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Blitzschnell schoß der Hals des Drachens auf Gwalchmai zu – über und über mit einer grünlichen Kruste aus Blutegeln be- deckt. Paddelartige Flossen peitschten donnernd die See, und eine Woge kochender Gischt umspülte den schuppenartigen Körper. Da wußte er: Dies war der Tod! Er richtete sich im schwankenden Kahn auf und zückte sein Schwert. Ein Schwall stinkenden Brodems quoll aus dem Maul des Monsters und raubte ihm schier die Besinnung. Doch dann stieß er mit aller Kraft zu und fühlte, wie der scharfe Stahl durch knorpelartige Massen drang. Schon krachte der Kopf des Untiers aufs Heck des Bo...
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Blitzschnell schoß der Hals des Drachens auf Gwalchmai zu – über und über mit einer grünlichen Kruste aus Blutegeln be- deckt. Paddelartige Flossen peitschten donnernd die See, und eine Woge kochender Gischt umspülte den schuppenartigen Körper. Da wußte er: Dies war der Tod! Er richtete sich im schwankenden Kahn auf und zückte sein Schwert. Ein Schwall stinkenden Brodems quoll aus dem Maul des Monsters und raubte ihm schier die Besinnung. Doch dann stieß er mit aller Kraft zu und fühlte, wie der scharfe Stahl durch knorpelartige Massen drang. Schon krachte der Kopf des Untiers aufs Heck des Bootes. Wie von einem Katapult emporgeschleudert schoß Gwalchmai in die Luft und tauchte ohnmächtig ins Meer. Mehr als eine tödliche Gefahr muß Gwalchmai auf seiner Reise über den Atlantik überwinden, um in Rom die Botschaft seines Vaters Ventidius Varro zu überbringen: daß nämlich römische Legionäre Amerika entdeckten! Und der Patensohn des gro- ßen Magiers Merlin findet auch die Reste des versunkenen Atlantis – und Corenice, das schöne Mädchen mit dem Körper aus lebendigem Metall. Dies ist der zweite Band der bekannten Fantasy-Trilogie von H. Warner Munn. »Ein König am Rande der Welt« (HEYNE-BUCH Nr. 3696) ist bereits erschienen; der letzte Band »Merlins Ring«, ist in Vorbereitung., Vom gleichen Autor erschien außerdem als Heyne Taschenbuch Ein König am Rande der Welt · Band 3696, H. WARNER MUNN

DAS SCHIFF VON ATLANTIS

Ein klassischer Fantasy-Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 3741 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der amerikanischen Originalausgabe THE SHIP FROM ATLANTIS Deutsche Übersetzung von Joachim Pente Die Textillustrationen schuf Klaus D. Schiemann Redaktion: F. Stanya Copyright © 1967 by H. Warner Munn Copyright © der deutschen Übersetzung 1980 by Wilhelm Heyne Verlag, München Printed in Germany 1980 Umschlagbild: Eddie Jones Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs & Schütz, München Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3-453-30644-9,

INHALT

1. Merlins Patensohn ... 8 2. Der goldene Vogel ... 30 3. Das Standbild in der Nische ... 47 4. Das Schiff von Atlantis ... 66 5. Das Volk der Morgendämmerung ... 92 6. Die Insel unter dem Meer ... 116 7. Das Loch ... 148 8. Der Kampf um den Turm ... 164 9. Vale! Sei gegrüßt, Donnervogel! ... 184 Nachwort ... 211,

Merlins Patensohn

