, wenn das möglich ist. Ich werde versu- chen, den Verdacht auf die Tongs zu lenken, glaube ich. Die Triaden. Roscoe hat deine Stimme auf Band, von der Kamera. Es ist mir gelungen, das Bild auszublenden, aber die Tonauf- nahme lief weiter. Wenn sie dich auf der Wache haben, könnten sie eine Übereinstimmung feststellen … Geh jetzt zum First- Tongue-Konzert im Memorial Auditorium. Vigilanten werden versuchen, die Veranstaltung zu sprengen, weil die Band sich nicht der mafiaeigenen Künstlergewerkschaft anschließt. Wir warten auf eine Gelegenheit und improvisieren dann. Geh zum Südeingang und ich sorge dafür, dass du reinkommst. Geh jetzt.« »Halt, hör mal, ich hab diesen Improvisationskram satt«, setzte Cole schrill an. »Du hast gesagt, dass niemand verletzt wird, aber –«, er senkte die Stimme und warf einen Blick über, die Schulter, »dann hat es Tote gegeben, und bei mindestens zwei Leuten war das absolut sinnlos. Mindestens. Es gab keinen Grund, diesen Kerl mit dem Feuerlöscher umzubringen, City, du hättest ihm einfach eins überziehen können oder …« Cole verstummte. In der Leitung war nur noch das Freizeichen zu hören. Er hatte das deutliche Gefühl … »City?«, … dass City nicht mehr zuhörte. Er warf den Plastikhörer nach der Wählscheibe und sah zu, wie er abprallte, um dann wie ein hässlicher Pendel an der stählernen Gliederkette zu baumeln. Catz stand neben ihm und hielt seinen Mantel bereit. Er konnte drei Schichten der Angst in sich spüren. Die erste Schicht war Furcht davor, getötet oder ins Gefängnis gesteckt zu werden. Die zweite Schicht betraf seinen Club, versetzt mit Angst um Catz. Die dritte Schicht bestand aus dem Grauen, das er jedes Mal empfand, wenn ihm bewusst wurde, dass er ir- gendwie keine Wahl hatte, wenn City ihm Anweisungen gab … Er zog seinen Mantel an und ging hinter Catz zur Tür hin- aus. Der Südeingang des Konzertsaals war mit einer Kette ver- schlossen und niemand schien auf ihn Acht zu geben. City hatte die beiden Vorhängeschlösser an den Ketten entriegelt und Cole musste nur die Ketten von den Türgriffen abwickeln. Die Tür war auch von innen verschlossen und Cole zog vergebens daran. Catz sagte: »Geh mal zur Seite.« Cole trat zurück. Er hörte es zweimal Klicken. Als er die Tür erneut zu öffnen ver- suchte, war sie nicht mehr verschlossen. Cole stieß sie ganz auf und sie traten in das warme, verrauch- te Gebäude. Sie befanden sich im Flur vor den Toiletten. Der, Betonkorridor vibrierte dumpf im Rhythmus von Bass und Schlagzeug auf der anderen Seite der Wand … Sie waren nicht allein. Man hatte sie hereinkommen sehen. Punks und Angstrocker standen in arrangiertem Durchein- ander entlang der beiden Wände. Die Punks trugen selbst gemachte Klamotten, behängt mit Ketten und allem möglichen Schmuck, Glitzerkram, beliebig zusammengestellten Ansteck- Buttons; ihre Kleidung – vom Stil her einander ähnlich, doch nie ganz gleich – bestand aus einer Ansammlung nicht zuein- ander passender Kleidungsstücke, die alle ihre Abneigung gegen Fließbandkleider und von Computern entworfene Mode kund- taten. Die Angster trugen fast durchgehend Uniformen – jede Art von Uniform erfüllte ihren Zweck, wenn auch Gefängnis- uniformen am beliebtesten waren – oder Krankenhauskluft. Hier und da zeigten sich Gummiklamotten, schwarzes Leder, Chromketten, Beschläge aus durchsichtigem Plastik und Mode- schmuck. Die ganze Horde rauchte Zigaretten, Pot und Alka- loid-Sticks und starrte Cole und Catz nichts sagend an. Doch in einigen Blicken las Cole Respekt: »Da sind glatt welche für lau reingekommen«, kicherte jemand. »Sauber, die Tür mit 'ner Scheckkarte zu knacken.« Strohköpfige Punks, die Gesichter unbeholfen mit Tusche tätowiert – Dollarzeichen, Totenschädel und Anarchiesymbole –, stolzierten auf den Südausgang zu. Die Angster, eher der finste- re, niedergeschlagene Typ, blieben stehen, die Hände in den Hosentaschen und mit verdrossenen Augen unter den einför- mig schwarzen Stirnbändern und Bürstenhaarschnitten. Punk- frauen mit nackten hüpfenden Brüsten, Bondageringe in den Brustwarzen, in denen sich das Licht spiegelte, kicherten und, neigten die Köpfe zu Cole hinüber: »Isser nicht was alt für so was?«, fragten sie einander mit dem tradierten pseudo- britischen Akzent. Cole zuckte innerlich zusammen. Mit einem arroganten Lächeln nahm Catz Cole am Arm und führte ihn nach rechts, zum Eingang des Zuschauerraums, der der Bühne am nächsten lag. Hinter ihnen riefen Punks ihre draußen gebliebenen Freunde heran, lockten mit freiem Eintritt durch die geknackte Tür. Catz war eine berühmt-berüchtigte Persönlichkeit und wäre sicher erkannt worden, hätten die Dominomaske aus Plastik und das diabolische Make-up nicht ihr Gesicht verdeckt. Sie trug einen hautengen Pullover – sie hatte den Stoff über ihrer rechten Brust herausgeschnitten –, eine braune Fliegerjacke und schwarze gelochte Lederhosen. Ihr Haar stand in Spikes ab, so glich sie alles in allem einem Porträt, das ein Paranoiker gemalt haben mochte, wobei der Punk-Look ihr ein etwas altmodisches Aussehen verlieh. Die Punks waren vorwiegend Überbleibsel jenseits der Dreißig. Sie gingen einen gespenstischen, blau erleuchteten Korridor hinunter, kickten Plastikpillenspender, Zigarettenpackungen und von den Behörden ausgegebene Einwegspritzen beiseite und bogen nach links in den Zuschauersaal. Sie standen am Rand einer lauten, dicht gedrängten Menschenmenge, etwa zehn Meter entfernt von fünf der monumentalen Lautsprecher- boxen, von denen jede einzelne so groß war, dass zwei Männer hätten hineinklettern können. Das Donnern des Heavy Metal brauste über sie hinweg, erschütterte sie in alle Sinne erfassen- den Strömungen und zwang ihnen seinen Rhythmus auf … Catz glitt durch dieses Element (das dreiste Dröhnen eines, Angstrock-Konzertes ist ein eigenes Element, eine Meeresströ- mung aus greifbarem Klang; körperlich spürbare Musik, eine Verführung, die die Gelenke erschüttert und deren Luftdruck die Haare zaust, die Zähne klappern lässt), als hätte sie das Selbstvertrauen eines Falken in stürmischen Lüften. Cole glühte vor Bewunderung. Die Menge bewegte sich mit der Gleichförmigkeit eines gro- ßen gestrandeten Drachen, in reptilienartigen Wellen, ein Mehrzeller von gewaltigen Ausmaßen, der sich unter der herri- schen Massage des Rock'n'Roll wand und krümmte, mit einer gescheckten Haut – fünfzigtausend Gesichter, die fließend ineinander übergingen –, der vor Lebendigkeit pulsierte, wäh- rend er sich an der ungeheuren Lautstärke sättigte, die in rhythmischen Orkanböen von der Band ausging. Die Musiker waren als gnostische Heilige verkleidet, einge- weihte Zauberer und Alchemisten in mit magischen Symbolen übersäten Gewändern aus rotem und schwarzem und silbernem Stoff. Der Sänger dagegen trug nur einen Lendenschurz aus Sackleinen und, auf der schweißglänzenden Haut seiner schma- len Brust, ein Brandmal des Zeichens, des kabbalistischen Sym- bols für Chaos: ein Kreuz, dessen unteres Ende in einer Sense auslief. Seine Katzenaugen (grüne Kontaktlinsen mit geschlitz- ten Pupillen) glühten vor fremdartiger Intelligenz. Er schlängel- te sich masochistisch zu den rhythmischen Peitschenhieben von Bass und Schlagzeug, folgte einer bizarren Choreografie, die spontan wie Peitschenknallen und zugleich elegant arrangiert wirkte, jeder Schritt Teil der Beschwörung eines urbanen Voo- doo-Rituals … In Interviews hatte der Sänger betont, dass die Instrumente von First Tongue in Zungen sprachen, in jener, ersten Sprache der vorbabylonischen Zeit und der Sprache der Engel. Sie waren die letzte noch existierende erfolgreiche Ok- kult-Rockband, ein Genre, das vor Jahrzehnten von Blue Öyster Cult ins Leben gerufen worden war. Der Sänger, sein Künstlername war Blue Drinker, zischte spöttische Zeilen: Die sechs Beine des atmenden Kadavers Der des Todes Frieden mit Eisdolchen anfrisst Seine sechs Zungen in ätzendem Palaver Künden von der Rückkehr eines elektrischen Christ … In diesem Augenblick setzte die Lightshow ein. Die Laser sta- chen in den wabernden Rauch, der über dem Publikum lag, rot und scharfkantig wie der unabwendbare Tod, Zusammen- und Widerspiel eines von Blitzlichtern überzogenen Netzes, das in einem diabolischen Code pulsierte, ätherische Strahlen aus heißem Stahl und gleißendem Draht: im Rhythmus der Musik. Immer der Musik angepasst, dem Vor- und Nachhall der Snare, den Stakkatoläufen der Gitarre, ein genau auf das Aufheulen des Synthesizers und das Grabesdröhnen des Basses abge- stimmtes Leuchtfeuer. Die Lichter waren Teil des Klangs, mit der Zeitverzögerung einer Tausendstelsekunde über den Büh- nencomputer verbunden. Als der Song den abschließenden Höhepunkt erreichte, spürte der Computer, dass die Zeit für die Holographie gekommen war; die Laserdegen teilten sich, bra- chen, fächerten sich auf und wurden figürlich wie Holz, das sich auf einer Drehbank dreht, passten sich der Struktur des riesigen elektromagnetischen Feldes an, das aus versteckten Geräten in, der Decke projiziert wurde. Und die schreiende, klatschende Menge, deren fasziniert aufwärts gerichtete Gesichter vom Sturm gepeitschten Wellen glichen, erblickte ein Geschöpf von der Größe eines Marinezer- störers: Ein missgebildetes, unmenschliches Ding, ein sechsfü- ßiger Mann, der spinnengleich auf seinem gepanzertem Bauch kroch. Aus seinem unförmigen Kopf blitzten sechs Augen in sechs mystisch aufeinander abgestimmten Farben. Als sich sein lippenloser Mund öffnete, wurden die Gitterstäbe eines Stadtge- fängnisses sichtbar, zwischen denen Sträflinge mit leeren Augen hindurchschauten … Das Ding bewegte sich zu den präzisen und gleichzeitig wü- tenden Klängen von First Tongue: riesig, dreidimensional, fast greifbar schwamm es durch den Rauch, der von der Menge aufstieg, während um es herum holographische Wolkenkratzer umstürzten, Geysire aus Staub aufwirbelten und die Bewohner der Stadt unter sich begruben, die kreischend davonliefen … Das holographische Bild des Monsters bewegte seine ge- schuppten Arme und Beine und kreischte … zur Musik (das strukturierte Brüllen von der Bühne unter ihm schien es in der Luft zu halten, es von Sekunde zu Sekunde, wieder und wieder neu zu erschaffen), während es durch die Projektion der City barst. Und Blue Drinker rezitierte mit einem Gesicht, das verklärte Trauer ausstrahlte, eine Bibelstelle: » … Ein anderes Tier sah ich, das stieg aus dem Land empor. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, redete aber wie ein Drache …« Dem holographischen Tier wuchsen zwei Hörner aus dem Schädel und Flammen schossen aus seinem Maul., » … Und es vollbringt große Zeichen, dass es sogar Feuer vom Himmel herabfallen lässt auf die Erde vor den Augen der Men- schen …« Feuer regnete auf das Tier und die zerstörte Stadt herab. » … So veranlasste es alle, die Kleinen und die Großen, die Armen und die Reichen, die Freien und die Sklaven, sich ein Mal zeichnen zu lassen auf die rechte Hand oder auf ihre Stirn …« Und diejenigen Menschen im holographischen Bild, die auf Knien das flammende Tier anbeteten, wurden mit Zahlen auf ihrer Stirn gezeichnet, während auf der Bühne ein fluoreszie- rendes Licht über Blue Drinker aufleuchtete und, bisher un- sichtbar, 666 auf seiner Stirn zum Vorschein brachte. Catz stampfte begeistert auf den Boden und Cole lachte. Die Ziffern waren elektronisch geprägt – wie bei einer ITC-Zahl. Cole beugte sich zu Catz hinüber und brüllte: »Wo sind die Schutztruppler, auf die wir achten sollen? Und was zum Teufel machen wir, wenn wir sie entdecken?« Catz zuckte überschwenglich die Schultern. Cole konnte sich nicht entscheiden, ob das die Antwort war oder ob sie ihn nicht hören konnte. Die Band donnerte weiter wie eine Panzer-Phalanx, die über ein Schlachtfeld knirscht. Sie spielten Melodien, die präzise und komplex waren, doch gleichzeitig so verstärkt und scharfkantig, dass sie für Uneingeweihte wie reiner Lärm klingen mussten. Wie ein gepanzertes Fahrzeug auf den ersten Blick nach einer bulligen Masse metallischer Aggression und sonst nichts aus- sieht, bestand die Musik bei näherer Betrachtung aus vielen sorgfältig geschliffenen und sicher ineinander greifenden Ein- zelteilen. Eine gewaltige Soundmaschine., Die riesige Halle, für ein Fassungsvermögen von 55.000 Menschen gebaut, wurde von einer weitläufigen Tanzfläche beherrscht. Sie war voll bis fast zu den Wänden, wo die Stuhl- reihen der Zuschauertribüne befestigt waren. Rund um die Tanzfläche wurde gemäß der Brandschutzverordnung ein schmaler Zwischenraum frei gehalten, den Dutzende von Sicherheitsleuten und Rausschmeißern überwachten. Hier und da kam es zu Prügeleien, Flaschen flogen und Rauchbomben explodierten, bis die Szenerie mehr und mehr einem Schlacht- feld glich. Unter der Tribüne standen drei Doppeltüren offen, die zu den Haupteingängen führten. Aus diesen Öffnungen strömte eine kleine Armee, alle einheitlich in Jeans und blaue Hemden gekleidet, die Gesichtszüge unter Nylonstrümpfen verborgen. Einige von ihnen trugen Gewehre, andere zogen Feuerwehr- schläuche hinter sich her. Die Vigilanten, stellte Cole er- schrocken fest. Er hatte über der Show fast seinen Auftrag vergessen. Und die Männer, an deren Tod er beteiligt war … Er behielt den Zwischenraum entlang der Tanzfläche im Au- ge. Die Sicherheitsmannschaft verschwand von der Bildfläche. Wie auf ein abgesprochenes Zeichen hin. Schreie und plötzliche Bewegungen am äußeren Rand der Menschenmenge ließen erkennen, wo die Vigilanten durchbra- chen. Cole bemerkte das Knistern elektrischer Viehtreiberstök- ke. Catz führte sie vorsichtig um die in Panik ausbrechende Menge herum, auf die Vigs zu. Aber sie waren gezwungen, gegen die Strömung anzukämpfen, als die Menge sich aufbäum- te wie eine erschrockene Amöbe, weg von der Bedrohung in, ihrem Rücken und in Richtung der Bühne und der Seitenaus- gänge. Vorne wurden Leute gegen die Bühnengitter gequetscht und kletterten verzweifelt daran hoch, zu viele für die Bühnenarbei- ter, die sie zurückzuhalten versuchten, während die Band die quer über die Bühne fliehenden Angster und Punks ignorierte und ungerührt einen Song von Aaron Dunbar spielte, The Hustler: Gott ist tot und ich will seinen Job Pate der kosmischen Mafia! Jeder ist von Gier getrieben Jeder seinen Bedürfnissen unterworfen Von diesem Fluch gibt es nur eine Erlösung – DAS GANZE UNIVERSUM SOLL MIR GEHÖREN! Gott ist tot und ich will seinen Job – Die Vigs feuerten ungezielt in die Menge, bis diese wie eine vor Angst wahnsinnige Viehherde auf die Bühne zu stürmte … »Sie wollen, dass das Publikum die Band niedertrampelt!«, schrie Catz ungläubig. Die Band spielte mit grimmigen Mienen weiter. Die Musik brandete unaufhaltsam über die Zuschauer hinweg. Blue Drin- ker tanzte verrückter und verrückter. Er schien in dem Chaos zu schwelgen, das seine Feinde verursachten. Catz und Cole gingen hinter einem Betonpfeiler in Deckung, während das Publikum wohl oder übel rechts und links vorbei-, strömte. Wer hinfiel, wurde zertrampelt. Die Vigs drehten die Feuerwehrschläuche auf und zielten in das sich zusammenziehende Herz der entsetzten Menschenan- sammlung. Das Hologrammbild über all dem veränderte sich … Es senkte sich aus der Region der stählernen Dachstützen bis fast auf das Publikum herab, so nahe, dass sie es nicht einmal in ihrer panischen Angst ignorieren konnten. Es zeigte das Bild eines der Vigilanten, sein Rücken mit ro- ten, weißen und blauen Sternen überzogen, wie er gerade Blue Drinker erwürgte … Das macht City, dachte Cole plötzlich. Die Vigs schauten nach oben und zögerten, Schlagstöcke oder Schusswaffen oder Viehtreiberstöcke oder Düsen in der Hand. Das Publikum verlangsamte seine Flucht und Köpfe legten sich in den Nacken, um das projektierte Bild über sich zu be- trachten – jetzt ein riesiges 3-D-Bild von Lance Galveston, dem Gewerkschaftsboss. Die meisten Leute erkannten ihn auf An- hieb. Blue Drinker auf der Bühne brüllte vor Lachen und trieb die Band an. Die große Heavy-Metal-Maschine torkelte wieder voran. Die Feuerwehrschläuche in den Händen der Vigilanten hat- ten ihren Betrieb eingestellt und die Träger blickten verwirrt auf sie hinunter. Das Bild von Lance Galveston wandte sich um und starrte die Menge böse an. Er war ein alter Mann mit einem zerfurch- ten Gesicht und gelblichen Augen. Er griff sich mit arthriti- schen Fingern in den Schritt, öffnete den Reißverschluss … und, pinkelte ins Publikum. Hinter ihm standen lachende Holobilder von Vigilanten und zeigten mit Fingern auf ihn. Und die Musik, mit ihrer unterhalb der sprachlichen Ebene hämmernden Botschaft, spornte die Menge weiter an … Das Publikum drehte sich fast gleichzeitig um und ging durch Citys kalkulierten visuellen Witz vereint zum Angriff über. Die Vigilanten wichen zurück und flohen Hals über Kopf durch die Ausgänge. Einige drehten sich um und feuerten wild drauflos, doch obgleich ein oder zwei in der anstürmenden Horde fielen, sprangen alle anderen über die Gefallenen und holten die Schießwütigen ein, rissen sie um und zerfetzten sie in einer kathartischen Orgie. Lange unterdrückte Wut, unterbe- wusster Groll gegen alles, wofür die Vigilanten standen, brach sich Bahn. Die Schutztruppler wurden einer nach dem anderen eingeholt und zerquetscht … Cole folgte Catz unter dem Torbogen hindurch in die Vor- halle und den Südausgang hinaus. Der Lärm des Stadtverkehrs wirkte gedämpft und läppisch gegen den gewaltsam tosenden Klangorkan, den sie hinter sich ließen. Sie rannten Seite an Seite über den Parkplatz und wichen Au- tos aus, die hektisch über die Fahrspuren kreuzten. Catz hängte Cole langsam ab, als sie auf einen Knoten flüchtender Vigilan- ten in vierzig Meter Entfernung zuhielt. Die Nachtluft sang rasselnd in Coles Lungen und in seinen Ohren dröhnte noch die Musik der Band. Das Panorama geparkter Autos hüpfte in verzerrten metalli- schen Ebenen auf und nieder, während er Catz nachhetzte. Er keuchte, sein Gesicht brannte vor Anstrengung., Vor ihnen, auf der anderen Seite eines verbeulten schwarzen Cadillacs, drängten sich drei Männer in die Fahrerkabine eines blauen Kleinlasters mit einem weißen Camperaufbau auf der Ladefläche. Ein 79er Datsun. Die Scheinwerfer des Lasters leuchteten auf, der Motor sprang an. Catz hechtete gebückt auf das Heck des Wagens zu. Die obe- re Klappe des Campers stand offen: Wahrscheinlich waren weitere Schutztruppler hinten drin mitgefahren und wurden nun im Stich gelassen. Catz schwang sich mühelos hinein. Cole stolperte atemlos hinterher und kletterte unbeholfen über die untere Heckklappe. Er hatte es halb geschafft, als der Lieferwa- gen ruckte und anfuhr. Fast wäre er auf den Asphalt zurückge- schleudert worden, doch Catz packte ihn grob am Kragen und zog ihn herein. Er stieß sich das Schienbein an einem Wagen- heber und verbiss sich einen wütenden Aufschrei. Im Heck des rumpelnden Wagens war es finster, doch die Männer vorn konnten die blinden Passagiere sicher sehen, wenn sie sich nach ihnen umschauten. Cole folgte Catz auf Händen und schmerzenden Knien über das kalte Metall der Ladefläche in eine Ecke unter dem Heck- fenster der Fahrerkabine, wo sie sich nebeneinander hinhocken konnten, ohne von den Männern im Fond entdeckt zu werden. Cole hatte keine Waffe. Er tastete in der Dunkelheit umher und seine Finger schlossen sich um eine Eisenstange. Der Lastwagen fegte quietschend um Kurven und Hausek- ken. Es war eine kurze Fahrt, vielleicht fünf Minuten. Der Wagenheber klapperte höhnisch. Das Fahrzeug wurde langsamer, das Klappern leiser, das Rumpeln des Motors wich einem gedämpften Trommeln und, Cole spürte, wie der Laster in eine Einfahrt bog und mit einem Ruck stehen blieb. Der Motor ging aus. Cole erstarrte, wartete ab und packte die Stange auf dem Boden fester, hob sie aber mit Bedacht noch nicht hoch, um nicht aus Versehen gegen etwas zu schlagen. Er hielt den Atem an. Das ist doch Wahnsinn, dachte er. Catz spinnt. Die Türen des Lasters wurden zugeknallt und Coles Kopf, der an der Rückseite der Fahrerkabine lehnte, vibrierte schmerzhaft. Vielleicht schauen sie nicht hinten rein, dachte er. Er hörte, wie sich Schritte vom Laster entfernten und ent- spannte sich etwas, fühlte sich ein wenig sicherer … bis eine dunkle Gestalt im Heck des Wagens mit dem blendenden Strahl einer Taschenlampe direkt in Coles Gesicht leuchtete.,

