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HENRY MILLER Land der Erinnerung ROWOHLT Zu DIESEM BUCH Der Satz seines Freundes Alfred Perlés «Sich erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden» steht als Leitmotiv über Henry Millers Aufzeiclmungen. Für ihn ist Erinnerung die Fähigkeit des Menschen, die Zeitlichkeit aufzuheben und Unsterblichkeit zu erlangen. «In der Erinnerung fällt am Ende alles zusammen.» Millers «Land der Erinnerung» ist Frankreich. Neun Jahre gehörte er den Pariser Kreisen der «American Exiles» an. Hier führte er ein Bohemeleben mit wenig Geld und großen Abenteuern. Sein Rückblick wurde zu einem leidenschaftlichen L...
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HENRY MILLER

Land der Erinnerung ROWOHLT

, Zu DIESEM BUCH Der Satz seines Freundes Alfred Perlés «Sich erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden» steht als Leitmotiv über Henry Millers Aufzeiclmungen. Für ihn ist Erinnerung die Fähigkeit des Menschen, die Zeitlichkeit aufzuheben und Unsterblichkeit zu erlangen. «In der Erinnerung fällt am Ende alles zusammen.» Millers «Land der Erinnerung» ist Frankreich. Neun Jahre gehörte er den Pariser Kreisen der «American Exiles» an. Hier führte er ein Bohemeleben mit wenig Geld und großen Abenteuern. Sein Rückblick wurde zu einem leidenschaftlichen Liebesbekenntnis zu la douce France. In seiner kraftvollen und freimütigen Sprache preist er die Stellung des Künstlers in der französischen Gesellschaft, Paris, die Menschen, die Landschaften und die Kunst, die hier alle Bereiche des Lebens durchdringt, «vom Heiligtum bis zur Küche». Frankreich, das ist für ihn Europa, und mit wehmütigen Worten verteidigt er Europas Größe, Weisheit und Traum von der Unsterb- lichkeit gegen den American way of life. «Daß mir Frankreich Mutter, Geliebte, Heimat und Muse geworden war, merkte ich erst spät.» Henry Miller, der am 26: Dezember 1891 in New York geborene deutschstämmige Außenseiter der modernen amerikanischen Literatur, wuchs in den Großstadtstraßen Brooklyns auf. In der von Peter Neagoe herausgegebenen avantgardistischen Anthologie «Americans Abroad» (1932) erregte er erstmalig mit der Erzählung «Mademoiselle Claude» Aufsehen, die auch in dem rororo-Band Millerscher Meistererzählungen «Lachen, Liebe, Nächte» (rororo Nr. 227) enthalten ist. Ein Jahr vorher hatte er sein leidenschaftlich umstrittenes, erstes größeres Werk «Wendekreis des Krebses» abgeschlossen, ohne Hoffnung, dieses alle moralischen und formalen Maßstäbe zertrümmernde Werk jemals gedruckt zu sehen. Dem Wagemut eines Pariser Verlegers verdanken wir diese erste Buch- veröffentlichung in englischer Sprache, der später ein weiteres romanhaft-autobiographisches Werk, «Wendekreis des Steinbocks»,, und der Novellenband «Schwarzer Frühling» folgte. Diese Werke sowie die Bücher «Der Koloß von Maroussi» (rororo Nr. 758), «Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch» (rororo Nr. 849/850) und die weiteren Bekenntnisromane «Plexus» und «Nexus» machten Henry Miller auch in Deutschland bekannt. Außerdem erschien deutsch unter dem Titel «Kunst und Provokation» ein Briefwechsel zwischen Henry Miller, Alfred Perlés und Lawrence Dürr eil. Führende Schriftsteller wie John Cowper Powys, T. S. Eliot, George Orwell und in Deutschland Ernst Jünger haben Miller als den Propheten der entfesselten Lebenslust und als den Apokalyptiker der modernen Zivilisation gefeiert. In der Reihe «rowohlts deutsche en- zyklopädie» erschien von Henry Miller «Die Kunst des Lesens»; der Rowohlt Taschenbuch Verlag legte außerdem als Paperback (RP Bd. 2) eine von Lawrence Durrell herausgegebene Anthologie unter dem Titel «Ein Henry Miller Lesebuch» vor. Ferner erschienen «Das Lächeln am Fuße der Leiter» mit Illustrationen von Joan Miro, «Sämtliche Erzählungen», «Stille Tage in Clichy», «Briefe an Ana'is Nin» und «Lawrence Durrell-Henry Miller: Briefe 1935-1959»- In der Reihe «rowohlts monographien» wurde als Band 61 eine Darstellung des Dichters in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumen- ten von Walter Schmiele veröffentlicht, die eine ausführliche Bibliographie enthält., Die Originalausgabe erschien beim Verlag New Directions, New York, unter dem Titel «Remember to Remember» Berechtigte Übertragung aus dem Amerikanischen von GEROLD REINHART Umschlagentwurf Werner Rebhuhn rororo TASCHENBUCH AUSGABE 1. - 30. Tausend April 1967 31. - 38. Tausend November 1968 © Peter Schifferli, Verlags AG «Die Arche», Zürich, 1957 «Remember to Remember» Copyright 1947 by New Directions Gesetzt aus der Linotype-Cornelia und der Baskerville (Bauersche Gießerei) Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck /Schleswig Printed in Germany, HENRY MILLER Sich erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden. Sich ans Erinnern erinnern, alles in Ewigkeit kosten, wie einmal in der Zeit... Erinnerung ist der Talisman des Schlafwandlers auf dem Boden der Ewigkeit, Wir klammern uns an die Erinnerung, um eine Identität zu bewahren, die, einmal bewußt geworden, unverlierbar ist. Wenn wir diese Wahrheit in einem Akt der Erinnerung entde- cken, dann vergessen wir alles andere. «Selbst Gott», schrieb Nerval, «kann Tod nicht in Vernichtung wandeln.» Es begann gestern nacht, als ich bäuchlings neben Minerva auf dem Boden lag und ihr auf dem Plan von Paris die Gegenden zeigte, in denen ich einmal wohnte. Es war eine große Metro- Karte, und es war schon aufregend, die Namen der Stationen zu wiederholen. Schließlich begann ich mit meinem Zeigefin- ger rasch von quartier zu quartier zu wandern, und blieb hier und da stehen, wenn ich zu einer Straße kam, deren Namen ich vergessen zu haben glaubte, einer Straße wie der rue du Coten- tin zum Beispiel. Die Straße, in der ich zuletzt gewohnt hatte, konnte ich nicht finden; es war eine Sackgasse zwischen der rue de l'Aude und der rue Sainte-Yves. Dagegen fand ich die place Dupleix, die place Lucien-Herr, die rue Mouffetard (welch ein Name!) und den quai de Jemmapes. Dort überquer- te ich eine der hölzernen Brücken, die sich über den Kanal spannen, und verlor mich im Straßengewirr an der Gare de l’Est. Als ich mich wieder zurechtfand, war ich in der rue Saint-Maur. Von dort wandte ich mich nach Norden-in Rich- tung Belleville und Ménilmontant. An der Porte des Lilas erlitt ich ein völliges Trauma. Wenig später studierten wir die Departements von Frankreich. Welch herrliche, Erinnerungen weckende Namen! Wie viele Flüsse gibt es da zu überqueren, wie viele Käsesor- ten zu kosten - und alle möglichen Getränke. Käse, Weine, Vögel, Flüsse, Berge, Wälder, Schluchten, Klüfte, Kaskaden. Man denke an die Île de France. Oder: Roussillon. Zum ers- tenmal stieß ich auf den Namen Roussillon, als ich noch Kor- rektor war, und immer verband ich ihn mit rossignol, was zu deutsch Nachtigall heißt. Noch nie hatte ich die Nachtigall gehört, ehe es sich traf, daß ich das verschlafene Dorf Louve- ciennes besuchte, wo Madame du Barry und Turgenjev einmal gelebt haben. Als ich eines Abends ins «Haus des Inzests» zurückkehrte, wo Anaïs Nin wohnte, schien es mir, als hörte ich den wunderbarsten Gesang von der Welt. Er drang aus den, Geißblattranken an der Gartenmauer herüber. Das war der rossignol, zu deutsch die Nachtigall. Wie dem auch sei, dort in jenem Garten schloß ich Freundschaft mit einem Hund, dem dritten Hund, den ich nä- her kennengelernt hatte. Aber ich eile mir selbst voraus. Der Hund kommt später .wenn ich im Restaurant sitze und dar- auf warte, daß Miss Steloff mir eine Broschüre mit dem Titel ‹The Meaning and the Use of Pain› bringt. Wir liegen noch immer auf dem Boden, Minerva und ich, und studieren die Namen der Departements. Minerva fragt, ob ich je Les Baux besucht habe. Sie beschreibt, wie sie eines Spätnachmittags mit dem Rad dorthin geraten sei. «Aber genauso bin auch ich dorthin geraten!» rief ich. «Erinnerst du dich an die ausgetre- tenen Stufen den Hügel hinauf? Und an jene seltsame, urwelt- liche Landschaft rings umher, die an Arizona oder New Mexi- co erinnert?» Minerva schien sich an alles zu erinnern. Es war ihre erste und einzige Reise nach Frankreich gewesen, gerade zur Zeit von ‹München›. Damals saß ich vermutlich gerade auf einer Bank in den allees de Tourny in Bordeaux. Dort gab es immer Tauben, die darauf warteten, daß man sie fütterte. Auch Hitler gab es damals, aber der verlangte größere Bissen. Von Les Baux war ich nach Tarascon geradelt. Es war Mittag, als ich dort ankam, und die Stadt schien völlig aus- gestorben. Ich erinnere mich so lebhaft der breiten Straße und der weiten terrasses im gemessenen Abstand vom Randstein. Sofort begriff ich, warum Daudet sich auf jene wilden Aben- teuerfahrten in das Afrika der Seele gemacht hatte. Ein wenig später, als ich mich im Hôtel de la Poste mit dem Küchenchef unterhielt, wurde mir klar, daß Tartarin auch das Waldorf- Astoria in New York besucht hatte. Und noch später fand ich auf der Insel Spetsai ein Ebenbild des Innenhofes des Hôtel de la Poste .alles genau gleich, bis hin zu den Vogelkäfigen. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Küchenchef sich in einen byzantinischen Mönch mit einem Harem dunkel- äugiger Nonnen verwandelt hatte. All das ist nur ein Vorgeschmack der eigentlichen Trance, die mich überkam, als mir die Eisenbahnplakate im französischen Restaurant ins Auge fielen. Inzwischen ver-, schlang ich ein Buch mit dem Titel ‹Le Renégat› von meinem Freund Alfred Perlès. Es war, als tränke ich den Strom der Erinnerungen aus. Ich will hier nicht über das Buch sprechen. Ich möchte nur sagen, daß es einen eigentümlich anthroposo- phischen Geschmack hat, den es dem geliebten Edgar Voicy und dessen Lehrmeister Rudolf Steiner verdankt. Es enthält ein Einschiebsel von drei Seiten, ganz auf französisch, dessen Grundgedanke vielleicht der Satz «l'orgasme est l'ennemi de l'amour» erahnen läßt. Aber noch ein anderer und wichtigerer Satz findet sich darin, der zwei- oder dreimal wiederholt wird: «Sich erinnern, ist die Sendung des Menschen auf Erden ...» Es ist einer von den Sätzen wie «der Zweck heiligt die Mittel». Er sagt nur denen etwas, die auf das Stichwort warten. Jetzt sitze ich im Restaurant. Die Zubereitung des Essens ist scheußlich: es soll wohl Bordelaise sein. In Wirk- lichkeit aber könnte kein Feinschmecker unter gastronomi- schen Gesichtspunkten Epoche oder Gegend bestimmen. So- gar die Pasteten sind gefälscht. Die Hausmarke heißt Dyspepsie. Es muß im Jahre 1942 gewesen sein, als ich mir dieses scheußliche Essen einverleibte. Meine Augen verschlangen die wohlvertrauten Eisenbahnplakate. - La Corrèze, Quimper, Lourdes, Le Puy ... Ich hatte ein gut Teil von Amerika bereist und hungerte und dürstete nach Ich-weiß-nicht-was. Es war, als sei ich gerade aus Timbuktu zurückgekehrt, der erste weiße Mann, dem es gelungen war, lebend dort herauszukommen, nur daß ich von nichts anderem zu erzählen wußte als von Eintönigkeit, Sterilität und Langeweile. Ich hatte in diesem Restaurant schon oft gegessen, hatte die gleichen Eisenbahn- plakate schon viele Male gesehen, und das Essen, obwohl schlecht, war nicht schlimmer, als es immer gewesen war. Plötzlich war alles verwandelt. Da waren nicht länger Eisenbahnplakate, sondern ein- dringliche Bilder eines Landes, das ich kannte und liebte, Sou- venirs einer Heimat, die ich gefunden und wieder verloren hatte. Plötzlich waren Hunger und Durst gestillt. Plötzlich wurde mir klar, daß ich zwanzigtausend Meilen in der falschen Richtung gereist war., Mein Blick wandte sich immer tiefer nach innen; alles war in den goldenen Schein der Erinnerung eingetaucht. Le Roussillon, das ich nie besucht hatte, wurde zur Stimme Alex Smalls, der in der Brasserie Lipp am boulevard Saint-Germain saß. Wie Matisse war er in Collioure gewesen und hatte von dort Atmosphäre, Duft und Farbe mitgebracht. Zu jener Zeit war ich eben dabei, Paris zum erstenmal zu verlassen - mit dem Fahrrad. Zadkine hatte auf der marmornen Tischplatte eine große Skizze des Weges gezeichnet, dem meine Frau und ich folgen mußten, um an die italienische Grenze zu gelangen. Gewisse Städte durften wir, seiner Meinung nach, auf keinen Fall übersehen. Ich erinnere mich, daß eine davon Vézelay war. Aber hatte er auch Vienne erwähnt? Ich weiß es nicht mehr. Vienne steht mir lebendig vor Augen, in Dämmer ge- hüllt; das dröhnende Rauschen eines Baches hämmert mir noch immer in den Ohren. Dort müssen die Annamiten ein- quartiert gewesen sein; es waren die ersten, die ich in Frank- reich sah. Wie seltsam kam mir die französische Armee in jenen Tagen vor. Sie schien mir aus Kolonialtruppen zu beste- hen. Ihre Uniformen fesselten mich, besonders die der Offizie- re. Ich folge einem Annamiten die dunkle Straße entlang. Wir haben gegessen und sehen uns nach einem ruhigen Café um. Wir betreten eines der hohen Cafés, wie man sie oft in der Provinz antrifft. Sägemehl bedeckt den Boden, und der saure Geruch des Weines ist durchdringend. In der Mitte des Rau- mes steht ein Billardtisch; zwei elektrische Birnen hängen an langen Schnüren von der Decke und beleuchten das grüne Tuch. Zwei Soldaten beugen sich über den Tisch, einer in der Uniform der Kolonialtruppen. Die ganze Atmosphäre des Or- tes erinnert an das Werk van Goghs. Sogar der dickbauchige Ofen ist da, mit dem langen, gebogenen Rohr, das mitten durch die Decke verschwindet. Das ist Frankreich, vielleicht von seiner unscheinbarsten Seite, ein winziges Stück nur, das aber, auch in einer alten Weste verborgen, nichts von seinem Geschmack einbüßt. In Frankreich gibt es immer Soldaten. Und gewöhn- lich sehen sie verloren und verlottert aus. Es ist immer Abend, wenn ich sie bemerke; entweder beim Verlassen der Kaserne, oder wenn sie dorthin zurückkehren. Sie sehen aus wie geis- tesabwesende Gespenster. Manchmal bleiben sie vor einem Standbild stehen und starren es mit leerem Blick an, während sie in der Nase bohren oder sich den Hintern kratzen. Man würde nie glauben, was für eine starke Armee sie darstellen, wenn alle beieinander sind. Einzeln und allein erregen sie Mitleid: es ist für einen Franzosen unziemlich, unnatürlich, unwürdig, in einer Uniform herumzulaufen - es sei denn als Offizier. Dann ist er ein Pfau. Aber er ist auch ein Mann. Ge- wöhnlich ein sehr intelligenter Mann, sogar wenn er nur Gene- ral ist. Eines Abends in Périgueux, während ich an die Lieb- lichkeit Marylands denke, bemerke ich die leere Fläche, die immer die Kasernen zu umgeben scheint; schwerfällig trottet ein Unteroffizier über sie hin, als ob er nach dem Sudan un- terwegs sei, eine kalte Zigarette hängt ihm im Mundwinkel. Er ist vollkommen niedergeschlagen, sein Hosenschlitz ist offen und die Schuhbänder sind lose. Er nimmt Kurs aufs nächste bistrot. Ich habe selbst kein Ziel. Ich bin erfüllt von dem blau- en Schmelz des Himmels, mit einem Fuß in Maryland, mit dem anderen im Perigord. Das Elend des armen Wehrdienst- lers wirkt auf mich wohltuend; es ist nur einer der längst ver- trauten Aspekte des Frankreichs, das ich anbete. Kein Schmutz, kein Gestank, keine Häßlichkeit kann meinen See- lenfrieden stören. Ich werfe einen letzten Blick auf Frankreich, und was immer ich sehe, ist herrlich. Ungefähr eine Stunde später saß ich draußen vor ei- nem köstlichen Getränk und dachte an den Soldaten und an den Krieg von 1914 .dann an Lun éville. Ein zartes deut- sches Mädchen erzählt mir mit tiefer, heiserer Stimme von dem Keller, in dem sie in jenen qualvollen Tagen und Nächten gewohnt hat. Es hätte ebensogut die Geschichte einer ent- kommenen Ratte sein können. Sie enthält nichts Menschliches, nur Grauen und Entbehrung. So oft wurde dieses Mädchen ausgehungert, vergewaltigt und gefoltert, daß nichts mehr von ihm übriggeblieben ist als eine zerbrochene Stimme. Vor ein paar Nächten habe ich ihr in Paris Lebewohl gesagt. Ich be- gleitete sie noch bis zur Tür des Clubs, in dem sie für eine lesbische Kundschaft singt. Der nächste Krieg ist schon über-, fällig. Ihre letzten Worte gelten Luneville, den grausigen Nachtbombardements, den Plünderungen, den Mißhandlun- gen. Sie zittert am ganzen Körper, wie vom Fieber befallen. Drinnen summt jemand «Wien, Wien, nur du allein». Der Zug rollt ostwärts, nach Luxemburg. Bald werden wir Sedan passieren, diesen verhängnisvollen Ort, dessen Na- me von Niederlage und Erniedrigung spricht. In der Nähe liegt Charleville, aber wir sind zu betrunken, um uns die Taten des jugendlichen Rimbaud ins Gedächtnis zu rufen. (Was würde ich jetzt darum geben, wenn ich diesen Zug anhalten und aus- steigen könnte.) Ein wenig nördlich liegen Maubeuge, Mons, Charleroi, Namur, schreckliche Namen, mit eisernen Ringen in den Nüstern. Krieg. Krieg. Land der Festungen und der Invasionen, zu denen sie herausfordern. Der eiserne Ring zieht sich zusammen. Die Adler schreien. Auf Reisen ist man immer von der Gefolgschaft des Todes oder seiner Ordonnanz begleitet. Das ruhige Dorf, durch das der Fluß so friedlich zieht, derselbe Ort, den du dir zum Träumen erwählt hast, ist gewöhnlich der Schauplatz eines alten Blutbades. Was zum Träumen anregt, ist das Blut, das reichlicher als Wein vergossen wurde. In Orange, so still und so voll verlorener Größe, pfeift das historische Rezitativ durch die gebleichten Knochen verschlafener Ruinen. Der Are de Triomphe kauert in stummer Beredsamkeit in gleißender, sonnenerfüllter Einsamkeit. Durch einen Torbogen über einem Krug, funkelnd von kaltem Schweiß, bricht die Vergangenheit hervor. Man sieht durch den Bogen in den Midi. Mit tausend wütenden Mäulern fließt die Rhone dahin, um im Golfe du Lion zu verströmen. «Départ dans l'affection et le bruit neuf.» Irgendwo zwischen Vienne und Orange, irgendwo in einem Dorf ohne Namen, hielten wir am Rande einer kur- venreichen Straße an, bei einer geräumigen, schattigen Terras- se. Eine niedrige Hecke, die dem Bogen der Straße folgte und sie fast vollständig einschloß. Dort gab ich mich, in einem Zustand angenehmer Erschöpfung, dem Gefühl absoluter Des- orientiertheit hin. Ich wußte nicht mehr, wo ich war, warum ich gekommen war, wann oder wohin ich gehen würde. Das köstliche Gefühl, ein Fremdling in einer fremden Welt zu sein, erfüllte und berauschte mich. Ohne Erinnerung trieb ich dahin., Die Straße hatte kein Gesicht. Kirchenglocken läuteten, aber wie aus einer anderen Welt. Es war das reine Glück des Los- gelöstseins. Genug gehört, genug gesehen. Gekommen und wieder gegangen. Immer noch hier. Ich flog und glaubte die Engel weinen zu hören. Keine Zunge regte sich. Bier kalt, Kragen noch schwebend. War gut. «Rumeurs des villes, le soir, et au soleil, et toujours.» Ja, und immer. Immer ja. Bin hier, war fort, und im- mer, ja immer der gleiche Mensch, der gleiche Ort, die gleiche Stunde, alles gleich. Immer gleich. Das gleiche Frankreich. Gleich wie welches Frankreich? Gleich wie Frankreich. Dann wußte ich, ohne Worte, ohne Gedanken, ohne cadre, genre, Rahmen oder Bezug, oder Rahmen des Bezuges, daß Frankreich war, was es immer ist. Waage, Achse, Stütz- punkt. Diese Einheit. «Assez connu. Les arrets de la vie.» Das Ticken im Herzen einer Uhr, das nie aufhören wird. Der Bogen, der sich nie schließt. Das Summen des Ver- kehrs in einer Welt ohne Räder. Es gibt keinen Namen dafür, keine Erkennungszeichen. Nicht einmal die Spur der vandali- schen Hufe., Sich, erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden ... Warum haben wir nur so schallend gelacht, als dieser Satz aus seinem Mund kam? War es vielleicht, weil er so komisch aus- sah, als er sprach, den Mund halbvoll und die Gabel wie einen verlängerten Zeigefinger in die Luft gestreckt? War es zu sen- tentiös für diesen ruhigen Regentag, für dieses schmutzige, unauffällige Restaurant am Rande der 13. Arrondissements? Erinnern, vergessen; sich für eines entscheiden. Wir haben keine Wahl, wir erinnern uns an alles. Aber zu verges- sen, um sich besser zu erinnern, oh! Von Stadt zu Stadt ziehen, von Weib zu Weib, von Traum zu Traum, weder erinnern noch vergessen wollen, sich dennoch immer erinnern und sich doch nicht ans Erinnern erinnern. (Rückblende: Le Cours Mi- rabeau, Aix-en-Provence. Zwei riesenhafte Atlanten, die Füße im Bürgersteig vergraben, tragen das Gewicht der oberen Stockwerke eines Hauses auf ihren muskulösen Schultern.) Nachts in einer einsamen Stadt im Westen (Nevada, Oklaho- ma, Wyoming) werfe ich mich aufs Bett, fest entschlossen, mich an etwas Schönes, etwas Vielversprechendes aus der Vergangenheit zu erinnern. Und dann, ohne Grund, einzig aus rein saturnischer Perversität, gellt der herzzerreißende Schrei einer Frau in meinen Ohren: «Mord! Mord! O Gott, Hilfe, Hilfe.» Bis ich auf die Straße gelange, ist das Taxi schon ver- schwunden. Nur das Echo der Schreie belebt die verlassene Straße. Manchmal brauche ich mich nur hinzulegen und schon tauchen die bezauberndsten Szenen wieder auf. Wie Spin- nengewebe nehmen sie hinter der Netzhaut Gestalt an. Vom Keller bis zum Dach bin ich ein einziges glitzerndes Gewebe von Zauberbildern. Ich schließe die Augen und lasse mich von ganzen Gedächtnis-Girlanden erwürgen. Ich nehme sie mit nach unten, damit sie von dem tyrannischen Psychopompen Metamorphose neu geordnet werden. Auf diese Weise sah ich Carcassonne, belagert von den Löwen Mykenäs. So traf ich, Richard Löwenherz auf der «Schinken-und-Eisen-Messe». Sur un chaland qui passe bemerkte ich le Jongleur de Notre- Dame. Erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden. Sich ans Erinnern erinnern. Alles in Ewigkeit kosten, wie ein- mal in der Zeit. Alles geschieht nur einmal, aber dieses eine Mal für immer. À toujours. Erinnerung ist der Talisman des Schlafwandlers auf dem Boden der Ewigkeit. Wenn nichts verlorengeht, so wird doch auch nichts hinzugewonnen. Nur was dauert ist da. ICH BIN. Das birgt alle Erfahrung, alle Weisheit, alle Wahrheit. Was abfällt, wenn die Erinnerung ihre Türen und Fenster öffnet, hat nie existiert, es sei denn in Angst und Verzweiflung. Eines Nachts, als ich dem Regenprasseln auf dem Blechdach unserer Hütte zuhörte, kam mir plötzlich der Name des Dorfes in den Sinn, in das mich mein erster Ausflug geführt hatte: Ecoute s'il Pleut. Wer würde glauben, daß eine Stadt einen so bezaubernden Namen haben könnte? Oder daß es eine gibt, die Marnes-la-Coquette heißt, oder Lamalou-les-Bains, oder Prats-de-Mollo? Aber es gibt tausend solcher liebenswerter Namen. Die Franzosen haben ein Genie für Ortsnamen. Darum haben auch ihre Weine so unvergeßli- che Namen - Château d'Yquem, Vosne-Romanee, Château- neuf-du-Pape, Gevrey-Chambertin, Nuits-Saint-Georges, Vou- vray, Meursault und so fort. Vor mir liegt das Etikett einer Flasche, die wir neulich abends in Lucia bei Norman Mini ausgetrunken haben. Es war ein Latricieres-Chambertin aus den Caves des Ducs de Bourgogne, Etablissements Jobard Jeune & Bernard Blawne (Côte d'Or, Maison fondee en 1795). Was für Erinnerungen diese leere Flasche weckt. Besonders an meinen Freund Renaud, der am Lycee Carnot in Dijon pion war, und an seinen Besuch in Paris mit zwei kostbaren Fla- schen Beaune unter dem Arm. «Was für ein furchtbares Fran- zösisch wird hier in Paris gesprochen!» war das erste, was er ausrief. Zusammen erforschten wir Paris; von den Abattoirs de la Villette bis Montrouge, von Bagnolet bis zum Bois de Bou- logne. Wie wunderbar, Paris durch die Augen eines Franzosen zu sehen, der es zum erstenmal erlebt! Wie kurios, ein Ameri- kaner zu sein, der einem Franzosen seine eigene Metropole zeigt! Renaud gehörte zu den Franzosen, die gerne singen., Auch liebte er die deutsche Sprache, was bei einem Franzosen noch seltener ist. Doch am liebsten war ihm seine eigene Spra- che, und er sprach sie vollendet. Um die Art dieser Vollen- dung zu würdigen, mußte ich warten, bis ich hörte, wie er sich mit Jeanne von Poitou und dann mit Mademoiselle Claude aus der Tou-raine unterhielt. Schließlich mit Nys aus den Pyrenä- en. Nys aus Gavarnie. Gavarnie! Wer bekommt je Gavarnie zu sehen? Per- pignan ja, Chamonix auch. Aber le cirque de Gavarnie? Frankreich ist klein, aber voll von Wundern. In Montpellier träumt man von Le Puy; in Domme von Rouen; in Arcachon von