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»Ach, welch düstere Hölle es doch war, die es nun zu durchqueren galt! Was für ein Mahlstrom unerbittli- cher Gier und unbarmherzigen Verschlingens – hier fraß jeder jeden! Die Klauen, Krallen und Zähne der Oberwelt sind schon habgierig genug, aber in der Unterwelt kühlte sich die kochende Gier niemals ab. Während die Blutegel noch an den Netzdämonen zerrten, schwebten Schwärme jener geflügelten Ge- schöpfe heran, die wir zuvor über den Stadtplattfor- men gesehen hatten. Ihre Körper erinnerten an die von Menschen, obgleich sie von Schuppen bedeckt waren ...« Wimfort, der Sohn des Lords von Kai...
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»Ach, welch düstere Hölle es doch war, die es nun zu durchqueren galt! Was für ein Mahlstrom unerbittli- cher Gier und unbarmherzigen Verschlingens – hier fraß jeder jeden! Die Klauen, Krallen und Zähne der Oberwelt sind schon habgierig genug, aber in der Unterwelt kühlte sich die kochende Gier niemals ab. Während die Blutegel noch an den Netzdämonen zerrten, schwebten Schwärme jener geflügelten Ge- schöpfe heran, die wir zuvor über den Stadtplattfor- men gesehen hatten. Ihre Körper erinnerten an die von Menschen, obgleich sie von Schuppen bedeckt waren ...« Wimfort, der Sohn des Lords von Kairnheim, hat sich auf der Suche nach einem magischen Elixier in die Unterwelt vorgewagt und ist verschollen. Nifft und Barnar, zwei gewitzte Haudegen, werden vor die Wahl gestellt: Entweder sie retten Wimfort – oder der Tod ist ihnen gewiß. Als sie dem Verschollenen in die höllischen Zonen der Unterwelt folgen, finden sie sich in einer Welt des Grauens wieder, die von furchterregenden Dämonen und schrecklichen Mon- stren beherrscht wird. Ihre Suche wird zu einer atem- beraubenden und bizarren Odyssee ... Michael Shea wurde für dieses Werk 1982 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet – in der Katego- rie »Bester Fantasy-Roman des Jahres«., Fantasy Lektorat: Ronald M. Hahn Ullstein Buch Nr. 31098 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Titel der Originalausgabe: NIFFT THE LEAN (2. Teil) Aus dem Amerikanischen übersetzt von Andreas Brandhorst Umschlaggestaltung: Hansbernd Lindemann Umschlagillustration: Tim White Alle Rechte vorbehalten Copyright © 1982 by Michael Shea Übersetzung Copyright © 1985 by Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin – Wien Printed in Germany 1985 Gesamtherstellung: Elsnerdruck GmbH, Berlin ISBN 3 548 31098 2 April 1985 CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Shea, Michael: Fischzug im Dämonenmeer: Roman/ Michael Shea. [Aus d. Amerikan. übers, von Andreas Brandhorst]. – Frankfurt/M; Berlin; Wien: Ullstein, 1985. Scan by Brrazo 10/2005 (Ullstein-Buch; Nr. 31098: Fantasy) Einheitssacht.: Nifft the lean «dt.» Teilausg. ISBN 3-548-31098-2 NE:GT, Michael Shea

Fischzug

im Dämonenmeer Roman Fantasy Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!,

SHAG MARGOLDS Vorwort zu Fischzug im Dämonenmeer

In Kairnheim hatten Nifft und Barnar Pech, was der Anlaß für ihre Reise in die erste Unterwelt war. Kairnheim ist für seine ethnische Homogenität eben- so bekannt wie die beiden anderen Kontinente für ih- re Unterschiedlichkeit. Es mangelt dabei nicht unbe- dingt an völkischer Vielfalt. Im Bereich von Shor- muth, der großen Bucht an der Ostküste, haben sich die Angehörigen vieler Volksstämme niedergelassen und sich untereinander vermischt. Aber die Haupt- masse des Kontinents wird ausschließlich von Kairns bewohnt – Bauern und Viehzüchtern, die ursprüng- lich im südlichen Zipfel Lúlumës beheimatet waren und dann das Meer von Catástor überquerten. Die Kairns kamen in zwei großen Einwande- rungswellen nach Kairnheim, unterbrochen von ei- nem fast vierhundert Jahre andauernden Interludi- um. Beide Menschenströme hatten die südöstliche Hälfte des Kontinents zum Ziel, denn östlich der Iko- nenberge erstreckt sich mehr als dreihundert Kilo- meter weit fruchtbares Grasland. Dieses leicht ge- wellte und von vielen Flüssen durchzogene Land wird Erstes Kairnrecht genannt. Es handelt sich dabei um eine für die Viehzucht ganz hervorragend geeig- nete Region. Die Kairns, die sich hier als erste nieder- ließen, waren nur widerwillig dazu bereit, es mit ih- ren später nachkommenden Vettern zu teilen. Und sie hatten auch gar keine Gelegenheit dazu, denn die Nachzügler – sie waren weitaus zahlreicher und skrupelloser – vertrieben sie ins nordwestliche, Hochland, die kältere, felsigere und trockenere Hälfte des Kontinents, die heute als Späteres Kairnrecht be- kannt ist. Der Ort Rindermenge liegt in Späteres Kairnrecht, nicht weit vom Knochenaxtgebirge entfernt, einem nördlichen Ausläufer der Ikonenberge. Wie auch die anderen Städte in dieser Region – Weiße Lecke, Paß- schlucht und Baileys Hof – entstand sie aus einem am Fluß gelegenen Viehmarkt. An solchen Orten ging es ziemlich rauh zu: Hier konnten Rinder versteigert werden und wurden dann von mutigen und unter- nehmungslustigen Leuten über den Fluß verschifft, wobei sie sich nur selten die Mühe machten, die Her- kunft des erstandenen Viehs und die Frage zu klären, ob es nicht einen rechtmäßigeren Eigentümer gab. Und wie im Falle der benachbarten Ortschaften, so hat sich auch Rindermenge trotz des bescheidenen Wohlstands, den die Bewohner derzeit genießen, alle Vorlieben der Begründer der Siedlung erhalten: Über- fälle, Viehdiebstähle, leidenschaftliche Grenzstreitig- keiten und Blutfehden. Die meisten Bewohner von Späteres Kairnrecht teilen diese Neigungen, und das ist durchaus ver- ständlich. Ihre unfruchtbare und von harten und lan- gen Wintern gebeutelte Heimat zwingt die Hirten da- zu, während der verschiedenen Jahreszeiten ihr Vieh weit fortzutreiben, um es nicht abmagern oder gar verhungern zu lassen. Nur die Unmöglichkeit, in die- ser Region einem anderen und lukrativeren Broter- werb nachzugehen – einhergehend mit einem Faktor, den man vielleicht als eine sehr sture kulturelle Grundfixierung bezeichnen mag –, läßt sie bei ihrer traditionellen Profession verharren. Doch trotz all ih-, rer Bemühungen und Anstrengungen sind sie doch nur dazu in der Lage, eher kümmerliche Krummhör- ner und Zwergochsen zu züchten, während in Erstes Kairnrecht nicht nur diese beiden Rinderarten präch- tig gedeihen, sondern auch noch vier andere: Braune Krummhörner, Kreuzkorn, Placker und Jabóbo (wo- bei letztere in der Überzahl sind). Wenn nicht schon der Mangel und die Entbehrungen aus den Bewoh- nern von Späteres Kairnrecht Viehdiebe gemacht hätten, dann bestimmt die Verbitterung über die Vertreibung. Es kam ganz unvermeidlich dazu, daß sie sich gegenseitig überfielen und ausraubten, aber sie zögen es immer vor, ihre diesbezügliche Auf- merksamkeit den Reichen angedeihen zu lassen und zu Reputation unter ihresgleichen zu kommen, indem sie es den Usurpatoren ihrer einstigen Heimat heim- zahlen. Ein Aspekt dieses historischen Konflikts – er wird mit »Jabóbo-Frage« umschrieben – hat sich als beson- ders schicksalsreich für beide Nationen Kairnheims erwiesen, denn es folgte aus ihm (ohne daß eine Ab- sicht dahintersteckte) ein gefährlich häufiger Kontakt mit der Sphäre der Dämonen. Die dumme und tö- richte Entführung Wimforts – wodurch Nifft und Barnar zu ihrer gräßlichen Reise gezwungen wurden – ist durchweg symptomatisch dafür, und deshalb sollen an dieser Stelle nähere Ausführungen erfolgen. Nirgendwo sonst gedeihen Jabóbos so prächtig wie in Erstes Kairnrecht. Es handelt sich bei den Tieren um mächtige Quasi-Zweifüßler, die etwa doppelt so groß werden wie ein Mensch. Sie sind sehr sauber (sie waschen sich in der Art von Katzen), haben kurze Schnauzen, kleine Ohren und machen – abgesehen, von dem dichten, struppigen Schwanz und den dik- ken Beinen – einen recht humanoiden Eindruck. Sie werden besonders wegen ihrer Milch geschätzt, nicht so sehr wegen ihres Fleisches. Aus diesem Grund läßt man immer nur so viele Bullen am Leben, wie zur Deckung der Kühe erforderlich sind. Die weiblichen Jabóbos verfügen über bemerkenswert entwickelte Milchspender, die, wenn ich es einmal so ausdrücken darf, dem Menschen direkt zugänglich sind. Der Hirte, der eine besonders innige Beziehung zu sol- chen Exemplaren pflegt, ist – wie man sich vorstellen kann – gut dran. Um nicht länger in Zweideutigkei- ten zu verweilen: Heute gibt es überall in Erstes Kairnrecht Jabóbo-Kulte: Sie entsprangen verschiede- nen zwanglosen Fruchtbarkeitsritualen, die von Hir- ten durchgeführt wurden. Dann und wann werden bestimmte Herden für heilig erklärt, und anschlie- ßend gelten ihnen jene Zeremonien, die nach zuver- lässigen Berichten sowohl dionysische als auch recht priapische Züge tragen sollen. (Von heimischen Zy- nikern werden die Herden oft auch »heilige Serails« genannt.) Ob die Vorfahren der Bewohner von Späte- res Kairnrecht ebenfalls solchermaßen ausgefallene Rituale pflegten, als sie noch in ihrem Viehzüchterpa- radies lebten, ist umstritten. Sie behaupten mit allem Nachdruck, damals schon eine primitive Abart so- wohl der Zeremonie als auch der geweihten Lehre gehabt zu haben, und vielleicht trifft das zu. Be- stimmt verfügten auch sie in ihrer Blütezeit über hei- lige Herden, und nach ihrer Doktrin sind auch die Nachkommen dieser Herden geweiht und nach wie vor ihr religiöses Eigentum. Deshalb gelten die Kult- Aktivitäten in Erstes Kairnrecht bei den Bewohnern, von Späteres Kairnrecht als empörende und keines- falls hinzunehmende Schändung ihrer milchspen- denden Ikonen, als schändliches Sakrileg, das mit je- dem Tag wiederholt wird. Auf dieses Problem kon- zentrieren die Bewohner von Späteres Kairnrecht all ihre Wut und Verbitterung, die sie angesichts der Vertreibung empfinden. Und es war während des Er- sten Jabóbo-Krieges – als man begierig nach Rache verlangte, die über die von Feuer und Schwert hin- ausging –, als sie in den Städten Shormuths Zauberei kauften. Die Bewohner von Erstes Kairnrecht bewaff- neten sich aus dem gleichen zweifelhaften Arsenal – und damit begannen drei Jahrhunderte voller nekro- mantischer Zwistigkeiten, die bis heute andauern. Mehr als ein Kenner Kairnheims hat auf die große Anzahl von Toren hingewiesen, die dort in die Un- terwelt hinabführen. Einige davon – wie etwa Stal- warts Opfer – ähneln Finsterspalte, da sie durch menschliche Unachtsamkeit geöffnet wurden. Der größte Teil aber entstand durch unheilvolle Plötzlich- keit, durch Erdbeben, Erosion, sogar infolge von Blitzschlag. Die Überlegung, unter dem Kontinent be- fände sich ein Bereich außerordentlich dämonischer Vitalität, ist zwar zweifellos richtig, trifft aber nicht den Kern der Sache. Ganz gewiß haben die jahrhun- dertelangen zufälligen und achtlosen Beschwörungen dämonischer Macht durch die Kairns dazu geführt, daß es zu einer Konzentration des immer auf der Lau- er liegenden Bösen aus der Unterwelt kam. Den Kairns geht jede in sich geschlossene thaumaturgi- sche Tradition ab, sowohl in schriftlicher als auch mündlicher Hinsicht. In ihrer ungestümen und un- wissenden Naivität schufen sie einen Markt für die, Dienste drittklassiger Magier und skrupelloser Be- schwörer, die nun in großer Zahl in der Region von Shormuth anzutreffen sind. Jene »Möchtegernzaube- rer« gebieten über Kräfte, die ausreichen, dämonische Gewalten herbeizurufen, aber kaum genügen, um sie auch zu beherrschen. Die Gassen, durch die das Böse der Unterwelt zu uns gelangen kann, verlaufen in Wirklichkeit quer durch den menschlichen Geist. Sich nach zerstörerischer Macht zu sehnen – das heißt, ei- ne Pforte in die Unterwelt zu öffnen. Aus alldem müssen wir den Schluß ziehen, daß Kairnheim nun vollkommen von unheilvollen Kräften durchsetzt ist, denen von seinen Bewohnern in so freimütiger und achtloser Weise der Weg bereitet wurde. Das Manuskript dieses Berichts stammt aus Niffts eigener Feder. Er hat mir selbst erzählt, er habe eine ganz besondere Verantwortung empfunden, auf- grund der er das Niederschreiben der Geschichte kei- nem anderen überlassen wollte und sich diese Mühe selbst machte – gewissermaßen als eine an die Adres- se Gildmirths gerichtete Huldigung, den er sehr schätzte und für den er eine tiefe Zuneigung emp- fand. Sicher gebühren dem Freibeuter an dieser Stelle noch einige Bemerkungen. Er wurde in Sordonhaupt an der Südküste Kolodrias geboren, einer Stadt, die heute noch ebenso reich und mächtig ist wie vor dreihundert Jahren, als er sie betrog, um seine Reise zum Dämonenmeer zu finanzieren. Gildmirths List weist ihn in der Tat als einen würdigen Sohn seines Landes aus, sowohl im Hinblick auf seine Schlauheit als auch seine wagemutige Habsucht: Die sordoniti- sche Politik hat nie davor zurückgescheut, Schwindel und Irreführung in ihr Repertoire aufzunehmen, um, ihre Ziele zu erreichen, die dann wiederum von der mächtigen Kriegsflotte abgesichert wurden. Viele Schriftsteller und Berichterstatter haben die schändli- che Verschlagenheit der Sordoniten als (mehr oder weniger) menschlich beschrieben und pflichten der Legende bei, im Blut der Bevölkerung fließe auch ein Anteil Dämonenschleim. Diese Vermutung wird ei- gentlich nur von der Nähe zum Taargstrudel gestützt – jener maritimen Pforte in die Unterwelt, durch die Gildmirth den aufgebrachten Bürgern der Stadt ent- kam. Einen vermutlich größeren Wahrheitsgehalt hat das Gerücht, viele sordonitische Familien seien eng mit den berühmten Zauberern der Astrygalkette südwestlich der Großen Senke verwandt. Zumindest Gildmirth selbst hat seinen Nutzen gezogen aus die- ser Verbindung, denn es ist sehr unwahrscheinlich, daß er die Gabe der Gestaltwandlung an einem ande- ren Ort errang. Shag Margold,

Der Fischzug im Dämonenmeer I

Kurz nach Morgengrauen schnallten sie uns in die Zerrpranger. Der Mechanismus dieser Gerätschaften ist ganz einfach. Hände und Füße werden jeweils in Richtung einer der vier Ecken des aufrecht stehenden Gerüstes gezogen, und dann hängt man darin wie ei- ne Fliege im Spinnennetz. Zu jedem Pranger gehören drei Vollzieher. Zwei bedienen die Winden – so lan- ge, bis alle Gelenke im Körper des Bestraften ausein- anderklaffen. Der dritte verfügt über eine langstielige Merzschere und zerschneidet damit nach und nach die überspannten Sehnen der Gelenke. Anschließend machen sich erneut die Kurbier an die Arbeit und ziehen Arme und Beine noch länger. Es wird allge- mein als gute Arbeit von Kurblern und Schneidern angesehen, wenn sich der Torso mit einem Ruck von den Gliedmaßen löst und aus dem Gerüst herausfällt. Sie mögen keine Diebe in Rindermenge. Die Zerrpranger waren auf dem Hof des Ruten- herrn von Rindermenge aufgestellt worden. Der Hof war annähernd so groß wie ein städtischer Markt- platz, denn der Rutenherr konnte sich über mangeln- den Wohlstand nicht beklagen. In diesem Punkt äh- nelte er der Stadt, und das war auch der Grund, war- um wir hierhergekommen waren. Die Grundlage sol- chen Reichtums war mehr als deutlich für jedermann mit einer halbwegs guten Nase. Selbst im Innern jener mit Mosaiken verzierten Wände, inmitten der geflie- sten und gekachelten Promenaden mit ihren in Töp-, fen wachsenden Zedern und ihrer in Vasen blühen- den Blumenpracht konnte man den Dung und Harn von Pferden riechen, ein Gestank, von dem die Mor- genluft ganz durchsetzt war. Diese Duftnote mochte von irgendeinem der Pferche und Gehege am Rande der Stadt stammen – vielleicht aber auch von den Tausenden von Einwohnern selbst, die nun tuschelnd und murmelnd auf dem Hof standen und voller Vor- freude auf unseren Tod warteten. Ich muß sagen, meine Stimmung zu jenem Zeit- punkt war recht niedergedrückt. Sosehr ich auch überlegte, ich sah keinen Ausweg aus der verfahre- nen Situation. Den Befehl zum Spannen würde man geben, wenn die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages über den Hof tasteten, und der östliche Hori- zont glühte bereits infolge der aufgehenden Sonne. Der Strafmeister kletterte auf das Podium, auf dem man unsere Zerrpranger errichtet hatte. Er entfaltete eine Schriftrolle und las laut und mit weicher Stimme daraus vor. Die leisen Gespräche der Zuschauermen- ge verstummten. »Der gnädige und erhabene Lord Kamin, Ruten- herr von Rindermenge, verkündet hiermit das Urteil, das er in Hinblick auf Nifft den Nordmann, auch be- kannt als der Dürre und Hurtige Nifft, und Barnar den Chiliten fällte, der auch Barnar Ochsenrücken und Barnar Hammerhand genannt wird. Dies ist der Richterspruch Lord Kamins: Ihr beide seid unerhörte Verbrecher, rücksichtslose Frevler und verschlagene Diebe. Ihr habt die Stadt Rindermenge aufgesucht und die Vogtei in krimineller Absicht durchstreift. Ihr wurdet gefaßt, als ihr euch im Besitz eines Werkzeu- ges verwerflicher Thaumaturgie befandet. Aus diesen, Gründen habt ihr den Tod verdient. Euch steht das Recht zu, einige letzte Worte zu sprechen. Will je- mand von euch noch etwas bemerken?« »Drei Dinge möchte ich sagen«, erwiderte ich. »Dann heraus damit«, meinte der Strafmeister. »Erstens«, begann ich, »möchte ich mein Bedauern über die Tatsache zum Ausdruck bringen, daß ich nicht länger als nur eine Woche in dieser Stadt weilen konnte, denn sonst hätte ich allen männlichen Be- wohnern größere Hörner aufgesetzt, als selbst die Bullen sie haben. Leider hatte ich nur Gelegenheit da- zu, die Ehre von nicht mehr als einem Dutzend von euch zu beflecken. Ich wäre schneller zu Werke ge- gangen, aber die Frauen von Rindermenge stinken so sehr nach Viehhof und Stall, daß ich täglich nur zwei oder drei von ihnen bedienen konnte.« Der Vortrag schien keinem der Zuschauer sonder- lich zu gefallen, aber andererseits ließen sie sich da- durch auch nicht sehr aus der Ruhe bringen. Die Ge- rechtigkeit ist hier sehr streng, und wahrscheinlich sind sie schon längst daran gewöhnt, derartige letzte Worte zu vernehmen. »Zweitens«, fuhr ich fort, »möchte ich euch gegen- über meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, daß der gnädige und erhabene Lord Kamin nichts weiter als ein völlig verblödeter, Scheiße fressender Vollidiot ist, dessen großer Reichtum auf einen lächerlichen Zufall zurückgeht. Seine einzige Begabung besteht in hingebungsvoller Selbstbefriedigung (wozu er beide Hände benötigt), und alle seine lebenden Verwandten weisen eine so frappierende Ähnlichkeit mit Kröten auf, daß ich mich darüber wundere, warum sie sich nicht erbrechen müssen, wenn sie sich anblicken.«, Das schien ihnen schon etwas besser zu gefallen. Hier und dort ertönten einige fröhliche Rufe, die meinen Ausführungen noch weitere diesbezügliche Einzelheiten hinzufügten. Die Bewohner dieser Regi- on waren stur, robust und an allerlei Widrigkeiten gewöhnt; sie beugten sich dem Gesetz, aber sie emp- fanden andererseits auch keinen übertriebenen Re- spekt vor der Autorität. Tatsächlich kann man sogar recht schnell mit ihnen warm werden – allerdings müssen die entsprechenden Umstände dann etwas freizügiger sein als in unserem Fall. »Drittens«, schloß ich, »nehme ich mir die Freiheit, meine Faszination zu bekunden, die ich gegenüber ganz Rindermenge empfinde. Ich hätte nicht ge- glaubt, daß man eine so große Stadt nur aus Kuhfla- den und Matsch erbauen kann!« Diese Worte schürten Empörung unter den Schaulustigen. Der Stadt Rindermenge war ein großer Gemeinschaftssinn und Stolz zu eigen. Ich empfand die zweifelhafte Genugtuung, einige der Bewohner erzürnt zu haben, auch wenn dies hinter den verbis- senen Gesichtern zum größten Teil verborgen blieb. Es war ein nur schwacher Trost, aber ich kostete ihn ganz aus. Barnar meinte, er wolle noch zwei Schluß- bemerkungen machen. Der Strafmeister forderte ihn auf, damit anzufangen. Mein Gefährte holte weit aus und gab eine epische Wortflut zum besten, nach der er ausgiebig auf den Boden des Podiums spuckte, was den Strafmeister dazu veranlaßte, rasch zur Seite zu springen, um seine Stiefel nicht beschmutzen zu lassen. Der obere Rand der aufsteigenden Sonne be- rührte die Kante der östlichen Hofmauer und tastete mit Glanzlanzen über unsere Gesichter. Der Strafmei-, ster hob die Hand. Genau in diesem Augenblick stürzte ein Herold durch die große, zweiflüglige Tür, die am anderen Ende des Hofes in das Domizil Ka- mins führte. Aufgrund der guten zeitlichen Abstimmung wußte ich sofort, was hier gespielt wurde. Daß der Herold genau im letzten Augenblick auf den Hof platzte und rief: »Haltet ein! Kamin befiehlt einen Aufschub ihrer Hinrichtung!« – das war einfach zu übertrieben. Es war nichts weiter als vorbereitetes Theater, und wer sonst als Barnar und ich sollten davon beeindruckt werden? Kamin verlangte unsere Dienste. Er hatte ei- ne riskante und gefährliche Arbeit für uns, nach der wir wie nach einem rettenden Strohhalm greifen sollten angesichts der Aussicht, im Zerrpranger einen gräßlichen Tod zu erleiden.,

II

Rutenherr Kamin war ein großer Mann, der es liebte, sich mit übertriebener Pracht zu umgeben. Und be- stimmt hatte er auch eine Vorliebe für theatralische Auftritte. Er saß in einem Sessel in seinem Empfangs- saal, trug eine broschierte Tunika und einige mit gol- denen Borten versehene Stirnbänder, deren Enden ihm lose auf die Schulter hinabbaumelten und mich an den entspannten Kamm eines Streithahns erin- nerten. Schweigend saß er da, erhaben und respekt- einflößend, und er wartete, bis genügend Bürger der Stadt in die Halle hineindefiliert waren, um ein aus- reichendes Publikum abzugeben, das erfahren durfte, mit welch majestätischer Anmut sich der Herrscher erhob. Als er diesen Zeitpunkt für gekommen hielt, stand Kamin, Rutenherr von Rindermenge, auf. Als diese eindrucksvolle Vorstellung beendet, der damit einhergehende Applaus der Untertanen ver- stummt war und durch ein kurzes Schweigen ersetzt wurde, sprach Kamin zu Barnar und mir. Besser ge- sagt: Er sprach zu uns herab, mit einer hallenden Stim- me, die allen im Saal Versammelten galt: »Fremde, hört mich an! Ihr seid nach wie vor Verbrecher, aber dennoch wurde in eurem Fall von einer Prangerstrafe abgesehen. Diese Entscheidung geht nicht auf altjüng- ferliche Sentimentalität zurück. Eure verwerflichen Fä- higkeiten und durchtriebener Listenreichtum werden benötigt, um ein Leben zu retten, das weitaus mehr wert ist als eure beiden zusammengenommen. Seid ihr dazu bereit, eure Haut zu retten und euch freizu- kaufen, indem ihr euch in große Gefahr begebt?«, Oh, er war wirklich direkt! Ich fragte mich, ob ihm meine ihn betreffenden Schlußbemerkungen mitge- teilt worden waren. Ich nahm es nicht an. Einem ego- zentrischen und nur sich selbst liebenden Herrn und Meister gegenüber sind Untertanen nicht ganz so of- fen. Ich verbeugte mich tief vor ihm, wobei meine Ketten klirrten. »Was unseren Wagemut und Listenreichtum an- geht, Rutenherr: Wir stellen uns all jenen Dingen, de- nen arme und törichte Sterbliche nicht ausweichen können, wenn sie in dieser Welt vorankommen wol- len. Und was den Handel betrifft – man sollte nach dem Preis fragen, bevor man zustimmt oder ablehnt. Ganz gleich, was man zu kaufen beabsichtigt.« Seltsamerweise schien Kamin von dieser Antwort überrascht und verwirrt zu sein. Hatte er etwa er- wartet, wir seien von dieser Vorstellung so beeindruckt und eingeschüchtert worden, daß wir uns zu allem bereit erklärten – ohne nähere Einzelheiten in Erfah- rung zu bringen? Jemand, der einfach keine Ahnung davon hat, daß es in dieser Welt weitaus schlimmere Dinge gibt, als in einem Zerrpranger hingerichtet zu werden, dürfte bei einem schwierigen und riskanten Unternehmen kaum von großem Nutzen sein. Doch als Kamin meine Antwort hörte, huschte flüchtige Bestürzung über seine Miene, und in seinen Augen erkannte ich das kurze Aufflackern der Furcht, es könne ihm nicht gelingen, uns für seinen Plan zu gewinnen. Er runzelte die Stirn und gab sich damit Zeit genug, die Fassung wiederzugewinnen. »Es soll euch jemand von der Tragödie unterrich- ten, dessen Hände mit dem Blut der Schuld befleckt sind. Es ist derjenige, der einen hohen und schreckli-, chen Preis bezahlen muß, wenn ... wenn die Sache zu keinem guten Ausgang kommt. Sucht nun Charnall auf! Nach der Unterredung werdet ihr zum Konzil zurückgebracht, um eure Entscheidung kundzutun.« Als wir durch einen Gang schritten, der zu einer Treppe führte, raunte Barnar mir zu: »Er hatte Angst, wir würden sein Angebot aus- schlagen. Es muß eine wirklich üble Sache sein, die wir für ihn erledigen sollen.« In diesem Punkt schien kaum ein Zweifel möglich zu sein. Wir wurden in einen separaten Flügel der Villa ge- führt. Wir stiegen in den dritten Stock empor und tra- ten dort durch eine sehr massiv wirkende Tür, an der zu beiden Seiten je zwei Wachtposten stationiert wa- ren. Ein hohlwangiger und fast kahlköpfiger Mann saß am Frühstückstisch und nickte uns beim Eintreten zu. Das mußte derjenige sein, dessen Hände mit dem Blut der Schuld befleckt waren, obgleich wir auf seinen Fingern im Augenblick nur Fischöl und Brotkrumen auszumachen in der Lage waren. Charnall war über- aus mager, und er aß für zwei. Solche Menschen gibt es nicht wenige. Er trug eine teure, aber zerknitterte und bereits recht abgetragene Tunika. Der kurze Bart und die grauen Haarreste am Hinterkopf sahen zer- zaust aus und erweckten den Eindruck, als sei daran ge- rupft worden. Seine Augen glänzten intelligent, doch sein Blick neigte dazu, immer wieder abzuschweifen. Er kam mir irgendwie wie ein Büchernarr vor. Der Anführer unserer Eskorte forderte Charnall auf, das Frühstück zu beenden. »Ich bin gleich fertig!« stieß Charnall hervor. Er stopfte sich das restliche Brot und auch den letzten Fischbrocken in den Mund. Dann stand er auf, fuhr, sich mit der Zunge über die Lippen und wischte sich die Hände ab. Die vergängliche Freude des Früh- stücks lag nun hinter ihm, und er richtete seine trau- rige Aufmerksamkeit auf uns und seine Lage. Er war ein Mann, der sich angesichts seiner Situation zutiefst deprimiert fühlte: Man konnte es daran sehen, wie er die Schultern hängen ließ, als sich seine Gedanken mit dem Problem befaßten, über das er uns in Kennt- nis setzen sollte. Andererseits jedoch war er soweit bei sich, um sich daran zu erinnern, was wir an die- sem Morgen bereits hinter uns hatten. Er zog den Stuhl vom Tisch fort und bot ihn mir an, und Barnar forderte er auf, auf seiner Bettkante Platz zu nehmen. Dann faltete er die Hände im Schoß und starrte sie eine Zeitlang an. Schließlich blickte er auf. »Du bist der Dürre Nifft aus Karkhman-Ra, und du Barnar Ochsenrücken, ein Chilit«, sagte er. »Ich bin Charnall aus dem Ferneren Kornuvia. Ihr beide seid wahre Künstler eurer Profession, und im ganzen Bereich der Agonischen See und auch der weiter westlich gelegenen Meere geltet ihr als Meister der natürlichen Gaben des Verstandes und des Körpers. Ich hingegen bin ein Mann, der nur über durchschnittliche Befähigungen in seinem Beruf ver- fügt, auch wenn mein Fachgebiet von größerer Be- deutung ist. Ich studiere die Lehre der Macht. Und ich habe gewisse Bereiche des dunklen Wissens er- schlossen. Ich weiß genug, um mir auf umsichtige Weise die Unterstützung echter Zauberer zu sichern. Soviel zu unseren Möglichkeiten, meine Herren. Sie sind beträchtlich, wenn wir sie angesichts eines klug geplanten und vernünftigen Unternehmens zusam- menfassen. Unsere Aufgabe aber ist alles andere als, vernünftig. Sie ist schlichtweg unmöglich. Und doch will ich euch sagen, daß ich einen kleinen Hoffnungs- schimmer sehe. Könnt ihr euch das vorstellen? So ei- gensinnig ist die menschliche Torheit, so ...« »Ich bitte um Verzeihung, Lehrmeister Charnall«, sagte mein Gefährte. »Du hattest schon die Möglich- keit, dich mit den Fakten des betreffenden Falles ver- traut zu machen, und wir würden nun ebenfalls gern den Schock über uns ergehen lassen. Wir haben einen anstrengenden Morgen hinter uns und wären dir sehr dankbar, wenn du zum Kern der Sache kommen könntest.« Charnall deutete Barnar gegenüber eine scherz- hafte Verbeugung an. »Du hast ganz recht. Außer- dem werdet ihr beide ja auch die Hauptlast tragen. Mein Leben hängt vom euren ab, und daher sind die Risiken gleich verteilt, aber ihr seid diejenigen, die hinabsteigen müssen. Ach, entschuldigt. Es geht um folgendes: Ihr sollt den Gefangenen eines Dämons be- freien und ihn aus der ersten Unterwelt hierher zu- rückbringen. Der Gefangene ist ein junger Bursche namens Wimfort. Er ist der einzige Sohn des Ruten- herrn und war zuvor mein ... Arbeitgeber. Zufälli- gerweise wissen wir mehr oder weniger, wo er sich befindet. Über die allgemeine Örtlichkeit sind wir uns völlig im klaren, nicht jedoch über den speziellen Aufenthaltsort. Wimfort beschwor eine Alse. Von diesem Geschöpf wurde er entführt. Wißt ihr, bei Al- sen handelt es sich um Wasserentitäten ...« Charnall starrte uns an und hob die Augenbrauen. Barnar nickte langsam. »Ich glaube, ich verstehe langsam. Der Junge be- findet sich nun in der Welt des Dämonenmeers.«,

III

Charnall zeigte uns ein kleines, Lord Kamin gehören- des Porträt Wimforts. Der Sohn des Rutenherrn war ein recht ansehnlicher junger Bursche von sechzehn Jahren. Die Art und Weise, in der der Maler die hel- len, spöttisch blickenden Augen und das frech vorge- schobene Kinn dargestellt hatte, harmonierte mit der Geschichte, die Charnall uns erzählte. Der Kasten aus geschmiedetem Gold, der das Bild enthielt, wies auch noch auf einen zweiten Aspekt der ganzen Sache hin – der nur vorsichtig und mit aller Diskretion zur Sprache kam, da sich Kamins Männer mit uns im Raum aufhielten. Es handelte sich dabei um den gro- ßen Fehler des Rutenherrn, in seiner abgöttischen Liebe zu seinem Sohn zu große Nachgiebigkeit geübt zu haben. In den vergangenen drei Jahren hatte Wimfort von seinen Eltern so sehr freie Hand erhalten, daß er sich umfassend mit den Geheimnissen der Macht-Künste beschäftigen konnte. Natürlich war er dabei nicht auf ein echtes Verstehen aus gewesen, denn ein solches Begreifen war nur mit Gewissenhaftigkeit und ge- danklicher Mühe zu erkaufen. Er versicherte sich der Hilfe Charnalls und beschäftigte sich flüchtig und oberflächlich mit den Texten, die ihm von dem Schriftgelehrten zur Verfügung gestellt wurden. Er beauftragte seinen »Lehrer« auch damit, detailliertere Unterlagen zu beschaffen, von denen er aus andern Quellen erfahren hatte. Viele dieser Texte hätte Char- nall einem so jungen und willensschwachen Men- schen nicht überlassen, aber er war so willfährig, wie, es seine Prinzipien gerade noch erlaubten. An der kornuvianischen Akademie, in der ihn die Mittels- männer des Jungen aufstöberten, hätte er nicht halb so viel verdienen können. Trotzdem brachte er den jungen Burschen immer wieder in Rage, indem er ihm die Hilfe verweigerte, wenn sich das Interesse Wimforts in bestimmte gefährliche Richtungen wandte. Nach solchen Streitereien gab Wimfort in der Regel nach. Er hielt sich an keinen Studien- und Lehrplan, aber er hatte inzwischen ein gewisses Verständnis für die Verbindungen zwischen den einzelnen Aspekten der magischen Kunst entwickelt. Er war hartnäckig. Charnall argwöhnte, daß der Junge, wenn er nach- gab, tief im Innern einen Eid ablegte und schwor, sein Ziel auf einem anderen Weg zu erreichen zu versu- chen. In der Zwischenzeit fand er sich mit den Skru- peln seines Lehrmeisters ab, weil er keine andere Wahl hatte. Seine erste Vorstellung stellte einen Kompromiß dar, dem Charnall als dem von allen diesbezüglichen Vorhaben noch ungefährlichsten Projekt zustimmte. Wimfort war ganz versessen darauf, der Bevölkerung Angst einzujagen, und das gelang ihm auch. In sei- nem Kopf schwirrten triviale Balladen, die die wilden Zeiten von Rindermenge priesen, damals, als don- nernde Viehherden durch eine Stadt mit schlammi- gen Straßen und dreckigen Pferchen stürmten, und er beabsichtigte mit seiner Thaumaturgie, das Gedenken an jene Epoche zu beschwören. In einer Vollmond- nacht also machte er sich zusammen mit Charnall auf den Weg zum Schlachtereibezirk der Stadt. Dort in- tonierte er einen recht starken Zauberspruch wieder-, erstehender Vitalität. Und sie erhoben sich in endlo- ser Zahl aus dem blutigen Boden – der Geist eines je- den Tieres, das hier geschlachtet worden war. Und kaum erwachten sie, donnerten sie auch schon durch die Straßen der Stadt. Die ganze Nacht über stürzten die Schatten-Rinder mit glühenden Augen lärmend durch die Straßen; ih- re Schatten-Hufe donnerten und wirbelten dichte Staubwolken empor. Einen gewissen Riecher konnte man dem Jungen bestimmt nicht absprechen. Die Bewohner erwachten. Im ärmeren Viertel der Stadt starben im ersten Schrecken einige Dutzend Leute, als sie die Treppen hinabfielen oder von ihren Nachbarn zu Tode getrampelt wurden. Doch als die Tiere im- mer zahlreicher wurden und die Leute begriffen, daß es sich nicht um echte Rinder handelte, kleideten sich immer mehr Bewohner der Stadt an und traten auf die Straßen. Kamin befahl, das Öl in den Straßenlam- pen zu entzünden, und einige der reichsten Bürger der Stadt wurden aufgefordert, ihre Weinkeller zu öffnen. Das Ergebnis war ein bizarres und völlig im- provisiertes Fest, und ganze Trauben dahinschwan- kender Zecher wankten durch die endlos dahinstür- menden Reihen der Viehherden. Bei Morgengrauen machten sich die beschworenen Rindergeister wieder auf den Rückweg zu den Schlachthöfen. Dort versik- kerten ihre diffusen Seelen wieder im blutigen Boden, und jede einzelne gab dabei ihren quiekenden Todes- schrei von sich. Dieser Erfolg berauschte den jungen Burschen. Die letzten Reste von Zurückhaltung und Bescheidenheit lösten sich rasch auf, und er schlug eine heroische Torheit nach der anderen vor und widersetzte sich, Charnall mit wachsendem Zorn. Schließlich hörte er ganz damit auf, weitere magische Heldentaten zur Sprache zu bringen, und verlangte von Charnall weitere Hinweise, Unterlagen und Texte in verschie- denen Sprachen und Dialekten. Sein Lehrmeister ahnte zwar, in welche Richtung das Interesse Wim- forts ging, wußte jedoch nichts von dessen Absichten. Und was er fürchtete, trat schließlich ein: Den näch- sten Beweis seiner magischen Beschwörerkunst ließ er der Stadt ganz auf sich allein gestellt angedeihen. Es kam zu einem fürchterlichen Fiasko. Das einzige dauerhafte Ergebnis war, daß eine ganze Hangweide im Westen der Stadt mit Vampirgras infiziert wurde. Der Zwischenfall lag bereits vier Monate zurück, als Barnar und ich in die Stadt kamen, doch der Hügel- hang war mit den bleichen Skeletten zahlreicher Rin- der versehen – ein Mahnmal, das Reisende, die nach Rindermenge unterwegs waren, schon von weitem sehen konnten. In Gegenwart des versammelten Konzils erhielt der Junge einen förmlichen Verweis von seinem Vater. In der Meinung der Öffentlichkeit kam das nicht mehr als einer Ohrfeige gleich. Und auch viele Angehörige des Konzils hätten es lieber gesehen, wenn andere Teile der Anatomie des Jungen bestraft worden wä- ren. Wimfort aber war tödlich beleidigt. Und in sei- nem Alter denkt man sich die außergewöhnlichste Vergeltung aus, wenn man glaubt, die persönliche Ehre sei angekratzt. Der Plan, dem er sich daraufhin zuwandte, lauerte bereits seit geraumer Weile in seinen träumerischen Phantasien. Jetzt aber machte er sich daran, seinem Vorhaben eine reale Grundlage zu verleihen, und, Charnall konnte nicht rechtzeitig genug herausfin- den, was Wimfort beabsichtigte: Der Junge war dazu entschlossen, sich in den Besitz einer bestimmten Menge des Elixiers von Sazmazm aus der ersten Un- terwelt zu bringen. »Stellt euch das einmal vor«, wandte sich Charnall an uns, wobei in seinem Gesicht ein Schatten von Ehrfurcht deutlich wurde. »Ein unreifer und dickköp- figer Junge, der über Kräfte der dritten Unterwelt ge- bietet! Möge der Allmächtige Zufall verhüten, daß jemals ein Sterblicher in den Besitz dieses Elixiers gelangt ... Und dann erst ein solcher Grünschnabel? Allein bei der Vorstellung krampft sich alles in mir zusammen! Ich muß zugeben, er ging dabei verbissener zu Werke, als ich ihm zugetraut hätte. Er stellte umfas- sende Untersuchungen an und knüpfte gedankliche Verbindungen zwischen einzelnen Gebieten der ge- heimen Lehre. Er veranlaßte mich auf gerissene Wei- se dazu, einige Intonationsformen des Hocharchai- schen preiszugeben, und erst nach einer Weile fragte er nach Undle Neunfingers Thaumaturgicon. Erst nach der Katastrophe wurde ich mir darüber klar, daß das Werk Undle Neunfingers einige Teile der Wasserdä- moniade enthält. Es handelt sich dabei um Beschwö- rungsformeln, die auf Wasserdämonen anzuwenden sind, und Undle Neunfinger bietet darin auch einen Transkriptionsschlüssel für die Umsetzung ins Hoch- archaische. Um es kurz zu machen: Er bestellte mich ins Ar- beitszimmer im Keller dieses Gebäudes, und er war gut auf alles vorbereitet, was ich möglicherweise ge- gen ihn unternehmen konnte. Er sagte, er wolle mir, eine letzte Möglichkeit einräumen, den Ruhm mit ihm zu teilen – was nichts anderes bedeutete, als daß er sich über meine Unterstützung bei der Formulie- rung der Beschwörung gefreut hätte, die von ihm entdeckt worden war. Sein Wunsch war durchaus verständlich, und offensichtlich war er sich klar dar- über, ohne mich kaum Erfolg zu haben! Er beschrieb mir die Formel der Einverleibung, de- ren Kraft sich in seinem Leib entfalten und ihn in die Lage versetzen würde, das Elixier mit einem Schluck in sich aufzunehmen. Das ist auch die sicherste Mög- lichkeit, sich in den Besitz einer Kraft wie der des Eli- xiers zu bringen: Die Aura der Macht ist so ungeheu- er stark, um auf diese Weise unablässige Diebstahls- versuche von anderen Zauberern zu verhindern. Er gab mir gegenüber auch die Überzeugung zum Aus- druck, Alsen seien deshalb einzigartig unter den ma- ritimen Dämonen, weil sie dazu in der Lage seien, sich das Elixier zu beschaffen, dessen Ursprung au- ßerhalb des Dämonenmeeres und damit jenseits ihrer Einflußsphäre liegt. Ich forderte ihn auf, darüber nachzudenken, warum diese Wasserdämonen nie- mals beschworen werden, obgleich die entsprechen- den Formeln leicht zugänglich und ebenso problem- los zu intonieren sind. Der Grund dafür ist: Es will sie niemand beschwören. Nicht einmal der größte und mächtigste Zauberer kann behaupten, sich erfolgreich der Dienste dieser Entitäten versichert zu haben. Meine Geduld erschöpfte sich. Ich befahl ihm, mit mir zu kommen, seinem Vater einen Besuch abzustatten und ihm von seinen Absichten zu berichten. Der Jun- ge – dieser ... kindische Grünschnabel – schleuderte mir ein Lähmpulver ins Gesicht. Und so wurde ich zu ei-, nem ohnmächtigen Zeugen des folgenden. Er machte den klassischen Fehler eines Anfängers: Er schaffte es nicht, die Beschwörungsformel mit der angemessenen Betonung zu versehen, und es unter- lief ihm ein bedeutender Schnitzer bei der Intonation des Beherrschungszaubers, der in jede Beschwö- rungsformel integriert ist. Der Beherrschungszauber stellt immer den weitaus schwierigsten Teil einer sol- chen Formel dar. Man behauptet sogar, viele Entitä- ten sähen über geringfügige Fehler in ihren Beschwö- rungen hinweg, wenn sie merken, daß auch die Be- herrschung nicht ganz einwandfrei ist. Die letztge- nannten Mängel aber ignorieren sie keinesfalls. Wim- fort hob kühn die Arme, sprach die Formel laut aus – und das Geschöpf kam. Die undeutliche Aussprache bei der Intonation muß seinen Aufstieg nicht ganz exakt dirigiert haben, denn es materialisierte in der Wand. Unten im Keller ist das Mauerwerk ganze vier Meter dick, und es bahnte sich mühelos einen Weg durch den Fels, wie eine Katze, die mit nassem Fell aus dem Wasser steigt. Es war ein Alptraum aus Pelz und Krallen – der haarige Pelz einer Tarantel, und Klauen, die einen Menschen ganz umfassen können. Der Kopf bot sich als ein Strauß aus drei großen Dornen dar, die mit zahlreichen Knopfaugen versehen waren. Das Ge- schöpf brach aus der Wand hervor und wirbelte Schutt und Staub davon. Wimforts Kinnlade klappte herunter und schwang auf und ab wie ein Tavernen- schild im Wind.« Bei diesen Worten hustete einer der Wächter und gab eine ganze Weile keuchende Geräu- sche von sich. Eine Zeitlang betrachtete Charnall mit ernster Miene seine Hände. Dann fuhr er mit mono-, ton klingender Stimme fort: »Der junge Bursche war nicht mehr fähig, auch nur eine weitere Silbe zu formulieren. Der Dämon stürzte sich auf ihn. Bei der Spalte, meine Herren – er war so schnell wie ... wie ein riesiger Floh. Er packte ihn, stieß ihn herum, bohrte ihm Dorne in Rücken, Hals und Schädel und versank mit ihm im Boden. Sie sind noch immer dabei, das Loch abzustützen, das von dem Riesen in der Wand hinterlassen wurde, aber der Boden weist nicht den geringsten Kratzer auf.«,

IV

Den Ausführungen Charnalls folgte kurzes Schwei- gen. »Du sprachst von Hoffnung«, sagte ich. Charnall sah mich an, und mit einem dünnen Lächeln quit- tierte er die Ironie dieser Bemerkung. Langsam rieb er die Hände aneinander. »Das hört sich ziemlich weit hergeholt an, nicht wahr? Was die Möglichkeit betrifft, in die Unterwelt zu gelangen, so wißt ihr sicher, daß wir hier unser ei- genes kleines Höllentor haben. Es ist nur knapp zwanzig Kilometer entfernt und liegt in der Nähe der Ruinen von Westhütte, am Rande der Schmelztiegel- berge. Aber sobald man in die andere Welt vorge- drungen ist, hat man nicht mehr die Möglichkeit, auf die Hilfe von Karten zurückzugreifen. Niemand weiß, wie groß das Dämonenmeer ist und wie seine Küsten beschaffen sind. Und doch eröffnet sich uns eine unzweifelhafte Chance, auch wenn sie noch so gering sein mag.« Als er darauf zu sprechen kam, er- hellte sich sein Gesicht sichtlich. Sein hagerer und ausgemergelter Leib fing an zu zittern. Mit ein Grund dafür, so nahm ich an, war die mühsam unterdrückte Freude eines Gelehrten, eine bedeutende Entdeckung gemacht zu haben. Er sah uns an und überlegte of- fenbar, ob unser Wissen genügte, um die sicher ver- schlungenen Bahnen seiner Gedanken zu begreifen. »Ich will euch unwichtige Details ersparen«, fuhr er fort. »Alles begann damit, daß ich mich schwach an eine Person erinnerte, die gemeinhin als ›Freibeuter‹ bezeichnet wird. Dieser Freibeuter besuchte vor lan- ger Zeit das Dämonenmeer und vollbrachte oder er-, litt dort etwas.« »Aber das ...«, setzte Barnar an. Charnall unter- brach ihn mit einer jähen Geste. »Geduld, ehrbarer Dieb – es sind Legenden, ich weiß, aber deswegen mangelt es ihnen nicht an einer gewissen Bedeutung. Glücklicherweise bin ich ganz offenkundig der beste Magier, den Kamin bisher aufzutreiben vermochte, und darüber hinaus kenne ich die Lage, in der sich Wimfort nun befindet, auch am besten. Seit einem Monat nun schon finanziert Kamin meine Bemühun- gen, eine Lösung zu finden. Letzte Woche fand ich ein Gedicht, das vor rund hundert Jahren niederge- schrieben wurde. Hört euch diese Zeilen an, meine Herren ...« Er holte eine Truhe unter dem Tisch hervor, auf dessen Kante er bisher gesessen hatte, und entnahm dem Behälter ein vergilbtes Pergament. Bei dem, was er uns vorlas, handelte es sich um nicht mehr oder weniger als eine entstellte Version des dritten und vierten Vierzeilers aus Parples »Meditation«. Durch die Erwähnung des Freibeuters hatten wir schon halb damit gerechnet. Als er fertig war, wandte ich mich an Barnar. »Erinnerst du dich an den Rest, mein Freund? Er hat uns doch gerade die mittleren Verse vorgelesen, nicht wahr?« Manchmal kann Barnar dazu gebracht werden, sei- ne Belesenheit unter Beweis zu stellen. Kurz nachdem ich ihn kennengelernt hatte, erfuhr ich, daß er drei Sprachen spricht, aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich feststellte, daß er Hocharchaisch ebenso flüssig und problemlos lesen kann wie ich. Und es ist immer eine Wonne zu erleben, mit welcher Verblüf- fung Zuhörer reagieren, wenn ihnen die umfassende, Bildung dieses so bärbeißig und stupide wirkenden Hünen offenbart wird. Barnar ließ eine Augenbraue in die Höhe driften und deutete eine Verbeugung an. »›Meditation über Menschen und Dämonen‹, von Curtis Parple«, ver- kündete er. Und dann rezitierte er: »Der Mensch, seit unendlich langer Zeit, Teilt sich die Erde mit den Dämonen. Und fragt, warum sie, in ihren Domänen der Ewigkeit, So versessen sind auf seine schwache Seele, seit Äonen. Welche Hände auch immer die Uhr der Sterne gebaut, Die das Wirbeln der Zeit läßt leuchten in hellem Schimmer, Sie trennten auch jene beiden Reiche, Mit Barrieren, die niemand zu überwinden ge- boten, nimmer. Doch des Menschen Neugier führt ihn hinab in jene finsteren Wüsten, Wo Schrecken und Entsetzen gebären Geschöpfe unvergänglicher Macht. Oder an des Dämonenmeeres zerklüfteten Kü- sten, Oder in die dunkelsten Tiefen hinab, wo der Glanz Immenser Schätze erstickt von äonenlanger Nacht., Kann es doch nicht überraschen, daß Menschen In diese Gefilde vorstoßen (wie auch Freibeuter Gildmirth in seinem unerschrockenen Mut). Doch es verwundert ihre Entschlossenheit zum Wagnis, Zu segeln auf der Gischt der ungestümen Flut. Aber warum werden gesponnen die Netze der Hölle Und Menschen gerissen aus fleischlicher Sterb- lichkeit? Warum werden sie gezerrt aus ihrem kurzen Le- ben in der Helle, Um unsterblichen Kummer zu erfahren bei Un- geheuern der Ewigkeit?« Schon am Anfang von Barnars Vortrag hatte Charnall damit aufgehört, das Gesicht zu verziehen, und flei- ßig berichtigte er seinen Text und paßte ihn der Ver- sion meines Gefährten an. Als Barnar verstummte, versah er uns mit einem reumütigen und kummer- vollen Blick. »Nur Mut, Charnall«, sagte ich. »Nie- mand kann alles gelesen haben. Parples Werk erfreut sich in Karkhman-Ra einer hohen Wertschätzung. Und noch mehr: Gildmirths Name kommt dort in vielen Kindergeschichten vor.« »Bestimmt kennt ihr alles, was ich in letzter Zeit unter großen Mühen in Erfahrung brachte, und viel- leicht wißt ihr sogar noch mehr«, erwiderte der Ge- lehrte. »Trotzdem kann ich nicht glauben, die ganze Zeit über eine falsche Spur verfolgt zu haben – ganz gleich, wie vertraut euch die Legende sein mag.« »Ich will ja auch gar nicht behaupten, da du geirrt, hast«, lautete meine Antwort. »Soweit wir wissen, handelt es sich hierbei um eine Legende mit wahrem Kern. Und schließlich haben wir es mit einer Überlie- ferung zu tun, die nicht alle Fragen klärt. Gildmirth wird als überaus unternehmungslustiger Mensch und meisterlicher Schwindler und Betrüger beschrieben. Über seine Streifzüge gibt es verschiedene Berichte, aber in all diesen Geschichten wird seine letzte Reise bestätigt. Er betrog die Stadt Sordonhaupt – seinen Heimatort – und errang dadurch ein Vermögen, das er zur Finanzierung seiner Reise hinab zum Dämo- nenmeer benutzte. Er kehrte nie zurück. Einige Quellen behaupten, er ducke sich nun dort unten unter der Geißel ewiger Knechtschaft, so wie auch viele tausend andere und weniger kühne Seelen.« Darin fand Charnall wieder Trost. »Ausgezeichnet! Das bestätigt die Bedeutung meiner weitergehenden Entdeckungen, und es scheint, als könnte ich euch doch noch etwas Wichtiges mitteilen. Vor rund drei Generationen stieg ein Mann zum Dämonenmeer hinab und kehrte lebend zurück – mit Gold, das von Gildmirth dem Freibeuter in den Tiefen dieser Welt angehäuft worden war. Der Betrüger von Sordon- haupt ist tatsächlich nicht tot, meine Herren. Er lebt, kann sich frei in dieser Domäne bewegen und ist an- dererseits doch gewiß gegeißelt – von einer Ewigkeit, die kein Ende kennt. Er steht im Bann einer Willens- schwächung, die seine Kraft zersetzt und ihm von ei- nem Geschöpf beschert wurde, das die Barriere seiner klugen Zaubersprüche durchbrach. Aber er war ein kühner und tapferer Mann, und aus diesem Grund ist er zwar gefangen, nicht aber gebrochen.« Barnar nickte. »Es heißt, er sei ein Körperwandler, gewesen und habe fünf Gestalten besessen – jeweils eine für Feuer, Eis, Erde, Luft und Wasser.« »Inzwischen hat er viel mehr als nur fünf«, entgeg- nete Charnall mit gepreßt klingender Stimme. »Ich werde euch noch davon erzählen. Bei der Quelle die- ser Informationen handelt es sich um den Kaufmann Shalla-Hedron aus Unter-Adelfi. Er war es, der hin- abstieg zum Dämonenmeer und in der Lage war, ei- nige der dort liegenden Schätze für sich zu erringen. Sein Sohn schrieb die Erlebnisse Shalla-Hedrons hierin nieder.« Charnall zeigte uns einen großen Ledereinband mit dem Titel: »Leben, Persönliche Erinnerungen und viele Scharfzüngige Bemerkungen und Kommentare von Grahna-Shalla, Sohn von Shalla-Hedron aus Un- ter-Adelfi, der im Dämonenmeer fischte und mit um- fangreicher Ruhmesbeute zurückkehrte, von der es zu berichten gilt.« Der Gelehrte warf das Buch auf den Tisch. »Fast je- de Zeile ist von ihm – dem Sohn, einem unerträglich aufdringlichen und völlig verblödeten Tropf, der sich durch einen schwülstigen Schwafelstil auszeichnet. Aber was den Rest angeht: Er enthält zwei kurze Sei- ten mit unschätzbaren Informationen. Der Kern der Sache ist folgender – man kann sich die Hilfe des Freibeuters erkaufen. Wie hoch der Preis ist, wird von Shalla-Hedron nicht berichtet; vielleicht erinnert sich sein Sprößling auch einfach nicht mehr daran. Es heißt an einer Stelle nur: ›Es ist ein Preis, den man leichten Herzens zahlt und nie bedauerte.‹ Nun ja. Ich habe ja von Anfang an gesagt, es sei keine allzu große Hoffnung, nicht wahr? Aber es ist immerhin etwas, wenn man möglicherweise auf die, Hilfe eines solchen Verbündeten zurückgreifen kann – wenn ihr nur in der Lage seid, ihn in der Unterwelt ausfindig zu machen ...«,