VIE- jah! Cole hielt die Eisenstange auf dem Boden der Ladefläche

fest umklammert und wartete, bis der Mann mit Taschenlampe und Waffe, der gebückt auf ihn zukam, sich in der Dunkelheit vor ihm aufrichtete, das Gesicht koboldhaft im Schein der Lampe, die ihn von unten anstrahlte. Cole riss die Stange hoch; er legte sein ganzes Gewicht hinein. Und schrie auf, als seine Hand jede Bewegung verweigerte. Er wurde aus dem Gleichge- wicht gerissen und landete schmerzhaft auf den Rücken. Die Stange war am Boden festgeschraubt; sie diente als Griff für die Getriebeverkleidung. Das war überhaupt nicht komisch, dachte Cole – warum lachte der Vigilant dann? Coles rechter Arm schmerzte und er überlegte, ob er sich das Schultergelenk ausgerenkt hatte. Sein Arm hätte geschrien, wenn er einen eigenen Mund gehabt hätte, als der Schutztrupp- ler ihn verbog, um Cole auf den Bauch zu drehen. Der Mann legte ihm Handschellen an. Aus den Augenwinkeln sah Cole verschwommen, wie Catz sich bewegte. Es knallte, gefolgt von einem dumpfen metalli- schen Geräusch. Die kämpfenden Gestalten auf dem Boden fluchten., Cole lag mit dem Gesicht nach unten da. Er konnte nur zu- hören und sich aus dem Weg schlängeln. Er roch Benzin und Reifengummi und den Schweiß des Vigilanten. Der Geschmack seiner eigenen Furcht lag ihm auf der Zunge. Der Schein der Taschenlampe zuckte hektisch über die Wände – und ver- schwand. Catz schrie auf. Der Vigilant grunzte irgendwie triumphie- rend. Vielleicht vergessen sie mich, wenn ich hier ganz still liegen bleibe, dachte Cole. Die Taschenlampe ging wieder an, gefolgte von einem zwei- ten Lichtstrahl. Ein weiterer Mann – oder war es eine große Frau? Die Stimme klang hoch – zeichnete sich schwarz hinter der zweiten Lichtquelle am Heckende des Lasters ab und sagte: »Du Trottel, du hättest sie einzeln rauskommen lassen sollen, statt zu ihnen reinzugehen. Sie hätten dich zusammenschlagen können.« Das hätten wir auch, wenn ich nicht solche Scheiße gebaut hätte, dachte Cole. »Halt die Klappe«, sagte der Schutztruppler neben Cole. Der Mann atmete schwer und sein Gesicht unter der Nylonmaske glich einem riesigen Fötus, noch kaum entwickelt und unfertig. Er schleifte etwas an Cole vorbei. Catz. Als wäre sie ein Müllsack, dachte Cole. Tränen brann- ten ihm in den Augenwinkeln. Ohne nachzudenken, von plötzlichem Zorn getrieben, rollte er sich auf den Rücken und trat nach dem Mann. Er erwischte ihn am Schienbein. »Scheiße«, schrie der Mann und taumelte rückwärts., Dann kletterten weitere Leute in den Laster und Cole spürte, wie er gepackt und hochgehoben, an Kragen und Fußgelenken aus dem Lastwagen und durch die Nacht geschleppt wurde. Er wurde seekrank. »City …«, sagte Cole heiser, während fremde Menschen ihn mit den Füßen voran eine Einfahrt hoch und durch eine Tür trugen. »Was hat er gesagt?«, fragte jemand hinter ihm. »Ich glaube, er hat ›Bitte!‹ gesagt«, meinte jemand und fügte hinzu: »Ts, ts, ts.« Cole und Catz wurden ins Haus getragen. Sie ließen Catz auf ein schwarzes Sofa fallen. City! Vielleicht war Citys Einfluss hier nur schwach; schließ- lich befanden sie sich in Oakland, auf der anderen Seite der Bucht und südlich von San Francisco. Weit entfernt vom Her- zen der Stadt und vielleicht auch weit vom Zentrum seiner Macht. Doch sie waren nicht lange gefahren, sie konnten nicht weit vom Oakland Auditorium entfernt sein. Und dort hatte ihnen City geholfen. Sie ließen Cole auf den Boden fallen, auf den Bauch. Er keuchte, als ihm der Aufprall die Luft aus den Lungen trieb. Er hatte das Gefühl zu ersticken und schnappte panisch nach Luft, was ihm eine Lunge voll Staub aus dem grünen Teppich ein- brachte. Füße in Stiefeln marschierten an seiner Nase vorbei, begleitet von kurzen Heiterkeits- und längeren Wutausbrüchen. »Bleib vom Fenster weg, du verdammtes Arschloch!« und »Hee, halt's Maul, das kümmert die Nachbarn einen –« und »Ja, aber gele- gentlich schleicht ein Bullenauto vorbei, und die Jungs haben –« und »Hee, haltet einfach die Klappe!« Catz blieb auf der Couch rechts von ihm liegen. Langsam, und mit schmerzendem Arm rollte er sich auf die Seite, bis er die verstaubte Vinyl-Couch sehen konnte, die mit Brandlöchern bedeckt war. Vom Boden aus konnte er nur Catz' herabhängen- den linken Arm erkennen und die Wölbung ihrer Hüften. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass sie tot sein könnte. Tot sein könnte. »Hee, sag mal, müssen wir diese Masken die ganze Nacht tragen?«, fragte jemand. Die Stimme der Frau antwortete: »Natürlich, Schwachkopf, wir müssen sie tragen, bis wir die beiden losgeworden sind. Wir könnten ihnen allerdings auch die Augen verbinden.« »Lass uns warten, bis wir wissen, was Salmon möchte.« »Wer hat das gesagt?«, donnerte die Frau. »Mann-oh-scheiße, die kommen hier eh nicht lebend raus, also können sie uns ruhig sehen. Wozu sollen wir aufpassen, was wir sagen, wenn –« »Hör zu, Arschloch, es kann alles Mögliche passieren. Viel- leicht will er irgendwen erpressen, und wir müssen sie wieder laufen lassen. Und dann können sie –« »Jetzt nicht mehr, nachdem dieser Trottel seine Klappe auf- gerissen hat und Sa –« »Hee, was schiebt ihr mir wieder den Schwarzen Peter zu? Auf diesen Scheiß geb ich nichts, wir müssen –« »Hee, das ist eine von den Punkmädels!« »Hee, die Schlampe hat eine nackte Titte!« Cole wurde schlecht. »Hee, können wir die nicht für ein paar Minuten mit ins Schlafzimmer neh–« Cole wurde richtig kotzübel., »Hört zu, Salmon hat auf mein verdammtes Konto seit drei Wochen nichts mehr überwiesen, und bis sich das ändert, werde ich –« Cole nieste, würgte an dem Staub. »Hee, wir sind durchgekommen. Er hat bereits von der selt- samen Sache im Auditorium erfahren und er weiß auch nicht, was mit dem Holo passiert ist … Er sagt, wir sollen über sie so viel wie möglich rausbekommen und ihnen dann Alcatraz aus der Fischperspektive zeigen.« Gelächter. »Wir sollen die Mas- ken erst mal auf lassen.« Gestöhne. Jemand packte Cole an den Handschellen. Er wurde mit einem Ruck hochgerissen und biss sich auf die Zunge, um nicht aufzuschluchzen, als der Stahl der Handschellen in seine Handgelenke biss und sein schmerzender Arm verdreht wurde. Schwindlig und schwankend schaute er sich um. Ein sparsam möbliertes Fertighaus. Neu, aber schon ziemlich schmuddelig. Rund dreißig von denen standen in Türrahmen, saßen am hölzernen Esstisch neben der Küchenzei- le oder lehnten an untapezierten Wänden. Zwei standen direkt vor ihm und warteten auf ein Zeichen. Sie beugten sich mit gespannten Muskeln über ihn. Alle trugen Masken mit dunklen feuchten Flecken über dem Mund. Alle sahen aus, als hätten sie ihre Gesichtszüge an unsichtbaren Fensterscheiben platt ge- drückt und eingeebnet. Neben ihm lag Catz auf der Couch. Ihre Arme hingen unge- fesselt herab. Jemand hatte ihr die Plastikmaske runtergezogen. Sie atmete regelmäßig, und die Anspannung in Coles Brust legte sich. Sie lebt. Während er sie betrachtete, öffnete sie kaum merklich die Augen. Sie blieb jedoch reglos liegen, als wäre sie immer noch, bewusstlos. Cole schaute den Mann an, der über ihm stand … »Los«, sagte die Frau. Sicher, die ersten Schläge schmerzten. Die ersten fünf oder sechs. Im Nachhinein wusste er das nicht mehr so genau, aber mit großer Wahrscheinlichkeit heulte er und versuchte wegzu- laufen. Sie hielten ihn von hinten fest. Nach jedem Schlag stellten sie ihm eine Frage. Gegen seine rechte Schläfe, ein Krachen, das gleich einem heißen Brüllen durch seinen Kopf hallte. »In deiner Brieftasche steht Stu Cole und einer von den Jungs kennt deinen Club. Wir wissen auch, das dir nicht gefällt, was wir vorhaben. Also, wie wolltest du uns auf dem Konzert reinlegen?« (Cole antwortete nicht.) Ein Knall auf seiner linken Wange, der Schmerzen wie Risse durch seinen Körper sandte, als wäre er aus Glas. »Was hattest du mit diesen komischen Holos und den Angstern zu tun, die auf uns losgegangen sind?« (Cole antwortete nicht.) Auf den Mund, ein hässliches Platsch und das Gefühl, wie Blut aus seiner aufgeplatzten Lippe quoll und auf sein Hemd lief. »Warum seid ihr auf den Laster gestiegen? Wolltet ihr rausfinden, wo wir uns treffen?« »Nein«, sagte Cole undeutlich und spuckte Blut. Sein Mund schmeckte wie ein vor Öl glitschiger Strand bei Ebbe. »Der falsche Laster. Haben den von einem Freund gesucht. Durchge- dreht.« Das glauben die nie, dachte er. Und Klatsch, wieder auf den Mund. Mit einem Knirschen löste sich ein Zahn, sein Kopf dröhnte. »Den Scheiß sollen wir glauben? Glaubst du doch selbst nicht. Komm schon, du Pen- ner: Warum seid ihr auf den Laster gestiegen?«, Cole antwortete nicht. Krach-Krach auf seinen Solarplexus, zwei schnelle Schläge. Sämtliche Luft wich aus seinen Lungen und er krümmte sich so heftig, dass sein Kopf gegen sein Knie schlug. »Ich hab gefragt, was für 'ne Scheiße ihr in unserem Laster zu suchen hattet?«, sagte das platte Gesicht. Cole hatte nicht mehr genug Luft, um zu antworten. Er sack- te in die Knie. Der Raum war voll mit leuchtendem purpurro- tem Schnee. Er machte die Augen zu. Fest zu. Für einen Augenblick, vielleicht auch etwas länger, schien er in glitzernder Finsternis zu trudeln. Dann ließ ihn ein Geräusch aufhorchen. Catz schrie. Er blickte auf. Sie ohrfeigten sie. Mit einer Flasche. Eine Frau (Cole konnte vage ihre Figur unter dem Arbeits- hemd erkennen – eine kräftige Frau, wahrscheinlich jung) verdrehte Catz' Haare in ihrer behandschuhten Faust. Und ein großer Mann neben ihr trat Catz mit seinen Stiefeln wiederholt in die Rippen. »Hey!«, schrie Cole. »Was – äh, was wollt ihr wissen?« »Dacht ich mir doch, dass ihn das wieder zu sich bringt«, sagte einer der Männer, ließ von Catz ab und wandte sich wieder Cole zu. Das Licht ging aus. Und so schnell, wie es dunkel geworden war, wurde es auch wieder hell. Funken schlugen aus leeren Lampenfassungen, Flammen zuckten aus dem Stuck und krochen die Wand hin- unter. Dunkle Gestalten stürzten vorbei. Cole kniete auf dem Bo- den. Er richtete sich auf und mit einem Klicken fielen die Hand-, schellen von ihm ab. »City …«, sagte Cole dankbar mit blutigen Lippen. Er hörte Gesprächsfetzen der verwirrten Vigs, während er sich zu Catz vortastete … »Was soll –« »Wer hat da –« »Verdammt, vielleicht sind das –« »Verflucht, ich seh nicht mal –« »Vielleicht Freunde von –« »Verdammtes Feuer, wir müssen –« »Scheiße, lasst sie doch hier –« »Nein, nehmt sie mit –« Cole versuchte Catz hochzuheben. Schmerz raste seinen Arm hinauf, sein Blick trübte sich. Er ließ sie wieder auf das Sofa fallen. Die Finsternis füllte sich mit dichtem Rauch. Jemand riss ihn im Vorbeilaufen um: Er fiel auf die rechte Seite. Die Flam- men leckten höher, die Hitze saugte die Feuchtigkeit aus seinen Wangen. Das Zimmer war von einem unregelmäßigen Flackern erleuchtet, grelles Rot und Blau durchstach die Finsternis. Die meisten Vigs waren weg. Zwei rannten noch hustend zur Sei- tentür raus. »Catz – hey –«, sagte Cole, Rauch würgte ihn bren- nend im Hals und er zog an ihrem Arm. Sie rührte sich nicht. »Catz, City hat das verdammte Haus in Brand gesteckt, damit wir hier wegkommen – wir müssen hier raus, bevor wir verbrennen!« Vor lauter Blut im Mund war er kaum zu verste- hen. Sie stöhnte und wich vor ihm zurück. Dann fing sie zu hu- sten an, ihre Augen öffneten sich weit. Hastig hielt sie sich eine Hand vor den Mund. Cole half ihr auf die Füße. Seinen Augen, tränten vom Qualm, Flammen leckten an seinen Fersen, Schweiß troff und verdampfte. Sie stolperten unsicher auf die Tür zu – ein widerlich gelbes Rechteck, das von Rauchschwaden verdeckt in der Hitze zitterte. Catz ließ seine Hand los und Cole (der das als Zeichen verstand, dass sie ihm aus eigener Kraft folgen konnte) stürmte vorwärts, als die Nähe der Flammen ihn mit neuer Kraft erfüllte – der Kraft der nackten Panik. Er ging davon aus, dass sich Catz direkt hinter ihm befand. Er rannte durch das Halbdunkel einer Kochnische und den offenen Seiteneingang hinaus, warf sich hinter einer Hecke in Deckung und atmete keuchend die saubere kalte Luft ein. Zwei Laster fuhren gerade ab. Jemand lief auf der Einfahrt an ihm vorbei und rief etwas. Männer zwängten sich in ein Auto. Ein paar Farbige standen auf dem Bürgersteig beisammen und schauten gelassen zu. Cole sah sich verzweifelt um. Catz war nicht da. »Catz!«, schrie er heiser, während er sich wie ein Automat auf das Haus zubewegte. Zwei Männer tauchten im Eingang auf. Gemeinsam trugen sie etwas. Cole versteckte sich hinter einer Garagenecke und beobachtete sie. Er erkannte Catz an den Umrissen der Gestalt, die sie trugen – und daran, wie sie sich in ihrem Griff wand. Er duckte sich, als sie in die Garage getragen wurde. Er hustete. Benommen schaute er sich nach einer Waffe um. Doch dann leuchtete ein Autoscheinwerferpaar in dem offenen Garagentor auf, gefolgt vom Aufheulen eines Motors. Ein blauer Buick rollte aus der Einfahrt, auf die Straße, bog ab – und trug Catz davon., »Sie sind sich sicher, was?«, fragte Cole das faltige Gesicht des schwarzen Motel-Portiers. »Sicher bin ich mir sicher. Der Fernseher funktioniert ein- wandfrei«, erwiderte der Mann. »Warum wollen Sie unbedingt fernsehen? Wenn Sie mich fragen, mein Sohn, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Teufel auch, Ihr Gesicht sieht aus, als wäre ein Lastwagen drübergefahren. Soll ich Ihnen etwas Verbands–« »Nein!«, brüllte Cole. Der Mann sah auf, erschrocken und argwöhnisch. Cole nahm sich zusammen: »Nein – ich muss schnell machen. Ein Freund von mir kommt in den Spätnach- richten und ich hab versprochen, ich seh's mir an. Ich verarzte mich später – bin gegen einen Laternenpfahl gelaufen.« »Ich kann Sie da nicht einfach so zum Fernsehen reinlassen. Ich muss Ihnen das Zimmer berechnen, auch wenn Sie nur kurz bleiben«, sagte der Portier und zuckte mit den Schultern. »Ja, schon klar …« Der alte Mann nahm Coles Karte und schob sie in das Ter- minal. Er warf einen Blick auf den kleinen Bildschirm, nickte leicht und gab die Karte zurück. Cole stand ungeduldig da und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, bis ihm der alte Mann in aller Gemütsruhe die Schlüssel gebracht hatte. Nummer sieben. Cole schnappte sich die Schlüssel und rannte zur Tür. Er hat- te starke Schmerzen (ob Rippen angebrochen waren?) und seine Lippe blutete wieder. Er suchte die Zimmernummern ab, bis er die Sieben fand, und drehte hastig den Schlüssel im Schloss. Es schnappte beim ersten Versuch auf und er seufzte erleichtert, als er die Tür aufstieß. Er stürmte in das muffige, finstere Zim- mer und ließ den Schlüssel an der offenen Tür baumeln. Ziel-, strebig hastete er zum Fernseher, schob säuberlich seine Inter- cash-Karte in den Schlitz, und der Apparat ging an. »City!«, schrie Cole ihn an. »Los, sprich mit mir!« Ein leerer Bildschirm summte wie zur Antwort. »Ich weiß, dass du mich hörst!«, schrie Cole. »Gottver- dammtnochmal, mach schon!« Das blauweiße Rechteck flackerte verlockend. Aber … nichts. »City! Melde dich und rede mit mir, oder ich verlasse die Stadt! Ich hau ab und erzähl alles dem nächstbesten Nachrich- tenmagazin!« Cole wartete. Nichts. Er schaltete durch die Kanäle. Nachrichten, Pornos, Game- shows, XY Todesurteil, Die SM-Kinderstunden mit James Bon- dage – kein City weit und breit. Er schaltete wieder auf den unbelegten Kanal. Catz. Cole wartete mit geballten Fäusten und überlegte, wohin sie verschleppt worden war. In der Ferne hörte er Feuerwehrsire- nen, die sich dem brennenden Haus drei Blocks weiter nördlich näherten. Cole stand schwankend da, angespannt und gebeutelt wie eine Fernsehantenne im Sturm. »City!«, heulte Cole. Er wurde langsam heiser. Und dann erschien eine zweidimensionale Büste auf dem Bildschirm, die Gesichtszüge mürrisch und hart. »City … warum hast du sie nicht rausgeholt? Warum hast du den Wagen nicht aufgehalten?« »Ich habe beschlossen, die Dienste der Frau nicht mehr in, Anspruch zu nehmen.« »Was? Warum?« »Sie ist illoyal.« »Bist du – was? Sie hat mich überredet, das durchzuziehen! Sie hat alles getan, was du von ihr verlangt –« »Nein … ich kann sie in mir spüren. Was sie denkt. Sie miss- traut mir. Sie hat sich nur deinetwegen darauf eingelassen. Sie ist der Meinung, dass sie dich beschützt. Ich möchte nicht, dass sie dich länger begleitet. Ich kann dich beschützen.« »Sie beschützt mich? Wovor?« City antwortete nicht. »Los, hol sie raus«, stieß Cole zwischen zusammengebissen Zähnen hervor. »Nein.« Cole fiel die Kinnlade herunter. Verständnislos starrte er den Bildschirm an. »Nein«, wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Nein? Hör zu, du musst, äh, ihre Dienste nicht mehr in An- spruch nehmen. Sorg einfach dafür, dass sie da lebend raus- kommt und lass sie … lass sie gehen.« »Das kann ich nicht. Mir fehlt im Augenblick die Kraft dazu. Ich habe heute Nacht zu viel Kraft verbraucht. Ich bin schwach.« Dann war das Bild verschwunden. »Du Lügner. Verdammter, dreckiger Lügner«, sagte Cole zu dem leeren Bildschirm. Er drehte sich um, ging hinaus und suchte sich eine Telefonzelle. Und rief ein Taxi. Cole wartete jedoch bis zum nächsten Tag, bevor er seinen nächsten Schritt tat. Er war die ganze Nacht in seiner Wohnung auf und ab gegangen und hatte eine Zigarette nach der anderen, geraucht, bis sein Mund wie ein Dieselschlot roch und das Zimmer hinter den Schwaden versank. Ein halbes Dutzend Mal war er zum Telefon gerannt, um Bill anzurufen, wollte ein paar starke Jungs anheuern und Catz befreien. Jedes Mal ging er hin und ließ die Finger mechanisch über die Tasten gleiten. Sowie es am anderen Ende klingelte, unterbrach er die Verbindung. Denn wenn City wirklich entschlossen war, Catz aus dem Spiel zu halten, würde er vielleicht auch Cole daran hindern, sie zu finden. Zumindest nachts. Tagsüber konnte City ihn nicht aufhalten. »Vielleicht sind sie gerade mit ihr zugange«, murmelte Cole vor sich hin. »Schlagen sie.« Um zwei Uhr morgens flüsterte er: »Vielleicht wird sie gera- de geschlagen und vergewaltigt.« Um drei ereiferte er sich: »Vielleicht wird sie gerade aufge- schlitzt.« Seine Stimme war deutlich höher als bisher. Um vier Uhr weinte er. Um fünf fing er an zu trinken. Cole trank nicht oft, doch wenn er trank, dann erbittert. Erbittert – der Ausdruck war angebracht: Er trank stets aus Wut über jemanden. Als könnte es seine Feinde tatsächlich aus der materiellen Welt radieren, wenn er sich betäubte. Um sieben torkelte er und ihm war übel. Trotzdem versuchte er noch einen Gin Tonic runterzuwürgen. Er schaffte es nicht mehr zum Klo, also erbrach er sich in die Spüle. Zitternd beugte er sich über das besudelte Geschirr, hustete ihren Namen und dachte: Himmel hilf, ich bin verliebt in sie. Nach einiger Zeit war sein Kopf wieder so weit klar, dass er sich Kaffee machen konnte. Seine Hände zitterten und er ver-, brannte sich an dem heißen Wasser, das aus dem Topf schwappte. Er trank vier Tassen Kaffee. Er hob den Arm und verzog das Gesicht, als die Nervenschmerzen hindurchjagten. Der Kampf des Koffeins mit dem Alkohol verursachte Kopf- weh, das wie die Glocke bei einem Preiskampf dröhnte. Hastig zog er sich um, wusch sich und tupfte vorsichtig die Schnittver- letzungen in seinem Gesicht ab. Nach dem ersten Blinzeln versuchte er jeden weiteren Blick in den Spiegel zu vermeiden. Dann rief er Salmon an. »Mister Salmon möchte gern sehen, mit wem er spricht«, sagte die Sekretärin. Eine körperlose Stimme. Es klang nach einer alten Frau. »Entschuldigung. Äh – mein Bildschirm hat den Geist aufge- geben, in beide Richtungen. Mister Salmon kennt den Grund. Ich kann ihn auch nicht sehen, wenn Sie das beruhigt. Sagen Sie ihm doch bitte, dass Stu Cole dran ist und es um die Jungs beim Konzert geht.« Sie ließen ihn zwanzig Minuten in der Warte- schleife. Vielleicht sind sie schon hierher unterwegs, dachte er. Er hatte eine Pistole im Schrank versteckt, in einem Schuhkarton auf dem Boden. Er ging ans Fenster. Die Straße sah aus wie immer. Die Pla- kate an den Ziegelmauern überlappten einander wie die Aufnä- her auf der Tasche eines Weltenbummlers. Auf einer Straßen- seite spielten mexikanische Kinder, und eine Gruppe schwarzer Jugendlicher schlenderte singend vorbei. Ein Zuhälter stand mit einem Kunden neben der Intercash- Kabine an der Ecke. »Ja? Cole?«, drang Salmons Stimme aus dem Telefon., Cole wandte sich vom Fenster ab und rannte zum Apparat zurück. Aus Gewohnheit starrte er während des Gesprächs auf den Bildschirm, obwohl er leer war. »Salmon? Hören Sie zu, Sie kennen mich nicht – jedenfalls sind wir uns noch nicht begeg- net, aber –« »Ich weiß, wer Sie sind. Was zum Teufel wollen Sie?« »Ich weiß, für wen Sie arbeiten und für wen die Vigilanten arbeiten. Und die halten jemanden fest und ich glaube, Sie wissen inzwischen, von wem ich rede.« Ganz beiläufig regi- strierte Cole, dass jemand die Treppe des Wohnhauses herauf- kam. »Sie ticken nicht ganz richtig, Freundchen. Wir stellen Er- mittlungen über die Vigilanten an und ich kann Ihnen versi- chern, dass wir bald –« »Hey, hören Sie mit dem Theater auf!«, brüllte Cole. Mit je- der Silbe stach eine Nadel in seine Schläfen. Einen Augenblick herrschte Stille. »Salmon? Hallo? Sind Sie noch dran?« »Ja … Hören Sie, Mr. Cole, wenn Sie mir erklären würden, was Sie von mir wollen, will ich mich gern –« »Hey, versuchen Sie nicht, mich zu verarschen. Wenn Sie glauben –«, Cole hielt inne und lauschte auf die Schritte, die die Treppe heraufdonnerten. Er hörte jetzt etliche Füße, die sich mit ungewöhnlicher Eile bewegten. »Salmon, du Schweinepriester!«, brüllte Cole den Bildschirm an und rannte zum Schrank. Er riss die Schranktür auf, als jemand die Wohnungstür eintrat. Das Schloss gab nach, doch etwas klapperte und jemand fluchte, also schien die Kette zu halten. Es krachte erneut, als noch einmal gegen die Tür getre-, ten wurde. Cole wühlte im Schuhkarton auf dem Boden des Schrankes … fand die Pistole und brachte sie gerade in An- schlag, als sich der Mann mit der Strumpfmaske über dem Gesicht ihm zuwandte, von den Fotos der Stadt an der Wohn- zimmerwand eingerahmt. Cole und der Eindringling hatten beide eine Waffe in der Hand. Doch Cole hielt seine im Anschlag, während sein Gegenüber die Hand noch an seiner rechten Seite hatte. »Ich kann damit umgehen«, log Cole, »und ich habe Ihre Brust genau im Visier. Also keine Bewegung. Und wenn Ihre Freunde reinkommen, erschieße ich Sie.« Die angedeutete Bewegung hinter dem Mann hörte auf. Der Mann erstarrte. Das maskierte Gesicht reckte Cole seine Augenhöhlen entgegen. »Hören Sie – äh –« Cole hoffte, der Mann würde nicht be- merken, dass seine Hand zitterte. »Äh – ich kann eine Hypo- thek auf den Club aufnehmen, einen Kredit zusammenkratzen, wir handeln was aus. Was sagen Sie dazu? Für wen Sie auch arbeiten, sagen Sie ihm, äh – sagen Sie ihnen, dass ich zahle, wenn Sie sie laufen lassen.« »Warum gehen Sie nicht zur Polizei?« Die verzerrten Lippen bewegten sich wie Nacktschnecken unter dem rosafarbenen Gewebe. »Sehr witzig«, sagte Cole und verzog vor Kopfschmerzen das Gesicht. »Sie haben die Bullen doch in der Tasche.« »So groß ist Ihre Kreditwürdigkeit nicht, dass wir riskieren können, sie am Leben zu lassen. Wir haben darüber nachge- dacht. Jemand weiter oben wird heute Abend ein ernstes Ge-, spräch mit ihr führen, und dann schicken wir sie Ihnen per Post zurück. In vier Zustellungen.« Hinter dem Mann lachte jemand. Er richtete sich auf, als ha- be ihn das ermutigt, und verstärkte seinen Griff um die Waffe an seinem rechten Hosenbein. Ich sollte ihn umbringen, dachte Cole. Aber wie oft werde ich damit noch ungeschoren davonkommen? »Sagen Sie mir, wo sie ist, und ich drücke nicht ab. Das ist alles«, fauchte er. »Warum holen Sie sie nicht ab? Sie ist noch genau da, wo Sie sie zuletzt gesehen haben.« »Ich habe sie zuletzt – auf der Straße gesehen. In einem Au- to.« Coles Arm schmerzte zunehmend vom Gewicht der Pistole. Er hielt die Waffe mit beiden Händen, die Arme starr durchge- streckt. »Die Feuerwehr ist sofort gekommen. Die Wache ist ganz in der Nähe. So schlimm war das Feuer gar nicht. Die hintere Haushälfte ist völlig in Ordnung. Wir haben da noch einiges rumliegen, also sind wir gleich wieder hin. Sie ist dort … Wir sind abgehauen, bevor die Oaklander Polizei eingetrudelt ist, und fünf Minuten, nachdem sie weg waren, sind wir wieder zurück. So einfach ist das.« »Die Polizei von Oakland steht also nicht auf Ihrer Gehaltsli- ste?«, fragte Cole beiläufig. »Idiot!«, zischte jemand. Interessante Information. Könnte nützlich werden: Keine Verbindungen zu den Oaklander Bullen. Aber warum trafen sie sich dann in Oakland? Vielleicht war es den Bewohnern der Slums von Oakland gleich, was ihre Nachbarn trieben., »Na gut«, sagte Cole. »Gehen Sie langsam rückwärts in den Flur; lassen Sie erst Ihre Waffe fallen.« Die Waffe fiel zu Boden und der Vigilant schob sich langsam rückwärts um die Wand zum Treppenhaus herum. »Oben warten Freunde von mir, und sie sind bewaffnet!«, schrie Cole, er log. »Macht, dass Ihr aus dem Haus rauskommt!« Er lauschte auf ihre Schritte, während sie die Treppen hinab- stiegen. Er wusste, dass sie nicht weit gehen würden. Als er sicher war, dass sie sein Stockwerk verlassen hatten, stieg er durch ein nach hinten gelegenes Fenster hinaus, die Feuertreppe hinunter in eine umfriedete Gasse und durch ein eingeschlagenes Fenster in ein leer stehendes Gebäude. Er trampelte im Halbdunkel durch die Abfälle, bis er einen Aus- gang zur Straße gefunden hatte, dessen Tür nur noch zur Hälfte in ihren Angeln hing. Dann war er auf der Straße und rannte los.,

