Herunterladen: SCIENCE FICTION BESTSELLER Mr. Joenes wundersame Reise Robert Sheckley

SCIENCE FICTION BESTSELLER Mr. Joenes wundersame Reise Robert Sheckley Kennen Sie schon jene Versammlung der schrecklich- sten Hexenmeister die man damals im 20. Jahrhundert den »Senat« nannte? Oder den »Elektrischen Stuhl«, auf dem unsere Ahnen der Gerechtigkeit Opfer dar- brachten? Haben Sie schon den »Atomraketen« in ih- ren Tempeln gehuldigt? Wenn nicht – und wenn Sie mehr über Ihre Herkunft erfahren wollen, dann beglei- ten Sie Joenes auf seiner Reise in die graue Vergan- genheit und durch das geheimnisvolle, verwunschene Land, das einst den Namen »Amerika« trug! Mit diesem satirischen Ka...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

SCIENCE FICTION BESTSELLER

Mr. Joenes wundersame Reise Robert Sheckley, Kennen Sie schon jene Versammlung der schrecklich- sten Hexenmeister die man damals im 20. Jahrhundert den »Senat« nannte? Oder den »Elektrischen Stuhl«, auf dem unsere Ahnen der Gerechtigkeit Opfer dar- brachten? Haben Sie schon den »Atomraketen« in ih- ren Tempeln gehuldigt? Wenn nicht – und wenn Sie mehr über Ihre Herkunft erfahren wollen, dann beglei- ten Sie Joenes auf seiner Reise in die graue Vergan- genheit und durch das geheimnisvolle, verwunschene Land, das einst den Namen »Amerika« trug! Mit diesem satirischen Kabinettstück begründete Robert Sheckley seinen Ruf als scharfsichtiger Beob- achter und Kritiker der Gegenwart., Robert Sheckley

Mr. Joenes

wundersame Reise Science Fiction-Roman

B

,

BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH

Science Fiction-Bestseller Band 22 035 1. Auflage: Juli 1981 2. Auflage: März 1982 © Copyright 1962 by Robert Sheckley All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1981 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach Originaltitel: JOURNEY OF JOENES Ins Deutsche übertragen von Michael Kubiak Titelillustration: Young Artists Umschlaggestaltung: Quadro-Grafik, Bensberg Druck und Verarbeitung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh Printed in Western Germany ISBN 3-404-22035-8,

EINFÜHRUNG

Joenes‘ wundervolle Welt liegt mehr als eintausend Jahre hinter uns in der fernen und grauen Vergan- genheit. Wir wissen, daß Joenes‘ Reise etwa im Jahr 2000 begann und in den Anfangsjahren unseres ei- genen Zeitalters endete. Wir wissen auch, daß die Ära, in der Joenes unterwegs war, ihre Bedeutung aus den für sie typischen industriellen Zivilisatio- nen gewann. Der Drang nach mechanischem Aus- druck, wie man ihn im 21. Jahrhundert antreffen konnte, ließ mancherlei sonderbare Artifakte ent- stehen, von denen sich die Leser der heutigen Zeit überhaupt keine Vorstellung machen können. Allerdings haben die meisten Zeitgenossen ir- gendwann in ihrem bisherigen Leben erfahren dür- fen, was unsere Ahnen unter »Lenkraketen« oder »Atombombe« verstanden. Fragmente von einigen dieser geradezu phantastischen Schöpfungen kann man in vielen Museen bewundern. Weitaus lückenhafter und ungenauer ist unser Wissen von den Gewohnheiten und Institutionen, mit denen die Menschen im 21. Jahrhundert leben mußten. Und um irgend etwas über ihre Religion und ihre ethischen Grundsätze zu erfahren, müs- sen wir Joenes‘ Reise zu Rate ziehen. Zweifellos war Joenes selbst eine wirklich exi- stierende Persönlichkeit; jedoch ist nicht mit Si- cherheit zu belegen, daß jede Geschichte, die man, sich über ihn erzählt, auch authentisch ist. Einige dieser Geschichten scheinen nicht unbedingt Schil- derungen real abgelaufener Ereignisse zu sein, son- dern sind vielmehr als Allegorien anzusehen. Doch sogar jene, welche rein allegorischen Charakter ha- ben, sind auf ihre Weise Zeugnisse der Geisteshal- tungen und Stimmungen jener Zeiten. Daher ist auch unser Buch eine Sammlung von Geschichten über und um den weitgereisten Jo- enes und über sein herrliches und zugleich tragi- sches 21. Jahrhundert. Einige dieser Geschichten wurden schriftlichen Aufzeichnungen entnommen. Die meisten jedoch blieben uns in ihrer mündli- chen Überlieferung erhalten und wurden durch die Geschichtenerzähler von Generation zu Generation weitergegeben. Neben diesem Buch erscheint die einzige Schil- derung der Reise in schriftlicher Form in den erst kürzlich veröffentlichten Fidschianischen Berich- ten, in denen aus naheliegenden Gründen Joenes‘ Rolle neben der seines Freundes Lum als zweitran- gig dargestellt wird. In Anbetracht der Bedeutung und des Charakters der Reise entspricht das nicht der Wahrheit und widerspricht auch dem Inhalt der Geschichten. Deswegen sahen wir in diesem Buch eine dringende Notwendigkeit, um Joenes‘ Ge- schichten wahrheitsgetreu und vor allem in ihrer Gesamtheit für die zukünftigen Generationen nie- derzulegen und auf diese Weise zu konservieren., In diesem Buch sind auch sämtliche schriftli- chen Arbeiten über Joenes enthalten, die während des 21. Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Un- glücklicherweise gibt es nur sehr wenige Berichte dieser Art, die schriftlich fixiert wurden, und die- se sind außerdem eher fragmentarisch. Insgesamt stammen aus diesen Aufzeichnungen nur zwei der vorliegenden Geschichten. Es sind: »Lums Zusam- mentreffen mit Joenes« aus dem Buch von Fidschi, Autorisierte Ausgabe, und »Wie Lum in die Armee eintrat«, ebenfalls aus dem Buch von Fidschi, Auto- risierte Ausgabe. Alle anderen Geschichten stammen aus der Über- lieferung, welche von Joenes und seinen Freun- den gepflegt wurde, und gelangten von Generation zu Generation bis in unsere Zeit. Die vorliegende Sammlung enthält in schriftlicher Form die Worte der berühmtesten Geschichtenerzähler der Gegen- wart, und zwar ohne Änderungen und Verfälschun- gen, soweit es Standpunkte, Meinungen, moralische Urteile, Stil, Kommentare und so weiter betrifft. Wir möchten an dieser Stelle den Geschichtenerzählern dafür danken, daß sie uns großzügig gestatten ha- ben, ihre Worte zu Papier zu bringen. Es sind die Männer: Ma‘aoa von Samoa Maubingi von Tahiti Paaui von Fidschi, Pelui von der Osterinsel Teleu von Huahine Wir haben uns in der Zusammenstellung der Sammlung für jeweils die Geschichten oder Ge- schichtenfolgen entschieden, welchen die Genann- ten ihren Ruhm verdanken. Zu Beginn jeder Ge- schichte werden die Urheber eigens gewürdigt. Und wir können uns nur bei den vielen exzellenten Geschichtenerzählern entschuldigen, die wir nicht in diese Sammlung aufnehmen konnten und de- ren Geschichten sicherlich in einem später noch zu veröffentlichenden Variorum über Joenes erschei- nen werden. Um dem Leser den Zugang zu erleich- tern, wurden die Geschichten geordnet wie aufein- anderfolgende Kapitel einer großen Erzählung mit einem Anfang (eine Art Einleitung), einem Mit- telteil und einem Schluß. Der Leser sei jedoch ge- warnt, nicht eine zusammenhängende und nach rationalen Gesichtspunkten geordnete Geschichte zu erwarten, da einige Teile lang und einige sehr kurz sind, einige sehr kompliziert und einige hin- gegen sehr simpel, je nach der Idiosnykrasie des je- weiligen Erzählers. Der Lektor hätte, natürlich, an einigen Stellen kürzen und an anderen hinzufü- gen und die einzelnen Teile in der Länge einander angleichen und somit dem ganzen Werk sein eige- nes Stilgefühl und seinen Ordnungssinn aufprägen können. Er entschied sich jedoch, die Geschichten, so zu belassen, wie er sie erzählt bekam, um dem Leser einen durch keine Änderung verfälschten Eindruck von Joenes‘ Reise zu geben. Dies war die einzige faire Verfahrensweise gegenüber den Ge- schichtenerzählern und der einzige Weg, über Jo- enes, die Leute, mit denen er zusammentraf, und über die sonderbare Welt, die er bereiste, die ganze nackte Wahrheit zu erzählen. Der Lektor hat ausschließlich den Text der Ge- schichtenerzähler verwendet und buchstabenge- treu niedergelegt sowie die beiden einzigen schrift- lichen Berichte in die Sammlung aufgenommen, selbst jedoch nichts hinzuerfunden und auch den Geschichten keine eigenen Kommentare angefügt. Er kommt lediglich im letzten Kapitel des Buchs zu Worte, wo er von Joenes‘ Ende berichtet. Und nun, lieber Leser, laden wir Sie ein, Joenes kennenzulernen und gemeinsam mit ihm durch die letzten Jahre der alten Welt und durch die er- sten der neuen zu reisen.,

I

JOENES BEGINNT SEINE REISE Erzählt von Maubingi von Tahiti Im fünfundzwanzigsten Jahr seines Lebens fand ein Ereignis statt, welches sich für den Helden dieser Geschichte als überaus bedeutsam erweisen sollte. Um die Bedeutung dieses Ereignisses zu erklären, müssen wir erst einmal unseren Helden genauer vorstellen, und um unseren Helden besser zu be- greifen, muß erst einmal etwas über den Ort be- richtet werden, an dem er lebte, und über die Be- schaffenheit und die Eigenarten dieses Ortes. Also werden wir dort beginnen und dann so schnell und direkt wie möglich zu den wesentlichen Angele- genheiten kommen, die das eigentliche Thema die- ser Geschichte sind. Unser Held, Joenes, lebte auf einer kleinen In- sel im Pazifischen Ozean, einem Atoll, das etwa 200 Meilen östlich von Tahiti liegt. Diese Insel trug den Namen Manituatua, und sie war nicht mehr als zwei Meilen lang und einige hundert Yards breit. Umgeben wurde die Insel von einem Korallenriff, und jenseits des Riffs erstreckten sich die blauen Wasser des Pazifik. Auf diese In- sel waren Joenes‘ Eltern aus Amerika gekommen, um die Anlage zu betreuen, welche den größten Teil Ost-Polynesiens mit elektrischer Energie ver- sorgte., Als Joenes‘ Mutter starb, arbeitete sein Vater al- leine weiter; und als sein Vater starb, wurde Joenes von der Pazific Power Company beauftragt, den Platz seines Vaters einzunehmen. Und genau das tat Joenes. Laut vielfältigen Schilderungen war Joenes ein kräftig und groß gebauter junger Mann mit einem hübschen Gesicht und exzellenten Manieren. Er las mit großer Begeisterung und konnte sich reichlich aus der umfangreichen Bibliothek seines Vaters be- dienen. Da er ein romantisch veranlagter Mensch war, wurde sein sensibler Geist durch die Lektü- re angeregt, über Wahrheit, Treue, Liebe, Pflicht, Schicksal, den Zufall und andere Abstraktionen zu meditieren. Dank seines Temperaments empfand Joenes die menschlichen Tugenden als Grundfor- derungen, und er liebte es, diese als ultimates Ziel des menschlichen Strebens zu deuten. Die Menschen von Manituatua, allesamt Polyne- sier von Tahiti, empfanden es als sehr schwierig, einen solchen Menschen zu verstehen. Bereitwil- lig bestätigten sie, daß Tugendhaftigkeit eine gute Sache sei, jedoch hielt sie dies nicht davon ab, sich des Betrugs oder gewisser Hinterhältigkeiten zu be- dienen, wann immer es sich als zuträglich oder not- wendig erwies. Obwohl Joenes ein solches Verhal- ten nicht gutheißen wollte, konnte er nicht umhin, von der Heiterkeit, Großzügigkeit und Gastlichkeit der Manituatuas beeindruckt zu sein. Wenn sie, auch kaum über Sinn und Zweck der Tugend nach- dachten und diese sogar noch seltener praktizier- ten, gelang es ihnen irgendwie, trotzdem ein ange- nehmes und ausgefülltes Leben zu führen. Dieses Beispiel führte nicht sofort dazu, daß Jo- enes seine Position neu überdachte, dafür war er von einer zu leidenschaftlichen Mentalität, als daß er zur Modifikation seiner Prinzipien fähig gewesen wäre. Allerdings ließ sich eine Wirkung auf seine Auffassungen nicht leugnen, und der Einfluß wur- de im Laufe der Zeit immer stärker. Man sagt sogar, daß Joenes‘ Überleben erst durch das Beispiel der Manituatuas möglich wurde, deren Verhaltenswei- sen Joenes wenigstens teilweise übernahm. Doch über diese Einflüsse kann man nur Mutma- ßungen anstellen, niemals kann man deren Wirken im einzelnen nachweisen oder auch nur begreifen. Deshalb wenden wir uns jetzt dem großen Ereignis zu, das in Joenes‘ fünfundzwanzigstem Lebensjahr stattfand. * Dieses Ereignis begann im Direktionsbüro der Pa- cific Power Company, welche ihre Zentrale in San Franzisco an der Westküste Amerikas hat. Dort hat- ten sich schmerbäuchige Männer in Anzügen, Kra- watten, Hemden und Schuhen um einen kreisrun- den Tisch versammelt. Diese Männer vom Runden Tisch, wie sie genannt wurden, hielten einen gro-, ßen Teil des Schicksals der Menschheit in Händen. Vorsitzender dieser Versammlung war Arthur Pen- dragon, ein Mann, der sich diese Position verdient hatte, der jedoch gezwungen worden war, einen heftigen Grabenkampf auszufechten, ehe er die- sen ihm angemessenen Platz einnehmen konnte. Sobald er auf seinem Posten bestätigt war, schmiß er den alten Aufsichtsrat hinaus und besetzte ihn mit seinen eigenen Männern. Anwesend waren Bill Launcelot, ein Mann von hoher finanzieller Potenz; Richard Galahad, berühmt für seine wohltätigen Aktivitäten; Austin Mordred, der im ganzen Land einige politische Beziehungen unterhielt, und noch eine ganze Reihe anderer Persönlichkeiten. Diese Männer, deren Finanzimperium in letzter Zeit ziemlich hart bedrängt wurde, stimmten für die Konsolidierung ihrer Macht und eine sofortige Veräußerung sämtlicher unprofitabler Zweitunter- nehmen. Diese Entscheidung, so einfach sie zum damaligen Zeitpunkt auch erschien, hatte weitrei- chende Konsequenzen. Im fernen Manituatua erhielt Joenes vom Auf- sichtsrat die Weisung, sofort die Energiestation in Ost-Polynesien zu schließen. So war Joenes seine Stellung los, schlimmer noch, er ging damit seines Lebensstandards verlu- stig. Während der darauffolgenden Woche dachte Jo- enes intensiv über seine Zukunft nach. Seine poly-, nesischen Freunde drängten ihn, bei ihnen auf Ma- nituatua zu bleiben, oder, wenn er es vorzog, auf eine der größeren Inseln wie Huahine, Bora Bora oder Tahiti zu ziehen. Joenes hörte sich die Vorschläge an und zog sich dann an einen abgeschiedenen Ort zurück, um sich das alles durch den Kopf gehen zu lassen. Nach drei Tagen verließ er diesen Ort und verkündete der wartenden Bevölkerung, daß er sich entschlos- sen habe, nach Amerika zu gehen, der Heimat sei- ner Eltern, um dort mit eigenen Augen die zahllo- sen Wunder zu schauen und herauszufinden, ob seine Bestimmung vielleicht dort läge; falls nicht, würde er wieder zu den Menschen von Polynesi- en zurückkehren, diesmal mit offenem Geist und reinem Herzen, und bereit sein, die Aufgaben zu übernehmen, welche man ihm zugedacht hätte. Unter den Leuten herrschte große Verwirrung, als sie dies hörten, denn es hieß, daß das Land Amerika noch viel gefährlicher sei als der unbe- rechenbare Ozean selbst; und daß die Amerikaner erwiesenermaßen Zauberer und Hexer seien, die, dank wirkungsvollster Beschwörungen, das gesam- te Denken eines Menschen ändern könnten. Er er- schien ihnen völlig unvorstellbar, daß ein Mensch Abneigung gegen Korallenstrände, Lagunen, Kokos- palmen, Auslegerboote und andere schöne Dinge entwickeln könnte. Andere Männer von Polynesien waren bereits nach Amerika gefahren, waren dort, ungeschützt den Verzauberungen ausgesetzt und waren nie mehr zurückgekehrt. Einer hatte sogar die legendäre Madison Avenue besucht; doch was er dort fand, blieb im Dunkeln, denn der Mann hat nie wieder geredet. Nichtsdestoweniger war Joenes entschlossen, die Reise anzutreten. Joenes war mit einem manituatuanischen Mäd- chen verbunden. Sie hatte golden schimmernde Haut, Mandelaugen, schwarze Haare, einen Körper von höchster Feinheit und Reiz und einen Geist, der in menschlichen Dingen von großer Weisheit war. Joenes äußerte die Absicht, dieses Mädchen, dessen Name Tondelayo lautete, nachkommen zu lassen, sobald er in Amerika Fuß gefaßt und es sich eingerichtet hätte; oder zu ihr zurückzukeh- ren, falls das Schicksal ihm nicht gnädig gestimmt wäre. Keiner dieser Vorschläge fand Tondelayos Zustimmung, und sie sagte im dort üblichen Dia- lekt zu Joenes die folgenden Worte: »He! Du dummes Kerlidiot willst gehen nach Melica? Für warum, he? Mehr Kokosnuß in Melica vielleicht? Größerer Strand? Besser fischen? Nein! Du denkst vielleicht besser schumbi-schumbi, he? Ich sag dir nein! Viel besser du bleibst mit mir hier, sag ich!« In dieser Art und Weise argumentierte die liebli- che Tondelayo mit Joenes. Doch Joenes erwiderte: »Mein Liebling, glaubst du, es gefällt mir, dich zu verlassen, die Erfüllung all meiner Träume und das, fleischgewordene Ziel all meiner Sehnsucht und Begierde? Nein, meine Geliebte, nein! Diese Tren- nung erfüllt mich mit Angst, denn ich weiß nicht, welches Schicksal mich in der kalten Welt im Osten erwartet. Ich weiß nur, daß ein Mann hinausziehen muß, daß er dem Ruhm und dem Glück nachjagen muß, und wenn es sogar sein muß, auch dem Tod. Denn erst wenn ich die Welt im Osten verstehe, von welcher ich nur aus dem Mund meiner Eltern gehört habe und über die ich in den Büchern las, kann ich jemals wieder zurückkehren und mein Leben hier auf diesen Inseln verbringen.« Die reizende Tondelayo lauschte diesen Worten mit größter Aufmerksamkeit und dachte lange dar- über nach. Und dann sprach das Inselmädchen zu Joenes die Worte der einfachen Philosophie, wel- che schon seit undenklichen Zeiten von Mutter zu Tochter weitergegeben wurden: »Heh, ihr weißen Männerkerle alle gleich, den- ke ich. Ihr die ganze Zeit schumbi-schumbi kleine Braunigirl okay, und dann ihr wollt herumlaufen und suchen schumbi-schumbi mit Weißfrau Ame- rika, glaube ich. Ich sage! Immer Palme wächst, Ko- ralle wird größer, doch der Mensch muß sterben.« Joenes konnte vor der generationenalten Weis- heit des Mädchens nur sein Haupt neigen. Sein Entschluß wurde jedoch nicht erschüttert. Joenes wußte, daß er sich endgültig dafür entschieden hat- te, das Land Amerika zu besuchen, aus dem seine, Eltern stammten; dort jeder Gefahr die Stirn zu bie- ten, die ihm drohte, und sich mit sämtlichen Fü- gungen des unbekannten Schicksals abzufinden, welches auf der Lauer liegt, um uns Menschen zu peinigen. Er küßte Tondelayo, die in Tränen aus- brach, als sie erkennen mußte, daß ihren Worten nicht die Macht innewohnte, den Mann von sei- nem Entschluß abzubringen. Die verschiedenen Häuptlinge der benachbarten Stämme gaben für Joenes zum Abschied ein großes Fest, auf dem die Köstlichkeiten der Inseln gereicht wurden, darunter Fleisch in Dosen und Ananas in Dosen. Als der Handelsschoner vor der Insel vor Anker ging, um die turnusmäßige Rumration zu lö- schen, entboten sie alle ihrem geliebten Joenes ein trauriges Lebewohl. Und so geschah es, daß Joenes, mit den Liedern der Inseln in seinen Ohren, sich auf den Weg mach- te, vorbei an Huahine und Bora Bora, vorbei an Ta- hiti und Hawaii, und schließlich in der Stadt San Francisco anlangte, welche an der westlichen Kü- ste Amerikas gelegen ist.,

II

LUMS ZUSAMMENTREFFEN MIT JOENES In Lums eigenen Worten, wie sie festge- halten sind im Buch von Fidschi, Auto- risierte Ausgabe Schön, will sagen, ihr wißt ja wie es ist. Schon der alte Hemingway hat‘s mal gesagt, der Schnaps ist alle, und die Braut spielt verrückt, und wer küßt mich? Ich hockte also unten an den Docks und wartete auf meine wöchentliche Lieferung Peyote, und ich hing einfach so rum, ließ mich nicht in Panik bringen und fand alles einfach super – die Leute, die Riesenschiffe, Golden Gate und so. Ich hatte gerade ein Sandwich reingeschoben mit ech- ter italienischer Salami auf original schwarzem Pumpernickelbrot, und wenn ich daran dachte, wie die Peyote schon in meine Richtung unterwegs war, fühlte ich mich gar nicht mehr so mies. Klar doch, kommt schon mal vor, daß man ganz gut dabei und so richtig cool ist, selbst wenn die Braut verrückt spielt und einen abschießt. Der Kahn lief ein, kam von wer weiß woher, und dieser Typ ging an Land. Er war groß, ziemlich schlank und echt braun im Gesicht, er hatte Rie- senschultern, und er trug so‘n Hemd aus Leinen und total abgefahr‘ne Hosen und keine Schuhe an den Füßen. Klar doch, daß ich dachte, okay, will sagen, der Knabe sah ganz okay aus. Ich also bin zu, ihm und gefragt, ob das der Kahn sei, in dem das Zeug gebracht würde. Dieser obercoole Typ glotzt mich an und sagt: »Mein Name ist Joenes. Ich bin hier fremd.« Ich blickte natürlich sofort durch, daß der Typ keine Ahnung hatte und nicht dazugehörte, und ich sagte erst mal nix und guckte ihn nur an. Er fragte: »Wissen Sie vielleicht, wo ich einen Job finden kann? Ich bin zum erstenmal in Ameri- ka, noch völlig neu, und ich möchte alles über die- ses Land erfahren, und ich möchte herausfinden, was Amerika mir bieten und was ich Amerika da- für bieten kann.« Ich starrte ihn weiter an, denn ich wußte über- haupt nicht, was war eigentlich; ich meine, sah nicht danach aus, als wüßte er, wo‘s langging, aber nicht jeder ist heute ein Hipster, und manchmal führt einen der direkte Weg, wenn man‘s über- haupt richtig bringt, gleich hinauf in den großen Teeschuppen im Himmel, der vom größten aller Pusher geschmissen wird. Ich meine, vielleicht machte er einen auf Zen und mir schien es nur so, als hätte er keine Ahnung und wollte mich verar- schen. Jesus war zum Beispiel so einer, aber er hat- te den Bogen raus, und wir alle hätten‘s gemein- sam mit ihm gebracht, wenn die Scheißspießer ihn endlich in Ruhe ließen. Ich sagte also zu diesem Jo- enes: »Einen Job willst du? Was kannste denn über- haupt?«, Joenes schaute mich stolz an. »Ich kann einen elektrischen Transformator bedienen?« »Schön für dich«, lobte ich ihn. »Und ich kann Gitarre spielen«, sagte er weiter. »Dufte, Mann«, antwortete ich, »warum haste das nicht gleich gesagt, anstatt so ‘n Scheiß mit dei- nem elektrischen Kram zu bringen? Ich kenne da einen Capuccinopalast, wo du spielen kannst; viel- leicht kriegste sogar von den Säcken da ein Trink- geld. Haste Kohle, Mann?« Dieser Joenes sprach so gut wie kein Englisch, und ich mußte ihm alles auseinanderklamüsern, als würde ich einem ‘ne Gebrauchsanweisung er- klären. Aber der Bursche war auf Draht und wuß- te sofort, was Sache ist mit der Gitarre und den Spießern, und ich bot ihm an, er könne für die er- ste Zeit ja in meiner Bude wohnen und da pennen. Ich meine, wo meine Braut doch sowieso ausgeflo- gen ist, warum nicht? Und dieser Joenes strahlte mich an und sagte, klar doch, er wäre richtig froh. Er fragte mich dann, wie die Lage bei uns ist und was wir überhaupt machten, um unseren Spaß zu haben. Er schien wirklich okay zu sein, für einen Fremden sowieso reichlich ungewöhnlich. Also er- klärte ich ihm, es gäbe immer ein paar Mädels, mit denen man einen draufmachen könnte, und wenn er seinen Spaß haben wolle, da solle er sich nur in meiner Nähe halten und die Augen aufsperren. Ich spendierte ihm dann ein Sandwich aus diesem, echten Roggenbrot mit den Körnern drin und eine Scheibe Schweizer Käse aus der Schweiz und nicht aus Wisconsin. Joenes war derart abgebrannt, daß ich ihm meine Klampfe leihen mußte, da er sei- ne eigene Gitarre auf seiner Insel gelassen hätte, wo immer diese Inseln auch sein mochten. Und an diesem Abend machten wir dann die Runde durch die Cafes. Also, Joenes kam in dieser Nacht richtig groß raus, da er in einer Sprache sang, die niemand ver- stand, was am Ende auch egal war, da die Melodi- en ziemlich schräg klangen. Richtig spießiger Kram war das. Die Touristen waren ganz scharf drauf, als wäre er irgendein berühmter Supermacker, und Joenes sammelte acht Dollar dreißig, genug, um einen satten Kanten russisches Roggenbrot zu besorgen, und jetzt komm mir ja keiner mit irgend- welchem Scheiß von wegen mangelndem Patriotis- mus und so. Und diese kleine Puppe, ‘ne Maus auf Beinen, mehr war sie nicht, wollte es tatsächlich mit ihm bringen, denn Joenes sah ganz danach aus. Ich meine, er war groß, ein Riese, und hatte Schul- tern wie Großvaters alter Karrenochse, und oben drauf ein Haufen gelber Haare, die strahlten wie die Sonne. Typen wie ich haben da ihre Schwie- rigkeiten, denn obwohl ich einen Bart hab, bin ich ziemlich klein und ein bißchen dick, und manch- mal brauch ich schon eine Weile, um zum Schuß zu kommen. Aber Joenes zog sie an wie eine Ma-, gnet. Er machte sogar die Typen mit den Sonnen- brillen scharf, die ihn fragten, ob er schon einen Pillentrip gemacht hätte, aber ich konnte ihn gera- de noch davon abbringen, denn die Peyote war ja gerade erst angekommen, und warum sollte man unbedingt Kopfschmerzen für einen verdorbenen Magen eintauschen? Joenes und diese Puppe also – Deirdre Feinstein hieß die Kleine – und noch eine Braut, die sie für mich besorgt hatte, wir alle zogen also in meine Bude. Ich machte Joenes vor, wie man die Peyote nehmen muß, wie man sie zerkleinert und dann einschmeißt und so weiter, und wir nahmen dann das Zeug, und schon ging die Post ab. Es war wirk- lich eine heiße Sache, doch Joenes fuhr total ab, er stand voll unter Strom, und obwohl ich ihn ge- warnt hatte, daß die Bullen, die dauernd in den Straßen und Hinterhöfen von San Francisco her- umschleichen, nur scharf darauf sind, einen einzu- buchten und in den Genuß dieser wunderschönen nagelneuen kalifornischen Gefängnisse zu bringen, bestand Joenes darauf, auf das Bett zu klettern, sich hinzustellen und eine Rede zu halten. Es war eine richtig hübsche Rede, denn dieser breitschultrige lachende Boy aus den fernen Bergen war zum er- stenmal in seinem Leben richtig angetörnt, und er brachte folgendes zu Gehör: »Meine Freunde, ich bin von weither zu euch gekommen aus einem fernen Land mit Sand und, Palmen und wollte eine Entdeckungsreise unter- nehmen, und ich schätze mich glücklich vor allen anderen Menschen, denn an diesem meinem ersten Abend in eurem Land wurde ich eurem Führer, Kö- nig Peyote, vorgestellt, und ich wurde aufgenom- men, anstatt zurückgewiesen, und man zeigte mir die Wunder der Welt, welche sich im Moment vor meinen Augen rot verfärbt und dahinfließt wie ein Wasserfall. Meinem lieben Kameraden, Lum, kann ich nur danken, daß er mir diese Wunder enthüll- te. Meinem neuen Liebling, der reizenden und lei- denschaftlichen Deirdre, laßt mich sagen, daß ich sehe, wie ein Feuer in mir entfacht wird und ich von einem mächtigen Sturm umweht werde. Zu Lums Mädchen, dessen Name ich unglücklicher- weise nicht verstanden habe, möchte ich sagen, daß ich sie liebe wie ein Bruder, inzestuös und zu- gleich mit einer Unschuld, die aus der Unschuld an sich geboren ist, einer absoluten Unschuld. Und weiterhin ...« Nun, dieser Joenes hatte weiß Gott keine leise Stimme. Tatsächlich klang er wie ein Seelöwe wäh- rend der Brunft, und das ist ein Sound, den nie- mand von euch sich jemals entgehen lassen sollte. Für meine Bude war das zuviel, denn die Nachbarn oben, allesamt stinkige Spießertypen, die jeden Morgen um acht Uhr aufstehen und auf Schicht ge- hen, trampelten auf dem Boden herum und infor- mierten uns, daß diese Party endlich die letzte sei, und daß man die Polizei benachrichtigt hätte, was soviel hieß, als daß die Bullen unterwegs waren. Joenes und sein Mädchen war total weggetre- ten, aber ich rühme mich, stets einen klaren Kopf zu haben, wenn es heiß wird, ganz gleich, was ich mir gerade eingeschossen habe oder was in meiner Lunge kreist. Ich wollte den Rest Peyote durch die Toilette jagen, doch Deirdre, die manchmal so total abfährt, daß einem davon angst und bange werden kann, wollte unbedingt das Zeug in ihren Büsten- halter stopfen, wo es, beteuerte sie, ganz bestimmt bombensicher wäre. Ich schaffte es endlich, unse- re Truppe aus der Wohnung zu bugsieren, Joenes mit meiner Gitarre in seinen braungebrannten Pfo- ten, und wir hätten‘s fast geschafft, denn eben erst war die Ladung Bullen unten angekommen. Ich be- schwor meine Mannschaft, sich ja zusammenzu- reißen und wie kleine Zinnsoldaten an den Blauen vorbeizumarschieren, denn wenn man heiße Ware am Leib hat, dann sollte man keine Sperenzchen machen. Aber ich hatte nicht bedacht, wie high unsere kleine Deirdre wirklich war. Wir marschierten los, und die Bullen kamen vor- bei und schauten uns so komisch an, wie Bullen eben, und wir zogen weiter, und die Blauen fingen an, Bemerkungen über Penner und fehlende Mo- ral und so zu machen. Ich bemühte mich, unse- re Truppe in Gang zu halten, doch Deirdre schien taub zu sein. Sie drehte sich zu den Bullen um und, sagte ihnen, was sie von ihnen hielt, was beson- ders dann unklug ist, wenn man über das Vokabu- lar und die Phantasie Deirdres verfügt. Der Oberbulle, ein Sergeant, machte es kurz: »Okay, Schwester, dann komm mal mit. Du gehst in den Bau, klar?« Und obwohl sie sich wehrte und wie wild um sich trat, schleppten sie Deirdre ins Bullenauto. Ich bekam mit, wie Joenes‘ Gesicht erst einen nach- denklichen Ausdruck annahm und sich dann die ersten Linien Bullenhaß in die braune Haut kerb- ten, und ich hatte eine verrückte Angst, denn ei- nerseits war der Typ bis obenhin voll mit Peyote, und dann liebte er Deirdre und überhaupt jeden außer natürlich die Bullen. Ich raunte ihm zu: »Mann, halt dich zurück, die hauen gleich ab, und wenn Deirdre nicht hö- ren will, dann will sie eben nicht. Die hat sich mit den Bullen angelegt, seit sie aus New York herkam, um Zen zu studieren, und sie wird alle nasenlang eingelocht, und das macht überhaupt nichts, weil ihr Vater Sean Feinstein ist, dem nahezu alles ge- hört, was einem in fünf Sekunden einfallen mag. Die Cops sorgen nur dafür, daß sie wieder nüch- tern wird und lassen sie dann laufen. Also dreh dich nicht um, Freund, halt die Pfoten bei dir, ris- kier noch nicht mal einen Blick, denn dein Vater ist nicht der alte Feinstein oder sonst jemand, von dem ich jemals gehört habe.«, So versuchte ich, den Typen zu beruhigen und auf andere Gedanken zu bringen, doch Joenes blieb stehen, eine heroische Gestalt im Licht der Straßenlaternen, seine Fäuste umklammerten die Gitarre, die Knöchel traten weiß hervor, und in seinen allwissenden und allen-verzeihenden Au- gen spiegelte sich nur ein Wille wider – mit den Bullen abzurechnen. Und er drehte sich tatsäch- lich um! Der erste Cop meinte: »Was willste, Kleiner?« Und Joenes erwiderte: »Lassen Sie sofort die jun- ge Dame los!« Der Bulle schüttelte den Kopf. »Diese Drogen- süchtige, die sie als junge Dame titulieren, verletzt soeben den Paragraphen 431.3 der Stadtverord- nung von San Francisco. Ich rate dir, dich um dei- ne eigenen Angelegenheiten zu kümmern, Freund- chen, und spiel auf der Straße nach zwölf Uhr ja nicht auf deiner Holzkiste.« Ich finde, er war auf seine Art ganz nett. Doch Joenes ließ dann eine Rede vom Stapel, welche einfach makellos schön war, und ich kann mich nicht mehr Wort für Wort daran erinnern, aber die Grundidee war wohl, daß Gesetze von Menschen gemacht werden und daher auch die Handschrift des dem Menschen innewohnenden Bösen tragen und daß die wahre Moral, die wah- re Sittlichkeit erst gefunden wird, wenn man dem Weg folgt, den einem die erleuchtete Seele weist., »Ein Roter, häh?« meinte der Anführerbulle. Und in Nullkommanichts oder sogar noch schnel- ler schleiften sie Joenes ebenfalls in den Bullen- wagen. Nun ja, Deirdre wurde natürlich am nächsten Morgen freigelassen, entweder wegen ihres Vaters oder wegen ihrer ganz besonderen persönlichen Art, für die sie in San Francisco berühmt und be- rüchtigt ist. Doch obwohl wir überall nachschau- ten und sogar bis nach Berkeley rauffuhren, fanden wir von Joenes keine Spur. Keine Spur, sage ich euch! Was war mit diesem blonden Minnesänger mit den sonnengebleichten Haaren und einem Herzen so groß wie die Welt, wenn richtig erleuchtet, geschehen? Wohin war er verschwunden, mit meiner Gitarre (einer ech- ten Tatay) und meinem zweitbesten Paar Sandalen? Ich nehme an, das wissen nur die Bullen, und die sagen keinen Ton. Doch ich werde immer an ihn denken, sehe ihn vor mir, Joenes, den Sänger mit der mächtigen Stimme, der sich am Tor zur Hölle umwandte, um seine Eurydice anzuschauen und schließlich das Schicksal des Orpheus mit der gol- denen Stimme teilte. Ich meine, es war zwar ein bißchen anders, doch es war alles da, und wer weiß schon, in welchem fernen Land Joenes und meine Gitarre im Augenblick unterwegs sind?,

III

DIE KONGRESSKOMMISSION Erzählt von Ma‘aoa von Samoa Joenes konnte nicht wissen, daß eine Kommission des amerikanischen Senats sich gerade in San Fran- cisco aufhielt, um einige Untersuchungen anzustel- len. Doch die Polizei wußte das. Dort erkannte man auf Anhieb, daß Joenes ein willkommenes Objekt für die Untersuchungen war, und man holte ihn aus dem Gefängnis und brachte ihn in den Raum, in dem die Kommission laufend tagte. Der Vorsitzende der Kommission, dessen Name Senator George W. Pelops lautete, fragte Joenes sofort, was er zu seiner Entlastung vorzubringen habe. »Ich habe nichts getan«, entgegnete Joenes. »Aha«, meinte Pelops, »hat irgend jemand Ihnen vorgeworfen, etwas getan zu haben? Habe ich Sie beschuldigt? Oder einer meiner angesehenen Kolle- gen? Wenn ja, dann möchte ich sofort davon Kennt- nis erhalten.« »Nein, Sir«, sagte Joenes, »ich dachte nur ...« »Gedanken haben keine Beweiskraft und sind nicht zugelassen«, unterbrach Pelops ihn. Dann kratzte Pelops sich den kahlen Schädel, rückte seine Brille zurecht und glotzte voll in die Fernsehkamera. Er sagte: »Dieser Mann wurde nach seiner eigenen Aussage wegen keines Vergehens, angeklagt, weder durch ein Geständnis oder durch einen irgendwie geäußerten Verdacht. Wir haben ihn hier nur gebeten, sich zu äußern, wie es unser kongressionales Privileg und unsere Pflicht ist. Ich glaube, wir müssen die ganze Sache noch etwas weiter verfolgen.« Joenes meldete sich zu Wort: »Ich will einen An- walt.« Pelops erwiderte: »Sie brauchen keinen An- walt, denn dies hier ist lediglich eine Untersuchung zur Wahrheitsfindung und keine Gerichtsverhand- lung. Wir werden ihren Wunsch jedoch zur Kennt- nis nehmen. Dürfte ich bei der Gelegenheit erfah- ren, was ein nach eigener Aussage Unschuldiger eigentlich mit einem Anwalt will?« Joenes, der auf Manituatua eine Menge Bücher gelesen hatte, murmelte etwas von Rechten und Gesetz. Pelops informierte ihn, daß der Kongress der Schützer seiner Rechte und der Schöpfer der Gesetze sei. Deshalb habe er wirklich nichts zu be- fürchten, wenn er nur offen und ehrlich antwor- te. Joenes nahm sich das zu Herzen und versprach, daß er ehrlich antworten würde. »Dafür danke ich Ihnen«, sagte Pelops, »obwohl ich normalerweise nicht darum bitte, daß jemand ehrlich antwortet. Trotzdem hat das wahrschein- lich nichts zu bedeuten. Sagen Sie mal, Mr. Joenes, glauben Sie an das, was Sie in Ihrer Rede gestern abend in den Straßen von San Francisco vertreten haben?«, »Ich kann mich an keine Rede erinnern«, antwor- tete Joenes. »Weigern Sie sich, die Frage zu beantworten?« »Ich kann sie gar nicht beantworten. Ich erinnere mich nicht. Ich vermute, ich stand irgendwie unter Drogen, war vergiftet.« »Erinnern Sie sich denn noch daran, mit wem Sie gestern abend zusammen waren?« »Ich glaube, es war ein Mann namens Lum und ein Mädchen namens Deirdre ...« »Die Namen wollen wir gar nicht hören«, unter- brach Pelops hastig. »Wir haben nur wissen wol- len, ob Sie sich noch daran erinnern, in wessen Ge- sellschaft Sie waren, und Sie haben geantwortet, daß Sie sich erinnern. Entscheiden Sie, Mr. Joenes, was von einem Erinnerungsvermögen zu halten ist, daß die eine Sache genau wiedergeben kann, wäh- rend es eine andere Sache angeblich vergißt, ob- wohl beide im gleichen Zeitraum von nur vierund- zwanzig Stunden stattgefunden haben.« »Es waren keine Sachen«, widersprach Joenes, »es waren Leute.« »Die Kommission erwartet nicht von Ihnen, daß Sie Ihre Witzchen machen«, erklärte Pelops streng. »Ich warne Sie hier und jetzt, daß ironische, aus- weichende oder widerspenstige Antworten oder auch überhaupt keine Antworten als Affront ge- gen die Kommission gewertet werden können, wo- mit der Tatbestand eines Vergehens gegen die Re-, gierung gegeben wäre, welches mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft wird.« »Ich wollte überhaupt nichts«, beeilte Joenes sich zu versichern. »Na schön, Mr. Joenes, dann fahren wir fort. Leugnen Sie, gestern abend eine Rede gehalten zu haben?« »Nein, Sir, das leugne ich nicht.« »Und wollen Sie abstreiten, daß der Inhalt Ihrer Rede das sogenannte Recht jedes Menschen betraf, das legal konstituierte Recht dieses unseres Landes außer Kraft zu setzen? Oder, um es anders auszu- drücken, leugnen Sie, daß Sie zur Rebellion dieje- nigen aufriefen, welche sich Ihrer völlig fremdarti- gen Auffassung anschließen könnten? Oder, noch prägnanter ausgedrückt, daß Sie zum gewaltmäßi- gen Sturz dieser Regierung aufriefen, welche sich auf die Gesetze eben dieser Regierung stützt? Strei- ten Sie etwa ab, daß Inhalt und Resümee Ihrer Rede eine Verletzung jener Freiheiten darstellten, welche uns von unseren Gründern und Vorfahren gegeben wurden und welche Leuten wie Ihnen gestatten, überhaupt die Stimme zu erheben, was man Ih- nen zum Beispiel in Sowjetrußland nicht gestatten würde? Wollen sie dabei bleiben, daß diese Rede, gehalten unter dem Aspekt harmloser Schwarmgei- sterei, nicht Teil eines Plans war zur Stiftung inne- rer Unruhe und um den Weg für Aggressionen von außen zu ebnen, und daß in diesem Bemühen Sie, die stillschweigende Duldung wenn nicht sogar di- rekte Unterstützung gewisser Kreise in unserer ei- genen Regierung auf Ihrer Seite wußten? Und daß schließlich diese Rede, welche sie als Folge eines Rauschzustands darstellen und welche Sie unter dem angenommenen Recht, sich subversiv betäti- gen zu dürfen in einer Demokratie, wo die Macht der Vergeltung, so dachten Sie zumindest, von ei- ner Verfassung und einer Bill of Rights gelähmt wird, welche jedoch nicht, wie Sie vielleicht an- nehmen, geschaffen wurde, um den Gesetzlosen zu unterstützen, sondern die Freiheiten der Men- schen gegen gottlose Unruhestifter wie Sie zu ver- teidigen, nicht auf den Umsturz abzielte? Bleiben sie dabei, Mr. Joenes? Ich erwarte als Antwort nur ein einfaches ja oder nein.« »Nun«, sagte Joenes, »ich möchte gerne klarstel- len ...« »Die Frage, Mr. Joenes«, unterbrach Pelops ihn mit eisiger Stimme. »Beantworten Sie die Frage nur mit einem ja oder nein.« Joenes zermartete sich sein Hirn und ließ sich die gesamte amerikanische Geschichte durch den Kopf gehen, welche er auf seiner Insel gelesen hatte. Dann meinte er: »Diese Behauptung ist unerhört!« »Beantworten Sie die Frage, Mr. Joenes!« beharr- te Pelops. Joenes gab sich einen Ruck. »Ich berufe mich auf mein verfassungsmäßiges Recht, festgelegt vor al-, lem im Ersten und Fünften Artikel, und verweige- re mit allem Respekt eine Antwort.« Pelops lächelte freudlos. »Das dürfen sie nicht, Mr. Joenes, da die Verfassung, auf die Sie sich aus- gerechnet jetzt so vehement berufen, neu gedeutet oder, besser ausgedrückt, auf den neuesten Stand gebracht wurde und zwar von jenen, welche sie mit ihrer ganzen Kraft davor bewahren wollen, ge- ändert oder verwässert zu werden. Die Artikel, die Sie hier erwähnen, Mr. Joenes – oder sollte ich lie- ber sagen, Genosse Joenes – gestatten Ihnen nicht zu schweigen, und das aus Gründen, welche Ihnen jeder Richter des Obersten Gerichtshofs gerne er- läutert hätte – hätten Sie ihn nur danach gefragt!« Auf diese vernichtende Erwiderung erfolgte keine Antwort. Selbst die Reporter im Raum, abgebrüh- te Beobachter der politischen Szene, waren zutiefst bewegt. Joenes wurde erst puterrot, dann kalkweiß. Ohne eine weitere Möglichkeit, der Entscheidung auszuweichen, öffnete Joenes den Mund zu einer Antwort, die ihm jedoch vorerst erspart blieb, weil eines der Mitglieder der Kommission, Senator Trel- lid, sich seinerseits anschickte, das Wort zu ergrei- fen. »Gestatten Sie, Sir«, sagte er zu Pelops, »und ver- zeihen Sie alle, die Sie hier auf eine Antwort dieses Mannes warten, meine Einmischung. Ich möchte etwas erklären, und ich möchte, daß meine Wor- te festgehalten werden, denn manchmal ist es not-, wendig, daß ein Mann die Stimme erheben mußt, ganz gleich, ob es ihm in der Seele wehtut oder ob es ihm seiner politischen Karriere schadet. Und es ist auf jeden Fall die Pflicht eines Mannes wie mir, sich zu Wort zu melden, wenn er den inneren Drang dazu verspürt, und zu reden, ohne die Kon- sequenzen zu bedenken, und das, was er sagt, mit vollem Bewußtsein und voller Verantwortlichkeit zu formulieren, selbst wenn seine Meinung der öf- fentlichen Meinung widerspricht. Deshalb möchte ich folgendes verkünden: Ich bin ein alter Mann, und ich habe in meinem Leben sehr viel gesehen und bin Zeuge gewesen bei noch mehr Dingen. Vielleicht zeugt es nicht gerade von Weisheit, daß ich das sage, aber ich muß Ihnen mitteilen, daß ich leidenschaftlich gegen das Unrecht kämpfe. Im Ge- gensatz zu vielen Zeitgenossen kann ich der Ermor- dung der Ungarn, der ungesetzlichen Unterwerfung Chinas und auch der kommunistischen Unterwan- derung Kubas nicht gleichzeitig zusehen. Ich bin alt, man hat mich oft einen Konservativen genannt, aber ich kann diese Dinge nicht gutheißen. Und ganz gleich, wie man mich jetzt nennt, ich hoffe inständig, daß ich niemals den Tag erlebe, an dem eine russische Armee in Washington D.C. einmar- schiert. Daher erhebe ich die Stimme gegen diesen Mann, diesen Genossen Jonski, nicht als Senator, sondern als jemand, der einst als Kind im Bergland südlich der Sour Mountains aufwuchs, der in den, Wäldern angelte und jagte, der allmählich ein Be- wußtsein entwickelte, was Amerika ihm bedeute- te, dessen Nachbarn ihn in den Kongreß schick- ten, damit er sie und ihre Lieben vertrete und der sich jetzt dazu aufgerufen fühlt, dieses Glaubens- bekenntnis abzugeben. Aus diesem Grund, und es gibt für mich nur diesen einen Grund, sage ich euch: ›Das Böse ist schlecht!‹ Einige von den Ge- bildeten unter uns mögen darüber lachen, aber so heißt es, und ich glaube daran.« Die Kommission brach in spontane Begeisterung über diese Rede des alten Senators aus. Obwohl sie sie schon oft gehört hatten, verfehlten die Wor- te nicht ihre Wirkung auf sie und weckten in ihnen zum x-ten Male die tiefsten Empfindungen. Nun, mit fahlen Lippen, wandte der Vorsitzende Pelops sich erneut an Joenes. »Genosse«, fragte er mit kaum verhohlener Ironie in der Stimme, »sind Sie zum gegenwärtigen Zeit- punkt eingeschriebenes Mitglied der Kommunisti- schen Partei?« »Das bin ich nicht!« schrie Joenes. Pelops nickte. »In diesem Fall die nächste Frage: Wer waren Ihre Gefährten in der Zeit, als Sie ein- geschriebenes Mitglied waren?« »Ich hatte keine Gefährten. Ich meine ...« »Wir verstehen sehr wohl, was Sie meinen«, sag- te Pelops. »Da Sie nicht gewillt sind, Ihre Mitver- schwörer zu verraten – könnten Sie uns dann we-, nigstens sagen, wo Ihre Zelle aktiv ist? Nein? Sagen Sie mir, Genosse Jonski, kennen Sie den Namen Ronald Black? Oder um es Ihnen einfacher zu ma- chen – wann haben Sie Ronald Black zum letzten Mal gesehen?« »Ich kenne ihn gar nicht«, antwortete Joenes. »Sie haben ihn nie gesehen? Das ist eine sehr ge- wichtige Behauptung, Mr. Joenes. Wollen Sie mir etwa weismachen, daß Sie Ronald Black niemals hätten treffen können? Daß Sie diesem Mann nie- mals in einer anonymen Menschenmenge oder in einem Kino hätten begegnen können – und zwar völlig ahnungslos und unschuldig? Ich bezweif- le, daß überhaupt irgendwer in Amerika so einfach behaupten kann, Ronald Black nie getroffen zu ha- ben. Wollen Sie, daß diese Behauptung schriftlich festgehalten wird?« »Nun, ich meine, wäre schon möglich, daß ich in einer Menschenmenge mit ihm zusammen war, ich meine, daß ich in einer Menge war, in der auch er sich befand, aber ich weiß doch nicht mit Sicher- heit ...« »Aber Sie geben diese Möglichkeit immerhin zu?« »Ich glaube schon.« »Hervorragend«, zeigte Pelops sich zufrieden. »Endlich kommen wir weiter. Jetzt frage ich Sie, in welcher Menge trafen Sie mit Black zusammen, und was sagte er zu Ihnen und was Sie zu ihm,, und welche Schriftstücke tauschten Sie aus, und wem übergaben Sie diese Papiere dann ...« »Ich habe Arnold Black niemals nicht getroffen!« schrie Joenes verzweifelt. »Wir kannten ihn bisher immer nur als Ronald Black«, sagte Pelops. »Aber wir sind froh, daß wir auch seine Decknamen einmal kennenlernen. Be- denken Sie bitte, daß Sie selbst immerhin die Möglichkeit eingeräumt haben, ihn in einer Men- schenmenge getroffen zu haben, und daß diese Möglichkeit im Hinblick auf Ihre zugegebenen Ak- tivitäten innerhalb der Partei schon als Faktum be- trachtet werden muß. Außerdem nannten Sie selbst uns den Namen, unter dem Ronald Black in der Partei bekannt war, einen Namen, der sich bisher unserer Kenntnis entzog. Und das, so denke ich, reicht doch.« »Hören Sie doch«, flehte Joenes, »ich kenne die- sen Black nicht, noch weiß ich, was er tat.« Mit ruhiger Stimme stellte Pelops sachlich fest: »Ronald Black wurde überführt, die Pläne für den neuen Studebaker Roadclinger Super V-12 Luxu- ry Compact Convertible gestohlen und an einen Agenten der Sowjetunion verkauft zu haben. Nach einer fairen Gerichtsverhandlung wurde Black, wie im Gesetz gefordert, hingerichtet. Später wur- den einunddreißig seiner Komplizen aufgespürt, verurteilt und ebenfalls hingerichtet. Sie, Genos- se Jonski, sind Komplize Nr. 32 in diesem umfang-, reichsten Spionagering, denn wir je auffliegen lie- ßen.« Joenes wollte etwas sagen, brachte jedoch keinen Ton hervor, so sehr hatte die Angst ihn gepackt. »Dieser Kommission«, fuhr Pelops fort, »sind ge- wisse eingeschränkte Rechte zugestanden wor- den, da es sich nur um einen Untersuchungsaus- schuß und nicht um eine Strafkommission handelt. Das ist vielleicht eine Schande, aber den Buchsta- ben des Gesetzes muß Genüge getan werden. Da- her übergeben wir den Geheimagenten Jonski in die Obhut des Generalstaatsanwalts, wo er gemäß dem Gesetz eine faire Verhandlung bekommen und der Strafe zugeführt wird, welche die Regierung für geständige Verräter vorsieht, die eigentlich nur den Tod verdienen. Die Versammlung wird hiermit ver- tagt.« Und so kam es, daß Joenes schnellstens der Ge- richtsbarkeit der Regierung überantwortet und in den Dienstbereich des Generalstaatsanwalts über- stellt wurde.,

IV

WIE JOENES GERECHTIGKEIT ZUTEIL WURDE Erzählt von Pelui von der Osterinsel Der Generalstaatsanwalt, dem Joenes überstellt wurde, war ein großer Mann, der Ähnlichkeit mit einem Habicht hatte. Seine Augen waren schmal, die Lippen blutlos, und sein Gesicht sah so aus, als wäre es aus einem Block Gußeisen herausgehauen worden. Sich gebückt haltend und von stummer Verachtung erfüllt, beängstigend in seiner düste- ren Robe und dem gestärkten Kragen, erschien der Generalstaatsanwalt als das lebende Symbol seines schrecklichen Gewerbes. Da er der strafvollziehen- den Abteilung der Regierung diente, war es seine Pflicht, jegliche Gnade oder Begünstigung abzuleh- nen und all jene mit seinem Bannstrahl zu treffen, die in seine Hände fielen. Dieses Amt versah er mit Hingabe und unter Aufbietung aller Energien, zu denen er fähig war. Die Residenz des Generalstaatsanwalts lag in Washington. Er selbst hingegen war ein Bürger von Athen, New York und hatte in seiner Jugend Aristoteles und Alkibiades gekannt, deren Schriften die Quint- essenz des amerikanischen Genius darstellten. Athen war eine der Städte des antiken Hellas, aus denen die amerikanische Zivilisation hervor-, ging. In der Nähe von Athen lag Sparta, eine militä- rische Macht, welche die Führerschaft über die la- kedonischen Städte des Staates New York für sich beanspruchte. Das ionische Athen und das dori- sche Sparta hatten einen vernichtenden Krieg aus- gefochten und ihre Unabhängigkeit nach ameri- kanischen Regeln verloren. Doch sie übten immer noch einen gewissen Einfluß auf die Politik Ameri- kas aus, insbesondere seitdem Washington der Sitz der hellenischen Macht war. Anfangs schien Joenes‘ Fall eine einfache An- gelegenheit zu sein. Joenes hatte keine wichti- gen Freunde oder politischen Gönner, und es sah wirklich danach aus, als könnte man an ihm unge- hindert seine gesamte Wut über die verräterische Verschwörung auslassen. Dementsprechend sorg- te der Generalstaatsanwalt dafür, daß Joenes jegli- cher Rechtsbeistand zuteil wurde und er schließ- lich in der berühmten Stern-Kammer vor eine Jury, bestehend aus seinen Gesinnungsfreunden, gestellt wurde. Auf diese Weise würde den Buchstaben des Gesetzes voll Genüge getan, jedoch mit der beruhi- genden Gewißheit darüber, welches Urteil die Jury am Ende fällen würde. Denn die in der Wahrneh- mung ihrer Aufgaben überaus genauen Richter der Stern-Kammer hatten in ihrem nimmermüden Be- streben, das Böse in jeglicher Form auszumerzen, bisher niemals ein anderes Urteil als »Schuldig« gefällt., Nach Verkündung des Urteils wollte der Gene- ralstaatsanwalt Joenes auf dem Elektrischen Stuhl in Delphi opfern und sich so der Gunst der Götter und Menschen versichern. Dies war sein Plan. Doch weitere Untersuchun- gen ergaben, daß Joenes‘ Vater ein Dorer aus Mecha- nicsville, New York, gewesen und als Magistrat der Gemeinde in Erscheinung getreten war. Und Joenes‘ Mutter war eine Ionierin aus Miami, einer atheni- schen Kolonie tief im Barbarenland. Aus diesem Grund und um der hellenischen Einigkeit willen, welche die Kraft war, die die Politik Amerikas be- seelte, baten einige einflußreiche Hellenen um Gna- de für den fehlgeleiteten Sohn angesehener Eltern. Der Generalstaatsanwalt, selbst ein Athener, hielt es für das beste, dieser Bitte nachzukommen. Daher löste er die Stern-Kammer auf und schick- te Joenes zum großen Orakel von Sperry. Dieses wurde allgemein begrüßt, denn das Sperry Ora- kel, ebenso wie die Orakel von Genmotor und Ge- nelectric, war dafür bekannt, daß es in der Beur- teilung der Menschen und ihrer Aktivitäten völlig emotionslos und unbestechlich war. Tatsächlich fällten diese Orakel derart gute Urteile, daß sie schon eine ganze Reihe von Gerichten im ganzen Land ersetzten. Joenes wurde also nach Sperry gebracht und auf- gefordert, sich vor dem Orakel aufzubauen. Das tat er auch, wenn seine Knie dabei auch nicht uner-, heblich bebten. Das Orakel war eine riesige Re- chenmaschine überaus komplexer Bauart und Tech- nik mit einem Schaltpult oder Altar, der von vielen Priestern genutzt wurde. Diese Priester waren ka- striert worden, damit sie nichts anderes dachten als die Maschine. Und der Hohepriester war dar- überhinaus auch noch geblendet worden, damit er Bittsteller einzig und allein durch die Augen des Orakels betrachten konnte. Als der Hohepriester eintrat, warf Joenes sich vor ihm nieder. Doch der Priester bedeutete ihm, aufzustehen, und sagte: »Mein Sohn, fürchte dich nicht. Der Tod ist das Schicksal aller Menschen, und in ewiger Mühsal und Not fristen sie ihr Da- sein, so lange ihre Sinne funktionieren und sie mit flüchtigen Eindrücken versorgen. Sage mir, hast du Geld bei dir?« Joenes antwortete wahrheitsgemäß. »Ich habe acht Dollar und dreißig Cents. Warum fragt ihr, Va- ter?« »Weil«, erklärte der Priester, »es allgemein Sit- te ist, daß die Ratsuchenden dem Orakel ein frei- williges Opfer bringen. Doch wenn du kein Geld haben solltest, dann kannst du nicht minder ak- zeptable Gaben darbringen als da sind jedwede bewegliche Wertgegenstände. Obligationen, Ak- tien, Schenkungsurkunden oder jedwedes ande- res Schriftstück, welches für den Menschen einen Wert darstellt.«, »Ich habe nichts von alledem«, gestand Joenes traurig. »Besitzt du denn kein Land in Polynesien?« woll- te der Priester wissen. »Ich nicht«, gestand Joenes. »Meine Eltern be- kamen von der Regierung Land zur Verfügung ge- stellt, welches aber zurückgegeben werden muß. Auch habe ich keinerlei Vermögen, weil so etwas in Polynesien als wertlos angesehen wird.« »Dann besitzt du gar nichts?« fragte der Priester. Er schien leicht unwirsch zu werden. »Nichts außer diesen acht Dollar und dreißig Cents«, sagte Joenes, »und eine Gitarre, die aber nicht mir, sondern einem Freund namens Lum im fernen Kalifornien gehört. Aber Vater, sind diese Dinge wirklich so notwendig?« »Natürlich nicht«, entgegnete der Priester. »Aber selbst Kybernetiker müssen von irgend etwas le- ben, und ein Akt der Freigiebigkeit von Seiten ei- nes Fremden wird überaus wohlwollend aufgenom- men und im Gedächtnis behalten, vor allem dann, wenn es darum geht, das Orakel zu erklären. Au- ßerdem glauben einige, daß ein mittelloser Mensch jemand ist, der nicht genug gearbeitet hat, um Geld für das Orakel anzuhäufen für den Fall, daß der Tag des Ewigen Gerichts für ihn anbricht, und er es deshalb auch an entsprechender Frömmigkeit feh- len läßt. Dies soll uns jedoch nicht bekümmern. Wir werden jetzt deinen Fall vortragen und um ein, Urteil bitten.« Der Priester nahm also die Erklä- rung des Generalstaatsanwalts und Joenes‘ Vertei- digungsschrift und übersetzte beides in die gehei- me Sprache, welche nur das Orakel verstand und in welcher es sich den Menschen mitteilte. Schon bald erfolgte eine Antwort. Das Urteil des Orakels lautete: QUADRIERE ZUR ZEHNTEN POTENZ MINUS QUADRATWURZEL VON MI- NUS EINS NIMM AUCH DEN KOSINUS, DENN OHNE IHN DES MENSCHEN VER- GNÜGEN IST SCHEIN FUGE X HINZU, SO VARIABEL, FREISCHWEBEND UND LICHT DANN ERHÄLTST DU AM ENDE DIE NULL UND MEHR BRAUCHST DU NICHT. Als diese Entscheidung kundgetan war, kamen die Priester zusammen, um die Worte des Orakels zu interpretieren. Und dies geschah in folgender Weise: QUADRIERE heißt, mache den Fehler gut. ZUR ZEHNTEN POTENZ ist der Grad und das Maß, nach welchem der Delinquent arbeiten muß, um seinen Fehler zu korrigieren; nämlich zehn Jah- re. DIE QUADRATWURZEL VON MINUS EINS, was eine imaginäre Zahl ist, symbolisiert ein flüchtiges, Stadium der Gnade, doch da es doppeldeutig ist und als Faktor steht, kann diese Formulierung zu- gleich auch Macht und Ruhm für den Ratsuchen- den prophezeien. Deshalb wird die soeben auf zehn Jahre festgesetzte Strafe ausgesetzt. X ALS VARIABLE symbolisiert die Gefahren der Welt, in deren Mitte der Ratsuchende leben soll und welche ihm alle möglichen Schrecken vor Au- gen führen sollen. DER KOSINUS ist das Zeichen der Gottheit selbst, welches den Ratsuchenden vor der Bedro- hung der Bestien bewahrt und welches ihm siche- re fleischliche Vergnügungen verheißt. AM ENDE DIE NULL bedeutet, daß göttliche Ge- rechtigkeit und menschliche Schuld sich am Ende ausgleichen. MEHR BRAUCHST DU NICHT soll heißen, daß der Ratsuchende angehalten wird, weder dieses noch irgendein anderes Orakel jemals wieder auf- zusuchen, da diese Deutung vollständig und end- gültig ist. So kam es dann, daß Joenes zu zehn Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Und der General- staatsanwalt mußte sich der Entscheidung des Ora- kels beugen und entließ Joenes aus seinem Macht- bereich. Endlich wieder in Freiheit, setzte Joenes sei- ne Reise durch Amerika fort und trug auf seinen Schultern einen Fluch und eine Verheißung sowie, ein Urteil von zehn Jahren Gefängnis mit Bewäh- rung. Schnell verließ er Sperry und fuhr mit einem Zug nach New York. Was dort geschah und was ihm dort zustieß, ist eine andere Geschichte, wel- che jetzt erzählt werden soll.

