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Kapitel Ich sah den Dämon zum ersten Mal in einer Vision, die mich befiel, nachdem ich Hazia gekaut hatte. Aber es war mehr als eine Vision. Ich ging in kalter Dunkelheit an einem Strand entlang. Selbst in mei- nem Drogennebel wußte ich, daß ich mich an einem Ort befand, an dem ich nichts zu suchen hatte, und ich spürte die ängstliche Anspan- nung zwischen den Schulterblättern, die mit solchem Wissen einher- geht. Die Sicht war gut. Kalte, leuchtende Sterne drehten sich langsam und hypnotisch am Himmel. Pulsierten sie nicht auch? Waren es Au- gen? Das weiß ich heute nicht mehr. Der Strand be...
Autor Anonym
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Kapitel Ich sah den Dämon zum ersten Mal in einer Vision, die mich befiel, nachdem ich Hazia gekaut hatte. Aber es war mehr als eine Vision. Ich ging in kalter Dunkelheit an einem Strand entlang. Selbst in mei- nem Drogennebel wußte ich, daß ich mich an einem Ort befand, an dem ich nichts zu suchen hatte, und ich spürte die ängstliche Anspan- nung zwischen den Schulterblättern, die mit solchem Wissen einher- geht. Die Sicht war gut. Kalte, leuchtende Sterne drehten sich langsam und hypnotisch am Himmel. Pulsierten sie nicht auch? Waren es Au- gen? Das weiß ich heute nicht mehr. Der Strand bestand nicht aus Sand, sondern aus Millionen winziger, zerbrechlicher Knochen, die unter meinen Füßen knirschten und split- terten. Das Meer hob und senkte sich in tiefem Schweigen, als sei es erschöpft; es schien mit Sternenlicht besprenkelt zu sein. Dann sah ich, daß es von Tausenden kleinen Gesichtern bedeckt war, Mündern ei- gentlich, die sich im Rhythmus der Wellenbewegungen öffneten und schlossen und jedesmal, wenn die Wellen ans Ufer schlugen, wie See- vögel kreischten. Ich glaube, ich stand eine ganze Weile da und blickte einfach aufs Wasser hinaus. Plötzlich weckte eine andere Bewegung meine Auf- merksamkeit; eine ziemlich schnelle Bewegung. Was ich zuerst für ei- nen Felsen in der Nähe des Ufers gehalten hatte, richtete sich nun in dem trüben Licht auf und ordnete seine Fledermausschwingen. Irgend etwas saß da auf diesem Felsen. Ich hatte eine Ahnung, worum es sich handelte. Eine verzweifelte Ahnung. Ich wünschte mir sehnlichst, dieses Geschöpf aus der Nähe betrachten zu können. Unruhig ging ich am Ufer auf und ab. Von irgendwoher hörte ich ein Klopfen. Der Fels war so nahe; mein Verlangen war eine Qual. Kühn trat ich ins Meer und watete langsam durch das Wasser. Es war nicht kalt und naß, wie ich es erwartet hatte, sondern warm und zähflüssig, wie Ge- lee. Es war weich und gleichzeitig fest, und es trug mich. Die kleinen, klaffenden Mäuler schienen eine Gasse für mich zu bilden. Als ich ein Stück weit gegangen war, bemerkte ich kleine rosafarbene Zungen, die aus den Mündern herausschnellten, wenn ich vorbeikam. Wo sie meine Haut berührten, kitzelte es wunderbar. Und es herrschte ein widerli- cher Gestank, faulig und süß›, wie ich ihn niemals zuvor wahrgenom- men hatte. Er war so schwer, daß mir beinahe übel wurde. Wie von Rosen – fauligen, verwesenden Rosen., Als ich bis zur Taille hineingewatet war, wußte ich, daß das Wesen auf dem Felsen tatsächlich ein Dämon war, genauso, wie ich es in Ge- beten erfleht hatte. Da hockte er, bewehrt mit Zähnen und Krallen, die schuppigen Flügel wie zum Trocknen ausgebreitet, das Gesicht dem Wirbel der Sterne entgegengereckt. Ein Klopfen an der Tür warnte mich davor, noch näher heranzuge- hen. Ich hatte noch nie zuvor einen echten Dämon gesehen, aber mein ganzes Leben lang war ich in wachem Zustand von den chaotischen, geflügelten Bewohnern der Alpträume fasziniert gewesen. Nun hatte ich eines dieser ehrfurchtgebietenden und gefährlichen Wesen vor mir. In meiner Unvernunft verspürte ich nicht mehr als das winzigste, köst- lichste Prickeln von Furcht. Statt dessen verschlang ich den Dämon mit den Augen. Er mußte meinen Blick gespürt haben, denn langsam wie eine Eidechse wandte er den Kopf und sah mich an. Jemand schrie und hämmerte an die Tür. Seine roten Reptilienaugen waren von schweren Lidern verhangen. Er lächelte charmant, weltmännisch und hielt mir zum Gruß seine stachlige Hand hin. Ich verspürte augenblicklich den Drang, meine win- zige, so zerbrechliche Hand in die seine zu legen, um die rauhe, schwielige Haut zu spüren. Dann wurde dieses zwanghafte Gefühl plötzlich beängstigend. Ich zog mich hastig zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts in die feste, saugende See. Und aus dem Bett. Ich war in einer weißen, klebrigen Gebärmutter gefangen und kämpfte darum, geboren zu werden; die Arme wurden mir an den Leib gedrückt, und mein Kopf ragte gerade eben heraus. Mit einemmal hörte ich ein gewaltiges Krachen in meinem Kopf. Oder kam es von der Tür? Plötzlich rissen die Laken auseinander, und ich stürzte auf den kalten Boden und lag keuchend und zuckend da, überzogen von Blut und Schleim wie ein neugeborener Wurm. Ich befand mich auf einer mit riesigen Felsbrocken bedeckten Ebene, während die Welt um mich herumwirbelte und sich mit dem schrecklichsten Dröhnen füllte. Ich hielt mir die Arme vors Gesicht. Das Dröhnen war wie die Schläge eines Hammers, der auf eine Walnuß niederkrachte; ich hatte eine ü- belkeiterregende Vision meines eigenen Gehirns, das wie grauer Ein- topf aus meinem Kopf quoll. Der Raum drehte sich ein weiteres Mal. Die Vision zerfiel. Ich kämpf- te mich frei, und plötzlich war ich wieder in meinem eigenen, vertrau- ten, normalen Zimmer, und alles war unglaublich klein, still und farb- los. Jemand schlug mit aller Gewalt an die Tür., »Dion!« brüllte eine gereizte Stimme. »Ali! Bei den Sieben! Dion, mach die Tür auf!« Mein Mund schmeckte nach saurem Schleim. Mein Blick war getrübt und schien sich jederzeit wieder in Visionen verlieren zu wollen. Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit und sah einen pickelgesichtigen Jüng- ling aus dem zweiten Jahr vor mir stehen. »Herr des Himmels und der Erde«, sagte er. »Wieso hast du so lange gebraucht?« Mir war nicht danach, meine Würde zu verteidigen. »Was ist los?« krächzte ich. »Der Dekan möchte dich sehen.« 0 Gott und Engel! Nein! »Ich kann nicht…« »Er sagt, es sei dringend.« Der Junge reckte seinen mageren Hals neugierig vor und trat dichter an die Tür. Seine Pusteln leuchteten feurigrot auf seiner bläulichen Morgenhaut. Er roch nach Körperöl und Hafergrütze. Er hatte einen Verdacht. Das konnte ich sehen. »Sag ihm, ich sei krank«, antwortete ich. »Ich komme, sobald ich kann.« Ich schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Erst in diesem Augenblick, als ich wieder zurücktrat, wurde mir klar, daß ich mit warmem Schleim bedeckt war. Warmer Schleim, der nach Eiter und Rosen roch. Es war also nicht nur eine Vision gewesen. O Gott und Engel! Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, und meine Nackenhaare stellten sich auf. Das Zimmer drehte sich vor meinen Augen und mir wurde so schwindlig, daß ich, ohne den Türgriff loszulassen, zu Boden sank. Wie konnte ich in die Welt der Dämonen gelangt sein, eine so ferne Dimension, die von der unseren aus so unerreichbar war, daß, nur die stärkste Magie und die mächtigsten Magier sie berühren konnten? War das, wo der Knochenstrand war? War ich wirklich körperlich dorthin gereist? Es war, als hätte ich soeben einen zaghaften Blick in einen bodenlosen, magnetischen Abgrund geworfen. Ich war in einer uner- gründlichen Welt gewesen, in der die bösartigsten und zerstöre- rischsten Wesen beheimatet waren, die man sich nur vorstellen konn- te. Wäre dieser unangenehme Junge nicht gewesen, hätte ich den Dä- mon vielleicht berührt. Das rüttelte mich auf. Was zum Teufel ging da in meinem Kopf vor? Wie konnte ich, nicht mehr als eine Schülerin der Magie, zufällig an diesen unaussprechlich gefährlichen Ort gelangen – einen Ort, den nur die Stärksten berühren konnten, und den niemand je betreten hatte? Es mußte eine andere Erklärung für den rapide abkühlenden Schleim auf meinen Gliedern geben, eine Erklärung, die zu erkennen mir noch, die Erfahrung fehlte. Und die Hand auszustrecken, um einen Dämon zu berühren! Die Tat- sache, daß ich mit einem solchen Wesen in Kontakt gekommen war, hätte mich mit Entsetzen erfüllen müssen, statt mit Faszination. Wie konnte mich ein so abgrundtief böses Wesen derart faszinieren? Wie konnte ich auch nur in Erwägung gezogen haben, es zu berühren? Das war der Weg, der in die Nekromantie führte, die schwarze Kunst, die obszöne Magie des Todes und der Zerstörung. Wollte ich das meinen anderen Sünden noch hinzufügen? »Die Dämonen beobachten uns ständig und warten nur darauf, un- achtsame Magier in die Nekromantie zu locken.« Das war die Warnung, die mein Ziehvater Michael mir mit auf den Weg gegeben hatte, als ich vierzehn Jahre alt war. Sein Gesicht hatte dabei diesen selbstherrlichen Ausdruck angenommen, der in mir immer den Wunsch weckte, ihm ein Kissen über den Kopf zu schlagen und etwas Schnippisches zu erwidern. Obwohl ich natürlich niemals gewagt hatte, das zu tun. An seinem Rat gab es natürlich nicht das mindeste auszusetzen. »Kein Magier, der etwas auf sich hält, verschwendet auch nur einen Gedanken an Dämonen«, erklärte er mir. »Sie lauern stets dort drau- ßen; sie sind immer hungrig nach Leben. Und vor allem zieht es sie zu jenen von uns hin, die die Welt der Magie berühren; stets sind sie be- reit, den Unachtsamen zu einem magischen Pakt zu verleiten, der es ihnen vielleicht gestattet, ihren Hunger nach Lebendigem aus unserer Dimension zu stillen. Dämonen verfügen über erstaunliche Macht: In ihrer eigenen Welt kann ihnen niemand widerstehen, und selbst aus der nebelverhange- nen Entfernung einer anderen Dimension sind sie tödlich. Unwidersteh- lich. Im Laufe der Zeitalter haben schlechte Menschen immer wieder den Pakt mit ihnen gesucht. Unter einem solchen Pakt kann ein schwa- cher Magier Dämonenmacht durch schwere Barrieren bringen, kann sie zwischen ihrer Dimension und unserer hin und her schieben und auf diese Weise zu einem mächtigen Nekromanten werden. Aber als Ge- genleistung wird immer ein furchtbarer Preis gefordert, denn diese dä- monischen Verbündeten sind ständig hungrig und müssen gefüttert werden. Die Hand eines jeden vernünftigen Magiers, ja, eines jeden vernünf- tigen menschlichen Wesens, muß sich immer gegen die Nekromantie wenden, denn Nekromanten sind eine Geißel des Landes. Überall in ihrer Umgebung verschwinden auf mysteriöse Weise lebendige Kreatu- ren, bis große Teile des Landes bar jeden Tierlebens sind, weil der Dä- mon mit allem Lebendigen seinen gewaltigen Appetit stillt. Sie gedei-, hen nur in Grenzländern und Bürgerkriegsgebieten, denn kein Herr- scher kann dulden, daß sein Volk auf solche Weise mißbraucht wird. Statt Dämonen-Familiäre sagst du besser Dämonen-Meister. Ein Pakt, den ein Dämon anbietet, ist niemals ehrenwerter Art. Sie versu- chen immer, ihr Gegenüber zu versklaven und zu überlisten. Sie sind unmenschlich, kennen weder Gewissen noch Mitleid. Sie sind die Ver- körperung des Bösen, der fleischgewordene, unersättliche Appetit, ein Schlund, der alles Leben verschlingt. Obszön. Ihr größtes Verlangen ist es, einen Magier zu finden, der machtvoll genug ist, sie in unsere Welt zu bringen, einen Magier, den sie später überlisten können, damit er sie freiläßt und sie ihre grauenvollen Gelüste nach Belieben stillen kön- nen. Gott sei Dank ist das bisher in unserer Welt nur zweimal gesche- hen. Ein freigelassener Dämon kann binnen weniger Tage zerstören, was ganze Jahrhunderte hervorgebracht haben.« Wir wußten beide, daß seine Worte die Wahrheit waren. Vor beinahe einem Jahrhundert war unser Heimatland Moria das Opfer einer dieser Katastrophen gewesen. Der Dämon Smazor hatte in Moria über Tau- sende von Meilen hinweg alles Leben verzehrt, hatte die Hälfte seiner Bevölkerung getötet, und das in den wenigen Stunden, die das Verein- te Weiße College der Magier benötigte, um ein Ritual zur Bannung durchzuführen. Wegen Smazor war Moria heute ein armes, rückständi- ges, unbesiedeltes Land an der von Wahnsinn geschlagenen Peripherie des Machtgefüges der Halbinsel. Zwar hatte sich ein Teil des von ihm in Schutt und Asche gelegten Landes langsam erholt, aber es gab immer noch eine große Einöde, wo er jedes Leben vertilgt hatte und der man den Namen Ebene der Verzweiflung gegeben hatte. An manchen Stel- len reichte die Einöde hundert Meilen weit ins Land hinein und schnitt den größten Teil Morias von dem Meer im Osten ab. Michael hatte mir die Ebene der Verzweiflung einmal in einer Schale des Sehens gezeigt. Es war ein furchtbarer Ort, bevölkert nur von den weißen Skeletten der Bäume, von Staubstürmen und zermalmten Knochen. Nicht einmal die Handelskarawanen wagten es, die Ebene zu durchqueren. Es hieß, die Luft sei so voll von den Geistern der gequälten Toten, daß die Schreie einen Menschen in den Wahnsinn treiben konnten. Smazors Amoklauf war übrigens von den Vereinten Weißen Colleges selbst verursacht worden. Ohne von der Existenz des Dämons zu wis- sen, hatten sie seinen Herrn, den brutalen Nekromanten Jubilato, getö- tet und Smazor auf diese Weise befreit, so daß er das Land verwüsten konnte, wie es ihm gefiel. Ich hatte Michael einmal danach gefragt, wie um alles in der Welt die Vereinten Colleges einen solchen Fehler begehen konnten. Es war die einzige Frage, die ich ihm, was die Dämonen betraf, je zu stellen wag-, te. »Einem solchen Irrtum kann man leicht erliegen, Kind. Wir können die Dämonenmagie aufspüren, weil immer auch menschliche Magie vonnöten ist, um sie zu erlangen. Wenn ein Dämonensklave in dieser Dimension weilt, braucht sein Herr keine weitere Magie zu benutzen, um ihm seinen Willen aufzuzwingen. Und die Taten des Dämons selbst entziehen sich unserer Magie vollkommen. Aristo stellt die These auf, daß dies seinen Grund darin habe, daß Dämonen eher übernatürliche als magische Wesen seien. Ich hoffe«, fuhr er streng fort, »daß du dir nicht gestattest, ein unkluges Interesse an diesem Thema zu fassen.« Wie so viele Dinge, die Michael sagte, bewirkte sein Vortrag genau das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt hatte. Die Nekromantie war ohne Reiz für mich. Ich hatte kein Verlangen nach Gewalt. Aber Dämonen… das war etwas anderes! In dieser Nacht lag ich wach in der Dunkelheit und verspürte eine verführerische Sehnsucht, diese Wesen zu begreifen. Ihre schwindelerregende Macht und ihre niemals von Schuldgefühlen belastete Handlungsfreiheit waren berauschend für einen Menschen, der von beidem so wenig besaß. Von da an suchte ich nach jeder noch so kleinen Information über Dämonen. Michaels Warnungen nahm ich nicht besonders ernst. Man kann sich nicht durch die bloße Lektüre von Büchern in Schwierigkeiten bringen und mehr tat ich ja nicht. Ich war nicht dumm genug, zu ver- suchen, Kontakt mit den Dämonen aufzunehmen; ich war durchaus zufrieden, sie aus der Ferne zu studieren. Überdies gab es da nicht viel zu wissen. Beschwörungen der schwarzen Kunst wie das Herbeirufen eines Dämons konnten auf der Oesteradd-Halbinsel nicht mehr durch- geführt werden, da die weißen Magier kurz nach Smazors Angriff den Anti-Nekromantie-Pakt geschlossen hatten. Aber ich hatte nicht nur Bücher gelesen. Ich hatte auch viel über Dämonen nachgedacht. Ich hatte ausführliche Überlegungen zu ihrer Natur angestellt und versucht, mir ihr Leben in ihrer eigenen Dimensi- on vorzustellen. Lebten sie alle in verschiedenen Dimensionen oder auf ein und derselben Dimension? Und, wenn letzteres der Fall war, wie sah dann ihr Zusammenleben aus? Lebten sie zusammen, wie Men- schen es taten? Oder wie Raubtiere und Beute? Welcher Natur war die Barriere zwischen unseren Welten? Wie war sie gewachsen? Wenn die Dämonen ihre Kräfte über diese Barriere hinweg zur Geltung bringen konnten, warum war es für sie dann trotzdem so schwer, die Grenze selbst zu überwinden? Und so weiter und so fort. Damals war es mir durch den Sinn gegangen, daß mein Benehmen vielleicht unklug war, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich wohl kaum wichtig genug war, als daß ein Dämon sich mit mir beschäftigt hätte., Als ich nun in meinem kleinen Zimmer im College lag, war ich mir da nicht mehr so sicher. Nachdem ich mein schleimgetränktes Nachthemd ausgezogen und vernichtet hatte, wusch ich mich am ganzen Leib mit eiskaltem Wasser und schwor dem Hazia auf ewig ab. Ich fragte mich, ob all meine früheren Gedanken und Nachforschungen wirklich so harmlos gewesen waren, wie ich geglaubt hatte. Entsetzen und ein törichtes Gefühl der Scham erfüllten mich. Seit wir Moria verlassen hatten, hatte ich nicht viel an Dämonen gedacht, aber die Faszination, die von ihnen ausging, muß die ganze Zeit über in mir geschlummert und nur daraufgewartet haben, endlich freigesetzt zu werden… Hatte diese Faszination mich zu dem Dämon geführt? Oder war ich dorthin gelangt, weil der Dämon es so gewollt hatte? Hatte er die ganze Zeit auf mich gewartet…? Gott und Engel! Ich warf hastig einen Blick über meine Schulter, und die Schatten hinter dem Schreibtisch und unter dem Bett schienen mit einemmal Substanz anzunehmen. Jetzt hatte mich also ein Dämon gesehen. Es gab eine Verbindung, und wer konn- te vorhersagen, wohin das alles führen mochte. Wenn ich nicht vorsichtig war. Ich schob meine Angst resolut beisei- te. Ganz gleich, wie er mir in dem Haziatraum erschienen war, er war in seiner eigenen Welt, und ich war sicher aufgehoben in der meinen. Was konnte er mir, vernünftig betrachtet, schon tun? Die Nekromantie hatte keinen Reiz für mich. Wenn ich die Runen der Umlenkung und des Schutzes auslegte, würde der Dämon sein Interesse an mir verlie- ren. Es war ja nicht so, als wäre ich mächtig genug, um ihn in diese Welt zu holen. Ich war fast fertig angekleidet, als es abermals an der Tür klopfte. Mein sprichwörtliches Pech, dachte ich, als ich an die Tür ging. Für gewöhnlich besuchte mich niemand, und jetzt. gerade in dem Augen- blick, in dem ich es wirklich nicht wollte… Es war die Heilerin des Colleges, eine adrette, stille Frau in Braun. »Hallo«, sagte ich. Ihr Name fiel mir im Moment nicht ein. »Der Dekan schickt mich«, sagte sie und drückte entschlossen die Tür auf, um ins Zimmer zu treten. »Ich höre, du bist krank.« »Mir geht’s gut«, sagte ich. Jetzt saß ich in der Klemme. Sobald sie mich untersuchte, würde sie die Symptome des Hazia-Mißbrauchs er- kennen. »Ich hatte Kopfschmerzen, aber die sind wieder weg. Ich schlief gerade, als der Bote kam.« Sie schnupperte. Ich folgte ihrem Blick. Der Rest meines Klumpens Hazia lag auf dem Arbeitstisch – klein, aber ebenso unübersehbar wie ein Leuchtfeuer. Sie sah mich scharf an. Ich konnte ihr nicht in die Au- gen sehen. Sie streckte die Hand aus, griff nach dem Hazia und steckte es in ihre Tasche., Ich stieß einen Laut des Protestes aus. »Ich glaube«, sagte sie bedachtsam, »ich werde dem Dekan sagen, daß du Kopfschmerzen hast und dich einige Stunden hinlegen mußt. Ich könnte mir denken, daß du, sagen wir um drei Uhr, wieder ganz gut beisammen bist. Ich werde dem Dekan sagen, daß er dich dann erwarten kann.« Sie ging zur Tür. »Das gehört mir!« sagte ich; ich hatte ganz vergessen, daß ich dem Hazia gerade abgeschworen hatte. »Es überrascht mich, daß du das zugibst. Vielleicht möchtest du die Zeit bis drei Uhr damit verbringen, über die Torheit zu meditieren, ver- botene Stoffe zu benutzen, vor allem während des Schultags.« Sie zog die Tür hinter sich zu. Eingebildetes Miststück, dachte ich. Michael sagte, es sei typisch für solche Frauen, jede Gelegenheit zu nutzen, uns, die wir mit größeren Kräften gesegnet waren, ihre Macht spüren zu lassen. Für gewöhnlich hatte er in solchen Dingen recht. Trotzdem war an ihren Worten etwas dran. Ich mußte mich tatsäch- lich hinlegen, bis die Nachwirkungen der Droge abklangen. Obwohl ich die Vision hinter mir gelassen hatte, hatte die Welt immer noch eine beunruhigende Neigung, ihre Farbe zu wechseln und mir vor Augen zu tanzen. Ich hatte anscheinend auch meine ganze Konzentrationskraft eingebüßt, denn nachdem ich die Runen des Schutzes und der Umlen- kung im Zimmer ausgelegt hatte, verbrachte ich die Zeit bis zu meinem Termin beim Dekan tatsächlich damit, über meine Torheit nachzuden- ken, statt mich weiter wegen des Dämons zu sorgen. Wenn der Dekan Wind davon bekam, war ich in ernsten Schwierigkeiten. Die Benutzung von Hazia war im College verboten, und einige Studenten – unter an- derem Mylom, der Bursche, der mir das Hazia verkauft hatte – waren in jüngster Zeit wegen Drogenmißbrauches des Colleges verwiesen worden. Aber sie konnten wenigstens irgendwohin. Aber wo sollte ich bleiben, wenn ich ausgeschlossen wurde? Ich hatte am frühen Morgen einige Stunden vor Sonnenaufgang aus Schlaflosigkeit verbotenerweise etwas Hazia genommen, obwohl ich ganz genau wußte, daß ich mich dann am nächsten Tag in meinem Zimmer verstecken mußte, bis die Visionen aufhörten. Langeweile ist jedoch das Schlimmste an der Schlaflosigkeit. Ich war einfach davon ausgegangen, daß meine Abwesenheit niemandem auffallen würde. Wenn ich jetzt zurückblickte, konnte ich nicht glauben, wie dumm ich gewesen war. Es war mir nicht im Traum eingefallen, Hazia zu nehmen, solange Michael noch lebte. Hazia war ziemlich beliebt unter den Studenten der, Magie, und einige Magiergemeinschaften benutzten seine Visionen so- gar zur Steigerung ihrer okkulten Kräfte. Aber Michael hatte immer gesagt, wenn man über ausreichende Kräfte verfügte, benötige man nichts weiter, um diese noch zu vergrößern. Dann war er gestorben. Und ich war allein, ein morianischer Flücht- ling in einem fremden Land, die einzige Frau in einem College voller Männer. Ich verlor schnell jedes Interesse an den Unterrichtsfächern, die zuvor meine Tage ausgefüllt hatten. Um die Wahrheit zu sagen, ist die Magie im Grunde eine langweilige Angelegenheit – das endlose, zermürbende Auswendiglernen wahrer Namen und Zaubersprüche, die endlose Wiederholung kleiner Rituale. Ich versuchte, Michaels Erfor- schung der geheimen Namen der Steine fortzuführen, aber auch das konnte mich nicht fesseln. Ich versuchte, mich auf dem laufenden zu halten was meinen Unterrichtsstoff betraf, aber es hatte keinen Sinn. Ich war den anderen Studenten so weit voraus, daß ich es nicht nötig hatte, mich mit all diesem langweiligen Kram zu befassen. Ich war be- reits dafür qualifiziert, ein Magier zu werden. Alles, was ich brauchte, waren die drei Jahre, bis ich alt genug dafür war. Nichts, so schien es, konnte mich von meiner Verzweiflung über den Verlust Michaels und dem alles überwältigenden Gefühl ablenken, auf der Welt ganz allein dazustehen. Bis ich das Hazia entdeckte. Ich war den anderen Studenten der Magie immer aus dem Weg ge- gangen. Michael hatte mich so oft vor den freundschaftlichen Annähe- rungsversuchen der männlichen Studenten gewarnt, daß ich ihnen ge- genüber kalt und argwöhnisch war und sie mich vollkommen in Ruhe ließen. Nichtsdestoweniger hatte ich während der trostlosen Zeit direkt nach Michaels Tod doch eine Art Freundschaft geschlossen. Und zwar mit Mylom, dessen Zimmer nicht weit von meinem lag. Er war zwei Jahre jünger als ich und außerdem ein so nichtssagendes und sanftmü- tiges Geschöpf, daß ich in ihm keinerlei Bedrohung sah. Er war es, der mir von den herrlichen Träumen erzählte, die die Droge einem schenk- te, wenn man sie kaute. Er war derjenige, der mir meinen ersten Klumpen Hazia verkaufte. Ich hatte immer schon gern geträumt. Ich war zu vorsichtig, um an den Hazia-Parties der Studenten teilzuneh- men, aber ich experimentierte mit der Droge, wenn ich allein in mei- nem Zimmer war. Oh, diese wunderbaren und manchmal auch beängs- tigenden Visionen und Träume, die ich hatte, wenn ich Hazia kaute. Sie blendeten die Einsamkeit und die Angst aus und führten mich in eine Welt, weit außerhalb der schmuddeligen College-Räume. Als ich es erst entdeckt hatte, verbrachte ich viele Nächte in den vier Monaten nach Michaels Tod in einer Art Drogennebel oder in von Hazia gesteuerten Meditationen. Ich hatte sogar ein ausführliches Tagebuch geführt, in, dem ich meine Erfahrungen festhielt. Es war typisch, daß ich mich für so etwas interessierte. Michael wäre nicht überrascht gewesen. Aber mir war nicht bewußt gewesen, daß diese wunderbaren Träume auch irgendwo außerhalb meiner selbst existierten. Diese Möglichkeit machte mir jetzt, als ich auf meinem schmalen, schlechtgemachten Bett lag, große Angst. Ich gab mir alle Mühe, nicht darüber nachzuden- ken, aber die Sache ging mir ständig im Kopf herum, bis ich das Gefühl hatte, als hätte sie sich ihren eigenen staubigen, kleinen Weg durch mein Gehirn gebahnt. Schließlich versetzte ich mich mit Selbsthypnose in einen bewußtlosen Trancezustand, nur um etwas Ruhe und Frieden zu finden. Schließlich schlug die College-Uhr dreimal, und es war Zeit, zum Dekan zu gehen. Der Winter schleppte sich müde seinem grauen Ende entgegen. Ein scharfer, kalter Wind peitschte durch die Säulengänge und wehte mir meine grobe, wollene Robe gegen die Beine, während ich mit gesenk- tem Kopf und die Hände in den Ärmeln verborgen hastig auf das Büro des Dekans zuschritt. Diese Haltung hielt mich nicht nur ein wenig warm, sondern verbarg auch jedwede Anzeichen von Hazia-Mißbrauch. Ich fühlte mich mittlerweile besser, normaler, obwohl die Studenten, denen ich auf dem Weg durch die feuchten Korridore begegnete, mich vielsagend musterten. Wußten sie es? War es so offensichtlich? Würde der Dekan es bemerken? Er war einer der wenigen Lehrer im College, die mich zu mögen schienen, und ich haßte den Gedanken, ihn zu ent- täuschen. Ich erinnerte mich daran, daß ich denselben nervösen Arg- wohn auch nach anderen Hazia-Episoden verspürt hatte, aber das machte es nicht besser. Der Dekan saß hinter einem Schreibtisch, der mir heute mehrere Meilen breit zu sein schien. Obwohl sein Zimmer sehr prächtig war – dunkle Holzvertäfelungen und Schnitzereien, wie sie dem Oberhaupt eines so wichtigen Colleges zukamen –, war es selbst im Sommer feucht und kalt, und es roch zu jeder Zeit nach Fäulnis und Moder. Es hatte mich immer in Erstaunen versetzt, daß ein so alter Mann diese Kälte aushielt, aber andererseits waren die meisten Räume im College genauso unfreundlich. Als ich eintrat, beugte sich gerade der Zuchtmeister der Studenten, Master John, über den Dekan, um sich einige Papiere auf dem Schreib- tisch anzusehen. Schon wieder Pech. Master John war der attraktivste Mann des akademischen Personals und noch ziemlich jung. Er war groß, mit dunklem Haar und ernstem Habitus, aber ich wußte, daß er wie die meisten Magier etwas gegen Frauen hatte. Deshalb fühlte ich mich in seiner Gegenwart auch immer ein wenig unbehaglich und war vorsichtig mit dem, was ich sagte. Was übrigens völlig überflüssig war,, da es ohnehin immer das Falsche zu sein schien, ganz gleich, wie sehr ich mich bemühte. Die Tatsache, daß ich mir in meinen Tagträumen manchmal vorstellte, die Mißbilligung in seinen Augen könnte sich in Bewunderung verwandeln, machte die Situation auch keinen Deut ein- facher. Der Dekan rollte die Papiere zusammen, und sein mildes, ältliches Gesicht verzog sich zu einem beruhigenden Lächeln. Wenn er lächelte, nahm sein Gesicht immer einen leeren, fragenden Ausdruck an. Ein so alter Mann mußte ziemlich kurzsichtig sein. »Es tut mir leid, daß ich nicht früher kommen konnte, Sir. Ich fühlte mich unpäßlich.« »Ja, das hat Maja mir erzählt. Ich hoffe, es geht Ihnen jetzt besser.« Maja. Das war der Name der Heilerin. Hatte sie ihm von dem Hazia erzählt? Ich forschte in seinem Gesicht nach Anzeichen der Mißbilli- gung. Aber nein, er schien so gelassen und freundlich wie immer. Schließlich bedeutete er mir, Platz zu nehmen, und ich setzte mich auf einen der harten Stühle vor dem Schreibtisch. Zu meinem Entsetzen verabschiedete Master John sich nicht, sondern blieb im Raum; er lehn- te sich gegen das steinerne Fenstersims und verschränkte die Arme über der Brust. Es war natürlich sein gutes Recht, zu bleiben. Als stu- dentischer Zuchtmeister ging alles, was mich betraf, auch ihn an. Aber sein auf mürrische Weise attraktives Gesicht schien mir heute noch grimmiger zu sein als sonst, und seine sonst ziemlich vollen Lippen waren nur mehr eine schmale, dünne Linie. Ich hatte bisher gar nicht darüber nachgedacht, warum der Dekan nach mir geschickt haben mochte, aber jetzt dachte ich darüber nach und stellte fest, daß ich vor Angst zitterte. Es mußte irgendwie mit dem Hazia zu tun haben. »Dion«, sagte der Dekan, »ich habe nach dir geschickt, weil ich fin- de, daß es an der Zeit ist, über deine Zukunft zu sprechen. Diese Frage hat deinen Ziehvater in seinen letzten Lebenslagen sehr beschäftigt. Er hat sich große Sorgen darüber gemacht, was nach seinem Tod aus dir werden würde. Vor längerer Zeit hat er mir einmal erzählt, daß er fürchte, dir einen grausamen Dienst erwiesen zu haben, indem er dich zur Magierin ausbildete und dir so die Möglichkeit raubte, dir deinen Lebensunterhalt auf die Weise zu verdienen, wie ein Mädchen das für gewöhnlich tut.« Etwas in der Art hatte Michael auch einmal zu mir gesagt. Er war immer davon ausgegangen, daß ich eines Tages seine private Praxis übernehmen würde. Seine Klienten kannten mich und hatten sich dar- an gewöhnt, daß auch eine Frau sich ihrer Belange annahm, und ich hätte sein Haus und das kleine Stückchen Land geerbt, das dazu ge- hörte. Mit ein wenig Glück hätte ich davon leben können. Aber das war,, bevor die Revolution der Seelen uns zwang, aus Moria zu fliehen. Als wir dann nach Gallia kamen, dachte er häufig voller Sorge darüber nach, was nach seinem Tod aus mir werden würde. Die Stellungen, die den Studenten des Magiercolleges offenstanden. Lehrerstellen oder Posten bei den großen Familien oder Stadtstaaten waren nie mit Frau- en besetzt worden, und niemand würde einem weiblichen Magier so weit vertrauen, daß sie eine private Praxis hätte errichten können. Der einzige Zweig der Magie, der Frauen für gewöhnlich offenstand, war die Heilkunst, eine Aufgabe, auf die mich meine Jahre der Ausbildung zur Magierin nur sehr schlecht vorbereiteten, ganz davon abgesehen, daß Michael stets der Meinung war, daß ich mich auf Grund meines Tempe- raments nur schlecht zur Heilerin eignen würde. »Dein Ziehvater hat mich mit der Aufgabe betraut, eine Stellung für dich zu finden, und seit seinem Tod halte ich Ausschau nach einer für dich passenden Position. Ich wollte bisher nicht darüber sprechen. Ich fand, es sei noch zu früh. Aber jetzt ist eine Situation eingetreten, die mir keine Wahl mehr läßt.« 0 Gott, dachte ich, ich wußte es ja. Sie haben die Sache mit dem Hazia herausgefunden. Sie werden mich vom College werfen. »Du weißt sicher selbst, daß du wegen der Ausbildung, die du durch deinen Ziehvater erhalten hast, zu den fortgeschrittensten Schülern dieses Colleges gehörst. Abgesehen von deinem Alter hast du jede Qualifikation, bereits jetzt ein Magus zu sein. Nun hat sich etwas erge- ben, für das du als Mädchen einzig in Frage kämst. Um genau zu sein, hat der Herzog eigens um dich gebeten.« Erleichterung. Aufregung. Verblüffung. »Der Herzog?« »Ja, Dion«, sagte der Dekan. Dann warf er Master John über die Schulter hinweg einen vielsagenden Blick zu. »Um was für eine Stellung handelt es sich, Sir?« »Darauf werden wir gleich zu sprechen kommen. In Anbetracht der fortgeschrittenen Ausbildung durch deinen Ziehvater bist du absolut befähigt, die Position mit deinem magischen Wissen auszufüllen, auch wenn du noch sehr jung bist. Aber es ist ebenfalls eine Situation, die großen Takt und Verschwiegenheit erfordert. Das ist es, weshalb ich bislang gezögert habe, die Stelle für dich anzunehmen.« Er seufzte. »Aber in Anbetracht deiner schwierigen Situation habe ich das Ge- fühl, daß du dir eine so große Chance nicht entgehen lassen darfst. Ich glaube, daß. du, wenn du vorsichtig und zurückhaltend bist, eigentlich in der Lage sein solltest, mit allen eventuellen politischen Schwierigkei- ten fertig zu werden, die eine Position bei einem Herrscher mit sich bringen kann.«, Wie sehr Michael und der Dekan sich doch ähnelten. Immer mußten sie alles mit ihren Warnungen verderben. Und das schlimmste war, daß es auch noch funktionierte. Langsam hatte ich Angst davor, zu erfah- ren, um was für eine Position es sich handelte. »Wie die Dinge liegen, wirst du das College offiziell nicht verlassen, so daß du bei jedem Schritt auf dem Weg meine Leitung haben wirst.« Er hatte das Gesicht bei diesen Worten halb in Master Johns Richtung gewandt, als wolle er ihn beruhigen und nicht mich. Master Johns Mund verzog sich zu einem noch grimmigeren Ausdruck, und er drehte sich um und blickte aus dem Fenster. Die Züge des Dekans waren ernster als gewöhnlich. »Also möchte ich dir trotz gewisser Vorbehalte dringend nahelegen, diese Stellung zu akzeptieren. Es ist für dich eine große Chance, die Aufmerksamkeit und die Dankbarkeit der Mächtigen zu gewinnen, und als solche ist diese Position möglicherweise die Antwort auf unsere Ge- bete.« »Um was für eine Stellung handelt es sich, Sir?« fragte ich noch einmal. Dem Dekan schien nicht recht wohl in seiner Haut zu sein. »Schutzmagierin bei Madame Avignon. Der Herzog glaubt, es drohe ihr irgendeine Art magischer Gefahr.« Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Kitten Avignon. Die berüch- tigste Hure auf der Halbinsel und die offen als solche anerkannte Mät- resse des Herzogs von Gallia. Selbst Michael und ich, die wir zurückgezogen im Hinterland von Mo- ria gelebt hatten, hatten von dieser schockierenden Frau und ihrer Af- färe mit dem Herzog gehört. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Herr- scher sich Mätressen hielten, und die gallianischen Herrscher waren in dieser Hinsicht immer besonders schamlos gewesen. Ihre Mätressen hatten jedoch gewöhnlich das blaueste Blut, das man sich nur wün- schen konnte. Nicht so Kitten Avignon. Sie war eine Schauspielerin und Kurtisane, eine Frau von unbekannter Vergangenheit, die gewiß nicht mehr war als eine gewöhnliche Prostituierte. Daheim hatten die Leute mit einer Art gierigen Vergnügens von solch großen Kurtisanen gespro- chen – die Gesichter von bösartiger Verachtung verzerrt, die Lippen geschürzt, hatten sie sich an der köstlichen Labsal der gallianischen Dekadenz ergötzt. Ich hatte Kitten Avignon einmal selbst gesehen. Es war an ebenje- nem Tag gewesen, an dem Michael und ich, staubbedeckt von unserem langen Fußmarsch von Moria aus den Osten Gallias erreicht hatten. Sie war die schönste Frau, die mir je unter die Augen gekommen war. Überall um uns herum winkten und jubelten begeisterte Men-, schen, als sie, umringt von dunkelgewandeten Dienern, auf einem rie- sigen, weißen Pferd dahergeritten kam. Sie saß mit großer Anmut und Würde im Sattel, lächelte und winkte huldvoll mit ihrer feinknochigen Hand. Damals trug sie ein dunkelrotes Kleid, und alles an ihr, angefan- gen von ihrer klaren, weißen Haut bis zu der Rose in dem Hut, der ihr blondes Haar bedeckte, schien in einem lebenssprühenden Glanz zu erstrahlen. Selbst von weitem wirkte sie weich und verlockend. Wir waren an jenem Tag einen weiten Weg gegangen. Mein Ziehva- ter fluchte und sagte irgend etwas Abfälliges über Paraden. Aber mich faszinierte die wunderschöne Dame so sehr, daß ich die freundlich aus- sehende Frau neben mir fragte, ob dies die Herzogin sei. Sie lachte. »0 nein, das ist Kitten Avignon, die Mätresse des Herzogs. Wir nen- nen sie hier Unsere Rosendame.« Michael reagierte mit einem zynischen Lächeln und sagte leise in mein Ohr: »Willkommen in Gallia, meine Liebe! Wo Huren wie Königin- nen durch die Straßen reiten. Sieh dir nur all diese armen Leute an, die ganz unter ihrem Bann stehen.« In meiner Erinnerung wurde die leuchtende Schönheit der Frau plötz- lich zu etwas Verdorbenem und Finsterem. Es war, als hätte der Dekan, dieser zerbrechliche und onkelhafte alte Mann, mir einen obszönen Vorschlag gemacht. Vielleicht hatte er das ja auch getan. Plötzlich hatte ich furchtbare Angst. Vielleicht versuchten sie einfach, mich loszuwerden. War das das Schicksal nutzloser Frau- en? Prostitution? »Nein«, flüsterte ich. »Nein.« »Dion?« »Wie könnte ich? Wie können Sie von mir verlangen…? Sie ist eine Hure…« »Dion! Seht! Ich weiß, daß du als Morianerin vielleicht ein gewisses Problem mit dieser Sache haben könntest … «. »Sir, Sie verlangen von mir, daß ich mich mit einer Frau verbinden soll, die… Michael wäre entsetzt gewesen.« »Dion, bitte. Hör mir zu…« »Mylord«, sagte Master John. »Das Kind hat nein gesagt. Und wer könnte ihr einen Vorwurf daraus machen? Es ist unfair, sie dazu zu drängen, eine so offensichtlich anstößige Stellung anzunehmen.« »Halten Sie sich da heraus, John.« Das freundliche, sanfte Gesicht des Dekans hatte plötzlich eine erstaunliche Härte angenommen. »Di- on, du mußt vernünftig sein.« »Mylord, Sie ist vernünftig. Im Gegensatz zu Ihnen. Begreifen Sie denn nicht… ein unschuldiges Kind in die Arme eines solchen Geschöp-, fes zu treiben.« »John!« »Wie können Sie das tun?« Master Johns Stimme war bedenklich laut geworden. »Wie können Sie die Sache überhaupt ernsthaft in Betracht ziehen? Magische Gefahr! Das ist doch lächerlich! Welcher Magier auf Erden würde sich mit einem gemeinen Flittchen abgeben?« »Master John!« »Und welches College auf Erden würde ein solches Ersuchen von ei- ner solchen Frau auch nur zur Kenntnis nehmen?« »Darf ich Ihnen ins Gedächtnis rufen, daß es sich um das Ersuchen des Herzogs handelt?« Die Stimme des Dekans war leise, aber schnei- dend wie Stahl. »O ja! Von einem Mann, den sie absolut unter Kontrolle hat. Einem Mann, der von der Honigschwesternschaft beherrscht wird. Der regiert wird von der schlimmsten Sorte Frau im Land! Läßt sich das mit der Würde, die diesem College zukommt, in Einklang bringen?« »Und wie läßt es sich mit unserer Würde in Einklang bringen, wenn Mitglieder des Personals vor den Studenten herumbrüllen?« Master John machte ein finsteres Gesicht. Der Dekan starrte ihn an. Verschwunden war der freundliche alte Herr. Vor mir saß ein strenger Mann, hart und würdevoll und erfüllt von unsäglicher Macht. »Sie sind ein Narr, John. Die Mißbilligung der Mitglieder des engsten Kreises um den Herzog kann nur als Mißbilligung des Herzogs selbst ausgelegt werden. In anderer Gesellschaft hätte man Sie für Ihre Wor- te in die Festung geworfen.« Er drehte sich zu mir um, und sein Gesicht wurde wieder weicher. »Also, Dion. Glaub mir, ich verstehe, wie abscheulich dir dieses An- sinnen erscheinen muß. Ich verstehe, daß es einem anständigen jun- gen Mädchen zuliefet widerstreben muß, sich mit einer Kurtisane zu verbinden. Aber du darfst nicht vergessen, daß es sich hier nicht um die Bitte dieser traurigen und irregeleiteten Kreatur handelt, sondern um die Bitte des Herzogs. Die Bitte unseres Regenten, eines Mannes, dem, wenn ich das hinzufügen darf, du und dein Ziehvater viel zu ver- danken hast. Er war nicht dazu verpflichtet, euch in Gallia Asyl zu ge- währen. Du mußt doch einsehen, daß es undankbar wäre – und vor allen Dingen höchst unklug –, aus verletztem Ehrgefühl diese recht simple Aufgabe auszuschlagen. Madame Avignon ist die Favoritin des Herzogs, und deswegen muß es für jeden Menschen eine große Ehre sein, ihr dienen zu dürfen. So sind die Dinge nun einmal in Gallia. Es würde mich allerdings überraschen, wenn es irgendwo auf der Welt anders wäre.«, Plötzlich hatte ich große Angst. Ich konnte das nicht tun. Wie auch? Ich gab mir alle Mühe, meine Gründe in Worte zu fassen. »Aber Sir. Wird das nicht meinen Ruf ruinieren? Wie soll ich danach jemals eine respektable Stellung finden? Wer wird mich dann noch nehmen?« »Ja, Mylord«, sagte Master John. »Haben Sie das bedacht? Haben Sie daran gedacht, wie die Leute sie vielleicht behandeln werden, wenn ihre Verbindung mit dieser Frau erst einmal bekannt wird?« Er schlug auf den Schreibtisch. »Haben Sie die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß sie auf Grund Ihres Ansinnens später vielleicht keinerlei Aussichten auf eine Stellung mehr haben wird? Haben Sie wirklich an ihre Zukunft gedacht, Herr Dekan?« Der Dekan schloß mit gequälter Miene die Augen. Master John schwieg. »Fertig, John?« Seine Stimme troff vor Sarkasmus. »Dann erlauben Sie mir freundlicherweise, Sie beide darauf hinzuweisen, daß Dion kei- ne Zukunft hat. Ehrlich, John, haben Sie das nicht selbst gesagt? Wer auf dieser Welt würde einem weiblichen Magier eine Stellung anbieten? Dion ist nicht für die Heilkunst ausgebildet, und ich bezweifle, daß ir- gend jemand eine mitgiftlose Frau mit magischen Kräften als passende Gemahlin erachten würde. Was ist das für eine Zukunft, von der Sie reden? Es gibt niemanden, der für sie sorgen wird, wenn wir an diesem College es nicht tun. Und genau das versuche ich im Augenblick. Hier haben wir eine Situation, die ihren schlimmsten Mangel in einen Vorzug verwandelt. Denken Sie doch nur, wieviel unpassender es wäre, einen jungen Mann mit einem Mitglied der Honigschwesternschaft in Kontakt zu bringen. Es ist nur natürlich, daß der Herzog für diese Stellung eine Frau vorzieht.« Alles, was er sagte, entsprach der Wahrheit. Ich wußte bereits, daß es so war. Aber trotzdem war es bitter, all das ausgesprochen zu hö- ren. Ich senkte den Kopf, damit sie die Tränen in meinen Augen nicht sahen, aber der mitleidige Blick, mit dem Master John mich bedachte, entging mir nicht, ebensowenig wie die Mutlosigkeit, mit der er die Schultern sinken ließ. »Es tut mir leid, Dion«, sagte der Dekan. »Es war grausam, daß ich es ausgesprochen habe, selbst wenn es die Wahrheit ist. Glaub mir, ich verstehe durchaus, daß ein besudelter Ruf für jede Frau eine schwere Bürde sein muß. Aber ich habe Schritte unternommen, um zu verhin- dern, daß dir aus deiner Verbindung mit Madame Avignon irgendein Schaden erwächst. Der Schutzzauber erfordert kaum große Intimität, daher ist es unwahrscheinlich, daß du mehr als zweimal mit ihr zu- sammenkommen mußt. Der Herzog hat mir gesagt, daß nur einige we-, nige Berater, die sich seines Vertrauens erfreuen, von der Situation Kenntnis haben. Höchstwahrscheinlich wird niemals jemand von deiner Position dort erfahren. Du wirst in der Sicherheit des Colleges bleiben, wo wir dich leiten und schützen können. Vor allem muß du immer dar- an denken, daß dies für dich eine Gelegenheit ist, die Gunst des Her- zogs zu gewinnen. Das kann dir nur nutzen.« Ich war nicht beruhigt, trotzdem fielen mir im Angesicht der geduldi- gen Gewißheit des Dekans keine weiteren Einwände mehr ein. Ich sah ihn nur voller Angst und Entsetzen an und dachte, daß ich, wenn ich mein Gehirn nicht mit Hazia eingenebelt hätte, die Einwände gegen diese Aufgabe hätte sehen und vorbringen können. Der Dekan seufzte. »Dion, wenn es zum Schlimmsten kommt… auch dafür habe ich Vorsorge getragen. Ich habe eine lebenslängliche Pensi- on und einen kleinen Bauernhof für dich ausgehandelt; zusätzlich zu einem sehr beachtlichen Honorar. Du kannst dich immer noch aufs Land zurückziehen, bis die Leute vergessen. Begreifst du denn nicht, daß du bei allen Risiken, die diese Stellung mit sich bringt, nur davon profitieren kannst? Es ist vielleicht die einzige Position, die man dir je- mals anbieten wird. Aus keinem anderen Grund als diesem möchte ich dich drängen, das Angebot anzunehmen.« Ich konnte nur an die verächtlichen Gesichter der Dorfbewohner zu Hause denken, wenn sie von Frauen wie Madame Avignon sprachen; außerdem fielen mir plötzlich all die traurigen Geschichten wieder ein, die unsere Haushälterin von ruinierten Mädchen und ihren Schicksalen zu berichten gewußt hatte. Ich hatte Angst. »Dion, ich selbst und Master John werden dir auf jedem Schritt des Weges beistehen, und wir werden alles in unseren Kräften Stehende tun, um dich zu beschützen. Welche Aussichten hast du, wenn du nein sagst? Du mußt an deine Zukunft denken.« Ich hatte über diesen Punkt tatsächlich nachgedacht. Oft, wenn ich allein in meinem Zimmer saß. Zu oft. Das war einer der Gründe, wa- rum ich angefangen hatte, Hazia zu nehmen. Ich sah Master John an, aber er starrte wieder aus dem Fenster. Ich sah den Dekan an. Ich spürte förmlich, daß er meine Zustim- mung unbedingt wollte. Ich hatte allen Grund, seinem Urteil zu vertrauen. Wenn er sagte, es würde gutgehen, dann mußte es gewiß auch so sein. Ich würde Geld haben, einen kleinen Bauernhof und die Chance, von diesem elenden College wegzukommen, in dem ich jede Nacht allein in meinem Zimmer saß und zuhörte, wie die Studenten draußen auf dem Flur einander freundschaftlich irgend etwas zuriefen. »Na gut«, sagte ich., Rückblickend fällt es mir schwer, zu glauben, wie groß meine Angst vor Kitten Avignon war. Aber andererseits war ich eine junge Frau aus einem kleinen Dorf auf dem Land, einer Gegend, die auf der ganzen Halbinsel für ihre Prüderie bekannt war. Ich hatte niemals wirklich je- manden kennengelernt, der offen von der konventionellen Moral ab- wich. Ich wußte nur vom Hörensagen von solchen Leuten, aus den allzu glaubhaften Erzählungen unserer Haushälterin. Und selbst Michael hat- te mich vor ›gefallenen‹ Mädchen gewarnt. Er war in Moria sehr be- kannt gewesen, und manchmal hatten die Kurtisanen aus der Stadt nach ihm geschickt, wenn sie Salben oder Liebestränke benötigten. Er hatte die Boten dann an andere, weniger kritische Magier weiterge- schickt. »Wenn du dich mit Huren einläßt, führt das unweigerlich zu Schwie- rigkeiten«, warnte er mich. »Sie sind boshafte und verbitterte Frauen, die sich ihr Leben zerstört haben, weil es ihnen an Kontrolle über ihre eigenen Begierden mangelt. Sie mißbrauchen die Schwäche der Män- ner, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, die immer verdorben und selbstsüchtig sind.« Wenn alles stimmte, was die Leute über solche Frauen erzählten, mußte Kitten Avignon mich automatisch hassen. Was, wenn sie ver- suchte, mich zu mißbrauchen oder mir zu schaden? Wie sollte ich mich dagegen schützen? Und ich hatte noch einen anderen Grund, den Kontakt mit Kitten A- vignon zu fürchten. Wie Michael mir einmal ins Gedächtnis rief, als er mich bei einem Gespräch mit einem Jungen aus dem Dorf ertappte, hatte ich jeden Grund, in bezug auf mein Benehmen besonders vor- sichtig zu sein. Meine Mutter war eine Dienstmagd in einem Gasthaus gewesen, eine Frau mit mehreren Kindern, die niemals einen Ehemann gehabt hatte. Ich näherte mich Madame Avignon mit dem Gefühl, daß man sich für gewöhnlich für besonders ansteckende Krankheiten vorbehält. Am folgenden Abend, als die Sonne hinter den Türmen Gallias unter- ging und die Glocken zur Abendmesse läuteten, ging ich an Master Johns Seite gehorsam durch die engen Gassen zum herzoglichen Pa- last. Die untergehende Sonne färbte den Himmel golden, und die gro- ßen Krähenscharen, die im Giebel der Kathedrale nisteten, umkreisten diese wie eine wärmende schwarze Wolke. Ich hatte den herzoglichen Palast noch nie aus der Nähe gesehen, und seine Pracht trug keineswegs dazu bei, meine Nerven zu beruhi- gen. Der Palast war ganz anders als die altertümlichen Steinburgen, die, ich in Moria gesehen hatte. Er war rechteckig angelegt, mit einer lan- gen Fassade weißer Säulen und einem gewaltigen, vergoldeten Trep- penaufgang, der zu mächtigen Eisentüren hinaufführte. »Der Vater des Herzogs hat den Bau begonnen. Er wurde im mo- dernsten Stil errichtet«, sagte Master John, der ein gebürtiger Gallianer war, mit großem Stolz. Master John war für seine Verhältnisse unge- wöhnlich redselig; er wies mich auf all die Besonderheiten des Palastes hin und erzählte mir, daß der vergoldete Treppenaufgang ein Geschenk der Kaufmannsprinzen aus Ishtak war. Ich hatte den Verdacht, daß er versuchte, mir meine Befangenheit zu nehmen. Als wir die von Mar- morheiligen gesäumte Treppe hinaufgingen, hielt ich die Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, damit Master John nicht sehen konnte, wie sehr sie zitterten. Hinter der Tür wurden wir von einem dienernden Majordomus emp- fangen, der uns anwies, ihm zu folgen. Während er steifbeinig vor uns herging, führte er uns durch ein schwindelerregendes Gewirr von Räu- men, von denen einer bombastischer eingerichtet war als der andere. In jedem der Räume waren die Wände eine einzige Explosion von Farbe und Bewegung, sich krümmenden Gestalten, von Tieren und Engeln, deren Glieder ineinander verschlungen waren – alles auf gewaltigen Wandteppichen. Die Decken bestanden aus schweren Eichenvertäfelun- gen, in die hier goldene Früchte und Blumen im Überfluß eingeschnitzt waren und dort Geigen und Flöten. Gewaltige Steindrachen schwangen sich die Geländer eines Treppenaufgangs aus weißem Marmor empor. Von jeder Decke hingen im Licht blitzende Gebilde aus Kristall und Ker- zen herab wie phantastische Trauben. Wir kamen durch eine Galerie, deren Wände geradezu gefährlich waren, bei all den Spitzengeweihen von Hirschen; im nächsten Raum dann bestanden die Tapeten aus wei- chen, goldenen Brokatstoffen. Es war ein Festmahl für die Augen und, Gott sei Dank, so sinnverwirrend, daß es mich von meinen gegenwärti- gen Sorgen ablenkte. Selbst Master John sah sich mit großen Augen um. Ich selbst hatte noch nie solchen Reichtum erblickt, solche un- glaubliche Pracht. Ich fragte mich, wie es sein mußte, in all diesem Glanz zu leben, und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß überhaupt jemand hier lebte. Endlich kamen wir in ein riesiges, silberglänzendes Gemach, das vol- ler Männer in raschelnden Roben aus üppigem Samt zu sein schien, die sich von einer Seite des Raumes zur anderen bewegten und einander zunickten, als seien sie Teil eines höfischen Tanzes. Sie alle schienen uns zu beobachten, und dennoch ertappte ich niemanden dabei, uns wirklich anzusehen. Auf den zweiten Blick wurde mir klar, daß die Wände mit Spiegeln behängt waren, so daß jede Gestalt im Zimmer, sich zu einer bevölkerten Unendlichkeit des Raumes ausdehnte, und daß sich in Wirklichkeit nur vier oder fünf Leute in dem Gemach befan- den. Der Thron am anderen Ende des Raumes war leer. Unser Führer zögerte nicht lange, sondern führte uns quer durch das Zimmer, zog den weichen Samt hinter dem Thron beiseite und bedeutete uns, hin- durchzutreten. Auf einem brokatbezogenen Sessel in der Mitte des Hinterzimmers saß der Dreh- und Angelpunkt, um den all diese Pracht kreiste: Herzog Leon Sahr, ein kleiner, adretter Mann mit unauffällig braunem Haar und einem weichen, spitzen Bart, der im Augenblick damit beschäftigt war, Kirschen zu verzehren und die Kerne in seine Hände zu spucken. Das also war der Herzog – der Mann, der mit achtzehn Jahren seinen eigenen Vetter hingerichtet hatte, der Mann, der mit einundzwanzig die Schlacht von Lamia gewonnen und mit diesem Sieg die Stadtstaaten Ishtak und Gallia unter seiner Herrschaft vereint hatte, so daß sie nun den mächtigsten Staat auf der Halbinsel bildeten. Dies war unser Herr- scher, der die Macht hatte, über unser aller Leben und Tod zu befin- den. Irgendwie hatte ich einen größeren Mann erwartet. jemanden, der rein körperlich imposanter war – und trotzdem entfachte etwas in die- sem sanften Gesicht mit dem dünnen, zynischen lächeln echte Furcht in mir, als der Mann nun ein unverfängliches Gespräch mit Master John begann. Es war plötzlich nicht mehr schwer zu glauben, daß dieser schmächtige Mann hier all der Dinge fähig war, die man sich von ihm erzählte. Er sah so aus, als sei er fähig, alles zu tun, was notwendig war. Sein Gewand war indes keine Enttäuschung. Seine Roben bestanden aus üppiger, roter Seide, in die mit Goldfarben das Familienwappen der Sahr eingewirkt war. Die Feder an seinem Hut war mit einer riesigen, fürstlichen Brosche aus Rubin und Gold festgesteckt, und seine dünnen Finger wurden buchstäblich hinabgezogen unter der Last riesiger Juwe- len. »Nun«, sagte der Herzog nach einigen Sekunden. »Das also ist die Studentin, von der wir gesprochen haben. Tritt vor, Studentin.« Master John stieß, mich an. Ich brachte einen Knicks zustande. »Ah, ja. Das ist also die kleine Tochter des Michael von Moria. Das Wunderkind.« Seine Augen wurden schmal. »Sie ist sehr jung.« »Aber ich versichere Ihnen, daß sie der Aufgabe, die Sie ihr stellen, vollauf gewachsen ist«, sagte Master John. »Michael hat ihr eine Aus- bildung gegeben, die sie weit über ihre Jahre hinaus befähigt. Nur ihr, Alter ist der Grund, warum sie noch kein vollqualifizierter Magier ist. Sie hat sämtliche Examina mit besten Noten bestanden. Ich versichere Ihnen, Euer Gnaden, daß Sie nicht enttäuscht sein werden.« Es folgte ein unbehagliches Schweigen, das nur von dem dumpfen Klappern der Kirschkerne durchbrochen wurde, die der Herzog in die kleine goldene Schale neben sich warf. Dann griff er nach einer Leinen- serviette von solch vollkommenem Weiß, daß sie in dem finsteren Raum zu leuchten schien, schüttelte das Tuch mit gezierten Bewegun- gen aus und machte sich daran, jeden einzelnen juwelenbeladenen Finger abzuwischen. Ich stand mit gesenktem Kopf da und fühlte mich wie ein unartiges Kind. In diesem langen Schweigen warf ich einen verstohlenen Blick auf Master John und stellte zu meinem geheimen Vergnügen fest, daß er ziemlich genauso aussah, wie ich mich fühlte. »Ja«, sagte der Herzog mit einer gelassenen Stimme, in der unüber- hörbarer Unglauben mitschwang. »Ich bin sicher, das College würde mich niemals enttäuschen.« Er lehnte sich zurück und schlug mit einer eleganten Geste die Beine übereinander. »Tritt vor, Kind!« Ich machte einen Schritt nach vorn, blieb stehen und knickste als Dreingabe noch einmal. »Dein Ziehvater war ein großer Favorit von uns. Wir haben ihn ken- nengelernt, als wir zu Besuch bei dem verstorbenen Herzog in Manga- lore waren. Ein so sensibler, aufrichtiger Mann. Ein trauriger Verlust für Moria, meinen wir, obwohl die Morianer aus irgendeinem Grund nicht mit uns übereinstimmen. Wir waren bekümmert, von seinem Tod zu hören.« Ich senkte den Kopf und murmelte einige Worte des Dankes. Etwas in der Art, wie er sprach, gab mir das Gefühl, als sei es eine große Eh- re, daß ein solch bedeutender Mann sich derart lobend über Michael äußerte. »Du hast großes Glück, einen so hervorragenden Lehrer gehabt zu haben. Ich würde in jeden Schüler dieses Mannes großes Vertrauen setzen. Meinst du, daß ich da Recht habe, Kind? Sieh mich an. Meinst du, du wirst der vor dir liegenden Aufgabe gewachsen sein?« Er sah mit harten, schmalen Augen in mein Gesicht. Es war ein Ge- fühl, als würde mich die Sonne blenden, daher senkte ich den Blick. »Jawohl, Mylord.« »Dann sehen Sie zu, daß sie recht behalten, Mademoiselle. Ich wäre nicht erfreut, wenn Sie versagen würden.« »Euer Gnaden, wir würden niemals einen unwürdigen Magier in Ihre, Nähe lassen«, sagte Master John. Schweigen. Plötzlich lächelte der Herzog. Dann lachte er. Er stand auf und schlug Master John auf die Schulter. Augenblicklich schien der Raum heller geworden zu sein; und er schien es nicht nur, er war tatsächlich heller geworden. »Natürlich würden Sie das nicht tun. Würdiger Master John. Sie müs- sen Ihrem Herrscher eine momentane Unsicherheit verzeihen. Der Ge- danke, daß dieses bezaubernde junge Mädchen in der Magie versiert sein soll, ist schwer faßbar, das ist alles. Es ist so seltsam, einem weib- lichen Magier gegenüberzustehen. Obwohl ich glaube, daß so etwas in den alten Reichen des Westens durchaus üblich ist.« Er lachte wieder. »Ein beunruhigender Gedanke. Wenn man überlegt, wie die Frauen unsereins auch ohne Magie verzaubern können, frage ich mich wirklich, wie unsere armen Brüder aus dem Westen da bestehen können. Neh- men wir nur meine liebe Madame Avignon zum Beispiel.« Er wandte sich um, und plötzlich bemerkte ich, daß in der Dunkelheit neben der Tür ein schlanker Schatten stand. Der Herzog hob die Hand. »Kitten, bleib da nicht in der Dunkelheit stehen. Komm und laß dich diesen Leuten vorstellen.« Als sie vortrat, konnten Master John und ich sie nur mit offenem Mund anstarren. Ich würde mir gern einreden, daß es nur an dem fa- belhaften pfauenblauen Samtkleid lag, das sie trug. Aber ich weiß, daß es ihre Brüste waren, die ich anstarrte. Wie hätte ich mich auch dage- gen wehren können? Dieses Kleid war dazu bestimmt, aller Augen auf diese festen, weißen Kugeln aufmerksam zu machen, die so sehr von ihrem Mieder eingeengt wurden, daß es an ein Wunder grenzte, daß sie nicht heraussprangen. Ihr blondes Haar war zu einer Hochfrisur aufge- türmt, so daß ihr langer, weißer Hals nackt war und nur von einem Ring dunkler Federn eingerahmt wurde. Alles zwischen ihrem Gesicht und ihren Brustwarzen schien eine endlose nackte Fläche zu sein; sie war nackter, als hätte sie überhaupt nichts angehabt. Sie war so leuch- tend, so weich, so verlockend, daß es mich in den Fingern juckte, ihre Haut zu betasten. Ich errötete und senkte den Blick Ihre Erscheinung lenkte mein Bewußtsein unangenehm auf die Tatsache, daß wir alle unter unseren Kleidern nackt waren. »Ah, ja«, gurrte der Herzog. Die Wirkung, die seine Mätresse auf uns hatte, freute ihn offensichtlich. »Man könnte sie beinahe für eine Zau- berin halten, nicht wahr? Komm, Kitten, meine Liebe, setz dich zu mir.« Sie knickste vor uns (was ihren Ausschnitt, wenn das überhaupt möglich war, noch unschicklicher machte), lächelte und murmelte ein, leises Grußwort. Dann bewegte sie sich mit träger Anmut und schwin- genden Hüften an uns vorbei, und der Stoff ihres Kleides wisperte bei jedem Schritt über den Boden. Der Rückenausschnitt ihres Gewandes war noch schlimmer, denn, um genau zu sein, gab es bei diesem Kleid keinen Rückenausschnitt, sondern nur eine neuerliche Fläche nackten Fleisches. Abermals war ich wie gebannt, diesmal von der langen, glatten Linie ihres Rückgrats. Ihre Haut leuchtete wie funkelnde Seide vor dem Hintergrund des dunklen Mitternachtsblaus ihres Kleides und der goldenen Pfauenfe- dern. Es mußte wohl das unanständigste Kleid gewesen sein, das ich je gesehen hatte. Sie knickste vor dem Herzog, und er hieß sie auf einem brokatbezo- genen Hocker neben dem Thron Platz nehmen. Sie sah sogar in dieser Pose noch anmutig aus, und die Schleppe ihres Gewandes schleifte über die Stufen des Podiums. In einer Hand trug sie einen großen Fä- cher aus Pfauenfedern, den sie quer über ihre Knie legte. Ich blickte zu Boden, fest entschlossen, sie nicht anzustarren, und doch ständig in dem Bewußtsein, daß sie am Rande meines Gesichtsfelds war. »Mademoiselle Dion«, sagte der Herzog, »Sie müssen wissen, daß die Sicherheit unserer teuren Madame Avignon von allerhöchster Wich- tigkeit für uns ist. Ich bin mir sicher, daß ich die Bedeutung dieser Tat- sache nicht zu betonen brauche. Ebensowenig wie das Ausmaß unseres Mißfallens, sollte sie irgendein magisches Unglück befallen. Es wäre ein nicht wiedergutzumachender Verlust für unseren Hof, sollte einem so kostbaren Juwel etwas zustoßen.« Er lächelte Madame Avignon an und küßte ihre weiche, weiße Hand (auch ihre Arme waren nackt – gab es überhaupt etwas, daß dieses Kleid verhüllte?), und sie schenkte ihm als Dank ihrerseits ein betören- des lächeln. Dann wandte er sich mit harten, funkelnden Augen wieder an uns. »Wir erwarten natürlich völlige Diskretion. Wir wünschen nicht, daß bekannt wird, daß Sie Madame Avignon beschützen. Denn wenn diese Tatsache allgemein bekannt würde, könnte das für Sie beide eine ge- wisse… Unannehmlichkeit bedeuten. Wenn irgend jemand fragt, müs- sen Sie sagen, daß Sie lediglich heilende Magie wirken. Das ist viel- leicht das Schönste daran, daß Sie eine Frau sind.« Ich nickte und knickste nur stumm, da ich nicht recht wußte, was ich darauf sagen sollte. Der Herzog beugte sich vor und lächelte. Es war ein Lächeln, für das man sterben konnte. Der Gedanke, diesen Mann zu enttäuschen, war unvorstellbar schrecklich. »Ich bin mir sicher, daß Sie uns nicht im Stich lassen werden. Gibt, es sonst noch etwas, das Sie benötigen, um den Schutzzauber aufzu- bauen?« »Master John muß bestimme Symbole auf den Boden zeichnen. Ma- dame… die Dame muß in den Kreis dieser Symbole treten. Dann muß ich die Dame einige Minuten lang ansehen, um die schützende Magie um sie herumzuweben.« »Zweifellos eine angenehme Aufgabe.« Er und Madame Avignon tauschten abermals ein Lächeln. »Müssen Sie zu diesem Zweck mit ihr allein sein?« »Nein, Mylord. Das ist nicht notwendig.« Gott sei Dank, dachte ich. Ich hatte keinen Grund, so verlegen zu sein. Dennoch machten Madame Avignon und dieses elende Kleid mich schrecklich nervös. Es war so schwierig, nicht ihren Ausschnitt anzu- starren, aber trotzdem… welche normale Frau starrt schon den Busen einer anderen Frau an? Um Gottes willen, Dion. Du bist ein Magier. Denk an deine Würde. »Wenn die Dame bitte einfach vortreten würde.« »Natürlich«, murmelte Madame Avignon. Selbst ihre Stimme war verführerisch, tief und weich und von einem leichten ausländischen Akzent gefärbt. Sie lächelte mich an. Es war das erste Mal, daß ich ihr Gesicht be- merkte. Es war wunderschön, aber… irgendwie wissend – ihre Augen waren von schwerem Kohlstift umrahmt und die Lippen fest und von einem unnatürlichen, leuchtenden Rot. Das Lächeln schien nicht recht dazu passen zu wollen. Es verwirrte mich. Es war so warm und freund- lich und irgendwie tröstend. Plötzlich war ich argwöhnisch. Wieso sollte sie so herzlich zu mir sein? Sie kannte mich doch gar nicht, und trotz- dem lächelte sie mir zu, als wäre ich ihre Lieblingsschwester. Master John kroch auf allen vieren um sie herum; er bewegte sich ein wenig unbeholfen in seinen langen Roben, während er mit Kreide die Symbole auf den Boden zeichnete. Es war ein seltsames Gefühl. Für gewöhnlich war es jemand wie ich, der solch niedrige Aufgaben verrichtete. Während er arbeitete, erläuterte er dem überaus interes- sierten Herzog, was es mit dem Schutzzauber auf sich hatte, daß man ihn mühelos aufrechterhalten konnte, indem man das Ritual viermal am Tag wiederholte, daß dieser Schutz einen Menschen in einer Art magischen Kokon einhüllte, so daß kein anderer Magier ihn mit einem Zauber belegen konnte, und daß ich den Zauber würde aufrechterhal- ten können, ohne Madame Avignon in Zukunft wieder belästigen zu müssen. »Soll ich mich umdrehen?« fragte sie mich. »Ich werde Ihnen Bescheid geben.«, Ich mußte mir ihr Bild genau einprägen, aber das war sehr schwierig. Ich wollte diese Art Intimität mit solch einer Frau nicht. Zumindest machte mein Argwohn ihr gegenüber sie zu einer realen Person, so daß es mir leichter fiel, mich auf die mir zugewiesene Aufgabe zu konzent- rieren statt auf ihren beunruhigenden Ausschnitt. Master John stand auf und nickte mir zu. Ich schloß die Augen, fand meine eigene Mitte und begann, leise die Beschwörungsformeln zu murmeln. Dann konzentrierte ich mich mit aller Geisteskraft, öffnete die Augen und nahm ihr Bild zum ersten Mal ganz in mich auf. Die Magie hat eine seltsame Wirkung auf denjenigen, der sie ausübt. Sie zieht einen aus der alltäglichen Welt heraus, der Welt der Men- schen, des Staubs unter dem Bett und des Geruchs von Schweiß, bis alles unwichtig und unwirklich erscheint, als wäre es ein Bild aus einem Buch. Das ist es, was Magier so kalt wirken läßt. Kein Gefühl kann uns berühren, während wir Magie ausüben. Das einzige, was wir jemals empfinden, ist die logische Erkenntnis, daß uns irgend etwas wahr- scheinlich bekümmern würde, wenn wir nicht gerade Magie wirkten. Was ich meine, ist, daß ich in diesem Augenblick Kitten Avignon und den Herzog mitten im Liebesakt auf dem Boden ineinander verschlun- gen hätte sehen können, ohne irgend etwas anderes zu fühlen als die leidenschaftslose Erkenntnis, daß mir die Erinnerung an diesen Vorfall peinlich sein würde. Daher fiel es mir jetzt leicht, Kitten Avignon anzu- sehen und mich darauf zu konzentrieren, die Beschwörung um sie zu schlingen wie ein Band. Ich glaube, wenn es möglich wäre, würden die meisten Magier ihr ganzes Leben in einem solchen Zustand verbringen. Es schenkt einem so ungeheuren Frieden und nimmt jeden Schmerz. Aber leider sind die meisten mit Magie verbundenen Tätigkeiten zu an- strengend, um sie mehr als einige wenige Stunden am Tag zu prakti- zieren. Ich verknüpfte dieses Band der Beschwörung mit mir selbst und ver- wob es fest mit meinem Wesen, so daß ich der schwächste Punkt in der Kette war. Am Ende war ich sehr müde, aber die Magie hatte mir wie immer eine gewisse Ruhe geschenkt, deren Nachklang ich noch eine Weile spürte. So stand ich ganz still da, während die beiden Männer über mein Ho- norar und andere praktische Dinge diskutierten. Auch Madame Avignon saß ruhig auf dem Hocker neben dem Thron, den Blick gesenkt, als warte sie genau wie ich lediglich darauf) daß die Männer den geschäft- lichen Teil der Angelegenheit vollendeten. Auf dem Rückweg zum College schwieg Master John. Ich verspürte den überwältigenden Drang, ihn zu fragen, was er von alledem hielt,, wie er die Erlebnisse im herzoglichen Palast beurteilte, was er von ihr dachte. In diesem Augenblick wünschte ich mir von Herzen, Michael wäre bei mir, denn ich wußte, daß er mir gesagt hätte, was ich denken soll. Alles, was Master John mir jedoch sagte, war: »Die richtige Anre- de für einen Herzog ist übrigens Euer Gnaden, Dion.« Wir erstatteten dem Dekan Bericht, und ich wurde entlassen, aber bevor sich die Tür des Dekans ganz hinter mir geschlossen hatte, hörte ich Master John mit gereizter Stimme sagen: »Diese Frau ist wie ge- wöhnlich halb nackt herumstolziert, und der Herzog hat sie die ganze Zeit über mit den Augen verschlungen. Wahrhaftig, Mylord, es gefällt mir einfach nicht…« Dann fiel die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloß. 2. Kapitel Ich goß Wasser in die Schale und sprach einen Zauber des Sehens. Das Wasser wurde schwarz. Funkelnde, vielfarbige Lichtpünktchen erschie- nen darin. Das passiert nicht immer, wenn man einen Zauber des Se- hens heraufbeschwört. Der Zauber zeigt einem die gesamte magische Aktivität in einem bestimmten Gebiet, so daß das Wasser manchmal vollkommen schwarz bleiben kann. Wenn man den Zauber jedoch auf eine große Stadt wie Gallia konzentriert, wo die Menschen aus allen erdenklichen Gründen alle möglichen Zaubersprüche kaufen, ist das Bild bevölkerter als der Himmel an einem bewölkten Nachmittag. Mit Hilfe eines Päckchens Wahrsagekarten begann ich, die Schale sorgfältig nach Anzeichen für eine magische Bedrohung für Kitten Avignon abzu- suchen. Bei der Anwendung eines Schutzzaubers ist es üblich, jeden Tag einmal mit der Schale des Sehens zu arbeiten; daher tat ich es auch, obwohl ich es eigentlich für reine Zeitverschwendung hielt Micha- el hatte immer nur Verachtung für nutzlose Menschen gehabt, und es ärgerte mich, daß ich meine Kraft darauf verschwendete, diese Frau zu beruhigen, nur weil sie unmoralisch genug war, das Bett des Herzogs zu teilen, und er Narr genug, ihr deswegen Aufmerksamkeit zu schen- ken. Aber bevor ich mit meiner Suche sehr weit gekommen war, klopfte es an der Tür. Zu meinem Erstaunen war es Garthan Redon. Garthan war einer jener Studenten, die es an jeder Schule zu geben scheint – einer der Anführer des Colleges, klug, charmant und gutaus- sehend. Die Redons standen dem Hörensagen nach der herzoglichen Familie ziemlich nah. Ob das nun zutraf oder nicht, Garthan stand der, Erfolg mit großen, kräftigen, sauberen Lettern ins Gesicht geschrieben. Warum um alles in der Welt suchte er mich in meinem Zimmer auf? »Meine Mutter hat mir einen Honigkuchen geschickt«, sagte er. »Ich dachte, du hättest vielleicht auch gern ein Stück.« »Oh«, sagte ich. »Em… vielen Dank.« Ich hatte bisher noch nie mit ihm gesprochen. Irgendwie fiel es mir schwer, mir vorzustellen, daß ein solcher Held eine Mutter hatte, erst recht eine, die ihm Honigkuchen schickte. Plötzlich wurde mir bewußt, daß ich einfach nur dastand und ihn anstarrte. »Bitte, komm doch herein«, sagte ich und hoffte, daß ich damit nicht einen schweren Verstoß gegen Sitte und Anstand beging. »Möchtest du eine Tasse Tee? Bitte, setz dich doch.« Ich nahm einige Bücher von den Stühlen und warf sie auf mein Bett. Er sah sich im Zimmer um und bemerkte die Schale des Sehens in der Ecke. »Hm. Was siehst du dir denn gerade an?« sagte er und blickte hin- ein. Dann ließ er die Finger über die Wahrsagekarten gleiten, die neben der Schale lagen. Wahrsagekarten werden benutzt, um die Identität bestimmter Lichtpunkte in der Schale auszumachen. »Oh. Nichts Spezielles«, sagte ich so gelassen ich konnte. Dann fuhr ich hastig mit der Hand über die Oberfläche der Schale, um das Bild auszuwisehen. Wahrscheinlich hatte er ohnehin nichts gesehen, aber Vorsicht ist nun einmal besser als Nachsicht. »Machst du einen Schutzzauber?« »0 nein! Nein! Natürlich nicht. Ich sehe mir manchmal nur gern an, was so los ist. Du weißt schon. Magie und Gegenmagie. Jasmintee?« »Ja, gern«, sagte er. Er streckte sich auf dem Stuhl aus und begann, mir Fragen über meine Studien zu stellen und wie mir Gallia gefiele. Ich suchte umständlich nach sauberen Bechern und machte mich dann nicht weniger umständlich daran, auf meinem kleinen Ölherd Wasser zu kochen. Es war nett, einen Besucher zu haben, obwohl mir ein we- niger beängstigender Besucher als Garthan lieber gewesen wäre. Die Zeit, die ich darauf verwandt hatte, Kitten Avignon zu schützen, war schwieriger als gewöhnlich gewesen. Oh, der Zauber selbst war weiß Gott einfach. Der Schutzzauber ist einer der ersten Zaubersprü- che, die ein junger Magier lernt. Jeder Magier kann das machen, und da es sich um einen Defensivzauber handelt, können selbst schwache Magier ihn gegen einen ziemlich starken Gegner aufrechterhalten, so- lange sie dies auf die übliche Weise tun. Das Problem war, daß es sich um eine jener Aufgaben handelte, wie sie in der Magie so häufig vor- kommen: Sie erforderte ein niedriges, aber konstantes Maß an Auf- merksamkeit, ohne interessant genug zu sein, um den damit befaßten, Magier in ihren Bann zu ziehen. So war es zum Beispiel völlig unmög- lich, daß ich meine Haziaträume fortsetzte. Natürlich hatte ich der Dro- ge bereits abgeschworen, und die Vernunft sagte mir, wie froh ich dar- über sein konnte, daß ich nun nicht länger in Versuchung geraten konnte. Nach meiner letzten Erfahrung hätte ich eine komplette Närrin sein müssen, um damit weiterzuexperimentieren. Aber obwohl ich bei meinem Zauber genug Magie aufgewendet hatte, um emotional davon berührt zu werden, war die Aufrechterhaltung des Zaubers eine so einfache Aufgabe, daß die Kälte der Magie von mir abfiel und ich wieder einmal ein Opfer von Langeweile und Selbstmit- leid wurde. Ich versuchte, gegen die Langeweile anzugehen, indem ich Michaels Erforschung der Steine fortsetzte und mich den mathemati- schen Problemen widmete, die Master John mir freundlicherweise ge- stellt hatte. Natürlich gelang mir weder das eine noch das andere. Garthan reichte mir eine Scheibe Honigkuchen und nahm seinerseits einen Becher mit Tee entgegen. »Also«, sagte er. »Man munkelt, du hättest eine Audienz beim Her- zog gehabt.« Ich hätte mich fast an meinem Honigkuchen verschluckt. »Wie…? Wer hat dir das erzählt?« »Es ist also wahr?« Jetzt saß ich in der Falle. Ich hätte ebensogut gleich ja sagen kön- nen. Was für ein Dummkopf ich doch war. Der Herzog hatte eigens betont, daß es ein Geheimnis war. Sagen Sie den Leuten, sie wären hiergewesen, um zu heilen, hatte er mir aufgetragen. Aber Garthan war ein Magier. Eine solche Geschichte würde er mir niemals abkaufen. »Ja«, gab ich zu. »Bei den Sieben, so etwas behält man doch nicht für sich. Wie war es denn?« »Gut. Ja. Gut.« »Gut?« Wiederholte Garthan ein wenig höhnisch. »Erzähl mir mehr davon. Wie geht es Herzog Leon denn im Augenblick? Wer war sonst noch da? Hast du Kitten Avignon zu sehen bekommen?« 0 Engel! Wieviel wußte er? Wieviel wußten überhaupt alle? Ich versuchte, nicht in Panik zu geraten. »Ja«, sagte ich bedächtig und starrte in meinen Tee. »Sie war da.« »Tansa. Ich habe sie durch die Stadt reiten sehen. Sie ist die schöns- te Frau, die mir je zu Gesicht gekommen ist. Keine der Damen bei Hofe spricht mit ihr, aber jede einzelne kopiert ihre Kleider. Hast du sie ken- nengelernt? Es heißt, sie könnte mit ihrem Charme die Vögel von den Bäumen locken.« »Nein«, sagte ich und riskierte damit eine Lüge, die beinahe die Wahrheit war. »Der Herzog hat uns nicht vorgestellt.«, »Na, trotzdem bist du ein Glückspilz. Wo bist du gewesen? Warst du im Pfauensaal oder im Thronsaal?« Er bombardierte mich mit Fragen, die ich so nichtssagend wie nur möglich beantwortete. Ich hatte keine Freude an dem Gespräch. Die ganze Zeit über fragte ich mich, was ich sagen sollte, wenn er sich nach dem Grund meines Besuches dort erkundigte. Aber Garthan ging weit raffinierter zu Werke. »Hast du auch Lady Jassie dort gesehen?« fragte er. Ich sah ihn überrascht an. Lady Jacinta Ren-Sahr war die sechsjähri- ge Tochter des Herzogs, das älteste seiner drei illegitimen Kinder. »Nein. Warum…?« »Oh! Ich dachte nur, du hättest sie vielleicht kennengelernt. Ein paar Leute hier meinen, der Herzog hätte dich engagiert, um sie zu beschüt- zen.« Ich lachte vor Erleichterung. »0 nein. Lieber Himmel! Nein! Nichts dergleichen. Er wollte mit mir nur über meinen Ziehvater reden, Michael von Moria.« »Vielleicht wollte er, daß du jemand anderen beschützt. Ich konnte nicht umhin, die Schale des Sehens zu bemerken…« Die Erleichterung hatte mir Zuversicht gegeben. Er war auf der fal- schen Fährte. Ich war in Sicherheit. »Nun, wenn ja, so hat er jedenfalls nicht davon gesprochen. Nein, ich glaube, er will mir Michaels Pension zukommen lassen. Schließlich habe ich nicht gerade viele andere Aussichten, nicht wahr?« Mit dieser Erklärung war ich sehr zufrieden. Die Bemerkung über meine Aussichten hatte den Klang einer unleugbaren Tatsache. Bis vor wenigen Wochen hatte ich es schließlich selbst geglaubt, und an Garthans verlegener Miene konnte ich ablesen, daß auch er dieser Mei- nung war. Er blieb noch ein Weilchen länger und versuchte, ein Geständnis be- züglich Lady Jassies aus mir herauszulocken, aber die Tatsache, daß ich seinen Fragen so geschickt ausgewichen war, erleichterte mich der- art, daß ich ohne große Mühe an meinen Erklärungen festhalten konn- te. Als er mich verließ, war er ziemlich enttäuscht. Ich dagegen schloß mit einem Seufzer der Dankbarkeit die Tür hinter ihm. Wenn der Kon- takt zu anderen Studenten so aussah, war es für meinen Seelenfrieden weitaus besser, mich von ihnen fernzuhalten. Ich verstand, warum Garthan an Lady Jassie gedacht hatte. Wenn man überhaupt einen weiblichen Magier einstellte, dann war es nicht unwahrscheinlich, daß man ihn als Wächtermagier für ein sechsjähriges Mädchen wollte. Aber in diesem Falle hätte auch ein männlicher Magier genügt, und das, ohne solche Aufmerksamkeit hervorzurufen. In die-, sem Licht betrachtet hatte ich mich selbst mehrmals gefragt, warum der Herzog mich dafür ausersehen hatte, seine geliebte Mätresse zu beschützen. Meine Position in der Welt der Magie war überaus seltsam. Es gab Gerüchte, nach denen es im fernen Westen sehr mächtige weibliche Magier gab, aber in Gallia und den bekannten Ländern auf der Halbin- sel beschäftigten sich die Frauen nicht mit dem Studium fortgeschritte- ner Magie, wie ich es getan hatte. Die Magie der Frau war die Heil- kunst. Es herrschte der starke Glaube, daß Frauen nicht intelligent ge- nug waren, um die fortgeschrittene Magie zu begreifen, und daß sie, selbst wenn sie die notwendige Intelligenz mitbrachten, nicht verläßlich genug waren, um verantwortungsbewußt mit der Magie der Macht um- zugehen. Schließlich wurden sie alle von den unlogischen Forderungen ihres Schoßes beherrscht. Mein Ziehvater Michael hatte mich mit der ausdrücklichen Absicht adoptiert und ausgebildet, diesen Glauben auf die Probe zu stellen. Meine früheste Erinnerung an ihn (beinahe die früheste Erinnerung, die ich überhaupt habe) betrifft einen bunten Ball. Es war einer dieser kleinen Bälle aus Streifen bunten Filzes – in diesem Falle hatte es sich um roten, blauen und weißen Filz gehandelt, der mit sauberen Lumpen ausgestopft war. Ich glaube, ich erinnere mich an meine Mutter, die eines Abends am Küchenfeuer saß und den Ball zusammennähte, aber er gehörte ganz eindeutig Sonia, der Tochter des Gastwirts. Zu meinem Entzücken entdeckte ich, daß ich diesen Ball über mei- nem Kopf tanzen lassen konnte, so daß selbst die größeren Kinder nicht an ihn herankamen, einfach indem ich es so wollte. Ich war da- mals vier Jahre alt. Ich habe ihn wohl mehr als einmal in der Luft schweben lassen, denn ich scheine viele Erinnerungen daran zu haben, wie ich die düsteren Balkons des Gasthauses hinauf- und hinunterlief, umringt von einer Horde schreiender, lachender Kinder, die alle um mich herumsprangen und versuchten, den Ball über meinem Kopf zu erwischen. Aber ganz besonders deutlich erinnerte ich mich an einen Tag, an dem ich um eine Ecke bog und an einem großen, grauhaarigen Mann vorbeistürmte, der sich auf das Balkongeländer stützte. Als wir vorbei- kamen, streckte er die Hand aus und pflückte den Ball mitten aus der Luft. Er lag leblos in seinen Fingern, als er in die jähe Stille hineinfrag- te: »Wer war das?« Das Gesicht des Mannes war riesig, als er sich zu uns hinunterbeug- te, und es hatte jenen bedrohlichen Ausdruck, der oft einer Bestrafung voranging. Die meisten meiner Gefährten flohen, aber Sonia blieb ne- ben mir stehen und hielt mit weitaufgerissenen Augen ihren kleinen, Bruder an der Hand. Heute ist mir klar, daß er die beiden mit einem Zauber belegt haben muß. Seine Augen hatten etwas ungemein Zwin- gendes, obwohl sie meinen Blick nicht auf dieselbe Weise festhalten konnten, wie sie es bei Sonia und Maus vermochten. Mein Widerstand gegen Michaels Zauber muß eine von vielen Prüfungen gewesen sein, die ich an jenem Tag bestand. Er hatte diesen Widerstand gewiß als einen Gradmesser für die mir angeborene Kraft betrachtet. Ich lief nicht weg, wie ich es für gewöhnlich und durchaus vernünfti- gerweise tat, wenn ein Fremder in der Gaststube versuchte, mir näher zu kommen. Ich war einfach zu fasziniert, um wegzulaufen. Plötzlich konnte ich seine Stimme in meinem Kopf sprechen hören und stellte fest, daß ich ihm auf dieselbe Weise antworten konnte, obwohl mich diese Erkenntnis ebenso erschreckte wie begeisterte. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was er von mir wissen wollte, aber während er mich befragte, nahm er mein Gesicht in seine Hände und sah mir, obwohl ich zurückzuckte und mich seinem Griff zu entwinden versuchte, tief in die Augen, bevor er mein Gesicht nach links und rechts drehte. Die Unter- suchung wurde unterbrochen, als der alte Hallie, der Gastwirt, die Treppe hinuntergelaufen kam. Ich weiß noch, daß der Mann sich mit unendlicher Langsamkeit umdrehte, und als er mit dem Gastwirt sprach, verwandelte sich dessen Besorgnis in Ehrfurcht. Später gehörte ich dann Michael. Er hatte meine Mutter mit einer Summe Geldes dazu überredet, mich ihm zu überlassen, damit ich in der Nähe von Mangalore meine Ausbildung bekommen könne. Manch- mal fragte ich mich, wie meine Mutter so etwas nur tun konnte, wie sie mich an einen Fremden verkaufen konnte. Michael erklärte mir ihr Ver- halten damit, daß sie schließlich nur eine Dienstmagd in der Gaststube gewesen sei und mehr Kinder gehabt habe, als sie ordentlich versorgen konnte. Er deutete an, daß ein Kind mehr oder weniger ohne Bedeu- tung für sie war. Wahrscheinlich kann man von einer Frau, die bei der Empfängnis ihrer Kinder so unklug gewesen war, kaum mehr Vorsicht erwarten, wenn es darum geht, sich derselben Kinder wieder zu entle- digen. Ich erinnere mich kaum noch an sie und hätte große Schwierig- keiten, wenn ich die Gaststube jemals wiederfinden müßte. Mein Leben vor meinem Abschied dort scheint mir wie eine Erinnerung an einen Traum. Die Wirklichkeit begann erst mit Michael. Manchmal, wenn ich in irgendeiner Hinsicht versagt hatte und er sehr böse auf mich war, erklärte er mir, daß er damals eine große Menge guten Geldes für nichts verschwendet habe. Ich glaube, daß er diese Bemerkung häufiger bereute, als er sie aussprach. Er hatte mich als Ziehtochter ausgewählt, weil er die Theorie erforschen wollte, nach der Frauen durchaus die Befähigung zu fortgeschrittener Magie besa-, ßen. Das war der Grund, warum er sich an jenem Tag in der Gaststube so sehr für mich interessierte. Es gehörten schon außerordentliche an- geborene Fähigkeiten dazu, einen Ball ohne die Hilfe von Zaubersprü- chen schweben zu lassen. Er schrieb seine Doktorarbeit über meine Ausbildung. In dieser Dok- torarbeit wies er daraufhin, daß natürliche Befähigung nicht alles sei. Von Anfang an argwöhnte er, daß mein Temperament mir Probleme bereiten würde, die meine Magie immer in Mitleidenschaft ziehen wür- den. Ich war unbeständig, unkonzentriert, unüberlegt, frivol; es war von Anfang an eine Verantwortungslosigkeit in mir angelegt, von der er fürchtete, daß ich niemals etwas daran würde ändern können. In dieser Hinsicht blieb die Doktorarbeit vage. Er stellte jedoch fest, daß man nicht alle Mädchen nach dem Studium eines einzigen Beispiels beurtei- len könne. Ich weiß nicht mehr, ob er das jemals irgend jemandem mitgeteilt hat, aber ich glaube, insgeheim fürchtete er, daß ich viel- leicht einfach das Kind meiner gattenlosen Mutter mit ihrer großen Kin- derschar sei. Zwölf Jahre meines Lebens lebte ich als seine Tochter in einem klei- nen Dorf außerhalb Mangalores, der Hauptstadt des Herzogtums und späteren Erzbistums Moria. Sieben Tage die Woche studierte ich zehn Stunden am Tag alle Magie, in der er mich unterweisen konnte. Von der ganzen Halbinsel – und manchmal aus noch ferneren Gebieten ka- men Magier zu uns, um mich auf Herz und Nieren zu prüfen. Wenn ich ihren Ansprüchen nicht genügte, forderte mich Michael um so mehr. Wahrscheinlich war ich so etwas wie ein Tanzbär für ihn. Gewiß hatte ich, genau wie ein Tanzbär, keinerlei echte Funktion im Plan der Dinge. Als ich sechzehn Jahre alt war, fand dieses Leben ein Ende. Damals übernahm in der Revolution der Seelen die neue Morianische Kirche des Brennenden Lichts den Thron. Das Brennende Licht wollte den Tag der Vereinigung herbeiführen, indem es die Stadt Tansas auf Erden schuf. Eine Reihe von Bischöfen gelangten auf den Thron, nur, um wieder ge- stürzt zu werden, während das Land die Krämpfe der Läuterung durchmachte. Alle moralisch zweifelhaften Personen wurden hingerich- tet. Huren wurden mit Peitschen durch die Straßen getrieben und aus den Städten verjagt. Andere Kriminelle wurden getötet oder verstüm- melt. Empörenderweise behandelte man die Magier nicht besser. »Du sollst nicht dulden, daß eine Hexe atmet«, sangen die Priester des Brennen- den Lichts. Binnen zwei Jahren gab es in Moria weder Heiler noch kirch- liche Magier. Viele von Michaels Freunden waren mit Hexenketten ge- fesselt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, bevor Michael selbst beschloß, aus dem Land zu fliehen., Michael glaubte, daß die Kirche ein Monopol auf magische Kraft wolle und es nicht dulden konnte, daß. eine Gruppe von Freidenkern wie die Magier Magie außerhalb der kirchlichen Kontrolle ausübte. Den Grund dafür sah er unter anderem in Smazors Amoklauf. Schließlich war Smazors Entfesselung auf einen Fehler der Magier zurückzuführen ge- wesen, und der bittere Groll, den viele Morianer wegen dieses Fehlers immer noch hegten, fand seine Stimme in der gegenwärtigen Ächtung jedweder nichtkirchlicher Magie und der damit verbundenen Verfolgung derer, die sie ausübten. Aber Michael sagte auch: »Es ist so lange her, daß diese Narren ei- nen Nekromanten erlebt haben, daß sie langsam glauben, sie könnten auf nichtkirchliche Magier verzichten.« Also flohen Michael und ich aus Moria. Mehr als einen Monat lang gingen wir zu Fuß durch das Land und kamen über einen Umweg in den Nachbarstaat Gallia, ein reiches, mächtiges Land, dessen dynami- scher, junger Herrscher, Herzog Leon Sahr, bekanntermaßen ein Freund der Magier war. Michael war mittlerweile ein berühmter Ausbil- der, so daß er keine Mühe hatte, dem Gallianischen College der Magie beizutreten, der Alma Mater der Magiewissenschaften auf der Halbin- sel. Er fügte sich ohne weiteres in das Leben im College ein. Ich nicht. Es gab andere Frauen auf dem College, das stimmt, die Ehefrauen und Tochter der wenigen Angestellten, die Familien hatten, und die Reinemachefrauen und Dienstmägde. Dem College war sogar ein Col- lege der Heiler angeschlossen, das unsere Unterrichtsräume mitbenutz- te. Die Ehefrauen und Tochter der Angestellten wären normalerweise die natürlichen Gefährten der Ziehtochter einer der Lehrer gewesen. Aber wie die meisten normalen Frauen interessierten sie sich nur für Kinder, Küche und Näharbeit; sie sprachen weder Aramayisch noch Altsoprianisch und scherten sich nicht um Magie. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich seltsam – mager und unbeholfen. Ständig kam mein dünnes, glattes Haar unter meiner Haube hervor; ich hatte kaum Bu- sen und war vom Körperbau her einem Jungen ähnlicher als einem Mädchen. Von all den Dingen, die für diese Frauen wichtig waren, verstand ich nichts. Ich tat mein Bestes, ihnen aus dem Weg zu gehen. Und was die Heilerinnen betraf… Michael hatte mich davor gewarnt, jemals einer Heilerin zu trauen. »Es sind harte Frauen«, sagte er. »Ar- rogant und ständig darauf bedacht, mit den Magiern zu rivalisieren, denen sie ihre magischen Kräften neiden.« Ich war die einzige Frau weit und breit, die fortgeschrittene Magie studierte, und all die Jahre meiner besonderen Ausbildung durch Mi- chael gaben mir einen gewaltigen Vorsprung vor den meisten anderen Studenten. Als ich noch keine siebzehn war, trat ich meine, Abschlußprüfung drei Jahre vor der Zeit an und schnitt mit besseren Ergebnissen ab als Studenten, die zehn Jahre älter waren als ich. Mi- chael war gleichermaßen befriedigt und besorgt. Er wollte nicht, daß meine Prüfungsergebnisse offiziell bekanntgegeben wurden. Wie er mir erklärte, wäre es unklug für eine Frau gewesen, die männlichen Stu- denten zu demütigen, indem sie sie so offenkundig übertraf. Es würde sie nur erzürnen und zu Schwierigkeiten führen. Außerdem hätte ich keinen Grund, stolz auf meine Noten zu sein. Sie seien lediglich das Resultat all der Jahre besonderer Ausbildung. Ich hatte keine Probleme damit. Das waren genau die Überlegungen, die Michael immer ange- stellt hatte. Was mich betraf, ich fand den Unterricht langweilig und war froh, als Michael befand, ich solle mich wieder privaten Studien widmen und ihm bei seiner Forschungsarbeit helfen. Das Leben ging in Gallia ziemlich genauso weiter, wie es in Mangalore begonnen hatte. Wenn ich rastlos war, dann war das nichts Neues; genauso hatte ich schon früher empfunden. Bis Michael plötzlich einen Herzinfarkt bekam und binnen zwei Tagen starb. Ich lebte in einer Art Schwebezustand. Das Collegepersonal, größten- teils alte Männer wie der Dekan, war freundlich, aber die Tränen eines jungen Mädchens waren ihnen peinlich. Die Männer überließen mich sehr bald mir selbst. Und ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Beinahe dreizehn Jahre lang hatte Michael meine Tage mit Lektionen und Forschungen ausgefüllt. Ich wußte nicht, wie meine eigenen Nei- gungen aussahen. Ich war sehr einsam. Es lag mir nicht, Freundschaften zu schließen. Bis auf Michael hatte ich nie wirklich mit irgend jemandem geredet. Ich verstand mich auch nicht darauf, Menschen einfach zu vertrauen, da ich, soweit es junge Männer betraf, einen ständigen Argwohn bezüglich ihrer Motive hegte und mich in der Gesellschaft von Frauen unwohl fühlte. Einen Abend nach dem anderen saß ich in dem schmuddeligen Spei- sesaal des Colleges an dem hohen Tisch, denn ich saß bei dem Perso- nal und dessen Familien; ich beobachtete die Studenten an den ande- ren Tischen, die lachten und einander freundschaftlich in die Seite stie- ßen, während ich absolut allein war. Ich stand immer abseits, und wie sehr ich mir auch einzureden versuchte, daß das keine Rolle spielte, ich konnte nicht umhin, mir zu wünschen, ebenfalls teilzuhaben. Genau das waren die Gefühle, die das Hazia ausgelöscht hatte, und jetzt, da ich es nicht mehr nahm, waren sie stärker denn je zurückge- kehrt. Ich war davon überzeugt gewesen, daß alles besser werden würde, sobald ich eine Stellung hatte. Das war natürlich nicht der Fall., Wieder lag ich nachts in meinem Bett und gab mich sentimentalen Ge- danken hin. Ich dachte ständig an Michael. Ich wünschte mir so sehr, daß er noch lebte, damit ich vielleicht eines Tages die Gelegenheit bekam, all die Fehler wiedergutzumachen, die ihn in der Vergangenheit so erzürnt hatten. Ich erinnerte mich daran, daß er nur wenige Tage vor seinem Tod ganz besonders enttäuscht von der Unbeholfenheit war, mit der ich einen Zauber gewirkt hatte. Ich konnte mir vorstellen, was er zu mei- ner gegenwärtigen, verderbten Stellung gesagt hätte. Manchmal jedoch zitterte ich plötzlich vor Zorn, weil er, der niemals zufriedengestellt werden konnte, mich schließlich doch im Stich gelassen hatte, genau wie er es so oft angedroht hatte. Dann fielen mir wieder seine vielen freundlichen Gesten seiner enttäuschenden Tochter gegenüber ein, und ich dachte daran, daß er manchmal durchaus mit mir zufrieden gewe- sen war, auch wenn es gegen seine Natur war, das zu zeigen. Dann schämte ich mich zutiefst für meinen Zorn. Jetzt stand ich ganz allein auf der Welt, und ich würde nicht in der Lage sein, irgendwo einen Platz für mich zu finden. Niemand wußte oder scherte sich darum, ob ich lebte oder starb, und mir fehlte die Gabe, andere Menschen kennenzulernen, die vielleicht ein wenig mehr wie ich waren. Wie ein Mensch, der von einer Nadel fasziniert war und einfach nicht widerstehen konnte, immer wieder ihre Spitze zu betas- ten, konnte ich mich nicht davon abhalten, ständig Erinnerungen he- raufzubeschwören, die mir weh taten. Ich bestand nur noch aus Schuldgefühlen und Selbstmitleid. Dann, nachdem es fast einen Monat lang so gegangen war, kam eine Ablenkung. Eines Nachmittags, ich überquerte gerade mit Master John den Hof, fuhr eine Kutsche schwungvoll durch die Tore. Es war eine wunderschöne Equipage aus glänzendem, dunklem Holz, das hoch über schmalen Rädern angebracht war; gezogen wurde das Gefährt von ei- nem Paar hochtrabender weißer Pferde, denen man leuchtendrote Ro- sen in die Mähnen geflochten hatte. An der Stelle, an der die meisten Kutschen ein Wappen aufwiesen, hatte diese eine gewundene Rose, die in die Tür geschnitzt und anschließend bemalt worden war. Die Fens- terläden waren heruntergelassen, so daß die Menschen in der Kutsche selbst unsichtbar waren, aber Master John benahm sich, als handele es sich um den Streitwagen von Smazor persönlich. Er stürzte vor und wedelte mit den Händen, als wolle er Vögel von einem Feld scheuchen. Einer der beiden großen Lakaien, die auf der Rückseite der Kutsche gehockt hatten, kam herunter und stolzierte mit übertriebener Würde auf ihn zu. Master John packte ihn am Arm und versuchte, ihn zur Kut- sche zurückzutreiben, aber da hätte er genausogut versuchen können,, einen Stein oder einen Baum vor sich herzutreiben. Der Lakai stand einfach vor ihm und sprach ihn mit ausgesuchter Höflichkeit an, als merke er gar nicht, daß Master John ihm den Arm auf den Leib preßte und ihn beinahe um die eigene Achse gedreht hätte. Ich ging weiter, langsam auf die beiden zu. Ich wollte ohnehin in diese Richtung. Master John rief mir über die Schulter zu: »Dion! Bleib, wo du bist.« Beim Klang meines Namens drehte der Lakai sich um, schüttelte Master John gekonnt ab und verbeugte sich vor mir. »Mademoiselle Dion«, sagte er, »Madame Avignon bittet um eine Audienz bei Ihnen.« Die Erwähnung ihres Namens jagte mir einen Schauer des Entset- zens über den Rücken. »Bleib, wo du bist, Dion«, wiederholte Master John. Er sagte etwas zu dem Lakaien und ging dann entschlossen auf die Kutsche zu. Der Lakai, dessen Gesicht immer noch keinerlei Gefühle verriet, drehte sich um und stolzierte ohne Eile hinter ihm her. Auch Master Johns Gang hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem eines Pfauen, bis er plötzlich wie angewurzelt stehenblieb und zu den Fenstern des Col- leges hinaufsah. Sie waren gesäumt von den Gesichtern und Armen der Jungen aus dem zweiten und dritten Jahr, die unter lautem Gejohle der Kutsche zuwinkten. »Laßt das«, rief er. »Geht sofort wieder an eure Arbeit.« Seine Stimme, die auf magische Weise verstärkt worden war, erfüllte den Hof mit einem tiefen, verzerrten Brüllen. Er muß gleichzeitig einen magischen Blitz zu den Fenstern emporgesandt haben, denn die pflichtvergessenen Jungen schrien auf. Von einer Sekunde zur anderen war kein einziges Gesicht mehr in den Fenstern zu sehen. Ein weiterer Lakai stand vor der Kutsche und hielt die Tür auf. Master John stand eine ganze Weile davor und führte ein steifes, a- ber hitziges Gespräch mit der schattenartigen Gestalt einer Frau im düsteren Innenraum der Kutsche. Schließlich schloß der Lakai die Tür wieder, und die hochtrabenden Pferde zogen sie langsam durch die Pforte. »Das war Madame Avignon«, sagte Master John, wobei er das ›Ma- dame‹ mit sarkastischer Betonung aussprach. »Sie wünscht, mit Ihnen zu sprechen. Ich habe ihr gesagt, daß Sie dies nicht wünschen, aber sie ließ nicht locker. Diese Frau hat angedeutet, daß sie sich an den Her- zog wenden würde, wenn ich mich nicht nachgiebig zeige.« »Aber sie ist doch jetzt weggefahren.« »Nein«, sagte er, während er mich in die Versammlungshalle des Colleges führte. »Sie wartet lediglich ein Stück weiter die Straße hinun-, ter. Ich habe sie gebeten, wenigstens eine gewisse Rücksicht auf den Ruf eines unschuldigen jungen Mädchens zu nehmen, und sie hat mein Argument eingesehen. Ich furchte, wir können nicht verhindern, daß die Leute erfahren, daß sie in irgendeiner Verbindung zu diesem Col- lege steht, aber wir können zumindest verhindern, daß allzu viele Leu- te sehen, daß Sie Kontakt mit ihr haben. Wir werden durch den Vor- dereingang gehen, um nicht allzusehr aufzufallen. Die Kutsche erwartet uns an der nächsten Straßenecke.« Master John griff nach meinem Arm. »Dion«, sagte er, »Sie müssen Ihr Bestes tun, um diplomatisch zu sein. Sie dürfen diese Frau nicht beleidigen. Seien Sie freundlich, aber entschlossen mit ihr. lassen Sie sich auf nichts ein. Vergessen Sie nie- mals, daß die Avignon, wie charmant sie auch sein mag, eine Kurtisane und ohne jede Moral ist. Sie wird versuchen, Sie zu manipulieren. Be- geben Sie sich auf gar keinen Fall in ihre Macht. Und jetzt gehen Sie zu ihr, und seien Sie auf der Hut.« Er schob mich zu der Kutsche hin. Einer der Lakaien ließ die Trittlei- ter herunter und öffnete die Tür. Ich näherte mich der Kutsche, wie man sich einem Löwen nähert – überwiegend mit Angst, aber auch mit ein wenig Erregung und Neu- gier. Ich rechnete damit, daß es in der Kutsche nach etwas Schmutzigem riechen würde wie abgestandenem Schweiß, aber statt dessen wurde sie von dem köstlichsten Parfüm erfüllt. Es war süß, ohne widerlich zu sein, scharf, ohne bitter zu sein. Die Luft in der Kutsche war auch warm nach dem frischen Frühlingswind, der durch die Straße pfiff. Madame Avignon saß im hintersten Winkel der Kutsche, die aber ganz von den riesigen, grünen Seidenröcken ihres Gewandes ausgefüllt zu sein schien. Sie sah beinahe wie eine Göttin aus, die aus dem Meer emportaucht, denn die obere Hälfte des Gewandes umgab ihren Körper wie eine zweite Haut. Zu meiner Erleichterung sah ich, daß das Kleid heute bis zu ihrem Hals hinaufreichte, obwohl die Wirkung des am Kör- per anliegenden Mieders nicht viel züchtiger war als die des letzten Kleides. Sie lächelte herzlich und bedeutete mir mit einer eleganten Handbe- wegung, Platz zu nehmen. »Bitte. Setzen Sie sich doch. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbie- ten? Sherry? Schaumwein? Oder vielleicht lieber Limonade?« Ich hielt es für ratsam, abzulehnen. Dann beugte sie sich mit einer plötzlichen Bewegung vor und häm- merte mit dem Griff ihres Schirms gegen das Dach der Kutsche. Einen Augenblick lang geriet ich in Panik, als das Gefährt schlingernd losfuhr., Wohin brachte sie mich? Ich rief mir ins Gedächtnis, daß ich eine Ma- gierin war und daß niemand mir etwas antun konnte, es sei denn, ich erlaubte es ihm. Augenblicklich fühlte ich mich ruhiger. Die Fensterlä- den waren immer noch fast bis nach unten gezogen, wahrscheinlich, um meinen Ruf zu schützen. Es war wirklich ein Jammer. Ich war noch nie zuvor in einer Kutsche gefahren. Madame Avignon zog ihre Handschuhe aus und strich sie zwischen ihren schmalen, weißen Händen glatt. Ich hatte erwartet, daß ihr Ge- sicht eine dicke Maske aus Kosmetika sein würde wie die Gesichter der Prostituierten in der Stadt, aber in der Düsternis der Kutsche ließ sich schwer sagen, ob die Röte auf ihren Wangenknochen echt war oder künstlich. Sie war in der Tat wirklich liebreizend mit ihrem weichen, leuchtenden Haar, das unter einem großen, eleganten und mit Federn geschmückten Hut hochgekämmt war. Ihr schlanker Hals und die Ge- lenke ihrer langen, schönen Hände waren von genau der richtigen Menge Spitze umschlungen. Sie saß auf der Bank gegenüber, als hätte jemand sie und ihr Kleid dort mit großer Mühe arrangiert, und sah mich durch ihren Wimpern hindurch an. Ihr Blick hatte etwas Träges, aber ihre Bewegungen wa- ren schnell und nachdrücklich, und wann immer sie die schweren Lider hob, stand in ihren Augen ein lebhaftes Funkeln. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht aus Ihren Studien herausgerissen«, sagte sie. Selbst ihre Stimme war charmant, mit ihrem warmen Ton- fall, mit dem weichen, fremdländischen Akzent. »Nein.« »Es tut mir übrigens leid, daß ich Ihnen in dieser Weise aufgelauert habe. Ich versuche jetzt schon seit geraumer Zeit, ein Gespräch unter vier Augen mit Ihnen herbeizuführen, aber es sieht so aus, als hätten ihre Kollegen etwas dagegen. Nun denn! Hier bin ich!« Ihre Worte erschreckten mich. Ich wußte nichts von irgendwelchen Versuchen ihrerseits, Kontakt mit mir aufzunehmen. »Ich bin hergekommen, weil Sie nichts von dem Mann wissen, vor dem Sie mich beschützen sollen. Das könnte gefährlich sein. Ich hatte das Gefühl, daß wir über diese Dinge reden sollten.« Ich nickte mit nichtssagender Bedächtigkeit. War das der Anfang ei- nes Versuchs, mich zu manipulieren? Sie hob den Blick und sah mich scharf an. Obwohl ich keinerlei An- zeichen für magische Kräfte in ihr wahrnahm, war etwas in ihrem so offenen und ernsten Blick, das mich zu durchschauen schien, das alles in mir zu sehen vermochte. Trotz meiner guten Vorsätzen senkte ich den Kopf und errötete. Ich kam mir plötzlich unehrlich vor. »Sie haben in die Schale des Sehens geschaut.«, »Ja.« Es überraschte mich, daß sie von diesen Dingen wußte. »Ich habe auch andere Leute hineinschauen lassen«, sagte sie. »Ich weiß, daß Sie dort nichts sehen können. Das ist einer der Gründe, wa- rum ich um ein Gespräch mit Ihnen bat. Ich habe befürchtet, daß Sie ihren Gegner wahrscheinlich unterschätzen. Er ist ein überaus gerisse- ner und gefährlicher Mann. Sein Name lautet Norval. Er ist Geisterbe- schwörer. Ein Aramayer.« Ich starrte sie an. Ein Nekromant und Aramayer! Todesmagie und noch dazu aus einem der großen alten Reiche des Westens. Ich war aufgeregt. Dann kamen mir Zweifel. Was sie da sagte, war lächerlich. Gewiß hatten Magier und Nekromanten Besseres zu tun, als Kurtisanen zu verfolgen. Master John hatte diesbezüglich keinerlei Zweifel. Hier war eine Frau, die ein- fach überreagierte, die die Dinge auf eine Weise dramatisierte, wie man es bei ihresgleichen wohl erwarten durfte. Ich versuchte, so höf- lich zu antworten, wie mir das unter den gegebenen Umständen nur möglich war. »Bitte, machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe die Situation wirklich unter Kontrolle. Ich erwarte keine Schwierigkeiten.« »Nein«, erwiderte sie kläglich. »Das kann ich mir vorstellen. Wir wis- sen beide, wie mächtig Sie sind. Ich bin mir sicher, daß Sie in einer magischen Schlacht mit Norval keinerlei Probleme haben würden. Und ich bin mir sicher, daß der Herzog und ich uns darauf verlassen kön- nen, daß Sie Ihre Pflicht tun werden, ganz gleich, wie sehr Sie Ihren Gegner unterschätzen mögen.« Sie begann, ihre kleinen zitronenfarbenen Handschuhe wieder über- zustreifen. Zornig. Bei ihrer Bemerkung hatten sich mir die Nackenhaa- re aufgestellt. Wollte diese Frau mir drohen? Trotzdem hatte sie mir ein Kompliment gemacht. Langsam hatte ich eine gewisse Ahnung, was Master John mit Manipulation meinte. Das Ausmaß dieser Manipulation, die gewaltigen Abgründe, die sich da auftaten, erschreckten mich. Ich nahm all meinen Mut zusammen. »Ich versichere Ihnen, daß ich die Situation unter Kontrolle habe.« Sie legte für einen Moment eine Hand über die Augen, und ihre Ges- talt, die noch vor einer Sekunde so aufrecht gewesen war, schien in sich zusammenzusinken. Sie seufzte. Beinahe tat sie mir leid. Bis mir klar wurde, daß dies einfach ein Schachzug von ihr war, um mein Mitleid zu gewinnen. Aber sie über- raschte mich. »Mir ist klar, daß die Menschen hier nicht glauben können, daß ein Magier sich mit einer Hure abgeben würde. Magier stehen so… so weit abseits der gewöhnlichen Menschen… ich glaube, sie vergessen, manchmal, wie sehr Menschen… einander hassen können. Aramayische Magier stehen dem alltäglichen Leben nicht gar so fern. Und Norval war einmal mein Geliebter. Das verändert die Situation, verstehen Sie?« Ich war schockiert, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Gott und Engel! Diese Angelegenheit wurde immer verdorbener. Ich wollte Madame Avignon sagen, daß ich nicht den Wunsch verspürte, etwas mit ihrem Privatleben zu tun zu haben. Ich sagte jedoch nichts. Einige Augenblicke lang war die Spannung in der Kutsche schier uner- träglich. »Mademoiselle Dion, ich habe keinerlei Zweifel an Ihnen als Magie- rin. Es ist Norval, den ich fürchte. Er ist raffiniert. Er wird mittlerweile bemerkt haben, daß ich magischen Schutz genieße. Haben Sie sich einmal Gedanken über die körperliche Gefahr gemacht, der Sie viel- leicht ausgesetzt sein könnten? Haben Sie daran gedacht, daß Norval auf konventionelle Art versuchen könnte, Sie anzugreifen? So geht er nämlich vor. Haben Sie in dieser Hinsicht irgendwelche Schritte unter- nommen, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten?« Würde, Dion, Würde. Langsam verschloß sich mein Herz vor den fle- hentlichen Bemerkungen dieser Frau. Ich tat so, als sei ich Master John. »Madame, ich lebe in einem College von Magiern. Wir treffen Vorkeh- rungen, um uns vor Eindringlingen zu schützen.« »Ja, vor magischen Eindringlingen. Aber wie steht es mit konventio- nellen Eindringlingen?« »Wir haben Schutzzauber gegen all jene, die in böser Absicht kom- men. Außerdem, woher sollte irgend jemand wissen, daß ich es bin, die er angreifen müßte? Der Herzog selbst sagte, daß von unserer Verbin- dung nichts bekannt sei.« »Ich fürchte, das ist nicht der Fall. Bei Hofe bleibt nur sehr wenig geheim. Von meinen Informanten weiß ich, daß unsere Verbindung in gewissen Kreisen bereits bekannt ist.« Mit dieser Bemerkung war es ihr gelungen, mir angst zu machen. Wer wußte Bescheid? Oder war auch das nur Teil des Märchens, das sie mir auftischte? Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Ich wünschte, Master John hätte sich um sie kümmern können. ›Laß dich auf nichts ein, Dion‹, sagte seine Stimme in meinem Kopf. »Mademoiselle Dion, jeder gute bezahlte Mörder kennt Methoden, mit deren Hilfe er seine Absichten verschleiern kann. Es wäre vielleicht interessant zu wissen, daß der Hauptmann meiner Leibwache bereits zweimal ins College eingedrungen ist; er ist sogar bis an Ihre Tür ge- kommen. Niemand hat sich ihm in den Weg gestellt; niemand hat ihn, aufgehalten. Das ist der Grund, warum ich heute mit Ihnen sprechen wollte. Wenn er das schaffte, kann ein bezahlter Mörder das auch.« Ohne es zu wollen, überkam mich ein Gefühl der Angst und auch ein klein wenig Zorn. Welche Freiheiten sich diese Frau herausnahm! »Wenn Ihnen irgend etwas zustößt, wäre der Weg für einen Angriff auf mich augenblicklich frei. Ich habe viele Feinde in dieser Stadt. Es ist keineswegs undenkbar, daß einer von ihnen mit Norval in Kontakt stehen und einen gedungenen Mörder auf Sie ansetzen könnte.« Jetzt war ich mir ganz sicher, daß sie die Sache aufbauschte. »Ich bin Magierin, Madame Avignon. Kein gewöhnlicher Verbrecher kann mir etwas anhaben.« »Sie sind nicht unbesiegbar, Mademoiselle. Ein guter Attentäter weiß, wie man an einen Magier herankommt. Haben Sie denn nie von Hexenketten gehört?« Sie konnte nicht erraten haben, wie sehr diese Frage mich treffen würde. Ich wußte alles über Hexenketten. Sie waren die einzige Mög- lichkeit, um einem Magier seine Kraft zu rauben. Eine eiserne Halskette durchbricht unseren Machtkreislauf und macht uns hilflos. In Moria ha- be ich einmal mit angesehen, wie Hexenjäger ins Dorf kamen, um die Heilerin wegzuholen. Wie hätte ich diese kalte Eisenfessel je vergessen können? Ich hatte die böse Kraft, die sie ausstrahlte, selbst bis in mein Versteck hinein gespürt. Das zu Tode erschöpfte, alte Gesicht der Hei- lerin darüber war schneeweiß gewesen. Auch Michael und ich hatten uns einmal zwischen den Schornsteinen Mangalores vor einer riesigen, wütenden Menschenmenge versteckt. Ohne die Hilfe unserer Magie konnten wir nicht entkommen; anderer- seits wagten wir es nicht, Magie zu benutzen, weil wir spürten, daß die fragenden Geister der Hexenjäger nach uns suchten. Wir versteckten uns dort, während sie auf dem Platz unter uns andere Magier verbrann- ten, Magier, die mit Hexenketten hilflos an den Brandpfahl gefesselt waren. Es war beinahe, als könnte meine Nase immer noch den bitte- ren Duft versengten Haares riechen und den süßen Gestank brennen- den Fleischs. Es hatte genauso gerochen wie gebratenes Tierfleisch. Während wir dort lagen und gezwungen waren, zuzuhören, gingen mir die sanften, alten Gesichter der Magier durch den Kopf, die Michael gekannt hatte, und ich fragte mich, welcher von ihnen… die grauenvol- len Schreie… dafür, daß sie mich daran erinnert hatte, hätte ich sie am liebsten getötet. »Ich habe genug gehört«, fuhr ich sie an. »Wenn Sie mich jetzt freundlicherweise wieder nach Hause bringen würden.« »Mademoiselle?« Sie starrte mich an. »Ich wünsche nicht, diese Tor- heiten noch weiter zu diskutieren«, erwiderte ich barsch. Dann sprang, ich auf und taumelte in der immer noch fahrenden Kutsche. Ihr Gesicht spiegelte ihr Erschrecken wieder. »Mademoiselle Dion, bitte.« »Bitte, bringen Sie mich nach Hause«, sagte ich mit zusammenge- bissenen Zähnen. »Natürlich. Aber bitte setzen Sie sich doch.« Sie schlug mit ihrem Schirm gegen das Dach der Kutsche. Stille. »Mademoiselle, ich wollte Sie nicht aufregen. Bitte nehmen Sie mei- ne Entschuldigung an.« Ich schwieg, zu wütend, um irgend etwas anzunehmen. »Mademoiselle, ich wollte mich Ihnen lediglich verständlich ma- chen«, sagte sie plötzlich und mit flehentlicher Miene. »Es wäre soviel sicherer für Sie, wenn Sie meinen Schutz annehmen würden.« »Wie meinen Sie das?« fragte ich scharf. »Wenn Sie in meinem Haus lebten, wären Sie vor irgendwelchen Ü- berfällen sicher. Das Haus ist gut bewacht und meine Leibwächter würden Sie genauso schützen, wie sie mich schützen.« Sie versuchte, mich unter ihre Kontrolle zu bekommen, genau wie Master John gesagt hatte! Und dann? Welche Vergünstigungen würde sie noch von mir erbitten? »Das ist völlig unmöglich«, sagte ich mit, wie ich fand, bewunde- rungswürdiger Selbstbeherrschung. »Was ist mit meinem Ruf? Ihr Vor- schlag ist vollkommen lächerlich.« »Mademoiselle Dion, bitte«, rief sie. Sie sah mich flehentlich an, und einen schrecklichen Augenblick lang dachte ich, sie würde sich vor mir auf die Knie werfen. »Ich verstehe vollkommen. Ich glaube nicht daß es… daß es richtig für mich wäre, in Ihrem Haus zu leben. Ein Magier muß frei sein.« Ihr Gesicht verhärtete sich. »Sie müssen tun, was Sie für richtig halten«, sagte sie kalt (und mit beneidenswerter Würde). »Ich bin auf meine eigene Sicherheit bedacht und daher auf die Ihre. Ich kann Ihnen ohne jeden Zweifel versichern, daß Sie in Gefahr sind. Ich biete Ihnen die Dienste meines Hauptman- nes an; er kann im College über Sie wachen. Er versteht sich auf die Schliche von Attentätern und wird sich zu ihrer Verfügung halten. Ich bitte Sie, nehmen Sie mein Angebot an.« Die Kutsche blieb stehen. Wir waren wieder da, wo wir losgefahren waren. »Vielen Dank, Madame«, sagte ich gereizt. »Aber ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Guten Tag.« Ich sah sie nicht noch einmal an. Master John fragte mich, was besprochen worden sei, und ich er-, zählte ihm von Madame Avignons Ängsten. Er nahm sie genausowenig ernst, wie ich es getan hatte. »Ich habe von Anfang an etwas dergleichen befurchtet. Ich hoffe nur, daß da nicht noch mehr kommt.« Ich erzählte ihm, daß ich höflich, aber entschlossen in meiner Zu- rückweisung ihres Angebotes gewesen sei. »Ja!« sagte er. »Das haben Sie gut gemacht.« Ich konnte jedoch nicht umhin, die Art, wie ich die Situation bewäl- tigt hatte, mit einer gewissen Beklommenheit zu betrachten. Die Frau hatte anscheinend furchtbare Angst gehabt. Es wäre freundlicher ge- wesen, wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte, ihre Befürchtungen zu zerstreuen. In anderen Augenblicken wußte ich jedoch, daß ich genau das Richtige getan hatte. Mein Mitleid für sie war offensichtlich ein An- zeichen dafür, daß sie meine Gefühle manipuliert hatte. Huren machen sich ihre Betten selbst. Es war ihre eigene Schuld, wenn sie anschlie- ßend auch darin liegen mußten. Ich hätte gern mit jemandem über sie gesprochen. Mit irgend jemandem. Die Sache war die: Sie schien keine schlechte Frau zu sein. Sie wirkte keineswegs schmutzig. Ich wußte natürlich, daß das Böse nicht immer unattraktiv war. Aber aus der Nä- he war sie mir so… so normal erschienen. Ich wünschte nur, ich hätte jemanden gehabt, der mir die Dinge er- klärte. Wie zum Beispiel die Frage, wie sie für Geld tun konnte, was sie tat – und warum? Aber obwohl ich, was sie betraf, ein schlechtes Ge- wissen hatte, kam mir nicht ein einziges Mal der Gedanke, sie ernst zu nehmen. Ich träumte von Hexenketten. Ich war schon immer eine unruhige Schläferin gewesen, mit der Nei- gung, mitten in der Nacht steif vor Entsetzen aufzuwachen. Ich frage mich, ob das Studium der Magie das noch verschlimmerte. Man lernt gewiß, daß es furchtbare Dinge im Universum gibt, vor denen man Angst haben J muß, Dinge, die bei weitem schrecklicher sind als andere menschliche Wesen. Die Tatsache, daß ein Magier diesen bösen Mäch- ten wohl kaum begegnet, es sei denn, er fordert Schwierigkeiten förm- lich heraus, ist in der Dunkelheit nur ein geringer Trost. Wenn ich als Kind in der Nacht aufschrie, weil irgendein fremdes Geräusch oder eine unkenntliche Gestalt in meinem Zimmer mich erschreckt hatte, ver- suchte Michael stets, meine Ängste zu zerstreuen, indem er mit mir die Zaubersprüche für den Umgang mit übernatürlichen Angriffen durch- ging. »Auch ich fürchte mich manchmal im Dunkeln«, erklärte er dann,, geduldig zuerst, aber im Laufe der Zeit mit zunehmender Gereiztheit, »im Gegensatz zu dir setze ich mich mit meinen Ängsten auseinander und kämpfe auf diese Weise gegen sie an. Du mußt lernen, diese irra- tionale Furcht zu bezwingen.« Dann ging er fort, nahm das Licht mit sich und ließ mich wieder al- lein in der Dunkelheit zurück. Die Perlen seiner Weisheit schenkten nur unzureichende Erhellung, die mich nicht trösten konnte, aber da ich seinen Ärger fürchtete, hörte ich irgendwann auf, nach ihm zu rufen. Statt dessen brachte ich mir bei, wann immer ich Angst hatte, ein strahlendes Licht in dem Raum zu werfen. Das ist eine Angewohnheit, der ich nie entwachsen bin. Nach und nach ging mir diese Gewohnheit derart in Fleisch und Blut über, daß ich es tun konnte, bevor ich noch richtig wach war. Ein- oder zweimal hatte ich mich in Gaststuben an der Straße nach Gallia in ernste Verlegenheit gebracht – und Michael mit mir –, indem ich einen Raum voller schlafender Menschen beleuch- tete, bevor mir klar wurde, was ich da tat. Jetzt, in meinem Traum, hing die riesige, gußeiserne Kette an einem verkohlten Brandpfahl. Sie schien mich anzuknurren wie eine Bulldogge und streckte sich hungrig nach mir aus. Mit einemmal erwachte ich, kalter Schweiß stand mir auf der Stirn, und mein Hals brannte wie Feuer. Eilig übergoß ich das Zimmer mit Licht und setzte mich auf. Und schlug gegen den Arm eines Mannes in Schwarz, der sich in der Dunkelheit über mich gebeugt hatte. Ich schrie. Er ließ seine schlanke, mit Dornen bewehrte Keule fallen, schleuderte mir aber gleichzeitig mit der anderen Hand eine dicke, offene Hexenkette entgegen. Meine Haut brannte vor Angst vor diesem furchtbaren Ding. Mit meinem ganzen Wesen wollte ich ihm entkommen. Er legte mir die Hand über den Mund und versuchte, mir durch die knisternde Luft mit Gewalt die Fes- sel anzulegen. Ich schlug nach ihm, und plötzlich wallte ein Strom ma- gischer Energie in mir auf. Die Fessel und mein Angreifer flogen quer durchs Zimmer und prallten hart gegen die steinerne Wand gegenüber. Der Mann sank schlaff auf dem Boden in sich zusammen. Die Tür wurde aufgerissen. Ein anderer Mann kam mit einem gezück- ten Schwert hereingestürzt. Ich stellte mich auf das Bett. Versuchte, um Hilfe zu schreien. Meine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Der Mann an der Tür sah erst mich an, dann das Bündel Mensch an der Wand. Dann schoß er davon. Irgend jemand fing an zu schreien. Nach Jahren und Sekunden füllte sich der Raum mit Menschen. Sie alle schienen mich anzustarren. Augen und emporgewandte Gesichter. Maja wies mich an, mich auf die Bettkante zu setzen und den Kopf zwi- schen meine Beine zu nehmen, bevor sie eine Decke um mich wickelte., Ich konnte einfach nicht aufhören zu zittern. Sie führte mich durch ein Meer fassungsloser Gesichter und ein Getöse von Stimmen aus meinem Zimmer. Sie gab mir heißen, süßen Tee und legte mich in ein fremdes, kaltes Bett, in dem ich mich unbehaglich fühlte. Aber obwohl Maja die ganze Nacht über neben mir saß und obwohl ich selbst den Wachposten draußen vorm Fenster und den Schatten eines anderen Wächter vor der Tür sehen konnte, schlief ich erst wie- der ein, als es hell wurde. »Du bist jetzt in Sicherheit«, sagte sie, aber ich konnte ihr nicht glauben. Selbst als der Morgen dämmerte und ich schlief, träumte ich endlos von kaltem Eisen und dem Krachen des Körpers, als er gegen die Wand schlug. Es war mitten am Vormittag, als ich richtig wach wurde; ich fühlte mich krank und ausgetrocknet und am Ende meiner Kraft. Maja saß immer noch neben mir. »Wie geht es dir jetzt?« fragte sie freundlich. Wie ich mich fühlte? Verlegen und furchtbar unwohl in meiner Haut. »Ganz gut«, sagte ich und fügte dann mit aufkeimendem Entsetzen hinzu: »O nein! Das Ritual.« Ich sprang aus dem Bett. »Seht«, beschwichtigte Maja mich. »Jemand anderes kümmert sich um deine Arbeit. Wenn du dich ausgeruht hast, möchte der Dekan dich sehen.« »Dann gehe ich sofort zu ihm«, sagte ich. »Ich kann mich nicht län- ger ausruhen.« Ich hatte Maja nie besonders gemocht. Ich hatte sie für barsch und unfreundlich gehalten, aber an diesem Morgen war ich dankbar für ihre Anwesenheit. Sie half mir, mich anzuziehen, eine Vertraulichkeit, die mir nicht gefallen wollte, aber danach rieb sie meinen Hals und meine Schläfen mit einem linderndem Öl ein. Dann machte sie sich daran, mir mit großer Sanftheit das Haar zu bürsten und zu flechten. »Du hast Besuch«, sagte sie. »Ich möchte, daß du nett aussiehst, wenn du ihr gegenübertrittst.