Amiens; in Troyes von Amboise; in Beaucaire von Quim- per; in den Ardennen von der Vendee; in den Vogesen von der Vaucluse, in der Lorraine von der Morbihan. Man fiebert da- nach, von Ort zu Ort zu ziehen, alles ist miteinander verbun- den, erfüllt vom Duft der Vergangenheit und lebendig vor Zukunft. Man zögert, einen Zug zu besteigen, weil man Angst hat, beim Dahindösen ein verzauberndes Fleckchen Land zu verpassen, das zu sehen man nie wieder die Möglichkeit haben wird. Sogar die langweiligen Orte sind aufregend. Grüßt nicht überall ein Amèr-Picon oder ein Cinzano oder ein Rhum d'In- ca? Wo immer man die Buchstaben des französischen Alpha- bets sieht, gibt es gutes Essen, gute Getränke und Gespräche. Sogar wo es unfreundlich, düster, abweisend aussieht, ist es möglich, daß man jemanden trifft, der die Szene durch ein Gespräch lebendig macht. Es muß nicht der kultiviert ausse- hende Herr mit dem Spazierstock sein, vielleicht ist es der Metzger oder die femme de chambre. Halte dich immer an die kleinen Leute, an die quelconques. Die kleinen Blumen geben die anmutigsten Sträuße. Die kostbaren Dinge in Frankreich sind meist kleine Dinge. Bemerkenswert ist, was mignon ist. Die Kathedralen, die Schlösser sind großartig; sie fordern Kniefall, Verehrung. Aber der echte Franzose liebt, was er in seinen beiden Händen halten, was er zu Fuß erreichen, mit einem einzigen Blick erfassen kann. Man braucht sich nicht den Hals zu verrenken, um die Wunder Frankreichs zu sehen. Ich sprach von Monsieur Renauds herrlichem Franzö- sisch. Genau wie man das Bukett von gewissen erlesenen Weinen nur in der richtigen Umgebung genießen kann, so, bedarf es, um die Schönheit der französischen Sprache voll auszukosten, einer Atmosphäre, die nur die jeune fille der Pro- vinzen zu schaffen versteht. In jedem Land ist es die schöne Frau, die die Illusion schafft, sie spreche die Sprache am bes- ten. In Frankreich gibt es gewisse Gegenden, wo die gespro- chene Sprache ein Höchstmaß an Schönheit und Zauber er- reicht. Claude war eine Prostituierte, ebenso Nys, aber sie sprachen wie Engel. Sie bedienten sich der klaren, silbrigen Sprechweise jener Männer, die die französische Sprache ge- formt und sie unsterblich gemacht haben. Bei Claude gab es Bemerkungen, so rein wie die Bilder, die in den Wassern der Loire fließen. Wenn mir die Erinnerung an gewisse femmes de joie, wie sie mit Recht genannt werden, teuer ist, so darum, weil ich an ihren Brüsten wieder jene kräftigen Züge einer Muttermilch trank, in der Sprache, Landschaft und Mythos sich mischen. Sie waren alle so sanft, duldsam und weise, bedienten sich der Sprache von Königinnen und verfügten über den beruhigenden Zauber von Huris. In ihren Bewegungen, ebenso wie in ihrer Sprache, war Reinheit; so wenigstens schien es mir. Ich war auf die feine Anmut, die sie zeigten, nicht gefaßt, da ich nur das rohe, unbeholfene, übertrieben selbstsichere Gehabe der amerikanischen Frau kannte. Für mich waren sie die kleinen Königinnen Frankreichs, die nicht anerkannten Töchter der Republik, die als Entgelt für Schimpf und Demütigung Licht und Freude verbreiteten. Was wäre Frankreich ohne diese selbsternannten Botschafterinnen des Wohlwollens? Wenn sie mit Ausländern oder sogar mit dem Feind fraternisieren, sind sie deshalb als Abschaum der Gesellschaft anzusehen? Ich hö- re, daß Frankreich jetzt großes Reinemachen hält, daß es die Prostitutionshäuser aufheben will. So absurd das auch sein mag (in einer Zivilisation wie der unseren), diese ‹Reform› wird unerwartete Folgen zeitigen. Vielleicht werden diese unglücklichen Opfer der Gesellschaft jetzt die heuchlerischen Angehörigen der Oberschicht infizieren, die bleichen Schwes- tern der Bourgeoisie mit Würze, Salz und Schärfe erfüllen, mit größerer Freiheitsliebe, einem tieferen Gefühl für Gleichheit. Es ist so banal, so abgedroschen, wenn man in den Fil- men eine düstere, enge Straße sieht, in der die mitleid-, erweckende Gestalt einer Prostituierten steht und wie ein Gei- er im Nebel oder im Sprühregen darauf wartet, sich auf den verlassenen Helden zu stürzen. Nie wird einem die Fortset- zung dieser pathetischen Szene gezeigt; man wird in dem Glauben gelassen, daß der unglückliche Held sofort um seinen Besitz erleichtert, mit einer schrecklichen Krankheit infiziert und auf einem verlausten Bett in den frühen Morgenstunden im Stich gelassen werde. Sie erzählen uns nicht, wie viele verzweifelte Seelen von diesen raubgierigen Schwestern der Barmherzigkeit gerettet werden; sie geben auch keinen Hin- weis darauf, was diese «aussätzigen Geier» dazu geführt hat, einem solchen Beruf nachzugehen. Sie vergleichen diesen direkten, ehrlichen Broterwerb nicht mit den schleimigen, abstumpfenden Taktiken der Frauen aus den oberen Klassen. Sie verweilen nicht bei dem verzweifelten Mut, den tausend kleinen Tapferkeiten - tagtäglichen Heldentaten -, die die Pros- tituierten vollbringen müssen, um leben zu können. Sie zeich- nen diese Frauen als eine Rasse für sich, als infecte, um das einheimische Wort dafür zu gebrauchen. Wirklich infect ist dagegen das Geld, das von ihnen erpreßt wird, um zum Unter- halt von Kirchen und Kriegsmaschinen zu dienen, schmierige Sümmchen, die, durch Zuhälter und Politiker (die ein und dieselben sind) gesiebt, schließlich den goldenen Misthaufen ergeben, der gebraucht wird, um eine baufällige und wacklige Gesellschaft von Unfähigen zu stützen., Ein Blick auf die Karte von Frankreich, vor allem auf die Na- men der alten Provinzen, und eine ganze Schar berühmter Frauen wird heraufbeschworen, von denen einige für ihre Hei- ligkeit bekannt sind, andere für ihre leichten Sitten oder ihre Heldenhaftigkeit, ihren Witz, ihren Reiz, ihre hohe Intelligenz, die aber alle berühmt, alle dem französischen Herzen teuer sind. Man braucht nur Namen wie Bourgogne, Provence, Lan- guedoc, Gascogne, Saintonge, Orleanais, Limousin im Geiste vorüberziehen zu lassen, um sich der Rolle der Frauen in der französischen Geschichte, in der französischen Kultur zu erin- nern. Man braucht nur an die Namen allbekannter französi- scher Schriftsteller, der Dichter im besonderen, zu denken, um sich ins Gedächtnis zu rufen, wie unentbehrlich für sie die Frauen waren, die sie liebten: Frauen am Hof, Frauen auf der Bühne, Frauen der Straße, manchmal Frauen aus Stein oder Holz, manchmal auch ein bloßes Phantom oder ein Name, von dem sie gefesselt, gebannt, begeistert waren, inspiriert zu Meisterwerken der Schöpfung. Die Aura, die so manche dieser Namen umgibt, ist ein Teil einer größeren Aura: Dienst. Got- tesdienst, Liebesdienst, Dienst am Schöpferischen, Dienst an der Tat.Dienst sogar an der Erinnerung. Keine bedeutende Bewegung wurde je ins Leben gerufen, ohne daß die Gestalt einer aufopfernden, faszinierenden Frau eine Rolle gespielt hätte. Wohin man sich in Frankreich auch wenden mag, hinter allem steht eine Geschichte von weiblicher Inspiration und Führung. Frankreichs Männer bringen auf keinem Gebiet et- was Heldenhaftes, etwas von bleibendem Wert zustande, ohne die Liebe und die Treue ihrer Frauen. Als ich die berühmten Schlösser der Loire oder die un- geheuren Forts in der Dordogne besuchte, gedachte ich nicht der Krieger, der Fürsten oder der kirchlichen Würdenträger, sondern der Frauen. All diese Festungen, mögen sie nun ge-, waltig, prunkvoll, elegant, anmutig oder drohend sein, waren nur Schalen, die die Blüte des Geistes bargen und schützten. Frankreichs Frauen waren das augenfällige Symbol dieses blühenden Geistes; sie wurden nicht nur in Versen, Stein und Musik vergöttert, gepriesen und verehrt, sondern sie wurden in Fleisch und Blut auf den Thron gehoben. Diese riesigen Käfi- ge aus Musik, denen nur der Verrat Schaden zufügen konnte, bebten von weiblicher Glut, weiblichem Widerstand, weibli- cher Hingabe. Sie waren Höfe der Liebe und Schauplätze der Kühnheit; alle Dualitäten modulierten durch ihre PfeIler und Gewölbe. Die Blumen, Tiere, Vögel, Künste, Geheimnisse: alles war durchdrungen von der Vermählung des männlichen und des weiblichen Prinzips. Es ist nicht verwunderlich, daß ein so herrlich weibliches Land, la belle France, zu gleicher Zeit ein Land ist, in dem der Geist, der männlich ist, die üp- pigsten Blüten getragen hat. Wenn es eines Beweises bedürfte, dann ist Frankreich der lebende Beweis dafür, daß beide Hälf- ten der Psyche harmonisch entwickelt sein müssen, damit der Geist sich entfalten kann. Die rationale Seite des französischen esprit (von Ausländern immer überschätzt) ist ein sekundäres Merkmal und ein oft entstelltes dazu. Frankreich ist seinem Wesen nach beweglich, schöpferisch, veränderlich und intui- tiv. Diese Eigenschaften sind nicht ausschließlich weiblich oder männlich; sie sind Merkmale der Reife, spiegeln Ausge- glichenheit und Ganzheit. Der Sinn für Gleichgewicht, den die Welt an den Franzosen so bewundert, ist das Ergebnis inneren, geistigen Wachstums, beständigen Nachsinnens über und der Hingabe an das Menschliche. Nirgends in der westlichen Welt wird der Mensch als Geschöpf und Wesen so groß, so umfas- send, so verheißungsvoll sichtbar. Aber nirgends sonst in der westlichen Welt wird das Geistige im Menschen auch so voll anerkannt und so großzügig gefördert. Diese Erhöhung des Menschen als Mensch, des Menschen als Herr seines Schick- sals, ist der eigentliche Quell von Frankreichs revolutionärem Geist. Ihr verdanken wir jenen starken Wirklichkeitssinn, dem wir in diesem Land immer wieder begegnen. Sie ist es, die dieses Volk in Niederlagen adelt und in der Krise unberechen- bar macht. Der Mut und die Kraft der Franzosen werden am besten immer von einzelnen zum Ausdruck gebracht. Die Na-, tion als Ganzes mag vor die Hunde gehen, der einzelne nie- mals. Solange noch ein Franzose lebt, wird das ganze Frank- reich sichtbar und erkennbar bleiben. Es mag unwichtig sein, was für eine Stellung es als Weltmacht einnimmt; wichtig ist nur, daß dieses geist-molekulare Produkt, das unter dem Na- men ‹Franzose› bekannt ist, nicht untergeht. Ich mache mir nie Sorgen um Frankreich. Das wäre, als wollte man sich um die Erde Sorgen machen. Was franzö- sisch ist, ist unvergänglich. Frankreich ist über sein körper- liches Sein hinausgewachsen. Nicht erst seit kurzem, als Folge von Niederlage und Demütigung, oder weil es von einer wich- tigen zu einer weniger wichtigen Macht geworden ist. Jenes Über-sich-Hinauswachsen begann mit dem Tage, an dem Frankreich geboren wurde, als es sich sozusagen bewußt wur- de, daß es der Welt etwas zu geben hatte. Fremde machen bei der Beurteilung Frankreichs oft den Fehler, daß sie den Geist der Erhaltung mit Geiz und Knauserei verwechseln. Die Fran- zosen sind nicht verschwenderisch mit ihrem materiellen Be- sitz; sie geben nicht gern von dem, was den Leib ernährt. Sie geben die Früchte ihrer Schöpfung, und das ist viel wichtiger. Die Quelle hüten sie eifersüchtig. Das ist Weisheit, die Weis- heit eines Volkes, das die Erde liebt und sich mit ihr identifi- ziert. Amerikaner sind das genaue Gegenteil. Sie sind großzü- gig mit dem, was ihnen nicht gehört, mit Reichtümern, die sie nicht erarbeitet haben. Sie beuten die Erde und ihre Mit- menschen aus. Sie würden das Paradies plündern, wenn sie nur wüßten, wie. An der Quelle verarmt, trägt ihre Freigebigkeit keine Früchte. Der Franzose schützt das Gefäß seines Geistes; dadurch erscheint er den Leichtlebigen hart und ichbezogen. Dabei handelt es sich nur um die Geschichte von den klugen und törichten Jungfrauen. Sollte einmal Wirklichkeit werden, was heute eine Drohung scheint, dann werden wir uns um Unterhalt und Inspiration an die Franzosen wenden müssen, vorausgesetzt natürlich, daß die Franzosen selbst nicht auch dem modernen Geist erliegen, was ich aber bezweifeln möch- te. Vor beinahe vierzig Jahren wies Péguy auf die Gefahr hin: «DIE MODERNE WELT VERNICHTET DIE WÜRDE!» rief er. «Das ist ihre Besonderheit. Ich möchte beinahe sagen, ihre Berufung, wenn das schöne Wort nicht über alles zu achten, wäre.» Immer und immer wieder kommt er auf dieses Motiv zurück. Er erklärt, wie und warum es so ist. Und dann faßt er es in einem Abschnitt endgültig zusammen und bricht den Stab über dieser Welt, die sich seit seinen Tagen mit erschre- ckender Geschwindigkeit auf ihre eigene Vernichtung zube- wegt. Hier die Grabschrift, der er ihr in Flammenlettern schrieb: «Die moderne Welt vernichtet jede Würde! Sie ent- würdigt den Staat; sie entwürdigt den Menschen. Sie entwür- digt die Liebe; sie entwürdigt die Frau. Sie entwürdigt die Rasse, sie entwürdigt das Kind. Sie entwürdigt die Nation; sie entwürdigt die Familie .Es ist ihr sogar gelungen, das zu entwürdigen, was vielleicht auf der Welt am schwersten zu entwürdigen ist, weil es in sich, wie eingewebt, eine eigene Art von Würde trägt, wie eine einzigartige Unfähigkeit zur Erniedrigung: sie entwürdigt den Tod.» Trotz der Wahrheit dieser Worte, trotz der schreckli- chen Erfahrung, die die Franzosen eben erst gemacht haben, trotz der Tatsache, daß alles vom Schlechten zum Schlechteren sich entwickelt und daß Frankreich nicht minder anfällig ist als jedes andere Land der Welt, trotz alldem gibt es heute Franzo- sen, die sich dem schmählichen Zusammenbruch auf allen Fronten widersetzen. Es gibt Franzosen, die so fest in der Wirklichkeit verankert sind, die selbst heute so fest an den unbezwingbaren Geist des Menschen glauben, daß sie vor der Welt als die erwählten Überlebenden eines, ich möchte fast sagen, schon zum Untergang verurteilten Planeten dastehen. Sie haben allem, was nur geschehen kann, ins Auge gesehen, jedem entsetzlichen Unheil, das in der Tat höchstwahrschein- lich eintreffen wird; aber sie bleiben unerschütterlich und un- erschrocken, entschlossen, als Menschen bis zum Ende der Zeiten durchzuhalten. Sie wissen wohl, daß das Beispiel, das Frankreich der Welt gab, entehrt und entstellt worden ist; sie sind sich bewußt, daß ihnen die Macht, die Welt nach ihrem Geschmack zu formen, entrissen wurde. Trotzdem leben sie weiter, als ob all das nichts zu bedeuten habe. Sie wirken fort wie Kräfte, die, einmal aufgerufen und in Bewegung gesetzt, so lange nicht aufhören können, ihren Einfluß auszuüben, bis sie vollständig verausgabt sind. Sie bauen nicht auf Regierung, Nationalität, Kultur oder Tradition, sondern auf den Geist, der, in ihnen lebt. Sie haben auf Requisiten verzichtet, die Texte verbrannt. Auf der nackten Weltbühne improvisieren sie ihre Verse nach einem inneren Zwang, spielen ohne Regisseure, verschmähen Proben, Kostüme, Versatzstücke, lassen sich keine Stichworte aus der Kulisse zuflüstern, schenken der Stimmung des Zuschauers keine Beachtung, sondern sind nur von einer einzigen Idee besessen: das Drama zu Ende zu spie- len, das in ihnen steckt. Es geht um das verzweifelte Drama der Identifikation, das Drama, in dem die Schranken zwischen Schauspieler und Zuschauer, zwischen Schauspieler und Autor fallen. Der Schauspieler ist nicht mehr Träger eines Aus- drucksmittels, das für ihn geschaffen wurde; er ist Mittel und Zweck zugleich. Die Welt ist seine Bühne, das Stück ist von ihm, die Zuschauer sind seine Mitmenschen. Die Vorstellung, die der Name ‹Frankreich› einst magisch wachrief, wird jetzt zum lebendigen Element der Wirklichkeit, das voll ausgespielt werden muß, um gebilligt zu werden. Frankreichs ganze Ver- gangenheit ist jetzt zu einem Theater geworden, so gewaltig, daß es die ganze Welt in sich schließt. Darin spielen die Chi- nesen ihre Rolle so gut wie die Russen und die Hindus, die Amerikaner, die Deutschen und die Engländer. Es ist der letzte Akt im Drama der Nationen. Ist es für Frankreich das Ende, so ist es auch das Ende für alle anderen Länder. Diese Beweg- lichkeit, diese Anpassungsfähigkeit der Franzosen wird sich im Augenblick der Auflösung noch beredter zur Geltung brin- gen. Jean-Paul Sartre sagt in einem Aufsatz mit dem Titel «Das Ende des Krieges», der für Les Temps Modernes ge- schrieben wurde: «Und wenn wir aufs Leben setzen, auf unse- re Freunde, auf unsere eigene Person, dann setzen wir auf Frankreich, dann unterziehen wir uns der Aufgabe, Frankreich in diese rohe und starke Welt einzubauen, in diese Menschheit in Todesgefahr. Wir müssen auch auf die Erde setzen, selbst wenn sie eines Tages auseinanderbröckeln sollte. Einfach, weil wir existieren.» Daß mir Frankreich Mutter, Geliebte, Heimat und Muse geworden war, merkte ich erst spät. Mich hungerte so sehr, nicht nur nach dem Körperlichen und Sinnlichen, nach menschlicher Wärme und Verständnis, sondern auch nach, Inspiration und Erleuchtung. Während der dunklen Jahre in Paris wurden all diese Bedürfnisse gestillt. Nie war ich allein, ganz gleich, wie jämmerlich es um meine Verhältnisse bestellt sein mochte. Ein Gefangener der Straße zu sein, wie ich es lange Zeit war, bedeutete ständige Erholung. Ich brauchte keine Adresse, solange mir die Straßen zum Durchwandern offenstanden. Es gibt in Paris kaum eine Straße, die ich nicht kennenlernte. In jeder einzelnen könnte ich eine Tafel aufstel- len, die mit goldenen Lettern an irgendein neues, reiches Er- lebnis, irgendeine tiefe Erkenntnis, irgendeinen Augenblick der Erleuchtung erinnert. All die Namenlosen, denen ich in Augenblicken der Angst oder Verzweiflung begegnete, blei- ben für immer in meinem Gedächtnis eingegraben. Ich identi- fiziere sie mit den Straßen, in denen ich sie traf. Ihre Welt war, wie die meine, eine Welt ohne Pässe, ohne Visa, ohne Visiten- karten. Eine gemeinsame Not brachte uns zusammen. Nur die Verzweifelten können diese Art der Gemeinschaft verstehen und richtig einschätzen. Und immer war es der Zufall, der mich auf diesen uralten Straßen rettete. Der Gang auf die Stra- ße war wie das Betreten eines Spielsaals: immer alles oder nichts. Heute sind Millionen Menschen - einst ehrbar, einst gutsituiert, einst in Sicherheit, wie sie meinten - gezwungen, die gleiche Haltung einzunehmen. «Verzweifle nur hinrei- chend», so pflegte ich zu sagen, «und alles wird gut.» Nie- mand verzweifelt aus freien Stücken. Niemand glaubt, solange er es nicht am eigenen Leibe erfahren hat, wie heilsam dieser Zustand sein kann. Die Revolutionäre machen sich diese Sicht der Dinge nicht zu eigen. Sie erwarten von Männern und Frau- en, daß sie die rechten Grundsätze vertreten, ohne zuvor durchs Feuer gegangen zu sein. Sie wollen Helden und Heili- ge, ohne ihnen Gelegenheit zum Leiden zu geben, ohne sie in die Feuerprobe zu schicken. Sie wollen den Übergang vom schlechten Zustand zum guten ohne das dépouillement, das allein sie dahin bringt, ihre alten Gewohnheiten abzulegen, ihre alten verbrauchten Ansichten. Ein Mensch, der nie bis auf die Knochen entblößt war, wird die sogenannten guten Ver- hältnisse nie zu schätzen wissen. Ein Mensch, der nie gezwun- gen war, anderen zu helfen (um sich selbst zu retten), kann nie zur revolutionären Kraft in der Gesellschaft werden. Er ist, nicht eingeschmolzen worden, er kann nie eingeschmolzen werden in die neue Ordnung; er ist ihr nur angeklebt. Er wird sich lösen, sobald es heiß wird. Man mag sich fragen - da ich doch früher schon durch das Fegefeuer gegangen war (in Amerika) -, warum ich diesen Weg noch einmal gehen mußte. Ich will es erklären. Als ich in Amerika unterging, geschah es nur, um auf falschen Grund zu stoßen. Der wahre Grund, chez nous, ist Treibsand, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich konnte nie Hoffnung schöpfen. Es gab kein Morgen, nur die endlose Aussicht auf lähmendes Einerlei. Ich konnte nie dem Gefühl entfliehen, mich in einem Vakuum zu befinden, in einer Zwangsjacke gefesselt zu sein. Mich zu befreien, hieß in eine Welt zurückzukehren, deren Luft ich nicht atmen konnte. Ich war der Stier in der Arena, und das Ende war sicherer Tod. Ein Tod überdies ohne Hoffnung auf Auferstehung. Denn in Amerika sorgen wir nicht nur dafür, daß der Leib tot ist, wir sorgen auch für die Abtötung der See- le. In Frankreich fand ich nicht nur die Dinge, die ich ge- nannt habe, sondern auch neuen Lebenswillen. Ich fand auch einen Vater, ja sogar mehrere Väter. Der erste war mein alter Französischlehrer aus dem Midi, der gute, alte Lantelme, der jetzt wohl tot ist. Er verbrachte den Sommer immer auf der Île d'Oléron. Meine Besuche schienen ihm Freude zu machen. Unsere Gespräche handelten immer vom alten Frankreich, besonders von der Provence. Er gab mir die Illusion, daß ich selbst einmal dazugehört habe und daß ich dem Geist des Midi näherstände als meinen eigenen Landsleuten oder den Barba- ren von Paris. Zwischen uns gab es keine Barrieren, die wir zuerst hätten niederreißen müssen. Wir verstanden und bejah- ten uns von Anfang an - trotz meines grauenhaften Franzö- sisch. Durch sein Verdienst wurde mein Sinn für die reife Weisheit der Franzosen geschärft, für ihre angestammte Höf- lichkeit, ihre Duldsamkeit, ihr Unterscheidungsvermögen, ihre wache Fähigkeit, das Wesentliche und Bedeutsame zu würdi- gen. Durch ihn wurde ich einer neuen Liebe gewahr: der Liebe zu den unscheinbaren Dingen. Alles, womit er sich umgab, wurde zärtlich geliebt. Ich, der ich mich während meines gan- zen Lebens so leicht von allem getrennt hatte, begann nun die, unbedeutendsten Dinge, die geringfügigsten Geschehnisse, mit neuen Augen zu sehen. In seinem Heim begann ich zum ers- tenmal den wahren Sinn der Schöpfung des Menschen zu ver- stehen. Ich sah, daß sie ein Widerschein des Göttlichen war. Ich sah, daß wir daheim beginnen müssen, mit dem Nächstlie- genden, dem Verachteten und als allzu vertraut Übersehenen. Langsam, ganz langsam, als ob Schleier von meinen Augen gezogen würden -und so geschah es wirklich! -, begann ich zu erkennen, daß ich in einem Garten voller Schätze lebte, im Garten Frankreichs, auf den die ganze Welt mit liebenden, verlangenden Augen blickt. Ich verstand, warum die Deut- schen, vor allen anderen Europäern, diesen Garten brauchten, warum sie nie aufhörten, gierige Blicke zu ihm hinüberzuwer- fen. Ich verstand, warum sie ihn zertrampeln würden, wenn sie ihn nicht selbst besitzen könnten. Ich verstand auch, warum meine eigenen Landsleute weiter in ihm Zuflucht suchen wür- den, obwohl ihnen (angeblich) alles in der Welt zur Verfügung steht. Ich konnte verstehen, warum sie eines Tages - sei es in Augenblicken des Neids oder der Bitterkeit, sei es aus einem widernatürlichen Heimweh heraus - dieses Paradies einen Zufluchtsort für Betagte und Schwache nennen würden. Ich konnte voraussehen, daß sie eines Tages eben dieses Land, das ihnen Freiheit und Behaglichkeit bot, als ein Bett der Korrup- tion verleugnen oder verleumden würden. La France vivante! Warum klingt diese Wendung im- merzu in meinen Ohren? Weil in ihr das Hauptmerkmal Frank- reichs zum Ausdruck kommt. Selbst im Zustand der Verwe- sung ist Frankreich immer noch lebendig bis in die Fingerspit- zen. Wie oft seit Kriegsende hörte ich schon von den Lippen der Amerikaner: «Aber Frankreich ist doch erledigt.» Ich bin es leid, diese leichtfertigen Defätisten zu widerlegen. Frank- reich erledigt? Jamais. Der Gedanke allein ist unfaßbar. Daß Frankreich geschlagen wurde, daß es tief gedemütigt wurde, daß es eine Schuld auf sich genommen hat, die in keinem Ver- hältnis zu seinem Verbrechen steht (Verbrechen, welches Verbrechen? frage ich), all das läßt sich nicht abstreiten. Daß es aber ausgespielt habe, daß es finished sei, foutu - nein, nie- mals. Für mich spielt es keine Rolle, ob die Hyänen das Kommando übernommen haben; es spielt letztlich keine Rolle,, ob Elemente an die Macht gekommen sind, die nicht die bes- ten Kräfte repräsentieren. Was zählt, ist nur, daß Frankreich immer noch vivante ist, daß der Funke nicht erstickt wurde. Was erwarten wir von einem Land, das fünf lange Jahre unter dem Stiefel des Eroberers lag? Erwarten wir, daß seine Be- wohner auf den Straßen Purzelbäume schlagen? (Man denke daran, wie sich unsere eigenen Leute im Süden benahmen, als der Krieg zwischen den Staaten beendet war. Man denke dar- an, wie sie noch heute empfinden und handeln, achtzig Jahre nachdem sie sich dem Norden ergaben.) Was erwarten wir von Frankreich? Daß sich seine Bürger aus den Gräbern erheben wie die Heiligen am Tag der