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Anne McCaffrey & Elizabeth Scarborough Die Macht des Eisplaneten Petaybee – 02 Die Ureinwohner von Petaybee, dem Eisplaneten, behaupten, daß ihre Welt lebt und ein Bewußtsein hat. Doch niemand glaubt ihnen – auch wenn die Veränderungen, die mit dem Planeten vor sich gehen, wissenschaftlich unerklärbar sind. Als von der interplanetaren Firma Integral beschlossen wird, die wertvollen Rohstoffe Petaybees auszubeuten, wendet sich Yanaba Maddock, Ex-Agentin der Gesellschaft, gegen ihre früheren Arbeitgeber. Und sie hat alle Hände voll zu tun, um Integral davon abzuhalten, den Eisplaneten auszubeute...
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Anne McCaffrey & Elizabeth Scarborough Die Macht des Eisplaneten Petaybee – 02

Die Ureinwohner von Petaybee, dem Eisplaneten, behaupten, daß ihre Welt lebt und ein Bewußtsein hat. Doch niemand glaubt ihnen – auch wenn die Veränderungen, die mit dem Planeten vor sich gehen, wissenschaftlich unerklärbar sind. Als von der interplanetaren Firma Integral beschlossen wird, die wertvollen Rohstoffe Petaybees auszubeuten, wendet sich Yanaba Maddock, Ex-Agentin der Gesellschaft, gegen ihre früheren Arbeitgeber. Und sie hat alle Hände voll zu tun, um Integral davon abzuhalten, den Eisplaneten auszubeuten, ihn zu verwunden oder gar zu töten – sein Herz zum Stillstand zu bringen. Der aufregende zweite Teil einer wahrhaft ökologischen SF-Trilogie von zwei vielfach preisgekrönten Autorinnen. © Copyright 1994 by Anne McCaffrey and Elizabeth Ann Scarborough Deutsche Lizenzausgabe 1995 Bastei-Verlag Originaltitel: Power Lines ISBN 3-404-24.203-3, Dieses Buch ist zwei pelzigen Gentlemen von großer Würde und Tapferkeit gewidmet, die uns beiden, jeder auf seine Weise, und auf verschiedenen Kontinenten eine Menge bedeutet haben: Mr. Peaches & Simon Big-Paws, 1. KAPITEL Die Raumstation bebte noch immer gelegentlich, als wollte sie jedermann daran erinnern, daß der Planet Petaybee alles andere als befriedet war. Die Reiter aus dem Dorf Kilcoole hatten sich an die bewaldeten Wege gehalten, die dem dampfenden, frisch aufgetauten Fluß am fernsten waren, der inzwischen nur noch von einer dünnen Eisschicht eingerahmt wurde wie die Salzkruste auf einem Glasrand. Im Laufe ihrer Reise hatte der Planet mehrmals gebebt und sich verschoben, als wollte er sie an die Dringlichkeit ihrer Mission gemahnen, doch inzwischen hatten die Bewohner von Petaybee die neue Stimmung ihres Planeten mit Gelassenheit hinzunehmen gelernt. Majorin a. D. Yanaba Maddock vom Intergal Firmenkorps – nun ja, eigentlich nur so gut wie ›außer Dienst‹ – ließ den Blick über die Gesichter ihres Liebhabers und ihrer neuen Freunde und Nachbarn schweifen. Sie waren alle glücklich und erwartungsfroh zugleich, als sie vor dem Gebäude des Hauptquartiers der Raumstation absaßen. Clodagh Senungatuk, Kilcooles Heilerin und Informationszentrum in einer Person, klopfte ihre geschlitzten Röcke ab, während ihr Lockenfell ausdruckslos beobachtete, wie ganze Wölkchen seiner frischverlorenen Winterfellhaare durch die für die Jahreszeit viel zu warme Luft stoben. Sinead Shongili, die Schwester von Yanas Geliebtem, Sean, half gerade Aisling, Clodaghs Schwester, aus dem Sattel, während Buneka Rourke die Zügel der Pferde ihres Onkels Seamus und ihrer Tante Moira hielt, als diese absaßen. Der zerwühlte Matsch, aus dem die Straßen der Raumbasis bestanden, war von Steinen und Brettern und Metallstücken übersät, die als Trittsteine dienten. Die Petaybeeaner hüpften von einer behelfsmäßigen Trittplatte zur nächsten, um in das Gebäude zu gelangen. Alle setzen sie größte Hoffnungen in diese Zusammenkunft, dachte Yana beinahe irritiert. Sie selbst verabscheute Besprechungen. So war es schon immer gewesen. Meistens kam dabei nicht mehr heraus, als, man auch mit einem zweisekündigen Funkstoß hätte abhandeln können. Die reine Zeitverschwendung. Sie atmete tief durch und steckte säuberlich die Hemdzipfel der Uniformbluse weg, die, dem Rat von Dr. Whittaker Fiske zufolge, bei dieser besonderen Gelegenheit politisch betrachtet wohl taktvollste Bekleidung darstellte. Obwohl sie eigentlich parteiisch war, war Yana bei dieser Zusammenkunft die neutralste Teilnehmerin. Während die Gesellschaft, mit der sie hier eintraf, deutlich zeigte, wo ihr Herz schlug, würde Yanas Uniform die Chefs an ihre langjährige Verbindung zur Intergal erinnern. Sean Shongili, der ihre Angespanntheit spürte, hob kurz die Hand, um ihr den Nacken zu massieren, worauf sie ihm ein nervöses Lächeln gewährte. Als Chefgenetiker für diesen Teil des Planeten nahm Sean unter den Abgeordneten von Petaybee eine Schlüsselstellung ein. Er und die anderen Mitglieder schienen zu glauben, daß es geradezu vorherbestimmt sei, daß die Firmenleute zur Vernunft kommen und die Bedürfnisse und Anforderungen ihres Planeten sowie seiner Bewohner anerkennen würden. Sean, der trotz seines Berufs ebensowenig mit der Rolle eines werdenden Elternteils vertraut war wie Yana, hatte bereits die Vermutung geäußert, daß ihr Lampenfieber zumindest teilweise hormonellen Ursprungs sein müsse. Zwar irrte er sich, doch da er auf dem Planeten geboren und aufgewachsen war, konnte Yana kaum von ihm erwarten, daß er es verstehen würde. Die Bewohner Petaybees pflegten nur zusammenzukommen, um sich und einander zu unterhalten oder um ein Problem zu besprechen und einen Konsens für seine Lösung herzustellen. Bei den Firmenkonferenzen hingegen handelte es sich meist um reine Machtspiele, bei denen die anstehenden Probleme weniger wichtig waren als die Frage, wer schließlich seine Auffassung durchsetzte. Andererseits hatte Yana noch nie an einer Konferenz teilgenommen, bei der es um das Überleben eines intelligenten, empfindungsfähigen Planeten und seiner Bewohner ging. Sie tat zwei weitere tiefe Atemzüge, dann folgte sie Sean ins Gebäude und begab sich mit ihm zum Konferenzzimmer. Als die Petaybeeaner zusammen mit Yana eintraten, stand Dr. Whittaker, Fiske auf, was die anderen wartenden Honoratioren dazu zwang, es ihm gleichzutun. Man hatte hier die von den Erdbeben verursachten Risse wieder versiegelt. Die Bildschirme an den Wänden hingen zwar noch immer etwas schräg in ihren Halterungen, waren aber funktionstüchig. Es waren nicht genügend Sitzplätze für alle geladenen Petaybeeaner vorhanden, doch die wichtigsten Mitspieler konnten um den wunderschönen Tisch Platz nehmen, eine Handarbeit aus einheimischen Hölzern. Als offizieller Vorsitzender saß Whittaker Fiske zusammen mit seinem Sohn, Hauptmann Torkel Fiske, in der Mitte. Yana, Sean Shongili, Clodagh und die petaybeeanischen Überlebenden der letzten glücklosen Erkundungsmission saßen links von den Fiskes; Francisco und Diego Metaxos sowie Steve Margolies saßen zu ihrer Rechten, zusammen mit verschiedenen anderen Würdenträgern der Firma. Letztere machten einen sehr viel verwirrteren Eindruck als die Gruppe der Petaybeeaner, die allesamt optimistische Entschlossenheit ausstrahlten. Eine knappe halbe Stunde später – die Funkverbindung zur Zentrale der Intergal auf der Erde war hergestellt worden – war der Optimismus in manchen Mienen der Abscheu und Bestürzung über die Unvernunft gewisser Firmenvertreter gewichen. »Und Sie besitzen wirklich die unglaubliche Frechheit«, erklärte soeben der Platzhirsch des Hauptbildschirms, Farringer Ball, seines Zeichens Generalsekretär des Aufsichtsrats der Intergal, »mir mitzuteilen, daß der Planet uns diese Forderungen vorträgt?« Sein rundliches, fleischiges Gesicht hatte eine rötliche Orangefärbung angenommen. Yana dachte darüber nach, daß diese Farbe wohl von einer fehlerhaften Verbindung oder von gestörten Bauteilen des Bildschirms selbst herrühren müßte. Kein Menschenfleisch konnte eine solche Tönung annehmen. »Ja, Ferrie, genau das will ich damit sagen«, erwiderte Whittaker Fiske und lächelte dabei sanft, wie ein gütiger Vater mit einem ungezogenen Kind. »Und ich besitze Beweise genug dafür, daß ich tatsächlich noch alle Tassen im Schrank habe, daß meine Schaltungen, noch nicht zerschmolzen sind, oder was immer Sie sich sonst ausdenken mögen, um einen solchen…« Whittaker Fiske hielt kurz inne und grinste, bevor er hinzufügte: »… vermeintlichen Wahn zu erklären. Denn ein Wahn ist es ganz bestimmt nicht!« Das sagte er ohne das leiseste Lächeln und mit äußerst ernster Miene. »Wir mögen zwar bisher noch nie vor einem solchen Phänomen gestanden haben, Ferrie, aber jetzt ist es nun mal so! Das braucht man mir nicht öfter aufs Brot zu schmieren, als es ohnehin schon geschehen ist. Deshalb sollten wir uns lieber daranmachen…« »Wir werden uns an überhaupt nichts machen, Fiske«, explodierte Farringer Ball, und ein dicker Finger hob sich vom unteren Teil des Schirms, gefolgt von einer vor Wut zitternden Hand. »Ich werde sofort eine Entsatzkompanie losschicken, dazu einen Trupp Mediziner, um jeden einzelnen…« »Dann sorgen Sie aber auch dafür, daß keiner der Soldaten oder Ärzte zufällig vom Planeten Petaybee stammt«, unterbrach Torkel ihn. »Ha? Wie war das, Hauptmann?« Der Generalsekretär richtete seine finstere Miene ein Stück in Richtung Torkel. »Das dürfte ziemlich schwierig sein, Generalsekretär Ball, da die allermeisten Ihrer besten Männer und Frauen von diesem Planeten stammen.« »Ich höre wohl schlecht!« Farringer wandte sich von der Kamera ab, um sich an seinem Ende des Verbindungskanals an andere, von hier aus unsichtbare Zeugen der Konferenz zu wenden. »Da haben wir einen Planeten, der Befehle erteilt und angesehene Wissenschaftler, die durchdrehen. Und jetzt wollen Hauptleute schon Generalsekretären Vorschriften machen, wie sie ihre Verstärkungstruppen zusammenzustellen haben! Diese Situation nimmt langsam das Ausmaß der Alarmstufe Vier an!« »Sie waren noch nie besonders vernünftig, Ferrie«, erwiderte Whittaker Fiske in einem freundlich-beruhigenden Tonfall, »sobald Sie mit irgend etwas konfrontiert waren, das auch nur im entferntesten unvertraut schien.« »Entfernt? Unvertraut?«, »Wie ich schon sagte…« Whittaker ließ den Blick über die Bildschirme mit den anderen Firmenleuten schweifen, die ebenfalls aus der Ferne an dieser Konferenz teilnahmen. »Wenn irgend etwas nicht ausdrücklich in den Vorschriften steht, sind Sie ratlos. Und das hier steht nun mal nicht in Ihren Dienstanweisungen. Ich bin ursprünglich mal persönlich hierhergekommen, um eine Sache geradezubiegen, die nach einer kleineren Panne aussah. Und nun muß ich feststellen, daß es die größte ›Panne‹ ist, der ich je begegnet bin. Dennoch würde ich jetzt gern in aller Aufgeschlossenheit und unter Offenhaltung sämtlicher Optionen zum eigentlichen Thema dieser Konferenz kommen. Also nehmen Sie eine Beruhigungspille, Ferrie, und hören Sie mir zu, ja? Ich will es Ihnen gern erklären, wenn Sie endlich damit aufhören, mich ständig zu unterbrechen.« »Wir sind es Whittaker als Akt der Höflichkeit schuldig, ihn ausreden zu lassen, Farringer«, sagte ein andere Mitglied des Aufsichtsrats, eine Frau von elegantem Gebaren und entsprechender Gelassenheit. Sie hatte schöne Gesichtszüge – ein klassischer Schnitt, der nicht der Kunst der Chirurgen zu verdanken war. Ihr schwarzes Haar war wellig zurückgekämmt und rahmte ihr herzförmiges Gesicht ein; nicht einmal die grellen Farben der Kommunikationseinheit konnten die porzellanhafte Bleichheit ihres Teints verbergen oder das klare, helle Blau ihrer Augen. Sie war sehr zurückhaltend geschminkt, und die einzige Andeutung ihres hohen Rangs waren die exotisch gefaßten Feuersteine, die sie als Ohrringe trug. Marmion de Revers Algemeine hatte gleich mehrere Vermögen damit gemacht, die Leute ›ausreden zu lassen‹. »Eigentlich gefällt mir die Vorstellung von einem Planeten, der weiß, was er will und was nicht! Eine Intelligenz großen Maßstabs.« Sie beugte sich vor, die Ellbogen vor sich aufgestemmt, und legte das Kinn auf die Fäuste. »Außerdem sind Whittakers Berichte nie langweilig.« Sie ließ den Blick zur Seite schweifen, doch da die Sprecher sich in verschiedenen Büros befanden, ja, sogar an weit voneinander entfernten Orten, ließ sich nicht sagen, ob Marmion jemanden in ihrer unmittelbaren Umgebung anschaute oder den Blick auf einen der anderen Teilnehmer richtete., »Das hier wird kein bißchen langweilig, Marmie«, antwortete Whittaker grinsend. »Torkel hat mir eine dringliche Mitteilung gesandt, die besagt, daß die Terranisierung dieses Planeten unterbrochen worden sei – wir verwenden das Verfahren B, den Whittaker-Effekt, der bisher äußerst zuverlässig funktioniert hat. Deshalb war ich auch der Meinung, daß eine einfache Justierung der Parameter genügen würde. Andererseits wollte ich aber auch unbedingt dabeisein…« »Ja, ja, wir wissen schon, daß Ihr Großvater dieses Programm entwickelt hat«, antwortete Ball gereizt und schnippte ungeduldig mit den Fingern. »Schön, mein ungeduldiger Freund. Die Pointe besteht jedenfalls darin, daß tatsächlich überhaupt nichts unterbrochen wurde. Es sei denn, man bezeichnet einen äußerst ungewöhnlichen evolutionären Prozeß als Unterbrechung oder gar als Zusammenbruch.« Whittaker sagte es mit unverhohlenem Triumph in der Stimme, und Yana bemerkte, wie einige Mitglieder der Abordnung von Petaybee zustimmend nickten und erleichtert dreinschauten. »Habe ich vielleicht irgend etwas verpaßt?« wollte Ball wissen. »Haben Sie eine Möglichkeit gefunden, die Mineralstoffe zu extrahieren, die wir benötigen? Oder haben Sie die verschollenen Mitglieder der Erkundungsmannschaften ausfindig gemacht?« »Nein, aber das einzige überlebende Mitglied – das sich im übrigen außerordentlich gut erholt hat –, befindet sich hier in diesem Raum. Dr. Metaxos?« »Generalsekretär Ball.« Francisco Metaxos nickte, an den Schirm gewandt. Sein Haar hatte inzwischen eine geradezu spektakuläre Weißfärbung angenommen, doch davon abgesehen sah er sehr viel jünger aus als an jenem Tag, da man ihn aufgefunden und geborgen hatte. Sein Äußeres entsprach mittlerweile wieder durchaus seinen etwa vierzig Lebensjahren. Als Yana ihm zum erstenmal begegnet war, hatte sie ihn noch auf etwa siebzig geschätzt. Die einzige Veränderung, die sich als nicht umkehrbar erwiesen hatte, betraf Metaxos’ Haar. Als er auf dem Planeten gelandet war, war es noch, genauso schwarz wie das seines Sohns gewesen – hatte Diego jedenfalls behauptet. Marmion Algemeine lächelte plötzlich. »Frank! Man hat uns gesagt, Sie seien…« »War ich auch«, sagte Metaxos und erwiderte ihr Lächeln. »Aber wie bei so vielen Erkrankungen, hat man mir, nachdem man die Ursache erst einmal festgestellt hatte, die entsprechende Behandlung angedeihen lassen, und jetzt geht es mir wieder gut.« »Weshalb redet hier eigentlich alles in Rätseln?« fragte Ball. Es klang beinahe klagend. »Wenn Sie gestatten«, meldete Torkel sich wieder zur Wort. »Ich glaube, ich hätte da eine Erklärung anzubieten. Es hat den Anschein, daß wir alle, ich selbst eingeschlossen, unter dem Einfluß irgendeiner massiven hypnotischen Illusion gestanden haben. Sie ist recht stark, wirkt durchaus real. Im Banne dieser Illusion gelangt man zu der felsenfesten Überzeugung, daß dieser terranisierte Felsen, auf dem wir hier stehen, tatsächlich ein bewußt empfindsames Lebewesen ist. Das ist natürlich völlig unmöglich. Es ist abergläubischer Unsinn. Aber ich kann Ihnen versichern, daß diese Illusion eine ganz außergewöhnliche Qualität hat. Ich hege den Verdacht, daß sie vor allem durch zwei Einwohner dieses Landstrichs induziert wird, durch die Frau namens Clodagh, und durch diesen Mann, Dr. Sean Shongili. Sogar unsere eigene Intergal-Agentin, Majorin Maddock, die Sie hier sehen, ist ihrem Einfluß verfallen und…« »Niemand ist blinder als der Mann, der nicht sehen will, mein Sohn«, warf Whittaker Fiske betrübt ein. »Selbst mein Vater ist dieser Illusion erlegen, Herr Generalsekretär.« »Entschuldigen Sie bitte«, warf Yana ein. »Ich dachte, wir wären hier, um Beweismittel vorzutragen und über mögliche Lösungen zu sprechen. Da gibt es einmal den Beweis der Lavelle Maloney. Der Autopsiebericht ist objektiv genug. An Lavelles Körper waren physiologische Veränderungen zu bemerken, die die Mediziner sich nicht erklären konnten. Dr. Shongili aber kann es erklären. Ob die, Firma seine Erklärung akzeptiert, ist eine andere Frage, aber Sie sollten Dr. Shongili wenigstens anhören.« Ball machte eine abfällige Geste. »Wir haben die Berichte und die Abhandlung gelesen, die er eingereicht hat, einschließlich seiner äußerst phantasievollen Erklärung der evolutionären Anpassung der Petaybeeaner. Sie Sache schmeckt immer noch nach Obstruktionismus. Außerdem gehört Shongili dort unten selbst zu den Rädelsführern, falls man gewissen Parteien Glauben schenken darf.« Die Petaybeeaner musterten Torkel Fiske mit verächtlichen Blicken, was dieser mit einem Lächeln quittierte, ganz der rehabilitierte Mann, dem schlimmes Unrecht widerfahren war. Die elegante Marmion meldete sich wieder auf ihre ruhige, überlegte Weise zu Wort. »Sagen Sie mir eins, Dr. Shongili und Frau Senungatuk. Werden Ihre Beobachtungen, daß es sich bei diesem Planeten um ein bewußtes Wesen handelt, von den anderen Petaybeeanern auf diesem Planeten geteilt?« Clodagh nickte, doch Sean blickte zweifelnd drein. »Wir haben keinen unmittelbaren Kontakt zur südlichen Landmasse«, sagte er. »Nicht direkt«, räumte Clodagh achselzuckend ein. »Aber sie wissen es.« »Sie scheinen sich ja sehr sicher zu sein.« »Wie sollten sie so etwas nicht wissen?« fragte Clodagh. Yana wurde den Eindruck nicht los, daß Clodagh auswich, daß sie aus irgendeinem, sicherlich guten Grund nicht willens war, im Augenblick mehr preiszugeben. Da sie Clodagh kannte, erschien ihr das durchaus möglich. Die Frau war wie der Planet selbst: rund, unterschwellig aktiv und bis zum Bersten voller Geheimnisse. Yana hatte zwar inzwischen die Erfahrung gemacht, daß es sich dabei überwiegend um gemütliche, gütige Geheimnisse handelte; dennoch blieben sie rätselhaft. Marmion ließ das Thema für einen Augenblick fallen, doch nun drehte sich ein anderes Mitglied des Komitees, dessen erkahlender Schädel mit dem Pferdeschwanz dem Bildschirm zugekehrt gewesen war, nach ihnen um. Seine Augen waren von einem schönen,, himmlischen Blau, doch der Mund bildete eine schmale, harte Linie; die Oberlippe war wie ein wulstartiger Schnabel über die untere gelegt, einer schnappenden Schildkröte gleich. »Wir werden die Bewohner sicherlich befragen müssen«, sagte er. »Wir müssen auf ganz T-Beta eine Befragung durchführen und in Erfahrung bringen, was die Bewohner über den Planeten glauben und welche Erfahrungen sie dort gemacht haben. Eine solche Studie war schon lange überfällig.« Er sprach mit einem leisen Lispeln und einem merkwürdigen Tonfall. Vielleicht war es auch ein – weitgehend ausgemerzter – Akzent. Yana hatte geglaubt, daß Marmion und Whittaker Fiske sich durch den Vorschlag des Mannes bestätigt sehen würden. Statt dessen schob Whittaker unverkennbar seinen Stuhl ein Stück vom Tisch und dem Bildschirm fort, während Marmions Zungenspitze an ihrer Oberlippe erschien, bevor sie vorsichtig antwortete: »Ein ausgezeichneter Vorschlag, Vizevorsitzender Luzon. Ich werde mich persönlich vor Ort darum kümmern.« »Und ich werde Sie begleiten, Madame Marmion«, antwortete Luzon. »Ich habe großes Interesse an den Glaubenssystemen und Sitten kolonialer Völker. Vor allem jener, die über Jahre hinweg der Vorzüge eines ausgiebigen Firmenkontakts entbehren mußten.« »Ich bin sicher, daß Sie die Feststellung machen werden, daß es sich bei Petaybee um eine üppig sprudelnde Quelle der Information handelt, Matthew«, fügte Whittaker Fiske in einem etwas verkrampften Versuch hinzu, seine übliche Freundlichkeit zur Geltung zu bringen. Matthew Luzon. Yana hatte den Namen schon oft gehört, fiel ihr plötzlich ein – allerdings nicht in positivem Zusammenhang. »Ihre Untersuchungen und Versuche, die Denkweise von Kolonisten zu korrigieren, sind wohlbekannt, wenn auch nicht unbedingt gut gelitten«, sagte Whittaker. »Aber ich denke, daß eine richtige Untersuchungsexpedition, von Marmion geführt, jetzt durchaus angebracht wäre. Ihre Delegation könnte sich das warme Wetter zunutze machen und sich auch audiovisueller Aufnahmegeräte bedienen, die nämlich sonst im allgemeinen zu empfindlich für das, Klima auf diesem Planeten sind. Ich denke, das subjektivere Material kann ruhig noch eine Weile warten.« Luzon gestattete seinen Mundwinkeln, sich zu seiner Version eines Lächelns zu verziehen. »Aber nicht doch! Ich denke, meine Anwesenheit dürfte äußerst hilfreich sein. Kommen Sie schon, Dr. Fiske! So viel Platz brauche ich doch gar nicht. Ich werde Madame Marmion begleiten.« Der Boden erbebten unter ihren Füßen, und für ein paar Sekunden wackelte der Bildschirm in seiner Halterung. Yana sah zu Clodagh hinüber und stellte fest, daß die große Frau das Bild von Matthew Luzon mit einer gewissen bemühten Vorsicht beobachtete, die Yana bei ihr noch nie bemerkt hatte. Es war keine richtige Angst – aber Bangigkeit. In diesem Augenblick fiel Yana auch wieder ein, wer Luzon eigentlich war. Und sie war bestürzt, daß er innerhalb der Firma zu einer so herausragenden Position hatte aufsteigen können. Luzon war von seiner Ausbildung her Kulturanthropologe, also Vertreter einer Disziplin, die ihn eigentlich aufgeschlossen und tolerant gegenüber anderen hätte machen müssen. Statt dessen haftete ihm jedoch der Ruf an, seine angesehene Stellung dazu zu benutzen, die ›weniger zivilisiertem oder ›nichtaufgeklärten‹ Völker zu verdammen und ihre kulturellen Unterschiede als Begründung dafür zu benutzen, die Unterstützung durch die Firma und die Kooperation mit ihr entweder zu veranlassen oder zu versagen. Wahrscheinlich hatte Luzon der Firma schon sehr viel Geld eingespart, vermutete Yana. Sein Name war oft gefallen, als es damals um die Bewohner des Zentralkontinents eines Planeten namens Mandella gegangen war, die man in Mietskasernen getrieben hatte, um die Urwälder und Sümpfe, in denen sie vorher gelebt hatten, zur Gewinnung fossiler Brennstoffe auszubeuten. Die Mietskasernen waren schlampig konstruiert gewesen, und zum Umerziehungsprogramm hatten keinerlei Einweisungen der Bewohner in den Gebrauch moderner Anlagen und Gerätschaften in ihren neuen Heimen gehört, was auch für die sanitären Anlagen gegolten hatte. Wer von den Mandellanern nicht in der großen Feuersbrunst umgekommen war, die kurz darauf in der Wohnanlage gewütet hatte, war schließlich an den ansteckenden, Krankheiten gestorben, die anschließend alle Überlebenden heimsuchten. Luzons Berichte hatten es der Firma ermöglicht, sich vor dem Universalgericht ihrer Verantwortung zu entziehen. Yana hatte sogar davon gehört, daß Luzon inzwischen in der engeren Auswahl für die Besetzung eines Richterstuhls an diesem Gerichtshof stand. Und jetzt machte ausgerechnet dieser Mann den Vorschlag, Petaybee genauer unter die Lupe zu nehmen! »Nun, ich komme jedenfalls nicht mit«, sagte Farringer Ball gerade. »Das ganze ist doch nur ein Haufen Unsinn. Ich habe hier eine Firma, die ich leiten muß. Da kann ich mich nicht auf irgendwelchen armseligen Hinterhofplaneten herumtreiben, nur weil die betreffenden Kolonisten ein bißchen seltsam geworden sind. Herrje, wenn die nicht sowieso schon seltsam wären, würden sie doch wohl im Korps oder irgendwo draußen im Weltall arbeiten.« Marmion hob eine Augenbraue, und Ball hörte mit seiner Tirade auf. »Wie dem auch sei, ich kann und werde meine Arbeit jedenfalls nicht unterbrechen, um mich dorthin zu begeben. Aber Matthew hat schon öfter hervorragende Untersuchungsarbeit geleistet, und Marmie wird uns die harten Fakten beschaffen. Ich werde mich in meiner Entscheidung durch das von Ihnen vorgelegte Forschungsmaterial leiten lassen.« »Da bin ich aber erleichtert!« faucht Whit. »Bisher haben Sie jedenfalls nicht die leiseste Neigung gezeigt, sich von meinem Material leiten zu lassen, oder von dem Material von Metaxos und Margolis.« »Natürlich habe ich das! Ich habe die Berichte gelesen. Schließlich habe ich den Laden bisher noch nicht evakuieren lassen!« »Herr Generalsekretär«, meldete sich Torkel Fiske zu Wort. »Was ist mit den Verstärkungskräften? Und ich bestehe auf einer offiziellen Untersuchung, ja, möglicherweise auf einem Kriegsgerichtsverfahren, was Majorin Maddocks Verhalten betrifft.« »Wir reden hier bereits über eine offizielle Untersuchung, Hauptmann, oder haben Sie etwa nicht zugehört? Sollte die Untersuchung ergeben, daß hier Subversion oder Sabotage, stattgefunden haben, bezweifle ich, daß Maddock damit allzu weit gegangen sein dürfte. Außerdem kann sie die Ermittler bei ihren Untersuchungen unterstützen. Also, Madame Marmion und Dr. Luzon reisen natürlich mit Eskorte und zusätzlichem technischem Personal. Falls wir uns zu einer Evakuierung entschließen sollten, können wir immer noch weitere Kräfte anfordern. Bis dahin verfügen Sie doch wohl über genügend Personal, möchte ich meinen. Es ist ja nicht so, als könnte eine Armee besonders wirksame Hilfe leisten, wenn es gilt, Erdbeben und Vulkanausbrüche zu unterbinden. Die Konferenz ist beendet.« Ziegendung wußte, daß sie böse war, launisch, heimtückisch, gemein, und daß sie eines Tages, sollte sie ihr übles Gebaren nicht ändern, ein Opfer des Wesens aus den Eingeweiden des Planeten werden würde. Das hatte man ihr oft genug eingebleut, begleitet von den Hieben des Instruments der Gutheit, welches das Gesagte auf ihrem Fleisch noch einmal wirksam unterstrich. Für ihre Vergehen bekam sie meist die schwerste, schmutzigste Arbeit von allen Mädchen ihres Alters zugeteilt; doch als die Wärmung kam, die die Eisfälle an den Klippenwänden zum Schmelzen brachte und den Boden des Tals in einen großen See verwandelte, gesellte sich der Rest der Gemeinschaft zu ihr, um wie sie die Hänge des Tals hinaufzuklettern, bis sie höhergelegenes Gelände erreicht hatten. Dabei führten sie stets die Lehren des Heulenden Hirten und alle seine heiligen Gegenstände mit sich, zudem alles an Lebensmitteln, Kleidung und Behausungsmaterial, was sie hatten retten können. Sämtliche Gewächshausgärten waren verloren, und viele Tiere waren ertrunken. Tagelang war das Wasser die eisigen Wände des Tals hochgestiegen, hatte den Boden mit Schneematsch und sogar mit Schlamm bedeckt. Zudem stieg dampfender Nebel auf, der einem jede Sicht raubte. Ziegendung und die anderen Kinder waren mit Rucksäcken auf den Rücken die Wände der Schlucht hinaufgeklettert und hatten den Erwachsenen naßtriefende Packen gebracht, um sich, dann wieder in das lichte, kalte Wasser zu stürzen und zu versuchen, weitere Gegenstände zu retten. So böse Ziegendung auch sein mochte, war sie andererseits so sehr gewöhnt, dem Willen der Gemeinschaft zu gehorchen, dem Willen des Heulenden Hirten, daß sie die Möglichkeit zur Flucht überhaupt nicht erkannte, die sich ihr gerade bot. Soeben war sie wieder hochgeklettert, nachdem sie dreimal ins Wasser zurückgestürzt war. Vor Kälte zitternd, schlammverkrustet, zerkratzt und zerschunden, kauerte sie nun halbnackt am Feuer und aß die Schüssel dünne Suppe, die sie sich endlich hatte füllen dürfen. Die Suppe war fast kalt, und das Feuer – eine armselige, stinkende Angelegenheit aus immer noch feuchtem Tierkot – war nichts als ein leiser, mürrischer Lufthauch, dem es nicht gelang, den Schmerz und die Kälte zu bannen. Es vertrieb die Gänsehaut nicht, ganz zu schweigen von der Vereisung in ihren Knochen. Doch zur Abwechslung erging es keinem der anderen besser als Ziegendung. Die etwa einhundert Anhänger des Hirten kauerten am Rand des dampfenden Tals der Tränen. Leben und Heim waren von der Großen Flut überschwemmt, von der der Hirte behauptete, sie sei über sie gekommen, um sie zu prüfen. »Das Ungeheuer trachtet danach, uns seinem Willen zu unterwerfen«, hatte der Hirte immer wieder betont. »Wir werden nicht nachgeben. Wenn das Wasser sich wieder senkt, werden wir in unser Tal zurückkehren und weiterhin allem die Stirn bieten, was uns vernichten will.« Anstatt in seinen Büroräumen und dem besseren Wohnquartier zu bleiben, befand der Hirte sich nun bei der Herde, wo er organisierte, beriet, ermahnte – und beobachtete. Ziegendung empfand es schon als schlimm genug, die tadelnden Blicke der anderen auf sich ruhen zu spüren, doch zweimal hatte sie in ihrem Leid aufgesehen und bemerkt, wie der Hirte selbst sie beobachtete, und seine Miene hatte sie noch kälter erschauern lassen als die Fluten im Tal. Ziegendung ruhte sich von ihrem letzten Aufstieg aus, während der kurze Tag sich seinem Ende entgegenneigte und die Nebel aus dem Tal auf trieben und über den Außenrand des Lagers krochen. Sie hörte, leise Schritte, die sich ihr näherten. Dann kauerte sich Concepcion, deren Bauch immer noch so flach war wie vor jener Zeit, da der Hirte sie geheiratet hatte und ihr Name noch Swill gewesen war, neben ihr nieder. »Gute Nachricht, kleine Schwester«, verkündete sie. Ziegendung sagte nichts. Solange sie nicht wußte, was Concepcion von ihr wollte, war es das sicherste zu schweigen. Das andere Mädchen, das gerade einmal vier Jahre älter war als Ziegendung, reichte ihr ein Stück Metall. »Du bist auserwählt worden«, sagte sie schlicht und erhob sich, um wieder zu gehen. Ziegendung musterte das Metallstück in ihrer Hand. Es war in der Form eines Herzens geschnitten. Der Hirte hatte sie zu seiner Frau auserkoren. »Was? Wo?« rief sie Concepcion nach. »Heute nacht«, rief das ältere Mädchen zurück und war auch schon im Nebel verschwunden. Da tat Ziegendung das Schlimmste, das sie in all ihrer bösen Zeit je getan hatte: Sie rannte fort. Der Nebel verdeckte ihr Spur, und der Schneematsch dämpfte das Geräusch ihrer Schritte. Sie lief so schnell und so lange, wie ihr erschöpfter, unterernährter Leib es vermochte. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie rannte. Nie hatte sie andere Leute kennengelernt als ihre eigenen, obwohl der Hirte gelegentlich auf andere angespielt hatte, auf Außenseiter, die dem Irrtum zum Opfer gefallen waren. Es waren schreckliche Leute, hatte der Hirte gesagt, die Mädchen wie sie dem großen Ungeheuer opfern würden. Immer noch besser, als dem Hirten eine gehorsame Frau zu sein wie Swill-Concepcion und Nachtboden, die inzwischen unter dem Namen Assumpta bekannt war. Den Frauen des Hirten wurde, wenngleich sie nicht älter waren als Kinder, Erwachsenennamen verliehen, die meist im Zusammenhang mit der Lehre standen. Assumpta, einst ein Engel von einem Mädchen mit rosigen Wangen und Kastanienhaar, voller kindlicher Geschmeidigkeit und Anmut, war schon mit dreizehn alt geworden. Vier Kinder hatte sie an eine, Bluterkrankheit verloren, und nach jeder Frühgeburt hatte man sie geschlagen. Inzwischen konnte Assumpta kaum mehr gehen. Concepcion dagegen war mit fünfzehn noch unfruchtbar und wurde deswegen ebenfalls geschlagen. Ihre eigene Mutter, Ascencion, gehörte selbst zu den Ehefrauen des Hirten und beaufsichtigte persönlich das Prügeln. Auch Ziegendungs Mutter war dem Hirten eine Frau gewesen, wenngleich Ziegendung nicht zu seinen eigenen Lämmern gehörte. Ein Grund dafür, weshalb sie so böse war – so pflegten die anderen ihr mitzuteilen –, war der, daß ihre Eltern Außenseiter gewesen waren. Als ihre Mutter starb, war sie noch zu klein gewesen, um es zu begreifen. Doch es hieß, daß ihre Mutter eine außerordentlich aufsässige Außenseiterin gewesen sei, die nicht die Frau des Hirten werden wollte und die man nur durch die beharrliche Güte der Herde dazu hatte bewegen können, die Segnungen einer Vereinigung mit ihm anzunehmen. Niemand aus der Herde war jemals Ziegendungs Vater begegnet, der in Unwissenheit und im Irrtum und in der Sklaverei des Großen Ungeheuers gestorben war. Ziegendung lief und lief, rannte wasserspritzend durch den Schneematsch, heiß vor Anstrengung, solange das Licht noch am Himmel leuchtete. Dann rannte sie, um nicht zu erfrieren, während die Nacht den Planeten verschlang. Die Monde gingen auf, und in ihrem Licht taumelte sie weiter. Sie rannte und rannte, immer weiter hinunter, als hielte sie auf ein zweites Tal zu. Als sie sich umblickte, sah sie im Mondlicht die Gipfel der Berge in ihrem Rücken und über sich: den Rücken des Ungeheuers, seine Schnauze, seine Zähne. Sie schleppte sich weiter. Hier unten wich der Schneematsch gelegentlich dem Schlamm, und ein Streifen von einem Strom, der den Berg hinunterfloß, dampfte genauso wie das Wasser am Talboden. Als Ziegendung sich ihm näherte, strahlte der Strom Wärme ab, und als sie ihn berührte, war er so heiß, als wäre er in einer Pfanne erhitzt worden und hätte sich nur leicht abgekühlt. Ziegendung stieg hinein. Der Strom war tiefer, als es an Anschein hatte, und besaß eine beträchtliche Unterströmung. Er stieß und trieb, sie weiter, umgab sie dabei mit seiner Wärme, bis er schließlich in einer Art Tunnel verschwand und sie mit sich hineinriß. Sie war müde, träge von dem Wasser, und wurde gegen den Berghang gespült. Kurz bevor sie mit dem Kopf gegen einen Felsen stieß und alles schwarz wurde, dachte sie daran, daß der Hirte lehrte, daß dies jene Art von Ort war, an dem man sich besser nie erwischen lassen sollte., 2. KAPITEL »Nun?« fragte Bunny Rourke atemlos, als die Ältesten und die mit den Petaybeeanern befreundeten Firmenangehörigen schließlich im Gänsemarsch aus dem Gebäude kamen. Bunny überreichte jedem der Reiter die Zügel der Lockenfelle. »Wie ist es gelaufen?« Clodagh zuckte die Schultern. »Wie üblich. Sie haben so getan, als wären wir gar nicht da, und wenn doch, als ob wir nichts Vernünftiges beizutragen hätten. Sie schicken noch weitere Ermittler her.« Yana seufzte. Sie hatte zwar gewußt, daß es nicht leicht werden würde, doch im Augenblick machte ihr etwas anderes Sorgen. Während sie durch den Wald nach Kilcoole zurückritten, sagte sie: »Ich verstehe das nicht. Torkel war doch bei uns. Er hat den Planeten auch gespürt. Er weiß davon. Wenn er sich völlig verweigert hätte, müßte er doch in einem Zustand sein, wie Frank Metaxos es war.« »Verleugnung«, warf Diego ein. Er sprach aus eigener Beratererfahrung. »Er weiß es zwar sehr wohl, kann es sich aber nicht eingestehen. Er ist doch kein völliger Schurke. Sie beiden waren doch mal befreundet, nicht wahr, Yana?« »Zumindest haben wir freundschaftlichen Umgang gepflegt«, erklärte Yana. »Das habe ich jedenfalls geglaubt. Aber er ist so unvernünftig gewesen…« »Vielleicht trifft der Begriff irrational die Sache besser«, meinte Sean. »Er mag vielleicht nicht genauso reagiert haben wie Frank, aber ich habe doch den Eindruck, daß Fiske nicht mehr auf beiden Kufen gleitet, sofern er das überhaupt jemals getan hat. Vielleicht hat seine unfreiwillige Kontaktaufnahme mit dem Planeten doch größere Schäden bei ihm hinterlassen, als man auf den ersten Blick erkennen kann.« »Wenigstens kommt diese Dame her, um hier Ermittlungen anzustellen«, warf Moira Rourke mit einiger Erleichterung ein., »Ja, aber dieser Glatzkopf gefällt mir überhaupt nicht« konterte Clodagh. »Mir auch nicht«, stimmte Yana ihr zu. »Auch auf das Risiko, mich so anzuhören wie die Verschwörerin, für die Torkel mich ohnehin schon hält, würde ich euch empfehlen, daß ihr jeglichen Kontakt mit Luzon meidet und eure Erklärungen ausschließlich Madame Marmion vorbehaltet. Luzon ist bekannt dafür, daß er alles… verdreht, was man ihm erzählt.« Als sie sich dem Dorf näherten, wurden sie von einem Rudel Katzen begrüßt, alle in grellem Rostorange gestreift, und alle miauend und schnurrend und gefährlich um die schneeschuhgroßen Hufe der zottigen Lockenfelle streichend. »Was für ein Begrüßungskomitee!« sagte Yana, als Marduk – jedenfalls hoffte sie, daß er es war – hinter ihr aufsprang und kurz seinen Kopf an ihren Rücken rieb, bevor er wieder hinunterhopste. »Hast du sie gerufen, Clodagh?« Clodagh schüttelte den Kopf. »Nein, aber bevor wir loszogen, habe ich mir Sorgen darüber gemacht, wie sehr den anderen Dorfbewohnern tatsächlich an dem Planeten gelegen sein mag. Bisher haben die PTBs ja nur uns befragt. Aber ich habe mir schon gedacht, daß sie irgendwann auch die anderen ausfragen würden. Die Kleinen hier haben sich verteilt, als wir fortgegangen sind, und jetzt sind sie wieder da.« Sie legte den Kopf schräg, als sie auf die Katzen hinunterblickte. »Wieso sind die eigentlich so unruhig?« wollte Buneka wissen. Clodagh nahm die Zügel ihres Lockenfells kürzer, bis das Tier stehenblieb. Sofort stürzten die Katzen sich auf sie, strichen um die Beine des Ponys, das dieses Gewusel mit leisem Erstaunen zur Kenntnis nahm, ohne auch nur mit einem Muskel zu zucken. »Ihr werdet noch ganz schlammig«, teilte Clodagh den Katzen mit, denn das Pony war nun von den Fesseln bis zum Bauch mit petaybeeanischem Matsch bedeckt. Stöhnend hob sie ein Bein über den Sattel und saß ab, ohne darauf zu achten, daß ihre Röcke dabei genauso schmutzig wurden wie die Läufe des Ponys. »Na, was ist hier los?« fragte sie, die Hände in die Hüften gestemmt, und ließ den Blick, von einem der zu ihr aufsehenden Katzengesichter zum anderen schweifen. Clodaghs besondere Beziehung zu ihren Katzen war jedermann in Kilcoole bekannt – und sei es nur ahnungsweise. Daher umritten die anderen Dorfbewohner – bis auf Sean, Bunny und Yana – höflich die Katzen und taten so, als würden sie nichts weiter bemerken als eine Frau, die von außerordentlich anhänglichen Haustieren begrüßt wurde. Auch Frank Metaxos, bei dessen Genesungsprozeß die Katzen eine ziemlich ungewöhnliche Rolle gespielt hatten, blieb zurück, zusammen mit seinem Sohn Diego. Die beiden standen im Begriff, nach Kilcoole zurückzukehren, und zwar ohne Franks Partner Steve Margolies, der als Angestellter der Firma in der Raumbasis zurückgeblieben war. Die Katzen und Clodagh warteten ab, bis der Rest der Dorfbewohner an ihnen vorbeigezogen war, als sie schließlich mit dem Maulen und Zwitschern begannen. Normalerweise hätten die Katzen sich hingesetzt, um eine augenscheinlich sehr lange Geschichte loszuwerden, doch der Matsch beleidigte ihre Würde. So strichen sie nur um Clodagh herum, die zuckenden Ruten steil aufgerichtet, während sie ihre Mitteilungen machten. Die Menschen warteten geduldig. Die Funken eines ungewohnten Zorns flackerten plötzlich in Clodaghs Augen, als sie zu Sean und Yana aufblickte. »Jetzt haben wir jede Menge Ärger.« Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Sieht so aus, als wollten einige Dörfer, daß die Intergal herunterkommt und mit dem Bergbau beginnt, solange noch etwas zu holen ist und sie Aussicht auf bezahlte Arbeit haben.« Sean runzelte die Stirn, und Yana klopfte das Herz bis zum Hals. »Wie viele Dissidenten?« fragte sie. »Vier Dörfer, soweit die Katzen wissen.« Clodaghs normalerweise fröhliches Gesicht wirkte düster. »Welche?« »Totpferd, McGees Paß, Wellington und Savoy.«, Sean stieß ein säuerliches Gelächter hervor. »Das paßt.« Clodagh hatte Dörfer genannt, die in den vergangenen Jahren den Kontakt mit den anderen gemieden hatten. Er seufzte schwer. »Haben die Katzen vielleicht auch irgendwelche guten Neuigkeiten?« »Ja, aber die schlechte Nachricht lautet, daß sie keine Gelegenheit gehabt haben, alle zu überprüfen. Wenn vier Dörfer uns in den Rücken fallen…« »Wie viele mögen wohl noch unzufrieden sein und nach einer Möglichkeit suchen, sich bei der Intergal lieb Kind zu machen, um etwas Wampum zu erhalten?« fragte Sean. »Und wie lautet die gute Nachricht?« setzte Yana mit einem Seufzen nach. »Na ja, wir haben mindestens zwölf Gemeinden, die uns rückhaltlos unterstützen. Tanana Bay, Shannonmouth, New Barrow, das Dorf Zwillingsmond, Little Dublin, Oslobucht, Harrisons Fjord, Kabul, Bogota, Machu Picchu, Kathmandu und Sierra Padre.« »Also die meisten der nächstgelegenen«, meinte Sinead. Sie wirkte ermutigt. »Ja, und das sind auch jene«, fuhr Clodagh mit pessimistischer Miene fort, »die am meisten petaybeeanische Jungen und Mädchen im Dienst der Firma stehen haben.« »Weshalb macht dir das Sorgen?« wollte Yana wissen. »Mögen die denn in dieser Sache nicht auf der Seite ihrer Verwandten stehen?« »Vielleicht, sofern man von ihnen nicht verlangt, auf ihre Leute Druck auszuüben, damit sie tun, was die Firma von ihnen fordert«, antwortete Clodagh düster. »Ach so!« Yana seufzte. Die Abteilung für schmutzige Tricks. Farringer Ball und Matthew Luzon würden alle Kräfte in die Waagschale werfen, um sicherzustellen, daß ihre Interpretation der Dinge auch die offizielle wurde. »Könnte es nicht sein, daß du dich irrst, was die Mannschaften aus Petaybee angeht? Die Piloten, besonders O’Shay und Greene, haben uns während der Vulkanausbruchkrise doch auch unterstützt.«, Clodagh zuckte die breiten Schultern. »Irren kann man sich immer, in allem. Klar, ich glaube auch, daß viele von ihnen sich uns und dem Planeten verbunden fühlen werden. Aber die sind schon sehr lange«, sie wies mit einem Nicken an den Himmel, »da draußen. Sie haben sich an dieselben Dinge gewöhnt, wie du sie kennst. Manche haben wahrscheinlich das Kochen verlernt, genau wie du, und wie man jagt. Wie man sich selbst versorgt. Und wenn die Firma zu der Entscheidung gelangen sollte, sie und uns dadurch zu bestrafen, daß sie diese Leute hier ablädt und uns die Unterstützung entzieht… na ja, das wäre ziemlich hart für sie, ziemlich hart für uns und auch ziemlich hart für den Planeten. Ich schätze, wenn sämtliche Leute, die inzwischen für die Intergal arbeiten, wieder hierher zurückgeschickt werden, würde das die Bevölkerungszahl verdreifachen. Mindestens! Ich weiß auch nicht, wie viele Kinder diese Leute schon haben. Natürlich würden wir sie willkommen heißen, und der Planet würde sie gewiß versorgen, aber das könnte ihn genauso schwer belasten wie jede andere Art von Raubbau.« Frank räusperte sich. »Das Ökosystem in diesen Eisgebieten ist ziemlich empfindlich.« »Das weißt du, und ich weiß es auch, aber die Intergal scheint diese Tatsache nicht zu registrieren«, warf Sean ein. »Sind diese Dörfer denn hundertprozentig dafür, den Ausverkauf zu betreiben?« fragte Yana. Clodagh lächelte geduldig. »Na ja, Yana. Du bist doch ein paarmal durchs Universum gereist. Wann hast du jemals eine Gruppe von Menschen getroffen, die hundertprozentig für irgend etwas waren?« »Ganz genau. Demnach gibt es dort vermutlich einige Leute, die nicht für den Bergbau sind. Und in den anderen Dörfern wiederum einige, die das wünschen. Ich denke, wir müssen in Erfahrung bringen, wer auf unserer Seite steht und wer nicht. Dann können wir vielleicht versuchen, einige Leute zu überzeugen. Ich dachte, daß jeder dieselbe Beziehung zu dem Planeten hat wie ihr.« Clodagh schüttelte den Kopf. »Das will nicht jeder. Aber wer die Spielregeln beherzigt und sich klug verhält, überlebt besser. So kommt man über die Runden, auch wenn man den Planeten nicht, anerkennt und solange man sich von. bestimmten, besonderen Orten fernhält. Die anderen, die Törichten, leben nicht so gut oder so lange. Die würden viel lieber die Bosse erfreuen als Kräfte, die sie gar nicht verstehen wollen. Glücklicherweise kann man hier aber nicht viel anderes tun, als sich in Aufmerksamkeit zu üben, und so dringt der Planet zu den meisten Leuten durch.« »Hört sich jedenfalls schwer danach an, als müßten wir einen kleinen Werbefeldzug starten«, meinte Yana. »Wir werden Lieder komponieren, damit sie es begreifen«, entschied Clodagh. »Ist ja cool«, meinte Diego. »Genau wie die alten Radikalensongs auf der Erde. Ach, wenn ich doch nur eine Gitarre hätte.« »Was ist das denn?« fragte Bunny. »Ein Musikinstrument. Die alten Protestsänger hatten so eins. Es gibt ein paar wunderbare Bergarbeiterlieder in den Speicherbänken, dort, wo ich… wo ich herkomme.« »Dann wünschte ich mir, daß du eine Gitarre hättest«, pflichtete Bunny ihm loyal bei. »Ich mir ebenfalls. Nur daß ich sie gar nicht spielen kann.« »Ich wette, das könntest du lernen«, antwortete Bunny. »Du machst bessere Lieder als manche Leute, die schon ihr ganzes Leben komponiert haben.« »Bunka«, warf Clodagh in scharfem Tonfall ein. »Jedes Lied ist gut, wenn es ausdrückt, was der Sänger damit sagen will.« »Natürlich, Clodagh, das weiß ich doch. Aber Diegos Lieder klingen besser. Er drückt das, was er meint, auf eine Weise aus, daß alle es verstehen können. Mehr wollte ich gar nicht sagen.« Clodagh lächelte. Es war ein etwas anzügliches Lächeln, während sie zugleich Sean und Yana zuzwinkerte. »Dann ist ja alles in Ordnung, Alannah. Er macht ja auch wirklich gute Lieder.« Auf dem kurzen Weg zu Clodaghs Haus besprachen sie die Feinheiten dessen, was man den Dörflern mitteilen mußte, sowohl den Dissidenten als auch jenen, auf deren Unterstützung sich der Planet Clodaghs Meinung nach verlassen konnte., Als sie schließlich Clodaghs Unterkunft erreichten, schien das ganze Dorf sie draußen auf dem Hof zu erwarten. Yana stellte beim Blick auf den Hof fest, daß ihr der Schnee fehlte. Das Dorf sah wie eine Müllhalde aus. Die Wintervorräte lagen halbaufgetaut im Schnee; die vergrabenen Abfälle und die geborgenen Gerätschaften verteilten sich über den Hof – alle Gegenstände, die während des langen Winters verlorengegangen waren. Ganz zu schweigen von den Ausscheidungen der vielen Hunde und Katzen und Pferde des Dorfs. Und die Häuserdächer wirkten ohne Schnee fleckig und abgenutzt, trotz ihrer fröhlichen Pastellfarben. Darüber hinaus waren alles und jeder von Matsch bedeckt und schmutzig. Doch schien dieses trostlose Äußere nicht den geringsten Einfluß darauf zu haben, wie sehr sie einander schätzten, und so drängten sich die Dörfler so fröhlich wie immer in Clodaghs winziges Haus und begannen darüber zu diskutieren, was geschehen solle. »Wir brauchen noch mal ein Latchkay«, sagte Eamon Intiak. »Wir sollten eins veranstalten und die Leute, die das Problem nicht begriffen haben, dazu einladen. Dann würde Petaybee zu ihnen sprechen, und sie würden es verstehen.« »Man sollte eigentlich annehmen, daß sie es schon längst kapiert hätten«, meinte Sinead Shongili. »Ach, Sinead«, warf ihre Partnerin Aisling in ruhigem Tonfall ein, »manche Leute brauchen eben länger für so etwas. Ihre Alltagssorgen drängen sich vor, und so begreifen sie nicht, was hier los ist.« »Wir werden alle nach Hause gehen, darüber nachdenken und Lieder schaffen«, sagte Clodagh. »Und dann gehen wir zu den anderen Leuten und reden mit ihnen. Sinead, du und Sean und die Maloneys, ihr müßt am weitesten fort, weil ihr am besten reisen könnt. Ich würde Frank gern mit euch schicken, Sinead, und der junge Diego soll mit Liam gehen. Yana, geh du mit Sean. Diejenigen von euch, die die Gesellschaft kennen, sollten mit jenen Nachbarn reden, die sich von Versprechungen ködern lassen.« Mit diesen Worten begann der Aufbruch. Auch Yana war bereit zu gehen. Sie fühlte sich müde. Sie wollte sich ein wenig ausruhen und essen und in den Heißwasserquellen baden und mit Sean Liebe, machen, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Doch Sean legte ihr die Hand auf den Arm, hielt sie zurück und verweilte noch einen Augenblick. »Was ist mit dem anderen Pol, Clodagh?« fragte Sean sanft. »Wie sollen wir Kontakt zu den Leuten dort aufnehmen?« »Könntest du das nicht tun, Sean?« fragte Clodagh. »Klar könnte ich das. Aber es wäre eine lange Reise, egal wie schnell ich wäre. Die PTB würde mit Sicherheit schon früher dort sein und herausfinden, was wir wissen müssen. Außerdem möchte ich Yanaba in diesem Zustand nur ungern längere Zeit allein lassen.« »Was soll das heißen, Sean?« fragte Yana. »Ich bin doch gerade mal im ersten Monat. Ich wüßte überhaupt nicht, daß ich schwanger bin, wenn du es nicht über deine Hotline zu dem Planeten festgestellt hättest. Andere Frauen haben auch schon Kinder bekommen…« »Aber nicht«, warf Sean streng ein, »meine Kinder. Wenn meine Schwester und Rourke doch nur diesen Gang hätten kartographieren können!« »Sinead?« »Nein. Unsere Schwester Aoifa und ihr Mann, Bunnys Eltern. Sie wollten einige von den inneren Verbindungsgängen des Planeten kartographieren. Bunny war damals gerade achtzehn Monate alt…« »Und diese Aoifa war schon wieder schwanger!« sagte Clodagh liebevoll. »Sie waren noch nicht lange verheiratet, aber dieses Mädchen war eine echte Shongili. Nicht einmal die Schwangerschaft hat sie aufhalten können, und dabei war sie so neugierig wie eine der Katzen!« »Was ist passiert?« wollte Yana wissen. Sean zuckte die Schultern. »Wir wissen es nicht.« »Könntest du es denn nicht herausbekommen? Von dem Planeten, meine ich?« »Du hast doch Kontakt zu ihm hergestellt. Die Informationen, die man auf diese Weise erhält, sind meistens nicht sehr genau. Und auch Aoifa und Mala verfolgten die Theorie, daß einige der besonderen Orte, die hier, an der Oberfläche, von einem Fluß und See zum, nächsten führen, dasselbe auch unterseeisch tun. Ich habe nach ihnen gesucht, aber nicht die kleinste Spur gefunden.« Clodagh stieß ein Geräusch aus, das sich wie »Yäh« anhörte. Dann sagte sie: »Sie müssen ziemlich weit gekommen sein. Viel weiter als jemand zuvor.« »Zu Fuß, mit dem Schlitten oder Pferd, vielleicht«, sagte Yana. »Aber es gibt schließlich noch andere Reisemöglichkeiten und andere Wege, um in den Süden zu gelangen, sofern der Planet nicht allzu viel gegen diese Einmischung hat. Wenn ich Kontakt zu Hauptmann Greene oder diesem Burschen O’Shay aufnehmen könnte, könnten die uns vielleicht mitnehmen.« »Ach, du verwöhnte moderne Frau«, sagte Sean und küßte sie auf die Wange. »Ich liebe dich.« »Ich weiß zwar, daß das nicht die Art der Petaybeeaner ist, Shongili, aber solange du keinen Mutantenvogel auftreibst, der es mit euren Katzen und Pferden aufnehmen kann, werden wir uns wohl mit den armseligen mechanischen Mitteln behelfen müssen, die ich zusammenkratzen kann.« »Ich arbeite daran, Yana. Ganz bestimmt. Aber bis dahin hast du vollkommen recht. Wir werden das Gerät der Firma benutzen müssen, um gegen ihre Herren zu kämpfen. Na schön, was hältst du davon, wenn wir uns zur heißen Quelle begeben und darüber nachdenken, was wir diesen Leuten sagen sollen, nachdem du die Piloten erst mal um den Finger gewickelt und dazu gebracht hast, uns zu transportieren?« »Ich dachte schon, du würdest nie mehr fragen«, erwiderte sie. Es war klein; es war warm und feucht, und sein Pelz war absonderlich zerfetzt: feine, flatternde Fäden und verfilzte Stücke, mit einem ungekämmten Fell verwoben. Es roch nach Nahrung, aber nicht von der besten Sorte. Es ergoß ein Rinnsal aus schmackhaftem Blut in das Wasser, das es umspülte. Das Wasser war das Problem. Um den kleinen Happen zu erreichen, würde man sich naßmachen müssen. Natürlich könnte man, auch vom Vorsprung aus mit den Krallen hinuntergreifen, und wenn man sich dann streckte – streckte – streckte – ah! Man erwischte ein Stück von dem Pelz und konnte es dorthin zerren, wo man das ganze Gewicht mit den Kieferladen abstützen konnte und – ah – es bewegte sich! Also war es noch am Leben. Gut. Frisches Fleisch war das beste. Man würde also nur ein wenig am Hals zubeißen müssen, unter der Mähne. Dann war es ein sauberes Töten; dann war das Fleisch frisch. Es würde nicht nötig sein, den Schutz des Vorsprungs zu verlassen. Man beugte sich vor, auf die Brust gestützt, und streckte den Hals, um das Stück in Empfang zu nehmen, das sich gerade mit der Krallenspitze hob, und – es glitt ab! Es versuchte zu fliehen! Die andere Tatze schoß vor, die Krallen ausgefahren, um der ersten zu helfen, und man beugte sich instinktiv vor, brachte die Kiefer ins Spiel, um die Krallen zu unterstützen, und… und… das Ding glitt schon wieder davon, bevor man auch nur einen Zahn hineinschlagen konnte. Der Pelz entriß sich den Krallen, als die andere Tatze den Happen gerade an einer zweiten Stelle packte. Der Happen stieß ein entsetztes Quieken aus, fast wie ein Hase. Man wollte ihn gerade mit einem Tatzenhieb zum Schweigen bringen und sich zum tödlichen Biß vorbeugen… Da erbebte die Höhle, brach der Vorsprung unter dem Ungleichgewicht ab, und so taumelte man Schwanz über Schnauze in den Teich, ließ den Happen fahren, der ein weiteres Mal losjaulte. Unbehaglich und peinlich, ausgerechnet vor der Speise so indisponiert zu sein. Man kletterte aus dem Teich und schüttelte sich das Wasser aus dem Fell und begann, sich vor der Mahlzeit zu putzen. Der Happen bewegte sich mit wilden, heftigen Bewegungen auf den Eingang der Höhle zu. Man tapste unbekümmert hinterher. Die Höhle, der Boden, die Welt erbebten erneut. Man wußte, wenn man gemeint war. Man setzte sich auf die Hinterläufe und schaute zu. Auch der Happen blieb plötzlich stehen. »Hast du… das getan?« fragte er. »Bist… du das G-Große Ungeheuer?« Man gähnte., Die Welt erbebte wieder und man begriff, daß man die Sprache des Happen verstanden hatte. Man verstand zudem, daß es ein Jungtier war, ein weibliches. Man stapfte weiter, während das Jungtier zurückwatete. Seine Umrisse zeichneten sich vor der Abenddämmerung draußen vor der Höhlenöffnung ab. Von den Tatzen troff das Wasser, wenn es auch warm war. Man schleckte ein wenig. Das Jungtier blieb stehen. »Du bist gar nicht so furchtbar«, sagte es. »Du bist ja nichts weiter als eine große Katze.« Man hatte seine Würde zu wahren. Man ließ den schönen und zartgemusterten Schweif peitschen und knurrte. Und unter den durchtränkten Tatzen knurrte die Welt zurück und buckelte, schickte eine Woge aus Wasser vorbei, um einen zu überschwemmen, daß man auf den Rücken geworfen wurde und einen tieferen Zug von der Quelle tat, als einem lieb war, die Tatzen über den Kopf gestreckt, und zurückgetrieben wurde, fort von dem Jungtier. Als man wieder auf den Beinen war, bemerkte man, daß das Jungtier – es schien nicht länger angebracht, es, nein, sie als einen Happen zu betrachten – die Gelegenheit nicht zur Flucht genutzt hatte. Tatsächlich stieg es selbst gerade aus dem Wasser, spuckend und schnaubend. Ah, gut. Es hatte nicht gesehen, welchem Mißgeschick man ausgeliefert worden war. Die Würde blieb gewahrt. »Ich habe keine Angst vor dir«, erklärte das Jungtier, als man näherkam – die Krallen eingefahren, die Zähne sicher von den Lippen umschlossen, das Knurren kaum mehr als ein höfliches, fragendes Rumpeln in der Kehle. Ein bloßes Schnurren, um genau zu sein, berichtigte man sich, während das Gewässer perlte und drohend schmatzte. »Ich kannte mal eine Katze. Eine kleine. Da war ich noch ein Baby. Der Heulende Hirte hat meine Mutter gezwungen, meine Katze zu töten. Er… jedenfalls hat er es versucht. Er… sie wollte nicht, und… und…« Nun geschah etwas Merkwürdiges mit dem Jungtier. Es fing wieder an, Flüssigkeit zu verlieren, eine Salzlake, ein salziges Rinnsal, das in das frische Schwefelwasser strömte, das es bedeckte. »Meine Mutter war nicht wie Ascencion. Sie war tapfer., Der Hirte bestrafte sie für ihren Ungehorsam, deshalb sind sie und meine Katze fortgegangen. Und deshalb… deshalb habe ich auch keine Angst vor dir. Du lebst dort, wo das große Ungeheuer leben soll, und wo es auf die dummen, abergläubischen Geister der Herde wartet, daß sie von ewiger Bösartigkeit umnachtet werden, während unsere Leiber von den großen inneren Feuern gepeinigt werden. Aber du bist nicht das große Ungeheuer – das kannst du gar nicht sein. Bist du… bist du vielleicht der Wächter der Unterwelt?« Man war so angewidert von ihrer Ignoranz und albernen Fehleinschätzung dessen, was man war und der Beziehung, die man zum Heim hatte, daß man vor Schreck eine Antwort hervorstieß: Ich bin Coaxtl! Das genügt. »Ich bin Ziegendung, Coaxtl«, antwortete das Jungtier mit der Schläue seiner Rasse. Sie wußte, das erkannte man, um die Macht der Namen. Sie wußte nun, welchen Namen man hatte, und man selbst wußte den ihren. Da konnte sie keine Speise mehr sein. Doch das eigene Heim hatte ohnehin bereits verfügt, daß sie nicht als Speise dienen konnte, denn ebendies hatte das Heim mit dem Rumpeln des Bodens und dem Steigen des Wassers gemeint. Man wußte, was sich gehörte und was sich nicht gehörte. Also gut, Ziegendung, sagte man. Ziegendung ist keine Speise, aber zweifellos ißt sie selbst. Deshalb müssen wir das Heim verlassen und auf die Jagd gehen., 3. KAPITEL Da der Fluß nun ungehindert strömte und kurz davor stand, über seine Ufer zu treten, hatten die Einwohner von Kilcoole mehr Wasser zur Verfügung, als sie gewohnt waren. Normalerweise blieb der Kanal in seinen tieferen Schichten selbst im Hochsommer noch gefroren. Nun hatte der Planet zusätzliche Kanäle mit neuen, wärmeren Zuströmen geschnitten, und es gab ausreichend Trinkwasser sowie Wasser zum Waschen und zum Baden, sofern einem kleinere Sedimentrückstände nichts ausmachten. Da inzwischen soviel Wasser in der Nähe war, die heißen Quellen aber ein ganzes Stück von der Stadt entfernt sprudelten, waren Yana und Sean dort völlig ungestört. Während sie durch das Strauchwerk ritten, das bereits sein Laub abzuwerfen begonnen hatte, musterte Yana lächelnd die Wildblüten, die aus den weniger überschwemmten Stellen hervorlugten, wo sie den ganzen Winter über vom Schnee bedeckt gewesen waren. Die heißen Quellen waren auch der Ort, wo Sean und Yana sich zum ersten Mal nähergekommen waren, wo sie eine erste Ahnung von seiner anderen Natur bekommen hatte, und wo sie das erste Mal Liebe machten. Unter dem Wasserfall befand sich die geheime unterirdische Höhle, wo sich die Dorfbewohner während des nächtlichen Latchkay- Gesangs versammelten, um direkt mit dem Planeten zu kommunizieren. Schon der bloße Anblick des dahingleitenden silbrigen Gewässers, das in der wärmer gewordenen Luft nur noch schwache Dampfschwaden abgab, und das liebliche, wabernde Rauschen der Fälle und Ströme erschienen Yana wie ein wahres Wunder. In diesem wärmeren Wetter brauchten sie sich nicht so hastig umzuziehen wie sonst. So nahmen sie sich Zeit – Zeit, einander zu entkleiden, Zeit für einen Kuß und ein Streicheln, bevor sie sich ins Wasser begaben – er mit einem kraftvollen Sprung, sie, indem sie sich, langsam vom Ufer hineingleiten ließ, spürte, wie das Wasser an ihr aufstieg, bis sie sich vorbeugte und dem Naß gestattete, ihren Kopf zu bedecken. Das Wasser ließ den Lärm der Vögel und Insekten verstummen, der kleinen raschelnden Tiere im Gestrüpp, das Stampfen und Malmen der Lockenfelle. Es erfüllte Yana mit seiner eigenen Musik. Da wand sich eine feuchte, warme, seidige Gestalt um sie und stieß an die Oberfläche. Die silbrigen Augen glitzerten sie herausfordernd an, mit einer Sinnlichkeit, die so vollkommen ›Sean‹ war, daß nicht einmal seine Robbengestalt sie schrecken konnte. »Ach, du!« sagte sie lachend und bespritzte ihn mit Wasser. »Verwandelst du dich eigentlich ganz von selbst, sobald du ins Wasser kommst?« Die Sean-Robbe gab ein zufriedenes, kehliges Murmeln von sich, weiterhin um Yanas Körper streifend, und die pelzige Berührung löste die ungewöhnlichsten Empfindungen bei ihr aus. »Ach, mehr hast du dazu nicht zu sagen?« Dann stieß Yana ein belustigtes Kichern aus. »Du kannst nicht reden, als Robbe?« Sie gluckste und schob ihm mit beiden Händen eine Wasser woge entgegen, um ihn zu überfluten. Er tauchte unter. Nicht, um dem Wasser auszuweichen, sondern um sie dort zu streicheln, wo sie am wenigsten damit gerechnet hätte. Erschrocken versuchte sie, sich von ihm zu lösen, doch seine sehnige Gestalt machte jede Flucht unmöglich. Er war der Schwimmer, sie nur die Stramplerin. Dann aber packte sie ihn fest an einer Falte seiner seidigen feuchten Haut und zog ihn an die Oberfläche. »Hör mal, Kumpel, mir ist es gleich, welche Gestalt du annimmst. Es ist mir sogar gleich, was du in dieser Gestalt tust…« Die Sean- Robbe gab ein zufriedenes Schnurren von sich, und die silbrigen Augen tänzelten, als Yana fortfuhr: »Aber hör mir gut zu! Ich will den Mann haben, nicht die Robbe. Und wir müssen nun mal über ein paar Dinge reden. Wenn du also in dieser Gestalt nicht sprechen kannst… vor allem, wenn du nicht… na ja, du weißt genau, was ich meine… dann nimm wieder die alte Gestalt an.«, Die Robbe stupste sie. Es geschah auf eine recht liebenswürdige, entschuldigende Weise. Sie schob Yana den Fällen entgegen und schwamm dann mit sehnigen Bewegungen neben ihr her, als Yana selbst zu schwimmen begann. Sie fühlte sich äußerst ungeschickt neben ihm, folgte aber der Richtung, in die er sie gewiesen hatte. Es war offenkundig, daß er sich sehr zügelte, um auf gleicher Höhe mit ihr zu bleiben. Er war so anmutig, so machtvoll, und die Berührung seines feinen Pelzes auf ihrer Haut war geradezu unverschämt sinnlich. Yana machte kräftigere Züge. Sie konnte es gar nicht erwarten, die Abgeschiedenheit der Stelle hinter den Wasserfällen zu erreichen; sie konnte es nicht erwarten, ihn wieder in einer brauchbaren Gestalt vor sich zu haben. Er tauchte unter den Fällen durch, und sie folgte ihm, mied das Herabprasseln des Wassers. Gemeinsam stießen sie wieder an die Oberfläche, doch dann schien es, als würde die Sean-Robbe das Ufer emporquellen, um schließlich voller Stolz ihre veränderte Gestalt zur Schau zu stellen, damit Yana sie gebührend bewundern konnte. Von oben bis unten. Dann schüttelte sie sich, und die Transformation setzte ein, die Yana schon einmal mitangesehen hatte, in der Nähe der Höhle, wo sie sich vor dem Vulkan in Sicherheit gebracht hatten. »Jetzt verstehe ich, Sean«, murmelte sie mit einem leisen, bedauernden Unterton. »Du wolltest, daß ich dich mal in deiner ganzen Pracht zu sehen bekomme. Und du bist auch eine einzige Pracht«, fügte sie hinzu und lächelte, als der Mann hervortrat. Sie ging zu ihm, streichelte nunmehr Haut anstelle von Pelz, und schlang sich um ihn, wie er es als Robbe mit ihr im Wasser getan hatte. »Laß mir einen Augenblick Zeit, um mich anzupassen, ja?« sagte er lachend und preßte sie fest gegen seine nasse Haut. Yana schniefte. »Was mich betrifft, bist du schon mehr als genug angepaßt.« Sie ließ einen vielsagenden Blick nach unten schweifen. »Sicher, aber eine Robbe macht anders Liebe als ein Mensch«, murmelte er ihr ins Ohr und knabberte dabei an ihrem Hals. »Wie anders? Ich bin dabei!« Es war tatsächlich sehr anders, von heftigster Sinnlichkeit und außerordentlich erfüllend. Und es dauerte doch um einiges länger, als, sie erwartet hatte, nach allem, was sie über ›tierisches‹ Verhalten wußte. Aber ihr Wissen hatte nicht annähernd genügt, um sie auf all die liebevollen Möglichkeiten vorzubereiten, die Seans Doppelnatur zu bieten hatte, als Tier wie als Mensch, während er dagegen alles darüber wußte und äußerst geschickt darin war, seine Möglichkeiten zu nutzen, um sie zu nie erlebten Höhepunkten der Freude zu treiben. Sie brauchte wirklich sehr lange, bis ihr Puls sich wieder beruhigt hatte. Dann kam sie – wenn auch etwas unwillig – auf den zweiten Grund zurück, aus dem sie sich vom Dorf abgesondert hatten. »Wir müssen auch unseren Teil beitragen, weißt du«, sagte sie und blickte ihm dabei ins Gesicht. Sie waren immer noch ineinander verschlungen; es war beruhigend und behaglich, und sie mochte die Stimmung nicht zerstören. Andererseits trieb sie ihr Pflichtbewußtsein wieder zum ›aktiven Dienst‹, nun, da die Freizeit- und Entspannungsphase vorüber war. »Wozu?« fragte er und lächelte sie lüstern an. »Schon gut, schon gut«, fügte er hinzu und wehrte die Faust ab, mit der sie nach ihm stieß. Seine Hände waren sehr kräftig. »Als erstes müssen wir feststellen, wo Johnny Greene und Rick O’Shay sind. Ob Fiske junior es ihnen heimzahlt, daß sie dafür gesorgt haben, daß ihr alle an den besonderen Ort gelangen konntet?« Sie seufzte. »Genau das müssen wir feststellen. Wenn Adak mich das Funkgerät benutzen läßt, kann ich sie wahrscheinlich aufspüren, wo immer sie sind – höchstwahrscheinlich haben sie jetzt Bodendienst auf dem Raumhafen.« »Johnny und Rick glauben beide an Petaybee«, sagte Sean, laut vor sich hingrübelnd, während seine Finger beiläufig einen Marsch auf Yanas Schulter klopften, »sonst hätten sie uns damals nicht geholfen. Vielleicht helfen sie uns deshalb ja noch einmal. Wie schwierig wäre es für sie, mit ein oder zwei Hubschraubern durchzubrennen?« Yana zuckte die Schultern. »Die beiden schienen mir recht gewitzt zu sein. Hubschrauberpiloten sind meistens ziemlich pfiffig. Wenn sie irgendwo genügend Treibstoff verstecken könnten, wären sie in der Lage, uns zu helfen und dennoch den Eindruck zu erwecken, daß sie Dienst auf der Basis tun. Gleich, wie man es rechnet, Marmion und, dieser kahlköpfige Lämmergeier werden doch noch ein paar Tage brauchen, um ihre Eskorte zu organisieren. Deshalb haben wir noch etwas Zeit. Es sei denn, Torkel legt seine Hand auf sämtliche Raumhafenaktivitäten.« »Wie sollte er, bei dem Durcheinander, in dem der Laden sich befindet? Sie müssen immer noch Leute aus Erdrutschgebieten und anderen Notlagen retten und bergen.« »Guter Einwand, Sean. Je früher wir uns also mit Johnny und Rick in Verbindung setzen, um so besser. Dann können wir unsere eigene Expedition in Ruhe vorbereiten, noch bevor Torkel überhaupt erfährt, daß wir so etwas vorhaben.« »Fiske junior macht auf mich nicht den Eindruck, als wäre er ein nachlässiger Mann. Könnte es nicht sein, daß er schon daran gedacht hat und dementsprechend alle nichtgenehrnigten Hubschrauberflüge untersagt?« Yana überlegte. »Falls er es getan haben sollte, hat Whittaker immer noch mehr Einfluß als der Junior. Ich weiß, daß Whittaker uns helfen wird, so gut er nur kann.« Dann mußte sie lachen, ihre Brust wölbte sich gegen die seine. »Junior! Nenn Torkel bloß nicht so, wenn er dabei ist, Sean!« Seans Augen funkelten bösartig. »Nicht? Wo wir doch jeden Vorteil nutzen müssen, den wir haben?« Sein Gesichtsausdruck, ihre gegenwärtige Körperhaltung und das Wort ›Vorteil‹ gemahnten Yana daran, daß sie die Sitzung wohl besser auf der Stelle beenden sollte, sonst würden sie noch sehr viel mehr Zeit verlieren. Sie hoffte, daß es nicht ohnehin schon zu spät war. Aber es war… beachtenswert gewesen. Mit resoluter Geste stieß sie ihn von sich und stand auf. »Als erstes müssen wir zu Adak, Sean«, sagte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Jawohl, gnädige Frau, nein, gnädige Frau. Wie Sie meinen, gnädige Frau.«, Sie warf ihm ihren strengsten Blick zu, als ihr plötzlich klar wurde, daß diese Erholungspause möglicherweise für sehr lange Zeit die letzte sein würde. So ließ sie sich wieder von ihm umarmen. »Ach, Sean Shongili Robbe, ich liebe dich ja so!« »Und ich dich, alanna«, sagte er sanft und küßte sie. Doch es war nur ein Kuß von größter Zärtlichkeit und ohne Leidenschaft. Auch er fügte sich in das Unausweichliche. »Zusammen können wir eine Menge auf die Beine stellen«, bot sie ihm zum Ausgleich an. »Das haben wir schon«, sagte er lachend. Doch seine Hand auf ihrem Rücken führte sie entschlossen aus ihrem abgeschiedenen Zufluchtsort. Coaxtl mußte ein sehr schlimmes Tier sein, begriff Ziegendung, sonst hätte er eine so schlimme Person wie sie doch aufgefressen, statt seine Kleintierbeute mit ihr zu teilen, als wäre sie eine Welpe. Vielleicht war Coaxtl auch gar nicht männlichen Geschlechts. Ziegendung linste unauffällig hinüber. Schwer zu sagen. Die Katze war extrem pelzig, mit zusätzlichen Büscheln an den Ohren und einer dicken, buschigen Rute. Ihr Fell war dicht und sah sehr weich aus; es war weiß, mit unterschiedlich großen Flecken, abhängig von dem jeweiligen Muskel, den sie bedeckten: lange, rechteckige am Hals; große, kreisförmige auf den Schultern; kleinere, regelmäßigere am Unterbauch, in allen Schattierungen von Grau bis Schwarz und vom langen, dichten Fellhaar unscharf und verwaschen. Auch die Tatzen waren extrem groß, obwohl das Gesicht lieblich aussah, mit großen goldenen Augen und einer schwarzen Nase, dazu ein Mund mit schwarzen Lippen, der unentwegt zu lächeln schien. Ziegendung fand, daß die Katze durchaus weiblich aussah, und dicht unter dem Bauch war nichts zu erkennen, was sie vom Gegenteil überzeugt hätte. So glaubte sie denn auch den Grund dafür zu kennen, weshalb die Katze sie nicht aufgefressen hatte: Es lag daran, daß Coaxtl eine Mutterkatze war. Wahrscheinlich hatte sie ihre Jungen verloren und war nun bereit,, Ziegendung an ihrer Statt anzunehmen. Das mußte es sein. Jedenfalls zeigte die Katze keinerlei Skrupel, andere Beutetiere zu töten. Mit einem mächtigen Satz und einer wischenden Bewegung des muskulösen Vorderlaufs, einem geschickten Einhaken der Pranke und einem einzigen, sparsamen Biß erlegte die Katze ein Beutetier nach dem anderen – drei Schneegänse und ein Hasenrudel. Nachdem sie das letzte Beutetier erlegt hatte, nahm Coaxtl Platz, die Hasen zu ihren Füßen, und blickte Ziegendung erwartungsvoll an, was diese als Einladung auffaßte, an dem Schmaus teilzunehmen. »Ich… ich kann kein rohes Fleisch essen«, sagte sie. So hungrig sie auch war, glaubte sie doch tatsächlich, daß sie nicht dazu in der Lage sein würde. Das Leben in der Herde war zwar hart; dennoch pflegten sie ihre Vögel erst zu rupfen und ihre Beutetiere zu häuten, bevor sie diese zubereiteten. Ziegendung wandte den Blick zurück, ließ ihn über die ehrfurchtgebietende Weite der Bergweiden schweifen und dachte an den Heulenden Hirten und die Tracht Prügel, die ihr sicher war, wenn man sie wiederfand – und was noch schlimmer war: daran, daß sie die Frau des Hirten werden mußte, und an alles, was das bedeutete. »Außerdem möchte ich nicht ungeschützt im Freien bleiben. Können wir nicht in die Höhle zurückkehren?« Coaxtl musterte sie eindringlich mit goldenen Augen. Ziegendung wünschte sich, daß die Katze wieder zu ihr sprechen mochte – nicht, daß das Tier die Worte tatsächlich laut ausgesprochen hätte. Doch Ziegendung hörte die Worte in ihrem Geist, und wenn die große Katze sich auch nur sehr knapp mit ihr unterhielt, war es doch immerhin eine Unterhaltung, noch dazu ohne Zorn und Vorwürfe, was Ziegendung viel häufiger zu hören bekam. Es war nicht so, daß die Katze sie regelrecht mochte; aber bisher schien Coaxtl ihr auch nicht mit Abneigung zu begegnen. Natürlich sagten die Leute in der Herde nie, daß sie Ziegendung nicht mochten. Im Gegenteil, sie behaupteten allesamt, daß sie sie liebten und sie nur deswegen auf ihre Fehler aufmerksam machten, damit sie nicht dem Bösen in der Welt zum Opfer fiele; doch zeigten die Leute ständig durch Wort und Tat, wie sehr sie davon überzeugt waren, daß es völlig hoffnungslos war, Ziegendung retten zu wollen., Ziegendung folgte der Katze das angeschwollene Flußbett entlang zur Höhle zurück. Der Schnee war noch keineswegs gänzlich geschmolzen, und plötzlich war die Luft kühler geworden, hatte sich der leise Nieselregen, der den ganzen Tag über niedergegangen war, erst in Eis und dann in Schnee verwandelt. Nur notdürftig in ihre nassen Lumpen gekleidet, begann Ziegendung so heftig zu zittern, daß ihr sogar das Gehen schwerfiel. In der Höhle war es wärmer, vielleicht wegen des Teichs in ihrer Mitte. Doch war es nicht warm genug, um den bei Anbruch der Nacht einsetzenden Temperatursturz auszugleichen. Sie brauchte unbedingt ein Feuer, um nicht zu erfrieren, und um ihre Nahrung zuzubereiten. Coaxtl packte die Hasen mit dem Maul und sprang behend auf den Felsvorsprung, von wo sie auf Ziegendung hinunterblickte, die am Boden bis zu den Knien im Wasser des Teichs stand. Die erlegten Vögel hielt sie in der Hand. Coaxtl hatte einem der Hasen bereits den Kopf abgerissen. Ziegendung blickte sie herausfordernd an. »Tja, es tut mir leid, Katze, aber in diesem Gewässer ist für mich kein Platz zum Stehen und auch keiner, um die Vögel zu essen, selbst wenn ich sie ungekocht, mitsamt ihrem Gefieder, aufessen wollte. Ich weiß ja, daß ich verwöhnt und selbstsüchtig bin, aber mir ist auch kalt, und ich glaube, wenn ich nicht bald ein Feuer zum Wärmen habe, werde ich sterben.« Diesmal sprach die Katze. Junges – ich werde dich nicht Ziegendung nennen, solange du in meiner Obhut bist. Das ist kein guter Name für ein Jungtier. Namen sind wichtig, und da ich deinen nun kenne, darf ich dich nicht auffressen. Aber wer würde auch schon jemanden auffressen wollen, der Ziegendung heißt? Du mußt dir einen anderen Namen wählen. Ich schweife ab… Junges, es scheint dir schwerzufallen zu entscheiden, was dich umbringen wird. Draußen auf der Ebene hast du dich vor der Offenheit gefürchtet. Hier drin sagst du, daß du frierst und das Wasser nicht erträgst. Wahrscheinlich ist es ein Stück tiefer in der Höhle wärmer. Du könntest sie erkunden gehen, wie es jedes Jungtier, tun würde, und mich in Frieden lassen, um die Mahlzeit zu verspeisen, die ich großzügigerweise beschafft habe. »Ein Stück weiter befindet sich das Große Ungeheuer«, erwiderte Ziegendung, doch dann wurde ihr klar, daß ihr das nichts ausmachte. »Na schön, dann gehe ich eben allein. Aber dort hinten ist es dunkel, und es kann sein, daß ich mich verirre und dann doch noch sterbe.« Du bist von unguter Zerbrechlichkeit, knurrte die Katze und ließ den Vogel liegen, um mit einem Platschen vom Felsvorsprung zu springen. Folge mir. Ich werde diese endlosen Beschwerden nicht länger dulden. Ziegendung wußte, daß sie abscheulich war, daß sie jammerte und schwächlich erschien, doch wenigstens hatte Coaxtl sie deswegen noch nicht geschlagen, nicht einmal mit eingezogenen Krallen, und sie hatte sie auch nicht gebissen oder gekratzt. Das war immerhin besser als der Hirte und seine Herde. Die Katze tapste schnell voran, und eine Zeitlang konnte Ziegendung dem Geräusch der großen Tatzen im Teich folgen; doch dann berührten ihre eigenen, nunmehr nackten Füße trockenen Boden, und das Tapsen der Katze wurde zu einem bloßen Wispern, das schon bald verstummte. »Coaxtl! Wo bist du?« rief sie. »Ich kann dich nicht sehen.« Kannst du nicht? Dummes Kind. Ich bin genau vor dir, direkt vor deinen Augen. »Ja, aber ich kann im Dunkeln nichts sehen.« DAS kannst du nicht? fragte die Katze, und ihre Stimme in Ziegendungs Kopf klang aufrichtig überrascht. Kein Fell, ein dämlicher Name, keine Krallen, armselige Zähne, die nicht einmal Federn durchbeißen können, und dann auch noch halb blind. Du wärst besser dran, wenn ich dich aufgefressen hätte, Kind. »Ich… ich schätze schon«, antwortete Ziegendung. »Ich weiß ja, daß ich furchtbar lästig bin, aber wenn du mir schon helfen willst und nicht weißt, wie dumm und schwach ich in Wirklichkeit bin, dann dachte ich mir, daß du auch nicht wissen könntest, wie…« Sie verstummte. Die Worte fehlten ihr. Sie begriff, daß sie keinerlei Hilfe, verdient hatte, daß sie dankbar jede Winzigkeit hätte annehmen sollen, die die Katze ihr anbot, und daß ihr Geschwätz doch nur bewies, daß alles, was die Herde über sie sagte, völlig richtig gewesen war. Andererseits hatte sie aber doch wirklich nicht die geringste Ahnung, was sie mit den Vögeln anfangen sollte, und der Hirte hatte sich immer sehr deutlich über die Gefährlichkeit des Verzehrs von ungekochtem Fleisch geäußert. Dann kann man nichts machen, sagte die Katze. Halt meinen Schwanz fest, aber reiß nicht daran, sonst könnte es sein, daß ich dich umbringe, ohne auch nur darüber nachzudenken. Ziegendung packte mit ausgestreckten Händen danach und spürte, wie ein Luftzug sie zweimal umstrich, bis ihre Handfläche schließlich einen festen, pelzigen Ausläufer erfühlte, weniger wie der anschmiegsame Schweif eines kleineren Tiers, sondern eher wie ein Kinderarm in einem Pelzmantel. Sanft ergriff sie das Ende, und die Katze schritt in langsamerem Tempo weiter. Ziegendung hatte keine Vorstellung, wie lange sie so weitergingen. Sie stiegen in die Tiefe hinab, durch gewundene Gänge, erklommen eine Steigung, nur um wieder auf dem unebenen Boden hinunterzusteigen. Mehrere Male stieß sie gegen große Säulen, von denen manche vom Boden in die Höhe wuchsen, während andere tief genug von der Decke herabreichten, um mit dem Kopf dagegenzuprallen. Dann rief sie der Katze zu, sie solle stehenbleiben. Um nicht an dem Schwanz zu reißen, mußte Ziegendung ihn fahren lassen. Das sind die Zähne der Höhle, erklärte die Katze. Sie erheben sich vom Boden oder beißen von der Decke aus zu. Glücklicherweise beißt die Höhle nur sehr, sehr langsam. Im Vergleich zu ihr sind wir blitzschnell. Deshalb werden wir nie aufgefressen. »Nie?« Jedenfalls ist es nie passiert, solange ich lebe, und auch nicht, als meine Mutter oder meine Muttersmutter lebten, und auch nicht in ihrer Erinnerung. »Dann weißt du also, daß die Höhle auch ein großes Ungeheuer ist?«, Die Höhle und alle anderen Höhlen sind das Heim, erwiderte die Katze schlicht. Und das Heim hat, was man braucht. Wenn wir nur danach suchen, werden wir hier auch für dich finden, was du brauchst. Und sehr viel später nahm Coaxtl plötzlich Platz und sagte: Ah. Als die Katze sich setzte, mußte Ziegendung ihren Schweif loslassen. Doch das spielte keine Rolle mehr, denn hier erstrahlte die Höhle in einem eigenen Licht und besaß auch eine gewisse Wärme, die aus den Ritzen in der Wand hervorzudringen schien. Ziegendung wich ein Stück zurück, und die Katze drehte sich um und starrte sie mit Augen an, so leuchtend und heiß wie Flammen und so funkelnd wie die Edelsteine, mit denen der Hirte sich an seinem Geburtstag schmückte. Coaxtl sah äußerst wild aus, sagte aber nur: Wenn du diese Vögel nach diesem langen Marsch doch nicht kochen willst, dann gib sie mir, ich werde sie schon essen. »Nein, ich werde sie selbst essen, nachdem ich sie gekocht habe«, widersprach Ziegendung, drückte die Gänse an sich und wandte sich dabei ein Stück von der Katze ab, damit sie ihr die Vögel nicht mit einem einzigen Schlag ihrer großen Tatze entreißen konnte. Trotz ihrer Befürchtungen, trotz ihrer Gewißheit, daß sie sich im Bauch des Großen Ungeheuers befand, fühlte Ziegendung sich weniger ängstlich als zuvor. Hier drinnen war es warm, und es leuchtete in sanftem Glühen. Ein kleiner runder Fleck mitten auf dem Boden entfachte sich kurz zu einer richtigen Flamme. Vielleicht würde der Fleck sich unter ihren Füßen öffnen und sie verschlingen. Vielleicht war es nur eine Falle. Doch er erinnerte Ziegendung an die Kochfeuer wie auch daran, daß sie großen Hunger hatte. Und müde war sie auch. Sie schritt darauf zu, nahm Platz und begann die Gänse zu rupfen, während Coaxtl neben dem Feuer einschlief und ihr Atem zufrieden grollte. Auf den Steinen neben dem Feuer nahm Ziegendung den, Vogel aus. Als sie ins Feuer hineinblickte, konnte sie keine Kohlen darin erkennen, ja, das Loch schien nicht einmal einen Boden zu haben, und das machte ihr Angst; doch neben dem Feuer war das Gestein sehr warm, und der Vogel garte langsam, so daß sie Stück für Stück die, äußeren Schichten verzehren konnte. Dann kroch sie zu der Katze hinüber und schlief ein, träumte die süßesten Träume, an die sie sich je hatte erinnern können: von ihrer Mutter und von der Stimme ihres Vaters und von einer anderen Höhle. Sie träumte und träumte vor sich hin, fürchtete sich fast vor dem Erwachen, bis ihr die weiche, pelzige Stütze neben ihr entzogen wurde und sie mit einem Ruck auf den Höhlenboden plumpste. Als Ziegendung sich aufsetzte, sah sie, daß auch Coaxtl aufrecht dasaß und den Stimmen lauschte, die aus den Höhlenwänden hervorzudringen schienen., 4. Kapitel Der Schlamm ist ein großer Gleichmacher, und obwohl das Militär Gehsteige aus Plastik ausgelegt hatte, damit die Leute durch die schlammigen Straßen von Kilcoole kamen, bot er doch auch eine gewisse Tarnung. Mit Matsch und Schlamm bespritzte Leute sahen einander ziemlich ähnlich, ob es Einheimische oder Fremde waren. Schlamm verschmiert wie alle anderen, hatten Yana und Sean keine Schwierigkeiten, bis zu Adaks Schnokelschuppen zu gelangen. Seine wertvollen Fahrzeuge standen nun oben auf dem Speicher, draußen vor dem Gebäude parkte ein uralter Allradantrieb. »Das ist kein offizielles Fahrzeug«, sagte Yana, während sie die Seiten nach Markierungen des Raumhafens absuchte. »Es gehört tatsächlich Adak. Ich mag gar nicht daran denken, wann man diese Fahrzeuge zuletzt hergestellt hat, oder was Adak dafür hergeben mußte, um eins davon zu bekommen. Aber irgendwie schafft er es immerhin, das gute Stück am Laufen zu halten«, sagte Sean, die Hand wieder auf Yanas Rücken gelegt, während er sie schnell auf die Mechanikerluke in der Haupttür zuschob. Er hielt nur kurz inne, um zu horchen. Die einzige Stimme, die sie vernehmen konnten, war Adaks, und so krochen sie ins Innere, wo es nach Öl und Treibstoff und Schlamm roch. Adak drehte sich an seinem Funkgerät um. Als er sah, wer ihn besuchte, hellte sich seine Miene auf. »Jawohl, habe die Nachricht empfangen. Nur noch rein dienstliche Meldungen. Alles klar! Ende.« Er nahm den Hörer ab und rieb sich übertrieben heftig das Ohr. »Junge, Junge, dieser Mann kann vielleicht labern. Släinte, Sean, Yana. Schön, euch zu sehen. Was kann ich für euch tun?« Er musterte das Funkgerät und rümpfte ausdrucksstark die Nase., »Danke, Adak«, sagte Sean und grinste, als er die unausgesprochene Bereitschaft des Mannes erkannte, sich eben jenen Befehlen zu widersetzen, die er gerade erst bekommen hatte. »Wir müssen Verbindung mit Johnny Greene und Rick O’Shay aufnehmen.« »Die sind gerade in der Luft«, erwiderte Adak. »Spezialauftrag.« Sean und Yana wechselten Blicke. »Auf welcher Frequenz sind sie?« wollte Yana wissen. Adaks Grinsen wurde breiter. »Zufälligerweise habe ich gerade erst von ihnen gehört.« Er rückte den Kopfhörer wieder zurecht und ließ den Finger über der Tastatur schweben. »Wen soll ich zuerst ranholen? Johnny oder Rick?« »Ich würde sagen, Rick«, erwiderte Sean. Yana und Sean wechselten sich damit ab, Rick zu informieren, was sie vorhatten, was sie von ihm wollten und wie sie glaubten, es erreichen zu können. Rick hatte schon genügend Gerüchte aufgeschnappt, um fast ebensoviel zu wissen wie sie selbst – und er war bereit, ihnen zu helfen. »Im Augenblick versuche ich herauszufinden, welche Straßen befahrbar sind. Könnte sein, daß eine Menge Material bewegt werden muß«, sagte er, und seine Stimme nahm einen düsteren Tonfall an. »Johnny ist auch in der Luft und erledigt im Westen dieselbe Aufgabe. Wir mußten beide der Intergal die Treue schwören, bis in den Tod, sozusagen; aber Scheiße, wir haben dabei ständig die Finger gekreuzt.« Ricks Stimme nahm wieder ihren vertrauten Singsang an. »Laßt mich Johnny einweihen, und zwar dort, wo uns niemand belauschen kann.« »Dann hat man Sie also überwacht?« fragte Yana ohne allzu großes Erstaunen. »Nicht auf dieser Frequenz. Und an der Wanze, die sie in die Kabine eingebaut haben, habe ich ein bißchen herumgebastelt. Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen. Als Adak reinkam, habe ich ein Kabel gelöst. Sollte es allerdings bald wieder anschließen. Aber ich gebe Adak Bescheid, sobald Johnny und ich getan haben,, was erforderlich ist. Vielleicht könnte ich heute nacht sogar noch einen kleinen Abstecher machen, sofern ich es gedeichselt bekomme.« »Du bist doch der größte Deichsler des ganzen Raumhafens«, meinte Adak anerkennend. »Sollen wir einen Code benutzen?« »Was Besseres. Wenn ich mich melde, fragst du mich, wie hoch der Schlamm auf dem Weg nach Tanana Bay steht. Wenn ich sage, knöcheltief, heißt das, daß Yana und Sean sich dort mit mir treffen können, wo Onkel Seamus sein Wasser holt. Wenn ich knietief sage, stecke ich in Schwierigkeiten. Ich melde mich, sobald ich kann. Ende.« »Herrje«, sagte Adak und rieb sich nachdenklich das Ohr, »knöcheltief und kniehoch ist es doch überall. Und damit meine ich nicht nur den Schlamm.« »Sieh zu, daß du keinen Ärger bekommst, Adak. Wir brauchen dich am Funk«, meine Sean. Adak lachte. »Diese neuen Burschen haben nicht die leiseste Ahnung, was diese Funkausrüstung angeht. Die mag keine grobe Behandlung; dann produziert sie nur noch Statik und Gepfeife.« Er grinste. »Nur der alte Adak kann damit umgehen.« »Wir gehen jetzt zu Clodagh, falls du uns brauchen solltest«, sagte Sean und führte Yana zum Hinterausgang hinüber. Auf den weniger frequentierten Wegen war inzwischen tatsächlich ein widerstandsfähiger Grasbewuchs auszumachen, als sie hinter den Häusern dahinschritten und einen Umweg durch den Wald nahmen, um nicht an der neuen Behausung der Intergal vorbei zu müssen. Auf halber Strecke zu Clodaghs Hütte wurden sie von einer der Katzen begrüßt, und ihr Tonfall deutete an, daß sie sich über die Begegnung freute. »Keine Schwierigkeiten?« fragte Yana, unsicher, ob sie das Verhalten des Tieres richtig gedeutet hatte. Sean grinste, hielt den Blick aber auf den Boden gerichtet, als sie vom Schlamm über Schnee auf neues Gras gelangten. »Nein, keine Schwierigkeiten. Nur…« Er runzelte die Stirn. »Es könnte sein, daß wir die längste Anbauperiode aller Zeiten vor uns, haben, und das müssen wir durchplanen, um es auszunutzen! Es könnte sich als lebenswichtig erweisen.« Yana kroch ein Schauer über den Rücken, und sie konnte dem Begriff ›lebenswichtig‹ nur zustimmen. Sie wußte, daß Sean und die anderen sich Sorgen darüber machten, was geschehen könnte, falls die Intergal den Planeten völlig von sämtlichen Nachschublinien abschneiden sollte. Zwar war Petaybee weitgehend autark, doch war die Anbausaison meistens zu kurz, um ausreichend Obst und Gemüse und andere Pflanzenprodukte hervorzubringen. Eine längere Anbauperiode würde weniger Abhängigkeit vom Außennachschub bedeuten – und das könnte sich in der Tat noch als lebenswichtig erweisen. Gegen Anbruch der Dunkelheit erreichten sie Clodaghs Haus. Sie vernahmen Gepolter und Hämmern und das Geräusch von Brettern, die umhergeschoben wurden. Yana mußte grinsen: Irgend jemand war damit beschäftigt, die dringend erforderlichen Ausbesserungsarbeiten an einem Gebäude vorzunehmen, das im Winter zwar vom Eis zusammengehalten worden war, nun aber, bei wärmerem Wetter, Nägel und Mörtel dazu brauchte. Im ganzen Dorf waren die Leute mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt. Yana schob den Kopf um jene Hausecke, wo der Lärm herkam, um Clodagh mitzuteilen, daß sie da waren. Doch als Sean die Tür öffnete, sah Yana, daß Clodagh im Haus war. Ein Blick ins Innere machte klar, daß die große Frau denselben Gedankengang gehabt hatte wie Sean. Die Küche war noch stärker als sonst von Wohlgerüchen erfüllt, doch stammten sie diesmal nicht von dem Topf, der normalerweise brodelnd auf dem Herd stand. Statt dessen stiegen sie von Aufwärmtabletts empor, die mit Steinen über dem Herd aufgeschichtet waren. Auf den Tabletts standen winzige Tontiegel mit grünen Schößlingen, während der Küchentisch ebenfalls von kleinen Tiegeln, Erde, Pflanzenbüscheln und Samenhaufen übersät war. »Släinte, Sean, Yana«, sagte Clodagh und blickte vom Boden auf, wo sie mit gespreizten Beinen saß, die Röcke über ihre mondförmigen fahlweißen Knie und die bunten, handgestrickten Strümpfe gezogen. Zwischen Knien und Füßen, wie auch überall um sie herum, standen, weitere Tiegel, Samenpäckchen und Tabletts mit Eintopfkompost. Mehrere Mitglieder des orangenmarmeladenfarbigen Katzenbataillons inspizierten mit kritischem Schnüffeln all diese interessanten Gegenstände, die nur einer Bearbeitung harrten. Zwei der Katzen hatten sich auf einem der Eintopftabletts schlafen gelegt, das etwas zu klein für ihre Körpermassen war; so ergossen sie sich wie riesige, fremdartige Pflanzenformen über seine Ränder. »Habt ihr euch Lieder ausgedacht?« »Eine ganze Reihe«, meinte Sean und musterte Yana dabei lüstern. »Allerdings nichts, was man öffentlich darbieten könnte«, ergänzte Yana. »Und du?« »Ein paar. Aber ansonsten bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, diese Pflanzen fertig zu machen, um sie in die anderen Dörfer zu schicken. Und wenn wir die Leute schon umherstreifen lassen, können sie auch gleich sehen, ob sie nicht von anderen Stellen Samen und Schößlinge mitbringen können.« »Zumal uns wohl eine ungewöhnlich lange Anbauperiode zur Verfügung stehen dürfte«, sagte Sean. »Wahrscheinlich«, erwiderte Clodagh. »Es sei denn, Petaybee überlegt es sich noch anders.