« Ich war so gerührt, daß meine Augen sich mit Tränen füllten und ich ohne ein einziges Wort nachgab. Ich legte sonst kaum besonderen Wert auf mein Äußeres, und soweit ich mich erinnere, war dies das erste Mal, daß jemand mir das Haar bürstete. Im Büro des Dekans herrschte eine Atmosphäre tiefen Mißmutes. Der Dekan und Master John sahen verheerend aus. Aber der erste, Mensch, der mir auffiel, war eine Frau, die mit geradem Rücken inmit- ten einer Woge seidener Röcke saß. Ich konnte ihren Kopf unter dem gewaltigen, mit Federn geschmücktem Hut, den sie trug, nicht sehen, aber ich wußte, es war Kitten Avignon. Ich erkannte die Wolke köstli- chen Parfüms, die den Raum erfüllte. Ihre Hand lag fest auf dem gol- denen Griff eines Spazierstocks. Es fiel einem schwer, ihr Aussehen mit dem in Verbindung zu bringen, was sie war. Sie sah von Kopf bis Fuß königlich aus. Ich fragte mich nur, was der Dekan davon hielt, daß eine Kurtisane in das nüchterne Gelände des Colleges eingedrungen war. Nach einer kurzen Begrüßung herrschte Stille im Raum. Ich saß be- fangen auf meinem Stuhl, starrte auf meine Hände und wußte, daß ich selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Plötzlich begannen der Dekan und Master John gleichzeitig zu sprechen. Sie hielten inne, ein jeder bedeutete dem anderen, fortzufahren, dann ergriff der Dekan wieder das Wort. »Wir haben über den Vorfall vergangene Nacht gesprochen. Es ist ein schockierender Gedanke, daß Ihr Leben nicht einmal hier sicher ist, und Master John und ich – ja, das ganze Personal – wir alle sind uns der Tatsache bewußt, daß unbedingt etwas unternommen werden muß, um eine Wiederholung dieses furchtbaren Erlebnisses zu vermeiden.« Ich nickte. »Madame Avignon hat noch einmal ihre Behauptung unterstrichen, daß Sie hier im College nicht sicher sind und am besten an einem Ort wohnen sollten, an dem sie, wie sie behauptet Sie gut beschützen las- sen kann. Und wenn wir ihre Methoden auch nicht gutheißen können – hätte sie nicht eine ihrer eigenen Wachen im College postiert, wäre weiß Gott etwas geschehen.« »Keineswegs!« sagte eine Stimme aus der Ecke des Raumes. Ein kleiner, untersetzter Mann in Schwarz stand dort, die Beine gespreizt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Es erschreckte mich, daß er mir zuvor nicht aufgefallen war. Später, als ich Hauptmann Simonetti besser kennenlernte, erfuhr ich, daß es völlig normal war, seine Anwe- senheit in einem Zimmer zu übersehen. »Ehre, wem Ehre gebührt«, fuhr er fort. »Ich habe nichts getan. Als ich hineinkam, hatte sie sich dieses Elenden bereits entledigt. Sehr sauber übrigens.« »Das ist Hauptmann Simonetti. Er ist der Mann, der gestern nacht Alarm geschlagen hat«, sagte der Dekan. Eine furchtbare Angst hatte mich gepackt. »Wo ist der Mann, der mich angegriffen hat?« fragte ich. Die beiden Magier senkten den Blick Hauptmann Simonetti schien überrascht zu sein., »Wie? Tot natürlich«, sagte er, »habe ich Ihnen das nicht gerade ge- sagt?« Ich hatte einen Mann getötet. Ich war eine Mörderin. Und ich emp- fand nicht viel. Überhaupt nichts, außer Scham über meine Benom- menheit. Der Dekan räusperte sich. »Hauptmann Simonetti hat uns die gewaltigen Schwierigkeiten dar- gelegt, die eine Absicherung des Colleges mit sich brächte, Dion. Es besteht sogar eine gewisses Risiko, daß Ihre bloße Anwesenheit hier die anderen Studenten in Gefahr bringen könnte. Das«, sagte er und warf einen entschuldigenden Blick auf Master John, »ist es, was mich am meisten belastet. Der Mann, der Sie angegriffen hat, war ein sopri- anischer Attentäter. Die Leute, die ihn angeheuert haben, sind offen- sichtlich bereit, sehr weit zu gehen.« Ich fühlte mich immer noch benommen. Soprianische Attentäter wa- ren berühmt für ihre Fähigkeiten, ihre Lieblichkeit und ihren Stolz. Sie waren eine Ausgeburt der Legenden, nicht der Wirklichkeit. »Ich habe von Hexenketten geträumt, als ich aufwachte«, sagte ich. »Ich hatte Angst… der Rest ist einfach so passiert. Ich wollte nicht…« Der Dekan sah mich mitleidig an. »Mein liebes Kind, ich glaube, daß Sie in Madame Avignons Haus weit sicherer wären.« Ich nickte. In diesem Augenblick schien Madame Avignon mit ihrem großen goldenen Spazierstock und ihrer königlichen Haltung der einzige sichere Hafen für mich zu sein. Ich hatte plötzlich nur noch den Wunsch, vom College fortzukommen, fort von dem Schauplatz des Grauens von gestern nacht. Master John war anderer Meinung. »Das reicht jetzt!« rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Sie lassen sich beide von ihrer Furcht manipulieren. Es wäre nicht unmöglich, das Kind hier zu bewachen. Und gewiß ist es besser, als…« »Master John«, sagte Madame Avignon, »es wäre weit einfacher, wenn sie in meinem Haus lebte, das ohnehin von Hauptmann Simonetti und meinen anderen Leibwachen gut bewacht wird.« »Dion kann sich verteidigen. Das hat sie bereits bewiesen.« »Natürlich kann sie das. Aber sie ist kein Soldat. Sie ist es nicht ge- wöhnt, ständig wachsam zu sein. Und wie können Sie sie in eine Positi- on bringen, in der sie vielleicht wieder und wieder würde töten müs- sen? Verstößt das Toten nicht gegen alle Gebote der magischen Küns- te?« Ich war ihr beinahe dankbar. Es schien, als könne sie meine Gedan- ken lesen. Ich wußte, daß ich mich in meinem Zimmer nie wieder si-, cher fühlen würde, daß ich mich nirgendwo in diesem College jemals wieder sicher fühlen würde. »Sie sehen in Dion nichts als eine Magierin. Sie vergessen, daß sie ein unschuldiges junges Mädchen ist. Wie können Sie sie einem solchen Lebensstil aussetzen? Dem Lebensstil einer… einer…« Der Dekan legte ihm warnend eine Hand auf den Arm. »… einer Frau, wie Sie es sind?« endete er lahm. »Einer Hure – das ist es doch, was Sie zweifellos sagen wollen«, meldete Kitten sich mit seidenweicher Stimme zu Wort. »Wenden wir uns für einen Augenblick von dieser erbaulichen Diskussion meiner Vergangenheit ab und richten unser Augenmerk auf die Gegenwart. Als Mätresse des Herzogs kann ich Ihnen versichern, daß mein Verhalten zu jeder Zeit untadelig sein muß. Ich lebe zurückgezogen mit einer weiblichen Gefährtin. Ich kann Ihnen versprechen, daß Mademoiselle Dion in meinem Haus nichts erleben wird, was sie nicht auch hier sehen könnte. Aber ich bitte Mademoiselle Dion, diese Entscheidung zu tref- fen. Wie Sie schon sagten, sie ist ein unschuldiges junges Mädchen. Sie scheinen sie zu einer Attentäterin machen zu wollen. Vielleicht sollten wir sie fragen, was sie vorzieht.« Sie wandte sich an mich. »Mademoiselle, was ziehen Sie vor? Master Johns Plan oder meinen?« Ich wollte jetzt nur noch eins: Flucht. »Ihren Plan, Madame«, sagte ich. Ich erwartete, daß sich Triumph in ihren Zügen widerspiegeln würde. Sie sah jedoch lediglich äußerst er- leichtert aus. »Dion!« rief Master John. »Wie können Sie? Mylord, Sie dürfen das nicht zulassen.« »Master John«, sagte Madame Avignon, »Sie machen aus etwas sehr Einfachem eine komplizierte Angelegenheit. Ich möchte lediglich über- leben. Und zu diesem Zweck muß ich dafür sorgen, daß Mademoiselle Dion überlebt.« Sie stand auf und zog ihre Handschuhe an. »Guten Tag, meine Herren. Ich werde heute abend eine Kutsche schicken, die Mademoiselle Dion in mein Haus bringt.« »Sehr gut«, sagte der Dekan. Dann legte er Master John abermals eine Hand auf den Arm. Kitten Avignon rauschte, gefolgt von Hauptmann Simonetti, aus dem Zimmer. Der Dekan setzte sich und wischte sich das Gesicht ab. »Mylord…« »Seht, John. Dion, gehen Sie packen. Und nehmen Sie eine der Wa- chen mit.« Später, als ich aus dem Fenster von Madame Avignons Kut- sche die Häuser an mir vorbeiziehen sah, verspürte ich schreckliche, Angst. Hatte ich mir wirklich meinen Ruf und mein Leben ruiniert? Trotz allem, was Madame Avignon gesagt hatte, war ich mir sicher, daß ich ständig wachsam sein mußte, um nicht in überaus widerwärtige Situationen verwickelt zu werden. Master John war wütend gewesen und enttäuscht von mir. Nur der Dekan kam zur Treppe des Colleges hinunter, um mir Lebewohl zu sa- gen. Als die Kutsche vorfuhr, brauchte ich all meine Kraft, um mich nicht an ihn zu klammern und ihn zu bitten, mich dableiben zu lassen. Ich hatte das College noch nie zuvor allein verlassen. Aber meine feste Überzeugung, daß ich gehen würde, war zwingender als Worte. »Dion«, sagte er, »ich habe das Gefühl, daß Sie das Beste für uns al- le tun. Versuchen Sie, daran zu denken… Denen, die sich der Gunst eines Herrschers erfreuen, wird vieles verziehen. Wenn Sie das Wohl- wollen des Herzogs erringen können, brauchen Sie sich keine Sorgen mehr wegen Ihrer Zukunft zu machen.« Er half mir mit festem Griff in die Kutsche. Ich fühlte mich wie ver- stoßen. Er mußte froh sein, jemanden loszuwerden, der so wenig in sein College paßte, der soviel Unruhe verursacht hatte. Trotzdem, direkt bevor die Kutsche anfuhr, schob er den Kopf durchs Fenster. »Ich habe Michael versprochen, daß ich Sie vor… vor moralischer Verderbtheit bewahren würde. Wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht haben sollten, schicken Sie mir eine Nachricht, und ich hole Sie sofort ins College zurück.« Ich fühlte mich getröstet. Meine Entschlossenheit wuchs. Es war Zeit, daß ich erwachsen wurde und auf eigenen Füßen stand. Ich würde ler- nen, mit meiner Umgebung fertig zu werden und über sie hinauszu- wachsen. Nur das furchtbare Wissen, daß ich einen Menschen getötet hatte, ließ mich nicht los. Obwohl ich es jetzt schon einen ganzen Tag lang wußte, empfand ich immer noch nicht mehr als vages Entsetzen. Ich fragte mich, ob irgend etwas mit mir nicht stimmte. Aber ich wuß- te, daß ich dieses übelkeiterregende Knirschen von Knochen niemals wieder hören wollte. 3. Kapitel Eine Kurtisane, die zurückgezogen mit einer Gefährtin lebte. Wie sah so etwas aus? Ich stellte mir eine üppige Villa vor, viel roten Samt und Seidenstoffe und gewaltige, vergoldete Spiegel, und aus allen Ecken würden die verstohlenen Geräusche des Liebesaktes schallen. Ächzen, und Stöhnen. Knirschende Bettfedern. Schmutzig. Erfüllt von dem sti- ckigen Fischgeruch der intimsten Teile des Frauenkörpers. Und die Die- ner waren gewiß eine häßliche, verkommene Schar. Millie, unsere Haushälterin daheim in Moria, wußte unzählige Geschichten über die skandalöse Lebensart gefallener Frauen zu erzählen. Obwohl sie, wenn ich recht darüber nachdachte, mit den Einzelheiten ein wenig sparsam gewesen war. Tatsächlich wirkte Madame Avignons Haus von außen recht unschul- dig. Es lag in einem respektablen Teil der Stadt, einem Park gegen- über, der ruhig und voller großer Laubbäume dalag. Es war ein elegan- tes, weißes Haus, das vollkommen gewöhnlich gewesen wäre, hätte sich da nicht um sein graues Schieferdach eine filigrane, schwarze Schmiedeeisenarbeit wie eine Krone gen Himmel erhoben. Wie passend für eine herzogliche Mätresse, dachte ich. Das Gebäude war von einer schweren Steinmauer umgeben, auf der schwarze Eisendornen angebracht waren, aber die grünen Fensterläden an den großen Fenstern gaben ihm ein freundliches, heimeliges Ausse- hen, und auf der Treppe vor dem Haus standen Töpfe mit blühenden Narzissen. Ein makellos gekleideter Butler öffnete uns die Tür. Sein Benehmen hatte nichts öliges oder Wissendes, und dasselbe galt für die adrette Frau, die mir in der Eingangshalle entgegenkam und sich als Madame Donau, die Haushälterin, vorstellte. Die beiden wirkten… nett. Sauber. Die Haushälterin erklärte mir die Sicherheitsvorkehrungen rund ums Haus, zeigte mir, wie man die Außenfenster öffnete, ohne den Schutz- zauber auszuschalten, mit denen sie belegt waren. Sie stellte mich so- gar den beiden Wachposten vor, die im Erdgeschoß Patrouille gingen. Ich mußte zugeben, daß diese Dinge mich beruhigten. Vielleicht hatte ich doch das Richtige getan. Selbst ich sah ein, um wieviel einfacher es war, dieses Haus zu bewachen als das College, ein gewaltiges Gebäude mit vielen Türen. Im ganzen Haus gab es nicht einen einzigen Fetzen roter Seide, zu- mindest nicht in den Räumen, die man mir zeigte. Statt dessen sah ich überall blankpoliertes Holz, warme Stoffe, Schalen mit Gewächshaus- früchten und Rosen – und über allem lag der Duft von Zitronen. Auf dem gewienerten Fußboden lagen wie warme, juwelenbesetzte Mosaike Teppiche aus dem Westen. Dann entdeckte ich doch noch etwas dun- kelroten Samt. Man hatte damit einige elegante, vergoldete Stühle im Wohnzimmer gepolstert. Aber irgendwie schienen diese Stühle nicht die richtige Form für den Empfang eines Geliebten zu haben. Alles war so wunderschön, so zart und bequem, so unglaublich sauber und unbe- schmutzt von der Frau, die hier lebte. Es sah aus wie das Haus eines, wohlhabenden Aristokraten. Ich nahm mir einen Apfel aus einer Schale und erwartete, daß er von innen her verfault oder bereits angebissen war, aber er war makellos und duftete köstlich. Die Sünde, ging es mir durch den Kopf, war subtiler, als ich gedacht hatte. Später führte mich die Haushälterin auf mein Zimmer. Es war ein Dachstübchen mit schräger Decke, aber viel größer als mein Zimmer im College. Meine Sachen, ein Beutel mit Kleidern und eine Bücherkis- te, mit denen mein Collegezimmer schon überfüllt gewesen war, lagen wie ein staubiges kleines Häufchen auf dem blauen Teppich. In einer Ecke stand, beinahe wie ein Symbol der Reife, der große gallianische Zauberspiegel, den ich von Michael geerbt und seit seinem Tod im Ma- gazin des Colleges gelagert hatte. Außerdem befanden sich in dem Zimmer ein breites Bett mit einer weichen, rosafarbenen Decke, ein Arbeitstisch am Fenster und sogar zwei bequeme Sessel. Und es war angenehm warm. In der Ecke er- blickte ich einen kleinen, blau-weiß gekachelten Ofen. Mir fiel wieder ein, wie feucht die Räume im College waren – vor allem im Winter – und daß sie immer nach ungewaschenen Studenten und uraltem Staub rochen. In diesem Zimmer duftete es schwach nach Lavendel. Trotz meines Mißtrauens spürte ich, wie sich etwas in mir entkrampfte und entspannte, vor allem, nachdem ich feststellte, daß die Tür ein Schloß hatte und in dem Schloß ein Schlüssel steckte. Als die Haushälterin wieder fort war, tat ich mir keinen Zwang mehr an. Ich ließ die Hand über den weichen Stoff der Decke gleiten, atmete tief den Lavendelduft der Laken ein, zog meine Schuhe aus und grub die Zehen in den dicken, flauschigen Teppich. Dieses Zimmer war un- geheuer luxuriös. Und so schön. Ich hatte noch nie zuvor an einem so schönen Ort gelebt. Ich zog den duftigen, weißen Vorhang beiseite und öffnete das Fens- ter. Ich befand mich hoch über dem Erdboden, so hoch, daß ich durch die Bäume den Turm der Kathedrale und die kleineren Turmchen der Stadt sehen konnte. Ich konnte mir beinahe vorstellen, daß ich in ei- nem Schloß lebte wie eine Prinzessin. Jetzt sah ich auch, daß das schmiedeeiserne Gitter, das das Dach umschlang, es einem Eindring- ling ungeheuer schwer machen würde, bis zu meinem Fenster hinauf- zuklettern. Eine Zeitlang lehnte ich mich gegen das Fensterbrett, träumte vor mich hin und genoß die kühle Abendbrise, die über mein Gesicht strich, bis mich das sanfte Geläut von Glocken aufschreckte. Nach der Uhr der Kathedrale war es schon Viertel vor acht. Ich durch- stöberte mein Gepäck nach dem magischen Gerät. Gott sei Dank war alles da. Schnell stellte ich die Kerzenständer auf und zeichnete die, Kreidesymbole, die ich in meiner Hast verschmierte. Ich verfluchte mich, weil ich so lange gewartet hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, was Michael dazu sagen würde, daß ich vor mich hin geträumt hatte, anstatt mich um die Beschwörung zu kümmern. Die Magie ist eine as- ketische Kunst. Wie Michael mir immer einzubleuen versucht hatte, kann ein Magier es sich nicht leisten, sich zu sehr mit seiner Umgebung zu beschäftigen, da sie ihn sonst von wichtigeren Dingen ablenkt. Es schien mir, als hätte ich diese Behauptung gerade bewiesen. Der Luxus meines neuen Zimmers hatte mich dazu verfuhrt, beinahe das Ritual zu vergessen. Ich beschloß, in Zukunft besser auf der Hut zu sein. Nach der Beschwörung setzte ich mich auf mein Bett und dachte darüber nach, was ich als nächstes tun sollte. Die Zeit, zu der ich nor- malerweise mein Abendessen zu mir nahm, war schon lange verstri- chen, und ich hatte Hunger. Zu dieser späten Stunde des Abends war der Korridor vor meinem Zimmer immer erfüllt gewesen vom Lärmen der Studenten, die vom Essen zurückkamen. Es hatte mir meine Ein- samkeit immer so schmerzlich bewußt gemacht. Hier war alles still. Die Stille war jedoch nicht viel besser als der Lärm gewesen war. Ich ver- suchte gerade, den Mut zu finden, nach einem Diener zu läuten, als es an der Tür klopfte. Es war eine lebhafte, kleine Frau, die die braune Robe einer Heilerin trug. Sie streckte mir die Hand hin, und ein wenig verwundert schüttel- te ich sie. Es war eine schmale Hand, aber überraschend hart und schwielig. »Ich bin Genevieve Appellez, Madame Avignons persönliche Heilerin. Sie hat mich hierhergeschickt, damit ich Sie in ihrem Haus willkommen heiße. Sie läßt sich entschuldigen, daß sie nicht selbst hier ist. Abends wartet sie meistens dem Herzog auf.« Dann mußte dies also Madame Avignons Gefährtin sein. Ich hatte nicht gehört, daß die Frau Heilerin war. Ach du liebe Güte. Das roch nach Schwierigkeiten. Magier und Heilerinnen kamen traditionellerwei- se nicht gut miteinander aus. Sie sah sehr ernsthaft aus, so wie Heilerinnen es immer taten. Sie trug das hellbraune Haar streng aus dem dünnen Gesicht gekämmt und unter der üblichen braunen Haube verborgen. Ich war mir sicher, daß ihr Haar niemals in kleinen, ungebärdigen Strähnchen aus der Frisur herausstand, wie das bei meinem ständig passierte. Sie schien nicht der Typ für so etwas zu sein. Ihr Gesicht war ruhig und wachsam, nicht unfreundlich, aber ihre schnellen, entschlossenen Bewegungen ließen auf eine starke Persönlichkeit schließen. Sie war die Art Mensch, der ich gewiß mißfallen würde. Michaels Haushälterin war genauso gewesen. Die beste Art, wie man mit solchen Leuten verfuhr, war, ihnen aus dem, Weg zu gehen. Ich neigte unbeholfen den Kopf und murmelte ein Wort des Dankes. »Darf ich eintreten?« Ich nickte. »Gefällt Ihnen das Zimmer? Haben Sie alles, was Sie brauchen?« Während ich mich abermals schüchtern bedankte, sah sie sich mit scharfen Augen um. »Das ist also der Schutzzauber«, sagte sie und trat an den Tisch. »Müssen die Kerzen ständig brennen?« »Nein«, sagte ich. »Sie dienen lediglich als Konzentrationshilfe.« Hier hatte ich es also mit einer Heilerin zu tun, die versuchte, meine Magie auszukundschaften, genau wie Michael es von diesen Frauen erzählt hatte; ich blies die Kerzen hastig aus, bevor sie irgend etwas in Erfah- rung bringen konnte. Einen Augenblick lang sahen wir einander über den Tisch hinweg an. Sie sah ganz normal aus. Ganz und gar nicht, als lebte sie im Haus einer Kurtisane. Diese allgegenwärtige Natürlichkeit ging mir langsam auf die Nerven. »Ich werde Sie Dion nennen, und Sie müssen mich Genny nennen«, informierte sie mich. »Kommen Sie. Sie sind gewiß hungrig. Wir wollen zu Abend essen.« Während sie mich die Treppe hinunterbegleitete, erklärte Genevieve, daß wir abends meist allein speisen würden. »Kitten diniert gewöhnlich im Palast.« Das Essen war herrlich. Statt des wässrigen Eintopfs gab es Fisch in einer köstlichen Soße und knackiges, leuchtendes Gemüse, das in wunderschönen Kombinationen von Farbe und Form auf eleganten, weißen Platten serviert wurden. Nach dem Essen wurde mir bewußt, daß ich ungebührlich viel in mich hineingeschlungen hatte, daher saß ich nur verlegen vor meinem leeren Teller und sah zu, wie Genevieve bedächtig einen Bissen nach dem anderen zu Munde führte. Beschämt lehnte ich eine zweite Portion ab. Es war ein angespanntes Mahl. Da ich fest entschlossen war, nicht zuviel preiszugeben, kam das Gespräch nicht recht in Fluß, obwohl Ge- nevieve ihr Bestes tat, es nicht erlahmen zu lassen. Das große Speise- zimmer, das vom Ticken einer Uhr erfüllt wurde, und der teilnahmslose Butler machten die Situation auch nicht besser. Zum erstenmal ver- mißte ich den lärmenden, nach allem möglichen riechenden Speisesaal im College. Genevieve erkundigte sich nach meinen Studien und fragte auch, wie mir das College und die verschiedenen Lehrer gefielen. Anscheinend kannte sie einige der Heilerinnen dort, aber da Magier sich für gewöhn-, lich von Heilerinnen fernhalten, brachten diese Fragen uns auch nicht sehr weit. Dann erkundigte sie sich, ob ich mich in irgendeiner Weise für die Heilkunst interessierte. »Ich habe sie ein wenig studiert«, sagte ich, »aber ich habe keine Begabung dafür.« »Ich verbringe den Großteil meiner Tage im Nonnenkloster St. Bel- kis, wo Kitten ein Armenkrankenhaus unterhält.« Ich war erstaunt. Was für eine merkwürdige Behauptung. Warum sollte Madame Avignon ein Krankenhaus unterhalten – noch dazu in einem Kloster? »Ein Krankenhaus?« »Ja, ein kostenloses Krankenhaus für die Armen.« Sie glaubte wohl, daß das ihre Sünden auslöschte. Für eine Agnosti- kerin wie mich schien es ein lächerlicher Aberglaube zu sein, der wahr- scheinlich hier genauso verbreitet war wie in Moria, vor allem bei den Ungebildeten. Vielleicht war es doch nicht so überraschend, wenn eine Kurtisane diesem Aberglauben anhing. Eine der wohlbekannten Tatsa- chen bezüglich Madame Avignon war ihre Beliebtheit bei den unteren Bevölkerungsschichten. Michael und ich hatten es selbst erlebt, als wir damals nach Gallia kamen. Gerüchten zufolge war das der Grund, wa- rum Gallias Adel Madame Avignon fürchtete. »Sie ist bestimmt sehr beliebt«, sagte ich. Genevieve sah mich scharf an. »Bei den Armen«, erklärte ich. Einen Augenblick lang schwiegen wir beide, dann sagte sie bedacht- sam: »Die Klinik braucht immer Leute, die sich auf die Heilkunst ver- stehen. Ich möchte Sie nicht kränken, aber ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Interesse hätten, mir dort zu helfen.« »Ich glaube nicht«, sagte ich so höflich ich konnte; ich war einerseits verlegen, weil sie gefragt hatte, andererseits hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nein gesagt hatte. Es war noch nie dagewesen, daß ein Magier sich dazu herabgelassen hätte, als Heiler zu arbeiten, ein unerhörter Würdeverlust, beinahe so, als wolle man sich als Diener verdingen und anderen lauten hinterherräumen. Michael wäre entsetzt über den Gedanken gewesen, ich könne in einer Klinik arbeiten. Und überhaupt – warum hatte ich ein schlechtes Gewissen deswegen? Ich hatte recht daran getan, nein zu sagen. Vielleicht hätte ich rüder sein und sie auf ihren Platz verweisen sollen. Aber sie schien mit einem Nein gerechnet zu haben, daher bekam ich keine Gelegenheit, schroff zu sein. Insgeheim war ich erleichtert dar- über; dann ärgerte ich mich über meine Erleichterung. ›Bei den Sie- ben, vertritt deinen Standpunkt, Dion‹, sagte Michaels Stimme in mei-, nem Kopf. Nach dem Essen fragte mich Genevieve, ob ich mir gern ihre Kräuterküche ansehen wolle, aber mir war klar, daß sie nur aus Höf- lichkeit fragte. Ich entschuldigte mich und ging wieder nach oben. In meinem Zimmer öffnete ich das Fenster, stellte mich davor, atme- te die kühle Nachtluft ein und betrachtete die Stadt, die man durch die Baumwipfel erkennen konnte. Der Zwischenfall mit Genevieve hatte mich deprimiert, und wieder einmal dachte ich bekümmert über meine Unfähigkeit nach, Freunde zu gewinnen. Da oben in der Dachstube schien es, als gäbe es auf der ganzen Welt nur mich und meine Kerze. War es irgendein Defekt in mir, daß ich dazu bestimmt war, ganz allein auf der Welt zu sein? Aber es konnte doch auch niemand behaupten, daß Kitten Avignon eine tugendhafte Frau war, und dennoch schienen sich alle möglichen Leute um sie zu sorgen. Es war nicht gerecht. Ich schloß hastig das Fenster und begann, meine Bücher auszupacken. Vielleicht hätte ich auf die Bitte der Heile- rin eingehen sollen, dachte ich. Es spielte kaum eine Rolle, was man in diesem Haus von mir hielt, und ich hätte wenigstens eine Beschäfti- gung gehabt. Auf dem Boden der Bücherkiste fand ich mein Tagebuch, das ich während der Zeit meiner Haziaträume geführt hatte. Ich blätterte es durch und versetzte mich in einige der Träume zurück. Den Traum, in dem ich mich auf dem Knochenstrand befunden hatte, hatte ich nicht niedergeschrieben. Dabei hätte ich gerade den gerne ein wenig näher erkundet. Ich begann, ihn in Gedanken noch einmal zu durchleben, das Knirschen der Knochen, die klebrige, schwammige Beschaffenheit die- ses Meeres. Und das Wesen auf dem Felsbrocken, seine Lederschwingen und sei- ne Schuppenhände. Ich konnte es beinahe vor mir sehen, seine roten Augen, die im Licht der kalten, kreisenden Sterne glitzerten. Dieselbe Faszination wie damals befiel mich. Wenn wir nur hätten reden kön- nen, wenn ich ihn nur hätte fragen können… Die Kerze erlosch. Meine Kopfhaut kribbelte, und ich tastete schnell nach den Streich- hölzern. Ich haßte diese totale Dunkelheit. Schon während ich das dachte, hörte ich irgendwo im Zimmer hinter mir Atmen. Schweres, schnarrendes Atmen. Ich fuhr herum und erfüllte den Raum mit dem blendenden Weiß, des Zauberlichts. Da war nichts, gar nichts. Aber ich hörte das Atmen immer noch. Ich ließ das Zauberlicht auf meinen Fingerspitzen liegen, kroch langsam durch das Zimmer und versuchte, die Quelle des Atmens zu finden. Ich warf hastig einen Blick unter das Bett und öffnete den Schrank., Gott und Engel! Es kam aus der Ecke hinter dem Spiegel. Nein. Es war unter dem Tuch, das den Spiegel bedeckte. Eine Sekunde lang stand ich einfach nur da und wagte nicht, das Tuch anzufassen, bevor ich in der, wie es mir schien, längsten Sekunde meines I›ebens die Hand ausstreckte und den Stoff herunterriß. Nichts. Da war nur mein eigenes Spiegelbild. Und immer noch dieses Atmen. Ich beugte mich vorsichtig vor, um hinter den Spiegel zu sehen. Peng! Der ganze Spiegel erbebte, als eine Welle hart gegen das Glas krachte. Ich sprang zurück. Die Welle schien das Glas mit sich zurück- zusaugen, bevor sie langsam und glibberig davonglitt. Ich erhaschte einen Blick auf kleine Münder mit geschürzten Lippen, die das Glas auf- saugten, Münder mit kleinen, flinken, rosafarbenen Zungen. Dahinter war Dunkelheit, waren die kalten, wirbelnden Sterne, die schwere Mas- se des gallertartigen Meeres und ein Felsen. Auf dem Felsen erkannte ich die dunklen Umrisse von Fledermausschwingen und einen riesigen zerfurchten Kopf mit roten Eidechsenaugen, die mich direkt anstarrten. Eine Hand, riesig und mit Dornen bewehrt, streckte sich nach mir aus. Eine schreckliche Stimme, die klang wie die Stimme vieler in einer einzigen Kreatur vereinter Wesen, sagte: »NIMM MEINE HAND.« 0 ihr Engel, welche Kraft diese Stimme hatte. Ich streckte die Hand aus, wurde unerbittlich zu dieser anderen Hand hingezogen. Nein. Das durfte ich nicht. Ich schüttelte den Kopf, befreite mich von dem Bann und zog meine Hand wieder zurück. Eine schreckliche Macht zerrte mich in den Spiegel. Sie bewegte mein Haar und mein Kleid wie in einem Windstoß. Aber wie der Wind war sie jetzt nur oberflächlich, und ich konnte ihr widerstehen. Der zerfurchte Kopf des Dämons bewegte sich, richtete sich auf. Ei- nen Augenblick lang glaubte ich fast, ich hätte ihn überrascht. Die kal- ten Sterne waren das einzige Licht in dem Spiegel. Das Zauberlicht in meiner Hand vertiefte die Dunkelheit nur noch. Ich hielt es hinter mei- nen Rücken, damit ich besser sehen konnte. Es war unmöglich, daß er da rauskonnte. Es bedurfte gewaltiger Ma- gie, um ihn hindurchzubringen, einer Magie, von der ich gar nicht wuß- te, wie ich sie hätte beschwören sollen. Trotzdem hatte ich Angst. Es war wirklich ein Gefühl, als sei nur eine dünne Glaswand zwischen mir und seinen beinahe unbeschränkten Kräften; außerdem war da dieser schreckliche, magnetische Sog, der mich in den Spiegel ziehen wollte. Der Dämon konnte selbst nicht durch den Spiegel gehen, aber was, wenn er mich zu sich hinziehen konnte? Ich hatte das Gefühl, als könn- te er genau das tun. Hätte ich nach seiner Hand greifen können? Was, wäre geschehen, wenn ich es getan hätte? Schon bei dem bloßen Ge- danken daran gaben meine Knie nach. Reiß dich zusammen, Dion. Würde. Das war es, was hier vonnöten war. Das war die Art, wie Michael mich gelehrt hatte, mit übernatürli- chen Wesen zu verfahren. Zwing es, dich zu respektieren. Laß es – wie ein Pferd – wissen, daß du die Zügel in der Hand hältst. Hastig unter- drückte ich die Erinnerung daran, was für eine fürchterlich schlechte Reiterin ich war. Ich war eine Magierin. Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf und fragte mit meiner hochmütigsten Magierstimme: »Wer bist du?« »Ich bin Bedazzer.« Die Stimme war tief und schrecklich und viel- schichtig. Und es ging ein ungeheurer Sog von ihr aus. »Was willst du hier?« Es war heller geworden in dem Spiegel. Ich konnte sehen, daß der Dämon auf dem Boden hockte, beinahe voll- ständig umhüllt von seinen riesigen Fledermausschwingen, bis auf die dicken, sehnigen Arme, die leicht auf seinen Knien auflagen. Ich konnte deutlich sehen, wie er lächelte, wie er die Lippen über seinen mit Reiß- zähnen bewehrten Mund zurückzog. Zwischen diesen Lippen erschien eine feste, rosafarbene Zunge. Er leckte sich damit langsam die Finger. Es war, als glitte seine Zunge über mein eigenes Fleisch. »Warum kommst du nicht hierher und findest es selbst heraus, klei- nes Mädchen?« Ich zitterte. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er runzelte die Stirn. »Was hattest du an meinem Strand zu suchen, kleines Mädchen? SAG ES MIR!« Ich zuckte zusammen. »Ich weiß es nicht«, sagte ich, bevor ich es verhindern konnte. »Du weißt es nicht«, wiederholte der Dämon. Er schien einen Au- genblick lang über meine Worte nachzudenken. »Ich bin dir gefolgt, kleines Mädchen. Deine feuchte kleine Welt ge- fallt mir. Ich möchte durch den Spiegel kommen und sie näher erkun- den.« Plötzlich schlug er mit seinen gewaltigen Krallen aus. Ließ sie krei- schend über das Glas gleiten. Der Spiegel erzitterte. Ich schrie die Worte der Zerstreuung. Er riß die Hand zurück und schob sie unter seine Schwingen. Diesmal eindeutig verunsichert. Dann beugte er sich mit schmal gewordenen Augen vor. »Du magst Dämonen, nicht wahr, kleines Mädchen? Was ist das für ein böses, kleines Mädchen, das Dämonen mag? Aber das tust du doch, oder? Ich weiß es. Ich kann in dein kleines Hirn sehen. Du bist hergekommen, weil du neugierig warst.«, Es schien das beste zu sein, nichts zu sagen. Wir wußten beide, daß er recht hatte. »Ich bin… auch neugierig«, sagte er. »Ein Bündnis, kleines Mädchen. Du könntest mir helfen. Und ich könnte dich erfreuen.« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Plötzlich bäumte der Dämon sich auf und riß seine Schwingen aus- einander, so daß sein starker, vollendet gebauter Körper ganz sichtbar wurde. Er ließ die Hüften kreisen, hob den Kopf und schrie in den Himmel: »Ich bin Bedazzer. Fürst der Lust. Zerstörer der Jungfrauen…« Herr des Lebens! Sein… Ding. Es war gewaltig. Und stachelig. Ich durfte nicht hinsehen. Ich konnte meinen Blick nicht losreißen. Ich hat- te in Wirklichkeit noch nie eines gesehen. Ich war so verlegen, daß ich dunkelrot anlief. Ich konnte nicht dagegen an. Ich kicherte entsetzt und preßte eine Hand auf den Mund. »Was?« brüllte er. »Du lachst über MICH? Du törichte kleine Jung- frau.« Er warf sich mit ausgestreckten Fäusten gegen das Glas. Der Spiegel vibrierte unter der Wucht seines Aufpralls, geriet ins Wanken und kippte um. Ich sprang schreiend zurück. Dann hörte ich das Krachen splitternden Glases, als der Spiegel auf dem Boden aufschlug. Die Scherben flogen überall hin. Dann herrschte Stille. Ich stand zitternd da und konnte nur töricht die Scherben an- starren, die sauber und silbrig auf dem Boden lagen. Ich schob sie zaghaft mit dem Fuß hin und her und war merkwürdigerweise erstaunt, keine Spur von dem Dämon zu finden. Kein Schleim, nichts. Die Tür wurde aufgerissen. Eine Gestalt strömte in mein Zimmer wie eine Welle. Ich warf mich schreiend an die Wand und ließ mein Hexen- licht wieder aufflackern. Es war Kitten Avignon mit einem gezückten Schwert. »Was ist passiert?« schrie sie. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« In dem leuchtendweißen Schein des Hexenlichtes schossen ihre Augen von einer Seite zur anderen. Sie hielt das Schwert mit der gleichen Selbstverständlichkeit in der Hand wie ein Schwertkämpfer. Ich sah sie voller Erstaunen an, und sie erwiderte meinen Blick. »Oh«, sagte ich. »Ja, natürlich. Mir geht es gut.« »Was ist passiert?« »Oh… eigentlich gar nichts. Ich… habe meinen Spiegel zerbrochen.« »Das sehe ich. Nun ja.« Sie atmete hörbar aus. »Puh! Sie haben mir einen fürchterlichen Schrecken eingejagt. Ich habe erwartet, mindes- tens eine ganze Horde mordlustiger Soprianer hier vorzufinden.« Sie schob die Glasscherben mit dem Fuß zusammen. »Was für ein Chaos!«, Sie trug ein duftiges, weißes Gewand. Es sah aus wie eine Wolke aus Schwanenfedern. Das Schwert in ihrer Hand faszinierte mich. »Hübsches Schwert, nicht wahr?« fragte sie mit einem Grinsen. Plötzlich kam eine weitere Gestalt durch die Tür gestürmt. Stahl blitzte auf. Es war Simonetti. Mit gezücktem Schwert und bekleidet nur mit seiner ledernen Hose. Er war tropfnaß, und das Hexenlicht verlieh seiner Haut eine geisterhafte Blässe. »Falscher Alarm«, sagte Kitten. »Ihr ist nichts passiert.« »Mist«, sagte Simonetti. »Das hat mich Jahre meines Lebens gekos- tet. Was war denn los?« »Dion hat ihren Spiegel zerbrochen.« »Heilige Tansa, wie haben Sie das denn angestellt?« »Probleme?« frage Genny und schob den Kopf durch die Tür. Sie zumindest hielt kein Schwert in der Hand. Auf ihrem Kopf thronte eine rüschenbesetzte, weiße Nachtmütze, die sie sich wie ein Häubchen un- ter dem Kinn festgebunden hatte. Sie trug ein langes Nachthemd und darüber einen Morgenmantel aus buntbedruckter Baumwolle. »Allerdings«, sagte Simonetti. »Unsere kleine Magierin hat gerade ihren Spiegel zerbrochen. Das bedeutet sieben Jahre Pech, Mädchen, und Sie wissen ja, wer sie davor wird beschützen müssen, nicht wahr?« Er und Kitten grinsten einander an. Ich konnte ihre Erleichterung förmlich spüren. »Wir haben dich mit runtergelassenen Hosen erwischt, wie? Oder wolltest du nur mit deinen Muskeln angeben?« Simonetti schnaubte. »Nun, Sie sind auch nicht gerade für die Schlacht gerüstet… MADAME.« »Was ist passiert?« fragte Genny. Ihr Gesicht war ernst. »Wie haben Sie den Spiegel zerbrochen?« Dies war der Zeitpunkt für eine überzeugende Lüge. »Ich… habe versucht, ihn an eine andere Stelle zu schieben«, sagte ich lahm. Ich spürte, wie ich errötete. Glücklicherweise hielt Simonetti das Erröten für Verlegenheit. »Nun ja. Bei den Sieben, ich würde auch rot werden, wenn ich das ganze Haus zu Tode erschreckt hätte… He«, sagte er und blinzelte in das Zauberlicht, »können wir hier nicht ein normales Licht anzünden, statt dieses elenden, grellen Dingsda? Es tut mir in den Augen weh.« Genny legte einen Finger auf den Kerzendocht und entzündete ihn. Ein hübsches Kunststückchen. Ich wäre nie auf den Gedanken gekom- men, es so zu machen. Aber sie sah mich an, als wäre irgend etwas nicht in Ordnung. Ich hatte den Eindruck, daß sie mir meine Geschich- te mit dem Spiegel nicht glaubte. Ich löschte das Zauberlicht., »Warum geht ihr beide nicht wieder ins Bett? Ich kümmere mich hier um alles«, sagte Kitten. Die beiden anderen gingen – Simonetti vor sich hin brummend, Genny mit einem besorgten Blick in meine Richtung. »Wir müssen einen der Diener holen, um das wegzuräumen. Die Scherben können nicht die ganze Nacht auf dem Boden liegenbleiben.« Kitten griff nach dem Glockenzug und läutete, bevor ich protestieren konnte. »Nein«, sagte ich, »das bringe ich in Ordnung. Wirklich.« Ich blies einen Zauber durch die Scherben, und das Glas erhob sich in einer wirbelnden, klimpernden Masse, die sich in die Ecke des Zimmers be- gab und als säuberliches Häufchen dort liegenblieb. »Nun, nun. Sieh mal einer an. Wissen Sie, es ist mir nie in den Sinn gekommen, daß Sie die Magie auch für solche Kleinigkeiten benutzen könnten.« Sie fuhr mit dem Fuß über dem Teppich. »Ja, ich glaube, Sie haben alles erwischt. Was für eine wunderbare Art des Hausputzes.« Sie lächelte mir zu. Aber plötzlich war ich nicht mehr in der Stimmung für Nettigkeiten. Plötzlich verwandelten meine Knie sich in Wasser. Was hatte ich getan? Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und stützte das Gesicht in die Hände. »Dion?« »Ja. Ich komme schon klar. Das Mißgeschick hat mich irgendwie nervös gemacht.« Es herrschte einen Augenblick lang Stille, dann fragte Kitten: »Sind diese Spiegel etwas Besonderes, oder würde auch ein ganz normaler genügen?« »Wie bitte?« »Wir können Ihnen einen neuen Spiegel beschaffen.« Ein offenes Fenster, durch das der Dämon eintreten könnte… Ich schauderte unwillkürlich. »Nein, vielen Dank.« Sie trat hinter mich und berührte mich an der Schulter. Ich spürte, wie ich zurückzuckte. Sie nahm die Hand weg. In ihrer Stimme lag nichts, was darauf hindeutete, daß sie gekränkt war. »Sie haben einen ziemlichen Schock erlitten, nicht wahr?« »Es ist schon wieder alles in Ordnung«, sagte ich, rieb mir das Ge- sicht und hoffte, daß sie nicht bemerkte, wie sehr meine Hände zitter- ten. »Was ist wirklich mit diesem Spiegel passiert? Haben Sie… am… et- was gesehen?« »Ich habe ihn verschoben«, sagte ich., »Verstehe.« Schweigen. »Da kommt Maria«, sagte sie. »Ich bin gleich wieder da.« Ich wünschte, sie würde gehen. Ich fühlte mich nicht wohl in ihrer Gesellschaft. Andererseits wollte ich gerade jetzt eigentlich nicht allein sein. Als sie wieder ins Zimmer trat, sah ich sie durch meine Finger an, die ich mir immer noch vors Gesicht hielt. Sie ließ sich anmutig auf einem Sessel nieder, und eine zartgliedrige Hand hing unverkrampft über das Ende der Armlehne. Sie sah unbeschreiblich zerbrechlich und weiblich aus, wie sie da saß, als hätte sie nie etwas so Brutales wie ein Schwert in der Hand gehabt. Ich fragte mich, ob ich mir das Ganze vielleicht nur eingebildet hatte. Das Schwert jedenfalls schien verschwunden zu sein. »Sie hatten ein Schwert«, sagte ich. »Als ich es krachen hörte, dachte ich, jemand versuchte, Ihnen et- was anzutun. Ich bin hergekommen, um Ihnen zu helfen.« Es folgte eine kurze Pause. »Ich weiß, wie man ein Schwert be- nutzt«, sagte sie. Ich muß sie ziemlich ungläubig angeschaut haben, denn sie lachte und sagte: »Ah, Sie ziehen voreilige Schlüsse. Man sollte grundsätzlich keine voreiligen Schlüsse ziehen.« »Was haben Sie mit dem Schwert gemacht?« »Ich habe es Maria gegeben, damit sie es wieder wegbringt. Eine wahre Jüngerin des Schwerts sollte sich selbst um ihre Waffen küm- mern, aber… na ja, zur Hölle mit der Tradition. Ich habe den Schwert- kampf von einem jener Männer gelernt, die letzte Nacht versucht ha- ben, Sie zu töten. Von einem soprianischen Attentäter. Diese Leute sind sehr praktisch veranlagt. Sie glauben, daß sie die Menschen, die sie lieben, am besten dadurch beschützen können, daß sie ihnen bei- bringen, sich selbst zu beschützen. So haben sie eine ganz eigene Me- thode des Schwertkampfes eigens für Frauen entwickelt und eine ande- re für Kinder. Mir ist diese Fähigkeit immer wieder gut zustatten ge- kommen.« Ich schwieg, da ich nicht wußte, wie ich reagieren oder was ich sa- gen sollte. Es fiel mir so schwer, all diese Dinge zu glauben. Sagte sie wirklich die Wahrheit? »Sehen Sie, Sie sind hier in Sicherheit. Es stehen immer einige Män- ner Wache, und für den unwahrscheinlichen Fall, daß doch jemand ins Haus eindringt, sind Simonetti und ich durchaus in der Lage, Sie zu schützen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob Sie uns brauchen würden. Mit diesem Burschen in Ihrem Zimmer gestern sind Sie jedenfalls sehr, gut allein zurechtgekommen.« Ihre Worte brachten böse Erinnerungen zurück, unangenehme Ge- fühle. »Ich wollte den Mann nicht töten«, wisperte ich. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Es ist ein grauenhaftes Gefühl. Aber Sie haben um Ihr Leben gekämpft.« »Ja.« In diesem Lichte betrachtet schien die Sache ein wenig besser zu sein. Es klopfte an der Tür. Kitten nahm von der Frau draußen ein Tablett entgegen. »Das ist jetzt alles, Maria. Geh wieder zu Bett.« Ich lauschte, während sie die heiße Flüssigkeit einschenkte. Dann folgte das vertraute Klappern von Tassen und das zarte Klingeln von Löffeln auf Porzellan. »Hier«, sagte sie, »trinken Sie das. Dann wird es Ihnen gleich viel bessergehen.« Ich nahm einen Schluck. Der Geschmack war irgendwie seltsam. »Was ist da drin?« fragte ich. »Branntwein«, sagte sie. »Ich dachte, er hilft Ihnen vielleicht, sich zu entspannen… Ach du liebe Güte, möglicherweise trinken Sie ja keinen Alkohol.« »Ich habe nichts dagegen«, sagte ich, um nicht meine Unvertrautheit mit diesen Dingen preiszugeben. Im Grunde war es auch gar nicht so schlecht. Das Getränk wärmte mich von innen. Ich war dankbar dafür. »Muß sich denn jeder bei Hofe vor solchen Angriffen schützen?« »Nicht jeder, nein. Aber Höfe sind immer ein gefährliches Pflaster, und meine Position als Favoritin des Herrschers… ist besonders gefähr- lich. Ein Aristokrat hat zu seinem Schutz seine Patrone und die Familie. Aber jemand wie ich, die ich ohne Familie dastehe und noch dazu Aus- länderin bin… ich bin wie eine Ziege in einem Tigerkäfig. Ich gehöre hier nicht hin, und einer ganzen Reihe von Leuten bin ich ziemlich un- bequem. Es will nämlich jeder meine Position haben.« Schweigend nippten wir an unserer Schokolade. Ich suchte im Geiste fieberhaft nach irgendeiner Erwiderung. Es gab so viele Fragen, die ich ihr gern gestellt hätte. Die wichtigste war natürlich, wie sie diese Art Leben leben konnte? War es möglich, daß sie den Herzog liebte? Aber es gab noch andere Fragen. Einige davon waren die üblichen Fragen, die der Schutezauber erforderte. Einige von ihnen hätte ich ihr gleich an jenem ersten Abend im herzoglichen Palast stellen sollen, aber ich hatte keinerlei Kontakt mit ihr gewollt. Ich wußte, daß ich mehr über meinen angeblichen Gegner, Norval, den Geisterbeschwörer, in Erfah- rung hätte bringen müssen. Er schien immer noch ein Schatten zu sein,, eine bloße Hypothese. Michael hätte mein Benehmen unprofessionell gefunden, aber andererseits wäre es auch ihm schwergefallen, Madame Avignon ernst zu nehmen. Und er wäre angewidert (aber zweifellos nicht weiter überrascht) gewesen über die Neugier, die ich langsam für diese Frau entwickelte, die mir gegenübersaß und anmutig heiße Scho- kolade aus feinstem Porzellan trank und behauptete, in der Kunst des Schwertfechtens ausgebildet worden zu sein. Es gibt zu viele Dinge, die du nicht weißt, rief ich mir ins Gedächtnis. Hör auf, voreilige Schlüsse zu ziehen. Ich wagte eine Frage. »Warum interessiert er sich so für Sie?« Sie sah mich überrascht an. »Wer? Der Herzog?« »Nein. Norval. Magier scheren sich für gewöhnlich nicht viel um Frauen.« Sie lachte. »Ein Magier ist ein Mann wie jeder andere. Mit Ausnahme von Ihnen natürlich.« Bei dieser zungenfertigen Antwort muß ich wohl die Stirn gerunzelt haben, denn sie fuhr ein wenig höflicher fort: »Die Magier des Westens sind etwas korrupter als ihr hier im Osten. Ich fand die große Bedeu- tung, die man der Askese hier auf der Halbinsel zumißt, immer er- staunlich. In meinem Land nehmen die größten Magier Anteil an politi- schen Angelegenheiten und leben wie Prinzen, mit riesigen Ländereien und vielen Sklaven. Nun, Norval war jedenfalls kein Geisterbeschwörer, als ich ihn kennenlernte. Er war lediglich ein vornehmer Herr, der bei Hofe lebte. Er war mein erster… Beschützer. Von ihm habe ich viele der Künste einer Kurtisane gelernt. Ich fürchte, er hat sich schließlich ein- gebildet mich zu besitzen. Solche Menschen werden sehr wütend, wenn sie feststellen müssen, daß sie sich geirrt haben. Ich bin nicht die erste Frau, die von einem ehemaligen Beschützer verfolgt wird. Mein Pech ist lediglich die Tatsache, daß er ist, was er ist.« Dies war also in Wirklichkeit ein Kampf zwischen einer Hure und ei- nem ›gekränkten‹ Beschützer. Wenn man den Geschichten unserer Haushälterin Glauben schenken durfte, war sie selbst schuld an ihrem Mißgeschick. Der Ruf von Gallia mußte durch und durch verderbt sein, wenn eine Frau die Hilfe des Magiercolleges in Anspruch nehmen konn- te, um irgendeiner schmutzigen Verwicklung zu entkommen, nur weil sie zufällig das Bett des Herzogs teilte. Mein Gesicht mußte abermals meine Gedanken widergespiegelt haben, denn nun sagte sie: »Wir le- ben in einer unvollkommenen Welt Dion. Wahrscheinlich führe ich ein schmutziges Leben. Aber ich lebe gern, und ich möchte weiterleben. Das ist der Grund, warum ich Norval überhaupt verlassen habe.« Es war mir peinlich, daß sie meine Gedanken erraten hatte. Ein wenig sanfter fuhr sie fort: »Ich gehörte Norval nicht verstehen, Sie. Es gab keinen Grund auf der Welt, warum ich bei ihm bleiben soll- te. Am Ende schien es mir törichter zu sein, mit offenen Augen in mein Unglück zu rennen, als einem Liebhaber untreu zu werden, der bereits mit meinem Leben spielte. Norval war in eine Verschwörung verwickelt deren Ziel es war, den Herrscher von Ara-Maja zu stürzen. Die Ver- schwörer beschlossen, meine besonderen Gaben für ihr Spiel zu nut- zen. Natürlich sagten sie mir nichts davon. Ich wußte nur, daß ich ›nett‹ zu einem Mann sein sollte, dessen Hilfe Norval sich versichern wollte. Tatsächlich benutzten sie mich als Vermittlerin. Wenn die Sache aufgeflogen wäre oder Masud ihn verraten hätte, hätte Norval sagen können, er hätte nichts von der ganzen Sache gewußt.« Sie seufzte. »Er war ein charmanter Mann. Als mir langsam klar wurde, was da geschah, konnte ich nicht glauben, daß er mir so etwas antun konnte. Aber dann wurde klar, daß ich nicht mehr als eine Figur auf einem Spielbrett für ihn war. Damals war ich sehr, sehr zornig. Also dachte ich, er soll mir gestohlen bleiben, sie alle sollen mir gestohlen bleiben. Ich teilte die politischen Ansichten von Norval und seinen Freunden ohnehin nicht. Kaiser Jerzack war bei all seinen Fehlern ein besserer Herrscher, als es ihr Marionettenkaiser gewesen wäre. Also bin ich ge- flohen. Ich habe meinen Namen geändert und bin verschwunden. Ich trat einem fahrenden Theaterensemble bei, das Aramaja verließ. Bin- nen einer Woche war ich hundert Meilen von Norval entfernt.« Es gelang mir, meine Gefühle zu verbergen. Die Art, wie sie sprach, war verführerisch. Ich stellte fest, daß ich beinahe soweit war, ihren Ansichten beizupflichten. Trotz des behüteten Lebens, das ich bisher geführt hatte, hatte ich immer wieder darüber gestaunt, welch törichte Dinge Frauen manchmal für die Männer taten, die sie liebten. In unse- rem Dorf hatte es einen Skandal gegeben, als eines der Dienstmädchen im Gasthaus ihren Liebhaber eines Nachts durch die Hintertür eingelas- sen hatte, damit er es ausrauben konnte. Die arme Hannie wurde ins Gefängnis geschickt, aber die Diebe hatte man nie erwischt. Ich habe mich damals gefragt, was nur in sie gefahren sein konnte, daß sie so eine Dummheit beging. Ich konnte verstehen, was Kitten Avignon ge- tan hatte. Wenn es wirklich die Wahrheit war. Andererseits hörte ich immer noch Michaels Stimme, als er über solche Frauen sprach: ›Sie machen sich ihre eigenen Betten, und sie müssen darin liegen.‹ Sie wäre niemals in diese Situation gekommen, wenn sie nicht irgendwann zur Kurtisane geworden wäre. Kitten starrte ins Leere. Das Kerzenlicht ließ ihr Gesicht weich und zart erscheinen. »Kurz nachdem ich ihn verlassen hatte, brach die Verschwörung na- türlich zusammen. Vielleicht hat der Mann, dessen Schweigen mit mei-, ner Gunst erkauft werden sollte, nicht länger geschwiegen. Ich weiß es nicht. Ich habe gehört, daß Norval auf Grund eines Verdachts ins Ge- fängnis geworfen und gefoltert worden war, und daß er Narben davon- getragen hat. Das muß ihn schwer getroffen haben. Er war immer ein sehr eitler Mann.« Ihr Gesicht hatte denselben undurchdringlichen Ausdruck, den ich in der Kutsche an ihr gesehen hatte. Es war unmöglich, zu sagen, was sie dachte. Kurtisanen und Geisterbeschwörer. Da war ich ja in schöner Gesell- schaft. »Norval hat also, solange Sie ihn kannten, noch keine Todesmagie praktiziert?« hakte ich nach. »Ich denke, er hat vielleicht ein wenig damit herumprobiert, ja. Ja, in seinem Haus war eindeutig einiges an unerfreulicher Magie im Gange. Ich habe mir in jenen Tagen alle Mühe gegeben, nichts von irgendwel- chen Dingen zur Kenntnis zu nehmen, die vielleicht gegen Norval ge- sprochen hätten. Er war ein schöner Mann. So geistreich und klug. Mächtig. Die Macht war erregend. Natürlich nur solange, wie ich sie nicht am eigenen Leibe zu spüren bekam. Er liebte die Macht. Er war auch ein Mann, der einem, wenn er wußte, daß man ein Hühnerauge hatte, mit Absicht auf den Fuß trat, nur damit er derjenige war, der einem Schmerz zufügte. Es überrascht mich nicht, daß er sich der Nekromantie zugewandt hat.« Die Magie des Schmerzes und des Todes. Sie schien mir zu dem Mann zu passen, den Kitten beschrieben hatte. »Seinetwegen habe ich Sopria verlassen und bin hierher auf die Halbinsel gekommen. Ich habe abermals meinen Namen geändert. Hier verstecken sich einige von uns, die irgendeinen Magier gekränkt haben. Die östlichen Colleges der Magie haben sehr viel für Menschen wie mich getan. Sobald wir hier sind, kann die böse Magie uns nicht mehr errei- chen. Aber ich habe mich nicht gut genug versteckt. Nun, warum zur Hölle sollte ich auch? Soll ich Norval erlauben, mein Leben zu zerstö- ren? Jetzt bin ich zu bekannt. Und irgend jemand daheim im Westen hat zwei und zwei zusammengezählt. Vor einem Monat habe ich ein Päckchen bekommen. Mit besten Grü- ßen von Norval. Ich weiß nicht, wessen Finger darin war, aber der Ring gehörte einem alten Freund aus Sopria. Ich hoffe nur, daß der Ring gestohlen worden oder der Mann bereits tot war.« Das hoffte ich auch. Da die Nekromanten ihre Macht aus dem lang- samen, qualvollen Sterben ihrer Opfer bezogen, war es ein Schicksal, welches ich niemandem wünschte, einem von ihnen in die Hände zu fallen, ganz gleich, wie bösartig das Opfer auch sein mochte., Sie begann, im Raum auf und ab zu gehen. Ihr Gesicht war ange- spannt und beinahe finster. Sie sah nicht länger feenhaft und zerbrech- lich aus, sondern gefährlich und listig wie ein großer Krieger. »Zur Hölle mit Norval. Zu Hölle mit seiner schwarzen Seele. Er ge- nießt es, wenn Menschen Angst haben vor ihm, er sieht sie gern weg- laufen. Aber ich werde nicht weglaufen. Ich habe mir hier in Gallia eine Existenz aufgebaut; Land, Wohlstand, Geld, um mir die Freiheit zu kaufen, zu tun, was mir gefällt. Mit Ihrer Hilfe werde ich gegen ihn kämpfen. Gegen ihn kämpfen und siegen und ihm zeigen, daß ich kei- nen roten Heller auf ihn gebe.« Sie fuhr zu mir herum und griff nach meinem Arm. Die völlige und kaltblütige Entschlossenheit ihres Gesichtes war schockierend und zugleich erregend. Ihre Worte elektrisierten mich. Meine Muskeln spannten sich an, und ich war plötzlich bereit, gegen alles und jeden zu kämpfen. Und zu siegen. »Dion, Sie sind eine sehr mächtige Magierin. Sie können Norval schlagen, und ihm zeigen… einen Sieg des Guten über das Böse errin- gen. Sie können es. Aber Sie müssen die Sache ernst nehmen. Sie dür- fen Norval nicht unterschätzen. Die Nekromantie arbeitet mit Verbün- deten. Dadurch ist sie stärker als die weiße Magie. Und selbst ohne Magie ist Norval äußerst gerissen. Diese Gerissenheit hat er am Hofe von Aramaja gelernt. Sie müssen ständig auf Tricks gefaßt sein. Und seien Sie immer, zu jeder Zeit, auf der Hut.« Sie lehnte sich zu mir vor und sah mir wild in die Augen. Plötzlich brauchte ich Abstand zu ihr. Bevor ich meinen Impuls unterdrücken konnte, wich ich von ihr zurück und sprang aus meinem Sessel auf. »Es wird sicher alles wieder in Ordnung kommen«, sagte ich. Eine Sekunde lang blickte sie zu Boden. »Verzeihen Sie mir«, sagte sie. »Ich bin immer ein bißchen… aufge- regt, wenn ich über Norval spreche.« »Natürlich«, sagte ich atemlos. Sie drehte sich um und entfernte sich einige Schritte von mir. »Sagen Sie mir, Dion, besteht die Gefahr, daß Norval irgend etwas anderes gegen uns richten könnte?« »Irgend etwas…« Ich hielt inne. Sie sprach natürlich von einem Dä- mon. Einem Dämonensklaven. Der Zufall, daß sie ausgerechnet jetzt darauf zu sprechen kam, ließ mir die Haare zu Berge stehen. »Ich meine etwas wie einen Dämon«, sagte sie mitten in das Schweigen hinein. Sie drehte sich um und lächelte kläglich. »Sie wer- den jetzt wahrscheinlich sagen, daß ich mich lächerlich mache.« »Es ist höchst unwahrscheinlich«, entgegnete ich vorsichtig. »Er wird wahrscheinlich bei allen Beschwörungen, die er gegen uns richtet, Dä-, monenmagie benutzen, aber einen versklavten Dämon in diese Dimen- sion zu bringen… ich glaube, es ist sehr schwierig, überhaupt an einen Dämonensklaven heranzukommen. Man muß seinen wahren Namen kennen, und man muß eine gewaltige Anzahl von Menschen opfern, um das Versklavungsritual durchführen zu können. Außerdem muß man von vornherein die notwendige angeborene magische Kraft besitzen.« Ich hielt inne, denn der autoritäre Klang meiner Stimme machte mich verlegen. »Zumindest glaube ich, daß es so funktioniert. Nur eine Handvoll Magier in der Geschichte der Welt haben das fertiggebracht. Ich bezweifle doch stark, daß Norval mächtig genug dafür ist. Wenn er derart mächtig wäre, könnte er wahrscheinlich Hackfleisch aus mir ma- chen, ohne erst einen Dämon ausschicken zu müssen.« Das überzeu- gendste Argument war natürlich, daß ein derart mächtiger Magier seine Zeit niemals darauf verschwenden würde, sich an Kitten Avignon he- ranzuschleichen. Ich bezweifelte jedoch, daß eine solche Bemerkung ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt besonders taktvoll gewesen wäre. Kitten sah erleichtert aus. Sie seufzte und lächelte und gewann wie- der ihren gewohnten Charme zurück. »Ja. Das bezweifele ich auch.« Sie lachte. »Wenn es so schwierig ist, einen Dämon zu versklaven, werde ich mir keine Sorgen mehr deswe- gen machen. Und Sie haben natürlich recht. Wenn er so mächtig wäre, wäre ich gewiß schon lange tot und begraben. Aber sagen Sie mir noch etwas«, fuhr sie fort, »kann ich Ihnen Ihren Aufenthalt hier irgendwie angenehmer machen?« »Nein, vielen Dank«, entgegnete ich. Nach dem, was ich gerade he- rausgefunden hatte, wünschte ich mir nur, daß sie so schnell wie mög- lich ging. »Ich gebe nachmittags manchmal eine Gesellschaft. Es kommen vie- le Leute vom Hof und aus der Stadt, sehr respektable Leute. Ich hoffe. Sie auch dort erwarten zu dürfen.« Ich war drauf und dran, ihr Angebot abzulehnen. Dann dachte ich an die einsamen Tage, die ich gerade hinter mir hatte. Besser, ich hielt mir alle Möglichkeiten offen. »Vielen Dank«, sagte ich. Sie stand auf und wandte sich zum Gehen. »Vielleicht sollte ich Sie jetzt besser allein lassen, damit Sie sich ausruhen können.« Sie wünschte mir eine gute Nacht und ließ mich allein, allein mit meinen wirren Gedanken. Während ich mich beeilte, die unsichtbaren Runen des Schutzes und der Ablenkung an den Wanden und über allen Öffnungen des Raumes auszulegen, verschwendete ich kaum einen Gedanken an den Dämon, der das alles ins Rollen gebracht hatte. Statt dessen hatte ich nur Gedanken für sie. Auf der einen Seite gratulierte, ich mir dazu, daß ich ihren Manipulationsversuchen widerstanden hatte. Wie stark ihre Argumente in jenem beängstigenden Augenblick doch gewesen waren. Aber ich hatte es bemerkt und mich rechtzeitig ge- wappnet. Andererseits zog mich eine gewaltige Neugier zu ihr hin. Das war also Kitten Avignon. Würde ich eine solche Frau jemals verstehen? Ich mußte zugeben, daß sie ausgesprochen anziehend war. Als ich am nächsten Morgen erwachte und das Zirpen der kleinen Vögel in den Bäumen vor meinem Fenster hörte, war ich voller Freude. Nach dem Acht-Uhr-Ritual ging ich wieder zu Bett und beobachtete die Baumwipfel, die sich im Wind wiegten. Ein Dienstmädchen brachte mir mein Frühstück. Die junge Frau schien davon auszugehen, daß ich im Bett essen wollte. Das Essen war köstlich – knusprige Brötchen und unglaublich starke, heiße Schokolade. Ich war wohl noch ein wenig benommen, weil ich so wenig geschlafen hatte, denn erst als das Mäd- chen mit Eimer und Schrubber zurückkehrte, fiel mir der Dämon wieder ein. Ich ekelte mich vor mir selbst. Michael hatte recht gehabt, als er sagte, ich sei oberflächlich. Gestern nacht war ich mit Todesmagie kon- frontiert worden, und als ich ins Bett ging, hatte ich lediglich lauter kindische Gedanken über das Leben der Kurtisanen im Kopf. Oh, was für eine Närrin ich war. Daran gab es wohl keinen Zweifel. Ich hatte die Aufmerksamkeit dieses Dämons erregt, und ich war nicht einmal klug genug gewesen, mir deswegen Sorgen zu machen. Jetzt jedoch begann ich mich zu sorgen, mich zu fragen, was um al- les in der Welt ich tun sollte. Ich wußte, daß ich zum Dekan gehen und die ganze Sache hätte beichten müssen. Und doch… die Runen des Schutzes und der Ablenkung waren die einzige Methode, um unwill- kommene Aufmerksamkeit abzuwehren. Mir fiel nichts ein, was der Dekan sonst noch hätte tun können, außer daß er mir nie verziehen und mir nie wieder vertraut hätte. Außer daß er mich immer in Ver- dacht haben würde, etwas über Todesmagie zu wissen. Ein einziger Fehler, und ich würde in ihren Augen für immer verdammt sein. Es war ein Unfall gewesen, um Gottes willen. Ich versuchte, der Sache mit Logik beizukommen. Beim ersten Mal hatte ich beinahe versucht, die Hand des Dämons zu berühren. Fast konnte ich Michaels Stimme hören, wie er mir sagte, daß man niemals ein unschuldiges Opfer war. Er hätte mich gezwungen, zum Dekan zu gehen. ›Nimm deine Strafe auf dich‹, hätte er gesagt. ›Du verdienst sie. Du hast dich falsch benommen!‹ Ich wußte, daß ich zum Dekan gehen sollte. Aber der Gedanke an seinen Zorn und seine Enttäu-, schung ließ mich schaudern. Nein. Es würde nichts besser machen, wenn ich dem Dekan davon erzählte. Ich war gewiß, daß ich das einzig Mögliche getan hatte. Ich hatte den Dämon zurückgetrieben und Schritte unternommen, um mich vor ihm zu verbergen. ›Ja, Mädchen, zu guter Letzt hast du ihn zurückgetrieben. Aber zu- erst hast du ihm zugehört. Und er hat dich in Versuchung gebracht, nicht wahr?‹ sagte Michaels Stimme in meinem Kopf. Nein, nicht in Versuchung gebracht. Nur neugierig gemacht. Ich war lediglich fasziniert gewesen von diesem Geschöpf, diesem bösen, amo- ralischen Geschöpf. Er konnte nicht in diese Dimension eindringen. Wahrscheinlich wäre er nicht einmal mir erschienen, hätte ich nicht mit solcher Sehnsucht an meinen Haziatraum gedacht. Wenn ich also nicht länger an den Dä- mon dachte, würde er nicht kommen. Vielleicht hatte er bereits das Interesse an mir verloren; Dämonen waren schließlich chaotische We- sen. Irgendwie bezweifelte ich jedoch, daß die Sache so einfach war. Das bedeutete, daß er zurückkehren würde, und das wiederum bedeu- tete, daß ich mit dem Dekan reden sollte; das wäre das klügste. So ging es den ganzen Vormittag; meine Gedanken kreisten wieder und wieder um dieselben Fragen. Ich versuchte, mich mit etwas Trigo- nometrie zu beruhigen, aber meine Gedanken kehrten immer wieder zu dem Dämon zurück. Kurz nach Mittag war ich soweit, daß ich mich fragte, was Michael gesagt hätte und ob mein Verhalten nicht Verrat an ihm war. Das ist doch lächerlich, dachte ich. Komm schon. Mach einen Spaziergang. Du kannst nicht hier herumsitzen und den ganzen Tag über Michael nach- grübeln. Nicht schon wieder. Ich zog meinen Umhang an und ging die Treppe hinunter. Bis auf das ferne Klappern des Geschirrs in der Küche schien das Haus leer zu sein. Die unteren Räume waren groß und hell und weiß. Meine Absätze klapperten fröhlich über die blankgewienerten Fußbö- den. Es wäre besser gewesen, wenn ich zum Mittagessen hinuntergegan- gen wäre. So hätte ich etwas Ablenkung von meinen Sorgen gehabt. Aber ich befürchtete, daß Kitten Avignon dasein würde, und jetzt, da ich wußte, wie neugierig ich auf sie war, hielt ich es für das klügste, mich von ihr fernzuhalten. Warum richtete meine Neugier sich immer auf solch unpassende Dinge? Kurtisanen und Dämonen. Warum konnte ich mich nicht für etwas Lohnenderes interessieren wie Michaels ge- heime Namen der Steine? Mir war klar, daß meine Neugier bezüglich Kitten Avignons mich in genauso große Schwierigkeiten bringen konn-, te, wie meine Neugier bezüglich der Dämonen es bereits getan hatte. In der Eingangshalle standen süß duftende Rosen. Ich schnupperte an den Blumen. Schon jetzt war mir etwas leichter ums Herz. Ich war Kitten Avignon bisher geschickt aus dem Weg gegangen, und ich hatte alles in meinen Kräften stehende getan, um den Dämon loszuwerden. Die leuchtende Frühlingssonne schien durch die Fenster. Es schien ein herrlicher Tag zu sein. Plötzlich war ich mir sicher, daß sich alles zum Guten wenden würde. Ich öffnete die Tür und ging hinaus in den Gar- ten. 4. Kapitel Es war wirklich herrlich draußen; einer jener Tage, an denen man das Gefühl hatte, daß der Winter jetzt vielleicht vorüber war. Die Luft war noch frisch, aber schon sanft und von der Sonne erwärmt. Es tat gut, zwischen Pflanzen und Bäumen spazierenzugehen. In Moria hatten wir auf dem Land gelebt. Manchmal, wenn Michael mit anderen Dingen beschäftigt war, hatte ich meine Studien im Stich gelassen, um in den Feldern und im nahen Wald herumzutollen. Auch wenn dies hier nur ein Garten war, stellte er doch gegenüber dem trostlosen Hof, den das Col- lege umschloß, eine große Verbesserung dar. Der Garten war so raffiniert angelegt, daß er größer schien, als es der Fall war. Die Bäume und Büsche waren scheinbar willkürlich ange- pflanzt worden, so daß man nach jeder Biegung neue Wunder und Ü- berraschungen erlebte. Narzissen und andere unglaublich strahlende Blumen sprenkelten den sorgfältig geschnittenen Rasen. Es blühten bereits die ersten Rosen, viel früher, als sie das daheim in Moria getan hätten. Die frisch umgegrabene Erde an ihren Wurzeln war üppig und braun. Als ich an eine kleine Gruppe von Fichten kam, blieb ich eine Weile dort stehen, um mich an ihrem würzigen Duft und dem Klang des Windes in ihren Zweigen zu erfreuen. Das Glück, das ich an jenem Morgen beim Aufwachen verspürt hatte, war zurückgekehrt. Der Wind strich mit einem steten, leisen Raunen durch die Fichten- nadeln, so daß ich die anderen Menschen im Garten erst bemerkte, als ich sie fast erreicht hatte. Ich ging unter den Bäumen hindurch und hörte plötzlich Gelächter; zwei Menschen rollten sich in einem Wirbel weißer Unterröcke über das Gras. Ich erstarrte. Dann bemerkte ich, daß es sich bei den Leuten auf dem Boden um Frauen handelte. Dann war wohl nichts dagegen einzuwenden. Einen Augenblick lang hatte ich befürchtet, Zeugin eines höchst unschicklichen Ereignisses zu werden., Jetzt sah ich, daß an einem weißen, schmiedeeisernen Tisch am Rand der Lichtung noch andere Leute saßen, die sich vor Lachen bo- gen. Nun setzte sich eine der Frauen rittlings auf die andere und be- gann, ihr Blätter ins Mieder zu stopfen. Voller Erleichterung darüber, daß die Sache sich als so unschuldig erwies, drehte ich mich um, um mich hastig zurückzuziehen. Aber es war zu spät. »Dion!« rief eine Stimme vom anderen Ende der Lichtung. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich weglaufen sollte, aber Madame Avignon hatte sich bereits vorgebeugt und einem jungen Mann neben ihr einige Worte zugeflüstert. Der Mann kam nun auf mich zu. Er verbeugte sich. »Guten Tag«, sagte er. »Ich bin Erasmus Tinctus. Madame Avignon schickt mich, damit ich Sie zu der Gesellschaft hinüberbegleite.« »Am… vielen Dank.« »Sie sind also Madames neue Gehilfin, Dion, die Magierin. Bitte.« Er nahm meine Hand und zog sie gewandt durch seinen Arm, und schon gingen wir Seite an Seite über die Wiese. Ich kann nicht behaup- ten, daß ich es angenehm fand, einem Mann so nahe zu sein, aber die- ser hier machte einen recht harmlosen Eindruck. Es war mir unange- nehm bewußt, daß der Saum meines Gewandes nach meinem Spazier- gang durch den Garten voll Schlammspritzer war. Ich hoffte nur, daß Erasmus es nicht bemerkt hatte. Dann sah ich, daß er auf seinen lan- gen Ärmeln bunte Farbflecken hatte; rot, blau und gelb; und dazu prangte auf seiner Hand ein großer, grüner Fleck. »Guten Tag, Dion.« »Guten Tag, Madame.« Ich hoffte, daß meine Stimme einigermaßen würdevoll klang. Es war mir schrecklich, solchermaßen in der Falle zu sitzen. Sie blickte mit einem fröhlichen Lächeln unter ihrem neckischen, ro- safarbenen Schirmchen auf. Ihre Augen tanzten, als hätte sie soeben gelacht und wolle gleich erneut in Gelächter ausbrechen. Ihre Fröhlich- keit ließ mein würdevolles Gehabe ein wenig steif erscheinen. »Ist das heute nicht ein wunderschöner Tag?« rief sie. »Ich gebe eine frühe Gartenparty. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?« Ich nickte. »Erasmus. Tee für uns beide.« Der junge Mann lächelte und verneig- te sich mit einer spöttischen, aber nichtsdestoweniger tiefen Verbeu- gung. »Was mehr könnte ein getreuer Ritter erbitten, als dem Wunsch solch bezaubernder Damen Folge zu leisten? Soll ich vielleicht noch andere tollkühne Taten vollbringen, wenn ich schon mal dabei bin? Vielleicht noch gegen einen Drachen kämpfen?« »Doch nicht beim Tee, mein lieber Junge. Schlecht für die Verdau- ung.«, Erasmus verbeugte sich abermals und wandte sich zum Gehen. »Erlauben Sie mir, Sie den anderen vorzustellen.« Es waren überwiegend Frauen, allesamt wunderschön und prächtig gekleidet. Da sie geschminkt waren, mußten sie wohl alle Kurtisanen sein, und nach der Kostbarkeit ihrer Gewänder zu urteilen, hatte ich hier wohl die Spitze der Honigschwesternschaft vor mir. Bei meinem Versuch, Kitten Avignon aus dem Weg zu gehen, war ich über ein gan- zes Nest von ihrer Sorte gestolpert. Die Atmosphäre der Gesellschaft war jedoch nicht dunkel und lasterhaft, wie ich es erwartet hätte, son- dern beschwingt und heiter. Die Frauen kicherten, stießen einander in die Rippen, schoben ihren Nachbarinnen kleine Stöckchen in den Rü- ckenausschnitt und versuchten, einander Zuckerstückchen in die Tee- tassen zu werfen. Wenn ich später daran zurückdachte, erinnerte mich die Gartengesellschaft stark an die Studenten, die man an sonnigen Tagen auf dem Hof des Colleges herumtollen sah. Zwei Mitglieder der Gruppe waren Männer, der junge Erasmus und ein älterer Mann in einem schäbigen, schwarzen Gewand; er hatte gro- ße, schwielige Hände und hieß Bordino. Die Frauen waren Sateen, sehr jung und hell gekleidet; Demoiselle, reif und elegant; und Lucia, die neben den anderen in ihrem dunklen, schlichten Gewand und ihrem zu einem graziösen Knoten frisierten Haar ein wenig deplaziert wirkte. »… und diese beiden Damen, die sich da so undamenhaft gebärden, sind Rapunzel und Lisa.« Rapunzel saß jetzt auf einem der weißen Stühle und zog sich die Blätter aus ihrem samtenen Mieder und ihrem Haar. »Du Biest, Lisa, du hast meine Frisur ruiniert«, sagte sie. »Hat ir- gend jemand einen Kamm?« Lisa zog eine Bürste mit Elfenbeingriff aus ihrem Retikül. »Hier, ich helfe dir.« Sie begann, die Bürste durch Rapunzels langes, schwarzes Haar zu ziehen. »Du hast wunderschönes Haar, Rap. Es macht solchen Spaß, es zu bürsten.« Die Frau hatte tatsächlich prächtiges Haar. Es war dick und seidig und mußte ihr, wenn sie aufstand, fast bis zu den Knien gereicht ha- ben. Es sah so weich aus. Irgendwie wollte eine solche Weichheit nicht recht zu ihrem tief ausgeschnittenen, roten Kleid und dem exotischen, dunklen Gesicht passen. Plötzlich stand der junge Mann wieder neben mir. »Bitte nehmen Sie doch Platz«, sagte er. »Ich muß mich entschuldi- gen. Ich hätte Ihnen sofort einen Stuhl anbieten sollen.« Er führte mich zu einem Stuhl, und als ich mich setzte, stellte er ein, kleines Tablett mit zwei Teetassen und einem Kuchenteller auf den Rohrtisch neben mich. Zu meinem Entsetzen nahm er selbst auf einem Stuhl ganz in meiner Nähe Platz. »Madame Avignon hat mir erzählt, daß Sie aus Moria stammen«, sagte er in perfektem Morianisch zu mir. »Ja.« »Ich auch. Es freut mich, eine Landsmännin kennenzulernen.« Ich hätte seine Nationalität in dem Augenblick erkennen müssen, in dem er mich ansprach, aber mir war nichts aufgefallen. Eine Sekunde lang befiel mich eine gewisse Furcht. Wie stand er zu uns Magiern? »Ich bin nach Gallia gekommen, um die Neue Lehre zu studieren«, sagte er. »Und Sie?« »Wir sind wegen der Hexenverbrennungen fortgegangen«, sagte ich. »Oh.« Er wirkte verlegen. »Ja. Natürlich. Das alles muß sehr schmerzlich für sie gewesen sein.« Schweigen. Ich wünschte, Kitten hätte mich nicht gesehen. Es war unvermeidbar, daß ich diesen armen jungen Mann enttäuschen würde. Ich war noch nie gut in geselliger Konversation gewesen, und dieses Gespräch kam mir so vor, als schöbe ich einen Felsbrocken hügelauf- wärts. »Aus welchem Teil von Moria stammen Sie denn?« fragte er. »Ich komme aus der Nähe von Mangalore«, erwiderte ich. »Mein Ziehvater hat an einem der Colleges dort unterrichtet.« »Ach. Und wie war sein Name?« Die Antwort schien ihn ehrlich zu interessieren. »Michael«, erwiderte ich. »0 ja!« sagte er erfreut. »Ich habe von ihm gehört. Sie müssen das kleine Mädchen sein, das er adoptiert hat, um zu beweisen, daß Frauen durchaus Magier werden können. Nun, jetzt sind Sie natürlich nicht mehr klein. Ich habe mir immer gewünscht, Sie beide einmal kennen- zulernen.« »Mein Vater ist leider vor fünf Monaten gestorben.« »Oh, das tut mir leid. Ich hoffe, Sie haben noch andere Verwandte und Freunde in Gallia.« »Nein. Ich habe niemanden.« Dann fügte ich, damit meine Worte nicht allzu mitleiderregend klangen, hinzu: »Aber die Lehrer am College waren sehr freundlich zu mir. Sie haben mir angeboten, bis zu meinem Abschluß dort zu bleiben.« »Und wann wird das sein?« »In zweieinhalb Jahren«, sagte ich. »Ich habe gehört, daß man am College sehr beeindruckt von Ihren Fähigkeiten ist.« Er wollte nur höflich sein. Er hatte gewiß nichts dergleichen gehört., Aber das Kompliment ließ mich trotzdem erröten. »Mein Ziehvater war ein sehr guter Lehrer.« »Sie müssen ihn sehr vermissen«, bemerkte er. »Ja, das tue ich.« Es war das erste Mal in all den Monaten, daß ich so etwas zu irgend jemandem sagte. Die Natürlichkeit, mit der er die Frage stellte, ließ meine Trauer ganz vernünftig und normal erscheinen und keineswegs so neurotisch und undiszipliniert, wie es mir vorge- kommen war. Ich selbst hätte niemandem eine solche Frage stellen können. Es wäre mir zu aufdringlich erschienen. Ihm dagegen schien das Thema keineswegs peinlich zu sein. Diese Offenheit war, neben seinem ehrlichen Interesse an dem, was man sagte, Erasmus’ große Gabe. Dann kam die Rede auf Moria, denn es stellte sich heraus, daß E- rasmus aus einem Bezirk ganz in unserer Nähe stammte. Er sprach voller Sehnsucht von Moria, jetzt, da der Frühling kam, und wir beide erinnerten uns der blühenden Schneebäume und der kleinen Sonnen- blumen, die zu dieser Jahreszeit im seidigen Berggras auftauchten. Wir sprachen von den besonders schönen Gegenden in unserer Heimat – von der Flammenblumenschlucht und den Weißen Bergen. Schließlich unterhielten wir uns ganz unbefangen und entspannt, und ich war selbst überrascht von den Fragen, die ich stellte. Die anderen bemerkte ich kaum noch. Nur ein einziges Mal, als Lisa laut aufschrie. »Au! Warum tust du das?« »Seht, Lisa«, sagte Rapunzel. »Aber Kitty hat mich getreten. Du hast mir weh getan, du Biest.« »Lisa, benimm dich.« »Warum um Himmels willen…« Rapunzel stieß sie an und sah vielsagend in meine Richtung. »Oh!« Lisa grinste, senkte den Blick und machte sich wieder daran, Rapunzels Haar zu bürsten. Ich wußte, daß etwas im Gange war, konnte mir aber nicht vorstel- len, worum es sich handelte. Einen Augenblick lang beobachtete ich sie, um festzustellen, ob sie sich über mich lustig machten. Dann fragte mich Erasmus, ob ich jemals die Morianischen Hochebenen besucht hätte, und ich vergaß die Frauen, um mich nach einem Ort zu erkundi- gen, den ich immer hatte sehen wollen. Als ich das nächste Mal aus unserem Gespräch auftauchte, waren die Diener herbeigekommen, um die Tische abzuräumen. Ich sah mich um, und es kam mir vor, als sei ich gerade aus einem langen Schlaf er- wacht. Bordino ging, Sateen an einem Arm, Lucia am anderen, auf das Haus zu, und die übrigen Frauen schlossen sich ihnen lachend und, schwatzend an. Kitten kam zu uns herüber. »Nun, ihr zwei beiden? Redet ihr über die alte Heimat? Erasmus, möchtest du nicht mit ins Haus kommen und etwas trinken?« Aber Erasmus fand, daß es langsam Zeit sein müsse, aufzubrechen, daher begleiteten wir ihn bis zum Gartentor. Ich stand am Tor und sah ihm nach. Wahrscheinlich hatte ich ihn mit meinem Gerede furchtbar gelangweilt, aber für mich war es ein wunderbares Gespräch gewesen. »Sie haben sich gut mit Erasmus unterhalten, nicht wahr?« fragte Kitten. »Ein charmanter junger Mann, finden Sie nicht auch?« Zog sie irgendwelche törichten Schlüsse, wenn ein Mann und eine Frau sich den ganzen Nachmittag miteinander unterhielten? »Es hat gutgetan, von zu Hause zu reden«, sagte ich fest. »Genau.« Gemeinsam gingen wir zum Haus zurück. »Ich hoffe, Sie werden ge- legentlich wieder einmal den Nachmittagstee mit uns nehmen.« Die Zusammenkunft hatte einen durchaus harmlosen Eindruck ge- macht. Andererseits wollte ich keine allzu große Vertrautheit mit den Kurtisanen. »Ich frage mich…«, sagte sie gedankenvoll. »Ich frage mich, ob Sie etwas dagegen hätten… ich würde Sie gerne um einen Gefallen bitten.« Ach du liebe Güte. Jetzt würde ich ihre Bitte abschlagen müssen, und das würde gewiß unangenehm werden. Es schien, als hätte sie meine Gedanken gelesen, denn sie sagte: »Es ist nichts Ungehöriges. Es ist nur… nun… ich hatte früher einen Pagen, der mir nachmittags vorgelesen hat. Er hat vor kurzem meinen Dienst verlassen. Ich vermisse diese Lesestunden sehr, und da dachte ich… ob Sie wohl so freundlich wären, gelegentlich nachmittags zu mir zu kommen und mir etwas vorzulesen. Ich würde mich auch bemühen, Werke auszuwählen, die Ihnen gefallen. Ich könnte Ihnen einen zu- sätzlichen Lohn geben. Sie würden mir eine große Freude machen.« Natürlich konnte ich nicht nein sagen. Andererseits brachte das ge- nau die Nähe mit sich, die ich vermeiden wollte – und was um alles auf der Welt würde ich ihr vorlesen müssen? Trotzdem war es eine so harmlose Bitte. Versuchte sie, mich zu manipulieren? Wenn ich diesmal zustimmte, wer mochte sagen, wohin das führte? Gleichzeitig hatte ihre Bitte mich sehr neugierig gemacht. »Warum lesen Sie denn nicht selbst, Madame?« »Ich kann nicht gut lesen«, sagte sie – und errötete. Ich hatte eine taktlose Frage gestellt. Höchstwahrscheinlich konnte Madame Avignon, die Kurtisane, überhaupt nicht lesen. Wie schrecklich, so etwas zugeben zu müssen., »I-ich würde Ihnen gern vorlesen«, platzte ich zerknirscht heraus. So kam es, daß ich am nächsten Nachmittag einem Dienstmädchen in Madame Avignons Privatgemächer im zweiten Stock des Hauses folgte. Das Mädchen öffnete eine Tür und bat mich hinein. Ich trat in einen großen, hellen Raum. Vor dem offenen Fenster blähten sich üp- pige, weiße Vorhänge. Madame Avignon stand mit geschlossenen Au- gen und leichtgeöffneten Lippen zwischen den Vorhängen und wandte das Gesicht der lauen Nachmittagsbrise zu. Ihr langes, helles Haar fiel ihr in zarten Wellen über die Schultern. Der Wind hob eine einzelne Locke hoch und wehte sie ihr ins Gesicht. Sie schüttelte sie weg, streckte mit einem leisen, trägen Lachen die Hand aus, schloß das Fenster und drehte sich zu mir um. »Mademoiselle Dion«, rief sie. »Sie sind gekommen! Ich bin ja so froh.« Sie trug einen dunkelrubinroten Seidenumhang über einem weißen Kleid. Offensichtlich hatte sie sich für mich nicht umgezogen. Sollte ich das als Kränkung auffassen? Ich beschloß, diese Frage später zu ent- scheiden. Hätte sie sich umgezogen, wenn ich ein Mann gewesen wä- re? Man konnte die Energie spüren, die von ihr ausging, eine Art Erre- gung, ein Gefühl, das wichtige Dinge geschehen würden. Ich hatte die- se Ausstrahlung schon früher wahrgenommen. Sie war beunruhigend, aber andererseits konnte man ihr nur schwer widerstehen. Sie breitete die Arme aus. »Willkommen in meinem Boudoir, meinem privaten Reich. Es ist der Ort, an dem ich aufhöre, eine Kurtisane zu sein, und nur mir selbst Freude bereite.« Wenn irgendwas in diesem Haus Ähnlichkeit mit einem Bordell hatte, so hatte ich erwartet, daß es Madame Avignons Gemächer sein wür- den, aber wieder einmal wies der Raum einen enttäuschenden Mangel an rotem Samt auf. Statt dessen war er angefüllt mit wuchtigen, be- quemen Sesseln, deren Polsterungen in sanftem Blattgrün und Rosa gehalten waren. An den Wänden hingen unzählige kleine Bilder, der offene Schreibtisch war übersät mit Papieren, und auf einem Tisch lag ein Stapel Bücher. Der Raum war nicht überfüllt, nur angenehm be- wohnt. Anheimelnd. Überall standen Vasen voller Blumen, größtenteils Rosen. Ihr köstlicher Duft mischte sich mit dem frischen Wind. Und auch dieses Zimmer war herrlich warm. Ich konnte mich nicht daran erinnern, auch nur ein einziges Mal gefroren zu haben, seit ich in dieses Haus gekommen war. »Also«, sagte sie und berührte dabei leicht und flüchtig meinen Arm, »hier sind die Bücher, die ich lesen muß. Werfen Sie mal einen Blick, darauf, und sagen Sie mir, was Sie davon halten. Ich muß noch ein oder zwei Dinge mit Maria besprechen.« Mit diesen Worten verschwand sie durch eine der weißen Türen, die aus dem Zimmer führten. Fasziniert blickte ich ihr nach. Der Raum war voller Kleider, die in mehreren Reihen nebeneinanderhingen, eine Flut weicher, leuchtender und juwelenartiger Farben. Die Kleider vermittelten den Eindruck, als stünde eine große Schar höfischer Damen wie gebannt da und warte nur auf den richtigen Zauberspruch, der sie wieder tanzen und umher- wirbeln ließe. Madame Avignon und das Dienstmädchen gingen die Kleider durch und besprachen, was sie an diesem Abend tragen sollte. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Bücher. Es waren überra- schend viele. Das erste war in Leder gebunden und hatte keinen Titel. Ich schlug es auf. Ein Satyr mit einer gewaltigen, purpurnen Erektion jagte eine nackte Nymphe über eine Wiese. Ich keuchte und schlug das Buch mit einem Knall zu. »Was ist?« fragte eine Stimme hinter mir. Bevor ich antworten konnte, hatte Madame Avignon das Buch ergrif- fen und blätterte die Seiten durch. »Hm. Ich bin sicher, daß er sie fangt – ja, wie ich es mir gedacht ha- be. Oh, ich weiß, wem dieses Buch gehört.« Sie sah mich an. »Ach herrje. Jetzt sind Sie schockiert. Das ist nicht mein Buch. Jemand hat es hier liegenlassen. In der Hoffnung, meine Gunst zu gewinnen, könnte ich mir denken.« Glaubte ich ihr? Sie lachte und schlug das Buch zu. »Nun, ich nehme an, die Men- schen haben verschiedene Geschmäcker. Wissen Sie, ich bin mir si- cher, daß der Besitzer dieses allzu bezaubernden Buches es furchtbar vermißt. Ich finde, wir sollten es ihm zurückgeben.« Sie läutete nach dem Dienstmädchen. Ich wollte ihr sagen, daß ich trotz meiner Jugend und Unerfahrenheit alles über Sex wußte. Michael hatte mich sehr behutsam über diese Dinge aufgeklärt, als ich vierzehn Jahre alt war. Er hatte mir alles er- klärt, alles über die Vermehrung und den Geschlechtsakt, bis hin zur Menstruation der Frau. Ich hatte mir damals nur gewünscht, er hätte diese Dinge etwas eher zur Sprache gebracht. Er hätte mir einen furchtbaren Schrecken erspart. Auch hatte er es nicht versäumt, mir von den entarteten Formen der Sexualität zu erzählen, den Verkehr zwischen Menschen desselben Geschlechts oder zwischen Mensch und Tier. Die Sexualität, sagte Michael, sei eine Form der Energie und habe daher ihren Platz in den magischen Praktiken, sei aber doch eine dege-, nerierte Form der Magie, genau wie die Einnahme von Drogen. Das eine wie das andere war bei den Magiern auf der Halbinsel verpönt, und das mit Recht. Wenn man genügend Disziplin besaß und seine Kräfte gezielt schulte, brauchte man seine Zuflucht nicht in solch an- stößigen Dingen zu suchen. Ich müsse Menschen, die versuchten, mich in sexuelle Magie hineinzuziehen, stets meiden, denn ihre Motive konn- ten kaum von reiner Natur sein. »Auch die Jungfräulichkeit hat ihre Macht«, sagte er. »Ganz beson- ders für dich, Dion. Die Ehre einer Frau beruht auf ihrer Jungfräulich- keit. Das respektieren alle, ob sie es zugeben oder nicht.« Tatsächlich schien das wenige, was ich von der Welt gesehen hatte, dies zu bestätigen. Insgeheim war ich mir sicher, daß das auch für Kit- ten Avignon galt. Das war der Grund, warum ich sie jetzt in Verdacht hatte, diese Macht zu verhöhnen, indem sie sie in ihrem Neid herabwürdigte. Ich brannte darauf, ihr zu sagen, daß ihr schmutziges Buch mich nicht schockiert hatte, denn auch wenn ich nicht so weltgewandt sein mochte wie sie, wußte ich doch genug von diesen Dingen. »Also, was würden Sie gern lesen?« fragte sie. Dann hielt sie inne und sah mich an. »Mademoiselle, bitte seien Sie nicht böse auf mich. Es ist wirklich nicht mein Buch. Ich würde ein sol- ches Buch niemals in meinen privaten Räumen dulden. Für mich ist das eine geschäftliche Angelegenheit, verstehen Sie, und ich habe es nicht gern, wenn ich hier von geschäftlichen Dingen gestört werde. Es tut mir leid, daß Ihnen so etwas unter die Augen gekommen ist.« Ich hatte nicht den Eindruck, daß sie log. Sie lächelte mich an. »So, jetzt wollen wir uns ein wenig an dem Besitzer rächen.« Sie trat an den Schreibtisch und nahm eine kleine, silberne Schere zur Hand. Dann schlug sie das Buch auf und schnitt geschickt die Fä- den auseinander, die die Seiten zusammenhielten. »Was…?!« Ein Dienstmädchen erschien. »Netta. Wie ist dieses Buch in mein Zimmer gekommen?« »Bischof Albenz hat es geschickt, Madame.« »Warum überrascht mich das nicht? Komm her, meine Liebe, du hast meine ausdrückliche Erlaubnis, von jetzt an in alle Bücher zu se- hen, die man mir schickt. Solche Bücher sollten am besten gleich zu- rückgeschickt werden. Ja?« Sie zeigte dem Mädchen das aufgeschlagene Buch, und dieses schnitt eine Grimasse. »Oh, Madame. Das tut mir leid.« »Mach dir nichts draus«, sagte Kitten Avignon. »Bring dieses Buch, zu Giovanni, und bitte ihn, es irgendeinem Straßenjungen zu geben, einem vertrauenswürdigen Jungen, der das Buch dem Bischof auf dem Kathedralenplatz zurückgibt.« Sie zwinkerte mir zu. »Wie du unschwer erkennen kannst, Netta, ist das Buch schrecklich schlecht gebunden. Sieh nur, wie viele Seiten sich bereits gelöst haben. Und denk an den Skandal, wenn der Junge das Buch des Bischofs fallen ließe und die Seiten bei diesem Wind über den ganzen Platz geweht würden. Vor allem, wenn zufällig einige dieser schrecklichen, grauen Morianer da herumlungerten… Sag Giovanni, er soll den Jungen wissen lassen, daß es ihm einen Dukaten einbringen wird, wenn der Aufruhr so groß ist, daß ich davon höre.« Netta nickte. Wir konnten sie noch lachen hören, als sie durch den Flur davonging. Auch wenn die Studenten der Magie Grau trugen, wußte ich doch, daß Kitten nicht auf uns anspielte, als sie von den schrecklichen, grau- en Morianern sprach. Sie meinte die Anhänger der Morianischen Kirche des Brennenden Lichts, die ebenfalls Grau trugen. Gallia war voll von Menschen, die vor dem Brennenden Licht geflohen waren, Menschen, die sich zu dem falschen Erzbischof oder einem Fehlglauben hinsichtlich des Gottestums des Herrn Tansas oder des Aumaz-Festes bekannt hat- ten. Es war eine Ironie des Schicksals und ein großer Quell des Ärgers für sie, daß sie am Ende in derselben Situation waren wie die Huren und Hexen, die sie zuvor verfolgt hatten. Es waren unleidliche Mit- flüchtlinge. Noch immer zischten sie den Magiern böse Dinge zu und beschimpften uns genauso, wie sie es zu Hause getan hatten. Der Ge- danke, einer dieser engstirnigen, prüden Glaubensbrüder könne mit einem der Bilder des Bischofs konfrontiert werden – der Aufruhr, das Geheul und Zähneknirschen, das die Folge sein würde… Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Kittens Augen blitzten. »Ich fühle mich versucht, selbst hinzufahren, um den Spaß mitzuer- leben. Aber man kann sich natürlich nicht darauf verlassen, daß diese Dinge sich immer planmäßig entwickeln. Aber wie dem auch sei. Wir haben zu tun. Ich bin schrecklich hinter mein Pensum zurückgefallen. Haben Sie sich für ein Buch entschieden? Darf ich dann die Entschei- dung treffen?« Ich war froh, ihr die Sache zu überlassen. Ein schneller Blick auf die Buchrücken hatte mir gezeigt, daß es sich um ernste Themen wie Op- tik, Architektur und Philosophie handelte. Keines davon schien mir für eine Kurtisane passend zu sein. »Ich glaube, dieses grüne Buch handelt von Optik.« Sie zeigte auf den Einband. »Habe ich recht?«, Ja, das hatte sie. Also konnte sie nicht einmal genug lesen, um die Titel zu entziffern. »Und dann ist da noch eines, was den Titel trägt: Der Roman der Li- lie. Es ist von einem furchtbar netten, kleinen Mann namens Dolce. Sein letztes Buch war wunderbar. Komisch. Ich glaube, es wird Ihnen gefallen. Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich würde vor- schlagen, daß wir zuerst für eine Stunde die Abhandlungen über die optischen Wissenschaften lesen, dann gönnen wir uns die Lilie. Einver- standen?« Ich nickte, und wir setzten uns. »Das Buch ist auf altsoprianisch geschrieben?« fragte ich. Es fiel mir schwer, zu glauben, daß eine Frau, die nicht lesen konnte, die interna- tionale Sprache der Gelehrten verstand. Sie bedeutete mir, fortzufah- ren. War das irgendein merkwürdiges Spiel, das sie mit mir spielte? Versuchte sie, mich zu beeindrucken? Trotzdem schien es, als verstünde sie tatsächlich Altsoprianisch, denn sie unterbrach mich ein- oder zweimal, als ich ein Wort falsch aussprach. Sie schien auch dem Inhalt folgen zu können, was mehr war, als ich von mir behaupten konnte. Der Autor, ein Monsieur Alber- ti, stellte die Behauptung auf, das Licht sei aus einem ganzen Spekt- rum von Farben zusammengesetzt. Das war das Fanatischste, was ich je gehört hatte. Das sagte ich Madam Avignon auch, als die Stunde zu Ende war und Maria mit Tee und Kuchen kam. Sie lachte. »Es stimmt trotzdem. Ich habe den Beweis dafür gesehen. Das könnten Sie übrigens auch, wenn Sie Lust hätten, an einer kleinen Soiree teilzunehmen, die ich in einigen Wochen zu Ehren Monsieur Al- bertis geben werde.« Solche Bemerkungen brachten mich immer sehr aus dem Gleichge- wicht. Ich fragte mich, ob diese Wirkung beabsichtigt war. Soireen für Wissenschaftler! Die Dinge waren hier nicht so, wie sie sein sollten. Außerdem machte mir dieses andere Buch nach wie vor Sorgen. Je- der wußte, daß die Kirche von Gallia korrupt war, aber war es möglich, daß einer ihrer Bischöfe tatsächlich ein solches Buch besaß? Und es an eine solche Frau schickte? »Madame«, begann ich, »gehört dieses Buch wirklich Bischof Al- benz?« »Das hat Jeanetta gesagt. Außerdem dachte ich es mir schon. Es ist genau die Art Buch, die ihm zuzutrauen wäre. Wir nennen ihn in unse- rem Gewerbe den Alten Grapscher. Er sammelt obszön bebilderte Bü- cher, die er zur Verführung der Frauen benutzt. Und er ist ziemlich hartnäckig. Ich kann mir nicht vorstellen, warum er glaubt, ich würde, das Schafott riskieren, nur für das Vergnügen, meine Röcke zu… noch dazu für ihn.« Sie stockte plötzlich und fuhr dann in freundlicherem Tonfall fort. »Hm, na ja, die Kirchenmänner sind schließlich Männer wie alle ande- ren«, erklärte sie und wechselte das Thema. Was hatte ihre Bemerkung über das Schafott zu bedeuten? Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte sie. »Dion, Sie wissen doch, daß ich die Favoritin des Herzogs bin. Und das bringt gewisse Dinge mit sich.« »Wie Leibwächter.« »Ja, auch das. Aber als Mätresse eines Herrschers muß man – ge- nauso wie die Gemahlin eines Herrschers – über jeden Tadel erhaben sein.« Ich war verwirrt. »Herzog Leon teilt seine Frauen mit niemandem. Natürlich empfinden viele Männer genauso. Aber der Herzog könnte mich aufs Schafott schi- cken, wenn ich ihn kränkte. Wenn ich ihm untreu wäre, würde er es als notwendig erachten, mich äußerst schwer zu bestrafen. Dafür ist unser Leben zu öffentlich. Wenn die Mätresse eines Herrschers ihm untreu ist, bedeutet das einen schweren Gesichtsverlust. Die Leute sagen, wenn er nicht einmal seine Frauen unter Kontrolle hat, taugt er viel- leicht auch nicht, um sein Land zu beherrschen. Sie könnten anfangen, ihn als schwachen Regenten zu betrachten. Also. Eine Anklage wegen Hochverrats und runter mit meinem Kopf. Oder er könnte mich hängen lassen, da ich dem gemeinen Volk entstamme. Das ist der Grund, wa- rum der Herzog so sehr auf meinen Ruf bedacht ist; warum er mich überredet hat, der Bühne den Rücken zu kehren, warum er meinen Pagen entlassen hat, warum ich jetzt ein so respektables Leben führe. Respektabel genug, um mit Genny – und sogar mit Ihnen – unter ei- nem Dach zu leben. Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal so respekta- bel sein würde.« Wie kalt sie über all diese Dinge sprach. Wie konnte sie nur so nüch- tern davon reden, daß der Herzog ihr den Kopf abschlagen konnte? Als würde er so etwas tun. Er… liebte sie. Oder etwa nicht? Warum sonst hätte er ihr Geld und Ländereien geschenkt? Selbst wenn er sie nicht liebte, mußte er doch eine gewisse Zuneigung für sie empfinden. Ande- rerseits betrachtete ich die Verbindung dieser beiden so, als sei sie eine normale Beziehung, und das war nicht der Fall, genausowenig wie Kitten Avignon eine normale Frau war. »Der Theorie nach ist natürlich jeder, der eine Kurtisane davon ab- halten kann, sich auf alles zu stürzen, was sich bewegt, ein ganz toller Kerl. Ein sehr mächtiger Mann. So jedenfalls sieht die Theorie aus.«, Sie lächelte ein wenig schief. »Also, wenn ich ein braves Mädchen bin, bin ich durchaus ein Ge- winn für ihn. Und ich werde brav sein, denn warum um alles in der Welt sollte ich eine Situation zerstören, die mir solche Vorteile bringt. Respektabilität ist ein wenig langweilig, aber es gelingt mir trotzdem, mich zu amüsieren. Und jetzt, meine Liebe, ist es Zeit für die Lilie.« Man hatte mich gelehrt, Romane zu verachten, auch wenn ich noch nie einen gelesen hatte. Jetzt erfuhr ich, wie groß mein Irrtum war. Auf der zehnten Seite des. Romans der Lilie war ich vollkommen gefesselt, und Madame Avignon mußte mich mehrmals bitten, nicht so schnell zu lesen. Der Roman stürzte einen Ritter in die erstaunlichsten und köst- lichsten Abenteuer, während er versuchte, einen bösen Magier zu über- listen. Der Autor hatte eine Art, die Dinge zu beschreiben, daß Madame Avignon und ich schon bald vor lochen nach Luft schnappten. Ich las noch immer, als Maria den Kopf zur Tür hereinschob. »Madame, die Kutsche wird in einer dreiviertel Stunde dasein.« »Verdammt! Ist es schon so spät? Würden Sie bitte bleiben und mir vorlesen, während ich mich ankleide?« Ich wollte unbedingt herausfinden, welches Ende speziell dieses A- benteuer des Ritters fand. Daher war ich einverstanden, obwohl ich wußte, daß ich nicht hätte bleiben sollen. Aber die Prozedur des An- kleidens war durchaus harmlos. Ich saß draußen vor dem Ankleide- zimmer und las mit lauter Stimme vor, während von nebenan das Ra- scheln von Kleidern und Unterröcken kam. Als sie wieder durch die Tür trat, trug sie einen Überwurf aus weißem Leinen über ihrem Gewand. »Und jetzt kümmern wir uns um das Gesicht«, sagte sie. »Kommen Sie mit.« Ich folgte ihr ans andere Ende des Raums. »Das ist mein Schlafzimmer«, sagte sie und öffnete die Tür. Es war eine völlige Überraschung für mich, obwohl ich eigentlich hät- te zufrieden sein sollen. Hier war endlich die langersehnte rote Seide. Der ganze Raum war mit wallenden roten Seidenstoffen verhangen, und die Wände waren mit goldgerahmten Spiegeln bedeckt. Einen Au- genblick lang befiel mich der erschreckende Gedanke, der Dämon kön- ne mir mit seinem lüsternen Blick aus all diesen Spiegeln entgegenstar- ren, aber ich unterdrückte die Regung sofort. In der Mitte des Zimmers stand ein riesiges Bett, das ebenfalls von roten Seidenvorhängen um- schlossen wurde. Auf seinem Baldachin krümmten und wanden sich goldene Cherubim, während die ebenfalls goldbemalten Bettpfosten Meerjungfrauen darstellten, die ihre Gesichter nach oben gewandt und die Lippen in einem Ausdruck der Ekstase geöffnet hatten; ihr goldenes Haar wallte ihnen den Rücken hinunter, und sie hatten sich mit geheu-, cheltem Schamgefühl die Hände über die Brüste gelegt. Alles in diesem Zimmer schrie das eine Wort: »Hure« nur daß die Bettwäsche aus frischem, weißem Leinen bestand und darüber eine dicke, ebenfalls weiße Tagesdecke lag, die überhaupt nicht zu der übri- gen Ausstattung des Zimmers passen wollte. Madame Avignon bedeutete mir mit übermütig funkelnden Augen, auf einem Sofa neben dem Ankleidetisch Platz zu nehmen. Ich hatte den Verdacht, daß mein offenkundiges Unbehagen sie amüsierte, daher saß ich so steif und aufrecht, wie ich nur konnte, und konzentrierte mich auf das Lesen. Gegen meinen Willen faszinierte mich die Geschicklichkeit, mit der sie mit Hilfe weicher, kleiner Bürsten die zarten Salben und Puder auf- trug. Es sah so aus, als wäre es vielleicht ein schönes Gefühl. Und es schien mir gar nicht einfach zu sein, die Sache richtig zu machen. Nicht daß sie nicht auch eine schöne Frau gewesen wäre, bevor sie die Farbe auf ihr Gesicht auftrug, aber irgendwie schien die Schminke ihr Ausse- hen zu unterstreichen. Sie wurde leuchtender, strahlender. Ein- oder zweimal lächelte sie mich im Spiegel an, und mir wurde klar, daß ich sie angestarrt haben mußte. Als sie dann ihren Überwurf abstreifte und begann, ihren Ausschnitt zu pudern, wandte ich meinen Blick mit gro- ßer Entschiedenheit ab. Das Mieder dieses Kleides saß bei weitem zu tief und lag viel zu eng an, und der weiße Spitzenbesatz betonte diesen Umstand nur noch. Kurz darauf erhob sie sich von ihrem Stuhl. Dann drehte sie sich vor dem Spiegel auf dem Absatz herum, musterte sich mit kritischem Blick und sagte: »Ich glaube, wir müssen jetzt Schluß machen. Die Kutsche wird schon da sein.« Sie sah sich in dem Raum um und seufzte. »All dieses Rot. Man kommt sich vor wie in einem Magen.« »Warum lassen Sie es dann so?« fragte ich. »Dem Herzog gefällt es«, sagte sie. Der Gedanke an den Herzog, unseren Herrscher, wie er da in diesem Bett lag, vielleicht nackt… jede Erinnerung daran, was sie war, und an all die schmutzigen Dinge, die das mit sich bringen mußte, überfluteten mich aufs neue. »Ich muß gehen, Madame«, sagte ich. »Dann sehen wir uns also morgen nachmittag?« rief sie mir nach. »Ja, Madame.« »Dion?« »Ja, Madame?« »Sie können mich ruhig Kitten nennen. Madame Avignon ist viel zu förmlich.« Ich schlüpfte schnell durch die Tür und schwor mir, dieses schwülsti-, ge, rote Zimmer nie wieder zu betreten. Vielleicht hätte ich mich über- haupt weigern sollen, ihr vorzulesen, aber ich wußte einfach nicht wie. Wie dem auch sei, es war ein interessanter Nachmittag gewesen und, soweit ich das beurteilen konnte, auch ein harmloser. Außerdem wollte ich wissen, wie das Buch ausging. Zumindest war das der Grund, mit dem ich mich am folgenden Nachmittag beschwichtigte, als ich voller Nervosität auf das Dienst- mädchen wartete, das mich abholen sollte. I Beider lasen wir an die- sem Nachmittag doch nichts mehr über die Abenteuer des Ritters, aber ich beklagte mich auch nicht darüber. Statt dessen lasen wir länger als am Tag zuvor die Optikabhandlung, und als Maria Tee und Kuchen brachte, brachte sie auch einen großen, redseligen Mann mit. Er hatte lange, kastanienbraune Locken und trug einen gewaltigen Hut mit den riesigsten purpurnen Federn, die ich je gesehen hatte. Es war Archime- des Brown, Schauspieler, Theaterimpresario und, wie Kitten erklärte: »Mein Geschäftspartner.« Dies erschien mir doch ein wenig weit hergeholt zu sein. Jeder wuß- te, daß es gegen das Gesetz verstieß, wenn Frauen mit irgendwelchen Gütern Handel trieben. Wie um alles in der Welt konnte sie da mit ir- gend jemandem Geschäfte machen? Ich beobachtete die beiden genau. Die Art, wie er sie auf die Wange küßte und sie ›Kitten, Liebling‹ nann- te, erinnerte mich an das, was sie am Tag zuvor über die Eifersucht des Herzogs gesagt hatte. Zumindest hatte sie sich an diesem Tag umge- kleidet. Vielleicht durfte ich jetzt neben all meinen anderen Rollen auch noch die der Anstandsdame spielen. Das gefiel mir zwar nicht beson- ders, aber ich blieb trotzdem zum Tee, als sie mich dazu drängte. Es dauerte nicht lange, da war ich froh über meine Entscheidung. Monsieur Brown war ein wunderbarer Unterhalter. Er hatte eine herrli- che, volltönende Stimme, den faszinierenden Akzent der Leute aus den Heiligen Ländern, und eine geradezu köstliche Art, Menschen zu kari- kieren. Und er vergaß auch nicht, daß ich da war. Ehrend er über die neuesten Gerüchte berichtete, machte er komische, kleine Nebenbe- merkungen und Grimassen, um mir zu erklären, von wem er gerade sprach. Das Schönste von allem aber war, das er randvoll mit Neuig- keiten über einen skandalösen Vorfall war, der sich am Tag zuvor auf dem Vorhof der Kathedrale zugetragen hatte. Bischof Albenz hatte wohl gerade mit einer Gruppe älterer Vertreter des Brennenden Lichts gesprochen, als ihn eine Bande Gassenjungen angerempelt hatte. Dar- aufhin hatte er das ›künstlerische‹ Buch, das er zufällig gerade bei sich trug, fallen lassen, und dessen lose Seiten mit ihren überaus »anato- mischen« Bildern waren über den ganzen Platz geflogen. Es war ein- fach göttlich, wie Brown den eisigen Gesichtsausdruck des obersten, Vertreters des Brennenden Lichts imitierte, als dieser sich eine Seite dieses Machwerks mit einem Paar in einer überaus kameradschaftli- chem Position vom Gesicht schälte. Anschließend wiederholte Brown gekonnt die Beteuerungen des ›guten Bischofs‹, daß er nichts von sol- chen Dingen wisse und sich nicht vorstellen könne, was da vorgefallen sei. Zu guter letzt kamen uns vor Lachen fast die Tränen. Nach dem Tee öffnete Kitten ihren Schreibtisch und nahm ein gro- ßes, in Leder gebundenes Buch heraus, und die beiden widmeten sich ganz seinem Inhalt. Kitten gab mir einen anderen Roman zu lesen, aber obwohl ich die Lektüre interessant fand, behielt ich die beiden die ganze Zeit über unwillkürlich und ein wenig ängstlich im Auge, da ich überzeugt davon war, daß zwischen den beiden irgend etwas Ungehö- riges im Gange sein mußte. Archimedes trug jedoch lediglich Zahlen in das Buch ein und erklärte sie Kitten; zwischendurch ergötzte er sie mit so spannenden Tatsachen wie der, daß er zehn Federn für zwei Schil- linge gekauft habe, ›die reinste Straßenräuberei‹, und daß Lord Petari dem Ensemble vier Jacken und eine Hose gespendet habe. Insgesamt erschien mir die Sache durchaus harmlos. »Wir besitzen zusammen ein Theaterensemble«, erklärte sie mir, nachdem er gegangen war. »Die Herzoglichen Spieler. Vielleicht haben Sie ja mal von Ihnen gehört?« »Aber wie können Sie…?« »Was? Oh, wie ich ein Theaterensemble besitzen kann? Sie meinen, weil ich eine Frau bin?« Ich nickte. »Nun, Archimedes hat es mir geschenkt. Eine Frau darf zwar nicht kaufen oder verkaufen, aber sie darf Geschenke annehmen.« Sie lachte über meine Verlegenheit, aber es war ein freundliches La- chen. »Auf eben diese Art und Weise umgehen viele Frauen das Gesetz. Ich habe Archimedes ein Geldgeschenk gegeben, und er war so über- aus freundlich, mir dafür seinerseits die Hälfte seines Ensembles zu schenken. Es war nie die Rede von kaufen oder verkaufen; das Ganze war ein Austausch von Geschenken zwischen guten Freunden.« »Ist das legal?« »Es ist jedenfalls nicht illegal. Außerdem ist es sowieso ein dummes Gesetz, wenn die Hälfte der Welt gezwungen ist, es zu übertreten, nur um nicht zu verhungern. Warum sollten Frauen nicht kaufen und ver- kauten dürfen, ohne einen Mann vorschieben zu müssen?« »Mein Ziehvater sagte immer, Frauen seien nicht verantwortungsbe- wußt genug…« »Unsinn. Das sagen sie alle. Wirklich, Dion, wie könnte das die, Wahrheit sein?« Dann sprach sie etwas gelassener weiter. »Sehen Sie nur sich selbst an. Voll ausgebildete Magierin. Sie sind doch bestimmt nicht der Mei- nung, Sie seien nicht verantwortungsbewußt?« »Nein«, flüsterte ich, mehr um die Diskussion zu beenden, als weil ich es wirklich glaubte. Es erschreckte mich, daß. sie plötzlich so lei- denschaftlich geworden war. Vielleicht war es diese Neigung zu leiden- schaftlichen Auftritten, die das Leben erklärte, das sie führte. Und ein- fach zu behaupten, das Gesetz sei töricht… Das zeugte von einem ge- wissen Leichtsinn. Solche Zwischenfälle gaben mir – so unangenehm sie mir auch sein mochten – das Gefühl, daß ich ihrem Geheimnis langsam auf den Grund kam. Ich ging weiterhin an den meisten Nachmittagen in ihr Boudoir. Dort hatte ich jede Menge Gelegenheit, sie in Gesellschaft anderer Menschen zu beobachten, denn Kitten hatte zu dieser Tages- zeit häufig Besucher, und sie bat mich immer, zu bleiben. Vielleicht erriet sie, wie sehr ich diese Teegesellschaften genoß. Es war typisch für sie, daß sie stets zu wissen schien, was einem Menschen Freude machte. Ich blieb für gewöhnlich gegen besseres Wissen und die un- vergessenen Ermahnungen des Dekans, der mir eingeschärft hatte, mich nicht in der Öffentlichkeit mit Kitten Avignon sehen zu lassen. Kittens Boudoir war jedoch kaum ein öffentlicher Ort, redete ich mir ein, und tatsächlich nahmen die meisten ihrer Besucher kaum Notiz von mir. Zweifellos stuften sie mich als eine Art besserer Dienstbotin ein. Alle möglichen faszinierenden Leute kamen zu Kitten Schauspieler (»Sehen Sie nur, wie sie darum kämpfen, im Rampenlicht zu stehen, Dion«); adelige Herren vom Hofe (»Diese Leute haben soviel Zartge- fühl wie Katzen bei der Paarung«); Maler, die ihre Gemälde vorzeigen wollten; ein Schiffskapitän, der wunderbare Geschichten über die Zwil- lingsreiche Aramaya und Sopria und deren endlosen Krieg zu berichten wußte; und einmal war sogar ein Häuflein magerer Gelehrter da, die sämtliche Kuchen mit riesigen Bissen verschlangen und geradezu lä- cherlich bestürzt waren, als sie feststellten, daß Kitten sowohl Altsopri- anisch als auch Altaramayisch sprach und sie, wenn es um klassische Zitate ging, mühelos übertreffen konnte. Aber ihre häufigsten Besucher waren Archimedes Brown mit seinen Fakten und Zahlen und die Kurti- sanen, die ich an meinem ersten Tag dort kennengelernt hatte. Ich versuchte wirklich, mich von den Honigschwestern fernzuhalten. Das war nicht immer leicht. Das lag wohl daran, daß sie – obwohl sie meine Mißbilligung gespürt haben mußten – diesen Umstand einfach ignorierten. Vielleicht war es die Macht der Gewohnheit ihrerseits. Da, ich mich nicht dazu überwinden konnte, wirklich grob zu werden, be- handelten sie mich wie eine Freundin, lächelten mich herzlich an, grüß- ten mich, schlossen mich in das Gespräch mit ein, beharrten Seite an Seite mit Kitten darauf, daß ich blieb, und schienen es tatsächlich ernst zu meinen. Sie beherrschten dieselbe Art der Unterhaltung wie Archi- medes Brown, jene Art der Unterhaltung, die ausschließlich dazu dien- te, ihr Gegenüber zum Lachen zu bringen und zu faszinieren; witzige, geistreiche und eine Spur boshafte Unterhaltung. Manchmal mußte ich einfach bleiben. Ganz besonders mochte ich Demoiselle, die eine von Kittens besten Freundinnen war und so gut wie nie vulgär wurde. Sie hatte einen unglaublich trockenen Sinn für Humor, der sich mit einer ausgesprochenen nüchternen Wesensart paarte. Sie war es, die einmal zu mir sagte: »Glauben Sie etwa, sie würden uns für bloßen Sex bezahlen, meine Liebe? 0 nein! Wenn man nur vö- geln will, kann man sich auch an eine Straßendirne wenden. Das Ge- lächter ist es, das Gold fließen läßt.« Tatsächlich war die einzige Kurtisane, die ich wirklich mied, Rapunzel Calvino. Sie war neben Demoiselle Kittens engste Freundin und be- suchte uns für meinen Geschmack viel zu häufig. Sie hatte einen aus- gesprochen verwerflichen Einfluß auf Kitten, die sich normalerweise so würdevoll gab und stets guten Geschmack verriet. Während es Kitten gelungen war, sich den Anschein einer guten Her- kunft zu geben – was ihr als Mätresse eines Herrschers gut zu Gesicht stand –, sah man Rapunzel schon von weitem die Hure an, angefangen von ihrer umwerfenden Frisur bis hin zu ihren grellen Schuhen mit den spitzen Kappen und den gewaltigen Schleifen. Sie schminkte ihre Lip- pen in leuchtendem Scharlachrot, umrahmte ihre dunklen, blitzenden Augen mit Unmengen Kohlstift und trug schreiendbunte Kleider, die grundsätzlich sehr tief ausgeschnitten waren, selbst wenn sie nur Kit- ten besuchte und eigentlich davon hätte ausgehen können, daß sie ›dienstfrei‹ hatte. Sie redete und lachte furchtbar laut und gestikulierte die ganze Zeit über mit ihren langen, schmalen Händen. Der Inbegriff einer Frau, deren Geschäft die Liebe war. »Ich mag Rapunzel«, sagte Kitten in der Anfangszeit einmal zu mir. »Sie ist so schwungvoll und bringt mich immer zum Lachen.« Was ja alles gut und schön war, aber mußte es denn immer um solch vulgäre Dinge gehen? Einmal machte ich den Fehler, mich nicht gleich zurückzuziehen, als sie ganz allein zu Besuch war. Ein Fehler, der mir nur ein einziges Mal unterlief. Nachdem Kitten die neuen Juwelen be- wundert hatte, die Lord Rashmon Rapunzel geschenkt hatte, wandte sich das Gespräch Rashmons Tonate zu, der Lady Amarillo, und von da an senkte sich die Unterhaltung ungefähr auf folgendes Niveau., »Mein liebes Pussykätzchen, diese Frau ist mein absolutes Vorbild. Wenn ich es in ihrem Alter soweit gebracht habe, nun, dann werde ich nicht mehr allzuviel dagegen haben, in ihrem Alter zu sein, wie? Es heißt, sie hätte Amarillo überredet, ihr sein ganzes Geld zu überschrei- ben, so daß die Familie sich nach Herzenslust darüber aufregen kann, daß sie nicht verheiratet ist – tun können diese Leute überhaupt nichts. Sie hat ein wunderschönes, großes Haus, so viele Diener, wie sie sich nur wünschen kann, und sie tut die ganze Zeit über genau das, wozu sie Lust hat, und kein Ehemann mischt sich ein. Und du weißt ja, was ich gehört habe. Wirklich klug eingefädelt. Sie hat das Sexproblem ge- löst, und noch dazu mit solcher Raffinesse.« »Erzähl! Erzähl!« »Sie hat den schnuckligsten kleinen Pagen, den du dir denken kannst, wirklich ganz süß. Ich habe ihn gesehen, als er ihre Pakete die Hauptstraße entlangtrug. Süße sechzehn und so ein appetitlicher klei- ner Hintern. Jedenfalls, wann immer sie sich ein wenig angeregt fühlt, braucht sie lediglich die Röcke zu heben, und schon kriecht er hinun- ter!« Dann flüsterte sie Kitten etwas ins Ohr. Woraufhin sie beide vor Lachen schrien. Ich stand auf, murmelte eine Entschuldigung und ging hastig auf die Tür zu. »Ich sage dir, es stimmt«, kreischte Rapunzel. »Rashmon hat sie dabei beobachtet. Er will, daß ich mir auch einen Pagen zulege, damit er zusehen kann.« »Barmherziger! Was für ein raffiniertes Kunststückchen!« rief Kitten und klatschte in die Hände. Neuerliches Gejohle war die Folge. Ich konnte sie immer noch hören, obwohl ich die Tür entschlossen hinter mir zugezogen hatte. Und wen sah ich, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, die Treppe hinaufkommen? Erasmus Tinctus. »Einen wunderschönen guten Tag, Mademoiselle Dion. Wie geht es Ihnen denn heute?« »Mir geht es gut, Monsieur«, sagte ich und fühlte mich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, mich auf ein Gespräch mit ihm einzu- lassen, und dem Drang, zu fliehen. »Seine Lordschaft, der Herzog, schickt mich mit einer Botschaft für Madame Avignon.« Brüllendes Gelächter drang über den Flur zu uns heraus. »Ah! Ich sehe, sie ist zu Hause. Hm. Irre ich mich, wenn ich die Schlußfolgerung ziehe, daß die reizende Madame Calvino bei ihr ist?« »Nein«, sagte ich, obwohl ich persönlich kaum die Bezeichnung ›rei-, zend‹ benutzt hätte. »Ah«, sagte er, »dieses Lachen würde ich überall erkennen. Vielleicht ist dies kein günstiger Augenblick für einen Besuch. Wie ich diese bei- den kenne, erzählen sie einander ungehobelte Geschichten auf Kosten meines Geschlechts. Genug, um einem jungen Mann die Röte ins Ge- sicht zu treiben.« »Ja«, erwiderte ich. Dann sah ich, daß er mich angrinste. Ich hatte alle Mühe, sein Grinsen nicht zu erwidern. »Nun«, sagte er, legte eine Hand aufs Herz und holte mit der ande- ren zu einer heroischen Geste aus, »seine Lordschaft, der Herzog, hat mich mit einer Mission betraut, und ich werde mich ihr gewachsen zei- gen. Sie sehen vor sich einen Helden. Ich werde den Schritt in die Lö- wengrube wagen.« Mit diesen Worten nahm er den Hut ab und verbeugte sich schwung- voll. Ich kicherte. Er klopfte an die Tür, winkte mir zu, als er hereinge- rufen wurde, und rief: »Leben Sie wohl, Mademoiselle. Wenn ich ster- be, sagen Sie den Menschen, ich sei tapfer gestorben.« Irgendwie rückte sein Erscheinen die Dinge zurecht. Es ging ja bei dem ganzen lediglich um das dumme Gerede zweier törichter Frauen; kein Grund für mich, mir Sorgen zu machen. »Das ist das Nonnenkloster St. Belkis«, sagte Genny und zeigte auf eine Ansammlung rauher Steinhäuser und kleiner Turmchen, die vor den Mauern der Kathedrale aufragten. »Und das Hospital befindet sich in dem alten Lagerhaus da drüben.« In meinen Augen sah es ziemlich schäbig aus, flach und graubraun und unheimlich. So kalt wie die Barmherzigkeit, hätte Michael gesagt. Er hatte kaum je ein gutes Wort über das Thema Barmherzigkeit verlo- ren. »Was bewirkt so etwas denn auf lange Sicht?« pflegte er zu fra- gen. »Besser, man sorgt dafür, daß genug Korn auf den Feldern wächst und in der Stadt genug Arbeit für alle ist. Dann wird es den Armen all- mählich bessergehen.« Obwohl ich mich nach Kräften bemüht hatte, eine gewisse Distanz zu Kitten zu wahren, fühlte ich mich an den Tagen, an denen sie dem Her- zog aufwarten mußte und unsere Lesestunden ausfielen, ein wenig ver- loren. Dann dehnten sich die Stunden zu einer kleinen Ewigkeit. Aber das war nur einer der Gründe, warum ich Kitten schließlich doch fragte, ob ich im Krankenhaus aushelfen dürfe. Denn obwohl ich Genny auf den Kopf zugesagt hatte, daß ich nicht im Krankenhaus arbeiten, wolle – und obwohl ich gewußt hatte, daß das die richtige Antwort gewesen war –, dachte ich sehr viel darüber nach und bedauerte mein Nein, recht häufig. Die Monate, die ich im College auf mich allein gestellt ge- wesen war, hatten mich zermürbt. Ich konnte immer noch die Worte des Dekans hören, als er mir sagte, als Frau hätte ich keine Zukunft in der Magie. Ich glaubte ihm. Es paßte zu allem, was ich selbst erfahren hatte. Obwohl es einem Teil von mir widerstrebte, so einfach auf- zugeben, wußte mein vernünftigeres Ich, daß das Heilen ein Beruf war, den eine Frau ausüben konnte. Es erschien mir dumm, die Gelegenheit, etwas zu lernen, wovon ich mich vielleicht würde ernähren können, nicht zu nutzen. Trotzdem fand ich es wichtig, daß Kitten und Genny wußten, was für ein Zugeständnis ich machte, wenn ich im Hospital aushalf. Daher war- tete ich mit allerlei würdevollen Ausreden für meinen Meinungsum- schwung auf Kitten freute sich jedoch so sehr über meine Entschei- dung, daß sie mich beinahe umarmt hätte, und ich keine Gelegenheit bekam, ihr meine Gründe zu nennen. Genny zeigte ihre Gefühle Gott sei Dank weniger offen, sondern kam sofort zum Geschäftlichen; sie erkundigte sich danach, wieviel ich be- reits von der Heilkunst verstand, und sie fragte mich, ob ich einen starken Magen hätte. Alles in allem dämpfte sie meine Begeisterung beträchtlich, und es frustrierte mich, daß sie nicht zur Kenntnis nahm, welche Erniedrigung ich in Kauf nahm. Jetzt stand ich etwas außer Atom oben an der Straße neben ihr. Ich war froh, daß sie stehengeblieben war. Sie war mit solch energischem Schritt durch die Straßen gegangen, daß ich beinahe rennen mußte, um nicht zurückzufallen. Meine Schulterblätter waren feucht von Schweiß, der in der scharten Morgenbrise schnell erkaltete. Selbst un- sere beiden Leibwächter, beides hochgewachsene Männer, hatten sich beeilen müssen, Schritt zu halten. Nun zeigte Genny auf eine bunt zusammengewürfelte Menschen- menge, die an der Mauer Aufstellung genommen hatte; die meisten der Menschen dort sahen aus wie Lumpenhaufen mit Beinen. »Wir machen uns besser an die Arbeit. Es wird ein anstrengender Morgen.« Dann ging sie mit langen Schritten weiter und fuhr mit den Erklärungen fort, mit denen sie mich bereits auf dem ganzen Weg ü- berhäuft hatte. Ich eilte ihr nach. Es schien, als sei das Hospital Kittens Idee gewesen. »Kitten war ei- ne der ersten der Großen Kurtisanen, die nach der Vereinigung von Gallia und Ishtak hierherkamen. Sie hatte Glück und gewann mehrere reiche Beschützer. Plötzlich hatte sie, nachdem sie sich ihr ganzes Le- ben darum bemüht hatte, ein bequemes Auskommen. Also wollte sie Gallia auf irgendeine Art und Weise danken, wollte selbst etwas geben für all das, was sie empfangen hatte. Es war ihr immer aufgefallen, wie, viele Bettler es hier auf den Straßen gibt, Menschen, deren Gebrechen oft von geringfügigen Erkrankungen rührten. Sie war schockiert, fest- zustellen, daß es keinerlei Krankenhaus für die Armen gab, keinen Ort, an dem Menschen geheilt werden konnten, ohne gewaltige Honorare zahlen zu müssen. Um ehrlich zu sein, auch ich hatte noch nie von et- was Derartigem gehört. Alle frommen Häuser in Ishtak verfügen über irgendeine Art Hospital. In den Zwillingsreichen ist es genauso. Ich habe den Eindruck, daß die Gallianer irgendwie die Vorstellung haben, Armut sei mit einer Art Eigenverschulden oder Sünde oder etwas Ähnli- chem verbunden. Haben Sie jemals etwas so Törichtes gehört?« Das hatte ich in der Tat. Ich hatte es mein Leben lang gehört. Die Morianer hatten dieselbe Einstellung der Armut gegenüber, nur noch strenger. Ich hielt es jedoch für besser, das für mich zu behalten. Ich selbst hatte diesen Gedanken noch nie zuvor hinterfragt, aber jetzt, nachdem sie es ausgedrückt hatte, erschien er mir recht töricht. Magier wie wir sollten ohnehin nicht an die Sünde glauben. Ich hatte das Ge- fühl, Genny hätte auch nicht viel von Michaels Auffassung zum Thema Barmherzigkeit gehalten. Nicht daß es ihn gekümmert hätte, was eine bloße Heilerin von ihm hielt. Genny zog die Tür des Hospitals auf und schob mich hindurch. »Bald«, rief sie über ihre Schulter hinweg den Leuten an der Tür zu, die jetzt bereits unruhig mit den Füßen scharrten und sie anflehten. Sie schloß die Tür und legte hinter uns den Riegel vor. Wir standen in einem dämmerigen Korridor. »Das Hospital ist da drüben«, sagte sie. »Kitten hat dieses Gebäude dem Kloster gestiftet und eine Gruppe wichtiger Kaufleute zusammen- gebracht, die weitere Geldmittel zur Verfugung stellen. Ich glaube, sie hat von Anfang an an mich gedacht, als ihr diese Idee kam. So ist sie eben. Sie wußte, daß ich mich als ihre persönliche Heilerin langweilte. Ich habe, selbst als ich noch als Gildeheilerin tätig war, bereits in meh- reren Wohlfahrtshospitälern gearbeitet. Daher bat sie mich, die Leitung dieses Krankenhauses zu übernehmen, und ich war hoch erfreut. Es gibt immer noch nicht viele Krankenhäuser hier in der Nähe, daher ha- ben wir sehr viel zu tun. Deshalb bin ich Ihnen auch so dankbar dafür, daß Sie Ihre Hilfe angeboten haben.