Kreuzigung? Was die heiteren, unbeschwerten Geister der Neuen Welt nicht begreifen kön- nen, ist der Umstand, daß die Franzosen als Volk erst einmal davon überzeugt werden müssen, daß der Kampf mit dem Tod überstanden ist. Für uns mag der Krieg vorbei sein, nicht aber für Frankreich oder für irgendein anderes europäisches Land. Als wir mit unserer hübschen, kleinen Bombe, einer jener Weihnachts-Überraschungen, auf deren Verfertigung sich nur Amerika versteht, wieder einmal «die Welt retteten», vergaßen wir, das Rezept für den ewigen Frieden beizulegen. Wir hüten eifersüchtig die Macht, mit einem Schlag die Welt zu ver- nichten; aber wir haben nichts zu bieten, was Hoffnung und Begeisterung wecken könnte. Immer ist Europa der Friedensbrecher. Wir führen (natürlich) nur Krieg, um die Europäer vom Kämpfen abzu- halten. Nach jedem Krieg glaubt man, Europa habe ausge- spielt. «Es wird nie wieder das alte sein», unken wir. Und natürlich ist es nie, nie ganz, das alte. Nur hier in Amerika bleibt alles beim alten. Auch nach der größten, tödlichsten Katastrophe befinden wir uns noch immer genau dort, wo wir zuvor waren, jedenfalls geistig. Europa verändert sich mit jeder Krise, die es durchmacht, innerlich wie äußerlich. Nicht nur das Herz wird in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch der Geist und die Seele. Die Verheerungen eines Krieges hin- terlassen unausrottbare Spuren. Amerika bleibt immer unver- sehrt und sicher. Wir fahren fort, Rekordernten, neue und bes- sere Maschinen - und Babies zu produzieren wie eh und je. Gelegentlich gibt es auch Mangel, aber nicht, weil irgendetwas, fehlte, sondern weil Gier und Mißwirtschaft herrschen. Wäh- rend wir uns daranmachen, die Welt zu demokratisieren, bleibt hinsichtlich unseres eigenen starren Kastensystems alles beim alten. (Anmerkung: Kürzlich trug eine Zeitungsmeldung aus Detroit folgende Überschrift: US-NEGER APPELLIEREN AN DIE UN. Der Abschnitt begann: «Der National Negro Congress wandte sich heute [den 2. Juni 1946] mit der Forde- rung nach ‹voller Freiheit und absoluter Gleichberechtigung› an die Vereinten Nationen. Er fordert die Aufhebung der Un- terdrückung von 13.000.000 Angehörigen der farbigen Rasse in den Vereinigten Staaten.») Nichts sickert von oben nach unten durch und umgekehrt. Die 140.000.000 Einwohner A- merikas leben weiter in Zwangsjacken wie eh und je, vielleicht in bequemen Zwangsjacken, weil man in ihnen klugerweise die Illusion nährt, sie erfreuten sich der freien Rede, der Pres- sefreiheit, des freien Handels und der freien Luft. In einem anderen Abschnitt der Zeitung wird ein Aus- spruch General Eisenhowers, der wissen sollte, was er sagt, zitiert: «Krieg zerstört nicht nur, er zeitigt keinerlei positive Früchte.» Das ist natürlich nur die übliche Art des Militärs, uns zur Bereitschaft zu drängen. Bereitschaft wofür? Be- reitschaft für einen Krieg - das heißt wenn nötig. Hat man je von einem Krieg gehört, der zu seiner Zeit nicht nötig gewesen wäre? Macht dem Krieg ein Ende, aber hört keinen Augen- blick auf, neue und verheerende Werkzeuge der Zerstörung zu erfinden! Das ist militärisches Denken. Hier in Amerika sind die Aussichten für eine Revolu- tion ungefähr so groß wie die für eine Ausbreitung des Bud- dhismus. Wir träumten, mit der Unabhängigkeitserklärung ein freies Volk geworden zu sein. Wir träumen das immer noch, nur ist der Traum zum Alb geworden. Was für all die verzwei- felten Freiheitssucher eine Feuerprobe sein sollte, ist jetzt ein Gefängnis geworden. Eine Nation, die keine Anstrengungen unternimmt, sich dem Rhythmus der Zeiten anzupassen, ist dem Untergang geweiht. Eine Nation, die sich darin gefällt, für immer die gleiche zu bleiben, hat aufgehört zu leben. Der Gedanke, einen toten Planeten wie den Mond zu erreichen, läßt unsere Herzen viel höher schlagen als der Gedanke, mit unseren Mitmenschen auf dem ganzen Globus Verbindung, aufzunehmen. Wir sind nicht daran interessiert, die Welt zu retten, nicht einmal daran, uns selbst zu retten: wir sind daran interessiert, diesem Planeten zu entfliehen. Wir haben die Erde so lange geplündert, bis die Verheißung, die sie barg, verlo- renging. Wir blicken weder rückwärts noch vorwärts, sondern aufwärts, aufwärts in die kalten, toten Bereiche des Weltraums - wo die ewige atomistische Seligkeit ist. Ich ziehe die korrupte Welt Europas vor. Ich ziehe die krabbelnden Maden vor. Ich ziehe das Lied des Fleisches vor, mag dieses Fleisch auch faulen. Solange es einen Leib gibt, gibt es auch einen Geist. Wo kein Leib ist, kann nichts sein, nicht einmal Geist. Nicht einmal Geist, sage ich, als ob Geist nicht alles wäre! Aber hier in Amerika hat es von jeher so wenig Anzeichen von Geist gegeben, daß man sich daran ge- wöhnt, in der Verneinungsform an ihn zu denken. Alles dreht sich um Güter, Gewichte, Tatsachen, Maße, Preise - und Ge- schäfte natürlich. Wir wissen, daß Europa lebt, weil es Nah- rung, Kleidung und Medizin braucht. Wir wissen, daß Europa lebt, weil es dort ab und an zu einem Ausbruch kommt und wir in den Mahlstrom hineingerissen werden. Doch der lebendige Geist Europas scheint unsere Fassungskraft und unser Begrei- fen zu übersteigen. Eine Hautkrankheit sollte man besser ver- stehen und behandeln. Warum machen die dort drüben ein solches Geschrei? Weil sie krank sind, weil sie verdreckt sind, weil sie sterben wie Vieh. Nun denn, so werft ihnen Nahrung, Kleidung, Medizin vor! Ertränkt den Todeskampf in einer Flut von materiellen Gütern! Wir geben euch alles, was ihr wollt, nur hört bitte mit diesem höllischen Lärm auf! Steckt uns nicht mit eurer Trübsal an! Bitte, fangt um Gottes willen keine neue Revolution an! Wir flehen euch an, laßt uns in Frieden verrot- ten. Das alte Lied: Friede und Wohlstand! Wir singen es im- mer noch. Friede und Wohlstand! Der Friede des Grabes, der Wohlstand der Schwachköpfe. Altes Europa, bitte, stirb aus, dann können wir die Erde beherrschen! Zieh dich zurück, Rußland, wir marschieren ein! Haltet den Mund, ihr Hindus, jetzt ist noch nicht die Zeit, Unabhängigkeit zu verlangen! Hör auf zu kämpfen, China, du behinderst die Entwicklung des freien Handels. Ruhe! Wir stellen die Bombe bereit, die bald die ganze Welt befreien wird., Inmitten der Korruption etwas ewig Neues, etwas ewig Blühendes, etwas ewig Verführerisches und Verlocken- des zu finden: das ist vielleicht das Reizvollste, was Europa für einen Menschen der Neuen Welt bereithält. Hier gibt es nichts, was mich überrascht oder erstaunt. Nichts, gar nichts. Ich weiß, was mich an der nächsten Ecke erwartet, genau wie ich weiß, was mich tausend MeIlen weiter erwartet. Das Ver- traute hat nichts Verlockendes, wenigstens nicht für mich. Man hat mir gesagt, ich sei eine «alte Seele». Mögli- cherweise. Aber daraus folgt nicht, daß ich gleichgültig, ge- langweilt und übersättigt bin. Wenn ich eine alte Seele bin, dann bin ich auch ein Schwärmer. Manche würden mich gerne damit abtun, daß sie mich einen Romantiker nennen, aber sie entdecken bald, daß mein Realismus schockierend ist. Manche erklären, ich sei in den Misthaufen verliebt. Andere sagen, ich versuche in den Mutterleib zurück zu kriechen. Ja, ich gebe es zu: ich interessiere mich für den Mutterleib, für den Mutterleib als den Sitz der Schöpfung. Ich interessiere mich für die Ge- burt, oder besser - fürs ‹Gebären›. Der Schaffensvorgang ist meine Leidenschaft. Alles, was nichts gebiert, ist für mich tot. Ich sehe Europa nicht stillstehen. Ich sehe Frankreich nicht in Trägheit verfaulen. Ich verehre es nicht, weil es eine kalte Statue ist, die auf ewig in einen Garten mit hohen Mauern gesperrt wurde. Was mir Eindruck macht, ist die intensive Kultivierung, die in dieser Gartenecke der Welt betrieben wird. Dort wird der Menschengeist genährt, dort blüht er und streut seinen Samen aus. Ein Mensch wird an seinen Früchten erkannt, ebenso ein Volk. Prüft einmal die geistigen Produkte Frankreichs und vergleicht sie mit denen Amerikas oder Ruß- lands. Ich selbst brauche nur an irgendeinen gewöhnlichen Tag aus jenen zehn herrlichen Jahren in Frankreich zurückzu- denken. Ich brauche nur daran zu denken, was mich begrüßte, wenn ich am Morgen vor die Tür trat. Ich spreche jetzt nicht von den Kathedralen, den Schlössern, den königlichen Gärten, den Museen und Bibliotheken. Ich rede von Kleinigkeiten, von den schlichten Dingen des Alltags. Ich spreche zunächst ein- mal von der Straße, von ihrem Aussehen um acht Uhr mor- gens. Sie sieht verschlafen aus, und der graue Himmel ver-, schönt sie nicht. Die Fassaden der Häuser sind verwittert und verblaßt, schrecken aber nicht ab. In der Concierge-Loge sin- gen schon die Kanarienvögel oder nehmen ihr Bad. Die Trot- toirs sind von Bäumen gesäumt, und die Vögel schilpen wie wild. Der Duft frischgebackenen Brotes grüßt die Nüstern, die Stände sind voll von Früchten, der Metzger hat seine verlo- ckendsten Stücke ausgestellt. Die Leute tragen ihre Einkäufe in beiden Armen nach Hause. Der Mann im Kiosk verkauft die Morgenausgaben. Es ist friedlicher, eintöniger Alltag, die Nerven beruhigend. Der Tag beginnt nicht mit einem Knall, er schleicht sich ein wie ein junges Mädchen, das die ganze Nacht ausgeblieben ist. Ich gehe von Laden zu Laden und suche mir aus, was ich brauche. Das tue ich für jede Mahlzeit. Gelegentlich esse ich auch in einem der umliegenden Restau- rants zu Mittag. Auf dem Heimweg mache ich manchmal halt, um dem Mann im Kiosk meine Aufwartung zu machen; ich kaufe ein Buch, das er empfiehlt, nur um das Vergnügen zu haben, ein wenig länger mit ihm zu plaudern. An der Ecke lasse ich mich für einen schwarzen Kaffee mit einem Schuß Rum nieder. Im Tabakladen mache ich halt, kaufe ein Paket Zigaretten und nehme noch ein Glas. Keine Eile. Der Tag ist unendlich. Wieder in meinem Zimmer, höre ich einem Grammo- phon zu, das nebenan spielt. Der Bildhauer gegenüber hackt im Garten auf eine Statue ein. Die ganze Straße ist ruhiger, freudiger Arbeit hingegeben. In jedem Haus gibt es einen Schriftsteller, Maler, Musiker, Bildhauer, Tänzer oder Schau- spieler. Die Straße ist so ruhig und trotzdem so betriebsam, auf eine stille, geziemende Weise. Sollte ich nicht auch sagen, auf eine ehrfürchtige Weise? So geht es in meiner Straße zu; aber es gibt in Paris Hunderte solcher Straßen. Eine stehende Ar- mee von Künstlern ist an der Arbeit, die größte, mit der eine Stadt dieser Welt aufwarten kann. Diese unübersehbare Zahl von Männern und Frauen, die sich den Dingen des Geistes widmen, machen Paris zu dem, was es ist. Das ist es, was die Stadt belebt und sie zum Magneten der kulturellen Welt macht. Wie kann ich jemals die schlecht verhehlte Freude des New Yorkers vergessen, als er erfuhr, daß Paris gefallen war., «Jetzt wird unsere Stadt das Kunstzentrum der Welt!» So sagte einer zum anderen. Mit jedem Künstler, der in ihrer Stadt Zu- flucht suchte, schwoll ihr Stolz, ihre Gier und ihr Neid. «Bald haben wir alle hier!» Sie waren so überzeugt, daß die Künstler, wenn sie erst einmal hier und mit dem amerikanischen Virus geimpft wären, nie mehr in ihre Heimat zurückkehren würden. «Wir geben ihnen Dollars, Millionen von Dollars!» Als ob sie das fesseln müsse. «Paris ist erledigt. Europa ist tot!» Wie hämisch sie lachten, wie sie sich weideten an ihrem Glück. Ich war nie von etwas Schändlicherem Zeuge. Aber wir können sie nicht fesseln. Trotz drohenden Hungers und drohender Seuche kehren die europäischen Künstler heim. Es findet ein wahrer Exodus aus Amerika statt. Er wäre noch größer, wenn uns die Mittel zu Verfügung stän- den, um der Nachfrage zu genügen. All unsere Verführungskünste haben sich als vergeb- lich erwiesen. Die Europäer kehren zu ihren Ruinen zurück. Sie bleiben nicht hier, um sich ein neues Leben aufzubauen. Sie ziehen ihren eigenen Lebensstil vor, auch wenn er Armut, Bitterkeit und Niederlage bedeutet. Es gehört dazu etwas mehr, etwas unendlich viel Besseres, etwas, das wir ganz of- fensichtlich nicht bieten können. Was dieses Etwas ist, fühlt man in Europa in jeder Minute. Auch wenn es nicht zu greifen ist, ist es doch wirklich. Man hat teil daran mit jedem Stück Brot, das man ißt, mit jedem Kaffee, den man auf dem Trottoir trinkt. Es liegt nicht nur in der Luft, es steckt sogar in den Steinen, im Erdboden selbst. Und Vitamine sind es nicht! Ich erinnere mich jener Armsessel in den billigen Hôtels, in denen zu wohnen ich zunächst gezwungen war und die ich später lieben lernte. Die Gebrechlichkeit jener Stühle! Von Drähten, Ledergurten und Nägeln zusammengehalten, waren sie das Symbol der Bewahrung. Die Surrealisten schwärmten für solche Gegenstände - und mit Recht. Sie ge- hören im seelischen Hausrat zu den intimsten Sehn-suchts- und Erinnerungsstücken. Sie sind tief in den Mauern der Iden- tität eines jeden verborgen. Muß man diese Welt verlassen, dann bilden solche Sachvorstellungen die persönliche Ausstat- tung, mit der man sich seinen besonderen Platz in der Unter- welt herrichtet., Wie mit den Armsesseln ging es mit allen Gegenstän- den, die man benutzte: sie wurden ein Teil von einem selbst, zum Phantasiegepäck, das man bei den Umzügen aus der Höl- le über das Fegefeuer ins Paradies mit sich schleppt. Wenn ich mich in meinem amerikanischen Heim umschaue, finde ich nicht einen einzigen Gegenstand, dem ich mich verbunden fühle. Nichts ist mir lieb geworden. Alles läßt sich ersetzen, ohne Mühe und ohne daß es einem leid täte. Das gleiche kann ich beinahe sogar von meinen Bekannten sagen. Beinahe. Es gibt einige wenige, ganz wenige nur, die ich nie vergessen werde. Doch alle übrigen - die werde ich mit den Möbeln, den Nippsachen, den Kuriositäten, den Tatsachen, den Zahlen, dem gewaltigen und unglaublichen Plunder zurücklassen, der das geistige und körperliche Mobiliar Amerikas ausmacht. Aber immer, wenn ich so spreche, hält mir ein Freund entgegen: «Du hast doch eine glückliche Kindheit gehabt!» Ja, das ist wahr, ich habe eine schöne Kindheit gehabt. Ich war so lange glücklich, bis mir bewußt wurde, in was für einer Welt ich lebte. Als ich sechzehn Jahre alt war, hatte sie mir bereits übel mitgespielt. Ich wandte mich nach innen, um der Häß- lichkeit und Gemeinheit, die mich umgab, zu entfliehen. Den ersten Hoffnungsschimmer, daß es vielleicht doch eine hellere, reichere und lebendigere Welt gäbe, sah ich, als ich eines Ta- ges auf der Straße einem alten Freund begegnete, der eben aus Europa zurückgekehrt war. Diese Zufallsbegegnung entschied mein Schicksal. Von diesem Augenblick an war mein Blick gefesselt. Es bedurfte noch mehrerer Jahre, ehe mir der Aus- bruch gelang. Dazu war es noch nötig, daß ich ein Buch unter fremdem Namen schrieb, sah, wie das Manuskript zerstört wurde und die Rollen eines Clowns, eines Diebes, Bettlers und Zuhälters spielte. Aber ich erreichte mein Ziel! Was für einen Erleichterungsseufzer stieß ich aus, als die amerikanische Küs- te langsam verschwand. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ein Jahr Europa war mir gewährt worden. Nur ein einziges Jahr. Doch für mich war es wie eine Verheißung des Paradie- ses. Ich sah auf jener Reise viele Länder, und ich genoß sie alle. Ich hätte für den Rest meines Lebens reisen mögen, so wundervoll war es, meinem Vaterland fern zu sein. Ob ich je, Heimweh hatte? Nie. Nicht ein einziges Mal. Ich vermißte nichts und niemanden. Meine einzige Hoffnung war, daß ich durch irgendein Wunder für immer in Europa bleiben könnte. Das war 1928. Ich war damals sechsunddreißig Jahre alt. Ich hatte lange Zeit auf meine Chance gewartet. 1930 war es mir möglich, zurückzukehren und zehn Jahre zu bleiben. Als mich der amerikanische Gesandte in Athen zwang, nach Hause zu fahren, war ich verzweifelt. Ich versuchte jedes Mit- tel, um von ihm die Erlaubnis zu erhalten, irgendwo anders hinzugehen, nur um nicht nach Amerika zurück zu müssen. Doch er blieb hart. Es geschehe zu meinem eigenen Schutz, erklärte er. «Und wenn ich Ihren Schutz gar nicht will?» fragte ich. Seine Antwort war ein Achselzucken. Der Tag, an dem das amerikanische Schiff den Hafen von Piräus verließ, war einer der schwärzesten Tage meines Lebens. Es schien, als hätten alle meine Bemühungen, mir ein H neues Leben aufzubauen, zu nichts geführt. Zurück in die Rattenfalle, so sah ich die Sache. Und zurück war ich, daran war nicht zu zweifeln. Zurück in der gleichen verhaßten Straße - «der Straße der frühen Schmerzen» -, wo sich nichts ereignet hatte, seit ich gegangen war, nicht von irgendwelcher Bedeu- tung. Dieser oder jener hatte geheiratet, dieser oder jener war verrückt geworden, dieser oder jener war gestorben. Nichts, was für mich irgendwelche Bedeutung gehabt hätte. Die Stra- ße selbst sah noch genauso aus, eintönige Gleichheit des bösen Traums, die schlimmer ist als der Sturz in den Orkus. Um es noch schlimmer zu machen, hatte der Krieg jegliche Verbin- dung mit denen abgeschnitten, die ich in Europa zurückließ. Der einzige Ort, zu dem ich eine lebendige, lebenswichtige Verbindung hatte, war ausgelöscht. Sechs Jahre lang versuche ich nun schon, das Bild der Welt, die ich kannte und liebte, zu rekonstruieren. Tag für Tag frage ich mich, wie sie wohl aus- sehen mag, wenn ich sie wieder einmal zu Gesicht bekomme. Einige meiner Freunde schreiben, daß ich sie nicht wiederer- kennen werde; andere wieder sagen, sie habe sich nicht verän- dert, nur erschöpft sei sie und arg mitgenommen. Ich weiß, was es heißt, von jemandem, den man liebt, getrennt zu sein, Tag für Tag, jahrein, jahraus auf das Wiedersehen zu hoffen. Ich weiß, was es heißt, ein Bild vor dem Verlöschen zu be-, wahren, wenn man in seinem Herzen weiß, daß ihm keine Wirklichkeit mehr entspricht. Ich habe mich für die schreck- lichsten Ernüchterungen, die grausamsten Enttäuschungen gewappnet. Wie alle hoffnungslos Treuen habe ich mir tau- sendmal eingeredet: «Es ist doch gleichgültig, wie sie aussieht, wenn ich sie nur noch einmal sehen kann!» Mit dem gleichen Fieber, der gleichen Beklemmung erwarte ich aufs neue meine Chance. Früher einmal wartete eine Welt voller Versprechungen auf mich, jetzt ist es eine Welt, von der man weiß, daß sie in Trümmern liegt. Es ist, als wenn man auf die Wiedervereinigung mit der Geliebten wartet und jeden Tag liest, wie sie vergewaltigt, ausgehungert, ge- schlagen und gefoltert wurde. Man weiß, daß man beim Wie- dersehen nichts an ihr erkennen wird, außer vielleicht jene Glut der Augen. Vielleicht ist sogar sie erloschen. Vielleicht kommt sie einem auf zwei Beinstümpfen entgegen, ohne Zäh- ne, das Haar weiß, die Augen ohne Licht, der Leib eine einzi- ge schwärende Wunde. Der Gedanke daran läßt mir unwillkür- lich einen Schauder durch die Glieder fahren. «Das ist sie?» sagst du. «O Gott, nein, das nicht! Bitte, nur das nicht!» Manchmal wird einem die Geliebte so zurückgegeben. Das sind die besonderen Schrecken, die den Treuen vorbehalten sind. Ich weiß, ich weiß. Ich habe nicht nur die Geschichte Europas studiert, ich habe den Menschen selbst studiert. Ich kenne die Niedertracht, deren er fähig ist. Ich weiß, daß er von allen Entweihern des Lebens der schlimmste, der schamloseste ist. Nur er allein unter allen Geschöpfen Gottes ist fähig, zu zerstören, was er liebt. Nur er ist fähig, sein eigenes Bild zu zerstören. Die Briefe, die ich von meinen Freunden dort drüben erhalte, sind herzzerreißend. Sie sprechen nicht von ihren kör- perlichen Leiden, nicht von dem Mangel an Essen und Klei- dung. Nein, sie sprechen von der Leere der Zukunft. Sie spre- chen von dem Abhandensein von etwas, das sie einmal für unerläßlich hielten, von jenem unfaßbaren Etwas, das von irgendwo und überallher kam, und das sie in den dunkelsten Stunden, in der Niederlage selbst aufrechthielt. Dieses Etwas scheint verschwunden zu sein. Es «scheint», sage ich. Ich glaube ihnen noch immer nicht ganz. Ich muß es mit eigenen, Augen sehen, muß in meiner eigenen Seele erfahren. Bevor ich diese entsetzliche Wahrheit zugeben kann, muß ich auch dieser schrecklichen Verzweiflung, diesem quälenden Gefühl der Aussichtslosigkeit erliegen. Europa hat vieles überlebt, so vieles. Ist es möglich, daß es den letzten Tropfen Mut verloren hat, das letzte Gramm Hoffnung? Ist das wirklich das Ende? Für meine Freunde dort drüben ist es vielleicht das Ende. Es ist aber nicht das wirkliche Ende, nicht «das Ende aller Menschen»! Ich weigere mich, das zu glauben. Présence de la mort, out. Mais pas la fin. Der Mensch kennt kein Ende, so wenig wie er einen Anfang kennt. Der Mensch ist. Er ist so unvergänglich wie die Sterne. «Ja», stimmen mir einige Freunde zu, «der Mensch bleibt, er wird weiterbestehen. Aber was für ein Mensch? Wir haben das Gesicht des Ungeheuers gesehen. Wir wollen nichts mit dieser neuen Rasse zu tun haben. Lieber wollen wir unter- gehen.» Natürlich meinen sie damit nicht den Feind. Der Feind ist schon vergessen. Sie reden von der neuen Brut in ihrer eigenen Mitte. Sie meinen Menschen, die sie noch vor einem Jahr, vor einer Woche, ja gestern noch als Kameraden, Brüder, Freunde betrachteten. Sie reden von der großen Veränderung, die eingetreten ist, von einem unnatürlichen Schisma, als ob sich der Mensch plötzlich in zwei verschiedene Wesen gespal- ten hätte, jedes entschlossen, das andere zu morden. Sie sehen, daß diese Teilung nicht nur zwischen Mensch und Mensch, Freund und Freund, Bruder und Bruder, Kamerad und Kame- rad stattfindet, sondern in der Seele jedes einzelnen. Der ewige Widerstreit zwischen Ungeheuer und Engel wird jetzt offen sichtbar. So sehen sie es. Das ist es, was sie lähmt. «Die Zeit der Mörder» ist gekommen, und mit ihr die große Spaltung. Die Welt ist nicht mehr fähig, ihre Angst zu bergen. Furcht, namenlos und unbändig, ist ausgebrochen. Das Weltenei wankt auf seiner unsicheren Spitze. Stehen wir vor einer Peri- ode des allgemeinen Chaos? Oder werden die Götter in all ihrer Pracht noch einmal durch die Schale des Eis brechen? Wenn ich an die ruhmreichen Namen denke, die die Seiten des, offenen Buches ‹Europa› übersäen, dann denke ich an die geistige Atmosphäre, die jeden von ihnen umgibt. Bei jeder großen Leistung, sei es auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Religion, Kunst oder Politik, sorgte die Umwelt dafür, daß der Schöpfungsakt einen Kampf erforderte, der dem Kampf der Geburt oder des Todes vergleichbar ist. Trotz all der großen Worte über Kultur und Zivilisation mußten die genialen Män- ner, die Europa zu dem machten, was es ist, für den Beitrag, den sie leisteten, mit ihrem Lebensblut zahlen. Selten genug wurde es diesen großen Menschheitsführern leicht gemacht, ihr Ziel zu verfolgen. Für sie war die Zeit immer aus den Fu- gen. In der Rückschau auf jene Epochen, jene entscheidenden Perioden der Vergangenheit, ist es leicht, das Emporkommen ebenso Gestalten und die Rollen, die sie spielten, zu verstehen. Doch für sie selber war es oft, als seien sie in Dunkelheit ge- boren. Da war nicht nur die ständige Drohung von Verfolgung und Tod, auch die Sicherheit der Nation selbst war immer bedroht. Kriege, Revolutionen, Spaltungen aller Art waren an der Tagesordnung. Nie waren die Lebensbedingungen der Massen anders als unsicher und erniedrigend. Unwissenheit, Bigotterie und Aberglaube regierten in allen Jahrhunderten. Europa bietet ein schwarzes Bild, wenn man einen langen Blick den Korridor der Zeit hinunter wirft. Es ist, als träte man aus einem glänzenden, erleuchteten Raum in die Dunkelheit. Für eine kurze Übergangszeit ist der Glanz des Himmels ge- dämpft. Doch wenn sich die Augen an das milde Licht ferner Sonnen gewöhnt haben, erwacht ein Gefühl von Größe, Un- endlichkeit und Ewigkeit. Man ahnt, daß die weiten Bereiche des Weltenraumes, in denen unser kleiner Planet schwimmt, von unerschöpflichem Licht durchflutet werden. Man vergißt die gemeine Grelle jener einen Sonne, die den Tag beherrscht; man ist geblendet und ergriffen von der Pracht dieser funkeln- den Welten, die aus weiten Fernen zu uns sprechen und nie aufhören, uns in ihren Strahlen zu baden. In der Stille der Nacht stärkt uns das Licht der Sterne auf eine unbeschreibliche Weise. In solchen Augenblicken werden wir zum Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft, wir