Es war nach der Zeitrechnung von Aztlan im Jahr des Eichhörnchens. Und da die Sterne günstig standen, fand einige Meilen flußaufwärts der Stelle, wo sich der Misconzebe (der Urvater der Flüsse) mit den sal- zigen Fluten des Golfs vermischt, ein großes Fest statt. Schon seit einem Monat trafen Gäste ein auf der Fe- stung Tollan, welche den Zugang zu diesem wichti- gen Fluß schützte, der dann weiter nach Norden zu den reichen Ländereien Tlapallans führte. Das Schilf, das der Gegend ihren Namen gab, war verschwun- den; plattgetrampelt durch Tausende von Füßen oder von den Gästen zum Bau provisorischer Hütten ver- wendet. Das Ufer säumten lange Reihen mit Booten und Schiffen. Büffelhautboote, Kanus aus Birken- oder Ulmen- borke sowie Kanus, aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt, schaukelten – von Ankern gehalten – auf den Wellen oder lagen kieloben am Strand. Verziert mit phantasievollen Mustern, bildeten sie eine lange, farbenprächtige Reihe dicht bei der menschenwim- melnden Stadt aus Weik-Waums und Tapis, die rings um die palisadengekrönten Erdwälle der Festung entstanden war. Doch kaum einer der zahlreichen Gäste, welche zu dem gewaltigen Friedensrat eintra- fen, verschwendete auf diese farbenprächtige Flotte mehr als einen flüchtigen Blick im Vorübergehen. Ein Stück flußaufwärts gab es nämlich etwas viel Ein- drucksvolleres zu sehen., Im flachen Uferwasser, durch starke Taue gegen die reißende Strömung gesichert, lag etwas, das jeder Brite sofort als ein sächsisches Piratenschiff erkannt hätte. Man schrieb das Jahr des Herrn 616, und dererlei Schiffe waren in Britannien längst keine Be- sonderheit mehr, befuhren sie doch dessen Flüsse und Küstengewässer zu Hunderten. In Alata jedoch (so nannte man damals Nordamerika) gab es nur ei- nes davon. Schon zwanzig Jahre vor dem jetzigen Er- eignis aus kräftigen Eichenholzplanken gebaut, mit Pech und Bisonhaaren abgedichtet, wartete es nun auf den wichtigsten Augenblick seines Bestehens. Das Schiff war siebenundsiebzig Fuß lang und klinkerweise gebaut. Vorder- und Achterdeck hatte man in die Höhe gebaut. Dazwischen, beträchtlich tiefer, lag ein Halbdeck beziehungsweise eine Platt- form zum Kämpfen. Die Ruderbänke waren unüber- dacht. Es gab fünfzehn auf jeder Seite; dazwischen verlief eine Laufplanke. An den Seiten des Schiffs wa- ren in langer Reihe hölzerne Schilde befestigt, mit den Totems jener jungen Azteken verziert, die man auser- sehen hatte, die Riemen zu führen. Diese Schilde be- saßen die Aufgabe, die Männer vor Wellen oder auch Pfeilen zu schützen. Das Schiff war hervorragend ausgestattet – und dies mußte es auch sein, war es doch dazu ausersehen, den Sohn des Königs, des Herrschers am Ende der Welt, nach Osten zu tragen, auf daß er die Welt ent- decke. Vom Drachenkopf mit goldener Mähne, wel- cher am Bug prangte, bis zum Schwanz am Heck, der mit glänzenden Platten aus Glimmer verziert war, er- strahlte das stolze Gefährt in leuchtenden Farben. Der Rumpf war rot und weiß gestreift, leuchtendrote, Fuchsschwänze dienten als Standarten und Windfah- nen, und ein poliertes Kupferband wand sich um den einzigen Mast des Schiffs. Die Löcher, aus denen die Ruder hervorkamen, waren mit Schließklappen versehen, die den Zweck hatten, Wasser abzuhalten, wenn das Schiff mit Se- geln lief. Die winzigen Fenster in der Kabine des Kommandanten auf dem Achterdeck sowie das Zeughaus und die Vorratskammern besaßen ähnliche Schutzvorrichtungen. In den Augen der Menge, die sich neugierig am Ufer drängte, war die Gefiederte Schlange ein großes Wunder. Die Menschen, die