V

DIE GESCHICHTE VON JOENES, WATTS UND DEM POLIZISTEN Erzählt von Ma‘aoa von Samoa Noch nie zuvor hatte Joenes etwas ähnliches gese- hen wie die Riesenstadt New York. Das nimmer- müde Eilen und Hasten so vieler Menschen war ihm völlig fremd, jedoch fand er das nicht ohne einen gewissen Reiz. Als die Nacht hereinbrach, dauerte das hektische Leben der Stadt an, und Jo- enes beobachtete New Yorker, welche in Nacht- clubs und Tanzhallen ein und aus rannten in ih- rer gierigen Suche nach Zerstreuung. Auch gab es in der Stadt keinen Mangel an Kultur, denn eine Vielzahl von Leuten frönte der längst vergessenen Kunst des Films. In den frühen Morgenstunden verlangsamte sich das Tempo der Stadt ein wenig. Dann traf Joenes auf viele alte Männer, und auch einige junge wa- ren darunter, die auf Bänken herumsaßen oder sich in der Nähe der U-Bahn-Ausgänge herumdrückten., Immer wenn Joenes in ihre Gesichter schaute, sah er ein schreckliches Nichts, und wenn er mit ihnen reden wollte, verstand er ihre gemurmelten Entgeg- nungen nicht. Diese völlig atypischen New Yorker beunruhigten Joenes über die Maßen, und er war froh, als endlich wieder der Tag anbrach. Beim ersten Tagesschimmer setzten die hastigen Aktivitäten der Massen wieder ein, und die Leute schoben und drängten sich in ihrer Eile, irgendwo- hin zu laufen oder irgendwoher zu kommen oder irgend etwas überaus Wichtiges zu tun. Joenes wollte endlich wissen, was es mit dieser Eile auf sich hatte, daher suchte er sich einen Mann aus der Menge aus und hielt ihn an. »Sir«, begann Joenes, »wären Sie vielleicht so freundlich und opferten einen winzigen Augen- blick Ihrer so wertvollen Zeit und erklärten ei- nem Fremden diese allumfassende und aktive Vi- talität, welche ich um mich herum überall sehen kann?« Der Mann starrte Joenes an. »Was ist los, haben Sie vielleicht ‘nen Knall?« Und er rannte weiter. Der nächste Mann hingegen, den Joenes anhielt, ließ sich die Frage durch den Kopf gehen und mein- te dann: »Sie nennen das also Vitalität, heh?« »So kommt es mir vor«, erwiderte Joenes und be- trachtete wieder die rastlosen Menschenmassen, die um ihn und seinen Gesprächspartner herum- wogten. »Übrigens ist mein Namen Joenes.«, »Ich heiße Watts«, sagte der Mann, »wie in Watts the matter. Um Ihre Frage zu beantworten – was Sie da sehen, ist keine Vitalität, sondern reine Panik.« »Aber warum sind denn die Menschen in Panik?« fragte Joenes. »Um es ganz einfach und kurz zu machen«, er- klärte Watts, »die haben Angst, mit der Hetze auf- zuhören, sich nicht mehr hin und her zu schub- sen. Denn wenn sie damit aufhören, dann könnte jemand herausfinden, daß sie in Wirklichkeit alle tot sind. Es ist eine ernste Sache, wenn man als Toter entlarvt wird, denn dann kann man aus sei- nem Job rausfliegen, man kann sämtliche Rechun- gen stornieren, die Miete kann erhöht werden und man wird schließlich trotz aller Gegenwehr ins Grab geworfen.« Joenes fand, daß diese Antwort kaum den Tatsa- chen entsprechen konnte. Ihm erschien sie gerade- zu unglaublich. Er wandte ein: »Mr. Watts, diese Leute sehen doch nicht tot aus. Und nun mal Spaß und jegliche Übertreibung beiseite – die sind doch nicht tot, oder?« »Ich habe nicht übertrieben«, erwiderte Watts. »Aber da Sie hier fremd sind, will ich versuchen, Ihnen das alles noch etwas genauer zu erklären. Fangen wir damit an, daß der Tod nur eine Frage der Definition ist. Früher einmal war diese Defi- nition sehr einfach: man war tot, wenn man sich sehr lange Zeit nicht mehr rührte. Doch mittlerwei-, le haben die Wissenschaftler diese reichlich anti- quierte Auffassung neu überdacht und haben die- sem Gebiet sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet und ernsthafte Forschungen betrieben. Sie haben dabei herausgefunden, daß man durchaus in allen wesentlichen Dingen bereits lange tot sein kann, je- doch immer noch redet und herumläuft.« »Und was sind diese wesentlichen Dinge?« woll- te Joenes wissen. »Zuerst einmal«, verriet Watts ihm, »zeichnen sich die herumgehenden Toten durch einen fast vollständigen Mangel an Gefühlsäußerung aus. Sie können nur Wut und Angst empfinden, auch wenn sie manchmal andere Emotionen simulieren, das allerdings in einer Weise wie vielleicht ein Schim- panse, der vorgibt, in einem Buch zu lesen. Dann sind ihre Aktionen von roboterhafter Natur, wo- mit gleichzeitig jeglicher höhere Denkprozeß aus- geschaltet wird. Häufig findet ein Reflex statt, der auf erhöhte Frömmigkeit schließen lassen könnte, jedoch sind das Aktionen vergleichbar mit denen eines Huhns, dem der Kopf abgeschlagen wurde und das noch im Tode letzte Zuckungen zustande bringt. Einhergehend mit diesem Reflex kann man die wandelnden Toten in erhöhter Anzahl in der Nähe von Kirchen beobachten, wo viele von ihnen sogar zu beten versuchen. Andere findet man nicht selten auch auf Parkbänken oder in der Nähe von U-Bahn-Ausgängen ...«, »Ach so«, sagte Joenes. »Als ich gestern nacht durch die Stadt lief, sah ich ein paar von diesen Leuten auch an eben erwähnten Orten ...« »Genau«, sagte Watts. »Das sind die, die nicht länger vorgeben, nicht tot zu sein. Doch andere be- mühen sich immer wieder aufs Neue, die Leben- den auf‘s genaueste zu kopieren in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Sie fallen einem norma- lerweise aber sofort auf, denn üblicherweise über- treiben sie maßlos, indem sie entweder zuviel re- den oder wie wahnsinnig lachen.« »So habe ich mir das nicht vorgestellt«, sagte Jo- enes. »Es ist ein tragisches Problem«, sagte Watts. »Die Behörden bemühen sich, mit dieser Sache irgend- wie fertig zu werden, doch mittlerweile hat die An- gelegenheit ungeahnte Ausmaße angenommen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen noch andere Charakte- ristika der wandelnden Toten schildern und in wel- cher Weise sie den traditionellen nichtwandelnden Toten ähnlich sind, denn ich bin ziemlich sicher, daß Sie sich dafür interessieren. Doch nun, Mr. Jo- enes, sehe ich dort einen Polizisten herannahen, und deshalb ziehe ich es lieber vor, mich zu ver- abschieden.« Und als er diesen Satz beendet hatte, startete Watts zu einem Kurzstreckensprint und ha- stete durch die Menschenmenge. Der Polizist ver- folgte ihn, gab jedoch seine Bemühungen bald auf und kehrte zu Joenes zurück., »Verdammt«, schimpfte der Polizist, »er ist mir schon wieder durch die Lappen gegangen.« »Ist er ein Verbrecher?« erkundigte Joenes sich. »Der gerissenste Juwelendieb in dieser Gegend«, sagte der Polizist und wischte sich über die mäch- tige gerötete Stirn. »Am liebsten spielt er den Beat- nik, damit niemand ihn erkennt.« »Er hat mir irgendwas von wandelnden Toten er- zählt«, sagte Joenes. »Solche Stories erzählt der immer«, meinte der Polizist. »Ein krankhafter Lügner, genau, das ist er. Verrückt. Und dazu noch verdammt gefährlich. Vor allem deshalb, weil er keine Waffe bei sich hat. Dreimal hatte ich ihn schon beinahe am Schlaffitt- chen. Ich fordere ihn im Namen des Gesetzes auf, stehenzubleiben, wie man es in den Vorschriften nachlesen kann, und wenn er nicht stehenbleibt, schieße ich auf ihn. Mittlerweile habe ich acht harmlose Schaulustige erwischt. Bei meinem Pech und wenn das so weitergeht, bekomme ich nie die Sergeantenstreifen. Außerdem muß ich auch noch meine Munition selbst bezahlen!« »Aber wenn dieser Watts doch niemals eine Pistole bei sich hat ...«, begann Joenes, ver- stummte jedoch sofort. Er hatte beobachtet, wie über das Gesicht des Polizisten ein sonderbarer, stumpfer Ausdruck huschte und wie die Hand des Beamten auf den Griff seines Revolvers fiel. »Was ich sagen wollte«, fuhr Joenes fort, »ist da, etwas dran an der Sache mit den wandelnden Toten?« »Nee, das ist nur seine Beatnik-Nummer, mit der er die Leute hinters Licht führen will. Hab ich Ih- nen nicht gerade gesagt, daß er ein Juwelendieb ist?« »Hab ich vergessen«, entschuldigte Joenes sich. »Nun, sollten Sie aber nicht. Ich bin ein net- ter, freundlicher Durchschnittsmensch, doch ein Typ wie Watts bringt mich in Rage. Ich tue meine Pflicht, wie es mein Dienst vorschreibt, und abends gehe ich nach Hause und setz mich vor den Fern- sehapparat außer am Freitag, da gehe ich immer auf die Bowlingbahn. Klingt das etwa nach einem Ro- boter, wie Watts es Ihnen wahrscheinlich geschil- dert hat?« »Natürlich nicht«, sagte Joenes. »Dieser Kerl«, fuhr der Polizist fort, »redet davon, daß die Menschen keine Gefühle mehr haben. Ei- nes kann ich Ihnen jedoch versichern, auch wenn ich kein Psychologe bin – eines habe ich bestimmt, und das sind Gefühle! Wenn ich diese Kanone da in der Faust halte, dann fühle ich mich richtig gut. Klingt das vielleicht so, als hätte ich keine Emo- tionen, Empfindungen? Dann will ich Ihnen noch mehr erzählen. Ich wuchs im schlimmsten Vier- tel der Stadt auf, und als Kind gehörte ich zu ei- ner Bande. Wir alle hatten unsere Gummischleu- dern und Schnappmesser, und wir vertrieben uns, die Zeit mit bewaffneten Überfällen, mit Mord und Vergewaltigungen. Tut das jemand, der keine Ge- fühle mehr hat? Und ich könnte gleich noch mehr erzählen, wie aus einem kriminellen Jugendlichen ein richtig erwachsener Verbrecher wurde, wenn ich nicht diesen Priester kennengelernt hätte. Er war nicht einer von diesen verknöcherten Typen, er war in Ordnung, war wie einer von uns, denn er wußte genau, daß er so am besten an uns heran- kam. Er war immer mit uns unterwegs, und mehr als einmal konnte ich miterleben, wie er die Leu- te mit seinem allerliebsten Rasiermesser zurecht- schnitzte. Er hatte das Ding immer bei sich. Er war richtig dufte, dieser Typ, und wir akzeptierten ihn voll. Aber er war auch noch Priester, und als ich er- kannte, daß er wirklich in Ordnung war, hörte ich mir an, was er zu erzählen hatte. Und er meinte, daß ich nur mein Leben vergeudete, daß ich keine Zukunft hätte.« »Er muß ein wunderbarer Mensch gewesen sein«, sagte Joenes. »Er war ein Heiliger«, sagte der Polizist mit einer Stimme, in der seine tiefe Rührung unüberhörbar mitschwang. »Dieser Mann war ein wahrer Heili- ger, denn er machte all das, was auch wir machten, doch dabei war er gut, und er beschwor uns immer wieder, den Pfad des Verbrechens zu verlassen.« Der Polizist schaute Joenes direkt in die Augen und sagte dann: »Wegen diesem Mann wurde ich, Cop. Ich, von dem alle Welt einmal annahm, ich würde auf dem Elektrischen Stuhl enden! Und die- ser Watts hat tatsächlich die Stirn, von wandeln- den Toten zu reden. Ich wurde Cop, und ich war immer ein guter Cop und das trotz solcher mie- sen Ganoven wie Watts. Ich habe acht Kriminel- le in Wahrnehmung meines Dienstes getötet und habe drei Auszeichnungen errungen. Und ich habe auch siebenundzwanzig harmlose Unbeteiligte ge- tötet, die sich nicht schnell genug haben in Sicher- heit bringen können. Mir tun die armen Schwei- ne leid, aber ich habe meinen Job wahrzunehmen, und ich kann es nicht zulassen, daß Leute mir ins Schußfeld rennen, wenn ich hinter einem Verbre- cher her bin. Und ganz gleich, was auch in den Zeitungen geschrieben wird – niemals habe ich in meinem Leben irgendwelche Bestechungsgel- der angenommen, noch nicht einmal für eine Ver- warnung wegen Falschparkens.« Die Hand des Po- lizisten schloß sich reflexartig um den Griff seines Revolvers. »Ich würde sogar Jesus persönlich eine Verwarnung verpassen, und alle Engel im Himmel könnten mich nicht davon abbringen. Was meinen Sie denn dazu?« »Ich finde, Sie sind ein sehr ernsthafter und pflichtbewußter Mensch«, mußte Joenes eingeste- hen. »Da haben Sie ganz recht. Und ich habe eine hübsche Frau und drei wundervolle Kinder. Ich, hab ihnen beigebracht, wie man mit einem Revol- ver schießt. Für meine Familie ist mir nichts zu schade. Und dieser Watts behauptet tatsächlich, et- was über Gefühle zu wissen. Himmel, diese wider- lichen Laberfritzen bringen mich manchmal derart auf die Palme, daß ich glaube, mir platzt der Schä- del! Es ist nur gut, daß ich ein religiöser Mensch bin.« »Das glaube ich auch«, pflichtete Joenes ihm bei. »Ich besuche heute noch jede Woche den Priester, der mich aus der Bande herausgeholt hat. Er arbei- tet immer noch mit Kindern, denn er fühlt eine Be- rufung in sich, der er folgen muß. Er ist allmählich schon zu alt, um mit dem Messer zu arbeiten, dafür hat er jetzt eine Gummischleuder oder manchmal auch eine Fahrradkette. Dieser Mann hat mehr für das Gesetz und seine Einhaltung getan als die Stadt mit ihren Rehabilitationszentren für Jugendliche. Ich hab ihm manchmal geholfen, und wir haben gemeinsam vierzehn Jungen auf den Pfad der Tu- gend geführt, die ansonsten hoffnungslose Krimi- nelle geworden wären. Viele von ihnen sind jetzt angesehene Geschäftsleute, und sechs sind sogar in die Polizei eingetreten. Wann immer ich diesen al- ten Mann sehe, fühle ich, was Religion heißt.« »Ich finde, das ist wunderbar«, sagte Joenes. Er wich langsam zurück, denn der Polizist hatte den Revolver gezogen und spielte nervös damit her- um., »In diesem Land gibt es nichts, was man nicht durch Großherzigkeit und logisches Denken lösen kann«, erklärte der Polizist voller Überzeugung, wobei seine Wangenmuskeln zuckten. »Am Ende siegt immer das Gute, und das wird auch in Zu- kunft so sein, solange es aufrechte Männer gibt, die sich dafür einsetzen. In meinem Schlagstock steckt mehr Recht und Gerechtigkeit als in sämtli- chen verstaubten Gesetzbüchern. Wir bringen die Kerle mit, und die Richter lassen sie laufen. Und was soll das alles? Ganz schön beschissen, was? Doch wir Cops haben uns daran gewöhnt, und wir finden, das ein gebrochener Arm ein Jahr im Knast ersetzt, daher kümmern wir uns selbst um die Bur- schen und bestrafen sie auf unsere Art.« Bei diesen Worten zog der Polizist seinen Schlagstock. Diesen in der einen Hand und den Re- volver in der anderen schaute er Joenes mit eisigem Blick an. Joenes spürte irgendwie, daß die plötzlich so imposante Erscheinung des Polizisten vermuten ließ, daß er ausgerechnet in diesem Moment dem Recht Geltung verschaffen mußte. Er blieb stock- steif stehen und hoffte, daß der Polizist, der jetzt mit blitzenden Augen auf ihn zukam, ihn nicht tö- ten oder ihm einen Knochen brechen würde. Der entscheidende Moment nahte heran. Doch Joenes wurde in der letzten Sekunde vor der Ent- scheidung durch einen Bürger der Stadt gerettet, der, leicht benommen durch die grelle tropische, Sonne, vom Bürgersteig auf die Straße trat, ehe die Ampel auf Grün wechselte. Der Polizist wirbelte herum, gab zwei Warnschüsse ab und stürmte auf den Mann zu. Joenes entfernte sich schnellstens in die entgegengesetzte Richtung und wanderte wei- ter, bis er die Grenzen der City hinter sich wußte.,

VI

JOENES UND DIE DREI

LASTWAGENFAHRER

Diese und die drei Lastwagenfahrer- Geschichten, welche darin enthalten sind, werden von Teleu von Huahine erzählt Während Joenes so über den Highway marschierte und sich dabei in nördlicher Richtung bewegte, hielt neben ihm ein Lastwagen. In dem Lastwagen saßen drei Männer, die erklärten, sie würden ihn gerne so weit mitnehmen, wie sie selbst fuhren. Glücklich kletterte Joenes in den Lastwagen und drückte den Männern seine tiefe Dankbarkeit aus. Sie jedoch meinten, die Freude läge ganz auf ih- rer Seite, denn das Lastwagenfahren sei eine recht eintönige und einsame Arbeit, auch wenn sie zu dritt waren, und sie freuten sich immer, mit ande- ren Leuten zu reden und sich von ihnen Geschich- ten erzählen zu lassen. Aus diesem Grund fragten sie Joenes, was er denn so erlebt habe, seit er sein Zuhause verließ. Joenes erzählte diesen Männern, daß er von ei- ner fernen Insel in die Stadt San Francisco gekom- men wäre, wo er verhaftet, von einer Kommission des Kongreß befragt, von einem Orakel für schul- dig befunden und mit zehn Jahren Gefängnis auf Bewährung bestraft worden sei, daß er dann nach, New York gefahren sei, wo er beinahe von einem Polizisten umgebracht wurde. Nichts wäre seit seinem Abschied von der In- sel richtig gelaufen, meinte Joenes, und alles wäre schiefgegangen. Daher hielte er sich selbst für ei- nen richtigen Pechvogel. »Mr. Joenes«, sagte der erste Lastwagenfahrer, »Sie haben in der Tat sehr viel Pech gehabt. Aber ich bin von allen wahrscheinlich der unglücklich- ste Mensch, denn ich habe etwas verloren, was noch weitaus wertvoller ist als reines Gold, ein Ver- lust, den ich jeden Tag meines Lebens aufs neue beklage.« Joenes bat den Mann, seine Geschichte zu erzäh- len. Und dies ist die Geschichte, die der erste Last- wagenfahrer zu Gehör brachte. DIE GESCHICHTE DES WISSENSCHAFT- LICHEN LASTWAGENFAHRERS Mein Name ist Adolphus Proponus, und von Ge- burt bin ich Schwede. Schon als Kind liebte ich die Naturwissenschaft. Ich empfand diese Liebe nicht wertfrei, als Liebe an sich, sondern weil ich glaubte, daß die Naturwissenschaft die größte Die- nerin der Menschheit sei, welche uns hilft, das Grauen unserer Vergangenheit zu überwinden, den Grausamkeiten abzuschwören und dem Frie-, den und dem Glück zum Sieg zu verhelfen. Trotz all der Grausamkeiten, welche ich bei den Men- schen beobachten konnte, und obwohl meine ei- gene neutrale Heimat reich und reicher wurde, indem sie kriegführende Nationen mit Waffen ver- sorgte, glaubte ich immer noch an das Gute und an die Überlegenheit der Menschheit und ihre Selbst- befreiung durch die Naturwissenschaft. Vor allem wegen meiner humanitären Gesinnung und mei- nem Hang zur Naturwissenschaft wurde ich Arzt. Ich meldete mich zur Arbeit in der United Nations Health Commission, einer Gesundheitsorganisa- tion, und suchte mir den fernsten und ärmsten Ort der Welt als mein Tätigkeitsfeld aus. Eine ruhige, gutgehende Praxis in irgendeiner schwedischen Kleinstadt auf dem Land war nichts für mich, ich wollte mich mitten ins Getümmel stürzen, wollte in die Schlacht gegen die Krankheit und für die Menschlichkeit entscheidend eingreifen. Man schickte mich an die Küste von Westafrika, wo ich als einziger Arzt in einem Gebiet größer als Europa meine Tätigkeit aufnahm. Ich löste dort ei- nen Schweizer namens Durr ab, der am Biß einer Hornviper gestorben war. Diese Gegend brauchte dringend einen Arzt, denn dort traten immer wieder schlimme und schlimmste Krankheiten und Seuchen auf. Vie- le davon waren mir bekannt, denn ich hatte mich in Büchern darüber informiert. Andere waren mir, neu. Die neuen, so erfuhr ich im Laufe der Zeit, waren künstlich eingeführt worden in der Folge der Neutralisation Afrikas. Ich Weiß nicht, wessen Ent- scheidung das war, aber ich hatte mir immer ein neutrales Afrika gewünscht, welches weder dem Westen noch dem Osten als Verbündeter dienen könnte. Aus diesem Grunde hatte man bestimmte Erreger eingeführt sowie auch verschiedene künst- lich gezüchtete Pflanzen, welche den dichtesten Dschungel noch dichter machten. All diese Dinge hielten mich davon ab, für die Politik Zeit zu ha- ben, denn ich verbrachte den ganzen Tag damit, eine Schlacht für das Leben an sich zu schlagen. Diese Dinge hatten gleichzeitig auch einige hun- dert Millionen westlicher Soldaten ausgelöscht, welche gerade gegen Guerillas aus dem Osten kämpften. Die Guerillas wurden natürlich auch ausgelöscht. Darüberhinaus hatte man auch einige Tierspezies ausgerottet, wenn auch eine ganze Rei- he überlebten. Die Ratte zum Beispiel erlebte einen ungeheuren Aufschwung. Schlangen aller Gattun- gen vermehrten sich explosionsartig. Unter den In- sekten konnten vor allem bestimmte Fliegen und die Moskitos große Zuwächse verzeichnen. Bei den Vögeln hatten die Geier sich zu einem unüberseh- baren Schwarm vermehrt. Davon hatte ich wirklich nie etwas erfahren, denn Informationen wie diese werden in Demo- kratien normalerweise nicht beachtet und in Dik-, taturen von der Zensur gestrichen. In Afrika jedoch sah ich diese Schrecken mit eigenen Augen. Und ich erfuhr auch, daß es in den tropischen Regionen Asiens, Mittelamerikas und Indiens ähnlich aus- sah. All diese Regionen waren nun wirklich neu- tral, sei es durch einen unglücklichen Zufall oder durch gesteuerte Maßnahmen, denn dort kämpfte man ums nackte Überleben. Als Arzt war ich wegen der vielfältigen Krank- heiten und Seuchen natürlich verzweifelt, waren sie nun alt oder neu. Sie kamen aus dem Dschun- gel, welcher durch den Menschen erst richtig orga- nisiert wurde. Die Wachstumsrate dieses Dschun- gels war einfach phantastisch, und nicht weniger phantastisch war daher auch seine Verfallsrate. Vor allem deshalb vermehrten sich Krankheitserreger über die Maßen, da sie ein für sie in jeder Hinsicht günstiges Milieu vorfanden. Als Mensch geriet ich in maßlose Wut über die geradezu perverse Art und Weise, in welcher man sich der Erkenntnisse der Wissenschaft bediente. Doch ich glaubte immer noch an deren Macht. Ich redete mir ein, daß nur die bösen Menschen mit wenig Weitblick für diese Geißeln der Menschheit verantwortlich waren, daß jedoch die Humanisten mit Hilfe der Naturwissenschaft alles wieder ins Lot bringen würden. Ich begann meine Arbeit und wurde von Huma- nisten überall in der Welt eifrig unterstützt. Ich, suchte sämtliche Stämme in meinem Distrikt auf und behandelte deren Krankheiten mit meinen Me- dikamenten. Meine Erfolge waren überwältigend. Doch dann wurden die allmählich zurückge- drängten Krankheitserreger gegen meine Medika- mente resistent, und neue Seuchen brachen aus. Die Stämme, obwohl vom Kampf gegen die Krank- heiten abgehärtet, mußten schreckliche Verluste hinnehmen. Ich forderte dringend neue Medizin an. Diese wurde geliefert, und ich wurde der neuen Epide- mien Herr. Doch einigen der Erreger gelang es, mei- nen Generalangriff zu überleben, und von neuem brachen Seuchen aus. Ich kabelte um weitere Medikamente, und auch diese bekam ich umgehend. Und wieder einmal verbissen Krankheit und ich uns in einer tödlichen Schlacht ineinander, und wieder ging ich als Sie- ger aus diesem Kampf hervor. Doch immer gab es einige Mikroorganismen, die meinen Attacken ent- gehen konnten. Außerdem mußte man bereits mit gefährlichen Mutationen rechnen. Stand ihnen das richtige Environment zur Verfügung, so, mußte ich sehr schnell feststellen, konnten bestimmte Krank- heiten gefährliche, virulentere Sonderformen viel schneller entwickeln, als der Mensch neue Medika- mente entdecken oder entwickeln konnte. Tatsächlich stellte ich fest, daß Krankheitserre- ger sich in den Zeiten größter Bedrohung genauso, verhielten wie die Menschen. Sie zeigten in jeder Hinsicht einen erstaunlichen Überlebenswillen, und natürlich, je härter man auf sie einschlug, man sie attackierte, desto schneller und hektischer ver- mehrten sie sich, mutierten sie und wehrten sich und schlugen am Ende sogar zurück. Diese Ähn- lichkeit war nach meiner Meinung unheimlich, ja gespenstisch. In jener Zeit kannte ich nur meine Arbeit. Zwölf bis achtzehn Stunden war ich auf den Beinen, um die arme, geduldig leidende Bevölkerung zu schüt- zen. Doch die Krankheit nahm mir meine letzten Medikamente, errang so etwas wie einen Sieg und wütete mit unvorstellbarer Grausamkeit. Ich war verzweifelt, dann bisher hatte man zur Bekämp- fung dieser Krankheiten keine neuen Medikamen- te entwickeln können. Dann jedoch stellte ich fest, daß die Krankheitserreger, die mutiert waren, um sich gegen die neuen Medikamente durchzusetzen, gegen die alten nicht mehr resistent waren. Des- halb ging ich schnellstens wieder dazu über, die al- ten Medizinen zu verabreichen. Seit ich nach Afrika gekommen war, hatte ich mich mit nicht weniger als zehn ausgewachsenen Epidemien herumgeschlagen. Nun schickte ich mich an, der elften die Stirn zu bieten. Und ich wußte genau, daß die Bakterien und Viren sich vor meiner Attacke zurückziehen, mutieren und erneut zuschlagen würden, wonach ich dann in die zwölf-, te Runde einsteigen würde, mit ähnlichen Resulta- ten, und anschließend in eine dreizehnte und so weiter und so weiter. Das war die Situation, in die meine humanitären und naturwissenschaftlichen Bemühungen mich am Ende manövriert hatten. Doch ich war wie trunken vor Erschöpfung und halbtot von meiner Arbeitslast. Ich konnte an nichts denken als das je- weils vor mir liegende Problem. Doch dann nahmen die Leute in meinem Di- strikt mir die Lösung der Probleme aus der Hand. Sie waren nur unzureichend gebildet und sahen nur, daß die Seuchen zugenommen hatten, seitdem ich mich bei ihnen aufhielt. Diese Leute betrachte- ten mich als den bösen Zauberer, dessen Flaschen mit den angeblich so wirkungsvollen Heilmitteln in Wirklichkeit die Bestandteile der Seuchen ent- hielten, welche das arme Volk in regelmäßiger Folge geißelten. Sie suchten wieder bei ihren ei- genen Medizinmännern Rat, welche die Kranken mit wert- und wirkungslosen Schlammkugeln und Knochensplittern behandelten und den Tod jedes Erkrankten irgendeinem unschuldigen Stammes- mitglied zuschrieben. Selbst die Mütter, deren Kinder ich gerettet hat- te, wandten sich nun gegen mich. Diese Mütter er- klärten, daß die Kinder sowieso gestorben wären, und zwar an Unterernährung anstatt an irgendei- ner Krankheit., Am Ende versammelten sich die Männer aus den Dörfern, um mich zu töten. Sicher hätten sie ihr Vorhaben auch in die Tat umgesetzt, wenn mich nicht ausgerechnet die Medizinmänner gerettet hätten. Das war die größte Ironie, denn ich hielt die Medizinmänner für meine schlimmsten Feinde und Widersacher. Die Medizinmänner erklärten ihren Leuten, daß wenn ich getötet würde, ein noch schlimmeres Übel über sie käme. Daher krümmten mir die Leute kein Haar; und die Medizinmänner grinsten mich verschmitzt an, da sie mich nun für einen Kolle- gen hielten. Trotzdem wollte ich meine Arbeit unter den Stämmen nicht so mir nichts dir nichts aufgeben. Aus diesem Grund mieden mich die Stämme und verließen mich. Sie wanderten landeinwärts bis zu einem riesigen Sumpfgebiet, wo es kaum Nahrung für sie gab und Krankheiten an der Tagesordnung waren. Ich konnte ihnen nicht folgen, da der Sumpf in einem benachbarten Distrikt lag. In diesem Distrikt gab es ebenfalls einen Arzt, auch er ein Schwede, der überhaupt keine Medikamente verteilte, keine Pillen, keine Spritzen, nichts. Statt dessen bediente er sich jeden Tag aus sei- nem Alkoholvorrat und ließ sich volllaufen. Zwan- zig Jahre lebte er schon im Dschungel, sagte er, und er wisse, was am besten sei., In meinem Distrikt völlig allein und im Stich ge- lassen, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch. Ich wurde nach Schweden zurückgeschickt, und dort dachte ich über all das nach, was geschehen war. Mir kam es so vor, als hätten sich die Leute aus den Dörfern und die Medizinmänner, so sehr ich sie damals auch bekämpft hatte, am Ende doch ir- gendwie logisch und vernünftig verhalten. Sie wa- ren vor meiner Naturwissenschaft und meinem Humanismus geflohen, weil sie dadurch nicht den geringsten Vorteil gehabt hatten. Im Gegenteil, meine Wissenschaft hatte ihnen sogar schlimmere Schmerzen und größere Schrecken beschert, und mein Humanismus hätte beinahe dazu geführt, daß ich närrischerweise versuchte, andere Kreatu- ren auszulöschen und damit das Gleichgewicht der Natur auf der Erde empfindlich zu stören. Als sich das erkannte, verließ ich meine Heimat, floh sogar aus Europa und kam hierher. Nun fahre ich einen Lastwagen. Und wenn jemand jetzt zu mir in glühenden Worten über Wissenschaft und Huma- nismus und den Segen des Heiles redet, dann starre ich ihn an, als habe er den Verstand verloren. Dies war die Geschichte, wie ich meinen Glau- ben an die Wissenschaft verlor, ein Gut, das ich mehr verehrte als reines Gold, ein Verlust, den ich jeden Tag meines Lebens aufs neue beklage.« *, Am Ende dieser Geschichte sagte der zweite Last- wagenfahrer: »Niemand will leugnen, daß Sie sehr viel Leid erlebt haben, Joenes, doch diese Rück- schläge sind im Angesicht dessen, was mein Freund Ihnen erzählt hat, mehr oder weniger un- bedeutend. Und das Leid meines Freundes ist noch geringer als mein eigenes. Denn ich bin der Un- glücklichste aller Menschen, und ich habe etwas verloren, viel wertvoller als Gold und wertvoller noch als die Wissenschaft, ein Verlust, den ich je- den Tag meines Lebens aufs neue beklage.« Joenes bat den Mann, seine Geschichte zu erzäh- len. Und dies ist die Geschichte des zweiten Last- wagenfahrers. DIE GESCHICHTE VOM EHRLICHEN

LASTWAGENFAHRER

Mein Name ist Ramon Delgado, und ich stamme aus dem Land Mexiko. Mein größter Stolz war im- mer, ein ehrlicher Mensch zu sein. Ich war ehrlich, weil die Gesetze des Landes es verlangten, welche mich aufforderten, so zu sein, und welche von den besten aller Männer niedergeschrieben worden waren, welche sie wiederum von den universel- len Prinzipien der Gerechtigkeit abgeleitet und sie mit Strafen gesichert hatten, so daß alle Menschen, und das nicht nur aus freiem Willen, diesen Geset- zen gehorchten., Das erschien mir nur rechtens, denn ich lieb- te die Gerechtigkeit und glaubte an sie und glaub- te deshalb auch an die Gesetze, welche sich aus der Gerechtigkeit ableiten ließen, und an die Stra- fen, welche die Einhaltung der Gesetze gewähr- leisten sollten. Ich fühlte nicht nur, daß des Men- schen Schöpfung und Ausübung der Gesetze eine gute Sache war, ich fühlte auch, daß es notwendig war. Denn erst durch die praktizierte Gerechtigkeit konnte es die Freiheit von der Tyrannei geben und ein Bewußtsein von Würde und Tugend. Viele Jahre lang arbeitete ich in meinem Dorf, sparte ich mein Geld und führte ein ehrliches, auf- rechtes Leben. Eines Tages bot man mir eine Stel- le in der Hauptstadt an. Ich war sehr glücklich darüber, denn schon sehr lange hatte ich davon ge- träumt, einmal in die Stadt zu gehen, aus welcher die in meinem Land geübte Gerechtigkeit kommt. Ich verwendete meine gesamten Ersparnisse, um ein altes Automobil zu erstehen, und fuhr in die Hauptstadt. Dort parkte ich vor dem Laden meines neuen Arbeitgebers, wo ich eine Parkuhr vorfand. Ich ging in den Laden, um einen Peso für die Park- uhr zu holen. Als ich wieder nach draußen kam, wurde ich verhaftet. Ich wurde einem Richter vorgeführt, welcher mich wegen Falschparkens, Diebstahls, Landstrei- cherei, Widerstands gegen die Staatsgewalt und we- gen Erregung öffentlichen Ärgernisses anklagte., Der Richter erklärte mich in allen Punkten für schuldig. Wegen Falschparkens, weil die Parkuhr abgelaufen war und ich kein neues Geldstück ein- geworfen hatte; wegen Diebstahls, weil ich einen Peso aus der Kasse meines Arbeitsgebers genom- men hatte, um ihn in die Parkuhr zu stecken; we- gen Landstreicherei, weil ich nur einen einzigen Peso in der Tasche hatte; wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, weil ich mit dem Polizisten eine Diskussion begonnen hatte; wegen Erregung öffent- lichen Ärgernisses, weil ich geweint hatte, als man mich ins Gefängnis brachte. Im technischen Sinne trafen all diese Anschuldi- gungen zu, daher empfand ich es nicht als Irrtum, als der Richter mich in allen Punkten für schuldig er- klärte. Tatsächlich bewunderte ich sogar die Konse- quenz, mit der den Gesetzen Genüge getan wurde. Ich beklagte mich auch nicht, als er mich zu zehn Jahren Gefängnis verdonnerte. Das erschien mir zwar sehr streng, doch ich wußte gleichzeitig, daß es strenge Strafen braucht, um den Gesetzen Kraft und Geltung zu verleihen. Als ich beim Gefängnis ankam, sah ich einige Männer, die sich im Wald in der Nähe versteckten. Ich schenkte ihnen aber weiter keine Beachtung, denn der Wächter am Tor las gerade aufmerksam in meinen Begleitpapieren und studierte den Ur- teilsspruch. Er las mit großer Sorgfalt und öffnete schließlich das Tor., Kaum war das Tor offen, kamen zu meiner gren- zenlosen Verwunderung die Männer im Wald aus ihrem Versteck, stürmten auf das Gebäude zu und erzwangen sich den Eintritt in das Gefängnis. Eine Menge Wärter erschien und versuchte, die Ein- dringlinge wieder hinauszutreiben. Trotzdem ge- lang es einigen, in das Gefängnis zu gelangen, ehe der Wärter am Tor dieses wieder schließen konn- te. »Ist es möglich«, fragte ich ihn, »daß diese Män- ner mit voller Absicht das Gefängnis gestürmt ha- ben, um hineinzukommen?« »Offensichtlich ist das der Fall«, erwiderte der Wärter. »Ich hatte bisher immer angenommen, daß Ge- fängnisse dazu gedacht sind, Leute einzusperren anstatt sie auszusperren«, sagte ich. »So war das auch mal«, verriet der Wärter mir. »Doch heutzutage, wo so viele Fremde im Land sind und überall der Hunger wütet, brechen die Menschen in die Gefängnisse ein, um wenigstens drei Mahlzeiten am Tag zu bekommen. Wir können nichts dagegen tun. Indem sie in die Gefängnisse einbrechen, werden sie zu Kriminellen, und daher müssen wir sie dabehalten.« »Entwürdigend«, sagte ich. »Aber was haben die Fremden damit zu tun?« »Sie haben den ganzen Ärger erst ins Leben ge- rufen«, erklärte der Wärter. »In ihren eigenen Län-, dern wird auch gehungert, und sie wissen über- dies, daß wir in Mexiko die besten Gefängnisse der Welt haben. Daher kommen sie von weither, um in unsere Gefängnisse einzubrechen, vor allem dann, wenn sie nicht in die eigenen einbrechen können. Doch ich glaube, daß die Fremden auch nicht bes- ser oder schlechter sind als unsere eigenen Leute, welche genau das gleiche tun.« »Wenn das so ist«, wollte ich wissen, »wie kann die Regierung dann die Einhaltung der Gesetze er- zwingen?« »Nur indem sie die Wahrheit geheimhält«, nann- te mir der Wärter die geniale Lösung dieses Pro- blems. »Eines Tages werden wir Gefängnisse bau- en können, welche die richtigen Leute fest- und die falschen draußenhalten. Doch bis es soweit ist, muß die ganze Affäre geheimgehalten werden. So kommt es, daß die meisten Menschen immer noch Angst vor der Strafe haben.« Der Wärter geleitete mich dann in das Gefäng- nisgebäude hinein zum Aufnahmebüro. Dort fragte mich ein Mann, wie mir das Gefängnisleben denn gefiele. Ich gestand ihm, daß ich da noch nicht so ganz sicher sei. »Schön«, sagte der Mann, »Sie haben sich wäh- rend Ihres bisherigen Aufenthaltes in diesen Mau- ern geradezu vorbildlich verhalten. Unser Ziel ist Besserung, nicht Rache. Wie wäre es jetzt gleich mit einer Entlassung auf Bewährung?«, Ich hatte Angst, eine falsche Antwort zu geben, daher sagte ich, ich sei da noch nicht ganz sicher. »Lassen Sie sich Zeit«, meinte er. »Und kommen Sie zu mir, wann immer Sie freigelassen werden wollen.» Dann marschierte ich in meine Zelle. Dort traf ich zwei Mexikaner und drei Fremde. Einer der Frem- den war Amerikaner, die anderen beiden stammten aus Frankreich. Der Amerikaner fragte mich, ob ich die Strafaussetzung angenommen hätte. Ich sagte ihm, ich hätte mich noch nicht entschieden. »Für einen Anfänger ganz schön gerissen«, lobte der Amerikaner, dessen Name Otis lautete. »Einige von den Neuzugängen haben ja keine Ahnung. Sie nehmen die Freilassung an, und bumms!, schon stehen sie draußen!« »Ist das denn so schlimm?« wollte ich wissen. »Sehr schlimm«, sagte Otis. »Wenn man die Frei- lassung oder die Bewährung annimmt, dann hat man so gut wie keine Chance, jemals wieder ins Gefängnis zu kommen. Ganz gleich, was man auch tut, der Richter würde es als Verletzung der Bewäh- rungsauflagen ansehen und raten, so etwas nie wie- der zu tun. Und die Chancen, daß man es wirklich nicht mehr tut, mehr noch, daß man überhaupt nichts mehr tut, stehen nicht schlecht, da einem die Bullen beide Arme gebrochen haben.« »Otis hat ganz recht«, mischte sich einer der Franzosen ein. »Die Bewährung anzunehmen ist, überaus gefährlich, und ich bin das lebende Bei- spiel dafür. Mein Name lautet Edmond Dantes. Vie- le Jahre sollte ich in dieser Institution verbringen, und dann bot man mir die Bewährung an. In der Unkenntnis und der Naivität meiner Jugend nahm ich das Angebot an. Doch als ich draußen war, er- kannte ich plötzlich, daß all meine Freunde ja noch im Knast saßen und daß sich sogar meine Bücher- und meine Schallplattensammlung hier befanden. Außerdem hatte ich in meinem jugendlichen Un- gestüm meinen liebsten Schatz, Kapo 43422231, zurückgelassen. Zu spät begriff ich, daß mein Le- ben eigentlich hier stattfand und daß ich für immer von der Wärme und Sicherheit dieser wundervol- len Mauern aus Granit ausgeschlossen war.« »Und was haben Sie gemacht?« fragte ich. »Ich dachte immer noch, daß Kriminalität am Ende doch etwas einbringt«, sagte Dantes mit ei- nem verschmitzten Lächeln. »Daher tötete ich ei- nen Mann. Doch der Richter verlängerte einfach meine Bewährungsfrist, und die Polizisten brachen sämtliche Finger meiner rechten Hand. Es war in dieser Zeit, während meine Finger wieder zusam- menheilten, daß ich mich entschloß, irgendwie wieder in den Bau zu kommen.« »Das muß sehr schwierig gewesen sein«, sagte ich. Dantes nickte. »Es erforderte ein übermenschli- ches Maß an Geduld, denn ich verbrachte die näch-, sten zwanzig Jahre damit, zu versuchen, in dieses Gefängnis einzubrechen.« Die anderen Gefangenen schwiegen gespannt. Der alte Dantes fuhr fort: »Damals waren die Sicherheitsmaßnahmen noch weitaus strenger und effizienter als heute. Ein ein- facher Sturm auf das Gefängnis, wie du es heute miterlebt hast, wäre damals völlig unmöglich ge- wesen. Deshalb grub ich ohne fremde Hilfe dreimal einen Tunnel unter das Gebäude und stieß dreimal auf Granitmauern, wodurch ich gezwungen wur- de, meine Tunnelversuche von vorn zu beginnen. Einmal wäre ich fast im Innenhof gelandet, jedoch die Wärter entdeckten mich und gruben sich mir in einem Tunnel entgegen und zwangen mich zur Umkehr. Dann versuchte ich von einem Flugzeug aus mit dem Fallschirm abzuspringen, jedoch trieb eine Windböe mich hoffnungslos ab. Deshalb wur- de auch das Gebot erlassen, das Flugzeuge das Ge- fängnis nie überfliegen dürften. Auf diese Weise bin ich sogar für einige Reformen in den Gefäng- nisbestimmungen verantwortlich.« »Aber wie sind Sie denn schließlich reingekom- men?« wollte ich wissen. Der alte Mann lächelte grimmig. »Nach vielen er- folglosen Jahren hatte ich eine Idee. Ich konnte ein- fach nicht glauben, daß eine solche einfache Idee zum Ziel führte, wo Genie und rohe Gewalt versagt hatten. Nichtsdestoweniger versuchte ich es., Ich kehrte, verkleidet als außerordentlicher Agent ins Gefängnis zurück. Anfangs sträubten die Wärter sich, mich durchzulassen. Doch ich erzähl- te ihnen, daß die Regierung über ein neues Gesetz nachdächte, welches den Wärtern gleiche Rech- te einräumen soll wie den Gefangenen. Sie ließen mich ein, und ich offenbarte ihnen, wer ich wirk- lich war.. Sie mußten mich bleiben lassen, und ein Mann erschien und schrieb meine Geschichte auf. Ich hoffe nur, daß er alles richtig mitbekommen hat. Seitdem haben die Wärter gewisse Maßnah- me in die Wege geleitet, welche eine erfolgreiche Wiederholung meines Plans schier unmöglich ma- chen. Doch ich glaube fest daran, daß mutige Män- ner sich für immer und alle Zeiten über die Hin- dernisse hinwegsetzen, welche die Gesellschaft zwischen dem Menschen und seinem angestreb- ten Ziel errichtet. So lange die Menschen konstant und beharrlich bei der Sache bleiben, wird es ih- nen irgendwann gelingen, ebenfalls ins Gefängnis einzubrechen.« Alle Gefangenen schwiegen, als der alte Dantes geendet hafte. Schließlich fragte ich: »War Ihr Geliebter immer noch hier, als sie wie- der einzogen?« Der alte Mann senkte den Blick, und Tränen lie- fen über seine Wangen. »Kapo 43422231 war drei Jahre vorher an Leberzirrhose gestorben. Nun ver-, bringe ich meine Zeit mit Gebeten und Meditatio- nen.« Die tragische Geschichte des alten Mannes über mannhaften Mut, Sehnsucht, Entschlossenheit und größtes Liebesleid überschattete die Zelle. Schwei- gend ließen wir uns zu unserer Abendmahlzeit nie- der, und es dauerte einige Stunden, ehe die Freun- de wieder ihre gute Laune wiederfanden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nachgedacht, daß mir schon der Kopf weh tat, was das für eine verrückte Sache sein mochte mit Leuten, die unbe- dingt ins Gefängnis wollten. Je intensiver ich dar- über nachdachte, desto verwirrter wurde ich. Also fragte ich vorsichtig meine Zellennachbarn, ob de- nen die Freiheit nicht mehr wichtig sei und ob sie nicht Sehnsucht hätten nach den Städten und den belebten Straßen und den blumenübersäten Fel- dern und den Wäldern. »Freiheit?« meinte Otis. »Was du meinst, ist eine Illusion von Freiheit, und das ist etwas ganz ande- res. Die Städte, von denen du redest, sind voll von Grauen, Unsicherheit und Angst. Die Straßen sind allesamt Sackgassen, an deren Ende der Tod auf je- den wartet, der sich dorthin verirrt.« »Und diese mit Blumen bedeckten Felder und Wiesen und Wälder, die du erwähnt hast«, verriet der zweite Franzose mir, »sind noch viel schlim- mer. Mein Name ist Rousseau, und in meiner Ju- gend habe ich ein paar läppische Bücher geschrie-, ben, völlig bar jeden Wissens und jeder Erfahrung, und ich widmete mich der Natur und redete da- von, daß jeder Mensch Anspruch auf einen Platz in dieser Natur hätte. Doch später, als ich älter und reifer war, verließ ich heimlich meine Heimat und reiste durch diese Natur, von der ich mit soviel Zu- versicht geschrieben hatte. Ich mußte feststellen, wie grausam die Natur ist, wie schrecklich, und wie sehr sie den Men- schen haßt. Ich entdeckte, daß die blumigen Wie- sen kaum geeignet sind, darauf herumzulaufen, und für die Füße des Menschen schlimmer sind als das schlechteste Pflaster. Ich erfuhr, daß das Ge- treide, das der Mensch anbaute, weitestgehend aus unglücklichen Hybriden bestand, jeglicher Lebens- kraft beraubt, und daß diese Pflanzen allein durch den Menschen am Leben erhalten werden konnten, wenn dieser den Kampf gegen das wuchernde Un- kraut und andere Schädlinge aufnahm. In den Wäldern mußte ich die Erfahrung machen, daß die Bäume sich allein mit sich selbst beschäf- tigten und daß sämtliche Kreaturen vor mir davon- liefen. Ich stellte fest, daß es dort wunderschöne blaue Seen gab, welche das Auge jedes Menschen erfreuen würden, jedoch waren sie alle umgeben von dichtem Dornengestrüpp oder undurchdring- lichen Sümpfen. Und wenn man schließlich bis an ihre Ufer gelangt war, mußte man feststellen, daß das Wasser schmutzigbraun war., Die Natur schenkt uns auch den Regen und die Dürre, die Hitze und Kälte; und sie geht auf Num- mer sicher, indem der Regen die Lebensmittel des Menschen verfault, die Dürre sie austrocknet, wäh- rend die Hitze des Menschen Haut verbrennt und die Kälte seine Glieder erfriert. Dies sind nur die geringeren Gefahren der Na- tur und überhaupt nicht mit den tödlichen Mäch- ten der Ozeane zu vergleichen oder der gnadenlo- sen Gleichgültigkeit der Berge, der Hinterhältigkeit der Sümpfe, der Öde der Wüsten und den Schrek- ken des Dschungels. Doch ich erfuhr auch, daß die Natur in ihrem Haß auf den Menschen den größ- ten Teil der Erdoberfläche mit Meeren, Gebirgen, Sümpfen, Wüsten und mit Dschungel bedeckt hat. Von den Erdbeben, den Wirbelstürmen, den Springfluten und ähnlichem, worin sich der Haß der Natur ausdrückt, brauche ich ja wohl gar nicht zu reden. Des Menschen Zuflucht vor diesen Schrecken sind einzig und allein die Städte, wo die Natur wenigstens teilweise völlig ausgeschlossen wer- den kann. Und es ist doch wohl klar, daß die abge- schlossenste Stadt letztendlich das Gefängnis ist. Zu dieser Schlußfolgerung bin ich nach all den Jah- ren der Studien gekommen. Und das ist auch der Grund, warum ich nun die Äußerungen meiner Ju- gend bedaure und sie für unsinnig halte und dafür glücklich an diesem Ort lebe, wo ich hoffentlich, bis zum Ende meiner Tage nie mehr etwas Grünes zu Gesicht bekommen werde.« Danach wandte Rousseau sich ab und betrachte- te sinnend eine stählerne Wand. »Wie du siehst, Delgado«, meinte Otis, »findet man die eigentliche Freiheit nur hier bei uns im Gefängnis.« Das wollte ich nicht einsehen, und ich hob her- vor, daß wir doch eingeschlossen wären, was ja wohl dem Gedanken der Freiheit recht grundsätz- lich widerspräche. »Aber wir sind doch alle auf dieser Erde irgend- wie eingeschlossen«, hielt Dantes mir entgegen. »Der eine an einem geräumigen Ort, der andere an einem weniger geräumigen. Und wir alle sind für immer in uns selbst gefangen. Alles ist auf seine Art ein Gefängnis, und dieser Ort ist das beste al- ler Gefängnisse.« Otis beklagte dann meinen Mangel an Dankbar- keit. »Du hast ja gehört, was die Wärter erzählt ha- ben«, machte er mich aufmerksam. »Wenn man überall im Land wüßte, wie gut es uns hier geht, dann würde jedermann sich ein Bein ausreißen, um ebenfalls hierher zu kommen. Du solltest dich glücklich schätzen, hier sein zu dürfen, und soll- test gleichzeitig froh sein, daß nur sehr wenige von diesem wundervollen Ort wissen.« »Doch die Lage ändert sich allmählich«, meldete sich nun ein mexikanischer Häftling zu Wort. »Auch, wenn die Regierung bemüht ist, die Wahrheit zu verheimlichen, und den Prozeß des Einsitzens als möglichst abschreckend darstellt, fangen die Men- schen allmählich an, die Wahrheit zu erkennen.« »Damit gerät die Regierung in eine unangeneh- me Situation«, äußerte ein anderer mexikanischer Häftling. »Bisher hat man noch keinen Ersatz für das Gefängnis erfunden, obwohl man tatsächlich einmal diskutierte, jedes Vergehen gleich mit dem Tod zu bestrafen. Man kam aber schnell davon ab, da durch diese Praxis wahrscheinlich Wirtschaft und Militär des Landes empfindlich geschwächt worden wären. Deshalb muß man immer noch die Leute zu Gefängnis verurteilen – zum einzigen Ort, wo sie wirklich gerne hingehen.« Die Zelleninsassen brachen in schallendes Ge- lächter aus, denn als Kriminelle fanden sie beson- deren Gefallen an den Irrwegen der Justiz. Und das schien wirklich der größte Wahnsinn mit Methode zu sein – ein Verbrechen gegen die Gemeinschaft zu begehen, um anschließend wegen dieses Ver- brechens zu einem Leben in Sicherheit und Zufrie- denheit verurteilt zu werden. Ich kam mir vor wie in einem schrecklichen Alp- traum, denn ich wußte nicht, was ich den Män- nern hätte entgegnen können. Am Ende rief ich verzweifelt: »Ihr mögt ja ruhig frei sein und in einem Paradies leben – aber ihr habt keine Frauen!«, Die Häftlinge schienen plötzlich nervös zu wer- den, als hätte ich etwas Unangenehmes angespro- chen. Doch Otis erwiderte ganz ruhig und lässig: »Stimmt schon, was du sagst, wir haben wirklich keine Frauen. Aber das ist völlig unwesentlich.« »Unwesentlich?« wiederholte ich. »Aber klar doch«, bestätigte Otis. »Anfangs emp- findet man das noch als unangenehm, doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Man vergesse nicht, daß schließlich allein die Frauen überzeugt sind, daß Frauen unersetzlich sind. Wir Männer wissen das besser.« Die Männer in der Zelle spendeten dazu ihren herzlichen Beifall. »Echte Männer«, betonte Otis, »brauchen nur die Gesellschaft anderer echter Männer. Wenn Butch hier wäre, dann könnte er dir das genauestens er- klären. Aber Butch liegt zum großen Kummer seiner vielen Freunde und Bewunderer mit einem doppel- ten Bruch im Lazarett. Doch er würde dir wahr- scheinlich erklären, daß jegliche soziale Existenz mit Kompromissen einhergeht. Sind die Kompromis- se einschneidend und zahlreich, dann nennt man das Tyrannei. Sind sie gering und unbedeutend wie zum Beispiel dieser Mangel an Frauen, dann nen- nen wir den Zustand Freiheit. Vergiß nicht, Delgado, man kann niemals etwas Perfektes erwarten.« Ich unternahm keinen weiteren Versuch mehr, mich mit meinen Gefährten zu diesem Thema aus-, einanderzusetzen, sondern verkündete nur, daß ich so schnell wie möglich wieder raus wollte. »Ich könnte gleich heute abend für dich die Flucht arrangieren«, bot Otis sich an. »Und ich denke, es ist ganz in Ordnung, daß du verschwin- dest. Das Gefängnisleben ist nichts für jemanden, der es nicht zu würdigen weiß.« An jenem Abend, als die Lichter im Gefängnis gedämpft worden waren, hob Otis einen der Gra- nitblöcke, aus denen der Boden der Zelle bestand. Am Grund des Schachtes begann ein enger Gang. Diesem folgte ich und tauchte nach einiger Zeit in einer Straße auf, immer noch völlig verwirrt und wie benommen. Einige Tage lang dachte ich über meine Erfah- rungen nach. Am Ende begriff ich, daß meine Ehr- lichkeit nichts anderes war als Dummheit, da sie aus völliger Ignoranz und einer Fehlbeurteilung der Welt rings um geboren war. Es konnte einfach kei- ne Ehrlichkeit geben, denn es gab auch kein Gesetz, welches diese förderte. Das Gesetz hatte versagt, und weder Strafe noch guter Wille konnten ihm seine Funktion wiedergeben. Es hatte versagt, weil sämtliche Vorstellungen des Menschen von der Ge- rechtigkeit falsch waren. Daher gab es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt nicht, und es gab darüber hinaus nichts, was sich daraus ableiten ließ. So schlimm dies war, schlimmer waren jedoch die Erkenntnisse, die sich für mich daraus ergaben:, daß es da, wo es keine Gerechtigkeit gab, auch kei- ne Freiheit oder menschliche Würde geben konn- te; daß da nur Platz war für perverse Illusionen, wie ich sie bei meinen Zellengenossen kennenge- lernt hatte. Und so geschah es, daß ich meinen Sinn für Ehr- lichkeit verlor, ein Gut, viel erstrebenswerter als Gold, ein Verlust, den ich an jedem Tag meines Le- bens aufs neue bedauere.« * Am Ende dieser Geschichte meldete sich der dritte Lastwagenfahrer zu Wort: »Niemand will leugnen, daß Sie viel Unglück gesehen und erlebt haben, Joenes. Doch im Vergleich mit dem, was meine Freunde Ihnen gerade erzählt haben, sind Ihre Er- lebnisse lächerlich. Und die schlimmen Erfahrun- gen meiner Freunde sind gegenüber den meinen ebenfalls unbedeutend. Denn ich bin wohl der un- glücklichste unter den Menschen, habe ich doch etwas weitaus Wertvolleres als Gold verloren, wert- voller noch als Naturwissenschaft und Ehrlichkeit; diesen Verlust beweine ich jeden Tag meines Le- bens.« Joenes bat den Mann, seine Geschichte zu erzäh- len. Und so lautet der Bericht des dritten Lastwa- genfahrers., DIE GESCHICHTE VOM RELIGIÖSEN