V

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bevor wir den Wachtposten mitteilten, wir seien nun bereit, Lord Kamin unsere Antwort wissen zu lassen. Es war eines der deprimierendsten Gespräche, die ich je führte. Es schien unvermeidlich zu sein, daß wir die Reise in die Unterwelt unternahmen. Aber es gibt natürlich eine Anzahl verschiedener Pforten, und wie wir hör- ten, befand sich eine davon in der Torvaal-Schlucht, nur rund sechzig Kilometer von Finsterspalte in den Schmelztiegelbergen entfernt, jenem Zugangstor, das wir benutzen sollten. Es gab also die unbestimmte Hoffnung, daß wir zwar nicht umhin kamen, die Hölle zu betreten, es uns andererseits aber erspart blieb, das ganze Dämonenmeer zu durchschwimmen: Wir konnten uns an eine Route halten, die gerade- wegs zum nächsten Ausgang führte. Wie sich aber herausstellte, war Charnall, was seine magischen Künste anging, nicht so mittelmäßig, als daß er nicht den Lebenshaken Undle Neunfingers zu beschwören vermochte. Der entsprechende Zauber stellte die einzige tatsächliche Eigenschöpfung des großen Bücherfreundes dar, zumindest was die Thaumaturgie anging. Er benutzte die Formel, um sich auf diese Weise der Loyalität der in seinen aus- gedehnten Archiven Frondieste leistenden Sklaven zu versichern. Das Leben des Beschwörten obliegt da- durch allein dem Wohlwollen desjenigen, der die Formel einsetzt, und solange die Wirkung des Zau- berspruchs nicht aufgehoben wird, kann einem von, dem Beschwörer jederzeit das Herz aus dem Leib ge- rissen werden. Darüber hinaus versetzt die Formel denjenigen, der sie einsetzt, in die Lage, den Aufent- haltsort des mit diesem Bann Belegten ausfindig zu machen: Er kann ihn zwar nicht jederzeit ganz deut- lich vor sich sehen, aber sein von der Magie ver- stärktes Sehvermögen reicht aus, um zwischen Son- nenschein und dem trüben und bleichen Himmel der Unterwelt zu unterscheiden. In einem Tonfall großen Bedauerns teilte uns Charnall mit, er müsse sein ei- genes Leben schützen, indem er das unsere auf diese Weise einer strengen Kontrolle unterwarf. Es war demütigend! Natürlich waren wir mit Dieb- stahlsabsichten in die Stadt gekommen, aber als man uns verhaftete, hatten wir uns nur einer einwöchigen Erkundung schuldig gemacht. Eins hatten wir inzwi- schen begriffen: Der Befehl, diverse Kostbarkeiten im Zimmer unserer Herberge zu deponieren und uns anschließend mit der »Diebesbeute« zu überraschen, kam direkt von Lord Kamin. Der Mann hatte große Anstrengungen unternommen und schließlich die Tatsache akzeptieren müssen, daß es nur sehr wenige Zauberer gab, deren Fähigkeiten ausreichten, um sei- nen Sohn allein mit Hilfe magischer Formeln in die Welt des Lichts zurückzuholen. Und die wenigen, die von ihm konsultiert worden waren, hatten ihm deut- lich gemacht, was sie von der ganzen Sache hielten: Nur Amateure spielten auf ihr eigenes Risiko mit der Macht der Zauberei. Barnar und ich waren also ge- wissermaßen nichts anderes als Steine, die von einem Soldaten, der gerade Speer und Schwert verloren hatte, auf einen Gegner geschleudert wurden. Wir brachten kaum die Talente mit, die nötig waren, um, dieses Problem zu lösen, und Kamin hatte uns nur deshalb geschnappt und wollte uns als Werkzeuge seiner väterlichen Liebe gebrauchen, weil wir uns ge- rade in der Nähe aufhielten und besser waren als nichts. Vermutlich war die ganze Angelegenheit nicht ohne gewisses Pathos, aber meine Augen blieben dennoch trocken. Welche Schande! Der Dürre Nifft und Barnar Hammerhand – zwei ruhmreiche und hochbegabte Vertreter ihrer Gilde, in die Falle gegan- gen wie zwei dumme Waldhühner, gefesselt mit Stricken aus Magie, dazu verurteilt, in der Welt der Tiefe mit Schwertern gegen Dämonen zu kämpfen! Als die Uniformierten uns in die Konzilskammer ge- leiteten, brauchten Barnar und ich nur wenige ge- murmelte Worte zu wechseln, um unsere Vorge- hensweise abzustimmen. Wir hatten die Absicht, un- sere Würde vom Gold des Rutenherrn Kamin retten zu lassen. Der ehrfurchtgebietende Herrscher saß nicht auf seinem Thron, als man uns in den Saal führte. Er drehte sich um und warf uns einen finsteren und re- spekteinflößenden Blick zu, der uns wie die frostige Bö eines Eiszyklons treffen sollte. Der Mann hatte breite Wangen und kleine, kalt blitzende Augen, aber mit seinen finsteren Blicken war es dennoch nicht weit her. Sie führten nur dazu, daß die Hautwülste seines Halses über den Kragen der goldbestickten Tunika quollen, und dieses Erscheinungsbild erin- nerte uns an den Kopf eines Schweins, der auf dem Dekorationstablett eines Metzgers ausgestellt war. Bei den Konzilsangehörigen handelte es sich in der Mehrzahl um ältere Männer, und ihr Schweigen drückte nicht die Macht Kamins aus, sondern ihre, Neutralität. Während unserer Woche in der Stadt hatten wir genug über die hiesige politische Struktur in Erfahrung gebracht, um zu wissen, daß sie alle rei- che Grundbesitzer oder Viehzüchter waren. Kamin selbst war der Sohn des geachtetsten Rutenherrn der Stadt, und aus diesem Grund konnte er auf ein ge- wisses und nicht geringes Mindestmaß an Beliebtheit beim gemeinen Volk zählen und wurde (innerhalb bestimmter Grenzen) auch von den Wohlhabenden unterstützt. Andererseits aber waren gerade die Rei- chen sicherlich nicht dazu bereit, seine Schande auch zur ihren zu machen, und es hieß, einige von ihnen seien der Aussicht auf eine Dynastie über drei Gene- rationen abgeneigt – zumal er eine Stelle bekleidete, über die traditionell mit einer Wahl entschieden wur- de. Wimforts Vergangenheit und die mißliche Lage seines Sohnes stellten daher für den Rutenherrn unsi- cheres Terrain dar, und seine Arroganz uns gegen- über machte deutlich, daß er sich darüber klar war. Er wollte diese Sache endlich erledigt wissen, ohne langatmige Diskussionen, die den Konzilsangehöri- gen nur allzu deutlich vor Augen führen würden, welche Last Kamins Sprößling in letzter Zeit für die Stadtgemeinschaft gewesen war. Der Rutenherr wollte, daß wir uns endlich mit unserem Schicksal ab- fanden und seinen Auftrag so rasch wie möglich und ohne Murren in Angriff nahmen. »Jetzt wißt ihr, worum es geht«, sagte er. »Wenn ihr den Jungen zurückbringt, wird eure Verurteilung rückgängig gemacht. Das Konzil hat sich bereits da- mit einverstanden erklärt. Also gebt uns nun eure Antwort: Wählt ihr die Reise in die Unterwelt – oder den Tod?«, Ich verneigte mich. »Ich versichere dir, mein Lord, Barnar und ich sind in einem Punkt einer Meinung: Du bist sehr respekteinflößend und ehrfurchtgebie- tend, wie du so vor uns aufragst und uns ernst und finster anstarrst. Ja, wenn man sich dir gegenüber- sieht, mag sich ein aufrechter Mann ducken. Aber wenn du glaubst, Barnar und ich würden nur für ein ›Leckt mich am Arsch und gehabt euch wohl‹ eine Reise durch die Unterwelt antreten und durch das Höllenmeer schwimmen, kannst du uns getrost den Buckel runterrutschen. Wir sind einverstanden, ja – aber unter den Bedingungen, die ich stelle. Zuge- ständnisse unsererseits kannst du nicht erwarten. Und wenn dir nicht paßt, was wir für unsere Dienste verlangen, laß uns ruhig wieder in die Zerrpranger spannen. Wir würden lieber sterben, als unsere Re- putation zu beflecken, indem wir das ›Geschäft‹ ak- zeptieren, das du uns vorzuschlagen geruhst.« Kamin war einer der Männer, die ihre Stärke nur aus der Gewohnheit des Erfolgs beziehen. Wirklich unerschütterlich war er nicht, und er verfügte auch über keine sonderlich ausgeprägte geistige Disziplin. Ein Hauch von Unverschämtheit reichte schon aus, um seine Miene mit hochrotem Glanz zu überziehen. »Du frecher, dreister und hinterhältiger Hund!« strömte es gurgelnd aus ihm heraus. »Du arroganter Gossenkriecher. Ich lasse euch ... ich lasse dich ...« »Oh, natürlich, hocherhabene Eminenz«, erwiderte ich. »Du läßt. Tja, was ließest du nicht alles mit uns machen? Du bist zu klug, um das Risiko einzugehen, dir selbst die Hände schmutzig zu machen. Aber ich will dir eins sagen: Du hast uns einmal zum Narren gehalten, indem du uns unter falschem Vorwand an-, geklagt und verurteilt hast. Dieses eine Mal ist genug. In Ordnung, wir machen uns auf den Weg in die Unterwelt, und du kannst nur von Glück sagen, daß ausgerechnet wir in deine Falle gingen und niemand anders. Wir haben unseren guten Ruf zu wahren. Es behagt uns nicht, ein so schwieriges Unternehmen wie dieses zu meiden – aber wir lassen uns keines- wegs zu etwas zwingen. Wir erwarten die Bezahlung, die wir fordern – Helden sind teuer. Und damit hast du dich abzufinden, du arrogantes Großmaul, du dickwanstiger Sodomit, du aufgeblasene und prahle- rische menschliche Eiterbeule.« In dieser letzten Bemerkung vermischte ich Ge- schäftsinteressen mit ganz persönlichem Vergnügen. Wir mußten ihn beleidigen, um ihm unsere Ernsthaf- tigkeit zu verdeutlichen. Sonst hätte er vielleicht ver- sucht, unseren Standpunkt zu erschüttern und uns mit der Folter Gehorsam abzuringen. Kamin war wie vor den Kopf geschlagen. In den Reihen der Konzilsangehörigen herrschte völliges Schweigen. Die Männer sogen jedes einzelne Wort in sich auf, um nachher ihren Freunden und Bekannten davon zu berichten. Das Gesicht des Rutenherrn glühte wie ein Signalfeuer, und er warf einen kurzen Blick zu den Wachen. Die Uniformierten traten unsi- cher einige Schritte vor, aber Kamin brachte kein Wort über die Lippen und war auch nicht fähig, ih- nen mit einem barschen Wink einen Befehl zu geben. Er mußte uns jetzt entweder umbringen oder nach unseren Bedingungen fragen. Barnar und ich wußten genau, für welche der beiden Möglichkeiten er sich entscheiden würde. Aber er brauchte eine ganze Weile, um die bittere Pille zu schlucken, die ich ihm, auf den Teller gelegt hatte. Schließlich gelang es ihm, einigermaßen die Fassung wiederzugewinnen und eine gewisse Erhabenheit zur Schau zu stellen. Er setzte sich. Eine Zeitlang starrte er auf den Boden, dann wandte er mir ein maskenhaft ausdrucksloses Gesicht zu. »Wie lauten eure Bedingungen?« fragte er. »Dein Schreiber soll sie schriftlich festhalten, wäh- rend ich sie nenne, und anschließend mußt du dich ausdrücklich und förmlich damit einverstanden er- klären.« »In Ordnung. Ich bestätige sie mit der Kraft meines Amtes – wenn sie akzeptabel sind.« Und so nannte ich ihm unsere Bedingungen. Wenn wir zusammen mit seinem Sohn aus Finsterspalte wieder herauskamen, sollten wir Pferde erhalten, für jeden eine komplette neue Waffen-Ausrüstung, das Versprechen, nicht verfolgt zu werden, Freiheit für Charnall, der auf der Stelle aus dem Arrest entlassen werden mußte, damit er uns begleiten konnte, und vier Packtiere. Ich mochte Charnall sehr, aber unser Hauptgrund, ihn der Willkür Lord Kamins zu entreißen, war fol- gender: Wir mußten sicherstellen, nachher wieder vom Lebenshaken Undle Neunfingers und anderer Zauberformeln befreit zu werden, deren Beschwö- rungsbann sich zusammen mit der schützenden Ma- gie über uns stülpen mochte, der wir uns vor Beginn des Abstiegs zu unterwerfen hatten. Und was die Packtiere anging: Ich erklärte ihre Notwendigkeit erst, nachdem ich die Einzelheiten in Hinsicht auf die anderen Punkte dargelegt hatte. Das dauerte eine ganze Weile, und der Federkiel des Schreibers, knirschte und kratzte über das Pergament und hielt mit meinen Worten Schritt. Schließlich fügte ich hin- zu: »Und, gleichmäßig aufgeteilt auf die vier Packtie- re, vier Zentner puren Goldes, sicher verstaut in Sat- teltaschen aus festem Leder.« Mit den Händen vorm Gesicht hatte Kamin auf die Nennung des echten Preises gewartet. Jetzt erbebte er leicht, wahrte aber sein Schweigen und hob nicht einmal den Kopf. Nach dem, was wir bisher von dem Rutenherrn in Erfahrung gebracht hatten, stellte un- sere Forderung rund ein Drittel seines persönlichen Vermögens dar – und er konnte sicher sein, für diesen Zweck nicht eine einzige Münze aus dem Stadtsäckel zu erhalten. Es hätte mir auch gefallen, zwei Drittel seines Reichtums zu verlangen, aber nur ein Narr fordert so viel, daß einerseits eine Verfolgung sicher ist und andererseits durch das große Gewicht eine ra- sche Flucht unmöglich gemacht wird. Der Federkiel kratzte. Wachs und Siegel wurden gebracht. Kamin rührte sich nicht, und ich glaubte schon, das Wachs würde wieder hart werden, bevor er die Überein- kunft mit seinem Zeichen bestätigte. Dann stieß er das Siegel seufzend in die weiche Masse hinein, griff nach dem Federkiel und setzte seine Unterschrift un- ter das Velin. Er lehnte sich wieder zurück und starrte mich an, als sei ich eine bestimmte Art von Pestilenz, die zu erdulden das Schicksal ihm abverlangte. Bei seinem Anblick stieg Übelkeit in mir empor, und ich schüttelte die Faust in seine Richtung. »Bei der Schwarzen Spalte, Rutenherr«, knurrte ich. »Ich wünschte, du würdest uns begleiten. Dann sä- hest du ein, daß unser Preis keineswegs zu hoch ist.«,

VI

Bei der Pforte in die Unterwelt, die gemeinhin als Finsterspalte bezeichnet wird, handelt es sich um ei- nen alten Minenschacht in den Schmelztiegelbergen. Jenes Gebirge ist ein felsiger, erratischer und kahler Höhenzug am Rande einer Wüste, und wir erreichten es am Nachmittag eines windigen und strahlenden Tages. Während unsere Rösser die Serpentinen hin- aufkletterten, den Gipfeln entgegen, blickten Barnar und ich zum sich grenzenlos über unseren Köpfen spannenden blauen Himmel empor, und wir emp- fanden dabei etwas, das unserer Eskorte völlig abge- hen mußte. Um uns herum flüsterte und zischte der Wind wie in jeder trockenen Felsenlandschaft. Es war eine traurige, vertrauensvoll wispernde Stimme – ein Geräusch, das ich immer gemocht hatte. Wir waren fast bis zu den Gipfeln emporgestiegen, als der hinter mir reitende Charnall mir ein Zeichen gab und in die Wüste hinabdeutete. An den Hängen der Vorberge des Höhenzuges konnte ich nun eine Ruinenstadt ausmachen. Es muß eine große Stadt gewesen sein, die jedoch zum überwiegenden Teil aus Holz bestand. Die von Wind und Wetter ge- bleichten Wände, die noch standen – teilweise über- wuchert von struppigen Dornbüschen –, erinnerten mich an die runzligen Panzerhüllen von Insekten, die im Winter in staubigen Spinnennetzen hängen. Der Rest des ehemaligen Stadtgebietes wurde bedeckt von Unkrautfeldern – dort, wo zersplitterte Bretter und umgestürzte Pfähle den kargen Boden gedüngt hatten., »Westhütte«, sagte Charnall. In diesem einen Wort drückte er all die Lebendigkeit aus, von der jener Ort einst durchdrungen gewesen sein muß – Tavernen vol- ler Gesang, Gauner, Schwindler, Huren, die Nächte erfüllt von lärmender Musik und den grölenden Stim- men der Männer, die mit gezogenen Schwertern vor- einander standen. In zwanzig Jahren kann eine Stadt kaum eine eigene, fest verwurzelte Kultur ausbilden, aber sie vermag sehr groß und lebendig zu werden. Und irgendwann war dann schließlich jener Tag ge- kommen, an dem die Arbeiter in den Bergen den Schacht einen Meter zu tief gruben. Das ganze Zen- trum des Gebirges, das der Schacht durchstoßen hat- te, war erbebt, eingebrochen und in die unvermutete Unterwelt gestürzt, die sich darunter erstreckte. Die Glücklicheren unter den Bergleuten – jene, die weiter oben im Schacht tätig gewesen waren – schafften es, ans Tageslicht zurückzukehren und noch einmal die Sonne zu sehen, bevor das Schicksal sie ereilte. Und dann stürzte der in der Tiefe lauernde Schrecken ei- ner Lawine gleich aus dem Berg hervor und ergoß sich auf die Stadt Westhütte, deren Bewohner damals völlig ahnungslos gewesen waren. Menschliche Stimmen ließen plötzlich einen ganz anderen und Entsetzen ausdrückenden Gesang in den Straßen der Stadt erklingen, und viele Bürger tanzten tage- und nächtelang, umklammert von Dämonenarmen, aus denen sie sich nicht befreien konnten. In jenen Tagen gischtete eine Menge Dunkelheit und vielfacher Schrecken aus Finsterspalte – bis jemand von der Äl- testenliga auf die Durchbruchsstelle aufmerksam wurde, seinen geflügelten Sklaven bestieg und her- kam, um den offenen Zugang wieder zu schließen., Und nun näherten wir uns dem Schacht. Sein An- blick war unglaublich ekelhaft: Er kam einem solchen Schock gleich, als wären seine schroffen Felsen über meine Augen geschabt. Finsterspalte. Ein bodenloses Loch, das bis zum Rand mit Dunkelheit gefüllt war. Ein verzerrtes Maul, das eine schwarze Fluchsilbe für ewige Zeiten der Sonne entgegenschleuderte. Barnar und ich stiegen ab und traten an den Rand des Loches heran. Es war, als blickte man durch einen Riß in der Zeit: Im Innern des Schachtes lag noch all das, was die Ar- beiter zurückgelassen hatten, so, als hätten sie sich gerade davon abgewandt – obgleich inzwischen fast drei Generationen vergangen waren. Wir drehten uns um und starrten ungläubig auf die gesplitterten Kno- chen der Stadt hinab. Dann betrachteten wir wieder das, was sich in der Zaubersphäre des Schachtes un- seren Blicken darbot, was sich die Zeitlosigkeit der Unterwelt einverleibt hatte. Dort hatten der Fleiß, der Einfallsreichtum und die Hoffnungen Westhüttes überlebt. Sie bezeugten die Vitalität und Entschlos- senheit, die die Bewohner der Stadt einst ausgezeich- net hatten. Soweit ich weiß, war die Methode ihrer Bergbauar- beit weit und breit einzigartig. In Westhütte hatten fähige Schmiede gelebt, die Erzkarren aus Eisen ge- fertigt und mit eisernen Rädern versehen hatten. Die Räder wiederum wurden von zwei stählernen Schie- nen geführt, die genau parallel zueinander lagen und von Tausenden von in den Boden getriebenen höl- zernen Dübeln gehalten wurden – jeweils zu beiden Seiten der Schienen. Dicke Kabel gingen von den Kar- ren aus und führten zu Winden, mit deren Hilfe man, sie durch den Berg gezogen hatte. Eine dieser Appa- raturen konnten wir ganz deutlich sehen. Aufgrund der Größe und Konstruktion der Winde schlossen wir sofort auf das ungeheure Gewicht, das sie hatten zie- hen können – sehr rasch und ohne daß sich der Mann, der die Kurbel bediente, anstrengen mußte. All dieser glänzende, geschmiedete Stahl, starr und schweigend, einverleibt und verschluckt von Mäch- ten, gegenüber denen sich selbst die einzigartigsten Beispiele menschlicher Genialität nur als Sandburgen an einem stürmischen Strand erweisen. Wie deutlich wir am Rande jener Pforte die irre und aussichtslose Verwegenheit unseres Unternehmens spürten! Was waren unsere Werkzeuge, verglich man sie mit all dem unbeweglichen Eisen? Zwei Kurzschwerter, zwei Langschwerter, zwei Schleudern, zwei Speere, zwei Wurfspieße, zwei Schilde. Sicher, unsere Ausrü- stung war nicht schlecht – alles andere als das! Dar- über hinaus hatte Charnall drei Zaubersprüche um unsere Körper gewoben. Der erste war der Segen des Reisenden, den wir als eine Leere in Kehle und Ma- gen empfanden: Solange die Wirkung anhielt, wür- den wir weder etwas zu essen noch zu trinken brau- chen. Der zweite war der Zauber des Lebhaften Blu- tes. Der fühlte sich an, als hätten wir eine gehörige Portion Anregungskraut genossen. Meine Muskeln waren so angespannt und unruhig wie eine Horde hungriger Ratten, und meine Adern waren derart an- geschwollen, daß ich den Eindruck hatte, dicke Wurmleiber schlängelten sich mir um den Arm. In Situationen, bei denen es auf Flinkheit und Ausdauer ankam, war dies gewiß eine wertvolle Hilfe. Beim dritten Zauberspruch handelte es sich um den Le-, benshaken. Jene Formel empfand ich als kleine, wun- de Stelle mitten im Herzen – die Art von dumpfem Schmerz, den manchmal eine alte Narbe verursacht ... eine fleischliche Erinnerung an Pein. Den Vorteil da- von hatte allein derjenige, der über die Kraft der ma- gischen Beschwörung gebot. Ein Gefühl völliger Einsamkeit bemächtigte sich meiner, und offenbar hatte Barnar die gleiche Emp- findung, denn wir drehten uns gleichzeitig um. Und ich lachte beinah auf, als ich sah, wie allein wir tat- sächlich waren, wie weit vom Rande des Schachtes entfernt Kamin, Charnall und die fünfzig Soldaten unserer Wacheskorte Aufstellung bezogen hatten. Viele der Soldaten, die hier ihr Lager aufschlagen würden, um unsere Rückkehr abzuwarten, vermie- den es sogar, auch nur in die Richtung der Finster- spalte zu blicken. Kamin saß hoch aufgerichtet im Sattel und verbarg sein nervöses Unbehagen hinter einer Maske aus Verachtung. Charnall kauerte in sich zusammengesunken auf dem Rücken seines Pferds und wich unseren Blicken aus. Barnar grinste schief. »Warum offenbart ihr eine solche Bescheidenheit?« rief er. »Ihr haltet euch so fern von uns, ihr Herren! Vielleicht ist es Taktgefühl? Habt ihr Angst, wir würden euch anschnauzen, wenn ihr an uns herantretet, um uns Glück zu wünschen?« Bei diesen Worten stieg Charnall ab und eilte in schuldbewußter Hast auf uns zu. Er stolperte dann und wann. Er konnte sich das, was uns erwartete, weitaus lebhafter und kontrastreicher vorstellen als die anderen, und ich glaube, er fürchtete um unser Wohl – mehr noch, als er sich um seine eigene Zu- kunft sorgte. Als er auf uns zutrat, hielt er die rechte, Hand ausgestreckt. Dann aber überlegte er es sich anders, ließ sie sinken und bot uns statt dessen die linke an. An der rechten Hand trug er nämlich den gravierten Ring, auf den er die Kontrolle über die Le- benshaken und die beiden anderen Zaubersprüche fi- xiert hatte, mit denen er uns belegt hatte. Ich konnte es nicht unterlassen, meinen Blick mit deutlicher Iro- nie kurz auf dem Ring verweilen zu lassen. Charnall zuckte die Achseln und lächelte bekümmert. Ich war der Meinung, darauf meinerseits mit einem Lächeln antworten zu müssen. »Was sind wir doch für Narren«, wandte ich mich an ihn, »trotz all der Fähigkeiten, die wir für uns in Anspruch nehmen. Glaubst du etwa, es könnte uns tatsächlich gelingen? Ich meine, wenn ich mir diese ganze Sache nicht einbilde, dann vielleicht du.« »Und wenn das der Fall ist«, fügte Barnar hinzu, »so kannst du meinetwegen ruhig jederzeit aufhören zu träumen. Warum denn unbedingt übertreiben? Den Rest könntest du einfach zusammenfassen und uns bei einem gemütlichen Frühstück erzählen.« »Nifft, Barnar. Ihr wißt doch, daß diese ganze An- gelegenheit ... ich meine, so wie diese Sache jetzt an- gefaßt wird ... nichts hätte mir ferner gelegen ... Ich meine, mal ganz abgesehen davon, daß ich euch kannte und wußte, daß ihr in der Stadt seid, ganz zu schweigen von dem Plan ...« Ich klopfte ihm gutmütig auf die Schulter und ant- wortete: »Frieden, mein kleiner Magier.« Angesichts dieses Kosewortes lächelte er reumütig. »Charnall, mein Bester, du weißt viel zu gut, was es bedeutet, in die Unterwelt hinabzusteigen, als daß dieser ganze Plan deinem Hirn entsprungen sein könnte. Nur ein, arroganter Dummkopf wie Kamin kann auf eine sol- che Idee kommen.« Charnall nickte und drehte den Kontrollring an seinem Finger sinnend hin und her. »Es ist einfach lä- cherlich«, sagte er, »vielleicht sogar völlig absurd. Aber ich denke dauernd, wenn ich in dem Jungen das gefunden hätte, was zu schätzen und lieben sich lohnt, wäre all dies nicht nötig und käme nicht einer dermaßen wahnsinnigen Verschwendung von ...« Er- schrocken unterbrach er sich. »Einer solchen Verschwendung unserer Leben gleich«, vervollständigte Barnar zuvorkommend. Charnall nickte, schüttelte dann aber ärgerlich den Kopf. »Nein. Es gibt ja noch Gildmirth. Er lebt dort unten. Es gibt einen wahren Kern in dieser Legende. Als ich sie erstmals hörte, wußte ich sofort, daß sie nicht ein- fach frei erfunden ist. Mehr noch: Ich konnte den Mann, von dem die Sage berichtet, förmlich vor mir sehen; ich spürte eine einzigartige, vitale Persönlich- keit zwischen den Zeilen, die seine Heldentaten schildern. Ich meine: Wenn ich darüber nachdenke, empfinde ich tatsächlich Hoffnung, und wenn ihr ihn finden und zu ihm gelangen könntet ...« Seine eigenen Worte brachten ihm wieder den Wahnsinn und die Nutzlosigkeit des ganzen Unter- nehmens zu Bewußtsein. Er ließ die Schultern hän- gen. Ich umfaßte tröstend seinen Arm und sah Barnar an, der daraufhin nickte. Ich hob zum Abschied die Hand und rief Kamin zu: »Wir steigen nun hinab und machen uns auf die Suche nach deinem Bengel, Vieh- König! Kehr jetzt nach Hause zurück und sei dir über einen Punkt klar: Wenn du überhaupt irgendeine, Hoffnung hast, dann gründet sie sich auf zwei Män- ner, die du ihrer Freiheit beraubtest und zu Loyalität zwangst. Wenn dir ein solcher Gedanke Trost spen- den sollte, dann erfreue dich meinetwegen daran.« Ein Soldat ritt mit zwei brennenden Fackeln und einem Bündel auf uns zu, das einige Dutzend weitere enthielt. Als er sich dem Schacht näherte, malte er sich mit der Hand ein Zeichen zur Abwehr des Bösen vor die Augen und bemühte sich, mit gesenktem Kopf keinen noch so flüchtigen Blick auf die Schwär- ze des vor uns liegenden Abgrunds zu werfen. Wir hielten die beiden entzündeten Fackeln hoch über den Kopf und schritten in die Finsterspalte hin- ein. Wir hatten das Gefühl, in etwas Fremdes einzu- tauchen, und es schien, als stemme sich uns der zähe Widerstand einer öligen Flüssigkeit entgegen. Da wir Menschen waren, spürten wir sonst nichts beim Hin- abklettern – keinen Hauch jener Pein, den der Barrie- renzauber jedem Dämonen bescherte, der versuchte, die unsichtbare Sperre von der anderen Seite her zu durchdringen.,

VII

Aufgrund der ständigen Neigung nach unten und den drei Schienenpaaren für die Erzkarren blieb der Hauptschacht auch dann noch deutlich erkennbar, als rechts und links zahlreiche Nebengänge abzweigten. Wir wanderten durch eine warme und rötlich-braune Finsternis, die durchsetzt war von einer flüchtigen und abstoßenden Bitterkeit, die man nicht nur roch und schmeckte, sondern auch wie einen Fieberhauch auf der Haut fühlte. Und ich hätte schwören können, daß sich der Fackelschein in der Dunkelheit nicht fä- cherförmig ausbreitete und langsam verblaßte. Das Licht reichte nur wenige Meter weit und hüllte uns in zwei gespenstisch glühende Blasen. Dahinter wim- melte es in der Finsternis von Schatten und Schemen, die vom flackernden Licht nicht gänzlich aus der Dunkelheit gezerrt werden konnten. Innerhalb der beiden Lichtblasen gewann man aufgrund der hin und her huschenden Schatten den Eindruck, als riefe unsere Wanderung die seit vielen Jahren toten Seelen der Bergleute aus Westhütte in ein zielloses und ner- vöses Leben zurück. Halb umgekippte Erzwagen schienen im düsteren Zwielicht auf uns zu lauern und gegen die trübe Finsternis anzukämpfen, in die die eisernen Räder eingegraben waren. Sie schienen sich danach zu sehnen, wieder loszurollen und Ab- raum und Erz zu befördern. In den kleinen War- tungsschmieden, die man in bestimmten Abständen in Wandnischen eingerichtet hatte, wanden sich die am Boden liegenden Schlitten und umgestürzten Ambosse widerspenstig im elastischen Gespinst der, Finsternis hin und her, in einem Netz, das sie erbar- mungslos umklammert hielt. Es war, als hätten wir sie dazu veranlaßt, von den geschäftigen und fleißi- gen Händen der Männer zu träumen, die sie kon- struiert hatten. Alles war in völliges Schweigen ge- hüllt – eine Stille, die von unseren knirschenden und knackenden Schritten zwar beeinträchtigt, nicht aber durchbrochen wurde. Es war ein bedrückendes Schweigen, durchsetzt mit einer Vielzahl von Fast- Geräuschen – ein großer schwarzer Schlund, in des- sen unauslotbar tiefer Kehle ganze Heerscharen Ge- peinigter gefangen waren und ihrem Leid mit unver- ständlichem Wispern und Raunen Ausdruck verlie- hen. Eine Ewigkeit verging, bei der es sich doch um nicht mehr als nur zwei Stunden gehandelt haben kann. Als unser zweites Paar Fackeln ausbrannte, er- reichten wir eine große Kaverne. Ursprünglich hatte diese Halle als Rangierplatz für Erzkarren gedient. Dutzende von ihnen standen in dem zentralen Irr- garten aus Weichen und Schienen. Vor vielen Jahren waren sie hier bereitgestellt worden, um irgendwann einen neuen Wagenzug zu bilden, der jedoch nie über die Geleise gerollt war. Die Karren erstaunten uns, da sie unterschiedlich groß waren. Neben denen, die uns aufgrund ihrer Ausmaße bereits vertraut waren, gab es noch einmal die gleich Anzahl eines Typs von doppelter Größe. Jene Riesenkarren konzentrierten sich auf der gegenüberliegenden Seite der Rangier- kammer, dort, wo der Schacht, dessen Verlauf wir bisher gefolgt waren, weiter in die Tiefe führte – viel steiler und mit breiteren Geleisen. Daraus schlossen wir, daß die größeren Wagen ausschließlich für eine, Verwendung im anderen Bereich des Schachtes vor- gesehen waren. In dieser Verteilerhalle hatten die Riesenkarren dann ihre gefräßig aufgenommene La- dung auf handlichere Ausführungen verteilt, die man dann mit Winden den langen Weg bis hinauf zum Tageslicht emporgezogen hatte. Man hatte uns diesen Ort geschildert. Hier be- schrieb die Haupt-Erzader eine plötzliche Wendung steil nach unten, während sie sich gleichzeitig ver- dickte und zu beeindruckender Üppigkeit anschwoll. Die Ingenieure von Westhütte hatten nur kurz gezö- gert, dann waren sie in vollem Galopp weiterge- stürmt, um den Abbau der Erzader noch zu be- schleunigen. Die Folge war ein Aufwind, der die Stadt und ihre Geschäfte erblühen ließ. Westhütte erlebte einige Jah- re des raschen Aufschwungs und gleichbleibender, recht hoher Gewinne. Wenn man uns richtig infor- miert hatte, war die Entwicklung der Stadt in jenem Zeitraum zu vergleichen mit dem sich hindernis- und problemlos über eine Strecke von rund sechs Kilo- metern erstreckenden Hauptgang, der von dieser Rangierkammer in die Tiefe führte und viel breiter und höher war als der, durch den wir bis hierher ge- langt waren. Nach jener Strecke dann würden wir die nächste Wendung im Verlauf des Minenvermögens erreichen, bei der es sich um eine Kurve (eigentlich mehr eine Krümmung) im Verlauf des Schachtes handelte. Man hatte uns gesagt, daß der Tunnel nach dem Bruch noch einen weiteren Kilometer in den Berg hineinführte, um dann in einer zerklüfteten Kante direkt über dem Abgrund der Unterwelt zu enden. Wir durchquerten die Halle mit den Schienen, und Weichen des Rangierplatzes und schritten weiter in die Tiefe. Der gewagtere Neigungswinkel, die größere Di- mensionierung der Erzwagen und der übrigen Aus- stattung – diese Kombination war auf subtile Weise erschreckend, da in ihr jene Einstellung zum Aus- druck kam, die damals in der Stadt vorherrschend gewesen war. Die Einwohner hatten sich von Glück und Erfolg regelrecht benebeln lassen. Es ging ziem- lich steil hinab, und das machte den gefährlichen Frohsinn deutlich, dem die anfängliche vorsichtige Skepsis schließlich erlegen war. Und der Größen- wahn, der zur Konstruktion der riesenhaften Appa- raturen geführt hatte, verriet das maßlose Anschwel- len von Westhüttes Appetit, den großen Reichtum des Berges für sich in Anspruch zu nehmen. Arme, glücklose Wichte! Mit welcher Hast sie darangegan- gen waren, sich an den Eingeweiden des Berges zu laben – und mit welcher überstürzten Eile sie der in der Unterwelt lauernden Dämonenbrut ein ganz an- deres Festmahl beschert hatten: sich selbst. Die Querbalken der Gleise wurden glitschig und schlüpfrig, als die Rangierkammer einen knappen Kilometer hinter uns lag. Barnar rutschte aus und fiel zu Boden, wodurch seine Fackel erlosch. Als er sich wieder in die Höhe stemmte, unterbrach ich seine gemurmelten Flüche: »Sieh mal, dort vorn. Wird es da heller?« Es war tatsächlich der Fall. Zunächst konnte man das, was wir sahen, kaum als Lichtschein bezeichnen. Es handelte sich um eine ölige Blässe, die die Finster- nis mit diffusen Schleiern durchsetzte, mehr nicht. Kurz darauf begannen die Konturen des Schachtes, vor uns immer deutlicher zu werden, aus der Dun- kelheit gezerrt von einem glänzenden, gelblichen Schimmern. Barnar verlor erneut das Gleichgewicht, und dann fiel ich zu Boden. Mein Sturz war weitaus schlimmer als im Falle Barnars, und ich erlebte eine wirklich erstaunliche Schmerzflut, als ich gezwungen wurde, die Wucht des Aufpralls nur mit den Ellenbo- gen auf den glitschigen Schienenbalken abzufangen. »Barnar«, stieß ich zwischen zwei rasselnden Atemzügen hervor. »Hinter dem Einsturz ... Es muß steiler werden ... Dann können wir uns einfach in die Tiefe hangeln ... Ein ganz schlichtes, stinkendes, ver- gammeltes, dreimal verfluchtes und verdammtes Seil ... an dem man sich festhalten kann ...« Mein Vorschlag beinhaltete mehr Mühe, als ich mir damals vorstellte. Natürlich war es nur eine Hoff- nung, unterwegs zusätzliche Seile zu finden, mit de- nen wir unser Tau verlängern konnten. Aber bevor wir weitergingen, sammelten wir alles, was wir fin- den konnten, knüpften aneinander und rollten zu- sammen – und sei es auch nur aus dem Grund, weil wir nicht wußten, wie wir vom Schacht aus den Bo- den der Unterwelt erreichen sollten. Nach allem, was wir bisher wußten, reichte ein einfaches Seil vielleicht dazu aus. Aus dem auf diese Weise geschaffenen Vorrat – und dem, was wir unterwegs auflasen – spulten wir bei unserem Weitermarsch mit gleichmä- ßigen und mechanischen Bewegungen hinter uns eine Sicherheitsleine ab. Wir drangen tiefer vor in den schwefeligen Dunst, in dem Gleise, Schwellen, Stütz- balken und Wände allmählich deutlichere Konturen annahmen – Objekte, die sich aus den Nebelschlieren selbst zu formen schienen. Vier Fackeln später – wir, benutzten sie, obwohl wir Licht eigentlich nicht brauchten; sie erinnerten uns an die Welt unter der Sonne – erreichten wir die Bruchstelle des Schachtes, jenen durch die Katastrophe hervorgerufenen Sturz, den Charnall als »Krümmung« bezeichnet hatte. Hier begann der letzte Abschnitt: Hinter dieser Stelle wa- ren die Gesteinsformationen des Tunnels teilweise in den Abgrund der Unterwelt hinabgestürzt, und der Rest war nur knapp dem Schicksal entgangen, dem der größte Teil des Berginneren zum Opfer gefallen war. Der Megalith nahm noch immer seinen Platz in der granitenen Architektur der Oberwelt ein – auch wenn er sich zur Seite geneigt hatte und nun eine dramatisch schiefe Formation bildete. Die daraus re- sultierende Diskontinuität war beeindruckend und erschreckend. Der Schacht hatte sich völlig in sich verdreht. Die Felsenwände waren überall aufgebro- chen, obgleich sich die ebenfalls stark in Mitleiden- schaft gezogenen Stützbalken als stabil erwiesen hat- ten. Die Gleise hatten die Katastrophe ebenfalls über- standen, auch wenn sie sich infolge der Krümmung des Tunnels zum Teil von den ihnen Halt gebenden Schwellen gelöst hatten. Einige der Schienen be- schrieben einen wie von Künstlerhand geschaffenen Bogen durch die Luft und senkten sich dann abrupt wieder hinab, um dem Verlauf des fast vertikalen Sturzes zu folgen, der sich an die erratische Verschie- bung anschloß. An dieser Stelle waren wir beide überaus glücklich über meine kluge Voraussicht im Hinblick auf das Seil, denn der letzte Abschnitt des Schachtes wies oftmals Hänge mit einem Neigungs- winkel von sechzig oder gar siebzig Grad auf, die es zu überwinden galt. Und das schwefelige und dun-, stige Licht der Unterwelt, das den Tunnel erglühen ließ, schien jetzt erst recht die Fähigkeit zu entwik- keln, alles, was es anstrahlte, mit einem schmierigen, glitschigen Ölfilm zu überziehen. Und doch vergaßen wir sofort die Mühsal, auf dem trügerischen Untergrund voranzukommen, als wir eine bestimmte Sache entdeckten, die uns unten er- wartete – oder, besser gesagt, als wir plötzlich etwas begriffen und richtig interpretierten, dessen wir schon seit geraumer Weile ansichtig geworden waren. Das Etwas befand sich direkt am Rande unseres Sichtfel- des, und es handelte sich dabei um einen zerfaserten gelben Fleck, der von grauen Streifen und Linien durchsetzt war. Und als uns plötzlich bewußt wurde, daß dies ein Stück des vom Ende des Schachtes um- grenztes Unterwelthimmels war, bot sich unserer fas- zinierten Neugier ein weiteres Rätsel zur Lösung an: Was konnte das unregelmäßig geformte graue Netz- werk bedeuten? Wir stiegen weiter hinab und setzten den einen Fuß mit geistesabwesender Vorsicht vor den anderen, während unsere Aufmerksamkeit allein dem Himmelsfleck galt und unsere Augen versuch- ten, einen Sinn in den kreuz und quer durcheinan- derlaufenden Linien zu finden. Aber wir waren dem Ende des Tunnels schon recht nahe gekommen, als uns der räumliche Charakter der Erscheinung deutlich wurde. Schließlich erkannten wir, daß alle Fäden des komplexen Gespinstes außer- halb des Schachtes hingen, daß das in sich verschlun- gene Takelwerk sich aus irgendeinem Grund hinter der zerklüfteten Öffnung des Tunnels erstreckte. Dann plötzlich drang eine murmelnde Warnung an mein Ohr. Ich ging Barnar am Seil voran und ver-, nahm hinter mir eine flüchtige Silbe der Vorahnung – ein heiseres Summen wie von einer vormals ange- spannten und nun losgelassenen Bogensehne. Dieses Geräusch wehte mir an die Ohren, und nach dem Hauch eines Augenblicks – einer Zeitspanne, die kaum ausreichte, die Hand fest zu schließen, obwohl es mir trotzdem gelang, das Halteseil fest zu umfas- sen – verspürte ich einen heftigen Schlag in Höhe der Kniebeugen. Die Beine wurden mir so abrupt unter dem Leib weggerissen wie Kegel. Aber ich ließ das Seil nicht los – was jedoch beinahe dazu führte, daß sich mir die Schulter auskugelte: Eine Zeitlang streckte sich mein Leib so lang aus wie eine Fahne, an der heulender Sturm zerrt. Eine ganze Weile bevor ich zu Boden stürzte, machte ich mir klar, es sei weit- aus ratsamer, nicht zu Boden zu stürzen – und wenn es doch unumgänglich war, so war es besser, das Un- vermeidliche möglichst schnell hinter sich zu bringen. Eins war mir zu jenem Zeitpunkt völlig klar: Diese Falle erfüllte ganz offensichtlich den Zweck, mich vom Halteseil fortzustoßen und fallen zu lassen. Tatsächlich hatte das Seil die Falle daran gehindert, mit voller Wirkung zuzuschnappen. Der Schlag, der mich getroffen hatte, hätte einen Mann, der nicht wie ich über einen guten Halt verfügte, geradewegs über den zerklüfteten Rand des Schachtes hinausgeschleu- dert und gegen einen der scharfkantigen Vorsprünge über dem von labyrinthenen Fadengespinsten durch- zogenen Höllenabgrund geschmettert. Aus einem in- stinktiven Reflex heraus richtete ich den Blick auf die bedrohliche Stelle, während ich dem Ziehen der Schwerkraft nachgab – denn ich sah ein, daß ich ei- gentlich keine andere Wahl hatte – und den hartnäk-, kigen Wunsch meines Leibes erfüllte, zu Boden zu stürzen: Wer nicht hören will, muß fühlen. Ganze Sonnen explodierten dicht vor meinen Pu- pillen, aber ich wandte den Blick nicht von dem anvi- sierten Ziel ab. Und während mein vom Schmerz ge- beutelter Torso dahinschlingerte und den hektischen Versuch unternahm, die Beine wieder dorthin zu be- kommen, wohin sie gehörten, während sich die wei- ßen Nebelschwaden vor meinen Augen auflösten und mein Sehvermögen sich erfreulich normalisierte, während ich mit der rechten Hand nach dem verlo- rengegangenen Speer tastete – während all dieser quälend endlosen und kostbaren Sekundenbruchteile, die mich völlig beanspruchten, gelang es mir den- noch, mich von nichts ablenken zu lassen und das Ende des Schachtes samt allem, was sich dort zutrug, in allen Einzelheiten klar zu erkennen. Einem eigen- ständigen Wesen gleich, das sich den Befehlen meines bewußten Geistes entzog, fand meine rechte Hand den Lanzengriff. Genau in diesem Augenblick – es war, als habe ihn die Berührung heraufbeschworen – tauchte im Schachtende ein riesenhafter Skorpion auf, so gewaltig wie ein Streitwagen. Auf einem rasseln- den Gewirr knarrender und knirschender Beine stürzte er auf uns zu. Es war mir noch nicht ganz ge- lungen, meine Beine wieder in die Vertikale zu brin- gen. Barnars Speer sauste dicht über meine Schulter hinweg und bohrte seine rasiermesserscharfe Stahl- spitze einen halben Meter tief in die Stelle, wo der dünne Hals in den Leib überging und den ersten glänzend schwarzen Panzerfacetten der Brust wich. Aber natürlich handelte es sich bei diesem Ge- schöpf nicht einfach nur um einen normalen Skorpi-, on. Die meisten Dämonen, in deren höllischem We- sen sich noch etwas Menschliches verbirgt, stellen Hybriden dar, wie jenes Wesen, das nun auf uns zu- stürmte. Mitten aus dem schuppigen und aus einzel- nen Facettenringen zusammengefügten Insektenleib heraus grinste das Gesicht einer alten Frau. Der Tref- fer hatte sie aufgehalten – ich will damit sagen, er ließ sie kurz innehalten, mehr nicht. Denn sie kroch wei- ter auf uns zu, völlig unbeeindruckt von dem in ih- rem Körper steckenden Speer, die erschreckende Ge- lenkigkeit der Beine unbeeinträchtigt. Vorsichtig und behutsam knabberten ihre langen Beißklauen an der aus ihrem Hals ragenden Lanze. Und obgleich ihr angesichts dieser Mühe breite Tränenströme aus den Augen rannen, versah sie uns gleichzeitig mit einem Blick, in dem wütende Angriffslust und grenzenloser Zorn zum Ausdruck kamen. Es war ein aufge- schwemmtes, schlaffes Gesicht, und durch die Stirn über ihren rot irrlichternden Augen zogen sich tiefe Furchen – die Gebirgstäler eines Alptraums. Sie riß den Mund auf – sie offenbarte damit keine Zähne, sondern mit scharfen Widerhaken versehene Nadel- spitzen –, und eine endlos lange rote Zunge rollte sich daraus hervor, tastete über den verletzten Hals und leckte schmerzlindernd über die Wunde. Dann stieß sie in einem gurgelnden Flüstern hervor: »Ich werde euch die Gesichter von den Köpfen lecken. Ganz langsam und genießerisch – bis nichts mehr davon da ist. Ich werde euch stechen und lähmen, und dann sauge ich eure Körper leer, reiße euch die Köpfe aus und ergötze mich an euren Hirnen. Und dann lasse ich euch wieder genesen und fange noch einmal von vorn an.«, Sie hatte ihren Vortrag gerade beendet, als ich zum Angriff ansetzte. In einer fast beiläufig wirkenden Geste kamen ihre Beißklauen in die Höhe, und diese Bewegung war bestens darauf abgestimmt, ihr Ge- sicht zu schützen. Allerdings hatte sie das Pech, daß ihre aufgeschwemmte Miene nicht mein Ziel dar- stellte. Ihr Skorpionenkörper duckte sich zu Boden, bereit zur Attacke, und der Schwanz mit dem Giftsta- chel ragte in hohem Bogen über den Leib und deutete nach vorn. Das, worauf ich zielte, befand sich ein ganzes Stück über ihrem Kopf, und ich verfehlte es nicht. Die Speerspitze durchbohrte den Giftbeutel des Stachels. Ein dicker, großer Tropfen quoll daraus her- vor und fiel genau auf ihr Gesicht. Ihre Agonie kam einem Vulkanausbruch gleich. Wie die Flutwelle eines aufgepeitschten Meeres don- nerte und krachte sie gegen die Wand des Schachtes. Die Beißklauen kratzten an der zischenden und bro- delnden Masse ihres sich auflösenden Gesichts. Sie heulte und schrie, und die Nässe ihrer kochenden Augen rann in dampfenden Bächen dahin. Barnar und ich hatten unsere Breitschwerter gezückt und warteten auf den passenden Augenblick zum Todes- stoß, aber der letzte Schlag wurde uns erspart, denn nach einigen Augenblicken erreichte das Gift offenbar einen lebenswichtigen Nervenstrang. Sie richtete den Oberkörper steil auf, und ihr ganzer Leib wurde von rhythmischen Krämpfen erfaßt. Dann prallte die Skorpionfrau auf den Boden, warf sich auf den Rük- ken und wand sich mit solcher Heftigkeit hin und her, daß sie wie eine Schlange von der Wucht der Bewegung nach hinten geschleudert wurde und über den Rand des Tunnels stürzte. Wir eilten an die, Bruchstelle des Schachtes heran und sahen hinunter. Mit einem Blick erfaßten wir die Hindernisse, die uns den Weg in den ausgedehnten Höllenkerker ver- sperrten, in dem sich der Schlüssel zu unserer Frei- heit verbarg. Die Tunnelöffnung klaffte in einem gewaltigen Massiv steiler und schroffer Klippen, die teilweise unter großen Erdrutschen begraben lagen, und die Wand erstreckte sich, so weit das Auge reichte, in beide Richtungen. Die Klippen fielen fast einen gan- zen Kilometer steil unter uns ab und endeten schließ- lich an den Ausläufern eines Sumpfgebietes. Die Fel- sen waren von oben bis unten von grauem Gespinst bedeckt – wie ein Leichentuch, auf dem Grabläuse ei- ne geeignete Brutstätte gefunden hatten. Überall kro- chen vielbeinige Wesen über die graubraunen Netz- fäden – oder liefen mit der unglaublichen Geschwin- digkeit daran entlang, die Ameisen im Vergleich mit ihrer Winzigkeit zu eigen ist. Aber damit nicht genug: Das scheußliche Gewebe war auch noch mit anderen Dingen versehen: hin und her schwankende Kokons, die erzitterten und erbebten und sich doch nicht von ihren Verankerungspunkten lösen konnten. Obgleich diese Hüllen nur halb durchsichtig waren, konnten wir doch erkennen, daß es sich bei den im Innern wachsenden Geschöpfen um geflügelte Wesen han- delte, die etwa zweimal so groß wie Menschen waren. Doch die von den Skorpionen bevorzugte Nahrung gaben sie selbst ab. Überall fanden ihre kannibali- schen Kämpfe statt, auch an einer Stelle, die nicht weit unter uns lag. Dort hatte sich die Skorpiondame, die uns kurz zuvor als Appetithäppchen angesehen hatte, mit ihrem Stachelschwanz im Netzgespinst ver-, fangen und kämpfte vergeblich gegen zwei ihrer hungrigen Artgenossen. Was den Sumpf tief unter uns anging: Offenbar handelte es sich bei ihm um das Stauwasser eines Flusses, der weit zu unserer Rechten den Klippen entsprang und die Ebene mit einem nicht sonderlich ausgeprägten Tal teilte. In diesem Tal, mehrere Kilo- meter von uns entfernt, erhob sich eine Stadt aus rie- sigen Türmen – von Stelzen gestützte Plattformen, auf denen man Gebäude errichtet hatte. Und inmitten der riesenhaften und gewaltigen Bauwerke flogen zahlreiche Schwärme von Geschöpfen, die aus dieser Entfernung wie Fliegen wirkten, die über einem Leichnam summten. Der größte Teil unserer Aufmerksamkeit aber galt der massiven Wand, die wir hinunterklettern muß- ten. Wir konnten deutlich sehen, daß jedes Seil, das wir hinabließen, sich unweigerlich in dem Netzge- spinst verfangen würde. Wir konnten von Glück sa- gen, wenn wir auch nur zehn Minuten des Abstiegs überlebten. Und als wir eine Weile über dieses Pro- blem nachsannen, fiel uns eine weitere unangenehme Besonderheit auf: Die Oberfläche des Sumpfes, den wir durchqueren mußten – wenn es uns gelang, die Klippen zu überwinden –, kräuselte sich infolge der Bewegungen Tausender darin verborgener Geschöp- fe. Keins davon ließ sich blicken. Wir konnten uns nur in einem Punkt sicher sein: Die Wesen waren groß – sehr groß. Wir ließen uns nieder und ruhten eine Weile aus. Wir waren so niedergeschlagen, daß keiner von uns ein Wort über die Lippen brachte. Ich stellte fest, daß sich mein Speer vor dem Absturz der Skorpiondame, aus dem Giftbeutel gelöst hatte und zu Boden gefal- len war, und das Gift hatte den Eisenholzschaft nur zum Teil angefressen. Ich war nahe daran, über die- sen Glücksfall zu jubeln, doch dann rang ich mir nur ein schiefes Lächeln ab. Was konnten wir mit unseren Hilfsmitteln schon ausrichten! Barnar spuckte wü- tend in die gelben Dunstschwaden. »Ich würde diesen faulen Dreck zu gern von den Felsen kehren, so, wie man Spinnweben mit einem Besen beseitigt«, knurrte er. »Leider haben wir keinen Besen mitgebracht«, seufzte ich. »Glaubst du, wir könnten Felsen hinab- stürzen, die groß genug sind, um für uns eine Bresche in das Gespinst zu reißen?« »Was meinst du wohl, wie viele Brocken wir bewe- gen könnten, die auch nur annähernd so schwer sind wie dieser Skorpiondämon – geschweige denn noch schwerer?« Das war mir auch schon in den Sinn gekommen. Ich seufzte erneut. Dann kam mir eine Idee. Als Barnar mir aufmerksam zugehört hatte, saß er eine Weile schweigend da und überlegte. »Weißt du«, sagte er, »das Verwegene an der Sache könnte der Grund dafür sein, daß es möglicherweise klappt. Ich meine folgendes: Ich glaube, in eine solche Sphäre kann man sich nicht heimlich einschleichen. Wenn man es auf diese Weise versucht, wird der erste klei- ne Dämon, den man trifft, das Zaudern und die furchtsame Unsicherheit des Betreffenden wittern. Mit solchem Verhalten zieht man Schrecken und Un- heil geradezu an. Aber wenn man alle Kräfte zusam- mennimmt, den Kopf einzieht und losstürmt, mitten durch das Tor ... dann ist das Glück vielleicht auf dei-, ner Seite, gibt dir Freiraum genug und läßt dich pas- sieren.« Und so machten wir uns auf den Rückweg und wanderten den Schacht wieder hinauf.,