« Sie zeigte mir das Untersuchungszimmer, einen kahlen, weißen Raum mit fast weißgeschrubbten Dielenbrettern und keinen anderen Möbeln als einen Tisch und einigen Stühlen. »Das ist der Raum für Operationen, und hier drüben…« Sie stieß eine Tür auf und trat eilig hindurch. »… hier drüben ist das Behandlungs- zimmer.« Es war größer, als ich es mir vorgestellt hatte, mit einem Tisch in der, Mitte und Regalen an den Wänden und zusätzlichen Regalen mit nüch- ternen Krügen und Flaschen, allesamt bauchig und blitzblank; in eini- gen der Gefäße erkannte ich getrocknete Kräuter oder Salben in merk- würdigen Farben, während andere Gefäße leer waren. Das mußten die Krüge sein, in die die Heilerinnen die Krankheiten gaben, damit sie ab- starben. Nicht einmal die üblichen eingelegten Schlangen fehlten, die man immer in den Läden der Heilerinnen sah. Warum hatten alle Heile- rinnen immer eingelegte Schlangen? Ich hatte noch nie eine gesehen, die eine solche Schlange benutzt hätte. »Also, am Anfang werden wir einige der Untersuchungen zusammen durchführen, dann können Sie hier in diesem Raum die einfacheren Behandlungen übernehmen. Sind Sie damit zufrieden?« Ich nickte. Michael wäre von mir angewidert gewesen, weil ich eine so niedere Position übernahm. Du bist eine viel bessere Magierin als sie, hätte er mir zugezischt. Aber ich war vollkommen eingeschüchtert. Ich kannte die Theorie – Beschwörungen, um Knochen zu richten, eini- ge grundsätzliche Dinge, die das Verbinden von Wunden betrafen, die Benutzung der Pipette und sogar einige der Zaubersprüche, um Krank- heiten herbeizurufen, aber ich hatte niemals irgend etwas von alledem angewandt. Düster betrachtete ich die lange Glaspipette auf dem Tisch. Zweifellos würde es meine Aufgabe sein, sie zu benutzen. Eine Pipette funktioniert folgendermaßen: Eine Krankheit ist eine An- sammlung von Wesen – die Unwissenden nennen sie Geister –, die in den Körper eingedrungen sind und ihn krank machen. Eine Heilerin benutzt einen Zauberspruch, um die Krankheit in einen bestimmten Körperteil zu rufen und sie dann mit Hilfe eines weiteren Zauber- spruchs in das lange, Pipette genannte Glasrohr zu saugen, wo sie festgesetzt wird, indem die Heilerin ihren Finger auf die obere Öffnung des Röhrchens legt. Dann läßt sie die Krankheit in einem Glas frei, wo sie gefangen ist und schnell Hungers stirbt. Gar nicht weiter schwierig, und doch war der Gedanke, Krankheiten durch ein Rohr mit offenem Ende zu saugen… einfach ekelhaft! Theoretisch wird die Spitze des Röhrchens, das man im Mund hält, durch einen weiteren kleinen Zau- berspruch geschützt, aber es besteht immer die Gefahr, daß der Zau- ber gegen eine besonders schlimme Krankheit wirkungslos ist und man am Ende mit einem Mund voller, sagen wir, Cholera dasteht. Nun bestätigte Genny meine schlimmsten Befürchtungen, indem sie mir die Notfallmaßnahmen für den Fall erklärte, daß man sich mit einer Krankheit ansteckte. »Am Anfang werde ich Ihnen helfen«, versprach sie, aber mir schien das kein großer Trost zu sein. Sie hatte sicher viel zu viel zu tun. Schon jetzt spürte man ihre Ungeduld, sich endlich ihren Patienten widmen zu, können. Nun öffnete sie eine weitere Tür. »Das ist die Krankenstation«, sagte sie. Die Station nahm den größten Teil des Gebäudes in Anspruch. Es war ein großer, trister Raum mit unzähligen Bettenreihen. Die weißen Laken und die eintönig grauen Decken erinnerten mich an das College. Aber der Raum war hell und warm nach der Kühle draußen. In Schwarzweiß gekleidete Nonnen schwebten anmutig zwischen den Bet- ten umher, beugten sich über die Patienten, zogen Laken zurecht. »Die Nonnen sind für die Pflege verantwortlich. Sie werden feststel- len, daß sie ihren Anweisungen stets willig nachkommen. Mutter Theo- dosia!« Innerlich krümmte ich mich. Die Möglichkeit, daß es hier Nonnen ge- ben könnte, hatte ich nicht bedacht. Wenn ein Magier in Moria einer Nonne zu nahe kam, lief er Gefahr, angespuckt zu werden. Ich wußte, daß das in Gallia angeblich anders war, obwohl ich selbst nie die Probe aufs Exempel hatte machen können. Mutter Theodosia schien nett zu sein. Sie hatte ein ruhiges, faltenlo- ses Gesicht. Ihre Haut war dunkler als die der meisten Gallianer, und sie hatte leuchtende, dunkle Augen. Sie stellte mich den anderen Schwestern vor, die mir lächelnd zunickten. Niemand schrak vor mir zurück oder bekreuzigte sich. Einige schüttelten mir sogar die Hand. Der Gedanke, daß Nonnen mit Kurtisanen zusammenarbeiteten, war mir, gelinde gesagt, außergewöhnlich erschienen. So taktvoll ich es vermochte, hatte ich Genny am Abend zuvor danach gefragt. Sie hatte gelächelt. »Mutter Theodosia hatte schon eine ganze Weile daran gedacht, ein Hospital einzurichten, als Kitten mich damals zu ihr schickte. Sie ist klug genug, nicht danach zu fragen, woher die Spen- den kommen. Sie ist übrigens eine Ishtak.« Das erklärte mehr, als man auf den ersten Blick vermuten mochte. Die Einwohner des großen, handeltreibenden Stadtstaats Ishtak waren berühmt für ihre ungemeine Liebe zum Geld und der daraus resultie- renden moralischen Flexibilität, genauso wie die Gallianer für ihre Sinn- lichkeit bekannt waren und wir Morianer für unsere merkwürdigen reli- giösen Bewegungen. Ich hatte nicht erwartet, daß mir die Arbeit im Hospital gefallen wür- de, aber nachdem ich mich während der ersten Tage sehr unfähig ge- fühlt hatte, fand ich die Sache langsam faszinierend. Es machte mir Freude, etwas Neues zu lernen. Solange ich im Hospital war, hatte ich so viel zu tun, daß ich an nichts anderes als an die Arbeit dachte. Die Nonnen waren weiterhin freundlich, und Mutter Theodosia blieb häufig bei mir stehen, um mit mir zu plaudern und meine Arbeit zu loben. Meine Aufgaben beschränkten sich im Grunde auf das Verbinden und, Behandeln der weniger schwierigen Fälle, das Herausziehen von Krankheiten und der Zubereitung von Heiltränken, die die Nonnen den Krankenhauspatienten verabreichten. Entgegen meinen Erwartungen hatte ich keinerlei grauenvolle Unfälle mit der Pipette, und es machte mir Spaß, mit Genny zusammenzuarbeiten. Sie war eine hervorragen- de und äußerst geduldige Lehrerin. Selbst wenn ich sie nach derselben Sache zwei- oder dreimal fragte, verlor sie nicht die Geduld mit mir. Einmal entschuldigte ich mich für meine Dummheit, und sie sagte: »Das ist schon in Ordnung. Man muß sehr viel lernen und braucht ein gutes Gedächtnis. Sie dürfen nicht den Fehler machen, sich etwas an- deres einzureden. Sie machen das alles schon sehr gut.« Sie zögerte auch nicht, mich zu loben. Genausowenig wie sie zöger- te, es mir zu sagen, wenn ich irgend etwas hätte besser machen kön- nen. Aber das Lob machte den Tadel erträglicher, da ich während mei- ner ersten Tage jede Menge Erfolge vorzuweisen hatte, die ich gegen zwei oder drei echte Fehler in die Waagschale werfen konnte. Anderer- seits richtete Genny kaum je einmal ein persönliches Wort an mich. Ich spürte, daß sie ein sehr zurückhaltender Mensch war. Das war durch- aus wohltuend, nachdem ich bei Kitten Avignon stets auf der Hut sein mußte. Bei den Patienten jedoch zeigte sie keinerlei solche Zurückhaltung. Es beeindruckte mich, wie sie mit den Menschen umging. Sie wußte, wer wer war, und fragte die Bettler, wie es anderen Bettlern gehe; sie fragte die Wollarbeiter nach ihren Kindern und nach dem Preis und der Qualität der Wolle, die Hausierer nach den Neuigkeiten und den Leuten auf dem Land, und all ihre Patienten fragte sie, was sie von Dingen wie der Rückkehr von Däne, dem Bruder des Herzogs, hielten oder dem hohen Weizenpreis in diesem Frühling. Es war faszinierend, den Leuten zuzuhören. Ich hatte die Menschen auf der Straße immer voller Neugier betrachtet und mich gefragt, was für ein Leben sie wohl führten. Jetzt wurde mir klar, daß das Leben für die meisten von ihnen ein furchtbarer Kampf war, um sich warm zu halten, genug zu essen zu finden und vor allem, um gesund zu bleiben. Kleine Mißgeschicke waren für sie oft ein großes Unglück. Für einen Hausierer konnte ein gebrochener Knöchel den Verlust seiner Kund- schaft und seines Lebensunterhaltes an einen anderen gesunden Hau- sierer bedeuten. Der Verlust eines Arms oder eines Auges, ein durch- aus häufiger Arbeitsunfall bei den Zimmerleuten und Tischlern, konnte den Verlust ihres Broterwerbs mit sich bringen, so daß sie den Rest ihres kurzen Lebens unter einem Haufen Lumpen an irgendeiner Stra- ßenecke oder in einer verkommenen Hütte fristen mußten. Mir wurde auch schnell klar, warum Kitten so beliebt war, daß die Leute ihr auf, den Straßen zujubelten, als wäre sie ein Mitglied der herzoglichen Fa- milie. An meinem ersten Tag im Hospital brach eine Frau plötzlich unter Gennys sanften Fragen in Tränen aus. Man hatte den Mehlsack ihrer Familie gestohlen, und sie würden für die nächsten vierzehn Tage nicht genug zu essen haben. Am folgenden Tag gab Genny ihr einen neuen Sack Mehl. Die Frau weinte abermals und erbat Gottes Segen für Gen- ny und für Unsere Dame der Rosen. Genny wies niemanden ab. Sie behandelte die niedrigsten der Nied- rigen. Es schockierte mich, mit welcher Zuversicht die Straßenprostitu- ierten, gemeine, schmutzige Huren, von denen die meisten zu erbärm- lich waren, um auch nur als Mitglieder der Honigschwesternschaft in Betracht zu kommen, in das Behandlungszimmer spazierten um eine Behandlung gegen Geschlechtskrankheiten und verpfuschte Abtreibun- gen zu bekommen; keine von ihnen wurde je abgewiesen. Das Kind meiner morianischen Erziehung wandte ein, daß dies verkehrt sei, daß solche Frauen keinen Platz in einem angesehenen Haus des Heilens hätten, erst recht nicht in einem Nonnenkloster, daß ihre bloße Anwe- senheit das Haus und die dort arbeitenden Heilerinnen in Mißkredit brachte. Die Krankheit einer Prostituierten war ihr Problem, die gerech- te Strafe für ein verfehltes Leben. Nach einigen Wochen begann ich mich jedoch zu fragen, ob die all- gemein vorherrschende Meinung unseres Dorfs in Moria nicht ein wenig zu einfach war. Die Frauen im Hospital waren nicht schlecht. Einige von ihnen traten mit einem gewissen trotzigen Selbstbewußtsein auf, aber die meisten von ihnen waren einfach mitleiderregend reizlose, oft schon etwas ältere Frauen, deren ganze Lebensfreude zerstört zu sein schien. Ich beobachtete sie mit derselben Faszination, die ich für alle schmutzigen Dinge aufzubringen schien, und die gewohnte Frage: ›Wie konnten sie das tun?‹ hallte in meinem Kopf wider. Sehr schnell wurde mir klar, daß die wirkliche Frage anders lauten mußte, nämlich: ›Wie hätten sie es nicht tun können?‹ Viele der Frauen waren so furchtbar arm. Mehr als einmal behandelte Genny eine Frau wegen einer Ge- schlechtskrankheit, und später am Tag sah ich dann dieselbe Frau am Bett eines der verkrüppelten männlichen Patienten sitzen, mit einer Schar kleiner Kinder neben sich. Ich hatte die vorherrschenden Auffassungen normalerweise nie hin- terfragt, zumindest nicht diejenigen, mit denen auch Michael einver- standen gewesen war. Wäre mir klar gewesen, wohin meine Gedanken führten, so wäre ich entsetzt gewesen und hätte es dem verderblichen Einfluß von Kitten Avignon zugeschrieben. Statt dessen machte ich mir einfach nur Sorgen. Auf Umwegen fragte ich Genny, was sie von sol- chen Frauen halte., Sie schien zu verstehen, worum es mir bei meiner Frage ging. »Was soll ich von ihnen halten?« fragte sie. »Sie wissen, daß das ei- nes von den Dingen ist, bei denen wir Leute aus dem Westen anderer Meinung sind als sie von der Halbinsel. Da, wo ich herkomme, ist – wegen des Kriegs und all dieser Dinge – die Unfruchtbarkeit das Schlimmste, was man einer Frau nachsagen kann. Selbst Heilerinnen wie ich, die wir traditionell keusch und unverheiratet leben, stehen un- ter dem Druck, Kinder zu bekommen. Selbst außereheliche Kinder. Die Leute heißen dieses Verhalten nicht gut, drücken aber ein Auge zu, weil es gemeinhin als besser erachtet wird, als überhaupt keine Kinder zu haben.« »Woher kommen Sie denn?« fragte ich, für den Augenblick von mei- nem eigentlichen Thema abgelenkt. Ich hatte immer angenommen, sie stamme aus irgendeiner Gegend von Ishtak. »Aus Sopria«, sagte sie knapp und machte sich dann auf eine Art und Weise an irgendwelchen Dingen zu schaffen, die weitere Fragen verbot. Von denen ich plötzlich so viele hatte. Sopria war das Zwillings- reich von Aramaya, und die beiden waren durch einen immer wieder aufs neue ausbrechenden Krieg untrennbar miteinander verbunden. Dieser Krieg tobte seit tausend Jahren, verhinderte jedoch angeblich nicht, daß es zu beträchtlichen Verbindungen zwischen den einfachen Leuten beider Länder kam. Es hatte mich nicht überrascht, daß Kitten einige Zeit in Sopria gelebt hatte. Was mich jetzt hier jedoch über- raschte, war die Tatsache, daß Gennys Heimat so weit entfernt war. Um nach Sopria und Aramaya zu gelangen, mußte man dreißig Tage einer gefährlichen Seereise über den Westlichen Ozean in Kauf neh- men. Warum war sie hierhergekommen? War sie zusammen mit Kitten gekommen? Warum sollte irgend jemand und erst recht eine Heilerin mit einem eigenen, angesehenen Beruf einer Kurtisane folgen und Heim und Familie soweit hinter sich lassen? Hütete sie irgendein dunk- les Geheimnis? War sie unfruchtbar und wurde deshalb in ihrem eige- nen Land verachtet? Ich hätte sie gern gefragt; ich wollte es wissen, aber der Augenblick für Fragen war verstrichen. Ich würde mich in Ge- duld üben müssen. Ich beobachtete Genny genau und bemerkte auf diese Weise, daß sie Informationen von den Patienten einholte, besonders von den Prostitu- ierten. Einige Leute schienen überhaupt nur deshalb zu kommen, um ihr Neuigkeiten zu überbringen. Waren das die Quellen, von denen Kit- ten einmal gesprochen hatte? War das der eigentliche Sinn des Hospi- tals? Oder war es nur ein verwegener Versuch, sich beim gemeinen Volk einzuschmeicheln? Es fiel mir schwer, die einfachen Gründe zu akzeptieren, die Genny mir dafür genannt hatte, daß Kitten dieses, Hospital finanzierte. Daher suchte ich eine ganze Weile nach einleuch- tenderen, weniger edelmütigen Motiven. Man durfte nichts an Kitten Avignon einfach so nehmen, wie es sich darbot. Das Leben aller Prosti- tuierten gründete sich auf Betrug, auf dem Gegenteil echter Anteil- nahme. Aber obwohl ich lange und ausgiebig darüber nachgedachte, kam ich nicht dahinter, welches die wahrem Gründe waren. Also schön, Genny erzählte Kitten, was sie von den Patienten Neues erfahren hatte. Selbst ich wußte, daß es einfachere und billigere Möglichkeiten gab, an Informationen heranzukommen. Und was das Thema Beliebtheit betraf, ich konnte mir nicht vorstellen, was Kitten davon hatte, wenn sie sich bei denen einschmeichelte, die zu arm waren, um auch nur für ihre eigene Heilung zu bezahlen. Das Krankenhaus wurde jedoch noch von einer weiteren Gruppe von Menschen aufgesucht, die mich überraschte und die sich sehr von den Straßenhuren unterschied. Es waren wunderschön gekleidete, adelige Damen. Ich erkundigte mich bei Schwester Bertrida, der freundlichsten der Nonnen, wer diese Frauen waren. »Es ist in den letzten Jahren wohl modern geworden, hierherzukom- men und bei der Pflege der Armen zu helfen«, sagte sie und schnitt eine Grimasse. Die vornehmen Damen wirkten ziemlich lächerlich vor diesem Hin- tergrund. Sie kamen irgendwann am Vormittag in kleinen Gruppen an, häufig mit ein oder zwei Dienern im Schlepptau, schlenderten in der Krankenstation umher, schnupperten an ihren Parfümkugeln, schwatz- ten miteinander und stellten sich so ungeschickt an, daß ihre ausladen- den Seidenröcke sich an den Möbeln verfingen. Es gab jedoch auch eine kleine Gruppe zurückhalten gekleideter Damen, die den Patienten tatsächlich vorlasen und manchmal sogar mit ihnen beteten. Vor allem eine attraktive, blonde Frau, die immer Schwarz trug, kam so häufig, daß sie mich schließlich mit einem Nicken und einem Lächeln begrüßte. Alles in allem waren die Damen jedoch eher lästig. Sie schienen ständig irgendwo im Krankenhaus aufzutauchen und versuchten, Gen- ny ins Gespräch zu ziehen. Sie gab ihnen dann eine energische Antwort und rief einen besonders übel riechenden Bettler zur Behandlung her- ein, woraufhin die Damen gewöhnlich das Weite suchten. Ich erinnere mich vor allem an einen Vormittag, an dem Lady Cora Morfelda, die Tochter des überaus mächtigen Lords Zenon Morfelda, uns in der Klinik besuchte und fast eine Dreiviertelstunde darauf ver- wandte, uns zu erzählen, wie besorgt ihre Familie wegen der Armen sei. Genny war ausgesucht höflich, aber ich spürte, daß sie Cora zu- tiefst verabscheute. Ich schloß das aus der Art, wie sie sie bat, die Schüssel zu halten, während sie eine gewaltige, eiternde Wunde am, Oberschenkel eines alten Wollkämmers säuberte und ausbrannte. Selbst mir hätte diese Aufgabe nicht besonders gefallen, aber Lady Cora war aus hartem Holz geschnitzt, und obwohl sie angesichts der eitrigen Flüssigkeit in der Schale erbleichte, würgte sie nicht und ließ auch ihre Arbeit nicht im Stich. Sie erzählte uns gerade, wieviel lieber ihr die Stadt sei als das Land, weil es dort soviel mehr Arme gäbe, de- nen man helfen könne, als sie das Opfer eines schrecklichen Unfalls wurde. Der schwere Stößel, den Genny trug, glitt ihr aus der Hand und fiel Lady Cora auf den Fuß. Die Folge war ein hörbares Bersten von Knochen. Die Lady krümmte sich zusammen und schrie vor Schmerz. Genny war ganz zuckersüße Zerknirschung, gab dem armen Geschöpf einen schmerzstillenden Trank und versorgte ihren Fuß sofort mit ei- nem Heilzauber, aber gerade ihre übertriebene Freundlichkeit weckte in mir den Argwohn, daß sie den Stößel absichtlich fallen gelassen hatte. Auch Lady Cora hatte diesen Verdacht, denn sie schien gerade entspre- chende Anschuldigungen äußern zu wollen, als ihre Mutter, Lady Ulla, aufmerksam geworden durch Coras Geschrei, ins Zimmer stürzte. Mit knappen Worten – »du benimmst dich unklug, mein Kind«, brachte sie ihre Tochter augenblicklich zum Schweigen. Die beiden vornehmen Damen wurden zusammen mit einer wortkar- gen und tüchtigen Nonne in eine wartende Kutsche verfrachtet. Genny verriegelte die Tür hinter ihnen, trat an einen Schrank, nahm eine Flasche heraus, entkorkte sie, setzte sie an die Lippen und nahm einen langen Schluck daraus. Sprachlos sah ich ihr zu. Die arme Lady Cora. Ich konnte immer noch ihre Schreie hören. Sie war dumm, hatte es aber nur gut ge- meint. Wie konnte Genny, die immer so freundlich wirkte, etwas so Schreckliches tun? Sie stellte die Flasche weg, atmete tief durch und wischte sich den Mund ab. »Sehen Sie mich nicht so an! Ich hatte nicht die Absicht, diesem dummen Mädchen den Fuß zu brechen. Ich wollte sie nur loswerden. Ich habe die Fassung verloren.« Ihre Stimme klang hart und wütend. »Aumaz! Wie ich diese scheinheiligen Weiber hasse. Bevor Kitten Le- ons Mätresse wurde, hätten sie niemals auch nur einen Fuß in dieses Haus gesetzt; sie haben nie einen Finger krumm gemacht, um irgend jemandem zu helfen. Nicht einen Finger.« Sie schlug mit der Faust auf den Tisch. »Jetzt schicken die großen Familien ihre Frauen mit der Anweisung hierher, sich über mich bei Kitten einzuschmeicheln. In Wirklichkeit hassen und verachten sie sie, schreiben giftige Gedichte über sie und tuscheln hinter ihrem Rücken., Sie tut die Sache mit einem Achselzucken ab, sagt, daß es nicht anders zu erwarten sei – aber ich…« Zornig wischte sie ein liegengebliebenes Blatt vom Tisch. »Ich sehe Ihr verräterisches Lächeln, und es bringt mein Blut in Wal- lung.« Sie setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Plötz- lich fiel alle Anspannung mit einem tiefen Seufzer von ihr ab. Dann blickte sie zu mir auf. »Es tut mir leid, Dion. Ich habe ein fürchterliches Temperament. Bei den Sieben, ich wollte ihr wirklich nicht den Zeh brechen, dem armen, dummen Ding. Das muß wirklich weh getan haben.« »Sie kam mir irgendwie so harmlos vor«, sagte ich. Gennys Miene verdüsterte sich. »Oh, Dion. Sie sind wirklich nicht für dieses Leben gemacht, wissen Sie. Die Menschen bei Hofe sind nie harmlos. Sie sind Schlangen. Die Morfeldas haben es schon eine ganze Weile auf Kitten abgesehen. Als sie auf dem Schauplatz erschien, wa- ren ihre Leute gerade drauf und dran, die arme kleine Lady Cora im Bett des Herzogs unterzubringen.« »Aber sie ist doch noch blutjung.« »Das stimmt. Sie war damals erst vierzehn, aber man ist nie zu jung, um seiner Familie zu dienen. Sie haben Kitten ein Paar Handschuhe geschickt, in deren Futter ein Krankheitszauber eingenäht war – Po- cken, die sie töten oder entstellen sollten. Diese Höflinge machen vor nichts hält. Die Gunst des Herzogs bedeutet ihnen Leben oder Tod, und Kitten ist ihre Rivalin.« Während jener ersten Wochen geschah etwas sehr Unheimliches, aber es hatte nichts mit Kitten Avignon zu tun. Ganz zu Anfang meiner Zeit in Kittens Haus spürte ich einmal gegen Mitternacht etwas in meinem Zimmer; es war dieses unbestimmte Ge- fühl im Rücken, daß irgend etwas hinter mir war und mich beobachte- te. Der Dämon. Wer sonst konnte es sein? Ich suchte das Zimmer ab und überprüfte all meine unsichtbaren Schutzrunen – unter dem Bett, im Schrank, unter dem Teppich und in der Ecke, in der der Spiegel gestanden hatte. Ich konnte nichts finden. Nicht einen Spiegelsplitter, nicht ein Fleckchen Schleim. Und trotzdem hatte ich immer noch diesen harten, räuberischen Blick im Rücken. Selbst als ich mich wieder ins Bett legte, war er hinter mir. Ich hatte Angst. Offensichtlich hatten sich die Runen der Umleitung und des Schutzes, mit denen ich mich vor der neuerlichen Aufmerk- samkeit des Dämons zu schützen suchte, als nutzlos erwiesen. Mit zit-, ternden Händen und schwankender Konzentration vollzog ich mein normales Schutzritual und sprach unmittelbar darauf einen Zauber der Umleitung. Der Umleitungszauber ist eine Beschwörung der weißen Magie, die darauf zielt, den Blick solcher Wesen abzuwenden, wenn man ihn auf sich gezogen hat. Es hieß auch, daß dieser Zauber im Grunde ungenügend sei, aber er war das Beste, was ich hatte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, einen Blick in die Schale des Sehens zu werfen. Dämonen waren keine magischen, sondern übernatürliche Wesen und daher in der Schale nicht auszumachen. Nach einer Stunde ließ das Gefühl nach, aber in der nächsten Nacht und in einigen Nächten danach war es wieder da. Ich erzählte nieman- dem, was vorging, denn ich hätte niemanden in mein Geheimnis ein- weihen können, ohne meine Schuld preiszugeben. Statt dessen erneu- erte ich den Umleitungszauber immer wieder und versuchte einige bange Nächte lang, aus der Tatsache Trost zu schöpfen, daß nichts Schlimmeres geschah. Er kann nicht zu mir durchdringen, es sei denn, ich hole ihn, rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis. Das machte die Sache an sich jedoch nicht besser. Schließlich warf ich doch einen Blick in die Schale des Sehens, in der vergeblichen Hoffnung, daß ich im Wasser vielleicht doch etwas entdecken würde. Seltsamerweise schien ich die Augen, die mich bis dahin beobachtet hatten, damit vertrieben zu haben, daher konsultierte ich die Schale des Sehens von nun an regelmäßig. Und dann, ganz plötzlich, hörte es auf; ich wurde nicht länger beobachtet. Obwohl ich das Abendritual immer noch mit einiger Beklommenheit anging, konnte ich die Augen nicht mehr spüren. Die Nächte wurden so friedvoll wie die Tage. 5. Kapitel Ich stand allein in der Halle. Im Grünen Salon zu meiner Linken saß eine Gruppe ernsthafter Menschen, unter ihnen der Herzog persönlich, elegant auf dünnbeinigen, vergoldeten Stühlen. Mit verzückter Auf- merksamkeit beobachteten sie einen kleinen Mann in einer staubig wir- kenden Robe, der Glasprismen ins Sonnenlicht hielt und damit Regen- bögen an die Wand hinter sich projizierte. Diese ›Brechung des Lichts‹, wie er es nannte, stürzte die ganze Gesellschaft in Ekstase. Im Roten Empfangsraum auf der anderen Seite des Flurs spielte eine größere Gruppe weniger ernsthafter Menschen Karten – mit einer Mie- ne, als sei es ein Kampf auf Leben und Tod. Wenn man bedachte, wel- che Mengen an Geld und Juwelen da auf den Tischen lagen, überrasch-, te ihre Leidenschaft mich nicht. Mit eleganten, weißen Händen hielten sie zarte Sektflöten, und ihre üppigen Spitzenmanschetten streiften das grüne Tischtuch, während Karten raschelten und wieder und wie- der ein Vermögen den Besitzer wechselte. Diese prächtig gewandeten Männer und Frauen waren die hartgesottenen, ebenso geistreichen wie lockeren Mitglieder des Hofs, der vertraute Kreis des Herzogs. Ich spähte durch die halbgeöffnete Tür und beobachtete sie. Ich hatte ge- hört, daß Lord Däne und Lord Pell, die Brüder des Herzogs, jüngst aus dem Exil zurückgekehrt waren und ihn heute hierherbegleitet hatten; ich war neugierig. Ich sah jedoch nicht viel von ihnen, außer zwei nüchtern gekleideten Männern, die auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes standen und wohl ihre Leibwächter waren. Es war das erste Mal, daß ich an einer von Kittens Soireen teilnahm. Sie hatte mich mit dem Versprechen hinuntergelockt, mir einen Platz zu suchen, wo ich hinter den großen weißen Falttüren zwischen dem Wohnzimmer und dem Erfrischungsraum stehen und zusehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Es hatte Spaß gemacht, bis Monsieur Alberti angefangen hatte, Licht zu brechen. Vor ihm war ein Clown auf- getreten, der eine ganze Reihe fröhlicher Lieder gesungen hatte. Ein Schiffskaufmann hatte von seinen Reisen auf die Gewürzinseln gespro- chen und die unheimliche Geschichte des jüngsten, unerklärten Ver- schwindens der gesamten Bevölkerung einer dieser Inseln, etwa vier- hundertfünfzig Seelen, erzählt. Als jedoch Monsieur Alberti mit seiner langweiligen Abhandlung begann, war ich in den Flur hinausgeschlüpft. Wahrscheinlich hätte ich vorsichtig nach oben zurückkehren sollen, aber ich war versucht, mit den anderen Tee zu trinken. Ich hatte die ganze letzte Stunde im selben Raum mit den köstlich dargebotenen Speisen zugebracht, die man bereits für den Tee zurechtgestellt hatte. Während der Schiffskapitän seinen Vortrag hielt, war Erasmus herein- gekommen, um einen kleinen Kuchen zu stehlen, und er hatte mir er- zählt, daß ich, wenn all das Gerede endlich aufhörte, mit ihm Tee trin- ken solle. Die Versuchung, genau das zu tun, war groß. Ich überlegte, daß ich mit der Menschenmenge verschmelzen würde, daß die Leute weiterhin annehmen würden, ich sei eine Art Dienerin. Ich war immer noch unentschlossen, als Rapunzel und Demoisclle die Treppe hinuntergerauscht kamen. Sie kicherten atemlos, und Rapunzel drückte sich etwas fest an die Brust. »Dion, hierher«, sagte Rapunzel. Dann schob sie mir etwas Seidiges in die Hand. »Was…?« »Schnell, schnell!« zischte Demoiselle, schob mir die Hände auf den Rücken und stieß mich in die Ecke neben der Treppe., »Da kommt sie.« Sie legte einen Finger auf meine Lippen. »Kein Wort.« Sie und Rapunzel stellten sich an der gegenüberliegenden Wand auf, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den wenig überzeu- genden Ausdruck von Unschuld auf ihren Gesichtern und mit weit auf- gerissenen Augen. »Ihr elenden Biester! Was habt ihr damit gemacht?« Sateen kam die Treppe heruntergehumpelt und hielt ihren zusam- mengeknüllten Rock mit einer Hand fest. »Wer? Wir?« fragte Rapunzel. »Na kommt schon. Gebt es mir wieder.« »Ich hab’s nicht«, sagte Rapunzel und streckte die Hände aus. »Demi. Bitte.« »Wovon sprichst du?« erkundige sich Demoiselle, die die Hände wei- terhin hinter dem Rücken hielt. Ich warf einen verstohlenen Blick auf das Fetzchen Stoff, das man mir gegeben hatte. Es war ein weißes Satinstrumpfband. Kein Wunder, daß Sateen sehr merkwürdig ging. Sie mußte ihren Strumpf festhalten. Unterdessen… »Hör mal, wir haben es nicht«, riefen Demoiselle und Rapunzel, die um Sateen herumhüpften und ihr spielerisch mit dem Zeigefinger drohten. »Ihr Flittchen! Wo habt ihr es hingesteckt?« zischte Sateen, die sich nervös über die Schulter sah. »Sateen!« sagte ich. »Hier ist es.« Sie riß mir das Strumpfband dankbar aus der Hand. »Vielen Dank, Dion. Ich bin froh, daß irgend jemand in diesem Haus vernünftig ist.« Sie bedachte die beiden anderen mit einem finsteren Blick, zog ver- wegen ihren Rock hoch, streifte das Strumpfband über und rauschte in den Salon davon. »Also wirklich! Du warst ja eine große Hilfe! Petze! ›Sateen, hier ist es‹«, äffte Demoiselle mich nach. Dann kam sie grinsend auf mich zu. Ich schrak zurück. »Petzen müssen bestraft werden, nicht wahr, Demi?« sagte Rapun- zel. »Das stimmt.« Ich machte einen Satz in Richtung Treppe. »Packen wir sie!« riefen sie und sprangen auf mich zu. Plötzlich wurde ich unbarmherzig gekitzelt. Eine Sekunde später rollte ich hilflos lachend über den Boden, einge- hüllt in eine erstickende Woge aus Seide und Spitze, Parfüm und Pu- der. »Nein, nein! Hört auf! Hört auf!«, Und plötzlich hörten sie tatsächlich auf. Plötzlich blickten Demoiselle und Rapunzel auf. Ich keuchte, setzte mich auf und wischte mir die Tränen aus den Augen. Und sah ihn. Ein hochgewachsener, dunkler Mann lehnte an der Wand und blickte auf uns herab, auf mich, die ich der Länge nach quer über Rapunzels Schoß lag, mit gespreizten Beinen und aufgelöster Frisur. Er war das großartigste und atemberaubendste Geschöpf, das ich je gesehen hatte. Sein blasses Gesicht war mager und hart und wurde von einer Mähne langer, schwarzer Locken eingerahmt. Ein spöttisches kleines Lächeln spielte um seine vollen, roten Lippen, und seine gro- ßen, dunklen und – Gott und Engel! – mit Kohlestift nachgezeichneten Augen beobachteten uns mit einem seltsam liebkosenden Ausdruck. Er nickte. »Meine Damen«, sagte er leise. Dann stieß er sich sachte von der Wand ab und schlenderte gemäch- lich an uns vorbei. Als er auf derselben Höhe war wie wir, blickte er eine Sekunde lang mit sich weitenden Augen unter seinen langen Wim- pern auf mich herab. Plötzlich wurde mir bewußt, daß mein Kleid bis über meine Knie hochgerutscht war. Ich zog es hastig herunter und setzte mich aufrecht hin, aber er war bereits im Kartenzimmer ver- schwunden. »Du schöner Mistkerl!« hauchte Rapunzel. »Verfolgen wir ihn?« Demoiselle stand auf und klopfte sich den Staub aus dem Kleid. »Benimm dich, Rapunzel.« »Eine Frau braucht doch ein bißchen Freude im Leben. Nun, sehen Sie sich an, Miss.« Rapunzel schubste mich von ihrem Schoß. »Sich über den Boden zu wälzen wie die Kaiserin von Aramaya und den Män- nern zu erlauben, ihre Beine zu bewundern.« Mit vereinten Kräften zogen die beiden mich auf die Füße und mach- ten sich daran, meine Röcke zurechtzuzupfen und mir das Haar zu ord- nen. Dies geschah auch keinen Augenblick zu früh, denn in dieser Sekun- de hörte man lautes Klatschen aus dem Vortragszimmer, und unmit- telbar darauf wurden die Türen aufgerissen und die Zuhörer strömten hinaus auf den Flur. Rapunzel blinzelte mir zu, und die beiden Frauen mischten sich unter die anderen Gäste und ließen mich erhitzt und be- schämt stehen. Plötzlich stand Erasmus hinter mir. »Dion, haben Ihnen die Vorträge gefallen? Kommen Sie. Holen wir uns etwas von den Leckereien, bevor all diese gierigen Vielfraße uns die schönen kleinen Küchlein wegessen.«, Nach dem prachtvollen, dunklen Lord erschien er mir so vertraut und freundlich wie ein Schoßhund. Wir setzten uns in eine stille kleine Ecke und tranken gewürzten Weinlikör, und ich erzählte ihm, daß mir die meisten Vorträge recht gut gefallen hätten, nicht aber der über Optik. »Ein interessantes Thema, aber Alberti ist kein besonders guter Red- ner.« »Das ist es nicht allein. Wenn die Leute Regenbogen wollen, sollten sie einen Magier darum bitten, einen zu machen. Ich könnte viel bes- sere Regenbogen machen als Monsieur Alberti.« Erasmus lachte. »Sie mißverstehen, worum es der Neuen Lehre geht. Ist Ihnen denn nicht klar, wie viele von uns, die wir ohne Zauberkräfte geboren wur- den, euch Magier beneiden? Viele von uns würden solche Dinge gern selbst tun können. Diese neuen Wissenschaften geben uns die Hoff- nung, daß wir eines Tages vielleicht in der Lage sein werden, mit Hilfe der Wissenschaft Dinge fertigzubringen, die heute nur mit Magie mög- lich sind.« Ich nippte an meinem Tee und verdaute seine Worte. »Indem wir mehr über die natürliche Ordnung der Dinge lernen, ler- nen wir auch, wie wir sie beherrschen und verändern können. Viele Menschen hoffen, daß die Neue Lehre uns dieselbe Herrschaft über die Natur gibt, wie die Magier sie haben.« Mir fiel keine höfliche Bemerkung ein, mit der ich hätte sagen kön- nen, wie töricht mir dieser Gedanke erschien. Zu den ersten Lektionen, die ein Magier lernt, gehört die über das Gleichgewicht. Alle Taten der Menschheit verändern das Gleichgewicht der natürlichen Welt, und das muß ein Magier immer im Kopf haben, wenn er einen Akt der Magie ausführt. Die Magier bringen das Gleichgewicht der Natur häufig durcheinander, aber zumindest gibt es nur wenige von ihnen. Die Vor- stellung, Tausende gewöhnlicher Menschen könnten nach Belieben in die Natur eingreifen, schien mir der direkte Weg in die Katastrophe zu sein. Ich wechselte das Thema. »Ich hätte nie gedacht, daß das die Art von Gesellschaft ist, die Ma- dame Avignon geben würde.« Seine gewöhnlich so sanften, blauen Augen wurden schmal. »Warum?« fuhr er auf. »Madame Avignon ist die kultivierteste Frau, die ich kenne. Und sie ist nicht nur auf spießige Art und Weise respek- tabel, sondern wirklich gütig. Sie hat mehr Ähnlichkeit mit einer der Amouretten des alten Sopria als mit einer gewöhnlichen Kurtisane.« Einen Augenblick lang herrschte beklommenes Schweigen zwischen uns. Dann überlegte ich, daß Erasmus vielleicht bald gehen würde,, wenn mir nicht etwas einfiel, was ich sagen konnte, daher fragte ich: »Was ist eine Amourette?« »Amouretten waren soprianische Kurtisanen, die wegen ihres Vers- tandes und ihrer geistreichen Konversation genauso begehrt waren wie wegen ihrer körperlichen Reize. Ich denke, das ist auch das Geheimnis von Madame Avignons Beliebtheit.« Was für eine naive Bemerkung, dachte ich ein wenig gehässig. Wer hätte je gehört, daß Männer zu Prostituierten gingen, um Konversation zu treiben? Aber ich war neugierig und wollte mehr über Kitten Avignon in Erfahrung bringen, daher nickte ich ermutigend. Erasmus’ Miene wurde aufgeregt. »Diese Neue Lehre, von der ich sprach. Wissen Sie etwas darüber?« Ich schüttelte widerstrebend den Kopf. »Nun, sie ist… Sie wissen, daß die Tradition und das Kirchengesetz genau festlegen, wie wir über alles zu denken haben?« »Mit Ausnahme der Magie.« »Das stimmt. Mit Ausnahme der Magie. Aber nehmen wir zum Bei- spiel meinen Beruf. Die Malerei. Die Malerei war immer von überkom- menen Traditionen festgelegt, die vom Vater auf den Sohn übergingen. Nehmen sie nur die Figuren. Wie Sie wissen, wird die Größe der Figu- ren in einem Gemälde traditionellerweise von ihrer Frömmigkeit oder ihrer Bedeutung bestimmt.« Das hatte ich zwar nicht gewußt, aber ich nickte trotzdem bestäti- gend. »Wenn Sie mal darüber nachdenken, werden Sie feststellen, daß das eine völlig lächerliche Betrachtungsweise ist. Sie hat keinerlei Bezug zur Realität. Die Neue Lehre zieht die Realität, wie wir sie mit unseren körperlichen Sinnen erfahren, mit in Betracht. Es ist eine Bewegung des… des Lernens, nehme ich an, die die etablierten Traditionen in Kunst und Wissenschaft hinterfragt. In den Westlichen Reichen existiert die Neue Lehre schon seit einiger Zeit, und das ist auch der Grund, warum Kitten soviel darüber weiß. Aber in den letzten zehn Jahren ha- ben auch wir auf der Halbinsel sie entdeckt, und Kitten zufolge tun wir jetzt so, als sei sie unser Eigentum. Sie können sich gar nicht vorstel- len, wie aufregend… sie könnte alles revolutionieren, was wir tun. Ich bin nach Gallia gekommen, um bei Bordino diese Malerei der Neuen Lehre zu studieren, aber erst als Kitten Avignon hierherkam, hat die Neue Lehre in Gallia wirklich Fuß gefaßt. Sie war es, die als erste die Übersetzung einiger der wichtigsten Texte der Westlichen Neuen Lehre übersetzen ließ, und sie ist es, die den Herzog dazu bringt, sich eben- falls dafür zu interessieren. Deshalb ist sie auch in bestimmten höfi- schen Kreisen so unbeliebt. Die Leute von der Reformkirche hassen sie., Sie ist das Zentrum der Neuen Lehre hier in Gallia. Sie hat sogar eine sehr gute Abhandlung über die neue Kunsttheorie verfaßt.« »Aber sie kann noch nicht einmal lesen«, wandte ich ein. »Ja. Das weiß ich. Sie hat es mir erzählt, als sie und Bordino zu- sammen waren. Die beiden hatten ziemlich lange eine Liaison mitein- ander. Deshalb kenne ich sie auch so gut. Sie hat mir erzählt, daß sie daheim im Westen den Unwillen eines Geisterbeschwörers erweckt ha- be, woraufhin dieser ihr die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, raub- te. Sie sagt, sie könne diese Fähigkeit nie mehr zurückgewinnen.« Ein Geisterbeschwörer. Das konnte nur Norval sein. Das war also der Grund, warum Kitten Altsoprianisch verstand und trotzdem kein einzi- ges Wort lesen konnte. Es war ein Augenblick tiefer Befriedigung für mich, denn ich hatte die Antwort auf ein Rätsel gefunden. Die Art, wie Erasmus über Kunstabhandlungen sprach, erschien mir jedoch merk- würdig – lächerlich, sich vorzustellen, eine Frau der Liebe könne so etwas Intellektuelles schreiben. »Viele Leute glauben, es sei Bordino gewesen, der diese Abhandlung verfaßt hat«, sagte Erasmus und sprach damit auf beunruhigende Wei- se meine eigenen Gedanken aus. »Das macht mich so wütend. Alles, was sie tut… Die Leute sagen: ›Wie kann eine Hure davon etwas ver- stehen?‹ Aber ich weiß es besser. Ich habe unter Bordino studiert. Ich war da. Bevor sie herzogliche Mätresse wurde, kam sie oft mit ihrer jüngsten Arbeit in Bordinos Haus und ließ sie uns durch ihren Pagen vorlesen, und dann haben sie und Bordino über verschiedene Punkte diskutiert. Bordinos Ideen bezüglich der Kunst unterscheiden sich sehr von den ihren.« Er lachte. »Bordino hat mir einmal von ihrer ersten Begegnung in Ishtak erzählt. Da kam also diese ausländische Kurtisa- ne, die ihn sprechen wollte. Er hat sich natürlich geweigert, sie einzu- lassen. Aber sie ist trotzdem hereingekommen, und bevor er wußte, wie ihm geschah, debattierten sie über perspektivisches Zeichnen. Und sie hat es geschafft, seine Meinung zu ändern. Jetzt kommen Gelehrte von überall auf der Halbinsel herbei, um die Neue Lehre zu studieren. Gallia hat sich zu ihrem Zentrum entwickelt, und der Herzog gilt als einer der fortschrittlichsten Herrscher seines Zeitalters. Aber einige dieser Gelehrten akzeptieren sie als Mäzen und titulieren sie hinter ih- rem Rücken trotzdem als Hure. Deshalb habe ich Sie vorhin so ange- fahren.« Er drehte sich um und nahm meine Hand. »Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen. Aber die Undankbarkeit der Leute… Wohin ich auch gehe… ich muß mir anhören, wie sie herabge- setzt wird, herabgesetzt, weil sie eine Frau der Öffentlichkeit ist. Gleichzeitig schreiben die Leute all ihre Ideen Männern wie dem Herzog, und Bordino zu. Das macht mich so wütend. Ich wünschte, ich könnte die Leute irgendwie dazu zwingen, die Wahrheit zu erkennen.« Ich hatte Madame Avignon selbst verachtet, aber jetzt war ich merkwürdig davon überzeugt, daß Erasmus’ Worte Sinn ergaben. Er beschrieb die charmante und intelligente Frau, mit der ich meine Nachmittage verbrachte. Um meine Verwirrung zu verbergen, fragte ich: »Interessiert sich der Herzog wirklich für die Neue Lehre?« »Herzog Leon hat wenig Zeit, um zu studieren«, erwiderte Erasmus bedächtig. »Vergessen Sie nicht, daß er, jetzt da Gallia und Ishtak ver- eint sind, zwei Staaten zu regieren hat.« Ganz plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit von einem großen Mann mit einem weichen, purpurfarbenen Samthut in Anspruch genommen, der darauf bestand, daß er mit ihm ging. Erasmus entschuldigte sich und ließ mich allein. Auf mich allein gestellt, fand ich die Soiree bald langweilig. Kitten nickte mir ein- oder zweimal ermutigend zu, aber sie saß neben dem Herzog, und ich hatte keine Lust, mich zu ihr zu gesellen. Ich sah auch den dunklen Mann aus dem Flur wieder. Den schlechten Mann. Daran hatte ich gar keine Zweifel. Er stand mit einer Sektflöte in seinen langen Fingern im Eingang des Raumes und sah mich durch seine Wimpern hindurch an. Ich hielt nach einem Fluchtweg Ausschau. Das Problem bestand darin, daß er sich so aufgestellt hatte, daß ich auf jeden Fall an ihm vorbeimußte, ganz gleich, durch welche Tür ich den Raum verließ. Er sah genau wie die Art Mann aus, die mit Sicherheit eine Bemerkung machen würde, wenn ich vorbeiging. Sein Blick hatte etwas Durchdringendes. Während er mich betrachtete, tippte er sich mit einem langen, weißen Finger an seine volle Unterlippe, und als ich nachsah, um festzustellen, ob er mich immer noch im Auge behielt, hob er den Kopf und lächelte mich ganz offen und auf eine so freundli- che Weise an, daß ich sein Lächeln beinahe erwidert hätte. Ich errötete und wandte hastig den Blick ab, aber es sollte noch schlimmer kom- men. Als ich noch einmal hinschaute, stieß er sich von dem Türrahmen ab und bahnte sich ohne Hast einen Weg durch die Menschenmenge auf mich zu. Ich drehte mich um und schlüpfte hinter den Vorhang in meinem Rü- cken, der die Fensternische verbarg. Das Fenster selbst stand offen und war so groß, daß ich mühelos über den Sims und hinunter in den Garten springen konnte. Ich rannte über den Rasen und versteckte mich schnell im Gebüsch. Ich beschloß, dort auszuharren, bis ich sicher sein konnte, daß die meisten Gäste gegangen waren. Obwohl noch Frühling war, hatte die, Sonne bereits etwas Warmes und Schläfriges, und ich schlenderte zwi- schen den Kiefern hindurch und blieb dann für eine Weile stehen, um zufrieden einen Schwarm bunter Papageien zu beobachten, die laut kreischten und mit säuberlichen, kleinen Bissen an den Kiefernzapfen nagten. Ich schob alle Gedanken an den Mann beiseite. Statt dessen ließ ich mir durch den Kopf gehen, was ich alles über Kitten Avignon in Erfah- rung gebracht hatte. Was für eine seltsame Frau sie doch war. Eine bedeutende Förderin des Geisteslebens! Und doch hatte sie manchmal so ein boshaftes Zwinkern in den Augen, ein Wissen, das ganz der Kur- tisane gehörte. Ich konnte mir vorstellen, daß es den Männern schwer- fiel, ihr zu widerstehen. Aber das Bild, das mir automatisch vor Augen kam, zeigte sie allein inmitten der Bücher und der frischen, weißen Vorhänge ihres Boudoirs, elegant, luxuriös und wunderschön. Ich vermeinte beinahe, Michaels Stimme zu hören, die mich davor warnte, daß ihre scheinbare Schönheit eben das Ausmaß ihrer Ver- derbtheit zeigte, aber ich konnte Kitten Avignon einfach nicht für schlecht hatten. Vielleicht gab es mildernde Umstände, die ihr Leben rechtfertigten. Wie Norval zum Beispiel. Vielleicht hatte ihr das, was sie tat, genausowenig gefallen wie den Frauen, die ich in der Klinik zu se- hen bekam; vielleicht saß sie einfach in der Falle und mußte zusehen, daß sie sich vor Norval schützte. Wenn er nicht mehr wäre, könnte sie vielleicht ihr unmoralisches Leben aufgeben. Vielleicht konnte ich ihr dabei helfen. Ich wünschte, ich hätte jemanden gehabt, mit dem ich über diese Dinge reden konnte. Nicht Michael, denn ich krümmte mich innerlich bei dem Gedanken, mit welch harten Worten er über Kitten geurteilt hätte, sondern jemand anderen, der ein freundlicheres Wesen besaß und meine Ideen nicht so schnell vom Tisch wischen würde. »Hallo. Sie müssen Mademoiselle Dion sein.« Einen panikerfüllten Augenblick lang sah ich das Bild des hochge- wachsenen, dunklen Mannes vor mir, aber es war eine Frau, die mich ansprach, eine attraktive, blonde Frau in nüchternem Schwarz, die hinter mir über den Fußweg gekommen sein mußte. Ich nickte schüchtern. Sie lächelte mich überaus freundlich an. Und irgendwie kam sie mir auch bekannt vor. »Mein Name ist Rosalinda Quarttaro«, sagte sie. »Ich bin in diesem herrlichen Garten spazierengegangen und sah, daß Sie dasselbe tun, daher dachte ich, ich sage schnell hallo. Ich hoffe, ich störe nicht.« Ich schüttelte den Kopf. Dann begann sie, die Vorzüge des Gartens zu preisen. Sie war ir-, gendwie sympathisch. Kurze Zeit später erzählte ich ihr von den schönsten Winkeln des Gartens und erbot mich, sie ihr zu zeigen. Wir schlenderten die Fußwege entlang. Sie war Witwe, erzählte sie mir, und lebte unter dem Schutz eines bettlägrigen älteren Verwandten, der sich sehr für die Neue Lehre interessierte und es gern sah, wenn sie diese Art Soireen besuchte. »Zuerst hatte ich Angst, in dieses Haus zu kommen. Aber ich stelle fest, daß hier nur die angesehensten Persönlichkeiten verkehren. Die Creme der gallianischen Gesellschaft.« Ihre Offenheit war so anziehend, und sie sprach genau das aus, was ich zuvor selbst gedacht hatte, daß ich ihr schon bald darauf meine Überlegungen, was Kitten betraf, anvertraute. Ich erzählte ihr von der Verwirrung, mit der ich versucht hatte, mir ein Urteil über diese Frau zu bilden, und von meiner Theorie, daß die Umstände sie möglicher- weise dazu gezwungen hatten, Kurtisane zu werden. Zu meiner Freude schien sie weder schockiert zu sein noch eine andere Meinung zu ver- treten. Sie hörte lediglich zu und nickte. »Wissen Sie«, sagte sie, »ich habe die Sache noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet, aber ich glaube, sie könnten recht haben.« Es war wunderbar. Sie schien genau die Art Mensch zu sein, nach der ich mich gesehnt hatte. Fast eine Stunde lang wanderten wir durch den warmen Frühlingsgarten, und am Ende fühlte ich mich vollkommen wohl in ihrer Gesellschaft. Tatsächlich war ich überglücklich, ihre Be- kanntschaft gemacht zu haben. Hier war endlich jemand, der weit ab- seits dieser merkwürdigen Honigschwesternschaft stand, jemand, mit dem ich darüber sprechen konnte, wie seltsam diese Welt doch wirklich war. Ich bat sie sogar, mich hineinzubegleiten, um eine Tasse Tee mit mir zu trinken, etwas, das ich noch nie zuvor jemand anderem angebo- ten hatte. Beinahe sofort begriff ich, was für eine Torheit das war. Wie konnte ich von einer angesehenen Witwe erwarten, daß sie zu einem privaten Besuch in das Haus einer Kurtisane kam? Meine Bitte brach den Bann. Ihr wurde klar, wie spät es war, und sie fand, daß sie sich verabschieden müsse. Ob es möglich sei, durch das Gartentor hinaus- zugelangen? fragte sie und mir schien, als widerstrebe es ihr verständ- licherweise, zu diesem fortgeschrittenen Stadium der Gesellschaft noch einmal das Haus zu betreten. Ich suchte den Wachposten, der uns nur allzu gern das Tor aufsperrte. Sie drehte sich noch einmal um und schüttelte mir bevor sie ging die Hand. »Die Unterhaltung mit Ihnen hat mir große Freude bereitet. Ich hof- fe, wir werden uns einmal wiedersehen. Vielleicht im Hospital.« Plötzlich wußte ich auch, wo ich sie schon einmal gesehen hatte. Sie war eine der stillen Damen, die den Patienten tatsächlich etwas vorla-, sen und mit ihnen beteten, diejenige, die mir oft zulächelte. »Ja, natürlich«, sagte ich erfreut. Als ich zum Haus zurückkehrte, befiel mich bei dem Gedanken, sie wiederzusehen, ein warmes Gefühl der Freude. Als ich Rosalinda kennenlernte, lebte ich bereits über einen Monat bei Kitten. Mittlerweile war mein Leben so erfüllt, daß ich kaum noch Zeit und Energie hatte, an Dämonen zu denken oder in die Verzweif- lung zu verfallen, die mich im College häufig heimgesucht hatte. Ich stand um halb acht auf, schlang irgend etwas zum Frühstück hinunter und widmete mich dann meinem morgendlichen Schutzritual. Kurz nach Viertel nach acht begleitete ich dann Genny und die Leibwa- che zum Hospital. Der Vormittag verging stets wie im Flug, und kurz nach halb zwölf erschien dann ein anderer Leibwächter, um mich zum Haus zurückzugeleiten, wo ich das Mittagsritual vollzog und schnell etwas aß. Dann pflegte ich eine Weile still in meinem Zimmer zu sitzen, zu lesen oder zu studieren, bis etwa eine Stunde später Kittens Dienstmädchen kam, um mich zu unserer Lesestunde zu holen. Ich las Kitten so lange vor, bis das Nachmittagsritual fällig war, nachdem ich dann Tee trank, manchmal allein mit ihr oder, was häufiger vorkam, still in einer Ecke ihres Zimmers sitzend, von wo aus ich den Gesprä- chen ihrer Gäste lauschte. An den Nachmittagen, an denen der Herzog Kitten zu einer Jagdgesellschaft bat, verbrachte ich meine Zeit mit ei- nem Spaziergang im Garten, oder ich widmete mich den notwendigen Studien, um mir die einzelnen Zauberbeschwörungen im Gedächtnis zu halten. Ansonsten steckte ich in jeder freien Minute die Nase in ein Buch. Kitten hatte auf dem Speicher eine beträchtliche Bibliothek stehen. Ich würde gern behaupten, ich hätte die großen Philosophen gelesen, aber die anspruchsvollsten Dinge, die ich las, waren historische Romane und Reiseberichte. Meistens frönte ich meinem neuen Laster, dem Lesen von Romanen. Jetzt, da ich die Freuden entdeckt hatte, die ein Roman schenken konnte, entwickelte ich eine unstillbare Gier nach diesen Bü- chern. Bei meinen Lesestunden mit Kitten erfuhr ich viel über Philosophie und Wissenschaft, und es trug gewiß zu meiner Bildung bei, wenn ich ihren Gesprächen mit ihren Nachmittagsbesuchern über die Politik der Stadt und die Kirchenreform lauschte. Alles in Gallia schien soviel kom- plizierter zu sein, als ich es mir jemals hätte vorstellen können, und sie schien all diese Dinge zu verstehen. Manchmal versuchte sie, mit mir über unsere Lektüre oder die höfische Politik zu sprechen, aber dieser, Art Intimität setzte ich immer noch Widerstand entgegen. Für gewöhnlich aß ich allein mit Genny zu Abend, und wir unterhiel- ten uns dann über die Patienten des betreffenden Tages. Zuerst war ich mir nach dem Abendessen selbst überlassen, und wenn ich dann allein in meinem Zimmer saß, war ich häufig ein wenig beunruhigt. Die Nacht war der Zeitpunkt, zu dem der Dämon früher erschienen war, und in solch einsamen Stunden kehrten meine Gedanken manchmal immer noch voller Sorge zu ihm zurück. Dann machte mir Genny den Vorschlag, ihr in der Kräuterküche des Hauses zu helfen, Pulver und Heiltränke zu zermahlen und vorzuberei- ten. Ich ging sofort darauf ein, obwohl die Arbeit an sich langweilig war. Häufig kamen auch Madame Donati, die Haushälterin, oder Kittens Dienstmädchen, Maria, herunter, um mit Genny zu schwatzen, wäh- rend wir arbeiteten. Sie waren stets voller pikanter Neuigkeiten. Immer wußten sie von den neuesten Gerüchten über die Fäden, die zwischen dem Herzog und seinem Bruder Däne oder seiner Schwester Matilda gesponnen wurden, und sie kannten sich bestens aus, was die Liebes- affären der Großen und Mächtigen betraf. An einem besonders schönen Abend überredete Genny Madame Do- nau, ihre Laute zu holen und uns einige gallianische Volkslieder vorzu- singen. Obwohl ich oft verwirrt und manchmal ängstlich war, wußte ich, daß mein Leben im Haus der Großen Hure Gallias glücklicher war als all die Jahre davor. Dieser Umstand gab mir in meinen wenigen freien Augen- blicken Grund zur Sorge. Lag es an einer Labilität meines Charakters, vielleicht dem Erbe meiner Mutter, das nun durchkam, daß ich dieses Leben so mühelos akzeptieren konnte? Die meiste Zeit war ich mir durchaus der Tatsache bewußt, daß dieses Glück lediglich daher rührte, daß ich viel zu tun hatte und mich für viele Dinge interessieren konnte. Ich dachte sogar immer weniger an Michael. Und wenn ich dann doch an ihn dachte, stellte ich beunruhigenderweise nur fest, daß ich in ir- gendeiner Sache anderer Meinung war als er. Seinem Wort getreu behielt der Dekan mich im Auge. Zweimal lud er mich zu einem Besuch im College ein, wo ich dann mit ihm Tee trank, und er ermutigte mich sehr, als er herausfand, daß ich als Heilerin ar- beitete. Bei beiden Gelegenheiten war ich erleichtert darüber, ihn be- ruhigen zu können, daß in Kittens Haus alles denkbar respektabel sei. Das College bedrückte mich mit seinem tristen Grau und seinem allge- genwärtigen Geruch nach Staub. Ich hatte keinerlei Verlangen, dorthin zurückzukehren. Mein neuentdeckter Respekt für Kitten Avignon hinderte mich nicht daran, sie als überaus furchtsame Frau zu schildern, um aus dem De-, kan weitere Informationen zum Thema Dämonen herauszulocken. »Ach du liebe Güte, was für ein nervöses Geschöpf«, sagte er, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. »Haben Sie irgendwelche Gründe, zu vermuten, daß dieser Norval ein Magier von solcher Kraft sein könnte? Haben Sie etwas in der Art gespürt?« »Ich habe nur sehr wenig von Norval gespürt. Er hat meine Barriere bisher kaum gestreift.« »Nichts, wie? Das scheint mir doch darauf hinzudeuten, daß Sie ihn endgültig aufgehalten haben. Andererseits könnte er wohl auch einfach seine Kräfte sammeln…« »Das befürchte ich auch, Mylord«, log ich in der Hoffnung, mehr zu erfahren. »Aber es erscheint mir doch eher unwahrscheinlich. Man braucht e- norme Kraft, um einem Dämon zu helfen, sich in unsere Welt hineinzu- drängen. In dieser Hinsicht sind sich all die alten Bücher einig. Der Geisterbeschwörer muß nicht nur den geheimen Namen des betreffen- den Dämons kennen, sondern auch gewaltige Mengen an Kraft aufbie- ten, um zu verhindern, daß der Dämon wieder in seine eigene Welt zurückgleitet. Ferner muß der Dämon regelmäßig mit ein wenig Kör- persubstanz des Magiers gefüttert werden. Das können nur sehr weni- ge Magier lange durchhalten.« »Ist das die Art, wie ein Dämon freikommt? So wie während der Säuberung?« »Nein! Ein versklavter Dämon weicht nur dann in seine eigene Welt zurück, wenn er nicht entsprechend versorgt wird. Ein Teil von ihm bleibt in seiner eigenen Dimension zurück, wenn er hierherkommt, und anscheinend übt dieser Teil einen gewaltigen Sog aus. Ein Dämon wird frei, wenn der Magier, der ihn versklavt hat, getötet wird, so wie Jubi- lato, der während der Säuberung starb, und dann… nun, ich denke, sie haben das Ödland von Moria gesehen. Gott sei Dank ist so etwas bisher nur zwei Mal vorgekommen.« »Das zweite Mal…«, fragte ich. »Ging es um einen Magier namens Ballan. Das war vor fast tausend Jahren in Aramaya. Ich glaube, der Dämon hat ihn mit einer List dazu gebracht, ein vergiftetes Getränk zu sich zu nehmen. Anscheinend ist das so ihre Art. Man muß einem Dämon immer sehr genaue Anweisun- gen geben, sonst findet er einen Weg, um die Befehle zu verdrehen und gegen den Betreffenden zu richten. Wenn ich genug Macht hätte, um einen Dämon in unsere Dimension zu holen, könnte ich Sie und Madame Avignon gewiß, mühelos zerstören, ohne zu einem so gefährli- chen und schwierigen Werkzeug greifen zu müssen. Das sollten Sie, Ihrer Madame Avignon sagen. Ich bin sicher, es würde sie beruhigen.« Er hatte offensichtlich einige Bücher gelesen, die ich nicht kannte. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, zu fragen… Wieder die- se alte Faszination. Ich unterdrückte sie. »Wenn ein Mensch sich in dieser Dimension mit einem Dämon kon- frontiert sieht, wie kann er gegen ihn kämpfen?« »Überhaupt nicht. Sie haben doch sicher Aristo gelesen. Erinnern Sie sich nicht daran, daß er schreibt, Smazor hätte einen lebenden Men- schen so schnell verzehrt, daß er tot war, noch bevor seine Schreie erstarben? Diese Geschöpfe sind ungemein zerstörerische Wesen. Sie dürfen sich nie, niemals einbilden, Sie könnten es mit einem von ihnen aufnehmen. Andererseits, wenn Sie mich fragen, wie wir weißen Magier den Kampf gegen einen Dämon angehen…?« Ich nickte. »Sie kennen wahrscheinlich den Großen Gesang zur Vertreibung von Dämonen.« »Ja.« »Nun, ein Magierzirkel, der diesen Ritualgesang singt, kann einen Dämon einkreisen und einen Ring bilden, aus dem er sich nicht befrei- en kann und der ihn darüber hinaus von jenem Teil seiner selbst ab- schneidet, der sich immer noch in seiner eigenen Dimension befindet. Abgeschnitten von seiner eigenen Welt schwindet er schnell dahin, wird, so könnte ich mir das vorstellen, von innen verzehrt, und zwar von seinem eigenen furchtbaren Hunger. Das wirft doch gewisse Spe- kulationen auf, nicht wahr? Theoretisch müßte es möglich sein, ein sol- ches Wesen einfach dadurch von seiner eigenen Dimension abzu- schneiden, daß man diese Verbindung durchtrennt. Dazu müßte ein gewöhnliches magisches Messer genügen, wenn es von einem Priester, einer Jungfrau oder einem anderen heiligen Wesen geführt wird.« Er hatte vergessen, daß ich da war. Sein Gesicht war ausdruckslos und gedankenvoll. »Aber wie soll man diese Verbindung finden… Wenn man die Natur der Dämonen bedenkt, zweifle ich daran, daß diese Verbindung bei allen Dämonen gleich aussieht. Wahrscheinlich ist sie sogar bei ein und demselben Dämon ständiger Veränderung unterworfen.« Seine Miene hellte sich auf. »Nun, das waren jetzt aber genug müßige Spekulationen. Was haben Sie von Madame Appellez gelernt?« Nachdem ich Rosalinda Quarttaro bei der Soiree kennengelernt hat- te, sah ich sie häufig im Hospital. Innerhalb des Gebäudes sprach sie nur selten mit mir, weil sie, wie sie sagte, mich nicht von meiner Arbeit ablenken wollte. Auch bei späteren Soireen, an denen ich teilnahm,, bekam ich sie nicht zu Gesicht. Oft saß sie jedoch im Garten einer Kir- che, die auf unserem Heimweg lag, und las. Der Leibwächter gestattete mir dann, stehenzubleiben und mir ihr zu reden, oder aber sie begleite- te mich ein Stück des Weges. Schon sehr früh fand ich zu meinem Un- willen heraus, daß sie überaus fromm war. Ich fürchtete, dies könne unserer Freundschaft einen Dämpfer aufsetzen, aber sie schien im Ge- genteil eine Magierin wie mich als Verbündete zu betrachten. Rosalinda war sehr besorgt wegen der Neuen Lehre. »Viele Menschen betrachten die wachsende Beliebtheit dieser Lehre mit großer Beunruhigung, vor allem bei Hofe. Das gilt gewiß nicht für Ihre Madame Avignon, aber die Neue Lehre scheint doch die aller- schlimmsten Leute anzuziehen; verrufene Elemente der Kirche, jene, die mit Magie herumpfuschen, ohne selbst Magier zu sein, Freibeuter, Künstler… Wissen Sie, daß einige Denker der Neuen Lehre sogar die Existenz von Aumaz und der spirituellen Dimension in Frage stellen? Diese Leute behaupten, die spirituelle Dimension sei lediglich von Ma- giern und Priestern erfunden worden, um sich den Respekt gewöhnli- cher Leute zu sichern.« »Aber ich habe selbst gesehen…«, sagte ich. »Sie haben Aumaz gesehen!« rief sie und sah mich fast schockiert an. »Nein, aber ich habe Geister gesehen. Jeder Magier hat welche ge- sehen.« Ich war nervös, außerdem widerstrebte es mir, länger über dieses Thema zu reden. Solche Bemerkungen hatten früher in Moria überaus gefährliche Situationen heraufbeschworen, sogar schon vor der Revolution der Seelen. Die Kirche des Brennenden Lichts beharrte darauf, daß nur Priester Geister sehen können. Alles, was ein Magier sah, war ein Dämon und damit böse. Ich wechselte das Thema. »Was für eine lächerliche Behauptung, die Geisterwelt existiere nicht.« »Ganz recht«, sagte sie ein wenig gelassener. »Aber das ist typisch für diese Leute. Es stimmt, daß die Gallianische Kirche dringend einer Reform bedarf, aber die Anhänger der Neuen Lehre… Sie hinterfragen alles, sie versuchen, alles umzustürzen, und auf diese Weise werden sie am Ende die Kirche vernichten. Die Kirche muß ganz behutsam ge- säubert werden; diese schreckliche Zerstörung von allem, was bisher galt, ist einfach unerträglich.« Sie vertrat ihre Standpunkte stets mit solcher Leidenschaft, daß sie mich manchmal mitriß und ich ihr begeistert recht gab. Erst danach fielen mir Mängel in ihrer Argumentation auf, und ich begann, mich zu fragen, warum ein forschender Geist sich mit der Kirchenreform nicht in Einklang bringen ließ., Für Rosalinda war es jedoch so. »Das schlimmste daran ist, daß die Anhänger der Neuen Lehre das Ohr des Herzogs haben, und während er sich mit ihnen abgibt, ist er taub für alle anderen Ratgeber. Selbst so große spirituelle Führer wie Prälat Newsanhausen, der verzweifelt versucht, unsere arme, irregelei- tete Kirche irgendwie zu reformieren, ignoriert er. Ich befürchte, ich fürchte zutiefst, daß sie den Herzog auf ihre Seite ziehen werden. Sie sollten Madame Avignon einmal danach fragen, wenn Sie das wagen. Sie würde Ihnen sicher ohne jede Scham sagen, daß es ihr Ziel ist die Autorität der Kirche zu brechen. Wissen Sie, Dion, Sie sind nicht der einzige Magier, der diese Ereignisse mit Sorge betrachtet…« »Magier?« »Jawohl, Dion, Magier. Es gibt viele Leute ganz oben in der Hierar- chie des Colleges der Magie, die über die Neue Lehre genauso beunru- higt sind wie wir Kirchenleute. Ja, Sie können mich ruhig so überrascht ansehen, aber denken Sie doch einmal logisch. Wenn der Herzog dem Volk Gallias die Neue Lehre aufzwingt, wenn die Kirche in den Augen des Volkes herabgewürdigt wird, wohin werden die Menschen sich wenden, wenn sie spirituelle Führung suchen? Nicht an die Neue Lehre. O nein. Das ist eine rein materielle Philosophie, die Philosophie von Zynikern und Höflingen. Sie hat einfachen Menschen in Schwierigkeiten keinerlei spirituelle Nahrung zu bieten. O nein, wenn die Orthodoxe Kirche fällt, was durchaus passieren kann, werden die Menschen sich an Extremisten wenden. Es wird einen furchtbaren Gegenschlag geben, genau wie in Moria seinerzeit. Das ist die Wahrheit! Dieses Land ist voll von Anhängern des Brennenden Lichts, die wie die Wölfe auf der Lauer liegen. Und wenn sie ans Ruder kommen, werden wir alle brennen.« Das Szenario, das sie zeichnete, ließ mich unter schrecklichen Erin- nerungen erbeben. Konnte, was in Moria geschehen war, wirklich auch unter diesen leichtlebigen, vergnügungssüchtigen Gallianern passieren? Konnte sich so wie dort der harte, fanatische Tansismus ausbreiten und die Bevölkerung in seinen Bann ziehen? Aber wer hätte vor zehn Jahren die Revolution der Seelen erwartet und die Spirituelle Säuberung, die in Moria so großes Leid verursacht hatte? »Ich sage Ihnen, ich habe aufrichtige Angst um unser armes Land.« Sie warf einen Blick auf mein erschrockenes, gehetztes Gesicht. »Es tut mir leid«, meinte sie. »Ich habe Sie aufgeregt.« Sie drückte mir warmherzig die Hand. »Nein!« log ich. Aber sie hatte mich tatsächlich aufgeregt, so sehr, daß ich nach Hause eilte, in mein Zimmer hinauflief und mich eine ganze Weile un- ter der Decke verkroch, überwältigt von schrecklichen Erinnerungen an, Feuer, wütende Menschenmengen und dem Geruch nach brennendem Fleisch. Als es mir endlich gelang, die Sache vernünftig zu betrachten, kam ich jedoch zu dem Schluß, daß die Situation hier ganz anders lag. Die Morianer hatten sich niemals für irgend etwas wie die Neue Lehre inte- ressiert. Im Gegenteil, die Spirituelle Säuberung war die Folge einer Reihe schlechter Ernten gewesen, des tragischen Todes des Herzogs Argons und seines ältesten Sohnes bei einem Jagdunfall und des Ober- gangs des Throns an seinen wahnsinnigen, frommen Cousin Lord Ayo- la, der die Macht den Bischöfen des Brennenden Lichts überlassen hat- te. Den Dekan jedenfalls schien die Neue Lehre nicht im mindesten zu beunruhigen. »Eine Modeerscheinung«, sagte er, als ich ihn danach fragte. »Einige Leute am College machen sich Sorgen deswegen, aber ich sehe keinen Grund dafür. Es wird lange dauern, bis ihre Wissenschaft fortgeschrit- ten genug ist, um mit der Magie wetteifern zu können. Und wenn es der Neuen Lehre gelingt, den Zugriff der Kirche auf die Staatspolitik zu brechen, wäre das eine sehr gute Sache.« Als ich ich ihm von den Gerüchten erzählte, nach denen die Neue Lehre zu einer Situation wie in Moria führen könne, lachte er nur beru- higend. »Was für ein Unsinn! Die Neue Lehre ist eine antikirchliche Be- wegung auf der Grundlage nichttansitischer Traditionen des Westens. Ein besseres Gegenmittel gegen religiösen Extremismus kann ich mir nicht vorstellen.« Aber da Rosalinda der einzige Mensch war, mit dem ich über meine restlichen Zweifel bezüglich Kitten Avignons sprechen konnte und über meine immer noch sehr starken Befürchtungen, was unsere Verbin- dung für meine Zukunft bedeuten könne, gab ich mir alle Mühe, sie nicht vor den Kopf zu stoßen, indem ich offen eine andere Meinung vertrat. Obwohl ich sie nicht bewußt täuschte, machte ich immer ein ernstes Gesicht und nickte begeistert, wenn sie ihre Zweifel bezüglich der Neuen Lehre mit mir teilte. Sie ihrerseits pflegte zu nicken und mir höchst taktvoll recht zu geben, wenn ich erklärte, daß Kitten nicht wirklich verdorben war, sondern… Es war eine große Erleichterung für mich, jemanden zu haben, mit dem ich reden konnte. Als ich eines Morgens mehrere Wochen nach der Soiree in dem klei- nen Garten mit ihr sprach und der Leibwächter in diskreter Entfernung stand, sagte sie: »Ich möchte Sie um etwas bitten, aber ich fürchte, es wird sehr aufdringlich klingen. Ich hoffe, daß Sie mir in diesem Fall verzeihen.« »Natürlich«, sagte ich., »Eine gütige Verwandte von mir hat den Wunsch geäußert, Ihre Be- kanntschaft zu machen. Ich habe mich gefragt, ob Sie sie vielleicht mit mir besuchen würden.« Ich fühlte mich nicht wohl dabei, aber im Grunde schien auch nichts dagegen zu sprechen. »Ja, das ließe sich wohl einrichten. Wer ist sie?« »Sie ist die Comtesse von Frieburg.« Der Name sagte mir gar nichts. »Vielleicht sollte ich Sie nicht darum bitten. Ihre Gönnerin, Madame Avignon, mag sie überhaupt nicht, und vielleicht würde sie es nicht erlauben. Ich möchte nicht, daß sie böse auf Sie ist.« »Diese Sache geht sie nichts an«, sagte ich ungehalten. »Außerdem ist sie nicht meine Gönnerin. Sie ist lediglich meine Arbeitgeberin. Es steht mir frei, meine eigenen Freunde zu wählen.« Sie hatte einen empfindlichen Nerv getroffen. Erst vor wenigen Ta- gen war einer der adligen Hospitalsbesucherinnen meine Verbindung mit Kitten aufgefallen. Seither waren sie mir alle mit ihren Versuchen auf die Nerven gefallen, sich bei mir einzuschmeicheln. Mehrere der vornehmen Damen hatten von Madame Avignon als meiner Gönnerin gesprochen. Ich machte mir Sorgen darüber, was für ein Licht es auf mich werfen würde, wenn man mich als ihre Klientel betrachtete. »Dann werden Sie also kommen«, sagte Rosalinda erfreut. »Meine Freundin wird sich ja so freuen. Wann könnten Sie es denn einrich- ten?« Am folgenden Nachmittag sollte Rapunzel zu Besuch kommen, und ich wußte, daß ich nach dem Nachmittagsritual frei sein würde. Ich sorgte dafür, daß ich mich ungesehen aus dem Haus stehlen und Rosalinda treffen konnte. Natürlich mußte ich ohne meinen Leibwächter ausgehen. Es hätte ziemlich töricht ausgesehen, wenn ich den Mann mitgenommen hatte, nachdem ich so lautstark meine Unabhängigkeit beteuert hatte. Außerdem, wenn Kitten die Comtesse von Frieburg nicht mochte, war es wohl besser, sie erfuhr nichts von dem Besuch. Ich hatte volles Vertrauen in meine Fähigkeit, mich gegen einen An- griff bei hellem Tageslicht zu schützen. Ich konnte einen Zauber wir- ken, um mich vor Schaden zu bewahren, und falls es hart auf hart kam, konnte ich meine Gestalt ändern oder mich unsichtbar machen. Das einzige, was ich fürchten mußte, waren Hexenketten, und deren Vorhandensein konnte ich anscheinend spüren. Ich wünschte mir so sehr, Rosalinda eine Freude zu machen, da die- se ihrerseits so nett zu mir gewesen war. Ich vertraute ihr, obwohl ich mich doch darüber wunderte, daß diese Comtesse mich kennenlernen wollte. Ich befürchtete einen peinlichen Versuch, mich zu ihrer Religion zu bekehren., Da ich wußte, daß Hauptmann Simonetti es mir nicht erlauben wür- de, ohne eine Wache auszugehen, nahm ich den Schlüssel des hinteren Tores an mich, sperrte auf und eilte die Straße hinunter, um Rosalinda zu treffen. Mein Herz flog ihr dann sofort entgegen, als sie mir eröffnete, welch schlechtes Gewissen sie habe, weil sie mich derart in Gefahr brächte. Ich versicherte ihr, daß ich auf mich selbst aufpassen könne, und rühmte mich einiger magischer Abwehrmaßnahmen, mit denen ich mich im Fall des Falles gegen einen Angriff wehren könnte. Sie schien sehr beeindruckt zu sein und lockte mich mit allen möglichen Fragen nach meiner Person und meinen Fähigkeiten aus meinem Schnecken- haus. Sie führte mich durch ein Tor in der Stadtmauer und hinaus auf die Schafweiden im östlichen Teil der Stadt. Die Weiden waren grün und üppig nach dem Regen des Frühlings, aber es war ein verlassenes Ge- biet. Ein großer Teil davon war herzoglicher Besitz, so daß nicht viele Menschen dort lebten. Gelegentlich sahen wir am Straßenrand die Hüt- te eines Schafhirten. Ich nahm an, daß wir zu einem der Herrenhäuser unterwegs waren, die in den fernen Hügeln zu sehen waren. Aber Rosalinda, die die ganze Zeit über plauderte, führte mich über eine staubige Straße, die sich etwa eine Meile weit in die Hügel hinein- schlängelte, bis wir an einen schmalen Feldweg kamen. Daneben stand ein Mann in Schwarz, der eine Armbrust in der Hand hielt, eine Art Wachposten. Auf meine ängstliche Nachfrage hin tätschelte Rosalinda mir den Arm und nickte dem Mann im Vorübergehen zu. Er erwiderte ihren Gruß. Dann standen wir auf dem Gipfel des Hügels. Vor uns lag ein flaches, grünes Tal, in dem nur hier und da einige wenige Bäume standen. In der Mitte des Tals wartete eine offene Kutsche. Ihre Zugriemen lagen schlaff auf dem Boden, und ein Stallbursche führte zwei prächtige, edle Pferde auf dem Hügel hin und her. In der Kutsche saßen zwei Leute, einer davon tief verschleiert. Um die Kutsche herum waren drei oder vier Männer postiert. Ein weiterer stand auf dem Hügel und war eben- falls mit einer Armbrust bewaffnet. Ich hatte eigentlich damit gerech- net, daß wir das Haus der Comtesse aufsuchen und Tee und Biskuits zu uns nehmen würden. Statt dessen sah ich mich diesem heimlichtueri- schen Treffen in einem einsamen Tal gegenüber. Es wirkte wie eine Verschwörung. Nervös geworden streckte ich meine Gedanken aus, um auf magi- schem Wege die Absichten jener im Tal zu erkunden. Ich bekam einen höllischen Schrecken, als ich feststellte, daß ich auf diese Weise nichts herausfinden konnte. Die Männer trugen allesamt Eisenhelme. Die ver-, schleierte Gestalt in der Kutsche schien unter dem Schleier eine Art Diadem aus kaltem Eisen zu tragen, und der andere Mann, der die ro- ten Roben eines Priesters trug, hatte die Fähigkeit, seine Gedanken so zu verbergen, wie Priestermagier sie erlernen können. Ich drehte mich zu Rosalinda um und forschte hastig in ihrem Geist, etwas, das ich normalerweise nie getan hätte, denn es galt als Gipfel der Grobheit und verursachte dem Opfer für gewöhnlich Kopfschmer- zen. Auch sie trug ein dünnes, eisernes Diadem unter ihrem Schleier. Es war ein ziemlich schwerer Schmuck, um es jeden Tag zu tragen. Ich blieb stehen und starrte sie an. »Was ist los?« »Was geht hier vor?« rief ich. »Warum haben all diese Leute ihre Gedanken verschleiert? Haben sie etwas zu verbergen? Haben Sie et- was zu verbergen?« Sie griff entschlossen nach meinem Arm und schob mich auf die Kut- sche zu. »Sie möchten ihre Gedanken für sich behalten«, sagte sie besch- wichtigend. »Es sind bedeutende Leute. Hochstehende Persönlichkei- ten. Sie können es sich nicht leisten, Sie nach Herzenslust in ihren Ge- danken oder in den Gedanken ihrer Diener umherstöbern zu lassen. Daran ist doch gewiß nichts Ungewöhnliches. Das ist allgemein üblich.« Sie lächelte ihr freundliches Lächeln. »Haben Sie keine Angst, Dion. Ich würde Ihnen niemals Schaden zufügen.« Ich, die ich mein ganzes Leben unter Magiern verbracht hatte, wußte nicht, ob sie die Wahrheit sagte, aber ich wünschte mir so sehr, ihr vertrauen zu können. Ich sah nichts als Güte in ihren grauen Augen. Das weiche Gras strich um unsere Füße, als wir nun langsam hüge- labwärts gingen. Rosalinda öffnete die Kutschentür und knickste. »Mademoiselle Dion Michaeline«, sagte sie. »Seine Lordschaft, der Prälat Newsanhausen.« Der Prälat streckte eine behandschuhte, mit einem gewaltigen, gol- denen Siegelring geschmückte Hand aus. Er erwartete offensichtlich, daß ich sie küssen würde, aber da ich eine Magierin und eine Ungläubi- ge war, knickste ich lediglich. Trotzdem blieb sein Lächeln weiterhin herzlich. Er war ein hochge- wachsener Mann, mit einem gewissen harten Charme, stämmig, ohne fett zu sein, und bekleidet mit den roten Roben seines Amtes. Seine Lippen waren voll, aber fest, und seine rauhe Gesichtshaut war um den Kiefer herum, wo sein Bart weggekratzt worden war, leicht bläulich. Er sah aus wie ein Mann, mit dessen Macht nicht zu spaßen war. »Mademoiselle Dion. Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu ma-, chen.« Er deutete auf die verschleierte Gestalt neben sich. »Mein Gefährte wünscht ungenannt zu bleiben, obwohl ich gebeten wurde, Ihnen seine Sympathie und sein Wohlwollen zu übermitteln.« Die Gestalt neben ihm neigte den Kopf. Der schwere, schwarze Schleier fiel ihr bis auf den Schoß und verhüllte das Gesicht und den Oberkörper vollkommen, und unter dem Schleier war nichts zu sehen als eine unscheinbare, schwarze Robe. Selbst die Hände auf dem Schoß wurden von schwarzen Handschuhen und gewaltigen Goldringen ver- deckt, dem einzigen Hinweis auf die erhabene Stellung des Betreffen- den. Tatsächlich war es unmöglich, viel über diese verschleierte Gestalt in Erfahrung zu bringen. Ich knickste und fragte mich, ob dies nicht vielleicht die Comtesse von Frieburg sein konnte. »Bitte«, sagte der Prälat. »Kommen Sie in die Kutsche und setzen Sie sich zu uns. Wir haben Ihnen viel zu sagen.« Rosalinda zog sich ein ganzes Stück zurück, während ich in die Kut- sche stieg und den beiden gegenüber Platz nahm. »Mein Kind, Freunde erzählten mir, daß sich in unmittelbarer Nähe von Madame Avignon eine junge Magierin befinde, die unsere Meinung bezüglich des verderblichen Einflusses dieser spirituell korrupten Philo- sophie teile, die gemeinhin als Neue Lehre bekannt ist. Als ich das er- fuhr, sagte ich sofort: ›Wir müssen versuchen, die junge Frau kennen- zulernen. Daher unser Treffen heute. Wohin ich auch blicke, sehe ich, wie diese schrecklichen Ideen Wurzeln schlagen, in der Düsternis der Gehirne der Menschen wachsen und die Heilige Mutter Kirche von allen Seiten bedrohen. Vielleicht haben Sie es noch nicht bemerkt, da Sie ja so zurückgezogen in Madame Avignons Schatten leben, aber ich sehe es überall: bei den großen Männern bei Hofe und sogar, Gott steh uns bei, in der Kirche. Die Situation erreicht langsam einen kritischen Punkt. Es ist an der Zeit, daß alle gleichgesinnten Menschen, Menschen wie wir und Sie selbst, Mademoiselle Dion, sich zusammentun, um ge- gen diese schrecklichen, schrecklichen Ideen vorzugehen. Sind Sie nicht auch meiner Meinung?« »Oh, ja, natürlich«, sagte ich. Suchte dieser Priester etwa eine Allianz mit einem Magier? Und was um alles auf der Welt wollte er von diesem Magier? Hier stimmte ir- gend etwas nicht. Meine Überlebensinstinkte sagten mir, daß ich am besten so weit als möglich mit dem Hintergrund verschmelzen sollte, daß ich mich mit allem einverstanden erklären mußte, was er sagte, bis mir die Bedeutung seiner Worte klar wurde oder, besser noch, ich die Gelegenheit bekam, mich mit Würde zurückzuziehen. »Mademoiselle, wenn Sie die Dinge gesehen hätten, die ich gesehen habe. Hier in Gallia… Der Herzog ist ein weiser und guter Mann, aber er, ist dem Einfluß irregeleiteter Menschen verfallen. Die Gallianische Kir- che befindet sich in einem schrecklichen Zustand, zersetzt von Korrup- tion, Unmoral und Vetternwirtschaft. Wie können gewöhnliche Gallianer eine solche Organisation noch respektieren? Gewöhnliche Menschen sind keine Narren. Sie sind nicht blind für den schrecklichen Mißbrauch, der dort betrieben wird. Die Comtesse und ich haben den Herzog ge- drängt, etwas gegen diese Situation zu unternehmen, aber er ist taub für unsere Bitten. Er hört nur noch auf seine Ratgeber von der Neuen Lehre, und sie weigern sich, irgend etwas für die Reform der Kirche zu tun. Ich bin fest davon überzeugt, daß diese Leute die Kirche bewußt in Mißkredit bringen wollen, daß sie einen atheistischen Orden fördern wollen.« Er ballte die Fauste. »0 Gott, daß ich miterleben muß, wie die Heilige Mutter Kirche derart angegriffen wird und niemand bereit ist, sie zu verteidigen!« Er sah mich an. Ich nickte verwundert. Er wußte doch, daß ich eine Magierin war. Da konnte er doch nicht ernsthaft erwarten, daß seine Worte mich beson- ders berühren würden, oder? Er schien meine Verwunderung zu bemerken. »Ich weiß, Mademoiselle, daß Sie als Morianerin die Kirche wahr- scheinlich als Feind betrachten. Das ist verständlich, aber bedauerlich. Hier in Gallia liegen die Dinge anders, und nicht nur in Gallia, sondern auch auf der ganzen westlichen Halbinsel. Hier waren wir immer Ver- bündete der Magier, wenn auch nicht immer ihre besten Freunde. Der Patriarch selbst hat gesagt, wie bedauerlich die Einstellung der Moria- ner gegenüber den Magiern sei, welch eine Verschwendung der Kampf gegen sie mit sich gebracht habe!« Das war Unsinn! Und in diesem Augenblick verwandelte sich meine Angst in Ärger. Was glaubte er, wem er da etwas vormachte? Ich hatte noch keinen Kirchenmann kennengelernt, keinen einzigen, der die Ma- gier nicht als die allergrößte Bedrohung für die Gesundheit der Heiligen Mutter Kirche gehalten hätte. Und was den Patriarchen betraf… dieser scheinheilige Frömmler, der lediglich hohle Phrasen gedroschen und in Wirklichkeit angesichts der morianischen Hexenverbrennungen ein Au- ge zugedrückt hatte. »0 ja, überaus tragisch«, hatte er gesagt. »Aber diese Leute sind morianische Bürger und müssen sich morianischem Gesetz fügen.« Der Patriarch, wahrhaftig! Mein Wunsch, mich meiner gegenwärtigen Gesellschaft anzupassen, verwandelte sich in den hei- ßen Drang, diese Leute bewußt zu täuschen. »Die Magier haben eine wichtige Rolle im Plan der Dinge zu spielen. Ihre Arbeit ist für die Ordnung der Gesellschaft, wie wir sie kennen, von unschätzbarem Wert. Wer sie schwächt, schwächt diese Ordnung., Trotzdem ist es genau das, was die Neue Lehre tut. Was in Moria ge- schah, war eine Tragödie, und Sie wissen sehr gut – tatsächlich hat Madame Rosalinda mir von ihrer Besorgnis berichtet –, daß wir uns hier am Rand desselben Abgrunds befinden. Wenn der Herzog weiter- hin die Autorität der Kirche untergräbt und alle bescheidenen Reform- versuche vereitelt, müssen die Menschen sich erheben. Sie protestie- ren bereits lautstark gegen all den Mißbrauch, den sie täglich zu sehen bekommen. Solange die Neue Lehre die traditionelle Kirche auf diese Art und Weise untergräbt, führt der andere Weg, der einzige andere Weg, in die schrecklichen Extreme des Brennenden Lichts; Extreme, die in Ihrem armen Heimatland sowohl die gemäßigte Kirche als auch das Magiertum zerstört haben. Im Angesicht einer solchen Krise, einer Krise, die sich täglich zuspitzt, müssen wir unsere Differenzen beiseite schieben und uns gegen die Anhänger der Neuen Lehre, diese Verräter, verbünden.« »O ja, ja«, erwiderte ich heftig nickend, während ich gleichzeitig alle Mühe hatte, die Ironie aus meiner Stimme zu verbannen. Dieser Mann hielt mich für eine komplette Närrin. Warum sollte ein Prälat der Galli- anischen Kirche auch nur einen roten Heller darum geben, ob die Ma- gier aus Gallia vertrieben wurden oder nicht? Nun trat ein nachdenklicher Ausdruck in seine Züge. »Und dennoch fürchte ich, daß Sie zu Ihrem eigenen Untergang beitragen. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?« Ich spürte, daß wir uns dem Kern der Dinge näherten. »Wie meinen Sie das, Euer Eminenz?« »Madame Avignon. Sie ist eine überzeugte Vertreterin der Neuen Lehre, und Sie sind ihre Leibwächterin. 0 ja, das ist gemeinhin be- kannt, furchte ich. Ihre Verbindung mit ihr ist Gemeingut. Ich könnte mir vorstellen, daß auch das ein Grund zur Sorge für Sie wäre?« »Es wäre mir lieber, wenn meine Verbindung zu Madame Avignon nicht bekannt wäre, das stimmt«, antwortete ich bedächtig. »Mein liebes Kind, ich war entsetzt, als die Comtesse mir von Ihrer Position erzählte. Was kann sich der Dekan des Colleges nur dabei ge- dacht haben? Einem so lieben, jungen Geschöpf zu gestatten, im Haus einer solchen Frau zu leben.« Die Gestalt neben ihm schüttelte den Kopf, und nun ließ sich der Prä- lat lang und breit über die Unschicklichkeit meiner Situation und die schlimmen Folgen aus, die die Zerstörung meines Rufes mit sich brin- gen mußte. »Ich furchte, mein armes Kind, daß Sie bereits ruiniert sind. Wer wird sie in Zukunft auch nur als Heilerin arbeiten lassen, jetzt, da Sie durch Ihre Verbindung mit dieser gefallenen Frau besudelt sind? Es ist, ja alles gut und schön, solange sie Sie braucht, aber danach… Ich ver- sichere Ihnen, aus dieser Richtung haben Sie keine Loyalität zu erwar- ten. Es ist ja gerade die Natur der Kurtisanen, die Menschen zu benut- zen, wie es ihnen gefällt, und ihre Opfer fallenzulassen, sobald sie mit ihnen fertig sind. Und selbst wenn es nicht so wäre, fußt Madame Avig- nons ganze Macht doch darauf, daß sie dem Herzog gefallt, und das wird nicht immer so bleiben. Seine Neigung für sie wird irgendwann der Vergangenheit angehören, und wenn das geschieht, wird das ihren Ruin bedeuten. Ich furchte nun, mein Kind, ich fürchte sehr, daß Ma- dame Avignons Ruin auch der Ihre sein wird, wenn Sie Ihre Verbindung zu ihr nicht abbrechen. Wenn die Favoritin des Herzogs in Armut und Schande gestürzt wird, wird sie Sie mit sich reißen. Es scheint mir nur als Tragödie enden zu können.« Eine Weile ging es in dieser Tonart weiter. Er sprach sehr wortge- wandt. Seine Argumente klangen überzeugend. Er schnitt all die Be- fürchtungen an, die ich bezüglich Kittens je gehegt hatte, und brachte sie so geschickt zur Sprache, daß ich tatsächlich etwas von der Panik verspürte, die er in mir zu wecken suchte. Aber die ganze Zeit über wiederholte eine kleine, harte Stimme in mir: Was schert es ihn? Was will er wirklich? Ein wahrer Gläubiger oder auch nur ein gallianischer Magier hätte seine Worte vielleicht für bare Münze genommen, aber ich war Morianerin, war vor Männern seines Schlags geflohen, und ich konnte ihm nicht glauben. Zu guter Letzt beugte er sich vor und legte mir eine Hand aufs Knie. »Wir können nicht danebenstehen und zulassen, daß etwas so Schreckliches passiert. Wir fanden, daß es unsere Pflicht sei, Sie vor diesem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Als Tansiten können wir nicht einfach tatenlos zusehen, wie eine vielversprechende junge Frau von der Gedankenlosigkeit dieser Männer ruiniert wird. Die Comtesse hat Verwandte in den Tyronischen Herzogtümern, die einen Magier brauchen, der ihre kleinen Tochter behütet und unterrichtet. Aus reiner Herzensgüte hat sie mich gebeten, Ihnen diese Stellung anzubieten. Und dazu einen neuen Namen, Mademoiselle Dion. Einen neuen Namen und ein neues, sauberes Leben.« Ich war erstaunt. Aber warum… Kitten Avignon verlassen! Gallia ver- lassen und einen neuen Namen annehmen! »Ich müßte das mit Madame Avignon besprechen…« »Meine Liebe, Sie können das nicht mit Madame Avignon bespre- chen. Sie würde Sie niemals gehen lassen. Sie dürfen die Rachsucht einer solchen Frau nicht unterschätzen, obwohl ich mir sicher bin, daß sie diesen Charakterzug vor Ihnen verborgen hat. Denken Sie, sie wür- de Sie jemals gehen lassen, jetzt, da sie Sie in ihren Klauen hat? Glau-, ben Sie, der Herzog würde es erlauben? Nein, Kind. Sein Zorn würde Sie selbst in den Tyronischen Herzogtümern aufspüren. Es wäre besser, wenn Sie einfach verschwänden. Oder noch besser, wenn es einen Un- fall gäbe, und man annehmen würde, daß Sie tot sind.« Meine Nackenhaare standen mir zu Berge. »Ein Unfall?« Ein wissender Blick trat in das Gesicht, das noch einige Sekunden zuvor so ernst gewesen war. »Zum Beispiel wenn die Schutzbarriere durchbrochen würde. Man würde vermuten, daß Sie dabei ums Leben gekommen sind…« Und Kitten Avignon würde ebenfalls sterben. Furchtbar. »Sie verlangen von mir, daß ich Madame Avignon verrate. Nicht wahr?« »Diskretion, mein Kind«, sagte er wohlwollend. Ich sah, daß er nicht den leisesten Zweifel daran hegte, daß ich seine Geschichte geschluckt hatte und diesen schrecklichen Verrat für ihn begehen würde. Eine Woge heißen Zorns auf diesen Mann und seine ganze unbarmherzige, verräterische Zunft wallte in mir auf. »Nicht wahr?« schrie ich und sprang von meinem Sitzplatz. »Sie wol- len, daß ich Madame Avignons Tod herbeiführe.« Die Kutsche geriet ins Taumeln, und ich mußte mich festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »Sie halten mich anscheinend für eine Närrin«, brüllte ich ihn an. »Sie verräterischer, herzloser…« Mir fehlten die Worte vor Zorn. »Ich nehme an, das heißt, daß Sie nicht an unserem kleinen Vor- schlag interessiert sind.« »Da haben Sie absolut recht.« Er hob die Hand und griff nach dem Schleier der Gestalt neben ihm. »Gott sei mein Zeuge, ich habe mein Bestes getan, um Sie zu retten. Möge Gott Ihrer Seele gnädig sein.« Mit einer schnellen, ruckartigen Handbewegung riß die andere Ges- talt in der Kutsche sich die Verschleierung ab. Und da war er. O mein Gott. Unter diesem Schleier befand sich nicht die Comtesse. Es war nicht einmal eine Frau. Es war ein Gesicht, das sich mir in ungezählten Alpträumen in mein Gehirn eingebrannt hatte. Das unbarmherzige Gesicht des fleischgewordenen Brennenden Lichts Morias. Ryart Dashalle. Oberster Inquisitor und General der Hexensu- cher. Sein schmales Gesicht war von Haß verzerrt. Als ich gegen die Sitz- bank zurückprallte, zu Tode erschrocken über seinen bloßen Anblick, sprang er auf die Füße, streckte die Hände aus und sprach mit donner- gleicher Stimme die Worte. Die Worte des Verstummens. Die Hexensu-, cherworte, die jeder morianische Magier gefürchtet hatte, da sie je- dem, der sie hörte, für einen Augenblick die Fähigkeit raubten, Zauber- sprüche auszusprechen. Und ein Augenblick genügte für gewöhnlich. Er war ein überaus mächtiger Priestermagier. Die Wucht dieser Wor- te traf mich wie ein körperlicher Schlag und schleuderte mich gegen die Sitzbank der Kutsche. In diesem Augenblick riß er das Eisendiadem in seiner Hand unter dem Schleier hervor und zog es auf, weit, weit auf, und ich sah, daß das, was ich lediglich für ein Eisendiadem gehal- ten hatte, in Wirklichkeit eine Hexenfessel war. In einem einzigen Wirbel schwarzer Roben stürzte er auf mich zu. »Nein!« schrie ich und stieß eine Hand vor, um ihn aufzuhalten, um ihn wegzuschieben. Eine unglaubliche Kraft brandete aus mir hervor, wallte mit brennen- der Qual durch meine Nerven und bahnte sich durch meine Hände ei- nen Weg aus meinem Körper. Weg! Ich wollte, daß er wegging! Die Kutsche wurde von einer flammendgelben Explosion erschüttert. Holzstückchen, Räder, Zugriemen, alles flog durch die Luft, und mit ihnen die Menschen in der Kutsche, die schreiend um sich traten und mit den Armen ruderten. Weg! Weg! Geh weg! Und dann waren sie fort, alle. Der Schall, der Prälat, die Wachen, Ro- salinda, die Pferde und ihr Stallbursche, die wenigen Bäume, die im Tal gestanden hatten, alles stürzte flach auf den Boden, glitt dahin in einer Masse schwarzroten Stoffs und zuckender Glieder und Zweige in der Ekstase goldener Macht, die mir wie die Erlösung schmerzender Mus- keln entströmte und mich in der knisternden Luft schweben ließ. Da erinnerte ich mich plötzlich an eine andere Gelegenheit, bei der jemand durch die Luft geflogen war. Es bestand die Gefahr, daß je- mand getötet wurde. Ich riß mich zusammen, obwohl meine Nerven kribbelten und die Anspannung meine Muskeln verkrampfen ließ, wäh- rend ich es tat. Der wahnsinnige Tumult um mich herum ebbte ab, ließ nach, sank zu Boden und schließlich blieb alles dort liegen. Mit den Fü- ßen voraus landete ich im Gras, nachdem ich mich sachte hatte herab- sinken lassen. Als die Kälte der Magie von mir wich, befiel mich furchtbare Angst. War irgend jemand verletzt worden? War jemand… Rosalinda! Im Tal sah es aus, als wäre ein gewaltiger Sturm hindurchgefegt. Überall um mich herum lagen entwurzelte Bäume und Grasklumpen, die aus der Erde gerissen und umhergewirbelt worden waren. Um die Stelle herum, an der ich stand, hatte sich ein riesiger Kreis von Trüm- mern angehäuft, überall lagen Teile der Kutsche auf dem Boden, und zwischen ihnen etwas, das wie Lumpenhaufen aussah, obwohl es sich um Menschen handelte – oder gehandelt haben mußte., »Rosalinda!« rief ich. Ich wirbelte herum. Dort lag ein schwarzes Häufchen und dort noch eines. In dem einen konnte ich blondes Haar aufblitzen sehen. Ich rannte darauf zu. Noch während ich lief, stöhnte die im Gras ausgestreckte Gestalt und versuchte schwach, sich zu erheben. »Rosalinda!« rief ich. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Sie wandte mir ihr blasses, schmutzverschmiertes Gesicht zu. Ein leuchtendrotes Blutrinnsal lief ihre Wange hinunter. »Rosalinda!« Ihr Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck schieren Entsetzens. »Hexe! Hexe!« schrie sie. Dann wankte sie hastig von mir weg, ge- riet ins Taumeln, stolperte über ihre Robe und kroch dann verzweifelt wie ein Tier auf allen vieren weiter. »Nein! Weiche von mir! Hexe! He- xe!« Wie oft hatte ich diesen Aufschrei schon gehört? Wie oft diesen Aus- druck von Entsetzen und Abscheu gesehen? »Mein Gott! Hilf mir!« Ich sah mich mit ihren Augen. Ich wußte, daß sie mich haßte. Dann wollte ich auch nicht mehr hier sein. Ich wollte einfach ver- schwinden. Also tat ich genau das und ließ sie ins Leere schreien. Unsichtbar geworden ging ich langsam hügelaufwärts und um das Tal herum. Rosalinda schrie immer noch, mit einem hysterischen Schluchzen in der Stimme. Überall um mich herum bewegten sich ir- gendwelche Gestalten, setzten sich auf. Oben auf dem Gipfel kam ich zu meiner großen Erleichterung an zwei Wachposten vorbei; der eine verband gerade dem anderen eine blutende Wunde am Arm. »Es ist niemand getötet worden«, sagte der unverletzte Mann, »aber wenn der alte Newie nicht bereit ist, eine Heilerin zu holen, wird man diese Pferde wohl einschläfern müssen.« So schnell ich konnte, eilte ich nach Hause. »Einen Augenblick mal, Mädchen«, sagte Hauptmann Simonetti hin- ter mir. »Ich habe ein Wörtchen mit Ihnen zu reden.« »Ich muß schnell nach oben«, sagte ich. »Es ist fast Zeit für das Ri- tual. Ich muß…« »Nicht, bevor ich ein Wörtchen mit Ihnen gesprochen habe.« Er griff hart nach meinem Handgelenk und zog meine Finger vom Geländer. »Aber das Ritual…« »Kommen Sie mit«, sagte er. »Madame Avignon und ich wollen im Salon mit Ihnen sprechen.«, »Hauptmann!« Er duldete jedoch keinen Widerstand. Statt dessen drängte er mich eilig in den Salon. Ich verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Ich versuchte es auch nicht. Die Kälte der Magie hatte mich draußen vorm Haus verlas- sen, als ich den Unsichtbarkeitszauber abgestreift hatte, und jetzt war ich nur noch ein verwirrtes Häuflein Elend. Ich wußte jetzt mit der glei- chen Gewißheit, als hätte sie es mir selber anvertraut, daß Rosalinda von Anfang an vorhatte, mich zu verraten. Sie war nie meine Freundin gewesen. Was sie wirklich für mich empfand, hatte ihr ins Gesicht ge- schrieben gestanden, als sie sich von mir abwandte und mir nur das eine Wort: ›Hexe!‹ entgegenschleuderte. Ich wollte jetzt nur noch hin- auf in mein Zimmer und mich verstecken, damit ich mich meinen Ge- fühlen überlassen konnte. Und dem Ritual. Ich mußte das Ritual voll- ziehen. Ich war länger fort gewesen als erwartet, und es wurde lang- sam Zeit. Der Hauptmann schlug die Tür hinter sich zu. Der Raum war voller Menschen. Drei Leibwächter waren anwesend, und Genny stand am Fenster. Madame Avignon saß in einem tiefen Sessel wie auf einem Thron, gekleidet in elfenbeinfarbene Seide, ein kleines Sträußchen roter Rosenknospen auf dem Schoß. Als wir eintraten, blickte sie auf. »Ah, Dion. Bitte setzen Sie sich.« »Ich kann nicht, Madame. Ich muß das Ritual vollziehen.« »Setzen Sie sich!« schrie Simonetti mich an. Ich schrak vor ihm zurück und wandte mich an Madame Avignon. »Bitte, Madame Avignon. Es ist schon nach vier Uhr. Madame! Ich muß mich beeilen, sonst wird die Barriere durchbrochen. Madame! Bit- te!« »Natürlich müssen Sie das tun. Genny hat all Ihre Sachen hier unten für Sie bereitgelegt.« Genny trat beiseite, und ich sah, daß sie tatsäch- lich auf dem Tisch neben dem Fenster meine Kerze bereitgestellt hatte. Ich lief durch den Raum. Sie hatte alles, was ich benötigte, hier herun- tergeschafft, sogar ein zusätzliches Stück Kreide. Ich hatte solche Eile, den Zauber zu beginnen, daß ich nicht fragte, warum sie das getan hatte. Ich begann lediglich leise zu singen und die Symbole zu zeich- nen. Erst als die letzten Worte in der Stille des Raumes erstorben waren, wurde mir bewußt, wie seltsam sie sich alle verhielten. Ich drehte mich um und sah Madame Avignon an. »Genny«, sagte sie. »Ist alles in Ordnung?« »Ja. Die Barriere ist erneuert worden.«, »Madame?« fragte ich. »Was geht hier vor?« Sie sah mich nicht an. Statt dessen senkte sie den Kopf und nahm eine der Rosenknospen von ihrem Schoß, um damit zu spielen und die Blütenblätter mit den Fingerspitzen zu liebkosen. »Vielleicht sind Sie diejenige, die diese Frage beantworten sollte, Mademoiselle«, fuhr Hauptmann Simonetti mich an. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt; seine Miene war streng und unnachgiebig. Er stand mit gespreizten Beinen da, die Arme hinterm Rücken ver- schränkt, sein ganzer stämmiger Körper steif vor Zorn. »Wie bitte?« »Vielleicht sollten Sie uns erzählen, wo Sie diesen Nachmittag ver- bracht haben.« »Ich…« »Vielleicht könnten Sie uns erzählen, mit wem Sie zusammen wa- ren.« »Ich… Ich…« Jetzt wurde mir alles klar, der Grund, warum sie sich so seltsam be- nahmen, diese bewaffnete Besprechung, der Grund, warum Kitten mich nicht ansehen wollte. Ich hatte gerade heimlich einen Nachmittag in Gesellschaft von Kittens Feinden verbracht. Sie mußten es irgendwie herausgefunden haben. Ich betrachtete Kittens gesenkten Kopf, Gen- nys ausdrucksloses Gesicht und Simonettis wutverzerrte Züge. Ich muß in ihren Augen wie der Inbegriff des schlechten Gewissens ausgesehen haben. Die Engel allein wußten, wie sehr ich mir meiner Schuld bewußt war, während ich wie eine Närrin dastand, stammelte und die Hände rang. Aber was sollte ich ihnen sagen? Wie sollte ich sie dazu bringen, mir zu glauben… »Ich habe eine Freundin besucht.« »Eine Freundin? Was für eine Freundin?« »Jemanden, den ich im Hospital kennengelernt habe. Eine der Da- men, die dort arbeiten.« »Madame Rosalinda Quarttaro.« »Ja.« »Machen sie sich nicht die Mühe, uns zu belügen. Wir wissen alles. Ich habe Sie beobachtet, wie Sie sich mit Madame Quarttaro trafen und in ihrer Gesellschaft die Stadt verließen. Sie sollten uns besser erklären, wohin Sie gegangen sind und mit wem Sie sich getroffen ha- ben.« Zuerst Rosalinda und jetzt dies. Sie hatten ihr Urteil über mich be- reits gefällt. Ich sah keine Möglichkeit, wie ich sie von meiner Unschuld hätte überzeugen können. »Mit wem haben Sie sich getroffen?«, »Mit niemandem… Ich…« »Erzählen sie mir nicht so etwas, Mädchen. Sie müssen sich mit je- mandem getroffen haben. Wer war es?« »Ich…« »Sie haben sich mit jemandem getroffen, und derjenige hat Sie dazu aufgefordert, Madame Avignon zu verraten. Stimmt das?« schrie er. Ich hatte einen Kloß in der Kehle. Sobald ich etwas sagte, würde ich in Tränen ausbrechen, und ich wollte mich diesen plötzlichen Feinden gegenüber nicht schwach zeigen. Simonetti senkte die Stimme. »Was haben sie Ihnen angeboten, damit Sie Madame Avignon verra- ten? Machen Sie schon!« schrie er mich an. »Sagen Sie es mir.« »Nichts!« sagte ich. »Erzählen Sie mir keinen Unsinn, Mademoiselle. Was hat man Ihnen angeboten?« Er packte meinen Arm. Seine Faust war geballt. »Sie werden es mir sagen«, fügte er mit erschreckender Selbstsi- cherheit hinzu. Ich schrak zitternd vor ihm zurück. Kittens Hand schoß hervor, und sie griff nach seinem Handgelenk. »Hauptmann«, sagte sie, und plötzlich war er still und beugte sich über sie. Sie nahm seine Faust in beide Hände und sagte mit sanfter Stimme: »Überlassen Sie das mir.« Er schnaubte, drehte sich, ohne mich anzusehen, auf dem Absatz um, trat ans Fenster und starrte hinaus. »Setzen Sie sich!« befahl Kitten und zeigte auf den Stuhl neben dem ihren. Ich setzte mich. »Mademoiselle Dion, Sie müssen wissen, daß Hauptmann Simonetti Sie mehrfach im Gespräch mit Madame Quarttaro gesehen hat, die zwar sehr charmant sein kann, aber Reformistin ist und im Dienste einer Frau steht, die meine eingeschworene Feindin ist. Natürlich ist er Ihnen gefolgt, als Sie das Haus verließen. Sie sind trotz all unserer gegenteiligen Ratschläge allein ausgegangen. Er hat gesehen, wie Sie sich mit Madame Quarttaro trafen und in ihrer Gesellschaft die Stadt verließen. Aus alledem läßt sich zunächst einmal nur ein einziger logi- scher Schluß ziehen, und er hat ihn gezogen. Sie müssen uns nun Ihre Seite der Geschichte erzählen.« Ich schwieg. Der Kloß in meiner Kehle gestattete es mir nicht, zu sprechen. »Sie haben in den Hügeln noch andere Leute getroffen.« Ich nickte., »Haben sie Sie dazu aufgefordert, mich zu verraten?« Ich nickte. »Und was haben sie gesagt?« Jetzt weinte ich trotzdem. Ich war zu aufgeregt, um auch nur die Hände vors Gesicht zu schlagen oder zu versuchen, mein Schluchzen zu unterdrücken. Hauptmann Simonetti schnaubte. Eine elegante Hand hielt mir eine leinenes Taschentuch hin. »Beruhigen Sie sich, Mademoiselle. Sie haben nichts zu fürchten. Der Hauptmann gebärdet sich nur deshalb so, weil er Angst hat. Wir haben alle Angst. Haben Sie sich einverstanden erklärt, mich zu verraten?« Ich schüttelte den Kopf. »Erzählen Sie mir, was passiert ist.« »Sie haben versucht, mich zu töten, Madame. Sie… o Gott, Madame! Sie hatten Ryart Dashalle bei sich, und er hat versucht, mir eine He- xenfessel anzulegen.« »Ryart Dashalle. Er ist einer der Morianer, nicht wahr?« »Er war Großinquisitor vor dem Skandal der Zwillingssonnen. Er… er hat die Verbrennungen organisiert. Er hat Freunde von uns verbrannt… Er ist ein furchtbarer Mann. Böse. Ich hätte nie gedacht, daß ich ihn aus solcher Nähe sehen und die Begegnung überleben würde.« »Und was tut er in Gallia?« »Er ist in Ungnade gefallen. Ich habe Ihnen doch von dem Skandal der Zwillingssonnen erzählt…« »Dem Skandal der Zwillingssonnen? Beruhigen Sie sich, meine Liebe. Erklären Sie uns die Sache ganz langsam.« Ich holte tief Luft und versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken, das immer wieder in mir aufstieg. »Die Anführer der Revolution der Seelen waren sich, was das Wesen Gottes betrifft, uneins, Sie wissen schon, die Dualität Bischof Scorpio vertrat die eine Auffassung und Bischof Ordo die andere. Scorpios An- sicht hat sich beim Rat durchgesetzt. Ordo wurde verbrannt und seine Anhänger hingerichtet. Ryart Dashalle war einer dieser Anhänger. Wir waren froh, als wir davon erfuhren. Wir hofften, daß er auf seinem ei- genen Scheiterhaufen brennen würde. Ich hätte nie erwartet, ihn hier anzutreffen.« »Er muß über gewaltige Kräfte verfügt haben, wenn er Großinquisitor war.« »Das hat er auch. 0 Engel. Dieser Schweigebann! Es war wie ein Schlag mit einem Felsbrocken, und dann kam er auf mich zu. Ich… Ich hatte so furchtbare Angst. Ich habe die Kontrolle über meine Kräfte verloren. Wie neulich, im College…« Zu meiner Überraschung kicherte Kitten., »Sehr schön, meine kleine Dion. Das haben sie nicht von Ihnen er- wartet, nicht wahr?« Vom Fenster hörte man Simonettis Schnauben. »Wenn Dion getan hat, was sie seinerzeit im College schon gezeigt hat, Hauptmann, könnte ich mir denken, daß es reichlich Trümmer für Sie zu betrachten gibt vielleicht sogar Verletzte. Habe ich recht, meine Liebe?« »Es wurde niemand getötet«, sagte ich hastig. »Zumindest…« Kitten tätschelte meine Arm. »Erzählen Sie von Anfang an, Dion. Erzählen Sie mir genau, was passiert ist.« Sie schien mir zu glauben. Dieses Gefühl tröstete mich. Ich wischte mir das Gesicht ab, putzte mir die Nase und erzählte ihr alles. Ich er- zählte ihr, wie ich Rosalinda kennengelernt hatte, von meinen Gesprä- chen mit ihr, von dem Prälaten und schließlich, sehr viel detaillierter, von meinem Zusammenstoß mit Dashalle. Es war eine große Erleichte- rung, ihr von Rosalindas Verrat erzählen zu können, obwohl mir wäh- rend meines Berichts bewußt wurde, wie dumm ich gewesen war. Alle waren gelassen und ernst. Selbst der Hauptmann hatte aufge- hört, jede meiner Bemerkungen mit einem Schnauben zu kommentie- ren. Nichts von dem, was ich ihr erzählte, schien Kitten zu überra- schen, nicht einmal die Namen derer, die mich in Versuchung halten führen wollen. Anschließend saß sie eine Weile einfach schweigend da und strich sich mit der samtenen Rosenknospe nachdenklich über die Wange. Ich hatte keinen Zweifel, daß ihr Urteil gerecht ausfallen würde. »Prälat Newsanhausen. Dieselben alten Namen«, sagte sie. »Und ich zweifle nicht daran, daß die Comtesse Matilda hinter dieser Sache steckt. Die Quarttaro ist einer ihrer Spitzel. ›Comtesse von Frieburg‹«, erklärte sie, »ist einer der Titel der verwitweten Gräfin von Betzoni, Herzog Leons Schwester Matilda.« Ich sah sie entsetzt an. »Ja«, sagte sie. »Sie haben heute mit den Erwachsenen gespielt. Diese Leute sind Teil einer höfischen Gruppe, die die Kirche von Gallia reformieren will. Zu diesem Plan gehört auch die Ausrottung der Neuen Lehre, von der sie anzunehmen scheinen, daß sie die Kirche schwächt. Die verwitwete Gräfin sähe es auch gern, wenn der Herzog heiraten würde, um die Nachfolge zu sichern – vor allem vor Lord Däne, den sie noch weniger ausstehen kann als Leon. Aus irgendeinem Grund meint sie, ich stünde einer solchen Heirat im Wege, obwohl ich nicht verste- he, warum. Sie strebt schon seit einiger Zeit meine ›Entlassung‹ an, und sie hat in Ihnen offensichtlich ein Mittel zu diesem Zweck gesehen., Sie haben sich sehr töricht benommen, Dion. Und Sie hatten großes Glück. Das wissen Sie doch oder?« »Ja, Madame.« »Ich hoffe, daß Sie in Zukunft klug genug sind, keinem scheinbar re- spektablen Fremden so ohne weiteres zu trauen. So etwas darf man in höfischen Kreisen auf keinen Fall tun. Freundlichen Annäherungsversu- chen steht man am besten stets argwöhnisch gegenüber, vor allem, nachdem jetzt bekannt geworden ist, daß Sie zwischen mir und… der Vernichtung stehen. Sie sind eine wunderbare Gelegenheit für all jene, denen ich im Weg stehe und die sich meiner entledigen möchten, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Ich bezweifle, daß noch einmal jemand versuchen wird, Sie zu bestechen. Dafür wird es weitere Versu- che geben, Sie zu töten. Sie dürfen dieses Haus nie wieder ohne Be- gleitung verlassen.« »Dann glauben Sie diese… Geschichte also«, sagte Hauptmann Si- monetti. »Ja«, sagte Kitten. »Ich glaube, daß Dion viel zu ehrenhaft ist, um mich zu verraten.« Sie lächelte mich auf eine Art und Weise an, daß ich am liebsten wie- der in Tränen ausgebrochen wäre, und damit war die Sache erledigt. Ich kehrte in mein Zimmer zurück, erfüllt von einem zittrigen Stolz, weil sie so sehr an mich glaubte, und gleichzeitig verlegen und verletz- lich, weil ich so schwach gewesen war und vor ihnen allen geweint hat- te. Genny folgte mir. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« »Ja.« »Sie haben einen Schock erlitten«, sagte Sie. »Ich werde nach einem Dienstmädchen läuten und Ihnen einen Becher gewürzte Milch bringen lassen.« Sie half mir aus meiner Robe, überredete mich, zu Bett zu gehen und deckte mich sorgfältig zu. Ich spürte, daß sie versuchte, sich für ihre Zweifel an mir zu entschuldigen, und ich hätte ihr gern gedankt, aber sie wollte nichts davon hören und verließ schließlich mit energi- schen Schritten mein Zimmer. Während ich dalag und über die Dinge nachdachte, wurde mir klar, daß eine Entlassung und die anschließende schimpfliche Rückkehr ins College eigentlich der logische Ausgang meiner Torheit hätten sein müssen. Ich war Kitten dankbar, obwohl ich mich ein wenig besorgt fragte, ob sie mich vielleicht eines Tages im Gegenzug ebenfalls um einen Gefallen bitten würde. »Fühl dich nicht zu sicher!«, ermahnte mich Michaels warnende Stimme. ›Sie benutzt dich.‹, Ja, aber im Gegensatz zu der allzu unterwürfigen Rosalinda tat Kit- ten es zumindest offen. Es verhielt sich genauso, wie sie es bei jenem ersten Mal gesagt hatte. Mein Überleben bedeutete ihr Überleben. Die- se Erkenntnis war eine große Erleichterung für mich. Es bedeutete, daß ich einen gewissen Rückhalt in unserer Beziehung hatte, während ich bisher immer das Gegenteil angenommen hatte. Es bedeutete, daß sie mich beschützen würde, daß sie mir vielleicht doch nichts Böses wollte. Es war alles ganz einfach. Bei ihr wußte ich, woran ich war. 6. Kapitel Die Klingen der Schwerter funkelten im goldenen Sonnenlicht, das durch die Kellerfenster strömte. Stahl klirrte auf Stahl, und zwei Ges- talten taumelten aufeinander zu, und ihre Füße bewegten sich in winzi- gen, geschickten Schritten. Ich sah voller Faszination zu und brauchte einen Moment, bis mir einfiel, den Mund wieder zu schließen. Es war nicht nur der Anblick Kitten Avignons in Hosen und ledernem Waffen- wams, der mich überraschte, sondern die Tatsache, daß sie mit Hauptmann Simonetti kämpfte – wie ein Mann. Ihr Anblick bei einer körperlichen Betätigung schockierte mich, obwohl ich bereits wußte, daß sie jeden Morgen ausritt; ich hatte sie immer als Inbegriff weicher, nutzloser Weiblichkeit betrachtet. Als ich nun die kräftigen Stöße ihrer Arme und die flinken Bewegungen ihrer schlanken Gestalt beobachtete, während sie Simonettis Schwerthieben auswich, wurde mir klar, daß ich meinen Standpunkt diesbezüglich noch einmal überdenken mußte. Außerdem wußte sie genau, was sie tat. Ihr Kampfstil unterschied sich sehr von dem Simonettis. Er war viel athletischer. Sie brachte sich häufig mit einem eleganten Sprung vor seiner Klinge in Sicherheit, aber sie zwang ihn genauso oft in die Defensive wie er sie. Plötzlich keuchte sie laut, die Klingen kreuzten sich mit einem metallischen Knirschen, und Simonettis Schwert rutschte über den Boden. Der Leibwächter ne- ben mir rief laut »Hurra«, verfiel dann aber heftig errötend in Schwei- gen, als Kitten sich umdrehte und sich ironisch vor uns verbeugte. Bei- de Kämpfer waren außer Atem und schweißnaß. Simonetti griff nach zwei Handtüchern und reichte eins an sie weiter. Es schien ihm nichts auszumachen, daß eine Frau ihn entwaffnet hatte, obwohl es sogar in Anwesenheit einer seiner Männer geschehen war. Als er den Wachtpos- ten entließ, war sein wettergegerbtes Gesicht so gelassen wie immer, und noch bevor der Mann den Raum verlassen hatte, wandte er sich zu ihr um und sagte: »Diese kleine Drehung, die Sie so gut beherrschen,, ist regelrecht mörderisch. Diesmal hab’ ich es kommen sehen, aber es war zu spät, um irgend etwas dagegen zu unternehmen.« Sie lachte und knuffte ihm gutmütig den Arm. »Danke für einen schönen Kampf. Es hat mir Spaß gemacht.« »Hoh, das möchte ich wetten.« Sie schlang sich das Handtuch um den Hals und drehte sich zu mir um. »Nun, kleine Dion. Und wie geht es Ihnen heute morgen?« Es war der Morgen nach Rosalindas Mordversuch. Ich sagte ihr, es gehe mir ganz gut. Eigentlich wäre mir ein Wort des Lobes über ihre Kampfkunst angebracht erschienen, aber während ich noch unsicher nach der richtigen Bemerkung suchte, fuhr sie bereits fort. »Ich habe heute morgen ein Schreiben von Seinen Gnaden, dem Herzog, erhalten. Bei Hofe hat sich in der vergangenen Nacht einiges getan. Es sieht so aus, als sei Gräfin Matilda plötzlich erkrankt und ha- be sich zur Erholung in ein Kloster in den Adalanihügeln zurückgezo- gen. Ihre liebe Freundin Madame Quarttaro begleitet sie anscheinend, um sie zu pflegen. Und Prälat Newsanhausen ist mit einer Mission nach Mazdan geschickt worden.« Sie kicherte. »Das ist das schönste von allem. Seine Mission besteht darin, eine neue Heirat für Gräfin Matilda auszuhandeln. Ich hoffe, ihr neuer Ehemann hat Mundgeruch und ei- nen Schmerbauch.« Sie grinste mich an. »Ich fürchte, ihre Abwesenheit wird einen trau- rigen Verlust für die Bewegung der Reformisten darstellen. Ich frage mich, wie sie jetzt weitermachen wollen, nachdem zwei ihrer bedeu- tendsten Mitglieder nicht mehr hier sind.« »Wurde irgend jemand verletzt?« erkundigte ich mich ängstlich. »Der Prälat hat sich einen Arm gebrochen, und ich hoffe, daß seine Verletzung ihm eine ausgesprochen unangenehme Reise bescheren wird.« Sie sah mich ernsthaft an. »Diese Leute hätten Sie ohne zu zö- gern getötet, Dion.« »Ich weiß. Und Ryart Dashalle?« »Er ist in der Festung. Der Herzog kann sich nicht entscheiden, wes- wegen er ihn anklagen soll. Nun ja«, fuhr sie nach einer kurzen Pause energisch fort, »Hauptmann Simonetti und ich haben über die gestri- gen Ereignisse gesprochen und sind zu dem Schluß gekommen, daß es besser wäre, wenn er Ihnen in Zukunft als Leibwächter diente.« »Aber er ist Ihr Leibwächter«, sagte ich. »Das mag schon sein«, blaffte Simonetti mich an. »Aber sie weiß, mit wem sie reden darf und mit wem nicht. Man kann Ihnen kaum ei- nen Vorwurf daraus machen, daß Sie in Rosalinda Quarttaros Falle ge- tappt sind, da Sie keine Ahnung von Politik haben. Daher fanden wir,, daß es besser für Sie sei, wenn ich mich in Ihrer Nähe halte, um Ihnen zu sagen, welcher von diesen freundlichen Speichelleckern wahrschein- lich derjenige sein wird, der Ihnen ein Messer in den Rücken rammt.« Ich sah Kitten zweifelnd an. »Ich denke, Sie werden Hauptmann Simonetti sehr hilfreich finden. Befolgen Sie immer seinen Rat. Und verlassen Sie das Haus nie ohne ihn.« Ich war mir nicht sicher, wieviel von alledem ich ihnen glaubte. Zu jener Zeit konnte ich einfach nicht umhin, zu denken, daß sie mir doch nicht mehr trauten und Simonetti sich in meiner Nähe halten sollte, um mich im Auge zu behalten. Nach seinem Zornausbruch am vergange- nen Abend hatte ich Angst vor ihm, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß er, der in seinem Beruf ein absoluter Profi war, mir meine Sorglo- sigkeit verzeihen würde. Aber offensichtlich hatte er genau das getan. Er berichtete mir, daß er zu der Stelle hinausgeritten sei, wo ich den Prälaten getroffen hatte. Die Zerstörung, die ich angerichtet hatte, schien ihn genauso zu freuen wie seinerzeit die Tatsache, daß ich den Attentäter im College getötet hatte. Ich konnte seine Freude nicht teilen, denn ich erinnerte mich nur allzugut daran, wie grauenvoll meine Angst gewesen war, als ich plötz- lich Dashalle gegenüberstand, und ich fand, daß die Fähigkeit, die Kon- trolle über mich zu verlieren und alles mögliche zu zerstören, keine große Errungenschaft war. Aber es dauerte nicht lange, bis ich an Simonetti wirklich Gefallen fand. Sein grimmiger Humor nahm mir meine Befangenheit. Nur ab und zu fiel mir heiß ein, von welcher Seite er sich in der Nacht des Mordversuches im College gezeigt hatte, daß er ein professioneller Kil- ler war und mit größter Vorsicht behandelt werden sollte. Obwohl er nur etwa zwei oder drei Zentimeter größer war als ich, zweifelte ich nie daran, daß seine drahtigen Glieder gefährlicher waren als die eines Preisboxers. Ich lernte eine Menge von ihm. Er kannte die Namen und die Famili- engeschichte der meisten Leute, denen wir im Laufe eines Tages be- gegneten. Wenn wir durch die Straßen gingen, brach er sein wachsa- mes Schweigen häufig, um mich auf die Art kleiner Gassen aufmerk- sam zu machen, an denen ich stets nur mit größter Vorsicht vorbeige- hen sollte, und auf die verschiedenen Arten heruntergekommener Bas- tarde‹, vor denen ich mich hüten sollte. »Bei den Sieben, halten Sie die Augen offen. Stellen Sie sich einfach vor, hinter jeder Ecke könne Ryart Dashalle lauern.« Nach einer Woche Gefangenschaft in der Festung war es Ryart Das- halle auf mysteriöse Weise gelungen, zu entfliehen, und seither war er, spurlos verschwunden. Es fiel mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie er voller Rachsucht durch die Stadt streifte. Schon die Erwähnung seines Namens brachte mich dazu, wachsam und vorsichtig zu sein. Für Si- monetti schien es jedoch nie zu genügen. Ständig nörgelte er an mir herum. Aber er war auch ein geduldiger Lehrer, und ich stellte bald fest, daß ich mir alle Mühe gab, ihn zufriedenzustellen. Simonetti erschütterte auch meine Überzeugung, daß ich alles täte, was ich in bezug auf Norval tun konnte. »Welche Pläne haben Sie eigentlich mit dem guten alten Norval?« fragte er eines Tages, nachdem wir gerade vom Hospital nach Hause gekommen waren. Das war kurz nachdem er mein Leibwächter gewor- den war. »Irgendwann werden Sie sich ihm stellen müssen. Der Mann wird niemals lockerlassen. Oder wollen Sie ihm einfach erlauben, Jagd auf Kitten zu machen, bis einer von Ihnen beiden an Altersschwäche stirbt?« »Ich weiß nicht. Ich habe noch nie darüber nachgedacht.« Schutz- zauber beruhen offensichtlich auf dem Grundgedanken, daß dem Geg- ner die Sache irgendwann zu langweilig wird, und er es aufgibt. »Was könnte ich denn seinetwegen tun?« »Sie könnten ihn ausfindig machen und seinem Treiben endgültig ein Ende machen.« Mein Blut schien in meinen Adern zu gefrieren. »Sie meinen, ich soll ihn töten? Aber das könnte ich nicht.« »Nun, ich wüßte nicht, warum nicht. Er würde Sie im Handumdrehen erledigen. Können Sie denn sonst nichts tun? Nichts als warten? Solan- ge Norval lebt, werden Sie und ich und vor allem Kitten in Gefahr sein. Immer wieder werden irgendwelche Leute versuchen. Sie zu töten. Selbst die beste Verteidigung kann gebrochen werden, wenn die Bela- gerung nur lange genug dauert. Können Sie denn gar nichts tun?« »Was denn?« »Nun, darüber sollten Sie mal nachdenken, Mädchen. Es muß eine Möglichkeit geben. Dieser Mann ist ein wirklich grausamer Mistkerl. Er wird es Ihnen nicht durchgehen lassen, daß Sie Kitten helfen. Und er wird für keine von Ihnen beiden einen sauberen Tod im Sinn haben. Es wird bei weitem Schlimmeres sein.« Ein langsamer, qualvoller Tod. Ich erinnerte mich an die Hexen- verbrennungen und schauderte. »Kommen Sie mal einen Moment mit mir, Mädchen.« Er führte mich die Kellertreppe hinunter und in den kleinen Raum, in dem die Wachen ihre Rüstungen und Waffen aufbe- wahrten. Dann bedeutete er mir, mich auf einem klapprigen Holzstuhl zu setzen., »Ich war in Sopria bei Kitten, als Norval Sie das erste Mal einfing. Ich arbeitete damals noch nicht für sie, aber ich sah sie häufig.« Diese Feststellung eröffnete interessante Möglichkeiten. Hatten Kit- ten und Simonetti jemals… »Nun, wie auch immer, sie spielte dort am Theater. Plötzlich begann Norval, abends im Publikum zu erscheinen. Das ist typisch für ihn. Er jagt den Menschen gern einen tüchtigen Schrecken ein. Er kam also häufig genug, um sie einzuschüchtern, bis sie ihren Text vergaß und ähnliches mehr. Dann sah sie ihn immer wieder auf der Straße; er stand an irgendwelchen Ecken oder ging einige Schritte vor ihr, aber wenn sie nachsehen wollte, war er verschwunden. Oder sie wachte mitten in der Nacht auf, und er stand mit einem bösen Grinsen am Fußende ihres Bettes. Es war eine Jagd, verstehen Sie. Nach ungefähr einem Monat hörten diese Dinge auf. Da bekam Kitten erst richtig Angst. Sie glaubte, daß er seine Kräfte sammelte. Einige Tage später, als sie auf der Bühne war, wurde sie von einem gewaltigen Blitz niedergeschlagen. Vor aller Augen. Da war einfach nur dieser unglaubliche, mächtige Blitz, und da lag sie. Reglos. Ihre Augen bewegten sich noch, und sie atmete. Aber sonst konnte sie sich nicht mehr bewegen und auch nicht sprechen. Sie lag einfach nur da. Später sagte sie, sie hätte aber jede Berührung spüren können. Jede Berüh- rung sei so verstärkt worden, daß sie ihr große Qualen bereitet hätte. Sie können sich vorstellen, was einer Frau allein und in diesem hilflo- sen Zustand alles hätte passieren können. Norval muß auf all diese Möglichkeiten gehofft haben.