sich dort versammelt hatten, waren in ihrer äußeren Erscheinung genauso bunt- scheckig wie ihre Zelte, ihre Hütten und ihre Kanus. Viele Stämme und Nationen waren an diesem Festtag vertreten. Da sah man aztekische Kaziken, die stolz ihre mit Sägezähnen aus Feuerkiesel besetzten Schwerter zur Schau trugen. Mit Federn besetzte Schilde vervollkommneten die Bewaffnung, und Helme mit Federbäuschen zierten ihre Häupter und verliehen ihnen ein farbenprächtiges, eindrucksvolles Aussehen. Dazwischen waren narbige Krieger aus dem Heideland im Westen zu entdecken, mit Stein- messern und Tomahawks, kurze Hornbögen über den Rücken geschnallt. Einige trugen Kopfschmuck aus Bisonfell, andere Kriegshauben, die von manch heftiger Schlacht zeugten. Diejenigen, die aus den großen Sumpfgebieten nach Norden gereist waren, trugen aus Schilfrohr gefertigte Blasrohre, kleine Schleudern und Beutel mit Steinen als Munition, während die Abgeordneten des Großen Hauses der Fünf Völker mit Hochmut auf ihre gerin-, geren Waffenbrüder hinabschauten. Sie selbst wirk- ten hochgewachsen und unterschieden sich von den anderen durch Adlerfedern, die in einem dicken Haarknoten auf ihrem Kopf steckten. Sie waren aus ihrer Heimat hoch oben im Norden herangereist, um an der Versammlung teilzunehmen. Sie stellten in der Tat ein stolzes, wildes Volk dar, diese Hodenosaunee, doch trug keiner von ihnen Kriegsbemalung – mit Friedensgürteln kamen sie ins rote Land Tlapallan, wohin sie einst unter dem Banner von Merlin, dem Zauberer, marschiert waren, um bei der Vernichtung der verhaßten mianischen Sklavenhalter und ihres grausamen Reiches mitzuhelfen. Über all diese wachten mit Argusaugen die Hund- Soldaten, die im Lager für Ordnung sorgten; doch gab es nicht viel zu tun für sie. Es war eine friedliche, eine fröhliche und ausgelassene Menge, die sich da am Misconzebe versammelte. Alle lachten und feier- ten fröhlich miteinander. Da machten Friedenspfeifen die Runde, da gab es für die Alten alte Erinnerungen auszutauschen und aufzufrischen. Zur gegenseitigen Verständigung diente die uralte Zeichensprache, die den versammelten Völkern seit Menschengedenken geläufig war. Die jungen Männer übten sich indessen im friedlichen Wettstreit. Sie rangen miteinander, sprangen über Hindernisse und warfen Tomahawk, Lanze oder Atlatl-Wurfpfeil. Sie erprobten ihre Fä- higkeit im Bogenschießen, schossen pfeilschnell wie Fische durch die Fluten des Flusses oder jagten mit ihren Rennkanus an seiner Oberfläche dahin. Die dunklen Augen holder Maiden glänzten vor Freude und Stolz über den Sieg des Geliebten, und so mancher mokassinbeschuhte Fuß würde über neue, Pfade zu einem neuen Heim schreiten, sobald die Fei- erlichkeiten vorüber waren. Doch wie überall im Le- ben, so waren auch hier die fröhliche Stimmung und das Glück von vielfältigen kleinen Kümmernissen getrübt. Manch schlanke Jungfer blickte mit sehn- suchtsvollen Augen hinüber zu dem hohen Erdwall nahe beim Fluß, einen Blick vom Angebeteten zu er- haschen, und nichts und niemand auf der Welt ver- mochte sie zu trösten. Der dort so unerreichbar stand, war ein kräftiger junger Mann, dessen braunes Haar und helle Haut ihn von seinen Altersgenossen abhoben. Wie diese trug auch er einen Lendenschurz aus Rehleder, ein mit Perlen besetztes Stirnband, Beinkleider und Mo- kassins, denn das Wetter