VIII

Eine ganze Weile nach unserer Rückkehr – woher soll ich wissen, wieviel Zeit verstrichen war? – zählte ich die ersten hundert Schritte unseres zweiten Abstiegs und maß die Entfernung von der Kammer mit dem Rangierplatz bis zur vorletzten Neigung des Schach- tes. Ich entdeckte meine Markierung und blickte zur Halle mit den großen Karren zurück. Die Vorstellung, daß die Bereiche der Wände und der Decke, die ich von meiner Position aus erkennen konnte, im fahlen Schein von Schmieden schimmerten, von Kohlebek- ken und vielen Fackeln, ließ mich unwillkürlich schaudern. »In Ordnung!« rief ich. »Es kann losgehen!« Meine Stimme ließ weiter oben das Knarren einer großen Winde ertönen, und dieses Geräusch ver- stärkte den gespenstischen Eindruck von einer Wie- dererweckung der fleißigen und arbeitsamen Seele der Mine, die so lange in ihrem Grab geruht hatte. So staubig und rußgeschwärzt wie ich war, fiel es mir nicht schwer, mir wie ein auferstandener Westhütter vorzukommen – und gewiß war ich ebenso weit von der Welt des Lichts und der Lebenden entfernt, wie es bei den Geistern der Fall ist. Dann aber rollte das Ding, dem meine Worte ge- golten hatten, heran und rumpelte langsam über die Gleise auf mich zu – und meine so plastische Vor- stellung erlebte eine heftige Erschütterung. Ein sol- ches Beförderungsmittel war auch zu den besten Zeiten der untergegangenen Stadt niemals über diese Schienen gezogen worden. Es wurde schon bald klar,, daß es im wesentlichen aus zwei der großen Erzwa- gen bestand, aber die zusätzlich angeflanschten Teile erweckten den Eindruck, als handele es sich dabei um eine monströse Waffe statt um irgendeine Art Vor- richtung, die die Bergbauarbeiten erleichtert. Und natürlich war es eine Waffe. Wir hatten das Ding mit einem angeschweißten Bug versehen – ein Krummsäbel, dessen Spitze nach oben zeigte, den wir aus den Eisenblech-Vorräten der Schmiede hergestellt hatten und dessen Klinge so scharf war wie die gut gewetzte Schneide einer Axt. Die Seiten der beiden Karren hatten wir mit horizon- tal angebrachten Flügeln versehen, die eher aussahen wie die Federn eines Pfeils. Ihre Kanten waren eben- falls geschärft. Und außerdem verfügte die Apparatur noch über zwei Schwingen, die auf zwei Dübeln an der Vorderseite der Ladeluken geschwenkt werden konnten. Im Augenblick erinnerten sie an die Flügel eines Käfers, die halb überm Rücken zusammenge- faltet waren, aber sie konnten auch zu einer wesent- lich umfassenderen Spannweite ausgebreitet und vom Innern der Wagen aus in dieser Position veran- kert werden. Als diese große und schaftlose Speerspitze bis zu meiner Markierung gerollt war, rief ich: »Anhalten!« Barnar befestigte wieder den Haltebolzen der Winde und erschien im oberen Zugang des Schachtes. Als er an mich herantrat, blickte ich durch den Tunnel hin- ab, und meine Miene war dabei vermutlich ziemlich düster. »Die Krümmung?« fragte er nach einer Weile. »Ja«, erwiderte ich. Mehr Worte brauchte man dar- über auch nicht zu verlieren. Stundenlang hatten wir, mit allen Tricks, die wir ersinnen konnten, den Ver- lauf der dortigen Gleise vermessen. Sie schienen an der Bruchstelle – obgleich der Tunnel in sich verdreht war – vollkommen parallel zu liegen. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der wir uns mit diesem Gefährt dort fortbewegen würden, war das auch höchst wün- schenswert. Barnar nickte bekümmert und folgte meinem finsteren Blick. Er seufzte. »Na schön«, murmelte er. Ich nickte. »Tja ...« Wir traten an unser Transportmittel heran. Ich kletterte in den vorderen Karren, Barnar in den hinte- ren. Wir verbrachten eine Weile damit, uns einen gu- ten Platz inmitten der zerfransten Seile zu suchen, mit denen wir den Boden beider Wagen gepolstert hatten, und wir überprüften auch die Funktionsweise der ausbreitbaren Schwingen. Dann blickten wir über den Rand der Laderäume hinweg und sahen uns an. Bar- nar hielt sein Kurzschwert in der Hand. »Nun gut, alter Ochse.« Ich lächelte. »Ich kann nur sagen: Ich wünschte, du hättest die Stellung im vorde- ren Wagen übernommen. Ich glaube, wir brauchen eine höhere Zugbelastung.« »Nein, die Heckbelastung ist wichtiger. Aber tröste dich, Nifft. Entweder wir gelangen auf diese Weise mit heiler Haut in die Unterwelt, oder wir rammen uns so tief in den gelben Himmel hinein, daß dir der Unterschied gar nicht auffällt.« »Tja, da könntest du recht haben. Ja, in der Tat. Du bist dir doch klar darüber, Barnar, daß unser Vorha- ben völlig unmöglich ist?« »Ich bin zu dem gleichen überaus beruhigenden Schluß gelangt, alter Freund. Und deshalb laß uns, nun aufbrechen – etwas völlig Unmögliches kann uns auch nur unwirkliche Verletzungen zufügen.« Ich nickte. Barnar zielte mit dem Schwert nach dem Seil, das sich vom Heck unseres Gefährts fortspannte, und die Klinge durchschnitt es mühelos. Die Apparatur setzte sich langsam in Bewegung und rollte den Tunnel hinunter. Die große Eisenma- sse schien über eine Eisrampe zu rollen – so unglaub- lich weich war die Phase der Beschleunigung. Die stinkende Düsternis des Schachtes nahm uns auf wie ein mit fauligem Atem keuchender Schlund, der uns gierig zu verschlucken gedachte. Aus dem metallenen Poltern, das die Räder auf den Gleisen hervorriefen, wurde kurz darauf ein singendes Pfeifen, und un- mittelbar darauf glühten die Nebelschwaden so hell, daß wir gut erkennen konnten, wie sich die einzelnen und in Abständen von jeweils zehn Metern ange- brachten Stützbalken des Schachtes scheinbar in eine massive Wand verwandelten, deren Einzelheiten durch die weiter zunehmende Fahrtgeschwindigkeit miteinander verschwammen. Unsere Möglichkeiten zur Steuerung des Gefährts hatten sich mit dem Durchtrennen des Halteseils er- schöpft. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, konnten wir nur noch die Schwingen ausbreiten – dann, wenn wir über die Bruchstelle des Tunnels hin- aussausten. Plötzlich hielt ich es für unsere idiotisch- ste Torheit, anzunehmen, man würde uns jemals da- für rühmen, diese Heldentat vollbracht zu haben. Nur ein völlig verblödeter Tropf konnte hoffen, ein solches Unternehmen, das auf einer wahnwitzigen Selbsttäuschung beruhte, erfolgreich zu Ende zu bringen. Wir würden das Ende des Schachtes niemals, erreichen! Wie hatten wir nur einen Augenblick lang glauben können, in der Lage zu sein, die nötige Ge- schwindigkeit zu erreichen? Wenn wir zur Krüm- mung gelangten, würde uns die Wucht unserer Fahrt einfach an die Decke des Tunnels schleudern – mit solcher Heftigkeit, daß sich das Metall der Karren (und damit auch wir selbst) mit dem Granit verband zu einer ewigen und unauflöslichen Umklammerung. Dann und wann verlor unser Gefährt bereits den Kontakt mit den Gleisen und hüpfte in langen und mir den Magen umdrehenden Sprüngen auf und ab. Dem düsteren Glühen der Unterwelt schien nun eine entflammende Qualität anzuhaften: Wie ein Feuer- hauch loderte es uns entgegen – ein Eindruck, der von unserer rasenden Fahrt – seinem Ursprung ent- gegen – hervorgerufen wurde. Ich sah die Krüm- mung nun unmittelbar vor mir. Daraufhin zog ich den Kopf ein und legte mich zu Boden. Ich konnte nicht umhin, Barnar noch ein letztes Lebwohl zuzuru- fen, aber bestimmt vernahm er meinen Gruß nicht, da die Worte vom lärmenden Quietschen und Rasseln der Räder übertönt wurden. Dann wurde mein in dem von Seilen gepolsterten metallenen Sarg liegen- der Leib von imaginären Händen gepackt, angeho- ben, wieder hinabgeschleudert und verdreht – alles im gleichen Sekundenbruchteil. Für den Hauch eines Augenblicks schwebte ich, dann hörte ich wieder das Donnern der Räder, als die Fahrt mit unverminderter Geschwindigkeit weiterging. Ich richtete mich auf. Bevor ich noch glauben konnte, was sich meinen Augen darbot – daß wir noch immer über die Schienen sausten –, sah ich vor mir den gelben, mit einem Netzwerk grauer Linien, durchzogenen Tunnelausgang. Er schien zu heulen, während er sein Maul öffnete, um uns zu verschlin- gen – doch bei seiner Stimme handelte es sich natür- lich nur um das Kreischen der Räder, die heiß und funkenstiebend über das Metall der Gleise rumpelten, und die akustische Kaskade an hallenden Echos, die wir hinter uns zurückließen. Ich legte mich wieder zurück. Als unser Gefährt aus dem Schacht sauste und in das tiefe Schweigen des gelblichen Himmels hinausschwebte, breitete ich mit einer ruckartigen Bewegung die oberen Schwingen aus. Dann hieben überall um uns herum Peitschen- schnüre durch die Luft. Das Netzgespinst war zwar dicht gespannt und fest, aber angesichts unserer ho- hen Geschwindigkeit stürzte die metallene Apparatur so mühelos hindurch wie ein Pfeil, der von der Sehne schnellt. Wir bohrten uns durch etwas hindurch, das ein gräßliches, ersticktes Keuchen von sich gab, unser Tempo aber nicht sichtlich verringerte, und drei Skorpionbeine ragten über den Bug meines Karrens hinweg und rührten sich nicht mehr. Anschließend stellten sich unserem Sturz keine Hindernisse mehr in den Weg, und ich hob erneut den Kopf. In meiner Magengrube entstand ein flaues Gefühl, als ich sah, wie steil wir hinabfielen. Die Flügel ver- liehen uns weniger Auftrieb, als wir uns ursprünglich erhofft hatten. Wir brauchten zwar nicht zu befürch- ten, auf festem Land niederzugehen – die Felsbrocken am Fuße der Klippen glitten langsam über uns hin- weg –, aber es fiel mir sehr leicht, mir eine lebhafte Vorstellung davon zu bilden, wie wir einem Zeltpfo- sten gleich zehn Meter tief in den Schlamm des Sumpfes hineingetrieben wurden. Und dann packte, uns eine große Hand von hinten und verlangsamte unsere Geschwindigkeit rapide. So fühlte es sich jedenfalls an. Als ich mich umsah, erblickte ich das, womit in einer Domäne wie dieser jederzeit zu rechnen war. Was sich gleichzeitig mei- nen und auch Barnars Augen darbot, ließ uns wie zwei Übergeschnappte aufschreien und jubeln. Wir zogen einen langen, hin und her flatternden Schwanz aus miteinander verwobener Seide hinter uns her, und eine Vielzahl von Höllengestalten zit- terte in dem wogenden Schleier, der uns folgte. Er er- bebte und schwoll an, und dann stürzte ein vielbeini- ges Etwas daraus hervor, fiel dem Boden entgegen und suchte in der öligen Luft krampfhaft nach Halt. Während des Taumelns und Schlingerns unseres nun gebremsten Falles überlegten wir, in welchem Bereich des schwarzen, schlammigen Sumpfes wir landen würden. Eigentlich aber spielte die Stelle überhaupt keine Rolle. Die morastige Fläche war von grasbewachsenen Trockenstegen durchzogen, die es möglich machten, auch zu Fuß voranzukommen. Die weiten Wasserflächen machten einen höchst bedroh- lichen Eindruck auf uns. Fast überall waren kräu- selnde und schäumende Bewegungen an der Oberflä- che auszumachen – Bewegungen, die auf erschrek- kend große Geschöpfe hindeuteten. Unser Gefährt erbebte plötzlich, und dann nahm die Geschwindigkeit unseres Sturzes auf einmal wie- der zu. Der an uns vorbeiheulende Wind hatte das Netzgespinst hinter uns zusammengefaltet, es in ei- nen langen und knotigen Faden verwandelt, der der Luft kaum noch Widerstand entgegenzusetzen ver- mochte. Es ging nun furchterregend steil hinab, und, das schmutzige Wasser des Sumpfes schien direkt auf uns zuzufallen. Als wir noch einige hundert Meter vom Aufschlagpunkt entfernt waren, entdeckten wir einen riesenhaften Blutegel – der Dämon hatte eine wirklich frappierende Ähnlichkeit mit einem solchen ekelhaften Geschöpf –, der zwanzig Meter seines schleimglitschigen Wurmleibs aus der Schlammbrühe hob, ein kreisrundes Maul mit scharfkantigen Zahn- reihen öffnete und blindlings und gierig zum Himmel leckte. Unmittelbar darauf tauchten auch einige sei- ner Artgenossen an der Oberfläche des Sumpfes auf. Sie strebten genau auf unseren Landepunkt zu. Einer von ihnen ragte genau dort aus dem Wasser, wo unser Gefährt aufschlagen mußte. Und der En- geldämon schien unseren Sturz zu beobachten – mit welchen Sinnesorganen auch immer. Das schnappen- de Maul paßte seine Bewegungen unserem Fall im- mer genauer an. Eine ganze Zeit lang war ich mir nicht darüber klar, ob der Rachen uns an einem Stück hinunterschlingen konnte, und erst im letzten Au- genblick begriff ich, daß das Ungeheuer dazu fähig sein würde. Unmittelbar darauf prallten wir gegen das Monstrum, das uns gierig willkommen hieß. Vielleicht waren diese gefräßigen Dämonen be- treffs ihrer Beute auf alle Entitäten fixiert, die die Luft zu ihrem Lebensraum gemacht hatten, denn an feste und massive Körper waren sie ganz offensichtlich nicht gewöhnt. Ich weiß nicht, ob diese Vermutung zutrifft. Sicher war nur eins: Der Blutegel, der es auf uns abgesehen hatte, war das Opfer eines völligen Fehlurteils geworden. Die Wucht unseres Aufschlags zertrümmerte sein Maul und die ersten sechzehn Bei- ne, bevor wir uns mit erheblichem Nachdruck in sei-, nen schwammig-weichen Leib bohrten und den fast dreißig Meter langen Wurmkörper wie eine aufgeris- sene Wurzel aus dem Wasser schleuderten. Dann be- rührten wir die Oberfläche des Sumpfwassers, und der ganze riesenhafte Leib des Monstrums blieb zit- ternd und hilflos zappelnd hinter uns in der schlam- migen Brühe zurück. Der Blutegel hatte die Wucht unserer Landung zum großen Teil abgemildert. Rasch sprangen wir aus den Karren heraus, ergriffen die Bündel mit der zusammengeschnürten Ausrüstung und wateten eilig durch seichtes Wasser auf eine An- sammlung morastiger Erdhügel zu, die einen hier und dort von Pfützen und Lachen unterbrochenen Weg ins Trockene darstellten. Während wir versuchten, den Ort der Landung so rasch wie möglich zu verlassen, hörten wir, wie hin- ter uns das Wasser brodelte und aufschäumte und schrille, schmerzerfüllte Stimmen erklangen. Die Blutegel begannen sich an der für sie köstlichen Mahlzeit der Netzdämonen zu laben, die sich im Heckgespinst unseres Gefährts verfangen hatten und mit uns in die Sumpfbrühe gestürzt waren. Für die Morastmonstren gaben sie willkommene Delikates- sen ab. Wir flohen also in Richtung des trockenen Bodens, und nach einer Weile stießen wir auf einige wasserlo- se Mulden, wo wir sicher waren und uns niederhok- ken konnten. Dort legten wir die erste Ruhepause dieser Domäne ein – in einer Welt, in die man nur unter großen Schwierigkeiten vorzudringen ver- mochte und in der das Überleben noch problemati- scher war. Damit hatte unser gewagtes Unternehmen endlich seinen Anfang genommen. Wir lebten noch, und waren frei – was für sich selbst schon an ein Wunder grenzte. Ach, welch düstere Hölle es doch war, die es nun zu durchqueren galt! Was für ein Mahlstrom uner- bittlicher Gier und unbarmherzigen Verschlingens – hier fraß jeder jeden! Die Klauen, Krallen und Zähne der Oberwelt sind schon hungrig und habgierig ge- nug – wer wollte das in Abrede stellen?, aber es gibt Pausen während des Gemetzels, Zeitspannen fast harmonischen Beisammenseins, Bereiche grünen Friedens und der Befruchtung. In den Unterwelten aber kühlte sich die kochende Gier niemals ab. Wäh- rend die Blutegel noch an den Netzdämonen zerrten und rissen, schwebten Schwärme jener geflügelten Geschöpfe heran, die wir zuvor über den Stadtplatt- formen gesehen hatten. Ihre Körper erinnerten an die von Menschen, obgleich sie von Schuppen bedeckt und etwa dreimal so groß wie ein ausgewachsener Mann waren, und ihr Temperament erwies sich kurz darauf als recht verspielt. In weitflächigen und an- mutig wirkenden Formationen glitten sie dahin. Sie ließen Fangschnüre auf die Egel hinabfallen und zo- gen die Monstren an Land, wo ganze Heerscharen ih- rer Artgenossen große Holzhaufen aufstapelten. Kurz darauf wurde die riesenhafte und noch lebende Wurmbeute von den Geflügelten verbrannt, während sie sich redselig und mit zwitschernden Stimmen unterhielten. Es ging ihnen nicht darum, die Egel zu braten. Die Monstren zerfielen zu Asche, und die Ge- flügelten schwebten über ihnen in der Luft und ließen sich von dem Qualm umschmiegen, der von den ver- brennenden Egeln aufstieg. Und was den Gestank dieses Rauches angeht: Ich flehe alle Götter, die mei-, ne fromme Bitte vernehmen mögen, an, mein Schick- sal immer in solche Richtungen zu lenken, die es mir ersparen, meine Nase einem derart penetranten Ge- ruch auszusetzen. Abscheuliche, ewige und erbarmungslose Gefrä- ßigkeit. Wir erlebten die gräßliche Vitalität dieser Domäne als eine einzelne, ekelerregende Gestalt, de- ren so unterschiedlich geformte Kiefer sich für alle Zeiten immer tiefer in die eigenen Eingeweide bohr- ten – ein Geschöpf, das sich an sich selbst labte und daraus seine Kraft bezog. Wir wußten, daß wir schließlich auf das Dämo- nenmeer stoßen mußten, wenn wir dem Verlauf des Flusses folgten. Das Licht in dieser Welt ist niemals hell und strahlend, immer nur düster und trüb, und mit der Dunkelheit verhält es sich ebenso: Sie ist nie vollständig und absolut finster. Eine halbe Ewigkeit lang ruhten wir uns unter dem unveränderlichen Himmel aus. Dann standen wir auf und machten uns am Fluß entlang auf den Weg, wobei wir darauf ach- teten, ständig Versteckmöglichkeiten in der Nähe zu wissen.,

IX

Wir fanden das Dämonenmeer. Wir erreichten es. Zu jenem Zeitpunkt – obgleich es sich eigentlich nur um den Anfang unserer Reise handelte – starrten wir auf die Wogen der See, als stellte es den höchsten Gipfel allen möglichen Wagemuts und der ausgeprägtesten Unternehmungslust dar, die Küsten dieses Ozeans er- reicht zu haben. Als wir wieder halbwegs zu uns ge- kommen waren und uns daran erinnerten, daß wir als nächstes in dieses Wasser eintauchen und die Weite des Meeres bewältigen mußten, intensivierte sich unsere Ehrfurcht noch weiter. Und es war der geeignete Augenblick, Inventur zu machen. Die ganz persönliche Bestandsaufnahme, die auf diesen Beschluß folgte, wirkte in höchstem Maße er- nüchternd. Am Leibe trugen wir leichte Schutzjacken, darunter ein Lederwams und darunter wiederum dicke Koller. Alle drei Schichten, die unsere Körper wärmten und schützten, waren an einigen Stellen versengt und machten einen ebenso mitgenommenen und abgerissenen Eindruck wie die Gardinen in ei- nem Haus voller Katzen. Wir verfügten noch über ei- nen Speer, und dessen Spitze hatte sich zur Hälfte verformt. Ein Teil von Barnars Schwertklinge war ab- gebrochen, so daß es jetzt nur noch halb so lang war wie zuvor. Er behielt die Waffe nur deshalb bei sich, weil man in einer Welt wie dieser nichts wegwirft, das einem noch einmal von Nutzen sein könnte. Mit seinem Schild war noch alles in Ordnung. Meins hin- gegen hatte sich unter dem Gewicht eines Geschöp- fes, das ich zuvor getötet hatte, in einen zerrissenen, und in halber Auflösung begriffenen Haufen ver- wandelt. Die Haut spannte sich straff über unseren Knochen; unsere Augen lagen tief in den Höhlen und ähnelten bereits denen von Geistern, und die Länge unserer Bärte deutete darauf hin, daß wir bereits seit einem Monat unterwegs waren. In einer Welt, in der ein Reisender in unvorhersehbarer Reihenfolge mit Schrecken, Monstren und lang andauernden gespen- stischen Flauten konfrontiert wird, besteht darin die einzige Möglichkeit, sich einigermaßen über die ver- strichene Zeit klarzuwerden. Wir setzten uns. Besser gesagt: Wir fielen praktisch zu Boden, als seien unsere Beine am Ende ihrer Lei- stungsfähigkeit angelangt und dazu wild entschlos- sen, uns fortan den Gehorsam zu verweigern. Das Gefühl der Aussichtslosigkeit, das in uns emporstieg, stellte die schwerste Bürde dar, die ich jemals auf meinen Schultern verspürte. Wir waren uns zwar während der ganzen Zeit über eins völlig im klaren gewesen, aber erst jetzt kam es uns auf nieder- schmetternde Weise zu Bewußtsein: Wir hatten das Dämonenmeer erreicht, und nun mußten wir uns entweder nach rechts oder nach links wenden – ohne zu wissen, in welcher Richtung wir das finden konn- ten, was wir suchten. Wenn es überhaupt eine Richtung gab, die uns zum Ziel führte – wenn Gildmirth der Freibeuter über- haupt in der Lage gewesen war, an der Küste dieses unterirdischen Ozeans bis heute zu überleben. Wenn wir uns für die falsche Richtung entschieden, bedeu- tete das eine lange, mühsame und letztendlich ver- gebliche Suche – eine nutzlose Anstrengung, die darin gipfelte, den ganzen Weg zurückzukehren und, noch einmal von vorn beginnen zu müssen. Und selbst dann konnten wir nicht sicher sein, Gildmirth jemals zu finden, denn vielleicht war er schon lange tot. Vor uns breiteten sich die Fluten des Dämonen- meeres aus, bis zum Horizont und darüber hinaus – die Verkörperung diabolischer Ewigkeit. Wir hatten die nahe Präsenz dieses höllischen Oze- ans bereits gespürt, während wir uns noch in den Salzdünen befanden. Als uns das herbe Aroma von Salzwasser in die Nase stieg, interpretierten wir das auf- und abschwellende Flüstern, das wir schon seit geraumer Zeit vernahmen, als das immerwährende Atemrauschen eines Meeres. Die Hänge der Dünen wurden steiler, wir hielten uns auf den Kämmen und folgten dem Verlauf der immer größer werdenden Anhöhen, die an langsam zerbröckelnde Treppen er- innerten. Und dann erblickten wir vor uns eine schmale, aus Salzfelsen bestehende Ebene, die an weißen Klippen endete. Unmittelbar dahinter bran- deten die Fluten des Unterweltozeans an bleiche Bar- rieren. Die seltsame, respekteinflößende und furchterre- gende Qualität, die dem Meer anhaftete, war nicht so- fort zu deuten. Die Geräusche, die es verursachte, drückten eine gespenstische Harmonie aus. Und wenn man die Wogen vor sich sah, erblickte man in ihrer Gischt eine grausame und mitleidlose Färbung, die zusammen mit dem Rauschen eine Verwirrung der Sinne bewirkte. Der grobe Kies am Fuße der Klippen war so schwarz wie die finsterste Nacht und schien aus so etwas wie gesplittertem Obsidian zu be- stehen. Und wenn die gurgelnden Fluten darüber hinwegschäumten, so polierten sie die runden Ober-, flächen der Steine zu immer neuem Glänzen. Und mehr noch: Überall auf dem Strand lagen schillernde Dinge verstreut, die die Wellen angespült hatten, und wenn das Wasser sie erfaßte, schaukelten sie hin und her und bildeten farbenprächtige Mosaike auf dem Schwarz des Kieses. Das Meer selbst war auf bizarre Weise gesprenkelt: Zwar stülpte sich bis zum Hori- zont eine düstere Wolkendecke über den Ozean, aber sie war andererseits mit vielen Rissen versehen, und wo sie aufbrach oder zerfaserte, stachen Speere eines rötlich-goldenen Dämmerungsfunkelns bis zum Was- ser hinab. Die Wolken wiesen zudem an vielen Stel- len Wölbungen und Einbuchtungen auf; sie bildeten zerklüftete Nebelgebirge und erhoben sich über den grünschwarzen Fluten der See in geisterhaften Stufentürmen. Die dunstigen Monolithen erschim- merten in einer bläulichen Lumineszenz, die von et- was hervorgerufen zu werden schien, das sich in ih- rer flaumigen Umarmung verbarg. Die über das Meer hinwegstreichenden Winde wehten aus völlig unter- schiedlichen Richtungen, und an vielen Stellen zer- wirbelten sie die Wolkenhügel in Strudeln nebliger Turbulenzen. Dieser Ozean konnte die Sinne eines Menschen wirklich betäuben, und so verspürte man erst später den Schrecken der Umfassung eines so riesigen Mee- res. Das hier und dort durch die dichte Wolkendecke sickernde Licht erinnerte zwar an die Farben eines ganz normalen Sonnenuntergangs in der Oberwelt, aber nach einer Weile wurde dies doch als dämoni- sche Nachbildung deutlich: Der Glanz war greller und weniger subtil schattiert als der gleißende Schein einer dem Horizont entgegensinkenden Sonne. Eine, solche unterirdische Helligkeit, die nur über eine be- grenzte Skala verschiedener Tönungen verfügte, stellte nun schon seit Wochen den sich über unseren Köpfen spannenden Himmel dar. Es war natürlich nie ein echter und richtiger Himmel – nicht die trans- parente Enthüllung endloser Weite, sondern immer nur eine Art funkelnde Tünche, die die massive stei- nerne Decke verbarg, die diesen begrenzten Kosmos umschloß. Ein echter Ozean ist der offene Boden des Himmels: das ist das Gefühl, das Menschen so sehr fasziniert, der Grund, warum sie sich in die weite Wasserwüste hineinwagen – abgesehen von For- scherdrang oder der Aussicht, Reichtümer zu errin- gen. Dieses eingekerkerte Meer aber konnte trotz sei- ner schier endlosen Ausdehnung nicht das Gefühl ei- ner ehrfürchtigen Freiheit vermitteln, sondern nur das schwarze Gegenteil davon: die schreckliche Emp- findung eines ewigen Gefangenseins. Eine ganze Weile starrten wir aufs Meer hinaus, wie gefesselt von diesem Anblick. Wir wollten über unsere Lage sprechen, aber wir brachten ganz einfach nicht die Kraft auf, die dazu notwendigen Worte zu formulieren. Schließlich seufzte Barnar und atmete tief durch. »Zur Hölle mit allem«, stieß er hervor, und seine Stimme war dabei völlig ausdruckslos. »Versu- chen wir eben unser Glück, indem wir uns nach rechts wenden.« Und damit brachen wir wieder auf. Beide waren wir insgeheim dankbar dafür, diese Entscheidung hinter uns zu haben, auch wenn sie noch so wenig begründet sein mochte: Sowohl Barnar als auch ich hatten es nicht für unmöglich gehalten, für alle Zeiten am Strand zu hocken und bei dieser unfaßlichen Aus-, sicht zu verweilen. Und während wir an der Küste des Ozeans entlangwanderten, teilten wir die still- schweigende Überzeugung, zu wissen, wo das Domi- zil Gildmirths zu finden war – nämlich nirgends. Wir würden bis ans Ende unserer Tage unterwegs sein und versuchen, das Ziel zu erreichen – außer viel- leicht, wenn wir relativ rasch den Gefahren dieser Domäne zum Opfer fielen. Wir wanderten zwar über die Salzklippen, aber un- sere ganze Aufmerksamkeit galt allein dem funkeln- den Strandgut, das sich unten auf dem Kies häufte. Und was wir dort erblickten, riß uns bald aus der hoffnungslosen Apathie: Obgleich unsere Überlegun- gen und Gedankengänge von Schrecken und Scheuß- lichkeiten erfüllt waren, enthüllte uns dieser Anblick bald neue Dimensionen dämonischer Aktivität. Bei einigen der bunten, angeschwemmten Objekte han- delte es sich nur um Überbleibsel niederer Lebens- formen, die im Meer beheimatet waren: abgebrochene Korallen, an deren Kalkzweigen dicke Rubine, Saphi- re oder Smaragde wuchsen, oder entwurzelte Seelili- en, deren zerrissene Schoten aus purem Gold bestan- den. Solche gewöhnlicheren Dinge stellten nur Hin- weise auf die groteske Fruchtbarkeit des Ozeans dar. Ebenso zahlreiche Objekte aber waren Produkte künstlerischer Betätigung, von aktiver – und sicher boshafter – Intelligenz: gehämmerte Kelche aus Gold, die mit kunstvollen Silberborten geschmückt waren, mit geschliffenen Edelsteinen besetzte Stirnreife, de- ren Größe darauf hindeutete, daß sie nicht dafür ge- dacht gewesen waren, menschliche Häupter zu krö- nen, zerrissene Triptychone, deren einzelne Bilderre- ste wie die Halluzinationen eines kranken Hirns aus-, sahen. Wir entdeckten einen zerbrochenen Stuhl mit komplizierten Streben und Stützen, für die nicht nachvollziehbare Bequemlichkeit unfaßlicher Gestal- ten konzipiert. Wir machten auch einige auf den schaumigen Wellen schwimmende Kampfhelme aus, die mit jeweils drei schillernden Augenöffnungen in den Frontvisieren versehen waren. All diese Spuren aktiver Geschicklichkeit, die auf rätselhaftes Bestre- ben ausgerichtet waren, ließen einen deutlichen Rückschluß auf die verborgene Vitalität des Ozeans zu, auf die große, unbekannte Bevölkerung, die ir- gendwo inmitten dieser grünschwarzen Fluten Mil- lionen unheilvolle Ziele verfolgte. Doch das war nur der unbeseelte Teil dessen, was an dem dunklen Kiesstrand kreuchte und fleuchte. Es wimmelte dort nur so von Leben. Die menschliche Gestalt war so sehr Bestandteil der fleischlichen Ar- chitektur, daß wir nicht immer sicher waren, ob wir es mit Dämonenhybriden zu tun hatten, die in dieser Welt heimisch waren, oder aber mit deformierten Knechten und Sklaven der Herren dieser Sphäre. Wenn es sich auch nur bei der Hälfte der Geschöpfe um Gefangene handelte, hatte unsere Rasse der ewi- gen Gier der Unterwelt in der Tat mehr hinzugefügt, als uns allen lieb sein konnte. Die leblosen Schätze am Strand (gewiß nur ein Bruchteil dessen, was sich in den Tiefen des Meeres anhäufte) zeigten uns ganz deutlich den Anreiz, der so viele glücklose Seelen in die Fallen der Unterwelt gelockt hatte – meistens durch habgierigen Ehrgeiz und falsch interpretierte Zaubersprüche. Damals war es sicher gefährlich ein- fach – ganz besonders in Kairnheim –, sich die Kraft zu kaufen, mit der man entsprechende Entitäten be-, schwören konnte. Wollte man jene Präsenzen aber beherrschen und nachher wieder verbannen, so war eine hohe magische Begabung erforderlich, die hochmütigen Dilettanten nicht zu eigen war und de- ren Kräfte sie noch viel weniger zu kontrollieren vermochten. Einige der Geschöpfe, deren wir ansichtig wurden, gehörten zweifellos zur letzteren der beiden oben ge- nannten Gruppen: Sie waren die menschliche »Beute« des Dämonenmeeres, Opfer seiner unheilvollen Ver- lockung, seines Köderns und Fischens im Reich der Menschen. Zum Beispiel waren einige Grotten mit ei- nem dicken Teppich aus mitleiderweckenden Wesen versehen, bei denen allein die Gesichter darauf hin- wiesen, daß es sich einst um Menschen gehandelt hatte. Der Rest der Körper – nach außen gekehrt, völ- lig umgestülpt und deformiert – ging jetzt in strahlen- förmigen und wie madenbefallenen Kränzen von den Mienen mit den menschlichen Zügen aus. Sie ähnel- ten nun riesigen Seeanemonen. Die Seelen in diesen Gesichtern lebten nach wie vor – das kam nur allzu deutlich zum Ausdruck. Jede wurmige Grotte ver- fügte über ihren eigenen dämonischen Gärtner. Es handelte sich dabei um ein Geschöpf, das an einen großen, zinnoberroten Seestern erinnerte, dessen Leib von einer Schicht aus Grind und Schorf umhüllt war und der über eine Vielzahl beweglicher Augenpunkte verfügte. Dieses abscheuliche Wesen zog mit seinem Unterleib breite und ölige Schleimspuren über die quasimenschliche Wiese. Jedes auf diese Weise be- drohte Gesicht erwartete die stinkende Umarmung mit einem furchtsamen und unser Mitgefühl erwek- kenden Blick aus Ekel und Vorahnung., Und es gab auch noch andere Vertreter unserer Spezies, die in nackten Haufen lagen und Barnar und mich an die ineinander verflochtenen Tangbündel denken ließen, die ein Nordmeer während der stür- mischen Jahreszeit an den Strand würgt. Beine und Hüften waren in Form zentraler und fleischiger Sten- gel zusammengewachsen, und Arme und Oberkörper wanden sich in endlosen und verdrehten Spiralen. Diese Wesen stellten das Abbild geiler Begierde dar, und sie erhoben ihre Stimmen zu einem peinerfüllten Stöhnen, einem Klagewimmern, das von Qual und der Sehnsucht kündete, endlich vom Leid erlöst zu werden. Krabbenartige Riesen, die gleich menschli- chen Hermaphroditen über enorm ausgebildete Ge- schlechtsorgane verfügten, krochen mit besitzergrei- fender Hast darüber hinweg. Hier und dort hielten sie inne und bohrten und nagten. Wie aber sollten wir die großen Schildkrötenge- stalten interpretieren, denen wir dabei zusehen konnten, wie sie an den Strand krochen und große Eierhaufen in den schwarzen Kies legten? Bei ihren Brutlingen, die unmittelbar daraus ausschlüpften, handelte es sich um schuppige Homunkuli mit er- schreckend unterschiedlichen Gesichtern. Mehr als einmal erlebten wir, wie sie sich in kannibalischer Gier auf das Wesen stürzten, das sie geboren hatte. Anschließend drängten sie sich auf dem toten, ausge- höhlten und mit Fleischspritzern und Blut besudelten Panzer der Mutter aneinander und ließen sich darauf aufs Meer hinaustreiben – eine groteske und übel- keiterweckende Kinderbarke. Ich will mit all dem oben Geschilderten nicht an- deuten, es mangele dem offenen Meer an Anzeichen, von Leben. Überall entdeckten wir aufschäumende Wellen, die nicht durch den Wind entstanden, und die hin und her driftenden Gebilde aus Nebelschwa- den und Dunstfasern, die überall ihre Türme und Minarette formten, veränderten sich jäh und völlig unvorhersehbar – so als glitten in ihren schattigen Tiefen unsichtbare Lebewesen dahin. Einmal sahen wir etwas, bei dem es sich bestimmt um einen Kampf zwischen zwei unseren Blicken verborgenen Entitä- ten handelte, und die Auseinandersetzung fand knapp einen Kilometer von der Küste entfernt statt. Die Wellen dort gischteten plötzlich empor und fielen abrupt wieder in sich zusammen, als sich in den Was- sertiefen große Leiber bewegten. Offenbar war der eine Part mit zwei Füßen oder Tatzen ausgestattet – beide von den Ausmaßen eines großen Schiffes –, und der andere konnte anscheinend auf die Hilfe einer Vielzahl hin- und herpeitschender Klauen oder Pseu- dopodien zurückgreifen. Schließlich hämmerte ir- gend etwas Gewaltiges mit einer imaginären Hand aufs Meer, und die aufgewühlten Wasser beruhigten sich. Eine riesige Menge einer safrangelben Flüssig- keit schien sich aus einem Riß in der Luft auf die Wellen zu ergießen und bohrte spiralförmige Wur- zeln in die Tiefe. Solche Schauspiele, die immer begleitet waren vom unablässigen, sanften und sinnesbetäubenden Wech- selgesang des Ozeans, täuschte unser Zeitempfinden ebenso sehr, wie es vielleicht während einer Phase der Ruhe und Entspannung der Fall gewesen wäre. Denn der heimtückischste Aspekt dieser Region be- stand in der subtilen und sofortigen Möglichkeit des Begreifens dessen, was wir sahen und hörten. Es, konnte einen fast zum Wahnsinn treiben, schon bei der ersten Tonfolge jener Psalmodie zu verstehen, auf welche Art fleischlichen Entzückens die Litaneien hindeuteten – es waren die donnernden Jubelgesän- ge, mit denen der freßgierige Tod über das ihm hilflos ausgelieferte Leben triumphierte. Kurz gesagt. Wir kamen zwar nur langsam voran, aber wir wurden ständig von dem angetrieben, was uns unsere be- nommenen Sinne vermittelten. Als Barnar mich auf etwas hinwies, auf das er schon seit geraumer Weile aufmerksam geworden war, waren sicher schon Tage vergangen, obwohl es sich unserem Wissen entzog, wie viele. Zu jener Zeit hatte sich ein scheinbar endloses Schweigen über uns gesenkt, das er plötzlich mit dem Ruf beendete: »Ich kann nicht anders, ich muß dich einfach danach fragen!« Er legte mir eine seiner gro- ßen Pranken – die überall aufgrund der bereits hinter uns liegenden schweren Prüfungen Abschürfungen und Narben aufwies – auf die Schulter. Mit der ande- ren wies er über die Küste hinweg in die Richtung, in die wir unsere Schritte lenkten. Es war eine endlose weiße Linie aus Klippen und gischtender Brandung, die sich am Horizont in einen Hauch dunstiger Blässe verwandelte. Barnars Augen, die bei anderen Men- schen aufgrund seines vierschrötigen und kantigen Erscheinungsbildes schon oft zu dem Schluß geführt hatten, es mit einem Mann zu tun zu haben, der nicht übermäßig mit Intelligenz gesegnet sei, deren Blick in Wirklichkeit aber außergewöhnlich scharf und klug war, fingen meine Aufmerksamkeit ein. Sein Gesicht drückte eine Spur unbehaglicher Unsicherheit aus. »Sehe ich dort tatsächlich einen schwärzlichen Fleck,, bei dem es sich um eine Landzunge handeln könnte, etwa Dreiviertel des Weges bis zum Horizont?« Es dauerte eine ganze Weile, bis ich Antwort gab, und meine Stimme klang hohl und mir selbst fremd. »Ja. Ich glaube, du hast recht.« Die vielen Windungen und Krümmungen im Ver- lauf der Küste machten uns den Weg unerträglich lang. Wir waren noch immer ein ganzes Stück von der Erscheinung entfernt, als sie so deutliche Kontu- ren annahm, um uns wieder Hoffnung zu machen und uns dadurch neue Kraft zu verleihen. Denn was auf uns den Eindruck eines großen Kaps gemacht hatte, erwies sich bald als kleinere Landzunge, auf der sich dicht an dicht Gebäude drängten. Direkt ge- genüber erstreckten sich sichelförmig angelegte Wel- lenbrecher und eine Pfahlkonstruktion, auf der sich ebenfalls zahlreiche Häuser erhoben. Der von den Pfosten geformte Bogen entsprach in seinem Ausmaß der natürlichen geschwungenen Linie des Kaps, so daß sie gemeinsam eine Zange bildeten und eine breite, seichte Lagune umfaßten, die wie ein großer Tropfen geformt war. Wenn es sich erwies, daß menschliche Hände diese Geländeformation geschaf- fen hatten, ging ihre Konstruktion mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den Unterneh- mungsgeist einer so legendären Gestalt wie der von Gildmirth zurück, und es stimmte uns zuversichtlich, daß sowohl Charnall als auch wir in dieser Hinsicht nur auf diesen einen Namen gestoßen waren. Wir be- gannen uns an dem Gedanken zu erfreuen – der für uns ziemlich überraschend war –, unseren Mann doch noch finden zu können. Doch die sich hin und her krümmende Küste zog unseren Marsch endlos in, die Länge, und wir kamen der Stadt nur allmählich näher. Während der vielen so quälend langsam ver- streichenden Stunden änderte sich das helle und doch so düster wirkende Glühen nie: Es war immer das rotgoldene Schimmern einer untergehenden Sonne, das durch Risse und faserige Aufbrüche in der blei- grauen und wildzerklüfteten Wolkendecke tropfte. Während unserer Annäherung hatten wir den Ort immer eingehender studiert, und als wir ihn schließ- lich erreichten – wir hockten in einer der tiefsten Spalten der Salzklippen, die wir hatten finden kön- nen, ohne den Schutz des Landes, das uns vom Meer abschirmte, zu verlassen –, nahmen wir uns noch einmal viel Zeit, um uns die Stadt aus der Nähe an- zusehen. Es haftete ihr eine unbeschreibliche Bitter- keit an – hervorgerufen aus der Kombination ihrer prächtigen Erhabenheit und des Untergangs, der sich ihrer bemächtigt hatte. Denn die ganze sich in einem weiten Bogen dahin- schwingende Konstruktion war im unteren Bereich stark beschädigt. Die Landzunge war geborsten und über die Hälfte ihrer Länge einige Faden tief im Meer versunken. Ein beeindruckendes pyramidenförmiges Gebäude, das offensichtlich den Mittelpunkt der Stadt darstellte – wenn sich Gildmirth hier niedergelassen hatte, so handelte es sich dabei sicherlich um sein Domizil –, war mit dem Untergrund abgesunken. Die unterste Terrasse wurde halb von den Wellen über- flutet. Die tosende und immer wieder heranrollende Brandung des Meeres gischtete triumphierend an den aus Stein gehauenen Skulpturen empor, von denen die Eingänge der Pyramide gesäumt wurden, und sie spritzte jubelnd durch leere Fensterhöhlen., Der Rest aber – die Hauptmasse der Stadt – machte einen erstaunlich unbeeinträchtigten Eindruck. Die Landungsbrücke und die Pfähle auf der anderen Seite des natürlichen Kaps stützten ein elegant wirkendes, unterschiedlich gestaltetes Konglomerat aus Gebäu- den, das offenbar keineswegs vernachlässigt worden oder dem langsamen Zerfall anheimgefallen war. Diese Parabel menschlicher Schöpferkraft stellte eine prächtige Herausforderung an den Ozean selbst dar. Sie ragte trotzig ins Dämonenmeer hinein, stand knietief darin. Auf welch prunkvolle Weise diese Stadt dem vom Bösen erfüllten Universum der Un- terwelt die Stirn bot! Der dünne und fragil wirkende Bogen aus von menschlichen Händen aufgehäufter Erde verkörperte einen mutigen und kühnen An- spruch, eine verwegene Herausforderung an alles, was in den grünschwarzen Fluten des Dämonenmee- res schwamm. Und doch stand im Kontrast dazu das halbversunkene Domizil Gildmirths. Als wir die Py- ramide betrachteten, zweifelten wir nicht länger dar- an, daß wir, wenn schon nicht Gildmirth selbst, so doch zumindest seine Bastion gefunden hatten: Das Erscheinungsbild des Gebäudes stimmte unserer Meinung nach mit den Legenden überein. Wenn der Freibeuter trotz seiner Gefangenschaft in der Unter- welt tatsächlich ein freies Leben führte (oder geführt hatte), so kam dies in Gestalt des festungsähnlichen Bauwerks deutlich zum Ausdruck. Und wenn es gleichfalls stimmte, daß er an seinem Gefangensein litt, so wurde das ebenfalls von seinem halb versun- kenen Domizil bestätigt. Es erstaunte uns, daß sich ein Mensch aus freiem Willen dazu entschied, hierherzukommen und an ei-, nem solchen Ort zu leben. Und daß er es fertigbrach- te, die Bedingungen seines Lebens in der Unterwelt über so lange Zeit selbst zu bestimmen, beeindruckte uns kolossal. Daß er jetzt aber möglicherweise dem Wohlwollen oder Zorn der Dämonen ausgeliefert war, bekümmerte uns – denn welch eine Art Mensch er auch immer gewesen war – er hatte viel gewagt, und das immer allein. »Was für eine Unverschämtheit!« knurrte Barnar und lächelte dünn. »Und hundert Jahre der Freiheit und Macht, bevor man ihn überwältigte.« »Dann hast du es also bereits als Tatsache akzep- tiert?« Ich nickte. »Ich spüre es. Wenn Menschen hier alt werden, so geschieht das wesentlich langsamer als in der Welt unter der Sonne.« »Für jedermann, ob er nun ein Gefangener sein mag oder nicht«, murmelte Barnar und nickte seiner- seits. »Ich muß zugeben, ich habe das gleiche Gefühl. Irgendwie ist es ein Teil des ... Überdrusses, hier zu weilen. Nun, wenn wir davon ausgehen, daß Sklaven von ihren Herren beschützt werden, können wir auch annehmen, daß er noch am Leben ist.« »Ich glaube schon. Wer sonst hätte diesen ... diesen Zoo hier unten pflegen können?« »Wenn es sich tatsächlich um einen Zoo handelt. Wenn es nicht Eroberer waren, die diesen Ort mit Be- schlag belegten.« Diese Bemerkung verblüffte mich. Seit einiger Zeit galt unsere Aufmerksamkeit dem Wasser, das einer- seits von der Landzunge und andererseits vom Pfahlpier umschlossen wurde. Es war seicht und, ziemlich klar, und der Grund bestand aus einem nas- sen Labyrinth aus Steilhängen, Rissen und Grotten. Und in jeder Grube oder Höhle des Irrgartens duck- ten sich Schemen und Schatten, die sich manchmal nervös bewegten. Trotz des unregelmäßigen Aufbaus dieses Labyrinths erweckte es doch andererseits den Eindruck einer geordneten Struktur, was mich zu der Annahme veranlaßte, daß wir es hier vielleicht mit einer Menagerie zu tun hatten und nicht einer Enkla- ve dämonischer Usurpatoren. »Sie sind zu verschieden«, bemerkte ich. »Dämo- nen neigen für gewöhnlich nicht dazu, Bündnisse zu schließen. Er hätte durchaus von einer bestimmten Spezies überfallen werden können, nicht aber von ei- ner so vielgestalten Allianz. Es sieht mehr nach einer Mustersammlung aus, der Anhäufung einzelner Gattungsexemplare.« Es handelte sich in der Tat um eine Ansammlung von mehr höllischen Präsenzen, als sich die aus- schweifendste Phantasie vorzustellen vermag. Es war, als blicke man in einer Schaustellerbude durch ein Glas Scharfe Sicht und betrachte einen Tropfen trüben Weiherwassers. Viele der Geschöpfe sind heute nur mehr barmherzige Schemen vor meinem inneren Auge, bei anderen jedoch verdammt mich das Schicksal zu einer quälend kontrastreichen Erin- nerung. Eins der Wesen bot sich unseren Blicken als eine Kugel aus Stacheln und Dornen dar und erin- nerte damit an einen ins Monströse gewachsenen Se- eigel. Von der Spitze eines jeden Dorns stülpte sich einem Gifttropfen gleich eine gelbe Zunge hervor. Ein Exemplar einer anderen Gattung stellte sich uns als eine kristalline Blase eines von feinen Adern durch-, zogenen, ansonsten aber transparenten Materials dar, in der verschiedene verzerrte menschliche Gesichter schwebten. Und es gab einen Dämon, dem eine frap- pierende Ähnlichkeit mit einem Lauerer anhaftete. Als ich meine Aufmerksamkeit auf das betreffende Geschöpf konzentrierte, machte ich eine – mir großes Unbehagen bereitende – Entdeckung. »Sieh dort«, wandte ich mich an Barnar. »Auf dem Kai, etwa in der Mitte.« »Bei der Spalte! Ist das etwa ein Lauerer?« »Es ist der Zwillingsbruder des Dämons, der dort unten im Wasser kauert, in der Grotte, die du da se- hen kannst.«,

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Das Wesen auf dem Pier machte uns die abscheulichen Körperkonturen seines im Wasser hockenden Artge- nossen deutlicher. Diese Dämonenart unterschied sich in einem Punkt kraß von den Lauerern: Die von den Stelzenbeinen getragenen flachen Leiber waren nicht mit einer Vielzahl von Knopfaugen ausgerüstet, sondern offenbarten in diesem Fall ein Sommerspros- senmuster aus menschlichen Augen. Die Freßbeine – das kürzeste und vorderste Beinpaar, das die Beute packt und es den Reißzähnen zuführt – waren nicht etwa mit Stachelpelzfüßen versehen, sondern mit klauenartigen Händen, die nach menschlichem Vor- bild geformt schienen. Gefärbt war diese Dämonen- abart in einem phosphoreszierenden und mit schar- lachroten Flecken durchsetzten Grün. Ihre Bewegun- gen – beide waren ganz aufeinander konzentriert und übten höchste Wachsamkeit – waren die von Laue- rern, sowohl in der präzisen Plötzlichkeit als auch der gleitenden Anmut. Dann kletterte das Monstrum auf dem Pier – es war offenbar ein wenig kleiner als das im Wasser darunter – auf die Reling, und der haarige Spinnenleib erzitterte, als sich die Beine zum Sprung beugten. Das Ungeheuer katapultierte sich in die Luft. Das Geschöpf schien den Sprung zu genießen, während es dahinschwebte, und die Menschenaugen schlossen sich verträumt, als es dem Wasser entge- genstürzte. Unten am Grund setzte sich jäh der Art- genosse in Bewegung, wühlte die Fluten mit den Vorderbeinen auf und begegnete der Attacke des Springers mit einem wütenden Gegenangriff., Das Wasser schäumte und gischtete und verbarg Einzelheiten ihres Kampfes, doch als schließlich wie- der Ruhe einkehrte und sich die hektischen Wellen abflachten, erkannten wir, daß der Angreifer den größeren Dämon besiegt hatte. Er umklammerte fest die Vorderbeine seines Opfers und stieß sich vom Grund ab. Auf diese Weise wurde die vordere Hälfte des anderen Dämons angehoben. Seine Fangzähne konnten den Angreifer nicht erreichen, seine Hinter- beine suchten hektisch und verzweifelt nach Halt. Aus dem Unterleib des Angreifers ragte eine strah- lendrote Extremität hervor. Der sich hin und her windende Dorn berührte einen Schlitz in der Unter- seite des Gefesselten und schob sich hinein. Diese Verbindung wurde einige Sekunden lang aufrechter- halten, dann pulsierte der Dorn, als sich eine nicht sichtbare Flüssigkeit hindurchpreßte. Daraufhin zog der Angreifer die Extremität wieder zurück. Er ließ seinen Artgenossen los, der inzwischen sonderbar ruhig geworden war, und schwamm dann auf die Py- ramide zu. Und während er auf seinem Kurs über andere Geschöpfe der Lagune hinwegschwamm (von denen einige weitaus größer waren als er selbst), zo- gen sich die Betreffenden rasch in ihren jeweiligen Unterschlupf zurück. Das Spinnenwesen erhöhte sei- ne Geschwindigkeit, krümmte sich und sauste mit schäumender Dünung durch die weit offenstehende Tür des Gebäudes. Barnar und ich sahen uns lange an, und jeder war- tete darauf, daß der jeweils andere die eigenen Über- legungen mit seinen Worten bestätigte. »Er war schon als Körperveränderer bekannt, be- vor er die Expedition in die Unterwelt unternahm«,, brachte mein Gefährte schließlich hervor. Diese Be- merkung versetzte mich in die Lage, den nächsten Schluß zu ziehen. »Ja. Und vielleicht hat er seine Gabe weiter ausge- bildet.« Es stellte eine gewisse Erleichterung dar, das aus- gesprochen zu haben, was uns beiden durch den Kopf ging, aber es nahm nicht die ganze Anspannung von uns. Ohne große Hoffnung hielt mir Barnar nach einer Weile entgegen: »Aber Charnall sagte doch, es sei zum Teil Forscherdrang gewesen, der ihn veran- laßt habe, in diese Sphäre zu reisen – das Motiv, alle Dämonen kennenzulernen, die in dieser Welt zu Hause sind.« »Wissen«, schnaubte ich abfällig. Wir sahen auf die Lagune hinaus, und Barnar schauderte. »Laß uns ihn begrüßen«, meinte Barnar. »Von hier aus. Wir befinden uns praktisch immer noch außer- halb der Einflußzone des Meeres.« Dem pflichtete ich bei. Barnar legte beide Hände trichterförmig an den Mund und rief in Richtung der Pyramide: »Gildmirth! Freibeuter! Gildmirth aus Sor- donhaupt! Zwei Männer aus der Oberwelt erbitten deine Gastfreundschaft!« Die Worte donnerten übers Wasser und warfen mehrfache Echos, die wiederum von den leeren und geneigten Terrassen der großen Ruine widerhallten. Es kam mir ausgesprochen selt- sam und skurril vor, hier einen solchen Gruß zu ru- fen. Die menschliche Stimme, Worte in einer Sprache, die auch in der Oberwelt gesprochen wurde – sie stellten Werkzeuge dar, die in dieser Sphäre über- haupt keine Bedeutung hatten. Viele Wochen lang hatten wir uns einen Weg durch diese Domäne ge-, kämpft, ohne sie zu benutzen: stumme Eindringlinge, die einfach alles, was sich ihnen entgegenstellte, be- kämpften oder davor die Flucht ergriffen. Es richtete mir daher beinah die Nackenhaare auf, eine deutliche Antwort auf die Worte Barnars zu hören – eine leise, plätschernde Erregung in Wasserhöhe der Pyramide. Ein nackter Mann schwamm durch die Tür, durch die vor einigen Augenblicken ein spinnenartiger Dämon ins Gebäude geglitten war. Er war von untersetzter Statur und bewegte sich rasch und zielstrebig – fast hastig. Mit einem Ruck drehte er sich im Wasser um die eigene Achse, griff nach den üppig verzierten Reliefs, die die Tür säum- ten, und zog sich mit der Gewandtheit eines Affen auf die nächsthöhere Terrasse. Hier blieb er stehen und richtete seinen Blick prüfend gen Himmel – so als nähme er an, Barnars Stimme sei tatsächlich aus der ewig-düsteren Wolkendecke an seine Ohren ge- drungen und stamme direkt aus der Welt des hellen Sonnenscheins. Ich warf Barnar einen kurzen Blick zu und wog den Speer in der Hand. Er reichte mir sei- nen Schild, und ich gab ihm dafür mein Schwert. Es war eine wortlose Übereinkunft dessen, was seit vie- len Tagen unsere Verteidigungsstrategie darstellte. Ich übernahm die Rolle des flinken Angreifers, wäh- rend mir Barnar mit seinen anderthalb Schwertern den Rücken deckte. Wir richteten uns auf und riefen der einsamen Gestalt auf der Terrasse einen zweiten Gruß zu. Daraufhin drehte sich der Mann zu uns um, und unsere letzten Zweifel, ob er wirklich Gildmirth war, lösten sich auf, denn die Augen, mit denen er uns maß, glänzten in purpurrotem Schimmer, sowohl die, Pupillen als auch das, was bei anderen Menschen für gewöhnlich weiß ist. Es war die Tönung roter Som- merpflaumen in voller Reife. »Blutauge« war eine Be- schreibung Gildmirths, die in zwei Textstellen des Berichtes auftauchte, der das Äußere des Freibeuters nach seiner Expedition in die Unterwelt beschrieb. Was den Rest des Gesichts anging: es hatte ziegen- bockartige Züge und volle Lippen; sowohl Haare als auch Bart ähnelten einem dichten Vlies. Obgleich sei- ne Statur eher klein und unscheinbar wirkte, besaß er die Füße und Hände eines großen Mannes, und die knotigen Gliedmaßen, die gewölbte Brust und der flache Bauch verrieten eine ungewöhnliche Vitalität. Er grinste, als er uns ausmachte, und dabei entdeck- ten wir das Aufblitzen eines zweiten dämonischen Details, bei dessen Anblick wir unwillkürlich die Zähne zusammenbissen: Seine Zähne waren wohlge- formt und prächtig und bestanden aus hell glänzen- dem Stahl. Er lachte. »Ihr seid bestimmt keine Phantome? Kommt näher! Laßt mich glauben, daß ich mir euch nicht nur einbilde!« Wir kletterten die Klippen bis zu einer Stelle hin- unter, von der aus wir auf die Terrasse der Pyramide springen konnten, die unmittelbar oberhalb jener lag, auf der Gildmirth stand. Er grinste noch immer, als er uns zu sich herunterwinkte. Wir stießen uns ab. Als wir zur Reling gelangten, setzte der Freibeuter gerade darüber hinweg. Als wir auf ihn zutraten, erwiesen wir ihm unsere Ehrerbietung. Unsere Hochachtung entstand aus ei- nem Reflex heraus: Das Herz eines aufrechten Man- nes respektiert einen Helden, wenn es sich mit ihm, konfrontiert sieht. Er verbeugte sich seinerseits vor uns, aber seine Geste war deutlich ironisch gemeint. »Verdiene ich denn eine solche respekterfüllte Be- grüßung? Wenn dies der Fall ist, so ist es auch an mir, euch zu ehren, meine Freunde. Denn ganz offensicht- lich habt ihr ebenfalls das Wagnis auf euch genom- men hierherzukommen. Wenn ich in diesem Punkt keiner Täuschung unterliege, so seid ihr seit hundert Jahren und mehr der vierte und fünfte, die es riskier- ten, in die Unterwelt vorzudringen. Glaubt mir, wenn ich überhaupt noch ein verblüfftes Erstaunen emp- finden könnte, dann würde mir bei eurem Anblick glatt die Kinnlade herunterklappen.« Und sein Kiefer – er war breit und ausgeprägt und bestens geeignet, die schrecklichen Zähne aufzuneh- men, die darin funkelten – zitterte tatsächlich ein we- nig, als er diese Worte an uns richtete. »Wißt ihr, was ihr mir bedeutet?« fügte er hinzu, und es klang so, als stelle er sich diese Frage selbst. »Was denn?« fragte Barnar zuvorkommend. »Ihr stellt für mich zwei Möglichkeiten dar, diesem Ort für gewisse Zeit zu entrinnen. Ihr seid zwei Le- ben, in deren hellem Schein ich meinerseits eine Weile leben kann, bevor ich hierher zurückkehren muß.« Er vollführte eine allesumschließende Geste. »Ich beziehe mich damit auf die Bezahlung, die ich für jeden Dienst verlange, um den ihr mich vielleicht bitten werdet. Es sei denn, natürlich, ihr habt all die Mühsal nur auf euch genommen, um mir guten Tag zu sagen. Das ist gratis.« Ich ergriff die Hand, die er uns spöttisch entgegen- streckte. Es fiel mir nicht sonderlich leicht, da ich noch zu keinem endgültigen Schluß gekommen war, im Hinblick auf die Frage, ob er jetzt wirklich auf der menschlichen Seite der Grenzlinie stand, die er an diesem Ort in der Zeit der Freiheit und seines For- scherstolzes gezogen hatte. Seine Hand war so kalt wie ein Monat auf einem Jarkeladd-Gletscher, aber es haftete ihr andererseits keine Aura einer bösen und dämonischen Kraft an. »Ich bin überaus geehrt«, sagte ich. »Ich bin Nifft von Karkmanh-Ra, ein Mei- sterdieb. Mein Gefährte Barnar Hammerhand gehört ebenfalls dieser Profession an; er ist ein Chilit.« Gildmirth packte Barnars Hand. »Euer Respekt ehrt mich. Ich nehme an euch beiden nicht das Aroma mächtiger Zaubersprüche wahr. Indem ihr bis hierher vorgedrungen seid, habt ihr mit sehr wenig sehr viel erreicht.« »Wir sind hierhergekommen«, erklärte Barnar, »um unser verpfändetes Leben freizukaufen, indem wir einen gewissen Bengel aus dem großen Teich dort herausholen wollen. Wir haben alles gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, und jetzt verfügen wir über keinen einzigen Haken mehr, weder über Seil noch Draht.« Der Freibeuter lächelte liebenswürdig. »Ihr scheint außer eurer Entschlossenheit tatsächlich nur sehr we- nig zu besitzen. Aber ihr verfügt dennoch über den Preis, den ich für meine Dienste fordere. Ich verspre- che euch keinen sicheren Erfolg bei euren Bemühun- gen, aber sobald ich alles in meiner Macht Stehende getan habe – und wenn ich die dazu erforderliche Mühe überstehe –, müßt ihr mich bezahlen. Und das bedeutet: Ihr müßt mir Zugang zum Schatz eurer persönlichen Erinnerungen erlauben. Es dauert nur einen Augenblick, aber danach kann ich mich ebenso, deutlich wie ihr an selbst die nebensächlichsten Ein- zelheiten eurer Erlebnisse erinnern – vielleicht sogar an jene Dinge, die ihr im vielgestalten Durcheinander und der Aufregung eurer Freiheit längst vergessen habt. Für jemanden, dem seine Privatsphäre sehr am Herzen liegt, ist das ein sehr hoher Preis. Anderen Leuten aber bedeutet er so gut wie gar nichts, wäh- rend er für mich eine geistige Oase darstellt, an der ich mich in der Wüste meiner Gefangenschaft laben kann. Seid ihr mit diesen Bedingungen einverstan- den?« Wir nickten. »Gut. Dann sagt mir nun, von wem oder was der Junge verschleppt wurde, nach dem ihr sucht.« »Von einer Alse«, erwiderte ich. Gildmirth nickte langsam. »Schwere Arbeit, sowohl das Suchen als auch das Töten dieses Dämons. Aber durchführbar. Wir su- chen am besten mein Arsenal auf. Vergeßt nicht einen Augenblick lang, Freunde, daß ihr fortan nur in mei- ner unmittelbaren Nähe Schutz und Sicherheit finden könnt. Ihr befindet euch nun bereits in der Ein- flußsphäre des Meeres und stellt damit eine begeh- renswerte Beute für die nasse Hälfte der Hölle dar.« Er vollführte mit der Hand eine vage Geste. Ein mit Haut bespanntes Knochengerüstboot trieb aus der überfluteten Tür zwei Terrassen unter uns hervor. Wir folgten Gildmirth, der ohne zu zögern hinab- kletterte und das schwankende Gefährt bestieg. Es schien über einen eigenen, uns verborgenen Antrieb zu verfügen, und als wir das von den beiden Kais umfaßte Lagunengewässer überquerten, beobachte- ten wir den Pier, dem wir uns näherten. Wir vermie-, den es, den sich dicht unter uns an den Grund drän- genden Monstrositäten auch nur einen einzigen Blick zu schenken. »Gildmirth«, wandte sich Barnar abrupt an den Freibeuter. »Das warst du, der eben hier herum- schwamm, nicht wahr?« Auf dem Gesicht des Mannes erschien ein schiefes, kaltes Lächeln, und er antwortete, ohne uns dabei an- zusehen. »Das Schwimmen. Ja, ich war es tatsächlich, und noch mehr als das – obwohl ich glaube, daß ihr keine entsprechenden Einzelheiten hören wollt. Ich will euch aber die Frage beantworten, die euch am wichtigsten ist; allerdings müßt ihr dann selbst ent- scheiden, ob ihr mir glauben wollt oder nicht. Nein: Ich habe mich nicht verändert. Ich bin, was Fleisch und Geist angeht, noch immer ein Mensch.« Barnar nickte. Diese Antwort beruhigte uns tat- sächlich, ohne daß wir es uns anmerken ließen. Wir fühlten uns beschämt, angesichts seines Elends an ihm gezweifelt zu haben, und durch dieses Gefühl stellten wir fest, daß wir ihm vertrauten. Doch bevor wir etwas darauf zu erwidern vermochten, fuhr Gildmirth in einer Art Zugeständnis an unser ver- wirrtes Schweigen fort: »Ihr müßt wissen, daß ich nicht aufgrund eines äußeren Zwanges an diesen Ort gebunden bin. Es ist vielmehr mein Willen, der gefes- selt wurde ... infiziert. Ich verlasse die Unterwelt nicht, weil dies gewisse ... neu in mir entstandene Be- dürfnisse nicht zulassen. Meine ursprünglichen Wün- sche sind verstärkt, entstellt und unersättlich gewor- den. Und nur in dieser Sphäre bin ich fähig, meine Sehnsüchte zu befriedigen. Eines meiner Motive hat mir in Sordonhaupt einen Beinamen eingebracht:, Konservator nannte man mich dort. Es ist eine Spötte- lei. Es war aber in erster Linie mein Hang zum Dieb- stahl, der mich berühmt machte, besonders die Art und Weise, wie ich meine Heimatstadt betrog – und was das anging, verloren die Leute ihren Humor. Sie erfuhren nie, daß ich sie nur deshalb beraubte, um dem Konservator in mir Genüge zu tun. Weitaus un- auffälligere und in geringen Abständen folgende Diebstähle hätten meinem genügsameren Ich sehr wohl ausgereicht – zu gierig und zu ungeduldig war ich nie. Nur der Konservator mit seinem geheimen Ehrgeiz brauchte einen aufsehenerregenden Coup, um sich seinen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Dieser verschrobene alte Konservator. Sind wirklich schon dreihundert Jahre verstrichen, seit er hierher- kam? Ihn steuerte die allen Lebensformen geltende Leidenschaft eines Zoologen, das Interesse für ihre einzigartige und unfaßbare Komplexität, ihre verwir- rende Vielfalt. Und hier im Dämonenmeer wimmelt es wie in keinem Ozean in der Oberwelt von unbe- kannten Wundern. Dies hier ist ein Königreich an er- staunlichen Entdeckungen, und ein Gelehrter kann hier Wissensschätze ansammeln, die von der Nach- welt gerühmt werden ...« Er schwieg und steuerte das Boot an eine Leiter heran, die an einem der Kaipfähle emporführte. Er kletterte die Sprossen hinauf. Er bewegte sich lang- sam und gedankenverloren, wie ein Mann, der ganz in sich selbst versunken ist und sich allein wähnt. Wir folgten ihm, ohne ein Wort an ihn zu richten. Dann schritten wir über den Pier, zu beiden Seiten flankiert vom prächtigen Werk Gildmirths. Die Ge- bäude spiegelten seine aufgeschlossene Einstellung, wider, denn sie repräsentierten jeden nur möglichen architektonischen Stil: Tempel mit hohen Bögen, die der Aristoz-Schule entsprachen, monolithische Schrei- ne in der Jarkeladd-Art, mit drei Säulenreihen verse- hene Kolonnaden mit der schlichten und ernsten Anmut eines ephesischen Verwaltungsgebäudes. Zu beiden Seiten glitt eine ganze Enzyklopädie an Tradi- tionen vorbei, und doch war der unaufhörliche, kon- trastreiche Widerspruch auf so geschickte Weise auf- einander abgestimmt, daß das architektonische Pot- pourri einen höchst angenehmen Eindruck erweckte. Unsere Füße traten inzwischen über ein gleichfalls in ständiger Veränderung begriffenes Pflaster hinweg, und wenn wir den Blick zu Boden richteten, sahen wir oftmals mit Ornamenten verzierte Fliesen oder komplizierte Mosaike, die unsere Aufmerksamkeit derart fesselten, daß wir dann und wann stolperten. Aus den knappen Bemerkungen Gildmirths, die die- sem oder jenem Gebäude galten, entnahmen wir, daß es sich in der Mehrzahl um Aufbewahrungslager für Artefakte, Musterexemplare bestimmter Lebensfor- men und schriftliche Unterlagen handelte, und ganz offensichtlich machte ihr Erbauer noch immer regel- mäßigen Gebrauch davon. Und sie wirkten alles andere als heruntergekom- men, sondern befanden sich vielmehr in einem aus- gezeichneten Zustand. Nach einer Weile jedoch be- merkte ich, daß ihnen allen ein gewisses, unauffälli- ges Anzeichen des Verfalls anhaftete – was vielleicht sogar auf bewußte Beschädigungen zurückging. Überall dort, wo die entsprechenden Fassaden Ver- zierungen, Intaglios, mit kleinen Skulpturen versehe- ne Simsleisten oder Relief-Rollwerke aufwiesen,, konnte man sehen – es befanden sich dort in Winkeln und tieferen Einbuchtungen noch einige Metallfetzen –, daß die Ausschmückungen einst von prächtiger Goldfolie überzogen gewesen waren. Ich bemerkte den auf mir ruhenden Blick Gildmirths, und ich wußte, daß ihm meine Aufmerksamkeit in Hinsicht auf diese Einzelheiten nicht entgangen war. Sein Blick hielt mich von diesbezüglichen Fragen ab, und er schwieg, bis wir unser Ziel erreichten und er uns ins Innere des Arsenals führte. Ich hatte das Gebäude von außen aufgrund der ernsten Würde für einen Schrein oder ein Mausoleum gehalten. Es kam einer angenehmen Überraschung gleich zu sehen, daß das Innere keine Zwischenwände aufwies und mit Waffengestellen vollgestopft war. Der Platz, den die Decke bot, war ebenfalls vollkommen ausgenutzt – mit Booten. In Kettenharnischen hingen kleine Was- serfahrzeuge jeder nur vorstellbaren Konstruktion. Jeder Harnisch wiederum war in einem System schlitzförmiger Deckenschienen verankert, die in ei- nem zunehmenden Neigungswinkel auf die an der Meerseite gelegene Wand zuliefen, in der ein mit ei- nem kurzen Zuführungstunnel versehenes großes Tor eingelassen war. Während wir uns neugierig und erstaunt umblick- ten, griff Gildmirth nach einer mit Stahlscharnieren versehenen ledernen Hose und einem leichten Ket- tenhemd und kleidete sich an. »Bewaffnet euch, Freunde«, sagte er, als er damit fertig war. Sein Ton- fall stellte eine Parodie auf die fröhliche Vertraulich- keit eines Stallknechts dar. »Ihr seht ja selbst, was euch hier zur Verfügung steht – wir haben alles. Rü- stet euch so aus, wie es euren Vorlieben entspricht., Kettenhemden und Körperpanzer befinden sich hier, und da drüben gibt es noch ein weiteres Gestell, di- rekt hinter dem mit den Speeren und Harpunen. Dort sind alle möglichen Arten von Schwertern, drüben Helme und Schutzkappen, auf der anderen Seite Beinschienen und ähnliches, und da Keulen, Streit- kolben und Äxte. Was mich selbst angeht: Mir steht heute der Sinn nach einem Küraß.« Er versah jene letzten Worte mit einer besonderen Betonung, und während ich einige Lanzen aus be- stens verarbeitetem Eisenholz bewundernd in den Händen wog, galt ein Teil meiner Aufmerksamkeit Gildmirth, als er an ein Gestell mit Brustharnischen herantrat. Der Küraß, für den er sich schließlich ent- schied, glich einem strahlenden Juwel, das üppig mit goldenem Filigranflitter verziert war. Er trug den Körperpanzer zu einem Gerüst mit Messern, holte daraus einen Dolch hervor und fing an, damit die Goldabsätze von der Brustplatte zu schaben. Wir beobachteten ihn schweigend dabei, und wir begriffen, daß unser Zusehen seinem Wunsch ent- sprach. Er griff nach den Goldfladen, die er mit der Klinge gelöst hatte, und riß sie mit einem Ruck von dem Panzer aus rostfreiem Stahl los. Dann ließ er den Küraß fallen und blickte uns aus blutunterlaufenen Augen an, als seine großen Hände die einzelnen Foli- ensträhnen zusammenballten und in einen Klumpen verwandelten, der so groß wie ein Apfel war. Den hielt er daraufhin hoch, ohne den Blick von uns ab- zuwenden. »Entschuldigt bitte, daß ich mich jetzt meiner übli- chen Erfrischung hingebe, die durch eure Ankunft ein wenig verzögert wurde. Die Anstrengungen meiner, zoologischen Studien machen mich immer sehr hung- rig.« Mit diesen Worten klappte er den Mund auf und grub die großen, stählernen, nichtmenschlichen Zäh- ne in den Goldklumpen. Er kaute gierig, zermahlte die weiche und biegsame Mahlzeit und schlang sie hinunter. Wir sahen ihm beim Essen zu, während er uns dabei beobachtete, wie unsere Blicke auf ihm ruhten. In seinen Augen schimmerten Heißhunger und deutliche Trübsal. Als er fertig war, stand er eine Zeitlang einfach nur schweigend vor uns, so als wolle er uns Gelegenheit geben, ihn zu mustern, uns über das Elend seines Gefangenseins klarzuwerden. Wir bemühten uns darum, irgend etwas zu sagen, fanden jedoch keine passenden Worte. Der Freibeuter lä- chelte zaghaft, nickte dann und pflichtete unserem Schweigen bei. »Ich möchte euch nur noch auf eins hinweisen, Freunde«, sagte er in einem so beiläufig klingenden Tonfall, als hätten wir uns die ganze Zeit über ange- regt unterhalten. »Es war meine freie Entscheidung, mein eigenes Werk auszuplündern. Das offene Meer stellt eine sich niemals erschöpfende Weide meines Appetits dar, doch der Stolz verlangt, daß ich das verunstalte, was ich selbst schuf. Die Pracht meiner Hände Arbeit kam einer Prahlerei gleich, auf die ich kein Anrecht mehr hatte. Goldene Wände stehen Er- oberern zu, keinen Gefangenen. Na schön. Sollen wir jetzt weitermachen? Nehmt das, was euch gefällt – ich muß euch jedoch bitten, euch in jedem Fall mit den Vollvisierhelmen dort und schweren Harpunen zu versorgen. Versteht ihr euch darauf, mit einem Speer umzugehen?« Barnar rieb sich über den Mund, um ein Lächeln zu, verbergen. Ich beschränkte mich darauf, Gildmirth zu versichern, daß alle bei unserem Unternehmen erfor- derlichen Waffengänge, bei denen Harpunen mit im Spiel waren, getrost mir überlassen werden konnten. »Dann wählt zwei aus, die euch gefallen«, sagte er. »Und wenn euch sonst noch etwas einfällt, was eurer Meinung nach zu unserer Ausrüstung gehören sollte, entscheidet euch jetzt. Wir brauchen nur noch das Boot loszuschnallen und etwas zu beißen für mich an Bord zu nehmen.« In der Mitte der Halle erhob sich eine von vielen aufgestapelten Waffen umgebene Plattform. Gild- mirth kletterte hinauf und begann an einer darauf in- stallierten Vorrichtung aus Winden herumzuhantie- ren. Daraufhin setzten sich die Bootsharnische ent- lang des labyrinthenen Durcheinanders aus Füh- rungsschlitzen in der Decke in Bewegung. Und un- termalt von der durchdringenden und volltönenden Musik rasselnder Ketten und quietschender und knir- schender Zahnräder begann die herabhängende Ar- mada einen langsamen, baumelnden Tanz. Während Barnar grübelnd vor einem Gestell mit Streitäxten grübelte – seiner bevorzugten Waffenart –, überprüfte ich einige Harpunen, bis ich zwei gefun- den hatte, die recht gut in der Hand lagen. Dann griff ich nach einem der Helme, auf die uns Gildmirth hingewiesen hatte. Mit dem Vollvisier ähnelte er den alten Aristoz-Schutzkappen: Es handelte sich dabei um eine schlitzäugige Messingmaske in Form einer Wolfsschnauze. Als ich den Helm aufsetzte und den Riemen festzog, schienen meine Lungen von einer Lähmung befallen zu werden. Es war völlig ausge- schlossen, im Innern eines solchen Helms ein- oder, auszuatmen. In aufkeimender Panik zerrte ich an dem Riemen, dann aber stellte ich fest, daß ich gar nicht mehr an Atemnot litt. Und nachdem ich einige Augenblicke lang vorsichtig und nervös experimen- tiert hatte, machte ich die Entdeckung, daß meine Kraft davon nicht beeinträchtigt und auch die Fähig- keit zu nüchternen und klaren Überlegungen keinen Einschränkungen unterworfen wurde. Ich nahm den Helm wieder ab und rief Barnar zu: »Bei der schwar- zen Spalte, Ochsenrücken! Diese Helme hier – sie be- freien den Träger von der Notwendigkeit zu atmen! Von wie vielen zum Leben sonst unablässigen Erfor- dernissen wir doch in letzter Zeit befreit werden! Wir brauchen nicht mehr zu essen oder zu trinken, nicht zu schlafen – und jetzt müssen wir nicht einmal mehr atmen. Aber weißt du – aus irgendeinem Grund habe ich nicht den Eindruck, daß dadurch unser Leben si- cherer wird. Im Gegenteil: Ich zweifle sogar immer mehr daran, überhaupt noch am Leben zu sein.« »Ich verspüre noch immer ein dringendes Bedürf- nis«, gab Barnar knurrend zurück. »Ich möchte mei- nen Hintern so rasch wie möglich und für immer aus dieser abscheulichen und stinkenden Unterwelt her- aushaben. Und da ich diesen Wunsch mit einer so großen Intensität empfinde, komme ich zu dem Schluß, noch nicht tot zu sein. Tja, es ist nicht viel, an das man sich halten kann, aber ich muß mich eben damit begnügen.« Der Freibeuter lachte. Es war ein keuchender und kratzender Laut – eine hustende und wilde Fröhlich- keit, deren widerhallende Echos wie bellende und winselnde Qual klangen. »Oh, du bist wirklich nicht auf den Kopf gefallen, geschätzter Chilit. Ein Mann, kann hier zwar mit der Zeit sein ganzes Ich verlieren – die Identität von Seele und Herz –, aber solange er dieses Bedürfnis verspürt, ist er noch am Leben, und es besteht nicht die Gefahr eines Absterbens jenes Kerns, der sein Wesen ausmacht.« Vielleicht war Gildmirth der Meinung, in diesen Worten sei zuviel Selbstmitleid zum Ausdruck gekommen, denn nach einem Augenblick schnaubte er verächtlich, spuckte auf die Plattform und zog energischer an den Füh- rungsseilen der Winde. In einem gepreßten Tonfall fügte er hinzu: »Wenn ihr jetzt herkommen und an Bord steigen wollt ...« Wir folgten seiner Aufforderung, wenn auch mit einem gewissen Maß an Unbehagen. Das Boot, das nun gerade in die Startposition über die Plattform glitt, sah aus wie ein Kriegskanu und bestand zum größten Teil aus schuppiger Haut, die über ein rip- penartiges Knochengestell gespannt war. Der Bug war ein großer Schädel: Die breiten Kiefer mit den langen Fangzähnen schnappten durch die Luft und knirschten wütend. Das Heck bestand aus einem skelettenen Schwanz, der mit vergeblicher und me- tronomischer Kraft hin und her peitschte. Als wir die Plattform erreichten, war das Boot be- reits darüber hinweggeglitten, und Gildmirth hatte das unmittelbar darauffolgende Boot angedockt. Es machte angesichts einer derart grotesken und son- derbaren Flotte einen erstaunlich normalen Eindruck: Es war eine schmale kleine Schaluppe mit einem Mast und einem schlanken, spitz zulaufenden Pontonaus- leger auf der Backbordseite. Wir kletterten an Bord. So etwas wie eine Kabine gab es nicht – nur ein nacktes Deck, einen halben Meter unterhalb des Doll-, bords, versehen mit einigen Ruderbänken. Der Mast verfügte ganz offensichtlich nicht über ein Segel, und eine Ruderpinne suchten wir ebenfalls vergebens. Gildmirth betätigte einige hölzerne Hebel, woraufhin die vor uns in den Harnischen hängenden Boote in kurvenförmig verlaufenen Deckenschlitzen zur Seite wichen. Dann griff er mit beiden Händen nach einer Kurbel. Als er sie drehte, öffnete sich die große stäh- lerne Tür, auf deren Zuführungstunnel der Bug unse- res Gefährts deutete. Die beiden metallenen Flügel knarrten langsam zur Seite und gaben den Blick frei auf die blaue und nasse Decke, unter der sich die schemenhaften Alptraumgestalten aus Gildmirths Wasserzoo verbargen. Der Freibeuter stieg nun eben- falls an Bord und bedeutete uns, auf den Ruderbän- ken Platz zu nehmen. Er selbst ließ sich am Heck nie- der und griff nach einem Handring, der aus einem stählernen Bolzen herausragte, an dem die Ketten des Bootsharnisches befestigt waren. »Jenes Seil dort«, wandte er sich an mich, »das un- mittelbar vorm Bug von der Decke herabhängt. Beug dich vor und zieh fest daran. Sagt mir eins: Der Jun- ge, den ihr sucht – hatte er es auf das Elixier Sazmazms abgesehen?« Ich hatte gerade Anstalten gemacht, die Hand aus- zustrecken, hielt aber mitten in der Bewegung inne. »Du kennst ihn?« Gildmirth lachte und deutete auf das Seil. Ich zog daran. Dadurch wurde das Boot aus der Verbindung mit dem Halteharnisch über uns ge- löst und glitt allmählich auf die geöffnete Tür zu. »Ich kenne die Art Mensch, zu der er offenbar ge- hört, mehr nicht«, erwiderte Gildmirth. »Fast alle, die von Alsen hierher verschleppt werden, haben die, Dämonen selbst herbeigerufen, um sich mit ihrer Hil- fe in den Besitz des Elixiers zu bringen.« Das metallene Flüstern des Führungsschlitzes über uns wurde zu einem lauten Schrillen. Wir sausten durch die Tür und dann über einen Ausleger, der rund zwanzig Meter oberhalb der Lagune lag. Gild- mirth zerrte an dem Ringhaken, als wir das Ende des Auslegers fast erreicht hatten. Die Unterseite unseres Bootes löste sich von dem Stützgerüst, und die letzten Ketten gaben die Hülle des Gefährts frei. Wir schwebten durch die goldene Luft und jagten dem glänzenden Höllenwasser unter uns entgegen.,