geraten außer uns und werden eins mit dem Kosmos. Angesichts ihrer ewigen Dauer empfinden wir, daß nichts von Bedeutung ist. Nichts, von dem, was wir tun, wird irgendetwas verändern: auch das ahnen wir zutiefst. Wir sollen nur mit dem Licht unseres eige- nen Seins leuchten wie die Sterne - jeder einzelne eine Sonne. Ich habe oft gedacht, daß jene gemeine Grelle, die den amerikanischen Schauplatz erhellt, die Folge unserer Wei- gerung war, etwas anderes als eine Tagwelt anzuerkennen. Unsere Gesichter haben die Starre des Hypnotisierten, der den Befehlen eines unsichtbaren Geistes gehorcht. Wir weigern uns, den Tatsachen ins Auge zu blicken, oder vielmehr hinter ihnen nach der Wirklichkeit zu suchen, die sie beseelt. Wir sind ein Volk, das Schlaf als Zeitverschwendung betrachtet. Wir machen die Nacht zum Tag, wie Kinder, die das Dunkel fürchten. Für uns ist die dunkle Welt jene Welt, von der wir widerstrebend zugeben, daß wir sie nicht lenken können. Es tut uns weh, zuzugeben, daß es Bereiche gibt, die jenseits un- seres Gesichtskreises liegen, die wir weder beherrschen noch usurpieren können. Künstlich beleuchtet, tragen wir unsere rohe und gemeine Tagwelt überall mit uns herum. Im Vergleich damit erscheint uns Europa als eine sty- gische Unterwelt. Es ist der Bereich, in dem geheimnisvolle und nicht voraussagbare Dinge geschehen, die meistens von unangenehmer Art sind. Es ist in einem Zustand ständigen Aufruhrs, ständiger Qual. Es scheint auf dem Tod zu gedeihen. Eine gesegnete Welt, zugegeben, in der wir uns in Augenbli- cken der Mattigkeit sinken lassen, um unsere Sinne zu weiden. Eine Welt der Sünden und der Verderbtheit, die weichliche Vergnügungen hervorbringt und Dämonen von unerwarteter Macht und Verführungskraft ausspeit. Europa ist der Schmelztiegel, nicht Amerika. Dort wird alles erprobt, auf Kosten der Welt. All die sonderbaren Erscheinungen, die unsere Zeit charakterisieren, haben ihren Brennpunkt in Europa. Eine Bombe, die in Sarajevo geworfen wird, setzt die Welt in Flammen. Ein Träumer in einem winzi- gen europäischen Dorf erzeugt ein Echo, das jahrhundertelang zu hören ist. Die Schwingungen, die Europa ausschickt, beein- flussen die Welt fast augenblicklich. Es ist der Mittelpunkt und der Drehpunkt dieser sich ständig verändernden Welt. Amerika, das anscheinend dazu ausersehen ist, die Rolle des Stoßdämpfers zu spielen, reagiert nur, hier werden keine Be-, wegungen erzeugt oder in Gang gesetzt, die das Gleichgewicht der Welt stören oder wiederherstellen. Große Bewegungen, große Ereignisse werden im Dunkeln hervorgebracht, an den geheimen Stellen des Blutes. Trotz des Chaos, das den europäischen Schauplatz zurzeit beherrscht, besteht immer noch die Vorstellung, daß alles zusammen «einen Leib», einen lebendigen Organismus bildet. Europa ist im Geist zentrifugal; es sammelt in der Welt Kräfte. Wenn Amerika das Kraftwerk der Welt ist, dann kann man Europa wohl als deren Sonnengeflecht bezeichnen. Jeder Europäer spürt die Gegenwart dieses unsichtbaren Dynamos, dieser unterdrückten Sonne gleichsam. Das hält ihn lebendig, gefährlich lebendig. Was den genialen Europäer betrifft, so stellt er eine besonders beunruhigende Kraft dar. Er will stets alles umgestalten, immer versucht er die Welt von innen her- aus zu verwandeln. In Europa kann es keinen Frieden geben, nie, nicht in dem Sinne, in dem Amerikaner das Wort verste- hen. Für Europa würde Friede Tod bedeuten: es würde heißen, daß der Dynamo sich nicht mehr drehte. Nein, Europa wünscht sich nicht die Rückkehr des hellen Tageslichtes, in dem alles mit Gleichmut betrachtet wird. Es will keine Tagwelt werden. Europa weiß, daß seine Rolle die eines Befruchters ist. ‹La Mort et résurrection d'amour›: das ist der Titel, den eine gefeierte Königin zu Rabelais' Zeiten für eines ihrer Bücher wählte. Damals dämmerte die französische Renaissance. Die beiden Amerikas waren eben am Horizont erschienen. Es wa- ren beinahe fünfhundert Jahre vergangen, seit Abélard die Welt in Aufregung versetzte und mehr noch Héloïse. In den nächsten fünfhundert Jahren bewegte sich Europa dem Unter- gang entgegen. Sogar Nostradamus kann nicht weit über die Jahrhunderte hinaussehen. In diesem Millennium hat Europa der Welt eine glänzende Sternenkette von Genies geschenkt, die über die ganze Welt auch dann ihr Licht werfen werden, wenn sich Dunkelheit auf das Land legt. Viele von ihnen wuchsen in Frankreich auf oder fanden in Frankreich Heimat oder Zuflucht. Wenn man durch das Gebiet der Loire- Schlösser reist, wird man an Leonardo da Vinci erinnert, der, dort die letzten Jahre seines Lebens verbrachte; im Süden wird man an Dante gemahnt, der dort (in Les Baux) eine Eingebung hatte, die sich in seiner Beschreibung des Infernos nieder- schlagen sollte. In der Vaucluse ist es Petrarca. Man könnte zahllose Beispiele für die Wichtigkeit und den Einfluß Frank- reichs während der letzten zehn Jahrhunderte nennen! Wenn man die Straßen von Paris durchwandert, wird man von Buchhandlungen und Kunstgalerien unaufhörlich an das Erbe der Vergangenheit und an das Fieber der Gegenwart erinnert. Ein zielloser Bummel durch ein einziges kleines quartier genügt oft, einen solchen Überfluß an Empfindungen wachzurufen, daß man vor lauter sich widerstreitenden Einfäl- len und Wünschen gelähmt ist. In Paris braucht man keine künstlichen Anregungsmittel, um schöpferisch zu sein. Die Atmosphäre ist mit Schöpfung gesättigt. Man muß aufpassen, daß man nicht übermäßig angeregt wird. Nach einem Ar- beitstag kann man jederzeit Erholung finden. Sie kostet beina- he nichts, nur den Preis eines Kaffees. Einfach dazusitzen und die vorbeiströmende Menge zu betrachten, ist eine Art der Erholung, die in Amerika fast unbekannt ist. ‹La Mort et résurrection d'amour› schon der Titel ist von großer Bedeutung. Er setzt voraus, daß es einmal eine Welt der Liebe gegeben haben muß. Und mit Liebe meine ich LIEBE. Ja, es gab eine Zeit, da Leidenschaft regierte, die Lei- denschaft des Kopfes und die Leidenschaft des Herzens. Und Leidenschaft bedeutet Leiden, symbolisiert in der Geschichte des Kreuzes. Liebe, Leidenschaft, Leiden: in dieser Dreiein- heit ist die treibende Kraft Europas auf die Formel gebracht. Nur im Namen dieser Dreieinheit können wir die großen Ent- deckungen, die großen Erfindungen, die großen Pilgerfahrten, die großen Taten und die großen Philosophien der westlichen Welt erklären. Nichts fiel den Menschen Europas in den Schoß. Die begabtesten unter ihnen waren gewöhnlich jene, die die größten Kämpfe durchstehen mußten. Die Auferstehung der Liebe! Ich glaube, das habe ich während meines Aufenthaltes in Europa tiefer als alles andere empfunden. Da ich aus einer Welt kam, in der alles, was mit Seele zu tun hat, abgetötet war, hatte sogar eine billige Post- karte etwas an sich, was meine Gefühle weckte. Bäumen galt, immer meine Aufmerksamkeit - und der Sorgfalt, die aufge- wendet wurde, sie zu erhalten. Ich sammelte die kleinen Spei- sekarten, die jeden Tag mit der Hand geschrieben werden. Ich verehrte die Serviererinnen, obwohl sie oft schlampig und schlecht gelaunt waren. Polizisten nachts paarweise auf dem Fahrrad patrouillieren zu sehen, ließ mir Wonneschauer den Rücken hinunterlaufen. Ich war entzückt von den Flicken in den alten Teppichen, die die ausgetretenen Treppen der billi- gen Hôtels bedeckten. Die Art, wie der Straßenkehrer zu Werk ging, faszinierte mich. Die Gesichter der Leute in der Metro hörten nie auf, mich zu fesseln, ebenso wie ihre Gesten und ihre Gespräche. Die Ordnung, die in den Bars herrschte, die zuverlässige Art, in der die Hausangestellten ihren Pflichten nachkamen, die Gewandtheit und Ausdauer der garçons in den Cafés, die Unordnung und das Durcheinander auf dem Post- amt, die Atmosphäre der salle des pas perdus in den Bahnhö- fen, die aufreibende Paragraphenreiterei im bürokratischen Herrschaftsbereich, das billige Papier, auf dem die ungewöhn- lichen Bücher gedruckt waren, das schöne Schreibpapier, das in den Cafés gratis serviert wird, die kuriosen Namen von Schriftstellern und Künstlern aller Gattungen, die Art, wie das Gemüse in den Straßen aufgeschichtet wurde, die Jahrmärkte und Karnevals, die ständig umgehen, der ranzige Gestank der Vorstadtkinos im Winter, die Eleganz, die Erster-Klasse-Züge umgab, das Aussehen des abendlichen Speisewagens auf einer der großen Durchgangslinien, der fast zu gepflegte Anblick, den die Stadtparks boten, das Anfühlen von Kleingeld und die Schönheit einer Tausend-Francs-Note (die man fast überall wechseln kann): all das und tausend ähnliche Kleinigkeiten des täglichen Lebens ergeben einen reichen Schatz von Erin- nerungen. Es war ganz gleichgültig, was ich berührte, was ich anschaute: mein Interesse und meine Neugier waren sofort geweckt. Nichts verlor seine Frische, nicht einmal das Gemüse in den Ständen. Immer wenn ich an Paris denke, denke ich an schlech- tes Wetter. Es scheint mir heute, als ob es immer geregnet oder doch nach Regen ausgesehen habe. Man konnte an einem Re- gentag im Herbst, Frühling oder Winter schrecklich frieren, sogar wenn angeblich geheizt wurde. Doch die Cafés strömten, eine köstliche Wärme aus, in die sich der Duft von Kaffee, Tabak und Wein mischte, zusammen mit dem Geruch von parfümierten und einladenden Körpern. Zu Essenszeiten dran- gen auch aus der Küche appetitanregende Gerüche. Aber der stärkste Duft kam von der Persönlichkeit derer, die die Kund- schaft bildeten. Jeden einzelnen empfand man als einen ausge- prägten Charakter. Jeder hatte seine Geschichte, seine Entste- hung, seinen Hintergrund, kurz gesagt, einen Grund, zu sein, was er war. Nie war jene schwer zu beschreibende Eigenart an ihnen, die hier in Amerika so vernichtend ist. Sogar die gar- gons sahen interessant aus, jeder einmalig und individuell. Die Kassierer waren natürlich besonders interessant, da die meis- ten von ihnen zu jener Rasse menschlicher Geier gehören, aus der sich ein über die ganze Welt verbreiteter Typ entwickelt hat. Noch interessanter, vielleicht, weil sie mehr Mitleid er- weckte, war die Frau, die zum lavabo verdammt war. Immer war sie höflich und leutselig, wenn man das kleine Trinkgeld in die Untertasse legte; immer war sie bereit, einen zusätzli- chen kleinen Dienst zu erweisen, falls man mit dem Kleingeld nicht sparte. Und was für erstaunliche Dienste konnte sie er- weisen! Für den ‹sanforisierten› Bürger, sei er nun Faschist, Plutokrat oder Kommunist, ist an diesem Bild etwas, das Ekel, Verachtung oder Mitleid erregt. Es ist zu eng, zu gewöhnlich, zu grau. Es enthält alle Elemente jener stinkenden Welt des Bourgeois, die einen vorwärtsblickenden Menschen so ab- stößt. Das läßt sich nicht leugnen. Wenn man dieses kleine, einschmeichelnde Gemälde unter einem bestimmten Ge- sichtswinkel betrachtet, wirkt es lau und vermottet. Vor allem ist es kleinlich. Menschen, die sich diesen Gewohnheiten ver- schrieben haben, neigen nicht dazu, sich für die Verbesserung der Welt zu ereifern. Sie sind ganz vor ihren kleinen Bequem- lichkeiten, ihren lächerlichen kleinen Riten, ihren selbstsüchti- gen Sorgen und Ängsten in Beschlag genommen. Ungerech- tigkeit können sie mit einem Achselzucken abtun. Sie schlagen wegen ein paar Sous Lärm und hören mit Gleichmut oder mit erheucheltem Schmerz von den Schrecken der Hungersnöte und Flutkatastrophen in Indien oder China. Keine große Lei- denschaft bringt je ihr Blut in Wallung. An nichts glauben sie, mit Inbrunst, zeigen keine Glut, raffen sich zu keiner sponta- nen, großherzigen oder unerwarteten Handlung auf. Ihre ganze Weisheit besteht darin, dich leben zu lassen; nur sollte man das bei ihnen nicht Weisheit nennen, sondern vielmehr Le- bensversicherung. Ihre gelebte Duldsamkeit schützt sie vor dem Unverdienten, dem Aufsehenerregenden, dem Außeror- dentlichen, dem Sensationellen. Störe nie die ebenmäßige Eintönigkeit der täglichen Tretmühle. Im übrigen tu, was du willst. Quant à moi, je m'en fiche! So ist es, das läßt sich nicht abstreiten. Jedenfalls war es so. Es ist die mesquine Ansicht der Situation. Zugegeben, aber ich konnte immer noch sagen: «Tout de même, il y avait là quelque chose qui...» Ja, ich konnte immer etwas zum Aus- gleich für diese Engherzigkeit finden, die so ekelhaft ist, wenn wir ihr bei anderen begegnen. Ich konnte diese Kleinigkeit ertragen, weil sie ja nicht alles war. Wenn das Getränk ausge- zeichnet ist, untersuchen wir auch nicht den Satz am Boden des Bechers. Man denkt nicht bei jedem Schluck, den man trinkt, an Hefe und Satz. Wenn es mir ums Nörgeln ginge, könnte ich das Geschmier von Hefe und Satz in allem finden. «C'est emmerdant!» hört man dort drüben häufig. Der entspre- chende englische Ausdruck wird hierzulande nicht so freimü- tig gebraucht. Wir sagen «es ist lausig», auch wenn wir oft damit meinen, es sei beschissen. Wir erlauben uns eine solche Sprache nur, wenn wir betrunken sind. Der Franzose dagegen kann jede Sprache gebrauchen, die seiner Stimmung angemes- sen ist, wenn er in der Stimmung dazu ist. Niemand wird ihn wegen unflätiger Redeweise verhaften. Sie mag sehr ge- schmacklos sein, eine solche Redeweise, und vielleicht läßt man es ihn merken, doch er wird nicht wie ein Aussätziger gemieden und beschuldigt werden, ein koprophages Ungeheu- er zu sein. Wie emmerdante die Lage auch war, ich hatte immer das sichere und erfreuliche Gefühl, daß ich mich wieder he- rauswinden könne. Ich meine nicht durch die Flucht in ein anderes Land oder durch die Verschanzung hinter meinen Status als Amerikaner. Ich meine damit, daß es verhält- nismäßig einfach war, den Bann zu brechen. Es bedurfte nur eines guten Buches (und deren waren Hunderte erhältlich),, eines Ausflugs aufs Land (oder einfach in die Vorstädte), einer Mahlzeit mit einem Freund in einem ganz gewöhnlichen Re- staurant, eines Besuchs im Atelier eines Malers oder eines zufälligen Zusammentreffens mit einem Straßenmädchen. Man steckte nicht bis zum Hals drin. Manchmal genügte schon ein Bummel in ein anderes quartier, um den Nebel des ennui zu vertreiben. «J’ai le cafard!» Wie oft hörte man das in Paris! Das war eine Stimmung, die es zu respektieren galt. Der cafard war nicht einfach Langeweile oder ennui, er war mehr, tief- gründiger. Er war, was das französische Wort so beredt zum Ausdruck bringt. Etwas, das einen gerade in einer Stadt wie Paris besonders heftig befällt. In Oklahoma City oder Butte, Montana, könnte man niemals einen cafard haben, nicht ein- mal, wenn man Pariser wäre. Er ist eine eigentümliche Art von geistiger Lähmung, die nur jene befällt, die für die unbegrenz- ten Möglichkeiten, die sie umgeben, ein feines Gespür haben. Wenn man ihn mit irgendetwas vergleichen wollte, dann am ehesten mit der Mattigkeit, die den Anachoreten überkommt. Le cafard überfällt dich, wenn dein Geist leer wird, wenn er aufhört zu denken, was oder wie er zu betrachten habe. Le cafard ist die Müdigkeit, die das innere Auge überwältigt. Soviel ich weiß, haben wir nichts Ähnliches. Das Ge- fühl der Leere, das der Amerikaner kennt, und das immer das Spiegelbild einer nur allzu wirklichen äußeren Leere ist, ruft nichts Geringeres als einen Zustand schwarzer Verzweiflung hervor. Da gibt es keinen Ausweg. Zwar gibt es die Flucht in den Alkohol, aber sie führt nur in noch tiefere, noch schwärze- re Verzweiflung. Neulich nachts, in einem Zustand milder Verzweif- lung, griff ich zu einem Buch, von dem ich dachte, es werde diese Stimmung vertiefen und mich dadurch herausreißen. Ich wählte es wegen seines Titels: ‹Der Verzweifelte› von Léon Bloy. Die erste Seite war die richtige Tonart: die Farbe war wirklich schwarz, kein Zweifel. Doch sie vertiefte nicht die Schwärze in meinem Innern. Im Gegenteil, zu meinem Ärger merkte ich plötzlich, daß ich heiter wurde. Ich schreibe dieses Phänomen dem Zauber von Bloys Sprache zu; sie war von üppiger, samtener Struktur, großzügig und erhaben, wie bitter, und makaber sie auch sein mochte. Sie war so extrem, so gif- tig, daß sie beinahe unfranzösisch war. Ah, dachte ich, was für ein Fest! Hier ist tiefes, schweres noir... weide dich daran! Und ich gab mich dem Buch hin, wie man sich manchmal dem Kummer hingibt. Diese überladenen Eigenschafts- und Um- standswörter, diese erschreckend neuen Hauptwörter, diese Tiraden, diese geätzten Porträts .quel soulagement! Es war wie vor einer Kathedrale, wenn der Leichenzug stehenbleibt und der ganze Pomp, den die Franzosen bei ihren Begräbnis- sen so lieben, sich entfaltet. Le désespéré, c'etait bien moi. Un cadavre rou-lant, oui, et comment! Rien de mignon, rien de mesquin, rien de menu. Tout était somhre, solennel. Jai assisté à l’enterrement de mon âme, avec tout ce qu'il y avait de vide et de triste. Je n'avais rien perdu que l’illusion de ma souf- france. On m'avait libéré de mon sort.Que de nouveau je parlais francais, c'était cela qui m avait fait du bien!, Alles, was in Verbindung mit Frankreich Verzückung in mir hervorruft, entspringt der Erkenntnis seiner Katholizität. Der Mensch der protestantischen Welt ist morbid: er ist beklom- men in seiner Seele. Etwas nagt an ihm, etwas, das ihn freud- los macht. Sogar Katholiken, die in einer solchen Welt gebo- ren sind, nehmen die kalte, gehemmte Art ihrer protestanti- schen Nachbarn an. Der amerikanische Katholik ist vom Ka- tholiken Frankreichs, Italiens oder Spaniens völlig verschie- den. In seinem Geist ist nichts Katholisches. Er ist genauso puritanisch, genauso unduldsam und genauso engherzig wie der protestantische Amerikaner. Man versuche einmal, sich einen katholischen amerikanischen Schriftsteller vorzustellen, der über den Schwung, den Reichtum, die Sinnlichkeit von Männern wie Claudel und Mauriac verfügte. Es gibt keinen. Frankreichs Tugend besteht darin, daß es seine Katho- liken katholisch gemacht hat. Es hat sogar seine Atheisten katholisch gemacht, und das will viel heißen. Ganz, universell machend, alles einbegreifend: das ist der ursprüngliche Sinn von ‹katholisch›. Es ist die Haltung, die der Heiler einnimmt. Diese umfassendere Bedeutung des Wortes ist etwas, worauf sich die Franzosen als Volk par excellence verstehen. In einer katholischen Welt leben die Kleinen und Großen Seite an Sei- te, ebenso wie die Vernünftigen und die Wahnsinnigen, die Kranken und die Gesunden, die Starken und die Schwachen. Nur in einer solchen Welt kann sich wahre Individualität be- haupten. Man denke nur an die Verschiedenheit der Typen, die allein schon unter den Schriftstellern Frankreichs herrscht - heute wie in jeder Epoche der Vergangenheit. Ich kenne, nichts, was dem gleichkäme. Tatsächlich besteht ein größerer Unterschied zwischen den einzelnen französischen Schriftstel- lern, als zwischen einem deutschen und einem französischen. Man könnte sagen, daß es zwischen Dostojevskij und Proust mehr Gemeinsames gebe als zwischen Celine und Breton oder zwischen Gide und Jules Romains. Und doch gibt es einen Faden, einen zähen und ungebrochenen, der so einmalige Schriftsteller wie Villon, Abélard, Rabelais, Pascal, Rousseau, Bossuet, Racine, Baudelaire, Hugo, Balzac, Montaigne, Lautreamont, Rimbaud, Nerval, Dujardin, Mallarmé, Proust, Mauriac, Verlaine, Jules Laforgue, Roger Martin du Card, Duhamel, Breton, Gide, Stendhal, Voltaire, Sade, Léon Dau- det, Paul Eluard, Blaise Cendrars, Joseph Delteil, Péguy, Gi- raudoux, Paul Valery, Francis Jammes, Elie Faure, Céline, Giono, Francis Carco, Jules Romains, Léon Bloy, Supervielle, Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre verbindet, um nur einige we- nige zu nennen. Die Homogenität französischer Kunst hat ihren Ur- sprung nicht in der Einförmigkeit der Gedanken oder der Um- gebung, sondern in der unendlichen Vielfalt des Bodens, des Klimas, der Landschaft, der Sprache, der Bräuche und des Blutes. Jede Provinz Frankreichs hat ihren Beitrag zur Schöp- fung seiner Kultur geleistet. Was die Franzosen mehr als alles andere verbindet, ist die Liebe zur Erde. Jakob Wassermann hat in seinem Buch ‹Mein Weg als Deutscher und Jude› auf die Beziehung zwi- schen dem Stil eines Schriftstellers und der Landschaft, in die er hineingeboren wurde oder die er sich zur Heimat gewählt hat, hingewiesen. Jede Landschaft, schreibt er, die irgendwie ein Teil unseres Schicksals wird, erzeugt einen bestimmten Rhythmus in uns, einen Rhythmus des Fühlens und des Denkens, der meistens unbewußt bleibt und darum nur um so ein- schneidender wirkt. Es sollte möglich sein, aus dem Satzbau der Prosa eines Schriftstellers die Landschaft zu erkennen, die sie verbirgt, wie eine Frucht ihren Kern verbirgt... Die Land- schaft, in der jemand lebt, gibt nicht nur den Rahmen des Bil- des; sie durchdringt sein ganzes Wesen und wird ein Teil von ihm. Das kann natürlich bei Primitiven viel klarer gesehen, werden als im Umkreis der Zivilisation. Darum spielten Flüs- se, Wüsten, Oasen und Haine eine so wichtige Rolle bei der Entstehung von Mythen, die oft nur das Landschaftserlebnis einer langen Folge von Generationen darstellen .Persön- lichkeit entsteht an der Stelle, wo das innere und das äußere Landschaftsbild aneinanderstoßen, wo das Mythische und Dauernde in begrenzte Zeit einströmen. Und jedes literarische Werk, jede Tat, jede Leistung ist das Ergebnis einer Ver- schmelzung von Greifbarem und Ungreifbarem, von innerer Schau und wirklichem Bild, von Idee und der tatsächlichen Situation, von VorstelI lung und Form. Das äußere Land- schaftsbild der Welt braucht nicht mehr entdeckt zu werden, obschon sein Einfluß und seine Wirkung auf die Seele noch nicht voll erforscht sind. Doch die innere Landschaft des Men- schen bleibt weithin terra incognita, und wenn es gilt, diese unbekannte Gegend zu erhellen, dann ist unsere sogenannte Psychologie nur ein bleiches Lämpchen. Im Falle eines Schriftstellers wie Alain-Fournier, des Verfas- sers von ‹Der Große Kamerad›, wird die Genauigkeit von Wassermanns Beobachtung überzeugend sichtbar. Der Zauber, den dieses Buch noch immer ausübt, entspringt aus der ge- glückten Verschmelzung von innerer und äußerer Landschaft. Die Aura des Wunderbaren, die es umgibt und ihm seinen Reiz und seine Strenge verleiht, erwächst der Verbindung von Traum und Wirklichkeit. Die Gegend der Sologne, in der der Autor geboren wurde und die besten Jahre seiner Jugend ver- brachte, ist der Schauplatz, durch den er uns wie im Traume führt. Die Gegend ist bekannt für ihren milden, ausgewogenen und unaufdringlichen Charakter; es ist eine Gegend, die «jahrhundertelang humanisiert» wurde, wie es ein französi- scher Schriftsteller ausdrückt. Wie überaus geeignet daher, Traum und Sehnsucht zu wecken! Seit dem Tage seines Erscheinens vielerorts begrüßt, fand dieser kleine Klassiker hier in Amerika nur ein bescheidenes Echo. Und doch ist das Buch genau von der Art, die unter Amerikanern verbreitet werden sollte. Es ist durch und durch französisch, jedoch auf eine Weise, die Fremde oft nicht schätzen. In einem Brief an seinen Freund Jacques Rivière, geschrieben 1906, spricht der Autor über das ästhetische Prob-, lem, mit dem er damals rang und dessen Lösung er beim Schreiben von ‹Der Große Kamerad› auf so bewundernswerte Weise gefunden hat. «Mon credo en art et en littérature est l'enfance. Arriver à la rendre sans aucune puérilité, avec sa profondeur qui touche les mystères. Mon livre futur sera peut- être un perpétuel va-et-vient insensible du rêve à la réalité: ‹rêve› entendu comme l’immense et imprécise vie enfantine planant au-dessus de l'autre et sans cesse mise en rumeur par les échos de Vautre.» Alain-Fournier ist zwar keiner der großen französi- schen Schriftsteller, aber er ist einer, der, wenn auch die Zeit sich geändert hat, dem französischen Herzen immer lieber wird. Er ist, wie Peguy auch, einer von denen, die uns erken- nen lassen, was wirklich französisch ist. Aus ihm spricht die Stimme Frankreichs stark und klar. Es ist noch einmal «la douce France», das milde, weise, duldsame Frankreich, das sich nur denen offenbart, denen es vergönnt ist, mit ihm auf vertrautem Fuß zu leben. Es ist eine verbreitete Redensart, daß in Frankreich die Kinder alt geboren werden. Das Ungestüm und die