« Bunny schob den Kopf durch die Tür. »Släinte, Onkel Sean. Släinte, Yana und Clodagh. Ach, du liebe Katze, Clodagh! Bestellt man seinen Garten nicht draußen im Freien?« »Nur ein Teil davon ist für meinen Garten gedacht, Bunka. Der Rest sind Geschenke. Aber du kannst mir mal dabei helfen, hier aufzuräumen, sonst ist nachher kein Stehplatz mehr zu haben, wenn der Rest des Dorfes kommt.« »In Ordnung. Komm schon, Diego«, sagte das Mädchen. Schüchtern trat Diego ein. In einer Hand hielt er ein Stück Holz, in der anderen ein Messer. Er klappte das Messer zusammen und steckte es weg; dann stellte er den Schläger neben die Tür. »Ist ja sehr aufmerksam von dir, dein eigenes Feuerholz mitzubringen, Junge, aber im Augenblick brauche ich nicht soviel davon.«, »Das soll seine Gitarre werden«, erklärte Bunny. »Ach, wirklich?« fragte Clodagh, und ihre Augen weiteten sich ein Stück weit in leiser Neugier. »Nur ein Teil davon«, warf Diego ein. Er war sechzehn Jahre alt, ein schüchterner, dunkler Junge mit schönen Augen und einer störrischen Welle im schwarzen Haar, die ihm immer wieder in die Stirn fiel. Als er nach Petaybee gekommen war, hatte er noch mit den Hautproblemen zu kämpfen gehabt, wie sie für junge Heranwachsende typisch waren, doch die trockene Luft des Planeten hatte dem ein Ende gesetzt. Seine Stimme war in einen wohltönenden Bariton übergegangen, und er entwickelte sich immer schneller zu einem prachtvollen Burschen. »Dieses Holz… Onkel Seamus sagte, es sei gut abgelagerte Zeder… ist wahrscheinlich prima für den Hals. Für den Resonanzkörper habe ich zwar noch nichts gefunden, aber…« »Der Planet wird schon irgend etwas beibringen, mach dir da mal keine Sorgen«, teilte Clodagh ihm mit und gewährte ihm jenes breite, sonnige Lächeln, das, zusammen mit dem Wasserfall aus welligem schwarzem Haar, welches sie im Augenblick mit einem Band zusammengerafft hatte, ihre zweite große Schönheit darstellte. »Und jetzt komm, hilf mir mal.« Eine weitere vertraute Stimme ertönte an der Tür. »Ich kann einiges davon für dich nach draußen tragen, Clodagh, wenn du bereit bist.« Yana drehte sich um und erblickte den berühmten Dr. Whittaker Fiske – seines Zeichens Hauptanteilseigner und Mitglied im Aufsichtsrat der Firma –, in dem schweren Webgürtel, den er um die dunkelgraue Drillichhose trug, einen Hammer gesteckt. Clodaghs Knochenwebermedizin und die modernen Behandlungsmöglichkeiten, die der Firmenelite zur Verfügung standen, hatten seinen gebrochenen Arm und das verletzte Bein in den vergangenen sechs Wochen weitgehend auskuriert: Jetzt trug er nur noch einen leichten Stützverband und zog kaum noch merklich beim Gehen das Bein nach. Er trug einen marineblauen Strickpullover, dazu eine passende leichte Stoffmütze, die er ziemlich keck schräg über ein Ohr geschoben hatte. Er stand mit in die Hüften gestemmten Händen da, grinste breit und sah außerordentlich selbstzufrieden aus., »Dr. Fiske!« rief Yana. »Wie sind Sie denn hierhergekommen?« »Zu Fuß«, erwiderte er. »Großartige Therapie, Spaziergänge. Als ich auf der Erde stationiert war, bin ich die ganze Zeit durch die Berge um Trondheim gewandert. Macht einen um Jahre jünger.« Sean warf Fiske einen schrägen Blick zu, obwohl das Lächeln dabei nicht von seinem Gesicht wich. Er kannte den Doktor gut genug, um zu wissen, daß er auf Petaybees Seite stand. Trotzdem war und blieb Whit Fiske ein Außenstehender im Dienst der Gegner. Wenn Clodagh keine Probleme mit ihm hatte, würde wohl niemand Einwände erheben, überlegte sich Yana. Doch nun lag eine Spannung in der Luft, die es vorher nicht gegeben hatte. »Dr. Fiske«, sagte Yana und nahm ihn am Arm, »ich wußte gar nicht, daß Sie so handwerklich gesinnt sind.« »Wir Weltenbauer sind eben vielseitige Menschen«, antwortete er. »Es gibt da eine Kleinigkeit, die ich gern unter vier Augen mit Ihnen besprechen möchte«, sagte sie. »Gut, nach der Versammlung also«, antwortete er zu ihrem Erstaunen. Er tätschelte ihr die Hand und löste ihren Arm. »Clodagh hat mich ausdrücklich gebeten zu bleiben. Wenn ich das Firmeninteresse an einer optimalen Ausnutzung Petaybees vertreten und zugleich die Integrität des Planeten und die Autonomie seiner Bewohner gewährleisten soll, muß ich schließlich auf allen Gebieten mit den Einheimischen zusammenarbeiten.« »Na ja, wenn Clodagh es für eine gute Idee hält und Sie keinen Interessenkonflikt befürchten…«, meinte Yana. »Dann darf ich Sie wohl auch fragen, ob Sie uns dabei behilflich sein könnten, genügend Treibstoff zu beschaffen, um mit einem Flugzeug zum Südpol zu fliegen?« »Ja, das könnte ich wohl«, erwiderte er und zwinkerte ihr über die Schulter gewandt zu, als er vortrat, um Clodagh beim Aufstehen behilflich zu sein. Bunny und Diego schafften sämtliche Keimlinge beiseite. Bald trafen immer mehr Leute ein und drängten sich in Clodaghs winzigem Haus – zwanzig Personen auf einer Fläche, die höchstens einem, Dutzend bequem Platz geboten hätte. Clodagh erklärte den Dorfbewohnern, was die Katzen ihr mitgeteilt hatten. Niemand äußerte Zweifel daran; denn sie waren an Clodagh gewöhnt und wußten, daß ihre Informationen in der Regel zuverlässig waren, gleich, woher sie kamen. »Und deshalb«, schloß sie, »meine ich, daß es gut wäre, wenn wir in größeren Gruppen damit anfingen. Dann können die Leute sich trennen, sobald sie die Dörfer erreicht haben, die wir aufsuchen wollen. Und nachdem wir erledigt haben, was wir möchten, können wir uns auf dem Rückweg wieder zusammenschließen. Auf diese Weise bekommen wir es sofort mit, falls sich jemand verirrt hat oder in Schwierigkeiten geraten ist.« Die Menge pflichtete ihr bei. Sinead sagte: »Aisling und ich werden Shannonmouth übernehmen. Wir wollten dort sowieso noch ein paar Sachen eintauschen.« »Ich kann gar nicht glauben, daß McGees Paß gegen uns sein soll«, warf Bunny ein. »Weißt du noch, wie dankbar die Connellys dir waren, Clodagh, als du ihnen die Medizin für ihre Hunde geschickt hast? Als die Hunde wieder gesund waren, sind sie die ganze Strecke hierhergefahren, nur um dir diesen Parka zu bringen, den Iva Connelly für dich gemacht hatte.« »Das liegt aber schon ein paar Jahre zurück, Bunka, lange bevor sie den neuen Shanachie bekommen haben«, wandte Clodagh ein. »Das sollte doch an ihrer Dankbarkeit nichts ändern! Ich verspreche, daß ich dem neuen Shanachie mit großem Respekt begegnen werde, wie ich es auch mit dem alten McConachie getan habe. Ich möchte, daß Diego die Connellys kennenlernt, und außerdem sind sie mit Sicherheit am besten dazu in der Lage, um uns mitzuteilen, was in McGees Paß los ist.« Clodagh überlegte. Sie sorgte sich bei dem Gedanken, die jungen Leute ausgerechnet an einen problematischen Ort zu schicken, bis Sean einwarf: »Yana und ich werden sie begleiten und von dort nach Harrisons Fjord weiterziehen. Ich würde es gern sehen, wenn Bunka dann dort wieder zu uns stoßen könnte, damit sie sich mal die Stelle anschaut, wo Aoifa und Mala ihre Expedition begonnen haben.«, »Gut.« Nun wurden die anderen Aufträge verteilt. Liam Maloney erklärte sich bereit, nach Totpferd zu gehen; dann trug er ein neues Lied über den Tod seiner Mutter vor, der sie während ihrer Befragung durch die Intergal fern vom Planeten ereilt hatte. Hund-Frau, Schnee-Frau, Lauf-mit-dem-Wind-Frau Mutter-Frau mit den dampfenden Quellen Die durch ihre Adern strömen Frau, der die Vögel sangen Frau, deren Stimme sanft von Schnee war Frau so warm, so warm Daß kein Eis sie erfrieren konnte Keine Lawine ihren Atem stocken ließ. Ihre Füße standen still, als sie den Boden verließen. Ihr Atem erstarb in geschlossenen Räumen Wo der Wind niemals weht Sie erfror in heißen Räumen Ihr dampfendes Blut perlte davon Ihre Stimme verstummte, wo keine Vögel sangen Nur das Krächzen der Aas-Krähen. Aijijai. Während der Rezitation hatte Liam die geschlossenen Augen unentwegt geradeaus gehalten, wobei sein Mund die Worte mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Verbitterung umhüllte. Als er sein Lied beendet hatte und die Augen wieder öffnete, waren sie erfüllt von Schmerz und Herausforderung, und als er den Mund schloß, spannte sich die Kieferlade. Diego sah zu Boden und wandte den Blick ab, und Yana bemerkte, wie Bunny seine Hand mit einem festen, tröstenden Griff hielt. Einer von Lavelles letzten Führeraufträgen, dessentwegen sie auch später verhört werden sollte, worüber sie dann starb, hatte darin bestanden, Diego und seinen Vater aus einem Schneesturm zu bergen. Diego war Lavelle während der Reise sehr nahegekommen, und ihr unnötiger Tod ging ihm fast ebensosehr zu Herzen wie ihrer eigenen Familie. »Das ist ein schönes Lied, Liam«, sagte Eamon Intiak. »Ich arbeite selbst gerade an einem, das ich allen vorsingen möchte. Es geht, darum, wie die Firmenleute uns der Erde entrissen und auf Petaybee absetzten, weil sie unsere Ländereien auf der Erde haben wollten, und wie sie uns jetzt auch noch Petaybee wegnehmen möchten.« »Einen Augenblick mal, mein Sohn«, warf Whit Fiske ein und wich für einen Augenblick von Clodaghs Seite. Er hatte das Kinn etwas störrisch vorgereckt, obwohl sein Tonfall unverändert jovial blieb. »Ich denke, die meisten von Ihnen kennen mich und wissen, daß ich sehr viel Sympathie für Ihre Sache hege. Aber die Firma ist ja nun einmal so etwas wie eine Tatsache des Lebens. Da sollten wir die Angelegenheit nicht noch schlimmer machen, als sie ohnehin schon ist.« »Das sagen Sie doch nur, weil Ihr Opa uns hierher gebracht hat!« versetzte Liam vorwurfsvoll. »Nein, mein Sohn, das tue ich nicht.« »Ich bin nicht Ihr Sohn. Ihre Leute haben meine Mutter umgebracht.« »Sein Name ist Liam Maloney, Whit«, erläuterte Clodagh. »Danke, Clodagh. Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen, Herr Maloney. Teilweise haben Sie ja recht. Mein Großvater war mitverantwortlich dafür, daß Petaybee für die Terranisierung ausgesucht wurde, wie auch für den Prozeß, der den Planeten besiedelungsfähig machte. Aber er hat hier niemanden abgesetzt. Die Umsiedelung wurde von einem anderen Zweig der Firma durchgeführt. Und es stimmt auch, daß gewisse andere Motive dahinter standen: Damals stellten diese irdischen Ländereien hochwertige Immobilien dar. Doch es gab auch noch weitere Gründe dafür. Bevor Sie nun alle zu dem Schluß gelangen, daß die Firma für alle Ihre Schwierigkeiten verantwortlich ist, denke ich, daß es angezeigt wäre, sich ein bißchen mit den historischen Tatsachen zu befassen. Hat hier überhaupt jemand eine Ahnung, wovon ich gerade rede?« Yana stöhnte. Fiske war soeben – zweifellos in allerbester Absicht – voll ins Fettnäpfchen getreten. Für einen an sich recht diplomatischen Menschen hatte er sich einen außerordentlich ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht. Die Menschen hier pflegten weder zu lesen noch zu, schreiben, und ihre Lieder handelten von persönlichen Erlebnissen oder von den Bedingungen, unter denen sie auf dem Planeten überlebten: Yana hatte jedenfalls noch nie irgendwelche historischen Balladen zu hören bekommen. Sollte sie das Wort ergreifen und Fiske ein wenig Unterstützung zuteil werden lassen? Würde das überhaupt etwas nützen? Sie war schließlich auch keine Einheimische Petaybees. »Meinen Sie damit den Vereinigungskrieg, Whit?« fragte Sean. »Unter anderem«, antwortete Whittaker und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert er plötzlich war. »Die Hälfte der Vorfahren der heutigen Einwohner von Kilcoole wären nämlich gestorben, wenn wir die Parteien nicht nach Petaybee evakuiert hätten, die daran beteiligt waren – und zwar jene, die gerade einen Tritt in den Hintern bekamen.« »Und was wurde aus jenen, die den Tritt verabreichten?« fragte Bunny, den Kopf in unausgesprochener Mißbilligung schräggestellt. »Die kamen auf andere besiedelbare Planeten. Wir hatten nicht vor, Erzfeinde zusammen siedeln zu lassen«, antwortete Whittaker mit einem Schnauben. »Die Firma war zu der Überzeugung gekommen, daß sich ihre Energien schon auf nützliche Ziele richten würden, wenn wir erst einmal diese sich bekriegenden Parteien voneinander getrennt hätten, um ihnen reichlich Land zur Verfügung zu stellen, und zwar ohne irgendwelche Erzfeinde in der Nachbarschaft. Man glaubte, daß genug von dem ursprünglichen Material übrig sein mußte, um die guten Merkmale weiterzureichen, die man zugunsten des Kampfs unterdrückt hatte. Und danach könnte die Firma die vielumkämpften und ziemlich zerschundenen Immobilien auf der Erde wiederherstellen. Am: Schluß würde für jeden mehr dabei herausspringen, als wenn man nichts unternommen hätte. Und was das Wichtigste war – alle würden mit dem Leben davonkommen.« »Ach, das rührt mich ja zu Tränen, liebstes Doktorchen, wenn ich mir anhöre, wie gut Sie zu uns armen Wilden gewesen sind.« Adak überraschte Yana mit seinem polternden Sarkasmus. »Ich versuche überhaupt nicht, die Firma oder ihre Entscheidungen zu beschönigen«, antwortete Whittaker. »Aber es gab durchaus einige altruistische Gründe wie auch ethnische Erwägungen, als diese, Entscheidungen getroffen wurden. Die Firmenmitarbeiter sind nicht alle schlecht, ebensowenig wie alle Leute auf diesem Planeten gut sind. Die Soziologen, die das Populationsgleichgewicht entwarfen, versuchten nicht nur, Leute, die an kaltes Klima gewöhnt waren, mit Leuten zu mischen, auf die das nicht zutraf; sie wollten zugleich Gruppen zusammenstellen, die miteinander klarkämen und Gemeinsamkeiten aufwiesen, die eine effizientere Anpassung an die Umweltbedingungen ermöglichen würden.« »Ja, und wir haben uns ja auch ganz ordentlich gemausert, Whit, danke«, sagte Clodagh und zupfte an seinem Webgürtel, damit er an ihre Seite zurückkehrte, womit sie ihre Billigung dessen kundtat, was er beigesteuert hatte. »Es war gut, einmal darauf hinzuweisen. Jetzt aber müssen wir uns zusammenschließen und der Firma mitteilen, was wir wollen, was Petaybee will. Immer nur die Schuld auf andere zu schieben, wird dem Planeten nichts nützen. Wir müssen die Leute dazu bekommen, uns zu verstehen, und das kann man nicht, solange man herumbrüllt. Also, Eamon, was hältst du davon, nach New Barrow zu gehen und dort mit den Leuten zu sprechen?« Als schließlich jeder seine Aufgabe erhalten hatte, verteilte Clodagh die Keimlinge. Sie sollten als Geste des guten Willens im Hinblick auf die erhoffte lange Anbauperiode verteilt werden. Manche Leute nutzten die Reise als Vorwand, um Verwandte zu besuchen, die sie schon eine Weile nicht gesehen hatten; und als alles schließlich gegangen war, hatte das Unterfangen etwas von seinem bitteren Unterton verloren und war statt dessen von einer fast ferienhaften Aufbruchstimmung geprägt. 5. KAPITEL Merde alors! dachte Marmion de Revers Algemeine, als sie aus der Sichtluke des Shuttles auf eine zur Hälfte mit Schlamm, zur Hälfte mit schmutzigem Eis und Schnee bedeckte kahle Landschaft blickte. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Ach, herrje, ich habe es Whit ja nun einmal versprochen! Niemand, der noch ganz bei Trost, war, konnte sich wünschen, daß Mad Matt eine einsame Entscheidung traf, egal, worum es ging, und wenn es sich nur darum handelte, ob man irgendwelchen Leuten die Nutzung der sanitären Einrichtungen gestattete. Der Vizevorsitzende Matthew Luzon hatte mit seinem ›Programm‹ wahrscheinlich schon begonnen, argwöhnte Marmion, als er darauf bestand, daß der Pilot des Shuttles einen Umweg zu der Stelle flog, an der sich ›dieser sogenannte‹ Vulkan befand, den der Planet – ja, was denn? – hatte sprießen lassen? Nein, das richtige Wort war ›Ausbruch‹. Außerdem sollten sie noch das Gebiet überfliegen, wo Whittaker Fiske und alle anderen von diesem soi-disant ›intelligenten‹ Planeten um ihren Verstand gebracht worden waren. Die Vorstellung eines Planeten mit einem eigenen Verstand gefiel Marmion irgendwie. Es gab ja so wenig Leute, die sich einer derartigen Entschlußkraft hätten rühmen dürfen. Vor allen Dingen Mad Matt. Sie tadelte sich selbst für den Gebrauch dieses Ausdrucks: Was, wenn sie sich einmal taktlos verplappern und ihn offen verwenden sollte? Manchmal wartete ihre Zunge nicht länger die Entscheidung der Vernunftzensur ab. Ob das ein Zeichen dafür war, daß sie endlich vernünftig wurde? Oder daß sie im Begriff stand, das bißchen Vernunft auch noch einzubüßen, das sie noch besaß? Nein, an ihrer Vernunft war nicht der leiseste Abstrich zu machen, sagte sie sich entschieden, als sie sich an den Finanzcoup erinnerte, den sie gerade mit drei angeblich maroden technischen Betrieben abgezogen hatte. Jeder davon verfügte über etwas, das die anderen brauchten, und keiner der drei Geschäftsführer war so vernünftig gewesen, im Zuge einer – einvernehmlichen oder unfreiwilligen – Übernahme auch nur einen Zoll nachzugeben. Also hatte sie letztes Jahr eine ihrer Holdinggesellschaften beauftragt, gleich alle drei Firmen aufzukaufen. Sie hatte die richtigen Köpfe zusammengestoßen und die Einsichtigen mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet. Das Ergebnis war ein derart exorbitanter Nettogewinn nach Steuern, daß ihr schon bald wohl nichts anderes übrigbleiben würde, als eine weitere Holding zu gründen, um auch diesen finanziellen Triumph noch zu verschleiern. Gleich, wie sehr Mad Matt – nein, nein, nein, Matthew – sich seiner jüngsten Erfolge brüstete, hatte sie doch um, einige Milliarden besser abgeschnitten als er. Doch das Prahlen lag ihr nicht. »Sie werden kaum leugnen können, daß das eine der Formationen ist, wie sie Vulkane anzunehmen pflegen«, sagte sie, nachdem sie vernommen hatte, was Matthew gerade einem seiner zahlreichen Assistenten zugebrummt hatte. »Und woher, meine Liebe, wissen Sie, daß es verschiedene Arten von Vulkanen gibt?« fragte Matthew mit seiner öligen Stimme. Seine Assistenten lächelten ihn anhimmelnd an, während sie Marmion mit Herablassung betrachteten. »Weil ich einen Magisterabschluß in Geologie habe«, antwortete sie und gewährte ihnen allesamt ihr strahlendstes Lächeln. »Aber im Augenblick unternimmt er gar nichts«, bemerkte Matthew und deutete auf die quadratische Sichtluke, die einen guten Überblick über das ›Grübchen‹ des Kegels bot, während der Shuttle ihn umkreiste. Es war nicht einmal die Andeutung einer Rauchfahne oder einer Aschenwolke zu erkennen; dafür aber war die Landschaft im Umkreis von mehreren Kilometern in Grautöne gehüllt: von abkühlender Lava bis zu feuchter, schlammdurchzogener Asche. »Falls Sie genug gesehen haben sollten, Dr. Luzon«, sagte der Pilot über die Bordspeicheranlage, »werde ich jetzt die Höhlenkoordinaten eingeben.« Matthew winkte einem seiner Assistenten zu, der daraufhin sofort den eigentlichen Befehl erteilte. »Werden wir denn landen und die Höhle untersuchen, Matthew?« fragte Marmion im Plauderton. »Ich wollte mich nur einmal kurz orientieren, bevor wir weitere Vor-Ort-Untersuchungen einleiten.« »Das ist klug.« Er machte eine große Show daraus, die Stelle von oben zu mustern, als das Shuttle sie wenige Minuten später erreicht hatte. Marmion genügte es, sich davon zu überzeugen, daß es sich bei der aufragenden Felsklippe um eine Kalksteinformation handelte, die mit Sicherheit zahlreiche Höhlen aufwies. Da es unwahrscheinlich schien, daß, Whittaker Fiske einer Illusion oder anderen Täuschungen aufsitzen würde, hatte sie beschlossen, den Rest seines Berichts so lange für bare Münze zu nehmen, bis sie triftige Gründe dafür finden sollte, ihn in Zweifel zu ziehen. Whit war nicht der Mann, der seine Stellung bei der Intergal oder seinen guten Ruf durch wirre und unbeweisbare Behauptungen aufs Spiel setzen würde. »Ist das die richtige Stelle?« fragte Matthew mit ausdrucksloser Miene, doch Marmion war zu klug, um dem zu trauen. »Wir befinden uns ganz genau auf den Koordinaten, die mir mitgeteilt wurden, Dr. Luzon«, antwortete der Pilot. »Der Strom ist zu sehen und der Felsenzug, und mein Sean- ner hat die Hubschrauberabdrücke auf der nächstgelegenen potentiellen Landefläche abgetastet. Es sind mehrere Abdrücke von Hubschraubern unterschiedlicher Größe.« »Tatsachen lassen sich schlecht abstreiten, nicht?« meinte Matthew. »Also gut. Dann überfliegen Sie jetzt diese Kleinstadt, die der junge Fiske erwähnt hat. Kil… irgendwie.« »Kilcoole, Matthew«, sagte Marmion hilfsbereit, als würde sie nur jemandem mit einem fehlerhaften Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Tatsächlich war an Luzons Gedächtnis nicht das geringste fehlerhaft: Es hatte sich schon allzu oft als allzu genau erwiesen. Es war vielleicht nicht immer besonders ehrlich oder irrte sich, was die Bewertung der gespeicherten Erinnerungen betraf, doch die Einzelheiten selbst waren stets unanfechtbar. Details stellten Matthews Hauptwaffe dar – die Details, die andere vergessen, oder an die sie sich nur ungenau erinnern mochten. Dann pflegte Matthew mit seiner tödlich-raffinierten Genauigkeit zuzuschlagen. Durch die Sichtluken des Shuttles betrachtet, bot sich Kilcoole als ein einziges Durcheinander weit verstreuter Dächer dar, manche kaum mehr als dunkle Flecken unter Bäumen mit reichlich entwickeltem Astwerk, dazu schmale braune Pfade, von schlammverspritzten Gehsteigen gesäumt. Es war nicht viele Leute unterwegs, obwohl sie einige emsige Seelen bei Reparaturarbeiten bemerkte, sowie ein paar andere, die hinter ihren Häusern gartengroße Quadrate umgruben. Sie schätzte derlei Aktivitäten. Sie liebte es, für die extraterrestrischen, Pflanzen und Blumen zu sorgen, die sie zu Hause in einem ausgeklügelten System von miteinander verbundenen Kuppeln pflegte, alle unter den jeweils erforderlichen Temperatur-, Gravitations- und Luftmischungsbedingungen, wie die exotischen Gewächse sie nun mal verlangten. Sie erinnerte sich noch gern an die Zeit, da sie in der Lage gewesen war, sich Hände und Fingernägel schmutzig zu machen, während sie in dem kleinen Garten des ersten Hauses herumwühlte, das sie und Ulgar Algemeine erworben hatten. Wie jung sie doch gewesen waren! Sie schob diese angenehmen Erinnerungen beiseite und hörte zu, was Matthew gerade sagte. »Außerordentlich primitiv. Wie lange gibt es diesen… diesen… Ort schon?« fragte er, wobei er es schaffte, eine Unmenge Verachtung in dieses Wort zu legen. »Sofern man das von einer solchen Anhäufung von Hütten überhaupt sagen kann?« Seine Assistenten antworteten nicht, und Marmion hatte nicht die Absicht, ihn zu unterbrechen. »Und dieser… Ort beherbergt also die Dissidenten? Kilcoole, in der Tat! Wir werden derlei Anmaßung in aller Kühle den Garaus machen.« »Sind sie sich da sicher?« fragte Marmion in schleppendem Tonfall. »Ich finde, manchmal sind wir doch vielleicht eine Spur zu überzivilisiert, Matt, mein Lieber. Wir haben die Verbindung zum Gewöhnlichen verloren…« »Gott sei Dank«, platzte Matthew heraus. »… die es uns ermöglichen würde, den Kampf gegen Klima und Umweltbedingungen richtig zu würdigen. Ich finde es jedenfalls ansprechend, daß die Leute inmitten all dieses Schnees und Schlamms schon damit beginnen, Gärten anzulegen!« Matthew schnaubte. »Gärten? Selbst um diese indolente Bevölkerung zu ernähren, bedarf es mehr als ein paar Quadratmeterparzellen. Sie können nicht erwarten, daß die Intergal sie weiterhin mit kostspieligen Importen von Grundnahrungsmitteln unterstützt.« Marmion hob in einer Geste indolenten Widerspruchs die Hand. »Ich glaube, Petaybee importiert gar keine Grundnahrungsmittel, Matthew. Überprüfen Sie das doch mal, einer von Ihnen«, sagte sie, und zeigte mit einem Fingerschnippen auf seine Assistenten, »denn ich glaube mich entfernt erinnern zu können, daß sie sich tatsächlich selbst versorgen.« »Nicht, was den Treibstoff betrifft…« »Treibstoff ist für Fahrzeuge, nicht für Menschen, Matthew. Haben Sie die Zahlen denn immer noch nicht?« Sie gab sich zwar äußerlich gelassen, doch der ein wenig schneidende Tonfall ließ den hagersten unter Matthews Sykophanten noch schneller auf sein Notepad eintippen. »Nein, äh, gnädige Frau, für die einheimische Bevölkerung werden keine Grundnahrungsmittel importiert.« Dann schluckte er, und sein Adamsapfel zuckte auf und ab. Marmion mußte den Blick abwenden. Der arme Kerl: Matthew würde ihn deswegen wahrscheinlich noch kräftig aufziehen, wenn er mal wieder eine seiner Launen hatte. Und die anderen jungen Männer – Matthew hatte ausschließlich junge Männer als Assistenten, was einiges verriet, jedenfalls Marmion, das Matthew höchstwahrscheinlich lieber nicht offenbart wissen wollte – waren alle einigermaßen anziehend und sahen fit und körperlich belastungsfähig aus. Kein Zweifel, daß Matthew den Kontrast rücksichtslos ausschlachten würde. »Danke, mein Lieber«, sagte Marmion zu dem hageren Burschen. »Und sagen Sie mir doch bitte noch mal Ihren Namen… mein Gedächtnis, Sie wissen.« Tatsächlich hatte Matthew sich überhaupt nicht die Mühe gemacht, auch nur einen einzigen seiner Assistenten vorzustellen, obwohl Marmion ganz betont Sally Point-Jefferson vorgestellt hatte, ihre persönliche Sekretärin; dazu Millard Ephiasos, ihren Recherche- Assistenten, und Faber Nike, dessen Stellung innerhalb ihres Mitarbeiterstabs sie nicht genauer definiert hatte. Allzu viele Leute glaubten, daß Fabers großer, muskulöser Körperbau und sein ruhiges Entgegenkommen auf Mangel an Intelligenz und Persönlichkeit hinwiesen. Allzu viele Leute täuschten sich darin. Vor allem jene, die Faber für einen Bettgefährten hielten. Marmion hatte es sich zur, Gewohnheit gemacht, vielseitige Leute mit zahlreichen Talenten einzustellen. Das sparte Geld und sorgte für Loyalität und Diskretion. »Mein Name ist Braddock Makem, Madam«, lautete die Antwort, im leisesten erdenklichen Ton vorgetragen. »Danke, Mister Makem.« Sie lächelte. Das tat nie weh, und vielleicht gewann sie auf diese Weise sogar einen diskreten Verbündeten in Matthews Stab. »Hören Sie auf mit Ihren Versuchen, meine Mitarbeiter zu becircen«, sagte Matthew gereizt und warf Makem einen bohrenden Blick zu. Makems Kehlkopf vollführte eine unglückliche Reihe senkrechter Manöver. »Das habe ich doch schon lange aufgegeben, Matthew«, log sie schamlos. »Sie verstehen sich wirklich darauf, für Loyalität unter Ihren Mitarbeitern zu sorgen. Davon könnte ich mir durchaus noch eine Scheibe abschneiden.« Und weil sie beim Anblick all dieser ernsten, erschrockenen Mienen vor Lachen fast herausgeplatzt wäre, wandte Marmion den Blick abrupt der vorbeiziehenden Landschaft zu. »Ach, der Fluß, der plötzlich aufgetaut ist. Oh, der ist ja turbulent!« meinte sie. »Und über seine Ufer gestiegen. Offensichtlich fehlt es hier auch an effizienter Flutkontrolle. Aber ach, schauen Sie doch mal zu den offenen Feldern hinüber, Matthew. Da draußen ist jemand und macht irgend etwas mit dem Boden. Pflügen? Heißt das nicht Pflügen? Und wie, um alles in der Welt, nennt man wohl die Tiere, die sie an dieses merkwürdige Gerät geschirrt haben?« Jetzt hatte sie alle auf ihrer Seite des Shuttles, um diese archaische Aktivität zu beobachten. »Ach, ist das nicht hübsch, Matthew? Die haben Sie offensichtlich gehört.« Matthew gewährte ihr einen säuerlichen Blick. Fast hätte sie den Satz ›die werden mich noch laut und deutlich zu hören bekommen‹ in einer Sprechblase zwischen seinen fest zusammengekniffenen Lippen hervortreten sehen können. Das jedenfalls war es auch, was sein finsterer Blick ausdrückte. Aus der Sitzreihe hinter ihr ertönte ein leises Geräusch wie ein unterdrücktes Husten. Höchstwahrscheinlich Faber, dachte sie. Natürlich sprach er nie viel, aber sie wußte, daß er Matthew Luzon, verabscheute. Fast so sehr wie sie selbst, und übrigens auch wie Sally und Millard. Sie hatte ihre Mannschaft wirklich sehr sorgfältig ausgesucht. Dann kam der Raumhafen auch schon in Sicht – mit seinen lächerlich gefärbten Wartungsgebäuden. Wer hatte nur die Geschmacklosigkeit aufgebracht, derart scheußliche Farben zu verwenden? fragte sich Marmion. Wahrscheinlich war jeder Farbton, den die Intergal jemals verworfen hatte, hier geendet: auf den Mauern dieser Augenqual. Anders als Matthew hielt sie sich allerdings nicht mit wortreichen Kommentaren über den Zustand des Landeplatzes mit seinen Kratern und Rissen und den Blöcken aus Plastbeton auf, die durch die seismische Aktivität an die Oberfläche gepreßt worden waren. Da diese Schäden ausschließlich die Landebahn zu betreffen schienen, war Marmion durchaus amüsiert von der Vorstellung eines bewußten, intelligenten Planeten, der seine inneren Kräfteverhältnisse so gezielt umzugestalten vermochte, um eben jenen seiner Bewohner das größte Unbehagen zu bereiten, die er nicht auf seiner Oberfläche haben wollte. Eine solche Wesenheit konnte ein äußerst fürsorglicher Freund und ein formidabler Gegner sein, sofern das ganze kein bloßes Hirngespinst war. Doch woher wollte man schon wissen, ob so etwas unmöglich war oder nicht? Marmion zuckte die Schultern, Sie hatte eine Vorliebe für Rätsel in diesem überanalysierten Universum, in dem sie lebte. Geheimnisse weckten ihre Neugier, und sie zu entschleiern gab ihr Gelegenheit, ihren Verstand in Anschlag zu bringen und alle Register zu ziehen. Wie wunderbar es doch wäre, sollte sich die ganze Sache tatsächlich als eben jenes gewaltige und komplizierte Puzzle herausstellen, das der Bericht ihnen versprochen hatte! Ob es nun genau das sein mochte, was die Einheimischen glaubten, oder nicht – auf jeden Fall mußte mehr dahinterstecken als die prosaische Szenerie unter ihnen oder die offiziellen Erklärungen der in den Berichten detailliert geschilderten unheimlichen Ereignisse, so sehr es auch die vermeintlich ›logische‹ Erklärung verhöhnte. Oder eben alles nur allzu genau beschrieb. Marmion war sehr froh, gekommen zu sein, und, sollte dieser Planet sich tatsächlich als ein bewußtes und empfindungsfähiges Wesen erweisen, würde sie noch glücklicher sein, seine Bekanntschaft zu machen. So hing sie den etwas kauzigen Gedanken nach, daß der Planet hoffentlich einen guten Eindruck von ihr bekäme und sie nicht allzu streng an der Gesellschaft messen mochte, die sie gerade pflegte. Natürlich gab es unten einen großen Bahnhof, als das Shuttlefahrzeug auf einem der wenigen intakt gebliebenen Fahrbahnabschnitte landete. Es gab ein richtiges Begrüßungskomitee, und wenn man auch keinen roten Teppich ausgelegt hatte, so war der Plastbeton doch offensichtlich mühsam von dem Schlamm und dem klebrigen Schleim befreit worden, der den größten Teil der restlichen Landebahn bedeckte. Die Bodenfahrzeuge glänzten im klaren Sonnenlicht in ihrer Wachspolitur. Marmions Lungen saugten die frühlingsfrische Luft in tiefen Zügen ein. Ihr schwindelte fast vom Rausch dieser unbestreitbar frischen Luft. »Ach du liebe Güte, was für eine Luft! Eine solche Luft hätte ich gern überall, wo ich mich aufhalte«, sagte sie dramatisch und legte dabei eine Hand auf den wogenden Busen. Matthew schoß ihr einen angewiderten Blick zu. »Marmion, diese Luft mag vielleicht frisch wirken, aber Sie können nicht sicher sein, daß sie nicht voller Bakterien und Mikroben ist, die sich abträglich auf Ihre Gesundheit auswirken könnten. Die wir aber beschützen müssen!« fügte er mit jenem scheußlichen Lächeln hinzu, das er immer aufsetzte, wenn er sich fürsorglich gab, in Wirklichkeit aber nur hoffte, daß sein Gesprächspartner auf der Stelle tot umfallen würde. Schnell hakte sie sich bei Faber ein und vermied damit elegant den Körperkontakt, als Matthew ihr eine Hand entgegenstrecken wollte, um ihr die skrupulös gereinigten Stufen herunterzuhelfen. Faber begleitete sie geschmeidig hinunter, doch Sally und Millard mußten warten, bis Matthew und seine Gefolgsleute ausgestiegen waren. Vielleicht würde es Sally ja gelingen, einen der attraktiven, körperlich fitten jungen Assistenten zu beeindrucken. Meistens schaffte sie das., Bei Matthews Jungen würde sie zwar äußerst raffiniert vorgehen müssen, aber genau das war Sally ja auch: schlau, gewitzt, diskret und von außerordentlicher Intelligenz. Dann mal wieder ins Getümmel, liebe Freunde, dachte Marmion, als sie Hauptmann Torkel Fiske in voller Paradeuniform erblickte, wie er ein winziges Stück vor seinem Vater stand – reichlich frech von Torkel, überlegte sie. Whittaker war sehr viel legerer gekleidet, doch noch nie hatte sie ihn so fit und glücklich gesehen. Glücklich, dachte sie und staunte darüber, daß ihr ausgerechnet dieses Eigenschaftswort eingefallen war. Wer hatte denn überhaupt die Zeit, in der Intergalaktischen Gesellschaft ›glücklich‹ zu sein, zu der sie, Whittaker und Matthew gehörten? Jedenfalls lächelte sie Whittaker an, als dieser seinen Sohn säuerlich mit den Ellbogen beiseitestieß, um Marmion als erster begrüßen zu können. »Ist Ihr Arm wieder ordentlich verheilt? Und die Beinwunde?« fragte sie besorgt, als sie sich umarmten. Er trug einen Stützverband am Arm, und sie bemerkte die leise Andeutung eines Hinkens, als er auf sie zukam. »Natürlich, Marmie. Unkraut vergeht nicht. Ich hatte nicht nur die besten Mediziner der Intergal zur Verfügung, sondern auch die allerbeste Unfallambulanz und Rekonvaleszenztherapie, die man hier bekommen kann. Eins muß ich diesem Planeten lassen – er ist wirklich gut für die Gesundheit«, sagte Whittaker. Nachdem er sie – eine Spur zurückhaltend, wie sie es empfand – losgelassen hatte, drehte er sich um und wollte Matthew die Hand geben, wobei er gerade die richtige Mischung aus Respekt und Begeisterung zur Schau trug. »Sie sind uns sehr willkommen, Matthew. Ihr Input wird nicht mit Gold aufzuwiegen sein.« Lügner, dachte Marmion, lächelte dabei aber nichtssagend, während die beiden Männer die üblichen Artigkeiten austauschten. Matthew stellte Whittaker seine Schar aus Gänserichen vor, wobei er auch Herkunft und Fachgebiet eines jeden einzelnen nannte. Nur den armen Adamsapfel nicht. »Und das hier ist Braddock Makem«, sagte Marmion dafür und lächelte erst Matthew, dann Whit fröhlich an, schließlich auch den, armen, verschreckten Makem. »Whit, Sie erinnern sich doch sicherlich noch an Sally. Und an Millard und Faber, meine großen Stützen.« Whit gab ihren Assistenten ebenfalls die Hand; dann wies er alle mit einem Winken zu den wartenden Fahrzeugen. Das Gepäck war bereits entladen und weitergeleitet worden – Marmion war gespannt, was für Unterkünfte dieser deprimierende Ort Leuten von ihrem und Matthews Rang zu bieten haben mochte. »Wir haben ein köstliches Mahl für Sie arrangiert, Marmie«, erläuterte Whit und stellte sicher, daß er in dem großen Mannschaftstransporter neben ihr zu sitzen kam. Die ziemlich harten Sitze waren frisch mit prächtigen Fellen bezogen worden. »Wie nett von Ihnen«, erwiderte Marmion und fügte, die weiche Konsistenz der Bezüge befühlend, hinzu: »Stammen die aus einheimischer Produktion?« Sie brauchte ihre Begeisterung nicht einmal zu heucheln, denn selten hatte sie so wunderschöne natürliche Felle anfassen können. »Ja«, antwortete Torkel Fiske im Doppelsitz hinter ihrem. »Es ist das einzige, was die hier wirklich gut können.« »Tatsächlich?« fragte sie und schaffte es sogar, den ironischen Beiklang aus ihrer Stimme zu halten. »Wie interessant! Sie müssen mir unbedingt mehr zeigen«, fügte sie träge hinzu. »Ich könnte noch ein paar neue Stolen gebrauchen. Vielleicht auch den einen oder anderen Muff, wenn ich in eiskalten Luftschleusen und auf Transitstationen herumstehen muß.« »Lassen Sie lieber den jungen Fiske für Sie einkaufen, Marmion«, sagte Matthew. »Sobald die hier Ihren Außenweltlerakzent vernehmen, werden sie wahrscheinlich die Preise vervierfachen.« »Nein, das tun wir schon«, sagte Whittaker umwerfend komisch. Marmion kuschelte sich an ihn, schlang die Finger um seinen Arm und drückte sanft zu. »Es ist wirklich schön, Sie wiederzusehen, Whit! Was immer hier losgewesen sein mag, es hat Sie jedenfalls sehr viel fröhlicher gemacht. Ich glaube, Sie waren im Begriff, im Büro völlig zu versauern.«, Whittaker gluckste und wies mit einem Kopfrucken auf den äußerst steifen, vorwurfsvollen Rücken des vor ihnen sitzenden Matthew Luzon. Marmion drückte seine Arme ein weiteres Mal. »Eine Feldstudie ist genau das richtige, um die Säfte wieder strömen zu lassen und die Lungen mit frischer, sauberer Luft zu füllen.« Luzons Schultern zuckten, und Marmion spürte, wie sich Whittakers Rippen in stummem Gelächter bewegten. »Jetzt werden wir uns alle auf dieses kleine Problem stürzen und es in nullkommanichts aus der Welt schaffen. Nicht wahr, Matthew?« Seine angespannte Antwort ging im Kreischen reichlich abgenutzter Bremsbeläge unter, als das Transportfahrzeug vor einem Gebäude zum Halten kam, das frisch in einem aggressiven grellgelb gestrichen war. »Tut mir leid wegen der Farbe, Marmion«, sagte Whittaker, als er sie zusammenzucken sah. »Es gab nichts anderes mehr in den Vorratskammern, aber so ist es wenigstens sauber und hell.« Diesmal war Matthews angewidertes Schnauben deutlich zu vernehmen. Als er auf die Ausstiegstür zuging, kündete seine Körpersprache von Mißfallen, Ablehnung und Zorn. »Ach, herrje, wir sind wohl dran«, murmelte Marmion so leise, daß nur Whittaker sie verstehen konnte. »Ich glaube auch«, erwiderte er ebenso leise. »Gefahr erkannt, Gefahr gebannt«, fügte sie hinzu. Dann stand sie auf, um mit größter Anmut durch den Gang auf die Stufen zuzugehen, die in das unglaublich gelbe Gebäude führten., 6. KAPITEL Die lange, mehrteilige Karawane teilte sich immer mehr auf. Als erstes lösten sich Sinead und Aisling von ihr, die mit Ziel Shannonmouth unterwegs waren, dem Kilcoole am nächsten gelegenen der drei Dörfer, auf die sie es abgesehen hatten. Sinead konnte zwar den ganzen Tag durchreiten, doch Aisling tat sich damit um einiges schwerer, vor allem zu Pferd. Sie zog es vor, die meiste Zeit zu Fuß zu gehen und ihr Lockenfell am Zügel zu führen, wobei sie ebensooft mit der Stute sprach wie mit Sinead, Sean, Yana, Bunny oder Diego. Die Stute schien die Lasten gar nicht zu bemerken, die sie auf dem Rücken trug: Deckenbündel, Nähsachen und Dekorationsmaterial, dazu einen Rucksack und einen Ballen hervorragend gegerbter Felle aus Sineads Winterhütte. Bunny betrachtete es als regelrechtes Geschenk, mit dieser ausgesuchten Gruppe unterwegs sein zu dürfen. Sie hatte sich inzwischen schon so sehr an Diego gewöhnt, daß sie sich ohne seine Gesellschaft völlig verloren vorgekommen wäre, während sie Yana Maddock bereits seit dem Tag Eins gemocht hatte und sich schon jetzt darauf freute, sie einmal zur Tante zu bekommen, sobald sie und Sean sich vermählten. Außerdem kannten Sinead und Sean alle möglichen besonderen Stellen, wo sie geschützt lagern konnten. Begleitet wurden die Menschen von Alice B, Sineads und Aislings Leithund; von Nanook, einer der Katzen aus Seans Labor, sowie von Dinah, der Leithündin der Maloneys, die einen solchen Narren an Diego gefressen hatte, daß sie seine Gesellschaft sogar der von Liam vorzog. Bunny mochte sie ebenfalls: Wenn Bunny sie nämlich streichelte, konnte sie sogar Dinahs etwas fahrige Mitteilungen empfangen. Nachdem sie Sinead und Aisling in Shannonmouth zurückgelassen hatten, setzte die Gruppe ihre Reise fort und folgte dem Fluß, der sich am McGee Paß vorbei die Berge hinaufwand. Dort oben verschmolz der Fluß mit dem Ob, den man so nannte, weil nie sicher war, ob er gerade Wasser führte oder nicht, was wiederum von der Jahreszeit, sowie davon abhing, wie sehr es fror oder wie trocken es gewesen war. Im Augenblick war der Ob bis zum Bersten gefüllt, und er goß seine gletscherweißen Wassermassen in den klaren Shannon. Die beiden vermengten sich in einer wolkigen Mischung und strömten gen Harrisons Fjord. Als Bunny und Diego sich von Sean und Yana trennten, sagte Sean zu ihnen: »Hört mal, ihr beiden. Sucht ruhig die Connellys auf und stellt fest, was dort los ist, wenn ihr könnt. Aber sollte die Stimmung sehr stark für die Minen sein, dann geht wieder und sucht uns, damit wir es lieber zusammen tun können. Ich möchte, daß ihr euch in drei Tagen in Harrisons Fjord mit uns trefft; bis dorthin ist es nur eine Tagesreise, somit habt ihr also zwei volle Tage, um euch über die Lage zu informieren. Alles klar? Ich hätte auch lieber etwas mehr Zeit zur Verfügung, aber da die PTB bald eintreffen, müssen Yana und ich noch auf die südliche Halbkugel reisen, sobald wir unseren Auftrag hier erledigt haben und Johnny oder Rick verfügbar sind.« »Können wir auch nach Süden mitkommen?« wollte Bunny wissen. »Ich bezweifle, daß das Luftfahrzeug groß genug für vier Passagiere sein wird«, warf Yana ein. »Es wäre aber klüger, einen der kleineren Hubschrauber zu benutzen. So, und jetzt macht euch auf den Weg, damit ihr noch rechtzeitig bei den Connellys seid, um euch zum Abendessen einladen zu lassen. Sean und ich haben noch eine weite Strecke vor uns.« Später, als die Erwachsenen um den nächsten Hügel gebogen waren, schwenkten Bunny und Diego ihre Lockenfelle auf den Paß ein, und Bunny bemerkte: »Hast du das gehört? Sie haben nicht nein gesagt! Vielleicht kommen wir noch auf die südliche Halbkugel, Diego!« »Wie ist es denn so da unten?« wollte Diego wissen. »Keine Ahnung. Bin noch nie dagewesen. Jedenfalls anders als hier, glaube ich. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der vom Südpol hierhergekommen wäre. Man muß dazu einen furchtbar großen Ozean überqueren, und das sollte man in unseren kleinen Schiffen lieber nicht tun. Ich vermute, daß die dort unten auch keine größeren Schiffe haben, sonst bekämen wir mehr von ihnen zu sehen. Als meine Eltern, verschwanden, wollten sie den Beweis für eine Theorie erbringen, die besagte, daß es einen unterseeischen Gang von den Höhlen in der Nähe von Harrisons Fjord dorthin gibt. He! Was ist, wenn sie es geschafft haben sollten, und der Gang… du weißt schon, vielleicht ist irgend etwas damit geschehen, so daß sie nicht nach Hause zurückkehren konnten. Aber wenn wir ihn nehmen, werden wir sie möglicherweise finden.« »Darauf würde ich lieber nicht zu sehr bauen«, wandte Diego ein. »Wieviele Jahre ist das jetzt schon her?« »Ich weiß es nicht. Mehr als zehn. Ich war noch sehr klein, als sie gingen.« »Ich glaube, daß deine Eltern in dieser Zeit bestimmt irgend jemanden hätten auftreiben können, um eine Nachricht nach Hause zu bringen, denn sie wußten doch sicherlich, welche Sorgen sich alle machten. Natürlich, wenn es meine eigene Mutter wäre«, fügte sie in einem wehmütigen Tonfall hinzu, »die würde so sehr in ihrer Arbeit versinken, daß ihr nicht einmal auffallen würde, daß sie vergessen hatte, mich mitzunehmen; aber ihr hier seid nicht so.« »Na, vielen Dank. Aber wenn du nichts dagegen hast, ziehe ich es doch vor zu hoffen. Oder darf das niemand sonst tun? Du hast deinen Vater doch auch zurückbekommen. Ich finde das ist doch alles, was zählt.« »So wollte ich das nicht verstanden wissen, Bunny. Ich hätte meinen Vater nie zurückbekommen, wenn du und Clodagh und all die anderen nicht gewesen wärt, und ich hoffe ganz bestimmt, daß es Leute gibt, die deinen Eltern dort unten helfen. Ich fände es nur schrecklich, wenn du dich erst furchtbar aufregst, um dann doch nur enttäuscht zu werden.« »Ich werde mich aufregen, wie es mir paßt«, antwortete sie schnippisch. »Und enttäuscht worden bin ich schon öfter.« Diego antwortete nichts, und Bunny bedauerte, so unfreundlich mit ihm verfahren zu sein. Wahrscheinlich wollte er ihr nur klarmachen, wie sehr ihm an ihr gelegen war, wie Aisling es ausgedrückt hätte. Aber er war nun einmal gerade zwei Jahre älter als sie und sollte gefälligst langsam damit aufhören, sie wie ein Kind zu behandeln., Und so ritten sie schweigend weiter, bis sie die Biegung am Fuß des Passes hinter sich gebracht hatten, um von einem tobenden Wind begrüßt zu werden, der durch die Spalte pfiff und sie beinahe in den Shannon zurückgeweht hätte. Sie preßten sich flach gegen die Hälse der Lockenfelle und ritten den Pfad hinauf, der etwas weniger verschlammt war als das Flachland weiter unten. Die Luft war auch merklich kälter. Dinah ließ sie vorangehen und tippelte im Schutz der stämmigen Leiber hinter ihnen her. Das Dorf McGees Paß war nicht sehr groß. Nicht einmal so groß wie Kilcoole, dachte Bunny überrascht, als sie zwischen dem ersten Häuserpaar einritten. Es gab nur an die acht Häuser, die einigermaßen eng zusammenstanden und den verbreiterten Abschnitt des Pfads säumten, der hier als Straße galt. Die Straße war stark aufgewühlt und von Schlaglöchern, Aufwürfen und Unebenheiten gezeichnet, alles mit einer dünnen Schicht frischen Schnees bedeckt, so daß die Füße nur einen sehr rutschigen, unebenen Halt fanden. Bei den Häusern handelte es sich um nicht ausgebesserte Firmenware, mit Holzbrocken, Steinen, Lehmziegeln, Plastbeton, Häuten und allem anderen behäuft, was greifbar gewesen war. Wie in Kilcoole war auch hier der Boden übersät von den Abfällen vieler langer Winter und warmer Jahreszeiten, die allerdings nicht warm genug gewesen waren, um den Schnee zum Schmelzen zu bringen. »Wahrscheinlich sind alle drin und sitzen beim Mittagessen«, kommentierte Bunny die verlassenen Straßen. Doch das erklärte noch nicht die Stille. Sie bemerkte keinerlei Hunde, keine Lockenfelle – nichts bis auf eine einzige, vereinsamte Marmeladenkatze, die gerade versuchte, sich so gut es ging auf einem Plastbetondach aufzuwärmen. Dinah trippelte von Haus zu Haus, von Gegenstand zu Gegenstand, schnüffelnd und winselnd, ein- oder zweimal bellend, dann wieder schnüffelnd und winselnd. Einmal blieb sie stehen, um an einer Türschwelle Wasser zu lassen. Die Katze blickte zu ihr hinunter, als überlegte sie, zu einem Ausritt auf ihren Rücken zu springen. Dinah sprang hoch, schlug mit den, Pfoten nach dem Haus, kläffte heftig. Die Katze stand auf und streckte sich. Mit einem leichtfüßigen Satz sprang sie vom Dach, erst auf ein Faß, dann auf den Boden. Nachdem sie sich gegenseitig beschnüffelt hatten, schlenderte die Katze die Straße hinauf und zog dabei mit der Rute Kringel in die Luft über ihrem Rücken, während Dinah sich damit abplagte, die Kreatur nicht immer wieder zu überholen, so eilig hatte sie es, der Katze überallhin zu folgen. Bunny und Diego folgten ihrerseits dem Hund. Die Katze stakste aus dem Ort hinaus, was nicht allzu weit war, dann dem Paß entgegen, um plötzlich in einem Strauch neben dem Weg zu verschwinden. Bunny und Diego saßen ab. Hinter dem Busch ertönte eine Stimme, dann waren es plötzlich mehrere, und schließlich schob sich der Strauch beiseite, und eine Person erschien in dem Gewölbe, das sich nun als Höhleneingang erwies. Es war ein Mann, der ein bißchen so aussah wie Bunnys Onkel Adak, und er schien erschrocken, sie zu sehen. »Wer seid ihr? Was tut ihr hier? Was wollt ihr?« fragte er, den Höhleneingang blockierend. »Släinte«, sagte Bunny in einem so normalen Tonfall, wie sie nur konnte. Wenn diese Leute hier tatsächlich auf der Seite der Firma und nicht auf der des Planeten stehen sollten, war es eigentlich nicht weiter verwunderlich, wenn sie sich ein wenig defensiv gaben. »Ich suche die Familie Connelly. Ich dachte, die wohnen hier in der Nähe.« »Wer fragt da nach den Connellys?« ertönte eine Frauenstimme hinter dem Mann. »Krilerneg O’Malley, würdest du gefälligst mal deinen Hintern wegbewegen, damit wir anderen auch rauskönnen?« »Bist du das, Iva?« fragte Bunny. Als O’Malley getan hatte, was man von ihm verlangte, stellte sie fest, daß es tatsächlich Iva Connelly war – oder jedenfalls jemand, der ihr sehr glich, als die Frau ans Tageslicht heraustrat. Anders als der unhöfliche O’Malley gab die Frau die Türöffnung frei und kam zu den Pferden herüber, während! hinter ihr eine ganze Schar von Männern, Frauen und Kindern aus der Höhle kam., »Was ist los, Ma?« fragte ein Junge. Es war ein hochgewachsener Junge; nicht dunkel, wie die meisten Leute, die Bunny kannte, sondern blond und blauäugig. Die Frau wirkte selbst verwundert, und für einen Augenblick befürchtete Bunny schon, daß sie die Falsche erwischt hatte. »Släinte, Dama«, wiederholte sie. »Ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst, aber ich bin Buneka Rourke, die Schnokelfahrerin aus Kilcoole. Das hier ist mein Freund Diego Metaxos.« »Das ist aber kein Kilcoole-Name«, murmelte der Junge mißtrauisch. »Laß mal, Krisuk«, sagte die Frau. »Du hast eine lange Reise hinter dir, Bunka. Du mußt müde und hungrig sein.« Nun teilte sich die Schar der Leute vor einem weiteren Mann. Er war in Felle und Häute gekleidet, alle mit Perlen verziert wie Aislings Latchkay-Blusen. Doch sein Äußeres war noch auffälliger als die Kleidung. Es war ein sehr großer, sehr schmucker Mann, der das Haar in einer schwarzen Mähne trug, das Kinn mit einem kurzgestutzten schwarzen Bart bedeckt, über dem Mund ein dichter schwarzer Schnäuzer. Die anderen ließen ihn nicht nur durch, sie wichen geradezu schreckhaft vor ihm zurück. Er trug einen Stock, auf dem der Schädel eines kleinen Tiers stak – vielleicht ein Eichhörnchen, obwohl es eher so aussah wie… nein, es konnte doch wohl unmöglich ein Katzenschädel sein! Niemand würde so etwas Grausiges tun, wie einen Katzenschädel zur Schau zu stellen. Allerdings fiel ihr auf, daß die marmeladenfarbene Katze, die sie vorhin noch gesehen hatte, spurlos verschwunden war. »Iva, mein Kind, natürlich sind diese wunderschöne Kreatur und ihr Freund müde und hungrig. Ihr müßt sie in mein Haus zum Essen und zum Ausruhen bringen.« Er wandte sich Bunny zu und gewährte ihr ein Lächeln, das sie dazu einzuladen schien, es zu bewundern. Dann streckte er die Hand aus, nicht so sehr, um die ihre zu schütteln, sondern um sie mit einem Zeichen zu segnen. »Ich bin Satok, der Shanachie. Willkommen in meinem Dorf.«, »Släinte, Satok«, erwiderte Bunny. »Und danke für die Einladung. Ich bin nur gekommen, um die Connellys von unserer Heilerin Clodagh Senungatuk zu grüßen. Aber sie hat von dir erzählt, und ich weiß, daß sie sich freuen wird zu erfahren, daß ich dir begegnet bin.« Iva Connelly sprach zu dem Shanachie, und Bunny kam ihr Verhalten ungewöhnlich zaghaft für jemanden vor, der mit dem Gedächtnis des Dorfs und seinem Hauptsänger und - geschichtenerzähler redete. »Bunka ist eine wichtige Frau in Kilcoole, Shanachie. Sie gehört zu den beiden einzigen Leuten, die die Firmenschnokel fahren dürfen. Von der Mutterseite her stammt sie von den Shongili-Wissenschaftlern ab. Ihr Onkel ist Sean persönlich, und sie ist so gut wie ausschließlich bei Clodagh der Heilerin aufgewachsen.« Normalerweise hätte diese Rede Bunny in Verlegenheit gebracht, doch wurde sie das Gefühl nicht los, daß Iva damit ihre Qualifikationen vorstellen wollte, um zu zeigen, daß Bunny jemand war, der Respekt verdient hatte und die Protektion und den Schutz wichtiger und einflußreicher Leute genoß. Satok schien die Rede als ›Reklame‹ für sie zu werten – vielleicht für ihre Vorzüge? Jedenfalls sah er sie nach Art der werbenden Männer an, nur kühner und ohne jede Unterwürfigkeit. »Hervorragende Empfehlungen«, meinte er und ergriff ihre Hand. »Ich fühle mich sehr geehrt, daß du mein Dorf aufgesucht hast.« »Wir… äh… wir haben den Connellys von ihren Freunden in Kilcoole ein Lied mitgebracht«, warf Diego ziemlich scharf ein. »Komm schon, Bunny. Vielleicht können wir den Shanachie ja später einmal besuchen, falls noch Zeit sein sollte. Wir haben einen ziemlich engen Zeitplan. Wir werden schon bald anderswo erwartet.« Bunny, die der feurige Blick des Shanachie ein wenig beunruhigte, hatte diesmal ausnahmsweise nichts dagegen, daß Diego sich in ihre Angelegenheiten mischte. Iva Connelly warf ihnen einen erleichterten Blick zu, mit dem sie sich zugleich für den Shanachie entschuldigte, um sie schließlich zusammen mit dem Jungen und einer Schar weiterer Verwandter zu einem Haus zu scheuchen, das kaum größer als Clodaghs war., Iva, ihr Mann Miuk und ihre erwachsenen Kinder und Enkel, darunter auch der blonde Junge, hausten alle unter diesem Dach. Es roch dumpf, nach Enge und pausenlosem Bewohntwerden. Bis auf sechs Plätze und einen Tisch gab es nur wenige Möbel, und die Lebensmittelläger schienen nicht sehr zahlreich zu sein. »Wir haben unsere eigene Verpflegung mitgebracht«, sagte Bunny zu Iva. »Und ein paar Keimlinge von Clodagh. Sie und Sean glauben beide, daß wir dieses Jahr eine ungewöhnlich lange Anbauzeit haben werden.« Iva antwortete nicht sofort darauf. »Niambh«, sagte sie zu einer ihrer Enkelinnen. »Setz den Kessel für unsere Gäste auf.« Dann nahm sie auf einem der Betten Platz und bedeutete Diego und Bunny, sich auf ein zweites zu setzen. Der Rest der Connellys scharte sich dicht um sie. Die jüngsten mußten von den Satteltaschen ferngehalten werden, die sie sehr faszinierten. »Das ist zwar nett von Clodagh, aber ich bezweifle, daß wir dieses Jahr sehr viel anbauen werden«, antwortete Miuk. »Wir sind sehr damit beschäftigt, der Intergal beim Ausbau der neuen Minen zu helfen.« Bunny versuchte, nicht überrascht zu tun. Die Mitteilungen der Katzen stimmten also. Dieser marmeladenfarbene Rabauke, der sie zur Versammlungshöhle geführt hatte, war zweifellos ein nützlicher Informant. Diego überraschte sie. Normalerweise hielt er sich bei Diskussionen zurück, doch diesmal beugte er sich vor und musterte Iva mit einem bohrenden Blick. »Und was«, fragte er, »hält euer Shanachie von der Möglichkeit frisch eröffneter Minenanlagen?« »Oh, er meint natürlich, daß es endlich Zeit wird. Er sagt, der Planet ist sehr verärgert, weil wir uns weigern, alle seine Geschenke anzunehmen. Deshalb spricht der Planet auch mit keinem von uns mehr, sondern nur noch zu Satok.« »Was?« rief Bunny., »Genau das, was sie sagt, Mädchen. Bist du taub?« warf Miuk ein. »Der Planet teilt uns seine Bedürfnisse inzwischen nur noch durch Satok mit, und wir ihm die unseren ebenfalls.« »Weshalb denn? Ist der Planet auf ihn denn nicht auch ›wütend‹?« fragte Diego und schaffte es nur mit Mühe, keine verächtliche Schnute zu ziehen. »Ihr versteht das nicht«, erwiderte Iva. »Ihr habt Clodagh gehabt, um euch zu führen und dafür zu sorgen, daß ihr eins bleibt. Aber McConachie war alt und schon lange nicht mehr ganz klar im Kopf, bevor er schließlich starb. Außerdem ist jahrelang niemand mehr in den Vordergrund getreten. Wir… wir haben den Kontakt verloren. Wir haben Sachen falsch gedeutet. Wir haben falsche Dinge getan. Frevelhafte Dinge. Bis Satok schließlich zu uns kam, um alles auszudeuten, wurde das Leben für uns von Tag zu Tag härter und härter. Die Tiere kamen nicht mehr an ihre Sterbeplätze. Der Fluß ist drei Sommer nacheinander nicht abgetaut. Wir konnten keinen Gartenbau betreiben. Erst als Satok kam, erkannten wir, um welches Problem es überhaupt ging. Wir hatten den Planeten erzürnt, indem wir nicht mit der Firma zusammenarbeiteten, als sie bei ihren Erkundungen unserer Hilfe bedurfte.« »Welche Erkundungen?« fragte Bunny. Sie wußte nichts davon, daß die Firma sich auch außerhalb von Kilcoole um Unterstützung der Einheimischen bemüht hatte. »Letztes Jahr hat eine stattgefunden. Ein paar Burschen kamen vorbei und suchten Führer. Sie sind in einem Shuttle gelandet. Ich glaube, sie haben nicht einmal den Raumhafen besucht. Sie sagten, hier bei uns gäbe es irgendein besonderes Mineral, nach dem sie suchten.« »Da waren auch noch andere«, warf Miuk ein. »Fragt Clodagh. Manchmal, wenn sich das, was die Firma wollte, in der Nähe von Shannonmouth befand, haben die Leute in Kilcoole sie einfach weitergeschickt oder sie bis hierher geführt und nicht weiter. Mein Bruder Upik hat auch eine der Gruppen angeführt, aber wir haben ihn nie mehr wiedergesehen.«, »Ich bin zusammen mit meinem Vater und Lavelle Maloney in einer Gruppe unterwegs gewesen«, sagte Diego mit leiser, angespannter Stimme. »Wir sind in einen Schneesturm geraten. Aber wir haben uns ins Innere des Planeten gerettet. Mein Vater… na ja, eine Weile war es ziemlich schlimm; fast wäre er am Schock gestorben. Aber Clodagh und Bunny und die anderen haben ihm geholfen, und inzwischen geht es ihm schon wieder sehr viel besser. So etwas scheint vielen Firmenteams zu passieren.« Iva schüttelte den Kopf. »Dann haben sie nicht um Erlaubnis gebeten. Wie Satok sagt, haben wir früher alles falsch gemacht. Er sagt, daß Miuks Bruder und unsere anderen Einwohner die Firmenteams umgebracht hätten und daß der Planet sie dafür bestraft hat… ja, uns alle.« »Weshalb erzählt er euch solche Lügen?« wollte Bunny wissen. Sie hatte sich lange genug zurückgehalten. Jetzt war sie wirklich wütend. »Er lügt nicht. Solange wir tun, was er sagt, und die Zahlungen aufbringen, die er haben will, läuft doch alles viel besser.« »Welche Zahlungen?« fragte Diego ungläubig und streckte die Kieferlade vor. »Nur Kleinigkeiten. Lebensmittel, Felle, ein paar Näharbeiten für ihn, die besten Welpen des jeweiligen Wurfs und der beste Leithund, um sie auszubilden.« »Ach so, solche Zahlungen«, sagte Diego in einem Tonfall, den Bunny bei ihm noch nie gehört hatte. Aber sie wußte schon, worauf er hinauswollte. »Und all eure Schwierigkeiten sind behoben, seit er euch hilft?« Alles nickte feierlich. »Und der Planet hat auch nichts dagegen, daß ihr euch so tief in ihn hineingrabt«, Diego machte eine heftige absteigende Geste mit der Hand; dann verpaßte er seinem imaginären Werkzeug eine bösartige Drehung, als er imaginäres Grabgut auf den Boden schleuderte, »und daß ihr große Wunden in seine Oberfläche reißt?« Ein benommenes Grollen war die Antwort auf seine harten Worte., »Du, junger Diego, bist ein Fremder, du stammst nicht von diesem Planeten. Wie kannst du da behaupten, seine Wünsche zu kennen? Wie kannst du da behaupten, unsere Bedürfnisse zu kennen? Du verstehst den Planeten nicht, du verstehst uns nicht, du weißt nicht, wie das in Shannonmouth ist«, sagte Miuk schließlich streng und verlagerte das Gewicht auf seinen Beinen, um eine aggressive Körperhaltung einzunehmen. »Höchstwahrscheinlich nicht«, antwortete Diego und erwiderte seinen Blick so furchtlos, daß Bunny ebenso stolz wie verängstigt auf ihn war. »Aber ich habe ein Lied zu singen…« Bunny atmete insgeheim erleichtert auf. Diego lernte wirklich schnell dazu. Aus anerzogener Höflichkeit entkrampften sich alle Anwesenden in dem winzigen Haus gerade genug, um anzuzeigen, daß sie wohl für ein Lied empfänglich sein würden, nicht jedoch für weitere Worte, die sich gegen ihren Shanachie richteten. Unter all den angespannten Mienen bemerkte Bunny nur eine – die des hellhaarigen Jungen Krisuk –, die nicht denselben abwehrenden, halb verschreckten Ausdruck hatte. Sie hatte Krisuks Gesichtsausdruck zuerst mit Mißmut verwechselt, doch als Diego sprach, entspannte sich das Gesicht des Jungen, und Bunny erkannte, daß er sehr zornig war – und zwar nicht auf sie. Als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan und es nicht erst in den letzten Monaten gelernt, hob Diego nun den Kopf, die Augen halb geschlossen, und sang das Lied, das er für das Latchkay von Kilcoole komponiert hatte. Ich bin neu gekommen, im Sturm, hierher. Ein Sturm des Herzens und der Seele. Ich suchte und fand den Sturm mit Lavelle. Sie rettete mich, als der Schlitten stürzte. Mit der Hitze ihres Körpers rettete sie mich. Mit dem Witz ihres Geistes rettete sie auch meinen Vater. Rettet mich, die Höhle zu sehen, von der alle sagen, ich hätte sie nicht geschaut. Doch ich schaute die Höhlen und das Wasser und das Schnitzwerk von Wind und Regen., Ich schaute den glitzernden Schnee wie Geschmeide auf Tuch. Ich schaute die winkenden Zweige, das sprechende Wasser, die Antwort des Eises, das Lachen des Schnees. Ich schaute die Tiere des Wassers, der Erde, und auch diese sprachen zu mir. Sie waren gütig zu mir und gaben mir Antwort auf all meine Fragen, doch ich weiß nicht mehr, welche Fragen ich stellte. Ich weiß nicht mehr, welche Antwort ich hörte. Ich weiß nur die Höhle, die Äste, das sprechende Wasser, das lebende Eis und den lachenden Schnee. Ich weiß, daß ihr es auch wißt. So vernehmt denn mein Lied und glaubt mir. Denn ich schaute, was ihr geschaut habt. Und bin verwandelt. Hört meinen Gesang. Glaubt mir. »Diego ist kein Fremder auf Petaybee. Der Planet hat zu ihm gesprochen«, sagte Bunny ruhig in das respektvolle Schweigen, das jedem wahren Lied folgte. Denn sie konnte an ihrer Reaktion ermessen, daß die Connellys das Lied in seinem innersten Wesen erkannten. »Der Planet spricht nur zu wenigen«, meinte Iva nickend. »Aber hier«, versetzte Miuk mit rauher Stimme, »spricht der Planet zu Satok und zu niemandem sonst, und ihm müssen wir im Namen des Planeten gehorchen.« »Gut gesprochen, Miuk.« Erstauntes Keuchen, als Satok plötzlich den Kopf durch ein vorsichtig geöffnetes Fenster schob. »Gut gesungen, junger Reisender!« Iva erhob sich schnell und öffnete die Tür. Sie war puterrot vor Verlegenheit, daß der Shanachie eigens durchs Fenster hatte lauschen müssen, um etwas zu hören, was in ihrem Haus geschah. Bunny fiel sofort ein, daß dies möglicherweise erklärte, wieso er so viel von den Geschehnissen im Dorf wußte. Nachdem Satok eingetreten war, hielt er sofort auf das Bett zu, auf dem auch Bunny und Diego saßen. Doch Diego reagierte schnell und wechselte den, Platz, so daß Satok neben ihm an Stelle von Bunny sitzen mußte, wie er es offensichtlich vorgehabt hatte. »So, junger Reisender, du meinst also, der Planet teilt dem einen Dorf dies mit, und dem anderen etwas anderes?« fragte Satok mit glitzernden Augen, den Mund spöttisch verzogen. »Dein Dorf liegt in der Nähe von Minen, Kilcoole hingegen nicht.« »Aber Lavelle hat doch gerade nach Minen gesucht, als eure Gruppe sich im Schneesturm verirrte, nicht wahr?« »Das haben wir, aber weit östlich von Kilcoole und sehr weit nördlich von hier«, erwiderte Diego gelassen. Bunny fand, daß er sehr viel klüger war als der Shanachie, der offensichtlich versuchte, Diego eines Widerspruchs zu überführen. »Was hat der Planet dir denn noch alles gesagt, daß du ein solches Lied verfaßt hast?« Diego blickte Satok direkt in das drohende Gesicht. »Der Planet hat mir Worte zum Singen gegeben, die ich nun gesungen habe. Jetzt ist mein Mund trocken, und wir sind weit gereist, um Iva Connelly zu besuchen und ihr für ihre Geschenke zu danken, wie auch wir Geschenke mitgebracht haben.« »Pah!« sagte Satok mit verächtlichem Blick auf die Keimlinge. »Es wird keine Zeit für den Anbau bleiben, wenn erst die Anweisung der Firma eingetroffen ist.« »Im Augenblick ist aber Zeit«, versetzte Bunny, die sich durch Diegos Haltung ermutigt fühlte. »Die Tage sind jetzt lang genug, und der Boden hier wird schon bald genauso bereit sein wie in Kilcoole. Damit wird die Firma nicht belastet. Sie braucht nichts von ihren eigenen frischen Lebensmittelvorräten abzugeben. Die Firma beliefert uns nur mit Dosenkonserven und Trockennahrung. Unsere Leute brauchen aber frisches Essen.« Satok sprang auf. »Ich werde verkünden, was für meine Leute gut ist, und nicht ihr Fremden!« Er fuhr zu Iva herum. »Du wirst diese Geschenke nicht annehmen.« Ivas Miene wirkte verschreckt und schockiert, doch Satok ignorierte es. »Wenn der Planet meint, daß du ihrer würdig bist, wird er auch dafür Sorge tragen.« Dann blickte er in, seiner vollen, imposanten Körpergröße auf Diego und Bunny herab. »Man hat euch nicht eingeladen.« Drohend wies er mit dem dicken Zeigefinger auf Diego. »Du kommst hierher und versuchst meinen Leuten vorzuschreiben, was das Richtige für sie sein soll.« Er zeigte auf Bunny, und ein merkwürdig habgieriger Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Der Planet spricht durch mich, und ich kann am besten beurteilen, wer oder was für diese Leute gut ist. Ich entscheide, welche Geschenke für diesen Teil des Planeten geeignet sind. Eure Shanachie meint es gut, aber sie weiß nicht um unsere wahren Nöte. Morgen werde ich euch belehren, nachdem ihr euch ausgeruht habt.« Damit stakste er aus dem kleinen Haus und blieb draußen kurz stehen, um die Lockenfelle zu mustern, während alle zornig und nervös zurückblieben, Löcher in die Luft starrten oder sogar heftig zitterten. Bunny bebte vor Wut, und Diego hatte sich auf die Lippe gebissen, um sich selbst am Sprechen zu hindern. Er warf Bunny einen langen Blick zu, und seine Schultern sackten herab wie die aller anderen. Danach fiel es Iva sehr schwer, höflich zu bleiben. Der Shanachie hatte sie durch sein Verhalten vor den anderen blamiert, und die anderen hatten Iva durch ihr Benehmen vor dem Shanachie in Verlegenheit gebracht. Außerdem war sie wütend auf ihren Mann. Immerhin verweigerte sie die Vorräte nicht, die Bunny und Diego in ihren Satteltaschen mitgebracht hatten, um die Abendmahlzeit damit zu bereichern. Bunny hatte nur wenig Appetit. Sie war zornig, sogar ein wenig bestürzt. Noch nie im Leben hatte jemand sie so grob behandelt, nicht einmal ihre widerlichen Vettern. Ganz gewiß hatte sie nicht damit gerechnet, daß man Clodaghs sorgfältig ausgesuchte Geschenke verschmähen könnte. Diego blieb stumm und aß ebensowenig wie Bunny. Sein Blick hatte etwas Lauerndes. Sie ließen sich zur Nacht auf dem Fußboden zwischen den beiden Pritschen nieder, die dem Feuer am entferntesten lagen. Sie froren, weil sie nicht ihre wärmste Winterausrüstung mitgebracht hatten. In, Kilcoole, wo es für die Jahreszeit warm war, hatten sie sich nicht vorstellen können, daß es hier so kalt sein würde. Diego zitterte, schlang die Arme um seinen Oberkörper und schaffte es dabei noch, zornig dreinzublicken. Der blonde Junge, Krisuk, lag in einem der Betten neben ihnen und warf Diego eine Flickendecke zu. »Nimm das«, flüsterte er. »Brauchst du sie denn nicht?« »Ich kann meinen Parka anziehen. Ich wollte euch nur sagen, daß es gut war, wie ihr diesen Schaumschläger zurechtgestutzt habt.« »Glaubst du denn nicht, daß er das Herz und die Seele des Planeten ist, wie alle anderen hier zu glauben scheinen?« fragte Bunny flüsternd. Krisuk stieß ein leises abfälliges Geräusch aus. In diesem Augenblick ertönte draußen vor dem Blockhaus wütendes Gebell. »Dinah!« sagte Diego und fuhr auf. Iva und Miuk hoben die Köpfe; dann wälzten sie sich betont auf die Seite, um weiterzuschlafen. Außer Krisuk zogen sich alle Kinder die Flickendecken über den Kopf. Schon bald wich das Gebell einem Kratzen und Winseln an der Tür. »Sie darf nicht reinkommen«, sagte Krisuk. »Seine Hoheit hat verfügt, daß Tiere nicht mit Menschen zusammen im Haus bleiben dürfen.« Doch Diego war bereits an der Tür, entriegelte sie und beugte sich über die aufgeregte Hündin. Bunny stand ebenfalls auf. Krisuk schlich ihr nach. Da die Hündin nicht herein durfte, gesellten Bunny und Krisuk sich draußen zu Diego, der gerade dabei war, ihr das Fell abzureiben und mit ihr zu sprechen. »Sie versucht, mir irgend etwas mitzuteilen. Das weiß ich genau«, sagte Diego. »Aber sie ist so aufgeregt, daß sie ganz durcheinander ist.« »Darby und Ciscol!« entfuhr es Bunny, als ihr die Lockenfelle wieder einfielen. »Was?«, »Wo sind sie?« »Ich… ach, Scheiße!« sagte er. Krisuk schnitt eine Grimasse. »Wenigstens hat er den Hund übrig gelassen.« »Wer?« »Ihr wißt schon – er«, antwortete Krisuk und wies mit dem Kinn zum Ende der Häuserreihe hinüber. »Der Kerl denkt, daß alles ihm gehört, was sich zu haben lohnt. Außerdem habe ich gesehen, wie er deine Frau angeblickt hat.« Er nickte in Richtung Bunny. »Ich schätze, er will auch dich hierbehalten, zusammen mit den Pferden.« »Der wird nichts und niemanden behalten«, fauchte Bunny. »Einschließlich der Macht, die er über dieses Dorf ausübt. Ich weiß zwar nicht, wie er es geschafft hat, diese Stellung zu erringen, aber eins weiß ich mit Sicherheit – wenn er der einzige ist, der hier mit dem Planeten in Verbindung tritt, ist irgend etwas faul.« Diego sagte vorsichtig: »Wir haben versprochen, daß wir zuerst Sean und die Majorin aufsuchen werden, falls es hier haarig werden sollte.« »Schön, aber ohne die Pferde kommen wir ja wohl kaum von hier weg, oder? Jedenfalls nicht so, daß wir rechtzeitig dort wären. Wir wären bloß das reinste stehende Ziel für diesen… diesen… Hexendoktor!« Sie benutzte den Ausdruck, mit dem manche Firmenleute gelegentlich Clodagh zu bezeichnen pflegten. »Eure Pferde sind weg«, warf Krisuk in einem harten, nüchternen Tonfall ein. »Was Satok einmal für sich beansprucht, bekommt niemand jemals zurück.« Bunny sagte mit einer Stimme, wie Tante Moira sie für störrische Kinder und Welpen aufsparte: »Sei nicht albern! Satok ist auch nur ein Mensch – noch dazu ein ziemlich habgieriger.« »Alle sagen, daß er die Stimme von Petaybee ist.« »Dann sind alle eben ziemlich taub geworden«, versetzte Bunny. »Kein Einzelwesen ist die Stimme von Petaybee. In Kilcoole kann jeder, der es möchte, mit Petaybee sprechen. Dieser Planet ist, durchaus in der Lage, sich jedem verständlich zu machen, der sich Mühe gibt, ihm zuzuhören.« »Warum spricht er dann nur durch Satok zu uns? Ich hasse ihn, aber die einzige Gelegenheit, da man etwas von dem Planeten zu hören bekommt oder in McGees Paß mal etwas Gutes geschieht, besteht immer nur dann, wenn wir dem Ruf in die Höhle dort oben folgen.« »Dort, wo wir dir und deiner Mutter zuerst begegnet sind?« fragte Bunny. »Genau da.« »Schön, dann gehen wir einfach dorthin zurück. Ich habe eine gute Beziehung zu dem Planeten. Ich bin mir ganz sicher, daß er sich nicht weigern wird, mit mir zu sprechen. Und außerdem, vielleicht hat der Shanachie ja die Lockenfelle dort versteckt.« »Nein, die Pferde sind wahrscheinlich dort oben«, widersprach Krisuk und gestikulierte mit einer knappen, heftigen Bewegung, »an seinem Haus, oben auf der Höhle, auf der Weide oberhalb des Felsvorsprungs.« Dinah winselte leise, und Diego streichelte sie. »Weißt du was, Bunny. Ich glaube, die Pferde würden Dinah folgen, wenn sie nicht allzu fest angebunden sind.« »Der würde nur eure Hündin dazu einsacken – oder sie umbringen.« »Das wollen wir doch mal sehen«, erwiderte Bunny. Sie reckte das Kinn vor und ballte die Hände zu Fäusten, als sie den Weg zum Höhleneingang hinauf marschierte. Der Nachtwind war ziemlich laut und heulte über die Wipfel und Dächer, ließ Türen und Fenster klappern, packte alles, was nicht niet – und nagelfest war und schleuderte es umher. Bunny merkte, daß der Planet bereits sprach. Wenn die Leute nur zuhören würden! Seine Botschaft war laut und deutlich vernehmbar: Er war nicht erfreut. Überhaupt nicht erfreut. »Bunka, warte!« flüsterte Krisuk drängend. Er packte sie am Arm, als er sie eingeholt hatte. Diego stand auf der anderen Seite neben ihr. »Wir können nicht länger warten. Dieser Kerl hat bereits unsere Pferde gestohlen. Wer weiß, was er als nächstes tut.«, »Das versuche ich euch doch gerade zu erklären. Sie«, mit einem Nicken wies Krisuk auf Bunny, »sollte am allerwenigsten gehen.« »Warum nicht?« »Ihr habt meine ältere Schwester Luka nicht kennengelernt«, antwortete er. Er klang so zornig und gequält, daß Bunny und Diego abrupt stehenblieben. Sie hatten gerade das letzte Haus hinter sich gelassen und standen nun etwa zweihundert Schritte vor dem Höhleneingang. »Satok hat sie rüber nach Totpferd geschickt. Aber vorher hat er sie genommen.« »Was soll das heißen, er hat sie genommen?« fragte Bunny. »Meinst du, er hat sie vergewaltigt?« »Jedenfalls nicht sofort. Am Anfang war er doch so ein wichtiger Mann, daß es sie entzückte, von ihm auserwählt worden zu sein. Sie war schließlich das hübscheste Mädchen im ganzen Dorf, dazu eine kluge, fleißige Arbeiterin. Als sie noch jünger war, hielt man es für möglich, daß sie eine Heilerin werden könnte, wie Clodagh. Sie hat immer gesungen und sehr freundlich mit allen und jedem gesprochen. Aber als sie eine Frau geworden war, wurde sie ein wenig seltsam. Ich glaube, wahrscheinlich haben die Leute zu viel davon geredet, wie hübsch sie war und was für eine gute Partie sie einmal machen würde. Und die Burschen hier im Dorf… na ja, in ihrem Alter gab es ohnehin nicht allzu viele, und keiner von denen war der Richtige. Als Satok kam, schmeichelte er ihr mit seiner Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil sie hübsch war. Er setzte auch auf ihre Schamanenkräfte und auf ihre Beziehung zu Petaybee, die immer sehr eng gewesen ist. Wenn ich Satok nicht so sehr hassen würde, müßte ich wohl zugeben, daß er gar nicht schlecht aussieht. Er wirkt… größer… als die anderen Burschen hier. Meine Schwester war sehr aufgeregt. Sie glaubte, sie hätte den Richtigen gefunden. Meine Eltern glaubten, sie würde ihn heiraten, aber er hat sie einfach nur dort oben zu sich geholt. Nicht, daß es allzu großer Überredung bedurft hätte.« Jetzt marschierten sie langsam und um einiges vorsichtiger gegen den Wind, die Köpfe zusammengesteckt, während das Haar des einen den anderen ins Gesicht wehte. Sie wollte sich anhören, was Krisuk ihnen so dringend mitzuteilen hatte. Als sie den Höhleneingang, erreichten und Krisuk den Strauch beiseiteschob, der vor dem Eingang wuchs, setzte der Wind plötzlich aus, als hätte jemand ihn ausgelöscht. Geduckt traten die drei ein., 7. KAPITEL »Coaxtl, wach auf. Ich glaube, sie haben mich entdeckt«, flüsterte Ziegendung der Katze ins fellbesetzte linke Ohr. Coaxtl setzte sich und gähnte. Wer hat uns gefunden, Junges? »Der Heulende Hirte und seine Herde. Sie kommen, um mich zurückzuholen.« Coaxtl wälzte sich herum und setzte sich auf die Hinterläufe, auf die Vorderpfoten gestützt, während sie den leisen Stimmen lauschten, deren Worte nicht ganz verständlich waren. Nachdem sie einen Augenblick zugehört hatte, legte die Katze sich wieder hin. Fürchte dich nicht, Kind. Das ist nur die Stimme des Heims. Der Heulende Hirte hatte von dem Großen Ungeheuer erzählt, bei dem es sich um dasselbe Wesen zu handeln schien, das die Katze Heim nannte, und davon, daß das Ungeheuer eine Stimme besaß, obwohl der Hirte sie stets als Knurren oder Brüllen oder Zähneknirschen oder Speien oder etwas ähnlich Bösartiges beschrieben hatte. Er hatte gesagt, daß das Große Ungeheuer in allen Legenden der Erde vorkäme; er hatte von der Unterwelt gesprochen, die vom Gebein der Toten bewacht wurde, und von schrecklichen gefräßigen Feuern und Qualen. Wenn er Ziegendung oder ein anderes Mitglied der Herde bestrafen ließ, pflegte er sie daran zu gemahnen, daß das Große Ungeheuer ihnen noch sehr viel Schlimmeres antun würde, sollten sie in Sünde und Irrtum sterben, ohne durch seine Lehre auf den rechten Weg zurückgeführt worden zu sein. Schreckliche Schlangen und Würmer und feuerspeiende Tiere würden das Große Ungeheuer bewachen oder wären Bestandteile von ihm, und die Unterwelt beherberge alle diese bösen Dinge, sagte der Hirte. Ziegendung fragte sich, ob sie die Unterwelt wohl auch zu Gesicht bekommen würde. Bisher war sie ja nur Coaxtl begegnet. Die Sorglosigkeit der Katze hätte sie eigentlich wieder in ihre erschöpfte Erholung von den Abenteuern der vergangenen beiden, Tage lullen sollen. Doch sie machte die Feststellung, daß die Stimmen – und die Möglichkeit, zur Herde zurückkehren zu müssen – sie so sehr aufgeschreckt hatte, daß sie nun nicht mehr einschlafen konnte. »Hast du mal gehört«, fragte sie die Katze träge, »wie es in der alten Zeit auf der Erde war, bevor wir für unsere schrecklichen Frevel und Sünden an diesen kalten Ort verbannt und dem Großen Ungeheuer ausgeliefert wurden?« Ziegendung erwartete die Antwort der Katze in schläfriger Vorfreude, denn trotz allem, was sie am Leben im Tal der Tränen verabscheute, und trotz aller Furcht, die sie dem Heulenden Hirten entgegenbrachte, gefielen ihr die Geschichten, die er und alle anderen in der Herde unentwegt zu erzählen pflegten. Sie erzählten Geschichten darüber, weshalb es gut war, auf die eine Art zu kochen und nicht auf die andere; Geschichten darüber, weshalb man ein Haus auf eine bestimmte Weise und keine andere bauen sollte. Geschichten, wie furchtbar es in ihren Heimen zugegangen war, bevor sie ins Tal der Tränen gekommen waren. Geschichten von ihrer ersten Begegnung mit dem Hirten. Obwohl einige der Geschichten beängstigend waren und die Bilder, die sie heraufbeschworen, Ziegendung mit Abscheu und Ekel erfüllten, so vermißte sie diese Geschichten doch. Es fehlte ihr, sie erzählt zu bekommen. Die Geschichten stellten eine Erholung von der Prügel dar und ließen die Arbeit schneller vonstatten gehen. Viele der Geschichten glichen jener, an die Ziegendung sich gerade erinnert hatte: Sie handelten davon, wie das große Ungeheuer Menschen verschlang und ihr Leben durcheinander brachte. Andere dagegen waren schön und berichteten von der alten Zeit auf der Erde. Meistens erzählte man sie, damit alle Zuhörer angemessen Trauer darüber empfanden, was sie durch ihre Sünden verloren hatten; trotzdem hörte Ziegendung die Geschichten gern. O ja, erwiderte die Katze. Meine Großmutter hat meiner Mutter davon erzählt und gesagt, daß sie die Geschichte von einem uralten Mann hatte, der auf dem Weg zum Sterben vorbeigekommen war. Aber ich finde nicht, daß diese Geschichten für Jungtiere geeignet sind., »Wie meinst du das?« Die alten Zeiten waren schlimm. Zunächst sind alle guten Dinge verschwunden, die das Leben schön machten. Dann war eine Zeitlang alles steril und bestand aus unechten Materialien. Bäume trugen totes Laub und tote Rinde, und sie wuchsen auch nicht aus der Erde, denn die war ebenfalls tot. Der Boden bestand aus hartem, unnachgiebigem Zeug, und zwischen einem selbst und dem Himmel gab es Schranken. Am Anfang durfte noch ein wenig echte Luft hindurch, später nur noch Licht, und manchmal war nicht einmal dieses Licht mehr echt. Das war schon schlimm genug, als alles noch sauber und frei von winzigen Lebewesen war, doch mit der Zeit war die Erde nicht nur tot, sondern auch immer schmutziger geworden. Schließlich war eine von unserer Art so gescheit, dafür zu sorgen, daß sie und ein ihr bekanntes Männchen in das Manifest aufgenommen wurden, als man Lebewesen aus unseren Ländern auswählte. »Was für eine merkwürdige Geschichte«, meinte Ziegendung und fügte streng hinzu, wie die Frauen es mit ihr zu tun pflegen, wenn sie ihnen etwas erzählte, was sie für eine Lüge hielten: »Das ist aber nicht, was der Heulende Hirte von der alten Erde erzählt.« Der Heulende Hirte, versetzte die Katze und putzte dabei ihre langen, scharfen Krallen, frißt auch seine Jungen. Darüber dachte Ziegendung einen Augenblick nach. »Stimmt. Rede weiter. Hat der alte Mann deiner Vorfahrin auch Einzelheiten berichtet?« Ja. Ich will es dir erzählen, wie es ihr erzählt wurde. Coaxtl stieß ein leises Hüsteln aus, das beinahe schon ein Knurren war, und fuhr fort. Vor langer Zeit, als unsere Vorfahren noch rotbraunes Fell trugen, lebten wir in den Bergen. Es waren keine Berge wie diese, die alle zerklüftet und eisig kalt sind, sondern glatte Berge mit heißen und duftenden Dschungeln, die fast bis an die Gipfel reichten. Damals war der Himmel voller Blattwerk und Dächern, unter denen man sich verstecken konnte. »Was ist denn ein Dschungel?« fragte Ziegendung., Ein sehr heißer Ort mit vielen Bäumen, manchmal auch mit sehr viel Regen und leuchtenden Blumen. »Wie im Sommer im Tiefland?« Nein, noch viel wärmer, und das ganze Jahr lang. Eine solche Hitze würden du und ich gar nicht ertragen. Damals gab es viele Tier- und Pflanzenarten, die heute nicht mehr existieren, jedenfalls hier nicht. Noch nicht. »Wie meinst du das, noch nicht?« Unser Heim, antwortete die Katze, hat Pläne. »Was ist los, Sean?« fragte Yana etwa zum fünften Mal, als sie bemerkte, wie Sean über die Schulter zurückblickte. Nanook hatte bereits zweimal dasselbe getan. »Ich weiß nicht«, erwiderte er achselzuckend und grinste sie verlegen an. »Eigentlich sollten sie bei den Connellys in Sicherheit sein. Und wir sollten uns mal lieber auf den Weg machen, wenn wir heute nacht noch im Warmen schlafen wollen.« Sein Grinsen wurde breiter. »Die Luft hier oben ist kühler als unten. Ich bin gar nicht darauf gekommen, daß es nicht überall so unverhältnismäßig warm sein würde wie in Kilcoole.« Nachdem sie den Wald und die mit flechtenähnlichen Pflanzen und Moosen bewachsenen Hänge hinter sich gelassen hatten, mußten sie absteigen und die Ponys an mehreren heiklen Stellen selbst führen, wo der Weg so eng wurde, daß es Yana einen Schrecken einjagte, obwohl sie vor ihrer Verwundung in Bremport einiges gewöhnt gewesen war. Die Lockenfelle schienen keinerlei Gefahr zu kennen, obwohl es Yana ein wenig tröstete, daß die Ohren der Tiere ständig zuckten und sie die Schweife wie Propeller kreisen ließen, um das Gleichgewicht zu halten, wie Nanook es auch zu tun pflegte, wobei sie häufig schnaubten, als würden sie sich über irgend etwas verständigen. Nachdem sie das felsige Stück hinter sich gebracht hatten, gelangten sie wieder in den Wald, als es schon völlig dunkel war. Der Wald war hier dichter als um Kilcoole, die Bäume größer, die Stämme dicker. Von den Ästen troff unentwegt geschmolzener Schnee, so daß, es ebensogut hätte regnen können. Yana war sehr erschöpft, und so wies Sean sie an, sich um das kleine Feuer zu kümmern, das er entfacht hatte, während er zunächst die Pferde versorgte und anschließend die Hasen häutete, die Nanook erlegt hatte. Der Kater fraß seine Portion roh, und er tat es mit soviel Genuß, daß Yana es kaum erwarten konnte, bis ihre eigene Mahlzeit gar geworden war. Schließlich fiel sie – Sean auf der einen, Nanook auf der anderen Seite –, in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Als sie am nächsten Morgen erwachte, kitzelte sie der Duft von Kaffee in der Nase, und sie erblickte einen Becher, dessen Henkel auf sie gerichtet war. Schließlich schlüpfte Sean wieder in den Schlafsack und grinste Yana dabei an, und gemeinsam unterdrückten sie ihr Kichern über Nanooks leises Schnarchen. Es war schon gegen Ende des Morgens, als sie plötzlich das Plateau erreichten, das sich der anderen Hälfte des Fjords entgegenneigte. Hier sah es so aus, als hätte eine riesige Axt die Steilklippe in zwei Teile gehauen, um den Wassermassen über eine sich verjüngende Schneise den Zutritt zum Kontinent zu ermöglichen. Weiter unten erweiterte sich die Schneise abrupt, dort, wo der Fluß endlich das Meer erreicht hatte und sich in einem anmutigen, mittelgroßen Wasserfall am Ende von Harrisons Fjord in die Tiefe ergoß. »Wer war eigentlich Harrison?« fragte Yana, als sie dem Gefälle folgten, dem Rauch entgegen, der von unsichtbaren Kaminen aufstieg, wobei Nanook ihnen als Vorhut voransprang. »Harrison? Das war ein alter Kumpel von Großvater. Er ist von Werweißwo hierhergekommen«, erklärte Sean. »Er hatte eine Menge Humor und liebte alte Geschichten von Weltraumabenteuern.« »Ach ja?« »Ja, wie der Ortsname beweist«, fuhr Sean fort und blickte dabei über die Schulter, als müsse Yana die Anspielung sofort begreifen. Als ihm klar wurde, daß es nicht der Fall war, fuhr Sean achselzuckend mit seiner Erklärung fort. »Die meisten Leute hier sind eskirischer Herkunft – Fischer und Bootsbauer.« »Bootsbauer?« Yana war erstaunt: Nachdem sie den Paß bei McGee hinter sich gelassen hatten, waren auch die bewaldeten Hänge, verschwunden, und die gegenüberliegende Seite des Fjords war ebenso kahl wie diese. Wenn man hier irgend etwas bauen wollte, mußte man meilenweite Transportwege in Kauf nehmen, um das Holz heranzuschaffen. »Gute Boote bestehen nicht unbedingt nur aus Holz«, erklärte Sean. »Aha. Übrigens, Sean, Liebster«, erwiderte Yana und packte die Gelegenheit beim Schopf, »wie viele Leute wissen eigentlich, daß du ein Selkie bist?« »So wenige wie möglich.« Doch dabei grinste er sie an. »Viele Leute haben schon mal einen Selkie gesehen. Das kann nicht immer ich gewesen sein, weil ich weiß, daß ich zur fraglichen Zeit nicht einmal in der Nähe war, und soweit ich weiß, verfügt niemand sonst über meine… hm… Vielseitigkeit. Manche Petaybeeaner haben nun mal eine ausgeprägte Einbildungskraft.« »Das ist mir auch schon aufgefallen.« »Dachte ich mir. Tja, jetzt können wir wieder reiten. Ich würde es vorziehen, wenn wir die Reise endlich hinter uns brächten, bevor die Lichtverhältnisse wieder schlechter werden.« Sie saßen auf und setzten die Reise in jenem erstaunlich geschmeidigen Trab fort, den die Lockenfelle so mühelos in den unterschiedlichsten Geschwindigkeiten an den Tag zu legen vermochten. Yanas kleine Stute blieb mit der Nase dicht am Schweif von Seans Hengst. Das Tempo war atemberaubend, doch hier unten machte es Yana nicht so viel zu schaffen wie oben auf den schmalen Gebirgspfaden. Die Lockenfelle hatten allerdings auch die Eigenart, ohne jede Vorwarnung plötzlich stehenzubleiben. Nur das Anspannen der Vorderhandmuskeln unter ihren Schenkeln machte die Reiter darauf aufmerksam, daß es ratsam war, sich an der dichten Mähne festzuhalten. Gerade noch schossen sie förmlich davon – im nächsten Augenblick standen sie stocksteif da! Dann mußte Yana sich wieder vom Pferdehals lösen und sich um eine aufrechte Haltung bemühen. Sie saß ab, als sie bemerkte, daß Sean das gleiche getan hatte. Was war da los? Führte er sein Pony etwa gerade über den Klippenrand? Nein, bemerkte sie nach kurzem Stocken, zur Rechten war mit, knapper Mühe Nanooks Kopf zu erkennen, und Sean hatte sich dieser Richtung zugewandt, worauf das Trio mit seinem Abstieg begann. Yana seufzte angesichts der Aussicht, jetzt auf dem Weg hinunter wiederholen zu sollen, was ihr schon auf dem Weg hinauf widerfahren war, mußte aber zu ihrer angenehmen Überraschung feststellen, daß sie auf einen breiten, zerklüfteten, aber mit Gras überwachsenen Pfad gelangten, der sich in sanftem Gefälle die Klippenwand hinunter bis ins Dorf Harrisons Fjord schlängelte. Dieser Weg mußte von Menschenhand geschaffen worden sein. Wie üblich, hatte Nanook die Vorhutrolle übernommen und trappelte mit lässig zuckender Rute voraus. »Harrison«, sagte Sean, »haßte das Klettern. Er hatte Gleichgewichtsprobleme. Ich weiß zwar nicht, wen von der ursprünglichen TerraB-Gruppe er bestochen haben mag, jedenfalls wurde die Straße so angelegt, wie er es haben wollte. Gleiches galt für das Dorf und den Hafen.« »Wo sind denn deine Schwester und ihr Mann in die Höhlen eingedrungen…« Yana hielt inne, als sie feststellte, daß die Felsformation am Wegesrand eine Höhlenbildung weitgehend ausschloß. Während Sean auf den Wasserfall deutete, bemerkte Yana zu ihrer Verwunderung, daß Nanook in dieselbe Richtung blickte und nieste. »Da hinten, ein Stück links von der gegenüberliegenden Seite, liegt die Fjordhöhle.« Plötzlich ertönte Hundegebell, und als Yana gerade mit sich selbst eine Wette abschließen wollte, kamen ihnen auch schon mehrere orangefarbene Katzen entgegengeschlendert, um sie zu begrüßen. Sie stellten sich auf die Hinterläufe, um, Nase an Nase, Beschnüffelung auszutauschen. Yana hatte bestanden. Die Katzen kamen den Reisenden sofort entgegen, für die Nanook offensichtlich die Bürgschaft übernommen hatte. »Wo wir auch hinkommen?« fragte sie Sean, der sich gerade vorbeugte, um einen orangefarbenen Rücken zu streicheln. Selbst auf einige Schritt Entfernung konnte Yana das Schnurren vernehmen., »Nicht überall«, erwiderte Sean mit leiser Betonung des ersten Wortes, »aber sie kommen viel herum.« Er streichelte ein weiteres Exemplar, dann kraulte er einem schwarzen, zottigen Hund mit hellbrauner und weißer Gesichtsmaske die Ohren, der sich mittlerweile ebenfalls eingefunden hatte, um seine Streicheleinheiten abzuholen. Das Schnurren wurde immer vernehmlicher, als die erste Katze um Yanas Knöchel strich. Yana hatte das merkwürdige Gefühl, daß man sie um ihrer selbst willen willkommen hieß und nicht nur als Seans Gefährtin. Sie neigte sich vor, um die Katze unterm Kinn zu kraulen, und spürte das leichte Beben eines Schnurrens in den Fingerspitzen. Nun kamen immer mehr bellende Hunde zur Begrüßung herbei. Geschmeidig und geschickt bewegten sie sich zwischen den Katzen. »Wer kommt da?« rief eine schnarrende Baßstimme. »Sean Shongili und Yanaba Maddock!« rief Sean zurück. »Sean? Und niemand geringerer als seine Herzensdame? Dreifach willkommen! Beeilt euch, kommt herunter! Hier wartet schon eine Tasse Warmes auf euch!