XI

Wir mußten mit dem Boot über die Lagune rudern, um das Pyramidendomizil Gildmirths zu erreichen. »Unser Segel«, so erklärte der Freibeuter, »gehört zu den Dingen, die wir dort noch abholen müssen. Ich hoffe, ihr verzeiht mir die Verzögerung, wenn ihr versteht, welche Mühe ich mir gebe, euer Anliegen mit sorgfältigen Vorbereitungen zu unterstützen.« »Wir sind dir sehr dankbar dafür«, gab ich zurück. »Und was noch? Bitte erzähl weiter. Was kannst du uns noch über Wimfort berichten?« »Wimfort?« »Das ist der Junge, den wir suchen.« »Oh. Ich weiß eigentlich nur, welchen Fehler er machte, als er eine Alse beschwor. Wißt ihr, Balder Xolots Thaumaturgischer Taschenpandekt enthält einen Fehler. Und in den hundertundzwölf Jahren, die seit der Erstveröffentlichung vergangen sind, hat sich dies als überaus verhängnisvoll für jene Leute erwie- sen, die sich nicht die geringste Mühe machen, die Lehren der Zauberei eingehend zu studieren, an- dererseits aber jede Menge Formeln kaufen. Unter all den Magiern, die ihre Fähigkeiten in aller Öffentlich- keit und jedem Beliebigen feilbieten, unter all den Plagiatoren und Abschreibern der Lehre der Macht, war Xolot gewiß der Beste und Talentierteste. Leider war er aber auch nur ein gewöhnlicher Mensch. In seiner Transkription der paläoarchaischen Texte, die Sazmazm betreffen, interpretierte er den Ausdruck parn-shtadha falsch. Es handelt sich dabei um eine seltene Variante des weiter verbreiteten sh't-parndha,, und man braucht nicht mal über fundierte paläoar- chaische Kenntnisse zu verfügen, um zu erkennen, daß dies niemand bedeutet – so nahe kommt es an den hocharchaischen Ausdruck hesha'tpa-harnda heran. Xolot aber kam zu dem Schluß, es mit einem Schreib- fehler der Bezeichnung parnsh't adazu tun zu haben, was Alse bedeutet. Welcher Schrecken aus einem so kleinen Samenkorn des Irrtums keimte! Nur ein kur- zer Satz ist es: ›Und niemand‹, so lautet er, ›hat die Macht, es hervorzuholen‹ – damit ist das Elixier ge- meint –, ›aus der Tiefe, aus der Welt unter der Sonne, in der es sich verbirgt.‹ Legt euch noch einmal richtig in die Riemen, Freunde, und zieht die Ruder kräftig durchs Wasser.« Wir folgten der Aufforderung des Freibeuters. Das Bewegungsmoment des Bootes trug es über die Ter- rasse hinweg und durch den überfluteten Zugang in die Pyramide hinein. Bis jetzt hatten wir einen nur sehr oberflächlichen Eindruck jener Qual gewonnen, die mit der Gefan- genschaft Gildmirths einherging. Hier aber, im In- nern seines Domizils, wurde der Niedergang seiner Seele am Niedergang des Gebäudes, das er bewohnte, mehr als deutlich. Wir sahen, daß die große Halle, in die das Boot hineinglitt, einst der Thronsaal seines Stolzes gewesen sein mußte – der Ausstellungsraum für die bereits vollbrachten Leistungen und auch die Werkstätte neuer Projekte. Jetzt hatte sich der Prunk- saal in eine Lagune verwandelt. Von den Wänden hallte das gurgelnde Rauschen der Dünung wider, und das Meer hatte hier alles mit Beschlag belegt. So- gar die Segeltuchplanen, die zu beiden Seiten an den Wänden aufgespannt waren – obgleich nur der unte-, re Teil der bestickten Tücher ins Wasser hineinreichte –, hatte die algene Fruchtbarkeit des Ozeans erobert. Die glänzenden Bildwerke hatten sich mit leprösen Mooskolonien überzogen. Muscheln bedeckten sie mit schorfigem Grind, und Seetang ließ darauf seine faserigen Bärte wachsen. Gildmirth deutete nachein- ander auf alle Bilder, und er schien in ihnen – mit großer Kunstfertigkeit – alle wichtigen Ereignisse sei- nes Lebens aufgezeichnet zu haben. Sein Gesicht war nun überall zu sehen – verkrustet, mit einem Algen- bart versehen, die Züge teilweise auf groteske Weise entstellt, ganz wie die eines in den rauschenden Flu- ten Ertrunkenen. Ein großer Teil der Saaleinrichtung war tatsächlich ertrunken. An der Decke hingen strahlende Globen, deren Lichtschimmer bis zum unter dem Wasser ver- borgenen Boden der Kammer hinabtropfte. Und als wir in unserem Boot darüber hinwegglitten, konnten wir sehen, daß er mit vielen Objekten bedeckt war: Bevor das Meer ihn überspült hatte, mußte es schwie- rig gewesen sein, sich vom einen Ende der Kammer einen Weg zum anderen zu bahnen. Überall erhoben sich Plattformen und Podien. Auf vielen standen ta- xidermische Ausstellungsstücke: verschiedene dä- monische Gestalten, die so angeordnet waren – um- geben von Nachbildungen ihres jeweiligen Lebens- raums –, daß ihre Freßgewohnheiten verdeutlicht wurden, ihr Verhalten beim Kampf, ihre Brutart und vieles andere mehr. Überragt wurden diese Darstel- lungen von einem noch größeren Podium, das eine Vielzahl architektonischer Modelle zur Schau stellte. In diesem prächtigen Klein-Megalopolis, das aus den ehrgeizigen Plänen des Freibeuters erwachsen war,, erkannten wir viele Gebäude wieder – in Erfüllung gegangene Träume, die auf der Pier Gestalt ange- nommen hatten. Daneben sahen wir aber auch Kon- struktionen, die sicher niemals über ihre Ausstel- lungsgröße hinauswachsen würden. Die größte der Plattformen aber erhob sich in der Mitte der Halle und veranschaulichte einen noch grö- ßeren Anspruch als die kleine, nun vom Meer über- flutete Stadt. Bei dem, was dort ausgestellt war, han- delte es sich um eine aus Stein gehauene topographi- sche Karte, eine einer ausschweifenden Phantasie ent- sprungene Landschaft, in der breite und tiefe Schluchten von hohen Gipfeln gesäumt wurden und mächtige Vulkankegel aus weiten, mit tiefen Ein- schnitten versehenen Tiefebenen ragten. Dieses Podi- um lag zwischen uns und einem großen Tisch, der an der gegenüberliegenden Wand der Halle aus dem Wasser ragte und auf den Gildmirth zuzusteuern schien, wobei er ein Paddel als Ruderpinne benutzte. Als wir die Plattform überquerten, schauderten wir unwillkürlich, denn wir verstanden sofort, um was es sich bei der plastischen Karte handelte: Am einen Rand befand sich ein kleines Modell des Pyramiden- domizils und der Pier. Der ironischen Tatsache, daß es nun überspült war, haftete der schale Geschmack bewußter Boshaftigkeit an, und die kleinen Wellen, die träge darüber hinwegrollten, schienen mit ihren Bewegungen einen gespenstischen und dämonischen Triumph auszudrücken. »Ist das ein Modell des Meeresbodens?« fragte Barnar. Gildmirth zog das Ruder ein, und der Bug des Bootes stieß sanft gegen die Oberfläche des Ti- sches., »Von einem kleinen Teil. Laßt uns einen Schluck Wein trinken, danach zeige ich euch, wo wir die Su- che beginnen.« Wir stiegen aus. Hundert Männer hätten auf der breiten Tischfläche Platz gefunden und sich bequem darauf niederlassen können. Sie ragte deshalb aus dem Wasser, weil infolge des geneigten Bodens die- ser Bereich der Halle ein wenig seichter war. Wenn die schwache Dünung dieses Ende der Kammer er- reichte, war das Wasser kaum noch tief genug, um über das Kamingitter hinwegschwappen zu können. In seiner Verbitterung und dem sich selbst bestrafen- den Stolz hatte der Freibeuter nur einige Steinblöcke unter die schief stehenden Tischbeine geschoben und dann sein Lager aufgeschlagen. Er verfügte über ein Bett, einen Vorratsschrank, einen Schreibtisch mit Stuhl, ein Zeichenbrett, ein Gestell mit Schreibunter- lagen, einige Bücherregale – und das war es auch schon. Es war viele Wochen her, daß wir etwas anderes heruntergewürgt hatten als unseren eigenen Speichel. Der erste Schluck, den ich aus der Flasche nahm, die Gildmirth uns reichte, verursachte mir einen Schock, der fast an Pein heranreichte. Die Süße brannte wie Feuer an meinem ausgedörrten Gaumen und floß mir wie glühendes Eisen durch die Kehle. Der zweite Schluck war nichts als reines Vergnügen. Vor meinen Augen erhellte sich alles mit neu auflebenden Farben, und ich hatte den Eindruck, als habe der Wein mir einen Schleier aus düsterem Schrecken von den Pu- pillen gerissen. Ich sprach den Freibeuter auf die er- sten Objekte an, die ich in diesem neuen Licht er- blickte. »Welch prächtige Instrumente!« lobte ich mit, hohl klingender Stimme. »Kannst du sie alle spielen?« An der sich rechts vom Kamin erstreckenden Wand war eine Vielzahl unterschiedlicher Musikinstru- mente befestigt, und ihr lackiertes Holz, die silbernen Saiten und aus Messing gehämmerten Einfassungen erglühten vor mir in einer Farbenkaskade, die meine Augen gierig aufsaugten. Der Freibeuter maß sie mit einem sonderbaren Blick, in dem vielleicht auch ein Hauch von Sarkasmus zum Ausdruck kam. »Einige davon. Nicht alle gehören mir. Trinkt die Flasche ruhig aus, Freunde. Hier ist noch eine – ich kann mir vorstellen, wie euch der Wein mundet. Sol- len wir uns jetzt unsere Route anschauen? Wir kön- nen vom Rande des Tisches aus einen Blick darauf werfen. Darf ich mir deine Harpune ausleihen, Nifft?« Er geleitete uns an den Rand der aus dem Wasser der Halle aufragenden Insel. »Es ist nicht allzu weit von hier entfernt«, sagte er und deutete mit der stäh- lernen Lanze auf eine Stelle der plastischen Karte unter uns, die nicht ganz eine halbe Kartenlänge vom Modell des Pyramidendomizils entfernt lag. Es machte auf uns den Eindruck eines bizarren Wunderlandes, und wir kamen uns wie mächtige Ti- tanen vor, die ein Zauber bald in die Lage versetzen würde, zu schrumpfen, das Land zu betreten, uns an ihm zu erfreuen und die wilde Pracht der Gipfel und Schluchten zu erforschen. Die glänzende Spitze der Harpune verharrte in unmittelbarer Nähe einiger be- sonders steil aufragender Bergzacken. »Diese vier steilen Berge, die ihr hier sehen könnt«, erklärte Gildmirth, »ragen aus dem Meer heraus. Ihre Gipfel bilden Inseln, an denen wir vor Anker gehen, werden. Und dann diese Schlucht, die halb um die Berge herumführt – das einzige, was auf dieser Karte nicht dem Maßstab entspricht, ist die Tiefe dieses Ab- grundes. Man bezeichnet diese Schlucht als den Gro- ßen Schwarzen Riß, und die Tiefe kann nicht genau bestimmt werden, da sie auf direktem Wege hinab- führt in die zweite Unterwelt. In ihrem Bereich herrscht starke dämonische Aktivität. Und hier, ganz in der Nähe, liegt eine Hauptregion der Alsen. Ich weiß nur von diesem einen Ort, an dem man so viele Dämonen antreffen kann.« Wir hatten inzwischen die zweite Flasche geleert. Der falsche Zauber des Weins, die vom Alkohol her- vorgerufene unechte Heiterkeit, konzentrierte sich nun auch auf das bevorstehende Unternehmen. Die Wirkung war so stark, daß ich glaubte, eine ferne und überaus anmutige Musik zu vernehmen, als mein Blick über die plastische Karte auf dem überfluteten Podium hinwegstrich. »Bei welchem Licht müssen wir uns auf die Suche machen?« hörte ich Barnar fragen. Die Musik klang noch immer an meine Ohren – es waren zarte Töne, und die leise Melodie schien so aufeinander abge- stimmt zu sein, als gehöre sie zu dem miniaturisierten Reich, dem noch immer meine ganze Aufmerksam- keit galt. »In der Nähe des Risses gibt es Licht im Überfluß. Vielen Stellen des Meeresgrunds mangelt es an dem unheilvollen Glühen, dessen Schein eine Orientierung erleichtert, aber dort ... nun, ihr werdet es selbst erle- ben. Jetzt müssen wir die letzten Vorbereitungen tref- fen.« Gildmirth gab mir die Harpune zurück und, wandte sich mit einer Plötzlichkeit von uns ab, die mich verblüfft hätte, wäre ich zu jenem Zeitpunkt nicht schon von einem deutlich zu vernehmenden Fragment der Musik in Erstaunen versetzt worden – einem einzelnen, seidig klingenden Arpeggio. Es wehte aus dem Innern der Pyramide heran, aus ei- nem Bereich, der auf gleicher Höhe lag wie der Saal, in dem wir uns befanden. Über die Richtung konnte ich mir jedoch nicht klarwerden, da mich die hohle, rauschende und kummervoll gurgelnde Stimme der Dünung immer wieder irritierte. Gildmirth sprang dort vom Tisch herunter, wo das Wasser besonders niedrig stand. Er watete auf die Wand neben dem Kamin zu, die der mit den Instru- menten gegenüberlag. Aus dem Durcheinander ver- schiedener Gegenstände, die dort deponiert waren, wählte er ein Objekt, das aussah wie ein zu einem Bündel zusammengerolltes Fischernetz. Er warf es auf den Tisch. »Gildmirth!« rief ich. »Hörst du die Musik? Diese Melodie?« Der Freibeuter wandte sich wieder der Wand zu und griff nach einem riesigen Breitschwert. Es mußte von der Spitze bis zum Heft mindestens drei Meter lang sein. Er legte die Waffe neben das Netz auf den Tisch und schenkte mir noch immer keine Beachtung. Inzwischen konnte ich die Musik viel deutlicher und stetiger vernehmen. Die Melodie war nun besser aus dem auf- und abschwellenden Rauschen der Dü- nung herauszuhören. Der Klang einer Laute war es ... nein, einer Shamadka. Bei jedem Zupfen der volltö- nenden Saiten konnte ich nun die einzelnen, fließend ineinander übergehenden Noten hören, die von der herausfordernden Geschicklichkeit des Musikers ge-, schaffen wurden. Die Quelle der Melodie schien im- mer näher zu kommen. Die Klänge rieselten die Ton- leiter auf und nieder und verloren sich kurz in har- monischen Ausschmückungen und anmutigen Inter- pretationen, wobei sie nie etwas von ihrem hinrei- ßenden Elan einbüßten. Sie drückte eine starke und umfassende Melancholie aus. Welch eine Musik! Ich begriff plötzlich etwas, und dieses Erkennen kam ei- nem Schock gleich, den man vielleicht empfindet, wenn man eine eitrige Wunde an seinem Bein ent- deckt, ohne daß man sich ihrer bisher bewußt gewor- den wäre. Ich verstand, daß das bisherige völlige Fehlen von Musik einen besonders schmerzlichen Teil der quälenden Abscheulichkeit der Unterwelt darstellte – eine Wunde, die zu bemerken es mir bis- her an Muße gefehlt hatte und aus der ich schon seit langem blutete. Es war nun offensichtlich, daß Gildmirth zwar die Musik hörte, aber sowohl die Melodie als auch uns bewußt ignorierte. Wir beobachteten ihn so leiden- schaftslos, wie wir es vermochten, und es fiel uns schwer, keinen Anspruch auf das zu erheben, was er uns nicht von sich aus anbot. Er trat ein drittes Mal an die Wand heran und löste ein schüsselartiges Boot aus der Verankerung. Es war nur so groß, daß es ei- nem Mann bis etwa zu den Knien reichte. Das Heck bestand aus einer schmalen Verflachung, und beim Bug handelte es sich um eine kaum sichtbare und nur angedeutete Wölbung. Zu beiden Seiten des Gefährts wurde die Kante von zwei Einbuchtungen markiert. Auf den ersten Blick erkannte ich sie als Ränder zweier Augenhöhlen – und das Boot selbst bestand aus einer riesigen, abgesägten Schädelplatte. Gild-, mirth setzte sie aufs Wasser und stieß sie mit dem Fuß an. Das Schädelskiff glitt um den Tisch herum und stieß sanft gegen das Heck unseres Bootes. Inzwischen war die Musik immer deutlicher und lauter geworden. Sie rann – jetzt in breiten Strömen – durch eine breite Tür an der linken Wand in die Hal- le. Gildmirth kehrte auf die Tischfläche zurück und würdigte uns noch immer keines Blickes. Er packte das Bündel, stieg damit ins Boot, entrollte es und fing an, es am Ausleger zu befestigen. Es war ein Netz. Durch die linke Tür glitt eine Shamadka, wie ein kleines Boot – die polierte Kugel der Bug, die silbern glänzenden Saiten die Takelage, prall gefüllt mit einer Ladung bezaubernder Melodien. Das Instrument wies eine sonderbare Verzierung auf: Auf den ersten Blick schien der Schmuck aus ei- ner langen Ranke aus Seetang zu bestehen, einem zer- faserten, purpurnen Stengel, der sowohl den Bug um- schmiegte als auch an den Saiten emporkroch. Aber unmittelbar darauf fiel uns die subtile Biegsamkeit auf, die dieser Rebe anhaftete. Ihre liebkosenden Be- wegungen waren es, die der Shamadka die hellen Wohlklänge entlockten. Eine Stimme fing an zu sin- gen, ein Sopran, so bittersüß wie ein aus Kindern zu- sammengesetzter Tempelchor: »Welcher Mann so reich übertrifft meines Lieb- sten Pracht? Keinen Anlaß hat er, sich zu sorgen um seine Fracht Daß andere herausfinden, wo wachsen die er- beuteten Schätze, die seinen, Die Brut des Goldes, die fruchtet aus sich selbst, heraus mit Macht, Die sich vermehrt, ungezählt und im geheimen!« Der Freibeuter war noch immer damit beschäftigt, das Netz am Ausleger zu befestigen, und der Blick seiner Augen folgte trüb den Bewegungen der Finger. Während der Gesang andauerte, glitt die Shamadka in einer langen, anmutigen Kurve auf den Tisch zu. Die verwickelten und kompliziert wirkenden Kon- traktionen des Wesens, das sich an den Saiten ent- langrankte, ließ polyphone Kostbarkeiten erklingen – und doch sahen die faserigen Körperreben so ge- fühllos aus wie knotige, muskulöse Schlangenleiber. Während es mit der Shamadka weiter auf uns zu- schwamm, wogten Ausläufer der seidenen Ranke sanft und träge auf den Wellen der Dünung. »Kreuzer und Leichter, ganze Heere In endloser Zahl durchgischten sie die Meere. Prall gefüllt sind ihre hölzernen Bäuche, ohne Luft Beladen mit goldener Beute aus tiefer Gruft. Könnte er sich grämen angesichts einer geringen Einbuße? Seine Augen, jene heißen Dünen aus einsamer und Lichtener Flut, Sie haben ihm den Gaumen verbrannt in der Gier nach juwelener Muße. Und darum nennt er ein ›Grab‹ sein immenses Gut.« Unterdessen war Gildmirth dabei, das große Breit- schwert samt Scheide mit methodischen Bewegungen, unter dem Dollwerk auf der Backbordseite festzuzur- ren. Seine Augen, deren Blick sich noch immer ganz auf die Arbeit konzentrierte, waren so rot wie frisch aus einer Wunde hervorquellendes Blut. Das Wasser plätscherte höhnisch. Wir drehten uns um und schauten dem Sänger ins Gesicht. Das Wesen schwamm unmittelbar hinter dem In- strument – dort ragte dicht unter der Wasseroberflä- che ein schlaffer, spitzzulaufender Hautballon auf. Nahe der Spitze dieses in der Farbe einer Quetsch- wunde getönten Fleischsacks – der völlig kahl war und keinerlei Besonderheiten aufwies – stülpte sich die Haut nach innen und bildete einen Krater mit schroffem Zackenrand. Das Auge des bizarren Ge- schöpfes war halb darin eingebettet und erstreckte sich zum Teil auch noch durch ein labyrinthenes Sy- stem aus davon abzweigenden Rissen und Tunneln. Es war eine klebrige und schwefelgelbe Pfütze. Im Innern zeigten sich Dutzende schwarzer Pupillen- splitter. Sie keimten und vereinten sich; sie lösten sich auf oder bildeten neue Ableger. Kleine Furchen formten sich und unterteilten das Ganze in kleinere Abschnitte. Das Auge war in ständiger Veränderung begriffen, und die unablässige Evolution der Pupil- lensplitter stellte eine Entsprechung der permanen- ten, gleitenden Bewegung des Leibes der musikali- schen Ranke dar. Das Geschöpf verfügte auch über ein Maul, dort, wo der Hautsack in den Fühlerwedel überging. Es war eine dicke Blüte aus einer Vielzahl von Lippen, die in ihrer Anordnung konzentrischen Blütenblät- tern ähnelten. Sie alle bewegten sich ständig, und man konnte unmöglich die eigentliche Ausgangs-, quelle des unaufhörlichen Formulierens erkennen. Man mußte es als Gesicht bezeichnen, auch wenn sich einem bei dem Anblick der Magen umdrehte. Trotz der verwirrenden und doppeldeutigen Vielfalt der Züge war es eine unglaublich ausdrucksstarke Miene, und die Art und Weise, wie sich die Pupillen- splitter zu immer neuen Mustern anordneten, schien dauernd etwas Hinterhältiges und Heimtückisches auszudrücken. Eine wahre Flut aus spöttischem Lä- cheln umspielte und kräuselte die Lippen, als das Wesen seinen Gesang fortsetzte: »Und meines Liebsten Ästhetik, wer kann sich messen mit ihr? Denn so hell wie das Gold, so schimmert sein Flair. Niemand sonst hat so mannigfaltige und erlese- ne Züge, Und auch nicht jene Anmut, die bei vielen ande- ren nur funkelt als eitelkeitene Rüge.« Gildmirth schwieg noch immer und hörte der Melo- die offensichtlich nicht zu. Er kletterte in das Schä- delplatten-Skiff, das nun neben unserem Boot düm- pelte. Er stand ganz hoch aufgerichtet und ruhig, als es ihn auf die Wand mit den Musikinstrumenten zu- trug. Sein ganzes Verhalten drückte die absolute Konzentration eines erfahrenen Gladiators aus, der sich zu einem Kampfbereit macht. Und es stand ihm nun gewiß ein Duell bevor, das er schon seit vielen Jahren focht und dessen Ausgang über seine geistige Stabilität entschied. Die Zyklopenranke fuhr unter- dessen mit ihrem Gesang fort. Sie zog die einzelnen, Tonfolgen nun genießerisch in die Länge und verän- derte auch die Betonung der Silben: »Die Augen anderer mögen erstrahlen wie Sterne – klar Wie zwei Diamanten – aber sie bilden doch nur ein Paar! Als Konstellationen funkeln die des Liebsten, des Meinen, Wo immer eine Gruppe von Menschen sich mag ergötzen an den glänzenden seinen. So verschieden ist des Erscheinens Gleißen, Daß keine Zunge sie kann preisen ...« An dieser Stelle vertiefte sich die honigsüße Melo- dienstimme der singenden Krakenranke; sie wurde dumpf und hallend, und wir konnten die von ihr in- tonierten Verse nicht mehr verstehen: Gildmirth hatte sich inzwischen in aller Ruhe für ein an der Wand mit den Musikinstrumenten hängendes Dröhnhorn ent- schieden und damit zu einem traditionellen südko- lodrianischen Stimmungslied angesetzt. Es war ein lebhaftes und sehr schwungvolles Stück, sogar noch schneller und lauter als die meisten dieser Lieder, und er verzierte die eigentliche Grundmelodie mit lärmenden und frechen Ausschmückungen. Der Frei- beuter handhabte das Instrument mit großem Ge- schick, und seine Tongebung war absolut sicher und unfehlbar und vollführte mehr als hundert verschie- dene Variationen, die einen beeindruckenden Sach- verstand bekundeten. Er hatte seine Melodie auf die Musik des Dämons abgestimmt: Die Ausdrucksweise der beiden Stücke war zwar völlig unterschiedlich, und widersprüchlich, doch dem Spiel Gildmirths haftete ein Akzent an, dessen phonetische Bedeutung auf absonderliche Weise mit der der Zyklopenranke harmonierte und so eine Vielfalt auffälliger Disso- nanzen erzeugte. Zwischen diesen sich aus akusti- schen Kollisionen bildenden Höhepunkten liefen die lärmenden und lebhaften Tonfolgen des Stimmungs- liedes regelrecht Amok inmitten des donnernden und dröhnenden Widerhalls der lyrischen Rezitationen des Dämons, und die einzelnen Worte der Verse wurden somit zu völliger Unverständlichkeit ver- zerrt. Mit imaginären Fäusten bahnten sie sich einen Weg durch die von der Shamadka geschaffene kom- plizierte Architektur aus Stimmungen – wie ein be- trunkener Mob aus Taugenichtsen, der durch eine Umgebung aus betont feinen Manieren torkelt, sich dabei einer Orgie aus Quatsch und Blödsinn hingibt, sich an lärmenden Obszönitäten erfreut, in alle vor- handenen Fettnäpfchen tritt und ein Musterbeispiel an vulgärem Verhalten an den Tag legt. Keiner der beiden Duellanten hielt auch nur für ei- nen Augenblick in seinem Spiel inne. Mit fehlerloser Unterschütterlichkeit wob jeder der beiden Kontra- henten seine Hälfte der Disharmonie. Als der Was- serdämon die Coda seines Stücks verlängerte, schloß Gildmirth an den Schluß seines Stimmungsliedes nahtlos ein Potpourri ähnlicher Stücke an. Das heftige Durcheinander der auf so krasse Weise unterschiedli- chen und miteinander ringenden Tonfolgen ähnelte einem Schwertkampf. Angesichts der unerbittlichen Lärmfülle lief es mir kalt über den Rücken bei dem Gedanken, daß eine solche Auseinandersetzung sich auf unmenschliche Weise in die Länge ziehen konnte,, während wir einfach nur warten mußten – ganz gleich, wie lange es dauerte –, bis sich der Freibeuter aus der Gefahrensituation herausgekämpft hatte. Und genau bei dieser Überlegung verklang die Musik. Zuerst beendete der Dämon seinen melodi- schen Vortrag mit einem geschickt improvisierten Schlußakkord, dann folgte Gildmirth. Wir lauschten dem Rauschen der Dünung, die nun wieder Besitz ergriff von der großen Halle. Mit den geschmeidigen Bewegungen von Schlangenleibern lösten sich die Pseudopodien der Ranke von den Saiten der Sha- madka, bis sie schließlich nur noch von einem Fa- serstrang berührt wurden. Damit drückte der Dämon die Kugel unter Wasser, bis sie sich ganz gefüllt hatte und das Instrument versank. Dann schwamm das Geschöpf fast träge und be- wegungslos dicht unterhalb der Wellen. Die schlaffen Wedel, die nach vorn ausgestreckt waren, vollführten langsame und spöttische Wellenbewegungen in Gildmirths Richtung. Nach einer Weile richtete es die Spitze seines zentralen Leibs steiler auf. Die zu opti- schen Wahrnehmungen fähige Gallertmasse musterte den Freibeuter, wobei sich die honigfarbene und zäh- flüssige Masse ausbreitete und durch die von Rillen und Furchen durchzogene Augenhöhlung zu rinnen begann. Das langsame und träge Dahinfließen erin- nerte mich unwillkürlich an eine Sanduhr, die mit ei- ner ebensolchen behäbigen Stetigkeit die Zeit maß. Pupillenknospen keimten in den zentralen Tiefen der Gallertmasse, und wie funkelnde schwarze Hornissen trieben sie umher, um Gildmirth mit ihren durch- dringenden Blicken heimzusuchen. Gleich den kon- zentrischen Wellenringen, die ein ins Wasser gewor-, fener Stein erzeugt, wurde der vielblättrige Mund der Zyklopenranke von mehrfachem Lächeln und Grin- sen umspielt, die einen dem Freibeuter geltenden ko- ketten Tadel zum Ausdruck brachten. »Mein überaus geschätzter Liebling!« flötete das Wesen. »Noch immer alles so wüst? Ach, ihr Herren!« Das Sülzenauge richtete seine Aufmerksamkeit nun auf uns, und die Pupillenmuster veränderten sich so, daß das Geschöpf sowohl Barnar als auch mich zu mustern vermochte. »Mein sturer, kleiner, pflau- menäugiger Liebling dort – er will einfach nicht auf- räumen! Ich sage es ihm immer wieder: Wenn er sich irgendwo häuslich niederläßt und eine Zeitlang an einem Ort verweilt, muß er eben Ordnung schaffen. Er sollte ein Mann mit Prinzipien sein, der sich den Kon- sequenzen seines Handelns stellt – jedenfalls war er das vor langer Zeit. Zumindest hat er es mir gesagt. Hör mal: Wie ist dein Name? Bist du immer noch der, als der du dich mir gestern vorstelltest?« Die pupille- ne Wolke verdichtete sich wieder und sog gierig das Mienenspiel von Gildmirths ausdruckslosem Gesicht auf. »Das bin ich, o Spaalgenbrut – der Mann, als den du mich so gut kennst. Ich bin Gildmirth aus Sordon- haupt im südlichen Kolodira, und man nennt mich auch den Freibeuter.« »Noch immer Gildmirth, auch heute? Was ist mit morgen?« »Ich bin der, der ich war, und so wird es auch blei- ben, solange ich lebe.« Der Spaalg wandte sich ebenso rasch von diesem offensichtlich schon zu einem Ritual gewordenen Ulk ab, wie er ihn begonnen hatte. Mit wirbelnd tasten-, den Rankenarmen sauste das Geschöpf krakengleich und mit dem Kopf voran im Zickzack-Kurs durchs Wasser und verharrte über der topographischen Karte am Grund der überfluteten Halle. Von dieser Position aus setzte es seine verdrießlich klingenden Vertrauensseligkeiten gegenüber Barnar und mir fort: »Nehmt als Beispiel nur einmal diese hervorragen- de Karte – er läßt sie einfach dort unten im Wasser. Wie sollen sie seine Gäste und Besucher dort be- trachten können? Tja, nur er selbst hat einen prakti- schen Nutzen davon und kann diese Darstellungen zu Rate ziehen – wenn er hinausschwimmt, um in anderen Gestalten sein Spiel zu treiben. Und für ihn ist das überhaupt nicht erforderlich. Als er noch vol- ler Entdeckergier und Forscherdrang war, hat er sich an der Erkundung des Meeresbodens ebenso sehr er- freut wie eine Wanze am alkoholisierten Blut eines Trunkenboldes. Ich bin sicher, mein hochgeschätzter Liebling hat summa summarum mehr Jahre damit verbracht, auf fremden Beinen über diese Hügel und Ebenen zu wandeln ...« Der Dämon ließ die Spitze ei- nes schlaffen Rankenarms sinken und deutete über die entsprechende Nachbildung unter ihm hinweg. »... als der angebliche Gildmirth je in einer Stadt ver- lebte, die Sordonhaupt heißen soll und an deren Na- men er sich in seiner hartnäckigen Phantasie so sehr festklammert. Meine Güte ...« Als sie nachzugrübeln begann, wurde die Stimme der Zyklopenranke tiefer und ähnelte plötzlich einem aus gutem Material und von geschickten Händen geschnitzten Holzhorn. Die wie liebkosend wedelnde Rebe kritzelte anmutige Zufallsmuster auf die Karte. »Wie immer auch der Name des Mannes gewesen sein mag, der diese Karte, schuf – um welch prahlerischen und überheblichen kleinen Affen es sich bei ihm doch gehandelt haben muß, meint ihr nicht auch? Ich meine, hatte er wirk- lich die Absicht, sie zu vollenden? Und sie in diesem Raum hier unterzubringen? Was für eine naive Ver- messenheit! Welch kleingeistige Anmaßung! So etwas hat nichts mit echter Wissenschaft zu tun! Echte For- schung muß zu einem wirklichen Verständnis be- stimmter Phänomene führen. Als Transkription der unendlichen Vielfalt des Ozeans stellt diese Karte nur einen unerhörten und empörenden Versuch dar, die Grenzenlosigkeit des Ersten Ozeans auf völlig unan- gemessene Weise zu einer bequemen Beschränktheit zu reduzieren – so daß der kleine und unbedeutende Geist Gefallen daran finden mag. Der Mann nämlich, der sich selbst Gildmirth nennt, ist sicher viel zu un- entschlossen und zu ängstlich, um Unternehmungen in Angriff zu nehmen, die Schwierigkeiten und Ge- fahren mit sich bringen könnten. Nun, es muß stim- men, schaut selbst! Er war sicher eine Art Zwerg, denn handelt es sich bei der kleinen Stadt dort drü- ben nicht um sein früheres Zuhause?« Der Spaalg vollführte eine weitere rasche Drehung und hing wie eine Boje über der architektonischen Mikropolis des Freibeuters. Die Tatsache, daß wir es bei diesem Geschöpf mit einem Spaalg zu tun hatten, bedeutete mir anfangs kaum etwas. Ich wußte nur, daß solchen Wesen eine recht geringe Bedeutung zu- kam in Hinsicht auf mögliche Gefahren, die sie als potentielle Bedrohung für Menschen darstellten. Die- sen Schluß zog ich jedenfalls aus der allgemein übli- chen Bezeichnung »Schleicher, Kriecher und schlei- mige Spaalgen«, die auf die ganze niedere Dämonen-, art Anwendung fand. Als ich jetzt aber diese mit Rankenarmen und Wedeln versehene Schnecke beob- achtete – die sich so anmutig und geschmeidig be- wegte wie eine mit dünnen Muskelsträngen ausgerü- stete Ölwolke –, wie sie eine biegsame Rebe zu einer kleine Agora hinabsenkte und mit den zarten Faser- membranen an der Spitze zärtlich und behutsam über die kunstvoll bearbeiteten Säulen einer Kolonnade hinwegstrich, die nicht größer waren als die halb zur Seite geneigten Zacken einer goldenen Krone ... als ich den Spaalg dabei beobachtete, erinnerte ich mich noch an ein anderes Informationsfragment, das diese Gattung betraf. Undle Neunfinger bezeichnete sie in irgendeinem seiner Werke als »Würmer« – was in dieser Nomenklatur jene Art von Dämonen be- schreibt, die in den Körpern ihrer Beuteopfer ein pa- rasitäres Dasein fristen. Bei diesem Gedanken ent- stand irgendwo in meinem Nacken ein Knoten aus ei- siger Kälte, von dem aus es mir frostig über den Rük- ken rieselte. Gildmirths Körper war so fest und mas- siv – offenbar gänzlich gesund. Doch verbarg seine äußere Verfassung vielleicht nur die völlige Zerfres- senheit und Wurmstichigkeit im Innern – jene hohlen und tödlichen Tunnel, die möglicherweise als Korri- dore für den Einfluß dienten, den der Spaalg auf ihn ausübte? Die Stimme des Wasserdämons drückte volltönen- de und melodische Verachtung aus, als er fortfuhr: »Wie rührend es doch in gewisser Weise anmutet! Welche törichte Anmaßung, diese in ihren Ausmaßen so sehr beschränkte Pracht! Und mit was für einem eingebildeten Mann wir es in dieser Hinsicht doch zu tun haben, diesem leckeren Möchtegerntyrannen na-, mens Gildmirth. Die Dinge müssen so oder so sein, auf diese, jene und andere Weise vollbracht und be- endet werden ...« Die faserige Rebe tanzte geschmei- dig an den Dächern der Miniturgebäude entlang. »... in genau dieser Reihenfolge und unverzüglich! Wie könnte ein derart hochmütiger und stolzer Geist je- mals eine andere Auffassung vertreten als die, seine ehrgeizige Gier könne von etwas anderem als einem ganzen Imperium befriedigt werden? Wie einfältig er doch war, als er sich den endlosen und orgiastischen Hochgenuß der Forschungen und Entdeckungen in Aussicht stellte. Dieser arme Wicht! Er kämpfte sich seinen Weg hinauf zum Tisch, und bestimmt ist ihm nun notgedrungen noch übel von der so üppigen Mahlzeit. Ich möchte wetten, er platzt beinahe auf- grund der Fülle hinuntergeschlungener Delikatessen. Und infolge des äonenlangen Hinunterwürgens die- ses für ihn so ungeheuer fremdartigen Universums ist die Blase seines früheren Selbst – die nur so kurzlebig war und an der er sich vor so langer Zeit erfreute – inzwischen bestimmt geborsten und bedeutet ihm nun weniger als die müßigsten Phantasien. Ach, du lieber Himmel! Seht ihn euch nur an! Oh, wie schrecklich! Welch immenser und niemals wieder- gutzumachender Verlust!« Die Leibeswurst des Spaalgen faltete sich zusam- men, wodurch sich das Auge aus dem Wasser her- vorstülpte. Die Pupillenmuster konzentrierten sich auf ein Gemälde auf der anderen Seite der Halle – ei- nes jener grandiosen Selbstbildnisse Gildmirths, mit denen er sich in Öl verewigt hatte. »Was ist nur mit meinem kleinen Kindskopf passiert?« Die Stimme des Dämons schrillte betrübt. »Sein Gesicht! Welche ab-, scheuliche Pestinfektion hat die Züge so sehr ent- stellt?« Der Spaalg sauste an das Bild heran. Er hob seine Wedel, breitete sie über die Leinwand aus und fuhr streichelnd über die Darstellung. Sein Körper war nun hoch aufgerichtet, und das Gallertauge betrach- tete mitleiderfüllt die teilweise überkrustete Lein- wand, während die Pseudopodien darüber hinweg- krochen. Der Dämon hätte sich genausogut für irgendeins der anderen Bilder entscheiden können: Auf allen Gemälden war das Gesicht Gildmirths mehr oder weniger gleich verschmutzt, die Mimik verschmiert und von Algen überwachsen. Bei der Szene, an der der Spaalg nun schleimig emporkroch, schien es sich um eine magische Zeremonie zu handeln, die Gild- mirth durchgeführt und mit der er sich ein schemen- haftes Durcheinander aus gefesselten Dämonen un- terworfen hatte. Die Bewohner der Unterwelt wurden von einem großen, metallenen Gladiatornetz einge- hüllt. An dem Zugseil, mit dem die Öffnung des Net- zes geschlossen worden war, hing eine Kette, und die dargestellte Gestalt Gildmirths hielt sie mit uner- schütterlicher Entschlossenheit fest und hatte sich ei- nige Längen davon ums Handgelenk geschlungen, damit sie nicht plötzlich fortgerissen werden konnte. Das ganze Bild war gescheckt von den Anzeichen ei- nes veränderlichen Wasserstandes, aber die Schmutz- flecken machten nicht den Eindruck, als seien sie von unparteiischen Algen- oder Tangwucherungen verur- sacht worden. Auf unbestimmte Weise schien es die Bedeutung des Gemäldes zu unterstreichen, die Ab- bildung zu verfeinern. Man konnte gerade noch er-, kennen, daß sich Gildmirth selbst ein ernstes und strenges Gesicht gegeben hatte, wie die Brauen dro- hend zusammengezogen waren, während die im Netz gefangenen Dämonen allesamt den Eindruck machten, als duckten sie sich voller Furcht an den Boden. Die hellen Flechten aber, die später darüber hinweggewachsen waren, betonten nun besonders die Wangen, entstellten sie, und auch die Brauen, Mund, Augen und Hals wurden von einem dünnen Überzug aus filigranem, schwarzem Moos bedeckt, der wie ein diffuser Dunsthauch wirkte und sein Ge- sicht wie das eines Toten aussehen ließ. Das Öl, mit dem die Arme gemalt waren, war verwittert, sah körnig und wäßrig aus und erweckte so den Ein- druck, als habe das Fleisch bereits zu verwesen ange- fangen. Er war nicht länger der einsame und uner- schrockene Abenteurer: Er wirkte nun furchterfüllt und ängstlich, ein Sterblicher, der eine tödliche Wun- de davongetragen hatte. Die eine Hand, die sich in gebieterischer Manier nach einem Tisch mit diversen Instrumenten ausstreckte – vielleicht handelte es sich auch um Bücher –, tauchte nun in eine Blase gestalt- loser Schatten, und diese Schemen verschlangen nicht nur die Hand selbst, sondern auch das, nach dem sie hatte greifen wollen. Das Netz mit den gefangenen Dämonen war zur Hälfte in Auflösung begriffen. Die Haltung der ehemals Gefesselten kam nun aufgrund der subtilen Veränderungen des Bildes nicht mehr ei- nem eingeschüchterten Ducken gleich, sondern wirkten nun weitaus bedrohlicher – so, als machten sich die Ungeheuer zum Gegenangriff bereit. In der revidierten Fassung der Darstellung schien die Kette keine Fessel mehr zu verkörpern; es handelte sich, jetzt vielmehr um eine Peitsche, mit der Gildmirth versuchte, sich die Monstren vom Leibe zu halten. »Ach, mein kleiner Schatz, mein lieber armer Wicht! Wer hat das nur mit dir gemacht?« Die Stim- me klang nun wieder zuckersüß. Zwei zitternde Ran- kenspitzen liebkosten kummervoll die sich zum Teil hinter Schimmel und Stockflecken verbergenden Schläfen des gemalten Freibeuters. Ich spürte, wie plötzliche Wut in mir emporstieg und wie mit einer Schwertspitze in mein Herz stach. Ich hatte nun lange genug beobachtet, wie sich der Spaalg an seinem noblen Opfer labte, wie er mit sei- ner schleimigen Zunge nach dem Geschmack der Verzweiflung tastete. Eine jähe Flutwelle des Verste- hens durchspülte mich, und plötzlich kam ich mir ebenfalls wie ein Opfer vor: Ich gewann den Ein- druck, als sei meine Seele ebenso sehr Angriffsziel des Spaalgen wie auch die Gildmirths. Ich blickte mich um und sah, wie mich das Gesicht des Freibeu- ters aus einem Dutzend Masken der Auflösung und des Zerfalls anstarrte. Um uns herum war die Neube- arbeitung seines Selbstbildnisses wie eine Galerie aus höhnischem Spott aufgereiht. Daß er einst arrogant gewesen war, kam in den großen und mit liebevollen Details versehenen Gemälden deutlich zum Aus- druck. Aber es handelte sich dabei um einen Hoch- mut, der mehr als wettgemacht wurde von seiner jet- zigen aufrechten Haltung inmitten der Ruinen, in die der Feind seinen Unternehmungsgeist verwandelt hatte. Er wandte nicht einmal den Blick von dem Spaalgen ab. Ganz offensichtlich war es sein fester Wille, dem Starren des Gallertauges so lange stand- zuhalten, bis er entweder tot oder aber frei war., Ja! Er hoffte immer noch auf seine Freiheit und wi- dersetzte sich der jahrhundertelangen Gewalt vielge- stalten Durcheinanders, das ihm entgegengeflutet war, um ihm die immer kleiner werdende Zeitspanne seines unabhängigen Daseins zu nehmen – jene so relativ wenigen Jahre, die alles umfaßten, was er einst gewesen war und was er aufgehört hatte zu sein. Es war zuviel. Damit war die Grenze meiner Geduld überschritten. Der Spaalg hatte erneut zu sprechen begonnen, und ich schrie: »Sei still!« Zu meiner neuen Ausrüstung gehörte auch eine Streitaxt. Ich zog sie hinter dem Gürtel her- vor – nicht so sehr, weil es meine Absicht gewesen wäre, den Dämon damit anzugreifen, sondern eher als Möglichkeit, meine Empfindungen zu verdeutli- chen. »Du federbeinige Made«, fauchte ich. »Ist es vielleicht so, daß es deinem Stecknadelkopf schlicht an Masse mangelt, um neben der Lüge auch der Wahrheit Platz zu bieten? Die Körper von uns Men- schen, die wir der Oberwelt angehören, sind relativ leicht zu töten, doch was unseren Willen angeht, un- sere Seele, so sei dir gewiß, daß man sie weitaus schwieriger umzubringen vermag als Geister. Denn wir sind Geister. Das kannst du mir ruhig glauben, Freibeuter.« Ich wandte mich zu dem leidenschaftslo- sen Gefangenen der Ruinen seines eigenen Ehrgeizes zu. »Du weißt, daß meine Worte der Wahrheit ent- sprechen. Du bist hier in einem Kerker ohne Sonne gefangen, und obgleich du von Sehnsucht nach der Oberwelt verzehrt bist und beinah ertrinkst in dieser komischen Kloake, so bist du doch andererseits nicht weniger real als irgendeiner jener Menschen, die frei im hellen Sonnenschein wandeln. Denn wir alle sind, nichts weiter als Fetzenfragmente aus Wünschen und Hoffnungen! Welcher Mensch ist denn im Grunde seines Wesens kein geisterhafter Ich-möchte-sein, der gefangen ist im brüchigen Domizil seiner unvoll- kommenen Taten? Wer von uns irrt nicht durch das Labyrinth des Was-bereits-gewesen ist?« Der Freibeuter gab keine Antwort darauf. Er starrte mich an, und in seinen großen und wunden Augen erschimmerten all jene Dinge, die ich gerade ange- sprochen hatte – Dinge, von denen ich nichts ahnte und hoffentlich auch nie etwas ahnen werde. Ich kam mir plötzlich wie ein Narr vor, unfähig, ihm zu hel- fen. Ich stellte fest, daß ich während meiner tempe- ramentvollen Ausführungen die Axt hin und her ge- wirbelt hatte und sie auch jetzt noch drohend schwang. Der Spaalg gab ein leises, glucksendes Ki- chern von sich. »Ich beschere ihm zusätzliche Le- benskraft«, sagte der Dämon. »Bei keinem anderen Menschen gleicht die Erinnerung einem so festen und dichtgespannten Netz ...« Erst in dem Augenblick, als ich die Streitaxt schleuderte, wurde mir bewußt, daß ich sie werfen wollte. Der Spaalg ließ sich davon nicht überraschen und sank wie ein Stein in die Tiefe. Die Schneide des Beils bohrte sich an der Stelle in die Gemäldelein- wand, über die der Dämon zuvor gerade noch hin- weggekrochen war. Unterdessen verwandelte das Krakenwesen seinen jähen Tauchgang in eine weite, völlig geräuschlose Kurve und kam mit einem Lä- cheln wieder an die Oberfläche. Sofort stimmte es ei- nen melodischen Gesang an: »Einst war ich ein Mann mit Herz und Verstand,, Und sowohl Herz als auch Verstand waren mein ...« Der Spaalg hatte seinen Gesang gerade begonnen, als Gildmirth den Arm ausstreckte und das Wesen an seinen Wedeln aus dem Wasser zog – so wie man ei- ne Kohlrübe pflückt, indem man ihre Blätter umfaßt und sie daran aus dem Boden reißt. Dieser Vorgang beeinträchtigte das Intonieren des Dämons in keiner Weise. »Zwei Augen besaß ich, hinter denen ich dachte und fand. Dort, wo ich sammelte all jene Dinge, die ich sah. Und zwei Ohren hatte ich, zwischen denen alles geschah ...« Gildmirth holte zum zweitenmal aus, und der immer noch mit dem Kopf nach unten hängende Spaalg sau- ste durch die Luft, auf die Pforte zu, durch die wir mit unserem Boot ins Innere der Pyramide geglitten waren. Während des weiten Bogens unterbrach der Dämon seinen Gesang nicht, und er hörte auch dann nicht damit auf, als es ihn aus dem Domizil des Frei- beuters hinaustrug und seine Verse bald unverständ- lich für uns wurden: »Dort, wo ich mich erinnern konnte an alles Ge- hörte. Jetzt aber pocht mein Herz stumm und mit lee- rem Schlage; Ohne Bedeutung ist das Licht, das mich nie störte, Und es verhallt die an meine Ohren klingende, Klage, Weil es keinen Ort mehr gibt, der ...« »Was hast du mit ihm gemacht?« fragte Barnar leise, und sein Blick galt nach wie vor dem Rankenwesen, dessen Leib nun vor dem Hintergrund der fernen und von der Pforte umrahmten Wolken zu einem kleinen Punkt schrumpfte. »Ich habe ihn Richtung Morastmagel geschleudert – einen Bereich des Meeres, der von heimtückischen Gezeitenerscheinungen, Stürmen und Flutwellen heimgesucht wird und etwa zweitausend Längen von hier entfernt ist. Morgen dürfte der Dämon zurück sein.« »Das mit deinem Gemälde tut mir leid«, wandte ich mich in Ermangelung einer besseren Bemerkung an ihn. Diese Worte richteten Gildmirths Aufmerk- samkeit auf die betreffende Stelle. Er zuckte leicht zu- sammen, als riefe er sich erst jetzt wieder ins Ge- dächtnis zurück, daß sich die Schneide der Streitaxt dort in die Leinwand gebohrt hatte. Seine Lippen schienen zwar noch nicht ganz bereit zu sein, sich von einem echten Lächeln umspielen zu lassen, aber sie vibrierten leicht, und die in seinen Augenwinkeln stark ausgeprägten Falten heiterer Ironie vertieften sich ein wenig. Seine Augen waren jetzt nicht mehr blutunterlaufen, sondern erinnerten an zwei dunkle Karneolen. »Ist nicht zu ändern«, erwiderte er mit einem an- gedeuteten Schulterzucken. Er drehte sich um, trat in die Vorratskammer und füllte dort einen Proviant- sack. Ich begriff nicht und sah Barnar an. Er blieb stumm und lenkte meine Aufmerksamkeit mit einem, Fingerzeig zurück auf die Leinwand. Diesmal erkannte ich es. Es war jener Hauch von Bedeutung, mit dem die Streitaxt das Gemälde durch Zufall unterstrich. Die Schneide der Waffe hatte sich in einem derartigen Winkel in das Bildnis hineinge- fressen, daß man den Eindruck gewinnen konnte – wenn man den Kopf auf die Seite legte und seine Phantasie ein wenig beanspruchte –, als sei sie ein Teil des Gemäldes selbst. Und es war die Kette, die von der Axt durchteilt wurde, an einer Stelle unmit- telbar unterhalb von Gildmirths Hand. Ich wandte mich an Barnar, und meine Stimme klang ganz leise, um Gildmirth nicht mit lauten Worten zu peinigen. »Dann soll es so sein – im Na- men all jener Nächte, deren Erhabenheit über diese Hölle hinausgeht.« Daraufhin nickte Barnar ernst. »Meine Herren!« rief unser Führer. »Bitte steigt jetzt an Bord. Ich muß nun fort von hier, wenn ich mich überhaupt auf all das einlassen soll. Meine Stimmung ist im Augenblick ziemlich gedrückt.« Wir folgten seiner Aufforderung. Gildmirth zog das Segel auf und befestigte eine Ecke an der Spitze des Mastes. Es bewegte sich flatternd und blähte sich auf. Der Freibeuter saß zwar im Heck des Bootes, aber er schien das Gefährt nicht zu steuern, als wir vom Tisch fortglitten und wie schwebend die ruhige Lagune durchmaßen, wobei wir das Schädelskiff hinter uns herzogen. Schweigend schwammen wir durch die Pforte. Das Wolkengewölbe von Gildmirths kosmischem Kerker machte auf uns nach dem Gefangensein in seiner monumentalen Grabeszelle den Eindruck grenzenlo- ser Freiheit. Infolge des vom Land her wehenden, Windes blähte sich unser Segel vollständig auf, und wir glitten über die von Meerwasser überschwemm- ten Verliese der lebenden Beute Gildmirths hinweg. Der Bug des Bootes richtete sich auf einen Durchlaß zwischen der Spitze des Kais und dem Ende der Landbrücke. Im Innern des Pyramidendomizils hat- ten wir davor zurückgeschreckt, die emotionale Qual des Freibeuters mit Fragen weiter zu verschlimmern, aber als der Wind auch die Schwermut aus uns her- ausblies, schien es uns weniger mitleidslos zu sein. Ich rückte jedoch nicht an den Freibeuter heran, sprach vom Bug aus und vermied es, seinen Blick einzufangen. »Kannst du den Spaalg nicht töten, Freibeuter?« »Nein. Und ich würde es auch nicht, wäre ich in der Lage dazu. Nur er allein könnte mir jemals die Freiheit wiedergeben.« »Ich erinnere mich daran, daß Undle Neunfinger einmal irgendwo erwähnte, Spaalgen kämen Wür- mern gleich ...« Barnar sah mich kurz von der Seite an. Auch sein Blick war in schweigendem Erbarmen nach vorn ge- richtet. Wir beobachteten den Durchlaß zum offenen Meer, dem wir uns nun rasch näherten, während der Freibeuter antwortete. Seine Stimme schien aus wei- ter Ferne zu kommen, und sie klang so betont ruhig und gleichmäßig, als wären seine Worte eine Rezita- tionspflicht, um die er sich noch nie gedrückt hatte: »Spaalgen verfügen über die besondere Fähigkeit, Körperveränderer zu infizieren. Ihre Larvenbrut wächst im Leib eines größeren Dämons heran. Wenn ein Mensch – oder irgendein anderes Wesen – die Ge- stalt eines bestimmen Geschöpfes annimmt, so muß, er sich ein bestimmtes Gattungsexemplar aussuchen und damit verschmelzen, um mit der gewählten Kör- perform vertraut zu werden. Wenn das entsprechen- de Gattungsexemplar dann von einem Spaalgen infi- ziert wird, so vermag sich der Dämon auch in den Leib des Körperveränderers zu transferieren und kann den Betreffenden mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln infizieren. Es gelang dem Spaal- gen, einige seiner Nervenverbindungen mit den mei- nen zu verbinden, und das an Stellen, die besonders dafür geeignet sind, seine eigenen Leidenschaften zu verstärken. Wenn ich in dieser Lage entweder das Gold des Meeres oder seinen magischen Gehalt und die unbegrenzte Vielfalt an Leibesgestalten verlöre, auf die ich nun zurückgreifen kann, so würde sich mein Geist mit Wahnsinn umnachten. In dieser Welt geht mein Geist langsam zugrunde, durch Zermür- bung. Und außerdem könnte er von irren Begierden innerhalb weniger Tage verzerrt werden.«,