« Und ich konnte es tatsächlich deutlich vor mir sehen; den gewalti- gen, feurigen Lichtblitz und danach den Körper, der reglos auf dem Boden lag. Hilflos. Die Augen, die in einem schlaffen, toten Gesicht hilf- los flackernd hin und her huschten. Ich schauderte. »Womit Norval nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, daß es Men- schen gab, die sich um Kitten kümmerten und auf sie achtgaben. Die Leute glauben, nur weil eine Frau eine Hure ist, gäbe es niemanden, der sie liebt. Das muß nicht so sein. Man sollte meinen, daß Norval Kit- tens Wesen gekannt hätte, wie sie das seine kannte. Er hätte wissen müssen, daß sie treue Freunde hatte, und daß diese sich um sie küm- mern würden. Sie hatte großes Glück, daß sie uns von Norval erzählt hatte. Insge- heim hatte Genny ihr Bestes getan, um eine Art Schutzschild um sie herum zu errichten. Einer Heilerin steht in dieser Hinsicht nicht viel Nützliches zu Gebote, aber was sie aufgebaut hatte, dämpfte den Schlag zumindest etwas ab. Es war ein so starker Schlag, daß er auch Genny bewußtlos schlug,, und sie anschließend eine ganze Zeitlang hilf- und wehrlos war. Ich habe beide Frauen in mein Haus geholt, und meine Frau und ich haben die beiden gepflegt, bis es Genny besserging. Dann hab’ ich uns alle auf einem Boot zur Halbinsel gebracht. Ich bin ein Einheimischer, in Ishtak geboren und aufgewachsen, und ich wußte, daß dies der si- cherste Ort für jemanden ist der von einem Geisterbeschwörer verfolgt wird. Wenn Norval herausgefunden hätte, daß wir ihre Freunde waren, wären meine Frau und ich ohnehin so gut wie tot gewesen. Das ist die Art, wie Norval vorgeht. Wir vermuten, daß er einen Auslöschungszauber gegen Kitten gerich- tet hatte. Normalerweise gibt es kein Heilmittel gegen eine Auslö- schung, aber wegen dieser kleinen Schutzbarriere, die Genny um sie herum aufgebaut hatte, hatte der Zauber nicht vollkommen gewirkt. Mit der Zeit und mit Hilfe von Gennys Heilkunst konnte Kitten sich er- holen. Sie brauchte große Kraft, um sich an alles zu erinnern, und manche Dinge konnte sie nie wieder erlernen. Wie das Lesen und das Schreiben.« »Wie lange kennen Sie Kitten schon?« erkundigte ich mich neugierig. Ich versuchte, mir die drei als enge Freunde vorzustellen. »Ich kenne sie schon eine ganze Weile, Mädchen. Ich verdanke ihr viel.« Er hob warnend den Finger. »Ich habe Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, um Ihre Neugier zu stillen. Ich möchte, daß Sie dieses Talent, mit dem Sie gesegnet sind, auf das Problem Norval richten. Es ist töricht, einfach nur dazusitzen und den Mann wie einen alten Wolf um sich herumschleichen zu lassen. Wollen Sie Ihr ganzes Leben darauf verwenden, sich vor ihm zu schüt- zen? Wollen Sie einfach die Hände in den Schoß legen und alle weiteren Entscheidungen ihm überlassen?« »Hat Kitten Sie damit zu mir geschickt?« fuhr ich ihn an. Seine Be- merkungen ärgerten mich. »Ist sie nicht zufrieden mit dem, was ich tue? Ist es das?« »Sie sind heute aber empfindlich, wie? Nein, Mädchen. Das ist es nicht. Diese Sache geht ganz allein von mir aus. Ich habe nichts übrig für Untätigkeit. Ich kann ihn da draußen spüren, und ich weiß, daß er etwas im Schilde führt.« Schweigen. Ich wollte Simonetti erklären, daß ich kein Mörder sei, aber er hatte mein Problem bereits erraten. »Es ist ja nicht so, als müßten Sie selbst ihn töten. Können Sie sich seiner nicht auf irgendeine andere Weise entledigen? Könnten sie ihn nicht irgendwie um seine Kraft bringen?« »Nein«, sagte ich und verfiel auf eine neue Taktik. Vielleicht konnte ich Simonetti davon überzeugen, daß das Ganze einfach unmöglich, war. »Das ließe sich nur mit einem wirklich guten Auslöschungszauber machen. Und dafür bin ich nicht mit den richtigen Mächten verbündet. Das ist ein nekromantischer Zauber. Eine ganz andere Art von Magie. Selbst wenn ich ihn finde und durch seine Verteidigungsbarrieren hin- durchkäme, könnte ich keinen Auslöschungszauber wirken.« »Mir scheint, die Nekromantie ist eine ausgesprochen mächtige Art der Magie.« »Das ist sie«, sagte ich. Ich machte mich daran, ihm zu erklären, wie weiße Magie und Nekromantie funktionierten und warum die Nekro- mantie manchmal mächtiger war, obwohl die Geisterbeschwörer im allgemeinen die schwächeren Magier waren. Aber Simonetti hing seinen eigenen Gedanken nach. »Sagen Sie mir, wenn die Weißen Colleges feststellen, daß jemand Nekromantie benutzt, was machen sie dann?« »Es ist fast ein Jahrhundert her, seit so etwas passiert ist. Ich nehme an, sie würden dasselbe tun, was sie damals getan haben. Eine Gruppe von Magiern ausschicken, um den Geisterbeschwörer zu überwältigen und ihn mit Hilfe einer Hexenfessel gefangenzunehmen. Dann würde er wie jeder andere Verbrecher vor das herzogliche Gericht gestellt und verbrannt.« Simonetti schlug sich auf die Schenkel. »Da haben Sie die Antwort.« »Was?« »Sie brauchen ihn also lediglich zu finden und den Behörden zu ü- berstellen.« »Aber er ist doch in Aramaya.« »Oh, das möchte ich stark bezweifeln. Er ist nicht der Typ, der sich in allzu großer Entfernung von seinem Opfer aufhält. Denken Sie darüber nach. Magier können kleine Zauber wie Illusionen über weite Strecken schicken, aber für etwas wie einen Auslöschungszauber müssen sie ziemlich nahe herankommen. Wenn er sich Kitten wirklich holen will, und ich sagen Ihnen, das will er, dann muß er sich in ihre Nähe wagen. Ich habe das Gefühl, als sei er bereits hier und verstecke sich irgend- wo, als beobachte er alles und ließe sich einfach Zeit, bis Sie aus dem Weg geschafft sind. Er weiß, daß er auf der Halbinsel keine Nekroman- tie einsetzen kann, daher wird er auf den richtigen Augenblick warten. Dann wird es einen einzigen großen Zauber geben, und er ist wieder auf und davon, bevor man ihn fangen kann. Sie müssen ihn lediglich finden und ausliefern. Ganz einfach.« Ich war getäuscht worden. Natürlich wußte Simonetti alles über Geis- terbeschwörer und die Situation auf der Halbinsel. Das war der Grund, warum er die beiden Frauen überhaupt hierhergebracht hatte. Nichts von dem, was ich gesagt hatte, war ihm neu. Er hatte mich einfach nur, in die richtige Richtung gelenkt. Simonetti fing meinen Blick auf. Seine schwarzen Augen glitzerten. Er grinste und zuckte die Achseln. »Nun, das könnten Sie doch, oder?« Es war schwer, Simonetti wirklich böse zu sein. Er war auf seine ei- gene Art und Weise genauso charmant wie Kitten. Ich erklärte ihm, daß es nicht einfach sei. Selbst angenommen, Nor- val war wirklich in Gallia, mußte ich ihn erst einmal finden. Einige Ma- gier verfügten über die psychische Fähigkeit, mit Hilfe irgendeines klei- nen Besitztums eines Menschen dessen Aufenthaltsort herauszufinden, aber ich besaß diese Fähigkeit nicht. »Seien Sie nicht so negativ, Mädchen. Sie könnten es doch wenigs- tens einmal versuchen. Oder wüßten Sie jemand, der das kann?« »Haben Sie ihn denn gefunden?« fragte ich bösartig. »Nein! Ich habe schon seit Ewigkeiten Leute ausgeschickt, die nach ihm suchen sollen, aber ohne Erfolg. Andererseits hat er uns mehr oder weniger gesagt, daß er kommen würde. Er hat Kit ein abscheuliches Päckchen geschickt. Er hat ihr sogar einige böse Träume eingeflößt. Für ihn ist das alles Teil des Vergnügens. Aber als Sie des Weges kamen, hat das alles aufgehört. Seither hatte er jede Menge Zeit, um von Ara- maya hierherzukommen, selbst wenn er einfach mit dem Schiff gereist wäre.« Plötzlich kam mir ein entsetzlicher Gedanke. Mir fiel ein, daß ich mich, als ich vor zwei Monaten hierherkam, immer wieder beobachtet gefühlt hatte. Konnte das vielleicht Norval gewesen sein? Hatte es möglicherweise überhaupt nichts mit dem Dämon zu tun gehabt? En- gel! Ich hatte einfach übersehen… Wenn ich eine Schale des Sehens bereit gehabt hätte, hätte ich… Verdammt! »Was ist los?« »Oh. Nichts.« Ich konnte Simonetti wohl kaum von meinem Verdacht erzählen. Seine dunklen Augen sahen mich einen Moment lang for- schend an, aber er ließ die Sache auf sich beruhen. »Also hören Sie mir gut zu, Mädchen. Er könnte durchaus so nahe sein, daß es sich lohnen würde, ihn zu finden. Wenn Sie seinen Aufent- haltsort nicht ermitteln können, muß es jemanden im College geben, der das tun kann.« »Wir müßten dazu etwas aus seinem Besitz haben.« »Ja. Daran habe ich bereits gedacht.« Er öffnete ein schmales Käst- chen und zog ein kleines, in Stoff gewickeltes Bündel heraus. Darin lag ein verkohltes Stück braunen Papiers und ein kleiner, geschnitzter, rechteckiger Kasten. Auch dieser war verkohlt, und der Deckel war in zwei Stücke gebrochen. In dem Kasten lagen mehrere Fetzen eines braunen, fleckigen Tuches. Ich schauderte, als mir klar wurde, worum, es sich bei den braunen Flecken handelte, und stopfte das Tuch eilig wieder in den Kasten. »Es ist ein Fingerkasten«, sagte Simonetti. »Die Adligen in Aramaya und Sopria benutzen solche Kästen, wenn sie einander um Lösegeld erpressen. Ich nehme an, Kitten hat Ihnen von dem kleinen Geschenk erzählt, das Norval ihr geschickt hat?« Ich nickte. Ich erinnerte mich daran, daß sie es mir bei unserer ers- ten Begegnung in der Kutsche erzählt hatte. Bisher war mir die Sache nicht wirklich real erschienen. »Sie war furchtbar aufgeregt und hat ihn ins Feuer geworfen, aber ich habe ihn wieder herausgezogen. Ich dachte, daß er uns auf diese Weise vielleicht noch nützlich sein könnte. Vielleicht war Norval nicht bewußt, daß wir ihn damit aufspüren können. Aber wenn es nicht funk- tioniert, hat Kitten vielleicht noch etwas anderes von ihm.« »Also gut«, sagte ich. »Ich denke, daß ich ihn morgen ins College bringen kann.« Mich erschreckte die Vorstellung, das College in irgendeiner Weise um Hilfe zu bitten, aber der Dekan würde wahrscheinlich nichts dage- gen haben. »Weiß das College der Magie, daß wir nach einem Geisterbeschwörer suchen?« fragte Simonetti. »Keine Ahnung.« »Nun, dann sollten Sie besser dafür sorgen, daß man dort davon er- fahrt, nicht wahr?« Ich nickte zweifelnd. Ich wußte, was das College von Kittens Geister- beschwörer hielt. Simonetti beugte sich vor, nahm meine Hände in die seinen und schüttelte sie. »Hören Sie, Mädchen. Sie müssen diese Sache mit mehr Enthusias- mus angehen. Vergessen Sie nicht, Sie sind es, die er sich als erste holen wird. Es heißt, Sie oder er.« »In Ordnung«, sagte ich verärgert und auch ein wenig verlegen. »In Ordnung.« Er grinste und rieb sich die Hände. »Bei den Sieben, ich freue mich darauf, diesen Dreckskerl in die Fin- ger zu bekommen. Wenn man ihn verbrennt, werde ich um das Feuer herumtanzen.« Der zweite Mordversuch verbesserte meine Beziehung zu Kitten un- geheuer. Es war mir immer leichtgefallen, mit ihr zu reden, aber wenn wir frü-, her nach der Lektüre eines Buches Tee getrunken und sie versucht hatte, mich in ein Gespräch darüber zu verwickeln, hatte ich jedes Wort mit Sorgfalt und Argwohn ausgewählt. Jetzt fürchtete ich diese Intimität nicht mehr so sehr wie früher und erlaubte es mir, mich zu entspannen und unsere Gespräche zu genießen. Michael und ich hatten uns nie auf diese Weise unterhalten. Er war immer mehr ein Lehrer gewesen. Es war besser, ihm niemals zu wider- sprechen. Wenn ihm meine Ideen mißfielen, wurde er normalerweise wütend, deckte die Fehler in meiner Logik auf und sagte: »Ich hätte mehr von dir erwartet, Dion.« Ich stellte schnell fest, daß es Kitten nichts ausmachte, wenn ich ihr widersprach. Ich hatte das anfangs als ein Zeichen mangelnden Intel- lektes betrachtet. Dann begriff ich, daß sie, obwohl sie mich für ge- wöhnlich aussprechen ließ, selbst eine sehr konkrete Meinung über die Dinge hatte. Sie hatte jedoch eine sehr sanfte Art, ihren eigenen Wi- derspruch zum Ausdruck zu bringen. Wir führten ungemein höfliche Diskussionen; eine Abfolge freundlicher Bemerkungen, die mit den Worten: ›Aber, meinen Sie nicht auch…‹, begannen oder: ›Aber wie kann man daraus den logischen Schluß ziehen…‹ Kein Vergleich mit den zornigen, mit erhobenen Stimmen ausgetragenen Auseinanderset- zungen, die ich gelegentlich mit Michael gehabt hatte. Häufig stellte ich plötzlich fest, daß mein Standpunkt völlig unlogisch war oder daß ich einfach doch eher Kittens Meinung zuneigte. Das passierte meistens, wenn ich gedankenlos Michaels Urteil verteidigte. Es ging nur um Klei- nigkeiten, wie den Wert von Blumen oder die Notwendigkeit der Schönheit, aber gelegentlich machten mich diese Dinge doch stutzig, und ich dachte über Michael nach. Langsam wurde mir klar, daß er sehr puritanisch und asketisch gewesen war, vielleicht überflüssiger- weise. Nun, niemand konnte in jeder Hinsicht recht haben, tröstete ich mich. Natürlich war mein Ziehvater genauso fehlbar wie jeder andere. Aber in welchen Dingen hatte er sich noch geirrt? Oder versuchte Kitten bewußt, mich zu verderben und gegen meinen Ziehvater aufzubringen? Manchmal machte mir diese Möglichkeit im- mer noch Sorgen, und ich versuchte, vorsichtiger zu sein. Aber dann lasen wir ein interessantes Buch, oder eine faszinierende Persönlichkeit kam zum Tee, und früher oder später fand ich mich in ein belebtes Gespräch mit ihr verstrickt, fiel ihr ins Wort, bevor sie einen Satz be- endet hatte, widersprach ihr nach Herzenslust und ärgerte mich biswei- len über mich selbst, wenn ich eine feste Meinung äußerte. Es war beunruhigend. Es war wunderbar. Ich begriff langsam, daß das Leben mehr zu bieten hatte als Magie und Studium, daß es auch andere Menschen gab als Magier und deren Gönner, daß die Alternati-, ven unendlich waren. Ich konnte auch nicht umhin, Kitten Avignon zu mögen, aber sobald ich begann, sie einfach als eine wohlhabende, intellektuelle Aristokratin zu betrachten, als eine Frau von sauberem Charakter, geschah etwas, was mich daran erinnerte, daß sie eine Kurtisane war, eine schamlose, ja sogar freudige Hure. Eines Tages enthüllte sie mir zum Beispiel, daß sie einmal mit dem Vizekanzler von Ishtak ins Bett gegangen sei, und daß. er ihr fünfhundert Dukaten für das Privileg bezahlt habe. Diese kalten, harten Dinge, die sie sagte, wiesen sie deutlicher als Kurtisane aus, als jede schmutzige Geschichte es hätte tun können. Eines Tages bat sie mich, ein Rechnungsbuch für sie durchzusehen. Als ich sie auf mehrere offenkundige Fehler beim Addieren der Sum- men aufmerksam machte, seufzte sie, klappte das Buch zu und sagte: »Wie ich vermutet habe. Ich werde ihn entlassen müssen. Wirklich ein Jammer. Er war ein guter Haushofmeister, und seine Frau und seine Kinder tun mir leid, aber ich kann nicht dulden, daß. er sich mit mei- nem Geld davonmacht.« Plötzlich drehte sie sich um, packte mein Handgelenk und sagte, als sei es das Evangelium: »Geld ist das Wichtigste auf der Welt für eine Frau, Dion, und sie muß mit allen Wassern gewaschen sein, um es zu behalten. Es muß nicht viel Geld sein, aber Geld ist wichtiger als Liebe, wichtiger als alles andere. Ohne Geld ist eine Frau auf Gedeih und Ver- derb anderen ausgeliefert. Sie hat kein Mitspracherecht bei dem, was sie tut. Das dürfen Sie nie vergessen, Dion. Wenn überhaupt eine Frau ihr eigenes Geld verdienen kann, dann Sie. Mit Geld können Sie Ihre eigenen Entscheidungen treffen.« Es war die Stimme einer harten, ränkeschmiedenden Frau, einer Frau, die keinen Glauben hatte. Und doch war dies auch die Frau, die das erste Armenkrankenhaus in Gallia gegründet hatte, und die ich oft heruntergekommenen Prosti- tuierten, die an der Tür ihrer Kutsche bettelten, Gold geben sah. Sie konnte an einem Tag so hart sein und am nächsten einen Musikanten hereinbitten, damit er für uns spiele, weil es ›so ein lauer, regnerischer Tag sei und das Cello sich so herrlich in die Melodie des Regens füge‹. Wie konnten zwei so unterschiedliche Seelen in derselben Brust leben? Es gab noch eine andere, beunruhigendere Veränderung. Ich hatte immer gefunden, daß ich wohl eigentlich ein Junge hätte werden sollen, aber in Kittens Haus wurde mein bis dahin geringer und mäkliger Appe- tit von allen möglichen guten Speisen derart angeregt, daß, ich zuzu- nehmen begann. Plötzlich war mein winziger Busen gar nicht mehr so unbeachtlich. Das Mieder meines Kleides, das für eine knabenhaftere Figur gefertigt worden war, wurde langsam eng., Gelegentlich warf ich einen verstohlenen Blick in Kittens Spiegel, schob meine Brust vor, zog den Bauch ein und fragte mich, ob ich hübsch sei. Es waren keine großen Brüste, aber zumindest war alles wohl proportioniert. Meine Augen waren von einem schönen Grün, und meine Haut war auch ganz passabel, aber meine Nase gefiel mir nicht, und… Das waren keine Gedanken für eine Magierin. Dasselbe galt für die Gedanken, die mir manchmal in den frühen, grauen Morgenstunden kamen. Ich wachte auf und stellte fest, daß sich meine eigene Hand über meine Brust wölbte, oder ich spürte die Weichheit der Laken auf meinen nackten Beinen und lag in schläfriger Sinnlichkeit noch eine Weile einfach nur da und träumte, daß jemand neben mir läge und mich in den Armen hielte und mich liebte. In diesen Augenblicken war ich so voller Liebe, wie eine reite Frucht voller Saft ist, und der Gedan- ke, daß ich niemals jemanden haben würde, dem ich all diese Liebe schenken konnte, erfüllte mich mit einer vagen Melancholie. Ich konnte mir indes nicht vorstellen, daß mich jemals jemand reizvoll finden wür- de. Außerdem hatte Michael mir immer eingeschärft, daß ich um jeden Preis meine Reinheit bewahren müsse. Die Magie würde am besten von Menschen betrieben, die im Zölibat leben. Als ich nach meinem Gespräch mit Simonetti in meinem Zimmer saß, ärgerte ich mich über mich selbst. Ich hätte selbst auf den Gedanken kommen sollen, nach Norval Ausschau zu halten. Das Problem lag dar- in, daß ich meine ganze Neugier auf Kitten Avignon verschwendet hat- te. Jetzt verspürte ich eine immense Befriedigung, weil einzelne Stücke des Puzzles, das Kitten Avignon für mich bedeutete, sich so elegant zusammenfügten. Simonettis Geschichte hatte gleichzeitig etwas so Unerwartetes und doch so Reales gehabt. Er und Kitten als Freunde? Vielleicht waren sie früher einmal mehr als nur Freunde gewesen? Aber warum sollte der Herzog einen ehemaligen Liebhaber in diesem Haus dulden? Jeder wußte doch, wie eifersüchtig er war. Und was war mit Simonettis Frau? Ständig redete er von ›seiner Frau‹. Er war ihr offen- sichtlich sehr ergeben. Sie lebten zusammen in einem langgestreckten, niedrigen Cottage hinter Kittens Haus. Sie war eine dunkelhaarige Frau mit einem lieben Gesicht, aber Genny sagte, die Leibwachen stünden vollkommen unter ihrem Pantoffel. Würde Simonetti seiner Frau zumu- ten, im Haus seiner ehemaligen Geliebten zu leben? Das konnte ich mir bei ihm einfach nicht vorstellen, Schuld hin, Schuld her. Erst als das Mädchen kam, um mich zu Kitten zu bringen, wurde mir klar, daß ich es wieder getan hatte. Ich hatte die ganze Zeit darauf verwandt, über Kitten nachzudenken, und keine meiner Überlegungen würde uns von Norval befreien., Zu meinem Unwillen erblickte ich Rapunzel in Kittens Zimmer. Sie kam sonst nie so früh zu Besuch. »Guten Morgen, Herzchen«, sagte sie gut gelaunt. Sie stand, eine prachtvolle Erscheinung in blutrotem Samt und einem gewaltigen, schwarzen Hut mit einem Schleier, am offenen Fenster und blickte hin- aus. Ich konnte Kitten im Umkleidezimmer rumoren hören. »Es ist Nachmittag«, erwiderte ich steif. Rapunzel gähnte. »Das kommt nur daher, daß Sie kein Flittchen sind. Wenn sie ein Flittchen wären, hätten sie gerade erst gefrühstückt – so wie ich. Dann wäre es für Sie noch Morgen. Habe ich recht?« Sie schob den Kopf abermals durchs Fenster, sah sich ein wenig um, und verfing sich, als sie wieder zurücktrat, mit ihrem Hut am Fenster- brett. »Heiliger Belkis!« Mit schnellen, gereizten Bewegungen machte sie sich wieder frei. »Lieber Gott, Pussykätzchen! Kann man diese Tür denn nicht öff- nen?« »Hallo, Dion«, sagte Kitten, die gerade schwungvoll aus dem Anklei- dezimmer trat. »Doch, man kann die Tür öffnen. Der Schlüssel müßte irgendwo hier liegen. In diesem Kästchen da drüben, glaube ich. Ja, das ist er.« »Ich verstehe dich nicht, Pussykätzchen. Wenn ich einen Balkon mit Blick auf den Park hätte, würde ich die ganze Zeit dort sitzen.« Mit einem unwilligen Murren versuchte sie, den Schlüssel im Schloß zu drehen. »Sieh dir das an. Steifer als die steifen Teile eines Freiers. Ich wette, du hast das Ding seit zwölf Monaten nicht mehr benutzt.« Es war mir noch nie aufgefallen, aber das große Fenster an der Vor- derseite von Kittens Zimmer ließ sich wie eine Tür öffnen, und draußen befand sich ein kleiner, schmiedeeiserner Balkon, auf dem eine Un- menge Topfblumen standen. Ich blickte zu Rapunzel hinaus. »Erbärmliche Geranien. Herr des Himmels, warum verschwendest du einen wunderbaren Balkon an elende Geranien?« Sie drehte sich um und sah mich in der Tür stehen. »Sie ignoriert mich, nicht wahr?« Kitten blätterte gerade ein Buch mit Blumenbildern durch. Sie schien völlig in ihre eigenen Gedanken vertieft zu sein. »Sieht so aus.« »Komm doch auch raus, Pussy. Das Wetter ist ganz harmlos.« Sie griff nach meinem Handgelenk und zog mich auf den Balkon. »Sie auch.« Es war ein schöner Nachmittag. Sonnig und warm mit einem leichten Wind. »Sehen Sie nur. Was für eine Aussicht.«, Vom Balkon aus konnten wir den größten Teil des Parks sehen, der zu dieser Tageszeit voller Menschen war, die ritten, in Kutschen fuhren oder einfach nur spazierengingen. Farbenprächtige Menschen in wun- derschöner Kleidung. »Nett«, sagte Rapunzel. »He! Sehen Sie nur! Da drüben ist Sateen.« Sie galoppierte auf dem großen, schwarzen Pferd vorbei. Sie sah so- gar so aus, als verstünde sie sich aufs Reiten. »Ich wußte gar nicht, daß sie reiten kann«, sagte ich ein wenig nei- disch. Ich hätte nie gedacht, daß Sateen zu etwas auch nur annähernd so Nützlichem in der Lage wäre. »O ja, alle Huren reiten. Es ist eine der erforderlichen Fähigkeiten. Sie wissen schon. Eine Frau rittlings auf einem Stück Fleisch. Läßt die Augen der Herren glänzen, das kann ich Ihnen sagen.« »Verdirbst du mir die arme Dion, Rap?« erklang Kittens Stimme hin- ter uns. »Nun… ich lasse ihr nur ein wenig die Haare zu Berge stehen. Wa- rum auch nicht? Mit irgendwas muß man sich ja beschäftigen. Komm doch auch heraus.« Kitten trat auf den Balkon, und wir schoben die Geranientöpfe bei- seite, bis wir alle bequem Platz fanden. »Weshalb bist du so unruhig?« fragte Kitten. »Ach, nichts«, sagte Rapunzel. Sie beugte sich über den Balkon und blickte die Straße entlang. »Ich dachte einfach, es wäre ein schöner Tag, um auf dem Balkon zu sitzen. Und ich wollte Demoiselle sehen, wenn sie kommt. Wir wollen einkaufen gehen.« Kitten sah mich an und rollte mit den Augen, sagte aber nichts mehr. Statt dessen machte sie mich auf verschiedene Leute aufmerksam: Lord Verona, den Militärratgeber des Herzogs, den Herzog von Sanza, die Kusine des Herzogs, Lady Sharana, eine große Kunstmäzenin… »He, da ist Hippolyta!« rief Rapunzel. Eine üppige Frau mit bleicher, weißer Haut und blondem Haar kam in einer Kutsche vorbeigefahren. Offensichtlich ein Mitglied der Honigschwesternschaft. »Man nennt sie anscheinend Hippolyta, weil sie so eine unverwüstli- che Reiterin ist«, flüsterte sie mir zu. Kitten schrie vor Lachen. Ach du liebe Güte. Fängt das schon wieder an, dachte ich. Kitten ver- sperrte mir den Fluchtweg. Ich würde einfach abwarten und auf das Beste hoffen müssen. Maria trat hinter uns ans Fenster. »Madame. Die Pakete sind gekommen.« »Gut. Endlich. Rapunzel, du hast mit deinem plötzlichen Besuch hier, alles durcheinandergebracht. Du weißt doch, daß ich eigentlich erst später Besuch empfange.« Sie drohte Rapunzel scherzhaft mit dem Finger. »Jetzt sei nett zu Dion, solange ich weg bin. Bring sie nicht wieder in Verlegenheit.« »Ihr Wunsch ist mir Befehl, Hoheit.« Kitten lächelte mir zu und war verschwunden. Ich hatte das Gefühl, als wäre es nicht richtig, wenn ich ausgerechnet jetzt verschwände. Ich würde noch ein paar Minuten warten und dann hineingehen. »Ich kann mir nicht helfen, ich finde, Pussy vernachlässigt ihre Er- ziehung«, sagte Rapunzel. »Sie hat Sie nur auf die langweiligen Leute aufmerksam gemacht. Sehen Sie. Das ist Bischof Albenz. Den zu ken- nen, lohnt sich durchaus. Wenn Sie sich jemals allein in einem Raum mit ihm befinden sollten, suchen Sie sofort das Weite.« Es war ein dicker, alter Mann in bischöflichem Schwarz. Er sah ge- nauso aus, wie ich es erwartet hatte. »Hm. Da kommt jemand Interessantes.« Sie warf einen verstohlenen Blick über die Schulter. Kitten war nir- gends zu sehen. »Das sind Ixird und Lady Castille. Lady Castille ist die Mätresse des Herzogs.« »Aber ich dachte, Kitten sei…« »Nein, Sie kleiner Dummkopf, sie ist nur seine Lieblingsmätresse. Unser Herrscher ist ein Mann von, könnte man sagen, aramayischen Gewohnheiten. Er hat immer gern ein paar Damen in Reserve.« Lady Castille war ein stolzer Rotschopf. Sie sah gut aus, war aber von Kopf bis Fuß Dame. »Erinnern Sie sich an die Frau, die eben bei Lady Sharana in der Kut- sche gesessen hat? Das war die Comtesse Clemence. Sie und Lady Castille fechten zur Zeit einen Kampf auf Leben und Tod um die Gunst des Herzogs aus. Sehr amüsant zu beobachten. Und sie würden beide von Herzen gern ihre Krallen in das Fleisch unserer kleinen Kitten boh- ren, wenn sie sich nur die Mühe machen würde, sie dazu einzuladen.« »Und Kitten kümmert sich nicht weiter um all das?« »Nein, natürlich nicht, kleines Unschuldslamm. Sie ist eine Kurtisane. Solche Dinge gehören nicht zu ihrem Geschäft. Ihr Geschäft ist es, zu lachen und es gut mit dem Mann zu meinen. Außerdem hat sie keine Familie, für die sie Vergünstigungen herausholen müßte, keine Macht- basis, die zu verteidigen wäre. Nicht wie bei den beiden anderen. Für die geht es um Leben oder Tod. Wenn ich daran denke, bin ich direkt froh, daß ich nur eine Hure bin. Sehen sie, da kommt Demi. Und sehen Sie nur, wer bei ihr ist.« »Wer denn?« fragte Kitten, die gerade den Kopf wieder durch das Fenster schob. »Andre Gregorov. Sieh mal einer an.«, Es war der große, dunkle Mann von der Soiree. Er saß auf einem gewaltigen, rabenschwarzen Pferd und ritt zusammen mit einem weite- ren Mann neben Demoiselles Kutsche her. Ich hatte ihn seither schon auf anderen Soireen gesehen, aber immer darauf geachtet, mich nicht zu zeigen. Der Mann hatte etwas Beunruhigendes an sich. Er schien immer viel lebendiger zu sein als alle anderen Menschen im Raum. Und auch die Art, wie er sich bewegte, hatte etwas Besonderes, sein weit ausholender, geschmeidiger Gang, ja sogar die Art, wie er jetzt auf dem Pferd saß… Rapunzel machte mit lautem Rufen und Winken auf sich aufmerk- sam. Die Gruppe war draußen vor dem Haus stehengeblieben. Der Mann blickte zum Balkon hinauf, mir direkt in die Augen. Sein Blick war so körperlich wie eine Berührung. Er lächelte ein kleines, schiefes Lächeln und nickte. Nickte mir zu. Ich wandte das Gesicht ab. Es war undenkbar, daß er mich ansah. Nicht, während Rapunzel neben mir stand und solchen Lärm machte. Und trotzdem konnte ich, obwohl ich mich nicht noch einmal umsah, seine Blicke auf mir spüren. Rapunzel winkte begeistert. »O Engel«, zischte sie, »er ist ja soooo süß.« Jetzt wollte sie vom Balkon runter, was bedeutete, daß wir alle uns durch das Fenster zurück in den Raum begeben mußten. »Schnell«, sagte sie ungeduldig und schob uns vor sich her. »Ich muß hinunter. Demi wird nicht warten.« Als wir wieder eintraten, hatte Kittens Boudoir sich verwandelt. Maria packte etliche Stoffballen aus zwei großen Wäschekörben und stapelte sie auf allen verfügbaren Flächen übereinander. Zu meinem Erstaunen war auch Genny zu Hause. Sie stand vor einem großen Spiegel in der Mitte des Raums und hielt sich einen Stoffballen quer über die Schul- tern. Als wir uns alle gleichzeitig in Raum zwängten, drehte sie sich um und lächelte. »Bis später, Pussy«, sagte Rapunzel. Dann blieb sie stehen und sah sich um. »Was ist denn das?« Kitten schlang belustigt die Arme um Rapunzels Schultern. »Die Schneider haben heute eine neue Ladung Stoffe bekommen und mir eine Auswahl geschickt. Möchtest du nicht bleiben und sie mit uns durchsehen?« Ein Hauch von Versuchung huschte über Rapunzels Züge. »Nein«, sagte sie, »ich muß gehen.« Sie verabschiedete sich von uns allen und verließ in einem Wirbel rotsamtener Röcke den Raum. »Nein?« fragte Genny. »Gütiger Gott! Wer hätte das gedacht? Was, ist mit Rapunzel los?« »Auf dem Kriegspfad«, erwiderte Kitten. »Es hat sie mal wieder ge- packt.« »Wer ist der Glückliche?« »Lord Andre Gregorov.« »Wer zum Teufel ist das denn?« »Ausländer. Groß, dunkel und gut aussehend.« »Ein Ishtak?« »Es heißt, er sei Aramayer. Ich habe ihn mit dem Botschafter gese- hen. Hoffen wir, daß er nicht der Anfang irgendeiner Art von Invasion ist.« »Das ist doch nicht etwa der, der alle drei Asani-Schwestern verführt hat?« »Genau der. Aber genug davon. Zeit für… NEUE KLEIDER!« Sie schnappte sich eine Rolle rehbraunen Samt, warf sie hoch in die Luft und wirbelte unter lauten Jubelschreien im Zimmer damit herum. »Oh, Madame!« sagte Maria mit gespieltem Tadel, als einer der Stoffballen zu Boden rutschte. Genny hielt den Rand des schwanken- den Spiegels fest. Kitten ließ sich, eingehüllt in Samt, auf einen Stuhl fallen. »Sie schicken mir immer die ersten Proben, weil ich ihre Stoffe so gut zur Geltung bringe«, sagte sie, drapierte den Samt um ihr Gesicht und klimperte übertrieben mit den Wimpern. »Pa!« sagte Genny. »Nicht in der Farbe, ganz bestimmt nicht.« »Meinst du nicht?« fragte Kitten, sprang auf und sah in den Spiegel. »Hm, da könntest du recht haben. Steht mir nicht. Schade. Es ist so eine wunderschöne Farbe.« Sie fing im Spiegel meinen Blick auf. »Aha.« Sie umfaßte mein Handgelenk und zog mich neben sich. »Jetzt zu unserer kleinen Dion. Das wäre genau die richtige Farbe für sie, meint ihr nicht auch?« Sie drapierte den Samt über meine Schulter und zog ihn unter meinem Kinn zusammen. Maria klatschte in die Hän- de und Genny sagte schroff: »Du hast recht. So ist es.« Ich trat hastig einen Schritt vom Spiegel zurück, aber Kitten war un- barmherzig. »Müssen Magier grau tragen?« »Nein«, antwortete Genny. »Nur Studenten des Colleges.« »Nun, wir sind jetzt nicht im College«, sagte Kitten. »Ich finde, es wäre an der Zeit, daß unsere Dion ein neues Kleid bekäme. Grau ist eine Winterfarbe, Dion, und jetzt haben wir Frühling. Wie wäre es mit etwas Neuem?« »Nein, Madame. Ich möchte nicht…« »Nun haben Sie sich nicht so. Und kommen Sie mir nicht ewig mit, diesem ›Madame‹. Sie brauchen wirklich ein neues Kleid. Aus dem al- ten wachsen Sie langsam raus.« Sie stach mir mit dem Finger in die Brust. »Eines Tages werden Sie da einfach rausplatzen, und dann wird es Ihnen leid tun. Also, wie wäre es mit einer hübscheren Farbe? Einer, die Ihnen ein wenig schmeichelt.« Rehbrauner Samt? Das schien dünnes Eis zu sein. »Hm, ich möchte nicht…« »Nun, vielleicht kein rehbrauner Samt«, sagte sie, weil sie mit ihrer gewohnten, unheimlichen Scharfsicht den Grund für meinen Unwillen erriet. »Das ist keine besonders praktische Farbe für jeden Tag. Wie wäre es mit diesem hübschen Dunkelgrün?« Sie legte mir einen kräfti- gen Baumwollstoff um die Schultern. »Sehen Sie, die Farbe paßt genau zu Ihren Augen. Jetzt sehen sie richtig grün aus.« Ich wagte es, in den Spiegel zu sehen. Es war irgendwie hübsch. »Oder vielleicht schwarz. Das würde Ihre helle Haut hervorheben. Meinen Sie nicht? Und wir könnten ein wenig Spitze ansetzen. Auf die Manschetten.« Sie legte einen knisternden schwarzen Seidenstoff um meine Schultern. »0 ja. Sehr magierhaft. Vielleicht mit ein paar glän- zenden kleinen Aufsätzen.« Ich wagte eine kleine Drehung. »Da wäre natürlich auch dieser rote Stoff.« Ich drehte mich zu ihr um. Rot war die Farbe der Prostituierten. Sie grinste und zog schelmisch die Augenbrauen hoch. »Wir Verderber der Jugend müssen es wenigstens versuchen«, sagte sie. Genny lachte und warf ihr ihren Stoffballen zu. »Du bist unverbesserlich. Hören Sie nicht auf sie, Dion. Sie ist ein abscheulicher Zankapfel.« Kitten mühte sich unter der wallenden Seide hervor. »Wäre es nicht herrlich, ein ganzes Zimmer zu haben, das über und über mit Seide, Satin und Samt angefüllt ist? Man könnte hineingehen und sich den ganzen Tag in den Stoffen wälzen. Und Spitze, diese herr- lich weiche Spitze, die ganz teure.« So, wie sie es sagte, konnte ich es direkt vor mir sehen. Alles weich und seidig und bequem. Ich ließ die Finger über den leuchtendschwarzen Stoff gleiten. Genny warf sich lachend auf einen Stuhl. »Jetzt ist sie auf und da- von«, sagte sie. »Verloren im Wolken-Kitten-Heim.« Kitten schnitt eine Grimasse. »Spielverderber.« Dann drehte sie sich zu mir um. »Nun, was würde Mademoiselle denn gefallen? Die schwarze Seide, vielleicht?« »Ja, aber ist sie nicht sehr teuer?« »Ha! Geld! Wenn eine Kurtisane nicht teuer ist, halten die Leute sie für eine Versagerin. Was bedeutet schon Geld? Wenn mir das Geld ausgeht, bitte ich den Herzog einfach um mehr.« Bei diesen Worten tanzte Kitten ausgelassen durch den Raum. Ihre Heiterkeit war ansteckend. Plötzlich sah sie mich durchdringend an. »Genau! So! Ein Kleid für Mademoiselle, das der neuesten Mode ent- spricht.« Sie klatschte in die Hände. »Maria. Mademoiselles Kleid. Genevieve Appellez vortreten und an die Front.« »Jawohl, Herr Kapitän.« Genny sprang auf und salutierte ihr. »Du bist genauso eine miese Aktrice wie ich«, sagte Kitten und stieß sie in die Seite. Beide Frauen kicherten. »Aber nicht so ein Ferkel«, grinste Genny. »Du… wie kann man nur so grob sein.« Kitten heulte in gespieltem Zorn auf. Sie waren also doch enge Freundinnen. Bisher war es mir schwerge- fallen, mir das vorzustellen. In der Zwischenzeit öffnete Maria meine Robe. Die Luft im Raum fühlte sich herrlich kühl auf meinen nackten Armen an. Kitten zog die Nase kraus. »Allmächtiger Himmel, Kind! Was tragen sie denn unter Ihrem Kleid?« »Das ist ein Unterrock.« »Aber aus… grober Baumwolle. Engel! Das muß ja furchtbar rauh auf der Haut sein.« »Ein bißchen. Aber nur am Anfang.« »Das ist Collegetracht«, meldete sich Genny von hinten zu Wort. »Bäh. Ihr Magier seid die reinsten Asketen. Ich sehe schon, ich hätte Sie etwas früher an die Hand nehmen sollen, meine junge Freundin. Baumwollunterwäsche in meinem Haus. Eine Schande!« Sie breitete die schwarze Seide aus. »Also. Dion als Inbegriff der Mode. Fertig, Sergeant Appellez?« »Fertig und zu allem bereit, Käpt’n.« Kitten warf die Seide über meinen Kopf. Mit einem herrlich weichen Prickeln fiel sie über meinen Körper. Dann begann der Stoff, sich zu bewegen. Ich schrie auf. »Keine Sorge«, rief Kitten. »Genny wendet nur einen kleinen Schneiderzauber an. Sie brauchen nur stillzustehen.«, Ich konnte den Zauber spüren. Eine Art kribbelndes, kitzelndes Ge- fühl auf meiner Haut. Das war eine verschwenderische, frivole Verwen- dung von Magie! Und das von Genevieve Appellez, die immer so ver- nünftig schien. War das die Art Verhalten, in die man verfiel, wenn man jahrelang Kitten Avignons Einfluß ausgesetzt war? Die kühle Seide schob sich glatt über meine Haut, wie ein großes, freundliches Tier. Es fühlte sich köstlich an. »Jetzt einen Kragen«, rief Kitten, und die Seide teilte sich in der Mit- te und schlang sich um meinen Hals. »Viereckiger Ausschnitt?« fragte Kitten. »Hm. Probieren wir mal ei- nen normalen.« »Ein normaler würde ihr besser stehen, glaube ich. Madame«, sagte Maria. Genny sagte gar nichts; sie runzelte die Stirn und konzentrierte sich auf den Zauber. »Ein bißchen mehr Form für das Mieder. So ist es rich- tig. Ja, das ist hübsch. Und die Ärmel. Lang, würde ich sagen. Vielleicht bis zum Ellbogen. Nein. Länger.« So ging es eine ganze Weile. Um ehrlich zu sein, genoß ich es. Ich brannte darauf, festzustellen, wie ich aussah, aber jedesmal, wenn ich mir den Hals verrenkte, um einen Blick in den Spiegel zu werfen, rief Kitten: »Stehen Sie still, Mädchen!« Endlich sagte sie: »Fertig.« Genny seufzte und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. »Jetzt dürfen Sie sich ansehen.« Sie legte die Hände auf meine Schultern und wirbelte mich herum. »Was sehen Sie doch hübsch aus! Und was für eine elegante Figur Sie haben.« Sie hatte recht. Ich war verwandelt. Das Kleid ließ mich groß und schlank erscheinen, aber nicht dünn. Eher anmutig. Ich konnte mir eine kleine, schwungvolle Drehung nicht verkneifen. »Ein tieferer Ausschnitt würde die Sache noch verbessern«, flüsterte Maria. Ich wandte mich gerade rechtzeitig mit entsetzter Miene zu Kit- ten um, um zu sehen, wie sie Maria mißbilligend betrachtete. »Nein, das glaube ich nicht«, sagte Kitten. »Das ist ein Kleid, in dem man sich wohl fühlen soll, nichts, um sich darin zur Schau zu stellen. Also, Genny, wenn du es zuschneidest, können Maria und Netta es nä- hen.« Maria machte sich daran, mir das Kleid abzustreifen. Es löste sich in mehreren Stücken von meinem Körper. Sie legte diese in einer Ecke des Raumes auf den Fußboden, nahm einige Nadeln zur Hand und be- gann, die Stücke zusammenzuheften. Kitten läutete und bestellte Tee. »Ich glaube, Genny braucht eine kleine Erfrischung nach den An- strengungen.«, Genny lächelte. »Mir geht es ganz gut. Es hat Spaß gemacht.« Aber sie sah tatsächlich müde aus. Es mußte sehr strapaziös gewe- sen sein, diesen Zauber aufrechtzuerhalten. Ich hatte jedenfalls noch nie zuvor eine Heilerin etwas so Kompliziertes tun sehen, aber anderer- seits schien Genny über alle möglichen zusätzlichen kleinen Zaubereien zu verfügen. Natürlich war sie in Sopria ausgebildet worden. Vielleicht war dort die Kluft zwischen der Heilkunst und der Kunst der Magie nicht ganz so groß. Hatte Kitten von Anfang an vorgehabt, mir ein neues Kleid machen zu lassen? Damals war es scheinbar Zufall gewesen, aber wenn ich jetzt darüber nachdachte, muß sie gewußt haben, daß die Stoffe un- terwegs waren, und sie hatte dafür gesorgt, daß Genny früher als ge- wöhnlich nach Hause kam. Trotzdem schien es mir ein recht unschuldi- ger Plan zu sein. Soweit ich sehen konnte, bestand sein einziges Ziel darin, mir ein neues Kleid zu verschaffen, das ich tatsächlich brauchte. Wenn sie mich früher danach gefragt hätte, hätte ich das Kleid nicht angenommen. Das tat mir leid. Kitten hatte mir in den Monaten, die ich inzwischen bei ihr verbracht hatte, nichts Böses getan, und ich hatte keinen Grund, so argwöhnisch zu sein. Wir saßen zusammen und tranken Tee. Genny wirkte so entspannt und glücklich, wie ich sie nur selten erlebt hatte. Sie sah die braunen Stoffe durch, daher sollte sie wohl auch ein neues Kleid bekommen. Kitten tanzte weiterhin durch den Raum und streifte sich Stoffe über, nur um zu spüren, wie sie an ihr hinunterglitten. Dann fuhr sie mit den Händen darüber (»Hier, fühl mal, Genny. Ist das nicht wunderbar weich?«) Atmete tief den Duft ein, den ein Seidenballen verströmte (»Riecht das nicht herrlich?«) und stieß die Finger in das kleine Häuf- chen loser Stücke, die Maria auf den Tisch gelegt hatte. Sie mußte ein sehr sinnlicher Mensch sein. Immer berührte sie irgendwelche Dinge, die samtigen Blätter von Rosen, den Brokat des Sofas; immer hielt sie mir Dinge hin, so wie sie es jetzt tat, und sagte: »Fühlt sich das nicht herrlich an?« Oder »Riechen Sie mal!« Wahrscheinlich ermutigte ich sie dazu, denn ich nickte, statt sie auszulachen, wie Genny es jetzt tat. Sie machte mich auf eine ganze Welt von Sinneseindrücken aufmerksam, die mir zuvor kaum aufgefallen waren. Ich hatte gedacht, diese Sinnlichkeit sei ein logischer Teil des Da- seins aller Kurtisanen. Jetzt betrachtete ich die Dinge in einem neuen Licht. Wenn sie so empfänglich für sinnliche Eindrücke war, machte es ihr Leben möglicherweise nur schwerer. Sie mußte den abstoßenden Gestank schwammiger und unerwünschter Leiber um so mehr spüren. Gewiß tötete ein solches Leben allen Sinn für Schönheit, statt ihn stets aufs neue zu wecken. Vielleicht hatte sie immer saubere und gutausse-, hende Liebhaber gehabt wie den Herzog. Nach den Dingen zu urteilen, die ihr bisweilen herausgerutscht waren, bezweifelte ich es. Es wäre gewiß gut für sie, wenn sie das Dasein einer Kurtisane eines Tages auf- geben könnte. Es klopfte an der Tür. »Madame Sorria, Lord Lucienne und Lord De Angelo lassen sich mel- den«, erklärte ein Diener. »Wunderbar! Bring sie herein.« Lord Francis Lucienne war – und das schon seit etlichen Jahren – Demoiselle Sorrias einziger Liebhaber. Kitten behauptete, sie wären wie ein altes Ehepaar. Obwohl Lord Francis mit einer anderen Frau verheiratet war, weckten die beiden tatsächlich den Eindruck, unver- brüchliche Verbündete gegen den Rest der Welt zu sein. Ich hatte ihn früher schon einmal kennengelernt. Er war ein träger, gutmütiger Mann, der wenig zu sagen hatte und nur an Kleider und Mode dachte. Er sonnte sich in der lebhaften Gesellschaft der Honigschwesternschaft. Von den anderen wußte ich, daß er ein bedeutender und wohlhabender Adliger war. Was ich am meisten an ihm mochte, war die Tatsache, daß er immer die herrlichsten Parfüms trug. Lord Dominic De Angelo kannte ich weniger gut, aber ich wußte genug von ihm, um mir dar- über im klaren zu sein, daß er die Art Mann war, die sich ihre Gefähr- tinnen ausschließlich innerhalb der Honigschwesternschaft suchten. Rapunzel hatte ihnen von Kittens Stofflieferung erzählt, und alle drei setzten sich nun hastig hin, um die auserlesenen Materialien zu be- wundern. Erst als die sich überschlagenden Lobesworte langsam er- starben, fragte Kitten, wo denn Rapunzel sei. »Heißt das, ihr war das Kriegsglück hold?« »Francis. Der Brief. Der Brief«, sagte Demoiselle und gab Lord Fran- cis einen Klaps auf den Arm. »Ich kann Ihnen nichts über Rapunzel sagen«, erklärte Lord De An- gelo feierlich. »Als wir gingen, war sie ihrem Opfer dicht auf den Fer- sen, aber ich fürchte, sie wird heute kein Glück haben. Lord Gregorov war so freundlich, meine Einladung zum Abendessen anzunehmen, und ich hege die größten Hoffnungen…« »Nun, als würde das etwas heißen, Dominie. Vielleicht steht ihm ja der Sinn nach einer Kleinigkeit vor dem Abendessen. Aber er hat uns einen Brief für dich mitgegeben, Kitten. Was hast du damit gemacht, Francis?« »Hier ist er.« Kitten nahm den Brief entgegen und bedachte erst ihn. dann mich mit einem zweifelnden Blick. »Lord Francis, warum lesen Sie ihn uns nicht vor? Ich bin mir sicher, es handelt sich lediglich um Komplimente oder etwas in der Art.«, Er öffnete das Schreiben, räusperte sich, überflog kurz den Inhalt, zwinkerte und begann zu lachen. »Mach schon«, rief Demoiselle. »Was steht drin?« »Lord Andre Gregorov drückt seine tiefempfundene Bewunderung für die bezaubernde Madame Avignon aus und bittet um Erlaubnis, sie morgen aufsuchen zu dürfen, um über den Preis für eine Nacht mit der Kleinen in Grau zu verhandeln.« Ich war die einzige im Raum, die Grau trug. Demoiselle und Lord Lu- cienne brachen in Gelächter aus. Lord De Angelo schrie in gespieltem Entsetzen auf. »Elende!« rief er. »Sie haben mir das Herz gebrochen. Ich werde Ih- nen nie verzeihen.« Demoiselle schlug mir mit ihrem Fächer auf die Schenkel. »Nun, nun, Kleine, Sie haben alle aus dem Feld geschlagen. Oh, wie wird Rapunzel toben! Sie haben einen Bewunderer.« Aber Kittens Gesicht war hart. Sie riß Lord Francis den Brief aus der Hand und zerfetzte ihn. »Wie kann er es wagen? Wie kann er es wa- gen, uns ein so beleidigendes Schreiben zu schicken? Wie kann er es wagen, Mademoiselle Dion einen solchen Vorschlag zu machen. Was glaubt er, wer sie ist? Hält er mich für eine Art Kupplerin?« »Hier«, sagte sie und drückte Lord Francis die Schnipsel in die Hand, »geben Sie ihm das da, und sagen Sie ihm, er sei mir hier niemals will- kommen. Niemals.« 0 Gott! Das war es also, was ein ruinierter Ruf bedeutete. Das war meine Strafe dafür, daß ich mich mit diesen Frauen angefreundet hat- te. Das war meine Strafe dafür, daß ich mich hier und noch dazu mit Rapunzel hatte sehen lassen. 0 Gott! Ich hätte niemals… »Dion«, sagte Kitten, »es tut mir leid… Lassen Sie sich nicht…« »Schon gut, Madame«, antwortete ich mechanisch. »Ich sollte jetzt gehen. Entschuldigen Sie mich bitte.« »Dion…«, rief sie mir nach. Ich rannte so schnell ich konnte die Treppe hinauf und schloß die Tür. Wie ich es immer hätte tun sollen. Ich hätte mich niemals da hi- neinziehen lassen dürfen… Aber es war alles so einfach gewesen. Ich hatte mich einlullen lassen, bis ich glaubte, es sei in Ordnung. 0 Gott! 0 Gott! Jetzt war ich ruiniert. Jeder hielt mich für eine Hure. Und es war meine eigene Schuld. Ich verdiente es nicht anders. Ich hüllte mich in eine Decke und lag zitternd auf dem Bett. Grauen- volle Visionen erschienen in meinem Kopf. Kränkungen, die Leute in meinem Dorf, die über mich mit demselben boshaften, verächtlichen Gesichtsausdruck sprachen, mit dem sie von Kitten und ihresgleichen gesprochen hatten., Es klopfte an der Tür. »Dion«, sagte Kitten, »lassen Sie mich rein.« Ich mußte wirklich erschüttert gewesen sein. Mir kam nicht einmal der Gedanke, sie wegzuschicken. Ohne vom Bett aufzustehen, benutzte ich einen Zauber, um den Schlüssel im Schloß umzudrehen, eine Ver- schwendung, die ich mir sonst nie erlaubte. Sie kam zu mir und setzte sich aufs Bett. »Die Sache hat Sie sehr aufgeregt, nicht wahr?« »Nein.« »Warum zittern Sie dann?« Sie legte die Arme um mich. Ausnahmsweise einmal hatte ich nichts dagegen, daß sie mich berührte. Ich stellte fest, daß ich weinte. »Oh, mein liebes Kind«, sagte sie. »Es tut mir leid. Aber Sie dürfen keine Angst haben. Es ist nur ein einziger ungehobelter Mann. Es wird nichts geschehen. Niemand weiß irgend etwas. Die anderen werden nichts verraten. Es wird bald vergessen sein.« Sie hielt mich im Arm, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Es war schwer, ihr alles zu erklären, was ich empfand. Wie konnte ich mich darüber beklagen, daß man mich für eine Hure hielt – bei einer Frau, die selbst eine war? Aber ihre leisen Worte waren tröstlich und über- zeugten mich schließlich davon, daß mein Leben nicht vollkommen ruiniert war. »Ich werde diesem Mann niemals mehr erlauben, meine Schwelle zu übertreten«, rief sie. »Sie werden ihn nie wiedersehen müssen.« »Das wäre das beste«, murmelte ich. »Wir werden dafür sorgen, daß er sich keinerlei Illusionen hingibt. Was für eine Frechheit, anzunehmen. Sie seien käuflich. Verkaufe ich meine Dienstmädchen als Prostituierte? Oder Genny? Dion, Sie dürfen sich nicht allzusehr darüber grämen. Lassen Sie sich nicht von einem einzigen unverschämten Kerl Ihre Freude verderben.« »Nein, Kitten«, murmelte ich, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß ich mich innerhalb der Honigschwesternschaft jemals wieder wohl fühlen würde. Ich hätte darauf achten sollen, mich nicht in ihrer Gesell- schaft sehen zu lassen. Ich beschloß, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Ihr unverhohlener Zorn tröstete mich, auch wenn ich nicht glauben konnte, was sie sagte. Zumindest stand ich in dieser Sache nicht allein. Sie würde sich um mich kümmern und mir helfen, wo sie nur konnte. Als ich am nächsten Morgen mit Genny ins Hospital ging, forschte ich in den Zügen der Menschen nach Verachtung, aber dann gewannen ge- sunder Menschenverstand und Optimismus schnell die Oberhand. Die Leute waren genauso wie immer, die Patienten genauso respektvoll, die Nonnen genauso still und die Damen genauso töricht und voll des, Lobes wie eh und je. Zu meinem Entsetzen wurde mir klar, daß meine Reaktion am Vortag völlig übertrieben gewesen war, und meine festen Vorsätze, was Kitten betraf, gerieten bereits wieder ins Wanken. Als Simonetti und ich später nach Hause zurückkehrten, kam Kitten uns in der Halle entgegen; sie trug immer noch ihre Reitkleidung. Au- ßerdem hielt sie einen gewaltigen Strauß weißer Rosen in den Armen. Sie reichte mir die Blumen und dann das Briefchen, das mit ihnen ge- kommen war. Voller Angst betrachtete ich die eigenwillige, schwarze Handschritt, aber die Worte schienen durchaus harmlos. Das Briefchen bot lediglich die Rosen als Entschuldigung an – für: »Mein schlechter- zogenes Benehmen am vergangenen Tag, das von einem völligen Miß- verständnis der Umstände herrührte.« »Sehr höflich«, sagte Kitten. »Ein Mißverständnis der Umstände.« Einen Augenblick lang schien sie nachdenklich zu sein. »Nun, weiße Rosen. Jungfräulich. Sehr passend.« Als ich eine Gri- masse schnitt, zwickte sie mich scherzhaft in die Wange. »Ich frage mich, ob wir von diesem Herrn noch einmal hören werden, oder ob er in verlegenes Schweigen versinken wird. Mir persönlich wäre verlege- nes Schweigen lieber. Er verschenkt überaus erfreuliche Blumen, aber er selbst schien mir kein besonders erfreulicher Mensch zu sein.« Wir sprachen nicht noch einmal über Andre Gregorov, aber mir kam er immer wieder in den Sinn. Ich konnte nicht umhin, darüber zu stau- nen, daß sein Interesse an mir groß genug gewesen war, um zur Ent- schuldigung Blumen zu schicken. Hatte er mich wirklich gewollt? Viel- leicht hatte er diesen Brief in einem Augenblick unbezähmbarer Leiden- schaft geschrieben. Es war ein seltsam reizvoller Gedanke, obwohl ich ihn sogleich als lächerlich abtat. Wie es aussah, tauchte er auch in Kittens Gedanken gelegentlich wieder auf. Erasmus kam, um die Arbeit an einem Porträt aufzuneh- men, das der Herzog von Kitten in Auftrag gegeben hatte. Sie hatte darauf bestanden, daß ich ihnen Gesellschaft leistete, während er mal- te. »Wer sonst soll uns davon abhalten, uns miteinander zu langwei- len?« fragte sie. Ich war hoch erfreut, solchermaßen einbezogen zu werden, aber entsetzt, als sie nach einigen Minuten beiläufig fragte: »Haben Sie Lord Andre Gregorov schon einmal kennengelernt, Ras?« »Was? Im fleischlichen Sinne nicht. Aber da bin ich wohl der einzige in Gallia sein, für den das gilt. Ein Mann von gewaltigem Appetit, wenn die Gerüchte nicht lügen, obwohl ich argwöhne, daß es so sein muß.« »Was sagen die Gerüchte denn?« »Daß er noch keinen Monat in Gallia ist und bereits den Ruf hat, ein, beträchtlicher Sexualathlet zu sein.« »Nur Mädchen?« »Auch Jungen, wie ich höre.« Er sah uns scharf an. »Warum fragen Sie?« Ich errötete unweigerlich und wandte mich ab. »Was ist da im Busch?« fragte Krasmus. Er war viel scharfsichtiger, als einem lieb sein konnte. Kitten seufzte. »Er hat unserer kleinen Dion heute morgen Rosen ge- schickt.« »Dion! Herr des Himmels!« Er sah mich über die Leinwand hinweg mit einem Stirnrunzeln an und schwenkte seinen Pinsel. »Nehmen Sie sich in acht vor diesem Mann, Dion. Wer so ein Leben führt und dabei solchen Erfolg hat, muß einfach ein ausgesprochener Mistkerl sein. Ich würde nichts von dem, was er sagt, allzu ernst neh- men.« Ich war irgendwie enttäuscht. Ich hatte mir immer Sorgen gemacht, Erasmus könnte irgendwann anfangen, mich als Frau zu betrachten, und daß das unsere Freundschaft beeinträchtigen würde. Aber nun är- gerte es mich doch, daß er es nicht einmal für möglich hielt, daß ein anderer Mann etwas mehr in mir sehen konnte. Außerdem ärgerte mich die Vorstellung, daß der Mann vielleicht allen möglichen Leute Briefe geschickt haben konnte – um so mehr, als es wahrscheinlich der Wahr- heit entsprach. »Seien Sie nicht dumm«, fuhr ich Erasmus und Kitten an. »Sie wis- sen, daß ich mich für solcherlei Dinge nicht interessiere.« Trotzdem stand ich an diesem Abend in meinem Nachthemd am of- fenen Fenster und blickte hinaus; es verstörte mich, wie tief meine Enttäuschung ging. Ich hielt eine der weißen Rosen in der Hand und strich über ihre Blätter, die so weich und seidig und glatt waren. Sie waren nicht von reinem Weiß. Ihre Ränder wiesen einen schwachen Hauch von Rosa auf. Ich ertappte mich dabei, wie ich mit den Lippen über die Rose fuhr. Die Berührung war so sanft wie ein Kuß, wie das Gefühl eines zärtli- chen Streicheins über mein Gesicht, meinen Hals, meine Schultern, meine Brüste… Ich schüttelte mich. Dieser dumme Andre Gregorov. Was geschehen war, hätte gewiß jeden verstört. Aber ich mußte darüber hinwegkom- men, wenn ich Kitten und meinem Beruf gegenüber meine Pflicht tun wollte. Als ich mich zum Schlafen niederlegte, war ich fest entschlos- sen, vernünftig zu sein. In dieser Nacht waren meine Träume sehr seltsam, voller Satin und, ineinander verschlungener Glieder, voller schmerzlicher Sehnsucht und erschreckender Erlösung. Geweckt wurde ich schließlich von der sei- denglatten Verführung einiger Rosenblätter; ich stellte fest, daß einige Blätter in der Nacht von den Rosen auf mein Kissen hinuntergefallen waren. 7. Kapitel Ich sah Andre Gregorov einige Tage später wieder, als Hauptmann Si- monetti und ich durch die Stadt gingen. Ein Mann in Dienerlivree trat neben Simonetti und ging eine Weile neben ihm her, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Simonetti blieb wie angewurzelt stehen. »Verschwinde«, brüllte er und drohte dem Mann wütend mit der Faust. »Hältst du mich für einen Kuppler?« Er nahm meinen Arm und führte mich schnell weg. Der Mann grinste und verschwand in der Menge. Als wir um die nächste Straßenecke bogen, sah ich ihn auf einen großen, dunklen Mann zulaufen, der auf einem gewaltigen, schwarzen Pferd saß. Es war Andre Gregorov. Er beugte sich geschmeidig aus dem Sattel herunter, während der Diener ihm etwas ins Ohr flüsterte: und genau in diesem Moment fing er mei- nen Blick auf. Ich sah hastig fort, war aber nicht schnell genug, um nicht zu bemerken, wie er über den zuckenden Kopf des plötzlich unru- hig gewordenen Pferdes lächelte. Es schien mir, als sei dieses Lächeln nicht spöttisch, sondern sehr warm und freundlich. »Der!« brummte Simonetti mit finsterem Gesicht. »Bei den Sieben, jetzt bin ich also auch noch Anstandsdame.« »Was ist passiert?« fragte ich atemlos, denn wir liefen immer noch mit ziemlich hastig weiter. »Was hat der Mann gesagt?« »Der Mistkerl sagte, sein Herr würde mir zwei Guineen geben, wenn ich Sie zu ihm brächte. Ich verstehe nicht, warum er Ihnen nicht ein- fach einen Brief schreibt?« Das hätte ich auch gern gewußt. Andererseits – sollte ein solcher Mann mir einen Brief schicken, so gab es nur ein korrektes und logi- sches Benehmen: Ich hätte ihn ungeöffnet zurückschicken müssen. Ich hatte keinerlei Interesse an Lord Andre Gregorov. Und doch war ich neugierig. Simonetti lachte, stieß mir in die Rippen und sagte: »Der Mann muß ziemlich scharf auf Sie sein. Zwei Guineen sind eine Menge Geld, Mäd- chen.«, Noch lange Zeit danach sah ich, wann immer wir durch die Straßen gingen, eine hochgewachsene, dunkle Gestalt auf einem großen, schwarzen Pferd; vielleicht bildete ich mir aber gelegentlich auch nur ein, ihn zu sehen. Manchmal erschien er beängstigenderweise oben- drein auch noch in meinen Träumen. Er schickte mir auch weiter Blumen ins Haus, immer weiße Rosen, deren Blätter mit einem zarten Hauch von Rosa umrandet waren. Und nie kam eine Karte mit den Blumen. Nur die Rosen selbst. Ich mochte sie, und beinahe drei Wochen lang ließ ich sie in meinem Zimmer ste- hen. Dann, als ich eines Tages Kitten gerade vorlas, stürzte Rapunzel a- temlos und aufgeregt ins Zimmer. Nach der Geschichte, mit der sie uns überschüttete, sah es so aus, als hätte sie ihr Ziel bei Lord Andre er- reicht. »Meine Güte!« rief sie. »Was für eine Männlichkeit! Du kannst es dir nicht vorstellen. Wir waren zu dritt…« Rapunzel mußte etwas von dem Brief gehört haben, denn als sie sah, wie ich mich davonstahl, runzelte sie die Stirn und senkte die Stimme, obwohl sie weiter mit aufgeregtem Unterton sprach. Ich hatte genug gehört. Ich wies das Mädchen an, die Rosen nicht länger in mein Zimmer zu stellen. Das College handelte viel schneller, als ich erwartet hatte. Nur eine Woche, nachdem ich ihm Norvals Päckchen gebracht hatte, bekam ich einen Brief des Obersten Suchers, der mir berichtete, daß man damit nicht weitergekommen sei. »Alle, die mit dem Papier und der Schachtel in Verbindung standen, sind jetzt tot«, stand in dem Brief. »Überdies hat einer von ihnen die Schachtel mit einem Rückschlagszauber belegt. Unser Psychosucher hatte großes Glück, daß er nur mit einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen ist. Der Zauber weist auf echte nekromantische Verbindungen hin. Es läge uns sehr viel daran, die verantwortliche Person mit Hilfe eines anderen Gegenstands aufzuspü- ren, falls Sie einen solchen bereitstellen könnten.« »Die klingen beinahe ja enthusiastisch«, lachte Simonetti, als ich ihm den Brief zeigte. »Aber ich weiß nicht, ob wir ihnen einen anderen Ge- genstand geben können. Da werden Sie Kitten fragen müssen.« Kitten hatte an diesem Nachmittag einen wichtigen Besucher, den Herzog von Sanza, Herzog Leons Vetter, der gegenwärtig auch sein wichtigster Ratgeber war, daher fiel unsere Lesestunde aus. Sobald er jedoch das Haus verlassen hatte, lief ich zu ihr nach oben. Meine Bitte um ein Stück aus Norvals Besitz überraschte sie nicht. Simonetti hatte ihr bereits erzählt, daß wir nach ihm suchten und sie vorgewarnt, daß wir vielleicht irgendeinen Gegenstand von ihm benötigen würden., »Ich habe etwas gefunden, das er mir mehr oder weniger geschenkt hat«, sagte sie. »Die Sache ist nur, daß es ihm nie wirklich gehört hat. Es war ein Geschenk, das er jemand anderem zugedacht hatte. Meinen Sie… es ist das beste, was ich tun kann, fürchte ich.« Ich folgte ihr in ihr Ankleidezimmer. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte lag ein großer, zerbeulter Lederordner. Sie öffnete die Riemen und entfernte sie. Darin lagen mehrere kleinere Lederordner und Schachteln. »Was ist da drin?« fragte ich. Vorsichtig nahm sie jeden Ordner heraus und schlug ihn auf. Sie alle enthielten Bilder – Porträts von Kitten Avignon. Ein Ordner enthielt eine Sammlung wunderbarer Theaterplakate ›aus den Tagen in Sopria.‹ Ich hatte die Namen der Stücke gleich erkannt. Lieben oder nicht lieben. Die Comtesse von Faro und Die Tragödie des Attentäters, und ich erkannte auch das Gesicht Kitten Avignons in den darunter abgebildeten Szenen. Es war auch ein kleines Ölbild von Kit- ten als jungem Mädchen in einem weißen Kleid dabei und ein weiteres jüngeres Bild von ihr, auf dem sie nackt, aber von Reben umrankt, als klassische Göttin posierte. Zu guter Letzt öffnete Kitten ein kleines, samtausgeschlagenes Kästchen und nahm eine Miniatur in einem klei- nen Goldrahmen heraus. Sie zeigte die obere Hälfte ihres Körpers, der bis auf einige sehr dürftige Stoffbahnen nackt war. Es hatte etwas aus- gesprochen Erotisches, wie das Bild ihre elfenbeinfarbene Haut und die üppigen, rosafarbenen Brustwarzen zur Geltung brachte. Was würde das College der Magie davon halten? »Es diente ebenso der Reklame wie diese Plakate«, erklärte sie. »Norval hat es für Masud anfertigen lassen, dem Mann, dem ich meine Gunst schenken sollte. Masud mochte mich und gab es mir zurück Blonde Frauen wie ich sind in den westlichen Reichen sehr selten. Man hält uns für Abkömmlinge der Kreuzfahrer aus den Heiligen Ländern. Mein helles Haar in einem Land dunkelhaariger Menschen machte mich sehr beliebt. Das ist der Grund, warum ich auf so vielen dieser Thea- terplakate zu sehen bin. Der Besitzer wußte, was sich verkaufen ließ.« Sie hielt eines davon in die Höhe und betrachtete es. »Der Maler war ein besonderer Freund von mir und gab mir später die Originale. Wissen Sie, manchmal werfe ich tatsächlich einen Blick auf meine Bilder und frage mich, ob ich wirklich so schön bin, wie die Männer behaupten.« Sie fing meinen Blick auf und zwinkerte mir zu. »Dann fällt mir ein, daß Männer ja soviel klüger sind als Frauen. Also wäre es doch anma- ßend von mir, wenn ich mir eine andere Meinung erlaubte, nicht wahr?«, Sie packte die anderen Bilder wieder weg. »Warum haben sie es aufgegeben? Das Theater, meine ich.« »Ixeon wollte es so. Er fand, es sei nicht schicklich für die Mätresse des Herzogs, auf der Bühne zu stehen. Manchmal vermisse ich das Theater. Das Leben ist viel uninteressanter, aber… Oh, na ja, finanzielle Sicherheit ist mehr als nur ein Trost. Ich bemühe mich, mich trotzdem zu amüsieren.« Das war nicht die Antwort, die ich gewollt hatte. Die Frage, die ich wirklich gestellt hatte, zielte darauf ab, wie sie sich dazu herablassen konnte, ihren Körper für Geld zu verkaufen, wo sie doch, wie es aus- sah, eine überaus erfolgreiche Schauspielerin gewesen war. Aber es ging wohl um Geld. Ich vermutete, daß der Herzog ihr grö- ßere Reichtümer beschert hatte, als jedes Theater das hätte tun kön- nen. Es erklärte jedoch nicht die anderen, die früheren Liebhaber. Ich wußte, daß sie sowohl hier als auch zu Hause in Ishtak eine ganze Rei- he von Liebhabern gehabt hatte. Jedesmal, wenn sie von ihrer Vergan- genheit sprach, entdeckte ich einen weiteren Namen, den ich der Liste hinzufügen konnte. Ich vermutete, daß sie zu keiner Zeit nur Schau- spielerin gewesen war. Manche ihrer Beziehungen mochten echte Lie- besaffären gewesen sein. Fiel das auch unter Hurerei? Ich betrachtete die Miniatur in meiner Hand. Was für ein Gefühl mußte das sein, von dem Mann, den man liebte, in das Bett eines an- deren geschickt zu werden? Es mußte entsetzlich sein. Hatte sie emp- funden, wie ein normaler Mensch empfinden würde? Plötzlich wurde mir klar, daß ich das Bild einer halbnackten Frau anstarrte, daher wandte ich hastig den Blick ab, falls sie mich beobachtete und mein Benehmen für ein wenig seltsam hielt. Sie schien jedoch nichts zu be- merken. Gelassen nahm sie mir das Bild aus der Hand. »Meine anderen Bilder bringen mir angenehme Erinnerungen zurück. Aber dieses hier nicht. Ich habe es behalten, um nie zu vergessen, daß ich mich auf keinen Fall in politische Angelegenheiten einmischen darf. Ich bin gewiß kein Engel. Ich habe Herzog Leon um Geld gebeten, um Besitz, ich habe ihn zu Gunsten der neuen Lehre beeinflußt und ihn ermutigt, gewisse Gelehrte zu fördern. Damit habe ich mir keine Freunde gemacht. Aber ich habe meine Macht nie benutet, um die Staatspolitik zu beeinflussen, obwohl ich das ohne weiteres hätte tun können. Was sagt Kramer noch gleich? ›Die Frau eines Herrschers, sei sie Ehefrau oder Mätresse, ist die mächtigste Frau im Land.‹« Sie lachte und hielt mir die Hand hin. »Sehen Sie sich nur dieses hübsche kleine Ding an.« Ein Armband aus Diamanten und in Gold gefaßten Smaragden um- schlang ihr Handgelenk. Kitten hatte in bezug auf Juwelen den denkbar, einfachsten Geschmack, und dieses Schmuckstück erschien mir sehr protzig für ihre Verhältnisse. »Ist es neu?« fragte ich. »Ja, der Herzog von Sanza hat es mir geschenkt. Man sollte doch meinen, daß er mich mittlerweile eigentlich besser kennen müßte, nicht wahr?« »Ist er… ich meine, er ist doch nicht…« »O nein! Er versucht nicht, mich Leon zu stehlen. Nein, das nicht. Er versucht lediglich, sich die mächtigste Frau im Land gewogen zu ma- chen. Ich habe den Verdacht, daß es mit dieser Allianz mit Borgen zu- sammenhängt, die er durchzusetzen versucht. Zu seinem Plan gehört auch die Möglichkeit, daß der Herzog Lucrezia Scarleone heiratet, und Sanza hat natürlich Angst, ich könnte eine Abneigung gegen den Plan fassen. Er hat mir den ganzen Nachmittag über versichert, daß sie die Seele der Verschwiegenheit sei und man sich darauf verlassen könne, daß sie in eine andere Richtung blicken würde.« »Der Herzog soll heiraten! Was werden Sie dann tun?« »Was ich immer tue, mein Kind! Absolut nichts. Man sollte wirklich meinen, Sanza hätte inzwischen begriffen, daß ich mich niemals in poli- tische Fragen einmische. Ich habe keine Lust, darüber zu befinden, was aus dem Leben anderer Menschen werden soll. Eine gute Sache übri- gens. Leon hat nicht den Wunsch, irgend jemandes Marionette zu sein, und wenn ich den Marionettenmeister hätte spielen wollen, hätte er mir schon vor langer Zeit den Laufpaß gegeben. Aber er amüsiert sich bis- weilen mit einem kleinen Spielchen, das er mit seinen Ministern spielt. Wenn sie etwas vorschlagen, das ihm nicht gefallt, sagt er: ›Ich glau- be, das würde nicht Madame Avignons Billigung finden.‹ Man sollte meinen, daß nur ein Trottel darauf hereinfallen würde, aber sie kom- men alle hier herangelaufen, um meine Unterstützung für dieses oder jenes zu gewinnen. Zu ihrem Unglück hatte ich, als Leon mich seiner- zeit zu sich holte, keine Ahnung, wem ich helfen sollte, daher habe ich die Strategie entwickelt, niemandem zu helfen. Und nachdem sich die- se Strategie als sehr nützlich erwiesen hat, bin ich dabei geblieben. Jetzt ist also einer der Hauptzugangspunkte zu der Macht des Herzogs eine Sackgasse. Ein Mensch, der nichts damit zu tun haben will. Diese armen, dummen Geschöpfe, die ihr Leben darauf verwenden, im Staub zu kriechen und um irgendwelche Posten zu ergattern. Kein Wunder, daß sie mich so sehr hassen!« »Aber der Herzog! Heiraten.« »Nun, warum nicht«, brauste sie auf. »Der arme Mann muß irgend jemanden heiraten, und ich käme dafür niemals in Frage.« »Aber…«, Sie lächelte traurig und drückte meinen Arm. »Tut mir leid, mein lie- bes Kind. Es macht einen nachdenklich, nicht wahr? Wie schrecklich, eine junge Braut in einem fremden Land zu sein, nur um sich Auge in Auge mit der Mätresse seines Mannes wiederzufinden.« Sie seufzte. »Vielleicht kommt langsam die Zeit für meinen Abgang. Abgang die andere Frau. Schlußszene ein Bild häuslicher Eintracht.« »Was würden Sie dann tun?« »Ich brauche überhaupt nichts zu tun. In zwei Jahren habe ich genug Besitz angehäuft, um nie wieder einen neuen Liebhaber nehmen zu müssen.« »Wenn die Sache also jetzt endete, würden Sie sich einfach zurück- ziehen.« Ihr Gesicht nahm einen schelmischen Ausdruck an. Sie schnippte mir mit dem Zeigefinger auf die Wange. »Nun wollen wir uns jetzt nicht von irgendwelchen Ideen hinreißen lassen«, sagte sie. »Man hält sich schließlich gern alle Möglichkeiten offen.« Das war typisch für sie. Sie diskutierte ihre Situation mit beinahe schockierender Kälte, während sie gleichzeitig überaus lobenswerte Ansichten äußerte. Und gerade wenn ich begann, sie als Opfer ihrer Situation zu betrachten, sagte sie etwas, das alles wieder umstürzte. Der Herzog wollte, daß Erasmus’ Porträt von Kitten zu Beginn des Herbstes fertig war, wenn Herrscher von überall auf der Halbinsel in Gallia zur Prinzenkonklave zusammenkamen. Es sollte in der Galerie hängen, wo rivalisierende Herrscher es bewundern konnten, zwischen den Porträts der anderen höfischen Schönheiten, von denen viele, wie ich später herausfand, ebenfalls seine Mätressen gewesen waren. Das Porträt war ganz Herzog Leons Schöpfung. Er bestimmte, was sie trug, wie sie saß und verlangte sogar eigens, daß sie eine rosafarbene Rose auf dem Schoß halten sollte. Kitten quittierte diesen Befehl mit einem Schnauben, sofern man von einer zierlichen und schönen Frau behaup- ten kann, sie habe geschnaubt. »Was für eine blöde Idee«, sagte sie, unterwarf sich aber gelassen seinen Anordnungen. Was ihr jedoch mißfiel, war die Notwendigkeit, zwei oder drei Nach- mittage die Woche stillsitzen zu müssen, und sie versicherte Erasmus und mir, daß nur unsere Gesellschaft ihr die Sache erträglich mache. Ich selbst genoß die Sitzungen sehr – oder eigentlich genoß ich das Beisammensein mit Erasmus, der mir in dieser Zeit so ziemlich der liebste Gefährte überhaupt geworden war., Vielleicht war Kitten das klar, denn rückblickend stellte ich fest, daß sie, die bis dahin stets der Inbegriff der Pünktlichkeit war, immer zu spät zu ihren Sitzungen kam und grundsätzlich mich voraus schickte, um Erasmus zu unterhalten, bis sie soweit war. Vielleicht brachte sie uns absichtlich zusammen. Wenn ja, war es nur gut, daß mir das nicht klar war, denn ich hätte sie der Kuppelei verdächtigt, und das hätte alles verdorben. Meine Gespräche mit Erasmus waren so, wie ich mir Gespräche mit einem großen Bruder vorstellte. Irgendwie konnte ich mit ihm über all die kleinen Erfahrungen und Befürchtungen meines alltäglichen Lebens sprechen. Er war ein so guter Zuhörer, daß ich mich gelegentlich sogar mit seiner herablassenden Haltung abfand. Er seinerseits teilte seine Ängste und Sorgen mit mir, die sich auf das richteten, was er sein ›großes Meisterwerke nannte – ein Altarge- mälde, das er für die Kirche St. Vitalie anfertigte, die inoffiziell auch als die Kirche der Neuen Lehre bekannt war. Er erklärte mir zum Beispiel den religiösen Symbolismus in der Malerei, oder er erzählte mir von seinen Schwierigkeiten, der Mutter Tansas einen sanften Gesichtsaus- druck zu geben, ohne sie fad erscheinen zu lassen. Was unsere Freundschaft jedoch wirklich festigte, war die Entde- ckung, daß, uns ein Gefühl der Faszination für die schmutzige Seite des Lebens verband, vor allem, soweit es sich um das Leben Kitten Avig- nons handelte. Wenn man seine blauen Augen und sein adrettes gutes Aussehen in Betracht zog, wäre man nie auf den Gedanken gekom- men, daß dieser Maler von Altarbildern einen großen Teil seiner Zeit darauf verwandte, eine Kurtisane der Honigschwesternschaft und an- dere Damen des Vergnügens zu beobachten und zu malen. Das Rätsel, das Kittens Vergangenheit umgab, ließ auch ihn nicht ru- hen. Woher war sie gekommen? Welche dunklen Geheimnisse hatten eine solche Frau in das Leben in der Prostitution getrieben? Wir bilde- ten schnell ein Bündnis, um soviel wie möglich herauszufinden, und wir verbrachten viel Zeit damit, über sie zu spekulieren und zu diskutieren. Ich vertrat die Theorie, daß Kitten eine unglückliche Kurtisane sei, die lediglich tat, was notwendig war, um Geld zu verdienen und vor ihrem grimmigen Exliebhaber zu fliehen. Erasmus dagegen behauptete, daß die Wahl ihrer Profession weitgehend freiwillig erfolgt sei. Ich hatte keine Scheu, mit Erasmus über Dinge zu sprechen, über die zu reden mir in jeder anderen Gesellschaft peinlich gewesen wäre. Es war nicht weiter überraschend, daß ich mich bei ihm sicher fühlte. Wir waren beide Morianer mit der für dieses Land typischen, strengen Er- ziehung, und wir waren die Kinder einer besonders prüden Zeit in Mori- as’ Geschichte. Erasmus’ Vater war ein Hierarch, ein offizieller Vertreter, der orthodoxen Kirche in der Nähe von Mangalore, und er war noch sittenstrenger gewesen als Michael. Erasmus hatte eine der konserva- tivsten kirchlichen Schulen der Stadt besucht. Er war nur wenige Jahre älter als ich, und trotz all des oberflächlichen Schliffs, den drei Jahre in Gallia ihm verliehen hatten, war er insgeheim genauso prüde wie ich. Andererseits war das gerade das Beste an Erasmus. Er war weder eine Kurtisane noch ein Gallianer, einer von den anderen, denen man nur mit knapper Not vertraute, sondern ein Morianer, einer von uns, je- mand, den man verstehen und dem man trauen konnte. Obwohl meine Aufgabe theoretisch darin bestand, Kitten vorzulesen, während Erasmus malte, verliefen die meisten Sitzungen in Wirklich- keit anders: Die beiden schwatzten, und ich war ganz Ohr und hörte zu. Ich grollte ihnen nicht, weil ich keinen Anteil an ihrem Gespräch nehmen konnte. Ich fand immer, daß es am schönsten war, sich ein- fach zurückzulehnen und zuzuhören, wie Kitten mit allen anderen sprach. Auf diese Weise erfuhr man alle möglichen köstlichen Dinge, ohne selbst etwas sagen zu müssen. Erasmus zeigte Kitten ein weltgewandteres Gesicht als mir, und man konnte sich darauf verlassen, daß er alle pikanten Gerüchte kannte. Kitten machte das Beste aus seinem Wissen und stellte ihm immer jede Menge Fragen. Manchmal fand Erasmus, daß die Unterhaltung zu schlüpfrig für mich wurde, und er warf ihr einen warnenden Blick zu. Kitten quittierte das immer mit einem belustigten lächeln. Wie sie ein- mal sagte: »Liebster Ras, ich glaube, Dion ist wirklich alt genug, um selbst zu entscheiden, was für ihre Ohren passend ist und was nicht. Wenn unser Gespräch zu gewagt wird, wird sie den Raum verlassen.« Während der Sitzungen arbeitete Erasmus sehr hart, und ich bin mir sicher, daß er ganz verhalten versuchte, Kitten aus der Reserve zu lo- cken, ›ihr Geheimnis zu enthüllen‹, wie er es einmal ausdrückte. Häufig belohnte sie seine Fragen mit einer amüsanten Anekdote über ihr Le- ben am Theater oder ihre Reisen. Einige Male machte sie persönliche Bemerkungen über ehemalige Beschützer (›er hatte eine Vorliebe für den Geruch von Schweiß, die ich nie verstanden habe‹), obwohl sie sich nie dazu überreden ließ, Namen zu nennen. Einmal sprach sie so- gar kurz davon, daß sie in einem Bordell gearbeitet hatte (›nur das eine Mal, als mich das Glück völlig verlassen hatte; eine langweiligere und schmutzigere Arbeit könnte man sich wirklich nicht vorstellen. Abgesehen von einigen Geschichten kamen wir dem Rätsel um ihre Herkunft nicht näher. Alles, was wir wußten, war, daß sie aus einem der Zwillingsreiche Aramaya und Sopria stammte. Sie wehrte geschickt jede Frage ab, die sie nicht beantworten wollte. Ganz gleich, wie gründlich Erasmus seine Feldzüge plante, sie brachte seine Strategie, stets durcheinander. Manchmal blitzten ihre Augen derart, daß ich hät- te schwören können, daß sie diese Wortgefechte mit ihm genoß. Und es amüsierte sie, wenn sie ihn schockieren konnte. So fragte er sie zum Beispiel einmal, ob Rapunzel Rapunzels wirkli- cher Name sei. Sie lachte. »Nein, das ist ein Spitzname. Keine von uns benutzt ihren echten Namen. Denken Sie nur an unsere armen Familien. Rapunzel hat sich wegen ihres wunderschönen Haars für Rapunzel entschieden. Männer lieben es, wenn eine Frau ihr Haar lang und offen trägt. In dem Haus, in dem sie arbeitete, wies der Besitzer Rapunzel immer an, mit offenem Haar im Salon Platz zu nehmen. Alle wollten dann wissen, ob sie darunter irgend etwas anhatte, aber sie verriet es nicht, es sei denn, der Betreffende ging mit ihr nach oben. Ein Theaterdirektor sah sie dort und verfiel auf den Gedanken, sie in einer Pantomime als Ra- punzel auftreten zu lassen. Er muß verrückt nach ihr gewesen sein. Rapunzel war zwar die Titelrolle, aber im Grunde keine besonders gro- ße Rolle. Als sich herumsprach, woher sie kam, da feuerte das die Phantasie der Studenten in der Stadt an, und jeden Abend saßen sie dann im Parkett und riefen: ›Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herun- ter…‹ Nun, ich überlasse es ihrer Phantasie, zu entscheiden, welche Abwandlungen sie sich noch ausgedacht haben. Hervorragend für die Geschäfte des Theaters, obwohl das Publikum für ein Kinderstück ein wenig ungewöhnlich war. Die Rolle hat Rapunzel jedenfalls ihren ersten privaten Beschützer eingebracht, also kann man sagen, es war ihr Durchbruch.« »Warum haben Sie sich für Kitten entschieden?« »Mein Name ist Catherine, daher haben die Leute mich als Kind im- mer Kitty genannt Kitten schien mir für eine Kurtisane passend zu sein. So fröhlich und flatterhaft – und dann erinnert der Name noch so über- aus vorteilhaft an das Wort Pussy.« Sie bedachte Erasmus mit einem schelmischen Grinsen, und dieser duckte sich hastig hinter seine Leinwand, um sein Erröten zu verber- gen. Selbst ich wußte, worauf sie anspielte. Etwas holte Erasmus aber doch aus ihr heraus. Sie hatten über zukünftige Projekte für Erasmus gesprochen, als er mit einstudierter Beiläufigkeit bemerkte: »Wissen Sie, Madame, ich bin mir nicht sicher, ob die Anfertigung dieses Gemäldes wirklich so güns- tig für meine Karriere ist.« »Ach ja?« sagte Kitten. Ihre Stimme klang gleichgültig, aber an dem Glitzern in ihren Augen erkannte ich, daß sie die Zeichen zu deuten wußte. Erasmus wollte wieder einmal eine seiner forschenden Fragen stellen., »Ja. Ich sollte das Porträt der Ehefrau des Botschafters von Aramaya malen, aber als ich gestern das Honorar mit ihm aushandelte, erwähn- te ich zufällig, daß ich auch Ihr Porträt male, und der Mann wurde plötzlich ganz still und schickte mich fort. Und heute morgen bekam ich einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, daß meine Dienste nicht be- nötigt würden; außerdem lagen zwei Sovereigns bei.« »Ach wirklich«, sagte Kitten. »Was denken Sie, warum er sich so verhalten hat?« »Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Warum fragen Sie ihn nicht?« Erasmus konzentrierte sich auf einen besonders schwierigen Pinsel- strich. »Man munkelt, Sie seien seine lange verlorene Tochter.« »Ach? Was für ein großes Kompliment für mich! Oder man könnte auch sagen, wie ausgesprochen unfreundlich dem armen Mann gegen- über!« »Nun, er muß Sie von irgendwoher kennen. Warum wäre er sonst so erschrocken, als er Sie seinerzeit in der Oper gesehen hat. Seine Frau ist sogar in Ohnmacht gefallen.« »Diese Frau war schon immer eine Närrin.« Das war zuviel für Erasmus. »Kitten! Meine Liebe, Sie müssen es mir verraten. Ich wittere eine fabelhafte Geschichte hinter diesen Dingen. Eine Romanze, in der Wie- ge vertauschte Säuglinge, unerwünschte Kinder, die verstoßen wurden, lange verlorene Schwestern…« »Oh, Erasmus. Ist Ihnen denn nicht in den Sinn gekommen, daß der Mann vielleicht einfach nur eine alte Flamme von mir ist? Die ganze Sache ist ausgesprochen langweilig.« »Aber«, ließ er nicht locker, »wenn es sich lediglich um einen ehe- maligen Geliebten handelte, warum sollte seine Frau sich dann derart über Ihren Anblick aufregen? Nein, da steckt noch mehr dahinter.« Kitten schnitt eine Grimasse und sagte: »Ja, Erasmus. da haben Sie recht. In Wirklichkeit ist er mein lange verlorener Bruder, und ich bin der Sproß einer großen Adelsfamilie, die sogar mit dem Königshaus verwandt ist. Sind Sie jetzt zufrieden?« Da dies eine lächerliche Behauptung war, wie sie die Kurtisanen re- gelmäßig aufzustellen pflegten, war klar, daß er nichts weiter heraus- finden würde. Erasmus wandte das Gespräch klugerweise unverfänglicheren The- men zu, und sie unterhielten sich eine Stunde lang frohen Mutes über die sexuellen Vorlieben der Brüder des Herzogs. Einige Tage später fand ich heraus, daß in dem, was sie gesagt hat- te, tatsächlich ein Körnchen Wahrheit steckte., Es war einer der Tage, an denen Erasmus nicht kam. Es war ein dunkler, kalter Nachmittag, und es sah nach Regen aus. Wir saßen ge- mütlich in ihrem Boudoir. Ich las ihr aus einem Buch mit dem Titel ›Ein Diskurs über Unheilige Laute‹ vor, das uns einige Tage lang mit seinen Ansichten über die gottlose Natur der Musik prächtig amüsiert hatte. An diesem Tag war Kitten jedoch sehr nachdenklich. Sie saß am Fenster und blickte in den Garten hinaus. Ich unterbrach mich beim Lesen mehrfach, um festzustellen, ob sie noch zuhörte, aber nach eini- gen Sekunden bemerkte sie mein Schweigen stets und bedeutete mir mit einem Nicken, weiterzulesen. Der Grund für ihre Geistesabwesenheit erschien, nachdem wir etwa eine Stunde gelesen hatten. »Prinz Pyotr Deserov, der Botschafter von Aramaya, hat vorgespro- chen«, sagte Maria. »Sind Sie zu Hause, um ihn zu empfangen?« Kittens Körper versteifte sich sichtbar, bevor sie antwortete. »Ja, schick ihn hinauf. Ist er allein?« »Sein Sekretär, Lord Krazhan, ist bei ihm.« Es klang nach einem der offiziellen Besuche, bei denen ich nicht er- wünscht sein würde, aber zu meiner Überraschung hielt Kitten mich, als ich mich zurückziehen wollte, auf. »Bleiben Sie, Dion. Bitte. Sie müssen mir jedoch«, fuhr sie mit leise- rer Stimme fort, »unbedingt versprechen, nichts von dem, was Sie heute nachmittag in diesem Raum hören werden, irgend jemandem zu verraten. Vor allem nicht Erasmus.« Ihre Worte faszinierten mich, und ich nickte nur stumm. »Der Botschafter von Aramaya und Lord Krazhan«, verkündete Ma- ria. Kitten drehte sich mit einem leisen Rascheln von Seide um die eige- ne Achse. Sie trug eines ihrer prachtvollsten Gewänder an diesem Nachmittag – über und über bedeckt mit knisternder, weißer Spitze und rosenfarbenen Volants ein höfisches Gewand. Der Botschafter war ein hochgewachsener, blonder Mann. Er trug die weich fallenden Kleider seines Landes aus schwarzem, mit roten und goldenen Fäden herrlich besticktem Tuch. Sein Gefährte sah bei weitem interessanter aus als er selbst. Er war ebenfalls groß, aber dunkelhaa- rig, und dazu besaß er die hohen Wangenknochen und die wachsamen, dunklen Augen, die angeblich so typisch für die Aramayer waren. Er war zurückhaltender gekleidet, aber um seinen Hals hing ein gewalti- ges, goldenes Diadem, das zweifellos ein Abzeichen seines Amtes war. Das ausdruckslose Lächeln auf den Gesichtern beider Männer war je- doch genau dasselbe. »Katerina«, rief der Botschafter und streckte die Hände aus. »Wie, schön, dich wiederzusehen. Ah, aber ich stelle fest, daß wir nicht allein sind«, sagte er und sah mich vielsagend an. Kitten hielt die Hände entschlossen vor der Taille verschränkt. »Du hast ebenfalls deinen Magier mitgebracht, daher finde ich, ich sollte meine Magierin bei mir behalten dürfen.« Ein aramayischer Zauberer! Aber warum zeigte er diese Tatsache nicht, indem er eine Magierrobe trug? »Und da sie beide ohnehin durch die Wände lauschen würden, kön- nen wir uns wohl die Scharade sparen, sie aus dem Zimmer zu schi- cken.« »Katya, Katya, du hast hier bei den Barbaren eine so ordinäre Aus- drucksweise angenommen. Nun komm schon. Freust du dich nicht, nach so langer Zeit einen Landsmann zu sehen? Willst du uns nicht eine Erfrischung anbieten? Ich habe Neuigkeiten von unseren Famili- en.« »Natürlich freue ich mich, dich zu sehen, Pyotr. Es ist sehr nett von dir, mich zu besuchen. Bitte, setz dich doch, und erzähle mir, was es zu Hause Neues gibt. Und Sie dürfen ebenfalls Platz nehmen, Sergei. Ich sehe, daß Sie zumindest wirklich Neuigkeiten haben. Lord Krazhan. Sie haben es weit gebracht. Sehr weit, wenn man bedenkt, daß Sie aus der Familie eines Vasallen stammen.« Der Magier verbeugte sich, aber sein verbindliches Lächeln wurde von der letzten Bemerkung etwas in Mitleidenschaft gezogen. Kitten wies ihm einen geraden, hohen Stuhl direkt gegenüber meinem an, und wir setzten uns alle so, als seien wir Gegner. Kitten läutete nach Erfrischungen. »Nun, und wie geht es meiner Mutter? Mein Vater ist tot, habe ich erfahren, als ich in Sopria war.« »Ja, der arme Mann. Immer so krank und so viele schockierende Nachrichten… Aber deiner lieben Mutter geht es immer noch sehr gut, und sie lebt jetzt im Kloster St. Namestaki.« »Und Shree Tarko?« »Ist natürlich Vassily zugefallen. Aber du würdest dich freuen, wenn du es jetzt sehen könntest. Er hat große Dinge geleistet. Der Besitz und das Haus selbst sind nach einigen Reparaturen wunderschön ge- worden.« »Ich hoffe, Vassily vergißt nicht, daß es nach dem Gesetz immer noch mir gehört.« »Aber während deines Exils, meine liebe Katya, steht es unter Vassi- lys Aufsicht. Übrigens, ich bin mir sicher, daß Vassily dich wärmstens grüßen ließe, wenn er wüßte, daß ich dich hier treffen würde.« »Da scheinst du mir aber bedauerlich schlecht informiert zu sein, Py-, otr. Ich glaube, daß es andere Aramayer gibt, die schon seit einiger Zeit von meiner Anwesenheit hier wissen. Du mußt dir deine Informati- onsquellen noch einmal gründlich ansehen.« »Da hast du gewiß recht, meine Liebe. Ach, übrigens ist es mir eine große Freude, dir erzählen zu dürfen, daß Vassily jetzt Vater von fünf hübschen Söhnen ist.« »Wie schön für ihn. Und wie geht es…« Meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich von diesem verbalen Duell abgelenkt. Lord Krazhans Geist versuchte, in den meinen einzudringen, um meine Gedanken zu lesen. Das ohne vorherige Erlaubnis zu tun, stellte einen ernsthaften Bruch der Etikette der Magier dar und ließ sich mit der Unverschämtheit vergleichen, die Brüste einer Frau abzuschät- zen, indem man sie einfach abtastete. Zornig stieß ich ihn mit meinen eigenen Gedanken weg, so grob, daß sein Stuhl nach hinten kippte und er sich am Tisch festhalten mußte, um nicht zu stürzen. »Dion?« fragte Kitten hastig. »Ich bitte um Vergebung, Mademoiselle«, sagte der Magier. In diesem Augenblick kam Maria mit den Erfrischungen, und abgese- hen von den üblichen höflichen Fragen eines Gastgebers senkte sich Schweigen über den Raum, bis sie wieder gegangen war. »Nun, Katya«, sagte der Botschafter, während er mit dem Finger gegen das feine Kristall des Weinglases pochte, »du scheinst es ja un- ter den Barbaren weit gebracht zu haben. Wer hätte das gedacht? Zweifellos besitzt du eigenes Land?« »Ja, es sind jetzt vier ansehnliche Güter auf meinen eigenen Namen eingetragen. Ich würde sagen, daß ich mein Glück gemacht habe.« »Das muß doch ein gewisser Trost für dich sein. Es überrascht mich, daß Seine Lordschaft dir nicht einen seiner kleinen Titel angeboten hat.« »Das hat Seine Gnaden getan. Aber ich hielt es für klüger, das Ange- bot auszuschlagen. Ich bin überrascht, dich hier zu sehen, Fyotr«, fuhr sie fort, erhob sich dann von ihrem Stuhl und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich weiß nicht recht, wie ich deine Anwesenheit ver- stehen soll. Ist es ein Zeichen dafür, daß du mit dem Kaiser sympathi- sierst – oder besagt dein Besuch hier genau das Gegenteil? Was kann das mächtige aramayische Imperium von den ›Barbaren‹ der Halbinsel nur wollen?« Der Botschafter lümmelte sich lässig auf seinem Stuhl, hatte die Bei- ne weit von sich gestreckt und die Knöchel überkreuzt. »In dieser Hinsicht kannst du beruhigt sein, Katya. Der Kaiser schätzt unsere Familie immer noch sehr, trotz… Nun, es war Vassilys Idee, die alten Bande zwischen unserem Land und diesen Fremdlän-, dern neu zu stärken.« »Was genau meinst du mit alten Banden, Pyotr?« »Nun, Katya, natürlich die Bande, die immer zwischen Aramaya und den Ländern auf der Halbinsel existiert haben, seit aramayische Missio- nare den Barbaren, die hier leben, die Zivilisation und den Tansismus gebracht haben. Dieselben Bande, die schon vor Generationen existier- ten, als Kreuzfahrer von der Halbinsel kamen, um die Grenzen des Hei- ligen Mutterlandes vor den soprianischen Ungläubigen zu schützen.« »Und aus denselben Gründen willst du diese Bande jetzt stärken? Da wirst du meiner Meinung nach feststellen, daß diese Bande ein klein wenig zu alt sind, um sich jetzt wieder ihrer zu entsinnen, Pyotr.« »Das sagst du, aber wohin ich auch gehe, erzählt man mir von der Beliebtheit der neuen Lehre, einer Lehre, die aus Aramaya stammt und zu deren Förderung du, mein liebes Herz, wie man mir erzählt, ganz besonders beigetragen hast. Wie es scheint, ist diese Beziehung zwi- schen Aramaya und der Halbinsel vielleicht immer noch die zwischen Mutter und Kind.« Ein recht ungehaltener Ausdruck flackerte über Kittens Gesicht, als der Botschafter auf die Neue Lehre zu sprechen kam. »Wenn sich die Neue Lehre auf der Halbinsel tatsächlich auf aramay- ische Traditionen stützt, so stützt sie sich gleichermaßen auf die der soprianischen ›Ungläubigen‹. Und sie weist ganz eigene Merkmale auf, die zu studieren die beiden alten Reiche gut beraten wären. 0 nein, die Halbinsel ist den Kinderschuhen entwachsen, das versichere ich dir. Wie sonst könntest du die Tatsache erklären, daß die Heiligen Länder sich bei eurer letzten Streiterei wegen Marzorna auf Soprias Seite ge- schlagen haben?« »Ganz recht, meine liebe Cousine. Die Soprianer haben die für sie so typische Raffinesse gezeigt, indem sie sich die Angst des Patriarchen vor aramayischer Beherrschung zunutze gemacht haben; auf diese Weise haben sie uns gegenüber einen furchtbaren Vorteil gewonnen. Aramaya muß versuchen, dieses Ungleichgewicht wettzumachen, wenn es seine rechtmäßigen Gebiete zurückgewinnen will.« »Du willst also durch dein Erscheinen hier den natürlichen Wettbe- werb ausnutzen, der zwischen Gallia und dem Patriarchat herrscht. Du verschwendest deine Zeit. Der Herzog hat kein Interesse daran, Män- ner und Geld auf fremdländische Kriege zu vergeuden.« »Das hat er mir bereits erklärt. Aber ich bin mir sicher, daß ich ihn überreden könnte, seine Meinung zu ändern. Mit deiner Hilfe, liebe Cousine.« Kitten sah aus dem Fenster. »Mit meiner Hilfe?« »In der Tat. Obschon ich zugeben muß, daß ich ein wenig erschro-, cken war, dich hier so unerwartet zu sehen, Katya, mußt du doch zugeben, daß Gott uns eine gewaltige Chance eröffnet hat, indem er dich in eine so… einflußreiche Position gebracht hat.« Sie drehte sich zu ihm um. »Und warum sollte ich den Herzog dahingehend beeinflussen, daß er euch gegen Sopria zu Hilfe kommt? Welchen Vorteil könnte es haben, wenn er seine Männer und sein Geld für einen Krieg gäbe, der für ihn nicht den leisesten Nutzen hätte – und der überdies nur die Ishtaki in Aufruhr stürzen würde, die intensiv mit Sopria Handel treiben? Und warum sollte ich den Wunsch hegen, meine Position beim Herzog zu gefährden, indem ich versuche, ihn zu einem Vorgehen zu bewegen, von den er mir bereits gesagt hat, daß er strikt dagegen sei?« »Weil du, meine liebe Katerina, Aramayerin bist. Und wie sehr dir auch diese bezaubernden kleinen Länder auf der Halbinsel am Herzen liegen mögen, du kannst dir kaum wünschen, deine Tage unter Barba- ren zu beschließen. Wenn bekannt wäre, daß du deinem Land solcher- maßen geholfen hast, bin ich mir sicher, daß der Kaiser alles verzeihen würde. Und wenn das so wäre, könntest du vielleicht zurückkehren.« »Das ist gewiß ein verlockender Gedanke. Aber nein. Ich glaube nicht, daß ich meine Ländereien aufgeben möchte, vier Güter – vergiß das nicht, Pyotr, vier sehr ordentliche Güter –, und das alles nur für eine Chance, nach Hause zurückzukehren und den Rest meines Lebens in einem Kloster zu verschmachten, auch wenn dieses den Vorteil hät- te, ein aramayisches Kloster zu sein.« »Katya, Katya. Der Kaiser weiß einen guten Dienst genauso zu wür- digen wie jeder schäbige kleine Fürst auf der Halbinsel. Ich bin mir si- cher, daß er sich einer Frau gegenüber, die ihm derart geholfen hat, nicht undankbar zeigen würde.« »Würde seine Dankbarkeit zum Beispiel so weit reichen, daß er mir Shree Tarko zurückgäbe?« Ein Ausdruck wagen Unbehagens huschte über die Züge des Bot- schafters. »Wer weiß? Wirklich, Katerina. Diese Art von Verhandlungen sollten besser auf später verschoben werden.« »Aber selbst wenn mir meine Ländereien zurückgegeben würden, Pyotr, wäre ich immer noch eine Außenseiterin und in Ungnade.« »Ich bin mir sicher, meine Mutter würde nur allzugern alles Notwen- dige für deine Rückkehr in die aramayische Gesellschaft in die Wege leiten. Eine gute Heirat vielleicht.« Kittens Gesicht verriet ihre Belustigung. »Also wirklich, Pyotr! Das möchte ich sehen.« »Katya! Das ist eine ernste Angelegenheit. In ebendiesem Augen-, blick sind Truppen des Patriarchats auf dem Weg nach Sopria. Be- greifst du denn nicht, daß die Lage verzweifelt ist?« »Ich begreife nicht, was ich daran ändern könnte, Pyotr.« »Du brauchst den Herzog lediglich davon zu überzeugen, daß es sinnvoll wäre, uns jetzt zu unterstützen, weil wir ihn dann später un- terstützen würden, falls er wünschen sollte, sein eigenes Reich auszu- dehnen.« »Ich glaube, der Herzog ist sich über dieses Angebot im klaren. Er scheint sich jedoch nicht dafür zu interessieren. Aramaya hat nämlich einen ausgesprochen schlechten Ruf, was die Einhaltung von Verträgen mit kleinen Verbündeten betrifft. Ich kann mir also nicht vorstellen, daß ich in dieser Angelegenheit seine Meinung ändern könnte.« Das Gesicht des Botschafters nahm, obwohl er immer noch lächelte, einen gehässigen Ausdruck an. »Trotzdem finde ich, du wärest gut beraten, wenn du es versuchen würdest.« »Ach ja? Ich habe nicht den Wunsch, zuzusehen, wie Gallia in eurem endlosen, dummen Krieg mit Sopria aufgerieben wird. Wie kann der Kaiser nur so dumm sein, Marzorna zu wollen? Diese Leute machen ihren Eroberern doch nichts als Ärger. Warum fährst du nicht nach Hause und gibst dem Kaiser den Rat, das Gebiet den Soprianern zu überlassen? Dann können sie Männer und Geld darauf vergeuden, Mar- zorna unter Kontrolle zu halten.« Der Botschafter stand auf. Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, seinen Zorn zu verschleiern. »Du verschwendest meine Zeit, Katerina. Eine amüsante Meinung, aber kaum sehr praktikabel. Ich möchte dir vorschlagen, die Politik den Männern zu überlassen und dich auf deine besonderen Überredungs- künste zu konzentrieren. Und da deine Loyalität deinem Land gegen- über wie stets nicht genügt, um uns zu unterstützen, muß ich dir leider mitteilen, daß ich durchaus bereit bin, zum Herzog zu gehen und ihm von deinen verräterischen Aktivitäten mit Norval in Aramaya zu berich- ten. Ich bin mir sicher, daß er es interessant fände, zu erfahren, was für eine Schlange er an seinem Busen genährt hat. Kommen Sie, Lord Krazhan.« »In diesem Fall würdest du deine Zeit verschwenden, Pyotr. Der Herzog weiß bereits über Norval Bescheid. Ich war immer der Meinung, daß die Wahrheit die beste Politik ist. Er weiß alles über meine Vergan- genheit. Er weiß sogar, daß du und Vassily mich vor all diesen Jahren der Kaiserin in die Arme geworfen habt. Du kannst dir also denken, daß er eine ziemlich konkrete Vorstellung von deiner Aufrichtigkeit hat.« »Was?« Der Schock stand dem Botschafter ins Gesicht geschrieben., »Ja, mein lieber Cousin. Soll ich dem Mädchen läuten, damit es dich hinausführt? Ich könnte hinzufügen, daß ich zwar Aramaya gegenüber loyal genug bin, um nichts von den überaus unklugen Dingen zu wie- derholen, die du heute hier gesagt hast – sollte ich aber herausfinden, daß du irgendwelche Geschichten über mich verbreitest, werde ich dem Herzog mit Freuden erzählen, daß du ihn als Barbaren und – wie war das noch gleich – als ›schäbigen kleinen Fürsten‹ tituliert hast.« »Du verräterisches Miststück«, schrie der Botschafter. Seine Hand schnellte vor, um nach Kittens Arm zu greifen. »Nein!« rief ich. Ich streckte hastig die Hand aus. Ein Blitz zuckte auf, und ein prickelndes Gefühl der Macht durchströmte mich. Der Botschafter heulte auf und taumelte zurück. »Hexe«, brüllte er mich an. »Zauberin.« Kitten nahm meine beiden Hände in ihre. »Dion! Nein!« schrie sie. Ihre Hände zitterten. »Es ist schon gut«, fuhr sie etwas ruhiger fort. »Er hat nur einen kleinen Koller; nichts Besonderes bei ihm.« Der Botschafter hob abermals die Hand, aber diesmal fing Lord Krazhan sie auf. »Mylord. Nicht!« »Also, Pyotr«, sagte Kitten. »Du hast meine kleine Freundin beunru- higt, was außerordentlich unklug ist. Ich glaube, es ist jetzt Zeit, daß du uns verläßt. Meinst du nicht auch?« »Schnell, Mylord«, zischte Lord Krazhan. Er hatte nun auch den an- deren Arm des Botschafters ergriffen und hielt schützend seinen Stab vor sie beide. In seinen Zügen stand Panik zu lesen. Es erstaunte mich, zu sehen, welche Angst er hatte. Angst? Vor mir? »Glaub ja nicht, ich werde dir das durchgehen lassen, du Schlam- pe«, schrie der Botschafter, während der Magier ihn hastig zur Tür schob. »Keine Bange, mein Lieber. Ich werde dich nicht einmal im Traum unterschätzen.« Niemand hätte von der Heftigkeit, mit der ich Kitten verteidigt hatte, mehr überrascht sein können als ich selbst. Der Hitzestrahl war mir in einem Augenblick der Leidenschaft entfahren, als ich die Hand hob, um den Botschafter abzuwehren. Ich hatte meine Zauberkraft gar nicht bewußt aktiviert. Das bedeutete, daß ich wieder einmal die Beherr- schung verloren hatte wie ein dummes kleines Kind. »Vielen Dank, daß Sie mir so zu Hilfe gekommen sind«, sagte Kitten. »Das war gar nicht meine Absicht«, sagte ich. Erst als ich die Worte ausgesprochen hatte, wurde mir klar, wie sie klangen. »Ich meine, ich wollte niemanden verletzen. Ich hoffe, ich habe nichts falsch ge-, macht.« »Natürlich nicht.« Sie lächelte. Sie schien mir mein Verhalten nicht im mindesten zu verargen. Statt dessen umfaßte sie abermals meine Hände und schüttelte sich. »Was für ein unerfreuliches Zwischenspiel. Gönnen wir uns eine frische Tasse Tee.« Sie griff nach der Teekanne und füllte unsere Tassen. Ich konnte nur dastehen, meine Hände anstarren und an das blinde Entsetzen in Krazhans Zügen denken. »Dion?« »Hm.« »Es tut mir leid, wenn ich noch einmal darauf zu sprechen komme, aber Sie dürfen Erasmus wirklich nicht erzählen, was heute vorgefallen ist. Es könnte gefährlich für ihn sein, über solches Wissen zu verfügen. Verstehen Sie?« Und ich verstand tatsächlich. Der Botschafter hatte sein wahres We- sen sehr deutlich gezeigt. Aber ich konnte nicht anders – ich war neu- gierig. »War dieser Mann… Ihr Bruder?« »Mein Schwager. Wir sind außerdem Vetter und Cousine«, sagte sie. »Ich nehme an, ich schulde Ihnen eine Erklärung.« »Ihr Schwager. Dann ist seine Frau also Ihre Schwester. Die Frau, die ohnmächtig geworden ist.« »So unschuldig ist die Sache keineswegs. Jetzt müssen Sie mir aber zuerst versprechen, daß Sie Erasmus nichts von alldem erzählen wer- den.« Ich nickte. »Er ist der Bruder meines Exmannes.« Ich starrte sie entsetzt an. »Sie waren verheiratet!« »Ja. Aber ich bin unfruchtbar, verstehen Sie. In Aramaya gibt es kei- ne schlimmere Sünde für eine Frau.« »Unfruchtbar?« »Ein Reitunfall. Oh, ich war wild und dumm in jenen Tagen. Ich war die Favoritin der Kaiserin. Ich dachte, mir gehöre die ganze Welt. Ich hätte vorsichtiger sein sollen, hätte nicht über diesen Zaun springen sollen. Ich hätte überhaupt nicht reiten sollen. Als ich stürzte und das Baby verlor… es wäre ein Sohn gewesen. Vassily hat mir nie verziehen, daß ich ›sein Kind getötet‹ habe, und als er herausfand, daß ich kein anderes würde haben können, hat er sich ohne einen weiteren Gedan- ken von mir scheiden lassen. Und wieder geheiratet, wie es Sitte ist. Ich konnte nicht glauben, wie schnell er aufhörte, mich zu lieben…« Sie seufzte. Plötzlich tat sie mir so furchtbar leid. Ich legte eine Hand auf ihren, Arm. Sie lächelte ein wenig kläglich und strich mir sanft über die Fin- ger. »Ich war damals nur ein klein wenig älter als Sie, Dion, und ich ge- hörte zum Ausschuß. Eine geschiedene Frau kann nicht wieder heira- ten. Ich wurde in Schande fortgeschickt und sollte bei zwei frommen alten Tanten meines Ehemannes leben. Ebenfalls Ausschuß. Und als dann Norval kam… Herr des Himmels. Dieses Haus war die Hölle auf Erden. Nichts als Stricken und Beten, Stricken und Beten. Ich sollte es nie mehr verlassen können, solange ich lebte. Selbst wenn Norval ein fetter, alter Lüstling gewesen wäre, selbst wenn es Bischof Albenz ge- wesen wäre, wäre ich mit ihm weggelaufen.« Jetzt war sie wieder ganz Kurtisane. Sie stand auf. »Und nun ist Pyotr als Botschafter hier. Vielleicht sollte ich größeren Anteil daran nehmen, wenn mein Land in so großer Gefahr ist, daß es sich soweit demütigt, einen Botschafter zu schicken. Aber es erscheint mir wahnsinnig, Gallia in die Politik des Westens zu verstricken. Vor allem mit den Aramayern. Ich meine, man sieht ja, wie sie die Halbin- sel betrachten. Ich bin sehr froh, daß Sie da waren. Und es war eine wahre Wonne, den abscheulichen Sergei derart verängstigt zu sehen.« Mit ihren Worten brachte sie all die verworrenen Gefühle zurück, die mich zuvor bestürmt hatten. »Aber warum hatte er solche Angst?« Sie war sichtlich überrascht. »Er war sich zweifellos nicht über das Ausmaß, Ihrer Kräfte im klaren. Er kommt hier herein und denkt, er säße lediglich irgendeiner jungen Magierin gegenüber, und plötzlich findet er heraus, daß, Sie ihn im Handumdrehen auslöschen könnten, falls das Ihr Wunsch wäre.« Sie lachte. »Das ist das Wunderbare bei Ihnen. Sie sehen gar nicht so aus wie eine große Magierin.« »Aber ich bin keine große Magierin.« »Doch, das sind Sie. Natürlich sind Sie das!« Sie sah mich scharf an. »Sie sind ein bescheidenes Menschenkind, nicht wahr? Oder ist es möglich, daß Ihnen wirklich nicht bewußt ist…? Dion, was glauben Sie, warum ich eigens um Ihren Schutz gebeten habe?« »Weil ich ein Mädchen bin, und weil ich Magierin bin, und weil das eine seltene Kombination ist.« Sie lachte. »Nur auf der Halbinsel, Dion. Sie sind doch ein dummes kleines Ding. Ich habe deshalb um Sie gebeten, weil Sie die mächtigste Magierin waren, die ich finden konnte.« Was um alles auf der Welt meinte sie damit? Wollte sie mir etwas vormachen? »Als ich begriff, daß Norval auf dem Weg zu mir war, habe ich einen, Wahrsager in der Schale des Sehens nach den mächtigsten Magiern im Land Ausschau halten lassen, und er ist auf Sie gekommen. Sie waren eine Überraschung. Ich habe einen Mittelsmann zum College geschickt, um den Dekan nach Ihnen befragen zu lassen. Und er stimmte dem Wahrsager zu. Sie verfügen wirklich über unglaubliche Kräfte. Und Sie sind Norval mehr als ebenbürtig.« Ich konnte sie nur anstarren. Ein Teil meiner selbst begriff, als fiele ein blendendes Licht darauf, daß alles, was sie gesagt hatte, der Wahr- heit entsprach. Ich war tatsächlich sehr stark Ich konnte alles mögliche tun. Es war mir einfach vorher nie bewußt gewesen. Plötzlich schien es so lächerlich. Es war sehr schwierig, eine Vorstellung von den eigenen Kräften im Vergleich zu denen anderer zu gewinnen, ohne rüde deren Geist zu erforschen, wie Lord Krazhan es heute bei mir versucht hatte, oder in direkten Wettbewerb mit ihnen zu treten. Und letzteres hatte Michael mir nie erlaubt. »Unsere ganze Disziplin muß sich darauf richten, mit uns selbst in Wettstreit zu treten«, hatte er gesagt. »Es hat keinen Sinn, Vergleiche anzustellen. Dafür sind die Gaben der einzelnen Magier zu unterschied- lich.« Im College hatte es natürlich ständig Konkurrenzkämpfe unter den Studenten gegeben. Draußen auf dem Hof sprossen ständig irgendwel- che Illusionen, mit denen die jungen Magier einander beeindrucken wollten. Michael hatte immer nur ein verächtliches Schnauben für diese Art der Selbstdarstellung übrig gehabt und pflegte in diesem Zusam- menhang sarkastische Bemerkungen über junge Männer zu machen. »Sie werden’s auch noch lernen«, sagte er. »Sie werden es schon noch lernen.« Ich war zu schüchtern, um an diesen inoffiziellen Wettkämpfen teil- zunehmen, daher hatte ich nie gewußt, wie meine Fähigkeiten im Ver- gleich zu ihren abschnitten genaugenommen hatte ich mich nie beson- ders für diese Frage interessiert. Aber jetzt fiel es mir wieder ein. Sie hatten nie etwas getan, das ich nicht auch hätte tun können. Niemand, nicht einmal die Lehrer hatten jemals mehr getan, als ich tun konnte. Und mir fiel in diesem Zusammenhang auch wieder ein, was mit Prälat Newsanhausen und Ryart Dashalle passiert war. Das war ganz einfach gewesen. Wahrscheinlich war ich wirklich eine sehr gute Magierin. Eine ausgesprochen gute Magierin. Plötzlich erfüllte mich eine gewaltige, schwindelerregende Freude, als wäre die Sonne aufgegangen, um in meinen Adern zu lachen und zu singen. Es war ein schöneres Gefühl als der beste Zauber, den ich je gewoben hatte. »Ist es möglich, daß Sie wirklich nicht über Ihre eigenen Fähigkeiten, Bescheid wissen?« fragte Kitten. »Ich habe nie gedacht, daß ich besonders viel tauge…« Sie lachte, schlang die Arme um mich und küßte mich auf die Wange. »Nun, meinen Glückwunsch! Hier.« Sie streifte sich ein diamantbesetz- tes Goldarmband vom Handgelenk und legte es mir auf den Kopf. »Ich kröne Sie jetzt zum ›Großen Magier‹. Oh, sehen Sie sich nur an!« Sie schüttelte mich sachte, und das Armband fiel zu Boden. »Sie sind ja ganz erstaunt und benommen. Es ist auch erstaunlich. Man stelle sich vor, daß Sie die ganze Zeit über keine Ahnung von ihrer eigenen Kraft hatten.« Sie lachte. »Wissen Sie«, fuhr sie fort, »ich erinnere mich an diese Geschichte über den kleinen Stoffball, die sie mir erzählt haben. Die Magie muß bei Ihnen eine Art Instinkt sein. Sie scheinen immer dann besonders gut zu sein, wenn Sie nicht bewußt an einen bestimmten Zauber den- ken.« »Das könnte durchaus sein.« Es war mir nie in den Sinn gekommen, daß es nicht bei allen Magiern so war, aber tatsächlich hatten die meisten der Studenten am College nichts von ihren Fähigkeiten gewußt, bis sie die strengen Prüfungen bestanden hatten, mit deren Hilfe das College nach begabten jungen Leuten suchte. Jeden Sommer reisten die älteren Mitglieder des Stabs durch das Land, um mögliche Studenten ausfindig zu machen. »Wie ist es möglich, daß Sie sich so lange Ihrer eigenen Kraft nicht bewußt waren?« fragte Kitten. In gewisser Weise fiel es auch mir schwer, das zu verstehen, obwohl der Gedanke andererseits noch so neu war. daß ich es selbst kaum glauben konnte. Wie war es möglich gewesen? Ich erzählte Kitten von Michael und seinen Gedanken, was den Wettstreit mit anderen Magiern betraf. Aber noch bevor ich mit meinem Bericht am Ende war, wußte ich, daß noch mehr dahintersteckte. Ich begann, Kitten von Michael und meiner Erziehung zu erzählen. Es war das erste Mal, daß ich wirklich mit ihr über ihn sprach. Im hintersten Winkel meines Denkens betrachte ich die beiden immer noch als natürliche Feinde, daher vermied ich es aus Loyalität, ihn ihrer Kri- tik preiszugeben. Jetzt erzählte ich ihr alles von unserem gemeinsamen Leben, von meinen Gefühlen nach seinem Tod, von meiner festen Ü- berzeugung, daß er von mir enttäuscht war. Sie hörte zu. Ihr Gesicht hatte wieder diesen undurchdringlichen Ausdruck angenommen. Gele- gentlich unterbrach sie mich mit Fragen wie: »Warum glauben Sie, Sie hätten in seinen Augen versagt?« »Er hat es gesagt. Glaube ich jedenfalls. Er hat häufig gesagt… ich, weiß nicht. Er hat mich adoptiert, um zu beweisen, daß man Frauen höhere Magie beibringen kann. Ich weiß, daß er zu dem Schluß kam, daß es nicht möglich sei.« Und als ich ihr wiederholte, was Michael zu mir gesagt hatte und wie häufig er über meine Unbeständigkeit und meine ungestüme Art den Kopf geschüttelt hatte, sagte sie: »Ich fürchte, dein Ziehvater hat nichts von Kindern verstanden. Kin- der sind ungestüm und unbeständig.« »Aber…« »Nun, sind Sie denn heute noch so?« »Ich finde die Magie immer noch sehr ermüdend. Die kniffligen, klei- nen Rituale ärgern mich. Was ist das, wenn nicht Unbeständigkeit?« »Klingt für mich eher nach gesundem Menschenverstand. Der Unter- schied zwischen Kindern und Erwachsenen besteht darin, daß Erwach- sene hinnehmen, daß sie langweilige, aber notwendige Dinge tun müs- sen. Es ist nicht so, daß Sie plötzlich blind für diese Dinge wären. Gen- ny erzählt mir häufig, wie monoton manche Zauber sind.« Alles gewann eine ganz neue Bedeutung, wenn man es ihren Blicken preisgab. Wie zum Beispiel Michaels ständiges Getue und seine War- nungen, nur ja nicht zu stolz und zu selbstsicher zu sein oder mich zu Oberflächlichkeiten hinreißen zu lassen oder den Neid meiner Mitmen- schen zu erregen. Ich hatte immer vermutet, daß er sich deshalb so benahm, weil ich nichts taugte, aber jetzt wies Kitten mich darauf hin, daß das genau die Dinge waren, die ein ängstlicher Vater zu einem Kind sagen würde, das seine Sache sehr gut machte, vielleicht aber nicht vorsichtig genug damit umging. »Dein Ziehvater war ein sehr kluger Mann«, sagte sie. »Aber wir alle haben unsere Grenzen, Sie geben selbst zu, daß er sich in manchen Dingen geirrt hat. Ihr ganzes Leben lang hat er Ihnen erzählt, wer Sie sind, wie alle Eltern es tun. Sie sagen selbst, daß er stets mit Lob geiz- te. Das Ergebnis war, daß er Sie über Ihren eigenen Wert im unklaren ließ. Aber ganz gleich, was früher war, jetzt ist es an der Zeit für Sie, aufzuhören, sein Urteil als die Wahrheit zu betrachten. Sie müssen selbst herausfinden, wozu Sie in der Lage sind und wozu nicht. Wir dürfen den Menschen nicht immer erlauben, uns zu sagen, wer wir sind. Woher sollen andere die Antwort auf diese Frage kennen, wenn sie die Welt nicht durch unsere Augen sehen?« Sie sah mich eindringlich an. »Wenn ich Sie betrachte, sehe ich keinen Menschen, der ein hoff- nungsloser Fehlschlag ist. Ich sehe eine junge Magierin, die sich ihrer selbst noch sehr unsicher ist, die aber voller Möglichkeiten steckt, vol- ler unbegrenzter Möglichkeiten. Unbegrenzt, weil sie noch unerprobt ist, und niemand auch nur zu ahnen vermag, welche Grenzen ihr gesteckt sind. Ich habe Sie Zauber wirken sehen, ohne daß Sie auch nur ein einziges Wort gesprochen hätten. Was glauben Sie, wie viele Magier das zu tun vermögen?« Diese Worte versetzten mich unwillkürlich in Hochstimmung. Es war, als hätte ich bisher Angst gehabt, mich in meiner eigenen Haut zu re- cken, aus Furcht, sie könne zu klein sein und unter meinem Druck bersten. Jetzt hatte ich es plötzlich getan, und ich stellte fest, daß diese Haut so gewaltig war, daß ich wild mit den Armen rudern konnte. Ich wollte Kitten fragen… ich bin mir nicht sicher, was ich sie fragen wollte. Ich war ein wenig ängstlich und wollte von ihr wissen, was ich tun sol- le. In diesem Augenblick klopfte Maria an der Tür. »Madame, ich habe Ihr Blauseidenes zurechtgelegt. Die Kutsche wird in einer halben Stunde hiersein.« Dämmerung. Wir hatten den ganzen Nachmittag lang geredet, und plötzlich bemerkte ich, wie dunkel es im Zimmer geworden war. »Himmel! Ist es schon so spät? Dion, ich muß gehen. Leon haßt es, wenn man ihn warten läßt.« Sie drückte meine Hand. »Ich möchte Ih- nen noch einmal für heute nachmittag danken.« Dann sprang sie auf und stürzte ins Ankleidezimmer. Ich konnte sie und Maria dort herumhuschen hören. Mit einemmal fühlte ich mich trä- ge und desorientiert, als hätte ich zu lange geschlafen. Ich saß einfach nur auf dem Sofa. Kitten schien mich zu verstehen, denn als sie wieder zum Vorschein kam, sagte sie: »Warum bleiben Sie nicht einfach noch ein Weilchen ruhig hier sitzen? Maria bringt Ihnen noch etwas Tee. Mir scheint, Sie haben vieles, über das Sie nachdenken wollen.« Sie strich mir über den Kopf, sagte Lebewohl und eilte davon, wäh- rend Maria hinter ihr herlief, um ihr noch ein wenig Puder auf den Rü- cken zu tupfen. Maria brachte tatsächlich frischen Tee. Ich saß noch lange allein in diesem freundlichen Zimmer, bis es völlig dunkel draußen war und das einzige Licht von den warmen Kohlen im Kamin kam. Ich kann den Aufruhr in mir nicht beschreiben. Meine Gedanken san- gen und wirbelten durcheinander. Konnte es sein, daß ich wirklich gro- ße Macht besaß? Ich konnte nicht glauben, daß mir das nie zuvor auf- gefallen war. Ich erinnerte mich an den Jubel, den Triumph, den ich empfand, wenn die Magie mich durchströmte. Es war so offensichtlich. So offensichtlich. Mein Kopf füllte sich mit einer berauschenden Vision meiner Selbst, wie ich mit ausgestreckten Armen die Magie durch mei- nen Leib pulsieren ließ und der Himmel aufriß. Plötzlich spürte ich, daß es nichts gab, womit ich nicht fertig werden konnte. Ich fühlte mich, voller Kraft. Und frei. Das Taschentuch, das ich die ganze Zeit über in meinen Händen ge- dreht hatte, riß. Meine Muskeln waren angespannt von der Intensität meiner Gedanken. Ich blickte auf meine Hände hinunter und lachte. Ich fügte das Taschentuch wieder zusammen – Michael hätte es gewiß als mutwillige Verschwendung von Magie bezeichnet –, sprang auf und warf es hoch in die Luft. Es blieb natürlich nicht dort oben, sobald ich es vergessen hatte, aber wen scherte das schon? Ich wollte in den Gar- ten hinausgehen, die Gehwege entlangstürmen und wild mit den Armen rudern. In diesem Augenblick hörte ich ein Geräusch in Kittens Schlafzim- mer. Ein lautes Dröhnen, gefolgt von einem langsamen, kratzenden Geräusch. Die Haare standen mir zu Berge. Maria war schon lange fort. Sie hatte die anderen Räume verdunkelt, und es war ganz still, bis auf dieses plötzliche Geräusch. Ich entzünde- te eine Kerze und ging widerstrebend in das Schlafzimmer, um nach- zusehen. In dem Raum war es still; die samtenen Vorhänge bewegten sich wie dicke, dunkle Leichentücher im Kerzenschein und umrahmten große Löcher: die Spiegel. Ich fragte mich, wie Kitten in diesem Raum schla- fen konnte. Es war unheimlich. Jedesmal, wenn ich mich bewegte, er- haschte ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung in einem meiner vielen Spiegelbilder. Ein Kasten mit Schmuck war vom Ankleidetisch gefallen. Er hatte sich geöffnet, und Ringe und Ohrringe ergossen sich auf den Fußboden. Ich hob den Kasten auf. Er war nicht beschädigt. Ich stellte ihn auf den Tisch und machte mich daran, händeweise Juwelen wieder an ihren Platz zu befördern. Einige der Stücke waren wunderschön, besetzt mit Edelsteinen, die im Kerzenschein aufblitzten. Ich hielt inne, um einen besonders kunstvoll geschmiedeten goldenen Rubinring zu bewundern. Da ertönte eine gewaltige Stimme. »Der könnte dir gehören.« Dämonenaugen blickten in die meinen. Er hatte das Gesicht gegen das Glas des Spiegels gepreßt, nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich machte einen Satz zurück und starrte ihn mit offenem Mund an. »Hallo, kleines Mädchen«, sagte Bedazzer. »Heute lachen wir nicht, wie?« Ich konnte diesmal nur seine Brust und seinen Kopf sehen. Ein ge- waltiger Eindruck. Und sehr nahe. Wie war er hierhergekommen? Ich hatte doch nicht an ihn gedacht, oder? Er lachte. »Ein köstlicher Gedanke, mein liebes kleines Mädchen., Aber nein. Du brauchst nicht an Bedazzer zu denken, um ihn in deiner Nähe zu haben. Ich beobachte. Ich beobachte dich ständig.« »Ständig?« krächzte ich. Mein Mund war so trocken, daß man die Worte kaum hören konnte. Würde, Dion, Würde. Er schwenkte eine krallenbewehrte Hand. »Ich bin ständig an jedem Tor. Ich bin immer bei dir. Heute habe ich mich dir gezeigt. Ich habe deinen kleinen Geist gespürt, wie er sich immer im Kreis drehte. Du brauchtest Bedazzer. Ich kam.« Er legte eine Hand auf seine harte Brust. Seine Haut war wie ge- gerbtes Fell. Ich konnte sie beinahe spüren. Ich schluckte. Mein Herz jagte. Hab keine Angst. Er kann nicht her- ein. »Du hast recht, es besteht kein Grund, Angst zu haben. Du bist in deiner Welt. Ich bin in meiner. Ich kann nicht durchkommen, es sei denn, du hilfst mir. Du bist absolut in Sicherheit.« Wie ein Tiger es sagen würde, bevor er einen fraß. Was er sagte, mußte jedoch die Wahrheit sein, denn wenn er in unserer Welt wäre, wäre er da draußen und plünderte alles menschliche Leben in unserem Universum. So wie Dämonen es taten. Wir starrten einander an. »Ich habe deine Gedanken gespürt.« Seine Stimme war ungeheuer tief und heiser. Sie hallte in meinen Knochen wider. Sie hatte eine zwanghafte Anziehungskraft, wie sie eine Nadelspitze auf die Finger- kuppe ausübt. »Einen Augenblick dachtest du, du wärest ein Gott, nicht wahr, kleines Mädchen. Du hast entdeckt, was sie vor dir verborgen gehalten haben. Sie haben versucht, dich schwach und unwissend zu halten. Sie haben dir dein Geburtsrecht verwehrt.« »Wie?« Aber ich wußte, wen er meinte. Michael und die Lehrer im College. Sie mußten es gewußt haben. Warum hatten sie es mir nie gesagt? Natürlich geizten sie alle mit Lob. Und Michael hatte Angst um mich gehabt… »Ha!« schrie der Dämon. Plötzlich war er in jedem Spiegel im Zim- mer und unter der Decke. Ich war umringt von Bedazzers, die mich alle anfauchten, mit Stimmen, wie das Heulen von Katzen und das Brüllen von Wölfen. Stimmen wie Schläge. »Er hatte Angst vor dir, kleines Mädchen. Angst und Eifersucht. Wie konnte ein bloßes Mädchen größere Macht besitzen als er? Er war wirk- lich wütend. Verängstigt. Er mußte dich beherrschen, also hielt er dich in Unwissenheit, hielt dich von anderen Magiern fern, schmälerte dich, gab dir die ganze Zeit über das Gefühl, nutzlos zu sein, damit du nicht denken konntest: Das habe ich gut gemacht. Ich verstehe mich auf diese Sache. Warum hat keiner von ihnen es dir je erzählt? Keiner die-, ser Freunde von Michael? Sie wußten es alle. Sie alle haben dich zum Narren gehalten. Siehst du nicht, daß es eine Verschwörung des Schweigens war? Weil sie alle Angst vor dir hatten. Sie mußten dich beherrschen. Du warst zu mächtig. Und, das schlimmste von allem, du warst eine Frau. Und Magier verachten Frauen.