« Es gab keinerlei Möglichkeit, sich beim Abstieg zu ›beeilen‹; das verhinderten schon die Katzen und Hunde, die darauf bestanden, sie zu beschnüffeln, sich streicheln zu lassen und überhaupt ihr ganzes Weiterkommen zu behindern. Nanook war vorangesprungen und verschwunden, eine Bewegung, die Yana veranlaßte, die merkwürdige Anordnung der Häuser zu betrachten: ein gutes Dutzend Bauten, die man sorgfältig in einer Terrasse aus Erdreich verankert hatte. Die Klippe diente als Rückenwand, wobei die Terrasse gerade weit genug hervorragte, um einen kleinen Garten oder einen Hof samt Sitzbänken zu bilden. Die Häuser säumten den Weg zu beiden Seiten, als führten sie, wie auf einer Perlenkette aufgereiht, zu der letzten breiten Terrasse, die auch als Kai diente und hoch über dem Wasser des Fjords lag. Dort standen säuberlich aufgereihte Boote auf ihren! Gestellen. Von den hohen Pfählen hingen Netze herab, die im letzten Sonnenlicht trockneten. Auf der gegenüberliegenden Seite dieser breiten Terrasse stand eine große Halle aus Holz, in der man, wie Yana vermutete, wahrscheinlich Boote bauen konnte. Doch das, Wasser schien furchtbar weit entfernt zu sein, was Harrisons Fjord nicht gerade zu einem ideal gelegenen Fischerhafen machte. »Zur Zeit ist Ebbe«, sagte Sean, als er Yanas überraschten Ausruf hörte. »Bei Flut spült das Wasser hier hinauf wie eine Herde laufender Rentiere. Da muß man alles möglichst hoch, trocken und sicher lagern. Ah, Fingaard! Schön, dich zu sehen!« Und plötzlich fand sich Sean, der selbst schon alles andere als klein war, in der Umarmung eines der größten Männer wieder, den Yana auf diesem Planeten zu Gesicht bekommen hatte. »Gleichfalls, Shongili!« antwortete der Mann und grinste Yana über Seans Schulter hinweg an. »Das ist deine Frau?« Und er löste sich von ihm, um auf Yana zuzutreten. Sie hielt die Stellung, mußte den Kopf aber immer weiter in den Nacken legen, je näher der Riese kam, bis sie fast hintüber gekippt wäre. Plötzlich beugte er die Knie, bis sein Gesicht auf derselben Höhe war wie ihres, und legte mit erstaunlicher Sanftheit die heugabelgroßen Hände auf ihre Schultern. Er sah ihr in die Augen, so gütig und durchdringend, wie Clodagh es zu tun pflegte, und lächelte. »Ah, ja, natürlich.« Mit einer einzigen Bewegung hatte er Yana die Zügel des Lockenfells aus der Hand genommen und die riesige Pranke in den Rücken gestemmt, so daß sie sich auf dem Weg ins Dorf bequem dagegenlehnen konnte. Inzwischen waren auch andere Leute aus den Häusern gekommen. Jedes Haus schien seine separate Treppe zu haben, die zur Straße führte, sowie eine weitere, zweite, auf der man zur nächsten Ebene hinunter steigen konnte. »Wir haben schon gehört, daß ihr kommt«, sagte Fingaard jovial. »Und ihr könnt uns sagen, wie wir Petaybee helfen können?« »Fingaaaaaard, was hast du nur für Manieren, du Riesentolpatsch!« Eine Frau, fast so groß wie er, kletterte zur Straße hinauf, um Yana erst anzulächeln, bevor sie ihren Mann weiter zurechtstutzte. »Erst kommt das Trinken, dann das Essen, und danach hast du die ganze Nacht Zeit, um zu reden und zu erledigen, was erledigt werden muß. Mach dir nichts aus ihm, er meint es ja gut«, sagte sie an Yana, gewandt. Eine Hand – nicht ganz so groß wie Fingaards – schob sich Yana entgegen. Sie ergriff die Pranke und machte sich schon auf einen Händedruck wie von einer Schraubzwinge gefaßt. Tatsächlich drückten die Finger jedoch nur ganz sanft zu und lösten sich wieder von den ihren. »Ich bin Ardis Sounik, die Frau von Fingaard. Willkommen, Yanaba Maddock.« Yana war nicht überrascht, als sie die Katzen erblickte, die sich um Ardis’ Füße scharten, ohne daß sie auf die Tiere trat oder sie mit ihren Lederröcken beiseitefegte. Die Röcke waren wunderschön gefertigt und mit ungewöhnlichen Mustern verziert. Alles war auf eine Weise miteinander verwoben, die Yana so vertraut vorkam, daß sie sich das Gehirn zermarterte, als sie sich zu erinnern versuchte, wie man so etwas nannte. Dann aber hatte sie nicht mehr viel Zeit für tiefschürfende Gedanken, denn nun versammelte sich der Rest des Dorfes um sie – und es schienen weitaus mehr Menschen zu sein, als man bequem in zwölf, vierzehn oder selbst in vierzig Häusern hätte unterbringen können. Die Ponys wurden weggeführt, während die Hunde und Katzen sich unter Bänken und auf Simsen ihr Plätzchen suchten. Sean und Yana wurden an die längste Bank gesetzt und bekamen eine Tasse – ›etwas Warmes‹ zu trinken. Yanas erstes, verstohlenes Schnüffeln teilte ihr mit, daß das Getränk nichtalkoholisch war und keinerlei Ähnlichkeit mit Clodaghs Gebräu aufwies. Der erste Schluck offenbarte ein dermaßen sorgfältig zusammengestelltes Aroma, daß sie nichts Bestimmtes hätte herausschmecken können; doch insgesamt erwies es sich als eines der wohltuendsten Getränke, die sie je zu sich genommen hatte. Sie trank davon, wie Sean es tat, trank und genoß es und versuchte, sich die Namen der Leute einzuprägen, die ihr vorgestellt wurden. Sie waren ja so froh über den Besuch, so froh darüber, daß der Shongili selbst gekommen war, um ihnen mitzuteilen, wie sie sich in dieser Notlage nützlich machen könnten. Denn selbst hier hatte der Planet ihnen bereits mitgeteilt, daß ihre Hilfe gebraucht wurde und daß man ihnen schon bald zeigen würde, was sie tun könnten., Yana warf Sean einen verstohlenen Blick zu. Sie wollte wissen, wie er diese Neuigkeit aufnahm, doch er nickte nur weise, als wäre er bereits in alles eingeweiht. Wahrscheinlich war er das sogar. Und so trank Yana weiter. Dann kam das Essen. Wie von Zauberhand erschienen plötzlich Klapptische, und man stellte Fackeln auf, so daß das hastig zusammengestellte Bankett gut beleuchtet blieb, als das Tageslicht zu schwinden begann. Yana hatte noch nie so viele Möglichkeiten der Fischzubereitung auf einem Haufen gesehen: paniert, gegrillt, in würzigen Soßen mariniert, mit einer perfekt abgeschmeckten Außenschicht fritiert, in einer scharfen Flüssigkeit eingemacht, als Eintopf mit Kartoffeln und Gemüse – das letzte Getrocknete vom Vorjahr, aber gut gelagerte. Und dann der Nachtisch – aus Fischgelee und mit Kräutern gewürzt. Dazu eine seltsame, dicke Paste, die sich im Mund auflöste. Und immer mehr ›etwas Warmes‹. Nun begann man mit dem Gesang, und noch bevor es Yana peinlich werden konnte, wurde sie gebeten, ihr Lied über das Debakel auf Bremport vorzutragen; denn damals war auch einer der Jungen aus Harrisons Fjord dabeigewesen. Vielleicht lag es an dem ›Warmen‹, vielleicht aber auch nicht, jedenfalls hob Yana den Kopf und sang ihr Lied, und diesmal hatte sie keine Schwierigkeiten, den Eltern des Jungen in die Augen zu sehen, der gefallen war, als sie selbst beinahe ums Leben gekommen wäre. Diesmal wußte Yana, daß sie den Schmerz in den Herzen der Zuhörer linderte – und das war Balsam für ihren eigenen Schmerz. Vielleicht würde ja einmal der Tag kommen, da der schreckliche Alptraum von Bremport nicht mehr sein würde als der Text eines aus tiefstem Herzen kommenden Liedes. Schließlich führte man sie im Schein der Fackeln zu ihrer Unterkunft. Yana war so erschöpft, daß sie zwei Anläufe brauchte, um auch nur einen ihrer Stiefel auszuziehen. Sean half ihr, sich zu entkleiden, und bettete sie unter die warmen Felldecken. Das letzte, das Yana bewußt spürte, war Seans Arm, als er sie an sich preßte. In dieser Nacht träumte sie vom Umherwandern zwischen Zähnen, weiße Zungen hinunter, durch Knochen, die wie Rippenkäfige waren – und doch empfand sie keine Angst in diesem Traum, nur Neu gier,, was wohl als nächstes kommen würde. Und die ganze Zeit während dieser sich immer wiederholenden Traumsequenz vernahm sie Stimmengemurmel wie von fernen, unverständlichen Gesängen. Und doch wußte sie, daß es ein frohes Lied war und die Melodie sie beschwingte, mit einem merkwürdigen Einschub, der sich sehr nach einem Schnurren anhörte. Als sie die Höhle betraten, sagte Bunny zu Krisuk: »Hier spricht Sarok also mit dem Planeten.« »Nein. Hier teilt er uns mit, was der Planet sagt.« »Aber er gibt niemandem sonst die Gelegenheit, mit Petaybee zu sprechen?« »O nein«, erwiderte Krisuk verbittert. »Das würde er nicht zulassen.« »Das begreife ich nicht. Wenn ihr doch euer ganzes Leben Verbindung zu Petaybee hattet, wie konnte dieser Bursche dann plötzlich auftauchen und euch zum Verstummen bringen?« fragte Diego. »Schön, vielleicht kann er die Leute ja bluffen. Schließlich kommen die nicht besonders viel herum, während er ein ziemlich gerissener Redner ist. Das könnte ich noch verstehen. Aber wie bringt er den Planeten selbst zum Verstummen?« Bunny hörte die letzten Worte kaum. Als sie in die hallende Dunkelheit hineinschritt, überfiel sie plötzlich die Atemnot, als würde irgend etwas in ihrem Innern, etwas, das zuvor ununterbrochen dagewesen war, mit einem Mal von ihr abgetrennt werden und verkümmern. Die plötzliche, grauenhafte Einsamkeit des Verlusts dieser Gegenwart war schier überwältigend. Sie wich zurück, taumelte Diegos Stimme entgegen. Er redete immer noch, als sie gegen ihn prallte und seine Jacke packte. »Bunny? Bunny! Was ist los?« »Tot«, sagte sie. »Er ist… tot. Raus… müssen… raus!« Bestürzt halfen die Jungen ihr aus der Höhle. Draußen auf dem Weg setzte Bunny sich zu Boden und japste nach Luft. Nach einem Dutzend tiefer Züge im kalten Wind blickte sie zu Krisuk auf., »Wie ertragt ihr das nur, dort hineinzugehen?« wollte sie wissen. »Wieso? Was ist denn los?« »Er ist tot, das ist los! Irgendwie hat dieser Schweinehund einen Teil des Planeten abgetötet.« »Wie soll er das denn getan haben?« fragte Diego. »Ich weiß es nicht.« »Mir gefällt dieser Ort nicht besonders«, versetzte Krisuk, »und auch die anderen fühlen sich hier drin jedesmal unwohl. Ich habe die Lieder gehört, die von der großen Freude künden, mit Petaybee zu singen, und ich kann mich noch daran erinnern, wie gern ich früher hierhergekommen bin. Ich begreife das einfach nicht! Ich dachte immer, es läge an Satoks einnehmendem Wesen.« Bunny schüttelte den Kopf. »Es steckt noch mehr dahinter. Ich bin überrascht, daß du es nicht auch gespürt hast. Was ist mit dir, Diego?« »Vielleicht«, meinte er mit nachdenklichem Stirnrunzeln. »Als ich noch ein Kind war, hat ein Schiff mal ein Wrack zu unserer Raumstation zurückgeschleppt. Sie haben es im Laderaum verstaut. Ich wollte unbedingt sehen, wie es aussieht, und bin hineingeschlüpft. Ich konnte gar nicht wieder so schnell hinaus, wie ich reingekommen war. War es das, was du empfunden hast?« »Ich weiß nicht. Vielleicht.« Nachdem Bunny dem erstickenden Gefühl in der Höhle entkommen war, fühlte sie sich zu ausgelaugt, um es richtig zu beschreiben. Der Wind und der Eisregen hatten plötzlich etwas merkwürdig Tröstliches. »Ich gehe wieder rein«, entschied Diego plötzlich. »Krisuk, du solltest vielleicht bei Bunny bleiben.« »Nein«, widersprach der Junge. »Ich komme mit. Es ist uns verboten, ohne Satoks ausdrückliche Genehmigung hineinzugehen. Manche, die ihm nicht gehorcht haben, sind plötzlich für alle Zeiten verschwunden. Aber sollte es dort drinnen irgendeine Art von Beweis dafür geben, daß Satok nicht der ist, für den er sich ausgibt, hat mein Wort sicherlich mehr Gewicht als das eines Außenstehenden. Ich glaube nicht, daß meine Eltern diesem Drecksack auch noch ein, zweites Kind so kampflos überlassen, wie sie es mit Luka getan haben.« »Meinst du, du kommst klar, Bunny?« Dinah suchte sich genau diesen Augenblick aus, um mit der feuchten Nase gegen Bunnys Ohr zu stupsen und es abzulecken. »Ja«, antwortete Bunny schleppend. »Vielleicht könnte auch ich sogar wieder hinein, jetzt, wo das Gefühl mich nicht mehr so überraschen kann.« »Ich glaube nicht, daß das eine gute Idee wäre«, meinte Diego und musterte dabei Bunnys bleiches Gesicht und die von Entsetzen und Trauer geweiteten Augen. »Außerdem sollte einer von uns hier Wache halten. Allerdings wünschte ich mir, daß wir eine Lampe dabei hätten.« »Oh, Lampen gibt es dort drin schon«, antwortete Krisuk. »Komm, ich zeig’ es dir.« Bunny hörte, wie ihre Stimmen immer leiser wurden, je tiefer sie in die Höhle eindrangen. Ihre Finger legten Dinahs Fell in Falten und streichelten ihr die weichen, spitzen Ohren. Dinah winselte und legte den Kopf in Bunnys Schoß. Bunny war selbst nach Winseln zumute. Die kleine Lampe ließ die Schatten der Jungen groteske Knochentänze an den glatten Wänden des Höhlenraums vollführen. Es war ein großer Raum, doch etwa vierzig Fuß vom Eingang entfernt endete er plötzlich. »War der schon immer so klein?« wollte Diego wissen. »Nein. Es gab einen Unfall. Das war… ja, zwei Tage, bevor Satok kam. Es war das erste Latchkay, seit der alte McConachie gestorben war. Die Leute begaben sich hier hinein, wie wir es schon immer getan haben, als es plötzlich knallte, wie von einer Explosion. Dann flogen uns Steintrümmer und Staub um die Ohren. Wir sind gerannt, was das Zeug hielt. Aber die ersten von uns, McConachies Familie und sein Lehrling, kamen um. Ich erinnere mich noch, wie mein Pa und die anderen Männer nach den Leichen gruben. Damals war ich noch ein kleines Kind. Ich verstand einfach nicht, wo mein Freund, Inny McConachie hingegangen war. Das war der Enkel des alten Mac, ein guter Kumpel von mir.« »Das ist hart«, antwortete Diego, während er sich die Wände entlangtastete. »Ich habe auch jemanden verloren. Es ist noch nicht allzu lange her.« »Die Frau in dem Lied?« »Ja. Warte mal. Was ist das?« »Was denn?« Diegos Finger schlüpften in eine Mulde, und ein Paneel glitt auf; als er die Hände ausstreckte, griff er ins Leere. »Wie lange haben sie denn gebraucht, um den Höhleneinsturz zu beseitigen?« »Man hat nichts unternommen. Das wollte niemand. Als Satok kam, heuchelte er großes Mitgefühl und ging hinein, um nach den Leichen zu suchen. Er holte ein paar Kleiderfetzen heraus und bestand darauf, daß wir alle noch einmal in die Höhle kommen, um eine ordentliche Gedenkfeier abzuhalten. Ich weiß auch nicht, warum die Leute das mitgemacht haben. Wahrscheinlich standen sie alle noch unter Schock. Es muß so ziemlich das Schlimmste gewesen sein, das hier je vorgefallen ist.« »Nicht ganz«, murmelte Diego halblaut. »Bring mal die Lampe her.« Krisuk tat, wie geheißen. Die Dämpfe der Stutenmilchlampe stanken zwar, doch angesichts der Sterilität der Höhle war ihnen das beinahe angenehm. Als Krisuk die kleine Lampe hob, offenbarte der Lichtschein einen sauberen Steinboden und ebenso saubere Steinwände. »Mag sein, daß hier ein Höhleneinbruch gewesen ist«, bemerkte Diego mit einem Schnauben, »aber irgend jemand hat sich mächtig angestrengt, um alles wieder aufzuräumen.« »Das kann doch gar nicht sein!« versetzte Krisuk. »Die Höhle ist schon vor Jahren eingestürzt und seitdem versperrt. Hier kommt nie jemand herein, außer mit Satok zusammen. Im Grunde fürchten sich alle vor diesem Ort.«, »Jammerschade«, murmelte Diego, und der Gedanke kam ihm wie eine verirrte Gedichtzeile. »Es sollte eigentlich andersherum sein.« »Was?« »Sieht so aus, als hätte wohl eher der Ort einen Grund, sich vor den Leuten zu fürchten…« »Was soll denn das schon wieder heißen?« »Keine Ahnung. Ist mir nur so eingefallen.« »Hör mal, meine Leute mögen ja vielleicht den Fehler begehen, einem Drecksack zu folgen, aber ich mag es trotzdem nicht, wenn ein Außenstehender sie beleidigt.« »Schon gut, schon gut. Hab mir doch gar nichts dabei gedacht. Komm schon, schauen wir uns den Rest auch noch an.« »Ist da etwa noch mehr?« Krisuk hielt die Lampe hoch über den Kopf, trat durch die neu entdeckte Öffnung und stieß einen leisen Pfiff aus. »Und ob!« Selbst im matten Licht der Lampe konnten sie erkennen, daß jemand einen ziemlich geräumigen Tunnel durch den Einsturzschutt geschlagen hatte. Der Boden bestand zwar noch immer hauptsächlich aus Gestein mit einer Staubschicht, doch Wände und Decken wiesen ein merkwürdiges weißes Schimmern auf. Krisuk fuhr mit den Fingern darüber und schnüffelte daran. »Riecht nach nichts.« Diego beugte sich vor und fuhr mit den Fingernägeln über die Wand: Sie hinterließen nicht einmal die Spur eines Kratzers. »Nein, wohl kaum. Das Zeug ist mit Petraseal versiegelt.« »Was ist denn das?« »Das verwendet man heute in Minen, um Einstürze zu verhindern. Mit diesem Zeug werden die Gesteinsoberflächen miteinander verbunden. Es ist sehr stark. Läßt nichts durch. Ich frage mich, wo Satok es in solchen Mengen auf getrieben hat.« »Du glaubst, daß Satok es getan hat?« »Wer sonst?« Der Junge stieß ein zittriges Stöhnen hervor. »Nein, nein. Ich kann nicht glauben, daß er es war.«, »Was?« fragte Diego und blickte in dieselbe Richtung, in die Krisuk plötzlich wie gebannt starrte. Da sah er die Umrisse von Totenschädeln, großen wie kleinen, und Gebein aller Größen und Längen, mit dem Gestein vereint wie Fossilien. »Mistkerl! Er hätte sie wenigstens rausholen können, damit sie ein anständiges Begräbnis bekommen!« sagte Krisuk. »Sieht mir sehr danach aus, als ob sie von den Felsen halb zertrümmert wären«, wandte Diego ein. »Vielleicht konnte er sie gar nicht herausholen, ohne einen zweiten Einsturz zu riskieren. Da hat er sie eben einfach versiegelt.« »Ohne ein einziges, ordentliches Lied?« »Du hast doch selbst gesagt, daß ihr eine Gedenkfeier in der Höhle abgehalten habt.« »Schon, aber…« »Hör mal, ich versuche doch gar nicht, den Burschen zu verteidigen. Aber diese Versiegelung wurde erst vorgenommen, als von ihnen längst nur noch Skelette übrig waren. Ich vermute, daß Satok eine ganze Weile gebraucht hat, um das hier auszugraben und zu versiegeln. Muß ja wohl. Komm, schauen wir mal, wie weit es noch geht.« »Ich war damals noch ein Knirps, mußt du wissen«, sagte Krisuk und würgte verkrampft, »aber ich glaube, die Höhle war wirklich ziemlich lang. Der Boden war abschüssig, denn auf dem Rückweg war es sehr anstrengend. Meine Mutter mußte mich immer tragen. Ich erinnere mich auch noch, daß die Höhle ein Stück weiter vorn kleine Zähne hatte.« Krisuk deutete in die vor ihnen liegende Dunkelheit, über den Schein der Lampe hinaus. »Meinst du Stalaktiten und Stalagmiten?« fragte Diego. »Spitze Dinger, die entweder von der Decke herabhängen oder aus dem Boden hervorragen wie Ameisenhügel?« »Ja. Ich habe zwar noch nie Ameisenhügel gesehen, die so aussehen, aber du hast mich schon verstanden.« Sie gingen ein Stück weiter, wobei der Grieß zunächst schmirgelnde Geräusche am Boden erzeugte, bis sie schließlich an eine Stelle, gelangten, von wo aus der Höhlenboden ebenfalls mit Petraseal versiegelt und mit Metallgittern ausgelegt war, so daß ihre Schritte scheppernd widerhallten. Eine Zeitlang verlief der Boden tatsächlich abschüssig, genau, wie Krisuk sich erinnert hatte. Dann aber zweigte ein anderer Gang aus frischem, schartigem Gestein davon ab, das selbst durch die Versiegelung noch scharfkantig wirkte, und zog sich in Windungen nach oben. »Der war früher nicht da!« sagte Krisuk und betrat dabei den neuen Gang. Diego folgte ihm ein paar Schritte, weit genug, um sich davon zu überzeugen, daß der Boden mit Petraseal bedeckt war und von der Decke die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern herabhingen, für alle Zeiten zu todglänzenden Knochen konserviert. Diego überkam ein Schauer. »Der führt wahrscheinlich zu Satoks Hütte, falls er wirklich über der Höhle wohnt, wie du gesagt hast.« »Der soll das alles gemacht haben?« fragte Krisuk. »Wie denn?« Diego zuckte die Schultern. »Mit dem richtigen Werkzeug ist es gar nicht so schwierig. Ich frage mich nur, woher er es hat. Komm. Ich wette, wenn wir weitergehen, bekommen wir heraus, warum er das alles getan hat.« Das Warum bekamen sie zwar nicht heraus, stellten aber fest, was er hier tat, als sie den abschüssigen Pfad zu der unteren Höhle nahmen, an die Krisuk sich erinnerte. Dort, ein Stück vom Eingang entfernt, war nicht mehr alles mit dem Gesteinbindemittel versiegelt. Doch an den Stellen, wo sich früher die Stalaktiten und Stalagmiten befunden hatten, waren nun runde Krater zu sehen, manchmal auch kleine Tunnel, wie die Löcher von Riesenschlangen, die sich tief in die Felswände bohrten. Als sie sich schließlich von dem üppigen Mahl zurückziehen konnten, das Torkel Fiske zu ihren Ehren gegeben hatte, bat Marmion ihren Assistenten Faber, für den nächsten Morgen eine Transportmöglichkeit zu besorgen, um Kilcoole auch einmal von unten zu besichtigen., »Und bitte Sally und Millard, Augen und Ohren aufzusperren, ja, lieber Faber?« fügte sie hinzu und genehmigte sich den Luxus eines Gähnens, das sie zur Abwechslung einmal nicht zu unterdrücken brauchte. »Soll ich meinen Dienstgrad ausspielen, falls ich auf Hindernisse stoße?« fragte Faber. Er war Fliegeroberst, langfristig abgestellt, um bei Marmion Dienst zu tun. »Hm, es wäre mir lieber, du würdest dir das für später aufheben, sofern es geht. Während des Geplauders bei Tisch hat Torkel irgendwann einmal erwähnt, daß wir uns sämtlicher Einrichtungen bedienen können, die wir für unsere Untersuchungen brauchen. Also werden wir das tun.« Marmion war schon wieder zu einer Stunde auf den Beinen, die vielen ihrer Peers als obszön früh erschienen wäre. So war sie nicht dermaßen überrascht wie Whittaker Fiske, als der sie aus ihrem Apartment kommen sah. »Aber Whit, wieso, um alles in der Welt, sind Sie schon um diese Zeit auf?« Er gluckste. »Diese Frage dürfte mir ja wohl viel eher anstehen als Ihnen, Marmie.« Er verneigte sich anmutig und gab ihr einen Handkuß. »Gold im Mund?« Sie lächelte, und das Eintreffen Fabers in der alten Klapperkiste mit dem Allradantrieb ersparte ihr die Notwendigkeit, auf das Offensichtliche zu antworten. »Können wir Sie mitnehmen?« fragte Marmion. »Kommt darauf an, wohin Sie fahren.« »Nach Kilcoole. Aus der Luft haben wir gestern nicht allzu viel davon zu sehen bekommen, und mir scheint, es ist der beste Ort, um mit der Untersuchung anzufangen.« Whit legte den Kopf schräg, und die Lachfalten kräuselten sich in den Winkeln seiner erheitert dreinblickenden Augen. »Heute ist die Bude sturmfrei«, sagte er und half ihr auf das erste hohe Trittbrett, das zu dem Passagiersitz führte., »Oh, Ihr Bein!« sagte Marmion und machte Anstalten, wieder zu ihm hinunterzusteigen. »Um mich brauchen Sie sich nicht zu kümmern.« Er öffnete den hinteren Verschlag und schwang sich geschmeidig ins Fahrzeug. »Was meinen Sie mit ›sturmfrei‹, Whit, mein Lieber?« fragte Marmion, während sie sich anschnallte und Faber das Fahrzeug in Bewegung setzte. Es würde eine holprige Fahrt über den zerschundenen Plastbeton werden, doch dafür würden sie später noch eine Rutschpartie über die Schlammstraße nach Kilcoole vor sich haben. »Tja, nun, Matt hat seine Jungs schon vor dem Frühstück aufgescheucht. Jetzt huschen sie überall herum und werten alle möglichen Aufzeichnungen und Berichte aus, damit er seinen ›Gesamtüberblick und die demographischen Daten‹ und ähnliches Zeug bekommt.« Whittaker schnaubte. »Da besteht keine Gefahr, daß Sie heute draußen in Kilcoole auf ihn stoßen könnten.« Marmion lächelte zufrieden. Sie hatte gehofft, ihre eigenen Recherchen als erste durchführen zu können, ohne über diese fitten Typen stolpern zu müssen. Als das Fahrzeug über eine besonders holprige Stelle fuhr, packte sie den Haltegriff über ihrem Kopf. Sie spürte, wie Whittaker den Rücken ihres Sitzes fest ergriff. »Um diese Jahreszeit sollte man eigentlich noch Schnokel benutzen können«, meinte Faber. »Das Tauwetter hat alle auf dem linken Fuß erwischt.« »Ja. So sehr«, ergänzte Whit mit einem Glucksen, »daß bei der Wette niemand auch nur im entferntesten herangekommen ist.« »Der Wette?« fragte Marmion, die den Griff immer noch fest umklammert hielt. »Die Wette unter den Einheimischen, wann der Fluß aufbricht. Dieses Jahr hat es so früh getaut, daß alle davon überrascht wurden. Sehen Sie dort?« sagte er und zeigte zu dem Fluß zu ihrer Linken hinüber, wo Soldaten am Ufer standen und arbeiteten. »Die sind immer noch damit beschäftigt, abgesoffene Schnokel aus ihrem feuchten Grab zu bergen.«, Es schien Marmion, als hätten die Soldaten ihre Schwierigkeiten damit: Die Räder des Abschlepplasters drehten auf der schlammigen Uferbank durch und bekamen nicht genug Zug, um das Fahrzeug am Ende des Stahlseils aus dem schnell dahinströmenden Fluß zu ziehen. »Faber«, sagte Whit und beugte sich vor, um über die Schulter des Fahrers zu den Wäldern hinüberzuzeigen, »sehen Sie die Schneise dort? Ich an Ihrer Stelle würde diese Strecke nehmen. Ist viel schneller. Normalerweise gehe ich zu Fuß.« Marmion und Faber waren beide froh, daß sie seinen Rat befolgt hatten, denn auf dem schmalen Weg ließ es sich viel unbeschwerter fahren als im zerwühlten Matsch am Fluß. »Ach, ist das schön hier«, meinte Marmion und sog den üppigen Duft von feuchtem Erdreich ein. »Die Bäume schlagen ja aus!« fügte sie erstaunt hinzu. »Praktisch über Nacht, wie es scheint.« »Ich glaube nicht, daß Petaybee sich dieses Jahr an den Kalender hält«, meinte Whittaker, und es klang, als wäre er äußerst zufrieden mit sich. »Und Ihnen würde ich das gleiche raten, Marmie. Dann kommen Sie schneller ans Ziel.« »Wo soll ich denn Ihrer Meinung nach anfangen, Whit?« »Halten Sie sich an mich«, erwiderte er und lehnte sich zurück. »Folgen Sie einfach diesem Weg, Faber. Wenn Sie das Dorf erreicht haben, halten Sie sich rechts.« Trotz der Berge aus einstmals schneebedecktem Gerät wirkte Kilcoole verlassen. Marmion sprach Whittaker darauf an, wobei sie sich taktvollerweise eines Kommentars zum äußeren Erscheinungsbild des Dorfes enthielt. »Ja, viele Leute nutzen das Tauwetter, um Verwandte zu besuchen und Gartenpflanzen auszutauschen.« »Wie klug. Sind die damit auch frühzeitig dran?« »Sie haben den Hinweis verstanden. Und lassen Sie sich von dem ganzen Zeug, das Sie da draußen sehen, nicht täuschen, Marmie. Hier wirft niemand etwas weg, was noch irgendeiner nützlichen Verwendung zuzuführen wäre.« Er deutete auf mehrere Jungen, die damit beschäftigt waren, Maschinenteile sorgfältig auf dem Nebenhof, eines Hauses zusammenzutragen, wobei sie offensichtlich nach einem bestimmten Stück Ausschau hielten. Im Vorbeifahren bekam Marmie ihre Kommentare mit: »Ich weiß, daß es hier war, noch vor dem ersten Schnee. Und ich weiß auch, es war hier an diesem Ende.« »Na ja, mein Vater hast auch etwas gesucht. Vielleicht hat er den Haufen dabei auseinandergenommen.Du kennst ihn ja.« »Dann versuch es eben darunter.« Faber trat plötzlich auf die Bremse, als ein Dreigespann orangegestreifter Katzen unmittelbar vor ihnen auf die Straße sprang. »Junge, Junge! Begehen die öfters auf diese Weise Selbstmord?« »Meine Schuld«, erwiderte Whit verlegen. »Hätte Ihnen sagen sollen, daß Sie an dem Haus dort drüben links anhalten müssen. Dort arbeite ich nämlich, und dort sollten Sie auch anfangen.« »Aber wenn Sie dort arbeiten, Whit, will ich nicht stören…« »Ich arbeite im Freien, Marmie«, erwiderte Whittaker und öffnete die Tür des Fahrzeugs. Die Katzen schossen unter dem alten Allradantrieb hervor und stürzten sich auf ihn; zwei von ihnen stemmten die Vorderpfoten auf seine Knie, um sich streicheln zu lassen. Die dritte sprach mit ihm; dann machte sie kehrt und blieb abwartend stehen. »Sie sind eingeladen, einzutreten«, fügte er hinzu. »Das ist gut, das können Sie mir glauben.« »Ich hatte schon immer etwas für Einladungen übrig«, erwiderte Marmion und bedeutete Faber, ebenfalls auszusteigen. »Was für ein prächtiger Orangeton«, sagte sie, direkt an die Katze gewandt. Als das Tier sich umdrehte und die Rutenspitze lässig hoch über dem Rumpf schwanken ließ, folgte sie ihm. »Mirandabelle Turvey-West würde ihre Augenzähne für ein Haarfärbemittel in dieser Tönung hergeben!« murmelte sie halblaut vor sich hin. Die Katze schoß die schlammbedeckten Stufen hinauf. Marmion schlug Fabers dargebotene Hand aus und setzte die gestiefelten Füße vorsichtig auf die trockeneren Stellen. Die Tür ging auf, als sie die vordere Veranda erreichten, und eine der größten, beeindruckendsten Frauen, die Marmion je zu Gesicht bekommen hatte, erschien in der, Öffnung – mit einem Teint, für den es sich zu sterben gelohnt hätte, und einem Lächeln, das bisher das allerschönste an Kilcoole gewesen war. »Släinte, Whittaker, Frau Algemeine, Oberst Nike, großartiger Morgen für einen Ausflug, nicht? Ich bin Clodagh Senungatuk. Freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Kommen Sie herein. Ich habe frischen Kaffee gemacht und auch einiges an anständigem Gebäck aus dem Ofen geholt.« Der herzliche Empfang freute Marmion, und sie streckte die Hand aus, die ihr kurz, aber freundlich geschüttelt und leicht mehlbestäubt zurückgegeben wurde. Dann wurde Faber derselben wohlwollenden Behandlung unterzogen. »Die neuen Schindeln sind gleich bei Tagesanbruch eingetroffen, Whit«, sagte Clodagh, »aber du hast noch ein bißchen Zeit für einen kleinen Imbiß.« »He, das klingt aber gut«, meinte Whit mit größerer Begeisterung, als Marmion sie jemals bei ihm beobachtet zu haben glaubte. »Wahrscheinlich kann ich dann heute noch das Dach fertig machen. Vielleicht fange ich schon mal an, Clodagh, und genehmige mir später einen Happen.« Er nickte den beiden anderen zu; dann stapfte er zum Verandarand und hüpfte hinunter. Sie vernahmen ein kurzes, explosives Schnaufen. »Sein Bein ist noch nicht wieder soweit, um damit rumzuhüpfen wie ein Jüngling«, meinte Clodagh kopfschüttelnd und scheuchte ihre verwunderten Gäste ins Haus. Marmions erster Schock, als sie das Innere musterte, löste sich schnell im Wohlgeruch würzigen warmen Brots und der plötzlichen Erkenntnis auf, daß dieses kleine Zuhause – und ein richtiges Zuhause war es ganz zweifellos – tatsächlich hochgradig organisiert und erstaunlich ordentlich war, sofern man über das hinwegsah, was sich der flüchtigen Betrachtung vielleicht als ›Durcheinander‹ darstellen mochte. Allerdings gab es hier noch weitere Katzen, die eine nach der anderen vorbeigeschlendert kamen, um die Neuankömmlinge persönlich zu begutachten., »Haben wir bestanden?« fragte Marmion, als Clodagh sie mit einer Geste zum Schaukelstuhl wies und Faber bedeutete, auf einer stabilen Bank Platz zu nehmen. Clodagh schob die Antwort vor sich her, bis sie ihren Gästen Kaffee und frisch gebackene heiße Zimtbrötchen serviert hatte, dazu einen Krug Milch und eine riesige Schale mit Süßmittel. Sie schenkte ihren eigenen Becher wieder voll; dann nahm sie gegenüber von Marmion Platz, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, und lächelte gelassen. »Ich habe schon immer viele Katzen um mich gehabt«, fing sie an. »Und alle orangefarben?« fragte Marmion. »Oder ist das eine einzigartige petaybeeanische Rasse?« »Das kann man wohl behaupten.« »Hmm, diese Brötchen sind aber köstlich«, sagte Marmion und wechselte geschmeidig das Thema. »Und zum Glück können Sie auch richtigen Kaffee kochen. Nicht wahr, Faber?« »Ja, in der Tat, Frau Senungatuk«, sagte Faber und lächelte auf jene unerwartet charmante Art, wie sie schon viel weltlicher gesinnte Gemüter als Clodagh für sich eingenommen hatte. Clodagh grinste und zwinkerte ihm zu, weil er ihren Nachnamen so präzise ausgesprochen hatte. Das war ein weiterer Zug, den Marmion an Faber Nike bewunderte. »Bekommen Sie denn regelmäßig Vorräte geliefert?« Clodagh grunzte. »Diesen hier hat Whit besorgt. Er sagt, es wäre eine gottverdammte Schande, was man am Raumhafen mit den wehrlosen Kaffeebohnen anstellt.« Mit einem Nicken wies sie in eine Ecke ihrer überfüllten Arbeitsstelle. »Ich mahle sie selbst, wenn ich welche brauche, und bis dahin friere ich sie ein.« »Ist das im Augenblick nicht ein wenig schwierig?« erkundigte sich Marmion dezent. »Nö. Nicht mal das Tauwetter kann dem Permafrost-Stauraum etwas antun.« »Ah, ja!« machte Marmion. »Ich habe natürlich davon gelesen, daß die Permafrost-Schicht so hart ist wie gefrorenes Gestein. Aber bis, jetzt war ich noch nicht darauf gekommen, wie praktisch das auch sein kann.« »Na ja, meistens benutzen wir sie im Sommer«, meinte Clodagh. »Dann ist guter Kaffee für Sie also eine ebensolche Rarität und Delikatesse wie für uns«, sagte Marmion und nahm dankbar einen weiteren Schluck. Die Milch im Krug war ebenfalls frisch gewesen; obenauf trieb die Sahne. Die unterschiedlich geformten Klumpen wiesen darauf hin, daß auch das Süßmittel hausgemacht war. »So ist es«, bestätigte Clodagh. Marmion merkte, wie etwas gegen ihre Wade preßte und senkte eine Hand, um auf einen pelzigen Kopf zu treffen, den sie gehorsam kraulte. »Ihre Katzen können in den extremen Temperaturen von Petaybee überleben?« »Sind dafür gezüchtet. Natürlich waren sie auch vorher schon schlau. Außerdem nutzen sie ihren Instinkt.« »Wie die meisten hier auf Petaybee, würde ich sagen«, bemerkte Marmion und peilte damit den eigentlichen Zweck ihres Besuchs an. Clodagh verschränkte die Arme und sagte mit Nachdruck: »Wir haben gelernt, hier zu leben. Ich möchte nirgendwo anders sein.« Eine der klügsten, scharfsinnigsten Frauen, der sie je begegnet war, entschied Marmion anerkennend. »Ich möchte Sie auch nirgendwo anders sehen müssen als hier in Ihrem Zuhause, wo Sie jenen, die das Glück haben, hierherzufinden, Ihre hervorragende Gastlichkeit angedeihen lassen, Frau Senungatuk«, fuhr Marmion fort. »Es ist ja so selten geworden, daß man auf Menschen stößt, die zufrieden damit sind, was sie sind und wo sie leben.« Clodagh musterte sie einen Augenblick, betrachtete Marmions praktische, aber elegante Kleidung und studierte ihr ausdrucksstarkes Gesicht. »Wenn man nicht weiß, wer man ist oder wo man hingehört, kann das eine Menge Probleme geben. Dieser Planet ist kein Ort, an dem es, sich leicht lebt. Aber wir sind nichts anderes gewöhnt und kommen gut zurecht.« Unausgesprochen, aber deutlich vernehmbar blieben die Worte: solange man uns in Ruhe so leben läßt, wie wir es möchten. »Hätten Sie vielleicht noch eine halbe Tasse Kaffee für mich, Frau Senungatuk?« fragte Marmion, die Finger um ihre Tasse geschlungen, damit es nicht so aussah, als würde sie diese Sonderportion geradezu erwarten. Clodaghs Miene verlor ihre Angespanntheit, und die Züge weichten zu einem Lächeln auf. »Bitte nennen Sie mich Clodagh. Daran bin ich mehr gewöhnt.« »Meine Freunde nennen mich Marmion. Selbst Marmie ist erlaubt.« Und die außerordentlich reiche, außerordentlich kluge Dame Algemeine streckte ihre Tasse vor, so unprätentiös wie jede andere Bittstellerin auch. »Sie auch, Faber Nike?« fragte Clodagh, nachdem sie Marmion etwas mehr als die Hälfte ihrer Tasse vollgeschenkt hatte. »Hätte nichts dagegen… Clodagh.« Clodagh goß auch ihm noch etwas Kaffee ein; dann reichte sie wieder die Brötchen herum. »Ich hatte gehofft, noch mehr Leute in Kilcoole kennenzulernen, Clodagh«, fuhr Marmion in etwas forscherem Tonfall fort. »Ich bin hier, wie Whit Ihnen wahrscheinlich schon mitgeteilt haben dürfte, um die ungewöhnlichen Ereignisse zu untersuchen, für die man dem Planeten augenscheinlich die Schuld gibt.« »Den Planeten trifft keine Schuld, Marmion«, erwiderte Clodagh mit einem Grinsen und einer abwinkenden Handbewegung. »Der Planet tut nur, was erforderlich ist – den Leuten zeigen, was er haben will und was man ihm nicht antun soll. Sie hätte es ja auch nicht gern, wenn man einen Haufen Löcher in Ihren Vorderhof gräbt oder Stücke aus Ihrem Garten heraussprengt. Whittaker hat das klar und deutlich begriffen, nur sein Sohn nicht. Und einige andere auch nicht – aber die, die es verstanden haben, haben dafür sehr gründlich verstanden.«, »Und Sie wissen, daß der Planet das aus eigener Erkenntnis heraus getan hat?« fragte Faber mit sanfter Stimme, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er verhindern wollte, daß die Leute ihm vor Schreck mit Falschinformationen kamen. »Wenn Sie damit meinen sollten, ob der Planet es getan hat, ohne daß wir nachgeholfen haben – ja. Nicht, daß überhaupt irgend jemand einem Planeten helfen könnte, wenn er sich zu etwas entschieden hat und voll und ganz dazu in der Lage ist, das auch bekanntzugeben.« »Das Problem, vor dem wir gerade stehen«, fuhr Faber fort, »ist der Nachweis, daß tatsächlich der Planet die Ursache dieser ungewöhnlichen Vorfälle ist.« Clodagh blickte ihn kurz verständnislos an. »Was sonst sollte denn wohl so erstaunliche Dinge bewirken? Wissen Sie, wie lange es dauert, einen Eimer voll Eis über einem Feuer abzutauen? Glauben Sie etwa, wir«, ihre ungewöhnlich anmutige Hand umkreiste ein Stück des Tisches, das für Kilcoole stehen sollte, »könnten dieses frühe Tauwetter verursacht haben? Oder einen Vulkan ausbrechen lassen? Oder das Land so beuteln, wie ich es mit den Krumen von diesem Tisch tun könnte?« Es war kein Diskussionston – es klang vielmehr so, als wäre sie überrascht von einer solchen Begriffsstutzigkeit bei einem offenbar recht intelligenten Mann. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, der Planet hat ganz allein entschieden, daß schon viel zu viele Löcher gegraben wurden und Sprengungen stattgefunden haben und so weiter, und er will, daß das endlich aufhört.« »Dann ist der Planet also Ihrer Meinung nach intelligent und empfindungsfähig?« fragte Marmion. »Der Planet ist er selbst. Er ist lebendig und«, erwiderte Clodagh und wandte sich mit spöttischem Funkeln in den Augen an Faber, »sich völlig seiner eigenen Handlungen bewußt.« Marmion stützte den Kopf auf ihren Arm und drehte mit der freien Hand die Kaffeetasse immer wieder am Henkel im Kreis, während sie diese Mitteilung verdaute. Tatsächlich machte sie sich inzwischen größere Sorgen um Clodagh als um den Planeten. Die Frau glaubte wirklich daran – Marmion war auf dem besten Weg, es selbst zu tun –, und Matthew Luzon würde Hackfleisch aus ihr machen., »Gibt es irgendeine Möglichkeit, die Intelligenz des Planeten zu beweisen? Ohne jeden wissenschaftlichen Zweifel?« »Vorzeitiger Frühling, Vulkanausbrüche und Erdbeben sind wohl nicht Beweis genug?« fragte Clodagh. »Ich bin nicht die einzige, die die ungewöhnlicher. Ereignisse auf Petaybee untersucht, Clodagh«, erwiderte Marmion schleppend. »Gibt es irgendwo jemanden, den Sie besuchen könnten, an einem möglichst unzugänglichen Ort? Vielleicht für eine Woche oder so?« »Wozu?« Clodagh starrte Marmion an, als hätte sie den Verstand verloren. Dann erhob sie sich empört halb vom Stuhl. »Warum sollte ich gehen? Ausgerechnet jetzt, da Kilcoole mich mehr braucht denn je?« Sie ließ sich wieder auf den Stuhl sinken, die Kieferlade angespannt. Besitzergreifend und schützend spreizte sie die Finger auf der Tischplatte. »Nein, gnädige Frau. Ich bleibe! Ich bleibe hier! Aus meinem Zuhause bringt mich niemand weg!« »Ich nehme an, das dürfte ziemlich schwierig werden, Clodagh, aber ich fürchte, ganz unmöglich ist es nicht.« Marmion beugte sich über den Tisch zu der Heilerin hinüber. »Wenn ich irgendwie… den Planeten… selbst erfahren könnte…« »So wie Whit und die anderen in der Höhle?« fragte Clodagh und beruhigte sich ein wenig, verschränkte die Arme aber resolut vor ihrem beachtlichen Busen. »Ja, irgend etwas Subjektives, damit ich mich so nachhaltig auf Ihre Seite schlagen kann wie nur möglich.« »Aha!« sagte Clodagh. »Damit Sie uns gegen diesen Wieheißternochgleich, der, den Yana den Lämmergeier nennt, helfen können.« »Sein Name ist Matthew Luzon, Clodagh«, sagte Whittaker Fiske mit einem leicht vorwurfsvollen Grinsen, als er in der Tür erschien. Er blieb kurz stehen, um sich die Matschklumpen von den Stiefeln und den Schweiß von der Stirn zu wischen, bevor er fortfuhr: »Rieche ich da etwa Zimtbrötchen? Tatsächlich!« Er angelte sich eine Tasse von vielen, die unter dem Wandschrank hingen, setzte sich an den Tisch und stellte den Stuhl schräg, um Faber nicht den Rücken zuwenden zu, müssen. Dann goß er sich Kaffee ein und nahm zwei große Bissen von dem Zimtbrötchen, das Clodagh ihm auf einem Teller reichte. »Wir haben Glück, daß Sie sich zum Kommen entschieden haben, Marmie. Sie haben zwar mehr Verstand in einer Haarspitze als Luzon in seinem ganzen Eierkopf, aber…« Und Whit unterstrich das Gesagte, indem er mit der Faust kurz auf den Tisch hieb. Marmion bemerkte, wie die Krumen auf der Tischplatte hüpften. Wie konnte ein Planet so etwas nur in größerem Maßstab bewerkstelligen? Durch tektonische Plattenverschiebung? Aber solche Verschiebungen waren doch minimal und geschahen nur unter ganz bestimmten Bedingungen… Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Whit. »Aber… der, mit dem wir uns abplagen mußten, ist Matthew Luzon, und Sie wissen ja, was für eine Type das ist. Der hat sich noch nie in seinen vorgefaßten Meinungen von der Wahrheit beeindrucken lassen, selbst wenn man ihn mit der Nase darauf gestoßen hat. Wenn Sie nicht gekommen wären, Marmie, dann hätte ich… nein, bei Gott, Petaybee hätte ich nicht verlassen!« Wieder schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Aber falls wir, Whit, wir – Faber und ich, dazu Sally und Millard – uns überzeugen ließen, wären wir eine vereinte Streitmacht, die auf Ihrer Seite stünde.« Whit atmete tief durch. Offensichtlich ging er das Für und Wider der Angelegenheit durch. »Die würden behaupten, daß Sie ausgeflippt sind, Marmie.« »Ha! Dazu kenne ich viel zu viele PIHPs – das bedeutet Personen in hohen Positionen, Clodagh –, als daß selbst Matthew es schaffen würde… Aber tatsächlich ist er es, der überzeugt werden muß.« »Diesen Mann zu überzeugen, bedarf erheblicher Mühe, Zeit und möglicherweise sogar eines Wunders, obwohl das, was hier geschehen ist, schon an eins grenzt, und das hat ihn offensichtlich auch nicht sonderlich beeindruckt.« Whit hielt inne, ließ die Schultern in kurzfristiger Niedergeschlagenheit sinken. Als er Clodaghs Blick auf sich ruhen sah, richtete er sich wieder auf und legte eine entschlossenere Miene an den Tag. »Wir müssen ihn austricksen!«, »Oder«, warf Faber ein, an Clodagh gewandt, »es den Planeten tun lassen?« Sie zupfte an ihrer Unterlippe. »Was der Mensch nicht hören will, hört er auch nicht. Dein Sohn ist genauso, Whit – so leid es mir tut, dir dies ins Gesicht sagen zu müssen.« »Mir tut es auch leid, Clodagh. Aber um deinet-, nicht um meinetwillen.« »Matthew hat noch nicht mit seinen Untersuchungen begonnen«, warf Marmion ein, brach noch ein paar Stücke von einem weiteren Zimtbrötchen ab und kaute darauf, um sich besser konzentrieren zu können, »also haben wir noch etwas Zeit. Er liebt es, jede Menge Schreibkram zur Hand zu haben, der seine Behauptungen stützt, bevor er sie überhaupt aufgestellt hat. Er hat einen Haufen flotter junger Burschen dabei, die alle im Raumhafen herumlaufen. Ich frage mich…« Sie wandte sich an Faber. »Ich frage mich, ob man vielleicht bei denen ansetzen sollte. Und zwar so bald wie möglich. Braddock Makem heben wir uns bis zum Schluß auf. Zuerst dachte ich zwar, ich könnte ihn für uns gewinnen, aber seitdem ist mir aufgefallen, daß er Matthews Managementmethode anscheinend ziemlich genießt, anstatt sie zu verabscheuen, wie man es eigentlich hätte erwarten sollen. Statt dessen scheint er unter allen Gefolgsleuten Matthews am stärksten mit ihm übereinzustimmen, und er ist auch am wenigsten aufgeschlossen. Wenn wir uns zuerst um die anderen kümmern, wird das Matthew früher oder später in den Kriechgang zwingen.« Sie ließ ein Lächeln in die Runde schweifen, als sie sich das letzte Brötchenstück in den Mund schob und es fröhlich verputzte. »Schön, dann fangen wir mal an. Clodagh?«, 8. KAPITEL Dinah bemerkte das Geräusch noch vor Bunny: Schritte, die von oben den Hügel herunterkamen. Die Hündin streckte sich vor, lauschte, stieß ihr leise kläffendes Winseln aus, das immer ihrem kehligen Gebell vorausging. Bunny, die von ihrem Erlebnis in der Höhle noch immer völlig benommen war, packte ein Stück Gebüsch und zog sich daran hoch, bis sie auf den Beinen stand. Sie hörte, wie Dinah den Weg hinaufkroch. Unter ihren Pfoten glitt vereistes Bruchgestein in die Tiefe. »Was ist los, Mädchen?« fragte Bunny und wandte sich dem Geräusch der Hündin zu. Fast im selben Augenblick jaulte Dinah kurz auf und verstummte. »Dinah?« flüsterte Bunny in die dichten Schatten hinein und griff nach der beruhigenden Wärme des dichten Hundefells. »Dinah?« Plötzlich wurde ihre ausgestreckte Hand in die Zwinge genommen, und Satok trat aus den Schatten hervor. »Släinte, hübsche Shongili-Schnokelfahrerin. Wie nett von dir, hierherzukommen, um dich mit mir zu treffen. Wo ist denn dein Freund?« »Was hast du mit Dinah gemacht?« schnauzte sie ihn an. »Laß meine Hand los.« Statt dessen ergriff er auch noch die andere. »Die Hündin? Ich habe ihr den gottverdammten Schädel eingeschlagen. Sie hätte eigentlich klug genug sein müssen, den Shanachie nicht zu verbellen. Die anderen Hunde haben es auch gelernt. Mach nur. Schrei ruhig. Ich warte bloß darauf, daß dein Freund zu deiner Rettung herbeieilt. Dann kann ich ihn dort hinschicken, wo auch seine Hündin gelandet ist.« Bunny schrie tatsächlich. Sie trat aus und brüllte. Doch während sie das tat, schleppte er sie den Weg zu seinem Haus hinauf, wobei im dunklen Dorf unter ihnen keine Lampe aufflammte, keine Gesichter, aus den Fenstern oder Türen spähten, um nachzusehen, was hier wohl los sein mochte. Weder bei den Connellys noch sonstwo. Während er sie verschleppte, streifte Bunnys Hand immer noch warmes Fell. Es war klebrig; es konnte nur vom Blut der treuen Hündin stammen. Aber die Jungen mußten sie doch gehört haben. Sie mußten einfach! Einmal glaubte Bunny, das Schimmern kupferner Augen hinter den Felsen zu erblicken, die sie umgaben, doch davon abgesehen gab es keinen Zeugen ihrer Entführung. Als sie sich ein gutes Stück oberhalb des Dorfs und des Höhleneingangs befanden und noch immer keine Hilfe erschienen war, beschloß Bunny, ihre Kräfte für später aufzusparen, und so leistete sie nur symbolischen Widerstand,: als der Mann sie zu seinem Haus brachte. Zahlreiche Vorgebäude warfen ihre Schatten über die felsige Bergweide, wo das massive Steinhaus stand. Es war das prachtvollste Haus, das Bunny je gesehen hatte; nicht das winzigste Stück Schrottabfall war für den Bau verwendet worden. Dicke Steinmauern, ein Dach aus einem widerstandsfähigen Material, das Bunny von ihren Fahrten zum Raumhafen her kannte, weil es auch die derartigen Baracken bedeckte, und echte Fenster aus dickem Plastglas, schwer verhangen. In einem Korral, der mit einem hohen Zaun eingefaßt war, standen zahlreiche Lockenfelle, darunter auch Diegos Cisco und Bunnys Darby. Draußen im Freien war, nur ein kleines Stück vom Haus entfernt, ein Hundegespann angebunden; die Tiere feuchten und knurrten und hatten trotz ihres roten Fells ungefähr soviel Ähnlichkeit mit den sanften, intelligenten Fuchshunden von Kilcoole wie mit einem Karibu. Bunny konnte selbst im eisigen Wind noch den Gestank ihres Kots riechen. Satok mißdeutete das Nachlassen ihres Widerstands und den forschenden Blick, mit dem sie sein Anwesen begutachtete., »Aha, du bist also beeindruckt, wie? Schön, Mädchen. All dieser behagliche Luxus steht dir zur Verfügung, wenn du nur nett bist und tust, was man dir sagt. Und jetzt komm rein, die Nacht ist noch jung.« Sie versuchte sich wieder zu wehren, aber er war sehr viel stärker als sie und in der überlegeneren Position. Sie wußte zwar, daß ihre Fluchtchancen erheblich größer sein würden, wenn er sie erst einmal ins Haus geschafft hatte – allerdings auch die Gefahr, die ihr von ihm drohte –; aber sie dachte auch daran, daß das Geheimnis des Banns, den er auf diese Leute ausübte, die es nicht einmal wagten, einem schreienden Mädchen zu Hilfe zu eilen, möglicherweise im Innern dieses stolzen Hauses zu finden war. Bunny staunte über sich selbst, darüber, wie kühl und berechnend sie doch war. Ihre Wut über das, was er Dinah angetan hatte, diesem Planeten und diesen Menschen, hatte sich in eine kalte Gelassenheit verwandelt, so kalt wie die tiefe Einsamkeit, die sie in der Höhle empfunden hatte. Hier war sie sogar noch einsamer, mit einem Mann, der verrückt sein mußte, auch nur den Versuch zu unternehmen, dem Planeten dies anzutun. Bunny wußte, daß sie bei klarem Verstand bleiben mußte, wenn sie in Erfahrung bringen wollte, was es zu ermitteln galt, und wenn sie verhindern wollte, daß er Diego und Krisuk ebenso skrupellos umbrachte, wie er Dinah ermordet hatte. Er zerrte sie hinein. Sie streckte die Waffen nicht völlig, denn das könnte ihn mißtrauisch machen, und außerdem, hatte sie ohnehin ihre liebe Mühe damit, die Panik zu unterdrücken, die sie schon bei dem bloßen Gedanken daran überfiel, jetzt allein mit ihm in seinem Haus zu sein. Es ist kaum verwunderlich, daß er sich hier eine Frau wünscht, war Bunnys erster Gedanke. Es war ein einziges Durcheinander. Der zweite Gedanke ging dahin, daß es ein interessantes Durcheinander war. Sie hatte gar nicht gewußt, daß es auf Petaybee außerhalb des Raumhafens (und möglicherweise Seans Labor) soviel technisches Gerät geben konnte. Zwei Computer und eine riesige Sammlung von Handwerkzeugen, Waagen und Gesteinsproben lagen zwischen Knochen, zwei kleinen Schädeln, Federn und vertrockneten Tierteilen. Sie bemerkte, daß eine, große Anzahl von Gegenständen darunter war, die eine gute Waffe abgegeben hätten. Die Werkzeuge lagen über mehrere improvisierte Tische verteilt, doch einen richtigen Eßtisch gab es nicht, ebensowenig Stühle, wohl aber eine Kochgelegenheit – fettverschmiert und übersät mit schmutzigem Küchengerät – sowie eine große Matratze auf dem Boden. Als sie eingetreten waren, ließ Satok sie fahren, und Bunny wich vor dieser Matratze zurück, so weit sie konnte, obwohl sie genügend Auseinandersetzungen mit ihren pubertierenden Vettern gehabt hatte, um zu wissen, daß es nicht unbedingt einer Matratze bedurfte, um bis zum Hals in Hundescheiße zu treten. Bevor er irgend etwas sagen konnte, hatte sie bereits beschlossen, sich genauso besonnen zu verhalten, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie mit ihrem Schnokel irgendwo steckenblieb oder sie mit ihren Hunden von einem Elch angegriffen wurden. Sie würde ihn erst provozieren, wenn es erforderlich war. Ja, wenn er sie für ein Dummchen halten sollte, nur weil sie ein Mädchen war, war sie sogar bereit, ihn für eine Weile in diesem Glauben zu belassen. »Junge!« sagte mit einem nervösen Kichern, von dem sie hoffte, daß es nicht allzu gequält klang. »Was für ein Schuppen!« »Was ist los, kleine Dame Shongili? Nicht gut genug für dich?« höhnte er und stellte seinen Stock neben der Tür ab, um ein paar Kleiderschichten abzuwerfen. »Nein, es ist großartig«, erwiderte sie und ignorierte die Tatsache, daß er sie nicht bei ihrem eigenen Namen nannte. Ohnehin war es ihr lieber, wenn er ihren Namen nicht in seinen schmutzigen Mund nahm, vom Rest von ihr ganz zu schweigen. »Ich habe noch nie irgendwo außerhalb des Raumhafens gleich zwei Computer auf einmal gesehen. Gehören die beiden dir?« »Ja«, antwortete er. »Junge, wo hast du die bloß her?«, »Das war Teil meiner Entlassungsprämie«, sagte er und kam auf sie zu, doch sie tänzelte davon und nahm ein anderes Stück Ausrüstung auf. Es war aus Stahl und ziemlich schwer. »Was ist denn das hier?« fragte sie. »Hör auf mit dem Unsinn! Du interessierst dich doch nicht wirklich für das Zeug. Ich habe hier etwas, das ich dir zeigen möchte«, sagte er und griff sich ins Gekröse. Sie tat, als bemerkte sie es nicht, während sie den schweren Gegenstand etwas genauer untersuchte. »Im Gegenteil, dieses Zeug interessiert mich sehr. Ich kutschiere nämlich ständig irgendwelche Bergbauexpeditionen durch die Gegend, und die haben immer sehr interessante Sachen dabei. Aber meistens ist das Zeug schon verschwunden, bevor ich zu sehen bekomme, wie es funktioniert.« »Keine Sorge, Baby, ich werde schon nicht verschwinden. Ich kenne diesen Planeten, und ich bin viel zu schlau, um in eine seiner Fallen zu tappen.« Er kam ihr entgegen, und sie legte eine der vielen Werkbänke (kaum mehr als zwei Böcke und ein flaches Stück Stahlschrott) zwischen sich und den selbsternannten Shanachie. »Wie machst du das bloß?« fragte sie lässig, obwohl schon der bloße Gedanke daran, was er der Höhle möglicherweise angetan hatte, sie in Rage versetzte. Aber Angst hatte sie nicht. Die konnte sie sich jetzt nicht leisten. »Du stammst doch nicht von hier, oder?« »Ich bin auf diesem Planeten geboren, falls du das meinen solltest«, sagte er. »Ich weiß von den Höhlen. Und ich weiß auch, daß die Höhlen den leichtesten Zugang zu den netten Sächelchen darstellen, für die die Intergal und andere Gesellschaften mächtig viel Schotter abzudrücken bereit sind.« »Sieht so aus, als wüßtest du auch alles darüber, wie man an diese Sächelchen rankommt, wie?« fragte Bunny mit einer Miene mädchenhafter Begeisterung, eine Imitation ihrer völlig auf Jungen versessenen Base Nuala. Zu dieser Technik gehörte es, die Augen weit aufzureißen und ein bißchen so dreinzublicken wie ein Hase, der plötzlich von den Scheinwerfern eines nahenden Schnokels geblendet, worden war. »Wo hast du denn gelernt, so etwas zu tun, wenn du von Petaybee stammst?« »Im Firmenkorps, wo denn sonst?« erwiderte er. »Ich habe den üblichen Routinedienst abgerissen, bis ich Schwierigkeiten bekam. Glücklicherweise ist es mir gelungen, mir eine sehr viel lukrativere Arbeit zu besorgen, bevor ich vors Kriegsgericht mußte.« »Hier, meinst du?« »Nein, das kam erst später, als ich endlich soweit war, mich mit einer guten Frau niederzulassen.« Bunny stieß etwas hervor, von dem sie hoffte, daß es als gurrendes Geräusch durchgehen mochte. Sie fand es sehr seltsam, daß er in ihrem jetzigen Verhalten keinen Widerspruch zu dem Widerstand sah, den sie ihm auf dem Weg hier hoch geboten hatte; andererseits wußte sie aber auch, daß manche Kerle einfach nicht auf den Gedanken kamen, das Verhalten von Mädchen könnte völlig logisch oder gar durchdacht sein. Wahrscheinlich glaubte er, daß sie sich nur der Form halber gewehrt hatte, daß sie aber jetzt von diesem ganzen Zeug und seinem männlichen Charme ebensosehr überwältigt war wie sie vorgab. Und so gewährte sie ihm Nualas Ein-Achsel-Zucken und, fragte zögernd: »Na schön, aber wo denn dann?« »Die Intergal ist nicht die einzige Gesellschaft, die etwas vom Geschäft versteht, Baby. Ich bin in den Dienst einer unabhängigen Firma getreten, die im Import-Export-Geschäft tätig ist. Schon mal davon gehört – Onidi Louchard?« Bunny zuckte wieder die Schulter. Solange sie ihn zum Reden brachte, gab er möglicherweise irgend etwas Nützliches von sich. Außerdem verschaffte ihr das Gespräch die Gelegenheit, einen Gegenstand, so spitz wie ein Eispickel, hinter dem Rücken in ihr Hosenband zu stecken. »Vielleicht«, sagte sie in einem halbwegs interessierten Tonfall, um ihn am Reden zu halten. »Ich glaube, ein paar von den Soldaten haben den Namen mal erwähnt – aber nicht als Geschäftsmann…«, Er lachte und zeigte dabei eine Menge gelblich verfärbter Zähne – zweifellos mit Hilfe der firmeneigenen Zahnmediziner kräftig und eben gehalten. »Tja, und genau da liegst du falsch, Baby. Onidi versteht mehr von Angebot und Nachfrage als jede andere Frau auf der Welt.« Langsam schien er in eine eigene Traumwelt abdriften zu wollen. Bunny fiel auf, daß ein kleiner Läufer merkwürdigerweise einen Teil des ansonsten ungefegten und scheußlichen Bodens bedeckte. »Ach ja!« sagte Bunny. »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Sie ist eine Art Piratin, nicht wahr… eine Schwarzmarkthändlerin? Haben die nicht erzählt, daß sie die Aufständischen auf Bremport mit Gas und Waffen versorgt hat?« Es schien ihm zu gefallen, daß Bunny sie wiedererkannte. »Ja, genau die meine ich.« »Mann, und für die hast du gearbeitet! Das muß ja aufregend gewesen sein! Ich habe… diesen Planeten… nie verlassen«, sagte sie, und es gelang ihr dabei, wehmütig zu klingen. »Oh, das läßt sich einrichten, Baby. Ich bringe dir ein paar Sachen bei, und außerdem kenne ich haufenweise Leute, die nur zu glücklich wären, ein süßes kleines Ding wie dich herumzuführen.« »Wie ist das denn – da draußen?« fragte sie sehnsüchtig. Sie meinte, Geräusche unter dem Fußboden gehört zu haben, glücklicherweise nur sehr gedämpft und undeutlich, denn Satok schien sie nicht zu bemerken. Er nahm eine Flasche auf; kein petaybeeanisches Gebräu, wie Clodagh es herstellte, sondern etwas von außerhalb, das Bunny durchs ganze Zimmer riechen konnte. Er verriegelte die Haustür von innen, was sie noch nie bei irgend jemandem gesehen hatte – außer bei ihr selbst, wenn sie sich vor ihren Vettern hatte verbarrikadieren müssen. Mit der Flasche in der Hand nahm er auf der Matratze Platz. »Das meiste wüßtest du sowieso nicht zu schätzen«, sagte er mit lüsternem Grinsen; dann zuckte er die Schultern und gewährte ihr ein gräßliches Zwinkern. »Obwohl – wer weiß, bis ich mit dir durch bin, vielleicht doch.«, Bunny unterdrückte einen Schauer und setzte die Inspektion seiner Werkzeuge und des Computerschirms fort, während er ihr von Freudenhäusern auf Planeten in verschiedenen Galaxien erzählte, ohne die beeindruckenden Tricks auszusparen, wie er sie von humanoiden Alien-Künstlern mit einem breiten Spektrum von Geschlechtsorganen und -praktiken vorgeführt bekommen hatte. Das Thema schüchterte Bunny etwas ein, vor allem der geifernde Genuß, mit dem Satok davon erzählte, und die Art, wie er sie die ganze Zeit dabei beäugte, als wäre sie bereits entkleidet. Sie erkannte, daß er es überhaupt nicht eilig hatte. Tatsächlich schien er diese Geschichten sogar in der Erwartung zu erzählen, daß sie vielleicht einige der Dinge würde ausprobieren wollen, die er ihr da schilderte. Immerhin boten sie Bunny einen guten Vorwand für laute, schockierte Ausrufe, welche die Geräusche unter dem Teppich übertönten. Sie versuchte immer noch den Eindruck zu erwecken, fasziniert zu sein, und arbeitete sich rückwärts vor, während er aus seiner Flasche trank, bis Bunny eine Ecke des Läufers mit dem Fuß beiseite schieben konnte. Darunter lag eine rechteckige Falltür. Vielleicht würde der Schlägertyp sich ja auch in den Schlaf saufen. Doch dieses Glück war ihr nicht beschieden. Nachdem er das Thema erschöpft hatte, klopfte er immer wieder auf die Matratze, um sich schließlich mit einem inzwischen wieder häßlich gewordenen Gesichtsausdruck zu erheben. »Hör mal«, sagte Bunny hastig. »Warum hast du denn etwas so Tolles wie die Raumschiffahrt mit Onidi Louchard drangegeben, um nach Petaybee zu kommen?« Er stand nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen wie zuvor, und seine Worte klangen ein wenig schleppend. »Als meine Schiffskameraden herausfanden, daß ich von Petaybee stamme, haben sie mir gesagt, was für Idioten wir doch sind, weil wir auf den größten Erzvorkommen im gesamten bekannten Universum hocken und so tun, als sei das alles gar nicht da. Ich habe ihnen geantwortet, daß die Firma uns hier alle barfuß und schwanger hält, um es mal so auszudrücken. Dasselbe habe ich schließlich auch die ganze Zeit zu hören bekommen, als ich hier aufwuchs. Und dann wurde mir, plötzlich klar, daß ich schon als Kind an die ganze Petaybee-Nummer geglaubt habe: daß der Planet nicht will, daß wir dies nehmen, und daß der Planet nicht will, daß wir jenes nehmen.« Seine Stimme kippte über und wurde zu einem höhnischen Winseln. »Da habe ich mir gedacht, scheiß auf den Planeten! Früher oder später wird die Firma es ja doch tun, warum soll ich ihr da nicht zuvorkommen? Ich wußte schließlich, wie der Planet und seine Bewohner die Firma hintergehen und wie die Firma ihrerseits den Planeten und seine Bewohner hintergehen könnte, wenn sie nur genug Mumm hätte, hier zu landen und sich zu holen, was sie haben will. Also habe ich mir ein bißchen Firmentechnologie ›ausgeliehen‹, bin mal in einen, mal im anderen Dorf zu Fuß aufgekreuzt. Den Shuttle habe ich draußen auf der Tundra geparkt, habe weise aus der Wäsche geguckt und Erkundigungen eingezogen, wer wohl einen Schamanen brauchen könnte. McGees Paß war zum Opfer einiger der weniger netten Spielchen des Planeten geworden, und einen Schamanen hatten sie hier auch nicht. Da habe ich ein bißchen Aufklärung betrieben, habe meine Basis errichtet und für eine Katastrophe am örtlichen Versammlungspunkt gesorgt.« Bunny versuchte, ihre Stimme im Griff zu behalten, um sich nur schockiert und nicht gleich wütend anzuhören, als sie fragte: »Aber w- warum? Warum hast du das getan?« »Weil ich mich das erste Mal, als ich gesehen habe, wie das rohe Erz aussieht, daran erinnerte, wie ich es schon als Kind gesehen hatte. Nur daß der Planet mich damals in Angst und Schrecken versetzte, weil ich mich nicht wirklich für all die vielen kleinen Psychotricks interessierte, die er den Leuten hier antut. Begreifst du es immer noch nicht? Es gibt einen guten Grund dafür, weshalb eure sogenannten Ältesten euch solange diesen ganzen Mist über die Versammlungsorte erzählen, bis ihr viel zu verängstigt seid, um sie auch mal alleine aufzusuchen.« Bunny überlegte, daß er wohl einen völlig anderen Ältesten gehabt haben mußte als Clodagh, wenn er glaubte, daß es irgend jemandem verwehrt sein könnte, mit Petaybee zu sprechen, und zwar jederzeit, daß die Menschen sich aber die meiste Zeit mit dem begnügten, was, sie auf der Oberfläche davon mitbekamen, bis es mal wieder an der Zeit für alle war, den Planeten aufzusuchen. »Die Versammlungsräume sind auch das Tor zu den Leckerchen des Planeten. Herrje, Mädchen, man braucht nicht einmal besonders tief zu graben, ja nicht mal einen Tunnel muß man dafür in die Planetenkruste bohren. Das Erz starrt einen dort förmlich an, wenn man sich hinbegibt, um mit dem Gestein zu sprechen.« »Wirklich?« fragte sie. Doch langsam gingen ihr die Themen aus, über die sie mehr erfahren wollte, und so versuchte sie sich zu überlegen, was sie ihn als nächstes fragen sollte, nur damit er weiterredete. »Na ja, ich habe da noch eine Frage. Warum ich? Gibt es nicht genügend Mädchen vor Ort…« »Da liegt genau das Problem. Das sind alles Einheimische. Du dagegen stammst aus einer mächtigen Familie in Kilcoole, und die halten dich für etwas Besonderes, weil du ein Schnokel fährst. Deine Familie und deine Freunde in Kilcoole zerreißen sich die ganze Zeit das Maul darüber, wie schlimm die Minen doch für den Planeten sind. Vielleicht werden sie ja ruhiger, wenn sie erst einmal erfahren, daß es für dich das Beste wäre. Wirklich«, sagte er, »hat echt Spaß gemacht, mit dir zu plaudern, Baby. Aber jetzt, da wir uns ein bißchen besser kennen, möchte ich dich auch gleich richtig gut kennenlernen. Also, kommst du jetzt her und leistest mir ein bißchen Gesellschaft, oder willst du mich in Versuchung führen, damit ich ein wenig grob werde? Mir paßt beides in den Kram.« Bunny wich vor ihm zurück, und so erhob er sich und beugte sich blitzschnell über den Tisch, den sie als Schild benutzt hatte. Sie wich ihm aus und wollte davonlaufen, doch noch nie hatte sie so sehr in einer Falle gesessen. Sie wußte, daß sie sich seinem Griff nicht ewig würde entziehen können, und auch wenn sie eine Waffe hatte, war er doch größer und stärker als sie und immerhin noch einigermaßen fit. Sie wußte auch, daß sie in einem Handgemenge nicht die geringste Chance gegen ihn hätte, sondern nur dann, wenn sie ihm so lange wie möglich auswich. Sie sprang zu der Stelle zurück, wo die Falltür unter dem Teppich verborgen lag, und riskierte einen Tempotest, um an dem Ring zu reißen. Es gelang ihr, die Tür, ein Stückweit zu öffnen, und sie hoffte schon wider besseres Wissen, daß sie würde hindurchgleiten können, bevor er sie zu packen bekam. Doch die Tür war schwerer, als Bunny gedacht hatte, und er war um einiges schneller. Er packte sie am Haar und zerrte sie mit einem Ruck über die geöffnete Falltür zu sich, während sie aufkreischte, mit einer Hand auf ihn einhämmerte und mit der anderen nach dem Eispickel griff. In der unteren Höhle war der Planet nicht mit Petraseal zu Tode versiegelt worden. Dafür hatte man hier aber Probebohrungen und Sprengungen vorgenommen. Es gab auch einen Teich, stinkend von Chemikalien und zähflüssig von den Rückständen der Schäden, die hier angerichtet worden waren. Diego berührte die Planetennarben, und es kam ihm so vor, als würde er einmal mehr das Wrack betrachten, das sein Vater gewesen war: erfüllt von Trauer und Schmerz. Krisuk, der an diesem Ort aufgewachsen war, sich im Laufe der Jahre aber nach und nach durch Satoks Manipulationen an seinen Tod gewöhnt hatte, berührte die gesprengten Stellen kurz und taumelte zurück, als hätten sie ihm einen Hieb verpaßt. Zitternd standen die beiden Jungen an der Gabelung der beiden Gänge. »Wie habt ihr nur zulassen können, daß er so etwas tut?« fragte Diego vorwurfsvoll. »Wir haben doch überhaupt nicht gewußt, daß er hier drin irgend etwas tut!« erwiderte Krisuk. »Wir dachten, es wäre alles verschüttet, genauso, wie er gesagt hat. Du vergißt, daß es zwischen dieser und der äußeren Höhle eine Wand gibt, und dazwischen liegt eine ziemlich lange Tunnelstrecke. Die muß es einfach geben. Wir spüren zwar manchmal den Berg beben, aber es ist ja nicht so, als würde man irgend etwas hören.« Die Richtigkeit dieser Feststellung wurde den Jungen aufs deutlichste vor Augen geführt, als sie aus der mit Petraseal versiegelten Innenhöhle in den Versammlungsraum traten, von dort, durch das Gestrüpp und hinaus in den kalten Wind, der den Paß entlangpeitschte. Der Felsen, auf dem Bunny gesessen hatte, war leer. »Bunny?« fragte Diego. »Dinah?« Auf dem Weg über ihnen ertönte ein Winseln. Diego kroch den Weg hinauf, und beinahe wäre er über die am Boden liegende Dinah gestolpert. Er begann, die Hündin am ganzen Leib abzutasten, was sehr schwierig war, denn überall stieß er auf Blut. Dinah wirkte auf schreckliche Weise reglos, doch mit zunehmender Berührung erholte sich ihre Atmung ein wenig. Dann rief er mehrmals nach Bunny, bekam sie aber nicht zu sehen. Inzwischen rannte Krisuk den Berg zu seinem eigenen Heim hinunter und riß die Tür auf. Diego nahm Dinah in die Arme und stolperte mit ihr hinter Krisuk den Berg herab. Krisuk hatte eine Laterne entzündet. Die Familie war noch nicht zu Bett gegangen, sondern saß zusammengekauert um den Tisch und musterte schuldbewußt die Tür. Diego betrat das Haus und trug Dinah zum Tisch. An den Mienen der Connellys konnte er ablesen, daß sie ganz genau wußten, was mit den Pferden, mit der Hündin und mit Bunny passiert war. »Was seid ihr bloß für Leute?« »Stell ihnen bloß keine Fragen«, versetzte Krisuk angewidert. »Bunny ist bei Satok. Darauf kannst du wetten. Er hat sie sich geholt.« »Dann werde ich sie mir jetzt eben zurückholen«, erwiderte Diego. »Das geht nicht!« warf Iva ein. »Er kann dich umbringen… kann uns alle umbringen… kann den Planeten vielleicht gegen uns aufwiegeln, daß er uns verschlingt. Er ist viel zu mächtig, als daß auch nur einer von uns gegen ihn etwas ausrichten könnte.« »Das ist er ganz bestimmt, solange ihr nur dort rumhockt«, antwortete Diego. »Aber der Planet hat keine Veranlassung, ihn zu mögen. Wenn ihr nur ein paar Zoll über euren eigenen Tellerrand hinausblicken würdet, wüßtet ihr das auch.« »Du gehst nicht allein«, sagte Krisuk. »Nicht?«, »Nein. Komm schon, Pa, Mutter. Ihr da, Kinder«, fügte Krisuk hinzu, an seine jüngeren Geschwister gewandt. »Geht die Nachbarn wecken. Bringt sie zur Versammlungshöhle.« Sie sahen ihn wie betäubt an und rührten keinen Finger, bis schließlich seine fünfjährige Schwester Maire aufsprang. »Ich gehe!« »Ich auch«, stimmte einer der jüngeren Brüder ein. Diego hatte eine der Steppdecken von den Betten genommen, um Dinah damit zuzudecken, während eine seiner älteren Schwestern damit begann, dem Hund die Wunde zu säubern. Als Diego sich davon überzeugt hatte, daß die Hündin in guten Händen war, griff er sich ein Messer, das an einem Haken über dem Herd hing, und lief wieder aus der Tür, auf den Weg hinaus. »Warte!« sagte Krisuk. »Diego, nicht dort entlang! Da bist du ein viel zu offenes Ziel.« »Ich werde ihm Bunny nicht kampflos überlassen, nur weil ihr euch seinetwegen alle in die Hose macht«, schrie Diego zurück und ließ kein Deut in seinem Tempo nach, obwohl der Wind arg auf ihn einhämmerte. Er konnte nicht verstehen, was Krisuk ihm antwortete. Diego näherte sich gerade dem Höhleneingang, als Krisuk ihn endlich eingeholt hatte und aufhielt. »Hör mal, du kannst nicht einfach zu ihm gehen und ihn herausfordern«, brüllte er den Wind an. »Aber weißt du noch, der obere Gang? Ich wette, der führt zu seinem Haus hinauf.« Diego hielt einen Augenblick inne. Er hatte jede Menge Bücher gelesen, und in vielen seiner Lieblingswerke kamen Geheimgänge und -tunnels vor, was er sich bisher immer nur im Zusammenhang mit dem Ventilationssystem von Schiffen und Raumstationen vorgestellt hatte. »Vielleicht«, sagte er schließlich. »Aber wenn nicht, verlieren wir sehr viel Zeit. Wir wissen ja nicht mal, wieviel Zeit wir bisher ohnehin schon verloren haben.« Krisuk meinte: »Pa hat erzählt, daß sie Bunny vor ungefähr einer Stunde haben rufen hören. Hör mal, ich kriege die schon dazu, mir in die Höhle zu folgen. Ich will ihnen zeigen, was Satok angerichtet hat., Aber sie haben zuviel Angst, um zu seinem Haus zu gehen. Es ist ein gut befestigtes Haus, und er ist bewaffnet.« Diego riß seinen Arm los. »Wenn du diesen Weg nehmen willst, dann tu das. Ich gehe geradewegs zum Haus. Ich werde Bunnys Leben nicht schon wieder aufs Spiel setzen, nur weil ihr nicht wollt, daß ich Satok die Stirn biete.« »Also gut, dann werde ich es eben mit der Höhle versuchen, und sollte das nicht klappen, komme ich hoch und helfe dir. Tu also nichts Unüberlegtes, ja? Wenn du nicht gerade siehst, wie er… na ja, wenn Bunny deine Hilfe nicht ganz dringend braucht, dann platz nicht einfach da rein, bevor ich nicht bei dir bin.« Diego hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. »Ich komme schon klar«, sagte er und machte sich an den Anstieg, den Berg hinauf, der zu Satoks Haus führte. Vom oberen Ende des Weges aus war das Haus zu erkennen, ein Steingebäude, ungefähr eine halbe Meile entfernt zurückgesetzt auf einer Weide. Die Fenster waren beleuchtet, und als Diego näherkam, empfing ihn gespenstisches Geheul. Satok preßte Bunny gegen die Matratze und grabschte nach ihrem Hosenbund. Sie versuchte, ihm einen Tritt zu verpassen, doch er drückte eins ihrer Knie mit seinem eigenen nieder. Ihr rechter Arm, der zwischen ihrem Rücken und der Matratze feststak, tastete nach der Waffe an ihrer Hüfte. Da begannen die Hunde plötzlich zu heulen. Satok fluchte, erhob sich und griff nach einer Waffe, als er sich der Tür zuwandte. Wie beiläufig drehte er sich noch einmal zu Bunny um und schlug ihr mit der offenen Hand ins Gesicht, daß sie in einer schmerzlichen Explosion die Zähne in ihre eigenen Wangen schlug. »Keine Bewegung«, sagte er und wackelte in vorgetäuschter Verspieltheit mit dem Finger. Natürlich bewegte sie sich sofort, kaum daß er den Türriegel zurückgeschoben hatte. Es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, an ihm vorbei in die Nacht hinauszuhuschen, und die Falltür, war zu weit entfernt, aber wenigstens konnte sie ihren Eispickel aus dem Gürtel ziehen. »Seid still, ihr faulen Köter, sonst gibt es wieder eine Woche nichts zu fressen!« brüllte Satok, auf der Türschwelle stehend. Das Geheul wurde zu einem leisen Winseln. Er ließ den Blick ausgiebig umherschweifen; dann drehte er sich wieder zu Bunny um. Da ihr keine raffinierteren Tricks mehr einfielen, sprang sie auf und rannte zur Falltür zurück. Dabei war sie klug genug, ihre Waffe nicht offen zu zeigen. »Rühr mich bloß nicht noch einmal an, Freundchen«, sagte sie. Die aufgeplatzte Lippe ließ sie leicht lispeln. Wieder begannen die Hunde zu heulen, doch diesmal ließ Satok sich nicht mehr davon ablenken. Es dauerte keine zwei Sekunden, da hatte er Bunny auch schon eingeholt, und sie mußte feststellen, daß sie plötzlich mit dem Rücken an der Wand stand, ohne jede Fluchtmöglichkeit – für jedes Tier eine sehr schlechte Situation. Zudem stand Satok gerade auf der Falltür, als er auf sie zukam und ihr mit den Händen an die Gurgel ging. Krachend schlug die Eingangstür auf, und ein kräftiger kalter Wind fuhr durch das Zimmer. Bunny stieß mit ihrem Eispickel nach oben und spürte, wie die Spitze in Fleisch versank. Satoks Griff löste sich etwas, doch hatte er sich ein Stück von ihr abgewandt, um die Tür im Auge zu behalten, und so führte Bunny nicht den tödlichen Stich, den sie beabsichtigt hatte. Sie versuchte gerade, ihren Hals aus Satoks Umarmung zu lösen und die Waffe aus der Wunde zu ziehen, als ein anderer Leib gegen die beiden krachte und Bunny fast stranguliert hätte, weil der Aufprall Satoks Arm mit einem Ruck gegen ihre Luftröhre preßte. Als Satok herumfuhr, um sich dem neuen Angreifer zu stellen, huschte Bunny zur Seite und suchte sofort nach einer weiteren Waffe. Diego war dem großen Mann auf den Rücken gesprungen und hieb mit einem Dolch auf ihn ein, doch Satok griff nach hinten und entriß dem Jungen die Klinge, als würde er einem Säugling die Rassel wegnehmen. Bunny stöhnte auf. Diego war zwar Spitze, wenn es um, Bücher und Computer ging – aber ein Kämpfer war er nicht. Sie nahm eine Rohrzange auf und umtänzelte die beiden, versuchte mal hier, mal dort einen Schlag anzubringen, fürchtete aber gleichzeitig, sie könnte aus Versehen Diego treffen. Satok wirkte zwar verärgert, aber kaum ernsthaft bekümmert. Er stand immer noch auf der Falltür, als er hinter sich griff und Diegos Kopf mit beiden Händen packte, um ihn über seine Schulter zu reißen. Bunny ging in die Knie, ließ sich nach vorn fallen und schlug dem großen Mann mit der Rohrzange erst gegen die Knie und dann auf die Schienbeine, so hart sie konnte. Satok fuhr herum, Diegos Kopf noch immer im Schraubgriff, und Bunny knallte die Rohrzange in die Kniekehlen ihres Gegners. Er stürzte mit einem Krachen zu Boden, schleuderte Diegos Beine dabei gegen den Computertisch und ließ das Gerät kopfunter zu Boden fallen. Doch durch ihren Vorwärtssturz gaben Satok und Diego die Falltür frei und damit auch das Hämmern, ebenso das Stampfen unter der Tür, das von dem Kampfgetöse übertönt worden war. Bunny kroch zur Falltür und riß an dem Ring. In dem sich weitenden Spalt erschienen Krisuks Arme und sein Kopf, und mit einem Ruck schob er die Tür gegen Satoks Waden. Satok war gerade damit beschäftigt, Diegos Kopf gegen den Boden zu knallen. Der Anblick Krisuks, wie er aus dem Loch stieg, dicht gefolgt von seinem Vater, flößte Bunny Zuversicht ein, und so schoß sie auf Satoks Kopf zu und drosch mit der Rohrzange darauf ein. Wieder entwand sich der Mann im entscheidenden Augenblick, und so riß ihm Bunnys Rohrzange nur das hintere Drittel seines Ohrs ab, als auch schon eine dritte Person aus dem Geheimgang stieg. Satok griff sich ans verletzte Ohr, erhob sich taumelnd und rannte los, Krisuk und die anderen auf den Fersen. Bunny kniete neben Diego nieder. »Alles in Ordnung?« fragte sie. Er blinzelte sie zweimal an, rieb sich den Hinterkopf und sagte wehmütig: »Ich bin gekommen, um dich zu retten.« Sie küßte ihn trotz seiner blutigen Nase und sagte: »Das bist du wirklich. Hat es dich schlimm erwischt?«, Als er die Hand wieder hervorzog, war sie blutbeschmiert. »Nicht so schlimm, glaube ich. Mein Vater hat immer gesagt, daß mein Schädel das Widerstandsfähigste an mir sei.« Inzwischen kniete Iva neben ihnen. »Komm schon, ich werde dich verbinden«, sagte sie. »Wir haben gesehen, was Satok dem Planeten angetan hat. Was für ein übler Schwätzer! Na, die anderen werden sich ihn schnappen. Dann erzählt der Mistkerl keine Lügen mehr.« »Nein«, widersprach Diego. »Wir müssen zu Sean und Yana und ihnen mitteilen, was Satok getan hat.« »Woher wußtest du denn, daß er ein Pirat war?« wollte Bunny wissen. »Wenn wir die Höhle nehmen, kannst du…« Diego hielt inne und gaffte sie an. »Was soll das heißen, Pirat? Hast du gerade Pirat gesagt?« »Er ist ein Schiffskamerad von Onidi Louchard«, erklärte Bunny. »Ich glaube, er arbeitet immer noch mit ihnen zusammen, um Petaybee auszuplündern.« »Mist! Wir müssen sofort die anderen warnen!« »Nichts da«, versetzte Iva Connelly. »Du gehst nirgendwohin, bevor ich dir nicht die Wunden verbunden habe. Und du auch, junge Dame.« Diego und Bunny bestanden darauf, die Lockenfelle ins Dorf hinunterzubringen. Inzwischen kehrten Krisuk und einige der anderen mit leeren Händen zurück. »Satok ist entkommen. Kev Nyukchuk und seine Söhne versuchen, ihn mit Hilfe seiner Spuren und des Bluts im Dunkeln aufzustöbern«, teilte Krisuk ihnen mit. »Wo ist dein Vater?« fragte Iva. »Er ist dageblieben, um die Hunde zu füttern. Weißt du noch, wie Satok Tarkas Welpen weggenommen hat?« »Ja.« »Inzwischen sind sie halb verhungert und bösartig geworden, aber Pa hat sie wiedererkannt und wird versuchen, sie noch einmal zu, zähmen. Die Lockenfelle waren auch in schlechtem Zustand. Außerdem haben wir noch weitere Katzenschädel gefunden…« Am nächsten Morgen, als das erste Licht am Himmel erschien, machten Bunny und Diego sich auf den Weg, der vom Fluß fortführte. Die sorgfältig verbundene und in Decken gehüllte Dinah trugen sie mit sich. Angetrieben vom Wind Petaybees, bewegten sie sich in Richtung Fjord. Matthew Luzon amüsierte sich köstlich darüber, daß Marmion Algemeine glaubte, sie könne ihn in ihre Gewalt bringen, indem sie seine Theorien widerlegte, Kontakte mit den Feinden der Firma pflegte und versuchte, ihm seine Mitarbeiter abspenstig zu machen. Natürlich war sie unfähig, einen Mann wie ihn zu verstehen. Sie war schließlich nichts als eine überalterte Debütantin, deren ererbte Habgier ihr eine ausgeprägte Fähigkeit verlieh, noch mehr Reichtum anzuhäufen. Jemandem wie ihn konnte sie nicht einmal ahnungsweise erfassen, jemanden, dem es nicht um Geld oder Selbstdarstellung ging, sondern um eine große, völlig selbstlose Verpflichtung gegenüber der Wahrheit und dem Fortschritt der Wissenschaft. Andere lachten zwar, wenn er sich als Wissenschaftler bezeichnete, doch Matthew hatte sich der Wissenschaft in einem Maße verschrieben, wie es nur bei wenigen Menschen der Fall war. Als ein Mann, der an das Wort glaubte, war er dennoch fasziniert von den Lügen, die die Leute sich selbst gern über das Universum erzählten, in dem sie lebten – allen Beweisen zum Trotz, daß der durchschnittliche Mensch lediglich von elektrochemischen Impulsen getrieben wurde, wie Computer von elektronischen, und daß das ganze Universum nur ein großer, gewaltiger Zufall war. Die meisten Wissenschaftler und Soldaten der Firma dachten zwar so wie Matthew, doch nur wenige besaßen seinen Eifer, nicht nur an die Wahrheit zu glauben, sondern auch die Lügen und Selbsttäuschungen zu entlarven, die den mit Intelligenz und Bewußtsein ausgestatteten Verstand schwächten, ja jeden besiedelten Abschnitt des Universums und sogar die Firma selbst., Es gab eine Art Hirnfieber, das sich die Leute zuzogen; wenn sie die Zivilisation erst einmal verließen. Matthew hatte es immer wieder erlebt, nicht nur unter den Bewohnern kolonialer Außenposten wie diesem hier, sondern auch auf Raumstationen und Schiffen, die schon zu lange keinen Hafen mehr angesteuert hatten. Petaybee warf einige Rätsel auf, die bisher noch nicht gründlich genug untersucht worden waren – und schon gelangten manche Leute zu dem Schluß, daß selbst die Dinge, um deren Beschaffenheit sie genau wußten, irgendeine merkwürdige Ursache haben mußten. Sie begannen an Mythen zu glauben, an vermenschlichte Maschinen und nichtintelligente Lebensformen; dann sprachen sie mit Pflanzen und mit Tieren. Albern zwar, doch so war das nun einmal. Matthew betrachtete sich selbst als eine Art Deprogrammierer, als Reformer und Aufklärer. Er hatte die Feststellung gemacht, daß es fast immer einen Rädelsführer gab oder, genauer gesagt, einen Meinungsmacher, der im allgemeinen unter jener Borderline-Schizophrenie litt, die meist als ›Kreativität‹ durchging. Diese Menschen mußten stabilisiert und neu eingestellt werden – oder man mußte sie eliminieren. Die Eliminierung war nicht unbedingt die bevorzugte Option, aus dem ganz einfachen Grund, daß eine solche Person danach unweigerlich durch einen anderen Anführer ersetzt wurde; nutzte man dagegen die Macht, die solche Leute sich zumeist schon unter ihren Gefährten aufgebaut hatten, im Sinne der eigenen Absichten, gelangte man sehr viel schneller zu Ergebnissen. Als Anthropologe, der sich besonders mit der Thematik befaßt hatte, zu welchen Glaubenssystemen sich Menschen hinreißen ließen, und in Anbetracht dessen, was er von Petaybee gehört hatte, war ihre Massenillusion für Matthew nichts sonderlich Ungewöhnliches. Sie hielten ihren Planeten für ein bewußtes, empfindungsfähiges Wesen. Dabei schien es recht wahrscheinlich, daß alle diese scheinbar so ungewöhnlichen Vorfälle meteorologischer und geologischer Verschiebungen reine Zufälle waren, möglicherweise auch eine Spätfolge des Terranisierungsprozesses – und er warf es Whittaker Fiske vor, daß der sich nicht zu dieser Wahrscheinlichkeit geäußert hatte. Ganz bestimmt durfte man diese Naturereignisse nicht, irgendwelchen gigantischen Mächten oder einer Art gewaltiger Alien- Lebensform zuschreiben, die mit sogenannten evolutionären Anpassungsprozessen herumstümperte. Matthew Luzon war kein Narr. Er hatte die Autopsieberichte ebenso studiert wie das gesamte weitere ›Beweismaterial‹ der Kilcoole- Gruppe. Er neigte eher zu der Annahme, daß die Behauptungen den Charakter eines lokal begrenzten Glaubenssystems hatten, als daß sie ein gesamtplanetares Phänomen darstellten. Bei den Anpassungsprozessen, die schon ans Extreme grenzten, handelte es sich zweifellos um Mutationen aufgrund irgendwelcher latenter, auf dieser Welt vorhandener Toxine, die man bisher schlichtweg übersehen hatte. Die würde man natürlich beseitigen müssen – oder man müßte die Bewohner des Planeten evakuieren, was beides gleichermaßen den Absichten der Intergal entgegenkam. Doch die Kommission würde dergleichen nicht allein auf der Grundlage von Matthews persönlicher Meinung entscheiden, solange er diese nicht entsprechend abgesichert hatte. So war es für ihn das Klügste, andere Meinungsmacher aufzuspüren, die eine andere Auffassung vertraten als die Bewohner Kilcooles, um der Kommission zu demonstrieren, daß man den regional begrenzten Aberglauben der einen Gruppe nicht mit einem gesamtplanetaren Phänomen verwechseln durfte. Zu diesem Zweck forderte Matthew einen Hubschrauber für sich an, während Marmion draußen damit beschäftigt war, die Einheimischen um den Finger zu wickeln. Man teilte ihm mit, daß ihm ein Pilot namens Greene zugeteilt werden würde. »Und um welches Ziel geht es?« »Ich möchte die Siedlungen auf der südlichen Halbkugel bereisen«, antwortete Matthew. »Dazu brauche ich Transport und Unterkunft für mich selbst und drei Mitarbeiter.« »Es tut mir leid«, sagte die Frau bedauernd. »Im einzigen zur Verfügung stehenden Fahrzeug ist nur Platz für den Piloten und zwei weitere Personen. Das ist alles.«, »Dann stellen sie gefälligst ein anderes Fahrzeug zur Verfügung. Halten Sie meine Arbeit für so nebensächlich, daß Sie glauben, ich könnte ohne Assistenz auskommen?« »Das haben Sie gesagt, nicht ich.« »Wie heißen Sie?« blökte Matthew. »Rhys-Hall, Hauptmann Neva M. Rhys-Hall, Funkleitoffizierin. Ist nicht persönlich gemeint. Falls Sie den Namen des Piloten wissen wollen, er heißt John Greens. E fliegt um zwölf Uhr zwanzig ohnehin planmäßig nach Harrison Fjord. Dort kann er auftanken und Sie nach Süden bringen. Wenn Sie um diese Uhrzeit bereit und auf dem Flugfeld sein könnten, sparen Sie Zeit und sind noch vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel.« »Und die Unterkünfte?« »Ich fürchte, Sie sind dort auf sich allein gestellt. Bis vor kurzem hielt die Firma diesen Planeten nicht für wichtig genug, um gleich zwei Depots und Befehlszentralen einzurichten. Ich an Ihrer Stelle würde einen Schlafsack und ein Überlebenszelt mitnehmen.« »Danke für den Rat, Hauptmann. Ich werde es nicht vergessen.« Und dich ebensowenig, du unverschämte Zicke, sagte er bei sich. Also nur ein Assistent? Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer. Braddock Makem, ein Mann, dessen Denken dem Matthews sehr ähnlich war, war der Assistent, dem er am meisten vertraute und der selbst am einfallsreichsten war. Er fand Braddock in seiner spartanischen Unterkunft vor, wo er gerade verschieden Berichte durchging, und teilte ihm mit, was von ihm verlangt wurde, in der sicheren Gewißheit, daß die Ausrüstung samt Braddock zur vereinbarten Zeit bereitstehen würden., 9. KAPITEL Als Marmion vor dem – in einem wirklich furchtbaren Schlammgrün gestrichenen – Gebäude eintraf, wo Matthew Luzon sein Büro eingerichtet hatte, fand sie dort nur seine fünf Lakaien vor, die allesamt emsig Befehle eintippten, während ihre Monitore Kurven und Skizzen und Zahlenkolonnen wiedergaben. Marmion hatte für Statistiken nicht das geringste übrig: Die bewiesen doch immer nur, was die Statistiker sich wünschten. Bonitätsberichte und Firmenanalysen waren natürlich etwas völlig anderes. Immerhin waren sie wohlerzogen genug, um sich zu erheben, als Marmion in den Raum kam, und so lächelte sie die Männer an, während sie betont auffällig den Blick umherschweifen ließ. »Ich kann Dr. Luzon nicht finden, und dabei hätte ich so gern ein Wort mit ihm gewechselt«, sagte sie und strahlte den nächststehenden Assistenten an. »Sie sind doch…« Angestrengt rief sie sich Sallys Hinweise ins Gedächtnis zurück, wie sie diese Leute voneinander unterscheiden konnte. »Ivan, nicht wahr?« »Jawohl, gnädige Frau.« »Und wo ist Dr. Luzon?« Marmion fiel auf, daß einer fehlte – Braddock Makem. Langsam wurde ihr klar, daß sie Matthews hinterhältige Emsigkeit möglicherweise unterschätzt hatte. Wie peinlich. »Ist er etwa auf Abenteuer in die Wildnis gezogen und hat Sie alle hier zurückgelassen, um sich mit dem langweiligen Kleinkram abzuplagen?« Alle diese fitten jungen Männer begannen nacheinander zu räuspern. »Aha. Wie ich sehe, hat er das tatsächlich getan. Das ist wirklich zu schade, denn ich habe mit Hauptmann O’Shay vereinbart, daß er uns alle Zwecks einer Vor-Ort-Begehung zu dieser ach so rätselhaften Höhle bringt. Matthew legt ja allergrößten Wert auf Vor-Ort- Ermittlungen«, warf sie ein und zog eine leicht enttäuschte Schnute,, »und das hier ist eine der allerwichtigsten, wie mir Whittaker Fiske versicherte.« Sie hielt inne, um ihrer Enttäuschung ein wenig nachzuhängen. Dann hellte ihre Miene sich wieder auf, und sie ließ den Blick in die Runde schweifen. »Aber das heißt ja nicht, daß Sie nicht mitkommen können. Es ist ja so schwierig, einen Hubschrauber aufzutreiben, der uns alle zusammen befördern kann. Tatsächlich wäre seine Transportkapazität mit uns schon erschöpft. Also, kommen Sie! Speichern Sie alle Ihre wichtigen Programme ab, meine Herren, schnappen Sie sich Ihre Anoraks, und dann wollen wir mal los…« Als einer von ihnen – ach ja, der Blonde, dieser Hans – einen Einwand vorbringen wollte, fuhr sie ihm in die Parade: »Nichts da, Hans! Ich höre mir keine Ausflüchte von Ihnen an! Das hier ist genauso wichtig wie diese ganzen Zahlen, weil es nämlich subjektiv ist und nicht objektiv. Damit beweisen Sie der Kommission, wie gründlich Sie sämtliche Aspekte dieser Untersuchung in Angriff nehmen.« Sally und Millard waren geschmeidig hinter Marmion in den Raum geschlüpft und begannen, den Männern Oberkleider auszuhändigen. Die waren so sehr daran gewöhnt Autoritätspersonen blind zu gehorchen, daß sie sofort taten, was man von ihnen verlangte. Ehe sie sich versahen waren sie auch schon aus der Tür und saßen plötzlich in dem Mannschaftstransportfahrzeug, das sie holpernd zu dem großen Hubschrauber beförderte. Rick O’Shay hieß sie eilig einsteigen und wies ihnen die Sitzplätze so an, daß sich seine Fracht möglichst gleichmäßig über die Maschine verteilte. »Freut mich sehr, daß Sie die Zeit für diese Spritztour gefunden haben, denn vom Shuttle aus bekommt man nicht allzu viel zu sehen. Kaum hat man einmal mit den Augenlidern geklimpert, schon sind die interessanten Punkte vorbeigerauscht. Frau Algemeine, Sie sitzen bitte vorn… He, wo ist denn Dr. Luzon?