war warm, und er hatte ge- rade erst an den sportlichen Wettkämpfen teilge- nommen. Er machte ein ernstes Gesicht, denn dies war der letzte Tag der Festlichkeiten, und der eigent- lich wichtige Anlaß des Treffens rückte näher. Jetzt trat der Hauptpriester des Kriegsgotts nach vorn und stimmte folgenden Gesang an: »O Tlaloc, Du, der Du Pflanzen und Bäume sprie- ßen läßt; und Du, sein Weib, Gischt auf dem Wasser, ich flehe Euch an: Seid günstig und gewogen der Mission dieses jungen Mannes, Sohn Eures Bruders Huitzilopochtli, des Wütenden und Schrecklichen! Huitzilopochtli kam zu uns, als wir schwach wa- ren. Wir lebten verborgen im Schutze der Felsen wie Kaninchen. Er gab uns Waffen, lehrte uns, stolz und aufrecht einherzuschreiten, und machte unserer Furcht ein Ende. Er schuf die Nation von Aztlan. Unter seiner Führung zogen wir gegen unsere miani- schen Unterdrücker zu Felde. Mit der Hilfe seines, Bruders, des Gottes Quetzalcoatl, des Herrn der Win- de, und unserer Verbündeten aus dem Norden, der Hodenosaunee, töteten wir den mianischen Kukulcan und trieben sein Volk zurück. Nun ist Tlapallan ein Land des Friedens, wie Quetzalcoatl es immer ersehnte, denn er liebte den Frieden, so wie wir ihn liebten, obwohl wir Männer des Krieges und des Kampfes sind. Heute jedoch kommen wir in Frieden hier zusammen, und nir- gends in Alata gibt es noch Krieg. Unser Gott und Führer, Huitzilopochtli, rief uns herbei, auf daß wir seinem Sohn Gwalchmai, dem Adler, der nun in je- nem Schlangenschiff dort aufs Große Wasser hinaus- fahren wird, einen ehrenvollen Abschied erweisen. Er wird die Kunde unserer Schlachten und unseres Ruhms dem Volke seines Vaters überbringen. Und so bitten wir Dich, o Tlaloc, sei ihm gewogen und schenke ihm günstige Winde, damit er schnell übers Meer eile und rasch zurückkomme zu uns, die wir wünschten, er müßte uns niemals fern sein!« Der Hauptpriester hob beschwörend die Hände, verbeugte sich tief und trat zur Seite. Ein anderer Mann trat vor. Sein blanker Brustpanzer aus Stahl glänzte in der Sonne. Er erhob seinen mit kupfernen Armbändern verzierten rechten Arm empor zum rö- mischen Salut. Obwohl sein Haar unter dem mit ei- nem Kamm verzierten Helm an den Schläfen bereits ergraute, gab er mit seinen eisernen Muskeln unter bronzener Haut noch immer ein Bild bester Mannes- kraft ab. Die Menge stimmte einen lauten Ruf der Be- geisterung an. Er bat mit knapper Geste um Ruhe. Augenblicklich verstummte der Jubel. »Dies ist mein Sohn und Botschafter. Sein Pate war, Quetzalcoatl, der von uns schied ins Reich der Toten und der eines Tages zu uns zurückkehren wird. Heute gedenken wir des Herrn des Windes und erin- nern uns daran, wie er uns allen mit seiner magischen Kraft half – euch, den Söhnen Alatas, und uns Rö- mern, die wir als Schiffbrüchige an eure Gestade ge- spült wurden. Wir kannten und verehrten ihn als ei- nen Mann von ungeheurem Wissen. Er fürchtete sich nicht, mit dem Schwert in der Hand zu kämpfen, wenn die Stunde der Schlacht gekommen war, aber er scheute sich auch nicht, Milde und Gnade walten zu lassen, wenn die Schlacht geschlagen und der Sieg er- rungen war. Und damit auch andere von seinem Ruhm und seiner Größe erfahren, senden mein Weib und ich unseren einzigen Sohn zurück nach Rom, auf daß er unserem Volke Kunde gebe von der Weisheit seines Paten und Neuigkeiten von dorther zurück- bringe. ›Goldene Blume des Lichts‹ ...