Ausge- lassenheit der Jugend ist kurzlebig. Verantwortungen werden auf die Schultern geladen, noch ehe man die Flegeljahre hinter sich gebracht hat. Die Folge ist die Kultivierung des Spiel- triebs. Das Kind wird geliebt, der Weise geachtet, die Toten werden geehrt. Die Kunst aber durchdringt alle Lebensberei- che, vom Heiligtum bis zur Küche. Um den Geist Frankreichs zu ergründen, muß man seine Kunst studieren; dort zeigt er sich unverhüllt. Kaum war der Krieg beendet und die Verbindung wie- derhergestellt, da hörten wir von der mutigen Beharrlichkeit der Künstler. Beinahe das erste, was Frankreich von der Au- ßenwelt verlangte, waren Bücher - Bücher und Druckpapier. Während des ganzen Krieges hatten seine großen Maler ihre Arbeit fortgesetzt. Die älteren zeigten eine geradlinige Ent- wicklung und eine erstaunliche Entfaltung, bedenkt man ihre Isolierung. Die Schrecken des Krieges hatten den Geist der Künstler nicht aufgerieben, sondern vertieft. Sowohl jene, die geflohen, als auch die, die zurückgeblieben waren, hatten et- was Neues und Kraftvolles aus den Jahren der Niederlage und, Demütigung vorzuweisen. Ist das nicht das Zeichen eines un- besiegbaren Geistes? Die Feinde Frankreichs hätten es zwei- fellos lieber gesehen, wenn seine Künstler bis zum letzten Mann gestorben wären. Für sie riecht dieses Bild einer stillen, beharrlichen Hingabe an die Kunst nach Feigheit und Resi- gnation. Wie kann ein Mensch weiterhin Blumen oder Un- geheuer malen, wenn der Absatz des Eroberers seinem Land im Nacken steht, so fragen sie. Die Frage beantwortet sich selbst. Sie haben keine «Blumen oder Ungeheuer» gemalt! Sie malten die Erfahrungen, die ihre Seele aufgezeichnet hatte. Sie formten Schmerz und Brutalität in Symbole der Schönheit und Weisheit um. Sie überlieferten oder restaurierten, wenn man will, das getreue Abbild des Lebens, das von den Sinnlosigkei- ten und Schrecken des Krieges verdunkelt wurde. Während sich die Maginotlinie als eine illusorische Verteidigung gegen den Eindringling erwies, enthüllte der Geist der französischen Künstler etwas weit Dauerhafteres. Die Besessenheit von der Schönheit, der Ordnung, der Klarheit - und warum sollte ich nicht hinzufügen ‹der Mildtätigkeit›? -, das ist es, was dem Geist der Schöpfung, der auch der wahre Sitz des Widerstan- des ist, zugrunde liegt. Es waren Arme im Geiste, die sich eine Maginotlinie ausdachten. Die Künstler sind nicht von dieser Art. Sie sind, wie man uns schon sooft versichert hat, die ewig Jungen. Sie verbünden sich mit allem, was überdauert, mit dem, was selbst über Niederlagen triumphiert. Der Künstler leistet dem Geist der Zeit nicht Widerstand, er ist ein Teil von ihm. Der Künstler ist kein Revolutionär, er ist Rebell. Der Künstler hungert nicht nach Erfahrung um der Erfahrung wil- len, sondern nur sofern sie seiner Einbildungskraft dient. Der Künstler weiht sich nicht der Erhaltung seines Landes, sondern der Erhaltung dessen, was menschlich ist. Er ist das Binde- glied zwischen dem Menschen von heute und dem Menschen der Zukunft. Er ist die Brücke, über die die Menschheit schrei- ten muß, ehe sie in das Himmelreich treten kann. Dürfen wir von ihm, der Zutritt zum Paradiese hat, sagen, er tauge zu nichts, wenn er sich nicht freiwillig erschlagen ließe? Wo sol- len wir Zuflucht und Kraft finden, wenn nicht bei denen, die ihr Leben der Entfaltung von Schönheit, Wahrheit und Liebe weihen?, Diese patriotischen Rächer, die so durstig und gierig auf die Vernichtung auch des allerletzten Menschen aus sind - auf was für einem Fundament hoffen sie aufbauen zu können? Auf Blut und Sand? Jede Generation steht inmitten von Rui- nen, Ruinen, die von Blut dampfen. Jede Generation versucht Ordnung herzustellen, in Frieden zu arbeiten, aus Todesqualen Musik zu schaffen. Manche geben vor, in diesem ständigen Drama von Mißerfolg und Enttäuschung eine abstrakte ge- schichtliche Entwicklung zu sehen. Sie fordern uns auf, über das vergossene Blut hinwegzusehen. Sie verlangen von uns, die Ohren zu verstopfen, wenn wir uns winden vor Qual ob der Schreie der Verwundeten und Verstümmelten. Sie lesen in den blutigen Fußspuren Molochs Fortschritt und Entwicklung. Sie heiligen die Opfer, die dieser unersättliche Gott der Ge- schichte ohne Unterlaß fordert. Sie brüllen vor Entrüstung, wenn man diese Lebensanschauung abergläubisch nennt. Wir wissen, was die Wirklichkeit ausmacht, sagen sie. Wir haben den Finger am Puls des Lebens. Es verhält sich so und nicht anders, weil es sich so und nicht anders verhalten muß. Logik! Die Logik des Erdenwurms. Nein, ich bin glücklich, sagen zu können, daß dies nicht die Ansicht des schöpferischen Geistes ist. Die Verteidi- ger des Lebens haben keine so scharf geschliffene Logik zur Verfügung. Sie sind keine Opfer des Denkens, sie sind die Erwecker von Weisheit und Gerechtigkeit. Sie sprechen nicht vom Frieden und fahren gleichzeitig fort, neue und noch ver- heerendere Zerstörungswaffen zu bauen. Sie gehen ihren vor- bestimmten Weg ‹ohne Rücksicht› auf den Zustand der Welt. Vielleicht können wir besser verstehen, wozu sich diese Anhänger des Lebens bekennen, wenn wir die schlichten Worte des jungen Alain-Fournier noch einmal lesen, der sich, des Kampfes müde, zum Opfer auf dem Schlachtfeld darbot: «Je dis que la sagesse est de renoncer ä sa pensée, aux châteaux de cartes de sa pensée, et de s'abandonner à la vie. La vie est contradictoire, ondoyante - pourtant enivrante - et pourtant là où elle nous mène est le vrai.» Heute morgen erwachte ich inmitten einer Traumlandschaft., Ich hörte den Schaffner «Châtellerault» rufen - oder war es «Châtelleroux»? Das hieß, daß ich wieder auf dem Weg nach Süden war. Da war er auch schon, der Ton der kleinen Trom- pete, und dann eine Stimme, die brüllte: «En voiture! En voi- ture!» Bald rumpelt und schaukelt der gebrechliche Wagen auf dem Schmalspurgleis. Es ist ein rapide, was nicht heißt, daß es ein Expreßzug ist. In der Nacht jedoch fliegt er wie der Wind. In einem französischen Zug habe ich immer den Eindruck, er sei das schnellste Ding auf Rädern. Auf der Reise nach Süden fliegen meine Gedanken nach Norden, Osten und Westen. All die Orte, die ich irgend- wann einmal besuchen wollte, kommen mir in den Sinn. Gera- de jetzt träume ich von Provins. (War es nicht Balzac, der sagte, Provins sei von allen Orten, die er gesehen habe, dem Paradies am nächsten?) Eines Tages, kurz nach meiner An- kunft in Paris, war ich in die Bibliothèque Nationale gegangen und hatte in meinem lahmen Französisch gefragt, ob ich mir die wunderbaren Schachfiguren aus der Zeit Karls des Großen ansehen dürfe. Nach einer bezaubernden Unterhaltung mit einem der Direktoren fragte der Mann, ob ich je Provins be- sucht habe. «Fahren Sie hin, sobald Sie können», drängte er, «Sie werden es nie bereuen.» Und jetzt fahre ich nach dem Toulouse des Toulouse-Lautrec. Gleich werden Albi, Agen, Tarbes, Cahors, Cordes im Geiste vor mir erstehen, lauter Orte, die ich auf früheren Ausflügen in den Süden übersprun- gen hatte. Um jeden Namen weben sich Geschichten, die mir von Mitreisenden erzählt wurden, ganz zu schweigen von den verwickelten Fäden der Geschichte und Legende. Während ich so nachsinne, finde ich mich wieder in Paris, an der place Dancourt. Ich nehme meinen alten Lehrer mit, um ihm ‹Dommage qu'elle soit putain!› zu zeigen. Ich habe es schon einmal in ein und demselben Théâtre de l'Ate- lier gesehen. Ich gehe nochmals, weil es für Lantelme, der in diesen Tagen selten irgendwohin kommt, ein Vergnügen sein wird. Hauptsächlich aber gehe ich, um meinen Augen ein Fest zu bereiten. Die Darstellerin der Hauptrolle hat mich verzau- bert. Noch nie habe ich eine Stimme wie die ihre gehört. Es ist die Stimme einer Drossel aus den Pripet-Sümpfen. (Wie kommt es nur, daß ich ihren Namen vergessen habe, der mei-, nen Lippen doch so vertraut war wie der von Edwige Feuillère oder Marcelle Chantal?) Sie ist nicht nur schön, sie ist anmu- tig. Anmutig und schön. Sie hätte eine der großen französi- schen Schauspielerinnen werden sollen. Vielleicht wurde sie es auch. (Ich versuche noch immer, mich an ihren Namen zu erinnern. Alles, was ich aus den Tiefen heraufholen kann, ist: Levallois-Perret und Draguignan.1 Was an ihrem Spiel für mich unvergeßlich ist, ist die Art, wie sie sich rückwärts und vorwärts über die Bühne schleifen ließ. An den Haaren, darun- ter tat sie's nicht! Rückwärts und vorwärts, über die ganze Länge der Bühne. Und diese schönen goldenen Locken, die über ihr tränenüberströmtes Gesicht fielen .1Der Name ist Lucienne Lemardiand. Wer ‹Nadja› gelesen hat, wird sich gewiß jener wun- derbaren Galerien der Erinnerung entsinnen, die Breton ent- riegelt, wenn er langsam zu erzählen beginnt. Wer könnte jene völlig irre Aufführung vergessen, über die er sich bei der Be- schreibung seines Besuches im Théâtre des Deux-Masques des längeren ausläßt? Bei dem Stück handelt es sich um ‹Les- Détraqueés›. Eine der Personen ist eine Mademoiselle Solan- ge. Der Seite 58 gegenüber, in einem der seltsamsten Büch- lein, die in unserer Zeit erschienen sind, findet sich eine von Henri Manuel aufgenommene Fotografie (und dazu noch eine schlechte). Darunter heißt es: «L'enfant de tout â l'heure entre sans dire mot.» Diese Zeile, zusammen mit anderen (ohne Zweifel absichtlich verwendeten) kitschigen Fotografien und Reproduktionen von Nadjas Skizzen, begleiten mich auf mei- ner Reise in den Süden. (Eine der aufregendsten, unheimlichs- ten dieser Schwarz-Weiß-Reproduktionen, die mit einem Text, so fahrig wie der Schweif eines Kometen, wetteifern, heißt: ‹La Profanation de l'hostie›. Noch nie befand sich Uccello in so gespenstischer Gesellschaft.) Genauso wie ich mich nach fünfzehn Jahren an den Rat des Mannes in der Bibliothèque Nationale erinnere, viel- leicht weil es meine erste längere Unterhaltung auf französisch war, so kommt mir von Zeit zu Zeit die höchst erstaunliche, höchst phantastische Beschreibung von Blanche Dervals Spiel in ‹Les Détraquées› in den Sinn. Warum? Weil die erste Ar- beit, die ich je einem Verleger unterbreitete, eine wilde, un- ausgegorene und absolut unverständliche Schilderung des, Augenblicks war, da ich, in ein Vaudeville-Theater eintretend, gerade als der Vorhang sich hob, eine Frau erblickte, die eine breite Treppe mit einer Marmorbalustrade hinaufstieg. In je- nem Augenblick war ich gespalten und sah mit zwei verschie- denen Augen, wobei die innere Vision zur äußern paßte und sich mit ihr in unglaublicher Harmonie und Logik vermischte. Zu meinem Erstaunen brachte mir die Arbeit eine Ermutigung des Herausgebers, Francis Hackett, ein. Es war ein kurzer, herzlieber Brief, der mich in zehn Jahren niederdrückenden Versagens aufrechthielt.Und jetzt bin ich in Frankreich und lese das Buch eines Mannes, dessen dichterische Begabung ich immer bewundern werde, und die Beschreibung seines Be- suchs im Thèâtre des Deux-Masques scheint jener ersten Ar- beit, die ich zur Veröffentlichung einreichte, verblüffend ähn- lich. Die von Breton ist natürlich unendlich viel besser. Doch was wäre wohl aus ‹Nadja› geworden, so frage ich mich, wenn Breton sie einem amerikanischen Verleger hätte vorlegen müssen? Landschaft. Innere und äußere Landschaft. Ich frage mich oft, was mich nach Frankreich zog und mir ermöglichte, die innere der äußeren anzugleichen. In Amerika gab es nur eine Landschaft, wenn man das so nennen konnte, die tief in meinem Innern wohnt: den, 14. Bezirk in Brooklyn, wo ich aufwuchs. Es gab aber kein ländliches Gebiet, das zum 14. Bezirk gehört, der damals meine ganze Welt war. Was zog mich so unwiderstehlich zu den französischen Provinzen hin? Was fand ich dort, das meinen Träumen entsprach? Archai- sche Erinnerungen? Vielleicht. Erinnerungen aus Kinderbü- chern? Ich entsinne mich nicht, als Kind je etwas über Frank- reich gelesen zu haben. Meine erste Erinnerung an etwas Französisches ist ‹Die tödlichen Wünsche›, das mir mein pol- nischer Freund Stanley Borowski lieh, und das mir mein Vater aus den Händen riß, da alles, was ein Franzose, besonders aber Balzac, schrieb, unmoralisch war. Damals war ich sechzehn. Frankreich begann erst etwa zehn Jahre später in mein Be- wußtsein zu dringen, als ich mit einem Musiker aus Blue E- arth, Minnesota, Freundschaft schloß. Ich erinnere mich, daß er mir einen handgeschriebenen Folianten gab, der seine eige- ne Übersetzung eines Buches mit dem Titel ‹Batouala› ent-, hielt. Nein, ich kann mir mit dem besten Willen keine Land- schaft ins Gedächtnis rufen, die den Wunsch, Frankreich zu durchwandern, erzeugt haben könnte. Aber als ich ankam, fühlte ich mich augenblicklich zu Hause. Das erste Wort der Sprache, das sich mir einprägte, war ironischerweise défense. Überall stand es aufgemalt - an den Türen und Fenstern des Eisenbahnzuges, an Hausmauern, ja sogar auf dem Trottoir. «Défense de ..» Das nächste, dessen ich mich erinnere, weil es, übersetzt, einen Schock auf mich ausübte, sind die Worte, die in jedem französischen Eisenbahnzug zu finden sind: «Diese Sitzplätze sind für Kriegsverletzte reserviert.» Plötzlich dämmerte mir, was (für den Europäer) Krieg bedeutet. Für uns war er ein Abenteuer, sozusagen. Etwas, das man mit der lin- ken Hand tat. Doch Frankreich war ausgeblutet. Nie werde ich jenen Zug aus Le Havre vergessen, sowenig wie ich je den Anblick Marseilles während der Verdunklung vergessen wer- de, als ich zum letztenmal dort vorbeikam. Während der letzten Jahre, die meiner Ankunft in Frankreich vorangingen - Jahre einer fieberhaften Erwartung, vermischt mit Angst bei dem Gedanken, ich könnte für immer in New York festgehalten werden -, stellte ich meinen Freun- den, die dort gewesen waren, die idiotischsten Fragen. Ob die Straßen immer noch gepflastert seien? Ob sich jedermann schwarz kleide? Ob sie mir Le Rat Mort beschreiben könnten? Ob es im Herzen von Paris eine Statue Rabelais' gebe? Wie sagt man: «Ich habe mich verlaufen»? Und so weiter. Endlose Fragen, die natürlich endlose Lachsalven auslösten. Wenn ich meine Eltern besuchte, nahm ich ein Französischbuch für An- fänger mit, gab es meinem Vater und bat: «Lies mir ein paar Fragen auf englisch vor und sieh zu, ob ich sie auf französisch beantworten kann.» Und wenn ich dann antwortete: «Oui, monsieur, je suis très content», lächelte mein Vater und mein- te: «Jeh, sogar ich kann das verstehen; es ist genau wie Eng- lisch, nur andere Wörter gebrauchen sie.» Worauf wir uns die Hände schüttelten und sagten: «Comment allez-vous aujourd'- hui?» Wir brachten diese kurzen Sätzchen perfekt über die Zunge; so glaubte ich damals jedenfalls. In dem Augenblick aber, als ich französischen Boden betrat, wurde ich von Panik, erfaßt. Die einfachsten Fragen verwirrten mich. Alles, was ich als Antwort hervorbringen konnte, war ein gegrunztes «Oui, madame» oder «Non, monsieur». Ich vergas nie, madame oder monsieur anzufügen. Die Wichtigkeit dieser kleinen Höflich- keitsformel war mir vor meiner Abreise eingehämmert wor- den. Das und «S'il vous platt». Es war, als hätte man immer den Paß zur Hand. «Was für eine bürokratische Welt!» Eine meiner ers- ten Überlegungen. Allerdings war ich in Amerika nie Auslän- der gewesen. Von meinem Freund Stanley wußte ich zwar, wie Ausländer auf Ellis Island behandelt wurden, und na- türlich hatte ich mit eigenen Augen gesehen, wie wir sie her- umschoben und alles Unangenehme ihnen aufhalsten. Aber selbst Ausländer zu sein, ist eine ganz andere Sache. Eines der ersten aufregenden Erlebnisse war für mich die Begrüßung, die mir zuteil wurde, als der Beamte beim Durchblättern meines Passes bemerkte, daß ich écrivain war. Sofort schlich sich ein Ton von Hochachtung in seine Stimme. Mir verschlug es die Sprache. Gab es also doch einen Ort auf Erden, wo ein Schriftsteller geschätzt wurde? Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Der Beamte fragte gar nicht erst, was ich denn geschrieben habe. Nach allem, was er wußte, hätte ich der ärgste Schreiberling sein können. Es war der Beruf als solcher, den er ehrte. Wenn man in Amerika erwähnt, man sei Schriftsteller, weckt man nur Mißtrauen und Feindschaft. Wenn man nicht einen gefeierten Namen hat, kommt dem andern, besonders wenn er ein Vertreter der Obrigkeit ist, als erstes der Gedanke in den Sinn, daß man unehrlich, verantwor- tungslos und wahrscheinlich ein Anarchist sei. Zeitungsmann zu sein, ist eine andere Sache. Journalisten sind gefährliche Burschen; die können dich mit ein paar Worten zum gemach- ten oder zum gebrochenen Mann machen. Aber ein gewöhnli- cher Schriftsteller, ein Bücherschreiber, bah!, ein wertloser Geselle, auf der gleichen Stufe wie ein ToIlettenwärter. Wohl die erste ganz große Überraschung erlebte ich, als ich eines Tages in einem kleinen Restaurant an der rue des Canettes, wo ich einige Wochen regelmäßig gegessen hatte, die patronne fragte, ob sie mir Kredit gewähren würde, wenn ich es einmal nötig hätte. «Aber natürlich, Monsieur, mit Ver-, gnügen. Gerne», fügte sie hinzu. «Was für ein Land!» dachte ich. «Sie kennen mich kaum, und schon esse ich auf Kredit.» Ich versuchte mir einen Restaurantbesitzer in New York vor- zustellen, der das gleiche für mich getan hätte. Mir kamen nur solche in den Sinn, die von Geschirrabwaschen als Gegenleis- tung sprachen. Das war die erste angenehme Überraschung. Die zweite war sogar noch angenehmer. Es war die Gewißheit, daß ich von einem garçon eines bestimmten Cafés am Ende des boulevard Saint-Michel jederzeit, sofern ich sie brauchte, ein paar Francs bekommen konnte. Wir hatten gelegentlich ein paar Worte über Dostojevskij gewechselt, wenn ich meinen café noir trank. Dieser kleine Gedankenaustausch genügte ihm offensichtlich, um mir volles Vertrauen zu schenken. Natürlich ließ ich es nicht bei ein paar Francs bewenden; es war genauso leicht, ein paar hundert von ihm zu bekommen. Um dem Gan- zen aber die Krone aufzusetzen, lud er mich gelegentlich zum Essen und ins Theater ein. Ich muß hier erwähnen, daß ich, als ich Amerika verließ, nicht einen Freund hatte, der mir mehr als einen Dollar geliehen hätte. Oft gaben sie mir einen dime oder einen quarter. Gewiß, ich war ein schlechter Schuldner. Und gewiß hatte ich nicht bewiesen, daß ich ein großer Schriftsteller war. Aber wir reden hier von Freunden - viele von ihnen waren Jugendfreunde. Alle waren in gesicherten Stellungen. In Erinnerung an jene Tage, an ihre Vorsicht und Knickrigkeit, habe ich es mir zur Regel gemacht, ver- schwenderisch und leichtsinnig zu sein, ganz besonders, wenn es ein Fremder ist, der mich um Hilfe bittet. Und jetzt ein Wort über die kleinen Verzückungen. Eine davon hängt - ich muß meine amerikanischen Leser war- nen - mit der Toilette zusammen. (Warum fahrt ihr so zu- sammen, wenn das Wort Toilette fällt?) Es war so: ein plötzli- ches Bedürfnis auf der Straße, und ich stürzte ins nächste Lo- kal, das zufällig ein kleines Hôtel war. Es war nicht nur ein kleines Hôtel, es war außerdem ein sehr altes. Die einzigen im Augenblick verfügbaren cabinets befanden sich im dritten Stock. Ich raste hinauf, kam noch eben rechtzeitig an und ver- suchte, während ich an meinen Kleidern herumhantierte, die Tür zu schließen. Der Raum war so winzig, so eng, so unge-, schickt gebaut - es war ein Wunder, daß ich es überhaupt fer- tigbrachte, mich zu setzen. Es war Tag, und so brannte natür- lich kein Licht. Im Halbdunkel fand ich mich allmählich zu- recht. Einige sorgfältig zerrissene Zeitungsblätter hingen am Haken. Ein gemütliches, kleines Örtchen, alles in allem, aber warum so beengt? Als ich aufstand, um meine Kleider zu ord- nen, sah ich plötzlich etwas, das mir den Atem verschlug. Von einem Ort aus, der ein wahres Verlies war, schaute ich auf einen der ältesten Teile von Paris hinunter. Der Anblick war so wunderbar sanft und berauschend, daß er mir Tränen in die Augen trieb. Welch ein glücklicher Zufall, dachte ich. Wenn ich nicht von jenem Bedürfnis überrascht worden wäre, hätte ich nie gewußt, daß es einen solchen Ausblick gab. Ich wollte hinunterlaufen und meine Frau holen, doch dann fiel mir ein, daß es einen eigenartigen Eindruck auf den Hotelbesitzer ma- chen könnte. So stand ich da, betäubt, verloren in tiefer Tran- ce. Ich blieb so lange und die Veränderung in meinem Gesicht war so groß, daß ich meine Frau, die während der ganzen Zeit an der Ecke gestanden hatte, in schlechter Laune fand: «Nur eine Frau kann dich so lange aufgehalten haben!» fauchte sie. Ich reagierte darauf mit so echter Verwirrung, daß sie sofort den Kurs änderte. «Hör zu», erklärte ich, «du mußt es selber sehen. Geh dort hinauf. Es ist im dritten Stock. Ich warte hier auf dich.» Folgsam zog sie ab, von meinem Ernst beeindruckt. Ich bezog meinen Posten an der Ecke; es war mir gleichgültig, wie lange ich dort blieb. Ich befand mich in halb bewußtlosem Zustand, und meine Augen waren immer noch glasig .Da- nach nahmen wir uns, sooft wir in die Nachbarschaft von Saint-Séverin kamen, jedesmal die Zeit, hinten im dritten Stock Pipi zu machen. Es gab so viele ähnliche Zwischenfälle, groteske, seltsame, mitleiderweckende, absurde. In Paris konnte einem alles mög- liche passieren, wenn man fremd war. Wie könnte ich das blanke Erstaunen eines französischen Herrn vergessen, der sich in Paris nicht auskennt, mich anhält, um nach dem Weg zu fragen, und sich dann zu seinem Bestimmungsort, einige Häuserblocks weiter, von einem Mann eskortiert sieht, der kaum die Sprache spricht. Ich kann sehen, daß ihn meine rit- terliche Aufmerksamkeit verblüfft. Er ist zuerst ein wenig, mißtrauisch; als er dann aber merkt, daß ich von ihm nichts verlange, verliert er auf liebenswürdige Weise seine Hem- mungen. Was hätte er wohl gedacht, wenn ich ihm verraten hätte, daß ich mir nur so viel Mühe machte, um das Vergnügen zu haben, ihn in seiner Sprache reden zu hören! Er hätte ohne Zweifel geglaubt, ich mache mich über ihn lustig. Wie dank- bar war er für meine Besorgtheit! Es sei heutzutage unge- wöhnlich, ließ er mich auf seine weitschweifige Art wissen, daß man bei einem Fremden solcher Höflichkeit begegne. Der Herr war Amerikaner? Dazu noch aus New York? Tiens, tiens! (Incroyable! hat er ohne Zweifel vor sich hin gemurmelt.) Und der Herr findet Paris interessant? Vraiment? Ah, es gab etwas an Paris, das alle Fremden anzog, surtout les Anglais. Die Amerikaner natürlich auch. (Ein nachträglicher Gedanke. Wie wenn einer sagt: «Les Allemands? ah oui, des boches!») An ihn seien die Reize von Paris freilich verschwendet. Er sei nur ein commercant. Leider keine Zeit für Cabarets und Kunst- galerien. Pour les femmes non plus .Sogar ein Dummkopf wie ich konnte diese Art von Monolog verstehen. Es spielte für mich gar keine Rolle, worüber er zu sprechen beliebte; aufregend war für mich nur, daß ich den Sinn mitbekam. Er hatte mich natürlich für einen Touristen gehalten. Nie würde er vermutet haben, daß ich beim Abschied all mei- nen Mut zusammenkratzte, ihn um ein paar Francs anzugehen. Ich tat es natürlich nicht. Ich konnte es nicht, bei dem Dankes- schauer, der auf mich niederging. Ich mußte die Rolle des chevaleresque flâneur, die er mir zudachte, weiterspielen. Ich weiß noch genau, wie ich ihn verließ, das Gesicht zu einem Lächeln verzerrt, und geradewegs auf eine Bank zusteuerte, auf der ein Arbeiter saß, der sein Mittagessen ausgebreitet und eine Flasche Wein neben sich stehen hatte. «Jetzt pfeife ich eine andere Melodie!» sagte ich mir. Ich hatte seit sechsund- dreißig Stunden nichts gegessen .Ein Gedicht, das mich nicht losläßt und das ich mit dem besten Willen nicht übersetzen kann, ist Rimbauds ‹Depart›. «Assez vu. La vision s'est rencontrée à tous les airs.» Man übertrage diesen ersten Vers ins Englische, das beste Englisch, das man, sich vorstellen kann, und er sagt gar nichts aus. Und wie soll ich wissen, daß er auf französisch etwas bedeutet? Um das zu beantworten, muß ich eine andere kleine Anekdote aus jenen ersten Tagen in Frankreich erzählen. Ich sitze in einem gemütlichen kleinen Restaurant in Avignon. Ein paar Schritte weiter, an einem Tisch mir ge- genüber, ißt ein commerçant ganz allein zu Mittag. Wie wir es fertigbrachten, über diesen