« Rick sah sich um; seine Miene war eine Mischung aus Überraschung und Bestürztheit. »Ich dachte immer, er wäre derjenige, der unbedingt mitkommen wollte.« Marmion hätte dem jungen Mann am liebsten einen Kuß gegeben – er war sowieso recht attraktiv –, denn es war nicht zu übersehen, daß, Ivan und Hans bereits die ersten Zweifel über die Ratsamkeit dieses Ausfluges kamen. »Ach, herrje.« Rick schüttelte den Kopf und blickte fassungslos drein. Dann hellte seine Miene sich wieder auf, und er atmete tief durch. »Na schön, dann können Sie ihm ja wenigstens einen vollständigen Bericht darüber abliefern, was ihm alles entgangen ist. So, das war’s, und jetzt – alles anschnallen!« Der große Hubschrauber stieg auf und nahm Kurs Nordost. Die Turbulenzen konnten ihm kaum etwas anhaben. Sally saß eingekeilt zwischen Hans und Marcel, Millard am Fenster, gegenüber Ivan, George, Jack und Seamus Rourke, den Marmion als ihren Expeditionsführer vorgestellt hatte. Seamus war ein Vorschlag Clodaghs gewesen. »Abgesehen von Sean oder mir können Sie sich keinen besseren wünschen«, hatte Clodagh ihr versichert. »Sind Sie schon oft in dieser Höhle gewesen, Rourke?« fragte Sally im Plauderton, als sie die erste bange Andeutung von »Was haben wir eigentlich hier zu suchen?« in Jacks wohlgebräunter, attraktiver Miene bemerkte. Da Marmion außer Hörweite weiter vorn in der Maschine saß, fühlte Sally sich dafür verantwortlich, die Dinge hier hinten in Gang zu halten. »In dieser Höhle eigentlich nicht. Frau Sally«, antwortete Seamus freundlich, wobei er die Daumen drehte: Herumzusitzen und nichts zu tun, während er eine große Entfernung zurücklegte, war für ihn eine neue Erfahrung. »An der Ostküste kenne ich die meisten. Habe sie immer gesehen, wenn die Leute uns dort zu einem Latchkay einluden. Wir bewirten uns immer gegenseitig, wir in Kilcoole und die an der Küste, einmal im Jahr. Feine Sache, Latchkay«, fuhr er fort, als er Sallys fragenden Blick bemerkte. »Da kommen die Leute aus der Nähe und von weit her, je nach Wetterlage, um sich zu überlegen, wie sie die Probleme in den Griff bekommen sollen, die seit dem letzten Treffen aufgetreten sind. Außerdem gibt es eine Menge schöner Lieder zu hören. Zu schade, daß Sie nicht beim letzten Treffen dabei waren. Hervorragende Lieder von Majorin Maddock und dem jungen Diego. Die Art von Liedern, die das Herz beschwichtigen und die Seele beruhigen. Vielleicht, könnten wir ja noch mal ein Treffen veranstalten… sozusagen, um Sie alle auf Petaybee willkommenzuheißen«, fügte er hinzu. »Bei dem frühen Tauwetter hätten wir vor dem Juni zwar kein weiteres Treffen planen können, aber ich sehe eigentlich nicht ein, warum wir ihnen nicht ein bißchen von unserer petaybeeanischen Gastfreundschaft vorführen sollen, wenn Sie schon mal hier sind. Sie tanzen doch gern, oder?« Er fragte es mit soviel Zweifel in der Stimme, daß einer von Luzons Männern einfach antworten mußte. »Ich glaube schon«, sagte Hans. »Natürlich würden wir von Ihnen nicht erwarten, daß Sie uns etwas vorsingen. Es sei denn«, fügte Seamus hastig hinzu, weil er niemanden beleidigen wollte, »Sie hätten ein Lied, das Sie uns gern vortragen möchten.« Luzons Männer sahen völlig überfordert aus. Sally und Millard schafften es, einfach nur aufmerksam dreinzublicken, wagten es aber auch nicht, einander dabei in die Augen zu sehen. »Na ja, macht nichts, Sie können ja auch zuhören«, fuhr Seamus fort, »und ein paar wirklich tolle Sachen essen. Und natürlich macht Clodagh das beste Gebräu auf ganz Petaybee.« »Was für ein Gebräu?« Hans sprang auf den Begriff an. Alle wandten sich Seamus zu. »Selbstgebrannter, der ist hier Tradition«, antwortete Seamus, der sich für sein Thema zu erwärmen begann. »Ob kalt, ob warm, ob heiß, immer tröstet er das Herz. Raubt einem nicht den Verstand, wie All- Koh-holli-ka das tun…« Er runzelte die Stirn. »… und hinterher hat auch niemand einen Kater, wie ihn die Leute auf dem Raumhafen von dem Darmschmirgler bekommen. Man könnte sagen…« – die nächsten Worte wägte er genau ab. – »… daß es ein Anregungsmittel für alles ist, was einem zu schaffen macht. Gibt man es den Kindern, wenn sie sich schwach fühlen – schon sind sie am nächsten Tag wieder auf den Beinen. So ziemlich das einzige, was man damit nicht heilen kann, ist Frostbrand. Aber es würde mich nicht wundern, wenn Clodagh das bald auch noch in den Griff bekäme.«, Sally und Millard tauschten vielsagende Blicke. Marmion Algemeine würde jede Einzelheit dieses Gesprächs erfahren müssen. »Ist ihr Selbstgebrannter auch gut gegen Verdauungsstörungen?« fragte Sally und nahm sich, nur um sicherzugehen, den häufigsten Beschwerdegrund als Gesprächsthema vor. »Na klar, und ebensogut bei Wehen wie bei Blähungen, Sodbrennen und allgemeinem Bauchschmerz«, versicherte Seamus und wandte ihr dabei das Gesicht zu, so daß sie die einzige war, die sein kräftiges Zwinkern mitbekam. »Verwenden Sie hier viele… einheimische Heilmittel, Herr Rourke?« fragte Ivan, den scharfen Blick auf das Gesicht des alten Mannes geheftet. »Wir haben hier ja nicht viel anderes, was wir verwenden könnten, mein Junge«, erwiderte Seamus und legte die Hände unter der leicht herabsackenden Speckfalte seines Bauchs auf die Oberschenkel. »Und ich kann es den Leuten auf dem Raumhafen auch nicht verübeln, wenn sie ihre Medikamente für sich behalten. Wir haben unsere eigenen, und das genügt uns. Petaybee sorgt wirklich sehr gut für uns, müssen Sie wissen.« »Genau, um das zu entscheiden, sind wir hier«, versetzte Hans, das Kinn stur vorgereckt. Sally stöhnte innerlich. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, diese jungen Männer Matthews strenger Autorität zu entziehen. Jedenfalls entwickelte sich das ganze langsam zu einer Katastrophe, Seamus Rourke zum Führer zu haben, da er bereits die Existenz einer fragwürdigen Substanz in dem »Selbstgebrannten« angedeutet hatte. Mit dem Zwinkern hatte er zwar zeigen wollen, daß er nur scherzte, doch Leute wie Matthew Luzon hatten nun mal keinen Humor, und Sally wußte genau, daß Luzon vor Freude jauchzen würde, von den »Wundereigenschaften« des Selbstgebrannten zu erfahren, um daraus Munition für die Möglichkeit »drogeninduzierter Halluzinationen« zu gewinnen. Sobald sie wieder auf dem Raumhafen waren, würde sie sich etwas von dem Selbstgebrannten beschaffen müssen, um ihn einer gründlichen Analyse zu unterziehen, nur um ganz sicherzugehen. Manchmal konnten selbst harmlose, Ingredienzien, wenn sie erst miteinander vermischt würden, starke, wenn nicht gar tödliche Wirkungen haben. Als Sally Millard einen Blick zuwarf, erkannte sie, daß er genau dasselbe dachte. Glücklicherweise machte sich der Hubschrauber bereits an den Landeanflug, bevor noch weitere gefährliche Themen zur Sprache kommen konnten. Die Klippe ragte immer höher über ihnen auf; nur um Haaresbreite entkamen sie Felsrissen, die wie an den Himmel zeigende Krallen aussahen, bis Rick Arnaluk O’Shay die Maschine sauber und genau auf seiner letzten Landespur absetzte. Dann kam die Hektik des Ausstiegs, wobei Rick und Millard Handfackeln verteilten, eine Decke – ›als Unterlage während der Vorführung‹ – sowie Rationspakete, weshalb Sally keine Gelegenheit bekam, Marmion Bericht zu erstatten. Als Seamus sie dann begeistert bedrängte, ihm in die Höhle zu folgen, blieb ihr nichts anderes übrig, als mitzugehen, ja, sie konnte nicht einmal ein Stück zurückbleiben, weil Rick die Nachhut sicherte. Einer von Luzons Jungs sprach in ein Handdiktiergerät, doch als Sally dicht genug herankam, um ihn zu verstehen, stellte sie fest, daß er nur etwas über die Zusammensetzung der Felsformationen murmelte und sich eine Notiz machte, über lumineszierende Gesteinsarten nachzulesen. Und plötzlich standen sie in einer Höhle, die sich in sämtlichen Richtungen unendlich weit ausdehnte, während Seamus sie aufforderte, sich einen gemütlichen Sitzplatz zu suchen, für den Fall, daß es länger dauerte. »Wie? Kein Selbstgebrannter?« fragte einer der Jungs. »In einer Höhle brauchen wir keinen Selbstgebrannten, mein Junge«, konterte Seamus streng. Mit angewidertem Schniefen nahm er auf einer bequemen Felsrundung Platz. »Was ist denn das für ein › Selbstgebrannter‹?« fragte Marmion, an Sally gewandt., »Ein einheimisches Getränk«, erwiderte Sally. Da bemerkte sie den Nebel, der vom Wasser aufstieg, und sie begann verstärkt auf ihre Umgebung zu achten. »Marmion, das ist ja genau wie…« Marmion unterbrach ihren erstaunten Ausruf, indem sie Sally die Hand auf den Arm legte. »Genauso, wie Whittaker Fiske und dieser ungläubige Thomas von einem Sohn berichtet haben… Wir werden später sprechen.« Marmion pflegte stets in aufrechter Haltung dazusitzen, und das schaffte sie sogar auf dem harten Höhlenboden, die Beine untergeschlagen, die Hände locker auf die Knie gelegt. Sally fand, daß diese alte Meditiationsstellung recht angebracht schien, und so ahmte sie selbige nach, während der Nebel um sie herum immer dichter wurde und zu strudeln begann. Sie erinnerte sich, wie sie tief einatmete und sich fragte, ob die Luft vielleicht irgendeine Art Halluzinogen enthalten mochte. Doch falls dem so gewesen sein sollte, war es jedenfalls nichts, was ihr jemals irgendwo begegnet wäre. Und sie war praktisch schon überall gewesen, wo auch die Intergal war. Alle hörten das Tschuk-tschuk des Hubschraubers, das über den Fjord hallte. Yana stürzte aus der Küche, wo sie beim Zuschneiden des Gemüses für die Abendmahlzeit geholfen hatte. Sie schirmte die Augen gegen die im Westen stehende Sonne ab und sah, wie die Sonnenstrahlen sich an den Rotorblättern brachen. Fingaard und einige andere Männer eilten den Fluchtweg hinunter auf die großräumige Terrasse der Hafenanlage. Sean war an diesem Morgen mit den Fischern ausgefahren. Yana kehrte dem anfliegenden Hubschrauber den Rücken zu, blickte den von hohen Felsenwänden eingesäumten Fjord entlang und hielt nach heimkehrenden Fischerbooten Ausschau. Sie war bestürzt gewesen, als sie gesehen hatte, wie leicht die Curraghs gebaut waren: nur ein paar auf einem Rahmen aus Latschenkiefernholz gespannte Häute mit einem breiten Brett, das in der Mitte durchbohrt war, um einen schmalen Mast hineinstecken zu können, an dem ein kleines Segel hing. Die Strömung beförderte sie mit der Ebbe hinaus und mit der Flut herein;, ansonsten war es langwierige, harte Paddelarbeit den Fjord hinauf, wenn der Wind gerade nicht aus der richtigen Richtung blies, um das Segel benutzen zu können. Yana seufzte erleichtert, als sie am Horizont schwarze Flecken erblickte, die soeben weiße Segeldreiecke hißten, um den Fjord hinaufzukommen. Dann wandte sie sich wieder dem nahenden Hubschrauber zu. Gerade hatte sie den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als Nanook ihr wie beiläufig den Weg abschnitt. »Komm schon, ich muß mit Johnny sprechen, Nanook!« Die große schwarzweiße Katze gab ein Geräusch von sich, das halb ein Knurren, halb ein Befehl war. Bunny hatte gesagt, daß Nanook zu jenen sprechen konnte, von denen er wollte, daß sie ihm zuhörten. Sein Kommentar bedurfte keiner Worte. Nanooks Warnung war völlig unmißverständlich. »Stimmt irgend etwas mit dem Hubschrauber nicht, Nanook?« fragte Yana. Nanook nieste und nahm Platz, versperrte ihr immer noch den Weg die Treppe hinauf. Sie sah etwas genauer hin und stellte fest, daß vorn im Hubschrauber zwei Männer saßen. Aber nur einen davon wollte sie gern sehen. »Hoppla!« Sie machte kehrt und eilte ins Haus zurück. Nanook folgte ihr. Das überraschte sie nun wirklich. »Ich werde schon nicht hinausgehen, wenn du es nicht möchtest«, teilte sie ihm mit. Er nieste wieder und ließ sich am Herd nieder. »Ardis, besteht vielleicht die Möglichkeit, Johnny Greene anzudeuten, daß ich hier bin und daß Sean mit den Curraghs ausgefahren ist? Sie sind gerade auf der Heimfahrt.« »Klar, wenn das nötig ist«, erwiderte Ardis grinsend, während sie ihre Schürze abnahm. »Möglicherweise hat Johnny einen Brief für mich, von meiner Schwester oben in New Barrow. Sie ist guter Hoffnung – mal wieder.«, Die letzte Katze in McGees Paß hieß Shush, weil sie in ihrer Jugend ein sehr lautes Kätzchen gewesen war. Das war schon lange her. Shush wäre nicht die letzte überlebende Katze im Paß gewesen, wenn es ihr an Diskretion gefehlt hätte. Sie war so leise wie der Rauch, so schnell wie ein Feuerfunke und sehr, sehr diskret. Die Diskretion hatten sie gelernt, kurz nachdem Satok gekommen war, um bei den Leuten zu leben. Der Schädel auf seinem Stab hatte einst die Schultern ihres Vaters geziert. Sie war es gewesen, die den Katzen von Kilcoole die Nachricht hatte zukommen lassen, daß die Leute von McGees Paß für den Erzabbau stimmen würden, wozu Satok sie gedrängt hatte. Offen gestanden wußte sie selbst nicht so recht, ob sie es tatsächlich tun würden oder nicht, aber darüber offen zu sprechen, hätte Satok nur herausgefordert. Dumm von den Katzen von Kilcoole, nur zwei Halbwüchsige vorbeizuschicken! Und jetzt hatte Satok das Mädchen auch noch in seiner Gewalt. Vielleicht würde auch ihr Schädel ihm schon bald als Schmuck dienen. Shushs Familie war ermordet worden. Und was aus ihrer Sicht noch kritischer war – sämtliche Kater waren ebenfalls getötet worden. Eine Hitze nach der anderen hatte Shush allein durchlitten, und sie hatten lieber den Tod in den Wäldern riskiert, nur damit Satok ihre Schreie nicht hörte. Gelegentlich hatte Krisuk Connelly Mitleid mit ihr, doch allen anderen hatte man eingebleut, daß die Katzen Spione seien; was sie ja auch tatsächlich waren, denn schließlich war es nur zu natürlich, umherzuschleichen und zu spionieren und die eigene Neugier zu befriedigen. Bis Shush von den Katzen von Kilcoole erfuhr, hatte sie sogar geglaubt, die allerletzte Katze auf ganz Petaybee zu sein. Na ja, zumindest die allerletzte richtige Katze. Natürlich gab es da die Luchse und die Wildkatzen, und ab und zu hatte sie auch den Jagdschrei einer Schneekatze vernommen. Doch ihre Mutter hatte ihr beigebracht, daß diese Art von Kreaturen einen auf der Stelle auffressen konnten, wenn sie einen schlechten Tag hatten oder gerade nicht zu einem Schwätzchen aufgelegt waren., Und so war Shush jahrelang allein geblieben, hatte sich durchgeschlagen, das Dorf ausspioniert und sich jedesmal rar gemacht, wenn Satok in die Nähe kam. Es hatte sie sehr viel Überwindung gekostet, die Menschen der Katzen von Kilcoole zu der Höhle zu führen, aber irgendwie hatte sie sich gedacht, daß diese Leute Satok nicht klein beigeben würden, weil sie eben von woanders her kamen. Als das Mädchen eingefangen wurde, war niemand da, bei dem Shush sich hätte ausweinen können. Der Hund lag da, von Satoks grausamem Stock niedergestreckt, wie Shushs eigene Familie einst dagelegen hatte. Krisuk und der Junge aus Kilcoole befanden sich an dem toten Ort. Nicht einmal, um ihren eigenen Wurf zu retten, hätte Shush sich dort hingetraut. Statt dessen rannte sie in die Gegenrichtung davon, den Weg hinunter und aus der Stadt hinaus, verfolgte die Hufabdrücke der großen Pferde zurück, die sich im Schnee schon fast verloren hatten. Wenn sie ermüdete, ruhte sie sich aus, leckte sich den Schnee von den Pfoten und dachte nach. Die Katzen von Kilcoole hatten Kontakt zu ihr aufgenommen, aber Shush wußte nicht, wie sie das getan hatten. Sie war gerade damit beschäftigt gewesen, einen Hasen auszunehmen und hatte mit der Pfote auf dem halbaufgetauten Boden gescharrt, als plötzlich eine Stimme in ihrer eigenen Sprache zu ihr redete – in ihrem Geist. Sie hatte die Stimme gefragt, wer sie war, hatte daran gedacht, daß es sich vielleicht um einen Geist eines ihrer Verwandten handeln könnte, hatte gefragt, ob es sicher sei, dort ein weiteres Leben zuzubringen, doch die Stimme hatte geantwortet, daß sie zwar eine Katze sei, genau wie Shush selbst, aber aus dem Dorf Kilcoole. Die Stimme hatte einem Kater gehört. Da war Shush sich ganz sicher. Die Frage war nicht sehr genau gefaßt gewesen. Der Kater hatte wissen wollen, ob die Leute von McGees Paß für die Firma Bergbau betreiben würden oder nicht. Shush hatte geantwortet, daß sie es bestimmt tun würden, wenn man es ihnen sagte. Es waren keine schlechten Leute, aber Satok hatte sie der Partnerschaft mit dem Planeten und mit Kreaturen wie ihr selbst beraubt, hatte sie für seine eigenen Zwecke mißbraucht und gegen sie gerichtet., Der Kater hatte nichts davon gesagt, daß Menschen vorbeikommen würden, doch Shush hatte schon gespürt, daß Besuch anrückte. Und tatsächlich waren sie gekommen! Und jetzt war Satok dabei, sie zu teilen und zu vernichten, wie er schon so viel von dem Dorf vernichtet hatte. Deshalb war Shush fortgegangen, da sie nichts mehr hatte, worauf sie noch hätte warten können. Sie sprang von einem Hufabdruck zu nächsten. Wenn die Spur verschwunden war, schnüffelte sie eben. Sie spürte, wie der heulende Wind ihr Fell gegen den Strich zauste. In jener Nacht, es war schon spät gewesen, hatte sie die Stelle gefunden, wo Pferde- und Hundefährten auf weitere Spuren trafen, darunter auch jene, die Shush die Lippen heben ließ, als sie die Fährte erkannte. Eine Wegkatze, höchstwahrscheinlich eine Katze aus Kilcoole, da die Leute auch aus Kilcoole gekommen waren. Eine Große. Und weitere Pferdefährten, wie auch menschliche. Sie hatte mit den Krallen an den Katzenspuren gekratzt, hatte den Kopf dagegen gerieben, sie mit ihrem Duft markiert. Den anderen Düften nach zu urteilen, die sich mit dem der großen Katze vermengt hatten, war sie in Gesellschaft von Artgenossen gewesen, so daß es unwahrscheinlich schien, daß die große Katze Shush auffressen würde. In dem Glauben, daß die Leute möglicherweise dicht vor ihr lagern könnten, folgte Shush den Spuren. Doch sie war klein und der Weg lang, und Satok hatte wieder einmal gesiegt. Sie heulte, damit die Katzen von Kilcoole ihr antworteten, doch es blieb still. Schließlich, bei Tagesanbruch, hatte sie ein paar Stunden geschlafen, um sich dann wieder auf den Weg zu machen, obwohl die Fährten inzwischen älter und sehr viel schwieriger zu verfolgen waren. Aber was blieb ihr schon anderes übrig? Matthew Luzon war beleidigt und wütend über die Haltung des Piloten. Er hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, daß dieser Hauptmann Greene ihn und seinen Auftrag nicht ernst genug nahm. Greene strahlte keine positive Einstellung aus. Außerdem schien er ein ungewöhnlich schlechter Pilot zu sein, denn gleich, in welcher Höhe, sie flogen – er ließ kein einziges Luftloch aus, flog mal viel zu dicht an Berggipfeln vorbei, mal in undurchsichtige Wolkenbänke hinein. Und das war alles geschehen, nachdem sie endlich vom Fleck gekommen waren. Der Mann hatte schier endlos viel Zeit damit vertrödelt, verschiedenste Gegenstände im Frachtnetz hinter den Sitzen zu verstauen. Tatsächlich wäre der Hubschrauber durchaus groß genug gewesen, um sämtliche Assistenten Matthews mitzuführen, hätte der Pilot nicht diese Fracht aufgenommen. »Sagen Sie mal, können Sie das Zeug nicht hierlassen?« hatte Matthew schließlich gefragt, als er mit der Geduld am Ende gewesen war, doch der Pilot hatte nur gelächelt und geantwortet: »Nein, auf keinen Fall. Die Dorfbewohner am Fjord brauchen das Zeug. Bin gleich bei Ihnen.« Und dann hatte dieser gräßliche Flug begonnen, und Braddock hatte sich über den ganzen Fußboden erbrochen, so daß sie auf dem ersten Teil der Reise auch noch mit dem Gestank zu kämpfen hatten. Nach der Landung in Harrisons Fjord, einem hübschen kleinen Ort, war Luzon ausgestiegen, um Braddock Gelegenheit zu geben, seinen Mist wieder zu beseitigen. Er hatte sich einen windgeschützten Felsen gesucht, wo er mit seinen Notizen fortfahren konnte. Der Pilot hatte alle Fenster und Türen geöffnet, um den Rest des Gestanks zu vertreiben. »Müssen erst noch abladen, Dr. Luzon«, sagte der Mann, obwohl Matthew ein Gebaren an den Tag gelegt hatte, das nur zu deutlich seine Ungeduld zeigte. »Und auftanken. Sie können ruhig was essen gehen.« Dann hatte er etwas leiser gesprochen, damit Braddock ihn nicht hören mußte, der rücklings auf einem Stück Moosboden lag, die Beine an den schmerzenden Bauch gezogen. »Die machen hier guten Bratfisch.« Mit einer wegwerfenden Geste hatte Matthew ein derart fettes Essen abgelehnt. »Und«, fuhr der Pilot fort, auf Braddock zeigend, »man sollte ihm eine Pille gegen Luftkrankheit besorgen. Er hätte eigentlich Bescheid sagen sollen, daß er Probleme hat, bevor wir losgeflogen sind.« Matthew nickte und fragte sich, weshalb der Pilot nicht die Höflichkeit besessen hatte, sich vor ihrem Abflug vom Raumhafen, danach zu erkundigen. Dann trafen die Dorfbewohner ein, um beim Löschen der Fracht behilflich zu sein, und der Pilot hatte sich einer Frau in der Gruppe zugewandt, um sie zu begrüßen. Sie war ein etwas anderer bäuerlicher Typ als jene, die Matthew in Kilcoole zu Gesicht bekommen hatte. Sie plauderte liebenswürdig mit dem Piloten, während er mit einigen der Männer den Hubschrauber entlud. Matthew hielt die Strapazen des Fluges, die er hatte durchmachen müssen, in seinen Notizen fest, um sicherzustellen, daß sie Eingang in die Personalakte des Piloten fanden. Er bemerkte, daß irgend jemand Braddock eine Decke gegeben hatte, um den kalten Wind abzuhalten, den die im Leerlauf kreiselnden Propellerblätter erzeugten. Mit einem Blick auf das Dorf gelangte Matthew zu dem Schluß, daß die Fischerei hier wohl die wichtigste Industrie sein dürfte. Zweifellos wäre dies sicherlich eine interessante Subkultur für die Feldforschung gewesen, da Küstenvölker, die gemäßigtere Zonen bewohnten, sicherlich andere Sitten, Gebräuche und Überlieferungen besaßen als die Bewohner des Landesinneren. Matthew machte sich eine Notiz – da Braddock nicht in der Verfassung war, um ein Diktat aufzunehmen –, später noch einmal zu einer ordentlichen Untersuchung hierher zurückzukehren. Als er wieder den Blick über das Dorf schweifen ließ, kurz bevor er den mittlerweile von seiner Fracht befreiten Hubschrauber besteigen wollte, sah er zu seinem Erstaunen eine sehr große Katze, die in einem Türeingang in der Sonne döste. Von der ungefähren Größe eines Panthers, schätzte er, nur daß sie nicht den gleichen Körperbau aufwies wie diese geschmeidigen, räuberischen und mittlerweile beinahe ausgestorbenen Tiere. Sie war zwar sehr groß, glich aber doch eher einer riesigen Hauskatze mit ziemlich gewöhnlicher Schwarzweißfleckung. Möglicherweise eine der Wegkatzen, von denen er schon so viel gehört hatte: Eines jener Wundertiere, die bei der Bergung der Fiskes geholfen und bei der Heilung von Frank Metaxos eine herausragende Rolle gespielt haben sollten. Er stand auf, schloß sein Notepad und überlegte, ob es wohl klug sei, sich dem Tier zu nähern. Es schien keinen Herrn zu haben. Wenn es sich um ein herrenloses Exemplar handelte, könnte er es vielleicht, für das Labor requirieren, um es eingehend zu untersuchen. Gerade wollte er dem Piloten befehlen, das Tier solange in einen Käfig zu sperren, bis er es abholen würde, als dieser ihn bedrängte, zu ihm zu kommen, und ihn schließlich ziemlich grob an Bord hievte. Braddock saß bereits angeschnallt in seinem Sitz. Glücklicherweise wirkte er eher schläfrig als krank. Bevor Matthew die Katze erwähnen oder gegen den überstürzten Abflug protestieren konnte, setzten sich auch schon die Rotorblätter wirbelnd in Bewegung, und das Luftfahrzeug schoß über das tiefe Gewässer des Fjords, hoch über den Masten einiger primitiver Segelboote. Merkwürdigerweise war der Flug zum südlichen Kontinent weitgehend frei von den Turbulenzen, denen sie über Land begegnet waren. Matthew versuchte, den Lärm in der Kabine zu übertönen, um eine Frage über das Dorf zu stellen, das sie soeben verlassen hatten. Schließlich behalf er sich damit, Greene an der Schulter anzufassen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Doch der Mann lächelte nur liebenswürdig, tippte an seine Kopfhörer und zuckte die Schultern. Matthew ließ sich wieder in seinen Sitz sinken und schnallte den Gurt enger – dann mußte er ihn wieder etwas lockern, damit er keine Durchblutungsstörungen im Oberkörper bekam. Er mochte die Strapazen des Reisens nicht und fragte sich, warum es eigentlich nur einen Satz Kopfhörer an Bord gab. Und so unternahm er eine gewaltige Anstrengung, sich im Laufe dieser tristen, wahrscheinlich sehr langwierigen Reise zusammenzureißen. Glücklicherweise überdeckten die kalte Luft und der Geruch von Maschinenöl die leise Duftspur von Braddocks Mißgeschick. Jedesmal, wenn Matthew mit einem dieser Vehikel flog, beschloß er, Flugstunden zu nehmen, denn die Prozedur schien ihm lächerlich einfach zu sein; doch irgendwie schien er nie die Zeit für eine förmliche Ausbildung zu finden. Einmal hatte ein schon lange nicht mehr aktuelles Mitglied seiner Assistentenschar, ein möglicherweise doch etwas zu leicht zu beeindruckender junger Mann, ein gewisses Fliegertalent an den Tag gelegt. Doch kaum hatte er das Fliegen erlernt, als seine Persönlichkeit sich leider einschneidend veränderte und er nicht mehr jene Qualitäten rückhaltloser Loyalität und, bedingungslosen Gehorsams aufwies, die Matthew seinen Assistenten abverlangte. Matthew hegte den Verdacht, daß der Mann, der diesen Hubschrauber flog, ebensowenig von jenem Kaliber war, wie man es von einem Adjutanten erwartete. Matthew sah seine Meinung bestätigt, als er einen Bericht aus seinem Aktenkoffer holte und dabei, unter seinem Sitz verstaut, den Satz Kopfhörer entdeckte, den Greene ihm eigentlich schon von Anfang an hätte anbieten müssen. Sofort stöpselte er sie in die Buchse an seiner Armlehne und setzte sie auf. Die explodierende Statik in seinen Ohren ließ ihn die Kopfhörer hastig wieder abreißen. Gebieterisch tippte er dem Piloten auf die Schulter und zeigte auf das Gerät. Der Pilot schüttelte grinsend den Kopf, schob das Mikrofon beiseite und beugte sich vor, um zu sagen: »Kaputt!« Matthews Reaktionen waren ein Gemisch aus Erstaunen, Zorn, Frustration und grenzenlosem Ekel über die Ineffizienz und das Desinteresse, das die Bewohner dieser Welt an den Tag legten. Im ganzen Weltall waren Menschen verstreut; einige von ihnen lebten in einer hochentwickelten, vollkommenen ausgesteuerten Umwelt, von der Intergal skrupulös gewartet. Aber ausgerechnet er mußte auf einer unglaublich primitiven Welt landen, mit einem Satz Kopfhörer, wie er sie schon zu Hunderten benutzt hatte, der nicht funktionierte – sicherlich wegen einer technischen Kleinigkeit, die man mühelos hätte beheben können. Natürlich stellte diese Sorte Luftfahrzeug nur eine geringfügige Verbesserung gegenüber seinem uralten Gegenstück dar. Die alten Maschinen hatten weder große Geschwindigkeit noch Reichweite gehabt und waren auch in ihrer Flughöhe eingeschränkt gewesen. Dieses Gerät hier war mit seinen unberechenbaren Ausfällen alles andere als auf der Höhe der Zeit; es besaß nicht genug Schubkraft, um die Planetenatmosphäre zu verlassen, und außerdem war es ohrenbetäubend laut. Dafür bedurfte es allerdings nur einer sehr geringen Landefläche, konnte in der Luft schwebenbleiben, ja, konnte zur Not sogar nachts ohne die Hilfe von Landefeuern einigermaßen sicher landen. Die, Fähigkeit, überlegte Matthew, als er den Kartenüberblick in seinem Armbandgerät überprüfte, war auch dringend erforderlich. Er wollte den Piloten eigentlich fragen, ob es häufig Flüge zum südlichen Kontinent gab. Das mußte doch bestimmt so sein. Dieser Planet war schon seit langem, vom Norden bis zum Süden, zur Rekrutierung von Soldaten genutzt worden, eine Betätigung, die diese sogenannte intelligente Welt nicht zu verhindern schien. Ach ja, da fielen ihm seine Notizen wieder ein, und er qualifizierte diesen Gedanken: Es waren die Jungen die sich zum Militärdienst meldeten, also jene Bewohner, die noch nicht durch irgendwelche Toxine im Boden dermaßen mutiert waren, daß sie jene Drüsendeformation und die Deponien von ›braunem Fett‹ entwickelt hatten, die es den älteren Mitgliedern der Population angeblich gestatteten, diese extremen Temperaturen zu überleben. Die Harrisons Fjord auf dem Südkontinent nächstgelegene Stadt war Bogota an der Mündung des Lacrimas. Die große Halbinsel, auf der sich die Stadt befand, ragte wie ein großer, klobiger Daumen ins Meer hinaus. Natürlich hatte Matthew die Landkarte dieses Gebiets studiert, in dem gerade die Winterjahreszeit einsetzte. Die meisten Populationszentren – als ›Städte‹ konnte man sie ja wohl kaum bezeichnen – befanden sich auf den Küstenebenen in der Nähe größerer Flüsse: Bogota am Lacrimas, Kabul an der östlichen Abzweigung des Neuen Ganges, sowie Lhasa am Sierra Sangre. Ein weiteres Dorf mit dem Namen Sierra Padre lag ein Stück den Sierra Sangre hinauf am Fuß des Sierra-Padre-Gebietes. Es gab noch eine weitere Siedlung namens Kathmandu, die sich isoliert in einem anderen Gebirgszug befand, dem man die optimistische Bezeichnung Shambalas verliehen hatte. Es schien wahrscheinlich, daß Kathmandu der geeignete Ort war, um nach einer Kultur zu suchen, die nicht von den aberwitzigen, pseudomystischen Theorien der Einheimischen des Nordens verfälscht worden war. Als größtes und zugänglichstes Populationszentrum dürfte Bogota dagegen höchstwahrscheinlich davon beeinflußt worden sein., Stundenlang, nachdem sie den warmen Hafen von Harrisons Fjord verlassen hatten, flogen sie über das kalte Grau des Ozeans, flankiert von der eisverkrusteten Restküste des nördlichen Kontinents. Dies aber deprimierte Matthew nicht sonderlich, da kaltes Grau eine seiner Lieblingsfarben war. Riesige Eisbrocken trieben in diesem Wasser, so groß wie Inseln oder kleinere Kontinente. In den früheren Berichten war die Vermutung geäußert worden, daß der Südrand des nördlichen Kontinents von zahlreichen Gletschern beherrscht wurde, die ständig in die ungedämmten Ozeane kalbten, die den Planeten umgürteten. Die Sonne schlug Saphire aus den Rissen im Eis, und das Grau des klaren Salzwassers wurde von umherflitzenden Fischen durchbrochen. Ganze Delphinscharen folgten dem Schatten des Hubschraubers durch den Meerbusen. Matthew beachtete sie ebensowenig, wie er den wasserspeienden und trompetenden petaybeeanischen Röhrenwalen Aufmerksamkeit schenkte: Die hatten ihren Namen der Tatsache zu verdanken, daß ihre Vorfahren aus gefrorenen Zellen bestanden hatten, die man später in Reagenzgläsern inkubiert hatte. Nachdem sie unter kontrollierten Umweltbedingungen bis zur Reife herangewachsen waren, hatte man die großen, kräftigen Säugetiere in den frisch ausgeformten Ozean des Planeten entlassen. Die Wale schienen, genau wie die Delphine auch, von der Unvertrautheit des Hubschraubers angezogen zu werden. Gegen Abend gelangten sie endlich in Sichtweite der Südküste. Es war ein derart spektakulärer Anblick, daß selbst Matthew sich gezwungen sah, ihn zu bewundern. Wenn auch der Hafen, genau wie sein Gegenstück in Harrisons Fjord, Wasser enthielt, das von den geothermalen Quellen und Flüssen erwärmt wurde, über die der Planet reichlich zu verfügen schien, war der Rest der Küstenlinie doch von Gletschern geprägt. Riesige Eisklippen glitzerten weiß und kristallin: von tiefstem Indigo in den Einbuchtungen bis zu einem strahlend hellem Kobaltblau, wo die untergehende Sonne die Risse traf. Kalbende Gletscher zersplitterten zu riesigen Klumpen, die mit Getöse ins Meer krachten und aus den schäumenden Wassermassen wieder an die Oberfläche trieben, wo sie ihre neugewonnenen Konturen zur Schau stellten. Auf anderen, Packeisschollen aalten sich Robben und Otter und Walrösser mit großen Hauern, wenn sie sich nicht gerade im eisigen Meer tummelten. Als sich der Hubschrauber dem südlichen Kontinent näherte, ging die Sonne langsam unter und brannte über dem Wasser, um die ganze Szene in Schattierungen von Malve bis Mandarine einzutauchen. In etwas größerer Nähe erblickten sie Karibu-Herden, die über die Küstenebenen rannten, und riesige weiße Bären, die über das Eis schlichen oder in den Seen schwammen, die sich über das Flachland verteilten wie Korallensplitter. Verglichen mit diesen spektakulären Panoramen, war der Anblick Bogotas selbst eine einzige Enttäuschung. Die Siedlung bestand aus einer Doppelreihe von barackenähnlichen Bauten, kaum einen Kilometer lang; einem Landeplatz, neben dem in gefährlicher Nähe ein Stapel Treibstoffässer stand; sowie eine Anzahl kleiner Fellboote, nicht unähnlich jenen, die Matthew schon in Harrisons Fjord zu Gesicht bekommen hatte. Sie flogen dicht genug über die Kleinstadt hinweg, um jene ihrer Bewohner beobachten zu können, die gerade müßig umher standen. Die einheimische Tracht schien aus abgelegten Uniformteilen des Firmenkorps zu bestehen. Das Eintreffen des Hubschraubers bot offensichtlich keinen besonders aufregenden Anblick, denn nur wenige Köpfe richteten sich nach oben, um seinem Vorbeiflug zu beobachten. Mit großer Feinfühligkeit setzte der Pilot den Hubschrauber direkt neben den Treibstoffkanistern auf, stellte die Maschinen ab und kletterte wortlos hinaus, um sich ans Auftanken zu machen. Merkwürdigerweise kam niemand herbei, um die Maschine zu überprüfen, obwohl Matthew keine hundert Meter entfernt Leute bemerkte, die das Geschehen beobachteten. Während Greene auftankte, stieg Matthew aus und verlangte ein paar Auskünfte, nun, da der Mann nicht mehr so tun konnte, als würde er ihn nicht verstehen. »Müßte nicht irgend jemand Ihre Landung registrieren oder so was, Greene?«, »Wozu? Die kennen den Hubschrauber und wissen auch, daß ich es bin, der ihn fliegt. Hätte ich irgend etwas abzuliefern gehabt, hätte ich die Scheinwerfer aufblitzen lassen. Dann wäre jemand vorbeigekommen, um es abzuholen.« Matthew verdaute diese Erklärung erst einmal – ein weiteres Beispiel für die Hemdsärmeligkeit und das Desinteresse, die auf diesem Planeten so überreich zu beobachten waren und die ganz bestimmt ein Ende finden würden, gleich wie die ganze Angelegenheit ausgehen mochte. »Ist das die ganze Stadt?« Er wies mit einer Geste auf die Landebahn und die beiden Barackenreihen. »Bogota? Ja. In Bogota leben nicht viele Leute.« »Weshalb nicht?« »Es ist instabil. Sie haben die Gletscher ja gesehen. Die sorgen dafür, daß der Boden sich ständig bewegt. So wird man jede Nacht in den Schlaf gewiegt, obwohl das Wiegen manchmal sehr viel heftiger ist als zu anderen Zeiten. Und dann sind da die Bären. Die ernähren sich zwar hauptsächlich von Fisch, aber wenn ihnen mal nach Abwechslung im Diätplan zumute ist, schnappen sie sich alles, was sie kriegen können, einschließlich Menschen.« Braddock, dem nun, da die Wirkung der Pille nachgelassen hatte, wieder übel zu sein schien, war aus dem Hubschrauber gestiegen. Mit einiger Anstrengung unternahm er den Versuch, einen Teil seiner üblichen Assistentenpflichten wieder aufzunehmen, wobei er sorgfältig auf einen neutralen Gesichtsausdruck achtete. »Empfehlen Sie uns, diesen Ort als Ausgangsbasis zu nutzen?« Der Pilot kratzte sich am Kopf und schob sich die Mütze tiefer in die Stirn. »Na ja, dieser Ort ist auch nicht schlimmer als alles andere auf diesem Kontinent. Er hat den Status eines Depots; nicht, daß er alle Annehmlichkeiten besäße, die der Raumhafen zu bieten hat. Eigentlich ist es in erster Linie ein Umschlagplatz, um Rekruten einzusammeln und Soldaten aus diesem Gebiet nach ihrer Entlassung zurückzubefordern. Ehrlich gesagt, bin ich hier noch nicht so viel herumgeflogen, bis auf Bogota und Sierra Padre. Die warmen Flüsse machen das Gelände im Sommer zum Sumpf und sorgen während des, restlichen Jahres für mächtige Turbulenzen. Außerdem kommt man nicht weit, bis man auch schon in den Bergen ist. Sierra Padre ist ein kleines bißchen größer, ein kleines bißchen behaglicher, und es ist der Ort, den viele Leute aus dem Süden ihr Zuhause nennen. Natürlich sind hier sehr viele Leute nicht permanent seßhaft, sondern ziehen umher, je nach Jahreszeit, vom Jagdlager zum Fischereilager und zurück.« »Danke, Hauptmann Greene«, erwiderte Matthew. »Wenn dem so ist, haben wir keine Zeit zu verlieren, um Sierra Padre noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Steigen wir also wieder ein und setzen wir den Flug fort.« Es gelang Braddock nicht gänzlich, ein Stöhnen zu ersticken, und Matthew warf ihm einen tadelnden Blick zu. Er hatte eigentlich geglaubt, daß sein Hauptassistent aus härterem Holz geschnitzt sei. »Na ja, eins muß ich Ihnen sagen«, antwortete Johnny Greene. »Das wird mir Ärger im Hauptquartier einbringen. Ich habe nämlich noch eine weitere Mission zu fliegen, sobald ich zurück bin.« »Darf ich Sie daran erinnern, daß ich im Augenblick Ihre Mission bin, Hauptmann, und daß mein Auftrag die allerhöchste Priorität genießt?« »Jawohl. Machen wir uns also gleich auf den Weg. Dann setze ich Sie in Sierra Padre ab, bevor ich mich auf den Rückflug begebe.« »Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß Sie hierbleiben und während dieser außerordentlich wichtigen Untersuchungsmission als unser Transportflieger fungieren, mein Herr.« »Meine Befehle lauten lediglich, Sie hierherzufliegen und zu meinem nächsten Auftrag nach Norden zurückzukehren. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Es dürfte nicht sehr lange dauern. Warum richten die Herren sich nicht in Sierra Padre ein, erkunden ein bißchen das Land per Schnokel und unterhalten sich mit den Leuten? Dann kann ich in ein paar Tagen zurückkehren, um Sie wieder abzuholen.« »Ich würde es vorziehen, wenn Sie etwas präziser werden könnten, Hauptmann.«, »Ja, ich auch, mein Herr, aber im Augenblick ist doch alles ziemlich durcheinander. Sie haben doch bestimmt ein tragbares Funkgerät dabei, nicht wahr?« »Braddock hat eins. Natürlich.« »Schön. Falls ich also nicht in der Nähe sein sollte, sobald Sie bereit sind, zu einem der anderen Dörfer weiterzufliegen, brauchen Sie nur die Station anzufunken. Dann werden die entweder mir Bescheid geben oder jemand anders schicken.« »Im Notfall werde ich diese extreme Unbequemlichkeit schon auf mich nehmen, Hauptmann Greene. Doch obliegt es Ihrer Verantwortung, und zwar ausschließlich Ihrer, dafür zu sorgen, daß mir in drei Tagen eine Transportmöglichkeit zu meinem nächsten Ziel zur Verfügung steht. Sollte ich durch Ihre Abwesenheit auch nur die geringste Unbequemlichkeit erleiden, können Sie in nullkommanichts bestenfalls noch mit Papierfliegern spielen. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?« »O ja, mein Herr. Ich weiß schon, wie töricht es wäre, einem so wichtigen Mann wie Ihnen in die Quere zu kommen«, antwortete Greene in einem Tonfall, der Matthew alles andere als unterwürfig genug vorkam. Plötzlich erwachte Braddock zum Leben. »Einen Moment mal. Greene? Wie lautet denn Ihr Vorname?« »Johnny natürlich, mein Guter. Und Ihrer?« erwiderte Greene und schlug dabei die Augenlider auf außerordentlich höhnische und impertinente Weise auf. »War da nicht«, fragte Braddock, an Matthew gewandt, »ein Hauptmann John Greene, der den Hubschrauber mit Dr. Fiske steuerte, als er in dem Vulkangebiet abstürzte?« Matthew war erleichtert. Seine Entscheidung, Braddock mitzunehmen, hatte sich als richtig erwiesen. Der Junge mochte zwar winseln und kotzen, doch sein Verstand blieb unbeeinträchtigt von seinem körperlichen Unbehagen. Matthew hätte selbst auf diesen Namen stoßen müssen, aber er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, neue Daten aufzunehmen., Doch bevor er die Frage ausformulieren konnte, die er als nächstes stellen wollte, ergriff der Hauptmann wieder das Wort. »Jawohl, mein Herr, der bin ich, und um die Wahrheit zu sagen, Dr. Fiske hat mich als eine Art Geste der Höflichkeit an Sie ausgeliehen. Normalerweise stehe ich ausschließlich zu seiner Verfügung.« Matthew lächelte. »Ja, dann, Hauptmann Greene! Bitte danken Sie doch meinem alten Whittaker für seine Freundlichkeit und teilen Sie ihm mit, daß ich Sie ihm noch eine Weile vorenthalten möchte, damit Sie mir bei meinen Ermittlungen behilflich sind. Wenn Sie uns bitte nach Sierra Padre bringen würden, können wir unsere Zeit dort wenigstens dazu nutzen, unsere Untersuchungen fortzusetzen. Aber stellen Sie auf jeden Fall sicher, daß Sie auch zurückkehren!« Greene salutierte zackig. Shush wachte auf, erlegte eine Wühlmaus und vertilgte den Nager, bevor sie sich wieder auf den Weg machte, der Spur der Lockenfelle und der Wegkatze von Kilcoole folgend. Sie befand sich weit außerhalb ihres Reviers, unter wilden Wesen, die sie ebenso beiläufig töten und verputzen würden, wie sie es mit der Wühlmaus getan hatte. Doch je weiter sie sich von dem Paß entfernte, um so wohler fühlte sie sich. Schon der bloße Schlamm und Schnee unter ihren Pfoten schien ihnen neue Sprungkraft zu verleihen, so daß ihr Tritt leichtfüßiger, ihr Gang schneller wurde. Kurz nachdem Shush den Marsch wieder aufgenommen hatte, entdeckte sie auch die frühere Lagerstelle der Menschen: kalte Asche, aufgewühlter Schnee und Matsch, über den Boden verteilte Grashalme von der Pferdefütterung, dazu ein paar kleinere Knochen der Katzenspeisung. Ein zaghaftes, furchtsames Schnüffeln, und sie stellte erleichtert fest, daß es Hasen- und keine Katzenknochen waren. Shush beschnüffelte die Duftmarke der großen Katze und trottete weiter. Sie dachte über Satok nach, über ihre massakrierte Rasse und über das Mädchen, während sie weiterzog, doch mußte sie darauf achten, daß sie sich nicht allzusehr in Tagträumerei verlor. Einmal bemerkte sie gerade noch rechtzeitig, wie ein Wolf sie aus dem Gestrüpp, beobachtete. Glücklicherweise konnten Wölfe nicht auf Bäume klettern, sie dagegen schon. Diese Nacht verbrachte sie schlafend auf dem Baum und setzte ihren Marsch am Morgen fort. Am Abend pirschte sie sich an ein Eichhörnchen heran, und als sie es ansprang, im Purzelbaum durch die Luft sausend, nahm sie gerade noch rechtzeitig die Witterung eines Fuchses auf, der nur wenige Fuß entfernt war. Es lenkte sie ab, und so konnte das Eichhörnchen in seinen Bau zwischen den Baumwurzeln flüchten, und Shush schoß hinterher und zog gerade noch die Schwanzspitze ein, als auch schon die Nase des Fuchses in der Öffnung erschien. Während sie keuchend dalag, ohne noch auf das Eichhörnchen zu achten, das sich ein Stück tiefer ins Erdreich eingegraben hatte, hätte sie am liebsten losgeheult. Es war einfach zu viel. Es war zu weit. Es gab zu viele Dinger hier, die sie auffressen wollten, und sie war ganz allein; und außerdem hatte sie das Gefühl, daß sie schon bald wieder rollig werden könnte. Ich bin ganz allein, rief sie, und etwas antwortete ihr: Aber ich habe dich doch erschaffen, um allein zu sein. Nicht die ganze Zeit, widersprach sie, und es sagte: Nein. Ich habe Angst, jammerte sie. Menschen würden mich umbringen, Raubtiere würden mich auffressen, und die Katzen von Kilcoole sind weit weg. Und dabei sind ihre Leute zu Satoks Beute geworden. Hat da jemand die Katzen von Kilcoole erwähnt? fragte eine Stimme – eine andere Stimme. Eine große Stimme, eine Katzenstimme, eine Katerstimme – auf jeden Fall eine große Stimme. Wer bist du, kleine Schwester? Ich bin Shush, die letzte meiner Rasse zu McGees Paß, antwortete sie. Und wer bist du? Nanook. Was weißt du von den Leuten, die unter dem Schutz der Katzen von Kilcoole stehen? Ich weiß, daß sie in Gefahr geraten sind. Satok wird sie umbringen, so wie er uns umgebracht hat. Er hat ein Mädchen gefangen. Sicherlich wird er auch den Jungen töten oder ihn unterwerfen, wie er alle, die unter meinem Schutz standen, unterworfen hat., Aha. Und der Hund? Da war doch eine Hündin? für eine Hündin war sie eigentlich recht gut. Die ist tot. Und du… weit weg? fragte sie. Ein Katzensprung von zwei Tagen, gerechnet von der Stelle, wo wir den Jungen und das Mädchen zurückgelassen haben. Ich bin bereits seit zwei Tagen unterwegs. Deine Beine sind auch kurz. Ich habe Angst. Ich bin allein. Ich komme, sagte Nanooks Stimme. Und fügte noch hinzu: Ach, übrigens: Ich fresse meine kleinen Vettern und Basen nicht auf. Bunny und Diego erblickten zwar die Katzenspuren im Schnee, waren aber zu sehr in ihre Gedanken versunken, um sie sonderlich zu beachten. Beide hatten sie schlecht geschlafen, doch als sie das Dorf erst einmal hinter sich gelassen hatten, brütete Diego vor sich hin, während Bunny nicht mehr zu reden aufhören konnte. Diego beachtete sie gerade genug, um zu bemerken, daß ihre Hände an den Zügeln zitterten. Ihr Gesicht war, genau wie seins, zerkratzt und zerschunden, der Mund aufgedunsen, so daß sie ständig an der Lippe nagte. Er wußte nicht, ob sie den gleichen hämmernden Kopfschmerz hatte wie er. Sie redete viel, doch von einem Kopfschmerz hatte sie nichts gesagt, wie sie überhaupt ihre Schmerzen nicht erwähnte. Vor allen Dingen war sie wütend und schimpfte darüber, daß diese Leute Satok so etwas hatten durchgehen lassen können! Wie hatte er ihnen nur so etwas angetan, ja, wie konnte er dem Planeten nur so etwas antun? Diego antwortete nicht. Mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit hörte er ihr zwar zu, mit dem anderen jedoch war er damit beschäftigt, ein Lied zu verfassen. Wieder sehnte er sich nach einem Instrument, wollte ein Lied mit zorniger Musik erschaffen, das nicht einmal die größte Pauke würde hinreichend untermalen können. Als sie das Nachtlager aufschlugen, begann er sein Lied aufzuschreiben, während Bunny neugierig zuschaute und immer noch redete. Ihre Stimme erschien ihm inzwischen wie das Prasseln von, Regen oder das Dröhnen einer Schiffsmaschine. Er nickte und grunzte, doch vor allem war es das Lied, das seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Lebendig begraben, schreiend, Der Stein verkohlt Die Wurzeln erwürgt, Der Boden verkohlt Weißer Tod wie Deine Schneehaut Von jemandem, ähnlich einem Und doch unähnlich Einem Sohn. Diego hörte auf zu schreiben. Der Planet sollte ein Lied für jenen Teil bekommen, den man von ihm ermordet hatte. Aber das hier war nicht vollständig, war noch nicht richtig. Er brauchte ein besseres Lied als dieses. Diego sang es Bunny zwar vor, und sie fand es gut, doch der kritischere Teil seines Verstandes erinnerte ihn daran, daß sie ja auch schon stolz auf ihr Geträller über die Schnokellizenz war. Dieses Lied dagegen mußte das allerbeste von allen werden, denn es handelte von schrecklichen Wunden, die der Heilung bedurften. Am nächsten Morgen, als sie in Richtung Harrisons Fjord weiterritten, blieben beide stumm. Du bist kein Katzenjunges und kannst auch nicht bis in alle Zeiten mit mir im Heim leben, sagte Coaxtl zu Ziegendung. »Ich verstehe schon, weshalb du mich nicht haben willst«, antwortete Ziegendung, »denn ich bin ein Nichts und ein Niemand. Aber wenn ich nicht bei dir leben darf, dann friß mich doch sofort auf. Denn ich möchte lieber von einem Freund aufgefressen werden als von fremden Tieren, und zum Heulenden Hirten gehe ich nicht mehr zurück.« Habe ich etwa gesagt, daß du das tun solltest, du törichtes Junges? Es gibt schließlich doch andere in dem Dorf an der Mündung dieses Flusses., »Die werden mich zurückschicken«, erwiderte sie furchterfüllt, doch Coaxtl sagte, daß sie eine Weile warten würde, und wenn die Leute es versuchen sollten, würde sie, Coaxtl, sie umbringen und Ziegendung in ein anderes, weiter entferntes Dorf begleiten. Da ließ sich also nichts machen. Ziegendung unterwarf sich dem Willen der Katze, wie sie sich letztendlich stets dem Willen anderer unterworfen hatte, bis auf ein einziges Mal. Coaxtl lief neben ihr her, doch auf der freien Ebene, wo nur noch kaltes Wasser den Fluß speiste, legte Ziegendung sich auf Coaxtls Rücken, die Hände in ihre Mähne gekrallt, die Knie gegen die Rippen der Katze gepreßt, damit sie schneller ans andere Ufer kamen. Der Himmel war noch immer fahlrosa von der untergehenden Sonne, als sie den Herzschlag eines der Kolibriluftschiffe der Firma bemerkten. Coaxtl wollte davonlaufen, doch die Ebene war riesig und das Luftschiff noch viel schneller als die Sprünge der großen Katze. Ziegendung beobachtete staunend, wie das Luftschiff näher kam. Sie hatte schon andere Luftfahrzeuge am Himmel gesehen, und der Hirte hatte ihnen erzählt, daß es die Schutzengel der Rechtschaffenen seien, die von der Firma gesandt wurden, um über sie zu wachen. Ein Kolibriluftschiff hatte sie jedoch erst einmal gesehen, als es eines schrecklichen Winters Vorräte ins Tal brachte, nachdem eine Gruppe der Männer nach Bogota gewandert war, um dort Hilfe zu erbitten. Der Heulende Hirte hatte nur zögernd eingewilligt; Ziegendung hatte gehört, wie er sich mit seinen Beratern stritt. Doch sie hatten auch gewußt, daß sie ohne fremde Hilfe verhungern müßten. Als das Luftschiff dann kam, war alles ganz wunderbar gewesen. Essen – viel mehr Essen, als sie seit Monaten gehabt hatten – und sogar warme Kleidung und Spielsachen für die Kinder. Deshalb fürchtete Ziegendung sich auch nicht, als das Luftschiff über ihnen schwebte, dicht genug, um die beiden Männer zu erkennen, die sich in der Glasblase stritten, die das einzige Auge des Kolibris bildete. Sie stieg von Coaxtls Rücken, spürte die sanfte Wärme des Katzenfells durch die Risse in ihrer Kleidung. Die Füße hatte sie inzwischen in ungegerbtes Hasenfell gehüllt, mit der behaarten Seite, nach innen; die Felle stanken zwar, dafür blieben die Füße warm. Benommen vor Faszination beobachtete sie, wie das Luftschiff niederging. »Ist das nicht wunderbar, Coaxtl?« fragte sie die Katze. Als sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um und sah, wie die Katze über die Tundra floh. Aus der Ferne vernahm sie einen geflüsterten Gedanken. Deine Leute sind da. Gute Jagdbeute und warme Nachtlager, Junges! »Gute Jagdbeute und warme Nachtlager, Coaxtl«, flüsterte sie zurück, halblaut, doch gleichzeitig beobachtete sie den stattlichen Piloten, wie er aus dem Luftfahrzeug stieg, und den großen, hageren Mann mit der hohen Stirn und dem langen weißen Pferdeschwanz, der auf sie zukam. Im hinteren Teil des Luftschiffs stand ein weiterer Mann in der Ausstiegsluke. »Bemerkenswert!« sagte der weißhaarige Mann und starrte sie dabei an. »Schauen Sie sich nur ihre Kleider an! Sie müßte doch eigentlich erfrieren. Noch dazu ganz allein, bis auf ein wildes Tier, das sie wahrscheinlich aufgefressen hätte, wäre es hungrig geworden. Erstaunlich! Die Katze hätte ich mir allerdings gern etwas genauer angeschaut. Sie sieht so gänzlich anders aus als die anderen, die ich bisher bemerkt habe.« Der Pilot antwortete nicht. Statt dessen trat er vor und kniete vor ihr nieder. Ausgerechnet vor ihr, die einer solchen Ehre doch völlig unwürdig war! Er sah ihr sogar in die Augen und sprach mit einer gütigen Stimme, die sie fast in Tränen ausbrechen ließ. »Sieht so aus, als wärst du ziemlich weit weg von zu Hause, alanna. Hast du dich verirrt? Gehörte das alte Mietzekätzchen zu denen, die ihr Leute hier unten verwendet?« Ziegendung sank vor ihm auf die Knie und senkte den Kopf. »Bitte verzeih der Gefährtin dieses unwürdigen und verabscheuungswürdigen Kindes, o Hauptmann der Engel. Coaxtl hat sich aus Mitleid meiner erbarmt, doch nun, da meine eigene Art hier ist, ist sie aus Furcht vor den Rechtschaffenen geflohen. Denn sind, nicht alle Tiere dazu bestimmt, den Firmenmenschen als Fleisch zu dienen und ihnen ihr Fell zu lassen?« »Wo hast du denn so einen Blödsinn aufgeschnappt?« antwortete der Hauptmann in angewidertem Tonfall. Damit hatte Ziegendung nicht gerechnet. »Habe ich es falsch gesagt?« fragte sie furchtsam. »Verzeih mir, wenn ich den Heulenden Hirten falsch zitiert habe. Ich bin das dümmste aller Mädchen, wie es schon oft von mir gesagt wurde.« »Wenn du mich fragst, bist du diejenige, die von allen Kindern am meisten Schwein gehabt hat«, sagte der Pilot. »Und wir haben Schwein gehabt, daß wir dich gefunden haben, bevor du zu Tode erfroren bist. Und jetzt komm an Bord, Liebes, und hör auf zu heulen. Nein, dir wird schon niemand etwas tun.« Und er sah mit einem Gesichtsausdruck zu dem großen weißhaarigen Mann zurück, den Ziegendung in den sich senkenden Schatten nicht ausmachen konnte. »Bestimmt wird dir niemand etwas tun, mein Kind«, antwortete der weißhaarige Mann. Und während der Pilot sich völlig korrekt zurückgehalten hatte, einen Abschaum wie sie zu berühren, nahm der weißhaarige Mann ihre Hände in die seinen und hob Ziegendung in die Arme, trug sie hinüber dem Flugzeug. »Du wirst mit uns nach Sierra Padre kommen.« »Du wirst mich doch nicht zwingen, ins Tal der Tränen zurückzukehren?« »Nicht, wenn man euch dort beibringt, so über euch selbst zu reden. Vor allem nicht, wenn du wegen all dieser Prellungen und Schnittwunden weggelaufen bist, die ich da an dir sehe. Nein, wir bringen dich nicht zurück«, erklärte der Pilot. »Was und wo ist denn dieses Tal der Tränen?« erkundigte sich der weißhaarige Mann. »Du bringst mich doch nicht dorthin zurück, Herr? Ich habe es nicht verdient. Ich bin davor geflohen, die Braut des Heulenden Hirten zu werden.« »Braut? Du bist doch fast noch ein Säugling!« empörte sich der Pilot., Der weißhaarige Mann aber sagte: »Wir werden jetzt nach Sierra Padre fliegen, wo ich meine Arbeit aufnehme. Und du, meine Liebe, bekommst ein heißes Bad, saubere Kleidung und eine ordentliche Mahlzeit, und danach kannst du dich erst einmal ausschlafen.« »Das wird sie«, versicherte der Pilot. »Eine alte Schiffskameradin von mir, Lonciana Ondelacy, wohnt mit ihren Kindern und Enkelkindern in Sierra Padre. Loncie wird die Kleine gern aufnehmen.« Der weißhaarige Mann lächelte sie an, dann half er ihr in das große Flugzeug neben den anderen Mann, der jedoch nicht lächelte. Das beruhigte sie mehr als alles andere, was der Pilot gesagt hatte. Denn es war schließlich nur schicklich, da sie es nicht verdient hatte, angelächelt zu werden. Und dann ließen der Hauptmann der Engel und der weißhaarige Patriarch das Kolibrischiff in die Lüfte aufsteigen, wo für die Dauer dieser Nacht alles ganz wundersam wunderbar war, genau wie sie es verkündet hatten., 10. KAPITEL Von Seamus Rourke geführt, rechts und links begleitet von Sally und Millard, hinter ihnen in etwas langsamerem Schritt Matthews fünf Assistenten, trat Marmion ins frühmorgendliche Sonnenlicht hinaus. Rick O’Shay verließ die Höhle als letzter. »Du meine Güte! Haben wir schon den nächsten Tag?« rief Marmion. Sie wandte sich Seamus zu, der sie grinsend ansah, ein Lächeln, das wenig mit dem Tag oder überhaupt irgend etwas zu tun hatte, das Marmion sofort einsichtig gewesen wäre. »Kann man wohl sagen.« »Aber wir waren doch gar nicht so lange da drin…«, setzte Sally an, um schließlich auf ihre digitale Armbanduhr zu blicken. Ihre Augen weiteten sich. »Das darf doch nicht wahr sein!« »Der nächste Tag?« Ivan ergriff ihr Handgelenk, um einen Blick auf ihre Uhr zu werfen, bevor er die eigene überprüfte. Besorgt berieten sich die anderen vier Männer über diesen unerwarteten Zeitverlust. »Aber jetzt geraten wir doch mit unserer Arbeit in Verzug…« Ivan fuhr vorwurfsvoll zu Seamus herum. »Sie hatten kein Recht, uns einen vollen Tag von der Arbeit abzuhalten.« »Diese Höhle ist nur eine Flugstunde vom Raumhafen entfernt«, warf Hans ein. Seine Miene war unverkennbar aggressiv, und sein Zorn richtete sich gegen Seamus Rourke, weil er es nicht wagte, Marmion zu bezichtigen. »Wie konnten wir noch viel Zeit damit verlieren… im Nebel herumzusitzen?« Das empörte ihn sogar noch mehr. »Oh, ich habe es gefunden…« Marmion brach ab und legte den Kopf schräg; dann musterte sie Sally und Millard. »Wissen Sie was, ich bin mir überhaupt nicht sicher, daß ich irgend etwas gefunden habe.« Seamus stieß ein dröhnendes Gelächter aus. In seinen Augen funkelten Schalkhaftigkeit und Befriedigung., »Jedenfalls sind Sie gefunden worden. Und jetzt wollen wir keine Zeit mehr verlieren.« Mit einer ausladenden Geste bedeutete er Rick, zum Hubschrauber zurückzukehren. »Wie sollte ich denn ›gefunden‹ worden sein, Herr Rourke, wenn ich doch nicht einmal verlorengegangen bin?« fragte Marmion mit einem Beben in der Stimme, während sie zuließ, daß Rick und Millard sie an den Armen nahmen, um ihr über den unebenen Boden zu helfen. »Och, ich glaube, Sie werden schon noch darauf kommen.« Seamus gluckste wieder. »Herr Rourke, uns ist nichts widerfahren, das auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit dem gehabt hätte, was Dr. Metaxos, sein Sohn oder selbst Majorin Maddock und Dr. Fiske erlebt haben«, sagte Sally in einer gleichmütigen Stimme, die eine leise Andeutung sorgfältig beherrschter Überraschung und Enttäuschung transportierte. Seamus musterte sie; seine Lippen nahmen eine leichte Kurvenlinie an. Sie war eine sehr attraktive junge Frau, und er hatte noch immer etwas für einen solchen Anblick übrig. »Das will ich auch nicht hoffen, jetzt, da der Planet sich beruhigt hat, weil keiner mehr Löcher hineinbohrt und -sprengt. Aber es wurde zu Ihnen gesprochen«, versicherte er ihr. »Das ist doch völliger Unsinn«, warf Hans ein. Rick gab ein Geräusch von sich, das wie ein herablassender Tadel klang, und Hans fuhr herum. »Ich habe überhaupt nichts erlebt, nachdem der Nebel erst einmal alles verdeckt hat. Und dann hat er sich einfach wieder aufgelöst. Wollen Sie uns tatsächlich glauben machen, daß das… daß diese Show fast dreißig Stunden gedauert hat?« »Sieht ganz so aus«, antwortete Seamus liebenswürdig und half Marmion auf die hohe Ladefläche des Hubschraubers. »Denken Sie mal eine Weile darüber nach. Sie werden schon noch darauf kommen.« »Empörend«, sagte George, die Miene zu einer abfälligen Grimasse verzogen. »Vergeudung wertvoller Zeit.«, »Ich weiß nicht, wie wir Dr. Luzon unsere Fahnenflucht erklären sollen«, sagte Marcel. Es war der erste Satz, den Marmion ihn sprechen hörte. »Ach, das brauchen Sie doch gar nicht, mein Lieber«, erwiderte sie und befestigte dabei ihren Haltegurt. »Ich werde die volle Verantwortung für diese Expedition übernehmen, und ich bin sicher, daß so fleißige junge Männer wie Sie es schon schaffen werden, die Ihnen aufgetragenen Arbeiten lange vor Dr. Luzons Rückkehr zu erledigen.« »Wollen Sie damit andeuten, gnädige Frau«, sagte Hans und musterte sie argwöhnisch, »daß wir Dr. Luzon unsere Pflichtvergessenheit verschweigen sollen?« »Du liebe Güte, nein, Hans, Lieber«, antwortete Marmion beschwichtigend und legte ihm eine sanfte Hand auf den Arm. »Ich würde doch vor Matthew Luzon nichts verbergen«, fügte sie belustigt hinzu. »So etwas tut man einfach nicht! Aber ich werde ihm versichern, daß ich Sie als erforderlichen Begleiter auf eine persönliche und möglicherweise gefährliche Inspektionstour der sogenannten wunderbaren Höhle entführt habe, wo alle anderen doch die unglaublichsten Erlebnisse gehabt haben.« Sie zog eine enttäuschte Schnute und wandte sich Seamus zu. »Wirklich«, sagte sie und sprach die nächsten beiden Worte so schleppend wie möglich, um ihre Enttäuschung kundzutun, »nichts passiert.« »Wir haben dreißig Stunden verloren«, warf Hans in einem ungerührten und nachtragenden Tonfall ein. »Bis wir wieder am Raumhafen sind, wird es Nacht sein.« »Na ja, Sie haben ja noch ein bißchen Zeit, bevor Sie zu Abend essen müssen«, meinte Marmion. »Wir werden die Nacht durcharbeiten«, entschied Hans und musterte dabei seine Kollegen. »Damit holen wir die Zeit wieder rein.« »Wirklich seltsam«, bemerkte Millard. »Ich fühle mich völlig erfrischt, ganz ungewöhnlich wohl sogar. Sonst noch jemand?«, Sally stieß ein leises, erstauntes »Oh« aus. »Ich auch. Aber ich glaube nicht, daß ich geschlafen habe…« Marmion kommentierte die Tatsache nicht, daß auch sie sich ungewöhnlich wach und kraftvoll fühlte: als könnte sie die ganze Nacht durchtanzen und morgen trotzdem noch einen vollen Arbeitstag absolvieren. Sie kam auf den Gedanken, daß dieser Planet möglicherweise noch eine völlig unerwartete Seite hatte, die man ausbeuten konnte – als Kuranlage. Doch würde sie diese Idee nur sehr umsichtig angehen, da die derzeitige Gruppe die einzige zu sein schien, die in den Genuß dieser Eigenschaft des Planeten gekommen war. Hatten sie vielleicht einfach nur Glück gehabt? Hatte sich der Planet, wie Seamus andeutete, nach seinem devianten Verhalten wieder beruhigt? Wie dem auch sein mochte, auf jeden Fall fühlte sie sich beinahe… prickelnd. Und diese fröhliche Vitalität hatte sie schon sehr, sehr lange nicht mehr erlebt. Sobald Yana die kleinen Curraghs auf die Landestelle zuhalten sah, rannte sie so schnell, wie sie sich traute, die Stufen hinunter, um Sean die Neuigkeiten mitzuteilen. Ardis Sounik hatte bestätigt, daß ein großer Teil dessen, was Johnny Greene abgeladen hatte, der Treibstoff war, den sie brauchen würden, sowie Seans Sondervorräte für seine Reise. Und daß Johnny mit Luzon, der nichts Gutes im Schilde führte, nach Bogota weitergeflogen war. Johnny hatte in etwas allgemeiner Form angedeutet, daß Luzon Ärger machte. Nanook, der eine Weile aus dem Dorf verschwunden war, erschien plötzlich wieder, das Fell voller Schlamm und Zecken, um neben ihr herzutraben. Auch er schien vor Neuigkeiten fast zu explodieren. Einmal leckte er ihre Hand ab, als sie den Curraghs zusah, rieb sein imposantes Gesicht an ihrer Schulter und sah ihr tief in die Augen. Sie spürte, daß er mit ihr zu sprechen versuchte, aber sie wußte einfach nicht zuzuhören. Doch als sie hinunterkamen, huschten alle anderen Katzen der Siedlung in die Gegenrichtung davon. »Was ist denn da los?« murmelte Yana. Bunny, sagte etwas völlig deutlich in ihrem Kopf., »Hast du gerade gesprochen, Nanook?« Er warf ihr einen resignierten Blick zu und begleitete es mit einer Art grollendem Schnurren. »Ich möchte dir die Kommunikation wirklich nicht schwermachen, Nanook. Nick doch einfach, wenn Bunny in Sicherheit ist und gerade herkommt.« Feierlich neigte Nanook das Haupt. »Da bin ich aber erleichtert.« Dankbar streichelte Yana sein prächtiges Fell. »Vielleicht werden wir eines Tages ja mal richtig miteinander sprechen können«, fügte sie hinzu, durch ihre eigene Erleichterung ermutigt. Bald. »Oh!« In diesem Augenblick erschien Sean oben auf der hohen Hafenmauer, und sie lief ihm in die Arme, teilte ihm überschäumend mit, daß Johnny es geschafft hatte, hier im Fjord Treibstoff für sie zu lagern. Auch wenn Sean förmlich nach Fischöl und Salzwasser stank, war es gut, seine Arme um sich zu spüren und sein erfreutes Lächeln angesichts ihrer begeisterten Begrüßung zu sehen. Dann sprach Nanook, der bis dahin in würdiger Geduld verharrt hatte, offensichtlich mit Sean, der es mit einem breiten Lächeln quittierte und dem Kater die Ohren kraulte. »Bunny und Diego sind auf dem Weg hierher, und Shush, die einzige Katze, die in McGees Paß überlebt hat, folgt ihnen auf dem Fuß. Nanook hat sich mit ihr getroffen, um sie aufzumuntern und den größten Teil des Wegs zu beschützen, ist aber dann zu uns zurückgekehrt, damit wir uns keine Sorgen wegen der Kinder mehr machen. Er sagt, das Dorf muß gut zu Shush sein. Sie braucht wieder eine sichere Bleibe.« »Da ist sie nicht die einzige. Wann erwartet er denn ihr Eintreffen, Sean? Ich hatte mir schon ziemliche Sorgen gemacht.« Sean zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich bis zum Einbruch der Dunkelheit.« Er nahm sie etwas fester in den Arm. »Es hat keinen, Sinn, Kraft darauf zu vergeuden, die Vergangenheit zu verwalten. Nanook sagt, daß sie unversehrt sind.« »Erklär mir das noch mal, Sean. Du sagst, die einzige Katze, die in McGees Paß überlebt hat? Nur eine? Was ist denn mit den anderen passiert? Ich dachte immer, daß alle Dörfer für die Katzen sorgen, genau wie Clodagh es in Kilcoole tut…« »Und die Katzen sorgen wiederum für die Leute. Ja, ich finde auch, daß das eine äußerst ernste Nachricht ist. Ein Dorf, in dem es nur noch eine einzige überlebende Katze gibt, steckt wirklich in Schwierigkeiten.« »Sean, in was haben wir die Kinder da bloß hineingeschickt?« »Das werden wir schon bald erfahren«, erwiderte er und legte ihr erneut tröstend und beruhigend den Arm um die Schultern. »Daß Nanook hiergeblieben ist, bedeutet, daß es ihnen gutgeht, egal, was sonst los sein mag. Schau mal, was ich dir zum Abendessen mitgebracht habe, Liebes!« Und er hob das Paar Fische mit den regenbogenfarbenen Schuppen, so lang wie sein Unterarm und um einiges dicker als dieser. »Ach, gut, Ardis hat noch ein paar Kartoffeln übrig, und wir haben Mohren und Zwiebeln aufgetaut. Bunny und Diego werden Hunger haben, wenn sie hier eintreffen.« »Ja, und wir auch – nach ihren Neuigkeiten.« Als Bunny und Diego, der die verwundete Dinah vorsichtig in den Armen trug, bei Einbruch der Dämmerung eintrafen, war das Abendessen zwar bereit, doch wurde es nicht angerührt, solange wichtigere Dinge besprochen werden mußten. Mit einem Nicken musterte Bunny die sechs Gedecke auf dem Tisch. »Woher habt ihr gewußt, daß wir kommen?« fragte sie. »Ach so, natürlich! Nanook. Er ist uns entgegengerannt, hat kurz haltgemacht, um uns zu beschnüffeln, und dann war er schon wieder über alle Berge. Wir haben ihn allerdings nicht zurückkehren sehen.«, »Er euch aber«, erwiderte Sean. »Er war unterwegs zu einer orangefarbenen Katze aus McGees Paß. Ihr habt sie wohl nicht unterwegs gesehen?« Doch Bunny antwortete nicht; sie schüttelte nur gedankenverloren den Kopf. Ihre Aufmerksamkeit war von den Bewegungen von Ardis’ sanfter Hand gefesselt, wie sie Dinahs Wunden nähte und die fünf gebrochenen Rippen sowie den Knochen des Hinterlaufs richtete. Sie schiente auch die Rute, befürchtete aber, daß alle Nervenenden durch trennt worden sein könnten. Dinah hatte es geschafft, Diego zu vermitteln, daß der Mann, nachdem er sie mit seinem Stock niedergeprügelt hatte, sie am Schwanz gepackt und gegen den nächststehenden Baum geschlagen hatte. Diego hatte kurz vor dem Bersten gestanden, bis Ardis ihm versicherte, daß die Leithündin – abgesehen von dem möglichen Schaden an ihrer Rute – sich voll und ganz von ihrer Mißhandlung erholen würde. Inzwischen gab Bunny eine kurze Zusammenfassung von der Situation der verschüchterten und unterdrückten Leute in McGees Paß, von Satoks Aktivitäten und der schier unfaßbaren Versiegelung der Höhle. »Bunny hat allerdings nicht erzählt«, fing Diego an, als Fingaard die Hündin vorsichtig auf eine dicke Decke neben dem Herd legte, »was dieser Satok ihr um ein Haar angetan hätte.« »Was er dem Planeten angetan hat, ist noch viel scheußlicher«, widersprach Bunny ihm mit einem heftigen Blick, und die Tränen sprangen ihr in die Augen. »Ich konnte ja wenigstens noch fliehen, aber ach, Onkel Sean, er hat es für jedermann in McGees Paß unmöglich gemacht, mit dem Planeten überhaupt noch zu sprechen.« »Er wollte dich vergewaltigen!« Diego schrie es fast heraus. »Unseren Planeten hat er bereits vergewaltigt!« gellte Bunny zurück, die Fäuste in die Hüften gestemmt, den Oberkörper wütend zu Diego vorgeneigt. »Bunny! Diego!« Sean stieß ihre Namen leise, aber äußerst bestimmt aus. »Jetzt, da Dinah in Sicherheit ist, könnt ihr euch beim Essen abwechseln und uns in allen Einzelheiten erzählen, was in McGees Paß passiert ist.«, »Völlig richtig«, warf Ardis ein und schob erst den einen, dann den anderen Jugendlichen auf einen Sitzplatz am Tisch, während Fingaard den Backfisch herübertrug und Yana die Gemüseschüssel auf den Tisch stellte. »Diego hat auch ein Lied darüber verfaßt«, sagte Bunny. Diego funkelte sie an – eine Mischung aus Gereiztheit, Freude und Künstlerempörung. »Es ist alles andere als fertig!« »Aber wenn es mal fertig ist, wird es ein sehr beachtliches Lied, daß kann ich euch sagen«, erwiderte Bunny und strahlte ihn an. »Wir werden sehr genau zuhören, wenn das Lied fertig ist, Diego«, versicherte Ardis beruhigend. »So, und jetzt bitte eins nach dem anderen«, warf Sean ein und kehrte zum Thema der Berichterstattung zurück. Keiner der Erwachsenen unterbrach die beiden Jugendlichen, als sie ihren äußerst glaubwürdigen Bericht über die Geschehnisse vorbrachten, wobei einer dem anderen, wie auch Krisuks Bemühungen, gebührende Anerkennung zollte. Sean und Fingaard ließen sie einige Punkte wiederholen, zum Beispiel die Sache mit dem Petraseal und wie weit es in die Höhle hineinreichte sowie sämtliche Einzelheiten über Satoks Herkunft, die Bunny ihm so raffiniert aus der Nase gezogen hatte. »Du bist mir ja vielleicht eine durchtriebene, gerissene Mietzekatze«, sagte Sean schließlich und zauste ihr in liebevoller Anerkennung das Haar. Als er Diegos finstere Miene bemerkte, zauste er dem Jungen ebenfalls das Haar und lachte laut, als Diego den Kopf wegzog. »Sie ist immerhin meine Nichte, Junge. Du kannst von Glück sagen, daß ich bereit bin, ihre Gesellschaft mit dir zu teilen!« »Ha?« fragte Diego verblüfft. »So«, sagte Fingaard und übernahm die Leitung, wobei er mit dem vernarbten, rauhen Finger Kreise auf der hölzernen Tischplatte zog. »Jetzt haben wir also einen Feind, den wir im Auge behalten müssen. Und wir haben eine beschädigte Höhle. Läßt sich dieses Petraseal wieder auflösen?«, »Ja, aber die Chemikalien, die man zur Herstellung eines solchen Lösungsmittels braucht, gibt es auf dem Raumhafen nicht«, antwortete Sean. »Das würde ganze Fässer voll Lösungsmittel brauchen«, meinte Diego, und seine Augen weiteten sich bei der Vorstellung, wie groß die fragliche Fläche war. »Furchtbar viele.« »Ja«, bestätigte Sean. »Und jedes Lösungsmittel, das stark genug ist, um Petraseal aufzulösen, könnte Petaybee durchaus noch größeren Schaden zufügen als das Petraseal selbst.« »Wenn so etwas in McGees Paß möglich war, wo die Leute genauso sind wie wir, nur etwas anfälliger, weil sie so lange keinen Shanachie mehr gehabt haben«, fragte Ardis mit besorgtem Stirnrunzeln, »könnte das nicht auch anderswo geschehen sein? Fällt es diesem Satok wirklich so leicht, die Leute zu verführen, bis sie den Planeten nicht mehr vernehmen können?« »Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, antwortete Sean und seufzte schwer. »Wir sind in einer ganz bestimmten Absicht hergekommen…« Fingaards große Hand senkte sich auf Seans Schulter. »Jetzt, da wir wissen, was geschehen ist, können wir eine Menge tun, mein Freund, und du kannst deine persönliche Mission weiterverfolgen. Ich habe langsam das Gefühl, daß sie tatsächlich genauso wichtig ist wie dieses neue Problem, vor dem wir stehen.« »Dann hast du also auch geglaubt, daß Aoifa und Mala recht damit hatten, daß es eine unterirdische Verbindung zwischen dem Süden und den Höhlen im Fjord gibt? Denn sollte das stimmen, könnten wir Kontakt zum südlichen Kontinent herstellen, vielleicht sogar einen Handelsweg, ohne uns der Firmentechnologie des Lufttransports oder eisbrechender Schiffe bedienen zu müssen.« Fingaard nickte ernst. »Als mein Vater noch lebte, kamen aus den Höhlen Lebewesen hervor, die an Land geboren waren und nicht im Meer, und zwar nicht hier im Norden. Mala hat seine Katze zurückgeschickt, aber sie war schwer verwundet. Nur die große Treue, die diese Wesen für jene empfinden, die sie lieben, hat es dem Tier ermöglicht, so lange durchzuhalten, bis es uns endlich erreichte. Wie, du weißt, haben wir nach ihnen gesucht, so gut wir nur konnten, aber die Höhlendecke war eingestürzt und hat uns den Weg versperrt.« Diesmal nickte er in traurigem Bedauern. »Aber von Aoifa oder ihrer Katze Ugraine haben wir keine Spur gefunden. Also ist es möglich, daß sie noch weiter vorgedrungen sind.« Sean legte Fingaard die Hand auf den Arm und blickte in das große besorgte Gesicht auf. »Jetzt, da ich die Stelle gesehen habe, halte ich es durchaus für möglich. Ich wollte ja schon früher hierherkommen und mal nachsehen. Aber der Unfall hat uns alle überrascht und mich aufgehalten. Ich mußte ja alles mögliche für Bunka organisieren und so weiter – und dann, als wir ein Nachtsingen zu ihren Ehren in unserem Dorf veranstalteten, konnte ich mich einfach nicht dazu überwinden zu kommen. Aber nun habe ich den Tunnel gesehen und ahne noch ein paar andere Dinge. Es scheint mir durchaus möglich, daß irgend jemand entkommen ist und es bis auf die andere Seite geschafft hat. Ich bin es mir selbst und der Familie schuldig, dieser Möglichkeit nachzugehen.« Plötzlich fuhren sie alle zusammen, als ein gespenstisches Gekreische die dicke Wand des Steinhauses durchdrang. Es hob und senkte sich, wurde immer tiefer und zersplitterte schließlich in wildes Geheul. Mit kehligem Grollen hob Nanook den Kopf von den Pfoten und blickte in gekränkter Würde und von Ekel erfüllt drein. Sean begann zu lachen, ein melodischer Kontrapunkt zu der Kakophonie draußen vor dem Haus. »Weshalb macht dich diese schreckliche Katzenmusik ausgerechnet lachen, Sean Shongili?« wollte Yana wissen. Der Lärm war ohrenbetäubend. Ardis schnitt eine angewiderte Grimasse. »Die Dorfkater sind auf Freiersfüßen. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, daß sie jemals so viel Getöse veranstaltet hätten.« Sean wischte sich die Tränen aus den Augen und riß sich soweit zusammen, daß er eine Erklärung abgeben konnte. »Das ist Shush.« Er wandte sich Bunny und Diego zu. »Die Katze aus McGees Paß.«, »Shush hat es geschafft?« Erfreut wollte Bunny aufstehen, doch Sean drückte sie zurück auf den Stuhl. »Misch dich jetzt nicht ein, Liebes. Sie würde es nicht zu schätzen wissen.« Und wieder bekam er einen Lachanfall. »Sean Shongili, das genügt mir aber nicht als Erklärung!« beschwerte Yana sich. Sean brachte kein Wort heraus. Statt dessen zappelte er mit der Hand in Richtung Nanook, der daraufhin in einer Pose größter Herablassung mit Bunny sprach. Als sie seine Mitteilung begriffen hatte, fing auch sie an zu kichern. »Jetzt hört doch mal auf, ihr beiden!« sagte Yana. Sie hatte das Gefühl, daß ihr ein bißchen Gelächter auch nicht schaden könnte. »Shush war die letzte Katze in McGees Paß«, sagte Bunny, »und da waren keine Kater mehr für sie. Ich glaube, sie ist gerade dabei, einiges nachzuholen!« »Müssen die das denn ausgerechnet hier und jetzt tun?« protestierte Ardis. »Na, na, na, Mädchen«, sagte Fingaard grinsend und zog seine Frau zu sich heran, »ist noch nicht besonders lange her, da hast du dich manchmal genauso angehört, wenn ich von einer langen Reise zurückgekehrt bin.« Halb erzürnt versuchte Ardis, ihren riesigen Gatten von sich zu stoßen, und hämmerte vergeblich auf seine Hände ein, während alles in Gelächter ausbrach. »So bestimmt nicht, du Kotzbrocken!« Da erschütterte ein weiterer herzzerreißender Schrei ihre Trommelfelle – dann folgte wohltuende Stille. »So«, meinte Sean, »und jetzt wollen wir zu Bett gehen und eine ordentliche Runde schlafen. Wir haben noch eine Expedition vor uns…« Mit fragendem Ausdruck wandte er sich Ardis zu. »Ach so, ja, Johnny hat die ganze Ausrüstung gebracht, die du brauchst, und Verpflegung für die doppelte Strecke«, berichtete Ardis und wies mit einem Wink nach draußen in Richtung Lagerschuppen. Dann stand sie auf und sammelte dabei Teller ein, worauf Yana und Bunny ebenfalls aufsprangen, dicht gefolgt von Diego., Kurz darauf schliefen alle in der Hütte, so daß niemand die kleine orangegestreifte Katze bemerkte, die zwar matt, aber durch und durch erfüllt hereinschlich und sich am Ofen zusammenkringelte. Johnny Greene war alles andere als glücklich darüber, Zettdee – wie konnte es nur jemand fertigbringen, ein Kind mit einem so abstoßenden Namen wie Ziegendung zu belasten! – auch nur in mittelbarer Nähe von Matthew Luzon zurückzulassen, obwohl er fest davon überzeugt war, daß sie bei Lonciana Ondelacy und ihrer Familie in Sicherheit war. Er war besonders darüber besorgt, daß das Kind in Luzons Gegenwart viel zu zufrieden wirkte; weil es immer so eifrig zu ihm aufblickte, sobald er etwas sagte, und sich fast überschlug, um jede seiner Fragen zu beantworten. Aber wie sollte ein Kind auch zwischen einem Gauner und einem Heiligen unterscheiden? Und Luzon, der alte Heuchler, war aalglatt, wenn es darum ging, das arme, verschreckte und verunsicherte Kind zu beruhigen, während er gleichzeitig den Eindruck unterstrich, welches Glück das Mädchen doch hatte, daß ausgerechnet er dazu bereit war, mit ihm zu reden. Herrje, sie entschuldigte sich ja praktisch für jeden Atemzug, den sie tat! Johnny hatte Matthew nicht zu seiner alten Schiffskameradin Loncie mitnehmen wollen, die inzwischen Großmutter war und zu den führenden Persönlichkeiten von Sierra Padre zählte. Doch Matthew hatte großspurig verkündet, daß er entschlossen sei, seiner Verpflichtung als hochrangiger Firmenbeamter nachzukommen, indem er sich davon überzeugte, daß das Mädchen eine »geeignete Bleibe« fand, und Zettdee hatte mit weit aufgesperrten Augen zu ihm aufgesehen und sich an seine Hand geklammert. In den gut zwanzig Jahren, seit Loncie aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und auf Petaybee zurückgekehrt war, hatte sie eine Menge Gewicht zugelegt, dazu eine Autorität, die noch weit über alles hinausging, was sie in ihrer Stellung als Unteroffizierin entwickelt hatte. Dazu war sie mit einer unglaublich großen Familie gesegnet. Inzwischen war sie fast so rund wie hoch und trug ihr dichtes, schwarzes Haar, in dem sich erst Andeutungen silberner Strähnen fanden, in Flechtzöpfen, mit einem feingeschnitzten und unglaublich kostbaren Elfenbeinkamm – Johnny sah, wie Matthew das Artefakt begierig musterte – am Kopf befestigt, der von keinem Wesen stammte, das auf diesem Planeten angeblich einheimisch gewesen wäre. »Ach, pobrecita!« rief Lonciana, als sie das Mädchen erblickte. Sie nahm Johnnys vorsichtige Vorstellung von Matthew Luzon und seinem Assistenten kaum zur Kenntnis. Statt dessen ergriff sie das erschreckte, mit großen Augen staunende, ausgemergelte kleine Ding und drückte es an ihren üppigen Busen. »Que Idstima! Was hat das Leben dir nur angetan?« Mit einem Ruck richtete sie wütende Augen auf Matthew. »Ganz ruhig, Loncie«, sagte Johnny. »Wir haben sie auf den Ebenen gefunden. Sie sagt, sie stammt aus einem Höllenloch namens Tal der Tränen.« Loncie saugte die Luft zwischen den Zähnen ein, und ihre Augen verengten sich zornig. »Wir haben schon von einem solchen Ort gehört«, sagte sie. »Tsering Gonzales’ Junge, der noch nie richtig im Kopf war, sagte, daß er dort hingehen wolle. Er hat von jemandem davon erfahren, der hier armselige Tuche gegen Vorräte eintauschen wollte – dieser Mann hatte einen Jungen dabei. Der Junge lief davon, und lange nachdem Jetsun gegangen war, vernahm Tsering die Geschichten, die der Junge in der Familie erzählte, die ihn aufgenommen hatte. Es ist ein furchtbarer Ort. Sie schlagen und erschrecken die Kinder mit dem empörendsten, abergläubischsten Unfug und nennen es Religion! So erzählt man sich jedenfalls.« Matthew Luzon sah aus, als hätte ihm jemand soeben ein Riesengeschenk gemacht, und er öffnete den Mund, um zu sprechen, doch Loncie hatte sich bereits wieder ihrem neuen Schützling zugewandt. »Mach dir nichts draus, pobrecita, hier bei Lonciana Ondelacy bist du in Sicherheit.« Johnny wollte nicht, daß Loncie einen durchtriebenen Drecksack wie Luzon auf die leichte Schulter nahm, und so warf er ihr einen, ziemlich drängenden Blick zu, den sie auch auffing und sofort verstand. Als sie sich wieder Luzon zuwandte, ließ sie ihren beachtlichen Charme spielen. »Nehmen Sie doch Platz, allergütigster Senor Luzon und Erretter dieses armseligen Menschleins. Pablo, hast du denn den Wein noch nicht gebracht? Carmelita, du und Isabella, ihr kümmert euch um die Kleine.« Sie setzte das Kind wieder ab und schob es sanft ihren beiden Töchtern zu, die eines Tages zweifellos ihre Mutter an Körpergröße und Schönheit noch übertreffen würden. Sie lächelten das Kind gewinnend an, das angesichts einer derart unverdienten Behandlung wie gelähmt reagierte. »Und wie heißt die nina, Juanito?« fragte sie Johnny. Er brauchte lange, um zu antworten, aber Loncies harter, fordernder Blick machte jedes Ausweichen unmöglich. »Sie sagt, ihr Name sei Ziegendung!« »Ay, de mio!« Und Loncianas Hände fuhren gen Himmel. »Tsering hat tatsächlich erzählt, daß sie ihren Kindern Namen geben, die sie beschämen und demütigen sollen. Aber ich bringe es nicht über die Lippen, vor den unschuldigen Ohren meiner eigenen Kinder einen solchen Namen auszusprechen.« »Aber mamacita, wir wissen doch, daß Ziegen Dung machen«, wandte Carmelita kichernd ein. »Ziegen bringen los ninos nicht dazu, solche Namen anzunehmen. Wir werden dich Pobrecita nennen, Kleines. Nehmt sie, badet sie und seht mal zu, daß ihr sie mit Kleidern eurer Schwestern anzieht. Ich komme mit und kümmere mich um ihre Verletzungen, während – Pablo, wo bleibt denn nur der Wein? Ah, da ist er ja, und Kekse. Ach, du bist ja so klug, mi esposo!« Und sie strahlte den drahtigen kleinen Mann an, der gerade den Raum betrat, ein weiteres wunderschönes Artefakt in den Händen, das Luzon in Erstaunen versetzte. Es war ein Silbertablett, dessen feine Gravur teilweise bis auf das Kupfer unter der Beschichtung gewienert worden war, bedeckt mit einem feinen weißen Spitzentuch, darauf eine gläserne Weinkaraffe, und einige hundsordinäre Schnapsgläser, wie man sie in jeder Bar der Intergal zu sehen bekam. Senor Pablo, dessen Familienname Johnny nicht verstand – höchstwahrscheinlich war es nicht Ondelacy, da er Loncie bereits unter diesem Namen gekannt hatte, als sie Hauptfeldwebel gewesen war –, war das vollkommene Gegenstück zu seiner Frau. Er war so ruhig, wie Loncie gesprächig war, und er erwies Matthew Luzon die Unterwürfigkeit und den Respekt, wie sie jeder heimtückischen und giftigen Kreatur gebührten. Ernst bestand Pablo darauf, daß Don Matthew den schweren Armsessel nehmen müsse, der unter den streng auf praktischen Nutzen ausgerichteten Möbeln ausgesprochen deplaziert wirkte, und er bediente ihn auch als ersten. Matthew seinerseits schien von Pablo fasziniert, der einen würdigen grauen Spitzbart und Koteletten trug. Er fühlte sich an ein außerordentlich wertvolles Gemälde erinnert, das er einmal in einem Museum auf der alten Terra gesehen hatte. Obwohl Matthew nur argwöhnisch an dem ihm dargebotenen Getränk nippte, genoß Johnny das harzige Aroma des kleinen Feuers in seinem Mund, das einen nicht unangenehmen Nachgeschmack hinterließ. Die Kekse waren leichter, als Johnny erwartet hatte, und von einem leicht käsigen Geschmack, was ja auch nahelag, da es hinter dem Haus in einem Gehege Ziegen gab. Er sah, wie Luzon den Blick durch den Raum schweifen ließ und eine Reihe ungewöhnlicher Gegenstände begutachtete, so etwa die Flöte und die mit Bändern verzierte Gitarre, die über einem prächtigen weißen Fell hing, beide hoch genug, um dem Zugriff kleiner Hände entzogen zu sein. Ein weiterer Gegenstand, von dem Johnny zuerst annahm, es müsse ein Trinksack aus Ziegenhaut mit verschieden großen Röhren sein, die daraus hervorstaken, erwies sich ebenfalls als Musikinstrument, wie Pablo ihm erklärte, als er Johnnys neugierigen Blick bemerkte: der baskische Dudelsack. Doch sprach niemand von ihnen allzuviel, da der Lärm, den Ziegendungs Pflegerinnen veranstalteten, jedes Gespräch erschwerte, selbst wenn Senor Pablo danach zumute gewesen wäre. Braddock sah nach seinem ersten Schluck Alkohol schon etwas erholter aus und, warf ein abschätziges Auge auf die Felle, die Wände und Boden bedeckten. Lonciana kommentierte mal das eine, mal das andere Detail mit ihren Ausrufen, zankte sich wegen irgendwelcher Kleidungsstücke und verlangte nach anderen, bis Matthew sich zu fragen begann, wie lange es nur dauern mochte, ein ausgemergeltes Kind zu waschen und ein paar Kratzer mit Salbe zu bestreichen. Er war völlig unvorbereitet auf Loncianas dramatische Rückkehr mit dem sauberen und nicht etwa nur ordentlich, sondern geradezu schmeichelnd gekleideten Kind. Johnny fuhr in seinem Sitz auf, als hätte er ein Gespenst erblickt. »Diese nina«, erklärte Lonciana, die Fäuste in die breiten Hüften gestemmt, »ist ständig mit Stöcken geschlagen worden. Ihre Rippen sind an mehreren Stellen gebrochen, und ich habe Verdickungen an einigen Knochen sowohl an den Armen als auch an den Beinen abgetastet, die von Brüchen stammen. Sie hat offensichtlich ihr Leben lang Hunger leiden müssen – wenn sie das Pech hatte, tatsächlich in diesem Tal der Tränen zu leben«, Loncie spuckte zur Seite aus, »erscheint das nicht unwahrscheinlich.« Frisch gewaschen und schmuck gekleidet, wirkte das Kind sogar noch verlorener und unterernährter als vorher. »Jetzt wird gegessen«, verkündete Lonciana. Sie klatschte in die Hände, worauf noch weitere Kinder aus den unsichtbaren Tiefen dieses unglaublichen Hauses erschienen, jedes davon mit den Bestandteilen der Mahlzeit und den Utensilien gerüstet, mit denen es diese verspeisen würde. Lonciana ließ La Pobrecita neben sich Platz nehmen und fütterte das Kind, das nicht zu wissen schien, was es mit Löffel oder Gabel anfangen sollte. Loncies mütterliche Präsenz war zu überwältigend, um für Luzon keine Bedrohung darzustellen, und so begann er, das Mädchen dazu zu bringen, ihr Zuhause und ihre Gefährten zu beschreiben. »Don Matthew, vielleicht ist es nicht klug, die nina an solche Dinge zu erinnern«, wandte Pablo unterwürfig ein, doch Luzon wischte seine Bedenken beiseite. »Unsinn, guter Mann. Verstehen Sie denn nichts von Psychotherapie? Es ist das beste, wenn das Mädchen über ihre, Traumata und ihre diesbezüglichen Gefühle spricht. Über alles, was ihr Sorgen macht. Nur so kann sie ihre Ängste loswerden. In solchen Fällen ist die Konfrontation die allerbeste Medizin.