XII

Wir hatten es uns mittschiffs gemütlich gemacht und lehnten mit dem Rücken an gegenüberliegenden Schandeckeln. Barnar griff in den Proviantsack neben sich und holte einen weiteren Krug Wein hervor. »Elixier. Ach! Was mich betrifft, so haben wir das ein- zig bedeutende Elixier bereits gefunden.« »Ich weiß nicht. Das Zeug, das der Junge in seinen Besitz bringen wollte, muß es wirklich in sich haben. Er berührte es nicht einmal, und doch brachte es ihn geradewegs hierher.« Ich lachte über den Witz dieser Worte, obgleich sie von mir selbst stammten. Barnar schüttelte ernst den Kopf. »Vielleicht hat es das Zeug wirklich in sich. Diese Flüssigkeit hier ist aber mindestens ebenso wunder- sam. Sie bringt mich geradewegs fort von hier, ohne daß ich mich dazu auch nur einen einzigen Millime- ter von der Stelle rühren muß.« Barnar ging auf mei- nen Scherz ein und lachte ebenfalls. »Wohl gespro- chen, o schlauer Chilit. Und glücklich der, der im Be- sitz eines solchen Wundermittels ist. Wirf mir den Krug zu. Danke.« »Keine Lobeshymnen bitte. Laß mich nur noch eins betonen: Was diese Sazmazm-Angelegenheit betrifft, so verschone mich fortan bitte mit Heiltränken und Elixieren aller Art. Nur das, was du dir gerade die Kehle hinunterspülst, verdient diese Bezeichnung, und mehr kann ich dazu nicht sagen. Reich mir das köstliche Naß. Danke.« »Bitte. Bei der Spalte, dieser Nachgeschmack ist einfach köstlich!«, »Mhmmm. Ja. Fast so köstlich wie der eigentliche Geschmack.« »Ganz zu schweigen von der Blume. Wirf.« »In der Tat. Und um zum Kern der Sache vorzu- stoßen: Da der Wein so hervorragend ist, trifft es auch auf die Umsicht Gildmirths zu, daran zu denken, uns damit zu bevorraten.« »Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Und da wir schon einmal bei diesem Thema sind: Wenn man es aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet, ist es eigentlich ein ganz prächtiges Abenteuer, auf das wir uns da eingelassen haben. Es hat eine ehrenhafte, erhabene und unleugbar prächtige Note. Gib mal.« »Da hast du völlig recht. Ein unglücklicher junger Bursche, von Dämonen verschleppt, gemartert und gequält, alles solche Sachen. Und auf der anderen Seite zwei mutige, kühne, tapfere und unerschrocke- ne Wagehälse, die sich auf seine Fährte gesetzt haben und gegen die in der Ersten Unterwelt lauernde Macht des Bösen nur ihre Schlauheit und Schwerter einsetzen können. Daran ist etwas Prächtiges. Gib zu- rück.« Eine süffige Pause schloß sich an, die wir dazu nutzten, den vollen Umfang der neuentdeckten Pracht zu erkunden. Ich blickte mich um und erfuhr plötzlich so etwas wie eine dumpfe Eingebung. »Zum Teufel auch, Barnar, und weißt du, was noch? Gib mal. Danke ...« »Was noch, Nifft?« »Selbst dieser ... dieser große Kloakentümpel ... die- ser eitrige und halb in Verwesung übergegangene Leichnam von einem Meer ist doch ... ist doch in ge- wisser Weise echt prächtig, nich' wahr?«, »... Wie ...? Äh, ja ... ich denke, in gewisser Weise ja.« Wir warfen Gildmirth einen verstohlenen Blick zu. Er saß grübelnd im Bugbereich des Bootes, schon seit so vielen Stunden, daß wir ihn beinahe vergessen hatten. Wenn er unserem Gespräch gefolgt war, so zeigte er es nicht. Sein nach innen gekehrter Blick galt noch immer den verrückten Mustern auf der Gischt- und Schaumdecke des Ozeans. Voraus reichte ein weiterer turmdicker Finger der faserigen Wolkenma- sse bis zum Meer hinab und ließ dort dunstige Ne- bellawinen wallen. Barnar seufzte. Ich warf ihm den Krug zu, und er leerte das Gefäß. Die Böen des Windes änderten in ih- rem ständigen und nervenaufreibenden Wandel er- neut die Richtung, zischten und fauchten und fuhren mir wie mit einer eiskalten Dolchklinge über den Rücken. Barnar deutete auf einen hinter mir liegen- den Bereich und rief: »Sieh nur! Schon wieder ein Heuler!« Ich hatte die krängende Annäherung eines tosenden Geräusches bereits einige Sekundenbruch- teile vorher vernommen und drehte mich um. Eine Pfeilspur aufgewühlten und schäumenden Wassers sauste auf uns zu. Einen Augenblick später donnerte es einem Orkan gleich über die Decksplanken unseres Bootes. Wir verloren beinah die Orientierung ange- sichts der tausend tosenden Stimmen, deren gemein- same Verzweiflung die einzelnen Lautfolgen zu ei- nem ohrenbetäubenden Kreischen verschmolz. Für einige eine Ewigkeit dauernde Sekunden betäubte das Jaulen sowohl unsere Gedanken als auch alle Empfindungen, und als der Heuler durch die Wellen davongischtete und nach anderen Ohren suchte für, sein hallendes und völlig unverständliches Flehen, schienen unsere Hirne in dem sich anschließenden Schweigen von akustischen Erinnerungsmessern zer- schnitten zu werden. Die beeindruckende Wirkung des Heulers mag von einer Tatsache verdeutlicht werden: Obzwar das Ge- schöpf höchstens zwei Sekunden in unserer Nähe weilte, kam seine Stimmgewalt doch einer höchst er- nüchternden Erfahrung gleich. Jener Mantel aus per- lender Heiterkeit, in den der Wein das Meer gekleidet hatte, löste sich jäh auf – wenn die Fasern überhaupt jemals von ausreichender Festigkeit gewesen waren. Die Fluten, denen nun unser starrer Blick galt, waren so, wie sie sich schon von Anfang an unseren Blicken dargeboten hatten: Es wimmelte in ihnen von vielge- stalter Qual. Aufgewühlte Bereiche, aus denen hier und dort Fangzähne und große, mit Backenstacheln versehene Mäuler ragten, waren scharf abgegrenzt von Regionen, in denen die Oberfläche des Meeres spiegelglatt war. An anderen Stellen hob, senkte und kräuselte sich das Wasser, was darauf schließen ließ, daß sich tief unten riesenhafte Leiber bewegten. Gleich daneben wiederum sahen wir schleimige und blutige Teile zerrissener Körper träge auf den Wellen schwimmen, umschwärmt von Heerscharen käfer- großer Wesen, die wie Grillen zirpten, sich mit er- barmungsloser Leidenschaft bekriegten und zu Tau- senden starben. Und über dem fiebrig erregten Durcheinander der Madenschwärme breiteten die bleigrauen Wolken ihre langsam zerfallenden Faser- arme aus. Die vielen dunstigen Ausläufer waren ge- säumt vom blutroten Schein des dämonischen Lich- tes, das durch sie hindurchsickerte. An vielen Stellen, erlebten die aufgeblähten Gebirgsmonumente jähe Einbrüche; große Bereiche schälten sich von ihnen ab und legten sich in klebrig-dunstigen Schwaden über die Wellen, in der Art des feuchtkalten Nebels, in den wir nun hineinglitten. Gildmirth hatte uns erklärt, daß unser Segel auf andere Böenströmungen rea- gierte als die des Windes: Kraftströme der Unterwelt, die unfühlbar die Luft erfüllten, von der sie gemäß dem Willen ihres Herrn in die gewünschten Bahnen gelenkt wurden. Gildmirth beherrschte diese Metho- de zwar meisterlich und steuerte unser Boot damit genau durch die schmalen Korridore vergleichsweise ruhigen Wassers, aber meine Stimmung wurde noch um eine Stufe düsterer, als ich begriff, daß auch die Luft von Dämonenkeimen durchsetzt war. Barnar fühlte sich auf ähnliche Weise niederge- drückt, denn plötzlich platzte eine Frage aus ihm her- aus, die er unserem Führer normalerweise aufgrund seines Mitgefühls erspart hätte, die er sich nun aber nicht mehr verkneifen konnte: »Was finden Spaalgen in uns, von dem sie sich nähren können, Freibeuter? Ist es nicht auch möglich, daß sie sich gegenseitig an ihrem Fleisch laben?« In seinen Augen kam eine stumme Entschuldigung zum Ausdruck, als er den Blick Gildmirths einfing, aber er wartete dennoch auf die Antwort, ebenso wie ich. Die Augen des Freibeuters waren wieder blutrot von seiner langen Innenschau, aber seine Stimme klang zuvorkommend und ruhig, als er erwiderte: »Wer ist mehr Sklave seiner eigenen Begierde als ein Spaalg, Barnar? Welchen Ursprung ihre Brut auch haben mag, sie kennt nur einen einzigen Lebensin- halt: jenes räuberische und parasitäre Dasein, zu dem, das Schicksal sie bestimmte. Ihr ganzes Streben kommt einem ewigen und freudlosen Bemühen gleich, ihre Begierden zu befriedigen.« (Während ich zuhörte, beobachtete ich, wie sich in der nächsten Nebelbank ein schmaler Riß bildete. Die Öffnung enthüllte einen kleinen und krummen Schacht, der bis zu der Wolkendecke oben empor- reichte.) »Und welche Gattung außer der des Menschen hatte einen Willen, der weit über die ihnen angebore- nen Instinkte hinausreicht? Einen hartnäckigen Traum vom Selbst, der eine Erholung von ihrem tri- sten Dasein erlaubt, der vielleicht sogar ihre Gat- tungszwänge zu überwinden vermag?« (Ein kleines, schemenhaftes Etwas kroch mit müh- samer Entschlossenheit durch den gekrümmten Tun- nel – angesichts des schwadenhaften und trüben Dunstes nur ein verschwommener Fleck.) »Nur danach steht diesen Dämonen der Sinn – nach dieser einzigartigen Befähigung zu einem über- geordneten Verlangen, das der unbestrittenen Reali- tät eines Dämmerungsdaseins plötzlich Glanz und Bedeutung verleiht. Während der Vergewaltigung und Zerschmetterung des Willens eines Menschen labt sich ein Dämon an einer kostbaren Droge; er er- lebt dann einen rauschähnlichen Zustand, in dem er teilhaben kann an der unvorstellbar reichen mensch- lichen Erfahrungswelt.« (Ein kleiner, nackter und schweißglänzender Ho- munkulus tauchte durch den Schacht. Er hielt auf die Öffnung in der Nebelwand zu, und er hatte es schon geschafft, die Hände ins Freie zu schieben, als aus dem Tunnel eine schuppige Pranke hervorschoß, sei-, ne Taille packte und ihn zurückzerrte, woraufhin sich die Lücke im Dunst wieder schloß.) Je länger meine Fußsohlen durch die Decksplanken spürten, wie sich die Fluten des Meeres unter uns in ihrem ewigen Kampf hoben und senkten, desto be- sessener wurde ich von Gildmirths verschrobener Übereiltheit, dieses Reich als eine Herausforderung gegenüber seinen Künsten zu wählen. Ich schwieg, bis sich eine Erscheinung, die auf das hindeutete, was sich unter uns abspielte, verflüchtigte. Die meisten Hinweise auf das, was sich unter uns in der Tiefe ab- spielte, erhielten wir durch die allgemeine Seetrift oder auch durch kurzes Aufschäumen, das auf Kämpfe schließen ließ. In diesem Fall aber handelte es sich um drei Gebilde – Galgen, die zwanzig Meter aus dem Wasser herausragten. Zwei Männer und ei- ne Frau baumelten daran, nackt, in jener träge schwingenden und absolute Hoffnungslosigkeit aus- drückenden Stellung, die Erhängten anhaftet. Als wir näher kamen, tauchte ein riesenhaftes Reptil mit ei- nem an einen Sarg erinnernden Maul aus dem Was- ser und verursachte eine Welle, die an die Galgen heranspülte. Daraufhin schwangen die drei Toten stärker von einer Seite zur anderen. Das Reptil schnappte nach der Leiche am ersten Galgen, zog daran und donnerte rücklings ins Wasser zurück. Der Tote in seinem Rachen war echt, doch der Leib erwies sich als überraschend dehnbar und klebrig-zäh. Das Reptil versuchte, die Fangzähne wieder aus dem Leichnam zu lösen, und dadurch wurde der Tote na- hezu drei Meter auseinandergezogen. Unter dem Wasser ertönte das Klirren dicker Ketten. Die Galgen, versanken langsam in der Tiefe, gefolgt von dem Reptil, das sich mit aller Kraft zu befreien versuchte. Als der Ort dieses Geschehens hinter uns zurück- blieb, platzte es aus mir heraus: »Höchst ehrenwerter Freibeuter. Bei der Spalte, bei allem, was hineinfällt und aus der Spalte hervorkriecht – warum ausgerech- net hier! Warum hast du dich ausgerechnet für diesen Ort entschieden, um deinem Forscherdrang nachzu- gehen? Bei allem Respekt – für mich ist dies eine Fra- ge, deren Antwort ich mir nicht einmal in einem mei- ner schrecklichsten Alpträume vorzustellen vermag.« Gildmirth lächelte, und das erstaunte uns, da sein Gesicht schon seit Stunden einer steinernen Maske geglichen hatte. »Kannst du es dir wirklich nicht den- ken? Vielleicht sind dir – liest man Quibl heute ei- gentlich noch? – folgende Zeilen bekannt: ›Für alle, die auf der Suche sind nach der Er- kenntnis, woher sie kommen, oder ob ihr Schick- sal bringt ein Verhängnis.‹« Mein Gedächtnis funktionierte ein wenig langsamer als das Barnars, der sofort nickte und seinerseits rezi- tierte: »›Sind wir ihre Vorfahren oder Erben? Sind sie unsere Kinder, oder wir die ihren?‹ – Und hast du eine Ant- wort gefunden, Freibeuter?« Gildmirth schüttelte den Kopf. »Ich habe mir eine Meinung gebildet. Was echte Beweise angeht oder auch nur bestätigende Anhaltspunkte ...« Ich umfaßte seinen Arm. »Sieh mal, dort. Das Was-, ser kocht.« Gildmirth reffte das Netz-Segel, und wir hielten uns von dem Ort schäumenden Aufruhrs fern. Undeutlich zu erkennende Gestalten bäumten sich aus dem Brodeln empor und rangen mit wütender Entschlossenheit in dem Sieden. Bevor wir noch Ein- zelheiten erkennen konnten, meinte der Freibeuter: »Ah! Bestimmt eine Kolonie Stielloser, die angegriffen wurde, wahrscheinlich von einem großen Dandäbu- lon. Die eigentlichen Kontrahenten bekamen wir nicht zu Gesicht, nur die Auswirkungen ihres Zwi- stes. Seht jetzt einmal! Erkennt ihr es?« In der Tat. Nach und nach ließ das Brodeln des Kampfes nach, und das, was durch das Gewühl an die Oberfläche getrieben war, verteilte sich über die ruhiger werdende Wasseroberfläche. Auf den ersten Blick schien es sich dabei um Splitter großer Koral- lenblätter zu handeln – scharlachrote und teer- schwarze Gitterwerke. Und dann entdeckten wir die zerfetzten Körperteile von Männern und Frauen, die inmitten dieser Splitter schwammen. Hier eine Hand, dort ein Mann vom Zwerchfell aufwärts – blutend trieben sie in den Mustern aus Korallenblättern. Der halbe Mann gab einen schrillen, heiseren Schrei von sich – es grenzte an ein Wunder und war die letzte Anstrengung, zu der er noch fähig war –, dann starb er. Gildmirth richtete ein kleineres Segel aus und brachte uns sicher an dem sich vergrößernden Be- reich aus Korallensplittern und Blut vorbei. »Jemand, der es überlebte, heil!« rief Barnar. »Dort drüben!« Es war eine Frau. Der große Korallenfächer, auf dem sie ausgebreitet lag, war nicht zerbrochen, und wir konnten sehen, wie er ihrem Leib entwuchs. Ihr verlängertes Rückgrat stellte die Zentralrippe dar., Von ihren Seiten aus gingen das Grau der Nerven- bahnen und das rotblaue Muster aus Venen und Ar- terien aus und wurden zu einem Bestandteil der Ko- ralle. Mit dem langen, schwarzen Haar der Frau ver- hielt es sich ebenso: Wie eine Ranke an einer Haus- wand breitete es sich auf dem Fächer aus. Die von ih- ren Brustwarzen ausgehenden Nervenfäden und das dunkle Dreieck aus üppigen Locken zwischen ihren Schenkeln vervollständigten oben und unten ihre Ankettung an das Kalkgeschöpf. Der Fächer drehte sich langsam und zog dabei einen aus der Veranke- rung gerissenen Wurzelstengel hinter sich her. Ihre Augen blickten wissend und verstehend, und ihr Blick heftete sich an uns fest, als sie sich drehte. Sie war sehr schön. Wir sahen Gildmirth an. Der Frei- beuter schüttelte den Kopf. »Man kann sie nicht mehr in einen normalen Menschen verwandeln; es ist sogar unmöglich, sie für längere Zeit am Leben zu erhalten. Entweder sie wird vom Dandäbulon verspeist, oder der Hirte, dessen Herde dies ist, pflanzt sie wieder an.« »Reisende«, sagte die Frau. Die Luft versengte ihr die Lungen. Das eine Wort klang so, als bereite es ihr großen Schmerz. Sie schöpfte wieder Atem. »Ihr seid wirklich Menschen? Keine Sklaven? Und ihr segelt in Freiheit über das Meer?« »Ja, o du Unglückliche«, erwiderte ich. »Befreit mich!« schrie sie. Und die funkelnde Koro- na aus Nerven und Adern erbebte und wand sich hin und her, als sie ihr Flehen wiederholte: »Befreit mich!« »Man kann dich nicht wieder zurückverwandeln«, entgegnete der Freibeuter sanft. »Deine Größe be-, weist, daß du schon seit vielen Jahrhunderten eine Gefangene bist.« »Glaubst du, ich wüßte das nicht?« antwortete die Frau. Sie lächelte, und Tränen rannen ihr an den Schlä- fen entlang. »Wie geht es in der Oberwelt zu, ihr Rei- senden?« Der Freibeuter schnaubte leise. »Was möchtest du wissen, meine Dame?« fragte ich sie. Durch die lang- same Drehung der Koralle hatte sich ihre Lage so ver- ändert, daß ich ihr nunmehr ins Gesicht blicken konnte. Noch immer lächelnd und weinend erwiderte sie: »Eins würde ich gern wissen, dürrer Mann: Herrscht Radak noch immer in Bidna-Meton? Ver- schlingen die Katakomben seiner finsteren Experi- mente noch immer aufrechte Männer und Frauen, de- ren Platz im Licht der Sonne war?« »Radak«, wiederholte ich den Namen, den sie mir genannt hatte. Die Bortenfortsätze ihrer Nervenbah- nen erzitterten, als sie dieses Wort vernahm. »Dieser Name, wunderhübsche Sklavin, ist nun Teil eines Sprichwortes geworden. Ich hörte, daß von Wirten und Knechten, die in zweifelhaften Einrichtungen ih- ren Dienst versehen, der Ausdruck ›wie Radak ein Haus führen‹ verwendet wurde. Den Namen Bidna- Meton hingegen vernahm ich noch nie.« »Eine so große Stadt war es ...«, sagte sie. »Was ist dann mit dem Reich von Agon, Mutter einer mächti- gen Flotte, ein Land, in dessen Hauptstadt mein Vater Verlademeister war? Und was ist mit dem zweiten Mond, der nach der Prophezeiung durch das Feuer einer Katastrophe am Himmel entstehen sollte?« »Unglückliche, ich kenne kein Land namens Agon. Es gibt ein großes Meer mit dieser Bezeichnung, und, es erstreckt sich zwischen Kolodria und Lúlumë. Und was den Mond angeht, schöne Lady – es gleitet nur einer über den Himmel, und soweit ich weiß, gab es deren nie zwei.« »Dann ist meine Welt gewesen, dürrer Reisender. So erlöse mich jetzt. Erlöse mich jetzt!« Ich setzte zu einer Antwort an. Gildmirth umfaßte meinen Arm und lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine der Harpunen. Es war ein nur kurzer Wurf – und niemals zuvor habe ich das Ziel dabei so sorgfältig anvisiert. Ich wartete, bis die Frau von einer Welle angehoben und gedreht wurde, so daß sie mir nicht mehr ins Gesicht sehen konnte. Als sie auf dem Wellenkamm schwamm, sagte ich: »Liebe Dame ...« Ich ließ meine Stimme so klingen, als wolle ich mit einer längeren Erwiderung beginnen. Meine Absicht war es, sie von dem abzulenken, was ich wirklich plante. Ich legte meine ganze Kraft in den Wurf, ließ die Harpune dicht über das Wasser dahinschießen, und ich traf sie unterhalb des ausgestreckten linken Arms. Die Spitze der Lanze bohrte sich in ihren Leib, zwischen der dritten und vierten Rippe, ohne von einem Knochen abgelenkt zu werden. Sie verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße darin zu sehen war, und die aus ihrem Körper herausragenden Nervenschleier zogen sich zusammen und erbebten. Aber sie starb nicht so- fort. Sie hob eine Hand und umfaßte damit wie lieb- kosend den Schaft der Harpune. Erst als wir mit dem Boot näher an sie herankamen und ich mich vor- beugte und die Lanze aus der Wunde zog, tropfte das Leben aus ihr heraus., Das Boot glitt mit nur halb gesetztem Segel dahin. Dadurch schien es nun unablässig auf den Wellen zu schaukeln und sich ganz der Strömung anzuvertrau- en, die uns offenbar einigen Inseln vor uns entgegen- tragen wollte. Wir waren rund einen knappen Kilo- meter vom größten Mitglied der Quincunx-Gruppe entfernt. Ein eher nachdenklich gestimmter Mann – und was Gildmirth anging, traf das ganz offensicht- lich zu – vermochte dort eine Menge zu finden, auf dem sein Blick sinnend verweilen konnte. Abgesehen von den fünf Hauptinseln – sie waren mit üppigem Grün bedeckt, in dem es von Leben wimmelte, und über der Vegetation herrschte ein heilloses Durchein- ander aus Wolken, die sich aus hin und her sausen- den und miteinander streitenden geflügelten Wesen zusammensetzten – gab es eine Menge Riffe und aus dem Wasser ragende, gezackte Bergrücken. Die trok- kenen Hänge dieser von den Meeresfluten umspülten Gebirgsspitzen strotzten ebenfalls von vielfältigem Leben. Die Wellen rollten heran – seltsam unregel- mäßig, was Rhythmus und Richtung betraf, aber im- mer mit zorniger Heftigkeit –, und überall an den grünen Küsten stoben Palisaden aus weißsprühender Gischt empor. Mit besonderer Wut schienen die Wellen von einer weitgespannten Sichel erstaunlich dunklen Wassers auszugehen, einem Bereich, der, von unserem Blickwinkel aus betrachtet, einen guten Kilometer rechts von der Inselgruppe liegen mochte. Die Biegung der dunklen Sichel verlief parallel zur Anordnung der Inselgruppe. An jener Stelle kam es immer wieder zu plötzlichen Aufwölbungen unter- halb der Wasseroberfläche, wodurch hohe Wellen in entgegengesetzte Richtungen getrieben wurden. Und, eine davon brandete immer gegen die Inselriffe. »Ich nehme an«, sagte Gildmirth, »ihr vermutet schon, worauf die dunkle Stelle dort drüben hindeu- tet?« »Auf den Riß«, erwiderte Barnar ruhig. Gildmirth nickte und lächelte schief. »Auf den Großen Schwarzen Riß. Zehnmal so streng bewacht und wütend angegriffen von den Be- wohnern dieser Welt, als sich diese Sphäre den At- tacken von ehrgeizigen Geschöpfen wie uns ausge- setzt sieht.« »Und darunter«, murmelte Barnar, »die Dritte Un- terwelt. Tiefer und immer tiefer. Noch finsterere Mächte. Noch größeres Unheil.« Wieder nickte Gildmirth. »Und immer weiter – bis wohin? Wie lest ihr die Karte des Schreckens dieser Welt, Freunde? Es hat den Anschein, als müsse sich ganz tief unten am Grunde der Verderbenssphäre ein Zentrum namenlosen Grauens und Entsetzens ver- bergen. Entsprang das Leben dieser bodenlosen Gru- be? Handelt es sich bei uns Menschen um diejenigen, die am weitesten emporgeklettert sind aus diesem Keim des Bösen? Stellen wir die letzte, schwächste, aber auch am wenigsten finstere und ehrgeizigste Entwicklungslinie dieses finsteren Stranges der Evo- lution dar?« Ich reagierte mit einem dünnen Lächeln auf sein bitteres Grinsen, das so hell strahlte wie die Klinge eines Schwertes. »Nur weiter«, forderte ich den Frei- beuter auf. »Formuliere für uns den Rest der Frage, und dann gib uns die Antwort, die für dich am plau- sibelsten ist.« Gildmirth erhob sich und griff nach dem großen, Schwert, das er unter dem Schandeckel befestigt hat- te. Er machte es los, nahm auf einer Ruderbank Platz und legte sich die Waffe über die Knie. Fast zärtlich fuhr er mit den Fingerspitzen an der Schneide ent- lang. »Wie ihr vielleicht schon erraten habt, neige ich eher zu der anderen Theorie – obgleich es mir ebenso an Beweisen mangelt, um sicher zu sein, wie auch euch, trotz aller Erlebnisse und Erfahrungen, die ich hier sammeln konnte. Habt ihr eine Ahnung, wie lan- ge der Mensch über die Erde herrscht? Es gibt keine ausreichend große Zahl für die vielen Jahrtausende, seit denen unsere Art sät und segelt, baut und zer- stört, sucht und kämpft und tötet, lernt und verliert. In dieser Ewigkeit hat sich der Mensch Mächte und Kräfte Untertan gemacht und dann wieder vergessen, von denen wir uns keine Vorstellung machen. Seine Imperien überdauerten ganze Epochen; er häufte Schätze gelöster Rätsel an, erbaute Wunder. Und dann erlebte er den Niedergang und begrub all seine Taten im Staub seiner eigenen zerfallenen Knochen. Und danach erhob er sich wieder und wieder, und immer wieder. Geist, Seele – das stirbt nie, müßt ihr wissen. Die zähen und weithin leuchtenden Flammen verlöschen nie. Das Große im Bösen und das Große im Guten – beides hinterläßt einen unsterblichen Rückstand. Aus diesem Grund bevorzuge ich die andere Ansicht. Die Dämonen sind nicht unsere Vorfahren – wir sind die ihren. Gier, Mordlust, aller hier konzentrierter Schrecken – es handelt sich dabei nicht um unsere ei- genen Archetypen. Es sind vielmehr die Derivate der entsetzlichen Perfektionierung allen Entsetzens, das der Mensch jemals ausbrütete und hegte. Betrachtet, den Menschen als einen großen, garenden Braten, der aufgespießt wurde und sich langsam über dem Feuer seiner eigenen Grausamkeit dreht. Die Geschöpfe dieser und der anderen – weiter unten liegenden – Welten sind das Bratenfett der garenden und rösten- den Menschheit.« Langes Schweigen schloß sich an, und Barnar be- endete die Stille schließlich, indem er fragte: »Wo ist dann das Große im Guten? Wo sind die Reste der an- deren Hälfte des Menschen?« »Ah, ja!« platzte es triumphierend aus Gildmirth heraus. »Wo sonst als ...« Er hatte zu einer ausholen- den Geste angesetzt und wollte mit dem Arm über unsere Köpfe hinwegdeuten. Er hielt mitten in der Bewegung inne und starrte zu den Gebirgen aus zer- klüftetem Dunst empor, einer faserigen Decke, die hier und dort von Schächten unnatürlichen Lichts durchsetzt war. »Dreihundert Jahre«, sagte er nach einer Weile und schüttelte den Kopf. »Und ich ver- gesse es immer noch und wollte gerade zum Himmel empordeuten.« Ich wartete einen Augenblick und hakte dann be- hutsam nach: »Zum Himmel, ehrwürdiger Freibeu- ter?« »Zu den Sternen, Nifft. Vielleicht hat die andere Hälfte des Menschen die Sterne erreicht. Vielleicht sind sie irgendwann einmal – zu einem Zeitpunkt, der sich für uns in grauer Vorzeit verliert – besiedelt worden.« »Ich wünschte, einige von ihnen wären hiergeblie- ben, um die ganze Angelegenheit etwas auszuglei- chen«, knurrte Barnar. »Woher wollen wir wissen, ob es nicht vielleicht, auch der Fall ist?« erwiderte Gildmirth orakelhaft. »Unsere größten Zauberer, die erhabensten Könige – wer weiß, welche unsichtbaren Mächte ihre Schritte lenken, damit ihr Abstand von den Legionen des Chaos nie zu gering wird?« Wir gaben ihm keine Antwort. Wir konnten nicht ahnen, welch glänzende Vorstellung von der Welt ihm sein Gedächtnis im Vergleich zu seinem gren- zenlosen Kerker vermittelte. Ich jedenfalls hatte den Eindruck – so, wie sich mir die Dinge darboten –, daß die Legionen des Chaos wenig behindert waren. Gildmirth erhob sich. »Nun gut. Wir gehen zusammen runter. Wenn ihr den jungen Burschen gefunden habt, bringe ich euch wieder rauf und mache mich auf die Suche nach der Alse. Alsen behalten die Nervenbündel ihrer Herden im Maul, und wenn man solche Dämonen auch nur verwundet, bevor man die Bündel aus dem Maul herausgeholt hat, bedeutet dies den Tod der Herde. Sobald ich den Rachen der Alse von dieser Fracht be- freit habe, werde ich mich mit allen vier Pranken am Leib des Dämons festklammern. Mehr kann ich nicht tun, um die Alse zum Auftauchen zu veranlassen. Ihr müßt euch im Skiff bereithalten, den Dämon mit der Harpune zu töten, wenn ich ihn in eure Reichweite bugsiere. Das Manövrieren mit dem Skiff ist ganz ein- fach: Es gehorcht eurem Willen. Übt ein bißchen da- mit, während ihr darauf wartet, daß ich wieder an die Oberfläche komme. Und denkt bitte stets daran, daß die Alse im Vergleich mit meiner Wassergestalt ein mehr als ebenbürtiger Gegner ist. Wenn sie mich ir- gendwie abschütteln kann, bin ich einen Augenblick später tot., Die größten dämonischen Kräfte des Meeres sind in der Nähe des Risses konzentriert, meine Freunde, aber es kann auch sein, daß wir dort am sichersten sind, weil alle Aufmerksamkeit nur dem Übergang in die nächste Unterwelt gilt. Am Rande des Abgrundes werdet ihr auf erhebliche Aktivität stoßen. Eine Ver- einigung sehr mächtiger Dämonen hat es sogar ge- schafft, etwas aus dem Riß hervorzuholen. Dieses Ge- rücht ist im ganzen Ozean verbreitet und von Furcht begleitet. Aber laßt euch nicht ablenken. Alsen brin- gen ihre Herden in Rillen und Furchen an den unter- seeischen Hängen dieser Inselgebirge unter, und in den Bereichen sind wir nicht allzu weit vom Rande des Risses entfernt. Konzentriert euch trotzdem nur darauf, das Gesicht des Jungen zu finden. Bestimmt werdet ihr viele Gesichter überprüfen müssen.« Gildmirth legte das Schwert zur Seite, zog sich aus und sprang über Bord. An der Stelle, wo er in die Fluten getaucht war, begann sich das Wasser zu trü- ben, und große, silbrig schimmernde Gliedmaßen wuchsen inmitten des diesen Vorgang halb verber- genden Sprudelns. Wir setzten unsere Helme auf und legten bis auf die Harpunen alle Waffen ab. Ein rie- senhafter Saurierschädel durchstieß die Wasserober- fläche und berührte mit der Unterseite den Bug unse- res Bootes. Das Ungeheuer griff mit einer mit Schwimmhäuten und langen Krallen versehenen Klauenhand ins Boot hinein und packte das Schwert, dessen Ausmaße nun ganz den Erfordernissen seines Besitzers entsprachen, da das Meeresreptil nahezu zehn Meter lang war. Als Gildmirth uns ansprach, er- blickten wir eine große rote Zunge, die zwischen sä- gemühlenartigen Zähnen zitterte. Diese Zähne, schimmerten ebenso metallen wie zuvor, hatten sich nun aber auf drastische Weise vergrößert. Gildmirths Worte klangen zischend und fauchend, und die Zun- ge machte sie zum Teil nicht ganz verständlich. »Haltet euch an meinem Gürtel fest, gute Diebe. Richtet die Lanzenspitzen nach unten. Rasssch! Laßt uns endlich tauchen und mit der Arbeit beginnen!« Wir sprangen ins Wasser. Es fiel uns sehr schwer, an das Ungeheuer heranzuschwimmen, auch wenn wir wußten, wer sich in dieser monströsen Gestalt verbarg. Ebenso schwer war es, nach dem Schwert- gürtel am Bauch des Reptils zu greifen und dabei Schuppen zu spüren, die so hart und rauh wie Stein an meinen Knöcheln entlangschabten. Am schwierig- sten jedoch war es, sich festzuhalten, während das Ungeheuer jäh hinabtauchte und uns mit solcher Ge- schwindigkeit in die Tiefe zerrte, daß wir das Gefühl hatten, durch leere Luft zu fallen. Und dann eröffnete sich unter uns eine weite fremde Welt, und als ich von dem Schuppenriesen in die bodenlosen Tiefen dieses maritimen Universums gezogen wurde, be- stand ich nur noch aus großen Augen und Ehrfurcht, sonst nichts.,

XIII

Wenn ich in Karkmahn-Ra weile, begebe ich mich während der Nacht manchmal in die Hügel, die sich hinter der Stadt erheben. Es ist das Revier von Wöl- fen, und gelegentlich schleicht hier auch mal ein Vampir umher, aber die Aussicht, die man von dort aus genießen kann, ist das Risiko wert. Eine große Stadt, deren Lichterteppich sich vor einem ausbreitet – dieser Anblick vermittelt einem das Gefühl von Er- habenheit, weckt den Ehrgeiz und erinnert einen an den Ruhm, den die Menschheit als Ganzes und man selbst erringen kann, denn Mühsal und Wagemut können Leistungen und Werke hervorbringen, deren Pracht gleich jenen Millionen Lampen und Fackeln zu den Sternen emporglänzt. Doch als uns Gildmirth in die Tiefe zog – dem Grunde eines Meeres entgegen, das selbst in der Tiefe liegt –, bot sich meinen Blicken eine verblüffende Ausdehnung dar, die größer war als tausend solcher Städte. Die trüben und vom Wasser des Dämonen- meeres umschmiegten Lichter flackerten und glühten an den Hängen der überfluteten Berge und krochen wie Glühwürmchen über Riffe und Erdhügel und Rinnen, bis an den Rand eines mit völliger Schwärze gefüllten Abgrunds heran, den sie daraufhin mit glei- ßendem Leuchten säumten. Das gewaltige und ungeheuer eindrucksvolle Lo- dern zittert und züngelt wie die Flammen riesiger Feuer. Aber es geschieht andererseits wesentlich langsamer, als sei die Glut beschwert von den Aber- tausenden Tonnen des Ozeans, die darauf lasten. Sie, kennzeichnet den Rand des Großen Risses, und sie verhüllt die Tiefe des Abgrunds mit Schwaden aus träge dahinziehendem, schwarzem Rauch, den die Flammen erzeugen – wie die Tinte eines riesenhaften Kraken. Andererseits wiederum wirft die Glut über viele Kilometer hinweg einen düsteren und unheil- vollen Schein über den Grund des Meeres. Er ähnelt einem rötlichen Nebel, der über die vielfarbenen Phosphoreszenzen der in diesen Tiefen ansässigen Heerscharen hinwegwallt. Die größten Lager der dämonischen Armeen kon- zentrierten sich in unmittelbarer Nähe der Glutbarrie- re, und zu diesen festungsähnlich angelegten Biwaks gehörten in den meisten Fällen auch immense Belage- rungs- oder Angriffs-Apparaturen. Mitleiderwecken- de Mannschaften trieben immer wieder magische Rammböcke gegen die unerschütterlichen Palisaden aus Feuer, oder sie schwangen Ladebäume von ho- hen Auslegern, um auf diese Weise die Barriere der Glut zu überwinden. Eins dieser Lager zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich und verwandelte alle anderen zur Bedeu- tungslosigkeit – jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, als ich weiter hinabsank. Es gibt keinen Grund anzu- nehmen, daß es sich seit jenem Zeitpunkt in irgendei- ner Weise verändert hat. Damals konnte ich es bereits aus großer Entfernung erkennen, während sogar nä- herliegende Befestigungsanlagen noch nicht deutlich auszumachen waren. Es bestand offensichtlich aus zwei in unmittelbarer Nähe des Loderns liegenden ei- förmigen Gebilden von gewaltigen Ausmaßen; ein Gespinst aus Rüstzeug war darübergespannt worden, und daneben erhoben sich zwei enorme Kräne., Gildmirth zog uns weiter in die Tiefe, damit wir die Ausläufer der Berghänge absuchen konnten. Wie ein Falke, der über seinem Revier patrouilliert, glitten wir über den Meeresgrund hinweg, paßten uns den Unebenheiten des Bodens an und hielten einen kon- stanten Abstand. Zunächst war unsere Bewegung ebenso entsetzlich wie die Dinge, die sich dabei unse- ren Augen offenbarten. Die Geschwindigkeit des monströsen Reptils, in das sich der Freibeuter ver- wandelt hatte, war erstaunlich und schien in keiner Weise vom zähen Widerstand des Wassers beein- trächtigt zu werden. In einem gespenstischen Kon- trast dazu schien sich die bleierne Schwere eines Alptraums auf meine Seele zu legen; ein schrecklicher Druck lähmte meinen Willen und verwandelte ihn in eine flüsternde und unverständliche Stimme, die ei- nen Körper anzutreiben versuchte, der sich kaum mehr zu rühren vermochte. Unser erkundendes Dahingleiten brachte uns zu- nächst über ein Gebiet wächserner Zellen hinweg, die an eine riesenhafte Honigwabe mit zweidimensiona- len Ausmaßen erinnerten. Im Innern dieser Zellen er- blickten wir die schemenhaften Gestalten von eng zu- sammengekrümmten Männern und Frauen, deren Münder vergeblich nach Luft schnappten und deren Augen weit aufgerissen waren. Die Arbeiter auf den Feldern ähnelten großen und schlanken Wespen. Sie bewegten sich mit tänzelnder, affektierter Anmut, hielten hier und dort inne, um ihre Stachel in eine der Zellen hineinzubohren, und dann spritzten sie mit ei- nem kurzen Schaudern einen schwarzen Polyeder hinein. Ich merkte allmählich, daß an manchen Stel- len dicke, schwarze, biegsame Geschöpfe die einzel-, nen Zellen mit ihren menschlichen Insassen teilten, sich allmählich in ihre Leiber hineinfraßen und ganz prächtig gediehen, während die Körper der Unglück- lichen nach und nach verfielen. Am Rande dieser höllischen Brutanstalt wälzten sich glühende Rinnsale aus Lava dahin – zähflüssiges Gesteinsblut, das aus einem links von uns zu den Berggipfeln der Inseln emporragenden Vulkankegel hervorquoll und mit geisterhaftem Brodeln die Hän- ge hinabgoß. Innerhalb des Labyrinths aus Hunder- ten von einzelnen Magmaströmen erstreckte sich ein zweiter Dämonenhort. Hier waren monströse Unge- heuer von jener Art, mit der sich Gildmirth nicht lan- ge zuvor hatte auseinandersetzen müssen, damit be- schäftigt, mit Hilfe von Kellen die glühende Lava zu rauchenden Wehrwällen aufzuschichten. Diese Dä- monen gebrauchten Menschen auf eine eher künstle- rische Art, anstatt an ihnen ihre kannibalischen Be- gierden zu befriedigen. Die Wälle stellten nämlich die Gußform menschlicher Flachreliefs dar: Die lebende und auf verschiedene Weise amputierte und entstellte Substanz wurde in das glühende Material hineinze- mentiert, um so eine zuckende und bebende Mauer zu schaffen. Die Mägen der Leidenden wurden mit einem System Blut transportierender Schläuche ver- bunden, die ebenfalls in den heißen Wall eingelassen waren: Sobald sich die Lavamasse erhärtet hatte, wa- ren die noch lebenden Sklaven in der erstarrten Magma gefangen und wurden von dem an ein venö- ses Aderngeflecht erinnernden Schlauchsystem mit kochendem Blut ernährt. Die enorme Geschwindig- keit unseres Führers ließ währenddessen nicht nach. Gildmirths Aufmerksamkeit galt allein unserem Ziel,, nichts anderem, und auf diese Weise ersparte er uns die Qual, die Geschehnisse im Magmalabyrinth wei- ter beobachten zu müssen. Doch kurz nachdem wir jenen zweiten Dämonen- hort hinter uns zurückgelassen hatten, überraschte er uns, indem er einen Umweg machte. Nicht weit vor- aus hatten wir gerade etwas ausgemacht, bei dem es sich unserer Meinung nach um eine Alse handeln mußte. Gildmirth aber ließ sich geradewegs hinunter- sinken und steuerte auf ein polypenartiges Gewächs direkt unter uns zu. Das Geschöpf hob große und sehr bedrohlich wirkende Pseudopodien, und jeder einzelne Fangarm war halb so dick wie der Leib des großen Reptils. Der Freibeuter zog das Schwert, als die Tentakel auf ihn zutasteten. Er holte mit solcher Wucht aus, daß der blitzenden Klinge ein Schweif aus brodelnden Blasen folgte, und mit einem einzigen Hieb durchschnitt er die beiden nächsten abscheuli- chen Auswüchse. Eins der durchtrennten Fragmente ergriff die Flucht, wogte und wallte an mir vorbei und versetzte meiner Schulter dabei einen Hieb von der Gewalt eines Kriegsrosses im vollen Galopp. Mit zwei weiteren Hieben beraubte Gildmirth das Unge- heuer unter uns seines letzten Schutzes. Inmitten der blutigen Tentakelstümpfe offenbarte sich uns nun das in fünf einzelne Lappen unterteilte Maul des Mon- strums: Es bestand aus purem Gold und war über- krustet von apfelgroßen Rubinen. Die mahlenden Kiefer drückten einen hilflosen Appetit aus, als der Freibeuter dem Dämon das Schwert in den Rachen schob. Die goldenen Maullappen erbebten und er- starrten. Daraufhin schob das Reptil das Schwert in die Scheide zurück, streckte die Klauenhände aus, und riß die Kiefer mit einem Ruck zur Seite. Das saurierähnliche Wesen stopfte sich die Rubine gierig ins Maul und zermahlte sie mit seinen metalle- nen Zähnen, als handele es sich dabei nur um Wür- felzucker. Das Gold verschlang es nicht ganz so schnell, genoß es als eine Delikatesse, erfreute sich daran mit einer demütigenden Begierde, die das Be- ben seines ganzen Leibes nicht zu verbergen ver- mochte. Die stählernen Fangzähne zerfetzten das ho- niggelbe Metall, und man konnte sehen, wie die ein- zelnen Stücke nach und nach durch den schuppigen Hals in den Magen hinabgewürgt wurden. Als Gild- mirth seine Mahlzeit beendet hatte, zog er wieder das Schwert, grub die Hinterbeine in den Sand des Mee- resgrunds und warf sich der Alse entgegen, die auf der anderen Seite eines Korallenvorsprungs direkt hinter uns lauerte. Es war ein riesenhafter Dämon, und er schwebte über einer Herde nackter Menschen. Die Adern und Nervenstränge ihrer Körper ragten wie filigrane Ge- wächse aus den Rücken und vereinten sich wie Ma- rionettenschnüre in einer faserigen Kugel, den das struppige und hakenförmige Geschöpf im unteren Teil seines Rachens hütete. Die Herde graste – in gewisser Weise konnte man es so bezeichnen: Die Alse ließ ihre Sklaven über ei- nen Riffbereich kriechen und krabbeln, in dem große Anemonen wuchsen, deren meterlange Zungen und Fühler sich sanft hin und her wiegten. Die Leiber der Menschen waren bleich, und in ihren großen Augen spiegelte sich namenloses Entsetzen, als sie sich einen Weg bahnten durch den wallenden Irrgarten aus nach ihnen tastenden Farnwedeln. Und die Alse glitt, über sie hinweg und labte sich an der Qual, die durch die enthüllten Nervenbahnen ihrer Herde weiterge- leitet wurde. Es waren ungefähr dreißig Menschen. Wir hatten das Abbild Wimforts so lange studiert, bis unsere Augen bei seinem Anblick rebellierten, und schon nach kurzer Zeit waren wir davon überzeugt, daß der Sohn des Rutenherrn nicht zu den zitternden Un- glücklichen gehörte, die von den Anemonenarmen so lüstern betastet wurden. Gildmirth blickte mich von der einen Seite her an und Barnar von der anderen. Anschließend schüttelten wir den Kopf. Die großen Pranken des Freibeuters holten weit aus, und unmit- telbar darauf sausten wir wieder mit der ursprüngli- chen, rasenden Geschwindigkeit dahin. Wir glitten von dem Anemonengarten fort, paßten uns einer weiteren Absenkung des Meeresbodens an und wandten uns kurz darauf nach rechts, wo sich eine größere Anemonenkolonie befand. Über dieser Weide schwebten gleich mehrere Alsen. Sie alle hüteten die jeweils ihnen zukommenden Parzellen – aufgebläht wirkende, haarige Leiber, die in der Ferne auf der Lauer lagen und ihre Herden mittels der Nervenbün- del dirigierten. Unser Kurs brachte uns nahe an den Rand des Großen Risses, und als wir näher an die Gehege der Alsen heranglitten, konnten wir einige der in der Nä- he der Glutbarriere errichteten Belagerungsanlagen besser erkennen. Insbesondere handelte es sich dabei um eine Anordnung großer Ladebäume, von denen weite Ausleger ausgingen und über das Glühen und Lodern hinwegreichten. Von diesen stählernen Trä- gern gingen dicke Ketten aus, an deren Enden große, Haken befestigt waren. Winden von beeindrucken- den Ausmaßen steuerten die Bewegung der Ausleger und waren auch für das Abspulen der dicken Ketten verantwortlich. Zahlreiche sich aus Menschen zu- sammensetzende Mannschaften mühten sich in ihren Sklavenriemen ab, und ihre Muskelkraft war es, mit der die Winden betrieben wurden. Ähnliche Gruppen zogen die Gefährte der dämonischen Aufseher, die die Arbeit überwachten. Die Monstren erinnerten an muskulöse Kröten und waren so groß wie Pferde. Sie rekelten sich in den durchweichten Hüllen von Gale- onen – während eines Sturms vom Meer verschlun- gene Schiffe, die von Ranken und Algengeflechten überwachsen und von denen einige mit dicken Mu- schelpanzern bedeckt waren. Jedes dieser Schiffe wurde von Hunderten von Sklaven über den Meeres- boden geschleppt. Ihre Augenhöhlen waren leer, und das Haar wogte länger als von Toten, das noch im Grabe weitersprießt. Die Haut löste sich in großen, vom Salzwasser abgeschälten Fetzen von Armen und Beinen. Ihr Schritt war gebeugt, die Füße in großen Sandwolken verborgen. Aber wir wandten unsere Aufmerksamkeit bald von diesem Erscheinungsbild ab und beobachteten nur noch das größte Rißlager, das sich etwas weiter entfernt befand. Obgleich die Distanz noch immer mehr als einen Kilometer betrug, konnten wir nun weitere Einzelheiten erkennen. Jedes der beiden ei- förmigen Gebilde – sie erschimmerten in einer rosa- roten Tönung und waren über und über mit kleinen Schuppenfacetten bedeckt – war so groß wie ein Berg. In unmittelbarer Nähe wurden kleine Hügel aus Ei- senträgern funkensprühend zusammengeschweißt,, um schließlich eine unregelmäßig geformte Kon- struktion zu bilden, deren Aussehen an einen Käfig erinnerte – einen Käfig, der groß genug war, um ei- nen Berg aufzunehmen. Unter dem Gespinst aus Rüstzeug, das über das uns nähere der beiden riesen- haften Eier gestülpt worden war, hatte man eine gro- ße Öffnung in dem Gebilde geschaffen, das offenbar über eine vergleichsweise recht dünne Schale ver- fügte. Und wir befanden uns dem Lager inzwischen nahe genug, um deutlich zu erkennen, daß das Rie- senei nicht leer war. Wir vermochten einen kleinen Teil des Inhalts auszumachen: Es handelte sich dabei um einen Fuß mit drei Klauen, so groß wie eine Stadt. Gildmirth zog uns von dem Riß fort und beschrieb eine lange und nach oben gerichtete Kurve, die uns an den Weiden der Alsen vorbeibringen würde. Wir entdeckten den jungen Burschen in der vierten Herde, die wir beobachteten. Kaum näherten wir uns dieser Ansammlung erbarmungswürdiger Menschen, als das Opfer, auf das sich mein Blick geheftet hatte, in großem Leid den Kopf zur Seite drehte – und dann starrte ich auch schon in das Gesicht Wimforts. Ich zog an Gildmirths Gürtel und deutete nach vorn. Der Freibeuter sah Barnar an, der meine Feststellung dar- aufhin bestätigte. Gildmirth krümmte sich zusam- men, streckte dann wieder seinen Leib und jagte steil der Wasseroberfläche entgegen. Ich empfand jeden einzelnen Augenblick des ra- schen Auftauchens als umfassendes und persönliches Glücksgefühl. Als wir die Wasseroberfläche durch- stießen, stellten wir fest, daß unser Boot inzwischen abgetrieben war und von seinem Ausgangspunkt aus die Inselgruppe zur Hälfte umrundet hatte. Wir wa-, ren nicht allzu weit von dem Vulkankegel entfernt, dessen Magmaglanz wir in der Tiefe gesehen hatten. Im Innern des dampfenden Schlundes, der gerade eben über die Wellen hinausragte, herrschte eine ru- morende und donnernde Aktivität. Gildmirth legte den großen Schädel seines Saurierleibs auf das Heck des Bootes, und wir kletterten über seinen Schup- penleib hinein. Voller Freude nahmen wir daraufhin die Helme ab, eher versessen auf das Atmen, als auf die Luft selbst. Es kam einem Glücksgefühl gleich, sich die stinkende und von Dämonenaromen durch- setzte Luft der Unterwelt in die Lungen zu saugen. »Übbt mit dem Sssskiff!« schärfte mir das Reptil mit zischender Stimme ein. Der schuppige Schädel glitzerte und tauchte wieder unter. Das Wasser schäumte angesichts der Wucht, mit der der riesen- hafte Leib Gildmirths erneut in die Tiefe sauste. Ich nahm beide Harpunen zur Hand und stieg in das kleine Knochenboot. Mit meinem Willen allein ließ ich es auf der Steuerbordseite des Gefährts, in dem sich Barnar befand, zwanzig Meter forttreiben. Die Beschleunigung war so stark, daß ich unwillkür- lich den Halt verlor und mich nur noch mit unwürdi- ger Schwierigkeit irgendwo festklammern konnte. Das grölende Gelächter Barnars folgte mir, als ich das Skiff mit Gedankenbefehlen mehrere Manöver aus- führen ließ. Ich stand nun sicherer und fing die Schaukelbewegungen rechtzeitig mit Knien und Hüften ab. »Du hast gut lachen!« rief ich zu meinem Gefährten zurück, als ich das Knochenboot im Zickzackkurs und immer geschickter über die Wellen steuerte. »Denk nur daran, wie weit wir schon gekommen, sind! Wir sind unglaublich weit. Wir haben den grün- schnäbligen Idioten gefunden. Wir haben ihn tatsäch- lich aufgestöbert und auch schon den Ort seiner Qual in dieser höllischen Kloake ausgekundschaftet!« Barnar brüllte nur etwas und winkte mit den Ar- men. Ich konnte mir vorstellen, was in ihm vorging: Auch mir war ganz schwindelig angesichts unseres andauernden Glücks. Ich unternahm mit dem Skiff einen kurzen Ausflug zum Vulkankegel, um die dor- tigen Aktivitäten zu beobachten. Ganze Heerscharen froschartiger Dämonen – bei ihrem Anblick dachte ich an die größere Art in der Tiefe, jene Kröten, die in ihren Galeonensänften von menschlichen Sklaven ge- zogen wurden – hockten an den Hängen des Kraters und gruben sich mit großer Entschlossenheit ins Ge- stein hinein. Sie benutzten Schmiedeeisen oder große Hämmer und Stahlkeile. Bei ihrem Angriff sahen sie sich mit Feuerdämonen im Innern des Magma- schlundes konfrontiert, den sie erobern und unter- werfen wollten. Diese schemenhaften Rauchgeschöp- fe katapultierten ihren Gegnern Lawinen kochender Lava entgegen, woraufhin sich die Angreifer zurück- zogen und versuchten, ihre versengte und verbrannte Haut im Naß des Ozeans zu kühlen. Und während- dessen gingen die Feuerdämonen daran, mit dem gleichen Material alle Einbrüche zu verschließen und wieder dichtzumachen, die die metallenen Werkzeu- ge ihrer Feinde geschaffen hatten. Ich vernahm den Ruf Barnars und ließ das Boot rasch zurückkehren. Nicht weit vom Boot meines Ge- fährten entfernt zeigte sich ein milchiger Fleck im Wasser, wie ein grauer Star im Auge eines alten Hundes. Ich kam gerade noch rechtzeitig genug her-, an, um zu erleben, wie der mit der Alse ringende Gildmirth die Wasseroberfläche durchbrach. Ich sollte eigentlich sagen »wie der sich an der Alse festklammernde Gildmirth die Wasseroberfläche durchbrach«, denn er hatte sich mit allen vier Klauen am Rücken des Dämons festgeklammert. Indem er sich heftig hin und her warf, steuerten seinen Gegner in einem gewissen Ausmaß. Die restliche Antriebs- kraft des zornigen Wühlens aber stammte von der Alse. An der Unterseite klaffte der von Haken ge- säumte Rachen, der von dem festen Griff des auf dem Rücken des Ungeheuers klebenden Saurierreptils auf völlig uncharakteristische Weise unseren Blicken dargeboten wurde. Der massige Leib war ein solches Muskelpaket, daß man eines ganz deutlich erkennen konnte: Wenn es der Alse gelang, eines der von der Umklammerung gefesselten Beine zu befreien, reichte die Kraft dieses Gliedes gewiß aus, um den sich ver- zweifelt festkrallenden Gildmirth einfach davonzu- schleudern. Die Geschwindigkeit, mit der das Unge- heuer dann in der Lage sein würde, die Haken seines Rachens in den Schuppenleib des Freibeuters zu boh- ren, wurde mehr als ausreichend verdeutlicht von den heftigen Zuckungen des Monstrums, die dazu führten, daß beide – Gildmirth und die Alse – sich blitzartig durchs Wasser wälzten, wodurch hohe Gischt emporsprühte. Ich begann die Geschwindigkeit des Skiffs zu er- höhen, indem ich es auf die beiden miteinander Rin- genden zu- und dann ganz rasch wieder von ihnen fortsteuerte. Bei jeder Annäherung versuchte ich ih- nen näher zu kommen und den augenblicklichen Stand ihres Kampfes in Erfahrung zu bringen. Als ich, dabei Gildmirth einmal ganz nahe kam, erkannte ich, daß er inzwischen nahezu erschöpft war: In seinen Klauenhänden traten die Sehnen und Adern so deut- lich hervor wie die Wurzeln einer Eiche in felsigem Grund. Die Muskeln seines schlangenartigen Halses, waren derart angespannt, daß die Schuppen senk- recht davon abstanden – wie die Schindel einer sturmgebeutelten Hütte. Ich ließ das Skiff eine be- sonders weite Kurve beschreiben, nahm dann wieder Kurs auf die beiden Kontrahenten, steuerte das Kno- chenboot mit Höchstgeschwindigkeit über die Wellen dahin und machte mich zum Wurf der Harpune be- reit. Der Saurier unternahm eine große Anstrengung und konnte das Krängen der Alse so weit im Zaum halten, daß der Bauch des Dämons in meine Richtung zeigte. Ich wog die Harpune in Höhe meines Ohrs in der Hand und fing die das Knochenboot durchlau- fenden Erschütterungen mit federnden Knien ab. In- zwischen raste ich bereits, halb schwebend, über die schäumenden Kuppen der aufgewühlten Wellen hinweg. Nur wenige Augenblicke von mir entfernt sah ich Ziel und Moment meines Wurfs. Ich würde die Harpune dann schleudern, wenn das Knochen- boot sich zur Seite wendete. Damit vereinte sich das Bewegungsmoment des Skiffs mit der Wurfkraft meines Arms. Ich sah auch, wo sich in diesem Au- genblick der Hakenrachen des Ungeheuers befinden würde, und angesichts dieser prophetischen Gewiß- heit durchströmte mich eine Woge entschlossener Zuversicht – ein Gefühl, das vielen großen Waffen- gängen vorausgeht. Ich zog den Arm ganz weit zurück, um für den, Wurf bereit zu sein, dann befahl ich das Knochenbett in die Wende. Als gehorchte er meinem stummen Be- fehl, drehte sich der Rachen der Alse genau auf den von mir vorausgesehenen Punkt zu, und ich schleu- derte die Lanze geradewegs hinein. Die stählerne Spitze der Harpune berührte nicht einmal die Haken- zähne, die so gierig nach einem Opfer schnappten. Die Lanze bohrte sich auf der anderen Seite halb aus dem Rücken des Monstrums heraus und streifte da- bei Gildmirths Seite, da er nicht schnell genug gewe- sen war, die Alse loszulassen. Das Ungeheuer krümmte sich, warf sich herum und tobte eine ge- schlagene Minute lang, bevor es begriff, daß es tot war. Daraufhin erstarrte der muskulöse Leib, und der Dämon versank in der Tiefe. Wir mußten einen zweiten Tauchgang mit dem Freibeuter unternehmen, und es kam darauf an, die dazu nötige Ausrüstung rasch anzulegen. Die nun hirtenlose Herde im Anemonengarten am Meeres- grund stellte eine willkommene Abwechslung auf dem Speisezettel jeder Entität dar, die zufällig in der Nähe weilte und die hilflosen Opfer witterte. Ich hatte das Gefühl, lebendig begraben zu werden, als ich erneut in die Tiefe gezerrt wurde – nicht einmal ein Fragment meines Ichs verspürte den Wunsch, den Meeresboden ein zweites Mal zu besuchen, und ich hatte große Mühe, mich am Gürtel Gildmirths festzu- halten. Wir erreichten die Anemonenweide gerade noch rechtzeitig genug, um einen mit mehreren Mäulern bewehrten, rochenförmigen Dämon zu vertreiben, der trotz seiner vielen Rachen keinen Appetit darauf verspürte, mit dem Schwert des Freibeuters Bekannt-, schaft zu schließen. Das Nervenbündel, mit dem die menschliche Herde kontrolliert und dirigiert wurde, hing noch immer über der Weide, genau dort, wo es die Alse zurückgelassen hatte. Und die Herde war genauso hilflos, als würde sie immer noch von dem dämonischen Ungeheuer bewacht. Das Saurierreptil griff nach dem Faserknäuel und begann damit, es in den Pranken hin und her zu dre- hen und zu entwirren wie ein Bündel aus miteinan- der verknotetem Seil. Die einzelnen Stränge wanden sich wie dünne Schlangenleiber dahin. Wir halfen Gildmirth und zogen Fäden auseinander. Als wir beinahe fertig waren, wurde die Arbeit immer schwieriger. Wir mußten eine ausreichende Entfer- nung zwischen uns und die Anemonenweide brin- gen, damit genug Platz blieb für die sich entrollenden Nervengespinste. Immer wieder mußten wir einige Meter hinaufschwimmen. Angesichts unserer Bemü- hungen fingen die versklavten Menschen unter uns im Anemonengarten an zu schwanken und sich zu- sammenzukrampfen. Plötzlich aber, gerade als das Knäuel entwirrt war, kam jähe Bewegung in das schleimige Gespinst aus Faserfäden. Sie schienen gemeinsam von einer Woge erfaßt zu werden, kräuselten sich zurück zu den Kör- pern, aus denen sie herausgewachsen waren, und verschwanden wieder in den Rücken der Gepeinig- ten, die sich daraufhin schlossen wie Schlingenfallen, die von einer unvorsichtigen Pfote berührt wurden. Dann stolperten die Sklaven in namenlosem Grauen allmählich umher, als ihnen die Freiheit zurückgege- ben worden war und sie sich von einem Augenblick zum anderen des schrecklichen Ortes bewußt wur-, den, an dem sie sich befanden. Rasch schwammen wir auf Wimfort zu. Gildmirth zog das Schwert aus der Scheide und hieb auf das ein, was den jungen Burschen umklammert hielt: Durchtrennte Zungen und zerfetzte Anemonenfühler zogen sich von ihrer Beute zurück. Barnar und ich zerrten den Sohn des Rutenherrn aus dem Garten, und ich half meinem Ge- fährten dabei, den Verschleppten sicher unter dem linken Arm des Chiliten zu verstauen. Dann hielten wir uns wieder an dem Freibeuter fest. Sein Saurier- leib stieß sich vom Meeresboden ab und sauste mit uns zusammen erneut der Wasseroberfläche entge- gen. Als wir mit dem bewußtlosen Jungen im Boot sa- ßen, nahm sich Gildmirth die Zeit, seine Wunde zu verbinden. Es war ein Schnitt, der ihm an der linken Seite über die halbe Länge des Brustkastens hinablief, und sie machte jetzt, da er wieder menschliche Ge- stalt angenommen hatte, einen weitaus ernsteren Eindruck als angesichts seines riesigen Saurierleibs. Gildmirth lächelte in einer plötzlichen und sonderba- ren Herzlichkeit. »Das war ein bemerkenswerter Harpunenwurf, Nifft«, sagte er. Meine Aufrichtigkeit zwang mich dazu, ihm mit zurückhaltenden und bescheidenen Worten darauf zu antworten, und ich erwiderte, es sei in der Tat ei- ner der besten und genialsten Lanzenwürfe gewesen, die zu erleben ich jemals das Glück gehabt hatte.,