« Ich kauerte schwitzend und zitternd auf dem kalten Bett. Ich war wie benommen. Es war furchtbar. Es war die Wahrheit. Die Wahrheit. Wa- rum hatten sie es mir nie gesagt? Konnte Michael…? Hatte Michael…? Bitterkeit erfüllte mich, eine Bitterkeit, die sich gegen ihn richtete. Bit- terkeit und das Gefühl, verraten worden zu sein. Übergangslos wurde die Stimme des Dämons leiser und dann sanft und liebkosend, beinahe wie eine Berührung. »An jenem anderen Tag, dem ersten Tag, an dem ich an das Tor kam und du mir so mühelos Widerstand geleistet hast… da habe ich es gespürt. Da wußte ich, daß du einer der größten Magier warst, den die Welt je gesehen hat. Du könntest ein Gott sein. Du könntest alles ha- ben, was du willst. Du könntest die Welt beherrschen.« Ich fragte mich, ob er wußte, wie hohl es mir erschien, die Welt zu beherrschen. Vor allem jetzt. Der Raum war erfüllt von einer Million alles durchdringender Flüster- stimmen. »Ja«, zischte er. »Die Welt zu beherrschen erscheint dir heute völlig nichtig. Aber schon bald wirst du der Leute müde sein, die dir sagen, was du tun sollst. Du wirst es müde sein, daß sie dich wie eine Närrin behandeln. Du wirst dich beweisen müssen, damit sie dir für das, was du bist, Respekt erweisen, damit sie zu schätzen wissen, was du tust. Oder willst du für alle Zeit ein Nichts bleiben und unbeachtet?« Er breitete die Hände aus und lehnte sich gegen die Spiegel. Sein Gesicht mit den großen Reißzähnen nahm einen freundlichen Ausdruck an. Er sah aus wie ein braver, großer Hund. Mein großer Hund. »Wenn die Zeit kommt, da du in all deiner Herrlichkeit offenbar wirst, werde ich dasein. Um dir zu helfen. Um dir zu dienen. Ich werde dich auf Reisen durch die Wunder der vielen Welten führen. Es wird eine Allianz zwischen zwei großen Mächten sein, den Mächten deiner und den Mächten meiner Welt. Siehst du es nicht vor dir, kleines Mäd- chen? Es wird etwas Großes, etwas Flammendes und Wunderbares sein.« Er trat einen Schritt von dem Tor zurück, und, siehe da, dort waren die wirbelnden Sterne, die nicht länger hart und kalt schienen, sondern heiß und glorreich; sie stürzten von allen Seiten auf mich zu, kamen näher und näher, bis sie die Welt mit ihrem blendenden, brennenden Leuchten erfüllten und sich in meine Gedanken bohrten., Größe. Ich sah mich emporgehoben, leuchtend, die Hände ausstre- ckend, alles umfassend. Freiheit, Erlösung, Freude, ewiges Glück. Er war in dem Spiegel über mir, preßte sich dagegen, die Augen halb geschlossen. Berauscht. »Es wäre mir eine unendliche Freude, eine Herrin von großer Macht zu haben«, schnurrte die tiefe Stimme. Die Art, wie er das Wort Herrin aussprach, jagte mir ein Kribbeln über die Schenkel. »Ich werde immer für dich dasein. Ich warte.« Die kalte Oberfläche des Spiegels drückte hart auf mein Gesicht. Ich preßte mich gegen ihn nach oben, an die Decke. Wenn ich nur hin- durchgreifen und ihn berühren könnte… Ich schrie und machte mich mit aller Gewalt frei. Stürzte mit einem federnden Aufprall auf das Bett. Er grinste breit, leckte sich die Lippen und fuhr mit der Hand über den Spiegel. »Laß dir von deiner Angst nicht das Vergnügen verderben«, gurrte er. Wieder wünschte ich mir mehr als alles auf der Welt, ihn zu berüh- ren. Ich streckte abermals die Hand aus. Die Vertrautheit dieser Geste, die Erinnerung daran, wie ich beim letzten Mal auf ihn zugegangen war. brach den Bann. Ich prallte zurück Zauberworte kamen mir in den Sinn. Worte der Macht, Worte der Zerstreuung. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen und sprach sie aus. Er schrak zurück, aber er lachte. »Nun gut, kleines Mädchen. Ich werde gehen, wenn das dein Wunsch ist. Du bist Bedazzer durchaus gewachsen.« Lachen hallte überall um mich herum wieder, und plötzlich war er fort. Ich konnte das Flackern der Kerze in dem stillen Schlafzimmer hö- ren. Ich stand auf und rannte, so schnell ich konnte. Jetzt wollte ich nur noch die Sicherheit meines spiegellosen Schlaf- zimmers, obwohl ich jetzt wußte, daß auch diese Sicherheit eine Illusi- on war. Ich lag auf meinem Bett, sämtliche Kerzen im Zimmer brann- ten, und ich weinte aus reiner Verwirrung und Angst. Dann dachte ich daran, was er mir über Michael gesagt hatte, und ich weinte, weil es so wahr zu sein schien. War es die Wahrheit? Ich hatte immer fest darauf gebaut, daß mein Ziehvater nur das Beste für mich wollte. Hatte er in Wirklichkeit versucht, mir zu schaden? Um wie vieles besser war es da, mir vorzustellen, er sei einfach irregeleitet gewesen. Wie Kitten es ge- sagt hatte. Wieviel besser, das zu glauben, als mir vorzustellen, er hät- te mich belogen. Aber er hatte mir immer wieder gesagt, daß ich schwach sei, töricht, jeder Dummheit fähig. Er hatte mich nie gemocht. Vergessen war mein Gefühl der Macht. Ich lag stundenlang da,, schluchzte, quälte mich mit meinen Gedanken und war außerstande, die Sache so oder so zu entscheiden. Es dämmerte schon beinahe, als ich endlich in einen fiebrigen Schlaf fiel, der erfüllt war von jenem blendenden Licht und dieser sanften, schnurrenden Stimme. Als ich erwachte, war ich immer noch bekümmert. Es fiel mir schwer, mich auf das Acht-Uhr-Ritual zu konzentrieren, aber die Magie half mir, klarer zu denken. Bevor der Dämon gekommen war, war ich so glück- lich gewesen. Er hatte mir diesen Augenblick reinster Freude gestoh- len. War das der Grund, warum er diesen Moment für sein Erscheinen gewählt hatte? Es war grausam, so grausam – und das schien zu ei- nem Dämon zu passen. Außerdem hatte er gelogen. Natürlich hatte er gelogen. Was er über Michael gesagt hatte, konnte nicht die Wahrheit sein, ganz gleich, wie gut die verschiedenen Dinge zusammenpaßten. Die bloße Tatsache, daß der Dämon es gesagt hatte, machte alles zu einer Lüge. Ich versuchte, Trost aus diesem Gedanken zu ziehen. Ich konnte es nicht. Oh, ich war eine Närrin! Michael hatte mich völlig rich- tig beurteilt. Ich konnte mich nicht dazu bringen, die Worte des Dä- mons als Lüge abzutun. Er war zu gerissen. Er konnte meine Gedanken lesen, mit meinen Ängsten spielen. Ich durfte ihn nie wieder zu mir sprechen lassen. Ich würde ihn augenblicklich zerstreuen. Beim nächs- ten Mal. Und daß es ein nächstes Mal geben würde, dessen war ich mir si- cher. Einmal mehr drängte der gesunde Menschenverstand mich, zum Dekan zu gehen und ihm alles zu erzählen, aber dafür hatte der Dä- mon jetzt zu viele Zweifel gesät. Es widerstrebte mir mehr denn je, den Männern am College meinen Irrtum zu enthüllen, ihnen zu ver- trauen und mich in ihre Gewalt zu begeben. 8. Kapitel Der Gedanke, Michael könnte mir mit Absicht das Wissen um meine eigenen Fähigkeiten vorenthalten haben, quälte mich. Er mußte sich darüber im klaren gewesen sein, daß ich über große Macht verfugte. Es war einfach undenkbar, daß er es nicht gewußt hatte. Einen Magier über seine eigenen Kräfte im Ungewissen zu lassen, war ein Akt atem- beraubender Verantwortungslosigkeit, denn auf diese Weise setzte man den Magier der Korruption durch böse Mächte aus. Wahrscheinlich hat- te allein meine Unwissenheit den Dämon angelockt. Ich muß tief inner- lich immer das Gefühl gehabt haben, daß Michael wirklich etwas an mir lag, denn jetzt war ich von meinem Argwohn am Boden zerstört. Ob-, wohl ich versuchte, meinen Kummer zu verbergen, fragte selbst Eras- mus mich während der nächsten Tage zweimal, ob irgend etwas nicht stimme. Auch Kitten stellte mir diese Frage, aber sie tat es auf so geschickte Weise und erwischte mich noch dazu in einem Augenblick der Schwä- che, so daß ich in Tränen ausbrach und ihr von meinen Befürchtungen, was Michael betraf, erzählte. Sie hörte sich meine Überlegungen in aller Ruhe an und deutete die Situation ihrem Charakter entsprechend so, daß sie erträglich schien. »Wir werden vielleicht nie erfahren, was Ihren Ziehvater bewogen hat, Sie im unklaren zu lassen. Aber ich kann einfach nicht glauben, daß er ein böser Mensch war«, sagte sie. »In diesem Falle hätte er aus Ihrem Talent weit größeren Profit ziehen können, als er es getan hat. Nach allem, was Sie von ihm erzählt haben, scheint er lediglich außer- ordentlich verworren gedacht zu haben. Vielleicht war ihm das Ausmaß Ihrer Unwissenheit gar nicht bewußt. Vielleicht hat er diese Unwissen- heit aufrechterhalten, weil er glaubte, Sie auf diese Weise zu schützen. Es gibt viele mögliche Gründe für das, was er getan hat. Sie dürfen nie vergessen, daß er, ganz gleich, wie schlecht er es gemacht hat, doch das Beste für Sie getan hat. Stellen Sie sich nur vor, Sie wären in die- sem Landgasthaus groß geworden, nicht nur in Armut, sondern mögli- cherweise auch in Not und Elend.« »Das stimmt«, pflichtete ich ihr nachdenklich bei. »Meine ungenutzte Kraft wäre ein Fluch für mich gewesen. Ich wäre eine leichte Beute für alle möglichen skrupellosen Wesen geworden.« »Er muß Sie gern gehabt haben. Warum hätte er Sie sonst nicht in dieses Gasthaus zurückgeschickt, nachdem er Sie hinreichend studiert hatte?« »Er hat mich oft mitgenommen und mich vor seinen Freunden zau- bern lassen«, murmelte ich. »Ich war wie sein Hund, der Kunststück- chen zeigte.« »Nun, dann muß er sehr stolz auf Sie gewesen sein«, sagte sie. Das war nicht der Standpunkt, den ich von ihr erwartet hatte. Plötz- lich erschienen mir die Dinge nicht mehr gar so kraß. Ich fühlte mich seltsam getröstet. Dämonen sind eben doch Lügner, sagte ich mir. Auch ihr Vorschlag, ich solle mit dem Dekan des Colleges über Mi- chaels Verhalten reden, war mir ein gewisser Trost. Aber während ich noch versuchte, meinen Mut für einen Besuch beim Dekan zusammen- zuraffen, verbannte ein anderes Ereignis alle Gedanken an mich selbst aus meinem Kopf. Denn plötzlich, zu Beginn des Sommers, befand Gallia sich im Wür- gegriff einer Seuche, jener mysteriösen und furchtbaren Krankheit, die, schon bald als ›Prostituiertenkrankheit‹ oder allgemeiner als ›Huren- schlaf‹ bekannt werden sollte. Die Krankheit tauchte das erste Mal gegen Ende des Frühjahrs auf, als es draußen langsam wärmer wurde. Der erste Fall, den ich zu sehen bekam, war eine junge Frau, eine Wäscherin und Gelegenheitsprostitu- ierte, die von zwei Hafenarbeitern ins Hospital getragen wurde. Sie erklärten mit einer Mischung aus Verlegenheit und derben Spaßen, daß einer ihrer Freunde die Frau für die Nacht zu sich geholt habe. Als er am Morgen erwachte, lag sie bewußtlos draußen vor der Tür. Während unserer ganzen Untersuchung wachte die Frau kein einzi- ges Mal aus ihrem tiefen Schlaf auf. »Das ist eine überaus merkwürdige Krankheit«, sagte Genny. »Ich habe bereits vier oder fünf dieser Fälle gesehen. Es scheint keine tat- sächliche Erkrankung vorzuliegen, kein Fieber, keine Entzündung. Die Haut der Patienten ist bleich, sie haben dunkle Ringe unter den Augen und ihr Puls ist verlangsamt. Sie alle scheinen etwa zwanzig Stunden am Tag in einem tiefen Schlaf zu verbringen, aus dem man sie kaum wecken kann. Das Ganze sieht nach einer extremen Erschöpfung aus, nicht wahr? Und jetzt sehen sie sich einmal das hier an.« Sie hielt mir die magische Linse hin, die sie benutzte, um sich die Lebenskraft der Patienten anzusehen. Ich blickte hindurch. Statt von dem goldenen Schimmer eines gesunden Menschen eingehüllt zu sein, war die junge Frau umgeben von einem dünnen, bräunlichen Schatten, den man gewöhnlich an Sterbenden sah. »Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden!« »Genau, aber wohin ist ihre ganze Lebenskraft gekommen? Sie kann nicht einfach verschwunden sein. Wenn es dieser Frau ergangen ist wie den anderen, gab es gestern nacht noch keinerlei Anzeichen dafür, daß sie krank war.« Sie seufzte. »Wenn Sie wüßten, welche Schwierigkeiten ich gestern hatte, den Vater eines Jungen davon zu überzeugen, daß sein Sohn nicht einfach eine ordentliche Tracht Prügel brauche, um ihm seine Faulheit auszu- treiben.« Genny vertrat die Theorie, daß die Krankheit das Ergebnis von Vam- pirismus war. Trotz des großen Einflusses der Magie auf der Halbinsel war Vampirismus hier nicht unbekannt. Selbst ich hatte Opfer dieser Wesen gesehen. »Aber Menschen, die von Vampiren gebissen wurden, fehlt es an Blut, nicht an Lebenskraft«, wandte ich ein. »Diese Frau zeigt keinerlei Anzeichen für Blutverlust.« »Das stimmt«, sagte Genny. »Und ich konnte keinerlei Bißwunden, finden. Nichtsdestoweniger habe ich das College der Magie davon in Kenntnis gesetzt, daß ich Vampire in der Stadt vermute. Es scheint die logischste Erklärung für diesen seltsamen Verlust an Lebenskraft zu sein. Es könnte durchaus Formen von Vampirismus geben, denen wir bisher noch nie begegnet sind. Wenn das College die Stadt nach Unto- ten absucht, werden sie mit etwas Glück den Schuldigen finden, bevor weitere Fälle auftreten.« Unglücklicherweise erwiesen sich Gennys Hoffnungen als falsch. Die Zahl der Opfer nahm täglich zu, bis wir, kurz nach meiner zweiten Be- gegnung mit dem Dämon, schließlich begriffen, daß wir es wirklich mit einer Art Seuche zu tun hatten. Wenn es Vampire in Gallia gab, hatten sie einen erstaunlichen Appetit, denn in den frühen Wochen des Som- mers sahen wir manchmal bis zu sechzig neuer Fälle dieser Krankheit in einer Woche. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Gallianer noch keine Ahnung davon, was sich in ihrer Mitte ereignete. Obwohl Genny mit Bedacht die Behörden und das College der Heiler informierte, machte man sich dort zu Anfang kaum Sorgen wegen der Krankheit. Unser Hospital war die Hauptanlaufstelle für solche Fälle, da die meisten von ihnen den ärms- ten Teilen der Gesellschaft entstammten. Die Krankenhäuser, die ein Honorar verlangten, bekamen nur sehr wenige Fälle zu Gesicht. In je- nen frühen Tagen taten die Menschen das Ganze als eine Art Ge- schlechtskrankheit ab, da viele ihrer Opfer – aber keineswegs alle – tatsächlich Prostituierte der einen oder anderen Art waren. Und zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich mit der Einstellung konfrontiert, daß eine Krankheit, die die Stadt von Prostituierten säuberte, keine gar so schlechte Sache sei. Kratzt man ein wenig an der Oberfläche eines scheinbar freundlichen Gallianers, kommt darunter höchstwahrschein- lich ein genauso mürrischer und engstirniger Mensch zutage, wie man sie bei den Anhängern des Morianischen Brennenden Lichts fand. Einzig die Erkenntnis, daß ich noch vor vier Monaten möglicherweise bis zu einem gewissen Grad derselben Meinung gewesen wäre, mäßigte mei- nen Zorn über diese Sichtweise. Viele der Opfer waren im übrigen keine gewerbsmäßigen Huren, sondern Fischweiber oder Weberinnen oder ähnliches, Frauen und Jun- gen, die sich an den Docks des Flusses verkauften, weil sie in irgendei- ner Krisensituation Geld brauchten. Viele von ihnen wurden von ängst- lichen Familien oder Freunden zu uns gebracht, nachdem sie am Mor- gen plötzlich nicht mehr wach wurden. Gott weiß, wie viele andere Seuchenopfer niemandem auffielen oder als betrunken abgetan wurden und unbemerkt zwischen den Wollballen und den Jägerhäusern am Hafen verhungerten und starben., Niemand erholte sich von der Krankheit; das war das schlimmste daran. Ihre Opfer schliefen den größten Teil des Tages und schleppten sich in den wenigen Stunden, die sie wach waren, in erschöpfter Be- nommenheit dahin. Ihre Körper schienen die Lebenskraft, die so plötz- lich verschwunden war, nicht erneuern zu können. Da sie häufig die Hauptbrotverdiener ihrer Familie waren, brachte der Hurenschlaf gro- ßes Leiden über die Hafenviertel. Aber unser Hauptproblem waren nicht die Patienten mit Familien. Für sie zumindest wurde zu Hause gesorgt. Aber bei manchen Menschen brachte die Krankheit die schlechtesten Eigenschaften zutage. Einige Patienten wurden von den Menschen, die sie liebten, im Stich gelassen, sobald die Diagnose feststand. Schon bald waren die Krankenhausbetten mit solchen traurigen Fällen belegt. Da die Krankheit überdies in Ruf stand, ein Geschlechtsleiden zu sein, erschien auch mehr als ein Patient zerschunden und blutig geschlagen in unserem Hospital. Im frühen Sommer war meine Arbeit in der Klinik beinahe zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden. Der Sommer brachte ohnehin eine Zunahme der normalen Fieberkrankheiten mit sich und damit noch mehr Arbeit für uns. Ich übernahm so viele der gewöhnlichen Patien- ten, wie ich nur konnte, damit Genny sich den Seuchenpatienten wid- men konnte. Abgesehen von kurzen Ausflügen nach Hause, um das Schutzritual zu erneuern, war ich vom frühen Morgen bis spät in die Nacht im Hospital. Manchmal schlief Genny sogar an ihrem Schreibtisch dort ein, und ihr Leibwächter sah sich vor die Wahl gestellt, sie entwe- der nach Hause zu tragen oder selbst zu versuchen, auf dem Untersu- chungstisch zu schlafen. Auch wenn ich zu Hause gewesen wäre, um ihr vorzulesen, wäre Kit- ten nicht dort gewesen. Die Seuche betraf sie genausosehr wie uns. Zu Anfang des Sommers verwandte sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, Betten und Geld aufzutreiben, um den Kranken zu helfen. Es war eine undankbare Aufgabe. »Der Ruf dieser elenden Krankheit läßt die Milch menschlicher Freundlichkeit extrem spärlich fließen. Die Leute betrachten Prostituier- te nicht als verdienstvolle Arme‹. Und sie haben Angst, sie könnten ihre Seelen gefährden, indem sie Prostituierten vor dem Lohn ihrer Sünde schützen. Selbst die Mitglieder der Honigschwesternschaft sind knauserig geworden. In ihrem Falle, denke ich, ist es vielleicht Aber- glaube. Aber die Pflegeheime geben nur unständigen Patienten‹ ein Bett, und obendrein erwarten sie, das übliche Honorar bezahlt zu be- kommen. Und abgesehen von St. Belkis sind die religiösen Orden äu- ßerst zurückhaltend mit ihrer Bereitschaft, Betten zur Verfügung zu stellen. Erst seit ich darauf hinweise, welch hervorragende Gelegenheit, die Krankenpflege bietet, um die Sündigen zu erlösen, erreiche ich ü- berhaupt etwas. Und wie ein erlöster Sünder behandelt zu werden, ist wohl kaum die ideale Bedingung, um sich von einer Krankheit zu erho- len. Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, wenn ich daran denke, was ich da in Gang gesetzt habe.« Es war eine böse Zeit für uns alle drei, aber ich fand sie auch sehr erfüllend. Genny bei der Arbeit mit den Kranken zu beobachten und Zeugin ihrer langwierigen, gewissenhaften Erforschung dieser Krank- heit zu werden, stellte alles, was ich bisher über die Heilkunst geglaubt hatte, auf den Kopf. Zum ersten Mal war ich davon überzeugt, daß es sich um einen Berufszweig handelte, der eine echte Herausforderung an die Intelligenz darstellte. Plötzlich konnte ich mir durchaus vorstel- len, dieser Kunst mein Leben zu widmen. In ihrem Bemühen, das Wesen der Krankheit zu erforschen oder zu- mindest ein Heilmittel zu finden, machte sie sich genaue Notizen über jeden Patienten und jede Behandlungsmethode, mit der sie es versuch- te. Ihre Forschungsarbeiten erinnerten mich an das, was Michael und die anderen Magier aus meiner Bekanntschaft getan hatten, aber die unmittelbare praktische Anwendung ihrer Arbeit begeisterte mich. Nacht für Nacht saß, ich bei ihr, half ihr, ihre Notizen durchzusehen und diskutierte mit ihr über ihre Ideen. Genny war immer noch davon überzeugt, daß der Krankheit eine Art von Vampirismus zugrunde liegen müsse, aber das College der Magie hatte in der Stadt keine Untoten entdeckt, und es hatte einen erbitter- ten Briefwechsel gegeben, als sie Gennys Gründe für ihre Anfrage er- fuhren. Die Opfer selbst waren auch keine Hilfe. Sie wiesen nicht nur keine der gewöhnlichen Symptome eines Vampirangriffs auf, sondern konnten sich zum Teil sogar daran erinnern, krank geworden zu sein. Das Opfer eines Vampirs erinnert sich für gewöhnlich an gar nichts. Es war seltsam, wie häufig die Krankheit mit der Begegnung mit einem gutaussehenden Kunden zusammenfiel, aber die Beschreibungen der Kunden, die sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts waren, wichen so sehr voneinander ab, daß es sich unmöglich um ein und die- selbe Person handeln konnte. Während Vampire ausschließlich bei Nacht aktiv wurden, hatten einige dieser Kontakte bei hellem Tages- licht stattgefunden. War es möglich, daß eine Gruppe von Vampiren in der Stadt Gallia ihr Unwesen trieb? Vampire, die ihren Opfern die Le- benskraft aussaugtcn, die als Untote nicht auszumachen waren und sich auch in jeder anderen Weise von gewöhnlichen Vampiren unter- schieden? Genny sah sich gezwungen, andere mögliche Ursachen in Betracht zu ziehen. Vielleicht war es eine Art Nahrungsmittelvergiftung oder eine ganz neue Krankheit., »Möglicherweise«, sagte Genny, »weist die Erkrankung keinerlei Symptome auf, bis sie zum Ausbruch kommt.« Sie schrieb nach Ishtak, um festzustellen, ob dort Fälle dieser Krank- heit bekannt geworden seien, aber ich wußte, daß sie diesbezüglich keine große Hoffnung hatte. Da sie die Ursache der Krankheit nicht finden konnte, konzentrierte sie sich schließlich auf die Frage, wie sie die Erholung der Patienten fördern könne. Wir hatten es bereits mit den traditionellen Heilmitteln gegen Erschöpfung versucht, mit massiven Dosen bestimmter Kräuter und den Wiederbelebungszaubern, und niemand konnte behaupten, die Patienten bekämen nicht genug Schlaf. Es mußte also etwas völlig Neues ausprobiert werden. »Wenn es Ihnen an Lebenskraft gebricht«, überlegte Genny, »ließen sich vielleicht Wege finden, diese zu erneuern.« Sie begann, die Patienten mit Dingen zu ernähren, die eine gewisse Lebenskraft enthielten. Dingen wie Milch, die schließlich die Quelle des Lebens war, die eine Mutter ihren Kindern spendete, und frischen Früchten, von denen man in gewisser Weise sagen konnte, sie seien noch lebendig. Es waren Nahrungsmittel, die die Armen, die überwie- gend von Haferbrei lebten und, wenn sie Glück hatten, gelegentlich von eingelegtem Fisch, noch nie zuvor gesehen hatten. Die Patienten waren so schwach, daß sie nur Püriertes oder Fruchtsäfte zu sich nehmen konnten, aber bei dieser Diät erholten sie sich langsam. Einige der we- niger schweren Fälle konnten nach Hause gehen, um ganz gemächlich bei der leichten Hausarbeit zu helfen oder auf Kinder aufzupassen, ob- wohl sie nie wieder richtig würden arbeiten können. Eines Tages kam Genny dann mit einem Eimer Blut ins Hospital. Sie war auf dem Weg zum Krankenhaus beim Schlachthof vorbeigegangen. »Gestern abend«, erklärte sie, »bin ich zu dem Schluß gekommen, daß frisches Blut eine gute Quelle der Lebenskraft sein müsse. Das ist viel- leicht auch der Grund, warum die Untaten es so mögen. Es ist ein ab- scheuliches Heilmittel, aber ich finde, wir sollten es ausprobieren.« Und tatsächlich: Frisches Blut, je frischer, desto besser, und ge- mischt mit Milch, um es erträglicher zu machen, war ein voller Erfolg. Es ging den Patienten sehr schnell viel besser. Frisches, rohes Fleisch war ebenfalls gut, obwohl es schwierig war, die Patienten dazu zu be- wegen, es zu essen. Erst am späten Abend, als das Hospital für den Tag geschlossen wurde, und alle Patienten unter der Aufsicht der Nonnen fest schliefen, konnten Genny und ich uns hinsetzen und einen Blick auf ihre Notizen werfen. Das war der angenehmste Teil des Tages, wir tranken Wein und unterhielten uns über die Behandlungsmethoden und alle mögli-, chen anderen Dinge. Häufig war auch Simonetti bei diesen Gesprächen anwesend, ein immer wachsamer, aber wohlwollender Schatten in der Ecke des Raums, der uns Gesellschaft leistete, während Gennys Leib- wächter die Tür bewachte. Manchmal gesellte sich auch Mutter Theo- dosia zu uns. Sie nahm lebhaften Anteil an den Fortschritten der Seu- che und war einige der wenigen religiösen Pflegerinnen, die Verständ- nis für unsere Bemühungen zeigten. Wir waren jedoch erleichtert, daß sie an dem Abend, an dem wir et- was sehr Besorgniserregendes über die Prostituiertenkrankheit ent- deckten, nicht anwesend war. Wir sprachen darüber, warum roher Fisch, der in Gallia als Delikatesse galt und den die Patienten ohne wei- teres gegessen hätten, kein so wirksames Heilmittel war wie rohes Fleisch, das die meisten von ihnen haßten. »Nun, ich nehme an, mit Tierfleisch läßt sich die Lebenskraft besser erneuern, weil Tiere dem Menschen ähnlicher sind als Fische«, unter- brach Simonetti uns, dessen glitzernde Augen während unserer Diskus- sion zwischen mir und Genny hin und her gewandert waren. »Verste- hen Sie, Tiere haben rotes Fleisch, und dasselbe gilt für Menschen. Ist doch logisch, daß sie die für Menschen am besten geeignete Art von Lebenskraft besitzen.« Genny und ich starrten ihn an. Die Konsequenzen dieser These dämmerten uns allen dreien beinahe gleichzeitig. »Aber wenn das stimmt…«, sagte ich. »Dann wären menschliches Fleisch und menschliches Blut das beste Heilmittel«, beendete Genny den Satz. Wir sahen einander an. »Heiliger Belkis«, sagte Genny, »ich hoffe, daß niemand außer uns auf diesen Gedanken kommt.« »Ich hoffe, daß niemand bei Hofe krank wird. Diese Bastarde würden Säuglinge essen, bevor man sich versieht«, sagte Simonetti. Ich war Kitten dankbar, daß sie mir erlaubte, soviel Zeit im Hospital zu verbringen, wo ich sie doch eigentlich beschützen sollte. Aber sie schien es für durchaus vernünftig zu halten. Es war Simonetti, der nör- gelte, der mich ständig warnte, irgend etwas in der Reserve zu halten, und der mir sagte, daß ich zu erschöpft sei und es Zeit würde, nach Hause zu gehen. Es stellte sich heraus, daß seine Sorge berechtigt war. Obwohl ich das Ritual gewissenhaft pünktlich alle vier Stunden er- neuerte, hinderte das zu meinem Ärger den Dämon offensichtlich nicht daran, jederzeit ohne Vorwarnung auf einen freundschaftlichen Besuch bei mir hereinzuschauen, und zwar immer dann, wenn ich zufällig mit, einem Spiegel allein war. Es gab überall im Haus Spiegel, in der Ein- gangshalle, in den Salons, ja, es gab sogar einen über der Treppe. Ich hatte einige ermüdende Tage damit verbracht, sie alle mit Schutzrunen zu belegen. Das glänzende Silber und die sauberen Fensterscheiben machten mir zwar ebenfalls Sorgen, aber ich beschloß, nichts deswe- gen zu unternehmen, bis sich herausstellte, daß es wirklich notwendig war. Ich hatte neue Einblicke in das Wesen der Dämonen gewonnen. Ihre Magie mußte nach völlig anderen Prinzipien organisiert sein als die Ma- gie der Menschen, so daß Dinge wie Schutzzauber für sie bedeutungs- los waren. Die Magie, die Michael mich für den Umgang mit Dämonen gelehrt hatte, Runen des Schutzes und der Umleitung, mit deren Hilfe man sich vor den Dämonen verstecken können sollte, waren ganz ge- wöhnliche Magie und offensichtlich nicht besonders wirksam. Die einzi- ge andere Magie gegen Dämonen, die mir bekannt war, war der Große Gesang, der Zauber, mit dessen Hilfe die Vereinten Weißen Colleges Smazor in seine eigene Dimension zurückgeschickt hatten. Der Gesang enthielt Worte, die ich noch nie zuvor gehört hatte, und ich fragte mich, ob er vielleicht der Dämonenmagie zuzurechnen war und nicht der Magie der Menschen. Der Gedanke an Dämonenmagie machte mich neugierig. Es wäre überaus interessant gewesen, herauszufinden, wie Bedazzer funktionierte. Ich erkannte in dieser Neugier jedoch den schmalen Pfad, der in die Nekromantie hinabführte, und unterdrückte meinen Wissensdurst. Dann war da noch Norval. Das Schutzritual richtete sich zwar gegen ihn, aber auch da erwies es sich zu meinem Ärger als lückenhaft. Ob- wohl Norval sich nicht auf Kitten als die geschützte Person konzentrie- ren konnte, war mir bereits klargeworden, daß er mich sehen konnte. Ich war jetzt überzeugt davon, daß er es gewesen war, der mich gleich nach meiner Ankunft hier beobachtet hatte, und nicht der Dämon. Ei- nes Tages zu Beginn des Sommers hatte ich eine Begegnung mit ihm, die mir eine weitere Schwachstelle in der Schutzbarriere zeigte. Es war noch früh am Morgen, und ich ging im Garten spazieren, be- vor ich zur Arbeit ins Krankenhaus aufbrechen wollte. Es war ein schwüler, windiger Tag. Der Himmel war von jenem leichten, seltsamen Grau, wie man es an heißen Tagen oft erlebt, ein Himmel, der ein Un- wetter ankündigt. Ein heißer, staubiger Wind wogte unablässig in den Bäumen. Er ließ den Garten lebendig erscheinen; Pflanzen wisperten und zischten und produzierten fortwährend irgendwelche Bewegungen, die ich aus den Augenwinkeln wahrnahm. Einmal hörte ich das Schar- ren kleiner Krallen hinter mir und führ erschrocken herum, aber es war nur eine kleine Wolke getrockneter Blätter, die über den steinernen, Gehweg geweht wurden. Ich hatte mich entschlossen spazierenzugehen, weil ich seit einer Stunde an plötzlich quälenden Kopfschmerzen litt. All meine Nerven waren schmerzhaft angespannt. Es war ein Gefühl, als würden sie im- mer weiter gedehnt und langsam durch ein Loch in meiner Stirn gezo- gen. Meine Haut fühlte sich fiebrig an. Ich dachte, nach dem Spazier- gang würde es mir vielleicht bessergehen. Statt dessen kam mir der Garten unter der Benommenheit der Kopfschmerzen langsam unwirk- lich vor. Während ich zwischen den raschelnden Rosenbüschen umherging und zusah, wie ihre dornigen Hände nach dem Himmel griffen und ihre Blüten vom Wind zerrissen und in armseligen Fetzchen über den Weg geweht wurden, sah ich eine dunkle Gestalt in einer Kapuzenrobe am Ende des Pfads stehen. Ich hielt inne und starrte die Gestalt an. Irgend etwas stimmte da nicht. Ein Windstoß führ in die Rosen um mich her- um und raubte mir für einen Augenblick die Sicht. Die Gestalt war fort. Mit jähem, kribbelndem Entsetzen wußte ich, daß nichts Lebendiges in dieser Robe gewesen war, daß kein Gesicht die Dunkelheit unter der Kapuze ausgefüllt hatte. Ich drehte mich um, um wegzulaufen. Und da stand sie direkt hinter mir, eine gewaltige, dunkle Gestalt. Sie stand nicht auf dem Boden. Ich schrie auf und trat in die Rosenbüsche zurück Die Dornen rissen meine Haut auf, und ich blutete. Dann waren meine Kopfschmerzen plötzlich wie weggeblasen, und meine Sicht und meine Sinne wurden wieder klar. Ich stieß die Hand vor und sprach die Worte der Zerstreuung. Ein Blitzstrahl der Macht schoß durch die Robe. Hinter der Gestalt schmolz ein Stückchen Schotter zu einer kleinen Pfütze zusammen. Unter der Kapuze wurde Lachen laut. Die Gestalt schlug die Kapuze zurück und enthüllte ihr Gesicht, und ich begriff, daß man mich zum Narren gehal- ten hatte. Die Gestalt war lediglich eine Projektion. Die Umrisse ihres Gesichts und ihrer Hände waren unscharf und durchscheinend, und ihre Haut hatte die falsche Farbe für den taghellen Garten. Auf ihrem Ge- sicht flackerten die Schatten eines Feuers, das an einem anderen Ort brannte. Die Projektion warf den Kopf zurück und lachte. Einen Augenblick lang begriff ich nicht, wer da vor mir stand, denn Kitten hatte mir er- zählt, daß Norval vernarbt sei, und das Geschöpf vor mir war wunder- schön. Es hatte das gleichmäßige Gesicht eines Engels, bleich mit blauen Augen und rubinroten Lippen. Etwas unmenschlich Sauberes und Ordentliches umgab dieses Wesen. Jedes einzelne dunkle Haar auf seinem Kopf lag ordentlich an seinem Platz. Seine Zähne waren wie, Perlen in dem lachenden, roten Mund. War dies auch der Dämon, nur in einer anderen Gestalt? dachte ich in panischem Schrecken. Aber wenn er es war, was tat er dann hier im Garten, und warum hatte er eine Projektion seiner selbst in solch schö- ner Gestalt geschickt? Meine ausgestreckte Hand zitterte. Würde, Dion, rief ich mich zur Ordnung, eine Projektion kann dir nichts anhaben. Ich fühlte mich versucht, sie zu zerstreuen, aber ich wußte, daß das töricht gewesen wäre. Vernünftiger war es, abzuwarten und herauszufinden, was sie zu sagen hatte. Ich zog meine zitternde Hand zurück und trat aus den Rosenbüschen heraus auf den Weg. Die Projektion hatte aufgehört zu lachen, und betrachtete mich nun mit spöttischer Belustigung. »Wer bist du? Was willst du?« Die Gestalt verneigte sich. »Mademoiselle«, sagte sie, »ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen. Es überrascht mich, daß Sie mich nicht kennen. Ich bin Nor- val, Ihr Feind. Vielleicht bin ich auch Norval, Ihr Freund.« Das also war der Grund für meine Kopfschmerzen. Ich hatte gespürt, daß Norval eine Projektion durch die Schutzbarriere schickte. Gott und Engel! Wie hatte er das gemacht? Ich hoffte nur, daß er sie nicht wirk- lich durchbrochen hatte. Aber die Barriere schien in Ordnung zu sein. Norval war eindeutig nur eine Projektion. Ich hoffte, daß er sich auf diesem Wege nicht auch Kitten präsentierte. »Was tun Sie hier?« fragte ich. Ich konnte nicht dagegen an – ich war wütend. Soviel zu dem Schutzzauber. Und schlimmer noch, Norval konnte sich nicht ohne Aufwendung beträchtlicher Magie projizieren, Schwarzer Magie, von der das College behauptet hatte, sie könne auf der Halbinsel nicht mehr benutzt werden. Irgendwie mußte er an ihren Wachen vorbeigekommen sein. Norval war immer noch belustigt. »Ich weiß, daß Sie nach mir gesucht haben. Ein kluger Plan. Es ist Zeit, daß wir uns unterhalten. Wir haben soviel zu bereden, soviel ge- meinsam, Sie und ich. Wir sind schließlich beide Magier. Damit sind wir unter der Oberfläche einander ähnlicher als gewöhnliche Sterbliche.« Norval hatte das ganze Gehabe und die Mimik eines Höflings. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck freundlicher Besorgnis angenommen. Auch wenn eine gewisse Wahrheit in seinen Worten lag, bekam ich eine Gänsehaut, so sehr erinnerte mich das Ganze an Rosalinda und ihren Verrat. »Und wir sind beide Opfer von Kitten Avignon.« »Wie das?« Ich fühlte mich sofort in eine Abwehrhaltung gedrängt. »Meine liebe junge Magierin, ich kann nicht glauben, daß Ihnen Ihre, Verbindung mit dieser Hure gefällt. Eine Verschwendung Ihrer kostba- ren Zeit. Eine Verschwendung meiner kostbaren Zeit. Denn Magier verdienen etwas Besseres als dies.« Ich wünschte, er würde gehen. Seine Argumente klangen langsam genau wie die dieses dummen Prälaten in der Kutsche. »Die Antwort darauf ist einfach«, fuhr ich ungehalten auf. »Warum vergessen Sie dann nicht die ganze Sache und gehen weg?« Norvals Gesicht nahm einen unendlich geduldigen Ausdruck an. »Di- on, Dion, seien Sie doch nicht so.« Ich sah ihn finster an. Es war einfach, einer Projektion gegenüber feindselig aufzutreten. Er faltete die Hände. »Dion, ich bin mir sicher, daß wir einen Plan zu unserer beiderseiti- gen Befriedigung ausarbeiten können. Etwas, das uns beide aus dieser unendlich ermüdenden Situation befreit. Aber wenn Sie sich weiter so benehmen, werden wir nirgendwo hinkommen. Ich kann nicht einfach gehen. Ich habe geschworen, die Welt von Katerina Deserovs Gift zu befreien, und um unser aller Willen muß. ich meinen Plan in die Tat umsetzen.« »Ich sehe keinen Grund, warum ich einem Geisterbeschwörer dabei helfen sollte, irgend jemanden zu töten.« »Sie hat Ihnen gesagt, ich sei ein Geisterbeschwörer? Kluges Mist- stück. Sie vergiftet Ihr Leben, Dion, genauso, wie sie meins vergiftet hat, genauso, wie sie das Leben eines jeden Menschen vergiftet, mit dem sie in Kontakt kommt.« »Dann sind Sie also kein Geisterbeschwörer?« »Würde ich hier vor Ihnen stehen und mit Ihnen reden, wenn ich ei- ner wäre? Wir befinden uns hier auf der Oesteradd-Halbinsel. Wenn ich ein Geisterbeschwörer wäre, hätte man mich schon vor einigen Minuten erwischt und getötet. Nun gut, ich habe tatsächlich gelegentlich einige Dinge getan, die die weißen Magier hier nicht tun. Aber ich bin ein ganz gewöhnlicher Magier wie Sie selbst. Sehen Sie. Keine Dämonen, die um mich herumwirbeln. Kitty versteht sich so geschickt darauf, Wahrheit und Lügen miteinander zu verweben. Das können Sie an ihrem Leben ablesen, wenn Sie sich die Mühe machen, genauer hinzusehen. Ver- trauen Sie ihr nicht, Dion. Sie wird Sie verraten, so wie sie mich verra- ten hat.« Er seufzte. »Wahrscheinlich hat sie Ihren Kopf mit lauter Halbwahrheiten über mich gefüllt. Ich bin kein schlechter Mensch. Rachsüchtig, ja. Aber wenn Sie meine Geschichte anhören würden – Sie würden mich verste- hen.«, Ich fühlte mich hin und her gerissen zwischen Furcht und Neugier. Ich wollte keine bösen Geschichten über Kitten hören, aber was, wenn sie mich belogen hatte? »Zweifellos haben Sie Angst, schlimme Dinge über sie zu hören. Sie sind nicht der erste Mensch, der ihrem Bann erliegt Ich war ein junger Adeliger, als ich sie kennenlernte. Jetzt bin ich ein Verbannter, fern der Heimat, arm, von Sorgen gebeutelt…« Er hielt inne, als wäre er von Kummer überwältigt, schüttelte dann den Kopf und fuhr fort. »Sie war schon immer eine Hure. Das liegt in ihrem Wesen. Sie hat die Moral einer läufigen Hündin. Sie war jünger, als Sie es jetzt sind, und berüchtigt für ihre Affären. Den Gerüchten zufolge hat sie sogar die Kaiserin verführt, die bis dahin die Frömmste der Frauen gewesen war. Vor allem vor ihren Verführungskünsten sollten Sie sich in acht nehmen, meine liebe junge Frau. Die Schande, die sie über ihre Familie gebracht hat! Sie gehörten zu den hochstehendsten Persönlichkeiten im Land, und sie hat sie mit ihrer Hurerei gedemütigt Ihr armer Ehe- mann liebte sie so sehr, aber sie kennt kein anderes Gefühl als niedri- gere, brünstige Begierde. Am Ende bestand seine Familie darauf, daß er sie verstieß. Er war so gütig, wie man es sich nur vorstellen kann, streute das Gerücht, sie sei unfruchtbar, sorgte dafür, daß sie alles hatte. Danach war er ein gebrochener Mann. So geht sie mit Menschen um. Sie ist eine Zerstörerin der Unschuldigen. Als ich sie fand, lebte sie auf der Straße, ließ sich für ein paar Pfen- nige von schmutzigen Bauern an die Wand pressen. Ich hatte sie im- mer bewundert. Ich konnte es nicht ertragen, sie in diesem entwürdi- genden Zustand zu sehen. Ich rettete sie, nahm sie in meinem eigenen Haus auf, sorgte für sie. Erst später begriff ich, daß ich einen Fehler gemacht hatte, daß sie diese entwürdigende Fleischeslust brauchte, um ihre unersättliche Gier zu stillen.« Was er sagte, paßte zu dem, was ich früher von Huren gedacht hat- te, aber ich lebte jetzt lange genug bei Kitten, um zu wissen, daß die Wahrheit weitaus vielschichtiger war. Ich war mir sicher, daß diese unersättliche, von Begierden getriebene Frau nicht Kitten Avignon sein konnte. Norvals Stimme war leise und eindringlich. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel; er schien von starken Gefühlen beherrscht zu wer- den, als sähe er, blind für seine Umgebung, nur irgendeine schreckliche Vergangenheit vor sich. »Ich kann nicht lügen. Ich liebte sie, obwohl ich wußte, daß sie es nicht wert war, obwohl ich den Schweiß anderer Männer auf ihrer Haut riechen konnte, obwohl sie mich in die schmutzigsten Hofintrigen ver- wickelte, obwohl sie es auf den Thron selbst abgesehen hatte. Es war, alles Teil ihrer Rache. Sie wollte die Macht, damit sie die Deserovs de- mütigen und zerstören konnte; sie wollte den armen Vassily Deserov dafür bestrafen, daß er sie verstoßen hatte. Dieses Verhalten beweist, was für ein Ungeheuer sie in Wirklichkeit ist. Um ihre Ziele zu errei- chen, hat sie eine ganze Reihe von uns verführt, einige der besten und intelligentesten jungen Männer der Blüte des aramayischen Adels. Wir waren alle so jung, und sie war so… wir waren ihre Sklaven. Sie hat uns zu Sklaven ihrer stinkenden Möse gemacht.« Er war ein Besessener; seine Stimme klang bitter und rauh, und sein Gesicht war eine Maske bösartigen Hasses. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Wir fanden bald heraus, was für ein Ungeheuer sie ist. Sie hat sich übernommen, wie diese Frauen es immer tun, und sie hat uns alle mit sich gerissen. Als die Wachen des Kaisers sie festnahmen, hat sie sich mit ihrem Charme wieder befreit, hat sie glauben gemacht, sie sei in Wirklichkeit das Opfer. Und schlimmer noch. Sie hat uns alle verkauft, um ihre eigene Freiheit wiederzuerlangen. Ich weiß, daß das die Wahr- heit ist. Einer, der dabei war, hat es mir erzählt. Sie hat uns an den Kaiser verraten, hat jeden einzelnen von uns als Gegenleistung für ihr Leben mit Namen genannt. Wir wurden ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Viele wurden getötet. Alle diese guten, starken, jungen Män- ner. Aber Katerina wurde sicheres Geleit bis zur Grenze gewährt.« Er schrie jetzt. »Ich habe einen Schwur geleistet, daß ich sie finden und uns alle rä- chen würde. Ein so monströses Geschöpf verdient den Tod. Eine Frau, die so viele Männer zerstört hat. Die mich zu dem gemacht hat, was Sie heute vor sich sehen. Sehen Sie mich an! Sehen Sie mich an, wie ich wirklich bin und schaudern Sie!« Das Gesicht der Projektion veränderte sich. Es wurde älter, härter, die Haut zog sich straff über die Wangenknochen, so daß es beinahe wie das Antlitz eines Skeletts aussah. Eine große Narbe erstreckte sich über eine Wange und zog auf dieser Seite Norvals Mundwinkel hinun- ter. Aber das war alles. Nach seinen Worten hatte ich mit etwas Furchtbarem gerechnet. Eine so schwere Entstellung schien es mir nicht zu sein. War das die Wunde, die soviel Haß verursacht hatte? Etwas, das Kitten über Norvals Eitelkeit gesagt hatte, kam mir wieder ins Gedächtnis. »Sie sind alles, was zwischen mir und meiner gerechten Rache steht. Ich habe einmal versucht, sie zu töten, aber damit habe ich sie nur verjagt. Ich habe Sopria gerettet, aber auf Gallias Kosten. Sehen Sie in Ihr Herz. Merken Sie denn nicht, daß sie hier wieder auf ihre alten Lis- ten zurückgreift? Die Mätresse des Herzogs. Es ist nur eine Frage der, Zeit, bis er ihren Ränken erliegt und sie die Kontrolle an sich reißt. Stellen Sie sich nur vor, er würde sie heiraten. Was würde dann aus diesem armen Land werden? Eine Frau ohne Moral oder Zurückhaltung, die alles vergiftet. Wenn Sie dieses Land lieben, wird Ihnen Ihr Gewis- sen sagen, was Sie tun müssen. Wer ist diese Frau, daß Sie sie schüt- zen sollten? Eine verdorbene Schlampe…« Er senkte die Stimme und stieß eine Reihe von Obszönitäten aus. Speichelbläschen erschienen auf seinen Lippen, während er sich seiner Gehässigkeit hingab. Seine substanzlosen Hände streckten sich nach mir aus. Obwohl sie nur ins Leere griffen, sprang ich angewidert zu- rück. »Nein!« rief ich. Einige Sekunden lang hatte ich ihm wirklich zuge- hört. Norvals Worte hatten zum Teil mit dem übereingestimmt, was respektable Leute, Leute wie Master John und Michael, über Kitten ge- sagt hätten, und damit hatte er mich vorübergehend eingelullt. Aber jetzt war er zu weit gegangen. Ich fühlte mich unsauber, während ich ihm zuhörte. Wie von selbst kamen mir die Worte des Zerstreuungsri- tuals über die Lippen. »So ist das also«, sagte er. »Auch Sie sind ihrem Zauber erlegen.« Sein Gesicht veränderte sich. Es war erschreckend zu sehen, wie schnell es sich veränderte. Die Besessenheit und der Haß waren ausge- löscht und an ihre Stelle trat wieder die höhnische, zynische Maske des Höflings. Und er war wieder wunderschön. »Ich wünsche Ihnen viel Freude mit ihrer verkommenen Herrin. Sa- gen Sie ihr, ich freue mich schon darauf, abermals ihr Blut zu schme- cken.« Ich begann mit dem Ritual zur Zerstörung einer Projektion. Er lach- te, obwohl er es gespürt haben mußte. Schon jetzt wurde seine Projek- tion verschwommen. »Oh, ich habe Ihre Kraft gespürt, Sie Kind der Macht. Sie haben mir große Unannehmlichkeiten bereitet, Sie elendes, kleines Geschöpf. Sparen Sie sich den Atem. Ich wollte ohnehin gehen.« Und fortwar er, spurlos verschwunden, bis auf die kleine Pfütze ge- schmolzenen Schotters auf dem Weg, der nun langsam abkühlte. Ich nahm mir nicht die Zeit, länger nachzudenken, sondern rannte und rannte, bis ich das Haus erreicht hatte und dann die Treppenflucht hinauf, die mir plötzlich endlos erschien, und in Kittens Zimmer. Maria kam mir auf der Schwelle entgegen und hielt mich am Arm fest, als ich versuchte, mich an ihr vorbeizudrängen. »Was denken Sie, wo Sie hingehen?« »Kitten?« »Sie schläft. Sie können da nicht hineinstürmen und sie stören.«, »Bitte, ich muß sie sehen.« Maria blickte erschrocken auf. »Was ist passiert?« »Bitte, gehen Sie einfach hinein und stellen Sie fest, ob es ihr gut geht.« Maria erbleichte. »Dann kommen Sie wohl besser mit mir.« Wir öffneten die Tür von Kittens Zimmer und spähten hinein. Ich konnte nur ihren Körper auf dem Bett ausmachen, umhüllt von war- mer, parfümierter Dunkelheit. Ob der Atem, den ich hörte, ihrer oder unserer war, ließ sich nicht feststellen. Vielleicht beobachtete ich nur eine leere Hülle, während ich die ganze Zeit über glaubte, alles sei in Ordnung. »Bitte«, flüsterte ich Maria zu. »Meinen Sie, wir können sie we- cken?« »Ich bin schon wach«, sagte Kitten aus dem Bett. Sie setzte sich auf und stützte sich träge auf einen Ellbogen. »Wo liegt das Problem?« »Oh, Madame, es tut mir leid. Aber Mademoiselle Dion kam hier her- eingestürzt und bestand darauf, daß etwas nicht in Ordnung wäre.« »Nein! Nein, Maria, du hast recht getan, auf Dion zu hören. Das war genau richtig. Und da du schon einmal hier bist, könntest du jetzt auch gleich die Vorhänge aufziehen.« Sie hob die Hand, die sie zuvor am Körper gehalten hatte. Es lag ein Messer darin. Sie ließ es unter das Kissen gleiten, und ihr Gesicht war hart und ernst, als sie es tat. War das das Gesicht von Norvals Unge- heuer? Eine Frau, die ein Messer unter ihrem Kissen aufbewahrte? Nein, das war lächerlich. Norval war offensichtlich verrückt. Das Zimmer füllte sich mit Licht. Es blitzte auf ihrem langen, blonden Haar und den weichen, weißen Bettüchern auf. Sie sah beinahe engels- gleich aus, als sie jetzt die Hand nach mir ausstreckte und sagte: »Was ist passiert, Dion? Was ist los?« Es wäre besser gewesen, wenn ich nicht gekommen wäre. Jetzt wür- de ich ihr sagen müssen, was geschehen war. Es wäre besser gewesen, wenn sie nie davon erfahren hätte. Ich trat ans Bett und erlaubte ihr, meine Hand zu nehmen. »Es ist Norval. Ich habe ihn gerade gesehen.« Sie keuchte, und ihre Hand umklammerte meine Finger. Wenn nichts anderes mich hätte überzeugen können, das hilflose Entsetzen in ihren Zügen hätte mir endgültig klargemacht, daß Norvals Beteuerungen Lügen waren. »Wer war es? Der echte Norval?« »Nein. Nein. Nur eine Projektion.« »Wie? Hat die Schutzbarriere versagt?« »Nein. Es war nur eine Projektion. Sie konnte keinem von uns beiden, etwas Böses zufügen, daher war sie in der Lage, die Barriere zu über- winden.« »Sie meinen…« Sie legte die Hände vors Gesicht. »O Gott!« »Was?« »Sie meinen, ich könnte eines Morgens aufwachen und ihn sehen…« »Nein. Der Zauber beschützt Sie mehr als mich. Von einem Magier nimmt man an, daß er in der Lage ist, sich zu schützen, auch ohne… Es wäre sehr schwierig für Norval, irgendeinen Zauber auf Sie zu konzent- rieren.« Sie lehnte sich in die Kissen zurück und schlang die Arme um ihren Leib. Sie war so bleich wie die Laken. Noch nie hatte ich sie so voller Angst erlebt. Es erschreckte mich. Ich hätte sie am liebsten in die Arme genommen und ihr gesagt, daß ihr nichts geschehen würde. »Sind Sie da sicher?« »Ja«, sagte ich, obwohl ich langsam mein Zutrauen in einen Schutz- zauber verlor, der so viele Mängel aufzuweisen schien. Ich wollte sie jedoch nicht noch mehr erschrecken. Ihre Hände zitterten. Sie holte tief Luft. »Es tut mir leid. Dieser Mann macht mir wirklich angst. Ich möchte nicht eines Morgens aufwachen und ihn hier finden. Es wäre… es wäre mein Ende.« ›Schuldgefühle‹, sagte eine leise Stimme in meinem Kopf. ›Sie hat Angst vor den Schuldgefühlen, die sie übermannen werden, wenn sie ihn sieht.‹ »Gehen Sie weg, Norval«, sagte ich zu der Stimme. »Er macht auch mir angst«, bemerkte ich laut. »Was ist passiert?« »Wir haben geredet. Er hat versucht, mich dazu zu bringen, Sie an ihn auszuliefern.« »Und zweifellos hat er Ihnen erzählt, ich sei eine Hure und verdiente den Tod.« Ich nickte. »Er hat immer so über Huren geredet. In alten Zeiten, als ich mich noch nicht zu dieser Kategorie rechnete.« Sie sah mich an. Ihre Miene war besorgt. »Ich habe nicht auf ihn gehört. Er… Er ist ein Wahnsinniger.« »Er sagt lediglich, was alle sagen.« »Kitten.« Ich hätte sie am liebsten geschüttelt. »Ich habe kein Wort von dem, was er gesagt hat, geglaubt.« »Ich weiß. Ich vertraue Ihnen. Bitte, lassen Sie mich nicht im Stich.« Sie griff nach meiner Hand. »Es wäre mir lieber, Sie würden mich selbst töten, als zuzulassen, daß ich Norval in die Hände falle.« »Kitten! Ich werde Sie niemals verraten.« Mir wurde klar, daß ich es, ernst meinte. Ich würde Kitten nie verraten. Dafür hatte ich sie viel zu gern. Die Begegnung mit Norval und die Konfrontation mit dem zwanghaften Haß in seinen Augen hatten meine Entschlossenheit nur gefestigt. Sein Haß war von der Art, die zu allem fähig war. Niemand verdiente es, an ein solches Ungeheuer ausgeliefert zu werden. »Es tut mir leid, Dion. Ich vertraue Ihnen wirklich. Aber… Ich dachte, ein Schutzzauber… Mein Glaube an diese Dinge ist irgendwie erschüt- tert worden.« Ich schlang die Arme um sie und sie lehnte sich an mich. Sie zitterte immer noch. In diesem Augenblick hätte ich Norval töten können. »Mademoiselle Dion«, sagte Maria, »da unten sind einige Herren, die Sie sehen möchten.« Kitten richtete sich mit spürbarer Mühe auf. Sie wischte sich das Ge- sicht ab. »Madame, sind Sie krank?« »Nein, Maria. Wer ist unten?« »Einige Magier, Madame. Einer davon ist ein alter Mann – der Dekan des Colleges.« »Dion…« »Es ist unwahrscheinlich, daß es sich um jemand anderen handelt, Kitten. Er käme hier nicht herein.« »Nein. Natürlich nicht. Maria, bring mir einen Branntwein. Einen doppelten. Meine Nerven gewinnen die Oberhand über meine Vernunft, und das können wir nicht zulassen.« Sie schlug die Bettdecke zurück und erhob sich. »Wir sollten wohl besser hinuntergehen und sie begrüßen.« Ich hätte beinahe protestiert. Das war eine Angelegenheit, die nur uns Magier anging. Ich vermutete, daß in unserem Gespräch Dinge über den Schutzzauber erörtert werden würden, von denen sie besser nichts erfuhr. Andererseits wäre eine zornige Madame Avignon in der Lage, sie zu zwingen, genau das zu tun, was sie wollte – etwas, was mir nicht gelingen würde. Daher protestierte ich nur, als es so aussah, als wolle sie sich nur ei- nen Morgenrock über ihr Nachthemd ziehen und dann mit mir kom- men. »Kitten, ich finde, Sie sollten sich anziehen.« »Was?« Zu meinem gelinden Erstaunen verspürte ich den heftigen Wunsch, daß sie einen guten Eindruck auf den Dekan und seine Geführten ma- chen sollte, von denen einer gewiß Master John war. Ich wollte nicht, daß sie sie als Hure betrachteten. Ich wollte, daß sie sie respektierten. »Ziehen Sie sich etwas an. Etwas Schickliches. Diese Männer sind, Magier. Zölibatäre Magier. Wie Mönche.« »Na, ich weiß nicht. Ich habe einige ziemlich lüsterne Mönche ken- nengelernt.« »Kitten!« »Schon gut. Schon gut. Ich verstehe, was Sie meinen. Gehen Sie hinunter und gönnen Sie sich ein kleines privates Gespräch mit den Herren.« Ich lief die Treppe hinunter. Der Dekan und – wie ich erwartet hatte – Master John warteten im Blauen Salon. Keiner der Männer schien sich wohl in seiner Haut zu fühlen, aber während der Dekan in der Mitte des Raumes stand und Würde und Festigkeit ausstrahlte, lief Master John aufgeregt hin und her. In ihrer Gesellschaft befand sich ein anderer Magier, ein untersetz- ter, junger Mann, der nachlässig auf einem der dünnbeinigen Stühle saß und sein blaues Auge betastete, dessen Zustand sich rapide ver- schlechterte. »Ist Madame Avignon in Sicherheit?« rief der Dekan. »Ja«, sagte ich. Alle drei Männer sahen sichtbar erleichtert aus. Dann strafften sich Master Johns Züge. »Wo ist sie dann? Zweifellos immer noch im Bett.« Nach Norvals wahnsinnigen Bezichtigungen war die Verachtung in seiner Stimme nun mehr, als ich verkraften konnte. »Wenn Sie sich die Mühe machen, werden Sie herausfinden, daß Madame Avignon nicht länger schläft als der Herzog«, entgegnete ich kalt und schämte mich dann dafür, es ausgesprochen zu haben. Er errötete und stolzierte zum Fenster davon. Ich wollte nicht, daß er wü- tend auf mich war, aber warum benahm er sich so? Der Dekan warf ihm einen forschenden Blick zu. »Was um alles in der Welt ist eigentlich los gewesen?« fragte ich ihn und versuchte, den Ärger aus meiner Stimme herauszuhalten. »Ein Geisterbeschwörer hat mir heute morgen eine Projektion hergeschickt. Wie konnte das passieren?« »Jemand hat Amadeus auf den Kopf geschlagen.« Der Dekan zeigte auf den anderen Magier. Ich erinnerte mich, Amadeus im College ge- sehen zu haben. Er war in der Abschlußklasse gewesen, als ich fortging und hatte inzwischen wahrscheinlich sein Examen abgelegt. Er war immer eine gutmütige Seele gewesen, und daher erregte sein erbärm- licher Zustand nun beträchtliches Mitleid. Jetzt ließ er den feuchten Lappen sinken, mit dem er sich das Auge betupft hatte, um mir die Hand zu schütteln. »Amadeus hatte heute ganz allein Wachdienst, da sein Gefährte er-, krankt ist. Seine Ablösung hat ihn vor ungefähr zwanzig Minuten be- wußtlos aufgefunden. In der Schale des Wachens haben wir noch Spu- ren Schwarzer Magie entdeckt. Eine Spur der Macht, die sich von einem der ländlichen Bezirke bis zu diesem Haus erstreckt. Es war allerdings schon zu spät, um die Quelle genauer orten zu können.« »Er hat also tatsächlich Schwarze Magie benutzt.« Ich war erfreut. »Dabei hat er genau das energisch bestritten.« Master John schnaubte. »Sie sollten eigentlich klug genug sein, ei- nem Geisterbeschwörer keinen Glauben zu schenken.« »Nun, ein Geisterbeschwörer hätte eigentlich gar nicht erst nach Gal- lia durchkommen dürfen«, fuhr ich gekränkt auf. »Dion«, sagte der Dekan. Ich sah ihn grollend an, enthielt mich aber der kindischen Bemer- kung, daß Master John mit der Streiterei angefangen habe. Vielleicht hatte das Zusammenleben mit Kitten doch keinen guten Einfluß, auf mich. Zu meiner Überraschung schnitt der Dekan hinter Master Johns Rü- cken eine Grimasse. »Sie haben also mit ihm gesprochen«, sagte er zu mir. »Ja.« »Das haben Sie gut gemacht, Dion. Haben Sie irgend etwas Nützli- ches herausgefunden?« »Das weiß ich nicht. Er hat versucht, mich dazu zu überreden, Ma- dame Avignon seiner Rache auszuliefern. Er ist böse und von Beses- senheit getrieben. Wie konnte er eine Projektion durch eine Schutzbar- riere senden?« »Eine Schutzbarriere verschafft dem Beschützer keine ausreichende Deckung«, brauste Master John auf. »Sie sollten in der Lage sein, sich selbst zu schützen. Wie war es möglich, daß Sie nicht bemerkt haben, was geschah und der Sache selbst ein Ende setzten?« Er hatte recht. Ich hätte bemerken müssen, was vorging, statt ein- fach nur zu glauben, ich hätte Kopfschmerzen, aber… Er versuchte es so darzustellen, als sei alles meine Schuld und das stimmte nicht. »Wie hätte ich darauf gefaßt sein sollen, mich in diesem Garten einer nekromantischen Projektion gegenüberzufinden, wo doch angeblich die Wächter des Colleges derartige Dinge unmöglich machen sollten?« »Hören Sie auf, uns die Schuld in die Schuhe zu schieben.« »Schweigen Sie, alle beide. John, was ist heute nur los mit Ihnen? Ich habe Sie mitgenommen, weil ich dachte, Sie hätten einen nützli- chen Beitrag zu leisten.« »Wir sind Magier«, erwiderte Master John wütend. »Glauben Sie, es gefallt mir, herzukommen und mich bei einer… bei Madame Avignon zu, entschuldigen? Ist es wirklich notwendig, daß wir uns auf das Niveau einer solchen Frau herablassen?« »Madame Avignon ist eine Frau, der wir unseren Schutz versprochen haben. Und unser Schutz hat sich als mangelhaft erwiesen. Können wir die anderen Dinge für den Augenblick bitte übersehen, ja?« Der Dekan wandte sich wieder an mich. »Diesmal haben wir Glück gehabt. Norval hat uns gezeigt, wo die Schwachstellen unserer Verteidigung liegen. Wenn hier irgend jemand seine Pflicht vernachlässigt hat, dann bin ich das. Ich hätte schon lange einen bewaffneten Soldaten für die Wächter aufstellen lassen müssen – gleich nachdem dieser Mann versucht hat, Sie zu töten, Dion. Das Problem ist wohl, daß wir hier in Gallia zu lange in Sicherheit waren.« Master John und ich nickten beide ein wenig beschämt. »Aber wer hätte auch gedacht, daß Norval etwas derartiges tun wür- de«, rief der Dekan. Jetzt ging er erregt auf dem königsblauen Teppich auf und ab. »Er muß wirklich wahnsinnig sein, wenn er sich solche Mü- he macht. Was kann er sich davon nur versprochen haben? Ein tat- sächlicher Angriff durch Ihre Schutzbarriere ist unmöglich. Warum soll- te er sich solche Mühe machen, nur um eine Projektion zu schicken und Sie zu verhöhnen? Er muß sich seiner Argumente sehr sicher ge- wesen sein.« »Ja, ich glaube, das war er auch.« Er senkte den Blick. »Ich muß Ih- nen etwas erklären. Ich glaube, das Standardopfer, um eine Projektion durch eine Schutzbarriere zu senden, liegt zwischen zehn und zwanzig kleinen Kindern.« Ein entsetztes Schweigen legte sich über den Raum. Ich dachte an diese Spur der Macht, die in jenen ländlichen Bezirk führte. »Was für ein Ungeheuer ist das, das das Leben kleiner Kinder ver- geudet? Und das nur, damit er seine Feindin schmähen kann?« flüster- te Amadeus, in dessen Zügen deutlich Bekümmerung geschrieben stand. »Die Menschen haben darauf vertraut, daß wir sie und die Ihren schützen«, sagte der Dekan. »Ich habe Heiler nach Jessan geschickt. Denken Sie nur an das Leid der Menschen dort, an das, was sie verlo- ren haben.« Plötzlich fuhr Master John herum. Seine Augen flammten auf. »Und was werden wir ihnen sagen? Daß ihr Opfer einer guten Sache gedient hat? Daß sie ihre Kinder gegeben haben, um das Leben dieser nutzlosen Frau da oben zu retten?« »John!« »Dieser Geisterbeschwörer hat keine Skrupel, Gallia zu zerstören, um an diese Frau heranzukommen. Er wird es wieder versuchen, und, dann werden noch mehr Menschen sterben. Warum sollte Gallia ein solches Opfer bringen, für diese… Ausländerin?« Er senkte die Stimme. »Das Problem ließe sich ganz einfach lösen. Er ist ihr hierhergefolgt, und wenn sie geht, wird er ebenfalls gehen.« »So!« sagte eine seidenweiche Stimme von der Tür aus. »Das ist al- so der Kampfgeist gallianischer Magier.« Master John hatte immerhin den Anstand, sehr verlegen zu wirken. Alle drei Männer verbeugten sich umständlich. »Master John, wie kommt es, daß Sie jedesmal, wenn ich einen Raum betrete, unangenehme Dinge über mich sagen? Ich muß wohl langsam glauben, daß Sie mich nicht mögen. Ich bin mir sicher, daß das nicht in Ihrem Interesse wäre.« Sie wurde all seinen Erwartungen gerecht. Ich versuchte ihr einen Wink zu geben, aber sie beachtete mich nicht. Sie sah zornig und ge- fährlich und sehr schön aus. »Madame«, sagte Master John grollend. »Ich habe keine Ahnung, ob ich bereit wäre, mich um der Kinder an- derer Menschen willen zu opfern, aber ich habe nicht die leiseste Ab- sicht, mich zu opfern, weil eine Horde angeblich tapferer Männer glaubt, mein Verschwinden würde ihr Problem einfach aus der Welt schaffen. Denken Sie denn ernsthaft, Norval würde dem üppigen, grü- nen Schlachtfeld dieser Halbinsel abschwören, wenn er sich meiner entledigt hat?« Sie rauschte ins Zimmer hinein. Master John sah sich zu seiner gro- ßen Verunsicherung genötigt, ihr einen Stuhl anzubieten. Sie nahm mit königlicher Gebärde Platz. Ihr ganzes Gehabe wirkte so einschüch- ternd, als stünde man dem Herzog selbst gegenüber. »Bitte. Nehmen Sie doch Platz, meine Herren. Dion, wer ist dieser Mann?« »Das ist Amadeus, Madame.« Ich erklärte ihr seine Anwesenheit. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum Sie diesen unglücklichen Mann hierhergeschleppt haben. Was ist er? Eine Art Opferlamm? Er hat einen Schlag auf den Kopf bekommen; mehr hat er sich nicht zu Schulden kommen lassen. Sehen Sie denn nicht, daß er halbtot ist? Dion, brin- gen Sie Monsieur Amadeus in die Krankenstube und sehen Sie zu, daß Sie ihm mit irgendeinem Heilungszauber Linderung verschaffen.« Amadeus strebte mit mehr Hast als Würde der Tür entgegen. »Bevor Sie gehen, Monsieur Amadeus, können Sie uns irgend etwas über die Person sagen, die Sie angegriffen hat?« »Nein, Mylady. Der Angriff kam ohne jede Vorwarnung.« Es ärgerte mich, daß ich in einem so wichtigen Augenblick gezwun-, gen sein sollte, den Raum zu verlassen, daher führte ich Amadeus mit merklicher Ungeduld ins Krankenzimmer. Er dagegen war offensichtlich erleichtert darüber, weggeschickt worden zu sein. Als ich den Zauber zur Linderung einer Gehirnerschütterung anwandte, wurde er geradezu redselig und gestand mir, daß Master John ihm den Eindruck vermittelt habe, daß, man ihn wahrscheinlich hinrichten würde. Wie ich vermutet hatte, hatte er gerade seinen Abschluß gemacht und verdingte sich nun als Wächter, während er auf seine erste Stellung wartete. Er war über- dies ein hervorragender Psychosucher und kannte offensichtlich auch das Porträt, das ich an das College geschickt hatte. »Es ließ sich nichts Nützliches damit anfangen, obwohl man dir das gewiß bereits mitgeteilt hat«, sagte er zu mir. »Hey! Meinst du, sie hat wirklich dafür Modell gesessen?« fragte er, als ich mit ihm in den Blau- en Salon zurückkehrte. »Sie ist ganz anders, als ich erwartet hatte.« Worauf hatte er denn gehofft? Auf eine Hure in einem Bordell aus ro- tem Samt? Ich kam zu dem Schluß, daß er ein ziemlicher Dummkopf sein müsse. Als wir zurückkamen, war alles vorbei. Ich hatte halb und halb mit Blut an den Wänden gerechnet, aber Master John schien beinahe glück- lich zu sein. Der Dekan dagegen sah erschöpft aus und wischte sich immer wieder mit einem Taschentuch über das Gesicht Die drei Magier verließen das Haus mit einem Beutel voller Gold. Kitten und ich standen am Fenster und sahen ihnen nach. »Was, um alles in der Welt, haben Sie mit Master John gemacht?« »Oh, ich bin schon früher Männern wie ihm begegnet. Sie sind leicht zu handhaben. Ein wenig Schmeichelei, sehr viel Würde, die still- schweigende Anerkennung der Tatsache, daß man tatsächlich eine wertlose Sünderin ist – aber doch eine sehr attraktive.« »Sie haben ihnen Geld gegeben? Nachdem sie Sie derart im Stich gelassen haben?« »Keine Bange, meine Liebe, ich habe ihnen Beine gemacht. Haben Sie gesehen, wie angespannt Ihr Dekan wirkte! Das Geld dient der Be- zahlung der Heiler, die nach Jessan fahren sollen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Außerdem sollen davon einige Magier bezahlt wer- den, die nach Spuren suchen. Das Geld wird einem guten Zweck die- nen, dessen können Sie versichert sein. Ich verschwende niemals gutes Gold. Wie dem auch sei, jetzt muß ich gehen.« Ich war froh, daß sie nun wieder zuversichtlicher und fröhlicher wirk- te. Die Angst, die sie zuvor gezeigt hatte, hatte mich schwer erschüt- tert. »Wohin?« »In den Palast. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß seine Gna-, den, der Herzog, gewiß einen Preis auf Norvals Kopf aussetzen möchte, und ich muß zu ihm gehen und dafür sorgen, daß er auch weiß, daß er das möchte.« Später sah ich, wie sie in einem dieser Kleider fortging, die sie mehr oder weniger nackt erscheinen ließen. Dieser Anblick tröstete mich auf seltsame Weise. Wenn überhaupt jemand etwas gegen Norval tun konnte, dann sie. Der Herzog hatte nicht die Absicht, eine allgemeine Panik zu verur- sachen, indem er die Bevölkerung wissen ließ, daß sich ein Geisterbe- schwörer auf freiem Fuß befand, und bisher ließ nichts darauf schlie- ßen, daß irgend jemand von den Vorfällen in Jessan wußte. Die Col- legeangehörigen mußten jedoch von der Belohnung erfahren haben, denn ganz plötzlich herrschte in Gallia ein auffälliger Mangel an Ma- giern. Selbst die Studenten, die ohnehin Sommerferien hatten, waren alle verschwunden. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie ganze Scha- ren von ihnen mit kindlicher Begeisterung durch das ländliche Gallia streiften und versuchten, den Geisterbeschwörer aufzustöbern. Ich hoffte nur, daß es ein tüchtiger Magier sein würde, der ihn fand. Insge- heim konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, daß ich schon vor einer ganzen Weile mehr gegen Norval hätte unternehmen müssen, um diesen Kindermord in Jessan zu verhindern. Ich war froh, daß jetzt ak- tiv nach ihm gesucht wurde. »Weder Sie noch ich können sonst irgend etwas tun«, sagte Kitten, um mein Gewissen zu beruhigen. »Es wäre Wahnsinn, wenn Sie jetzt die Sicherheit Gallias verließen, um ebenfalls nach ihm zu suchen. Es wäre wahrscheinlich sogar genau das, was er will. Wir müssen einfach stillhalten und abwarten.« Der ›Hurenschlaf‹ hielt uns in Atem. Etwa in der Mitte des Sommers war klar, daß nun auch die Reichen von der Krankheit befallen wurden. Die Krankenhäuser, die sich ihre Dienste bezahlen ließen, bekamen immer mehr Patienten aus der Kaufmannsklasse zu sehen. Die Krank- heit befiel immer noch bevorzugt Prostituierte, aber jetzt waren es die Berufshuren, die in hochklassigen Bordellen auf der Schönen Straße arbeiteten. Für gewöhnlich war es Genny, die in diese Häuser gerufen wurde. Sie war eine der wenigen Heilerinnen, die bereit war, auch in ein Bordell zu gehen. Einmal begleitete ich sie. Ich war neugierig, und die Entdeckung meiner eigenen Kräfte hatte mich in bezug auf solche Dinge wie meinen Ruf kühner und auch leichtsinniger werden lassen. Die Zwiespältigkeit meiner Gefühle bezüglich Michaels hatte in mir gleichzeitig Zweifel an allem geweckt, was ihm lieb und wert gewesen war, und plötzlich war ich entschlossen, den Dingen selbst auf den, Grund zu gehen. Das Bordell wurde all meinen Erwartungen gerecht. Überall fanden sich grellrote Samtvorhänge und Gegenstände aus falschem Gold. Wir wurden von einer, wie ich es empfand, typischen Bordellwirtin begrüßt: wirres, strähniges Haar, Hängebrüste und ein schmutziges, schwarzes Seidengewand. Sie rang die Hände, und Tränen liefen über ihr ge- schminktes Gesicht, zogen groteske Spuren durch die dicke Rouge- schicht und den Puder darauf. Was sollte sie jetzt nur tun, weinte sie, wo so viele Mädchen krank waren. Eine oder zwei waren zu verkraften. Für ein oder zwei gab es immer genug Kunden, denen es ein besonde- res Vergnügen bereitete, Sex mit schlafenden Frauen zu haben. Aber ein ganzes Haus davon! Sie war ruiniert, bei Gott. Sie war ruiniert. Ich fand die Frau ja komisch, bis sie uns nach oben zu den Mädchen brachte. In einem schäbigen, kleinen Zimmer nach dem anderen lagen sie zwischen den beschmutzten Laken ausladender Betten; kleine Flie- gen sammelten sich in ihren Mundwinkeln, ihre grauen Lider waren geschlossen oder ihre Augen starrten blicklos ins Leere. Einige der Frauen waren seit über einer Woche krank. Eine von ihnen war bereits tot. Mich erfüllte ein bitterer Zorn auf die Bordellwirtin und eine Welt, in der Menschen so behandelt wurden. Nie wieder habe ich danach ein solches Haus aufgesucht. Draußen vor dem Bordell hatte sich eine ungewöhnlich große Anzahl von Anhängern des Brennenden Lichts versammelt. Einer der Leute kam auf Genny zu und fragte sie, ob das Haus geschlossen werden müsse. »Ja«, sagte sie müde. »Alle dort drin sind krank.« Der Mann drehte sich um und schrie vor Freude. »Sie schließen!« Die Gruppe applaudierte und rief: »Gelobt sei Gott!« Ein Priester begann mit lauter, triumphierender Stimme zu predigen und den vorbeikommenden Menschen davon zu erzählen, daß das Bö- se von Gott bestraft worden sei. Ich schauderte. »Engel!« »Niederschmetternd, nicht wahr? Ich sehe sie jetzt jedesmal, wenn ich hierherkomme. Sie lungern hier herum wie die Aasgeier.« »Herzlose Bastarde«, sagte Gennys Leibwächter. »Diese Morianer sind Abschaum. Der Herzog sollte die ganze Bande zurück nach Hause schicken. Anwesende natürlich ausgenommen.« Er sah mich an und errötete. Ich konnte nicht umhin, ihm recht zu geben. Ich war schon immer der Meinung gewesen, daß der Herzog wahnsinnig sein mußte, die An- hänger des Brennenden Lichts, die aus Moria geflohen waren, in Gallia, zu dulden. Diese Seuche verbreitete Angst und Schrecken, und das Brennende Licht machte sich das noch zunutze. Ich konnte mich nicht vor der Frage verschließen, ob der Herzog wußte, wozu diese Menschen fähig waren. Ich wußte es, und die Erinnerung verursachte mir Alp- träume. Langsam kamen die ersten Reaktionen vom Hof. Die herzoglichen Beamten veröffentlichten ein Rundschreiben mit der Mitteilung, daß die Häuser der Heilung ihre Türen geöffnet härten, um die Opfer der Seu- che zu behandeln. Das war eine gute Sache. Von einem Tag auf den anderen war es kein Problem mehr, Betten zu finden für jene, die die Krankheit hilflos machte. Unglücklicherweise veröffentlichten sie auch Quarantäneregeln, die lediglich Panik verursachten. Es folgte ein Mas- senexodus derer, die wohlhabend genug waren, die Stadt zu verlassen. Die Opfer der Krankheit wurden gemieden und häufig zwischen Müll- haufen liegend gefunden, wenn sie nicht gerade wie benommene, er- schöpfte Geister durch die Straßen schlichen. Bei den bessergestellten Familien zeigte die Seuche teilweise noch schlimmere Ergebnisse als bei den ganz armen, da eifersüchtige Gatten ihre kränkelnden Männer oder Frauen ermordeten und wütende Eltern ihre kranken Kinder grün und blau schlugen. Keiner großen Stadt waren Seuchen völlig unbe- kannt, aber unheilbare Seuchen – das war etwas ganz anderes. Der Flußhandel mit Ishtak und Moria ging deutlich zurück, und die Handelskarawanen aus den tyronischen Herzogtümern begannen ihren Lohn draußen vor den Stadttoren einzufordern, weil sie sich weigerten, nach Gallia hineinzukommen. Kitten hatte Mutter Theodosia veranlaßt, eine Stellvertreterin von einem der heilenden Häuser einzustellen, die das Hospital betreiben sollte, so daß Genny und ich uns ausschließlich den Seuchenopfern widmen konnten. Wir suchten die Patienten jetzt meistens getrennt auf und nahmen als Begleitung nur unseren jeweili- gen Leibwächter mit. Beinahe aus Versehen war ich zu einer vollwerti- gen Heilerin geworden. Ich brauchte jedoch Simonettis Rat nicht mehr, um daran zu denken, daß ich immer mit einem Teil meiner selbst auf einen Angriff Norvals gefaßt sein mußte. Ich hielt die Zeit, die ich ar- beitete, streng begrenzt. »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Norval diese Seuche ver- ursacht hat, nur um uns abzulenken«, sagte Simonetti mehrmals. Es war ein interessanter Gedanke. Diese merkwürdig geartete Seu- che wies tatsächlich gewisse Anzeichen dafür auf, daß sie möglicher- weise magischer Natur war, aber wenn das zutraf, mußte es sich um eine Art Magie handeln, die wir nicht aufspüren konnten. Nekromantie war nicht daran beteiligt, da diese schnell von den mittlerweile schwer- bewachten Wächtern im College entdeckt worden wäre. Außerdem hät-, te die Plage, wäre sie von Norval verursacht gewesen, mittlerweile ab- klingen müssen, denn er hatte gewiß alle Hände voll damit zu tun, den übereifrigen jungen Magiern aus dem Weg zu gehen, die das ganze Land nach ihm absuchten. Statt dessen erreichte die Seuche ihren Zenit. Jeden Tag wurden zehn bis zwanzig neue Fälle gemeldet. Zu dieser Zeit erkrankte auch Kittens Freundin Sateen Giustini. Da sie bekanntermaßen ein Mitglied der Honigschwesternschaft war, jener großen Kurtisanen, die sich nur an die wohlhabendsten und wichtigsten Männer der Stadt verkauften, war ihre Krankheit genauso schlimm, als wäre ein Fall bei Hofe selbst aufgetaucht. Ich war gerade mit Genny zusammen, als der Bote kam, und begleitete sie, als sie sich aufmachte, um Sateen zu untersuchen. Sateen Giustinis Haus lag im selben Stadtbezirk wie Kittens, war a- ber nicht so prächtig wie das ihre. Und es war innen auch nicht so schön möbliert. Es mangelte ihm die gelassene aristokratische Aus- strahlung von Kittens Heim. Sateen hatte offensichtlich eine Schwäche für Gold, und ihre üppige Eingangshalle quoll über von goldumrandeten Spiegeln und goldenen Cherubim mit Lampen in den Händen. Im Son- nenlicht hatte das ganze eine ausgesprochen unruhige und verwirrende Wirkung. Es war kein Diener, der uns die Tür öffnete, sondern eine kostbar gekleidete Frau, eine Freundin, die offensichtlich selbst zur Schwes- ternschaft gehörte. Als sie uns die Treppe hinaufführte, nahm sie Gen- ny am Arm und flüsterte ihr etwas zu, wobei sie sich ein- oder zweimal nach mir umsah. Das Getuschel weckte meine Neugier. Noch neugieri- ger wurde ich, als Genny darauf bestand, daß ich draußen wartete, während sie Sateen untersuchte. Und ich war nicht allein dort. Im Vorzimmer von Sateens Schlafgemach wimmelte es von kostbar gekleideten Frauen und sogar einigen nicht minder gutgekleideten Männern. Sie alle schwiegen, als Genny durch die Schlafzimmertür trat, aber sobald das Schloß hinter ihr einschnappte, schwoll das leise Gemurmel schnell zu ängstlichem Stimmengewirr an. »Sehen Sie sich nur dieses Zeug an!« sagte mir jemand ins Ohr. Ich drehte mich um. Es war Rapunzel, die an einem der leuchtenden Vor- hänge zog. »Das ist keine Seide. Wenn jemand dieses Zeug Teena als Seide verkauft hat, ist sie beschwindelt worden, und das werde ich ihr auch sagen, wenn es ihr wieder bessergeht.« »Vielleicht wird es ihr nie mehr bessergehen«, sagte eine Frau in ei- nem tief ausgeschnitten, schwarzen Gewand, der ein gewaltiges, gol- denes Kruzifix auf der Brust hing. Der hohlwangige Mann neben ihr nickte seelenvoll., Rapunzel bedachte sie mit einem finsteren Blick, griff dann nach meinem Arm und zog mich von den übrigen Besuchern weg in das gro- ße Erkerfenster am anderen Ende des Raums. »Also, was vermuten Sie?« »Wie bitte?« »Wegen Sateen.« Ich erklärte ihr, daß wir einige gute Ergebnisse erzielt hätten, daß sie sich aber möglicherweise nie wieder ganz erholen werde. »Mist.« Rapunzel ließ sich auf den Fenstersitz sinken, stützte den Ellbogen gegen den Rahmen und legte die Hand vors Gesicht. Sie sah aus, als sei sie den Tränen nahe. »Was tun all diese Leute hier?« fragte ich in der Hoffnung, sie ablen- ken zu können, um ihr die Peinlichkeit eines Tränenausbruchs zu erspa- ren. »Ach, die. Freunde, Bekannte, einige Kunden. Alle sind hergekom- men, sobald sie davon hörten. Jeder möchte wissen, ob es… Sie wissen schon.« Sie senkte die Stimme zu einem Wispern. »Ob es die Krankheit ist. Sie haben alle Angst davor, was das bedeuten könnte.« Sie blickte trostlos aus dem Fenster. »Du lieber Himmel! Wenn man vom Teufel spricht! Da sind sie.« Ich blickte in die Richtung, in die sie zeigte. Draußen auf der Straße versammelte sich eine Gruppe von Anhängern des Brennenden Lichts, deren graue Roben in der goldenen Sommersonne etwas merkwürdig Unheilverkündendes hatten. Eine Frau in unserer Nähe stöhnte und verbarg den Kopf am Busen ihrer bleichen Gefährtin. Ich sah sie an. Vielleicht waren es Morianer wie ich? Die richtige Hautfarbe dafür hatten sie. »Bastarde«, zischte Rapunzel. »Elende Schweine.« Alle hatten sich jetzt um das Fenster geschart. »Können wir nicht einige Diener rüberschicken, damit sie sie wegja- gen?« fragte jemand. »Es gibt keine Diener mehr«, sagte eine Frau in einem mit purpur- nen Volant besetzten Reitkostüm. »Als Nessa heute morgen herkam, waren sie alle davongelaufen und hatten den größten Teil des Silbers mitgenommen. Der einzige Mensch hier war der Koch. Sturzbetrunken und mit einem blauen Auge schwenkte er einen Kerzenständer durch die Luft. Dazu schrie er, daß jeder, der seine Herrin ausrauben wolle, es mit ihm zu tun bekäme.« Ein kurzes, wenig überzeugendes Hohnlachen lief durch den Raum, das jedoch schnell zu schweigendem Entsetzen verblaßte. »Geh du raus und jag sie weg, Binky«, sagte die Frau mit dem Kru- zifix zu dem hohlgesichtigen Mann. »Du bist Beamter. Auf dich werden, sie hören.« »Nein, vielen Dank«, sagte Binky. »Diese Burschen sind durch und durch bösartig, und sie haben Freunde in hohen Positionen.« In diesem Augenblick fuhr eine Kutsche vor. Eine Kutsche mit dem Bild rosafarbener, ineinander verschlungener Rosen an der Tür. »Ha!« schrie Rapunzel. »Es ist unser Pussykätzchen. Sie wird wissen, was zu tun ist.« Wie durch Magie hellte sich die Atmosphäre auf. Seufzend und mit raschelnden Gewändern traten die Leute vom Fenster weg. Jemand stürzte hinaus, um die Tür zu öffnen. Draußen stieg Erasmus aus der Kutsche und streckte Kitten helfend die Hand hin. Ihre Lakaien began- nen sich mit der graugewandeten Gruppe auf der Straße auseinander- zusetzen. Als Kitten ins Zimmer trat, war es, als fülle sie es vollkommen aus. Die anderen Kurtisanen behandelten sie, als wäre sie von königlichem Geblüt. Sie scharten sich um sie, und es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten sich vor ihr verbeugt. Ich war beinahe stolz auf meine Ver- bindung zu ihr und mußte mir ins Gedächtnis rufen, daß dies ein äu- ßerst unangemessenes Gefühl war. Auf ihre gewohnt schnelle und entschlossene Art brachte Kitten die Situation sofort unter Kontrolle. »Ist schon eine Diagnose gestellt worden?« »Nein, Kitten. Die Heilerin ist noch bei ihr.« »Nun, dann wollen wir uns erst einmal setzen. Die Sache wird nicht besser, wenn wir hier herumlaufen wie die Hühner. Ah! Dion. Sind die- se schrecklichen Männer weg?« »Ja, Madame.« Erasmus hatte die Stadtwache herbeigeholt, und die Männer in Grau wurden vertrieben. Gerade in diesem Augenblick trat Genny durch die Tür. Ihr norma- lerweise gelassenes Gesicht zeigte große Besorgnis. »Ja, es ist die Krankheit«, sagte sie, und im Raum wurde gedämpf- tes Wehklagen laut. »Dion? Könnten Sie für einen Augenblick mit hereinkommen? Und Sie auch, Madame Avignon?« Sateens Boudoir war dunkel und stickig, und gewaltige Stoßbahnen roten Satins warfen Schatten in jeden Winkel des Raumes. Das Gesicht der Frau im Bett war ebenfalls schattenhaft. Oder… Nein, es war nicht schattenhaft, sondern zerschunden und aufgedunsen. Ihre Lippe war geborsten und mit getrocknetem Blut überzogen. Auf der linken Wange hatte sie einen leuchtendroten Kratzer. »Aumaz!« rief Kitten. »Ja. Dieser Fall ist ein klein wenig ungewöhnlich.« Genny zog die, Decke herunter, um den Leib der Frau zu entblößen. »Welchen Reim macht ihr euch darauf?« Ihr Körper war mit tiefen Schwielen oder Kratzern bedeckt und wies gewaltige, verfärbte Schwellungen auf. Es tat schon weh, sie nur anzu- sehen. Jemand hatte ihr einen breiten Verband um den Leib gewickelt. Obwohl er frisch und weiß war, zeigten sich bereits die ersten roten Flecken darauf. »Jemand hat ihr ein Messer in die Schulter gestoßen. Es ist eine selt- same Wunde. Es sieht aus, als hätte man mehrmals auf sie eingesto- chen, aber immer nur an dieser Stelle.« Obwohl ihre Worte gelassen klangen, lag in Gennys Stimme ein un- überhörbares Zittern. »Herr des Himmels!« Kitten preßte sich eine Hand auf den Mund. »Weiter unten ist es noch schlimmer«, sagte Genny, während sie die Bettdecke wieder hochzog und Sateen sorgfältig darin einhüllte. »Sie ist auch… sexuell mißhandelt worden.« »Wer könnte das getan haben? Das waren doch bestimmt keine Vampire.« »Vielleicht eine Person, vielleicht eine Gruppe von Personen. Was meinen Sie, Dion?« »Ich? Ich weiß es nicht.« »Ich vertrete immer noch die Theorie, daß Vampire für die Krankheit verantwortlich sein müssen, aber dies hier… Ich habe noch nie gehört, daß ein Vampir seinem Opfer solche Wunden zugefügt hätte.« »Könnte es etwas mit Norval zu tun haben? Er wäre zu so etwas fä- hig«, sagte Kitten. Genny zuckte die Achseln. »Diese Art von Folter – es müßte schon sehr schwarze Magie sein. Aber wir wissen, daß man Schwarze Magie ausfindig machen kann. Es könnte sein, daß Norval dahintersteckt. Es könnte aber auch ein Wahnsinniger sein, der nichts mit Norval zu tun hat.« Sie seufzte. »Herr des Himmels, ich weiß es nicht. Ich verstehe diese Krankheit nicht. Ist es reiner Zufall, daß sie jetzt bei Sateen ausgebrochen ist oder hängt sie mit ihren Verletzungen zusammen? Ich meine, vielleicht hat Norval eine neue Art von Vampir losgelassen, eine Art, die uns noch nie zuvor begegnet ist.« Sie sah mich fragend an. »Ich habe noch nie etwas Derartiges gehört. Die meisten Helfer der Geisterbeschwörer lassen sich mit denselben Mitteln wahrnehmen wie die Geisterbeschwörer selbst. Nur ein Dämon…« »Könnte es ein Dämon sein?« fragte Kitten eindringlich. »Das glaube ich nicht. Aristo betont eigens, daß Dämonen sehr gieri- ge Fresser sind. Keine Selbstbeherrschung. Wenn es ein Dämon gewe- sen wäre, wäre sie bestimmt nicht mehr am Leben.«, »Sehen Sie sich das hier an«, sagte eine Stimme von der anderen Seite des Bettes. Es war die Frau, die uns die Tür geöffnet hatte. Sie zog den Bettvor- hang zurück. Auf der Wand neben dem Bett war mit Blut ein Zeichen aufgemalt. Das Zeichen der feurigen Sonne. Ich kannte es gut. Es war das Zeichen der Kirche des Brennenden Lichts. Ich wollte nicht im Vorzimmer bleiben, während Kitten die anderen Frauen tröstete und zu beruhigen versuchte. Der Anblick von Sateens aufgerissenem Körper und dann dieses Zeichen des Brennenden Lichts… Ich hatte das Gefühl, als befände ich mich in einer Geister- bahn. Nicht einmal Erasmus’ Gegenwart konnte daran etwas ändern. Plötzlich mußte ich hinaus ins Freie, wo die Greuel, die in diesem Schlafzimmer lauerten, mir nichts anhaben konnten. Schaudernd rann- te ich die lange, mit Gold ausgekleidete Treppe hinunter. Die Haustür war offen. In der Eingangshalle stand ein Mann. Er drehte sich um und blickte zu mir auf. Wilde, schwarze Locken und seltsam tiefgründige, dunkle Augen unter schweren Lidern. Lord Andre Gregorov. Er stand da wie gebannt, eine Hand an die Brust gelegt, die Augen auf mein Gesicht geheftet. Oh, er war ein überaus attraktiver Mann. Einen langen, langen Augenblick sahen wir einander an. Es war ein sehr vertrauter Blick Ich wollte wegsehen, konnte es aber nicht. Er machte den ersten Schritt. Er senkte den Blick Eine Sekunde lang nahm sein Gesicht einen unheimlichen Ausdruck an. Dann lächelte er plötzlich. Ein bezauberndes Lächeln, das die ganze Halle wärmer er- scheinen ließ. Er verbeugte sich leicht. »Mademoiselle.« Seine Stimme war wie dunkler Samt. Ich nickte, zu verängstigt, um irgend etwas zu sagen und dachte daran, wieder zurück nach oben zu laufen. Er sah sich hastig um und begann, die Treppe hinaufzusteigen. Ob- wohl seine Beine bis zu den Schenkeln in schwarzen Reitstiefeln steck- ten, bewegte er sich leichtfüßig und anmutig. Seine Absätze klangen hart und schwer auf den Treppenstufen. Sporen klirrten. Ich wollte weglaufen, aber ein solches Verhalten wäre zu offensicht- lich gewesen. Würde war das einzige, was mir hier helfen konnte. Einige Stufen unter mir blieb er stehen; sein Kopf befand sich etwa auf der Höhe meiner Brust. Er roch wunderbar nach irgendeinem mo- schusartigen Parfüm und ganz schwach nach Pferden. Selbst in dieser Entfernung war er mir fast zu nah. Es fühlte sich an, als berühre er mich bereits. Ich war ernstlich versucht, mich an die Wand zu pressen., »Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie auf diese Weise anspreche, aber ich habe das Gefühl, daß ich mir diese Gelegenheit, mich persönlich für mein ungehobeltes Benehmen zu entschuldigen, nicht entgehen lassen darf. Ich wünschte, ich könnte behaupten, daß ich zu der Zeit betrun- ken gewesen sei. Damals schien es mir eine originelle Art und Weise zu sein, um Ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Jetzt kann ich mich nur fragen, was wohl über mich gekommen sein mag. Bitte, akzeptieren Sie meine demütigste Entschuldigung.« Ich nickte errötend. Ich war außerstande, in diese warmen Augen zu blicken. »Verziehen?« Er hielt mir seine lange, elegante Hand hin. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, sie zu ergreifen. Statt dessen hielt ich jedoch die Hände fest hinterm Rücken verschränkt und nickte nur abermals. »Aber nicht vergessen, wie ich sehe.« Er machte noch einmal zwei Schritte auf mich zu. Jetzt war er tat- sächlich zu nahe; sein Schatten berührte meinen. »Mademoiselle«, sagte er mit ernster Stimme, »ich würde alles ge- ben…« »Andre«, rief Rapunzel. Sie stand oben an der Treppe über uns. »Was tun Sie denn hier?« »Ich habe gehört, Madame Giustini sei erkrankt, und wollte mich nach ihrem Befinden erkundigen. Wie geht es ihr?« »Nicht so gut.« »Was ist denn los?« »Kommen Sie hier herauf, dann werde ich es Ihnen sagen.« In ihrer Stimme schwang eine Einladung für weit mehr als das mit, und er grinste. Ich verspürte ein flüchtiges Bedauern. »Sie sind schamlos, Rapunzel. Warten Sie dort, wenn Sie so weiter- machen wollen. Ich bin gleich oben.« »Mademoiselle«, sagte er leise. Irgendwie war es ihm gelungen, mit beiden Händen eine von meinen zu umfassen. Seine Finger waren kühl und glatt wie Seide. »Ich bin sehr froh, diese Gelegenheit gehabt zu haben, mit Ihnen zu sprechen. Vielleicht werden Sie mir eines Tages eine weitere gewähren.« »Lord Gregorov«, sagte Kitten direkt über uns. »Wie nett, Sie zu se- hen.« Ihre Stimme klang weich und unaufrichtig. Dann stieß sie auf eine Weise, die nicht fehlgedeutet werden konnte, die Hand zwischen uns, so daß er sich gezwungen sah, meine Finger loszulassen und ihre zu küssen. »Madame Avignon. Was für eine große Freude, Sie zu sehen.« Er lä- chelte sie belustigt an, nickte und ging dann weiter die Treppe hinauf., Meine Knie waren plötzlich weich geworden. »Kommen Sie, meine Liebe«, sagte Kitten. »Zeit, zu gehen.« Sie zog meinen Arm durch ihren und ging mit mir die Treppe hinunter. »Was hat er hier zu suchen?« fragte sie Erasmus, der hinter uns herging. »Der! Der hat jede Menge Freundinnen innerhalb der Schwestern- schaft.« »Ha!« sagte Kitten. »Natürlich!« 9. Kapitel Kurze Zeit später starb Sateen an ihren Verletzungen. Als Kitten die Nachricht hörte, legte sich ein bitterer Zug über ihr Gesicht. »Jetzt möchte ich nicht in der Haut der Anhänger des Brennenden Lichts stecken«, meinte Genny später. »Kitten ist eine mächtige Fein- din.« Kitten begann, Informationen über das Brennende Licht zusammen- zutragen. Genny glaubte, daß Kitten sie binnen der nächsten Monate aus Gallia verbannen lassen konnte. Obwohl ich nicht umhinkonnte, auf ihren Erfolg zu hoffen, prägte ich mir doch gut ein, was mich dieser Vorfall über Kittens Charakter lehrte. Es schien jedoch, als hätte die Seuche mit Sateens Erkrankung ihren Zenit erreicht. Plötzlich traten keine neuen Fälle mehr auf. Der Huren- schlaf verschwand auf dieselbe mysteriöse Weise, wie er gekommen war. Obwohl erst gegen Ende des Sommers das offizielle Ende der Seu- che verkündet wurde, hatten wir von Stund an viel weniger zu tun. Genny ging endlich einmal wieder richtig zu Bett und schlief vierund- zwanzig Stunden lang. Kitten bedrängte mich, meine Schutzpflichten einem anderen Magier zu überlassen und mich ebenfalls auszuruhen. Ich gab mich jedoch damit zufrieden, einige Tage zu Hause zu verbrin- gen. Aber Kitten ließ mir keine Ruhe; ich mußte mich im sonnigen Gar- ten aufweiche Kissen legen, und sie brachte mir eigenhändig Tee und Kuchen. Sie gab mir das Gefühl, eine Art Heldin zu sein. Es war schön, daß ich nun wieder mit ihr reden und ihr vorlesen konnte. An dem Tag, an dem offiziell das Ende der Seuche erklärt wurde, rief Kitten uns beide in ihr Zimmer und gab uns einen ihrer seltenen Befeh- le. »Der Herzog wird sich Anfang August in seine Sommerresidenz in Ishtak zurückziehen. Ich werde ihn begleiten, und ihr beide werdet ebenfalls mitkommen.«, »Kitten, ich kann nicht. Die Patienten… Das Hospital…« Kitten stieß Genny einen Finger in die Brust. »Hören Sie gut zu, Madame Appellez. Ich werde mich nicht mit ei- nem Nein zufriedengeben. Ich befehle Ihnen, mitzukommen, und ich kann den Herzog dazu bewegen, es Ihnen ebenfalls zu befehlen, wenn das noch nicht genügt. Wirklich, Genny, du siehst aus, als seiest du todmüde.« Genny protestierte immer noch, aber Kitten hatte Maja, die Heilerin aus dem College, angestellt, damit diese in Gennys Abwesenheit das Hospital weiterführte, so daß sie keine Ausrede mehr hatte, und ich selbst verspürte nur einen winzigen Hauch von schlechtem Gewissen, weil ich das Hospital im Stich ließ, und dieser verblaßte schnell neben meiner Aufregung darüber, nach Ishtak zu reisen. Ishtak, das goldene Land, Ishtak, das wundervolle Land, Ishtak, das vom Brennenden Licht Morias als Teufel des Westlichen Ozeans bezeichnet wurde. »Warum verbringt Herzog Leon nicht mehr Zeit in Ishtak?« Genny und ich saßen im Bug der Frachtbarkasse; wir trugen große, breit- krempige Hüte und lehnten uns an einen Stapel Gepäck. Der braune Fluß gurgelte unter unserem Schiff, während wir langsam über das breite, ruhige Wasser glitten. Die Ufer waren üppig und bewaldet, eher eine Beruhigung für das Auge als besonders interessant. Gelegentlich sah man eine adrette kleine Stadt am Ufer, oder es erhob sich ein Rei- her aus dem Schilf, wenn wir vorbeifuhren. Die meisten anderen Pas- sagiere der Frachtbarkasse, überwiegend die Privatsekretäre und per- sönlichen Heiler der sehr Wohlhabenden, saßen unter der stickigen Markise im Heck. Es waren keine besonders freundlichen Menschen, und ich war froh, daß ich ihnen entkommen konnte. Es war das erste Mal, daß irgendwelche Leute mich tatsächlich schnitten, weil ich im Dienst einer Kurtisane stand. »Hochmütige Geschöpfe«, flüsterte Genny. »Sie sind immer so. Las- sen Sie sich davon nicht beeindrucken. Es gibt in Ardyne jede Menge interessantere Leute, mit denen man sich unterhalten kann.« Wenn ich bei den anderen gesessen hätte, hätte ich mich genauso gefühlt wie in Gesellschaft der Dozenten vom College der Magie. Ande- rerseits stellte ich fest, daß ihre unausgesprochene Feindseligkeit mich kaltließ, und ich staunte über meine eigene Verwegenheit. Ich machte das Beste draus und ließ mich, sobald wir außer Hörweite waren, von Genny in die Geheimnisse der gallianischen Politik einweihen. »Dafür ist unser Herzog viel zu klug«, antwortete Genny auf meine Frage. Sie sah sich um und senkte die Stimme. »Leon Sahr ist nur des- halb Herzog von Ishtak, weil die Kaufmannsfamilien, die es wirklich regieren, ihn in diesem Amt dulden. Sie brauchen jemanden, der als, Herrscher auftritt, damit keiner von ihnen eine Vormachtstellung errin- gen kann; sie haben sich deshalb für einen Ausländer entschieden, weil er nicht allzu viel Macht über sie ausüben kann. Ein im Land wohnender Herrscher wäre ihren Interessen keineswegs dienlich, und das weiß der Herzog. Sie bezahlen ihm einen hohen Tribut, und damit begnügt er sich. Ich könnte mir denken, daß er sich die I Aktion des früheren Herrschers zu Herzen genommen hat. Herzog Marcus war in Ishtak geboren und aufgewachsen, aber als er versuchte, Macht über die Handelsfürsten zu gewinnen, wandten sie sich gegen ihn. Es heißt, die Kaufleute hätten Leon das Herzogtum vor dem Krieg insgeheim ange- boten. Gewiß haben sie Leons Feldzug gegen Marcus unterstützt und bezahlt. Als Marcus bei Lamia getötet wurde, fiel der Thron automa- tisch an Leon, seinen Neffen.« »Der Bruder seiner eigenen Mutter«, staunte ich. »Es heißt, er hätte auch seinen Onkel Paul Sahr ermorden lassen.« Genny sah sich hastig um, aber der Wachposten stand ein gutes Stück weit weg. »So ist das eben bei diesen Herrscherfamilien. Sie be- kämpfen sich bis aufs Messer. Fast vom Zeitpunkt ihrer Geburt an ist es ein Kampf auf Leben und Tod. Herzog Leons eigene Mutter hat eine Verschwörung mit Paul angezettelt, um Pell auf den Thron zu setzen und so weiterhin Regentin bleiben zu können. Stellen Sie sich das nur vor! Er war sechzehn Jahre alt, und seine eigene Mutter wollte ihn tot sehen. Dann versuchten sein älterer Vetter Ferdinand und seine eige- nen Brüder ihn zu stürzen, als er achtzehn war. Auch zwischen ihm und seiner Schwester Matilda gibt es keine Liebe. Sie können darauf wet- ten, daß sie und seine Mutter eine Verschwörung gegen ihn anzetteln würden, wenn sie seine Brüder nicht noch mehr haßten. Man versteht, warum Leon keine Eile hatte zu heiraten und einen Nachfolger zu zeu- gen. Die Leute sagen, es läge an seiner Leidenschaft für Kitten, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, daß er, was das Familienleben be- trifft, ein wenig zynisch geworden ist. Ich denke jedoch, daß er nun bald heiraten wird. Dieses Angebot der Borgen-Erbin muß sehr verlo- ckend sein.« »Was wird dann aus Kitten werden?« »Sie denkt, daß sie Leon verlassen sollte, wenn er heiratet. Warum sollte sie die Probleme des armen Mädchens noch vergrößern, sagt sie? Ich habe ihr erklärt, daß sie der künftigen Ehefrau des Herzogs weni- ger Ärger machen würde als die meisten anderen Mätressen, die Leon haben könnte.« »Warum hassen eigentlich alle Leute Lord Däne?« »Der Mann ist ein Narr und ein kriegswütiger Narr dazu. Er erzählt überall, daß die Halbinsel mit Hilfe des Schwertes vereint und unter, gallianische Herrschaft gestellt werden sollte. Er hat sich sowohl die reformierte Kirche als auch die Ishtaki zu Feinden gemacht. Ich vermu- te, Leon duldet ihn nur deshalb bei Hof, weil er einen taktischen Grund dafür hat: Solange Däne großspurig von einer militärischen Oberherr- schaft Gallias redet, bemerkt niemand, daß unser geliebter Herzog sub- tilere Schritte in dieselbe Richtung unternimmt.« Diese Information warf ein Licht auf eine sehr beunruhigende Erfahrung, die ich am Vor- tag gemacht hatte und die ich mit großem Bedacht Kitten mitgeteilt hatte. Sie betraf unter anderem Andre Gregorov, was wohl niemanden überraschte. Einer der herzoglichen Heiler hatte – nur für den Fall des Falles – wissen wollen, wie das Heilmittel für den Hurenschlaf aussah. Natürlich wollte man nicht, daß Genny es an den Hof brachte, damit niemand einen Zusammenhang zwischen ihrem Besuch und der Krankheit her- stellte und irgendwelche Gerüchte in Umlauf setzte. Andererseits wollte Genny nicht, daß der herzogliche Heiler, der kein Narr war, bezüglich der Blutkur zu denselben Schlüssen kam wie wir. Also hatte sie ein Rezept für einen Trank aus belebenden Kräutern auf- geschrieben, in den auch Blut gemischt werden sollte. Beide Seiten waren übereingekommen, daß ich eine passende Überbringerin sei, und ich hatte die Aufgabe dann auch übernommen. Es war mir nicht gestattet, Simonetti mit in den Palast zu nehmen. Der Vater des Herzogs hatte vernünftigerweise verboten, daß Waffen und Leibwächter in den Palast kamen, um der Möglichkeit von Attenta- ten vorzubeugen; daher mußte ich Simonetti am Eingangstor zurück- lassen und mich damit einverstanden erklären, daß der diensthabende Magier mich nach versteckten Waffen durchsuchte. Nachdem ich Orlando, dem Heiler, der darum gebeten hatte, die ent- sprechenden Pergamente überreicht hatte, suchte ich mir meinen Weg zurück durch das Labyrinth von Korridoren, die zum Eingang des Pa- lasts führten. Plötzlich hörte ich gleich um die Ecke Andre Gregorovs Stimme. Ich blieb stehen. »… alles Interesse daran verloren, Madame Avignons kleine Magierin zu ermorden«, sagte er. Wer konnte mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich stehenblieb und lauschte? »Zur Hölle mit diesen Leuten! Diese satt- und kraftlosen Dummköp- fe.« »Das Mädchen ist einfach zu gut. Das weiß inzwischen jeder.« »Was sonst noch?« »Lord Pell hat eine neue Favoritin. Der Sohn der D'Angelos hat Cora Morfelda verfuhrt. Ich habe ihre Mutter verfuhrt. Lord Este hat eine, Affäre mit…« »Ja, ja! Was ist mit dem Brennenden Licht?« »Es war nicht einfach, aber ich habe Kontakt zu einer der Ehefrauen aufgenommen. Sie meint, es ließe sich wohl ein Treffen arrangieren. Aber diese Leute sind Wahnsinnige.« »Verdammt, wenn wir nur Kitten Avignon aus dem Weg räumen könnten, würde der Herzog vielleicht Vernunft annehmen.« »Um ehrlich zu sein, Sie verschwenden Ihre Zeit. Der Herzog wird niemals einen Krieg in Aramaya unterstützen. Er hat nicht einmal das leiseste Interesse. Sie sollten sich lieber an Däne halten.« »Nun, dann sehen Sie zu, daß Sie ihn für unsere Sache gewinnen.« »Ich glaube, das ist etwas, worum Sie sich selbst kümmern müs- sen.« »Sie wollen doch nicht sagen, daß er sich Ihren unwiderstehlichen Reizen gegenüber unempfänglich zeigt.« »Nein!« fuhr Andre ärgerlich auf. »Ich meine etwas ganz anderes. Wenn ich ihm beweisen würde, daß er einen Mann genauso lieben kann, wie er die Frauen liebt, dann würde er mich dafür hassen.« Ich hörte das Rascheln von Stoff auf Stoff. Andres Stimme war seidenweich. »Wie Sie übrigens auch, Botschafter.« »Nehmen Sie die Hände weg von mir!« Jemand trat hastig einige Schritte beiseite. »Wenn Sie sich freundlicherweise daran erinnern würden, wer ich bin«, sagte die andere Stimme erregt. »Und Sie sollten nicht vergessen, wer ich bin, Botschafter. Ich bin keine Ihrer Kreaturen, die Sie nach Belieben herumkommandieren können. Ich bin lediglich ein hilfsbereiter Landsmann.« »Wenn Sie kein soprianischer Spion sind! Ich habe noch nie von ir- gendwelchen Gregorovs aus Daznam gehört!« Er schlug die Tür hinter sich zu. Mein Herz hämmerte. Wenn ich meinem ersten Impuls gehorcht hät- te, wäre ich gelaufen, so schnell ich nur konnte, aber ich unterdrückte den Drang. Ich schickte mich an, mich unsichtbar zu machen, obwohl ich wußte, daß ich mit einem Zauber im Palast alle möglichen magi- schen Alarmsysteme auslösen würde. Eine Hand schob sich um die Ecke und packte mein Handgelenk. »Mademoiselle Dion! Nein, nein! Es hat keinen Sinn, wenn Sie sich unsichtbar machen. Ich werde Sie nicht loslassen.« Andres Finger lagen wie ein Schraubstock um meinen Arm. Er preßte meine Hand an die Wand und legte seine andere Hand neben meinen Kopf, so daß ich zwischen seinen Armen festsaß. Ich wehrte mich nach, Kräften und wandte den Kopf von seinen seltsamen, dunklen Augen ab. Eine seiner leuchtendschwarzen Locken hing nur wenige Zentimeter von meiner Wange entfernt herab. »Was haben Sie hier zu suchen, Mademoiselle? Man könnte auf den Gedanken kommen, daß Sie Dinge belauscht haben, die Sie nichts an- gehen.« »Nein!« Er legte mir einen Finger unters Kinn. »Sehen Sie mir ins Gesicht und sagen Sie das noch einmal. Kommen Sie. Sie haben spioniert, nicht wahr?« Ich blickte zu ihm auf und sah ihn mit schmal gewordenen Augen an. Ich wollte einfach nur verschwinden. »Hey!« Er schüttelte mich sanft. »Lassen Sie das. Es wird Ihnen nichts nützen.« »Was?« »Sie wurden plötzlich ganz verschwommen. Haben Sie das denn nicht gemerkt?« Ich schüttelte den Kopf. »Also, erzählen Sie es mir, Mademoiselle. Was haben Sie gehört?« »Nichts.« »Sie sind keine besonders gute Lügnerin, Mademoiselle. Wenn Sie nichts gehört haben, warum sind Sie dann so erschrocken? Sehen Sie sich doch nur an, Sie zittern am ganzen Leib. Also. Warum haben Sie gelauscht?« »Ich habe nicht gelauscht.« »Warum haben Sie sich dann versteckt?« »Damit ich Ihnen nicht…« Ich hielt verwirrt inne. »Was? Damit Sie mir nicht begegneten? Sie gehen mir aus dem Weg, nicht wahr?« In seiner Stimme schwang Belustigung mit. Das tat weh. Zu welchen anderen Eingeständnissen würde er mich noch überlisten? »Erzählen Sie mir, Kleine…« »Ich habe Ihnen nichts zu erzählen«, schrie ich und versuchte, ihm meinen Arm zu entreißen. »Lassen Sie mich los.« »Damit Sie einfach verschwinden können? 0 nein!« Ich sah ihn finster an. »Ich kann Sie dazu zwingen, mich loszulassen.« Er grinste. »Das weiß ich. Ich weiß alles über Sie. Wissen Sie, was die Leute ü- ber Sie sagen? Daß Sie die stärkste Magierin auf der Halbinsel seien. Gefallt Ihnen das?«, Ich schob mich weiter von ihm weg. »0 ja! Krazhan hat mir alles über Sie erzählt. Sie haben den dum- men Mann gehörig erschreckt. Nach dem Treffen mit Ihnen wollte er nach Hause fahren. Hat den Botschafter ganz schön in Rage gebracht. Wollen Sie wissen, was er gesagt hat?« Er beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr. »Soviel Macht in den Händen eines einfachen kleinen Mädchens. Der Teufel bewahre uns vor der Apokalypse.« Ich wandte ruckartig den Kopf ab, um seinen kitzelnden Atem nicht länger spüren zu müssen, drehte mich um und stellte fest, daß sein Gesicht auf derselben Höhe war wie meines und sein Mund nur Zenti- meter von meinem entfernt. Einen Augenblick lang war ich wie ge- bannt. Er ließ meinen Arm sinken. Ich rieb mir die brennende Stelle und trat einen Schritt zurück, stieß jedoch nur gegen die Tür. Andre lehnte sich träge an die Wand und sah mich unter schweren Augenlidern an. »So«, sagte er. »Sie wissen, daß ich Ihnen nichts antun kann. Also, warum erzählen Sie mir nicht, was Sie hier zu suchen hatten?« »Ich habe eine Botschaft überbracht.« »Verstehe. Und Sie haben uns reden hören und wollten uns nicht stören.« Ich nickte. »Und vielleicht haben Sie uns etwas sagen hören, das Sie erschreckt hat, hm?« »Nein, ich habe nichts gehört.« »Oh, Mademoiselle. Sie werden niemals jemanden überzeugen, wenn Sie ihm nicht in die Augen sehen können.« Er war mir schon wieder zu nahe. Andererseits wäre er mir auch zu nahe gewesen, wenn er sich auf der anderen Seite des Raumes befun- den hätte. Er hatte eine Art körperlicher Ausstrahlung. »Ich denke, ich sollte jetzt gehen«, sagte ich und wandte mich är- gerlich ab. »Mein Leibwächter macht sich gewiß schon Sorgen um mich.« »Wie Sie wünschen. Ich werde Sie begleiten.« Er schob sich an mir vorbei, ging den Korridor in die Richtung hinun- ter, aus der ich gekommen war, drehte sich um und winkte mir. »Es wäre sehr ungehobelt von mir, wenn ich eine junge Dame ohne Beglei- tung durch den Palast gehen ließe. Kommen Sie.« Ich folgte ihm, obwohl ich mich stets mit Bedacht fünf Schritte hinter ihm hielt. Außerdem bog ich in einem großen Bogen um jede Ecke, für den Fall, daß er auf mich wartete und mich ansprang, aber er schritt elegant vor mir aus und wandte sich nur ab und zu nach mir um, um, mich anzulächeln. Nach sechs oder sieben Ecken und Korridoren blieb er stehen und wartete, die Hände in die Hüfte gestützt, bis ich ihn er- reichte. Auch ich blieb stehen, da es mir selbst in den breiten Palast- gängen widerstrebte, an ihm vorbeizugehen. »Huh!« lachte er. »Fräulein Argwohn.« »Wundert es Sie, daß ich argwöhnisch bin?« »Nein, vielleicht tun Sie ganz recht daran. Aber ein Wort des Rates.« Er trat näher und senkte die Stimme. »Es wäre nicht gut, wenn Bot- schafter Deserov wüßte, daß Sie unser Gespräch mit angehört haben.« »Sie werden es ihm ohnehin erzählen«, sagte ich, fest entschlossen, nicht wieder vor ihm zurückzuweichen. »Von mir wird er nichts erfahren. Er hat keine Macht über mich. Ich erlaube ihm lediglich, sich meine besonderen Fähigkeiten zum Zusam- mentragen von Informationen zunutze zu machen.« »Sie sind ein Spion.« »Wenn Sie so wollen. Aber Ihnen war ich auch ein guter Freund. De- serov versucht schon seit einiger Zeit, Sie töten zu lassen. Er hat einen ganz speziellen Grund, warum er Ihre Arbeitgeberin aus dem Weg ha- ben möchte. Ich denke, es hat etwas mit Land zu tun. Aber ich habe ihn fast davon überzeugt, daß es völlig sinnlos ist, etwas Derartiges zu versuchen.« »Warum?« »Weil es tatsächlich sinnlos ist. Kitten Avignon ist aus ihrer Heimat verbannt worden. Sie wird nie wieder nach Aramaya zurückkehren, um ihm irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten. Und wenn er sich ihrer entledigt, wird er der aramayischen Sache hier nicht weiterhelfen. Wa- rum das Leben einer schönen und mächtigen jungen Magierin vergeu- den, nur damit Pyotr Deserov seine törichte Besessenheit bezüglich seiner Schwägerin ausleben kann?« Ich war entsetzt. Ich keuchte. »Sie wissen…« »Ich weiß viele Dinge. Ts, ts.« Er griff sachte nach meinem Arm. »Ich fürchte, Sie werden da einen blauen Fleck bekommen. Verzeihen Sie mir.« Bevor ich wußte, was er tat, küßte er mich schnell auf die Innenseite meines Handgelenks. »Hier müssen sich unsere Wege trennen. Vor Ihnen liegt die Außen- tür. Leben Sie wohl.« Ich sagte ihm nicht auf Wiedersehen. Ich ging einfach weg; nach seinem Kuß war ich über und über rot angelaufen. Außerdem hatte ich das Gefühl, als bohrten sich seine Blicke in meinen Rücken, als ich ging, aber ich wagte es nicht, mich umzudrehen, um festzustellen, ob er mich wirklich beobachtete., Jetzt saß ich neben Genny auf der Barkasse und rieb mir gelegentlich mein geschundenes Handgelenk Meistens waren es jedoch nicht die blauen Flecke, die ich rieb, sondern die Stelle an der Innenseite meines Handgelenks, wo seine Lippen meine Haut berührt hatten. Es war nur gut, daß ich für die nächsten vier Wochen aus Gallia und aus der Nähe Andre Gregorovs fortkam. Die Sonne hing blutrot über den großen, weißen Türmen von Ishtak, als die Barkasse zwischen den bewaldeten Buchten der Flußmündung hindurchfuhr. Es war der dritte Tag unserer Reise, und mein Verlangen, endlich von der Barkasse herunterzukommen, war noch größer als der Wunsch, die Fleischtöpfe Ishtaks zu sehen. Aber kaum hatte ich die Barkasse verlassen, vergaß ich, wie sehr meine lange unbenutzten Bei- ne schmerzten. Im Hafen gab es einen gewaltigen Markt, und in der Annahme, das die Entladung des Schiffes geraume Zeit in Anspruch nehmen würde, schlenderte ich ein paar Meter weiter, um einen der Marktstände zu betrachten und dann noch ein paar Meter, um den nächsten in Augenschein zu nehmen. Simonetti war in Gallia geblieben, daher war niemand da, der mich zu der Gruppe zurückgetrieben hätte. Schon bald stand ich ganz im Bann all der wunderbaren Dinge, die hier verkauft wurden, den Karren mit fremdartig aussehenden Früchten, glatt und rubinrot oder mit haariger, rauher Außenhaut. Ich bewunder- te die kleinen Hügel brauner oder goldener Gewürze, die die Luft mit ihrem Duft füllten, und betrachtete einen Stand nach dem anderen; hier wurden billige Schmuckstückchen feilgeboten, da Messer oder Le- derbeutel, Tassen, Teller, Stoffe, Handschuhe, Tontöpfe mit parfümier- tem Öl, Holzschnitzereien, fröhlich gewebte Schals, Edelsteine – alles, was das Herz begehrte, sogar Dinge wie geschnitzte Rückenkratzer aus Elfenbein, die besitzen zu wollen einem nicht im Traum eingefallen wä- re. An einem Stand fand ich sogar eine winzig kleine, nackte, aber ganz behaarte Person, die in einem Käfig saß. Ich stand gerade vor dem Käfig und beobachtete einen Mann dabei, wie er das Kerlchen mit Ba- nanen futterte, als Kitten mich fand. »Da sind Sie ja. Wir haben überall nach Ihnen gesucht. Sie dürfen nicht einfach so davonlaufen. Wir finden Sie sonst vielleicht nie wie- der.« Sie lachte über meine kleine Person im Käfig. »Das ist ein Affe«, sagte sie. »Er kommt von den Sonnenunter- gangsinseln.« »Das ist ein Affe?« Ich hatte über diese Tiere gelesen, aber noch nie eines gesehen. Die zierliche Art, wie er die Banane schälte, faszinierte mich derart, daß Kitten mich schließlich weiterziehen mußte. Sie schalt mich, daß ich einfach fortgegangen war., »Was hätte Simonetti gesagt? Die anderen sind vor einigen Minuten losgefahren, und Sie stehen jetzt nicht mehr unter ihrem Schutz. Was, wenn jemand Sie beobachtet und nur auf einen günstigen Augenblick wartet? Unvorsichtiges Geschöpf…« Aber sie brach ihre Strafpredigt immer wieder ab, um mich auf ir- gendwelche Dinge aufmerksam zu machen. »Das ist Kardamom aus Killara«, sagte sie zum Beispiel oder: »Fühlen Sie mal dieses Leder. Ist das nicht herrlich. Hm, und es riecht so gut. Und ist diese grüne Seide nicht wunderbar weich? Die würde Ihnen bestimmt hervorragend zu Gesicht stehen, meine Liebe.« Erst als wir an den Rand des Markts kamen und ich mir meiner Um- gebung wieder bewußt wurde, ging mir auf, wie ungemein seltsam es war, daß Kitten hier bei mir war. Für gewöhnlich reiste Kitten inmitten der fürstlichen Pracht von Kutschen und Lakaien, aber jetzt hatte sie ihre gewohnten kostbaren Gewänder abgelegt und trug dasselbe schlichte, braune Kleid mit der gestärkten, weißen Haube, wie die Marktfrauen es anscheinend trugen. »Leon soll heute abend mit den Handelsfürsten speisen, und Gott sei Dank ist das eine Veranstaltung nur für Herren«, erklärte sie mir. »Ich sage Ihnen was! Ich schicke einen Boten zu Genny, damit sie weiß, daß es uns gutgeht. Dann sehen wir uns die Stadt an, nur Sie und ich!« »Ist das nicht gefährlich?« »Ach, gefährlich, gefährlich. Es ist so langweilig, immer nur auf seine Sicherheit zu achten!« »Kitten?« Sie drückte mir voller Zuneigung den Arm. »Nun, Simonetti würde es bestimmt nicht gutheißen, aber… gehen wir das Risiko trotzdem ein. Ich habe es so satt, immer die Aristokratin zu sein. Ich glaube kaum, daß einer unserer Feinde auf die Möglichkeit gefaßt ist, daß wir allein durch Ishtak schlendern, und wenn ja, nun, wir haben schließlich ein- ander, oder? Also, gehen wir!« Mit Kitten durch die Straßen zu wandern, war etwas ganz anderes als meine Streifzüge in Gennys Begleitung. Es war der Unterschied zwi- schen alltäglichem Leben und Abenteuer. Nicht einmal das bäuerliche Braun konnte die Tatsache verhehlen, daß Kitten eine sehr attraktive Frau war. Wo die schweren Brokatstoffe ihren mutwillig hüftenschwin- genden Gang kaschierten, war der leichte bäuerliche Stoff eher dazu angetan, ihn zu betonen. Sie zog überall Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere Male riefen uns Männer etwas nach und einmal schrie ein Be- trunkener vor einer Taverne: »Komm her zu mir, mein Täubchen! Ich habe etwas Gutes für dich.«, Woraufhin Kitten sich umdrehte und mit ironischer Bescheidenheit fragte: »Wen meinen Sie, Sir, mich? Oh, was für ein verlockendes An- gebot. Wie kann ich es nur ertragen, es auszuschlagen?« Der Betrunkene, ein riesiger, schmutziger Mann mit flammendrotem Haar, stand auf und kam auf uns zu, stolperte aber fast sofort über seine eigenen Füße und fiel unter tosendem Gelächter aller Umstehen- den auf die schmierigen Pflastersteine. »Kitten, das war gefährlich.« »0 nein. Ich kann schneller laufen als jeder alte Säufer.« Sie kniff mich in die Wange. Eine seltene, übersprudelnde Freude schien sie zu erfüllen. Ich hatte sie nur ein einziges Mal bisher so erlebt, als sie mit den neuen Stoffballen durch ihr Boudoir tanzte. »Kommen Sie. Gehen wir runter ans Meer.« Ich folgte ihr durch die gewundenen Gassen bis zum Strand. Eine große Mauer ragte dort ins Meer hinein, um den Eingang der Bucht schmaler zu machen. Auf der einen Seite herrschte Ebbe, und man konnte die Sandbänke im Wasser erkennen. Auf der anderen Seite la- gen die tiefen Gewässer des Hafens und in der Ferne die Docks und die Schiffe. Kitten jagte mich über den Hafendamm und entschied das Rennen mühelos für sich, denn ich blieb stehen, um die träge wogen- den Wassermassen im samtenen Zwielicht zu bestaunen. Soviel Was- ser auf einmal. Es schien sich bis in alle Ewigkeit zu erstrecken. Und es wirkte seltsam lebendig, wie ein großes, schlafendes Tier. Ich hatte das Meer vorher noch nie gesehen. Die ganze östliche Meeresküste von Moria war vor hundert Jahren von dem Dämon Smazor in wegloses Ödland verwandelt worden, und die Morianer gingen niemals dorthin. Dann fiel mir ein, daß ich doch schon einmal ein Meer gesehen hatte: den Ozean kleiner Münder in meinem Drogentraum von dem Dämon. Ich schauderte und machte mir im Geiste eine Notiz, in meinem Zim- mer alle diesbezüglichen Runen auszulegen. »Frieren Sie, meine Liebe?« Kitten legte mir einen Arm um die Schulter und drückte mich kurz. In diesem Augenblick hätte ich ihr beinahe alles gestanden. Wie an- ders alles gekommen wäre, wenn ich es getan hätte. »Gefällt Ihnen das Meer?« Ich nickte. Sie lachte und tanzte über die Mauer davon, als wolle sie am anderen Ende hinunterspringen. Ich lief schnell hinter ihr her und stellte zu meiner Erleichterung fest, daß dort eine Treppe in die Tiefe führte. »Vorsichtig, die Stufen sind sehr glatt«, rief sie, als ich hinter ihr herrannte. Die Flut kam herein, und kleine Wellen leckten an den unteren Trep-, penstufen. Kitten hatte ihre Röcke bis über die Knie hochgezogen und watete unter der Mauer durchs Wasser. »Kommen Sie«, sagte sie. »Lassen Sie uns ein wenig im Wasser planschen.« Ich zog die Schuhe aus. Dann spürte ich plötzlich etwas. Eine Art Schauder. Irgend jemand benutzte ganz in unserer Nähe Magie. »Kitten!« Sie blieb stehen und drehte sich zu mir um. Ich streifte die Schuhe wieder über und rannte die Treppe hinauf. Eine Gruppe von Männern, sechs insgesamt, kam den Damm entlang auf uns zu. Vier der Männer trugen Armbrüste. Kitten kam hinter mir her. »Diese Männer sind Narren«, flüsterte sie. »Wissen Sie denn nicht, wer Sie sind?« Wir alle starrten einander an. Die beiden übrigen Männer trugen Um- hänge und hatten ihre Kapuzen tief in die Stirn gezogen. Ich wußte, daß es Magier waren, die sich wahrscheinlich aneinandergekettet hat- ten, um ihre Kräfte zu verstärken. Die Männer hoben ihre Bogen. »Halt!« schrie eine Stimme. Ein Mann kam die Mauer entlangge- rannt. Andre Gregorov. Daraufhin wandte einer der Magier den Kopf. »Was zum Teufel tun Sie hier?« rief Gregorov. »Seine Exzellenz möchte, daß wir uns um diese beiden hier küm- mern«, sagte der Magier. »Das ist doch Wahnsinn. Sie können nicht…« »Verschwinden Sie, Gregorov. Feuer!« Andre warf sich seitlich gegen den ihm am nächsten stehenden Schützen, so daß dieser auf die anderen zu taumelte. Dann folgte ein Schrei. Etwas fiel vor unseren Füßen zu Boden. Ein Machtstrahl schleuderte mich rückwärts gegen Kitten. Die anei- nandergeketteten Magier hatten angegriffen. Kitten hielt mich fest und gab mir einen leichten Stoß. »Los! Schlagen Sie zurück, Dion!« Mit ihren Worten war meine Furcht wie ausgelöscht. Ich wogte vor- wärts, kalt und schwer von Magie. Die Macht begann mir durch die Fin- ger zu strömen; sie kribbelte wie zerstoßenes Eis, entströmte mir in einem gewaltigen kraftvollen Schwall und brannte sich über den Damm. Unbezwingbar, unfehlbar wandte sie sich gegen die Magier, schob sie zurück, hob sie vom Boden, so daß sie einen Augenblick lang, wie kleine Marionetten zappelnd und um sich tretend in der Luft hin- gen, und ließ sie dann wieder auf den Damm fallen. Sie stürzten herun- ter wie Steine. Als sie ins Wasser fielen, hörte man es spritzen. Geläch- ter. Gelächter überall. Das war ich; ich lachte. Ich hielt inne. Preßte die Arme hastig an den Leib. Jetzt hatte es aufgehört. Ich bekam einen Krampf in den Armen, solche Kraft kostete es mich. Dann hob ich abermals den Kopf. Der Damm war bis auf zwei Gestal- ten, die einige Meter von mir entfernt auf den Steinen ausgestreckt lagen, völlig leer. Drei andere Gestalten rannten weg. Hatte ich die Ma- gier getötet? Ich lief an den Rand der Mauer und sah zu meiner Erleich- terung, daß ihre Köpfe in der vom Sternenlicht beleuchteten See auf und nieder hüpften. Einer heulte auf und tauchte schnell wieder unter, als er mich sah. Der andere, den ich anhand seiner Aura als Lord Kraz- han erkannte, schlotterte vor Angst. Ich konnte sein Entsetzen spüren, obwohl ich fast fünfzig Meter von ihm entfernt stand. »Beim Atem des Teufels!« sagte eine Stimme hinter mir. »Und ich dachte, Sie brauchten Hilfe!« Andre stützte sich auf die Ellbogen. Ir- gendwie hatte ich erwartet, daß die Zurschaustellung meiner Kräfte ihn zum Schweigen bringen würde. Ihn irgendwie demütigen würde. Statt dessen lachte er. »Nun! Also wirklich! Da hatte dieser Narr Krazhan also ausnahms- weise einmal recht. Lebt er übrigens noch?« »Ja.« »Hier.« Er hielt mir den Arm hin. Ich ging auf ihn zu, um ihm aufzuhelfen, und plötzlich erfüllte mich eisige Furcht. Meine Knie wurden schwach. Daraufhin veränderte sich seine Miene. Er senkte die Lider, und sein Lächeln nahm etwas Hinterhältiges an. Mit einiger Mühe bückte ich mich, um seinen Arm zu ergreifen. »Und was, wenn ich fragen darf, haben Sie hier zu suchen?« fragte Kitten. Sie zwängte sich an mir vorbei, griff nach Andres Arm und zog ihn auf die Füße. Ihre Wärme und ihr unverbrüchlicher Sinn fürs Praktische halfen mir augenblicklich. »Dasselbe könnte ich Sie fragen, Madame Avignon. Mir will scheinen, daß Sie sich in eine überaus gefährliche Situation begeben haben.« »Ich hatte jedes Zutrauen in Dions Fähigkeit, uns aus eventuellen Schwierigkeiten herauszuholen. Berechtigtes Zutrauen. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.« »Ich habe Krazhan in den Räumen des Botschafters belauscht«, sag- te Andre. »Ich bin ihm hierhergefolgt. Mir war nicht klar, daß sie tat-, sächlich versuchen würden, Sie zu töten. Diese Familienstreitigkeiten müssen wirklich die Hölle sein, Madame Avignon.