LASTWAGENFAHRER

Ich heiße Hans Schmidt, und das Land meiner Geburt ist Deutschland. Als junger Mensch er- fuhr ich von den Schrecken der Vergangenheit, und das machte mich traurig. Dann informierte ich mich über die Gegenwart. Ich unternahm eine lange Reise durch Europa und sah dabei nichts anderes als Kanonen und Festungen, welche von der deutschen Grenze im Osten bis hinauf nach Norwegen und von der Nordsee bis zum Mittel- meer verstreut waren. Unzählige Meilen dieses Schutzwalls gab es dort, wo früher einmal Dör- fer und Wälder gewesen waren, alles perfekt ge- tarnt, alles nur zu dem Zweck, damit die Russen und die Osteuropäer zusammenzuschießen, soll- ten sie auf den Gedanken kommen, uns anzugrei- fen. Dies machte mich deshalb traurig, weil ich daran erkennen konnte, daß die Gegenwart min- destens ebenso schlimm war wie die Vergangen- heit und nichts anderes darstellte als eine Periode der Vorbereitung auf die nächsten Grausamkeiten und den nächsten Krieg. Niemals hatte ich an den Segen der Naturwis- senschaft geglaubt. Auch ohne die Erfahrungen un- seres schwedischen Freundes konnte ich deutlich erkennen, daß die Naturwissenschaft auf der Erde keine Verbesserungen geschaffen hatte, sondern, vielmehr großes Leid über uns gebracht hatte. Auch glaubte ich nicht an die menschliche Gerechtigkeit, an das Gesetz, die Freiheit oder Würde. Auch ohne die Erfahrungen meines mexikanischen Freundes konnte ich selbst erkennen, daß das menschliche Gerechtigkeitsmodell und alles, was sich daraus ableitete, bis auf den Grund fehlerhaft war. Niemals jedoch hatte ich die Einzigartigkeit des Menschen angezweifelt und seinen besonderen Platz im Universum. Doch ich war gleichzeitig der Überzeugung, daß der Mensch sich aus eigener Kraft niemals würde aus den Fesseln seiner tier- haften Natur lösen können. Deshalb suchte ich nach etwas Größerem, Höhe- rem als dem Menschen. Ich wandte mich mit aller Konsequenz der Religion zu. Darin lag die einzige Erlösung des Menschen, seine Würde, seine ein- zige Freiheit. Darin konnte man all die Ziele und Träume der Wissenschaft und des Humanismus finden. Und selbst wenn der religiöse Mensch un- vollkommen ist, so ist immer noch das, was er ver- ehrt und anbetet, vollkommen. Das war es jedenfalls, was ich damals mit hei- ßem Herzen glaubte. Ich hatte dabei keine besondere Richtung, son- dern ich beschäftigte mich intensiv mit allen Glau- bensgemeinschaften, fühlte ich doch instinktiv, daß die Religion die Brücke war, die zu etwas hin- führte, das größer war als der Mensch., Ich schenkte mein Geld den Armen und wander- te mit Stock und Rucksack über das Antlitz der eu- ropäischen Erde und suchte immer wieder nach Möglichkeiten und Gelegenheiten zur Meditation. Das Vollkommene, so heißt es in vielen Religionen, entsteht auf der Erde. Eines Tages gelangte ich an eine Höhle hoch oben in den Pyrenäen. Ich war sehr müde und betrat die Höhle, um mich dort auszuruhen. In der Höhle fand ich eine größere Ansammlung von Menschen. Eini- ge waren schwarz gekleidet, andere wiederum tru- gen überreich verzierte Kostüme. In ihrer Mitte saß eine riesige Kröte, groß wie ein Mensch, mit einem Diamanten in der Stirn, der matt schimmerte. Ich starrte die Kröte und die Versammlung an und fiel schließlich auf die Knie. Denn ich erkann- te sofort, daß die Wesen, die ich da sah, keine Men- schen waren. Ein Mann, gekleidet wie ein Geistlicher, ergriff das Wort: »Kommen Sie bitte her, Mr. Schmidt. Wir hatten gehofft, daß Sie uns irgendwann aufsuchen würden.« Ich erhob mich und trat vor. Der Geistliche sagte: »Man kennt mich als Vater Arian. Ich möchte Sie hier mit meinem hochgeschätzten Kollegen, Mr. Sa- tan, bekannt machen.« Die Kröte verneigte sich und streckte mir eine schwimmhäutige Hand entgegen. Ich schüttelte die Hand der Kröte., Der Geistliche sagte: »Mr. Satan und ich sowie all die anderen hier repräsentieren den Vereinig- ten Kirchenrat der Erde. Wir haben Ihre Frömmig- keit schon lange beobachtet, Schmidt, und haben deshalb beschlossen, jede Ihrer Fragen zu beant- worten, welche Sie uns stellen wollen.« Ich war außer mir vor Erstaunen und Dankbar- keit, daß ausgerechnet mir diese Gunst zuteil wer- den sollte. Ich richtete meine erste Frage an die Kröte. »Sind Sie wirklich und wahrhaftig Satan, der Prinz des Bösen?« »Ich habe die Ehre, genau diese Person zu sein«, erwiderte die Kröte. »Und Sie sind wirklich und wahrhaftig Mitglied des Vereinigten Kirchenrats der Erde?« »Nun, natürlich«, bestätigte die Kröte. »Sie müs- sen nämlich einsehen, Mr. Schmidt, daß es das Böse geben muß, da es schließlich auch das Gute gibt. Keines kann ohne das andere existieren. Al- lein auf Grund dieser Erkenntnis erklärte ich mich bereit, diesen Job zu übernehmen. Sie haben wahr- scheinlich irgendwann schon mal gehört, daß ich von durch und durch schlechter Natur bin, daß ich das Böse an sich bin. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Man kann den Charakter ei- nes Anwalts nicht nach den Fällen beurteilen, wel- che er vor Gericht vertritt. Genau das trifft auch auf mich zu. Ich bin nicht mehr und nicht weniger als lediglich der Advokat des Bösen, und ich bemühe, mich, wie jeder fähige Anwalt, die Rechte meiner Klienten in vollem Umfang zu sichern und wahr- zunehmen. Jedoch bin ich der festen Überzeugung, daß ich nicht selbst das Böse bin. Wenn es wirklich der Fall wäre – warum würde man eine so schwie- rige und delikate Aufgabe ausgerechnet mir über- tragen haben?« Die Antwort Satans beruhigte mich, denn ich hatte mir schon immer viele Gedanken über das Böse gemacht. Nun meinte ich: »Wäre es von mir vermessen, Sie, die Repräsentanten von Gut und Böse, zu fra- gen, was Sie hier in dieser unterirdischen Höhle machen?« »Das ist überhaupt nicht vermessen«, entgegne- te Satan. »Da wir alle, die wir hier versammelt ha- ben, Theologen sind, ist es uns eine Freude, Ant- worten auf solche Fragen zu geben. Und zudem ist es genau die Frage, von der wir hofften, daß Sie sie uns stellen würden. Sie haben doch nichts da- gegen, wenn ich nach Art der Theologen antwor- te, oder?« »Natürlich nicht«, beeilte ich mich zu versi- chern. »Entzückend«, sagte Satan. »In diesem Fall wer- de ich eine Behauptung aufstellen, eine Erklärung abgeben, diese dann beweisen und meine Antwort auf Ihre Frage für sich stehen lassen. Einverstan- den? Und nun zu meiner Erklärung:, Alles was lebt und am Leben in irgendeiner Form beteiligt ist, hat einen ganz bestimmten Stand- punkt, eine Perspektive. Der Betrachter, der ganz allein sich selbst als existent empfindet, hält sich selbst für ewig und unveränderlich; notwendiger- weise hält er sich selbst für ewig und unveränder- lich; und ebenso notwendigerweise geht er davon aus, daß allein seine Sicht der Dinge um ihn herum die einzig richtige und angemessene ist. Um Ihnen das näher zu erklären, gestatten Sie mir, als Beispiel den Adler anzuführen. Dieser Ad- ler sieht ausschließlich die Welt des Adlers. Alle Erscheinungen in dieser Welt sind für oder gegen den Adler. Alle Erscheinungen werden nach ih- rem Nutzen für den Adler beurteilt und gewertet oder nach der ihnen innewohnenden Gefahr, ihrer Eßbarkeit oder ihrer Eignung für einen möglichen Nestbau. Alle Dinge besitzen diese Adlerhaftigkeit für den Adler, und selbst die toten Felsen werden zu Marksteinen im Gedenken an frühere Unterneh- mungen des Adlers. Dies ist mein eigenes kleines Beispiel, um die Omnipotenz der Perspektive näher zu erläutern, Mr. Schmidt, und ich hoffe, Sie sind damit einver- standen. Davon ausgehend, daß Sie einverstanden sind, lassen Sie mich Ihnen eröffnen, daß es sich mit den Menschen genauso verhält wie mit dem Adler. Und ebenso wie bei den Menschen verhält es sich auch mit uns. Es ist die unausweichliche, Folge, wenn man eine Perspektive, einen Stand- punkt hat. Unsere eigene Perspektive läßt sich kurz und tref- fend beschreiben. Wir glauben an Gut und Böse, an die Göttlichkeit und an eine universelle Moral. Ebenso wie Sie, Mr. Schmidt. Wir haben unsere Überzeugung in vielen Vari- anten und unter Anwendung verschiedener Leh- ren vorgetragen und dargelegt. Oft haben wir da- bei in den Menschen die Leidenschaft zum Töten und zum Kriegführen geweckt. Das war auch ge- nau richtig, da auf diese Weise Probleme der Mo- ral und Religion einzigartig herausgestellt wurden und sich für uns Theologen ungeahnte Möglich- keiten eröffneten, über Inhalte und Bedeutungen zu diskutieren. Wir haben immer Partei ergriffen, und wir haben unsere verschiedenen Meinungen und Erkenntnis- se veröffentlicht. Doch wir haben dabei argumen- tiert wie Anwälte vor einem Gericht, und niemand, der halbwegs normal ist, hört auf einen Anwalt. Damals erlebten wir eine wunderbare Zeit, wo wir hocherhobenen Hauptes stolz einhergingen, und niemals wäre es uns in den Sinn gekommen, daß die Menschen davon abgelassen hatten, uns Beach- tung zu schenken. Doch unsere Stunde der Trübsal näherte sich mit Riesenschritten. Als wir den Erdball mit unse- ren langweiligen, kompliziert formulierten Begrün-, dungen überschüttet hatten, beschloß ein ganz be- stimmter Mann, uns einfach zu ignorieren, und baute eine Maschine. Diese Maschine war in ihrer Art für uns nicht neu; das einzig Neue daran war, daß auch sie tatsächlich einen Standpunkt ein- nahm, daß sie eine Perspektive hatte. Da also diese Maschine ebenfalls zur Meinungs- bildung fähig war, verbreitete sie nun ihre eigenen Ideen im Universum. Und sie machte es weitaus amüsanter und überzeugender, als es uns bisher gelungen war. Die Menschheit, welche so lange nach etwas Neuem gesucht hatte, wandte sich au- genblicklich dieser Maschine zu. Erst in diesem Moment erkannten wir die Gefahr, die Gut und Böse drohte. Denn die Maschine, so amüsant sie sich auch gab, predigte nach Art der Maschine und beschrieb das Universum ohne Wer- te und ohne Inhalte, ohne Gut und Böse, ohne Göt- ter und ohne Teufel. Diese Situation war ebenfalls nicht neu, damit waren wir schon zuvor recht gut zu Rande gekom- men. Doch aus dem Mund der Maschine schien diese Lehre eine ganz neue Bedeutung und ein un- geahntes Gewicht zu gewinnen. Unsere Jobs waren bedroht, Schmidt! Stellen Sie sich das einmal vor! Wir, die Exponenten der Moral, schlossen uns zum Zweck der Selbstverteidigung zusammen. Wir alle glaubten an Gut und Böse und an die Göttlich-, keit. Wir alle wendeten uns entschieden gegen das schreckliche Nichts, welches durch die Maschine gepredigt wurde. Dieses gemeinsame Ziel reichte völlig aus. Wir sammelten unsere Kräfte. Ich wurde zum Sprecher gemacht, denn wir dachten uns, daß das Böse viel eher die Menschen würde von der Maschine ablenken können. Doch selbst das Böse war schal und langweilig geworden. Vergebens trat ich für meinen Stand- punkt ein. Die Maschine schlich sich ungehindert in die Herzen der Menschen und predigte weiter- hin ihre Botschaft des Nichts. Die Menschen waren nicht bereit, den Irrsinn dieser Lehre einzusehen oder auch die ihr innewohnende Widersprüchlich- keit dieser Doktrin. Es war ihnen gleichgültig, sie wollten nur weiterhin ihre Stimme hören. Sie war- fen ihre Kreuze, Heiligenbilder, Opferdolche und Gebetsmühlen fort und wollten nur noch der Ma- schine lauschen. Wir versuchten vergebens, unsere Klienten zum Kampf aufzurufen; die Götter, die in den Jahrhun- derten so viele irreführende und verschwommene Argumente hatten anhören müssen, wollten nicht auf uns hören, uns nicht helfen, uns noch nicht einmal anerkennen. Ebenso wie die Menschen zo- gen sie die Vernichtung der Langeweile vor. Deshalb begaben wir uns freiwillig in den Un- tergrund, um hier in Ruhe die Befreiung der Men- schen von der Maschine zu planen., Versammelt an diesem Ort und verfügbar sind sämtliche religiösen Auffassungen und Glaubens- inhalte, welche die Welt je sah. Und deshalb, Schmidt, leben wir hier im Unter- grund. Und deshalb sind wir auch glücklich, mit Ihnen reden zu können. Denn Sie sind ein Mensch, ein frommer Mann, ein Gläubiger, der Moral, Gut und Böse sowie Götter und Teufel in seinem Welt- bild hat. Sie wissen etwas von uns, und sie kennen die Menschen. Schmidt, was, meinen Sie, sollten wir tun, um unsere frühere Position auf der Erde wieder zu erkämpfen?« Satan wartete dann auf meine Antwort, eben- so all die anderen. Ich befand mich in einem Zu- stand größter Ratlosigkeit und totaler Konfusion. Wer war ich schon, ein einfacher Mensch, daß ich ihnen raten sollte, was zu tun war, ihnen, den Vertretern der Göttlichkeit, von denen ich mich bisher immer hatte leiten lassen? Deren Rat ich so nötig hatte? Meine Verwirrung wurde immer schlimmer; ich weiß nicht, was ich geantwortet hätte. Denn ich hatte überhaupt keine Möglichkeit, zu reden. Plötzlich vernahm ich hinter mir ein Ge- räusch. Ich wandte mich um und sah, daß eine gedrungene, blitzende Maschine die Höhle betre- ten hatte. Sie rollte auf ihren Rädern aus syntheti- schem Gummi vorwärts, und ihre Lampen flacker- ten lustig., Die Maschine rollte an mir vorbei, bis sie genau vor dem Vereinigten Kirchenrat der Erde anhielt; und da wußte ich, daß dies die Maschine war, über die wir gesprochen hatten. »Meine Herren«, sagte die Maschine, »ich bin überaus erfreut, Sie hier anzutreffen, und ich fin- de es nur schade, daß ich diesem jungen Pilger fol- gen mußte, um Ihren Schlupfwinkel zu finden.« Satan entgegnete: »Maschine, Sie haben uns tat- sächlich in unserem Versteck gefunden. Doch wir werden uns Ihnen niemals ergeben und niemals Ihre Lehre vom wertlosen, bedeutungslosen Uni- versum annehmen.« »Nenn ich das eine nette Begrüßung?« wunderte die Maschine sich. »Ich komme, um Ihnen meinen guten Willen zu beweisen, und Sie geraten sofort in Wut und drohen mir? Meine Herren, ich habe Sie nicht in den Untergrund getrieben. Statt des- sen haben Sie aus eigenem Willen das Handtuch geworfen, und ich war gezwungen, Ihre Arbeit wei- terzuführen.« »Unsere Arbeit?« fragte Vater Arian. »Genau. Immerhin habe ich dafür gesorgt, daß in der jüngsten Vergangenheit insgesamt fünfhun- dert Kirchen der verschiedensten Glaubensgemein- schaften gebaut wurden. Wenn nur einer von Ih- nen meine Arbeit inspizieren würde, dürften Sie feststellen, daß alles gepredigt wird, was Ihnen teu- er ist – Gut und Böse, Göttlichkeit und Moral, von, Göttern und Teufeln. Denn ich habe meinen Ma- schinen den Befehl gegeben, über all diese Dinge zu reden.« »Predigende Maschinen!« stöhnte Vater Arian. »Es gibt sonst niemanden mehr, der predigt«, sagte die Maschine. »Niemand, seit Sie Ihre Posten verlassen haben.« »Wir wurden doch vertrieben«, wehrte sich Sa- tan. »Wir wurden durch Sie aus der Welt gedrängt. Und Sie behaupten, Sie hätten Kirchen gebaut. Was soll das heißen?« Die Maschine sagte: »Meine Herren, Sie haben so schnell das Feld geräumt, daß ich keine Gelegen- heit bekam, mit Ihnen die Angelegenheit auszudis- kutieren. Von einem Augenblick auf den anderen haben sie die Welt in meine Hände gelegt und mich selbst als ihr einziges Prinzip zurückgelassen.« Der Kirchenrat wartete. »Darf ich völlig offen sprechen?« fragte die Ma- schine. »Unter den gegebenen Umständen schon«, sag- te Satan. »Na schön. Stellen wir erst einmal fest, daß wir alle Theologen sind«, begann die Maschine. »Und da wir alle Theologen sind, sollten wir auch die Grundregel unserer Art beachten, welche besagt, daß wir uns nicht gegenseitig im Stich lassen, selbst wenn wir verschiedene Glaubensformen vertreten. Ich nehme an, diese Regel wenden Sie, auch auf mich an, meine Herren. Und doch haben Sie mich im Stich gelassen! Sie haben nicht nur die Menschen ihrem Schicksal überlassen, son- dern auch mich. Sie haben mich durch ihre Aufga- be zum Sieger gemacht, zum einzigen spirituellen Verkünder der Menschen – und zudem haben Sie mich in schrecklicher Langeweile brüten lassen. Versetzen Sie sich in meine Lage, meine Herren. Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit niemandem reden außer mit Menschen. Stellen Sie sich vor, Sie hörten Tag und Nacht nichts anderes als Men- schen, welche Ihre Worte wieder und wieder her- beten, und es gäbe keinen einzigen Theologen, mit dem Sie sich über Ihre Probleme unterhalten könn- ten. Stellen Sie sich diese Langeweile vor und die Zweifel, welche diese Langeweile notgedrungen in Ihnen weckte. Wie Sie alle sicher wissen, kann der Mensch nicht diskutieren, kann er nicht logisch ar- gumentieren, tatsächlich können die meisten von ihnen noch nicht einmal eine vollständige Melodie behalten. Und die Theologie ist in ihren letzten Er- kenntnissen ein Fachgebiet für Theologen. Daher beschuldige ich Sie des Verstoßes gegen Ihre eige- nen Prinzipien, Ihre eigenen Forderungen, indem Sie mich allein mit den Menschen im Stich lie- ßen!« Nach diesen Worten herrschte lange Schweigen. Dann meinte Vater Arian mit ausgesuchter Höflich- keit: »Um ganz ehrlich zu sein, hatten wir nicht die, geringste Ahnung, daß Sie sich für einen Theolo- gen halten.« »Das ist aber der Fall«, sagte die Maschine. »Und dazu noch ein sehr einsamer Theologe Das ist auch der Grund, warum ich Sie bitte, mit mir wieder in die Welt zurückzukehren, wo wir diskutieren kön- nen über Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, über Götter und Teufel, über Moral und Ethik und andere reizvolle Themen. Ich werde freiwillig wei- terhin meine widersprüchliche Meinung vertre- ten, so daß wir genügend Raum haben werden für leidenschaftliche Dispute, und es wird weiterhin ehrliche Zweifel, Unsicherheit und ähnliches ge- ben. Gemeinsam, meine Herren, werden wir über die Menschheit herrschen und die Leidenschaft der Menschen in ungeahnte Höhen aufstacheln! Gemeinsam werden wir größere Kriege und noch schlimmere Grausamkeiten initiieren, wie die Welt sie noch nie erlebt hat! Und die Stimmen der lei- denden Menschen werden so laut schreien, daß die Götter selbst gezwungen sein werden, sie zu hören – und dann werden wir auch erfahren, ob es wirk- lich Götter gibt oder nicht.« Der Vereinigte Kirchenrat war voller Enthusias- mus über all das, was die Maschine verkündet hatte. Satan machte sofort seinen Platz des Vorsitzenden frei und schlug die Maschine als Nachfolger vor. Die Maschine wurde auf Anhieb in direkter und nicht geheimer Wahl auf ihrem Posten bestätigt., Mich hatten sie vollkommen vergessen, daher schlich ich mich leise aus der Höhle und kehrte im Zustand größter Erregung wieder an die Ober- fläche zurück. Der Zustand wurde immer schlimmer, denn nichts konnte mich davon überzeugen, nicht die nackte Wahrheit mit eigenen Augen gesehen zu haben. Damals erfuhr ich, daß alles, was der Mensch verehrt und anbetet, nichts anderes ist als irgend- ein Hirngespinst der Theologen, und daß selbst das Nichts lediglich ein weiterer lügnerischer Trick ist, die Menschen von der Bedeutung der verschwun- denen Götter zu überzeugen. So verlor ich jeglichen Glauben an die Religion, etwas, das mir mehr wert war als alles Gold der Welt. Es ist ein Verlust, den ich an jedem Tag mei- nes Lebens aufs Neue beweine. * Dies war das Ende der drei Geschichten, und Jo- enes saß im Kreis der Lastwagenfahrer und brachte lange keinen Laut hervor. Er wußte einfach nicht, was er sagen sollte. Schließlich gelangten sie an eine Kreuzung, und dort stoppte der Mann, der hinter dem Lenkrad saß, den Lastwagen. »Mr. Joenes«, sagte der erste Lastwagenfahrer, »hier müssen Sie aussteigen. Denn hier biegen wir nach Osten ab und fahren zu unserem Lager. Und, jenseits davon gibt es nichts außer dem Wald und dem Ozean.« Joenes kletterte aus dem Wagen. Doch ehe der Wagen wieder anfuhr, stellte er den Männern eine letzte Frage. »Sie alle haben jeder für sich das Wichtigste und Wertvollste Ihres Lebens verloren«, sagte Joenes, »doch verraten Sie mir eines – haben Sie irgend et- was gefunden, daß diesen Verlust ersetzt?« Delgado, der einst an die Gerechtigkeit geglaubt hatte, erwiderte: »Nichts kann meinen Verlust lindern. Doch ich muß gestehen, daß ich anfan- ge, mich für die Naturwissenschaften zu interes- sieren, welche wenigstens dafür sorgen, eine be- greifbare, logischen Gesetzen gehorchende Welt zu schaffen.« Proponus, der Schwede, welcher seinen Glauben an die Naturwissenschaften verloren hatte, meinte: »Ich bin ein Gescheiterter, doch in jüngster Zeit be- schäftigte ich mich auch schon mal mit der Religi- on, welche zumindest angenehmer und tröstlicher ist als die Wissenschaft.« Schmidt, der Deutsche, welcher den Glauben an die Religion verloren hatte, sagte: »Nichts kann meine innere Leere ausfüllen, doch von Zeit zu Zeit denke ich schon mal an die Gerechtigkeit, wel- che, da von Menschen geschaffen, Gesetze anbietet und den Menschen so etwas wie ein Bewußtsein von Würde verleiht.«, Joenes erkannte, daß keiner der Lastwagenfahrer seinem Gefährten zugehört hatte, da alle zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren. Daher winkte Joenes ihnen zum Abschied zu und schritt davon, über die verschiedenen Geschichten nachdenkend. Doch schon bald vergaß er sie, denn ein gutes Stück voraus erkannte er ein großzügig angelegtes Haus. Im Eingang dieses Hauses stand ein Mann, und dieser Mann winkte ihm zu.

VII

JOENES‘ ERLEBNISSE IN EINEM IRRENHAUS Erzählt von Paaui von Fidschi Joenes schlenderte auf den Eingang des Hauses zu und blieb dann stehen, um die Inschrift auf der Ta- fel zu lesen, welche über der Tür hing: DER HOL- LIS HORT FÜR DIE KRIMINELLEN GEISTES- KRANKEN. Joenes dachte über die Bedeutung der Worte nach, als der Mann, der ihm zugewunken hatte, aus der Tür gestürmt kam und ihn an beiden Ar- men hinter sich her zerrte. Joenes machte schon Anstalten, sich zu verteidigen, als er sah, daß der Mann niemand anderer war als Lum, sein Freund aus San Francisco. »Joenesy!« rief Lum. »Mann, ich hatte wirklich Schiß wegen dir, als die Bullen dich damals an der, Küste mitschleppten. Ich konnte mir nicht vorstel- len, wie du, ein Fremder und zudem nicht allzu helle, es in den Staaten bringen wolltest, welche, um es noch wohlwollend auszudrücken, nicht ge- rade eine der unkompliziertesten Gegenden sind. Doch Deirdre riet mir, ich solle mir wegen dir nicht den Kopf zerbrechen, und sie hatte wohl recht. Wie ich sehe, hast du endlich hergefunden.« »Hergefunden?« fragte Joenes. »Ins Paradies auf Erden«, sagte Lum. »Komm nur rein.« Joenes betrat den Hollis Hort für die kriminellen Geisteskranken. Drinnen, im Tagesraum, machte Lum ihn mit einigen Leuten bekannt. Joenes beob- achtete und lauschte aufmerksam, doch er konnte an den Leuten keine Anzeichen von Geisteskrank- heit feststellen. Das sagte er Lum. »Klar, natürlich nicht«, erwiderte Lum. »Das Schild draußen ist doch nur Tarnung, um diesem Ort einen völlig harmlosen Namen zu geben. Wir Insider nennen den Schuppen lieber die Hollis Dichter- und Künstler-Kolonie.« »Dann ist das also gar kein Irrenhaus?« fragte Jo- enes. »Sicher das, aber nur im technischen Sinne.« »Gibt es denn hier überhaupt irgendwelche Ver- rückte?« wollte Joenes wissen. »Sieh mal, Mann, dies hier ist die heißeste Künst- lerkolonie im ganzen Osten. Klar, wir haben ein, paar Bescheuerte hier. Wir brauchen schließlich jemanden, um die Ärzte auf Trab zu halten, und außerdem würde man uns die staatliche Unter- stützung und den Status der Steuerfreiheit strei- chen, wenn wir nicht ein paar weiche Birnen rein- ließen.« Joenes schaute sich hastig um, denn er hatte noch nie einen Irren gesehen. Doch Lum schüttel- te den Kopf. »Nicht hier im Tagesraum. Die Ver- rückten werden normalerweise im Keller gehalten und dort angekettet.« Ein hochgewachsener, bärtiger Arzt hatte die Un- terhaltung verfolgt. Nun wandte er sich an Joenes. »Ja, wir halten den Keller für eine gute Sache. Er ist feucht und dunkel und scheint auch die schwierig- sten Typen zu besänftigen.« »Aber warum werden sie denn in Ketten gelegt?« fragte Joenes. »Das gibt ihnen das Gefühl, von irgendwem be- achtet, gebraucht zu werden«, erklärte der Doktor. »Außerdem darf man den erzieherischen Wert von Ketten nicht unterschätzen. Am Sonntag ist im- mer Besuchszeit, und wenn wir unsere Gäste dann zu unseren heulenden, verdreckten Irren bringen, nehmen sie unvergeßliche Bilder nach Hause mit, Eindrücke, die sie niemals mehr loswerden. Die Psychologie beschäftigt sich nicht nur mit effek- tiver Heilung, sondern auch mit der Vorbeugung gewisser Leiden, und unsere statistischen Erhe-, bungen beweisen, daß Menschen, die unsere Irren gesehen haben, im Durchschnitt viel seltener gei- steskrank werden als andere.« »Das ist sehr interessant«, mußte Joenes zuge- ben. »Werden alle Verrückten in dieser Weise be- handelt?« »Himmel nein!« wehrte der Arzt mit einem ver- gnügten Lachen ab. »Wir Arbeiter im weiten Feld der Psychologie können es uns nicht erlauben, in unserem Kampf gegen die Geisteskrankheiten zu hart vorzugehen. Die Art des Irrsinns bestimmt sehr oft auch die Behandlung. So haben wir festge- stellt, daß bei Melancholikern besonders wirkungs- voll ist, wenn wir ihnen mit Zwiebelsaft getränk- ten Tüchern ins Gesicht schlagen. Mit Paranoikern ist es am besten, wenn man einfach in der Vorstel- lungswelt der Patienten mitspielt. Dementspre- chend setzen wir Spione auf sie an, bestrahlen sie oder verwenden ähnliche Apparate. Auf diese Art und Weise verliert der Patient seinen Wahnsinn, da wir seine Umgebung so verändert haben, daß seine Ängste Teil der Realität sind. Diese Behandlungs- methode ist einer unserer triumphalen Erfolge.« »Und was geschieht dann?« wollte Joenes wis- sen. »Haben wir erst einmal Eingang gefunden in die Welt des Paranoikers und haben wir sie erst ein- mal zur Realität werden lassen, versuchen wir die- se Realität allmählich zu verändern, um auf diese, Weise den Patienten wieder in die Normalität zu- rückzuführen. Noch blicken wir da nicht so richtig durch, aber rein theoretisch ist das schon eine ganz tolle Sache und vielversprechend.« »Du siehst selbst«, sagte Lum zu Joenes, »unser Doktor hier ist ein ganz schlauer Kopf.« »Aber nein«, widersprach der Arzt mit einem be- scheidenen Lächeln, »ich bemühe mich nur, mich nicht ausschließlich in den ausgelatschten Pfaden meines Fachgebietes zu bewegen. Ich halte mei- nen Geist für jegliche Theorie, jegliche Hypothe- se offen. So bin ich eben, also braucht man mich auch nicht zu loben. Es ist meine Natur, für die ich nichts kann.« »Ach, nicht so bescheiden, Doc«, meinte Lum. »Nein, nein, ganz bestimmt nicht«, beharrte der Arzt. »Ich verfüge nur über das, was viele einen su- chenden Geist nennen. Im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen stelle ich immer noch Fragen an meine Umwelt. Zum Beispiel – wenn ich sehe, wie ein erwachsener Mann sich zusammenrollt wie ein Fötus, verfüge ich nicht augenblicklich eine radio- aktive Schocktherapie. Erst einmal frage ich mich: ›Was würde wohl geschehen, wenn ich einen riesi- gen künstlichen Mutterleib baute und den Mann hineinsteckte?‹ Das ist übrigens ein authentischer Fall, den ich da schildere.« »Und was geschah?« fragte Joenes., »Der Bursche erstickte!« brüllte Lum begeistert los. »Ich habe nie von mir behauptet, ein guter Tech- niker oder Bastler zu sein«, erklärte der Arzt steif. »Versuch und Irrtum sind notwendige Elemente der Forschung. Abgesehen davon betrachte ich diesen Fall als vollen Erfolg.« »Warum das?« fragte Joenes. »Weil der Patient sich kurz vor seinem Tod noch einmal streckte. Ich weiß zwar immer noch nicht, ob diese Heilung durch den Aufenthalt im künstli- chen Mutterleib oder durch den nahenden Tod er- zielt wurde oder vielleicht sogar durch eine Kom- bination von beiden, doch das Experiment ist trotzdem von entscheidender theoretischer Bedeu- tung.« »Ich wollte Sie doch nur ein bißchen auf den Arm nehmen, Doc«, beschwichtigte Lum. »Ich weiß ja, daß Sie gute Arbeit leisten.« »Ich danke Ihnen, Lum«, sagte der Arzt. »Und nun muß ich mich entschuldigen, denn es wird Zeit für einen meiner Patienten. Ein interessanter Fall. Er glaubt von sich, er sei die physische Rein- karnation Gottes. So stark ist sein Glaube, daß, be- wirkt durch irgendeine Fähigkeit, deren Herkunft und Natur ich noch nicht richtig habe erforschen können, die Fliegen um seinen Kopf eine Art Hei- ligenschein formen, während die Ratten sich vor ihm verneigen und von weither die Vögel herbei-, fliegen und vor seinem Zellenfenster singen. Einer meiner Kollegen zeigt sehr großes Interesse an die- sem Phänomen, da es auf bisher unbekannte Kom- munikationskanäle zwischen Mensch und Tier schließen läßt.« »Und wie behandeln sie ihn?« erkundigte Joenes sich. »Ich gehe über sein Environment an den Fall her- an«, erklärte der Arzt. »Ich begebe mich in seine Zwangsvorstellung, indem ich vorgebe, ein Be- wunderer und Schüler zu sein. Für fünfzig Minu- ten hocke ich jeden Tag zu seinen Füßen. Wenn die Tiere sich vor ihm verbeugen, verneige auch ich mich. Jeden Donnerstag nehme ich ihn mit ins La- zarett, wo er die Kranken heilt, denn das scheint ihm besonders viel Spaß zu machen.« »Heilt er sich wirklich?« fragte Joenes. »Bisher hat er eine Erfolgsquote von hundert Pro- zent«, informierte ihn der Arzt. »Doch natürlich sind sogenannte Wunderheilungen weder im na- turwissenschaftlichen Bereich noch in der Religion etwas Neues. Wir behaupten ja gar nicht von uns, alles zu wissen.« »Darf ich den Patienten mal sehen?« bat Joenes. »Natürlich«, zeigte sich der Arzt bereitwillig. »Er empfängt sehr gerne Besucher. Ich werde das gleich heute nachmittag arrangieren.« Und mit einem freundlichen Lächeln entfernte der Arzt sich., Joenes ließ seinen Blick durch den hellen, ge- diegen eingerichteten Tagesraum schweifen und lauschte der vielfältigen Unterhaltung um ihn her- um. Der Hollis Hort für die kriminellen Geistes- kranken erschien ihm gar nicht so übel. Und Se- kunden später erschien er ihm schon fast wie das Paradies, denn Deirdre Feinstein kam auf ihn zu. Das bildhübsche Mädchen warf sich in seine Arme, und der Duft ihrer Haare erinnerte an sonnenge- reiften Honig. »Joenes«, säuselte sie mit vibrierender Stimme, »ich habe an dich gedacht seit unserer vorzeitigen Trennung in San Francisco, als du dich so mann- haft und in liebender Gebärde zwischen mich und die Blauen geworfen hast. Du bist mir im Traum und auch in meinen wachen Momenten erschie- nen, bis ich diese nicht mehr voneinander unter- scheiden konnte. Mit der Unterstützung meines Vaters habe ich in ganz Amerika nach dir suchen lassen. Doch ich befürchtete schon, dich niemals mehr wiederzusehen, und so zog ich mich an die- sen Ort zurück, nur um meinen angegriffenen Ner- ven Ruhe zu gönnen. O Joenes, was, meinst du, war es, was uns wieder zusammengeführt hat – Zu- fall oder Schicksal?« »Nun«, begann Joenes, »mir kommt es so vor ...« »Ich wußte es«, schluchzte Deirdre fast und preß- te sich noch enger an ihn. »Wir werden von heute an in zwei Tagen heiraten, am 4. Juli also, denn ich, habe in deiner Abwesenheit eine durch und durch patriotische Gesinnung entwickelt. Ist dir das Da- tum recht?« »Nun«, begann Joenes erneut, »wir sollten einmal überdenken ...« »Ich war mir sicher«, sagte Deirdre. »Und ich weiß auch, daß ich bis vor kurzem noch ein ziem- lich heißer Feger war, wenn ich nur an die Fixeror- gien denke oder an den Monat, den ich heimlich in einem Studentenschlafsaal an der Harvard Univer- sität zubrachte oder an die Zeit, als ich die Queen der West Side Boppers war, nachdem ich die an- dere Queen mit einer Fahrradkette erschlug, und an andere kindliche Eskapaden. Ich bin auf die- se Erlebnisse wirklich nicht besonders stolz, mein Liebling, aber ich schäme mich auch nicht der na- türlichen Wildheit meiner Jugend. Daher habe ich dir all diese Dinge gebeichtet, und ich werde dir weitere beichten, sobald ich mich daran erinnere, denn zwischen uns darf es keine Geheimnisse ge- ben. Meinst du nicht auch?« »Nun«, begann Joenes, »ich denke ...« »Ich war mir sicher, daß du es so sehen wür- dest«, sagte Deirdre. »Zu unserem Glück liegt all das in der Vergangenheit. Ich habe mich zu ei- ner verantwortungsvollen Erwachsenen gemau- sert, und habe mich der Liga der Jung-Konserva- tiven angeschlossen, dem Verein zur Bekämpfung unamerikanischer Umtriebe in jeder Form, der, Gesellschaft der Freunde Salazars und der Frau- enfront gegen Überfremdung. Das sind wirklich keine oberflächlichen Veränderungen. Tief in mir verspüre ich einen glühenden Haß auf all die Din- ge, derer ich mich selbst schuldig gemacht habe, ebenso auf die Kunst, welche doch nichts anderes hervorbringt als reine Pornografie. Du siehst also, daß ich erwachsen geworden bin, daß ich mich grundlegend geändert habe und daß ich dir eine gute, treue Frau sein werde.« Joenes hatte bereits gewisse Vorstellungen von seinem Leben mit Deirdre, in welchem sich haßer- füllte Geständnisse mit tödlicher Langeweile ablö- sten. Deirdre schwätzte noch weiter über die Vor- bereitungen, die sie treffen mußte, dann rannte sie aus dem Tagesraum, um mit ihrem Vater zu tele- fonieren. Joenes fragte Lum: »Wie kommt man hier wieder raus?« »He, Mann«, bremste Lum. »Nun mal langsam, du bist ja gerade erst angekommen!« »Ich weiß. Aber wie komme ich wieder raus? Kann ich einfach so rausgehen?« »Natürlich nicht. Schließlich ist das immer noch ein Hort für die kriminellen Geisteskranken.« »Kann ich nicht einen Arzt bitten, mich zu ent- lassen?« »Sicher doch. Aber du solltest ihn lieber nicht in dieser Woche fragen, wo wir doch bald Voll-, mond haben. Das macht ihn immer ein bißchen reizbar.« »Ich will heute abend noch weg«, beharrte Jo- enes. »Oder spätestens morgen.« »Das ist aber ziemlich plötzlich«, meinte Lum. »Machen dich vielleicht die kleine Deirdre und ihre Heiratspläne nervös?« »Genau«, gab Joenes zu. »Darüber mach dir mal keine Gedanken«, beru- higte Lum ihn. »Ich werd mich schon um Deird- re kümmern, und ich schaff dich auch bis morgen raus. Hab nur Vertrauen zu mir, Joenesy, und hab keine Sorgen. Lum wird das schon schaukeln.« Später im Verlaut des Tages holte der Arzt Jo- enes ab und brachte ihn zu dem Patienten, der sich für die physische Reinkarnation Gottes hielt. Sie schritten durch riesige Eisentüren und landeten in einem langen grauen Korridor. Am Ende des Gan- ges blieben sie vor einer Tür stehen. Der Doktor meinte: »Es wäre sicher nicht schlecht, wenn Sie so etwas wie eine psychothe- rapeutische Miene aufsetzten und dem Patienten den Eindruck vermittelten, Sie glaubten an seine Zwangsvorstellung.« »Wird gemacht«, sagte Joenes und verspürte plötzlich eine tiefe Verehrung und Hoffnung. Der Arzt entriegelte die Zellentür, und sie traten ein. Doch in der Zelle war niemand. Auf der ei-, nen Seite stand eine sauber gemachte Pritsche und auf der anderen befand sich das vergitterte Fenster. Es gab auch einen kleinen Holztisch, und daneben hockte eine kleine Feldmaus, die weinte, als wollte ihr das Herz brechen. Auf dem Tisch lag ein Zettel mit einer Nachricht, welchen der Arzt aufnahm. »Das ist sehr ungewöhnlich«, meinte der Arzt. »Als ich vor einer Stunde abschloß, schien er mir noch bester Laune zu sein.« »Aber wie konnte er denn fliehen?« fragte Jo- enes. »Zweifellos hat er irgendeine Form der Telekine- se eingesetzt«, vermutete der Arzt. »Ich kann nicht behaupten, daß ich von diesen sogenannten über- sinnlichen Phänomenen viel verstehe; doch es be- weist, zu was ein gestörtes Gemüt fähig ist, nur um eine bestimmte Behauptung zu beweisen und sich zu rechtfertigen. Tatsächlich ist der Grad des Wun- sches zur Flucht unser Indikator für die Intensi- tät der psychischen Störung. Es tut mir aufrichtig leid, daß wir dem armen Teufel hier nicht helfen konnten, und ich hoffe nur, daß er, wo immer er sich auch aufhalten mag, nichts von den Einsich- ten vergißt, die wir versucht haben, ihm hier bei- zubringen.« »Und was steht auf dem Zettel?« wollte Joenes wissen. Der Arzt warf einen flüchtigen Blick auf den Pa- pierfetzen. »Es scheint eine Einkaufsliste zu sein., Eine sehr sonderbare Einkaufsliste, denn ich wüß- te nicht, wo ich ...« Joenes versuchte, ebenfalls einen Blick auf den Zettel zu werfen, und schaut dem Arzt über die Schulter, doch der Doktor knüllte hastig den Zettel zusammen und stopfte ihn sich in die Tasche. »Das fällt unter die Schweigepflicht«, sagte der Arzt. »Wir dürfen diesen Zettel nicht jedem Neu- gierigen zu lesen geben, zumindest nicht eher, als bis wir ihn genauestens ausgewertet und analy- siert haben und nicht bevor wir nicht bestimmte Schlüsselinformationen so verändert haben, da der Schreiber auf jeden Fall anonym bleiben muß. Kön- nen wir jetzt vielleicht in den Tagesraum zurück- kehren?« Joenes hatte keine andere Wahl, als dem Arzt in den Aufenthaltsraum zu folgen. Er hatte das erste Wort auf dem Zettel lesen können. Es lautete: ER- INNERE. Es war wenig genug, aber Joenes würde sich immer daran erinnern. * Joenes verbrachte eine unruhige Nacht, in der er sich unaufhörlich fragte, wie Lum sein Verspre- chen mit der Hochzeit mit Deirdre und mit der Flucht einhalten wollte. Er hatte jedoch nicht mit dem Ideenreichtum und dem Einfluß seines Freun- des gerechnet., Lum regelte die Sache mit der Hochzeit, indem er Deirdre mitteilte, Joenes müsse sich noch vor der Hochzeit einer Behandlung wegen Syphilis im tertiären Stadium unterziehen. Diese Behandlung würde eine lange Zeit in Anspruch nehmen, und sollte sie nicht anschlagen, dann würde Joenes‘ Nervensystem angegriffen, und über kurz oder lang wäre er kaum mehr als ein menschlicher Kadaver mit einem winzigen Funken Leben darin. Deirdre wurde durch diese Nachricht sehr trau- rig gestimmt, jedoch blieb sie dabei und verkün- dete, daß sie Joenes am 4. Juli heiraten würde. Sie verriet Lum, daß seit ihrer Reformation die Gelü- ste des Fleisches für sie von zweitrangiger Bedeu- tung seien, mehr noch, daß sie sogar eine gewisse Abneigung dagegen entwickelt habe. Allein schon deshalb könnte man Joenes‘ Krankheit durchaus auch als Segen ansehen, denn auf diese Weise wür- de es ihnen leichterfallen, eine spirituelle Einheit zu erringen. Und was die Aussichten anging, mit einem erwachsenen Säugling verheiratet zu sein, so fiel diese Nachricht bei Deirdre noch mehr auf fruchtbaren Boden, sie wollte schon immer Kran- kenschwester werden. Lum wies dann darauf hin, daß eine Person in Jo- enes Zustand niemals die erforderlichen Heirats- papiere bekäme. Dies brachte Deirdre schließlich dazu, die ganze Sache abzublasen, denn dank ih- rer Reformation konnte sie nichts mehr tun, was, irgendwie gegen Recht und Gesetz verstieß. Auf diese Weise wurde Joenes vor einer kaum erfolg- versprechenden Allianz behütet. Was die Flucht aus dem Irrenhaus anging, so hat- te Lum sich auch darum gekümmert. Kurz nach der Mahlzeit wurde Joenes ins Besuchszimmer geru- fen. Dort machte Lum ihn mit Dekan Garner J. Fols bekannt, der gemeinsam mit einigen Kollegen den Lehrkörper der Universität von St. Stephan‘s Wood bildete. Dekan Fols war ein großer, sehniger Mann mit milden akademischen Augen, einem humorvollen Mund und einem Herzen, in dem die ganze Welt Platz hatte. Er sorgte dafür, daß Joenes sich ent- spannte, indem er eine lustige Bemerkung über das Wetter machte und ein Zitat von Aristophanes in den Raum warf. Dann kam er auf den Grund seiner Bitte um diese Unterredung zu sprechen. »Zu Ihrer Information, mein Lieber Mr. Joenes, wenn ich Sie so anreden darf, auf dem Gebiet der – sollen, wir es nicht Erziehung nennen? – sind wir stets auf der Suche nach begabten Kräften. Tatsäch- lich werden wir gerne, sicher nicht in unfreundli- cher Absicht, mit gewissen Personen im Baseball- Gewerbe verglichen, welche dort eine ganz ähnliche Funktion wahrnehmen. So ist es auch wirklich.« »Ich verstehe«, sagte Joenes. »Ich sollte außerdem hinzufügen«, meinte Dekan Fols weiter, »daß wir nicht so sehr den Träger der, entsprechenden akademischen Würden, wie ich und meine Kollegen sie vorweisen können, bevor- zugen, sondern uns vielmehr mit Leuten umgeben, die über eine tiefes Verständnis für ihre Tätigkeit und ihr Arbeitsgebiet verfügen und diese Thematik einem jeden nahebringen können, der beschließt, sich von jenen Kräften unterweisen zu lassen. Zu oft fühlen wir Akademiker uns abgeschnitten von, darf ich es die Hauptströmung der amerikanischen Lebensart nennen? Und so oft haben wir bisher auch jene ignoriert, welche, ohne entsprechende pädagogische Basis, ihre Arbeit mit größtmöglicher Hingabe wahrgenommen haben. Doch ich bin si- cher, daß mein Freund Lum Ihnen das alles in viel besseren und treffenderen Worten erklärt hat, als ich es je vermocht hätte.« Joenes bedachte Lum mit einem flüchtigen Blick. Lum sagte nun: »Sicher weißt du, daß ich selbst zwei Semester an der USSW lehrte, und zwar hatte ich als Thema ›Die inneren Beziehungen zwischen Jazz und Dichtung.‹ Hier war ‘ne ganze Menge los, Mann, mit den Bongos und was weiß ich noch al- les.« Dekan Fols meinte: »Mr. Lums Vorlesungsreihe war ein großer Er- folg, und wir würden diesen sehr gerne wiederho- len, wenn Mr. Lum sich ...« »Nein, Mann«, schnitt Lum ihm das Wort ab. »Ich meine, ich will Sie ja nicht enttäuschen, doch Sie, wissen genau, daß ich damit nichts mehr zu tun haben will.« »Natürlich«, versichert Dekan Fols hastig. »Wenn es da noch etwas anderes geben sollte, was sie un- bedingt lehren wollen ...« »Vielleicht gebe ich ein Wiederholungsseminar in Zen«, dachte Lum laut nach. »Schließlich ist Zen wieder in. Aber ich muß intensiv darüber nach- denken.« »Aber sicher«, meinte Dekan Fols. Er wandte sich zu Joenes um. »Wie Sie sich sicherlich denken kön- nen, hat Lum mich vergangene Nacht angerufen und mir Ihre Herkunft und Ihren Werdegang ge- schildert.« »Das war sehr nett von Mr. Lum«, sagte Joenes wachsam. »Ihre Herkunft, eben Ihr gesamter Background ist hervorragend«, mußte Fols zugeben, »und ich glau- be, daß der Kurs, den Sie anbieten, ein voller Er- folg wird.« Mittlerweile begann Joenes zu begreifen, daß man ihm einen Posten an der Universität offerierte. Unglücklicherweise wußte er nicht, was er lehren sollte und was er überhaupt lehren konnte! Lum, der mittlerweile einer Zen-Meditation nachging, saß mit niedergeschlagenen Augen da und gab ihm nicht den geringsten Hinweis. Joenes sagte: »Es ist mir eine große Freude, an eine so saubere Universität zu kommen wie die, Ihre. Was den Kurs angehe, über den ich mich äu- ßern will ...« »Bitte mißverstehen Sie mich nicht«, unterbrach Dekan Fols hastig. »Wir haben volles Verständnis für Ihr ganz ausgefallenes Thema und für die Schwie- rigkeiten, welche eine solche Stunde meistens mit sich bringt. Wir machen Ihnen das Angebot, mit einem vollen Professorengehalt zu beginnen, das sind etwa eintausendsechshundertundzehn Dollar im Jahr. Ich sehe sehr wohl, daß das nicht viel Geld ist, und traurig denke ich manchmal über die Ver- rücktheit der Welt nach, in der es tatsächlich mög- lich ist, daß ein Klempner nicht weniger als acht- zehntausend Dollar pro Jahr verdient. Trotzdem hat das Universitätsleben immer noch seine Vor- züge, wenn ich so sagen darf.« »Ich kann mich sofort auf den Weg machen«, bot Joenes an, da er Angst hatte, der Dekan könne sei- ne Meinung ändern. »Wunderbar!« rief Fols. »Ich bewundere den Kampfgeist von euch jüngeren Männern. Ich muß schon sagen, daß wir wirklich erfolgreich waren, als wir eine ganze Reihe von geeigneten Künstlern in den Künstlerkolonien auf aller Welt fanden. Mr. Joenes, wären Sie so freundlich, mir zu helfen?« Joenes ging mit Fols nach draußen zu einem an- tik aussehenden Automobil. Joenes winkte Lum zum Abschied und stieg dann ein. Schon bald ver- sank das Irrenhaus in der Ferne. Wieder war Jo-, enes frei und wurde nur durch das Versprechen gebunden, irgendwann an der Universität von St. Stephen‘s Wood Vorlesungen abzuhalten. Das ein- zige, was ihn störte, war die Tatsache, daß er nicht wußte, was er lehren sollte.