XIV

Die meiste Zeit während unserer Rückreise lag der junge Bursche im Bug des Bootes. Der trübe Blick sei- ner starren Augen klebte an den Wolken, und manchmal begann er bei den schlingernden Bewe- gungen unseres Gefährts zu zittern. Wir hatten den Proviantsack entleert, um ihm eine Decke zur Verfü- gung zu stellen, und Barnar und ich genossen den Wein, der auf diese Weise zum Vorschein gekommen war. Gildmirth betrachtete eine ganze Weile das Ge- sicht des Jungen, dann meinte er: »Es ist ein recht an- sehnlicher Bursche. Wie stehen seine Chancen, zu ei- nem guten und aufrechten Mann heranzuwachsen?« Barnar seufzte und spuckte in hohem Bogen ins Meer. Er versah den Jungen mit einem freudlosen Blick. Mein Gefährte und ich hatten viel Zeit gehabt, über die ganze Sache nachzudenken. Wir waren da- bei zu dem Schluß gekommen, daß all unsere Bemü- hungen einer Errettung galten, die der Welt zwar keinen großen Schaden zufügen würde, andererseits aber auch kaum dazu geeignet war, ihr etwas Gutes angedeihen zu lassen. Wimforts Zügen haftete jene zarte Symmetrie an, die die Jugend an der Grenze zur vom Erwachsensein geschaffenen Verhärtung her- vorzubringen vermag. Eine bestimmte Ausprägung der Wangen und des Unterkiefers deutete bereits eine erste Ähnlichkeit mit seinem Vater an. »Ich fürchte, lieber Freibeuter, die Aussichten dafür sind eher entmutigend«, gab ich zurück. »Immerhin befindet er sich nur aufgrund seiner ehrgeizigen Achtlosigkeit hier in der Unterwelt.«, »Der Hauptmakel der Jugend – aber auch eine Stärke, diese ehrgeizige Unbekümmertheit.« Ich nickte. »Er hat Phantasie und er ist kühn. Man kann wohl kaum von ihm erwarten, daß er als der Sohn eines reichen und mächtigen Mannes nicht ar- rogant ist und sich Gedanken um die Konsequenzen seines Handelns macht. Er ist der Sprößling des Ru- tenherrn, wie ich bereits erwähnte. Aber vielleicht ist dies hier ...« – ich deutete auf das Meer –, »... und all das, was wir während unseres Rückwegs noch über- stehen müssen, dazu angetan, sein Bewußtsein für die Welt zu erwecken, in der er lebt und von der er nur ein Teil ist.« »Wenn ihr ihn zurückbringt, wird es euer Problem sein zu hoffen, daß er wach geworden ist. Ehrgeizige Pfuscher in Sachen Zauberei tragen viel zur Hölle auf Erden bei. Was mich angeht, so war ich oben natür- lich auch nur ein Möchtegern-Magier, der sich in ihm fremden Künsten zu üben versuchte. Aber ich habe zumindest immer daran gedacht, für jede magische Formel, nach der mir der Sinn stand, die besten Un- terweiser und Lehrmeister zu suchen und sie dafür zu bezahlen, mich in Bedeutung und Anwendung des entsprechenden Spruches einzuweisen. Und ich habe mich nie mit der Erkundung einer neuen Formel be- faßt, solange ich die vorhergehende nicht in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt und alle damit zusammen- hängenden Probleme und Konsequenzen erkannt hatte. Und um auf den Kern der Sache zu sprechen zu kommen: Ich habe auch niemals durch zu achtlose und unerfahrene Anwendung dieser Künste zufälli- ges Verderben über meine Heimat gebracht, deren Bewohner vielleicht der Ansicht waren, ich sei noch, nicht alt genug, um mich mit Magie zu befassen.« Ich wollte nicht, daß er es angesichts dieses Themas bei so wenigen Bemerkungen beließ. »In der Tat, Freibeuter: Was die Legende über dich angeht, so sagt man auch, daß viele deiner ... deiner eher weltlich orientierten Unternehmungen das Ziel hatten, deine thaumaturgischen Studien zu finanzieren.« Einige Augenblicke lang sah uns Gildmirth geistes- abwesend an. »Gehört das tatsächlich zu den Ge- schichten, die man über mich erzählt? Es überrascht mich, daß man sich überhaupt an meine Betrügereien erinnert. Reicht mir mal den Krug. Danke. Es war ein teures Studium. Bis vor kurzer Zeit hatte ich es nie wegen des Goldes allein auf Kostbarkeiten abgesehen – und ihr kennt ja die Hintergründe, die mich heute zu einer diesbezüglichen Gier veranlassen. Ja, letzt- endlich war es nur die Wissenschaft allein, die mich zu all den Diebstählen und Gaunereien antrieb.« »Soweit ich weiß«, meinte Barnar, »hast du unmit- telbar vor deiner Reise hierher ein äußerst lukratives Unternehmen in deiner Heimatstadt durchgeführt.« Gildmirth ließ einen verbitterten Blick zum braun- grauen Wolkengewölbe über uns emporsteigen, be- vor er sich das offensichtliche Vergnügen gestattete, in prahlerischen Erinnerungen zu schwelgen. Er nahm einen Schluck von dem Wein und reichte mir den Krug dann mit einem zufriedenen Seufzen zu- rück. »Es brachte mir dieses Boot und auch das Netz- Segel ein. Es war wirklich gute Arbeit. Sordonhaupt rüstete damals zu einem weiteren Handelskrieg. Ein großer Konkurrent meiner Heimat – die Klostermain- Städteliga – hatte gerade in einem Sturm die Hälfte seiner Flotte verloren, während wir zum gleichen, Zeitpunkt kurz davor standen, eine ganz neue Flotte in Dienst zu stellen. Unser Hohes Konzil erinnerte sich plötzlich daran, daß vor einiger Zeit einer der pe- ripheren Schreine von einem betrunkenen Seemann aus Klostermain gröblich geschändet worden war. Wenn ich mich recht entsinne, geschah das einige Monate vor der Katastrophe, die so schreckliche Fol- gen für die Städteliga hatte. Wir begannen damit, di- plomatischen Druck auf die Liga auszuüben und ihr auf diese Weise Handelskonzessionen abzuringen, und wir wiesen immer deutlicher auf die Möglichkeit eines Krieges hin. Unser Hohes Konzil wartete nur auf eine Möglichkeit, eine voll bewaffnete Aggression um des Profites willen zu beginnen – wenn man si- cher sein konnte, daß für Sordonhaupt keine Gefahr bestand. Ich trat mit dem Vorschlag an den Rat heran, eine Angriffsspitze aus höchst wendigen und kampfstar- ken Fregatten zu konstruieren, und ich demonstrierte den Herren, wie man mit einer solchen taktischen Waffe in fremde Häfen vorstoßen und dort Schiffe an den Docks zerstören kann, wodurch uns viele ge- wagte Schlachten auf offener See erspart blieben. Aufgrund meiner auswärtigen Unternehmen war ich ein Objekt allgemeinen, wenn auch nicht offen ge- zeigten Bürgerstolzes, und ich hatte immer sehr dar- auf geachtet, meine Aktivitäten in der Stadt selbst ge- heimzuhalten. Das Konzil überhäufte mich mit Gold. Die hohen Herren träumten von einem Handelsimpe- rium, davon, das Klostermain-Reich auszuplündern, und diese Visionen veranlaßten sie dazu, mir die Summe von elf Millionen Lictor regelrecht aufzu- zwingen.«, Wimfort kreischte so schrill wie eine Möwe. Er krümmte sich zusammen und wand sich hin und her, als werde er von einer sich über seinen Leib ergie- ßenden Ameisenflut angegriffen. Wir konnten sehen, wie seine Hände unter dem Sack, den wir als Decke über ihn gelegt hatten, hin und her zuckten und ver- suchten, sich eine entsetzliche Erinnerung von der Haut zu kratzen. Barnar legte seine große Hand auf die Stirn des Jungen. Die Augen Wimforts schlossen sich wieder, so, als triebe der von den Fingern Bar- nars ausgeübte leichte Druck die grauenhaften Alp- traumbilder ins Dunkel des allmählichen Vergessens zurück. »Stellt euch einmal einen solchen Betrag vor«, fuhr der Freibeuter nach einer Weile fort. »Der Gedanke daran erstaunt mich noch heute, obgleich man auf ein paar Hektar Meeresboden Schätze finden kann, die viermal soviel wert sind. Natürlich hatte ich den Be- trag nach vierzehn Tagen vollständig ausgegeben – für dieses Boot. Es war ein Geschäftsabschluß, den ich vorher mehr als eine Dekade lang geplant und beab- sichtigt hatte. Ihr hättet meine Schiffswerften in Sordonhaupt se- hen sollen. Es waren riesige Gebäude ohne Fenster – wißt ihr, die Gefahr, daß die Liga von Klostermain- Spionen zu früh von dem ihr drohenden Schicksal in- formiert wurde ... Wir konnten so etwas eben einfach nicht riskieren. Zwei große Fregatten, bestehend aus Leder, Pergament und Tünche. Während meine Leute daran arbeiteten, beschäftigte sich eine andere Grup- pe mit Musikinstrumenten. Ihre Laute waren die Schlegel, Sägen, Bohrer und quietschende Winden. Das dazugehörige Oratorium bestand aus laut geru-, fenen Flüchen und dem lärmenden Temperament von Werftarbeitern: ›Dort drüben etwas nachlassen, ganz langsam! Runter damit ... noch ein bißchen mehr ... halt! Setz deinen Arsch in Bewegung, Mann! He, du da, setz den Schlegel dort vorn an; verwende nur Viertelzoll-Nägel, los, dalli!‹ Wann immer die hohen Herren des Konzils an meinen Werften vorbeikamen, weideten sie sich an diesen lieblichen Melodien und gingen lächelnd weiter. Schließlich versammelte sich am Hafen ein vor- nehmes Publikum, um den Stapellauf unserer Stoß- trupp-Fregatten zu beobachten – so nannte man die Schiffe inzwischen. Zu allen Seiten drängten sich auf den Docks dichte Reihen erwartungsvoller Bürger. Es war ein prächtiger Tag: stahlblauer Himmel und eine frische, leichte Brise vom Land her. Das Konzil ver- fügte über eine mit Sitzreihen versehene Plattform, die am Ende unseres Hauptpiers errichtet worden war. Wenn meine Flotte an ihnen vorbeizog, sollte dort ein großes Feuer entzündet und eine Attrappe des Liga-Wappens verbrannt werden. Ich hielt mich in der Werft auf. Die Schiffe befan- den sich auf den Stapellauframpen; alles war dafür vorbereitet, daß die Fregatten beim Lösen der Bolzen aus dem Gebäude heraus- und ins Hafenbecken hin- einglitten. Es waren insgesamt sechs, und ich stand in diesem Boot. Es war auf allen Seiten von den anderen Schiffen umgeben und so zunächst nicht sofort zu er- kennen. Ich zog die Bolzen aus den Halterungen. Die großen Türen der Werft öffneten sich, und unser Konvoi glitt dickbäuchigen Schwänen gleich ins Was- ser. Und zunächst waren die Schiffe auch so leicht wie, Schwäne. Während der ersten paar Dutzend Meter ihrer Parade durchs Hafenbecken waren es sehr stol- ze Damen, meine Pergament-Fregatten. Das Publi- kum zeigte deutlich seine Begeisterung. Kurz darauf aber konnte man erstaunte Ausrufe wie ›He! Was ist das denn?‹ hören. Denn die sechs Schiffe schwammen unruhig und torkelnd auf den Wellen; sie erinnerten an eine Gruppe Betrunkener, die über den Marktplatz im Zentrum der Stadt schwankt und mit ungelenken Bewegungen am Karnevalstanz teilzunehmen ge- denkt. Sie stießen gegeneinander. Einige drehten sich, bis sie mit dem Heck vorausschwammen, und andere schaukelten so sehr hin und her, daß ihre hoch aufra- genden Masten wie Metronome wirkten. In den Rei- hen des Konzils breitete sich Unruhe aus. Das Wap- pen der Städte-Liga brannte bereits lichterloh, doch in der schallenden Musik des Orchesters von Sordon- haupt waren schon erste deutliche Disharmonien zu vernehmen. Der vom Land her wehende Wind trieb die Schiffe in die Mitte des Hafenbeckens. Und dort begannen die falschen Bäuche der Fregatten immer mehr Wasser aufzusaugen. Hier und dort knickte ei- ne aufgeweichte Hülle ein wie ein im Regen verges- sener Kuchenteig. Jetzt erhob sich aus den Reihen der Zuschauer vielstimmige Verwunderung. Die erste Fregatte hatte sich inzwischen so sehr vollgesaugt, daß die kritische Belastungsgrenze erreicht war. Sie ging so plötzlich und rasch unter, daß die Masten an die Halme eines Gewächses erinnerten, dessen Wur- zeln von einem Erdhörnchen gepackt und dann in ei- ne verborgene Höhlung gezerrt wird. Ich lag genau hier, im Heck. Und wenn die letzte Fregatte sank, verfügte ich über keinen Sichtschutz, mehr und stand sozusagen mitten im Zentrum aller Aufmerksamkeit. Dies war der riskanteste Teil mei- nes ganzen Unternehmens, denn während jener fünf Minuten, die es dauerte, bis alle Attrappen-Schiffe versanken, focht ich in gewisser Weise einen Kampf um Leben und Tod: Ich bemühte mich mit aller Kraft, einen hysterischen Lachanfall zu unterdrücken, der mich hätte umbringen können. Dadurch wurde ich von den Bürgern der Stadt entdeckt – trotz all meiner Anstrengungen, die Selbstbeherrschung zu wahren. Aber als das Publikum ... nun, wie soll ich es nennen? Als es von einer Woge des Verstehens erfaßt wurde, kroch ich zum Mast und zog mich daran in die Höhe. Die anderen Schiffe der Flotte von Sordonhaupt hat- ten inzwischen die Anker gelichtet und wollten of- fensichtlich den Versuch unternehmen, mich einzu- fangen. Schwer um Atem ringend, klammerte ich mich am Mast fest und rief: ›Bürger!‹ Unmittelbar darauf mußte ich erneut schallend la- chen – es war der Gedanke an sie alle, der mich so kolossal erheiterte. ›Bürger!‹ krächzte ich ein zwei- tesmal. ›Ich begreife es einfach nicht! Ich bin ... be- stürzt! Ich habe doch das beste ... Pergament verwen- det!‹ Als ich diese Worte hervorgebracht hatte, konnte ich mich kaum noch halten. Das Flaggschiff der Flotte war nun kaum noch hundert Meter von mir entfernt, und auf dem Achterdeck bezogen die Bo- genschützen Aufstellung. Ich entfaltete das Segel. Zuvor hatte ich mich eingehend mit den dämoni- schen Strömungen beschäftigt, und in der Nähe von Sordonhaupt sind sie ziemlich stark. Nun, auf diese Weise segelte ich aus der Hafenbucht meiner Heimat- stadt hinaus, und während mein Boot die Stadt hinter, sich zurückließ, stellte ich zufrieden fest, daß das auf- gebrachte Publikum von den Docks strömte und über die Hauptpier ausschwärmte. Die am Ende dieser Pier sitzenden Konzilsangehörigen sprangen auf und zeigten sich höchst beunruhigt. Es beanspruchte meine ganze Geschicklichkeit, das Boot mit solcher Langsamkeit zu steuern, daß mir die Flotte zu folgen vermochte. Vermutlich war es eine Sache des Stolzes, vielleicht aber auch etwas weniger Persönliches. Jedenfalls wollte ich, daß allgemein be- kannt wurde, welches Ziel ich hatte, und mir lag eine Menge daran, daß man mich dabei beobachtete, wie ich in die Unterwelt wechselte. Man möchte eben sei- ne Heimatwelt nicht ohne einen letzten Abschieds- gruß verlassen, nicht ohne eine gewisse Anerkennung seiner Bekannten und Mitbürger, die einen bis zum Eingang der Hölle begleiten. Ich hatte mich für den Taargstrudel entschieden, und es handelt sich dabei um einen Mahlstrom in den Gelben Riffen. Ich hielt es für ausgeschlossen, daß mir irgendeiner der Verfolger in die Unterwelt nachsetzte, aber der Kapitän des Flaggschiffes war ein eifriger und kühner Mann: Er drehte nicht bei, um rechtzeitig genug den Anker zu setzen. Die Gewalt des Strudels zog ihn hinter mir her. Ich bemühte mich, in den wie von einem Taifun durcheinandergewirbelten Fluten die Orientierung zu wahren, und mit Pfeilen tötete ich so viele Männer wie möglich. Weitaus mehr aber wurden von Dämo- nen gepackt, und für sie konnte ich nichts mehr tun. Sie kreischten und wimmerten in großer Qual, und sie folgten mir unfreiwillig auf meinem Weg in die Tiefe, durch die Dunklen Stromschnellen, dorthin hinab, wo der Grund des Strudels einen Unterwelt-, Fluß speist, dem niemand je einen Namen gab und der einige tausend Längen weiter ins Dämonenmeer mündet.« An irgendeiner Stelle mußte die erzählende Stimme Gildmirths bis zu dem von Alpträumen gequälten und benebelten Geist Wimforts durchgedrungen sein, denn als der Freibeuter schwieg, schlug der Junge die Augen auf. Sie waren groß und dunkel, nicht so klein und funkelnd wie die seines Vaters, und sie erfaßten nun die Wolken, zu denen sie emporstarrten. Mit Barnars Hilfe setzte er sich auf. Er sah uns an, be- trachtete das Boot und richtete seine Aufmerksamkeit dann erneut auf uns. Angesichts des großen Erstau- nens, das in seinen Zügen deutlich wurde, fand ich nicht die passenden Worte, um ihn anzusprechen. Barnar war es, der ihm die nötigen Informationen gab: »Wir sind Menschen, Wimfort, keine Dämonen. Dieser Mann hier hat uns dabei geholfen, dich aus dem Bann der Alse zu befreien und dir damit das Le- ben zu retten. Dein Vater hat Nifft und mich beauf- tragt, dich zu suchen. Wir bringen dich nun wieder zurück in die Welt der Menschen.« Die kurze Zusammenfassung meines Gefährten er- schien mir zunächst so, als berichte sie von den abenteuerlichen Aktionen zweier anderer Männer. Ich blickte auf meine Hände. Es sind Hände, die man durchaus vorzeigen kann, aber andererseits stellen sie nichts Besonderes dar. Ich war plötzlich erstaunt über das, was Barnar und ich bisher fertiggebracht hatten – ganz abgesehen davon, daß dabei die Hilfe Gild- mirths von wesentlicher Bedeutung gewesen war. Was Wimforts Reaktion auf die Worte Barnars an-, ging, so hätte der Chilit ebenso versuchen können, sich mit einer leblosen Mauer zu unterhalten. Erst nach einer ganzen Weile flackerten in den dunklen Pupillen des Jungen erste Funken des Verstehens auf. Er atmete tiefer durch. Die in seinen Zügen zum Ausdruck kommende Furcht verstärkte sich, und er hob die Hände, um sich mit den Fingerkuppen über die Wangen zu tasten. Dann fing er an, am ganzen Leib zu zittern, und kehrte endgültig in die Wirklich- keit zurück. Große Tränen bildeten sich in seinen Au- genwinkeln. Sie quollen ganz langsam daraus hervor, und dann rannen sie mit der überraschenden Ge- schwindigkeit an den Wangen herab, die Tränen zu eigen ist. Barnar klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Die Reise zurück in die Oberwelt ist mit allerlei Schwierigkeiten verbunden«, sagte er, »aber wir ha- ben eine gute Chance, damit fertig zu werden und es zu schaffen.« Wimfort sah ihn an und richtete seinen Blick dann auf mich. Sein Atem ging nun ruhiger und gleichmä- ßiger. Er starrte Gildmirth an. Die beiden pflaumen- roten Augen des Freibeuters waren wie zwei düstere Sonnenuntergänge in den grinsenden Ruinen seines Gesichts. »Du bist wirklich frei, junger Mann«, meinte Gild- mirth. »Ich könnte dir jetzt eine Menge darüber er- zählen, wie zu Anfang die Aussichten standen, dich aus dem Bann der Alse zu lösen, aber ein nüchterner Bericht kann dir unmöglich verdeutlichen, wieviel Glück du hattest. Es gibt hier viele wie dich, die für immer zu einem schrecklichen Zwischendasein ver- dammt sind.« »Ihr beiden«, sagte Wimfort. Es war nur das kräch-, zende Fragment einer Stimme. Er räusperte sich. »Ihr beiden. Mein Vater hat euch geschickt?« Jemanden von Angesicht zu Angesicht zu sehen bedeutet, ihn bereits halb zu kennen, und wenn man die Stimme des Betreffenden hört, kennt man auch die andere Hälfte. Ich mochte die Stimme: Noch war es ein recht schriller Sopran, aber man konnte darin bereits die dumpfe Festigkeit der nicht mehr in allzu weiter Ferne liegenden Mannbarkeit vernehmen. Es war eine sich selbst noch nicht ganz bewußte Stimme, die genau das sagte, was sie dachte. Bediensteten ge- genüber pflegte Wimfort sicherlich einen rüden Ton- fall, aber vielleicht verfügte er dennoch über Phanta- sie und einen gewissen Sinn für Humor. Nachdenk- lich blickte er über das Meer hinweg, legte dann den Kopf in den Nacken und starrte zum Himmel empor. »Wie lange bin ich schon hier?« fragte er. Barnar zuckte die Achseln. »Wir wissen nicht ge- nau, wieviel Zeit unsere Reise in Anspruch genom- men hat. Du dürftest seit zwei oder drei Monaten in der Unterwelt weilen.« »Drei Monate!« Es war nur ein Flüstern, das Wim- fort durch die Zähne preßte. Wir hatten Mitleid mit ihm, denn wir wußten, daß er nun an das dachte, was diese drei Monate ausgefüllt hatte. Er schauderte einmal, dann noch einmal, stärker diesmal. Er blickte uns groß an, und in seinem Gesicht zeichnete sich et- was ab, das Entsetzen sein konnte. »Ihr beide seid so lange unterwegs gewesen, um mich zu finden?« »Nein«, erwiderte ich. »Die Reise hat etwas mehr als einen Monat gedauert, und noch einmal die glei- che Zeit warst du hier unten gefangen, bevor dein, Vater in der Lage war ... sich unserer Dienste zu ver- sichern.« »Mein Vater schickte euch ...«, wiederholte der Junge. Allmählich breitete sich mißtrauisches Unbe- hagen in mir aus: Der Ausdruck im Gesicht Wimforts war seltsam. »Drei Monate!« stöhnte der Junge. »Und mein Vater schickte euch. Er wartete geschlagene zwei Monate, und dann schickte er zwei Idioten aus, die zwei weitere Monate brauchten, um zu Fuß hierher zu gelangen!« Seine Stimme wurde zu einem schrillen Heulen, das ebenso außer Rand und Band war wie seine Arithmetik. »Ein guter Zauberer hätte mich an nur einem Tag befreien können! Dieser verdammte Scheißkerl! Dieser geizige und dreimal verfluchte Scheißkerl! DREI MONATE!!«,

XV

Wimfort erholte sich rasch. Gütiger Gott, die Spann- kraft der Jugend! Er brauchte nur eine Stunde, um wieder zu sich selbst zu finden – und das nach lan- gen Monaten der mehrschichtigen Vergewaltigung seines innersten Wesens durch eine dämonische Alse. Aber das ist eben die Essenz der Jugend – sie glaubt mit hartnäckiger Festigkeit an die eigenen, sich später als so flüchtig erweisenden Werte. Es dauerte nicht lange, dann hatten wir in voller Größe den jungen Burschen vor uns, den Charnall uns beschrieben hat- te: Wimfort hatte nicht eine Spur seines ehrgeizigen Wesens eingebüßt; er war vollkommen ungeschoren, und der von seinen übertriebenen Ambitionen her- vorgerufene Mißerfolg, der ihm beinahe ein schreck- liches Schicksal beschert hätte, stimmte ihn nicht einmal nachdenklich. Wir zerschnitten den Sack und fertigten daraus ei- ne Tunika, mit der er seine Blöße bedecken und sich wärmen konnte. Er streifte sie sich ziemlich übel ge- launt über, nachdem ich ihm gesagt hatte, er solle uns gefälligst nicht als Idioten bezeichnen, er sei ein jun- ger Schnösel. Ich wollte an sich nicht allzu hart mit ihm umspringen und erinnerte mich daran, daß er sich schließlich noch von dem erholen mußte, was er erlebt und erfahren hatte. Als er sich ankleidete, ent- schloß sich Gildmirth dazu, die Situation ein wenig zu entspannen, und er erklärte Wimfort die unheil- volle Tradition des Irrtums, der so viele dazu veran- laßt hatte, Alsen zu beschwören. Er versicherte dem Sohn des Rutenherrn darüber hinaus, das Elixier, Sazmazms sei nirgendwo in der Nähe des Dämo- nenmeeres zu finden, und es könne sich auch keine maritime Macht mit der Hoffnung tragen, jemals in seinen Besitz zu gelangen, auch wenn das Elixier dort als ebenso unermeßlich kostbarer Schatz galt wie bei den Dämonen der Ersten Unterwelt. Wimfort hatte auf einer Ruderbank Platz genom- men. Er hielt sich ganz steif und gerade und hatte das Gesicht halb von uns abgewandt. Als der Freibeuter seine Erklärung beendete, runzelte der junge Mann die Stirn, starrte ins Meer, schüttelte mitleidig den Kopf und blickte sich dann um. »Ich bin wohl wirklich ein grünschnäbliger Schnö- sel, wie?« antwortete er dann. »So wie der Bursche da behauptet. Haltet ihr mich denn für einen solchen Idioten, daß ich nicht weiß, was es mit dem Elixier auf sich hat? Natürlich befindet es sich nicht in der Sphäre des Meeres. Es kann aber von einer Alse aus einer Region außerhalb des Meeres beschafft werden, und Alsen leben, wie jeder weiß, im Dämonenmeer.« »Über letzteren Punkt solltest du dir jetzt Gewiß- heit verschafft haben«, warf ich ein, und ich war re- gelrecht angeekelt von der hochmütigen Arroganz des jungen Burschen. Er lehnte es ab, mir irgendwel- che Beachtung zu schenken, und fuhr mit der Beleh- rung des Freibeuters fort. »Nur zu deiner Information, Opa: Ich habe alles gelesen, was an schriftlichem Material in dieser Sache zur Verfügung steht. Das Elixier Sazmazms findet sich in der Ersten Unterwelt, wo der aus der Dritten Unterwelt stammende Riese Sazmazm gefangen ist.« Wimfort sprach in jenem herablassenden und ge- langweilt klingenden Tonfall, der gescheiten Schülern, anhaftet und in dem sie bedeutsame Texte herunter- leiern, die sie auswendig kennen und – ihrer Mei- nung nach – völlig beherrschen. »Und wenn du wis- sen möchtest, wie der Riese gefangengehalten wird, will ich es dir gern mitteilen. Sazmazm trachtete da- nach, in die Erste Unterwelt emporzusteigen, hier ein Reich unter seiner Herrschaft zu bilden und sich die hier ansässigen geringerwertigen Dämonen zu un- terwerfen. Er schloß eine Übereinkunft mit Wanetka, dem großen Kriegsherrn, dem berühmtesten des gan- zen Roten Jahrtausends, und der erwies sich als skru- pellos genug, für einen angemessenen Preis jede Schandtat zu begehen – selbst die, eine Macht der Dritten Unterwelt bis auf eine Grenzebene an die Welt der Menschen heranzubringen. Wanetka er- klärte sich mit dem Aufstieg Sazmazms einverstan- den, nahm von ihm eine erhebliche Summe entgegen und betrog ihn anschließend. Er benutzte eine Lücke in der vertraglichen Vereinbarung: Er brachte den Dämonen zwei Weltebenen hinauf – so, wie es die Übereinkunft verlangte –, aber er formte ihn dabei um und setzte den Leib Sazmazms anschließend völ- lig verdreht und entstellt wieder zusammen. Sazmazm ist in einer umfassenden und ihn hilflos machenden Verzerrung gefangen. Sein Lebensblut pulsiert nun durch Adern, die frei zugänglich sind für all jene, die seinen Vasallen tapfer gegenübertre- ten – Dienern, die ebenfalls aus der Dritten Unterwelt stammen, ihn betreuen und die Essenz seines Daseins in seine Heimat zurücktragen, Stück für Stück ... eine Mühsal, die ein ganzes Jahrtausend andauert.« In meinem Gedächtnis rührte sich etwas. Die Worte des Jungen weckten eine bestimmte Erinnerung in, mir. Das Bild geisterte konturlos an meinem inneren Auge vorbei und war zu verschwommen, als daß ich Einzelheiten hätte erkennen können. Der Freibeuter lachte. »Ausgezeichnet. Zu zwei Dritteln Hadadd – fast wortwörtlich –, und beim restlichen Drittel han- delt es sich um eine freie Zusammenfassung der Theorien von Spinny dem Alten. Beide stellten sogar zu meiner Zeit allgemeine Bezugsquellen dar. Und was noch wichtiger ist: Jedes Wort, was du gesagt hast, ist wahr.« »Für diese Leistung ...« – Wimfort sprach mit der zornigen Betonung eines Lehrers, der auf unver- schämte Weise unterbrochen worden ist –, »... erhielt Wanetka von der Grauen Liga den Ehrentitel ›der Wohltäter‹, und seine Biographie wurde aufgenom- men in das Archiv der Optimaten.« »Nur zu deiner Information, Enkel: In Gestalt des Wohltätigen Wanetka hast du den denkbar übelsten Helden der Vergangenheit als Vorbild für deinen Ehrgeiz gewählt. Gewiß, er war ein großer Mann und Kriegsherr. Doch nur Graubärte wie ich, die seine Triumphe von seinen Verrücktheiten zu unterschei- den wissen, können ihm die Ehre zukommen lassen, die ihm auch gebührt. Aus den Gründen, die dich da- zu veranlassen, ihn zu bewundern, könntest du eben- so gut irgendeinen mächtigen Dämonenhäuptling aus dieser Unterwelt hier vergöttern.« »Ich vergöttere niemanden«, erwiderte der junge Bursche mit großem Nachdruck, »und du solltest jetzt besser die Klappe halten.« Der Freibeuter kam der Aufforderung nach und preßte die Lippen aufeinander. Er streckte die Hand nach Wimfort aus. Gildmirth hockte hinten im Heck,, und deshalb schenkte der Junge dieser Geste keine sonderliche Beachtung – bis sich der Arm des Frei- beuters auf schier unglaubliche Weise ausdehnte und der Kopf des Jungen von einer großen, mit Schwimmhäuten versehenen Klauenhand halb um- faßt wurde. Deutliches Entsetzen spiegelte sich in Wimforts Miene wider. »Dein Vater hat mich nicht geschickt, um dich zu retten, Junge«, sagte Gildmirth. »Ich lebe hier, und vielleicht stellt die Unterwelt bis ans Ende meiner Tage eine Heimat für mich dar. Al- lein für eine falsche Kupfermünze wäre ich dazu be- reit, dich wieder in die Tiefe des Dämonenmeeres zu verschleppen und dich dort einer anderen Alse zu überantworten. Verlaß dich nicht zu sehr auf meinen alten grauen Bart, Bursche. Ich habe eine Pein erfah- ren, die du dir nicht einmal ansatzweise vorstellen kannst. Ich bin jetzt in einer ziemlich scheußlichen Stimmung, Enkel, und ich fordere dich auf, mir ge- genüber von nun an sorgfältig die Zunge im Zaum zu halten.« Gildmirths Zorn war nur allzu verständlich. Es mußte ihn sehr aufbringen, das Gekrähe eines Jungen zu hören, der sich darüber beklagte, drei Monate in der Unterwelt gefangen gewesen zu sein, wenn man selbst einen Zeitraum von dreihundert Jahren hier zugebracht hatte – besonders dann, wenn der arro- gante Klageführer sich auch noch darüber beschwer- te, während er auf dem Rückweg in die Freiheit war. Doch vielleicht bedauerte Gildmirth auch seine Ver- ärgerung, denn er ließ seinen Arm wieder seine ur- sprüngliche Form annehmen und fuhr in einem ruhi- geren Tonfall fort: »Mein Junge, du solltest wissen, daß ich deine Ambitionen keineswegs zu verun-, glimpfen trachte. Ich bewundere deinen Mut. Und wenn ich dich mit Informationen konfrontiere, die dir nicht gefallen, will ich damit nur dein Verständnis erweitern, dir Kenntnisse mitteilen, die du brauchst, um dir deine Träume von magischen Kräften zu er- füllen. Glaubst du vielleicht, meine Freunde und ich seien eifersüchtig auf den Ruhm, den du erringen willst? Warum sollten wir uns darüber irgendwelche Gedanken machen? Wir haben unsere eigenen Sorgen und Probleme, um die wir uns kümmern müssen. Da ich zufälligerweise über einiges Wissen in dieser Sa- che verfüge – ein Faktum, das ich nur auf jene Um- stände zurückführe, für die Zeit und Erfahrung ver- antwortlich sind, und deswegen bilde ich mir be- stimmt nichts ein –, will ich dir einfach nur sagen, daß sich kein seriöser Zauberer, außer aus einem schwer nachvollziehbaren und höchst bedeutungs- schwangeren Grund, auf ein Unternehmen in Hin- sicht auf das Elixier Sazmazms einließe. Die Macht dieser Substanz ist einfach zu unberechenbar – zu groß, um sie vollkommen zu beherrschen und sich nutzbar zu machen. Allein die ungeheure Anzie- hungskraft, die das Elixier auf alle Dämonen dieser Sphäre ausübt, würde schon den Transport zu einem außerordentlich riskanten Unternehmen machen, vorausgesetzt, man könnte es überhaupt den Vasallen Sazmazms abringen. Wenn du deinen Körper zu ei- nem Gefäß für das Elixier machtest, so käme das ei- nem Selbstmord gleich – kannst du es dir nicht vor- stellen? Der erste Dämon, der auf dich stieße, würde sofort ein Feuer anzünden und das Elixier mit sol- chem Gleichmut aus dir herausdestillieren, als wärst du ein Haufen Walfett., Du mußt dir über eins ganz klar sein: Das Elixier stellt für die Bewohner dieser Welt eine höchst ver- lockende Droge dar. Es erweitert ihr sensorisches und zerebrales Universum bis hin zu paradiesischer Ek- stase. Selbst ein noch so kleiner Spritzer führt bei ih- nen zu einer seelischen Belebung, gegenüber der die Vereinnahmung menschlicher Beute nur einem äu- ßerst schalen Vorgeschmack gleichkommt. Aber lassen wir all das einmal beiseite. Angenom- men, es gelänge dir, das Elixier mit heiler Haut in die Oberwelt zu bringen. Deine Absichten zu seiner Verwendung mögen untadelig sein – besonnen, zu- rückhaltend, gütig –, aber dir würde sozusagen im- mer das entsprechende Aroma anhaften. Bereits am ersten Tag deiner Rückkehr wüßten die mächtigsten Zauberer überall auf der Erde, daß es sich in deinem Besitz befindet. Und sie wüßten ebenso, wer du bist und wo du dich aufhältst. Bitte denke über diesen Satz nach: ›Die mächtigsten Zauberer überall auf der Erde.‹ Zu meiner Zeit war dies eine Gruppe skrupel- und erbarmungsloser Geier. Ob diese Menschen heute noch leben oder nicht – bei einigen von ihnen ist das bestimmt der Fall –, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist nur eins: Ihre Art hat sich in den vergangenen Jahrhunderten gewiß fortgepflanzt. Und was das angeht, will ich dich zum Schluß nur noch einmal an das Beispiel mit dem Haufen Walfett erin- nern.« Der Junge gab keine Antwort, aber bestimmt wahrte er nur deshalb das Schweigen, weil er erkannt hatte, daß Gildmirth alles andere als ein Grünschna- bel auf dem Gebiet der Magie war. Während des Vortrags des Freibeuters rutschte er in stummer Ab-, lehnung unruhig hin und her. Gildmirth seufzte, und wir drei richteten unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Wein, während uns das Boot, von unsichtbaren Händen gesteuert, wieder zurücktrug zum Pyrami- dendomizil. Zwischen zwei Säulen der Kolonnade hindurch, in der wir saßen, konnte ich das Meer beobachten. Hin- ter mir hatte der Freibeuter Platz genommen und be- rührte mich am Hinterkopf. Weißes und konturloses Nichts schob sich für eine Sekunde vor meine Augen, dann fiel mein Blick wieder auf die Säulen und das jenseits der Kolonnade rauschende Meer. Ich fühlte eine kurze Benommenheit, die sich aber rasch wieder verflüchtigte. Ich blickte mich um und sah, daß sich in den blutunterlaufenen Augen Gildmirths gerade ein trüber Schleier auflöste. Als er zu sprechen be- gann, zitterten seine Lippen zunächst ein wenig. »Dein Leben war sehr ereignisreich, Nifft. Du hast mir eine ganze Welt geschenkt, die ich erkunden kann, sobald ich wieder allein bin.« Der Blick seiner Augen kehrte sich kurz nach in- nen, und er kicherte und fluchte leise. Ich spürte, daß meine Vergangenheit die große Zelle seines Kerkers wie mit einer frischen Brise durchwehte, und das stimmte mich froh. Nach mir war Barnar an der Rei- he, und ich sah, daß Gildmirth den Chiliten nur ganz kurz berührte. Erneut war der Freibeuter ganz in sich versunken und betrachtete die durch seine Gedanken huschenden fremden Erinnerungsbilder. Als er uns schließlich wieder ansah, kam in unseren ihm gelten- den Blicken keine Befangenheit zum Ausdruck. Es gab auch keinen Grund, ihm gegenüber verlegen zu, sein wegen unseres bisherigen Lebens. Gildmirth lä- chelte und sagte: »Freunde, ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich das, was ich von dieser Welt kenne, satt habe. Wie ich mich danach sehne, mich wieder der Erkun- dung jenes anderen und so vergänglichen und viel- fältigen Wissens zuzuwenden – der Erforschung des menschlichen Lebens.« »Hör mal«, erwiderte Barnar, »Nifft und ich haben uns unterhalten. Und wir sind in folgendem Punkt übereingekommen: Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, dir dabei zu helfen, diesen Ort zu verlassen und deine Freiheit wiederzugewinnen, dann schieben wir unsere Rückkehr so lange auf, bis es vollbracht ist.« Gildmirth lächelte erneut und schüttelte dann den Kopf. Ein lautes Schnauben Wimforts erinnerte uns an seine Gegenwart. Der Freibeuter hatte dem Jungen Ledergamaschen und ein sich aus leichten, metalle- nen Schutzfacetten zusammensetzendes Wams gege- ben. Beides stammte aus den persönlichen Vorräten Gildmirths. Die Sachen baumelten ein wenig an Wim- forts hagerer Statur, was in ihm einen Ärger erzeugte, der darauf hindeutete, daß er bisher nur an perfekt sitzende Kleidung gewöhnt war. Und der Stolz des Rutenherrn auf seine hohe Stellung hatte dies sicher gewährleistet. Das Schnauben stellte nur eine Einleitung dar. Der Junge war die ganze Zeit über damit beschäftigt ge- wesen, seine Strategie zu entwickeln, und nun setzte er zu dem Versuch an, uns zu überreden – obgleich wir durchaus rational eingestellte Männer und dazu in der Lage waren, aus den zurückliegenden Ereig- nissen unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Er voll- führte mit beiden Armen eine weit ausladende und, um Aufmerksamkeit heischende Geste. Die Bewe- gung ähnelte der eines Politikers, der sich anschickte, eine bedeutende Rede zu beginnen. Er hatte sie sorg- fältig studiert, und wenn er noch ein paar Jahre lang die entsprechende Haltung seines Vaters studierte, würde er darin endgültige Perfektion erringen. Er wandte sich an den Freibeuter. »Ich bin davon überzeugt, daß du nicht die wirkli- chen Vorteile einer Expedition erkennst, die die Ge- winnung des Elixiers zum Ziel hat. Du hältst dich schon eine ganze Weile hier unten auf. Du scheinst zu wissen, wie man in dieser Welt zurechtkommt, und offenbar verfügst du auch über einige gewisse Fähig- keiten und Begabungen: Sei also unser Führer und geleite uns landeinwärts nach jenem Ort, wo wir das Elixier finden können! Mein Herr, du selbst hast uns einen deutlichen Hinweis auf den Wert der Substanz geliefert, den sie selbst hier in der Dämonensphäre besitzt. Was könnte man mit dem Elixier nicht alles kaufen und erreichen! Dein Zuhause ist recht beein- druckend, aber bestimmt hast auch du nicht alles, was du dir wünschst! Ganz gewiß gibt es doch etwas, nach dem es dich verlangt. Wer hat schon alles, was er möchte?« Der Freibeuter war bereits bei den ersten Worten erblaßt. In seinen Mundwinkeln bildeten sich kalk- weiße Verhärtungen, die auf die in ihm emporsprie- ßende Wut hindeuteten. Kurz darauf konnte ich in seinen Augen erkennen, wie der ohnmächtige Zorn ein wenig der Selbstbeherrschung wich. Gildmirth begriff, daß die Ironie der Worte des Jungen von rein zufälligem Charakter war und Wimfort nicht die ge- ringste Ahnung hatte von der Situation, der sich un-, ser Helfer ausgesetzt sah. Der Junge schien der Tatsa- che, daß Gildmirth offensichtlich einen mächtigen Vorposten im Bereich des Dämonenmeeres komman- dierte, sogar überraschend wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Den Rest seines Ärgers überwand Gild- mirth mit einem tiefen Seufzer. Eine Weile blickte er dem Jungen ernst in die Augen, dann lachte er. »Ach, Junior-Rutenherr, du kannst wirklich von Glück sa- gen, daß auf deinem Rückweg diese beiden Männer eine Eskorte für dich bilden, um dich vor den Konse- quenzen deiner fatalen Irrtümer und Fehleinschät- zungen zu schützen. Bemühe dich darum, ihren Bei- stand schätzenzulernen, und gehe ihnen soweit wie möglich zur Hand. Und was euch beide angeht ...« – er griff nun nach unseren Händen – »... ich danke euch für euren inneren Gehalt, den ich gerade eben erst in allen Einzelheiten kennenlernen durfte. Ich danke euch auch für das großzügige Angebot, mir zu helfen. Möget ihr auf eurer Reise von allem Glück be- gleitet werden. Ich kann nicht hoffen – um eurer selbst willen –, daß ich euch noch einmal wiedersehe, obgleich die Hochachtung und Sympathie, die ich für euch empfinde, mir diesen Wunsch einflüstern. Für den läppischen Dienst, den ich euch erweise ...« – bei diesen Worten warf er Wimfort einen kurzen Blick zu –, »... habe ich eine mehr als angemessene Bezahlung erhalten.« Dem Freibeuter den Rücken zu kehren fiel mir ebenso schwer, als hätte ich alle Waffen ablegen müs- sen – sie auf dem Boden aufzustapeln und mich ohne sie auf den Weg zu machen. Als wir die Salzklippen hochgeklettert waren, winkten wir ihm noch einmal zu. Er befand sich weit unter uns, aber ich konnte se-, hen, wie er andeutungsweise nickte und zu uns em- porstarrte. Dann wandte er sich um und kehrte in sein Myramidendomizil zurück. Ich glaube, auf diese Weise wollte er sich ersparen zuzusehen, wie wir langsam hinter der gezackten Klippenlinie ver- schwanden.,