« Lonciana und die Töchter, die sich um das Kind gekümmert hatten, sahen fassungslos mit an, wie das Mädchen unter der Befragung förmlich aufblühte. Dunkle Augen huschten besorgt hin und her, als Luzon dem Mädchen geschickt die Informationen entlockte. An seiner Seite des Tisches, wo er zwischen den Ondelacy-Jungen saß, verlor Johnny den Appetit, als er beobachtete, wie Luzon trotz seines bekundeten Entsetzens und Mitgefühls offensichtlich genau den Dreck zu hören bekam, den er aufzuwühlen gehofft hatte. Der kaum verhohlene Genuß, den ihm die Geschichte des Kindes bereitete, verwandelte Loncies leckeres Essen in Johnnys Mund zu Galle. Na ja, er hatte getan, was er konnte, und dem Kind einen geschützten Hafen verschafft. Luzon konnte so viele Fragen stellen, wie er wollte – es würde ihm sicherlich genauso schwerfallen, Loncie und ihrer Familie das Kind wieder wegzunehmen, wie er es Johnny hätte abtrotzen können. Johnny war zwar versucht, das Kind zu schnappen und trotzdem mit nach Norden zu nehmen, doch er überlegte sich, daß er wohl besser daran täte, sobald wie möglich zurückzufliegen und Dr. Fiske Bericht zu erstatten, Sean und Yana abzuholen und dabei seine Spuren zu verwischen. Aber er wollte auch, daß sie sich dieses Kind mal anschauten. Das Mädchen hatte irgend etwas an sich – etwas, das er nicht genau zu benennen wußte. Und wenn er überhaupt irgend etwas ausrichten wollte, würde er ohnehin Verstärkung brauchen. Er stand auf, verneigte sich umschweifig vor seiner ehemaligen Vorgesetzten, ihrem Gatten und ihrer Brut, gewährte dem Kind einen angedeuteten Salut – den Luzon, dieser Esel, mit einer zackigen Geste der Entlassung quittierte – und kehrte zu seinem Hubschrauber zurück. Der Rückflug bereitete ihm nicht halb so viel Vergnügen, wie er erwartet hatte. Ganz abgesehen von dem nachhängenden Gestank von Braddocks Erbrochenem, fühlte die Maschine sich irgendwie befleckt an., Obwohl auf diesem südlichen Kontinent inzwischen tiefer Herbst herrschte und der Boden ausreichend gefroren hätte sein müssen, um ein reibungsloses Schnokeln zu ermöglichen, hatte der Große Frost noch nicht eingesetzt, was den Bewohnern von Sierra Padre beträchtliche Sorgen bereitete. Dieser Haufen war von recht gemischter ethnischer Herkunft. Manche, wie Loncie, stammten ursprünglich aus Mittel- und Südamerika, hauptsächlich aus den Anden, und hatten sich im Laufe der Zeit mit den wenigen quicklebendigen Hochgebirgsbasken vermischt, eine Kombination, der durch zahlreiche Sherpas ein wenig von ihrer Sprengkraft genommen wurde. Obwohl er so aussah, wie eine Figur aus einem Gemälde von Goya, war Pablo tatsächlich halb Sherpa, halb Baske. Und während Loncie als Korpsmitglied im Ruhestand ihren Geburtsnamen Ondelacy beibehielt, lautete ihr Familienname in Wirklichkeit Ghompas. Alle diese Informationen entlockten Matthew Luzon und Braddock geschickt der Familie, als die Mahlzeit beendet war und Johnny Greene seinen Abschied genommen hatte, was Matthew sehr zustatten kam, da seine Gegenwart unübersehbar den Rapport behinderte, den Matthew zu dieser Familie und ganz besonders zu diesem Mädchen herstellen wollte, das sie nun Cita nannten. Was Matthew besonders erregte, war die Beobachtung, daß das Mädchen in keiner Weise den Mitgliedern der Familie Ghompas/Ondelacy glich. Und ihre grauen Augen und das helle Haar ließen sich auch nicht den afrikanischen oder afghanischen Bewohner dieses Sektors zuordnen. Nein, sie gehörte zu einer völlig anderen ethnischen Gruppe, als Matthew sie bisher hier unten entdeckt hatte. Und er war begierig darauf zu erfahren, ob die anderen im Tal der Tränen auch so verschieden waren, was Aussehen und Weltanschauung betraf, wie es den Anschein zu haben schien. Höflich nahm er an diesem Abend seinen Abschied und verbrachte den ganzen nächsten Tag, nur von Braddock unterstützt, mit dem Versuch, ein anderes Lufttransportmittel aufzutreiben. Schließlich gab er sich mit einem Schnokel zufrieden, wenngleich sie möglicherweise viele Umwege fahren mußten, weil die herbstliche Tauperiode in, diesem Jahr ungewöhnlich lange vorgehalten und der Winter auf dem Kontinent noch nicht mit voller Macht eingesetzt hatte. »Im Hochland müßte es allerdings kälter sein«, räumte der Mann ein, der ihnen eine ziemlich zerbeulte Maschine vermietete. Luzon hegte den Verdacht, daß der Kerl eigentlich überhaupt keinen Anspruch auf ein solches Fahrzeug hatte, und wie um noch Salz und Pfeffer in die Wunde zu reiben, verlangte er eine Kaution von ihnen, mit der man eine kleine Raumstation hätte kaufen können. Matthew lächelte säuerlich, bezahlte aber, im vollen Bewußtsein, daß er die Maschine ebensogut hätte konfiszieren können, wenn er gewollt hätte. Doch im Augenblick zog er es vor, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Im Zuge seiner Vorbereitungen war er bereits zu dem Schluß gelangt, daß er auf seiner Suche nach Leuten, die von ›dem Planeten‹ oder ›Petaybee‹ nicht so sprechen, als wäre er ein Freund, ein Nachbar oder womöglich ein naher Verwandter, in Sierra Padre sicherlich ebensowenig fündig werden würde wie in Bogota. So ein abergläubischer Quatsch. Dafür setzte er große Hoffnungen in den Heulenden Hirten des Mädchens, dessen Quatsch zwar genauso abergläubisch war, dafür aber Matthews Absichten mehr entgegenkam. Nachdem sie erst einmal Vorräte und andere Gerätschaften erworben und in der Maschine verstaut hatten, harrte Matthew des Augenblicks, da er das letzte Mosaiksteinchen dieser Ermittlungsphase einsammeln würde. Das Mädchen spielte ihm dabei voll in die Hände. Während die anderen Kinder der riesigen Familie der hünenhaften Frau aus dem Neuschnee des Vorabends eine Schneefestung bauten, saß Ziegendung – wenigstens Matthew würde ihr den richtigen Namen zugestehen, den ihre Kultur ihr verliehen hatte – allein an einer spindeldürren Birke” neben dem Ziegengehege. Vielleicht hatte es mit ihrem Namen ja noch mehr auf sich als nur eine bequeme Identitätsbestimmung. Matthew schlenderte lässig zu ihr hinüber und sagte: »Ziegendung, ich brauche deine Hilfe.«, »Herr, man sagt mir, mein Name sei jetzt Cita.« »Ja. Die Leute, die es gut meinen, aber nicht die Bedeutung deines wahren Namens kennen. Aber du und ich, wir wissen doch, daß ihre Güte eine Falschheit darstellt, nicht wahr? Du hast deinen Namen schließlich aus gutem Grund bekommen.« Sie senkte die blassen Kalbsaugen und antwortete kleinlaut: »Ja, Herr.« »Ich möchte mit diesem Heulenden Hirten sprechen.« »Ich werde nicht dorthin zurückkehren!« antwortete sie mit mehr Kampfgeist, als er in ihr vermutet hätte. »Auf keinen Fall!« »Natürlich nicht, natürlich nicht, mein liebes Kind. Ich verstehe deine Gefühle ja. Du schämst dich zutiefst dafür, daß du die Gemeinschaft im Streit verlassen hast, und daß du den schlichten Dingen nicht entsprechen konntest, die euer Hirte von euch verlangte. Aber ich bin sicher, daß er dir verzeihen und erlauben wird, dich von der Gemeinschaft zu lösen, wenn ich ihm erst einmal erklärt habe, daß du hier draußen wertvoller für mich bist.« »Für dich, Herr?« Und die Hysterie in ihrer Stimme wich einem ehrfürchtigem Staunen! »Aber ja doch«, erwiderte er. »Ich brauche eine Forschungsassistentin, die von diesem Planeten stammt, und wer wäre dafür besser geeignet als du? Und wenn du dich bewährst, werde ich dich adoptieren und zu meiner Tochter machen.« »Deine Tochter, Herr? Mich Unwürdige?« »Durch harte Arbeit und angemessenes Verhalten kannst du noch würdig werden. Aber zunächst einmal mußt du sehr tapfer sein. Komm mit, dann zeige ich dir, was gefordert ist.« Sie erhob sich und nahm seine Hand, wobei sie nur einen kurzen, verstohlenen Blick auf das Haus ihrer bisherigen Beschützerin warf. Matthew wußte sehr genau, was er tat. Indem er die gefürchtete Gestalt des Heulenden Hirten durch die seine ersetzte, durch jemanden, der vielleicht stärker war, ganz gewiß aber vernünftiger, übernahm er zugleich die Rolle des Herren und Beschützers. O ja, sie würde ihm ganz gewiß so fraglos gehorchen, wie einst ihrem – er, lächelte über die seltsame Krudität dieser primitiven Vorstellung – Gemahl. Bei seiner Rückkehr nach Norden setzte Johnny per Funk einen chiffrierten Bericht an Whittaker Fiske ab, dazu eine Anfrage bezüglich der wolkenfarbenen großen Katze, die Zettdee Gesellschaft geleistet hatte. Eine solche Katze hatte er noch nie gesehen. Er empfing eine knappe Meldung: »Empfang bestätigt. Eine solche Katze habe ich nicht entwickelt. Frag Shongili. Schöne Aasgeier- Beobachtung. W.E.« Als Johnny schließlich in Harrisons Fjord die Beine ausstreckte, hatten Sean, Yana, Bunny, Diego und Nanook sich bereits auf den Weg durch die Höhle gemacht, die zwanzig Jahre zuvor Bunnys Eltern verschlungen hatte. Die Anwesenheit von Liam Maloneys Leithündin, die im Haus der Souniks neben dem Feuer lag und schlief, führte natürlich dazu, daß Johnny über alles auf den neuesten Stand gebracht wurde, was in McGees Paß geschehen war. »Satok hat Petraseal verwendet, um den Planeten zu blockieren?« Irgend etwas furchtbar Kaltes kroch Johnnys Wirbelsäule herab. »Mist, Fingaard! Weißt du, wieviel von dem Zeug am Raumhafen lagert? Kannst du dir vorstellen, was passieren würde, wenn irgend jemand herausbekommt, besonders Matthew Luzon, was Petraseal mit unseren Höhlen anrichten kann?« Ardis wirkte bestürzt. »Der Junge, Diego, hat ein Lied darüber komponiert.« »Na dann wollen wir nur hoffen, daß er es nicht auch noch vorträgt.« »Das hat er schon. Jedenfalls das, was er schon fertiggestellt hatte«, erwiderte Fingaard, ein flüsternder Baß. »Mist!« explodierte Johnny. Für einen Augenblick verharrte er in nachdenklichem Schweigen, dann wurde er abrupt wieder zu dem liebenswürdigen, sorglosen Hubschrauberpiloten, den sie so gut kannten. »Ich glaube, ich kehre jetzt mal besser zurück und melde mich. Muß mal auftanken, und dann muß ich wieder die ganze, ermüdende Strecke herfliegen. Bis bald!« An Ardis gewandt, legte er den Finger an seine spitze Mütze. Dann schlenderte er, die Hände in die Taschen gesteckt und vor sich hinpfeifend, zum Hubschrauber zurück. Mit dem trappelnden Nanook an der Spitze, der gelegentlich einen kleinen Abstecher machte, bevor er wieder zu ihnen zurückkehrte, schafften die vier es vierzig Klicks tief in die Höhle von Harrisons Fjord. Schon in der ersten Stunde hatte der Pfad sie in Richtung des Fjord-Planetenorts in die Tiefe geführt. Am Anfang war die Steigung noch sehr steil gewesen, doch schon bald wurde sie sanfter. Als die Lumineszenz ihren Weg erhellte, bedurften sie der künstlichen Handstrahler nicht mehr und verstauten sie sorgfältig. »Die ist aber anders als alle Höhlen, in denen ich bisher gewesen bin«, bemerkte Diego, als sie den etwas weniger abschüssigeren Teil erreichten. »Ich bezweifle, daß du auch nur zwei Höhlen finden wirst, die sich entfernt ähneln«, bemerkte Sean mit einem Lächeln. »Hast du sie denn alle besucht?« »Nein, habe ich nicht. Das würde wohl ein ganzes Leben erfordern«, erwiderte Sean grinsend. »Mein Großvater hat die erste entdeckt. Es war allerdings eher eine Felsritze als eine echte Höhle. Natürlich wußte er, daß es unmittelbar unter der Oberfläche Höhlensysteme gab. Nach diesem Prinzip funktioniert ja schließlich die Terranisierung B. Doch daß er auf die Ritze stieß, war bloßer Zufall.« »Hat sie ihn auch in so etwas wie hier hineingeführt?« wollte Yana wissen und blickte sich um – voller Staunen und mit dem Gefühl der Willkommenheißung, das sie in den Höhlen Petaybees immer empfand. »Nicht direkt, jedenfalls Großvaters Notizen nach zu urteilen. Aber er hatte auch nicht soviel Gelegenheit, der Sache nachzugehen, wie er es gern getan hätte. Er war zu sehr damit beschäftigt, zu tun, was er konnte, um den Tieren das Leben zu erleichtern, von denen die Intergal annahm, daß sie sich gut an dieses Klima anpassen würden.« Sean schnaubte angesichts der sinnlosen Arroganz der Intergal., »Großmutter hat die heißen Quellen bei Kilcoole entdeckt und sich auf die Suche nach anderen gemacht, meinen Vater auf den Rücken gebunden, wie er erzählte, und meine älteste Tante – die, nach der meine Schwester Aoifa genannt wurde – auf einem Schlitten oder auf dem Rücken eines Lockenfells festgeschnallt. Großmutter liebte es sehr, täglich ein heißes Bad zu nehmen. Da war es ihr egal, wie weit sie laufen mußte, um zu ihrem Vergnügen zu kommen.« Sean grinste nostalgisch, denn er hatte an diesen Streifzügen teilgenommen. »Ich weiß noch, wie sie mir das Schwimmen beibrachte…« Er warf Yana einen flüchtigen Blick zu und zwinkerte sie an. »Mein Vater und seine beiden jüngeren Brüder haben viele der Höhlen entdeckt, die wir heute kennen und benutzen. Ich glaube, ich kannte ihre Lage schon, noch bevor ich überhaupt lesen und schreiben konnte.« »Was ist denn aus all deinen Verwandten geworden?« fragte Diego, der ohnehin sehr darüber staunte, daß man eine so riesige Familie haben konnte. Bunny versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen, doch Sean schüttelte den Kopf. »Was wohl? Meine jüngeren Onkel gingen zur Intergal, und mein Vater hat das Werk seines Vaters fortgesetzt, wie ich es mit seinem tue.« »Und die andere, diese Aoifa?« Diego blieb stur. Seans Augenbrauen zogen sich zusammen. »Das haben wir nie herausgekriegt. Sie ist auf einen ihrer einsamen Streifzüge gegangen – sie war viel mit ihren Katzen zum Jagen unterwegs. Ungefähr ein Jahr später hat jemand das Fell und die Knochen einer der Katzen gefunden, aber es ließ sich nicht feststellen, wie sie ums Leben gekommen war. Mehr haben wir von Aoifa nie gefunden.« Als sie das Nachtlager aufgeschlagen hatte, begab sich Diego in seine »kreative Trance«, wie Bunny es inzwischen nannte. Er bewegte gelegentlich die Lippen und stieß merkwürdige Geräusche aus, erbot sich aber nicht, etwas vorzutragen. Die Konzentration eines Sängers wurde allgemein akzeptiert. Zwei weitere Tage ging es ständig abwärts, vorbei an Seen, die von merkwürdigen Gebilden eingefaßt waren. Manche sahen wie Bäume aus, die man samt Laub und Astwerk in Silber oder Gold getaucht, hatte. Gelegentlich stieg ein Nebel auf und umwaberte ihre Füße, während sie vorwärtsschritten, um dann so plötzlich wieder zu verschwinden, wie er erschienen war. Zweimal mußten sie erst die jeweils schmälste Stelle rauschender Flüsse ausfindig machen, wo Sean dann den Haken und die Leine an einen hochgelegenen Punkt warf, damit sie sich aufs gegenüberliegende Ufer schwingen konnten. Am vierten Tag ihres Abstiegs erreichten sie eine breite Barriere aus herabgestürzten und umgefallenen Stalagmiten und Stalaktiten, die wild übereinanderlagen wie unaufgeschichtetes Feuerholz. Sean erkannte die Stelle aus Fingaards Beschreibung des Einsturzes wieder. Dahinter war ein Tosen und Rauschen zu vernehmen, was darauf hinwies, daß die See möglicherweise nach dem Einsturz hereingeflutet war. Sean und Diego versuchten, sich ihren Weg zwischen den abgebrochenen Gesteintrümmern zu bahnen, wobei sie gelegentlich auf den Kalkstein einhackten. Nur Diegos schnelle Reaktion bewahrte Sean, der die Führung übernommen hatte, davor, kopfüber in das dunkle Wasser hinabzustürzen, das von den Hindernissen eingedämmt wurde, die sie bis dahin überwunden hatten. Einen langen Augenblick, als Diego sich schnaufend von Seans Beinahe-Sturz in die dunklen Fluten erholte, spähte er über das Wasser und hielt Ausschau nach Anzeichen eines fernen Ufers. Dann hörten sie die schrillen Stimmen der Frauen und Nanooks seltsames Fauchen. »Wir sind in Sicherheit!« rief Sean, die Hände zu Schalen um den Mund gelegt, und sein Ruf hallte in der Höhle wider. Dann blickte er bestürzt drein, als sie das Getöse eines Erdrutsches vernahmen. »Höchstwahrscheinlich ein kalbender Gletscher«, sagte Sean in gefaßtem Tonfall. »Gehen wir zurück. Sie stecken zwar nicht in Schwierigkeiten, aber irgend etwas hat sie aufgeregt.« Sie entdeckten die anderen neben einem der Geröllhaufen am Außenrand der Höhle. Yana stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und starrte mit ausdrucksloser Miene zu Boden. »Nanook hat es gefunden«, sagte sie und wies mit einem Nicken zu der Stelle, wo Bunny vor einem Gegenstand kniete. Yana trat zur Seite, damit Sean das schluchzende Mädchen sehen konnte, das sich, in einem plötzlichen Anfall von Trauer zu Boden warf, um mit bebenden, tränennassen Fingern die Sohle eines gestiefelten Fußes zu berühren. Unter einem Eisblock lugte die Sohle eines zweiten Fußes hervor. Über das ganze Eis verteilt waren Kratzer der Krallen von Gonish zu erkennen, der Hauskatze, die vergeblich versucht hatte, den Mann aus seinem Grab zu befreien. Immer noch rotleuchtendes, gefrorenes Blut färbte zahlreiche weitere, noch tiefere Kratzspuren. Sean kniete neben Bunny nieder, einen Arm um sie gelegt, während er die andere Hand ausstreckte, um den Stiefel zu berühren; er fuhr mit dem Finger die Sohle und den sichtbaren Teil des Fußknöchels entlang. Das Leder war schon vor langer Zeit steinhart gefroren. Schließlich berührte Yana ihn an der Schulter. Seans stumme Trauer ging ihr zu Herzen. Er hob den Blick, und Yana sah, wie ihm die Tränen die Wangen herabströmten. »Wir könnten graben…« begann sie. Sean schüttelte den Kopf und stand auf. »Er ruht bereits im Planeten.« »Ja, der ihn umgebracht hat«, platzte Diego heraus, doch als er Seans Miene erblickte, wich er unwillkürlich einen Schritt zurück. Sean seufzte schwer. Ein Ausdruck des Bedauerns huschte über sein Gesicht, als er vortrat und Diego am Arm faßte. »Nein, das hier ist keine Frage des ›Umbringens‹.« In diesem Augenblick erhob Bunny sich und fuhr mit den Armen über ihre feuchten Wangen. Diego trat sofort auf sie zu und nahm sie in die Arme. Sie entspannte sich und schmiegte sich bebend und schluchzend an ihn. »Das weiß ich«, sagte Diego über Bunnys gesenkten Kopf hinweg zu Sean. »Bunny hat mir gezeigt, daß Petaybee zwar ein unerbittlicher Planet sein kann, daß er aber stets gerecht ist. Ich begreife das, Bunny, wirklich«, redete er auf ihren Scheitel ein. »Wenn du mein Lied hörst, wirst du das verstehen.« »Und meins«, fügte Sean leise hinzu. Diegos Augen weiteten sich respektvoll. »Dich würde ich gern singen hören.« Beinahe zerstreut strich er Bunnys zerzaustes Haar mit, einer Geste aus ihrem Gesicht, die Yana zutiefst berührte. Auch Sean entging dies nicht. »Onkel?« fragte Bunny mit zaghafter Stimme. »Heißt das, daß… meine Mutter…« Sean sah den großen Kater an, der schnüffelnd und witternd umherstrich, um sich schließlich fest an Seans Bein und Hand zu reiben. »Nanook sagt, nein«, verkündete Sean schließlich, und der Kater unterstrich es mit einem deutlichen Kopf schütteln und Niesen. In einer Geste der Hilflosigkeit spreizte Yana die Arme. »Und was sollen wir jetzt tun?« »Was mich betrifft«, erwiderte Sean, »So werde ich weitergehen. Ich kann es. Ihr drei aber kehrt zurück.« Er packte Diegos Schulter mit festem Griff, als der Junge widersprechen wollte. »Ihr könnt dabei behilflich sein, die Nachricht zu verbreiten, was in McGees Paß geschehen ist. Wir dürfen nicht zulassen, daß so etwas sich woanders wiederholt. Und falls es schon passiert sein sollte«, Seans Miene wurde noch düsterer, als sie es angesichts des Todes seines Schwagers ohnehin geworden war, »müssen wir verhindern, daß sich das Problem noch weiter ausbreitet. Yana, könntest du bitte in Erfahrung bringen, womit man Petraseal auflösen kann? Es muß doch irgend etwas geben. Wir müssen das Höhlensystem vom McGees Paß wiederherstellen.« »Ich werde schon jemanden auftreiben, der die Antwort kennt. Aber…« Yana stockte zuerst bei dem Gedanken, doch Seans fragender Blick ließ sie fortfahren. »Was ist, wenn Luzon erfährt, was Petraseal dem Planeten antun kann?« »Dann müssen wir um so dringender herausfinden, wie man in wiederherstellt. Aber die Leute müssen unbedingt gewarnt werden, damit sie ihr Zuhause beschützen können, notfalls mit ihrem Leben. Das gilt besonders für jene, die ohnehin schon auf unserer Seite sind.« »Du kannst dich auf uns verlassen, Onkel Sean«, erklärte Bunny und richtete sich mit entschlossener Miene in Diegos Umarmung auf., »Das weiß ich. Und jetzt wollen wir essen und uns ein wenig ausruhen«, entschied er und führte sie alle mit geschmeidiger Geste aus dem eisigen Mausoleum. Irgendwann erwachte Yana in dieser Nacht aus unruhigem Schlaf, als sie Seans Lippen auf ihrer Wange und Stirn spürte, seine streichelnden Hände, die auf ihrem geschwängerten Bauch kurz innehielten. Als sie am nächsten Morgen erwachte, lag Seans leere Kleidung ausgestreckt neben ihr, als hätte er sie noch an. Bis die anderen aufwachten, hatte Yana Zeit gefunden, Seans Sachen zusammenzupacken, damit Diego keine Fragen stellte, die sie ihm nicht hätte beantworten können. Der Junge war schon entsetzt genug von der Vorstellung, daß Sean Shongili ganz allein weitergegangen war. »Der ist doch verrückt! Wie will er denn in einem arktischen Ozean überleben? Ich verstehe dich nicht, Bunny. Wie kannst du nur in aller Seelenruhe dasitzen und frühstücken, als wäre heute ein Tag wie jeder andere, wo doch dein eigener Onkel…« »Mein eigener Onkel kennt Wege und Möglichkeiten, die uns nicht offenstehen«, erwiderte sie gelassen. »Was will er denn tun? Einen Röhrenwal anhalten und sich mitnehmen lassen« fragte Diego sarkastisch. Yana und Bunny tauschten Blicke. »So etwas ähnliches«, antwortete Bunny schließlich und nagte am zähen Fleisch. »Das habe ich selbst schon gesehen«, warf Yana ein, als sie Diegos wachsenden Zorn bemerkte. »Du weißt doch, daß er gut mit Tieren kann.« »Ja, aber Nanook hat er zurückgelassen.« Nanook warf Diego einen langen, abschätzigen Blick zu; dann stieß er tief aus der Kehle ein leises Geräusch hervor, halb Schnurren, halb Trost. »Ich verstehe euch einfach nicht!« klagte Diego und hob resigniert die Hände., »Jetzt kommst du der Sache schon näher«, meinte Bunny. Sie lächelte ihn an und tätschelte den Felsen neben sich. »Nun setz dich mal hin und iß. Wir haben heute noch eine lange Strecke vor uns. Und du mußt dein Lied fertigbekommen, bevor wir wieder in Harrisons Fjord sind.« »Du mußt auch noch eins fertigkriegen!« brüllte er sie an. »Diego!« rief Yana wütend zurück, wie sie es bei einem frechen Untergebenen getan hätte, »Tut mir leid«, brummte er, nahm Platz und riß wütend an seinem Streifen Dörrfleisch. Coaxtl ließ ihr Junges nicht völlig im Stich. Das Luftschiff hatte Ähnlichkeit mit anderen Maschinen, die sie schon öfter erfolgreich abgehängt hatte. Diese Fluggeräte hatten häufig Menschen befördert, die sich als Bedrohung für Coaxtl und ihre Artgenossen erwiesen. Sie verfolgte es auf flinken Pfoten und wagte sich in gefährliche Nähe einer menschlichen Siedlung, bis sie auf einer Hügelkuppe, die ihr einen guten Überblick gewährte, eine Stelle fand, wo sie und das Heim eins zu werden schienen. Von dort aus beobachtete sie abwartend. Sie sah zwar nicht, wohin das Junge ging, beobachtete jedoch, wie das Luftschiff wieder in den Himmel aufstieg, wobei es aber nur einen der Männer mitnahm. So verging eine Nacht, ein Tag und eine weitere Nacht, und noch immer wartete Coaxtl ab. Sie erblickte eine Landmaschine, die sehr schnell laufen konnte, und die ihr ebensowenig gefiel wie das fliegende Gerät. So huschte sie dem Hort entgegen. Ein Mann stieg aus. Coaxtl erkannte den Weißschwänzigen mit der gefährlichen Witterung. Er ging zu einer Stelle, wo gerade verschiedene Junge spielten. Und dort – so still, daß nicht einmal Coaxtls forschender Blick es ausgemacht hatte – saß das Junge, so klein und ruhig wie der Baum, an dem es wartete, während die anderen Menschenjungen im Schnee umhertollten. Nach einer Weile erhob sich das Junge und folgte dem Weißschwänzigen zu der Landmaschine, in der sich, wie Coaxtl bemerkte, noch ein weiterer Mann und viele Gegenstände befanden., Die Maschine raste aus dem Dorf, an dem Hügel vorbei, auf dem Coaxtl beobachtete, und wieder hinaus auf die Ebene. Coaxtl wußte, ohne zu wissen woher, daß der Mann das Junge an den Ort zurückbrachte, von dem es geflohen war. Das erschien Coaxtl töricht. Töricht von dem Weißschwanz, das Junge dorthin zurückzubringen, wohin es offensichtlich nicht wollte, und töricht von dem Mädchen, mitzukommen. Es ergab für Coaxtl keinen Sinn, daß das Mädchen an den schlimmen Ort zurückkehren wollte, von dem es doch geflohen war. Und weil es keinen Sinn ergab, konnte es auch nicht stimmen. Folglich wollte das Kind gar nicht zurückkehren. Folglich ging es den Männern auch nicht um das Wohl des Kindes – doch es war Coaxtls Aufgabe, über das Kind zu wachen. Und so verfolgte sie das Fahrzeug, blieb in Deckung, wann immer sie konnte, und bewegte sich schneller und leiser durch das Gelände als die Wolkenschatten, denen sie glich. Luzon hielt auf das Tal der Tränen zu, genau der aufsteigenden Sonne entgegen, deren Gleißen ihm trotz seiner Schneebrille das Fahren erschwerte. Das Mädchen war ihm kaum eine Hilfe gewesen, da es nicht einmal eine Karte zu lesen verstand. Es hatte ihm nur die ungefähre Richtung zeigen können, aus der es gekommen war, als er sie das erste Mal mit der Katze erblickt hatte. Er hoffte, daß es sich später noch als nützlicher erweisen würde. Das Kind sagte keinen einzigen Ton mehr, sondern saß zusammengekauert auf dem Klappsitz. Seine Finger mit den angerissenen Nägeln umklammerten das Sicherheitsnetz, als würde sein Überleben davon abhängen. Das ärgerte Matthew, der sich für einen außerordentlich guten Fahrer hielt. Er heftete den Blick auf die sogenannte Fahrbahn, der er folgen mußte, während Braddock den Kompaß nicht aus den Augen ließ, sobald das Gelände es erforderlich machte, irgendwelche Abstecher einzulegen, um Hindernisse zu umfahren, die nicht einmal das robuste Schnokel plattwalzen konnte. Nur einmal stieß das Mädchen einen Ton aus: eine Art erstickten Schrei der Erleichterung., »Was war das denn, Kleines?« fragte Matthew, wobei er sich bemühte, so gütig wie möglich zu klingen. »Nnnnnnnichts, edelmütiger Herr«, antwortete sie, und er hatte den leisen Eindruck, daß sie den Kopf nach vorn wenden mußte, um mit ihm zu sprechen. Er blickte in den Rückspiegel, konnte aber nur schneebedeckte Flächen und fleckig verschneite Berge hinter ihnen ausmachen. »Irgend etwas muß aber doch gewesen sein. Seit wir losgefahren sind, hast du kein einziges Wort mehr gesagt. Fühlst du dich in meiner Gesellschaft nicht wohl?« »Du bist sehr gütig, Herr.« »Dann kannst du doch auch deine Gedanken mit mir teilen.« »Oh, Herr, ich bin es ganz gewiß nicht wert, irgend etwas mit irgend jemandem zu teilen. Es ist nur, daß ich einen hübschen Schatten gesehen habe…« Matthew wußte sofort, daß die Antwort eine Ausflucht war, denn er konnte weit und breit nichts beobachten, das einem »hübschen Schatten« entsprach. Doch weil er das zaghafte, wortkarge Mädchen nicht noch mehr verschrecken wollte, bis es sich vielleicht völlig eingekapselt hätte, ließ er das Thema lieber fallen. Sie brauchten vier Tage mit dem Schnokel, bis sie das Tal erreicht hatten. Ziegendung war erfüllt von Trübsal und verharrte, wenn es ihr gestattet war, in Schweigen. Die Reise war für sie das gleiche, wie es der Schlaf im Tal gewesen war – eine Verschnaufpause, eine kurze Phase der Ungestörtheit, doch immer in dem Bewußtsein, daß sie wieder im Tal aufwachen würde. Sie begleitete Dr. Luzon nicht seiner Versprechungen wegen, sie zu befreien, sie zu adoptieren. Nein, sie wußte es besser, als auf derlei Dinge zu hoffen. Außerdem gehörte sie nicht zu den Personen, die irgend jemand für wichtig genug erachtete, als daß man Versprechen halten mußte, die man gemacht hatte. Sie begleitete ihn vielmehr, weil sie wußte – weil sie es mit einer stumpfen, furchtbaren Gewißheit schon immer gewußt hatte –, daß sie früher oder später wieder im Tal, erwachen und dort enden würde. Als sie mit Coaxtl in ihrem Heim gewesen war, hatte sie eine Zeitlang tatsächlich auf die Freiheit gehofft. Mit Coaxtl, die von allem frei war, erschien ihr diese Hoffnung als durchaus begründet. Doch sobald sie wieder unter Menschen gewesen war – selbst unter glücklichen, lachenden, sich zankenden Menschen; Menschen die zu unwissend gewesen waren, um zu begreifen, daß sie ihr Mitleid nicht verdient hatte; Menschen, die nur logen, die nur so taten, als wären sie dazu fähig, sich um sie zu sorgen –, sobald sie sich unter diesen Menschen aufgehalten hatte, wußte sie, daß es ihr bestimmt war, ins Tal zurückzukehren. Und wer wäre besser geeignet gewesen als Dr. Luzon, der dem Heulenden Hirten so ähnlich und unähnlich zugleich war, sie dorthin zurückzubringen? Er schlug sie nicht, versuchte auch nicht, sie an ihren schmutzigen geheimen Stellen anzufassen. Tatsächlich schien er sich überhaupt nicht für sie zu interessieren. Der einzige Schaden, den er anrichtete, bestand darin, ihr ständig mit Fragen über das Tal, über den Hirten, über die Weisheiten und das Große Ungeheuer in den Ohren zu liegen. Er bombardierte sie auch mit Fragen zu Coaxtl, doch über die große Katze mochte sie nicht sprechen, nicht einmal mit Dr. Luzon. Während des Tages zog Meile um Meile schneebedecktes Land an der Windschutzblase des Schnokels vorbei – schneebedeckte Hügel, schneebedeckte Ebenen, schneebedeckte Täler und wieder schneebedeckte Hügel. Sie kamen an halbvereisten Flüssen vorbei, an matschigen Stellen, die sie umfahren mußten, durch Wälder und über Gelände, das oberhalb der Baumgrenze lag, vorbei an Hasenpfaden und Elchpfaden und Pferdepfaden. Sie fragte sich, ob diese Pferde wohl Hörner trugen, wie jenes, das sie vor langer Zeit einmal gesehen hatte. Zu Anfang war es noch aufregend, so schnell über Land zu reisen, doch die Erregung verblaßte bald wieder, als ihr klar wurde, wie schnell sie sich damit dem einzigen Ort näherte, zu dem sie nicht wollte! Die Nächte waren schlimm, weil dann die Fragerei begann, bis ihr die Lehren des Hirten beim Einschlafen in den Ohren klingelten, genau wie früher im Tal., Nur eins machte alles erträglich. Etwas, das nur sie allein wußte: daß sich hinter dem Hügel oder zusammengekauert in einem nahen Busch, oder versteckt zwischen den Bäumen, oder vom Talrand aus beobachtend, eine einsame wolkige Gestalt ihnen aufmerksam folgte und nachts über sie wachte. Und wenn sie in der Nacht in ihrer neuen warmen Winterkleidung schwitzend erwachte, vernahm sie ein Schnurren in ihrem Geist, aus den Tiefen der Dunkelheit, und das Lied, mit dem Coaxtl sie wieder in den Schlaf lullte. Schlafjunges Schlaf und träume Wie deine Augen sich öffnen Schlaf, Junges, Schlaf und träume Vom Tag, da dein Schwanz lang sein wird Schlaf und träume Schlaf und träume Sicher im Heim, wirst du in den Schlummer gewiegt Sicher im Heim, den ganzen Tag umsäuselt Schlaf, Junges Schlaf und träume Im Zwielicht wollen wir jagen gehen. Wenn dies geschah, kehrten die Alpträume manchmal nicht wieder; manchmal erwachte sie sogar, ohne das Licht des Tages zu fürchten. Dem Tag vor ihrer Ankunft im Tal war eine ebensolche Nacht vorausgegangen. Panik und Beklemmung überfielen sie, als sie auf das Tal hinunterblickte, das nun zwar schlammig war, aber ohne Wasserfluten, mit einem neuen Mantel aus Eis und Schnee bedeckt. Sie wollte zu Dr. Luzon »Aufhören!« sagten, doch er hätte nicht auf sie gehört. Statt dessen befahl er Braddock, möglichst forsch ins Tal einzufahren, worauf sie sofort von den Gläubigen umringt wurden. Die meisten von ihnen hatten noch nie ein Schnokel gesehen. Manche riefen bestürzt: »Das große Ungeheuer!« Andere sagten: »Nein, ein Firmenengel.«, Doch als sie das Mädchen erblickten, wußten die Leute nicht, was sie davon halten sollten. Ascencion, die am Rande der Menge stand, musterte sie mit hartem Blick und machte kehrt, um kurze Zeit darauf mit dem Hirten persönlich zurückzukommen. Der Hirte sah irgendwie kleiner aus und ziemlich gewöhnlich, nicht so überlebensgroß wie sonst. Sein Kinn war glatt, um seine Reinheit vor allen anderen Männern zu betonen, die Backenbärte tragen mußten. Aus demselben Grund war sein Haar kurz gestutzt, obwohl die Frauen das ihre niemals schneiden durften, es sei denn, sie wurden für irgendeine Verfehlung bestraft. Zu Anfang schien er Dr. Luzon nicht gerade mit Freundlichkeit zu begegnen, obwohl er sich so friedlich und gelassen gab wie immer, wenn er gerade nicht predigte – bis er in einen schrecklichen Wutanfall verfiel. Doch nun sprach er leise und sanft. »Wir sind ein einsames und verlassenes Volk und leben abgesondert auf dem schrecklichen Ungeheuer, das der Buckel dieser Welt ist. Weshalb stören Sie uns da?« Matthew Luzon antwortete, und dabei schlich sich eine leise Sehnsucht in seine Stimme, wie Ziegendung sie noch nie bei ihm bemerkt hatte: »Nun, wir sind natürlich um Ihrer Weisheit willen gekommen, guter Hirte. Ich bin Dr. Matthew Luzon, ein Inspektor der Firma, und das hier ist mein Assistent Braddock Makem. Das Kind kennen Sie ja bereits.« »Ich kenne sie«, antwortete der Hirte, und seine Gelassenheit verwandelte sich in Kälte, als sein Blick auf Ziegendungs Gesicht ruhte. »Sie ist eine Verräterin, die vor dem Licht geflohen ist. Was hat ein Firmeninspektor mit ihr oder mit mir zu schaffen?« »Ich bin eine Art Sonderinspektor, Hirte«, erwiderte Matthew. »Meine Aufgabe besteht darin, die Besitztümer der Firma von Lügen zu reinigen, die die Menschen korrumpieren und verführen. Viele auf dieser Welt erzählen Lügen über sie und wollen uns weismachen, daß es sich dabei nicht nur um einen Planeten handelt, sondern um einen denkenden Organismus, hinter dessen natürlichen Abläufen Absicht und Intelligenz stehen. Das Mädchen hat mir von Ihren Lehren erzählt. Ich glaube, daß Sie die Wahrheit kennen, und ich möchte sie, gern von Ihnen erfahren. Außerdem wünsche ich, daß Sie vor der Firma Zeugnis über diese Wahrheit ablegen.« »Die Firma bedarf meines Zeugnisses?« fragte der Hirte. Ziegendung hätte eigentlich erwartet, daß dieser Vorschlag ihn erfreuen würde. In seinem Lehrgebäude stellte die Firma schließlich die große Macht dar, die ihrer aller Leben eine Wende gegeben und sie dem Unheil und der Willkür des Großen Ungeheuers ausgeliefert hatte. Er schien seine Worte genau abzuwägen, als er antwortete: »Darüber muß ich erst gründlich nachdenken. Ich werde heute abend einen Lehrvortrag halten. Sie dürfen daran teilnehmen. Aber da ist noch eine andere Sache zwischen uns. Dieses Mädchen…« »Sie hat mir von Ihren Lehren berichtet, Hirte. Sie hat mich sehr beeindruckt, und ich würde sie gern als Forschungsassistentin behalten.« »Das ist unmöglich. Wir sind vermählt. Heute soll unsere verschobene Hochzeitsnacht stattfinden. Nach der Unterweisung wird es eine Feier geben, und danach soll sie mir dienen, wie schon ihre Mutter es tat.« Mit einem geheuchelten Ausdruck freudiger Überraschung wandte Matthew sich Ziegendung zu. »Ziegendung! Da kann man ja nur gratulieren!« Sie ließ den Kopf hängen. Ascencion trat vor, nahm sie in ihre Obhut und führte sie zu dem improvisierten Zeltschuppen hinüber, der frisch errichteten Hochzeitshütte, während ihr selbsternannter Erretter ihre Flehen ignorierte, um statt dessen jenem zu gefallen, der ihr schlimmster Quälgeist war. Doch als sie hinter Ascension herschlurfte, hörte sie noch, wie der Hirte zu Matthew sagte: »Nach der Hochzeit wird sie nicht mehr Ziegendung heißen. Ab dann muß jeder sie, wie es sich für meine Frau gehört, mit ihrem neuen Namen anreden. Dolores.« Dolores: die Schmerzensreiche. Was hätte besser auf sie zutreffen können? überlegte Ziegendung. Nein, sie würde sich selbst insgeheim stets nur als Cita bezeichnen., Sie ließ es zu, daß man ihr das rituelle »Brautkleid« überstreifte, jenes mantelähnliche Kleid, das alle auserwählten Frauen trugen, wenn der Hirte sie zur Ehefrau nahm. Nachdem sie angekleidet war, ließ man sie allein, um bar aller Hoffnung die Hochzeit zu erwarten – doch plötzlich ertönten am anderen Ende des Tals Rufe, und in ihrem Geist vernahm sie Coaxtls Stimme: Es kommt ein anderer! Fürchte ihn nicht, sondern behandle ihn gut und sorge für seine Wunden. Von seiner Sicherheit hängt deine eigene und die meine ab, wie auch die aller Menschen. Denn diesen kennt das Heim sehr gut!, 11. KAPITEL Yana, Diego und Bunny erholten sich gerade von ihrem gefahrvollem, äußerst tückischen Aufstieg zum Höhleneingang von Harrisons Fjord. Ardis erzählte ihnen, daß sie Johnny Greenes Rückkehr verpaßt hätten, und so hatten sie zwei Tage in der Erwartung zugebracht, seinen Hubschrauber möglichst bald wieder landen zu sehen. Als er kam, liefen sie hinaus, um ihn unter den immer noch wirbelnden Rotorblättern zu begrüßen. Er sah müde aus, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Als der Lärm der Rotoren verstummt war, sagte er: »Ich weiß ja, daß ich spät dran bin, aber ich mußte ganz schnell noch etwas regeln. Und Neuigkeiten habe ich auch mitgebracht.« Er zerrte seinen Rucksack unter dem Pilotensitz hervor. »Aber gönnt mir erst mal ein heißes Bad und acht Stunden Schlaf.« »Und eine vernünftige Mahlzeit hast du nicht eingeplant?« fragte Ardis stirnrunzelnd. »Doch, beim Baden, Ardis, Liebstes. Und alles, was du mir vorsetzt, ist mir gut genug«, erwiderte er mit seinem charismatischen Lächeln. »Ihr seid ja schon früh zurück! Oder seid ihr noch gar nicht gegangen?« fragte er Yana, als sie sich mit Diego und Bunny in Richtung des Hauses der Souniks in Bewegung setzte. »Ach«, fügte er hinzu, als er die plötzlichen Tränen in Bunnys Augen erblickte; dann legte er ihr tröstend den Arm um die Schultern. »Mein Vater«, sagte Bunny mit erstickter Stimme. »Deckeneinsturz«, fügte Yana hinzu. »Mein Beileid, Buneka«, sagte Johnny förmlich. »Ist ja nicht so, als hätte ich ihn noch als Vater gekannt«, erwiderte Bunny mit leisem Achselzucken. »Sean ist weitergegangen. Er hofft, eine Spur von Aoifa zu finden«, berichtete Yana., Johnny grinste schalkhaft. »Marmion Algemeine hat ihre Leute und die fünf Assistenten, die Matthew – wie dumm von ihm! – zurückgelassen hat, zu der Höhle gebracht, wo der Planet nach dem Vulkanausbruch zu uns gesprochen hat.« »Was?« Johnny freute sich grinsend über den Chor erstaunter Ausrufe. »Ganz genau«, sagte er. »Und dann?« wollte Diego wissen. »Na ja, sie waren dreißig Stunden weg…«, antwortete Johnny und machte eine Kunstpause, wobei seine Augen funkelten, weil es ihm eine so diebische Freude bereitete, den Bericht in die Länge zu ziehen. »Seamus Rourke und Rick O’Shay sagte, daß es eine der harmloseren Heimsuchungen war.« »Und was ist mit Luzons Burschen passiert? Und mit Marmion? Und mit Sally und…« »Marmion hat Millard und Sally mitgenommen. Faber war unterwegs, irgend etwas erledigen«, erklärte Johnny, als Yana stockte. »Seamus schwört darauf, daß sie sich alle verändert haben, wenn auch sehr subtil. Ich kann das zwar nicht bestätigen, aber Seamus hat ja auch einen besseren Kontakt zum Planeten als ich. Er sagt, ihr Herz hätte sich verändert, auch wenn ihr Verstand es noch nicht wahrhaben will. Und er meint, wir müßten abwarten, was passiert. Sie selbst sehen das anders: Sie meinen, sie hätten nur eine halbe Stunde in einer von Nebel erfüllten Höhle zugebracht, dabei aber dreißig Stunden Arbeitszeit verloren.« Breiter konnte Johnnys Grinsen nicht mehr werden, und seine Augen blitzten. »In diesem Punkt kann ich mich einfach nur auf ihn verlassen. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, da der Planet selbst für mich zu gerissen ist.« »Es war überhaupt nichts zu bemerken? Dann haben sie den Traum gar nicht gehabt?« fragte Yana. Der Traum – eigentlich eine Art Gefühlserfahrung der Geschichte dessen, was der Planet im Laufe seiner vergleichsweise kurzen Lebenszeit hatte durchmachen müssen –, den sie mit Johnny, Sean, den Whittakers und anderen kurz vor ihrer Rettung geteilt hatte: Der wäre Matthews Knilchen doch als ziemlich erstaunliche Offenbarung erschienen. Sie hätte es gern, gehört, daß diese Kerle die volle Abreibung bekommen hätten; dann wüßten sie jetzt ohne den leisesten Zweifel, wie der Planet zu alldem stand, was ihm angetan wurde. »Ich würde mir keine Sorgen machen, Yana«, meinte Johnny. »Ich will es hoffen. Denn…« Johnny schüttelte den Kopf, ließ Bunny los und blieb stehen. »Laßt mich erst mal baden, Leute, und ein bißchen schlafen. Dann können wir uns unterhalten, wenn ich wieder einen etwas klareren Kopf habe. In Ordnung?« Also ließen sie von ihm ab und versuchten, die Zeit anderweitig totzuschlagen, während Johnny sich ausschlief – so erschöpft, daß er keinen Muskel mehr rührte, nachdem er sich auf dem Bett ausgestreckt hatte. Die Lockenfelle verlangten nach Pflege, was gut anderthalb Stunden in Anspruch nahm, während Nanook sich auf der Terrasse sonnte. Die schien ohnehin der Mittelpunkt sämtlicher Pelztiere von Harrisons Fjord zu sein. Selbst Shush, die Überlebende, war gekommen und nahm manch Reiben und Streichen und Belecken in Empfang. Yana lockerte ihre Rückenmuskeln für einen Moment, als sie sich gerade um den verfilzten Unterbauch ihres Ponys kümmerte. Sie wunderte sich über die große Aufmerksamkeit, die Shush zuteil wurde. »Machen die das mit jedem Neuankömmling?« fragte sie Bunny. In der knappen Woche seit ihrem Eintreffen im Fjord hatte Shush schon ordentlich Fleisch auf die Rippen bekommen, und so sah sie jetzt nicht mehr wie ein orangegefärbtes Häuflein Knochen mit jämmerlich dreinblickenden Augen aus. Bunny sah zu ihr hinüber und grinste. »Nö, die sind nur dabei, sie zu erziehen. Nanook meinte, das sei nötig, weil die arme Katze niemanden hatte, der ihr beigebracht hat, wie man Mitteilungen austauscht. Ihre Mutter ist ums Leben gekommen, bevor sie das Kleine unterrichten konnte. Deshalb erhält sie gerade einen… na ja, Schnellkurs, um auf den Stand von Clodaghs Katzen zu kommen. Und, außerdem…« Bunny runzelte die Stirn, weil hier weitaus mehr Katzen anwesend waren, als eigentlich der Fall hätte sein dürfen. »Da kommen wohl gerade Neuigkeiten rein.« Sie legte die Bürste ab, mit der sie ihr Pony kräftig gestriegelt hatte, und schritt zu Nanook hinüber. »Was ist los?« fragte sie und setzte sich neben ihn auf den freien Platz, den die zahlreichen orangefarbenen Leiber ihr zur Verfügung stellten. Liam Maloney ist nicht sehr erfreut darüber, was mit Dinah passiert ist, teilte Nanook ihr mit. Der Kater saß vollkommen still da und starrte Bunny mit seinen weit aufgerissenen goldenen Augen an, ließ die Nachricht in ihren Geist poltern, wie es bei allen komplizierteren Mitteilungen geschah. Akustisch konnte die Katze sich nur innerhalb des eng begrenzten Spektrums das ihr zur Verfügung stand, in menschlichen Vokabeln ausdrücken. Diese längeren Mitteilungen dagegen verlangten mehr Konzentration, vor allem bei ungeübten Empfängern wie Bunny oder Yana Maddock. Mit Sean war das eine völlig andere Sache, denn dem war es zur zweiten Natur geworden. Bunny seufzte. »Ich wußte ja, daß Liam sich aufregen würde. Aber er weiß doch hoffentlich auch, daß Dinah sich allmählich erholt und sehr gut behandelt wird?« Nanook leckte seine Vorderpfote ab, um es zu bestätigen. Er meldet, daß es in Totpferd den gleichen Ärger gibt wie in McGees Paß. Und auch in Wellington und Savoy gibt es Schwierigkeiten. Bunny dachte darüber nach. Es waren die vier Siedlungen, die am weitesten von Kilcoole entfernt lagen, und jede davon hatte sich, den Meldungen der Katzen zufolge, für die Bergbauaktivitäten ausgesprochen. Sie fragte sich, ob vielleicht jedes dieser Dörfer in letzter Zeit einen Shanachie-Wechsel zu verzeichnen gehabt haben mochte. Sie schauderte. Falls es noch mehr Leute wie Satok geben sollte, wären die Schwierigkeiten um vieles größer, als sie erwartet hatte. Und sollten die Höhlen aller vier Dörfer ebenfalls mit Petraseal, ausgekleidet worden sein… Wieder lief ihr ein Schauder über den Rücken. »Was noch?« fragte sie, weil sie spürte, daß Nanook abwartete, bis sie diese Information verdaut hatte. Satok hat diese anderen Dörfer besucht. Er hat dort überall Freunde. Die Meldungen stammen übrigens von den Wildkatzen. In keinem dieser Dörfer gibt es noch eine zweite Shush. »Verdammter Mistkerl!« »Was ist los, Bunny?« fragte Yana, von Bunnys lautem Zornausbruch erschrocken. »Aber was können wir dagegen tun?« fuhr Bunny hastig fort und bedeutete Yana mit einem Winken, ihre Tätigkeit fortzusetzen. Nanook fuhr nachdenklich mit der Zunge über seine Schwanzspitze. Clodagh ist über alles im Bilde. Es gibt noch mehr zu erzählen. Wenn der Pilotenmann nach Süden geht, müssen wir mit. »Sean ist doch nicht etwa in Gefahr, oder?« Nanook blinzelte. Wir gehen auch nach Süden. Dann streckte er sich auf dem sonnengewärmten Gestein der Mauer aus, und Bunny begriff, daß er das Gespräch damit für beendet erklärte. Sie kehrte zu Darby zurück und machte dort weiter, wo sie auf gehört hatte. »Was war denn das alles?« fragte Yana, auf Darbys Rumpf gestützt. »Nanook sagte, daß wir uns mit Johnny nach Süden begeben sollten.« Hastig fügte sie hinzu: »Nein, Nanook glaubt nicht, daß Sean in Schwierigkeiten steckt, aber er meint, daß wir trotzdem nach Süden gehen sollen.« John Greene war derselben Meinung. »Ich müßte sowieso zurück, selbst wenn ich nicht nach dem Kind sehen wollte«, sagte er. »Whit möchte, daß ich Luzon im Auge behalte. Eigentlich hätte ich ihn vor zwei Tagen in Sierra Padre abholen sollen.« Johnny grinste ohne die leiseste Spur von Reue. »Hatte einen Maschinenschaden.« Bunny blickte ihn mit hochgezogener Augenbraue an., »Oh, für Dr. Luzon werde ich schon einen richtigen vorweisen«, antwortete Johnny und wischte ihre skeptische Reaktion beiseite. »Aber ich hatte eine plötzliche Vorahnung. Und weil ich früher fast immer richtig gelegen habe, wenn diese Ahnungen stark waren, habe ich sie diesmal lieber gleich beherzigt. Also habe ich hier und dort den einen oder anderen Gefallen eingefordert und das Problem gelöst. Für alle Fälle.« Dann grinste er mit der ungezügelten diebischen Freude eines Jungen, der seinem ärgsten Feind gerade den schlimmsten erdenklichen Streich gespielt hatte und sicher war, daß niemand ihm die Schuld dafür in die Schuhe schieben konnte. »Was haben Sie denn genau getan, Hauptmann Greene?« fragte Yana in militärischem Tonfall. »Nichts, Majorin, worüber Sie sich den Kopf zerbrechen müßten.« Er legte den ausgestreckten Finger seitlich an die Nase und zwinkerte ihr zu. Doch so schalkhaft er sie auch anblinzelte – sie erkannte an seiner Miene, daß sie nichts mehr aus ihm herausbekommen würde, und so ließ sie es lieber auf sich beruhen. Sie nickte. »Etwas, das mir in einigen Tagen zweifellos große Freude bereiten wird?« »Das ist mein allerfrommster Wunsch… wenn ich bedenke, wieviel Mühe ich darauf verwendet habe. Und nun, nachdem ich gebadet, gegessen, geschlafen und noch mehr gegessen habe, sollten wir aufladen. Wenn Nanook will, daß Sie sich nach Süden begeben, dann sorgt er auch dafür, daß Sie es tun. Du kommst doch mit uns, Nanook, nicht wahr?« Der schwarzweiße Kater war zum Hubschrauber getrappelt und lugte hinein. »Er fliegt nämlich nicht gern, müssen Sie wissen«, fügte Johnny hinzu. »Kumpel, reingucken ändert auch nichts.« Nanook verkroch sich unter die zweite Passagierreihe, preßte die Rute fest an den Leib und legte den Kopf auf die Pfoten. Er war das Inbild geduldiger Fügung ins eigene Schicksal. »Schön, der wäre versorgt. Und jetzt alles an Bord.« Johnny wies Bunny und Diego an, über Nanook Platz zu nehmen, während Yana den anderen Vordersitz nahm. Dann verteilte Johnny Kopfhörer, damit sie sich auf dem langen Flug nach Süden unterhalten konnten., Sie wußten, daß irgend etwas nicht stimmte, als Loncie an der Tür erschien. »Luzon?« fragte Johnny nur und bekam einen Schwall andiner Schimpfwörter zur Antwort, die alle sehr farbig und einfallsreich waren, aber nur daraufhin hinausliefen, daß dieser ›Sohn einer räudigen Tarantel‹ La Pobrecita entführt hatte. Gezielte Erkundigungen des gesamten Ondelacy/Ghompas-Clans hatten die Information zutage gefördert, daß dieser Eiterauswurf von einem exkrementefressenden, seit Urzeiten ausgestorbenen Reptil, das selbst seine eigene Mutter ohne Scham oder ernsthaftes Zögern zerfleischen würde, sich des einzigen Schnokels in ganz Sierra Padre, Lhasa oder überhaupt auf dieser Seite von Bogota bemächtigt hatte – was, wie Juanita ja wisse, eine furchtbar lange Reise sei, besonders zu dieser Jahreszeit. »Wann ist das alles passiert?« warf Johnny hastig ein. »Am Tag, nachdem du gegangen bist, Juanito. Und ich habe geglaubt, sie wäre in Sicherheit, wenn sie mit meinen eigenen ninos spielt! Was war ich doch für eine Närrin! Was für eine Närrin!« Johnny war zu wütend, um etwas zu erwidern. Vor allem war er wütend auf sich selbst. Er hätte wissen müssen, daß Luzon vor nichts zurückschrecken würde. Wenigstens hatte der Mann bei der Entführung weder Loncie noch einem anderen Mitglied ihrer Familie ein Leid zugefügt – nicht, daß sie jemals würden beweisen können, daß es sich um eine echte Entführung gehandelt hatte. Fast hätte Johnny die beiden Tage bereut, die er sich genommen hatte, um seine eigenen Verfügungen zu treffen. Eins war jedenfalls sicher: Sie mußten handeln, und zwar schnell, wenn sie das Mädchen zurückhaben wollten. Diesmal würde er sie ganz bestimmt nicht in Luzons Klauen zurücklassen. »Hat sie denn nicht geschrien? Oder… oder sonstwas?« fragte Bunny und trat hinter Johnny hervor. »Soweit meine Kinder das mitbekommen haben, ist sie freiwillig mitgegangen«, erwiderte Loncie. »Sie hatte Angst vor dem Mann, das konnte man sehen. Aber er war ja auch von jener Sorte, dem sie, folgen würde. Einen solchen Mann zu mögen, hat man ihr beigebracht. Deshalb erlaubt sie es ihm, sie zurückzubringen.« »Akzeptiert hat sie es aber nicht, oder?« fragte Bunny, nicht nur an Loncie, sondern an alle Erwachsenen und an Diego gewandt. »Schließlich ist sie ja weggelaufen, nicht? Wir müssen ihr helfen!« Yana legte dem Mädchen beruhigend den Arm auf die Schulter. »Dafür sind wir doch hier, Rourke. Die Dama sagt doch nur, daß das arme Kind einer so gründlichen Gehirnwäsche unterzogen wurde, daß es sein Glück aufgegeben hat, weil es ihr so unvertraut vorkam, daß es ihr Angst machte.« »Genau!« Lonciana nickte nachdrücklich. »Sie sagen es. Aber kommen Sie, treten Sie ein. Das Abendessen ist fertig. In der Dunkelheit kann man diesen geheimen, abgelegenen Ort, aus dem das Mädchen stammt, sowieso niemals finden. Außerdem mußt du uns alles erzählen, was los ist, daß so ein Planetenbeschmutzer von einem kotlutschenden Blutegel wie Luzon auf unsere Welt kommt. Und außerdem müssen wir zusammen singen.« »Da haben wir ja ein großartiges Timing, Kinder«, warf Yana in dem Versuch ein, die Moral der Truppe ein wenig zu heben. »Kann sein, daß wir zwei bis drei Lieder hätten, die wir selbst weitergeben möchten. Ist irgend jemand aus diesem Dorf in Bremport dabeigewesen?« Plötzlich schossen Loncie Tränen in die Augen, und Yana verstand den Begriff ›Schmerzensreiche‹ wie noch nie zuvor. Loncies Dreifachkinn begann zu leben, und ihr Mund verzerrte sich in plötzlicher Trauer. Yana wollte sie schon am Arm berühren, doch Pablo kam ihr zuvor und stützte seine um einiges größere Frau wie ein Stahlgerüst. »Unser zweiter Sohn, Alejandro.« Nach Yanas Zählung war dies der letzte Petaybeeaner, der bei dem Vorfall ums Leben gekommen war. Sie seufzte erleichtert und ließ sich ins Haus begleiten. »He, eine Gitarre!« Es platzte förmlich aus Diego heraus. Dann errötete er prompt, als ihm klar wurde, daß seine Begeisterung im, Augenblick, nachdem gerade erst die Gefallenen von Bremport zur Sprache gekommen waren, nicht gerade taktvoll war. »Du magst Gitarre?« fragte Lonciana, und ihre Miene hellte sich auf. »Ob ich Gitarre mag? Ich habe versucht, eine zu bauen.« Diego griff in seinen Rucksack und zog den Hals hervor, den er so geduldig geschnitzt hatte. »Que hombre!« Lonciana umarmte ihn wie einen lange verschollenen Freund. Diego grinste, als sie ihn umschlang – und es geschah mehr als Billigung ihrer Begeisterung denn aus Verlegenheit. Als erstes wurde gegessen. Dann schickte man verschiedene junge Ondelacy-Ghompasse los, um dem ganzen Dorf mitzuteilen, daß es heute einen besonderen Liederabend geben würde: Es war zwar zu spät, um ein richtiges Latchkay vorzubereiten, aber es herrschte kein Zweifel darüber, daß es wenigstens Selbstgebrannten und etwas zu Futtern geben würde. »Ich dachte, der Selbstgebrannte wäre Clodaghs Spezialität«, bemerkte Yana, als sie sich vor dem Abendessen wusch. Johnny grinste. »Der Norden scheint wohl doch kein Monopol auf alle guten Sachen zu haben, Yana. Hätten Sie sich von unten hochgearbeitet wie ich, statt auf die Offiziersakademie zu gehen, wo ja nur wenige Kandidaten aus Petaybee teilnehmen, dann hätten Sie etwas von der Freude kennengelernt, die darin besteht, Selbstgebrannten zu vergleichen. Jedesmal, wenn Loncie aus dem Urlaub zurückkehrte, brachte sie eine Fuhre mit. Wir haben ihr Rezept ›Alter Armadillo‹ getauft, weil das Zeug so hervorragend gegen die Unbill des Schicksals wappnet. Die Gewürze, die Loncie verwendet, verleihen ihm etwas mehr Biß als den apfelweinähnlichen Sorten im Norden.« Bunny, die gerade beobachtete, wie Pablo dem verzückten Diego erst die Techniken des Gitarrespielens und dann die Töne vorführte, die man mit dem Dudelsack erzeugten konnte, sagte: »Die scheinen hier im Süden noch eine ganze Reihe anderer Dinge zu haben, die wir im Norden nicht kennen.«, Lonciana bereitete die Bohnen auf eine Weise zu, deren Geheimnis zu erfahren Yana ihren rechten großen Zeh gegeben hätte. Das Gericht war äußerst schmackhaft und sättigend und stillte sogar Yanas herzhaften Appetit. Dann wurde sofort der Tisch abgebaut und aus dem: Hauptzimmer getragen, in das man statt dessen nun Stühle, Bänke, Schemel und alte Kisten stellte. Wieder wurde die Gitarre von der Wand genommen, und Yana erkannte einen runden Gegenstand mit in den Rahmen eingelassenen klingenden Teilen als Tambourin. Lonciana war in der Küche beschäftigt, wo sie mit ihren ältesten Töchtern den Selbstgebrannten mixte, während Pablo, Johnny und die älteren Ondelacy-Jungen sich daranmachten, die eintreffenden Besucher in Empfang zu nehmen. Wieder einmal mußte Yana staunen, wie ein kleines petaybeeanisches Haus sich schier unendlich auszudehnen schien, um so viele Menschen aufzunehmen. Schließlich war nur noch ein kleiner Platz um den hohen Hocker herum frei, den man in der Mitte des Zimmers für die Sänger aufgebaut hatte – zu denen auch Yana gehörte, die wahrscheinlich sogar als erste an die Reihe kommen würde. Bunny und Johnny hielten ihren und Diegos Becher mit Selbstgebranntem, als Diego verkündete, daß sein Lied ebenfalls fertig sei. Yana hatte schreckliche Sehnsucht nach Sean, doch Johnny führte sie zu dem Hocker, ließ sie darauf Platz nehmen und nahm den Becher entgegen, nachdem sie ihn geleert hatte. »Das ist Majorin Yana Maddock, die in Bremport dabei war und nun zu uns gehört«, führte Johnny sie mit schlichten Worten ein. »Sie hat ein Lied für euch.« Die Stille besaß verschiedene Qualitäten, wie Yana wußte von jener vollkommenen Lautlosigkeit, die sie auf ihren wenigen Raumspaziergängen nicht gehört hatte, bis zu jenem erwartungsvollen Schweigen, das hoffnungsfroh oder bang sein mochte, sowie die bösartige Haltung nach dem Motto: ›Nun zeig mal, was du kannst‹. Diese Stille jedoch war erwartungsvoll, beinahe ehrfürchtig. Es erschreckte Yana so sehr, daß sie zu singen begann, um dem ein Ende zu setzen, was ihre Ohren nicht vernahmen., Nachdem sie die ersten Zeilen zum Besten gegeben hatte, begann sie, das Singen zu genießen, obwohl sie das Lied, das sie vortrug, sicherlich nie rückhaltlos erfreuen würde. Vielleicht würde sie ja schon bald, wie Sean es angedeutet hatte, Freude daran haben, selbst ein Lied zu komponieren. Auch ich wurde hierher geschickt, um zu sterben, hier, wo der Schnee lebt, Wo das Wasser lebt, wo die Tiere und die Bäume leben. Und ihr. Und nun lebe ich. Erst als sie die letzten Worte schon gesungen hatte, fiel Yana auf, daß sie sie dem Lied hinzugefügt hatte. Dann kamen Lonciana und Pablo auf sie zu und nahmen sie bei den Händen, drückten sie an ihre Wangen, benetzten Yanas Finger mit ihren Tränen. Und sämtliche Ondelacy-Kinder erfaßten ebenfalls ihre Hände und lächelten sie mit umwölkten Augen schüchtern an. Nun ertönten auch andere lobende Stimmen, und Yana schaffte es ohne fremde Hilfe, vom Hocker aufzustehen. Bunny führte Diego zum Hocker. Der Blick des jungen Mannes zeigte eine Zielstrebigkeit, die er bisher noch nie an den Tag gelegt hatte, wie Yana bemerkte. Langsam wurde er wirklich erwachsen, und die Ereignisse in McGees Paß hatten ihn reifen lassen. »Dies ist Diego Metaxos, der mit mir in McGees Paß war und sein Leben riskiert hat, um mich zu retten«, verkündete Bunny und preßte Diegos Hand noch einmal. »Er hat ein Lied, das alle hören müssen.« Diego legte den Kopf zurück, verengte die Augen zu Schlitzen und stemmte die Hände auf die Oberschenkel, die Füße in die unteren Querstreben des Hockers gehakt. Tief ist der Ort der Verbindung Wo Nebel und Eis und Gestein warm sind Von etwas, das mehr ist als Freundschaft Mehr als Vater- oder Mutterliebe, Voll Fürsorge und Verständnis. Wir alle lieben diesen Ort der Verbindung., Es ist unser Ort, unser Ort, unser Ort. Seine Stimme, inzwischen ein fester Bariton, wurde immer intensiver, als er den Satz wiederholte. Dann nahm er den Tonfall eines Geschichtenerzählers an, der dazu gezwungen war, Wahrheiten zu berichten, die ihm mißfielen. Es gibt Leute, die glauben nicht, daß unser Ort Der unsere ist und dies schon war, seit Männer und Frauen hierherkamen. Sie gehörten einst zu uns und kannten die Verbindung. Sie gingen fort, und in den Jahren ihrer Abwesenheit lernten sie Viel Böses und Selbstsucht und Habgier, gefühllos, unfreundlich, sich selbst am nächsten, und dies immer. Im Wissen um Dinge, die binden und treffen und bedecken, Sind sie zurückgekehrt, um böse zu machen, was gut war. Wieder nahm er einen anderen Ton an, gefärbt von einer Verbitterung, die Yana beunruhigt zusammenzucken ließ, eine Verbitterung, die alle seine Zuhörer empörte. Warum stehlen, was uns gehört, damit es nur noch einer besitze? Warum den vielen die Verbindung rauben und die Hoffnung und den Frieden in Zeiten der Sorge? Warum die Wahrheit vergraben? Warum unseren Planeten bei lebendigem Leib beerdigen! Entsetztes Keuchen quittierte diesen Satz, doch Diego ließ nicht locker. Denn lebend wurde er beerdigt, in ungehörtem Schrei Zu McGees Paß. Das Gestein verkohlt, Die Wurzeln erwürgt, Der Boden verkohlt. Weißer Tod wie, Deine Schneehaut Von jemandem, ähnlich Und doch unähnlich Einem Sohn. Welcher Sohn wünscht seinem Vater den Tod? Welcher Sohn verlangt nach unverdienter Ehre? Frauen geschändet und Dörfer verschreckt Und ihres Orts der Verbindung beraubt Und der sanften, heilenden Nebel, Der sanften Berührung, die uns tröstet, Des Geistes, der uns nährt. Uns alle! An diesem Abend versetzte Diegos Lied sämtliche Zuhörer in Empörung und Zorn. Bunny war so stolz auf sein Lied und den Vortrag, daß sie vor Freude zitterte. Und dann, nachdem sich alle wieder etwas beruhigt hatten, erzählten die beiden jungen Leute, was in McGees Paß geschehen war, und schilderten Satoks Verrat. Vom Selbstgebrannten beschwipst, bekam Yana doch noch einiges von den Streitgesprächen mit, die bis spät in die Nacht dauerten, begleitet von Gitarre, Fidel, Flöte, Tambourin, Maracas und Kastagnetten. Doch sie, Loncie und Johnny hatten – wie Bunny möglicherweise einmal auch – den Entschluß gefaßt, daß die wichtigste Aufgabe darin bestand, La Probrecita vor dem Heulenden Hirten zu retten. Loncianas Beschreibung zufolge war der Mann noch schlimmer als Satok, wenn er darauf bestand, ein vorpubertäres Kind zur Frau zu nehmen, obwohl er bereits vier oder fünf Ehefrauen hatte. Man hatte Yana gründlich gelehrt, die Sitten und Gebräuche einheimischer Völker unangetastet zu lassen. Doch sie war hier nicht einheimisch, und die Vorstellung einer erzwungenen Heirat war ihr ein Greuel. In dieser Nacht fügten sie das, was La Probrecita erzählt hatte, zusammen und gelangten zu einem ziemlich genauen Schluß, wo sich das Tal der Tränen befinden mochte. Johnny vermutete, daß es sich um ein Tal irgendwo in der Nähe der Mündung des Lacrima in der Sierra Padre handeln dürfte. Bei gutem Wetter sollte es eigentlich keine Schwierigkeit sein, dorthin zu fliegen. Und falls sie auf Luzon, trafen, würden mindestens zwei von ihnen den Kerl im Schneewelpen verfolgen können, einem Schnokel für zwei Personen, das Johnny praktischerweise im Gepäcknetz untergebracht hatte., 12. KAPITEL Dr. Whittaker Fiske hatte die kodierten Nachrichten Johnny Greenes mit Sorge und beträchtlicher Bestürzung empfangen – vor allem die zweite, die Johnny ihm nach seiner ersten Rückkehr in den Norden übersandte. Er hatte den Plan des Piloten sofort gebilligt und ihm alle Unterstützung gewährt. Indem er einige Gefallen einforderte, die man Johnny schuldete, und der Sergeantin der Materialausgabe einen Urlaub auf einem tropischen Planeten ihrer Wahl zusagte, hatte Fiske dafür gesorgt, daß die gesamten Petraseal-Bestände des Raumhafens mit höchster Dringlichkeitsstufe von verschiedenen Stellen angefordert wurden. Auf Johnnys Vorschlag hatte man die Petraseal-Kanister in einen einzigen Tank gefüllt und unverzüglich abtransportiert, worauf die leeren Behälter mit der Aufschrift ›Petraseal‹ die letzten Vorräte an weißer Farbe aufnahmen, die man auf Petaybee nur selten und allenfalls zu Tarnungszwecken benutzte. Doch die Umsetzung von Johnnys Plan und seine eigene Arbeit im Raumhafen hatten Fiske keine Zeit gelassen, zu Clodagh zurückzukehren und sie hinsichtlich der ernsten Konsequenzen dessen zu warnen, was in McGees Paß vorgefallen war. Er machte sich Sorgen, wie Clodagh es aufnehmen würde. Sie war eine erstaunliche Frau, von unkonventioneller Schönheit, intelligent, klug und gütig. Doch alles, was Petaybee widerfuhr, betrachtete sie sehr persönlich. Vielleicht gäbe es überhaupt kein Problem, wenn es alle so hielten. Doch selbst nach seinem Erlebnis in der Höhle blieb Fiske eine gewisse Distanz, die ihn daran hinderte, diese Art von Verbindung zu etwas einzugehen, das er einst für ein Werk seiner Familie gehalten hatte. Dafür empfand er aber Verbindlichkeit gegenüber Clodagh – eine sehr viel engere, als er sie seit langer Zeit gegenüber irgendeinem Menschen empfunden hatte, seinen Sohn möglicherweise (vielleicht auch ausdrücklich) eingeschlossen. Am Morgen nach Greenes zweitem Funkspruch begab Fiske sich zu Fuß nach Kilcoole. Der Wasserspiegel des Flusses hatte sich ein, wenig gesenkt, nachdem die ersten getauten Schneemassen abgeflossen waren, doch er führte immer noch Hochwasser. Whit Fiske wußte, daß Clodagh nicht zu Hause war, noch bevor er an die Tür geklopft hatte. Keine Katzen in den Fenstern oder auf dem Dach oder auf den verschiedenen Gegenständen auf dem Hof. Er spähte durch die geöffnete Tür in das ordentliche, leere Haus und ließ den Blick über Kilcooles einzige, schlammige Straße schweifen. Der Ort wirkte noch verlassener als früher. Er rief ein paarmal nach Clodagh. Als er keine Antwort erhielt, schlenderte er zu Yana Maddocks Behausung hinüber. Dort saß wenigstens ihr Kater Marduk vor der Tür und sprang auf, als hätte er auf Whit gewartet. Na ja, bei diesen Katzen war alles möglich. In diesem Augenblick öffnete ich die Tür des Hauses gegenüber, und Frank Metaxos steckte seinen vorzeitig ergrauten Schädel aus der Öffnung. Der Mann sprach immer noch ein wenig schleppend, hatte aber keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Wrack, das er noch wenige Wochen zuvor gewesen war. »Wie läuft es, Frank?« fragte Whit. »Ich finde es furchtbar, hier festzusitzen«, erwiderte Frank. »Haben Sie etwas von meinem Jungen gehört?« »Ja, habe ich tatsächlich«, erwiderte Whit liebenswürdig. »Es geht ihm gut. Ist allen eine große Hilfe gewesen. Sagen Sie mal, haben Sie zufällig Clodagh gesehen?« »Ich glaube, die ist bei den Quellen. Marduk«, mit einem Nicken wies Frank auf den Kater, »kennt den Weg. Allerdings werden Sie wohl zu Fuß gehen müssen. Die Lockenfelle sind alle unterwegs mit den Leuten, die ihre Nachbarn besuchen.« ›Die Nachbarn besuchen‹ war der Ausdruck, den die Bewohner von Kilcoole verwendeten, um ihre Aufklärungsreise in die Nachbardörfer zu umschreiben. Whit war nicht sonderlich überrascht. Schließlich stammten diese Leute zur Hälfte von jenen Iren ab, die einst ihren eigenen, jahrhundertealten Guerillakampf als ›die Schwierigkeiten‹ und einen gewaltigen internationalen Krieg als ›den Notfall‹ zu bezeichnen pflegten., Whit folgte Marduk durch die kniehohe Vegetation, die unter dem Schnee im Hinterhalt gelauert und auf die Tauperiode gewartet hatte. Am Himmel zwitscherten Vögel und flatterten umher, sowohl kleine, hübsche Singvögel als auch große, krächzende Raben. Im Unterholz raschelten kleine Lebewesen; ein roter Fuchs huschte über den Weg. Marduk kletterte hastig einen Baum hinauf, als der Fuchs vorbeikam, und zischte und spuckte dem silbernen Streif hinterher, den das Tier ins hohe Gras geschnitten hatte. Whit fand Clodagh an den Quellen, nicht nur von ihren eigenen Katzen, sondern von allen möglichen Tieren umringt, darunter auch ein großes, kräftiges Lockenfell. Sie standen, lagen oder saßen und beobachteten sie, wie sie eine Fülle von Pflanzen, die an den Ufern der heißen Quellen wuchsen, pflückte und voneinander trennte. Ihr üppiges, welliges schwarzes Haar lag zu Zöpfen geflochten im Kranz um ihr Haupt; Schweiß rann ihr bei der Arbeit über Gesicht und Hals. »Släinte, Whittaker«, sagte sie, ohne den Blick zu heben. »Selber Släinte, meine Liebe. Was, zum Teufel, tust du hier?« »Ich pflücke Pflanzen«, erwiderte sie. »Das sehe ich«, erwiderte er trocken. »Pflückst du bloß diese besonderen Pflanzen an den Quellen, oder hast du die Absicht, persönlich das ganze Gebiet zwischen hier und Kilcoole zu roden und zu entlauben?« Sie erhob sich, die Hände auf den breiten Rücken gelegt. »Nur die hier«, erwiderte sie lächelnd. »Ich könnte Hilfe gebrauchen. Ich habe es ein wenig eilig.« »Mache ich gern. Ich furchte allerdings, daß ich eine schlechte Nachricht mitbringe.« »Willst du mir von dem Burschen erzählen, der einige Orte der Verbindung versiegelt hat? Der den Planeten verstummen ließ und sämtliche Leute in McGees Paß um den Finger wickelte?« »Hm, ja.« »Na ja, davon habe ich schon gehört.«, »Tatsächlich?« fragte er verblüfft; dann aber schüttelte er begreifend den Kopf. »Natürlich. Ich nehme an, deine üblichen Informanten haben dich bereits aufgeklärt.« »Gewissermaßen. Die Katzen haben lange gebraucht, um es in Erfahrung zu bringen, weil er sie alle bis auf eine umgebracht hat. Aber diese eine hat es meinen Katzen erzählt, und die wiederum haben es mir berichtet. Sie haben gesagt, daß dieser Mann irgendeinen weißen Mist in die Höhle gebracht hat, der den Fels verschmilzt – ein Zeug, mit dem man die Wände von Bergwerksminen verfestigt.« »Ja. Petraseal. Das hat mir Johnny Greene auch berichtet. Es ist eine sehr schlimme Nachricht, Clodagh. Wenn unsere Gegner bei der Intergal erfahren, daß es etwas gibt, womit man eure Verbindung zu dem Planeten dauerhaft unterbrechen kann, werden sie es möglicherweise benutzen.« »Ja«, erwiderte sie ernst. »Das habe ich mir auch schon gedacht. Und ich habe mir Sorgen deswegen gemacht. Deshalb bin ich hierhergekommen – um mit Petaybee zu sprechen.« »Ich nehme nicht an, daß der Planet sonderlich glücklich darüber ist.« »Ganz bestimmt nicht.« »Hat er irgendwelche Vorschläge?« »Na ja, nicht ausdrücklich. Nur frage ich mich mittlerweile, was wohl wäre, wenn dieses Zeug nicht immer funktioniert? Was ist, wenn es etwas gibt, das stärker ist? Das es durchdringen kann? Und weißt du was? Plötzlich habe ich den Blick gesenkt und gesehen, wie dieses Coo-Beeren-Gestrüpp durch den Höhlenboden wächst. Und als ich dann hierherkam, da ist mir etwas aufgefallen, was ich zuvor nie beachtet habe. Du weißt, wie das ist?« »Allerdings«, meinte Whit nickend. »Jedenfalls hatten wir hier eigentlich noch nie Probleme mit Coo- Beeren. Dabei sind Coo-Beeren ein Problem. Sie sind so gut wie unverwüstlich und wachsen durch alles hindurch. Begreifst du, worauf ich hinauswill?« »Ich denke schon. Bist du sicher, daß es funktioniert?«, Sie zuckte die Schultern; dann wies sie ihm eine Stelle an, wo er mit dem Pflücken beginnen sollte. Die Beeren hatte spitze Dornen. »Wenn wir erst einmal einen Haufen gepflückt haben, wickeln wir sie in Blätter ein. Dann sorgen unsere größeren, schnelleren Freunde hier dafür, daß sie ordnungsgemäß ausgeliefert werden.« Mit einem Nicken wies sie auf die Tiere. Jetzt war es an Whit, die Achseln zu zucken, während er die Ärmel hochkrempelte und mit dem Pflücken begann. Satok hatte kein Problem, die Verfolger aus McGees Paß abzuschütteln. Zum einen war er durchtrieben und hatte eine Menge Freunde und gewaltige Ressourcen. Zum anderen gehörte zu diesen Ressourcen ein Shuttlefahrzeug, das Satok etwa eine halbe Stunde von seinem Haus entfernt in einem geheimen, getarnten Schuppen untergebracht hatte, nahe genug, um es schnell zu erreichen, und weit genug vom Zentrum des Geschehens entfernt, um nicht von anderen entdeckt zu werden. Zuerst flog er nach Totpferd, dann nach Wellington und Savoy. Drei ehemalige Schiffskameraden Satoks, die allesamt die Stellung kürzlich verschiedener Shanachies eingenommen hatten, waren bereits damit beschäftigt, die Bewohner ihrer Siedlungen zu ihrer Version dessen zu bekehren, ›was der Planet wollte‹. »Ich begreife das Problem nicht«, sagte Reilly, Savoys neues Oberhaupt, als er mit Satok zusammensaß und einen hob. »Diese Leute glauben sowieso alles, was man ihnen erzählt. Erzähl ihnen doch einfach, daß die Bewohner von McGees Paß durchgedreht sind oder so etwas.« »Dein Problem ist, daß du nicht weitsichtig genug bist, Reilly«, versetzte Satok. »Die Gören sind entkommen. Die Leute aus McGees Paß haben sich über viele Orte verteilt. Sie wissen von der Höhle. Nun besteht das Problem eigentlich nicht darin, was sie von uns halten, sondern in der Gefahr, daß uns Konkurrenz entsteht. Das Petraseal zu verwenden, war meine Idee. Herauszubekommen, wie wir das Petraseal benutzen, ohne daß der Planet uns dabei in den Wahnsinn treibt, war ebenfalls meine Idee. Dafür will ich die entsprechende, Anerkennung. Ihr Jungs bekommt natürlich auch, was euch zusteht. Aber wenn dieses Untersuchungskomitee das Petraseal sieht, bevor wir unseren Finderlohn reklamiert haben, kriegt die Intergal alles, und es bleibt nichts für irgend jemand anders übrig.« »Schön, was willst du dann von uns?« »Erzproben, natürlich, und möglichst wenig Aufsehen, bis ich mit einem hohen Tier von der Firma aufkreuzen kann, um ihm unsere Ausbeutungsmethode zu verkaufen.« Er schnippte mit den Fingern nach der Schlampe, die den Fusel servierte, damit sie noch eine zweite Runde brachte. Dieses Zeug war stärker als der Selbstgebrannte, auch wenn man die Wirkung dieses dämlichen Planeten hinzurechnete, den er bei der Neutralisierung von Rauschmitteln aller anderen einheimischen Getränke oder Lebensmittel hatte. Glücklicherweise hatte Satok schon zwei Tage lang wenig anderes zu essen oder zu trinken bekommen. Das Mädchen kam ihm bekannt vor – zweifellos eine der von ihm Verstoßenen. Die hatte sich allerdings mächtig gehenlassen. Huschte mit niedergeschlagenem Blick durch die Gegend, trug häßliche, unförmige Kleider und hatte schmutziges, strähniges Haar und blasse Haut, von blauen Flecken übersät. Manche Frauen hatten einfach keine Selbstachtung. Wenn sie in diesem Zustand in sein Dorf gekommen wäre, hätte er sie nicht einmal mit der Kneifzange angefaßt. »Na schön, wann brauchst du die Proben?« »Sofort«, knurrte Satok. »Oder hast du nicht zugehört? Ich will das Shuttle mit dem besten Material beladen, das ihr habt.« »Woher sollen wir denn wissen, daß du damit nicht einfach abhaust?« »Weil hier noch eine Menge mehr zu holen ist. Was wir bisher aus dem Boden geholt haben, ist gar nichts! Du darfst nicht so kleinkariert denken. Außerdem müssen einige von euch mitkommen, um mir beim Entladen zu helfen.« »Wohin bringst du dieses Zeug denn?« Er zuckte die Schultern. »Zunächst einmal zum Raumhafen.«, Die Kälte des eisigen Wassers war für Sean ein heftigerer Schock als sonst, weil er sich gerade eben noch so warm um Yana geschlungen hatte. Aber es war ohnehin stets der erste Teil seines Selbst, der beim Eintritt ins Wasser dieses Trauma erlebte. Trotz der geradezu lähmenden Kälte zwang er sich zum Sprung in das gefrierende, dunkle Gewässer. Die Verwandlung setzte abrupter ein denn je – der hochgradigste Selbsterhaltungstrieb. Als das Wasser sich schließlich über Seans sich veränderten Kopf schloß, vernahm er das Hin und Her genau jener Töne, auf die er gehofft hatte. Er sandte seinen Ruf aus und spürte das Wogen des Wassers, als ein Röhrenwal ihm antwortete. In seiner menschlichen Gestalt hätte er den Stoß des riesigen Säugetiers wohl kaum überlebt, doch die Robbe war weniger verletzlich. Er ließ eine Flosse das feste Fleisch des Wals entlangfahren, um sich so weit nach vorn zu befördern, bis er das vergleichsweise kleine Walauge erreicht hatte. Dann hob er eine Flossenhand so hoch über das Auge, wie nur möglich, und teilte dem Wesen mit, was er wollte. Erinnerst du dich noch an den Ort, bevor er einstürzte? Ja. Bring mich zur anderen Seite. Wie du wünschst. Sean-Selkie hatte gerade noch Zeit, sich einen Halt an der Seitenflosse zu verschaffen, als er auch schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit nach vorn schoß. In diesem lichtlosen Medium kam die Reise ihm sehr lange vor. Schließlich hielt der Röhrenwal inne, so abrupt, daß Sean-Robbe mit einem Purzelbaum nach vorn schoß, an den ungerührten Augen des Wals vorbei und die eisverkrustete Steigung eines Tunnels hinauf, der sich auf subarktische Meere öffnete. Du warst mir eine große Hilfe, und dir gebührt meine Dankbarkeit. Du bist bekannt, und dein Verlangen findet Beachtung. Dann verschwand der Wal, sein merkwürdiges Lied singend, auf das in der Ferne leise Antwort ertönte, wie Sean-Selkie vernahm, in ebendiese Richtung schwamm der Röhrenwal nun auch davon. Sean-, Robbe schaute ihm hinterher, bis das Peitschen seiner Flossen im dunklen Meer verschwunden war. Nun stieg er in den Schlund dieses Teils der unterirdischen Verbindung zwischen den Kontinenten mit seinen leuchtenden Wänden und dem nebelfeuchten Boden. Er war kaum mehr als ein paar hundert Meter weit gekommen, als er auch schon wußte, daß Aoifa und ihre Katze es bis hierher geschafft hatten. In einem kleinen Loch lag, säuberlich aufgehäuft und gefroren, aber deutlich auszumachen, ein wenig tierischer Kot, umringt von Krallenabdrücken, die bewiesen, daß die Katze ihren Sinn für Anstand noch nicht eingebüßt hatte, obwohl sie nicht imstande gewesen war, ihre Exkremente zu vergraben. Und vier Schritte weiter waren auch menschliche Exkremente zu sehen. Sean-Selkie seufzte erleichtert und kroch die lange Steigung hinauf, durch riesige Höhlen – Fischskelette – an Teichufern, und er nutzte die Gelegenheit, hineinzuspringen und sich selbst zu versorgen, um Kraft für diese lange, einsame Reise zu schöpfen. Und er entdeckte auch die zusammengeknüllten Verpackungen von Reiseproviant. Sean-Robbe wußte nicht genau abzuschätzen, wie weit und wie lang die räumliche und zeitliche Strecke war, die er zurücklegte. Als Robbe kam er sicherer und ökonomischer voran; und da er keine Kleidung für seine Menschengestalt mit sich führte, gab es allen Grund, so weiterzumachen. Als er schließlich wieder ans Tageslicht heraustrat, wo die Sonne ihn blendete, stolperte er ohne jede Vorwarnung in die Gefahr. Am angreifbarsten war er während des Prozesses der Verwandlung, da der Übergang seine Sinneswahrnehmung beeinträchtigte, vor allem Sicht und Gehör. Der erste Pfeil traf ihn in die Wade, als diese sich gerade aus einer Flosse formte, immer noch mit fleckigem Fell bedeckt. Der zweite Pfeil hätte ihn getötet, wäre da nicht eine Wildkatze gewesen, die ihn beiseite stieß. Fauchend wachte die Katze über ihn, stellte sich gegen die zerlumpten Menschen, die den Höhleneingang umgaben. Eine Tatze mit ausgefahrenen Krallen erhoben, gebot sie ihrem Vormarsch Einhalt. Danke, Wolkige. Ich bin dir ein Leben schuldig. Kannst du mit mir laufen?, Muß erst den Übergang beenden. Kann weder laufen noch schwimmen, nicht so, nicht mit dieser Beinwunde. Geh du nur. Da ist ein Gewehr auf dich gerichtet. Geh schnell. Mich halten sie für wehrlos. Mit einem letzten Satz nach vorn, der die zerlumpten Kreaturen schreiend davonstieben ließ, wenn auch das Bewaffnete sich nicht von der Stelle rührte, fuhr die Katze herum und huschte in die Höhle zurück, wo sie bald verschwand. »Kümmert euch nicht um die Katze. Die gibt es im Dutzend billiger. Ergreift dieses Ungeheuer! Es darf nicht entkommen!« Und so erfuhr Sean-Selkie, der im Augenblick weder Mensch war noch Robbe, die Demütigung, gefesselt zu werden, und die Qual, daß ihm ein Pfeil aus dem Fleisch gerissen wurde. Selbst Robben konnten das Bewußtsein verlieren. Als Sean wieder zu sich kam, erschauerte er; denn er schien an einem dumpf stinkenden, dunklen Ort in einer Pfütze aus grießigem kalten Wasser zu liegen. Seine Robbenaugen – schärfer als die eines Menschen – zeigten ihm, daß er allein unter einem Haufen von Bündeln und Kisten in einem Zelt aus schlecht gegerbten Häuten lag; danach stank auch die Luft, ebenso nach dem Schimmel ständiger Feuchtigkeit. Er war an den Boden gefesselt, und die Wunde an seinem Bein schmerzte. Sean begriff, daß es nicht sinnvoll gewesen wäre, seine Verwandlung in einen Menschen fortzusetzen, denn als Robbe waren seine Gliedmaßen schlanker und geschmeidiger. Menschenknöchel und Handgelenke würden die Fesseln als enger empfinden. Er peitschte das Wasser unter sich, versuchte, sich ausreichend selbst zu befeuchten, um die vollständige Rückverwandlung in eine Robbe zu beschleunigen, trotz seiner Wunde. Doch es war fruchtlos. Das geschmolzene Eiswasser war zu seicht, und so blieb er halb verwandelt, die Beine knieabwärts, wie auch die Arme, die eines Menschen, während der überwiegende Teil seines Körpers der einer Robbe blieb. Seine erwachenden Sinne nahmen nach und nach Außengeräusche wahr. Er konnte ein großes Feuer riechen, und er hatte eine, schreckliche Vorahnung, was ein solches Feuer für ein gefangenes ›Ungeheuer‹ bedeuten mußte. Er hörte den Lärm vieler Menschen, die sich gemächlich bewegten, sowie zwei männliche Stimmen, welche die gedämpften Geräusche der anderen mit Befehlen durchsetzten. Doch sie waren zu leise, als daß Sean sie hätte verstehen können. Noch während er versuchte, den Lärm in Gespräche zu übersetzen und die Befehle zu verstehen, vernahm er plötzlich andere, leisere Geräusche. Dann spürte er, wie etwas an seinen Fußfesseln sägte. »Ich schneide dich frei, Ungeheuer«, teilte ihm eine verängstigte Stimme beim Sägen mit. »Coaxtl sagt, ich muß dich befreien. Daß du in Wirklichkeit gar kein Ungeheuer, sondern ein richtiges Wesen bist und mich retten kannst. Coaxtl war meine Freundin, und sie war gut zu mir. Hier sind sie nicht gut zu mir.« Sean vernahm ein leises Aufstoßen und ein Schluchzen, und mit einem Mal wurden die Bemühungen des verängstigt flüsternden Wesen belohnt, und die Fesseln lösten sich. Nestelnde Finger wickelten den Rest des feuchten Leders von Sean-Selkies Füßen. »Bitte, friß mich nicht, Ungeheuer. Ich muß dir helfen.« Ich werde dich nicht fressen, Kleines, sagte Sean, denn wenn sie mit Coaxtl hatte sprechen können, die er nun mit der umwölkten Leopardin gleichzusetzen wußte, die ihm das Leben gerettet hatte, würde auch sie ihn vernehmen. Ich bin Coaxtl dankbar. Außerdem bin ich kein Ungeheuer, das jenen Schaden zufügt, die es retten. »Der Heulende Hirte sagt, daß sie dich auf dem Feuer braten werden.« Wieder entrang sich ein herzzerreißendes Schluchzen den Lippen des Kindes, als es sich heranschlängelte, bis es seine Hände gefunden hatte. »Und Dr. Luzon versucht, ihn zu überreden, dich auszuliefern, damit man dich wissenschaftlich studieren kann. Ich glaube, das bedeutet, dich in Stücke zu schneiden. Dr. Luzon hat gesagt, er würde mich adoptieren. Statt dessen hat er mich dem Heulenden Hirten ausgeliefert. Wenn Dr. Luzon wieder fort ist, werde ich bestraft, und dann werde ich verheiratet. Wenn der Heulende Hirte sich durchsetzt, wirst du vielleicht mein Hochzeitsessen. Aber ich möchte dich nicht leiden sehen! Coaxtl sagt, wenn du stirbst, werden andere Ungeheuer dich rächen, und dann wird die ganze Herde leiden., Ich weiß ja, daß das Leben Leid sein soll, aber wir leiden jetzt schon sehr viel, und ich finde, es ist genug. Mehr wäre zuviel.« Genug ist auch schon zuviel, erwiderte Sean-Selkie und versuchte, sie beim Sägen zu unterstützen, indem er seine gefesselten Handgelenke so weit auseinanderriß, wie der Lederriemen es ihm ermöglichte. Ihm schien, als würde sie das stumpfste Messer der Welt benutzen, so lange brauchte sie; dennoch segnete er sie für ihr Eintreffen und ihren Versuch, ihn zu retten. Die Handfessel riß auseinander, und er schlug ihr unverhofft ins Gesicht. Sie stieß ein leises Keuchen aus, aber mehr auch nicht, und Sean kam auf den Gedanken, daß sie an Hiebe gewöhnt sein könnte. Das machte ihn wütend. Entschuldigung, Kleines, daß ich so tolpatschig war, dich zu schlagen. Du hast mich schließlich befreit. »Bei einer so Unwürdigen, wie ich es bin, braucht es keiner Entschuldigung, denn ich habe Coaxtl geschworen, dich zu retten.« Die herrischen Männerstimmen wurden lauter; draußen vor dem Zelt schien der Lärmpegel zu steigen. Wir müssen fort! »Hier entlang.« Mit einer Geschwindigkeit, die er nicht nachzuahmen vermochte, huschte sie rückwärts. Sean war zu steif und zu zerschunden, und seine Beinwunde schmerzte immer heftiger. Doch die Gefahr, entdeckt zu werden, war ihm ein guter Antrieb, und so verdrängte er den Schmerz im Bein und erreichte die Stelle, an der sie sich ins Zelt geschlichen hatte. Doch seine Retterin war ein gutes Stück kleiner als er. Heftig mit den Händen grabend, gelang es ihm, eine Öffnung im Schneematsch freizuschaufeln, die gerade groß genug war, um unter dem Zeltrand hindurchzugleiten. Dann griff er sorgfältig wieder hinein und bedeckte das Loch, so gut es ging, mit Schneematsch. »Coaxtl wartet«, sagte das Mädchen und erhob sich in Kauerstellung, wobei es Sean mit einem Wink bedeutete, ihm zu folgen., Gibt es hier Menschenkleidung? Die Pfeilwunde erlaubt mir nicht, so schnell zu laufen, wie ich es könnte. »Menschenkleidung?« Ja. Und je schneller, desto besser, liebes Kind, antwortete Sean- Selkie, als er die Geräusche vernahm, die sich dem Zelt näherten. »Hier entlang.« Das Kind wechselte die Richtung, und Sean vollendete die Verwandlung in seine menschliche Gestalt, während er hinter ihr herhumpelte, so schnell er nur konnte. In seiner Menschenform schmerzte die Wunde noch schlimmer. Schließlich blieb das Kind stehen und warf ihm ein schmutziges Kleiderbündel zu. Die Hosen waren für einen sehr viel kleineren Mann gedacht, aber die Lederjacke und das Fellwams würden genügen. Das Mädchen war wieder verschwunden. Während er sich mit der Kleidung abplagte und sich wünschte, etwas dabeizuhaben, um die Wunde abzudecken, bevor sie sich von dem Schmutz in der Hose entzündete, kehrte das Mädchen zurück und warf ihm etwas Verbandsstoff zu. »Wickle es dir um die Füße, damit… oh! Du hast ja richtige Füße. Bist du denn gar kein echtes Ungeheuer?« »Nein, Kleines. Und als Mensch bin ich sehr viel eher unter Menschen in Sicherheit, die gerade Ausschau nach einem Ungeheuer halten.« »Oh, aber du gehörst nicht zu uns. Jeder kann sehen, daß du ein Fremder bist.« »Auch in der Nacht und im Dunkeln?« »Heute nacht brennt das Feuer sehr hell. Coaxtl hat gesagt, sie würde dich verstecken. Bei ihr bist du in Sicherheit.« »Wenn ich zu ihr käme, ja. Aber die Pfeilwunde macht mich langsamer.« »Ja, natürlich. Wie dumm von mir Unwürdigen… komm mit. Es gibt noch einen Ort, an dem du in Sicherheit bist. Jedenfalls für eine kleine Weile.« Sie kicherte. »Und da gibt es sogar heißes Wasser, um die Wunde zu reinigen.«, »Wirklich?« »Ja, man hat mir heißes Wasser hingestellt, um zu baden, da ich ja die Frau des Heulenden Hirten…« Ihre Stimme zerbröckelte. Die Wut verschlug Sean für einen Moment die Sprache; er hätte beinahe den Blutstrom in seinen Fußknöcheln abgebunden, so heftig umwickelte er vor Zorn seine Füße. »Ich muß zurück in mein Zelt. Ascencion sagt, daß ein Mädchen in der Hochzeitsnacht zum Baden allein sein muß.« Armes, verängstigtes Ding, dachte Sean, als er ihr vorsichtig in einen geduckten Gang folgte, der seine Wunde noch stärker belastete. Er spürte, wie das frische Blut ihm das Bein herabrann. Doch immerhin entfernten sie sich von dem Lärm und der aufgeregten Menge, die schon bald die Entdeckung machen würde, daß ihre Jagdbeute verschwunden war. Als sie das Ziel erreichten, rackerte das Kind sich mit einem Zeltpflock ab, damit Sean nicht wieder kriechen mußte. Er nahm ihr den Pflock aus der Hand und riß ihn aus dem Schneematsch; dann gelangten sie beide mühelos ins Innere. Nestelnd gelang es ihm, den Pflock von innen wieder anzubringen. Im matten Licht einer kleinen Lampe konnte Sean Dampf ausmachen, der aus einer Kupferwanne aufstieg, groß genug für einen ausgewachsenen Menschen. Und er sah auch das armselige kleine Ding, das gerade zu einer ungewollten Hochzeit gezwungen wurde. Wenn er nur die Wunde verbinden konnte, würde er sie vielleicht mitnehmen, wo immer der Ort sein mochte, an dem Coaxtl sie unterbringen wollte. Ein wildes Gebrüll ließ sie beide zusammenfahren, und das Kind wurde steif vor Furcht. »Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen, meine Liebe… Wie heißt du eigentlich?« »Ich bin Ziegendung, die unwürdigste…« »Was bist du?« rief Sean – für einen kurzen Augenblick hatte er völlig vergessen, daß man ihn vielleicht jenseits der Zeltwand hören konnte. Ihre aufgerissenen, verängstigten Augen musterten ihn verlegen., »Man nennt mich wirklich…« »Aber ich nicht. Dreh dich um, Kleines, während ich meine Wunde verbinde. Danach verlassen wir diesen Ort. Dann wird den Leuten hier ein Ungeheuer zum Braten fehlen und eine Jungfer zum… na ja. Wir gehen zusammen.« Und während er sich das Blut aus der Wunde wusch, vernahm er ein Reißen, und eine kleine Hand griff von hinten um ihn und hielt ihm einen sauberen weißen Streifen entgegen. Er wandte den Kopf über die Schulter und sah, wie das Mädchen emsig damit beschäftigt war, irgend etwas zu zerreißen, das entweder ihr Hochzeitskleid oder, wahrscheinlicher, ihr Nachthemd gewesen sein mußte. Vielleicht auch beides. »Hättest du vielleicht noch ein paar Streifen davon übrig, Kleines?« fragte er. »Du kannst alle haben, Mensch-Ungeheuer.« Da sie schon gemeinsam fliehen würden, hielt er es für vertretbar, das Risiko einzugehen, ihr nun seinen Namen zu nennen. »Ich heiße Sean Shongili, Kleines.« Als er die Wunde in dem warmen Wasser ausgewaschen hatte, faltete er die ersten Streifen zu zwei dicken Polstern zusammen, wobei er die ganze Zeit die Ohren gespitzt hielt und die wütende Empörung der enttäuschten Ungeheuerjäger verfolgte. Dann wickelte er noch weitere Streifen um sein Bein, bis der Verband fest saß. Plötzlich änderte der Lärm seine Richtung und kam auf sie zu. »Oh! Sie werden überall nach dir suchen. Deshalb hättest du auch zu Coaxtl fliehen sollen«, rief sie. »Zieh dich aus und steig in die Wanne, Kind«, befahl Sean, »und wirf deine Sachen über den Schemel dort an der Wand. Ich kann halb hinein-, halb hinauskriechen, und außerdem werden sie mich ja wohl kaum hier erwarten, oder?« An Mut fehlte es dem Kind nicht, und so legten sie ihre Kleidung so aus, daß die Falten Schatten warfen, in denen Sean sich verbergen konnte. Er bezweifelte, daß man ihn dort finden würde, wenn nicht gerade jemand mit einer sehr hellen Laterne das ganze Zelt ausleuchtete., Das Aufkreischen des Kindes war ihm Warnung genug, und so kauerte er sich noch enger zusammen, als die Decke über der Zeltöffnung beiseite geworfen wurde und mehrere Leute eintraten. »Nun, allzu weit kann das Untier mit dieser Wunde ja nicht gekommen sein«, sagte eine Stimme, die Sean sofort als Matthew Luzons erkannte. Der Schock, diese Stimme in dieser Umgebung zu hören, ließ ihn erstarren. »Es muß aber Hilfe gehabt haben«, brüllte eine zornige zweite Stimme. »Es kann das Leder nicht einfach durchgenagt haben…« »Ah, aber Bruder Heulender Hirte! Diese Ungeheuer sind zu Dingen fähig, die bloße Sterbliche sich gar nicht vorstellen können.« Aha, Matthew hat also einen Seelenverwandten gefunden, dachte Sean, und zwar genau von jener Sorte, wie er ihn am besten gegen uns ins Feld führen kann. Ziegendung setzte ihr Kreischen fort, ein Geräusch, das gelegentlich zu einem Gurgeln wurde, während sie versuchte, soviel von ihrem Körper wie möglich im Wasser zu verbergen. »Sei still. Du bist nicht in Gefahr, Ziegendung. Warte hier. Das Ungeheuer ist entkommen. Du rührst dich nicht vom Fleck, bis Ascencion dich holen kommt. Hast du mich gehört?« »Ich höre und gehorche«, sagte das Kind würgend. Sean hörte, wie die Decke wieder über die Zeltöffnung gelegt wurde; lärmend verließen die Eindringlinge das Zelt und zogen in eine andere Richtung davon. Bevor Sean auch nur einen entsprechenden Vorschlag hatte machen können, war das Kind schon aus der Wanne gesprungen und griff nach einem Lumpen von einem Handtuch. Diskret hatte das Mädchen ihm den Rücken zugekehrt, was ihm einen noch besseren Blick auf die Prellungen und Striemen gewährte, die sie von den Schultern bis zu den Gesäßbacken zeichneten, ja, sogar bis zu den Waden ihrer winzigen Beine hinunter. Er reichte ihr die Kleidung, und mit erstaunlicher Schnelligkeit war sie bald angekleidet und hatte die Füße in die Stiefel geschoben., Sie nahmen denselben Ausgang wie der Hirte und Luzon, wobei Ziegendung ihre Hand vertrauensvoll in Seans legte. Geduckt liefen sie davon, hielten sich möglichst im Schatten, rannten vorbei an den Zelten, welche die neue Siedlung im Tal der Tränen bildeten, und flohen hinaus in die Nacht. Johnny erklärte Lonciana so höflich wie möglich, daß sie die anderen nicht würde begleiten können, um La Pobrecita zu befreien. »Dann muß Buneka mitgehen, denn sie kennt sie«, entschied Lonciana. »Mich lassen Sie jedenfalls nicht zurück, und wenn ich mich aufs Dach hocken muß«, warf Diego entschieden ein. »Wenn Bunny geht, komme ich auch mit.