« Er stieß mit dem Fuß gegen die zweite am Boden liegende Gestalt. Sie rollte sich mit einem Wimmern weg und schlug die Hände vors Ge- sicht. Es war einer der Bogenschützen. Er trug Grau und Schwarz, und an seinem Mantel glitzerte das Abzeichen des Brennenden Lichts. Ein Armbrustpfeil hatte seinen Fuß durchbohrt. »Sehen Sie sich diesen er- bärmlichen Kerl an. Ich sehe schon, daß ich meine Loyalität an die fal- schen Leute verschwendet habe. Die Favoritin des Herzogs zu ermor- den, wahrhaftig! Es hat keinen Sinn, für einen Narren zu arbeiten. Am Ende geht es einem nicht besser als diesem armen Bastard da.« Er verbeugte sich vor uns. »Darf ich die Damen zu ihren Quartieren zurückbegleiten?« »Vielen Dank«, sagte Kitten steif. »Aber ich sehe, daß die Wache kommt Die wird mir als Schutz sicher genügen.« Andre betrachtete die Laternenlichter, die vom anderen Ende des Damms auf uns zugeschwankt kamen. »Dann wäre ich gewiß nur im Weg.« Er verbeugte sich abermals. Ich wünsche den Damen noch eine gute Nacht.« Mit diesen Worten wandte er sich um und ging mit langen Schritten über den Damm. Kitten sah ihm die Hände in die Hüften gestützt nach. »Was für ein seltsamer Mann«, sagte sie. Dann drehte sie sich zu mir um und seufzte. »Also, meine Liebe, un- ser kleines Abenteuer ist nun zu Ende. Und ich habe eine Lektion ge- lernt. Simonetti würde mir sagen, daß es mir recht geschehe. Aber es tut mir leid, daß ich Sie mit meinem Leichtsinn in solche Gefahr ge- bracht habe.« Ich zuckte beklommen mit den Schultern. »Das konnten Sie nicht wissen.« »Ich hätte es aber ahnen müssen. Nun, wie auch immer. Sehen wir zu, was wir für diesen armen Kerl hier tun können.« Sie meinte den verwundeten Mann auf den Steinen. Sie bat mich, den Pfeil aus seinem Fuß zu entfernen und seine Wunde zu schließen. »Er gehört zum Brennenden Licht«, sagte ich. »Dion!« »Na schön«, entgegnete ich resigniert. »Aber er wird es uns nicht danken.« Der Mann setzte sich auf, während ich ihn versorgte, hielt das Gesicht aber die ganze Zeit über von mir abgewandt. Ich konnte mir vorstellen, welchen Abscheu er empfand. Seine Gefühle traten je- doch erst zutage, als ich fertig war und Kitten sich über ihn beugte. »Vielleicht würden Sie uns gern sagen, wer Sie bezahlt?«, Sein Arm schnellte vor. Kitten wurde von dem Schlag umgerissen und taumelte gegen mich. Der Mann sprang auf die Füße. »Ich werde dir gar nichts erzählen, du Hure!« zischte er. »Möge Au- maz dich und deine Hexe in den Schlund der Hölle stürzen.« Er hatte kaum ausgesprochen, da rannte er auch schon ans Ende der Mauer und stürzte die Treppe hinunter und ins Meer hinein. Mit der Stadtwache ließ sich, wie sich erwies, ohne Probleme aus- kommen. Der Oberste Magier erkannte Kitten und war bereit, alles zu glauben, was sie ihm erzählte. Man erbot sich, uns bis zurück zur Gaststube zu begleiten. Der Zwischenfall hatte unser beider Laune deutlich gedämpft, und Kitten nahm das Angebot der Wache bereitwil- lig an. Es war bereits stockdunkel, als wir in das Gasthaus zurückkehrten, in dem unsere Reisegruppe untergebracht war, und wir die Stadtwache entlassen konnten. Draußen vor der Tür baumelte ein Holzbrett mit einer roten Rose darauf. Ich lachte und machte Kitten darauf aufmerksam. »Sehen Sie. Was für ein Zufall. Hat Sie das da auf die Idee ge- bracht?« »Genaugenommen ist es kein gar so großer Zufall. Das Haus gehört mir. Es trägt den Namen ›Gasthaus zur Süßen Rose‹.« »Zweifellos das Geschenk eines Bewunderers.« »Nun, genaugenommen hat Simonetti es mir geschenkt. Herr des Himmels, sehen Sie sich nur diese Menschenmenge an«, sagte Kitten. »Was kann das zu bedeuten haben?« Auf der Straße stand eine ganze Traube gewöhnlicher Ishtaki, und man sah rötliche Samtgewänder in- mitten des alltäglichen Brauns. Die Straße erstrahlte im Licht von Fa- ckeln und hallte von Gelächter wider. »Was ist hier los?« fragte Kitten einen Mann in mittleren Jahren, dem ein gewaltiger Bauch über den Gürtel hing. »Wir sind hier, um die große Hure des Herzogs zu sehen. Es heißt, sie würde um acht Uhr auf diesem Balkon da erscheinen.« »Irgend jemand hat gesagt, es würde auch Geld in die Menge ge- worfen werden«, meinte seine Gefährtin, eine gleichermaßen dicke Frau, die eine gestärkte weiße Haube trug. »Jawohl. Es heißt, sie sei die schönste Frau auf der Welt mit Brüsten wie große, milchweiße Melonen«, erzählte der Mann weiter. Die Frau stieß ihn vor Verlegenheit kichernd in die Rippen. »Es heißt, Männer würden in Ohnmacht fallen, um sie zu sehen, und auch daß sie die Bitten der Armen erhört«, fuhr er etwas behutsamer, fort. »Ach ja?« fragte Kitten. Sie zwinkerte mir zu. »Engel!« flüsterte sie, als sie mich weiterzog. »Milchweiße Melonen, wahrhaftig! Klingt ja so, als wäre ich eine Kuh. Versuchen wir es mal am Hintereingang.« Ich war froh zu sehen, daß die Menschenmenge sie aufgeheitert hat- te. Wenig später folgte ich ihr durch den Hintereingang und die war- men Küchen in den Korridor dahinter. Endlich zog sie eine Tür auf. Goldenes Licht und der Klang von Musik hießen uns willkommen. »Archimedes, du Schurke, was hast du den Leuten erzählt?« begehr- te sie zu wissen. Lautes Gelächter schlug ihr entgegen. »Kitten! Wo hast du gesteckt?« rief Genny. »Hier sind den ganzen Tag Leute ein und aus gegangen. Sieh dir nur all diese Bittgesuche an.« Auf dem Tisch türmten sich Schriftrollen, Blumensträuße, Obstkörbe und mehrere Kästchen aus geschnitztem oder mit Einlegearbeiten ver- ziertem Holz. »Die Scarleones haben dir sogar ein Hündchen ge- schickt.« Genny hielt ein dunkles, seidiges Etwas in die Höhe. Kitten streichelte es entzückt. Dann drehte sie sich um und warf einen Blick auf den Tisch. »Hu! Als ich noch hier lebte, war ich nie so beliebt. Irgend etwas Be- sonderes dabei?« »Die interessanten Sachen habe ich für dich aussortiert. Es sind eini- ge höfische Fälle dabei, um die du dich vielleicht kümmern möchtest, und dies hier.« Genny nahm ein Blatt graues Papier von dem Stapel. »Eine Expedition, die sich auf die Suche nach dem großen Südland ma- chen möchte. Die Leute bitten um die finanzielle Unterstützung des Herzogs.« »Hm, ja. Vielen Dank, Genny.« Kitten streckte die Hand aus, nahm eine kleine runde Melone aus ei- nem der Obstkörbe und warf sie nachdenklich in die Luft. Dann husch- te ein Lächeln über ihre Züge. »Archimedes. Komm her, du Biest!« »Madame ruft, und ich kann nur gehorchen.« Archimedes verbeugte sich spöttisch. Sie warf ihm die Melone zu. Er fing sie geschickt auf. »Warst du es, der den Leuten erzählt hat, ich würde um acht auf dem Balkon erscheinen? Da hättest du mich vorher fragen können.« »Die Leute wollten etwas sehen. Wie konnte ich es ihnen abschla- gen?« Daraufhin entbrannte ein gutmütiger Streit über die Frage, welches, Kleid sie tragen solle. Der Raum war warm und voller Menschen, über- wiegend Schauspieler ihrer grellen Kleidung nach zu urteilen. Und es herrschte ein ziemlicher Lärm, eine Mischung aus Gesprächen und Ge- lächter. In der Ecke spielten einige Musiker. Zwei Tage später reisten der Herzog und sein Gefolge einige Meilen weiter die Bucht hinunter in das Sommerchateau von Ardyne. Der offi- zielle Teil des Besuchs war vorüber. Das Chateau lag abseits der Hitze und der Gerüche des sommerlichen Ishtak, aber immer noch nah ge- nug, um es dem Herzog zu ermöglichen, sich regelmäßig mit dem Rat der Zwanzig zu besprechen, der den Stadtstaat regierte. Kitten, die immer noch unter dem Eindruck ihrer Schuldgefühle stand, nachdem sie mich gefährdet hatte, hatte mich dazu überredet, während unseres ganzen restlichen Aufenthalts in Ishtak im Gasthaus zu bleiben, und als wir es endlich verließen, hatte ich es gründlich satt. Ardyne war einfach wunderschön – ein langes weißes Herrenhaus mit Turmchen zu beiden Seiten und einer breiten, gepflasterten Ter- rasse davor, von der aus man einen Blick aufs Meer hatte. Als wir dort ankamen, waren Genny und ich jedoch kaum in der richtigen Gemüts- verfassung, um seine Schönheit entsprechend zu würdigen. Es war eine lange, staubige Reise in einer geschlossenen Kutsche gewesen. Auf dem Hof hinter dem Chateau herrschte Chaos. Es war schlimmer als zu Beginn des Semesters im College. Diener rannten hierhin und dorthin, trugen gewaltige Gepäckstapel und benahmen sich, als wäre es das Ende der Welt, wenn der Marquis Soundso nicht seine sauberen Kleider bekam oder Lady Soundso ihren Kamillentee. Wenn man be- dachte, in welchem Ruf einige ihrer Arbeitgeber standen, hatten sie vielleicht sogar recht. Wir nahmen nur unsere eigenen Habseligkeiten, überließen den Rest des Gepäcks mit Freuden den anderen Dienern und begaben uns in das Chateau, wo wir eine ganze Weile durch dunkle Korridore gingen. »Bei den Sieben! Ich könnte sterben für ein Bad«, sagte Genny. »Mein Mund ist voller Staub. Sie wissen wohl nicht zufällig einen Zau- ber dagegen, oder?« »Nicht aus dem Kopf.« »Die Magie ist manchmal doch recht nutzlos.« Endlich trafen wir jemanden, der wußte, wo wir untergebracht wer- den sollten. Der Mann zeigte uns eine Reihe von Räumen am Ende ei- nes gewundenen Korridors, weit entfernt von der Haupthalle. An den Türen waren kleine Papierschnitzel mit rosafarbenen Rosen angeheftet. »Sind Sie sicher, daß das unsere Zimmer sind?« fragte ich vorsichtig. »Natürlich. Wer sonst hätte wohl Rosen von solch frivoler Farbe an der Tür? Keine Bange, Kind. Das sind gewiß unsere Zimmer.«, Es waren kleine Zimmer, die nur die einfachsten Möbel enthielten – ein schlichtes weißes Bett und einen Haken für Kleidung. In meinem stand ein Tisch unter dem breiten mit Mittelpfosten versehenen Fens- ter. Das Fenster war von Efeu überwuchert, was den Raum ein wenig dunkel erscheinen ließ. Aber es war eine angenehme schattige Art von Dunkelheit. »Aha«, hörte ich Genny aus ihrem Zimmer rufen. Sie zog etwas un- ter dem Bett hervor. Es war ein großer Holzzuber. »Genau das, was ich gebraucht habe.« Ein Bad wäre schön, dachte ich. »Aber woher kriegen wir das Wasser?« fragte ich. »Alle anderen wol- len bestimmt auch baden.« »Nun«, sagte Genny. »Dann wäre das jetzt ein guter Zeitpunkt für Sie, um Ihre Magie einmal zu etwas Nützlichem zu benutzen.« »Sie meinen…?« »Genau das meine ich. Füllen Sie das Bad mit Wasser. Mit schönem heißen Wasser. Können Sie das?« »Es kommt mir irgendwie nicht richtig vor.« Obwohl wir unter verschiedenen Lehrern und in verschiedenen lin- dern die Magie erlernt hatten, hatte man uns doch beiden die alte Lek- tion eingebleut, daß man Magie niemals für überflüssige Dinge benut- zen dürfe. »Da haben Sie nicht unrecht«, sagte sie. Düster betrachteten wir den Badezuber. Meine Haut revoltierte unter der dicken Schmutzschicht. Tatsächlich wäre es nicht das geringste Problem gewesen, den Zuber mit heißem Wasser zu füllen. Ich konnte eimerweise Wasser heraufho- len und es unterwegs erwärmen. Es schien mir nur nicht richtig zu sein, die Magie zu einem solchen Zweck einzusetzen. Michael hätte… Ach zum Kuckuck mit Michael. Ein heißes Bad wäre herrlich. »Meinen Sie, in meinem Zimmer ist auch ein Badezuber?« »Sie machen es also?« »Ja. Warum nicht?« Als ich dann später in dem warmen Seifenwasser saß, machte ich Mi- chael und seinesgleichen im Geiste eine lange Nase und gab mich be- tont ganz unmagierhaften Gedanken hin, in diesem Falle der Frage, was ich heute abend anziehen solle. Ich hatte mittlerweile eine große Auswahl. Kitten hatte die Tatsache, daß sie nun meine Maße kannte, ausgenutzt, um mir weitere Kleider zu schenken. Ich hatte protestiert, weil ich das für unangemessen hielt, aber insgeheim freute ich mich über all die hübschen Dinge. Das brau- ne Satinkleid mit dem eingewobenen Muster paßte im Grunde tatsäch-, lich nur für den Abend, aber daneben besaß ich jetzt ein wunderschö- nes dunkelgrünes Kleid mit einem weißen Kragen, der zu schmutzig von der Reise war, um ihn noch einmal zu tragen; daneben hatte ich ein bezauberndes pfauenblaues Kleid und – das schönste von allen – ein brandneues aus einem der modernen und wie ich vermutete teuren Druckstoffe. Dieses Kleid war über und über mit dunkelgrünen Blättern und klei- nen rosafarbenen Rosenknospen bedeckt, und ich betrachtete es halb und halb als meine Livree. Merkwürdig, daß dieser Gedanke mir mitt- lerweile beinahe angenehm war. Ich wußte jetzt mehr über den Hof und hatte die Tatsache zu schätzen gelernt, daß man als Dienerin der herzoglichen Mätresse, auch wenn diese bekanntermaßen eine Hure war, eine gewisse Immunität genoß. Eine gewisse Immunität ja, aber nicht genug. Zwei Stunden später machte mir der Oberste Wächter des Chateaus die Hölle heiß, weil ich seinen Schutzzauber durcheinandergebracht hatte. Wenn ich abergläu- bisch gewesen wäre, hätte ich seine Strafpredigt als den gerechten Geist Michaels betrachtet, der mich dafür strafte, daß ich ihm eine lan- ge Nase gemacht hatte. Wenn ich abergläubisch gewesen wäre. Der Oberste Wächter war ein kleiner, grauhaariger Mann mit einem humor- losen Gesicht, und es sah so aus, als sei er zwar auf meinen Schutz- zauber gefaßt gewesen, nicht jedoch auf andere Aktivitäten, die ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. »Ein Bad?« Er schrie beinahe. »Ein Bad! Sie verschleiern fast zehn Minuten lang unsere Schale des Sehens und werfen den ganzen Zauber eines Monats durcheinander – für ein Bad! Bei den Sieben, das wird der Dekan von Gallia erfahren.« Ich ließ den Kopf hängen. Das Schlimme war, daß er vollkommen recht hatte. Es war eine skandalöse Verschwendung von Magie gewe- sen, und ich hätte mich an Kittens Anweisungen erinnern sollen, auf keinen Fall mehr Magie zu benutzen, als notwendig war. Es ist schwer, die Grobheiten eines anderen zu verkraften, wenn man weiß, daß er im Grunde recht hat. »Aber Monsieur Favetti, hier wird doch gewiß ständig alle mögliche Magie benutzt«, wandte Kitten milde ein. Sie war bereits fertig zu- rechtgemacht und trug eines ihrer schulterfreien Gewänder, was Mon- sieur Favettis Zorn vermutlich noch anfachte. Ich hatte den Eindruck, daß der Herzog sie erwartete, aber sie war der Meinung gewesen, ich sei zu sanftmütig, um es allein mit einem Tyrannen wie Favetti aufzu- nehmen. »Ich dachte, Ihre Schutzzauber würden mit dergleichen fertig.« »Mit einer vernünftigen Verwendung von Magie – ja«, brauste Favetti, auf. »Eine kleine, beherrschte Verwendung von Magie – ja. Wir machen sogar Zugeständnisse an Schönheitszauber. Aber diese Frau…« Er zeig- te voller Zorn mit dem Finger auf mich. »… diese Frau wirft gewaltige Brocken Zauberkraft zum Fenster hinaus, als gäbe es unerschöpfliche Vorräte davon. Haben Sie denn gar keine Selbstbeherrschung, Mäd- chen? Wo haben Sie Magie gelernt? Auf den Fischmärkten?« »Monsieur Favetti«, brauste Kitten nun ihrerseits auf. »Es ist nicht nötig, ausfallend zu werden.« Ihre Stimme nahm einen leisen, gefährli- chen Klang an. »Selbst ich weiß, daß das Ausmaß an Macht, mit dem ein Magier einen Zauber aufbaut, kein Zeichen für mangelnde Selbst- beherrschung ist.« Monsieur Favetti holte tief Luft, und sein Gesicht nahm eine grünliche Färbung an. »Glauben Sie, was Sie wollen, Madame Avignon. Aber bitte fordern Sie Ihre junge Magierin auf, ihre ›Macht‹ im Umkreis von einer Meile um das Schloß herum möglichst nicht zu gebrauchen.« Mit diesen Wor- ten stolzierte er zur Tür, drehte sich aber, während er sie öffnete, noch einmal um. »Trotz der in Gallia herrschenden Auffassung sagt das College hier in Ishtak, daß Frauen nicht geeignet sind, Magie zu erlernen. In diesem Augenblick muß ich sagen, daß ich stolz bin, ein Ishtak zu sein.« Er warf die Tür hinter sich ins Schloß. »Was für ein unangenehmer kleiner Mann.« »Er hat recht«, sagte ich. Es war dasselbe niederschmetternde, alte Lied. Frivolität, Leichtsinn, Mangel an Selbstbeherrschung. »Ach, meine Liebe, seien Sie nicht so streng mit sich. Kommen Sie. Sie haben einen Fehler gemacht, und die Sache ist bereinigt worden. Das ist alles. Machen Sie sich keine Gedanken mehr darüber.« Ich beschloß, mir alle Mühe zu geben. Und es war ganz einfach. Genny und ich aßen an diesem Abend mit Archimedes Brown und seiner Schauspielertruppe. Und in ihrer Gesell- schaft war es unmöglich, lange düsteren Gedanken nachzuhängen. Im Gegensatz zu den Gästen waren die Schauspieler nicht im Haus untergebracht, sondern in einem großen, leeren Stallgebäude dahinter. Ich fand das sehr rüde vom Herzog, aber Genny erklärte mir, daß es völlig normal sei, Schauspieler so unterzubringen. Tatsächlich war es gar nicht so unangenehm; ein sauberes, luftiges Gebäude, in dem es selbst an den heißesten Tagen immer kühl blieb. Es lag abseits der hektischen Betriebsamkeit auf dem Hauptstallhof, und die Schauspieler hatten sich gut eingerichtet: Strohpritschen auf dem Heuboden, wo sie schliefen, jede Menge Strohballen an den Wänden, um sich darauf her- umzulümmeln, und ein langsam brennendes Feuer unter einem Topf, mit Eintopf, um den sie herumsaßen. Und genau dort saßen wir auch an jenem ersten Abend mit Archimedes Brown. Archimedes und Genny kannten einander gut. »Als wir in Ishtak wa- ren, war Kitten bei seiner Truppe«, erzählte sie mir. Er nahm Genny herzlich in die Arme und staubte mit einem großen Taschentuch schwungvoll zwei Hocker am Feuer ab. Er machte sogar großen Wirbel um mein neues Kleid und wickelte mich in eine weite, weiße Schürze, damit ich es mir nicht schmutzig machte. Die Leute brachten uns warmes, frisches Brot und Eintopf und gewürzten Wein. Wie gewöhnlich stimmte irgend jemand eine Laute, und dann wurden Geschichten zum besten gegeben. Unglücksfälle während der Tournee, die Politik der Theaterverwaltung, erfolgreiche Stücke, durchgefallene Stücke und wie immer komische Unterbrechungen während der Vorfüh- rung. Ich freute mich darauf, den Abend mit ihnen zu verbringen und ihren Geschichten zu lauschen, mußte aber noch einmal nach oben in mein Zimmer gehen, um mein Schutzritual durchzuführen. Aber als ich zurückkehrte, war das Lager Schauplatz hektischer Aktivitäten. Plötz- lich schienen doppelt so viele Leute dort zu sein wie vorher, und sie alle waren damit beschäftigt, ihre Gewänder zuzuschnüren oder Gesichts- farbe aufzutragen. »Was ist denn passiert?« fragte ich Genny. »Der Herzog bittet die Schauspieler, am Tanz in der Halle teilzuneh- men. Soviel zu einem angenehmen Plauderstündchen heute abend. Kommen Sie, wollen wir Spazierengehen oder lesen? Es müßte eigent- lich noch früh genug sein, um gefahrlos laufen zu können.« »Gefahrlos?« »Es ist keine gute Idee, spät abends noch in den Gärten umherzu- wandern. Höchstwahrscheinlich bringt man sich nur selbst in Verlegen- heit, in dem man auf… Pärchen trifft.« Sie lachte. »Der Herzog und seine Freunde kommen hierher, um sich nach der Förmlichkeit, die das ganze Jahr über bei Hofe herrscht, zu erholen. Sie genießen das einfache Leben. Unschuldige Geschöpfe. Sie scheinen die Vorstellung zu haben, unschuldiges Leben bestünde aus Sex und Jagden. Wo bleiben die Armut und die harte Arbeit, möchte ich wissen?« Plötzlich sah sie meinen Gesichtsausdruck »Ach Kind! Um Himmels willen. Sehen Sie mich nicht so besorgt an.« »Meine Damen! Sie müssen mir erlauben, Sie zum Ball zu beglei- ten.« Archimedes war mit schnellen Schritten aus dem Stall gekommen. Er trug einen prächtigen, grünsamtenen Rock mit schwarzen Aufschlägen. »Tut mir leid«, sagte Genny. »Uns gebricht es an den notwendigen, Fertigkeiten. Flirten und Tanzen sind Disziplinen, die auf den Colleges der Magie nicht gelehrt werden.« »Was meinst du damit? Willst du nicht einmal zum Zusehen mit- kommen? Was ist mit Mademoiselle Dion? Ihr würde es gewiß Spaß machen. Mademoiselle, es ist ein wunderbares Schauspiel zu sehen, wie die Lords und Ladys tanzen. Die Kleider sind üppig, und alle Anwe- senden bewegen sich voller Anmut. Es würde Ihnen Spaß machen, Ma- demoiselle.« »Er hat recht«, sagte Genny. »Es ist ein herrlicher Anblick. Es würde Ihnen gefallen, Dion. Gehen wir hin.« Ich wollte den Ball tatsächlich sehen. Aber Andre… Nachdem ich ihm in Ishtak begegnet war, war ich mir ganz sicher, daß er auch hier in Ardyne sein würde. Er war genau die Art blendender Gesellschafter, die der Herzog schätzte. »Sie haben keinen Grund, so schüchtern zu sein. Kommen Sie. Sie werden still in einer Ecke mit Madame Genny sitzen. Niemand wird Sie sehen.« Archimedes riß uns einfach mit. Hinter uns kamen etwa zwanzig Mit- glieder der Truppe, die alle ihren Bühnenstaat trugen und unglaublich vornehm taten. Archimedes hatte recht gehabt. Es war ein prachtvolles Schauspiel. Etwa sechzig Tänzer bewegten sich mit großer Anmut durch die komplizierten Figuren des Tanzes. Die weiten Röcke der Frauen wogten, während ihre Partner sie im Kreis herumwirbelten. Nur die jüngsten und attraktivsten Mitglieder aus dem engsten Kreis des Herzogs waren hier in der Sommerresidenz – die hübschen fröhlichen Herren und die schönen freizügigen Damen, die zu seinen Vertrauten zählten. Juwelen blitzten in strahlendem Kerzenlicht auf. Seide und Satin schimmerten sanft, und neben der Musik erfüllte das leise Rau- nen raschelnder Stoffe und flüsternder Stimmen den Raum. Der Herzog saß in einem ausladenden Sessel auf einem Podium an der Seite des Raums. Ein kleines Grüppchen Höflinge scharte sich in legerer Haltung, aber auf niedrigeren Stühlen um ihn. Kitten stützte sich auf die Armlehne seines Sessels, fütterte ihn mit Leckereien und flüsterte ihm Bemerkungen ins Ohr, die ihn häufig zum Lachen brach- ten. Manchmal strich er mit dem Handrücken über ihren nackten Arm oder leckte die Finger ab, mit denen sie ihn fütterte. Er sah viel wohl- wollender aus als bei unserer letzten Begegnung. Ich erkannte auch eine Reihe von Kurtisanen beiderlei Geschlechts, von denen mir einige in Kittens Haus begegnet waren. Sowohl die Schauspieler als auch die Kurtisanen waren nicht nur an ihren grellen Gewändern zu erkennen, sondern auch an der Art, wie sie sie trugen. Die Adligen waren kostbarer gekleidet und zeigten bei weitem mehr, Schmuck, aber sie schienen ihren prächtigsten Staat nicht annähernd so gut zur Geltung zu bringen. Rapunzel zum Beispiel war einfach a- temberaubend in rotem, mit schwarzer Spitze verziertem Samt, der eigentlich durch und durch vulgär hätte wirken müssen, aber an ihr einfach exotisch und hinreißend aussah. Sie flirtete hemmungslos mit ihrem Tanzpartner, schlug gelegentlich mit ihrem Fächer nach ihm und einmal knuffte er sie sogar ins Gesäß, was die Umstehenden mit Ge- lächter und sie selbst mit einem bösartigen Funkeln quittierte. Niemand schien diese kleine Vertraulichkeit zu stören, nicht einmal die Handvoll zurückhaltend gekleideter Heiler und Sekretäre, die in unserer Nähe im Schatten unter der Orchestergalarie saßen. Ein oder zwei von ihnen hatten uns bei unserem Eintritt zugenickt. »Seien Sie besonders auf der Hut vor den Freundlichen«, flüsterte Genny mir zu. »Sie können sicher sein, daß entweder sie oder ihre Herren hinter irgend etwas her sind.« Plötzlich blieb sie wie angewur- zelt stehen. »Bei den Sieben! Was tut der denn hier? Der Herzog sagte doch…« Die Haare in meinem Nacken stellten sich mit einem leisen Prickeln auf. Es war Lord Andre, dessen magere, dunkle Gestalt sich da einen Weg durch die Menge bahnte. Bis aufsein weißes Hemd war er heute abend ganz in Schwarz gekleidet, und er bewegte sich mit seiner ge- wohnten katzenhaften Anmut. Inmitten des bunten Treibens wirkte er auf düstere Weise strahlend. Wo er vorbeiging, drehten sich Köpfe nach ihm. Er trat vor das Podium und machte eine tiefe Verbeugung vor dem Herzog, der ihm ein warmes Lächeln schenkte und ihm be- deutete, sich neben ihn zu setzen. »Er sprüht einfach vor Charme. Sehen Sie ihn sich nur an«, wisperte Genny. Genau das tat ich. Mir entging keine einzige seiner seidenglatten Be- wegungen. Als er die Beine übereinanderschlug, konnte ich beinahe das Rascheln von Stoff auf Stoff spüren. Schließlich wandte ich jedoch re- solut den Blick ab und konzentrierte mich auf die Tänzer. Im Augen- blick wurde ein wilder, unglaublich schneller Tanz getanzt, den zu beo- bachten einfach mitreißend war. Die Gesichter der Tänzer waren gerö- tet, aber sie lachten vor Vergnügen, während sie an uns vorbeiwirbel- ten. Archimedes winkte uns von der Tanzfläche zu und strich sich schnell eine ungebärdige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Sehen Sie«, sagte Genny. »Kitten winkt uns zu.« Kittens Miene spiegelte die Bitte um Verzeihung wider, während sie uns bedeutete, zu ihr zu kommen. Der Herzog neben ihr wirkte auf bösartige Weise belustigt. »Manchmal glaube ich, dieser Mann hat eine besondere Vorliebe dafür, Schwierigkeiten zu machen«, murmelte, Genny mir ins Ohr. Als Genny und ich zum Podium hinübergingen, war Lord Andre für mich nur ein blinder Fleck an der Seite des Herzogs. Ich hielt den Blick fest auf den Boden geheftet. »Ah«, sagte der Herzog. »Da sind die Damen ja. Lord Andre konnte es nicht mit ansehen, daß zwei so reizvolle Damen nicht in die Fest- lichkeiten mit einbezogen werden. Wir waren uns sicher, daß Sie beide ein Glas Perlwein in unserer Gesellschaft bei weitem vorziehen würden. Kommen Sie, meine Damen. Setzen Sie sich. Wir sind hier alle ganz zwanglos.« Genny knickste vor Lord Andre und sagte in einem Tonfall, der ver- dächtig nach Ironie klang: »Vielen Dank, Mylord. Ich bin gewiß, daß es nichts gibt, das wir lieber täten.« »Madame Appellez!« sagte der Herzog amüsiert. »Sie sind so ein wohltuend natürliches Geschöpf. Welch passende Gesellschaft hier in unserer ländlichen Zurückgezogenheit. Und Ihre kleine Gefährtin, Ma- demoiselle Dion. So still und schüchtern. Aber nicht ohne Bewunderer, wie ich höre.« Mein Gesicht wurde feuerrot. Der Herzog lachte. »Erröten Sie nicht, Mademoiselle. Sie haben keinen Grund, so scheu zu sein. Kommen Sie, ich mache Sie mit den Leuten hier bekannt. Mei- ne Damen und Herren! Zwei bedeutende Vertreterinnen der magischen Künste.« Zweifellos staunten die Adligen, die um den Herzog herum saßen, über diese Grille ihres Herrn, aber sie ließen sich nichts anmerken. Die Damen nickten und verneigten sich; die Herren küßten leicht meine Hand. Nur Andre nicht. Seine Lippen legten sich fest und leicht geöffnet auf meine Hand. »Ah, die Stühle. Was hat dich aufgehalten, Bursche? Da drüben ne- ben Lord Gregorov. Meine Damen, bitte nehmen Sie doch Platz.« Genny setzte sich schnell auf den Stuhl neben Lord Andre. Ein Diener stieß uns kalte Gläser in die Hände. Ein anderer füllte sie. »Ein Trinkspruch«, sagte der Herzog. »Auf die charmanten Magierin- nen Madame Appellez und Mademoiselle Dion.« Er leerte sein Glas und wandte sich dann an Kitten. »Komm meine Liebe. Laß uns tanzen. Lord Andre, ich übertrage Ih- nen die Verantwortung, sich um die charmanten Damen hier zu küm- mern.« Kitten sah uns, bevor sie weggezogen wurde, mit hochgezogenen Augenbrauen an. Als der Herzog auf den Tanzboden zustürmte, verhielt die Musik, a- ber nach kurzer Verwirrung formierten sich die Paare hinter ihm neu,, und der nächste Tanz begann. Genny bestürmte Lord Andre mit Fragen nach seiner Person. Fragen wie: ›Woher kommen Sie eigentlich, Mylord? Gefällt Ihnen Gallia? Wie ist denn das Leben in Aramaya?‹ Sie stellte die Fragen schnell hinter- einander und ließ ihm keine Zeit, selbst Fragen zu stellen. Ich konnte seine tiefe Stimme hören, als er ihr antwortete, aber die Musik war zu laut, um die einzelnen Worte zu verstehen. Ich nippte an meinem Wein, hielt meinen Blick auf die Tänzer gerichtet und versuchte, mir den Anschein zu geben, als lauschte ich nicht dem Gespräch anderer Leute, die in meiner Nähe saßen. Ich spürte, wie er mich beobachtete. Ich warf einen verstohlenen Blick in seine Richtung. Er beobachtete mich tatsächlich. Ein Anflug von Furcht überkam mich, so daß ich hastig den Blick abwandte und von neuem die Tänzer anstarrte. Ich spürte, wie seine dunklen Augen sich in meinen Schädel bohrten. Unsinn! Wie sollte das möglich sein? Und doch, als ich wieder hinsah, beobachtete er mich immer noch. Seine Lippen zuckten, aber die Bewegung war kaum wahrnehmbar. Ich wandte den Blick ab. »Entschuldigen Sie bitte, Madame.« Seine Stimme machte Gennys Fragen ein Ende. »Hierher Bursche. Mademoiselle Dion hat ihren Wein ausgetrunken.« Ein Diener kam herbei und schenkte mir nach. »Vielen Dank«, murmelte ich. Sein Lächeln war eine Liebkosung. »Gibt es sonst noch etwas, was Sie wünschen?« »Nein, vielen Dank.« Er nickte und wandte sich wieder an Genny. »Madame, Sie sagten gerade…« Wie töricht! Da saß ich nun auf dieser dummen Plattform, obwohl ich dort gar nichts zu suchen hatte und jeder sehen konnte, daß das so war. Und dieser Mann spielte irgendein Spielchen mit mir. Nun, ich würde nicht mitspielen. Es war lächerlich, daß er so tat, als bewundere er mich. Zweifellos machten sich er und wahrscheinlich auch der Her- zog einen Spaß auf meine Kosten. Von da an hielt ich den Blick entschlossen auf die Tänzer gerichtet, nippte an meinem Wein und versuchte, entspannt zu erscheinen. Ich würde seiner Eitelkeit auf keinen Fall schmeicheln, indem ich ihn noch einmal ansah. Obwohl ich seine Augen immer noch spürte. Endlich kehrten Kitten und der Herzog in einer Woge von Höflingen zurück, und wir bekamen die Erlaubnis, uns zu verabschieden. »Was ich alles für Sie tue, Kind«, sagte Genny kopfschüttelnd, als wir den Ballsaal verließen. »Nicht mehr lange, und die Zunge hätte mir, aus dem Mund gehangen.« Wir sahen einander an und brachen in Gelächter aus. »Sind Sie betrunken?« fragte Genny. »Ich bin es ganz bestimmt.« Sie schlang ihren Arm durch meinen, und wir stiegen schwankend zu unseren Zimmern hinauf. »Wenn ich Sie wäre, würde ich heute abend meine Tür abschließen«, sagte sie, als wir uns auf dem Treppenabsatz verabschiedeten. Es schien mir ein guter Rat zu sein. Verschlossene Türen schützen nicht vor Träumen. Er stand am Fuß der Treppe und stieg die Stufen hinauf. Höher und höher. Meine Brüste preßten sich gegen mein Mieder. Ich spürte einen ungeheuren Schmerz zwischen den Beinen. Oh, wie sehr ich ihn wollte. Schneller. Es war gut so. Er brannte vor Begehren. Mein Körper so schön. Ich stand nackt vor ihm, und er sah mich an. Sein Blick war eine herrliche Berührung. Meine Brüste schrien nach seiner Liebkosung. A- ber als er mit seinen harten Händen darüberstrich, war es nicht genug. Ich wollte ihn überall spüren. Er sah mich immer noch an. Voller Hun- ger. Seine erfahrenen Hände bewegten sich sicher und langsam, uner- träglich langsam, über meine weiche, weiße Haut. Liebkosten meine Schultern, meine Brüste und Brustwarzen und strichen dann über mei- nen Leib bis hinunter zu meinen Schenkeln. Und auf demselben Weg wieder hinauf. Schlossen sich um die schmelzende, feuchte Weichheit zwischen meinen Beinen. Fest. Sein Mund griff nach meinen Brüsten. Ich lag auf dem Rücken auf nachgiebigen, weichen Laken. Brannte vor Verlangen, bäumte mich ihm entgegen, erschreckend unbe- herrscht. Um die schreckliche, qualvolle Sehnsucht zwischen meinen Beinen zu stillen. Große, harte Hände umfaßten meine Hüften, rissen mich hinauf. Es war furchtbar. Wundervoll. So schön. Erschreckend. Ich konnte nicht aufhören. Hör nicht auf. Ich wollte schreien. Erlösung. Schwebende Leichtigkeit und Freiheit. Als ich erwachte, hatte ich einen Arm quer über meinen Leib gelegt, und eine Hand ruhte auf meiner Brust. Meine eigene Hand, mein eige- ner Arm. Ich kostete das zerfließende Gefühl von Frieden aus. Bis ich wach genug war, um mich schuldig zu fühlen. An diesem ersten Morgen auf Ardyne wurde das Zimmer von silbri- gem Licht erfüllt. Hätte nicht die Verlegenheit über meine Träume mich aus dem Bett getrieben, so hätte das gewiß die Aufregung über die neue Umgebung getan. Ich vergaß alles, während ich mich aus dem offenen Fenster lehnte, die frische, salzige Brise auf meinem Gesicht spürte und das grüne, bewaldete Land unter mir sah. Ardyne lag auf, einem Hügel über niedrigen Klippen, und vor dem Schloß erstreckten sich terrassenförmig angelegte Gärten bis zum Klippenrand. Auf meiner Seite des Chateaus konnte ich eine bewaldete Landspitze und einen Pfad sehen, der sich durch den Garten schlängelte. Ich zog mich an und lief die Treppe hinunter. Das Gras des Rasens war federnd und die Luft gewürzt vom Duft des Sandes, des Salzes und der Myrtenbäume. Irgendwo unter mir toste das Meer. Ich fand ein Tor, durch das man auf einen Weg zur Landspitze kam, der durch einen Wald kleiner, dür- rer Bäume führte, die selbst in diesem leichten Wind beständig knirschten und seufzten. Es war dunkel in dem Wäldchen. Nach einem kurzen Spaziergang hügelabwärts stieg ich eine kleine Anhöhe hinauf, auf deren Gipfel sich zwei Zypressen und einige Felsen befanden. Und da stand ich. Vor mir erstreckte sich das Meer, diese magische Fläche sich träge bewegenden Wassers, das ein kristallines Licht verströmte. Mein Körper war noch immer verschwitzt und träge von der Nacht, und das Meer sah so frisch aus, tief und morgengrün, daß ich mir die Schuhe auszog, den bereits warmen Strand hinunter in das kühle Was- ser lief, meine Röcke hochzog und hineinwatete. Es war Flut. Der Strand fiel steil ab, und nach dem dritten Schritt stand ich bis zu den Knien in dem sanft hin und her wogenden Wasser. Dann wurde ich von einer größeren Welle überrascht und mein Rock bis zur Taille durch- näßt. Ich überließ mich diesem herrlichen Gefühl. Ich setzte mich ins Wasser und ließ die Wellen über mich hinwegspülen, ließ mich von ih- nen hin und her tragen, mich säubern und erfrischen. Der Rock, der um mich herum trieb, kitzelte sachte über meine Beine. So mußte es sich anfühlen, eine Meerjungfrau zu sein, dachte ich. Ich legte mich ins Wasser und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Unausweichlich wandten sie sich Andre Gregorov zu und verharrten bei diesem Thema. Er war tatsächlich ein erstaunlich attraktiver Mann. Das sagten alle. Ich hatte genug Geschichten über liebestolle Frauen gehört, die sich ihm an den Hals geworfen hatten. Langsam fragte ich mich, ob ich nicht selbst in ihn verliebt war. Das würde die plötzliche Angst erklären, die mich an jenem Abend in Ishtak überkommen hatte. Und den Traum. Meine Ge- danken stahlen sich in den Traum der vergangenen Nacht zurück. Dann schüttelte ich sie jedoch hastig ab. Wie konnte ich ihm je wieder ins Gesicht sehen, nachdem ich in solch intimer Weise an ihn gedacht hat- te? Und was, wenn er es herausfand? Der Gedanke war zu erschre- ckend, um ihn auch nur in Erwägung zu ziehen. Niemand konnte behaupten, er sei ein netter Mann. Ein netter Mann schickte keine anzüglichen Briefe an fremde Frauen. Was hatte Eras- mus noch gleich gesagt? »Niemand ist so erfolgreich bei den Frauen, ohne ein ausgesprochener Mistkerl zu sein.«, Vielleicht fand er mich wirklich attraktiv. Was für ein erregender Ge- danke. Nein! Es war ein dummer Gedanke. Wie lächerlich, sich vorzu- stellen, ein Mann wie Lord Andre könne sich inmitten all der Hofschön- heiten und der reizvollen Kurtisanen hier ausgerechnet zu mir hingezo- gen fühlen. Solche Gedanken würden mich lediglich verletzlich ma- chen, und ich mußte vorsichtig und stark sein. Das beste war, ich hielt mich von ihm fern und wartete, bis er das Interesse an mir verlor. Aber wie schön wäre es, wenn… Was hatte unsere alte Haushälterin immer gesagt? Wenn ein Mann sich in eine Frau verliebt, die anders ist als seine früheren Geliebten, dann weiß man, daß er es ernst meint. Ich setzte mich auf und schüttelte mich im Geiste. Nun hatte ich aber lange genug hier herumgetrödelt und geträumt. Ich stieg aus dem Wasser. Jetzt war es nicht mehr so angenehm. Meine Kleider waren schwer und tropfnaß, und irgendwie war Sand zwischen meine Haut und meine Unterröcke gelangt – wahrscheinlich auf genau die Art und Weise, wie der Sand solche Dinge seit ewigen Zeiten zustande brachte. Ich schlenderte am Strand auf und ab und suchte nach Muscheln und Steinen, bis ich wieder trocken genug war, um zum Chateau zurückzu- kehren. Es würde ein heißer Tag werden, aber der Garten war schattig und kühl. Ich fühlte mich wunderbar und begann leise summend von einem Stein zum anderen zu hopsen. »Sie sind ja so glücklich heute morgen, Mademoiselle.« Andre ging direkt hinter mir den Weg entlang. Er bewegte sich sehr leise, wenn man bedachte, daß er schwere Reitstiefel trug – schwarze Lederstiefel, die seine Schenkel eng umschlossen. Ich fühlte mich, als hätte er mich dabei ertappt, wie ich Liebesherzchen in die Bäume ritz- te. »Ein herrlicher Morgen, nicht wahr? Und eine herrliche Umgebung. Seine Gnaden hat für seinen Sommerpalast eine gute Wahl getroffen.« »Ja«, sagte ich. »Sie sind sehr früh auf.« »Ja.« »Das ist der beste Teil des Tages, meinen Sie nicht auch? Ich habe keine Lust, ihn an den Schlaf zu vergeuden. Deshalb reite ich.« Ich hatte mir heute morgen das Haar noch nicht aufgesteckt. Es hing mir in einem feuchten Zopf den Rücken hinunter. Er hob seine Reitpeit- sche und warf den Zopf damit sachte in die Luft. »Sind Sie schwimmen gewesen, Mademoiselle?« »Ich habe mich ein wenig umgesehen.« Irgendwie hatten wir uns wieder in Bewegung gesetzt. Er schlenderte träge neben mir her. Die Art, wie er seine Hüften bewegte, erinnerte, mich an… Ich sollte mich so schnell wie möglich von ihm entfernen, aber irgendwie schien ich nicht dazu in der Lage zu sein. An seiner Sei- te spazierenzugehen, war wie ein Ausflug an den Rand der Klippen. Erregend und beängstigend gleichzeitig. Ich wußte nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich wollte ihn weder langweilen noch mich als Närrin erweisen. »Sie sind also Madame Avignons persönliche Magierin?« »Ja.« »Das überrascht mich. Ich hätte nicht gedacht, daß außer dem Prin- zen selbst irgend jemand einen persönlichen Magier benötigt. Was tun Sie denn für sie? Oder ist das eine indiskrete Frage? Vielleicht sollte ich Madame Avignon selbst fragen.« »Ja«, sagte ich. Schon wieder. »Sie entsprechen überhaupt nicht meinen Vorstellungen von einem Magier. Zu jung und zu liebreizend. Die meisten weiblichen Magier, die ich kennengelernt habe, sind doppelt so alt wie Sie und hart wie Stein. Natürlich auch schön. Alle Magierinnen scheinen schön zu sein.« Er lächelte mich an. Mein Herz schlug einen Purzelbaum. Eine Ablenkung. Genau das brauchte ich jetzt. »Gibt es denn andere Magierinnen? Haben Sie welche kennenge- lernt?« »O ja. Im Westen sind sie durchaus nichts Ungewöhnliches. Das hat Ihnen Madame Avignon gewiß schon erzählt.« »Ja, aber sie hat nichts… nichts Näheres dazu gesagt.« »Sie sind natürlich nicht so häufig wie männliche Magier, aber oft sehr viel mächtiger. Sie sind allerdings die einzige Magierin, die ich hier auf der Halbinsel kennengelernt habe. Ah! Da kommt mein Diener. Vielleicht hätten Sie Lust, mit mir zusammen zu frühstücken. Dann können Sie mir erzählen, warum weibliche Magier hier so selten sind.« Ich geriet beinahe in Versuchung. Sein Diener hatte unter einem schattigen Baum eine Decke ausgebreitet und Früchte appetitlich dar- auf zurechtgelegt. Aber als ich in Andres Augen blickte, zuckte etwas in mir zurück. »Nein, vielen Dank«, sagte ich. »Ich muß mich umziehen.« »Müssen Sie das?« fragte er. »Kommen Sie, es wäre sehr schön.« »Nein! Ich muß zurück!« »Mademoiselle Dion.« Er trat dicht hinter mich, und sein Gesicht war plötzlich ernst. »Mademoiselle…«, er blickte mir unter seinen langen dunklen Wimpern ins Gesicht. »Ich habe einmal dem Herzog gegenüber erwähnt, daß ich Ihnen gerne vorgestellt werden möchte. Das war schon vor Wochen. Deshalb, hat er gestern abend Madame Avignon veranlaßt, Sie zu uns herüber- zuwinken. Das war kein glücklicher Gedanke. Es hat mir nicht gefallen, und ich glaube, Ihnen auch nicht. Ich wollte nicht, daß es auf diese Weise geschieht. Aber der Herzog… Er mag solche Spielchen.« Er grinste. »Sie sollten mal sehen, welche Spiele er mit seinen Staatsmännern treibt. Ganz schön boshaft. Es tut mir leid, daß Sie sich so unbehaglich fühlten. Das lag wirklich nicht in meiner Absicht.« Er beugte sich vor und küßte mir behutsam die Hand. »Sind Sie sicher, daß Sie nicht mit mir frühstücken wollen? Nein? Dann hoffe ich, daß ich Sie später am Tag wiedersehen werde.« Er schlenderte zu der Decke hinüber und ließ sich darauf fallen. »Auf ein Wiedersehen, Mademoiselle.« »Adieu«, sagte ich und ging widerstrebend und so schnell ich konnte, aber ohne übertriebene Eile zu verraten, weiter den Weg entlang. 10. Kapitel »Ich weiß nicht, ob Andre Gregorov ihm den Floh ins Ohr gesetzt hat«, sagte Kitten. »Jedenfalls hat er Leon nicht gebeten, Sie zu uns zu ru- fen, solange ich in Hörweite war. Es ist durchaus möglich, daß Leon uns tatsächlich alle foppen wollte. Solche Dinge amüsieren ihn. Er sagt, er käme hierher, um Ruhe und Abwechslung zu suchen, aber er ist derart daran gewöhnt, Menschen gegeneinander auszuspielen, daß er die meiste Zeit hier genau das tut und sich am Unbehagen der Leute wei- det.« Wie furchtbar das für sie sein mußte, dachte ich, obwohl man sol- cherlei Kritik am Herzog natürlich nicht laut aussprach. Es war Mittag. Die Gäste, die bereits erwacht waren, lümmelten sich auf Kissen unter sich aufblähenden weißen Baldachinen, die auf der alten Terrasse aufgestellt worden waren, um die zarte Haut der vor- nehmen Leute vor der heißen Sonne zu schützen. Kaltes Fleisch, Früch- te und geeister Wein wurden von Dienern herumgereicht. Der größte Teil der Gesellschaft sah eindeutig verschlafen aus. Ein oder zwei Leute lagen einfach nur mit geschlossenen Augen und gequälten Mienen schlaff auf den Kissen. Kitten, Genny und ich saßen ein kleines Stück abseits. »Ich bin ihm heute morgen im Garten begegnet. Er hat so ziemlich das gleiche gesagt wie Sie jetzt.« »Ach ja? Was hat er denn noch gesagt?« Ich spürte, wie ich unter ihrem plötzlich wachsam gewordenen Blick, errötete. »Er sagte, es täte ihm leid, daß wir in Verlegenheit gebracht worden seien und daß es nicht seine Idee war. Er hat mich gebeten, mit ihm zu frühstücken.« »Und, haben Sie das getan?« »Nein«, sagte ich. »Ich dachte, ich gehe ihm besser aus dem Weg.« »Ja.« Kitten runzelte die Stirn. »Sie mögen ihn nicht.« »Ich traue ihm nicht. Irgend etwas an ihm ist nicht ganz echt.« »Meinst du, daß er wirklich Aramayer ist?« fragte Genny, während sie die Scheiben einer Orange verteilte, die sie zuvor geschält hatte. »O ja, ich denke doch. Er sieht aramayisch aus. Und Gregorov ist ein ziemlich häufiger Name dort. Möglich, daß er nur ein Abenteurer ist. Aber – wer bin ich schon, so etwas zu kritisieren? Es ist nur…« Sie klopfte ihre Kissen zurecht, als wären sie ihr plötzlich unbequem ge- worden. Ich fragte mich flüchtig, ob ihre Bemerkung – irgend etwas an ihm sei nicht ganz echt – einfach daher rührte, daß sie ihm seine Ent- schuldigung wegen des vergangenen Abends nicht glaubte und nur zu freundlich war, es auszusprechen. »Meinst du, es könnte irgendeine aramayische Verschwörung dahin- terstecken?« fragte Genny. »Wenn ja, dann geht die Sache sehr tief. Dann ist Pyotr Deserov je- denfalls nicht der Drahtzieher. Du weißt, was Andre an diesem Abend am Damm sagte? Daß er seine Loyalität möglicherweise auf ein ande- res Ziel richten wolle? Anscheinend ist er gleich am nächsten Tag zu Leon gegangen und hat ihm von dem Anschlag erzählt. Als ich Leon dann selbst davon berichtete, war er natürlich gekränkt und fragte, warum ich nicht früher zu ihm gekommen sei. Ich hatte einige Mühe, die Wogen wieder zu glätten.« »Jetzt stehst du also als Geheimniskrämerin da«, sagte Genny tro- cken. »0 Dion. Es ist schön, daß Sie einen Bewunderer haben, aber mußte es ausgerechnet der sein? Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie Sie zu einer Figur in irgendeinem komplizierten aramayischen Spiel werden. Außerdem ist er ein ausgesprochener Höfling, und für diese Menschen ist die Liebe ein Sport wie die Jagd. Ich habe den Verdacht, daß es für Sie etwas ganz anderes wäre, Dion.« Zu meiner Überraschung errötete sie. »Ich habe nicht die Absicht, mich auf irgend etwas Derartiges einzu- lassen«, murmelte ich. Genny breitete mit einer spöttischen Geste die Arme aus. »Meine Damen, erlauben Sie mir, Ihnen eine neue Freundin vorzustellen. Ma-, dame Kitten Avignon, Anstandsdame und Hüterin der Moral.« Plötzlich erschien uns die Vorstellung von Kitten in einer solchen Rol- le ungemein komisch. Wir brachen in Gelächter aus. »Was hat der Herzog mit dem Botschafter gemacht?« fragte ich. »Hat er ihn nach Hause geschickt?« Kitten schnitt ein Gesicht. »Es ist ein wenig schwierig, einen Bot- schafter aus einem großen Land wie Aramaya einfach hinauszuwerfen. Diese Leute sind schnell beleidigt und Ishtak unterhält wertvolle Han- delsbeziehungen zu Aramaya. Nein, der Herzog hat lediglich klarge- stellt, daß er nicht länger bereit sei, Pyotr Deserov zu empfangen.« Irgend etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. »Na seht mal, wer da kommt. Lord Gregorov. Frisch wie der junge Morgen. Er hat bis vier Uhr in der Früh mit seiner Gnaden gezecht und schmutzige Geschich- ten ausgetauscht. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt ein menschliches Wesen ist. Lord Gregorov«, begrüßte sie ihn, als er an uns vorbeiging. »Madame Avignon. Meine Damen.« Er nickte uns zu und ging an den Zinnen vorbei, wo eine Gruppe von Hofdamen miteinander getuschelt hatte. Nun begann er, ihre Hände zu küssen und mit ihnen zu lachen. »Meinen Sie, er dient Norval?« fragte ich. »Er ist schließlich Aramay- er.« »Es wäre möglich, aber irgendwie bezweifle ich es. Norval ist in Ara- maya ein Gesetzloser. Man hat dort auch nicht viel übrig für Geisterbe- schwörer. Und wenn Sie Norval kennen würden… abgesehen von allem anderen ist er unglaublich prüde. Gregorovs bisexuelle Eskapaden wür- den ihn furchtbar aufregen.« Ich beobachtete ihn im Umgang mit den Damen. Eine von ihnen fut- terte ihn mit Erdbeeren. Der Anblick hatte eine unvernünftig nieder- schmetternde Wirkung auf mich. Mit uns hätte er nicht annähernd so- viel Spaß gehabt. »Ich habe mich jedoch gefragt, ob er nicht vielleicht selbst eine Art Geisterbeschwörer sein könnte, aber wenn er es wäre, könnte er doch keine Schwarze Magie praktizieren, ohne daß das College etwas davon merken würde, oder?« »Theoretisch nicht«, sagte ich und dachte an Norval und die Kinder von Jessan. »Außerdem hat er auch nicht das Wesen eines Geisterbeschwörers. Unser Andre ist der reinste Schlafzimmervirtuose. Ein wahrer Künstler, wenn es darum geht, Freude zu schenken, erzählt Rapunzel. Geister- beschwörer ziehen es vor, Schmerz zu schenken.« »Ein Künstler im Schenken von Freude. Also das muß ja eine Emp- fehlung für Sie sein«, neckte Genny sie., »Oh, halten Sie den Mund, Genny.« Ich schlug spielerisch nach ihr. »Ich bin nicht…« »Pst, ihr zwei!« Ein Spielmann, ein Mitglied von Archimedes’ Gruppe, kam mit einer schleifenverzierten Laute auf uns zu. Er verbeugte sich. »Lord Gregorov dachte, Sie hätten vielleicht gern ein wenig Musik.« »Was für eine herrliche Idee!« Kitten drehte sich um und winkte Andre zu, der seinerseits lächelte und uns grüßend zunickte. »Nun, und was werden Sie für uns spielen?« fragte sie, während sie sich behaglich in ihre Kissen lehnte. Die Lippen des Spielmanns zuckten zu einem winzigen Lächeln nach oben. »Seine Lordschaft hat Liebeslieder vorgeschlagen«, sagte er. Ardyne war wunderbar; ich liebte das Schloß und die Umgebung. Die ländliche Szenerie erinnerte mich an die Gegend in der Nähe von Mangalore, wo ich aufgewachsen war. Aber jetzt stand es mir frei, den ganzen Tag durch den Wald am Meer zu streifen oder in den Hügeln hinter dem Chateau umherzuwandern. Ich brauchte keine Angst mehr zu haben, daß Michael mich zu Hause mit seinem Zorn empfangen würde, um mich dafür auszuschelten, daß ich meine Zeit verschwendet hatte. Ich brauchte mir hier auch keine Sorgen um irgendwelche Feinde zu ma- chen. Um all diese Dinge kümmerten sich die zehn Magier, die unter Monsieur Favettis Aufsicht standen, und ich brauchte mich nur mit dem besonderen Schutz Kittens zu befassen. Den ganzen Vormittag lang konnte ich mich im Schilf am Ufer des nahe gelegenen Flusses verste- cken und zusehen, wie der träge Strom dem Meer entgegenfloß und die Wasservögel mit sich nahm. Ich liebte das Meer, seine Bewegung und seine scharfe Kühle. Es erfüllte mich mit einer angenehm rastlosen Sehnsucht. Ich vermißte jedoch Kittens Gesellschaft, und nach und nach kam mir der erschreckende Gedanke, daß sie mich kaum mehr brauchte. Zum ersten Mal seit Monaten erinnerte ich mich daran, daß ich nur eine Dienerin war. Früher oder später würde Norval gefangen werden, und ich müßte Kittens Haus verlassen. Und was dann? Das späte Frühstück,’ das wir auf den Zinnen des Schlosses einnah- men, war die einzige Gelegenheit während des Tages, zu der Kitten sich mit mir unterhalten konnte, und da diese Begegnung in aller Öf- fentlichkeit stattfand, war es schwierig, sie in ein echtes Gespräch zu verwickeln. Ansonsten befand sie sich ständig in der Gesellschaft des Herzogs und seiner Freunde, und das war nicht der richtige Platz für mich., Der Hof führte ein ganz anderes Leben als die übrigen Bewohner des Chateaus. Die Edelleute feierten, tanzten, spielten und zechten bis zum Morgengrauen und standen dann erst am frühen Nachmittag wieder auf, um auf die Jagd zu gehen oder im Meer zu baden. Die Diener da- gegen erhoben sich sehr früh, zogen sich spät in ihre Schlafkammern zurück und versuchten, so unsichtbar wie möglich zu bleiben. Es muß eine sehr anstrengende Zeit für sie gewesen sein. Da Genny und ich weder zum Hof noch zur eigentlichen Dienerschaft gehörten, taten wir einfach das, was uns gefiel. An den heißeren Nachmittagen saßen wir im Lager der Schauspieler und schwatzten mit ihnen. Ich ging schrecklich gern dorthin, obwohl ich zu schüchtern war, um mich allein zu ihnen zu wagen. Wir saßen auf Klappstühlen oder Heusäcken, nippten an kühlem Apfelwein, hörten uns Berichte über die Zecherei der vergangenen Nächte an oder plau- derten einfach nur. Im Laufe des Nachmittags rollten sich die Mitglieder der Truppe nach und nach aus ihren Betten und kamen zu uns hinun- tergetaumelt, oft stöhnend und schon wieder bierdurstig. Neben ihren abendlichen Vorstellungen leisteten die Schauspieler den Adligen oft bis Sonnenaufgang Gesellschaft. Und manchmal auch darüber hinaus. Im Laufe der Zeit schliefen immer weniger von ihnen im Stall, bis die meisten die Nächte im Haus und in den Betten adliger Bewunderer ver- brachten. Genau das war übrigens Archimedes’ Plan gewesen. »Ich nehme zu diesen Ausflügen immer die ganz jungen mit«, erklär- te er. »Das gefällt unseren Gönnern. Außerdem ist es eine gute Gele- genheit für die Kinder. Gibt ihnen die Möglichkeit, sich einen wohlha- benden Gönner zu beschaffen, und ist enorm wichtig für ihre Karriere. Sie können nicht alle Schauspieler werden. Einige von ihnen eignen sich weit besser zur Hure.« »Also wirklich, Archimedes!« rief Genny und versuchte, ihm einen Tritt zu geben. »Du unmoralischer, alter Kuppler!« Archimedes geriet auf seinem Klappstuhl ins Wanken und schlug ihr auf den Fuß. »Hu! Darf ich Sie daran erinnern, meine Damen, daß diese soge- nannten unmoralischen Einkünfte für das Essen auf Ihren Tischen sor- gen?« »So dürfen Sie nicht sprechen«, sagte ich mit jähem Zorn. »Sehen Sie doch nur, wieviel Kitten für Sie getan hat.« Die beiden warfen mir einen scharfen Blick zu. »Kind! Er scherzt doch nur.« Ich errötete. »Ich verehre Kitten«, eröffnete mir Archimedes. »Sie ist die große Liebe meines Lebens. Mein strahlender, heller Stern.«, »Hu!« schnaubte nun Genny. »Einer von zwanzig.« Sie warf eine Handvoll Stroh nach ihm, das natürlich ohne jede Wir- kung zu Boden flatterte. »Sie geben also zu, abscheulichen Aristokraten süße, junge Dinger in die Arme zu werfen.« »Das ist keine Schande.« Er sah mich ernst an. »Man kann als Schauspieler nicht viel verdienen, es sei denn, man ist sehr beliebt. Dasselbe gilt auch für den Direktor der Truppe, wie ich es bin. Ganz besonders schwierig ist es aber, wenn Sie eine Frau sind. Man muß sich seine eigenen Kostüme kaufen und seine Gesichtsfarbe, und es gibt nie genug Arbeit. Nur ganz wenige Schauspielerinnen schaffen es ohne irgendeine Art von Gönner. Die, die es versuchen, sterben für gewöhnlich in Armut. Sie beide haben großes Glück Sie brauchen nie- mandes Bett zu teilen, um Ihren Magen zu füllen. Das ist sehr selten, viel seltener, als Sie glauben.« So hatte ich die Sache noch nie betrachtet, und plötzlich war ich sehr dankbar. Mir fiel ein, daß Magier schließlich tun konnten, was sie woll- ten. Ganz gleich, wie eingeengt ich mich fühlte, ich war viel freier als andere Frauen. »Außerdem, was meinen Sie mit abscheulichen Aristokraten?« hakte Archimedes nach. »Auf Ardyne gibt es nur die besten und schönsten Exemplare dieser Gattung. Ich hätte selbst nichts dagegen, wenn man mich einigen von ihnen in die Arme würfe.« »Also, wessen Bett hast du in deinem atemberaubenden Aufstieg zu Ruhm und Reichtum geziert?« lachte Genny. »Darüber wollen wir lieber den Schleier des Schweigens breiten«, sagte der geziert. Wenn man sich zum Schwatzen im Stall herumtrieb, erfuhr man so manches, aber gelegentlich waren es auch Dinge, die man gar nicht wissen wollte. Einige Tage später stand ich direkt hinter der Stalltür, als ich zwei junge Schauspielerinnen hörte, die sich draußen vor dem Gebäude unterhielten. »Das ist doch nicht die Dion, oder?« »Genau die.« »Aber sie hat überhaupt keine Titten. Was findet der Göttliche Andre nur an ihr?« »Es heißt, sie sei eine Hexe. Wahrscheinlich hat sie ihn mit einem Zauber geködert. Was für eine Verschwendung!« Nun, dachte ich verbittert, ich bin also die wundersame Frau ohne Titten, ja? Ich hoffte boshafterweise, daß die beiden Frauen zu der Gattung zählten, die besser zur Hure taugten denn zur Schauspielerin., Ganz gleich, wohin Genny und ich nachmittags gingen, Andre Grego- rov kam mit Sicherheit vorbeigeritten und ließ sein Pferd stehen, um ein Stückchen mit uns zu Fuß zu gehen. Manchmal traf ich ihn auch morgens in den Gärten. Wenn wir abends in einer dunklen Ecke der Halle standen und uns die Vorstellung ansahen, tauchte unausweichlich ein Diener auf, um uns ›mit besten Empfehlungen von Lord Gregorov‹ Erfrischungen anzubieten. Beim Mittagessen schickte er Musiker zu uns, oder er kam selbst mit irgendeiner kleinen Delikatesse vorbei, leistete uns eine Weile Gesellschaft und tauschte mit einer Spur Wach- samkeit witzige Bonmots mit Kitten aus. Wenn ich spät abends dösend in meinem Bett lag, begann manchmal ein Musiker draußen vor mei- nem Fenster, die Laute zu schlagen. Diese Aufmerksamkeiten machten mich verlegen, aber ein Teil von mir genoß sie auch. Es machte in gewisser Weise Spaß – wie ein ro- mantisches Spiel, wie das Benehmen des Ritters im Roman der Lilie seiner Dame gegenüber. Ich achtete jedoch immer darauf, in Andres Gesellschaft sehr vor- sichtig zu sein. Ich fühlte mich niemals wirklich wohl in seiner Nähe. Nicht in einer Million Jahren würde irgend jemand auf den Gedanken verfallen, diesen Mann als galanten Ritter zu bezeichnen. Sein Charak- ter war offensichtlich, selbst wenn das für den Charakter seiner Absich- ten nicht galt. Man konnte es an seinem geschmeidigen Gang erken- nen, an der trägen, selbstbewußten Art, wie er sich unter seinen Wim- pern in einem Raum umsah, mit einem Blick, der gleichzeitig geheim- nisvoll, rätselhaft und vertraulich war. Die Art, wie er in einen Apfel biß, gab einem das Gefühl, als sei es das eigene Fleisch, in das er hi- neinbiß. Und jedesmal, wenn er es tat, errötete ich und wandte ver- wirrt den Blick ab. Ich träumte jede Nacht von ihm, lebhafte, erotische Träume, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. In einem bin ich, wie ich mich erinne- re, nackt auf einem Pferd geritten; der Wind strömte durch mein Haar, der Körper zwischen meinen Beinen bewegte sich unter meinem, auf und nieder, schneller und schneller, bis ich Angst bekam und die Hän- de ausstreckte, um nach der Mähne des Pferdes zu greifen – und fest- stellte, daß ich keineswegs auf einem Pferd saß, sondern auf Andre, und daß meine Finger sich in seine schwarzen Locken geschlungen hat- ten. Ich konnte nicht aufhören und wollte es auch nicht. Eines Morgens, etwa eine Woche nach unserer Ankunft auf Ardyne, saß ich im Wasser, summte vor mich hin und gönnte mir eine kleine, mit Bedacht unklare Tagträumerei über Andre Gregorov, als ich ihn, hinter mir sagen hörte: »Guten Morgen, Mademoiselle.« Vor Schreck blieb mir fast das Herz stehen. Er trug eine enganliegende schwarze Hose und ein großes, am Hals offenstehendes, weißes Hemd und lümmelte sich träge hinter mir im Sand. Sein offenes Hemd gab den Blick auf seine magere Brust und einige Haarlocken frei. Einen Augenblick lang befiel mich eine Erinne- rung an prickelnde Erregung, aber es war nicht die Erinnerung an ein wirkliches Erlebnis, sondern an einen Traum. Ich war, als ich mich umgedreht hatte, halb aus dem Wasser aufge- sprungen, als mir wieder einfiel, daß ich nur ein dünnes, nasses Hemd trug; daher setzte ich mich wieder. Setzte mich wieder in den nassen Sand. »Was haben Sie hier zu suchen?« brauste ich auf. »Ich leiste Ihnen Gesellschaft, Mademoiselle.« Mein Unbehagen belustigte ihn. »Das gehört alles zu meinem Plan, mich Ihnen angenehm zu machen. Sie meinen, ich hätte mir solche Mühe gegeben, und Sie haben es nicht bemerkt? Wie niederschmet- ternd.« Man konnte nie sicher sein, wann man ihn ernst nehmen sollte und wann nicht. Jetzt lag er wie eine große, dunkle Katze lang ausgestreckt neben meinen Kleidern auf dem Bauch. Er war so verabscheuenswert selbstbewußt. Ich bedachte ihn mit ei- nem finsteren Blick. Plötzlich änderte sich sein Benehmen vollkommen. »Seien Sie nicht böse auf mich«, sagte er. »Ich habe Sie beim Schwimmen beobachtet und wollte mit Ihnen Zusammensein.« Machte er sich lustig über mich? Ich sagte nichts. Er betrachtete den Sand und zeichnete mit der Fingerspitze ein Mus- ter hinein. Er hatte ein hübsches Profil. Es gefiel mir, wie er die Lippen so entspannt aufeinanderlegte. Dann warf er mir ein schnelles Lächeln zu und ertappte mich dabei, daß ich ihn angesehen hatte. »Sie sehen mich immer an«, sagte er. »Manchmal schöpfe ich dar- aus die Hoffnung, daß Sie mich mögen.« »Nein, das tue ich nicht… Ich meine, ich…«, stammelte ich. »Und woher wollen Sie das überhaupt wissen?« »Weil ich immer Sie ansehe. Ich schäme mich nicht dafür. Ich sehe Sie gern an. Sie sind wunderschön.« Er rollte sich auf die Seite und lächelte. Etwas in mir überschlug sich. Ich wandte mich ab und starrte zum Horizont hinüber. Ich zitterte. »Vielleicht ist es langsam Zeit, daß Sie aus dem Wasser kommen. Es sieht aus, als frören Sie, Mademoiselle.« Er ließ sich Zeit mit dem Wort, ›Mademoiselle‹ und umspielte es mit der Zunge, als sei es eine köstli- che Leckerei. »Ich fühle mich wohl«, sagte ich. Ich konnte unmöglich aus dem Wasser steigen, solange er wie eine große Katze dort wartete. Und solche Dinge sagte. Er schwieg eine Weile. Irgendwann sah ich mich um, um festzustel- len, ob er noch da war. »Ihre Madame Avignon. Ist sie sehr streng mit Ihnen? Es scheint ihr nicht zu gefallen, daß Sie einen Verehrer haben. Wird sie wütend, wenn ich Ihnen meine Aufmerksamkeit schenke?« Was für eine merkwürdige Meinung er von Kitten hatte. »So ist sie nicht«, sagte ich. »Dann muß sie ein starkes Bedürfnis haben, Sie zu schützen. Ich habe sie schon vor Wochen gebeten, mich Ihnen vorzustellen, und sie hat meine Bitte rundheraus abgeschlagen.« Das war mir neu. Und gab mir Stoff zum Nachdenken. »Gestern hat sie diesen Schauspieler, mit dem sie befreundet ist, zu mir geschickt, um mich zu fragen, welche Absichten ich mit Ihnen ha- be. Sie wissen schon, wen ich meine. Diesen merkwürdigen Brown.« Er grinste schief. »Brown erklärte mir, Sie seien zu jung für mich. Made- moiselle, Sie sollten wirklich aus dem Wasser kommen. Sie zittern ja.« Er hatte recht. Es wurde mir tatsächlich langsam kalt, und meine Finger waren ganz aufgeweicht vom Wasser. Ich versuchte, mich dar- auf zu besinnen, mit welchem Zauber ich verhindern konnte, daß er mich sah, ohne mich lächerlich zu machen. Irgendwie schien es mir ein wenig extrem, eine Mauer aus Sand zwischen uns auf dem Strand auf- zuwerfen. Außerdem würde ich damit den Strand ruinieren. Und Monsi- eur Favetti ein zweites Mal gegen mich aufbringen. »Ich möchte, daß Sie als erster gehen.« »Mademoiselle«, zog er mich auf. »Ich habe mich doch so darauf ge- freut, Sie aus dem Wasser steigen zu sehen.« »Das bezweifle ich nicht«, sagte ich. »Aber ich komme nicht eher raus, bis Sie verschwunden sind.« Er sah mich einen Augenblick lang nachdenklich an. Ich spürte, daß diese Bemerkung eine Herausforderung für ihn war, und mein Mut sank. »Na schön«, sagte er schließlich. »Ihr Wunsch ist mir Befehl.« Ich sah ihm nach, wie er über den Sand zurückging, und ärgerte mich gleichzeitig darüber, daß. mir auffiel, wie gut proportioniert sein Körper war. Sobald er fort war, stieg ich schnell aus dem Wasser und rieb mich dann, ohne mich aufzurichten, nach besten Kräften trocken, bevor ich mein Kleid über mein nasses Hemd zog. Für gewöhnlich schlenderte ich nach dem Bad am Ufer entlang und suchte nach Strandgut, während, ich wartete, daß mein nasses Hemd trocknete. Hatte er mich in einem solchen Augenblick beobachtet? Wie oft? Ich konnte es nicht ertragen, darüber nachzudenken. Er wartete auf mich, als ich vom Strand hinaufkam. Stand in der Nä- he eines der großen Felsen im Schatten. Auch sein Gesicht lag im Dun- keln. Ich verspürte den deutlichen Drang, mich soweit wie möglich von ihm fernzuhalten. Ich hatte Angst vor dieser vertrauten und doch voll- kommen unbekannten Berührung seiner Haut auf meiner. Aber er stand an einer Stelle, an der ich dicht an ihn vorbeimußte, wenn ich zwischen den Felsen hindurchging. Als ich auf gleicher Höhe mit ihm war, nickte ich ihm zu. Er war merkwürdig still. Dann plötzlich schlangen sich seine Arme hart und sehr kräftig um meinen Leib und rissen mich an seine Brust. Eine Hand berührte mein Haar, und seine Lippen preßten sich fest in meinen Nacken. »Mein schönes, kleines Mädchen«, sagte er. »Ich wünsche mir so sehr, dein Liebhaber zu werden.« Ich kreischte. Plötzlich schoß ein Strahl der Macht aus meinen Fin- gern, und er schrie auf und ließ mich los. »Verdammt«, sagte er wütend. »Na schön, wenn Sie es so wollen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte zum Strand zurück, blieb aber nach einigen Schritten stehen und drehte sich um. Sein Ge- sicht hatte einen brutalen Zug angenommen. Er stand da und sah mich an. »Dion…«, sagte er. Ich wandte mich ab und rannte davon. Den Rest des Vormittags verbrachte ich zitternd und in mich zusam- mengekauert auf den weißen Laken meines ungemachten Betts. Chaos herrschte in meinen Gefühlen. Unser beider Benehmen war mir pein- lich; gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, falls ich Andre irgendwie dazu verleitet hatte, sich so zu verhaften. Daneben erregte es mich seltsam, daß ein solcher Mann mich attraktiv finden konnte; es erstaunte mich maßlos, daß dieser charmante Mann mich begehrte; ich war dankbar dafür, daß ich die Macht hatte, ihn dazu zu bringen, sich derart zu be- nehmen; ich hatte Angst, daß er mich aus irgendeinem perversen Grund zum Narren halten konnte, und es entsetzte mich, was es mögli- cherweise bedeutete, wenn es ihm tatsächlich ernst war. Während der nächsten Tage hielt ich mich so eng wie möglich an Genny und ging diese Gefühle im Geiste immer wieder durch; ich durchlebte minuten- lang abwechselnd Glück und Verzweiflung und war völlig außerstande, mich auf irgend etwas zu konzentrieren. Obwohl Genny mich mehrmals fragte, ob mich irgend etwas umtreibe, behielt ich die Sache völlig für mich – um mich zu schützen, falls das alles nur meiner Einbildung ent-, sprang. Denn unter all diesen Gefühlen lag die Vermutung, daß nichts von diesen Dingen ernst zu nehmen war. Im Gegensatz zu anderen Frauen meiner Zeit war ich nicht in der Erwartung großgezogen worden, daß zu meiner Zukunft Menschen gehörten, die mich liebten, Mann und Kinder. Die einzige Zukunft, die ich je für mich vorhergesehen hatte, war eine einsame Zukunft, eine Zukunft erfüllt von den trockenen, a- ber verläßlichen klösterlichen Freuden der Gelehrsamkeit und der ma- gischen Künste. Ich hatte natürlich auch meine Träume gehabt, aber es waren Träume gewesen, von denen man niemals erwartet, daß sie wahr werden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Wirklichkeit aus- sehen würde. Und was die körperliche Seite der Sache anging… Die einzige vernünftige Reaktion auf Andre war Zurückweisung. Ich bedauerte dies, weil mir die Freude, die seine Bewunderung mir ge- schenkt hatte, fehlen würde. Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß sei- ne angenehmen Aufmerksamkeiten sich fortsetzen würden, wenn er erst eine endgültige Absage von mir hatte. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich feststellen, daß ich diese Entwicklung der Dinge absolut akzeptierte. Obwohl der Gedanke, Andre könne sich nach einer Frau verzehren, die er nie besitzen würde, einen gewissen romantischen Reiz besaß, wußte ich, daß es unfair war. Und Andre überhaupt nicht ähnlich sah. Im Laufe der nächsten beiden Tage traten an die Stelle dieser Gefüh- le jedoch Niedergeschlagenheit und eine Art von Schmerz. Es schien, als bekäme ich gar nicht erst die Gelegenheit, Andre abzuweisen. Wenn wir zusammen in Gesellschaft waren, sah er mich nicht mehr an. Und er schickte auch keine Musiker oder Diener mehr, die mir aufwar- ten sollten. All diese Dinge vermißte ich mindestens doppelt sosehr, wie ich befürchtet hatte, obwohl ich mir resolut einschärfte, daß es so das beste war. Ich versuchte nicht hinzusehen, wenn er mit verschie- denen anderen Damen hemmungslos flirtete. Um die Sache noch schlimmer zu machen, träumte ich nach wie vor von ihm, wachte morgens mit einem herrlich wohligen Gefühl auf, den Kopf voller qualvoll sinnlicher Erinnerungen und den Körper der einge- bildeten Berührung seiner starken Hände hingegeben. Einmal jedoch wachte ich mitten in der Nacht mit einem merkwürdigen Pochen zwi- schen den Beinen auf, in dem ich zu meinem Mißfallen das Ergebnis sexueller Frustration erkannte. Ich war nicht die einzige, der Andres verändertes Verhalten auffiel. Am zweiten Tag nach unserem Zusammenstoß am Strand stieß Genny mich während des Mittagessens sanft an. »Was haben Sie getan, um den alten Kater loszuwerden?«, Ich errötete, zuckte aber nur mit den Schultern. Genny blickte in die Richtung, wo er lachend und scherzend mit einer Gruppe von Frauen zusammensaß. »Den sind Sie endgültig los. Wetterwendischer Bastard.« Sie sprang auf. »Machen wir einen Spaziergang? Kommen Sie, sehen wir uns an, wie sie den Platz vorbereiten.« »Ja«, sagte ich. Als ich mich erhob, um ihr zu folgen, hielt Kitten meine Hand fest. »Machen Sie sich nichts daraus«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Es wird jede Menge anderer, netterer Männer geben.« Ausnahmsweise erwiderte ich nicht, daß ich kein Interesse an Män- nern hätte, aber irgendwie halfen mir ihre Worte. Ich beschloß, meine kostbare Zeit nicht länger darauf zu verschwenden, über Andre nach- zudenken. An diesem Abend veranstaltete der Herzog einen großen Fackelball, um den Anfang des neuen Jahres zu feiern. Tagelang hatte es in den Wäldern um das Chateau herum nur so gewimmelt von Arbeitern, die Laternen aufhängten oder büschelweise weiße Milchsterne pflanzten, das traditionelle Symbol des Festes. Auf dem weiten, flachen Platz auf der landeinwärts gelegenen Seite des Schlosses wurden gewaltige La- gerfeuer errichtet und eine große hölzerne Plattform für den Tanz auf- gebaut. Kitten hatte einige ihrer Freunde, Anhänger der Neuen Lehre, gebeten, eine Vorführung eines dieser neuartigen Feuerwerke vorzube- reiten, und sie und Archimedes verbrachten den größten Teil des Nachmittags damit, das Ganze zu beaufsichtigen. Der Herzog hatte zu diesem besonderen Anlaß viele Würdenträger Ishtaks eingeladen. Eine solche Einladung war ein Zeichen großer Gunst, und als die Sonne un- terging, bildete sich an der Treppe des Chateaus eine lange Reihe von Kutschen. Der Himmel war erfüllt von Sternschnuppen. Sie sprühten Millionen blitzender Lichtsplitter und fielen dann träge durch die samtene Dun- kelheit herab. Bei jeder Sternenexplosion erhob sich ein allgemeines, staunendes Raunen über der Menge, aber hier und dort zuckten auch Leute zusammen oder erschraken über den lauten Knall der Feuer- werkskörper. Obwohl auch ich voller Verwunderung war, hielt ich mir doch während des größten Teils der Vorstellung die Ohren zu, obwohl der Herzog mich auslachte und Kitten spielerisch mit ihrem Fächer nach mir schlug. Es war Sitte, das neue Jahr in neuen Kleidern zu begrüßen, und ich hatte mein neues Kleid aus bedrucktem Stoff eigens für diese Gelegen-, heit aufgehoben. Ich hatte mir von Kitten sogar die drei Sterne der Heiligen Melchior, Balthasar und Kaspar auf Stirn und Wangen malen lassen, und ich war sehr zufrieden mit meinem Aussehen. Aber mein bestes Kleid war nichts im Vergleich zu dem prächtigen Staat, in dem die Handelsprinzen von Ishtak erschienen waren, die sich ihre Heiligen Sterne in Regenbogenfarben oder mit winzigen Bröckchen Goldstaub aufs Gesicht hatten malen lassen. Und erst ihre Kleider! Wallende Sei- den- und Samtstoffe, mit Schleifen und Quasten besetzt und bestickt mit Juwelen und Blattgold, glitzerten im Fackelschein. Selbst ihre Schuhe waren mit Sternen aus Edelsteinen besetzt. Kein Wunder, daß frühere Herrscher Luxusgesetze erlassen hatten, um zu verhindern, daß die Ishtaki ihren ganzen Wohlstand auf ihre Kleidung verschwende- ten. Es war die blendendste Menschenmenge, die ich je in Gallia oder Moria gesehen hatte, und die gallianischen Höflinge wirkten im Ver- gleich auffällig fade. Einzig Kitten stellte die Ishtaki in den Schatten, und zwar indem sie ein absolut schlichtes, weißes Kleid trug und als Schmuck lediglich ein Diadem aus kleinen, schwarzen Bernsteinsternen in ihrem goldenen Haar. Sobald das Feuerwerk vorüber war, hätte ich mich mit Freuden damit begnügt, einfach hinter Kittens Stuhl auf dem Podium zu sitzen und zuzusehen, wie diese herrlich gewandete Gesellschaft tanzte. Es sollte jedoch nicht so sein. Kurz nach Beginn des Tanzes erschien hinter mir ein Diener und bedeutete mir, daß der Herzog mich vor seinem Thron zu sehen wünsche. »Mademoiselle Dion«, sagte der Herzog, »dieser galante Herr hat um Ihre Hand gebeten. Zum Tanz.« Lord Andre Gregorov verbeugte sich vor mir. Im Gegensatz zu uns anderen war sein Gesicht nicht mit den Heiligen Sternen bemalt. Statt dessen hatte er sich Goldfäden in seine schwarzen Locken flechten las- sen – eine aramayische Sitte, wie ich vermutete –, und auf seinem Ja- ckett fanden sich mehrere zierlich aufgestickte Milchsterne. »Er war mir ein so treuer Freund«, sprach der Herzog weiter, »daß ich Sie bitten muß, ihn um meinetwillen mit Ihrer Gunst zu belohnen.« Kitten ließ ihren Elfenbeinfächer mit einem hörbaren Knall zusam- menschlagen, und ihre Augen schleuderten dem Herzog winzige Dolche entgegen. Dieser grinste jedoch nur. »Ich… ich kann nicht tanzen, Euer Gnaden.« Ich knickste vor dem Thron. Die Belustigung in den Augen des Herzogs hatte etwas Grau- sames, und bei ihrem Anblick wallte heißer Zorn in mir auf. »Mademoiselle, ich bitte Sie, es wenigstens einmal zu versuchen.« Eine sanfte Hand griff nach meiner. »Sie werden gewiß feststellen, daß Sie mit mir durchaus tanzen können. Ich gelte als sehr guter Lehrer, auf diesem Gebiet.« Es schien mir nichts anders übrigzubleiben. Ich konnte die Bitte des Herzogs nicht rundheraus abschlagen. Also ließ ich mich von Lord And- re Gregorov auf die Tanzfläche führen, wo sich gerade eine lange Reihe von Paaren formierte. »Machen Sie nicht so ein erschrockenes Gesicht«, sagte er mir leise ins Ohr. »Ich kann wirklich nicht tanzen.« »Das habe ich mir gedacht. Deshalb habe ich auch auf eine so hin- terhältige Strategie zurückgegriffen, um an Sie heranzukommen. Tan- zen macht sehr viel Freude, und ich bin sicher, daß es Ihnen gefallen wird, wenn Sie es erst einmal versucht haben. Ich werde mein Bestes tun, Ihnen zu helfen.« Und schon begann er, mir die Schritte zu erklä- ren. Sie waren nicht besonders schwierig, und ich lernte sie ohne große Mühe. Der Tanz sah eine Reihe einfacher Schritte vor, die von einzel- nen Knicksen unterbrochen wurden, und am Ende schlang man seinem Partner einen Arm um die Taille und wirbelte einige Takte lang mit ihm herum. Andres Hände, die fest auf meinem Leib ruhten, beunruhigten mich, aber alles andere, das sich exakt dem Rhythmus der Musik an- paßte, war herrlich. Ich stellte fest, daß ich lächelte. Er erwiderte mein Lächeln. Es war albern, wie glücklich mich dieses Lächeln machte. Allzu bald hörte die Musik auf. Andre wirbelte mich nicht länger herum, aber er ließ mich auch nicht los. »Sehen Sie! Ich wußte, daß es Ihnen gefallen würde, wenn Sie es nur probierten.« Der Tanzboden war überfüllt, aber er hielt mich dennoch dichter an sich gedrückt als notwendig und flüsterte mir ins Ohr. »An dem Tag, an dem ich Sie bei Madame Avignon sah, erkannte ich in Ihnen eine verwandte Seele. Seither wünsche ich mir, Ihr Liebhaber zu werden. Alles, was ich jetzt tue, gilt der Verfolgung dieses Ziels.« Plötzlich war ich wütend. Er sprach mit mir, als sei ich eine Kurtisa- ne. Eine Hure. »Warum bieten Sie mir nicht einfach Geld an?« zischte ich. Er lächelte. »Das täte ich, wenn ich mir irgend etwas davon versprä- che.« Ich hätte ihn am liebsten geschlagen. »Das reicht jetzt!« schrie ich. Ich würde mir seine Kränkungen nicht länger mit anhören. Ich stieß mich von ihm ab und stürzte von der Tanzfläche. Gerade als ich die Bäume erreicht hatte, umklammerte eine eisen- harte Hand meinen Arm und riß mich herum. Oh, er war tatsächlich, stark, und seine Brust spannte sich unter meinen Händen, als er mich an sich preßte und mich an den Handgelenken beinahe vom Boden hochhob. »Nein«, rief er. »Ich habe zu lange darauf gewartet. Sie werden mich nicht…« Plötzlich ließ er mich los. »Oh! Oh!« sagte er. »Es ist nicht nötig, mich zu züchtigen, Mademoiselle. Sehen Sie.« Er verschränkte die Hände hinterm Rücken und trat einen Schritt zurück. Auch ich trat zu- rück, wurde aber von einem Baum aufgehalten. Ich keuchte. »Es tut mir leid, Dion«, sagte er; seine Stimme klang jetzt bedächtig und be- herrscht. »Es war ein schlechter Scherz. Bitte, laufen Sie jetzt nicht vor mir davon. Sprechen Sie mit mir. Ich habe drei Tage auf dieses Ge- spräch gewartet.« »Nun, das hätte gewiß niemand gedacht«, fuhr ich auf. »Nein. Wahrscheinlich nicht. Ich dachte mir schon, daß es nichts bringen würde, Sie zu ignorieren. Aber es war immerhin einen Versuch wert.« Er trat zwischen die Bäume. »Dion. Kommen Sie her. Setzen Sie sich und reden Sie mit mir. Sehen Sie, ich setzte mich auch.« Jetzt sah ich auch, daß dort eine einsame, von zwei Kerzenlaternen beleuchtete Bank stand. Er ließ sich darauf nieder, lehnte sich an und schlang die Hände um ein Knie. Seine Augen glitzerten in dem Later- nenlicht. »Kommen Sie«, sagte er. »Wir wissen beide, daß ich nichts tun kann, das Ihnen nicht gefällt.« Ich ließ mich steif auf die äußerste Kante der Bank sinken und ballte die Fäuste. »Warum beleidigt mein Begehren Sie so sehr?« fragte er leise. »Sie… Ich bin keine Kurtisane. Ich bin Magierin. Sie haben kein Recht, in solcher Weise an mich zu denken.« »Warum nicht? Sind Sie eine Art Nonne? Sind Magier keine mensch- lichen Wesen? Haben sie keine Sehnsüchte? Leidenschaften?« »Bei uns ist das etwas anderes. Für einen Magier ist Jungfräulichkeit sehr wichtig.« »Ach ja? Warum?« Jetzt saß ich in der Falle. Alles, was Michael je gesagt hatte, war, daß Jungfräulichkeit ihre eigene Macht besäße, vor allem bei Frauen. Aber es gab keinerlei Zauber, für die die Jungfräulichkeit in irgendeiner Weise von Bedeutung gewesen wäre. Warum hatte Michael dann derart darauf bestanden? »Ich kenne viele Magier in Gallia, die Familien haben. Ich kann nicht umhin, mich zu fragen…«, Er schwieg eine Weile. »Sie wären nicht die erste Magierin, mit der ich… näheren Kontakt hätte.« »Das bezweifle ich nicht!« sagte ich so boshaft ich konnte. »Ho, ho.« Er grinste breit und schlug sich auf die Schenkel. »Sie kennt meinen Ruf. Also interessiert sie sich doch für mich.« »Sind Sie nicht wenigstens ein klein bißchen interessiert festzustel- len, ob irgend etwas Wahres an den Geschichten ist?« »Woher wollen Sie wissen, was ich gehört habe?« »Ich kann es mir vorstellen. Ich weiß, was ich getan habe. Gallia war sehr gut zu mir. Ich habe jede Menge hübscher Spielkameraden für die Art Spielchen gefunden, die ich gerne spiele.« »Nun, ich bin keine davon.« »Ja, das weiß ich. Sie sind zu jung und zu sanft dafür. Von Ihnen möchte ich viel mehr. Ich möchte, daß wir einander lieben. Das ist et- was vollkommen anderes.« »Warum?« rief ich. »Warum ich?« »Das habe ich mich auch gefragt«, sagte er lässig. »Da sitze ich in- mitten dieses Gartens irdischer Freuden, tue all die Dinge, die ich mag, mit allen möglichen charmanten Leuten – warum will mir plötzlich eine fremde junge Frau nicht mehr aus dem Kopf gehen, die ich einmal la- chend und in Gesellschaft zweier Kurtisanen in einem Korridor gesehen habe?« Er grinste. »Verdammt, ich scheine im Alter Pech zu haben. Sie müssen doch wissen, wie attraktiv ich Sie finde.« »Es gibt jede Menge attraktiver Frauen hier. Attraktivere Frauen, als ich es bin.« »Sie sind nicht wie Sie.« »Warum ich?« Er schwieg einen Augenblick. »Sie sind eine sehr mächtige Frau, Dion. Ich frage mich manchmal, ob Ihnen überhaupt klar ist, wie mächtig Sie sind. Ich habe schon an- dere Zauberinnen vor Ihnen kennengelernt, aber Sie… Sie besitzen eine Aura der Macht. Niemand kann Ihnen sagen, was Sie tun sollen. Wissen Sie, wie selten das bei einer Frau ist? Gewöhnliche Frauen müs- sen gefallen. Sie haben keine andere Wahl. Also ist man am Ende im- mer ihr Herr und Meister. Wie könnte es auch anders sein? Ihre einzige Stärke liegt darin, einem Mann zu gefallen. Aber Sie brauchen nieman- dem zu gefallen. Wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie berühre, verbren- nen Sie mich. Das gefällt mir. Nein, das gefallt mir wirklich. Wenn ich Sie gewinne, dann nur deshalb, weil Sie mich wollen. Und wenn ich mit Ihnen zusammen wäre… ich könnte Sie nie beherrschen. Sie müßten meine Gefährtin sein, mir gleichgestellt, meine Komplizin. Wie ein Mann, nur besser. Ich mag Frauen lieber. Und am liebsten mag ich, starke Frauen.« Daraufhin blickte er unter gesenkten Augenlidern lange Sekunden zu mir empor. Ich fühlte mich plötzlich nackt. Ich verschränkte die Hände über der Brust. Die Bewegung schien ihn aus seiner Trance aufzurüt- teln. »Schon bei jener ersten Begegnung erkannte ich, daß etwas an Ih- nen anders ist. Sie sind eine sehr sinnliche Frau, Dion. Ich habe Sie beobachtet, und ich kenne die Zeichen. Sie sehen die Welt nicht nur. Sie fühlen und schmecken sie. Sie kosten ihren Duft aus. Sie lieben das Gefühl irgendwelcher Dinge auf Ihrer Haut. Den Wind, das Meer, Gras und Sand. Sie lieben es, Dinge zu berühren. Nur ganz sachte mit den Fingerspitzen. Und das weckt in mir den Wunsch, daß Sie mich auf die- selbe Weise berühren. Eine Frau wie Sie muß immense Möglichkeiten der Lust haben. Der Leidenschaft. Ich finde das ungemein erregend.« Er hatte die Stimme zu einem samtenen Schnurren gesenkt. Es war, als liebkosten seine Worte meine Haut. Ich spürte ein seltsam köstli- ches Flattern im Magen. Seine Stimme schlug mich sogar noch mehr in ihren Bann als die Worte selbst. »Es gibt Möglichkeiten, wie Sie Ihre Jungfräulichkeit bewahren und trotzdem mein werden können. Das braucht uns nicht daran zu hin- dern, zusammenzukommen. Und dann könnten Sie und ich wirklich brennen.« Ich spürte, wie seine Hand meine berührte. Ich zuckte zusammen, und der Bann war gebrochen. Die ganze Zeit, während er geredet hat- te, war er mir auf der Bank immer näher gerückt, so daß er jetzt direkt neben mir saß, als er über meine Finger strich. Ich sprang hastig auf und drehte mich zu ihm um. Sein Lächeln war ein wenig kläglich, aber es war trotzdem ein Lächeln. »Also«, sagte ich. »Das ist ja überaus interessant. Haben Sie nun al- les gesagt, was Sie sagen wollten?« Er zuckte mit den Schultern. »Haben Sie alles gesagt?« »Ja, vielen Dank.« Ich klang wie Genny. Ich zog sogar meine Man- schetten zurecht, wie sie es oft tat. Plötzlich schien alles sehr einfach zu sein. »Nun, ich muß jetzt gehen.« »Ich nehme an, Ihre Antwort lautet nein?« »So ist es«, sagte ich und wandte mich zum Gehen. »Es tut mir leid, aber eine andere, vernünftige Antwort kann es nicht geben.« »Ich werde es weiter versuchen, denn den einzigen Grund, der mich entmutigen würde, haben Sie nicht genannt.« Das rüttelte mich wach. Ich blieb stehen und sah mich noch einmal um. Er war ebenfalls aufgestanden und lehnte nun lässig an einem, Baum, die Wange an dessen Borke gelegt. Sein Lächeln war sanft und sehr, sehr liebevoll. »Sie haben kein einziges Mal gesagt, daß Sie mich nicht wollen«, sagte er. Ich drehte mich um. »Nun, ich will Sie auch nicht.« »Sehen Sie mir ins Gesicht und wiederholen Sie das.« »Nein.« »Ah, Dion«, sagte er hinter mir. »Wenn Sie wüßten, wieviele Frauen ich in letzter Zeit gekränkt habe, weil ich sie auf dem Gipfel der Leiden- schaft bei Ihrem Namen nannte.« Es schien mir ein guter Zeitpunkt zu sein, um wegzulaufen. Ich tat es. Schon wieder. Als ich mich durch die Festgäste in Richtung Chateau zwängte, blick- te ich kurz zum Podium auf. Kittens Stuhl war leer, und der Herzog saß dort allein mit einem Gesicht wie eine Donnerwolke. 11. Kapitel »Hm«, sagte Kitten. »Dann fängt die Sache also wieder von vorne an.« Es war offensichtlich, was sie meinte. Andre hatte wieder begonnen, mir Musikanten und Leckereien zu schicken, und als ich am Abend zu- vor die Tür meines Schlafzimmers geöffnet hatte, war es voll weißer Rosensträuße gewesen. »Ja«, sagte ich. Es war ebenso offensichtlich, warum Kitten mich gebeten hatte, vor dem Abendessen mit ihr durch die Gärten zu gehen. Ich hatte bereits am Tag zuvor die Besorgnis in ihrem Gesicht aufblitzen sehen, als der Musikant beim Mittagessen wieder zu uns gekommen war, um uns et- was vorzuspielen. Es war der Tag nach dem großen Fest gewesen, und ich konnte mich nicht einmal dazu überwinden, Andre Gregorov anzu- sehen, um ihm für das Geschenk zu danken. Kitten seufzte. »Hat er Ihnen gesagt, warum? Ich meine, hat er jemals mit Ihnen über seine Absichten gesprochen?« »Mehr oder weniger«, sagte ich. Ich wollte Kitten nicht erzählen, was Andre gesagt hatte. Die Art, wie er mir ohne Umschweife erklärt hatte, daß er mein Liebhaber sein woll- te, machte mich verlegen; ich hatte das Gefühl, daß seine Worte, wenn, ich sie wiederholte, auf irgendeine magische Weise Wahrheit würden. Oder machte ich mir selbst etwas vor? Vielleicht hatte ich Angst vor Kittens Reaktion, Angst davor, daß sie auf sehr aufrichtige und über- zeugende Art jedes seiner Worte als Lüge entlarven und mir zeigen würde, wie lächerlich es war, daß ein Mann wie Andre sich um ein reiz- loses, langweiliges junges Mädchen wie mich bemühen sollte. »Gestern abend, als die anderen Karten spielten, haben wir uns über Sie unterhalten«, sagte Kitten. Wir gingen schweigend weiter. Sie trug ein herrliches, rotgoldenes Brokatkleid, und der Stoff raschelte leise, wenn er über den Gehweg strich. Ich wollte sie fragen, ob zwischen ihr und dem Herzog wieder alles zum besten stünde, fand aber nicht die richtigen Worte. Gestern schienen sie sich bestens zu verstehen… Ich wollte Kitten auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen. Sie lachte ein wenig kläglich. »Er ist so offen. Und wenn er lügt, dann macht er es verdammt gut. Aber wie auch immer – ich habe ihn gefragt, was er von Ihnen will. Wenn ich Ihre Mutter wäre, hätten eini- ge seiner Antworten mich zutiefst entsetzt. Und andere ausgesprochen entzückt. Süßer Herr Tansa, ich hätte nie gedacht, daß ich einmal möglichen Verehrern so auf den Zahn fühlen würde.« Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, um mich zu fragen, was meine echte Mutter gedacht hätte. Immerhin hatte sie mich vor all den Jahren an einen überzeugenden Fremden verkauft. Hätte Kitten ihrem Kind so etwas angetan? Es tröstete mich, daß sie sich um mich sorgte, aber gleichzeitig ärgerte es mich, daß man hinter meinem Rücken über mich sprach, als sei ich noch ein Kind. »Was hat er gesagt?« »Er behauptet, sich zu Ihnen hingezogen zu fühlen, eine Weile mit Ihnen Zusammensein zu wollen. Ich weiß nicht, Dion…« Sie drehte sich zu mir um und tippte mir energisch mit dem Fächer auf den Arm. »Und Sie, Mademoiselle?« fragte sie neckend. »Sie sagen gar nichts. Was halten Sie von alledem. Möchten Sie Lord Gregorov als Liebha- ber?« »Ich interessiere mich nicht für solche Dinge«, antwortete ich hastig. »Das habe ich ihm auch bereits mitgeteilt.« »Und wir sehen ja, wie sehr er Ihnen Glauben schenkt. Kommen Sie schon, Dion. Angenommen, Sie würden, was ihn betrifft, Ihre Meinung ändern. Was dann?« »Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll«, sagte ich und stellte fest, daß ich den Tränen nahe war. »Ich dachte, ich könnte einfach weiter nein sagen, bis er von selbst Ruhe gibt.«, »0 Dion.« Sie legte den Arm um mich und drückte mich an ihre Schulter. Ihr Duft war angenehm, vertraut und warm. »Kommen Sie, setzen wir uns. Hier.« »Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun?« »In Herzensdingen ist es immer schwierig, jemandem zu raten. Vor allem für jemanden in meiner Position.« Wir saßen eine Weile still da. »Sie mögen Andre nicht, nicht wahr?« »Ich weiß nicht, Dion. Nein, wahrscheinlich nicht. Aber das hängt vor allem mit Ihnen zusammen. Ansonsten würde ich ihn gewiß für einen charmanten Burschen halten.« »Sie glauben nicht, daß ihm wirklich etwas an mir liegt.« Sie schwieg einen Augenblick lang. »Dion, ich weiß, daß Sie zu einem Leben in Einsamkeit entschlossen sind… Aber Sie sind eine attraktive junge Frau mit einem sehr liebevol- len Wesen, und ich hatte immer gehofft, daß Sie jemanden kennenler- nen würden, der Sie von diesem Gedanken abbringt. Jemanden, den Sie lieben würden und der gut zu Ihnen wäre.« Sie drückte meine Schultern. »Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Andre. Es gibt genug Men- schen auf dieser Welt, deren Ziel es ist, jemanden zu finden, den sie lieben können und der sie liebt. Ich denke, Sie sind einer dieser Men- schen. Deswegen wäre auch ein liebevoller Mann der beste Partner für Sie. Aber Andre… er ist ein Schürzenjäger, Dion. Für einen Menschen wie ihn besteht das eigentliche Vergnügen in der Liebe für gewöhnlich in der Verrührung, nicht in dem, was danach kommt… Er sollte sich an Leute wie Rapunzel und mich halten, die diese Art Spiel nur allzu gern mitspielen. Verstehen Sie mich?« »Ja«, sagte ich. Und ich dachte auch, daß ich sie verstanden hatte. Sie glaubte nicht, daß Andre etwas an mir lag. Ich hoffte, daß sie sich irrte. Ich war mir beinahe sicher, daß sie sich irrte. »Außerdem hat die Sache noch einen politischen Aspekt. Nach sei- nem eigenen Eingeständnis spioniert Andre für den alten Pyotr. Wir haben nur sein Wort darauf, daß das jetzt vorbei ist. Wer weiß, welche Intrigen Pyotr in seiner Dummheit schmiedet? Er scheint mich unbe- dingt aus dem Weg haben zu wollen. Vielleicht ist Pyotr sogar imstan- de, sich mit Norval zu verbünden. Und wo würde dann Andre stehen?« Ja wirklich, wo? Ich versuchte mißtrauisch zu bleiben, aber im Laufe des Monats fiel es mir immer schwerer zu glauben, daß Andre nicht wirklich etwas für mich empfand. Ganz gleich, wo ich hinging oder was ich tat, man konnte sich darauf verlassen, daß es ihm gelang, mich mindestens einmal am Tag allein zu treffen. Die wenigen Male, bei de-, nen es ihm erst gegen Abend gelang, vermißte ich ihn und fühlte mich ganz elend. Er sagte lauter nette Dinge zu mir, erklärte, daß ihm mein Kleid ge- fiele, oder zeigte mir ein Nest blauer Blumen, die er gefunden hatte – weil ich weiß, daß solche Dinge Ihnen Spaß machen.‹ Einmal bezichtig- te ich ihn, mir gefolgt zu sein. Woraufhin er ohne jede Scham zugab, daß das alles Teil seines Plans sei, mich zu verführen. »Wenn Sie sich erst einmal an mich gewöhnt haben«, sagte er und streckte die Hand aus, um meinen Arm zu berühren, »werden Sie nicht mehr jedesmal erschrecken, wenn ich in Ihre Nähe komme, und das kann nur gut sein.« Ich sah ihn finster an, aber unglücklicherweise funktionierte sein Plan bestens. Wenn er jetzt meinen Arm oder meine Hand berührte, schrak ich nicht länger vor ihm zurück. Außerdem hatte ich mich auch daran gewöhnt, daß er mir bei jedem Gespräch mindestens einmal einen An- trag machte oder irgendwelche Sätze mit den Worten begann: »Wenn wir erst ein Liebespaar sind.« Bei einem anderen Mann hätten diese Dinge sich schnell abgenutzt. aber Andre akzeptierte meine Zurückwei- sungen mit Humor und Gelassenheit. Er übte Druck aus, indem er un- verbrüchlich an seinen Erfolg glaubte, und anscheinend hatte er das Gefühl, darüber hinaus nicht weiter in mich dringen zu müssen. »Ich möchte Sie nur wissen lassen, daß ich Sie immer noch will«, sagte er zum Beispiel. Gefiel es mir, wenn er solche Dinge zu mir sagte? Ich wußte, ich hät- te ihm nicht zuhören dürfen, aber seine Hingabe schmeichelte mir. Ich gewöhnte mir an zu lachen, wenn er mir von seinem Verlangen nach mir erzählte. Eine Weile nahm er es hin. Dann riß er mich eines Tages plötzlich an sich und sagte: »Verstehen Sie mich nicht falsch, Dion. Ich möchte nicht Ihr Freund sein. Es ist mir todernst.« Er versuchte mich zu küssen, aber ich befreite mich aus seiner Um- armung. Ich hatte Angst vor dem, was geschehen könnte, wenn ich es zuließ. In meinen Träumen hatte ein Kuß allzu oft genügt, um die Kon- trolle über mich zu verlieren. In seiner Gegenwart fühlte ich mich nie recht wohl. Wenn ich bei ihm war, hielt mich immer eine Mischung aus Anspannung, Sorge und Hei- terkeit in Bann. Ich träumte jede Nacht von ihm. Es war so merkwürdig zu versu- chen, sich einem Mann gegenüber zurückhaltend zu zeigen, wenn man zutiefst erotische Traumerinnerungen an ihn hatte – wenn man zuge- sehen hatte, wie er an den eigenen Brüsten saugte, wenn man die Härte seiner Hände auf der eigenen Haut gespürt und miterlebt hatte, wie man sich ihm in Ekstase entgegengewölbt hatte., Die ganze Zeit über war ich mir des Körpers des echten Mannes be- wußt, genauso wie ich mir meines eigenen Körpers bewußt war. Außer- dem spürte ich, wann immer ich mit ihm zusammen war, die Phantom- berührung seiner Hände auf meiner Haut. Ich ertappte mich dabei, daß ich ihn verstohlen ansah, seine Geschmeidigkeit bemerkte, die harten Muskeln seiner Arme und Schenkel und die weiche Fülle seiner Lippen. Manchmal, wenn ich ihn ansah, verfiel er in Schweigen und erwiderte mit liebkosenden Augen meinen Blick. Ich errötete dann und brachte irgendeinen Vorwand vor, um zu fliehen. In solchen Augenblicken hielt er mich niemals auf. Ich mußte mir dann immer ins Gedächtnis rufen, daß er schließlich auf keinen Fall wissen konnte, was ich nachts träum- te. Es waren berauschende Träume. Im Laufe jener Tage sprach er bei unseren Unterhaltungen nach und nach all meine Ängste an. Es waren nicht seine Antworten, die mich überzeugten; es war die Tatsache, daß er zu verstehen schien, was in mir vorging – daß er es zu akzeptieren und sogar für wichtig zu halten schien. Es dauert nicht lange, bis ich ihn mit der Frage konfrontierte, ob er tatsächlich ein Spion sei. Es war früh am Morgen, und ich versteckte mich in einem Busch, um die kleinen, blaugefiederten Zaunkönige zu beobachten, die in den nahen Bäumen hin und her flatterten. Plötzlich erhoben sie sich alle in die Lüfte und stoben davon. Lord Andre Gregorov kam den Fußweg hinunter. Ich blieb, wo ich war, im Gebüsch, und glaubte, er werde an mir vorübergehen, aber im letzten Augenblick drehte er sich um, zog einen Zweig beiseite und lächelte schief auf mich herab. »Spielen wir Spion, mein Liebes?« Ich sprang auf. Mein Kleid war von den kleinen, spitzen Blättern der Myrte bedeckt. »Sie haben gut reden«, sagte ich, um meine Verlegenheit zu verber- gen. »Sehen Sie sich doch an. Sie sind ja voller Blätter.« Er streckte die Hand aus und machte sich daran, mein Kleid abzuklopfen. Ich brachte mich mit einer schnellen Drehung außer Reichweite. »Nein, vielen Dank!« »Also wirklich, Dion!« sagte er mit gespielter Kränkung. »Man könn- te denken, Sie trauen mir nicht.« »Und wer wollte mir daraus einen Vorwurf machen?« »Warum? Weil Sie mich für einen Spion halten?« Ich zuckte die Ach- seln und ging ein Stück weiter den Weg hinauf. Er folgte mir, wie er es immer tat. Nach einigen Metern gingen die Bäume in niedriges, ver-, kümmertes Gebüsch über, von dem aus man einen Blick auf einen niedrigen Felsen hatte. Ein frischer, nach Salz riechender Wind wisperte in den Bäumen und blies mir lose Haarsträhnen um den Kopf. »Dion, antworten Sie mir doch.« Ich drehte mich um und sah ihn an. Sein Gesicht war ungewöhnlich ernst. »Haben Sie Angst vor mir, weil Sie mich für einen Spion halten?« Ich sagte nichts. »Das bin ich im Grunde genommen auch nicht. Ich habe nie unter irgend jemandes Befehl gearbeitet. Ich erlaubte lediglich bisweilen manchen Leuten zu erfahren, was ich in Erfahrung gebracht habe. Ich kann Ihnen versichern, daß ich mit dem dummen Pyotr Deserov nichts mehr zu tun habe. Dion?« »Woher soll ich wissen, ob Sie die Wahrheit sagen? Woher soll ich wissen, welche Gründe Sie für Ihr Verhalten haben? Nach allem, was ich weiß, könnten Sie durchaus den Plan haben, uns alle zu töten.« Er grinste wölfisch. »Der einzige Grund, der mich treibt, ist Begeh- ren.« Ich sah ihn ärgerlich an. »Sie können sich überall nach mir erkundigen. Ich habe nichts zu verbergen. Finden Sie über mich heraus, was Sie wollen. Ich weiß, daß Ihre Madame Avignon es getan hat. Sehen Sie mich nicht so über- rascht an. Sie müssen doch davon wissen. Glauben Sie, die Favoritin eines Herzogs hält sich in ihrer Position ohne eine Art Geheimdienst zu ihren Diensten? Ganz gewiß nicht unsere tüchtige Madame Avignon. Was hat sie Ihnen in bezug auf mich geraten? Hm?« »Sie sagt mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe.« »Freut mich zu hören.« Ich blickte aufs Meer hinaus und war wütend auf ihn. Plötzlich hörte ich seine Stimme direkt hinter mir. »Wenn ich Ihnen etwas antun woll- te, was könnte mich jetzt davon abhalten? Ich könnte Sie von diesen Klippen werfen.« Ich versuchte, keine Angst zu haben. »Ich würde mich in einen Vogel verwandeln. Oder in eine Feder.« »So schnell? Nun, was, wenn ich eine Hexenfessel hätte und sie Ih- nen plötzlich um den Hals schlingen würde? Dann könnte ich Sie töten oder entführen, ganz wie es mir gefiele.« Ich drehte mich schnell um und sah ihn an. »Meinen Sie nicht, ich hätte in den vergangenen Wochen reichlich Gelegenheit gehabt, Ihnen Schaden zuzufügen?« »Der Schutz des Chateaus…« »Aber wir befinden uns jetzt außerhalb der Reichweite der Schutz-, zauber. Und das ist nicht das erste Mal. Ich hätte Ihnen schon mehr- mals eine Hexenfessel umlegen können, wenn ich das gewollt hätte.« Er breitete seine leeren Hände aus. »Aber ich habe es nicht einmal versucht, oder? Wenn ich etwas zu verbergen hätte, warum hätte ich Ihnen dann an dem Tag, an dem Sie mich mit Deserov erwischt haben, erzählt, was ich tat? Hm?« Die Art, wie er sprach, die Art, wie er mich mit seinen tiefen dunklen Augen ansah, war sehr überzeugend. War es immer gewesen. »Ich möchte Sie nicht täuschen, Dion. Lügen entfernen Menschen voneinander. Und das ist keineswegs das, was ich will.« Mit einiger Mühe rief ich mir ins Gedächtnis, daß ich ihm nicht glau- ben durfte, obwohl seine Worte in mir wie immer ein gewisses Zutrau- en weckten. Ich trat hastig zurück. »Jemand hat tatsächlich einmal versucht, mir Hexenfesseln anzule- gen. Ich habe es gespürt und ihn aufgehalten.« »Ach ja? Sie sind eine sehr gute Magierin, Dion…« Den Rest seiner Worte verschlang der Wind. Ich drehte mich um und sah ihn fragend an. »Ich sagte, warum lassen Sie sich von anderen Befehle erteilen?« »Von wem reden Sie?« »Von Favetti und diesen alten Narren im College.« »Das sind keine alten Narren.« »Aber Sie sind mächtiger als sie alle zusammen. Viel mächtiger. Wa- rum überlassen Sie denen den ganzen Ruhm? Warum sind Sie nicht Dekan eines Magiercolleges? Warum zieht man Sie nicht einmal für eine solche Position in Erwägung?« Ich zuckte die Achseln. Die Frage hätte einige beunruhigende Ge- danken aufwerfen können – wären meine Gedanken nicht bereits zur Gänze von Andre Gregorov ausgefüllt worden. Einige Tage später traf ich ihn mit Rapunzel im Garten. Ich erinnere mich noch, daß es gerade dämmerte. Ich war nach der Vier-Uhr- Beschwörung nicht wieder eingeschlafen, weil ich beim Aufwachen nach einem besonders lebhaften Traum von Andre mein Kissen an mich gepreßt hielt. Ich war voller Abscheu auf mich selbst. Michael hatte recht gehabt, als er sagte, mein Blut würde mich am Ende verra- ten. Es war hell, daher zog ich mich an und ging im taufeuchten Garten spazieren. Unten auf einem der Gehwege sah ich Andre und Rapunzel Arm in Arm vor mir hergehen. Sie stützte sich schwer auf ihn. Ich drehte mich um und lief so schnell und so leise wie möglich in die ent- gegengesetzte Richtung., Es war genauso schlimm, als hätte ich die beiden nackt miteinander im Gras liegen sehen. Ich hatte das Gefühl, daß alles, was Andre zu mir gesagt hatte, eine Lüge gewesen sein mußte. Was für eine Närrin ich doch war! Ich war so nah dran gewesen zu glauben, daß er wirklich etwas für mich empfand. Eine Weile ging ich blind immer weiter. Schließlich fand ich mich auf einer alten Mole wieder. Ich setzte mich hin, blickte mit geballten Fäus- ten in die Sonne, die sich in den trüben Morgenwellen spiegelte und hätte am liebsten geweint. Es war genau das, was ich am meisten ge- fürchtet hatte. Da erschien Andre. Ich haßte ihn und war so abscheu- lich wie nur möglich zu ihm. »Sie sind eifersüchtig, nicht wahr?« beschuldigte er mich. »Das muß bedeuten, daß Ihnen etwas an mir liegt.« Ich leugnete es, und er knuffle meinen Arm und versuchte mich dazu zu bringen, es zuzugeben. Ich war so zornig auf ihn, daß ich einen kleinen, scharfen Machtstrahl aus meinem Handgelenk schoß und ihm die Finger verbrannte. Er beschimpfte mich und stolzierte davon. Ich hörte, wie seine Füße über die hölzerne Mole stampften. Ich war furchtbar verwirrt und schämte mich, daß ich meine Kräfte auf diese Weise gebraucht hatte. Ich wünschte mir nichts mehr, als daß er zurückkäme. Plötzlich wandte er sich um und kam wieder in meine Richtung. Dann setzte er sieh lei- se hinter mich. »Dion, Sie haben keinen Grund zur Eifersucht. Rapunzel hat sich nicht wohl gefühlt, und ich habe sie ins Haus gebracht. Das ist alles.« Ich sagte nichts. »Dion, Sie glauben es vielleicht nicht, aber seit ich hier bin, habe ich mit niemandem geschlafen.« Ich wünschte mir verzweifelt, ihm glauben zu können. Dieser Um- stand schien mir ein sehr guter Grund zu sein, es nicht zu tun. »Ich interessiere mich ganz bestimmt nicht dafür, was Sie tun oder lassen«, sagte ich. »Ich dachte, ein klein wenig würde es Sie vielleicht doch interessie- ren. Ich dachte, es könnte meine Chancen bei Ihnen zunichte ma- chen.« Schweigen. »Haben Sie Angst, daß ich Ihnen untreu wäre, wenn Sie zu mir kä- men? Ist das der Grund, warum Sie immer wieder nein sagen?« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. »Dion, Sie wissen, ich kann nicht versprechen, daß ich niemals je- mand anderes begehren werde. Niemand kann sagen, was in der Zu- kunft geschehen wird. Vielleicht werden Sie meiner zuerst müde. Ich, bin kein Narr. Ich weiß. daß ich mich ändern müßte, wenn ich Sie erst besäße. Aber… das wären Sie mir wert. Meine große Liebe.« Ich zitterte. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, daß er sich vorbeugte, um mir ins Gesicht zu blicken. Ich wandte den Kopf ab. Merkwürdigerweise war ich abermals den Tränen nahe. Und plötzlich verspürte ich ein großes Glücksgefühl. »Sehen Sie sich das an.« Er hielt mir seine Hand hin. Die Haut war rot und mit Blasen übersät. Seine Leinenmanschette war braun und angesengt. »Wenn Sie so rea- gieren, wenn ich auch nur den Arm um eine andere Frau lege, was werden Sie dann erst tun, wenn ich Ihnen wirklich einen Grund gebe, wütend zu sein? Ich hätte keine andere Wahl, als mich zu benehmen.« »Es tut mir leid. Ich habe die Beherrschung verloren.« Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. »Ich kann Ihre Hand im Nu wieder hei- len.« Er zog sie zurück. »Nein. Ich glaube, ich möchte die Verletzung behalten. Sagen wir, aus Sentimentalität.« Er grinste. Bevor ich wußte, wie mir geschah, lächelte auch ich. Er saß dicht neben mir und lehnte sich gegen den Pfosten am Ende der Mole. Sein Haar war zerzaust. Er trug immer noch seinen rotsam- tenen Abendrock Ich konnte Wein- und Holzrauch an ihm riechen und den schwachen köstlichen Duft seines Schweißes. Sein weißes Leinen- hemd stand am Hals offen und gab den Blick auf einige Locken dunklen Haares auf seiner harten, gebräunten Brust frei. Ich erinnerte mich lebhaft, von diesem Haar geträumt zu haben, das weich über meine nackten Brüste strich. Er gähnte und reckte sich und sah mich unter halb geöffneten Lidern an. »Ich gehe zu Bett«, sagte er. »Warum kommen Sie nicht mit?« Was würde geschehen, wenn ich ja sagte? »Nein, vielen Dank«, erklärte ich würdevoll. »Habe ich nicht anders erwartet.« Er schlenderte davon. Ich saß am Ende der Mole und dachte lange über die Dinge nach, die er gesagt hatte. Der kühle, graue Sonnenaufgangverwandelte sich langsam in einen strahlenden goldenen Morgen, und ich bemerkte nicht einmal, daß der Tag seine Farbe gewechselt hatte, bis die Sonne mir in die Augen schien und die Turmuhr vom Schloß halb acht schlug. Ich mußte mich beeilen, um rechtzeitig zum Acht-Uhr-Ritual wieder zurück zu sein. Danach konnte ich mich noch immer nicht aus meinem verträumten Zustand losreißen. Ich legte mich auf mein ungemachtes Bett. Das Ge- spräch mit Andre auf der Mole schien alle anderen Gedanken auszu-, blenden. Wieder und wieder spielte sich die ganze Szene in meinem Kopf ab. Die Art, wie er mich ›meine große Liebe‹ genannt hatte. Die Geduld, mit der er mir meine Eifersucht ausredete, obwohl ich ihn ver- brannt hatte, die Art, wie er ein Thema anschnitt, von dem ich jetzt erst wußte, wie sehr es mir zu schaffen gemacht hatte. Ich konnte nicht glauben, daß ich in der Lage sein würde, Andres Interesse an mir wachzuhalten, aber er schien keine Probleme zu haben, mir treu zu bleiben. Zumindest behauptete er das. Andererseits war es eine lächer- liche Vorstellung, ein solcher Mann könne irgend jemandem treu sein. Das hatte er gar nicht nötig. Die ganze Zeit über warfen sich ihm Frau- en – und Männer – an den Hals. Warum sollte er nur wegen eines reiz- losen, mageren kleinen Dings, wie ich es war, widerstehen? Er hielt mich für eine Närrin. Und wenn ich ihm nachgab, würde er mich an- schließend auslachen. Diese Vision brachte einen so unerträglichen Schmerz mit sich, daß meine Augen sich mit Tränen füllten, aber ich konnte das Bild nicht aufrechterhalten. Er war immer so freundlich zu mir gewesen. Nun gut, er zog mich auf, aber er sagte anschließend immer, daß es ihm leid täte. Ich hatte noch nie von irgend jemandem gehört, daß er von Natur aus grausam sei. Erst heute morgen hatte er Rapunzel ins Haus gehol- fen, weil sie krank war. Oder war das alles eine einzige große Lüge ge- wesen? Wie ich so dalag, einen Arm quer über meinen Körper gebreitet, und mir vorstellte, es sei sein Arm, der mich umfaßte, kam mir eine Art Vision. Ich sah mich selbst wie in einem Bild sitzend und ganz in Schwarz gekleidet. Neben mir stand Andre in seiner ganzen hageren Anmut, und auch er war schwarz gekleidet. Seine Hand lag auf meiner Schulter. Mein Mann. Mein Geliebter. Unsere Gesichter hatten die stille, ernste Würde eines Königs und ei- ner Königin. Ich sah eine Größe in diesem Bild von uns beiden, eine Kraft, die ihren Grund in dem besonderen Bündnis zwischen uns beiden hatte. Ich sah, wie es vielleicht werden könnte, und dieser Anblick er- füllte mich mit einem mächtigen Glücksgefühl. Es klopfte an der Tür. »Ja.« Ich setzte mich auf. Die Tür wurde geöffnet, und Kitten schob den Kopf hinein. »Da sind Sie ja. Ist alles in Ordnung? Sie sehen müde aus.« »Ja. Ich habe nicht gut geschlafen.« Sie trat ins Zimmer. Sie trug eine rosafarbene Robe und hatte sich das Haar locker zurückgebunden. In ihren Zügen stand ein besorgter Ausdruck. »Dion. Rapunzel ist krank geworden. Wir haben beschlossen, daß sie, Ardyne verlassen muß. Genny wird sie begleiten.« »Was hat sie denn?« fragte ich. »Genny glaubt, es sei der ›Hurenschlaf‹. Sie sagt, die Symptome seien dieselben.« »Bei allen Engeln!… Hier? Glauben Sie, daß Sie ebenfalls in Gefahr sind?« fragte ich sie. »Ich fühle mich gut«, sagte sie. »Bitte, Dion. Genny wollte, daß Sie mitkommen…« »Natürlich!« Rapunzel lag in einem gewaltigen dunklen Bett, das mit üppigen Go- belins verhangen war. Ihr Gesicht war so weiß wie die frischen Leinen- laken. Sie hatte die Augen geschlossen, und die Haut um sie herum wirkte durchscheinend und bläulich verfärbt. Sie sah halb tot aus, ge- nau wie all die anderen Opfer dieser seltsamen Seuche. »Der Puls ist langsam«, sagte Genny. »Und ihre Temperatur niedrig. Schwache Aura. Alle Symptome sind vorhanden.« Sie wandte sich an Kitten. »Warum bist du so fest entschlossen, sie wegbringen zu lassen? Sie ist sehr schwach. Es wäre besser, wenn sie nicht reisen würde.« Kitten schüttelte den Kopf. »Leon hat befohlen, daß sie weggebracht wird«, sagte sie. »Er möchte keine Kranken hier haben.« »Das ist unmenschlich!« rief ich. »Das ist Leon«, sagte Kitten. »Er ist der Herzog. Er kann tun und lassen, was er will.« Sie lehnte sich an den Bettpfosten. »Ich habe ihn so gebeten, sie hier zu dulden, gesagt, die Krankheit befiele nur Prosti- tuierte, aber… er mag keine kranken Menschen um sich haben. Er wur- de wütend und sagte, wenn ich sie nicht bis Mittag weggeschafft hätte, würde er es die Wachen tun lassen.« Sie seufzte. »Es würde auch nichts ändern, wenn es sich um ein Mitglied seiner Familie handelte oder seinen engsten Ratgeber. Er würde sogar mich wegschicken, wenn ich krank wäre.« »Vielleicht könnte Dion etwas tun, um ihr die Reise zu erleichtern«, sagte Genny. »Ich habe nicht genug Kraft, um sie nach Gallia zu fliegen«, erwider- te ich. »Fünf Meilen von hier gibt es ein Nonnenkloster«, sagte Kitten. Erst da sah ich, daß ihre Augen voller Tränen standen. »Ich könnte ihr in der Kutsche beistehen«, erbot ich mich schnell. »Das müßte ihr die Fahrt erleichtern. Ich kann dafür sorgen, daß es genau so ist, als hätte sie nie das Bett verlassen.« Ich berührte Kitten an der Schulter., Sie legte eine Hand über die Augen und wischte sich mit einer schnellen, verstohlenen Geste die Tränen weg. »Danke. Ich danke Ihnen. Rap und ich, wir haben soviel zusammen durchgestanden. Ich möchte sie nicht verlieren.« Während Kitten und Genny die Kutsche für die Reise bereitmachten, nahm ich ein Bad und zog mich ordentlich an. Dann packte ich alles ein, was ich für das Schutzritual benötigte. Ich schlug auch die not- wendige Kombination von Zaubersprüchen in meinem Buch nach, ob- wohl das im Grunde genommen überflüssig war. Ich stellte fest, daß meine Hände zitterten. Und ich war wütend auf den Herzog. Wie konn- te er so herzlos sein! Aber mein Zorn führte zu nichts. Sein Wort war leider Gesetz. All meine Sorgen wegen Andre schienen jetzt nichtig zu sein ange- sichts Rapunzels Krankheit und meinen Pflichten als Magierin. Als es Zeit war, holte Genny mich ab, und gemeinsam gingen wir zur Kutsche hinunter. Man hatte Rapunzel bereits hineingelegt, und Kitten hockte auf dem Boden neben ihr. Rapunzels Kopf lag an Kittens Schul- ter, und sie weinte die gewohnten träge fließenden Tränen der Schwä- che. Aber als sie mich sah, schrie sie auf: »Nein, ich will sie nicht bei mir haben. Verschwinden Sie! Gehen Sie weg, Sie kleines Milchpud- dinggesicht! Miststück!« »Rapunzel?« rief Kitten. Sie schüttelte sie. Rapunzel holte noch einmal Luft und wurde ohn- mächtig. »Was im Namen aller Engel…?« sagte Genny. »Es tut mir leid«, sagte Kitten. »Ich bin mir nicht sicher, was… Dion, es tut mir so leid.« »Es spielt keine Rolle«, erwiderte ich, obwohl ich innerlich zutiefst erschüttert war. »Kommen Sie, wir müssen losfahren.« »Dion, ich glaube, Rapunzel ist eifersüchtig. Bitte. Versuchen Sie ihr zu verzeihen.« Es tat mir weh, daß Kitten es für notwendig hielt, mich zu versöh- nen. »Versuchen Sie einfach. Sie ruhig zu halten, während ich die Be- schwörung spreche.« Es war kein Problem für mich, die Bewußtlose ein Stück über der Sitzbank der Kutsche schweben zu lassen. Kitten küßte sie und stieg aus der Kutsche. Genny und ich nahmen einander gegenüber Platz, während Rapunzel zwischen uns schwebte. Die Tür der Kutsche wurde geschlossen, und wir setzten uns in Bewegung. Es war eine holprige Fahrt. Die Kutsche war nicht besser gefedert als ein einfacher Karren, und der Weg ins Kloster führte über eine tiefzerfurchte Straße. Immer, wieder fühlte Genny Rapunzels Puls. Ich lehnte mich in meiner Ecke zurück und konzentrierte mich. Wieder hatte mich die Kälte der Magie erfaßt. Es war, als beobachtete ich mich selbst, wie ich Rapunzel schweben ließ. Also verspürte ich nichts als ein mildes Interesse, als Rapunzel wieder erwachte, mich mit Schimpfwörtern bestürmte und sich darüber beklagte, daß sie Andre abermals an mich verloren habe. Ich wußte jedoch, daß ich mich später an ihre Worte erinnern würde. Genny sah mich die ganze Zeit über nervös an, zweifellos hatte sie Angst, daß ich wütend werden und die Beherrschung verlieren könnte. Am Ende war sie es dann, die wütend wurde. »Halt den Mund. Wir wissen alle, daß du eine Gossenschlampe bist. Du brauchst nicht so zu reden, um uns davon zu überzeugen«, schrie sie die Kranke an. Rapunzel weinte dieselben Tränen der Schwäche wie zuvor und schwor, daß Andre der einzige Mann sei, den sie je geliebt habe. End- lich fiel sie wieder in einen erschöpften Schlaf. »O Dion!« sagte Genny. »Es tut mir leid. Ich kann sie nicht mit ir- gendeinem Zauber zum Schweigen bringen. Es könnte sie töten.« »Sie ist krank und voller Angst.« »Sie nehmen die Sache sehr gelassen auf. Ist mit Ihnen alles in Ord- nung?« »Die Magie gibt mir Gelassenheit.« Sie schnaubte. »Na wunderbar! Sorgt die Magie auch dafür, daß Sie die Stöße nicht zu spüren bekommen?« »Nein«, sagte ich. Ich schlang meine Gedanken um den Zauber und stellte fest, daß ich ihn ausdehnen konnte, um auch Genny schweben zu lassen. Als ich sie emporhob, kreischte sie auf; dann lachte sie. »Können Sie sich selbst auch hochheben?« Ich stellte fest, daß es so war. Schon bald holperten wir völlig unab- hängig von der Kutsche über den holprigen Pfad, ohne daß wir irgend- welches Ungemach litten. Es war wunderbar, wieder richtige Magie be- nutzen zu können. Ich hatte das Gefühl, als könne ich mich, nachdem ich lange in einer verkrampften Position zugebracht hatte, endlich wie- der ausstrecken. Es war dasselbe Gefühl, das man hatte, wenn man ein eingeschlafenes Bein ausstreckte, nur viel intensiver. Obwohl ich den Zauber abbrach, als wir gegen Mittag anhielten, da- mit ich das Schutzritual erneuern konnte, trat an die Stelle der Gelas- senheit eine Art Heiterkeit. Ich stellte fest, daß ich nicht im geringsten ermüdet war. Statt dessen schlenderte ich zwischen den Bäumen an der Straße umher, lauschte den Zikaden und beobachtete den Wind, der durch die Weizenfelder neben mir strich., Genny rief mich zur Kutsche zurück. »Würden Sie bitte einen Augenblick lang nach Rapunzel sehen, ja? Ich glaube nicht, daß sie aufwachen wird.« Ich saß draußen vor der Kutsche, bis ich hörte, daß Rapunzel sich regte. Ein wenig nervös schob ich den Kopf durch die Tür der Kutsche. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, als kämpfe sie mit ir- gendwelchen Gedanken. »Das Meer. So… kleine Münder. 0 Gott! Kleine Gesichter!« Dann fuhr sie plötzlich auf. »Rapunzel?« »Furchtbar durstig«, stöhnte sie. Ich versuchte ihr Milch zu geben, aber sie wollte nur Wasser. »Sie müssen die Milch trinken«, sagte ich. »Sie wird Ihre Lebens- kraft wieder auffüllen.« »Wo bin ich?« Ich erzählte ihr von dem Nonnenkloster. »Leon hat mich rausgeworfen, nicht wahr?« Sie begann abermals zu weinen. »Bastard. Sicht ihm ähnlich. Letzte Woche hieß es noch, ›Ra- punzel, laß uns einen Dreier versuchen‹, und jetzt… jetzt bin ich nichts als verdorbenes Fleisch für ihn. Sie hätten mich sterben lassen sollen.« Ich klopfte ihr auf die Schulter. »Kitten macht sich große Sorgen«, sagte ich. »Sie hat das alles an- geordnet, und sie hat uns mitgeschickt, damit wir auf Sie acht geben.« »Das liebe, gute Pussykätzchen, sie ist der beste Mensch, den ich kenne.« Plötzlich weinte Rapunzel noch heftiger. »Ich fühle mich so schwach.« »Pst«, sagte ich. »Diese starken Gefühle machen Ihren Zustand nur noch schlimmer. Versuchen Sie, ruhig zu werden. Trinken Sie noch etwas Wasser.« »Dion.« Gennys Stimme klang ängstlich, als sie in die Kutsche blick- te. »Es ist alles in Ordnung.« »Na gut«, sagte Genny. »Sie sind also wieder bei uns, Rapunzel. Und nun wollen wir kein Wort mehr über Ihr gebrochenes Herz hören.« Rapunzel schien verwirrt zu sein. »Sie muß im Delirium gewesen sein«, sagte Genny später, als wir wieder in der schlingernden Kutsche schwebten und die schlafende Rapunzel zwischen uns lag. »Vielleicht…« Sie sah mich an, als sei sie nicht recht sicher, ob sie fortfahren solle. »Vielleicht hat sie im Geiste eine Auseinandersetzung beendet, die sie mit Lord Andre hatte.« »Vielleicht.« Wieder hatte sich die Gelassenheit der Magie über mich gesenkt. Ich fand ihre Theorie lediglich interessant., Die Gelassenheit wich auch dann nicht von mir, als wir uns bereits in dem großen, von weißen Mauern umringten Kloster befanden, das in- mitten der goldenen Weizenfelder stand, und ich Rapunzel hineingetra- gen und zu Bett gebracht hatte. An den sittsamen, ernsten Gesichtern der Nonnen ließ sich schwer ablesen, was sie wirklich davon hielten, einer berüchtigten Kurtisane und einer Magierin ein Dach über dem Kopf anbieten zu müssen, aber ich hörte, wie die Mutter Oberin zu Genny sagte, daß sie Madame Avignon zutiefst dankbar für die Spen- den seien, die ihr Mutterhaus in Gallia erhalten habe. Eine der Nonnen führte mich in einen kühlen, weißen Raum, in dem ich mich ausruhen konnte. Eine andere brachte mir heißen Kräutertee. In der Kutsche hatte ich keine Müdigkeit gespürt, aber ich legte mich dennoch auf die frische Strohpritsche auf dem Boden, und als ich das nächste Mal die Augen öffnete, war es bereits spät am Nachmittag, und eine Nonne stand an der Tür, um mir mitzuteilen, daß es beinahe vier Uhr sei. Es war das erste Mal seit meiner Ankunft in Ardyne, daß ich mich nicht an einen Traum von Andre Gregorov erinnern konnte. Ich stol- perte durch das Zimmer, vollzog das Ritual und ging dann hinaus in den Wandelgarten. Es war friedlich und angenehm dort. Irgendwie rief das Nonnenklos- ter, dessen Bewohnerinnen mit im Gebet gesenkten Köpfen feierlich auf und ab gingen, wehmütige Gedanken an das College in mir wach. Es schien mir so sicher im Vergleich zu dem Aufruhr der Gefühle, dem ich in den letzten Wochen ausgesetzt gewesen war. Ich fand Genny in der Krankenstube, wo sie einer der Nonnen von ihrer Kur gegen das Hurenfieber erzählte. Die beiden diskutierten über verschiedene Mittel und Wege. »Es kann doch unmöglich auch hier aufgetreten sein«, fragte ich sie. »Es hat einige Fälle in den umliegenden Dörfern gegeben«, entgeg- nete sie. »Einige der Leute sind auf die eine oder andere Art gestor- ben. Die übliche niederschmetternde Liste eifersüchtiger Gatten und wütender Eltern.