FÜÜÜ- hünf! Schnell. Er borgte sich Bills Auto und fuhr wie ein Ver-

rückter durch den Regen, die aalglatten Straßen waren ihm gleichgültig bis zum Wahnwitz. Der Regen hatte zwei Minuten, nachdem er seine Wohnung verlassen hatte, angefangen. Nass bis auf die Haut hatte er seinen benommenen, zerzausten Verwalter geweckt und kur- zerhand seine Autoschlüssel verlangt. Bill war zu müde, um Fragen zu stellen. Cole rutschte unbehaglich auf dem Vinylsitz herum. Er hatte einen nassen Hintern und sein Hemd klebte ihm am Rücken. Die Heizung im Chevy tickte vor sich hin, die Fenster waren geschlossen. Das Regenwasser in seinen Kleidern schlug sich langsam an den Fenstern nieder und verwandelte das Innere des Wagens in ein Treibhaus. Er konnte seine nassen Haare riechen und die alten Zigaretten im Aschenbecher. Der faulige Nachge- schmack von Zigaretten belegte seine Zunge. Seine Kopf- schmerzen ließen nach; ein bösartiges Brennen im Magen hatte sie abgelöst. Die Straßen glänzten gleichmäßig nass wie schwarzes Glas. Etwas Membranartiges, Organisches lag in ihrem Glanz. Der heruntergekommene zweitürige Wagen fuhr grollend, auf die Zufahrtsrampe der Autobahn. Seine zerbeulte Motor- haube zerrte immer wieder an dem Stück Draht, das den Ver- schluss zusammenhielt. Cole wechselte von einer Spur auf die andere, die Augen auf der elektronischen Steuerungsarmatur, die aufleuchtete, sobald er auf die Autobahn gefahren war. In der City selbst waren die Verkehrsleitsysteme noch nicht instal- liert, und weniger als die Hälfte der Autos auf den Straßen verfügten über eine entsprechende Ausrüstung, also konnte jeder selbst entscheiden, ob er sie einschaltete. Cole hatte viel zu wenig geschlafen und war müde. Seine Augen brannten und er beschloss, bis Oakland das Leitsystem zu nutzen. Er schaltete es ein, lehnte sich zurück und überließ das Lenkrad sich selbst. Es fiel ihm immer noch schwer, sich daran zu gewöhnen, dass es sich ohne sein Zutun bewegte, dass sich das Bremspedal senkte, um sich der Geschwindigkeit eines Wagens anzupassen, der vor ihm langsamer wurde … Der Wagen klapperte auf die Brücke. An diesem nassen, windigen Morgen glich das Meer jenseits der Bay Bridge einer riesigen Fläche sich kräuselnder Jade. Es schien viel zu alt und allumfassend, als dass es von dem Brückenbogen hätte gebannt werden können. Das Meer schien auf das unvermeidliche Erdbeben zu warten, es würde zu guter Letzt über die Kunstgrif- fe der Zivilisation lachen. Cole blickte über seine Schulter. Die City erhob ihre perl- muttfarbenen Türme über einen Nebelschleier, aus dieser geheimnisvollen Perspektive glichen sie dem spitzen Schutzwall einer exotischen fremden Stadt. Cole verspürte einen Stich im Herzen, als er den Zahn des Pyramid Building aufragen sah; er musste an den Mann denken, der dort auf dem Boden seine, letzten Zuckungen getan hatte. Cole lehnte sich zurück und betrachtete das näher kommen- de Durcheinander von Berkeley und Oakland. Seine Hand ruhte auf dem Griff der Waffe in seiner Manteltasche. »Und was hast du vor?«, fragte er sich. »Willst du ihnen androhen, sie alle zu erschießen? Aber wer hätte mich begleiten und mir helfen sollen? Vielleicht die Polizei von Oakland … aber nein, ich müsste erst alles erklären … trotzdem, wenn das die einzige Möglichkeit ist, sie rauszuholen …« Der Motor des Wagens hustete einmal laut, als wollte er sa- gen: Hör auf, Selbstgespräche zu führen, Cole, das ist mir pein- lich. »Sonst hab ich ja niemanden«, sagte Cole. Selbstgespräche sind eine schlechte Angewohnheit, erwiderte das Auto grollend und surrend, warum redest du nicht mit mir? »O Scheiße!«, sagte Cole. Seine Müdigkeit ließ ihn fast hallu- zinieren. Außerdem – er machte sich Sorgen um Catz und versuchte zu verarbeiten, was er gesehen hatte. Die ermordeten Männer. Damit klarzukommen brachte ihn bis an eine be- stimmte Grenze, eine Grenze, die er nicht mehr gespürt hatte, seit er als junger Mann eine Überdosis Drogen genommen hatte. O Scheiße, ich möchte nicht verrückt werden, dachte Cole. Doch dann kam ihm der Gedanke, dass er sich das alles viel- leicht nicht nur einbildete. City konnte ihn tagsüber nicht aufhalten, aber er konnte mit ihm Kontakt aufnehmen. Ein Auto ist schließlich nur ein beweglicher Teil der Stadt, wie ein Blutkörperchen in den Venen eines Menschen. Und durch das Auto … Dann rede halt mit mir., »Nein«, sagte Cole und musste dann über sich selbst lachen. Entspann dich. Überdenk noch mal, was du gerade tust, sprach das Flüstern des Windes, der über das Auto hinweg rauschte, sprach das Schlagen der Kolben. Ist das eine Halluzination oder ist das City? fragte sich Cole. Oder beides? Das Auto hatte ihn verschluckt. Trug ihn gegen seinen Wil- len davon. Trug ihn in seinem Bauch in irgendeine öde unterir- dische Garage, wo er eine zementierte Ewigkeit verbringen würde. Das Auto verfügte über einen eigenen Willen – das Lenkrad bewegte sich selbsttätig. Er saß in der Falle, verschmolz mit dem Vinylsitz, die Fenster schlossen sich um ihn – Mit einem wütenden Knurren richtete sich Cole ganz auf und schüttelte sich. Er kurbelte das Fenster herunter und ließ sich den kalten Wind ins Gesicht wehen. Mit einem Schauer fiel die Verwirrung von ihm ab. Er kurbelte das Fenster wieder hoch, ließ es aber einen Spalt offen und schaltete zur Ablenkung das Radio ein. Das Gerät kreischte in einer Vielzahl höllischer Stimmen, bis er einen Nachrichtensender gefunden hatte: » … zu diesem Zeitpunkt ist es nicht nur logisch, sondern geradezu unvermeidlich, dass die Postdienste zu einhundert Prozent auf elektronische Übertragung aller Schriftstücke umstellen, Pa- ketsendungen ausgeschlossen. Die gegenwärtigen sechzig Prozent reichen nicht aus. Einheitlichkeit bedeutet Zweckdien- lichkeit, und wir können schließlich nicht erwarten, dass ein geteiltes postalisches System ordentlich funktioniert. Entspre- chend ist es notwendig, jeden Haushalt, der Post erhalten möchte, zur Installation eines Datenempfangsterminals zu verpflichten. Die Vorteile überwiegen gegenüber den Nachtei-, len bei weitem. Einen Brief bei sich zu Hause zu tippen, der unmittelbar übertragen wird – entweder während der Eingabe oder als Ganzes, je nach –« Cole drehte weiter. »Keine richtige Post mehr, was?«, mur- melte er, während er die Sender durchprobierte. »Verdammt, ich mache gerne Briefe auf.« Während er die UKW-Skala entlangglitt, stieß er auf den Satz: » … Vigilanten, die vermeintlich …«, und drehte so lange hin und her, bis er diesen Sender wieder gefunden hatte. »Doch wenn diese Männer und Frauen nicht im öffentlichen Dienst stehen – und es hat sich gezeigt, dass sie weit schlimmer sind als die Retter der Enterbten, für die wir sie halten sollen – wer steckt dann hinter ihnen? Gestern Abend sind sie auf einem Rockkonzert aufgetaucht, wo es ein Blutbad gegeben hat, das muss einem doch zu denken geben. Ich als Journalist nehme ihnen die Rechtfertigung einfach nicht ab, die sie anonym und auf Band bei der Polizei hinterlassen haben, dass das Konzert ein ›Brennpunkt der Schäbigkeit und Korruption‹ gewesen sei. Ziemlich müde Ausrede! Da scheint die Information eher von Bedeutung, dass die Band First Tongue sich geweigert hat, der Rockmusiker-Gewerkschaft beizutreten, von der jedes Kind weiß, dass das organisierte Verbrechen hinter ihr steckt. Sind die Vigilanten also ein Zweig der Mafia?« »Sag bloß, du Wichser«, bemerkte Cole. Als der Wagen die Autobahn verließ, machte er das Radio aus. Das Auto würde rechts ran fahren, wenn er nicht selbst lenkte. Er befand sich wieder in einem Gebiet ohne Verkehrs- leitsystem. Cole schaltete die Elektronik ab und übernahm das Steuer., Er fuhr ein, zwei Kilometer und kaute auf seiner Lippe her- um, trotz des schmerzenden Risses. Als er sich der Kreuzung näherte, wo er zum Haus der Vigilanten abbiegen musste, nahmen die Schmerzen seiner Verletzungen langsam zu, als wollten sie ihn warnen. »Psychosomatisch«, beruhigte er sich. Die nächste Seitenstraße. Er bog ab. Er hörte sich selbst keu- chen. Er hatte die linke Hand am Lenkrad und die Rechte in der Manteltasche, auf der selbstgefälligen Schwellung des Pistolen- griffs. Der größte Teil der Bevölkerung von Oakland war schwarz; Reklametafeln an Siedlungsbauvorhaben und Mietskasernen zeigten lächelnde schwarze Menschen, die ziemlich bürgerlich aussahen, sich gemeinsam eine Zigarette oder einen hundert- prozentigen St. Ides gönnten oder in einer Disco tanzten. Einige neuere Werbetafeln wurden von Glasscheiben bedeckt, unter denen sich die Holos fröhlicher junger Schwarzer zur Musik des beworbenen Radiosenders bewegten. Schwarze Gesichter, weniger gut gelaunt als ihre riesigen Konterfeis auf den Reklametafeln über ihren Köpfen, betrachte- ten ihn mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen, starr- ten einzeln aus Fenstern oder standen in Gruppen vor Schnaps- läden herum. Cole fuhr an zwei verlassenen evangelischen Kirchen Marke Eigenbau vorbei, der HEILIGEN KIRCHE UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS IM GEBETE und der HARDCORE KIRCHE JESU DES GESEGNETEN HERRN. Cole lächelte. Das Lächeln verzog sich zu einer Grimasse, als er das Hotel entdeckte, in dem er mit City gesprochen hatte. »City …« flüsterte er. »Schlaf … oder hilf mir.« Und dann sah er das Haus. Zwei schwarze Jungs mit künst-, lich geglätteten Haaren standen auf dem aufgerissenen Gehweg und betrachteten die geschwärzte Vorderseite des einstöckigen Hauses, die jämmerlichen Fensterhöhlen. Cole fuhr an dem Haus vorbei. Sein Herz schlug schneller als die Kolben des Chevy. Zwei Wohnblocks weiter fuhr er vor einem weiteren Schnapsladen rechts ran. Sie ist dort drin, dachte er fieberhaft. Ich bin in ihrer Nähe. Er blieb zitternd im Wagen sitzen. Schnell, dachte er. Mach schon. Und schon stieg er aus dem Auto, die Hand auf der Pistole in seiner Tasche, knallte mit der linken Hand die Tür zu und wandte sich zum Haus. Was konnte er tun? Aber er lief weiter, den feuchten Schatten eines zerfallenen Hotels entlang. Vielleicht konnte er der Polizei sagen, dass sich das Opfer einer Entführung dort drin befand – nein, sie würden Catz beim ersten Anzeichen eines Polizeiein- satzes wegschaffen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von der Seite oder von hinten hineinzuschleichen, jemanden zu packen, ihm die Waffe an den Kopf zu halten und im Austausch Catz zu verlan- gen. Im Fernsehen funktionierte so etwas. Selbstmord. Aber er lief weiter. Als er noch zehn Meter weit weg war, blieb er stehen. Er sah etwas Seltsames in einem schmalen, mit Scherben übersäten Durchgang zwischen zwei hohen Wohnhäusern. Er starrte hin. Er starrte sich selbst an, und Cole lächelte zurück. Die Gestalt trug andere Kleider, aber er war es, eindeutig … mit Ausnahme des seltsamen Gesichtsausdrucks. Der Begriff Doppelgänger drängte sich auf. Cole sah sich um, die Straße rauf, und runter. Niemand sah zu. Er trat in den schmalen Durch- gang. Sein Blick klebte an dem, was er sah, als ob er erwartete, dass es jeden Augenblick wie ein Trugbild verschwinden würde. Cole ging vorsichtig darauf zu und stieg über Haufen aus Hundescheiße und nasser Pappe. Zwei Meter vor der Erschei- nung blieb er stehen. Sie verschwand nicht. Sie lächelte ihm zu, als würde ihr das Spaß machen. Aus dieser Entfernung konnte er durch sie hindurchsehen. Sie war durchsichtig, wie ein schlechtes Hologramm. »Und ich dachte, den Scheiß hätte ich schon im Auto abge- schüttelt, als ich das Fenster aufgemacht habe«, sagte Cole. Aber er hatte nicht das Gefühl, als stünde er einer Halluzination gegenüber. Das Ding stand direkt vor ihm, verschwommen, aber unerschütterlich, ebenso Teil der Stadt wie der Rauch aus einem Schornstein. Das Gespenst (denn so nannte er es in Gedanken) lachte. Co- le hatte den Eindruck, es lachte herzhaft, doch die Stimme – fraglos seine eigene – drang nur als heiseres Flüstern zu ihm: »Cole, alter Junge, du solltest dein Gesicht sehen. Aber natür- lich wirst du das, wenn unsere Perspektiven gewechselt haben.« Das Ding lachte wie verrückt. Cole streckte seine Hand aus und wischte die abblätternde Farbe von der Holzwand neben sich, um mit etwas Greifbarem in Kontakt zu kommen. Wenn es eine Halluzination ist, dachte er, dann erscheint es, egal wohin ich schaue. Also drehte er sich um, starrte an eine grau gestri- chene Wand und hielt in den staubigen Bogenmustern Aus- schau nach seinem Spiegelbild. Die Gestalt zeigte sich dort nicht. Als er sich umdrehte, war sie wieder da. Und nur dort. In diesem Augenblick überkam Cole ein plötzliches Gefühl von, Déjà-vu, das im Abklingen seine Zweifel hinwegwischte. Plötz- lich schien alles richtig und angemessen. Unausweichlich. »Es ist seltsam«, sagte der durchsichtige Cole, mit einer Hand am Kragen. »Aber ich kann mich an alles erinnern, was du gerade denkst – wie du an die Wand geschaut hast, um heraus- zufinden, ob ich dort auch auftauche, und das Déjà-vu. Ich habe eher das Gefühl, ich erlebe das alles selbst, im Nachhinein, aber – aber aus einer geringen Distanz, wie in einem Traum. Verstehst du?« Cole nickte benommen. Er verstand. »Ich kann mich sogar«, fuhr sein Doppelgänger fort, »an das erinnern, was ich jetzt zu dir sage – ich höre es in einer Art Prä- Echo, bevor ich es sage. Was irgendwie seltsam ist, schließlich spreche ich gerade genau darüber … ich meine …« Er kicherte, mit weit aufgerissenen Augen, mindestens halb wahnsinnig. »Ich meine … ich weiß, was ich genau jetzt sagen würde, schließlich habe ich es kurz vorher aus deiner Perspektive erlebt … als ich mich angeschaut habe, aus der Perspektive, aus der du das jetzt erlebst, und ich kurz vor – nun, bevor ich hier auf dich gestoßen bin, um dich zu warnen, habe ich versucht, absichtlich etwas anderes zu sagen als das, was ich jetzt sage, aber ich sage eben doch nur ›habe ich versucht, absichtlich etwas anderes zu sagen, als das, was ich jetzt sage‹, was ich eigentlich anders sagen wollte, schließlich wusste ich, da ich aus deiner Perspekti- ve bereits gehört habe, was ich sagen würde – ich meine, das ist ein ziemlich seltsamer und verrückter Zirkel, oder etwa nicht? Herrlich abgefuckt. Aber du bist nicht verrückt, Cole; es gibt mich wirklich. Ich besitze sogar, äh, Substanz – allerdings nicht in deiner Welt. Verstehst du, Mann, in deiner Welt existiere ich, nur teilweise. Hier gibt es mich wirklich, in der Dimension der quintessentiellen städtischen Existenz, aber aus deiner –« »Du hast etwas von einer Warnung gesagt?« »Oh, ja – ich erinnere mich, dass du mich das gefragt hast. Will sagen, ich kann mich daran erinnern, als ich – als wir – als ich du war und ungeduldig geworden bin und mich das gefragt habe –« »Hör auf damit!«, sagte Cole. »Genau das hast du gesagt!« Die Erscheinung kicherte. »›Hör auf damit!‹, hast du gesagt! Genau, direkt nachdem ich ›und ungeduldig geworden bin und mich das gefragt habe‹ gesagt habe –« »Hör zu«, sagte Cole verzweifelt. Er wurde von einem Déjà- vu-Anfall nach dem anderen überrollt. »Bitte sag mir, was – die Warnung –« Aber irgendwie war, als das Gespenst jetzt nickte und ihm endlich die Botschaft überbrachte, die zu überbringen es ge- kommen war, jedes einzelne Wort dieser Botschaft schon vertraut und er hatte es erwartet, und ihm wurde alles klar: »Cole – geh nicht in das Haus. Ich bin hier, um dir das zu sagen. Du stehst an einem Scheideweg in der Zeit und ich muss dir den richtigen Weg weisen. Was mir ziemlich komisch vorkommt, denn ich habe das alles schon mitgemacht, als ich du war, und ich weiß, für welchen Weg du dich entscheiden wirst … aber schließlich habe ich mich für diese Abzweigung entschieden, eben jene Möglichkeit, denn ich habe dir diese Warnung überbracht. Ich. Du? Herrlich abgefuckt, dieses Paradox. ›Paradox‹ ist, glaube ich, das richtige Wort …« »Aber, vom Risiko einmal abgesehen … warum soll ich nicht, in das Haus der Vigs gehen?«, forschte Cole und betrachtete mit zunehmendem Entsetzen den verzerrten, kindlichen Ausdruck auf seinem Gesicht. Seinem toten Gesicht? »Weil – ha-hihi! – äh. Nun, denk mal darüber nach (auch daran kann ich mich erinnern): Heute Morgen warst du müde; sonst hättest du dich gewundert, warum die Vigilanten so schnell mit der Information rausgerückt sind, wo Catz sich befinden soll. Offensichtlich wollte man, dass du hierher kommst. Ein derartiges Risiko gehen die nicht ein, Dummkopf. Sie haben ihr Hauptquartier verlegt, an drei unterschiedliche Orte genau genommen. Dort drin sitzen drei Männer mit Waffen und warten auf dich. Sie wollen dich umbringen.« Cole war nicht überrascht. Idiot, dachte er. »Aber gottver- dammt noch mal, wo steckt Catz? Und was geschieht mit uns? Wie bin ich zu dir geworden? Und überhaupt –« »Hör zu, ich werde dir sagen, wo Catz ist«, unterbrach ihn das Gespenst grinsend. »Aber den ganzen Rest nicht, weil ich das nicht getan habe, als du ich warst. Ich weiß noch, dass ich es nicht getan habe, also kann ich es jetzt auch nicht. Ist das nicht herrlich –« »Wo zur Hölle steckt sie dann?« »In Berkeley, vierunddreißigzweiundzwanzig auf der Vier- ten, gleich an der Universität. Mit vier dieser Typen, die Karten spielen. Sie haben sie in einen Schrank gesperrt. Sie erwarten dich nicht, aber sie sind bewaffnet. Ich würde dir ja sagen, du sollst Hilfe holen, aber das wirst du nicht, soweit ich mich erinnern kann, weil du verzweifelt bist, oh, aber das kann ich dir nicht erzählen, denn –« Cole wandte sich den Rücken zu und rannte aus der Gasse,, als das Gespenst ihm hinterher rief: »Ich wusste, dass du weglaufen würdest, nachdem ich ›aber das kann ich dir nicht erzählen, denn –‹ gesagt habe …« Er rannte zum Auto zurück. Er fuhr so schnell er konnte, ohne sich umzubringen, und zog die Aufmerksamkeit eines Streifenwagens auf sich, den er wieder abhängte, als er die Ausfahrt Berkeley hinunterfuhr. Er raste wild drauflos, hupte ununterbrochen, um Fußgänger zu warnen und nahm Abkürzungen durch die Seitenstraßen der Wohnviertel. Er schoss eine Schotterstraße entlang und verfehlte nur knapp einen Jungen auf einem Fahrrad, der den Lenker herum- riss und gegen einen Zaum prallte. Cole fuhr mit quietschenden Reifen weiter, bog in die University ein. An der Dritten über- fuhr er eine rote Ampel, bog ohne zu blinken in die Vierte, donnerte die ruhige Straße mit 70 Sachen hinauf und suchte die Hausnummern ab. Er fuhr so schnell, damit ihn seine Angst nicht einholen konnte. Er hatte Angst vor der Tragweite dessen, was passiert war; hatte Angst vor seiner eigenen Wut. Schnell. Dann sah er das Haus: rot eingefasster Stuck, pseudospani- scher Stil, mit einem braunen Rasen, der von Eukalyptusbäu- men begrenzt wurde. Ein blauer Buick stand in der Einfahrt. Er trat auf die Bremse, sparte sich aber das Einparken und ließ den Wagen mit laufendem Motor mitten auf der Straße stehen. Er hatte Angst, innezuhalten und nachzudenken, also sprang er aus dem Auto und stürmte über die Straße auf das Haus zu. Hier schien die Sonne und die Wärme der Photonen leckte seine kahle Stelle. Es roch nach Eukalyptus und gebratenen, Hamburgern. Schnell. Er rannte um das Haus herum und hoffte, dass niemand aus dem Fenster sah. Ein öder Hinterhof mit dem rostenden Wrack eines alten VW in einer schiefen Holzgarage. Vergiss das, mach schon. Beeil dich. Er rannte die Stufen zur hinteren Veranda hoch. Der Beton dämpfte seine Schritte, doch als er die Hintertür eintrat, krachte es durchdringend wie ein Gewehrschuss. Er zerrte die Pistole aus der Tasche (das hättest du schon vorher tun können, Idiot) und schaute wütend um sich. Jemand blickte gerade vom Ofen auf (der Mann schien sich äußerst langsam zu bewegen, so schwerfällig wie eine Zeitlupenwiederholung beim Fußball – als hätte sich Cole in eine panische Eile hineingesteigert, bis er sich in Zeitabschnitten bewegte und dachte, die merklich schneller abliefen als bei anderen Menschen), und Cole stürzte auf ihn zu, richtete die Waffe auf ihn und drückte ab. Fast im gleichen Augenblick, als die Pistole losging – und Cole war sich ganz entfernt bewusst, dass der Mann schwankte und fiel, die Augen nach innen verdreht, als starrten sie das Loch an, das die Kugel zwischen sie gebohrt hatte –, stürmte Cole bereits in das nächste Zimmer und feuerte auf die drei Männer, die völlig überrascht aufstanden, sich mit großer Langsamkeit bewegten, ihre Mün- der formten Worte, die nicht mehr die Zeit fanden, ihre Kehlen zu verlassen, ehe Cole sie erschoss. Er war so nah dran, dass er sie schwerlich verfehlen konnte. Trotzdem wurde der Mann zu seiner Linken nur in die Schulter getroffen. Während er zu Boden ging, rollte er sich hinter ein schweres Holzregal und grabschte unter der Jacke nach seiner Waffe. Und Cole wurde, von der Trägheit seiner eigenen Masse eingeholt. Er schien langsamer zu werden, die Vigilanten schneller. Zwei von ihnen starben und wanden sich in normalem Tempo, einer richtete seine Waffe auf ihn. Cole warf sich nach links. Er konnte sich nur noch mit großer Anstrengung bewegen, als wäre er von Sirup umgeben. Als er auf dem Boden aufschlug, zerschmetterte die Kugel des Vigs das Fenster hinter ihm. Cole war auf seinem verletzten Arm gelandet und der Schmerz hinderte ihn daran, seine Pistole richtig einzusetzen: Der Arm war fast nutzlos. Jemand kam zur Vordertür herein. Sie öffnete sich und ließ zwei kräftige Männer ein, der eine schwarz, der andere ein dunkelhaariger Weißer mit Sonnenbrille. Sie zogen Waffen. Die Schranktür sprang auf und Catz taumelte blinzelnd her- aus; sie warf sich sofort auf eine der Schusswaffen, die neben dem umgestoßenen Spieltisch lagen, von den Männern fallen gelassen. Pulverdampf wehte durch den Raum, der Mann neben dem Bücherregal feuerte erneut und verfehlte Cole ein zweites Mal – er konnte wegen seiner Verletzung nicht richtig zielen. Cole versuchte angestrengt, seinen verletzten Arm unter Kon- trolle zu bekommen und verlor erschöpft seine Pistole in dem allgemeinen Durcheinander. Catz kniete auf dem Boden – und schoss auf ihn? Nein, schoss an seiner Schulter vorbei auf die zwei Männer, die das Zimmer durchquerten. Und einer der beiden feuerte einen Schuss ab, der das Holzregal durchschlug und versehentlich den verletzten Vigilanten traf. Revolverdetonationen erschütterten das Zimmer und die zwei letzten Vigs gingen zu Boden. Einer – mit einem Schuss im Bein – ließ fluchend seine Waffe fallen, rappelte sich halb auf und hampelte auf dem gesunden Bein hastig zur Vordertür., Cole starrte Catz an. Sie sah grausig aus. Blass, das Gesicht blutverschmiert, mit einem blauen Auge und verfilzten Haaren, die Hände noch immer um die Waffe geklammert, zitternd. Sie kniete auf dem Boden, Schock und Schrecken und Triumph im Gesicht, drei Gefühle binnen drei Sekunden. Dann ließ sie die Waffe fallen. Cole krümmte sich vornüber, röchelte und er- schauerte, als sich unvermittelt seine Anspannung löste. Sie half ihm auf die Beine und zusammen stolperten sie zur Hintertür hinaus, die Stufen hinab, in frischere Luft. Sie haste- ten zum Auto. In der Nähe heulten Polizeisirenen; aus benach- barten Eingängen schauten Leute mit zusammengekniffenen Augen durch das greller werdende Sonnenlicht zu ihnen her- über. Cole stieg auf der Fahrerseite ein und ließ sich von Catz lang- sam zur Seite drängen. Er fügte sich ihrer größeren Selbstbe- herrschung: Sie übernahm das Steuer und er ließ sich gegen die Beifahrertür sacken. Als sie losfuhr, döste er vor sich hin und dachte müde: Herr im Himmel, hoffentlich schaffen wir es über die Brücke und werden das Auto los, bevor die Bullen von einem der Nachbarn das Kennzeichen bekommen. Anscheinend wollte niemand bei der Polizei vorsingen. Sie erreichten die Wohnung von Catz' Bassisten in San Francisco ohne Schwierigkeiten. Er war für ein paar Tage nicht zu Hause. Dort nahmen sie sich in die Arme und schliefen ein. »Ich hatte schon seit Stunden an meinem Ausbruch gearbeitet. Die Seile bin ich ohne Probleme losgeworden. Aber ich konnte mich nicht entscheiden, wann ich die Tür eintreten sollte«, sagte Catz. »Ich habe darauf gewartet, dass sie sich schlafen, legen.« »Dachte ich mir«, sagte Cole. Bei dem Thema fühlte er sich unwohl. Sic saßen in einem Café an der Ecke. Die Sonne zitterte be- harrlich über einem Wolkenkratzer; die City wartete beharrlich auf den Einbruch der Nacht. Sie hatten auf einer klumpigen Matratze in der Wohnung an der Castro fast den ganzen Tag verschlafen und waren vor zwei Stunden beinahe gleichzeitig aufgewacht. Sie lagen sich immer noch in den Armen. Bisher waren sie sich noch nie körperlich näher gekommen. Und während Catz – zu Coles Überraschung – an ihn gekuschelt liegen blieb, war es ihm peinlich. Und ihm war der Arm einge- schlafen. Aber als er jetzt daran zurückdachte, glühte er inner- lich. Sie hatten sich gewaschen, so gut wie möglich ihre Verlet- zungen versorgt und Brötchen gefrühstückt. Dann waren sie hierher gekommen. Jetzt, im zunehmend bläulichen Licht, das durch das staubige Schaufenster neben dem mit Tassen übersäten Holztisch fiel, sah Catz' Profil zwar ramponiert, aber immer noch beeindruk- kend aus. Sie saß da, die Ellbogen auf dem Tisch und ihr kanti- ges Kinn auf die Hand gestützt. Ihre leicht schiefe Nase zeichne- te sich scharf gegen die Schatten zu ihrer Linken ab, ihre tief liegenden Augen waren nach innen gerichtet – blaue Flecken standen ihr, fand Cole, wie das theatralische Make-up eines Angstrockers. Sie trug eine mattschwarze, kurze Jacke mit breitem Revers. Ihre kleinen emporgerichteten Brüste waren nackt. Coles Augen verweilten auf den Narben auf ihren Brüsten., Sie trug einen Ausdruck majestätischer Verachtung zur Schau, und ihre schwarz lackierten Fingernägel und der schwarze Lippenstift verliehen ihrer Haltung eine gewisse Autorität. Sie schwiegen bereits zu lange. Cole wurde sich eines wach- senden Unbehagens zwischen ihnen bewusst. Er nahm einen Schluck von seinem Cappuccino, damit er etwas zu tun hatte, und versuchte so selbstbewusst und sorglos wie Catz zu wirken. Er wollte nicht darüber sprechen, was heute Morgen geschehen war. Aber ihm fiel nichts anderes ein, und etwas musste er schließlich sagen. Egal was, Hauptsache, es lenkte sie von dem Druck ab, der zunehmenden Erwartung, ehe zwischen ihnen aufkam. Gleich passiert etwas, dachte Cole. »Ähm – hey, weißt du was, ich kann mich nicht –«, setzte er an und stolperte über die Worte, »ich kann mich irgendwie nicht – nicht an die Gesichter der Kerle erinnern, die wir gese- hen haben – die heute Morgen … sollte ich aber – ich meine, das waren die ersten, die wir ohne diese bescheuerten Masken gesehen haben. Aber – komisch, das war irgendwie, als ob ich mich den ganzen Morgen darauf eingestellt hätte, immer schneller und schneller wurde, als ich dich gesucht habe, und – dann glich alles einem einzigen verschwommenen Fleck. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Sie hätten genauso gut diese Masken tragen können, ich sehe ihre Gesichter nur als ver- schwommene pinkfarbene Flecken … was irgendwie, ich weiß nicht, gemein ist. Wenn man schon Leute –«, er senkte seine Stimme, »umbringt, sollte man wenigstens ihre Gesichter sehen. Moralisch betrachtet –«, »Das geht mir anders«, sagte sie und tat seine Schlussfolge- rungen mit einem schwachen Kopfschütteln ab, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Sie haben ihre Masken auf behal- ten, bis sie mich verschnürt und die Nacht über in den Schrank gesteckt haben. Also habe ich sie nie gesehen, und ich habe sie mir nicht genau angeschaut, als wir … heute Morgen. Ich will aber gar nicht wissen, wie sie ausgesehen haben. Ich möchte mich nicht daran erinnern.« »Ich möchte nie wieder eine Schusswaffe anfassen«, sagte Cole. Catz zuckte die Achseln. »Wie hast du mich eigentlich ge- funden?« »Das habe ich dir doch beim Frühstück erzählt.« »Da war ich noch nicht ganz da. Ich hab es wohl nicht richtig mitbekommen.« »Also gut …« Während er das Gekaspere auf dem Broadway betrachtete und seine Augen den zunehmend belebten Boule- vard auf und ab irrten, erzählte Cole von den Männern, die in seine Wohnung eingedrungen waren, und von der Warnung seines Doppelgängers. Als er fertig war, nickte sie finster. Cole lachte. »Warum sagst du jetzt nicht: ›Du spinnst! Das Gespenst hast du dir nur eingebildet!‹?« Sie blickte ihn leicht überrascht an. »Nein. Warum sollte ich? Schließlich hast du mich gefunden, oder? Wie hätte dir das sonst gelingen sollen? Es muss wahr sein. Außerdem bin ich an solche Sachen gewöhnt. Für mich«, sie wies mit einer Hand zum Fenster hinaus, »ist diese Welt durchsichtig. Manchmal kann ich über sie hinaus sehen … heute ist meine Wahrneh-, mung eingeschränkt. Aber letzte Nacht konnte ich spüren, dass du mich holen kommst. Ich wusste nicht genau wann, aber ich wusste, dass du unterwegs warst.« Cole fragte sich, ob sie in diesem Augenblick von ihm Ge- dankenfetzen auffing. Er wurde rot und versuchte ihren Ge- sichtsausdruck zu deuten. Er hatte sich vorgestellt, wie sie miteinander schliefen. Sie blickte zum Fenster hinaus und tippte mit einer Hand gegen den Rand ihrer kleinen Espresso- tasse. Nein, sie hatte gesagt, sie nahm heute nicht viel wahr, stellte Cole erleichtert fest. Ihre Fähigkeit kam und ging. Hinter der Theke links von Cole klirrte etwas … ein Kellner sagte laut »Verdammt!« und bückte sich nach den Scherben. Es wurde langsam voll hier drin, wie aus dem Hut gezaubert tauchten die abendlichen Gäste auf. Aus den Milchschaumdü- sen – ausgeklügelte altertümliche Apparate aus Chrom und poliertem Holz – zischte es schaumweiß in die Kaffeetassen und eine Frau mit kurzen blau-orange gestreiften Haaren nahm Intercash-Karten entgegen, die sie mit gedankenloser Effizienz in ein Terminal schob. »Vielen Dank«, sagte sie nach einem Blick auf den Bildschirm. »Vielen Dank«, im immer gleichen Tonfall. »Vielen Dank«, und sie reichte die Karte zurück. »Vie- len Dank«, sie schob eine Karte hinein, tippte, Bildschirm, gab sie zurück. »Vielen Dank … Vielen Dank … Vielen Dank …« Die Tische des schmalen Raumes waren voll besetzt mit Angstrockern aus dem nahe gelegenen Deaf Club (ein Stück die protzig neonbeleuchtete Straße hinauf) und mit S/M-Voguern und ihren kauernden helläugigen Sklaven an Leinen, ihre Mäntel aus dem Fell bedrohter Tierarten gefertigt und mit vergoldeten Kreditkartenimitationen übersät., Draußen gesellten sich Angster, Voguer und ein paar mürri- sche Chinesen zueinander. Müslis mit Baretten, Zöpfen, Jeans mit Lederflicken und Sonnensymbolen aus Strass verkauften Gras oder Zurück-zur-Natur-Zeitungen. »Warum leben die in der City, wenn sie zurück zur Natur möchten?«, murmelte Cole. Eine Gruppe von Angstern in Gefängniskleidung marschier- te lachend vorbei. Einer von ihnen blieb etwas hinter den ande- ren zurück, da er eine Miniaturstahlkugel an einer Fußfessel hinter sich herschleppte. Cole warf Catz einen Blick zu. Die Spannung zwischen ihnen stieg weiter. Sie setzte eine schmale dunkle Brille auf, erhob sich plötzlich und streckte sich. Cole schlüpfte in seine alte schwarze Motorradjacke und sie gingen hinaus, um sich auf den Abend einzulassen. Der Himmel färbte sich purpurrot; einige wenige faserige Wolken wurden violett angestrahlt. Coit Tower ragte phallisch am Horizont auf. Sie hielten sich eng beieinander und schlen- derten durch die bummelnde Menge. Eine Gruppe japanischer Touristen fotografierte Catz, die sie im richtigen Augenblick anknurrte. Sic kicherten begeistert. Neonlicht und lodernde Glühbirnen tupften halluzinogene Spuren in Coles periphere Wahrnehmung. Die einander überlagernden Schilder bildeten grelle Schichten. Cole entspannte sich langsam, er fühlte sich hier wohl. Die grellen Schilder der langen Reihe von Nackt- Live-Sex-Bondage-Sodomie-auf-der-Bühne-Clubs schienen ihm einen vertrauten nonverbalen Code zuzublinzeln; die Schilder waren im kompositorischen Akkord mit dem finsteren Netzwerk der Verkehrsmitteloberleitungen angeordnet, die sich über der Straße kreuzten. Funken schlugen aus den Dachkufen, elektrischer Busse, wenn sie die Vielzahl von Leitungen an einer Kreuzung überquerten. Taubenschwärme flatterten nervös die Stirn der City entlang. Sie kreisten direkt über den Häusern, zogen im Sturzflug kleine Kreise, als wären sie Bestandteile eines Mobiles. Die regulären Bewohner der Straße – Angster, Voguer, Müs- lis, Huren – stolzierten die überfüllten Bürgersteige entlang und stellten ihr leuchtendes Federkleid zur Schau, das aus der Ent- fernung betrachtet kaleidoskopartig ineinander überging; sie erinnerten Cole an japanische Dämonen. Ein Laserstrahl malte Schriftzüge auf die Wolken: Besuchen … Sie uns … im Jade Tower … geruhsames Essen für … den eleganten Überdruss … Die Spannung zwischen ihnen hatte sich etwas gelockert und Coles Laune hatte sich gebessert (die flüchtigen Bilder von verschwommenen Gesichtern, die blutig aufplatzen, von dem Mann, dessen Augen sich um das grausam glattkantige Ein- schussloch verdrehen, verbannte er aus seinen Gedanken). Doch als Catz seine Hand nahm, zitterte er. Und als ihm be- wusst wurde, dass sie ihn zu ihrer Wohnung führte, wurden seine Handflächen feucht. Als sie am Fuß des Hügels ankamen – nachdem sie sich durch Chinatown geschlängelt hatten, mit seiner Explosion von Gerüchen, seinen Fenstern, in denen ziselierte Elfenbein- und Jadekunstwerke auslagen, und seinen zehntausend schlitz- schmalen Augenpaaren –, blieb Catz plötzlich stehen und zog ihn ein wenig am Arm zurück. Er wandte sich um, schaute sie fragend an und versuchte seine Beklommenheit zu verbergen. Aber sie war es, die die Frage stellte:, »Was ist los, Stu?« »Nichts«, sagte er niedergeschlagen und dachte: O Gott, jetzt liest sie meine Gedanken. »Nein, im Ernst.« Cole zuckte übertrieben mit den Schultern. »Äh – weiß nicht, Catz. Ich mach mir wohl Sorgen wegen City … dass er uns suchen könnte … es ist fast Nacht. Und du – na ja, ich habe dir ja gesagt, dass er mir nicht helfen wollte, dich da rauszuholen.« »Das ist mir gleichgültig. Damit habe ich gerechnet. Ich glaube sogar, dass er mich irgendwie zu Fall gebracht hat, als ich dir nach draußen folgen wollte, er hat dafür gesorgt, dass die Schutztruppler mich erwischen. Er hat Recht: Ich traue ihm nicht. Stu, er besteht aus dem Unterbewusstsein Tausender fehlbarer Menschen. Glaubst du wirklich, dass die Menschen dieser Stadt völlig bei Verstand sind? Im Leben nicht. Unter jedem unauffälligen Schädel steckt ein Schlangennest. Als Teenager habe ich mal eine Überdosis LSD genommen – es ging mir gut, bis ich die Kontrolle verloren habe, nicht mehr wusste, wo ich war, und unter Anleitung meines Unterbewusst- seins herumgerannt bin. Und da mein Unterbewusstsein voller feindseliger Gefühle war, habe ich angefangen, Sachen ausein- ander zu nehmen …« Er starrte sie an. Er musste laut sprechen, um das Quietschen einer Straßenbahn zu übertönen, die sich langsam den steilen Hügel hocharbeitete. »Warum hast du dann mitgemacht? Warum hast du uns geholfen?« »Du weißt warum. City hat es dir erklärt«, sagte sie ernst, »auch wenn du mir diesen Teil der Unterhaltung verschwiegen hast.«, Cole war dankbar, dass sie in der hereinbrechenden Dunkel- heit nicht sehen konnte, wie er rot wurde. »Verdammt, ich benehme mich wie ein verängstigter Teena- ger«, murmelte er. Sie lachte kurz auf. »Es ist wirklich süß, wenn du Selbstge- spräche führst.« In ihrem Tonfall lag kein Hohn, trotzdem wurmte ihn die Bemerkung. Missmutig wandte er den Blick ab. »Ich finde, du solltest die Stadt verlassen«, sagte er. »Er könnte dich töten.« »Vielleicht mache ich das«, sagte sie. »Ich muss zugeben … dass ich auch Angst habe. Auch wenn ich gerne das Gegenteil behaupte. Allerdings nicht dir gegenüber.« Ihre Stimme wurde ungewöhnlich sanft. »Ich – verdammt, letzte Nacht in dem Schrank dachte ich, ich werde verrückt. Sie haben mich nicht vergewaltigt, aber ich hatte Angst davor. Das möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Es ist bescheuert. Ich möchte einfach die Band mitnehmen und verschwinden. Aber du kannst genauso wenig hier bleiben. Er hat dich … zu sehr im Griff. Bald wirst du keinen eigenen Willen mehr haben, Stu. Du musst auch weg von hier.« Cole zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich glaube nicht, dass ich das kann. Nicht lange … ich weiß nicht.« Die Ampel schaltete auf grün. Sie überquerten die Straße und kamen an einem Kuriositätenladen vorbei. In dem staubigen Schaufenster stand eine hölzerne Wahrsagerin. Sie stand – beschädigt – seit mindestens zwanzig Jahren dort. Als sie an dem Fenster vorbeigingen, zuckte Catz plötzlich zusammen und umklammerte krampfhaft Coles Hand. Sie blieb stehen und starrte gebannt auf die kleine hölzerne Puppe. Das von der Zeit, gegerbte Gesicht eines alten Weibes schaute sie boshaft an. »Ihr Kopf«, sagte Catz keuchend. »Er – sie hat noch nie in diese Richtung geguckt. Aber als ich vorbeiging, hat sie sich mir zugewandt. Ich hab's aus dem Augenwinkel gesehen …« Das winzige Zigeunerinnengesicht blickte gehässig zu ihnen auf. Cole erinnerte sich – ja, richtig –, der Kopf der Puppe hatte in die andere Richtung geschaut, als er sie zuvor angesehen hatte. »Vielleicht – funktioniert das Uhrwerk ja wieder. Ein vorbei- fahrendes Auto …«, schlug er ohne Überzeugung vor. Catz hatte es plötzlich eilig, zerrte ihn hastig weiter. Über die Schulter rief sie: »Quatsch! Das ist City. Ich kann es spüren. Er beobachtet mich. Er will mich provozieren. Und warnen. Er kommt zu sich. Er verfolgt mich.« Ihre Stimme kippte. »Oh Scheiße.« Sie eilten die immer düsterer werdende Straße entlang. Cole blieb neben einem U-Bahn-Eingang stehen. Catz wartete unge- duldig, nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn fragend an. »Da kommt eine U-Bahn, die nach Süden fährt«, sagte Cole und starrte auf den Boden. Catz sah ihn leicht amüsiert an. »Woher weißt du das? Du hast keinen Fahrplan.« Cole schauderte. Woher hatte er das gewusst? Er blickte zur Straßenecke hinüber. »Gleich kommt der Bus zur Mission Street.« Catz folgte seinem Blick. Zwei Sekunden später kam ein Elektrobus um die Ecke gefahren. Vorne dran stand Mission Street. Catz sah ihn an. Cole fühlte sich seltsam. Irgendwie kalt. Und, er spürte seine Füße nicht. Ihm war eigentlich nicht kalt, der Abend war warm – aber seine Füße waren taub. Als ob sie mit dem Asphalt verschmolzen. Cole stampfte auf den Boden, bis ein wenig Gefühl in seine Fußsohlen zurückkehrte. Dann schaute er auf. »Jetzt«, sagte er, »kommt gleich ein Transporter um die Ecke. Und danach ein Schwarzer auf einer Harley.« Ein großer gelber Lieferwagen fuhr schwerfällig vorbei, gefolgt von einem Schwarzen auf einem silbrigen Motorrad. Catz starrte ihn mit offenem Entsetzen an. Und da klingelte das Telefon in der Telefonzelle neben ih- nen. Die Schiebetür der altmodischen Zelle schob sich auf. Der Hörer fiel von der Gabel und baumelte hin und her, als wollte er sie herbeilocken. Automatisch ging Cole darauf zu, eine Hand ausgestreckt. Catz trat mit einer schnellen Bewegung zwischen ihn und die Telefonzelle und stemmte ihre Arme gegen seine Brust. »Sprich nicht mit ihm. Du weißt, dass er es ist. Bitte nicht – nicht jetzt. Er ist es, er erwacht zum Leben … und er macht dich zu einem Teil seiner selbst.« Cole fühlte sich benommen. Nachdenklich sprach er mit sich selbst. »Alle Maschinen auf der ganzen Welt sind miteinander verbunden«, murmelte er und sah sich mit wachsendem Begrei- fen um. »Durch Stromkabel, Telefonverbindungen – wie ein großes elektronisches Spinnennetz. Die Rohrleitungen …« Er schloss die Augen. Er konnte es sehen, in der unendlichen Finsternis hinter seinen geschlossenen Augen leuchtend über- einander gelegt, blauweiß vor dem Hintergrund der gesprenkel- ten Schwärze: die große, unendliche Blaupause der elektrischen, neuralen Kanäle der City, die Verbindungen zwischen den Häusern und die geometrischen Zentren, die Verbindungen zum Kraftwerk, die – Erschrocken riss er die Augen auf, ein seltsames Gefühl auf dem Gesicht. Dann wurde ihm klar, dass Catz ihn geohrfeigt hatte. Er ließ zu, dass sie ihn zum Eingang der U-Bahn führte. »Komm jetzt«, sagte sie. »Komm.« Sie zog an seiner Hand: er folgte ihr widerstandslos. Ihm war schwindlig, als wäre er aus einem Traum erwacht. Sie stiegen hinab zu den hellen Lampen und weißen Kacheln. Mit einer Intercash-Karte zog Catz zwei kodierte Fahrscheine aus dem Computer in der Wand. Cole hatte immer noch das Gefühl, alles aus großer Entfer- nung wahrzunehmen, und ließ sich in den schnittigen Edel- stahlzug führen. Lautlos und automatisch schlossen sich die Türen hinter ihnen, und sie schlenderten über die abgewetzten Läufer zu den Sitzen neben einem breiten, graffitigedämpften Fenster. Die anderen Fahrgäste unterhielten sich leise oder lasen Zeitung. Die Stoßzeit war vorbei, außer ihnen fuhr in diesem Wagen nur ein Dutzend Leute nach Süden. Cole registrierte all dies aufmerksam, doch mit einer Distan- ziertheit, als wäre alles um ihn herum, die Fahrgäste und die Vorrichtungen des Zuges selbst, nichts als kleine, funktionie- rende Bestandteile des riesigen Getriebes der City. Das urbane Kontinuum des Zuges führte eine seiner Aufga- ben durch: die U-Bahn fuhr los, und mit einer verschwomme- nen Freude am reibungslosen Ablauf der Maschinerie um ihn herum begann Cole die Lichter zu zählen, die im Tunnel vor- beirasten. Und er lauschte dem rhythmischen Klicken der Räder, dem Seufzen der Stoßdämpfer in den Kurven …, Einige Zeit später erwachte Cole unvermittelt aus seiner Träumerei von endlosen Blaupausen und Stadtplänen. Er schaute sich nervös um. Er fühlte sich einsam und verloren, desorientiert – und wusste, dass er sich außerhalb von Citys Reichweite befand. Er war erleichtert, dass Catz neben ihm saß. Sie hatte die Ab- sätze ihrer Stiefel gegen die Lehne des Sitzes vor sich gestemmt und rauchte eine selbst gedrehte Zigarette. »Hier drin darf man nicht rauchen«, sagte er grinsend. Sie lächelte schwach. »Und was willst du dagegen tun, Arsch- loch?« Er griff sanft nach ihrer Hand. Ihre Haut war warm und feucht und schien an ihm zu kleben. Seine Haut kribbelte immer noch leicht. »Wo – äh, wo fahren wir hin?« »Dieser Zug fährt nach Süden, wie du gesagt hast, mein Schatz. Er fährt durch den neuen Tunnel in den Berkeley- Hügeln, wusstest du das? Ganz neu, erst seit einem Monat offen. Führt bis ganz nach San Jose. Eine lange Fahrt, aber … außerhalb seiner Reichweite, glaube ich.« Cole nickte. »Ich konnte spüren, wie ich ihm entglitten bin. Es wundert mich, dass er den Zug nicht angehalten hat. Viel- leicht wären wir dabei umgekommen. Vielleicht –« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er hätte uns an den regulären Haltestellen aufhalten können, er hätte nur den Zug daran hindern müssen, weiterzufahren. Aber es gibt noch einen Grund. Zum Beispiel, vielleicht weiß er«, sie warf ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zu, »dass du zurückkommst.« Cole holte tief Luft. »Ich fühle mich seltsam.«, »Entzugserscheinungen.« »Was?« »Nichts … Sag mal, als du dieses ganze Zeug vorausgesehen hast – die Autos, wie ein Wahrsager – war das dein Duplikat? Diese Erscheinung, die du in Oakland gesehen hast? Hat er dir das gesagt?« Cole schüttelte den Kopf und sah zu, wie die Tunnelbeleuch- tung vorbeiraste. Der Zug summte gleichmäßig weiter und weiter. »Nein … ich glaube nicht. Ich hatte eher das Gefühl, als würde ich durch die Augen eines anderen blicken. Oder um die Ecke durch ein Periskop. Eine Draufsicht, wie im Fernsehen. Ich habe nichts zeitlich vorausgesehen … mehr als ob die Ge- bäude fast … durchsichtig geworden wären.« »Den Scheiß kann ich nicht –« »Ich erfinde das nicht.« »Nein, das weiß ich doch. Ich glaube dir. Ich meine – es sieht schlimm aus. Er hat dich wirklich am Wickel –« Cole wechselte eiligst das Thema. »Was denkst du denn, was ich wirklich gesehen habe? Dieses – ›Duplikat‹?« »Das weiß ich doch nicht«, sagte sie unglücklich. Ihre Ziga- rette war ausgegangen. Sie zündete sie wieder an und runzelte die Stirn, als sie den schwarzen Lippenstift auf der Kippe be- merkte. »Vielleicht war es eine, äh, Projektion von dir, von deinen eigenen latenten Fähigkeiten ausgelöst. Wie Ahnungen, die sich in einer Art Vision zeigen.« Das fühlte sich nicht zutreffend an. »Mhmm. Dieses Ding – es glich eher einem Gespenst.« Sie lachte nervös. »Nun, das kann es kaum sein. Du bist nicht tot, Freundchen.«, »Nein«, sagte er. Aber er dachte: Noch bin ich nicht tot. Aber vielleicht bald. Sehr bald. Es fühlte sich zutreffend an. »Ich weiß nicht«, sagte Cole. Er saß reglos auf dem Rand des knarrenden Bettes. »Vielleicht sollte ich zurück. Ich muss das jetzt durchziehen. Ich habe was mit ihm angefangen und ir- gendwie bin ich ihm … verpflichtet. Außerdem fühle ich mich einsam, außerhalb der City. Himmel noch mal, ich habe sie seit Jahren nicht mehr verlassen. Ich –« »Ja, ich weiß, du hast Angst, weil du nicht bei Papa bist«, sag- te Catz. »Aber das ist nicht alles.« Sie beugte sich zu ihm hinüber und ließ die Finger durch sei- ne Haare gleiten. Leise sagte sie: »Du bist noch wegen etwas anderem nervös, mein Freund.« Cole zuckte unwillkürlich vor ihr zurück. Ganz schwach konnte er ihren Schweiß riechen, ihren natürlichen Moschusge- ruch. Er war wie berauscht. Aber sein Kreuz war kalt und starr. »Sag mal, warum sind wir hierher gekommen?« Er wies mit einer Handbewegung auf das alte Hotelzimmer in Santa Cruz. Die Luft roch schwach nach Moder und Salzwasser. Die gelbli- che Tapete löste sich und in den Ecken wucherte Schimmelpilz. Das antike Messingbett quietschte bei jeder Bewegung. »Viel- leicht ist es für dich das Beste, aus San Francisco rauszukom- men. Aber – nicht für mich. Ich sollte nicht hier sein. Ich muss mich um meinen Club kümmern, Catz.« »Ausreden, Aus-reh-denn …«, schnurrte sie. »Hör zu, ich –« »Wie lang ist es her?«, unterbrach sie ihn. Sie gab sich Mühe,, der Frage einen beiläufigen Klang zu geben. »Seit was?« »Kokettier nicht rum«, sagte sie ausdruckslos. Er zögerte. »Ein paar Jahre.« Sie schloss die Augen. Und lächelte. »Wusst ich's doch. Ich gehe jetzt auf deine Wellenlänge.« Cole schluckte, um einen Ausruf des Entsetzens zu unter- drücken. Ihre Fähigkeit … »Ah …«, sagte sie, zeigte lächelnd ihre scharfen Zähne. »Aha. Du warst also impotent« – Cole zuckte bei dem Wort zusam- men – »letztes Mal. Mit einer schwarzen Hure. Du hast Angst, dass du immer noch impotent bist. Du hast Angst, dass du zu alt für mich bist. Du hast Angst, dass ich dich irgendwie aus- nutze, weil du nicht kapierst, wie ich dich ernsthaft mögen kann.« Sie öffnete die Augen. »Ich will dir sagen, warum ich dich mag, Stu. Du hast mir in deinem Club meine erste Chance gegeben, verdammt, vor Jahren, obwohl du wusstest, dass es lange dauern wird, für diese Art Musik ein Publikum aufzubau- en. Eine Zeit lang hast du Geld verloren. Aber du bist trotzdem dabei geblieben, weil ich dir etwas bedeutet habe, weil du meine Musik und meine Gedichte verstanden hast. Ich kenne sonst keinen Mann, der sie wirklich versteht. Aber es ist nicht nur Dankbarkeit. Ich bin seit Jahren scharf auf dich.« Sie lachte über seinen Gesichtsausdruck. »Stu, das stimmt. Ich liebe dich. City hatte Recht. Ich habe bei der ganzen Sache nur mitgespielt, weil ich dich schützen will.« »Hör mal, lass – ich meine, ich kann nicht – ich bin, äh …« »Verdammte Hacke. Du hast etwas Fett angesetzt und du hast einen Bierbauch. Na und? Mir sind weiche Männer sowie-, so lieber. Sie sind sanfter. Hör mal, ich kann deine Befürchtun- gen sehen, Stu. Hör auf, sie vor mir verstecken zu wollen.« Cole spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. »Bitte nicht – hey –« »Und jetzt wirst du auch noch wütend, weil ich ein wenig deine Gedanken lese. Ich kann gar nicht anders, wenn ich mich dir so nahe fühle. Ich mach dir einen Vorschlag: Wenn du das Gefühl hast, ich verletze deine Privatsphäre, dann gehe ich auf Distanz, besonders was deine geistigen Bilder betrifft, diese Sachen. Die kannst du für dich behalten. Stattdessen konzen- triere ich mich auf … deine Gefühle. Ich kann einige deiner Empfindungen miterleben. Innerlich und äußerlich. Das ist wie ein Feedback. Wir können uns wirklich nahe kommen, Stu.« Er blies die Backen auf. »Ich habe das Gefühl, du willst mich von irgendetwas überzeugen.« Er starrte auf den fadenscheini- gen Teppich zu seinen Füßen. »Vielleicht. Wenn das die einzige Möglichkeit ist, zu dir durchzudringen.« Sie beugte sich zu ihm hinüber. Ihre Lippen brannten auf seinem Nacken. Und Cole wäre fast vom Bett gesprungen. Sie zog ihn sanft zurück und schüttelte traurig den Kopf. »Hey, Stu, entspann dich.« »Ich kann nicht.« Er zitterte. Die Spannung zwischen ihnen hatte einen Höhepunkt erreicht. Er hatte das Gefühl, dass er sich in sich zurückgezogen hatte, als betrachtete er diese Szene aus weiter Ferne. »Ich kann da nicht drüber weg, Catz. Äh – ich möchte dich nicht enttäuschen. Verstehst du?« Sie verdrehte die Augen. »Du kapierst es immer noch nicht«, sagte sie. Die unverfälschte Liebenswürdigkeit ihrer Stimme ließ, ihn dankbar aufblicken. »Entspann dich, Stu, ich erwarte nichts von dir. Wir müssen nicht großartig miteinander schlafen. Ich möchte dich einfach in die Arme nehmen, dich berühren. Wir müssen nicht – weiß Gott was tun. Ich will einfach –« Sie mach- te eine ungeduldige Handbewegung. »Na ja, schon ohne Kla- motten, aber nicht unbedingt in aller Ausführlichkeit. Kapiert? Ich muss dich nicht in mir haben. Wenn dir danach ist, mir einen Orgasmus zu verschaffen, schön, dafür hat Gott dir Finger und eine Zunge und mir eine Klitoris gegeben. Aber darauf kommt es nicht an. Versteh doch endlich, du Kamel, ich liebe dich. Also kommt es darauf nicht an.« Cole atmete langsam aus und etwas in ihm entspannte sich. Er fühlte sich lebendig, seine Lebensgeister waren geweckt, ein Gefühl der Verbundenheit brandete in ihm auf. Ohne darüber nachzudenken streckte er eine Hand aus und schaltete die Nachttischlampe aus. Das Zimmer wurde finster, doch durch die halb heruntergelassene Jalousie fiel ein kühles Licht. Er konnte sie sehen; doch er fühlte sich nicht mehr ganz so unsi- cher wegen seines Körpers. Sie hatte ihre Jacke und ihre Stiefel ausgezogen und schlüpfte aus ihrer Hose. Ein Teil der Spannung kehrte zurück, seine Hände zitterten und seine schwitzenden Finger rutschten von den Plastikknöpfen ab. Er zog sich aus und legte seine Kleider sorgfältiger über einen Bettpfosten, als es nötig gewesen wäre. Er drehte sich um und glitt in ihre Arme. Es war einfach. Ihr Körper war fest und voller Rundungen, ihre Haut glatt und feucht. Eine neue Ebene der Entspannung, und ein neuer Stoß wohliger Elektrisiertheit durchfuhr ihn, und er verspürte ein seltsames Gefühl in der Lendengegend. Überrascht schaute er, an sich herab. Seine Erektion drückte sich fest gegen ihre feuch- ten Schamlippen. Ihre Beine umschlangen seinen Hintern, und als ihre Lippen sich trafen, presste sie mit beschwörendem, rhythmischem Druck ihr Geschlecht gegen den Schaft seines Penis. Strom zuckte durch ihre Lippen und er merkte, dass er mit den Händen ihren Körper erkundete – ohne Vorbehalt oder Verlegenheit erkundete. »Siehst du?«, flüsterte sie ihm sanft ins Ohr, während ihre Finger über seinen Rücken strichen. »Du brauchtest dich nur zu entspannen. Entspann dich, und du kommst an einen anderen Ort, Mann. Entspann dich, und schon passiert allerhand wirk- lich Schönes … Stu …« Es zeigte sich, dass sie Recht hatte.,