« Niemand machte den Versuch, es ihm zu verwehren. Carmelita und ihre Schwestern hatten Bunny genug über La Pobrecita erzählt, um in ihr die Bereitschaft zu wecken, bei ihrer Befreiung behilflich zu sein. »Angenommen, es kommt zum Schlimmsten«, sagte Bunny, während sie in den Hubschrauber spähte. »Die Majorin hat doch guten Grund, hier unten zu bleiben und mit den Leuten zu sprechen, genau wie Matthew Luzon. Und wenn Luzon uns nicht hilft, Cita aus den Klauen dieses Perversen zu befreien, dann wird er doch ganz bestimmt nicht wollen, daß seine prächtigen Freunde erfahren, daß er bei dieser schlimmen Sache mitgemacht hat, oder?« Johnny musterte Yana. Er war sich nicht so sicher wie Bunny, daß moralischer Druck auf Luzon irgendeine Wirkung erzielen konnte, so daß er bei der Befreiung Pobrecita mitmachte, nur weil sie gerade in Schwierigkeiten steckten und sich so etwas gehörte. Nach allem, was Johnny zu Gesicht bekommen hatte, kannte Luzon so etwas wie Scham überhaupt nicht. Und Luzons Freunde, sofern er überhaupt welche hatte, würden sich aus ›üblen Sachen‹ sicherlich genausowenig machen wie er., »Es gibt eine CIS-Vorschrift gegen die erzwungene Verheiratung präpubertärer Kinder«, sagte Yana. »Wissen wir denn mit Sicherheit, daß sie noch präpubertär ist?« Sie blickte zu Lonciana hinüber. »Sie hat keine Brüste. Aber verhungert, wie sie war, läßt das keine endgültige Aussage zu«, antwortete Lonciana stirnrunzelnd. »Allerdings weiß sie nichts über ihre Regel, obwohl ihr durchaus bekannt ist, daß es eine Bluterkrankheit gibt und daß manche Mädchen unfruchtbar bleiben. Sie weiß viel zu viel von den falschen Dingen, La Pobrecita!« »Also schön, ich mache mit«, sagte Johnny. »Schließlich gehört es zu den Pflichten, die Dr. Fiske mir aufgetragen hat, Luzon aufzustöbern, weil er zu spät zu unserem Rendezvous kommt.« Es verging kostbare Zeit, das Erz einzusammeln und das Shuttlefahrzeug damit zu beladen, um es zum Raumhafen zu befördern. Als erstes mußte Satok im Shuttle zu jedem Dorf hinausfliegen und an einem abgelegenen Ort landen, Kontakt zum Shanachie aufnehmen und darauf warten, daß das Zeug herbeigebracht und eingeladen wurde. Auf keinen Fall durfte er sich in diesem Stadium blicken lassen, da die Leute von McGees Paß von diesen fremden Kindern gegen ihn aufgewiegelt worden waren und das halbe Dorf ihm auf den Hacken hing. So mußte er nicht nur auf der Hut vor menschlichen Fährtenlesern sein, sondern auch vor den herumspionierenden, umherschleichenden Katzen, von denen er wußte, daß sie zwischen den Dörfern Informationen hin und her transportierten, obwohl er nie in Erfahrung hatte bringen können, wie sie das eigentlich taten. Ich hätte ein Exemplar von diesem heimtückischen Gesindel mal bei lebendigem Leibe sezieren sollen, um dahinterzukommen, dachte er. Schließlich endete er wieder bei Savoy, wo er die letzte Ladung an Bord nahm. Während die verblühte Frau – Luka hieß sie; man hätte nicht geglaubt, daß das dasselbe hübsche Stück Fleisch war, das er mal als erster gehabt hatte – das letzte Erz an Bord des Shuttles schleppte, fiel ihm auf, wieviel Arbeit noch vor ihm lag, und so verkündete er Reilly, daß er sie mitzunehmen gedachte. »Dann sehen, wir wie ein ganz normales Schürferpärchen aus«, erklärte er Reilly. »Außerdem brauche ich jemanden, der mir beim Löschen der Fracht hilft und die Schwerarbeit erledigt.« »Die kannst du gern haben«, antwortete Reilly. »Sie taugt allenfalls noch zum Arbeiten, obwohl sie eine faule Schlampe ist und ohne Prügel keinen Finger rührt.« »Werde ich im Auge behalten«, erwiderte Satok und schüttelte in gespielter Drohung die Faust nach Luka, die sich von ihm wegduckte und gehorsam ins Fahrzeug stieg. Unter normalen Umständen hätte der Flug zum Raumhafen vier Stunden gedauert, bei beladenem Fahrzeug hingegen dauerte er sechs. Die Basis, die bisher immer ungeschützt gewesen war, war inzwischen umzäunt und konnte sich eines Tores rühmen, unmittelbar hinter der Biegung des angeschwollenen Flusses, der einst die Straße nach Kilcoole gewesen war. Das Shuttlefahrzeug war nicht zugelassen, und das Erz war zu wertvoll, um es den klebrigen Fingern irgendwelcher vorbeischleichender Soldaten auszusetzen, und so setzte Satok den Shuttle auf dem Streifen zwischen Tor und Wald auf, wo man vor kurzem Bäume und Unterholz gerodet und abgebrannt hatte – wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen, wie er vermutete. Die Firma schien diese Landeier doch ernstzunehmen. Er ließ die ängstlich geduckte Luka im Shuttle und sperrte sie ein; dann schlenderte er in aller Gelassenheit zum Tor, als wäre er ein hoher Luftwaffenoffizier. Der Militärpolizist am Tor musterte Satoks Felle und Lederkleidung, sein langes Haar, seine Schamanenfedern und den Katzenschädel und schüttelte den Kopf, während er Satok mit einer entschlossenen, ausladenden Geste seines Unterarms und Zeigefingers bedeutete, daß er dorthin zurückkehren solle, woher er gekommen war. »Kein Zutritt für Unbefugte, mein Herr. Befehl von Hauptmann Fiske.« Der dienstgeile kleine Penner erwies sich als viel größere Hilfe, als er eigentlich sein wollte. »Ja, aber genau den will ich sprechen. Hauptmann Fiske. Sagen Sie ihm, daß der Gefreite James Satok hier, ist, um mit ihm über seine Bergbauaktivitäten zu reden.« Zum Teufel auch! Schließlich war er tatsächlich mal Gefreiter im Korps gewesen. »Sind Sie nicht ein bißchen zu alt für einen Gefreiten?« fragte der Junge und machte sich nicht mehr die Mühe, ein ›mein Herr‹ anzuhängen. »Und außerdem würde ich sagen, daß Ihre Uniform doch erheblich zu wünschen übrig läßt.« »Würdest du das tatsächlich sagen, mein Junge? Wirklich?« Satok beugte sich vertraulich vor, den Arm gelassen gegen das Fenster des Wachhauses gelehnt. »Na ja, das mag ja sogar alles stimmen. Aber ich war tatsächlich Gefreiter. Du könntest auch bald einer werden, wenn du ein kluges Kind bist und mir nicht in die Quere kommst. Ich habe eine Ladung Erze von genau jener Sorte dabei, wie die Firma sie gerade sucht, und ich kann deinem Hauptmann Fiske verraten, wo die Firma noch mehr davon bekommt.« »Ganz bestimmt!« erwiderte der Junge höhnisch. »He, wenn du mir nicht glaubst, dann komm doch mit und schau es dir an.« »Ich darf meinen Posten nicht verlassen. Falls Sie tatsächlich jemals im Korps gewesen sein sollten, müßten Sie das eigentlich wissen.« »Mein Sohn, ich war lange genug im Korps, um zu wissen, daß man sich mindestens genauso tief in die Scheiße reiten kann, wenn man sich allzu streng an die Vorschriften hält, als wenn man es nicht tut. Das Erz befindet sich in meinem Fahrzeug, direkt dort hinten vor der Baumreihe. Du kannst das blöde Tor von dort aus die ganze Zeit im Auge behalten. Komm einfach nur mit und sieh nach. Dann wirst du schon begreifen, warum du Fiske Meldung machen mußt, daß ich hier bin. Hör mal, ich könnte dich vielleicht sogar beteiligen…« Ohne ein weiteres Wort zu sagen, öffnete der Posten das Tor und folgte ihm zum Shuttle. »So, das Erz ist da hinten«, sagte Satok und deutete zum Frachtraum hinüber. Kaum hatte der Posten sich umgedreht, als Satok ihm auch schon mit einem dicken Klumpen Erz eins überbriet, den er eigens zu einem solchen Zweck beiseite gelegt hatte. Dann zog er ihm die Uniform aus und legte sie selbst an. Er nahm ihm auch, Dienstmarke und Waffe ab, denn beides könnte noch mal nützlich sein. Während des Vorfalls sagte Luka kein Wort. Sobald Satok die Uniform und die Waffe mit sich genommen hatte, rüttelte er den Jungen wach. »So, du Arschwisch. Wo finde ich diesen Hauptmann Fiske?« In seiner Thermounterwäsche sah der Junge ungefähr sechzehn Jahre alt aus, und er schien ein wenig zu schielen. »Er ist nicht auf der Basis«, antwortete er. Satok richtete die Waffe auf den Jungen. »Ich bin die Spielchen leid, du Penner. Du wirst mir jetzt in allen Einzelheiten und ganz ausführlich antworten. Also, wo ist Fiske, und wo kann ich ihn sprechen?« »Aber er ist doch gar nicht hier! Er ist nach Shannonmouth gegangen, um dort die Sonderermittler der Firma zu treffen. Wahrscheinlich sind sie im Versammlungshaus des Dorfes!« »Warst mir ja eine große Hilfe«, meinte Satok. Um ein Haar hätte er den Jungen weggepustet; dann aber überlegte er sich, daß ein Mord wahrscheinlich nicht gerade den besten Einstieg in ein neues Leben darstellte, wenn er tatsächlich darauf hoffte, sich mit seinem Ausverkauf eine bürgerliche Existenz zu schaffen. Also schlug er ihn mit einem anderen Stück Erz, sanft, aber an der physiologisch richtigen Stelle, um eine lange Bewußtlosigkeit zu garantieren. Dann ließ er ihn im Wald liegen. Torkel Fiske umschwänzelte Marmion de Revers Algemeine und versuchte es bei ihr mit der kompletten Herzensbrecherbehandlung, was sie sehr erheiterte, obwohl sie es geschickt verbarg. Wenn Fiske auch große Ähnlichkeit mit Whit in diesem Alter hatte und an sich ein recht charmanter Junge war, gelangte Marmion doch zu dem Schluß, daß es ihm ganz eindeutig an der Finesse seines Vaters fehlte. Er hatte etwas Jungenhaft-Fiebriges an sich, das durchaus anziehend wirkte; doch ging es einher mit einer gewissen Berechnung und einem Mangel an… Tiefe? Seele? Sie war sich nicht sicher., Sie hatte darauf bestanden, daß er sie nach Shannonmouth begleitete, weil Sinead Shongili, Seans Schwester, und Aisling Senungatuk, die Schwester von Clodagh, immer noch dort waren und Marmion Gelegenheit haben wollte, mit ihnen zu plaudern und nebenbei eine weitere der kleinen Siedlungen zu besuchen. Sie hegte zwar den Verdacht, daß sie alle miteinander recht ähnlich waren, doch setzte ein ausführlicher Bericht nun einmal ein paar Vergleichswerte voraus. Eine Landschaft, die ihren Namen noch verdiente, hatte wirklich etwas für sich: frisch duftend und von sanftem Chartreusegrün – die Erwiderung der Bäume und Sträucher auf den vorgezogenen Frühling. Der Weg nach Shannonmouth war nicht einmal sonderlich verschlammt. Allerdings hätte die Bezeichnung ›Trampelpfad‹ ihn wohl besser beschrieben. »Warum gibt es denn keine richtigen Verbindungsstraßen zwischen den Gemeinden, Torkel?« fragte sie, während ihr Lockenfell sich behutsam seinen Weg bahnte. Torkel musterte Marmion mit einem gewissen Erstaunen, doch das Lächeln, das darauf folgte, bereitete ihr Unbehagen. »Ganz genau, Marmion, ganz genau. Ich meine auch, daß wir die Einheimischen um etwas betrogen haben, indem wir sie praktisch völlig isoliert hielten.« Und er lächelte weiter, bis die Häuser von Shannonmouth an jener Stelle erschienen, wo der Trampelpfad breit genug wurde, um sich ›Weg‹ zu schimpfen, so verschlammt und aufgewühlt er auch war, mit grobgezimmerten Gehsteigen aus Brettern und Trittsteinen, die die Häuser miteinander verbanden und von einer Seite zur anderen führten. Sie hörten das Gebell der Hunde, lange bevor sie Menschen zu Gesicht bekamen, wenn auch hier und dort ein paar Lockenfelle grasten. Marmion war sich sicher, das Aufblitzen von ein oder zwei orangefarbenen Schwänzen erblickt zu haben, die gerade im Unterholz verschwanden. Sie mußte einen von Matthews Jungen – die waren ja regelrecht in Kurven, Tabellen und Berichte verliebt – dazu bewegen, einmal die Katzenpopulation auf diesem Planeten zu zählen, sofern die Katzen nur lange genug an einem Ort blieben, um ihre, orangefarbenen Nasen zählen zu lassen. Und die Hunde. Und die Lockenfelle. Da das tierische ›Frühwarnsystem‹ hervorragend funktionierte, war bereits der größte Teil der Bevölkerung vor die Türen getreten, als sie endlich eintrafen. Marmion war entzückt, doch Torkel wirkte alles andere als erfreut, vor allem, als er Sinead Shongili erblickte, die mit fest in den Boden gestemmten Füßen das Begrüßungskomitee anführte, wobei sie mit ihrer Körpermasse ein Stück von Aisling Senungatuk versteckte. »Släinte, Sie alle. Ich hoffe, unser Besuch macht Ihnen nichts aus«, sagte Marmion, wobei sie erst Senead und Aisling anlächelte, um dieses Lächeln schließlich auf den gesamten Einwohnerkreis auszudehnen. »Aber Shannonmouth liegt nun mal so nahe, und Clodagh meinte, Sie hätten nichts dagegen, wenn ich mal vorbeikäme. Torkel war so freundlich, mir den Weg zu zeigen, obwohl ich inzwischen glaube, daß ich auch allein hergefunden hätte. Die Katzen, Sie wissen. Die hätten nicht zugelassen, daß ich mich verirre. Und Locki hier auch nicht.« Liebevoll tätschelte sie den Hals des Ponys. Locki stellte beim Klang ihrer Stimme die Ohren mal vor und zurück, richtete sie dann aber wieder auf Sinead. Sineads Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Släinte, Marmion. Sie werden erwartet und sind willkommen.« Torkel gewährte sie nur ein knappes Nicken. »Steigen Sie ab, dann wird Robbiell für Ihre Lockenfelle sorgen.« Sie bedeutete einem schlaksigen Jugendlichen, vorzutreten. Als Marmion und Torkel abgesessen waren und auf dem Gehsteig standen, legte Sinead eine Hand auf Marmions Schulter. »Das ist Marmion de Revers Algemeine, über die wir schon gesprochen haben. Und Hauptmann Fiske kennt ihr ja alle«, sagte sie, worauf gemurmelte Släintes und zögerndes Lächeln die Runde machten. »Kommen Sie.« Mit diesen Worten machte Sinead auf dem Absatz kehrt und ging ihnen voran. Torkel brummte halblaut irgend etwas über primitive Manieren und wandte den Blick geziert von Aislings schwankendem Hintern ab. Die Dorfbewohner schlossen sich den Gästen an., »Haben alle Pflanzen die Reise überlebt?« erkundigte sich Marmion. »O ja, das haben sie«, antwortete Aisling, die vor Freude schier überschäumte. »Und Aigur und Sheydil haben auch welche, die wir mit nach Hause nehmen können. Es wird ja ein wunderbarer Sommer zum Pflanzen. Einer der besten, den wir je hatten.« »Da wir schon dabei sind«, sagte Torkel, holte Aisling ein und lächelte sie breit an, »da ist etwas, was Dama Algemeine erwähnt hat. Wissen Sie, ich finde, die Intergal sollte endlich mal gute Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern bauen, und auch ordentliche Gewächshäuser, damit Sie nicht erst bis zum Einsetzen des Frühlings darauf warten müssen, mit dem Bebauen Ihrer Gärten anzufangen.« »Wirklich?« Sinead blieb abrupt stehen, um ihn anzusehen. Aisling wäre beinahe in sie hineingelaufen. Doch da hatte Sinead sich schon wieder in Bewegung gesetzt, oder, genauer gesagt, sich weit gestreckt, um das nächste Trittbrett auf diesem improvisierten Weg zu erreichen. »Wie nett!« Marmion sah, wie Torkel Fiske angesichts einer derart begeisterungslosen Reaktion auf einen Vorschlag, der für ihn eine außergewöhnliche Konzession darstellte, rot anlief. Sie selbst konnte Sineads Skepsis nur zu gut verstehen. Doch bevor Torkel sich noch weiter hineinreiten oder die ganze Sache präjudizieren konnte, marschierte Sinead bereits die Verandatreppen zu einem Haus hinauf, auf dessen gefleckten, erst kürzlich teilweise neu gedecktem Dach sich zahllose Katzen sonnten, die mit ihrem orangefarbenen Fell einen merkwürdigen Kontrast zu dem unbehandelten Holz bildeten. Am sonnigen Ende der Vorderveranda lagen zwei ineinander verschlungene weitere Katzen. Marmion sah, wie Torkel ein wenig erschauerte. Die Katzen waren groß, stellte Marmion fest, und sehr intelligent. Marmion erkannte es an den Augen der einen, deren Kopf in ihre Richtung zeigte, obwohl die Lider nur zu Schlitzen geöffnet waren, doch der Ausdruck wirkte sehr bewußt. Wahrscheinlich wußten die Katzen bereits, wann Torkel und ich vom Raumhafen aufgebrochen sind, überlegte sie., »Sie werden hungrig sein«, sagte Sinead und öffnete die Tür zu einem Haus, das selbst nach petaybeeanischen Maßstäben, wie Marmion sie bisher kennengelernt hatte, nur spärlich möbliert war. Da erblickte sie den riesigen Webstuhl, der den größten Teil des Bodens beanspruchte. Bänke und Stühle hingen von Nägeln an den Wänden; auch andere Gegenstände hatte man hochgehängt, um einen unbeschwerten Zugang zu dem Webstuhl zu ermöglichen. Eine Frau arbeitete mit einer Geschwindigkeit an Schiffchen und Klöppeln, daß die einzelnen Bewegungen verwischten. Das Klack-Klack des Harnischwechsels war dabei das einzige Geräusch, das sie machte. Sie schaute von ihrer Arbeit auf, nickte, lächelte und konzentrierte sich wieder auf ihr Tun. »Wir haben Proviant mitgebracht«, sagte Marmion. »Ach! Wie töricht von mir, daß ich nicht meine…« Die Tür ging wieder auf, und der schlaksige Jüngling stellte die Satteltaschen auf den Boden. Dann war er so schnell wieder fort, daß Marmion ihren Dank der sich schließenden Tür zurufen mußte. Sie blickte besorgt auf und überzeugte sich davon, daß die intensiv beschäftigte Weberin dadurch nicht abgelenkt worden war. Sinead lächelte. »Das war nett von Ihnen, aber ich denke, heute abend wird unsere Speisekammer zwei weitere Münder schon noch verkraften.« »Aber ich bestehe darauf, daß Sie sich unserer Vorräte bedienen, Sinead. Clodagh hat gesagt, daß Ihnen wahrscheinlich Fünfkraut fehlen dürfte, und… ach, wie hieß denn dieses andere Gewürz gleich?« Marmion ging zu den Satteltaschen hinüber und begann, die Flaschen und Säcke und Trockennahrungsmittel hervorzuholen, von denen Clodagh ihr gesagt hatte, daß sie allen Gastgebern genehm sein würden. Als sie den Fünf-Kilo-Sack Zucker dazugab, sagte sie kleinlaut: »Ich tue immer so viel Zucker in meinen Tee, daß ich darauf bestehen muß, Ihnen diesen Sack zu geben. Ich verspreche auch, nicht alles aufzubrauchen; denn es wird ja nicht mehr allzu lange dauern, da müssen jede Menge Beeren eingemacht werden.« »Der Zucker ist uns wirklich sehr willkommen, Dama«, erwiderte die Weberin. »Denn wir werden eine prächtige Ernte bekommen, und, zwar schon bald. Und nichts geht über ein bißchen Marmelade, um Pfannkuchen zu einer richtigen Leckerei zu machen.« »Aigur, das ist die Dama, von der ich dir erzählt habe, und das hier ist Hauptmann Torkel Fiske.« Marmion dachte kurz darüber nach, was es wohl bedeuten mochte, daß niemand Torkel erwähnt zu haben schien. Andererseits würde ihr eigenes Auftreten vermutlich ungewöhnlicher sein als Torkels. Dennoch konnte sie am Zucken seiner Lippen erkennen, daß er die subtile Beleidigung mitbekommen hatte. Diese Shongilis sind wirklich köstlich, dachte Marmion. Es ist eine Schande, sie zu verderben. Andererseits – weshalb sollte man sie verderben? Sie waren doch auch so schon Prachtexemplare. Nun wurde Tee gekocht und getrunken, mit Marmions Geschenk gesüßt. Marmion brachte Aigur ihre Tasse an den Webstuhl, damit sie sich das raffinierte Muster genauer ansehen konnte. Sie konnte es sich nicht verkneifen, den Stoff zu betasten, und sie staunte über seine Weichheit. »Ein Lockenfell«, teilte Aigur ihr mit. »Es ist wirklich ein erstaunliches Muster. Sonderanfertigung?« »Meine Tochter wird demnächst heiraten. Das hier ist für das Hochzeitsbett«, erklärte Aigur stolz. »Ach, es ist wirklich wunderschön, aber…« Marmion verkniff sich den Rest ihrer Bemerkung: wieviel eine Webarbeit von dieser Schönheit in den Nobelgeschäften ihrer gewohnten Umgebung einbringen würde. »… so ein Werk der Liebe«, schloß sie lächelnd. Selbst die alltäglichsten Gegenstände auf und von dieser Welt stellten etwas Besonderes dar, erkannte Marmion – und daß sie unbedingt hierbleiben mußten. Sie sollte sich an der Ausbeutung Petaybees nicht auch noch beteiligen. Dessen war sie sich inzwischen immer sicherer. »Wie ich schon sagte, Sinead«, bemerkte Torkel gerade. »Wir sollten uns wirklich einmal mit einem Straßennetz zwischen den Siedlungen befassen, vor allem über die Pässe.«, »Ach, ja?« Sinead hob in höflichem Erstaunen die Augenbrauen. »Dann hat die Intergal also inzwischen eine Allwetterbeschichtung entwickelt, die die Temperaturen, die Windkälte, die Permafrost- Absenkungen und das Vordringen des Eises übersteht?« Torkel zog den Kopf ein und glättete sein Haar. »Das werden wir noch. Das werden wir. Es ist nur eine Frage der Zeit, Sinead. Aber ein Straßensystem wäre sicherlich eine Hilfe.« »Den Leuten vom Raumhafen vielleicht, solange sie gerade dabei sind, Petaybee zu ›untersuchen‹. Aber im Winter genügen uns die Schnokel. Damit erreicht man auch Gegenden, in denen man keine Straße bauen könnte, die länger als ein, zwei Jahre hält. Und die Lockenfelle kommen mit Schneematsch, Schlamm und dem harten Sommerboden gut zurecht. Nein, Hauptmann Fiske, wenn wir Ihre Gedanken auch zu würdigen wissen – ich glaube nicht, daß hier irgendwelche Straßenbauaktivitäten erforderlich sind. Außerdem haben wir gar nicht das Personal dafür.« »Die Firma verfügt über genügend Personal und Gerät. Man braucht lediglich den Aufsichtsrat davon zu überzeugen, die Gelder zu bewilligen, um das Beschichtungsproblem zu lösen, Sinead«, wiederholte Torkel, und Marmion meinte, eine Spur von Schärfe in seiner Stimme zu vernehmen. »Und bis dahin würden Sie doch bestimmt nichts gegen Lehrer und Schulen und Bibliotheken und Betrachter einzuwenden haben.« Aislings Mund formte sich zu einem vollkommenen O. »Oh, Bücher wären wunderbar, und auch Schulen für die Kinder.« »Die lernen schon von ihren Eltern, was sie über das Leben hier wissen müssen«, versetzte Sinead schroff. »Die Welt da draußen ist so groß«, warf Marmion ein. Gewiß würde es den Kindern nicht schaden, etwas mehr über die bewohnte Galaxis zu erfahren; dann würden sich ihre Interessen nicht nur auf diesen Planeten beschränken, so wunderschön und vielseitig er auch war. »Die sie schon früh genug zu sehen bekommen, sobald sie in die Firma eintreten«, versetzte Sinead vernichtend., »Aber Sinead! In Büchern steht doch noch mehr darüber, wie wir unsere Sachen anders machen könnten. Und mehr Geschichten…« »Und alte Lieder aus vielen Volksüberlieferungen«, warf Marmion ein. »Und verschiedene Musikinstrumente…« »Wir könnten wirklich noch ein paar anständige Fiedeln gebrauchen«, bemerkte Aigur und fuhr dann zögernd fort: »Und ich würde ganz gern lesen und schreiben lernen. Dann könnte ich nämlich einige von den alten Mustern verstehen, die meine Urgroßmutter mitgebracht hat.« »Schulen, Lehrer, Lesen, Schreiben, Rechnen«, unterstrich Torkel. »Wir haben Ihren Bedürfnissen einfach nicht genug Rechnung getragen.« Und er verneigte sich lächelnd in Richtung Aigur, deren Augen noch immer bei dem Gedanken daran schimmerten, irgendwann einmal lesen zu können. Aisling beugte sich über den Tisch und berührte ihre Partnerin bittend am Arm. »Das wäre doch gut für alle, liebste Sinead. Damit man nicht erst in den Dienst der Firma eintreten muß, um eine Schulbildung zu genießen.« »Sie müssen Clodagh fragen«, entschied Marmion. Dabei ignorierte sie den Blick, den Torkel ihr zuschoß. Sinead musterte Marmion lange und eindringlich. »Wir alle bewundern und respektieren Clodagh, keine Frage. Aber eine Sache von dieser Tragweite wird von sämtlichen Shanachies entschieden und nicht nur von einer.« Jetzt war Marmion an der Reihe, sich in einem unaufdringlichen Appell zu Sinead hinüberzubeugen. »Es wäre aber doch eine Möglichkeit, diese Neuigkeiten an alle Dörfer weiterzuleiten, damit sie sich entscheiden können, nicht wahr?« Marmion lächelte Sinead nicht an, sondern ließ ihre Augen herausfordernd funkeln. Zu ihrer Überraschung warf Sinead den Kopf in den Nacken und lachte laut los, ohne etwas zu erwidern. »Schulen und Grundschulbildung und auch Kraftwerke«, fuhr Torkel fort, seine Stellung gemächlich ausbauend., »Kraftwerke?« Sinead war sofort dagegen. »Wozu? Damit sie im Schneesturm ausfallen oder uns bei scharfem Wind auf die Häuser krachen?« »Wir haben fortschrittlichere Kraftquellen als Masten, meine Liebe«, knurrte Torkel. »Ich bin nicht Ihre Liebe, und wir haben auch keine Verwendung für eine derartige Kraft.« Torkel zahlte es ihr mit gleicher Münze heim – mit erhobenen Augenbrauen und einem belustigten Gesichtsausdruck. »Keine Verwendung für Beleuchtung? Keine Verwendung für kraftgetriebene Werkzeuge, die Ihnen Arbeit abnehmen? Die den Harnisch dieses großen Webstuhls treiben und Aigur Stunden einsparen könnten? Keine Verwendung, Ihre Häuser und Ihr Wasser heizen zu können, damit Sie endlich mal zu Hause baden können und nicht erst zwei Meilen zu den Vulkanquellen stiefeln müssen?« Schweigen breitete sich im Raum aus – selbst die Katzen auf dem Dach rührten sich nicht mehr. Sinead musterte Torkel mit völlig ausdrucksloser Miene. Marmion bemerkte die Bestürzung, die Überraschung und die Empörung in den Gesichtern der beiden anderen. Dann zuckte Sinead plötzlich die Schultern, grinste und gab sich alle Mühe, ihre Reaktion abzuschütteln. »Die heißen Quellen sind eine Art gesellschaftlicher Mittelpunkt, Hauptmann, und wir brauchen keine Kraftwerkzeuge wie auf dem Raumhafen. Viel zu teuer für uns, auch wenn wir Handelsgüter besitzen. Aber das müssen die Dörfer selbst entscheiden, so, wie wir immer entscheiden, was für uns gut ist – und für unseren Planeten.« Das Geräusch eines Luftshuttles, der gerade über das Dorf flog, lenkte sie alle ab. »Was, zum…« Torkel war aufgesprungen und ans nächste Fenster gelaufen, wo er den Hals reckte, um einen Blick auf den, wie er wußte, ungenehmigten Flug zu werfen. Es hörte sich zudem noch nach einem leichten Shuttle an, und einen solchen Fahrzeugtyp hätte es hier unten überhaupt nicht geben dürfen., »Entschuldigen Sie mich«, rief er über die Schulter und war schon aus der Tür, bevor er Antwort erhielt. Er konnte noch einen ausgiebigen Blick auf das zerbeulte Hinterteil des Fahrzeugs und seine Flugbahn werden. Mist! Dieser Wahnsinnige landete ja direkt neben Shannonmouth. Als Torkel schnurgerade über die Schlammstraße stapfte, ohne die Gehsteige zu beachten, sah er ein oder zwei orangefarbene Schwänze aufblitzen. Als er sich umwandte, stellte er fest, daß auf den Dächern keine einzige Katze mehr zu sehen war. Im nächsten Augenblick stolperte er über einen im Schlamm verdeckten Stein und stürzte in voller Länge in den klebrigen Matsch. Das war seiner Laune nicht eben förderlich. Er stand auf und wischte sich soviel von der klebrigen Masse ab, wie er es mit bloßen Händen vermochte. Dann benutzte er einen Ast, den er wütend von einem Strauch brach, und schließlich Moosklumpen, die er händeweise von den Baumstämmen riß. In gewissem Sinne, begriff er, hatte der Unfall ihn in genau die richtige Stimmung versetzt, um sich diese Mißgeburt von einem Arschloch zu kaufen, die sich verbotenerweise im Besitz eines verbotenen Fahrzeugtyps befand, und – er blieb abrupt an der Lichtung stehen, wo das Fahrzeug gelandet war, und musterte den Mann, der soeben durch Schlammpfützen auf ihn zukam, unrasiert trotz der sauberen Wachtuniform, in die er gekleidet war, und dem Abzeichen, das ihn als Mitglied des Raumhafenpersonals auswies. »Hauptmann Torkel Fiske?« fragte der Mann, und irgendwie löste diese Stimme Erinnerungen in Torkels Geist aus: die Stimme, die Haltung, die polternde Insolenz eines Manns in der Uniform eines gemeinen Soldaten. »Was, zum Teufel, tun Sie da, Soldat? Das ist ein nicht zugelassenes Fahrzeug, noch dazu hier, vor einem Dorf, gegen den strengsten Befehl…« »Immer mit der Ruhe, Hauptmann. Ich habe etwas an Bord, das Sie schon seit langem suchen.« »Das bezweifle ich«, versetzte Torkel. Er wollte gerade mit einer Auflistung fortfahren, welche Strafmaßnahmen und -gelder der Mann sich bereits durch seinen Verstoß gegen die Vorschriften und Gesetze, eingehandelt hatte, als er plötzlich eine ungepflegte weibliche Gestalt erblickte, die sich gelassen an die Fahrzeugwand lehnte. »Was, zum Teufel!« »Oh, die meine ich doch gar nicht«, antwortete der Mann und verscheuchte die Frau mit einem Wedeln der Hand, »aber ich habe gehört, daß Sie auf diesem Planeten einfach kein Erz finden, egal wo, egal wie.« Torkel kam gerade auf den Mann und das Fahrzeug zu, um dieser Farce endlich ein Ende zu setzen, als das verlockende Angebot des anderen ihn innehalten ließ. Wenn der Kerl auf diesem verdammten Planeten tatsächlich Erz gefunden haben sollte… Torkel trat wieder vor, wobei ihm bewußt wurde, daß dem Mann, der ihn inzwischen angrinste, sein ungepflegter Zustand nicht verborgen blieb. »Sagen… Sie… nichts«, ermahnte Torkel ihn und legte zwischen den Worten eine Kunstpause ein. »Weshalb sollte ich mich dafür interessieren,, daß Sie gestolpert und in den Schlamm gestürzt sind?« fragte der Mann achselzuckend und hob dabei die Hände, war aber klug genug, sein Lächeln verschwinden zu lassen, als Torkel auf ihn zukam. »Sie sind…« Fiske hielt inne, damit der Mann sich auswies. »Satok… Shanachie von McGees Paß.« Der Mann musterte Torkel mit verengten Augen und nahm sofort wieder sein rotzfreches Gebaren auf. Dann strich er eine Falte der sauberen Uniform glatt, um seine Kleidung zu erklären. »Mußte rausfinden, wo Sie sich aufhalten. Sie sind ziemlich schwer zu erreichen.« »Das Erz, Mann…« »Das Problem besteht darin, daß sie und die Burschen von der Intergal auf völlig verkehrte Weise danach gesucht haben. Und an den völlig falschen Orten.« »Ach? Haben wir das?« Satok bedeutete dem Mädchen, Platz zu machen, um Torkel eintreten zu lassen. Das Innere des Shuttles war in keiner besseren Verfassung als das Äußere, doch kaum hatte Torkel die Kisten mit den verschiedenen, Formen und Farben darin erblickt, die in sicherer Entfernung vom Pilotensitz verstaut waren, als er sich auch schon völlig vergaß. Er hatte gerade genug Geologie studiert, um die Vielzahl von Erzen wiederzuerkennen, von denen man wußte, daß sie auf Petaybee eigentlich vorkommen mußten, auch wenn man noch nie welche gefunden hatte. Er berührte das grüne, kupferhaltige Gestein, gräulichen Zinn, kupfer-orangerotes Germanium; er sah die Goldader durch den Fels schimmern und sogar vom Lehm eingefaßte Smaragde. »Ich kann nicht bestreiten, daß Sie da eine ganze Reihe sehr interessanter Gegenstände gefunden haben, Satok«, sagte er mit einer Gelassenheit, die fern von seiner jubelnden inneren Freude darüber war, endlich alles vor sich zu sehen, wonach sie auf dieser Eiskugel schon seit Jahren gesucht hatten. »So klein diese Fracht auch ist…« »Diese Fracht ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was mühelos zugänglich ist – sofern man weiß, wie und wo man danach suchen muß.« »Und das wissen Sie?« fragte Torkel herausfordernd. Satok gönnte sich ein selbstzufriedenes Lächeln. »Ich kann Ihnen so viele Erzfundstellen zeigen, daß Ihnen die Augen aus dem Kopf fallen.« Torkel wies mit einem Rucken des Kopfes zu dem Mädchen hinüber. Er fragte sich, ob es ratsam war, daß Satok so offen darüber sprach. Doch der zuckte nur die Schultern. Dann veränderte seine Miene sich so plötzlich, daß Torkel verblüfft zurückwich; als Satok eine Waffe hob, griff Torkel sofort nach seiner eigenen, doch Satok schoß nicht auf ihn. Statt dessen hielt er aus der Shuttleluke auf kleine, umherflitzende orangefarbene Gestalten und feuerte so lange auf sie, bis das Magazin leer war. »Kann diese verdammten orangefarbenen Mistviecher nicht ausstehen!« Sein Gesicht war ein einziger Haßkrampf. Ruhig schob er ein zweites Magazin in seine Faustfeuerwaffe; dann rief er überrascht: »Was, zum…« Torkel fuhr herum und sah, wie das zerlumpte Mädchen in die Deckung der Bäume rannte. Ihr Schluchzen hing ihr nach wie das Stöhnen einer verlorenen Seele. An einer Seite ihres Körpers ragte ein, Schwanz hervor. Doch am Boden lagen keine Kadaver der orangefarbenen Katzen – und das überraschte Torkel ebensosehr wie Satok. »Mist! Ich muß irgend was getroffen haben!« schrie Satok, während er den Blick umherschweifen ließ. Dann sprang er hinaus und zu Boden, um unter den abgeschrägten Bug des Shuttles zu spähen. »Lassen Sie die Viecher doch, Satok. Die sind unwichtig.« »Ach ja?« fauchte Satok. Seine Fassungslosigkeit war für Torkel die Chance, die Situation an sich zu reißen. »Ja! Ich will mehr von diesem Zeug sehen«, sagte er zu Satok. »Und ich will es so schnell sehen, wie Sie mich zu diesen Erzadern bringen können, von denen Sie so schwärmen. Aber vorher muß ich noch einmal kurz ins Dorf…« Und insgeheim verfluchte Torkel diese Notwendigkeit. Er schätzte Satok als unzuverlässigen Opportunisten ein. Doch wenn er schon gekommen war, um mit Torkel Fiske zu sprechen, mußte er auch wissen, daß Torkel unter allen Offizieren am Raumhafen derjenige war, mit dem sich am besten reden ließ. »Ja, ja, mag schon sein. Aber sind wir nun im Geschäft oder nicht?« Die Augen des Mannes funkelten vor habgieriger Vorfreude. Torkel setzte eine unbekümmerte Miene auf. »Das hängt davon ab, wie zugänglich dieses Erz ist.« »Viel zugänglicher, als Sie sich erträumen mögen, liebster Hauptmann«, erwiderte Satok mit jenem öligen Lächeln, das Torkel ihm am liebsten aus dem Gesicht gewischt hätte. »Sollte dem so sein, können Sie davon ausgehen, daß die Intergal sich dankbar erweisen wird.« »So wie immer?« Die höhnische Miene war zurückgekehrt, als Satok sich in den Ausstiegsrahmen lehnte. »Warum begleiten Sie mich nicht ins Dorf?« fragte Torkel und fügte, als er in Satoks Augen das Mißtrauen aufblitzen sah, hastig hinzu: »Es gibt hier mehr als genug Wald, um sich vor neugierigen Augen zu verstecken, während ich meinen Abschied nehme… Und außerdem kann uns hier draußen niemand belauschen.« Er deutete auf, die Lichtung und den Wald, aus dem beim Eintreffen des Shuttles selbst die Kleintiere geflohen waren. Satok betätigte den Schalter neben der Shuttleluke und bedeutete Torkel mit ironischer Geste, voranzugehen. Während ihres Marschs erwähnte Satok, daß die Erzproben an sechzehn verschiedenen Orten entnommen worden waren. Er behauptete, daß alle Vorkommen außerordentlich reich seien und vor allem so leicht zugänglich, daß die Firma sie immer wieder übersehen hatte. Ausführlicher wollte der Mann sich nicht dazu äußern, aber der Frachtraum voller Erze war schließlich Beweis genug. Torkel war entzückt und wütend zugleich. Wenn die Vorkommen schon die ganze Zeit vorhanden gewesen waren, noch dazu leicht zugänglich, wieso hatten dann die besten geologischen Mannschaften der Intergal ausgerechnet dort versagt, wo dieses armselige Stück Mensch Erfolg gezeitigt hatte? Er ließ Satok am Dorfrand zurück und ging weiter, wobei er seinen Versuch wieder aufnahm, sich den Matsch beim Gehen von der Kleidung zu bürsten. Diesmal nahm Torkel die Gehsteige. Sie waren erstaunlich menschenleer, und er nahm den Umweg, der um Aigurs Haus führte. Die verdammten Katzen waren wieder da, fiel ihm auf. Gut, daß er Satok abseits des Dorfes und dieser für ihn so verlockenden Katzenversammlung zurückgelassen hatte, sonst hätte ihn sein Haß auf die Tiere blind für jede Vernunft gemacht. Torkel bemerkte einen Schlammkratzer auf der ersten Hausstufe und bearbeitete pflichtbewußt seine Schuhe damit. Er vernahm Umherhuschen im Haus und meinte außerdem, weiter oben ein leises Zischen zu hören. Zu spät. Er klopfte an die Tür: Höflichkeit wurde immer geschätzt. Doch als die Tür sich öffnete, ließen die steinernen Blicke, mit denen man ihn begrüßte, Zweifel daran aufkommen. »Es tut mir außerordentlich leid, Marmion, aber es ist eine Notlage eingetreten, und der Shuttle ist gekommen, um mich abzuholen«, verkündete er mit entwaffnendem Lächeln. »Es mißhagt mir sehr, Sie einfach hier im Stich zu lassen.« Er wandte sich an Aisling, und erst, jetzt fiel ihm auf, daß Marmion und die große Frau die einzigen im Zimmer waren. »Ach, du liebe Güte«, antwortete Marmion. »Ich hatte eigentlich gehofft, etwas länger…« »Ich wüßte keinen Grund, weshalb Sie nicht bleiben sollten, werte Dame«, erwiderte Torkel und lächelte Aisling an. »Wäre es vielleicht möglich, daß Sinead Madame Algemeine zum Raumhafen zurückbringt, oder würde das die ganze Planung durcheinanderwerfen?« »Ach, das ist aber bedauerlich, daß Sie so in Eile sind. Dabei ist Sinead nicht da, um sie zu fragen. Ich kann nicht für sie sprechen, und ich selbst bin im Freien ein völlig hoffnungsloser Fall«, erwiderte Aisling wortreich und fuhr sich mit den Fingern durch das Tuch ihres voluminösen Kleides. »Sie wird nicht lange wegbleiben, und Sie haben ja Ihren Kaffee noch gar nicht ausgetrunken. Kommen Sie, ich werde ihn noch einmal kurz aufwärmen.« Sie hatte die Tasse schon in der Hand und hob gerade den Kesseldeckel, um nach dem Wasser zu sehen. »Ach ja, dann schmeckt er doch gleich viel besser…« »Wirklich…« Torkel hob die Hand und versuchte, dem höflichen Bemühen Einhalt zu gebieten. »Ich muß wirklich sofort zum Shuttle zurückkehren und…« »Du liebe Güte, Torkel, sind Sie etwa in den Schlamm gefallen?« fragte Marmion. »Aisling, gibt es hier irgendwo eine Bürste?« Sie hatte sich ein Küchentuch geschnappt und kam auf ihn zu. »Möglichst eine steife, damit wir den Rest von dem Zeug abkriegen. So wollen Sie doch wohl nicht auf der Basis aufkreuzen?« Torkel versuchte ihr zu versichern, daß er sich sofort nach seiner Rückkehr würde umziehen können, und außerdem sei ja alles schon trocken und gar kein Problem, doch das befriedigte Marmion de Revers Algemeine nicht. Torkel zügelte seine Gereiztheit und sah sich gezwungen, ihre Fürsorge über sich ergehen zu lassen. Er hoffte nur, daß es Satok sich nicht in den Kopf setzte, ausgerechnet jetzt zu verschwinden. Es dauerte ziemlich lange, bis Marmion zufrieden war, und inzwischen war Sinead von ihrer Besorgung zurückgekehrt. Sie, stimmte sofort zu, daß sie und Aisling nun wohl besser nach Kilcoole zurückkehren sollten, und gewiß könnten sie Marmion zum Raumhafen fuhren. Als er schließlich gehen durfte, bebte Torkel förmlich vor Zorn und Frustration. Und wie um ihn absichtlich noch etwas aufzuhalten, fiel Marmion plötzlich ein, daß sie ihm noch unbedingt eine Nachricht mitgeben wollte, damit die anderen sich ihretwegen keine Sorgen machten. Es dauerte eine Weile, bis man Papier und einen Bleistiftstummel auf getrieben hatte, mit dem Aigur ihre Webmuster aufzeichnete, aber endlich entließ man Torkel, die Nachricht in seiner frischgebürsteten Jackentasche. »Wo, zum Teufel, sind Sie denn geblieben?« wollte Satok wissen. »Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, daß Sie den ganzen Tag brauchen, um zu mir zurückzukehren.« Sein haariges Gesicht nahm einen noch heimtückischeren Ausdruck an. »Sie haben da drin doch wohl nicht Ihr kleines Privatgeschäft mit der Firma über ein Privatfunkgerät abgewickelt, oder?« »Nun werden Sie nicht dämlich«, brüllte Torkel und trat auf die Lichtung, dem Shuttle entgegen. Schweigend legten sie die etwa zwanzigminütige Strecke hinter sich, bis sie das Fahrzeug erreichten. Torkel schlug gegen den Öffnungsschalter; dann schwang er sich ins Shuttle und setzte sich in den Passagiersitz, während Satok die Luke schloß und den Pilotensessel beanspruchte. Sie hoben ab und nahmen Kurs nach Norden. In Aigurs Blockhaus blickte Marmion gerade traurig auf den schlaffen Leib der orangefarbenen Katze herab. Ihre Kehle war wie zugeschnürt; am liebsten wäre sie beim Anblick dieses schönen, intelligenten kleinen Tieres, das durch einen grausamen Angriff so schrecklich zugerichtet worden war, in Tränen ausgebrochen. Eine andere Katze leckte gerade die Streifschußwunde am Rückgrat der kleineren Kreatur. Marmion und Aisling hatten die Katze hinter dem abgedeckten Webrahmen vor Torkel versteckt, doch nun kümmerte sich die größere Katze um ihre kleinere Verwandte, während das, Mädchen, das sie in Aigurs Haus gebracht hatte, aufgewühlt zuschaute. »Können wir denn nicht mehr für das arme Ding tun?« fragte sie und rang die von Gesteinstaub bedeckten und von Schürfwunden blutenden Hände. »Na, ja. Diese Katze kriegt die beste Behandlung, die sie bekommen kann. Wirklich, Luka«, teilte Sinead ihr mit. Auch Sineads Hände waren bedeckt von Staub, Kratzern und Schürfwunden. Sie hatte sie in den Tschen stecken lassen müssen, solange Torkel da war. »Es ist gar nicht so leicht, eine von diesen Katzen umzubringen, und die andern sind alle unverletzt entkommen.« »Aber die hier kommt doch durch, oder?« schluchzte Luka. »Satok hat nämlich alle anderen in McGees Paß getötet, müßt ihr wissen.« »Ob ihre Wirbelsäule etwas abbekommen hat, können wir erst feststellen, wenn sie wieder bei Bewußtsein ist. Aber ich glaube kaum, daß Patchog die Wunde reinigen würde, wenn er der Katze keine Überlebenschance einräumt.« Marmion beobachtete den Austausch mit Interesse. Kurz nachdem Torkel fortgegangen war, um sich Klarheit über den eingetroffenen Shuttle zu schaffen, war Luka eingetroffen, den schlaffen Leib der Katze in den Armen, und hatte bitter geweint. Sie hatte die Katze Aislings zärtlicher Fürsorge überantwortet, hatte sich von Marmion abgewandt und eindringlich mit Sinead und Aigur geflüstert. Sinead hatte sich sofort Marmion zugewandt. »Es gibt da etwas, das wir sofort tun müssen. Ich darf Ihnen nicht sagen, was es ist oder warum es geschehen muß. Aber Aisling wird bei Ihnen bleiben und Ihnen helfen, wenn Sie damit einverstanden sind, Fiske und jeden etwaigen Gast, den er mitbringen sollte, nach seiner Rückkehr solange aufzuhalten, wie Sie nur können.« »Aber weshalb dürfen Sie mir nicht sagen, um was es geht?« hatte Marmion ein wenig pikiert gefragt. Sinead hatte sie warnend angeblickt, und das hatte Marmion genügt. Es ging nicht um etwas, das sie ihr verheimlichen wollten, sondern um eine Angelegenheit, die sie um ihrer eigenen Stellung willen besser, nicht erfahren sollte. Marmion hatte mit einem Nicken ihre Zustimmung signalisiert und Aisling rasch dabei geholfen, die Katzen zu verstecken, während die anderen Frauen im Dorf verschwanden. Nun waren Torkel und sein Begleiter fort und hatten Luka zurückgelassen, die aus vielerlei Gründen weinte, nicht nur der verletzten Katze wegen. Sie schien sich zu schämen und zu fürchten, war niedergeschlagen und erleichtert zugleich, und die weinte ob all dieser Gefühle, bis sie schließlich damit aufhörte, als ihre Tränen auf Marmions tröstende Hand fielen. Sie musterte diese elegante Hand auf ihrem schmutzigen, zerrissenen Kleid und schaute dann in die Güte des schönen Gesichts empor. Sie blickte zu Sinead und den anderen hinüber. Sinead, die Marmions Miene genau musterte, nickte heftig. »Also gut, dann werde ich es Ihnen jetzt erzählen«, entschied Luka. Ein gehässiges Lächeln spielte um ihren Mund, bis ihre geplatzte Lippe sie zusammenzucken ließ. Sie schniefte, wischte sich mit dem Handrücken die Nase und begann, die Tatsachen zu erläutern, um die sie wußte, wobei sie Gespräche, die sie belauscht hatte, offensichtlich wörtlich wiedergab. Sie sprach von einem Mann, der zu den Verstoßenen von Petaybee gehörte und der nicht einmal kennengelernt hatte, was selbst Marmie in der Höhle erfahren hatte – ein Mann, der in den Dienst der Firma getreten war, nachdem er sich gegen seinen eigenen Planeten gestellt hatte, nur um auch die Firma zu verraten und sich Piraten anzuschließen. Luka selbst war völlig von ihm eingenommen gewesen, als er das erste Mal nach McGees Paß kam und behauptete, daß er gekommen sei, um sie über die tiefe Trauer hinwegzutrösten, die auf ihre große Tragödie gefolgt war. »Das alles geschah, bevor ich wußte, daß er selbst dafür verantwortlich gewesen ist, Dama. Er hat die McConachies praktisch umgebracht, dieser Teufel, und alle davon überzeugt, daß der Planet sich gegen uns gestellt hat. Und dabei hat er die ganze Zeit heiligen Ort geplündert, obwohl ich erst später erfuhr, was oder wieso, als ich schon weit weg war, das schwöre ich., Als ich mißtrauisch wurde und zu meiner Familie zurückkehren wollte, da hat er mich an einen seiner dreckigen Komplizen weitergereicht wie einen Sack Bohnen. Und dieser Mann hat dem ganzen Dorf erzählt, daß ich selbst eine Ausgestoßene sei, eine, die Petaybee verstoßen und verrückt gemacht habe. Und die ganze Zeit haben sie den Planeten ausgeplündert, und ich habe erfahren, daß sie ihn Stück für Stück umbrachten, ganz langsam, damit er ihnen nichts antun konnte, wenn sie ihn ausbeuteten. Aber als das kleine Mädchen aus Kilcoole kam und man ihn durchschaute, habe ich gehört, wie der Mann sagte, daß es jetzt an der Zeit wäre, an die Firma zu verkaufen. Und dann hat er alles hergebracht, um es Ihrem Mann, dem Hauptmann, zu zeigen. Und da hatte ich gleich die Idee, daß das, was der Hauptmann im Shuttle zu sehen bekommen würde, sich in ganz gewöhnliches Gestein verwandelt haben würde, das ihn überhaupt nicht interessierte. Sinead und Aigur haben mir dabei geholfen, wie auch andere aus diesem Dorf. Aber ich fürchte, wir waren zu spät dran, denn der Hauptmann hat das richtige Zeug schon zu Gesicht bekommen.« »Sie dagegen nicht«, warf Sinead ein. »Sie kennen es also nur von unserem Hörensagen.« Marmion nickte. »Ich verstehe.« »Aber ich mache mir schreckliche Sorgen, was die als nächstes tun werden, Dama«, fuhr Luka fort. »Denn dieser böse Mann weiß, wo man noch mehr findet. Und wenn der Hauptmann ihm glauben sollte…« Marmion nickte und unterstrich ihr Verständnis mit einer raschen Handbewegung, während ihr Verstand das Problem bereits mit einem Satz überholt hatte. Fiske ein ahnungsloser Verbündeter von Piraten? Wie weit wäre er wohl zu gehen bereit, um diese kleinen Bergbauprojekte durchzusetzen? Fast hätte Marmion sich gewünscht, nicht so viel zu wissen, wie es nun der Fall war, da das ganze Problem sie in einen Interessenskonflikt stürzte. Sie empfand zwar große Sympathie für die Bewohner Petaybees, begriff aber zugleich, daß ihre Stellung als unparteiische Ermittlerin der Kommission bereits stark kompromittiert war., »Na gut«, sagte sie. »Der Austausch war wirklich eine raffinierte Idee, obwohl ich natürlich dazu gezwungen gewesen wäre, ihn zu verbieten, hätte ich davon gewußt. Haben Aisling und ich euch denn genug Zeit verschafft?« Sinead schnaubte bei dem Gedanken, daß sie nicht in der Lage gewesen sein sollte, einen derartig einfachen Tausch zu organisieren, auch wenn er sämtlicher zur Verfügung stehender Dorfbewohner und jedes Stücks Gestein bedurft hatte, das sie auf der Lichtung auftreiben konnten. »Ich glaube, wir sollten uns jetzt lieber auf den Rückweg machen, Dama«, meinte Sinead. »Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mich Marmion nennen würden, wie meine Freunde es tun«, teilte sie Sinead mit und schloß Aisling, Luka und Aigur in ihren Blick mit ein. Sinead musterte sie nachdenklich, und einen schrecklichen Moment lang dachte Marmion, daß sie vielleicht nicht den Kriterien genügen könnte, nach denen Sinead Shongili Leute als ›Freunde‹ einstufte. Ihr Lächeln hatte große Ähnlichkeit mit dem ihres Bruders, und es war von einer merkwürdigen Schüchternheit, als würde sie ihre Freundschaft nur selten jemandem schenken. »Dann fühlen wir uns geehrt… Marmion. Aber könnten wir vielleicht zuerst in Kilcoole haltmachen?« »Natürlich, das wollte ich selbst schon vorschlagen. Clodagh und Whit müssen informiert werden… es sei denn…«, fügte Marmion hinzu und lächelte wehmütig die immer noch gesunden orangefarbenen Katzen an, die sich inzwischen hineingeschlichen hatte, um der großen Katze bei der Pflege ihres verwundeten Bruders behilflich zu sein, »… sie wissen bereits davon.« »Einiges, aber nicht alles«, erwiderte Sinead lächelnd, als sie sich auch schon mit Aisling daranmachte, ihre Habseligkeiten aufzunehmen. Im ersten Morgengrauen schien das Wetter nicht gerade ermutigend zu sein. Doch Yana warf einen bittenden Blick zu Johnny hinüber, als, dieser sich vom Fenster abwandte, worauf er kapitulierend die Hände hob. »Könnte verdammt holprig werden«, meinte er. »Ich würde auch noch Schlimmeres riskieren«, erwiderte Yana. »Ich auch«, fügte Bunny hinzu. Diego nickte nur knapp. Loncie bestand darauf, ihnen Proviant einzupacken, und Johnny erklärte, daß er vor seinem nächsten Flug nach Norden seine Vorräte damit aufzufüllen gedachte, »Ay, de me, und in der Zwischenzeit soll wohl Hunger herrschen? Ab mit dir, amigo, und gib dich in solchen Zeiten nicht mit derlei Kinkerlitzchen ab. Finde du nur La Pobrecita, das ist mehr als genug.« Als sie angeschnallt in ihren Sitzen saßen, Nanook im hinteren Teil der Maschine zusammengekauert und tapfer sein Unbehagen ertragend, startete Johnny. Nachdem er Kurs Südost genommen hatte, reichte er Yana eine Luftkarte. »Ich möchte, daß Sie etwas für mich überprüfen. Mir scheint, daß der Lacrimas von seiner Mündung aus eine ziemlich gerade Fließrichtung einschließt, und die Mündung liegt fast genau gegenüber von Harrisons Fjord. Habe ich recht?« »Ich verstehe, worauf sie hinauswollen«, erwiderte Yana, faltete die Karte auseinander und schüttelte sie kurz aus, um sie abzusuchen. »Sie meinen, daß der unterseeische Tunnel möglicherweise ganz in der Nähe vom Tal der Tränen an die Oberfläche führt?« »Na ja, das wäre nicht so unwahrscheinlich, wie es sich anhören mag«, sagte Johnny; er war nicht sicher, ob er auch erwähnen sollte, weshalb er das für eine Möglichkeit hielt, während er im Geiste Citas Gesicht mit dem der hinter ihm sitzenden Bunny verglich. Er schüttelte den Kopf. Die Shongilis hatten allesamt einen recht ungewöhnlichen Körperbau, und wenn Opa Shongili nicht gerade ein paar Betten gewärmt haben sollte, die er seiner besitzergreifenden Frau lieber verschwiegen hatte, schien es Johnny nur eine logische Erklärung zu geben. Yana musterte die Karte und stieß einen leisen Triumphschrei aus, als sie die beiden relativen Punkte gefunden hatte. Dann erklärte sie, mit besorgtem Stirnrunzeln: »Johnny, zwischen den beiden Kontinenten liegen zweitausend Meilen!« »Onkel Sean hat auch errechnet, daß es mindestens so viele sind«, sagte Bunny und löste ihren Sitzgurt, um Yana über die Schulter blicken zu können. »Anschnallen!« befahl Johnny mit einem derart barschen Gebrüll, daß es in der kleinen Kabine widerhallte und Nanook losfauchte. »Tut mir leid.« Yana reichte Bunny über die Schulter die Karte. »Bis zur Einsturzstelle in der Höhle hatten wir ungefähr einhundertfünfzig Meilen zurückgelegt…«, begann Bunny und verstummte wieder. »Das war nicht sehr weit… wenn man überlegt…« Ihre Stimme klang ein wenig gedämpft, als sie sich über Nanooks Kopf beugte. »Du hast doch gesagt, daß Onkel Sean am Leben ist, nicht wahr?« Nanook nieste und Bunny seufzte; sie war nicht völlig befriedigt. Sie flogen ein gutes Stück dahin, und in die Stille pfiff Diego kleine Liedpassagen vor sich hin und murmelte leise; wahrscheinlich arbeitete er an einem neuen Lied, Bunny blickte aus ihrer Sichtscheibe auf den endlosen Schnee hinunter, auf die schattigen Blau- und Grautöne, gelegentlich von Lavendel unterbrochen. Sie konnte die fernen, zerklüfteten Zähne stacheliger Aufwürfe ausmachen und fragte sich, welcher davon sich über das Tal der Tränen erheben mochte. Und dann, als sie gerade das ungefähre Gebiet des Tals der Tränen erreicht hatten, sahen sie das Leuchten eines riesigen Lagerfeuers, von dem die Funken hoch empor stoben. Bunny rief etwas Unverständliches, packte Johnny an der Schulter und zeigte nach unten; im selben Augenblick unternahm Nanook den plötzlichen Versuch, unter dem Sitz hervorzuschlüpfen. Laut befahl Johnny jedermann, den Sitz nicht zu verlassen und die Ruhe zu bewahren. Bunnys gekreischten Anweisungen folgend, hielt er den Hubschrauber gen Steuerbord. Unten konnten sie die drei Gestalten einen Hügel herabstolpern sehen, ja, eine davon rollte sogar den Hang hinunter und hinterließ ein Muster aus blutigen Kreisen im Schnee. Eine der Gestalten war kätzisch. Nanook stieß ein ohrenbetäubendes Geheul, aus, ein Geräusch, wie Bunny es noch nie von einer Katze vernommen hatte. Verblüfft beobachtete sie, wie die Katze am Boden den Blick hob, ja, wie sie die Kieferlade aufsperrte, als wollte sie einen ähnlichen Schrei ausstoßen. »Alles anschnallen!« schrie Johnny. Doch seine Ermahnung war unnötig: Seine Passagiere spürten nur zu deutlich die Turbulenzen, gegen die er beim Versuch zur Landung anzukämpfen hatte. Im Tiefflug musterte er das gefährlich unebene Gelände, als Yana auf den blutenden, am Boden liegenden Mann zeigte und rief: »Das ist Sean da unten!« »Und La Pobrecita ist bei ihm«, erwiderte Johnny. »Trotzdem muß ich erst eine halbwegs flache Stelle finden, um den Vogel runterzuholen, ohne daß die Kufen brechen. Geduld!« Mit den drei Gestalten als Mittelpunkt, flog Johnny so lange Kreise, bis er eine brauchbare flache Stelle entdeckt hatte. Kaum war er gelandet, als Yana auch schon aus der Maschine stürzte, in einer Hand die medizinische Notausrüstung, in der anderen ein Bündel zusätzlicher Winterkleidung, Bunny und Nanook dicht auf den Fersen. Johnny wollte gerade folgen, als Diego ihn an der Schulter faßte und auf den Hügelkamm hinaufzeigte, wo soeben eine Schar von Menschen erschien und eine merkwürdige Sammlung von Waffen schwenkte. Johnny bedeutete Diego, daß LD-404 herunterznehmen, das über der Einstiegluke zum Frachtraum in seiner Halterung steckte, während er die Magazine seiner Handfeuerwaffe und des zweiten automatischen Gewehrs überprüfte, das er soeben unter seinem Sitz hervorzog. Dann folgten der Pilot und Diego den Frauen und dem Kater. Yana kniete neben Sean, hüllte ihn in die Winterkleidung und verarztete seine Wunde. Bunny half ihr dabei und suchte in dem Kasten nach den Gegenständen, die Yana verlangte. Die Katzen standen einander etwa sechs Meter gegenüber, beschnüffelten sich und ließen durchaus freundlich die Ruten zucken. Das Kind in seiner, viel zu großen Pelzjacke schmiegte sich an die wolkenfleckige Katze, große, weit aufgerissene Augen in einem verängstigten blassen Gesicht. Diego ergriff Johnnys Arm und sah ihn fragend an, während er mit der freien Hand auf das Kind zeigte. Johnny grinste und nickte; dann drehte er sich um und beobachtete, wie die Menschenmasse hinter ihnen den Abhang herunterrutschte. »Cita, Senor Luzon ist auf seine Weise ein genauso schlechter Mann wie der Heulende Hirte«, sagte Johnny mit sanfter Stimme und beugte sich dabei zu dem Kind herab. »Loncie war richtig bestürzt, daß er dich dazu hat überreden können, mit ihm zu gehen. Deshalb sind wir gekommen, um dich wegzuholen, zurück zu deinen eigenen Leuten.« »Diese Unwürdige hat keine Leute«, antwortete Cita und packte Coaxtls Fell noch fester als vorher. »Genau da irrst du dich, Kindchen«, erwiderte Johnny. »Bunny, komm her. Jetzt, pronto!« Yana und Bunny sahen sich um, in ihren Mienen zeigte sich Verärgerung über die Unterbrechung. Dann gafften sie beide, und Bunnys Kieferlade klappte herunter. »Du mußt… du kannst gar nichts anderes sein als…« Bunnys Hand fuhr an ihre Wange, ihre Nase, ihre Lippen. »Deine Mutter hat es geschafft, Nichte«, sagte Sean feierlich nickend und ließ den Blick von Bunnys Antlitz zu dem dünnen, hageren Gesicht eines Kindes schweifen, das so offenkundig eine Blutverwandte sein mußte. »Aber ich bin Ziegen…« »Wag es bloß nicht noch einmal, dich mit diesen Namen zu bezeichnen, Pobrecita«, sagte Johnny mit zornig wackelndem Finger. »Buneka Rourke, das ist deine Schwester. Obwohl ich finde, daß wir uns einen besseren richtigen Namen für sie überlegen könnten als Cita oder Nina, meinst du nicht auch?« »Eine Schwester!« Und schon nahm Bunny das erschrockene Kind in die Arme. »Eine eigene Schwester! Alle, die ich kenne, haben, wenigstens eine Schwester oder einen Bruder, aber ich hatte immer nur Vettern…« »Und Onkeln und Tanten«, ergänzte Sean zwischen zusammengebissenen Zähnen, als Yana gerade an dem Verband zerrte, um sich davon zu überzeugen, daß er fest um die zerrissene Pfeilwunde saß. »He, wir kriegen Ärger«, sagte Diego und blickte zum Hügelhang hinauf. »Wenn das nicht Matthew Luzon ist…« »Und der gute und ehrwürdige Heulende Hirte, möchte ich wetten«, fügte Johnny hinzu, als er neben dem Vizevorsitzenden der Intergal den Mann in den wallenden Gewändern erblickte. »Oh, der kommt, um mich zu holen. Er wird mich zwingen, ihn zu heiraten…« »Ihn zu heiraten!« platzte es aus fünf Kehlen hervor. »Nur über unsere Leichen!« sagte Johnny mit einer Stimme, die eine große Ähnlichkeit mit dem Knurren der beiden Wildkatzen hatte. »Bunny, bring deine Schwester in den Hubschrauber und bleib da!« »Sie ist meine Schwester, und ich habe das Recht…« »Geh«, sagte Sean und deutete zum Hubschrauber. »Und versperr die Luken.« »Da ist eine Kiste Signalpatronen, Bunny. Hol sie raus. Und wenn du siehst, wie ich mit der Hand eine Kreisbewegung mache, ziel damit auf die Menge dort.« »Kapiert!« dann nahm sie ihre Schwester in die Arme und sprintete zu dem schützenden Hubschrauber zurück. Wenn es sein müßte, würde sie ihn schon selbst wegfliegen – sie hatte Johnny häufig genug dabei beobachtet, um das Prinzip des Steuerruders und der Schaltung begriffen zu haben. Niemand würde ihrer kleinen Schwester etwas antun, nicht jetzt, da sie die Schwester gerade erst gefunden hatte. Johnny reichte Yana die Automatik mit den Magazinen und klatschte Seans Hand beiseite, als dieser nach der Waffe griff., »Kümmere du dich um die Katzen, Sean. Das heißt, so gern die Wolkengefleckte Befehle annimmt wie Nanook«, schlug Johnny vor. Beide Katzen stießen ein bauchtiefes Grollen aus, das ihre Hälse zum Beben brachte, als sie sich rechts und links von Sean Shongili aufbauten. Der Lärm der Menge war zu einem bloßen Murmeln geworden. Matthew und der Heulende Hirte gingen der Meute um einige Schritte voran. »Na, Dr. Luzon, da haben Sie mir ja eine ganz schöne Verfolgungsjagd geliefert«, rief Johnny, als die beiden Männer auf Hörweite herangekommen waren. »Während Sie, Hauptmann Greene, nicht wie versprochen erschienen sind.« »O doch, ich bin wieder erschienen, Dr. Luzon, genau wie ich es zugesichert hatte. Aber inzwischen waren Sie ja in Scobies altem, zerbeultem Schnokel weggefahren. Mein Kompliment zu Ihren Fahrkünsten, daß Sie die Schneekiste so weit gekriegt haben.« Der Heulende Hirte hob einen Arm, wobei der Ärmel seiner Kutte über sein knochiges Handgelenk rutschte, und wies auf den Hubschrauber. »Das, Kind Ziegendung gehört zu meiner Herde und wird jetzt mit mir kommen, zur Erlösung der Menschheit. Sie müssen sie wieder in meine Obhut zurückgeben. Es kümmert mich nicht, was Sie Ungläubige für Irrtümer begehen oder was das Große Ungeheuer Ihnen antun mag, aber sie muß mir wieder ausgehändigt werden. Ebenso das Ungeheuer, das sie entführt hat.« »Tja, mein Herr, das werde ich wohl kaum tun können«, antwortete Johnny. »Paß bloß auf, wen du da ein Ungeheuer nennst, du Abschaum«, knurrte Sean. »Dieses Kind ist meine Nichte und befindet sich bei seiner nächsten Blutverwandten, wo sie auch bleiben wird. Ich, ihr Onkel und männlicher Vormund, habe nicht in die Heirat des Kindes mit irgend jemandem eingewilligt, und ich werde es auch nicht tun!« Der Heulende Hirte ließ den Blick von Seans Gesicht zu seiner Beinwunde und schließlich wieder zurück zum Gesicht schweifen,, wobei seine Augen sich vor Entsetzen weiteten. »Du! Du warst das Ungeheuer! Der Robbenmann! Dann ist das Mädchen… dann ist sie auch ein Ungeheuer.« »Ungeheuer?« fragte Yana herausfordernd und baute sich zwischen dem verwundeten Sean und dem selbsterklärten Hirten auf. »Ich kann hier nur ein Ungeheuer erkennen, und das ist bestimmt nicht Dr. Shongili. Begrüßen Sie Ihre Besucher immer mit tödlichen Waffen, Herr Hirte?« »Als wir ihn das erste Mal gesehen haben, war er kein Besucher«, entfuhr es dem Heulenden Hirten. »Zuerst sah er aus wie eine Robbe, und dann ist er… gewachsen. Und außerdem kam er aus der Unterwelt, durch das Tor, durch das alle verdammenswürdigen Scheusale dieses Planeten eintreten!« »Unsinn«, rief Yana. »Er hat einen unterirdischen Gang erkundet, wo seine schwangere Schwester und sein Schwager vor vielen Jahren verschwunden sind. Sie erfinden diese unglaubliche Geschichte doch bloß, um weitere Untersuchungen Ihrer eigenen verabscheuungswürdigen Aktivitäten zu unterbinden.« »Das bezweifle ich aber sehr«, warf Matthew Luzon mit salbungsvollem Lächeln ein. »Als ich hier eintraf, hat die ganze Herde des Hirten von dem Ungeheuer erzählt, das sie entdeckt hatten und gerade in einem offenen Feuer verbrennen wollten. Ich habe das Tier zwar selbst nicht zu Gesicht bekommen, habe mich aber natürlich bei dem Hirten dafür verwendet, mir zu erlauben, es zu studieren, statt es zu vernichten, damit ich es ins Labor zurückbringen und einigen Untersuchungen unterziehen könnte. Da Dr. Shongilis Wunde mit der des Tieres übereinstimmt, würde ich sagen, daß er uns einiges zu erklären hat.« »Da haben Sie doch wohl etwas mehr zu erklären, Dr. Luzon«, sagte Yana mit einer derart kalten Stimme, daß Johnny erschauerte. »Denn ich bin mir einigermaßen sicher, daß Sie die entsprechenden Paragraphen der CIS-Vorschriften kennen, die für die Intergal ebenso gelten wie für das gesamte bewohnte Weltall und in denen es um erzwungene oder Kinderheiraten geht.«, »Aber Majorin Maddock! Während ihrer ganzen Heimreise hierher ins Tal der Tränen hat Ziegendung…« »Pah!« explodierte Sean. »… hat das Kind«, fuhr Matthew fort, »mir erzählt, wie glücklich es ist, zu einer so glückhaften Verehelichung zurückkehren zu dürfen.« »Wie viele Frauen haben Sie eigentlich im Augenblick, Heulender Hirte?« wollte Yana wissen. »Cita hat fünf erwähnt«, warf Sean eisig ein. »Was übrigens auch ein Verstoß gegen die Sitten und Gebräuche dieses Planeten ist, die nach allem, was ich darüber weiß, keine Polygamie erlauben.« »Aber, aber, Dr. Shongili. Wir dürfen nicht so ethnozentrisch sein«, warf Matthew ein, das Lächeln immer noch ins Gesicht geheftet. »Wir müssen es religiösen Gemeinschaften gestatten, ihren eigenen Bräuchen, Volksüberlieferungen und Riten zu frönen, so merkwürdig sie uns auch erscheinen mögen.« »Nicht mit meiner Nichte«, warf Sean ein. »Und wie können Sie beweisen, daß Sie ihr Onkel sind?« wollte Matthew wissen. »Verdammt, Mann, das ist ja wohl offensichtlich! Eine dämlichere Frage haben Sie bisher wohl nicht stellen können«, platzte Diego Metaxos zornig heraus und richtete die LD-404 in die Richtung des Hirten – und Matthew Luzons. »Junger Mann«, begann Matthew, »Sie laufen ernsthaft Gefahr…« »Sparen wir uns das Gerede für eine passendere Gelegenheit auf«, unterbrach Yana, als sie merkte, wie Sean vor Erschöpfung und Schmerz zu wanken begann. »Hauptmann Greene ist gekommen, um Sie abzuholen, Dr. Luzon. Das hat Vorrang. Sollen diese Leute doch ihre widerlichen kleinen Volksüberlieferungen unter sich auf die Reihe bekommen, wie sie es haben wollen. Hauptsache, es betrifft nicht Dr. Shongili oder seine Nichte oder sonst einen von uns.« Matthew Luzon kehrte ihr den Rücken zu, um einen Appell an den Hirten zu richten, der sich gerade in selbstgerechter Empörung voller Zorn aufplusterte. »Hirte, Sie sehen selbst, womit man bei dieser Untersuchung zu kämpfen hat. Alle diese Leute bestätigen sich, gegenseitig in ihrer Auffassung, und man läßt keine abweichende Stimme zu. Wenn Sie einen Apostel bestimmen würden, der Ihr Volk führt, während Sie mit mir kommen und der Kommission Ihre Ansichten darüber mitteilen, welche Auswirkungen dieser Planet auf die Menschen hat, wäre der Gerechtigkeit sehr viel besser gedient…« Die Augen des Hirten weiteten sich interessiert, und er quittierte Matthews Worte mit einem Nicken. Johnny Greene schnitt ihnen das Wort ab. »Wenn Sie glauben sollten, daß ich den da in derselben Maschine zurückfliege wie das kleine Mädchen, Dr. Luzon, würde ich es mir an Ihrer Stelle noch einmal gründlich überlegen«, sagte er. »Ganz zu schweigen davon, daß wir in Anbetracht der an Bord befindlichen Treibstoffmenge ohnehin schon völlig überlastet sind.« »Sie können in Bogota auftanken, Mann«, fauchte Matthew zurück. »Das wissen Sie genausogut wie ich.« »Ich habe einen Verwundeten dabei, Dr. Luzon. Das zwingt mich, auf dem kürzesten Weg nach Norden zu fliegen.« Mit einem Kopf rucken wies er Johnny und Diego an, Sean zu helfen, sich zum Hubschrauber zu begeben. »Daher bestimmt der Kapitän dieses Fahrzeugs, daß nur Menschen als Passagiere an Bord dürfen, die in Gefahr sind – so wie jene, die er ursprünglich hierher gebracht hat. Sie gehören natürlich dazu, mein Herr. Aber einen weiteren Passagier werde ich nicht mitnehmen. Wenn Sie also lieber nicht an Bord wollten, Dr. Luzon, wird es mir eine Freude sein, eine andere Transportmöglichkeit für Sie anzufordern. Natürlich auch für Ihren Gast, und zwar so schnell wie möglich!« »Oh, Sie…« Luzons Augen funkelten in unterdrücktem Zorn. »Hauptmann Greene, mein Herr, jawohl, mein Herr, ausschließlich zur Verfügung von Dr. Whittaker Fiske abgestellt, mein Herr.« Johnny wich seinem Blick nicht aus. Verdächtigerweise kapitulierte Luzon plötzlich und sagte in einem trügerisch freundlichen Tonfall: »Dann werden Sie sofort nach dem Start Kontakt zum Raumhafen aufnehmen und einen Hubschrauber anfordern, der mich, meinen Assistenten und meinen Gast abholen, soll. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Jede Verzögerung dieser Meldung wird in die Akten aufgenommen und entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen. Haben Sie verstanden, Hauptmann Greene, im Dienst – zumindest vorläufig – von Dr. Fiske?« »Sehr genau, mein Herr. Danke, mein Herr. Schönen Tag noch, mein Herr. Und Ihnen auch, mein Herr«, sagte Johnny und salutierte zackig sowohl vor Luzon als auch vor dem erstaunten Heulenden Hirten. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, sprang über eine Erhebung und eilte so schnell zum Hubschrauber zurück, wie das Gelände es erlaubte. Er startete die Maschine, des Stöhnens von Coaxtl gewahr, die so etwas noch nie hatte durchmachen müssen, sowie der schnurrenden Beruhigungen von Nanook, der dem Fliegen plötzlich sehr viel tapferer gegenüberstand. Kaum hatte Johnny abgehoben, als er die Kanäle des Funkgeräts umschaltete, wobei er breit grinste. »He, Mondstation, hier Bravo-Jig- Foxtrot vier-zwo-neun-eins, Hauptmann Johnny Greene. Fordert sofortige – ich wiederhole – sofortige Abstellung eines Hubschraubers an folgende Koordinaten…«, er las sie vor, »… um den Vizevorsitzenden der Intergal, Matthew Luzon, seinen Assistenten und einen Gastpassagier abzuholen. Höchste Priorität. Die Anforderungen bitte per 1940.34.30 ins Logbuch eintragen.« »Hast dich wohl bei Luzon in die Nesseln gesetzt, wie, Süßer?« fragte eine weibliche Stimme. »Ich doch nicht, Mondstation«, erwiderte Johnny mit seiner fröhlichen Stimme. »Ist das etwa Neva Maries Organ, das mir da in den Ohren klingelt?« »Genau.« »Dann hör mal, Neva Marie, Luzon braucht dringend eine Transportmöglichkeit. Ich kann aber keinen Funkkontakt zum Raumhafen oder anderen in der Luft befindlichen Helikoptern bekommen. Also stell doch eins von diesen leichten Shuttlefahrzeugen ab und gönne einem eurer Buschpiloten auch mal ein bißchen Spaß., Die Landung ist knifflig. Sag ihm also, er soll aufpassen, wo er runter geht. Ach ja, und ganz im Vertrauen – er soll ein sehr starkes Desinfektionsmittel mitnehmen!« »Wie bitte?« Johnny wiederholte seine letzte Bemerkung und grinste Yana dabei über die Schulter an. »Hast du die Anforderung wortgetreu ins Logbuch eingespeist?« »Genau, wie du gesagt hast – und die vertrauliche Bemerkung bleibt auch vertraulich.« »Neva Maria, ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet.« Ein leises Kichern ging dem Abmeldesignal voraus, als die Funkleitoffizierin schnurrte: »Das werde ich mir mal gründlich auf der Zunge zergehen lassen, Johnny. Over und out. Shuttlepilot per sofort alarmiert. 1943.30.02.« »Wird er nicht vielleicht noch schneller am Raumhafen sein als wir?« fragte Bunny besorgt aus dem Schneewelpen, wo sie sich zusammen mit ihrer Schwester angeschnallt hatte. Auf diese Weise blieb Sean genug Platz, um sein verwundetes Bein auszustrecken, wobei Yana seinen Oberkörper mit dem ihren abpufferte. Diego saß vorn neben Johnny. »Möglich«, erwiderte Johnny beiläufig. »Wichtig ist nur, daß die Anforderung noch während unseres Starts registriert wurde. Und ich weiß zufällig genau, daß sämtliche Hubschrauber des Raumhafens im Augenblick von Luzons Männern zu ›Feldforschungen‹ verwendet werden.« Er gluckste vor sich hin; dann fragte er ein wenig lauter: »Bunny, wie kommt deine Schwester da hinten zurecht?« »Prima, Johnny, ganz prima! Ich denke gerade darüber nach, welchen Namen wir ihr geben sollen.« »Warum gibst du ihr nicht den Namen ihrer Mutter, Bunka?« fragte Sean mit leiser Stimme, die allen, von Yana abgesehen, das Ausmaß seiner Erschöpfung verhehlte. Sie spürte, wie sein Körper von den Strapazen bebte und zitterte, und sie drückte ihn fester an sich. »Bei dir hat sich schließlich dein Vater durchsetzen können.«, »Aoifa Rourke!« Bunny kostete den Namen aus, den sie korrekt ›Ieefa‹ aussprach. »Dein Name, dein wirklicher Name, dein Herzensname ist Aoifa, Cita. Aber wenn es dich beruhigt, werden wir dich nur Cita nennen.« Sie erhielt ein schläfriges Murmeln zur Antwort, und kurz darauf verstummten Johnnys Passagiere, obwohl Diego häufig und lautlos die Lippen bewegte., 13. KAPITEL Johnny setzte seine Passagiere in Kilcoole ab. Nachdem er mit Diego zusammen Sean in Clodaghs Haus getragen hatte, flog er weiter, um Whittaker Fiske am Raumhafen Meldung zu machen. »Das ist sehr interessant, mein Sohn«, sagte sein Chef, nachdem Johnny ihm Bericht erstattet hatte. »Das verschollene Rourke-Kind wiedergefunden und auch Shongili zurückgebracht. Sie haben Torkel nicht zufällig irgendwo gesehen, oder?« »Nein, habe ich nicht.« Johnny behielt den Gedanken für sich, daß die Anwesenheit von Torkel Fiske nur eine zusätzliche, überflüssige Belastung gewesen wäre. »Ist er denn nicht bei einer der anderen Erkundungsmannschaften?« Whit schüttelte den Kopf; dann schob er das Problem mit einer wegwerfenden Geste beiseite. Beide blickten auf, als sie das unmißverständliche Rumpeln eines Shuttles im Landeanflug vernahmen. »Richtige Maßarbeit, was, mein Sohn?« Whit grinste und erhob sich. »Ich sollte wohl besser mal hinausgehen und zusehen, wie ich Matthew beruhige.« »Ich hatte einen Verwundeten…« Whittaker Fiske nickte heftig und hob die Hand, um den Hubschrauberpiloten zu beruhigen. »Sie haben sich vollkommen richtig verhalten, wie auch Major in Maddock. Schon die bloße Vorstellung von Polygamie mit einem vorpubertären Kind, vor allem zu religiösen Zwecken, er scheint in dieser unserer Zeit abscheulich. Außerdem stellt es einen klaren Verstoß gegen die Menschenrechte der Kollektiven Interplanetaren Gesellschaften dar. Sehen Sie mal zu, daß Sie den Hubschrauber gewartet bekommen, mein Sohn. Ich möchte gern, daß er abrufbereit bleibt.«, Johnny hob die Augenbrauen. Er hoffte auf ein paar inoffizielle Ratschläge, doch Whittakers Miene hieß ihn, seinen derzeitigen Befehlen zu gehorchen. Anders als erwartet, bekam Whittaker weder einen Anruf noch einen Besuch von Matthew Luzon; es wurde auch kein offizieller Beschwerdeantrag gegen Hauptmann John Greene eingebracht. Ebensowenig erhielt er an diesem Tag Nachricht von seinem Sohn oder auch nur die leiseste Andeutung über dessen Verbleib. Nur die Meldung von einem bewußtlos geschlagenen Wachtposten, den man an einem der Seiteneingänge des Raumhafens vorgefunden hatte, ging bei ihm ein. Torkel Fiske war schon wütend genug, doch Satok tobte vor Zorn. Er traktierte die Kisten und Behälter mit Tritten, bis ein halbes Dutzend zersplittert waren, und beobachtete die Steinbrocken nicht, die ihm auf die Stiefel rollten – beinahe so, als wäre ihm der Schmerz willkommen. Torkel hörte sich zudem die Flüche an, mit denen Satok diese ›Schlampe von einer Luka‹ bedachte, und was er ihr anzutun hoffte, sollte er sie wieder aufstöbern. Nach dem kurzen Blick, den er auf das Mädchen hatte werfen können, mochte Torkel nicht so recht glauben, daß sie die Intelligenz oder gar die Kraft besessen hatte, während ihrer Abwesenheit vom Shuttle sämtliche Erzproben zu beseitigen, zumal Torkel sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Doch ohne einen Beweis für die Erzfunde würde die Kommission Satok kaum Beachtung schenken und ihre Entscheidung möglicherweise schon fällen, bevor der Mann auch nur neue Proben hätte beibringen können. Natürlich gab es auch andere Möglichkeiten, die Herrschaft der Firma über diesen Planeten durchzusetzen – beispielsweise mit Hilfe firmeneigener Straßen, Kraftwerke, Krankenhäuser und Schulen, wie Torkel es Marmion schon empfohlen hatte. Natürlich alles im Namen der Fürsorge für die Kolonisten. Wenn man sie besser behandelte, wenn sie zivilisierter wurden, würde auch ihre Kooperationsbereitschaft wachsen. Vor allem, wenn der Planet von Korpstruppen nur so wimmelte – allerdings ohne Soldaten aus Petaybee; darauf würde er diesmal achten –, die die Bauarbeiten, und Wartung übernahmen, und wenn die Firmenärzte dafür sorgten, daß die für Petaybee spezifischen Devianzen studiert und beseitigt wurden, und wenn man die Geburtenkontrolle streng überwachte, damit die Petaybeeaner nie so zahlreich werden konnten, um sich der Kontrolle zu entziehen. Firmenlehrer würden ihren Lehrplan darauf abstellen, sich der Treue ihrer Schüler und Studenten zu versichern, während die Kommunikationsanlagen der Firma dafür sorgen würden, daß die Bewohner – sowohl die ursprünglichen als auch die neuen – die Pläne der Firma akzeptierten und bis in alle Ewigkeit stets nur die Interessen der Firma in jedem Streit vertraten. Und sollte das alles doch nicht genügen, könnte man die Truppen über die firmeneigenen Straßen bewegen, um dafür zu sorgen, daß die Leute wußten, wo ihr Platz war. Und der Planet? Der lebende Planet? In seinem Innern hatte Torkel diese Vorstellung längst akzeptiert: Petaybee war ein bewußtes Wesen. Das wußte er. Er hatte es am eigenen Leib gespürt; er hatte es gesehen und gehört. Aber das bedeutete noch lange nicht, daß es ihm gefiel. Satok hatte dem Leib des Tieres Erze entrissen, und das imponierte Torkel ungemein – aber nur, wenn der Mann die Fundstellen preisgab. Hier im Shuttle hatten sie nur ganz ordinäre Steine und Staub. Das Erz war um keinen Deut besser als das Feengold in den Gutenachtgeschichten von Großmutter Fiske. Er hätte es damals vorgezogen, mit seiner Münzsammlung zu spielen oder einen Rundwurm zu sezieren, bevor er ins Bett mußte. Doch Großmutter Fiske, die, wie Torkel argwöhnte, wahrscheinlich für die seltsame Ader verantwortlich war, die seinen Vater beherrschte, hatte fest an den Philosophen Joseph Campbell geglaubt, der im 20. Jahrhundert gelehrt hatte. Sie war der Überzeugung gewesen, daß Kinder Mythen und Märchen brauchten, die ihr Leben prägen und bereichern sollten. Oma Fiske hatte Torkel nie verstanden. Er war ein Forscher, ein Weiberheld und ein Erfinder, gerade weil er Rätsel und Mysterien verabscheute. Ihm war es am liebsten, wenn es für alles eine Erklärung gab. Und jetzt würden er und Satok einiges an Erklärungen vorbringen müssen, wenn sie die Firmenkommission davon überzeugen wollten,, daß Petaybee Geheimnisse barg, die wertvoll genug waren, um die erforderlichen Investitionen zur Zivilisierung und Kontrolle des Planeten zu bewilligen. Im Augenblick hatte Torkel allerdings nichts anderes vorzuweisen als einen grünen Klumpen kupferhaltiges Gestein und einen kleinen Goldnugget, der aus einer der Kisten gefallen und in eine dunkle Ecke gerollt war. »Das war ein guter Trick«, teilte er dem immer noch schäumenden Satok mit. »Ich weiß zwar nicht, wie sie diese Steine behandelt haben, damit sie wie Erzproben aussehen. Ich habe mich davon täuschen lassen. Aber in diesem Zustand läßt sich keine Kommission davon überzeugen.« Er wußte so gut wie Satok, daß die Erzproben von Luka und den Frauen aus Kilcoole ausgetauscht worden waren – falls sich nicht sogar das ganze Dorf Shannonmouth gegen sie verschworen haben sollte. Aber er wollte Satok dazu zwingen, mehr preiszugeben. Solange der Mann seine Geheimnisse für sich behielt, nutzten sie weder Torkel noch der Firma. »Dort, wo die herkommen, gibt es noch mehr«, knurrte Satok. »Und wo ist das genau? McGees Paß?« Der Mann hatte erzählt, daß er dort Shanachie gewesen war; deshalb war Torkels Vermutung gar nicht mal so abwegig. Außerdem hatte die Raumüberwachung in diesem Gebiet tatsächlich Erze angezeigt. Doch Satok schüttelte den Kopf. »Nein, diese Ader ist inzwischen erschöpft. Aber ich habe noch andere Quellen. Das einzige Problem besteht darin, daß ich Vorräte brauche. Für meine Methode. Das ist auch der Grund, weshalb ich die Firma ins Geschäft einsteigen lassen will.« »Vorräte wovon? Und für welche Methode?« Satok grinste zum ersten Mal, seit sie Lukas Verrat entdeckt hatten. »Ich brauche Petraseal, Hauptmann. Lassen Sie den Shuttle damit beladen. Dann besorge ich Ihnen in ein paar Tagen weitere Erzproben.« »Ich komme mit Ihnen, dann können Sie es mir zeigen«, versuchte Torkel zu verhandeln, »und danach bekommen Sie von mir so viel Petraseal, wie Sie wollen.«, Doch der haarige Schleimbeutel besaß tatsächlich die Frechheit, den Kopf zu schütteln. »Kommt gar nicht in Frage. Erst wenn ich einen Vertrag mit der Firma geschlossen habe, der meiner Methode den Patentschutz gewährleistet und mir die volle Ausbeutung meiner Claims garantiert.« »Ohne Beweismittel werden Sie das nicht bekommen«, wandte Torkel ein. »Tja, aber ohne meine Hilfe bekommen Sie auch nicht die Erzproben, die Sie für den Beweis brauchen, daß dieser Planet der Intergal etwas wert sein sollte. Wenn Sie mir aber nicht die Vorräte auffrischen, dann haben wir wohl beide Pech.« »Also gut«, sagte Torkel mit entnervtem Seufzen. »Sie bekommen das Petraseal. Aber beschaffen Sie diese Proben auf jeden Fall so schnell wie möglich, ja? Ich weiß nicht, wie lange die Kommission brauchen wird, um zu einer Entscheidung zu kommen.« »Dann lassen Sie meinen Shuttle von Ihren Jungs beladen. Ach ja, wo wir schon gerade dabei sind – lassen Sie ihn auch volltanken, ja?« Torkel stimmte zu, tat aber um der Glaubwürdigkeit willen so, als würde er noch zögern. Tatsächlich hätte er in alles eingewilligt, was Satok verlangte oder nicht. Es war überhaupt kein Problem, eine Wanze anzubringen und den Mann zu seiner Miene zu verfolgen. Er könnte sogar die Kommission einladen, sich aus erster Hand über die Ergebnisse des neuen Bergbauvorhabens zu informieren und dabei gleichzeitig etwas über Satoks Geheimprozedur in Erfahrung zu bringen. Vögel – Singvögel, Raben, Enten, Gänse, Falken und Reiher – überbrachten sie, ebenso die Stafetten der Hasen, Füchse, Wölfe, Wildkatzen, Hauskatzen, Bären und Eichhörnchen. Jeder Vogel, jedes Tier trug im Maul oder im Schnabel ein Stück, eine Wurzel oder einen Schößling vom Coobeerengestrüpp. Die Vögel flogen in gerader Linie die entlegensten Punkte an: nach Todpferd, Savoy, Wellington, Portage, Mirror Lake, Harrisons Fjord und McGees Paß. Den Anweisungen der Katzen folgend, ließen sie die Schößlinge in der Nähe der Planetenportale herabfallen – jenen Stellen, an denen die, Menschheit mit Petaybee kommunizierte. Die größten Lieferungen wurden an Orte gebracht, wo der Planet am offensten und ungeschütztesten war, ebenso an jeden Höhleneingang und dem darüberliegenden Bodenabschnitt; und die Vögel bestreuten die Höhlen der Länge nach mit Schößlingen, Wurzeln und Stücken, die daraufhin von anderen Tieren eingegraben wurden: Dachsen, Eichhörnchen, Hasen und Füchsen. Zwei Tage lang trafen etwa jede Viertelstunde frische Stücke Coobeerenstrauch ein, unermüdlich nachgeliefert durch Clodagh, Whittaker Fiske und Helfern aus dem Dorf sowie den umliegenden Waldgebieten und Tundren von Kilcoole. An den meisten Orten wurde diese vermehrte und hochspezialisierte Aktivität der Tiere kaum registriert, allenfalls als eine Kuriosität. An manchen Orten fiel es sogar niemandem auf. In McGees Paß bemerkten Krisuk Connelly und seine Familie, die Satoks altes Haus unter Bewachung hielten, den seltsamen Zustrom von Tieren, und so schlichen sie sich zwischen den Lieferungen hinein, um nachzusehen, was die Tiere dort anstellten. Der Coobeerenstrauch gehörte zu den rätselhaftesten Erscheinungen auf dem Planeten. Die meisten Dinge auf Petaybee waren auf vielerlei Weise zu verwenden: zu medizinischen Zwecken, als Nahrung, als Unterkunft, zur Wärmegewinnung. Coobeeren hingegen hatte man sich noch nie nutzbar machen können. Aß man mehr als eine Handvoll davon, wirkten sie giftig; die Krankheit, zu deren Heilung der Planet die Beeren hervorgebracht haben mochte, mußte erst noch entdeckt werden. Die Dornen waren spitz und scharf, die Blätter klebrig, und die Blüten waren so klein und selten wie die Coobeere selbst. Hatten die Sträucher erst mal auf einen noch so winzigen Stück Erde Wurzeln geschlagen, waren sie praktisch nicht mehr auszurotten. Schlimmer noch: Sie wuchsen so schnell, daß man ihnen beim Wachsen zusehen konnte. Genau das tat Krisuk zwei Tage lang: beobachten, wie die Coobeeren sich ausbreiteten. Während die Vögel noch immer täglich Schößlinge herbeischafften, wuchsen in den ersten Pflanzungen bereits Büsche, die über Nacht hüfthoch wurden und ihre Wurzeln ausbreiteten, um das Feld zwischen dem Dorf und Satoks Haus zu, bedecken, sich an den steinernen Außenwänden emporzuranken und die Vorbauten zu überwuchern. Als das geschah, rief Krisuk das ganze Dorf herbei, damit alle es sich anschauten. Der Mund seiner Mutter war eine verbitterte dünne Linie, und ihr ausgetrockneten Augen beobachteten die Invasion voller Verzweiflung. »Jetzt«, sagte sie, »jetzt bestraft Petaybee uns tatsächlich. Weil wir auf Satok gehört haben. Weil wir zugelassen haben, daß er den Planeten schädigt.« Matthew Luzon widerstand der Versuchung, sich die Nase zuzuhalten. Also wirklich! Was er nicht alles für die Firma im Namen der Menschheit tun mußte. Den Heulenden Hirten umgab ein gewisses Hautgout, um es freundlich auszudrücken. Selbst Braddock war versucht, die Einstiegsklappe des Hubschraubers zu öffnen, um dem Gestank zu entkommen, und er erschien mehr als bereit, seine letzte Mahlzeit über dem eisgesprenkelten Meer zu entsorgen. Wenigstens funktionierten die Kopfhörer in diesem Hubschrauber richtig, und so konnte Matthew sich damit beschäftigen, den Pilotenfunksprüchen und den Meldungen von der Raumbasis und der Mondstation zu lauschen. Als sie sich gerade wieder im Landeanflug auf Harrisons Fjord befanden, traf eine Nachricht von der Mondstation ein. »Hauptmann Torkel Fiske bittet sämtliche Ratsmitglieder, sich sofort mit ihm in Verbindung zu setzen. Er befaßt sich soeben mit den Aktivitäten des Shanachies von McGees Paß.« Mehr brauchte Matthew nicht zu wissen. McGees Paß lag auf der Strecke zwischen dem Raumhafen und Harrisons Fjord, und eine kleine Abwechslung wäre ihm in Anbetracht seiner derzeitigen Gesellschaft mehr als willkommen. »Fliegen Sie uns direkt nach McGees Paß, Pilot«, befahl er, und der Mann quittierte es mit dem aufgestellten Daumen und hielt sofort auf die Küste zu., Als sie den Paß anflogen, stellte Matthew fest, daß das Dorf an einem Hang erbaut war, entlang der Gebirgsläufer, die schließlich zum Paß selbst führten. »Verdammt noch mal!« Der Pilot fluchte, als er hinter dem Dorf ein dicht mit Schlingpflanzen überwuchertes Feld überflog, das sich vom Rand der Häuser bis zu einem Bauernhof erstreckte, der etwa eine halbe Meile entfernt war. »Was, zum Teufel, haben die bloß mit dem verdammten Hubschrauberlandeplatz gemacht?« »Bringen Sie die Maschine irgendwo runter, Mann!« befahl Matthew. »Die Pflanzen werden die Kufen schon abfedern.« Die Stimme des Piloten klang zweifelnd, als er erwiderte: »Na gut. Sie sind der Boß, Dr. Luzon.« Endlich mal jemand, der auch tut, was man von ihm verlangt, dachte Matthew erleichtert. Der Pilot landete und brach dabei mit der Maschine einen guten halben Meter in die Vegetation ein. Als er keine Anstalten machte, das Luftfahrzeug zu verlassen, riß Matthew ungeduldig die Klappe auf und sprang ins Freie – was er augenblicklich bereute. Seine Beine brannten plötzlich bis in die Leistengegend, und Tausende winziger Nadeln durchstachen seine Hose, die Stiefel und die Unterwäsche, um auch bei der winzigsten Bewegung an seinem Fleisch zu reißen. Im Grunde brauchte er sich nicht einmal zu bewegen: Der Wind der Hubschrauberrotoren peitschte die Pflanzen um ihn herum. Unwillkürlich stieß er einen Schrei aus. Braddock sprang herunter, um ihm zu helfen – und fing prompt ebenfalls zu schreien an. Der Heulende Hirte stand in der Öffnung, eine Hand erhoben. Er bewegte die Lippen und deutete mit der anderen Hand. »Was ist?« brachte Luzon mit Mühe hervor, als der Motor des Helikopters endlich erstarb. »Das Große Ungeheuer hat dich in seinem Griff!« rief der Heulende Hirte. »Hüte dich!« »Um Himmels willen, Mann, das ist kein großes Ungeheuer, nur irgendeine Art Schlingpflanze!« kreischte Matthew. »Helfen Sie uns!«, Ein junger Mann, der auf einem Felsen hockte – gewissermaßen auf einer Insel in einem Meer aus brennenden Schlingpflanzen –, rief ihm zu: »Kann ich Ihnen helfen, mein Herr?« »Holen Sie uns hier raus!« verlangte Matthew. »Ah. Da ist Ihr Luftfahrzeug aber der sicherste Ort, mein Herr. Ich schlage vor, daß Sie es wieder besteigen, bevor es von den Schlingpflanzen überwuchert wird.« »Was? So schnell kann keine Pflanze wachsen!« versetzte Braddock, doch zweifelte er sofort an seinen eigenen Worten, als er erfolglos versuchte, die Schlingpflanzen zu entwirren, die sich um seine Beine gelegt hatten. »Das Große Ungeheuer ist raffiniert und heimtückisch, und es ist unersättlich in seiner Gier nach Seelen und Leibern tugendhafter Menschen!« verkündete der Heulende Hirte. »Ach, tatsächlich?« fauchte Matthew ihn an. Er wandte sich wieder dem Jungen zu. »Wenn ich in den Hubschrauber hätte zurückkehren wollen, wäre ich gar nicht erst gelandet, junger Mann. Bitte, helfen Sie uns aus diesem Unkraut heraus, und bringen Sie uns sofort zu Ihrem Shanachie und dem Hauptmann Fiske.« »Hauptmann Fiske? Nie gehört«, rief der Junge träge. Offenbar bereitete ihm die Lage der Fremden Vergnügen. »Und den Shanachie haben wir verjagt.« »Tatsächlich?« Matthew baute sich aufrecht zwischen den stechenden Schlinggewächsen auf und versuchte, diese Information zu verdauen. »Sie haben doch gehört, was er gesagt hat. Verschwinden wir von hier«, winselte Braddock. Doch sollte Matthew auch nur die leiseste Neigung ver spürt haben, Braddocks Wunsch zu entsprechen – die Worte des Jungen vertrieben sie ein für allemal. »Weshalb haben Sie das getan, mein Sohn?« »Er war ein böser Mann. Hat versucht, uns glauben zu machen, daß der Planet eine bestimmte Sache will, während er in Wirklichkeit eine ganz andere wollte.«, »Darüber würde ich mich sehr gern mit Ihnen unterhalten, mein Sohn. Bitte, holen Sie uns hier heraus.« Trotz des Stechens gelang es Matthew, sich der Kraft seines nicht unbeträchtlichen Charmes zu bedienen. Der Junge zuckte die Schultern und verschwand. Matthew und Braddock drängten den Heulenden Hirten zurück und nahmen im Hubschrauber Platz, während eine Mannschaft von Dorfbewohnern mit Steinen und Brettern erschien, um ihnen einen Weg zu bauen. Matthew war ein wenig überrascht, daß die Leute keine Macheten oder Sicheln mitgebracht hatten, um das Unkraut niederzuhauen. Doch bevor er nach dem Grund fragen konnte, kam der Junge schon über die Straße gerannt und packte ihn am Arm. »Beeilen Sie sich, mein Herr, bevor die Cooschlingpflanzen die Gehwege überwuchern.