« »Hat es etwas mit der Anwesenheit des Hofes hier zu tun?« »Es könnte eine Verbindung geben. Jedes Jahr werden hier etwa neun Monate nach dem Besuch des Hofs eine ganze Reihe Bastarde geboren. Das ließe darauf schließen, daß es sich um eine Art Ge- schlechtskrankheit handelt.« Ich fragte sie, was für meine Rückkehr nach Ardyne organisiert wor- den sei. »Die Kutsche ist zum Schloß zurückgekehrt. Sie wird in einigen Ta- gen wieder herkommen.«, Ich sah sie an. »Wie wichtig war es wirklich, daß ich Sie begleitete?« »Sie müssen zugeben, daß es die Reise beträchtlich vereinfacht hat. Ich bin sicher, Rapunzel haben Sie sehr geholfen.« »Es hatte also nichts damit zu tun, daß Sie mich für eine Weile vom Schloß entfernen wollten.« »Kitten und ich dachten beide, daß Ihnen eine kleine Erholung gut- tun würde«, sagte Genny, die meinen Blick mied. Ich war ihnen wegen ihrer Verschwörung nicht wirklich böse. Die Er- holungspause würde mir Zeit geben, über Andre nachzudenken. Ich gelangte, was ihn betraf, langsam in eine Sackgasse, an einen Punkt, an dem ich mich entscheiden mußte, ob ich ihn entschlossen zurück- weisen und die Konsequenzen tragen wollte. Oder ob ich ihn nicht zu- rückweisen sollte. Rapunzels Worte in der Kutsche hatten mich insgeheim mit Jubel er- füllt, denn sie hatte mir unabhängig von allen anderen bestätigt, was Andre mir erzählt hatte. Als sie mich am nächsten Morgen jedoch um einen Besuch bat, ging ich mit einem ängstlichen Vorgefühl zu ihr, denn ich fürchtete, daß sie nach wie vor wütend auf mich war und mich mit Schimpfworten traktieren würde. Es war seltsam, sie so schwach zu sehen. Sonst hatte sie beim Spre- chen immer mit den Händen gestikuliert. Jetzt lagen sie leblos vor ihr auf den weißen Bettdecken. Ihr wunderschönes dunkles Haar hing ihr um die Schultern und betonte die dunklen Höhlen unter ihren Augen. Sie wartete, bis wir allein waren. Wie ich vermutet hatte, wollte sie über den Zwischenfall in der Kut- sche sprechen. »Dion«, flüsterte sie. »Es tut mir leid, was ich gestern zu Ihnen ge- sagt haben muß. Genny hat mir davon erzählt.« »Es ist nicht wichtig. Sie waren krank.« »Ich muß vollkommen außer mir gewesen sein. Es scheint mir jetzt sehr dumm. Ich weiß gar nicht, warum ich diese Dinge gesagt habe. Ich werde vielleicht sterben. Also, warum soll ich mich weiter mit dem Mann beschäftigen?« Sie schwieg eine Weile. »Die Sache ist die, ich erinnere mich an jedes Wort, das ich in der Kutsche zu Ihnen gesagt habe. Es ist sehr merkwürdig. Ich erinnere mich nicht daran, wie ich krank wurde. Ich weiß nur, daß ich einen Streit mit Andre hatte, aber an das Ende unserer Auseinandersetzung kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur noch, daß ich mich beim Aufwachen sehr, sehr schwach fühlte, und ich erinnere mich vage, daß Kitten da war. Bis zu der, Kutschfahrt ist alles sehr verschwommen. Alle möglichen seltsamen Fieberträume… Andererseits habe ich eine kristallklare Erinnerung an alles, was ich zu Ihnen gesagt habe, an all diese bösartigen Dinge. Bis Genny mir heute morgen davon erzählte, dachte ich, es sei ein Traum gewesen. Es war, als hätte ein anderer das alles gesagt, und ich sei nur Beobachterin gewesen. Trotzdem ist das keine Entschuldigung. Ich möchte, daß sie wissen, wie leid es mir tut.« »Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.« Sie konnte kaum noch die Augen offenhalten vor Müdigkeit. Es war Zeit für mich, zu gehen. »Sagen Sie mir eins, Rapunzel«, fragte ich, außerstande, der Versu- chung noch länger zu widerstehen. »Hat Lord Gregorov wirklich ge- sagt…?« Sie grinste schwach, und ich erhaschte kurz einen Blick auf die alte Rapunzel und ihre unverbrüchliche Mutwilligkeit. »Ja, Schätzchen, er hat mich um ihretwillen zurückgewiesen. Sie ha- ben da einen ziemlichen Fang gemacht. Bisweilen hätte ich Ihnen am liebsten die Augen ausgekratzt.« Ich dachte, es würde mir die Entscheidung erleichtern, wenn ich mit Sicherheit wüßte, daß Rapunzel die Wahrheit gesagt hatte, aber das war nicht der Fall. Während ich im Kloster war, träumte ich nicht mehr mit derselben Intensität von Andre, eine Tatsache, die ich der keuschen Atmosphäre dieses Hauses zuschrieb. Trotzdem war er ständig in meinen Gedan- ken. Immer wieder sah ich dieses Bild von uns beiden vor mir – zwei Hälften eines Ganzen – und erinnerte mich an die Stärke und das Glück, die dieses Bild verströmte. Nach wie vor gab ich mich, wenn ich morgens nach dem Aufwachen im Halbschlaf lag, der Phantasievorstel- lung hin, daß er bei mir sei und mich in den Armen hielte. Insgeheim vermißte ich die Träume. Mehr und mehr wurde mir klar, wie sehr mir die Vorstellung gefiel, daß er mich berührte. Ich wollte tatsächlich eine Verbindung mit ihm eingehen. Als mir das aufging, beschloß ich, ins Chateau zurückzukehren. Ich sehnte mich nach einer endgültigen Klä- rung unserer Beziehung mit einem Ende all meiner Sorgen. Zu Anfang des dritten Tages ging ich zu Genny und erklärte ihr, daß ich ins Chateau zurückkehren werde. Sie sah mich an und seufzte. »Na schön«, sagte sie. »ich finde, Sie sollten bleiben, und ich ver- mute, Kitten sieht das genauso, aber es ist Ihr Leben.« »Weshalb sollte ich Ihrer Meinung nach bleiben?« wollte ich wissen. »Männer machen alles nur komplizierter. Ich würde versuchen, ihn, zu vergessen, wenn ich Sie wäre, und das wird Ihnen im Chateau nicht gelingen.« »Aber hier kann ich zu keiner Entscheidung kommen«, wandte ich ein. Sie zuckte mit den Schultern. »Seien Sie nach wie vor auf der Hut vor Feinden«, sagte sie. Es war ein feuchtschwüler Tag. Ich ging zu Fuß, und nach einer Weile wurde der Himmel immer verhangener und grauer. Trotz meines breit- krempigen Huts rann mir der Schweiß übers Gesicht. Meine Schultern unter dem kleinen Beutel, den ich auf dem Rücken trug, waren schließ- lich völlig durchnäßt. Als ich die Hälfte des Weges hinter mir hatte, be- dauerte ich langsam meine Entscheidung, allein zurückzukehren. Ob- wohl ich gut zu Fuß war, machte die Notwendigkeit, ständig nach Fein- den Ausschau zu halten, mich nervös. Ich hätte den Spaziergang über die schattige, von Bäumen gesäumte Straße viel mehr genossen, hätte ich nicht meine Zaubersicht ständig aktiv halten müssen, um zu wis- sen, ob mir irgend jemand Schaden zufügen wollte. Wie die Dinge la- gen, sah ich jedoch nur sehr wenige Menschen. Nur eine Handvoll Bau- ern, die auf den ausgetrockneten gelben Weizenfeldern arbeiteten. Ich war dankbar, als ich in die Reichweite des Schutzzaubers des Chateaus kam und für die letzte Meile durch den Park die Zaubersicht aufgeben konnte, aber nun wurde die Luft immer drückender. Ein Sommergewitter stand bevor. Ich wünschte, es würde anfangen zu regnen, damit das kalte Wasser mir den Staub vom Gesicht spülte. Endlich kam ich an die Brücke, die über den Fluß führte. Der Anblick des Flusses, der sich kühl und dunkel durch das Schilf schlängelte, war zuviel für mich. Ich hatte noch nie zuvor darin gebadet. Er sah für meinen Ge- schmack zu düster aus. Aber jetzt flehte meine Haut um das herrlich kühle Wasser. Ich stieg von der Brücke hinunter und ging einen Fuß- weg durch das Schilf entlang. Ich kannte eine geeignete Stelle, eine kleine Bucht mit einem Boot darin und einem weichen grünen Pfad aus Gras am Rand des Flusses. Überall sonst versperrte einem das Schilf- gras den Weg zum Wasser. Ich streifte mein Kleid ab und stürzte mich hinein. Das Wasser war wundervoll. Der Grund des Flusses war weich und schlammig zwischen meinen Zehen. Das Wasser selbst war dunkelbraun wie Tee. Ich saß eine Weile da und ließ mich einfach von der trägen Strömung umspü- len. Nach einer Weile fand ich, daß es vielleicht ganz nett wäre, zum ge- genüberliegenden Ufer zu waten. Der Fluß erschien mir recht harmlos. Er konnte mir an der tiefsten Stelle höchstens bis zur Taille reichen,, und die Strömung war sachte. Vorsichtig ging ich über das schlammige Flußbett. In der Nähe des anderen Ufers nahm die Strömung ein wenig zu. Ich machte noch einen Schritt, stolperte über einen versteckten Stein, taumelte, trat ins Leere und fiel. Die Strömung riß mich um. Ich schlug um mich, wälzte mich in dem trüben, dunklen Wasser und prall- te hart gegen die Felsen. Wasser, Wasser, das um mich herum wirbel- te, meinen Mund und meine Lungen füllte, rauschend und wild, das an meinen Unterröcken riß und meine Arme und Beine festhielt. Raus, ich muß hier raus. Dann durchlief mich eine Woge der Macht, das Wasser teilte sich, und ich schoß in die Luft empor, umfaßte sie mit beiden Fäusten. Dann hing ich in der stickigen Luft, keuchte und ver- suchte wieder zu Atem zukommen, während ich gleichzeitig mit einer gewissen Kälte begriff, daß ich beinahe ertrunken wäre, Närrin, die ich war. Ich wäre tatsächlich ertrunken, wäre mein Verlangen, aus dem Fluß herauszukommen, nicht stark genug gewesen, um mich emporzu- heben. Ich schob mir das nasse Haar aus dem Gesicht, und in diesem Augenblick sah ich ihn. Andre stand nur wenige Schritte unter und vor mir; er war bis zu den Schenkeln in den Fluß gewatet und sah mich an. »Alles in Ordnung mit Ihnen?« fragte er. »Alles bestens«, krächzte ich; meine Kehle war immer noch voller Wasser. »Verflucht, Weib! Was haben Sie mich erschreckt.« Seine Brust war nackt, und ich sah nur harte, flache Muskeln. Ein schöner Anblick. Und dann sein zu mir emporgewandtes Gesicht. Es war so schön. Außerdem gefiel es mir, wie er zu mir aufblickte. Ich war mir am Rande der Tatsache bewußt, daß mir meine nassen Unterröcke am Leib klebten und daß ihm das nicht entgangen sein konnte. Ich hing in der Luft und sah ihn von meinem distanzierten magischen Ausguck an. Wie sehr er mich anzog! Und mehr noch, ich war neugierig, neugie- rig zu erfahren, was geschehen würde, wenn ich zu ihm hinunterkam, ganz nah, und was als nächstes geschehen würde und als übernächs- tes. »Dion«, sagte er, »kommen Sie da runter.« Er streckte den Arm aus und griff nach meiner Hand. Und zog mich zu sich hinunter. »Ich habe Sie vermißt«, sagte er. Er küßte meine Hand, drehte sie um und küßte den Handrücken. Dann legte er mir den anderen Arm um die Schultern und zog mich noch näher an sich. Ich konnte sehen, daß er jede Absicht hatte, so weiterzumachen, bis ich ihn aufhielt. Bald würde er meine Lippen küssen, dachte ich. Das würde mir gefallen. Plötzlich krachte ein Donnerschlag, und ein gewaltiger Regenguß ging auf uns nieder. Meine Konzentration zerbrach, und plötzlich tau- melte ich abermals durch den Fluß., Andre prallte unter der Wucht des Regens zurück. Ich konnte seine Stimme hören, aber das Klatschen des Regens war ohrenbetäubend. Er beugte sich vor, um mich aus dem Wasser zu ziehen. O Engel, dachte ich. Was soll ich nur tun? Ich sprang auf und rannte, so schnell ich konnte, aus dem Fluß und das Ufer hinauf. Dann drehte ich mich um, um nach ihm zu sehen. Er stand immer noch dort im Wasser. Als ich ihn ansah, schrie er mich an und schüttelte die Fäuste. Ich rannte barfuß den Pfad durch das Schilf hinunter, die Arme vor der Brust verschränkt. Der Regen war so heftig, daß er mir auf Hals und Armen brannte. Meine nackten Füße rutschten auf dem schlammigen Weg unter mir weg. Ich stieß mir den Zeh an einem Stein und blieb stehen. Plötzlich hätte ich am liebsten geweint. Hier lief ich nun durch den strömenden Regen und trug nichts als mei- nen Unterrock. Meine ganzen Kleider lagen noch am Flußufer. Mindes- tens zehn Minuten lang stand ich zitternd im Regen und versuchte zu entscheiden, ob ich zurücklaufen solle oder nicht. Zu guter Letzt kam ich zu der Entscheidung, daß ich mich völlig töricht benahm. Ich war nach Ardyne zurückgekehrt, um die Sache mit Andre zu regeln, und das konnte ich genausogut jetzt gleich tun. Zuerst dachte ich, er sei gegangen. Und mit ihm auch all meine Klei- der. Dann sah ich, daß er im Bootshäuschen saß. Ich trat näher und fragte mich, was ich sagen sollte. Vielleicht war es besser, ich ging, bevor… Er drehte sich um, sah mich und winkte mich zu sich. Ich lief auf den Unterstand zu. Dort befanden sich zwei große Baum- stämme. Auf dem einen Baumstamm lag mein Kleid ausgebreitet. And- res Hemd und sein Mantel hingen über dem Boot. In der Mitte des klei- nen Vorschlags lag ein Häufchen Holz und daneben ein Feuerstein und Stahl, aber ich sah sofort, daß das Holz zu feucht war, um zu brennen. Also entzündete ich das Feuer mit Hilfe von Magie, mit einem nützli- chen kleinen Zauber, den Genny mir beigebracht hatte. »Vielen Dank«, sagte Andre. Er lehnte an einem der Baumstämme. Immer noch trug er nur seine Reithosen. Sein nasses Haar tropfte ihm auf die nackte Brust. Es kräuselte sich jetzt noch stärker. Wir sahen einander an. »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?« Seine Stimme klang tief und zornig. Ich blickte auf meine Füße hinab. »Erst lächeln Sie und sind willig und bereit, und es ist, als seien alle Träume wahr geworden. Dann stoßen Sie mich plötzlich weg. Was ist los? Spielen Sie mit mir?« »Es ist die Magie«, sagte ich. »Sie macht einen irgendwie kalt und, logisch. Mir war nicht bewußt…« Ich stand einfach nur da und blickte ins Feuer. »Aha, also logisch betrachtet wollten Sie mich, aber als der Bann brach, hatten Sie zu große Angst und sind weggelaufen. Ist es das, was Sie sagen wollen?« Ich sagte gar nichts. »Verflucht, Weib! Du treibst mich zum Wahnsinn«, schrie er. »Wenn du mich willst, warum nimmst du mich dann nicht? Ich bin bereit.« »Ich bin…« »Sie sind was?« »Ich habe die Nerven verloren«, sagte ich und blinzelte, als stünde ich in grellem Licht. »Warum sind Sie so ein Feigling? Wer hat Sie großgezogen, daß Sie solche Angst haben vor… wovor haben Sie eigentlich Angst? Vor der Liebe? Oder vor mir?« Er sprang auf und kam um das Feuer herum auf mich zu. Ich trat ei- nen Schritt zurück, aber das Boot und der Baumstamm versperrten mir den Weg. Er war sehr nah. Ich konnte den herrlichen Duft seines Kör- pers riechen. »Hören Sie. Ich kann nicht mit Ihrem Haarschopf spre- chen. Setzen Sie sich hierher.« Ich setzte mich und schlang die Arme um den Leib. Er kniete vor mir nieder. »Dion, sehen Sie mich an! Jeder hat beim ersten Mal Angst. Aber ich kann nicht glauben, daß Sie… nach der Art, wie Sie mich heute ange- sehen haben, können Sie nicht von mir erwarten, daß ich glaube, Sie wären nicht in der Lage, die Freuden der körperlichen Liebe zu genie- ßen. Sie können nicht länger Ihre Natur leugnen… sie wird sich zu gu- ter Letzt ihren Weg erzwingen.« Er rückte dicht an mich heran. »Sie dürfen nicht glauben, daß Sie, wenn Sie mich zum Liebhaber nehmen, in zehn Minuten mit gespreiz- ten Beinen auf dem Rücken liegen werden. Das wäre Verschwendung. Das würde ich weder Ihnen noch mir selbst antun. Ich möchte die Sa- che langsam angehen und auskosten. Jeden einzelnen Augenblick ge- nießen, jeden neuen Schritt. Uns die Zeit geben, damit Sie sich an mich gewöhnen können. Es könnten Wochen vergehen, bevor wir uns wirklich lieben. Das macht mir keine Sorgen. Ich liebe Sie so sehr«, sagte er leise. »Ich möchte, daß Sie glücklich sind. Ich möchte der ein- zige sein, der Sie glücklich macht.« Ich starrte meine Hände an. Ich hatte einen Kloß in der Kehle. »Warum ich?« fragte ich. »Das haben Sie mich schon einmal gefragt. Brauche ich einen Grund? Brauchen Sie einen? Ist nicht die Tatsache, daß ich Sie will,, daß wir einander wollen…? Warum kann das nicht Grund genug sein?« Ich schwieg. »Dion, ich habe sehr lange nicht mehr für irgend jemanden so emp- funden. Sie sind so schön. Ich könnte ganze Tage damit zubringen, Sie einfach nur anzusehen. Ihr Hals ist so zart und fein, und Sie haben un- glaublich schöne Augen. Ich mag die Art, wie Ihr Rücken sich wölbt. Ich könnte noch mehr aufzählen. Aber das ist es nicht allein. Ich mag Sie, weil Sie keine Närrin sind, weil Sie stark sind. Sie können Dinge tun wie ein Feuer entzünden. Sie sind eine mächtige Frau. Das erregt mich.« »Ich verstehe. Und was würden Sie mit meiner Macht anfangen wol- len?« »Wie meinen Sie das?« Er sah mich überrascht an. »Vielleicht möchten Sie, daß ich Sie reich oder mächtig mache.« »Ah ja. Sie haben immer Angst, daß ich Sie ausnutzen könnte. Wa- ren die Männer in der Vergangenheit so schlecht zu Ihnen? Ich schwöre Ihnen, daß alles, was ich je von Ihnen wollte… Ich will Sie einfach in meinem Bett haben. Ich bin ein reicher Mann, und ich kann mich zu fast allem machen, wonach es mich verlangt. Ich habe ein wunderba- res Leben geführt, bis ich Sie an jenem Tag erblickte und Sie ansah und irgendwie… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… irgendwie eine Partnerin in Ihnen erkannte. Vielleicht eine Komplizin. Ich denke, daß wir vieles miteinander erleben könnten. Viele wunderbare erregende Dinge.« Seine Stimme und seine Worte schlugen mich abermals in ihren Bann. Er beugte sich über mich und drückte mir die Lippen auf die Stirn. Ich rührte mich nicht. »Dion«, wisperte er. Sanft wie eine Liebkosung legte er mir die Hand auf die Wange und drückte mein Gesicht nach oben. Dann küßte er mich sachte auf den Mund. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich legte eine Hand auf seinen Arm. Er küßte mich abermals. Härter und mit geöffneten Lippen. Es gefiel mir. Die Stelle zwischen meinen Beinen straffte sich. Ich schob ihn von mir, bevor die Situation mich mitreißen konnte. »Laß dich doch einfach gehen!« rief er voller Frustration. Ich blickte zu Boden und schlang die Arme um mich. »Dion, hör mich an, ich…« Plötzlich stand er auf und ging zum Boot hinüber, wo er sich sein Hemd und seinen Mantel anzog. Ich saß da und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Ich wünschte mir verzweifelt, daß er wiederkäme und mir sagte, ich müsse ihn küssen. Daß ich keine andere Wahl hätte., Aber ich hatte solche Angst, daß ich es, wenn ich ihn zurückriefe, be- dauern würde. »Mein Liebes«, sagte er, »ich möchte etwas ganz Einfaches von dir.« Er kniete vor mir nieder. »Aber nichts, was ich sage, wird dich davon überzeugen können. Am Ende wird wohl nur die Erfahrung den Beweis dafür bringen, daß ich die Wahrheit sage. Am Ende wirst du einfach das Risiko eingehen müssen, darauf zu vertrauen, daß ich nicht lüge, und einfach in gutem Glauben den Sprung wagen. Hast du verstanden?« Ich nickte. Er seufzte. »Sieh mich an. Ich liege auf den Knien vor dir. Und nutzt mir das irgend etwas? Nein.« Er schwieg einen Augenblick. »Würde es dir helfen, mir zu vertrau- en, wenn wir heiraten würden?« Heiraten! Gott und Engel! Dieser Gedanke hätte mir schon vor langer Zeit kommen sollen, aber nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir jemals vorgestellt, irgend jemandes Frau zu werden. Da- für war ich viel zu sehr Magierin. Oder vielleicht war ich auch einfach nur eine Schlampe wie meine Mutter. »Ich weiß nicht«, sagte ich. »Ich habe nie darüber nachgedacht.« »Das kann ich mir vorstellen. Ich hätte auch nicht gedacht, daß dir solche Dinge wichtig sind.« Er seufzte und stand auf. »Nun, mein Lie- bes. Es hat aufgehört zu regnen. Zeit, nach Hause zu gehen.« Er zog seine Stiefel an. Ich hatte immer noch einen Kloß in der Kehle. »Andre, es tut mir leid.« Er drehte sich um und sah mich an. »Ich werde es überleben«, erwi- derte er mit einem kläglichen Grinsen. »Wenn du deine Meinung änderst, laß einfach heute nacht deine Tür unverschlossen. Ich werde kommen und mich zu dir legen. Bis dahin, meine Geliebte.« Er warf mir einen Luftkuß zu und ging. Er sah nicht ein einziges Mal zurück. Soviel zu dem großen entscheidenden Gespräch. Ich schlender- te langsam den Weg zum Chateau hinauf. Jetzt war ich noch aufge- wühlter als vorher. Halb fürchtete ich und halb hoffte ich, daß er in meinem Zimmer auf mich warten würde, aber er war nirgends zu se- hen. Mehr denn je wünschte ich mir, es gäbe irgend etwas, das mir die Entscheidung abnehmen würde, irgend etwas, das es mir erlaubte, mich von einem Augenblick der Leidenschaft hinreißen zu lassen. Es tat gut, wieder in meinem kleinen, dunklen Zimmer zu sein. Ich läutete nach einem heißen Bad und bat die Dienerin, Killen von meiner Rückkehr zu informieren. Vielleicht konnte ich Kitten dazu bewegen, mir zu sagen, was ich tun sollte. Falls ich mich dazu überwinden konn-, te, sie danach zu fragen. Aber die Dienerin erklärte mir, daß Madame Avignon mit dem Rest des Hofs auf die Jagd gegangen sei. Ich vollzog das Nachmittagsritual. Dann schloß ich meine Tür, während ich badete und mich umzog. Töricht natürlich. Er hatte von der Nacht gesprochen. Anschließend lag ich auf dem schmalen, weißen Bett und fragte mich, was um alles in der Welt ich tun solle. Irgendwie schien es mir wichtig zu sein, seinem Drängen nach- zugeben, aber andererseits würde dem niemand beipflichten – außer Andre natürlich. Michael… Michael würde nur traurig den Kopf schüt- teln, als habe er es immer gewußt, und mir erklären, ich sei genau wie meine Mutter. Vielleicht war ich das auch. Vielleicht sollte ich Andre heiraten. Unvorstellbar. Andererseits konnte dann niemand mehr be- haupten, ich hätte falsch gehandelt. Die Angst vor dem, was die Leute sagen würden, war ein schrecklicher Grund, um zu heiraten. Warum fiel es mir so schwer, zu glauben, daß ihm wirklich etwas an mir lag? Hatte er seine Zuneigung zu mir nicht immer wieder gezeigt? Er war so geduldig gewesen. Lag es nur daran, daß ich feige war? Hatte ich ein- fach Angst vor dieser Art von Nähe? Den nackten, aneinanderge- schmiegten Leibern? Davor hatte ich Angst. Jeder hatte beim ersten Mal Angst. Es gefiel mir allerdings, wenn er mich berührte. Sein Fleisch war warm und hart und fühlte sich so samten an. Ich konnte mir mühelos vorstellen, daß wir etwas ganz Besonderes zusammen erleben würden, wie in den Träumen. In diesen ekstatischen Träumen, nach denen ich anschließend immer schnurrte wie eine Katze, seidig weich und zufrie- den. Würde die Wirklichkeit auch so sein? Ich erinnerte mich an meinen zuckenden, sich ekstatisch wälzenden Körper. Wäre er nicht genauso abgestoßen von mir, wie ich selbst es war? Wenn ich derart die Beherr- schung verlor, wie sollte ich mich dann gegen ihn behaupten? Und nun dieses Angebot, heute nacht in mein Zimmer zu kommen. Nichts hätte schlimmer sein können. Ich sah mich schon die ganze Nacht in meinem Zimmer hin und her huschen und die Tür auf- und wieder zuschließen. Ich wünschte, es wäre schon vorüber. Ich schlief ein. Und träumte von Andre. Es war Nacht, und er lag ne- ben mir im Bett. Sein Körper war ganz warm und fest Und seine Hände ebenfalls. Er öffnete mein Kleid und streichelte meine Brüste. Es war eine solche Wonne. Er küßte sie mit Lippen und Zunge und saugte, bis die Brustspitzen hart wurden. Seine Hände bewegten sich über meinen Körper… Es war alles so lebendig, daß ich schließlich ganz überrascht war, aufzuwachen, um festzustellen, daß es nur ein Traum gewesen war. Und ich war beinahe enttäuscht. Ich erinnerte mich daran, daß ich die, Tür abgeschlossen hatte. Außerdem hatte er von der Nacht gespro- chen, nicht vom Nachmittag. Du bist wirklich eine Schlampe, dachte ich angewidert, während ich mich aufsetzte. Dann fühlte ich mich plötzlich verwegen und scherte mich nicht länger darum. Ich würde die Tür offenlassen und das Schlimmste tun, und damit war die Sache dann vorüber. Ich ging hinunter und änderte meine Meinung. Er blickte Kittens Zofe und hinterließ eine Nachricht bei ihr. Änderte abermals meine Meinung. Ging in die Gesindestube und aß zu Abend. Und änderte wieder meine Meinung. Ich wartete bei Tisch auf Kitten, sah sie schließlich auch, aber für mehr als einige höfliche Worte war keine Zeit. Ich wünschte, ich hätte sie um Rat fragen können, obwohl ich wußte, wie dieser ausfallen würde. Ich änderte abermals meine Meinung. Andre war an der Tafel bei den anderen. Er sah mich an; ich erwiderte seinen Blick, änderte erneut meine Meinung, lächelte und wagte es nicht, ihn noch einmal anzusehen. Das Abendritual war die einzige friedliche Zeit am ganzen Abend. Während ich mich damit beschäftigte, konnte ich meine Meinung we- gen Andre nicht ändern. Danach saß ich kurz auf meinem Bett, fragte mich, wann er kommen würde, und hatte Angst davor, daß er tatsäch- lich kam. Es war einfach dumm. Möglich, daß es vier Uhr morgens wurde, be- vor der Herzog sie entließ. Ich nahm mir vor, spazierenzugehen und zu versuchen, die ganze Sache zu vergessen. Der Regen hatte aufgehört und uns einen vollkommenen Abend be- schert, kühl, aber nicht kalt. Der Garten roch herrlich frisch. In einiger Entfernung vom Haus führte eine Art Weg durch die Grünanlage, zwi- schen Hecken und Statuen hindurch, der hier und da kleine Nischen aufwies. Am Ende des Wegs befand sich ein runder, abgeschlossener Platz mit einem niedrigen Baum, dessen Stamm eine hübsche, kleine Bank um- ringte. Ich ging morgens bisweilen gern dorthin und sah dem Treiben der Vögel in den Bäumen zu. Wenn man sich auf die Bank stellte, konnte man das Meer sehen. Während nun die Sonne hinterm Horizont versank, sah ich zu, wie die Farbe des Meeres von Blau nach Schwarz wechselte. Nach und nach kamen die Sterne am dunklen, samtenen Himmel zum Vorschein. Alles war friedlich. Einmal hörte ich Stimmen, aber die Leute gingen weiter. Die Turmuhr schlug zehn. Dann kehrten meine Gedanken wieder zu Andre zurück. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ob ich mein Zimmer hinter mir abgeschlossen hatte oder nicht. Wenn ich nicht da war würde er dann auf mich warten? Würde er entmutigt weggehen und mich die ganze Nacht warten lassen? Wäre, das gut oder schlecht? Ich stand auf und lief den Weg entlang. Und blieb stehen. Dort in einer der Nischen saß ein Pärchen auf einer Bank. Die beiden umarmten sich. Ich konnte sie im hellen Mondschein ganz deutlich sehen. Wer sie waren, wußte ich nicht, aber an ihren groben Kleidern erkannte ich, daß es sich um Diener handeln mußte. Ich sah zu, wie der Mann das Mieder der Frau öffnete, ihre Brüste freilegte und mit bedachtsamer Trägheit daran zu lecken und zu sau- gen begann. Ich stand wie gebannt da und lauschte ihrem leisen Stöh- nen der Lust. Meine eigenen Brüste begannen schmerzhaft nach dieser Berührung zu verlangen. Ich erinnerte mich noch vom Nachmittag dar- an, wie schön sich das angefühlt hatte. Ich spürte ein Ziehen zwischen den Beinen. Da ich nicht an den beiden vorbeigehen konnte, ohne daß sie mich sahen, beobachtete ich sie weiter. Ich mußte warten, bis sie gingen. Ich drehte mich um und wanderte über den Fußweg zurück dorthin, woher ich gekommen war. Dann setzte ich mich wieder auf die Bank. Jetzt, da ich wußte, daß sie da waren, konnte ich sie auch hören. Ein leises, wonnevolles Stöh- nen und die Frau, die ja sagte, ja. In Gedanken ging ich noch einmal den ganzen Traum dieses Nachmittags durch, den Traum von Andre. Ich konnte seine Lippen abermals auf meinen Brüsten spüren. Wie sie an mir saugten. Die geheime Stelle zwischen meinen Beinen pochte. Ich war voller Sehnsucht. Meine Hand lag auf meiner Brust. Die Brust- spitze wurde hart. Dann hob ich wie in einem Traum den Blick, und da stand er vor mir, stand im Schatten an der Öffnung der Hecke. Andre. Er sah mir in die Augen, und ich wußte, daß er alles darin lesen konnte. Ich stand auf. Ich glaube nicht, daß ich die Absicht hatte, fortzugehen. Mit einem einzigen Schritt war er bei mir, zog mich an sich und küßte mich, lange und heftig. Einige Sekunden später lag ich unter ihm am Boden, und mein Körper preßte sich wie von Krämpfen geschüttelt ver- zweifelt gegen den seinen. Ich spürte, wie ich mich ihm öffnete. Ich wollte schreien, schreien vor Lust und Qual. Ich hätte ihm alles gege- ben. Eine Woge des exquisitesten Glücks schlug über mir zusammen. Lachend und schluchzend klammerte ich mich an ihn. Auch er lachte, und er küßte meinen Hals. »Oh, meine Geliebte, meine Geliebte. Ich habe schon angefangen, zu glauben, du wolltest mich nicht.« Plötzlich war es mir furchtbar peinlich. Ich setzte mich hin. Ich hatte mich wie ein Tier benommen. Ich rang immer noch nach Luft. Was mußte er jetzt von mir denken? Er setzte sich auf und schlang von hinten die Arme um mich. »So scheu, meine Schöne? Oder beschämt?«, Ich nickte. »Das mußt du nicht sein. Du hast mich sehr glücklich gemacht. Und ich dich, wie ich hoffe.« Ich blickte auf meinen Schoß hinab. »Komm«, sagte er. »Was haben wir denn schon getan? Du bist im- mer noch Jungfrau.« Ich hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen. Er hatte jetzt jeden Grund zu erwarten, daß er an dieser Tatsache bald etwas ändern konn- te. Er küßte meinen Hals und meine Wangen. Dann ließ er eine seiner Hände über mein Mieder wandern und umfaßte meine Brust. »Komm, ich breite meinen Umhang im Schatten aus. Dann können wir uns dort hinlegen und niemand wird uns stören.« »Ich bin noch nicht bereit…« Er zog mich mit sich. Legte mir einen Finger auf die Lippen. »Pst. Das weiß ich doch. Hältst du mich für einen ungehobelten Bau- ern? Törichtes Mädchen. Was habe ich dir heute nachmittag gesagt? Du und ich, wir können einander genießen, ohne daß ich in dich eindringen muß. Haben wir das nicht gerade bewiesen? Komm.« Er zog mich dicht an sich und küßte mich. Dann breitete er seinen Umhang auf dem Boden aus und setzte sich darauf. »Komm«, sagte er. »Vertrau mir. Du weißt, ich kann dir nichts an- tun, was du nicht willst.« Ich hatte mich noch nie einem anderen Men- schen so nah gefühlt, hatte mich noch nie so frei gefühlt. Er hatte 480mitangesehen, wie ich mich wie ein Tier benahm und war nicht an- gewidert, sondern erfreut darüber. Ich ging zu ihm, legte mich neben ihn und fühlte mich wunderbar entspannt. Eine ganze Weile lagen wir einfach nur dort und unterhielten uns lei- se. Er küßte mich und ich erwiderte seinen Kuß, was ihn entzückte. Seine Hände bewegten sich langsam über meinen Körper. Jede seiner Berührungen erfüllte mich mit Seligkeit, selbst als er begann, meine Kleider zu öffnen. »Ah. Ich hatte recht, nicht wahr? Du bist eine sehr leidenschaftliche Frau. Du hättest es dir schon früher eingestehen sollen. Dann hätte es dich nicht derart überwältigt. Aber ich bin froh, daß es so war.« Und dann begann er mich zu streicheln und langsam und sachte an mir zu knabbern, mit Fingerspitzen und Zunge, bis er mich zu einem langen, köstlichen Höhepunkt brachte. 12. Kapitel, Plötzlich hörte ich, während ich noch benommen vor Wonne in seinen Armen lag, die Uhr des Chateaus schlagen. Wie spät war es? Oh, mein Gott! Wie spät? Ich führ auf. Ich konnte die Uhr von hier aus nicht sehen, aber wenn ich hoch in die Luft sprang, dann würde es gehen. Es war ein Uhr. Ich hatte mich mit dem Schutzritual um eine Stunde verspätet. Ich sprang auf und raffte mein Mieder zusammen. Am Rande nahm ich noch wahr, daß Andre mir etwas zurief, daß, seine Arme mich hin- abzuziehen versuchten. Eine furchtbare Angst ergriff mich. Bevor ich wußte, wie mir geschah, war ich in der Luft und flog zum Chateau zu- rück, und die obersten Zweige der Bäume kitzelten im Vorbeifliegen an meinen Füßen. Ich landete unbeholfen auf dem Fenstersims meines Zimmers und tastete einige Sekunden lang mit fliegenden Fingern über die Fenster- scheibe, bis mir einfiel, daß das Fenster verschlossen war. Die Notwen- digkeit, das Schloß auf magischem Wege zu öffnen und mich durch das Fenster zu zwängen, kostete mich mehrere Minuten. Zehn nach eins. Ich spürte bereits, wie der Zauber sich um mich herum auflöste. War das ein fernes Lachen, das ich da hörte? Zitternd machte ich mich daran, das Ritual zu vollziehen, aber ich war so ner- vös, daß ich die Kerze umstieß und von neuem beginnen mußte. Einen entsetzlichen Augenblick lang konnte ich mich nicht mehr an die richti- gen Worte erinnern. Aber schließlich war alles erledigt. Es war zwanzig nach eins. Ich saß an meinem Tisch. Irgendwann in der letzten halben Stunde war ein starker Zauber in meine Richtung geschickt worden. In meinen Ohren summte noch der Widerhall der Magie, und mein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand einen Dorn hineingebohrt. Und ich hat- te eindeutig Gelächter gehört. Gott sei Dank hatte das Ritual die zu- sätzliche Stunde überdauert. Über diese Reserve schien der Schutzzau- ber zu verfügen. Ich schlug die Hände vors Gesicht. Sich zu verspäten und noch dazu aus einem solchen Grund… Hinter mir wurde die Tür aufgerissen. »Dion«, rief Kitten. »Was ist passiert?« »Was?« fragte ich. »Ich habe Norvals Stimme lachen hören. Was ist passiert?« »Es tut mir leid, Kitten. Ich habe mich mit dem Ritual verspätet.« »Wie ist es möglich, daß Sie sich verspätet haben?« rief sie. »Sie wissen doch…« Sie hielt inne. »Dion, warum haben Sie sich verspätet? Sie haben sich noch nie verspätet.« Ich konnte es ihr einfach nicht erzählen. Daher sagte ich nur noch einmal: »Es tut mir leid.«, Sie kam zu mir und strich mir das Haar aus dem Gesicht. »Sie sollten morgen besser einen Schal tragen«, meinte sie. »Sie haben Kußmale am Hals.« Ich brachte kein Wort heraus. »Andre?« Ich nickte. »Mein Gott, Dion«, sagte sie scharf. »Sie sind manchmal eine solche Närrin.« Ich nickte. »Ich habe mich ablenken lassen.« »Ja, ja. Diese Geschichte kenne ich.« Der Ärger in ihrer Stimme machte mich wütend, aber ich hielt mich zurück Ich wußte, daß meine Wut im Grunde nichts als ein schlechtes Gewissen war. »Es wird nie wieder vorkommen«, sagte ich steif. »Nein«, entgegne- te sie einen Augenblick später. »Das weiß ich.« Wir standen schweigend da. Ich versuchte, der Liste meiner anderen Sünden nicht auch noch Tränen hinzuzufügen. »Sagen Sie mir, glauben Sie, daß. er sie absichtlich abgelenkt hat, oder war es Zufall?« Mir war bereits derselbe Gedanke gekommen. »Ich weiß es nicht«, flüsterte ich. »Arme Dion«, sagte sie. Ihr freundliches Mitgefühl verschlimmerte meine Scham nur noch. Es fühlte sich zu sehr wie gewöhnliches Mitleid an. »Um ein Haar hätte ich gesagt, daß ich einem Mann wie Andre Gre- gorov nie getraut hätte, aber als ich neunzehn war und damit zwei Jah- re älter als Sie jetzt, habe ich genau das getan. Und ich war zudem viel erfahrener, als Sie es sind. Es ist so ein Jammer… nun, vielleicht ist es das doch nicht. Ich nehme an, er hat seine Sache sehr gut gemacht.« Ich nickte. Er hatte anscheinend genau gewußt, auf welche Weise er mir Freude schenken konnte. Der bloße Gedanke daran trieb mir die Röte ins Gesicht. »Kommen Sie. Ich werde Ihnen die Blätter aus dem Haar bürsten. Sie müssen versuchen, ein wenig zu schlafen.« Sie nahm meine Bürste vom Tisch und machte sich ans Werk. In diesem Augenblick wäre ich vor ihrer Berührung am liebsten zurückgezuckt, aber ich beherrschte mich. Ich fühlte mich beschmutzt. »Wissen Sie«, sagte sie, »unter allen anderen Umständen wäre ich überglücklich gewesen. Ich würde daraufbrennen, zu erfahren, wie es war.« Ich begann zu weinen. »Ich schäme mich so. Mich aus einem solchen Grund mit dem Ritual, zu verspäten. Ich hätte ihm nie erlauben dürfen…« Sie gab mir einen leichten Klaps. »Dion!« sagte sie sanft. »Lord And- re ist ein schöner und sinnlicher Mann. Wer könnte Ihnen einen Vor- wurf daraus machen, daß Sie sich ihm hingegeben haben? Ich wünsch- te nur, ich hätte mehr Zutrauen in seine Absichten.« »Wir haben nicht…« »Nein? Hm. Es spielt auch kaum eine Rolle.« Ihre Hände zitterten. Ich sah sie im Spiegel. »Es tut mir so leid, Kitten. Ich werde nicht zulassen, daß so etwas noch einmal vorkommt.« »Es ist schon gut«, sagte sie. Sie seufzte und setzte sich plötzlich hinter mir aufs Bett und holte tief Luft. Dann legte sie eine Hand vor die Augen. Zum zweiten Mal in dieser Woche sah ich, wie sie heimliche Tränen wegwischte. »Norval macht mir solche Angst.« Ich mußte an diesen Augenblick der Furcht daheim in Gallia denken, als sie mich bat, sie lieber selbst zu töten, als sie Norval in die Hände fallen zu lassen. »Es tut mir so leid.« »Ich weiß, daß Sie sich nicht noch einmal derartig ablenken lassen werden. Mein Gott, ich brauche etwas zu trinken. Irgend etwas, das mich ein wenig belebt.« »Was hätten Sie denn gern?« »Oh! Pflaumenschnaps. Warum? Haben Sie welchen?« Ich wußte, daß es in der Küche welchen gab. Ich konnte mir vorstel- len, wo er war. Ich schenkte ein wenig Schnaps in ein Glas und holte es in mein Zimmer. Das Glas Pflaumenschnaps, das die Tür öffnete und hereingerauscht kam, brachte sie zum Lachen. Sie fing es auf, nahm einen großen Schluck und schnitt eine Grimasse. »Puh! Das habe ich gebraucht.« Eine Weile saßen wir schweigend da. »Vielleicht sollte ich Andre sagen, daß ich die Sache nicht fortsetzen will.« »Warum? Wegen der Verspätung heute nacht? Meinen Sie, es könn- te wieder passieren? Haben Sie das Gefühl, daß er Sie mit Absicht ab- gelenkt hat?« »Ich glaube einfach nicht, daß ich mir nach dieser Sache noch trau- en kann. Es ist unprofessionell. Es ist nicht richtig.« »Dion, Sie wissen, mir wäre es lieber, wenn Sie sich mit Ihrer ganzen Kraft auf meinen Schutz konzentrieren würden. Aber glauben Sie wirk- lich, daß Sie das erreichen könnten, indem Sie Andre wegschicken? Ich könnte mir vorstellen, daß Sie dann genauso abgelenkt wären, weil sie, sich ständig vor Augen führten, was alles hätte sein können. Warum sollten Sie allein leben, nur weil Sie gewisse Pflichten haben? Haupt- mann Simonetti hat eine Ehefrau, die er sehr liebt, aber er ist immer ein hervorragender Leibwächter. Wäre es nicht besser, wenn Sie Andre erlauben würden. Sie in meinem Haus zu besuchen? Dann wüßte ich, daß Sie in Sicherheit sind, und die Diener könnten Sie an die Uhrzeit erinnern.« Ich sah sie mit offenem Mund an. Sie ließ das alles so gewöhnlich er- schienen. So gewöhnlich und schmutzig. »Dion, wenn wir uns, was Andres Motive betrifft, unsicher sind, scheint es mir das beste, die Sache so anzugehen. In meinem Haus könnte man Sie beschützen. Ich weiß, es ist nicht besonders roman- tisch, aber Liebesaffären bestehen nicht nur aus Romantik.« »Nein!« sagte ich. »Dion!« »Ich glaube, nach dem, was vorgefallen ist, sollte ich die Sache bes- ser beenden. Ich habe kein Recht, so weiterzumachen. Es ist… es ist abscheulich.« »Dion, es ist nicht abscheulich. Und es gibt nichts daran auszuset- zen, einen Geliebten zu haben. Sie haben jedes Recht, zu lieben und wiedergeliebt zu werden.« »Ja, aber es muß nicht so sein.« »Jetzt benehmen Sie sich kindisch.« Sie legte eine Hand auf meinen Arm. »Sie können mir nicht erzählen, daß das, was Sie für Andre emp- finden, nicht sehr körperlich ist.« Ich wußte, daß sie recht hatte. »Sie sind ja kaum wiederzuerkennen«, sagte ich bitter. »Vorher hieß es ständig: )Seien Sie auf der Hut, Dion‹.« »Man muß seine Ratschläge den Tatsachen anpassen.« Sie schwieg einen Augenblick. »Ich kenne Sie, Dion. Sie sind durchaus imstande, Andre zurückzuweisen, nur um sich selbst für diese Verspätung zu be- strafen. Sie sind immer so hart mit sich. Ich weiß, daß wir beide ihm nicht recht über den Weg trauen. Aber jede Liebe birgt gewisse Risiken. Heute nacht haben Sie offensichtlich beschlossen, daß es das Risiko wert war. Ändern Sie nicht Ihre Meinung nur wegen eines Vorfalls, der absolut unschuldig gewesen sein könnte.« Vielleicht hatte sie recht. Im Augenblick haßte ich mich. Was, wenn ich die Uhr nicht gehört hätte? Kitten wäre tot. Und wo wäre ich? Auch ich hatte Angst. Ich sagte mir wieder und wieder, daß Andre mich zu nichts zwingen konnte, das ich nicht wollte, aber heute nacht hatte ich da draußen völlig die Kontrolle verloren. »Dann glauben Sie also, ich sollte meine Beziehung zu ihm fortset-, zen?« »Ich weiß es nicht, Dion. Diese Entscheidung kann ich nicht für Sie treffen. Ich weiß nicht, was das Beste für Sie wäre. Kommen Sie, ich will Ihr Haar bürsten. Dann schlafen Sie erst einmal darüber.« Warum sagen die Leute das immer? Wenn man eine Sache über- schlafen will, findet man sowieso keinen Schlaf. Ich wälzte mich im Bett hin und her und weinte bei dem Gedanken an Andre. Aber wenn ich daran dachte, wie und wo ich mich von ihm hatte berühren lassen… mein schlechtes Gewissen stärkte meine Entschlossenheit, die ganze Sache hinauszuzögern. Er würde es gewiß verstehen. Wenn ihm etwas an mir lag, würde er gewiß warten. Aber ich hatte das Gefühl, daß er mich nicht verstehen würde, daß er sehr wütend sein würde. Am nächsten Vormittag kam er die Treppe zu meinem Zimmer hi- naufgelaufen. Seine hochgewachsene Gestalt füllte den Türrahmen ganz aus. Er hatte den Arm voller weißer Rosen und lächelte ein Lä- cheln, bei dem sich mein Herz zusammenzog. »Ich verstehe jetzt, warum du gestern nacht davongeflogen bist. Ich nehme an, ein Schutzzauber muß nach einem strengen Zeitplan ablau- fen.« Ich teilte ihm meine Entscheidung mit. »Nein!« sagte er zuerst ganz leise. Dann hob er die Stimme. »Nein! Das kannst du mir nicht antun! Nicht jetzt! Nicht nach gestern nacht!« »Bitte, Andre. Ich möchte einfach nur warten.« »Worauf?« Er packte meinen Arm und schüttelte mich. »Wie lange? Glaubst du, ich bin aus Stein?« »Ich habe mich gestern vergessen. Beinahe hätte ich ein Unglück heraufbeschworen. Ich möchte nicht, daß so etwas noch einmal vor- kommt.« »Das ist eine törichte Ausrede. Du willst dich lediglich bestrafen, weil du einen Fehler gemacht hast. Ich sehe aber nicht ein, warum du auch mich bestrafen solltest. Ich muß mich damit nicht abfinden, du prüde kleine Katze«, rief er. Daraufhin wurde ich zornig und schrie ihn meinerseits an. »Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?« »Na schön. Wenn es das ist, was du willst. Es ist vorbei. Ich habe genug von dir. Glaub nicht, daß ich diesmal wieder darauf warten wer- de, daß du deine Meinung änderst. Ich kann reichlich willigere Gesell- schaft finden.« »Ja, warum tust du das dann nicht endlich?« schrie ich. »Keine Bange. Ich werde es tun.« Mit diesen Worten schlug er die, Tür hinter sich zu. Einen Augenblick später hörte ich laute Rufe im Korridor. Ich zog meine Tür auf. Andre schrie Kitten an. »… haben ihr das in den Kopf gesetzt, nicht wahr? Glauben Sie nicht, ich wüßte nicht, was Sie im Schilde führen, Madame? Ich habe Sie mit Dion erlebt, habe gesehen, wie Sie sie berühren und Ihre Arme um sie legen.« »Lord Gregorov, hüten Sie Ihre Zunge.« »Laß sie in Ruhe!« sagte ich. »Sie hat mich zu nichts gezwungen.« Er drehte sich um und sah mich. »Nein! Das glaubst du wirklich, nicht wahr?« sagte er. »Du vertraust der Hure des Herzogs. Nun, zumindest habe ich dir immer ehrlich ge- sagt, was ich von dir will. Ich versuche dich nicht in mein Bett zu lo- cken wie diese… Perverse.« »Mach dich nicht lächerlich!« »Ich mache mich lächerlich, ja? Dann frag doch Mylady, wer sie in den Nächten, wenn der Herzog nicht da ist, warm hält. Frag sie nach ihr und ihrer geliebten Genny. Und unserer lieben Freundin Rapunzel.« »Halten Sie den Mund«, rief Kitten. Ihr Gesicht war gerötet. »Hah! Siehst du das! Ich habe recht! Sieh dir das an, Mädchen. Sie schämt sich. Ich habe ihr Geheimnis entdeckt. War dir das klar, Mäd- chen? Das du mit einer Lesbierin unter einem Dach lebst? Und irgend- wann wird sie auch dich bekommen.« Kitten schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Andre sah sie nur an. »Ich glaube, Sie haben jetzt genug gesagt, Lord Gregorov.« Kittens Stimme war eiskalt, als sie die Worte ausspie. Andre drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte davon. »Oh, Dion«, sagte Kitten flehentlich. Ich ging in mein Zimmer, schlug die Tür zu und sperrte hinter mir ab. Dann legte ich mich aufs Bett und weinte. Kittens Klopfen ignorier- te ich. Nach kurzer Zeit ging sie weg. Als es schließlich abermals klopfte, war es bereits dunkel. »Ich bin es, Maria. Ich habe etwas zu essen für Sie.« Ich hatte Hunger. Ich öffnete die Tür. Mit nur geringem Respekt für die Kreidezeichen und Kreise breitete sie das Essen auf dem Arbeitstisch aus. »Und nun setzen Sie sich und essen«, ermahnte sie mich. Ich setzte mich. Sie blieb zaudernd an der Tür stehen. »Madame Avignon war sehr aufgeregt. Sie würde gern herkommen und mit Ihnen reden.« Ich sah sie finster an., »Hat sie Sie vorausgeschickt, um ein gutes Wort für sie einzulegen?« »Ja, das hat sie. Ich soll Ihnen ausrichten, daß sie Sie immer nur als Freundin betrachtet hat und als sonst gar nichts.« »Dann stimmt es also, was Andre Gregorov gesagt hat.« »Daß Madame und Genny Appellez mehr waren als nur Freundinnen, und daß dasselbe für Rapunzel gilt. Ja, das stimmt. Mademoiselle, ich habe für mehrere Kurtisanen gearbeitet. Viele von ihnen nehmen ir- gendwann einmal eine andere Frau mit in ihr Bett. Ich habe es früher immer für eine verdorbene Sache gehalten, aber jetzt… es ist einfach so. Vielleicht werden Sie die Männer einfach leid, vielleicht liegt es auch daran, daß Männer für sie immer irgendwie ein Geschäft bedeuten. Vielleicht wird die körperliche Liebe für sie zu einer Gewohnheit. Gewiß stimmt es, daß viele Gönner, die keinen männlichen Rivalen dulden, den Gedanken, daß zwei Frauen sich lieben, durchaus ergötzlich finden. Es geht Sie nichts an. Es hat nichts mit Ihnen zu tun.« Ich starrte das Essen an. »Sie ist früher mit Rapunzel in erotischen Szenen aufgetreten. Das ist alles. Ich bezweifle, daß es zwischen ihnen mehr war als eine rein freundschaftliche Angelegenheit. Was Madame Genny betrifft, das war vor langer Zeit, noch vor dem Herzog.« »Es ist pervers«, murmelte ich. »Törichtes Mädchen!« Maria stampfte verärgert mit dem Fuß auf. »Seien Sie nicht so selbstgerecht. Was wissen Sie von Kitten Avignon? War Sie nicht immer gut zu Ihnen? Hat Sie Ihnen jemals irgendeinen Grund gegeben, um Ihre Tugend zu fürchten?« Mir fielen viele Gelegenheiten ein, für die ein ›vielleicht‹ galt, aber kein einziges Mal, bei dem ich hätte sicher sein können. Und ja – sie war immer gut zu mir gewesen, und ich wollte Andres Worte und Kit- tens schuldbewußtes Erröten so schnell wie möglich vergessen. Ich wollte, daß zwischen uns alles wieder so wurde wie früher, aber ich hatte den Verdacht, daß das nicht sein konnte. Als ich Kitten am nächs- ten Tag in ihrem Ankleideraum sah, herrschte eine angespannte Atmo- sphäre. Keine Spur mehr von ihren gewohnten, spontanen Umarmun- gen oder ihren freundschaftlichen Liebkosungen. Andre Gregorov ging nach unserem Streit beinahe unverzüglich zum Herzog und bat um Erlaubnis, das Chateau noch am selben Tag verlas- sen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde gewährt, und er reiste ab. Niemand wußte, was er dem Herzog erzählt hatte, aber interessierte Parteien bemerkten doch, daß zwischen dem Herzog und seiner Lieblingsmät- resse seit neuestem eine gewisse Kälte herrschte. Interessierte Partei-, en bemerkten überdies die Ankunft einer weiteren Mätresse des Her- zogs, Lady Castille, am folgenden Tag. Sie mußte ganz in der Nähe daraufgewartet haben, daß der Herzog nach ihr schickte. Jetzt hatte er es getan. Archimedes Brown, der neben mir im Stallhof stand, während ich zu- sah, wie die Dame aus ihrer Kutsche stieg, bemerkte meine Besorgnis. »Machen Sie sich wegen der Castille keine Sorgen, mein liebes Kind«, sagte er. »Sie mag von höherer Geburt sein, aber ihre Reize stellen für Kitten Avignon keine Gefahr dar.« »Sie glauben also, daß wieder alles gut wird zwischen den beiden?« »Ich bin mir ganz sicher. Hören Sie, unsere Kitten ist nicht nur we- gen ihres Aussehens zur wichtigsten Kurtisane aufgestiegen. Ich habe sie in Aktion erlebt. Ich liebe diese Frau. Sie ist zauberhaft.« Er ließ auf eine Weise, die einen ganz bestimmten Eindruck erweck- te, die Hüften kreisen. »Sie schaut einen Mann ungefähr so an, sehen Sie.« Er spitzte die Lippen und rollte mit den Augen. Bei ihm wirkte es eher komisch als erotisch. Trotz meines schweren Herzens konnte ich mir ein lautes Ki- chern nicht verkneifen, als er ein paar gezierte Schritte machte. »Und wenn eine etwas stärkere Ablenkung vonnöten ist, fängt sie an, sich auszuziehen. Oder sie läßt sich etwas Phantasievolleres einfal- len. Beim Erzengel! Es ist einfach herrlich, sie in Aktion zu erleben.« Er lachte und breitete die Hände aus. »Wie gerne wäre ich heute abend dort. Der Zusammenstoß der Liebesgöttinnen. Die Castille wird eine ganz schöne Nummer vor dem guten alten Leon abziehen. Solide Handwerksarbeit, ziemlich künstlerisch sogar, und dann wird unsere Kitten an der Tür erscheinen.« Er warf sich in Pose, klimperte mit den Wimpern und fuhr sich ero- tisch mit der Zunge über die Lippen. »Und dann wird sie ihre Masche namens ›die sitzengelassene Frau‹ abziehen. Und die Castille wird am Ende nicht mehr wissen, ob sie Männchen oder Weibchen ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, wenn sie sich in den Kopf setzt, die Tür abzuschließen, könnte es sich zu einem Problem auswachsen. Aber haben Sie Vertrauen zu Ihrer Herrin, Mäd- chen. Sie versteht ihr Geschäft.« Kittens Reaktion auf Lady Castilles Ankunft fiel ein wenig anders, a- ber nicht minder selbstsicher aus. »Diese elende Kuh«, sagte sie, während sie sich grimmig das Rouge vom Gesicht wischte. »Jetzt muß ich mich mit ihren frechen Bemer- kungen und ihren gehässigen Andeutungen herumschlagen, bis Leon beschließt, mir zu verzeihen. Falls er beschließt, mir zu verzeihen. Und ich werde mich die ganze Zeit, die sie hier ist, wie eine läufige Hündin, aufführen müssen. Mein Gott! Wie müde ich dieser Hofspielchen bin.« »Vielleicht sollten Sie sich zurückziehen«, sagte ich. »Der Gedanke erscheint mir heute sehr reizvoll. Aber Leon wäre zu Tode beleidigt, wenn ich nicht darum kämpfen würde, ihn zurückzuge- winnen. Für den Augenblick muß ich dieses dumme Spiel mitspielen. Früher hat es mich amüsiert, aber langsam verliert die Sache ihren Reiz. Verdammt. Geben Sie mir doch bitte die Lippencreme. Nein, den schwarzen Topf.« Ohne es eigentlich zu wollen, beschäftigte ich mich undankbarerwei- se mit der Frage, ob das nicht vielleicht nur ein Vorwand war. Es wäre sicher schwer, all das Geld und den Ruhm aufzugeben. Sie hielt inne und sah mich im Spiegel an. »Maria sagte, sie hätte mit Ihnen gesprochen.« »Ja.« »Dion, ich bin keine Lesbierin, trotz allem, was man sich über Kurti- sanen erzählt. Tatsächlich habe ich mich nie besonders für Frauen inte- ressiert. Vor Jahren haben Genny und ich uns ineinander verliebt. Jetzt sind wir einfach nur gute Freundinnen. Ich habe nicht den leisesten Wunsch, sie in diesen Teil meines Lebens mit einzubeziehen. Glauben Sie mir?« »Ja«, sagte ich. Und wußte, noch während ich es aussprach, daß ich mein Urteil lediglich ausgesetzt hatte, bis mir weitere Beweise vorla- gen. Sie lächelte mich an. »Das freut mich. Ich habe Sie sehr gern, Dion. Ich möchte, daß unser Verhältnis so gut bleibt, wie es war.« »Hat Andre irgend etwas zum Herzog gesagt?« »Das läßt sich schwer feststellen. Möglich, daß Lady Castille wegen irgendeiner Bemerkung von Andre Gregorov hier ist, vielleicht ist Leon aber einfach nur wütend auf mich, weil ich ihm in letzter Zeit so oft widersprochen habe.« »Das tut mir leid.« »Es ist nicht Ihre Schuld. Ich bedauere nur, daß Sie all diese Dinge auf diesem Wege herausfinden mußten. Und mir tut auch die Sache mit Andre leid. Wie fühlen Sie sich?« »Ich werde es überleben«, sagte ich. Ich ging, bevor ich weinen mußte. Die nächsten Tage waren gleichförmig unangenehm. Ich hatte keine Genny an meiner Seite, die mich ablenken konnte, und ich war immer noch zu schüchtern, um ganz allein zu den Schau- spielern zu gehen. Der Herzog verlangte Kittens ständige Aufmerk- samkeit, während er sich den Anschein gab, als könne er sich nicht recht entscheiden, welche Mätresse er vorzog. Wir bekamen täglich, Nachricht von Genny, die uns mitteilte, daß sich Rapunzels Zustand nicht verbesserte. Selbst das Wetter verschlechterte sich, und es wur- de zu kalt, um schwimmen zu gehen. Alles erinnerte mich an Andre. Ich versuchte mir einzureden, daß es so das beste war, aber langsam kroch in mir das Gefühl herauf, daß ich einen großen Fehler gemacht hatte, und daß Andre in allen Punkten recht gehabt hatte, sogar, was Kitten betraf. Mir wurde klar, daß ich, weil ich soviel Zeit mit Kitten verbrachte, unsere Beziehung als etwas Besonderes zu sehen gelernt hatte. Jetzt begriff ich, daß es Kittens Beziehung zu Genny war, die etwas Besonderes war, etwas Besonderes auf eine andere und viel konkretere Art und Weise. Ich hatte das düs- tere Gefühl, daß ich für Kitten nie so wichtig sein könnte wie Genny. Nicht, daß ich eifersüchtig gewesen wäre. Natürlich nicht! Es war nur so, daß diese Entdeckung es um so schlimmer erscheinen ließ, daß ich meine besondere Beziehung zu Andre weggeworfen hatte. Noch dazu für sie. Manchmal grollte ich ihr dafür. Ich träumte immer noch von Andre, qualvoll zärtliche und ekstati- sche Träume. Wenn ich aufwachte, war ich todunglücklich, weil ich al- lein war und wußte, daß es nicht so hätte kommen müssen. Ich ver- suchte, mir einzureden, daß ich mit Andre nicht den einzigen Menschen verloren hatte, der mich jemals begehren würde, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß irgendein anderer jemals etwas für ein so dum- mes Frauenzimmer wie mich empfinden würde. Glücklicherweise hielt dieser Zustand nur fünf Tage an, dann reiste der Herzog aus Ardyne ab, um sich wieder den Staatsangelegenheiten zu widmen. Der Sommer war offiziell vorüber. Wir ließen Genny im Kloster zurück, und Kitten und ich kehrten heim nach Gallia. Die ersten Tage reisten wir zusammen, da Lady Castille den bevorzugten Platz an der Seite des Herzogs besetzt hielt. Dann, nachdem wir die Hälfte der Flußfahrt hinter uns hatten, wurde Kitten auf die herzogliche Barkasse gerufen, und ich verbrachte den Rest der Reise über den mittlerweile kalten, grauen Fluß in Gesellschaft einer kläglichen Handvoll Romane. So wird es den Rest meines Lebens sein, dachte ich. Es wird der Tag kommen, an dem Kitten mich nicht mehr braucht, und dann werde ich gar nichts haben. In Wirklichkeit bedeute ich ihr nichts. Ich bedeute niemandem etwas. Ich überließ mich meiner düsteren Stimmung, die sich erst im allgemeinen Aufruhr und der Be- haglichkeit unserer Ankunft zu Hause wieder hob. Zurück in Gallia nahm ich meine frühere Tätigkeit im Hospital wieder auf und las Kitten vor, als wäre nichts geschehen. Auch Lord Andre Gregorov benahm sich, als sei auf Ardyne nichts weiter vorgefallen, und er gab sich alle Mühe dabei. Seine Streifzüge, schienen noch wilder geworden zu sein, und ständig berichteten ir- gendwelche Besucher über die Streiche, die seine Lordschaft gespielt hatte. Hatte er nicht zwei Frauen – ungenannt natürlich – aus zwei ver- schiedenen, miteinander in Fehde liegenden Familien dazu überredet, gleichzeitig in sein Bett zu kommen? War er nicht der tollkühne Bur- sche, der dem Bruder des Herzogs, Lord Pell, mit seinen Verführungs- künsten einen gewissen kleinen Prinzen abspenstig gemacht hatte? Lord Pell war angeblich ernsthaft gekränkt darüber, daß ein anderer in seinem Territorium wilderte, aber der Herzog, der seinen Bruder un- verhohlen verachtete, amüsierte sich so sehr über den Zwischenfall, daß Andre sich anscheinend wieder seiner Gunst erfreute. Obwohl einige unserer Besucher mich neugierig ansahen, erklärte Kitten mir, daß das volle Ausmaß dessen, was zwischen uns auf Ardyne vorgefallen war, nicht bekannt zu sein schien. Ich war Andre dafür sehr dankbar und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr seine Heldentaten mich verstörten. Es wurde nicht einfacher. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Da Genny immer noch in Ishtak war, half ich Maja in der Klinik und übernahm dort einiges an zusätzli- cher Arbeit. Wenn ich allein war, neigte ich jedoch zu Tränenausbrü- chen, oder ich verfiel in trübselige Niedergeschlagenheit. Es war verwirrend, daß ich mich, obwohl ich Jungfrau geblieben und daher technisch gesehen immer noch rein war, doch verändert hatte. All die sinnlichen Gefühle, derer ich mir vor meiner Abreise nach Ardy- ne kaum bewußt gewesen war, gehörten jetzt unverbrüchlich zu mei- nem alltäglichen Leben. Ich fühlte mich wissend und etwas beschmutzt, und die Tatsache, daß im Grunde gar nichts geschehen war, daß ich immer noch unversehrt war – ein Umstand, der meinen Ziehvater ge- wiß beruhigt hätte –, war für mich überhaupt kein Trost. Die erotischen Träume dauerten an. Ich hatte die Grenze überschritten, und es gab kein Zurück. Obwohl ich anfangs dazu neigte, Kitten aus dem Weg zu gehen, schien sie häufig, wenn ich besonders traurig war, zufällig zu mir zu stoßen. »Blasen Sie wieder Trübsal?« fragte sie mich dann mit spöttisch scheltendem Tonfall, aber wenn ich weinte, nahm sie mich in die Arme und hörte sich mit scheinbar endloser Geduld mein Wehklagen an. Ich fühlte mich zu elend, um mir über die Konsequenzen Gedanken zu ma- chen, die Berührungen haben konnten. Sie sagte vernünftige und hilf- reiche Dinge und gab sich große Mühe, mich abzulenken oder mich einfach nur reden zu lassen. Ein- oder zweimal vertraute sie mir mit untypischer Offenheit sogar ihre Befürchtungen wegen der fortgesetz- ten Kälte des Herzogs an. Mit dem ganz normalen Egoismus der Lie-, beskranken schenkte ich ihren Problemen kaum Aufmerksamkeit. Kurz nach unserer Rückkehr von Ardyne erzählte ich Kitten, daß ich immer noch jede Nacht erotische Träume von Andre hatte. Sie runzelte die Stirn und stellte mir einige Fragen – wann die Träume angefangen hätten und wie lebhaft sie waren. An diesem Tag kam sie später noch einmal in mein Zimmer und gab mir eine Zaubersalbe, von der sie sag- te, daß sie vielleicht gegen die Träume helfen würde, wenn ich mir am Abend die Schläfen damit einrieb. Es war mir nie in den Sinn gekommen, daß die Träume mir geschickt worden sein konnten. Ich hatte sie immer schuldbewußt für einen Aus- druck meiner eigenen verdorbenen Natur gehalten. Außerdem hatte ich, was keine Überraschung war, nicht die leiseste Ahnung von der Existenz solcher Magie. Und wenn ich darüber nachgedacht hätte, hätte ich angenommen, daß der Schutzzauber, in den ich Kitten und mich eingewoben hatte, solche Dinge verhindert hätte. Ich war entsetzt über die Entdeckung, daß die Salbe ihre Wirkung tat. Ich träumte immer noch von Andre, aber die Träume waren harmlos und alltäglich. Kitten erklärte mir, daß einige Adlige, die eine Verführung planten, der Person ihres Begehrens mit Hilfe von Zaubersprüchen Träume schickten, um deren Widerstand zu untergraben. Der Absender brauch- te sich lediglich selbst mit der Zaubersalbe die Schläfen einzureihen und die Gedanken zu denken, die er zu schicken wünschte. Die Träu- mer konnten diesem Zauber nur wenig entgegensetzen, und die Salbe war die beste Möglichkeit, sie zu bezwingen. »Es ist ein schäbiger Trick«, sagte sie. Mir graute bei der Vorstellung, daß Andre alles über die Träume ge- wußt hatte, und es widerte mich an, daß er mich auf solche Weise ma- nipuliert hatte. Ich verzieh ihm jedoch mit überraschender Leichtigkeit. Sehr bald kam mir der Gedanke, daß er mir immer noch Träume schi- cken mußte, und ich schöpfte wieder Hoffnung, daß vielleicht doch nicht alles vorbei war zwischen uns. In meinem tiefsten Herzen erregte es mich wohl, daß er in solcher Weise an mich dachte. Nach den ersten Tagen vergaß ich mit schöner Regelmäßigkeit, die Salbe aufzutragen – was überraschend war für jemanden, den solche erotischen Träume angeblich anwiderten. Obwohl Kitten mich am Anfang sehr tröstete, ärgerte ich mich nach einiger Zeit über sie. Sie nahm mein gebrochenes Herz nicht ernst ge- nug. Irgendwie schien sie davon auszugehen, daß ich, ganz gleich wie sehr ich mich wegen Andre grämte, darüber hinwegkommen würde. »Wenn Sie mit siebzehn beschlossen haben, daß Ihr Leben wegen eines einzigen leichtlebigen Adligen zerstört sein soll, dann sind Sie eine große Närrin. Mein liebes Kind…« Sie nahm meine Hand und tät-, schelte sie. »… Es ist furchtbar, solange es dauert, und vielleicht dauert es eine ganze Weile, aber ich bin fest davon überzeugt, daß Sie diese schrecklichen Gefühle irgendwann hinter sich lassen und eines Tages älter und klüger aus der Sache hervorgehen und wieder sehr glücklich sein werden.« Da ich mir ein glückliches Ende wünschte, das Andre einschloß, hat- ten diese Überlegungen natürlich keinerlei Reiz für mich. Und begriff Kitten denn gar nicht, was ich für sie weggeworfen hatte? Also schwankte ich zwischen Hoffnung und Verzweiflung und gleichzeitig zwischen Ärger auf Kitten und demütiger Dankbarkeit. Erasmus Tinctus hatte sein Gemälde von Kitten vollendet, aber er besuchte uns nach wie vor mehrmals die Woche. Man hätte meinen können, daß er und ich uns diesmal nähergekommen wären, aber E- rasmus’ Gemütszustand war derart, daß ihm überhaupt niemand nah sein konnte. Er lag in den letzten Zügen der Vollendung jenes Altar- bilds, an dem er während der vergangenen zwei Jahre gearbeitet hat- te. Es war der bisherige Höhepunkt seiner Kariere, sein Tribut an die Neue Lehre und seine ›liebe Madame Avignon‹. Wenn Erasmus zu uns kam, war er über und über mit Farbe bedeckt, nahm eine Mahlzeit mit uns ein oder trank Tee und starrte ins Leere. Dann machte er irgendeine vollkommen zusammenhanglose philoso- phische Bemerkung über die Malerei, und nach einer leidenschaftlichen und häufig einseitigen Diskussion verkündete er plötzlich, daß die Ru- hepause, die er sich zugestand, nun vorüber sei, und er sich wieder an die Arbeit machen müsse. Auch er war mir in meinem Liebeskummer keine Hilfe. Die wenigen Male, bei denen ich den Mut aufbrachte, mich an das Thema heranzu- wagen, ignorierte er es vollkommen und begann, sich statt dessen darüber zu beklagen, daß sein Blau sich in Schwarz verwandelt habe oder daß wegen eines falschen Pinselstrichs seine Heilige Alexandria nun mürrisch aussehe statt heiter. Unglücklicherweise galt sein ganzes Gerede nur der Technik. Von dem eigentlichen Thema des Altarbildes sprach er nicht, obwohl er im- merhin andeutete, daß die Kirche nicht mit allen Einzelheiten seiner Darstellung glücklich sein werde. Diese Bemerkungen lösten bei uns jedoch nicht den Alarm aus, den sie hätten auslösen sollen. Die leutse- lige gallianische Kirche brachte regelmäßig und allein um der Form wil- len gutmütigen Protest über die Aktivitäten der Anhänger der Neuen Lehre zum Ausdruck. Niemand, nicht einmal die eigenen Priester, schenkte diesen Protestbekundungen große Aufmerksamkeit. Zu guter Letzt kam Erasmus überhaupt nicht mehr, und wir hörten erst vierzehn Tage später wieder von ihm, als wir einen Brief bekamen,, in dem er uns zur ersten öffentlichen Besichtigung seines Altarbildes in der Kirche St. Vitalie einlud. Rückblickend ist es überraschend, daß der Herzog keine vorherige private Besichtigung des Altarbildes verlangte, wie er das gewöhnlich zu tun pflegte. Wahrscheinlich wußte er jedoch, daß das Werk ein we- nig ›gewagt‹ war, und beschloß, da er sich der Aufnahme des Kunst- werkes nicht sicher war, die öffentlichen Reaktionen abzuwarten, bevor er seine eigene Meinung äußerte. Im Gegensatz zu anderen Gallianern mußte Herzog Leon, clever wie immer, erraten haben, daß die Anwe- senheit einer großen Anzahl Gläubiger des Brennenden Lichts in der Stadt großen Einfluß auf die Art und Weise haben würde, wie solch ein Kunstwerk der Neuen Lehre aufgenommen wurde. Ich bezweifele je- doch, daß selbst er das Ausmaß der Katastrophe hätte vorhersagen können. Ich ging bereits am allerersten Tag, an dem Erasmus’ Altarbild aus- gestellt werden sollte, nach St. Vitalie. Das Ergebnis war, daß ich zu den wenigen Menschen zählte, die es überhaupt zu Gesicht bekamen. Kitten begleitete mich nicht, obwohl sie das eigentlich vorgehabt hat- te. Aber an diesem Morgen war sie aufs Schloß gerufen worden, eine Einladung, die nicht abgeschlagen werden konnte. Mich bekümmerte die Aussicht, ohne sie zu der Ausstellung des Bildes zu gehen, und ich wandte ein, daß ich keine Ahnung von Kunst hätte. Ich befürchtete, daß ich zu Erasmus nicht mehr über sein Bild sagen konnte, als: »Es gefällt mir.« Eine solch unzureichende Kunstkritik würde ihn gewiß ent- täuschen. Und was, wenn es mir nicht gefiel? »Eine von uns muß hin- gehen«, beharrte Kitten. Sie überhäufte mich mit allen möglichen lie- bevollen Entschuldigungen, die ich Erasmus überbringen sollte, und schob mich entschlossen durch die Tür. »Wenn Ihnen gar nichts einfallt, sagen Sie etwas über den sensiblen Einsatz von Farbe«, riet sie mir. »Das war immer Ras’ starke Seite.« St. Vitalie, wo das Altarbild ausgestellt wurde, war inoffiziell bekannt als die Pfarrkirche der Neuen Lehre. Seine Priester waren sehr liberal, und man wußte, daß sie sogar Kurtisanen die Beichte abnahmen. Die Kirche selbst war ein großes weißes Gebäude mit einer Kuppel, von der aus man einen Blick auf einen kleinen freundlichen, gepflasterten Platz hatte. Als Simonetti und ich ankamen, war dieser Platz voller Menschen, die hin und her eilten. Als wir in die Kirche traten, war das hellerleuchtete Mittelschiff völlig überfüllt, und der Lärm und das Stimmengewirr wa- ren ohrenbetäubend. So viele Kunstliebhaber in Gallia? Vor allem schienen viele Priester und Mönche darunter zu sein. Mich beunruhig- ten jedoch vor allem die vielen Anhänger des Brennenden Lichts in der, Menge. Ein Blick in die Gesichter der Kirchenmänner zeigte mir, daß Erasmus recht gehabt hatte. Sein Altarbild hatte die Kirche tatsächlich in Aufruhr versetzt. Simonetti zog mich durch die Menschenmenge an eine Stelle, von der aus ich den gewölbten oberen Rand des Altarbildes sehen konnte. Er fühlte sich keineswegs wohl in einem solchen Gedränge, aber die meisten Leute machten uns Platz, sobald sie die Uniform einer Leibwa- che erkannten. Vor dem Altarbild selbst war das Gedränge natürlich am dichtesten. Hier versperrten uns zwei hochgewachsene Höflinge, die miteinander tuschelten, die Sicht. Dann traten sie beiseite, und die Menge hinter uns schob uns weiter vor. Ich erkannte den Quell des Aufruhrs sofort. Er war so auffällig wie eine Narbe im Gesicht eines Kindes. Im Mittelteil des Bildes stand Tan- sa mit gen Himmel gewandtem Gesicht, die Hand ausgestreckt, um das Wort Gottes zu empfangen, das ihm vom Engel der Verkündigung in Gestalt einer goldenen Rose gereicht wurde. Das Gesicht des Engels trug unverkennbar die Züge Unserer Dame der Rosen, Kitten Avignon. Es war durchaus nicht unüblich, daß die Maler von Altarbildern die Ge- sichter angesehener Adliger als Modelle für die Heiligen benutzten, die Tansa aufwarteten. Aber eine gefallene Frau wie Kitten Avignon zum Vorbild zu nehmen und dann noch in einer so wichtigen Rolle… Ebenso- gut hätte man Tansa selbst mit Hörnern und einem Schwanz darstellen können. »Blasphemie«, rief eine Stimme irgendwo neben uns. Simonetti stieß einen leisen Fluch aus. »Kommen Sie. Wir verschwinden besser, bevor es Ärger gibt.« Ein Mann hatte sich aus der Menge gelöst und trat nun neben das Al- tarbild. Sein Zeigefinger schien Löcher in die Luft bohren zu wollen. »Seht«, rief er. »Die Heilige Kirche, gefangengehalten von der Hure Babylons. Seht den abscheulichen Auswuchs dieser verderbten Häresie der Neuen Lehre.« Er fuhr herum, so daß wir sein Gesicht sahen. Es war Ryart Dashalle, und sein mageres, fanatisches Gesicht war erfüllt von selbstgerechtem Zorn. »Seht, wohin die Verführungen dieser schändlichen Lehre führen. Diese Leute würden es zulassen, daß wir verkommenen Huren huldi- gen. Nun, ich sage, daß die gerechten Tansiten sich gegen solche Got- teslästerung erheben müssen. Erhebt euch und steinigt die Teufel, die die Heilige Kirche beschmutzt haben.« Ryart Dashalle! Ein entflohener Sträfling wie er mußte sehr töricht sein, wenn er hier so offen auftrat. Es sei denn, er fühlte sich sehr,, sehr sicher. Simonetti packte meinen Arm. Wenn Dashalle mich jetzt sah, konn- ten die Dinge ziemlich unerfreulich werden. Wir zwängten uns durch die Menge zurück, aber inzwischen waren noch viel mehr Menschen angekommen, und wir kamen kaum voran. Dann kam plötzlich von irgendwo mitten in der Kirche Gesang. Die Melodie ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Es war ›Läutert die Ungerechten‹ der Kampfchoral der fundamentalistischen Kirche des Brennenden Lichts, ein Lied, das alle gemäßigten Morianer zu fürchten gelernt hatten. Und nicht nur sie, sondern auch alle anderen. Panik ergriff die Menge. Menschen begannen zu schreien und auf die Tür zuzustürzen. Das Innere der Kirche verwandelte sich in einen ge- waltigen Strudel menschlicher Wesen. In dem allgemeinen Gedränge wurde ich von Simonetti getrennt. Hinter mir hörte ich etwas krachen. Das Altarbild war in der Menge verschwunden. Ich kämpfte mich zur Tür weiter, wagte es jedoch nicht, zu sehr zu drängeln, damit ich nicht fiel und niedergetrampelt wurde. Hinter uns wurde immer noch gesun- gen. Ich hörte die Worte ›Tod dem Gotteslästerern in morianischer Sprache. Es dauerte einige von Panik erfüllte Augenblicke, bevor ich auf den Gedanken kam, einen Zauber zu benutzen. Ich wollte nichts tun, das zuviel Aufmerksamkeit auf mich lenkte, also griff ich auf einen Zauber zurück, der es mir ermöglichte, unsichtbar durch die Menschenmenge zu gehen. Augenblicklich wurden alle anderen Menschen schattenhaft und fern, so wie es bei einem solchen Zauber immer geschieht. Un- glücklicherweise blieben ihre Füße und Ellbogen unerfreulich körperlich. Jemand trat mir schmerzhaft auf den Fuß, und ich bekam einen Ellbo- gen ins Auge. Dann wurde ich plötzlich aus der Tür gestoßen wie ein Korken aus einer Flasche und taumelte die Treppe hinunter. Es gelang mir, mich mit einem Schutzzauber zu umhüllen, damit ich nicht nieder- getrampelt wurde, und kurz darauf sah ich einen Mann, der weniger Glück hatte und in dem Wald von Beinen, die die Treppenstufen hinun- terstürmten, unterging. Ich konnte ihn nicht mehr erreichen, um ihm zu helfen. Die Menschen flüchteten auf den Kirchplatz hinaus wie Ameisen aus einem überfluteten Ameisenhügel. Einige Männer in den schwarzgrauen Gewändern des Brennenden Lichts bauten einen Scheiterhaufen und verteidigten ihn mit Knüppeln und Fäusten vor einigen mutigen Ein- heimischen. Ich ging schweigend vorbei an den schattengleichen Streithähnen und hörte dabei immer wieder das ekelhafte Aufprallen von Fäusten auf Fleisch. Eine Frau versuchte, zwei Männer aufzuhalten,, die ihren Blumenkarren wegschieben wollten. Sie stießen sie zu Boden und brüllten, daß Gott die Verderber des Landes hasse. Es war nur gut, daß ich in diesem Augenblick unter einem Zauber stand. Ich wußte, daß der Anblick des großen Pfahls inmitten des Holz- haufens mich entsetzte, aber ich fühlte nichts von diesem Entsetzen. Ich sah Simonetti, wie er tapfer versuchte, sich einen Weg zurück in die Kirche zu bahnen, und da meine Vernunft mir sagte, daß ich ihn davon abhalten sollte, schwebte ich zu ihm hinüber und faßte ihn an der Schulter. Das brach den Zauber, und plötzlich blinzelte ich in das helle Licht der Welt, und nun schlugen auch all meine Angst und meine Verwirrung über mir zusammen. Simonetti packte mich am Arm und zog mich von der Treppe hinun- ter in eine kleine Gasse, die von dem Platz wegführte. »Kommen Sie«, sagte er. »Wir müssen hier weg.« »Nein!« sagte ich. »Warten Sie!« »Hören Sie mir gut zu, Mädchen«, zischte er und schüttelte mich wild. »Sie wissen, wo Ihre Pflicht liegt. Sie haben Kitten zu beschützen. Ich werde Ihnen nicht erlauben, sich in Gefahr zu bringen.« Genau in diesem Augenblick brach eine riesige Menge schreiender und singender Menschen aus der Kirche hervor und strömte die Treppe hinunter. Es waren Anhänger des Brennenden Lichts, Morianer, alle in Schwarz und Grau gekleidet, und dahinter ein kleines Grüppchen Galli- aner, die man an ihrer unauffälligeren Kleidung erkannte. Es muß jeder einzelne Anhänger des Brennenden Lichts in Gallia dort gewesen sein. Diese Leute waren erschreckend gut organisiert, wie sie da singend und die Fäuste schwenkend aufmarschierten. Ihre Gesichter waren er- füllt mit der widerwärtigen Selbstgerechtigkeit, die ich schon so oft ge- sehen hatte. Wie immer erfüllte ihr Anblick mich mit Übelkeit erregen- dem Haß. Ein großer, hölzerner Gegenstand wurde über den Köpfen der Menge herausgetragen. Es war das Altarbild. Vor unseren Augen verschwand es in der Menge wie Wasser in einem Abflußloch, und wir hörten das Geräusch splitternden Holzes. Riesige Stücke des Bildes wurden durch die Luft geworfen und landeten auf dem Holzhaufen um den Pfahl her- um. Aber die Menge gab sich mit dem Altarbild nicht zufrieden. Die Leute blieben auf dem Platz und schrien und wogten zornig hin und her. Sie warteten auf jemanden. Jemanden, den sie an diesem Pfahl verbren- nen konnten? Bittere Erinnerungen an Moria drängten sich mir auf Ich erinnerte mich an jenen Tag, an dem Michael und ich uns zwischen den Schorn- steinen Mangalores versteckt hatten. Ich erinnerte mich an die weniger, glücklichen Magier; Peter, Michaels Lehrling Mordred… Alle in Reih und Glied aufgestellt mit Hexenfesseln um den Hals… Und dann wurden sie zum Feuer geführt. Die Schreie, der Geruch… Tränen strömten mir übers Gesicht. Irgendein armes Geschöpf wür- de… Erasmus. 0 Erasmus. Wirst du es sein? Mehrere Leute hatten uns geraten zu fliehen, während sie an uns vorbei die Gasse hinunterliefen. Jetzt war der Strom der Menschen, die den Platz verließen, versiegt. »Diese Menschen hassen euch Magier«, flüsterte Simonetti. »Kom- men Sie. Oder wollen Sie auf diesem Scheiterhaufen enden?« Er griff hart nach meinem Handgelenk und versuchte, mich wegzuzerren. »Nein«, sagte ich. »Was ist mit Erasmus? Wir müssen ihn finden. Ihm helfen.« Er zögerte einen Augenblick lang. Dann sagte er: »Mädchen, ich werde nicht dafür bezahlt, ihn zu beschützen. Es gibt nichts, was wir jetzt noch für ihn tun könnten. Er kann jetzt nur noch hoffen. Die Stadtwache müßte jeden Moment hier sein.« Ich kämpfte mit ihm und kam dann mit erstaunlicher Kälte zu der Erkenntnis, daß ich ihn loswerden mußte. Ich konnte nicht daneben stehen und irgendeinen Menschen einfach diesen furchtbaren Tod ster- ben lassen, schon gar nicht, wenn es Erasmus war. »Na schön«, sagte ich müde. »Lassen Sie mich los.« Er ließ die Hände sinken, und im selben Augenblick machte ich mich unsichtbar. »Sie Närrin!« brüllte Simonetti hinter mir her. Ich kroch auf Händen und Knien schnell davon, um Simonetti abzu- schütteln, der mit den Armen durch die Luft über meinem Kopf ruder- te, um mich zu fangen und festzuhalten. Ich stahl mich durch die Gas- se, ging einige Schritte über den Platz und bog dann in eine andere Gasse ein. Dort machte ich mich wieder sichtbar. Für diese Menschen, die jetzt noch auf dem Platz waren, wäre ich am liebsten unsichtbar geblieben, und die Kälte der Magie wäre mir überdies zu dieser Zeit gewiß willkommen gewesen, aber ich hatte Angst, daß ich mich auf diese Weise zu sehr erschöpfen würde, daß ich die Kraft aufzehrte, die ich möglicherweise schon bald dringend benötigen würde. Ich zog meinen Umhang fester um mich, trat zwischen die anderen Menschen und hoffte verzweifelt, daß die Wache kommen würde. Plötzlich brüllte die Menge auf. Eine Gruppe schwarzgrau gewandeter Priester erschien an der Kirchentür. Sie zerrten einen Gefangenen hin- ter sich her und warfen ihn auf die Kirchenveranda nahe der Treppe. Ryart Dashalle stand breitbeinig über der reglosen Gestalt und begann, die Menge aufzuhetzen. In der rechten Hand hielt er einen großen,, goldenen Stab, an dessen Spitze eine Sonnenscheibe prangte. In der Linken schwenkte er eine noch nicht entzündete Fackel. Ich erkannte den Körper selbst aus dieser Entfernung. Es war Eras- mus. Ich zitterte vor Angst. Immer wieder sagte ich mir entschlossen, daß Dashalle mich inmitten all dieser Menschen nicht sehen konnte. Es war nur ein kleiner Trost. Denn dies war eine Menschenmenge, die jede Art von Magie haßte, sofern sie nicht mit der Kirche verbunden war. Das- halle schrie wie wahnsinnig auf die Leute ein und fuchtelte mit der er- hobenen Faust, während die Menschen ihm wie rasend zujubelten. In Moria waren die Priester des Brennenden Lichts immer mit Eisen- ringen und Schutzzaubern bewaffnet, um meinesgleichen aus ihren Gedanken fernzuhalten. Überdies pflegten sie Hexenfesseln bei sich zu führen, um uns im Zweifelsfall hilflos zu machen. In Moria hätte jetzt zwischen den Leuten auf dieser Treppe ein Priester gestanden, den man Hexenjäger nannte, und der eine Magie benutzte, die ihm sofort gezeigt hätte, wenn ein anderer zu irgendeinem Zauber griff. Wenn sie gewußt hätten, daß ich da war… Der Gedanke war unvorstellbar. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. O Engel. Ich betete, daß die Wache eintreffen würde, bevor ich etwas tun mußte. »Verbrennt den Gotteslästerer!« schrie Dashalle. Die Menge brüllte vor Begeisterung. Die Priester packten Erasmus und zerrten ihn hinter sich her die Treppe hinunter. Ich sah, wie er durch die Menge geschleift wurde, wie die Menschen nach ihm traten und auf ihn eindroschen. Er war tropfnaß. Sie hatten sich die Mühe gemacht, ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken, bevor sie ihn verbren- nen wollten, damit er sich seiner Läuterung auch voll bewußt war. Er bewegte den Kopf ein wenig, schien barmherzigerweise aber im- mer noch benommen zu sein. Sein freundliches Gesicht und sein ge- welltes braunes Haar waren voller Blut. Ich konnte in dem allgemeinen Gedränge nicht näher an ihn heran. Die Raserei der Menschen war zu gewaltig. Die Priester und ihre Gefolgsleute mußten die Gaffer mit Knüppeln zurückdrängen, um Erasmus zum Scheiterhaufen bringen zu können. Oh Engel, wo blieben die Soldaten? Ich kannte durchaus einen sehr starken Zauber, der uns ein kleines Stück weit durch Zeit und Raum und aus der Gefahrenzone heraustragen konnte. Aber es war ein kräf- tezehrender Zauber. Man brauchte gewaltige Macht dazu. Und ich durf- te es nicht wagen, mir ein zu weit entferntes Ziel zu stecken, damit ich nicht auf halbem Wege feststellen mußte, daß ich mich erschöpft hatte und kraftlos war. Ich mußte mich auf einen sicheren Ort besinnen. Ei- nen Ort, der nicht allzuweit entfernt war. Wir würden keine zweite, Chance bekommen, der Menge zu entkommen, wenn sie erst alle nach uns suchten. Ich kämpfte mich durch das Gedränge bis an den Schei- terhaufen vor, wo man Erasmus an den Pfahl gefesselt hatte. Nur mit einem Seil, Gott sei Dank Heute gab es keine Hexenfesseln. Die Menge wogte nach vorn; die Gläubigen wollten dem brennenden Scheiterhaufen so nahe wie möglich sein. Immer noch waren Männer mit Knüppeln damit beschäftigt, die Leute zurückzuhalten. Ich selbst schob mich möglichst nahe heran. Dann ließ ich mich auf den Boden fallen. Unbemerkt in der zuckenden Masse von Beinen stahl ich mich in die Unsichtbarkeit hinein. Als ich mich abmühte, um wieder aufzuste- hen und weiter nach vorne zu kommen, bekam ich unzählige Fußtritte ab. Mein Umhang wurde mir weggerissen. Ich versuchte weiterzu- kommen, wobei ich mich nach wie vor duckte, damit niemand bemerk- te, daß er mich nicht sehen konnte. Endlich hatte ich mich aus der Menge freigekämpft und schlitterte über die glitschigen Pflastersteine auf den Scheiterhaufen zu. Dann schob ich mich an den Wachen vorbei. Hier war die Gefahr am größten, daß man mich erwischte, denn wenn irgend jemand mich zufällig be- rührte, würde er feststellen, daß seine Hand auf eine unsichtbare Bar- riere traf. Der Scheiterhaufen schwelte bereits. Es stank nach Pech. Das Holz würde, sobald es Feuer fing, sehr schnell brennen. Ich mußte mich be- eilen. Ich schluckte und stürzte auf den Scheiterhaufen zu. So schnell ich nur konnte, kletterte ich über die glimmenden Holzscheite. Sie be- wegten sich und rutschten unter meinen Füßen weg, entfernten mich immer weiter von Erasmus. Verzweifelt warf ich mich auf den Scheiter- haufen. Jeder Narr mußte mittlerweile meine Anwesenheit dort be- merkt haben. Als ich mich an den glühenden Scheiten verbrannte, schrie ich auf. Der beißende Geruch brennenden Qualms drang mir in die Nase, und die Funken waren wie kleine heiße Nadeln. Ich packte Erasmus am Arm und spürte, wie meine Unsichtbarkeit davonglitt. 0 Engel! Laßt mich irgendwo anders sein als hier! Laßt mich in… dem Armenhospital von St. Belkis sein. Hinter mir begann die Menge zu schreien. »Zauberei!« Ich ließ dem Zauber freie Bahn. Ein gewaltiger, an den Gedärmen reißender Machtstrahl, ein schau- derndes Beben in meinen Knochen, und eine Sekunde später stolperten wir über einen rauhen Holzfußboden. Ich lag da und keuchte, rang nach Atem, während alle Macht mir entrissen wurde. Mein ganzer Kör- per war wund wie ein Ellbogen, den man sich angeschlagen hat. In meiner Nase war noch der Geruch glimmender Kleidung. Die Decke wirbelte um mich herum, und einen Augenblick lang konnte ich mich weder bewegen noch sprechen, und Erasmus lag auf meinen Beinen., Lag da wie ein Toter. 13. Kapitel Jemand schrie, und plötzlich waren überall Nonnen, flatternde schwarzweiße Roben und Stimmen, die meinen Namen riefen. Hände zogen mich vom Boden hoch und klopften mich ab, um zu sehen, ob ich unverletzt sei. Ich lehnte mich schlaff gegen einen Bettpfosten, entkräftet und außer Atem. Eine Frau setzte sich erschrocken im Bett gegenüber auf und starrte mich mit offenem Mund an. Das kleine rot- gesichtige Baby in ihren Armen stieß ein Wimmern aus, und sie blinzel- te und schob ihm ihre Brustwarze wieder in den Mund. »Gelobt sei Gott!« rief eine der Nonnen, die um Erasmus herum auf dem Boden hockten. »Er lebt noch, das arme Geschöpf.« »Schnell! Bringt ihn ins Behandlungszimmer.« Es war Schwester Bertrida. »Dion, sind Sie wohlauf?« Mir ging es gut. Mir ging es wirklich gut. Einige Sekunden lang war ich ein wenig außer Atem gewesen, aber jetzt fühlte ich mich langsam wieder… sehr, sehr gut. Großartig! Es war, als fiele man in eiskaltes Wasser. Zuerst stockt einem vor Schreck der Atem, und dann, wenn man wieder herauskommt, prickelt die Haut, Energie strömt durch den Körper, und man fühlt sich fabelhaft. Ich holte tief Luft und blickte in Schwester Bertridas besorgte Augen. »Ja. Es geht mir gut. Es hat einen Aufruhr in St. Vitalie gegeben. Die Anhänger des Brennenden Lichts verbrennen Erasmus’ Altarbild. Sie sollten die Türen verbarrikadieren. Es sind gewalttätige Menschen.« Ich stand auf und ging mit großen Schritten hinter den Nonnen her, die Erasmus trugen. »Legen Sie ihn auf den Tisch. Ich werde ihn jetzt heilen. Rufen Sie bitte Mutter Theodosia.« Maja war im Hospital, aber ich wies ihr Angebot, nach mir zu sehen, hastig zurück und zog sie zu Erasmus hinüber. Ich verspürte eine erstaunliche Ruhe. Es war, als könnte ich für ei- nen Augenblick lang die Welt beherrschen. Das konnte nur die Kälte der Magie bewirkt haben. Die Nonnen zogen Erasmus aus und wuschen ihn. Wir untersuchten ihn. Er hatte kaum Verbrennungen, dafür aber eine Gehirnerschütte- rung, und zwei Rippen und mehrere Finger waren gebrochen. Sein Knöchel war zerschmettert, und wir hatten alle Mühe, ihn wieder einzu- richten. Als wir fertig waren, wußte ich, daß er wieder malen können würde, aber wahrscheinlich für den Rest seines Lebens würde humpeln, müssen. Jedenfalls würde er überleben, und die Magie, mit der wir sei- ne Knochen gerichtet hatten, ließ diese bereits wieder zusammenwach- sen. Die heilende Magie hielt mich weiterhin in einem ruhigen, kalten Gemütszustand. Erst als die Nonnen Erasmus weggetragen hatten, um ihn zu Bett zu bringen, fiel die Ruhe von mir ab. Meine Knie begannen zu zittern, und die Brandwunden an meinen Händen und Beinen schmerzten. Ich setzte mich auf einen Hocker und legte den Kopf zwi- schen die Beine. Was hatte ich getan! Plötzlich erfüllte mich eine tödli- che Angst Ich hätte erwischt werden können – dann würde ich jetzt neben Erasmus brennen. »Dion, mein Kind.« Mutter Theodosia stand vor mir und bot mir einen Becher Wein an. Ich nahm einen großen Schluck und würgte ein wenig an den scharfen Kräutern, die man dem Getränk beigemischt hatte. »Was geht hier vor? Draußen versammeln sich immer mehr Men- schen.« Ich konnte sie hören. Von der Straße drang gedämpfter Gesang zu uns hinein. Konnte der Mob… Das Kloster war nur einige Häuserblocks von St. Vitalie entfernt. War es möglich, daß sie herausgefunden hat- ten, wohin ich gegangen war? Wenn sie Hexenjäger dabeihatten, war es nicht schwierig für sie. O nein! Was hatte ich uns allen angetan? »Haben Sie die Türen abgeschlossen?« fragte ich hastig. »Ja«, sagte Maja. Sie stand auf einem Tisch und sah durch das hohe Fenster nach draußen. »Sie sehen schrecklich aus. Jede Menge Anhän- ger des Brennenden Lichts. Was ist da los?« Ich hätte daran denken müssen. Ich schlug die Hände vors Gesicht. Jetzt hatte ich alle in Gefahr gebracht. Oh dumme, dumme Dion! Ich erzählte ihnen mehr von dem Aufstand in der Kirche und wie ich Erasmus gerettet hatte. Draußen wurde das Gemurr der Menge lauter. »Sie haben ihn vom Scheiterhaufen heruntergeholt?« fragte Maja, während sie vom Tisch herunterstieg und auf mich zukam. »Und ihn den ganzen Weg bis hierher gebracht? Durch Raum und Zeit? Mein Gott, Dion! Es überrascht mich, daß Sie noch bei Bewußtsein sind.« »Lieber Herr Tansa«, sagte Mutter Theodosia. »Was für ein tapferes Kind Sie doch sind.« Sie nahm mich in die Arme. »Es tut mir so leid, Mutter. Ich…« Ein lauter Knall. Plötzlich war überall Glas, als ein großer Pflaster- stein durchs Fenster geschleudert wurde. Er krachte auf den Tisch, genau dorthin, wo Maja noch vor einigen Sekunden gestanden hatte. Die Schreie ›Hexe! Verbrennt die Hexe!‹ waren plötzlich viel lauter. »Schnell. Wir müssen alle hier raus.«, Mutter Theodosia lief in das andere Zimmer und rief gleichzeitig den Nonnen im Hospiz ihre Befehle zu. Maja riß einige Krüge von den Regalen herunter und warf sie in ei- nen Korb. »Dion, nehmen Sie das Calgrin mit.« Ich griff nach der Flasche und zog hastig einen Arm voll Verbands- zeug aus einer Schublade. Ein weiterer Pflasterstein krachte durch das Fenster. Ein dritter schlug gegen das Regal neben uns und zerschmetterte alle Glasfla- schen. »KOMMEN Sie, Maja!« Ich umklammerte ihren Arm und zog sie aus dem Zimmer, den Kor- ridor hinunter und in das Hospital. Die Schreie: ›Hexe! Verbrennt die Hexe!‹ von der Straße klangen plötzlich nur noch gedämpft, als ich die Tür hinter uns zuwarf. Das Hospital bestand aus klapprigen Holzgebäuden, die man an die Mauer des Klosters angebaut hatte. Dahinter hatte man eine Öffnung in die Mauer des Klosters eingelassen, so daß die Nonnen in das andere Gebäude treten konnten, ohne sich dafür in die Außenwelt begeben zu müssen. Nun führten sie in großer Hast alle Patienten durch diese Tür. Die Tür zwischen der Ambulanz und dem Hospital besaß keinen Rie- gel. Ich konnte das Krachen von Holz und Glas dahinter hören. Ich drückte einen kleinen Zauber in den Türrahmen und stolperte dabei über die unvertrauten Worte. Die Tür und der Rahmen verschmolzen zu einem einzigen Holzstück. Dann preßte ich das Ohr gegen die Tür. Waren diese Stimmen, die ich hören konnte, in dem Korridor dahinter? »Dion, wir müssen weiter. Es sind jetzt alle draußen. Wir können ge- hen«, sagte Maja und zog an meinem Arm. Ich drehte mich um und sah, daß das Hospital leer war. Maja und ich rannten auf die Tür des Klosters zu. Hinter uns hagelten nun die Schlä- ge gegen die Tür des Behandlungsraumes. Die Tür in der Klostermauer war stark und dick und mit Eisen ver- stärkt. Sie hatte schwere Eisenbolzen und einen kräftigen Eisenriegel. Mutter Theodosia hatte offensichtlich an die Zeit gedacht, da das Hos- pital an einen anderen Ort verlegt wurde und die Mauer möglicherweise wieder geschlossen werden mußte. Das Eisen würde die Priester des Brennenden Lichts zumindest für kurze Zeit aufhalten. Auf diese Weise konnten die Patienten, von denen einige sehr langsam waren oder von den Nonnen auf Bahren getragen wurden, in Sicherheit gebracht wer- den. Das Kloster selbst war von einer gut drei Meter hohen Steinmauer umgeben. Ich war nicht besonders zuversichtlich, daß sie den wüten- den Mob des Brennenden Lichts lange aufhalten würde. Ich versuchte mir zu sagen, daß ich viel zuviel Angst vor diesen Leuten hatte. Dies, hier war nicht Moria. Es war Gallia. Bevor die Dinge zu weit gingen, würden die Behörden eingreifen und alledem ein Ende setzen. Anderer- seits hatten diese Leute tatsächlich versucht, Erasmus auf dem Schei- terhaufen zu verbrennen und in das Armenhospital von St. Belkis ein- zubrechen… Damit waren sie bereits ziemlich weit gegangen. Wie ein Echo meiner Gedanken murmelte Mutter Theodosia nun: »Wo um alles in der Welt bleibt die Wache?« Auf der anderen Seite der Mauer lag ein Rasen. Die lange Reihe von Patienten und pflegenden Nonnen bewegte sich über die Grasfläche auf ein altes Steingebäude mit hohen Bogenfenstern und einem vierecki- gen Turm am anderen Ende zu. »Das ist die alte Kapelle«, erklärte Mutter Theodosia. »Darin haben die Nonnen im vorigen Jahrhundert Zuflucht genommen, als Yustine Sahr Gallia eroberte. Sie ist wie eine Festung gebaut.« Hinter uns wurden Schreie laut. Wir drehten uns um und sahen eini- ge Männer auf dem Krankenhausdach stehen. Glücklicherweise war es zu hoch, als daß sie von dort aus auf das Gelände des Klosters hätten springen können, aber sie schrien trotzdem und schleuderten in ohn- mächtiger Wut Steine in unsere Richtung. »Narren!« schnaubte Maja. »Aber wie kommt es, daß sie so schnell hiersein konnten? Das wüßte ich gern. Man hat den Eindruck, als wä- ren sie Ihnen hierhergefolgt.« »Das haben sie auch getan«, sagte ich schuldbewußt. »Sie werden einige erfahrene Hexenjäger bei sich haben. Bestimmt haben sie ir- gendeine Spur von der Magie aufgenommen, die ich benutzt habe, um herzukommen. Oh, Mutter Oberin, es tut mir so leid. Ich habe uns alle in Gefahr gebracht. Ich habe nicht nachgedacht. Wenn ich ginge, wür- den sie vielleicht…« »Oh, pst«, schalt sie mich. »Seien Sie nicht so närrisch. Glauben Sie, es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie sich allein und mit einem ver- wundeten Mann diesem Mob da draußen gestellt hätten? Sie haben recht daran getan, hierherzukommen. Ein Kloster ist auch ein Ort der Zuflucht.« In der Kapelle hatte man die Patienten an der gegenüberliegenden Wand und zwischen den Reihen untergebracht. Ein Säugling schrie. Die Nonnen saßen in Reih und Glied auf den Bänken. Auf den Altarstufen hockte eine kleine Schar Novizinnen. Einige von ihnen waren nicht mehr als Kinder. Erasmus lag zusammen mit einigen anderen bewußt- losen Patienten auf einer Bahre an der Wand. Der Anblick so vieler hilf- loser und unschuldiger Menschen, der Gedanke, daß sie durch die Ge- walttätigkeit des Mobs von der Kathedrale ihr Leben lassen sollten… »Ich sollte sofort von hier verschwinden«, rief ich. »Mit Hilfe von, Magie. Wahrscheinlich würden sie mir folgen, sogar sehr wahrschein- lich. Zumindest einige von ihnen.« »Es wäre vielleicht besser, wenn Sie hierblieben, Dion, um uns zu beschützen«, sagte Mutter Theodosia. Dann legte sie einen Arm um meine Schultern und drückte mich an sich. »Wir werden unser bestes tun, aber wenn in diesem Mob da Priestermagier sind, werden wir alle Mühe haben, sie draußen zu halten. Und sie werden Erasmus haben wollen.« In diesem Augenblick wünschte ich mir sehnlichst, Hauptmann Simo- netti wäre bei uns. Es erschreckte mich zutiefst, im Kloster in der Falle zu sitzen. Nur allzu deutlich erinnerte ich mich an jene Zeit in Moria, als wir nur um Haaresbreite einem ähnlichen Mob entkamen und über die Dächer davonkletterten, während hinter uns Menschen verbrannt wur- den. Meine Hände zitterten; mein erster Impuls war Flucht, weglaufen. Ich fürchtete, daß es vielleicht nur Feigheit meinerseits war. Oder war es Klugheit? Simonetti hätte die Antwort auf diese Frage gewußt. Er hätte gewußt, ob es das klügste war, fortzugehen oder zu bleiben. Ich wünschte, ich hätte ihn nicht auf dem Kirchenplatz zurücklassen müs- sen. Und ich hoffte, daß er jetzt in Sicherheit war. Mutter Theodosia hatte recht, überlegte ich. Wer sonst sollte die Leute hier verteidigen, wenn nicht ich? In diesem Augenblick stieß eine der kleinen Novizin- nen, die auf das Sims eines der hohen Bogenfenster geklettert war und durch eine halbwegs klare Fensterscheibe gespäht hatte, einen Schrei aus. »Da klettert ein Mann über die Mauer.« Mutter Theodosia bekreuzigte sich. »Wie viele sind es, Kind?« »Nur einer. 0 nein! Da kommen noch mehr.« Sie kreischte vor Auf- regung. »Sie jagen ihn. 0 lauf! Lauf!« Dann schrie sie auf. »Jetzt schießen sie auf ihn. Paß auf! 0 schnell, lauf doch schneller!« »öffnet die Tür«, rief jemand. Vielleicht war es Simonetti! Ich rannte zur Tür, als diese geöffnet wurde, und trat hinaus, angespannt und bereit, zu kämpfen. Ein großer, dunkler Mann jagte über den Rasen. Er war zu groß, als daß es Simonetti hätte sein können. Herr des Himmels! Es war Andre Gregorov. Er war den sechs oder acht Männern, die ihn verfolgten, weit voraus, aber zwei von ihnen hatten sich nun hingekniet, um Pfeile auf ihn abzuschießen. Von Panik erfüllt, verzauberte ich die Pfeile, so daß sie rückwärts flogen, noch bevor sie ihre Bögen verlassen hatten, und beide Männer taumelten jäh zurück. »Dion!« rief Andre. Er lachte! Lachte ein überschäumendes Lachen., An der Kapellentür streckte er die Hand nach mir aus, riß mich in seine Arme und zog mich mit sich durch die Tür. »Dion! Dion!« rief er und preßte mich so wild an sich, daß ich dach- te, er würde mich zerdrücken. »Du bist in Sicherheit. 0 mein Liebling, du bist in Sicherheit.« Er küßte mein Gesicht. »Ich mußte einfach hierherkommen. Ich mußte wissen, daß es dir gutgeht.« Es war, als wären all die zornigen Worte zwischen uns nie gefallen. Es war, als wären wir wieder in dem von hohen Hecken umgebenen Garten. Ich stand einfach da, klammerte mich an ihn und ließ mich von ihm küssen und liebkosen. Ich bemerkte es kaum, daß die Tür hinter uns zugeworfen wurde, und hörte auch die Fäuste nicht, die kurz dar- auf gegen das Holz hämmerten. Andre war so zärtlich. Er erklärte mir, daß es ihm leid täte, daß er ungeduldig und unvernünftig gewesen sei, daß sein Leben ohne mich bedeutungslos sei. Plötzlich wurde mir bewußt, daß die kleinen Novizinnen kicherten. Ich riß mich von ihm los. Alle Anwesenden in der Kapelle betrachteten uns mit eifrigem Interesse, einige wohlwollend, andere mit Mißfallen. Einige der Nonnen hatten das Gesicht abgewandt. »Mutter Theodosia, das ist Lord Andre Gregorov.« Ich versuchte die Tatsache, daß Andres Arm immer noch um meine Taille lag, einfach zu ignorieren. »Sir«, rief sie. »Haben Sie irgendwelche Neuigkeiten von der Wa- che?« Er machte eine tiefe Verbeugung vor ihr. Wie seltsam, zuzusehen, wie er einer Nonne Respekt erwies. Er schien hier irgendwie anders zu sein. Weniger sinnlich. Weniger… irgend etwas. »Es tut mir leid, Ehrwürdige Mutter, ich weiß nicht mehr als Sie. Ich bin dem Mob von St. Vitalie bis hierher gefolgt. Ich habe dort gerade noch gesehen, wie Erasmus Tinctus in Mademoiselle Dions Armen vom Scheiterhaufen verschwand. Ich mußte nach St. Vitalie kommen, um Mademoiselle zu holen. Im Palast ist etwas geschehen.« »Was?« »Ein Priester des Brennenden Lichts hat versucht, den Herzog zu er- schießen, als er durch die Menge ritt. Madame Avignon hat sich schüt- zend vor ihn geworfen und den Pfeil selbst empfangen.« »Gott und Engel!« Ich hatte das Gefühl, als hätte mein Herzschlag ausgesetzt. »Ist sie verletzt? Ist sie tot? 0 Andre! Was ist passiert?« »Als ich ging, lebte sie noch. Aber sie ist sehr schwer verletzt. Ich bin gekommen, um es dir zu sagen. Vielleicht auch, um dich zu ihr zu brin- gen. Vielleicht um dich zu beschützen, falls es zum Schlimmsten kom- men sollte. Ich weiß doch, was sie dir… was sie dir bedeutet. Aber ich, bin zu spät gekommen. Jetzt sitzen wir hier fest.« Mutter Theodosia hatte entsetzt die Hände vor den Mund gelegt. »Vielleicht ist das der Grund, warum die Wache heute so lange auf sich warten läßt«, sagte Andre. »Möglich, daß sie im Palast gebraucht wird.« »Ich wollte, wir könnten für die arme Frau beten«, sagte die Nonne. »Sie hat viel Gutes für diese Stadt getan. Aber es geht nicht. Wir müs- sen für unsere eigene Sicherheit beten.« Genau in diesem Augenblick kreischte das kleine Mädchen am Fens- ter laut auf. »Da kommen noch mehr Männer über die Mauer. Immer mehr und mehr.« Ein Armbrustpfeil prallte mit einem lauten Knall auf das Buntglas- fenster, und das kleine Mädchen zuckte erschrocken zurück und wäre beinahe vom Fenstersims gestürzt. »Komm jetzt da runter, Berengaria«, rief eine der Nonnen, bevor sie die Hand ausstreckte, um dem Kind zu helfen. Daraufhin prasselte ein Hagel von Armbrustpfeilen und Steinen ge- gen die Fenster. Das Glas war, wenn auch alt, dick und fest in seinen Fassungen verankert, und für den Augenblick hielt es dem Ansturm stand. Ich stand ganz still da, wie betäubt und erfüllt von kaltem Entsetzen. Ich wollte jetzt zu Kitten. Sofort. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich durch Zeit und Raum zu ihr in den Palast springen konnte, aber der war über zwei Meilen von hier entfernt, und ich hatte noch nie von jemandem gehört, der einen solchen Sprung bewältigt hätte. Wahr- scheinlich würde ich während des Sprungs ohnmächtig werden, mich vielleicht sogar töten, wenn ich etwas derart Kräftezehrendes versuch- te. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Mutter Theodosia legte die Arme um mich. »Mein Kind, wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, selbst am Leben zu bleiben, damit wir ihr später vielleicht von Nutzen sein kön- nen. Werden Sie diese Leute jetzt aufhalten, während wir beten, um die Verteidigung zu stärken? Wenn Sie in den Glockenturm hinaufstei- gen, können Sie alles besser überblicken.« Ihre Worte gaben mir Kraft. Sie hatte recht. Wir mußten diese schrecklichen Stunden alle erst einmal sicher überstehen. Außerdem gab es doch etwas, das ich für Kitten tun konnte. »Hat irgend jemand Kreide?« rief ich. In diesem Augenblick zerschmetterte ein Bolzen eines der kleinen Buntglasfenster. Fäuste hämmerten an die Tür. »Dion!« rief Andre. Er nahm meine Hand. »Komm. Mal sehen, was, wir tun können, um sie zu verjagen.« »Einen Augenblick!« rief ich. Mehrere Nonnen hatten Kreidestücke aus ihren geräumigen Taschen gezogen. Ich nahm ein Stückchen und folgte Andre die Treppe zum Glockenturm hinauf. Hinter mir formierten sich die Nonnen vor der Kapellentür zu mehreren Reihen und senkten im Gebet den Kopf. Einige Patienten traten zu ihnen. Mutter Theodosia stellte sich vor sie. Sie würde die Energie des Glaubens dieser Men- schen aufnehmen, so daß sie für kurze Zeit die Kraft hatte, die Türen der Kapelle zu festigen und gegen den Ansturm zu wappnen. Es sah so aus, als hätte die Eisentür in der Klostermauer den Pries- tern des Brennenden Lichts keine großen Probleme bereitet. Mittlerwei- le strömten die Menschen durch den Eingang, und eine wütende Men- schenmenge hatte sich unter uns im Klosterhof versammelt; sie schrien, schwenkten die Fäuste, schleuderten Steine zu den Fenstern hinauf und hämmerten gegen die Tür. Es war, als hätten die Mauern der Kapelle zu schmelzen begonnen, so daß die Kapelle selbst jetzt von einem Meer wütender Steine umringt war – und jeder Stein war ein schreiender Kopf. Ich schauderte unwillkürlich, als ich sah, wie viele von ihnen da unten waren. Es mußten einige hundert Menschen sein. Einen Augenblick lang fragte ich mich, wie viele von ihnen wohl Priester oder Priestermagier sein mochten, und hoffte, daß es nicht so viele waren, wie es den Anschein hatte. Oben im Glockenturm legte ich die Hand gegen die Ziegelsteine der Mauer und sandte eine Woge der Macht durch die Wände der Kapelle, um Glas, Holz und Steine zusammenzuhalten, damit sie nicht unter der Wucht der Wurfgeschosse nachgaben. Das Gebäude knirschte wie ein Kämpfer, der seine Muskeln reckte. Dann hockte ich mich auf den Holzfußboden und begann, die für das Schutzritual erforderlichen Zeichen aufzumalen. »Was machst du da?« rief Andre. »Das Schutzritual. Ich werde einige heilende Zauber hineinweben. Vielleicht wird es helfen.« »Glaubst du wirklich, daß das gerade jetzt besonders klug ist?« »Halt den Mund!« fuhr ich ihn an. »Ich weiß sehr gut, daß du sie nie leiden konntest, Andre.« Er wandte sich ab und zog sich auf die andere Seite des Turms zu- rück. Ich setzte das Ritual fort. Die Magie beruhigte mich ein wenig, und als ich fertig war, entschul- digte ich mich bei ihm. Er antwortete, ohne sich umzudrehen. »Das ist nicht nötig. Ich weiß, daß du Angst hast. Ich weiß, was sie dir bedeutet.« Seine Stimme war gelassen, aber kalt., »Ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal Gelegenheit dazu haben werde«, erklärte ich. »Und vielleicht wird es ihr ja helfen.« »Ja.« Die Brüstung des Glockenturms war ziemlich niedrig. Andre kniete sich davor und blickte über den Rand. Ich sah, daß ich ihn gekränkt hatte. Ich muß etwas tun, dachte ich. Sonst werde ich immer allein sein. Ich ging zu ihm und hockte mich neben ihn. »Es tut mir leid«, sagte ich. Er zuckte die Achseln, sah mich aber immer noch nicht an. »Ich weiß, was sie dir bedeutet.« »So ist es nicht«, brauste ich auf. All diese Glückseligkeit an der Kapellentür – sollte mir das nun wie- der genommen werden und ich so einsam dastehen wie eh und je? Hatte ich meine einzige Chance, glücklich zu sein, weggeworfen? Schon wieder! »Ich weiß nicht, warum ich hergekommen bin«, sagte er barsch. »Nun, warum denn? Du hattest in letzter Zeit doch soviel Spaß. Was kannst du nur von mir wollen?« »Es spielt keine Rolle mehr, was ich tue. Am Ende denke ich doch immer nur an dich. Als sie von diesem Pferd fiel, konnte ich nur daran denken, was du empfinden würdest. Alles, woran ich denken konnte, war, wie ich dich trösten konnte. Es war sinnlos, nicht wahr?« »O nein, Andre. Es war nicht sinnlos.« Ich berührte seinen Arm. Er griff nach meinem Handgelenk und küßte es so wild, daß ich glaubte, er würde mich beißen. »Ich weiß nicht, warum ich dachte, wir könnten einander ebenbürtig sein. Ich stehe so absolut in deinem Bann. Hexe!« Dann zog er mich abermals an sich. In diesem Augenblick erbebte die ganze Kapelle. Ich spürte, wie mich ein furchtbarer Ruck durchlief. Unter uns hatte sich der Platz direkt vor dem Eingang der Kapelle geleert, und ein Mann lehnte an der Tür. Selbst von hoch oben im Glo- ckenturm konnte ich sehen, daß seine Lippen einen Zauber formten. Um ihn herum knieten sechs oder sieben Männer auf genau dieselbe Art und Weise wie zuvor die Nonnen in der Kapelle niedergekniet wa- ren. Was für eine Närrin ich war! Ich hatte ihnen Zeit gegeben, sich zu Gebetsformationen zu organisieren, und jetzt würden sie viel stärker sein. »Du lenkst mich furchtbar ab«, murmelte ich an Andre gewandt. »Ich bin froh, dich das sagen zu hören«, schnurrte er und lehnte sich an mich. Ich sandte eine kribbelnde Woge der Macht die Mauer hinun-, ter. Der Mann schrie vor Schmerz auf und zog die Hände zurück; sein Zauber war unterbrochen. Er fuhr herum, blickte auf und sah mich. »Hexe!« schrie er. Andere griffen den Schrei auf und es folgte ein Wirrwarr von Wurfgeschossen. Wir mußten uns ducken, als mehrere Pfeile über unsere Köpfe schwirrten, und einige Steine fielen hinter uns herab. Im nächsten Augenblick hörte ich einen lauten Knall. »Sieh nur!« rief Andre. »Ein Feuerball!« Ich hatte noch nie zuvor einen gesehen. Es bedurfte größerer Macht, einen Feuerball hervorzubringen, als die meisten einzelnen Magier auf- bieten konnten. Der Mann unter uns konnte sich der geballten Zauber- kraft seiner Gefährten bedienen. Sein Feuerball erhob sieh aus einem winzigen Licht in seinen Händen und stieg durch die Luft zu uns hinauf, wobei er immer weiter und weiter wuchs; es war ein gewaltiger, oran- gefarbener Flammenwirbel, der schließlich alles andere vor unseren Augen auslöschte, bis er in einer riesigen Woge sengender Hitze über uns stand. Ich riß den Arm hoch und trieb ihn mit meinem Willen zurück. In meiner Panik vergaß ich, die Worte der Auslöschung zu sprechen, die man uns zur Abwehr solcher Dinge beigebracht hatte. Der Feuerball wurde langsamer, hielt inne und rollte dann vor uns zurück, wie eine gebrochene Welle sich ins Meer zurückzieht. Im Nu hatte er die Mauer des Turms verbrannt und wälzte sich nun unbarm- herzig über die Menschenmenge. Überall wurden Schreie laut, und Menschen ergriffen die Flucht. Nun fielen mir auch die Worte der Aus- löschung wieder ein, aber es war zu spät. »Gut gemacht!« rief Andre. Ich wandte mich ab; mir war übel von dem Geruch nach angeseng- tem Fleisch und Haar, der zu uns hinaufstieg. Er legte seinen Kopf auf meinen. »Sie hätten dich im Handumdrehen getötet, kleine Magierin. Mich zumindest freut es, daß einige von ihnen auch etwas abbekommen haben. Komm jetzt. Sie formieren sich zu einem neuen Versuch. Du mußt etwas tun, um sie aufzuhalten. Kannst du nicht selbst einen Feu- erball machen?« Ich dachte, daß ich das wahrscheinlich konnte, aber selbst in dieser Situation widerstrebte es mir, so viele Menschen zu verletzen. Es schien mir besser zu sein, sie einfach hinzuhalten, bis die Wache kam, und mich darauf zu konzentrieren, statt der großen Masse nur die An- führer zu verletzen. Außerdem hatte der Feuerball ohnehin nur wenig dazu beigetragen, die Menge zu zerstreuen. Wenn überhaupt, hatte er nur die Entschlossenheit der Leute da unten bekräftigt, und nun rotte-, ten sie sich erneut vor der Tür der Kapelle zusammen, schrien nur noch lauter und warfen unzählige Wurfgeschosse in unsere Richtung, so daß wir uns weiterhin hinter der Brüstung ducken mußten. Die Magier wa- ren von der Tür weggetreten und schienen sich darauf vorzubereiten, durch die weniger gut geschützte Wand zu brechen. Wenn ich mich ein wenig über die Brüstung beugte, konnte ich sie immer noch sehen. Ich konzentrierte mich auf ihren Anführer. »Vorsicht!« rief Andre und riß mich zurück, als ein Armbrustbolzen an meinem Gesicht vorbeisirrte. »Verflucht! Kannst du nicht aufpassen!« schrie er, riß einen Stein vom Boden des Turms hoch und warf ihn dem Armbrustschützen ge- schickt an den Kopf. »Verdammt! Wenn ich doch nur einen Bogen hätte. Mach weiter, Di- on! Ich halte Wache.« Ich beugte mich abermals über die Brüstung und konzentrierte mich auf den wichtigsten der Magier dort unten. Ich konnte die Macht spü- ren, die von ihm ausging und in die Wand strömte. Einige Augenblicke später fiel er jedoch bewußtlos zu Boden. Andre klatschte Beifall. »Hast du den Mistkerl umgebracht?« »Nein. Lediglich eingeschläfert.« »O Dion, du bist viel zu nett. Sie werden ihn wecken.« Ich spürte, daß sie es versuchten. Sollen sie es doch ruhig versu- chen! dachte ich. »Nein, sie werden es nicht schaffen. Ich halte ihn im Schlaf fest.« »Du hättest ihn töten sollen. Du bist zu sanftmütig. Könntest du nicht sein Herz zum Stillstand bringen?« »Das ist ein nekromantischer Zauber«, sagte ich ein wenig scho- ckiert. Er zuckte die Achseln und wandte sich ab, um abermals über die Brüstung zu blicken. »Sieh nur, wir haben Freunde«, sagte er kurz darauf. Irgend jemand feuerte durch die großen, schmiedeeisernen Tore vor dem Kloster Pfeile in die Menge, und einige Steine flogen über die Mauer. Ein Stück weiter die Straße hinunter, jenseits der Mauer, kämpfte eine Gruppe von Hafenarbeitern mit nackten Fäusten gegen einige Männer vom Brennenden Licht. Die Magier hatten sich noch wei- ter zurückgezogen. Zweifellos formierten sie sich neu, aber sie würden einige Zeit brauchen, um sich auf einen neuen Anführer einzustimmen. Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich gegen die Brüstung und versuchte, die Schreie unter uns auszublenden. Die Kälte der Magie fiel von mir ab. Ich machte mir wieder Sorgen um Kitten., »Hinter dieser Sache muß ein größerer Plan stecken«, sagte Andre neben mir. »Hast du schon daran gedacht? Das Brennende Licht ist kaum groß genug, um einen Aufruhr in Gang zu setzen, und trotzdem ist es ihnen gelungen. Sie haben Chaos verbreitet und jemanden aus- geschickt, der den Herzog ermorden sollte.« Und Kitten Avignon, dachte ich gegen meinen Willen. Ich versuchte, mich auf seine Worte zu konzentrieren. »Du meinst, das alles ist Teil einer Verschwörung?« »Man macht sich so seine Gedanken.« »Dieses Gespräch, das ich im Palast mit angehört habe.« »Hm, ich erinnere mich sehr gut daran, kleine Magierin. Das erste Mal, daß ich dich je geküßt habe.« Er wollte mich an sich ziehen, aber ich stieß seine Hände weg. »Botschafter Deserov. Er hat das Bündnis mit dem Brennenden Licht gesucht, nicht wahr?« »Gesucht? Er hatte bereits ein Bündnis mit ihnen. Ich habe die Ver- handlungen für ihn geführt. Es sieht so aus, als hätte ich allen Grund, diese erfreulichen Stunden jetzt zu bedauern. Ich frage mich, ob er ihnen wohl irgend etwas versprochen hat.« »Er wollte auch Lord Däne. Deswegen hast du dich ja überhaupt mit ihm gestritten.« »Das stimmt. Interessant, nicht wahr? Wenn der Herzog ermordet wird, wer ist dann sein logischer Nachfolger, wenn nicht Lord Däne? Er ist einer aramayischen Allianz gegenüber durchaus aufgeschlossen, wie du weißt. Trotzdem könnte er die Ermordung seines Bruders wohl kaum öffentlich billigen. Der Herzog ist sehr beliebt. Ich frage mich, ob hinter dem Ganzen nicht vielleicht die Idee steckt, daß Däne den Auf- stand niederschlägt und anschließend von dankbaren und erleichterten Adeligen auf den Thron gehoben wird. Deserov könnte durchaus kalt- blütig genug sein, um so etwas zu organisieren. Ich frage mich, ob diese Möglichkeit auch dem Brennenden Licht in den Sinn gekommen ist.« In der Menge unter uns erhob sich eine schrille Stimme. »Wir werden den Sieg davontragen und die Verderber vertreiben. Der Engel Gottes hat uns den Sieg versprochen. Wir rufen ihn an, auf daß er die Hexe erschlage und uns den Sieg schenke!« Wir blickten vorsichtig über die Brüstung. »Sieh nur, da ist Dashalle«, rief Andre. »Diesen Mann zu töten, dürf- te dich doch wohl kaum große Überwindung kosten.« Die Menge löste sich an den Rändern bereits auf; vielleicht wurden die Leute unruhig, weil keine Resultate zu sehen waren. Ryart Dashalle wiegelte sie auf. Seine magisch verstärkte Stimme hallte tobsüchtig, von den Klostermauern wider. Viele Menschen hatten sich um ihn ge- schart, um ihm zuzujubeln und wild die Fauste zu schwenken, aber ein kleines Grüppchen von Leuten wandte sich wieder verstohlen der Tür in der Mauer zu. Dashalles Worte ließen keinen Zweifel an dem feurigen Schicksal, das mich erwartete, aber irgendwie war das die geringste meiner Sor- gen. Wie ging es Kitten? Und auch um Simonetti sorgte ich mich lang- sam. Wenn Andre erraten konnte, wo ich war, konnte Simonetti das auch. »Vielleicht ist er in den Palast zurückgekehrt«, meinte Andre. »Viel- leicht wartet er aber auch einfach auf einen günstigen Zeitpunkt.« Ich versuchte, ihm zu glauben. Ich zwang mich, mich auf Ryart Das- halle zu konzentrieren, mit ihm zu verfahren, wie ich mit dem anderen Priester verfahren war, aber die Sorge machte meine Konzentration brüchig, und mein zorniger Haß auf ihn entströmte mir wie ein Schlag und knüppelte auf ihn ein. Er taumelte ein wenig auf dem Stein, auf dem er stand, aber er hatte einen sehr guten Schutz gegen solche Ma- gie. »So ist es richtig, Dion«, flüsterte Andre. »Du mußt ihn verletzen. Denk daran, was er dir und den Deinen angetan hat. Denk daran, wel- che Pläne er mit dir hat. Sanftmut an ihn ist Verschwendung. Er wird immer ein Zerstörer sein. Hol ihn dir, bevor er dich holt.« Er drückte mir die Schultern. Er hatte recht. Es war gut, Andre in meinem Rücken zu wissen. Es war gut, Seite an Seite mit ihm zu kämpfen. Ich konzentrierte mich darauf, mit all der bitteren Wucht meines Hasses auf Ryart Dashalle einzuschlagen. Plötzlich sah ich einen Blitz. Ein Schwall blauen Zauberfeuers schoß durch das Vordertor. Im nächsten Augenblick preschten etwa vierzig Reiter durch die verpuffenden Gase in die Menschenmenge hinein, und Schwerter verteilten rechts und links Hiebe. Die Menge zerstreute sich vor ihnen. Eine Phalanx von Magiern kam mit langen Schritten durch den Qualm hinter ihnen. Meine Konzentration wurde unterbrochen, und als ich aufgehört hatte, unseren Rettern zuzujubeln, war Ryart Dashal- le verschwunden. Es spielte keine Rolle mehr. Die Wache war endlich da. Die Türen der Kapelle standen offen, und die Nonnen drängten sich auf die Treppe hinaus. Einige wenige Reiter ritten immer noch über das Gelände des Klosters und verjagten die letzten Nachzügler und versuchten, einige Männer von einem Baum herunterzuscheuchen. Die meisten Reiter waren durch das Tor zurück- geritten, um die Aufwiegler des Brennenden Lichts durch die Straßen zu verfolgen. Die Phalanx der Magier war mit ihnen gegangen., Der Hauptmann der Wache ging langsam auf die Treppe der Kapelle zu. Er verbeugte sich vor Mutter Theodosia. »Heilige Mutter, ich entschuldige mich für unsere Verspätung. Ich glaube, wir haben die meisten von ihnen verjagt, aber es könnte noch einige Nachzügler geben, und auf den Straßen wird immer noch heftig gekämpft. Ich würde für den Augenblick alle in der Kapelle behalten.« »Sir«, rief Mutter Theodosia, »stimmt es, was über den Herzog er- zählt wird?« »Daß diese elenden Mistkerle einen Anschlag auf sein lieben unter- nommen haben? Ja, aber er ist Gott sei Dank gescheitert! Hurra!« Bei diesem letzten Ausruf bäumte sich sein Pferd auf. »Was ist mit Madame…«, rief ich. Aber der Hauptmann hatte zuviel damit zu tun, sein Pferd unter Kon- trolle zu bekommen, um mich zu hören. Dann flammte hinter dem Hospital ein gewaltiges Magierfeuer auf, und der Mann gab seinem Reittier die Sporen und rief uns nur noch ein paar Abschiedsworte zu. Vielleicht hätte er es erwähnt, wenn sie gestorben wäre, dachte ich. Oder wäre es zu unwichtig gewesen? Ich wünschte, ich könnte es irgendwie herausfinden. Ich wünschte… »Dion.« Andres Arm lag heiß um meine Taille. Dann umfaßte er mein Gesicht mit beiden Händen und drückte lange die Lippen auf meine Stirn. »Arme Dion! Du bist ja ganz außer dir vor Sorge. Komm. Ich bringe dich zu ihr.« Ich klammerte mich an ihn. »0 Gott, Andre, was ist, wenn sie tot ist?« Er strich mir über die Wange. »Dann werde ich dasein, um dich zu beschützen. Komm.« Ich konnte die leise Stimme Simonettis hören, der mir einschärfte, daß ich mich nicht in Gefahr bringen dürfe, aber seine Worte gingen unter in den Stimmen, die nach Kitten Avignon schrien. Ich mußte wis- sen, daß sie in Sicherheit war. »Ich möchte das gern für dich tun, Dion«, sagte Andre. Mit diesen Worten zog er mich langsam auf das Tor des Klosters zu. »Dion«, rief eine Stimme hinter uns. Schwester Bertrida kam hinter uns hergelaufen. Maja war ihr dicht auf den Fersen. »Sie können da nicht rausgehen. Es ist zu gefährlich. Die Kämpfe haben mit Sicherheit noch nicht aufgehört.« »Sie können sich nicht auf Ihre Magie verlassen«, sagte Maja. »Sie brauchen etwas Zeit, um sich auszuruhen.« Dann senkte sie die Stimme. »Dieser Mann. Können Sie ihm wirklich trauen? Er ist Ausländer,, nicht wahr?« Ich sah sie erschrocken an. Dieser Gedanke war mir gar nicht ge- kommen. Ich wollte ihr sagen, daß sie sich nicht lächerlich machen solle. Andre war zu mir zurückgekehrt, und ich wollte unser neues Ein- vernehmen nicht durch irgendwelche törichten Zweifel zerstören. Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob sie vielleicht mit Genny im Bunde stehen konnte. Nein. Das war lächerlich. Sie meinte es nur gut, aber sie verstand mich wirklich nicht. Ich mußte in den Palast. Und wie soll- te ich besser dort hingelangen, wenn nicht mit Andre zusammen? Au- ßerdem würde ein solches Erlebnis das ›Besondere‹ an unserer Bezie- hung bekräftigen. »Ich muß herausfinden, was mit Kitten passiert ist«, erklärte ich ihr. »Ich muß wissen, ob sie in Sicherheit ist.