Uuh- SEX! Am Morgen, während Catz noch schlief, begutachtete

Cole sich im großen Badezimmerspiegel. »Nicht so übel«, sagte er. »Sieht so übel gar nicht aus.« Summend ging er unter die Dusche. Als er ins Hotelzimmer zurückkam, atmete er wehmütig die Düfte der letzten Nacht ein. Catz saß angezogen auf der Bett- kante. »Komm schon«, sagte sie und wippte ungeduldig mit dem Fuß. »Zieh dich an, Stu. Wir müssen los.« »Wieso bist du so aufgedreht?«, fragte Cole und warf sein Handtuch nach ihr. Verdrossen wehrte sie das Handtuch ab und wickelte es nachdenklich um ihre Hand, während sie sprach. »Ich hatte letzte Nacht so einen schrägen Traum. Ich habe ein paar Sachen gesehen. Die damit zusammenhängen, was ich damals auf der Bühne gesehen habe, als City zum ersten Mal in den Club kam. Wir müssen diese Gegend hier verlassen. Wir könnten nach New York oder …« »Spinnst du?« »Ich meine das ernst.« »Einfach alles fallen lassen und verschwinden?« »Genau. Das Schiff sinkt, alter Junge. Gestern wärst du fast, nicht mehr aus der Stadt rausgekommen. Er wollte dich nicht gehen lassen.« »Er hätte mich aufhalten können.« »Er hat versucht, dich davon abzubringen – aber er war si- cher, dass du wiederkommst. Lass uns abhauen.« »Nach allem, was wir getan haben? Dem Kampf? Catz, ich kann jetzt nicht einfach alles hinwerfen.« Sic rutschte unruhig auf dem Bett hin und her und sah ihn forschend an. Cole fühlte sich unter diesem Blick unwohl und ging sich anziehen. Er schlüpfte in seine Kleider, ohne richtig bei der Sache zu sein, und musste sein Hemd ein zweites Mal zuknöpfen. Als er fertig war, sagte sie: »Hast du dich entschie- den?« »Ich kann nicht weg. Tut mir Leid.« Er kam nicht auf den Gedanken, sich zu fragen, warum er nicht konnte. Ein Fisch kann nur ein oder zwei Minuten ohne Wasser überleben – und er stellt die Abhängigkeit von seinem Element nicht in Frage. »Was soll denn das? Bist du festgewachsen? Hast Wurzeln geschlagen?« Sie klang nicht wütend, eher verzweifelt. Sie seufzte und sagte: »Stu – Liebling – glaubst du wirklich, die Vigilanten lassen dich am Leben nach dem, was gestern passiert ist? Einer von ihnen konnte abhauen. Du hast eine ganze Reihe von diesen Schweinen umgelegt, erinnerst du dich? Sie sind tot. Und du hast sie –« »Schon gut«, sagte Cole und verzog das Gesicht. »Sie werden dich umbringen, so einfach ist das.« »Sie werden mich nicht finden. City wird mich beschützen.« »Vielleicht. Solange er dich gebrauchen kann. Aber hör doch mal zu, du weißt, dass er gegen ITC nichts ausrichten kann, und, ITC wird von seinen Feinden gesteuert – die jetzt auch deine Feinde sind –, und die werden dir den Zugriff auf das bisschen Geld sperren, das dir noch geblieben ist. Sie werden deinen Club dichtmachen. In deine Wohnung kannst du auch nicht mehr. Sie liegen dort auf der Lauer.« Cole starrte sie an. Er wurde von Entsetzen überwältigt, wie ein Mann, der gerade merkt, dass ihm jemand seinen Schwanz weggeschossen hat … »O Himmel«, sagte er leise. Ein Mann, der nicht kreditwür- dig war, hörte auf zu existieren. Ohne seine Karte, ohne sein Konto – gesellschaftliche Kastration. »Aber –«, sagte er unvermittelt und spürte einen Knoten im Hals. »In einer anderen Stadt wäre das auch nicht besser. Dort hätte ich auch kein gottverdammtes Konto!« »Anfangs nicht. Aber du könntest darauf hinarbeiten. Du könntest bei mir in – ich habe in Chicago ein Konto. Darauf zahle ich schon seit Jahren ein. Dort könnten wir für dich auch einen Kredit beantragen – ich weiß aus sicherer Quelle, dass die Mafia ITC in Chicago noch nicht in der Tasche hat. Die Stadt kennt sich mit organisiertem Verbrechen zu gut aus, sie haben von Anfang an Vorkehrungen getroffen.« Cole schritt im Zimmer auf und ab und seine Hände beweg- ten sich in der Nähe seiner Lippen, als wollte er mit Gesten etwas ausdrücken, was seine Lippen nicht in Worte fassen konnten. »Hey – es ist nicht – Mist – ich glaube –« Er fuhr sich mit zitternden Fingern durch die Haare und versuchte eine Begründung für sein Bleiben zu finden, etwas, was Catz gelten lassen würde. Warum war es so schwer, ihr das zu erklären? Er konnte City nicht verlassen. Nicht jetzt. Vielleicht hatte er hier, Wurzeln geschlagen, vielleicht gehörte er zu den Pflanzen, die abstarben, wenn sie nicht in heimischem Boden mit seiner besonderen chemischen Zusammensetzung wuchsen. Der Beton und seine San Francisco-spezifische Struktur; der Asphalt mit dem Schweiß-Blut-Kotze-Tränen-Samen der Menschen, die ihn beschritten, als mystisches Fundament; der Kupferdraht, der Asphalt, die Aluminiumfeuertreppen; jene eigenwillige Ansammlung von Türmen aus Glas und Stahl; die großen grauen hölzernen Ladys, die von Touristen für viktorianische Villen gehalten wurden; der Boden von San Francisco. »Du verlangst von mir, meine Identität herauszureißen und woan- ders hin zu verpflanzen. Das würde mich umbringen.« Catz spielte ihre letzte Karte aus: »Du würdest lieber mich verlieren als City?« Cole wich der Frage aus. »Das ist nicht fair –« »Scheiße nein, natürlich ist es nicht fair! Das Leben ist hart. Ich liebe dich und sie wollen dich umbringen. Er wird dich benutzen, verbrauchen und ausspucken.« »City würde nie –« »City benutzt dich!« »Das kannst du nicht wissen!«, brüllte er wild. Er drehte sich um und schaute ihr in die Augen. »Du kannst nicht sicher sein!« Sie schüttelte den Kopf. »Warum hat er dir nicht geholfen, als du ihn um Hilfe gebeten hast, um mich zu retten? Und warum hat er gelogen, von wegen es würde niemand sterben müssen?« Eine kalte Entschlossenheit ergriff von Cole Besitz. Er hob eine Hand, die Handfläche nach außen gerichtet, eine emphati- sche Geste. Sie schwieg und wartete. Er sagte: »Ich weiß. Ich, weiß. Aber was soll ich machen. Ich liebe dich. Ich liebe dich, Catz. Wahrscheinlich benutzt er mich – ziemlich sicher sogar. Und ich weiß, dass ich dich liebe. Aber mir bleibt keine Wahl. Ich bin diese Verpflichtung vor langer Zeit eingegangen. Daran muss ich mich halten. Ich bin dazu auserwählt.« »Du machst mich krank. ›Auserwählt.‹ Das ist die Ausrede von Terroristen, von Diktatoren und religiösen Fanatikern – und dahinter versteckt sich immer etwas sehr Egoistisches. Ich weiß – gleich sagst du: ›Catz, du verstehst mich einfach nicht.‹ Ich verstehe wohl – und ich werde es nicht hinnehmen. Ich weigere mich, mich von ihm ausnutzen zu lassen. Ich bin durchaus bereit, mit den Stadtgeistern zusammenzuarbeiten, wenn ich das Gefühl habe, es ist richtig. Mit einigen stehe ich in Verbindung. New York und Chicago. Ich habe mit ihnen kommuniziert. Sie sind ebenso lebendig wie City – wie deine Stadt. Sie sind nicht so aktiv, aber sie schmieden Pläne. Ich glaube, dass sie etwas vorhaben … gemeinsam. Sie verkehren auf einer Ebene miteinander, die … na, jedenfalls, wenn du –« »Catz …« »Wenn du der Meinung bist, dass er nicht –« »Catz.« »Was ist?« »Ich habe gesagt, dass ich weiß, dass er mich ausnutzt. Das steckt in mir drin. Irgendwie eingebaut. Ich muss. Okay?« Sie starrte ihn benommen an. »Nein. Nicht okay. Es ist ver- dammt noch mal nichts okay. Du wirst im Hintergrundrau- schen untergehen.« »Im was?« »Das ist der grundsätzliche Unterschied zwischen uns. Einer-, seits bist du ein Außenseiter, ein Nonkonformist, ganz wie du willst. Andererseits willst du das gar nicht sein. Du möchtest dazugehören. Du möchtest zu einer Gemeinschaft gehören, eine gute Drohne innerhalb des Bienenstocks abgeben –« »Schwachsinn, du Schlampe!« »Ganz tief in dir drin willst du genau das. Gib es zu. Deshalb läuft mit dir und City alles so glatt. Du möchtest dich mit ihm identifizieren. Nun gut, ich möchte mich nicht mit ihm identifi- zieren – oder mit sonst irgendeiner Menschenansammlung. Ich habe Angst, mich selbst darin zu verlieren. Ich bin fast nichts – jeder ist fast nichts –, doch dieses bisschen ist mir lieb und teuer, und ich werde es nicht an City verlieren. Ich kann es auch nicht ertragen, wie das mit dir geschieht. Vielleicht bin ich eifersüchtig. Aber ich kann nicht hier bleiben und zuschauen. Ich glaube sowieso, dass er mich töten wird. Schließlich würde ich dich immer von ihm fortziehen … Hör mal, so zersplittert gerade alles ist und so sehr die Kultszene auch boomt – die Neopuritaner, die Neopunks –, das sind doch alles nur Modeer- scheinungen. Trendscheiße. Sogar Angstrock. Ich bin kein Angstrocker, das ist schlicht eine Schublade, in die ich gesteckt werde. Ich kann mich mit nichts davon identifizieren. Damit wollen sie doch nur alles zukleistern.« »Aber ein Teil von City zu sein beschränkt sich nicht darauf. Klar geht es da auch um einen Gedankenaustausch, aber das ist alles freiwillig und ganz normal –« »Nein, er wiegt dich nur in diesem Glauben.« Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen. Sie betrachte- te ihn nachdenklich. »Du verschwendest deine Zeit«, sagte er., »Ja. Das merke ich auch. Es ist zu spät, für dich … Hör zu, ich verschwinde. In Chicago gibt es einen Typ, der mich produ- zieren möchte, wenn ich ein brauchbares Demo vorweisen kann. Also gehen wir ins Studio —« »Ihr wollt eine Platte aufnehmen? Wer wird denn hier Teil der großen Gleichförmigkeit? Du willst dich an die verkaufen, die –« »Nein. So kann ich viel mehr Menschen erreichen. Ich werde wider jegliche Anpassung predigen –« »Sie werden dein Bild in Dosen abfüllen und Tausende von Postern produzieren lassen … es wird den Catz-Wailen-Look geben.« »Heb dir deinen Sarkasmus für dich selbst auf. Der ist nicht übertragbar.« Sie zitterte. »Scheiße«, sagte sie leise. Dann ging sie ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn auf, damit er nicht hören konnte, wie sie weinte. Später Nachmittag. Kurz vor Einbruch der Dämmerung. Als Vorspiel verdunkelten sich die zerklüfteten Wolken am Him- mel. Cole stand allein auf dem Flughafen von San Francisco und sah zu, wie Catz' Flugzeug nach Chicago seinen Schwung dem Luftdruck anpasste und himmelwärts glitt. (Nein, Cole war eigentlich nicht allein; aber die Menschen um ihn herum waren nicht einfach nur Fremde – viel wichtiger war, dass sie nicht aus San Francisco stammten. Nicht aus Coles Stadt. Aliens.) Tief in seiner Tasche hielt er den Zettel umklammert, auf den sie eine Telefonnummer in Chicago gekritzelt hatte … Die ganze Band war mit ihr gegangen. Der rattengesichtige Bassist hatte sich beschwert, er hätte seine Zimmermiete bereits einen, Monat im Voraus bezahlt. Es war Catz nicht schwer gefallen, ihn zu überreden, Cole den Schlüssel zu geben. Vielleicht irrte sie sich: Vielleicht hatten sie sein Konto nicht vollständig gesperrt. Vielleicht gehörte sein Club noch ihm. »Für 'n Arsch«, sagte er laut. Der Jet wurde von der niedrig hängenden Wolkenbank ver- schluckt, Wolken, die sich wie ein großer, bedrohlicher Fla- schengeist über dem Flughafen zusammenbrauten. Catz war fort. Sie war fort und ihn hatte es nach San Jose verschlagen, weg von City. Er schaute sich um. Fremde Leute, massenweise. Er war extrem allein. Er unterdrückte die aufsteigende Panik, wandte sich um und trabte zu einem Aufzug, über dem AUSGANG ZUR STRASSE und NAHVERKEHRSZÜGE stand. Cole betrachtete den ITC-Bildschirm in der öffentlichen Zelle mit einer gewissen Befriedigung. KONTO AUFGELÖST, stand da. Nicht einfach nur KONTO GESPERRT. Kein bloßes DER- ZEIT KEINE AUSZAHLUNG MÖGLICH. Für ihn genügte das nicht. Für Stuart Cole musste schon der selten verwendete Bannspruch KONTO AUFGELÖST herhalten. Normalerweise sparten sie sich das für verurteilte Terroristen auf. »Sie hatte Recht«, sagte er, als er die Ziehharmonikatür der Zelle zusammenschob und auf die Straße trat. Er stand an der Ecke Market und Sutter im Schatten des unbeleuchteten Vor- dachs des Kinos für »Therapeutische Erotika«, dessen Schild DISZIPLINIERUNGEN WÄHREND DER VORFÜHRUNGEN/, ALLE SITZE FÜR VERSIERTE THERAPEUTEN AUSGERÜ- STET verhieß. »So versiert wie der Esel um den Brunnen geht«, murmelte Cole und wandte sich ab. KONTO AUFGELÖST … Die Konsequenzen seiner jüng- sten Vergangenheit begannen ihn einzuholen. Langsam ging er die Straße hinunter, jeder Schritt ein schmerzhaftes Knautschen in seiner Brust. Der Schmerz, der an ihm fraß, war die Qual der Zurückweisung durch eine ganze Gesellschaft. »Warum infizieren sie einen nicht einfach mit Lepra?«, über- legte er laut. Er kam an einem Obdachlosen vorbei, der in einem nacht- schwarzen Eingang lag. Sogar die Säufer, dachte Cole, haben ein Konto. Oder zumindest eine Nummer vom Sozialamt für eine Lizenz zum Betteln oder eine Invalidenrente. Ich dagegen nicht. Ich stehe jetzt unter ihnen. Er kam an einer Telefonzelle vorbei, starrte sie an und warte- te. Er wurde nicht enttäuscht: Das Telefon klingelte. »City?«, sprach er in den Hörer. Ein Teil des Schmerzes fiel von ihm ab. »Benny?«, sagte eine Stimme mit spanischem Akzent. »Hast du das Zeug?« Cole fluchte so heftig, dass er gar nicht merkte, was er eigent- lich schrie, warf den Hörer hin und stapfte davon. »City …«, sagte er. Es klang wie ein Seufzer. Er schaute sich um. Angst schlang sich um die Zurückweisung. City hatte sich von ihm getrennt. Cole fühlte sich ohne die gewohnte Verbindung zu seinem städtischen Umfeld isoliert. City bestrafte ihn. Vielleicht war es das für mich, für immer. Vielleicht hat er je-, mand anders gefunden, der besser für diese Aufgabe geeignet ist. Er hat mich endgültig abgeschrieben. Eine Straßenbahn kam von links den Hügel herunter. Die Oberleitungen sprühten Funken und schaukelten, als sie lang- samer wurde, um Fahrgäste aussteigen zu lassen. Sie nahm wieder Fahrt auf und rumpelte bis auf zwanzig Meter an ihn heran. Sie würde bei dem Gefälle kaum noch rechtzeitig brem- sen können. Das war die einzige Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen, herauszufinden, wie City jetzt zu ihm stand. Cole rannte auf die Straße und spürte kalten Schweiß auf sei- ner Stirn. Er hatte Angst. Große Angst. Angst vor dem Tod. Doch es war besser, tot zu sein, als diese Beleidigungen ertragen zu müssen, wehrlos gefangen wie ein Versuchstier im Glas. Er warf sich vor der Straßenbahn flach auf den Boden, kniff die Augen zu und versuchte mit den Händen seine Ohren vor dem Quietschen der Räder zu verschließen. Die Fahrgäste kreisch- ten. Er roch das Ozon der elektrischen Oberleitungen. Die Bahn warf ihren Schatten auf ihn, den dunklen Schatten des Todes. Und dann platzte die Straße auf. Cole wurde den Hügel hinabgestoßen. Er rollte nach rechts und sah aus den Augenwinkeln ein gewaltiges Rohr, das aus der Straße spross, zwischen ihm und der Straßenbahn – die mit dem Rohr kollidierte. Die hinteren Räder sprangen aus den Schienen, als sie sich zur Seite krümmte. Cole streckte eine Hand aus und blieb schlitternd liegen. Grinsend vor Schmerz stützte er sich auf seine aufgeschlage- nen Knie und kam auf die Füße. Die Straßenbahn hatte sich gedreht und stand jetzt quer auf der Straße. Sie war nicht umge- fallen. Niemand war ernstlich verletzt. Menschen rannten auf, ihn zu; ihre wütenden Gesichter schienen ihren Körpern vor- auszueilen. Andere standen einfach da und glotzten die riesige, mannsbreite Röhre an, die das Fahrzeug aufgehalten hatte, zwei Sekunden bevor Cole zerquetscht worden wäre. »Hee – was zum Teufel –«, brüllte der Schaffner und kam auf Cole zugestürzt. Ein Taxi wendete über den Mittelstreifen, nachdem es an Co- le vorbeigefahren war, und bremste, so dass die Türen auf der Fahrerseite einladend aufgingen. Cole schwang sich hinein und das Taxi fuhr ruckartig an. Er saß keuchend auf dem Fahrersitz. Es gab keinen Fahrer. »City …«, sagte Cole leise und schmeckte das Salz seiner ab- surden Tränen auf der Zunge. Das führerlose Taxi trug ihn davon. Wohin?, fragte sich Cole. Zwei Blocks weiter blieb es stehen. Cole wandte sich um und begutachtete das Wohnhaus im Tenderloin-Viertel. Hoch, schmal, schmutziggelb. Die Ellis Street wimmelte von fremden Menschen, aber Cole war nicht mehr allein. Er schloss die Augen und spürte, wie sechs Straßen weiter südlich ein Hub- schrauber von einem Dach abhob. In der Finsternis hinter seinen Augenlidern konnte er die Autos der Pendler im Norden und im Süden sehen, alle fuhren mit dem gleichen Abstand und der gleichen Geschwindigkeit, als würden sie von einer unsicht- baren Strömung getragen. Als wären die Autos einmal mehr rote Blutkörperchen, die im Blutkreislauf schwammen. Er spürte, wie ein Zug unter seinen Füßen hindurchfuhr, wie es in den Röhren entlang der U-Bahn-Tunnel sprudelte und plät- scherte, wie die Elektrizität in Tausenden von Kilometern, miteinander verbundener Kabel knisterte. Er konnte den rei- ßenden Strom in den Abwässerkanälen riechen und die widerli- chen Abgase tausender Verbrennungsmotoren, die sich mit Hunderttausenden von Essensausdünstungen mischten. Für Cole war das alles Parfüm. Er öffnete die Augen und ging nach oben. Er fand die Wohnung, indem er die Briefkästen absuchte. Catz' Bassist hatte seinen Künstlernamen auf den Briefkasten geklebt: I.M. Dedd. Apartment vierzehn. Cole stapfte durch den heruntergekommenen, mit Weinflaschen und durchnässtem Toilettenpapier übersäten Flur, betrat den schmiedeeisernen Fahrstuhl, der mindestens achtzig Jahre alt war, und zog das Gitter hinter sich zu. Er ignorierte das Schild, auf dem AUSSER BETRIEB stand. Und der vor langer Zeit stillgelegte Fahrstuhl bewegte sich ruckweise aufwärts, mit vor Rost kreischenden Seilen und Rollen. Im zweiten Stock stieg Cole aus und schenkte der alten Frau, die mit überquellenden Plastiktüten vor ihm stand, ein angedeutetes Lächeln. »Das gottverdammte Ding hat seit zehn Jahren nicht mehr funktioniert«, sagte sie und be- trachtete ihn mit wässrigen Augen, als wäre er eine Kakerlake in Menschengröße. »Funktioniert immer noch nicht«, sagte Cole und drückte sich an ihr vorbei. »Versuchen Sie nicht, damit zu fahren.« Und dachte: Verflucht! Ich bin aufgefallen. Der Flur stank nach Urin, Schimmel und Mäusen. Der Läu- fer mochte einmal rotbraun gewesen sein; jetzt hatte er die Farbe eines viel benutzten Lehmpfades angenommen. Er fand Nummer vierzehn. Die Tür war nicht abgeschlossen; er steckte den Schlüssel weg und trat ein., Eine typische Zweizimmerwohnung: Wohnzimmer, Schlaf- zimmer, Bad, Küchenzeile. Ein First Tongue-Poster löste sich wie ein riesiges altes Heftpflaster von der brüchigen grünen Wand. Sonst gab es nicht viel zu sehen. Ein Pappkarton mit schmutzigen zerknitterten Kleidern, ein ausgefranster Gitarren- gurt, leere Bierdosen, ein klobiges schwarzblaues Sofa mit Backsteinen an Stelle von Beinen. Im Schlafzimmer lag eine nackte Matratze voller Brandlöcher auf dem Boden, der beun- ruhigend weit durchhing, daneben eine Spritze von der Dro- genhilfe und ein Fernsehapparat … ein altes Gerät aus einer Zeit ohne Videotext und Cyberlinks. An der Seite gab es keinen Kartenschlitz. Jemand (Catz?) hatte den Fernseher angelassen. Der Ton war abgeschaltet, doch der Gouverneur hielt mit lautlosem Elan eine Pressekonferenz und schaukelte vor dem Wald von Mikrophonen auf dem Podium energisch vor und zurück. Cole drehte den Ton auf und setzte sich auf die Matrat- ze, die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Kinn in die Hand- flächen gelegt. Er hörte mit halbem Ohr zu und wartete darauf, dass City auftauchen würde. Der Gouverneur sagte gerade: » … ich halte es im Augenblick für höchst verfrüht, davon zu sprechen, dass die Städte ›sterben‹ … obwohl sicherlich richtig ist, dass die Städte sich verändern, und zwar in durchaus extrem zu nennender Weise.« Der Gouverneur war noch jung und trug sein farbloses Haar nach hinten gekämmt. Seine goldene Dril- lingskrawatte hob sich elegant von seiner braunen Weste ab. »Die derzeitige Entwicklung wird, äh, wohl noch zunehmen und, wie Sie angemerkt haben«, er lächelte den Reporter an, der die Frage gestellt hatte, »weist die Bevölkerungsentwicklung einen Trend weg von den so genannten Ballungsgebieten auf., Die Menschen verteilen sich weitläufiger. Die Telekom hat wie immer die, äh«, an dieser Stelle räusperte er sich und warf einen Blick auf seine Notizen, »hat wie immer die Zeichen der Zeit erkannt und eröffnet nun eine Multifunktionsniederlassung, die sich in neunzig separaten Zweigstellen überall auf die Vorstädte verteilt, wobei sich jede Zweigstelle in der Wohnung von insge- samt fünfundvierzig Managern und fünfundvierzig Assistenten befindet, die alle über ein Fiberglasterminal verfügen. Es gibt schlicht keine Verwaltungsarbeit, die nicht mit Hilfe eines Techlink-Terminals bewältigt werden könnte. Und – alles kann schneller erledigt werden, da niemand mehr in irgendwel- chen Verwaltungsgebäuden herumlaufen oder Formulare ausfüllen muss. Langfristig wird dabei sogar Energie gespart, denn niemand muss mehr durch die Gegend fahren. Die Liste der Vorteile ist zu lang, als dass ich sie hier alle aufzählen könn- te.« Er warf einen Blick auf seine Notizen. »Aber was für Auswir- kungen hat das? Da sämtliche Büroarbeit, alle finanziellen Transaktionen und die gesamte Datenverarbeitung von Tech- link-Terminals aus bewältigt werden kann, in Zusammenarbeit mit ITC, und da sich diese Terminals – um ein extremes Bei- spiel anzuführen – auf der anderen Seite des Planeten befinden könnten und immer noch funktionieren würden, gibt es keinen Grund mehr für die freie Wirtschaft, die diese, äh, Maschinen verwendet, ihr Personal in den Städten zu konzentrieren … Lagerhaltung, Lebensmittelvertrieb, Transport – all dies wird zunehmend automatisiert … Visionäre sehen für, sagen wir, das nächste Jahrhundert eine Nation elektronisch verlinkter Klein- städte voraus, ordentlich und mit viel Platz, sauber und wohn-, lich, ohne die Verhältnisse, die zu den bekannt erbärmlichen Zuständen führen … Diejenigen, die sich im Augenblick noch von körperlicher Arbeit ernähren, werden auf den Solarzellen- feldern oder den hydroponischen Farmen eine vergleichbare Tätigkeit finden. Das System, das die Menschen in den Städten zusammendrängt, erweckt den Eindruck, wir wären überbevöl- kert. Dabei wird der größte Teil der verfügbaren Fläche in den USA eigentlich gar nicht genutzt. Wenn die Menschen besser verteilt –« »City«, sagte Cole und schluckte. Es kam sehr plötzlich. City war da, der Gouverneur verschwunden. City war deut- lich größer, als Cole ihn je gesehen hatte, seine reglosen Ge- sichtszüge füllten den Bildschirm ganz aus. Seine verspiegelten Augen blieben unergründlich. »Verstehst du?«, fragte City. »Verstehst du?« Cole schüttelte den Kopf. »Du hast doch gehört, was er gesagt hat«, beharrte City. »Die Leute von Techlink stecken mit ITC unter einer Decke, sie haben die Hundesöhne in der Tasche. Der Gouverneur – gehört ihnen.« Citys Stimme zitterte vor unbändiger Wut. »War das nicht offensichtlich?« »Doch …« sagte Cole nachdenklich. »Jetzt, wo du es sagst. Er hat diese Dezentralisierungs-Geschichte wirklich heftigst ge- puscht. Und natürlich hätten Techlink und ITC ein Monopol, wenn das durchgeht, und alle wären von ihnen abhängig.« Cole murmelte das monoton vor sich hin und dachte: City ist allum- fassend, unzerstörbar, cool und doch menschlich, so perfekt wie ein Filmstar. Wie kann Catz an ihm zweifeln? Doch Cole war schlagartig wieder bei der Sache, als City sag-, te: »Es will uns töten.« Cole fuhr leicht zurück. »Äh – Wer? Wer will wen töten?« City deutete ein Nicken an. »Die Verbindungen. Die Compu- ter. Der Krebs in meiner Brust. Das muss alles zerstört werden – ITC, Techlink. Sie wollen die Menschen gleichmäßig über das Land verteilen. Geometrisch ausgewogen wie Sechsecke in einem Bienenstock.« »Die Stadt ist auf ihre Art auch geometrisch«, sagte Cole re- serviert. »Die Geometrie der Stadt kommt von den Mauern, die durch Konkurrenz entstehen, und das ist die Konkurrenz der privat- wirtschaftlichen Unternehmen. Hier lässt Metall seine Muskeln spielen – die Alternative wird ruhig, effizient und stumpfsinnig sein. Wenn ITC und Techlink sich durchsetzen, wird es für Städte keinen Bedarf mehr geben. Uns wird niemand mehr brauchen. Die Mafia ist begeistert von dieser idiotischen Gleich- förmigkeit – sie erleichtert es ihr, an uns heranzukommen, uns wehrlos zu erwischen. Das organisierte Verbrechen gedeiht unter dem Deckmantel der Ordentlichkeit, wenn es erst einmal über eine legale Fassade verfügt –« »Das – mag schon sein«, sagte Cole unsicher. »Du glaubst mir nicht?« Citys Gesicht auf dem Bildschirm dehnte sich aus, bis fast nichts mehr übrig war außer der Spie- gelbrille, seinen Augenbrauen und seiner Nase. Erschüttert richtete Cole sich auf und stützte sich auf seine Ellbogen. »Klar doch. Ich glaube dir – ich weiß nur nicht so genau, ob diese Kleinstädterei es den Ganoven leichter machen wird. Im Falle einer allgemeinen Dezentralisierung müssten sie mit ihren Jungs eine ziemlich große Fläche abdecken. Ich habe, eher den Eindruck, dass Techlink in Konkurrenz zu ITC steht, und –« City sagte: »Willst du mich wieder verraten?« Cole erbebte angesichts dieses Vorwurfs und wandte seinen Blick ab. »Hey, damit wollte ich nicht –« »Mit dieser Frau. Du bist weggegangen. In eine andere Stadt. Ich hätte deine Hilfe gebrauchen können. Du hast auf sie ge- hört. Was ist mit uns?« Und da spürte Cole die wunderbar verseuchte, herrlich ver- kommene, geschmeidige und doch scharfkantige Präsenz der Stadt. Die Blaupausen hinter seinen Augenlidern, das Geflecht der Macht und die Bevölkerungszentren, all das leuchtete in der geistigen Finsternis. In Cole glühte das nicht in Worte fassbare, tief greifende Gefühl vollständiger Zugehörigkeit und unzwei- felhafter Identität, als er sagte: »Wir treten ihnen entgegen.« Es musste eine Bombe sein. Es gab einige Orte, an die City kaum herankam, in seinem Inneren, so wie ein Mensch nicht die Funktion jedes einzelnen Organs steuern kann. City konnte die Zugänge zum Computer öffnen, aber er konnte ihn nicht zerstören. Nicht so, wie er eine Straße aufreißen oder einen Laternenpfahl umwerfen konnte. Aber Cole diente als Citys Hände. City hatte die Bombe besorgt. Cole hatte sie aus einem Schließfach im Busbahnhof geholt. Sie hatte die Form und Größe einer Konfektschachtel, nur in braunes Papier einge- schlagen. Sie passte unauffällig und bequem unter seinen Arm. An einer Ecke befand sich ein schwarzer Knopf, der aus einem sauberen Schnitt im Papier ragte, und auf diesem Knopf befand, sich ein weißer Strich. Wenn man den Knopf so drehte, dass er auf ein schwarzes Kreuz zeigte, das auf das Papier gemalt war, würde die Bombe nach einer Minute hochgehen. Die Bombe war klein, aber äußerst wirkungsvoll. Zumindest hatte City ihm das versichert. Cole fragte sich nur kurzzeitig, wer – welches menschliche Werkzeug – sie gebaut und wer sie für ihn bereitgelegt hatte. Im Augenblick stand er vor einem niedrigen Gebäude aus schwarzem Granitimitat: die Steuerzentrale der gesamten Datenbanken von ITC. Aus Loyalität zu City (und in dem Versuch, ITC zu diffamieren und seine eigenen Zweifel zu beseitigen) stellte sich Cole den großen unterirdischen Compu- ter als eine gigantische schwarze Spinne vor, die zwischen Glasfaserkabeln hockte, ihrem elektronischen Netz … In seiner Vorstellung spürte er das Summen des riesigen Rechners durch den Beton unter seinen Füßen hindurch. Er stand wenige Meter von der Südseite des schmucklosen Gebäu- des entfernt auf dem Bürgersteig und schaute sich um. Er trug eine kurze schwarze Lederjacke, helle Jeans und Turnschuhe. Keine Maske – sie wussten, wer er war. Er stand im Dunkeln unter einer kaputten Straßenlaterne und wartete. Der Bürgersteig teilte sich, die City bot sich ihm dar. Der Be- ton war mit einem kräftigen, aber kurzen Krach! aufgeplatzt. Der Spalt wurde langsam größer, Zementbrocken verschwan- den in der finsteren Öffnung und verursachten auf einer unbe- kannten Oberfläche ein tickendes Geräusch. Der Riss wurde breiter, ein darunter liegendes Stockwerk teilte sich und augen- blicklich drang ein gelber Lichtstrahl nach oben. Cole schob die Bombe in seine Jacke, neben die Pistole (von der er sich ge-, schworen hatte, sie nie wieder anzufassen). Mit einem Blick die leere Straße entlang – es war zwei Uhr morgens – ging er auf Hände und Knie und ließ sich in den Spalt hinab. Er sprang in das gelbe Licht, auf verbotenes Gelände. Er landete auf den Füßen und schaute sich um, während er nach seiner Waffe tastete. Doch hier war niemand. Aufgeschreckt von einem knirschenden Geräusch über sich sah er nach oben. Der Spalt in der Decke schloss sich. Er starrte den Korridor entlang, in Richtung des Granitgebäudes und der unterirdischen Compu- terzentrale. Der Flur war beängstigend breit und hell; er fühlte sich frem- den Blicken ausgesetzt. Doch hier war niemand. Er zog los, wobei er instinktiv leicht geduckt ging, obwohl ihn das weder geräuschloser noch weniger auffällig machte. Er kam an eine Kreuzung und schaute vorsichtig um beide Ecken, fand jedoch nur leere Korridore vor. Gelbe Lichtröhren und geflieste Böden zur Linken, Gelbe Lichtröhren und geflieste Böden zur Rechten. Wohin sollte er sich wenden? Wie zur Antwort blinkte links eine Lampe an und aus – danke, City. Er wandte sich nach links und zog seine Pistole ein Stück heraus, sodass sie leicht in seiner Handfläche lag. Er konnte spüren, wie die City überall um ihn herum vibrier- te, wie ihr Widerhall von dem unterirdischen Gang eingefangen und verstärkt wurde. »Ich befinde mich unter seiner Haut«, sagte er zu sich selbst. Er war von dieser enormen Intimität ganz trunken. Daher stellte er sich nicht die Frage: Was zum Teufel mache ich hier? Da noch nicht. Noch eine Kreuzung. Rechts blinkte eine gelbe Lampe. Auf, einem Schild an der Wand stand: ITCCZ. Darunter wies ein rot aufgemalter Pfeil nach rechts. Er wandte sich in diese Richtung. Drei Schritte. Blieb stehen und packte die Waffe fester. Der Autosecur rollte direkt auf ihn zu, leicht vornüber ge- beugt, die segmentierten Arme schwankten träge hin und her. »City«, flüsterte Cole. Das Ding rollte weiter auf ihn zu. »City?« Es machte einen höflichen Bogen um ihn und fuhr davon. Cole stieß pfeifend die Luft aus. »Danke.« Am Ende des Flurs befand sich eine Tür mit Stahlbeschlägen, die unpassierbar in die Wand zementiert war. In die Tür war ein Fenster mit einer kugelsicheren Drahtglasscheibe eingelas- sen. Er schlenderte hinüber, schaute hindurch und verfluchte sein übersteigertes Selbstbewusstsein. Ein Wachmann mit einer grauen Baseballkappe auf dem Kopf zog gerade seine Waffe. Der Mann starrte ihn von der anderen Seite der Tür aus an. Die Tür rollte langsam beiseite und glitt in die Wand hinein. Als das Fenster vorbeischlitterte, sah Cole, wie der Wachmann ihn überrascht anschaute. City hatte den Öffnungsmechanis- mus in Gang gesetzt, das verwirrte den Mann. City würde auch die Waffe des Wachmanns außer Gefecht setzen. Und von Cole erwartete er, dass er diesen fremden Menschen auf der Stelle niederschoss … Cole zögerte, qualvolles Hadern. Die Tür verschwand vollständig in der Wand. Der Wach- mann betrachtete seine Waffe in höchster Verblüffung: Sie funktionierte nicht. Hinter dem Mann ein langer Flur voller Chromstahl und Lichtpunkte: der Zentralrechner. Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille, während die beiden Männer einander unschlüssig gegenüberstanden. Der Flur vibrierte, doch eigentlich war kein richtiges Summen zu, hören. Die Computer waren geradezu unheimlich still. Endlose Reihen verchromter Geräte – ruhig, kalt, ihrer selbst gewiss. Schweigen in Chrom. Der Mann tat einen Sprung und Cole hob die Pistole. Aber er schoss nicht, denn der Wachmann war nicht in seine Richtung gesprungen, sondern seitwärts, wahrscheinlich wollte er einen Alarm auslösen. Einen Alarm, der nicht funktionierte. Als der Wachmann das begriff, sagte er: »Verdammte Scheiße!« Aber es schien ihn nicht weiter zu überraschen. »Meine Kanone funktioniert«, sagte Cole und zielte damit auf die Brust des Mannes. Der Mann trat einen Schritt zurück, starrte auf die Pistole und atmete schwer. Cole hatte jetzt Zeit zu registrieren, dass der Mann jung und schlaksig war, braun gebrannt mit langen Haaren. In seiner Freizeit ging er wahrscheinlich Surfen. Er sah kräftig aus. Seine blauen Augen wurden schmal, und er fragte: »Was – was läuft hier? Was hast du vor?« Cole biss sich auf die Lippen. Er spürte, wie City unsichtbar neben ihm stand und drängte: Leg ihn um leg ihn um leg ihn um leg ihn um … »Nein«, sagte Cole. »Was?«, wollte der Mann erschrocken wissen. Seine Lippen zitterten. »Nichts. Wie viele Wachen gibt es noch?« »Sechs. Die meisten sind oben, machen Pause.« Sechs! City hatte einen guten Zeitpunkt abgepasst. »Leg dich flach auf den Boden«, befahl Cole. Der Mann gehorchte langsam. Irgendjemand wird sicher um- kommen, wenn die Bombe hochgeht, dachte Cole, als er an dem, Wachmann vorbeiging und das Päckchen gegen ein verchrom- tes Gerät lehnte. Er zögerte. Seine rechte Hand zitterte über dem Knopf. Er zögerte … und etwas traf ihn von hinten: Er war erneut zu selbstsicher gewesen. Er wurde mit dem Gesicht nach unten zu Boden geschleudert und der Wachmann warf sich auf ihn. Er spürte, wie sein Gegner die Finger seiner Schusshand zusam- menquetschte, der sehnige Körper, die wütende Masse auf seinem Rücken. Der Wachmann versuchte verzweifelt, Cole am Boden zu halten, ihm die Pistole zu entwinden. Krampfhaft drückte Cole zweimal ab. Die Schüsse erschreckten den Wach- mann, sein Griff lockerte sich und Cole nutzte die Gelegenheit, sich wegzurollen. Er hielt die Pistole fest umklammert und sprang auf die Füße. Er drehte sich um, rannte durch die Tür und sprintete den Flur entlang. Hinter sich hörte er Schreie. Die anderen Wachen waren von den Schüssen alarmiert worden. City würde die Stahltür rechtzeitig schließen – das würde einige von ihnen aufhalten. Cole keuchte, schmeckte Eisen, seine Lungen brannten. Er donnerte den Flur hinunter und schlitterte um die Kurven. Der Klang seiner hastenden Schritte war ihm zuwider. Über ihm in der Ferne jaulten Sirenen. Cole wandte sich nach links, stürzte den Gang hinunter und bog rechts ab. Er wusste nicht mehr so genau, wohin er rannte. Eine Tür flog vor ihm auf. Er raste hindurch, ein paar Betonstu- fen hinauf und fand sich in einem Heizungskeller direkt unter- halb der Straße. Er schlängelte sich zwischen Röhren und Leitungen hindurch, entdeckte eine Stahlleiter, kletterte unbe- holfen hinauf – die Pistole war ihm im Weg – und griff mit der, linken Hand nach oben, um mit dem Rad der Bodenluke zu kämpfen. Die Luke drehte sich und öffnete sich allzu leicht: Citys Unterstützung. Er kletterte in die nächtliche Finsternis hinauf und sog dankbar die kühle oberirdische Luft ein. Er befand sich in einer Ladezufahrt hinter dem Gebäude aus schwarzem Granitimitat. Lichter blitzten die Straße hinunter, Sirenen rasten vorbei und heulten wie fliegende Gespenster, um die Ecke ertönten Schreie. Ein Scheinwerferpaar schwenkte bedrohlich in die Gasse ein. Das Fahrzeug füllte die schmale Durchfahrt auf der ganzen Breite aus und raste auf ihn zu. Panisch und fluchend suchte er nach einem Schlupfwinkel. Umsonst. Das Auto fuhr weiter auf ihn zu. Seine Umrisse waren im grellen Gegenlicht der Scheinwerfer kaum zu erkennen. Er drückte sich flach gegen die Wand. Es blieb keinen halben Meter vor ihm stehen. Die Scheinwerfer gingen aus. Ein leeres Taxi mit einer offenen Tür. »Gott sei Dank«, keuchte Cole und tapste durch den roten Nebel der Erschöpfung zur Fahrerseite. Besser, er setzte sich auf den Fahrersitz, damit niemand das führerlose Taxi bemerkte. Die Tür knallte zu, ein Gang legte sich ein, die Scheinwerfer gingen an und das Lenkrad richtete sich aus, während das Taxi rückwärts aus der Gasse und auf die Straße fuhr. Sie schossen nach rechts. Zu schnell, dachte Cole. Er wird auffallen, wenn er sich so beeilt. Fast sofort hängten sich zwei Streifenwagen an ihn dran. Das Taxi erhöhte seine Geschwin- digkeit (sowohl Cole als auch City wussten, dass niemand diese Kreuzung überqueren würde) und raste den fast leeren Boule- vard hinunter. Lichter glitten Kometen gleich vorbei, im Wech- sel mit schattigen Stellen, Licht/Finsternis/Licht/Finsternis, yin,, yang, yin, yang, Finsternis/Licht; und im Rückspiegel sah er die wirbelnden Gummikugeln der beiden Streifenwagen wie zwei rote dämonische Augenpaare Seite an Seite hinter ihnen her- heulen. Citys Stimme drang aus dem Radio: »Du hast ihn nicht umgebracht, und du hast die Bombe nicht scharf gemacht.« »Ich habe dir doch gesagt, dass ich kein gottverdammter Ge- heimagent bin«, sagte Cole, verletzt über die Andeutung eines Treuebruchs. Die Polizeifahrzeuge holten auf. Ein weiterer Streifenwagen schoss aus einer Seitenstraße und schloss sich der Jagd an. Bald würden sie vor ihm eine Straßensperre errichten. City griff ein. Die Streifenwagen wurden langsamer, bis sie fast standen, und fingen an, absurde Achter umeinander he- rumzufahren, einer hinter dem anderen, unablässig im Kreis herum. Cole schaute im Rückspiegel zu und lachte. Wie sie das wohl in ihren Berichten erklären würden. »›Ich hatte das Ge- fühl, der Wagen würde tanzen, Sir!‹«, höhnte Cole. Das Taxi blieb ruckartig stehen; Cole wurde nach vorne ge- schleudert, packte hastig das Steuer und entging um Haares- breite einer bösen Schädelprellung. Direkt vor ihnen blockier- ten zwei Streifenwagen die Straße. Aus einem Lautsprecher quäkte es: »BLEIBEN SIE, WO SIE SIND –« Plötzlich drang an Stelle der barschen Stimme Musik aus dem Lautsprecher und die Fahrzeuge begannen im Kreis he- rumzufahren, Schnauze an Hintern. Mainstreampop schallte aus dem Lautsprecher, ein Stück, das vor einem Jahr ein Hit gewesen war:, Come on baby let's go round and round Come on baby all over town Come on baby round and round … Cole saß lachend da, als das Taxi um die nächste Kurve bog. Der Wagen hatte ein gemächlicheres Tempo eingeschlagen und beförderte ihn zu der Wohnung im Tenderloin-Viertel. In Coles Lachen lag eine Spur von Hysterie.,