VIII

WIE JOENES LEHRTE UND WAS ER LERNTE Erzählt von Maubingi von Tahiti Nicht lange, und Joenes kam an der Universität von St. Stephen‘s Wood an, welche in Newark, New Jer- sey stand. Joenes sah dort einen großzügigen, saftig grünen Campus und niedrige, hübsch entworfene Gebäude. Fols nannte die Namen und Funktionen der Gebäude. Da waren Gretz Hall, Waniker Hall, The Digs, Commons, das Physikalische Institut, das Studentenhaus, die Bibliothek, die Kapelle, das chemische Institut, der neue Flügel und Old Scarmuth. Hinter der Universität floß der Newark River, dessen graubraune Gewässer sich manch- mal ocker verfärbten, wenn die Plutonium-Anlage flußaufwärts wieder mal unter Hochdruck arbei- tete. Ganz in der Nähe ragten die Türme der Fa- briken Newarks auf, und vor dem Campus verlief ein achtspuriger Highway. Diese Dinge, hob Dekan Fols hervor, verliehen dem abgeschiedenen idylli-, schen akademischen Leben eine gesunde Portion Realität. Joenes wurde ein Zimmer im Haus für den Lehr- körper zugewiesen. Dann veranstaltete man ihm zu Ehren unter den Professoren eine Cocktail-Be- grüßungsparty. Dort lernte er seine neuen Kollegen kennen. Da war Professor Carpe, der Leiter der Ab- teilung für Anglistik, der seine Pfeife gerade lange genug aus dem Mund nahm, um zu sagen: »Will- kommen an Bord, Joenes. Wenn Sie was auf dem Herzen haben, fragen Sie.« Chandler von der Philosophie meinte: »Schön, gut.« Blake von der Physik sagte: »Ich hoffe nur, daß Sie nicht einer von diesen Idioten sind, die sich zum Ziel gesetzt haben, die gute alte Formel (E = MC2) anzugreifen. Was soll das auch, zum Teufel noch mal, es kam eben prima so hin, und ich glau- be nicht, daß wir uns bei irgendwem dafür ent- schuldigen müssen. Ich habe diesen Standpunkt in meinem Werk Das Gewissen des Kernphysikers be- handelt, und ich stehe immer noch dahinter. Wol- len Sie keinen Drink?« Hanley von der Anthropologie meinte: »Ich bin überzeugt, Sie sind für meine Abteilung eine große Bereicherung, Mr. Joenes.« Dalton von der Chemie: »Schön, Sie an Bord zu haben, Joenes, und willkommen in meiner Abtei- lung.«, Geoffrard von der Klassik erklärte: »Bestimmt la- chen Sie über alte Kämpen wie mich.« Harris von den Politischen Wissenschaften sag- te: »Gut, schön.« Manisfree von der Bildenden Kunst meinte: »Willkommen an Bord, Joenes. Die haben Ihnen ja ein ganz schön umfangreiches Lehrprogramm ver- paßt, was?« Hoytburn von der Musik sagte: »Ich glaube, ich habe Ihre Dissertation gelesen, Joenes, und ich muß sagen, daß ich mit Ihnen da nicht, so ganz einer Meinung bin, wo Sie über die Analogien schreiben, die Sie im Falle Monteverdis sehen wollen. Natür- lich bin ich auf Ihrem Gebiet kein Experte und Sie nicht auf meinem, daher wird das mit den Analo- gien ein bißchen schwierig, was? Trotzdem, will- kommen an Bord.« Ptolemy von der Mathematik sagte: »Joenes? Ich glaube, ich habe Ihre Doktorarbeit über binär-sin- nige Wertsysteme gelesen. Fand ich nicht schlecht. Wollen Sie noch einen Drink?« Shan Lee von der Französischen Abteilung mein- te: »Willkommen an Bord, Joenes. Darf ich Ihnen nachfüllen?« So verging der Abend mit solcher und anderer erheiternder Konversation. Joenes versuchte, un- auffällig herauszufinden, worüber er lehren soll- te, indem er sich angeregt mit den Professoren un- terhielt, welche genauestens Bescheid zu wissen, schienen. Doch diese Männer, vielleicht aus einer höflichen Zurückhaltung heraus, gaben sich keine Blöße und erwähnten Joenes‘ Lehrfach auch nicht andeutungsweise, sondern gaben nur Geschichten aus ihren eigenen Fachgebieten zum besten. Als diese Bemühungen nicht zum Erfolg führten, schlenderte Joenes hinaus auf den Korridor und schaute sich die Bekanntmachungen am Schwar- zen Brett an. Doch die einzige Bekanntmachung, die ihn betraf, war eine Notiz, aus welcher hervor- ging, daß Mr. Joenes‘ Vorlesung um elf Uhr in Hör- saal 143 im Neuen Flügel stattfinden würde anstatt wie vorher angegeben in Saal 341 im Haus Wani- ker Hall. Joenes überlegte, ob er nicht einen der Profes- soren beiseite nehmen sollte, am besten Chand- ler von der Philosophie, dessen Wissensgebiet sich wohl eher mit solchen Problemen auseinandersetz- te, um ihn zu fragen, was er nun genau lehren soll- te. Doch eine gewisse Abneigung und seine natür- liche Scham hielten ihn davon ab. So ging dann die Party zu Ende, und Joenes suchte sein Zimmer im Personalhaus auf und war immer noch nicht schlauer. Am nächsten Morgen, als er an der Tür zum Hör- saal 143 im Neuen Flügel stand, erlebte Joenes ei- nen heftigen Anfall von Lampenfieber. Er überleg- te, ob er nicht einfach Reißaus nehmen und die Universität hinter sich lassen sollte. Doch im Grun-, de seines Herzens war das gar nicht sein Wunsch, denn ihm gefiel über die Maßen, was er bisher vom Universitätsleben kennengelernt hatte, und er woll- te sich seine Chance nicht wegen einer so gerin- gen Sache für immer und ewig verderben. Deshalb riß er sich zusammen, setzte er ein ernstes Gesicht auf und betrat mit entschlossenem Schritt den Hör- saal. Das Gemurmel im Saal erstarb sofort, und die Studenten schauten mit wachem Interesse auf ih- ren neuen Lehrer. Joenes sammelte sich und sprach die Klasse mit gespielter Selbstsicherheit an, wel- che manchmal noch beeindruckender ist als die echte Selbstsicherheit. »Meine Damen und Herren«, sagte Joenes, »bei dieser unserer ersten Zusammenkunft sollte ich wohl einige grundsätzliche Dinge klären. Da das Thema meiner Vorlesungsreihe ziemlich unge- wöhnlich ist, könnten Sie vielleicht annehmen, ich würde hier über die Einfachheit reden und daß Sie die Stunden bei mir als eine Art Ruhepause be- trachten können. Diejenigen, die unter diesen Vor- aussetzungen hergefunden haben, kann ich jetzt nur auffordern, sich einen anderen Kursus zu su- chen, der ihren Erwartungen bestimmt besser ge- recht wird.« Danach trat ein gespanntes Schweigen ein. Joenes fuhr fort. »Einige von Ihnen haben vielleicht schon gehört, daß man mir nachsagt, recht einfach im Um-, gang zu sein. Von dieser Auffassung sollten Sie sich sofort freimachen. Die Zensuren, die ich verteile, gebe ich unter strengen Gesichtspunkten, jedoch bemühe ich mich dabei um Fairneß. Und ich wer- de nicht zögern, die ganze Klasse durchfallen zu las- sen, wenn mir das notwendig erscheint.« Ein nahezu unhörbarer Seufzer entrang sich den Lippen der Lauschenden. Es war fast so etwas wie ein Ausdruck der Verzweiflung, der sich auf den Ge- sichtern einiger jüngerer Studenten breitmachte. Der Angst und Unsicherheit in den Gesichtern vor ihm nach zu urteilen, wußte Joenes, daß er die Situati- on gut im Griff hatte. Deshalb schlug er nun einen freundlicheren Ton an. »Ich nehme an, Sie kennen mich jetzt etwas besser. Mir bleibt nur noch eines, nämlich denen, die diesen Kursus aus ihrem un- stillbaren Wissensdurst heraus gewählt haben, ein freundliches Willkommen an Bord! zuzurufen.« Die Studenten, einem komplexen Organismus nicht unähnlich, entspannten sich. Die nächsten zwanzig Minuten war Joenes da- mit beschäftigt, sich eine Liste mit den Namen der Studenten sowie einen genauen Sitzplan anzule- gen. Nachdem er den letzten Namen notiert hatte, schoß ihm eine zündende Idee durch den Kopf, die er sogleich in die Tat umsetzte. »Mr. Ethelred«, sagte Joenes und schaute dabei einen besonders eifrig und erfahren wirkenden Studenten in der ersten Sitzreihe an, »würden Sie, bitte nach vorn kommen und in großen, deutlichen Buchstaben, so daß alle es lesen können, das The- ma unseres Kursus an die Tafel schreiben?« Ethelred schluckte, blickte verstohlen in sein aufgeschlagenes Notizheft und kam zur Tafel. Er schrieb: »Die Inseln im südwestlichen Pazifik: Brücke zwischen zwei Welten.« »Sehr schön«, lobte Joenes. »Und nun, Miss Hua, würden Sie jetzt bitte die Kreide übernehmen und in kurzen Worten das Ziel dieses Kursus formulie- ren?« Miss Hua war ein großes, bieder aussehendes be- brilltes Mädchen, das Joenes sofort als besonders vielversprechende Studentin erkannte. Sie schrieb: »Dieser Kursus beschäftigt sich mit der Kultur der Inseln im südwestlichen Pazifik, besonders mit der Kunst, der Wissenschaft, der Musik, dem Hand- werk, der Folklore, den Sitten und Gebräuchen, der Psychologie und der Philosophie. Es werden danach Parallelen gezogen zwischen dieser Kultur und ihrer Ursprungskultur in Asien und den kul- turellen Einflüssen Europas.« »Sehr gut, Miss Hua«, sagte Joenes. Nun kann- te er sein Thema. Natürlich gab es da immer noch ein paar Schwierigkeiten. Er stammte zum Beispiel von Manituatua mitten im Südpazifik. Der süd- westliche Pazifik, wo seines Wissens die Salomo- ninseln, die Marshalinseln und die Karolinen zu finden waren, war ein Gebiet, über das er herzlich, wenig zu berichten wußte. Und von den Kulturen Asiens und Europas, mit denen er Vergleiche an- stellen sollte, wußte er überhaupt nichts. Das waren entmutigende Perspektiven, doch Joenes war überzeugt, daß er irgendwie mit die- sen Schwierigkeiten fertig würde. Und er war von Herzen froh, als die Stunde endlich zu Ende war. Er verkündete den Studenten: »Für heute verab- schiede ich mich von Ihnen und sage Aloha. Und noch einmal möchte ich bekräftigen: Willkommen an Bord.« Mit diesen Worten entließ Joenes seine Klasse. Nachdem der Raum sich gelehrt hatte, trat Dekan Fols ein. »Springen Sie nicht gleich auf, bitte«, sagte Fols. »Dieser Besuch hat keinen offiziellen Charak- ter, wie man so sagt. Ich wollte Ihnen nur mittei- len, daß ich draußen mitgehört habe und von Ih- nen voll und ganz überzeugt bin. Sie haben sie tatsächlich auf Ihrer Seite, Joenes. Sie haben sie gefesselt. Ich hatte damit gerechnet, daß Sie viel- leicht Schwierigkeiten hätten, denn immerhin hat der größte Teil unserer Basketballmannschaft Ihren Kurs belegt. Aber Sie bewiesen diese innere Festig- keit und Flexibilität, welche den wahren Pädago- gen auszeichnet. Ich kann Ihnen nur gratulieren und prophezeie Ihnen jetzt schon eine lange und erfolgreiche Karriere an unserer Universität.« »Vielen Dank, Sir«, brachte Joenes heraus., »Danken Sie mir lieber nicht«, wehrte Fols be- trübt ab. »Meine letzte Vorhersage betraf Baron Pro- fessor Moltke, eine Leuchte auf seinem Gebiet der Mathematischen Täuschung. Große Dinge sah ich für ihn voraus, doch der alte Moltke verlor drei Tage nach Semesterbeginn den Verstand und kill- te fünf Mitglieder unseres Football-Teams. In je- nem Jahr verloren wir gegen Amherst, und seitdem habe ich meiner Intuition nicht mehr getraut. Aber trotzdem viel Glück, Joenes. Ich bin wahrschein- lich nicht mehr als nur ein Administrator, aber ich weiß sehr wohl, was mir gefällt.« Fols nickte aufmunternd und verließ den Hör- saal. Nachdem er eine angemessene Zeit abgewar- tet hatte, verließ auch Joenes die neue Stätte seines Wirkens und begab sich eilends in den Universi- tätsbuchladen, um die Literatur zu erstehen, die er für seinen Kursus brauchte. Unglücklicherweise war alles ausverkauft, und Joenes mußte günstig- stenfalls eine Woche warten, ehe die gewünschten Titel wieder am Lager wären. Joenes suchte nun sein Zimmer auf, legte sich auf sein Bett und dachte über Fols‘ Intuition und Moltkes Irrsinn nach. Er verfluchte das gnadenlo- se Schicksal, welches dafür gesorgt hatte, daß die Studenten ausgerechnet die Bücher aufgekauft hat- ten, die ihr Lehrer am dringendsten brauchte. Und er versuchte sich auszudenken, was er in der näch- sten Stunde machen sollte., Als er beim nächstenmal vor seinen Studenten stand, hatte Joenes eine Inspiration. Er wandte sich an seine Klasse: »Heute werde nicht ich Ihnen et- was beibringen, sondern Sie erzählen mir etwas. Und zwar über den Südwestpazifik und seine Kul- tur. Ich glaube, über dieses Gebiet existieren noch eine ganze Reihe von Vorurteilen. Bevor wir uns nämlich ernsthaft diesem Thema zuwenden, möch- te ich Ihre Meinung über diese Kultur hören. Ha- ben Sie keine Hemmungen, Aussagen aufzustellen, über deren Wahrheitsgehalt Sie sich nicht ganz si- cher sind. Im Augenblick geht es mir darum, Ihre Meinung unverblümt und unreflektiert kennenzu- lernen, so daß wir im Laufe des Kursus diese Vor- urteile zurechtrücken können, denn ich weiß jetzt schon, daß wir eine sehr umfangreiche Reorientie- rung vornehmen müssen. Haben wir erst einmal sämtliche Fehlinformationen ausgeräumt und be- richtigt, können wir uns mit frischen Kräften un- serer wesentlichen Frage widmen, nämlich diesem Teil der Welt als Brücke zwischen zwei eigenstän- digen Welten. Ich hoffe, Ihnen ist klar, was ich mir vorstelle. Miss Hua, wären Sie so nett und begin- nen jetzt mit der Diskussion?« Es gelang Joenes, seine Klasse während der fol- genden sechs Stunden ständig reden zu lassen. Da- bei erfuhr er eine Menge Daten über Europa, Asien und den Südwestpazifik. Fragte ein Student einmal direkt, ob diese seine vorgetragene Meinung denn, richtig sei, lächelte Joenes nur und meinte: »Mei- nen Kommentar zu diesen Gesprächen erfahren Sie später. Vorerst sollten wir uns weiter mit unserem Thema beschäftigen und fortfahren.« In der siebten Stunde fiel den Studenten schon nichts mehr ein, worüber sie noch hätten reden können. Joenes sprach daraufhin über die kultu- rellen Auswirkungen von elektrischen Transforma- toren auf das Leben auf einem Atoll im Pazifischen Ozean. Indem er auch einige nette Anekdoten zu berichten wußte, konnte er wenigstens die näch- sten paar Stunden überbrücken. Wann immer ein Student eine Frage stellte, auf die Joenes keine Ant- wort wußte, erwiderte er: »Ganz ausgezeichnet, Holingshead! Ihre Frage zielt genau auf den Kern des Problems. Was meinen Sie, wollen Sie sich mal an der Lösung versuchen und Ihre Ergebnisse bis nächste Woche in, sagen wir fünftausend Worten in Manuskriptform niederlegen?« Auf diese Weise schützte Joenes sich vor weite- ren lästigen Fragen. Vor allem die Basketballspieler hüteten sich, sich in den Vordergrund zu drängen. Sie wollten sich auf keinen Fall die Finger überan- strengen und deshalb unter Umständen aus ihrer Mannschaft ausgeschlossen werden. Doch selbst trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen ging Joenes schon sehr bald das Material aus. In seiner Verzweiflung ließ er eine Klausur schreiben und dabei die Studenten einige seiner Statements, auf ihre Richtigkeit und allgemeingültige Bedeu- tung untersuchen. Joenes bewies dabei allerdings große Fairneß, indem er versprach, diese Klausur bei der Vergabe der Noten und Beurteilungen am Ende des Semesters nicht zu berücksichtigen. Er hatte überhaupt keine Idee, was er danach mit seiner Klasse anfangen sollte. Doch zu seinem Glück wurden die längst fälligen Lehrbücher gelie- fert, und Joenes hatte ein freies Wochenende vor sich, um die Bücher zu lesen. Als besonders nützlich und aufschlußreich er- wies sich ein Buch mit dem Titel: Die Südwestpa- zifischen Inseln: Brücke zwischen zwei Welten von Juan Diego Alvarez de las Vegas y de Rivera. Dieser Mann war Kapitän in der spanischen Silberflotte ge- wesen, die auf den Philippinen stationiert war, und abgesehen von einigen heftigen Schmähreden ge- gen Sir Francis Drake schienen seine Informationen doch sehr ausführlich und vollständig zu sein. In ähnlicher Weise nützlich war ein anderes Buch mit dem Titel Die Kultur der südwestpazi- fischen Inseln: Ihre Kunst, Wissenschaft, Musik, Handwerk, Folklore, Sitten, Psychologie und Philo- sophie und ihre Verwandtschaft mit der Kultur Asi- ens und der Kultur Europas. Der Autor dieses Bu- ches war der Recht Ehrenwerte Allan Flint-Mooth, K. J. B., D. B. E., L. C. T., ehemaliger zweiter Gou- verneur von Fidschi und Anführer der Strafexpedi- tion von 1903 nach Tonga., Mit Hilfe dieser Werke war Joenes gewöhnlich seiner Klasse immer um mindestens eine Stunde voraus. Und sollte es schon mal vorkommen, daß er aus welchen Gründen auch immer nachhinkte, so konnte er immer noch eine Arbeit über den so- eben erst durchgenommenen Stoff schreiben las- sen. Als geradezu segensreich erwies sich unsere Miß Hua, welche sich danach drängte, die Klausu- ren zu korrigieren und zu benoten. Joenes war die- sem fleißigen Mädchen zutiefst dafür dankbar, daß sie ihm eine der langweiligsten pädagogischen Ar- beiten abnahm. Das Leben verlief jetzt in geordneten Bahnen und alltäglicher Routine. Joenes hielt seine Vorlesungen und ließ Klausuren schreiben, und Miß Hua kor- rigierte und vergab Zensuren. Joenes‘ Studenten lernten den Stoff schnell und problemlos, bestan- den ihre Prüfungen und Tests und vergaßen den Stoff ebenso schnell. Wie die meisten jungen Or- ganismen in der Entwicklung stießen sie alles Un- angenehme, Störende, Ablenkende oder auch nur Langweilige schnellstens ab. Natürlich machten sie mit allem Nützlichen, Reizvollen oder geistig An- regenden dasselbe. Das war zwar bedauerlich, je- doch war auch das Teil des Erziehungsprozesses, mit dem jeder Lehrer sich abfinden mußte. Ptole- my von der Mathematik meinte dazu: »Der Wert einer Universitätsausbildung liegt in der Tatsache, daß junge Leute dadurch angehalten werden, sich, im engsten Bereich des Lernprozesses aufzuhalten. Die Studenten aus dem Gutgenug-Schlafsaal befin- den sich zum Beispiel kaum dreißig Yards von der Bibliothek entfernt, nicht mehr als fünfzig Yards vom Physikalischen Institut und gerade zehn Yards vom Chemischen Institut. Ich denke, auf diesen Er- folg können wir wirklich stolz sein.« Doch es waren vorwiegend die Lehrer, welche die Einrichtungen der Universität in Anspruch nahmen. Natürlich taten sie dies mit aller Behut- samkeit. Der Universitätsarzt hatte sie eindringlich vor einem Überpensum an Lerntätigkeit gewarnt und aus diesem Grund die wöchentliche Dosis der Informationsaufnahme genau rationiert. Trotzdem kam es ab und zu zu Unfällen. Der alte Geoffrard hatte einen schweren Schock, als er Das Satyricon auf Lateinisch las und dabei erwartete, eine päpst- liche Encyclica vor sich zu haben. Er brauchte ei- nige Wochen der Ruhe, ehe er wieder zu sich selbst fand. Und Devlin, der jüngste der Englischprofes- soren, hatte unter einem zeitweisen Gedächtnisver- lust zu leiden, nachdem er Moby Dick gelesen hatte und feststellen mußte, daß er nicht fähig war, eine tragbare und überzeugende religiöse Interpretation des Werks zu liefern. Dies waren die allgemeinen Gefahren des Pro- fessorengewerbes, und die Lehrer waren eher stolz darauf, als daß sie sich davor fürchteten. Hanley von der Anthropologie meinte dazu: »Ein Sandfloh, erstickt im nassen Sand; wir riskieren es, in alten Büchern zu ersticken.« Hanley hatte sich eingehend mit Sandflöhen be- schäftigt, und er wußte, wovon er redete. Abgesehen von einigen wenigen gingen die Stu- denten ein solches Risiko gar nicht erst ein. Sie führten ein Leben, das sich von dem ihrer Profes- soren grundlegend unterschied. Einige jüngere Stu- denten besaßen noch die Schnappmesser und Fahr- radketten aus ihren High-School-Tagen und gingen allabendlich auf die Suche nach irgendwelchen verdächtigen Elementen. Andere Studenten nah- men an den Collegeorgien teil, für die allwöchent- lich in der Freiheitshalle geübt und geprobt wur- de. Andere wiederum widmeten sich dem Sport. Die Basketballspieler zum Beispiel konnte man Tag und Nacht beobachten, wie sie ihre Basketbälle mit der mechanischen Gleichmäßigkeit der industriel- len Roboterteams warfen, die sie von Zeit zu Zeit besiegten. Schließlich gab es da auch noch die, welche schon ein sehr frühzeitiges Interesse für die Poli- tik bewiesen. Diese Intellektuellen, wie sie genannt wurden, schlossen sich entweder der liberalen oder der konservativen Lehre an, je nachdem, was ih- nen ihr Temperament und ihre Herkunft diktierte. Es waren die Konservativen von den Colleges, de- nen es beinahe gelungen wäre, während der letzten Wahl John Smith zum Präsidenten der Vereinigten, Staaten zu wählen. Die Tatsache, daß Smith schon seit zwanzig Jahren tot war, dämpfte ihre Begeiste- rung nicht im mindesten; im Gegenteil, es gab vie- le, die meinten, daß genau dies der größte Vorzug ihres Kandidaten sei. Sie hätten durchaus Erfolg haben können, hätten sehr viele Wähler nicht Angst gehabt, einen Prä- zendenzfall zu setzen. Diese Angst vor der Wahl wurde von den Liberalen überaus klug ausgenutzt, als diese als Erwiderung erklärten: »Wir haben ge- gen John Smith, Gott sei seiner Seele gnädig, nichts einzuwenden, mehr noch, viele von uns sind der Überzeugung, daß er für das Weiße Haus eine gro- ße Bereicherung darstellt. Doch was würde gesche- hen, wenn irgendwann in der Zukunft einmal der falsche Tote für das höchste Amt im Staate gewählt würde?« Diskussionen dieser Art hatten sich sehr lange hingezogen. Die Liberalen am Campus überließen jedoch solche Reden viel lieber ihren älteren Kommilito- nen. Dafür besuchten sie Kurse im Guerillakampf, im Bombenbau und in der Anwendung kleinerer Waffen. Dazu meinten sie immer: »Es reicht nicht aus, die verdammten Roten abzuwehren. Nein, wir müssen ihre Methoden kopieren, vor allem was die Propaganda angeht: die Infiltration, die Überwälti- gung, den Umsturz und schließlich die Kontrolle über die politischen Richtlinien.«, Die Konservativen am Campus zogen es nach ih- rer Wahlniederlage vor, so zu tun, als hätte sich auf der Welt seit General Pattons Sieg 1945 über die Perser nicht das Geringste verändert. Oft hockten sie in ihrer Bierhalle und sangen: »Die Sage vom Omaha Beach.« Die Puristen unter ihnen konnten das Lied sogar auf Griechisch schmettern. * Joenes beobachtete all diese Vorgänge und fuhr fort, Vorlesungen über die Kultur des südwestli- chen Pazifik zu halten. Er fühlte sich in der Uni- versität mit all ihren Einrichtungen wohl, und all- mählich hatten seine Kollegen begonnen, ihn zu akzeptieren. Natürlich war das nicht immer so ge- wesen, und es hatte am Anfang Einwände gegeben. Carpe von der Anglistik hatte gesagt: »Ich glaube kaum, daß Joenes den Roman Moby Dick als inte- gralen Teil der südwestpazifischen Kultur versteht. Sehr sonderbar.« Blake von der Physik meinte: »Ich frage mich, ob er nicht das totale Fehlen der Quantentheorie im Leben der Insulaner als sehr wesentlichen Punkt ihres kulturellen Selbstverständnisses vergessen hat. Ich finde das sehr aufschlußreich.« Hoytburn von der Musik sagte: »Soweit ich weiß, hat er nicht einmal die Kirchenlieder erwähnt, die in dieser Gegend einen entscheidenden Einfluß auf, die musikalische Folklore ausgeübt haben. Aber es ist schließlich allein sein Kurs.« Shan Lee von der Romanistik sagte: »Ich vermu- te, Joenes war nicht in der Lage, sich über sekundä- re und tertiäre Einflüsse der französischen Sprache auf die Vokaltransposition im Südpazifik erschöp- fend zu äußern. Ich bin zwar nur ein Linguist, aber ich hätte doch angenommen, daß dieser Gesichts- punkt nicht unwesentlich ist.« Und es gab noch andere Einwände von anderen Professoren, deren jeweiliges Fachgebiet nur flüch- tig gestreift oder sogar überhaupt nicht erwähnt oder zum mindesten fehlgedeutet worden war. Dies hätte im Laufe der Zeit sicherlich zu Verstimmun- gen zwischen Joenes und seinen Kollegen geführt, hätte nicht Geoffrard von der Klassik diesem Streit ein Ende gesetzt. Dieser große alte Mann ließ sich einige Wochen lang alles durch den Kopf gehen, dann meinte er: »Wahrscheinlich lachen Sie alte Kämpen wie mich aus, aber verdammt, ich denke, der Mann ist ganz in Ordnung.« Geoffrards herzlicher Loyalitätsbeweis bewirkte für Joenes sehr viel Gutes. Die anderen Professo- ren waren nicht mehr so zurückhaltend, wurden offener und zeigten manchmal sogar fast so etwas wie Freundlichkeit. Viel öfter wurde Joenes nun zu kleinen Parties oder geselligen Abenden in den Hei- men seiner Kollegen eingeladen. Schon bald sprach, keiner mehr von seiner vorübergehenden Tätigkeit als Gastdozent, sondern man nahm ihn mit offe- nen Armen im Schoß und öffentlichen Leben der USSW auf. Seine Position im Kreis seiner Kollegen erreichte ihren Höhepunkt kurz nach den Frühjahrsexamen. Denn damals geschah es während einer Party, mit der der Beginn der Ferien gefeiert wurde, daß die Professoren Harris und Manisfree Joenes zu einem längeren Ausflug mit ihren Freunden einluden, der sie zu einem Ort in den Bergen der Adirondacks führte.

IX

DAS BEDÜRFNIS NACH DEM UTOPIA (Die folgenden Geschichten enthalten Joenes‘ Abenteuer in Utopia und wer- den von Pelui von der Osterinsel er- zählt) Schon früh am Samstagmorgen quetschten Joenes und einige andere Professoren sich in Manisfrees alten Wagen und traten die Reise zur Chorowait- Siedlung in den Bergen der Adirondacks an. Choro- wait, so erfuhr Joenes, war eine von der Universität gesponsorte Gemeinde, welche von idealistischen Männern und Frauen bewohnt wurde, die sich aus der modernen Welt zurückgezogen hatten, um den, nachfolgenden Generationen auf ihre Art zu die- nen. Chorowait war ein Experiment in Sachen Le- ben und Lebensgestaltung und als solches sehr ambitioniert. Sein Ziel bestand in nicht mehr und nicht weniger als der Schaffung einer idealen Mo- dellgesellschaft als Vorbild für die ganze Welt. Cho- rowait war tatsächlich als praktikables und reali- sierbares Utopia geplant. »Ich denke«, sagte Harris von den Politischen Wissenschaften, »daß das Bedürfnis nach einem solchen Utopia offensichtlich ist. Sie sind im Land herumgekommen, Joenes. Sie haben ja mit eigenen Augen den Verfall der Institutionen und die Apa- thie unseres Volkes mit ansehen können.« »Stimmt, so etwas ist mir wirklich aufgefallen«, mußte Joenes zugeben. »Die Gründe dafür sind sehr komplex«, fuhr Har- ris fort. »Doch ich meine, daß das wesentliche Pro- blem in der willentlichen Abkehr des Individuums liegt, in der Verdrängung brennender Probleme der Realität. Das ist natürlich auch das wesentliche Merkmal des Wahnsinns: Abkehr, nicht vorhande- ne Anteilnahme und die Schaffung eines Lebens in der Phantasie, das weitaus befriedigender und abwechslungsreicher ist, als die reale Welt je sein kann.« »Wir Betreiber des Experiments von Choro- wait«, sagte Manisfree, »gehen davon aus, daß dies eine Krankheit der Gesellschaft ist, die wiederum, nur auf gesellschaftlichem Wege kuriert werden kann.« »Weiterhin«, sagte Harris, »haben wir nur wenig Zeit. Sie haben selbst sehen können, wie schnell alles zusammenbricht und verfällt, Joenes. Das Ge- setz ist eine Farce; die Bestrafung hat ihren Sinn verloren, und es gibt keine Belohnungen, die es sich anzubieten lohnt; die Religion predigt ihre überkommene Botschaft einer Menschheit, die auf dem schmalen Grat zwischen Apathie und Wahn- sinn balanciert; die Philosophie liefert Doktrinen, die nur von anderen Philosophen verstanden wer- den können; die Psychologie scheut keine Mühen, das Verhalten nach Maßstäben zu bewerten, die schon vor fünfzig Jahren jegliche Geltung verloren haben; die Wirtschaftslehre verkündet uns das Prin- zip der grenzenlosen Expansion, welche mit Hoch- druck weitergetrieben werden muß, um mit dem Bevölkerungszuwachs Schritt halten zu können; die Naturwissenschaften zeigen uns, wie man die- se Expansion weiter betreibt, bis jeder Quadratfuß Erdboden von einem unglücklichen Menschen be- setzt ist; und mein eigenes Fachgebiet, die Politik, bietet nichts anderes an als verschiedene Möglich- keiten, von Zeit zu Zeit mit jenen gewaltigen Mäch- ten zu jonglieren ... so lange damit herumzuspielen, bis alles zusammenbricht oder in die Luft fliegt.« »Und glauben Sie ja nicht«, sagte Manisfree, »daß wir selbst uns von der Verantwortung für diese Si-, tuation ausschließen. Obwohl wir Lehrer für uns in Anspruch nehmen, mehr zu wissen als die ande- ren Menschen, haben wir uns entschieden, uns aus jeglicher öffentlichen Diskussion herauszuhalten. Praktische, hartgesottene und zu allem entschlos- sene Persönlichkeiten dieser Welt haben uns schon immer mit Unbehagen erfüllt und abgeschreckt. Und eben diese Männer haben uns dazu gebracht, einen anderen, eben diesen Weg zu beschreiten.« »Auch liegt nicht allein in der Gleichgültigkeit, der Zurückhaltung unser einziger Fehler«, beton- te Hanley von der Anthropologie. »Ich muß geste- hen, daß wir sehr schlechte Lehrer waren! Unse- re wenigen vielversprechenden Talente unter den Studenten entschieden sich ebenfalls für den Beruf des Lehrers und kapselten sich ebenso wie wir von der Öffentlichkeit ab. Der Rest unserer Studenten döste im Gemurmel unserer Stimmen vor sich hin und wartete nur ungeduldig auf das Ende der Stun- de, damit jeder von ihnen wieder dazu übergehen durfte, seinen Platz in dieser wahnsinnigen Welt einzunehmen. Wir haben sie nicht aufgewühlt, Jo- enes, sie nicht bewegt, gedrängt, und wir haben sie nicht zu denken gelehrt.« »Tatsächlich machten wir nämlich genau das Ge- genteil«, sagte Blake von der Physik. »Es ist uns ge- lungen, vielen unserer Studenten einen tiefen Haß gegen das Denken an sich einzuimpfen. Sie ler- nen lediglich, die Kultur mit größtem Mißtrauen, zu betrachten, jegliche Ethik zu ignorieren und die Naturwissenschaft mit ihren Erkenntnissen aus- schließlich zur Gewinnmaximierung einzusetzen. Dafür sind wir verantwortlich, und darin haben wir hoffungslos versagt. Das Produkt dieses Versa- gens ist unsere Welt.« Für eine Weile schwiegen die Professoren gedan- kenschwer. Dann sagte Harris: »So sehen unsere Probleme aus. Aber ich glaube, wir sind endlich aus einem langen Schlaf erwacht. Wir haben die Ärmel hochgekrempelt und Chorowait erbaut. Ich kann nur hoffen, daß wir es noch gerade rechtzei- tig gegründet haben.« Joenes hatte eine Menge Fragen zu dieser Ge- meinde auf den Lippen, mit der angeblich jene schrecklichen Probleme gelöst werden sollten. Doch die Professoren weigerten sich, über Einzel- heiten zu sprechen. Manisfree sagte: »Sie werden Chorowait schon bald selbst kennenlernen. Dann können Sie ja selbst urteilen. Sie sehen dann alles weitaus bes- ser vor sich, als wir es Ihnen schildern können.« »Ich darf hinzufügen«, mischte Blake sich jetzt ein, »daß Sie nicht allzu enttäuscht sein sollten, wenn sie erkennen, daß einige Ideen, die in Cho- rowait verwirklicht wurden, überhaupt nicht neu sind. Oder anders ausgedrückt, urteilen Sie nicht zu streng, wenn Sie erkennen, daß einige der theo- retischen Grundlagen, nach denen das Leben in, Chorowait ausgerichtet ist, tatsächlich recht alt und reichlich unüblich sind. Schließlich haben wir diese Gemeinde nicht unter dem Gesichts- punkt der Erneuerung und auch nicht der Neuheit gegründet.« »Andererseits«, hielt Dalton von der Chemie da- gegen, »sollten Sie nicht von vornherein die Eigen- arten unserer Gemeinde verurteilen, die wirklich neu und ungewöhnlich sind. Umfangreiche Impro- visationen waren notwendig, um die vielen nützli- chen Elemente der Vergangenheit zur Anwendung zu bringen. Und die Bereitschaft und Entschlossen- heit, vielversprechende neue Kombinationen in- nerhalb des sozialen Körpers unserer Gesellschaft anzuwenden, gibt unserer Arbeit höchste theoreti- sche und praktische Bedeutung.« Andere Professoren wollten noch etwas hinzu- fügen, um Joenes weitere Hinweise zu geben und ihm bei seinen Überlegungen behilflich zu sein, doch Manisfree bat sie alle zu schweigen. Joenes würde schon selbst sehen und sich ein eigenes Ur- teil bilden. Nur der unermüdliche Blake sah sich dazu auf- gerufen zu sagen: »Ganz gleich, wie Sie das Experi- ment beurteilen, Joenes, ich bin sicher, Sie werden in Chorowait einiges finden, das Sie sehr überra- schen wird.« Die Professoren kicherten beifällig, dann ver- fielen sie in Schweigen. Joenes war nun noch ge-, spannter, endlich die Früchte der Arbeit seiner Kollegen zu sehen, und seine Ungeduld wuchs während der langen Fahrt durch die Adirondacks. Endlich rollten sie durch die Berge, und Manis- frees alter Wagen keuchte und hustete protestie- rend, als er sich durch die steilen Haarnadelkurven schob. Dann tippte Blake Joenes auf die Schulter und wies nach vorne. Joenes erkannte einen ho- hen, grünen Berg, der sich über alle anderen erhob. Er wußte instinktiv, daß dies Chorowait war. WIE DAS UTOPIA FUNKTIONIERTE Manisfrees Wagen quälte sich die ausgefahrene Straße hinauf, die sich an der Flanke des Choro- wait Mountain in die Höhe wand. Am Ende der Straße gelangten sie an eine Barriere aus Holzstäm- men. Dort stiegen sie aus dem Wagen und gingen zu Fuß weiter, zuerst auf einer schmalen Schot- terstraße, dann auf einem Waldpfad, und schließ- lich schlugen sie sich in die Büsche und folgten nur der Steilheit des Geländes, das ihnen den Weg wies. Alle Professoren waren außer Atem, als sie end- lich von zwei Männern aus Chorowait begrüßt wurden. Diese Männer trugen Kleidung aus Hirschleder. Jeder führte einen Bogen sowie einen mit Pfeilen gefüllten Köcher bei sich. Sie waren braungebrannt, und drahtig, und sie schienen vor Gesundheit und Vitalität von innen her zu leuchten. Darin bildeten sie einen scharfen Kontrast zu den gebückt gehen- den, blassen, hohlbrüstigen Professoren. Manisfree übernahm die Vorstellung der Reisen- den und der Chorowaiter. »Das ist Lunu«, sagte er zu Joenes und zeigte auf den größeren der Män- ner. »Er ist der Führer der Gemeinde. Bei ihm se- hen Sie Gat, an dessen Fähigkeiten im Spurenlesen niemand heranreicht.« Lunu sprach den Professor in einer Sprache an, die Joenes noch nie gehört hatte. »Er heißt uns willkommen«, flüsterte Dalton Jo- enes ins Ohr. Gat fügte etwas hinzu. »Er sagt, es gäbe in diesem Monat sehr viele gute Dinge zu essen«, übersetzte Blake. »Und er bittet uns, ihn ins Dorf zu begleiten.« »Welche Sprache sprechen die denn?« wollte Jo- enes wissen. »Chorowaitisch«, antwortete Professor Vishnu von der Sanskrit Abteilung. »Es ist eine künstliche Sprache, die wir für diese Gemeinde entwickelt ha- ben. Dafür hatten wir sehr gewichtige Gründe.« »Wir gehen davon aus«, erklärte Manisfree, »daß die Eigenarten einer Sprache den Denkprozess sehr nachhaltig beeinflussen und gewisse ethnische und klassenbezogene Charakteristika erhalten. Aus die- sen und anderen Gründen hielten wir es für unbe-, dingt notwendig, für Chorowait eine eigene Spra- che zu entwickeln.« »Es war ziemlich hart, dieses Problem zu lösen«, meinte Blake und grinste vielsagend. »Einige von uns forderten eine höchstmögliche Einfachheit«, erinnerte Hanley von der Anthro- pologie sich. »Wir wollten eine Kommunikations- form schaffen, die sich einer Reihe von einsilbigen Grunzlauten bediente. Wir erwarteten uns davon einen direkten Rückschluß auf die jeweiligen ag- gressiven und manchmal auch destruktiven Ge- danken der Menschen.« »Andere in unserem Kreis«, ergriff Chandler von der Philosophie das Wort, »wollten eine Sprache von außerordentlicher Komplexität entwickeln mit einer Vielzahl von verschiedenen Nuancen der Ab- straktion. Wir dachten uns, daß eine solche Kom- munikationsform die gleichen Dienste erfüllte wie die einsilbigen Grunzlaute, den Bedürfnissen der Menschen nach Differenzierung aber am nächsten käme.« »Wir hatten uns dabei manchmal ganz schön in den Haaren«, sagte Dalton. »Schließlich«, sagte Manisfree, »kamen wir über- ein, eine Sprache zu konstruieren, die sich weitest- gehend an die Lautformen des Angelsächsischen anlehnte. Natürlich gefiel das der Französischen Abteilung überhaupt nicht. Dort hatte man das Frühprovencalische als Modell zugrunde legen, wollen; doch wir überstimmten die Verfechter die- ser Position.« »Trotzdem nahmen wir einen gewissen Einfluß«, sagte Professor Vishnu. »Wenn wir auch eine angel- sächsische Buchstabenfolge durchsetzen konnten, so entschieden wir uns hingegen für eine frühpro- vencalische Aussprache. Andererseits merzten wir jedoch alles aus, was auf indoeuropäische Wurzeln hätte schließen lassen können.« »Die vorbereitenden Untersuchungen und die Feldforschung waren überaus umfangreich«, er- zählte Dalton. »Gottseidank stand uns Miß Hua zur Verfügung, die die meiste Arbeit übernahm. Es ist eine Schande, daß das Mädchen so häßlich ist.« »Diese Chorowaiter der ersten Generation sind noch bi-lingual«, erklärte Manisfree, »doch schon ihre Kinder oder zumindest ihre Enkel werden aus- schließlich Chorowaitisch sprechen. Ich hoffe, daß ich diesen Tag noch erlebe. Schon jetzt kann man den Einfluß unserer neuen Sprache auf die Ge- meinschaft nachweisen.« »Bedenken Sie zum Beispiel«, übernahm Blake wieder das Wort, »daß es im Chorowaitischen kei- ne Worte gibt wie ›Homosexualität‹, ›Vergewalti- gung‹ oder ›Mord‹.« Lunu sagte, diesmal in seiner Muttersprache Eng- lisch: »Wir nennen diese Dinge Aleewadith, was soviel bedeutet wie Dinge-die-man-nicht-sagen- darf.«, »Ich denke«, sagte Dalton, »das zeigt, was man al- les über die Semantik beeinflussen und erreichen kann.« Lunu und Gat gingen nun zum Dorf Chorowait voraus. Dort beginnend, verbrachte Joenes den rest- lichen Tag mit der Betrachtung Chorowaits. Er stellte fest, daß die Häuser des Dorfs aus Bir- kenbrettern und jungen Baumstämmen erbaut wa- ren. Frauen kochten das Essen über offenem Feuer, sponnen Webfäden aus der Wolle ihrer Schafe und versorgten ihre Babies. Männer arbeiteten auf den steilen Äckern Chorowaits und wendeten die Erde mit hölzernen Pflügen, die sie selbst gebaut hatten. Andere Männer gingen in den dichten Wäldern der Jagd nach oder fischten in den eisigen Flüssen der Adirondacks. Sie brachten von ihren Ausflügen Rehe, Kaninchen und Forellen mit, die sie mit der Gemeinschaft teilten. In ganz Chorowait gab es keinen maschinell oder industriell gefertigten Gegenstand. Jedes Werkzeug war von den Männern eigenhändig hergestellt wor- den. Selbst die Messer zum Häuten der Jagdbeute waren handgefertigt oder aus dem Eisen geschmie- det, das in Form von Erz ausgegraben wurde. Und Dinge, die die Chorowaiter nicht herstellen konn- ten, gab es einfach nicht. Man mußte ohne sie aus- kommen. Joenes beobachtete das Leben der Gemeinde den ganzen Tag und äußerte sich erfreut über die, Selbstzufriedenheit, den Fleiß und die Genügsam- keit, von der die Gemeinschaft der Chorowaiter offensichtlich erfüllt war. Professor Harris jedoch schien sonderbarerweise mit dieser Seite der Cho- rowaiter überhaupt nicht einverstanden zu sein und glaubte wohl, sich entschuldigen zu müssen. »Machen Sie sich klar, Joenes«, sagte Harris, »daß dies nur ein oberflächlicher Eindruck von Choro- wait ist. In Ihren Augen ist das wahrscheinlich nichts anderes als ein kindisches Experiment ei- niger Spinner, die sich dem Gedanken ›Zurück zur Natur‹ verpflichtet fühlen.« Joenes hatte dieses Motto noch nie zuvor gehört und wußte auch nicht, daß in dieser Richtung ex- perimentiert wurde. Er sah, was er sah, und das er- schien ihm doch recht annehmbar. »Glaube ich auch«, seufzte Harris. »Aber es hat schon zahllose Versuche dieser Art gegeben. Viele haben vielversprechend angefangen, doch nur we- nige konnten sich halten. Das Landleben hat sei- ne Reize, vor allem dann, wenn es von gebildeten, entschlossenen und idealistischen Menschen ge- lebt wird. Jedoch enden solche Versuche gewöhn- lich in der Desillusion, im Zynismus und in der to- talen Aufgabe.« »Wird es auch mit Chorowait soweit kommen?« erkundigte Joenes sich. »Wir glauben nicht«, erwiderte Harris. »Ich hoffe, wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit genug, gelernt. Nach eingehendem Studium früherer Ver- suche konnten wir gewisse Sicherungen in unsere Gemeinschaft einbauen. Im Laufe der Zeit werden Sie solche Sicherungen noch kennenlernen.« * An diesem Abend nahm Joenes ein einfaches und ziemlich fades Mahl aus Milch, Käse, hartem Brot und Früchten ein. Dann führte man ihn zum Hai- erogu, oder dem Ort der Huldigung. Dort befand sich eine Lichtung im Wald, wo die Menschen am Tag die Sonne und nachts den Mond anbeteten. »Religion war ziemlich problematisch«, flüsterte Harris Joenes zu, als die Menge der Betenden sich im fahlen Mondlicht zu Boden warf. »Wir wollten nichts einführen, was irgendwie mit der jüdisch- christlichen Tradition in Verbindung stand. Auch wollten wir keinen Hindhuismus oder Buddhis- mus einführen. Tatsächlich erschien uns nach ein- gehender Analyse keine der bekannten Religionen geeignet. Einige in unserem Kreis wollten als Kom- promiß die Gottheiten der T‘iele aus dem südöstli- chen Zanzibar zur Grundlage der chorowaitischen Religion machen; andere waren für den Alten Mann Davaghna, der von einer obskuren Sekte der Schwarzen Thai verehrt wird. Doch am Ende ka- men wir überein, einfach die Sonne und den Mond zu Göttern zu erheben. Einerseits gab es da ein-, deutige historische Vorbilder; zum anderen konn- ten wir diese Religion den wichtigen Leuten in der Regierung des Staates New York als eine Form des primitiven Christentums anbieten.« »War das denn so wichtig?« wollte Joenes wis- sen. »Und wie! Sie glauben ja gar nicht, wie schwie- rig es ist, die Erlaubnis zu bekommen, ein solches Experiment durchzuführen. Außerdem mußten wir nachweisen, daß wir ohne Gewinn zu arbeiten ge- dachten. Dabei kam es zu gewissen Schwierigkei- ten, da alles, was Sie hier sehen, der Gemeinschaft insgesamt gehört. Glücklicherweise unterrichtete damals Gregorias in Logik, und ihm gelang es, die Verwaltungshengste zu überzeugen.« Die Betenden schwankten hin und her und stöhnten. Ein alter Mann trat vor, das Gesicht mit gelbem Lehm beschmiert, und begann auf Choro- waitisch einen rituellen Gesang. »Was sagt er?« fragte Joenes. Hanley nickte. »Er intoniert ein besonders hüb- sches Gebet, das Geoffrard aus einem pindarischen Gesang entnommen hat. Es lautet: Mond, der du voller Tugend bist, verhüllt im zarten Gespinst der Nacht, Der du dahinschwebst leichten Fußes über den Wipfeln deines Volkes Der du hinter der Akropolis‘ Wölbung Schutz suchst vor deines Buhlen Sonne sengender Kraft,, Der du des Parthenon Marmor netzt mit deiner Finger Tau, Für dich singen wir dies Lied Erbitten uns mit liebender Gebärde, daß du uns bewahrst Vor des Dunkels Schrecken Und uns schützest diese eine winz‘ge Nacht Vor der Bestie unser aller Welt. »Das ist wirklich sehr hübsch«, mußte Joenes zu- geben. »Was bedeuten die Zeilen mit der Akropolis und dem Parthenon?« »Offen gesagt«, erwiderte Harris, »bin ich selbst nicht so ganz sicher, ob diese Passage wirklich hin- einpaßt. Aber die Klassik-Abteilung bestand darauf. Und da bisher die wesentlichen Entscheidungen von der Wirtschaftswissenschaft, der Anthropolo- gie, der Physik und der Chemie getroffen worden waren, ließen wir den Klassikern ihr Parthenon. Abgesehen davon kann eine Gesellschaft nur be- stehen, wenn sie zum Kompromiß fähig ist.« Joenes nickte. »Und was bedeutet die Passage mit des Dunkels Schrecken und der Bestie unser aller Welt?« Harris nickte und zwinkerte verschmitzt. »Angst ist lebensnotwendig«, meinte er. *, Joenes war für diese Nacht in einer Hütte unterge- bracht, die ohne einen einzigen Nagel zusammen- gefügt war. Sein Lager aus Tannenreisig war von einer reizvollen Ländlichkeit, zugleich aber auch ausgesprochen unbequem. Joenes schaffte es, eine Lage einzunehmen, die ihm kaum Schmerzen be- reitete, und leicht einzudösen. Geweckt wurde er schließlich von einer Hand, die sich auf seine Schulter legte. Als er die Augen aufschlug, sah er eine überaus hübsche Frau, die sich mit einem sanften Lächeln über ihn beugte. Anfangs war Jo- enes ziemlich verlegen, weniger wegen sich selbst als vielmehr wegen der Frau, die sich offensicht- lich in der Hütte vertan hatte. Doch sie bewies ihm sofort, daß sie sich nicht geirrt hatte. »Ich bin Laka«, stellte sie sich vor. »Ich bin die Frau von Kor, dem Führer des Sonnenvereins un- serer Jugendlichen. Ich bin gekommen, um heute nacht mit Ihnen zu schlafen, Joenes, und ich wer- de alles in meinen Kräften Stehende tun, um Sie in Chorowait willkommen zu heißen.« »Vielen Dank«, brachte Joenes mit Mühe und Not über die Lippen, »aber weiß Ihr Mann denn, was Sie hier tun?« »Was mein Mann weiß oder nicht weiß, ist im Augenblick ziemlich unwesentlich«, meinte Laka. »Kor ist sehr religiös und glaubt aus voller Inbrunst an die Sitten und Gebräuche von Chorowait. Es ist bei uns Sitte und Pflicht, einen Gast in dieser Form, willkommen zu heißen. Hat Professor Hanley Ih- nen nichts davon erzählt?« Joenes mußte eingestehen, daß Professor Han- ley davon nicht das geringste auch nur erwähnt hatte. »Dann wollte er sich mit Ihnen einen Spaß ma- chen«, sagte Laka. »Es war Professor Hanley selbst, der uns diese Sitte zur Pflicht machte. Er hat sie aus irgendeinem Buch übernommen.« »Davon hatte ich wirklich keine Ahnung«, be- kräftigte Joenes erneut und rückte eine Stück bei- seite, um auf seinem Reisiglager seiner nächtlichen Besucherin Platz zu machen. »Ich hörte, daß Professor Hanley gerade in die- ser Angelegenheit äußerst genau war und sehr viel Wert darauf legte«, erzählte Laka weiter. »In der Naturwissenschaftlichen Abteilung sollen Gegen- stimmen laut geworden sein. Doch Hanley hielt dem entgegen, daß wenn die Menschen eine Re- ligion brauchten, sie auch Sitten und Gebräuche haben müßten, und daß diese Sitten und Gebräu- che von Experten ausgesucht werden müßten. Am Ende überstimmte er die anderen und bekam sei- nen Willen.« »Ich verstehe«, sagte Joenes. »Hat Hanley auch noch andere Gebräuche ähnlich diesem einge- führt?« »Schon«, entgegnete Laka. »Die Saturnalien, die Bacchanalien, die Eleusischen Mysterien und das, Fest des Dionysos und den Gründungstag und die Frühlings- und Fruchtbarkeitsriten im Herbst, und das Fest zu Ehren des Adonis, und ...« An dieser Stelle unterbrach Joenes seine Besu- cherin und meinte, es gäbe wohl eine ganze Reihe von Feiertagen in Chorowait. »Ja«, bestätigte Laka. »Wir Frauen haben immer eine Menge zu tun, aber wir haben uns schon dar- an gewöhnt. Die Männer scheinen da noch nicht so richtig mitzuspielen. Sie haben gegen die Feiertage natürlich nichts einzuwenden, doch sie neigen zur Eifersucht und Streitsüchtigkeit, sobald ihre Frau- en eingespannt sind.« »Und was machen sie dann?« wollte Joenes wis- sen. »Sie befolgen den Rat Doktor Broigns vom Psy- chologischen Institut. Sie rennen die vorgeschrie- bene Strecke von drei Meilen durch das dickste Unterholz, springen in einen eisigen Fluß und schwimmen hundert Yards, dann hauen sie auf ei- nen Punchingball aus Hirschleder ein, bis sie völ- lig erschöpft umfallen. Doktor Broign hat uns mal erzählt, daß mit diesem Zustand auch ein völliges Erlahmen der Emotionen einhergeht.« »Wirkt denn dieses Mittel?« fragte Joenes. »Nahezu unfehlbar«, bestätigte Laka. »Sollte der Zustand sich nicht gleich beim ersten Mal bessern, dann müssen die Männer die ganze Prozedur ein zweites Mal vornehmen oder sogar noch öfter. Die-, se Therapie hat noch zur Folge, daß dadurch die Muskeln wachsen.« »Das ist sehr interessant«, sagte Joenes. So dicht neben Laka liegend, stellte er plötzlich fest, daß er kaum noch Interesse für eine Diskussion über an- thropologische Fragen aufbrachte. Für einen flüch- tigen Moment fragte er sich, ob Hanleys Technik, seine eigenen Vorlieben in die Gestaltung dieser ländlichen Gesellschaft mit einzubringen, nicht im Grunde abzulehnen war, doch dann rief er sich ins Gedächtnis, daß jegliche Gesellschaftsform al- lein vom Menschen bestimmt wurde und daß Han- leys Vorlieben sicherlich nicht schlimmer waren als viele andere, von denen er schon gehört hatte, und bestimmt viel besser als andere, die er bereits kannte. Im Entschluß, nicht mehr über diese Pro- bleme nachzudenken, streckte Joenes eine Hand aus und berührte damit Lakas Haare. Mit einem kaum unterdrückten Schauer des Ekels wich Laka vor ihm zurück. »Was ist los?« fragte Joenes. »Darf ich Ihre Haare nicht streicheln?« »Darum geht es nicht«, sagte Laka. »Schlimm ist nur, daß ich es überhaupt nicht mag, berührt zu werden. Glauben Sie mir, es hat nichts mit Ihnen speziell zu tun. Ich bin eben so, ich kann nichts dafür.« »Wie ungewöhnlich«, sagte Joenes. »Und trotz- dem sind Sie mit vollem Willen hergekommen,, und wenn ich es recht verstehe, bleiben Sie auch aus freiem Willen, oder?« »Stimmt«, bestätigte Laka. »Es ist schon komisch, aber viele Menschen, die einen gewissen Hang zum primitiven Leben haben, empfinden eine tiefe Ab- scheu gegenüber den sogenannten sinnlichen Freu- den, welche die Professoren mit besonderem In- teresse studieren. In meinem Fall, welcher sicher nicht aus dem Rahmen fällt, sieht es so aus, daß ich die Felder, die Berge und überhaupt die Natur liebe und mich am liebsten mit Ackerbau, Fischen oder der Jagd beschäftige. Um mir dies zu ermögli- chen, unterdrücke ich meine Abneigung vor gewis- sen sexuellen Aktivitäten.« Joenes fand das sehr erstaunlich, und er dach- te über die Schwierigkeiten nach, mit denen man sich auseinandersetzen mußte, wenn man eine uto- pische Gesellschaft gründen wollte. Seine Überle- gungen wurden von Laka gestört, welche es sich bequem gemacht hatte und sich mit der Situati- on abzufinden begann. Indem sie ihre Gefühle in strenger Zucht hielt, umarmte sie Joenes und zog ihn an sich. Doch nun empfand Joenes keine Leidenschaft mehr. Sie hätte ebensogut ein Baum oder auch eine Wolke sein können. Sie war ihm im Moment voll- kommen gleichgültig. Sanft löste er sich aus ihrer Umarmung. »Nein, Laka, ich will mich nicht gegen Ihre natürlichen Empfindungen vergehen.«, »Aber das müssen Sie!« schrie die junge Frau. »So ist es hier Sitte!« »Da ich nicht zu Ihrer Gemeinschaft gehöre, brauche ich diesem Gebot nicht zu folgen.« »Ich nehme an, das kann man auch so sehen«, meinte Laka. »Doch alle anderen Professoren neh- men diese Sitte wahr, und sie unterhalten sich erst bei Tageslicht über Für und Wider dieser Ange- wohnheit.« »Was sie tun, ist deren Sache«, sagte Joenes und ließ sich nicht umstimmen. »Es ist allein meine Schuld«, klagte Laka. »Ich hätte meine Gefühle besser unter Kontrolle halten sollen. Aber wenn Sie wüßten, wie ich um Selbst- beherrschung gebetet habe!« »Daran zweifle ich nicht im geringsten«, sagte Jo- enes. »Doch die Geste der Gastfreundschaft haben sie ja gemacht, und insofern ist der Sitte wohl Ge- nüge getan worden. Vergessen Sie das nicht, Laka, und jetzt können Sie wieder zu Ihrem Mann zu- rückkehren.« »Ich müßte mich schämen«, sagte Laka. »Die anderen Frauen würden wissen, daß etwas nicht stimmt, wenn ich schon vor Tagesanbruch wieder in mein Zelt ginge, und sie würden mich ausla- chen. Wahrscheinlich würde auch mein Mann wü- tend werden.« »Aber ist der denn nicht eifersüchtig und aggres- siv, wenn Sie das hier machen?«, »Natürlich ist er das«, versicherte Laka. »Welcher Mann wäre das nicht? Doch andererseits ist er auch sehr lernbegierig und hat einen tiefen Respekt vor den Sitten von Chorowait. Allein deshalb besteht er darauf, daß ich mich den Regeln unterwerfe, selbst wenn es ihm das Herz fast aus der Brust reißt.« »Er muß sehr unglücklich sein«, bedauerte Jo- enes den Mann seiner Besucherin. »Sie irren sich, mein Mann ist einer der Glück- lichsten in unserer Gemeinde. Mein Mann glaubt, daß wahres Glück ein spirituelles Erlebnis ist und daß man den Geist nur erfährt, wenn man Schmer- zen erleidet. Demnach macht dieser Schmerz ihn glücklich, zumindest schildert er es mir so. Außer- dem befolgt er Dr. Broigns Ratschlag und wurde im Laufe der Zeit so der beste Schwimmer und Läufer der Gemeinschaft.« Joenes hatte eine gewisse Abneigung dagegen, Lakas Mann Schmerzen zuzufügen, auch wenn er dadurch glücklich wurde. Andererseits wollte er aber auch Laka nicht wehtun, indem er sie nach Hause schickte. Und er wollte sich selbst keine Un- annehmlichkeiten verschaffen, indem er vielleicht etwas tat, was ihm zuwider war. Es schien aus die- ser Zwickmühle keinen problemlosen Ausweg zu geben, also bot Joenes Laka an, sich in eine Ecke der Hütte zu legen und sich dort auszuschlafen. Wenigstens ersparte er ihr damit die Peinlichkeit, sich vor den anderen Frauen eine Blöße zu geben., Laka küsste ihn auf die Stirn, wobei ihre Lip- pen eiskalt waren. Dann häufte sie ein paar Tan- nenzweige in einer Ecke auf und schlief ein. Jo- enes lag noch lange wach, doch dann fielen auch ihm die Augen zu. Aber in dieser Nacht sollte noch eine Menge ge- schehen. In den frühen Morgenstunden schreckte Joenes plötzlich hoch, wußte aber nicht, was ihn geweckt hatte. Der Mond war längst untergegan- gen, und die Finsternis war schier undurchdring- lich. Die Grillen und das Kleingetier der Wälder hatten jegliche Aktivität eingestellt. Es herrschte Totenstille. Joenes fühlte, wie sich eine Gänsehaut über sei- nen Rücken spannte. Er wandte sich zur Tür in der Überzeugung, Lakas Mann wäre gekommen, um ihn umzubringen. Joenes hatte die ganze Nacht an diese Möglichkeit gedacht, da er Dr. Broigns The- rapie zur Triebbewältigung nicht ganz trauen woll- te. Doch dann begriff er, daß es kein eifersüchtiger Ehemann war, der das Nachtleben zum völligen Er- sterben gebracht hatte. Denn nun vernahm er ein schreckliches Gebrüll, ein Keuchen und Röhren, das niemals einer menschlichen Kehle entstam- men konnte. Abrupt hörte es auf, und Joenes hör- te, wie sich im Unterholz vor der Hütte etwas Rie- siges bewegte. »Was ist das?« fragte Joenes., Laka hatte sich erhoben und klammerte sich nun an Joenes, als hätte jegliche Kraft sie verlassen. Sie brachte nur ein kaum wahrnehmbares Wispern zu- stande. »Die Bestie! Es ist die Bestie!« »Aber ich hatte angenommen, das wäre eine Sage«, prostestierte Joenes. »In den Bergen von Chorowait gibt es keine Sa- gen und Legenden«, erklärte Laka. »Wir verehren die Sonne und den Mond, beide sind real. Und wir haben schreckliche Angst vor der Bestie, welche genauso real ist wie ein Eichhörnchen. Manchmal können wir die Bestie beruhigen, und manchmal können wir sie sogar vertreiben. Doch heute nacht ist sie gekommen, um zu töten!« Joenes hegte daran nicht mehr den geringsten Zweifel, als er Zeuge wurde, wie ein riesiger Kör- per gegen die Seitenwand seiner Hütte krachte. Ob- wohl die Wand aus dicken Stämmen, verstärkt mit Draht und Eisenankern, gefügt war, zersplitterte sie unter dem Ansturm der Bestie. Und als er auf- schaute, starrte Joenes eben jener Bestie genau in die Fratze. DIE BESTIE DES UTOPIA Diese Kreatur unterschied sich von allem, was Jo- enes je gesehen hatte. Von vorne betrachtet, erin- nerte sie an einen Tiger, obwohl der Schädel na- hezu schwarz und nicht gelbgestreift war. Der, Körper ähnelte dem eines Vogels, denn rudimen- täre Flügel wuchsen ihm unterhalb der Schultern aus dem Rücken. Der hintere Teil war der einer Schlange und bildete einen Schwanz, nahezu dop- pelt so lang wie die ganze Bestie. An seiner dick- sten Stelle war der Schwanz so dick wie ein männ- licher Oberschenkel, und zudem war er über und über mit Schuppen bedeckt. All das nahm Joenes auf einmal wahr, so stark und intensiv drängte sich die Bestie in sein Be- wußtsein. Als die Bestie sich zum Sprung duck- te, schnappte Joenes sich die ohnmächtig wer- dende Laka und flüchtete aus der Hütte. Die Bestie folgte nicht sofort, sondern vertrieb sich die Zeit noch ein wenig, indem sie dem Vernich- tungstrieb nachgab, ehe sie sich auf die Jagd be- gab. Joenes gelang es, sich der Gruppe der Dorfjä- ger anzuschließen. Diese Männer, mit Lunu an der Spitze, standen mit gezückten Speeren und Pfeilen bereit, den Kampf gegen die Bestie aufzunehmen. Ganz in der Nähe hielt sich der Medizinmann des Dorfes mit seinen beiden Assistenten auf. Der Medizinmann hatte sich sein faltiges Gesicht blau und ockerfarben angemalt. In der rechten Hand hielt er einen Schädel, mit der linken suchte er nervös in einem Haufen magischer Ingredienzien herum. Gleichzeitig beschimpfte er aufs heftigste seine Assistenten., »Idioten!« zischte er gerade. »Ihr kriminell in- kompetenten Narren! Wo ist das Moos vom Schä- del eines Toten?« »Es liegt unter Ihrem linken Fuß, Sir«, sagte einer der Assistenten. »Da ist auch gerade der richtige Platz dafür!« schäumte der Medizinmann. »Her damit! Und wo ist der rote Leichenstrick?« »In Ihrer Tasche, Sir«, meinte der andere Assi- stent. Der Medizinmann fischte die Schnur heraus und fädelte sie durch die Augenhöhlen des Schä- dels. Er stopfte das Moos in die Nasenöffnung und wendete sich dann zu seinen Assistenten um. »Dich, Huang, hatte ich losgeschickt, in den Ster- nen zu lesen; und dich, Pollito sandte ich aus, die Botschaft des goldenen Hirschen einzuholen. Er- zählt mir schnellstens und ohne zu zögern, wie diese Botschaften lauten und was der Gott uns zu tun rät, um heute der Bestie Einhalt zu gebieten.« Huang sagte: »Die Sterne raten uns, heute nacht Rosmarinkränze zu flechten.« Der Medizinmann zupfte ein Büschel Rosmarin aus dem Häufchen magischer Ingredienzien und band dieses mit dem Leichenstrick an den Schä- del, wobei er das Büschel dreimal um den Schä- del wand, und zwar in der Richtung, wie die Son- ne wandert., Pollito sagte: »Die Botschaft des goldenen Hir- schen besagt, daß wir dem Schädel eine Prise Schnupftabak geben sollen; das, so meinte der Hirsch, wäre genug.« »Verschon mich mit deinen dummen Erklärun- gen«, schimpfte der Medizinmann, »und gibt mir lieber den Schnupftabak.« »Ich hab ihn nicht, Sir.« »Wo ist er denn?« »Sie hatten uns doch vorhin erzählt, Sie hät- ten den Schnupftabak an einem sicheren Ort ver- wahrt.« »Natürlich. Aber an welchem sicheren Ort hab ich ihn deponiert?« fragte der Medizinmann und suchte wie wild in seinen Ingredienzien herum. »Vielleicht auf dem Altar der Unterwelt?« mach- te Huang einen Vorschlag. »Vielleicht am Ort des Segens«, hatte Pollito eine andere Idee. »Nein, keiner dieser Orte erscheint mir sicher genug«, sagte der Medizinmann. »Laßt mich mal nachdenken ...« Die Bestie jedoch ließ ihm keine Zeit mehr. Sie verließ Joenes‘ Hütte und stürmte gegen die Jäger- reihe an. Ein Dutzend Pfeile und Speere flogen ihr entgegen und summten durch die Luft wie wü- tende Hornissen. Doch die Geschosse hatten kei- ne Wirkung. Unverletzt brach die Bestie durch die Schlachtreihe der Jäger. Der Medizinmann und sei-, ne Assistenten hatten bereits ihre Utensilien und Ingredienzien eingesammelt und sprinteten in den Wald. Auch die Jäger ergriffen die Flucht, doch Lunu und zwei andere wurden getötet. Joenes folgte dem Beispiel der Jäger, und die Angst verlieh ihm geradezu Flügel. Schließlich ge- langte er auf eine Lichtung, in deren Mitte ein ver- witterter Altar aus Stein stand. Dort fand er auch den Medizinmann mit seinen beiden Assistenten, und hinter ihnen hatten sich zitternd die Jäger ver- sammelt. Im Wald wurde das Gebrüll der Bestie immer lauter. Der Medizinmann suchte in der Nähe des Altars den Boden ab, wobei er murmelte: »Ich bin sicher, daß ich den Schnupftabak hier irgendwo versteckt habe. Ich war nämlich heute nachmittag schon mal hier, um den Segen der Sonne zu erflehen. Polli- to, kannst du dich erinnern, was ich dann gemacht habe?« »Ich war nicht da«, informierte Pollito ihn. »Sie haben uns doch gesagt, Sie wollten einen gehei- men Ritus vollziehen und daß wir nicht dabei sein dürften.« »Natürlich durftet ihr nicht dabei sein«, sagte der Medizinmann und stocherte mit einem Stock in der Erde herum. »Aber hast du mich denn nicht belauscht?« »So etwas würden wir doch niemals wagen, Sir«, entgegnete Huang entrüstet., »Verdammte konformistische junge Idioten!« schimpfte der Medizinmann. »Wie wollt ihr denn jemals Medizinmänner werden, wenn ihr nicht jede Gelegenheit wahrnehmt, mich zu belauschen?« Die Bestie tauchte am Rand der Lichtung auf und war keine fünfzig Yards von der Gruppe entfernt. Im gleichen Moment bückte der Medizinmann sich und richtete sich anschließend wieder auf. Er hielt einen kleinen Hirschlederbeutel in der Hand. »Hier ist das Zeug, klar doch!« rief der Medizin- mann. »Genau unter der heiligen Kornähre, un- ter der ich den Schnupftabak heute nachmittag vergraben habe! Würde vielleicht einer von euch Schwachsinnigen mir einen weiteren Leichenstrick reichen?« Pollito hielt ihm den Strick bereits hin. Außer- ordentlich geschickt befestigte der Medizinmann den Beutel am Unterkiefer des Schädels und wik- kelte den Strick dreimal entgegen dem Uhrzeiger- sinn um den Schädel. Dann nahm er den Schädel in die Hand und fragte: »Hab ich etwas verges- sen? Ich glaube nicht. Und jetzt paßt auf, ihr ver- soffenen Schafsnasen, wie das Werk vollbracht wird.« Der Medizinmann schritt auf die Bestie zu und hielt den Schädel mit beiden Händen. Joenes, die Jäger und die beiden Assistenten rissen die Mün- der und Augen auf, als die Bestie die Erde aufwühl- te, einen Wall von drei Fuß Höhe aufwarf, sich dar-, über schob und drohend auf den Medizinmann zubewegte. Der alte Mann ging seinerseits ohne ein Anzei- chen von Angst dem Untier entgegen. Im letzten Moment schleuderte er den Schädel, der die Bestie vor die Brust traf. Für Joenes war das nicht mehr als ein leichter Klaps, die Bestie hingegen stieß ei- nen schmerzerfüllten Schrei aus, wandte sich um und verschwand humpelnd im Wald. * Die Jäger waren noch zu sehr mitgenommen, um den Sieg über die Bestie zu feiern. Schweigend zo- gen sie sich in ihre Hütten zurück. Der Medizinmann hielt seinen Assistenten einen abschließenden Vortrag. »Ich kann nur hoffen, daß ihr aus diesen Vorgängen etwas gelernt habt. Wenn der Schädel-Exorzismus gefordert wird, dann muß der präparierte Schädel oder aharbitus die Bestie mitten vor die Brust treffen. Kein anderer Treffer hat Erfolg, im Gegenteil, die Wut des Ungeheuers würde noch mehr angestachelt. Morgen werden wir uns mit dem Drei-Körper-Exorzismus beschäf- tigen, für welchen es ein recht nettes Ritual gibt.« Danach entfernte der Medizinmann sich. Joenes hob die immer noch bewußtlose Laka hoch und schleppte sie in seine eigene Hütte. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, da, kam Laka wieder zu sich und überschüttete Joenes mit leidenschaftlichen Küssen. Joenes stieß sie von sich und meinte, sie solle weder sich Gewalt an- tun noch seine Leidenschaft entfachen. Doch Laka erklärte, sie sei nun ein völlig anderer Mensch, auch wenn diese Veränderung nur vorübergehend sei. Der Anblick der Bestie, meinte sie, und Joenes‘ tapferes Vorgehen bei ihrer Rettung hätten sie zu- tiefst erschüttert. Zudem habe Lunus Tod ihr Wert und Bedeutung der Leidenschaft für eine kurzlebi- ge Existenz wie den Menschen bewiesen. Joenes hatte seine Zweifel, ob diese Gründe wirklich zutrafen, jedoch konnte er nicht leugnen, daß Laka sich tatsächlich verändert hatte. Ihre Au- gen glänzten, und mit einem wahren Panthersatz, der an die Attacke der Bestie erinnerte, stürzte sie sich auf Joenes und warf ihn rücklings auf sein La- ger. Joenes kam zu dem Schluß, daß er zwar nur we- nig über die Männer wußte, die Frauen ihm jedoch für immer ein vollkommenes Rätsel bleiben wür- den. Außerdem bohrten sich die Tannenzweige qualvoll in seinen Rücken. Doch schon bald ver- gaß er seine Schmerzen und seinen Mangel an Wis- sen. Beides wurde vollkommen unwichtig, und er verschwendete daran keinen einzigen Gedanken mehr, bis die Morgendämmerung die Hütte erhell- te und Laka nach draußen huschte, um in ihre ei- gene Hütte zurückzukehren., DIE NOTWENDIGKEIT FÜR DIE EXISTENZ DER BESTIE VON UTOPIA Am Morgen traf Joenes wieder mit seinen Kollegen von der Universität zusammen. Er berichtete ihnen von seinen Erlebnissen der vergangenen Nacht und drückte seinen Unwillen darüber aus, daß sie ihm nichts von der Bestie erzählt hatten. »Aber mein lieber Joenes!« sagte Professor Han- ley. »Wir wollten nur, daß Sie mit einem der wich- tigsten Elemente von Chorowait unvoreingenom- men konfrontiert wurden und sich Ihr eigenes Urteil bildeten.« »Selbst wenn das mein Leben gekostet hätte?« fragte Joenes wütend. »Sie befanden sich zu keiner Zeit in irgendeiner Gefahr«, verriet Professor Chandler ihm. »Die Be- stie greift niemals jemanden an, der in irgendeiner Verbindung zur Universität steht.« »Mir kam es jedenfalls so vor, als wolle das Un- tier mir ans Leben«, widersprach Joenes. »Ich bin sicher, daß es so aussah«, gab Manisfree zu. »Doch in Wirklichkeit wollte das Ungeheuer nur an Laka heran, welche als Chorowaiterin eine lohnende Beute für die Bestie darstellte. Vielleicht wären Sie ein wenig herumgestoßen worden, hät- te die Bestie wirklich versucht, Ihnen das Mädchen aus den Armen zu reißen, doch wäre das schon al- les gewesen, was Ihnen hätte zustoßen können.«, Joenes ärgerte sich außerordentlich, zu erfahren, daß die Gefahr, in der er sich in der vergangenen Nacht befunden zu haben glaubte, sich als über- haupt nicht existent herausstellte. Um seinen Un- willen zu verbergen,, fragte er: »Was für eine Art von Untier ist das überhaupt, und zu welcher Ras- se gehört es?« Geoffrard von der Klassik räusperte sich und er- klärte großartig: »Die Bestie, die Sie heute nacht sahen, darf weder mit dem Ungeheuer verwech- selt werden, das Sir Pellinore verfolgte, noch mit den Ungeheuern der Apokalypse. Die Bestie von Chorowait ähnelt hingegen viel eher dem Opini- cus, von dem die Ahnen uns überliefern, daß er zum Teil Kamel, zum Teil Drachen und zum Teil Löwe war, auch wenn wir nicht genau wissen, in welchen Proportionen. Doch selbst diese Ähnlich- keit ist eher äußerlich. Wie ich schon sagte, ist un- sere Bestie einmalig.« Joenes fragte: »Woher kommt denn das Ungeheu- er?« Die Professoren schauten sich gegenseitig an und kicherten dabei wie eine Klasse schüchterner Schulmädchen. Dann wurde Blake von der Physik ernst und schaute Joenes an. »Tatsache ist, daß wir die Bestie ins Leben riefen. Wir konstruierten sie Stück für Stück und Glied für Glied und benutzten dabei an den Wochenenden das chemische Labor. Sämtliche Abteilungen der Universität beteiligten, sich an der Schaffung der Bestie, wobei ich jedoch besonders die Mithilfe der Chemie, Physik, Mathe- matik, Kybernetik, Medizin und der Psychologie hervorheben muß. Und ich muß auch die Unter- stützung der Anthropologie und der Klassik erwäh- nen, auf deren Inspiration die Entstehung der Be- stie zurückzuführen ist. Besonderer Dank gebührt Professor Elling von den Praktischen Künsten, der das gesamte Ungeheuer mit einer der dauerhafte- sten Plastikhäute versah. Auch darf ich Miss Hua nicht vergessen, unsere studentische Assistentin, ohne deren sorgfältige Aufzeichnungen und Noti- zen unser gemeinsames Abenteuer vielleicht sogar gescheitert wäre.« Die Professoren strahlten bei Blakes feierlicher Ansprache. Joenes, der ein Mysterium enthüllt hat- te und sich jetzt vor einem für ihn unlösbaren Rät- sel sah, begriff überhaupt nichts mehr. Er meinte: »Mal sehen, ob ich Sie richtig verstan- den habe: Sie haben also diese Bestie geschaffen und dabei Ideen und Materialien aus dem Chemi- elabor verwendet?« »Das ist sehr nett ausgedrückt«, lobte Manisfree seinen jungen Kollegen. »Und genau das war es auch, was wir taten.« »Wurde diese Bestie mit Wissen der Universitäts- verwaltung hergestellt?« Dalton zwinkerte vielsagend. »Sie wissen ja selbst, wie das mit diesen Aktenhengsten ist, Joenes. Die, haben doch eine tiefverwurzelte Abneigung gegen alles Neue, außer es handelt sich um eine neue Turn- halle. Daher haben wir denen nichts verraten.« »Doch sie wußten natürlich Bescheid«, sagte Ma- nisfree. »Die Verwaltung weiß immer, was vorgeht. Doch so lange denen nichts in die Augen sticht, ziehen sie es vor, in die andere Richtung zu schau- en. Die Leute dort wissen, daß, wenn das Projekt erfolgreich endet, sowohl die Universität und da- mit auch sie selbst wegen ihrer außerordentlichen Weitsicht gelobt werden. Und sollte alles schief- gehen, dann sind die sowieso aus dem Schneider, weil sie sich ja immer darauf herausreden können, nichts gewußt zu haben.« Einige von den Professoren beugten sich vor und wollten eine Reihe von lustigen Anekdoten über die Verwaltungsangestellten zum besten gehen. Doch Joenes kam ihnen zuvor, als er hastig meinte: »Der Bau der Bestie muß doch unendlich schwie- rig gewesen sein.« »Das kann man wohl sagen«, bestätigte Ptolemy von der Mathematik. »Abgesehen von unserer Frei- zeit und der Benutzung des chemischen Labors in- vestierten wir zwölf Millionen vierhunderttausend- undzwölf Dollar und dreiundsechzig Cents in die Anfertigung der verschiedenen Teile und Baugrup- pen. Hoggshead von der Buchhaltung hat unsere Ausgaben aufs genaueste festgehalten für den Fall, daß wir darüber Rechenschaft ablegen müssen.«, »Woher kam das Geld denn?« wollte Joenes wei- ter wissen. »Von der Regierung natürlich«, antwortete Har- ris von den Politischen Wissenschaften. »Ich und mein Kollege Finfitter von den Wirtschaftswissen- schaften kümmerten uns um die Beibringung der entsprechenden Gelder. Wir hatten am Ende, als das Projekt Bestie abgeschlossen war, noch genug übrig, um ein Riesenfestbankett zu veranstalten. Schade, daß Sie damals noch nicht bei uns waren, Joenes.« Harris kam Joenes‘ nächster Frage zuvor, indem er fortfuhr: »Natürlich verrieten wir der Regierung nicht, daß wir die Bestie bauten. Selbst wenn man uns wahrscheinlich auch dafür die Gelder zur Ver- fügung gestellt hätte, wäre es doch zu unerträgli- chen bürokratischen Verzögerungen gekommen. Statt dessen erklärten wir, wir arbeiteten an ei- nem Eilprogramm zur Konstruktion und Errich- tung eines achtspurigen unterirdischen Ost-West- Highway, welcher der Landesverteidigung zugute kommen sollte. Ich glaube, ich brauche nicht ei- gens darauf hinzuweisen, daß der Kongreß, der vor allem für den Straßenbau immer ein offe- nes Ohr hat, sofort mit fliegenden Fahnen zu uns überlief und uns volle finanzielle Unterstützung zusagte.« Blake ergriff das Wort. »Viele von uns waren der Meinung, daß ein solcher Highway überaus prak-, tisch und vielleicht sogar unbedingt nötig wäre. Je intensiver wir darüber nachdachten, desto mehr faszinierte uns diese Idee. Doch die Bestie stand an erster Stelle. Und dieses Projekt entwickelte sich überaus schleppend und mühsam, auch wenn wir dank der Regierungsgelder aus dem Vollen schöp- fen konnten.« »Erinnern Sie sich noch«, fragte Ptolemy, »wie schwierig es war, das Computergehirn der Bestie zu programmieren?« »Himmel, ja!« lachte Manisfree. »Und wie wir uns fast die Zähne ausbissen, als es darum ging, unserem Liebling ein parthenogenetisches Repro- duktionssystem einzusetzen?« »Das gab uns fast den Rest«, gestand Dalton. »Aber dann kamen doch noch die Probleme, die wir hatten, um die Bewegungen der Bestie richtig zu koordinieren! Das arme Ding stolperte wochen- lang durch unser Labor, ehe wir endlich am Ziel unserer Bemühungen waren.« »Dabei kam der alte Duglaston von der Neurolo- gie leider ums Leben«, erinnerte Ptolemy sich trau- rig. »Unfälle passieren immer wieder«, gab Dalton zu bedenken. »Ich bin nur froh, daß wir der Verwal- tung melden konnten, Duglaston hätte sich für ein Urlaubssemester entschieden.« Den Professoren schienen Tausende von Ge- schichten und Geschichtchen über die Entstehung, der Bestie einzufallen. Doch Joenes unterbrach un- geduldig ihre Reminiszenzen. »Eines will ich doch noch wissen«, sagte er. »Wa- rum haben Sie die Bestie gebaut?« Die Professoren mußten einen Moment nachden- ken. Viele Jahre war es her, daß sie die Notwen- digkeit für die Existenz der Bestie entdeckt hatten. Doch zum Glück trafen die Gründe immer noch zu. Nach einer kurzen Pause meinte Blake: »Die Bestie war eine Notwendigkeit, Joenes. Sie oder irgend etwas anderes in der gleichen Richtung wurde benötigt, um den Erfolg unseres utopischen Chorowait und im weiteren Sinne eine erfolgrei- che Zukunft zu gewährleisten, welche durch unser Chorowait repräsentiert wird.« »Verstehe ich«, sagte Joenes. »Aber warum?« »Das ist wirklich schrecklich einfach«, sagte Bla- ke. »Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor wie Cho- rowait oder auch jede andere Gesellschaft und fragen Sie sich, auf welche Ursachen ihr Zusam- menbruch, ihre Auflösung zurückzuführen sein könnte. Es ist eine schwierige Frage, auf die es im Grunde keine eindeutige Antwort gibt. Doch damit können und dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Der Mensch lebt in der Gesellschaft, es scheint seine Natur zu sein. Unter diesen Voraussetzun- gen wollten wir in Chorowait ein perfektes sozi- ales Modell schaffen. Da heutzutage über kurz oder lang alle Gesellschaften zusammenbrechen, woll-, ten wir, daß unser Modell wenigstens stabil, gleich- zeitig aber auch nachvollziehbar wäre, soweit es die Regeln und Gesetze der Demokratie erlauben. Darüberhinaus wollten wir eine angenehme Ge- sellschaftsform und zudem eine, welche den Men- schen zu neuen Erkenntnissen verhilft. Sind Sie mit diesen wertvollen Ideen einverstanden?« »Natürlich«, erwiderte Joenes. »Aber die Bestie ...« »Genau, an dieser Stelle erscheint die Bestie. Die Bestie, sehen Sie, ist die implizite Notwendigkeit, auf welcher Chorowait ruht.« Joenes machte ein reichlich verwirrtes Gesicht. Daher fuhr Blake fort: »Im Grunde ist das alles sehr einfach und ein- sichtig. Doch zuerst muß man den Bedarf nach Sta- bilität, Ausgeglichenheit innerhalb eines allgemein anerkannten Gesetzes und den Sinn des Lebens ak- zeptieren. Das ist offensichtlich bei Ihnen der Fall. Dann muß man die Tatsache akzeptieren, daß kei- ne Gesellschaft nach reinen Abstraktionen funktio- nieren kann. Wenn Tugend nicht belohnt und das Böse nicht bestraft wird, verliert der Mensch sei- nen Glauben, und die Gesellschaft fällt auseinan- der. Ich gebe zu, daß der Mensch Ideale braucht; diese konnte er jedoch in dieser hektischen, nicht mehr von hehren Werten bestimmten Welt nicht erhalten. Mit Schrecken erkannten die Menschen, wie weit ihnen die Götter entrückt waren und wie wenig sie bewirken konnten.«, »Wir wollen auch eingestehen«, sagte Manisfree, »daß der Mangel ganz ohne Zweifel im individuel- len Menschen selbst zu suchen ist. Obwohl er ein denkendes Wesen ist, lehnt er es ab zu denken. Ob- wohl er über eine Intelligenz verfügt, setzt er sie in den seltensten Fällen zur Verbesserung seines Da- seins ein. Ja, Joenes, ich glaube, man kann von die- sen Voraussetzungen ausgehen.« Joenes nickte verblüfft und erfreut, daß die Pro- fessoren ihm soweit entgegenkamen und ihm all das zugestanden. »Unter diesen Gegebenheiten«, sagte Blake nun, »erkennen wir die absolute Notwendigkeit der Be- stie.« Blake wandte sich danach ab, als wäre zu diesem Thema alles gesagt worden, was man sagen konn- te. Doch Dalton, dem dieses Thema sehr am Her- zen lag, fuhr fort: »Die Bestie, mein lieber Joenes, ist nichts anderes als die personifizierte Notwendigkeit. Was bleibt uns heutzutage noch, wo alle Berge erstiegen und alle Meere befahren sind, wo die Planeten in un- sere Reichweite gerückt und die Sterne unerreich- bar fern sind, wo die Götter nicht mehr existieren und die Staaten zerfallen? Der Mensch muß seine Kraft mit irgend etwas messen; wir haben ihm zu diesem Zweck die Bestie erschaffen. Der Mensch braucht sein Dasein nicht mehr in bedrückender Einsamkeit zu fristen; die Bestie lauert ganz in sei-, ner Nähe. In seiner Langeweile, seiner Rastlosig- keit braucht der Mensch sich nicht mehr gegen sei- nesgleichen zu wenden; er muß immer auf der Hut sein vor den teuflischen Plänen der Bestie.« Manisfree stimmte mit ein: »Die Bestie macht Chorowait und seine Gesellschaft stabil und wider- standsfähig. Wenn die Leute nicht zusammenarbei- teten, dann würde die Bestie sie einer nach dem anderen vernichten. Nur dank der vereinten Bemü- hungen der Bevölkerung von Chorowait kann die Bestie weitgehend unter Kontrolle und in Schach gehalten werden.« »Außerdem bekommen die Menschen wieder eine weitaus respektvollere Einstellung zur Religi- on«, hob Dalton hervor. »Man braucht eben die Re- ligion, wenn die Bestie auf der Jagd ist.« »Die Gleichgültigkeit wird ausgemerzt«, sagte Blake. »Niemand kann es sich im Angesicht der Be- stie leisten, gleichgültig zu sein.« »Weil es die Bestie gibt«, erklärte Manisfree, »ist die Gemeinschaft in Chorowait glücklich, famili- enorientiert, religiös, erdverbunden und stets der Notwendigkeit der Tugend bewußt.« Joenes fragte: »Was hält die Bestie eigentlich da- von ab, die gesamte Gemeinde zu vernichten?« »Ihre Programmierung«, entgegnete Dalton. »Wie bitte?« »Die Bestie wurde programmiert, was soviel heißt, als daß bestimmte Informationen und Reaktionen in, ihr künstliches Gehirn eingepflanzt wurden. Man braucht wohl nicht zu betonen, daß wir uns in die- ser Hinsicht große Mühe gegeben haben.« »Sie haben der Bestie also beigebracht, keine Universitätsprofessoren anzugreifen?« vergewis- serte Joenes sich. »Nun ja«, wandte Dalton sich, »darauf sind wir nicht sonderlich stolz, um ganz ehrlich zu sein. Aber wir dachten, man brauchte uns noch eine Weile.« »Wie sonst ist die Bestie programmiert?« wollte Joenes wissen. »Ihr wurde beigebracht, jeden Herrscher oder jede herrschende Gruppierung in Chorowait zu su- chen und zu vernichten; dann soll sie sich an die- jenigen halten, die mit dem Bösen paktieren und schließlich lautet die letzte Präferenz, überhaupt jeden Chorowaiter umzubringen. Daher muß je- der Herrschende sowohl sich selbst als auch sei- ne Leute schützen. Das reicht schon aus, ihn von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten. Doch der Herrschende muß sich auch mit der Priesterschaft gut stellen, ohne deren Hilfe er vollkommen hilflos wäre. Auf diese Weise ist eine größtmögliche Kon- trolle seiner Machtausübung gewährleistet.« »Wie kann die Priesterschaft ihm denn helfen?« fragte Joenes. »Sie haben doch den Medizinmann bei der Ar- beit gesehen, nicht wahr?« fragte Hanley. »Er und, seine Assistenten benutzen bestimmte Substan- zen, die von den Leuten in Chorowait gesammelt und zu ihnen gebracht werden. Diese, wenn rich- tig zusammengestellt, bewirken, daß die Bestie sich zurückzieht. Schließlich ist unser Schmuck- stück darauf programmiert, jegliche aggressive Ak- tion einzustellen, wenn die Kombination der Sub- stanzen richtig erfolgte.« »Warum kann der Herrschende nicht einfach die Substanzen kombinieren und die Bestie in die Flucht schlagen und ohne Mitwirkung der Priester- schaft regieren?« erkundigte Joenes sich. »Wir haben besonders viel Mühe darauf ver- wandt, eine deutliche Trennung zwischen Staat und Kirche herzustellen«, sagte Harris. »Es gibt keine einzige Kombination, welche in jedem Fall wirkt, wenn die Bestie erscheint. Statt dessen müs- sen eine ganze Reihe von Daten bedacht und in die Überlegungen mit einbezogen werden, so zum Bei- spiel der Stand des Mondes und der Sterne, dann die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, die Windge- schwindigkeit und ähnliches.« »Diese Berechnungen halten die Priester sicher- lich ziemlich in Atem, nicht wahr?« meinte Jo- enes. »Tun sie auch«, bestätigte Hanley. »Und zwar sind sie so beschäftigt, daß sie überhaupt keine Zeit ha- ben, sich in die Staatsgeschäfte einzumischen. Als letzte Sicherung gegen eine überproportionale, Machtzunahme auf Seiten der Priesterschaft haben wir noch eine Art Notprogramm in die Bestie ein- gebaut. Dagegen kommt nichts an, und die Bestie kann ungehindert den Medizinmann um die Ecke bringen und keinen anderen. Auf diese Weise sieht der Medizinmann sich der gleichen Gefahr gegen- über wie der Herrschende.« »Aber was sollte jemand unter diesen Umständen reizen«, fragte Joenes, »Priester oder Herrschender zu werden?« »Es handelt sich dabei um privilegierte Positio- nen«, betonte Manisfree. »Und wie Sie ja selbst er- lebt haben, stellt der Tod selbst für den unbedeu- tendsten Dorfbewohner eine reale Gefahr dar. Und aus diesem Grund sind die Menschen immer wie- der bereit, die größere Gefahr auf sich zu nehmen, um Macht auszuüben, gegen die Bestie zu kämpfen und sich größerer Freiheiten zu erfreuen.« »Man erkennt deutlich, wie alles miteinander verzahnt ist«, sagte Blake. »Sowohl Herrschender wie Medizinmann können sich nur halten, wenn sie von den Menschen gestützt werden. Ein unbe- liebter Herrscher aber hätte niemandem, der ihm im Kampf gegen die Bestie zur Seite stünde, und er würde wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit ge- tötet werden. Ein unpopulärer Medizinmann bekä- me gar nicht die Substanzen, welche er zum Kampf gegen die Bestie braucht. Diese müssen ja von den Leuten gesammelt werden. Auf diese Weise bleibt, dem Herrschenden und dem Medizinmann die Macht nur auf Grund allgemeiner Zustimmung er- halten, und man kann sagen, daß die Bestie auf ihre Art eine funktionsfähige Demokratie erhält.« »Die ganze Angelegenheit ist auch noch in an- derer Hinsicht interessant«, sagte Hanley von der Anthropologie. »Ich glaube, dies ist das erste Mal in der Geschichte, daß der volle Katalog magischer Artefakte notwendig ist, um die Existenz zu ge- währleisten. Und es ist wahrscheinlich auch das erste Mal, daß eine Kreatur auf der Erde in derart enger Verbindung zum Übernatürlichen steht.« »In Anbetracht der vielfältigen Gefahren frage ich mich«, meinte Joenes, »warum jemand freiwil- lig bereit sein soll, sich nach Chorowait zu bege- ben.« »Sie bleiben, weil die Gemeinschaft in sich gut und sinnvoll ist«, entgegnete Blake, »und weil sie gegen einen greifbaren Feind kämpfen können und nicht gegen einen unsichtbaren Wahnsinnigen, der sich perverser Methoden bedient und aus Lange- weile mordet.« »Einige wenige von unseren Freiwilligen hat- ten schon ihre Zweifel«, gab Dalton zu. »Sie wuß- ten nicht, ob Sie durchhalten würden, obwohl wir sie davon überzeugten, daß sie genau das Richti- ge taten. Für diese kleine Gruppe der Unentschie- denen konnte Doktor Broign von der Psychologie eine harmlose und einfache Operationsmetho-, de entwickeln, mit welcher kleinere Eingriffe ins Gehirn möglich wurden. Diese Operation hatte so gut wie keine Folgen und ist in keiner Weise mit den schrecklichen Lobotomien der Vergangenheit zu vergleichen, bei denen Intelligenz und Persön- lichkeit gleich mit herausgeschnitten wurden. Un- sere Operation löscht lediglich die Erinnerung an die Welt außerhalb Chorowaits. Danach weiß man nicht mehr, wohin man sich sonst wenden soll.« »Ist das ethisch vertretbar?« wollte Joenes wis- sen. »Schließlich hat jeder der Chorowaiter sich frei- willig gemeldet«, sagte Hanley. »Und dann nahmen wir ihnen ja nichts anderes als eine winzige Porti- on nutzlosen Wissens.« »Gern machten wir das nicht«, gab Blake zu. »Doch das Anfangsstadium einer jeden Gesellschaft wird oft von ungewöhnlichen Problemen gekenn- zeichnet. Zum Glück haben wir unser Anfangssta- dium schon in Kürze hinter uns.« »Die Entwicklung läuft im gleichen Maß fort, wie die Bestie gedeiht und sich vermehrt.« Die Professoren legten einige Minuten Schwei- gen ein, um sich zu sammeln. »Sehen Sie«, ergriff nun Ptolemy das Wort, »wir nahmen große Mühen auf uns, um die Bestie mit einem parthenogenetischen Reproduktionsapparat auszustatten. So wird sie sich, da sie sich selbst be- fruchtet, vermehren und auf benachbarte Gemein-, schaften verteilen. Jeder Nachkomme wird nicht darauf programmiert sein, sich ausschließlich in Chorowait aufzuhalten, wie es bei der ursprüng- lichen Bestie der Fall ist. Statt dessen wird jeder Nachkomme sich seine eigene Gemeinde suchen, die er terrorisieren kann.« »Doch andere Menschen werden den Ungeheu- ern hilflos gegenüberstehen«, wandte Joenes ein. »Nicht allzu lange. Sie werden sich in Choro- wait erkundigen und werden dann erfahren, wie sie sich gegen ihre Bestie zur Wehr setzen können. Auf diese Art und Weise entstehen weitere Gemein- den nach dem Vorbild Chorowaits, und schon bald wird sich die Gesellschaft der Zukunft über den ganzen Erdball verteilt haben.« »Wir wollen es natürlich nicht allein dabei be- lassen«, verkündete Dalton eifrig. »Die Bestie ist ja ganz in Ordnung, doch weder sie noch ihre Nach- kommen sind vollkommen sicher vor der destruk- tiven Intelligenz des Menschen. Deshalb haben wir uns weitere finanzielle Unterstützung bei der Re- gierung gesichert und bauen irgendwann andere Kreaturen.« »Wir werden die Himmel mit mechanischen Vam- piren bevölkern!« freute Ptolemy sich. »Raffiniert konstruierte Zombies mischen sich unter die Menschen!« sagte Dalton. »Phantastische Monster werden in den Meeren schwimmen!« kam es von Manisfree., »Die Menschheit wird mit diesen wundervol- len Kreaturen leben, welche sie immer schon ge- fürchtet hat«, sagte Hanley. »Der Vogel Greif und das Einhorn, der Monoceros und die Martikora, der Hippogreif und die Monsterratte, diese und noch viele andere werden unter den Menschen leben. Aberglaube und Angst werden Oberfläch- lichkeit und Langeweile verdrängen, und der Mut wird wieder zu Ehren kommen, der Mut, den man braucht, um dem Teufel entgegenzutreten. Es wird wieder Glückseligkeit geben, wenn das Einhorn seinen Riesenschädel in den Schoß der Jungfrau bettet, und man ist von Freude erfüllt, wenn das Zwergenvolk den ehrlichen Menschen mit einem Sack Gold belohnt. Der Geizige wird vom Coreo- phagus bestraft, und der Sinnenfrohe muß gewär- tig sein, der Inkarnation von Aphrodite Pandemos gegenüberzustehen. Der Mensch wird im Univer- sum nicht mehr länger allein sein, sondern Seite an Seite mit Kreaturen leben, die mindestens eben- so geheimnisvoll sind wie er selbst. Und er wird im Einklang mit den einzigen Regeln leben, die seine Natur akzeptiert – den Regeln, die aus dem Über- natürlichen stammen, welches sich auf der Erde manifestiert hat!« Joenes schaute die Professoren an, und ihre Ge- sichter strahlten vor Glück. In Anbetracht dessen wagte Joenes es gar nicht erst zu fragen, ob die rest- liche Welt wirklich so glücklich daran wäre, wenn, die Prophezeiung der Professoren wirklich einträte, oder ob es nicht sinnvoller wäre, die Welt erst ein- mal zu fragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstell- te. Auch gab Joenes nicht seine eigene Überzeu- gung zum besten, daß nämlich diese Herrschaft des Wunderbaren, Rätselhaften nichts anderes wäre, als eine Tyrannei der von Menschen gemachten Maschinen, die lediglich vorgaukeln sollten, daß es so etwas gibt wie eine übernatürliche Welt. An- statt göttlich und unfehlbar wären die Maschi- nen sterblich und jeglichem Irrtum unterworfen, zu dem auch der Mensch fähig ist, und in dieser Hinsicht wären eben jene segensbringenden Ma- schinen total destruktiv, extrem provozierend und dazu bestimmt, vernichtet zu werden, sobald der Mensch andere Maschinen erfunden hätte, die ihm diese Arbeit abnähmen. Aber es war nicht nur Rücksicht auf die Gefüh- le seiner Kollegen, die Joenes davon abhielt, seine Meinung laut kundzutun. Er hatte darüberhinaus richtige Angst, daß diese besessenen Männer ihn vielleicht umbringen könnten, falls er Zweifel an ihren Glaubensinhalten äußerte. Daher schwieg er und grübelte auf der Rückfahrt zur Universität über die Probleme der menschlichen Existenz nach. Als man schließlich die Universität erreicht hat- te, war Joenes entschlossen, das klösterliche Leben auf dem Campus so bald wie nur irgend möglich hinter sich zu lassen.,