XVI

Als wir auf dem Hinweg auf die Küste des Dämo- nenmeeres gestoßen waren, hatten wir eine Felsspitze als Landmarke genommen, und auf die lenkten wir nun mechanisch unsere Schritte zu. Wir wußten, daß wir uns viele Kilometer ersparen konnten, indem wir von Gildmirths Pyramidendomizil aus eine zu unse- rem Hinweg diagonale Richtung einschlugen, aber so verlockend und angenehm dieser Gedanke auch er- scheinen mochte – es war die damit verbundenen Ri- siken nicht wert. Die Route, die wir kannten, hielt Ge- fahren bereit, mit denen wir schon einmal fertig ge- worden waren, und das war angesichts der Welt, in der wir uns befanden, schon erstaunlich genug. Wimfort starrte natürlich bald mit großen Augen auf den am Strand liegenden Flitter, und unmittelbar darauf verlangte er, wir sollten anhalten und die eine oder andere Kostbarkeit an uns nehmen. Ich sage deshalb »natürlich«, weil ich ihn inzwischen völlig durchschaut zu haben glaubte. Er brauchte die Ant- wort, die wir ihm gaben, eigentlich gar nicht erst von unseren Lippen zu vernehmen: Mit dem Einsammeln solcher Schätze war das große Risiko verbunden, sich erneut in die Einflußsphäre des Meeres zu begeben, und bei den meisten Kostbarkeiten handelte es sich um Köder, die sowohl Menschen als auch niedere Dämonen anlocken sollten. Wimfort hatte es eigent- lich auch gar nicht auf den Flitter abgesehen. Er konnte nur nicht davon ablassen, uns weiter zuzuset- zen. Er war wütend auf uns – nicht wegen irgend et- was, das wir getan hatten, sondern nur deswegen,, weil wir die trägen und kraftlosen Plackerer waren, als die er uns sah. Er wollte ganz einfach von einem Zauberer gerettet werden, der auf einem goldenen Adler heransegelte: Ihm stand der Sinn danach, sofort aus der Welt der Dämonenkloake herausgebracht zu werden (und nicht etwa nach drei Monaten, nein, be- sten Dank), gefolgt von einem kurzen Ausflug, um etwas von Sazmazms Elixier an sich zu bringen; und nach seiner Vorstellung sollte der Abschluß des gan- zen Unternehmens in einer unverzüglichen und ge- fahrlosen Rückkehr nach Hause bestehen, wo dann auf den Erhabenen Meister Wimfort bereits ein heißes Bad wartete. Und überhaupt: Wie hätte der Junge auch anders sein können? Er hatte nur gelernt, anderen zu befeh- len, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Für ihn begrenzte sich die Wirklichkeit auf diesen einen Aspekt. Und hier waren wir und sagten ihm, er müsse mit uns ge- hen, zu Fuß, durch dick und dünn, mehr als einen Monat lang. Und es würde nicht einmal einen Zwi- schenaufenthalt geben, um unterwegs etwas von dem Elixier an uns zu bringen. Wir hatten ihm nur die Flucht zu bieten – eine schmachvolle, demütigende Flucht, eskortiert von zwei Gaunern, deren Erschei- nungsbild alles andere als romantisch war. In einem jungen Gesicht sehen Wut und verletzter Stolz mitleiderweckend aus. Mit sechzehn Jahren ist man in einem schwierigen Alter. Es bringt eine Men- ge mit sich, das man schätzen lernen kann – eine ge- wisse Frische, die Festigkeit von Überzeugungen. Aber es gibt auch eine bestimmte Arroganz, vielleicht eine unvermeidliche Begleiterscheinung der gerade in diesem Alter besonders rasch fortschreitenden Ent-, wicklung, die zu tolerieren man sich bemühen muß. Wimfort verfügte über eine Menge Frische und Un- ternehmungsgeist, aber er erforderte auch ein außer- ordentliches Ausmaß an Geduld. Er versah uns mit phantasiereichen Schmähungen und verhöhnenden Bemerkungen, als wir sein Verlangen ablehnten und ihn statt dessen aufforderten, weiterzumarschieren. Verbale Zurechtweisungen reichten nicht aus, um seinen spöttischen Prahlereien Einhalt zu gebieten. Schließlich traten Barnar und ich ein wenig zur Seite und berieten uns leise. Wir nahmen ein bißchen von dem Seil, das Gildmirth unseren Vorräten hinzuge- fügt hatte, und daraus knüpften wir eine Trage, die einen Menschen aufzunehmen vermochte, aber nicht sonderlich bequem war. Darauf fesselten wir Wim- fort. Wir befestigten die Bahre an einer unserer Lan- zen und trugen ihn fortan zwischen uns, so wie Jäger ein großes Buschschwein, das sie erlegt haben. Nach einer Stunde war er von der Ernsthaftigkeit über- zeugt, mit der wir ihn aufforderten, fortan an unsere Adresse gerichtete Schmähungen tunlichst zu unter- lassen, da er sonst die ganze Reise auf diese Weise zu absolvieren hatte. Obgleich sich diese Drohung kurz- fristig als sehr erfolgreich erwies, stellte sie sich in anderer Hinsicht aber auch als Fehlschlag heraus. Als wir den Jungen losbanden, hörte er zwar genauge- nommen damit auf, uns fortwährend zu beleidigen, dafür aber versprach er sich in einem kein Ende nehmen wollenden Flüstern immer wieder unsere Bestrafung durch die Hände seines Vaters. Immer wieder malte er sich murmelnd aus, wie uns durch das befehlende Wort des erlauchten Kamin, Ruten- herr von Rindermenge, der Tod ereilte. Und wenn er, einmal eine Pause einlegte, konnte der junge Bursche bestimmt wieder etwas am Strand entdecken, nach dem es ihn verlangte und das ihm von uns ausge- schlagen wurde. Nach einer solchen verbalen Zere- monie war er dann wieder in der Lage, seinen rach- süchtigen Monolog mit neuer Kraft weiterzuführen. Währenddessen kam ihm nach und nach die sa- genhafte Natur seiner derzeitigen Umgebung zu Be- wußtsein. Manchmal schwieg er, und dann glitt sein bewundernder Blick über das Meer hinweg, und sei- ne Augen tranken die Wunder, die an die Küsten die- ser Dämonenwelt angeschwemmt waren. Wenn das der Fall war, entdeckten wir in dem Jungen eine be- eindruckende Willensstärke – ein Ehrgeiz, der so um- fassend und mächtig war wie die Entschlossenheit eines Mannes, obgleich Herz und Seele in Ausmaß und Gehalt noch immer kindisch waren. Diese Ent- hüllungen waren nicht gerade dazu angetan, uns zu- versichtlicher zu stimmen. Als wir uns schließlich unserer Wegmarke näher- ten, begriff Wimfort, daß wir kurz davor waren, uns landeinwärts zu wenden, und daraufhin fand er die am Strand verstreuten Versuchungen noch weitaus verlockender. Ich konnte direkt spüren, wie sich der junge Bursche auf das Hervorbringen einer ganz ent- schiedenen Forderung vorbereitete, eines Verlangens, das dazu führen konnte, daß er sich uns offen wider- setzte. Dann erblickte Wimfort plötzlich eine Ampho- re aus poliertem Kupfer. Zu jenem Zeitpunkt befanden wir uns in Höhe ei- nes Strandabschnitts, der mit besonders üppigen Schätzen versehen war. Die Klippen hier leuchteten in einem strahlenden Weiß. Am kiesigen Rande der, wächsernen Hänge – auf den von den Wellen glattge- schliffenen Steinen, die so schwarz waren wie ko- chendes Pech –, lag eine Schar Sklaven in der Bran- dung. Es waren jeweils zwei – ein Mann und eine Frau, an der Taille zusammengewachsen zu einem einheitlichen Leib mit jeweils zwei Köpfen –, und wenn die Wellen heranfluteten, beugte sich jedes Paar weit empor, um den Kopf aus der unbeständigen und hoch emporschäumenden Gischt herauszuhalten. Zu allen Seiten dieser Sklavenschar waren in den Felsen Gezeitentümpel verstreut, und in ihnen häuften sich so gewaltige Reichtümer, daß damit auch der habgie- rigste Fieberwahn zur Bedeutungslosigkeit verspottet wurde. Die Amphoren befanden sich in mehreren dieser kleinen Teiche, und einige von ihnen waren auseinandergebrochen oder zerbeult, wie von Stür- men mißhandeltes Strandgut. Der Stöpsel, den jede einzelne von ihnen hatte, wies eine tief eingravierte, S-förmige Rune auf. Wimfort blieb wie erstarrt ste- hen, dann klappte er den Mund auf. Ich ahnte schon, was er sagen wollte, und der dadurch in mir empor- steigende Zorn ließ mich ihm zuvorkommen. »Kannst du denn wirklich ein solcher Narr sein, Wimfort?« fuhr ich ihn an. »Wäre es denn in solchen Krügen untergebracht und so deutlich gekennzeichnet wie die Fläschchen in einer Parfümerie?« »Ja!« gab er schrill zurück. »Es könnte sich schließ- lich um die Beute eines Dämons handeln – Elixier, das erfolgreich gestohlen und dann in solchen Gefäßen verschlossen wurde, die vielleicht in einem entspre- chenden Vorratskeller verstaut werden sollten!« Barnar stöhnte. »Wimfort! Haben uns denn alle an- gelogen, als sie erzählten, du seist sehr belesen? Bei, dem Zeichen dort könnte es sich sehr wohl um eine Schlangen-Rune handeln! Es könnte das hocharchai- sche Demisigill sein. Ich meine, wer kann denn schon sagen, wie der Name ›Sazmazm‹ in der Schrift der Dämonen dargestellt ...« »Seht nur!« schrie Wimfort entsetzt. Ich schäme mich direkt zuzugeben, daß wir darauf wie zwei grünschnäbelige Idioten reagierten und wie ein Mann herumwirbelten. Der Junge nutzte die Gelegenheit, um auf die Klippen zuzusprinten. An den meisten Stellen ging es sehr steil zum Ufer hinab, aber über den Amphoren wurden die Klippen von einer tiefen Rinne durchteilt. Wimfort sprang hinein und ritt auf einer kleinen Lawine aus losem Salz in die Tiefe. Er war bereits halb unten, bevor ich die Starre der Überraschung überwinden konnte. Ich stürmte den Klippen entgegen und rief Barnar dabei zu: »Ein Seil! Und such irgendwo nach Halt – du mußt mich mit einem Ruck heraufziehen, wenn ich wieder zurückkommen will!« Ich sprang in die Rinne hinein, nahm mir ein Beispiel an Wimfort und rutschte ebenfalls in die Tiefe. Der Junge war so gelenkig und behende wie ein junger Fuchs. Er überschlug sich mehrmals, und ich hätte schwören können, daß er sich dabei den Hals brach. Unmittelbar darauf konnte ich aber erleben, wie er sich im letzten Augenblick fing. Ich war nicht so schnell wie er, und es war unmöglich, ihn einzu- holen. Diese Erkenntnis machte mir die Unausweich- lichkeit dessen klar, was ich am meisten fürchtete – eine Auseinandersetzung mit ihm unten am Strand, in der Reichweite der Brandung und all der Geschöp- fe, die darin lebten. Wimfort rollte über den Kies,, kam auf die Beine und rannte auf die Amphoren zu. Ich stieß mich ab und sprang die letzten fünf Meter hinunter. Wimfort war gerade damit beschäftigt, ei- nen Krug aus einem der Tümpel zu ziehen, und ich sah, mit welcher jähen Plötzlichkeit die Wellen her- anwogten: Sie glichen ausgestreckten Klauenhänden, und neckend und spottend umschäumte die Gischt seine Fußknöchel. Er zerrte den Krug – das Gefäß war halb so groß wie er selbst – auf den Kiesstrand und begann, mit einem scharfkantigen Stein wütend an dem Stöpsel herumzuschaben, um die Amphore auf diese Weise zu öffnen. Dann war ich heran und packte ihn an den Schul- tern. Er umarmte die Amphore und klammerte sich mit dem ganzen Körper daran fest. Mein unruhiges Unbehagen gegenüber dem Meer wuchs immer wei- ter, und schließlich gab ich es auf, ihn von dem Gefäß fortzuzerren. Statt dessen zog ich ihn mitsamt der Amphore auf die Klippen zu. Nicht weit vom Kies- strand entfernt begann das Wasser inzwischen an ei- nem Dutzend Stellen zu brodeln und sich zu hohen Wellen aufzutürmen. Die Wogen hatten schmale weiße Kämme, und sie bewegten sich nicht im allge- meinen Rhythmus des Wassers, sondern waren von einer viel unbeständigeren und launischeren Natur. Ich mußte unwillkürlich an unsichtbare Wesen den- ken, die sich unter einer Decke wälzten. Und wenn diese Vorstellung der Wahrheit entsprach, kamen die Geschöpfe dem Strand nach und nach immer näher. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah zum obe- ren Ende der Klippenwand empor. Barnar stand breitbeinig da, schwang eine Schlinge und suchte nach einer Möglichkeit, etwas weiter in die Tiefe zu, klettern, um besser werfen zu können. Ich nickte und beugte mich hinunter, um jetzt mit allem nötigen Nachdruck daranzugehen, Wimfort von der Ampho- re zu lösen. Bald begriff ich, daß es nötig war, ihm mit einem Schlag auf die Schulter einen Arm zu läh- men. Dieses Unterfangen stellte sich als nicht ganz so einfach heraus, wie ich es erwartet hatte. Der Junge spürte meine Absicht, und er wand sich mit einer mich überraschenden Heftigkeit zur Seite. Er zog den Krug mit sich auf den Kies hinab, und durch diese Bewegung löste sich der Stöpsel aus dem Hals des Gefäßes. Eine stinkende schwarze Flüssigkeit sickerte heraus – und noch viel mehr als das. Die Dämpfe, die un- mittelbar darauf dunstige Muster durch die Luft zo- gen, verätzten mir Geist und Seele, und ich hatte das Gefühl, mich in ein gänzlich anderes Wesen zu ver- wandeln. Der Himmel über mir veränderte sich zwar nicht wirklich, aber ich gewann plötzlich den Ein- druck, als sei er mir bereits seit einer Ewigkeit und mehr vertraut. Der schwarzweiße Kiesstrand war der einzige Boden, den meine Füße jemals berührt hatten – abgesehen von der Tatsache, daß ich keine Füße mehr besaß, sondern Raubtierklauen. Und meine Zunge formulierte zischende und fauchende Flüche, in einer Sprache, deren Silben in der Welt der Sonne von keines Menschen Ohr jemals vernommen wur- den. Diese Flüche brachte ich aus einem gebogenen Schnabelrachen hervor, und sie galten meinem ge- fährlichen Gegner. Bei meinem Kontrahenten handelte es sich um ein krebsartiges Wesen, das etwa halb so groß war wie ich. In den Augenpunkten auf den gräßlichen Sten-, geln wallte flüssiges Feuer, und auch die Greifzangen und Scheren meines Feindes bestanden aus Flammen. Wir stellten uns zum Kampf, so wie wir es immer getan hatten in dieser Welt, die keinen Frieden kann- te. Während der langen Äonen unseres Daseins hat- ten wir uns immer bekriegt. Der Gegner holte mit seinen Zangen nach meinen Beinen und der Brust aus und kratzte und zerrte daran, während ich mit den Vorderpranken die Augenstengel packte, das ganze Krebsgeschöpf anhob und in der Luft schüttelte. Wenn ich mich heute an diesen Kampf erinnere, habe ich das Gefühl, einen großen und von finsteren Schatten erfüllten Korridor zu betreten, der in beiden Richtungen ohne Ende ist – ein Gang voller düsterer Erinnerungen und versengendem Haß. Denn in jenen Augenblicken besaß ich die ganze Vergangenheit des anderen Wesens – Gestalt und Wahrnehmung, seine bisherigen Erlebnisse, seine Schrecken und Begier- den, das alles gehörte mir, und ich kämpfte dafür. Ich verspürte eine Berührung an meinem Oberkörper, ge- folgt von einem rasch zunehmenden Druck, und dann verfestigte sich etwas in meinem Nacken und auch unter einem meiner Vorderbeine. Während all dies geschah, kam es auch noch an anderer Stelle zu Aktivitäten. Die Brandung gischtete empor und erhob sich über den Kies – so wie ein Teppich von Kindern angehoben wird, die darunter spielen. Geduckte Ge- stalten mit fröhlich rot blitzenden, schlitzäugigen Pu- pillen ritten auf wabernden Schleimgeflechten aus dem Dunkel unter der nun emporgleitenden Wasser- decke hervor. Sie zwinkerten uns zu. Ich kannte sie, und ich wußte auch, was sie wollten. Aber ich war nur dazu imstande, bis zum Tode gegen den sich an, mich pressenden Feind zu kämpfen. Und dann zog mich allmählich irgend etwas in die Höhe. Ich schwankte von einer Seite zur anderen und stieg dabei langsam an der Klippenwand hinauf. Mein Feind, den ich nicht abzuschütteln vermochte, begleitete mich, und die ganze Zeit über kratzte er mir mit seinen Scheren wütend über den Leib. Die schlitzäugigen Geschöpfe schwärmten über den Strand, und meine Füße stiegen gerade rechtzeitig genug in die Höhe, um ihren klebrigen Fühlern zu entgehen, die sich flehentlich nach mir ausstreckten. Irgendwann während des ruckartigen Aufstiegs gelang es mir, das Geschöpf, das sich mit solcher Wildheit an mich klammerte, zum Teil von mir abzu- streifen. Doch noch immer rangen wir mit tödlicher Entschlossenheit miteinander. Als Barnar uns über den Rand der Klippen hinwegzog, mußte er sich sehr beeilen, um Wimforts Leben zu retten. Der Junge kämpfte mit der Wut einer verletzten und in die Enge getriebenen Raubkatze. Ganz offensichtlich war er es, der mir dauernd gegen das Schienbein trat und mir das Gesicht zerkratzte, während ich wie benommen versuchte, ihn zu erdrosseln, und gleichzeitig danach trachtete, seine Hände zu packen und sie von mir fernzuhalten. Über meiner Faust, die seine Kehle um- klammerte, nahm sein Gesicht die purpurne Tönung einer Aubergine an, aber ansonsten schien es ihm nicht sonderlich viel auszumachen, auf diese Weise stranguliert zu werden: Er wollte mich umbringen, und sein ganzes Denken galt nur diesem einen Ziel. In meinem Wahn konzentrierte ich mich nunmehr ganz darauf, ihn soweit zusammenzufalten, daß ich ihn mit einem Felsbrocken in den Boden rammen, konnte. Meine Beine wiesen mehr Schrammen und Quetschungen auf, als sich Pflastersteine in einer an- derthalb Kilometer langen Stadtstraße finden lassen, und die menschliche Raubkatze hatte mir derart die Haut auf den Armen zerrissen, daß man den Ein- druck gewinnen konnte, als sei ich eine Ewigkeit lang in einem Labyrinth aus Dornbüschen umhergeirrt. Ich weiß nicht, wie es Barnar gelang, uns auseinan- derzuziehen. Aber glücklicherweise ließ der Anfall zorniger Raserei sofort nach, als wir voneinander ge- trennt waren. Wimfort setzte sich benommen auf und ging mit aller gebotenen Behutsamkeit daran, sich den arg in Mitleidenschaft gezogenen Hals zu massieren und wieder zu Atem zu kommen. Er hörte sich wie ein Blasebalg an, dessen Mundstück halb eingerostet war. Ich wankte unterdessen hin und her, bis das Verlan- gen meines Blutes nachließ, durch die vielen Risse und Abschürfungen herauszurinnen, und es mir wieder mit neuer Kraft durch die Adern spülte. Ich hinkte auf und ab, und mit großem Erstaunen mu- sterte ich den verheerenden Zustand meiner Schien- beine. Als Barnar sicher war, daß wir nicht mehr die Ab- sicht hatten, übereinander herzufallen, ließ er sich nieder, um sich von seiner Anstrengung zu erholen. Und kaum hatte er sich auf dem Boden niedergelas- sen, als er zu lachen anfing. Er warf den Kopf zurück und lachte in einem schallenden, methodischen Rhythmus; es war ein beständiges Grölen, das über das rauschende Meer hinweghallte. Es kostete ihn mehr und mehr Kraft, und schließlich sank er zurück und schnappte keuchend nach Luft. Ich kümmerte, mich zunächst nicht um ihn. »Sieh dich nur mal an«, brachte ich dann aufge- bracht hervor. »Lach dich nur kaputt: Du bist so ver- dreckt wie ein Schwein, das sich gerade stundenlang in einer Jauchegrube gewälzt hat.« Barnar bemühte sich darum, genug Atem zu schöp- fen, um wieder sprechen zu können. »Du hättest ...« – ein neuer rasselnder Atemzug – »... du hättest dich sehen sollen!« (Kicherndes Gurgeln, dann erneut schallendes Gelächter.) »Ihr habt ausgesehen wie zwei Marionetten ... und derjenige, der eure Fäden lenkte, schien einen Anfall zu haben! Ich ... ich hätte euch beinah fallen gelassen!« Diese letzten Worte waren zuviel für ihn, und er- neut brach er in ein krächzendes Gegröle aus. Ich be- gann zögernd in sein Lachen mit einzustimmen, zum Teil deswegen, um den Jungen aufzuziehen, der nun, da er allmählich wieder zu sich fand, das Gesicht zu einer schmollenden Maske verzog und ganz offen- sichtlich erzürnt und beleidigt war. »Ihr verfluchten, prahlerischen Angeber!« schrie er uns an. Es war als eine Einleitung gedacht, aber er unterbrach sich selbst, als er sich die Tatsache vergegenwärtigte, daß wir ihn aus einer höchst gefährlichen Lage errettet hatten, die er selbst verschuldet hatte. Doch diese Er- kenntnis stimmte ihn uns gegenüber nicht aufge- schlossener. Wie jedes verzogene Kind bestrafte er uns dafür, daß wir ihn sich schuldig fühlen ließen, indem er uns noch mehr haßte. Der Zwischenfall be- deutet ihm eigentlich nicht sonderlich viel, da er sich zunächst nur halb über unsere Warnung in Hinsicht auf die Amphoren hinweggesetzt hatte. Und außer- dem änderte die ganze Sache nichts an der für ihn so, hassenswerten Situation, daß wir über ihn bestimm- ten. Er starrte uns eine Zeitlang groß an und stieß dann hervor: »Ihr weigert euch einfach, die Bedeutung des Elixiers zu begreifen! Es ist jedes Risiko wert, es in seinen Besitz zu bringen. Wenn wir auch nur ein wenig davon für uns erringen und in die Oberwelt bringen könnten, könntet ihr einen Reichtum genie- ßen, der selbst eure verrücktesten und habgierigsten Wunschträume übersteigt. Seht ihr das denn nicht ein?« Barnar und ich wechselten einen kurzen Blick und sahen ihn dann wieder an. Inzwischen verspürten wir nicht mehr den geringsten Hauch von Heiterkeit. Sie war wirklich mehr als traurig, diese ewige Unbelehr- barkeit der Jugend. »Wimfort«, brachte ich schließlich hervor. »Ich sage dies mit allem Ernst – ohne Ironie oder böse Absicht: Hoffentlich hindern dich alle namenlosen Bewohner der Schwarzen Spalte daran, dir diesen Wunsch ir- gendwann einmal zu erfüllen. Ich schwöre feierlich, daß wir unsere ganzen Anstrengungen darauf kon- zentrieren werden, deine diesbezüglichen Pläne zu durchkreuzen. Und nun müssen wir wieder aufbre- chen. Barnar und ich sehnen uns nach der Sonne, nach dem Wind und den Sternen. Unsere Seelen ge- lüstet es danach, wieder unser früheres Leben aufzu- nehmen. Und wenn du nicht der grünschnäblige Idiot wärst, als der du dich uns gegenüber darstellst, wäre es bei dir ebenso der Fall.«,

XVII

Die Essenz des Entsetzens gründet sich nicht in erster Linie auf das Erleben eines Schreckens, sondern viel- mehr auf die unvermeidliche Erfüllung vorausge- ahnter Horrorvisionen. Und als wir uns vom Meer abwandten und unsere Schritte landeinwärts lenkten, begann die alptraumhafteste Phase unseres Unter- nehmens. Wir wußten in groben Zügen, was uns in jener Region erwartete, und deshalb bereiteten wir uns mit entsprechenden Strategien vor: Wir waren zwar recht niedergedrückt, andererseits aber fest da- zu entschlossen, mehr Leid zu verursachen, als wir selbst ertragen mußten. Außerdem hatten wir die Ab- sicht, nicht annähernd so viele Schwierigkeiten über uns ergehen zu lassen wie während der Hinreise. Nun, mit einer solchen Einstellung machten wir uns auf den Weg. Wir machten uns auf den Weg, um uns gleich einer ganzen Serie ausgeprägter Katastrophen zu stellen – und jedesmal, wenn wir mit einem jener Feinde zusammentrafen, auf die wir uns so gut vor- bereitet glaubten, ließen wir bei der anschließenden Auseinandersetzung zweimal soviel Federn als bei den Kämpfen während der Reise zum Meer. Der Grund? Der Grund, um es ganz kurz zu machen, war Meister Wimfort, der Sprößling des Rutenherrn der Stadt Rindermenge. Mir jene Abfolge außergewöhnlicher Zwischenfälle schriftlich ins Gedächtnis zurückzurufen – nun, das ist eine Aufgabe, gegen die sich meine Hände sträu- ben. Das Unglück suchte uns mit einer derartig er- barmungslosen Stetigkeit heim, daß die Stunden hef-, tiger und nie abreißender Auseinandersetzungen – für mich jedenfalls – die Qualität der Verdammnis selbst annahmen. Wir schienen unter dem Schicksals- rad von Pein und Verhängnis gefangen zu sein, ei- nem Rad, das sich unentwegt über uns drehte und seine Abfolgen aus Elend und Kummer für alle Ewigkeit wiederholte. Der Junge verlor nicht viel Zeit damit, unsere Stra- tegien über den Haufen zu werfen. Bei den einzigen Raubtieren im Land der Salzdünen handelte es sich um an eine Mischung aus an Ameisen und Löwen erinnernde Geschöpfe mit großen Mäulern. Sie lau- erten in weithin sichtbaren Trichtern, denen man leicht ausweichen konnte. Kurz darauf aber erreich- ten wir die erste Stelle, die wirklich gefährlich war. Angekündigt wurde der Ort von fettem, schwarzem Rauch, der bereits viele Kilometer vor dem kritischen Punkt über die Dünen hinwegwallte. Und aus dem Rauch drang das Prasseln und Donnern einer ausge- dehnten Feuersbrunst an unsere Ohren. Fleisch war das Material, von dem jene Flammen genährt wur- den. Es wurde aus den zerfetzten Leibern von Men- schen und auch Dämonen gewonnen, und der ganze Berg, der daraus errichtet war, stand lichterloh in Brand. Unstete und böige Winde umschmiegten das Feuer und ließen es hoch hinaufzüngeln. Das Sturm- heulen strich über die zischenden Haut- und Fleischwurzeln der Flammenbäume hinweg und formte aus den Glutmonumenten schroffe und ge- zackte Gebirge, aus denen Feuerlanzen hervorschos- sen und nach allzu Unvorsichtigen stachen. Der le- bende Brennstoff erzitterte. Teile von Körpern bebten von den heißen Orkanböen fort, aber ihre Flucht fand, ein Ende an den ersten Hindernissen, die ihnen das Land selbst entgegenstellte. Die Abermillionen Stim- men dieser unglückseligen Opfer dröhnten inmitten des Dröhnens der Flammen. Es waren Stimmen, die in qualerfüllter Harmonie miteinander erklangen und wie körperlose Wesen unverletzt über die verkohlen- den und verbrennenden Leiber hinwegsegelten. Die Taktik, die wir für diesen Ort entwickelt hatten, sah folgendermaßen aus: Barnar und ich wollten Schulter an Schulter vor dem Jungen herlaufen und dadurch eine Art Lanze formen, um dem Wind die größte Wucht zu nehmen. Die von den Böen heran- getragenen Glutfunken und Feuerzungen gedachten wir mit unseren Schilden abzuwehren. Wimfort hielt sich dicht hinter uns, in dem Windschatten, den wir für ihn schufen. Der Wind änderte rasch und völlig unvorhersehbar die Richtung, und wir stolperten und schwankten deshalb mehr, als daß wir liefen. Wir mußten diese Region so schnell wie möglich durch- queren und sehr darauf achten, daß die Schilde zwi- schen uns und dem brennenden Fleisch blieben. Denn wenn Fetzen davon unsere Abwehr durchbra- chen, hefteten sie an uns fest. Manchmal geschah dies sogar im wortwörtlichen Sinne: Wenn Hände, Klauen oder ganze Gliedmaßen durch eine Lücke zwischen den beiden Schilden hindurchschossen, unternahmen sie gelegentlich den Versuch, uns die Schutzwaffen aus den Händen zu reißen, und wo auch immer das brennende Fleisch unsere Leiber berührte, löste sich sofort die Haut ab. Wir hatten bereits das Gröbste überstanden und wahrten einen respektablen Abstand zu dem lodern- den Fleischberg, als eine jähe Sturmbö einige Glut-, spritzer an uns vorbeiwehte und gegen Wimfort schleuderte. Es waren unerhebliche Fragmente, nicht bedeutender als die, mit denen wir ständig zu kämp- fen hatten und die uns immer wieder Arme und Bei- ne versengten. Aber sie bereiteten Wimfort einen sol- chen Schmerz, daß er in Panik geriet und hinter unse- rer Deckung hervorstürzte. Er begann seitlich von uns fortzustürzen, aber seine sinnlose Flucht fand ein plötzliches Ende, als ein großer Körperteil gegen ihn prallte: Es handelte sich um einen flammenden Torso, der sich sofort zu ihm umdrehte und seine Glutarme ausstreckte, um ihn in eine brennende Umarmung zu hüllen. Barnar drehte sich um und streckte den freien Arm aus, um den Jungen in den Windschutz zurück- zuzerren, und als sich Wimfort duckte, sauste der lo- dernde Leib über ihn hinweg und kollidierte mit dem Chiliten. Der junge Bursche dachte nur an seine eige- ne, der sengenden Hitze nunmehr schutzlos ausgelie- ferte Haut – er packte meinen Schild und wollte ihn mir aus der Hand reißen, während ich meinerseits Barnar half, den flammenden Torso von seinem Ket- tenhemd zu streifen, dessen Facetten durch die große Hitze bereits in kirschrotem Schein erglühten. Wäh- rend der gräßlichen und anstrengenden Bemühungen lösten sich ganze Hautfetzen von unseren Körpern, und die heftigen Attacken Wimforts vereitelten meine Bemühungen, das Schwert als eine Art Stocher einzu- setzen und damit den an Barnar klebenden brennen- den Angreifer fortzustoßen, ohne meinen Gefährten dabei mit der Klinge umzubringen. Als Schmerz und Wut unerträgliche Ausmaße annahmen, schlug ich den Jungen mit einem Hieb bewußtlos, und anschlie- ßend konnte ich Barnar rasch befreien. Ich warf mir, den ohnmächtigen Wimfort über die Schulter, dann flohen wir. An die Region des Feuers schloß sich eine Baum- wiesen-Landschaft an. Es waren niedrige Bäume mit lederartigem, dick geädertem Blattwerk, in dem schrumpelige, blaue Früchte wuchsen, die einen an- regenden Duft verströmten. Wir hatten keine Heilsal- ben, und die Brandwunden, die wir davongetragen hatten, stellten nicht versiegende Quellen großen Schmerzes dar. Mit einigen knappen Worten verbo- ten wir Wimfort, die blauen Früchte zu pflücken oder auch nur zu berühren, und wir teilten ihm ebenso wortkarg mit, daß wir diese Region rasch zu durch- queren gedachten, daß er gefälligst die Position ein- zuhalten habe, die wir ihm in unserer Marschord- nung zuwiesen, und damit habe es sich. Doch natürlich hatte es sich damit noch längst nicht. Wir hatten Wimfort einen Wanderstock be- sorgt, und er brachte seinen Verdruß über die ganze Angelegenheit damit zum Ausdruck, indem er stets dann, wenn er sich von uns unbeobachtet glaubte, damit neugierig nach einer Frucht stocherte. Natür- lich erfuhren wir dadurch von seinen diesbezüglichen Aktivitäten, weil schließlich, wie nicht anders zu er- warten, sich eine der Früchte durch das müßige und griesgrämige Betasten mit dem Stock löste und her- unterfiel. Nun geschah das, was wir ihm aus lauter Verdrossenheit und Müdigkeit nicht in allen Einzel- heiten beschrieben hatten – mit der ersten Frucht fie- len auch alle anderen des betreffenden Baumes herab. Und dabei blieb es nicht: Auch die Blätter machten sich plötzlich selbständig, denn dies waren die Schwingen der pummeligen Ungeheuer. Die Früchte, öffneten sich ruckartig und offenbarten große Reiß- zähne. Die kleinen Dämonen vereinten sich zu einem summenden Schwarm und stürzten sich auf uns. Für diese besondere Möglichkeit hatten wir eine sehr klare und einfache Strategie entwickelt, über die Barnar Wimfort sofort in Kenntnis setzte: »Lauf um dein Leben!« rief er, und wir beide gaben dem Jungen ein Beispiel. In diesem Augenblick war es uns ziem- lich egal, ob er uns folgte oder nicht. Aber erstaunli- cherweise holte er uns nicht nur ein, sondern rannte noch an uns vorbei, wobei er mich derart anrempelte, daß ich beinah das Gleichgewicht verloren hätte und zu Boden gestürzt wäre. Bei der Spalte, und wie der Junge rennen konnte! Er war, um es in aller Bescheidenheit auszudrücken, ein überaus talentierter Läufer. Und welche Ausmaße seine Talente hatten, darüber sollten wir uns zu unse- rem großen Kummer erst noch klarwerden, obwohl wir es zu jenem Zeitpunkt schon ahnten. Er hatte lan- ge Beine und verfügte über große Ausdauer, auch wenn sich sein Leib noch nicht ganz zur vollen Reife entwickelt hatte. In seiner Gestalt sahen wir unsere eigene Misere: Aus den Bäumen, unter deren Kronen uns die kräftezehrende Flucht hinwegführte, lösten sich nun ebenfalls ganze Schwärme jener Geschöpfe, die mit rasiermesserscharfen Reißzähnen einen gro- ßen Appetit zu stillen trachteten. Beim geringsten Kontakt mit unseren Körpern bissen sie einen Haut- fladen ab, der so groß war wie eine Zwanzig- Wallach-Münze aus Astrygal. Sie schossen mit großer Zielsicherheit auf uns herab, und wir versuchten ver- bissen, sie mit den Schilden abzuwehren, die bald immer schwerer und unhandlicher wurden aufgrund, der sich darauf absetzenden Schicht aus feigenwei- chen und infolge des Aufpralls plattgedrückten Lei- bern. Bald führte es sogar dazu, daß das Gewicht der Schilde unsere Flucht zunehmend behinderte. In sol- cher Nähe haftete den abscheulichen Monstren ein ekelhafter Gestank an, und während sie über uns hinwegsausten, zischten sie zornige Flüche und de- mütigende Beleidigungen. Selbst als wir ihre Reihen so sehr gelichtet hatten, daß der Rest keine allzu gro- ße Gefahr mehr für uns darstellte, empfanden wir es noch immer als regelrechtes Vergnügen – es kam so- gar einer rachsüchtigen Besessenheit gleich –, ihre Leiber zu zerschmettern. Als wir die Grenze des Baumwiesenlandes erreichten und hinter uns zu- rückließen, warfen wir die Ausrüstung zu Boden, stellten uns Rücken an Rücken auf und machten uns mit methodischem Nachdruck daran, auch die letzten der uns hartnäckig nachsetzenden kleinen Scheusale plattzuschlagen. Unerschütterlich standen wir da – Arme, Wangen und Schienbeine über und über mit blutenden Bißwunden bedeckt, in den Augen ein mordlustiges Irrlichtern – und labten uns an der Ver- nichtung der Dämonenbrut. Wimfort machte die Feststellung, ebenfalls noch immer von Nachzüglern der Früchte-Ungeheuer bedrängt zu werden. Er kam zurück und forderte uns mit schriller Stimme auf, auch die ihm zusetzenden Beißer umzubringen. Wir waren derart versunken in unseren kämpferischen Zorn, daß wir seiner Aufforderung sogar folgten. Danach suchten wir ein Versteck, ruhten uns aus und lagen eine Weile ganz still am Boden. Es dauerte vielleicht ein, zwei Tage, dann hatten sich unsere Wunden mit Schorf überzogen. Als der, größte Schmerz nur noch eine Erinnerung war, bra- chen wir wieder auf. Kurz bevor wir den Marsch fort- setzten, führten wir ein ernstes Gespräch mit Wim- fort. Wir hockten in einer Bodenmulde am Rande ei- nes halbhohen Hügels, und ich deutete auf die vor uns liegende Ebene. »Wimfort, kannst du das dort drüben sehen, die Stelle, wo das flache Land eine deutlich hellere Tö- nung annimmt?« »Ich denke schon.« »Dort beginnt der Morast. Es handelt sich dabei um eine Art Sumpflandschaft, in der es von Männern und Frauen wimmelt, wenn du verstehst, was ich meine. Männlein und Weiblein. Zehntausende, und alle ... nun, sie bewegen sich alle miteinander.« Ich zögerte und hatte das untrügliche Gefühl, daß meine Worte wenig aussagekräftig waren und recht lahm klangen. »Hör mal, Wimfort«, fuhr ich fort, »sei nicht gleich wieder beleidigt, aber ich muß dich das einfach fragen: Weißt du, wie Kinder gemacht werden?« Er warf mir einen Blick zu, in dem ein außeror- dentlich hohes Maß an Verachtung zum Ausdruck kam. Er sah zu den trüben Nebelschlieren empor, die unseren Himmel darstellten, und es schien, als wolle er auf diese Weise Geduld herbeiflehen, die es ihm erleichterte, die schweren Prüfungen zu überstehen, mit denen er sich angesichts des Umgangs mit zwei stupiden Tolpatschen konfrontiert sah. Er sah davon ab, mir auf diese Frage zu antworten. Ich war erleichtert. Er wußte also nicht Bescheid. Anders ausgedrückt: Seine Kenntnisse auf diesem Gebiet waren zumindest nicht sonderlich stark aus- geprägt. In seinem Alter ist dieses Problem ein wenig, kompliziert, aber ich schätzte ihn inzwischen als recht prüden und zurückhaltenden jungen Burschen ein – eine Charakterisierung, die auf viele exzentrische und mit übermäßigem Ehrgeiz ausgestattete Typen zu- trifft. Er war kein Schürzenjäger, der nur fleischliche Freuden suchte. Er sah in dieser Hinsicht eher eine Gefahr, die seinen Stolz beeinträchtigen konnte. Ich reichte ihm eine Keule, die ich aus einer Dornwurzel für ihn geschnitzt hatte. »Nun«, sagte ich, »es ist genau das, was die Män- ner, Frauen, Jungen, Mädchen und alle andern Ge- schöpfe dort drüben treiben – das und noch andere Dinge. Die Gefahr ist eigentlich nicht besonders groß, wenn man ständig daran denkt, sich von ihren Akti- vitäten nicht anlocken zu lassen. Jeder, der sich wirk- lich ganz auf seine Aufgabe konzentriert, kann es schaffen, die Region zu durchqueren, auch wenn man an einigen Stellen, wo es besonders dick kommt, durchaus Schwierigkeiten haben mag. Behalte nur immer im Hinterkopf, daß der Spaß nur oberflächli- cher Natur ist – wenn du dich tiefer in die Sache hin- einziehen läßt, wirst du sehr bald feststellen, daß es dir an den Kragen geht. Wie bei den anderen Gefah- renzonen auch kommt es in erster Linie auf das Be- wegungsmoment an. Verweile nirgends, geh einfach nur immer weiter. Am besten ist es, du nimmst die Beine in die Hand und läufst, als seien tausend Teufel hinter dir her.« Ich glaube, es ist nun nicht mehr nötig, die folgen- den Ereignisse in allen Einzelheiten zu beschreiben. Als wir den Morastbereich erreichten, rannten wir in das Sumpfland hinein und wichen im Zickzackkurs moosbewachsenen Erdhügeln und schwarzen, von, zähem Algenschlick erfüllten Tümpeln aus. Gerade dort nämlich vereinten sich Haufen nackter menschli- cher Leiber mit vielgestalten Dämonenwesen in einer orgiastischen Ekstase. Unser Bewegungsmoment blieb auch dann weitge- hend unbeeinträchtigt, als die Schauplätze dieser Darbietungen immer zahlreicher wurden. Sie nahmen an Umfang zu und wurden immer üppiger, bis schließlich die Hänge ganzer schweißnasser Berge in- einander übergingen und der ganze schlammige Bo- den von sich wollüstig und konvulsivisch vereini- genden Leibern bedeckt war. Ein keuchender und quiekender Lärm erhob sich aus dem sinnenfreudi- gen Moor. Es war ein umfassendes und hingebungs- volles Oratorium der Lust, und als Begleitung dazu ertönten hier und dort dumpfe Geräusche, die nicht sofort zu deuten waren. Wir erreichten nun das Ge- biet, in dem es am wildesten zuging, und damit war es an der Zeit, sich mit den Keulen einen Weg durch das kopulierende Dickicht zu bahnen. Auf dem Hinweg hatten wir keine Knuten besessen und deshalb die Schäfte der Speere eingesetzt. Es wä- re natürlich weitaus wirksamer gewesen, Gebrauch von den Schwertern zu machen, aber es sträubte sich alles in uns, damit auf wehrlose Menschen einzu- schlagen. Es fiel uns schon schwer genug, die Keulen zu verwenden, selbst gegenüber den Männern – und bei den Frauen mußten wir in dieser Hinsicht noch größere innere Widerstände überwinden. Mit dem Arm zu einem solchen Hieb auszuholen – und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder –, widersprach allem, was sich jede einzelne Faser meines Seins wünschte. Nein, von mir verlangte. In, gewisser Weise mag das die schwierigste Prüfung gewesen sein, der ich mich während der ganzen Reise stellen mußte – durch jene schlüpfrigen Untiefen zu waten und mir mit Keulenschlägen eine Gasse zu bahnen durch temperamentvolle Umarmungen, durch ein Labyrinth aus verlangend erhobenen Ar- men und vor Sehnsucht verzerrten Gesichtern. Diese Notwendigkeit glich einer Vergewaltigung meiner Seele. Jeden Hieb, den ich austeilte, spürte ich am ei- genen Leib. Während der ersten Ewigkeiten unseres schmerzli- chen Marsches hielten wir unser Tempo. Dann blieb der zwischen uns wandernde Junge allmählich zu- rück. Die Entfernung zwischen mir und Wimfort würde sich so weit vergrößern, bis er schließlich ge- gen Barnar stieß, der das Schlußlicht bildete, und mein Gefährte trieb ihn dann sicher wieder an. Immer zögernder und zaudernder machte er weiter. Ich drehte mich zu ihm um, und noch während ich ihm in die Augen sah, leuchtete dort ein verzücktes Fun- keln auf, und sein Blick klebte auf gefährliche Weise an dem fleischlichen Gewühl um ihn herum fest. Und dann – zack! Er blieb endgültig stehen, ließ seine Keule sinken und watete in das zuckende und be- bende Durcheinander aus menschlichen Gliedmaßen hinein. Als das nachfolgende Chaos seinen Höhe- punkt erreichte, überkam mich eine sonderbare Ruhe, und in dieser geistigen Stille fühlte ich mich an ein bestimmtes Ereignis erinnert. In jungen Jahren bin ich als Fischer auf den Kuttern von Ahnook tätig gewe- sen, und an einem späten Nachmittag machten wir einen unerhörten Fang. Unser habgieriger Kapitän holte die Netze mit einem epileptischen Eifer ein und, begrub unser Deck unter zitternden Fischmassen. Er war ganz versessen darauf, vor Einbruch der Dun- kelheit soviel wie möglich einzubringen. Die Hälfte unserer Mannschaft stand auf dem Deck und war nur damit beschäftigt, mit Speeren und Keulen wie Wahnsinnige auf die wogende Schuppenmasse ein- zuschlagen. Zum größten Teil bestand die Beute aus Alsenheringen: Sie waren so groß wie ausgewachsene Hunde und kämpften mit der Wut von Wildschwei- nen. Und damals auf dem glitschigen und sich mit einer Masse aus Blut und Schleim überziehenden Deck, im sich trübenden Licht des zu Ende gehenden Tages, während ich wie ein Berserker hin und her sprang und immer wieder zuschlug, hatte ich für eine kurze Ewigkeit eine Vision, die sich nun erfüllte. Wimfort hatte nicht bemerkt, was sich unter den oberen Schichten der Masse aus menschlichen Kör- pern verbarg. Er trat wütend nach uns, als wir ihn packten und versuchten, ihn aus dem zähen Zugriff des ekstasischen Durcheinanders herauszuziehen. Er hatte kaum seine Keule fallen gelassen, als er bei sei- nen Bemühungen auch schon auf die Hilfe eines Dut- zends Verbündeter zurückgreifen konnte. Eine schreckliche Zeitlang verspürte ich die mich entset- zende Gewißheit, daß wir es nicht mehr schaffen würden, ihn rechtzeitig herauszuholen. Wir waren zwar abgelenkt von der Aufgabe, Wimfort zu befrei- en, aber wir bemerkten dennoch viele deutliche Hin- weise auf das, was sich tiefer unter der teuflischen Kopulationsschicht abspielte. Dort erkannte man flüchtig zum Kuß gespitzte Lippen, die sich plötzlich zu einem breiten Grinsen verzogen und dann Zähne in menschliches Fleisch bohrten. Ich entdeckte eine, Hand mit einem Daumen und vier blutigen Stümp- fen, die in hilfloser Wut gegen einen mächtigen Schenkel hieb. Eine Rippe zerbrach unter einem hart zustoßenden Knie. Von den unteren Schichten her war der gedämpfte Beiklang eines ganz anderen Ora- toriums zu vernehmen – eine Melodie des Schreckens, die vom Chorus der Lust und Begierde übertönt wurde. Wimfort versetzte uns mit seinen baumeln- den Beinen Tritte von schmerzender Heftigkeit. Als wir die Barriere seiner Alliierten durchbrochen hat- ten, verabreichten wir ihm einen Schlag gegen die Hüfte, der seine Beine lähmte. Er sank tief in die erste Schicht aus tastenden Händen und verlockenden Lippen hinein, und plötzlich wich die Verzückung in seinem Gesicht jähem Entsetzen, und er heulte auf. Er begann sich wie ein Irrer zur Wehr zu setzen und versuchte sich zu befreien, aber nun verwandelten sich die Verbündeten in Kerkermeister. In meiner Verzweiflung riß ich das Schwert aus der Scheide. Ich schlug einem Mann den Arm ab, einem anderen den Fuß. Glücklicherweise war das der An- laß für eine Schockwelle, von der die Massenorgie er- faßt wurde: Arme zogen sich rasch zurück, und Lei- ber wanden sich fort von uns. Das half nicht nur Wimfort, sondern auch Barnar: Einige der Dämo- nensklaven hatten meinen Gefährten am Hals ge- packt, und ich sah, wie ihm mit einem Zuschnappen das linke Ohr abgebissen wurde, kurz bevor er sich befreien konnte. Eines muß ich zugeben: Als Wimfort wieder auf den Beinen stand und die Keule in der rechten Hand hielt, setzte er die Waffe mit einem Nachdruck ein, der es uns gestattete, uns viel schnel- ler als zuvor einen Weg durch das Gewühl zu bahnen, und den Gefahrenbereich schließlich hinter uns zu lassen. Dieses Verhalten brachte ihm von unserer Seite aus ein gewisses Maß an Vergebung ein, als wir uns an einem sicheren Ort niederließen, um Barnars Wunde zu verbinden. Aber dann brachte es Wimfort in der überheblichen Arroganz seiner Jugend fertig, all das, was er in der Zwischenzeit wiedergutgemacht hatte, mit wenigen Worten zu zerstören. Er sah uns geistesabwesend an, kniff in plötzlicher Aufmerksamkeit die Augen zu- sammen, und in seinen Zügen breitete sich die scha- denfrohe Zufriedenheit über eine ihn erfreuende Ent- deckung aus. Er lachte triumphierend – eine un- schuldige und naive Erheiterung über seine in Mit- leidenschaft gezogenen Feinde. Nun, ich muß vor- ausschicken, daß ich einige Jahre zuvor das Pech hatte, den größten Teil meines linken Ohres einzubü- ßen ... »Eure Ohren!« grölte Wimfort und lachte erneut. »Jetzt paßt ihr beiden wirklich gut zusammen!«,