SIE- bähn! Cole saß an einem finsteren Ort über der City, zwischen

Abfällen, und betrachtete den nächtlichen Lichterteppich der Großstadt, der sich unterhalb des großen Fensters erstreckte. Zu seiner Rechten: ein lautlos flackernder Fernsehapparat, der unablässig lief. Zu seiner Linken: eine halb leere Literflasche Bier und eine halb gerauchte Zigarre, deren Glut ihre Hitze längst an die Welt abgegeben hatte. In seinem Schoß: eine Waffe. City hatte ihm ein leeres Penthausapartment in Rackham Arms besorgt, um ihn vor der Polizei und den Vigs zu verstek- ken – irgendjemand würde mit Sicherheit sämtliche Örtlichkei- ten durchsuchen, die mit Catz Wailen zu tun hatten. Der ei- gentliche Mieter des Penthauses hatte den Sommer über die Stadt verlassen; niemand schien Coles Kommen und Gehen in Frage zu stellen, da der Besitzer die Wohnung regelmäßig an Freunde verlieh. Das Apartment war gut mit Essen und Geträn- ken ausgestattet, die Gefriertruhe war randvoll mit Fleisch, in den Schränken drängten sich die Dosen. Als Cole die ver- schwenderische Ausstattung und die von einem Innenarchitek- ten gestalteten Räume sah, fasste er sofort eine Abneigung gegen den Fremden, der hier zu Hause war. Vor einem Mann,, der nicht genug Einbildungskraft besaß, um seine eigene Woh- nung einzurichten, hatte Cole keinen Respekt. Inzwischen schmückten leere Dosen und Packpapier und Flaschen und Geschirrstapel das Zimmer und lenkten etwas von den teuren Möbeln ab. Nachdem City ihm das Apartment besorgt hatte, war er ver- schwunden. Cole war allein. Er fühlte sich vom urbanen Geist umgeben wie vom Hintergrundrauschen eines Radios, doch ohne klare Konturen. Cole wartete seit drei Tagen, er hatte die Wohnung nicht ein einziges Mal verlassen. Er wartete auf eine Nachricht von City. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf den Fernseher in der Hoffnung, dass Citys unerschütterliche Ge- sichtszüge dort auftauchten. Doch es war bereits Samstag und er hatte noch nichts von ihm gehört. Die Ereignisse der vergan- genen Woche hatten in Coles Erinnerung eine traumhafte Qualität angenommen und er bekam allmählich Zweifel an der Wirklichkeit außerhalb des Fensters – eines Fensters, das eine ganze Wand des Apartments einnahm. Tagsüber schlief er, nachts stand er auf und wartete. »Aufstehen und warten.« Cole führte wieder Selbstgespräche. »Blöde. Blöde.« Er saß im Schneidersitz auf dem Teppich, dicht an der Fensterfront. Das Zimmer war dunkel mit Ausnahme des plasmisch blauen Flackerns des Fernsehschirms. Cole hatte ihn auf schwarzweiß umgestellt – die Farben lenkten ihn ab, weckten in ihm die Ungeduld, in die Welt hinauszugehen. Er lebte in einem Zwielicht des Wartens. Seine Gedanken kehrten mit ärgerlicher Regelmäßigkeit zu Catz zurück. Er hatte die Nummer in Chicago angerufen, die sie ihm ge-, geben hatte. Sie war nie zu Hause. Einmal hatte sich eine ver- schlafene männliche Stimme gemeldet und gefragt: »Häh, was? Oh, sie hat irgendwo einen Auftritt. Werisndran?« Die Stimme des Mannes klang eifersüchtig, also hatte auch Cole Grund, eifersüchtig zu sein. Cole schaute zum Fernseher hinüber. Jerome Jeremy, der hermaphroditische Talkmaster, streichelte mit einer Hand ein Voguersternchen und mit der anderen seine eigenen Brüste. Cole gähnte. »Vielleicht«, erklärte Cole den Lichtern der City, »will City mich wieder bestrafen. Vielleicht soll ich mir ja den Kopf darüber zermartern. Vielleicht verlässt er mich … aber warum hat er mich dann hier untergebracht?« »Gute Frage«, drang Citys Stimme aus dem Fernseher. Cole wandte den Kopf. Citys Gesicht füllte den Bildschirm aus. Eine Halluzination auf Grund des Mangels an äußerer Wahrnehmung? Cole biss sich in einen Finger, der Schmerz fühlte sich echt an. Die Echtheit des Schmerzes war über jede Frage erhaben. Also war City hier, und Cole sank in sich zusammen, plötz- lich erschlafft. Ihm wurde bewusst, dass er die wachen Stunden der letzten drei Tage in angespannter Erwartung zugebracht hatte. Cole richtete sich unsicher auf und trommelte mit den Handflächen auf seinen Beinen herum, um seinen Kreislauf in Gang zu bringen. Er näherte sich dem Fernseher, blieb einen Augenblick davor stehen und betrachtete Citys Gesicht mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Abneigung. Dann ließ er sich neben dem Apparat nieder. Es war unangemessen, dass er auf City herabschaute. Ich gehöre ihm, dachte Cole. Catz hatte, Recht. »Beim Chronicle arbeitet ein Mann, der fürs Feuilleton schreibt, aber auch vor Ort recherchiert«, sagte City. »Er heißt Barnes. Rudolph Barnes.« Hungrig hing Cole an jeder einzelnen Silbe, forschte nach Betonungen, nach Anzeichen von Anerkennung – oder Missbil- ligung. Citys Stimme klang kalt, allerdings nicht kälter als sonst. Cole konnte sich auf nichts verlassen. City fuhr fort: »Barnes weiß über Rufe Roscoe und die Vigs Bescheid, teilweise sogar über dich. Er weiß, dass sie nach dir suchen. Er kennt die Mafia-ITC-Connection – die allerdings allgemein kaum noch ein Geheimnis ist. Er will für die landes- weiten Medienagenturen eine große Enthüllungsgeschichte schreiben. Ich möchte, dass du ihn anrufst und dich mit ihm triffst. Sei vorsichtig, denn das wird morgen im Laufe des Tages über die Bühne gehen müssen. Im Augenblick ist er in Santa Cruz. Er wird morgen wieder in San Francisco sein, bis morgen Nachmittag. Du hast nur wenige Stunden. Triff dich mit ihm, erzähle ihm, wo Rufe Roscoes Bänder liegen und was du sonst noch weißt – aber kein Wort über mich. Davon würde er sich nur sehr schwer überzeugen lassen, und ich möchte mich ihm nicht zeigen – ihm fehlt jegliche Voraussetzung. Er ist kein Einwohner von San Francisco –« Cole hatte den Eindruck, dass in Citys Stimme Verachtung schwang. »– er kommt aus New York und ist seiner Stadt loyal. Also, spür ihn auf – er wird dir helfen. Ruf den Chronicle morgen früh um neun an. Und geh schlafen.« »Cit–«, Doch er war bereits verschwunden. Er war verschwunden; aber er war gekommen, er hatte mit ihm gesprochen. Stuart Cole weinte vor Erleichterung. Trotz der niedrigen Auflösung des Vidphon-Bildschirms konn- te Cole erkennen, dass Barnes ein rotgesichtiger Mann war, ebenso hager wie gesund, fast ohne Kinn und mit einer gedrun- genen Nase. Doch sein Blick war lebhaft und eindringlich, und unter dem dünnhaarigen, nervösen Äußeren eines Mittvierzi- gers vibrierte eine Berufung. Er war der richtige Mann für diese Aufgabe. »Ja? Bitte?«, fragte Barnes mit kratziger Stimme. Cole atmete tief durch und legte los: »Ich heiße Cole. Stuart Cole. Ich weiß, was Sie über ITC und Rufe Roscoe wissen, und ich kann Ihnen noch einiges mehr erzählen.« »Hören Sie, Kumpel, es ist Sonntag«, sagte Barnes mit einem übertriebenen Aufseufzen. »Ich versuche mir den Sonntag freizuhalten. Ich bin nur wegen einer kurzen Konferenz hier und dann fliege ich –« »Also sparen wir uns diesen Quatsch«, sagte Cole. »Dafür habe ich keine Zeit.« Ihm war klar, dass Barnes ihn nur auflau- fen ließ, um seine Reaktion zu testen. Er wollte herausfinden, ob Cole ein Spinner war oder wirklich etwas wusste. »Ich mache Ihnen nichts vor, und ich lasse mich nicht so schnell abwim- meln.« Cole rutschte unbehaglich hin und her, als Barnes ihn über den Bildschirm unverblümt musterte. Coles Haarschnitt war eher konservativ; er hatte im Schrank einen höchst konventio- nellen Anzug gefunden, und er trug eine blau getönte Brille – er, wäre in jeder Menschenansammlung unsichtbar gewesen. Trotzdem war er nervös. Er stand in einer öffentlichen Telefon- zelle in Chinatown, und hier drehten Polizeistreifen mit schö- ner Regelmäßigkeit ihre Runde. Ein Cop, der gerade ein Fahn- dungsfoto von ihm gesehen hatte, könnte ihn auf Anhieb er- kennen. »Sie sehen zumindest aus wie Cole«, sagte Barnes. Cole erschrak. »Sie haben ein Bild von mir gesehen?« »Klar, wir bekommen die ganzen Fahndungsfotos. Sie stehen ganz oben auf der Liste, Freundchen. Ich zumindest werde Sie bezahlen. Wenn Sie mir entsprechende Daten rüberschieben, wird Ihre Kreditwürdigkeit von hier bis Fort Knox reichen, jedenfalls soweit es an mir liegt.« »Am Broadway«, sagte Cole, »gibt es ein Restaurant, das heißt Luigi's.« Barnes nickte. »Wann?« »So bald wie möglich. Ich werde das Haus im Auge behalten, und wenn die Luft rein ist, komme ich rüber, sobald ich Sie sehe. Tragen Sie nichts Auffälliges.« »Okay. Hören Sie, sollte ich nicht –« »Die Polizei anrufen?« »Nein.« Barnes grinste. »Nein, ich wollte sagen, sollte ich nicht etwas mitbringen, das meine Story später belegt? Einen Camcorder?« »Nein. Das würde nur Aufmerksamkeit erregen. Ich werde Ihnen sagen, wo Sie Ihre Beweise herbekommen.« Cole drückte auf den Unterbrechungsknopf und wandte sich vom leeren Bildschirm ab. Er trat in den strahlenden Sonnenschein und blinzelte. Er hatte sich an das Nachtleben gewöhnt. Die Sonne, brannte ihm in den Augen und er musste Tränen wegzwinkern. Er gähnte. Er hatte nicht genug geschlafen. Langsam ging er den Hügel hinunter und versuchte wie ein Geschäftsmann auszuse- hen, der nach einem chinesischen Restaurant Ausschau hält. Er schleppte sich durch die mittägliche Menschenmenge den Berg hinauf, verlor sich in einem zähen Lavastrom aus Touri- sten. Zur Linken marschierten ärmellose Hemden und Sonnen- brillen; zur Rechten randalierten hupende Autos. Die heiße Luft roch nach Schweiß, Rasierwasser, verschiedenen Parfüms und Deodorants, Fisch und scharf gewürzten Gerichten in den chinesischen Lebensmittelläden. Straßenverkäufer boten An- denken und Eiscreme feil und versuchten, mit ihrem Kreischen das auf- und abschwellende Lied der Straße an einem Sommer- tag in Chinatown zu übertönen: »Schön kühle Eiscreme!« Als er den Broadway erreichte, war er unter seinem warmen Anzug durchgeschwitzt und flüchtete sich dankbar in den Schatten einer Markise gegenüber von Luigi's. Er stand mit dem Rücken zu einem Feinkostgeschäft und starrte mit gespielter Gleichgültigkeit durch den Vorhang von Menschen, die auf dem Bürgersteig vorbeihasteten. Er konnte den Eingang von Luigi's sehen, doch die Sonne in seinem Rücken verwandelte das Fenster des Restaurants in eine undurchsichtige weiße Fläche. Barnes war höchstwahrscheinlich noch nicht dort. Jetzt hatte Cole das Gefühl aufzufallen, weil er sich vom Hauptstrom der Straße gelöst hatte. Er rieb sich die Hände an seiner Hose ab: Er war nervös und ängstlich, und als er das bemerkte, wurde er noch nervöser und ängstlicher, da er be- fürchtete, jemand könnte ihn misstrauisch beobachten. Seine Anspannung wuchs und er musste sich wiederholt ermahnen,, nicht über seine Schulter zu blicken. Ein Streifenwagen fuhr langsam die Straße entlang. Coles Hände ballten sich zu Fäusten. Er starrte stur geradeaus. Das Auto fuhr vorbei, doch seine Nervosität nahm noch zu. Um sich abzulenken, dachte er an Catz. Hier in der Nähe hatten sie in einem Café gesessen, sich über einander Gedanken gemacht. Er lächelte leise, als er an die darauf folgende Nacht dachte. So alt war er noch gar nicht. Er benutzt dich, hatte sie gesagt. Cole hatte keine Lust mehr, an sie zu denken. Ohne besonderen Grund – zumindest bewusst – behielt Cole zwei Männer im Auge, die auf der anderen Straßenseite an einer Ecke neben Luigi's standen. Der eine trug ein geblümtes rotblaues Hemd, eine Kamera hing an einem Riemen um seinen Hals. Er hatte Badeshorts und Sandalen an. Er war jung und kräftig, und es kam Cole seltsam vor, dass er sich wie ein Tou- rist mittleren Alters gekleidet hatte. Neben ihm stand ein großer Mann mit einer dunklen Brille, geschlitzten Hosen und einer Jacke, die – wie Coles Jackett – bei diesem Wetter zu warm war. Irgendetwas an seiner Haltung war seltsam. Cole schaute ge- nauer hin. Er schien sich nach links zu neigen, die rechte Seite hatte er Cole zugewandt – und angesichts seiner Schräglage hätte er eigentlich umfallen müssen. Cole beobachtete ihn weiter, den Kopf geradeaus gerichtet, die Blickrichtung seiner Augen hinter den bläulichen Brillengläsern verborgen. Der Mann drehte sich leicht nach rechts und warf Cole einen Blick zu. Cole hatte den Eindruck, dass seine Augen kurz an ihm hängen blieben und dann allzu schnell weiterhuschten. Cole konnte jetzt erkennen, dass sich der Mann auf einen Spazier-, stock stützte. Er war noch ziemlich jung für jemanden, der einen Stock benötigte, dachte Cole. Ein dritter Mann trat zu ihnen. Der dritte Mann – der einen gepflegten blauen Anzug trug – erweckte den Eindruck, als würde er die beiden kennen, sagte jedoch nichts. Nicht einmal hallo, zumindest bewegte er nicht die Lippen. Und Cole hatte den Eindruck, dass alle drei in seine Richtung sahen, immer mal wieder. Cole atmete schwer und spürte, wie der Schweiß über seinen Adamsapfel in seinen Kragen lief. Wer sind die Kerle? Den Mann mit dem Stock glaubte Cole schon einmal ir- gendwo gesehen zu haben: Es lag nicht so sehr an seinem Ge- sicht, sondern an seiner Größe, an der Haltung seiner Schul- tern, seinem kantigen Kinn. Wie jemand, an den er sich aus einem Traum verschwommen erinnerte. Wo hatte er ihn schon einmal gesehen? Der Stock. Das kaputte linke Bein. Der Mann hielt den Stock, als hätte er sich noch nicht an ihn gewöhnt. Seine Hand glitt unruhig am Griff hin und her. Das linke Bein – einer der Vigs im Haus in Berkeley, wo sie Catz festgehalten hatten, hatte sich einen Schuss ins Bein eingefangen. Der Einzige, der überlebt hatte. Der Einzige, der Cole wieder erkennen würde. Cole wandte sich um und stürzte sich auf ein Taxi, das in die Sutter einbog. Eine Frau, die einen Kinderwagen mit einem fetten Baby schob, drängelte sich zwischen ihn und das Auto. Fast wäre er über sie geflogen, er entschuldigte sich, sprang zur Seite, und das Taxi war verschwunden. Jemand tippte ihm von hinten auf die Schulter. Cole grabschte in seiner Jacke nach der Pistole und, wirbelte in Erwartung eines Schlages herum. Barnes grinste ihn an. »Sind wir ein bisschen nervös?«, sagte er. Cole schaute zu Luigi's hinüber. Die drei Vigs waren von der Ecke verschwunden. Cole sah, wie sie voller gespielter Gemüts- ruhe die Straße überquerten. »Dort drüben wartet ein Taxi auf mich«, sagte Barnes. »Ich dachte mir –« Barnes deutete auf ein gelbes Taxi. Cole sprintete los. Hinter sich hörte er jemand rufen. »Hee!«, und das war nicht Barnes' Stimme. Er packte den hinteren Türgriff der Taxe, riss die Tür auf und hörte den Fahrer sagen: »Hey, ich bin schon besetzt –« »Geht klar, er gehört zu mir«, sagte Barnes und drängte sich hinter Cole ins Auto. »Bitte fahren Sie los!«, rief Cole mit weit aufgerissenen Au- gen und beobachtete einen Polizisten, der von hinten auf sie zugerannt kam. Er betete, dass der Fahrer den Cop nicht sah. Das Taxi fädelte sich in den Verkehr ein, fuhr über eine gelbe Ampel und den Broadway hinunter. »Fahren Sie Richtung, äh, Coit Tower«, sagte Cole. Er hatte das erste Ziel genannt, das ihm eingefallen war. Der Fahrer nickte. »Darf ich dem entnehmen, dass wir gerade nicht alleine wa- ren?«, forschte Barnes. Cole nickte. »Vielleicht sind wir es immer noch nicht. Sie werden uns folgen.« Barnes seufzte vernehmlich. »Junge, Junge, hoffentlich sind Sie kein Spinner.« »Ich bin ein Spinner«, sagte Cole beiläufig. »Aber ich werde Ihnen trotzdem die Wahrheit sagen.«, »Aber – woher wussten die Typen, wo sie uns finden konn- ten?« Cole runzelte die Stirn. »Ehrlich gesagt wollte ich Sie das fra- gen.« Barnes hob die Augenbrauen. »Erzählen Sie weiter.« »Tja – ITC ist überall, fast buchstäblich. Bei uns in diesem Taxi –« Er wies auf das ITC-Terminal der Taxe. »Und, äh, wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, dass Sie in der Gegend herumlaufen und Fragen über sie stellen könnten, ohne aufzu- fallen?« »Aber woher wissen die, wo wir … ?« Barnes starrte Cole mit offenem Mund an. »Mein Vidphon. Wahrscheinlich wird es abgehört.« Cole nickte. »Wahrscheinlich schon lange.« Inzwischen fuhren sie steile Bergstraßen empor, durch ein Villenviertel, unter an Smog verreckten Blättern hindurch, zum Coit Parkgelände hinauf. Ein weiteres Taxi fuhr ihnen hinterher, die sonnenweiße Straße entlang. Cole behielt es eine Weile über die Schulter im Auge. Drei Gestalten, den Fahrer nicht eingerechnet. »Viel- leicht«, sagte er und wandte sich wieder nach vorne, »sollte ich Ihnen jetzt alles erzählen … Punkt eins, Rufe Roscoe hat alle seine Treffen mit seinen Komplizen auf Video aufgenommen.« Barnes rieb sich über seine zerfurchte Stirn. »Das ist nicht besonders klug von ihm.« »Ich weiß. Scheint jedenfalls so. Aber vielleicht hat er ja gute Gründe. Jedenfalls bewahrt er die Bänder in einem Tresor auf, und wenn jemand einen entsprechenden Durchsuchungsbefehl bekommen könnte – der von einem Bezirksstaatsanwalt kom-, men müsste –, dann hätte er die ganze Organisation an der Gurgel …« Cole bemerkte, dass der Taxifahrer sie im Rückspiegel beo- bachtete. Das runde Gesicht und die umschatteteten Augen des schwarzen Fahrers zeigten heftigstes Misstrauen. »Was zum Donner ist los mit Ihnen beiden?«, fragte der Mann hastig. Seine Augen schnellten vom Spiegel zur Straße und wieder zurück. »Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram.« Der Taxifahrer schüttelte den Kopf. »Moment, können Sie überhaupt die Fahrt bezahlen? Sie reden ziemlich verrücktes Zeug. Letzte Wochen haben mich zwei Typen zusammenge- schlagen und gezwungen, ihnen meine gottverdammte Uhr zu geben, die ich seit zwölf Jahren habe –« »Kommen Sie schon, das wird wohl kaum zweimal hinter- einander passieren«, sagte Cole müde. Der Taxifahrer fuhr rechts ran. Cole warf einen Blick über die Schulter. Das andere Taxi hielt ebenfalls. »Dann zahlen Sie jetzt und auf der Stelle. Irgendwas. Ich hab so ein Gefühl … Ich weiß immer, wenn jemandem seine Karte abgelaufen ist. Ich hab da einen Riecher für«, sagte der Fahrer gereizt. Barnes schnaubte und holte seine Karte aus der Brusttasche seines nur mäßig ausgefüllten Golfhemdes. Er drückte seinen Daumen auf das temporäre Abdruckpad auf der Inhaberseite, hinterließ einen kurzfristigen Daumenabdruck und reichte dem pummeligen Fahrer die Karte. Der Mann schob die Karte in das Terminal und wartete. Auf dem winzigen Bildschirm erschien: KONTO AUFGELÖST. Cole und Barnes starrten überrascht, darauf. »Aber ich hab zweitausend Steine auf diesem Konto!«, brüllte Barnes. »Ich habe erst heute Morgen mein Frühstück damit bezahlt –« Cole schüttelte resigniert den Kopf. »Sie stehen auf der schwarzen Liste. Die haben mitbekommen, dass Sie mit mir unter einer Decke stecken. Sie hassen mich.« »Hör mal zu, Kumpel«, sagte der Taxifahrer wütend – und hielt inne und starrte an seinen Fahrgästen vorbei durchs Heck- fenster. »Wer zum Teufel sind diese Wichser? Hee, der Schwei- nehund hat eine Knarre!« Barnes warf sich auf den Boden des Fahrzeugs. Cole fuhr mit der Hand an seine Pistole. Er zog sie hervor, starrte sie an und überlegte, ob er sie je wieder würde einsetzen können. Er schau- te sich panisch um. Sie standen auf einer schmucklosen Allee: Große Wohnhäuser aus Ziegelstein, einige mit Efeu bewachsen, drängten sich auf beiden Straßenseiten aneinander. Ein Mann sah aus einem Fenster; als sich ihre Augen trafen, zog er den Vorhang zu. Cole schaute in den Rückspiegel. Die drei Männer waren vielleicht noch zehn Meter vom Wagen entfernt. Zwei von ihnen setzten zum Sprint an, der dritte stapfte mit seinem Stock hinterher. Alle drei waren bewaffnet. Da Cole wusste, dass er sich nicht überwinden konnte, die Pistole zu benutzen, richtete er sie auf den schwitzenden, glot- zenden Taxifahrer und brüllte: »Raus hier, verschwinde!« Der Mann gehorchte und rief zum Abschied noch: »Fickt euch doch, ihr verrückten Pleitegeier!« Cole kletterte auf den Vordersitz, warf die Waffe auf den Beifahrersitz und gab Gas, schleuderte den Wagen in eine holperige Kehrtwende, biss die, Zähne gegen die reißende Fliehkraft zusammen und fuhr auf die drei Männer zu, die jetzt breitbeinig vor seiner Motorhaube standen. Einer warf sich zur Seite, der andere hob eine nach einer Luger aussehende Waffe, um direkt durch die Wind- schutzscheibe zu schießen. Cole schloss die Augen vor Mün- dungsfeuer und fliegenden Glassplittern; etwas stach ihm in die Wange. Mit geschlossenen Augen trat er das Gaspedal durch. Das Auto holperte zweimal, die Räder kreischten matschig über etwas hinweg; ein weiterer Schuss von der Seite – Cole hörte, wie das linke hintere Fenster zu Bruch ging und ein Wimmern vom Rücksitz. Er öffnete gerade noch rechtzeitig die Augen, um zu sehen, wie sich ein Streifenwagen quer über die Straße stellte. Cole riss das Lenkrad blind nach rechts. Auf dem Bürgersteig sprang ihm jemand aus dem Weg. Es gab einen zähneklappern- den Ruck, das vordere Ende wurde in die Höhe geschleudert, als der Wagen den Bordstein rammte, mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig am Heck des Streifenwagens vorbeifuhr und um die Kurve schoss. Aus allen Richtungen waren Sirenen zu hören … Sirenen sind die Hintergrundmusik meines Lebens, dachte Cole. Die Straße stürzte in aberwitzigem Tempo an ihm vorbei. Die Autos auf der Gegenspur hupten. Die Fahrzeuge vor ihm wichen nach rechts und links aus, um aus der Bahn des wahnsinnigen Taxis zu kommen, das sie im Rückspiegel heran- rasen sahen. Cole hupte ununterbrochen, um die Leute aus dem Weg zu scheuchen. Aus dem Taxifunk ertönte statisches Rau- schen und Stimmensalat. Cole steuerte mit einer Hand, über- fuhr rote Ampeln und setzte auf sein Glück. Ihm kam eine Idee. Er streckte eine Hand nach dem Taxifunkgerät aus, drückte die, Sprechtaste und brüllte: »City! Du kannst tagsüber nicht ein- greifen, aber mit mir reden kannst du! Also sprich mit denen! Kannst du die Cops nicht auf eine falsche Fährte setzen? Pfeif sie zurück! Führ sie in die Irre! Spiel Polizeifunkzentrale!« »Ja …«, drang eine bekannte eisige Stimme durch das Durcheinander auf der Frequenz des Taxifahrers. Die Sirenen entfernten sich. Der Wind blies ihm durch das kaputte Fenster ins Gesicht, Glasscherben klirrten auf dem Boden. Cole fuhr zum Bahnhof. Dort hielt er an, stellte den Motor ab und lehnte sich zurück. Sein Atem ging schwer, er zitterte und ließ dem Adrenalinstoß seinen Lauf. Einen Augen- blick lang wurde ihm schwindlig. Dann fiel ihm Barnes ein. »Hey – hey, Barnes – oh Himmel, was hatte ich Schiss … Aber ich bin nicht schlecht gefahren, oder? Himmel, man weiß einfach nicht, wozu man fähig ist, bis man –« Er hielt inne und musste an den Schuss denken, der das Sei- tenfenster durchschlagen hatte. Und an das Wimmern vom Rücksitz. Cole wandte sich nicht um. Er konnte sich einfach nicht überwinden hinzuschauen. »Barnes?«, rief er mit rauer Stimme. »O Gott, es tut mir Leid. Es tut mir Leid, Barnes.« Schließlich musste er hinschauen. Vielleicht musste Barnes ins Krankenhaus. Cole wandte sich um. Barnes hatte den größten Teil seines Kopfes verloren. Und am meisten Angst machte Cole, dass ihn der Anblick eines gewaltsamen Todes nicht mehr erschütterte. Er ließ das Taxi stehen und ging, erschöpft und mit trübem Blick, zum Bahnhof., Cole ließ das Telefon am anderen Ende klingeln, obwohl es bereits dreißig Mal geläutet hatte. Es klickte und eine schläfrige Stimme sagte: »Yeah.« Coles Herz pochte. »Oh – äh – Catz?« »Stu?« »Ja – warum stellst du das Bild nicht an?« »Oh, meine, hm, Bildröhre ist hinüber – das Telefon ist ziemlicher Schrott.« »Kannst du mich sehen?« »Nein …« Cole fragte sich, ob sie die Bildfunktion nicht eingeschaltet hatte, weil sie nicht wollte, dass er den Mann neben ihr im Bett sah. »Na – was läuft so?«, fragte sie. Cole lachte humorlos. »Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll. Äh – nimm den Ohrstöpsel.« »Okay«, sagte sie. Also war jemand bei ihr. Sonst hätte sie gesagt, dass sie den Ohrstöpsel nicht brauchte. Das geht mich nichts an. Schnell und mit mechanischer Stimme erzählte Cole, was geschehen war, seit sie San Francisco verlassen hatte. Als er fertig war, herrschte Schweigen. Schließlich sagte er mit grimmigem Humor: »Und – wie läuft's so in Chicago?« Als sie wieder sprach, hörte er an ihrer Stimme, dass sie weinte. »Gottverdammt, Stu. Du steckst in einem Irrenhaus. Jetzt überfährst du schon Leute, und um dich herum werden sie erschossen, und er lässt dich Bomben legen, von denen du nicht mal weißt, was sie auslösen. Du machst mich krank, Mann., Verdammt, Stu.« In der darauf folgenden Pause zischte die Leitung vor sich hin. Bis Cole voll Bitterkeit sagte: »Catz – ich habe solche Angst. Aber ich kann hier nicht weg. Ich brauche dich. Bitte –« »Nein. Verschwinde von dort. Du musst von ihm wegkom- men. Er benutzt dich. Ich möchte nicht, dass du den letzten Rest deiner selbst verlierst – komm schon, es ist doch offen- sichtlich, oder? Ich meine, City hat Angst davor, dass die urba- ne Konzentration aufgebrochen und über das ganze Land verteilt wird, wenn Techlink und ITC die derzeitigen Verhält- nisse überflüssig machen. Er weiß, dass Städte überflüssig sind. Für ihn ist diese Mafiageschichte nur eine Rechtfertigung – er würde das so oder so machen, gerechtfertigt oder nicht. Für die Stadt ist es Zeit zu sterben, Stu, und du musst von dort ver- schwinden, wenn du nicht mit ihr untergehen willst.« »Aber das kann ich nicht!«, rief Cole aufbrausend. »Ich brau- che dich, aber ich muss –« Er hielt inne. Er hörte ein seltsames Geräusch … Das Freizeichen.,