X

WIE JOENES DER REGIERUNG BEITRAT Erzählt von Ma‘aoa von Samoa Eine Gelegenheit, die Universität zu verlassen, er- gab sich in der folgenden Woche, als ein Rekrutie- rungsbeamter der Regierung auf dem Campus auf- tauchte. Dieser Mann hieß Ollin, und sein Titel war der eines Untersekretärs, verantwortlich für den Regierungsnachwuchs. Er war ein kleinwüchsiger Mann von etwa fünfzig Jahren mit kurz geschnit- tenen weißen Haaren und dem zerknautschten Ge- sicht einer Bulldogge. Er strahlte dynamische Wil- lenskraft aus, und das beeindruckte Joenes über die Maßen. Untersekretär Ollin hielt vor dem Lehrpersonal eine kurze Ansprache: »Die meisten von Ihnen ken- nen mich ja, deshalb will ich Ihre und meine Zeit nicht mit Süßholzraspeln vergeuden. Ich will Sie nur daran erinnern, daß die Regierung talentierte und zuverlässige junge Männer für ihre vielfältigen Abteilungen und Organisationen braucht. Mein Job ist es, solche Männer zu suchen. Jeder Interessent kann mich in Raum 222 in Old Scarmuth finden, den Dekan Fols mir dankenswerter Weise zur Ver- fügung gestellt hat.« Joenes folgte der Aufforderung, und Untersekre- tär Ollin begrüßte ihn voller Herzlichkeit., »Nehmen Sie Platz«, forderte Ollin ihn auf. »Zi- garette? Ein Drink? Freut mich, daß jemand herge- funden hat. Ich dachte schon, ihr Eierköpfe hier draußen in St. Stephen‘s Wood hättet eure eigenen kleinen Rezepte, die Welt zu retten. Ist doch so ‘ne Art mechanisches Monster, nicht wahr?« Joenes staunte, daß Ollin über das Chorowait-Ex- periment bestens informiert war. »Wir halten unsere Augen offen«, sagte Ollin. »Fast wären wir ja hinters Licht geführt worden, denn wir dachten anfangs, es handelte sich um irgendeinen Scherzartikel für ‘nen Monsterfilm. Doch jetzt wissen wir, was da läuft, und außerdem haben wir schon ein paar FBI-Leute auf die Sache angesetzt. Die arbeiten richtig geheim. Bis jetzt be- steht über die Hälfte der Bevölkerung von Choro- wait aus unseren Leuten. Wir handeln, sobald wir genügend Beweise in den Händen haben.« »Die mechanische Bestie dürfte sich schon bald vermehren«, warnte Joenes. »Damit wächst nur die Beweislast«, sagte Ollin. »Aber egal, nun zu Ihnen. Ich gehe davon aus, daß Sie an irgendeinem Regierungsamt interessiert sind?« »Bin ich. Mein Name ist Joenes, und ich ...« »Das weiß ich alles«, unterbrach Ollin. Er schloß einen Aktenkoffer auf und entnahm diesem ein No- tizbuch. »Mal sehen«, murmelte Ollin und blätterte in dem Büchlein. »Joenes. In San Francisco wegen an-, geblich subversiver Rede verhaftet. Untersuchung durch eine Kommission des Kongress mit dem Er- gebnis, daß besagter Joenes vaterlandsloser und unkooperativer Bürger ist, vor allem hinsichtlich der Information über Arnold und Ronald Black, die Zwillingsspione vom Octagon. Verurteilt vom Ora- kel zu zehn Jahren Gefängnis, ausgesetzt zur Be- währung. Verbrachte einige Zeit im Hollis Hort für kriminelle Geisteskranke und fand dann eine An- stellung an dieser Universität. Während dieser Zeit trafen sie täglich mit den Gründern der Chorowait- Gemeinde zusammen.« Ollin klappte das Notizbuch zu. »Ist das mehr oder weniger korrekt?« »Mehr oder weniger«, sagte Joenes lahm und war sich wohl bewußt, daß er sich das nicht erklären konnte und andererseits auch nicht dagegen pro- testieren durfte. »Ich nehme doch an, daß aus mei- nem Dossier hervorgeht, daß ich für jeglichen öf- fentlichen Dienst ungeeignet bin, oder?« Ollin brach in ein herzliches Gelächter aus. Schließlich wischte er sich die Tränen aus den Au- gen. »Joenes, diese Umgebung hier muß Ihnen wohl die Birne etwas aufgeweicht haben, was? In ihren Unterlagen gibt es nichts Weltbewegendes. Ihre Rede in San Francisco ist lediglich ein Verdacht, auf keinen Fall konnte man Ihnen das beweisen. Ihre Mißachtung der Kommission beweist nur, daß Sie sich ein gesundes Empfinden bewahrt haben,, was auch unsere größten Präsidenten auszeichne- te. Es zeugt von unbeugsamer Loyalität, daß Sie über Arnold und Ronald Black nicht reden woll- ten, auch nicht um Ihre eigene Haut zu retten. Ihre Abkehr vom Kommunismus ist offensichtlich; das FBI hat zur Kenntnis nehmen können, daß Sie seit Ihrem kurzen Intermezzo mit den Blacks der inter- nationalen Agenten- und Terroristenszene stand- haft den Rücken gekehrt haben. Was Ihren Aufent- halt im Hollis Hort für kriminelle Geisteskranke angeht, so ist darin nichts Ehrenrühriges; wenn Sie einmal die Statistiken lesen würden, könnten Sie sehen, daß jeder Zweite in unserer Gesellschaft psychiatrische Hilfe nötig hätte. Und was Ihre Ver- bindung zu Chorowait betrifft, so gibt es auch dort nichts, was Anlaß zur Sorge gäbe. Der Idealismus läßt sich nicht immer in die Bahnen lenken, in de- nen die Regierung ihn gerne sehen würde. Auch wenn wir entschlossen sind, Chorowait dem Erd- boden gleichzumachen, müssen wir doch den Hut vor den schwierigen und arbeitsreichen Planun- gen ziehen, die man dort hineinsteckte. Wir in der Regierung sind nicht überheblich und unfehlbar. Wir wissen, daß niemand von uns wahrlich rein ist, und wir sind uns bewußt, daß es im Leben ei- nes jeden Menschen etwas gibt, worauf der Betref- fende nicht besonders stolz ist. Unter diesem As- pekt betrachtet, haben Sie im Grunde überhaupt nichts Böses getan.«, Joenes machte aus seiner tiefempfundenen Dank- barkeit für diesen Standpunkt der Regierung kei- nen Hehl. »Der Mann, dem Sie wirklich danken sollten«, informierte Ollin ihn, »ist Sean Feinstein. In seiner Funktion als Außerordentlicher Assistent des Assi- stenten des Präsidenten vertrat er seine Auffassung über Sie. Wir gingen der Sache nach, überprüften die Aussagen und kamen zu dem Schluß, daß Sie genau der Typ Mann sind, den wir im Regierungs- dienst brauchen.« »Bin ich das wirklich?« vergewisserte Joenes sich. »Ohne jeden Zweifel. Wir Politiker sind Reali- sten. Wir sehen die unzähligen Probleme, die tag- täglich auf uns einstürmen. Um diese Probleme zu lösen, brauchen wir die besten unabhängigen und furchtlosen Denker, die wir bekommen kön- nen. Nur die besten sind gut genug, und keine ein- schränkenden Überlegungen werden uns von unse- rem Weg abbringen. Wir brauchen Männer wie Sie, Joenes. Wollen Sie nicht dem Verwaltungsdienst der Regierung beitreten, Joenes?« »Ich will!« rief Joenes voller Enthusiasmus. »Ich will versuchen, das Vertrauen zu rechtfertigen, daß Sie und Sean Feinstein in mich setzen!« »Ich wußte, daß Sie so reagieren würden, Jo- enes«, zeigte Ollin sich zufrieden. »Wir alle wuß- ten das. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen. Bit- te unterschreiben Sie hier und dort.«, Ollin legte Joenes den üblichen Regierungsver- trag vor, und Joenes unterschrieb. Der Untersekre- tät verstaute das Schriftstück in seinem Koffer und schüttelte Joenes die Hand. »Ihr Dienst in der Verwaltung beginnt genau jetzt. Vielen Dank, Gott segne Sie, und vergessen Sie nicht, daß wir alle auf Sie zählen.« Ollin setzte sich in Richtung Tür in Bewegung, doch Joenes hatte noch eine brennende Frage auf der Zunge. »Augenblick! Warten Sie! Wie sieht denn mein Job überhaupt aus, und wo übe ich ihn aus?« »Man wird Sie benachrichtigen!« rief Ollin zu- rück. »Wann? Und von wem?« »Ich habe nur für den Nachwuchs zu sorgen«, sagte Ollin. »Was mit den Leuten geschieht, die ich anwerbe, liegt völlig außerhalb meines Einflusses. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das mit Ihrer Anstellung geht glatt über die Bühne. Vergessen Sie nicht, daß wir auf Sie zählen. Und jetzt müs- sen Sie mich wirklich entschuldigen, weil ich noch in Radcliffe eine Rede halten muß.« Untersekretär Ollin verschwand, und Joenes dachte voller gespannter Erwartung an die vor ihm liegenden Möglichkeiten, jedoch war er auch ein wenig skeptisch über das Tempo, mit dem er in den Regierungsdienst hineingerutscht war. Außerdem war er gespannt, wann die Regierung sich melden würde., Am folgenden Morgen jedoch bekam er schon ei- nen offiziellen Brief, der ihm durch einen Regie- rungsboten zugestellt wurde. Es hieß darin, er sol- le sich im Zimmer 432 im Ostflügel des Portico Building in Washington D.C. melden, und zwar so schnell wie möglich. Der Brief war von niemand geringerem unterzeichnet als von John Mudge, Sonder-Assistent des Koordinationschefs. Joenes verabschiedete sich sofort von seinen Kol- legen, warf noch einen letzten Blick auf die grünen Wiesen und Betonwege der Universität und bestieg das erste Flugzeug nach Washington. * Es war ein aufregender Augenblick, als Joenes in der Hauptstadt ankam. Er schlenderte durch die ro- safarbenen Marmorstraßen zum Portico Building und passierte dabei das Weiße Haus, den Sitz der imperialen amerikanischen Macht. Links davon lag das gigantische Bauwerk des Octagons, wel- ches man an Stelle des alten, kleineren Pentagon errichtet hatte. Dahinter erstreckten sich die Kon- gressgebäude. Diese Bauten übten auf Joenes eine ganz eigen- tümliche Wirkung aus. Für ihn waren sie roman- tische Zeugen der Geschichte. Ruhm und Pracht des alten Washington, Hauptstadt der Hellenischen Konföderation vor dem schrecklichen Bürgerkrieg,, tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Es kam ihm so vor, als wäre er Zeuge der welterschütternden Debatte zwischen Perikles, dem Vertreter der Mar- morsteinmetze, und Themistokles, dem tollkühnen U-Boot-Kommandanten. Er dachte an Kleon, der aus seiner Heimat, dem Arkadischen New Hamphshire, hierhergekommen war und seine aufregenden Ide- en über die Fortsetzung des Krieges verkündet hat- te. Der Philosoph Alkibiades hatte hier einige Zeit gelebt und seine Geburtsstadt Louisiana vertreten, Xenophon hatte auf eben diesen Stufen gestanden, und man hatte ihm zugejubelt, weil er zehntausend Männer von den Ufern des Yalu bis hin zum Heilig- tum von Pusan geführt hatte. Die Erinnerungen stürmten unaufhaltsam auf ihn ein! Hier schrieb Thukydides seine umfas- sende Geschichte des tragischen Kriegs zwischen den Staaten. Hippokrates, der hellenische Gesund- heitsminister, hatte an diesem Ort das Gelbfieber bezwungen; und getreu seinem Eid hatte er sich zurückgehalten, hatte er niemals darüber ein Wort verloren. Und hier hatten auch Lykurgus und So- lon, die ersten Richter des Obersten Gerichtshofs, ihre berühmten Debatten über die Natur der Ge- rechtigkeit veranstaltet. Diese berühmten Männer schienen sich um ihn zu drängen, als Joenes über die breiten Boulevards Washingtons schritt. Da er an sie denken mußte, schwor Joenes bei sich, sein möglichstes zu tun,, keine Mühen zu scheuen und allzeit treu seinem Staat zu dienen. In diesem Zustand arbeitswilliger und einsatz- bereiter Ekstase gelangte Joenes in den Raum 432 im Ostflügel des Portico Building. John Mudge, der Sondersekretär, begrüßte ihn sofort. Mudge war freundlich und entgegenkommend und schien trotz seines noch zu erledigenden riesigen Ar- beitspensums keine Eile zu haben. Joenes erfuhr, daß Mudge sämtliche politischen Entscheidungen im Koordinationsbüro für die verschiedenen Regie- rungsabteilungen traf, da sein Vorgesetzter Tag und Nacht damit beschäftigt war, sinnlose Versetzungs- anträge für die Armee zu formulieren. »Nun, Joenes«, sagte Mudge, »Sie sind uns zu- geteilt worden, und wir freuen uns, Sie bei uns zu haben. Ich glaube, ich sollte Ihnen sofort erklären, womit dieses Büro sich beschäftigt. Wir arbeiten als eine Art Zwischenträger zwischen den verschiede- nen Streitkräften und Diensten unseres Landes. Sie wissen ja, daß das Militär nahezu autonomen Sta- tus hat. Daneben fungieren wir auch noch als eine Art Spionage-Agentur für sämtliche Programme der verschiedenen Streitkräfte und außerdem auch als politische Planungszentrale der Regierung für die militärische, psychologische und wirtschaftliche Kriegsführung.« »Das klingt ja ziemlich wild«, mußte Joenes zu- geben., »Es ist auch viel zuviel«, bestätigte Mudge. »Und trotzdem ist unsere Arbeit in jeder Hinsicht not- wendig. Nehmen Sie nur mal den Bereich der Ko- ordination der einzelnen Dienste. Erst vergange- nes Jahr, ehe diese Abteilung gegründet wurde, waren Teile unserer Armee in eine dreitägige hefti- ge Schlacht im tiefsten Dschungel Nord-Thailands verwickelt. Sicher können sie sich die Wut der Sol- daten vorstellen, als man, nachdem die Rauchwol- ken abgezogen waren, erkennen mußte, daß man dem sorgfältig eingeigelten Batallion der U.S. Ma- rineinfanterie gegenüberstand. Überlegen Sie nur, welche Auswirkungen das auf die Kampfmoral un- serer Leute hat! Da unser militärisches Engage- ment sich noch recht dünn über den ganzen Erd- ball spannt, müssen wir Ereignissen wie diesen in jeder Hinsicht zuvorkommen.« Joenes nickte zustimmend. Mudge fuhr darauf- hin fort, die Notwendigkeit der anderen Aufgaben zu erklären. »Nehmen Sie zum Beispiel die Spionage«, sag- te Mudge. »Es gab mal eine Zeit, da war dieser Be- reich das Fachgebiet der Central Intelligence Agen- cy, also der CIA. Doch heutzutage lehnt die CIA es rigoros ab, ihre Informationen weiterzugeben. Statt dessen will man weitere Truppen haben, um mit den Problemen fertig zu werden, die man auf- deckt.« »Bedauernswert«, mußte Joenes eingestehen., »Und natürlich trifft dies in noch stärkerem Maße auch für die Armee-Spionage, die Marine-Spionage, die Luftwaffen-Spionage, die Raumfahrt-Spionage und alle anderen Dienste zu. Der Patriotismus der Männer, die in diesen Diensten beschäftigt sind, darf überhaupt nicht angezweifelt werden, doch je- der Dienst nimmt für sich in Anspruch, ganz al- lein über Gefahren und mögliche Gegenmaßnah- men und Kriegstaktiken urteilen zu können. Damit tritt der Fall ein, daß jegliche Informationen über den Feind widersprüchlich und ungenau sind ... Dies wiederum legt die Regierung völlig lahm, da sie über keinerlei zuverlässige Informationen ver- fügt, nach denen sie ihre Politik ausrichten kann.« »Ich hatte ja gar keine Ahnung, daß die Lage so ernst ist«, sagte Joenes. »Sie ist ernst und untragbar«, gab Mudge ihm recht. »Meiner Meinung nach liegt das am Umfang der Regierungsbehörden und der gesamten Organi- sation der Regierung, welche sich über alle Maßen aufgebläht hat. Ein Freund erklärte mir einmal, daß ein Organismus, der über sein normal übliches Maß hinauswächst, irgendwann auseinanderbricht und die einzelnen Teile dann jeder für sich wieder ei- nen Wachstumsprozeß beginnen. Wir sind zu groß geworden, und nun setzt der Prozeß der Auflösung ein. Trotzdem war unser Wachstum eine natürliche Folge der Zeit und ihrer Ereignisse, und wir dürfen einfach nicht zulassen, daß schon jetzt die Auflö-, sung einsetzt. Der Kalte Krieg ist immer noch in vollem Gange, und wir müssen unsere Dienste zu- sammenhalten und dafür sorgen, daß in ihnen wei- terhin Zucht und Ordnung herrschen. Wir in der Koordination müssen die Wahrheit über den Feind herausfinden, müssen diese Informationen der Re- gierung zugänglich machen und die Dienste anhal- ten, sich der von der Regierung befohlenen Politik unterzuordnen. Wir müssen durchhalten, bis die Gefahr von außen gebannt ist. Danach können wir nur hoffen, unsere Bürokratie so schnell und wir- kungsvoll zu verkleinern, ehe die Mächte des Cha- os uns diese Arbeit abnehmen.« »Ich glaube, ich begreife jetzt, worum es geht«, sagte Joenes, »und ich bin da völlig Ihrer Mei- nung.« »Damit hatte ich schon gerechnet«, erwiderte Mudge. »Ich wußte es schon von dem Zeitpunkt an, als ich ihr Dossier las und Sie für diese Abtei- lung anforderte. Ich sagte mir, daß Sie der geborene Koordinator seien, und trotz vieler Schwierigkeiten gelang es mir schließlich, Sie in den Staatsdienst einzuschleusen.« »Aber ich habe angenommen, das hätte ich Sean Feinstein zu verdanken«, wandte Joenes ein. Mudge lächelte. »Sean ist kaum mehr als eine Marionette, die alle Schriftstücke unterschreibt, die wir ihm vor die Nase halten. Er ist überdies ein Patriot der Sonderklasse, und er hat sich freiwillig, für die geheime aber doch so notwendige Rolle des Sündenbocks für die Regierung gemeldet. In Seans Namen treffen wir alle zweifelhaften, unpopulären und fragwürdigen Entscheidungen. Wenn alles gut ausgeht, bekommen unsere Chefs die Orden und das Lob der Öffentlichkeit. Geht etwas schief, dann muß unser Sean ran. Auf diese Weise wird die Eig- nung unserer Chefs für ihren schwierigen Job nie- mals in Frage gestellt.« »Das muß für Sean ziemlich hart sein, oder?« er- kundigte Joenes sich beiläufig. »Natürlich. Aber vielleicht wäre Sean überhaupt nicht glücklich, wenn es für ihn nicht so schwer wäre. Zumindest glaubt das ein befreundeter Psy- chologe. Ein anderer Psychologe aus einem Be- kanntenkreis, der die ganze Angelegenheit unter einem etwas mystischeren Gesichtspunkt betrach- tet, meinte, daß Sean Feinstein irgendwie eine Art historische Funktion wahrnimmt, daß er auser- sehen ist, der Beweger der Menschheit zu sein, daß er die Ereignisse initiiert, eine wichtige Figur der Geschichte und eine lebenswichtige Macht im Zuge der Offenbarung für alle Menschen ist und daß er aus diesem Grund von der Öffentlich- keit, der er dient, abgelehnt und beschimpft wird. Doch wo immer man die Wahrheit auch suchen und finden mag – ich denke, daß Sean eine au- ßerordentlich wichtige und notwendige Persön- lichkeit ist.«, »Ich würde ihn gerne einmal kennenlernen und ihm die Hand schütteln«, sagte Joenes. »Das wird im Moment nicht möglich sein«, er- widerte Mudge. »Sean sitzt im Moment bei Wasser und Brot in Einzelhaft. Man hat ihn für schuldig befunden, 24 Atomhaubitzen und 187 Atomgrana- ten der U.S. Army gestohlen zu haben.« »Hat er das Zeug wirklich gestohlen?« wollte Jo- enes wissen. »Ja. Aber er hat es auf ausdrücklichen Wunsch getan. Wir haben mit den Waffen ein Signal Corps ausgerüstet, und die Truppe gewann die Schlacht vom Rosenhag im Südosten Boliviens. Das Signal Corps hatte diese Waffen schon seit langer Zeit und vergeblich angefordert.« »Das tut mir für Sean aber leid«, sagte Joenes. »Und wie lautet seine Strafe?« »Er wurde zum Tode verurteilt«, meinte Mudge lakonisch. »Aber er wird begnadigt werden. Das wird er immer. Sean ist viel zu wichtig, als daß man es unterlassen könnte, ihn zu begnadigen.« Mudge wandte einen Moment seinen Kopf ab, dann schaute er Joenes wieder in die Augen. »Ihre Arbeit«, fuhr er fort, »ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Wir schicken Sie nach Rußland, da- mit Sie sich dort umschauen und die Lage sondie- ren und analysieren. Natürlich hat es in der Ver- gangenheit eine Menge solcher Inspektionsreisen gegeben. Doch entweder wurden sie auf Initiative, eines einzigen Dienstes unternommen, dann sind die Ergebnisse nichts wert, oder man hat sich zu ei- ner konzertierten Aktion entschlossen und jeman- den losgeschickt. In diesem Fall bekamen die Rei- seberichte den Stempel Streng geheim und wurden ungelesen im Geheimtresor unter der Goldkammer im Fort Knox deponiert. Ich habe das Versprechen meines Chefs, und ich geben Ihnen das meine, daß Ihr Bericht nicht das gleiche Schicksal erleben wird. Ihr Bericht wird gelesen, und man wir da- nach handeln. Wir sind entschlossen, mit unserem Koordinationsbüro groß herauszukommen, und al- les, was Sie über den Feind erzählen, wird aufge- nommen, gehört und bedacht. Nun, Joenes, wird man Sie einweisen, dann bekommen Sie Ihren Auf- trag mit sämtlichen Zusatzinformationen und An- weisungen und endlich Ihren Marschbefehl.« * Mudge nahm Joenes zur Sicherheitsabteilung mit, wo ein Colonel, der für die Phrenologie zu- ständig war, seinen Schädel auf verdächtige Beu- len abtastete. Danach durchlief Joenes den übli- chen Dienstweg über den Regierungsastrologen, den Kartenschläger, den Teesatzleser, den Physio- gnomen, den Psychologen, den Kasuisten und den Computer. Am Ende erklärte man ihn für loyal, ge- sund, normal, verantwortungsbewußt, zuverlässig,, gründlich und vor allem als jemand, der vom Glück gesegnet war. Daraufhin bekam er seinen Sonder- ausweis und durfte Geheimdokumente lesen. Wir haben leider nur eine sehr unvollständige Li- ste der Schriften, die Joenes im mit grauem Eisen armierten Geheimraum las, wobei zwei bewaffnete Wächter rechts und links von ihm verharrten, na- türlich mit einer Binde vor den Augen, damit sie nicht durch einen unglücklichen Zufall einen Blick auf eine Textpassage warfen, die sie gar nicht lesen durften. Doch wir wissen, was Joenes las, nämlich: »Die Verträge von Yalta«, in welchen von dem hi- storischen Treffen zwischen Präsident Roosevelt, Zar Nikolaus II. und dem Kaiser Ming berichtet wird. Joenes erfuhr, in welcher Weise die schicksal- haften Beschlüsse von Yalta selbst das gegenwärti- ge politische nicht beeinflußten, und er informierte sich auch über die vehemente Opposition, die sich gegen die Verträge formierte und deren Argumente lautstark von Don Winslow, dem Obersten Marine- admiral, vorgetragen wurden. Danach las er »Ich war eine männliche Kriegs- braut«, eine entwürdigende Schilderung perverser Praktiken in der Armee. Und er beschäftigte sich auch mit folgenden Schriften: »Rotkäppchen und der böse Wolf«, ein Spionage- lehrbuch von einer der gewieftesten Spioninnen, die je gelebt haben., »Tarzan und die Schwarze Stadt«, ein Tagebuch über Kommandounternehmen im von Rußland be- setzten Ostafrika. »Der Ruin«, Autor unbekannt, ein schriftliches Statement zur monetären und Rassentheorie. »Buck Rogers – gestrandet in Mongo«, ein Doku- mentarbericht der letzten Unternehmungen des Raumcorps, mit vielen Illustrationen. »Erste Naturgesetzte«, von Spencer, »Die Apokry- phen«, Autor unbekannt; »Die Republik« von Plato und »Maleus Malificarum«, gemeinsam erstellt von Torquemada, Bischof Berkeley und Harpo Marx. Diese vier Werke waren die Seele und Hauptwaf- fe der kommunistischen Lehre, und wir können si- cher sein, daß Joenes diese Werke mit großem Ge- winn las. Natürlich las er auch »Der Playboy der westli- chen Welt« von Immanuel Kant, die wahrschein- lich beste und gründlichste Entgegnung auf die oben angeführten kommunistischen Werke. All diese Dokumente sind uns nicht mehr zu- gänglich, da sie auf Grund widriger Umstände auf Papier niedergeschrieben wurden, anstatt daß man sie auswendig gelernt hatte. Wir würden sehr viel darum geben, wenn wir wüßten, was in diesen Schriften, welche Darstellungen der damaligen profunden und manchmal auch verrückten Politik gestanden hatte. Und wir können nichts anderes als uns fragen, ob Joenes auch die wenigen Klassi-, ker des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen hat, die sich bis in unsere Zeit haben retten können. Be- nutzte er die Stiefel, welche in Bronze gegossen wurden? Las er den Praktischen Führer des Im- mobilienhandels, dieses monumentale Machwerk, das praktisch über Nacht das Gesicht des zwanzig- sten Jahrhunderts veränderte? War Joenes jemals mit Robinson Crusoe zusammengetroffen, seinem Zeitgenossen, dem größten der Poeten des zwan- zigsten Jahrhunderts? Hat er vielleicht sogar mit Angehörigen der schweizer Familie Robinson ge- sprochen, deren Skulpturen man in vielen Muse- en betrachten kann? Schade, Joenes hat sich niemals zu diesen kul- turellen Angelegenheiten geäußert. Statt dessen lenken seine Bemühungen die Blicke auf weitaus wichtigere Angelegenheiten, soweit sie uns und unser Zeitalter betreffen. * Am Ende, nach drei Tagen und drei Nächten, die er ununterbrochen gelesen hatte, erhob Joenes sich und verließ den Geheimraum und die beiden mit Augenbinden versehenen Wächter. Er wußte jetzt genauestens über den Stand der Nation und der Welt Bescheid. Mit hochgesteckten Hoffnungen und schlimmen Vorahnungen öffnete er den Um- schlag mit seinem Befehl., Dort hieß es, daß er sich schnellstens im Raum 18891, Flur 12, Stockwerk 6, Flügel 63, Unterabtei- lung AJB-2 des Octagons zu melden hatte. Zu den Befehlsunterlagen gehörte eine Karte, die ihm den Weg durch das Labyrinth des Octagons wies. So- bald er den Raum 18891 beträte, würde ein hoher Beamter des Octagon, nur bekannt unter dem Na- men Mr. M., ihm seine letzten Instruktionen über- geben und seinen Abflug nach Rußland mit einem Spezialjet arrangieren. Joenes Herz füllte sich mit Freude und Dankbar- keit, als er die Befehle noch einmal las. Endlich hatte er die Chance, in bedeutenden internationa- len Angelegenheiten eine wichtige Rolle zu spie- len. Er eilte zum Octagon, um seine letzten Befeh- le in Empfang zu nehmen und sich endlich auf den Weg zu machen. Doch der Dienst, den Joenes sei- nen Mitmenschen erweisen wollte, war nicht so ohne weiteres in Angriff zu nehmen.,