Abstand hinweg ein Gespräch an- zuknüpfen, ist mir ein Rätsel; aber wir taten es. Seltsamer noch ist, daß ich mich mit meinem dürftigen Französisch er- kühnte, ihm einen Film zu beschreiben, den ich kurz vor mei- ner Abfahrt aus Paris gesehen hatte: ‹L'Âge d'or› von Buñuel und Dalí. Es wurde mir schnell klar, daß er sich über mich lustig machte, nicht über mein schlechtes Französisch - was dies betraf, war er höflich -, sondern über meine Bewunderung für solchen Mist, wie er sich ausdrückte. Mit einem jener plötzlichen Sprünge, die ich gern mache, wenn ich daran ver- zweifle, mich verständlich zu machen, begann ich von Proust zu reden. «Wie bitte?» sagte er. «Proust», wiederholte ich. «Marcel Proust, celui qui a écrit ‹A la recherche du temps perdu›.» - «Nie gehört», kam höflich zurück, «aber fahren Sie nur fort, ich bin neugierig.» Das nahm mir allen Wind aus den Segeln. Wie sollte ich in meinem ungenügenden Französisch einem Mann, den es offensichtlich einen Dreck interessierte, was ich ihm erzählte, das Werk eines Autors wie Proust erklä- ren? Ich wußte, daß er mir seine Aufmerksamkeit nur schen- ken würde, bis er seine Mahlzeit beendet hätte, daß er sich dann höflich entschuldigen und mich in der Mitte eines kom- plizierten Satzes mit einem Konjunktiv einfach sitzenlassen würde. Glücklicherweise kamen mir, gerade als ich mir den Wortschwall zurechtlegte, mit dem ich beginnen wollte, ein paar Studenten an einem benachbarten Tisch unter Lachsalven zur Hilfe. Einen Augenblick meinte ich, sie lachten über mich; doch nein, sie richteten ihre Ausfälle gegen den commerçant. Was! Er habe noch nie von Marcel Proust gehört? Was er denn sei, ein Schweinehändler? Ob er sich nicht schäme, daß ihn ein Amerikaner über seine eigene Literatur aufklären müsse? Sie kanzelten ihn ohne Gnade ab und zwinkerten mir dabei ständig insgeheim zu. Der arme Kerl beendete gar nicht erst seine, Mahlzeit; er floh vorzeitig. Kaum hatte er das Lokal verlassen, als mir die Studen- ten Zeichen machten, ich möge mich zu ihnen setzen. Es wäre ihnen eine Ehre, wenn ich einen Kaffee und einen Schnaps mit ihnen tränke. «Quel con, célui-là!» meinte einer von ihnen. «Vom étiez épatant!» sagte ein anderer. «Sind Sie vielleicht Schriftsteller?» warf ein dritter ein. Nun, wir saßen eine Stun- de oder länger dort und sprachen über Gott und die Welt. Sie interessierten sich sehr für den surrealistischen Film. Wie ich dazu gekommen sei, Proust zu lesen? Ob er übersetzt sei? Was mich nach Frankreich bringe und worin der Unterschied zwi- schen New York und Paris bestehe? Die Sprache bot keine Hindernisse mehr. Was ich nicht in Worten ausdrücken konn- te, das machte ich durch Gesten deutlich. Manchmal ertappte ich mich dabei, höchst komplizierte Dinge auf die läppischste Weise auszudrücken. Aber sie verstanden mich. An ihren Re- aktionen spürte ich, daß sie mich verstanden. So geht es mir auch mit Rimbaud. Ich spüre an meiner Reaktion auf seine Verse, daß sie einen Sinn haben. Sogar die sinnlosen Zeilen. Doch ganz besonders spüre ich bei einem Gedicht wie ‹Départ› die Entsprechung zwischen dem Unbe- kannten in mir und dem Unbekannten in einem anderen. Es ist nicht mehr eine Frage der Landschaft, der inneren oder äuße- ren, sondern vielmehr eine des Niveaus, der Ordnungen und Hierarchien. Es spricht jemand zu mir über den leeren Raum hinweg. Es ist eine geheimnisvolle Sprache, für die ich ein anderes Paar Ohren brauche. Wo finde ich das richtige Paar? Warum so ungeduldig? Könnte ich nicht warten, bis ich das Französische besser beherrsche? Nein! Tausendmal Nein! Jetzt muß ich es haben, sofort. Es geht um Leben oder Tod. Wenn du in eine Frau, die eine fremde Sprache spricht, hoffnungslos verliebt wärest - du würdest Mittel und Wege finden, sie zu verstehen, nicht wahr? Vielleicht hinkt der Vergleich. Um Rimbaud lieben zu können, muß man zuerst die Schönheit seiner Sprache erfaßt haben. Es zog mich zu ihm auf den ersten Blick, wie einen mondsüchtigen Liebhaber. Ich schloß ihn ins Herz, noch ehe ich ihn verstand. Ist es wirklich nötig, solche Dinge zu erklären? Wie kann ich den Skeptiker davon überzeugen, daß ich von Cendrars' ‹Moravagine› hinge-, rissen war, trotz der Tatsache, daß ich fast jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen mußte? Wie kommt es, daß man sofort weiß, ob einem etwas nach dem Herzen ist? Warum bin ich trotz der Bekundungen der besten Kritiker immer noch unfähig, Stendhal oder Sterne oder sogar Homer zu lesen? Warum versuche ich immer und immer wieder, den Marquis de Sade zu lesen, obwohl ich weiß, daß meine Bemühungen jedesmal im Sand verlaufen werden? Aus irgendeinem uner- klärlichen Grund glaube ich alles, was man an Gutem über de Sade sagt. So ist es auch bei Francis Bacon, einem anderen, den ich schwer verdaulich finde. Was ich sagen will, ist, daß es Menschen gibt, die dich zwingen, sie zu bejahen, dich zwingen, sie zu verstehen und schließlich zu verehren. Bei Rimbaud gibt es nur die unmittelbare Begegnung oder nichts. Er spricht eine Sprache, für die keine Wörter- bücher Hilfe bieten. Nicht Französisch muß man können, son- dern die vergessene Sprache des Dichters. Rimbaud ist der letzte der Reihe und der erste einer neuen Ordnung, für die es keinen Namen gibt. Unter all den glitzernden Sternbildern der französischen Schriftsteller muß ich ihn wählen, einen neuen Stern, eine Nova. Daß er auch ein voyou war, was geht mich das an? Spielt das eine Rolle für mich? Villon war ein ‹Gal- genvogel›, Baudelaire ein ‹Degenerierter›, de Sade ein ‹Unge- heuer›. Ich wähle Rimbaud, weil ich durch ihn, durch seinen Bruch mit dem ganzen Bau, Frankreich am besten verstehe. Mit seinen eigenen jugendlichen Händen schuf er ein Stand- bild, so dauerhaft wie die großen Kathedralen, ein Werk, das allen Mißhandlungen spottet., Als ich eines regnerischen Abends auf der rue De- lambre Alfred Perlès über den Weg lief, begann eine Freund- schaft, die die ganze Zeit meines Frankreich-Aufenthaltes prägen sollte. In ihm fand ich den Freund; der mir in allem Auf und Ab eine Stütze wurde. Er hatte etwas von einem vo- you an sich, um es gleich zu sagen. Ich muß gestehen, daß ich versucht bin, seine Schwächen zu übertreiben. Er hatte jedoch eine Tugend, die alle seine Schwächen aufwog: er verstand es, ein Freund zu sein. Manchmal schien es mir wirklich so, als verstehe er sich auf nichts anderes. Sein ganzes Leben schien auf die Grundtatsache zugeschnitten zu sein, daß er nicht nur mein Freund, dein Freund, ein Freund, sondern der Freund war. Er war zu allem bereit, wenn es nötig schien, seine Freundschaft unter Beweis zu stellen. Ich sage: zu allem. Fred war die Art von Mensch, nach der ich unbewußt mein ganzes Leben Ausschau gehalten hatte. Mich hatte es von Brooklyn, ihn von Wien nach Paris gezogen. Wir hatten die Schule der Not längst durchlaufen, ehe wir nach Paris ka- men. Wir waren Veteranen der Straße, kannten alle Tricks, die einen Menschen über Wasser halten, wenn alle Mittel er- schöpft scheinen. Obwohl ein Gauner, ein Nichtsnutz und Possenreißer, war er doch äußerst empfindsam. Sein Zartge- fühl, das sich bei den unpassendsten Gelegenheiten zeigte, war außerordentlich. Er konnte grob, unverschämt und feige sein, ohne sich selbst dadurch im geringsten herabzusetzen. Oder vielmehr, er setzte sich absichtlich herab; das erlaubte ihm, sich alle möglichen Freiheiten herauszunehmen. Er gab vor, nur das zum Leben Allernotwendigste zu brauchen; aber er war ein Aristokrat in Dingen des Geschmacks und ein ver- wöhnter Fratz bis auf die Knochen. Dieses Potpourri von guten und schlechten Zügen schien ihn bei fast jedem beliebt zu machen. Von Frauen ließ er sich wie ein Schoßhund behandeln, wenn ihnen das Freude machte. Er tat alles, was sie von ihm verlangten, solange er, nur auf seine Kosten kam. Was natürlich hieß, solange er sie ins Bett kriegte. Wenn man sein Freund war, teilte er seine Frauen mit einem, genau wie er die letzte Brotrinde mit einem geteilt hätte. Manche Leute konnten ihm dies nur schwer ver- zeihen, diese Fähigkeit, alles zu teilen. Natürlich erwartete er von anderen das gleiche. Wenn sie sich weigerten, war er er- barmungslos. Hatte er einmal gegen jemanden eine Abneigung gefaßt, konnte ihn nichts mehr davon abbringen. Hatte er sich über jemanden eine Meinung gebildet, änderte er sie nie mehr. Man war entweder Freds Freund oder sein Feind. Was er vor allem verachtete, waren Anmaßung, Ehrgeiz und Knickerig- keit. Er machte nicht leicht Freunde, weil er schüchtern und zurückhaltend war, aber wer sein Freund geworden war, der blieb es sein Leben lang. Eine der Eigenschaften, die einen irritieren konnten, war seine Geheimniskrämerei. Er liebte es, mit manchem zu- rückzuhalten, nicht so sehr aus Unfähigkeit sich auszuspre- chen, sondern um immer eine Überraschung aus dem Ärmel ziehen zu können. Er wählte stets den richtigen Augenblick, um die Katze aus dem Sack zu lassen; er hatte einen untrügli- chen Instinkt, einen im ungelegensten Augenblick aus der Fassung zu bringen. Es macht ihm Spaß, jemanden in eine Falle zu locken, besonders wenn es um seine angebliche Un- wissenheit oder seine vermeintlichen Laster ging. Er ließ sich nie auf etwas festlegen, am wenigsten auf all das, was ihn selbst betraf. Als ich seine Bahn kreuzte, schien er bereits die sprichwörtlichen neun Leben einer Katze gelebt zu haben. Bei oberflächlicher Bekanntschaft hätte man sicher gesagt, er habe sein Leben vertan. Er hatte ein paar Bücher in deutscher Spra- che geschrieben, aber ob sie veröffentlicht waren oder nicht, wußte niemand. Wenn die Rede auf seine Vergangenheit kam, war er ohnehin immer recht unbestimmt, außer wenn er be- trunken war, und dann konnte er sich einen ganzen Abend lang über eine Einzelheit auslassen, zu deren Ausschmückung er gerade in der Stimmung war. Er gab nie zusammenhängende Abschnitte seines Lebens zum besten, nur solche beziehungs- losen Details, die er mit dem Geschick und dem Scharfsinn eines Strafverteidigers darzulegen wußte. Er hatte in der Tat so, viele Leben geführt, so viele Identitäten angenommen, so viele Rollen gespielt, daß jeder Versuch, das Ganze in den Blick zu bekommen, dem Zusammensetzen eines Puzzlespiels gleich- gekommen wäre. Um ehrlich zu sein: er war sich selbst ge- nauso rätselhaft wie anderen. Sein verborgenes Leben war nicht sein Privatleben, da er gar kein privates Leben hatte. Er lebte ständig en marge. Er war limitrophe - eines seiner Lieb- lingswörter - gegenüber allem; nur sich selbst gegenüber war er nicht limitrophe. In dem ersten Buch, das er auf französisch schrieb (‹Sentiments limitrophes›), gab es mikroskopische Aufschlüsse über seine Jugend, die ans Visionäre grenzten. Ein Abschnitt, der zeigt, wie er im Alter von neun Jahren in seiner Heimat, der Schmelz, zum Leben erwachte, ist ein Meisterstück kortikaler Sektion. An diesem Punkt der Erzäh- lung, die eine Autobiographie aux faits divers ist, hat man das Gefühl, daß er nahe daran war, eine Seele zu zeigen. Doch ein paar Seiten später verliert er sich wieder, und die Seele bleibt in der Unterwelt. Ein jahrelanger enger Kontakt mit einem Menschen seiner Art hat Vor- und Nachteile. Wenn ich auf die Jahre mit Fred zurückblicke, kommt mir nur das Gute in den Sinn, das aus unserem Bündnis erwuchs. Denn es war mehr ein Bündnis als eine Freundschaft, wenn ich das so sagen darf. Wir waren verbündet, um die Zukunft zu bestehen, die jeden Tag den Hydrakopf drohender Vernichtung zeigte. Nach einiger Zeit kamen wir zu der Überzeugung, daß es keine Situation gäbe, der wir uns nicht stellen und mit der wir nicht fertig werden könnten. Oft müssen wir eher den Eindruck von Verschwore- nen als von Freunden gemacht haben. In allem war er der Clown, sogar in der Liebe. Er konnte mich zum Lachen bringen, wenn ich vor Wut kochte. Mir scheint, ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem wir nicht herzlich gelacht hätten, oft bis uns die Tränen in die Au- gen traten. Die drei Hauptfragen, die wir einander bei jeder Begegnung stellten, lauteten: 1. Haben wir etwas zu essen? 2. Wie war die Puppe im Bett? 3. Schreibst du? Alles drehte sich um diese drei Bedürfnisse. Am Schreiben war uns am meisten gelegen, aber wir taten immer so, als wären die beiden anderen Dinge wichtiger. Schreiben, war eine Konstante, wie das Wetter. Essen und Lieben waren Glückssache: man konnte sich auf keines von beiden ver-. lassen. Geld, sofern wir's hatten, teilten wir bis auf den letzten Franc. Nie wurde gefragt, wem es gehörte. «Haben wir Zas- ter?» fragten wir, genauso, wie wir fragten: «Haben wir was zu essen?» Wir hatten's oder wir hatten's nicht, und damit war die Sache erledigt. Unsere Freundschaft begann in diesem Ton und blieb so, bis wir uns trennten. Es ist eine so einfache, praktische Art zu leben, daß ich mich frage, warum sie nicht in weltweitem Rahmen versucht wird. Drei Besitztümer gab es, an die er sich klammerte - trotz aller Leihhäuser und Verluste der dunklen Tage: seine Schreibmaschine, seine Taschenuhr und seinen Füllfeder- halter. Jeder einzelne dieser Gegenstände war von bester Qua- lität, und er pflegte sie, wie ein Maschinist seine Lokomotive gepflegt hätte. Er sagte, es seien Geschenke, Geschenke von Frauen, die er geliebt habe. Vielleicht waren sie das wirklich. Ich weiß, daß er sie hütete. Von der Schreibmaschine konnte er sich am leichtesten trennen -vorübergehend natürlich nur. Eine Zeitlang schien sie mehr in der Pfandleihanstalt zu liegen als chez nous. Das sei gut so, pflegte er zu sagen; es zwinge ihn, mit der Feder zu schreiben. Die Feder war ein Parker- Füllhalter, der schönste, den ich je gesehen hatte. Wenn man ihn bat, ihn benutzen zu dürfen, schraubte er zunächst die Kappe ab, bevor er ihn überreichte. Das war seine feine Art zu sagen: «Behandle ihn gut!» Die Uhr trug er selten bei sich. Sie hing an einem Nagel über seinem Arbeitstisch. Sie ging stets auf die Minute genau. Wenn er sich zur Arbeit setzte, waren diese drei Ge- genstände immer zugegen. Sie waren seine Talismane. Er konnte mit keiner anderen Maschine oder Feder schreiben. Später, als er sich einen Wecker anschaffte, zog er dennoch seine Uhr regelmäßig auf. Die Zeit las er immer auf ihr ab, nicht auf dem Wecker. Wenn er die Wohnung wechselte, was ziemlich oft vorkam, trennte er sich jedesmal von irgendeinem kostbaren Andenken, das er jahrelang aufgehoben hatte. Es machte ihm Spaß, umziehen zu müssen. Es bedeutete, daß er sein Gepäck verkleinern mußte, denn alles, was er sich zuges- tand, war ein kleiner Handkoffer. Was nicht in diesen einen, Koffer hineinging, wurde weggeworfen. Dinge, an denen er hing, waren Souvenirs - eine Postkarte von einem alten Freund, ein Foto von einer alten Liebe, ein Taschenmesser, das er auf dem Flohmarkt gefunden hatte. Immer waren es Kleinigkeiten. Er warf einen Pullover oder eine Hose weg, um Platz für seine Lieblingsbücher zu schaffen. Natürlich rettete ich immer die Sachen, von denen ich wußte, daß er sie nicht wirklich loswerden wollte. Ich stahl mich in sein Zimmer zu- rück und packte sie in ein Bündel; ein paar Tage später er- schien ich damit und übergab sie ihm. Der Ausdruck auf sei- nem Gesicht war dann wie der eines Kindes, das ein altes Spielzeug wiederfindet. Er konnte vor Freude weinen. Um jedoch zu beweisen, daß er die Sachen wirklich nicht brauchte, kramte er irgendeinen wertvollen Gegenstand hervor und machte ihn mir zum Geschenk. Es war, als wollte er sagen: «Nun gut, ich behalte den Pullover (oder die Hose), weil du darauf bestehst; aber hier ist mein wertvoller Fotoapparat. Ich brauche ihn wirklich nicht mehr.» Was das Geschenk auch immer sein mochte, es war kaum wahrscheinlich, daß ich da- für Verwendung hatte; aber ich nahm es an, als wär's ein kö- nigliches Geschenk. In einer sentimentalen Stimmung bot er mir manchmal seinen Füllfederhalter an - die Schreibmaschine konnte ich nicht gebrauchen, weil sie ein französisches Alpha- bet hatte. Die Uhr habe ich mehrmals angenommen. Er hatte eine Stelle bei der Zeitung und konnte sich darum seiner Schriftstellerei nur ein paar Stunden am Nach- mittag widmen. Um sich nicht damit zu quälen, wieviel oder wiewenig er schaffte, machte er es sich zur Regel, genau zwei Seiten am Tag zu schreiben, nicht mehr. Wenn er auf der zweiten Seite unten angekommen war, hörte er mitten im Satz auf. Er schien immer äußerst froh zu sein, soviel geleistet zu haben. «Zwei Seiten am Tag, 365 Tage im Jahr, das macht 730», pflegte er zu sagen. «Wenn ich 250 in einem Jahr zu- sammenbekomme, bin ich zufrieden. Ich schreibe keinen ro- man fleuve.» Er hatte Verstand genug, um zu wissen, daß man mit den besten Vorsätzen der Welt selten die innere Kraft auf- bringt, an jedem Tag der Woche zu schreiben. Er machte Zu- geständnisse an schlechte Tage: Niedergeschlagenheit, Kater- stimmungen, ein neuer Betthase, unerwarteter Besuch und so, weiter. Selbst wenn die Unterbrechung sich über eine Woche hinzog, versuchte er nie, mehr als die zwei Seiten, die er sich als Tagespensum gesetzt hatte, zu schreiben. «Es ist gut, sich nicht ganz zu verausgaben», sagte er dann heiter. «Man bleibt frisch für den nächsten Tag.» - «Aber ist dir nicht manchmal danach zumute, sechs oder sieben Seiten zu schreiben?» fragte ich ihn. Er grinste. «Selbstverständlich; aber ich beherrsche mich.» Und dann zitierte er mir ein chinesisches Sprichwort vom Meister, der weiß, sich des Wunderwirkens zu enthalten. In seiner Brusttasche trug er natürlich immer ein Notizbuch mit sich herum. Bei der Arbeit machte er ohne Zweifel mit seinem makellosen Füllhalter Notizen oder er fuhr fort, wo er aufgehört hatte (Seite zwei unten). Es war typisch für ihn, daß er den Eindruck erweckte, alles falle ihm leicht. Sogar das Schreiben. «Streng dich nicht zu sehr an», war sein Motto. Mit anderen Worten: «Leichtig- keit macht es.» Wenn man ihn bei der Arbeit störte, war er in keiner Weise verärgert. Im Gegenteil: er stand lächelnd auf und bat einen, zu bleiben und mit ihm zu plaudern. Immer gelassen, als gäbe es nichts, was sein Tun oder Denken wirk- lich unterbrechen konnte. Gleichzeitig achtete er darauf, ande- re nicht zu belästigen. Es sei denn, er war schlecht gelaunt. Dann platzte er bei mir oder sonstwem herein und erklärte: «Laß liegen, was du da machst; ich will mit dir reden. Wir gehen irgendwohin und trinken was, ja? Ich kann heute nicht arbeiten. Du solltest auch nicht arbeiten; es ist zu schön, und das Leben ist zu kurz.» Vielleicht hatte er auch gerade gefallen an einem Mädchen gefunden und brauchte Geld. «Du mußt mir helfen, etwas Kies aufzutreiben», sagte er dann. «Ich habe ihr versprochen, sie Punkt halb sechs zu treffen. Es ist wich- tig.» Das hieß, ich sollte losziehen und jemanden anpumpen. Ich kenne viele Amerikaner, meinte er, und Amerikaner hatten immer irgendwo Geld versteckt. «Genier dich nicht», sagte er in solchen Fällen. «Hol hundert Francs raus, wenn du schon mal dabei bist, oder dreihundert. Bald ist Zahltag.» Am Zahltag schienen wir immer am meisten pleite zu sein. Alles ging für Schulden drauf. Wir gönnten uns ein gutes Essen und vertrauten auf die Vorsehung, daß sie uns den nächsten Zahltag erleben lasse. Wir mußten diese kleinen, Schulden bezahlen, da wir sonst keinen Kredit mehr bekom- men hätten. Aber beim Essen wurden wir manchmal ein biß- chen leichtsinnig und beschlossen, fünfe gerade sein zu lassen. Wir leisteten uns was und fragten uns, wie wir am nächsten Tag dafür aufkommen könnten. Oft tauchte im allerletzten Augenblick ein Fremder auf, einer jener alten Freunde aus Amerika, der die Sehenswürdigkeiten besichtigen wollte. Wir verwalteten für diese Besucher aus Amerika das Geld, «damit sie nicht betrogen würden». So brachten wir, zusätzlich zu kleinen Darlehen, insgeheim noch ein wenig auf die Seite. Hin und wieder tauchte auch ein alter Freund von ihm auf, einer, den er aus Italien, Jugoslawien, Prag, Berlin, Mal- lorca oder Marokko kannte. Erst dann erfuhr man, daß die erstaunlichen Geschichten, die er im Zustand der Be- trunkenheit zu erfinden schien, auf Tatsachen beruhten. Er war keiner von denen, die mit ihren Reisen oder Abenteuern prah- len. Gewöhnlich war er schüchtern und zurückhaltend, was seine persönlichen Erlebnisse betraf; nur betrunken gab er einige Kostproben aus der Vergangenheit zum besten. Und dann war es, als erzähle er von einem anderen, einem, den er gekannt und mit sich identifiziert hatte. Eines Tages tauchte ein österreichischer Freund von Gott- weiß-woher auf. Er war physisch und psychisch völlig herun- tergekommen. Bei einem guten Essen gestand er, daß er von der Polizei gesucht werde. Wir hielten ihn etwa zwei Monate versteckt und ließen ihn nur nachts in Begleitung von Fred oder mir aus dem Hause. Es war für uns drei eine herrliche Zeit. Ich erhielt nicht nur Einblick in Freds Vergangenheit, sondern auch in meine eigene. Wir wohnten damals in Clichy, nicht weit von Célines berühmter Klinik. Ein paar Häuser- blocks weiter war ein Friedhof, zu dem wir uns abends bega- ben, immer auf der Hut vor agents. Nach einer WeIle hatte Erich, unser Gast, genug vom Lesen und flehte uns an, ihm eine Beschäftigung zu ver- schaffen. Ich steckte zu jener Zeit tief im Proust. Ich hatte in ‹Die Entflohene› ganze Seiten angestrichen, die er gern auf der Schreibmaschine abschreiben wollte. Jeden Tag lag ein frischer Stoß von Auszügen auf meinem Tisch. Ich werde nie, vergessen, wie dankbar er dafür war, daß ich ihm diese Arbeit übertragen hatte. Als er damit fast fertig war, bat ich ihn, da ich bemerkt hatte, daß er völlig in dem Text aufgegangen war, mir seine Beobachtungen viva voce mitzuteilen. Ich war so angetan von seinen eingehenden Analysen der ausgewählten Stücke, daß ich ihn schließlich dazu überredete, die Auszüge durchzugehen und mit detaillierten Anmerkungen zu versehen. Zuerst vermutete er, ich wollte ihn aufziehen, aber nachdem ich ihn von der Wichtigkeit seiner Arbeit überzeugt hatte, kannte seine Dankbarkeit keine Grenzen. Er machte sich daran wie ein Wiesel und verfolgte jeden nur denkbaren Faden, der zur Erhellung des Problems führen mochte. Wenn man ihn arbeiten sah, konnte man meinen, er habe einen Auftrag von Gallimard erhalten. Mir schien, als arbeite er fleißiger und sorgfältiger als Proust selbst. Alles nur, um zu beweisen, daß er fähig sei, ein ehrliches Tagewerk zu erfüllen. Ich kann mich an keinen Abschnitt meines Lebens erinnern, in dem die Zeit rascher verstrich als damals in Cli- chy. Die Anschaffung zweier Fahrräder bewirkte eine gründ- liche Veränderung unseres Tagesablaufs. Alles wurde so ge- plant, daß es unseren nachmittäglichen Fahrten nicht in die Quere kam. Um Punkt vier Uhr war Fred mit seinen zwei Sei- ten fertig. Ich sehe ihn noch vor mir, wie 'er im Hof seinen Renner ölt und poliert. Er bedachte ihn mit der gleichen lie- benden Pflege, die er an seine Schreibmaschine verwandte. Er hatte jedes Zubehörteil, das sich daran befestigen ließ, ein- schließlich eines Tachometers. Manchmal schlief er nur drei oder vier Stunden, damit er eine lange Ausfahrt, zum Beispiel nach Versailles oder Saint-Germain-en-Laye, machen konnte. Während der Tour de France gingen wir jeden Abend ins Ki- no, um den Verlauf des Rennens zu verfolgen. Wenn die Sechstagerennen im Vel' d'Hiv' stattfanden, waren wir dort, bereit, die ganze Nacht aufzubleiben. Von Zeit zu Zeit machten wir dem Médrano einen Be- such. Wenn mein Freund Renaud von Dijon herkam, wagten wir uns sogar ins Bai Tabarin oder ins Moulin-Rouge, obwohl wir diese Orte verabscheuten. Das Kino jedoch war die Hauptquelle der Erholung; woran ich mich immer im Zusam- menhang mit dem Kino erinnern werde, das ist die ausge-, zeichnete Mahlzeit, die wir uns einverleibten, ehe wir in den Saal gingen. Eine Mahlzeit und dann ein paar gemächliche Augenblicke an einer Bar bei einem café arrosé de rhum. Dann auf einen Sprung in die nächsten pissotière mitten im brausenden Verkehr und dem Geschiebe der müßigen Menge. Während der Pause noch einen kurzen Besuch im bistrot, noch einen Besuch der Bedürfnisanstalt. Bis sich der Vorhang hob, schmatzten wir einen Erdnußriegel oder schleckten einen