A - A - acht! Das Penthausapartment stank. Es war mit Schmutzwä-

sche, Einwickelpapier und schimmelnden Konservendosen voll gestopft. Perverserweise fand Cole Gefallen an dem Geruch. Er war in der Stimmung für etwas negative Untermalung. Gott sei Dank war es Nacht. Er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen. Es war Mittwoch- abend und er hatte ungeduldig auf den Einbruch der Nacht gewartet. Er fühlte sich nicht mehr wohl, wenn City im Verbor- genen war … Er hatte die Vorhänge vor der Glaswand zugezogen und ging davor auf und ab, rang die Hände und schaute immer wieder durch den Schlitz im Vorhang – war die Sonne schon unterge- gangen? Ja, sie war untergegangen. Und dann spürte Cole sie, die langsame Schwingung einer Präsenz, deren Wellenlängenfrequenz anstieg, sein Rückgrat hinauf vibrierte und eine Blaupause in seinem Kopf aufleuchten ließ: die Nervenbahnen der City über die seinen gelegt. »Cole …« Cole lief zum Fernsehapparat und ging vor Citys elektroni- schem Götzenbild in die Hocke. »Cole«, wiederholte City, als ob er den Namen genießen würde. »Geh heute Nacht nicht in die, Stadt; du musst dich ausruhen. Morgen wirst du einen Ausflug unternehmen. Aus der Stadt hinaus.« »Nein!« Cole setzte sich auf. Er zitterte. »Nein – ich fühle mich ganz – nutzlos … wenn ich dich verlasse … Ich glaube, ich würde durchdrehen. Letzte Woche wäre mir das noch möglich gewesen. Aber jetzt ist alles anders.« Er legte die Stirn in Falten, versuchte nachzudenken: Was war anders geworden? »Wir stehen einander näher«, sagte City und sprach damit aus, was Cole hatte in Worte fassen wollen. »Da Barnes tot ist, musst du das erledigen. Ich schicke dich zum Assistenten des Bezirksstaatsanwalts.« »Ich – hör mal, könnten wir das nicht so drehen, dass er hierher kommt? Irgendwie fällt mir hier alles leichter. Jetzt. Selbst tagsüber – ich habe dieses Taxi vor ein paar Tagen wie – wie ein professioneller Stuntman gefahren. Weil ich dir näher stehe und die Straßen und die Autos auf den Straßen fast ein Teil von mir sind. Aber – außerhalb der Stadt –« Cole gab auf. City war unbeugsam. Es war sinnlos, mit ihm zu diskutieren. »Muss ich …«, setzte er zögernd an und wandte den Blick von den vorwurfsvollen Augen auf dem Bildschirm ab. »Muss ich, äh, am Tag zu ihm gehen?« »Ich fürchte schon. Das ist die beste Zeit, um ihn zu erwi- schen. Ich habe für dich einen Termin gemacht – er geht davon aus, dass du jemand anders bist als in Wirklichkeit.« Fast lächel- te City. »Jemand Wichtiges.« »Aber –« Cole setzte sich hektisch auf, ihm war ein berech- tigter Einwand gegen seinen Ausflug eingefallen. »Aber ich kann gar nicht ins Büro des Bezirksstaatsanwalts gehen, weil ich von der Polizei gesucht werde, und bei dem ganzen Chaos, das, ich verursacht habe, sind sicherlich die Behörden im ganzen Land alarmiert worden. Selbst wenn du mich unter falschem Namen hinschickst, wird mich mit großer Wahrscheinlichkeit jemand erkennen. Und im Laufe der Geschichte muss ich ihn auf jeden Fall wissen lassen, wer ich bin, um den Beweisen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen – man muss belegen können, dass man der ist, der man zu sein vorgibt, sonst ent- behrt die Geschichte vor Gericht jeglicher Grundlage.« »Ich merke schon, dass du über die neusten Entwicklungen nicht auf dem Laufenden bist«, sagte City. Cole rümpfte die Nase. »Ich habe keine Nachrichten gesehen. Ich will nichts über die …« »Die Schießereien? Da hättest du dir keine Sorgen machen müssen. Darüber wurde nicht berichtet. Mit Ausnahme von leisen Anspielungen auf einen Bandenkrieg. Kein Wort über dich. Die wenigsten Polizisten wissen, wer du bist. Überleg mal – sie sind ja nicht alle korrupt. Leute wie Barnes gibt es bei den Bullen und bei den Zeitungen. Nimm mal an, du wirst festge- nommen und so jemand verhört dich und glaubt deine Ge- schichte zumindest so weit, dass er zu den Bundesbehörden geht … ITC will auf keinen Fall, dass du aussagst, so oder so, von anderen Stellungnahmen ganz zu schweigen. Die Cops, die über dich Bescheid wissen, haben letzten Sonntag Befehl erhal- ten, dich ohne Zögern zu erschießen, ob du Widerstand leistest oder nicht. Eine Entschuldigung werden sie dann schon fin- den.« »Sie kehren es unter den Teppich? All die Menschen, die ge- tötet worden sind?«, fragte Cole. Doch im Grunde war er nicht überrascht., City starrte ihn nur an. Schließlich nickte Cole. »Wo und wann?« »Sacramento, Justizministerium, Zimmer vier, fünfzehn Uhr. Dein Zug geht Punkt zwölf.« »Aber – was soll ich ihm erzählen?« »Im selben Schließfach, aus dem du auch die Bombe geholt hast, befinden sich ein Fahrschein und eine Aktentasche. Darin sind nach Roscoes Videoaufnahmen entstandene Abschriften von einem entscheidenden Treffen sowie ein Teil der entspre- chenden Aufzeichnung, um sie zu verifizieren. Das sollte ein Anfang sein, auch wenn alles auf illegalem Wege erworben wurde und nicht als Beweismittel gilt.« »Wie erworben?«, fragte Cole gespannt. »Ich möchte den Mann kennen lernen, der die Sachen in das Schließfach legt, der sie für dich besorgt – wir könnten einander helfen … und reden.« »Nein«, sagte City. Sein Bild wurde schwächer. »Das ist kein Mann. Es ist ein Autosecur. Nur eine kalte Maschine. Ihr hättet wenig gemeinsam.« »Da bin ich mir nicht so sicher«, murmelte Cole vor sich hin, als Citys Bild vom Schirm verschwand. Nur eine kalte Maschine. Cole war froh, dass er einen Fahrschein Erster Klasse und damit Anspruch auf eine Schlafnische hatte. Denn von dem Augen- blick an, als er die unterschwellige, aber allgegenwärtige Reich- weite von Citys Bewusstsein verließ, war ihm übel. Selbst hier, im beruhigenden, schaukelnden Dämmerlicht der Schlafnische, litt er Qualen. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere, fühlte sich in diesem Augenblick eingesperrt, im nächsten, entsetzlich ungeschützt. Aber vor allem fühlte er sich schreck- lich einsam. Sein Bauch war eine einzige schmerzende Grube. »Scheiße«, sagte er laut, kaute auf seinem Daumennagel und starrte in die zwielichtigen Ecken des kleinen Raumes. »Ich benehme mich wie ein Kind.« Er versuchte in dem regelmäßi- gen wrrr-klick-wrrr-klick des elektrischen Zuges Trost zu finden. Er sehnte sich nach einem Drink. Bei dem Treffen würde er jedoch auf der Hut sein müssen. Auch wenn es ihm helfen könnte, sich ein bisschen zu betäuben. Nur ein bisschen. Jede Vibration des Zuges schien in der Leere in seinem Inneren ihren Wiederhall zu finden. Er schüttelte sich wütend und schwang sich aus dem Bett, schob sich durch die Vorhänge seiner unteren Koje und kam auf die Füße, wobei er in dem schmalen Durchgang zwischen einem Dutzend verschlossener Kojen hin und her schwankte. Er machte sich auf den Weg zum Salonwagen und dachte: Nur einen oder zwei. Irgendwer wird mich doch zu einem Drink einladen. Im lauten, windigen Übergang zwischen zwei Wagen begeg- nete Cole einem Mann mit einem gegabelten Bart. Er hatte ein blasses Gesicht und war klein und schlank. Die hinter einer Sonnenbrille verborgenen Augen erregten seine Aufmerksam- keit – die Spiegelbrille erinnerte ihn an City. Der Mann trug sein Haar kurz und auf seine Schläfen waren Malteserkreuze gebleicht worden. Er hielt etwas unter seinem Armeemantel versteckt, als Cole den dröhnenden Verbindungsgang betrat. Cole blieb stehen und begutachtete ihn. Zwischen ihnen fand ein stiller Austausch statt, dann entspannte sich der Mann. Er nahm seine Hand von der Brust seines Mantels, so dass Cole, das Tablettenfläschchen sehen konnte, das er umklammert hielt. Sie waren sich noch nie begegnet, aber sie kannten einan- der: Cole war der Käufer, der Fremde war der Dealer. Ihr Stra- ßeninstinkt sorgte dafür, dass sie einander augenblicklich erkannten, obwohl Cole seit Jahren keine Drogen mehr gekauft hatte. »Irgendwas anzubieten?«, fragte Cole und vergaß für den Moment, dass er kein Konto mehr hatte. »Thrilitiums«, antwortete der Mann. »Langzeitberuhigungs- mittel. Vier pro Stück.« Cole dachte nach. Er hatte kein Konto, keinen Kredit, nichts. Aber er besaß eine goldene Uhr, die er in einer Schublade im Apartment gefunden hatte, eine teure Digitaluhr mit eingebau- tem Rechner und Empfangsgerät. »Ich hab nur das«, sagte er, zog die Uhr ab und reichte sie hinüber. Das Gesicht des Mannes zeigte keine Regung, aber seine Stimme klang zu gleichgültig, als er sagte: »Ja, gut – die dürfte drei wert sein.« Obwohl sie beide wussten, dass sie über drei- hundert wert war. Cole zuckte die Achseln und nickte. Der Mann gab ihm drei Thrilithiums, die Cole zu seiner letzten Zigarre in die Plastik- hülle steckte. Dann ging er schnurstracks zum nächsten Was- serhahn und schluckte alle drei Tabletten. Er kehrte zu seiner Schlafnische zurück, legte sich hin und dachte: Wie komme ich vom Bahnhof zum Justizministerium? Ich hab keine Karte, um ein Taxi zu bezahlen. Er legte sich hin und sank in einen herrlichen, betäubenden Morast. Wie sich herausstellte, war der Bahnhof nur einen Fuß- marsch vom Büro des Bezirksstaatsanwalts entfernt, ungefähr, anderthalb Kilometer. Benommen taumelte Cole durch einen Dunstschleier aus Betäubungsmitteln die Straße hinunter. Die Aktentasche baumelte an fast kraftlosen Fingern und gelegent- lich stieß er mit Leuten zusammen. Wiederholt schaute er sich nach Straßenschildern um, betrachtete den Adresszettel in seiner verschwitzten Hand und kämpfte sich zum Gebäude- komplex der Regierung vor. Wie ein Schlafwandler betrat er das Wartezimmer des Assi- stenten des Bezirksstaatsanwalts, und fast wäre er hingefallen. Die Sekretärin sah ihn misstrauisch von oben bis unten an. Cole lächelte ihr zu (er hoffte, dass es ein Lächeln war – seine Ge- sichtsmuskeln waren nicht eben in Bestform) und sagte undeut- lich: »Tschuldigung, ich bin etwas groggy, hab ein paar … Erkältungstabletten genommen, offenbar bin ich da empfind- lich.« Sie nickte langsam. »Kommt vor.« »Würden Sie Faraday bitte sagen, dass ich da bin?« »Sir, das habe ich bereits. Sie heißen Stuart Cole und arbeiten als Sonderermittler für den Stadtkämmerer von San Francisco?« »Ja«, sagte Cole und schwankte hin und her. Er konnte sich nicht daran erinnern, ihr das gesagt zu haben, doch offensicht- lich hatte er. Dann wurde ihm plötzlich klar: Der Dealer hatte Langzeitberuhigungsmittel gesagt. Also bekam er vermutlich jetzt erst die volle Wirkung des Trilithiums ab … Cole murmel- te »verfickter Scheiß« vor sich hin. Er hoffte, dass er den Termin überstehen würde. »Vielleicht möchten Sie Platz nehmen –«, setzte die Sekretä- rin an. Doch eine Stimme aus einem versteckten Lautsprecher auf ihrer Schreibtischoberfläche sagte: »Schicken Sie ihn her-, ein.« Sie wandte sich wieder ihrem Datenschirm zu und wies mit erhobenem Daumen auf eine Tür zu ihrer Rechten. Cole ging unsicher an ihr vorbei und versuchte, nicht die O- rientierung zu verlieren. Seine Beine waren weit, weit weg. Gegenstände am Rande seines Blickfeldes schienen miteinander zu verschmelzen. Er schob sich durch die Pendeltür und betrat Faradays Büro. Der Mann hinter dem großen Chrom- und Plastholztisch schien im Nebel zu verschwinden – Cole blinzel- te, doch der Nebel wurde nur noch dichter. Die Droge. Cole konnte Faraday nicht klar erkennen, hatte jedoch den Eindruck eines knochigen, reservierten Mannes, der sein dichtes schwar- zes Haar in einer Neopompadour-Frisur trug. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Mr. Cole?«, erkundigte sich Faraday mit ziemlich jugendlicher Stimme. »Ja … ich habe eine schlimme Erkältung … die Medikamen- te, Sie wissen sicher, wie das ist. Ach –« Cole starrte ihn an und versuchte den echten Faraday von den beiden anderen Faradays in dem Dreifachbild zu unterscheiden, das er sah. Er blinzelte mehrmals und konzentrierte sich – aus drei Faradays wurde einer. Cole trat einen linkischen Schritt vor und donnerte den Aktenkoffer auf Faradays Schreibtisch, nestelte am Verschluss, bekam ihn schließlich auf und holte die Papiere und das Video- band heraus, die er auf den Schreibtisch Faraday direkt unter die Nase legte. »Am besten kommen wir gleich zur Sache«, sagte Cole. »Mir geht es nicht besonders. All dies sind Beweise für –« Er suchte nach Worten. »Für Korruption innerhalb der Polizei von San Francisco und der Geschäftsstelle von ITC in San Francisco – namentlich Rufe Roscoe …«, »Ich weiß«, unterbrach ihn Faraday hastig, »über Ihre Be- hauptungen Bescheid.« Er blätterte die Abschriften durch, Seite um Seite sprangen seine Augenbrauen in die Höhe. Cole stellte sich erst viel später die Frage, woher Faraday über seine »Behauptungen« Bescheid wusste. »Nun gut«, Faraday nickte, um zu zeigen, wie sehr ihn das Material beeindruckte, auch wenn er es – wie Cole fand – nur sehr oberflächlich durchgesehen hatte. »Das muss ich mir genauer anschauen. Ich werde mir den Rest des Nachmittags dafür Zeit nehmen und mich heute Abend mit meinen Jungs vom Geheimdienst darüber unterhalten. Wenn Sie mich bitte jetzt entschuldigen würden? Wenn ich all das unter die Lupe nehmen soll, muss ich mich gleich dranmachen. Leider habe ich zur Zeit schrecklich viel zu tun. Äh – könnten Sie morgen wiederkommen?« Cole öffnete den Mund, um zu antworten, und schloss ihn dann wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Morgen? Das würde bedeuten, dass er eine Nacht und einen Teil des Tages von City getrennt sein würde – eine abstoßende Aussicht. Doch ihm blieb keine Wahl. Er versuchte Zeit zu gewinnen und schaute sich im Büro um. Durch den Drogennebel konnte er einen Kommunikationsbildschirm erkennen, neben dem ein Metall- schrank stand, eine Art Maschine. »Mr. Cole?« Cole blickte erschrocken auf. »Oh – o ja, dann wohl mor- gen.« Er drehte sich ruckartig auf dem Absatz um und hätte fast das Gleichgewicht verloren, als der Schwung ihn einholte. Die Kombination von Schlafmangel und Trilithium hatte ihn in, eine unbeholfene Marionette verwandelt. Er riss sich zusammen und stolperte durch die Tür ins Wartezimmer – und blieb abrupt stehen. Was hatte er vergessen? Den Aktenkoffer? Den konnte er morgen mitnehmen. Etwas anderes. Er hatte verges- sen, für seinen Folgetermin eine Uhrzeit auszumachen. »Sir?« Die Stimme der Sekretärin hinter ihm. Darin lag eine Spur von Verachtung. Wahrscheinlich hielt sie ihn für betrun- ken. Ihm war nach Lachen zumute. Er würde sich auf ihren Schoß setzen, damit sie seinen Atem riechen und sich davon überzeu- gen konnte, dass er – er konnte sich gerade noch zurückhalten und schüttelte heftig den Kopf. »Geh noch mal rein und mach einen Termin aus«, redete er sich zu. Er drehte sich vorsichtig um und stapfte durch den Treibsandteppich zurück in Faradays Büro. Faraday stand neben der quadratischen grauen Maschine (die in die Wand eingebaut war, das Maul und eine Reihe von Wählscheiben die einzigen Armaturen) und schaute nicht auf, als Cole hereinkam. Er fütterte etwas in die Maschine, während er mit dem Kommunikationsbildschirm zu seiner Linken sprach. Auf dem Bildschirm befand sich ein Gesicht, das Fara- day beobachtete – das Gesicht von Rufe Roscoe. Roscoe sagte gerade: »Wenn Sie sicher sind, dass alle beizeiten hier eintref- fen, dann machen Sie sich weiter keine Sorgen, packen Sie den Kram einfach –«, er brach ab. Auf seinem Bildschirm irgendwo in San Francisco hatte er Cole bemerkt, der hinter Faraday stand. »Verdammt!« Cole starrte Faraday an. Der Assistent des Bezirksstaatsan- walts fütterte die Abschriften, die Cole mitgebracht hatte, in die, Maschine, einen Papierschredder. Er hat einen in seinem Büro stehen, dachte Cole. Gut vorbereitet, das Kerlchen. Laut sagte Cole: »Sie hoffen wohl auf das Amt Ihres Vorgesetzten –« Er konnte die Männer nicht sehen, die ihn von hinten pack- ten, aber er wehrte sich immerhin so sehr, dass einer von ihnen ihm einen Schlag auf den Kopf versetzte. Und gerade, als er dankbar das Bewusstsein verlor, dachte er: Das sind Bullen, und sie werden mich umbringen.,