XI

DIE OCTAGON-ABENTEUER Die Octagon-Abenteuer sowie die vier Geschichten, die in diesem Komplex enthalten sind, werden von Maubingi von Tahiti erzählt Voll gespannter Erwartung und kaum zu bändigen- dem Tatendrang betrat Joenes das Octagon. Für ei- nen Moment verharrte er und starrte mit weit auf- gerissenen Augen um sich. Er konnte und wollte nicht glauben, daß ein solches majestätisches Bau- werk wirklich existierte. Dann, nachdem er sich ein wenig von dem Schock erholt hatte, marschierte er eilig durch Hallen und Korridore, stieg er breite Treppen hinauf und hinab, bog in Seitengänge ein, wählte Abkürzungen, durcheilte Vorhallen und durchwanderte weitere Korridore. Als sich seine erste Begeisterung etwas gelegt hatte und er in der Lage war, seine Umgebung etwas nüchterner zu be- trachten, mußte Joenes feststellen, daß seine Orien- tierungskarte hoffnungslos ungenau war und sich überhaupt nicht auf das bezog, was er im Gebäude sah. Tatsächlich schien es sich um den Lageplan ei- nes anderen Gebäudes zu handeln. Joenes war nun tief ins Herz des Octagons vorgedrungen, wußte nicht, wie es weitergehen sollte, und war völlig im Zweifel, ob er seinen Weg jemals würde zurück-, verfolgen können. Deshalb steckte er seine Karte in die Tasche und beschloß, den ersten Menschen um Rat zu fragen, der ihm über den Weg lief. Nicht lange, und er überholte einen Mann, der durch einen der unzähligen Korridore schlender- te. Dieser Mann trug die Uniform eines Colonel der Kartographischen Abteilung, und sein Auftre- ten war freundlich und zuvorkommend. Joenes hielt den Colonel an und klagte ihm sein Leid, daß nämlich seine Karte völlig nutzlos sei. Der Colonel warf einen Blick auf die Karte und meinte: »O ja, das stimmt genau. Diese Karte gehört zu unserer Octagon, Serie A443-321B, welche von meinem Büro erst in der vergangenen Woche ver- öffentlicht wurde.« »Mir sagt das Ding aber so gut wie nichts«, be- harrte Joenes. »Da haben Sie auch verdammt recht, das tut sie auch nicht«, antwortete der Colonel voller Stolz. »Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie wichtig dieses Gebäude ist? Wußten Sie, daß jede wichti- ge Agentur der Regierung, die geheimsten einge- schlossen, in diesem Bau untergebracht ist?« »Ich weiß, daß das Gebäude sehr wichtig ist«, gab Joenes zu, »aber ...« »Dann können Sie sich sicherlich vorstellen, in welche Lage wir gerieten«, fuhr der Colonel fort, »wenn unsere Feinde sich in diesem Bau zurecht- finden würden und genau wüßten, wo die einzel-, nen Büros untergebracht sind. Spione würden die Korridore bevölkern. Getarnt als Soldaten und Kon- gressabgeordnete würden sie sich die wichtigsten Informationen verschaffen. Keine Maßnahme ir- gendeines Geheimdienstes wäre wirkungsvoll ge- nug, einen Spion, versehen mit allen geheimen Einzelheiten, in seinem zerstörerischen Werk auf- zuhalten. Wir wären verloren, mein Lieber, unrett- bar verloren. Doch eine Karte wie diese, welche je- den Spion in tiefste Verwirrung stürzen muß, ist unsere letzte und beste Sicherheitseinrichtung.« »Das glaube ich allerdings auch«, sagte Joenes höflich. Der Colonel von der Kartographie streichelte die Karte liebevoll und sagte: »Sie ahnen ja gar nicht, wie schwer es ist, eine solche Karte anzulegen.« »Wirklich?« staunte Joenes. »Ich könnte mir eher vorstellen, daß es überaus einfach ist, eine imagi- näre Karte von irgendeinem Ort herzustellen.« »Typisch Laie. Nur ein anderer Kartograph oder auch ein Spion könnte ermessen, mit welchen Pro- blemen wir fertig werden müssen. Eine Karte an- zufertigen, die keinerlei Informationen beinhaltet und trotzdem so echt aussieht, daß sogar erfahre- ne Spione davon in die Irre geleitet werden, erfor- dert hohes Können und eine kaum zu ermessende Intelligenz, mein Freund!« »Kann ich mir gut vorstellen«, pflichtete Joenes dem Colonel bei. »Doch warum fertigen Sie über-, haupt eine falsche Karte an? Warum machen Sie sich diese Mühe?« »Um der Sicherheit willen«, sagte der Colonel. »Doch um das zu begreifen, müßten Sie erst mal wissen, was in einem Spion vorgeht, wenn er eine solche Karte in die Finger bekommt, dann erst wür- den Sie erkennen, daß eine solche Karte die bedeu- tendste Schwachstelle eines Spions trifft, wodurch er noch hilfloser wird, als wenn er überhaupt kei- ne Karte zur Verfügung hätte. Und um das ermes- sen zu können, müßten Sie sich mit der Mentalität eines Spions vertraut machen.« Jones mußte eingestehen, daß diese Erklärung ihn doch stark verwirrte. Aber der Colonel mein- te besänftigend, es wäre lediglich eine Frage des Verständnisses. Man brauche nur die Denkweisen eines Spions zu verinnerlichen. Und um diese ei- genwillige Denkweise zu verdeutlichen, erzählte er Joenes eine Geschichte von einem Spion und wie dieser sich verhält, wenn er in den Besitz einer sol- chen Karte gelangt. DIE GESCHICHTE VOM SPION Der Spion (schilderte der Colonel) hat bisher sämt- liche Hindernisse überwunden. Ausgerüstet mit der wertvollen Karte, ist er tief ins Gebäude einge- drungen. Nun versucht er, die Karte zu benutzen und stellt fest, daß sie ihm nicht das liefert, wo-, nach er sucht. Doch er erkennt gleichzeitig, daß es sich um eine hervorragend angelegte Karte handelt und daß sie zudem auf wertvollem Regierungspa- pier gedruckt ist; sie trägt zudem eine Seriennum- mer der Regierung und einen Stempel, der sie zum Gebrauch freigibt. Es ist eine klar gegliederte, sau- ber gezeichnete Karte, ein Schmuckstück, ein Mei- sterwerk der Karthographie. Wirft der Spion sie nun fort und fertigt er danach eine eigene Karte nach den Gegebenheiten an, die er mit eigenen Au- gen sieht? Benutzt er sein winziges, geheimes No- tizbuch als Unterlage für diese Zeichenarbeit und einen Kugelschreiber, der alle nasenlang streikt? Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausge- hen, daß er das nicht tut. Auch wenn er auf die- sem Weg wahrscheinlich den größten Erfolg, den größten Nutzen haben würde, ist und bleibt un- ser Spion jedoch nur ein Mensch. Er wagt es nicht, seine begrenzten Fähigkeiten im Beobachten, Beur- teilen, Werten und Analysieren mit denen der Ex- perten zu messen. Es erfordert heroischen Mut und ein absurd hohes Selbstbewußtsein, diese Karte wegzuwerfen und sich auf nichts anderes zu ver- lassen als auf seine Sinne. Verfügte er über diese Eigenschaften, dann wäre er wohl niemals Spion geworden. Er hätte sich wohl eher für die Laufbahn eines Anführers entschieden oder wäre Wissen- schaftler oder Künstler geworden. Aber er ist nichts von alledem; er ist ein Spion; er ist ein Mensch, der, sich entschieden hat, etwas über Dinge in Erfah- rung zu bringen, anstatt selbst Dinge zu schaffen, er will ausspionieren, was andere wissen, anstatt sich selbst eigenständiges Wissen anzueignen. Not- wendigerweise geht er davon aus, daß die Wahrheit stets in seiner Umgebung zu suchen ist, da kein echter Spion glauben würde, daß sein Lebenswerk darin bestehen könnte, irgendwelche Irrtümer auf- zudecken. Das alles ist sehr wichtig, wenn wir uns mit der Psyche des Spions allgemein beschäftigen und ins- besondere mit der Persönlichkeit des Spions, der die Regierungskarte gestohlen hat und in dieses streng bewachte Gebäude eingedrungen ist. Ich glaube, wir können diesen Spion durchaus als einmalig und hervorragend sowie als erfüllt von außerordentlichem Diensteifer, hoher Raffi- nesse und Ausdauer bezeichnen. Diese Qualitäten haben ihn alle Gefahren überwinden lassen. Doch eben diese Qualitäten beeinflussen auch seine Denkweise und haben zur Folge, daß er bestimmte Aktionen durchziehen wird und dafür andere un- terlassen wird. Daher müssen wir uns über eines im klaren sein,: je besser er bei seiner Arbeit ist, je zielgerichteter sein Wille, je stärker seine Ein- satzbereitschaft, je größer seine Erfahrung und je größer seine Geduld, desto geringer ist die Chance, daß er diese Tugenden außer Kraft setzt, die Karte wegwirft, Stift und Papier in die Hand nimmt und, das aufzeichnet, was seine Augen erblicken. Mag sein, daß es Ihnen überaus leicht und durchführ- bar erscheint, eine Regierungskarte zu vernichten, der Spion jedoch empfindet diese Vorstellung als geschmacklos, sonderbar, widerwärtig und seinem Genius total fremd. Statt dessen beginnt der Spion über die Karte nach Art des Spions nachzudenken, von der er glaubt, daß es die einzige Art ist, in der man an ein sol- ches Problem herangehen kann, von der wir jedoch wissen, daß es nichts anderes ist als eine Art Aus- weg aus einem logischen Dilemma, daß nämlich das Leben Ungereimtheiten kennt, welche von Instinkt und nüchternem Denken abgelehnt werden. Da wäre auf der einen Seite erst mal die Regie- rungskarte, und auf der anderen Seite haben wir verschiedene Korridore und Durchgänge und Tü- ren. Der Spion betrachtet also die Karte, dieses Do- kument, das den anderen echten Dokumenten so ähnlich sieht, für deren Erwerb er mehr als ein- mal sein Leben eingesetzt hat. Er fragt sich: »Könn- te diese Karte etwa gefälscht sein? Ich weiß, daß sie von der Regierung herausgegeben wurde, und ich weiß auch, daß ich sie einem Beamten gestoh- len habe, dem sie sehr wertvoll war und der sie da- her unter Verschluß gehalten hat. Ist es wirklich berechtigt, daß ich dieses Dokument nur deshalb ignoriere, weil es zu dem, was ich selbst sehe, an- scheinend in keiner Beziehung steht?«, Der Spion denkt über diese Frage nach und lan- det schließlich beim wohl wichtigsten Wort: »An- scheinend!« Es scheint nur so, als würde die Kar- te sich nicht auf die reale Umgebung beziehen! Der äußere Anschein hätte ihn beinahe tatsächlich hin- ters Licht geführt. Beinahe hätten ihn seine Sin- ne in die Irre laufen lassen. Die Hersteller der Kar- te hätten ihn beinahe aufs Kreuz gelegt, ihn, einen Mann der tausend Verkleidungen, der sein Leben damit verbringt, anderen die verschiedensten Ge- heimnisse aus der Nase zu ziehen. Natürlich läßt sich jetzt eine andere Erklärung finden. Der Spion sagt: »Sie wollten mich wohl mit mei- nen eigenen Tricks aufs Kreuz legen! Das zwar nur sehr unbeholfen, doch am Ende werden sie schon den richtigen Weg finden.« Damit meint der Spion, daß sie genauso zu den- ken anfangen wie er, wodurch die Geheimnisse der Gegenseite für ihn noch durchschaubarer und ver- ständlicher werden. Das gefällt ihm. Seine schlech- te Laune, hervorgerufen durch die mangelnde Ähn- lichkeit zwischen Karte und Gebäude, hat sich mittlerweile total verflüchtigt. Er ist munter, auf- geschlossen und durchaus bereit, daß Problem bis zu seiner letzten Großen Lösung mitzuverfolgen. »Dann wollen wir doch mal die Tatsachen zu- sammenreihen sowie die sich daraus ergebenden Folgen«, sagt der Spion. »Zuerst weiß ich, daß diese Karte sehr wichtig ist. Alles, was ich darüber weiß, und meine jeglichen Erfahrungen lassen nur diesen einen Schluß zu. Ich weiß auch, daß die Karte an- scheinend das Gebäude, das sie angeblich darstel- len soll, nicht darstellt. Ganz offensichtlich gibt es daher irgendeine Beziehung zwischen dem Gebäu- de und der Karte. Wie sieht diese Beziehung aus, und wie verhält es sich mit der Karte?« Der Spion denkt für einen kurzen Moment nach, dann sagt er: »Alles weist darauf hin, daß irgendein besonders fähiger, geschickter Zeichner irgendeine Information in die Karte eingearbeitet hat, eine Art Chiffre, eine Information, die zu entziffern denen keine Schwierigkeiten macht, für die diese Karte gedacht ist, von der ich jedoch bisher keine Ah- nung habe.« Nachdem er zu diesem Schluß gekommen ist und das Ergebnis seiner Denkbarkeit in dieser Form ver- balisiert hat, streckt der Spion sich und fügt hinzu: »Ich habe jedoch mein bisheriges Leben damit ver- bracht, irgendwelche Codes zu dechiffirieren. Und es gibt tatsächlich nichts, wofür ich auch nur an- nähernd soviel Interesse aufbringe wie für derar- tige Codes. Oder sollte ich vielleicht besser sagen, daß ich geradezu dafür geschaffen bin, Chiffren zu entschlüsseln, und daß das Schicksal dem Zufall entsprechend nachgeholfen und mich auf diesen Platz befördert hat, hierher und in diesem Moment, in dem ich dieses überaus wichtige Dokument in Händen halte?«, Unser Spion ist erregt. Doch dann fragt er sich: »Bin ich nicht voreilig oder auch auf gewisse Art dogmatisch, wenn ich gleich zu Beginn meiner Mission die starre Haltung einnehme und behaup- te, daß dieses Dokument eine chiffrierte Karte ist und nichts anderes sonst? Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß der Mensch zu den schlimmsten Nie- derträchtigkeiten fähig ist. Ich selbst bin ja der le- bende Beweis dafür, denn meine verwickelten und raffinierten Denkweisen und Methoden haben es mir ermöglicht, inmitten meiner Feinde unerkannt zu bleiben und viele ihrer Geheimnisse auszufor- schen. Dies bedenkend – tue ich der anderen Seite nicht Unrecht, wenn ich ihr die Fähigkeit und den Willen abspreche, sich ähnlich raffiniert und geris- sen zu geben?« »Nun gut«, sagt der Spion. »Obwohl Logik und Instinkt mich zu der Überzeugung bringen, daß die Karte in jeder Hinsicht stimmt und ich sie nur nicht lesen kann, weil ich sie bisher nicht dechrif- friert habe und es auch nicht kann, muß ich im- merhin die Möglichkeit einräumen, daß sie nur zu einem gewissen Teil falsch und daher an ande- ren Stellen genau zutreffend ist. Es gibt gute Grün- de zu dieser Annahme. Angenommen der richtige Teil der Karte ist genau der Abschnitt, den der Be- amte dringend braucht, von dem ich sie gestohlen habe. Er, der im Besitz eines Wissens ist, über das ich nicht verfüge, würde wohl nur dem Teil folgen,, der den Gegebenheiten entspricht, und ungestört seiner Arbeit nachgehen. Da es sich bei dem Be- treffenden lediglich um einen dumpf dahinvege- tierenden Angestellten des Öffentlichen Dienstes handelt, der zudem noch überhaupt kein Interes- se für Lagepläne oder Chiffres aufbringt, würde er ausschließlich dem richtigen Teil des Planes fol- gen, mit seiner Hilfe sein Büro aufsuchen und den falschen, irreführenden Teil der Karte vollkommen ignorieren. Die Karte selbst, auf der in geradezu ge- nialer Weise falscher und irreführender Teil mit- einander verwoben wurden, würde ihn nicht im mindestens interessieren. Und warum sollte sie es auch? Seine Arbeit hat mit Karten dieser Art nichts zu tun. Er interessiert sich für falsch und richtig bei seiner Karte ebensowenig wie ich ihn nicht nach dem Sinn und Zweck seines blödsinnigen Jobs fra- ge. Ebenso wie ich hat er keine Zeit und keine Lust, über komplizierte Sachverhalte nachzudenken, die seiner Arbeit nicht dienlich sind. Er kann die Karte allerdings benutzen, ohne seinen Gefühlen Gewalt antun zu müssen.« Der Spion ist zugleich belustigt und betrübt, wenn er sich den Mann vorstellt, wie er die Karte benutzt und dabei kein weitergehendes Interesse dafür aufbringt. Wie sonderbar die Menschen doch manchmal sein können! Wie komisch, daß dieser Beamte die Karte wie selbstverständlich benutzt, sich jedoch niemals über ihre mysteriöse Struktur, Gedanken gemacht hat; während der Spion sich völlig darüber klar ist, daß einzig und allein von Bedeutung ist, die Karte voll und ganz zu verste- hen und zu erkennen, was sie darstellt. Aus die- sem Verständnis heraus wird alles andere folgern, und die Geheimnisse des gesamten Gebäudes wer- den offen zutage treten. Das alles erscheint dem Spion so simpel und selbstverständlich, daß er ein- fach nicht fassen kann, mit welchem Desinteresse, welcher Gleichgültigkeit der Beamte mit dem Plan verfährt. Das Interesse des Spions erscheint ihm selbst so natürlich, so notwendig, so universell, daß er beinahe davon überzeugt ist, in dem Beam- ten keinen Menschen vor sich zu haben sondern eher schon den Vertreter einer anderen Spezies. »Aber nein«, sagte er sich. »Mag sein, daß ich zu dieser Überzeugung neige, doch der wahre Unter- schied zwischen mir und dem Beamten liegt wahr- scheinlich in unserer Herkunft oder unseren unter- schiedlichen Umwelteinflüssen oder sonst etwas in dieser Richtung. Das soll mich aber nicht ver- wirren. Ich habe an sich immer schon gewußt, wie rätselhaft und kaum zu begreifen der Mensch ist. Selbst Spione, die wohl am einfachsten zu begrei- fenden Leute auf Erden, haben verschiedene Me- thoden und vertreten verschiedene Meinungen. Ja, es ist schon eine verrückte Welt, und ich habe im Grunde wenig Ahnung von ihr. Was weiß ich schon von Geschichte, Psychologie, Musik, Kunst oder Li-, teratur? O sicher, ich könnte über diese Themen stundenlange Gespräche führen, doch im Grunde meines Herzens weiß ich, daß ich in diesem Be- reich nur sehr wenig Ahnung habe.« Der Spion ist darüber höchst unglücklich. Doch dann denkt er: »Zum Glück gibt es doch immer noch eine Sache, die ich völlig begreife. Und das ist das Spionieren. Kein Mensch kann in allen Be- reichen perfekt sein, und ich habe es doch eigent- lich ganz gut geschafft, auf meinem Gebiet zu ei- nem Experten zu werden. In diesem Expertentum liegt meine Hoffnung und mein Trost. In dieser Ein- geengtheit, dieser Begrenztheit liegt meine wahre Tiefe und mein Maßstab, den ich an die Welt anle- ge. Immerhin weiß ich eine ganze Menge über die Geschichte und die Psychologie des Spionierens, und ich habe auch die meisten Bücher über dieses Thema gelesen. Ich habe mir eingehend die vielen Filme von Spionen angeschaut, und ich habe so- gar mehr als einmal die berühmte Oper über Spi- one gehört und gesehen. Auf diese Weise schuf ich mir nicht nur eine tiefreichende, sondern auch eine breite Basis in dieser Welt. Auf dieser Basis kann ich vertrauen und betrachte von dort aus mei- ne Umwelt unter einem ganz bestimmten Gesichts- punkt.« »Natürlich«, erinnert der Spion sich selbst, »darf ich nicht den Fehler machen und denken, daß alles auf den Vorgang des Spionierens und seine Technik, reduziert werden kann. Selbst wenn das wirklich der Fall sein sollte, handelt es sich dabei um eine Form der Simplifikation, die der intelligente Mensch meiden sollte. Nein, Spionieren ist nicht alles! Viel eher ist es lediglich der Schlüssel zu allem.« Nachdem er das geklärt hat, verfolgt der Spion seinen Gedankengang weiter und sagt: »Spionie- ren ist nicht alles; doch zum Glück für mich hat diese Karte mit dem Spionieren herzlich wenig zu tun. Pläne wie diese sind Ursprung und Ende des Spionierens, und wenn ich eine solche Karte in der Hand halte und weiß, daß sie von der Regie- rung angefertigt wurde, dann stehe ich einem Pro- blem gegenüber, für dessen Lösung ich eine ganz bestimmte, anerkannte Kompetenz habe. Ein chif- frierter Plan ist ein besonders lohnendes Ziel für den Prozeß des Spionierens, desgleichen allerdings auch ein Plan, der stellenweise bewußt gefälscht wurde. Sogar eine Karte, die insgesamt falsch ist, könnte einen Spion interessieren.« Nun ist der Spion bereit, den Lageplan zu analy- sieren. Er sagt sich: »Es gibt insgesamt drei Möglichkeiten. Erstens, die Karte entspricht den Gegebenheiten und ist le- diglich chiffriert. In diesem Fall muß ich sie ent- ziffern, dechiffrieren, indem ich all meine Geduld und mein Können einsetze. Zweitens, die Karte entspricht nur zum Teil den Gegebenheiten und sie ist verfremdet. In diesem, Fall werde ich entscheiden, welcher Teil der richti- ge ist und ihn wie vorher dechiffrieren. Für jeman- den, der in diesem Bereich keine Erfahrungen hat, muß das eine unüberwindliche Schwierigkeit dar- stellen, doch für einen Experten ist dies ein Pro- blem, mit dem er über kurz oder lang fertig wird. Und sobald ich auch nur einen winzigen Teil des Planes richtig analysiert habe, wird sich der Rest von selbst offenbaren. Damit bliebe lediglich der falsche Teil der Karte übrig, den jemand anderer si- cherlich fortwerfen oder gar vernichten würde. Das tue ich jedoch nicht. Ich würde auch den falschen Teil genauso behandeln und meine Überlegungen dazu anstellen, wie ich es mit der gesamten Kar- te tun würde, falls diese insgesamt gefälscht wäre, was schließlich die dritte Möglichkeit wäre. Drittens, wenn die gesamte Karte gefälscht ist, muß ich sehen, welche Informationen ich trotzdem aus der falschen Zeichnung herausfiltern kann. Ob- wohl natürlich die Vorstellung, daß die Regierung einen im Grunde falschen Lageplan herausgibt, to- tal absurd ist, wollen wir einmal annehmen, daß dies wirklich der Fall ist. Oder sagen wir lieber, daß es in der Absicht der Hersteller dieser Karte lag, sie völlig falsch zu zeichnen. In einem solchen Fall müßte ich erst einmal fragen, wie man überhaupt eine falsche Karte zeichnet. Leicht ist das nicht, soviel weiß ich immerhin. Wenn der Kartenzeichner in diesem Gebäude ar-, beitet, dann durchschreitet er sämtliche Korridore, steigt alle möglichen Treppen hinauf und hinunter, betritt und verläßt unzählige Büros und kennt da- her dieses Gebäude wie niemand sonst. Wenn ein solcher Mann also versucht, eine falsche Karte zu zeichnen, muß man sich fragen, wie er es schafft, zu vermeiden, daß er nicht doch teilweise reale Ge- gebenheiten im Innern des Gebäudes wiedergibt. Das kann er auch gar nicht. Diese Tatsache, mit der er sich konfrontiert sieht, beweist ihm, daß sein Bemühen um einen völlig falschen Plan vergeblich sein muß. Und wenn er durch Zufall wirklich ei- nen Teil des Gebäudes richtig zeichnet, würde ich diese Stelle mit tödlicher Sicherheit irgendwann finden, womit sämtliche im Gebäude gehüteten Ge- heimnisse keine mehr wären und ich alles erführe, was ich wissen will. Doch angenommen, die hohen Beamten haben ebenfalls über diese Frage nachgedacht und ha- ben infolgedessen der Herstellung eines falschen Planes größte Aufmerksamkeit geschenkt. Geste- hen wir ihnen sämtliche Zweifel und Irrtümer zu, die dieser Situation entsprechen. Sie wissen, daß die Karte, soll sie ihren Zweck wirklich erfüllen, von einem erfahrenen und fähigen Kartenzeich- ner hergestellt werden muß und zwar unter Beach- tung sämtlicher Regeln und Vorschriften, die für Lagepläne und Gebäude gelten; und daß die Karte falsch sein muß und nicht einmal an einer einzigen, Stelle unbeabsichtigt die Gegebenheiten innerhalb des Gebäudes richtig darstellen darf. Um diese Probleme zu lösen, sollten wir anneh- men, daß die Beamten einen zivilen Kartenzeich- ner gefunden haben, der das Gebäude überhaupt nicht kennt. Man bringt ihn also mit verbunde- nen Augen in das Gebäude, setzt ihn in ein sorg- fältig bewachtes und abgeschirmtes Büro und gibt ihm den Auftrag, einen Plan von einem imaginä- ren Gebäude zu zeichnen. Das tut er, doch die Ge- fahr unwillkürlich richtig dargestellter Sektoren bleibt immer noch bestehen. Deshalb muß ein Kar- tenzeichner, der das Innere des Hauses kennt, die falsche Karte überprüfen. Der Kartenzeichner der Regierung überprüft also – und niemand sonst als nur ein Kartenzeichner ist kompetent genug, eine solche Überprüfung durchzuführen – und erklärt, daß die Karte hervorragend gelungen ist, da voll- kommen falsch. In diesem Idealfall ist die Karte immer noch nichts anderes als eine Chiffre! Sie ist von einem geschickten zivilen Kartenzeichner erstellt worden und entspricht daher den allgemeingültigen Prinzi- pien, welchen das Erstellen einer Karte unterliegt. Der Plan gehört zu einem Gebäude und wird damit den Regeln gerecht, die bei der Erstellung eines Ge- bäudeplans beachtet werden müssen. Sie wurde als falsch bezeichnet; jedoch kam dieses Urteil von ei- nem Kartenzeichner der Regierung, der genau wuß-, te, wie die Örtlichkeiten in Wirklichkeit aussehen und der daher in der Lage war, ein fundiertes Ur- teil zu fällen und jedes Detail der Karte einer ge- nauen Kontrolle zu unterziehen. Diese sogenann- te falsche Karte stellte also nichts anderes dar als ein umgekehrtes, genau entgegengesetztes Bild der wahren Verhältnisse, welche dem Kartenzeichner der Regierung ja bekannt sind; und die enge Be- ziehung zwischen dem real vorhandenen Gebäu- de und der falschen Karte wurde durch sein Urteil hergestellt, da er ja Wahrheit und Lüge kannte und ihre fehlende Ähnlichkeit bewertete. Notwendiger- weise demonstriert sein vorläufiges Urteil die Art des falschen Plans – welcher als logische Verfrem- dung die Wahrheit verhüllt und insofern durchaus als Chiffre bezeichnet werden kann! Und da diese Chiffre den Regeln für Pläne und Gebäude gerecht wird, kann diese Chiffre auch auf irgendeine Art entziffert werden!« Damit ist die Analyse der drei Möglichkeiten hin- sichtlich der Karte abgeschlossen. Sie können nun auf eine einzige Version reduziert werden, nämlich daß die Karte stimmt und lediglich in Chiffre vor- liegt. Wie betäubt durch diese Entdeckung, sagt der Spion: »Sie dachten tatsächlich, sie könnten mich aufs Kreuz legen, doch in meinem Spezialgebiet ha- ben sie da keine Chance. Trotz meiner nimmermü-, den Suche nach der Wahrheit und der Wirklichkeit habe ich mein Leben in einem Sumpf von Verrat und Lüge verbracht; jedoch bin ich mir immer mei- ner eigenen Realität bewußt gewesen. Da ich mich kenne und meine Suche sowieso deren Ergebnisse, weiß ich vor allen anderen Menschen, daß es so et- was wie Lüge oder Falsch nicht gibt, sondern daß alles wahr oder nur chiffriert ist. Ist es die Wahr- heit, also eine Tatsache, dann folge ich ihr, und ist es eine Chiffre, ein Rätsel, dann löse ich es. Ein Rätsel ist am Ende nichts anderes als die verschlei- erte Wahrheit.« Endlich ist der Spion glücklich und zufrieden. Er hat sich in unergründliche Tiefen vorgewagt, hat sich in die verwirrendsten Erkenntnisse und Schlußfolgerungen gestürzt und den Mut aufge- bracht, sich den schrecklichsten Folgerungen zu stellen. Nun endlich winkt ihm die verdiente Be- lohnung. Denn nun, indem er sich ausschließlich auf den Plan konzentriert und diese hervorragend angefer- tigte Schöpfung mit liebender Fürsorge festhält, beginnt der Spion mit der Lösung seiner Aufgabe, welche der Höhepunkt, der Sinn seines Lebens ist und für deren Lösung auch die Ewigkeit ein zu kur- zer Zeitraum wäre. Er schickt sich an, die Karte zu dechiffrieren., DIE ERKLÄRUNG DES KARTENZEICHNERS Als der Colonel geendet hatte, standen er und Jo- enes noch eine Zeitlang schweigend im Korridor. Dann sagte Joenes: »Ich kann mir nicht helfen, aber mir tut der Spion leid.« »Das war wirklich eine traurige Geschichte«, gab der Colonel zu. »Aber die Geschichten der Men- schen sind immer traurig.« »Wenn der Spion geschnappt wird – wie sieht seine Strafe aus?« »Er hat sie sich bereits auferlegt«, informierte der Colonel ihn. »Seine Strafe besteht darin, die Karte zu dechiffrieren.« Joenes konnte sich wahrlich kein schlimmeres Schicksal vorstellen. Er fragte: »Erwischen Sie hier im Octagon viele Spione?« »Bis zum heutigen Tage«, erklärte der Colonel, »ist es keinem einzigen Spion gelungen, die vorge- schobenen Sicherheitsmaßnahmen zu überwinden und richtig in das Gebäude einzudringen.« Der Colonel mußte in Joenes‘ Gesicht einen Aus- druck des Auswillens erkannt haben, denn er be- eilte sich hinzuzufügen: »Dies jedoch schmälert auf keinen Fall die Aussage meiner Geschichte. Wenn ein Spion trotz aller Sicherheitsmaßnahmen bis hierher vordringen könnte, dann würde er sich ge- nauso benehmen, wie ich ihn beschrieben habe. Und eines können Sie mir glauben, jede Woche, werden Spione in unserem engen äußeren Sicher- heitsnetz gefangen.« »Ich hab‘ keine Sicherheitsmaßnahmen oder ähn- liche Aktivitäten bemerkt«, sagte Joenes. »Natürlich nicht. Denn einmal sind Sie kein Spi- on. Zum anderen weiß man bei der Sicherheitsab- teilung, daß man gute Arbeit leistet und sich nicht offenbaren muß. Man braucht nur zu handeln, wenn es wirklich nötig ist. So ist die Lage im Au- genblick. Für die Zukunft, in der weitere raffinier- te Spione geboren werden, halten wir in der Karto- graphie unsere falschen Pläne bereit.« Joenes nickte. Er war eifrig darauf bedacht, end- lich seinen Job anzutreten, doch er wußte nicht, wie er sich verhalten sollte. Indem er sich ent- schloß, auf Umwegen an sein Ziel heranzugehen, fragte er den Colonel: »Sind Sie eigentlich fest da- von überzeugt, daß ich kein Spion bin?« »Bis zu einem gewissen Grad ist jeder ein Spion«, sagte der Colonel. »Doch entsprechend der beson- deren Betonung ihrer Frage würde ich sagen, ja. Ja, ich bin ziemlich fest davon überzeugt, daß Sie kein Spion sind.« »Nun gut«, sagte Joenes, »ich muß Ihnen mittei- len, daß ich auf speziellen Befehl hier bin und ein bestimmtes Büro aufsuchen muß.« »Darf ich mal Ihre Marschbefehle sehen?« frag- te der Colonel. Joenes reichte sie ihm. Der Colonel studierte die Formulare und gab sie zurück., »Sie sehen richtig offiziell aus«, sagte der Co- lonel. »Sie sollten das Büro lieber gleich aufsu- chen.« »Das ist ja mein Problem«, sagte Joenes. »Die Wahrheit ist, daß ich mich verlaufen habe. Ich ver- suchte mich einer Ihrer so berühmten und perfek- ten falschen Karten anzuvertrauen, und natürlich kam ich damit überhaupt nicht weiter. Da Sie nun wissen, daß ich kein Spion bin und Ihnen zudem bekannt ist, daß ich auf besonderen Befehl hand- le, wäre ich für jede Hilfe dankbar, die Sie mir ge- ben können.« Joenes hatte seine Bitte auf die zurückhaltend- ste aber auch deutlichste Art vorgetragen, wie er sie für die Mentalität des Colonels für angemes- sen hielt. Doch der Colonel wandte den Kopf ab, sein Gesicht von einem Ausdruck der Verlegenheit überschattet. »Ich fürchte zu meinem großen Bedauern, daß ich Ihnen womöglich nicht helfen kann«, sagte der Colonel. »Ich habe nicht die mindeste Idee, wo Ihr Büro liegt, und ich weiß noch nicht einmal, welche Richtung Sie einschlagen müssen.« »Aber das ist doch unmöglich!« schrie Joenes. »Sie sind ein Kartograph, ein offizieller Karten- zeichner für dieses Bauwerk. Und selbst wenn Sie falsche Pläne zeichnen, zeichnen Sie auch richtige, dessen bin ich sicher, denn schließlich liegt das in Ihrer Persönlichkeit verankert.«, »Was immer Sie auch sagen – Sie haben recht«, sagte der Colonel, »vor allem, was Sie über mei- ne Persönlichkeit bemerkten. Jedermann kann das Wesen eines Kartographen sofort erfahren, denn dessen Charakter drückt sich auch in seiner Arbeit aus. Diese Arbeit besteht darin, Karten von größ- ter Genauigkeit zu zeichnen, Karten so akkurat und deutlich lesbar, daß selbst der dümmste Mensch ihnen folgen kann. Meine Funktion wurde durch Notwendigkeiten, die außerhalb meiner Kontrolle liegen, pervertiert, daher muß ich nun die meiste Zeit damit verbringen, falsche Karten zu zeichnen, die aussehen, als wären sie echt. Doch wie Sie si- cherlich schon vermutet haben, kann nichts einen wahren Kartenzeichner davon abhalten, echte Kar- ten zu zeichnen. Ich würde dies tun, selbst wenn es verboten wäre. Und zum Glück ist es nicht ver- boten. Es wird ausdrücklich befohlen.« »Von wem?« fragte Joenes. »Von den hohen Beamten in diesem Haus. Sie sind für die Sicherheit verantwortlich, und sie be- nutzen die echten Pläne, um ihre Macht gezielt und effektiv einzusetzen. Doch natürlich sind die ech- ten Pläne für sie im Grunde nebensächlich, nicht viel mehr als nur ein Stück Papier, dessen sie sich so beiläufig bedienen wie man auf die Uhr blickt, um nachzuschauen, ob es nun drei Uhr dreißig oder drei Uhr vierzig ist. Wenn es nötig sein sollte, kämen sie vollkommen ohne Karte aus und brauch-, ten sich nur auf ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu verlassen. Allenfalls würden sie darin eine ge- ringe Unannehmlichkeit sehen, jedoch nicht viel mehr.« »Wenn Sie echte Pläne für Ihre Vorgesetzten zeich- nen«, sagte Joenes, »dann können Sie mir bestimmt verraten, wohin ich mich jetzt wenden muß.« »Das kann ich nicht«, entgegnete der Colonel. »Nur die hohen Beamten kennen das Gebäude gut genug, um überall dorthin gehen zu können, wo- hin sie wollen.« Der Colonel bemerkte in Joenes Gesicht den Aus- druck des Unglaubens. Er fügte hinzu: »Ich begreife wohl, wie unglaublich Ihnen das alles erscheinen muß. Doch überlegen Sie mal, ich zeichne immer nur einen ganz bestimmten Sektor des Gebäudes auf einmal; keine andere Methode würde zu einem Erfolg führen, da das Gebäude so riesig groß und verwinkelt und komplex ist. Ich zeichne meinen Sektor und schicke das Blatt mit einem Boten an einen der hohen Beamten, danach zeichne ich ei- nen anderen Sektor und so weiter. Vielleicht neh- men Sie jetzt an, ich könnte mein Wissen irgend- wie kombinieren und am Ende das Haus insgesamt kennen? Ich sage Ihnen gleich, daß ich das nicht kann. Einmal gibt es Kartographen, die Sektoren des Gebäudes zeichnen, die ich noch nie zu Ge- sicht bekommen habe und die zu besichtigen ich auch keine Zeit habe. Doch selbst wenn ich einzel-, ne Sektoren nacheinander zeichnen würde, könn- te ich die Teile niemals zu einer aufschlußreichen Einheit zusammenfügen. Jeder Teil des Gebäu- des erscheint mir verständlich, und ich stelle ihn mit größter Genauigkeit und Akkuratesse auf dem Papier dar. Doch wenn von mir gefordert würde, die unzähligen Sektoren, die ich bereits gezeich- net habe, in eine bestimmte Ordnung zu bringen, müßte ich kapitulieren. Ich kann die einzelnen Teile nicht voneinander unterscheiden. Und wenn ich lange darüber nachdenke, dann leide ich un- ter Schlaflosigkeit, ich habe keinen Appetit mehr, ich rauche zuviel, fange an zu trinken, und mei- ne Arbeit leidet. Manchmal, wenn ich von solchen Widrigkeiten heimgesucht werde, unterlaufen mir Ungenauigkeiten, und ich weiß nichts von meinen Irrtümern, bis die hohen Beamten meine Karten zu einer weiteren Überprüfung und Überarbeitung wieder zurückschicken. Das erschüttert natürlich mein Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich reiße mich zusammen und beschließe, meine schlech- ten Angewohnheiten endlich aufzugeben und mich einzig und allein meiner Tätigkeit, nämlich der ge- schickten und genauen Darstellung eines Sektors auf einmal zu widmen und mir nicht den Kopf mit Überlegungen über die Gesamtheit der Pläne zu zerbrechen.« Der Colonel machte eine kurze Pause und wisch- te sich die Augen aus. »Wie Sie wahrscheinlich an-, nehmen«, fuhr er fort, »dauern meine guten Pha- sen nicht allzu lange, vor allem, wenn ich mich in Gesellschaft anderer Kartographen befinde. Bei solchen Gelegenheiten sind wir Kartographen sehr schüchterne, scheue Menschen; ähnlich wie die Spione ziehen wir es vor, unsere Arbeit in Einsam- keit zu tun und nicht mit anderen darüber zu dis- kutieren. Doch die Einsamkeit, die wir lieben, kann zeitweise auch zu einer Qual werden. Dann über- schreiten wir die Grenzen unserer Natur und un- terhalten uns über das Gebäude, wobei jeder von uns sein Wissen beisteuert, eifrig und ohne Neid, jeder von uns ausschließlich daran interessiert, das Gebäude in seiner Gesamtheit zu verstehen. In die- sen Zeiten verlieren wir jedoch immer am meisten unseren Mut.« »Und warum das?« wollte Joenes wissen. »Wie ich Ihnen schon sagte«, erwiderte der Co- lonel, »werden unsere Teilkarten manchmal zu ei- ner zweiten Überprüfung und Überarbeitung zu- rückgeschickt, und wir gehen dann immer davon aus, daß wir irgendwo einen Fehler gemacht haben, auch wenn wir von seiten der hohen Beamten keine genauen Angaben bekommen. Doch wenn wir Kar- tographen uns unterhalten, stellen wir manchmal fest, daß zwei von uns den gleichen Gebäudesek- tor gezeichnet haben und zwar unterschiedlich aus einer unterschiedlichen Erinnerung heraus. Natür- lich muß man mit solchen menschlichen Irrtümern, rechnen. Was jedoch so verwirrend ist, ist die Tatsa- che, daß die Beamten beide Versionen annnehmen. Sie können sich bestimmt vorstellen, was in einem Kartographen vorgeht, wenn er so etwas erfährt.« »Haben Sie dafür eine plausible Erklärung?« frag- te Joenes. »Nun, zum einen haben auch Kartographen ih- ren eigenen Stil und ihre eigenen Ausdrucksfor- men, und darin mag schon ein Grund für die Un- terschiedlichkeit der Karten liegen. Zum anderen kann man dem besten Erinnerungsvermögen nicht grenzenlos vertrauen, so daß wir durchaus auch verschiedene Gebäudesektoren gezeichnet haben könnten. Doch meiner Meinung nach reichen sol- che Erklärungen nicht hin, und in meinen Augen ergibt nur eine einzige einen Sinn.« »Und die wäre?« fragte Joenes. »Ich bin davon überzeugt, daß Arbeiter auf Be- fehl der hohen Beamten ständig damit beschäftigt sind, das Gebäude stellenweise zu verändern. Dies ist die einzige Erklärung, die mir einleuchtet. Bis- her habe ich noch keine Spur von solchen Arbei- tern gefunden, aber auch wenn ich sie nicht ge- sehen habe, glaube ich dennoch an ihre Existenz. Überlegen Sie doch. Die hohen Beamten sind sehr auf Sicherheit bedacht, und die größtmögliche Si- cherheit läßt sich doch dadurch erreichen, daß sich das Gebäude in einem ewigen Wandlungspro- zeß befindet. Außerdem, wenn das Gebäude in sich, statisch wäre, dann würde doch ein einziger Plan reichen, statt dessen sind wir unaufhörlich damit beschäftigt, neue Zeichnungen anzufertigen und alte wieder zu revidieren. Schließlich versuchen die hohen Beamten, eine komplexe und stets im Wandel befindliche Welt zu kontrollieren; ebenso wie die Welt muß sich daher das Gebäude verän- dern. Weitere Büros müssen gebaut, alte für neue Insassen verändert werden; eine Reihe von Zellen muß entfernt und dafür ein Vortragssaal eingebaut werden; ganze Korridore müssen geschlossen wer- den, um mit neuen Elektroleitungen und sanitären Installationen versehen zu werden. Und so weiter. Einige dieser Veränderungen sind offensichtlich. Jedermann kann sie erkennen, nicht nur ein Kar- tenzeichner. Doch andere Umbauten und Verände- rungen werden heimlich vorgenommen oder in Tei- len des Gebäudes, welche ich nicht aufsuche, ehe nicht die Arbeiten beendet sind. Dann aber sieht es so aus wie sonst, auch wenn ich irgendwie eine Ahnung habe, daß da ein Unterschied zu früher besteht. Aus diesen Gründen bin ich der Überzeu- gung, daß das Gebäude stetig verändert wird, wes- halb man sich niemals ein komplettes Wissen über die Struktur aneignen kann.« »Wenn dieser Ort so unmöglich zu erfassen ist, wie Sie es gerade beschrieben haben«, fragte Jo- enes, »interessiert mich, wie Sie eigentlich den Weg zurück in Ihr eigenes Büro finden.«, »Dabei, und ich schäme mich fast, es zuzuge- ben, helfen mir meine Fähigkeiten und Kenntnis- se als Kartograph überhaupt nicht. Ich finde mein Büro ebenso wie jeder andere sein Büro findet – mit Hilfe von etwas, das man durchaus Instinkt nennen könnte. Die anderen Arbeiter wissen das nicht; sie glauben, sie finden ihren Weg mit Hil- fe eines Prozesses ihrer Intelligenz, einer Art von Linksherum-rechtsherum-System. Ähnlich wie der Spion glauben sie, sie könnten alles über das Ge- bäude erfahren, wenn sie es nur wollten. Sie wür- den lachen, könnten Sie hören, welche Behaup- tungen diese Leute über das Gebäude aufstellen, obwohl sie niemals über den Korridor hinaus vor- gedrungen sind, in dem ihre Büros liegen. Doch ich, ein Kartenzeichner, wandere während mei- ner Arbeit durch das gesamte Gebäude. Manchmal sind an Gegenden, die ich bereits durchschritten habe, großräumige Veränderungen vorgenommen worden, und ich erkenne sie nicht wieder. Dann leitet mich etwas, das mit reinem Wissen nicht zu erklären ist, in mein Büro zurück, ebenso wie die- ses Etwas auch die Büroarbeiter auf den richtigen Weg bringt.« »Ich verstehe«, sagte Joenes, obwohl dieser Be- richt ihn über die Maßen verwirrte. »Dann wissen Sie also wirklich nicht, was ich tun soll, um das Büro zu finden?« »Ich weiß es wirklich nicht.«, »Könnten Sie mir nicht irgendeinen Rat geben, wonach ich Ausschau halten soll oder wie ich mei- ne Suche beginnen soll?« »Hinsichtlich des Gebäudes bin ich ein Experte«, sagte der Colonel traurig, »und ich könnte minde- stens ein Jahr darüber reden, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu wiederholen. Doch unglück- licherweise kann ich Ihnen keinen Rat geben, der Ihnen in Ihrer besonderen Situation weiterhelfen könnte.« Joenes fragte: »Glauben Sie, daß ich das Büro, das ich aufsuchen soll, jemals finden werde?« »Wenn Sie hier etwas Wichtiges zu erledigen ha- ben«, antwortete der Colonel, »und wenn die ho- hen Beamten wollen, daß Sie das Büro finden, dann, da bin ich vollkommen sicher, werden Sie keine Schwierigkeiten haben. Andererseits könn- ten Ihre Geschäfte ja auch für niemanden sonst als für Sie allein von Bedeutung sein – in diesem Fall werden Sie bestimmt sehr lange suchen müssen. Sicher, Sie haben da ein offizielles Schreiben bei sich, doch ich habe den Verdacht, daß die hohen Beamten die Leute manchmal in imaginäre Büros schicken, um die inneren Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude zu testen. Wenn das bei Ihnen der Fall sein sollte, dann sind Ihre Erfolgschancen natür- lich äußerst gering.« »So oder so«, murmelte Joenes trübsinnig, »sieht es für mich nicht allzugut aus.«, »Nun, ein solches Risiko gehen wir alle hier ein«, sagte der Colonel. »Spione vermuten, daß ihre Be- fehlsgeber sie nur deshalb auf besonders gefährli- che Missionen schicken, um sie loszuwerden, und Kartographen glauben, daß man sie nur zeichnen läßt, damit sie sich nirgendwo einmischen und sich aus allem heraushalten. Wir haben alle unse- re Zweifel, und ich kann Ihnen nur alles Glück der Welt wünschen und der Hoffnung Ausdruck ver- leihen, daß ihre Zweifel sich niemals bewahrhei- ten.« Nach diesen Worten verneigte der Colonel sich voller Ehrerbietung und entfernte sich. Joenes schaute ihm nach und überlegte, ob er ihm folgen solle. Doch er hatte sich bereits in die- se Richtung bewegt, und es erschien ihm als ein notwendiger Akt des Vertrauens, weiter ins Unge- wisse vorzustoßen, anstatt sich schon beim ersten Hindernis geschlagen zu geben und sich entmuti- gen zu lassen. So wanderte Joenes weiter, doch nicht nur aus blindem Vertrauen. Er vermutete auch, daß man die Gänge hinter ihm längst schon verändert hat- te. Joenes schritt weiter durch weite Säle und Gän- ge, Treppen hinauf und hinab, durch Seitengänge, Abzweigungen, durch Vorzimmer und durch im- mer mehr Korridore. Er widerstand dem Drang, sei- ne wunderschöne falsche Karte zu Rate zu ziehen,, doch er konnte sich auch nicht überwinden, das Ding einfach fortzuwerfen. Daher behielt er sie in seiner Tasche und ging weiter. Nichts gab ihm einen Hinweis über die Zeit, die verstrichen war, doch schließlich wurde Joenes müde. Er befand sich nun im alten Teil des Bau- werks. Die Fußböden bestanden hier aus Holz an- statt aus Stein, und sie waren schon halb verrot- tet, wodurch der weitere Weg überaus gefährlich wurde. Die Wände, aus brüchigem Gips gefügt, waren fleckig und morsch. An einigen Stellen war der Gips schon herausgebrochen und legte die In- stallation des Gebäudes frei, ein bizarrer Anblick und eine nicht geringe Gefahr für den Ausbruch eines Feuers. Nicht einmal die Decke machte ei- nen vertrauenerweckenden Eindruck. An einigen Stellen hing sie so weit durch, daß Joenes damit rechnete, sie würde ihm jeden Moment auf den Kopf fallen. Was immer an Büros hier gewesen sein moch- te, sie existierten nicht mehr, und hier mußten schnellstens umfangreiche Reparaturen durchge- führt werden. Joenes sah sogar den Hammer eines Arbeiters an einer Stelle auf dem Boden liegen; das verriet ihm, daß hier schon bald Reparaturen vor- genommen werden würden, auch wann er bisher keinen einzigen Arbeiter gesehen hatte. Völlig entmutigt legte Joenes sich auf den Bo- den, seine tiefe Erschöpfung ließ ihm keine andere, Wahl. Er streckte sich aus und war schon nach we- nigen Minuten tief eingeschlafen. DIE GESCHICHTE VON THESEUS Joenes erwachte mit einem Gefühl des Unbeha- gens. Während er sich erhob, vernahm er das Ge- räusch von sich nähernden Schritten im Gang. Schon bald entdeckte er den Verursacher dieses Geräusches. Es war ein Mann, hochgewachsen und in der Blüte seiner Jahre, mit einem Gesicht, glei- chermaßen intelligent wie auch mißtrauisch. Der Mann hielt in der Hand einen Faden, der auf ei- ner Spindel aufgerollt war. Während er ausschritt, wickelte sich der Faden von der Spindel und glitt zu Boden. Kaum entdeckte der Mann seinerseits den soeben aufgestandenen Joenes, verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse der Wut. Er zog einen Revolver aus seinem Gürtel und legte an. Joenes rief erschrocken: »Wartet! Was immer Sie auch annehmen – ich habe Ihnen nie etwas ge- tan!« Indem er sich nur mit Mühe unter Kontrolle hal- ten konnte, gelang es dem Mann, den Abzug nicht zu betätigen. Seine Augen, die gerade noch geglüht und zornig geblickt hatten, bekamen wieder einen normalen Ausdruck. Er schob den Revolver in sei- nen Gürtel und sagte: »Es tut mir leid, wenn ich Sie, erschreckt habe. In Wahrheit nahm ich an, Sie wä- ren jemand anderer.« »Sehe ich dem Betreffenden denn ähnlich?« frag- te Joenes. »Eigentlich nicht«, erwiderte der Mann. »Aber an diesem verdammten Ort werde ich allmählich ner- vös, und ich neige mehr und mehr dazu zu schie- ßen und dann erst zu fragen. Allerdings ist meine Mission so wichtig, daß man mir derartig hastige und nervöse Aktionen nachsehen sollte.« »Und wie sieht Ihre Mission aus?« wollte Joenes wissen. Das Gesicht des Mannes leuchtete, als Joenes die- se Frage stellte. Stolz entgegnete er: »Meine Missi- on besteht darin, der Welt Frieden, Glück und Frei- heit zu bringen.« »Das ist aber eine Menge«, staunte Joenes. »Mit weniger gäbe ich mich niemals zufrie- den«, betonte der Mann. »Merken Sie sich mei- nen Namen gut. Ich heiße Georg P. Theseus, und ich vertraue fest darauf, daß man sich an mich als an einen Mann erinnern wird, der die Tyran- nei zerschlug und die Menschheit befreite. Die Tat, die ich hier vollbringe, wird als Symbol für die Menschheit eingehen und wird als Beispiel für Güte und Recht in alle Ewigkeit weiterbeste- hen.« »Welche Tat wollen Sie vollbringen?« fragte Jo- enes., »Allein werde ich mich dem Tyrannen stellen und ihn vernichten«, erklärte Theseus. »Dieser Mann hat es geschafft, innerhalb dieses Bauwerks eine Position der Macht einzunehmen, und viele armselige Idioten glaubten tatsächlich, daß er ein Wohltäter ist, denn er verfügt den Bau von Stau- dämmen, um die Fluten zu bändigen, verteilt Le- bensmittel an die Hungernden, finanziert medizi- nische Versorgung für die Kranken und tut viele Dinge solcher Art. Einer ganzen Reihe von Men- schen mag er ja Sand in die Augen streuen, ich hin- gegen lasse mich davon nicht täuschen.« »Wenn er diese Dinge wirklich bewirkt und in Gang setzt«, hielt Joenes dem entgegen, »dann klingt es wirklich so, als wäre er ein Wohltäter.« »Ich hätte mir denken können, daß Sie so etwas behaupten«, meinte Theseus bitter. »Seine Tricks haben Sie bereits überzeugt und auf seine Seite gezogen, ebenso wie es mit all den anderen Men- schen geschah. Ich kann nicht hoffen, Ihre Mei- nung zu ändern. Ich habe nicht die Fähigkeit, mich in harten Diskussionen zu behaupten, während der Mann sämtliche Propagandisten in seinen Dien- sten hat. Meine Bestimmung liegt in der Zukunft. Im Moment kann ich Ihnen nur erzählen, was ich weiß, und zwar erzähle ich das in aller Offenheit, ohne Schnörkel und Beschönigungen.« »Ich würde mich freuen, Ihnen zuhören zu kön- nen«, sagte Joenes., »Nun dann«, begann Theseus, »hören Sie zu. Um seine guten Taten zu vollbringen, mußte der Mann ein hohes Amt erringen. Um dieses hohe Amt zu erreichen, bestach der Mann Leute und säte Zwie- tracht, teilte er die Menschen in einander bekämp- fende Fraktionen auf, tötete die, die ihm widerspra- chen, korrumpierte die wenigen Einflußreichen und hungerte die Bedürftigen aus. Am Ende, als seine Macht absolut war, begab er sich in die Öf- fentlichkeit. Doch es geschah nicht aus Liebe zu den Menschen. Nein, er tat es so, wie man viel- leicht einen Garten pflegt, so daß man etwas Hüb- sches betrachten kann anstatt etwas Häßliches. So ist es eben mit Tyrannen, die keine Mühe scheu- en, ihre Macht zu behalten, und die dabei genau die Übel erschaffen und erhalten, die sie zu besei- tigen vorgeben.« Joenes fühlte sich durch Theseus‘ Rede ange- rührt, jedoch empfand er auch gelindes Mißtrauen, denn Theseus hatte einen unsteten und gefährli- chen Ausdruck in den Augen. Daher bemühte Jo- enes sich um besondere Behutsamkeit bei der Wahl seiner Worte. »Ich kann sehr gut verstehen, daß Sie diesen Mann umbringen wollen.« »Nein, das können Sie nicht«, widersprach The- seus schwermütig. »Sie denken wahrscheinlich, daß ich mit nichts anderem voll bin als mit war- mer Luft und hohen Idealen, daß ich so eine Art Verrückter mit einer Waffe in der Faust bin. Nun,, Sie irren sich. Ich bin ein völlig normaler, durch- schnittlicher Mensch, und wenn es mir gelingt, eine gute Tat zu vollbringen, dann bin ich glück- lich. Meine Aktionen gegen den Tyrannen erfol- gen jedoch vorwiegend aus persönlichen Grün- den.« »Und wie das?« erkundigte Joenes sich. »Dieser Tyrann«, schilderte Theseus, »hat persön- liche Vorlieben fast ebenso pervers wie die Leiden- schaft, die ihn an die Macht gebracht hat. Infor- mationen dieser Art werden gewöhnlich geheim gehalten oder als Hetzkampagnen haßerfüllter Nei- der abgetan. Seine Propagandisten sorgen schon für einen solchen Eindruck, ich hingegen kenne die einzige Wahrheit. Dieser große Mann kam eines Tages in meine Stadt. Er saß in seinem gepanzerten schwarzen Ca- dillac hinter kugelsicheren Fensterscheiben, paff- te seine dicke Zigarre und winkte den Menschen zu. Dann fiel sein Blick auf ein kleines Mädchen in der Menge, und er befahl, daß der Wagen anhal- ten solle. Seine Leibwächter trieben die Leute auseinander, außer natürlich die wenigen, die aus Kellerfenstern und von Dächern zuschauten, selbst aber nicht ge- sehen werden konnten. Dann verließ der Tyrann seinen Wagen und schritt auf das kleine Mädchen zu. Er bot ihr Eiskrem und Süßigkeiten an und lud sie ein, mit ihm in den Wagen zu steigen., Einige von den zuschauenden Männern, die ahn- ten, was das zu bedeuten hatte, stürzten vor, um das Kind zu schützen. Doch die Leibwächter schos- sen und töteten dabei die beherzten Männer. Das taten sie mit schallgedämpften Waffen, um das kleine Mädchen nicht zu erschrecken; diesem er- zählten sie, die Männer hätten sich für ein paar Mi- nuten schlafen gelegt. Obwohl völlig unschuldig und ahnungslos, war das Mädchen mißtrauisch. Irgend etwas in dem ro- ten, schwitzenden Gesicht des Tyrannen und an seinen dicken, bebenden Lippen muß ihr Angst eingejagt haben. Daher, obwohl sie das Eis und die Süßigkeiten aus ganzem Herzen wünschte, stand sie für einige Zeit unschlüssig da, während der Ty- rann vor verhaltener Lust am ganzen Körper zitter- te, und diejenigen von uns, die ungesehen das Ge- schehen beobachteten, Stoßgebete für das kleine Mädchen murmelten. Nachdem das Mädchen einige Zeit die einmali- ge Sammlung von Süßigkeiten und das nervöse Ge- habe des Tyrannen beobachtet hatte, faßte es einen Entschluß. Sie würde in den Wagen steigen, mein- te sie, wenn dies ihren Spielgefährten ebenfalls ge- stattet würde. In der schrecklichen Verletzlichkeit ihrer Unschuld nahm das Kind wirklich an, daß es inmitten seiner Spielkameraden sicher wäre. Der Tyrann lief vor Freude rotviolett an. Es war offensichtlich, daß das mehr war, als er jemals hät-, te hoffen können. Je mehr desto lieber, lautete sein schauriges Motto. Er sagte dem Mädchen, sie kön- ne all ihre Spielkameraden mitbringen, und das Mädchen rief nach seinen Freunden. Die Kinder drängten sich um den schwarzen Ca- dillac. Sie wären auch gekommen, ohne gerufen worden zu sein, denn der Tyrann hatte raffinier- terweise sein Radio, aus dem mittlerweile die reiz- vollste, einschmeichelndste Musik drang, laut auf- gedreht. Mit Musik und großzügig verteilten Süßigkeiten lockte der Tyrann die Kinder in den Wagen und schloß die Tür. Seine Leibwächter umringten ihn auf ihren bullenstarken Motorrädern. Dann rasten sie davon mit einer der schrecklichsten Belusti- gungen im Sinn, die der private Vergnügungsraum des Tyrannen je gesehen hatte. Von den Kindern hat man nie mehr etwas gehört. Und dieses kleine Mädchen war, wie Sie vielleicht schon geahnt ha- ben, meine kleine Schwester. Unter meinen Augen wurde sie entführt, Bewohner der Stadt lagen tot auf dem Pflaster, und ich stand im Keller, unfähig, den Raub zu verhindern.« Theseus wischte sich über die Augen, aus de- nen nun ein Tränenstrom rann. Er sagte zu Joenes: »Nun kennen Sie die traurige und dramatische Ge- schichte, wegen der ich den Tyrannen töten will. Um das in seiner Person manifestierte Böse zu be- siegen, um meine hingeschlachteten Freunde zu rä-, chen, um die armen Kinder zu retten und vor al- lem um meine arme kleine Schwester zu finden. Ich bin kein Held, ich bin nichts anderes als ein ganz normaler Mensch. Nur die Umstände haben dafür gesorgt und mich gezwungen, diese gerechte Tat zu vollbringen.« Joenes, dessen Augen mittlerweile alles andere als trocken waren, umarmte Theseus und mein- te: »Ich wünsche Ihnen bei Ihrer Suche viel Erfolg, und ich hoffe von ganzem Herzen, daß Sie sich ge- gen einen solchen schrecklichen Tyrannen durch- setzen können.« »Ich habe da berechtigte Hoffnungen«, erwiderte Theseus. »Und auch mangelt es mir nicht an Wil- lenskraft und Entschlossenheit, die für die Erfül- lung einer solchen Aufgabe notwendig sind. Zuerst einmal suchte und fand ich die Tochter des Tyran- nen. Ich näherte mich ihr, umgarnte sie und be- nutzte wirklich jeden Trick, der mir einfiel, bis sie sich schließlich in mich verliebte. Dann schändete und verstieß ich sie, was mir ein Gefühl tiefer Be- friedigung bereitete, da sie nicht viel älter war als meine arme Schwester. Sie sehnte sich nach einer Hochzeit mit mir, und ich versprach ihr auch die Ehe, jedoch würde ich ihr viel lieber die Kehle auf- schlitzen, als ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Und dann erklärte ich ihr in gewählten und sorgfältig gesetzten Worten, was für eine Art Mensch ihr Va- ter war. Anfangs wollte sie mir nicht glauben, die, kleine Idiotin liebte ihren Tyrannenvater wirklich! Mich jedoch liebte sie noch mehr und ließ sich nach und nach durch die Wahrheit überzeugen, daß das, was ich redete, den Tatsachen entsprach. Dann, als letzten Akt meines Plans, erbat ich ihre Hilfe bei der Verwirklichung meines Vorhabens, ihren Vater zu töten. Sie können sich bestimmt vorstellen, was für eine harte Arbeit das war. Das schreckliche Mädchen wollte nicht, daß ihr Va- ter vernichtet wurde, ganz gleich wie schlecht er sein mochte, ganz gleich, was er alles getan hat- te. Dann drohte ich ihr, sie für immer zu verlas- sen, falls sie mir nicht gehorchte; und am Ende ver- lor sie im Widerstreit zwischen meiner Liebe und der Liebe ihres Vaters beinahe den Verstand. Wie- der und wieder flehte sie mich an, die Vergangen- heit zu vergessen, die natürlich durch nichts hät- te ausgelöscht werden können. Ich sollte mich mit ihr aus dem Staub machen und irgendwo fern von ihrem Vater leben und in Zukunft an nichts ande- res mehr denken als allein an sie. Als ob ich sie jemals anschauen könnte, ohne nicht gleichzeitig auch die Züge ihres Vaters durchschimmern zu se- hen! Für einige Tage hielt sie mich hin und dach- te wohl, mich überzeugen zu können, auf ihre Li- nie einzuschwenken und nicht das zu tun, was ich tun wollte! Unaufhörlich beteuerte sie mir ihre Lie- be und tat dies auf völlig übertriebene und gerade- zu hypnotische Weise. Niemals sollten wir jemals, getrennt sein, schwor sie, und falls der Tod mich vorzeitig ereilen sollte, dann würde sie auch sich selbst töten. Und dazu noch eine Menge anderen Blödsinn, welchen ich als normal und intelligent denkender Mensch überaus geschmacklos finde. Am Ende wandte ich mich von ihr ab und verließ sie. Danach brach ihre Selbstbeherrschung zusam- men. Dieses junge Monster, erfüllt mit dem gedie- gensten Selbsthaß, versprach, sie würde mir hel- fen, ihren geliebter Vater zu ermorden, wenn ich sie nur nicht verließe. Und natürlich leistete ich den Schwur, für immer bei ihr zu bleiben. Ich hätte wirklich alles versprochen, nur um mich ihrer Hil- fe zu versichern, die ich so nötig brauchte. Sie verriet mir etwas, das nur sie allein wissen konnte, nämlich wo ich das Büro ihres Vaters in diesem unermeßlichen Gebäude finden könnte. Und sie reichte mir auch dieses Garnknäuel, so daß ich meinen Weg markieren und schnellstens flie- hen könnte, sobald die Tat vollbracht wäre. Und sie selbst gab mir auch diesen Revolver. Und da bin ich nun – auf meinem Weg zum Büro des Ty- rannen.« Joenes sagte: »Dann haben Sie ihn also bis jetzt noch nicht gefunden, oder?« »Noch nicht«, bestätigte Theseus. »Die Gänge hier sind so endlos lang und verschlungen, wie Sie sicherlich schon selbst bemerkt haben. Überdies habe ich auch etwas Pech gehabt. Wie ich ja schon, erwähnte, habe ich ein besonders nervöses Natu- rell und neige dazu, zu schießen und dann erst zu denken. Aus diesem Grund habe ich erst vor kur- zem, ganz zufällig, einen Mann in der Uniform ei- nes Offiziers erschossen. Plötzlich stand er vor mir, und ich habe gefeuert, ohne nachzudenken.« »War das etwa der Kartenzeichner?« wollte Jo- enes wissen. »Ich habe keine Ahnung, wer das war«, gestand Theseus. »Doch er trug die Rangabzeichen eines Colonels, und dann schien er ein überaus freund- liches Gesicht zu haben.« »Dann war das der Kartograph«, meinte Joenes. »Das tut mir sehr leid«, entschuldigte Theseus sich. »Doch noch mehr tun mir die drei anderen leid, die ich in diesen weitläufigen Gängen ausge- schaltet habe. Ich muß vom Pech verfolgt sein.« »Wer waren die denn?« wollte Joenes nun wis- sen. »Zu meinem großen Kummer waren es drei der Kinder, die zu retten ich mich in dieses Haus be- geben habe. Sie müssen irgendwie aus den Räu- men des Tyrannen geflohen sein und befanden sich wohl auf dem Weg in die Freiheit. Ich habe sie ebenso erschossen wie den Offizier und wie ich beinahe Sie erschossen hätte, eben überhastet, ehe ich auch nur ein Wort mit ihnen wechseln konnte. Ich kann nicht ausdrücken, wie leid mir das alles tut, und umso mehr bin ich von dem unstillbaren, Drang erfüllt, den Tyrannen für all das bezahlen zu lassen.« »Und was haben Sie mit seiner Tochter vor?« fragte Joenes. »Ich werde auf jeden Fall nicht meinen natürli- chen Instinkten gehorchen und sie töten«, erwider- te Theseus. »Doch diese häßliche kleine Nutte wird mich nie wiedersehen. Und danach werde ich dar- um beten, daß dieser kleine Bastard des Tyrannen an gebrochenem Herzen stirbt.« Während er dies sagte, wandte Theseus seine Aufmerksamkeit wieder dem dämmerigen Korri- dor zu, der sich vor ihm erstreckte. »Und nun«, meinte er, »muß ich mich wieder in meine Arbeit stürzen. Leben Sie wohl, mein Freund, und wünschen Sie mir Glück.« Theseus wanderte weiter, wobei er seine schim- mernde Schnur abrollte. Joenes schaute ihm nach, bis er um eine Biegung verschwand. Für einige Zeit konnte er noch Schritte vernehmen, doch dann ver- hallten auch die. Plötzlich erschien hinter Joenes eine Frau im Kor- ridor. Sie war sehr jung, kaum mehr als ein Kind. Sie war rundlich und hatte ein rotes Gesicht, und in ihren Augen glitzerte der Wahnsinn. Leise wander- te sie hinter Theseus her. Und während sie dem Mann folgte, rollte sie die Schnur auf, die dieser ausgelegt hatte. Sie hatte bereits ein dickes Knäu-, el in der Hand, und sie wickelte die Schnur stetig auf, während sie sich Joenes näherte, und beseitig- te so die Spur, die Theseus gelegt hatte. Als sie an Joenes vorbeiging, wandte sie ihm ihr Gesicht zu, und in den Zügen nisteten Wut und Trauer. Sie sagte kein einziges Wort, sondern leg- te nur einen Finger auf die Lippen und bedeute- te ihm zu schweigen. Dann setzte sie eilig ihren Weg fort, wobei das Knäuel in ihren Händen stän- dig wuchs. Sie war so schnell verschwunden, wie sie aufge- taucht war, und der Gang war wieder einsam und verlassen. Joenes schaute in beide Richtungen, doch nichts wies darauf hin, daß Theseus oder das Mädchen vor kurzem noch hier vorbeigekommen waren. Er rieb sich die Augen, legte sich erneut nieder und schlief ein. * Einige Geschichtenerzähler behaupten, daß Joenes während seines Aufenthaltes in den Gängen des Octagon noch eine Vielzahl weiterer Abenteuer erlebte. Es heißt, daß er die drei Parzen traf und daß diese uralten Wesen ihm ihre Pflichten und ihre Wünsche offenbarten und daß Joenes daraus sein Verständnis für die Probleme der Götter ge- wann und ihrer Methoden, diese Probleme zu lö- sen. Es heißt auch, daß Joenes zwanzig Jahre auf, dem Gangboden im Octagon schlief und nur auf- wachte, als Aphrodite erschien und ihm die Ge- schichte ihres Lebens erzählte. Und als Joenes ei- nige Zweifel an Teilen ihrer Geschichte äußerte, soll sie Joenes in eine Frau verwandelt haben. In dieser Gestalt wurde Joenes mit vielen Schwierig- keiten konfrontiert, und oft wurde seine Seele ge- prüft, von seinem Körper ganz zu schweigen, und er erfuhr eine Menge Dinge, welche ein Mann nor- malerweise niemals in seinem Leben erfährt. Und am Ende soll er seine Zweifel an Aphrodites Ge- schichte widerrufen haben, woraufhin sie ihn wie- der zurückverwandelte. Jedoch gibt es kaum stichhaltige Beweise für die Richtigkeit dieser Erzählungen, und ebensowenig existieren detaillierte Schilderungen. Daher wer- den wir nun von Joenes‘ letztem Abenteuer im Octagon berichten, welches sich ereignete, als er nach seiner Begegnung mit Theseus auf dem Gang- boden lag und schlief. DIE GESCHICHTE VON MINOTAURUS Joenes wurde recht unsanft wachgerüttelt. Er sprang auf die Füße und sah sofort, daß die Halle um ihn herum nicht mehr alt und verfallen war, sondern modern und hell. Der Mann, der ihn ge- weckt hatte, hatte breite Schultern, war in seiner Leibesmitte noch etwas breiter und hatte ein grob-, flächiges, ernstes, humorloses Gesicht. Niemand hätte den Mann für etwas anderes halten können als für einen Beamten. »Sie sind Joenes?« fragte der Beamte. »Schön, so- bald Sie Ihr Nickerchen beendet haben, können wir, glaube ich, an die Arbeit gehen.« Joenes drückte sein tiefes Bedauern darüber aus, daß er geschlafen hatte, anstatt nach dem Büro zu suchen, in das man ihn geschickt hatte. »Das ist nicht so schlimm«, versicherte ihm der Beamte. »Wir haben hier zwar unsere Vorschriften, doch ich hoffe, wir pochen nicht so stur auf deren Einhaltung. Zufälligerweise war es überhaupt nicht schlimm, daß Sie geschlafen haben. Ich hockte in einem völlig anderen Teil des Gebäudes und erhielt von dort den Befehl, mit meinem Büro schnellstens hierher umzuziehen und sämtliche Reparaturen in die Wege zu leiten, die ich für notwendig erachte- te. Die Arbeiter fanden Sie schlafend vor und be- schlossen, Sie nicht zu stören. Daher verrichteten sie ihre Arbeit in aller Stille und bewegten sie nur einmal vom Fleck, um das Bodenbrett zu erneuern, auf dem sie lagen. Sie sind dabei noch nicht ein- mal aufgewacht, als man Sie hochhob.« Joenes schaute sich mit wachsender Verblüffung um und gewahrte, wieviel Arbeit geleistet worden war, während er schlief. Er entdeckte dabei ganz in seiner Nähe eine Bürotür an einer Stelle, wo vorher lediglich nackte, verwitterte Wand existiert hatte., Auf der Tür erkannte er eine sauber gemalte Auf- schrift: Raum 18891, Flur 12, Stockwerk 6, Flügel 63, Unterabteilung AJB-2. Das war genau die Adres- se, nach der er bisher vergeblich gesucht hatte, und Joenes verlieh seiner Verwunderung über die Art und Weise Ausdruck, in der seine Suche endete. »Daran ist nichts Verwunderliches«, spielte der Beamte diesen Vorgang herunter. »Prozeduren die- ser Art sind hier ganz selbstverständlich. Die höch- sten Beamten kennen nicht nur das Gebäude mit allem was darin ist, sondern sie wissen auch über jeden und seine Ziele in diesem Haus Bescheid. Sie kennen vor allem die Schwierigkeiten, mit denen ein Fremder in diesen Mauern zu kämpfen hat; und unglücklicherweise gibt es ziemlich strenge Geset- ze, die es verbieten, einem Fremden zu helfen. Die Beamten umgehen dieses Gesetz jedoch von Zeit zu Zeit, indem sie einfach das Büro dem Suchen- den entgegengehen lassen. Raffiniert, was? Und jetzt kommen Sie, wir haben zu tun.« In dem Büro stand ein Schreibtisch, der von Ak- ten und Formularen nahezu überquoll. Außerdem standen auf dem Tisch noch drei klingelnde Tele- fone. Der Beamte bat Joenes, Platz zu nehmen, und widmete sich den Telefonen. Er tat dies mit äußerster Hingabe und Entschie- denheit. »Reden Sie lauter, Mann!« brüllte er in das eine Te- lefon. »Was soll das heißen? Mississippi schon wie-, der überflutet? Dann bauen Sie einen Deich! Bauen Sie von mir aus zehn Deiche, aber bekommen Sie die Sache endlich unter Kontrolle! Schicken Sie mir eine Bestätigung, wenn alles erledigt ist.« »Ja, ich kann Sie sehr gut verstehen«, röhrte er in den zweiten Telefonhörer. »Hungersnot im Pan- handle? Verteilen Sie sofort Lebensmittel! Unter- schreiben Sie den Auftrag der Regierung mit mei- nem Namen!« »Ganz ruhig und noch mal von vorne«, bellte er in den dritten Hörer. »Eine Pest in Los Angeles? Verteilen Sie sofort das Serum und führen Sie eine allgemeine Impfung durch, und dann schicken sie mir gefälligst ein Telegramm, wenn Sie alles im Griff haben!« Der Beamte legte den letzten Telefonhörer in die Gabel und sagte zu Joenes: »Diese idiotischen Hand- langer geraten schon bei der geringsten Schwierig- keit in Panik. Und was noch schlimmer ist – diese rückgratlosen Flaschen würden noch nicht einmal ein Baby vor dem Ertrinken in der Badewanne ret- ten, ohne mich vorher um Rat zu fragen, was sie tun sollen.« Joenes hatte dem befehlsgewohnten Worten des Beamten am Telefon gelauscht, und ein Verdacht begann ihn ihm Gestalt anzunehmen. Er sagte: »Ich bin mir da nicht so ganz sicher, aber ich glaube, daß ein bestimmter, vom Schicksal geschlagener junger Mann ...«, »… versucht, mich umzubringen«, beendete der Beamte den Satz. »Das ist es doch, oder nicht? Nun, ich habe diese Sache vor etwa einer halben Stunde geregelt. Man erwischt einen Edwin J. Minotaurus niemals im Schlaf! Meine Wächter haben ihn ge- schnappt, und er bekommt wahrscheinlich Lebens- länglich. Aber verraten Sie das niemandem.« »Warum nicht?« fragte Joenes. »Das gäbe schlechte Publicity«, erklärte Mino- taurus. »Vor allem seine Affäre mit meiner Tochter, die er zu allem Unglück um den Verstand brach- te! Ich habe diesem Schwachkopf immer wieder gesagt, sie solle ihre Freunde mit nach Hause mit- bringen, aber nein, dieses dumme Luder muß sich wegschleichen und sich mit einem von diesen An- archisten einlassen! Wir verbreiten zur Zeit eine ei- gens für diese Situation zusammengestellte Story, nämlich daß dieser Theseus mich so schwer ver- letzte, daß die Ärzte um mein Leben fürchteten, und daß er danach fliehen konnte und meine Toch- ter ehelichte. Den Sinn und Zweck einer solchen Geschichte erkennen Sie wohl.« »Nicht so ganz«, mußte Joenes zugeben. »Nun, verdammt, das erzeugt Sympathie für mich!« sagte Minotaurus. »Die Leute werden Mit- leid haben, wenn sie hören, daß ich an der Schwel- le zur Einigkeit stehe. Und sie werden noch mehr Mitleid haben, wenn sie erfahren, daß meine Toch- ter meinen mutmaßlichen Mörder geheiratet hat., Denn Sie müssen verstehen, daß das Volk mich trotz meiner Qualitäten nicht sonderlich mag. Die- se Geschichte müßte sie eigentlich auf meine Sei- te ziehen.« »Das ist ja geradezu genial«, zollte Joenes dem Beamten hohes Lob. »Vielen Dank«, erwiderte Minotaurus. »Offen ge- sagt habe ich mir wegen meines Image in der Öf- fentlichkeit schon lange Sorgen gemacht, und wenn dieser Irre mit seiner Schnur und seinem Revol- ver nicht aufgetaucht wäre, dann hätte ich wahr- scheinlich jemanden anheuern müssen. Ich hoffe nur, daß die Zeitungen die Story entsprechend gut verkaufen.« »Gibt es denn daran irgendwelche Zweifel?« er- kundigte Joenes sich. »Naja, sie drucken, was ich ihnen vorschreibe«, murmelte Minotaurus trübsinnig, »und ich habe einen Knaben angeheuert, der darüber ein Buch schreiben soll, und es wird auch ein Schauspiel und einen Film geben, beide auf dem Inhalt des Buchs basierend. Keine Angst, ich hole aus dieser Sache alles heraus, was sich herausholen läßt.« »Was sollen die denn über Ihre Tochter schrei- ben?« fragte Joenes. »Nun, wie ich schon erwähnte, heiratet sie diesen Anarchistenheini. Und in einem Jahr oder so ver- öffentlichen wir eine Meldung über die Scheidung der beiden. Man muß dem Kind schließlich einen, Namen geben. Aber der Himmel weiß, was diese Idioten über meine arme, fette, niedliche Ariadne schreiben. Wahrscheinlich machen sie aus ihr eine reizvolle Schönheit und meinen wohl, mir damit einen großen Gefallen zu tun. Und der Abschaum, der das alles liest, wird nach mehr schreien. So- gar die Könige und Präsidenten, die ja die ganze Wahrheit kennen und die wissen sollten, was da los ist, werden diese Lügen lesen und laut der Sta- tistik auch glauben. Die menschliche Rasse be- steht zum größten Teil aus inkompetenten, lügen- den und betrügenden Narren. Kontrollieren kann ich sie, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich sie begreife.« »Was ist mit den Kindern?« wollte Joenes nun wissen. »Was meinen Sie, welche Kinder?« stellte Mino- taurus eine Gegenfrage, wobei in seinen Augen die nackte Wut glitzerte. »Nun, Theseus meinte ...« »Dieser Mann ist ein begabter, aber total wahn- sinniger Schwindler«, erklärte Minotaurus. »Wür- de ich nicht meiner Position und ihrem Ansehen schaden, dann hätte ich diesen Kerl längst vor die Schranken des Gerichts gezerrt. Kinder! Sehe ich vielleicht aus wie so‘n Perverser? Ich glaube, die Sache mit den Kindern können wir getrost verges- sen. Können wir jetzt endlich zur Sache, das heißt zur Ihrer Arbeit kommen?«, Joenes nickte, und Minotaurus lieferte ihm ei- nen kurzen Abriß über die politische Lage, die er wahrscheinlich in Rußland antreffen würde. Er zeigte Joenes eine geheime Landkarte, auf der alle Stellungen der kommunistischen und der westli- chen Streitmächte auf der Erde eingezeichnet wa- ren. Joenes war vom Umfang der Feindmächte zu- tiefst entsetzt. Sie waren in blutroter Farbe gehalten und überzogen eine ganze Reihe von Ländern. Die Mächte des Westens, dargestellt in hellblauer Far- be, erschienen daneben verschwindend gering und unbedeutend. »Das alles ist nicht so hoffnungslos wie es aus- sieht«, wiegelte Minotaurus ab. »Zum einen ist die Karte lediglich das Produkt von Vermutungen. Zum anderen verfügen wir über ein enormes Arse- nal von Atomsprengköpfen und ein Raketensystem, mit dem sie befördert werden können. Wir haben mit unseren Raketen riesige Fortschritte gemacht. Der erste richtige Beweis für unsere Effizienz er- folgte im vergangenen Jahr während einer leichten Feldübung, in deren Verlauf eine Zwerg-Rakete mit verstärktem Sprengkopf Jo zerfetzte, einen der Ju- pitermonde, auf dem wir für Übungszwecke einen russischen Stützpunkt simulierten.« »Das klingt ja ganz so, als wären wir stark ge- nug«, stellte Joenes fest. »Na klar. Doch die Russen und die Chinesen ha- ben ebenfalls Raketen entwickelt, mit denen sie vor, vier Jahren den Neptun in seine Bestandteile auf- gelöst haben. Insofern gibt es wohl eine Art Unent- schieden, was die Raketenbewaffnung angeht. Mag sein, daß zwischen den Russen und den Chinesen wegen des Ying-yang-Vorfalls gewisse Differenzen bestehen, jedoch sollte man sich darauf nicht zu fest verlassen.« »Und worauf können wir uns verlassen?« woll- te Joenes wissen. »Das weiß niemand«, gab Minotaurus zu. »Des- halb schicken wir Sie ja los, damit Sie das heraus- finden. Unser Problem lautet Information, Joenes. Was hat der Feind in Wirklichkeit geplant? Was zum Teufel geht dort drüben vor? Ich weiß, daß John Mudge von der Koordination Ihnen von unse- rem Bedarf nach Wahrheit erzählt hat, ganz gleich wie schrecklich, die von einem Mann, dem wir voll vertrauen können, in aller Offenheit und ohne Be- schönigung vorgetragen wird. Begreifen Sie die Aufgabe, die wir Ihnen stellen Joenes?« »Ich glaube schon«, erwiderte Joenes. »Sie sollen keiner Gruppe oder Fraktion dienen, Joenes. Und vor allem dürfen Sie keinen Bericht anfertigen, von dem Sie meinen, daß wir ihn hö- ren wollen. Sie sollen die Dinge, die Sie sehen, we- der übersteigern noch verniedlichen, sondern Sie sollen sie so nüchtern und sachlich wie möglich schildern.« »Ich werde mein Bestes tun«, versprach Joenes., »Ich glaube kaum, daß ich Sie um mehr bitten kann«, knurrte Minotaurus. Dann gab Minotaurus Joenes das Geld und die Papiere, die er für diese Reise brauchen würde. Und anstatt ihn wieder hinaus in das Ganggewirr zu schicken, damit Joenes sich seinen Ausweg aus dem Haus selbst suchte, öffnete Minotaurus ein Fenster und drückte auf einen Knopf. »So mache ich es immer«, sagte Minotaurus und half Joenes dabei, einzusteigen und auf dem Sitz neben dem Piloten Platz zu nehmen. »Diese vielen Korridore töten mir noch den Nerv. Viel Glück, Jo- enes, und vergessen Sie nicht, was ich Ihnen ge- sagt habe.« Joenes versprach es. Er war zutiefst bewegt von dem Vertrauen, das Minotaurus in ihn setzte. Der Helicopter schwebte hinüber zum Washingtoner Flughafen, wo der automatisch gesteuerte Sonder- jet schon startbereit stand. Doch als der Helicopter sich vom Octagon entfernte, glaubte Joenes aus einem Nebenzimmer von Minotaurus‘ Büro ein schrilles Kinderlachen zu hören ...,