« »Die Firma wird es dir lohnen, mein Sohn«, sagte der Heulende Hirte, drängte Matthew beiseite und sprintete mit der Behendigkeit einer Bergziege über die Steine. Die Geschwindigkeit, mit der er den improvisierten Weg nahm, und seine Leichtfüßigkeit beim Ausweichen der nach ihm greifenden Schlinggewächse ließen die Geistesgestörtheit des Mannes für Matthew in einem neuen Licht erscheinen. Matthew folgte ihm rasch, Braddock ein wenig zögerlicher. Der Pilot zog es vor, im Helikopter zu bleiben. Unter Führung des Jungen, der Heulende Hirte dicht auf seinen Fersen, dahinter Matthew, etwas langsamer gefolgt von Braddock, erreichten sie schließlich die nächststehende Hütte. Dort gesellten sich ein Mann und eine Frau mit einer Horde juchzender Kinder zu ihnen. Auch der Rest der Dorfbewohner strömte herbei. Der Heulende Hirte blieb stehen und baute sich lärmend neben Matthew auf. »Das ist möglicherweise ein frommer Ort, Bruder Luzon. Hier gibt es keinen von den orangefarbenen Dienern der Unterwelt, wie man sie in vielen heidnischen Dörfern sieht. Und ich habe auch nirgendwo das klaffende Maul des Ungeheuers erblickt, das von der Unwissenheit der Unerleuchteten gefüttert werden will.«, »Das ist mal eine erfreuliche Nachricht«, sagte Matthew gespannt und wandte sich an ihren jugendlichen Führer. Er interessierte sich weitaus mehr für das, was die Dorfbewohner zu sagen hatten. »So, mein Junge, und jetzt müssen Sie mir mal etwas erklären, denn ich bin ein bißchen verwirrt. Ich sollte mich hier eigentlich mit Hauptmann Fiske und dem Shanachie dieses Dorfes treffen. Nun aber erzählen Sie mir, daß ihr den Shanachie verjagt habt. Ich bin fremd auf diesem Planeten, interessiere mich aber sehr für Ihre Gebräuche. Deshalb möchte ich die Frage stellen, ob man mich tatsächlich nach McGees Paß gebracht hat.« »O ja, mein Herr«, sagte die Frau des Hauses, zweifellos die Mutter des Jungen, und baute sich vor den anderen auf. »Und die beste Möglichkeit, es Ihnen zu erklären, besteht darin, Ihnen das Lied vorzusingen, das wir verfaßt haben.« Obwohl er bei der Aussicht, sich wieder eins dieser petaybeeanischen Lieder anhören zu müssen, innerlich aufstöhnte, verzog Matthew seine Gesichtszüge zu einem gewinnenden und interessiertem Lächeln. »Wir singen es gemeinsam«, erklärte der Mann, der offenbar der Gatte der Frau und der Vater des Jungen war. »Weil es uns allen widerfahren ist.« »Wir alle sind reingelegt worden, meint er«, warf der Junge ein. Ein kleines Mädchen sagte: »Alle außer Krisuk. Der hat sich nicht reinlegen lassen.« »Bitte, singen Sie«, sagte Matthew, wenn er das Lied schon unbedingt hören mußte, um zu erfahren, wovon die Leute überhaupt sprachen. »Fang du an, Krisuk«, sagte die Mutter. Der Junge stand stocksteif da, die Arme an die Seiten gelegt, keinen Fuß von Matthew entfernt, und begann in einem gespenstischen Singsang: Eines Tages stürzte das Dach der Welt ein. Es brachte unsere Freunde um, unsere Vettern. Es brachte den Erben seiner Weisheit um., Tagelang gruben wir, zu taub, um zu weinen. Unsere Welt war vernichtet. Die anderen Dorfbewohner stimmten ein, manche laut weinend, andere murmelnd, und rezitierten allesamt die unsinnigen Worte am Ende der Verse, als wären es Verwünschungen. Ein Fremder kam zu uns, um zu graben. Er kam zu uns, um zu lehren, wie er sagte. Das tat er auch. Stark war er. Er wußte, was zu tun war. Er wußte, wo zu graben war. Die Welt sprach noch zu ihm, Sagte er. Aiji! Er sagte, wenn wir ihm folgten, könnten wir die Welt zurückgewinnen. Er sagte, wenn meine Schwester ihm beiwohnte, wäre sie voll der Schöpfung. Sie ging mit ihm. Er sagte, wenn wir ihm die besten Welpen des Wurfs überließen, Würde seine Mannschaft den Geist unseres Dorfs in alle Himmelsrichtungen tragen. Und die Welt würde uns einmal mehr kennen. Wir gaben ihm die Welpen. Er sagte, daß die orangefarbenen Füße des Planeten Geschichten wider uns in andere Dörfer trugen. Er sagte, wenn wir heilen wollten, müßten die Füße getötet werden. Und dies erlaubten wir, zu unserer Schande. Und nun begannen die Leute, sich das Haar zu raufen – ein durchaus beunruhigender Anblick. Die nächste Strophe sangen alle Dorfbewohner sehr laut und lamentierend. Zu unserer Schande haben wir sie nicht versteckt., Zu unserer Schande haben wir sie nicht gespeist. Zu unserer Schande hörten wir seine Hiebe. Zu unserer Schande hörten wir ihre Schreie. Zu unserer Schande taten wir nichts. Bis nur noch Shush Shush die stumme und schnelle Überlebte. Shush, die uns in die Welt zurückführte. Shush, die unsere Nachbarn zu uns brachte. Shush, die uns schließlich verließ. Fußlos in einer Welt Deren Stimme erwürgt worden war Deren Zunge weggerissen worden war Von jenem, den wir nannten Satok, Shanachie. Wo ist unsere Schwester nun? Zu einem schlechten Mann in einem fernen Dorf gegangen Wo sind unsere besten Welpen? Verhungert und im Geiste zerbrochen. Wo sind unsere Katzen, die orangefarbenen Füße der Welt? Sei gehen nicht mehr, sind Gebein bis auf Shush. Und wann wird unsere Welt wieder zu uns sprechen, wie wir hofften und träumten? Sie schreit. Aijija. »Ach, herrje«, meinte Matthew, als sie fertig waren. »Und alles wegen Ihres Shanachies, wie?« »Ja, mein Herr«, erwiderte der Junge. »Er hat das Allerbeste, das wir besaßen, für sich genommen und alle verraten.«, Matthew mußte sich beherrschen, um sich nicht in diebischer Freude die Hände zu reiben. »Ach, das ist aber schlimm. Einfach schrecklich. Nicht wahr, Bruder Hirte?« Die Lippen des Heulenden Hirten zuckten lächelnd. »Das kommt davon, wenn man mit Ungeheuern verkehrt.« »Das können Sie laut sagen, mein Herr«, erwiderte die Frau. »Möchten Sie zum Essen bleiben, mein Herr?« fragte sie Matthew, doch der winkte ab. »Es tut mir leid, werte Dame, aber Ihre Geschichte betrübt mich so sehr, daß ich es für das Beste halte, wenn wir unsere Reise wieder aufnehmen und dafür sorgen, daß Ihnen und anderen Menschen, die von Verführern irregeleitet wurden, Gerechtigkeit widerfährt. Ich darf doch darauf hoffen, daß Sie Ihr Lied vor dem Rat wiederholen werden, wenn ich Sie rufe?« fügte er, an den Jungen gewandt, hinzu, der jedes Wort mit einer unerwartet lauten und klaren Stimme gesungen hatte. »Es wäre mir eine Ehre, mein Herr«, erwiderte der Junge, obwohl seine Stimme ein wenig verwundert und argwöhnisch klang. Die Dorfbewohner mußten neue Trittsteine und Holzscheite über die Schlinggewächse werfen, damit Matthews Gruppe zum Hubschrauber zurückkehren konnte. Dennoch mußte der Pilot aussteigen und die Kufen des Helikopters mit einer Machete von den Schlingpflanzen befreien, die sich bereits dicht an den Bauch des Luftfahrzeugs schmiegten und versuchten, den schmalen Bug einzukreisen. Matthew überlegte, daß eine derart schnellwüchsige Vegetation eine Untersuchung verdient hatte. George, dachte er, verfügt über ein wenig botanisches Wissen. Er würde ihn darauf ansetzen, eine Probe zu beschaffen – sofern man die Pflanze lange genug zügeln konnte. Satok setzte den Shuttle mit den Petraseal-Fässern bei Savoy ab. Seine drei Hilfs-›Shanachies‹ waren noch dort, tranken und unterhielten sich. »Wo ist Luka?« fragte Reilly., »Abgehauen«, erwiderte Satok. »Keine Sorge. Ich werde sie zurückholen, und dann wird es ihr leid tun, daß sie jemals geboren wurde. Die verdammte Nutte hat die Erzproben geklaut und durch Felsgestein ersetzt.« »Dann hast du mit der Firma keine Abmachung treffen können?« »Doch, habe ich. Ein Bursche namens Fiske hat die Erzproben gesehen, bevor Luka sie austauschte. Aber er will ein paar echte Proben haben, um damit anzugeben.« »Es war schwierig genug, das Zeug überhaupt zu beschaffen. Mußtest du es dir unbedingt klauen lassen?« meckerte Reilly. Er hatte für Schürfarbeiten nicht allzu viel übrig. »Mach mal halblang! Wir müssen lediglich beweisen, daß es hier echte Erze gibt. Wir werden die Grube hier benutzen. Wer soll das schon erfahren, wenn wir es ihnen nicht erzählen? Fiske hat mir noch etwas Petraseal gegeben; also werden Reilly und ich die älteren Adern bearbeiten, während ihr beide uns einen Rückweg pinselt.« »Scheiße! Ich kann das nicht ausstehen«, grollte Soyuk. »Die verdammte Höhle jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.« »Hör auf zu jammern«, fuhr Satok ihn an. »Wenn wir dieses Geschäft mit der Firma machen, kriegst du genug Kohle, um den Planeten für immer zu verlassen.« Sie stiegen in den mit Petraseal beladenen Shuttle und flogen zum Höhleneingang, der sich in unbequem großer Entfernung vom Dorf befand. In Satoks Abwesenheit war die Örtlichkeit noch unbequemer geworden. »Woher, zum Teufel, kommt denn dieses ganze Unkraut?« wollte er wissen und blickte erstaunt auf das Meer baumelnder Schlingpflanzen, die den Höhleneingang erstickten und die Klippe bedeckten, ebenso die Bergweide, auf der sie normalerweise zu landen pflegten. Reilly meinte achselzuckend: »Keine Ahnung. Vor zwei Wochen war das Zeug noch nicht da. Aber diese Jahreszeit ist sowieso völlig verrückt. Sollen wir das Kraut abfackeln?« »Keine Zeit. Die verdammte Höhle würde sich nur mit Rauch füllen. Dann kämen wir nie ans Erz ran.«, »Wir könnten ja die Stelle bei mir zu Hause versuchen«, schlug Soyuk vor. »Nein, zum Teufel. Wir hacken das Zeug weg und begießen es dabei mit Petraseal. Wir brauchen ja bloß einen Zugang zur Höhle.« Die Stengel erwiesen sich als überraschend widerstandsfähig, und die stechenden Schlingpflanzen klammerten sich mit wilder Zähigkeit an die Männer. Doch sie hackten und gossen, bis sie schließlich den Eingang der Höhle erreicht hatten. »Hackt einfach dieses Zeug hier vorne weg, dann haben wir freie Bahn, wo das Petraseal ist, Jungs«, befahl Satok. Doch die Bahn war keineswegs frei, wie er sich erhofft hatte. Sie brauchten mehrere Märsche, um die Petraseal-Fässer in die Höhle zu bringen. Während die anderen das Petraseal hineinpumpten, überlegte Satok, wie das Unkraut es geschafft haben mochte, sogar die Höhlendecke selbst zu durchdringen. Ob die letzten Erdstöße ein Loch in die Decke gerissen hatten? Wurzeln und Fangarme der Schlinggewächse baumelten von oben herab. Als Soyuk, Clancy und Reilly zurückkehrten, schickte Satok die beiden ersten voran, um die Stelle auszumalen, wo sie graben konnten. Reilly bekam den Befehl, weiter hinten in der Höhle zu beginnen. Satok selbst übernahm die dem Eingang am nächsten befindliche Stelle, um auf Fiskes Hubschrauber zu lauschen – er wollte sichergehen, daß der Hauptmann nicht zu viel von der Operation mitbekam. Er hackte und tünchte und hackte und tünchte. Das Höhleninnere, das nun durch die Schlingpflanzenschicht isoliert war, wirkte heißer denn je. Je länger er arbeitete, um so matter und grünlicher wurde das Licht, beinahe so, als wäre er unter Wasser. Einmal glaubte Satok ein Scharren zu vernehmen, und die Geräusche der anderen klangen lauter als zuvor, als sie bei der Arbeit schrien und fluchten. Wahrscheinlich sind sie gestochen worden, dachte Satok grinsend. Doch schon bald übertönte sein eigenes beharrliches Hacken und Tünchen auch dieses Geräusch. So vernahm er nur noch seinen heftigen Herzschlag und das Rasseln seines Atems., In dieser seltsamen rhythmischen Stille arbeitete und schwitzte er. Das einzige andere Geräusch, das er hörte, während er angestrengt nach Fiskes Hubschrauber lauschte, war das leise Aufklatschen seiner Schweißtropfen am Höhlenboden. Er bemerkte es nicht, als er das gleitende Geräusch zum erstenmal hörte – ein sanftes Rascheln, gefolgt von einem trockenen, wispernden, knisternden Laut, als wäre Papier oder Laubwerk herabgefallen. Dann – als er gerade irgend etwas spürte, das über seine Stiefelspitze glitt und kräuselnd sein Hosenbein streifte – wurde ihm bewußt, daß er schon eine ganze Weile überhaupt nichts mehr von den anderen gehört hatte. Augenblicke später bissen Dornen in sein Bein, und der Schlingarm der Pflanze zog sich zu. »Reilly!« schrie er. »Soyuk!« Die einzige Antwort war ein weiteres Rascheln, ein weiteres Gleiten. Inzwischen war es dunkler geworden, und als er sich dem Ausgang zuwandte, stellte er fest, daß dort, wo sie kaum eine Stunde zuvor den Weg freigehackt hatten, inzwischen ein dichtes Gewebe aus Grünzeug entstanden war. Und noch beunruhigender: Einiges davon wies weiße Spritzer auf. Er versuchte, die an ihm hängenden Schlingpflanzen mit einem Tritt abzustreifen, doch dadurch gruben die Dornen sich nur noch tiefer in seine Fußfesseln. In einem Anflug von Panik knipste er die mitgebrachte Taschenlampe ein. Die aber schien die Pflanzen anzuziehen, ganz so, als könnten sie den Unterschied zwischen diesem künstlichen Licht und der Sonne nicht erkennen. Erst waren es Wurzeln, dann weitere Schlingarme, die sich vom Höhlendach herunterließen und dabei die Blätter öffneten. Das dürfte gar nicht sein! dachte Satok. Das kann gar nicht sein! Das Petraseal hätte jedes neue Wachstum unterbinden, es zu Staub werden lassen müssen! Aber dort, wo er so emsig getüncht hatte, war das Petraseal nun von Rissen durchzogen, manche sehr fein, andere breiter. Pflanzen sprießten daraus hervor. Selbst das Stück, das Satok gerade erst angestrichen hatte, war aufgesprungen, um Schlingarme hindurchzulassen., Und ganz plötzlich schienen sie allesamt auf ihn zuzugleiten. Er zog die Machete aus dem Gürtelhalfter und hackte sich den Weg frei, rannte so schnell er konnte, ohne über die Schlingpflanzen zu stürzen, zum hinteren Teil der Höhle. Reilly war der erste, den er fand – kopfunter an den Fußknöcheln aufgehängt, die am oberen Teil der Wand staken. Die Pflanzen umwanden seine Beine und hatten ihm die Arme fest an die Seite gepreßt. Seine Machete lag nutzlos am Boden. Das Ende der Schlingpflanze – vielleicht sogar der Teil, der ihn als erstes zu packen bekommen hatte – hatte sich fünf oder sechsmal fest um Reillys Hals geschlungen. Aus Mund, Nase und Ohren wuchsen zarte Sprößlinge hervor. Satok vergeudete keine Zeit mehr darauf, nach Soyuk oder Clancy zu suchen. Er machte sich nicht einmal Gedanken darüber, weshalb das Petraseal keine Wirkung gehabt haben mochte. Er fuhr herum und rannte zum Eingang, wild um sich hackend und hauend. Dabei lief er so schnell, daß er seine Taschenlampe fallen ließ. Deshalb sah er nicht, wie die Wurzel von der Höhlendecke sich in einer Schlinge senkte, um sich peitschend um seinen Hals zu legen, während eine andere Schlinge ihn zu Boden riß. Er schrie nicht sehr lange, als die stechenden, greifenden Schlingpflanzen ihn überwältigten. Als das Geräusch in seiner Kehle erstarb, vermeinte er aus der Höhle ein tiefes, grollendes Summen zu vernehmen. Als die Sauerstoffzufuhr zu seinem Gehirn und zum Sehnerv abgeschnitten wurde, versagte sein Gesichtssinn; das Licht der untergehenden Sonne durchbohrte das Blattwerk und ließ das Grünzeug im Eingang der Höhle aufblitzen wie die wachsamen Augen von tausend hämischen Katzen. Marmion und ihr Gefolge waren nach Kilcoole zurückgekehrt, wobei sie Luka und eine verwundete Katze mitbrachten, um sie der Obhut der dicken Hexendoktorin von Kilcoole zu überantworten, während Rick O’Shays Vogel nun zur Verfügung stand, um Torkel nach Savoy zu fliegen, wo er sich mit Satok treffen wollte., Torkel rieb sich zwar nicht die Hände vor Freude, fühlte sich aber ganz danach. O’Shay hatte einen Funkspruch des Inhalts empfangen, daß Matthew Luzon, sein Assistent und ein nicht näher benannter Passagier soeben die Küste bei Harrisons Fjord überflogen hatten. Torkel betrachtete Luzon als seinen stärksten Verbündeten, und so setzte er schnell eine Nachricht ab, in der er Matthew darum bat, sich mit ihm und dem Shanachie von McGees Paß in Savoy zu treffen. »Will hoffen, daß die das klar empfangen haben, Hauptmann«, meinte O’Shay kopfschüttelnd. »Furchtbar viel Statik in letzter Zeit.« Als sie die Siedlung Savoy umflogen, dachte sich Torkel nichts beim Anblick der Schlingpflanzen, die ein Stück außerhalb des Dorfs wuchsen – bis er das Schimmern von Metall darunter erblickte. Selbst dann noch hielt Torkel es für irgendeine stillgelegte Maschine, die einer der Einheimischen nicht davor bewahrt hatte, von den Pflanzen überwuchert zu werden. Als er sich im Dorf nach dem Shanachie erkundigte, teilte man ihm mit, daß der Mann sich schon seit Tagen mit seinen Kollegen beraten und gemeinsam mit ihnen der Höhle gestern einen Besuch abgestattet hatte, von dem sie noch nicht zurückgekehrt waren. »Wichtige Herren wie Sie sollten sich lieber hinsetzen, ausruhen, ein Täßchen Tee trinken und sich keine Sorgen wegen der Shanachies machen. Sicher, die haben die Köpfe zusammengesteckt und werden jetzt draußen in der Höhle irgendwelche wichtigen Entscheidungen treffen und Ratsversammlungen abhalten und so. Da möchte ich nicht in der Haut desjenigen stecken, der sie dabei stört.« Dieser Rat kam von einer zerlumpten Frau in mittleren Jahren. Weshalb wurde Torkel das Gefühl nicht los, daß ihre ländliche Unterwürfigkeit etwas Falsches an sich hatte? Vielleicht lag es daran, daß er in letzter Zeit soviel Gelegenheit gehabt hatte, Petaybeeanern beim Sprechen zuzuhören. Diesen breiten, farbigen Akzent schienen sie immer nur zu benutzen, wenn sie mit Firmenvertretern sprachen. Also reagierte er untypisch knapp, als er sagte: »Bringen Sie mich sofort zu dieser Höhle. Shanachie Satok hat geschäftlich mit mir zu tun. Ich bin gekommen, mich mit ihm zu treffen.«, »Na ja, mein Herr, ich bin eine zu alte Frau, um Sie auf einem solchen Marsch zu führen, soviel ist sicher. Aber mein Sohn, der hätte bestimmt nichts dagegen, Sie auf dem Weg zu den Schafweiden dorthin zu bringen.« »Dann soll der uns eben bringen! Aber ein bißchen schnell!« brüllte Torkel. Da erschien plötzlich ein Junge, eine menschliche Insel in einem weißen, wolligen Meer. Er schüttelte den Kopf, als Torkel den Hubschrauber benutzen wollte, um dorthin zu fliegen. »Den schnappen sich die Coobeeren auch. Kommen Sie!« Es irritierte Torkel maßlos, daß Rick O’Shay jetzt die Zeit hatte, sich zu entspannen, Tee zu trinken und mit der Frau zu tratschen, während er hinter dem Jungen hertrotten mußte. Ungefähr eine Meile vom Dorfrand entfernt schlug der Junge einen weiten Bogen um das Unkrautmeer. »Wo liegt denn diese Höhle genau, mein Sohn?« fragte Torkel, der vom Aufstieg ziemlich außer Atem war. Wenn er auf die Station zurückgekehrt war, mußte er unbedingt Sport treiben. »Dort drüben ist die Höhle. Aber da sollten Sie lieber nicht hingehen, mein Herr. Da gehen nur Shanachies hin.« »Seid ihr eigentlich alle verrückt? Ich habe deiner Mutter doch schon gesagt, daß ich mit den Shanachies zu tun habe! Also, wie kommen wir durch dieses Unterholz und in die Höhle?« »Oh, das kann ich leider nicht, mein Herr. Coobeeren! Sind das reinste Gift für Schafe. Aber die Viecher sind nun mal so dumm, sie trotzdem zu fressen. Und was noch schlimmer ist – die Dornen und Haken bekomme ich nie wieder aus der Wolle raus.« »Dann nimmst du die Schafe einfach nicht mit, mein Sohn. Bist du schon mal auf den Gedanken gekommen?« »Aber was soll ich denn mit ihnen tun, mein Herr?« Torkel wollte gerade einen Vorschlag machen, als er den Motor eines anderen Hubschraubers hörte. Er sah, wie die Maschine auf das Dorf zuhielt, und so ließ er den Jungen stehen und eilte den Hang hinunter, um den Helikopter abzufangen., Atemlos traf er wieder an der Stelle ein, von der er losgegangen war. Er kam gerade noch rechtzeitig, um zu beobachten, wie der Pilot den Motor abwürgte und mit einem Satz aus der Maschine sprang, gefolgt von der imposanten Gestalt des Vizevorsitzenden Matthew Luzon; dazu ein Mann aus seinem Gefolge, der ein bißchen blaß um die Nase wirkte, und ein weiterer, der in zerlumptes Leder und Fell gekleidet war. Als Torkel sich näherte, begann seine Nase von dem ranzigen Gestank zu beben, den diese Kreatur verströmte. »Dr. Luzon. Danke, daß Sie gekommen sind. Ich fürchte, es gab leider eine Verzögerung.« Luzon lächelte wissend. »Ach ja, die Schlingpflanzen. Ich bin auf dasselbe Problem gestoßen, als ich auf dem Weg zu unserem Treffen zufällig in McGees Paß endete. Es ist zwar nur ein kleines Problem, aber doch etwas heikel, Hauptmann. Man muß sich der Hilfe der Dorfbewohner versichern. Sie müssen Bretter und Steine auslegen, um einen Weg durch das Unkraut zu schaffen. Das hat sich als sehr wirksam erwiesen, als wir selbst mitten in einem Feld gelandet sind.« »Haben Sie die Höhle in McGees Paß besucht?« »Höhle? Ach, das war es wohl, wovon die Einheimischen gesungen haben! Nein, wir haben die Höhle nicht untersucht. Als wir erfuhren, daß Sie hier sind, sind wir sofort gekommen, sobald dieser… äh… dieses Lied beendet war. Dafür habe ich während unseres kurzen Aufenthalts allerdings eine äußerst befriedigende Entdeckung gemacht, die ich später mit Ihnen besprechen möchte. Also dann – wo ist dieser Bursche, mit dem wir uns hier treffen sollten?« »Der ist in der Höhle«, antwortete Torkel. »Auf der anderen Seite der Schlingpflanzen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie wir da durchkommen sollen.« »Das ist doch nicht schwer. Man muß nur ein bißchen nachdenken«, erwiderte Matthew herablassend. Er wandte sich an die Dorfbewohner, die sich versammelt hatten, um die Firmenleute bei ihrer Besprechung zu beobachten. »Ich will einen Arbeitstrupp haben, der Bretter, Steine und Plastglasscheiben zusammensucht – einfach alles, was man auf das Unkraut werfen kann, um einen Gehweg zu, errichten. Und jetzt machen Sie bitte schnell, ja? Wir müssen in die Höhle.« »Schnell? Um genügend Sachen dorthinzuschleppen, brauchen wir eine ganze Woche«, sagte ein Einheimischer mit dem breiten, wettergegerbten Gesicht einer Eskimokreuzung und kratzte sich am Hinterkopf. »Wir haben das Zeug, das man für einen Gehweg gebrauchen könnte, schon für die Brücken verwendet, als die Flüsse Hochwasser führten«, sagte die Frau. »Hier ist nichts mehr davon übrig.« »Dann schicken wir nach der Raumbasis«, erwiderte Torkel mit knappem Nicken in Richtung O’Shay. »Fordern Sie per Funk einen Trupp an.« O’Shay verschwand und kehrte kurz darauf zurück, um Torkel mitzuteilen: »Von den anderen Hubschraubern befindet sich im Augenblick kein einziger auf der Raumbasis. Nicht einmal später am Tag sind welche verfügbar.« »Dann muß eben einer von Ihnen zurückfliegen und die Hilfsmannschaften und das Material herbeischaffen«, entschied Torkel, den diese Verzögerungen gewaltig ärgerten. Und er war ziemlich erstaunt, daß Satok, der doch immerhin mehr als vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt hatte, um Erz zu gewinnen, sie nicht in Empfang genommen hatte. »Das wird Ihr Pilot erledigen müssen, Hautmann Fiske«, warf Luzon ein. »Ich brauche meinen rund um die Uhr.« Torkel nickte O’Shay zu, der wieder seine Maschine bestieg und den Motor anwarf. Inzwischen war der Nachmittag ein gutes Stück vorangeschritten. »Was glauben Sie, weshalb wir von Ihren Shanachie noch nichts gehört haben?« wollte Torkel von der Frau wissen, als der Lärm des Helikopters in der Ferne verhallte. »Die Höhle ist ziemlich weit entfernt von hier, mein Herr.« »Wie sind denn er und die anderen dorthin gekommen?« fragte Torkel. »Vielleicht könnten wir ja dasselbe versuchen.«, »Oh, nein, mein Herr. Shanachies haben so ihre Mittel, von denen andere nichts wissen.« Matthew Luzon nickte Braddock zu, der die Bemerkung eilig notierte. »Noch mehr irregeleitete Seelen im Bündnis mit dem Großen Ungeheuer«, jammerte der ungewaschene Mann. »Ach, Hauptmann Fiske, das hier ist übrigens ein ganz besonders wertvoller… Bekannter. Vom südlichen Kontinent. Bruder Heulender Hirte, dies ist Hauptmann Torkel Fiske, ein Vorkämpfer der Bemühungen, diesen Planeten gründlich zu erforschen. Hauptmann Fiske, der Heulende Hirte ist ein prominenter geistlicher Führer aus dem Tal der Tränen. Ein außerordentlich einflußreicher Mann.« Torkel gewährte dem zottigen Mann einen ungeduldigen Blick und beschränkte seine Reaktion auf ein gemurmeltes ›Sehr erfreut‹. Während sie die zweifelhafte Gastlichkeit des Dorfes in Anspruch nahmen, teilte Torkel dem Kommissionsvertreter die Einzelheiten seiner Begegnung mit Satok mit und erzählte ihm von den Erzproben, die er selbst in den Händen gehalten und identifiziert hatte. Zu seiner Erleichterung schien Luzon keinen Zweifel an der Echtheit der Erze zu hegen. Er wußte selbst, daß der Planet erzreich war: Sämtliche Raumsonden hatten das bestätigt und sogar aus dem All die genauen Fundstellen bestimmt. Allerdings hatte es sich als unmöglich erwiesen, auf der Planetenoberfläche selbst die Vorkommen zu lokalisieren. Der Heulende Hirte hatte offenbar aufmerksam zugehört, denn nun nickte er weise. »Das Ungeheuer ist trügerisch. Es ist durchaus in der Lage, Gold in Stein zu verwandeln, den Winter zum Sommer und harmlose Pflanzen zu mörderischen, schlangenähnlichen Waffen zu machen. Ich habe meine Herde immer wieder ermahnt, daß sie sich erheben und das Ungeheuer ohne jede Nachgiebigkeit unterwerfen muß, aber sie waren schwach und zaghaft.« Torkel warf Luzon einen Blick zu und versuchte zu ergründen, welchen Wert dieser Verrückte dabei haben sollte, die Kilcoole- Interpretation des Planetenverhaltens zu diskreditieren. Er lächelte, Luzon an. »Wir könnten noch ein paar zusätzliche neue… Bekannte wie diesen guten und weisen Bruder Hirten gebrauchen, nicht wahr?« Matthew setzte eine selbstzufriedene Miene auf, während der Heulende Hirte ernst sagte: »Danke, mein Sohn.« Matthew erzählte Torkel in amüsiertem Tonfall, was die Dorfbewohner über den Satok zu McGees Paß gesungen hatten. »Unentwegt hat man uns den Eindruck vermittelt, daß die Shanachies hier überall respektiert werden und daß ihre Sicht der Dinge die ihrer Gemeinden wiederspiegelt. In McGees Paß war dem nicht so.« »Verstehe. Und damit wird alles diskreditiert, was man uns über das ganze System erzählt hat. Ja, Dr. Luzon, kein Zweifel, während der Anhörung werden wir auch Aussagen aus McGees Paß brauchen. Und der Bruder Hirte hier wird ebenfalls eine einzigartige Weltanschauung verkörpern, die mit der Parteilinie von Kilcoole nicht in Einklang zu bringen ist.« »Ganz meine Meinung. Obwohl der Bruder Hirte auch dem Irrtum verfällt, diesen Planeten für ein bewußtes Lebewesen zu halten, betrachtet er ihn nicht als einen Wohltäter und Freund, sondern als ein großes Ungeheuer. Er glaubt, daß die Kolonisten von der Firma als Bestrafung für ein Fehlverhalten hierher verbannt wurden und daß sie eines Tages, wenn sie sich gut führen und seinen Lehren gehorchen, von der Firma erlöst werden.« »Wahrlich, also habe ich gesprochen, meine Brüder«, bestätigte der Heulende Hirte. »Ich habe auf diesem verlassenen Gestein der Firma Werk getan, Bruder Matthew, auf daß ich und meine Familie von dem Ungeheuer erlöst und wieder in die Gnade der Firma aufgenommen werden mögen. Ich will jetzt hier Zwiesprache mit dem Planeten halten. Wenn ihr mich entschuldigen würdet.« Sein Verschwinden war Torkel und Luzon aus mehreren Gründen willkommen: wegen der offensichtlich frischeren Luft und weil es ihnen Gelegenheit gab, auf der Grundlage ihrer jeweiligen Entdeckungen weitere Pläne zu schmieden. Torkel hörte aufmerksam zu, als Luzon von ähnlichen Untersuchungen der Volksüberlieferungen verschiedener Planeten und Systeme berichtete,, und davon, wie er irrige Vorstellungen und Verhaltensweisen berichtigt hatte. Das Zwiegespräch wurde kurz unterbrochen, als ein benommener und zerkratzter Heulender Hirte vom Besenstiel ihrer Gastgeberin ins Zimmer zurückgestoßen wurde. »Bei allem Respekt, meine Herren, halten Sie diesen Wahnsinnigen von meinem kleinen Mädchen fern, sonst kann ich für nichts garantieren!« sagte die Frau und stapfte davon. »Setzen Sie sich in die Sonne, Bruder Hirte«, schlug Luzon vor und wies auf eine halb zusammengebrochene Bank an der Außenmauer – windabwärts. Die ganze Zeit hatte Torkel damit gerechnet, daß Satok jeden Moment eintreffen würde, um sie wie versprochen zu den reichen Erzvorkommen zu führen. Doch es verstrichen mehrere Stunden, ohne daß Satok sich blicken ließ. Endlich ließ das Geräusch von Hubschraubermotoren die vier Männer von ihren Sitzen aufspringen. Zwei Helikopter flogen das Dorf an. Torkel vermutete, daß einer die Mannschaften und der andere das Gerät beförderte, mit denen sie das Gebiet von den Sträuchern befreien wollten. Doch als die Passagiere schließlich ausstiegen, mußte Torkel zu seiner Verärgerung feststellen, daß keiner von ihnen, mit Ausnahme der Piloten O’Shay und Greene, Drillichanzüge trug. Ja, es war überhaupt niemand Nützliches dabei. Marmion und ihr Hofstaat waren gekommen, dazu noch George und Ivan aus Luzons Gruppe. Gänzlich verärgert reagierte Torkel, als er beobachtete, wie O’Shay höflich Clodagh Senungatuk aus seinem Hubschrauber half. »Ich werde Meldung erstatten, O’Shay! Wegen Nichtbefolgen eines Befehls«, teile er dem Piloten mit. »Oh, bitte, bestrafen Sie den lieben Jungen nicht, Hauptmann Fiske«, sagte Marmion und ließ modisches Tuch aufblitzen, während sie eine gewinnende Schnute zog. »Das ist eigentlich alles meine Schuld. Hauptmann Greene ist zusammen mit Yana Maddock und Dr. Shongili vom südlichen Kontinent zurückgekehrt. Dazu noch diese süßen Kinder. Und ein weiteres kleines Mädchen, von dem Dr. Shongili sagt, es sei die Schwester seiner anderen Nichte…«, »Ziegendung!« rief der Heulende Hirte. »Sie gehört mir! Sie soll meine Frau werden!« »Nein, bestimmt nicht«, widersprach Marmion und lächelte ihn freundlich an. »Das Mädchen ist ja nicht einmal zwölf Jahre alt. Jedenfalls konnten unsere Mannschaften ganz gut eine von Clodaghs herzhaften Mahlzeiten gebrauchen, und so haben wir zugehört, wie Yana und Sean uns die phantastischsten Abenteuer berichteten – ach, aber Ihnen brauche ich das ja nicht zu erzählen, nicht wahr, Matthew? Sie waren ja dann und wann dabei.« Luzon senkte den Kopf, die Augen halb geschlossen. Er wirkte gefährlich. »Nun, Johnny Greene hat Hauptmann O’Shays Nachricht über die Pflanzen hier erhalten, und dann hat Clodagh gesagt, daß ein Arbeitstrupp nicht viel ausrichten und vielleicht sogar in Gefahr geraten könnte. Aber Clodagh weiß eine andere Möglichkeit.« Marmion machte eine Pause und blickte in die Runde, als erwarte sie Zustimmung; sie hatte die Augen weit aufgerissen und blickte unschuldig drein. »Et voila! Da sind wir nun, um Ihnen unsere Hilfe anzubieten.« Bevor noch irgend jemand etwas erwidern konnte, fügte sie jovial hinzu: »Und außerdem, Matthew, haben sich Ihre jungen Freunde ja so nach Ihnen gesehnt! Da konnte ich einfach nicht anders, ich mußte dafür sorgen, daß Sie alle wiedervereint werden. Habe ich nicht recht, Jungs?« Luzons muskulöse Assistenten nickten – ziemlich niedergeschlagen, fand Torkel. Während alle herumstanden und sich eine Antwort auf Marmions Geplapper überlegten, machte sich Clodagh Senungatuk daran, aus dem Dorf zu stolzieren. »Wohin, zum Teufel, wollen Sie?« fragte Torkel. »Ich will einen Pfad zur Höhle erreichen«, erwiderte sie schlicht und ging weiter. Als sie fünf Schritte zurückgelegt hatte, hatte Torkel sich hinreichend von seiner Überraschung erholt, um Clodagh mitzuteilen,, daß es ihr nicht gelingen werde, eine solche Schlingwuchshecke zu durchdringen. Und wo waren überhaupt die Bretter und die anderen Überbrückungsmaterialien, die er angefordert hatte? Sie antwortete nicht, sondern stapfte ungerührt den Pfad zur Höhle entlang. Die anderen Neuankömmlinge folgten ihr, dann das halbe Dorf, dem diese Expedition wie eine tolle Unterhaltung zu sein schien. Am Rand des Dschungels aus hüfthohen Schlingpflanzen, die inzwischen noch undurchdringlicher geworden waren, seit Torkel sie das erste Mal erblickt hatte, blieb Clodagh stehen. Sie beugte sich vor und berührte sanft die Mitte eines der Blätter. »Was haben Sie vor? Sie nett darum zu bitten, Platz zu machen?« wollte Torkel wissen. »Schauen Sie sich mal dieses weiße Zeug an. Ich frage mich, warum jemand versucht hat, die Sträucher anzustreichen. Das hier ist das einzige, das funktioniert.« Sie holte eine große durchsichtige Flasche mit einer grünlichen Flüssigkeit hervor und entkorkte sie vorsichtig. Dann steckte sie einen Zerstäuberaufsatz aus einheimischer Produktion hinein und schüttelte die Flasche leicht. Sofort wichen die Schlingpflanzen zurück, als hätte man sie mit einer Sichel niedergemäht, und als Clodagh sich in Bewegung setzte, folgte Marmion ihr auf dem Fuß, hinter ihr Sally Point-Jefferson, die so klug gewesen war, schwere Stiefel anzuziehen. Marmion blickte sich um und sagte: »Schnell, Jungs! Ich weiß nicht, wie lange diese Wirkung vorhält. Clodagh tut ziemlich geheimnisvoll, was das Zeug angeht.« Sie folgten ihr aufgeschreckt. Torkel kam sich wie ein Idiot vor, als er hinter der großen Frau herzottelte, die mal nach rechts, mal nach links, mal nach vorn ihr Gebräu versprenkelte wie ein alter Prälat das Weihwasser. Als sie die grüne Mauer erreicht hatten, wo die Schlingpflanzen sich von der oberhalb der Höhle liegenden Weide in die Tiefe ergossen, nahm Clodagh mehr Schwung und verbreiterte auf diese Weise den Pfad. Die Schlingpflanzen zogen sich zurück wie Vorhänge, und Torkel erblickte den Eingang zu einer großen Höhle., »Es ist besser, Beleuchtung zu verwenden«, meinte Clodagh, obwohl sie selbst völlig ungerührt ins Dämmerlicht hineintrat. Marmion folgte ihr. »Oh!« sagte sie. »Was ist denn hier geschehen?« »Irgend jemand hat versucht, diesen Ort abzutöten«, erklärte Clodagh. »Aber Petaybee wehrt sich.« Sie wies auf die von der Decke herabhängenden Bänder aus Schlingpflanzen und Wurzeln. Dann ging sie weiter, bis sie an einer etwas tiefer innerhalb der Höhle liegenden Stelle vorsichtig um etwas herumging, das wie ein grüner Erdaufwurf aussah. »Aha! Hier, Hauptmann«, sagte sie zu Torkel und besprenkelte den Haufen, so daß die Schlingpflanzen sich nach und nach zurückzogen und den Leichnam freigaben, den sie umhüllt hatten. »Ist das der Mann, nach dem Sie suchen?« Die hervorgequollenen Augen, die aus dem Mund ragende Zunge und das bläulich angelaufene Gesicht ließen trotz aller Verzerrung keinen Zweifel daran, daß es sich um den ehemaligen Shanachie handelte. Die blutigen Kerben um seinen Hals gaben hinreichend Auskunft über seine Todesursache. »Er hat gesagt, er hätte eine todsichere Abbaumethode entwickelt«, sagte Torkel. »Es hatte irgend etwas mit Petraseal zu tun.« Faber klopfte gegen einen Abschnitt der Höhlendecke, der unbewachsen geblieben war. »Das ist auch Petraseal. Aber das Zeug hier in den Ritzen…« Er fuhr mit den Fingern darüber und betrachtete das Ergebnis im Licht seiner Taschenlampe. »Schauen Sie. Es ist nicht einmal weiß. Es ist fahlgrün, und es ist kein Petraseal, Hauptmann Fiske. Das ist Außenwandfarbe, und nicht einmal von besonders hoher Qualität.« Der Heulende Hirte wirkte sichtlich erschüttert und sprang plötzlich auf Matthew Luzon zu, als wollte er ihn angreifen. »Schaff mich hier raus! Ich muß dem Großen Ungeheuer entkommen, bevor es uns alle verschlingt, wie es diesen Mann verschlungen hat!« »Äh, Dr. Luzon«, rief einer der Assistenten nervös. »Könnten Sie wohl mal kommen?« Er war Clodagh gefolgt, die, von ihrer grausigen, Entdeckung unbeirrt, das Besprenkeln der Höhle fortgesetzt hatte und vorangschritten war. »Hier sind noch drei Leichen.« »Ich verlange, daß diese Frau zur Befragung in Gewahrsam genommen und daß die Flasche mit ihrer unkrautvertilgenden Lösung beschlagnahmt und analysiert wird«, sagte Matthew Luzon. Marmion Algemeine, die in Anbetracht des Todes der vier Männer immer noch bedrückt und zerstreut wirkte, musterte Matthew fassungslos. »Zur Befragung in Gewahrsam nehmen? Weshalb denn?« wollte sie wissen. »Clodagh hat doch geholfen. Ohne sie hätten wir diese vier armen Männer doch niemals gefunden.« Matthew sagte zwar nicht gerade ›Aha!‹, doch in seinem Auge glitzerte es bösartig, als er mit leiser Stimme fortfuhr: »Und woher hat sie gewußt, daß diese besonderen Schlingpflanzen ausgerechnet ihr besonderes Gegenmittel erforderten? Und wieso hatte sie es zufällig gerade parat?« »Dabei habe ich«, ergänzte Torkel streng, »nur Material und Personal angefordert, um bis zur Höhle vorzustoßen.« Doch Marmion ließ sich nicht beirren. »Man kann doch wohl davon ausgehen, daß derart aggressive Pflanzen ein ziemlich weit verbreitetes Ärgernis darstellen, haben Sie es deshalb gewußt, Clodagh?« Clodagh antwortete mit einem Achselzucken, brachte aber nichts zu ihrer Verteidigung hervor. Da ergriff eine Frau aus Savoy das Wort. »Wie hätte sie das wissen sollen? Sicher, so schlimm wie jetzt waren die Coobeeren noch nie. Es ist schon ziemlich schwierig, sie zu jäten, egal wo sie wachsen, aber bis heute haben sie noch niemanden erwürgt. Trotzdem – wir haben schließlich einen ungewöhnlich frühen Frühling, und im Augenblick wuchert alles mögliche, wie ich es noch nie im Leben gesehen habe.« »Sie würden also sagen, gnädige Frau«, warf Matthew ein, »daß das Wetter ungewöhnlich war und die Pflanzen ebenfalls? Dann erklären sie mir doch mal folgendes: Wenn das Mittel, das Frau Senungatuk gegen die Coobeeren eingesetzt hat, so bekannt und weit verbreitet ist, weshalb haben Sie es dann nicht auch benutzt?«, »Warum sollten wir?« konterte die Frau. »Uns haben die Coobeeren ja nichts ausgemacht. Und daß sie bis zur Höhle reichten, haben wir doch erst erfahren, weil Sie gekommen sind. Und noch etwas«, fuhr sie fort und steigerte sich in ihren Zorn hinein, »bevor der Shanachie Reilly hier eintraf, sind die Leute hierher gekommen, um Latchkays zu veranstalten und mit dem Planeten zu plaudern. Erst dann hat Reilly zu verstehen gegeben, daß unsere Probleme – die Überflutungen, die Lawine, die Erdbeben – darauf zurückzuführen seien, daß wir zu dumm und unwissend waren, um zu verstehen, was der Planet uns mitteilte. Nachdem der Blitz in den Versammlungssaal eingeschlagen ist und alle verbrannten, die sich darin befanden, haben wir Reilly das Reden überlassen, und ich muß sagen, seitdem war es hier einigermaßen friedlich.« Sie hielt inne, um dann hinzuzufügen: »Aber auch wenn viele Leute glaubten, daß Reilly es am besten wisse – er hat nie so viel von Heilmitteln verstanden wie Clodagh von Kilcoole. Unsere alte Heilerin ist vor zwei Wintern gestorben, und wir wollten schon eine neue ausbilden lassen, denn von ihr weiß ich schon, seit wir noch Kinder waren. Im Dorf gab es sogar ein vielversprechendes Mädchen, das bereit gewesen wäre, bei Clodagh in die Lehre zu gehen, sofern Clodagh sie angenommen hätte, aber Reilly hat es nicht erlaubt.« »Ich danke Ihnen für Ihre Aussage«, antwortete Matthew. »Wir werden Sie wissen lassen, ob es erforderlich ist, daß Sie Ihre Erklärung im Zuge der Anhörung wiederholen. In der Zwischenzeit muß ich darauf bestehen, daß Frau Senungatuk in Firmengewahrsam genommen und ihre Flasche zu Analysezwecken beschlagnahmt wird, ebenso der Inhalt der Fässer, die die Verstorbenen bei sich in der Höhle hatten. Die Leichen müssen obduziert werden, und wir werden das gesamte Gebiet abriegeln.« »Da brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen«, teilte Ivan ihm mit. Sie alle standen draußen, direkt vor dem Coobeerenfeld, und Ivan wies mit einem Nicken zu der Stelle, wo sich Clodaghs Pfad befunden hatte. Er war schon wieder von Schlingpflanzen überwuchert., Zwei Wochen später war die Untersuchung abgeschlossen. Luzons überarbeitete Computerleute hatten sämtliche Daten erfaßt und für die Präsentation ausgedruckt. Zunächst aber hatte der Heulende Hirte darauf bestanden, daß man ihn an Bord desselben Shuttles, der auch die Leichen beförderte, vom Planeten schaffte. Er konnte kaum länger als eine Stunde auf der Mondstation gewesen sein, als deren Leitstelle auch schon die ersten wütenden Funksprüche absetzte. Als nächstes beschwerte sich die Krankenhauseinrichtung der Station Bethanien, deren Meldung zufolge der Hirte emsig damit beschäftigt war, Konvertiten für seine gerechte Sache zu gewinnen. Er wollte eine Armee ausheben, um das Ungeheuer zu bekämpfen, das man erst überwinden müsse, bevor der Planet heilig werden könne. Er hatte ein ausgeprägtes Talent dafür, die Unzufriedenen, die Außenseiter und jene, die sich auf der untersten Stufe der sozialen Leiter befanden und sich von seiner Rhetorik leicht beeindrucken ließen, auf seine Seite zu bringen. Es dauerte keine drei Tage, und der Hirte stand dicht davor, im Alleingang eine Meuterei vom Zaun zu brechen. Schon derlei Beschwerden wegen war Matthew dankbar, daß der Mann aus dem Weg geschafft worden war und nicht an der Gesamtzusammenkunft der Kommission teilnehmen würde. Die anderen Mitglieder derselben würden bald auf der seismisch arg zermürbten Planetenoberfläche landen, um die gesammelten Informationen vor der eigentlichen Anhörung zu studieren und abzuwägen. Matthew wünschte sich nur, daß es eine Möglichkeit gäbe, Marmion Algemeine und deren Assistenten irgendwo einzumauern. Doch Marmions Fehlen würde nur zu peinlichen Fragen führen, selbst wenn Matthew etwas eingefallen wäre, auch ihre drei Assistenten – und sei es nur vorübergehend – loszuwerden. Torkel Fiske erwies sich als unverzichtbare Hilfe für Matthew und sein Komitee. Er war es, der den Vorschlag machte, die neuesten Kolonisten in den jüngsten Siedlungen zu befragen, die weitab vom Einfluß solcher Leute wie Shongili und der Senungatuk-Frau oder auch nur ihrer Familien lebten, die Matthew im Süden bewirtet hatten., Man hoffte, daß die neuen Bewohner objektiver und wissenschaftlicher denken würden. Als Matthew auffiel, daß diese Siedler überwiegend von den Mariana-Inseln und aus dem schottischen Hochlandgebiet stammten, wo man erst vor kurzem große Vorkommen von Deutonium und Molybdän entdeckt hatte, und daß einige aus dem von Katastrophen heimgesuchten Kolonien von Bremer übergesiedelt waren, war er gleichermaßen bereit, diese Idee zu verwerfen, sollten die ersten Befragungen negative Ergebnisse zeitigen. Er faßte den Entschluß, jeden einzelnen Bericht persönlich zu lesen, bevor er ihn als Beweismaterial zuließ. In der Zwischenzeit wetteiferten seine und Marmions Assistenten darum, als erste die Aussagen der Bewohner jener vier Dörfer einzuheimsen, denen die vier ermordeten Shanachies vorgestanden hatten. Matthew selbst hatte besondere persönliche Anstrengungen unternommen, sich mit Ziegendung in Verbindung zu setzen und sie davon zu überzeugen, die Wahrheit über ihre Beteiligung am plötzlichen Verschwinden des ›Ungeheuers‹ zu erzählen, das von den Mitgliedern der Gemeinschaft des Hirten verwundet worden war – eine Wunde, die doch allzu große Ähnlichkeit mit jener hatte, von der Shongili sich zur Zeit erholte. Außerdem hatte Matthew eine heftige Beschwerde in die Personalakte des Hauptmanns John Greene aufnehmen lassen, der ganz eindeutig seine Befugnisse überschritten hatte, als er das Mädchen zu einem kritischen Zeitpunkt Matthews Vormundschaft entzog. Doch niemand schien zu wissen, wo sich das Mädchen oder Shongili aufhielten. Shongilis Mannweib von einer Schwester und ihre Freundin waren ebenfalls nicht aufzufinden. Durch Marmions Einfluß blieb Clodagh Senungatuk zu Matthews großer Bestürzung in ihrem Heim, wo sie nominell unter ›Hausarrest‹ stand, und leitete ungehindert das Dorf. Und soweit er es mitbekam, schien der ganze Planet – einschließlich Whittaker Fiske, der tatsächlich so geschmacklos zu sein schien, sich von dieser fetten Kuh um den Finger wickeln zu lassen – immer wieder vor ihrem Fenster Halt zu machen, um mit ihr zu tratschen. Und auch diese verdammten Katzen, die sich natürlich nicht daran hindern ließen, kamen und gingen, wie es ihnen paßte. Verschwiegene Versuche, eine von ihnen einzufangen, – sei es durch ködern mit ausgesuchten Fleischstücken, sei es durch bejagen mit ansonsten wilden Hunden –, waren allesamt kläglich gescheitert. Die Katzen hatten die Speisen verschmäht und jeden Hund, den man auf ihre Fährte gesetzt hatte, in Angst und Schrecken versetzt. Zudem war Matthews Versuch gescheitert, Shongili und Clodagh bis zur Anhörung vom Planeten schaffen und in Gewahrsam nehmen zu lassen. Whittaker Fiske und Marmion Algemeine hatten das sofort verhindert – wie sie auch die außerplanetaren Versetzungen unterlaufen hatten, die Matthew für die Hauptleute Greene und O’Shay eingefädelt hatte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis ihre armseligen kleinen Streiche ein Ende hatten. Wenn er bei der Anhörung erst einmal sein Beweismaterial vorgelegt hatte und deutlich wurde, wie diese schamanistischen Westentaschenscharlatane die Ängste und Hoffnungen der Menschen ausbeuteten, um sie gegen die Firma aufzuwiegeln, würden Shongili und Clodagh samt ihrer Helfer und Helfershelfer aus ihren gemütlichen Firmenunterkünften entlassen werden, während Maddock, Greene und O’Shay wieder Patrouillendienst tun durften. Die Arbeitsbelastung war schier überwältigend. Während Matthew bei seiner Jagd nach der Wahrheit immer mehr an Schwungkraft zuzulegen schien, waren seine anfänglich so vielversprechenden Assistenten ungewöhnlich nachlässig und inkompetent geworden. Ihre Berichte enthielten nicht jene knapp zusammengefaßten Schlußfolgerungen, die Matthews Ansprüchen genügt hätten. Und auch die Computeranlagen brachen immer häufiger zusammen und litten unter sporadischen Datenlöschungen. Die Einheimischen – die Firmensoldaten eingeschlossen – erwiesen sich als feindselig; die Arbeitsbedingungen waren schrecklich primitiv, und das Wetter war eine Katastrophe. Peitschender Regen und Gewitter wechselten sich mit Schneeschauern und Hitzewellen ab. Zudem wurden die Raumbasisanlagen ständig von unerwarteten Bodenerschütterungen heimgesucht, und das auf einem Gelände, das ursprünglich als seismisch stabil gegolten hatte., Matthew sehnte sich nach dem von kühler Vernunft geprägten, hygienischen Raumschiffambiente, das von rationalen Geistern wie dem seinen durchkonstruiert worden war, um ein Höchstmaß an Behaglichkeit zu gewährleisten. Dort gab es keinen Schimmelbewuchs wie an den Wänden seines Aborts, den wiederholten Putzaktionen irgendwelcher subalterner Korpsmitglieder zum Trotz. Kein Donnergrollen hätte dort seine Konzentration gestört, und ungeachtet der Tatsache, daß man sich im All stets in Bewegung befand, wurde man doch nie von der Empfindung heimgesucht, wie Blasen in einem Reagenzglas durchgeschüttelt zu werden, weil die Gebäude Hopser machten. Wie um die Lage noch zu verschlimmern, brach ein neuer Vulkan aus, knappe zehn Klicks im Nordwesten, und ließ seine Asche in jede Ritze und Öffnung wehen. Dieser Ausbruch geschah mitten in einem Weidegebiet, mitten im Nirgendwo, und brachte nicht einmal die Hubschrauber in Schwierigkeiten, die den Vulkan gerade überflogen. Hingegen hatte ein Seebeben von der Stärke 9,3 auf der Richter-Skala sein Epizentrum mitten im Ozean, was Springfluten in alle Himmelsrichtungen zur Folge hatte, wobei die kleine Einrichtung in Bogota völlig zerstört wurde. Die Firma würde sich der Tatsache stellen müssen: Dieser Planet war ein Flop. Die Terranisierung war fehlerhaft und das Gelände nicht ausreichend stabilisiert. Der ganze Laden müßte evakuiert, durchgeschrubbt und danach entweder preisgegeben oder mit moderneren Techniken umgeformt werden. Erst dann würde das ganze Gerede von Bewußtsein und Siedlungen ein Ende finden., 14. KAPITEL Yana wurde eine unheilvolle Vorahnung nicht mehr los, die sie nicht in Worte kleiden mochte, nicht einmal Sean gegenüber. Wenigstens heilte seine Wunde außergewöhnlich schnell, dank eines Umschlags und Clodaghs kompetenter Pflege. Diese Verarztung hatte noch stattgefunden, bevor Matthew Luzon sich die dämliche Idee in den Kopf gesetzt hatte, Clodagh unter ›Hausarrest‹ zu stellen. Immerhin war das nicht ganz so schlimm gewesen wie Luzons ursprünglicher Befehl, beide vom Planeten zu schaffen. Sie hatten Sean sofort in Bunnys Schnokel versteckt, das für den ›Sommer‹ ausgemustert und in Adak O’Connors Garage untergestellt worden war. Clodagh hatte die Bedrohung mit einem Achselzucken quittiert und steif und fest behauptet, daß es nicht dazu kommen würde. Und sie hatte recht behalten – dank der tatkräftigen Hilfe von Marmion und Whittaker Fiske. Nur jemand, der keine Ahnung hatte, was die Lage auf Petaybee betraf (wie die meisten hohen Tiere der Firma), oder jemand, dessen Feindseligkeit jede Vernunft in den Schatten stellte (wie Luzon), hätte auf den Wahn verfallen können, daß es irgendeinen Sinn machen könnte, Clodagh und Sean einzusperren. Yana mochte einfach nicht glauben – oder hoffen –, daß Luzon tatsächlich die Funktion der Katzen für das Kommunikationsnetz Clodaghs (und des Planeten) völlig verkannt hatte. Torkel hingegen wußte darüber Bescheid. Yana wunderte sich, daß Torkel nicht versuchte, die Katzen zusammenzutreiben, um sie ebenfalls unter ›Hausarrest‹ zu stellen. Das wäre auch nicht viel alberner gewesen als in Clodaghs Fall. Als sie erfahren hatten, daß der Befehl auf Hausarrest und nicht auf Verbringung vom Planeten lautete, hatte Sean mit seiner gewohnten Unerschütterlichkeit sein Versteck verlassen wie ein Bär nach dem Winterschlaf und hatte Yana lächelnd zu dem ›Haus‹ erklärt, ›in dem er seinen Arrest absitzen wollte‹. Sie war aus mehreren Gründen froh darüber, ihn bei sich zu haben. Obwohl die Wunde wirklich gut heilte, hatte der Pfeil doch Muskelgewebe zerrissen und beinahe eine Sehne, durchtrennt. So konnte sie ein Auge darauf behalten – wie auch auf Sean selbst –, was hier im Hause weitaus leichter war, als daß alles im Verborgenen hätte geschehen müssen. Natürlich wußte Yana, daß sie ihn nicht im Alleingang vor der Firma beschützen konnte, doch jetzt, da sie wieder genesen war, vermochte sie eine ganze Menge auszurichten. Dank ihrer Ausbildungsjahre und ihrer Berufserfahrung war sie nicht ohne eigene Ressourcen. Ganz davon abgesehen, war es ihr eine Hilfe, Sean bei sich zu haben. Er beruhigte sie. Hier stand seine Welt auf dem Prüfstand, und er war es, der mit einem Blick, einem Lächeln oder einem Witz ihre Ängste zu mildern vermochte. Und das brauchte sie. Selbst nachdem die Gefahr der ›Planetenverbannung‹ nicht mehr bestand, hing immer noch Spannung in der Luft wie eine mißtönende Musik, ob aus Sympathie gegenüber Clodagh oder aus banger Erwartung, was die Plan-und-Trubel- Behörde ihnen wohl als Nächstes anzutun versuchen könnte. Nicht daß in Kilcoole alles zum Stillstand gekommen wäre: Die Leute gärtnerten und pflanzten jede Minute der immer länger werdenden Tage. Doch wer klug war, der war auch – aus gutem Grund – erschrocken darüber, welches Gewicht Matthew Luzon in die Waagschale zu werfen wußte. Wenigstens hatte man diesen Geistesgestörten, den Hirten, woandershin verbracht, was dem Planeten einen Pluspunkt gegenüber der Plan-und-Trubel-Behörde eingebracht hatte, wie die Einheimischen die Firma nannten. Yana fragte sich, ob die Mondstation das Kommen des Hirten wohl gerochen haben mochte. Sie hatte zum erstenmal seit Tagen wieder laut gelacht, als Adak erzählte, daß der Hirte sich auf der Station als echter Heuler erwiesen hatte. Adak behauptete, daß er vom vielen Überwachen des Funkverkehrs schon Schlappohren habe, zumal es sehr schwierig war, Befehle zu verstehen, die durch die Statik verstümmelt wurden. Meist brachte Adak eine Zusammenfassung dessen mit, was er gehört hatte, damit Yana die Information an Clodagh weiterleiten konnte. Wie alle anderen auch begab Yana sich dann ans Fenster von Clodaghs Haus und plauderte mit ihr. Wenn der Wachtposten neu war und Yana noch nicht kannte – was häufig vorkam, da Torkel offensichtlich, befürchtete, daß Clodagh ihre Bewacher ebenso verhexen könnte, wie sie es seiner Meinung nach mit seinem Vater getan hatte –, verkleidete Yana sich geschickt als das, was sie einmal gewesen war, nämlich als Majorin im Firmenkorps, was ihr zumeist einen zackigen Gruß des Wachtsoldaten eintrug, worauf sie dann das Haus betrat. Das funktionierte allerdings nur, wenn der Soldat nicht schon vor ihrem Haus auf Posten gestanden hatte, um Sean zu bewachen. Aber Yana kam erstaunlich oft durch, indem sie ihr Haar einfach in einer Drillichmütze hochband, wenn sie die hohe Offizierin spielen wollte, oder eine von Aislings handgewobenen Deckenjacken über ihre Uniform zog und das Haar offen trug, wenn sie es nicht wollte. Natürlich mußte sie sehr vorsichtig sein, damit nicht Torkel oder irgendein anderes der hohen Tiere ihr Spiel durchschauten und ihr die Besuche bei Clodagh ausdrücklich untersagten. Bisher war man Yana noch nicht auf die Schliche gekommen – eine Nachlässigkeit, die unter ihrem Befehl nicht vorgekommen wäre. Whittaker Fiske besuchte Clodagh häufig. Er tat es ganz offen und lässig. Das erste Mal, als Yana ins Haus spaziert kam und Fiske beim Teetrinken an Clodaghs Tisch sitzen sah, hatte sie ziemlich verhalten reagiert, bis sein Augenzwinkern sie beruhigte. »Allerdings würden wir es vorziehen, wenn Sie das nächste Mal vorher anklopfen könnten, Majorin«, hatte er gesagt und dabei Clodaghs Hand gedrückt. Und Clodagh hatte Yana damit überrascht, daß sie wahrhaftig errötet war und ein schalkhaftes, derbes Glucksen von sich gegeben hatte. Doch als Adak, der immer noch offiziell im Dienst des Firmenkorps stand, kurz anklopfte und eintrat, ohne auf Erlaubnis zu warten, saß Yana mit gelöstem Haar in bequemer Hauskleidung daheim und unterhielt sich mit Sean. Der war im Zimmer umhergeschlendert, um seine zerschundene Beinmuskulatur zu stärken, und blieb direkt vor der abrupt geöffneten Tür stehen. Yana hatte soeben die Probleme aufgelistet, die bei der Anhörung höchstwahrscheinlich zur Sprache kommen würden, und hatte entsprechende Argumente einstudiert. Es beeindruckte Komitees immer, wenn ein Zeuge alle Tatsachen kannte und bei seinen Antworten nicht zögerte., »Sean! Äh, tut mir leid, Yana, die Statik wird immer schlimmer, aber das Schiff des Komitees ist gelandet. Dieser Luzon hat die letzten zwei Stunden damit zugebracht, der Mannschaft Befehle zu senden, daß das Komitee als erstes zu einer privaten Einweisung in seine Messe zu verbringen sei, aber irgendwie«, für einen fünfundfünfzigjährigen Mann gelang Adak eine hervorragende Imitation eines spitzbübischen Achselzuckens, »haben Dr. Fiske und Dama Algemeine davon Wind bekommen und waren noch vor Luzon auf dem Rollfeld.« »Na, wenn das kein Glück war«, überlegte Sean laut, wobei er seinen leisen irischen Tonfall heimtückischerweise ein wenig unterstrich und auf erheiterte, verwunderte Art die linke Augenbraue hob. »Haben diese rätselhaften Umstände, die Whit und Marmion vorgewarnt haben, Clodagh zufälligerweise ebenfalls informiert?« »War nicht nötig«, erwiderte Adak. »Das hatten schon die Katzen erledigt. Jedenfalls ist die Schneegefleckte auf meinem Weg hierher an mir vorbeigekommen und ist mit einem Satz durch das Fenster gesprungen. Und dieser schwarzweiße Kater, der immer auf dem Dach liegt und die Posten anfaucht, wenn sie zu dicht herankommen, ist gleich hinter ihr hineingeschlüpft.« Adak grinste schelmisch. »Schön, wenn der Cursor also jetzt auf Matthews Schirm blinkt, wollen wir hoffen, daß das Warten endlich ein Ende hat«, meine Sean mit einem verkrampften Achselzucken, eine der seltenen Äußerungsformen seiner eigenen Besorgtheit, die Yana bisher hatte beobachten können. Er schoß ihr ein schiefes Grinsen zu. »Das Warten ist also vorbei, Liebes, und der Tanz beginnt. Bist du bereit?« Sie nickte feierlich und hob die Kaffeekanne. »Zeit für eine Tasse, Adak?« »Na klar doch, Yana«, antwortete Adak und schloß die Tür hinter sich. Er schritt zum Tisch, der von einem kleinen Quadrat zu einem großen Kreis erweitert worden war, dessen einer Teil mit Yanas Notizen und ihrem Block sowie mit einem langstieligen Holzlöffel bedeckt war, an dem Sean gerade schnitzte. Sean hatte während seiner Genesung ein wenig Beschäftigungstherapie gebraucht; deshalb besaß, Yana inzwischen vier Stühle statt einem. Sie hatte ihm zwar dabei geholfen, die meiste Zeit aber nur zugesehen, wie seine geschickten Hände an den Stühlen arbeiteten. Yana stellte drei Tassen und ein paar von den süßen Keksen auf den Tisch, die Sean gebacken hatte. Sean gesellte sich zu ihnen; wie üblich drehte er den Stuhl herum, um die Arme auf die Lehne des Möbels legen zu können. Diesen Stuhl hatte er nach seinen eigenen Maßgaben angefertigt. »Außerdem gab es da so einen Bericht«, fuhr Adak fort, »für diesen Typen, mit lauter komischen Wörtern…« »Ah, die Analyse«, meinte Yana und beugte sich erwartungsvoll vor. »Können Sie sich an irgendwelche Ausdrücke erinnern?« »Natürlich. Wer bringt denn den Jugendlichen die Firmenruhmlieder und die Firmenhandbuchlieder bei, damit sie keinen Schaden erleiden, wenn sie das erste Mal in den Weltraum kommen? Mein Gedächtnis ist mindestens so gut wie Clodaghs.« Er hob den Blick und rezitierte mit seltsam monotoner Stimme: »Pflanzensäfte von unbekannter Alkalinität von ungewöhnlicher Stärke sowie eine kleine Menge nicht identifizierbaren tierischen Eiweißes. Die Kombination ist ungewöhnlich und entstammt höchstwahrscheinlich einheimischen Elementen, die noch nicht in botanischen oder biologischen Berichten erfaßt wurden, welche für den Planeten Terraform B ungewöhnlich kurz sind. Bezüglich der Frage nach den sogenannten Coobeeren-Distelgewächsen zeigt diese Pflanze selbst unter kontrollierten Laborbedingungen ein virulentes Wachstum. Blattoberfläche, Dorn und Stamm scheiden eine Säure von solcher Stärke aus, daß sie, wie vermutet, sämtliche vorhandenen Metallproben bis in große Tiefe ätzte. Die Coobeeren-Probe wurde vernichtet, bevor ihre Masse den dreiwandigen Plastglasbehälter zum Implodieren bringen konnte. Gegenmittel wird noch getestet. Könnte sich als nützlich gegen fremde Pflanzenformen von ähnlicher Toxizität und Wachstumsgeschwindigkeit erweisen. Erbitten Angaben über Menge und Verfügbarkeit der Inhaltsstoffe.« Adak senkte den Kopf und blickte Sean und Yana erwartungsvoll an., »Gut gemacht, Adak«, sagte Sean und klopfte dem alten Funker freundschaftlich auf die Schulter. »Und die wollen eine Schule errichten, damit wir lesen und schreiben lernen«, brummte Adak verächtlich. »Was ist denn daran verkehrt, sein Gedächtnis so zu trainieren, daß man sich an alles erinnert, was man mal gehört hat, anstatt es immer erst in Büchern nachschlagen zu müssen?« Er nahm einen großen Schluck Kaffee und schürzte schmatzend die Lippen. »Sie müssen vorsichtig sein, was Sie von der Firma akzeptieren«, sagte Yana mahnend und streckte die Hand über den Tisch nach Adak aus. »Den Leuten wieder das Lesen und Schreiben beizubringen, ist lebenswichtig, wenn wir die Aasgeier auf Dauer von diesem Planeten fernhalten wollen. Aber wir müssen dann auch unser eigenes Material aussuchen.« »Das brauchen Sie mir nicht zu sagen, Yana. Es sind die Jugendlichen, die diese Ermahnung nötig haben.« Ja, das ist tatsächlich das Problem, dachte Yana. Es waren die Kinder, die nur die Vorteile der Wohltaten sehen würden, mit denen Torkel sie so gern überhäuft hätte. Junge Leute wie Krisuk, der noch nie viel gehabt hatte und etwas aus sich machen wollte. Oder wie Luka, die ihr ganzes Leben mißbraucht worden war. Sie lächelte schief. Bunny allerdings nicht, dachte sie, und nicht einmal Cita, die drei Mahlzeiten am Tag immer noch für ein Sünde hält. Sie hatten das Mädchen mit Bunny fortgeschickt, die ihre Schwester nicht mehr aus den Augen lassen wollte. Zusammen mit Aisling und Sinead hatten sie sich in Sineads alte Blockhütte tief im Wald verzogen. Nachts huschte Diego dort hinaus, von der hinkenden Dinah begleitet, um ihnen Vorräte und Neuigkeiten zu bringen. Cita schien wie vom Schlag gerührt zu sein, als sie erfuhr, daß der Heulende Hirte den Planeten verlassen hatte. Diego hatte gemeldet, daß das Mädchen am Tag darauf zum ersten Mal etwas entspannter gewirkt und ihm mehrere spontane Fragen gestellt hatte: Ob es Coaxtl gutging und ob Sean gesund wurde und was aus den Leuten im Tal der Tränen nun ohne ihre Führung wurde. Diego hatte geantwortet, daß er sich erst, erkundigen müsse. Was Yana wiederum daran erinnerte, Adak danach zu fragen. »Na ja, ich habe ab und zu mal von Loncie gehört, und die hat erzählt, daß sie hingegangen sind, um Scobies Schnokel abzuholen. Da hatte irgendeine Frau, As-cen-ci-on«, fuhr er fort, über den Namen stolpernd, »mehr oder weniger das Sagen. Allerdings bekam sie eine Menge Zoff von den Leuten, die der Meinung waren, daß der Hirte keine Frauen als Bosse mochte.« »Aus der Tiefkühltruhe in den Permafrost«, stöhnte Sean. »Das war natürlich vor der Springflut«, fügte Adak hinzu. »Möglich, daß sich ein paar Überlebende aus Bogota im Tal ansiedeln. Wie ich höre, gefriert es zur Zeit wieder richtig.« Nun verstummten alle drei und fragten sich, ob die Lage sich wieder so stabilisieren würde, wie es bis dahin auf Petaybee ganz gut geklappt hatte. »Gibt es irgendwelche Meßdaten über diese äquatoriale Inselkette, die gerade im Entstehen begriffen ist?« fragte Sean, und in seinen silbergrauen Augen tanzte der Schalk. Yana überlegte kurz, ob er wohl vorher gewußt hatte, daß dies geschehen würde. »Ach ja«, meinte Adak gedehnt und zeigte grinsend seine ebenmäßigen kräftigen weißen Zähne. »Da sind Helikopter in der Luft, und Johnny und Rick und dieser andere Knilch flitzen ständig dorthin und machen Erkundungsflüge. Richtig große Inseln, die da aufblühen wie Feuerkraut, und dazu ist es da auch noch warm. Schätze, das hat wohl keiner so recht vorhergeplant, wie?« Adak blickte Sean scharf ins Gesicht, doch der hatte eine ausdruckslose Miene aufgesetzt. »Na ja, wenn hier im Norden Vulkane entstehen, ist es durchaus möglich, daß es auch anderswo zu Reaktionen kommt. Obwohl die Wahrscheinlichkeit einer derart umfangreichen Krustenaktivität wissenschaftlich gesehen äußerst gering ist.«, »Andererseits ist Petaybee ein sehr ungewöhnlicher Planet«, warf Yana liebenswürdig ein. »Deshalb können wir mit so gut wie allem rechnen.« »Würde mich nicht wundern«, sagte Adak und trank den Kaffee aus. Er stand auf, verneigte sich in Yanas Richtung, grinste Sean an und blieb an der Tür noch einmal stehen. »Worauf soll ich jetzt besonders achten, Shongili?« »Auf die Namen unserer neuesten Besucher.« Aber es war nicht Adak, der Yana und Sean diese Nachricht überbrachte, sondern Marmion Algemeine, die sichtlich erschüttert wirkte, und Whittaker Fiske, der düster dreinblickte. »Man hätte keine schlimmere Auswahl treffen können, wirklich nicht«, sagte Marmion und hielt auf einen der Stühle an Yanas Tisch zu, als würden ihre Beine sie nicht mehr stützen wollen. Mit einem erregten Schlenkern der Hand fuhr sie fort: »Ich habe meine Assistenten Mann für Mann überprüfen lassen. Es sind übrigens ausschließlich Männer. Und dabei hatte ich so sehr gehofft, daß Metuska Karianovic von KCCE hierher kommen würde! Aber sie unterzieht sich zur Zeit irgendeiner Verjüngungskur. Typisch für sie!« »Wer ist denn nun gekommen?« fragte Yana, während sie allen Kaffee einschenkte. »Hauptsächlich Matthews Kumpel«, antwortete Marmion mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie schürzte die Lippen. »Immerhin«, sagte sie, »ist auch Chas gekommen, Charles Thraves-Tung. Ein recht vernünftiger Bursche, das muß ich ihm lassen. Er hat Verstand. Chas wird sich einer sachlichen Diskussion nicht entziehen, was man von Bai Emir Jostique nicht behaupten kann.« Sie erschauerte angewidert. »Ein schmutziger alter Mann. Der hätte nur zu gern präpubertäre Mädchen zur Frau – so viele, wie er nur kriegen kann.« »Die hat er doch schon, oder nicht?« warf Whittaker ein und musterte Marmion erstaunt. »Der hat nie genug. Aber selbst er muß warten, bis sie vierzehn sind!« Wieder krampfte sie ihre schmalen Schultern zusammen, die, heute in weiches, stumpfbraunes Leder gekleidet waren. Sie hob die Hand, um die Namen daran abzuzählen. »Da sind also Sie, ich und Chas Tung gegen Matthew, Bai und diesen alten Knochensack Nexim Roberts Shi-Tu. Dazu Farringer Ball am Monitor, der wieder den Vorsitz führt.« Whittaker hob die Augenbrauen. »Sind Sie denn sicher, daß Chas auf unserer Seite steht?« »Woher sollte ich? Sie haben doch selbst gesehen, wie Matthew seine breitgebauten jungen Männer zwischen uns und die Neuankömmlinge gekeilt hat, damit wir keine Gelegenheit hatten, mehr als ›Hallo, gute Reise gehabt?‹ zu sagen, bevor Matthew sie zu seiner ›Besichtigungstour‹ abführte. Und es gab auch nicht genügend Transportraum, als daß einer von uns mitkommen oder einen Vertreter hätte schicken können.« Whittaker lachte. »Auf die Reise habe ich gern verzichtet! Und ich glaube auch nicht, daß Matthew allzu viele Punkte damit gemacht haben dürfte, darauf zu bestehen, sie ausgerechnet den Äquator überfliegen zu lassen. Die Turbulenzen waren äußerst heftig, und weder Nexie noch Bai schätzen es besonders, wenn man ihre Eingeweide durcheinanderbringt. Genausowenig wie die Verstopfung, die sie sich durch ihre hochkandidelten Ernährungsgewohnheiten zuziehen. Da wir gerade dabei sind – haben Sie gesehen, was der Shuttle alles für ihre Gaumenfreuden mitgeführt hat?« Marmion schnitt eine Grimasse, die sich schließlich in ein hoffnungsfrohes Grinsen verwandelte. »Ja, und auch die Küchenchefs, die mit solchen Lebensmitteln überhaupt etwas anfangen können. Seien Sie bitte nicht beleidigt, Sean, Yana, denn ich selbst habe die ungewöhnlichen Geschmacksnoten durchaus genossen, die nur Petaybee einem bietet. Aber von Whit abgesehen dürfte ich wahrscheinlich die einzige sein. Was den Gaumen angeht, sind alle anderen schrecklich verwöhnt.« Plötzlich runzelte sie wieder die Stirn. »Ist Ihnen auch aufgefallen, Whit, wie mitgenommen alle von Matthews Jungen aussahen? Er hält sie Tag und Nacht auf Trab. Der arme Braddock Makem ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Erlaubt Matthew denen eigentlich keine Verschnaufpause?«, »Wo bleibt denn Ihre Pause, Marmie?« fragte Whit mit hochgezogener Augenbraue. Sie zwinkerte ihm zu. »Ich strapaziere meine Leute nicht halb so stark. Dafür kriegen sie aber doppelt soviel raus. Und außerdem«, sie begleitete das Gesagte mit einem Seufzen, »werden wir jedes Fitzelchen Hilfe gebrauchen können, wenn Farringer den Schiedsrichter spielt.« Adak stürzte in den Raum. »Er ist tot!« »Wer ist tot?« fragten alle wie aus einem Munde. »Dieser stinkende Shanachie, der Heulende Hirte!« »Woran ist er gestorben?« fragte Sean. »Wahrscheinlich hat er in einer Mondstationskabine seine eigenen Ausdünstungen eingeatmet!« scherzte Yana. »Nein! Völlig daneben.« Adak schüttelte den Kopf und wedelte aufgeregt mit den Händen. »Alles mal herhören! Er ist an derselben Sache gestorben wie Lavelle!« Yanas Blick heftete sich auf Seans Gesicht. »Es gibt noch mehr!« Adak spuckte fast aus in seinem Eifer, auch die zweite Neuigkeit loszuwerden. »Satok hat…« Er richtete die Augen an die Decke und rezitierte: »… einen atrophierten Knoten im Cerebellum, nur vierhundertdreiundzwanzig Gramm braunes Fett, und alle seine lebenswichtigen Organe waren vergiftet. Soyuk Ishunt, Clancy Nyangatuk und Reilly wiesen ebenfalls atrophierte Knoten und vergiftete Organe auf.« »Wurde im Zusammenhang mit dem Hirten auch ein Knoten erwähnt?« erkundigte sich Sean. Adak senkte den Blick und legte in tiefem Grübeln das ledrige braune Gesicht in Falten. »Hm… Ich glaube ja, aber der war nicht atrophiert.« Er atmete tief durch. »Und außerdem schicken sie besonderes medizinisches Gerät herunter. CAT-Scanner.« Yana konnte nicht anders, als sie diese Neuigkeit hörte: Sie zog heftig die Luft ein und blickte Sean erschrocken an. Er hob zur Antwort eine Augenbraue, doch seine sorglose Miene und die, entspannte Körperhaltung konnten Yanas Befürchtungen nicht lindern, daß die Durchleuchtung irgendwie Seans Gestaltwandlerfähigkeiten zutage bringen könnte. Marmion hingegen brach in Gelächter aus. »Eins ist sicher«, keuchte sie, »Clodagh Senungatuk paßt in keins dieser Geräte!« Diese Bemerkung löste Gekicher aus, und die Atmosphäre im Zimmer entspannte sich ein wenig. »Aber das ist wahrscheinlich das einzig Gute, das ich beizusteuern habe«, fuhr Marmion fort. »Denn Nexie ist Biochemiker und hat…« Sie hielt inne, und ihre Miene verfinsterte sich. »… ›andere Methoden‹, die sehr viel invasiver und ganz gewiß unangenehm sind.« »Das wollen wir erst mal sehen«, versetzte Whittaker grimmig. »Weder Clodagh Senungatuk noch Sean Shongili haben sich irgendwelche verbrecherischen Verstöße gegen Intergal- Bestimmungen zuschulden lassen kommen. Selbst dieser Hausarrest ist die reinste Farce. Die Intergal kann die Bürgerrechte der CIS nicht einfach außer Kraft setzen, es sei denn, es herrscht ein bewaffneter Konflikt. Aber Clodaghs Sprühflasche steht auf keiner Waffenliste, die ich je zu Gesicht bekommen habe, ob modern oder veraltet. Adak, verfügen Sie noch über den gesicherten Kanal?« »Äh, nun…« Adak blickte sich wild im Zimmer um und schaute auf jeden der Anwesenden – bis auf Sean. Dennoch nahm er das leichte Nicken wahr. »Dann mal los«, sagte Whittaker und drängte Adak zur Tür. »Dauert höchstens eine Nanosekunde.« Marmion wirkte sichtlich erheitert. »Hoffen wir, daß er bei aller Statik eine Nachricht an die richtigen Instanzen durchbekommt. Zu Anfang dachte ich immer, die Piloten würden das alles nur behaupten, um sich sperrig zu geben. Aber inzwischen stimmte es. Wissen Sie vielleicht, was all diese Interferenzen hervorbringt, Sean?« »Na klar«, erwiderte er gutmütig. »Atmosphärische Anomalien und die stratosphärischen Turbulenzen, hervorgerufen durch seismische Krustenaktivität und einige kräftige Sonnenflecken.« Dann hielt er inne und runzelte leicht die Stirn. »Coaxtl hat Nanook mitgeteilt, daß, das ›Heim‹ sich verändert. Bunny berichtet, daß Coaxtl Cita dasselbe gesagt hat, als sie sich in ihrer Obhut befand. Aber keine der Wildkatzen, und auch Clodaghs Katzen, machen sich die geringsten Sorgen.« »Die machen sich doch nie Sorgen«, meinte Marmion mit schiefem Lächeln. »Och, manchmal schon«, erwiderte Sean mit leisem Tadel. Marmion beugte sich vor und legte ihm leicht die Hand auf den Unterarm. »Wie kann sie…« Als sie Schritte auf der Treppe hörte, brach sie ab. Whittaker und Adak kehrten zurück; keiner von beiden sah besonders erbaut aus. Whittaker hätte beinahe die Tür zugeknallt. »Konnten kaum die Kennung deutlich genug absetzen, um identifiziert zu werden«, berichtete Whittaker mit frustriertem Stirnrunzeln. »Die Meldung war kurz und vielleicht ein bißchen zu nett für die Art von Aktion, die wir möglicherweise brauchen. Habe auch Johnny erreicht und ihm gesagt, er solle das nächste Mal senden, wenn er außerhalb von Turbulenzen fliegt. Der verdammte Planet bringt alles durcheinander, und dabei versuchen wir doch zu helfen!« Er wandte sich an Sean, den das Scheitern des Funkkontakts unberührt zu lassen schien. »Junger Mann, wie lange können Sie auf einer Raumstation ohne Immunität überleben?« »Vier, fünf Tage.« Yana spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, und legte verstohlen eine Hand auf ihren immer noch flachen Bauch. Wie konnte er seine Lebenserwartung nur so gelassen aussprechen? »Clodagh?« »Dasselbe. Aber dazu wird es nicht kommen, Whit. Glauben Sie mir.« Dr. Whittaker Fiske legte den Kopf schräg auf die rechte Schulter, stemmte beide Fäuste an den Gürtel, der um seine schlanke Hüfte saß, und verkündete in forderndem Tonfall: »Wenn ich Ihnen glauben könnte, Dr. Shongili, würde ich sehr viel besser schlafen, und Ihr Freund ebenfalls.« »Sie können mir glauben! Das ist so sicher wie eine Bankeinlage.«, »Tatsächlich?« Marmion merkte auf; ihr fiskalischer Instinkt war geweckt. »Passen Sie auf.« Sean spreizte eine Hand und krümmte für jeden vorgetragenen Punkt einen Finger. »Wir müssen beweisen, daß der Planet Bewußtsein hat, richtig? Das können wir, und das werden wir auch! Wir müssen beweisen, daß es im Interesse der Firma liegt, die Siedlungen zu erhalten, weil sie sich wirtschaftlich rechnen lassen, wenn auch nicht unbedingt so, wie die ursprünglichen Analysen behaupteten. Wir müssen beweisen, daß unsere Lebensweise«, und er wies dabei auf Adak, Yana, die das Kompliment mit einem leisen Lächeln quittierte, sowie aus dem Fenster in Richtung Clodaghs Haus, »ein Umweltwesen vor Mißbrauch und Schädigung schützt – im eigenen Interesse und dem der Firma, die dieses Wesen zum Leben erweckt hat.« Er nickte Whittaker zu. »Außerdem müssen wir den Beweis erbringen, daß die Anklage wegen Mißbrauch, vorschriftswidrigem Verhalten, Aufwiegelei und Betrug, die Matthew Luzon gegen einige von uns, vielleicht sogar gegen die gesamte Population vorbringen wird, genauso lächerlich ist wie der Heulende Hirte.« »Und genauso stinkt«, fügte Adak mit nachdrücklichem Nicken hinzu. »Sacre bleu!« rief Marmion. »Wenn’s weiter nichts ist!« Dann aber schüttelte sie seufzend den Kopf. »In der Mannschaft, die Matthew hergebracht hat, sind eine Menge Betonköpfe gegen uns.« »Aber sie spielen auf unserem Feld«, erwiderte Sean mit einem seiner charismatischsten und rätselhaftesten Lächeln. »Und Matthew hat alle Anstrengungen unternommen, sie gegen Marmie und mich voreingenommen zu machen, weil wir uns so offensichtlich haben ›einwickeln‹ lassen.« Whittaker ließ den Zeigefinger kreisen. »Nämlich von den Eingeborenen.« »Vom indigenen Personal, Whit, wenn ich bitten darf«, versetzte Marmion gespielt schnippisch. »Allerdings kann ich mühelos nachweisen, daß ich noch meinen gesunden Verstand besitze und mich nicht von den Lokalschamanen habe hypnotisieren lassen.« Sie stand auf. »Das werde ich heute abend demonstrieren.« Sie stieß ein, leises Glucksen hervor. »Ich weiß nämlich zufällig, daß Bai und Nexie ein paar Billionen bei einem Geschäft verloren haben, auf das ich«, sie legte anmutig eine Hand auf ihren Busen, »klugerweise verzichtet habe. Dann werden wir jetzt mal gehen.« Sie hakte sich bei Whittaker ein und führte ihn aus dem Haus. Dicht an der Tür hielt sie noch einmal inne und blickte über die Schulter auf Sean. In ihren wunderschönen Augen lag ein besorgter Ausdruck. »Sind Sie wirklich sicher, Sean, daß weder Sie noch Clodagh sich in Gefahr befinden, von diesem Planeten verbannt zu werden?« Er nickte lächelnd. »Absolut!« Als die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte, wandten Yana und Adak sich Sean zu. »Absolut?« »Absolut!« antwortete er, doch mit einer äußerst grimmigen Miene., 15. KAPITEL Marmion de Revers Algemeine mußte zu ihrem Erstaunen feststellen, daß ihr Geschmack sich im Laufe der Woche auf Petaybee verändert hatte. Das üppige und ausgesuchte Arrangement von Gängen, mit dem die Komiteemitglieder an diesem Abend bewirtet wurden – ein Abend, der glücklicherweise frei von Erdstößen, Beben oder Erschütterungen blieb –, behagte ihrem Gaumen ebensowenig wie ihrer Stimmung. Sie zog die schlichteren, schärferen Gaumenreize der Küche Petaybees tatsächlich vor. Jeder deftige Haseneintopf wäre ihr jetzt lieber gewesen als die Marinaden, Soßen und Garnierungen, die jeden Gang begleiteten. Sie sah, daß Whittaker sich nicht minder mühsam durch das Bankett quälte, doch konnte sie sich wenigstens mit dem Vorwand aus der Affäre ziehen, daß sie auf ihre Linie achten müsse. Matthew und Torkel hingegen verputzten alles, was ihnen auf Tellern, in Schüsseln und auf Tabletts vorgesetzt wurde. Doch Marmion bemerkte hämisch, daß einige von Matthews hübschen Jungen, genau wie ihre eigenen drei Assistenten, den Speisen nicht gerade mit Begeisterung zusprachen. Chas, Bai und Nexim hatten zwar keine Probleme, doch Bai rief immerhin zweimal den Chefsteward zu sich, um Beschwerden vorzutragen und den jeweiligen Gang schon nach dem ersten Bissen zurückgehen zu lassen. Vielleicht entwickelt sein neuer Magen dieselben Geschwüre wie der alte, dachte Marmion bei sich. Möglicherweise hatte ein menschlicher Körper seine Dispositionen, gleich, wie viele seiner ungezählten Einzelteile gegen funktionstüchtige Ersatzorgane ausgetauscht wurden. Immerhin hatte Marmion Gelegenheit, sich scheinbar arglos nach Nexies jüngsten Geldanlageprojekten zu erkundigen. So konnte sie nebenbei eine Bemerkung über das Projekt Omnicora-Stahl loswerden, bei dem sie zu dem Schluß gelangt war, daß es nicht, fundiert genug sei, um mit den investierten Geldern einen nennenswerten Gewinn zu erwirtschaften. Sie sprach gerade laut genug, daß Matthew ihre Bemerkungen mithören konnte: Das würde ihn gleichzeitig daran erinnern, daß sie nichts von ihrem Scharfsinn eingebüßt hatte. Mit Bai besprach sie die Möglichkeit, sich an einem seiner eigenen Vorhaben zu beteiligen, über das sie erst kürzlich Erkundigungen eingezogen hatte, wies dabei aber auf das eine oder andere organisatorische Problem hin, das erst gelöst werden müsse, bevor sie das Projekt ernsthaft in Erwägung ziehen könne. Die flüchtige Reaktion in Bai Emir Jostiques Miene zeigte Marmion, daß sie genau jene Schwachstellen getroffen hatte, die ihm inzwischen selbst aufgefallen waren. Damit war Matthew wohl gründlich der Wind aus den Segeln genommen, sollte er es wagen, sie als leichtgläubig hinzustellen. Sie war müde vom ständigen Lächeln und Konversation machen, als endlich die Zeit gekommen war, da sie mit Sally die ›Herren‹ von der interplanetaren Gesellschaft endlich allein lassen konnte. »Hast du Glück gehabt, Liebes?« fragte sie Sally, als beide sich zu ihren Unterkünften im Flügeltrakt des grellgelben Gebäudes begaben. »Ich fürchte, wie werden mehr als Glück brauchen, Dama«, antwortete Sally seufzend. »Dr. Luzon ist ein so gewundenes Aas, daß jeder Schlangenmensch von Spica ihn darum beneiden könnte.« »Ja. Aber das wußten wir schon vorher.« »Mein Bericht liegt auf Ihrem Schreibtisch. Aber ich glaube, daß Sie zuvor eine volle Nacht Schlaf brauchen. Schlechte Nachrichten können ganz schön nachhaltig sein.« »Danke, Liebes. Ich werde Ihren Rat beherzigen, sofern Sie selbst es ebenfalls tun.« Sally seufzte schon wieder. Zum erstenmal seit Beginn der öden Dinnerparty ließ sie sich ihre Erschöpfung anmerken. Sie nickte. »Ja, das sollte ich wohl, wenn ich morgen für Sie auf der Höhe sein soll. Wenigstens haben wir alle unsere Fakten schwarz auf weiß niedergelegt und keine bloßen Unterstellungen.« »Dann schlafen Sie gut.«, Andere taten es nicht. Und später mußten Faber und Millard, die – dem Gebot der Höflichkeit folgend – länger geblieben waren, gestehen, daß sie nichts von der diskreten Übereinkunft mitbekommen hatten, die während dieser Pause zwischen Matthew, Torkel Fiske, Bai Emir und Nexim Shitu erzielt wurde. Sie wußten, daß die vier in dieser Zeit einen Handel abgeschlossen haben mußten, denn nicht einmal Luzon hätte die darauf folgenden drakonischen Maßnahmen ohne die Unterstützung von Fiske oder den beiden anderen Aufsichtsratsmitgliedern durchzusetzen gewagt. Marmion machte sich Vorwürfe, weil sie Bai gestriezt hatte; allerdings hatte sie ja einen völlig anderen Vorgehensplan verfolgt. Um Mitternacht stiegen die Shuttlefahrzeuge, welche die Kommissionsmitglieder aus ihren Hauptstädten mitgeführt hatten, lautlos vom Raumhafen auf, um ihre jeweiligen Missionen auszuführen. Weder die Flugmannschaften noch die Soldaten hatten je zuvor von Petaybee gehört, doch was sie davon zu sehen bekommen hatten, konnte sie ganz und gar nicht beeindrucken. Sie hatten keine Zeit zum Ausruhen bekommen und nur eine hastige Mahlzeit aus Notverpflegung zu sich nehmen können, während sie die Gefängniszellen errichteten, die man auf Luzons Anforderung mitgebracht hatte. Kaum waren die schalldichten, fensterlosen, zwei mal einen Meter großen Zellen in einem leeren Lagergebäude aufgestellt worden, als die Shuttles auch schon starteten. Die Trupps waren mit Betäubungsgewehren ausgerüstet und hatten Anweisung, die Waffen auch einzusetzen, sollte einer der Festzunehmenden sich seiner Arrestierung widersetzen. Darüber hinaus hatten sie Befehl, einheimische Katzen sicherzustellen, wobei für jedes Exemplar eine Prämie ausgesetzt wurde. »Was, zum Teufel, wollen die denn mit Katzen?« murrte ein Wehrpflichtiger, wurde aber sofort von seinem Gruppenführer scharf zurechtgewiesen: »Wenn die Katzen haben wollen, werden die auch welche kriegen.«, Die Shuttles trennten sich, um ihre Passagiere im Tal der Tränen abzuholen. Ascencion wurde aufgebracht, während man Lonciana und ihren Mann aus dem Bett warf und ihnen kaum Gelegenheit gab, sich anzukleiden. Loncie protestierte so lautstark und vehement gegen diesen unrechtmäßigen Zugriff, wie es nur eine ehemalige Unteroffizierin vermochte, und verlangte den Haftbefehl zu sehen, während Pablo rasche und entschiedene Anweisungen zur Führung des Haushalts an Carmelita weitergab. In Kabul wurde Shanachie Chau Xing festgenommen; in Portage, einer der jüngeren Siedlungen, fluchte ein gereizter McCouall wortreich über diese Art der ›Kooperation‹ seitens der Intergal auf Petaybee. In Savoy wurden drei Festnahmen vorgenommen: Luka, die Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm, und den als Eamon Shishmareff identifizierten Mann, der so unkooperativ gewesen war, Luzon und Torkel Fiske über das Coobeerenfeld zu helfen. Fingaard und Ardis Sounik wurden in Harrisons Fjord festgenommen. Dort geschah es auch, daß einer der Soldaten einen Zufallstreffer anbrachte und eine orangefarbene Katze erwischte, um sich das betäubte Tier dann grinsend über die Schulter zu werfen, als er an die Prämie dachte, die ihm winkte. »Sie haben Shush erschossen?« Die Frau aus Harrisons Fjord war viel zu wütend, um sich von den riesigen Soldaten einschüchtern zu lassen. »Ach was. Ich habe ihn nur betäubt«, erwiderte der Soldat und wich einen Schritt vor der Frau zurück, die fast ebenso groß war wie er. Doch griff er nicht ein, als sie ihm die erschlaffte Katze von der Schulter nahm; sie hielt das Tier während des Fluges bis zur Raumstation die ganze Zeit in den Armen und starrte den Soldaten wütend an. Ein anderes Shuttlefahrzeug holte die Connellys in McGees Paß ein – Vater, Mutter und Krisuk; außerdem Liam Maloney, der immer noch zu Besuch am Todpferd-Paß weilte; danach die Shanachies von Little Dublin, New Barrow und Mirror Lake. Das dritte Fahrzeug begann in der Tanana Bai und flog von dort nach Shannonmouth weiter, wo es Aigur und Sheydil an Bord nahm. Das Shuttle hatte, Kilcoole bereits erreicht, bevor die schnellste Katze auch nur die Hälfte der Strecke dorthin zurückgelegt hatte. Da Adak zu den ersten Festgenommenen gehörte und die Katzen sich verstreut hatten, als die Jagd auf sie begann, traf es Clodagh, Aisling, Sinead, Cita, Yana und Sean unvorbereitet. »Für Sie Majorin Maddock, Leutnant«, hatte Yana wütend protestiert und die Flickendecke um sich gewickelt, während Sean die Beine aus dem Bett schwang und ungerührt Hose und Stiefel anzog. »Und jetzt raus hier, während wir uns ankleiden.« »Meine Befehle lauten, sie nicht aus den Augen zu lassen, gnädige Frau.« »Raus mit Ihnen, Leutnant! Ich mache keine Scherze!« »Ich auch nicht«, erwiderte er und fuchtelte drohend mit seiner Waffe. Doch um ihrem vernichtenden Blick auszuweichen, starrte er ausdruckslos vor sich hin, als stünde er in Habachtstellung. »Also gut! Wenn Sie so scharf darauf sind, Sie geiles Miststück!« rief Yana. Sie erhob sich und ließ die Flickendecke fallen. Aufrecht und stolz stand sie in ihrer Nacktheit da und war mehr als erleichtert darüber, daß sie sich inzwischen hinreichend an die petaybeeanischen Temperaturen gewöhnt hatte, um keine Gänsehaut zu bekommen. Sean stellte sich zwischen sie und den ärgerlichen Soldaten, doch das beschwichtigte Yana nicht. »Wir werden uns noch einmal begegnen, Leutnant, und zwar unter anderen Umständen«, sagte sie leise und hatte das Vergnügen, ihn erröten zu sehen. Sean tat nichts anderes, als zwischen Yana und dem Wachtposten zu stehen, leicht vorgeneigt, um sein wundes Bein zu schonen. Doch erst, nachdem Yana die Ausgehuniform angelegt hatte, die sorgfältig zusammengefaltet im hinteren Teil der kleinen Kleiderpresse hing, drehte er sich zu ihr um und drückte ihr die Hand. Dann wurden sie wortlos hinausgeführt. Draußen brütete die Vordämmerung des Morgens. Nebel hockte auf der Sonne, als wollte er sie am Aufgehen hindern. Plötzlich schoß,, vom Rand der kaum sichtbaren Gebäude her, ein schwarzweißer Blitz an ihnen vorbei. »Nicht, Nanook!« brüllte Sean. Als sich die Soldaten umdrehten, allesamt wild auf die Katzenprämie, um ihr Ziel zu suchen, wurden sie von einem derart bösartigen Fauchen begrüßt, daß selbst dieser Trupp, der durch viele Begegnungen mit fremdartigen Tieren auf zahlreichen fremden Planeten abgehärtet war, plötzlich ängstlich aus der Wäsche guckte. Der Leutnant fing sich als erster und befahl der Hälfte seines Trupps, auszufächern und zu versuchen, die Kreatur zu erlegen. Aus dem Augenwinkel sah Yana das leise Lächeln in Seans Gesicht. Es war alles andere als wahrscheinlich, daß irgend jemand Nanook erwischte. Und Coaxtl? Die war vermutlich bei Senead gewesen und hatte ihren Schützling Cita bewacht. Yana sorgte sich deswegen, als sie ihren Bewachern zum Shuttle folgten. Sie spürte auch, daß alles im Dorf wach war und zusah. Doch mehr war gegen eine solche Übermacht nicht auszurichten. Als Yana die Reihe ihrer Mitgefangenen erblickte, verließ sie der Mut. Clodagh war so gefaßt wie immer, wenn auch umgeben von Netzen mit ihren Tränken und Salben und Heilmitteln. Ist die Hexenverfolgung nicht vor dreihundert Jahren zu Ende gegangen? fragte Yana sich wie betäubt. Sinead sah wütend aus; sie hatte die Lippen zusammengepreßt, während Aislings Tränen über die Wangen strömten, was sie merkwürdig anziehend und alles andere als lächerlich aussehen ließ, Cita war völlig verstört und klammerte sich an Bunny, die es Clodagh gleichtat und stolz den Kopf erhoben hielt. Adak wirkte verängstigt – so verängstigt, wie es wahrscheinlich alle anderen auch waren. Er hatte immer über alles Bescheid gewußt; er war der Verbindungsmann zwischen der Gemeinde und der Basis, zugleich aber auch ein Firmenangestellter in verantwortungsvoller Position. Jetzt gehörte er nur noch zu den ULs, den unerwünschten Leuten, wie Bunny sich selbst und ihre Mit-Petaybeeaner zu nennen pflegte. Der arme Adak schien förmlich zusammenzufallen, als er beobachtete, wie erst Yana und dann Sean in das Shuttlefahrzeug, gestoßen wurden. Dann fing er sich wieder und wackelte mit den Schultern, um etwas aufrechter auf dem harten Metall zu sitzen. Als Yana zum Sitzen neidergedrückt wurde, fragte sie sich, ob Diego, Frank und Whittaker – die Kerle würden es doch wohl nicht wagen, einen Direktor der Firma festzunehmen, oder? – vielleicht gar nicht auf der Liste jener Personen standen, die Matthew für gefährliche Dissidenten hielt. Dann drängte sich ein großer Männerkörper zwischen sie und Sean. Als sie sich umblickte, stellte sie fest, daß jeder Petaybeeaner vom anderen durch einen Soldaten getrennt wurde – einen großen, schwerbewaffneten Soldaten. Sie grinste breit. Was für ein ungewolltes Kompliment! »Wischen Sie sich gefälligst das Grinsen aus der Visage«, befahl der namenlose Leutnant. »Guter Mann, ich habe einen höheren Dienstgrad als Sie und fünfmal mehr Tapferkeitsauszeichnungen«, erwiderte Yana. Sie sagte es, als wäre sie von heiterer Gelassenheit, legte aber gleichzeitig den Stahl des Befehlshabers in ihre Stimme und verengte die Augen zu Schlitzen, während sie den Leutnant ansah. »Sie können vielleicht in meine Privatunterkunft eindringen und mich ohne rechtskräfigen Haftbefehl festnehmen, aber bei allem, was heilig ist wagen Sie es ja nicht, mich meines Rechts berauben zu wollen, auf diese ganz lächerliche Operation auch zu reagieren!« Der Leutnant, dem noch allzu bewußt war, daß sie ihm schon einmal den Rang abgelaufen hatte, war entschlossen, dies kein zweites Mal zuzulassen, und so lachte er. »An dieser Operation ist nichts lächerlich, und das sollten Sie lieber so schnell wie möglich einsehen… Majorin!« »Ist es etwa nicht lächerlich, daß man zwei Geschwader schwerbewaffneter nicht-petaybeeanischer Soldaten von Omnicron Drei, Plexus-Vier und Raumstation Eins-Drei-Null-Eins anfordern mußte, um auf einer rückständigen, technisch unterentwickelten Welt ein paar unbewaffnete Einwohner festzunehmen?