NEU- ihn! Die Betonwand der Zelle schien alle Wärme aus ihm

herauszusaugen. Draußen war die Nacht mild. Hier in der Zelle im Stadtgefängnis von Sacramento fühlte Cole sich arktischen Stürmen ausgesetzt. Zitternd knöpfte er den obersten Knopf seines Hemdes zu. Als er bei Einbruch der Finsternis mit pochendem Schädel aufgewacht war, hatte er sich überlegt, dass sie ihn nur deswe- gen nicht umgebracht hatten, weil es zu viele Zeugen gab, die ITC gegenüber nicht loyal sein mochten. Cole war sicher, dass sie ihn umbringen würden. Normalerweise wäre ein bewusstlo- ser Gefangener aufs Krankenrevier gebracht worden. Sie woll- ten nicht, dass ein Arzt seine Verlegung nach San Francisco verzögerte. Cole saß auf dem Rand seiner schmuddeligen Pritsche und nickte düster. Sie würden den gestellten Fluchtversuch und die Erschießung am Morgen in die Wege leiten, während der Verlegung. Das war nur logisch. Er wickelte sich die grobe Gefängnisdecke um die zitternden Schultern, schloss die Augen und lauschte auf die nächtlichen Geräusche von Sacramento, die durch das vergitterte Fenster oberhalb der Straße zu ihm drangen. Er ließ seine Gedanken, treiben, ließ sich vom abgehackten Lied der Stadt in den Schlaf wiegen, suchte Trost in der surrenden Präsenz einer Stadt, die so sehr der seinen glich und doch so anders war. Doch etwas erkannte er wieder: ein Gefühl unsichtbarer Zusammenhänge. Er versuchte sich auf das zarte Muster zu konzentrieren … »Hier drüben.« Die Stimme einer Frau von der stahleinge- fassten Tür her. Cole blickte zum vergitterten Fenster in der Tür. Er konnte nicht klar sehen. Catz? Er sprang auf, lief zur Tür und ließ die Decke von seiner Schulter gleiten. Doch die Frau an der Tür war ihm fremd. Ihr Haar war auf eine Seite geworfen, die rot gefärbten Fransen flossen schüch- tern über ihre nackte Schulter. Das grellgrüne hautenge Kleid zeigte eine ihrer Brüste, auf der lässig eine weiße Hand ruhte, die Fingernägel spiegellackiert. Sie war füllig, die ursprüngliche Farbe ihres herzförmigen Gesichts unter totenstarreblauer Hauttusche begraben. Ihre Augen verbargen sich hinter einer umlaufenden Spiegelbrille. Cole wusste, dass sie eine Hure war, das erkannte er nicht an Kleidung und Make-up – eine Vogue- rin mochte das grelle Aussehen einer Hure nachahmen –, sondern an ihrer Haltung: Sie war zugleich verführerisch und widerspenstig. Noch etwas war seltsam an ihr: Da war ein gewisses unerschütterliches Selbstbewusstsein, eine Andeutung verborgener Dimensionen. Die ganze Kombination von Merk- malen war ihm so erst ein Mal begegnet. »City?«, fragte Cole zögernd. Sie lächelte, kaum wahrnehmbar. Die Bewegung ihrer Ge- sichtshaut glich der Zeitlupenaufnahme einer Marmorwand, die, sich bei einem Erdbeben wölbt. Sie war hart, hart. »City?«, fragte Cole, nun fast sicher. Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Ihre Stimme klang rauchig, neckend, weise. »Der Ort bin ich nicht. Ich bin anderswo.« »Wie – wie bist du hier reingekommen?« »In dieser Stadt kann ich kommen und gehen, wie es mir ge- fällt. Fast. Ein paar Stellen sind auch mir nicht zugänglich.« »Sie wissen nicht, dass du hier drin bist?«, fragte Cole. »Sie wissen nicht, dass ich hier bin … Sie wollen dich um- bringen, Cole.« »Das dachte ich mir … sie haben sich nicht die Mühe ge- macht, mir meine Rechte vorzulesen. Kein Telefongespräch. Wahrscheinlich haben sie mich bloß nicht erledigt, weil –« »– sie die Verantwortung lieber den San Franciscoer Bullen überlassen, falls es eine Panne gibt«, beendete sie für ihn den Satz und nickte. Cole spuckte auf den Boden. »Wie weit reicht Roscoes Ein- fluss?«, fragte er. »Bis nach Redding, zumindest in diesem Bundesstaat. Aller- dings versucht die Mafia ITC überall zu infiltrieren. Mit ge- mischtem Erfolg. Sie werden bald eine ziemliche Überraschung erleben, wenn der Rest von uns – die Orte sich vernünftig organisieren.« »Was meinst du damit?« »Ich meine Tod. Ich meine zerschmettern und zerfleischen und Gliedmaßen abtrennen. Starkstrom und reißende Flüsse. Alles sehr effizient und zielgerichtet. Tod den richtigen Leuten.« Cole wurde übel von ihrem unbeteiligten Ton. »Aber wir müs- sen uns erst auf eine Zusammenarbeit einigen. Ich fürchte,, deine – dein City arbeitet nicht mit uns anderen zusammen. Er ist ziemlich zwanghaft. Er weigert sich, loszulassen. Deine Freundin hat dich gewarnt – das weiß ich, weil sie mit Chicago spricht, und Chicago spricht mit mir.« »Du meinst Catz?«, fragte Cole und packte das Gitter mit feuchten Händen. »Ja. Sie hat zu Chicago ein enges Verhältnis.« Coles Gedanken wirbelten und kamen langsam zur Ruhe, als die Bedeutung all der scheinbar beiläufigen Bemerkungen der Frau zu ihm durchdrang. Und Cole wusste: »Du bist Sacramen- to.« Sie nickte. »Und alle großen Städte verfügen über – Selbsterkenntnis, äh – Persönlichkeit? Und können sich physisch manifestieren?« »›Manchmal‹ beantwortet beide Fragen.« Cole atmete lang und keuchend aus. »Dann – kannst du mich hier rausholen?« »Ja – wenn du mir etwas versprichst.« »Ja.« »Versprich mir, dass du versuchst City zu überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten – beim Großen Kehraus. Er weiß, was damit gemeint ist … Wenn er mit uns in engerem Kontakt stehen würde, hätten wir ihm sagen können, dass dein Ausflug sinnlos ist, dass Faraday gekauft worden ist …« »Versprochen.« Und süß wie der Kuss eines Kindes schwang die Zellentür auf. Der Betonkorridor war leer bis auf eine umherflatternde Motte. Cole folgte ihr – Sacramento – zu einer kahlen Wand am, Ende des Korridors. Als schnitte sie Stücke aus einer Torte, zog Sacramento große Steinblöcke aus der Mauer – unter ihren Fingern schienen sie zu poröser Geschmeidigkeit zu schmelzen. Cole wollte helfen und holte sich nichts als Schrammen. Für ihn war die Wand so massiv wie eine massive Wand … Methodisch zerlegte sie die Barriere und stapelte die Steinblöcke ordentlich aufeinander, bis sie einen Durchgang in eine Seitengasse ge- schaffen hatte. Dann führte sie ihn in die Nacht hinaus. Ein führerloses Taxi brachte sie zum Bahnhof; der Mitternachtszug nahm gerade Fahrgäste auf. Sie küsste ihn zum Abschied, ihre Lippen auf seinen Wan- gen. Die Haut auf seiner Wange brannte, als hätte er sie auf Trok- keneis gedrückt. Catz. Sie wartete auf dem Bürgersteig vor seinem Hotel auf ihn. Es war vier Uhr morgens. Citys Präsenz nahm ab. Der Morgen schlug einen Bogen über die Stadt wie der Schwenkarm eines Radaroszilloskops. Es wurde merklich heller, sogar während er da stand und sie wortlos anschaute. Er schüttelte den Kopf. Er war aus dem Gefängnis geflohen, aus einer Falle, die töd- lich gemeint war. Catz war hier, und er war wieder bei City. Das konnte nicht von Dauer sein. Dann vergeude es nicht, sagte er sich und ging auf sie zu. Sie umarmten sich. Coles Müdigkeit, die ihn noch vor weni- gen Augenblicken hatte taumeln lassen, verflog beim Anblick von Catz, die im läuternden Licht der Morgensonne stand,, umgeben von schwindenden blauen Schatten. Der Tau um ihre Stiefel verdunstete und schwebte als Nebel empor. Jetzt, mit ihr im Arm, blies er vor Erstaunen über die Vielfalt der Gefühle, die in ihm aufstiegen, seine Backen auf … Sie schien seltsam klein, knochig, substanzlos unter ihrer Lederjacke, im Gegensatz zu der monumentalen Größe, die sie in seiner Erinnerung hatte. Er trat einen Schritt zurück, hielt sie auf Armeslänge und be- trachtete sie. Ihre goldbraunen Augen waren groß, die Pupillen weit von den Schatten, durch die sie gegangen war. Ihre Haare waren zerzaust; sie trug kein Make-up, ein paar Narben zeich- neten sich eindrucksvoll auf ihren Wangen ab und verliehen ihr ein wunderbar tragisches Aussehen. Sie presste die Lippen fest aufeinander, als wollte sie ihr Zittern unterdrücken und nicht zeigen, wie froh sie in Wirklichkeit war, ihn zu sehen. Sie trug uralte zerrissene anliegende Jeans und ein T-Shirt unter ihrer geflickten Jacke. Neben ihr auf dem Bürgersteig stand ein Matchbeutel mit weißer Sprühschablonen-Aufschrift: ANAR- CHIE. Sie wies mit einem Nicken in Richtung des Hotels. »Be- kommst du uns beide da hinein?« »Ja …« Er räusperte sich. »Ja, um diese Zeit gibt es keinen Portier mehr. Die Tür lässt sich durch einen Schlüssel und einen Stimmabdruck öffnen. Das hat City für mich geregelt. Aber es funktioniert nur einen Monat lang, bis der eigentliche Mieter zurückkommt.« Er stand da und betrachtete sie. Die morgendliche Kälte steckte ihm arthritisch in den Fingerknö- cheln. Er konnte sich nicht überwinden, zum Haus zu gehen und damit die Stimmung zu zerstören. Catz nahm ihm das ab, als sie sagte: »Himmel, nun mach, schon«, sich bückte und ihren khakifarbenen Matchbeutel über die Schulter warf. Sie richtete sich auf. »Ich bin ziemlich fertig. Bin mit dem verdammten Greyhound gefahren. Die sind noch schlimmer geworden, seit ich ein Mädchen war. Kaum zu glauben.« Ein Teil seiner Müdigkeit kehrte zurück. Er kramte eine volle Minute in seiner Jackentasche, bis er den Schlüssel fand. Ge- meinsam gingen sie auf die Glastüren zu. Er steckte den Schlüs- sel ins Schloss und sagte: »Bewohner.« Ein Klicken. Er zog den Schlüssel ab, und die Tür schwang vor ihm auf … Während sie im Aufzug nach oben fuhren, erzählte er ihr, so gut er das durch den verschwommenen Nebel aus Müdigkeit hindurch konnte, wen er in Sacramento getroffen hatte. Seine Beschreibung der Frau, die eine Inkarnation von Sacramento war, faszinierte sie. »Ich würde sie gerne kennen lernen«, sagte sie fast ehrfürchtig. »Die Apotheose aller Huren.« »Wie sie mir gesagt hat scheinst du ein enges Verhältnis zu Chicago zu haben. Wahrscheinlich könntest du auch mit Sa- cramento in Verbindung treten. Ich glaube, für dich würde sie ihre menschliche Gestalt annehmen.« Der Aufzug stieg Stock- werk um Stockwerk empor. Es war seltsam, sich um halb fünf Uhr morgens in einer aufwärts fahrenden Kiste zu befinden. »Wie hast du herausbekommen, wo ich bin?« »Chicago hat sporadisch Kontakt mit City. Anscheinend ist San Francisco ein ziemlicher Einzelgänger … Du hast gesagt, ich könnte mit Sacramento in Verbindung treten. Als ob es für dich nicht in Frage käme, mich zu begleiten. Denn dann müss- test du hier weggehen, als ob dieses Loch ein verdammtes Paradies wäre –«, »Hey, lass mich bloß in Ruhe!«, fauchte Cole. »Ich hab seit Tagen nicht geschlafen – außer als ich für ein paar Stunden bewusstlos war, und das war nicht eben erfrischend. Ich sehe Sterne, und ich bin dieser Diskussion jetzt einfach nicht ge- wachsen.« Catz starrte geradeaus auf die graue Stahltür. Wie auf ihren Blick hin öffnete sich die Tür auf das oberste Stockwerk, und Cole führte Catz den Korridor hinunter zur Tür des Penthausa- partments. Sie ließen ein weiteres elektronisches Öffnungsritual über sich ergehen und traten ein. Catz holte scharf Luft. »Bäh … Abfälle!« »Tut mir Leid. Ich weiß, dass es stinkt. Irgendwie war das Absicht. Hat wohl zu meiner Stimmung gepasst … Ich –« Er holte tief Luft. »Ohne dich ging es mir ziemlich elend.« Sie berührte ihn ganz sanft an der Wange und schüttelte voll trauriger Zuneigung den Kopf. Dann ließ sie ihre Tasche fallen und ging ans Fenster, um die Vorhänge aufzuziehen. »Nicht!«, schrie Cole. »Die Sonne scheint!« Sie ließ den Arm sinken, den sie nach dem Vorhangknopf ausgestreckt hatte, und warf ihm einen angewiderten Blick zu. »Es ist bloß, äh –«, stammelte er. »Ich habe nicht geschlafen, meine Augen brennen. Ich mag jetzt kein grelles Licht … bevor ich mich ausgeruht habe.« Sie verzichtete darauf, seine Begründung anzufechten. »Na, dann komm.« Sie watete durch das Chaos zum Schlaf- zimmer. »Gehen wir schlafen. Meine Batterien sind alle.« »Ja«, sagte er und folgte ihr, erleichtert, der Auseinanderset- zung entronnen zu sein. »Ich bin auch völlig fertig.«, Sie zogen sich im dämmerigen Licht des Schlafzimmers aus, legten sich auf die nackten Laken und sonnten sich in der Anwesenheit des anderen. Cole hatte das Gefühl, in der Matrat- ze zu versinken. Schläfrig hörte er Catz zu, drückte sie an sich und starrte in das Nichts an jenem Nicht-Ort hinter seinen Augenlidern. » … obwohl es mir seltsam vorkam«, sagte Catz, »dass mich City durch Chicago wissen ließ, wo ich dich finden würde. Er hat mich auch nicht daran gehindert herzukommen. Ich meine, er wollte mich doch eindeutig aus dem Weg haben, bevor … Fast könnte man meinen, er möchte einlenken. Aber vielleicht ist das nur vorübergehend. Vielleicht schenkt er uns etwas, weil er vorhat, uns noch mehr zu nehmen … Oder er weiß, dass ich nicht lange bleiben kann. Ich muss zurück und versuchen, diesen Plattenvertrag unter Dach und Fach zu bekommen …« »Reine Spekulation«, murmelte Cole in den feuchten Kopf- kissenbezug neben seinen Lippen. »Ich meine – also wie lange noch, Stu?«, fuhr sie fort. Sie gähnte. »Wie lange hältst du noch durch? Menschen sind nicht dafür geschaffen, so zu leben, wie du es tust. Auf Dauer funk- tioniert das nicht, Mann. Du wirst wie all die anderen marschie- renden Matschköpfe auf der Straße enden, die durchgeknallten Schizos, die Leute anschreien, die gar nicht da sind, und mit Laternenpfählen streiten und mit den Armen wedeln – das muss doch irgendwann aufhören. Du kannst nicht bis in alle Ewigkeit hier bleiben. Und – ich muss immer an das Gespenst deiner selbst denken, das du getroffen hast. Ich meine – wo soll das alles enden, Stu?« Er antwortete nicht, zog es vor, sie glauben zu lassen, er wäre, eingeschlafen. Eine Minute später war er das auch. Sie verschliefen den ganzen Tag. Als Dämmerung die Vorhänge verfinsterte, standen sie auf, duschten und zogen saubere Ba- demäntel an. Blaue Seide mit den Initialen eines Fremden auf der Brusttasche. In stillschweigendem Einverständnis räumten sie die Woh- nung auf und warfen Armladungen voll Abfall in die Entsor- gungsklappe. Cole bemerkte, dass Catz Telefon und Fernseher ausgestöpselt hatte. Er sagte nichts; er konnte spüren, wie City jenseits der Vorhänge und Fenster vor sich hin brütete. Es war Nacht geworden, und jetzt hatte Catz etwas dagegen, die Vorhänge aufzuziehen. Sie griff in ihren Matchbeutel, holte ein Abspielgerät und ei- nen Stapel Kassetten heraus und drehte die Lautstärke bis zum Anschlag auf. Auf dem Band befand sich eine Mischung verschiedener Künstler, beliebt und unbekannt, alt und neu. Die Musik wurde zu einem vernunftbegabten Wesen, das den Wänden neue, lebendige Bedeutung verlieh. Der Rhythmus, der nimmermüde, ewige Rhythmus. Ein Song aus den Achtzigern, The Odds: »Sex-Changed Bitch« – Doesn't matter if it makes you sick it's all the same, to her tricks I met her in a leather bar she took me home to show me her scars .., Catz tanzte, Cole mixte Drinks. Cole war zu gehemmt, um nüchtern zu tanzen. Eine warme Düsternis verwischte die Ecken des Wohnzimmers, die Möbel schienen in Schatten gehüllt. Cole fühlte die Anziehungskraft der Stadt ums Haus rotieren: Er kam sich vor wie die Achse, um die sich die City drehte. Dennoch mixte er die Drinks und sah Catz zu. Sie hatte ihren Bademantel aufgehen lassen und tanzte wie besessen, nass vor Schweiß. Cole hatte den Eindruck, sie wollte die letzten Tropfen ihrer Jugend auskosten. Die Band spielte weiter, hart, schnell und fordernd, der Sän- ger knarzte heiser im Ton eines Gebrauchtwagenverkäufers – She 's better than a real girl Twice as hot & twice as cruel She'll do you in the parking lot For a credit she'll risk getting caught She's just a sex-changed bitch Someday she's gonna make me rich She'll do you coldly but she'll do you best if you don 't mind the hair on her chest She's just a sex-changed bitch shit she's just a sex-changed bitch .Cole brachte Catz einen Drink, setzte sich und sah sie an. Im Halbdunkel schien ihre weiße Haut blau zu fluoreszieren. Sie sah stark und schlank aus, der Bademantel wirbelte um sie herum, eine frisch dem Grab entstiegene Vampirin. Cole lächel-, te anerkennend. Sie tanzte und verschüttete ihren Drink. Der Song endete, ein anderer begann, und Catz ließ sich ne- ben Cole aufs Sofa fallen. Mit einer Hand kippte sie ihren Scotch mit Cola hinunter, die andere glitt seinen Nacken und seine Schultern entlang. Rittlings schaukelte sie auf der Arm- lehne vor und zurück. Cole hatte seinen zweiten Scotch ausgetrunken, als Catz ihm das Glas aus der Hand nahm und es mit Schwung gegen die Bar warf, wo es knapp das schwache rote Licht verfehlte, ihre einzi- ge Beleuchtung. Das Glas zerbrach und Catz lachte. Cole war klar, dass sie das nicht aus Wut getan hatte. Er schnappte sich ihr Glas und warf es gegen die Eingangstür; es zerbrach nicht. Catz lachte ihn an und ließ sich von der Armlehne gegen seine Schulter gleiten, bis ihr Gewicht ihn flach in die Kissen drückte. Er öffnete seinen Bademantel, von den Drinks benebelt, und sie schlängelte sich an ihm herab. Seine obere Hälfte war weich, seine untere Hälfte konzentrierte Härte, die sie mit ihren Lip- pen umschloss, während seine Hände ihre Rückenmuskeln entlangstrichen, ihrem Rückgrat elektrische Funken entlockten. Sie bäumten sich gleichzeitig auf, Muskeln oszillierten von einem zum anderen auf derselben Wellenlänge. Sie umfing seine Achse mit einem Kompass, ihren zusammengepressten Schenkeln. Und beinahe ließ er sich gehen. Doch sie richtete sich auf, ließ seine Steifheit gegen seinen runden Bauch schnal- zen und rutschte nach oben, um sich rittlings auf ihn zu setzen, schob sich zurecht und wand sich, bis all ihre Lippenpaare im Einsatz waren. Die Musik ging in rhythmisches Heulen über, ein donnernder Kontrapunkt, ein dröhnender Beat, das Aufein- anderschlagen von Schwert und Schild hörbar im Klang von, Plektrum auf Metallsaiten. Nach einer Zeitspanne hastigen Luftholens und sanften Aus- atmens rollten sie auseinander. Sie stand auf und ging unter die Dusche. Doch in jener Nacht sollte es nicht das letzte Mal sein. Es lag, so stellte Cole verschwommen fest, eine gewisse Verzweiflung in ihrem Paarungstrieb, das Bedürfnis, in der verbliebenen Zeit so viel wie möglich zu erleben. Morgen früh, dachte Cole. Morgen früh wird irgendetwas passieren. Es war fast Mitternacht, als Catz sich ankleidete und loszog, um sich um Bandgeschäfte zu kümmern. Mitternacht war die Hauptarbeitszeit der Leute, die sie aufsuchen wollte. Cole fiel in einen unruhigen Schlaf. Um zwölf Uhr dreißig hatte er einen Traum. Er träumte, dass seine Arme darum stritten, wer rechtmäßiger Besitzer seiner Schultern sei. Und seine Beine stritten sich um das Eigentum seiner Hüften. Seine Hüften und Schultern wiederum prote- stierten schrill, sie hätten selbst ein Anrecht als eigenständige Körperteile, ja sie waren sogar der Meinung, dass Arme und Beine in ihren Zuständigkeitsbereich gehörten und nicht an- dersherum. Während die Arme heiße Debatten darüber führ- ten, dass sie über das Schicksal der Schultern bestimmen sollten, und die Schultern wild ihren Anspruch auf die Arme behaupte- ten, und Beine und Hüften sich in Gebietsstreitigkeiten verwik- kelten, begannen Magen und Unterleib eine Auseinanderset- zung. Der Unterleib beanspruchte den gesamten Körper für sich, da die Fortpflanzung schließlich die Hauptsache sei. Der Magen hielt wütend dagegen, dass Coles physische Gestalt ganz, ihm unterstellt werden sollte, schließlich wüsste jeder Narr, dass Essen anerkanntermaßen das Wichtigste auf der Welt war. Nur der Kopf schwieg. Cole wachte in dem Bewusstsein auf, dass er allein war (bis auf die City, die um das Apartment tobte, sich um Cole als menschliche Achse drehte). Es war zwei Uhr morgens. Er lag auf dem Rücken. Er blinzelte. Er war schweißüberströmt, trotzdem fror er. Kalt und leer. Er war hellwach. In höchster Alarmbereitschaft. Was hatte ihn geweckt? Das Gefühl, dass etwas seinen rechten Arm heraufkroch. Er schluckte und holte dreimal tief Luft. Er hatte eine entsetzliche Abneigung gegen Nagetiere. Vielleicht kroch eine Maus seinen Arm hinauf. Oder schlimmer, eine Ratte. Was, wenn sie an ihm nagen würde? Bemüht, nur den linken Arm zu bewegen, tastete er nach der Lampe, die neben der Matratze auf dem Boden stand, und knipste sie an. Er hielt den Atem an, drehte den Kopf und hob die Hand, um das Vieh fortzuschleudern. Da war nichts, bis auf ein Lampenkabel, der Stecker gezogen. Eine von zwei Lampen. Komisch, dass das Kabel auf dem Bett lag. Es lag wie eine Ader auf der unbezogenen, verknitterten Decke, eine Verbindung zu der toten Lampe auf dem gläsernen Nachttisch neben dem Bett. Warum glotze ich dieses Kabel an?, fragte sich Cole. Catz musste es aufs Bett geworfen haben, als sie gegangen war; vielleicht war es ihr im Weg gewesen. Aber was hatte sich auf seinem Arm bewegt? Ein Traum. Er schleuderte das Kabel vom Bett und streckte sich aus. Er fühlte sich seltsam schwer, dankbar für die Entspannung. Es dauerte noch fünfundvierzig Minuten, bis er wieder einschlafen, konnte. Er dämmerte weg, sank langsam durch die Matratze, verflüs- sigte sich und strömte munter durch Rohre unter Citys Straßen. Während über ihm leuchtende Blaupausen, Gebäude und Versorgungsbetriebe entblößt und im Neonlicht sichtbar ge- macht, in einer maschinellen Choreographie an und aus blink- ten … Irgendetwas weckte ihn um vier Uhr früh. Etwas hatte sich um seinen rechten Arm gewickelt: das Lampenkabel lag eng um seinen Bizeps, der Stecker bohrte seine Kupferzinken in seine Schulter wie die stumpf gemachten Giftzähne einer Schlange. Er brüllte zusammenhangslos und schlug mit den Armen wild um sich, bis er das Kabel abgeschüttelt hatte. Es hatte in seinem Fleisch Spuren hinterlassen. Seine Schulter war zweifach punktiert, wo die Fänge des Ste- ckers eingedrungen waren, und die Wunde kribbelte und war bösartig taub. Er hob den Arm, um die Wunde besser sehen zu können, aber die Taubheit breitete sich aus, bis sie den ganzen Arm durchsetzte, sein Fleisch war unfasslich schwer. Er musste den Arm aufs Bett zurückfallen lassen. Er ist nur eingeschlafen, redete er sich zu. Er versuchte den Arm zu bewegen. Er rührte sich nicht. Er hörte sich wimmern. Er würgte es ab. Er stand auf, tau- melte, hustete Galle und hatte das Gefühl, als versuchte er in einem Flugzeug zu laufen, das gerade zum Sturzflug ansetzte, die Schwerkraft zerrte an ihm. Er schaffte es bis ins Bad, obwohl seine Beine zitterten und seine Muskeln so zäh reagierten, als hätten sie das Bedürfnis, ganz woandershin zu gehen. Er stol- perte zum Waschbecken, wühlte mit seiner funktionierenden, Hand in Catz' Beutel herum – die andere baumelte wie totes Fleisch an seiner Seite – und schraubte mit Mühe ein Fläsch- chen Schlaftabletten auf. Er nahm sechs, ohne Wasser. Dann taumelte er zum Bett zurück und schaltete das Licht aus. Er fiel in den Schlaf wie ein Fels von einer Klippe. Doch trotz der Schlaftabletten wurde er gegen sechs Uhr wieder wach. Die Sonne fuhr in schrägen, harten Strahlen durch den Spalt zwischen den Vorhängen hindurch. Cole versuchte sich aufzusetzen. Er konnte sich nicht bewe- gen. Er blickte an sich hinab. Das Kabel war um seinen Hals geschlungen. Zwei Kabel, eins um seine Taille. Cole schaffte es, seinen Kopf vom Kissen zu heben und rechts über den Rand des Bettes zu schauen. Das Kabel, dass sich langsam um seinen Hals zuzog, führte über den Rand der Matratze, am Bett hinunter, unter dem Glastischchen hindurch – aber nicht zur Lampe, wie er erwartet hatte. Das abgetrennte Ende, das in den Lampenfuß gehört hätte, steckte fest in der Wand. Er spürte etwas Bohrendes, das an seiner Schädelbasis nagte. Es kribbelte – aber es war kein Elektro- schock. In diesem Augenblick wurde ihm jedoch mit hysterisch ob- jektiver Klarheit bewusst, dass er insgesamt kaum noch etwas spürte. Seine Körperteile fühlten sich schwer an, tot, geschwollen. Ohne Zweifel wurde starker elektrischer Strom in ihn gelei- tet, den er einfach nicht spürte. Ohne Zweifel. Zweifellos. Wahr- scheinlich. Womöglich. Hämische, blecherne Wörter, die durch sein versagendes Gehirn zuckten., Cole röchelte und wurde bewusstlos. Als er aufwachte, war es fast Mittag. Doch Cole wusste nicht, wie spät es war. Er konnte nicht auf die Uhr schauen, weil er sich nicht bewegen konnte. Dinge bewegten sich auf ihm. Schlängelten sich über ihn hinweg, krochen auf ihm herum. Kabel, schwarze Stromleitungen, schlangen sich um ihn, zogen sich geschmeidig fest. Verwandelten ihn. City? Ein tonloser Schrei. City! Keine Antwort. Und wo steckte Catz? Sie hatte allerdings gesagt, dass sie bis zum Abend fortbleiben würde. Nur gut, dass sie nicht hier ist und das sieht, dachte Cole. Sie würde sich nur einmischen wol- len. Widerstand ist zwecklos. Cole wusste, dass er starb. In manchen Fällen ist Wahnsinn keine Verirrung. In man- chen Fällen ist Wahnsinn notwendige Anpassung. In manchen Fällen ist es der einzige Ausweg. Es gibt bestimmte Schrecken, denen man ohne Wahnsinn nicht entgegentreten kann. Das war immer so, und schon sehr viele Menschen haben das gesagt. Es ist eine Wahrheit, die jeder kennt. Es gibt bestimmte Schrecken … Und einer jener Schrecken besteht in schleichender Paralyse, jener Paralyse, die ewig zu dauern scheint. Unter dem Gewicht einer Stadt gefangen zu sein; lebendig begraben; die Stilllegung des eigenen Selbst zu erleben. Für Cole fühlte es sich an, wie er sich vorgestellt hatte, dass es sich anfühlen würde, zwischen zwei aufeinander zukommenden Wänden gefangen zu sein, langsam zwischen den flachen Kie- fern eines monströsen Schraubstocks zu Gelee zerquetscht., Cole hatte sich gefragt, ob City es für ihn schmerzlos gestal- ten konnte. Ob City das wollte. Er wollte nicht. Der Schmerz loderte auf, kam durch die Taubheit wie ein großer, grauenhafter Sattelschlepper, der urplötzlich aus dichtem Nebel auftaucht, rauschte direkt auf ihn zu, entsetzlich laut und mit unglaublicher, metallischer Wucht. So sehr tat es weh. Es gibt bestimmte Schrecken … Cole konnte keinen Ton von sich geben. Aber innerlich lach- te er. Als der Schmerz seine Wirbelsäule hinauf- und hinunter- sang und sich in sanften Wellen wütend durch seine sämtlichen Nerven schlängelte – da fragte er sich, was aus Pearl geworden war. Und aus Catz. Und – Er lachte, weil er das Schreien hinter sich gelassen hatte. City – Ein weißes Tosen … Cole starrte angestrengt an die Decke und tat so, als gäbe es nichts außer ihr. Er wurde vom Gewicht einer Stadt zerquetscht … bis der Tod kam und das Gewicht von seinen Schultern nahm. Es war der Klang von Catz' Stimme, der ihn zu sich brachte. Er merkte, dass er neben dem Bett stand und sie anstarrte. Er konnte sich nicht erinnern, wie er aufgestanden war. Er erin- nerte sich, dass er sich nicht hatte bewegen können, dort auf dem Bett, dass er gefangen gewesen war, gefesselt und – ver- wandelt. Gefolgt von einem Kaleidoskop der Blaupausen von City. Und einer alles umfassenden Finsternis. Und jetzt war er, hier und schaute Catz an, die in der Schlafzimmertür stand, gähnte und sich die Augen rieb. Es war acht Uhr abends. Das Zimmer war dunkel, die Gestalt auf dem Bett verschwommen. Wer lag auf dem Bett?, wunderte sich Cole. »Catz?«, sagte er. Seine Stimme hallte seltsam nach. Es war eine Stimme und doch keine Stimme. Er kicherte. Auf dem Bett lag jemand. Catz streckte die Hand aus und schaltete die Deckenbeleuch- tung an. Cole blinzelte. Die Gestalt auf dem Bett war durchsich- tig. Das ganze Zimmer – Cole schaute sich verwundert um – war durchsichtig. Wie eine schlechte Holographie. Die Wände bestanden aus einem seltsam statischen Nebel, durch den er die Drähte und Balken sehen konnte, das Zimmer dahinter und den Flur noch weiter hinten … dann wurde der Nebel dichter und verbarg den Rest. Er blickte auf seine eigene Hand hinunter. Sie war solide, sie war echt. Wie es schien, war er das einzige sub- stanzielle Ding auf der Welt. Und die Gestalt auf dem Bett war er. Er lag in die Matratze eingesunken da, als würde er mächtig viel wiegen. Das war seltsam, denn er war durchsichtig – scheinbar flüchtig wie Gas. Und dann fiel der Groschen, und Cole wurde von einhundert Erkenntnissen überflutet, einer nach der anderen, bis er taumel- te und sich den Kopf hielt. Hier sind drei dieser Erkenntnisse: Er selbst war gestorben. War tot. (2) Die Gestalt auf dem Bett war sein Körper, verwandelt und entwendet. (3) Aus seinem Blickwinkel – dem seines neuen Körpers, (Astralkörpers?) – schien die Welt aus Gas zu bestehen, war hier und doch nicht hier. Sie hatte sich als die vergängliche Illusion offenbart, die sie war; doch aus Catz' Blickwinkel war sie solide, war sie echt und Cole war tot. Das wären drei. Noch eine vierte: (4) Er selbst lebte. War am Leben; in einem neuen Körper, einer neuen Daseinsform. Nur der alte Cole war tot. Er lebte und er konnte denken. Aber er war nicht mehr zu- rechnungsfähig. City hatte den alten Cole umgebracht – hatte sich seines Körpers bemächtigt, ihn durch das lange enge Verhältnis vorbereitet. Der Körper eines einzelnen Mannes, von einer ganzen Stadt besessen – das zumindest lag auf dem Bett. Catz schrie. Sie rüttelte den einstigen Cole an den Schultern, versuchte mit ihren Händen Leben in seine Brust zu hämmern. Wo die Knöchel auftrafen, bluteten sie. Als sie das sah, wich sie zurück und legte die zitternden Finger auf ihren weit offenen Mund. Ihre Augen waren weit aufgerissen und dunkel von jähem Begreifen. Der nackte Körper im Bett war zu Stein geworden. Doch City konnte Stein zum Leben erwecken, er konnte ihn zum Fließen bringen und wie Fleisch die Muskeln spielen lassen. Das Gefüge auf dem Bett streckte sich und das Bett knarrte unter dem Gewicht. Die Augen blieben geschlossen. Es setzte sich auf. Der Kopf beugte sich vor und zurück, drehte, sich nach links und rechts wie eine Radarschüssel, die das Zimmer absuchte. Es stand langsam auf und betrachtete sich im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Die strengen, gesto- chen scharfen Gesichtszüge zeigten keine Regung. Das Gesicht gehörte Cole, der Ausdruck City. Was einst Cole gewesen war, hob die Hände, um seine Augen zu bedecken, und verbarg die obere Hälfte seines Gesichtes hinter der hohlen Hand. So blieb es zehn Sekunden lang stehen, während sich Catz vor Entsetzen flach an die Wand drückte; keuchend starrte sie es an. Dann ließ es die Hände sinken, und wo die Augen gewesen waren, trug es jetzt eine Spiegelbrille, das Gestell fest mit dem Fleisch um die Augenhöhlen verwachsen. City wandte sich um, schaute Catz an und füllte seine Spiegelaugen mit ihrem Abbild. Catz' Gesichtsausdruck – Abscheu – spiegelte sich zwiefach darin. »Catz!«, sagte Cole. Überrascht blickte sie in seine Richtung. Sie schien ihn nicht zu sehen – aber sie hatte ihn gehört. »Kannst du mich sehen?« »Stu?«, fragte sie vorsichtig. Sie blinzelte. »Ich kann dich fast – da ist etwas, aber –« »Catz –«, sagte Cole. Sie spitzte die Ohren. Sie hatte ihn ge- hört. »Stu!« Die Gestalt vor dem Spiegel – City – wandte sich um und schaute Cole an. Cole fühlte seine Augen auf sich. Er spürte City um sich her wie ein Schwimmer etwas von den Tiefen des Ozeans unter sich ahnt, obwohl er in flachem Wasser entlang der Küste schwimmt … ein Widerhall aus großen, fernen Tiefen. Die Plätze der Stadt waren durchdrungen vom Lärm des Verkehrs und den Mühen der Menschen, dem Geschrei der, Kinder – City wandte sich von ihm ab und das Gefühl völligen Stadt- seins schwand in den Hintergrund. City ging auf Catz zu und streckte eine kalte Hand nach ihrer Schulter aus. »Dies ist nicht dein Ort«, sprachen die eisernen Lippen unter der nicht atmen- den Nase und den Spiegelaugen. Sie stieß ein Geräusch aus: »Au – au – oph – au –«, und wich vor ihm zurück und rieb sich die wunde Stelle, wo seine Finger sie berührt hatten. Dann drehte sie sich um und ging hinaus, und Cole hörte sie noch sagen: »Stu, es tut mir Leid.« Etwas Warmes verließ Cole und er litt an seiner Neuheit. City wandte sich ihm zu und sagte: »Geh wohin du willst. Durchschreite die Weite des Raumes und die Länge der Zeit. Aber misch dich nicht in meine Angelegenheiten. Es ist Zeit für den Großen Kehraus …« Schimmernd schritt City durch schimmernde Tore über schimmernde Ebenen und ließ Cole mit der ganzen Welt allein.,