Es- kimo. Simple Freuden, läppische, so schien es manchmal. Beim Nachhausegehen auf der Straße begann dann ein Ge- spräch, das oft bis zum Morgengrauen dauerte. Manchmal kochten wir uns kurz vor Tagesanbruch eine Mahlzeit, gössen uns einige Flaschen Wein hinter die Binde und verfluchten dann, reif für den Strohsack, die Vögel, weil sie solchen Radau machten. Einige der heikleren Episoden, die in diese idyllische Zeit gehören, habe ich in ‹Quiet Days in Clichy› und ‹Mara- Marignan› erzählt - Texten, die in England oder Amerika lei- der nicht zu veröffentlichen sind. Es ist seltsam, daß mir diese Tage immer als quiet days in Erinnerung sind. Sie waren alles andere als ruhig. Und doch habe ich nie mehr geschafft als damals. Ich arbeitete an drei oder vier Büchern gleichzeitig. Ich schäumte über vor Ideen. Die avenue Anatole-France, an der wir wohnten, war ganz und gar nicht malerisch; sie glich einem monotonen Teil der oberen Park Avenue in New York. Vielleicht verdankten wir unsere Schaffenskraft dem Umstand, daß wir uns zum erstenmal seit vielen Jahren einer Lage er- freuten, die vielleicht als relative Sicherheit bezeichnet werden darf. Zum erstenmal seit undenklichen Zeiten hatte ich eine feste Adresse, etwa ein Jahr lang. Als ich in die Villa Seurat einzog, entstand eine ganz neue Atmosphäre. Nachdem Fred ein halbes Dutzend ver- schiedener Quartiere ausprobiert hatte, mietete er sich schließ- lich in der Nähe, in der impasse du Rouet, ein. Hier wohnten unsere gemeinsamen Freunde, David Edgar und Hans Reichel. Später kam Lawrence Durrell aus Griechenland dazu. Sein Erscheinen in unserer Mitte wirkte wahrhaft sensationell. Er war elektrisierend. Frisch aus der Welt des Mittelmeers einge-, troffen, war er nur allzu bereit, sich in das zu stürzen, was er für das ‹dekadente› Leben von Paris hielt. Statt Ausschwei- fungen fand er eine Welt von Rabelais'scher Lustigkeit. Wenn ich schon mit Fred lange und herzlich gelacht hatte, so lachte ich noch viel mehr in Durrells Gesellschaft. Wir drei brauch- ten uns nur zu treffen, und schon brüllten wir vor Lachen. Alles an Fred, besonders aber der Clown und der Mime, ve- ranlaßte Durrell dazu, in schallendes Gelächter auszubrechen. Er betrachtete unser Leben in der Villa Seurat als einen unauf- hörlichen Zirkus mit drei Arenen. Edgar, der damals die schlimmste Phase seiner neurotischen Karriere durchmachte, war häufig bei uns; er fungierte als eine Art Schalldämpfer, wenn er uns gegen unseren Willen in den Sumpf der Theoso- phie, Astrologie, Anthroposophie und in andere stickige Be- reiche lockte. Edgar lachte selten. Er erging sich in langen Monologen, zu denen er Schemata und Diagramme entwarf, um die Entwicklung des Menschen, seine Krankheiten und die glorreiche Zukunft, die ihn erwartete, zu erklären. Wir liebten Edgar von Herzen, und wenn wir in Schwierigkeiten waren, wandten wir uns an ihn; aber so lange es uns nicht gelang, ihn von seinen fixen Ideen loszureißen, ihn in Grund und Boden zu lachen, waren wir i verloren. Trinken brachte ihn nicht auf andere Gedanken. Sogar wenn wir ihn in einen Nachtclub schleppten, war er imstande, weiter zu analysieren, zu sezie- ren, zu konstruieren. Manchmal stieß ich auf dem Heimweg von einem Abend - oder es konnte auch auf dem Heimweg vom Mittagessen sein - in einem Café auf ihn, wie er vor ei- nem unschuldigen Glas Bier saß. Es war nie möglich, schnell von Edgar loszukommen, wie wichtig der Grund auch sein mochte. Wenn man darauf bestand, ihn rasch zu verlassen, begleitete er einen heim. Er schien immer ein Buch versteckt zu haben, mit dem er einem genau dann kam, wenn man schon unruhig wurde. Es war immer ein neues Buch, eines, das er soeben zu Ende gelesen hatte, und es war von größter Bedeu- tung für ihn, daß seine Freunde daran teilhatten. Manchmal waren es, um gerecht zu sein, gute Bücher, anregende zumin- dest. Das Problem war nur, daß er einem immer schon die besten Partien vorgelesen hatte, bevor er einem ein Buch über- ließ - und zwar mit ins einzelne gehenden, haarspalterischen, Exegesen, vorgebracht mit leidenschaftlichem Ernst und natür- lich alles ex tempore. Oft sagte ich dann: «Nein, nein, ich wei- gere mich, es zu lesen! Es interessiert mich leider nicht im Geringsten, Edgar.» Solche Ausbrüche kränkten ihn nie, nicht Edgar. Er wartete dann, bis man sich beruhigt hatte, und fing durchtrieben und hinterlistig noch einmal von vorne an. Wenn er endlich jeden Widerstand gebrochen hatte, und man sich widerstandslos in sein Schicksal ergab, steckte er es einem sanft in die Tasche oder unter den Arm. Wenn man es beim nächsten Wiedersehen noch nicht angeschaut hatte, nahm er es und begann noch einmal laut daraus vorzulesen. «Das ist be- stimmt nicht der richtige Weg, uns dazu zu verlocken», wand- ten wir ein. «Du bist ein verdammter Proselytenmacher, weißt du das?» Edgar lächelte mild. «Aber im Ernst», begann er wieder, «wenn ihr euch einmal eingelesen habt, werdet ihr sehen ...» - «Ich sehe es dem Einband an, daß es nichts taugt», sagte Fred. «Das Buch stinkt.» Aber Edgar blieb in solchen Fällen absolut unerschütterlich. Er hörte zu, wie man sich zwanzig Minuten lang ereiferte und begann dann in aller Ru- he, einen von neuem zu bearbeiten, als habe man überhaupt nichts gesagt. Am Ende blieb natürlich Edgar Sieger. Am En- de waren wir gezwungen, seine Sprache zu übernehmen und sie in unsere einzubauen. Ein Fremder hätte unsere Dis- kussionen vollkommen unverständlich gefunden: wir hatten eine Code-Sprache entwickelt, die beinahe so verfeinert wie die des Physikers war. Ich lache jetzt noch, wenn ich vom Villa-Seurat-Kult lese! Es waren natürlich die Engländer mit ihrer Humorlosig- keit, die dieses Gerede von einem Kult oder einer Gruppe an- fingen. Es ist so seltsam, daß die Engländer, nur durch den Kanal vom Kontinent getrennt, Frankreich wie ein fernes Land erscheinen lassen. Die damals jungen englischen Schriftsteller, die gelegentlich eine Reise nach dem Kontinent unternahmen, kamen mir völlig unwirklich vor. Manchmal bat ich Durrell, mir zu übersetzen, was sie gesagt hatten, so kompliziert, so fremdländisch war ihre Redeweise, Ich habe nie begriffen, wonach sie eigentlich suchten. Sie machten mir den Eindruck von kurzsichtigen Leuten, denen man ihre Brille weggenom- men hatte. Durrell und Fred konnten ihr Getue vollendet nach-, ahmen. Oft, wenn sie gegangen waren, setzten wir eine Vor- stellung in Szene, in der wir vorgaben, zu stottern und zu stammeln, zu lispeln, reichlich zu schwitzen, mit kleinen Schrittchen zu trippeln, lächerliche Fragen zu stellen, uns tief in abstruse Probleme zu verwickeln und so weiter. Während solcher Sitzungen lachte sogar Edgar, bis ihm die Tränen über die Wangen rollten, Wenn es in der Villa Seurat tatsächlich eine Gruppe gab, befand sie sich gegenüber, im Hause einer ausländischen Dame, die einmal die Woche eine Soiree gab. Dort konnte man alle intellektuellen Langweiler von Paris kennenlernen, Menschen aller Arten und Gattungen. Dann und wann, wenn wir Hunger hatten, gingen wir hin. Es gab immer übergenug zu essen und zu trinken, und die belegten Brötchen waren äußerst delikat. Manchmal wurde auch getanzt. Die ‹großen Geister› steckten dann die Köpfe zusammen, und die anderen ergingen sich. Der Gastgeberin schien es gleichgültig zu sein, was geschah. Alles, was sie verlangte, war, daß man sich amü- sierte. Ihre Vorstellung von Sich-Amüsieren war recht simpel. Solange man sich bewegte, sei es mit dem Mund oder mit den Füßen, glaubte sie, man amüsiere sich. Das wirkliche Vergnügen begann, als sie wegen ir- gendwelcher Verpflichtungen ins Ausland reiste und ihre Wohnung Fred übergab. Von da an gab es keine Soireen mehr, nur ununterbrochene Festlichkeiten von morgens bis abends. Keller und Speisekammer waren bald geleert, die Möbel be- gannen auseinanderzufallen, kostbare Vasen füllten sich mit Zigaretten- und Zigarrenstummeln, die einen gemeinen Ge- ruch verbreiteten, die Wasserleitungen funktionierten nicht mehr, das Klavier war stimm- und reparaturbedürftig, in die Teppiche waren Löcher gebrannt, das schmutzige Geschirr versperrte die ganze Küche - kurz, die ganze Wohnung geriet in ein heilloses Durcheinander. Zwei Tage und Nächte lang stand ein weiteres Klavier vor der Tür, mitten auf der Straße. Es war abgeliefert worden, als wir eines Abends gerade beim Essen waren. Aus purem Blödsinn hatte Fred die Transportleu- te angewiesen, es im Freien stehen zu lassen, da wir es selbst hereinschleppen würden, sobald es uns paßte. Während des Essens noch erschienen der Mann und die Frau, denen das, Klavier gehörte. Sie waren natürlich entsetzt und hätten beina- he die Polizei geholt. Doch Fred seifte sie mit glatter Zunge ein, bearbeitete sie mit starken Getränken, bestand darauf, daß sie erst etwas äßen, und redete ihnen ein, daß alles in bester Ordnung sei. Dann begann es zu regnen. Wir gingen hinaus und klappten den Deckel des Klaviers zu. Es war ein großer Konzertflügel bester Marke, wenn ich mich recht erinnere. Glücklicherweise mußte der Mann, der sich eben von einer Hämorrhoidenoperation erholte, nach Hause eIlen. Es war etwas danebengegangen: er konnte es weder sitzend noch ste- hend längere Zeit aushalten. Außerdem waren ihm die Geträn- ke zu Kopf gestiegen. Wir riefen ein Taxi, setzten die beiden rasch hinein und versprachen ihnen treuherzig, den Flügel unverzüglich ins Haus zu befördern. Eine Stunde später - mitt- lerweile waren wir beide ziemlich angeschlagen - setzten wir uns mitten auf die Straße, ließen den Regen auf die Tasten hämmern und gaben vor, ein Duett zu spielen. Der Lärm war grauenhaft. Fenster wurden aufgerissen und aus allen Richtun- gen Drohungen und Verwünschungen auf uns geschleudert. Dann versuchten wir ein paar Freunde zu finden, die uns das verdammte Ding hineinschleppen halfen. Das dauerte wieder ein bis zwei Stunden. Schließlich waren unser sechs aus Lei- beskräften bemüht, das Ding durch den Hauseingang zu quet- schen. Es war nichts zu wollen. Das Klavier schien nur aus Beinen zu bestehen. Als wir dann endlich unser wahnwitziges Vorhaben aufgaben, blieb nichts anderes übrig, als das Klavier dort zu lassen, wo es war: kopfüber auf dem Bürgersteig. Dort blieb es weitere sechsunddreißig Stunden, während welcher Zeit wir verschiedene Besuche von der Polizei empfingen. Mein Blick fällt auf ‹Le Quatuor en ré majeur› auf dem Bücherbord über meinem Ellbogen! Ich schlage es aufs Geratewohl auf und denke über diesen spaßigen Gefährten vergangener Tage nach. In wenigen ZeIlen entwirft er ein Porträt seiner selbst. Es scheint, verglichen mit dem obigen, äußerst treffend: «Je suis timide et d'humeur in égale», beginnt der Abschnitt. «Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. De brusques accès de melancolie et d'effrayants élans de joie alternent en moi sans transition aucune. Le cynisme n'est pas mon fort. Si je m'en sers quand même, comme tout à l’heure,, par exemple, c'est précisément parce que je suis timide, parce que je crains le ridicule. Toujours prêt à fondre en larmes, j'éprouve le besoin de tourner en dérision mes sentiments les plus nobles. Une espèce de masochisme, sans doute. «Et puis, ilyaautre chose aussi qui explique mes vél- léites d'arrogance: je sais que tout à l’heure, je vais être ob- ligé de me dégonfler; alors, pour mieux me dégonfler, je me gonfle d'abord; me gonfle de culot factice, de forfanterie, tellement ma couardise sentimentale et naturelle me dégoûte de moi-même. Et comme ma sentimentalité porte surtout sur les femmes et sur l’amour, c'est sur ces sujets que ma hâblerie artiftcielle s'acharne le plus furieusement.» «Culot» ist hier die Parole. Er nennt es «culot factice», wie wenn das helfen würde. Was für einen Groll hatte er doch, wenn ich darüber nachdenke. Natürlich oder künstlich, einge- geben oder angegeben, es brauchte eine gehörige Portion culot (und natürlich ein wenig Alkohol), um zur offenen Tür eines Polizeipostens zu stürzen und aus vollem Hals zu schreien: «Merde à vous tous, espèces de cons!» Zweimal war ich Zeu- ge, wie er das tat, während ich langsam vorbeiging und er wie verrückt um die nächste Ecke schoß. Wenn ich ihn dann ein paar Minuten später in der verabredeten Bar traf, keuchte er noch immer, noch immer aufgedunsen von gespielter Wut. Da der Abend einmal so begonnen hatte, machte er im gleichen Zuge weiter und beleidigte alle und jeden, mit oder ohne Grund. In solchen Augenblicken schien er von dem Verlangen besessen zu sein, sich den Kopf einschlagen zu lassen. Wenn sich all seine Bemühungen als fruchtlos erwiesen hatten, stell- te er sich schließlich auf die Straße, entblößte seine Brust und schrie: «Hau du mir eine runter, Joey .Mach schon.Ich will wissen, wie es ist.» Wenn ich ihm dann wirklich eine saftige verpaßte, wie er es verlangte, wurde er böse und be- klagte sich, daß ich die Situation ausgenützt hätte. Aber eine Minute später lachte er wieder, öffnete vielleicht den Mund ganz weit und sagte b-e-a-u. Er wiederholte es ein dutzend- mal: beau, beau, beau .«Es klingt viel schöner als beautiful, sagte er. «Aber man muß den Mund weit aufmachen - so», und er warf den Kopf in den Nacken und ließ mich in seine Gurgel schauen, wenn er das Zauberwort aussprach. Beim Weiterstol-, pern, während er von einer Seite zur anderen torkelte, erfand er Satz um Satz, in denen ‹beau› wirkungsvoll verwendet wer- den konnte, indem er das O längte und auf ihm ausruhte, wie ein Ruderer auf seinem Riemen ruht: «Qu'il fait beau au- jourd'hui! Que'il fait beau, fait beau, fait beau ...» Das konnte so gehen von La Fourche bis zur porte de Clichy und weiter noch. Alles war beau - immer den Mund weit offen, wie wenn er tief im Hals gurgelte. «So spricht man Französisch, Joey. Gebrauch die Mundmuskulatur. Mach Grimassen. Sieh idio- tisch aus. Verschlucke nie deine Worte. Französisch ist eine musikalische Sprache. Du mußt deinen Mund weit öffnen. So .B-E-A-U. Sag comédie! Nicht comédy .comédie! So ist's recht.» Hier schweifte er vielleicht zu einer Untersuchung von Paul Valérys Gebrauch der französischen Sprache ab und ver- breitete sich über dessen Gefühl für jenen unverwechselbaren Klang, der die französische Poesie so auffällig von jeder ande- ren Poesie unterscheidet. Während all dieser Jahre vertrauter Gemeinschaft waren wir uns immer der Tatsache bewußt, daß wir das Leben bis zur Neige genossen. Wir wußten, daß es nichts Besseres geben konnte, als was wir jeden Tag erlebten. Wir beglück- wünschten uns häufig dazu. Für die Welt im ganzen waren die zehn Vorkriegsjahre, glaube ich, nicht gerade besonders er- freuliche Zeiten. Die nicht abreißende Folge wirtschaftlicher und politischer Krisen, die das Jahrzehnt charakterisieren, erwiesen sich für die meisten als nervenzerrüttend. Aber wie wir uns oft zu sagen pflegten: «Schlechte Zeiten sind für uns gute Zeiten.» Warum das so war, weiß ich nicht, aber es traf zu. Vielleicht ist der Künstler, indem er seinem eigenen Rhythmus folgt, nie im Gleichschritt mit der Welt. Der dro- hende Krieg diente nur dazu, uns zu erinnern, daß wir unser Leben lang mit der Welt im Krieg gelegen hatten. «Im Krieg gibt es übergenug Geld», pflegte Fred mit einem Grinsen zu sagen. «Nur vorher und nachher stehen die Dinge schlecht. Krieg ist eine gute Zeit für Burschen wie uns. Du wirst es se- hen.» Fred hatte die letzten Jahre des Ersten Weltkriegs in einer Irrenanstalt zugebracht. Anscheinend hatte es ihm keinen großen Schaden zugefügt. Er war in Sicherheit, wie man so, sagt. Sobald sich die Tore öffneten, flog er aus, frei wie ein Vogel, in Richtung auf Paris. Er mag eine Zeitlang in Berlin und Prag gelebt haben, bevor er Paris erreichte. Ich glaube, er war auch in Kopenhagen und Amsterdam. Als wir in Paris zusammentrafen, waren die Erinnerungen an seine Wander- schaft verblaßt. Sogar Italien, Jugoslawien, Nordafrika, diese neueren Abenteuer, hatten ihre Umrisse verloren. Von all die- sen Wanderungen ist mir deutlich in Erinnerung geblieben, daß er überall hungerte. Er schien nie die Anzahl der Tage zu vergessen, an denen er an einem bestimmten Ort hintereinan- der nichts zu Essen gehabt hatte. Da meine eigenen Wande- rungen von den gleichen Nöten gezeichnet waren, fand ich an den düsteren Berichten, die er hin und wieder zum Besten gab, Geschmack. In der Regel wurden diese Erinnerungen geweckt, wenn wir unsere Gürtel enger schnallten. Ich erinnere mich an einen solchen Fall in der Villa Seurat, wo ich mich einmal nach achtundvierzig Stunden ohne einen Bissen auf die Couch warf und erklärte, dort liegen bleiben zu wollen, bis ein Wun- der geschehe. «Das kannst du nicht machen», sagte er, einen Ton ungewohnter Verzweiflung in der Stimme. «Das ist genau das, was ich einmal in Rom gemacht habe. Ich wäre fast ge- storben. Zehn Tage lang kam kein Mensch.» Das gab ihm den Anstoß. Er redete so viel von längerem und ungewolltem Fas- ten, daß er mich zu Taten aufstachelte. Aus irgendeinem Grund hatten wir aufgehört, an die Möglichkeit eines Kredits zu denken. In den alten Tagen war das Pumpen leicht für mich gewesen, weil ich ahnungslos war und die Art der Franzosen nicht kannte. Aber irgendwie verlor ich, je länger ich in Paris lebte, immer mehr den Mut, einen Gastwirt um Kredit zu bit- ten. Der Krieg rückte immer näher; die Leute wurden immer nervöser. Schließlich, gegen das Ende zu, als man wußte, daß der Krieg nicht mehr abzuwenden sei, begannen sie aus sich herauszugehen. Es war jene Ausgelassenheit der letzten Minu- te, die anzeigt, daß das Faß zum Überlaufen voll ist. Unsere Ausgelassenheit, die immer gleich geblieben war, kam aus der tiefen Überzeugung, daß die Welt nie ins Lot kommen würde. Wenigstens nicht für uns. Wir würden immer en marge leben und uns von den Brosamen, die vom Tische des Reichen fielen, mästen. Wir versuchten, ohne jene wesent-, lichen Dinge auszukommen, in die der gewöhnliche Bürger verwickelt ist. Wir wollten keinen Besitz, keine Titel, keine Versprechen auf bessere Zustände in der Zukunft. «Von heut auf morgen» war unsere Devise. Um auf den Grund zu stoßen, brauchten wir nicht tief zu sinken. Überdies waren wir elas- tisch. Auf uns konnten keine sehr schlechten Nachrichten war- ten; wir hatten sie alle schon oft gehört. Wir waren sie ge- wohnt. Wir hielten immer Ausschau nach unerwarteten Glücksfällen. Wunder geschahen nicht ein- oder zweimal, sondern oft. Wir verließen uns auf die Vorsehung, wie ein Gangster sich auf sein Schießeisen verläßt. In unserem Herzen glaubten wir ehrlich, mit der Welt in Frieden zu leben. Wir handelten in gutem Glauben, auch wenn das für einige patrio- tische Seelen nach Hochverrat aussah. Heute kommt es mir merkwürdig vor, daß ich Durrell und Fred kurz nach der Kriegserklärung schrieb, ich sei überzeugt, daß sie es ohne einen Kratzer überstehen würden. Bei Edgar war ich nicht so sicher. Aber auch er hielt sich über Wasser. Was niemand voraussehen konnte, war, daß Edgar Freude am Krieg hatte! Ich meine damit nicht, daß er an den Greueln Freude hatte; er genoß es, seine Neurose zu vergessen. Sogar Reichel, der verloren schien, kam ungeschoren davon. All diese Männer - und ich sage das nicht, weil sie meine Freunde waren - alle waren saubere, ehrliche Seelen, innocents, wenn das Wort noch etwas bedeutet. Trotz der Knüffe, die ihnen das Schicksal verabfolgte, waren sie dazu bestimmt, unter einem Zaubersegen zu leben. Ihre Probleme waren nie die Probleme der Welt. Ihre Probleme reichten tie- fer, viel tiefer. Abgesehen von dem ausgesprochen geselligen Durrell waren sie alle einsame Menschen. Reichel mehr als irgendeiner von den anderen, möchte ich sagen. Reichel lebte erschreckend abgesondert und allein. Aber gerade das machte es so wundervoll, wenn er einen Raum voller Leute betrat - oder vielmehr zu der Gesellschaft einiger ausgesuchter Freun- de stieß. Sein Verlangen nach Kameradschaft und Gemein- schaft war so groß, daß es, wenn er eine Versammlung betrat, manchmal schien, als habe eine Bombe eingeschlagen. Nie werde ich jenen Weihnachtstag vergessen, den wir - Reichel, Fred und ich - miteinander verbrachten. Um Mittag, herum tauchten sie auf und erwarteten selbstverständlich, daß ich Essen und Wein zur Hand hatte. Ich hatte nichts. Nichts als einen harten Brotkanten, an dem ich vor Überdruß nicht nagen mochte. Ach ja, ein Tropfen Wein war auch noch da - etwa ein Fünftel einer Literflasche. Das weiß ich noch genau, denn was mich später, nachdem sie gegangen waren, faszinierte, war der Gedanke, wie lange diese magere Portion Wein gereicht hatte. Ich erinnere mich auch ganz deutlich, daß der Brotkanten und die fast leere Flasche lange Zeit unberührt in der Mitte des Tisches standen. Vielleicht gerade weil es Weihnachten war, legten wir alle angesichts dieses Mangels an etwas Eßbarem eine ungewöhnliche Zurückhaltung an den Tag. Vielleicht war es auch, weil unsere Mägen leicht und die Zigaretten knapp waren, daß uns das Gespräch viel mehr befriedigte, als es das Füllen unserer Bäuche getan hätte. Der Brotkanten, der da die ganze Zeit vor unseren Augen lag, hatte Reichel zu einer Er- zählung über seine Gefängniserfahrungen angeregt. Es war eine lange Geschichte über seine Ungeschicklichkeit und Dummheit, wie er geschlagen und angeflucht worden war, weil er ein hoffnungsloser Idiot war. Es hatte einen großen Lärm über rechte und linke Hand gegeben, weil er nicht mehr gewußt hatte, welches seine rechte und welches seine linke Hand war. Wenn er eine Geschichte erzählte, spielte Reichel sie immer vor. Er ging im Zimmer auf und ab und führte seine dämliche Vergangenheit vor mit Bewegungen, die so grotesk, so kläglich waren, daß wir gleichzeitig lachten und weinten. Während er einen schmissigen Gruß vormachte, den sie ihm schließlich und endlich hatten beibringen können, nahm er plötzlich die Brotkruste wahr. Ohne in seiner Geschichte inne- zuhalten, brach er vorsichtig eine Ecke ab, goß sich einen Fin- gerhut voll Wein ein und tunkte das Brot gemächlich ein. Dar- auf taten Fred und ich das gleiche. Wir standen da, jeder mit einem winzigen Glas in der einen Hand und einem Stückchen Brot in der anderen. Ich erinnere mich lebhaft an diesen Au- genblick: es ist, als ob wir kommunizieren, dachte ich im stil- len. Genaugenommen war es tatsächlich die erste Kommuni- on, an der ich teilnahm. Ich glaube, wir haben das alle gespürt, wenn auch keiner etwas davon sagte. Wie dem auch sei, wir marschierten auf und ab, während die Geschichte sich weiter-, entwickelte, liefen uns ständig gegenseitig über den Weg, prallten zusammen und entschuldigten uns kurz, fuhren aber fort, auf und ab zu gehen und einander den Weg zu kreuzen. Gegen fünf am Nachmittag war immer noch ein Trop- fen Wein in der Flasche, immer noch ein winziges Stückchen Brot auf dem Tisch. Wir drei waren so klar im Kopf, so auf- geräumt, so fröhlich, wie man es nur sein kann. Wir hätten bis Mitternacht so weitergemacht, wäre nicht der unerwartete Besuch einer Engländerin und eines jungen Dichters dazwi- schengekommen. Nachdem die Förmlichkeiten erledigt waren, fragte ich sie unvermittelt, ob sie Geld bei sich hätten, und fügte sofort hinzu, daß wir etwas zu essen brauchten. Sie wa- ren froh, uns helfen zu können. Wir gaben ihnen einen großen Korb und beauftragten sie, herbeizuschaffen, was sie nur könnten. Nach ungefähr einer halben Stunde kehrten sie zu- rück, beladen mit Eßwaren und Wein. Wir setzten uns und stürzten uns wie hungrige Wölfe darauf. Das kalte Huhn, das sie gekauft hatten, verschwand wie durch Zauberei. Der Käse, das Obst, das Brot spülten wir mit den vorzüglichsten Weinen hinunter. Die Art, wie wir die guten Weine hinunterstürzten, war wirklich ein Verbrechen. Fred war im Laufe des Schmau- ses natürlich ausgelassen und lustig geworden. Von jeder Fla- sche, die geöffnet wurde, schenkte er sich ein gutes Glas voll ein und goß es auf einmal die Kehle hinunter. Die Adern an seinen Schläfen traten hervor, seine Augen rollten, der Spei- chel tropfte ihm aus dem Mund. Reichel war verschwunden, oder vielleicht hatten wir ihn ausgesperrt. Unsere englischen Freunde nahmen alles mit Fassung und Gleichmut hin. Viel- leicht hielten sie das für