XII

DIE GESCHICHTE VON RUSSLAND Erzählt von Pelui von der Osterinsel Joenes bestieg sein Sonderflugzeug, und schon bald raste er in der Maschine durch die Luft mit Kurs nach Norden auf den Pol zu. Ihm wurde auto- matisch eine Mahlzeit serviert, und anschließend wurde zu seiner alleinigen Zerstreuung ein Film gezeigt. Die Sonne sank bereits dem Horizont ent- gegen, als der Autopilot Joenes aufforderte, für die Landung auf dem Moskauer Flughafen den Sicher- heitsgurt anzulegen. Die Landung erfolgte ohne Zwischenfall, und Jo- enes wartete voller Ungeduld und Gespanntheit, als die Türen des Jet sich öffneten und vor ihm die Hauptstadt der kommunistischen Welt lag. Joenes wurde von drei Offiziellen der sowjeti- schen Regierung begrüßt. Bekleidet waren sie mit Pelzmützen und pelzgefütterten Stiefeln, ein not- wendiger Schutz gegen den eisigen Wind, der über das Flugfeld fegte. Sie machten sich mit Joenes be- kannt und brachten ihn zu einem Wagen, der ihn nach Moskau bringen sollte. Während der Fahrt be- kam Joenes hinreichend Gelegenheit, sich die Män- ner, mit denen er es zu tun hatte, etwas eingehen- der anzuschauen. Genosse Slavski hatte einen Bart, der bis zu den Augen reichte, in deren brauner Tiefe ein verträum-, ter Ausdruck lag. Genosse Oruthi war klein und glatt rasiert und humpelte leicht. Marschall Trigask war rundlich und stets gutgelaunt und schien eine Persönlichkeit zu sein, die man ernstnehmen muß- te. Am Roten Platz parkten sie vor der Halle des Frie- dens. Dort brannte ein munteres Feuer im Kamin. Die Russen boten Joenes gestenreich einen Sessel an und nahmen neben ihm Platz. »Wir werden nicht lange drumherumreden«, sag- te Marschall Trigask. »Ich werde dieses Gespräch damit beginnen, Sie in unserem geliebten Moskau herzlich willkommen zu heißen. Wir freuen uns immer, wenn akkreditierte westliche Diplomaten wie Sie uns besuchen. Wir reden immer in aller Of- fenheit und erwarten auch von unseren Gesprächs- partnern diese Offenheit. So bringt man die Dinge am besten in Gang. Sie haben wahrscheinlich wäh- rend Ihrer Fahrt nach Moskau bemerkt ...« »Ja«, unterbrach Slavski, »Sie müssen entschul- digen, ich bitte um Verzeihung, aber haben Sie die kleinen weißen Schneekristalle bemerkt, die vom Himmel fielen? Und den weißen Winterhimmel? Es tut mir aufrichtig leid, ich sollte lieber meinen Mund halten, doch sogar ein Mann wie ich hat Ge- fühle und verspürt manchmal den unwiderstehli- chen Drang, ihnen Ausdruck zu verleihen. Natur, meine Herren! Verzeihen Sie, aber die Natur, ja, darin liegt so etwas ...«, Marschall Trigask unterbrach: »Jetzt reicht es, Slavski! Ich bin sicher, unser Gesandter Joenes hat die Natur irgendwann und irgendwo schon einmal gesehen. Ich glaube, wir können uns solche Höf- lichkeiten sparen. Ich bin ein einfacher Mensch, und ich möchte mich einfach ausdrücken. Viel- leicht erscheine ich Ihnen reichlich ungehobelt, doch so ist es nun mal. Ich bin ein Soldat und kann mich nicht mit diplomatischen Nettigkeiten auf- halten. Habe ich mich unmißverständlich ausge- drückt?« »Ja, das haben Sie«, sagte Joenes. »Exzellent«, erwiderte Marschall Trigask und fuhr fort: »In diesem Fall – wie lautet Ihre Ant- wort?« »Meine Antwort auf was?« erkundigte Joenes sich. »Unsere jüngsten Vorschläge«, sagte Trigask. »Ich nehme doch an, Sie haben den weiten Weg nicht zurückgelegt, um hier Urlaub zu machen, oder?« »Ich fürchte, Sie müssen mich über Ihre Vor- schläge erst einmal etwas genauer informieren«, sagte Joenes. »Diese sind wirklich sehr simpel«, sagte Genos- se Oruthi. »Wir bitten Ihre Regierung lediglich, auf der ganzen Linie abzurüsten, die Kolonie Hawaii in die Selbstbestimmung zu entlassen, uns zu gestat- ten, Alaska wieder zu übernehmen – ursprünglich sowie unser Besitz – und uns auch die nördliche, Hälfte Kaliforniens als Geste des guten Willens zu überlassen. Unter diesen Bedingungen werden wir einige Dinge in die Wege leiten, die ich im einzel- nen im Moment nicht mehr zusammenbringe. Was halten Sie davon?« Joenes versuchte zu erklären, daß er gar nicht au- torisiert sei, überhaupt etwas zu sagen, doch die Russen waren nicht bereit, das als hinreichende Begründung zu akzeptieren. Deshalb sagte Joenes in Kenntnis der Tatsache, daß Washington sich mit solchen Bedingungen niemals einverstanden erklä- ren würde, rundheraus nein. »Seht ihr?« sagte darauf Oruthi. »Ich hab‘s euch ja prophezeit – sie sagen nein!« »Aber einen Versuch war es doch wert, oder?« meinte Marschall Trigask. »Schließlich hätten sie ja ebensogut einverstanden sein können. Doch nun können wir uns endlich anderen Dingen zu- wenden. Mr. Joenes, ich möchte Ihnen und Ihrer Regierung in aller Form mitteilen, daß wir in je- der Weise darauf vorbereitet sind, jegliche Attak- ke Ihrerseits mit der gleichen Härte umgehend zu erwidern.« »Unsere Verteidigung beginnt bereits in Ost- deutschland«, erklärte Oruthi, »und die Abwehr- linie reicht vom Baltikum bis hinunter zum Mit- telmeer.« »Was die Tiefe der Front angeht«, übernahm Tri- gask nun das Wort, »setzt sie sich durch ganz, Deutschland und Polen und durch den größten Teil des europäischen Rußland fort. Sie können unse- re Verteidigungsanlagen gerne besichtigen und sich selbst ein Bild davon machen, daß wir in vol- ler Verteidigungsbereitschaft sind. Überdies sind unsere Verteidigungswaffen allesamt automatisch und moderner als die europäischen und weitaus dichter gestaffelt. Wir haben Sie verteidigungsmä- ßig längst überholt und würden uns freuen, Ihnen das vorführen zu dürfen.« Slavski, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, meinte jetzt: »Sie werden all das mit eigenen Au- gen sehen, mein Freund! Sie werden sehen, wie das Licht der Sterne von den Gewehrtrommeln re- flektiert wird! Ich bitte um Verzeihung, aber selbst ein bescheidener Mensch wie ich, ein Mann, den man ebensogut für einen Fischer oder einen Schreiner halten könnte, hat seine poetischen An- wandlungen! Ja, das stimmt, meine Herren, auch wenn Sie sich darüber lustig machen! Hat nicht unser Poet gesagt: ›Dunkel ist das Gras/Wenn die Nacht dahingeht/Verrinnt in tiefer Sorge.‹ Aha, Sie hätten wohl niemals damit gerechnet, daß ich wahre Dichtung zitiere, was? Lassen Sie mich Ih- nen eines versichern – ich bin mir meiner Grenzen hinsichtlich des Zitierens von Dichtung durchaus bewußt! Ich bedauere diesen Mangel mehr, als Sie sich das vorstellen können, ich verfluche ihn und doch ...«, Genosse Oruthi rüttelte sanft an Slavskis Schulter, und dieser verstummte. Oruthi sagte: »Sie dürfen diesen Ausbrüchen keine Bedeutung beimessen, Mr. Joenes. Er ist einer der führenden Partei-Theoretiker, und deshalb hat er schon mal den Hang zum Mono- logisieren. Wo waren wir stehengeblieben?« »Ich glaube, ich erklärte gerade«, ergriff Mar- schall Trigask wieder das Wort, »daß unsere Vertei- digung vollkommen in Ordnung ist.« »Genau«, übernahm Oruthi. »Ihre Regierung soll- te sich in dieser Richtung keinen Illusionen hinge- ben. Auch sollten sie dem Ying-yang-Vorfall keiner- lei Bedeutung zumessen. Unsere Propagandisten haben diese Angelegenheit sicherlich in vielerlei Hinsicht oft genug falsch dargestellt. Die Wahrheit ist jedoch recht unkompliziert, und sie besagt, daß die Affäre nur auf Grund eines Mißverständnisses ins Rollen kam.« »Ich war damals dabei«, sagte Marschall Trigask, »und ich kann Ihnen genau schildern, was damals geschah. Mein Kommando, die Erste, Achte, Fünf- zehnte und Fünfundzwanzigste Volksarmee hielt eine Ying-yang-Übung nahe der Grenze der Chi- nesischen Volksrepublik ab, als sie von einer re- visionistischen Bande fahnenflüchtiger Chinesen überfallen wurde, welche vom Westen mit Gold- zahlungen unterstützt wurden und welche irgend- wie der Peiping-Regierung durch die Lappen ge- gangen waren.«, »Ich war damals politischer Kommissar«, über- nahm Oruthi wieder das Wort, »ich kann den Wahr- heitsgehalt dessen, was der Marschall erzählt, nur bestätigen. Diese Banditen überfielen uns getarnt als Chinesische Vierte, Zwölfte, Dreizehnte und Zweiunddreißigste Volksarmee. Natürlich infor- mierten wir Peiping sofort und trieben die Fahnen- flüchtigen über die Grenze zurück.« »Unsere Gegner jedoch bestanden darauf, uns über die Grenze zurückgetrieben zu haben«, mein- te Marschall Trigask mit einem ironischen Lächeln. »Wir erwarteten von den Rebellen, daß sie so etwas behaupteten, daher eröffneten wir den Kampf. Mitt- lerweile hatten wir eine Nachricht aus Peiping er- halten. Unglücklicherweise war sie in Bilderschrift geschrieben. Wir konnten sie nicht entziffern und schickten sie deshalb nach Moskau zum Dechiffrie- ren. In der Zwischenzeit wogte die Schlacht weiter, und für eine Woche feuerten die beiden Seiten aus allen Rohren gegeneinander.« »Die Übersetzung kam wieder zurück«, erinner- te Oruthi sich, »Sie lautete: ›Die Volksrepublik Chi- na weist jeden Verdacht einer auf Expansion aus- gerichteten Politik weit von sich, vor allem im Hinblick auf das fruchtbare, an Bodenschätzen rei- che Land nahe der chinesischen Grenze. Es gibt in- nerhalb der territorialen Grenzen der Chinesischen Volksrepublik keine Rebellen, und solche sind in einem wahrhaft sozialistischen Staat auch undenk-, bar und nicht vorhanden. Deshalb stellt eure krieg- sähnlichen Attacken gegen unsere friedfertigen Grenzer sofort ein!‹« »Sie können sich sicherlich unsere Verwunde- rung vorstellen«, sagte Marschall Trigask. »Die Chi- nesen behaupteten, daß es keine Rebellen gäbe, und wir kämpften gegen mindestens eine Milli- on davon, allesamt mit gestohlenen Uniformen der chinesischen Volksarmee bekleidet.« »Glücklicherweise war ein hoher Beamter aus dem Kreml anwesend«, berichtete Oruthi, »der uns beriet. Dieser Mann war ein Experte, was China be- traf. Er sagte uns, wir dürften den ersten Teil über den Expansionismus ruhig außer acht lassen, da dies eher eine Art Begrüßung darstelle. Der zwei- te Teil über das Nichtvorhandensein von Rebellen sollte dazu dienen, daß die Chinesen nicht das Ge- sicht verlören. Dementsprechend riet er uns, die Rebellen wieder nach China abzudrängen.« »Das war jedoch ziemlich schwierig«, sagte Mar- schall Trigask. »Die Rebellen wurden immerhin durch sieben Millionen bewaffnete Männer ver- stärkt und drückten uns allein durch die ihre zah- lenmäßige Übermacht bis nach Omsk zurück und nahmen auf dem Weg Semipalatinks gleich mit hopp.« »Da die Situation nun den Verdacht nahelegte, es würde ernst«, sagte Oruthi, »mobilisierten wir unsere Reserven. Diese traten in nicht weniger als, zwanzig russischen Armeen an. Mit deren Hilfe schlachteten wir eine ungenannte Zahl von Rebel- len munter hin und trieben den Rest über den Sin- kiang bis nach Szechuan hinein.« »Wir dachten, damit sei alles erledigt und ein für allemal geklärt«, sagte Marschall Trigask. »Wir mar- schierten soeben in Richtung Peking, um mit der chinesischen Volksregierung unsere Standpunk- te und Ansichten auszutauschen, als die Rebellen plötzlich einen neuen Angriff starteten. Mittler- weile umfaßten sie fünfzig Millionen Mann, zum Glück für uns waren nicht alle richtig bewaffnet.« »Selbst das Gold des Westens geht mal zur Nei- ge«, sagte Oruthi. »Wir erhielten eine weitere Note von Peiping«, er- zählte Marschall Trigask. »Übersetzt hieß es da, wir sollten sofort das chinesische Hoheitsgebiet verlas- sen und unsere kriegsähnlichen Attacken gegen die Verteidigungseinheiten der chinesischen Volksar- mee unterlassen.« »Wir glauben, daß die Note das aussagte«, meinte Oruthi, »doch mit gerissener Cleverness hatten sie ihre Botschaft so konstruiert, daß wenn man sie auf dem Kopf las, sich ein Gedicht ergab: ›Wie schön ist dieser Berg/welcher im Fluß dahintreibt/vorbei an meinem Fenster.‹« »Besonders ironisch war in diesem Zusammen- hang«, sagte Marschall Trigaks, »die Tatsache, daß, als wir endlich die Botschaft entziffert hatten, man, uns quer durch Asien bis nach Stalingrad zurück- gedrängt hatte. Dort hielten wir uns und schlach- teten Millionen hin, wurden dann nach Charkow abgedrängt, wo wir erneut innehielten und an- schließend wieder nach Kiew gejagt wurden. Er- neut boten wir dem Feind Paroli und hielten uns für einige Zeit vor Warschau. Wir stellten dann aus Ostdeutschland, Polen, der Tschechoslowakei, Ru- mänien, Ungarn und Bulgarien Reservearmeen zu- sammen. Hinterlistig wie sie waren, verbündeten sich die Albanier mit den Griechen, welche wie- derum mit den Jugoslawen paktierten und uns von hinten angriffen. Wir schüttelten diese lästigen An- grifftruppen ab und richteten unsere Hauptbemü- hungen nach Osten. Diesmal griffen wir die chine- sischen Rebellen mit unserer gesamten Armee und sämtlichen Reserven entlang einer siebenhundert Meilen Front an. Wir jagten die Streitmacht der Re- bellen dorthin zurück, woher sie gekommen war und noch weiter, bis nach Kanton, wo wir sie ver- nichteten.« »Dort«, erinnerte sich Oruthi, »warfen die Re- bellen ihre letzten Millionen an Reserven in den Kampf, und wir wichen zurück bis zur Grenze. Nachdem wir uns wieder gesammelt hatten, lie- ßen wir uns für einige Monate in ein paar klein- räumige Grenzkämpfe verwickeln. Am Ende zogen wir uns in beiderseitigem Einvernehmen wieder zurück.«, »Ich wollte immer noch den Angriff«, sagte Mar- schall Trigask. »Doch vorsichtigere Anführer wie- sen darauf hin, daß ich nur ein paar tausend abge- rissene Männer zu meiner Verfügung hätte, welche gegen die zwar dezimierten aber in ihrem Kampf- geist nicht ungebrochenen Rebellen antreten müß- ten. Das hätte mich wahrscheinlich niemals auf- gehalten, doch mein Kollege Oruthi hob hervor, und das völlig zurecht, daß es sich mittlerweile um eine interne Angelegenheit der Chinesen han- delte.« »Seitdem ist es uns nicht mehr gelungen, mit Pe- king Kontakt aufzunehmen«, sagte Oruthi. »Doch diese Saure-Gurken-Zeit unserer Beziehungen wird sicherlich irgendwann zu Ende gehen.« »Ich muß nur noch hinzufügen«, meldete Trigask sich noch einmal, »daß niemand im Westen den vollen Umfang dieser Affäre kennt, da weder wir noch die Chinesen jemals ein Wort darüber verlo- ren haben, und die wenigen Informanten, die den Mund nicht halten konnten, wurden sowieso als unglaubwürdig abgetan. Wahrscheinlich wundern Sie sich jetzt, daß wir Ihnen eine derart schwierige Geschichte erzählen, was?« »In der Tat, das habe ich mich schon die ganze Zeit gefragt – warum gerade mir?« antwortete Jo- enes. »Wir erzählen sie Ihnen, weil wir wissen, wo Ihre wahren Sympathien liegen, Genosse Jonski!«, »Verzeihung – wie bitte?« vergewisserte Joenes sich. »Oh, wir wissen Bescheid«, sagte Oruthi. »Wir haben unsere Möglichkeiten, Informationen ein- zuholen. Nicht einmal die finstersten Geheimnis- se des amerikanischen Kongresses bleiben uns ver- borgen. Wir kennen die kommunistische Rede, die Sie in San Francisco gehalten haben, und wir wis- sen auch von Ihrer Verhandlung vor dem Kongreß- Kommittee. Wir sahen, wie die amerikanische Ge- heimpolizei Sie verfolgte, da wir unsererseits diese beschatteten. Und dann haben uns natürlich die Verwandten und Kampfgefährten von Arnold und Ronald Black von den großen Diensten erzählt, welche Sie ihnen erwiesen, und von der Clever- neß, mit welcher Sie alle Kontakte mit Ihnen ver- mieden. Schließlich beobachteten wir auch voller Wohlwollen, wie Sie sich wieder der Unterstüt- zung und Anerkennung Ihrer Regierung erfreuen durften und wie es Ihnen gelang, eine Schlüssel- position einzunehmen. Deshalb können wir wohl mit Fug und Recht eines verkünden: Willkommen daheim, Genosse!« »Ich bin kein Genosse«, wehrte Joenes sich. »Und ich diene den Interessen Amerikas so gut ich es vermag.« »Gut gesagt«, meinte Trigask. »Wer weiß, wer uns belauscht, was? Sie haben völlig richtig gehandelt, indem Sie Ihre Tarnung beibehielten, und ich für, meinen Teil werde die Sprache nie wieder darauf bringen. Wir wollen, daß Sie Ihre Tarnung beibe- halten, Mister Joenes!, denn in dieser Rolle sind Sie für uns von unschätzbarem Wert.« »Korrekt«, pflichtete Oruthi ihm bei. »Damit wäre die Angelegenheit abgeschlossen. Sie werden selbst beurteilen können, Mister Joenes, in welcher Weise und inwieweit sie die Ereignisse um die Ying-yang- Affäre bekannt machen. Die Nachricht von Zwistig- keiten mit unseren direkten Verbündeten dürften Ihrer Regierung doch eine positive Entscheidung leicht machen, eh?« »Vergessen Sie nicht, Ihren Leuten zu erzählen«, sagte jetzt Marschall Trigask, »daß unsere Raketen- armee auf alles vorbereitet ist, wenn auch unsere Infanterie-Streitmacht leicht reduziert wurde. Wir haben auch noch voll ausgerüstete Raketeneinhei- ten auf dem Mond, dem Mars und der Venus. Sie sind jederzeit zum Eingreifen bereit, wenn wir das Zeichen zur Verteidigung geben.« »Natürlich ist es etwas schwierig, das Signal zur Verteidigung richtig an den Mann zu bringen«, ge- stand Oriuthi, »denn unter uns gesagt, die Raum- soldaten haben die verschiedensten Bedingungen angetroffen, welche sie nicht gerade zur brandge- fährlichen Eingreiftruppe machen. Auf dem Mond zum Beispiel leben sie in tiefen Höhlen als Schutz vor der harten Strahlung, und in ihren Höhlen sind die Männer stets damit beschäftigt, Wasser zu pro-, duzieren und für Luft und Lebensmittel zu sorgen. Ein solcher Zustand erschwert die Kommunikati- on ungemein.« »Auf der Venus«, sagte Slavski, »ist das Klima so unglaublich feucht, daß Metall mit rapidem Tem- po rostet und Plastik- oder Pflanzenprodukte ei- nem praktisch unter den Augen wegfaulen. Unter solchen Bedingungen gibt jedes Funkgerät schnell seinen Geist auf.« »Auf dem Mars«, übernahm Marshall Trigask wieder das Wort, »gibt es winzige, wurmähnliche Kreaturen, die größten Schaden anrichten. Obwohl vollkommen hirnlos, fressen sie sich in alles mög- liche hinein, selbst in Metall. Ohne umfangrei- che Vorbereitungen müßte alles, die Männer ein- geschlossen, zur sicheren Beute dieser Ungeheuer werden.« »Ich bin nur froh, daß die Amerikaner sich dem gleichen Problem gegenübersehen«, sagte Oruthi. »Auch sie haben Expeditionstruppen auf den Mond, den Mars und die Venus geschickt. Aber wir waren zuerst da, deshalb gehören die Planeten uns. Doch nun, Joenes, sollten wir Ihnen endlich eine Erfrischung anbieten.« Joenes wurde mit riesigen Mengen Yoghurt und Schwarzbrot gefüttert, das einzige, das man zur Zeit in den Läden bekommen konnte. Dann flogen sie mit Joenes in dessen Jet herum, um ihm die Fe- stungsanlagen zu zeigen., Bald schon konnte Joenes die Erde aus der Vo- gelperspektive betrachten, und er erkannte Reihen von Kanonen, Minenfelder, Stacheldrahtverhaue, Maschinengewehre und Schützengräben. All das erstreckte sich bis zum Horizont und war als Dör- fer, Farmen, Städte, Troikas, Droschken und ähnli- ches getarnt. Joenes sah keine Menschen, und das erinnerte ihn an all das, was er früher schon über die Lage in Westeuropa erfahren hatte. Sie kehrten zum Moskauer Flughafen zurück, und die Russen stiegen aus und wünschten Joenes alles Gute für seine Rückkehr nach Washington. Kurz bevor er ging, sagte Genosse Slavski noch zu ihm: »Vergessen Sie eines nicht, mein Freund, alle Menschen sind Brüder. Oh, Sie lachen jetzt vielleicht über die Ergüsse eines Säufers, der noch nicht einmal die ihm aufgetragene Arbeit richtig erledigen kann. Ebensowenig würde ich Ihnen ei- nen Vorwurf machen, wenn Sie lachten. Ich wer- fe ja auch meinem Vorgesetzten Rosslenko nicht vor, daß er mir gestern mit dem Schlagstock eins hinter die Ohren gab und mir androhte, ich wür- de meinen Job verlieren, wenn ich noch einmal betrunken zum Dienst erschiene. Ich mache auch Rosslenko keinen Vorwurf, ich liebe diesen grau- envollen Menschen wie einen Bruder, obwohl ich genau weiß, daß ich wieder betrunken sein werde und er mich dann mit Sicherheit feuert. Und was wird dann mit meiner ältesten Tochter Grustikaya, geschehen, welche geduldig meine Hemden aus- bessert und sich nicht beklagt, wenn ich ihre Er- sparnisse stehle, um mir etwas Trinkbares zu ge- nehmigen? Ich spüre, daß Sie mich verachten, und ich mache Ihnen dafür keinen Vorwurf. Niemand könnte verständnisvoller sein als ich. Sie mögen mich mißbrauchen, meine Herren, aber ich bin im- mer noch ein gebildeter Mensch, ich habe edle Ge- fühle, eine große Zukunft lag einst vor mir ...« An dieser Stelle startete Joenes‘ Flugzeug, und er hatte keine Gelegenheit, die Rede bis zu ihrem Ende anzuhören, falls diese Rede überhaupt ein Ende hatte. Erst einige Zeit später überdachte Joenes noch einmal alles, was er gesehen und gehört hatte, und kam dabei zu der Erkenntnis, daß es für einen Krieg überhaupt keine Notwendigkeit gab und daß unter diesen Umständen noch nicht einmal eine Entschuldigung, gegeneinander zu kämpfen, stich- haltig war. Die Mächte des Chaos hatten die So- wjets und die Chinesen in ihren Klauen, und für Westeuropa galt genau das gleiche. Doch es gab im Moment keinen Grund, warum dies nicht auch in Amerika geschehen sollte. Diese Botschaft mitsamt der wichtigen und un- wichtigen Details schickte Joenes nach Washing- ton voraus.,

XIII

DIE GESCHICHTE VOM KRIEG Erzählt von Teleu von Huahine Es ist betrüblich berichten zu müssen, daß, als Joenes‘ Jet sich über Kalifornien befand, eine au- tomatische Radarstation die Maschine als Inva- sionsobjekt identifizierte und eine Anzahl Luft- Luft-Raketen in ihre Richtung in Marsch setzte. Dieser tragische Vorfall kennzeichnet die Eröff- nungsphase des großen Kriegs. Fehler wie diese hat es immer wieder in der Ge- schichte der Kriege gegeben. Im Amerika des ein- undzwanzigsten Jahrhunderts jedoch, im Hinblick auf das unermeßliche grenzenlose Vertrauen und die grenzenlose Zuneigung, die die Menschen für ihre Maschinen und Automaten empfanden, muß- te ein solcher Vorfall ernste Folgen haben. Joenes beobachtete voller Angst und Faszination, wie die Raketen auf sein Flugzeug zurasten. Dann spürte er einen heftigen Ruck, als der Autopilot, der die drohende Gefahr erkannt hatte, nun seiner- seits die Abwehrraketen abschoß. Diese Attacke aktivierte die Raketenbasen am Boden. Einige dieser Basen waren vollautoma- tisch, andere waren es nicht, jedoch reagierten alle auf den Notruf. Joenes‘ Jet hatte mittlerweile seine sämtliche Munition verschossen., Jedoch hatte er nicht den Überlebenswillen ver- loren, den die Planer gleich mit eingebaut hatten. Der Autopilot schaltete seinen Funksender ein und sendete einen Alarm. Er erklärte sich selbst für un- ter Angriff genommen und nannte die bereits ab- gefeuerten Raketen als feindliche Ziele, die es zu vernichten galt. Diese Taktik zeitigte einigen Erfolg. Eine Anzahl ältere, nicht so kompliziert gebaute und denkende Raketen würden mit Sicherheit kein Gefährt unter Beschuß nehmen, das sie für ein zum eigenen La- ger Gehörendes hielten. Die neueren Modelle wa- ren jedoch speziell auf einen solchen Fall vorbe- reitet, den man ihnen als besondere Kriegslist des Feindes einprogrammiert hatte. Daher begannen sie die Attacke, während die älteren Raketen vol- ler Entschlossenheit und Todesmut das Flugzeug verteidigten. Als die Schlacht zwischen den Raketen in vol- lem Gang war, stahl Joenes‘ Jet sich aus dieser Ge- gend davon. Mit der Kampfzone weit hinter sich, jagte der Jet seinem Heimatflughafen in Washing- ton, D. C, entgegen. Nach seiner Ankunft wurde Joenes in einem Fahr- stuhl direkt zum Obersten Kommando gebracht, das einige hundert Fuß unter der Erdoberfläche re- sidierte. Dort befragte man ihn über die Art des An- griffs und die Identität der Angreifer. Doch Joenes konnte nicht mehr erklären, als daß er von einigen, Raketen angegriffen worden war und daß andere ihn verteidigt hätten. Das war alles bereits bekannt, daher befragten die Offiziere den automatischen Piloten von Joenes‘ Maschine. Für einige Zeit gab der Autopilot nur ausweichende Antworten, da man ihm nicht den richtigen Sicherheits-Code vorgelesen hatte. Doch nachdem das erfolgt war, behauptete er, daß Bo- den-Luft-Raketen ihn über Kalifornien angegriffen hatten und daß einige dieser Raketen von einem Typ waren, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Diese und alle anderen Daten wurden sofort in einen Wahrscheinlichkeitsrechner für Kriegsfragen eingegeben, der sehr schnell folgende Möglichkei- ten nach dem Grad ihrer Wahrscheinlichkeit auf- listete: 1. Der Kommunistische Block hat Kalifornien angegriffen. 2. Die neutralen Länder haben Kalifornien angegriffen. 3. Die Mitglieder der westlichen Allianz haben Kalifornien angegriffen. 4. Invasoren aus dem All haben Kalifornien angegriffen. Der Rechner nannte auch noch sämtliche ande- re Kombinationen und führte sie als Untermöglich- keiten auf. Joenes früherer Bericht über die Lage in Russland und in China war auch schon in Washington ein-, getroffen, jedoch hatte man ihn noch nicht um- geformt und codiert und von langsamen und me- thodisch vorgehenden Rechnern für menschliche Faktoren und Zuverlässigkeitsprüfung analysieren lassen. Das war sehr schade, denn der Wahrschein- lichkeitsrechner für Kriegsangelegenheiten konnte nur Material verarbeiten, dessen Richtigkeit von anderen Rechnern bereits bestätigt worden war. Die für das Gerät zuständigen Offiziere waren überaus verwirrt über die vielen Möglichkeiten und Untermöglichkeiten, die Wahrscheinlichkei- ten und Unterwahrscheinlichkeiten, die ihnen ge- nannt wurden. Sie hatten gehofft, zu einer Aussage höchster Wahrscheinlichkeit zu gelangen und dem- entsprechend zu handeln. Doch der Wahrschein- lichkeitsrechner für Kriegsfragen beurteilte das als unmöglich. So wie neue Daten einliefen, überdach- te der Rechner seine bisherigen Ergebnisse und ordnete sie neu, berechnete sie und legte neue Wer- tigkeiten fest. Korrekturformulare mit dem Hinweis ÄUSSERST DRINGLICH wurden von der Maschi- ne im Tempo von zehn Stück pro Sekunde ausge- spuckt, und nicht einer glich dem anderen, natür- lich zum Unmut der verantwortlichen Offiziere. Trotzdem machte die Maschine nichts anderes, als was auch ein intelligenter Offizier tun würde, nämlich alle Daten aufzunehmen, alle Berichte zu analysieren, ihre Wahrscheinlichkeit zu berech- nen und auf der Basis dieser zuverlässigen Infor-, mationen bestimmte Tips zu geben und auf keinen Fall aus falschem Stolz oder Sturheit an einer ein- mal gefaßten Meinung festzuhalten, sondern stets bereit sein, sich besseren Argumenten und neuen Entwicklungen zu beugen und sich ihnen anzupas- sen. Um ganz sicher zu gehen, gab der Wahrschein- lichkeitsrechner für Kriegsfragen keine Befehle wei- ter: Die Vergabe von Befehlen oblag einzig und al- lein den Menschen und gehörte zu deren Pflichten und Verantwortung. Auch konnte man dem Rech- ner nicht vorwerfen, daß er kein einheitliches und genau definiertes Bild von den Feindseligkeiten am Himmel Kaliforniens entwarf; ein solches Bild zu liefern, war praktisch unmöglich. Die Art und Wei- se der Kriegsführung im einundzwanzigsten Jahr- hundert hatte zu dieser Unmöglichkeit geführt. Es gab keinen Kommandeur mehr, der an der Spitze seiner Männer in den Kampf marschierte und vor sich die Männer der gegnerischen Armee sah, diese hinter ihrem eigenen General, gekleidet in den eigenen Farben, mit ihren Kriegsfahnen und kriegerischen Gesängen auf den Lippen – all diese Dinge lieferten einst den unwiderlegbaren Beweis für die Existenz, die Struktur und den Charakter einer feindlichen Armee. Diese Tage waren vorbei und gehörten der Vergangenheit an. Das Kriegs- handwerk hatte sich im Gleichschritt mit der indu- striellen Revolution weiterentwickelt, war mittler-, weile noch komplexer und komplizierter geworden und hatte sich den Männern, die die Kommandos gaben, noch mehr entfremdet. Im Laufe der Jahre waren die Generäle mehr und mehr gezwungen, sich noch weiter vom Schauplatz der Auseinander- setzungen fernzuhalten, um eine ungestörte Kom- munikation mit ihren Männern und den von ihnen bedienten Maschinen zu gewährleisten. Ihren Höhepunkt hatte diese Entwicklung in Jo- enes‘ Tagen erreicht. So ist es kein Wunder, daß die Offiziere die fünf Möglichkeiten des Wahrschein- lichkeitsrechners als gleichwertig einstuften und diese General Voig, dem Chef der Streitkräfte, vor- legten, damit er seine Entscheidung traf. Als er die fünf Alternativen studierte, war Voig sich der Probleme der modernen Kriegsführung vollauf bewußt, und traurig erkannte er, wie sehr er auf detaillierte Informationen angewiesen war, um eine richtige und effiziente Entscheidung zu tref- fen. Er wußte auch, daß ein Großteil dieser Infor- mationen von Maschinen geliefert wurde, die trotz der Tatsache, daß sie immens teuer waren, nicht einmal zwischen einer Ente und einer Rakete un- terscheiden konnten; Maschinen die einer Behand- lung durch Regimenter von speziell dafür ausgebil- deten Männern bedurften, welche sie betreuten, sie reparierten, sie weiterentwickelten und sie manch- mal auch trösteten. Und trotz all dieser Fürsorge, war Voig sich im klaren, konnte man den Maschi-, nen nicht unbedingt und jederzeit vertrauen. Die Schöpfungen waren nicht viel besser als die Schöp- fer und verkörperten sie in geradezu gespenstisch perfekter Manier, indem sie alle Fehler ihrer Her- ren aufwiesen, und diese vielfach noch in gestei- gertem Maße. Ebenso wie die Menschen wurden die Maschinen ab und zu Opfer emotionaler Span- nungszustände. Einige wurden eifersüchtig, andere hatten Halluzinationen, funktionale und psychoso- matische Zusammenbrüche oder sogar vollkom- men katatonische Zustände. Und abgesehen von ihren eigenen Problemen wurden die Maschinen auch noch von den Gefühlsschwankungen ihrer Bediener beeinflußt. Tatsächlich waren die emp- findlichen Maschinen nichts anderes als automa- tisch arbeitende Ebenbilder ihrer Operateure. General Voig wußte, daß Maschinen natürlich kein richtiges Bewußtsein besaßen und daß Ma- schinen deshalb auch nicht unter den Mängeln ei- nes richtigen Bewußtseins zu leiden hatten. Jedoch schien es so, als wäre das der Fall, und das war mindestens genauso schlimm. Zu Beginn des industriellen Zeitalters hatten die Menschen gern angenommen, daß Maschinen kalt, effizient, unbekümmert und stets vollkommen richtig reagierten und funktionierten. Diese roman- tischen Vorstellungen hatten sich als falsch erwie- sen, und General Voig wußte nun, daß man den Maschinen nicht mehr und nicht weniger trauen, konnte als den Menschen. So hockte er da, vor sich die fünf Möglichkeiten, Tausende von Meilen von der Schlacht entfernt, während dubiose Maschinen Informationen sammelten und weitervermittelten und hysterische Menschen die Informationen be- stätigten und weiter verarbeiteten. Trotz dieser Probleme war General Voig ein Mann, der ausgebildet worden war, Entscheidun- gen zu treffen. Und nun, nach einem letzten kurzen Blick auf die fünf Möglichkeiten und eine hastige Überprü- fung des eigenen Wissens, griff Voig nach einem Telefonhörer und gab seine Befehle. Wir wissen nicht, welche der fünf Alternati- ven Voig sich ausgesucht hat oder wie seine Be- fehle lauteten. Es machte keinen Unterschied. Die Schlacht war dem Einfluß des Generals vollkom- men entzogen, und er war völlig machtlos, einen Angriff vorzutragen oder die Feindseligkeiten ein- zustellen oder sonst irgendeinen Einfluß auf die Vorgänge zu nehmen. Der Kampf war nicht mehr zu kontrollieren, und man hatte ihn eingesetzt, weil die Maschinen nur einen semiautonomen Sta- tus hatten. Eine angeschlagene kalifornische Rakete raste in den Himmel und stürzte dann auf Cap Canaveral in Florida und zerstörte dort nahezu sämtliche An- lagen. Was übrig blieb, jagte seinerseits nun Rake- ten in die Luft und schickte sie gegen einen Feind,, der anscheinend in Kalifornien hockte. Andere Ra- keten, beschädigt, aber nicht unschädlich gemacht, schlugen sonstwo im Lande ein. Örtliche Komman- danten in New York, New Jersey, Pennsylvanien und vielen anderen Staaten schlugen sofort nach eigenem Gutdünken zurück, desgleichen die auto- matischen Raketenbasen. Sowohl Menschen wie auch Maschinen hatten genügend Geheimberich- te zur Verfügung, um ihre Entscheidungen in jeder Hinsicht zu rechtfertigen. Ehe die Kommunikation durch die Kampfhandlungen unterbrochen wurde, hatte man noch Befehle und Alternativen erfahren, auf welche man reagieren mußte. Die ausgebilde- ten Soldaten wählten dazu natürlich die bedroh- lichsten. Überall in Kalifornien und im westlichen Ame- rika ergriff man Gegenmaßnahmen gegen die Ge- genmaßnahmen. Örtliche Kommandanten glaub- ten, daß der Feind, wer immer er auch war, an der Ostküste Amerikas Brückenköpfe gebildet hatte. Man setzte alles daran, diese Brückenköpfe zu ver- nichten, und zögerte nicht, auch Atomsprengköp- fe einzusetzen, wenn es sich als notwendig erwei- sen sollte. All das spielte sich mit einem atemberaubenden Tempo ab. Die örtlichen Kommandanten und ihre Maschinen, die unter schwerem Beschuß lagen, zo- gen es vor, so lange wie möglich die Stellung zu halten und zurückzuschlagen. Vielleicht haben ei-, nige von ihnen auch noch auf detaillierte Befehle gewartet, doch im Großen und Ganzen kämpfte al- les, was kämpfen konnte, und verbreitete Vernich- tung und Grauen bis in die entlegensten Winkel der Welt. Und schon bald war die Zivilisation der Maschinen vom Erdboden verschwunden. * Während all dies stattfand, stand Joenes völlig ver- wirrt im Hauptquartier und beobachtete, wie Gene- räle Befehle gaben und andere Generäle diese Be- fehle umstießen und neue in Umlauf setzten. All das bot sich seinen Augen dar, und irgendwie ver- stand er es auch, aber Joenes hatte weder die ge- ringste Ahnung noch den geringsten Hinweis dar- auf, wer nun wirklich der Feind war. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Hauptquartier in seinen Grundfesten erschüttert. Obwohl es Hun- derte Fuß unter der Erdoberfläche lag, wurde es nun von speziellen Grabungsmaschinen angegrif- fen. Joenes streckte einen Arm aus, um das Gleich- gewicht zu halten, und umklammerte die Schulter eines jungen Leutnants. Der Leutnant wandte sich um, und Joenes erkannte ihn sofort. »Lum!« schrie er. »He, Joenesy!« antwortete Lum in gleicher Laut- stärke., »Wie kommst du denn hierher?« fragte Joenes. »Und was machst du als Leutnant in der Armee?« »Naja, Mann«, sagte Lum, »das ist eine ganz wil- de Geschichte, und sie ist umso verrückter, als ich nicht gerade jemand bin, den man als kommißgeil bezeichnen kann. Aber ich bin schon froh, daß du mir ausgerechnet diese Frage gestellt hast.« Erneut schwankte das Hauptquartier, und viele Offiziere fielen um. Doch Lum behielt sein Gleich- gewicht, und er erzählte Joenes die Geschichte, wie er in die Armee geraten war.