« »Dann lassen Sie mich mitkommen«, sagte Maja. Andre fing meinen Blick auf und zog die Augenbrauen hoch, bevor er sich an Maja wandte. »Madame«, sagte er und verbeugte sich mit großem Respekt, »je weniger wir sind, um so besser ist es in diesem Fall. Das klügste wäre es vielleicht sogar, Dion allein gehen zu lassen. Aber das könnte ich nicht ertragen.« Er hob eine weiße Hand und strich mir zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. »Aber zwei Weggefährten, die sie vielleicht würde beschützen müssen… ich möchte Sie eindringlich bitten, hier- zubleiben, Madame.« »Ja«, pflichtete Mutter Theodosia ihm bei, die einige Sekunden zuvor zu ihnen getreten war. »Bleiben Sie hier bei uns, Maja. Wir brauchen Sie. Dion, ich bitte Sie, bleiben Sie ebenfalls. Sie wären hier viel besser aufgehoben. Aber«, sagte sie, als ich den Mund öffnete, um zu protes- tieren, »ich verstehe, was Sie empfinden, und nach allem, was ich sie heute habe tun sehen, würde es mich sehr überraschen, wenn Sie das Schloß nicht sicher erreichen sollten. Aber nur mir zuliebe und als zu- sätzlichen Schutz möchte ich Sie bitten, diese Kutte zu tragen.« Sie legte mir ein Bündel schwarzen Stoffs in die Arme. »Wenn die Leute Sie als Nonne betrachten, werden Sie nicht ganz so leicht auf den Ge- danken kommen, Ihnen Ärger zu machen.« Die Straße draußen vor dem Kloster war leer, aber übersät mit Stei- nen und Holzstücken. In den Häusern auf der anderen Straßenseite waren die Fensterläden heruntergelassen, und alles war still. Auch in der Stadt selbst herrschte eine seltsame Ruhe, obwohl man in der Fer- ne Geräusche hören konnte. Es war unheimlich. Hinter uns, in der Richtung, in der St. Vitalie lag, konnten wir Rufe und Schreie hören,, und gelegentlich loderte ein magisches Feuer auf. Andre und ich gingen durch die Straßen dahinter und blieben nur stehen, damit Andre einen ziemlich kräftig aussehenden Knüppel auf- heben konnte, den irgend jemand in die Gosse geworfen hatte. Unsere Füße klapperten laut in der wachsamen Stille dieser kleinen Straßen. Ich lief mehr, als daß ich ging. Andre hielt mit mir Schritt, bewegte sich mühelos und mit der für ihn typischen katzenhaften Eleganz. Ich konn- te nicht umhin, glücklich über seine Nähe zu sein, aber dieses Glück ging schnell in dunklen, sorgenvollen Gedanken unter. Das Gebiet zwischen dem Kloster und der Kirche von St. Vitalie war recht wohlhabend, aber hinter dem Kloster kam man in einen sehr viel ärmeren Bezirk. Hier waren die Straßen schmal und voller hoher, schä- biger Häuser, die sich Seite an Seite kauerten und von denen die meis- ten im Erdgeschoß eine kleine, offene Werkstatt hatten. Heute jedoch waren alle Läden und Werkstätten geschlossen und die Fensterläden vorgelegt. Einige dieser Läden waren eingeschlagen worden. Diese Spuren ließen darauf schließen, daß in die Häuser eingebrochen worden war. »Am besten, du sprichst nicht mehr als unbedingt notwendig«, sagte Andre. »Ich habe das Gefühl, daß Morianer in dieser Stadt heute nicht besonders beliebt sind.« Diese Häuser. Natürlich! Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hin- unter. In diesem Bezirk lebten viele morianische Flüchtlinge. Die meis- ten von ihnen hatten nichts mit dem Brennenden Licht zu tun. Aber die Menschen mußten doch in der Lage sein, diesen Unterschied zu erken- nen? Dann aber fiel mir der Mob im Kloster wieder ein; welchen Unter- schied hatten sie zwischen mir und den Nonnen gemacht? Ich machte mir zu große Sorgen um Kitten, um viel über diese Dinge nachzudenken. Ich war erfüllt von kalter Angst vor dem, was ihr zuge- stoßen sein mochte. Wenn Kitten tot war, hätte ich es dann durch mei- nen Schutzzauber gespürt? Ich wagte es nicht, darauf irgendwelche Hoffnungen zu gründen. Ich wußte es nicht Es gab so viele Dinge, die ich nicht wußte. Ich versuchte, mich damit zu trösten, daß sie im Pa- last in guten Händen wäre, aber ich mußte auch daran denken, was sie mir über das veränderte Verhalten des Herzogs ihr gegenüber erzählt hatte, von der Kälte, mit der er ihr neuerdings begegnete. Wie war es doch noch gleich gewesen? Oh, Dion, du herzloses, egoistisches, dum- mes Ding. Du hast nicht einmal zugehört, als sie dich um Hilfe bat, und das nach allem, was sie für dich getan hat. Wenn es dem Herzog nicht mehr wichtig war, ob sie lebte oder starb, was würde dann jetzt aus ihr werden, da sie verletzt war? Der Herzog mochte keine Kranken. Vielleicht würde er sie ignorieren oder sie in die, von Gewalt erfüllten Straßen hinausschicken. Nein, gewiß nicht. Er würde gewiß seine Heiler für sie rufen. Es waren dumme Gedanken, die mir da durch den Kopf gingen. Sie würde alles haben, was sie brauch- te. Der Palast war kein feindliches Territorium. Und sie war, was das Leben bei Hofe betraf, überaus erfahren. Aber was, wenn sie bewußtlos war? Ganz allein. Auch das war ein dummer Gedanke. Sie hatte schließlich ihre Leibwache. Aber der Mann würde draußen warten müs- sen. Und wer war der Mann überhaupt, daß er zusah, wie sie von ei- nem Pfeil getroffen wurde? Vielleicht hatte Norval ihn bestochen. Was, wenn…? Sie würde ganz allein sein. Ohne Genny! Ohne Simonetti! Oh, Gott und Engel! Ich wagte nicht einmal, daran zu denken, wo Simonetti jetzt vielleicht war! »Dion, ich glaube, wir sollten einen anderen Weg…« Wir waren auf einen Platz getreten, aber Andre hatte sich umgedreht und ging eilig in dieselbe Richtung zurück, aus der wir gekommen wa- ren. Zu spät. Ich sah, wovor er mich hatte bewahren wollen. Auf dem Platz stand irgendein offizielles Gebäude. Es hatte einen langen, hohen Balkon, und von diesem Balkon hingen etwa zehn Leichen, die man wie makabere Früchte an den Hälsen baumeln ließ. Nur einige der Gestal- ten trugen Schwarz und Grau. Ich keuchte, und mir wurde übel. Selbst aus einigen Metern Entfer- nung konnten wir den Gestank von Exkrementen und Tod wahrneh- men, der ihnen entströmte. In keinem dieser Menschen regte sich auch nur der kleinste Funke von Leben. »Es tut mir leid«, sagte Andre. »Ich wollte nicht, daß du das siehst.« Er zog mich an sich und legte die Arme fest um mich. Trotz allem genoß ich das Gefühl seines muskulösen Rückens unter meinen Hän- den. Wir waren zusammen und lebten noch. Das war gut. Simonetti hätte mich wüst beschimpft, ging es mir durch den Kopf, als wir einige Sekunden später quer über den Platz gingen. Ich hatte keine Ahnung, wie wir hierhergekommen waren. Ich wußte nicht ein- mal genau, wo wir waren. Ich mußte mich auf das konzentrieren, was um mich herum vorging, statt mich von meinen Sorgen benebeln zu lassen. Wir bogen um die Ecke und prallten mit voller Wucht gegen zwei weitere Leichen, die von dem Schild einer Gaststube hingen. Unwillkür- lich entfuhr mir ein Schrei. Auch diese beiden waren absolut tot. Beinahe wäre ich in ein Bündel Lumpen getreten, das zu Füßen der Frau lag, bevor ich erkannte, daß es sich um einen kleinen Säugling handelte, dessen Hals gebrochen war. Für keinen dieser Menschen konnte ich noch irgend etwas tun. Tränen brannten mir in den Augen., Diese Leute waren keine Anhänger des Brennenden Lichts. Sie tru- gen die unverkennbaren, fröhlichen Farben der Wanderer, und auf ihre Gewänder waren ihre heiligen Symbole gestickt. Die ›Wanderer‹ waren eine merkwürdige Sekte prätansitischer Animisten, Nachfahren der ursprünglichen Bewohner der Halbinsel, und deswegen und weil die meisten von ihnen über irgendwelche magischen Kräfte verfügten, wurden sie von dem Brennenden Licht genauso verfolgt wie die Magier. »Ja«, sagte Andre leise neben mir. »Ein schlimmer Tag, um Morianer zu sein.« Ein dicker Mann mit einem fettbespritzten Hemd trat mit einem Ho- cker in den Eingang. »Aus dem Weg!« sagte er. »Ich will nicht, daß dieser Abschaum vom Brennenden Licht hier herumhängt und mir die Kunden verscheucht! Zu versuchen, unseren Herzog zu ermorden, ja?« Er stieß dem Toten grimmig die Faust in den Bauch. Ich öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, aber Andre um- klammerte meinen Arm und zerrte mich hastig weiter. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst den Mund halten«, zischte er. »Dein Akzent könnte uns töten.« »Aber diese Leute hatten nichts zu tun mit dem Brennenden Licht«, zischte ich zur Antwort. Und stellte fest, daß mir die Tränen übers Ge- sicht liefen. »Solche feinen Unterschiede macht der Mob nicht. Und Dion, versuch bitte auch nicht, irgend jemanden zu retten. Nicht einmal du könntest dich gegen die Masse dieses Pöbels zur Wehr setzen.« »Ich weiß. Ich weiß!« Mit wütenden Schritten lief ich vor ihm her, vor allem, um meine Tränen zu verbergen. Als er mich an der nächsten Straßenecke einholte, war seine Berüh- rung sehr sanft. »Es tut mir leid«, flüsterte ich ihm zu. »Schon gut«, sagte er. Einen Augenblick lang dachte ich, er sei wütend, und warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Sein Gesicht war voller Zärtlichkeit. »Du hast mir weit mehr verziehen, als ich dir jemals werde verzei- hen müssen«, meinte er leise. Ich weiß nicht genau, was mich dazu bewog. Es muß seine Sanftheit nach all dieser Gefahr und dem Anblick dieser armen, toten Menschen gewesen sein. Ich schlang die Arme um ihn. Sein Mund senkte sich hart auf den meinen, und plötzlich war alles andere bedeutungslos. Ich küßte ihn in einer wilden Rage von Lippen und Zunge und Zähnen. Seine Hand wanderte über meinen Rücken hinunter und drückte mich, dicht an ihn. Plötzlich hörten wir Schreie. Am anderen Ende der Straße explodierte plötzlich ein wahrer Strom von Menschen. Sie trugen Schwarz und Grau. Und sie rannten auf uns zu. »Diese Teufel!« fluchte Andre. Er riß mich mit sich und lief um die Ecke, zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. »Schnell, hier hinunter.« Zu unserer Linken zweigte eine kleine Gasse ab. Dort tauchten wir unter und rannten immer weiter, rannten über die schlüpfrigen, mit Abfällen übersäten Pflastersteine. Zu unserer Rechten tat sich eine wei- tere Gasse auf. Andre stürmte hinein und duckte sich unter einer Wä- scheleine voller Wäsche hindurch. Ich folgte ihm immer weiter, stürmte die nächste Gasse hinunter und wieder die nächste, folgte einem ge- wundenen, immer wieder abzweigenden Weg. Nach einiger Zeit ver- langsamten wir das Tempo, bis wir schließlich keuchend stehenblieben und uns an eine Mauer lehnten. Von unseren Verfolgern war nichts mehr zu hören. Die einzigen Lau- te aus den Häusern kündeten vom Alltag; da war das Geräusch eines klackernden Webstuhls, Menschen unterhielten sich und irgendwo in der Nähe weinte ein Säugling. Die Gasse selbst war menschenleer. Ich preßte mir die Hand auf mein heißes Gesicht. »Herr des Himmels, was habe ich mir vorhin nur gedacht?« »Also, ich weiß, was ich gedacht habe«, sagte Andre und kam auf mich zu. Lächelnd wich ich seinen Händen aus. »Ich glaube, es wäre vielleicht besser, wenn wir uns darauf konzent- rieren würden, wie wir zum Palast kommen.« Andre grinste boshaft. »Ich werde mein Bestes tun, obwohl es nicht einfach ist Ich finde dieses Nonnenkostüm einfach wunderbar.« »Andre«, warnte ich ihn, obwohl seine Worte mich glücklich mach- ten. Ich sah mich um. Noch mehr hohe, schmale Häuser. Ich hatte keine Ahnung, wo wir waren. »Haben wir uns verirrt? Weißt du, in welche Richtung wir müssen?« »Dion! Du zweifelst an mir. Ich bin am Boden zerstört.« »Du weißt also, wo wir sind?« Er grinste kläglich. »Nun, nicht direkt, aber ich weiß, wie wir auf eine der Hauptstraßen kommen. Ich glaube, wenn wir diese Gasse hinuntergehen, werden wir wieder wissen, in welche Richtung wir uns wenden müssen. Komm.« Er wollte nach meiner Hand greifen, aber das hinterhältige Zwinkern, in seinen Augen ließ mich zurückweichen. »Ich glaube, ich werde dir einfach folgen. Wir müssen zum Palast.« »Stimmt.« Er seufzte. »Oh, Dion! Wie sehr du mich doch von allen anderen Dingen ablenkst. Dann komm. Hier entlang.« Ich folgte ihm durch eine Reihe schmaler, gewundener Straßen und staunte gleichzeitig über seinen Orientierungsinn. Ziemlich bald kamen wir an eine Hauptstraße. Es war ein Bezirk, ganz ähnlich dem, den wir hinter uns gelassen hatten, als wir vor dem Mob flohen. Hohe, schäbige Häuser mit kleinen Werkstätten im untersten Stockwerk. Andre blickte vorsichtig nach rechts und links, bevor wir auf die Straße hinaustraten. »Ah. Hier sind wir also«, sagte er. »Gut. Jetzt weiß ich, wo wir sind.« Da wußte er mehr als ich. Wir befanden uns jetzt in einem Teil der Stadt, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. »Sind wir weit vom Weg abgekommen?« erkundigte ich mich nervös. »Nur ein wenig. Wir scheinen im großen und ganzen in die richtige Richtung gegangen zu sein. Der Palast liegt dort.« Voller Zuversicht ging er weiter. Dann, als wir um die dritte Ecke bo- gen, fluchte er plötzlich. Er griff nach meinem Arm. »Nein, bleib nicht stehen. Jetzt haben sie uns gesehen. Wir gehen einfach weiter, als wären wir völlig unschuldig. Vergiß nicht, du siehst aus wie eine Nonne.« Es war eine breite Straße mit einem kunstvollen Springbrunnen in der Mitte, beinahe ein Platz. Eine große Gruppe Männer, die die Tracht des Brennenden Lichts trugen, hatte sich um den Springbrunnen ge- schart. An beiden Enden der Straße standen jeweils zwei stämmig aus- sehende Burschen, als hielten sie dort Wache. Die beiden ersten starr- ten uns, als wir vorbeigingen, unfreundlich an, taten aber nichts, um uns aufzuhalten. Ich ging mit schnellen Schritten neben Andre her und hielt den Kopf gesenkt, während mein Herz hämmerte. Wir hatten das andere Ende der Straße fast erreicht, als jemand hinter uns aufschrie. »Heh, Ihr da! Bleibt stehen! Haltet sie auf!« Ich dachte, daß mir die Stimme bekannt vorkam, aber ich war nicht dumm genug, um mich umzudrehen. Als die beiden Wachen Anstalten machten, uns in den Weg zu treten, rief die Stimme hinter uns: »Hexe! Sie ist die Hexe! Haltet sie auf!« »Lauf!« schrie Andre. Er riß die Faust hoch und traf den ersten Wachposten mitten am Kinn. Ich raffle meine Röcke und rannte los, schoß an den nach mir greifenden Händen des anderen Wachpostens vorbei und hörte kurz darauf hinter mir dröhnende Schritte und atem- loses Keuchen. Ich jagte die Straße hinunter, weg von dem Platz. Hin- ter mir hörte ich die Schreie der Verfolger. Andre lief auf seinen langen, Beinen an mir vorbei. »Die nächste Straße links!« zischte er mir im Vorbeilaufen ins Ohr. Er war vor mir an der Ecke und zeigte, als ich ebenfalls abbog, mit der Hand nach rechts, bevor er die nächste Straße hinunterjagte. Ich stürzte hinter ihm her. Er lief die Straße hinunter und warf sich gegen die Haustüren der kleinen Werkstätten. Plötzlich drehte er sich um. »Hier! Wunderbar! Hier hinein!« Halb zog, halb schob er mich in die Dunkelheit hinein, durch die of- fene Tür, die er eine Sekunde später hinter uns zuwarf. Es war vollkommen finster in dem Gebäude, und die Atmosphäre in diesem Raum hatte etwas sehr Unangenehmes. Hätte Andre mich nicht hineingestoßen, wäre ich wohl trotz der Gefahr zurückgeschreckt. Nun bemerkte ich auch das Licht, das durch die schräg gestellten Fensterläden an der vorderen Seite des Hauses fiel. Andre beugte sich vor und spähte durch die Schlitze hinaus auf die Straße. »Puh! Das war knapp. Wieso hat er dich erkannt?« »Hast du sein Gesicht gesehen?« »Es war Ryart Dashalle. Er muß den sechsten Sinn haben.« »Ich dachte mir schon, daß ich diese Stimme kenne.« »Wir sollten besser hoffen… da kommen sie.« Wir standen schweigend in der Dunkelheit Ich hoffte, daß die Männer vorbeilaufen würden, aber statt dessen begannen sie, die Straße abzu- suchen und gegen Türen und Fensterläden zu drücken. Es waren viele, mindestens zwanzig, vielleicht auch mehr. Irgend jemand drückte die Klinke unserer Tür herunter, aber Andre hatte sie verriegelt, und der Mann ging weiter. »Gebt euch Mühe! Sie muß hier irgendwo sein«, sagte eine Stimme. Ich reckte den Hals. Er war es. Ryart Dashalle. Ich konnte ihn durch die Ritzen in den Fensterläden sehen; er stand fast am Ende der Stra- ße. »Verflucht«, flüsterte Andre. »Sieht so aus, als säßen wir jetzt in der Falle.« Als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, das durch die Fensterläden fiel, sah ich auch den Grund für die unangenehme Atmo- sphäre. Wir befanden uns in der Werkstatt eines Werkzeugmachers. Überall hingen Schraubenschlüssel, Zangen und Hämmer an den Wän- den, alle aus Eisen gemacht. Zweifellos fand sich im hinteren Teil des Hauses eine Schmiede voller Eisen. Kaltes, grausames Eisen. Ich schauderte. Andre legte einen Arm um mich. »Keine Angst! Ich lasse nicht zu, daß sie dich kriegen.« Ich sah keinen Grund, ihm zu erklären, weshalb ich zitterte. Die su-, chenden Männer waren schon schlimm genug. »Ich würde mal nachsehen, ob es einen Hintereingang gibt. Vielleicht müssen wir ihn benutzen. Ich möchte nicht, daß das Haus sich am En- de als Falle erweist. Du bleibst besser hier, Dion, und halte sie auf, wenn sie versuchen, vorne reinzukommen.« Ich hockte mich vor das Fenster und versuchte, mich weit genug von den Läden fernzuhalten, um nicht gesehen zu werden, und nah genug, um Dashalle im Auge zu behalten. Die Mauer zwischen uns schien so dünn zu sein. Zwei Männer in Priesterroben kauerten in der Mitte der Straße und warfen einen Zauber auf einen Spiegel, so daß er ihnen als Schale des Sehens dienen und sie nach magischen Spuren suchen konnten. Das würde ihnen viel nützen! Seit dem Kloster hatte ich keinerlei Magie mehr gewirkt… Und das schien mir jetzt schon unendlich lange zurück- zuliegen. Plötzlich stand einer von ihnen auf und ging an der Werkstatt vorbei. »Ryart, wir finden keine Spur von ihr. Bist du dir wirklich sicher?« »Der Engel des Frohlockens hat zu mir gesprochen und mir gesagt, daß sie es sei. Und so war es auch. Er sagte, sie würde sich in dieser Straße verstecken. Er hat mich geheißen, sie gefangenzunehmen. Wir müssen seinem Befehl folgen. Das ist der einzige Weg zum Sieg.« »Ryart, dieser Engel…« Ich trat noch etwas näher an den Fensterladen heran und lauschte angestrengt, um zu hören, was der andere Mann sagte. Und dann plötzlich… Schnapp. Brennend kaltes Eisen schloß sich um meinen Hals. Ich schrie und wirbelte herum. In der Dunkelheit hinter mir erkannte ich einen schwarzen Schatten, riesig und zerfurcht, der die winzige Werkstatt ausfüllte und in erschre- ckender Höhe über mir aufragte. Grausame rote Augen brannten Lö- cher in die Dunkelheit. Ich schrie auf und schrak vor ihm zurück, erstickte beinahe in die- sem brennendkalten Kreis um meinen Hals. Meine Finger stießen taub gegen glühendes, schuppiges Fleisch. Und erst in diesem Augenblick begriff ich. Das hier war kein Mensch. Es war… Oh, Gott und Engel! Es war ein Dämon! Es war Bedazzer! Echtes, körperliches Fleisch, so echt, wie ich es war. Sein brennen- der, schwefeliger Gestank stieg mir in die Nase. Er war hier bei mir, in dieser Welt. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Ameise. Ich schrie auf, schrie ohne Sinn und Verstand um Hilfe. All meine Kraft, all mein Wille, mich von ihm zu befreien, wurde von dem Eisen aufgesogen, meine, Schläge prasselten auf ihn herab, ohne mehr auszurichten als die win- zigen, jämmerlichen Klapse eines Kindes. Ich geriet in Panik, wehrte mich, trat um mich und kratzte nach ihm. Es war, als ränge man mit einem Baum. So ruhig und gelassen, als sei ich eine Stoffpuppe, ergriff er meine Arme und legte all seine Fesseln um meine Handgelenke. Ich biß ihn. Er schmeckte widerlich, und sein Schuppenfleisch brann- te in meinem Mund. »Wo ist Andre, du Ungeheuer? Was hast du mit ihm gemacht?« Bedazzer lächelte, entblößte seine Reißzähne, und dort, vor meinen Augen, verwandelte er sich. Er wurde zu Andre, groß und dunkel und schön. Er zog mich in die Arme, und ich versank in dem süßen Moschusduft seines Körpers, ei- nem Duft, so vertraut wie mein eigener. Es war Andre. Er lächelte sein erotisches, kleines Lächeln. »Es gibt keinen Andre, kleine Magierin«, sagte er. »Es hat immer nur Bedazzer gegeben.« Von der Tür hinter uns kam lautes Krachen. Bedazzer lachte und schrie irgend etwas mit seiner donnergleichen Stimme. Die Tür flog auf, Gesichter und Gestalten dahinter wurden sichtbar, und plötzlich wurde ich auf sie zugeschleudert, durch sie hindurch, hinaus aus dem Raum. Ich schlug schmerzhaft auf den Boden auf, rollte mich atemlos auf die Seite, außerstande, aufzustehen, obwohl ich den Willen und die Absicht hatte, es zu tun. Ober mir standen Männer. Ich versuchte, um Hilfe zu schreien, konnte aber nicht genug Atem schöpfen. Jemand packte mich, riß mir den Schleier herunter und zerrte an meinem Haar. »Hexe!« brüllte ein riesiges Gesicht, das sich dicht an das meine drängte, und Speichel flog an mir vorbei. »Nein!« heulte ich auf. »Helft mir! Es ist ein D…« Die Vorderseite der Werkstatt wurde aufgerissen, und überall flogen Holzsplitter durch die Luft. »Lauft!« schrie ich. »Lauft!« Ich bekam nur einen wilden Schlag ins Gesicht für meine Mühe. Sie liefen nicht weg. Sie knieten nieder, die Hände zum Gebet gefal- tet. Und durch die zersplitterte Frontseite der Werkstatt schritt kein Dä- mon, sondern ein wunderschönes Geschöpf, welches ganz aus Licht und weißer Haut und goldenem Haar zu bestehen schien, mit riesigen, weißen Schwingen auf seinen breiten, kräftigen Schultern. »Oh! Engel des Frohlockens!« rief Dashalle. »Wir loben und preisen dich und danken dir demütig für dieses Zeichen deiner Macht. Wer kann jetzt noch zweifeln, daß der Sieg, den du uns versprochen hast,, uns gewiß ist?« Der Engel warf den Kopf zurück und lachte. Sein Lachen war wie wunderschöne Musik. Es war eine Musik, die anschwoll und sich veränderte und brach, bis sie sich in das Kreischen einer Bogensehne verwandelte, die auf einer geborstenen Geige gestrichen wurde. Nun verwandelte sich auch das Geschöpf vor uns; es breitete seine plötzlich schuppig gewordenen Arme aus, und seine strahlendweißen Flügel verwandelten sich in schwarzes Fledermausleder. Sein schönes Gesicht war plötzlich eine mit Reißzähnen bewehrte Dämonenfratze. Rote Augen blitzten auf. »Narren!« rief er mit einer Stimme, die wie ein triumphierender Donner klang. »Es gibt keinen Engel des Frohlockens. Es hat immer nur Bedazzer gegeben.« Er packte Ryart Dashalle an der Kehle, hob den Mann hoch, dem die Augen aus den Höhlen traten, ließ ihn zappeln wie eine Spinne, die auf eine Nadel gespießt wird, und dann biß er ihm mit einem gewaltigen knackenden Geräusch in den Kopf, als sei er ein weiches Ei, und saug- te die Säfte heraus. Es folgten wilde Schreie und lautes Geheul, während die Anhänger des Brennenden Lichts sinnlos vor ihm durch den Raum jagten, wie Hühner vor dem Schlächter. Bedazzer stolzierte zwischen ihnen umher, hob zappelnde Geschöpfe vom Boden auf, biß zu und lachte, lachte wie ein Kind in einem Bonbonladen. Schon sein Blick allein genügte, wenn er ihn eindringlich auf einen der Männer richtete, um den Betreffenden zu fällen, so daß er als mitleiderregendes Häuflein zu Boden sank, wie tote Blätter, die auf der Straße herumlagen, aus denen alles Leben ge- saugt war, die nicht tot waren, aber doch so gut wie. Der Hurenschlaf! Taumelnd erhob ich mich vom Boden. Flieh! Flieh! schrie es in meinem Kopf. Das Gewicht der Ketten war so schwer, daß ich mich nicht aufrichten konnte. Ich schleppte mich mit grauenvoller Langsamkeit durch den Raum, niedergedrückt von dem Gewicht. Ein eisiger Schauer jagte den anderen, und ich rechnete jeden Augenblick mit dem furchtbaren Schlag, den scharfen Reißzäh- nen, die sich in mein weiches Fleisch bohrten. Hinter mir schrien die Männer und stürzten übereinander. Würden die Schreie niemals en- den? Ich taumelte und schleppte mich weiter, bis ich ausrutschte und beinahe stürzte. Sanfte Hände fingen mich auf und hoben mich hoch. Ich blickte in ein hübsches, vernarbtes Gesicht. »Meine liebe kleine Dion«, sagte Norval. Selbstgefälligkeit stand in seinen Zügen. »Sei vorsichtig. Du könntest dich verletzen. Und das wollen wir doch nicht, oder?«, 14. Kapitel Einige Zeit später zeigte Norvals Gesicht noch immer die gleiche Selbstgefälligkeit. Er ragte hoch über mir auf, während ich in schmutzi- gem Stroh kauerte. Die Kette, mit der ich an die Wand gefesselt war, war zu kurz, als daß ich mich hätte hinsetzen können, daher mußte ich hocken oder knien, um mich nicht zu erwürgen. Angst und Entsetzen setzten mir derart zu, daß meine Beine zitterten und ich deshalb nicht aufstehen konnte. »So ist es richtig«, säuselte er. »Demütigend, nicht wahr? Denk dar- über nach. Ich kenne jede einzelne widerliche Kleinigkeit, die du in letzter Zeit getan hast. Und ich hatte auch Anteil an all den schmutzi- gen kleinen Träumen, an denen du dich ergötzt hast.« Ich schrie und stürzte mich auf ihn und zerriß dabei mit meinen nutzlosen Händen nur die Luft vor mir. In diesem Augenblick hatte ich nur einen einzigen Wunsch, ihn in Stücke zu reißen. Ich haßte ihn. A- ber die Kette hielt mich unerbittlich an der Wand fest. Das eiserne Halsband würgte mich qualvoll, und einen Augenblick lang ver- schwamm das Zimmer vor meinen Augen. Ich prallte gegen die Stein- mauer zurück, wo ich hilflos wie eine Marionette liegenblieb. Mein A- tem ging unkontrolliert und stoßweise. Ich hätte am liebsten gleichzei- tig gelacht, geschrien und geweint. »Du hast dem falschen Mann vertraut, nicht wahr, und das, obwohl ich dir gezeigt habe, wie verdächtig er war. Deine Gefühle haben dich betrogen. Ha! Eine typisch weibliche Schwäche. Was für eine Närrin du doch bist, kleine Dion.« Er ließ sich die Worte über die Zunge gleiten wie eine cremige Süßig- keit; sein Gesicht war erfüllt von tiefer, sinnlicher Verachtung. Aus reiner Scham und Verzweiflung begann ich zu weinen. Ich hatte das Gefühl, als hätte man mir meine Kleider genommen, nein, schlim- mer noch, als hätte man mir sogar die Haut vom Körper geschält, so daß Norval meine nackten, verletzlichen Knochen verhöhnte. »So ist es richtig. Weine nur, du jämmerliches Geschöpf.« Er stieß einen zufriedenen kleinen Seufzer aus. »Weißt du, es war ein vollkommener Augenblick, als diesen dummen Fanatikern klar wurde, daß sie verraten worden waren. Es ist eine ech- te Freude, Menschen in diesem Zustand zu sehen. Aber es ging leider viel zu schnell. Dies dagegen… also, das ist wirklich vollkommen. Häme ist vielleicht das exquisiteste aller dem Menschen bekannten Vergnü- gen. Und weißt du, was das Beste an allem ist? Kitten Avignon ist ü-, berhaupt nichts zugestoßen. Noch nicht. Der Attentäter hat sie nicht im mindesten verletzt, und sie sitzt jetzt im herzoglichen Palast und hofft, daß du nach wie vor in Sicherheit bist, während sie sich hinter einem der erbärmlichen kleinen Magier des Herzogs versteckt. Oh, Katerina, dir steht ein großer Schock bevor.« »Nein!« schrie ich. »Nein!« »0 doch.« Er machte eine träge Handbewegung. »Bring mir einen Stuhl, Sklave. Einen Stuhl, der nicht unter mir zu- sammenbricht und der mir auch in keiner anderen Weise Schaden zu- fügen kann.« Bedazzer streckte die Hand aus und zog den Stuhl buchstäblich aus der Wand. Genauso wie er mich durch die Wand gezogen hatte, als er mich in dieses Zimmer brachte. Eine solche Macht war unglaublich. Und sie bewies, daß Dämonen in keinerlei Beziehung den Gesetzen dieser Welt gehorchten. Er stellte den Stuhl säuberlich vor den großen Holztisch, der in der Mitte des Raums stand. Dann harrte er reglos wie eine Statue daneben aus, die Arme an den Körper gelegt, den Blick starr auf den Boden ge- heftet. Das schlimmste daran war, daß er immer noch Andres Gestalt trug, obwohl seine Hände Bedazzer gehörten, große, schuppige Hände mit langen Krallen. Norval setzte sich lässig auf den Stuhl und schlug elegant seine lan- gen Beine übereinander. Mit plötzlicher Klarheit kam mir zu Bewußt- sein, daß Andres Körper genauso war wie sein eigener – lang, mager und elegant. Er mußte dem Dämon den Befehl gegeben haben, eine solche Ges- talt anzunehmen. Norvals Lächeln hatte etwas merkwürdig Onkelhaftes. »Jetzt, da ich dich zerstört habe, ist mir nach Großzügigkeit zumute, daher will ich dir erzählen, daß du ein ziemlicher Dorn in meinem Fleisch gewesen bist. Weißt du, daß du vielleicht die mächtigste Magie- rin bist, die mir je begegnet ist? Nicht einmal mit Bedazzers Hilfe konn- te ich deine Schutzbarriere durchbrechen. Ah, aber was Intelligenz und Verstand betrifft – da war ich dir weit überlegen. Ich war so genial, zu erkennen, daß man da, wo Gewalt versagt hatte, die besonderen Ver- führungskünste eines Dämons einsetzen konnte. Ich habe deine Schwäche nämlich schon ganz zu Anfang erraten. Deine so überaus nützliche Schwäche. Armes kleines Mädchen. So liebeshungrig. Der Mann, der dich großgezogen hat war ein großer Narr. Er hat dich zu einer leichten Zielscheibe für unseren Prinzen der Leidenschaft hier gemacht.«, »Du hast gesagt, du würdest mich füttern, wenn ich dir die Frau bringe«, knurrte Bedazzer. Seine Augen glühten rot. Sein Gesichtsausdruck war mürrisch und animalisch. »Nun, nun, mein Prinz. Geduld. Geduld«, sagte Norval. »Du wirst ge- füttert, wenn es mir paßt und keinen Augenblick früher. Ich war schlau genug, meinen Plan durchführen zu können«, fuhr er fort. »Meinen Sklaven auf eine Weise zu benutzen, die dein Vertrauen weckte. Oh, Bedazzers Worte waren ganz seine eigenen, genau wie diese abscheuli- chen Träume, die er dir geschickt hat. An der niederen Mechanik der Angelegenheit habe ich mir nicht die Hände schmutzig gemacht. Aber der liebe Andre hat dich immerhin vor Deserovs hoffnungslosen kleinen Verschwörungen beschützt und vor dem Ausbruch dieser Hure, Rapun- zel, in der Kutsche! Das war allein mein Werk. Und du bist wunderbar darauf reingefallen. Genau wie Ryart Dashalle auf den Engel des Froh- lockens hereingefallen ist. Hm, ja, das war ein Geniestreich. Selbst wenn es diesen törichten Kreaturen nicht gelungen ist, Herzog Leon zu töten, Bedazzer und ich haben, was wir wollten. Mit einigen saftigen Kleinigkeiten als Dreingabe. Und in den nächsten Tagen wird es für unseren Prinzen hier eine reiche Ernte geben. Ah! Was für ein vollende- ter Marionettenmeister ich doch bin.« Er griff hinter sich und nahm ein Rasiermesser und einen langen Le- dergürtel vom Tisch. »Ein Dämonensklave ist so nützlich, wenn man schlau genug ist, ihn richtig zu beherrschen. Du warst diejenige, die mich zu ihm geführt hat. Ja, du und nur du! Krümmst du dich nicht innerlich bei dem Ge- danken, daß ich dieses exquisite Werkzeug hier nie in die Hände be- kommen hätte, wenn du und deine geheime kleine Sünde nicht gewe- sen wäret? Ich habe dich dabei beobachtet, wie du dich vor ihm ge- schützt hast, und da wurde mir klar, daß meine kleine milchgesichtige Magierin einen Dämon zum Spielgefährten hatte. Tsts. Dein Ziehvater würde sich im Grabe umdrehen. Mit Schwarzer Magie herumzuspielen. An was für gefährlichen Dingen du doch Gefallen findest.« Ich kauerte mich an die Mauer, preßte mir die Hände auf die Ohren und versuchte, meinem Schluchzen Einhalt zu gebieten. Die hassens- werte Stimme drang jedoch mühelos in meine Gedanken ein. Das konnte er jetzt ohne weiteres tun. Er konnte, wann immer er es wünschte, in meine Gedanken eindringen. Er hatte mir jeden noch so kleinen Funken meiner Macht genommen. »Ich hungere!« brummte Bedazzer mit Donnerstimme. Ich hätte nie gedacht, daß der elegante Andre so animalisch aussehen könnte. »Ach, hör auf zu jammern«, fuhr Norval ihn an. »Du hast heute, schon allerhand gehabt.« Er rollte seinen Ärmel auf, legte den Gürtel um seinen schlanken, weißen Arm und zog ihn stramm. Sein Unterarm war mit kleinen Nar- ben übersät. »Dämonen und ihre Bedürfnisse. Fressen ist das ein und alles ihrer Existenz, und manchmal macht es das Zusammenleben mit ihnen sehr ermüdend. Man darf ihnen auf keinen Fall erlauben, soviel zu fressen, wie sie wollen. Sie sind so gierig und taktlos, wenn es darum geht, Nahrung zu finden. Sieh nur, was passiert ist, als ich zu Beginn des Sommers die Kontrolle über ihn verloren habe. Errätst du es nicht? Die Seuche in Gallia. Das stimmt, der Hurenschlaf. Ein Experte in Fachdä- monologie hätte die Krankheit vielleicht als Nahrungsaufnahme eines gefesselten Dämons erkannt. Aber niemand in Gallia hat etwas be- merkt, weil sie es hier noch nie zuvor mit etwas Derartigem zu tun hat- ten. Sichere, idiotische, kleine Halbinsel. Der glückliche Bedazzer. Ich mußte ihn natürlich aufhalten. Irgendwann hätte er uns beide mit sei- nem Hunger verraten. Er kann sich einfach nicht beherrschen.« Er lächelte mich an. »Genau wie du, Schlampe.« Vorsichtig öffnete er das Rasiermesser, legte es auf eine Vene und schnitt sie ein. Blut sickerte aus dem Schnitt. Bedazzer sah mit heißem, sabberndem Hunger zu, rührte sich je- doch nicht von der Stelle. Norval beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. »Sieh ihn dir nur an. Widerlich. Du bist Abschaum«, sagte er zu Bedazzer. »Nenn mich Herr.« »Herr«, stöhnte Bedazzer. »Laß mich fressen, Herr.« Norval lächelte honigsüß. »Ich habe absolute Kontrolle über ihn. Ich kenne seinen geheimen Namen. Wenn ich wollte, könnte ich ihn sogar hungrig wegschicken.« Er dehnte den Arm, und das Blut quoll aus der Wunde. Bedazzer konnte sich kaum noch zurückhalten. »Also, sei nett, Bedazzer. Zeig mir, wie ein braver kleiner Prinz sich benimmt.« Bedazzer saugte seinen Speichel wieder in sein Maul zurück und ließ sich auf die Knie fallen. Sein Gesicht nahm einen demütigen, kriecheri- schen Ausdruck an. »Ich bin dein Sklave, Herr. Erbarme dich.« »Ja, du bist mein Sklave. Hier, Abschaum.« Andre griff mit Bedazzers gewaltigen, hornigen Händen nach Norvals Arm und machte sich gierig über die Schnittwunde her, um mit laut- starker Gier das Blut aufzulecken. »Ein minderer Dämon; aber nichtsdestoweniger ein Dämon, und jetzt gehört er mir, und ich kann mit ihm spielen. Weißt du, wie ich ihn, zu guter Letzt bekommen habe? Ein alter Trick der Nekromantie. Ich habe unter den Dämonen, die mit dieser Dimension in Verbindung ste- hen, nach einem gesucht, der vielleicht einen Groll gegen ihn hegte. Es war leicht, einen zu finden. Alle Dämonen hassen einander. Dieser Dä- mon kannte Bedazzers geheimen Namen, der ihm selbst überhaupt nichts nutzte, den er mir jedoch mit Freuden mitteilte, um das Vergnü- gen zu haben, unseren Prinzen hier als Sklaven zu sehen. Es scheint, als hättest du ihm irgendwann einmal einen ähnlichen Dienst erwiesen, mein Prinz.« Bedazzer hob für einen Augenblick den Kopf und fauchte wie eine große Katze. »Ha. Er will nichts hören von seiner Versklavung. Dann laß mich dir noch etwas anderes über die Natur der Dämonen erzählen. Auf diese Weise wirst du dein Schicksal um so mehr zu schätzen wissen. Ganz gleich, wieviel menschlichen Abschaum man an sie verfüttert, werden Dämonen langsam aus dieser Dimension herausgezogen, wenn man sie nicht regelmäßig mit der eigenen Körpersubstanz füttert. Blut oder Brustmilch oder Geschlechtssäfte. Letzteres ist natürlich die bevorzugte Art des Gebens. Dämonen können sich in die schönsten Frauen der Welt verwandeln. Sie verstehen sich bestens darauf, Vergnügen zu schenken. Sie lesen deine Gedanken und werden genau zu dem, was du dir ersehnst. Aber das weißt du mittlerweile ja sicher, kleine Hure.« Er lachte über mein Erröten. Ich hätte ebenfalls gelacht. Verlegenheit war in dieser Situation ein höchst törichtes Gefühl. »Aber Sex mit Dämonen ist sehr unklug. Sehr, sehr unklug. Sie sind schlau. Sie neigen dazu, die… die Situation auszunutzen, um sich mehr zu erschleichen, als ihnen zusteht. Habe ich nicht recht, du kleiner Scheißer?« Er schlug Bedazzer auf den Hinterkopf. Der Dämon hob seine blutige Schnauze, grunzte »Ja, Herr.« und neigte wieder den Kopf, um den Rest des Blutes zu schlürfen. »Deshalb füttere ich ihn auf diese Weise. Deshalb durfte ich ihm auch nie erlauben, dich tatsächlich zu lieben. Die Gefahr war zu groß, daß er irgendeine Möglichkeit fand, dir deine Macht zu stehlen, und daß du es bemerken würdest. Für einen Dämon ist die Lebenskraft von Ma- giern überaus nahrhaft. Sie ist angefüllt mit genau der richtigen Art von Macht, verstehst du. Was dich natürlich zu einer ausgesprochen köstlichen kleinen Person macht. Was auch der Grund ist, warum ich dich benutzen werde, um ihn zu füttern.« Er lehnte sich mit dem Kopf an die Stuhllehne, schloß die Augen und stieß einen Seufzer aus. »Es war immer so unangenehm und ermüdend, ihn zu füttern. Aber ich kann uns beide auf magische Weise verbinden, uns zu einem ma-, chen und deine Kraft anzapfen, damit du ihn an meiner Stelle füttern kannst. Das ist ein sehr, sehr alter Trick der Geisterbeschwörer. In dir habe ich einen sicheren Vorrat seiner absoluten Lieblingsspeise. Wie die gelähmte Raupe, auf der eine Wespe ihre Eier ablegt, um ihre Jun- gen zu füttern. Was für eine köstliche Parallele.« Er schwieg einen Moment. Irgendwo in weiter Ferne hörte ich neben dem obszönen Schlürfen Bedazzers ein krampfhaftes Schluchzen und begriff schließlich, daß es von mir kam. »Dein törichter Ziehvater hat all diese Mühe auf sich genommen, dich mit Angst und Liebe und Unwissenheit zu seiner Sklavin zu ma- chen, und dann hat er deine Kräfte nicht benutzt. Was ist los mit euch weißen Magiern? Worin liegt die Tugend ungenutzter Kräfte? Wenn du mein Lehrling gewesen wärst…« Er lächelte. »Nun, zunächst einmal wärst du viel hübscher geworden. Aber wenn du mein Lehrling gewesen wärst, hätte ich unseren Prinzen hier nicht gebraucht. Ich hätte ihn nicht füttern müssen. Also ist es nur passend, daß du ihn für mich füt- tern wirst. Hier. Laß mich los, Abschaum.« Er stieß Bedazzer von sich. Der Dämon fiel fauchend auf den Boden. »Du hast genug bekommen!« rief Norval. Er stand auf und wickelte sich einen strahlendweißen Verband um den Arm. Irgendwo jenseits der offenen Tür begann eine Uhr zu schlagen. Das Schutzritual, das ich im Turm des Klosters vollzogen hatte, muß- te nun langsam seine Kraft verlieren. Jetzt, da ich in Fesseln lag, wür- de es noch schneller verblassen. »Ah!« sagte Norval. »Die Zeit vergeht.« »Mehr!« knurrte Bedazzer. Sein Gesicht war mit Blut befleckt. »Hör auf zu wimmern, Sklave. Ich lasse dich jetzt mit deinem klei- nen neuen Spielzeug allein. Du kannst mit ihr machen, was du willst. Aber du darfst sie weder dauerhaft beschädigen, noch darfst du mehr als ein Zehntel ihrer Essenz verzehren.« »Ein Zehntel ist nicht sehr viel!« Norval sprach einige Worte in einer rauh klingenden Sprache, die ich nicht verstand. Bedazzer sah ihn finster an. »Ich muß dir gehorchen, Herr.« Norval wandte sich zum Gehen. Bedazzer/Andre hockte sich ins Stroh und starrte mich mit brennenden Augen an. Plötzlich wünschte ich, Norval würde bleiben. Ich wollte nicht mit dem Dämon allein gelas- sen werden. »Keine Sorge. Er kann dich nicht töten, es sei denn, ich gebe ihm ei- gens die Erlaubnis dazu. Du kannst dich glücklich schätzen, daß ich noch Verwendung für dich habe. Obwohl ich mir sicher bin, daß du das, Leben für ein Weilchen äußerst unerfreulich finden wirst. Oh, und noch etwas, Sklave, du darfst ihr die Fessel zu keiner Zeit abnehmen. Du darfst sie nicht freilassen.« Wieder benutzte er die fremdartig klingenden Worte. Diesmal ver- suchte ich, sie mir einzuprägen. Er winkte mir zu. »Auf Wiedersehen, Dion Michaeline. Versuche, dich in der Mentalität eines Freßnapfs zu üben. Das ist alles, was du jetzt bist.« Ich hörte, wie seine Schritte sich die Treppe hinauf entfernten. Sobald er fort war, stand Bedazzer auf, zog ein weißes Taschentuch aus Andres Tasche und wischte sich damit den Mund ab. Sein Beneh- men änderte sich so sehr, daß man in ihm kaum noch das Geschöpf sehen konnte, das noch vor wenigen Sekunden wie ein würdeloses Tier im Stroh gekauert hatte. Er drehte sich um und sah mich an. Obwohl seine Augen in der Dunkelheit dämonenrot glühten, trug er immer noch die Gestalt meines ehemaligen Geliebten. Er lächelte mich mit Andres boshaftem Lächeln an. Ohne es zu wollen, tat mein Herz einen Satz. Er lachte leise und taumelte auf mich zu. Ich schrak zurück und preßte mich an die Mauer. Er stand über mir, die langen Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht belustigt. »Was für ein leidenschaftliches Geschöpf du doch bist, kleine Magie- rin. Du hättest es wissen müssen, daß all diese unterdrückte Leiden- schaft eines Tages dein Untergang sein würde. Hat Bedazzer dich nicht gewarnt?« Plötzlich packte er mich an den Haaren und riß mich auf die Füße. Er kam mit seinem funkelnden, brennenden Gesicht ganz dicht an das meine heran und schrie: »Du Miststück! Was hattest du in Bedazzers Land zu suchen? Wenn du auf Bedazzer gehört hättest, wäre ich jetzt kein Sklave. Das ist alles deine Schuld.« »Nein!« Ich schrie. Seine Krallen kratzten über mein Gesicht. »Oh doch. Du warst die Verbindung, du hast Bedazzer gezeichnet, so daß Norval ihn finden konnte. Und Norval hat nach Bedazzer gesucht – nicht wahr –, und er hat mich zum Sklaven gemacht. Er hat sich mit Bedazzers Feinden zusammengetan und die Worte der Macht benutzt, und jetzt muß ich mich zu Norvals Vergnügen demütigen.« Er zog mich dicht an sich und sagte leise: »Und jetzt bist du eben- falls Norvals Sklavin.« Er schleuderte mich an die Wand, hob mich wieder hoch, warf mich abermals gegen die Wand und hielt mich dann fest. »Jetzt wird Norval dich also Bedazzer schenken, damit er sich an dir sättigen kann.« Er lächelte und leckte genüßlich mit seiner langen, obszönen, purpur- farbenen Zunge das Blut von meiner Wange. Sein Atem roch nach, Schwefel. Grauenvolle Visionen erfüllten mein Denken. Visionen von Vergewal- tigung, Verstümmelung, Folter. Ich schluchzte vor Entsetzen. Ich konn- te nicht dagegen an. »Ja, alles sehr interessant«, gurrte der Dämon. »Ich könnte deine Essenz auf alle möglichen Arten genießen. Langsam, wie ein Wurm in einer Blume. Denk nur an die Krankheit der Huren Gallias. Denk an den Tod von Sateen Guistini.« Er leckte mir abermals die Wange. Ich schrie und stieß mit der Hand nach ihm, um sein Gesicht von mir zu schieben. Ich konnte an nichts anderes denken als an Angst. »Bitte!« weinte ich. »Bitte!« Aber er war für den Augenblick meiner müde geworden. Er ging weg, immer noch mit Andres elegantem Gang, und warf sich auf den Stuhl, genau wie Norval es kurz zuvor getan hatte. Er schlug die Beine über- einander und streckte sich, die Hände hinterm Kopf verschränkt, mit träger Eleganz aus. Genau wie Norval. Genau wie Andre. Bis auf die glühendroten Augen und die Krallen. Sein Gesicht zeigte eine seltsame Milde. »Mir ist im Augenblick nicht danach zumute, zu fressen. Sei ganz ru- hig. Zur Zeit hast du keinen Grund, Angst zu haben. Sieh dich doch an. Du kannst vor Angst keinen klaren Gedanken fassen. Es ist wirklich ein Bild des Jammers, ein Wesen von deiner Macht in einem solchen Zu- stand zu sehen.« Er kannte mich, dieser Dämon. Er wußte, wie sehr Tadel mir zusetz- te. Ich richtete mich auf. Holte einige Male tief Luft. Versuchte, ruhig zu sein. »Ja«, wisperte Bedazzer. »So ist es gut. Zeig ein wenig Stolz. Ein wenig Würde. Du bist eine der ganz Großen, kleines Mädchen. Bedaz- zer weiß das. Bedazzer hat das von Anfang an gesehen. Das ist der Grund, warum er dir folgte. Das ist der Grund, warum er dir eine Alli- anz angeboten hat. Warum er dir angeboten hat, was Norval sich mit Gewalt nahm. Aber du warst dumm, und jetzt sind wir beide Sklaven.« Seine weiche Stimme war auf eine undefinierbare Weise beruhigend, wie ein kühler, gewundener Pfad an einem Sommertag. Zu meinem eigenen Erstaunen stellte ich fest, daß ich mich beim Klang dieser Stimme langsam entspannte. »Es war nicht mein Wunsch, dich auf so grausame Art zu täuschen. Es ist nicht mein Wunsch, dich jetzt zu quälen. Es ist unser Herr, der bestimmt, daß ich diese Maske trage, damit du dich immer an deine Niederlage erinnerst. Es ist unser Herr, der dich Schlampe und Hure, nennt und dir sagt, daß du dich schämen sollst. Es ist nicht Bedazzer. Bedazzer war immer nur auf unser beider Vergnügen bedacht.« Er versuchte mich zu beschwichtigen. Er wollte irgend etwas. »Ja. Verlier nicht die Hoffnung. Wir können immer noch Verbündete sein. Sklaven, verbündet gegen den Herrn.« Er beugte sich vor. Sein Gesicht nahm einen bösartigen Ausdruck an. »Warum sollten wir die Sklaven eines solchen Wurms sein? Norval ist nichts gegen dich. Oder mich. Er verfügt nur über sehr wenig eigene Macht. Er ist schwach, weil er mich so lange gefüttert hat. Du könntest ihn mit einem Fingerschnipsen auslöschen, wenn du wolltest. Wenn du frei wärest, könnte ich dir die Welt zu Füßen legen. Ich habe es schon einmal versucht. Erinnere dich an jene Nacht, in der du gerade deine Macht entdeckt hattest. Im Schlafgemach deiner Herrin. Damals hatte er mich bereits versklavt, aber ich bin ohne sein Wissen zu dir herein- geschlüpft. Denk daran. Ich hätte dich damals berühren können, aber es war mir verboten, mich dir zu enthüllen. Aber wenn du mein Ange- bot angenommen hättest, hättest du uns beide retten können. Du hät- test mich freilassen können. Wir könnten…« Er hielt inne und schien zu lauschen. Plötzlich sprang er auf. Schoß auf mich zu. Seine Krallen bohrten sich in meine Kehle, während er mich hochriß. Plötzlich klaffte sein Maul weit auf, eine einzige riesige, nach Schwefel riechende Fäulnis, und mehrere Reihen spitzer, geschwärzter Reißzähne stürzten auf meinen Hals zu. Als er zubiß, schrie ich auf. Seine Kiefer schlossen sich mit einem Knacken auf leere Luft. Ich schluchzte vor Entsetzen und stellte fest, daß er mich festhielt, daß ich mich zitternd an ihn lehnte. Seine mit Schuppen besetzten Finger strichen mir zärtlich übers Haar. Er lauschte. »Ah«, sagte er. »Es ist gut. Norval hat sich schon ge- fragt, warum es so still war. Jetzt ist er zufrieden.« Er schüttelte mich. »Laß das. Hör zu. Schnell. Er wird mich bald wegrufen, damit ich ihm deine Freundin hole. Vielleicht kann ich dich freilassen. Dann könntest du Norval töten und entkommen. Wie würde dir das gefallen?« »Hör auf, mich zu quälen«, kreischte ich. Die Tränen strömten mir über die Wangen. »Ich quäle dich nicht«, sagte er. »Ich will einen Pakt mit dir schlie- ßen. Wenn ich deine Ketten öffne, wirst du Norval für mich töten.« Norval töten! Wenn ich Norval tötete, würde Bedazzer frei sein, frei, um über die ganze Erde zu ziehen, zu gehen, wohin es ihm gefiel, zu fressen, wo ihn die Lust ankam. Eine grauenvolle Vision des gewaltigen, Ödlands von Moria erhob sich vor meinem inneren Auge. Noch einmal sah ich das hilflose Grauen der Anhänger des Brennenden Lichts in der kleinen Straße, ich sah es um ein Millionenfaches vervielfältigt, sah ihre Verletzungen millionenmal schlimmer, an Millionen weiterer Leiber, bis mich eine Vision von solcher Zerstörung erfüllte, daß ich den Kopf schüttelte, um sie zu vertreiben. »Genau«, sagte Bedazzer. »Aber hast du eine andere Wahl?« Hatte ich eine Wahl? Eine Mahlzeit für Bedazzer zu sein oder ihn in der Speisekammer freizulassen, damit er fraß, soviel er wollte. Ich sah ihn an. Nein, schrie es in meinem Kopf, aber meine Lippen vermochten dieses hoffnungslose Wort nicht auszusprechen. Unzählige Möglichkeiten gingen mir durch den Kopf. Bedazzer lächelte Andres schiefes Lächeln. »Ich werde dir jetzt etwas sagen: Wenn du auf den Gedanken kommst, zu fliehen, ohne Norval zu töten, werde ich von diesem Ge- danken wissen, sobald er in deinem Kopf auftaucht, und ich werde dich aufhalten. Ich habe nicht die Absicht, die Vorteile einzubüßen, die dei- ne Gefangenschaft mir bringt, es sei denn, ich sähe auf der anderen Seite größere Vorteile. Du hast keine Hoffnung auf Flucht, es sei denn, du tust dich mit mir zusammen.« Dann hielt er abermals inne und lauschte. »Er ruft«, sagte der Dämon. »Ich gehe.« Er ließ die Hand über die Kette gleiten, die mich an die Mauer fesselte, und plötzlich war sie län- ger. »Ruh dich jetzt aus. Sammele Kräfte.« Mit einer eleganten Geste seiner klauenbewehrten Hand verschwand er. Obwohl Bedazzer die Kette verlängert hatte, so daß ich mich hinle- gen konnte, umklammerte die kalte Eisenfessel meine Kehle mit un- nachgiebiger Härte, ganz gleich, wie ich mich hinlegte. Ich versuchte, die Dinge ruhig zu überdenken. Es war nicht einfach. Ich wünschte mir nichts mehr, als mich zusammenzurollen und zu weinen, mich der Hoffnungslosigkeit und dem grauenhaften Wissen um meine eigene Dummheit hinzugeben. Ich hatte Kitten verraten. Schon bald würde sie die Art von Hölle durchleben, die ein Mann wie Norval für sie ersinnen konnte. 0 Engel! Was für eine Närrin ich gewesen war. Aber langsam wuchs kalter Zorn in mir. Ein Zorn, so stark, daß er mich erzittern ließ. Es war kein Problem für mich, Norval zu töten. Ich stellte mir die belustigten, triumphierenden Gedanken vor, die Norval jedesmal durch den Kopf gegangen sein mußten, wenn der Dämon, mich berührt oder geküßt hatte. Bei Gott, jetzt wollte ich Norval töten. Ich würde es diesem Bastard zeigen. Ich würde ihn peinigen und zer- stören und zerquetschen. Aber wie sollte ich es anstellen? Wie sollte ich Kitten und mich ret- ten? Ich hegte keinerlei Zweifel daran, daß der Dämon die Wahrheit gesagt hatte, als er erklärte, er würde mich aufhalten, falls ich zu flie- hen versuchte, ohne Norval vorher zu töten. Norval zu töten war die einfachste, ja sogar die erstrebenswerteste Lösung. Aber das würde bedeuten, daß ich den Dämon freiließ, und ein solches Wesen konnte ich nicht freilassen! Ich mußte mir meine Freiheit ohne ihn erkämpfen! Verzweifelt begann ich, an der Fessel zu zerren, an den Gliedern der Kette zu reißen und sogar zu versuchen, sie mir über den Kopf zu strei- fen, wobei ich mir in meiner Verzweifelung den Hals aufkratzte und große Haarbüschel ausriß. Die Fessel wies keinerlei Mängel auf. Das Eisen war kräftig und der Ring gut geschmiedet. Die Öse, mit der die Kette an der Wand befestigt war, war fest in massiven Beton eingelas- sen worden. Ich zog und zog, aber sie gab nicht nach. Ich war noch nie so schwach gewesen. Mein ganzes Leben lang hatte ich über Magie verfügt. Gott verdamme Norval! Verdamme seine stinkende, verrottete Seele zu ewiger Höllenfinsternis! Ich schrie die Mauer an und hämmer- te mit den Fäusten dagegen. Ich würde dem Dämon helfen. Alles, um diesen verlogenen Abschaum von einem Geisterbeschwörer in die Fin- ger zu bekommen. Alles! Langsam verblaßte der wilde, schwarze Zorn und verwandelte sich in einen fiebrigen Traum, während ich mich erschöpft an die Mauer lehn- te. In dem Traum sah ich abermals die Straße vor mir und die Anhän- ger des Brennenden Lichts, die vor Bedazzer flohen, nur um verzehrt zu werden, ohne daß er sie auch nur hätte fangen müssen. Und das war die Macht, über die ein gefesselter Dämon verfügte! Was, wenn er erst frei war? Es würde die Verwirklichung all jener Visionen einer Hölle auf Erden bedeuten, die die alten Schriftsteller so anschaulich be- schrieben hatten – Menschen, denen das Fleisch von lebendigen Kno- chen gesogen wurde, Eingeweide, die rot auf verbranntem Gras verteilt lagen, der Wind, in dem noch die Schreie der bereits Toten heulten, ausgeblutete Bäume und riesige braune Staubwolken, die über eine Wüste wehen würden, die einst Gallia gewesen war. Wieder hörte ich das Geräusch von Fleisch, das barst, und von Knochen, die knirschend zermalmt wurden. Ich hatte das Werk meines sogenannten Verbünde- ten bereits gesehen. Das war nicht irgendein großer, freundlicher Hund, sondern ein Dämon und ein Zerstörer. Und wenn er freigelassen würde…, Ich war wieder überlistet worden. Der Dämon mußte wissen, wie sehr ich Norval haßte. Er hatte diesen Haß sogar noch genährt. Zweifellos zählte er darauf, daß diese Gefühle mich völlig ausfüllen und für die Wahrheit blind machen würden. Der wahre Feind hieß Bedazzer. Für ein solches Geschöpf waren wir lediglich Nahrung wie eine Herde Schafe. Er war gerissen. Er konnte in unser Innerstes sehen, in Norvals und meines, und er benutzte unsere Gedanken und Gefühle gegen uns. Er hatte für Norval eine sklavische und tierische Rolle gespielt, in der ich ihn nicht wiedererkennen konn- te. Mein Bedazzer wäre für Norval wahrscheinlich genauso unkenntlich. Norval war lediglich eine Figur in einem zur Niederlage verurteilten Spiel mit Bedazzer; im Grunde befand er sich in keiner besseren Positi- on als ich. Das zu wissen machte es mir leichter, vernünftig über Be- dazzer nachzudenken. Ich durfte Bedazzer nicht freilassen. Bedazzer. Andre. Andre hatte so viele faszinierende Eigenschaften besessen, die in Wirklichkeit zu Bedazzer gehörten. Andres allein auf sein Vergnügen bedachte Unmoral und die schwindelerregende Freiheit, die er sich nahm, waren wahrscheinlich dämonische Talente. Andre hatte mir das Gefühl gegeben, verstanden zu werden. Er hatte meinen Charakter erkannt und Bewunderung dafür empfunden. Nein! Nein, nein, nein! Sei keine Närrin! Andre hatte nie existiert und Bedazzer… Kannte Bedazzer irgendein anderes Gefühl als Hunger? Selbst in Andres Gestalt hatte der Dämon mir nur gesagt, was ich hören wollte, nein, hören mußte, damit er mich manipulieren konnte. Er hatte mir eine unwiderstehliche Mischung aus Wahrheit und Lügen dargeboten. Er wußte, daß eine Mischung aus Be- wunderung und Tadel bei mir bestens funktionierte. Auf diese Weise hatte er mich genauso sicher an sich gebunden, als wäre er tatsächlich der liebevolle Andre, der zu sein er behauptet hatte. Konnte ich Norval wirklich besiegen? Warum hätte Bedazzer sonst meine Einwilligung gesucht, den Mann zu töten? Ich vermutete, daß ich Norval in einer Schlacht der Macht besiegen konnte, denn wenn Bedaz- zer mich befreite und Norval mich tötete, würden beide viel verlieren. Nein. Norval war nicht das Problem. Konzentrier dich auf Bedazzer. Konnte ich Bedazzer in einer Schlacht der Macht jemals besiegen? Mit einem Gefühl der Trostlosigkeit kehr- ten meine Gedanken abermals zu Bedazzer und den Anhängern des Brennenden Lichts zurück. Konnte ich gegen die Macht, von der er bei dieser Gelegenheit nur einen kleinen Teil gezeigt hatte, überhaupt et- was ausrichten? Ruhig, Dion! Denk nach. Bedazzer mußte wissen, daß ich mich, sobald Norval tot war, gegen, ihn wenden und versuchen würde, ihn zu zerstören. Oder verließ er sich darauf, daß ich nicht wußte, wie man einen Dämon töten konnte? Möglich, daß er da recht hatte. Ich wußte, wie ich in Gemeinschaft mit anderen Magiern meine Rolle im Großen Gesang zu spielen hatte. Aber einen Dämon ganz allein zu zerstören. Wie mußte man da vorgehen? Ich erinnerte mich an die Worte des Dekans an jenem Tag, an dem wir über Dämonen gesprochen hatten. Er hatte davon geredet, wie der Große Gesang funktionierte, auf welche Weise die Magier einen Dämon in dieser Dimension zerstören konnten, indem sie ihn festhielten, ihn von seiner eigenen Dimension und den Wurzeln seiner Macht dort ab- schnitten. Gewiß konnte ein einzelner Magier dasselbe versuchen. Viel- leicht konnte ich es tun. Dann erinnerte ich mich daran, was der Dekan als nächstes gesagt hatte. »Sie dürfen sich nie, nie einbilden, Sie wären einem Dämon jemals gewachsen.« Ich konnte nicht allein gegen Bedazzer kämpfen und auf einen Sieg hoffen. Er war einfach zu mächtig. Und wenn ich den Dämon freiließ? 0 Engel der Barmherzigkeit! Ich konnte diese Entscheidung nicht treffen. Ich hatte Angst. Ich wünsch- te, es gäbe jemanden, mit dem ich reden konnte. Ich wünschte, Kitten wäre hier, um mir zu sagen, was ich tun sollte. Dann fiel es mir wieder ein. Kitten war wahrscheinlich hier. Jetzt. Und was tat Norval ihr an? 0 Gott. Es tat mir leid. Es tat mir so leid. O Kitten, es war alles meine Schuld. Ich weinte wieder und mein Körper erbebte vor Schluchzen. Beruhige dich! ermahnte ich mich. Du wirst für deine Torheit büßen müssen. Weitere Schwächen kannst du dir nicht leisten. Du wirst Kitten das wiedergutmachen müssen, und wenn es dich umbringt. Denk nach, Frau! Denk nach! Wenn Bedazzer mich freiließ, konnte ich vielleicht einfach die Flucht ergreifen und Kitten mitnehmen. Abermals durch Raum und Zeit sprin- gen. Bedazzer hatte gesagt, er würde mich aufhalten, aber vielleicht, wenn ich schnell war… vielleicht konnte ich, selbst wenn Bedazzer mich verfolgte, auf die Hilfe des Colleges zurückgreifen. Möglicherweise würden wir gerettet werden. Aber er würde meine Absicht erkennen, sobald sie mir in den Sinn kam. Und Bedazzer war so mächtig, daß er mich mühelos aufhalten konnte. Oder vielleicht nicht? Ich lag im Stroh und spielte nachdenklich mit einzelnen Halmen. Seltsam, daß Norval Bedazzer in der Vergangenheit nie ausgeschickt hatte, um gegen mich zu kämpfen. Konnte es sein, daß ich in der Lage war, ihn zu besiegen? Nein! Das war ein törichter Gedanke! Ich durfte ja nicht einmal hoffen, daß ich zu ähnlichen Dingen in der Lage sein, könne, die ich Bedazzer hatte tun sehen. Vielleicht war der Schutz… Wer sich verteidigte, war stets im Vorteil. Ja, das mußte es sein. Viel- leicht war es für den Dämon zu schwierig gewesen, eine Verteidigungs- barriere zu durchbrechen. Das bedeutete nicht, daß ich ihn in einer offenen Schlacht besiegen konnte. Angenommen, der Dämon wäre ein paar Stunden lang frei. Ich hatte eine jähe Vision von Reihen geschwärzter, spitzer Zähne. Von einer Orgie knirschender Knochen und einer Ödnis blutiger, abge- rissener Gliedmaßen überall um mich herum. Selbst einige wenige blutgetränkte Stunden würden Gallia in diesen Alptraum verwandeln. All diese unschuldigen Menschen, und ich hätte sie mehr oder weniger selbst getötet. Weil ich dem falschen Mann vertraut hatte. Weil ich meine eigenen schmutzigen Begierden nicht beherrschen konnte. Wie sollte ich damit leben? Nein. Während ich in dem düsteren, feuchten Raum lag, versuchte ich wie- der und wieder, einen gefahrlosen Weg durch dieses Labyrinth zu fin- den. Während ich immer müder wurde und meine Verwirrung wuchs, erschien es mir langsam, als sei es das vernünftigste, mich Norval zu unterwerfen. Ich hatte versagt, als es galt, Kitten zu schützen, und ihr Tod würde für alle Zeit auf meinem Gewissen lasten, aber besser ein unschuldiges Menschenleben als die Hunderte, die sterben würden, wenn ein Dämon in Gallia tobte. Und Gott wußte, daß ich für mein Scheitern zu sterben verdiente. Ich begann jämmerlich zu weinen. Das war meine Gemütsverfas- sung, als der Dämon zu mir zurückkehrte. Er kam als Andre, elegant, mit geschmeidigen Gliedern und langem, dunklem Haar. Sein locker fallendes, weißes Hemd war mit leuchtend- rotem Blut bespritzt. Er packte mich, zerrte mich rauh auf die Füße und schüttelte mich. »Wir sind verzweifelt, wie? Dummes Mädchen.« Sein Ton verriet eher Zuneigung als Grausamkeit. »Norval hat deine Freundin jetzt. Er spielt mit ihr. Und er möchte, daß ich dich hole, damit du zusehen kannst. Glaubst du, daß du das ertragen kannst?« Sein Spott machte mich wütend. »Besser das, als dich freizulassen.« »Aha, das ist also deine Entscheidung, ja?« Er beugte sich über mich. Ich versuchte, meinen Geist zu leeren, damit er nicht sehen konnte, daß ich zu fliehen beabsichtigte. Wieder einmal roch ich den geliebten Duft von Andres Körper. Und ich roch auch Blut. »Sieh dir das an.« Er zog an seinem blutbespritzen Hemd. »Das ist, das Blut deiner heißgeliebten Freundin. Norval hat mir befohlen, sie zu vergewaltigen. Ja. Sie zu vergewaltigen.« Langsam wiederholte er die Worte. »In Dämonengestalt. Du weißt doch, was das bedeutet, oder?« Ich erinnerte mich an jenen ersten Tag, an dem ich ihn gesehen hat- te. Diesen riesigen, dornigen Phallus. Ich schauderte. »Nein!« »Ja. Es war eine Qual für sie. Sie wird schon bald an den Wunden sterben. Wenn Norval sie läßt. Komm jetzt. Genug davon«, sagte er. Er streckte die Hand aus, und etwas barst durch die Mauer. Es war eine zweite Hexenfessel. Identisch mit der ersten. Er öffnete sie und kam auf mich zu. »Ich werde dir nicht helfen.« »Ach ja!« sagte er höflich. Er ließ die zweite Fessel um meinen Hals zuschnappen. »Ich werde dir helfen, wenn du dich an mich bindest.« »Also das ist wirklich ein sehr mutiger Vorschlag«, sagte er belus- tigt. Er öffnete die erste Hexenfessel. »Aber ich denke, ich werde dein Angebot ablehnen. Warum sollte ich einen Herren gegen den anderen eintauschen?« »Ich werde dir helfen, wenn du mir deinen Namen sagst.« »Mein Name ist Bedazzer«, sagte er. »Oder wäre dir Andre lieber, mein Herz?« »Zur Hölle mit dir!« schrie ich. »Ich werde dich nicht freilassen.« »Nein?« fragte er ungerührt. »Nun, ich sage dir auch nicht meinen wahren Namen, damit wären wir dann quitt. Du wirst es bedauern. Und Kitten Avignon. Norval wird dich nicht einfach töten. Und ich bin nicht barmherzig. Weder für sie noch für dich wird es einen schnellen oder einen sauberen Tod geben.« Nun ließ er Handfesseln um meine Gelenke zuschnappen. Ich mußte den Hals recken, um mit den beiden Halsfesseln fertig zu werden. »Aber nur für den Fall, daß du deine Meinung ändern solltest.« Er streckte die Hand aus und ließ mit einer feingeschnittenen, wei- ßen Fingerspitze die Schlösser der ersten Fessel aufspringen. Dann stieß er einen Seufzer der Befriedigung aus, kehrte mir den Rücken zu und ging davon. »Was?!« »Nun mach schon. Nimm die Fessel ab. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Ich sah ihn argwöhnisch an. »Was ist hier los?« »Nimm sie ab, Dummkopf.«, Ich zog die schwere Fessel, die mir um den Hals lag, ab. Es war, als hätte mein Blut wieder in meinen Adern zu kreisen begonnen. Wie weggewischt war das Gefühl absoluter Erschöpfung. Statt dessen er- füllte mich eine tiefe Freude, eine strahlende, leuchtende Kraft. Obwohl die zweite Fessel genauso aussah wie eine Hexenfessel, war sie nicht aus Eisen, soviel stand fest. »Bist du jetzt glücklich? Ist es so besser?« Voller Verwunderung sah ich ihn an. Wie konnte er das fertigbringen, wo er doch ein Sklave war? »So ist das eben bei uns. Selbst wenn wir Sklaven sind, können wir alles tun, was man uns nicht eigens verbietet. Ein kluger Dämon wie ich lullt seinen Herrn ein, so daß er in ihm nur ein Vieh sieht, einen geistlosen Sklaven. Schließlich wird er unvorsichtig mit seinen Befeh- len. Genau das ist Norval passiert. Wenn er seine Befehle exakter for- muliert hätte, wenn er genau gesagt hätte, welche Fessel ich dir nicht abnehmen darf oder wenn er gesagt hätte, es müsse eine eiserne Fes- sel sein, wäre alles verloren gewesen. Aber er hat mir lediglich verbo- ten, dir die Fessel abzunehmen. Er hat nichts davon gesagt, daß ich sie nicht aufschließen dürfe.« »Das ist doch lächerlich!« Er zuckte die Achseln. »Aber so funktioniert es eben. Das ist der Grund, warum nur so wenige uns versklaven und überleben.« Er nahm das Ende der Kette in die Hand. »Denke nur daran, mein Liebling, daß ich dich aufhalten werde, wenn du versuchst, Kitten zu retten, ohne Norval zu töten. Und denk auch daran, daß mein Herr nicht zu früh bemerken darf, daß du frei bist. Er wird Kitten Avignon viel näher sein, als du es bist.« Dann legte er die Arme um mich. Genau wie Andre. »Du kannst ihn besiegen«, sagte er. »Es wird ganz einfach sein für dich.« Er küßte mich sanft auf die Wange. Ich konnte nicht dagegen an. Ich fühlte mich getröstet. Sie war an den großen Steintisch gefesselt. Ihr Gesicht und ihr zerris- senes Hemd waren mit Blut bedeckt, und sie lag in einer großen Blutla- che, die ihren Ursprung zwischen ihren Beinen zu haben schien. Ich wollte auf sie zustürzen, aber der Dämon riß warnend an der Kette und hielt mich zurück. Sei stark, dachte ich. Du darfst Bedazzer nicht nachgeben. Er will, daß du dich aufregst! »Ah, Dion«, sagte Norval mit honigsüßer Stimme. Er trug eine weiße, blutbespritzte Metzgerschürze und schwere, weiße Handschuhe. Überall, im Zimmer waren in Reih und Glied brennende, schwarze Kerzen auf- gestellt worden. Auf einer Bank neben dem Tisch, auf dem Kitten lag, fanden sich säuberlich bereitgelegte Werkzeuge, die gewaltätigen, zerstörerischen Werkzeuge, die auf die Werkbank eines Zimmermanns gehörten und die kleinen, grausamen Werkzeuge des Folterknechts. »Ein Stuhl für unseren Gast, Bedazzer. Schau! Du siehst jetzt, daß dein Versagen vollendet ist. Jetzt steht es mir frei, diese Hure so zu strafen, wie sie es verdient. He, Hure…« Er packte Kittens blutiges Ge- sicht und schüttelte es. »… wach auf und sieh deine Verräterin.« »Es tut mir leid, Kitten. Es tut mir so leid.« Die Tränen strömten mir jetzt übers Gesicht. Es war furchtbar, sie so zu sehen. Ich konnte es kaum ertragen. Ich mußte stark sein. Ich wür- de sie sterben sehen. Sie stöhnte und murmelte etwas. »Sklave! Bring mir unvergifteten Wein, von dem ich nicht krank werde und dessen Geschmack mir zusagen wird.« Ein Kelch erschien in der Luft neben ihm. Er nahm ihn und nippte daran. »Katerina«, rief er leise. »Katerina. Wach auf, Liebling, wach auf und nimm deine Medizin.« Und plötzlich kippte er den Wein über sie. Sie schrie auf, als die Bit- terkeit des Getränks in den Wunden auf ihrem Gesicht brannte. Ich zuckte für sie zusammen. Ihr Kopf rollte zur Seite und sie öffnete trü- be, grüne Augen. »Also, wo waren wir? Eine kleine Anatomiestunde für meine char- manten Freunde.« Er griff nach ihrer Hand, drehte die Innenseite nach oben und legte sie säuberlich neben ihren Körper. »Im Handteller haben wir den…« Er begann, die Knochen zu benen- nen. Dann griff er hinter sich und nahm sich einen mit einer Stahlspitze versehenen Hammer. Ohne in seinem Vortrag innezuhalten, hob er den Hammer hoch über den Kopf. Es war das letzte, was er jemals tat. Ich schrie auf und stürzte mich auf ihn. Norvals Gesicht war so voller selbstgefälliger Wonne. Ich haßte ihn so sehr, daß ich es nicht ertragen konnte. Mein Haß wogte unkontrolliert vorwärts. Ein Flammenstrahl entriß sich meinen Händen, strömte quer durch den Raum, schleuderte ihn gegen die Wand, verschlang ihn. Zerstören. Zerstören. Mein Zorn entströmte mir in gedankenlosem, reinigendem Feuer und strömte un- kontrolliert immer weiter – weiter und weiter, obwohl Norval jetzt nur noch ein kleines Häufchen rauchender Asche an der Mauer war., Dann, in diesem Augenblick, dachte ich an den Dämon. Bedazzer. Der wahre Feind. Ich schrak zurück und spürte, wie meine Fingerspitzen knisterten und Funken sprühten, als ich all diese Macht zu hastig wieder an mich riß. Meine Arme krampften sich schmerzhaft zusammen. Ich wirbelte herum und sah Bedazzer, der sich genüßlich ausstreck- te. Er sah befreit aus. Er sah größer aus und irgendwie leuchtender. Ich muß ihn aufhalten, dachte ich. Ich streckte die Hand nach ihm aus und ließ all diese Macht aber- mals frei. Diesmal mußte ich mit Gewalt nachhelfen. Ein riesiger Feu- erstrahl raste auf ihn zu. Er stand gelassen inmitten der Flammen, und Andres langes, dunkles Haar wehte ihm in dem Schwall glühender Hitze aus dem Gesicht. Dann warf er den Kopf zurück und stieß ein so gewaltiges, heulendes Lachen aus, das der Raum darunter erzitterte. Er begann sich zu ver- wandeln. Seine Haut wurde schuppig und dornig, seine Gliedmaßen wurden zu riesigen, grauen, sehnigen Scheiten und sein Gesicht ver- wandelte sich unter einer massigen, gehörnten Stirn in das grausame Maul des Dämons, den ich bei unserer ersten Begegnung gesehen hat- te, mit zahllosen Reihen scharfer, geschwärzter Zähne in einem offe- nen, lachenden Mund. Er riß die Arme hoch, streckte sie bis zu den zu Krallen gebogenen Fingerspitzen aus und begann zu wachsen; sein Körper nahm gewaltige Ausmaße an, bis er gegen die Decke krachte und mit einem lauten, freudigen, zerstörerischen Donnern durch sie hindurchbrach. Sein Lachen wuchs mit ihm, so daß es nicht nur das Gebäude, sondern das ganze umliegende Land erzittern ließ. Ich sah ihm voller Entsetzen zu. Wie konnte man ein Wesen verschlingen, das einfach immer weiter wuchs? Dann wurde mir klar, daß er sich mit die- sem gewaltigen Wachstum selbst verriet. Im Handumdrehen würde irgend jemand ihn sehen, wenn das nicht bereits passiert war, und Hil- fe holen. Dann würde das College kommen. Sie würden ihn zerstreuen, sie würden ihn zerstören. Ich brauchte ihn lediglich so lange zu be- schäftigen, bis sie kamen. Plötzlich erfüllte mich eine Woge der Hoff- nung und mit ihr begann ich selbst zu wachsen; meine Glieder und mein Leib streckten sich, und es war ein wunderbares Gefühl, als wä- ren meine Gliedmaßen auf engem Raum gefangen gewesen und hätten sich plötzlich befreit. Er blickte auf mich hinab und hörte auf zu lachen. Ein finsterer Aus- druck zog, einer Donnerwolke gleich, über sein Riesengesicht. »So«, zischte er. Er hatte meine Gedanken gefühlt. Meine Hoffnung hatte mich verraten. Aber die Kälte der Magie war über mich gekom- men, so daß ich keinerlei Entsetzen verspürte. Mich erfüllte nur ein, wilder, verwegener Jubel, weil meine Macht sich in mir öffnete und weil ich spürte, daß ich sie nun endlich bis an ihre Grenzen ausschöpfen würde. Ich würde wachsen, bis ich groß genug war, um mich auf ihn zu werfen wie eine Decke über ein Feuer und ihn zu ersticken. Es spielte keine Rolle, ob ich dazu fähig war oder nicht. Der Versuch selbst war alles. Ich wollte diesen herrlichen Kampf. Meine Angst vor ihm war in dem Augenblick verschwunden, in dem die Magie mich ergriffen hatte. Er schlug mit einer gewaltigen, sichelscharfen Faust nach mir. Meine Haut war Granit, unverletzlich, und der Schlag sprühte Funken, als er mich traf, verletzte mich aber nicht, obwohl seine Wucht mich zurück- taumeln ließ. Die Wirklichkeit schlug mit einer übelkeiterregenden Woge wieder über mir zusammen und plötzlich blickte ich abermals auf den Dämon herab, der nun in der Gestalt eines gewöhnlichen Mannes – in Andres Körper – vor mir stand. Einen Augenblick lang starrten wir einander an. »Wenn du nicht eine solche Närrin wärest, würdest du mich fürchten«, sagte er mit dem mächtigen Dröhnen von tausend Stimmen. Ja, das würde ich wahrscheinlich, dachte ich, obwohl ich ganz erfüllt von diesem unwirklichen Gefühl war, das den Namen Magie trug. Ich fragte mich, ob ich ihn angreifen sollte oder nicht. Vielleicht konnte ich ihn von dieser Höhe zertreten. Dann tat er etwas, das ich niemals erwartet hätte. Er drehte sich um und jagte mit der Geschwindigkeit eines Blitzes auf die Mauer zu. »Folg ihm!« schrie ich. Dann ließ ich mich jäh auf meine normale Größe zusammenschrumpfen und stürzte hinter ihm her. »Fang ihn!« Er wirkte wie ein Magnet auf mich, der nun mit kreiselnder Magie er- füllt war. Ich bekam noch seinen Knöchel zu fassen, als er durch die Wand sprang. Die Wand jagte auf mich zu. Ich mußte sie durchdrin- gen. Konnte sie durchdringen, durchdrang sie. Meine Kutte zerriß, als ich durch den rauhen Stein trat. Bedazzer schoß hinauf in die Luft, die unter der Hitze seines Körpers zu zischen begann. Meine Kleider schwelten unter dieser Hitze, aber mir selbst konnte das Feuer nichts anhaben. Muß ihn festhalten. Muß: ihn verschlingen. Muß ihn von seiner Di- mension abschneiden. Er zischte und wand sich in meiner Umklammerung, aber ich hielt ihn fest, hielt fest und noch mehr. Ich packte mit der anderen Hand sein Bein, hievte mich hoch und hatte plötzlich Arme und Beine um sein Bein geschlungen, in einer so lächerlichen Position, daß ich tat- sächlich laut auflachte. Der Wind heulte in meinen Ohren, während wir in schwindelerregender Höhe über den Himmel zogen., Unter uns tauchte wie aus dem Nichts eine Ansammlung von Gebäu- den auf – ein Bauernhof, nein, ein kleines Dorf. Bedazzer stürzte zur Erde wie eine gewaltige Aaskrähe und stieß dabei einen heulenden, donnergleichen Schlachtschrei aus. Ich dachte an die Schutzbarriere, die ihn so lange von Kitten ferngehalten hatte, und meine Hand schnellte hervor. Ich tat es einfach. Ich wob eine Schutzblase über das Dorf. Es war so einfach wie Gähnen. Der Dämon tauchte auf das Dorf hinab, und sein Maul klaffte weit offen. Menschen drehten sich auf der Hauptstraße um, schrien zum Himmel hinauf, ließen fallen, was sie bei sich trugen, rannten. Es krachte. Bedazzer prallte auf die unsichtbare Schutzmauer und seine Zähne scharrten mit einem metallischen Kreischen darüber hin- weg. Er heulte auf, heulte in einem Wahn bitterster Enttäuschung. Dann drehte er sich in der Luft um und holte mit solch wildem Ingrimm nach mir aus, daß er einen Augenblick lang meine Unverletzlichkeit durchdrang und meine Haut aufriß. Trotzdem klammerte ich mich wie besessen an ihn. Einen Augenblick lang hingen wir reglos in der Luft, dann krümmte und wand er sich plötzlich in meinen Armen, brodelte, schäumte und verwandelte sich. Jetzt hielt ich etwas Glattes und Grünes und Schleimiges in meinen Armen, den Schwanz einer dicken, schlüpfrigen Schlange. Er schlug mit dem Schwanz und drehte sich um sich selbst. Sein flacher Kopf schoß zischelnd auf mich zu, seine Zunge schnellte heraus. Ich schrie auf vor Schreck, lockerte meinen Griff und begann, über die schleimige Ober- fläche zur Erde zu rutschen. Dann riß ich mich zusammen und versuch- te, wieder festen Halt zu gewinnen. Er zischte abermals und spritzte brennendes Gift aus seinen Reißzähnen. Reißzähne! Das war es! Ich ließ mir Reißzähne und Krallen wachsen und biß in die klebrige Haut der Schlange, bohrte meine Krallen in ihr Fleisch, bis die Schuppen auseinanderzuspringen begannen. Die Schlange verschwand. Ein glitzernder Wassertropfen lag in meiner krallenbewehrten Hand. Erstaunt beobachtete ich ihn, wie er mir durch die Finger schlüpfte und zuerst langsam und dann schneller und schneller zur Erde hinabfiel. Ich warf mich hinter ihm her, riß mich hinunter, bis die Luft an mir vorbei- rauschte. Wasser. Glas. Ich wurde zu Glas. Ich streckte meine gläsernen Arme aus und legte die Hände zusam- men. Er fiel hinein. Hastig formte ich meinen Körper zu einem Kreis, zu einer Kugel. Plötzlich war der Dämon in der makellosen, gläsernen Form meines Körpers gefangen. Ich hatte ihn verschlungen! Ich konnte spüren, wie er in meinem, Glasbauch brodelte, wie seine Körpersubstanz gegen meine Wände anbrandete. Es kitzelte. Ich hing mitten in der Luft, fühlte meine kri- stalline Reinheit, schwelgte in dem herrlichen Gefühl der Sonne auf meinem Leib, während sie durch mich hindurchströmte. Es krachte und splitterte! Ein gewaltiges, wogendes Feuer zerriß mich. Ich zerbarst und wurde in tausend Stücke zerschmettert. Ein schwindelerregender Augenblick absoluten Schmerzes. Die Dunkelheit des Nichtseins. Ich stürzte unkontrolliert zu Boden. Ich war wieder ich selbst, Ner- ven und Haut, die vor Qual aufschrien, während einzelne Stücke mei- nes Leibes mit Gewalt wieder zusammengefügt wurden. Bedazzer? Wo war er? Er flog unter mir über den Himmel, ein Ball geschmolzenen Feuers. Ein Teil meines zerschmetterten Wesens hatte sich an ihn geklammert. Jetzt zog es mich zu ihm hin wie ein Magnet. Ich stürzte auf ihn, ver- wandelte mich ebenfalls in Feuer und verschmolz mit seiner Substanz. Selbst bewußtlos und geborsten hatte ich ihn nicht losgelassen. Gemeinsam schwebten wir durch die Luft wie Zwillingskometen in ei- nem tödlichen Kampf. Wie sehr er sich auch wehrte, wie sehr er auch zuckte und sich wand, ich ließ Bedazzer nicht los. Er veränderte seine Gestalt. Er verwandelte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, und ich verwandelte mich mit ihm. Wir huschten so schnell durch For- men und Gestalten, daß ich zu gedankenlosem Instinkt wurde, halb bewußt und nur noch erfüllt von der Notwendigkeit, meinen gequälten Leib durch alle Veränderungen zu zwingen, die er vollzog. Als er zu einem Löwen mit brennenden Flügeln und großen, spitzen Krallen wur- de, hielt ich mich immer noch an ihm fest, obwohl sein Atem mich ver- brannte und seine Krallen jeden Schutz aufrissen und meine Haut zer- fetzten. Als Säure aus seinem Fell tropfte, verwandelte ich mich in Stein und ließ nicht von ihm ab, obwohl meine felsige Haut brodelte, wo er mich berührte. Einmal verwandelte er sich in eine Mücke. Ich ließ mir eine klebrige Froschzunge wachsen und versuchte, ihn zu verschlu- cken. Ansonsten habe ich kaum eine Erinnerung an diesen Kampf in der Luft. Es war ein einziges Kaleidoskop von Gestalten und Qualen. Aber ich klammerte mich an ihn und ließ ihn nicht los, folgte ihm durch eine Verwandlung nach der anderen. Zu guter Letzt spürte ich, daß ich ermüdete. Es kostete mich zu viel Anstrengung, in der Luft zu bleiben. In der Luft war er zu schnell für mich; ich konnte ihn nicht verschlingen. Das hatte nun lange genug gedauert. Es war Zeit, meine Chancen zu verbessern. Zeit, in mein eigenes Milieu zurückzukehren. Auf die Erde., Ich verwandelte mich in Stein. Hundert Tonnen Stein. Ich war zu schwer für ihn. Ich riß ihn mit mir, und gemeinsam stürzten wir zur Erde herab. Im Fallen verwandelte Bedazzer sich in einen Drachen und eine Rie- senspinne. Aber obwohl er sich wand und krümmte, hielt ich mich mit meiner ganzen Macht an ihm fest. Er kam nicht los von mir. Konnte es sein, daß wir einander ebenbürtig waren, daß ich so stark war? So stark wie ein Dämon? Die Magie brandete in mir auf, floß leicht und mühelos dahin wie Milch und Honig. Während unseres gesamten Kampfes hatte ich keinen einzigen Zauber benötigt. Trotz der schmerzhaften Verwandlungen meines Körpers war es ein herrliches Gefühl gewesen. Wir krachten durch das geborstene Dach von Norvals Haus und landeten mit einem grausamen Krachen auf dem furchtbar harten Steinfußboden. Mein schwerer, steinerner Leib riß eine Furche in den Boden und schützte mich vor Verletzungen. Wir waren wieder da, wo wir angefangen hat- ten. Norvals Folterkammer hatte sich kaum verändert, obwohl jetzt einzelne Stücke des Dachs auf dem Boden verstreut lagen. Einige der schwarzen Kerzen brannten immer noch. Aber Kitten lag nicht mehr auf dem Tisch. Mir ging verschwommen die Frage durch den Kopf, wo sie geblieben sein mochte. War sie davongekrochen? Gestorben? Ich wuß- te, daß ich mir große Sorgen um sie machen würde, sobald die Magie von mir abfiel, aber im Augenblick war keine Zeit dafür. Bedazzer ver- suchte immer noch, sich aus meiner Umklammerung freizukämpfen. In einer Vertiefung im Fußboden rangen wir miteinander. Plötzlich hielt er inne und verwandelte sich vor meinen Augen wieder in Andre. Sein weiches, dunkles Haar kitzelte auf meinem Gesicht. Plötzlich wurde mir klar, daß wir tatsächlich ineinander verschlungen waren wie Liebende; ich hielt ihn mit Armen und Beinen umfangen und er lag über mir. Nun begann er sich auf mir zu bewegen, wie ein Geliebter es tun würde. Ich spürte seine Härte auf meinem Leib und wußte, daß dieses Gefühl mir größte Wonnen schenken konnte. Es war mein Glück, daß die Kälte der Magie mich daran hinderte, etwas Derartiges zu spüren, denn sonst wäre es mir unmöglich gewesen, ihm zu widerstehen. Selbst jetzt, als ich zu seinem Gesicht und seinem Körper aufblickte und sein boshaftes, kleines Lächeln sah, sah, wie schön er war, schien es mir so traurig, daß unsere Liebe niemals sein konnte. »Oh, aber das kann sie doch«, flüsterte er sanft. »Du weißt, daß es sein kann. Du könntest meine Geliebte sein, meine Geliebte, meine Herrin, alles. Welch exquisite Freuden ich dir schenken könnte. Denk darüber nach. Dion und ihr Dämonengeliebter.«, Von der Kälte der Magie wußte er offensichtlich nichts. Ich dagegen wußte genau, wie sehr ich mir wünschte, seine Worte könnten Wahr- heit werden. »Laß uns das Band knüpfen«, murmelte er. Sein Kopf näherte sich meinem Hals. Ich hörte, wie sein Mund sich öffnete. Das Bild Andres, wie er vor Norval kniete und sein Blut trank, stand mir lebhaft vor Au- gen. Ich hob meine steinerne Faust und ließ sie gegen seine Schläfe kra- chen. Er heulte auf. »Meine Liebste!« schluchzte er. »Warum tust du mir so weh?« »Du bist nicht Andre. Du bist Bedazzer.« Er fauchte und bäumte sich über mir auf. Andres Gesicht riß, auf, und plötzlich klaffte ein riesiges, schwefeliges, mit schwarzen Reißzäh- nen besetztes Maul über mir. Es stürzte auf mein Gesicht herab. »Nein.« Ich stieß meine Faust in seinen Mund. Gezackte Zähne bohr- ten sich hinein und brachen ab. Obwohl mein Fleisch aus Stein war, war der Schmerz immer noch unglaublich. Geschmolzener, grauer Stein sickerte aus den Wunden. Aber der Dämon konnte aus Stein kei- ne Nahrung gewinnen. »Kehr in deine eigenen Dimension zurück«, schrie ich. »Ich bin zu stark für dich. Du kannst nicht siegen.« »Unsere Kräfte sind einander lediglich ebenbürtig«, zischte er. Dann stemmte er sich hoch und rollte mich zur Seite, aber er konnte sich nicht von mir losreißen. »Ich habe noch nie zuvor einen so starken Sterblichen gesehen. Das ist auch der Grund, warum du über meinen Strand gehen und es überleben konntest. Das ist der Grund, warum ich dir in diese Dimension gefolgt bin und dir den Hof gemacht habe. Ich wollte all diese Kraft verzehren. Und ich werde es tun. Du bist trotz allem nur eine Sterbliche. Deine Kraft ist begrenzt. Ich kann bis in alle Ewigkeit so weiterkämpfen. Du auch?« Ich schlug mit meiner steinernen Faust nach seinem Kopf und bäum- te mich auf. Er schrie und wir rollten über den Boden. Ein donnergleiches Geräusch. Ich lag wieder unter ihm. Es würde einfacher sein, ihn von unten zu verschlingen. Meine Hände und Füße wuchsen hinter seinem Rücken zusammen, und ich begann meine Kräfte so auszudehnen, daß sie den Rest seines Körpers umfingen. Er schien über große Energien zu verfü- gen. Irgend etwas machte es mir sehr schwer, aber ich mußte es wei- terhin versuchen. Bald würde er in einem Paket aus Fleisch und Magie gefangen sein, das früher ich gewesen war, Dion. Dann wäre er von dem Teil seines Wesens abgeschnitten, der in der anderen Dimension, verblieben war, der Quelle all seiner Macht, und er würde sterben. Oder es würde Hilfe kommen, und man würde ihn zerstören. Plötzlich lag er schlaff in meinen Armen. Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte Andres sinnliches Lachen. »Du leugnest es, aber sieh doch. Selbst jetzt möchtest du mich in dir haben. Perverses Geschöpf. Ich bin nur allzu glücklich, mich zu unter- werfen.« Und er begann, sich an mich zu schmiegen, seine Lippen in meinen Hals zu drücken wie ein Säugling. Sein Fleisch wurde klebrig. Er begann zu schmelzen. Ich konnte spü- ren, wie seine Beine verschwanden, wie seine Körpersubstanz durch meine Kleider sickerte und meine Beine mit einer Art öligem Film über- zogen. Und es kam noch schlimmer. Ich spürte, wie meine Haut das öl aufzunehmen begann. Ich schrie und versuchte nicht länger, ihn zu verschlingen, verschloß mich vor ihm. Andres attraktives Gesicht war belustigt. »Du wirst dich entscheiden müssen«, sagte er. »Möchtest du mich in dir oder möchtest du mich draußen haben? Du kannst nicht beides be- kommen.« Wieder versuchte ich mit aller Macht, ihn zu verschlingen. Wieder konnte ich spüren, wie er mit mir verschmolz. Wieder hielt ich inne und sperrte mich gegen ihn. Ich versuchte es noch einmal, aber mit dem- selben Ergebnis. Ich saß in der Falle. Ich konnte ihn nicht besiegen, ohne ihn zu verschlingen, und ich schien ihn nicht verschlingen zu können, ohne daß er meinen Körper dazu zu bringen vermochte, ihn in sich aufzunehmen. »Nein«, stöhnte er leise. »Hör nicht auf. Es ist uns bestimmt. Wir sollen eins werden. Ein Fleisch. Ich werde mich für dich verlieren, mit dir verschmelzen und ein Teil von dir werden. Unsere Wesen werden ineinander übergehen und zu einem einzigen, größeren Wesen werden. Eine Ehe von Körper und Seele, eine wahre Ehe. Unteilbar. Das ist das herrliche Schicksal, das dich erwartet. Das ist es, was ich dir anbiete. Komm, erlaube dir, an meiner Substanz und meiner Macht teilzuha- ben.« Nur sein Kopf bewahrte seine Gestalt. Der Rest seines Körpers lag auf mir wie eine Lache süßen Öls, sickerte durch meine Kleider und liebkoste meine Haut. Obwohl die Kälte der Magie immer noch über mir war, verlor ich die Kontrolle über meine Gefühle. Ich wollte, was er mir bot. Ich liebte ihn sosehr. Dennoch, der Gedanke an ihn in mir, wie er mich mit seiner Fäulnis durchdrang, ein lebendiges dickes, chaotisches, Krebsgeschwür… er würde immer dasein. Ich könnte mich nie entspan- nen, denn er würde immer warten… »Nein, nein, meine Geliebte. Wenn wir eins werden, wären wir zu- sammen ein neues Wesen. Bedazzer wäre für immer verloren.« Und Dion auch, wurde mir klar. »Wir wären etwas Neues und Wunderbares zusammen. Begreifst du nicht, daß dein Gutes mein Böses ausgleichen würde? Deine Macht würde sich mit meinem Hunger vereinen. Zusammen wären wir unbe- siegbar.« Mein Gutes! Worin bestand dieses Gute? Ich war wie alle Menschen eine Mischung aus Gut und Böse. Er belog mich. Und doch wünschte ich mir so sehr, ihm nachzugeben. Wie konnte ich es ertragen, Andre zu verlieren? Eins mit ihm zu sein, war alles, was ich mir wünschen konnte. Diese wunderbare Ehe. Mein Geist erfüllte sich bei dem Gedan- ken daran mit singendem Jubel. Ein Wesen zu sein, für alle Zeit. Nein! Ich durfte nicht… Irgendwie zog er mich in sich hinein. Seine Gedanken drangen in meinen Geist. Ich verlor mich an ihn. Oh, Gott und Engel, wo war das College? Wo blieb die Hilfe? Ich brauchte sie! Jetzt. »Hilf mir!« schrie ich laut. Dann kam unter der Panik die Kälte zum Vorschein. So ist es richtig. Klammere dich an die Kälte der Magie. Erobere sie dir zurück. Du hast einen Plan. Wie sieht er aus? Vielleicht gibt es noch Hoffnung. Vielleicht kannst du ihn überlisten. Nimm ihn für den Augenblick in dich auf. Lulle ihn ein. Wenn sie kommen, die Magier vom College, dann werden sie ihn zerstören. Dann wirst du frei sein, und alle werden gerettet. Tu es! Du kannst das Glück der Vereinigung genießen, ohne die Konsequen- zen tragen zu müssen. Ich entspannte mich. Ich spürte, wie meine Substanz sich der seinen öffnete, spürte, wie wir zu verschmelzen begannen. Ich ließ meine Selbstbeherrschung fahren, wie ich es schon einmal in seinen Armen getan hatte. »Ja«, wisperte er. »Ja!« Und in diesem Augenblick des Einswerdens sah ich in seine Gedan- ken und las den Triumph dort, sah die Zukunft. Wir würden niemals getrennt werden können. Das College wäre gezwungen, uns beide als Ganzes zu töten. Wir würden ein Wesen sein, das stets im Krieg mit sich selbst lag. Bedazzer hatte die Absicht, diesen Krieg zu gewinnen. Und zu fressen. Zu fressen. Ich schrie. Mit all meiner Kraft stieß ich ihn aus mir heraus. Stieß ihn so heftig von mir, daß die Sehnen meiner Hände, die über seinem Hals zusammengewachsen waren, sich voneinander lösten und beinahe ris- sen., Er fauchte. Böse, obszöne Worte kamen über seine Lippen. Abermals kämpfte er in meinen Armen. Wir rangen, wie wir schon zuvor gerun- gen hatten, rollten über den Boden, schlugen einander auf die Stein- fliesen. Und jetzt spürte ich, daß ich mich langsam auflöste. Die Erschöpfung war nicht mehr weit. Obwohl ich kämpfte, um ihn festzuhalten, schien es mir nicht mehr zu gelingen. Bald würde ich ihn loslassen müssen. Ich konnte das nicht mehr lange durchhalten. Ich packte ihn, wob mei- ne Magie um ihn herum und betete um Hilfe. Und plötzlich kam sie. Eine Gestalt erhob sich hinter uns, zerschun- den und blutüberströmt in einem zerfetzten, weißen Unterrock Tau- melnd stand sie über uns. Sie hielt ein Messer in der Hand. »Kitten!« schrie ich. »Du darfst nicht hierbleiben. Hol um Gottes wil- len Hilfe.« Sie hob das Messer mit ineinandergeschlungenen Händen, als bete sie. »Nein, du kannst ihn nicht töten«, sagte ich. »Tu es nicht! Lauf weg! Hol Hilfe!« Obwohl Bedazzer über mir lag, den Rücken ihrem Messer preisgegeben, wußte er, daß sie da war. »Sie kann es nicht schaffen, deine Freundin«, zischte er drängend. »Wenn sie das Messer in mein Fleisch stößt, wird mein Fleisch sie verbrennen. Sag ihr, sie soll es nicht tun. Sie ist dem Tod schon zu nah. Oder möchtest du sie brodeln und kochen sehen?« Sein Kopf versperrte mir die Sicht. »Nein! Kitten! Tu es nicht!« Es folgte ein dumpfer Aufprall. Bedazzer schrie, schrie einen schreck- lichen, markerschütternden Schrei. Plötzlich glitt meine Magie um ihn herum, so weich und mühelos wie Seide. Zu meinem Erstaunen hatte ich ihn vollkommen verschlungen. Einen Augenblick lang hörte ich ihn kreischen und heulen, aber das Geräusch schien aus weiter Ferne zu kommen. Dann war es plötzlich still. Ich spürte eine Leere in der Umschlingung, als sei er nicht länger dort, obwohl ich seinen Körper in meinen Armen sehen konnte. Ich wußte, es war vorbei. Ich ließ los. Ein neuerliches, gewaltiges Krachen. Er brach aus meinen Armen hervor, flog brüllend quer durch den Raum und prallte hart gegen die Mauer. Der Aufprall schleuderte zurück, und er stürzte immer noch kreischend in die gegenüberliegende Mauer. Es war, als beobachte man, wie ein Ballon all seine Luft verlor. Er krachte von einer Wand zur anderen und heulte das schreckliche Heulen der Untoten. Aber mit je- dem Augenblick wurde er schwächer. Ich schlang die Arme um Kitten., Sie lebte noch und taumelte nun auf mich zu. Ich hörte das Knirschen ihrer gebrochenen Knochen. Ich zog sie, so sachte ich nur konnte, in die Arme und gab ihr alles, was mir an Macht noch geblieben war. Der Dämon schrie immer weiter. Schrie und schrie wie die Hunde der Hölle. Jetzt lag er mit zuckenden Gliedern auf dem Boden. Teile seines Körpers lösten sich und verschmolzen mit dem Fußboden, wo die Stei- ne Blasen warfen. Er kroch auf uns zu, schnappte nach uns. Teile sei- nes säurehaltigen Körpers bespritzten uns. Andres Gesicht stürzte auf uns zu. Ich schlug mit der nackten Hand nach ihm. Der Schlag schleu- derte, was von ihm noch übriggeblieben war, quer durch den Raum. Mit einem feuchten Klatschen prallte er gegen die Wand und fiel als trockene Asche auf eben jenes Aschehäufchen, das einst Norval gewe- sen war. Das Messer stand aufrecht in diesem Aschenhäufchen. Es war Norvals mit Runen dunkler Macht bedecktes Zaubermesser. Kitten hätte den Dämon mit keiner besseren Waffe angreifen können. Sie lag in meinen Armen. Ich hatte ihre Blutung gestillt, aber sie war so weiß wie der Tod. »Oh, Gott, Kitten.« Ich weinte. »Es tut mir so leid.« »Dieser Mann hatte ein Loch im Nacken«, murmelte sie. »Es schien mir eine gute Idee zu sein, ein Messer hineinzustecken.« Sie wurde ohnmächtig. Dann begann die Luft um uns herum vor Magie zu knistern, während überall im Zimmer die Magier des Weißen Colleges erschienen. 15. Kapitel Die Hufe der rastlosen Packpferde klapperten auf den Pflastersteinen. Goldenes Sonnenlicht zeichnete ihr Fell, und ein scharfer Herbstwind blies die Blätter von den Bäumen über ihnen. Simonetti und ich warte- ten darauf, daß der Knecht mein Pferd aus dem Stall des Gasthauses holte. Ich verließ Gallia, verließ Kitten Avignon und ihr freundliches Haus, um in einem kleinen Bezirk in der Nähe der morianischen Grenze eine Stellung als Heilerin anzutreten. Der Bezirk war so klein und entlegen, daß man dort fast ein Jahr oh- ne einen qualifizierten Heiler gewesen war und mich mit Freuden an- genommen hatte, obwohl ich nicht die entsprechenden Zeugnisse be- saß. Es war keine besonders ruhmreiche Stellung. Wenn ich etwas Bes- seres gewollt hätte, wenn ich zum Beispiel in Gallia hätte bleiben wol- len, hätte man gewiß, etwas Besseres für mich gefunden. Denn jetzt,, da ich einen Dämon besiegt hatte, galt ich in Gallia als Heldin. Als die Magier des Weißen Colleges uns in den Ruinen von Norvals Haus fanden, reagierten sie auf meinen Bericht mit solchem Unglau- ben, daß ich ihnen wohl, hätte ich die Kraft dazu besessen, irgendeine Lüge aufgetischt hätte. Als dann aber der Dekan ankam, befahl er den anderen, mit ihrem Spott innezuhalten. Er hatte einen Teil des Kamp- fes in der Schale des Sehens beobachtet, und er erkannte die Oberres- te von Andres Körper als das, was sie waren. Er, so schien es, hatte keine Zweifel. Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte ich das erfürch- tige Staunen und die leise gemurmelten Entschuldigungen, die nun folgten, wahrscheinlich genossen. So wie die Dinge lagen, genügte es mir vollauf, die Glückwünsche des Dekans zu meiner Leistung entge- genzunehmen und mich neben Kitten auf einen Karren setzen zu las- sen, um auf magischem Wege in die Stadt zurückgebracht zu werden. Die Magier klatschten Beifall, als der Karren davonflog. Ich konnte den Magiern keinen Vorwurf machen, daß sie mir zuerst nicht geglaubt hatten. Selbst mich erstaunten die Ereignisse. Wie war es möglich, daß Kitten und ich allein ein so mächtiges Wesen wie einen Dämon besiegt hatten? Verfügte ich wirklich über solche Kräfte? Und was war mit Kitten? Wie konnte ein Mensch, der nicht einmal die an- geblich schützende Macht der Jungfräulichkeit besaß, einen Dämon derart verletzt haben, lediglich indem er ihm Norvals magisches Mes- ser in den Hals trieb? Wären es die Runen auf dem Messer? Das Metall des Messers? Hatte Kitten einfach nur Glück gehabt, das Messer genau in die richtige Stelle zu bohren und so die Verbindung zwischen Bedaz- zer und seiner eigenen Welt zu durchtrennen? Noch Tage nach der Schlacht sangen und krabbelten die Nerven in meinem Körper, eine Folge der schnellen Verwandlungen, die ich durchgemacht hatte. Meine Glieder brannten wie von tausend Nadelsti- chen, so daß ich die Dinge, die ich berührte, nicht fühlen konnte. Ich war schwach vor Erschöpfung, und mein Körper schien sich seiner ei- genen Gestalt nicht recht sicher zu sein. Fast eine Woche lang mußte mich jemand im Schlaf beobachten, denn wann immer ich das Bewußt- sein verlor, bildete mein Körper sich um. Als ich das erste Mal nach dem Kampf einschlief, brachte ich es fertig, die Bettdecken in Brand zu stecken, weil ich von Feuer geträumt hatte. Der Dekan besuchte mich jeden Tag, um meine Genesung zu über- wachen. Er war voller Spekulationen über den wirklichen Hergang der Dinge. Dabei machte ihm besonders Kittens Stand – keine Jungfrau, keine ehrbare Ehefrau – zu schatten. Die Lehrbücher der Zauberei leg- ten großen Wert auf die Bedeutung der Ehre einer Frau, wenn es dar- um ging, sie vor den Kreaturen der Dunkelheit zu schützen. Konnte es, sein, fragte der Dekan mich schließlich, daß Kittens Tat im großen und ganzen bedeutungslos gewesen war, daß sie lediglich den Zweck erfüllt hatte, den Dämon lange genug abzulenken, damit ich die Oberhand gewinnen konnte? »Nein!« sagte ich kategorisch. »Als Kitten Bedazzer erdolchte, hatten der Dämon und ich ein Patt erreicht. Wir waren einander zu ebenbürtig, als daß einer von uns hätte siegen können, und schon bald wäre meine Macht erschöpft gewesen, und er hätte mich bezwungen. Kittens Tat hat alles entschieden. Als sie zustieß, spürte ich, wie ihn seine Kräfte verließen. Ihr Schlag trennte ihn von seinem Quell ab. Ohne sie hätte ich nie gewinnen können.« Als er ging, war das Gesicht des Dekans voller Sorge. Master John dagegen hatte eine andere Erklärung für unseren Sieg. Als ich schon ziemlich weit in meiner Genesung fortgeschritten war, besuchte er mich, um mir zu gratulieren. »Selbst der Sieg über einen geringeren Dämon ist eine ziemlich gro- ße Leistung«, sagte er. Mehrmals während des folgenden Gesprächs brachte er es fertig, darauf anzuspielen, daß Bedazzer ein ziemlich schwacher Dämon ge- wesen sei. Ich ließ mich von seiner Meinung nicht beirren. Ein Dämon war ein Dämon, eine schreckliche und chaotische Macht in unserer Welt, ganz gleich, wie schwach er in seiner eigenen Dimension sein mochte. Die meisten Magier erkannten dies und betrachteten mich als Heldin. Jeder Magier, der auch nur im entferntesten mit mir bekannt war, besuchte mich, um seiner Bewunderung Ausdruck zu verleihen. Auch Amadeus kam. Er unterhielt mich eine ganze Weile mit dem Bericht darüber, wie er und einige andere Magiernovizen einen Großteil der Nacht nach meinem Kampf damit zugebracht hätten, auf dem Boden in Norvals Haus herumzukriechen, um Überreste dessen aufzukratzen, wovon sie hofften, daß es sich um Dämonenschleim handele, und den sie zu weiterem Studium ins College bringen sollten. Das College hatte beschlossen, daß es sein Wissen über Dämonen und Dämonologie ver- größern müsse, und war dabei, Magier auszuwählen, die sie zu Fach- studien in die Westlichen Reiche schicken wollten. »Die Burschen im College sind grün vor Neid, weil ich dich kenne«, sagte er. »Und sieh dir das an.« Er zog eine kleine Karte aus der Ta- sche. Darauf war ein überaus schmeichelhaftes Porträt von mir abge- druckt. »Das hat Garthan Redon gemacht. Ich dachte, du hättest vielleicht gern einen Abzug. Die Bilder sind im Augenblick sehr beliebt. Garthan hat Dutzende davon drucken lassen und macht ein Vermögen mit ih-, nen. Selbst Bilder von Madame Avignon erfreuen sich großer Beliebt- heit, obwohl sie das natürlich immer getan haben. Ich frage mich, ob du wohl meinen Abzug unterschreiben würdest. Du machst das? Oh, ich danke dir!« Obwohl ich einen Dämon bezwungen hatte, wurde ich nicht dazu auserwählt, die Reise in die Westlichen Reiche anzutreten. Der Dekan erklärte mir – obwohl er den Anstand hatte, sich währenddessen sicht- bar unwohl zu fühlen –, daß eine solche Reise in Gesellschaft einer Gruppe von männlichen Magiern als zu gefährlich und zu schwierig erachtet worden sei, um sie einer jungen Frau zuzumuten. Aber ob ich vielleicht gern ein Stipendium hätte, von dem ich leben konnte, solan- ge ich die nekromantischen Texte studierte, die der Dekan in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen hatte? Ich antwortete ihm, daß ich darüber nachdenken würde. In Wahrheit hatte ich nicht viel Lust dazu. Obwohl die Magier und die Menschen Gallias in Scharen herbeiströmten, um ihrer Bewunderung über meinen Sieg Ausdruck zu verleihen, und obwohl der Herzog vielleicht ein Fest zu meinen Ehren veranstalten, mich mit einer Medaille auszeichnen und mich mit Geld und Land belohnen würde, drückten mich Trübsinn und das Gefühl, versagt zu haben, vollkommen nieder. Mochte mein Sieg auch noch so ruhmreich gewesen sein, für mich war er ganz und gar überschattet von dem ungeheuerlichen Verrat und der Niederlage, die dem Sieg vorangegangen war. All das empfand ich besonders bitter während meiner täglichen Be- suche an Kitten Avignons Krankenbett. Kitten erholte sich gut Genny erzählte mir, daß in einigen Monaten keine körperlichen Spuren von den Folterungen, die sie unter Norvals Händen erlitten hatte, zu sehen sein würden. Aber ich wußte, daß, wie weit ihr Körper auch verheilen mochte, die Erinnerung an die Folter und die Vergewaltigung für immer hinter ihren strahlenden, grünen Augen weiterleben würde. »Wie können Sie diese Erinnerungen ertragen?« fragte ich sie ein- mal, als sie mit mir über die Ereignisse sprach. Ich wußte, daß es hart für sie war, sich an diese Stunden zu erinnern, und daß sie es nur tat, weil sie meinen Aufruhr spürte und mir helfen wollte. Weil sie mir hel- fen wollte darauf lief es immer wieder hinaus: Sie wollte mir helfen. »Mein liebes Kind«, sagte sie, und die Freundlichkeit in ihrer Stimme trieb mir die Tränen in die Augen, und ich versuchte, sie zu verbergen, indem ich mich abwandte. »Meine Erinnerung an diesen Schmerz endet immer mit der Erinnerung an den Augenblick, in dem ich wußte, daß Norval tot war. Ich habe Sie Norval töten sehen, habe gesehen, wie Sie mich endlich von ihm befreiten. Wenn ich jetzt an Sie denke, empfinde, ich nur Dankbarkeit und Glück darüber, daß Sie mir dieses große Ge- schenk gemacht haben. Ich habe den Alptraum durchlebt, und all mei- ne Träume von Freiheit sind wahr geworden.« Log sie? Trotzdem hatten mich ihre Schreie in der Nacht oft geweckt, obwohl ich mir manchmal nicht sicher war, ob die Schreie aus ihren Alpträumen kamen oder aus meinen. Seltsam, daß ich nach alledem immer noch Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit hegte. An ihren Motiven zweifelte ich jedoch nicht länger. Ich wußte, daß sie freundlicher Natur waren, daß sie es immer gewesen waren. »Dion«, hatte sie zu mir gesagt, »als ich auf diesem Tisch lag und Norval… Dion, ich habe Sie verflucht. Ich habe Sie dafür gehaßt, daß Sie mich im Stich gelassen haben. Aber ich habe Ihnen alles verziehen, als Norval starb. Sie müssen sich selbst ebenfalls verzeihen. Jetzt ist alles vorbei.« Für die Haltung des Herzogs hatte ich mehr Verständnis. Obwohl er in der Öffentlichkeit voll des Lobes für mich war, konnte ich, als ich ihm in Kittens Haus begegnete, sein Mißfallen deutlich spüren. Ich glaubte auch, den Grund zu kennen. Am Ende hatte ich schlicht und einfach versagt, als es galt, Kitten Avignon zu schützen, und das war die Auf- gabe, die er mir gestellt hatte. Auch andere Menschen bekamen in jenen Wochen nach dem Aus- bruch des Dämons das Mißfallen des Herzogs zu spüren. Die Tage nach dem gescheiterten Attentat der Kirche des Brennen- den Lichts auf den Herzog waren ein Blutbad für die Anhänger des Brennenden Lichts und für viele andere, unschuldige morianische Flüchtlinge gewesen. Banden gallianischen Pöbels durchstreiften die Straßen und machten mit jedem Morianer, den sie fanden, kurzen Pro- zeß. Es hatte zwei Tage gedauert, bis die herzoglichen Truppen ge- mächlich aus ihren Kasernen ausrückten, um diese Banden zu zer- streuen, und bis dahin war jeder Pfosten an der Hauptdurchgangsstra- ße Gallias mit den schauerlichen Überresten von gehängten oder ge- köpften Morianern geschmückt worden, und die Straßen außerhalb der Stadt quollen über von Morianern, die abermals zu Flüchtlingen gewor- den waren. Der Patriarch erhob Einspruch gegen das wilde Gemetzel, aber er tat es nicht mit besonderem Nachdruck. Die Verbindung zwischen dem verstorbenen Geisterbeschwörer Norval und der gallianischen Kirche des Brennenden Lichts war mittlerweile wohlbekannt, und der Patriarch hatte nicht die Absicht, eine Gruppe zu unterstützen, die in irgendeiner Weise nekromantisch gefärbt war. Die Kirche des Brennenden Lichtes würde in Gallia vermutlich nie wieder Fuß fassen können. Lord Däne saß nun wegen des versuchten Attentats auf den Herzog, in der Festung. Obwohl seine Verbindung zum Brennenden Licht nur dürftig war, bezweifelte doch niemand seine Komplizenschaft. Und dann war da noch seine allseits bekannte Freundschaft mit Botschafter Deserov. Deserov war gründlich in Ungnade gefallen, bevor er Gallia verlassen mußte. Der Herzog hatte keinerlei Bedenken, ihn des Landes zu ver- weisen. Er hatte diesbezüglich an den Kaiser geschrieben und seinem begründeten Verdacht Ausdruck verliehen, daß der Botschafter mit ei- nem mysteriösen aramayischen Abenteurer namens Andre Gregorov in Verbindung gestanden habe, von dem seinerseits mehr oder weniger feststehe, daß er mit einem gewissen narbengesichtigen und zum Geis- terbeschwörer gewordenen Verbannten namens Norval im Bunde ge- standen habe. Es ging das Gerücht, daß Andre Gregorov in der Festung sitze, wo ihn die Inquisitoren des Herzogs schauderhaften Folterungen unterwarten, falls er nicht bereits infolge dieser Torturen gestorben sei. Wenn irgend jemand mich nach ihm befragte, und es gab durchaus Leute, die das taten, gab ich vor, nichts von diesen Dingen zu wissen – wie mich die Handlanger des Herzogs angewiesen hatten. Andre Grego- rov hatte vielen mächtigen Gallianern, zu denen auch der Herzog zähl- te, sehr nahe gestanden, und man hielt es anscheinend für besser, daß möglichst wenig Leute Kenntnis von seiner tatsächlichen Natur erhiel- ten. Bei Erasmus Tinctus hatten die herzoglichen Inquisitoren weniger Glück; ihn hatte man direkt vor der Nase der herzoglichen Wache aus Gallia fortgeschafft, und später hörte man, daß er in Borgen lebe, wo sein Atelier zu einem der Zentren der Neuen Lehre wurde. In der Galli- anischen Orthodoxen Kirche wurden Stimmen laut, die verlangten, er solle wegen Gotteslästerung verurteilt werden; daher war es unwahr- scheinlich, daß er jemals zurückkehren würde. Es war gut, daß er die Neue Lehre in einem anderen Land verbreitete, denn in Gallia hatte er nicht viel Nützliches getan. Die Bewegung der Reformkirche hatte den Skandal um das Altargemälde genutzt, um größeren Einfluß auf die Gallianische Orthodoxe Kirche zu gewinnen und hatte begonnen, alle Kirchenmänner zu bestrafen, die der neuen Lehre gegenüber eine zu nachsichtige Meinung vertraten. Wenn der Herzog die Anhänger der Neuen Lehre auch nicht verfolgte, ließ er doch bekanntwerden, daß er die Weisheit dieser Bewegung nunmehr in Frage stellte. Das offensicht- lichste Zeichen dafür war seine Entlassung von Madame Kitten Avignon als seiner Mätresse. Da es unklar war, ob sie Erasmus dazu gedrängt hatte, ihr Gesicht auf sein Altarbild zu malen, konnte ihr im Angesicht des Zorns der Kirche nicht länger gestattet werden, seine Gunst zu genießen., Aber obwohl die Comtesse Clemence bereits ihren Platz im herzogli- chen Bett eingenommen hatte, besuchte der Herzog Kitten Avignon fast täglich in ihrem Haus, und zwar auf eine Weise, daß jeder ihn da- bei sehen konnte. Als die Gräfinnenwitwe Mathilda dafür Rechenschaft von ihm forderte – sie fand, eine Verhaftung wegen Gotteslästerung sei ein angemesseneres Schicksal für Madame Avignon –, antwortete er scharf: »Diese Frau hat mich beiseite gerissen, als ein Attentäter auf mich schoß. Sie hat mir das Leben gerettet. Wenn ich auch mit ihren Ideen nicht übereinstimmen mag, muß dieser Umstand allein ihr das Recht geben, auf ewig als meine Freundin behandelt zu werden. Alles andere würde unweigerlich meine Ehre beflecken.« Nach allem, was ich bisher von diesem Mann gesehen hatte, muß sein kaltes Herz beträchtliche Zärtlichkeit für Kitten gehegt haben, denn mit diesem Verhalten rettete er sie vor dem unweigerlichen Ruin, der im Laufe der Jahrhunderte das Los vieler verstoßener Favoritinnen gewesen war. Was mich betraf, so trug Kittens Verlust ihrer Stellung bei Hofe nur zusätzlich zu den zahlreichen Schuldgefühlen bei, die mich quälten. Rückblickend war es so offensichtlich, was Andre gewesen war. »Machen Sie sich keine Vorwürfe, daß Sie ihm vertraut haben«, sag- te Simonetti. »Sehen Sie nur, was mir passiert ist.« Als Simonetti der Menschenmenge durch die Gassen nach St. Vitalie gefolgt war, hatte er Andre Gregorov getroffen. Die beiden hatten be- schlossen, sich bei dem Versuch, mich zu finden, zusammenzutun. Ei- nige Minuten später hatte Andre Simonetti einer Gruppe von Anhän- gern des Brennenden Lichts ausgeliefert, die ihn bewußtlos geschlagen und gefesselt an einer Straßenecke zurückgelassen hatten, wo sie ihm später den Rest geben wollten. Er konnte sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Noch dankbarer durfte er dafür sein, daß Andre sich nicht die Mühe gemacht hatte, sich persönlich um ihn zu kümmern. Der Hurenschlaf war immer noch unheilbar. Mich konnte Simonettis Geschichte kaum trösten. Meine Gedanken befanden sich in noch größerem Aufruhr als nach Michaels Tod. Wenn ich in diesem Augenblick draußen vor dem Kloster nur auf Maja gehör- te hätte. Wenn ich dort auf dem Platz nur auf Simonetti gehört hätte; wenn ich nur weniger vertrauensvoll gewesen wäre; wenn ich nur gleich, nachdem ich Bedazzer das erste Mal gesehen hatte, zum Dekan gegangen wäre, oder wenigstens nach dem zweiten Mal; wenn ich nur… Ich hatte einen Dämon herbeigerufen, und ich hatte ihn geliebt, und wegen dieser Liebe hatte ich versagt, als es galt, den besten Men- schen zu beschützen, den ich kannte. Das Schlimmste von allem und etwas, das ich niemandem einge-, stand, war jedoch etwas anderes: In jenem Augenblick, in dem Bedaz- zer sich mit mir zu vereinen suchte, hätte meine Sehnsucht nach ihm beinahe die Kälte der Magie überwunden. Ich hatte ein Gefühl der Zu- sammengehörigkeit zwischen mir und dem Dämon verspürt, und ich fürchtete zutiefst, daß das etwas Schreckliches über mich besagte. Ich wollte allein sein, bis mein innerer Aufruhr sich gelegt hatte, und ich brauchte für diese Zeit eine Aufgabe, die gleichzeitig ehrlich und fesselnd war, bis ich mit mir selbst wieder im reinen war. Das war der Grund, warum ich mich für den Posten einer Heilerin im Grenzland ent- schieden hatte. Kitten und Genny waren entsetzt, als ich es ihnen mit- teilte. »Das können Sie nicht machen«, rief Genny. »Sie verschwenden sich. Sie sind die größte Magierin auf der Halbinsel! Wie können Sie sich einfach als Heilerin wegwerfen? Um Himmels willen, Mädchen, pa- cken Sie die Chancen, die ihr Sieg Ihnen geschenkt hat, beim Schopf!« Dann legte sie tatsächlich die Hände auf meine Schultern und schüt- telte mich. »Ich lasse nicht zu, daß Sie etwas so Törichtes tun!« Ich verstand die Logik dessen, was sie sagte, aber die Möglichkeit, eine große Magierin zu sein, barg für mich keinen größeren Reiz als Bedazzers Angebot, die Welt zu beherrschen. »Genny!« sagte Kitten. Obwohl sie schwach in ihrem Bett lag, war ihre Stimme immer noch die Stimme der Autorität. »Dion, kommen Sie her.« Sie nahm mein Gesicht sanft zwischen beide Hände. »Wenn Sie keine Magierin mehr sein wollen, können Sie trotzdem bei uns bleiben. Wir würden uns freuen, wenn Sie blieben, nicht wahr, Genny?« »Ich verstehe Sie nicht, Dion«, sagte Genny, der fast die Tränen kamen. »Keine Frau hatte jemals solche Möglichkeiten wie Sie jetzt. Wie können Sie diese Chance einfach wegwerfen?« »Ich glaube, ich verstehe«, sagte Kitten. »Unsere Dion war immer ganz die mächtige Magierin. Jetzt möchte sie eine Zeitlang ein ganz normaler Mensch sein.« Ich sah das Verständnis in ihren grünen Au- gen. Sie schien mich immer zu verstehen. »Ermutige sie nicht auch noch. Sie wird niemals ein ganz normaler Mensch sein«, rief Genny. »Ihre Macht wird Sie immer finden, Dion. Sie können die Magie nicht einfach loslassen.« »Genny hat recht, wissen Sie. Sie können nie einfach ein ›normaler Mensch‹ sein, aber ich glaube, das wird sie selbst herausfinden müs- sen, Genny.« »Ich muß diesen Weg gehen«, sagte ich. »Ich habe Sie nie so sicher erlebt«, sagte Kitten. »Aber müssen Sie, uns wirklich verlassen? Sie sollten sich nicht auf diese Weise bestra- fen.« »Ja, wenn Sie Buße tun wollen, dann machen Sie es Kitten wieder gut, indem Sie sich dem Leben stellen, und das mit Erfolg. Genau das würdest du dir doch wünschen, nicht wahr, Kitten?« »Genny hat recht«, sagte Kitten leise. »Ich habe einfach nicht das Gefühl, daß ich hierbleiben sollte. Ich habe mit Andre einen so schrecklichen Fehler gemacht. Vielleicht hatte ich Angst davor, allein zu sein. Weil ich so naiv war. Ich kann nicht zu- lassen, daß ich auch weiterhin so schwach bleibe. Sie haben immer so gut auf mich acht gegeben, Kitten, aber ich muß jetzt allein leben und lernen, auf mich selbst aufzupassen. Mir scheint, diese Anstellung als Heilerin ist ein guter Platz, um das zu lernen.« »Ja«, sagte Kitten. »Ich verstehe, was Sie meinen. Wir müssen ver- suchen, Dions Entscheidung zu akzeptieren, Genny. Sie weiß, was das beste für sie ist.« Ich war mir dessen keineswegs so sicher, als ich nun im sonnenbe- schienenen Garten des Gasthauses wartete. Wie konnte ich das einzige Zuhause verlassen, das ich je gekannt hatte, die einzigen Menschen auf der Welt, die ich wirklich als Freunde betrachtete? Der Stallknecht hatte endlich meine Pferde geholt. Simonetti half mir, aufzusitzen, und überprüfte, ob mein Gepäck auch richtig verstaut war. »Seien Sie vorsichtig«, sagte er. »Sie dürfen nicht unaufmerksam werden. Sehen Sie zu, daß Sie immer irgendeinen Verteidigungszauber im Kopf haben, wenn Sie durch einen Wald reiten. Diese Packzüge werden bisweilen angegriffen.« Bald würde er nicht mehr dasein, um an mir herumzunörgeln. Ohne es zu wollen, füllten sich meine Augen mit Tränen. Es war nur gut, daß ich mich von Kitten im Haus verabschiedet hatte. Wäre sie hiergewe- sen, die Versuchung, mich in ihre Arme zu werfen und weinend darum zu bitten, bleiben zu dürfen, wäre unerträglich gewesen. Nur Simonet- tis wortkarge Zurückhaltung hielt mich davon ab, ihm dasselbe anzu- tun. Er nahm meine Hand. »Kitten hat mir gesagt, ich soll Ihnen sagen… wenn Sie jemals irgend etwas brauchen, irgend etwas, wenn Sie auch nur ein kleines bißchen einsam wären, brauchen Sie nur zu rufen, und sie würde kommen. Und es sei ihr ernst damit. Das dürfen Sie nie vergessen.« »Bitte richten Sie ihr meinen Dank aus«, sagte ich. »Ich danke ihr für alles.« Diese Worte schienen so unzureichend zu sein, aber mir fiel nichts Besseres ein., Wir schüttelten einander die Hände, und Simonetti trat von meinem Pferd zurück Ich lenkte es zu seinem Platz in der langen Reihe von Packpferden hinüber. Das Klirren des Zaumzeuges erinnerte mich plötzlich ungemein leb- haft an Andre. Was war mit Andre/Bedazzer? Würde ich auch nach ihm rufen, wenn ich mich einsam fühlte, wie es wahrscheinlich bei jenem ersten Mal der Fall gewesen war, als ich ihn am Strand der Knochen sah? Sein Verlust hatte mich mit einem furchtbaren Gefühl der Leere erfüllt. Ein Teil von mir sehnte sich immer noch nach ihm, obwohl ich wußte, daß das ge- fährlich war, und daß ich ihn damit vielleicht wieder rufen würde. Nachts träumte ich sehr oft von ihm, sowohl in Bedazzers als auch in Andres Gestalt, und ich konnte nicht sagen, nach welchem von ihnen ich mich mehr sehnte. Ich konnte einfach nicht dagegen an, nicht ein- mal nach den schrecklichen Dingen, die ich ihn hatte tun sehen. Ich hatte Andre wirklich geliebt, und die Verbindung war immer noch da. Ich wußte, daß der Dämon immer ein Teil von mir sein würde, und daß ich lernen mußte, damit zu leben. Aber wenn ich eine Verbindung zu ihm spürte, so kam doch von sei- ner Seite keinerlei Antwort. Ich hatte nicht das Gefühl, daß er mich beobachtete und versuchte, die Runen der Umleitung zu durchbrechen, die mich in Kittens Haus umgeben hatten. Das war auch richtig so. Ich wußte, daß ich, ganz gleich, wie sehr ich mich nach Bedazzer sehnte, diese Runen um mich herum auslegen würde, wo immer ich war, damit er mich niemals wiederfinden konnte. Der Führer des Packzuges gab das Zeichen zum Aufbruch, langsam setzten sich die Pferde in Bewegung., BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Erste Auflage: © Copyright by B. J. Routley All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co. Bergisch Gladbach Originaltitel: Mage Heart Lektorat: Mona Gabriel / Stefan Bauer Titelbild: David Cherry / Agentur Schlück Umschlaggestaltung: QuadroGrafik, Bensberg Satz: KCS GmbH, Buchholz / Hamburg Druck und Verarbeitung: Groupe Hérissey, Évreux, Frankreich Printed in France Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer, Für Teny Cooper und Cherry Wilder Digitalisiert und korrigiert Von Minichi Nightingale, Format jedes Kapitelanfangs im Original: Ich sah den Dämon zum ersten Mal in einer Vision, die mich befiel, nachdem ich Hazia gekaut hatte. Aber es war mehr als eine Vision. Ich ging in kalter Dunkelheit an einem Strand entlang. Selbst in meinem Drogen- nebel wußte ich, daß ich mich an einem Ort befand, an dem ich nichts zu suchen hatte, und ich spürte die ängstliche Anspannung zwischen den Schulterblät- tern, die mit solchem Wissen einhergeht. Die Sicht war gut. Kalte, leuchtende Sterne drehten sich langsam und hypno- tisch am Himmel. Pulsierten sie nicht auch? Waren es Augen? Das weiß ich heute nicht mehr. Der Strand bestand nicht aus Sand, son- dern aus Millionen winziger, zerbrechli- cher Knochen, die unter meinen Füßen knirschten und splitterten. Das Meer hob und senkte sich in tiefem Schweigen, als sei es erschöpft; es schien mit Sternenlicht besprenkelt zu sein. Dann sah ich, daß es von Tausenden kleinen Gesichtern bedeckt war, Mündern eigentlich, die sich im Rhyth- mus der Wellenbewegungen öffneten und schlössen und jedesmal, wenn die Wellen ans Ufer schlugen, wie Seevögel kreischten. Ich glaube, ich stand eine ganze Weile da und blickte einfach aufs Wasser hinaus. Plötzlich weckte eine andere Bewegung meine Aufmerksamkeit; eine ziemlich schnelle Bewegung. Was ich zuerst für einen Felsen in der Nähe des Ufers gehal- ten hatte, richtete sich nun in dem trüben Licht auf und ordnete seine Fledermaus- schwingen. Irgendetwas saß da auf diesem

Felsen.

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