das übliche Schauspiel in der Villa Seurat, von der sie schon so viel gehört hatten. Dieser Abend brachte für Fred eigenartige Folgen. Nie hat er verraten, was an jenem Abend eigentlich geschah, das ihn so veränderte. Daß er sich veränderte, entschieden und für immer, konnte niemand, der ihn näher gekannt hatte, abstrei- ten. Es war eine Bekehrung. Von da an schienen die sich be- kämpfenden Ichs auseinanderzufallen; ganz allmählich setzte sich sein wirkliches Ich durch und gewann die Oberhand über jene flüchtigen Persönlichkeiten, die er wie Masken aufgesetzt hatte. Der Wechsel hatte sich wörtlich und bildlich im Dun-, keln vollzogen. Für etwa eine Stunde hatte er sich in einem anderen Zimmer mit der Engländerin eingeschlossen. In dieser Zeit geschah zwischen den beiden etwas, das den künftigen Verlauf seines Lebens bestimmte. Soviel sagte er bereits am anderen Tag, als wir allein waren, voraus. Aber nicht einmal er selbst begriff zu jener Zeit, wie wahr er sprach. Der Ausbruch des Krieges war die Feuerprobe. Fred befand sich zu diesem Zeitpunkt in England und war von den Engländern sehr eingenommen. Ich glaube, er hatte schon Schritte unternommen, um eingebürgert zu werden. Zu mei- nem Erstaunen erhielt ich eines Tages einen Brief, worin er mir mitteilte, daß er sich als Freiwilliger zur britischen Armee gemeldet habe. Jeder, der ihn von früher kannte, hätte das bei ihm für unmöglich gehalten. Mehr als wir alle hätte er selbst über diesen Gedanken gespottet - vor seiner Bekehrung. «Ein Krieg im Leben ist genug», pflegte er zu sagen. Er pflegte mit seiner Ungeeignetheit für den Soldatenberuf aufzuschneiden. «Ich bin meiner Natur nach ein Feigling», sagte er dann. «Schon das Berühren eines Gewehrs macht mich krank.» Im Verlauf weniger Monate war er in der britischen Armee zu Hause. Er fühlte sich in ihr heimisch wie eine Ente im Wasser. Er fand alles erfreulich, sogar das Essen. Eigenartigerweise erwies sich das, was er am meisten gefürchtet hatte - jemanden kaltblütig und auf Distanz umzubringen -, nie als notwendig. Doch ich erinnere mich, daß er mir schrieb, sogar dazu sei er bereit, und er werde es mit Lust tun, wenn es nötig sei. Das war sehr bezeichnend für ihn. Was er auch immer unternahm, er tat es bereitwillig; er nahm es als Spiel. Es mag schwer fal- len, sich einen Menschen vorzustellen, der freudig tötet; doch je mehr man darüber nachdenkt, um so mehr fragt man sich, ob das nicht die beste Art ist. Auch darin zeigte sich seine Unschuld. Er konnte nicht aus Haß töten, aus Gier oder Neid, auch nicht, wenn man es ihm befohlen hätte. Er konnte nur aus reinem Übermut töten. Manchmal habe ich es fast bedauert, daß er nicht wenigstens einen Menschen umgebracht hat. Ich hätte ihm danach gerne die Hand gedrückt und ihm gesagt: «Fred, mein Junge, gute Arbeit! Ich hätte nie geglaubt, daß du das Zeug dazu hast.» Ich kann mir seine Antwort darauf gut vorstellen, kann mir gut ausmalen, wie er seinen Kopf hätte, hängen lassen und rot geworden wäre, nicht aus Scham, son- dern aus Verlegenheit, und wie er dabei gegrinst und irgendei- ne unsinnige Bemerkung gestammelt hätte: das gehöre nun mal dazu. Oder er hätte so getan, als prahle er mit seiner Schießkunst. Aber ich möchte nicht in diesem Ton schließen. Ich möchte auf jenen Regentag zurückblicken, an dem Durrell, Nancy, Fred und ich in dem kleinen Restaurant im 13. Arron- dissement saßen, irgendwo in der Gegend der rue de la Glaciè- re. Wir sind, wie gewöhnlich, guter Dinge. Durrell lacht so schallend über Freds Einfälle, daß der Besitzer sich ärgert. (Oft wurden wir wegen Durrells ansteckender Lache gebeten, das Kino zu verlassen.) Plötzlich, ganz ohne erkennbaren An- laß, die Gabel in der Luft, platzt Fred heraus: «Sich erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden ...» Es gab eine kurze Pause, als wenn wir einen Schlag ins Gesicht erhalten hätten, bevor das große Gelächter ausbrach. Es war einfach unvor- stellbar, daß Fred mit diesem Satz ausgerechnet in diesem Augenblick kommen konnte. Noch unvorstellbarer war, daß wir ihn diesmal mit unserem Lachen nicht ablenken konnten. Er begann den Satz von neuem, nicht einmal, sondern mehrere Male . .. «Sich erinnern ist die Sendung des Menschen auf Erden.» Er kam mit seinem Gedanken nicht weiter; er ging einfach unter in unseren Lachsalven. Jemand fragte ihn, ob er das irgendwo gelesen habe. Nein, er hatte es selbst erfunden. Er sagte das errötend, als sei er sich bewußt, daß er etwas äu- ßerst Bedeutendes hervorgebracht habe. Ob er es nun selbst erdacht hatte oder nicht, wir waren uns alle einig, daß es wun- derbar sei, mehr als das, denkwürdig, und daß wir es ihm ein- mal danken würden, irgendwann, irgendwie. Aber er versuchte uns klarzumachen, daß er keinen Dank dafür wolle. Er wollte, daß wir zuhörten. Wir konnten nicht zuhören. Der Satz hatte uns elektrisiert. Noch ein Wort mehr, und er wäre verdorben gewesen. Besonders ein erklärendes Wort. Es war Edgar, der mir gewöhnlich mit der Gnade der Erinnerung in den Ohren lag - im Devachan. Ich stritt mit ihm darüber mit Händen und Füßen - das weiß ich noch. Ich pfleg- te darauf zu bestehen, daß das Gedächtnis abgetötet werden müsse, daß die Spannen zwischen den Geburten nur den Sinn, haben könnten, sich des Erinnerungsgepäcks zu entledigen. «Das kann man aber erst, wenn man sich zuvor alles in Erin- nerung gerufen hat», argumentierte Edgar. «Du mußt jede kleinste Kleinigkeit deines Lebens immer wieder durchexer- zieren, bis du deinen Erfahrungen auch den letzten Tropfen von Bedeutung ausgepreßt hast.» Gut, das sah ich ein. «Aber am Ende», bekannte ich, «ist es doch wahr, daß man die Erin- nerung an alles Vergangene verliert.» Ich sagte das zu mir selbst, nicht zu Edgar. Edgar gegenüber war es, wie sich leicht denken läßt, ratsamer, rasch nachzugeben. Nicht zu schnell freilich, denn sonst wurde er mißtrauisch. Doch Freds Ansicht darüber war, daß sich der Mensch hier auf Erden erinnern solle. Das war zugleich neu und beun- ruhigend. Neu, weil niemand Erinnerung als eine ‹Sendung› auffaßt; beunruhigend, denn was würde einer dann im Deva- chan tun? Wollte er damit sagen, daß das Nirwana schon in diesem Leben erreicht werden soll? Hatte er plötzlich erkannt, daß er jetzt ein für allemal war, «was oder wer immer er war», und daß alle Vergangenheiten zu dieser endlosen Gegenwart führten, in der Sein und Schau eines waren? Hatte er seinen letzten Tod erlebt, und äußerte er seinen unschuldigen und sentenziösen Satz als Unsterblicher? Natürlich schössen mir diese Gedanken nicht sofort durch den Kopf. Sie fielen mir später ein, zusammen mit unzähligen anderen, in Augenbli- cken plötzlicher Erinnerung. Aber immer begleitet etwas Un- erwartetes die Erinnerung an jenen Satz, etwas, das jenseits seines unbeschreiblichen Ausdrucks und der unbeschreibli- chen Erschütterung lag, die wir alle gleichzeitig empfanden. Dieses Etwas kann ich nicht aufzeigen. Ich kann nur Andeu- tungen, eingefangene Nachschwingungen geben. All das geschah vor etwa sieben Jahren. Man erinnert sich an viele seltsame, aufregende, unerklärliche Vorfälle und Situationen. Irgend etwas darunter tritt oft lebendiger und häu- figer hervor als das übrige. Seine unenträtselte Bedeutung wächst mit dem Lauf der Zeit. Es scheint andere auffällige Begebenheiten in sein eigenes Magnetfeld hineinzuzie- hen, um ihnen einen Brennpunkt oder eine ganz neue Richtung zu geben. Wenn es vor und über allem anderen im Gedächtnis bleibt, dann muß das einen tieferen Grund haben. Unsere Fä-, higkeit, gewisse schmerzhafte Erfahrungen zu vergessen, kommt nur jene gleich, uns an anderes zu erinnern. Was ver- schüttet ist und was lebendig bewahrt wird, scheint gleiche Wichtigkeit zu haben. Das eine wirkt unterirdisch, das andere in ätherischen Bereichen. Aber beides ist ewig wirksam. In einem von Freds Büchern (‹Le Renégat›), in dem er, wie ich sehe, den Satz dadurch wiedererweckt hat, daß er ihn einer anderen Person in den Mund legt, betont er, daß man viel vergessen müsse, bevor man sich erinnern könne. Den Abschnitt, in dem er gegen Ende des Buches des längeren beim Thema «Erinnerung» verweilt, leitet ein höchst bedeutsa it Satz ein. Der Erzähler und eine Frau namens Iris Day sitzen bei einem Abschiedsessen. Ein Wein wird hereingebracht, der ihm, wie er sagt, fast augenblicklich zu Kopf steigt und ihn mit einem Gefühl großer Heiterkeit und Klarheit erfüllt. «Es ist ein Wein», so wird ihm erklärt, «der lange vor Bacchus getrunken wurde. Er kommt von den Ufern des Eridanus, wo das Wasser reiner und durchsichtiger ist als irgendwo anders ... Man sagt [und das ist der Satz, den ich für wichtig halte], er bringe den Kranken Vergessen und den Reinen Erinnerung.» Dann sagt der Erzähler: «Es ist wunderbar! Was ist das? Es ist ein geheimnisvolles Licht in mir, das ich nicht be- schreiben kann.» «Du wirst besser sehen, wenn sich deine Augen daran gewöhnt haben .Glaube nicht, es sei der Wein; du bist es: du hast nur den Schlüssel zu dem Schatz gefunden, der dir gehört.» «Ich kann mich nicht erinnern, Iris.» «Mach dir keine Sorgen: du wirst es schon noch tun . .. Es ist die Sendung des Menschen auf Erden, sich zu erinnern ... Es gibt keine Wissenschaft, keine Weisheit, nicht einmal Liebe. Am Ende wird alles zu einem: Erinnerung.» Wenn Iris Day dazu übergeht, die Opfernatur der Ent- sagung zu erklären (wobei die ‹Gegenwart› als Zeitbegriff aufgehoben ist, erfahren wir, daß es das Ziel ist, «die Quelle wiederzufinden, deren man sich jetzt noch nicht erinnert ..» Dann fügt sie hinzu: «Erst wenn du alles Erworbene geopfert hast, kehrt dir die Erinnerung zurück ..Mit jedem neuen Op- fer kommst du der Quelle näher.», Der Erzähler erklärt an dieser Stelle, daß das Zusam- mentreffen mit Iris Day vorbestimmt war. Wäre er ihr nicht in dem Augenblick begegnet, als er es tat, so hätte sein Leben eine falsche Wendung genommen. «Ich habe dich am Schei- deweg getroffen», sagt er. Diese Begegnung, die der Autor in London stattfinden läßt, entspricht der Episode in der Villa Seurat. Iris Day ist fraglos die Frau, die an jenem Weihnachtstag eintraf. Nun denn, obwohl ich ‹Le Renégat› gleich nach seinem Erscheinen (1943) gelesen hatte, hatte ich doch vollkommen vergessen, daß Fred von alldem in seinem Buch spricht. Erst vor wenigen Augenblicken fragte ich mich plötzlich, ob mein guter Freund Fred nicht selbst von alldem irgendwo gesprochen habe. Was mich noch mehr erstaunt, nachdem ich die letzten Seiten des Buches gelesen habe, ist, zu sehen, wie er selbst seine neue Haltung gegenüber dem Krieg erklärt. Ich glaube, daß es wich- tig ist, noch einige Auszüge aus dem Gespräch anzuführen, das an das vorangegangene anschließt. Ich zitiere natürlich nur die wichtigen Stellen... «Ist der Krieg falsch?» fragte ich. «Nicht falsch, kindisch ...» Nach einigen Bemerkun- gen über die Natur des kommenden (jetzt beendeten) Krieges fügt Iris Day hinzu: «Ich bin glücklich, dich auf der richtigen Seite zu finden. Vom Gesichtspunkt des einzelnen aus kommt es nicht darauf an, ob man, schicksalhaft, auf der richtigen oder falschen Seite steht.» «Du kannst richtig handeln, auch wenn dich das Schicksal ins falsche Lager stellt; aber es ist natürlich viel schwieriger; es verlangt größere Kraft und größere Opfer ... Es darf als selbstverständlich gelten, daß die große Mehrheit der Menschen, die einander bekämpfen, überzeugt ist, auf der richtigen Seite zu stehen. Was ihre Kriege so schülerhaft un- reif macht, ist ihr Glaube, es sei möglich, durch einen Sieg die Gesetze, Ordnungen, Dogmen oder Ideen, die sie für gerecht halten, durchzusetzen; denn in Wirklichkeit wurde das einzige Gesetz, unter dem die Menschen überhaupt leben können, festgelegt, lange bevor die Erde bewohnt war .Ob wir gut oder böse sind - wir müssen nach Recht, Gerechtigkeit und Liebe leben; sonst werden wir auf lange Sicht untergehen., Darum ist es (vom kosmischen Standpunkt aus) unwichtig, welche Seite den Krieg gewinnt, denn am Ende wird doch der, der für Recht, Gerechtigkeit und Liebe einsteht, den Sieg da- vontragen. Einfach weil das Gesetz es so will.» «Ich glaube, was du sagst, ist wahr, Iris; aber es gilt für uns nicht ganz. Ich glaube nicht, daß wir das Recht haben, einfach die Hände in den Schoß zu legen und zuzuschauen, wie das Schicksal seine gewundenen Wege geht: der Mensch muß für das, was er für richtig hält, kämpfen.» «Ich freue mich, daß du das sagst... Es ist ganz in der Ordnung, wenn jemand dem Krieg ausweicht, weil er nicht an dessen Gerechtigkeit glaubt. Ich weiß, daß du den Krieg ver- abscheust; doch ich weiß auch, daß du tief in dir fühlst, daß etwas Großes auf dem Spiel steht - etwas, das die ganze Menschheit betrifft, und ipso facto dich selbst...» Nach einigen längeren Ausführungen über die Rolle Englands im Konflikt kommt Iris Day auf den Kernpunkt zu- rück. Ihre Worte klingen prophetisch. «Abgesehen von den Ereignissen, die durch diesen Konflikt Gestalt annehmen und in denen du vielleicht nur eine kleine Rolle zu übernehmen hast, mag dieser Krieg viel zur Formung deiner eigenen Persönlichkeit beitragen. Vielleicht trifft er dich ins Mark. Vielleicht wirkt er sich auf die Grund- lagen deiner Natur aus. Du hast bis jetzt noch nicht begonnen, dein eigenes Leben zu leben, und es ist wichtig, daß man sein eigenes Leben lebt.Deine bisherige Existenz war nur der Ausdruck von etwas, das im Grunde nicht deinem Wesen ent- sprach .Bevor du nicht entblößt und nackt und ganz am Ende bist, bist du nicht fähig, den Boden freizulegen und dein wirkliches Haus zu bauen... Dieser Krieg, der die Zukunft der Menschheit für manche Jahrhunderte entscheiden mag, bietet dir die einmalige Gelegenheit, für die Vergangenheit zu süh- nen. Denn du bist an diesem Krieg beteiligt. Es mag grausam klingen, und es ist wohl auch nicht allein dein Fehler, aber Tatsache bleibt, daß du in dem Maße, in dem du nicht dein eigenes Leben gelebt hast, persönlich für den Krieg verant- wortlich bist: die Summe von unzähligen Vergangenheiten wie der deinen hat die Verantwortung für die Katastrophe zu tra- gen. Es nützt nichts, anzuführen, daß du nie jemanden gehaßt, hast, daß du dich immer von direkten Handlungen fern gehal- ten hast, die zur Unvermeidbarkeit des Krieges geführt haben. Das war nicht genug. Dein großer Fehler, den du mit den weit- aus meisten Menschen teilst, bestand darin, ein falsches Leben zu führen. Diesen Fehler wiedergutzumachen, hast du jetzt die Gelegenheit. Ich weiß, daß du sie ergreifen wirst.» Das also ist die Rechtfertigung dafür, an einem Mas- senmorden teilzunehmen? fragst du. Indem sich dein guter Freund Fred einfach auf die ‹richtige› Seite schlägt, macht er ein vertanes Leben wett? Im Namen von Frieden und Gerech- tigkeit geht er morden, genau wie irgendein anderes irregelei- tetes Individuum - so ist das also? Ich kenne all die Fragen, die ihr bereithaltet, um sie mir entgegenzuschleudern. Obendrein werdet ihr mir sagen: «Was für ein Unsinn! Was für ein Selbstbetrug! Was für ein ausgemachter Quatsch! Wir hätten die ‹Bhagawadgita› aufschlagen können und hätten es beredter und überzeugender ausgedrückt gefunden.» Wir wollen für einen Augenblick vergessen, wie er seine Beweggründe rechtfertigte. Wir wollen uns für einen Augenblick auf das konzentrieren, was ihm während der gro- ßen Katastrophe zustieß. Wie kam es, daß er nicht nur ver- schont blieb, daß er nicht nur moralisch und geistig an Format gewann, sondern daß er auch nie gezwungen war, einen Schuß abzufeuern; daß er überdies, statt seine Mitmenschen umzu- bringen, in der Lage war, mehrere vom Tode zu erretten? Hät- te er nicht direkt und offen teilgenommen, in welcher Art hätte er es dann getan? Denn beteiligt sind wir nun einmal alle, ob wir es wollen oder nicht? Hat er an einem Morden teilgenom- men, oder nahm er an einer Sache teil, die tiefer gründet als der Krieg selbst? Ich glaube das zweite. Ich weiß, daß er, wie wir sagen, nichts für seine Person zu gewinnen hatte, indem er der britischen Armee beitrat. Aber als Mensch hatte er alles zu gewinnen, indem er sich mit dem Zustand der Welt identifi- zierte. Er verzichtete auf die falsche Sicherheit oder Immuni- tät, die er als einer, der en marge lebte, genoß. Er hörte auf, der ‹Renegat› zu sein, um stattdessen er selbst zu sein. Er führ- te nicht gegen seine Mitmenschen Krieg, denn er hatte sie nie gehaßt, sondern gegen das, was er als die Kräfte des Bösen betrachtete. Böse hieß in diesem Fall - und ist das nicht die, wirkliche Bedeutung des Bösen? - all das, was einen davon abhält, sein eigenes, wirkliches Leben zu leben. Er war bereit, das Gebot: «Du sollst nicht töten» zu verletzen, hinter dem er aus Feigheit Zuflucht gesucht hatte (töte mich nicht, und ich töte dich auch nicht!), weil etwas Größeres als Gesetzestreue auf dem Spiel zu stehen schien. In Wirklichkeit - ich möchte das noch einmal betonen - ergab es sich so, daß er nie in die Lage kam, das Gesetz brechen zu müssen. Gegenüber all je- nen, die einwerfen, daß dies bloßer Zufall sei oder daß er durch seinen Dienst in der Armee anderen geholfen habe, zu töten, erlaube ich mir, anderer Meinung zu sein. In gar keiner Weise förderten seine Dienste das Morden. Oder wenn sie es taten, half auch der Lebensmittelhändler, der die diensttaugli- chen Bürger seines Landes mit Nahrung belieferte, bei diesem allgemeinen Morden mit. Wenn es Zufall war, daß er niemand getötet hat - durch welchen Zufall wurde er dann, statt in die Schützengräben, zu den Pionieren geschickt? Viele seiner Kameraden wünschten sich nichts mehr, als hinüberzuwech- seln und aktiv in den Kampf einzugreifen; einigen von ihnen wurde der Wunsch erfüllt, und sie fielen. Fred nahm freudig die schmutzige Arbeit auf sich, die darin bestand, daß man bei Gelegenheit in brennende Häuser stürzte und hilflose Männer, Frauen und Kinder rettete. Einige seiner Kameraden fanden so den Tod. Keine der Todesängste, die mit einem Heldentod auf dem Schlachtfeld verbunden sind, blieb ihnen erspart. Freds Leben stand, wie ich schon früher sagte, unter einem Zauber- segen. Er wurde, wie wir es manchmal nennen, «bewahrt». Nicht vor etwas - da er keinen Schutz verlangte -, sondern für etwas. Er kehrte aus dem Krieg mit einer gesunden, kräftigen, frohen Lebensauffassung nach Hause zurück. Er wäre in dem gleichen jubilierenden Geiste heimgekehrt, wenn er ein paar Menschen getötet hätte. Übrigens würde er sich nie für schuld- los an jenen Toten gehalten haben: er hätte sich für voll ver- antwortlich gehalten - vor Gott. Er hätte am Tage des Gerichts mit ein wenig vom alten culot factice gesagt: «Ich tat es für dich, o Gott. Ich handelte dem Licht gemäß, das in mir war.» Hier stoßen wir auf den Widerspruch, der den ge- wöhnlichen Geist so tief verwirrt. Weder der Mensch, der sich weigert mitzumachen, noch der Mensch, der mitmacht, ist, notwendigerweise schuldig. Die Frage der Verantwortlichkeit für Massenmord geht tiefer als die Bereitschaft zum Blutver- gießen oder dessen Ablehnung. Beide, der, der tötet, und der, der sich vom Töten zurückhält, können im Recht sein, aber sie können ebensogut im Unrecht sein. Der Mensch, der keinen Finger rührt, kann schuldiger sein als der Mensch, der für den Tod Tausender verantwortlich ist. Nur ein pazifistischer Eife- rer würde, zum Beispiel, einen Mann wie General Eisenhower als ‹schuldig› betrachten. Nur kurzsichtige Wesen können die Schuld am Kriege bei Hitler oder Mussolini suchen. Der Krieg geht, ebenso wie der Friede, uns alle an. Es gibt immer einzelne, die, obwohl sie mitten in der Katastrophe leben, davon unberührt bleiben. Ich meine nicht nur körperlich, sondern moralisch und geistig. Sie stehen nicht nur ‹über den Schlächtern, sie stehen jenseits des Bereichs der Schicksalhaftigkeit. Sie sind außer jeder Gefahr, weil sie es, obwohl sie sich körperlich nicht entziehen können und wollen, von Anfang an in ihrem innersten Herzen vorgezogen haben, nicht mitzumachen. Sie haben nicht das Herz für solche Din- ge, wie man zu sagen pflegt. Der Wein, den sie an der Quelle tranken, hilft ihnen, sich zu erinnern. Nur die Reinen erinnern sich, nur die Reinen bleiben unberührt, und zwar nicht aus freier Wahl, sondern aus Notwendigkeit. Für sie ist das Reich des Zufalls nicht launisch, sondern tief verständlich. Sie sind sich der Wegrichtung immer bewußt, genauso wie sie immer die wahre Identität derer erkennen, die vor ihnen stehen. Sie überlassen nichts dem Zufall; für sie geschieht alles gesetz- mäßig und ist daher in Ordnung. Sie mühen sich nicht damit ab, die Dinge in Ordnung zu bringen und befassen sich nicht damit, Gutes zu tun. Sie haben sich dem Dienst am Leben verschrieben; sie dienen freiwillig, sie wurden nicht dazu ge- zwungen. Folglich fordert sie das Schicksal niemals heraus, ‹Partei› zu ergreifen; sie werden nie an den Hörnern eines tragischen Dilemmas gekreuzigt. Die aufgewühlten Wogen eines Konfliktes brechen, bevor sie bis zu ihnen vordringen; sie werden nie in den Strudel gerissen. Für solche wie meinen Freund Fred dagegen schaffen Kriege und Revolutionen eine Gelegenheit, ‹sich zu verlie- ren)., Für sie ist es wichtig, Partei zu ergreifen, nicht um dem, Rechten zu helfen, nicht um ein heldenhaftes Werkzeug der Gerechtigkeit zu werden, sondern um die Bedeutung des Op- fers zu erfahren. Oft werden sie durch ihre Teilnahme immun. Nicht gegen die Wagnisse und Gefahren des inneren Engage- ments, sondern gegen Unrecht und feige Selbsttäuschung. Sie entdecken eine unsterbliche Wirklichkeit, in der es nie mehr den Schmerz der Trennung geben kann. Sie haben die Heimat gefunden angesichts der Quelle und sind in der geistigen Welt genauso lebendig wie in der fleischlichen. Einige von ihnen, als ‹verloren› betrauert, finden Freiheit im Tode. Andere, die das anonyme Leben des kleinen Mannes leben, genießen den Vorzug, ihre Freiheit im Leben darzutun. Das sind die unsterb- lichen Geister, die im Einvernehmen mit dem Gesetz leben und entdeckt haben, daß Sieg und Ewigkeit gleichbedeutend sind. Sein eigenes Leben zu leben, es zur Erfüllung zu bringen, trägt den Lohn der Unsterblichkeit in sich. «Was jetzt lebt und für immer vom Tode frei ist», so lautet die Definition der Un- sterblichkeit. Doch die Definition könnte auch lauten: «Was lebt, ist für immer vom Tode frei.» Das ist die Bedeutung, die die Metamorphose vom Sterblichen zum Unsterblichen bringt. Der Unsterbliche ist der Sieger: er hat Zeit und Tod überwun- den. Er hat über das ‹Geschöpf› triumphiert, indem er durch die Opferfeuer gegangen ist. Indem er jedem Anspruch auf ein persönliches Überleben entsagt, wird er unsterblich. Wenn er sich an den Weg zurückerinnert, wirft er alle Hindernisse über Bord, die er sich selbst in den Weg gelegt hat (kurz: er ver- gißt). Für ihn gibt es die Fallstricke der Welt nicht mehr: wie eine Spinne - so wird ihm klar - hat er das komplizierte Fang- netz aus seiner eigenen Substanz gesponnen. Frei von der Welt, ist er frei vom Schicksal. Er schiebt das Leben nicht länger hinaus. Die Vergangenheit ist gesühnt und also ausge- löscht; die Zukunft, ihres Zeitablaufs beraubt, hat keine Be- deutung. Die Gegenwart löst sich im All auf, das keinen An- fang und kein Ende hat. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. An der Quelle gibt es keine Trennung von Gott und Geschöpf oder von Geist und Zeit. Die Sendung des Menschen auf Erden ist, sich zu erin- nern…]
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Buch Wieder kehrt Sario ins Königreich Tira Virte zurück, wo inzwi- schen Mechellas jüngster Sohn als Herzog herrscht. Sario über- nimmt den Körper eines jungen Namensvetters und will der zwischenzeitlich recht degenerierten Familie Grijalva zu einer neuen künstlerischen Blüte verhelfen. Die junge E
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In den höllischen Domänen, wo das absolute Böse lauert, in den wahrhaftig stygischen Zonen der Un- terwelt, an Orten schauerlicher Schrecknisse – dort ist er Zuhause: Nifft, der clevere Meisterdieb, den man wegen seiner hageren Gestalt auch ›den Dürren‹ nennt. Nifft fürchtet weder Tod noch Teufel: O
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