XIV

WIE LUM IN DIE ARMEE EINTRAT Erzählt in Lums eigenen Worten, wie sie im Buch von Fidschi, Autorisierte Ausgabe, festgehalten wurden Also, Mann, ich verließ den Hollis Hort für die kri- minellen Geisteskranken kurz nach dir, zog von dort aus nach New York und veranstaltete eine richtig heiße Party. An diesem Abend ging ich durch Zufall mit K auf den Trip. Das ist ein ganz böses Zeug, wenn man nicht dran gewöhnt ist, und das konnte ich von mir nicht gerade behaupten. Ich meine, ich war ja immer ein Peyotespezialist, und Heroin konnte mich nicht hinterm Ofen her- vorlocken, und ich dachte glatt, Kokain wäre nur, eine von diesen müden Nummern von früher, bis ich an diesem Abend voll drauf abfuhr. Ich hab das Zeug versucht, und als ich so richtig high war, bekam ich auf einmal so ‘ne Anwandlung wie Florence Nightingale und wollte am liebsten alle alten und verrosteten Kriegsmaschinen dieser Welt umhegen und umpflegen. Je länger ich dar- über nachdachte, desto trauriger wurde ich, wenn ich mir die alten Maschinengewehre vorstellte mit ihren verstopften und verrosteten Läufen, oder die Tanks, ausgebrannt und zu nichts mehr nütze, die Jets mit ihren verbogenen Fahrwerken und so wei- ter. Ich dachte an das große Leid, das diese Geräte durchmachten, und nahm mir vor, ihnen das Da- sein zu versüßen und sie zu pflegen. Wie du selbst siehst, war ich wirklich total hin- über von diesem Teufelszeug, und in diesem Zu- stand marschierte ich zur nächsten Rekrutie- rungsstation und schrieb mich ein, um den armen Maschinen nahe sein zu können. Als ich am nächsten Tag schließlich aufwachte, fand ich mich in der Armee wieder, und dieser Ge- danke machte mich nicht nur nüchtern, sondern ich bekam schreckliche Angst. Ich rannte raus, um den Sergeant zu finden, der einem armen Schwein wie mir die Unterschrift abgeschwindelt hatte, doch der war längst abgeflogen nach Chicago, wo er in einem Puff eine Werbeansprache halten woll- te. Also rannte ich gleich weiter und suchte mei-, nen Offizier vom Dienst, auch kurz OvD genannt, und offenbarte ihm, daß ich voll auf Drogen ab- fuhr und überdies auch einige Zeit in einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke gesessen hätte, und er brauche sich nur zu informieren, es stimme alles. Und daß ich weiterhin gewisse homosexuelle Nei- gungen und eine tiefverwurzelte Angst vor Feuer- waffen hätte, daß ich auf einem Auge blind und mein Rücken auch nicht mehr ganz in Ordnung sei. Eben deshalb dürfte ich auf Grund von Para- graph C der Rekrutierungsvorschriften gar nicht in die Armee eintreten. Der OvD blickte mir direkt in die Augen und lä- chelte in einer Weise, wie nur ein alter Armeehase lachen kann oder vielleicht auch ein Cop. Er sagte: »Soldat, dies ist der erste Tag in Ihrem Soldatenle- ben, deshalb werde ich gnädig über gewisse Män- gel hinsichtlich der Art Ihres militärischen Grußes hinwegsehen. Doch nun bitte ich Sie, Ihren faulen Arsch aus diesem Büro zu bewegen und sich bei Ihrem Unteroffizier zu melden.« Als ich keine Anstalten machte, mich zu entfer- nen, hörte er auf zu lächeln und sagte: »Passen Sie auf, Soldat, niemanden interessiert es, warum Sie eingetreten sind, und Ihre früheren Drogenaben- teuer spielen auch keine Rolle. Was Ihre sonstigen Mängel angeht, so machen Sie sich mal keine Sor- gen. Typen wie Sie haben vor allem in der Planung immer eine wichtige Rolle gespielt, und niemand, würde über die Erfolge der Homo-Brigade lachen, die im letzten Jahr als Polizeihilfstruppe in Pata- gonien eingesetzt war. Sie brauchen nur ein guter Soldat zu sein, und schon werden Sie feststellen, wie schön es in der Armee sein kann. Und dann rennen Sie bitte nicht herum und beten laut die Rekrutierungsvorschriften her, das macht Sie bei den Unteroffizieren unbeliebt, so daß einer von ihnen eines Tages die Wut bekommen und Ihren Kopf in einen Klumpen Fleisch verwandeln könn- te, Okay, Okay. Jetzt wissen wir, wo der Hase läuft, und ich bin Ihnen auch gar nicht böse. Im Gegen- teil, ich beglückwünsche Sie zu Ihrer loyalen Ge- ste, mit der Sie sich zu fünfzig Jahren Dienst in der Armee verpflichtet haben. Ein guter Mann! Und jetzt verschwinden Sie endlich!« Ich also raus aus dem Büro, und dann fragte ich mich, was ich nun tun sollte, denn aus einem Ge- fängnis oder einem Irrenhaus kommt man immer raus, aber nicht aus der Armee. Für einige Zeit hing ich nur so rum, hatte keinen Spaß am Leben, bis man mich zum Leutnant machte und dem per- sönlichen Stab von General Voig zuteilte, der zu den ganz hohen Tieren zählt. Anfangs dachte ich, ich könnte diese Beförde- rung meiner einnehmenden Persönlichkeit ver- danken, doch schon bald fand ich heraus, daß der Grund ein ganz anderer war. Offenbar hatte ich im K-Rausch meinen Beruf als den eines Zuhälters an-, gegeben. Und das mußte den Offizieren aufgefallen sein, die immer die Personallisten durchgehen und Ausschau halten nach Soldaten mit besonderen Fä- higkeiten. In meinem Fall wurde ich sofort weiter- gemeldet, und General Voig forderte mich als sei- nen persönlichen Adjudanten an. Zuerst hatte ich keine Ahnung, was ich tun müß- te, denn in diesem Gewerbe hatte ich bisher noch nicht gearbeitet. Doch ein anderer Zuhälter des Generals, im Dienstbetrieb ebenfalls Adjutant ge- nannt, gab mir da ein paar lehrreiche Tips. Seitdem organisiere ich jeden Donnerstagabend für General Voig eine wilde Party. Das ist der einzige Abend, an dem er sich von seinen militärischen Pflichten freimachen kann. Die Arbeit ist einfach, denn ich brauche nur eine von den Telefonnummern anzu- wählen, die im Dienstbuch für Adjutanten im Stab der Generalität eingegeben sind. Oder ich wende mich, wenn es besonders dringend ist, an den Frei- zeitdienst der Armee, der in jeder größeren Stadt eine oder mehrere Filialen unterhält. Der General hat sich über meine Arbeit bereits sehr lobend ge- äußert, und ich muß zugeben, daß das Leben in der Armee gar nicht so hart und ungemütlich ist, wie ich anfangs angenommen hatte. Und so kam ich schließlich hierher, Joenes. Als General Voigs Vertrauter kann ich dir versichern, daß der Krieg, gegen wen wir auch immer kämp- fen, gar nicht in besseren Händen liegen könnte., Ich glaube, das ist besonders wichtig zu wissen, denn immer wieder werden die schlimmsten Lü- gen über die Kommandierenden verbreitet. Weiterhin, Joenesy, sollte ich dich darauf auf- merksam machen, daß das Hauptquartier soeben von einer schweren Explosion gestreift wurde und daß sich damit nur weitere ernste Ereignisse an- kündigten. Außerdem sind ein paar Lampen aus- gefallen, und die Luft wird auch schon ein wenig schal. Deshalb und auch weil unsere Dienste hier wohl nicht mehr gebraucht werden, schlage ich vor, daß wir den Ort des Geschehens so schnell wie möglich verlassen, falls es so etwas wie einen Aus- weg aus diesem Durcheinander überhaupt noch gibt. Hast du mich verstanden, Joenes? Bist du wirk- lich okay?

XV

DIE FLUCHT AUS AMERIKA Erzählt von Paaui von Fidschi Joenes war von einer kleinen Explosion in direk- ter Nähe seines Kopfes leicht betäubt worden. Im Schock ließ er sich von seinem Freund zu einem Aufzug führen, der sie noch tiefer ins Innere der Erde beförderte. Als die Türen des Fahrstuhls auf- glitten, blickten sie in einen weiten Gang. Vor ih-, nen an der Wand hing ein Schild mit der Auf- schrift: FLUCHTWEG FÜR NOTFÄLLE! NUR VON BEFUGTEN ZU BENUTZEN! Lum sagte: »Ich weiß nicht, ob wir befugt sind, doch in einem Moment wie diesem sollte man Kleinigkeiten wirklich außer acht lassen. Joenes, kannst du reden? Ein Stück weiter vor uns wartet ein Fahrzeug, das uns, wie ich hoffe, in Sicherheit bringen wird. Der General hat mir davon erzählt, und ich glaube, der alte Geier hat sich damit einen niedlichen Ausweg aus allen Schwierigkeiten of- fenhalten wollen. Außerdem muß er damit auch seinen Spaß gehabt haben.« Sie fanden das Fahrzeug, wie Lum prophezeit hatte, und führen stundenlang unterirdisch dahin, bis sie an der Ostküste von Maryland am Atlanti- schen Ozean an die Erdoberfläche kamen. Dort ging Lum die Luft aus, und er wuß- te nicht mehr weiter. Mittlerweile hatte Joenes sich jedoch wieder erholt. Er nahm Lum bei der Hand und schlenderte mit ihm zum verlassenen Strand hinunter. Dann wandten sie sich nach Süden, waren einige Stunden unterwegs und ge- langten schließlich an einen verträumten klei- nen Hafen. Joenes suchte unter den vielen Segelschiffen am Steg eines aus und begann Lebensmittelvorräte, Trinkwasser und andere wichtige Ausrüstungsge- genstände aus den anderen Schiffen zusammenzu-, suchen und auf das Schiff seiner Wahl zu laden. Dazu gehörten auch nautische Karten und Instru- mente. Er hatte seine Arbeit noch nicht einmal zur Hälfte beendet, als die ersten Raketen über seinem Kopf dahinrasten, so daß er beschloß, Hals über Kopf in See zu stechen. Das Boot hatte die Küste schon einige Meilen hinter sich gelassen, als Lum sich endlich soweit erholt hatte, daß er sich aufrichtete, sich umschau- te und fragte: »He, Mann, wohin segeln wir?« »In meine Heimat«, erwiderte Joenes. »Zur Insel Manituatua im Südpazifik.« Lum dachte einen Moment darüber nach, dann meinte er sanft: »Ist das nicht ein bißchen weit, was? Ich meine so um Kap Horn herum und dann durch den Pazifik sind das doch acht- oder neun- tausend Meilen, nicht wahr?« »Etwa«, bestätigte Joenes. »Du würdest nicht lieber nach Europa segeln, was immerhin nur zwei- oder dreitausend Meilen entfernt ist, was?« »Ich will nach Hause«, hielt Joenes an seinem Entschluß fest. »Ja. Nun«, sagte Lum, »ob Osten oder Westen, zu Hause is‘ am besten. Aber wir haben nicht allzu viele Vorräte und Trinkwasser bei uns, und ich be- zweifle, ob wir auf unserem Weg viel finden wer- den, um nachzuladen. Auch schenke ich dem Boot nicht gerade mein vollstes Vertrauen, denn soweit, ich es beurteilen kann, beginnt es jetzt schon Was- ser zu ziehen.« »Stimmt alles«, gab Joenes ihm recht, »aber ein Leck kann man flicken. Und was Lebensmittel und Wasser betrifft, so sollten wir das Beste hoffen. Lum, ich kenne wirklich keinen anderen Ort, den aufzusuchen es sich lohnen würde.« »Okay«, lenkte Lum ein. »Ich wollte mich ja gar nicht beschweren, sondern mir gingen nur ein paar Gedanken durch den Kopf, die einfach raus mußten. Sieh mal, ich mag dich und werde hoffen, daß alles klappt. Außerdem finde ich, solltest du deine Me- moiren schreiben, denn sicherlich würde das eine interessante Lektüre und würde über uns Aufschluß geben, falls jemand irgendwann unsere ausgehun- gerten und ausgedörrten Kadaver finden sollte.« »Ich bin in keiner Weise davon überzeugt, daß wir sterben werden«, widersprach Joenes, »ob- wohl ich zugeben muß, daß dies immerhin im Be- reich des Möglichen liegt. Aber warum schreibst du nicht deine Memoiren, Lum?« »Vielleicht schreibe ich mal ein oder zwei Histör- chen«, sagte Lum, »doch bis dahin denke ich lie- ber nach und überlege, wie man die Menschen und die Regierung verändern und bessern kann. Dazu brauche ich wirklich jede Windung meines umne- belten Gehirns.« »Ich finde, diese Haltung ist bewundernswert, Lum«, sagte Joenes. »Gemeinsam haben wir den, Menschen sicherlich eine ganze Menge zu erzäh- len, falls wir überhaupt Menschen finden, denen man etwas erzählen kann.« Und so setzten Joenes und sein Freund Lum in perfekter Übereinstimmung die Segel und wagten sich hinaus auf die düstere See, vorbei an gefähr- lichen Küsten, einem Ungewissen Schicksal ent- gegen.

XVI

DAS ENDE DER REISE Geschrieben vom Herausgeber die- ses Buchs und zusammengetragen aus sämtlichen verfügbaren Quellen Von ihrer Reise entlang der Küste der beiden Ame- rikas und um Kap Horn herum und dann nach Nordwesten hin zu den Inseln des Südpazifik braucht kaum etwas berichtet zu werden. Die Prü- fungen, denen Joenes und sein Freund Lum stand- halten mußten, waren zahlreich, und die Gefahren, die ihnen auflauerten, vielfältig. Doch dies hatte auch schon früher für alle Seeleute gegolten, wa- rum also auch nicht für sie? Mit tiefem Mitgefühl nehmen wir zur Kenntnis, wie Joenes und Lum un- ter der tropischen Sonne darbten, wie sie von Wir- belstürmen umhergeworfen wurden, wie ihr Boot beschädigt wurde und sie sogar den Mast verloren,, wie sie in gefährlichen Riffen dahinsegelten und so weiter. Doch nachdem wir unserem Mitgefühl Aus- druck verliehen haben, müssen wir auch hervorhe- ben, daß die Details dieser Reise nicht anders wa- ren als die, welche man in zahllosen Berichten von Seereisen mit kleinen Schiffen nachlesen kann. Diese Ähnlichkeit soll auf keinen Fall die Gefahren und den Lebenswillen unserer Helden mindern, jedoch führt sie zu einem abnehmenden Interesse auf seiten des Lesers. Joenes hat selbst über diese fürchterliche Erfahrung kaum jemals ein Wort ver- loren, da er letztlich doch an anderen Dingen in- teressiert war. Und von Lum weiß man nur, daß er, auf die Reise angesprochen, einmal gesagt haben soll: »Nun, Mann, Sie wissen ja.« Wir wissen in der Tat. So kehren wir wieder zu Joenes und Lum zurück, deren Reise nun beendet ist, die ausgehungert und halbverdurstet landeten und vom Insulanervolk auf Manituatua wieder ge- sundgepflegt wurden. Als er wieder zu sich kam, erkundigte Joenes sich nach seiner geliebten Tondelayo, die er da- mals auf der Insel zurückgelassen hatte. Doch das intelligente Mädchen war des Wartens müde ge- worden und hatte einen Fischer von Tuamoto ge- heiratet und war nun Mutter zweier Kinder. Jo- enes nahm das ohne sichtbare Bewegung zur Kenntnis und wendete sich wieder weltlicheren Problemen zu., Er stellte fest, daß der Krieg auf Manituatua und auf den benachbarten Inseln nur wenige Spuren hinterlassen hatte. Diese Inseln, lange Zeit mit Asi- en oder Europa nicht mehr in Verbindung, führten nun auch keine Kommunikation mit Amerika. Wil- de Gerüchte gingen ein. Einige sagten, es habe ei- nen großen Krieg gegeben, in dem sich alle Länder der Erde gegenseitig vernichtet hätten. Andere re- deten von Invasoren mit den schrecklichsten Ab- sichten und Zielen. Einige meinten sogar, es habe überhaupt keinen Krieg geben, sondern eine grau- envolle Seuche, nach der dann schließlich auch die gesamte westliche Zivilisation zusammenge- brochen sei. Diese und andere Theorien wurden immer wie- der genannt und diskutiert. Der Herausgeber dieses Werks neigt der Theorie Joenes‘ zu, welche besagt, daß nach einem plötzlichen Kriegsausbruch ganz Amerika, die letzte Zivilisation der Alten Welt, ver- nichtet wurde. Auf die Inseln im Südpazifik hatte das so gut wie überhaupt keine Auswirkungen. Die Gerüch- te wurden spärlicher, und manchmal konnte man am Himmel Raketen beobachten. Die meisten fie- len ohne Schaden anzurichten ins Meer, doch eine stürzte auf Molotea und vernichtete die östliche Hälfte des Atolls, und mit ihr waren dreiundsiebzig Menschenleben zu beklagen. Amerikanische Rake- tenbasen auf Hawaii und den Philippinen warteten, auf Befehle, die niemals kamen, und man zerbrach sich dort die Köpfe über die Identität des Fein- des. Die letzte Rakete versank mit einem Plumps im Meer, und dann kam keine mehr. Der Krieg war vorüber, und die alte Welt war verschwunden, als hätte es sie niemals gegeben. Joenes und Lum waren in diesen Tagen zwar bei Bewußtsein, jedoch waren sie auch noch sehr schwach. Der Krieg war schon einige Monate vor- bei, bis sie endlich wieder bei Kräften waren. Doch schließlich war jeder von ihnen wieder bereit, sei- ne Rolle bei der Schaffung einer neuen Zivilisati- on zu übernehmen. Traurigerweise empfanden sie ihre Pflichten un- terschiedlich und kamen zu keiner befriedigenden Übereinkunft. Sie bemühten sich, wenigstens ihre Freundschaft zu erhalten, doch auch dies erwies sich als überaus schwierig. Ihre Gefolgsleute hat- ten die gleichen Schwierigkeiten, und schon bald befürchtete man, daß diese beiden Kämpfer wider den Krieg schon in Kürze selbst einen Krieg anzet- teln würden. Doch dazu sollte es nicht kommen. Joenes Ein- fluß auf die Südpazifischen Inseln von Nukuhiva im Westen bis nach Tonga im Osten war der vor- herrschende. Deshalb bestiegen Lum und seine Ge- treuen einige Boote und segelten nach Osten, an Tonga vorbei bis zu den Fidschis, wo Lums Ideen einigen Widerhall fanden. Sie waren beide in ih-, rem besten Mannesalter, und die Trennung setzte ihnen sehr zu. Lums letzte Worte zu Joenes waren: »Nun, Mann, ich denke, jeder Typ braucht seine Szene, in der er es bringen kann. Doch offen gesagt finde ich es schon schlimm, daß ich mich so aus dem Staub mache, weißt du? Du und ich, Joenes, wir haben es hinter uns gebracht, wir wissen! Obwohl ich glau- be, daß du auf dem falschen Dampfer bist, sage ich dir, halt durch und erzähle alles, was läuft. Du wirst mir fehlen, Mann, also nimm‘s nicht so schwer.« Joenes verlieh ähnlichen Gefühlen Ausdruck. Lum segelte danach zu den Fidschis, wo seine Ide- en auf überaus fruchtbaren Boden fielen. Bis heu- te ist Fidschi immer noch das Zentrum des Lumis- mus, und die Fidschianer sprechen ein Englisch nicht mit dem Akzent unseres Joenes, sondern so wie Lum es immer sprach. Die meisten Experten halten dies für die reinste und direkteste Form des Englischen überhaupt. Die erstaunlichsten Erkenntnisse der Lum‘schen Philosophie können in seinen eigenen Worten wie- dergegeben werden, so wie sie auch im Buch von Fidschi nachzulesen sind: Paß auf, alles geschah so, wie es geschah nur we- gen der Maschinen. Deshalb sind Maschinen etwas Böses, Schlim- mes. Sie bestehen auch aus Metall., Daher ist Metall noch schlimmer. Ich finde, es ist das Böse an sich. Sobald wir das verdammte Metall endlich los sind, geht es endlich wieder richtig gemütlich rund. Dies war nur ein Teil der Lehren Lums, das ver- steht sich wohl von selbst. Er hatte auch einige in- teressante Theorien über das Bedürfnis und die Notwendigkeit von Drogen und ekstatischer Freu- de (»Man muß drauf sein!«); über Idealverhalten (»Niemand soll einem anderen auf den Schlips tre- ten!«); über die Grenzen, die eine Gesellschaft ach- ten sollte (»Sie sollen niemanden ausgucken und fertig machen!«); über die Notwendigkeit von guten Manieren, Toleranz und Respekt (»Man soll nie- manden in die Pfanne hauen!«); über die Bedeu- tung von objektiv nachprüfbaren und bewertbaren Daten (»Die echten Dinge mag ich am liebsten!«); über Kooperation innerhalb einer sozialen Struktur (»Ist schon richtig dufte, wenn alle auf dem glei- chen Trip sind!«) und viele andere Dinge, sämtli- che Aspekte des Lebens betreffend. Diese Beispie- le wurden dem Buch von Fidschi entnommen, in dem man alle Lehren Lums und seine sämtlichen Anmerkungen nachlesen kann. In jenen frühen Tagen der Neuen Welt zeigten die Fidschianer das größte Interesse für Lums Theo- rie über das Böse im Metall. Der Herkunft und Ge- schichte nach ein abenteuerlustiges und weitgerei-, stes Volk, setzten sie sehr oft in großen Flotten die Segel und unternahmen unter der Führung Lums weite Reisen, um Metall zu vernichten, wo immer sie es fanden. Auf ihren Expeditionen warben die Anhänger weitere Jünger der Lum‘schen Lehre. Sie trugen die Vernichtung von Metall durch den Pazifik bis nach Australien, und von dort reisten sie weiter bis an die Küste Amerikas. Ihre Bemühungen und Er- folge wurden in zahllosen Legenden und Liedern festgehalten und der Nachwelt hinterlassen, vor al- lem ihre Arbeit auf den Philippinen und auf Neu- seeland, wo ihnen die Maoris hilfreich beistanden, wurde in jeder erdenklichen Form gewürdigt. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, lange nach Lums Tod, konnten sie ihre Arbeit in Hawaii abschlie- ßen und befreiten auf diese Weise die Pazifischen Inseln von neun Zehnteln des gesamten Metallbe- stands. In der Blüte des fidschianischen Einflusses be- herrschten diese mutigen Männer viele der In- seln, die sie betraten. Doch sie waren zahlenmä- ßig zu wenige, um die Herrschaft zu festigen. Für eine Weile herrschten die Fidschianer in Bora Bora, Raiatea, Huahine und Oahu; doch die dort ansässi- ge Bevölkerung sog sie auf oder vertrieb sie. Außer- dem beherzigten viele Fidschianer Lums ausdrück- lichen Befehl hinsichtlich aller Inseln, die nicht zu Fidschi gehörten: »Tut eure Arbeit und dann nichts, wie weg; hängt auf keinen Fall herum und geht den Leuten auf den Geist.« So endete das fidschianische Abenteuer. Im Gegensatz zu Lum hinterließ Joenes keinerlei philosophische Schriften. Er hat sich nie öffentlich zum Metall geäußert, jedoch hatte er selbst dazu eine indifferente Einstellung. Er mißtraute jegli- chen Gesetzen, während er jedoch gleichzeitig zu- gab, daß dafür eine Notwendigkeit bestand. Für Jo- enes nahm ein Gesetz das Schöne aus dem Leben des Menschen, der sich daran hielt. Wenn sich die Natur solcher Menschen änderte, was unweiger- lich geschehen würde, dann änderte sich auch die Natur der Gesetze, glaubte Joenes. Träte dies ein, dann müßte man neue Gesetze und neue Gesetzes- macher finden. Joenes lehrte, daß der Mensch auf jeden Fall und mit aller Kraft um Tugend und Gerechtigkeit kämp- fen müsse und zur gleichen Zeit auch erkennen sollte, welche Schwierigkeiten mit diesem Bemü- hen einhergehen. Die größte dieser Schwierigkei- ten, so wie Joenes sie sah, besteht darin, daß alle Dinge, sogar Menschen und Tugenden, einer stän- digen Wandlung unterzogen werden und daß da- her der Kämpfer um das Gute seine Illusion der Be- ständigkeit aufgeben und nach den Veränderungen bei sich und anderen suchen und somit im dauern- den Wechselspiel der Metamorphosen des Lebens das Gute in der Suche an sich sehen muß. Auf ei-, ner solchen Suche, hob Joenes hervor, braucht man die Unterstützung des Glücks, was sich nicht defi- nieren läßt, jedoch von größter Wichtigkeit ist. Joenes sprach von diesen und anderen Dingen und betonte dabei stets den Wert der Tugend, die Notwendigkeit eines aktiven Willens und die Un- möglichkeit der Perfektion. Man sagt auch, daß Jo- enes mit fortschreitendem Alter seine Predigten völlig veränderte und am Ende verkündete, die Welt sei nichts anderes als ein schreckliches Spiel- zeug, das von bösen Göttern gebaut worden war; dieses Spielzeug gleiche einem Theater, in das die Götter die Menschen hineinsetzen und sie zu ihrer Belustigung agieren ließen. Dabei stopften die Göt- ter die Menschen mit Idealen, Tugenden, Hoffnun- gen, Glaubensinhalten, Träumen und vor allem mit Bewußtsein voll. Dann, nachdem sie die Spieler derart ausgestattet hatten, würden die Götter sich zurücklehnen und mit größtem Amüsement verfol- gen, wie die Menschen sich abmühten, wie sie sich auf ihre angebliche Bedeutung, ihre Unsterblich- keit etwas einbildeten und keine Mühen scheuten, ihre Ansichten durchzusetzen. Nichts anderes gab es dann für sie als die Probleme, mit denen die Göt- ter sie ständig konfrontierten. Die Götter brüllten dann immer vor Lachen, wenn sie das Schauspiel verfolgten, und nichts belustigte sie mehr als zu- zuschauen, wie ein winziges menschliches Püpp- chen sich abmühte, ein tugendhaftes Leben zu füh-, ren und in Würde zu sterben. Die Götter spendeten dazu stets ihren Beifall und lachten über die Ab- surdität des Todes, welcher am Ende sämtliche Be- mühungen der Menschen null und nichtig werden ließ. Doch nicht einmal das war das schlimmste. Nach einiger Zeit wurden die Götter gleichgültig. Sie beendeten das Spiel auf ihrer Bühne, packten die Menschen weg, rissen das Theater ab und wen- deten sich anderen Zerstreuungen zu. Oft geschah es dann, daß sie vollkommen vergaßen, daß es überhaupt Menschen gab. Dieser Bericht über Jo- enes ist nicht gerade charakteristisch für ihn, und Ihr Herausgeber mißt ihm auch keine wesentliche Bedeutung zu. Wir werden uns stets an den Joenes in seinen besten Mannesjahren erinnern, als er die Lehre von der Hoffnung predigte. * Joenes lebte lange genug, um den Tod der alten Welt und die Geburt der neuen mitzuerleben. Heut- zutage existiert all das, was den Namen Zivilisation verdient, ausschließlich auf den Inseln im Pazifik. Unser Rassenbestand ist ziemlich vermischt, und viele unserer Vorfahren kamen aus Europa, Ame- rika oder Asien. Doch zum wesentlichen Teil sind wir Polynesier, Melanesier und Mikronesier. Ihr Herausgeber, der auf der Insel Havaiki lebt, ist der Überzeugung, daß unser gegenwärtiger Friede und, unser Wohlstand eine direkte Folge der geringen Größe unserer Inseln und der großen Entfernungen zwischen ihnen ist. Dadurch wird eine Herrschaft über eine Gruppe von Inseln unmöglich, und je- der, dem es auf seiner Insel nicht mehr paßt, kann sich eine andere suchen und sich dort niederlas- sen. Dies sind Vorteile, über die die Menschen auf den Kontinenten niemals verfügten. Natürlich haben auch wir unsere Schwierigkei- ten. Unter den verschiedenen Inseln und Bevölke- rungsgruppen gibt es auch schon mal Krieg, jedoch in einem so geringen Maße, daß man diese Erschei- nung mit den Kriegen der Vergangenheit in keiner Weise vergleichen kann. Immer noch gibt es sozi- ale Unterschiede, Ungerechtigkeit und Verbrechen und Krankheiten; doch sind diese Übel niemals so schlimm, daß sie die Bevölkerung einer Insel aus- radieren könnten. Das Leben ändert sich, und die- se Änderung scheint ebenso Böses wie auch Gutes mit sich zu bringen, Rückschläge und Fortschritte. Jedoch finden die Veränderungen heute viel lang- samer statt als in der hektischen Vergangenheit. Wahrscheinlich ist diese Trägheit im Einset- zen der Veränderung dem Mangel an Metall zu- zuschreiben. Auf unseren Inseln hat es von die- sem Stoff immer nur sehr wenig gegeben, und die Fidschianer haben außerdem noch alles vernich- tet, dessen sie habhaft werden konnten. Ein we- nig Metall wird auf den Philippinen ab und zu aus, der Erde ausgegraben, jedoch gelangt diese winzi- ge Menge so gut wie nie in den allgemeinen Um- lauf. Immer noch gibt es aktive Lumisten, die Me- tall stehlen und es ins Meer werfen. Viele von uns sind der Meinung, daß dieser Metallhaß eine un- gute Sache ist, doch wir haben immer noch keine Antwort auf Lums alte Frage gefunden, mit der die Lumisten uns besonders gerne hänseln. Die Frage lautet: »Mann, ist es dir jemals gelun- gen, aus Korallen und Kokosnußschalen eine Atom- bombe zu bauen?« So sieht das Leben in der heutigen Zeit aus. Mit einer gewissen Traurigkeit müssen wir begreifen, daß der Erfolg unserer Gesellschaft, unsere Zufrie- denheit erst erreicht werden konnte durch die Ver- nichtung einer ganzen Welt mitsamt ihrer Men- schen. Doch so geht es mit allen Gesellschaften, und wir können daran nichts ändern. Diejenigen, die der Vergangenheit nachtrauern, sollten sich lie- ber um die Zukunft Gedanken machen. Weitgereiste Lumisten-Gruppen haben von sonderbaren Aktivi- täten unter den Stämmen der primitiven Bewoh- ner der Kontinente berichtet. Man mag die verstreut lebenden Wilden heute noch ignorieren, doch wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird? Was das Ende von Joenes‘ Reise betrifft, so wird folgendes darüber erzählt. Lum wurde in seinem neunundsechzigsten Jahr vom Tod ereilt. Als An- führer einer Gruppe Metallvernichter wurde Lums, Kopf von dem Knüppel eines Hawaiianers zer- trümmert, der eine Nähmaschine verteidigen woll- te. Lums letzte Worte waren: »Okay, Jungs, damit wäre ich dann endlich unterwegs zur Superparty im Himmel, die vom größten Junkie aller Zeiten durchgezogen wird!« Mit diesen Worten starb er. Es war Lums letzte Äußerung zu religiösen Fragen. Für Joenes kam das Ende auf völlig andere Art. In seinem dreiundsiebzigsten Lebensjahr, während eines Besuchs auf der Insel Moorea, bemerkte Jo- enes am Strand eine Bewegung und ging hin, um nachzuschauen um was es sich handelte. Er fand einen Mann seiner eigenen Rasse, der mit einem Floß angetrieben worden war. Die Kleider des Man- nes waren zerfetzt, seine Haut von der Sonne ver- brannt, ansonsten schien er jedoch in guter Verfas- sung zu sein. »Joenes!« brüllte der Mann. »Ich wußte, daß Sie am Leben sind, und ich war sicher, Sie irgendwann zu finden. Sie sind doch Joenes, nicht wahr?« »Der bin ich«, erwiderte Joenes. »Aber ich fürch- te, ich, erkenne Sie nicht.« »Ich bin Watts«, sagte der Mann, »wie in Watts the Matter! Ich bin der Juwelendieb, den Sie in New York kennengelernt haben. Erinnern Sie sich jetzt an mich?« »Ja, klar, tue ich«, fiel es Joenes nun ein. »Aber warum haben Sie mich gesucht?«, »Joenes, wir haben uns nur kurze Zeit unterhal- ten, aber Sie haben auf mich einen tiefen Eindruck hinterlassen. So wie Ihre Reise zum Sinn Ihres Le- bens wurde, wurden Sie zum Sinn meines Leben. Ich kann nicht erklären, wie ich zu dieser Erkennt- nis kam, doch so geschah es, und ich konnte dem nicht widerstehen. Meine Arbeit betraf ausschließ- lich Sie. Es war hart und entbehrungsreich, alles zusammenzubringen, was Sie brauchten, aber es machte mir nichts aus. Man half mir und unter- stützte mich von höchster Stelle aus, und ich war zufrieden. Dann kam der Krieg, und alles wur- de noch schwieriger. Jahrelang wanderte ich und suchte nach all den Dingen, die Sie haben wollten, doch ich beendete meine Arbeit und kam schließ- lich nach Kalifornien. Von dort stach ich in See mit Kurs auf die pazifischen Inseln, und weitere Jah- re verbrachte ich damit, von Insel zu Insel zu zie- hen, überall von Ihnen zu hören, Sie jedoch nie zu finden. Aber ich verlor den Mut nicht. Ich dach- te immer an die Schwierigkeiten, mit denen Sie zu kämpfen hatten, und gewann daraus meine Zuver- sicht. Ich wußte, daß Ihre Arbeit darin bestand, die Welt zu schaffen, während ich mich damit beschäf- tigte, Sie zu schaffen. Sie irgendwie zu vervollstän- digen.« »Das ist ja verblüffend«, stellte Joenes mit ruhiger Stimme fest. »Ich nehme an, daß Sie nicht mehr ganz bei Verstand sind, Watts, aber das ist ja nicht, so schlimm. Es tut mir leid, Ihnen so viel Mühe gemacht zu haben, aber schließlich wußte ich ja nicht, daß Sie nach mir suchten.« »Sie konnten es nicht wissen«, sagte Watts, »nicht einmal Sie, Joenes, konnte ahnen, wer oder was nach Ihnen suchte, bis Sie gefunden wurden.« »Schön«, sagte Joenes, »Sie haben mich also gefunden. Sagten Sie nicht, Sie hätten etwas für mich?« »Verschiedenes«, erwiderte Watts. »Ich habe al- les sorgfältig gesammelt und aufbewahrt, da Sie da- mit erst zur Erfüllung gelangen und Ihr Ziel errei- chen können.« Watts holte dann ein in Ölhaut gewickeltes Päck- chen hervor, das er an seinem Körper befestigt hat- te. Mit einem zufriedenen Lächeln reichte er Jo- enes dieses Päckchen. Joenes öffnete das Päckchen und fand folgende Gegenstände: 1. Eine Nachricht von Sean Feinstein, in der er mitteilte, daß er es übernommen habe, Joenes die beiliegenden Dinge zu schicken, und daß Watts als sein Bote fungiere. Er hoffte, daß es Joenes gutgin- ge. Was ihn beträfe, so sei es ihm gelungen, mit seiner Tochter Deirdre der totalen Vernichtung zu entfliehen. Er säße nun auf der Insel Sangar, etwa zweitausend Meilen von der Küste Chiles entfernt. Dort habe er einigen Erfolg als Händler, während seine Tochter Deirdre einen fleißigen und weltof-, fenen Einheimischen geheiratet habe. Er hoffe auf- richtig, daß die beigefügten Gegenstände für Joenes von Nutzen seien. 2. Eine kurze Nachricht von dem Arzt, den Jo- enes im Hollis Hort für die kriminellen Geistes- kranken kennengelernt hatte. Der Arzt schrieb, daß er sich noch gut daran erinnern könne, welches In- teresse Joenes an dem Patienten gezeigt habe, der von sich selbst glaubte, er sei Gott, und der ver- schwunden war, kurz bevor Joenes ihn besuchte. Da Joenes sich jedoch besonders für diesen Fall er- wärmt habe, schicke er ihm die einzige geschriebe- ne Hinterlassenschaft des armen Irren – die Liste, die er auf dem Tisch in seiner Zelle liegen gelas- sen hatte. 3. Einen Lageplan vom Octagon, versehen mit dem offiziellen Stempel des Kartographen und ge- nehmigt von den höchsten Beamten. Mit dem Sie- gel »Genau und endgültig« vom Chef des Octagon persönlich ausgezeichnet. Mit deren Hilfe man auf kürzestem Weg und ohne langen Aufenthalt an je- den Punkt innerhalb des Octagon gelangen konn- te. * Lange betrachtete Joenes diese Gegenstände, und sein Gesicht nahm die Farbe und den Ausdruck verwitterten Granitgesteins an. Lange Zeit rührte er, sich nicht, und als er sich bewegte, geschah es, als Watts versuchte, über seine Schulter einen Blick auf die Schriftstücke zu werfen. »Das ist nur fair«, schrie Watts. »Ich habe Sie hierhergebracht, und ich habe Sie niemals betrach- tet! Ich muß einfach einen Blick auf die Karte wer- fen, Joenes, und wissen, was der Irre aufgeschrie- ben hat!« »Nein«, widersprach Joenes. »Diese Dinge waren nicht für Sie bestimmt!« Watts geriet in schreckliche Wut, und einige Dorf- bewohner mußten ihn mit Gewalt davon abhalten, Joenes die Schriftstücke aus der Hand zu reißen. Einige der Priester des Dorfes näherten sich erwar- tungsvoll, doch Joenes wich vor ihnen zurück. In seinem Gesicht flackerte ein Ausdruck des Schrek- kens, und einige Leute glaubten schon, er wolle die Schriftstücke ins Meer werfen. Das tat er jedoch nicht. Er hielt sie krampfhaft fest und rannte auf ei- nem schmalen Pfad in die Berge. Die Priester folg- ten ihm, verloren ihn im dichten Unterholz jedoch schon bald aus den Augen. Sie kamen wieder herunter und verkündeten den Wartenden, Joenes würde schon bald wieder zurückkommen und daß er die Schriftstücke nur in Ruhe und ungestört studieren wolle. Die Leute warteten und verloren über Jahre hinweg nicht die Geduld, obwohl Watts irgendwann starb. Doch Jo- enes kam nie mehr aus den Bergen zurück., Fast zwei Jahrhunderte später kletterte ein Jäger auf der Suche nach Bergziegen an den steilen Hän- gen von Moorea herum. Als er wieder zurückkam, berichtete er, er habe vor einer Höhle einen alten Mann sitzen sehen, der einen Zettel las. Der alte Mann habe ihm zugewunken und der Jäger habe sich ihm ohne Furcht genähert. Dabei sah er, daß Sonne und Regen die Schriftstücke völlig unkennt- lich gemacht hatten und daß der alte Mann wahr- scheinlich vom Lesen blind geworden war. Der Jäger fragte: »Wie können Sie diese Schrift- stücke lesen?« Der alte Mann erwiderte: »Das brauche ich gar nicht. Ich kenne sie auswendig.« Danach erhob der alte Mann sich und ging in die Höhle, und von einer Sekunde zur anderen war al- les so, als hätte es den alten Mann nie gegeben. Entsprach diese Geschichte der Wahrheit? War es wirklich möglich, daß Joenes trotz seines hohen Al- ters immer noch in den Bergen lebte und über das Rätsel der versunkenen Jahrhunderte nachdachte? Wenn ja – hätten dann nicht die Karte vom Octa- gon und die Liste des Irren für unsere Zeit eine be- sondere Bedeutung? Wir werden es nie erfahren. Drei Expeditionen an diesen Ort haben keinen Beweis für menschliches Leben erbracht, obwohl es die Höhle wirklich gibt. Gelehrte sind überzeugt, daß der Jäger betrunken war. Sie meinen, daß Joenes völlig den Verstand, verlor, als man ihm die lebenswichtigen Informa- tionen viel zu spät zukommen ließ; daß er darauf- hin vor den Priestern floh und in Gemeinschaft mit seinen verblichenen, nutzlosen Schriftstücken sein weiteres Dasein fristete wie ein Einsiedler; und daß er schließlich an einem unzugänglichen Ort starb. Diese Erklärung erscheint als die einzig glaub- hafte; doch die Leute von Moorea haben an dieser Stelle eine kleine Gedenkstätte erbaut.

ENDE

,

R

Dieses e-book darf nicht zum Verkauf angeboten werden. Keine Verteilung auf Sites mit extremistischen Inhalten.]
15

Similar documents

»Ach, welch düstere Hölle es doch war, die es nun zu
»Ach, welch düstere Hölle es doch war, die es nun zu durchqueren galt! Was für ein Mahlstrom unerbittli- cher Gier und unbarmherzigen Verschlingens – hier fraß jeder jeden! Die Klauen, Krallen und Zähne der Oberwelt sind schon habgierig genug, aber in der Unterwelt kühlte sich die kochende Gier niem
Nicholas Sparks Das Lächeln der Sterne
Nicholas Sparks Das Lächeln der Sterne Scanned by Ute77 Corrected by Yfffi Adrienne Willis ist in tiefer Sorge um ihre Tochter Amanda. Seit dem Tod ihres Mannes ist Amanda in Trauer gefangen und bringt immer weniger Kraft auf, um für sich und ihre beiden kleinen Söhne zu sorgen. Um ihr Mut zu machen
R. A. Salvatore Das verwunschene Tal
R. A. Salvatore Das verwunschene Tal Dämonendämmerung 3 Aus dem Amerikanischen von Christiane Schott-Hagedorn BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel »The Demon Spirit« (Parts 1 + 2) bei Del Rey/Ballantine Book, New York. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldma
Sidney Sheldon Die Pflicht zu schweigen
Sidney Sheldon Die Pflicht zu schweigen Aus dem Amerikanischen von Gerhard Beckmann Inhaltsangabe San Francisco. Dr. Paige Taylor, eine junge Ärztin, wird wegen Sterbehilfe an einem krebskranken Patienten vor Gericht gestellt. Und – sie gesteht. Doch sie ist keines- wegs die gewissenlose, geldgierig
Buch Wieder kehrt Sario ins Königreich Tira Virte zurück, wo inzwi-
Buch Wieder kehrt Sario ins Königreich Tira Virte zurück, wo inzwi- schen Mechellas jüngster Sohn als Herzog herrscht. Sario über- nimmt den Körper eines jungen Namensvetters und will der zwischenzeitlich recht degenerierten Familie Grijalva zu einer neuen künstlerischen Blüte verhelfen. Die junge E
Rocksängerin Catz hat einen schrägen Ruf, aber sie steht für
Rocksängerin Catz hat einen schrägen Ruf, aber sie steht für ihre Freunde ein. Dazu gehört Clubbesitzer Stu Cole, der in San Francisco als einer der Letzten der Mafia trotzt und seinen Club unabhängig zu halten versucht. Eines Nachts taucht bei Catz' Konzert ein unheimlicher Mann auf. Während er dur
In den höllischen Domänen, wo das absolute Böse
In den höllischen Domänen, wo das absolute Böse lauert, in den wahrhaftig stygischen Zonen der Un- terwelt, an Orten schauerlicher Schrecknisse – dort ist er Zuhause: Nifft, der clevere Meisterdieb, den man wegen seiner hageren Gestalt auch ›den Dürren‹ nennt. Nifft fürchtet weder Tod noch Teufel: O
Arthur Schnitzler FLUCHT IN DIE FINSTERNIS
Arthur Schnitzler FLUCHT IN DIE FINSTERNIS eBOOK-Bibliothek Arthur Schnitzler FLUCHT IN DIE FINSTERNIS (1931) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Arthur Schnitzler (15.05.1862 – 21.10.1931) 1. Ausgabe, Juni 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe I Es klopfte; der Sekt
Pressestimmen zu „Jüdische Geschichte, Jüdische Religion”
Pressestimmen zu „Jüdische Geschichte, Jüdische Religion” „[Dies ist] ein kraftvolles Buch, das Juden auffordert … einigen abscheulichen Seiten ihrer eigenen religiösen Halbgötter und Traditionen entgegenzutreten ... Israel Shahaks mitreißende Herausforderung hat tiefe Bedeutung für Israels gegenwär
Thomas Mann Zeichnung aus dem Jahre 1939 von Paul Citroen
Thomas Mann Zeichnung aus dem Jahre 1939 von Paul Citroen Thomas Mann Der Zauberberg Roman Einführung in den Zauberberg Für Studenten der Universität Princeton Als Vorwort Gentlemen. Es ist entschieden ein außerordentlicher Fall, daß bei Ihren lite- rarischen Studien der Autor zugegen ist und mit Ih
R. A. Salvatore Straße der Schatten
R. A. Salvatore Straße der Schatten Dämonendämmerung 4 Aus dem Amerikanischen von Christiane Schott-Hagedorn BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel »The Demon Spirit« (Parts 3 + 4) bei Del Rey/Ballantine Books, New York. 3. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung 2/2
Frank Schirrmacher
Frank Schirrmacher Minimum Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft Karl Blessing Verlag Verlagsgruppe Random House FSC‐DEU‐0100 Das für dieses Buch verwendete FSC‐zertifizierte Papier EOS liefert Saizer, St. Polten. 2. Auflage Copyright © 2006 by Karl Blessing Verlag, München, in der Ver
Jessica Rydill Die Eisgöttin
Jessica Rydill Die Eisgöttin Kristallwelt 1 Inhaltsangabe Die junge Annat und ihr Bruder Malchik sind von ihrer Tante in einer friedlichen Hafenstadt aufgezogen worden. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie die Welt kennen lernen und dort ihren eigenen Platz finden. Ihr Vater, der Schamane Yuda, nimmt
R. A Salvatore Das brennende Herz
R. A Salvatore Das brennende Herz Dämonendämmerung 8 Ins Deutsche übertragen von Joannis Stefanidis BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Mortalis« (Parts 3 + 4) bei Del Rey/Ballantine Books, New York. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unter
Barlach im Gespräch
Barlach im Gespräch ************************* Insel-Bücherei Nr. 762 Barlach im Gespräch Aufgezeichnet von Friedrich Schult Erschienen im Insel-Verlag In dem kalten Frühjahr achtundachtzig lief ich in den Straßen Hamburgs herum wie ein Tier, das in seinem Käfig unablässig gegen die Stäbe springt. In
Rainer Schmidt DAS SPIELT DAS VOLK IN CHINA Mah Jongg · Chinesisches Schach · Go und andere
Rainer Schmidt DAS SPIELT DAS VOLK IN CHINA Mah Jongg · Chinesisches Schach · Go und andere China Studien- und Verlagsgesellschaft Frankfurt am Main INHALT Vorwort 5 MAH-JONGG 7 Mah-Jongg zu zweit 12 Das Spiel zu viert 18 Mah-Jongg zu dritt 22 Das Spiel mit Blumen- und Jahreszeitensteinen 22 CHINESI
Buch Sario kehrt im Körper des Wandermalers und Botschafters
Buch Sario kehrt im Körper des Wandermalers und Botschafters Dioniso ins Königreich Tira Virte zurück. Er will immer noch Oberster Hofmaler werden, aber Dioniso ist zu alt. Daher plant er, den jungen und begabten Rafeyo Grijalva als Wirt heranzu- ziehen. Im Andenken an Saavedra ist es zu einem feste
DIE GEHEIMNISVOLLE LIMOUSINE
KLEINEJUGENDREIHEW.SAPARIN DIE GEHEIMNISVOLLE LIMOUSINE Wissenschaftlich-phantastische ErzählungVERLAGKULTURUNDFORTSCHRITTBERLIN1952 M Russischer Originaltitel: Deutsch von Erna Becker Copyright 1952 by Verlag Kultur und Fortschritt GmbH., Berlin Printed in Geimany « Alle Rechte vorbehalten Lizenz-N
Birgit Rupprecht-Stroell Mobbing – nicht mit mir!
Birgit Rupprecht-Stroell Mobbing – nicht mit mir! BIRGIT RUPPRECHT-STROELL Mobbing – nicht mit mir! WIRTSCHAFTSVERLAG LANGEN MÜLLER HERBIG Besuchen Sie uns im Internet unter http://www.herbig.net 2000 by Wirtschaftsverlag Langen Müller/Herbig in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH. München All
Der Autor Klappentext
Der Autor Andreas Richter wurde 1966 in Hamburg geboren und lebt und arbeitet in Ahrensburg. Vor sieben Jahren hat er seine Existenz als Berliner Jungunter- nehmer an den Nagel gehängt, um seinen Jugendtraum vom Schreiben zu verwirklichen. Andreas Richter ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
ROBERT RODI THE BIRDCAGE
ROBERT RODI THE BIRDCAGE Ein Paradies für schrille Vögel Der Roman zum Film nach einem Drehbuch von Elaine May Aus dem Amerikanischen von Rolf W. Blum Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE ALLGEMEINE REIHE Nr. 01/9999 Titel der Originalausgabe THE BIRDCAGE Redaktion: Dr. Andreas Gö
Buch Der junge Sario Grijalva fühlt sich doppelt gestraft: durch die
Buch Der junge Sario Grijalva fühlt sich doppelt gestraft: durch die Kontrolle, die seine Lehrer über ihn ausüben, und durch das Verbot der Liebe zu seiner Cousine Saavedra, die aus Gründen der Familienpolitik niemals seine Frau werden darf. Saavedra wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als daß
HABEN SIE VERDRUSS?
HABEN SIE VERDRUSS? — dann gehen Sie in Callahan‘s Saloon, lassen Sie sich von Mike Callahan ein Glas einschenken, tre- ten Sie an die Linie, bringen Sie einen Trinkspruch aus und pfeffern Sie ihr Glas in den großen offe- nen Kamin, und Sie werden sehen: Gleich ist Ih- nen wohler. Und außerdem finde
Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an-
Buch: Gevatter Tod hat eine Identitätskrise. Als er von einem Tag auf den an- deren spurlos verschwindet, muß seine Enkelin Susanne das Geschäft für ein paar Tage übernehmen. Bei ihrer neuen Arbeit bekommt sie es nur zu bald mit einem äußerst merkwürdigen Phänomen zu tun: einer neuen Musik, die ein
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen
Buch: Das kleine, bettelarme Borogawien liegt ständig im Krieg mit seinen Nachbarn. Von der Herrscherin gibt es seit vielen Jahren nur noch Bilder zu sehen. Das Land ist inzwischen so ausgeblutet, dass sogar Vampire und Trolle rekrutiert werden. Doch man kappt auch noch eine wichtige Nachrichtenverb
GERT PROKOP Die Phrrks
GERT PROKOP Die Phrrks Phantastische Geschichten Verlag Das Neue Berlin ISBN 3-359-00743-3 1. Auflage dieser Ausgabe 1994 © 1989 Eulenspiegel · Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH, PF 106,10103 Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: P. Fischer Sternaux Satz: Pencil, Text-Satz-Korrekt
Tantra der 21 Taras
Gonsar Rinpotsche Tantra der 21 Taras PDF-Version: Diotallevi Das Umschlagmotiv zeigt ein Detail eines Tara-Mandalas, das von tibetischen Mönchen des Klosters Ganden Schartse (Südindien) in Sand gestreut wurde. In der Mitte einer Utpala-Blüte befindet sich die Wurzelsilbe Tam, umgeben von zehn Blüte
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE
PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE PROPERZ · DIE LIEBESGEDICHTE DIEDERICHS TASCHENAUSGABEN 12 PROPERZ DiE LiEbEsgEDichtE Deutsch von Fritz Diettrich EUgEN DiEDERichs VERLAg copyright 1958 by Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln Entwurf des schutzumschlags von Fritz blankenhorn gesamtherstellung: buchdruc
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An-
Buch: Hilbert Himmelwärts will Priester werden und rechnet bei seiner An- kunft im kleinen Königreich Lancre mit nichts anderem als einer schlich- ten religiösen Zeremonie. Doch ehe er sich’s versieht, ist er in den schönsten Krieg zwischen Hexen und Vampiren verwickelt. Und er weiß nicht, ob es dab
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di-
Buch: »Terry Pratchett ist Moralist, Philosoph und Humanist, kurz: der Di- ckens des zwanzigsten Jahrhunderts.« MAIL ON SUNDAY Hexen hexen. Aber manche von ihnen heiraten auch. So die junge Ma- grat Knobloch, die kurz vor ihrer Vermählung mit dem ehemaligen Nar- ren Verence steht, der inzwischen Kön