ZEHNNN! Drei der sieben Männer im Konferenzraum dachten in

diesem Augenblick lediglich ans Abendessen – sieben Uhr dreißig an einem Donnerstag. Die anderen vier dachten an das Abendessen und an ihre Pläne für den Abend (einer von ihnen – der Anwalt – hing in Gedanken einer sexuellen Fantasie nach; mit seiner linken Hand hätschelte er die Erektion unter seiner Hosentasche) und, was zumindest entfernt möglich war, befass- ten sich mit den anstehenden Geschäften. Sie hatten die Diskus- sion satt und das Thema war in zunehmendem Maße peinlich geworden. Die Saboteure. Sie dachten nicht gern an die Sabo- teure (einige beharrten darauf, dass es nur ein einzelner Mann gewesen war, aber ein müder Clubbesitzer konnte nicht allein für den versuchten Bombenanschlag verantwortlich sein, für den Tod einer ganzen Anzahl von Vigilanten, für die Störung der Aktion auf dem Rockkonzert, für die propagandistischen Holos, für ein halbes Dutzend unerklärlicher Ereignisse ein- schließlich des Massakers an den Ganoven cum Vigilanten durch eine völlig unbegreifliche Eruption von Abwasserrohren und Straßenlaternen), denn die Schlussfolgerungen waren beängstigend. Alles war so glatt gelaufen bis vor kurzem … Entsprechend hatte sich die Diskussion von rhetorischen Wort-, gefechten zur Debatte zur bockigen Streitigkeit zur Schimpfka- nonade gewandelt, um mit Seufzern und Schulterzucken zu enden. Ohne zusätzliche Informationen gab es für das Problem keine Lösung: Vertagen wir es also. Rufe Roscoe war mit dem Ausgang der Konferenz natürlich nicht zufrieden. Er hatte den Eindruck, dass es seinen Beratern eindeutig an Entschlusskraft mangelte. Sie schienen müde und gleichgültig. Selbstgefällige Schweinehunde. Vielleicht sollten diese Konferenzen nicht in einem klimatisierten Raum hoch oben in einem bewachten, erdbebensicheren Wolkenkratzer stattfinden. Ein Mutterschoß mit Aussicht – womöglich zu bequem. Als er vor achtundzwanzig Jahren angefangen hatte, wurden Pläne in billigen, verqualmten und nach Schweiß riechenden Hinterzimmern beim Klappern der Billardtische und Murmeln der Rouletteräder von nebenan geschmiedet. Dieses ungeschützte Umfeld hatte sie stets daran erinnert, dass sie höher hinauskonnten, an einen sicheren Ort, und dieses Wissen hatte sie angetrieben. In einem solchen Zimmer hatte er erstmals den Computerveruntreuungsplan vorgeschlagen, mit dem er seine erste Million verdient hatte. Hier? Pastellfarbene Wände, Musikberieselung aus versteck- ten Lautsprechern, sanft dahintreibende Wolken vor den pola- risierten Fenstern … sämtliche Männer im Konferenzraum waren von diesem bequemen Käfig eingelullt, von ihrer eigenen Sicherheit überzeugt, in dem selbstzufriedenen Wissen vereint, dass sie unangreifbar waren (daran konnten auch die beiden Maskierten nichts ändern, die auf diesem Stockwerk in genau solch ein Zimmer eingedrungen waren und den Mann aus dem Osten erschossen hatten – es waren neue Sicherheitsvorkehrun-, gen getroffen worden, sehr umfassende Vorkehrungen, das konnte nicht wieder passieren). Sie befanden sich in Sicherheit. Die verschlossene Tür des Konferenzzimmers flog aus den Angeln und knallte in Fred Golagongs schmalen orientalischen Rücken, brach ihn an drei Stellen und tötete ihn augenblicklich. Trotz seiner Panik dachte Rufe Roscoe: Geschieht den selbst- gefälligen Schweinehunden recht … Ein Mann tauchte im Tür- rahmen auf (und obwohl Roscoe ihn noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, war er ihm nicht fremd – es war eine bekannte Gestalt aus einem ganz bestimmten seltsamen, immer wiederkehrenden Traum), stürmte wie eine Dampfwalze los und zerschmetterte den Konferenztisch. Aus drei Richtungen wurden Waffen abgefeuert, eine aus dem dahinter liegenden Flur, und Männer kreischten schrill. Nur einer der Schreie war vernünftig, und der kam von Rufe Roscoe: »Was zum Teufel ist mit den ganzen großartigen Wachen und den großartigen Alarmsystemen?« Das waren die letzten Worte, die er in diesem Leben sprach, da ihn der Mann mit der Spiegelbrille und den Armen, die so stark wie eine Zugbrücke waren, Sekunden später mit einem einzigen Schlag tötete. Es galt sieben Männer zu töten, doch es dauerte nur andert- halb Minuten. Der Große Kehraus hatte angefangen, und San Francisco trug seinen Teil dazu bei. Acht Uhr abends in Phoenix, Arizona. Eine warme Nacht. Phoenix ist eine Stadt, in der Bauarbeiten unablässig das städtische Narbengewebe erweitern, das von den Menschen Siedlungsbauvorhaben genannt wird. Aufbau und Zerstörung,, und Menschen halten Einweihungsreden über den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, wie Neues aus der Asche des Alten entsteht, die Asche, aus der sich – vermutlich – der Phoenix erheben wird. Und wie der Kopf eines unbeholfenen Stahlvogels hob die vollautomatische Abrissmaschine ihren Derrickkran und holte ihre zehn Tonnen schwere Kugel an ihrem Kabel ein. Wie ein Vogel, der seinen Kopf an seinem langen Hals hebt, um sich umzusehen. Sie hatte ihr Nest in den Ruinen eines riesigen Gebäudes gebaut, ein runder Hohlraum, in dem unterschiedlich große Stücke Mauerwerk und zersplittertes Bauholz herumla- gen. Um den surrenden Kran herum zeigten sich an dem zu drei Vierteln ausgehöhlten Bau auf dem verlassenen Abrissgelände die aufgeschnittenen Waben eines der letzten Häuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, die es in der Stadt noch gab. Einst war es ein großartiges Gebäude gewesen, der Stolz der Stadt, verschwenderisch mit Engeln bestückt, die Gesimse und ver- zierte Dachrinnen stützten. Es war ein massives Haus gewesen, aus gutem Holz und Stein für die Ewigkeit gebaut, und es hätte noch ein weiteres Jahrhundert seinen Zweck erfüllt, wäre da nicht die Habgier der Immobilienmakler gewesen … Der Ar- chitekt, der das alte Gebäude 1891 entworfen hatte, hatte über den fertigen Blaupausen stolz seinen Schnauzbart gezwirbelt. Er hatte diesen Tag nicht vorausgesehen, er hätte sich nicht einmal vorstellen können, dass das massive und trotzdem elegante Kind seines Erfindergeistes als vergewaltigte Ruine um eine gefühllose Maschine stand, um einen Attentäter. Doch als hätte dieser Attentäter ein Verständnis für das Erbe, entwickelt, das er zerstört hatte, als wäre er entschlossen, den Mord zu rächen, für den er die Mordwaffe abgegeben hatte, schaltete er seine Kameraaugen und seine Positionslampen ein und rumpelte mit seinen zahllosen Tonnen Gewicht aus dem Abrissgelände heraus und eine ruhige Seitenstraße entlang. Die Maschine war ohne Hilfe ihres Programmierers erwacht, und ohne Richtungsanweisung durch den Programmierer folgte sie einem zielgerichteten Kurs durch das Labyrinth der Seiten- straßen, brachte den Verkehr durcheinander und löste fünf verschiedene Alarmanlagen aus. Jeder ging ihr aus dem Weg – niemand blieb, um das Un- mögliche in Frage zu stellen. Bis zum Ziel der Abrissmaschine waren es nur sechs Blocks: ein neues Bürogebäude, sechs übereinander liegende sechsecki- ge Kästen, jedes Stockwerk durch Rolltreppen und Aufzüge in durchsichtigen Wirbelsäulen miteinander verbunden. Der ganze Bau bestand aus polarisiertem Plastglas und Chroma- lumbändern, von dekorativen, aufwärts gerichteten Flutlicht- scheinwerfern eingepackt. Im ersten Stock dieses gleißenden Gebäudes stritten drei Männer und zwei Frauen heftig mitein- ander. Einer von ihnen, Lou Paglione, schlug wiederholt mit der flachen Hand auf den Tisch, um jedes einzelne Wort zu beto- nen: »Es ist mir egal« – klatsch! –, »ob dieser Mann sich für den Don der ganzen westlichen Hemisphäre hält« – klatsch! –, »er muss sich trotzdem an die« – klatsch! – »Regeln halten!« – klatsch! Er richtete sich auf, stieß die Hände in seine Hosenta- schen; endlich hörten ihm alle zu. Er war der vielleicht am wenigsten imposante Mann im Zimmer – mit schmalen Schul-, tern, Spitzbauch, einer Brille mit dicken Gläsern, und er glich insgesamt eher einem Lehrer an einer Fachhochschule –, doch alle Gesichter wandten sich ihm in respektvoller Erwartung zu. »Also«, sagte Paglione und kratzte sich am Ohr, »Ihnen mag es wie eine Kleinigkeit vorkommen, aber für mich ist das äußerst wichtig. Mr. Rufe Roscoe veranlasst, dass ihm jeder Stadtaus- schuss nach jeder Sitzung alle Einzelheiten per Datatrans über- mittelt; mit einigen von uns in benachbarten Zeitzonen möchte er direkt in Verbindung treten. Oh, ja! Es scheint keine Rolle zu spielen, dass wir uns weiß Gott an unsere eigenen Zeitpläne halten müssen – und dann missachtet er seine eigenen Anwei- sungen …« Paglione deutete auf den leeren Bildschirm, der gleichzeitig als Tischoberfläche diente, die alle fünf Direktoren der Sunset Operations West voneinander trennte, jener Deck- organisation für den Computerinfiltrationszweig des Syndikats in Phoenix. Eine Frau mit zynischen blauen Augen und einem abge- härmten Patriziergesicht unter den Locken einer blonden Perücke schürzte ihre kabeldünnen Lippen und gab zu beden- ken: »Lou, wir sollten in Betracht ziehen, dass Rufe Roscoe sich bisher immer an seine Versprechen gehalten hat. Dies ist das erste Mal … und das auch noch bei einer wichtigen Sitzung. Es ist sonst nicht seine Art, einen Termin platzen zu lassen. Und dann noch der Umstand, dass sich in seiner Zentrale überhaupt niemand meldet – nun, er hätte zumindest einen Telefondienst beauftragt, aber nicht einmal das gibt es.« Paglione runzelte die Stirn und wies mit dem Kopf auf den blaugrauen Bildschirm. »Sie denken also, etwas ist schief gelau- fen.« Man konnte schief gelaufen unterschiedlich betonen., Paglione wollte damit andeuten: Er ist angegriffen worden. »Ich habe Gerüchte über seltsame Vorkommnisse gehört«, sagte ein junger Mann vorsichtig. »So ganz – äh – konnte ich das nicht glauben. Aber jetzt klingt es nicht mehr so unglaub- würdig … Langsam denke ich –« Tief in seinem Rachen stieß er ein Röcheln aus und starrte die abgedunkelte Fensterscheibe hinter Paglione an. Paglione wandte sich um. »Was? Wo?«, sagte er. Das Fenster war auf halbe Durchlässigkeit eingestellt, doch in geringer Entfernung war eine große Silhouette zu erkennen. »Das ist nur ein Schatten«, sagte die Frau missmutig und wandte sich vom Fenster ab. Paglione starrte weiter hinaus. Die Silhouette wurde mit je- der Sekunde größer und bedrohlicher: ein riesenhafter Umriss, ein gigantisches Skelett mit einer großen runden Faust. Der junge Mann stand abrupt auf, ging ans Fenster und schaltete es auf durchsichtig. Paglione hatte es nicht dadurch zum hiesigen Don gebracht, dass er seine Vorahnungen ignorierte. So konnte er nicht mehr sehen, wie die Stahlkugel auf das Fenster zusauste; er rannte bereits den Flur entlang zum Aufzug. Doch der junge Mann und die anderen sahen sie kommen; und jeder hatte Zeit für genau einen Schrei. Es kam zu unerwartet und es war zu nahe (und zu groß), um in diesem Moment klar erkennbar zu sein, auch wenn es sich vor dem Hintergrund der blitzenden Lichter der Stadt deutlich abzeichnete. Für die vier Menschen, die in dem Konferenzraum zurückgeblieben waren, wirkte es schlicht wie das gewaltige Instrument ihres Todes. Bevor sie Zeit fanden, für einen zwei-, ten Schrei Atem zu holen, explodierte der Raum. Riesige Glas- scherben und Chromalumteile, Blut und Fleischfetzen regneten auf den himmelblauen Synteppich des darunter gelegenen Parterrebüros hinab. Paglione stürmte die Rolltreppe hinunter (die bereits für die Nacht abgestellt worden war; er nahm immer vier Stufen auf einmal) in die geflieste Tiefgarage, stolperte und fiel, als der Boden bebte und Brocken todbringenden Silikons auf ihn herabstürzten. Er wurde von keinem direkt getroffen, rappelte sich auf und gab in panischer Flucht Geräusche von sich, die wie »Argh, aughk!« klangen. Der Abrisskran zerlegte das Gebäude mit todbringender Effi- zienz. Die magnetisch gesteuerte Kugel schnitt zielgerichtet durch Eckpfeiler und Streben, nahm die Struktur des Gebäudes methodisch auseinander, geradezu mit Bedacht. Die Abrissku- gel selbst sandte Mikrowellen aus, die in den widerstandsfähige- ren Abschnitten des Gebäudes die Träger aufweichten. Inner- halb von fünfzehn Minuten war das ganze vier Monate alte Gebäude im Wert von mehreren Millionen wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Der Einsturz hallte in der ganzen Stadt wider. Einer der zahlreichen Feuerwehrleute, die aus in der Nähe geparkten Löschfahrzeugen erstaunt zuschauten, pfiff leise vor sich hin. Der Mann neben ihm lächelte auf eine seltsam ver- träumte Art zufrieden. »Wie in dem Traum, den ich letzte Nacht hatte«, sagte er. »Komische Sache.« »Ja, davon habe ich auch geträumt.« Der Feuerwehrwagen, Teil einer Vielzahl unterschiedlicher Rettungsfahrzeuge, die sich auf Meldungen über einen Amok, laufenden Cyberkran hin versammelt hatten, stand im rechten Winkel zu den anderen, mit abgestelltem Motor, ausgeschalte- ten Scheinwerfern und ohne Fahrer. Und trotzdem sprang er an, fuhr auf die Straßenmitte hinaus und erschreckte die Feu- erwehrleute auf ihrer Hühnerleiter. Er raste auf eine Gestalt zu, die schwitzend den Bürgersteig entlangtrippelte, ein kleiner Mann mit schütterem Haar. Er blickte über seine Schulter und sagte: »Argh, aughk!«, als das Löschfahrzeug ihn überfuhr. Dann war Don Paglione tot, und der Abrisskran hielt inne, und der Feuerwehrwagen blieb stehen, und ein ganz bestimmter Abschnitt des kollektiven Bewusstseins von Phoenix schlum- merte wieder ein. Einige hunderttausend Menschen, die schliefen oder vor dem Fernseher tagträumten, stießen ein zufriedenes Grunzen aus. Sie hätten nicht sagen können, worauf sie in diesem Augenblick stolz waren. Aber stolz waren sie, und ein Parasitennest war ausgeräuchert. Phoenix hatte seinen Teil getan. Und in Chicago … Und in Sacramento … Und in Portland, Seattle, Boise … … In Manhattan fuhr eine Gruppe grimmig dreinschauender Männer in einer gepanzerten Limousine zu einer Sitzung. Die Panzerung nützte ihnen wenig, als der Wagen unerklärlicher- weise ein Eigenleben entwickelte, mit hundertvierzig Stunden- kilometern durch den Lincoln Tunnel raste (eindeutig nicht die richtige Richtung) und die Steuerung sich weigerte, dem ver- ängstigten Fahrer zu gehorchen. Direkt auf der anderen Seite des Tunnels, auf einem breiteren, weniger befahrenen Straßen-, abschnitt, kollidierte er frontal mit einer anderen Limousine. Ein Augenzeuge beschrieb den Unfall später als »spektakulär«. Die zweite Limousine, die ebenfalls nach eigenem Willen und mit großer Geschwindigkeit unterwegs war, beförderte vier einflussreiche Männer aus Boston, die zu einem Treffen mit eben jenen Männern unterwegs waren, mit denen sie zusam- menprallten. Das Treffen fand so gründlichst statt. … In Houston gab es einen Turm. Er war höher als die Space Needle in Seattle, glich ihr ansonsten jedoch weitgehend. Er war höher, eleganter, gläserner, moderner – will sagen, deutlich schlechter gebaut. Wie bei der Space Needle befand sich auch in seiner Kuppel ein Restaurant, und dieses Restaurant drehte sich, um einen Ausblick auf die beeindruckende Skyline von Hou- ston und den Golf von Mexiko zu gestatten, alle fünfundvierzig Minuten einmal um die eigene Achse. Heute Nacht drehte sich das Restaurant nicht. Es war geschlossen. Es war ausgesprochen leer, mit Ausnahme von sieben Männern und zwei Frauen, die an einem der Tische saßen, tranken und diskutierten und auf einen Bildschirm neben dem Zuckerstreuer deuteten, auf dem kein Bild zu sehen war. Diese neunköpfige Kamarilla war sich nicht bewusst, dass sie allein war: Niemand hatte bemerkt, dass ihre Wachleute und der einzige Kellner das Gebäude verlassen hatten (ebenso wenig hatten Roscoe und Paglione bemerkt, dass ihre Bediensteten weggelockt worden waren, so dass nur noch die unzweifelhaft Schuldigen zurückblieben), die Stadt hatte ihnen einen Streich gespielt. Einer der Neuen aus Houston hob die Hand, bat um Ruhe und rief verdrießlich in Richtung Bar: »Jude, tausend Höllen- hunde, warum hast du das eingeschaltet? Ich werde seekrank,, wenn sich das verdammte Ding dreht!« Die anderen richteten ihren Blick überrascht auf das Netz der grellen Lichter der Stadt und bemerkten, ah ja, das Restaurant drehte sich tatsächlich. Von Jude kam keine Antwort. »Hee!«, rief die Frau und runzelte die Stirn. »Hee …« Etwas leiser dieses Mal. »Hee du – verdammte Scheiße!« Beim Ver- such aufzustehen war sie hingefallen. Die Drehgeschwindigkeit des Restaurants hatte plötzlich zugenommen und sie hatte das Gleichgewicht verloren. Sie kam nicht wieder auf die Füße. Innerhalb von Sekunden verwandelten sich die Lichtpunkte in Meteoritenspuren und dann durchgehende Lichtstreifen. Die Kuppel des Turmes drehte sich schneller, als ihre Maschinen alleine sie hätten antreiben können. Und noch schneller. Viele Schreie wurden dort oben laut, doch der Turm thronte zu hoch über der Stadt, als dass die Schreie (gefolgt von pani- schem Jaulen und dann Kreischen und dann Wimmern und dann Schweigen) von der schlafenden Bevölkerung hätte gehört werden können. Es ist erstaunlich, was ausreichende Zentripedalkraft mit menschlichem Fleisch tun kann. Was einmal mehr beweist, dass Muskeln und Knochen nicht so stabil sind, wie sie aussehen … … Und in Miami … In Biloxi, Atlanta, Los Angeles, San Diego, Detroit … »Die eine Hälfte der Nation fürchtet sich«, sagte Cole zu sich selbst, »und die andere Hälfte ergötzt sich staunend.« »Ja. Die religiösen Gruppierungen haben regen Zulauf«, er- widerte Cole. Denn Cole sprach nicht im übertragenen Sinne, mit sich selbst. Er hatte sich wieder getroffen, sein körperloses Selbst aus einer anderen Zeitkonvergenz: Sie ruhten sich an einer Wahrscheinlichkeitsgabelung aus und unterhielten sich. Natürlich wussten beide, was der andere sagen würde, bevor es ausgesprochen war. Trotzdem musste es gesagt werden. Und gehört. Eine Litanei. Ein Cole befand sich auf dem Weg, um seiner Geburt beizu- wohnen. Der andere war zu seiner ersten Begegnung mit Catz Wailen unterwegs; er hatte gerade seine Geburt gesehen (und auf dem Weg dorthin war er sich begegnet, der gerade von dort zurückkam; auf diese Weise entstehen die Muster orientalischer Teppiche). Sie standen vor dem mit Brettern vernagelten Club Anesthesia. Die City um sie herum flackerte zwischen Sichtbar- keit und Unsichtbarkeit, Zeitströme trafen aufeinander und wurden zurückgeworfen, die Menschen glichen stroboskopi- schen Ereignisfolgen, die sich die Straßen entlangbewegten. Die Coles dagegen waren solide – in ihren eigenen Augen. »Von Cole zu Cole gesprochen«, sagte einer von ihnen und beugte sich vor, »die Neutralität unserer Position, regt die … uns nicht auf?« »Manchmal. Auf somatischer Ebene spüre ich nicht viel von dieser Ebene. Wenn ich mich zwicke, tut es weh – aber wenn ich mit der Faust auf den Boden schlage, gibt er nach … auch wenn er für sie aus Beton ist. Also, äh, das weist doch darauf hin, dass es eine Ebene gibt, auf die ich – wir – gelangen können und gelangen werden, auf der wir im weiteren Sinne auf die physische Welt Einfluss nehmen können.« »Da kommen wir noch hin«, stimmte der andere Cole zu und kratzte sich an der nackten Leiste. Er runzelte die Stirn., »Wir tragen beide keine Kleider … aber ich kann mich erin- nern, dass ich mich getroffen habe, als ich die Warnung vor den Vigilanten in Oklahoma erhalten habe, und dass, äh, wir etwas anhatten …« »Ach, in einer anderen relativen Zeitfolge wirst du – werde ich – beschließen, etwas anzuziehen. Verstehst du, die Klei- dung, die du früher getragen hast, hat sich deinem Körper so weit angepasst, dass sie auf physischer Ebene von den, hmm, charakteristischen Vibrationen durchdrungen wurde, die dich und mich ausmachen … Auf die Art können Leute mit überna- türlicher Wahrnehmung verschollene Menschen finden – sie berühren ein altes Kleidungsstück von ihnen … Das hat etwas mit der Absorption von Elektronen zu tun, deren Schwingung für dein elektromagnetisches Feld charakteristisch ist … Jeden- falls kannst du Kleidungsstücke tragen, die du während deines Lebens – deines anderen Lebens – getragen hast, und sie auf die andere Ebene mitnehmen.« »Das wusste ich doch bereits«, erwiderte der andere Cole. »Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt gefragt habe.« Sie lachten. Sie standen in einem Zeitkorridor, von dem aus betrachtet sich die Ereignisfrequenz der sie umgebenden Welt deutlich erhöhte. So entstanden auch die stroboskopischen Ereignisfol- gen, Röhren mit menschlichen Umrissen, die zeigten, wo Leute die Straße entlanggingen. Wenn sie in einen Zeitkorridor mit niedrigerer Ereignisfrequenz wechselten, könnten sie die Welt mit den Augen der anderen Menschen sehen, einen menschli- chen Schritt nach dem anderen, wie verschwommen, refraktär, vielschichtig auch immer., In ihrer Nähe kreuzte sich gerade ein ganzes Bündel strobo- skopischer menschförmiger Röhren, blieben beisammen, was aussah wie zahlreiche große Bänder, die sich zu einer fleischfar- benen Schleife wanden … »An allen Straßenecken der City stehen Leute herum und debattieren darüber, warum all die Mafia-Dons umgelegt worden sind«, sagte Cole zu Cole. »Wahrscheinlich einigen sie sich darauf, dass ein rachsüchtiger Millionär sie hat heimlich umbringen lassen – wie die Vigilan- ten, nur mit neuartigen technischen Mitteln …« »Ich wusste, dass du das sagen würdest.« »Ich wusste, dass du das sagen würdest.« Sie lachten wie aus einem Munde und gingen gleichzeitig ih- rer unterschiedlichen Wege. Cole spazierte leise kichernd neben seinem Körper her, der von der City besessen war. Die City, die neben ihm herlief – und auf mehreren Ebenen gleichzeitig existierte –, benutzte Coles verlassenen Körper als Vehikel. Cole hatte allerdings Schwierig- keiten damit, diese Manifestation von City als eine Version seiner selbst zu begreifen, als etwas, das von Stu Cole Besitz ergriffen hatte. Einerseits lag das an der Spiegelbrille, die sich an den Rändern in den Schädel gruben, der einmal ihm gehört hatte; andererseits lag es an den Gesichtszügen, so grimmig wie die Front eines heranrasenden Zuges. City hatte sich in eine grobe Khakiuniform und einen Schlapphut gekleidet. Seine Hosen waren aufgerissen von den Mauern, die er geschleift, und den Kugeln, die er aufgehalten hatte. Cole trug einen Anzug, war jedoch barfuß. Gemeinsam gingen sie eine spärlich be- leuchtete Straße in San Rafael entlang. Im Dunkeln hätte Cole, seine Umgebung fast für solide halten können. Er dachte bei sich, dass ihn der Raub seines Körpers nicht sonderlich wurmte. Es war unvermeidlich gewesen; er hatte ihn City fast freiwillig überlassen. Und City trug nicht allein die Schuld daran. Nicht mehr als jeder andere in San Francisco. Er war schlicht und einfach die physische Manifestation der unbe- wussten Frustrationen, die sich im kollektiven Unterbewusst- sein bildeten und wieder verschwanden. »Ich verstehe nicht ganz, warum sie sich immer noch zu- sammen herumtreiben, schließlich sind ihre Arbeitgeber tot.« »Zur Sicherheit«, erwiderte City. »Ziemlich dumm von ih- nen. Sie halten zueinander, weil sie fürchten, dass auch ihnen Gefahr droht. Sie haben Recht. Allerdings wäre das nicht der Fall, wenn sie keine Gruppen bilden würden. Als Einheit glei- chen sie einem Krebsgeschwür und ich werde sie ausmerzen müssen. Und sie werden mich zerstören –« »Ach? Ist das wirklich nötig?« City nickte kaum merklich. »Wie gehabt. Befruchtung durch Blut.« Cole sagte verträumt: »Wie damals, als sie dich mit dem Au- to gerammt haben und dein Blut auf die Straße gelaufen ist. Die Straße ist erwacht und hat dich gerächt … ein Ritual.« »Wenn du so willst. Es ist notwendig.« Jemand kam auf sie zu. Ein kleines Mädchen, dass einen kleinen Terrier spazieren führte. Das Mädchen und der Hund oszillierten zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hin und her. Kurzzeitig waren ihre inneren Organe zu erkennen, das Muster ihres Blutkreislaufs umriss ihre Körper. Cole befand sich im gleichen Zeitrahmen wie sie, beobachtete sie an einem, Ort nach dem anderen, Schritt für Schritt. Neben ihnen stand eine massive Gestalt, ein erwachsener Mann, der nackt war und weinte. Ein Mann, der bei seinem Tod ungefähr Mitte dreißig gewesen sein musste, schätzte Cole. Sie gingen rechts an Cole und City vorbei. Das Mädchen riss die Augen weit auf, als sie City sah, sagte jedoch nichts. Ihr Hund erstarrte und zerrte an der Leine. Er sprang in den Straßengraben, um so weit wie möglich von City wegzukommen. Das kleine Mädchen schien weder Cole noch den Mann neben sich zu sehen. Wahrschein- lich war das ihr kürzlich verstorbener Vater. Das war die erste zwischenkörperliche Gestalt, die Cole – außer sich selbst – gesehen hatte. Doch der Mann nickte ihm nur zu und starrte weiter traurig seine Tochter an. »Twyla«, sagte er klagend. Sie hörte ihn nicht, doch der Hund spitzte die Ohren und riss sich los. Er hetzte über die Straße und schleifte die Leine hinter sich her. Das Mädchen jagte ihm laut schreiend nach, gefolgt von ihrem Vater, der ihr schluchzend hinterherstolperte. Cole lief es kalt den Rücken hinunter. Das erste Mal seit sei- ner Verwandlung war er unglücklich. Und gleichzeitig vernahm er, wie ein anderer Ort nach ihm rief. Wo? »Du verlässt mich?«, fragte City. In seiner Stimme lag eine Spur von Bedauern. »Nein«, sagte Cole nach einer Weile. »Ich werde dich nie ver- lassen. Nicht, solange es dich gibt. In ungefähr vierzig Jahren, nach ihrer Zeitrechnung, wird die Stadt fast tot sein. ITC und andere Systeme werden das Globale Dorf möglich machen. Es wird nur noch kleine Gemeinden geben – ein paar hundert Leute –, und entsprechend wird sich eine andere Art kollektiven Bewusstseins bilden. Dann wirst du nicht mehr hier sein und, mich nicht mehr brauchen, und ich werde jenen anderen Ort aufsuchen. Ich bin jetzt irgendwie freier. Ich werde in andere Städte gehen. Ich muss bald nach Chicago. Aber in einem anderen Zeitrahmen werde ich immer hier sein, und der primä- re Cole – relativ gesprochen –, der primäre Cole, der sich in Übereinstimmung mit dem Zeitstrom entwickelt, wird immer zu dir zurückkehren.« Cole hatte leise und beruhigend gesprochen. City hatte ihm zugehört, ohne eine Miene zu verziehen, lief unerbittlich weiter durch die Nacht. Aber er hatte zugehört. Er, sie, alle wussten, dass ein unsichtbarer Freund unter ihnen wandelte. Sie blieben vor einem Gebäude im Landhausstil stehen, das von Flutlichtlampen auf dem ordentlich gemähten Rasen ange- strahlt wurde. Zwei deutsche Schäferhunde knurrten sie an und zerrten vor der Veranda an ihren Ketten. »Da wären wir«, sagte Cole trocken. »Äh – wirst du dich hier irgendwie verwandeln?« »Ja. Dies ist ein Teil meiner Stadt. Im Keller haben sie ein Lager mit Plastiksprengstoff angelegt. Ich werde ihn zur Explo- sion bringen. Vielleicht möchtest du mit hineinkommen und es genießen – das ist ein einmaliges Erlebnis. Du kannst auf der Schockwelle reiten, ohne dich zu verletzen. Es ist großartig.« »Alle Explosionen sind großartig«, stimmte Cole zu. »City – warum strahlst du im Augenblick keine Musik aus?« »House? Das ist jetzt nicht nötig. Das habe ich am Anfang gemacht, um dich herbeizulocken und an mich zu binden. Hypnose.« »Ich verstehe«, sagte Cole (obwohl er das auf einer anderen Ebene bereits gewusst hatte). »Ich habe eigentlich gefragt, weil …«, »Du möchtest jetzt Musik hören?«, fragte City. »Du bist ein Romantiker.« »Nein. Es würde einfach nur passen, irgendwie.« City nickte und lief über den Rasen, gespenstisch und schrecklich im grellen Licht der Strahler. Er strahlte rhythmi- sche, elektronische Musik aus. Von seiner neuen Perspektive aus konnte Cole die Musik sehen. Die Schallwellen überkreuz- ten sich und bildeten kubistische Muster, die aufs Schönste das musikalische Arrangement ergänzten. Cole folgte in einem Abstand von wenigen Schritten. Er lief auf Federn und Wolken. Die Hunde sprangen City sofort an, als er sich in Reichweite befand. Einen Augenblick später taumelten beide heulend zurück. Blut lief ihnen aus dem Maul, wo sie sich an Citys unnachgiebigem Fleisch die Zähne ausgebrochen hatten. Die Eingangstür ging auf und ein Mann mit einer Waffe … starb, nur den Bruchteil einer Sekunde nachdem er sie abgefeu- ert hatte, als City ihm seinen Arm durch den Bauch schob, als wäre er aus nasser Baumwolle. »Hee, ich kriege die Hintertür nicht auf!«, schrie jemand. »Und wenn schon«, schrie jemand zurück, als Cole City ins Haus folgte und das überladene, nach Schweiß stinkende Wohnzimmer betrat. Männer rannten aus dem Zimmer. Sie hatten Cole den Rücken zugewandt und drängten die Keller- treppe hinunter. »Dieses Ding hat Billy abgemurkst! Das ist ein gottverdamm- ter Roboter!« »Holt den verdammten Sprengstoff – seid vorsichtig!« »Stellt den Zeitzünder ein, dann verschwinden wir durchs, Kellerfenster –« »Das Fenster klemmt! Ich kann es nicht einschlagen!« »Hee, dreh nicht an dem –« Cole war die Treppe zur Hälfte hinabgestiegen, als das Haus in die Luft flog. Er ritt auf den Schockwellen und betrachtete die Splitter, die durch ihn hindurchflogen, ohne ihn zu verletzen. Er überlegte, ob sie durch ihn hindurchflogen oder er durch sie. Angetan betrachtete er Beton, Holz, Plastik, Staub und Blut, die sich wellenförmig ausbreiteten. Die Explosion war großar- tig.,

Outro Catz Wailen nahm die Kopfhörer ab. Sie war allein im

dunklen Aufnahmestudio. Der Toningenieur war schon vor Stunden nach Hause gegangen. Er vertraute darauf, dass Catz abschließen würde. Die Kontrolllampen des Mischpults waren die einzige Lichtquelle. Sie war am ganzen Körper schweißge- badet. Ihre Ohren klingelten. Sie hielt ihren Kopf in den Händen und zitterte, so plötzlich wich die Anspannung von ihr. Sie schluchzte, doch keine Träne rann aus ihren Augen. Nach einer Weile setzte sie sich auf. Mit vor Müdigkeit bre- chender Stimme sagte sie: »Stu? Bist du jetzt bei mir?« Sie erhielt keine Antwort. Doch aus den düsteren Ecken des Raumes drang ein Flüstern. Ein Luftzug vielleicht. Sie stand auf und streckte sich. Ihre Gelenke knackten. Dann legte sie sich ausgestreckt auf den Teppich und versuchte sich zu entspannen. Ihr Mund bewegte sich nicht, und doch rief sie nach ihm. Die Rufe kamen tief aus ihrem Inneren. »Danke, dass du mir eine Brücke gebaut hast«, sagte Stu vom Oberlicht des Studios aus. Sie sah dort sein Spiegelbild, doch nichts, was sich hätte spiegeln können. Das spielte keine Rolle: Sie konnte ihn hören. »O Himmel du, Schweinepriester, du Hundesohn –« Sie machte noch eine Weile so weiter, und dieses Mal begleiteten Tränen ihren Wut- anfall. Im Wechselspiel von hell und dunkel lächelte Coles Spiege- lung, bis sie fertig war. »Jetzt besser?«, fragte er, als sie ver- stummt war. »Du hast zugelassen, dass er sich deiner bemächtigt«, sagte sie tonlos. Sie setzte sich auf, die Beine auf dem Teppich ausge- streckt. »Ich konnte nichts machen«, sagte er. »Aber ich bin bei dir. Ich bin immer noch –« »Verdammte Scheiße! Kommst du mir jetzt mit diesem Ich- werde-immer-bei-dir-sein-Schwachsinn? Keine Chance. Ich will nicht, dass du immer bei mir bist. Das würde mich wahnsinnig machen. Ich hab nicht vor, wie eine Nonne zu leben und um einen Waschlappen wie dich zu trauern, Cole. Ich habe vor, mit schöner Regelmäßigkeit zu vögeln, und ich möchte dabei nicht von dir angegafft werden.« Cole lachte. Catz nicht. Nach einer Weile sagte Cole: »Ich musste es dir sagen.« Ihre Stimme klang bitter, als sie antwortete: »Oh, ich verstehe schon.« »Ich muss jetzt zurück.« »Klar, was sonst.« »Ich kann deiner Karriere etwas nachhelfen. Ich glaube, ich –« »Tu mir bloß keinen Gefallen«, sagte sie. Sie stand auf und ging rasch zur Tür. Auf dem Weg hinaus schlug sie wütend auf die Konsole und stieß gegen einen Kippschalter: Die Aufnahme, Musik von Catz' Band, erfüllte donnernd den Raum wie eine, grandiose Explosion. Catz war weg. Cole blieb noch einen Augenblick und hörte zu. Dann zog er weiter, in eine andere Stadt, zu einer anderen Musik.]
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