« Der Leutnant wollte gerade mit einem Knurren die Hand heben, als ihn eine Stimme aus dem Cockpit plötzlich nach vorn befahl., Yana war stolz darauf, daß sie nicht einmal im Ansatz die Muskeln angespannt hatte, um dem drohenden Hieb zu begegnen, und daß auch ihr Lächeln davon unberührt geblieben war. Natürlich sagte niemand etwas, weder die Petaybeeaner noch die fremden Soldaten; aber immerhin hörten Cita und Aisling auf zu weinen, während Clodagh fast unmerklich die Lippen schürzte. Als der Shuttle dann startete, verließ Yana allerdings schlagartig der Mut, und die Furcht krampfte ihre Eingeweide zusammen. Sie sah, daß Clodaghs Lächeln schwand und ihre Lippen zu einem harten Strich wurden. Auch Bunny wirkte plötzlich ein wenig besorgter. Erst als der Shuttle in vertrauter, kurzer Entfernung wieder landete – dort, wo der dichte Nebel von zahlreichen gleißenden Scheinwerfern durchbohrt wurde, wie es sie nur am Raumhafen gab –, kehrte ihr Mut zurück. Ah, jetzt hatte sie wieder Kontakt zum Planeten. Irgendwie, auf eine noch unerklärliche Weise, wußte der Planet um die Ereignisse. Und Yana sah, daß auch Clodaghs Lächeln zurückgekehrt war. Doch die Furcht traf Yana mit doppelter Wucht, als man sie aus dem Shuttle drängte, der direkt neben einem anonymen Block provisorischer Unterkünfte gelandet war. Obwohl die Sichtweite nur wenige Fuß betrug, stellte Yana mit einem raschen Blick fest, daß sie sich am anderen Ende des Raumhafens befanden. Nach den Maßstäben der Firma war es zwar keine allzu große Anlage, doch hier, am entlegensten Ende, waren sie unangenehm weit vom Verwaltungstrakt und somit von jedweder Hilfe entfernt, die Marmion Algemeine oder Whittaker Fiske – sofern er noch in Freiheit sein sollte – ihnen geben konnte. Im Innern des Gebäudes waren die kahlen Gänge hell erleuchtet, und eine Tür drängte sich in deprimierender Enge an die nächste. Yana erkannte, daß es sich um einen improvisierten Gefängnisbau handelte: kleine Zellen, keinerlei Annehmlichkeiten und auch keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen den unfreiwilligen Bewohnern. Ein Sergeant mit einem Klemmbrett deutete lediglich mit einem Schreibstift nach rechts, wohin man sie denn auch führte. Yana wurde, in den zweiten Raum gestoßen; dann schloß sich die Tür mit dem seltsam dumpfen Scheppern einer schalldichten Konstruktion hinter ihr. Ein einziger heller Leuchtstreifen, eine Decke, eine Toilette und ein Waschbecken bildeten die ganze Einrichtung. Für Leute von einer Raumstation wäre es ziemlich kalt gewesen, doch Yana empfand die Innentemperatur als angenehm. Eins zu Null für sie! Sie benutzte die Toilette, wusch sich das Gesicht und trocknete sich mit einem Deckenzipfel ab. Dann zog sie Stiefel, Kittel und Hosen aus und breitete die Sachen säuberlich auf dem groben Teppich aus, um sich dann in die Decke einzurollen und sich selbst den Befehl zu geben, weiterzuschlafen., 16. KAPITEL »Es ist eine Katze, gewöhnlicher terranischer Hauskatzentyp, weiblich. Sie wiegt etwas über ein Kilo und ist deshalb ein bißchen größer«, sagte der Veterinär, nachdem er jeden erdenklichen Test an dem erschlafften, orangegestreiften Körper durchgeführt hatte, der ihm in Labor gebracht worden war. »Der Scanner zeigt keine ungewöhnlichen Organe. Durchschnittliche Gehirngröße. Überhaupt ist alles durchschnittlich, von einem dichten Fell in mehreren Schichten abgesehen, das wahrscheinlich erforderlich ist, um die Temperaturen zu überleben, die Ihrer Aussage nach im Winter auf diesem Planeten herrschen. Sie hat ziemlich große Ohren, mit Fell überwachsen – zweifellos, damit kein Schnee eindringen kann –, und Schnurrbarthaare von phänomenaler Länge. Die Pfotenpolster weisen eine starke Verhornung auf, und zwischen den Zehen läßt sich Haarwuchs beobachten. Vermutlich dienen die Haare dazu, das Begehen des Schnees zu erleichtern. Auch die Rute ist langhaarig bewachsen. Tja, aber ich habe noch nie ein gesünderes Tier gesehen. Und in Anbetracht der Umweltbedingungen, denen die Katze entstammt, kann ich an ihr überhaupt nichts Ungewöhnliches entdecken.« »Haben Sie den Bericht?« fragte Ivan. Der Veterinär betätigte eine Taste auf seinem Handgerät, worauf ein schmales, längliches Blatt aus dem Papierschlitz trat. Er reichte es Ivan. »Danke.« »Was soll ich mit der Katze tun?« fragte der Veterinär. Ivan zögerte. Er wußte, was Matthew angeordnet hatte. Aber was hatte die Katze ihm denn getan? »Halten Sie das Tier unter Beobachtung. Vielleicht zeigt es ja im Wachzustand irgendwelche Devianzen.« Der Veterinär zuckte die Schultern und stieß ein leises Schnauben hervor. »Katzen sind von Natur aus deviant – und durchtrieben. Was, für ein abweichendes Verhalten soll dieses Exemplar denn im Wachzustand an den Tag legen? Ich meine… geben Sie mir wenigstens einen Hinweis, damit ich weiß, worauf ich achten soll.« »Vielleicht genügt eine Katze gar nicht«, murmelte Ivan bei sich; dann fügte er etwas lauter hinzu: »Hat keiner der anderen Trupps eine gefangen?« »Bei mir wurde keine andere Katze abgeliefert.« Der Veterinär unterdrückte ein Gähnen. Zwei Stunden später brachte man ihm ein weiteres Exemplar, nur daß es keine Katze war: Es war eine Kreuzung, die der Veterinär in seinen Karteien nicht fand. Das Tier war fast so groß wie die Löwen, die einst durch Afrika gestreift waren, hatte ein dickes Kleid aus dichtem Fell mit Wolkentupfern, besaß die Fangzähne und Krallen eines Tigers und mußte ein zweites Mal betäubt werden, bevor der Veterinär und die sich mit dem halbwachen Wesen abplagenden vier Soldaten es unter den Scanner legen konnten. Als Matthew Luzon dann persönlich vorbeikam, um seinen Bericht abzuholen, konnte der von der Körpergröße, der Schönheit und der Einzigartigkeit dieses Exemplars stark beeindruckte Veterinär ihm nur bestätigen, daß es sich um eine sehr ungewöhnliche Katzenart zu handeln schien. »In welcher Hinsicht?« fragte Matthew mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, die den Veterinär sofort aufhorchen ließ. »Körpergröße, Färbung, die Dichte des Fells, seine körperliche Verfassung – die meisten Katzenarten sind weniger gut genährt«, erwiderte er achselzuckend. »Keine ungewöhnlichen Organe? Was ist mit der Gehirngröße?« »Im Verhältnis zur Größe des Schädels völlig normal.« In diesem Augenblick beschloß der Veterinär, die Tatsache zu verschweigen, daß genau dies der Punkt war, in dem sich das Tier von allen anderen Exemplaren dieser Gattung unterschied: Sein Schädel war größer, um das größere Gehirn beherbergen zu können. »Töten Sie es«, sagte Matthew. »Und führen Sie eine Autopsie durch. Ich suche nach einer wissenschaftlichen Erklärung für die, sogenannte Kommunikationsverbindung, die diese Kreaturen mit den Menschen auf diesem Planeten haben. Vielleicht handelt es sich um Implantate.« »Wäre es da nicht angebrachter, das Verhalten der Katze zu beobachten, um diese Art von Information…« »Töten Sie es! Oder muß ich meine Befehle zweimal geben?« Nein. Der Veterinär machte auf dem Absatz kehrt und füllte ostentativ eine Spritze, um danach das sterilisierte Wasser in den Nacken des Tieres zu injizieren. Es gab bestimmte Befehle, denen er nicht gehorchen würde – nicht in Anbetracht des Eids, den er als junger Idealist geleistet hatte, der seine Lebensaufgabe darin sah, wunderbare neue, fremde Lebensformen zu katalogisieren. »Bei einem Tier dieser Größe wird es ungefähr zwanzig Minuten dauern.« Doch Matthew Luzon hatte die Veterinärstation bereits verlassen, und so überlegte sich der Tierarzt, wie er, um alles in der Welt, ein betäubtes Tier von dieser Größe beiseite schaffen konnte, ohne daß es auffiel. Eine halbe Stunde später durchdachte er noch immer die Möglichkeiten, als ein Major mit zwei Soldaten an der Tür erschien, einem massigen Mann und einem Jungen. Er teilte dem Veterinär mit, daß er den Befehl habe, ein totes Tier abzuholen. Zögernd zeigte der Veterinär dem Soldaten die bewußtlose Kreatur und hoffte verzweifelt, daß das zweite Betäubungsmittel in seiner Wirkung nachlassen mochte, damit das Tier dem Schicksal des Lebendigbegrabenwerdens entfliehen konnte. Manchmal konnten die Gefallen, die man anderen erwies, wie ein Bumerang wirken. Er war sehr unglücklich über die ganze Sache, die ihm zuerst wie eine Routineaufgabe erschienen war. Keins der Tiere, die an diesem Tag in seinem Labor untersucht wurden, war in irgendeiner Weise ungewöhnlich gewesen, abgesehen von den offenkundigen Anpassungen an die klimatischen Bedingungen dieses Planeten – obwohl ihm die zusätzliche Knochenschicht auf der Nase des lockenfelligen Hengstes immer noch Rätsel aufgab. Der innere Nasenlappen war in den Dateien als Rassemerkmal erwähnt; er diente dazu, die Lungen vor den eisigen Winden zu schützen. Und jetzt deutete Luzon zu allem Überfluß auch noch an, daß diese Wesen…, paranormal begabt sein könnten! Er tötete nie ohne guten Grund ein Tier, und ganz bestimmt kein paranormales! Völlig niedergeschlagen begab er sich in die ihm zugewiesene Kabine und versuchte zu schlafen. Er erwachte deprimiert aus einem Traum, in dem ein wolkenfleckiger Leopard über schneebedecktes Ödland rannte, voller Kraft und Anmut in seinen mühelosen Bewegungen. Nach dem Erwachen hatte man schrecklichen Durst, stellte Coaxtl fest. Der Körper war wund von Stichen, Schürfungen und Prellungen, und die Sinne waren stumpf. Man wälzte sich herum und zog den Kopf des tiefhängenden Strauchwerks wegen ein, unter dem man lag. Schnüffeln bescherte einem keine nützliche Auskunft über den Ort, an dem man sich befand. Die Verfolger – Menschen, die beim Laufen und Rufen schnauften –, waren fort, obwohl Coaxtl sich daran zu erinnern glaubte, daß sie nahe genug gekommen waren, um zuzuschlagen. Jetzt aber waren sie fort. Unglücklicherweise war auch das Junge fort, immer noch, und wenn Coaxtl den Männern auch entkommen war, so hatten sie doch einen Sieg davongetragen: Sie hatten Coaxtl daran gehindert, das Junge wiederzufinden. Coaxtl hatte beobachtet, wie das kleine Weibchen in eine riesige Vogelmaschine getrieben wurde, größer als das schreckliche Wesen, das Coaxtl, das Junge, den Robbenmann und sein Weibchen in dieses Land gebracht hatte, wo das Junge bei seinen Artgenossen leben sollte. Wo der schwarzweiße Nanook sich als Paarungspartner für Coaxtl interessiert hatte. Nanook hatte Coaxtl viel mitzuteilen gehabt, und Coaxtl hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört. Es hatte den Anschein, daß sich nicht nur das ›Heim‹ veränderte. Ja, das ›Heim‹ hatte sich bereits verändert, ganz zweifellos, wenn man seiner Sinne so sehr beraubt werden und achtlos in ein Gestrüpp geworfen werden konnte. In der Mitte des Strauchwerks lag jedoch noch etwas Schnee, und Coaxtl leckte daran. Das kühle, silbrige Wasser linderte den unangenehmen, beißenden Geschmack und die Trockenheit im Mund,, während der kalte Schnee und das Wasser, welches das Fell tränkte, einen noch mehr belebte. Nahrung wäre jetzt nicht schlecht. Man hob den Kopf und schnüffelte, nieste. Zu viele Menschen, zu viele schlechte Gerüche. Nichts Appetitliches in der Nähe. Durch den Wind und die fernen, von Menschen geschaffenen Geräusche drang das Rauschen von Wasser. Und wo Wasser war, waren meist Fische, und Fische waren eßbar. Ja, man konnte ganz leicht mit den scharfen, schnellen Krallen viele Fische erwischen und seinen Hunger stillen. Danach könnte man überlegen, was als Nächstes zu tun war. Am besten wäre es, Nanook zu suchen. Das hier war sein Gebiet. Er würde wissen, wo man das Junge suchen mußte. Als über den niedrigen Bergen und dem neuen Vulkan die Dämmerung anbrach, schaufelte Coaxtl den vierten großen Fisch aus dem eisigen Flußwasser. Dann stand sie wieder da, bewegungslos, bis weitere ahnungslose Wasserbewohner vorbeikamen. Als die Sonne aufgegangen war, hatte Coaxtl gut gespeist. Marmion schlief tatsächlich gut, doch hauptsächlich wegen Seans unerschütterlicher Zuversicht, weniger Sallys beruhigender Bemerkung über beweisbare Tatsachen wegen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, war sie mehr als bereit für die bevorstehende Schlacht. Weniger bereit war Marmion allerdings auf Sallys Anblick, die mit vor Angst weit aufgerissenen Augen in ihr Zimmer gestürmt kam. »Sie haben es getan! Haben sämtliche Leute verhaftet, die Luzon als ›Renegaten und Verräter‹ bezeichnet hat! Haben die Shuttlefahrzeuge der Kommissionsmitglieder und Truppenverbände dafür eingesetzt, von denen wir nicht einmal wußten, daß sie sich an Bord befanden«, platzte es wie ein Sturzbach aus ihr hervor. »Sie haben die Leute am anderen Ende der Rollbahn in Gefängniszellen gesperrt.« »Und Whittaker?« Marmion verspürte einen ungewohnten Anflug von Furcht. Hatte sie sich gestern abend etwa selbst hereingelegt?, Whittaker hätte doch niemals bei einem so heimtückischen Vorhaben mitgewirkt. »Nein, Whittaker ist frei, genau wie Frank und Diego Metaxos. Ich habe Faber gesagt, er soll bei ihnen bleiben. Millard hat sich an Whittaker gehängt. Der ist außer sich vor Wut!« Marmion nagte an der Unterlippe, während sie in Gedanken Handlungsalternativen durchging. »Wen haben sie denn mit einer derart vorschriftswidrigen Aktion alles verhaftet?« »Verdammt, den halben Planeten, einschließlich der wilden Fauna!« erwiderte Sally. Als sie mit dem Herunterspulen der Liste fertig war, ertappe Marmion sich dabei, wie sie mit den Zähnen knirschte. Sie sprang aus dem Bett und ging zum Badezimmer hinüber. »Bringen Sie mir das Übliche. Dazu eimerweise Kaffee. Welchen Kanal benutzen wir heute morgen auf unseren persönlichen Einheiten?« Sally nannte ihr die Frequenz. »Und das Frühstück werde ich Ihnen machen«, sagte sie beim Abschied. Marmion blieb abrupt an der Schwelle zum Badezimmer stehen. Matthew würde doch bestimmt nicht… nein, er nicht. Aber Bai war es durchaus zuzutrauen. Die Personen erst feszunehmen, die die Kommission zu ihrer Anhörung aufrufen wollte, war eine List, gegen die sie Protest einlegen konnte – und auch würde –, da keine dieser Personen sich bisher eines Vergehens gegen die Intergal schuldig gemacht hatte, es sei denn, passiver Widerstand galt neuerdings als Verbrechen. Der einzige aktive Widerstand war von dem Planeten selbst ausgegangen. Aber die Intergal bezweifelte doch, daß diese Welt über ein eigenes Bewußtsein verfügte! Marmion erlaubte sich ein ziemlich skrupelloses Lächeln, das ihre geschäftlichen Gegner schon häufig in größte Bestürzung versetzt hatte, während das heiße Duschwasser sie vollends weckte. Als Sally mit einem beladenen Tablett eintraf, hatte Marmion sich bereits angekleidet und diskret geschminkt. »Der ganze Laden ist in Aufruhr, Dama«, meldete Sally, deren gewohnte Heiterkeit heute morgen ein wenig gezwungen wirkte., »Matthews süße Jungs rasen wie aufgescheucht durch die Gegend, alle mit bedruckten Papierschlangen in der Hand, die sie aus irgendeinem Grund in Panik versetzen. Ich habe gesehen, wie Braddock Makem einen der anderen zur Schnecke gemacht hat, weil er mit Ergebnissen aufwartete, die das Gegenteil dessen war, was Luzon angeordnet hatte. Viel mehr konnte ich nicht herauskriegen. Der Laden ist so schwer bewacht wie ein Lager beim Erstkontakt, und es sind noch weitere Streitkräfte herangeführt worden. Ich glaube, von der CISS Prometheus.« Abrupt unterbrach Marmion das Einschenken ihrer ersten, dringend benötigten Tasse Kaffee. Sie blickte Sally fassungslos an. »Die haben einen CISS-Kreuzer gerufen? Aber dazu sind sie doch gar nicht befugt, bevor diese Angelegenheit nicht vom Komitee besprochen und über den großen Dienstweg weitergeleitet wurde. Sonst wäre ich denen doch zuvorgekommen und hätte es selbst getan.« »Vielleicht sollten Sie nicht vergessen, Dama, daß der Kapitän der Prometheus ein Neffe des Vizevorsitzenden Luzon ist.« »Dann wären wir also eingekreist, wie?« Bei Herausforderungen drehte Marmion nur noch auf. »Na, das wollen wir ja mal sehen!« »Ich muß Sie außerdem informieren, Dama…« Sallys Miene war traurig und wütend zugleich. »Ich habe gehört, daß heute früh am Morgen eine große Katze mit wolkenartigen Tupfern in die tiermedizinische Abteilung verbracht wurde.« »O nein, nicht auch noch Coaxtl!« Marmion atmete tief durch und fügte mit funkelnden Augen heftig hinzu: »Es ist schon schlimm genug, daß man die Menschen dieser Welt malträtiert und herumstupst wie die Bauern beim Schachspiel! Wenn nun auch die schönen Tiere… Na, es gibt da noch die eine oder andere Kleinigkeit, die Patrick Matthew Olingarch-Luzon nicht unbedingt auf Raumstation Eins-Drei-Null-Eins an die große Tratschglocke gehängt sehen will!« Sie stürzte den Kaffee hinunter und goß sich eine zweite Tasse ein; dann begab sie sich zu dem Schreibtisch mit ihrem Terminal., 17. KAPITEL Yana wurde von einer gebieterischen, harten Hand grob durchgerüttelt. Als sie die Augen aufschlug, erblickte sie zwei der Omicron-Soldaten, Schlagstöcke in den Händen. Einer von ihnen bedeutete ihr, aufzustehen. Als sie ihre Kleider nehmen wollte, packten die Soldaten Yana von beiden Seiten an den Ellbogen. Sie zuckte die Schultern, so gut ihr dies im harten Griff der Männer gelang, und bemühte sich, durch den Gang mit ihnen Schritt zu halten, bis man sie schließlich so kräftig durch eine offene Tür stieß, daß sie meterweit in das dahinterliegende Zimmer geschleudert wurde. Der Geruch und die Geräte wiesen darauf hin, daß es sich um eine medizinische Einrichtung handelte. Eine männliche Ordonnanz trat durch die offene Tür zur Rechten, ein Papierkleid in der Hand. Der Mann reichte es Yana und wies auf den Schirm. Mit einem Anflug von Erheiterung nahm sie das Papierkleid entgegen. Die stumme Behandlung wurde fortgesetzt, als Yana hinter dem Schirm hervortrat und von kräftigen Händen an den Ellbogen durch die Tür geführt wurde. CAT-Scan, dachte sie, als sie den riesigen Zylinder erblickte. Beinahe wäre sie in Lachen ausgebrochen, als ihr Marmions Bemerkung wieder einfiel, daß Clodagh niemals in ein solches Ding hineinpassen würde, obwohl das Gerät für die meisten menschlichen Körper von ausreichendem Umfang war. Sie ließ das Befühlen und das Stochern über sich ergehen, nahm die Behälter entgegen, produzierte die gewünschten Proben und ließ sich eine Menge Blut abzapfen. Man legte ihr ein Metallband um den Kopf, eins der hochentwickeltsten Gehirnfunktions-Meßgeräte, die sie je gesehen hatte. Dann saß sie da, während ihre Reflexe überprüft wurden, um schließlich noch mehr Nadelstiche zu erleiden. Schließlich wurden Pflaster angebracht und wieder abgerissen. Der Arzt, der die gynäkologische Untersuchung vornahm, fuhr fast aus der, Haut, als er feststellte, daß Yana schwanger war – in ihrem Alter! –, murmelte aber wie automatisch die Versicherung, daß der Embryo offensichtlich gesund sei. Dann mußte sie in eine Tretmühle. Als diese sich in Bewegung setzte, mußte sie schneller und schneller laufen, um nicht umzufallen. Als dieser Test beendet war, schnaufte sie kaum und war mit ihrer Kondition ziemlich zufrieden. Geduldig wartete sie ab, während die verschiedenen Ärzte die Köpfe zusammensteckten. Schließlich gab der älteste von ihnen – der kaum älter als sie selbst sein konnte – der Ordonnanz ein Zeichen, worauf sie wieder ihre Unterwäsche anlegen konnte und schließlich in die Zelle zurückgebracht wurde. Yana schätzte, daß die Untersuchung ungefähr eine Stunde in Anspruch genommen hatte. Während sie ihre Unterwäsche wieder anlegte, grinste sie bei dem Gedanken an den CAT-Scanner und die Tretmühle: Beide Geräte würden weder Clodagh noch Aisling aufnehmen können. Dann zog sie sich den Krankenhauskittel wieder an, hüllte sich in ihre Decke und versuchte, noch etwas zu schlafen. Sie hoffte, daß die anderen, die man zweifellos derselben Prozedur unterzog, sich durch die stumme Behandlung nicht aus der Fassung bringen ließen, die nur dazu gedacht war, das Opfer zu demoralisieren. Sie fragte sich, wer im Zuge der mitternächtlichen Aktion noch alles festgenommen worden war, und schlief darüber ein, als sie im Geist die Namen aufzulisten begann. Eine ohrenbetäubende Sirene riß sie aus dem Schlaf, und hastig kleidete sie sich an, um nicht schon wieder vorzeitig abgefangen zu werden. Ein stummer Wachtposten brachte ihr einen Rationsriegel und einen Plastikbecher voll Wasser, während ein anderer zusah, wobei er sich gelassen mit dem Schlagstock in die linke Handfläche klopfte. Wortlos nahm Yana das Essen entgegen. Allerdings beschnüffelte sie das Wasser erst, bevor sie einen Schluck davon nahm und sich den Mund damit ausspülte: Doch es war gutes Petaybee-Wasser, und der Rationsriegel war Intergal-Standardkost, original verpackt samt Strichcode. Praktisch geschult, wie sie war, entdeckte sie das abgelaufene Verfallsdatum, doch das erschien ihr wie eine merkwürdige Garantie, daß der Riegel nicht behandelt worden war. Sie saß gerade mit untergeschlagenen Beinen da und, machte ein paar Entspannungsübungen, als sie unter ihren Gesäßbacken das Rumpeln spürte; sehr schwach zwar, aber ganz eindeutig eine seismische Erschütterung. »Guter alter Petaybee, das läßt du denen doch wohl nicht durchgehen, oder?« »Sprechen verboten!« Der Befehl kam aus einem verborgenen Lautsprecher. Yana tadelte sich dafür, daß sie nicht daran gedacht hatte, den Raum nach einer Wanze abzusuchen. Aber es war ihr natürlich klar, daß sämtliche Gefangenen überwacht wurden, um die Wirkung der stummen Behandlung auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten zu studieren. »Na, macht nichts!« murmelte sie aus reinem Trotz. Das Kommissionsmitglied Matthew Luzon war um zwei Uhr von Braddock geweckt worden, nachdem der erste medizinische Bericht eingetroffen war. In regelmäßigen Abständen spuckte der Netzdrucker in seinem Büro weitere Berichte aus. Matthew stellte fest, daß Majorin Yanaba Maddock im zweiten Monat schwanger war, und überlegte sich, wie er sich dies am besten zunutze machen konnte. Er ignorierte die Feststellung, daß Yana sich bester körperlicher Gesundheit erfreute und nicht das leiseste Anzeichen jener Schädigung des Lungengewebes zeigte, das zu ihrer Entlassung aus dem aktiven Dienst geführt hatte. Auch Sean Shongili war in bester körperlicher Verfassung. Außerdem zeigte die Durchleuchtung den größten bisher beobachteten Gehirnknoten, die größte Konzentration von braunem Fett sowie eine vergrößerte Bauchspeicheldrüse. Zehen und Finger waren anomal lang, konnten aber trotzdem nicht als Anpassung oder Mutation bezeichnet werden; der leichte Zuwachs an Gliedergewebe war zwar merkwürdig, aber nicht gänzlich ausgeschlossen. Über seine inneren Organe lagen keine eindeutigen Daten vor – der Mediziner hatte behauptet, daß bei Shongilis Untersuchungen ständige leichte Erderschütterungen ein ordnungsgemäßes Kalibrieren der Geräte, unmöglich gemacht hatte –, doch schienen sie den anderen Tests zufolge normal zu arbeiten. Matthew, der sich darüber im klaren war, was er im Tal der Tränen zu sehen bekommen hatte, hegte zwar seine Zweifel, was die inneren Organe betraf, begriff aber, daß er die Schlacht wahrscheinlich schon vorher gewinnen mußte, bevor er Shongili vom Planeten schaffen und hinreichend ausführliche Tests an ihm durchführen lassen konnte. Er wußte zwar, daß der Mann nicht normal war, doch keine der Untersuchungen, die er hier von Rechts wegen durchführen konnte, lieferte ihm genügend Daten, um den Beweis zu erbringen. Nur Kleinigkeiten: Eine leichte Anomalie des Körperbaus, die darauf hinwies, daß Shongilis Oberkörper unverhältnismäßig länger war als seine Beine. Wären seine Beinknochen im selben Verhältnis gewachsen wie sein Körper, wäre er jetzt um einige Zoll größer. Das erachtete man nicht als sonderlich bedeutsam. Anders dagegen seine ungewöhnliche Lungenkapazität und die hohe Stoffwechselrate, während sein Blutdruck eher unter dem Normalwert lag. Die Frau, Clodagh Senungatuk, hatten sie nicht scannen können, und es war ihnen nur mit Mühe gelungen, Clodaghs Schwester, Aisling, in das Gerät zu stecken. Wenngleich sie aus medizinischer Sicht übergewichtig waren; erfreuten sich beide Frauen allerbester Gesundheit, und da Aisling Senungatuk einen gutentwickelten Knoten sowie fünfhundert Gramm braunes Fett aufwies, durfte man davon ausgehen, daß es bei ihrer nicht zu durchleuchtenden älteren Schwester ähnlich war. Die verschiedenen Flüssigkeiten und Pulver, die man in Clodagh Senungatuks Haus gefunden hatte, wurden noch immer untersucht. Nach den bisherigen Ergebnissen waren sie jedoch allesamt auf Kräuterbasis entstanden; dazu kamen ein paar Mineralien, Mineralsalze und gelegentliche Beigaben von tierischem Eiweiß. Bisher hatten sie nichts Toxisches entdecken können. Als man sie nach der Anwendung verschiedener Substanzen fragte, hatte die Festgenommene willig Auskunft gegeben und auf dahingehenden Wunsch die Zubereitung geschildert und die Orte genannt, wo sie ihre Ingredienzien zu sammeln pflegte. Die Biochemiker, die diesen Teil, der Untersuchung leiteten, zeigten sich sehr beeindruckt von den beinahe hochentwickelten Pharmaka in dieser ansonsten so primitiven Gesellschaft. Im Zuge der Befragung stellte sich heraus, daß Senungatuks Urgroßeltern während der ursprünglichen Bestückung von Terraform B mit Fauna und Flora den Posten der örtlichen Biochemiker bekleidet und mit dem älteren Dr. Shongili zusammengearbeitet hatten. Senungatuk verfügte über ein außergewöhnliches Gedächtnis, und obwohl sie lange Schilderungen biochemischer Prozesse geradezu stumpfsinnig herunterspielte, so war doch offensichtlich, daß sie das Rezitierte tatsächlich verstand. Matthew Luzon strich diesen Abschnitt aus dem Bericht. Hätte es nicht auch dazugehört, die Renegaten durch die medizinischen Untersuchungen zu demoralisieren – er hätte es als Zeitverschwendung abgetan. Die hervorragende ›körperliche Verfassung‹ stand hier nicht zur Debatte und würde unter den Bedingungen, denen Matthew die Probanden auszusetzten gedachte, ohnehin nicht lange vorhalten – sofern das, was Maddock dem Hauptmann Torkel mitgeteilt hatte, stimmen sollte. Und das unerwartete Verscheiden die Heulenden Hirten stützte immerhin seine Theorie. Er rieb sich vor Freude die Hände, als er das Rumpeln unter seinen Füßen spürte. Es ließ ihn kurz innerhalten. Doch nur für einen Moment. Seismische Aktivität stellte nun einmal keinen Beweis für Denk- und Empfindungsfähigkeit dar, wie Whittaker und einige andere behaupteten. Sie bewies lediglich, daß das Programm der Terranisierung B auf unvorhersehbare Probleme gestoßen war. Andererseits verfügte er inzwischen über hinreichend Beweismaterial, was aber die Sabotage durch die Einwohner, sowie die vorsätzliche Tötung im Fall der drei Shanachies betraf. Außerdem konnte er beweisen, daß der Glaube an die Empfindungsfähigkeit dieses Felsens ganz und gar nicht universell verbreitet war. »Braddock«, rief er. Der junge Mann erschien fast im selben Augenblick. »Stellen Sie fest, wie weit verbreitet diese seismische Aktivität ist und wie lange sie noch andauert. Ich möchte nicht, daß der Zeitplan der Konferenz dadurch beeinträchtigt wird.«, Braddock sah ihn erschrocken an; dann preßte er ein gehorsames ›Jawohl‹ heraus und eilte davon. Als nächstes widmete Matthew sich einigen der anderen Berichte, die seine Gefolgsleute organisiert hatten. Die demographischen Daten boten auch nicht das, was er erwartet hatte. Die ersten Siedler waren von gemischter ethnischer Herkunft: Eskimos, Iren, Skandinavier, Sherpas, Andenindianer, Slawen, Somalis, Afghanen sowie eine Handvoll weiterer lästiger Völker, die man hatte beseitigen müssen. Die meisten jener Personen, die er als ›Renegaten‹ einstufte, waren eskirischer Herkunft, eine wahrhaft absurde Kombination von Gewalttätigkeit und Einfallsreichtum. Was hatte das ursprüngliche Intergal-Komitee sich nur dabei gedacht, eine derartige Kreuzung zuzulassen! Die meisten Kolonisten der jüngeren Zeit, von denen er gehofft hatte, daß sie vom einheimischen Aberglauben noch unberührt seinen, standen ihrer Umsiedlung so feindselig gegenüber, daß sie sich bemerkenswert unkooperativ verhalten hatten. Sie würden eher als Zeugen der Gegenseite taugen, selbst wenn sie nicht der Massenhalluzination zum Opfer gefallen waren, daß der Planet ein Bewußtsein besitze. Sie interessierten sich nicht für Arbeit unter Tage, ja, nicht einmal für die Löhne, die Matthew im Auftrag der Intergal angeboten hatte: Sie waren vielmehr entweder daran interessiert, Petaybee wieder zu verlassen, oder – sollte ihnen das nicht gelingen – das nächste Jahr zu überleben. Er würde noch herausbekommen müssen, weshalb George, Ivan und Hans die Möglichkeiten völlig ignoriert hatten, die in einem solchen Wunsch lagen. Es sah ihnen eigentlich gar nicht ähnlich, sich eine solche Gelegenheit durch die Lappen gehen zu lassen. Hätte er ein wenig mehr Zeit zur Verfügung gehabt, hätte er diesen Keil zu seinem Vorteil nutzen können. Immerhin stand ihm ein Schotte zur Verfügung, so feindselig dieser auch eingestellt sein mochte, sowie Ascencion – nun, da sie gründlich gebadet und anständig gekleidet worden war –, die ihm als Zeugin dafür dienen konnten, daß nicht alle Siedlungen dasselbe glaubten wie die Einwohner von Kilcoole. Doch die Zeit, die darauf verwendet worden war, den Großteil dieser Berichte zu erstellen, war vergeudet, gewesen. Er warf sie beiseite und nahm statt dessen die Akten auf, die sich mit den vier, kürzlich verstorbenen Shanachies befaßten. Das kam der Sache schon näher! Jeder von ihnen, Satok, Reilly, Soyuk, Clancy und der Heulende Hirte war ein Anführer seiner jeweiligen Gemeinde gewesen und hatte sich aktiv darum bemüht, die Erze zu suchen, von denen die Intergal wußte, daß sie unter der Oberfläche des Planeten vorhanden waren. Torkel könnte bestätigen, daß Satok ihm reichhaltige Proben gezeigt hatte. Außerdem hatte Satok eine raffinierte Möglichkeit entdeckt, den ›hypnotisierenden‹ Effekt der Höhlen durch den Einsatz von Petraseal zu neutralisieren, bevor sein Werk durch die – wie Matthew vermutete – absichtliche Anpflanzung von Coogestrüpp sabotiert worden war, das nicht nur das Petraseal durchstoßen, sondern darüber hinaus auch noch Satok ermordet hatte. Ganz eindeutig ein Versuch, die Technik zu diskreditieren und ihren Erfinder zum Schweigen zu bringen. Nicht, daß dieser Mord seinen Zweck erfüllt hätte! Matthew grinste. Diese Frau würde ihre Strafe bekommen. Und außerdem war damit nur bewiesen worden, daß die Metalle tatsächlich vorhanden waren, nämlich in diesen sogenannten ›Verbindungshöhlen‹. Natürlich war es ausgesprochen typisch für primitive Völker – oder für zurückentwickelte –, wertvolle Gebiete zu einem ›Tabu‹ zu erklären, was ihre wissenschaftliche Erforschung und wirtschaftliche Ausbeutung betraf. Doch ein derartiges Denken mußte auf einem firmeneigenen Gelände, wie dieser Planet eins war, als rückständig und kontraproduktiv gelten. Matthews Aufgabe bestand zum Teil darin, derlei kulturelle Rückständigkeiten als solche zu entlarven und Reformprogramme zur Umerziehung der Einheimischen vorzuschlagen, während er gleichzeitig der Firma dazu verhelfen sollte, die Ressourcen optimal auszubeuten. In der Regel pflegte er solche Aufgaben ohne innere persönliche Beteiligung anzugehen, abgesehen von einer gewissen Befriedigung über eine ordentlich geleistete Arbeit. Aber Petaybee – Terraform B – irritierte ihn. Solange er noch irgendwelchen Einfluß besaß – und den besaß er tatsächlich; insbesondere in Gestalt eines Neffen, der Kapitän auf der CISS Prometheus war –, mochten diese Primitiven tun und, sagen, was sie wollten, mochten sie von dem Planeten behaupten, was ihnen gefiel. Er würde jedenfalls dafür sorgen, daß diese Welt bis zum letzten Gramm ausgebeutet wurde. Er hatte Torkel Fiske losgeschickt, um wenigstens eine Erzader ausfindig zu machen. Es konnte irgend etwas sein: Kupfer, Eisen, Mangan, Silber, Gold, Platin, Germanium. Und zwar in den unterirdischen Gängen, um zu beweisen, daß die einheimische Bevölkerung die Wissenschaftler und Ingenieure der Intergal absichtlich daran gehindert hatte, die Erzvorkommen zu lokalisieren; und daß es schon seit langem einen passiven Widerstand und geheime Sabotage gab, um der Intergal die finanziellen Erträge ihrer Investition in die Terranisierung zu verwehren. Außerdem hatte Matthew eine Mannschaft mit Metallsuchgeräten nach Shannonmouth geschickt, um festzustellen, wo die Verräter die Erze versteckt hielten, die sie heimlich aus Satoks Shuttle geholt hatten. Er würde große Betonung darauf legen, wie lange die Petaybeeaner die Intergal bereits um ihre rechtmäßigen Gewinne gebracht hatten. Eine solche Anschuldigung würde bei Männern vom Schlage eines Bai Jostique und Nexim Shitu Strafgelüste auslösen und höchstwahrscheinlich sogar die allgemeine bekannte Weichherzigkeit eines Chas beeinflussen. Marmies kleines, überflüssiges Feixen über ihre schlechte Investition hatte sie gestern abend bei Bai und Nexim nicht sonderlich beliebt gemacht. Sein Neffe stand abrufbereit mit der CISS Prometheus zur Verfügung. Sämtliche Soldaten auf der Raumbasis waren Fremde auf diesem Planeten und dementsprechend unbestechlich; und die auf Petaybee geborenen Truppen, die Torkel zuvor unfreiwillig herbeordert hatte, waren zusammengeführt und kaserniert worden. Auch die beiden arroganten Hubschrauberpiloten saßen ein, wegen ihrer Behinderungstaktiken, und sie würden als Strafe für ihre raffinierten Ausweichmanöver vors Kriegsgericht kommen. Das einzige, was ihm die Freude an der Rache ein wenig vergällte, die er an O’Shay und Greene nehmen würde, war die Tatsache, daß sie nicht im selben Ausmaß an Immunschwäche leiden würden wie die anderen, Petaybeeaner, die man schon bald von ihrem ›geliebten‹ Planeten fortschaffen würde. Auch Marmion spürte das Rumpeln durch den dicken Teppich und lächelte. Was mußte der Planet eigentlich noch alles tun, um die Unbeeindruckbaren zu beeindrucken, die schon alles einmal gesehen, alles schon einmal getan hatten? Nur daß es eben nicht stimmte, nicht wahr? Sie lachte, obwohl sie den leichten Magenkrampf nicht ignorieren konnte, der um so stärker wurde, je mehr sich der Termin ihrer Zusammenkunft näherte., 18. KAPITEL Das Komitee kam um Punkt 10.00 Uhr zusammen. Matthew hatte noch kleinere, gepolsterte Arrestzellen in einem Anbau neben dem provisorischen Besprechungsraum errichten lassen. Alle Gefangene waren anwesend, obwohl der diensthabende Unteroffizier gemeldet hatte, daß die Mediziner mehrmals darauf hingewiesen hätten, daß das Kind, Ziegendung, bei seiner Schwester verbleiben solle, da sie sonst keine Verantwortung für seine geistige Gesundheit übernehmen würden, wenn es zum Verhör kam. Doch Matthew tat dies achselzuckend ab. Ein elfjähriges Kind war eigentlich gar nicht erforderlich. Die Aussage der ältesten Frau des Heulenden Hirten, Ascension, würde mehr als genügen. Er hielt Ausschau nach Torkel, der inzwischen mehr als genug Zeit gehabt hatte, um wenigstens ein brauchbares Erzvorkommen ausfindig zu machen. Als er den Hauptmann im Vorraum nicht finden konnte, erteilte er Ivan den Befehl, den Mann zu suchen und herzubringen, ob mit oder ohne Proben. Als angesehener Offizier der Intergal würde Fiskes Wort vor dem Komitee durchaus genügen. Als er in den Versammlungsraum kam, standen Chas, Bai und Nexim gerade vor den Fenstern und beobachteten, wie die Reste des dichten Nachtnebels über den zerborstenen Betonlandeplatz des Raumhafens krochen. Matthew runzelte die Stirn. Den Wetterberichten zufolge sollte der Nebel sich auflösen, ja, sie sollten an diesem Tag schönes Wetter mit leicht erhöhten Temperaturen bekommen – aber es war immer noch viel zu kalt für zivilisierte Menschen, wie Luzon meinte. Außerdem kam dieser Nebel ihm unnatürlich vor, schleichend und zersetzend in der Art, wie er sich bewegte, und erstickend, wie er das Geräusch dämpfte und die Sicht behinderte. Er schüttelte diese Gedanken ab, ergriff Braddock am Arm und ging im Abstand von einem Schritt hinter ihm her, beladen mit Notizen und Dokumentationen. Dann befahl er ihn mit leiser Stimme, die, Vorhänge zuzuziehen. Er würde während des Vorgangs keine Ablenkung dulden. Marmion erschien pünktlich zur vereinbarten Stunde und lächelte alle charmant an. Als Gehilfin hatte sie nur ihr großes Mitstück mitgebracht. Sie schien über irgend etwas erfreut zu sein. Na, das würde sich noch ändern! Und zwar bald, dachte Matthew mit großer Befriedigung. Als Vorsitzender dieser Kommission lud Ihre Damenschaft alle dazu ein, Platz zu nehmen. Der leere Hauptschirm wich rasch dem Bild des Generalsekretärs der Intergal, Farringer Ball, an seinem Schreibtisch sitzend und mit einem Ende eines Schreibstifts auf die feingemaserte hölzerne Tischplatte klopfend. »Kommen wir gleich zur Sache. Ich habe heute morgen noch mehr zu tun.« Ein Anflug von ›Schneebildung‹ auf dem Schirm fiel plötzlich mit einem Rumpeln zusammen, und alle spürten ein Beben unter ihren Fußsohlen und das Zittern ihrer Stühle. »Was, zum… der Empfang läßt nach. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Techniker ihn stabilisieren!« Matthew bedeutete George, sich darum zu kümmern. »Örtliche Interferenzen, Farringer, kein Grund zur Sorge. Wie Sie wissen, ist dies wirklich ein sehr primitiver Planet, und die Ausrüstung ist völlig veraltet. Andererseits…« »Kommen wir zum Thema! Kann dieser Planet Gewinn abwerfen?« »Ja, das kann er tatsächlich«, antwortete Marmion und kam Matthew zuvor. »Als Vorsitzende dieser Komitees, falls Sie das vergessen haben sollten, hebe ich keinerlei Zweifel daran.« Sie gönnte ihm ihr Süßstoff lächeln. »Dann haben Sie die Erzvorkommen also gefunden?« fragte der Generalsekretär Ball hoffnungsvoll. »Petaybee hat noch eine größere Bedeutung für die Intergal, und zwar als Quelle eines bislang unerforschten erneuerbaren Reichtums«, antwortete Marmion entschieden, »die keinerlei weiterer Investitionen bedarf, während sie ertragreiche Arbeitsplätze schafft, die den Einheimischen einen anständigen Lebensstandard und der, Intergal einen hohen Gewinn sichern werden – und zwar ohne jede Vergeltungsmaßnahme seitens des bewußten Lebewesens, das dieser Planet tatsächlich ist.« »Ach, hören Sie doch auf, Marmion! Das können Sie doch gar nicht beweisen«, warf Matthew höhnisch ein, »und das wissen Sie ganz genau.« »Den pharmazeutischen Reichtum von Petaybee?« Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Aber die Berichte Ihrer eigenen Biochemiker sind in diesem Punkt doch ganz eindeutig, Matthew. Dieser Planet ist eine wahre Schatzkammer der unterschiedlichsten und leicht zu erntenden medizinischen Komponenten.« Innerlich kochend, brachte Matthew ein schwaches Lächeln zustande. Wie war Marmion Algemeine nur an diese Berichte gekommen? Er hatte dem Chef der Mannschaft ausdrückliche Instruktionen erteilt, an niemanden außer ihm selbst Informationen weiterzugeben. Andererseits hatte seine Mannschaft ihn ja auch schwer im Stich gelassen, und ihre Leistungen hatten sich deutlich verschlechtert, seit er sie auf seinem Flug zum südlichen Kontinent allein zurückgelassen hatte. Meist waren sie und ihre Computer Meister darin, die Statistiken so zu manipulieren, daß sie die erwünschten Ergebnisse zeigten. Seit seiner Rückkehr jedoch hatte fast jeder Bericht, den er eingesehen hatte, Datenmaterial enthalten, das die genau gegenteiligen Schlußfolgerungen stützte, die er daraus hatte ziehen wollen. Wenn diese Konferenz beendet war, würden nicht nur Petaybeeanerköpfe rollen. Und wo, zum Teufel, blieb Torkel Fiske? »Pharmazeutika? Was für Pharmazeutika?« fragte Farringer Ball. Er sah außerordentlich interessiert aus. Matthew wand sich innerlich. Jeder wußte, daß der Generalsekretär mit Bewußtseinsstimulatoren experimentierte und noch immer auf der Suche nach längerfristig wirksamen Stimmungsmitteln ohne Nebenwirkungen war. »Ja, Ferrie, einige wirklich bemerkenswerte Mischungen und Heilmittel, garantiert rein und frei von giftigen Zusätzen und mit keinerlei erkennbaren Nebenwirkungen«, fuhr Marmion fort., »Medikamente, die, wenn sie richtig vermarktet werden… diese Nova-Bene-Pharmagesellschaft, in die Sie investiert haben«, fuhr sie fort und zögerte nur kurz bei dieser Anspielung, »könnte interplanetar für die Produkte werben. Mit den Gewinnen könnte man die Verluste der Intergal ausgleichen, die auf Petaybee entstanden sind. Wir haben sogar Grund zu der Annahme, daß der Planet uns bei diesem Vorhaben unterstützen wird, vorausgesetzt, die Ernteeinbringung geschieht auf verantwortliche und umsichtige Weise.« »Der Planet soll uns unterstützen?« sagte Matthew hämisch. »So, wie er bei der Ermordung der vier Shanachies behilflich war, die den riesigen Metall- und Mineralreichtum dieses Steinklumpens entdeckt hatten, was?« »Morde? Was für Morde?« Farringer blickte von einem zum anderen. »Fünf, um genau zu sein«, antwortete Matthew in herausforderndem Tonfall. »Da der Shanachie aus dem Tal der Tränen sicher war, das nächste Opfer zu sein, habe ich ihm natürlich Asyl auf der Mondstation gewährt. Vergeblich.« »Vergeblich? Soll das heißen, er ist auch gestorben? Woran denn?« Farringer Ball war wieder verwirrt. »Er ist unglücklicherweise vor drei Tagen einer virulenten Infektion der Atemorgane erlegen«, warf Matthew hastig ein, um dann hinter sich in Richtung der Arrestzellen zu deuten, »aber sein Tod läßt sich, genau wie die Morde an die vier Shanachies, unmittelbar auf das konzertierte Programm von Sabotage, Fehlleitung und Hochverrat zurückführen, das die Rädelsführer dieser Verschwörung gegen die Intergal in die Wege geleitet haben.« »Wer?« fragte der Generalsekretär, von Matthews Rhetorik noch verwirrter als zuvor. »Von der Frau, Clodagh Senungatuk…« »Die Biochemikerin von Kilcoole, eine Heilerin von beträchtlichem Können«, warf Whittaker Fiske freundlich ein. »Die vor Zeugen zugegeben hat, daß sie um die giftigen Eigenschaften der Pflanze wußte, die den Tod der vier Shanachies, herbeiführte!« fauchte Matthew zurück und kämpfte gegen seinen wachsenden Zorn an. »Und der sogenannte Doktor Sean Shongili, der anerkannte Genwissenschaftler, der in Wirklichkeit Senungatuk bei ihrem Programm der Sabotage, der Subversion und er Entfremdung der Bevölkerung von ihrer natürlichen Schutzmacht, der Intergal, behilflich war und dieses unterstützte!« »Was für ein Stuß!« sagte Whittaker kopfschüttelnd und hob angesichts Matthews Beschuldigungen die Augen gen Himmel. »Nicht nur das«, fuhr Matthew fort, »ich muß die Feststellung machen, daß Hauptmann Torkel Fiskes Antrag auf ein Kriegsgerichtsverfahren gegen Majorin Yanaba Maddock der ehemaligen Agentin der Intergal, durchaus fundiert war, sofern die Anklage auf Hochverrat und Gegenspionage lautet, Maddock steckt mit Senungatuk und Shongili unter einer Decke, und außerdem ist sie von irgend jemanden seit zwei Monaten schwanger!« Letzteres sagte er in einem ätzenden Tonfall. »Ich dachte, Majorin Maddock wurde aufgrund einer irreparablen Behinderung auf diesem Planeten aus dem Dienst entlassen«, sagte Chas Tung mit einem Blick auf seinen Notizblock. »Auf jeden Fall ist sie weit über das übliche Alter für eine Empfängnis hinaus.« Er blickte verdutzt in die Runde. »Was einmal mehr beweist, daß die Heilkräfte der pharmazeutischen Produkte dieses Planeten von äußerst ungewöhnlicher Qualität sind«, meinte Whittaker Fiske glucksend, »was für die Intergal ein Vermögen bedeutet.« »Unsinn! Lächerlich!« antwortete Matthew. »Der wahre Wert dieses Planeten besteht darin, die hierher emigrierte Population zu evakuieren, um anschließend die Mineralvorkommen und Ressourcen auszubeuten! Die Intergal hat gewaltige Summen investiert und ist deshalb vollauf berechtigt, diese Vorkommen auszubeuten, bis von diesem Planeten nichts mehr übrig bleibt als der Klumpen Eis und Gestein, der er gewesen ist, als die Firma ihm zum ersten Mal erblickte. Wenn wir herausgeholt haben, was von Rechts wegen uns gehört, können wir den Planeten wieder sich selbst überlassen.«, »Ha!« Whittaker stach mit einem Finger nach Matthew. »Jetzt haben Sie es selbst gesagt. Sie glauben also auch, daß der Planet ein Bewußtsein besitzt. ›Ihn sich selbst überlassen.‹ Sehen Sie! Luzon gibt es zu!« »Ich gebe nichts dergleichen zu! Gestein kann kein Bewußtsein haben! Das läßt sich nicht beweisen.« Sämtliche Gegenstände, die auf dem Tisch standen, begannen zu klappern; auf dem Schirm löste sich Farringer Balls grellfarbenes Antlitz mehrmals hintereinander auf und setzte sich wieder zusammen. »Dieses Beben hat es soeben bewiesen, Luzon«, sagte Whittaker- Fiske. »Der geschätzte Doktor hat seinen geschätzten Verstand verloren, sehen Sie das?« krähte Matthew und übertönte Fiskes leisere Stimme. »Inzwischen ist er so weit, daß er jede ganz natürliche Erscheinung als eine Art Mitteilung des Bodens, auf dem er wandelt, interpretiert.« Fiske veränderte nicht einmal seinen Gesichtsausdruck, als er fortfuhr, nachdem Matthew die Puste ausgegangen war. »Darüber hinaus…«, Fiske deutete auf den dünnen Nebel, der durch die Nähte des Gebäudes einzudringen begann, durch Boden, Wände und Decke, »… können Sie gleich selbst an der ›Massenhalluzination‹ teilnehmen, wie mein lieber Sohn es nennt. Als unwiderlegbarer Beweis unserer Behauptung von Intelligenz und Bewußtsein dieses Planeten.« »Was… los… da?« wollte der Generalsekretär wissen, als der ›Schnee‹ und die Statik rapide zunehmen. »Wie… ich jemals beg… was… los?« Matthew war irritiert – nicht nur wegen des schlechten Empfangs, sondern auch wegen des Nebels, der soeben unter den Türen sowie durch die angeblich festversiegelten Fensterhalterungen eindrang. Darüber hinaus wurde er durch die Notiz abgelenkt, die Braddock ihm reichte und die besagte, daß Torkel bei dem dichten Nebel den Raumhafen nicht orten konnte und daß sein Pilot, ein Fliegerleutnant von der Prometheus, nicht sein Fahrzeug und das Leben seiner Passagiere durch eine Blindladung aufs Spiel setzen wollte., Der Generalsekretär schlug wütend auf einen Schalter. »Reparieren Sie… schirm. Hören Sie damit… Themen zu verwechseln. Marm…on, können Sie die Auge… eit mal aufklären?« »Das habe ich schon, Farrie. Und wir arbeiten hier am Empfang. Der Techniker müßte es gleich geschafft haben. Bitte heben Sie die Hand, falls Sie mich nicht hören können. Als pharmazeutische Rohstoffquelle ist der Planet mehr wert als ein wie auch immer geartetes Raubbauobjekt, zumal diese Ressourcen unendlich oft erneuerbar sind«, sagte sie. »Ich habe auf diesem Planeten von allen Seiten Unterstützung erfahren. Die einheimische Bevölkerung ist ein zäher, fleißiger, einfallsreicher Menschenschlag – das muß sie auch sein, um unter so harten Umweltbedingungen überleben zu können. Aber seit vier Generationen haben die Menschen das geschafft, und dies hat der Intergal kräftige, gesunde Rekruten beschert, die der Armee und ihrem Planeten zur Ehre gereicht haben. Diese Leute haben nichts sabotiert, obwohl die Firma ihnen jämmerlich geringe Unterstützung hat zukommen lassen. Statt dessen hat dieser Planet selbst eine Beschwerde vorgebracht, die Whittaker Fiske und Torkel, wenn er es nur zugeben würde, vernommen haben. Und dieses Komitee ist als Antwort auf diese Beschwerde zusammengetreten. Petaybee, der Planet, hat sich geweigert, sich auf brutale und ökologisch sinnlose Weise ausbeuten zu lassen. Seine Beschwerde ist nicht nur berechtigt, sondern weist uns zugleich eine sinnvollere und nützlichere Richtung der Gewinnerbringung. Warum sollte man eine Welt des Metalls wegen zerstören, wenn ihr eigentlicher Reichtum aus erneuerbaren Produkten besteht und dadurch sehr viel größer und langlebiger ist? Ich habe selbst die Kommunikation mit diesem Planten erlebt, wie sie auch Whittaker und die meisten Einheimischen erfahren haben. Dabei handelt es sich um keine Halluzination, wie Whittaker bereits ausgesagt hat.« In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein Omnicron-Offizier trat ein, der Matthew trotz seiner finsteren Miene einen großen grünen Stein überreichte, der von tiefen orangefarbenen Adern durchzogen war. Dazu händigte er ihm eine Mitteilung aus., »Aha!« Matthew sprang auf und reckte den Stein dem Bildschirm entgegen. »Die Erzproben, die unrechtmäßigerweise aus Satoks Fahrzeug entfernt wurden, sind mit Hilfe von Metallsuchgeräten in den Wäldern bei Shannonmouth aufgefunden worden, wo sie versteckt wurden. Ein weiteres Beispiel für die Sabotage, die hier fast planetenweit zu beobachten ist. Dies hier ist hochgradig reines Kupfer, wie die Schnellanalyse gezeigt hat.« »Kupfer? Ist das etwa alles, was Sie gefunden haben, Matthew? Kupfer?« wollte Nexim Shitu wissen. »Kein Gold oder Platin…?« »Leutnant, haben Sie unter den Proben auch Gold oder Platin entdeckt?« fragte Matthew und spießte den Omnicron-Mann förmlich mit den Augen auf. »Mein Herr, ich würde weder das eine noch das andere im Rohzustand erkennen. Ich habe Befehl erhalten, Ihnen diese Probe zu bringen, weil sie die reinste von allen war, die wir gefunden haben.« »Reines Kupfer sollte man nicht verachten«, meinte Marmion ohne die leiseste Spur von Sarkasmus, »aber im Vergleich zu einem Heilmittel, das beschädigtes Lungengewebe wiederherstellt? Das ist doch wohl ein etwas anderes Kaliber!« Ein Techniker beugte sich vor und sagte etwas zu ihr, worauf sie sich dem Schirm zuwandte, der zwar immer noch ein unscharfes Bild zeigte, dafür aber nicht mehr so laut war. »Ist es jetzt besser, Farrie?« »Ja, ich glaube schon. Fahren Sie fort.« »Haben Sie vielleicht auch etwas für unbefleckte Empfängnis?« fragte Bai heimtückisch. »Von wem ist Majorin Yanaba Maddock schwanger, Marmion?!« Sie zuckte die Schultern. »Lassen wir uns nicht von der Aufgabe dieser Kommission ablenken, meine Herren. Majorin Maddocks Privatleben steht bei dieser Anhörung nicht zur Debatte und sollte es auch bei keiner anderen tun, solange sie ihre Befehle befolgt hat.« »Aha!« Matthew sprang wieder auf. »Genau das ist es ja! Sie hat ihre Befehle nicht befolgt!« »Aber natürlich hat sie das«, erwiderte Marmion entschieden. »Genau wie ihr von Oberst Giancarlo aufgetragen wurde, hat sie sich, in die Gesellschaft von Kilcoole integriert und sich darangemacht, soviel über Petaybee in Erfahrung zu bringen, wie sie konnte. Und sie hat sehr viel in Erfahrung gebracht, obwohl es möglicherweise nicht das war, was ihre Vorgesetzten sich erhofft hatten.« »Wo ist sie denn zur Zeit?« fragte Farringer Ball und ließ dem Blick durch den Raum schweifen. »Das war doch die Uniformierte aus unserer ersten Konferenz, nicht wahr?« »Ich glaube, sie wurde auf Befehl des Vizevorsitzenden Luzon in Gewahrsam genommen«, antwortete Marmion und wandte sich Matthew mit einem plötzlich unversöhnlich gewordenen Ausdruck in ihrem gefaßten, schönen Gesicht zu. »Eine weitere Verletzung der Bürgerrechte von Intergal-Offizieren! Und das bitte ich zu Protokoll zu nehmen, Farringer«, fügte sie streng hinzu. »Nicht einmal ein Kommissionsmitglied der Intergal ist befugt, Offizieren ihre Bürgerrechte abzusprechen.« »Natürlich habe ich sie in Gewahrsam nehmen lassen!« Matthew schrie es fast heraus. »Nämlich als uneinsichtige Abtrünnige und Verbündete der Kilcoole-Gruppe. Und selbstverständlich habe ich auch alle Renegaten einer medizinischen Untersuchung unterziehen lassen…« »Weshalb?« Whittaker peitschte das Wort förmlich hervor. »Welches Recht hatten Sie, auch nur einem einzigen Bürger dieses Planeten irgendwelche Einschränkungen aufzuerlegen? Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, und ich werde es weiterhin sagen: Die sabotieren die Intergal nicht. Statt dessen sabotiert sich die Intergal auf Petaybee selbst.« »Ach, nun hören Sie doch auf!« sagte Matthew, und seine Stimme troff vor Verachtung und einer Empörung, die ihn zu seinem eigenen Erstaunen zittern ließ. Aber war es tatsächlich Empörung, die ihn zittern ließ? Denn auch alle anderen bebten und zitterten, ebenso der Tisch. Fiske jedoch sprach weiter, ohne Matthew zu beachten. »Die Intergal leugnet die beweisbare Tatsache, daß der pharmakologische Reichtum langfristiger Natur ist und eine hochprofitable Bewirtschaftung Petaybees ermöglicht. Was haben Ihre nutzlosen, medizinischen Untersuchungen denn bewiesen, Luzon?« Es war typisch für Fiske, daß er die Frage kaum gestellt hatte, als er sie auch schon selbst beantwortete. »Ganz und gar nichts! Nur, daß es die gesündesten Menschen sind, die Ihr lahmer Stab aus Medizinern seit Jahren gesehen hat. Schön, diese Menschen weisen ein paar zusätzliche Eigenschaften auf, die ihnen bei der Anpassung an das Klima Petaybees behilflich sind. Na und? Daran ist doch nichts Geheimnisvolles.« »Der Vizevorsitzende Luzon war so sehr beschäftigt, daß er den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen hat, Farrie«, warf Marmion mit einer Andeutung von Mitgefühl für den irregeleiteten Luzon ein. »Ich bin sicher, daß wir irgendein Arrangement finden können, auch einige Erze abzubauen, sofern die Integrität Petaybees dadurch nicht verletzt wird. Offener Tagebau ist ebenso verunstaltend, wie Tiefbohrungen es…« »Wollen Sie etwa behaupten, daß der verdammte Planet Bergbauaktivitäten fühlt?« unterbrach Farringer Ball und starrte Marmion mit schmalen Augen an. »Genau so, wie Sie einen Knochenbohrer fühlen würden, der eine Markprobe entnimmt! Ein archaisches Beispiel, gewiß, aber schließlich grenzen auch die meisten Abbaumethoden ans Archaische, ja, ans Destruktive«, bemerkte Marmion. »Ganz gewiß ist es jedenfalls so, als würde man Haut von Gliedmaßen abschälen oder Verbrennungen ersten Grades erleiden. Wie schmerzhaft das wäre, können selbst Sie sich vorstellen.« »Marmion de Revers Algemeine«, erwiderte Farringer Ball bombastischer denn je, »vertreten Sie allen Ernstes die Theorie, daß dieser Planet ein Bewußtsein hat und ein empfindungsfähiges Wesen ist?« »Und ob! Genau wie Sally Point-Jefferson, Millard Ephiasos und Faber Nike, und Sie wissen sehr genau, Farrie, daß keiner von denen auch nur im mindesten anfällig für ›Illusionen‹ oder ›Halluzinationen‹ ist – nicht nach all den Berichten, die sie Ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten eingereicht haben und die ich hier nicht ausdrücklich erwähnen…«, Matthew unterbrach sie mit einer abfälligen Geste. »Madame Algemeine ist eine schöne, intelligente Frau, durchaus talentiert, Geld zu machen, und hervorragend an das Überleben unter zivilisierten Bedingungen angepaßt. Aber sie ist es auch gewohnt, mit Menschen gleicher Sensibilität umzugehen. Hier aber, so fürchte ich, ist sie unter den Einfluß derselben primitiven Leidenschaften geraten, die schon die Majorin um ihren gesunden Menschenverstand gebracht haben und dazu führten, daß sie ihre bis dahin herausragende militärische Karriere in Mißkredit brachte. Eine so hochkultivierte Dame wie unsere Vorsitzende…« Matthew zuckte die Schultern, genoß es aber mitanzusehen, wie sich das zarte Fleisch auf Marmions aristokratischen Wangenknochen und an ihrem schlanken Hals zunehmend färbte. »Im Interesse der Intergal beantrage ich daher – nein, ich verlange eine Entfernung aller Bewohner dieses Kolonialplaneten, und zwar wegen ihres beinahe einmütigen destruktiven Verhaltens, wegen der vorsätzlichen Sabotage von Intergal-Expeditionen sowie subversiver Tätigkeiten, die zu zahlreich sind, um sie hier aufzulisten. Und ich klage Majorin Yanaba Maddock der hochverräterischen Tätigkeit an; die Hauptleute O’Shay und Greene der vorsätzlichen Sabotage und des Hochverrats an dieser Untersuchung; Dr. Sean Shongili verbrecherischer Handlungen, darunter Mord, gegen die Interessen der Intergal, denen zu dienen er vertraglich verpflichtet ist; Clodagh Senungatuk wegen…« Er hielt inne, um einen Blick auf seine Liste zu werfen. »Ach du liebe Güte, Matthew«, warf Marmion lachend ein, »wie viele Leute haben Sie denn bloß mitten in der Nacht aus ihren Häusern gezerrt, um ihnen mit derart lächerlichen, zurechtkonstruierten Vorwürfen zu kommen?« »Lachen Sie lieber nicht zu früh, Marmion«, versetzte Matthew heftig. »Nicht angesichts der Tatsache, daß Gemeindevorstände ermordet wurden, um sie daran zu hindern, den Vertretern der Intergal lokale Rohstoffvorkommen zu offenbaren.« Leider hatte seine lange Aufzählung Marmion jedoch genug Zeit gegeben, um ihre Fassung und ihren ziemlich abscheulichen Humor wiederzugewinnen. »Und vergessen Sie bitte auch nicht, denjenigen, unter Anklage zu stellen, der mich angeblich zu primitiven Leidenschaften verführt haben soll, Matthew.« Sie zwinkerte ihm kindisch zu, um verächtlich nachzusetzen: »Jetzt nehmen Sie doch endlich Vernunft an, Matthew, und sehen Sie den Tatsachen ins Auge, die Sie schließlich selbst in Erfahrung zu bringen mitgeholfen haben. Die Obduktionsberichte sprechen ganz eindeutig von Unfällen mit tödlichem Ausgang…« »Es wurde absichtlich erlaubt, daß eine hochgiftige Pflanze die Erzlagerstätten infizierte…« »Über Nacht? Das muß aber ein ganz schön dicker grüner Daumen gewesen sein, Matthew!« erwiderte Marmion scharf. »Wie sollte denn irgend jemand einer Pflanze sagen, wo sie zu wachsen hat, außer sie dort einzupflanzen und über eine beträchtlichen Zeitraum zu pflegen? Aber davon einmal abgesehen – Sie sind ja so sehr damit beschäftigt gewesen, Unschuldige wegen aller möglichen Schandtaten zu verhören, daß Sie sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, sich die Akten der vier angeblich ›ermordeten‹ Männer anzuschauen. James Satok, James Unidak Reilly, Clancy Nyungaruk und Soyuk Ishunt wurden allesamt wegen Betrugs und Schwarzmarktaktivitäten mit Intergal-Beständen unehrenhaft aus dem Firmendienst entlassen.« »Ein derartiger Bericht ist mir nie vorgelegt worden«, sagte Matthew und wandte sich Braddock zu. Der jüngere Mann nahm es achselzuckend hin, doch seine erschrockene Miene kündete von Schuldgefühlen und Zerknirschung. »Außerdem habe ich unwiderlegbare Beweise dafür, daß dieser hochgiftige Coobeerenstrauch bei mindestens vier Siedlungen absichtlich in den Höhleneingängen gepflanzt wurde, um den Zutritt und die Entdeckung ergiebiger Erzadern zu verhindern!« »Einen Moment mal!« warf Farringer Ball ein und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das tut doch alles nichts zur Sache, Matthew. Vor allem nicht, wenn Marmion sagt, daß wir hier Heilpflanzen ernten und zumindest einige Erze abbauen können… welche genau, Marmion?« »Das müßte noch entschieden werden«, erwiderte Marmion. »Aber Bohrungen, übermäßiger Gebrauch von Sprengstoff…«, »Generalsekretär Ball!« Matthew brüllte es förmlich heraus. »Sie glauben doch nicht etwa an die von der Vorsitzenden Algemeine vorgebrachte abstruse Behauptung, daß dieser Planet über ein eigenes Bewußtsein verfügt?« »Nein. Aber ich glaube, daß es richtig ist, die Verluste zu minimieren und das meiste aus einem Planeten herauszuholen, der sehr viel mehr Umstände bereitet, als er wert ist«, versetzte Farringer. »Es ist eine Kugel aus Gestein, ein toter Gegenstand…« Matthew hämmerte mit der Faust auf den Tisch und sprang vor Protest auf. Plötzlich wurde er mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch geschleudert. Blut spritzte ihm aus der Nase. Alle anderen im Raum hielten sich krampfhaft an ihren Stühlen fest oder wurden von dem seismischen Beben durch das Zimmer gestoßen. Die knirschenden Geräusche wurden so laut, daß die Leute sich die Ohren zuhielten, während das Gebäude wackelte und aus den Rissen im Fußboden, in den Wänden und an den Decken immer mehr Nebel einströmte. »Unter den Tisch!« rief Whittaker Fiske und zerrte Marmion mit sich, dicht gefolgt von anderen Komiteemitgliedern, um sich gemeinsam unter dem stabilsten Möbel im Raum zusammenzukauern. Bevor Matthew sich ihnen anschließen konnte, tat es Marmions überqualifizierter Sekretär, so daß nun wirklich kein Platz mehr für einen weiteren Körper blieb. Das glaubte er jedenfalls, bis er feststellte, daß die gegenüberliegende Ecke noch frei war, und so machte er einen Satz darauf zu – nur um von Braddock Makem, dem dreckigen Feigling, beiseite gestoßen zu werden. »Kommen Sie da sofort wieder raus, Braddock!« befahl Matthew. Jedenfalls versuchte er, gebieterisch zu klingen. Mit Entsetzen mußte er feststellen, daß seine normalerweise beherrschte Stimme nur noch zu einem panischen Quieken fähig zu sein schien. »Wo bleibt Ihr Sinn für Prioritäten? Ich bin hier der Kommissar.« Die im Zimmer aufgestellten Wachen und andere – er war sich nicht sicher, wer – versuchten offenbar die Tür einzuschlagen oder ein Fenster, so daß der Nebel noch ungehinderter durch das Durcheinander des Kommissionsraums treiben konnte. Ein lautes, Krachen kündete davon, daß der Hauptbildschirm offenbar dem Erdbeben zum Opfer gefallen war. Matthew hörte jemanden um Hilfe rufen und stellte zu seiner Bestürzung fest, daß es seine eigene Stimme war. Egal. Das hier war ein Notfall, und seine Kollegen hatten ihn im Stich gelassen. Keine Zeit für Artigkeiten. »Hilfe!« schrie er erneut. »Versuchen Sie, sich bei dem Planeten zu entschuldigen, Matthew!« übertönte Marmions Geschrei das Krachen, Splittern, Knallen und die Geräusche von berstendem Holz, Plastik und Putz. Ha! Die konnte ihn leicht verhöhnen, von ihrem sicheren Platz unter dem Tisch aus! »Sagen Sie ihm, daß Sie glauben, Matthew!« dröhnte auch Whittaker. Es war das letzte, was Matthew hörte, bevor das ganze Gebäude sich aufbäumte; er spürte Feuchtigkeit im Schritt seiner Hose. Sie sickerte ihm das Bein hinunter, und als das Getöse des Tumults von einem Brüllen übertönt wurde, das seiner eigenen Kehle entstammte, und der Schnee auf dem Bildschirm seine Sehfähigkeit zu beeinträchtigen schien, folgte er der Bahn seines eigenen Harns und sackte zu Boden. Whittaker Fiske wäre beinahe erstickt, weil er versucht hatte, Luzon etwas zuzubrüllen und gleichzeitig zu lachen. Abrupt senkte sich der Boden auf der anderen Seite des Komiteezimmers. Der Tisch und alle, die er schützte, rutschten das Gefälle herab, ob sie wollten oder nicht. Whittaker, der einen Arm um das nächststehende Tischbein gehakt hatte, konnte gerade noch Marmion packen, die ihrerseits Sally an der Schulter hielt. Bai, Chas und Nexim glitten hilflos in die Tiefe. Luzon verlor den Halt, rollte seitlich gegen die stabilen Tischbeine und blieb dort liegen. Ein Gewirr uniformierter Gliedmaßen drückte ihn noch fester gegen die Tischbeine, und er begann lauthals, Warnungen und wilde Drohungen gegen jene auszustoßen, die ihn gegen das Möbel preßten, ohne es zu wollen. Die knirschenden Geräusche wurden immer lauter, übertönten alles andere, und dann brachen mit einem gewaltigen Donnern die Wände und die Decke des Kommissionsraums über dem Tisch zusammen, der, dieses zusätzliche Gewicht klaglos ertrug, wenn auch ein Teil seines Furniers hörbar Risse bekam. Die nun eintretende Stille, in der sich der strudelnde Nebel über alles und jeden legte, war beinahe noch schlimmer als das gräßliche Getöse. Dann wehte eine auf merkwürdige Weise mit Blütendüften durchzogene Brise durch das zerstörte Zimmer, so daß der durch den Einsturz des Gebäudes aufgewirbelte Staub sich wieder legte und der Nebel vertrieben wurde. »Marmion?« fragte Whittaker und schüttelte den, Kopf, um wieder klar zu werden und den restlichen Nebel zu vertreiben. »Mir geht es gut. Bin ein bißchen mitgenommen, aber nicht verletzt, dank Ihres schnelles Zugriffs«, erwiderte sie, obwohl Rock und Bluse zerfetzt waren. »Sally?« »Alles in Ordnung, glaube ich!« Whittaker ging die Liste durch; auf jeden Namen, den er aufrief, erhielt er entweder ein Stöhnen oder einen Fluch zur Antwort. »Matthew?« fragte Whittaker mit einiger Besorgnis. Es wäre äußerst unangenehm, sollte der Planet ungewollt den Tod des Vizevorsitzenden Matthew Luzon verursacht haben. Das könnte man Petaybee als Rachsucht auslegen. Nicht, daß Luzon es nicht verdient hatte mit seinem Vorschlag, sämtliche Petaybeeaner zu entfernen und den Planeten in Stücke zu schneiden. »Er lebt, ist aber nicht bei Bewußtsein«, antwortete eine tiefe Männerstimme. »Ich glaube, es ist alles vorbei, und… oh, mein Gott!« »Was ist? Was ist los?« fragte Marmion, von der Ehrfurcht und dem Respekt, mit der diese Bemerkung vorgetragen worden war, in Aufruhr versetzt. Sie blickte sich um und suchte nach einer Möglichkeit, unter dem Tisch hervorzukriechen, doch die eingestürzten Wände und das Dach schienen alles unter sich begraben zu haben – bis auf die Stelle, wo der bewußtlose Matthew lag. Sie hielt darauf zu und bedeutete Whittaker und Sally mit einem Wink, ihr zu folgen. Es gab gerade genug Platz, um unter der Tischplatte und über den erschlafften Matthew hinwegzukriechen, der ganz eindeutig nicht nach Blüten duftete, wie er dalag, Brustkorb und, Oberschenkel von den beiden Tischbeinen eingekeilt. Helfende Hände ließen Marmion an einer relativ freien Stelle aufstehen, so dicht sich hier auch die uniformierten Leiber und die zersplitterten Überreste der einstigen Zimmertür drängten. Merkwürdigerweise stand diese eine Wand noch. Dann folgte Marmion dem Blick des Offiziers. »Du liebe Güte!« Ihre Kieferlade klappte herunter, als sie den massigen Gesteinsaufwurf erblickte, der durch die zerstörte Oberfläche der einstigen Landebahn des Raumhafens emporgetreten war. »Nein, ein Ziggurat ist es nicht ganz«, murmelte sie und versuchte sich zu erinnern, wo sie schon einmal eine ähnliche Formation gesehen hatte – wie Felsblöcke oder Trittsteine, in einem unergründlichen Muster angeordnet, die sich hoch über ihren Köpfen erhoben. Und noch während sie mit staunenden Augen das Ausmaß dieser riesigen Erhebung begutachtete, bemerkte sie, daß es gar nicht allzu schwer sein würde, die Spitze zu erklimmen, wenn man es nur wagte. Und wenn sich die Nebel erst einmal zerstreut hatten, würde sie einen unglaublich herrlichen Anblick abgeben, ein Beweis dessen, was Petaybee getan hatte, um Matthews Annahme zu widerlegen. Aus eingestürzten und zerborstenen Gebäuden die den Felsaufwurf umgaben, strömten Menschen herbei, staubbedeckt und wahrscheinlich fassungslos, mit dem Leben davongekommen zu sein. »Ist hier irgend jemand verletzt?« rief eine vertraute Stimme aus dem Gang. »Yana! Yana Maddock, ist Clodagh bei Ihnen? Ich glaube, Matthew ist verletzt«, erwiderte Marmion. »Luzon?« Yanas Stimme hatte einen unverkennbar scharfen Unterton, aber das konnte Marmion ihr schlecht verübeln. »Und sonst noch jemand?« »Ich… ich glaube nicht«, erwiderte Marmion und schaute sich nach Chas Tung, Bai Jostique und Nexim Shitu um, die gerade aufstanden und sich den Staub aus den Kleidern klopften. Dann sahen auch sie, was sich auf dem Landeplatz erhoben hatte, und starrten es fassungslos an., Geschieht ihnen recht, dachte Marmion. Das ist die Strafe für ihre Zweifel! »Alles in Ordnung? Bei Ihren Begleitern auch?« rief Marmion. Dann schob Yana auch schon den Kopf durch die Tür, während Sean sorgfältig das zersplitterte Holz des Rahmens abbrach, bevor es Schaden anrichten konnte. »Clodagh zählt gerade noch alle durch. Aber wir hatten ja auch den Vorteil, uns während der schlimmsten Erschütterungen in gepolsterten Zellen aufzuhalten«, berichtete Yana mit unbeherrschtem Grinsen. »Und als der Strom ausfiel, gingen auch die Schlösser wieder auf.« Sie quittierte den Sicherheitsmangel mit einem Schnauben; dann kletterte sie über die Tür und kniete neben Matthew nieder, um den Puls seiner Halsschlagader zu fühlen. »Na ja, er lebt immerhin – aber Sie bluten, Soldat. Und Sergeant, das sieht mir ganz nach einem gebrochenen Arm aus. Setzten Sie sich dorthin, an die Wand. Wenn die bis jetzt nicht eingestürzt ist, wird das auch nicht mehr passieren. Ah, Bunny, treib bitte etwas Wasser auf und schau mal, ob du nicht irgendwo auch einen Arzt erwischen kannst.« »Die medizinische Versorgungsstation liegt den Gang entlang und dann rechts«, erklärte Whittaker. »Ich werde es dir zeigen.« Er stapfte über den Rest des Türrahmens, um Bunny zu führen – und um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen, sollte sie bei ihrem Hilfsbegehren nur auf benommenes oder vielleicht sogar zögerliches Personal treffen., 19. KAPITEL Es dauerte bis zum Ende des Tages, bis sämtliche Schäden festgestellt worden waren. Erstaunlicherweise waren sie recht begrenzt, trotz des Einsturzes des Konferenztrakts und seiner improvisierten Arrestzellen. Die Gebäude am anderen Ende des Landeplatzes waren ebenfalls demoliert, doch war niemand ums Leben gekommen, und von einigen Knochenbrüchen, Schürfungen und Prellungen abgesehen, waren keine Verletzungen zu verzeichnen. Dafür gab es jede Menge verletzten Stolz und verstörte Geister. Einige Soldaten von Omnicron berichteten, daß sie im Nebel eine Stimme vernommen hatten, obwohl sie nicht wiedergeben konnten, was sie zu ihnen gesagt hatte, nur, daß die Stimme irgendwie beruhigend gewesen war. Während Johnny Greene und Rick O’Shay noch immer versuchten, die Funkverbindung zur Mondstation wiederherzustellen, trafen ein zerzauster und erzürnter Torkel Fiske und sein Hubschrauberpilot zu Fuß ein. Beide schleppten improvisierte Rucksäcke voller Erzproben. Fiske bestand darauf, mit Matthew Luzon zu sprechen. »Und ich will keine Ausreden hören!« Also führte man ihn zu dem mittlerweile verbundenen, aber immer noch bewußtlosen Kommissar. »Starke Prellungen am Brustkorb«, teilte der Mediziner ihm fast bedauernd mit, »und außerdem sind beide Beine gebrochen.« »Wer hat das getan? Ich sehe hier sonst niemanden mit einem Verband«, sagte Torkel und blickte wütend und herausfordernd auf alle, die gerade in dem improvisierten Lazarett arbeiteten, das man in einer der halbleeren Lagerhallen am Rande des Raumhafens errichtet hatte. »Ich habe Matthew doch gesagt, er soll sich unter den Tisch verziehen«, log Whittaker fröhlich, »aber vernünftige Vorschläge hat er ja immer schon geflissentlich überhört. Frag mal Hauptmann, Urmambul da drüben! Er gehörte zu dem Haufen, der gegen Matthews geprallt ist.« Torkels anklagender Blick entspannte sich ein wenig, als er den riesigen Hauptmann aus Omnicron und die anderen Mitglieder seiner Gruppe musterte. Die Männer hatten wenigstens ein paar erkennbare Gesichts- und Handverletzungen und wahrscheinlich auch die eine oder andere Prellung. Der Hauptmann sprach gerade in ein Handfunkgerät. Offensichtlich wiederholte er soeben alles, was er schon einmal durchgegeben hatte, denn seine Miene war eine Studie in gequälter Geduld. »Was wurde’ denn gerade besprochen, als das Erdbeben passierte, Vater?« fragte Torkel und gab sich schon weitaus weniger streitlustig. »Es geschah in dem Augenblick, als Matthew auf den Tisch hämmerte und darauf bestand, daß der Planet kein Bewußtsein haben könne«, warf Marmion ein. »Ach, übrigens, Whit, Frank Metaxos, Diego und Faber haben Coaxtl aus ihrer Not befreit. Sie haben sich Uniformen angezogen und furchtbar amtlich getan. Der arme Veterinär hat Coaxtl wortlos ausgehändigt. Sie ist zum letztenmal von Liam Maloney gesehen worden, wie sie im Morgengrauen Fische aus dem Fluß holte.« »Gott sei Dank!« »Coaxtl?« Torkel blickte verwundert von einem zum anderen. »Ja, natürlich. Coaxtl gehörte doch auch zu den Verschwörern, die Matthew vor Gericht stellen wollte«, sagte Marmion in einem Ton, wie man ihn benutzte, wenn man über jemanden sprach, dessen Intelligenz nicht so recht auf der Höhe war. »Zusammen mit einem kleinen, mageren orangefarbenen Mietzekätzchen. Ganz schön subversiv für Katzen, jedenfalls wollte Matthew das gern beweisen.« »Dr. Fiske?« sagte Braddock Makem mit viel mehr Nachdruck in der Stimme, als er ihn jemals seinem Arbeitgeber der Intergal gegenüber benutzt hatte. »Dieses Erdbeben war lokaler Natur. Das Epizentrum entsprach genau dem Zentrum des Landeplatzes. Es gab nur drei kleine Nachbeben. Aber man rechnet nicht damit, daß es noch weitere geben wird.«, »Danke, Makem«, antwortete Whittaker lächelnd. »So, Torkel, so hast du denn die Proben gefunden, die du mitgebracht hast?« »In einem der Gänge der Höhle, aus der wir alle geborgen wurden, nachdem dein Shuttle abgestürzt war«, sagte Torkel und blickte angewidert drein. Er ballte die Hand zur Faust. »Wir waren direkt daneben, keine zehn Meter von einer der größten Goldadern entfernt, die ich je gesehen habe. Aber diese Petaybeeaner…« »Ich habe genug davon, Torkel! Bis zum Ende meiner Tage«, versetzte Whittaker und ließ sein freundliches Gebaren fallen, um sich statt dessen so abrupt aufzurichten, daß Torkel vor Überraschung ob des plötzlich so autoritären Auftretens seines Vaters einen Schritt zurückwich. »Die Firmenpolitik hat einen Schwenk vollführt, fort von der Ausbeutung des mineralischen Reichtums dieses Planeten zu seinem pharmazeutischen…« »Und erneuerbaren«, warf Marmion ein und berührte Whittaker zur Erinnerung am Arm. »… und erneuerbaren pharmazeutischen Reichtums.« »Was?« Torkel starrte seinen Vater wütend an, doch der hielt dem Blick stand, bis der Sohn sich im Raum umsah, auf der Suche nach irgendwelchen Petaybeeanern, an denen er seinen Zorn auslassen könnte. »Oberst Yanaba Maddock und Dr. Sean Shongili«, begann Whittaker, als er Torkels Wut bemerkte, »werden sich das Gouverneursamt auf dem Planeten Petaybee teilen, unter der Oberaufsicht der Intergal und der Nova-Bene-Pharmaka, um vor Ort eine einheimische Industrie hervorragender petaybeeanischer pharmazeutischer…« »Äh, einen Augenblick, wenn ich darum bitten darf«, warf plötzlich eine leise Baritonstimme ein. Alles blickte sich nach dem Mann um, der so unbemerkt in dem improvisierten Lazarett erschienen war. Er trug die unverkennbare graue, silbern paspelierte Uniform eines hohen Beamten der Interplanetaren Gesellschaftsgemeinschaft., »Ich bin eben erst gelandet, mit der Prometheus, in einer äußerst dringlichen Angelegenheit«, sagte er. »Ach so«, fügte er hinzu und lächelte entschuldigend, »mein Name ist Phon Tho Anaciliact. Mir scheint, ich bin in einem ungünstigen Augenblick gekommen. Wie mir mitgeteilt wurde, sollte heute eine Anhörung stattfinden, um die Ergebnisse einer Untersuchungskommission zu besprechen. Wer ist der Vorsitzende dieses Komitees?« »Das bin ich.« Marmion legte erstaunt die Stirn in Falten. »Madame, entschuldigen Sie bitte, falls ich den Anschein erwecke, Ihre Autorität in Frage zu stellen, aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Umstände und Ereignisse hier zu untersuchen. Ich befand mich in stationärer Behandlung auf der Intergal- Hospitalstation. Wegen einer Vireninfektion, die ich mir bei meinem letzten Auftrag in der Fueganischen Galaxis zugezogen hatte. Während meines Krankenhausaufenthalts blieb es mir nicht erspart, die Aussagen eines Bewohners dieses Planeten mitzubekommen – angeblich ein Zeuge dieses Komitees, wie ich auf Anfrage erfuhr. Er verlangte seine Verehelichung mit jemandem, den er als ›undankbares Kind‹ bezeichnete, und behauptete, daß das Mädchen von irgendeiner monströsen, denk- und empfindungsfähigen Lebensform entführt worden sei, die anscheinend im Innern dieser Welt lebt. Wie Sie sich vorstellen können, hat mich vieles von dem, was der Mann erzählte, zutiefst bestürzt. Deshalb habe ich den Kapitän der Prometheus, die ohnehin Kurs auf diesen Planeten genommen hatte, ersucht, mich mitzunehmen. Ich bin überzeugt, daß sich die Intergal im klaren darüber ist, daß sie zwar über humanoides Leben in Übereinstimmung mit den CIS-Vorschriften – die dieser besagte Zeuge ganz offensichtlich nicht befolgt hatte – auf ihren firmeneigenen Planeten bestimmen darf, daß aber neue Lebensformen ausdrücklich in den Kompetenzbereich der CIS fallen. Um genau zu sein, obliegen sie der Verantwortung meiner Abteilung und meiner selbst.« Torkel schien jeden Augenblick explodieren zu wollen; auf Whittakers Gesicht lag ein Lächeln, und Braddock Makem fiel beinahe in Ohnmacht., »Keine monströse bewußte Lebensform, Messer Anaciliact, aber ganz gewiß ein bewußtes Lebewesen.« Marmion berichtigte ihn mit einem Lächeln. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, daß nicht nur die CIS, sondern darüber hinaus auch noch Phon Tho ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ins Spiel gebracht wurden. Und sie hatten es ausschließlich Matthew und seinem Neffen zu verdanken, daß der Mann so prompt erschienen war! Gut, daß Matthew nicht hier war. Es war nicht auszuschließen, daß seine Genesung sonst ernsthaft gefährdet gewesen wäre. Sie fuhr fort: »Dieses Wesen ist auch nicht monströs. Dies ist vielmehr eine Vorstellung, wie sie allein dieser Zeuge und die Leute, die er gewaltsam beeinflußte, vertraten. Das wirkliche Ungeheuer war er selbst.« »Das möchte ich keinen Augenblick bezweifeln«, erwiderte Anaciliact, und es war nicht zu übersehen, mit wieviel Abscheu er sich an den fraglichen Zeugen erinnerte. »Fahren Sie bitte fort.« »Außerdem sehen Sie dieses angebliche bewußte Lebewesen direkt zu Ihren Füßen. Sie stehen nämlich darauf«, fauchte Torkel und stach mit dem Zeigefinger nach dem Boden. Die dunklen, geschwungenen Augenbrauen in Anaciliacts dunkelhäutigem Gesicht fuhren in die Höhe. »Darf ich Sie so verstehen, daß der Planet selbst ein bewußtes Wesen ist?« »Das ist es ganz zweifellos«, sagten Whittaker und Marmion im Chor. Dann bedeutete Marmion mit einem drängenden Winken Yana und Sean, die gerade in der Nähe standen, herzukommen. »Entspricht das auch dem Untersuchungsergebnis des Komitees?« »Ganz zweifellos«, verkündete Bai Jostique mit einem nervösen Blick auf die Wolkenkratzer aus Felsgestein, die nun den Platz einnahmen, wo sich zuvor die Landebahn, die Straßen und Gebäude des Intergal-Raumhafens befunden hatten. »Wir wurden zwar unterbrochen, bevor die Sitzung offiziell geschlossen wurde, Messer«, berichtigte Chas, »aber ich denke, wenn Sie sich bei Farringer Ball erkundigen, werden Sie erfahren, daß die Intergal beschlossen hat…«, Schweigen gebietend hob Anaciliact die Hand. »Die Intergal überschreitet ihre Befugnisse, wenn sie irgend etwas ohne vorherige Absprache mit der CIS beschließen will. Und Ihre Erklärung, Dr. Fiske, daß zwei Personen zu Gouverneuren dieses lebenden Organismus… ernannt wurden, ist völlig vorschriftswidrig. Kein empfindungsfähiges, bewußtes Wesen darf zu so etwas gezwungen werden. Man kann es allenfalls mit ihm aushandeln.« »Das sage ich schon die ganze Zeit«, warf Yana ein, die inzwischen dicht genug herangekommen war, um Anaciliacts Erklärung mitzubekommen. »Das Problem war bisher nur, die Intergal dazu zu bewegen, auch zu akzeptieren, daß dieser Planet Bewußtsein hat«, sagte Sean Shongili, der dicht genug bei Yana stand, um hinter seinem Rücken diskret ihre Hand zu halten. »Nun, da wir die Verbindung zum Generalsekretär der Intergal, Farringer Ball, wiederhergestellt haben, scheint er bereit zu sein, diesem Beweis dort Glauben zu schenken.« Er wies in Richtung des Gesteinsaufwurfs. »Das ist wohl auch ganz gut so, würde ich sagen«, antwortete Anaciliact liebenswürdig, »denn der… äh… Aufwurf scheint sich auf äußerst ungewöhnliche Weise selbst beschränkt zu haben, und er hat sehr deutlich gemacht, daß er die Evakuierung dieser Anlage wünscht. Damit ich nun Verbindung zu diesem Wesen aufnehmen kann, muß ich auf die Entfernung des Personals bestehen, auch der einheimischen…« Er wurde von einem Rumpeln unterbrochen, das den festen Boden unter ihren Füßen in Wellen zu versetzen schien. »Messer Anaciliact«, sagte Marmion und wackelte mit dem Finger in seiner Richtung, »ich glaube, der Planet hat gerade ›Nein‹ gesagt. Er mag die Leute, die hier leben. Er schützt sie sogar auf eine Weise, die ihren raschen Tod bewirkt, sobald man sie seiner Obhut entzieht.« Die Miene des CIS-Vertreters hatte sich merklich verändert, als er sich taumelnd bemühte, das Gleichgewicht zu halten. »Er kann doch unmöglich so schnell begreifen…« Wieder ein Rumpeln, diesmal schneller und heftiger., »Eigentlich sollte es doch gar keine Nachbeben mehr geben«, murmelte Braddock Makem bestürzt. »Messer Anaciliact«, begann Sean an und lächelte mit einer herablassenden Verneigung, »ich denke, es wäre das Beste, wenn wir Sie zu einem jener besonderen Orte brächten, wo der Planet auf seine einzigartige Weise mit uns kommuniziert. Ich glaube, er ist durchaus bereit, über die Bedingungen seiner… Nutzung als Lebensraum und seiner Ressourcen zu diskutieren.« »Tun Sie das nicht, ich flehe Sie an, Messer Anaciliact!« warf Torkel ein und hätte beinahe die Hände des CIS-Vertreters ergriffen, wäre ihm dieser nicht geschickt ausgewichen. »Gehen Sie nicht in eine von diesen nebligen Höhlen! Das ist alles halluzinogen. Hinterher werden Sie einfach alles glauben.« »Hauptmann…« »Fiske, Torkel Fiske.« Die attraktiven Gesichtszüge des Mannes waren von der Eindringlichkeit seines Flehens verzerrt. »Sonst enden Sie noch wie die da!« Er zeigte auf seinen Vater, auf Yana, Marmion und Sean. »Mein lieber Hauptmann Fiske, ich bin konditioniert worden, jeglichen Halluzinogenen und Drogen zu widerstehen, und es gehörte zu meiner Ausbildung, Illusionen oder Zauber aller Art als solche zu durchschauen«, antwortete Anaciliact in einem gelassenen und beruhigenden Tonfall. »Ich darf Ihnen versichern, daß ich sehr wohl dazu in der Lage bin, die Bewußtseinssubstanz sämtlicher Kreaturen zu erforschen, bis zum genauen Grad der Selbstbewußtheit und der Wahrnehmungsfähigkeit. So, wenn wir uns jetzt vielleicht dorthin begeben könnten, wo ich mit meiner Untersuchung beginnen kann?« »Hier entlang«, sagte Sean und zeigte auf die Tür, durch die der CIS-Inspektor kurz zuvor eingetreten war. »Es ist nicht weit von hier entfernt, aber ich denke – ach, Johnny hat Ihr Hubschrauber die Sache überlebt?« »Das hat er, Sean.« Johnny musterte Seans Begleiter. »Und er ist sogar aufgetankt und startbereit.«, »Yana, wo ist Clodagh?« fragte Sean und sah sich im emsigen Treiben des Lazaretts um. Dann bemerkte er die orangefarbenen Katzen, die lautlos umherstrichen oder das Geschehen von Kistenstapeln aus beobachteten. »Egal. Clodagh wird schon kommen.« Als sie den Außenrand von Kilcoole erreichten und Johnny einen Bogen flog, um in der Nähe der heißen Quellen zu landen, kamen Coaxtl und Nanook aus dem Wald geschossen, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Als sie Phon Tho Anaciliact aussteigen sahen, setzten sie sich auf ihre Hinterläufe. Er wandte sich ein wenig erschrocken um; dann verneigte er sich mit einer gewissen Ehrfurcht. »Ihr seid die Boten?« fragte er. Das ist hin und wieder unsere Aufgabe, sagte Nanook. Aber wir tun es, wie es uns gefällt. »Wie es eure Rasse stets getan hat«, erwiderte Phon Tho mit einer weiteren respektvollen Verneigung. Du kannst uns folgen. Der Weg ist wieder frei. »Sean, die Coobeeren…«, sagte Yana, als sie beobachtete, wie Phon Tho den Katzen zu den heißen Quellen folgte. »Was glaubst du wohl, weshalb Clodagh, Sinead, Bunny und Diego so schnell vom Raumhafen verschwunden sind, wie sie nur konnten?« erwiderte Sean und nahm sie bei der Hand, als er leichtfüßig neben ihr auf den Boden sprang. »Kommst du, Johnny?« »Und ob!« Johnny hatte Marmion, Whittaker und Sally beim Aussteigen aus dem überfüllten Hubschrauber geholfen. Nun folgten sie alle den Anführern. Der Weg war zwar von vertrockneten Stengeln bedeckt, doch kein einziger Coobeeren-Fangarm war mehr am Leben. Einige mochten vielleicht durch Clodaghs Gegenmittel umgekommen sein, ging es Yana durch den Kopf, aber die anderen schienen einfach… von der Kruste des Planeten verschlungen worden zu sein. Na gut. Überall sonst wäre das völlig unglaublich gewesen, aber Petaybee spielte mal wieder nach eigenen Regeln., Die Katzen trabten behend über die Trittsteine in die Lücke zwischen der Klippenwand und dem Wasserfall. Der CIS- Schiedsrichter folgte ihnen dichtauf, und so verschwanden sie im Zutritt von Kilcoole. Als sie sich alle versammelt hatten, bildete sich bereits der erste Nebel. Denn auch Clodagh, Sinead, Aisling, Bunny und Diego erwarteten sie schon in der Höhle, nachdem sie den Weg freigemacht hatten. Clodagh lächelte und wies Phon Tho mit einer Geste an, in der Nähe Platz zu nehmen, worauf er sofort den äußerst schwierigen Lotossitz einnahm, mit aufrechtem Rücken, die Hände an Daumen und Zeigefinger aneinandergelegt. Marmion setzte sich neben Sally und Whittaker. Sean und Yana nahmen gegenüber von Phon Tho Platz. Dieser Herr gönnte sich einen ausgiebigen Blick auf die wunderbaren Farben und Formen, die schon bald von dem immer dichter werdenden Nebel verhüllt wurden. Ein leises Lächeln umspielte seine feingeforrnten Lippen. Dann schloß er die Augen. Sean und Yana erfuhren, Schultern und Schenkel aneinandergepreßt, ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung und der völligen Entspannung, der Beruhigung und des guten Willens: ein Gefühl, daß etwas Großes erreicht worden war, obwohl die Erleichterung dabei vorherrschte. Als der Nebel sich schließlich wieder auflöste und das schillernde Leuchten der Felsen in ihren wunderbar zarten Farbtönen zum Vorschein kam, hielt die Erleichterung noch vor. Dann richteten alle Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf Phon Tho Anaciliact. Der erhob sich mit der Anmut eines Menschen aus dem Lotossitz, dem dieser Bewegungsablauf wohlvertraut war, und lächelte sie an. »Dieser Planet ist auf eine Weise bewußt, wie sie mir noch nie begegnet ist. Er ist eine Wesenheit, ein Wesen mit eigenem Bewußtsein, und als solches verdient er den Schutz, den zu gewähren meine vornehmste Pflicht ist. Wenn er auch darauf beharrt, daß er nicht mehr in der Dienstpflicht der Intergal steht, ist er doch bereit, seine Pflicht gegenüber dem Leben zu erfüllen.« Er wandte sich an Clodagh. »Sie sind als jemand benannt worden, der sich um seine, Bedürfnisse kümmert. Sie, Sean Shongili, ebenfalls.« Dann blickte er neugierig in die Runde, erst auf Sinead, dann auf Bunny, bis sein Blick sich schließlich auf Yana heftete. »Ach ja, Sie sind es, Oberst Yanaba Maddock, die ich zur Zentrale der CIS mitnehmen werde, um einige Besonderheiten meines Berichts zu bestätigen. Sobald die Funkverbindungen wiederhergestellt sind, werde ich meinen Vorgesetzten einen Zwischenbericht übermitteln. Doch bis dahin bin ich befugt, der gegenwärtigen Inhaberin die Befehlsgewalt wegen möglicher Schädigung des bewußten Subjekts zu entziehen. Sie, die lange genug auf Petaybee gelebt haben, werden gebeten zu bleiben. Ich fürchte, daß Sie noch einige Entbehrungen vor sich haben, bis eine entsprechende Instanz geschaffen wurde, um sich mit einem derart ungewöhnlichen Wesen und den Bedürfnissen seiner Bewohner zu befassen.« Seine Lippen verzogen sich in wehmütiger Erheiterung. »Aber Sie sind willkommen, wie es scheint«, sagte er und lächelte dabei Clodagh, Sinead, Aisling, Whittaker, Johnny und Sean an, »denn ohne Sie wäre das Wesen sich niemals seines vollen Potentials bewußt geworden.« »Und was genau ist das für ein Potential, Messer Anaciliact?« fragte Marmion mit dem strahlendsten aller Lächeln. Achselzuckend spreizte er die Hände: »Es ist… grenzenlos. Es ist… unerklärlich. Es ist… unergründlich. Es ist…« Yana, deren Nerven durch die Ereignisse der letzten Wochen angespannt waren, verschaffte sich mit einem kurzem Prusten Erleichterung. »Ich glaube, was Messer Anaciliact damit sagen will, ist ›alles mögliche‹.« Das Wesen gab ein Beben von sich, das vielleicht ein Lachen hätte sein können, auf jeden Fall aber das Gespräch beendete. »Was werden wir Lieder darüber schreiben, nicht wahr Bunny?« flüsterte Diego, als die Menschen sich umdrehten, um ehrfürchtig in einer Reihe die Höhle zu verlassen. Bunny lächelte zustimmend, als plötzlich ein merkwürdiges Echo durch die Höhle hallte. Es wiederholte jedoch nicht die letzten Worte von Diegos Satz, auch nicht das erste, sondern die mittleren. Als sie sich umdrehten und lauschten, spielten Regenbögen auf den spiegelnden Wänden der, Höhle, und das Echo antwortete ihnen singend, mit einer Stimme, wie weder Diego noch Bunny noch sonst ein Mensch sie je gehört hatte: »Werden wir Lieder schreiben, werden wir Lieder schreiben…«]
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