XVIII

Wir legten eine weitere kurze Rast ein und warteten ab, bis Barnars Wunde zu bluten aufgehört und sich mit Schorf überzogen hatte. Dann brachen wir wieder auf und marschierten weiter. Und unser Marsch nahm kein Ende. Er schien eine Ewigkeit anzudauern. Wir mar- schierten und marschierten. Wir setzten einen Fuß vor den anderen. Und Wimfort fiel uns auf die Ner- ven. Ganz zweifellos war der Junge ein großes Naturta- lent auf dem Gebiet der Klage und Beschwerde, wenn nicht gar ein echtes Genie. In dieser Hinsicht haftete ihm ein unermüdlicher Einfallsreichtum an, und er schreckte in keiner Weise davor zurück, seine Unzu- friedenheit auf jemand anders – auf irgend jemand an- ders – zu konzentrieren. Er kam nicht einmal auf den Gedanken, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Und so marschierten wir durch die Unterwelt, und Wimfort folgte uns und ging uns auf den Geist. Schließlich begann allein schon der Klang seiner Stimme – ein Laut, der so erbarmungslos und stetig war wie das Rauschen der Wogen, mit dem die Bran- dung unbarmherzig gegen die Küstenfelsen gischtete – meinen Geist zu versengen: Seine Worte verbrann- ten all jene Gedanken, die meinem immer instabiler werdenden seelischen Zusammenhalt entsprangen. »AUFHÖREN!« schrie ich. »Bleib stehen, setz dich hin, halt die Klappe und hör zu.« Wimfort rutschte den glatten, rosafarbenen Hügel hinunter, dessen Hang ich gerade hinter mir gelassen, hatte, und gehorchte dreien meiner Befehle. Ange- sichts der ekelhaften, feuchten Schlüpfrigkeit der sumpfigen Landschaft bestand ich nicht darauf, daß er sich auf dem Boden niederließ. »Jetzt hör mal gut zu«, wandte ich mich an ihn. »Du sperrst nun gut deine Ohren auf und schweigst, bis ich fertig bin. Er- stens: Du weißt von den Lebenshaken in uns, die uns an Charnall binden, der im Dienste deines Vaters steht. Zweitens: Du warst dabei – obwohl du viel- leicht nicht zugehört hast, da es in dem Gespräch nicht um dich, sondern einmal um andere Personen ging – als wir Gildmirth baten, uns dabei zu helfen, die Bindung an diese Lebenshaken zu überwinden. Er erwiderte, bei solchen Haken handele es sich um einen primitiven, stark an einen Talisman gebunde- nen Zauber, und wir hätten eine Chance von zwei zu eins, daß es uns das Herz bei lebendigem Leibe aus dem Körper reißen könnte, wenn er versuchen wür- de, die Haken ohne Verwendung des entsprechenden Kontrollrings zu entfernen. Jetzt habe ich eine neue Information für dich, die du dir einmal durch den Kopf gehen lassen solltest. Vor einer Weile haben Barnar und ich ein längeres Gespräch geführt, das du nicht mitbekommen hast; es war ein wirklich ausführ- liches Gespräch, und wir haben dabei überlegt, wie relativ vorteilhaft es wäre, dich im Stich zu lassen, zum Freibeuter zurückzukehren und unsere Chance wahrzunehmen: Mit ein bißchen Glück könnten wir dann die Unterwelt verlassen und die Freiheit zu- rückgewinnen, ohne uns weiter mit dir und damit ei- ner starken Behinderung all unserer Bemühungen abplagen zu müssen. Eine ganze Weile wogen wir Vor- und Nachteile einer solchen Entscheidung ab,, Wimfort. Verstehst du, was ich damit sagen will? Ich scherze keineswegs.« Wir marschierten weiter. Ich war mir darüber klar, daß uns mein kurzer Vortrag nur ein zeitweises und verdrießliches Schweigen des Jungen einbrachte. Ich fühlte mich auf unbestimmte Weise aufgebracht und empfand tief in mir einen Zorn auf ihn, der sich gera- de in letzter Zeit erheblich verstärkt und zugespitzt hatte. Meine Geduld Wimfort gegenüber hatte eine starke Erschütterung erfahren; gleichzeitig aber mußte ich mir eingestehen, daß sich sein Verhalten – so abscheulich und widerwärtig es auch sein mochte – in letzter Zeit keineswegs verschlimmert hatte. Darüber hinaus rührte sich in meinem Innersten ein umfassender Haß auf das Gebiet, in das wir nun vor- drangen – auf eine Region, die sich bisher als er- staunlich gefahr- und problemlos erwiesen hatte. Ich konnte einfach nicht ergründen, welcher Faktor dieses Ortes es war, der auf diese Weise mein Unbe- hagen weckte. Eins war uns recht schnell klargewor- den: Die Unmöglichkeit, über genau den Weg zu- rückzukehren, über den wir vor Monaten das Dämo- nenmeer erreicht hatten, gründete sich auf die Tatsa- che, daß wir nun tiefer in ein Gebiet eingedrungen waren, das wir auf der Hinreise nur gestreift hatten. Und obgleich wir dadurch keine Anhaltspunkte auf die vor uns liegenden Gefahren besaßen, stellte sich doch wenigstens heraus, daß die uns unbekannten Regionen offensichtlich nicht schwieriger zu durch- queren waren als die, an die wir uns erinnerten. Hier in dieser Landschaft aus morastigen und schwammi- gen Hügeln und Tälern aus rosafarbenem Material war es zum Beispiel ganz einfach, das Gleichgewicht, zu verlieren und zu stürzen, so zerfurcht und zer- klüftet war der Untergrund, so in sich selbst verdreht und gewunden und ausgezackt. Andererseits aber war es nahezu unmöglich, sich dabei angesichts des feuchten und federnd nachgebenden Bodens ernst- haft zu verletzen. Unsere Blicke gingen weit über das Land, und das, was wir sahen, schien nicht gefährlich zu sein. Hier und dort erhoben sich monolithische Schollen aus dem unebenen und samtweichen Hü- gelland, und die Tafelberge bestanden aus den wei- ßesten und glattesten Felsen, die wir je gesehen hat- ten. Am Horizont konnten wir sehen, wie das Land ebener und heller wurde, und dort zeigte sich auch eine Art spärlicher Vegetation. Schließlich stellten wir fest, daß der hellere Bereich scharf abgegrenzt war von dem rosafarbenen Hügel- land. Der Boden bestand dort aus einer gänzlich an- deren Substanz, war fest und trocken und gab nur schwach unter unseren Füßen nach. Und diese Regi- on wies nicht einen einzigen Höhenzug auf; auf dem Untergrund zeigten sich nur die weiten und ge- schwungenen Riffelungsmuster, die uns an die Wel- len erinnerten, die Windböen in unberührten Sand malen. Und was die baumartigen Gewächse anging, die hier, zunächst nur vereinzelt, wuchsen: Sie waren ei- nerseits harmlos, andererseits aber auf unerklärliche Art und Weise abscheulich. Ihre Substanz – sie stell- ten sich uns als feuchte, purpurfarbene Stränge aus miteinander verwobenen Fasern dar – erinnerte in er- ster Linie an rohes Fleisch ... an dicke, verdrehte und verzerrte Muskelstränge, die sich zu gummiartigen Stämmen vereinten und Ausläufer fanden in schlaff, herabhängenden Zweigen und Ästen. In dem Baum- fleisch waren gewundene Schlangenleiber aus durch- scheinenden, silbrigen Fasern miteinander verzahnt, und das komplexe Gespinst pulsierte schwach, in ei- nem Rhythmus, der wie eine undeutliche Wiederho- lung der Bewegung der Bäume selbst wirkte. Denn alle diese sonderbaren Gewächse neigten sich in der windlosen Luft sanft von einer Seite zur anderen, und die Kronen aus schlaffen Zweigen wurden dann und wann von einem schwachen, kaum sichtbaren Schau- dern erfaßt. Der Boden stieg allmählich an. Die Abstände zwi- schen den einzelnen Bäumen verringerten sich, sie wuchsen nun höher. Als sich der gummiartige, pul- sierende Wald um uns schloß, breitete sich in mir eine beinahe lähmende Niedergeschlagenheit aus. »Hör mal«, sagte Barnar. »Kannst du etwas hö- ren?« Ich schüttelte ärgerlich den Kopf und gab keine Antwort. Ich hatte tatsächlich etwas gehört, ein dump- fes Dröhnen, das sich in langsamen Intervallen wie- derholte – fern und grollend, andererseits aber auch fast sanft, einer flüsternden Stimme gleich, deren Worte man nicht verstehen kann. Kurz daraufging es steiler hinauf. Wir kletterten durch den fleischlichen Dschungel empor und näherten uns dabei einer Ge- ländeformation, bei der es sich allem Anschein nach um den Gipfel der Anhöhe handelte. Als wir den Gipfel erreichten, brauchte ich nur ei- nen einzigen Augenblick, um alles zu begreifen – und die Erkenntnis meiner eigenen Dummheit war am stärksten und ausgeprägtesten. Vor uns erstreckte sich die andere Seite der Anhöhe sanft in die Tiefe und mündete in ein breites, nicht sonderlich tiefes, Tal, in dem die Vegetation dichter war und sich uns in völlig anderer Beschaffenheit darbot – als schwar- zes, dschungeldichtes Haar. Am anderen Ende des Tals wuchs ein riesenhafter Berg gen Himmel. Sein Gipfel verlor sich im phosphoreszierenden, nebligen Glühen der firmamentenen Kuppel der Unterwelt, doch die glatte und nach oben hin spitz zulaufende Form konnte man auf den ersten Blick identifizieren. Eine dicke Ader reichte über das Gesicht des Berges, und etwa auf halber Höhe war ein Schwarm von Luftentitäten zu sehen, die dicht über der Vene schwebten. Jener Berg war es, dessen Stimme wir schon aus der Ferne vernommen hatten und dessen donnerndes Grollen nun durch das haarbewachsene Tal hinweg- hallte wie eine dröhnende, nicht zu überhörende To- tenglocke. Das Geräusch erinnerte an das, was eine Million Bogensehnen verursachen, die gleichzeitig losgelassen werden. »Wir haben ihn gefunden«, sagte Barnar gedankenversunken. »Ich meine den Riesen Sazmazm – wir befinden uns in ihm.« Ich nickte, und mein Blick klebte noch immer an dem Berg. Dann zuckten wir beide zusammen, als wir plötzlich wie- der in die Wirklichkeit zurückfanden. Wir wirbelten herum. Wimfort war verschwunden. Obgleich es uns nicht gelingen wollte, irgendwelche Spuren zu finden, die der Junge möglicherweise hin- terlassen hatte, konnte andererseits doch kein Zweifel an der Richtung bestehen, in der er fortgelaufen war. Angesichts des uns umgebenden Dickichts war er erst dann wieder auszumachen, wenn er den Fuß des Berges erreichte – die Schwelle zur Erfüllung seines, brennenden Verlangens. Im Geflecht des Brustpelzes des Riesen nach ihm Ausschau zu halten, wäre einem exemplarischen Beispiel von Sinnlosigkeit gleichge- kommen. Es hätte Wimfort genügend Zeit gegeben, sich ins Verderben zu stürzen – und damit auch uns –, denn wenn wir auf diese Weise Zeit vergeudeten, konnte er ungehindert die Zone erreichen, die von den aus der Dritten Unterwelt stammenden Dienern Sazmazms bewacht wurde. Also machten wir uns sofort auf den Weg den Hang hinab und stürzten uns ins Haardickicht, das nur mühsam zu durchdringen war. Aufgrund unse- rer größeren Körperkräfte waren wir guter Hoffnung, vor dem Jungen zum Fuß des Berges zu gelangen. Da wir in dem haarigen Dschungel kaum einige Meter weit sehen konnten, konnten wir auch nicht erken- nen, was uns an unserem Ziel erwartete. Als wir schließlich das Dickicht hinter uns ließen, fanden wir uns in einer verbrannten und von Kriegszerstörungen heimgesuchten Region wieder, in der wir überall auf die gräßlichen Überbleibsel der Vernichtung stießen. Jenseits dieser unseren Weg behindernden Dünen des Todes erhob sich die von hier aus sichtbare Masse des Berges, und in der beeindruckenden Nähe hatte der Anblick eine respekteinflößende Wirkung auf uns. Eine Zeitlang blieben wir wie betäubt stehen. Wir mußten irgendeinen höhergelegenen Punkt erreichen, von dem aus wir das zyklopische Chaos besser über- blicken konnten. »Die aussichtsreichste Möglichkeit scheint mir darin zu bestehen«, meinte Barnar mit rauher Stim- me, »den Berg selbst emporzuklettern. Wenn wir das geschafft haben, können wir von dort aus vielleicht, ersehen, welche Route er nehmen wird.« Ich nickte. Erneut senkte sich Stille über uns. Nach einer Weile gab ich zur Antwort: »Wenn er sich die Zeit nimmt, mit Überlegung vorzugehen; es wäre auch denkbar, daß er einfach nur losstürmt und ganz seinem Glück vertraut.« Wir seufzten. Es kam jetzt ganz auf Schnelligkeit an, aber inzwischen hatte uns eine melancholische Kraftlosigkeit erfaßt. Eine Art beharrlicher Hoff- nungslosigkeit war in uns wach geworden, und die Verzweiflung, die nun unsere Herzen erfüllte, gab uns nicht den Auftrieb, den wir brauchten, um uns einer weiteren schweren Prüfung zu stellen. Tief in uns war nun fast alles abgestumpft und leer, und wir begannen letztendlich, uns an den Gedanken eines Fehlschlags unserer Bemühungen zu gewöhnen. Barnars Stimme klang düster, und der Abscheu darin war nicht zu überhören, als er erwiderte: »Es scheint unsere einzige Möglichkeit zu sein.« Er nickte und deutete auf den haarigen Kadaver eines gewalti- gen, faultierartigen Geschöpfes, der auf einem Schutthügel kleiner Leichen lag, inmitten der Trüm- mer, die von ihren Streitwagen übriggeblieben waren. Irgendwie schafften wir es, uns in Bewegung zu set- zen und darauf zuzugehen. »Ja«, sagte ich. »Wir kön- nen an dem Dorn emporklettern, der sich dort am Schädel befindet.« Es hatte den Anschein, als sei das Wesen inmitten – auf – seiner eigenen Reiterei gestorben. Unter seinem Kadaver lagen Heerscharen augenloser Affenwesen, deren Kiefer an die von Kakerlaken erinnerten. Der Tod hatte sie in einem chaotischen Durcheinander aus Streitwagen ereilt, aus denen vorn große Dorne, herausragten, die bis auf ihre Größe dem des Riesen ähnelten. Die augenlosen Wagenführer erschienen nur im Vergleich zu ihrem monströsen Verbündeten klein: Ihre Fahrzeuge waren so groß wie Galeonen, und wenn die Soldaten aufrecht gestanden hätten, wäre es ihnen gewiß möglich gewesen, mit ihren weit geöffneten und schrecklich anzusehenden Kiefersen- sen den Ausguckskorb am Hauptmast eines großen astrygalischen Seglers abzuschneiden. Das Fleisch des faultierartigen Riesen wand sich in kräuseligen Falten um jeden einzelnen dicken Haar- stamm und stank. Halb eingesunken in dem Leichen- sumpf waren Aasfliegen von der Größe einjähriger Krummhörner. Wir kletterten über das Rückgrat hinweg, das wie eine Brücke war, die über den stin- kenden Haardschungel führte. »Leichenfliegen!« stieß Barnar aufgebracht hervor, als wir an einem Ohr vor- beikletterten und über die Hügelkuppe des Schädels stolperten. »Dieser dreimal verfluchte und halsstarri- ge Dummkopf macht Leichenfliegen aus uns!« Der Riese war so von der Starre des Todes erfaßt, daß sich der Kopf nur ein wenig nach vorn neigte, und der stählerne Dorn in der Stirn ragte um rund dreißig Meter aus der Halbvertikalen heraus. Wir hatten bereits den Überblick, den wir brauchten, aber mit mechanischen Bewegungen kletterten wir weiter, immer höher hinauf, und unsere Aufmerksamkeit verlor sich in dem, womit wir uns konfrontiert sahen. Die furchterregende Erhabenheit der monströsen, hochgewölbten Muskeln, die so bauchig waren wie ein Weinkrug aus der Großen Senke, die den so über- aus köstlichen Jahrgang der Vitalität des dämoni- schen Titanen aufgenommen hatten und in denen, nun die eingekerkerte Macht des Riesen donnerte und dröhnte – das war mehr, als ein Sterblicher wäh- rend seines ganzen Lebens in allen Einzelheiten zu betrachten und begreifen vermochte. Allein die eine große Ader, die sich an der Flanke des Giganten hin- aufwand, bot Anlaß genug zu stummer Ehrfurcht. Durch den riesenhaften blauen Kanal pulsierten die Fluten von mehr als nur einem mächtigen Strom. Und wir konnten nun auch deutlich sehen, wie die Ader angezapft wurde, und noch deutlicher offen- barte sich uns die Entwicklung der Geschöpfe, die sie anzapften. Das Gewebe des Herzens war eingespon- nen in einen offenbar aus zähem, glasartigem Materi- al bestehenden, halbdurchsichtigen Kokon. Und die- ser wichtigste und zentralste Lebensmuskel des dä- monischen Riesen war durch und durch verseucht – durchbohrt von eingekapselten Dingen, schmalen und konischen Ellipsoiden, die aussahen wie aus Holz geschnitzte Sarkophage. Wir sahen sie in den unterschiedlichsten Wachstumsphasen, in mit Flüs- sigkeit gefüllten Blasen, die mit fortschreitender Ent- wicklung langsam anschwollen und dabei die einzel- nen Fasern des hilflosen und gequälten Herzmuskels des Titanen zerrissen. Schließlich durchstießen die Blasen den Kokon, in den das Herz gehüllt war. Überall konnte man sehen, wie stelzbeinige Stachel- monstren über die lebende Barriere krochen und ihre noch feuchtnassen und zusammengefalteten Schwin- gen aus den zerbrochenen Geburtshüllen befreiten. Sie schlüpften aus. Sie entfalteten die Flügel und trockneten sie. Sie flogen los und wandten sich der Ader zu. Etwa in halber Höhe der Vene wurde sie an sechs, oder sieben verschiedenen Stellen von Spangen aus Messing abgeklemmt, zwischen denen Verbindungen aus glänzendem Stahl bestanden. Die gerade ent- schlüpften geflügelten Wesen hatten es besonders auf diese Bereiche abgesehen. Nacheinander versenkten die Geschöpfe ihre Hinterleibstachel in eine der ab- geklemmten Stellen. Dann warteten sie darauf, daß ihre Artgenossen Zapfhähne betätigten, um den Teil des Blutes ihres Herrn, der den Wartenden zustand, in den breiten Schanzbereich einzuleiten. Nicht selten geschah es, daß alle Sicherheitsvorkehrungen, die sie trafen, von der starken Strömung im Innern der Vene über den Haufen geworfen wurden. Dann und wann klemmten Zapfhähne, und dann blähten sich die Lei- ber der mit den Adern verbundenen hilflosen Geflü- gelten rasch auf; Insektenbeine schlugen durch die Luft und suchten nach einer Rettung, die nicht exi- stierte. Kurz daraufspannten sich die Leiber der Be- treffenden noch weiter und zerplatzten in einer Wol- ke aus feinem, rötlichem Dunst. Wenn sich ein sol- cher Zwischenfall ereignete, wurden die Arbeiter in der Nähe von heller Aufregung erfaßt, und sie beeil- ten sich, den glänzenden Nebel aus der Luft zu lek- ken, während sich andere Geflügelte mit großer Hast daranmachten, den Zapfhahn wieder zuzudrehen. Nachdem dies gelungen war, verhielten sich die In- sektenwesen, als sei nichts passiert, und ein anderes nahm die Stelle an der Messingspange ein. Sie hatten den Herzkokon nur verlassen, um auf diese Weise zu trinken, und wenn sie sich vollgeso- gen hatten, machten sie sich rasch an die Rückkehr. Jeder satte Ausgeschlüpfte breitete seine Schwingen aus und glitt mit majestätischer Anmut zu dem, kriegszerfetzten Fleisch hinab, das den Boden dieser in sich abgeschlossenen Welt darstellte. Jeder Geflü- gelte ging an einer Stelle auf diesem Untergrund nie- der, der dem Herzen möglichst nahe und gleichzeitig möglichst weit vom nächsten Trümmerhaufen ent- fernt war. Anschließend grub jedes Geschöpf die Beißkiefer in das Fleisch seines Herrn und kaute so lange, bis der ganze Kopf darin vergraben war. Wäh- rend sich das vordere Ende eines jeden Insektenun- geheuers auf diese Weise im Dämonenfleisch veran- kerte, verkrampfte sich der Hinterleib – Beine und Schwingen wurden eng zusammengefaltet –, und kurz darauf begann ein rhythmisches und konvulsi- visches Pulsieren. Der verkrampfte Leib begann sich dann rasch zu teilen. Eine Kokonhülle entstand. Eine große, schleimglänzende Made schlüpfte heraus und setzte dazu an, sich dort in das Fleisch hineinzuboh- ren, wo sich zuvor der Kopf des Insektenmonstrums verankert hatte. Dieser abscheuliche, von Facetten- ringen durchzogene zylinderförmige neue Körper war nichts weiter als ein Reservoir – ein mit kleinen Beinen ausgestatteter Tank, in dem ein weiterer klei- ner Teil des Titanen zurückgebracht wurde in seine Domäne. Und obgleich sich diese Larven ihren Weg mit übelkeiterweckender Geschwindigkeit in den Fleischboden fraßen, ragten ihre spitz zulaufenden Faßkörper doch einige Minuten lang hilflos und ohne jede Verteidigung aus dem Boden, während die Beiß- klauen schon tief in der Fleischmasse steckten und ei- nen Tunnel gruben. Barnar und ich bemerkten es et- wa zur gleichen Zeit. »Hm«, machte Barnar. »Sieh dir die Geflügelten darüber an, die als nächste an der Reihe sind, zu lan-, den und sich zu metamorphieren: Sie schweben über ihren Artgenossen, halten Wache und warten gedul- dig darauf, sich selbst einzugraben.« »Ja. Nun, es sieht dennoch auf den ersten Blick so aus, als sei es durchführbar. Wenn sich der Junge die Zeit nimmt, darauf zu achten, dann wird er diese Be- gierde als todsichere Taktik erkennen.« Barnar nickte und schien dabei mit seinen Gedan- ken ganz woanders zu sein. Er hatte sich völlig verlo- ren in den Anblick, der sich uns darbot. »Was für eine Mühe«, brummte er nachdenklich. »Sagte er nicht, so sei es seit dem Roten Jahrtausend?« »Ja.« – »Hat man dir jemals jenes Wiegenlied vor- gesungen, als du klein warst?« Es überraschte mich, als er sofort das Lied anstimmte, das er meinte. Sein heiserer Baß gab die einfache Melodie mit erstaunli- cher Anmut wieder: »... und jener unermüdliche Vogel, obgleich schwach und klein, Segelt immer wieder hinab zum unendlichen Strand. Und er pickt mit seinem schmalen Schnabel, so fein, Einen kleinen Happen vom in die Ewigkeit rei- chenden Sand. Und er überfliegt den Ozean, bis er erreicht die Region, Jenes Land, das er selbst erschafft und wo Müh- sal ist Legion, An einem sonnengesegneten Ort jenseits von Leid und Schand'. Aus gestohlenem Boden errichtet er dieses Land, Und einem Willen, der nur kennt diesen Wunsch allein.« Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich diese Verse vernahm, die ich so gut kannte – gesungen von mei- nem Gefährten, während wir wie in einem Traum am Boden kauerten und die Dornspitze des Titanen um- klammerten. Ich nehme an, wir waren selbst nicht viel dicker als der Stachel. »Und wenn sie seine Essenz eingesammelt haben«, fragte ich, »dann bringen sie sie wieder hinunter in die Dritte Unterwelt? Es mag zwar sein, daß diese Brühe Sazmazms Geist enthält, aber welche Freiheit kann der Titan daraus gewinnen, in einem Bottich ge- fangen zu sein? Was hat er davon, wenn er nur ein in eine Flasche gefüllter körperloser Ozean ist?« »Wie du weißt, habe ich auch Gildmirth diese Fra- ge gestellt. Er wußte keine genaue Antwort darauf. Er konnte mir nur von einem Gerücht berichten, nach dem die Sklavendiener des Riesen seit langer Zeit damit beschäftigt sind, ihm einen zweiten Körper aus Stein zu bauen.« Ich schauderte und versuchte die Benommenheit abzuschütteln, die meine Gedanken nur träge dahin- rinnen ließ. »Komm«, sagte ich. »Wir müssen einen Versuch unternehmen. Die Mühe ist eigentlich völlig sinnlos, aber es fällt mir noch viel schwerer, hier un- tätig herumzusitzen.« Wir kletterten an dem Dorn hinab und krochen über den wurmdurchlöcherten Kadaver unseres toten Wirts hinweg. Kurz darauf erreichten wir die große Klaue der linken Hinterpfote, und von dort aus sprangen wir hinunter und ließen die üppig bewach-, senen Flankenhänge des Leichnams hinter uns zu- rück. Wir liefen auf den kahlen Berg zu, hielten Schil- de und Speer einsatzbereit und achteten auf mögli- cherweise verborgene Gefahren – es war uns nämlich nicht entgangen, daß die meisten Toten, die unter dem Titanen lagen und seine Flanken säumten, zer- rissen und zerfetzt waren. Die Aasfressergier, die auf den meisten Schlachtfeldern anzutreffen ist, sparte gewiß auch dieses hier nicht aus. Mit mechanischen Bewegungen setzten wir einen Fuß vor den anderen und näherten uns dem Schlupfbereich. Es war auch die Quelle des Donnerns und Rumorens, das diesen Kosmos aus Tod mit dröhnender und rhythmischer Musik untermalte. Wir hatten die Stelle fast erreicht, als wir auf einen Leichnam stießen, der eine Betrachtung wert war. Es handelte sich um einen der stelzenbeinigen Riesen, einen toten Geflügelten. In unmittelbarer Nähe war ein hoher Belagerungsturm umgestürzt, und dadurch war ein Balken der aus miteinander verzahnten Boh- len und nunmehr zerschmetterten Konstruktion durch das Mittelteil des Wesens gedrungen. Es han- delte sich um jenes Körpersegment, aus dem die Bein- und Flügelgelenke herauswuchsen. Der Balken war an der Flanke in den Leib des Wesens eingedrungen, und dies hatte dazu geführt, daß es jetzt auf der Seite lag. Es wirkte in erster Linie aufgrund der langen Beine und breitflächigen Schwingen so groß, denn der relativ schmale und dreiteilige Zentralkörper ver- fügte nur über eine Masse, die der Hülle eines mittel- großen Handelsschiffes entsprach. Wir richteten unsere Lanzen aus, stiegen über den Kadaver hinweg und untersuchten ihn mit den Spit-, zen der Speere nach verwundbaren Punkten. Der Leib war an allen Seiten so zäh wie Leder, und wir hätten ebensogut versuchen können, unsere Lanzen in eine massive Stahlwand zu rammen. In den schwarzen Monden der Augenknollen und den re- spekteinflößenden Zangen und Dolchen der Beißkie- fer erkannte ich eine mitleidige Erheiterung über un- sere Winzigkeit und unser drängendes und zwergen- haftes Vorhaben, seiner dämonischen Riesenhaftig- keit Schaden zuzufügen. In meiner düsteren Nieder- geschlagenheit suchte ich unwillkürlich nach einem Grund, diesem toten Giganten meinen Haß entge- genzuschleudern. »Siehst du zwischen den Augen und Kieferzangen den x-förmigen Muskel- oder Nervenbereich – oder was es sonst sein mag? Du brauchst nur nach dem X Ausschau zu halten, dann weißt du, was ich meine.« Ich legte meine ganze Kraft in den Wurf, und ich zielte mit der Lanze nach den beiden fremden Plane- ten jener Augenknollen, deren Blick längst gebrochen war. Barnar entging dem sofortigen Tod nur um rund eine Handbreit, denn der Zufall wollte es, daß er nicht weiter von dem Bogen entfernt stand, den der Stachel beschrieb. Mit der Geschwindigkeit eines Peitschenhiebs krümmte sich der durchspießte Leich- nam halb um die Achse zusammen, den der Balken bildete. Die Schwanzhaken ruckten mit solcher Wucht vor, daß sie sich tief in die Brustfacetten bohrten, aus denen die Beine wuchsen. Über dem konvulsivischen Zucken der Maulkiefer sah ich den Schaft des Speers, der zu nur einem Drittel aus der weichen Stelle herausragte, in die er sich wie in eine, Schwertscheide hineingebohrt hatte. Wir gingen nicht das Risiko des Versuchs ein, die Lanze wieder an uns zu bringen, denn damit hätten wir uns in gefährliche Nähe der mahlenden Kiefer begeben müssen. Statt dessen suchte ich mir einfach eine neue inmitten des Trümmerfeldes aus zerfetzten Leichen und auseinandergebrochenem Kriegsgerät, in dem eine üppige Anzahl von Waffen aller Art zu finden war. Kurz darauf näherten wir uns inmitten des Schlachtfeldes jenem Bereich, der uns keinen Sicht- schutz mehr gewährte, und wir beobachteten den kahleren und offeneren Bereich am Fuße des Berges. Als wir über die erschreckend breite Grenzlinie hin- wegblickten, an deren Überquerung wir den halsstar- rigen und wild entschlossenen Wimfort zu hindern gedachten, gab Barnar plötzlich ein schallendes, ab- stoßendes Lachen von sich. »Soll er doch zur Hölle fahren«, stieß er hervor. »Entweder er kommt an ei- ner Stelle aus dem Dickicht hervor, an der wir ihn rechtzeitig genug ausmachen können, um ihn abzu- fangen, oder eben nicht. Ich werde hier eine Weile sitzen bleiben, und früher oder später dürfte sich dann herausstellen, welche der beiden Möglichkeiten zutrifft. Alles andere kann mir gestohlen bleiben. Ich bin fest entschlossen, mich dem einfachen Vergnügen hinzugeben, hier Platz zu nehmen und still sitzen zu bleiben, solange sich mir die Gelegenheit dazu bie- tet.« Ich legte ihm beruhigend die Hand auf die Schul- ter, fand jedoch nicht die passenden Worte, um ihm eine tröstende Antwort zu geben. Ich wanderte ein wenig umher und sah mich gleichgültig an der, Grenzlinie um. Und dabei bemerkte ich plötzlich, wie sich einige hundert Meter entfernt eine kleine Gestalt über eine Lichtung bewegte, die zwei große Trüm- merhaufen voneinander trennte. Es handelte sich um eine jähe und plötzliche Bewegung, gleich der einer Eidechse, die von Deckung zu Deckung springt. Ich zögerte nicht und stürmte los. Ich lief halb geduckt, richtete Barnars Aufmerksamkeit mit einem Winken auf die entsprechende Stelle und wählte einen Weg, auf dem ich in Hinsicht auf mein Ziel über größt- möglichen Sichtschutz verfügte. Ich war so schnell, daß ich den Eindruck hatte, mehr zu fliegen als zu laufen! Ich werde wohl nie er- fahren, welche Kraftreserven sich mir in jenen Au- genblicken erschlossen. Ich erhaschte einen zweiten Blick auf mein Opfer – in der Nähe eines letzten Schutthaufens an der Grenze zur offenen Fläche. Dort ging Meister Wimfort in die Knie und duckte sich zum Sprung. In dieser Pose erinnerte er mich unwill- kürlich an einen jungen Löwen, der sich darauf vor- bereitet, seine erste Beute zu schlagen. Es war dieser tölpelhafte Mangel an Geschicklichkeit, der mit der gleichen Menge an tödlicher Ernsthaftigkeit einher- ging. Wenn man es genau nahm, war er eigentlich kein Junge mehr. Er machte einen vollkommen lä- cherlichen Eindruck, aber andererseits war er nun tat- sächlich zum Töten bereit. Aus einigen unterwegs aufgelesenen Trümmerstücken hatte er sich eine Waf- fe konstruiert. Sie bestand aus einem über zwei Meter langen Teil eines schweren Speerschaftes. Das eine Ende des Schaftes hatte er mit der Klinge einer Strei- taxt versehen, am anderen hatte er die zerbrochene Schneide eines einstmals prächtigen Schwertes befe-, stigt. Die Klinge stammte offenbar von einem Krummsäbel und glänzte spitz und scharf wie ein Rasiermesser. Um den Schwerpunkt des Schaftes hatte er einige Lederriemen gewickelt. Die Art der Waffe machte seine Strategie deutlich. Es handelte sich nicht um einen Wurfspeer. Wimfort wollte das Provisorium vielmehr als eine Art Turnierlanze ein- setzen, wobei die Axt am einen Ende ihm auch die Möglichkeit eröffnete, Hiebe auszuteilen. Während ich all diese Einzelheiten in mich auf- nahm, eilte ich weiter in meinem lautlosen Lauf auf ihn zu. Ich flehte das Glück jener wenigen Sekunden herbei, die mir genügen würden, um ihn zu errei- chen, bevor er weit genug auf den Schlupfplatz springen konnte, um die Aufmerksamkeit der Geflü- gelten zu wecken und sie zum Angriff auf uns anzu- stiften. Vier Sekunden hätten mir gereicht, aber ich erhielt sie natürlich nicht. Er entdeckte mich, und oh- ne den Hauch eines Zögerns sprang er auf die zerris- sene und wurmzerfressene Ebene am Fuß des Berges hinunter. Wir stürmten über die fleischliche Elastizi- tät hinweg, und die enorme Bewegung ließ uns auf einen aus der Dritten Unterwelt stammenden Dämo- nen zustürzen, der sich kaum dreihundert Schritte entfernt in voller Verpuppungsphase befand. Falsch: knapp zweihundertfünfzig Schritte vor Wimfort! Aber unser Schicksal war zu diesem Zeit- punkt schon nahezu besiegelt – ich konnte es zwar deutlich sehen, war aber nicht in der Lage, die irre Beharrlichkeit meiner Beine zu kontrollieren. Der Junge schenkte dem sich rasch nähernden Verderben nicht die geringste Beachtung. Er rannte noch immer so schnell er konnte, und er hob die Lanze und holte, damit aus. Dicht vor und über ihm schwebte ein sta- chelbewehrter Riese zweihundert Meter über der Ebene; das gewaltige Geschöpf drehte sich herum, starrte aus mitleidslosen schwarzen Knollenaugen auf uns herab und ließ dann seinen gewaltigen Leib in die Tiefe stürzen. Die große Bauchtonne, die Wimforts Ziel darstellte, hatte sich inzwischen einen Weg aus dem Schlupfko- kon herausgewunden und war dabei, sich in den Fleischboden hineinzufressen. Mit dem nach oben ra- genden Hinterteil schwankte sie träge in der gefräßi- gen Anstrengung hin und her. Der Junge gab einen Schrei des Entzückens von sich und hieb die Waffe mit aller Kraft gegen den Leib des Riesen. Nur am Rande nahm ich zur Kenntnis, wie die Lanze zersplitterte, wie der Junge auf den Körper der Larve prallte und angesichts der Wucht des Aufpralls benommen zu Boden sank. In erster Linie richtete sich mein Interesse auf den Sturzflug des Geflügelten, der Wimfort galt, und meine Beine versuchten, noch etwas schneller zu sein. Mit atemberaubender Ge- schwindigkeit kam der Titan heran, den Stachel voll ausgefahren und zum Zustoßen bereit. Ich stieß mich vom Boden ab, als ich den Speer warf. Ich hechtete langgestreckt durch die Luft, um dem Schaft noch mehr Schwungkraft zu verleihen. Ich riß unwillkür- lich die Augen auf und glaubte, mein Innerstes risse auseinander – mit solcher Kraft hatte ich die Waffe von mir geschleudert. Ich hatte den Eindruck, so langsam wie ein welkes Blatt zu Boden zurückzusin- ken, und ich sah zu, wie der Speer genau ins Ziel traf und sich der Angriffsflug des Riesen in einen Todes- sturz verwandelte. Das gewaltige Geschöpf krümmte, sich krampfhaft in der Luft zusammen und grub sich den Stachel tief in den eigenen aufgeblähten Unter- leib. Ich zog den Kopf ein, fiel zu Boden, rollte mich ab und sprang wieder auf. Die Fracht des Geflügelten sprühte in schwarzen Kaskaden aus dem geplatzten Leib, der dem Ende entgegenfiel. Ich rannte auf den Jungen zu und stolperte, als der Titan aufschlug und den Boden erzittern ließ. Aus der Wunde des Geflügelten ergossen sich wahre Fluten auf Wimfort, doch als ich ihn erreichte, war er beinahe trocken. Das lag nicht etwa daran, daß die schwarze Brühe von ihm abgetropft wäre. Sie rann ihm vielmehr direkt in den Leib, sickerte in ihn hinein, mit einer Geschwindigkeit, mit der Wasser in heißem Sand verschwindet. Das Haar des Jungen aber war noch immer feucht, und als ich ihn packte, schob ich ihm die linke Hand unter den Kopf, um ihn auf diese Weise zu stützen. Dabei tropfte mir das Blut des Dämons auf die Finger. Ich mußte ihn wieder zu Boden lassen – er kam ohnehin gerade wieder zu sich – und sprang wie ver- rückt umher in dem Bemühen, mir den Schmerz von der Hand zu schütteln. Man konnte die ölige Flüssig- keit nicht abreiben. Sie brannte mir eine Zeitlang auf der Haut, und dann verwandelte sie sich in schwärz- lichen Staub, der mir keine Qual mehr bereitete und den ich ohne Mühe fortblasen konnte. Doch ich muß an dieser Stelle noch auf eins hinweisen, das offenbar auf den Einfluß des Elixiers zurückgeht, denn seit je- ner Zeit habe ich eine Fähigkeit, die ich früher nicht besaß: Ich bin heute mit beiden Händen äußerst ge- schickt, und bis zum damaligen Zeitpunkt war ich ein ausgesprochener Rechtshänder., Als ich sah, daß der Junge wieder auf die Beine kam, ergriff ich seinen Arm und zog ihn zurück in Richtung des uns Deckung gewährenden Irrgartens aus Trümmern und Leichen. Er schüttelte die Reste der Benommenheit rasch ab und lief, so rasch ihn die Beine trugen. Er hatte nun das, was er wollte, und in dem Bemühen, damit sicher nach Hause zu gelangen, erwies er sich plötzlich als überaus folgsam und ko- operativ. Aus den Augenwinkeln sah ich zwei weite- re Geflügelte, die nun zu ihrem verendeten Artgenos- sen herabsegelten und nach einem Feind Ausschau hielten. Ich sagte Wimfort, wo er Deckung suchen solle, und er beherzigte meinen Rat sofort und ohne jeden Widerspruch: Er warf sich unter einen umge- stürzten Streitwagen. Ich sank mit dem Rücken nach unten auf einen Haufen relativ humanoider Leich- name und erstarrte dort zu völliger Bewegungslosig- keit. Wir wurden nicht entdeckt. Bald patrouillierten ganze Schwärme der stachelbewehrten Ungeheuer über das Gebiet hinweg, aber sie wußten nicht genau, wonach sie suchen sollten, und offensichtlich galt ihre Aufmerksamkeit nicht Dingen von solcher Winzig- keit, wie wir es waren. Wie viele Wale sind Fliegen zum Opfer gefallen? Und kaum hatte eine zweite Kompanie Geflügelter das Leichenbegräbnis unseres Opfers beendet – das heißt, das Auflecken aller flüs- sigen Reste, die dem Kadaver entströmt waren –, zo- gen sich die Patrouillenflieger zurück und nahmen wieder ihren ursprünglichen Platz über dem Schlupf- bereich ein. Gerade als wir uns daranmachen wollten, Barnar zu suchen, trat der Chilit auf die Lichtung. Gemein-, sam führten wir unser nun recht folgsames Mündel auf einen anderen freien Platz, der etwas weiter von dem unfaßlichen Berg entfernt war. Barnar hatte ge- sehen, was geschehen war, und wir schwiegen, da wir keine Kraft mehr hatten. Wir ließen uns nieder und wußten nicht, was wir als nächstes unternehmen sollten. Mit selbstsüchtiger Gleichgültigkeit fing ich unnötigerweise an, mir die Stiefel neu zu schnüren. Mein Gefährte lehnte sich an einen auseinanderge- brochenen Rammbock. Auf den Fingerspitzen balan- cierte er die Streitaxt, mit dem Stiel nach unten. Eine Weile gelang es ihm, die Waffe in der Senkrechten zu halten, indem er mit raschen Handbewegungen ihr Gleichgewicht wahrte. Anschließend gab er ihr einen Stoß, woraufhin sie sich einmal in der Luft drehte und die Schneide in den käsigweißen Weltboden bohrte, in den riesenhaften und peinerfüllten Leib Sazmazms. Anschließend zog Barnar das scharfe Metall wieder heraus und begann von vorn. Eine Zeitlang suchte Wimfort heiter und fröhlich in den Trümmern umher und genoß seine große Tat und den erfolgreichen Aufstieg in das Pantheon der Helden. Er sang und pfiff und flüsterte vor sich hin und ähnelte ganz einem sorglosen Kind, das an einem Strand Muscheln sammelt. Bald darauf aber füllte ihn der Stolz über das Ge- schehene immer mehr aus, und der Jubel verdichtete sich so stark in ihm, daß er schier zu platzen drohte. Er sonnte sich in dem erhabenen Gefühl, alles zu ha- ben, was er mit Hilfe des Elixiers für sich erringen konnte. Nun weiterhin ruhig zu bleiben ... das war für Wimfort eine Folter, die er immer weniger zu er- tragen vermochte. Mit einem Stab, den er in einem, großen Waffenhaufen entdeckt hatte, stocherte er im Schutt herum, und seine Selbstgespräche und Lobhu- deleien wurden immer angeregter. Ich sah zu, wie er aus dem chaotischen Durcheinander ein besonders künstlerisches Objekt hervorzerrte. Es handelte sich um einen Schild aus Messing, in den ein stilisiertes Erdrad eingraviert war, umsäumt von diversen astronomischen Symbolen. Ich dachte, er wolle das Gewicht des Schildes prüfen. Statt dessen fing er an, mit dem Stab darauf einzuschlagen. Und mit jedem Hieb löste sich ein lauter und schriller Triumphschrei von seinen Lippen. Er tanzte wie ein Dämon umher, heulte und brachte den Stab immer wieder auf den Schild hinab, bis dieser wie ein Gong dröhnte. Mit großem Nachdruck zerstörte er die kunstvolle Schmiedearbeit. Als ihm Barnar schließlich den Stab aus den Händen riß, schien er völlig übergeschnappt zu sein. Er grinste uns blind an, und ganz offensicht- lich waren wir in seinen Augen nur zwei weitere An- gehörige aus der Legion lächerlicher Tölpel – zwei Idioten, die ihn viel zu lange verspottet und versucht hatten, seine Pläne zu durchkreuzen, die sich nun aber, wie alle anderen auch, an den Gedanken seines letztendlichen Sieges gewöhnen mußten. »Ha!« rief er. »Ha! Wer lacht jetzt noch, und wer knirscht nun mit den Zähnen, wie? Wie sieht die gan- ze Sache jetzt aus? He, Freunde, was ist mit den Jabóbos? Haben es die blöden Ältesten aus der Priorei bisher überhaupt für nötig gehalten, mit uns über die heiligen Herden unserer Vorfahren zu reden, sich mit uns darüber auseinanderzusetzen! Lassen sie sich dazu herab, uns zu sagen, wem unsere Herden gehören? Und werden sie noch immer behaupten, es gäbe ei-, nen bestimmten Landstrich, den ich nicht umfassen könnte, indem ich einfach nur die Hände ausstrecke? Oh, nehmt euch meine Worte zu Herzen, Freunde: Laßt mich am Ersten Markttag nach Hause zurück- kehren. Und wenn es wirklich der Tag ist, an dem ich mich wieder in der Heimat befinde, dann sollen sie am Zweiten Markttag auf die Straße kommen, sich ihre Weiden ansehen und versuchen, ob sie irgendwo im Ersten Kairnreich auch nur noch einen einzigen Jabóbo finden können, einen Grashalm oder auch nur einen schmutzigen Bach in ihrem verdorrten Herr- schaftsgebiet. Sie werden nichts davon finden – aber sie dürften auch nicht mal in der Lage sein, ihre Häu- ser zu verlassen und nach diesen Dingen Ausschau zu halten. Denn beim ersten Licht jenes Tages werden sich ihre Schwerter von ganz allein aus den an den Wandhaken hängenden Scheiden lösen, und die scharfen Stahlklingen werden sie noch in ihren Betten in kleine Stücke fetzen. Keiner von ihnen soll davon- kommen, nicht der kleinste Säugling oder der älteste Graubart!« Er setzte seinen Vortrag noch lange, lange fort. Als seine affektierte und übertriebene Dramatik etwas von ihrer gefährlichen Lautstärke einbüßte, verlor sie doch andererseits keineswegs an Intensität. Wir lie- ßen uns nieder, spürten, wie sich eine umfassende und düstere Melancholie in uns ausbreitete, und lie- ßen Wimforts endlosen Wortschwall über uns erge- hen. Der Junge sprach langatmig von Rindermenges großer Zukunft als Hauptstadt des Reiches, als ein Juwel von Flüssen, üppigem Weideland und gewalti- gen Jabóbo-Herden. Er ließ sich auch über die Nach- barstädte Rindermenges aus und erörterte mit gro-, ßem Nachdruck die Frage, welche Ansiedlungen am ruhmvollen Aufstieg Rindermenges teilnehmen durften, natürlich nicht als gleichwertige Partner, sondern als Vasallen. Anschließend beschäftigte er sich mit dem Problem, wie die von den Nachbar- städten begangenen zahlreichen Verbrechen zu be- strafen seien, und er beschloß, sie mit Frondiensten in den Kloakengruben Rindermenges sühnen zu lassen. Wenn man seinen Worten folgte, erhielt man umfas- sende Informationen über alle Bewohner und Städte der ganzen weiten Welt, die jemals in irgendeiner Weise mit Späteres Kairnrecht zu tun gehabt hatten, und es wurde auch mehr als deutlich, in welchem di- rekten Zusammenhang das Schicksal der Erwähnten mit der Art von Behandlung stand, die sie Wimforts überaus geliebter Heimat hatten angedeihen lassen. Unser Verdruß nahm immer weiter zu, während sich die Informationsflut über uns ergoß. Wir blickten uns stumm und fragend an, aber wir wußten keine Antwort.,

XIX

Freiheit! Was für ein arg in Anspruch genommenes Wort! Es ist ein großes und leeres Wort, und doch ... wenn man aufgrund irgendeines Erlebnisses daran erinnert wird, was Freiheit bedeutet, wird einem die Bedeutung plötzlich klar und gleicht einem süßen, ungeheuer köstlichen Versprechen! Ich habe einmal die Erfahrung gemacht, an dieses Wort heranzutreten und hineinzustarren in den unauslotbaren Schacht, in dem sich der ganze innere Gehalt jenes Versprechens befindet, alles was damit zum Ausdruck gebracht wird. Ich sah das Wort ganz deutlich vor mir, wäh- rend ich mich ihm näherte – es sah aus wie ein kleiner und zerfaserter Fleck aus strahlendem Blau. Ich wan- derte durch ein steiniges und metallgepflastertes Zwielicht. Meine Gedanken sickerten nur träge dahin, und sie liefen alle auf einen gemeinsamen Punkt hin- aus, den ich – wie um mir selbst Gewißheit zu ver- schaffen – immer wieder vor mich hin murmelte: »Das ist Freiheit.« Ich schritt weiter, und als ich dem Wort immer nä- her kam, begann es größer zu werden. Flüchtige Schwärze tropfte in den blauen Fleck hinein. Den Umrissen entnahm ich, daß es sich um einen Falken handelte, und die Größe – ein deutlicher Hinweis auf die Entfernung – rief mir ins Bewußtsein, wie tief der blaue Schacht war. Und ganz plötzlich verstand ich, um was es sich handelte. »Das dort ist der Himmel«, machte ich mir selbst klar. Daraufhin schritt ich rascher aus. Hinter dem Falken – weit dahinter – sah ich den hauchzarten, Schleier einer Wolkenspur. Immer weiter näherte ich mich dem Blau. Allmählich wurden vor dem Hinter- grund des Himmels die Gipfel ferner Berge sichtbar, und vor ihren hügeligen Ausläufern erstreckten sich kurz darauf weite Ebenen. Und dann stand ich direkt auf der Schwelle der Freiheit und betrachtete ihre ganze erhabene Pracht. Sie bestand aus Stein und Sand und dichtem, grünem Buschwerk, und hier und dort wuchsen Felsgrate in die Höhe, die ganz weit oben mit einer Kuppe aus ewigem Schnee bedeckt waren, einem Mantel so weiß wie Zucker. Und über dieser Szenerie erstreckte sich eine blaue Kuppel, die so hoch und strahlend war, daß man sie direkt spüren konnte, als leichten Frost- hauch der Erregung, die einem den Rücken hinabrie- selt. Wind summte frei und ungezwungen über all dies hinweg, und die Böen waren bevölkert von Krä- hen, Raben, Falken und Finken mit spitz zulaufenden Schwingen. »Der Dieb! Der dürre Dieb! Er ist zurück!« Bei diesem Ausruf eines Soldaten kam hektische Aufregung in die ganze Garnison, und die Männer sprangen auf und liefen durcheinander, um Aufstel- lung zu nehmen. Ich nickte vor mich hin. Der Dieb war tatsächlich zurückgekehrt, sowohl der dürre als auch der dicke. Ich glaube, ich schenkte den Unifor- mierten ein kurzes und recht einfältiges Lächeln, be- vor ich mich wieder abwandte, um erneut die Freiheit zu betrachten. Ich beobachtete die langsamen und trägen Bewegungen einer Herde von Krummhörnern, die weit draußen in der Ebene über einen Fluß getrie- ben wurde. Ich bemerkte das leise und zärtliche Flü- stern, mit dem der Wind über eine kleine Fläche ver-, trockneten Spitzgrases hinwegstrich, am Fuße des Hanges, der zur Finsterspalte hinaufführte. Ich beob- achtete, wie sich die Sonne dem westlichen Horizont entgegenneigte, und vor meinem inneren Auge sah ich bereits das rotgoldene Flammen-Gitterwerk, das in einer halben Stunde den Untergang der Sonne um- rahmen mochte. Nach diesen kurzen Meditationen stellte ich überrascht fest, daß die Soldaten alle in den Sätteln ihrer Rösser saßen und bis auf wenige Meter an den Schachtzugang herangekommen waren. Charnall und Kamin ritten an der Spitze der Kolonne, und Kamin machte ein Gesicht, das darauf schließen ließ, daß er schon seit geraumer Zeit versuchte, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Notwendig- keit, mich von der Betrachtung der Freiheit abzu- wenden und meinen Blick auf den Rutenherrn zu lenken, zwang mir ein tiefes Seufzen ab. Ich dachte mir zunächst nichts dabei. Dann aber begriff ich, welch quälende Doppeldeutigkeit dieser Laut für ei- nen Vater haben mußte, der ganz versessen darauf war, in meinem Gesicht nach Hinweisen auf das Schicksal seines Sohnes zu suchen. Ich lächelte fast bei dieser Erkenntnis. »Wir haben deinen Jungen gefunden und bringen ihn dir zurück, Rutenherr.« Vielleicht waren seine Lippen aufgrund eines stummen Entschlusses, zunächst mich sprechen zu lassen, in Bewegungslosigkeit eingefroren. Unmittel- bar im Anschluß an meine Worte löste sich diese Lähmung auf. Seine Lippen teilten sich. Aber noch immer brachte Kamin keinen Laut hervor. »Hallo, Charnall«, rief ich heiter aus. »Wie steht's, wie geht's, mein Freund?«, Er starrte mich geistesabwesend an und fuhr sich mit der linken Hand zögernd über den kahlen Schä- del. Er machte den Eindruck, als müsse er sich dazu zwingen, die Realität unserer Rückkehr zu akzeptie- ren. »Wir wußten, daß ihr in der Nähe wart«, antwor- tete er langsam. »Die Lebenshaken informierten mich darüber.« Plötzlich erwiderte er mein Lächeln. »Habe ich es nicht vorausgesagt? Hatte ich nicht den richti- gen Riecher? Seid ihr dem Freibeuter aus Sordon- haupt begegnet!« »In der Tat. Er ist ein stolzer und großartiger Mann, Charnall.« »Ja. Ich dachte mir schon, daß er das gewesen ist – nein, daß er es noch ist.« »Ich will meinen Sohn sehen!« Die Worte glichen einem keuchenden Donnern. Wir sahen Kamin an. Sein schwammiges Gesicht war verzerrt vor Wut. Er hatte den Eindruck, als zögen wir ihn auf – als gäbe es in der ganzen weiten Welt nichts anderes von Be- deutung als sein Bemühen, ständig im Mittelpunkt zu stehen. Wie sehr sein Sohn ihm doch ähnelte! Aber diesmal galt seine Sorge wenigstens jemand anderem statt sich selbst. »Ich zeige dir deinen Sohn«, wandte ich mich mit ruhiger Stimme an ihn. »Und mehr nicht – du kannst ihn dir nur ansehen. Wenn unsere Lebenshaken ent- fernt sind, sich deine Männer zurückgezogen haben und unsere Bezahlung herbeigeschafft ist – wenn in allen diesen Punkten Klarheit besteht, kannst du ihn wieder in deine Obhut nehmen.« Ich drehte mich um und rief in den Schacht hinein: »Barnar! Bring ihn herauf ans Licht!« Anschließend richtete ich meine, Aufmerksamkeit wieder auf den Rutenherren. »Tretet ein, du und Charnall. Wenn du uns mißtraust, Ka- min, kannst du zwei Wachen zu deinem persönlichen Schutz mitnehmen. Aber mehr nicht.« Ich mußte beinahe lachen, als ich sah, wie überflüs- sig meine letzte Bemerkung gewesen war. Kamin hatte keine andere Wahl, als seine finsterste Miene zur Schau zu stellen, um auch nur seinen Hauptmann und einen anderen Soldaten dazu zu veranlassen, ihn zu begleiten. Ich führte sie in den Schacht hinein, und ich spürte, wie sich die Männer hinter mir versteiften, als sie aus den Tiefen der Unterwelt ein dumpfes Rumoren vernahmen. Ich geleitete sie einige Schritte weit und forderte sie dann auf stehenzubleiben. Wir sahen zu, wie sich uns aus dem Schlund des Schachts trüber Fackelschein näherte. Im Innern der matt leuchtenden Blase befand sich Barnar. Er führte die Fackel in der einen Hand, und in der anderen hielt er ein Seil, das sich über seine Schulter hinwegspannte. Hinter ihm konnte man die Umrisse des Erzwagens erkennen, den der Chilit das leichte Gefälle hinauf- zog. Er blieb dicht vor uns stehen, band das Seil an ei- nem Stützbalken fest und winkte Charnall aufge- räumt zu. An Kamin gerichtet sagte er: »Hier ist dein Sohn, Rutenherr.« Er hob die Fackel, griff mit der an- deren Hand in den Erzwagen hinein und setzte den mit großer Sorgfalt gefesselten Wimfort, der auf dem Polster eines zerrissenen und zerfaserten Taus hockte, aufrecht, so daß sein Vater ihn sehen konnte. »Vater«, brachte der Junge hervor. Barnar zog sein Schwert. »Und dies hier ist unsere Vorsichtsmaßnahme gegenüber einem möglichen, Verrat, den du vielleicht beabsichtigst. Sieh dir an, wie straff das Seil gespannt ist.« Er berührte es mit der Klinge. »Das Gefälle hier ist nicht sonderlich stark, aber stetig. Es würde nur ein paar Augenblicke dauern, dann hätte er genug Geschwindigkeit ge- wonnen, um bis zum Grund der Unterwelt unter- wegs zu sein. Hinzu kommt, daß es etwas tiefer im Schacht beträchtlich steiler abwärts geht.« »Bevor wir uns mit anderen Dingen beschäftigen ...«, wandte ich mich an Kamin, »... die Lebenshaken. Hier und jetzt.« Der Rutenherr nickte Charnall zu. Der Magier holte ein Pergament unter seiner Tunika hervor. Eine Weile formulierten seine Lippen wortlos mehrere Wörter, dann legte er mir die Hand auf die Brust und sprach die Zauberformel laut aus. Meine Hochachtung ihm gegenüber wurde davon nicht er- schüttert. Im Gegenteil: In Angelegenheiten der Ma- gie hielt ich weitaus mehr von einem Mann, der seine Kunst mit aller Umsicht ausübte, als von jemandem, der überstürzt zu Werke ging. Ich verspürte einen furchtbaren Schmerz, der zunächst den Gedanken in mir nährte, verraten worden zu sein. Doch es war nur der Haken, der sich zögernd aus meinem Herzen lö- ste wie ein im Holz festgerosteter Nagel. Kurz darauf stellte ich fest, daß das, was ich für Pein gehalten hatte, nur eine umfassende Erleichterung war. Als Charnall Barnar den gleichen Dienst erwiesen hatte, nahm mein Gefährte dem Zauberer den Kontrollring ab und steckte ihn ein. Wir kehrten zum Ausgang des Schachtes zurück, und von dort aus zeigte ich Kamin, wohin er die Tiere mit unserem Gold und den Waffen bringen sollte und wie weit sich seine Männer zurückziehen mußten,, bevor wir seinen Sohn losbanden und ihm die Frei- heit gewährten. Zunächst rührte sich der Rutenherr nicht. Dann drehte er sich langsam um und maß mich mit einem Blick, in dem Haß und Verachtung zum Ausdruck kamen. »Wie skrupellos ihr Aasgeier mit dem Leben eines hilflosen Knaben Handel treibt.« Einen Augenblick lang war ich vor Zorn wie ge- lähmt. All das, was ich ihm am liebsten entgegenge- schleudert hätte, sprudelte in mir empor und löste sich auf meiner Zunge wieder auf, als ich einsah, wie nutzlos es gewesen wäre. Schließlich erwiderte ich: »Ich will dir nur eins sagen, o Rutenherr, nicht mehr. Indem du uns den versprochenen Lohn übergibst, sind wir auf schamlose Weise unterbezahlt. Ich will mich nicht beklagen: Wir haben soviel von dir ver- langt, wie wir tragen können, ohne daß unsere Bewe- gungsfreiheit eingeschränkt wird, wenn sich erweisen sollte, daß du dein Wort nicht einhalten willst. Ich rechne nicht damit, dich überzeugen zu können. Ich will dir nur klarmachen, daß Barnar und ich immer der Meinung sein werden, daß ihr tief in unserer Schuld steht. Und nun laß uns endlich miteinander fertig werden, denn um ganz ehrlich zu sein: Ich kann deinen Anblick einfach nicht ertragen.« Mit maskenhaftem Gesicht drehte sich Kamin um, zögerte dann, als sei ihm noch etwas eingefallen, und gab Charnall einen verächtlichen Wink, der den Ma- gier entließ. Charnall sprang hoch, schlug in der Luft die Füße aneinander und verbeugte sich mit ernster und feierlicher Miene vor dem Mann, der bis dahin sein Gebieter gewesen war. Kamin setzte sich in Be- wegung und schritt in das verblassende Licht des en- denden Tages hinaus – der Hügelhang hatte sich in-, zwischen mit einer rotgoldenen Glanzpatina überzo- gen. Barnar, Charnall und ich sahen schweigend zu – ich hatte dabei das Gefühl, als sei ich Teil einer ande- ren Welt –, wie der Rutenherr barsch mit den Armen winkte und den Soldaten befahl, sich zurückzuziehen. Dann richtete Charnall seine Aufmerksamkeit auf uns. »Ich kann es einfach nicht fassen, daß ihr dieses Abenteuer lebend überstanden habt«, sagte er. »Und ich habe nie richtig an den Erfolg dieses Unterneh- mens geglaubt – nur manchmal, in Augenblicken ir- rationaler Aufregung.« »Was irrationale Aufregung angeht, haben wir ge- rade ein Musterbeispiel davon erlebt«, bemerkte Bar- nar und nickte. »Wir erzählen dir auf dem Weg nach Shormuth-Tor von unseren Abenteuern.« Charnall nickte und lächelte. »Shormuth-Tor klingt recht gut.« Er drehte sich um, sah den Jungen an und machte Anstalten, auf ihn zuzugehen. Ich legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter und hielt ihn zu- rück. »Besser nicht, mein Freund. Er steht unter der Wir- kung eines ziemlichen Schocks – wie du dir sicher vorstellen kannst.« Das Gesicht des Magiers verdüsterte sich. Er nickte ernst. »Ich dachte mir so etwas schon, als ich mir vor- stellte, es könne euch tatsächlich gelingen, ihn zu fin- den. Nun ... ich fragte mich, wieviel von ihm – im psy- chischen Sinne – ihr im Falle des Falles zurückbrin- gen könntet, nachdem er eine so schreckliche Gefan- genschaft erlitten hat.« Wir drei beobachteten den Jungen, der im Erzwagen hockte und uns groß an- starrte. Seine Augen waren dunkel, und in seinen Zügen zeigte sich ein Hauch von Furcht., »Wir haben soviel zurückgebracht, wie du hier se- hen kannst«, erwiderte ich rauh. Diese Antwort be- reitete dem Magier Kummer. Es erstaunte mich – ob- gleich ich seine großmütige Güte niemals in Zweifel gezogen hatte – zu sehen, wie sich seine Augen mit Tränen füllten und er fast zu weinen anfing. Er straffte seine Gestalt ein wenig, räusperte sich, seufzte und wischte sich dann mit dem Ärmel über die Au- gen. »Ich erinnere mich daran«, sagte er, »daß ich einmal eine ziemlich klare Vision von der Zukunft des Jungen hatte. Zu jener Zeit übte er sich mit gro- ßem Widerwillen in der hocharchaischen Schrift, in- dem er eine der Formeln, die ich ihm besorgt hatte, abschrieb. Er sagte, wenn er eine Kopie des Zauber- spruches besäße und wüßte, wie man ihn formuliert, hätte er alles, was er brauchte. Er sah nicht die Not- wendigkeit ein, sich mit den Buchstaben auf dem Pergament auseinanderzusetzen. Ich sah ihm zu. Er saß vornübergebeugt und mit hochgezogenen Schultern, und er starrte auf seine Hand, die die von ihm verabscheute Kalligraphie ausführte. Und während ich ihn beobachtete, ent- stand plötzlich ein Bild vor meinem inneren Auge: Ihn zeichnet ein derartig selbstsüchtiger Ehrgeiz aus, daß es beinahe schon wieder an Selbstlosigkeit grenzt. Und nun ist der arme Junge in der Tat selbst- los.« Ich klopfte Charnall auf die Schulter. »Sei nicht so bekümmert. Das Ich des Jungen ist nach wie vor von Bestand und hat keinen Schaden genommen, auch wenn es sich im Augenblick aufgrund der schlimmen Erfahrungen ein wenig von uns zurückgezogen ha- ben mag.«, Inzwischen war die Sonne hinter dem Horizont versunken. Die Bewegungen von Tieren und Solda- ten, die wir draußen und von den Rändern des Schachtausgangs umrahmt sehen konnten – einge- hüllt in einen golddurchwirkten tiefblauen Glanz –, schienen miteinander zu verschwimmen. Es war, als sei der Schachtausgang ein Fenster, durch das man in einen riesenhaften Behälter blicken konnte, der von Meeresleuchten erfüllt war. Das konturlose Schieben und Stoßen ließ schließlich langsam nach: Die beritte- nen Gestalten wichen zurück, und es verblieben eini- ge reiterlose Tragetiere, die man nahe dem Schacht- zugang angepflockt hatte. Drei davon verfügten über Sättel, und an den Hinterpauschen hingen Säcke mit diversen Waffen. Den anderen war deutlich die schwere Last anzusehen, die sie auf dem Rücken tru- gen. Ich nickte Barnar zu. Er hob den Jungen aus dem Wagen, durchtrennte seine Fesseln und schob ihn nach vorn, bis er zwischen uns und der Schwelle von Finsterspalte stand. Kamin kletterte uns bereits ent- gegen. Er hielt sich einige Meter abseits von seinem Sohn und forderte ihn winkend auf, aus dem Schacht hervorzutreten. Wimfort verließ die Finsterspalte mit unsicheren Schritten. Er schien sich vor der Luft draußen zu fürchten, als wimmele es in ihr von Präsenzen, die ihm Schmerz zufügen konnten. »Vater«, wandte er sich an den Mann, der nun auf ihn zulief, um ihn in die Arme zu schließen. Seine Stimme klang dünn und brüchig dabei und zitterte. »Ich war bei der Alse, Vater. Ich war ihr Sklave. Ich atmete Wasser und den schwarzen Rauch, der die Meeresfluten durchzog.«, Kamin erreichte ihn und packte ihn an den Schul- tern. Sonderbarerweise sah ihn der Junge nun gar nicht an. Sein Blick galt dem Vollmond, der jetzt über die Bergkuppen stieg, direkt gegenüber dem noch immer blutroten Horizont, der die Sonne verschluckt hatte. Sein Vater war ganz offensichtlich erschreckt von dem eigenartigen Ausdruck in den Augen seines Sohnes, und er umarmte ihn. Es war eine Umarmung, aus der sich der Rutenherr rasch wieder löste. Arme und Beine des Jungen blie- ben völlig reglos, aber sein Leib wurde von einer jä- hen und heftigen Bewegung erfaßt, einem plötzlichen Anschwellen. Der Torso blähte sich abrupt auf, bis er etwa zweimal so breit war wie zuvor. Seine Größe veränderte sich nicht. Seine Augen verwandelten sich in glänzende Teller, und seine Lippen verschwanden im Dickicht eines bleichen, dornigen Bartes, dessen Haare sich schlangengleich aus der Gesichtshaut her- vorwanden. Kamin schwankte und trat einen unsicheren Schritt zurück. Seine Soldaten unten im Tal griffen nervös nach ihren Schwertern, und sie alle beobachteten Gildmirth, der nun dort einen Dolch hervorzog, wo sich zuvor Wimforts Taille befunden hatte. Damit zerschnitt er das Vorderteil des Harnischs, um frei atmen zu können. Anschließend winkelte er den Arm an und durchtrennte mit zwei weiteren kurzen Schnitten auch den Stoff, der sich über den Schultern spannte. Daraufhin richtete der Freibeuter den Blick seiner pflaumengroßen Augen auf Kamin, lächelte höflich und sagte: »Sorge dich nicht. Es ist nicht mei- ne Absicht, irgend jemandem ein Leid zuzufügen.« Kamin sprang mit einem Satz nach vorn, und auch, seine Soldaten setzten sich in Bewegung. Gildmirth hob die linke Hand, und alle Männer hielten wie er- starrt inne: Die Tiere, auf denen sie ritten, wurden wie Stein. Kamins Schwert, mit dem er zum Schlag ausgeholt hatte, entfiel den gelähmten Fingern. Bar- nar und ich bedeuteten Chamall, uns zu folgen. Wir kletterten hinab zu unseren Packtieren, halfen dem Magier in den Sattel und stiegen dann selbst auf. Gildmirth trat nahe an Kamin heran. Nur die Au- gen des Rutenherrn konnten sich bewegen. Es irr- lichterte in seinen Pupillen – wahre Blitze schossen daraus hervor –, und Kamin starrte in das abscheuli- che Gesicht, das von dem seines Sohnes Besitz ergrif- fen hatte. »Es tut mir aufrichtig leid für dich, Rutenherr.« Die blutroten Schlünde seiner traurigen Augen waren si- cherlich tief genug, um den ganzen Zorn Kamins auf- zunehmen. »Dein Sohn wurde in gutem Glauben ge- rettet, und fast wäre es auch gelungen, ihn bis hierher zurückzubringen. Dann aber kam es zu einem Zwi- schenfall, der ihn in den Besitz einer legendären Es- senz brachte, für die schon viele ihr Leben ließen – das Elixier Sazmazms. Vergiß für eine Weile den gräßlichen Schmerz, den du jetzt empfindest. Bemüh dich um die Objektivität, die nötig ist, um dir folgen- de Frage zu stellen: Würdest du den Städten deines Volkes die Große Plage bescheren? Wärst du fähig, ein solches Unheil anzurichten, auch unter der Vor- aussetzung, daß du dadurch das Leben einer Person retten könntest, die dir sehr nahesteht – deines Soh- nes? Wärst du bereit, eine solche törichte Überein- kunft zu treffen und dir seine Freiheit dadurch zu er- kaufen, indem du die ganze Welt von unbeschreibli-, chem Verderben heimsuchen läßt? Würdest du ihn in eine Welt holen wollen, auf der ein höllisches Inferno herrscht, das nur dadurch entstand, weil dir dein Sohn so sehr am Herzen lag?« Der Blick von Kamins Augen erbebte, und ange- sichts der Worte Gildmirths schienen sich seine Pu- pillen mit einem trüben Glanz von Benommenheit zu überziehen. Kurz darauf glänzten sie wieder so klar und hell wie zuvor. Sie erkundeten die Züge des Freibeuters, und sie brachten dabei zugleich Nach- denklichkeit und Abscheu zum Ausdruck. Ich konnte den Blick des Rutenherrn so leicht deuten, als hätte er laut gesprochen: »Du bist nicht mein Sohn. Du hast ihm die Chance genommen, die Freiheit wiederzuer- langen und sich selbst zu überwinden. Du bist an sei- ner Stelle hier.« Gildmirth seufzte und klopfte dem Rutenherrn auf die Schulter. Er wandte sich ab, und als seine Augen nach so langer Zeit den Mond wiederentdeckten, vergaß er Kamin – gänzlich und sofort. Ich schwang mich auf den Rücken meines Rosses und ritt auf den Rutenherrn zu, um noch einen letz- ten Blick mit ihm zu wechseln. »Es tut mir leid, Ru- tenherr«, sagte ich. »Ich meine es ganz ehrlich. Wir haben ihn für dich aus dem Bann der Alse befreit – und das gelang uns nur mit der Hilfe des Freibeuters, die er uns in seiner Selbstlosigkeit gewährte. Wir ret- teten ihn, und beinahe wäre es uns gelungen, ihn dir zurückzubringen. Dann aber, von einem schreckli- chen Augenblick zum anderen, verwandelte sich dein Sohn in etwas, das ... hör mir zu. Wenn Wimfort nur einfach in dieser Stadt gewohnt hätte, ohne einen der unheilvollen Pläne, mit denen er sich trug, in die Tat, umzusetzen ... wenn er auch nur einen einzigen Tag hier verweilt hätte, im Besitz dessen, was er errang, dann wäre dein hübscher Ort Rindermenge am zweiten Tag seines Hierseins nichts weiter als eine rauchende Ruine gewesen, ein eitriges Todesge- schwür im Angesicht einer völlig leblosen Wüste. Über solche Macht verfügen jene, die die Beute deines Sohnes mit absoluter Gewißheit angezogen hätte. – Und sie hätten ihn und alle, die in seiner Nähe wei- len, in den Untergang gestürzt.« Ich schwankte und versuchte, in den Augen des Rutenherrn irgend etwas zu finden, das mir einen Weg hätte aufzeigen können, an seinem Haß vorbei- zugelangen und seine ruhige Objektivität anzuspre- chen. Barnar gab seinem Pferd die Sporen, ließ es den Hang hinaufklettern und lenkte es dann in die Fin- sterspalte hinein. Kamins Blick folgte ihm, und aus diesem Grund sah auch ich hinauf, ebenso wie alle anderen – ausgenommen Gildmirth. Der Freibeuter schien der einzige zu sein, der nicht von dem Bann befallen war, der sich plötzlich über uns gesenkt hat- te. Ein mahlendes Geräusch wehte aus dem Schacht heraus. Schließlich kam Barnar wieder zum Vor- schein. Er hatte ein straff gespanntes Seil am Sattel seines Pferdes festgebunden, und das Roß hatte of- fensichtlich große Mühe, das zu ziehen, was unseren Blicken noch verborgen war. Er gab dem Tier die Sporen und ließ es den Hang hinuntergaloppieren. In dem Augenblick, als der Wagen, den das Pferd zog, im Schachteingang sichtbar wurde, durchtrennte er das Seil am Sattel und wandte sich rasch nach links, um aus der Fallrichtung des Wagens herauszugelan-, gen. Als der große stählerne Behälter den Hang hin- unterrumpelte, kippte er um. Die Ladung quoll her- vor, und unmittelbar vor uns kam der ganze Haufen zur Ruhe. Der Wagen bildete eine zerbeulte Krone auf dem ausgewürgten Inhalt, den er befördert hatte: ein kleiner Hügel aus funkelnder und barbarischer Pracht – Unterwelt-Artefakte aus geschmiedetem Gold und den gleißenden Klingen von Säbeln und Schwertern, deren Griffe mit Edelsteinen besetzt wa- ren. Es handelte sich um kostbaren Flitter, Beispiele einzigartiger dämonischer Kunstfertigkeit. Ich seufzte und fühlte mich gedemütigt von der Unzulänglichkeit dieser Geste. Gegen meinen Willen sah ich Kamin erneut in die Augen: »Das gehört dir. Dieser Schatz ist zwanzigmal so viel wert wie das, was wir auf den Rücken der Packtiere mit uns neh- men. Dein Gold genügt uns völlig, und die Trans- portfähigkeit unseres Lohns stellt eine Bequemlich- keit dar, für die wir dir danken. Diese Kostbarkeiten können dir zwar deinen Sohn nicht zurückbringen, aber vielleicht wird es dich trösten, wenn ich dir sage, daß er zwar ein Sklave ist, aber keine Qualen leidet. Er liegt wie ... wie eine Weinflasche im Keller eines niederen Dämons, eines eremitenhaften Webers. Sein Hüter wird mit allergrößter Umsicht bestrebt sein, für die Sicherheit und das Wohlergehen des Jungen zu sorgen, da kannst du ganz sicher und beruhigt sein. Als Krug für die bedeutendste Arznei seines Herrn und Meisters muß Wimfort schlimmstenfalls eine endlose Langeweile über sich ergehen lassen. Und das gibt ihm Zeit genug, von einem Jungen, den man nicht in die Welt des Lichts zurückbringen konnte, ohne großes Unheil zu verbreiten, die Möglichkeit, zu, einem Mann mit Verantwortungsbewußtsein und Umsicht heranzuwachsen. Wenn das der Fall ist, dürfte seine Befreiung der Menschheit sicher Gutes bescheren und kein Verderben.« »Eines Tages«, warf der Freibeuter ein, »bringe ich ihn dir zurück, Rutenherr. Nur wann – verzeih mir bitte –, das kann ich dir nicht sagen.« Gildmirth drehte sich bei diesen Worten wieder zu uns um, und er wandte damit den Blick vom Mond ab – zum erstenmal, seit seine Aufmerksamkeit von der bleichen Scheibe gefesselt worden war. Seine Wangen glänzten feucht. In der roten Tönung seiner Augen entdeckte ich zu meiner Überraschung ein starkes, fast blendendes Gleißen, das ich noch nie zu- vor gesehen hatte, und sein Leib schien von einer subtilen und undeutbaren Ruhe erfaßt zu werden. »Meister Charnall«, sagte er und deutete eine Ver- beugung an, »ich habe mich mit deinen Freunden unterhalten. Es gibt da eine gewisse Stellung, für de- ren Besetzung ich über kurz oder lang einen geeig- neten Mann finden muß – einen Schriftgelehrten. Die Position erfordert sowohl ausgezeichnete Kenntnisse in Hoch- und Paläo-Archaik, als auch in den fünf Hauptarten der Runenschrift. Bist du vielleicht ein Mann von verborgenem Ehrgeiz? Die Stellung bringt eine Menge Arbeit mit sich, aber es erfolgt auch eine angemessene Bezahlung in Gold und weitergehenden Kenntnissen der thaumaturgischen Lehre. Bringst du Entschlossenheit und Kraft genug auf, ehrbarer Charnall, um dich mit einer aufreibenden und zer- mürbenden Arbeit zu beschäftigen, wenn sie dich andererseits dazu in die Lage versetzen mag, durch den Himmel zu wandeln und den Meeresboden zu, erkunden – genauso einfach und problemlos, wie du von hier aus jene Hügel dort betrachten kannst?« »Ja, Freibeuter. Und noch einmal: Ja.« »Dann werde ich nach einer Weile nach Shormuth- Tor kommen und dich dort abholen. Das Gold dort dürfte dir ein recht angenehmes Leben ermöglichen, bis ich komme. Und in der Zwischenzeit solltest du viel lesen – alles, was du nur in die Finger bekommen kannst. Behalte dabei aber stets im Gedächtnis, daß weder Neunfinger noch der unsterbliche Pandector es jemals vergaßen, eine gründliche Durchsicht zu ver- gelten.« Im Anschluß an diese Worte wandte sich der Frei- beuter Barnar und mir zu. »Jetzt ist es also an der Zeit, sich Lebwohl zu sagen«, meinte er. Er lächelte uns an und hob dabei die rechte Hand, als wolle er einen Schwur ablegen. »Alle Mächte, die Menschen an ihre Eide binden, sollen Zeuge sein, daß ich Nifft, der auch der ›Dürre‹ genannt wird (und jeder, der selbst gesehen hatte, welch wieselartiges und schmächtiges Erscheinungsbild ihn auszeichnet, wird den Grund dieses Beinamens verstehen), als meinem Erretter danke. Und mit ebensolcher Hingabe danke ich auch dem hünenhaften Chiliten, der Barnar ge- nannt wird und der wirklich groß ist in seiner selbst- losen Hilfsbereitschaft. Er ist ein Faß, ein wahrer Bot- tich für jenes ... Elixier. Und mögen die heiligen Mächte auch Zeuge meines Versprechens sein, daß mir mein Leben nie mehr wert ist als ihr Wohlerge- hen und daß ich ihnen sofort zu Hilfe eilen werde, wenn ihnen irgendeine Gefahr droht.« Daraufhin trat er zur Seite und blieb noch einmal vor Kamin stehen. Aber welche Worte auch immer er, ursprünglich an den Rutenherrn hatte richten wollen – es war deutlich zu sehen, wie sie ihm auf den Lip- pen erstarben. »Leg deinen Kummer ab«, murmelte er. »Du wirst feststellen, da du dich bei Sonnenauf- gang wieder bewegen kannst.« Mit diesen letzten Worten kehrte uns der Freibeu- ter den Rücken und schritt fort, in die offene Ebene hinein. Während er ging, schwoll sein Rücken an, und die Beine wurden dünner und schrumpften un- ter ihm zusammen. Aber er verlor dadurch nicht etwa das Gleichgewicht: Aus den Schlitzen, die er in seinen Harnisch geschnitten hatte, schoben sich zwei große, pechschwarze Flügel heraus. Die Schwingen breiteten sich aus und schlugen einmal kräftig durch die sich rasch abkühlende Nachtluft. Die Beine – jetzt waren es zwei Klauen – preßten sich an die fedrige Brust. Er drehte seinen Adlerkopf halb zur Seite und zischte uns noch einen krächzenden Abschiedsgruß zu. Und dann stieg der Freibeuter auf, segelte auf den Mond zu und verschwand in dieser Richtung – als sei die große und silbrigglänzende Scheibe die Heimat, nach der er sich so lange gesehnt hatte.]
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