« Eine zierliche Frau trat vor; freundlich lächelnd schaute sie ihren Gatten und ihren Sohn an. Sie trug einen wunderschönen Umhang aus Kolibrifedern über ihrem Hualpilli (Frauenhemd) aus florartigem weißem Baumwollstoff. Ihr langes, schwarzglänzen- des Haar hatte sie zu einem blumenartigen Muster gewunden; dunkle Locken kringelten sich wie Efeu um ihre zierlichen Ohren. Um die Handgelenke trug sie Armreife aus Kaurie-Muscheln, und um ihren Hals schmiegte sich eine Kette aus kostbaren, sorg- fältig aufeinander abgestimmten Perlen. Um ihre schlanke Taille trug sie einen Gürtel aus Münzen, die in ihrer Art einzigartig waren in Alata. Es handelte sich um römische Denarii aus Silber und Kupferse- sterzen, alle mit Goldstegen untereinander verbun-, den. Taucher hatten sie vom Wrack der Prydwen her- aufgebracht, jenem berühmten Kriegsschiff König Arthurs von Britannien, mit dem Merlin Ambrosius über den Atlantik gesegelt war, um ein neues Land zu entdecken. Zusammen mit ihm und seinen neun Barden war auch Ventidius Varro, Zenturio der Sech- sten Legion, in die Neue Welt gekommen, wo er sich zum König machte und als Gott verehrt wurde. ›Goldene Blume des Lichts‹ küßte ihren Sohn und nahm das Schwert in Empfang, das Ventidius von seinem Gürtel löste. Tränen traten ihr in die Augen, als sie ihrem Sohn den Gürtel umlegte – doch es wa- ren Tränen des Stolzes. Sie schloß ihn in die Arme, drückte ihn kurz und heftig, dann ließ sie ihn wieder los. Die Menge brach in donnernden Jubel aus, und der ohrenbetäubende Lärm Tausender von Knochen- pfeifen und begeistert geschwenkter, wild rasselnder Kürbisflaschen hallte über den Ruß. Ventidius hob erneut die Hand. Seine Frau trat zu- rück, und der Tumult legte sich augenblicklich. Ven- tidius hielt einen bronzenen Zylinder hoch in die Luft, so daß alle ihn sehen konnten. »In diesem bronzenen Gefäß befindet sich eine Schriftrolle, die alles enthält, was seit unserer An- kunft hier geschah. Unsere Schlachten in Azatlan, un- ser Kampf für die Vereinigung aller Onguy-Völker zur Nation des Großen Hauses, unser Marsch auf Miapan, unser Triumph über die tlapallanischen Hee- re und die Zerstörung des Reiches der Mias. Diesen Behälter nun sende ich an meinen Tecutli, meinen Herrn jenseits des Großen Wassers. Er wird mit Freude vernehmen, daß auch hier tapfere Men- schen leben. Und damit die Nachricht auch sicher an, ihren Bestimmungsort gelangt, übergebe ich sie der Obhut meines Sohns, der sie zusammen mit seinen Gefährten, mit Kraft, Geschick und mit Hilfe der Weisheit seines Paten wohlbehalten dorthin bringt. Mögen günstige Winde sowie ruhige Wasser ihn auf seiner Reise begleiten und ihn sicher und wohlbehal- ten zu uns zurückkehren lassen.« Ventidius legte den Bronzezylinder in die Hand seines Sohns. Gwalchmai schob ihn unter seinen Gürtel; dann faßten die beiden Männer sich bei den Armen und blickten sich lange tief in die Augen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern schauten sich nur an. Dann stiegen beide langsam die Stufen des Teocalli hinab und schritten, gefolgt von den Priestern, durch die schweigende, am Boden kniende Menge. Dreißig aztekische Jünglinge, als Ruderer ausersehen, hatten das Drachenschiff inzwischen von seiner Vertäuung gelöst und sich mit ihren Riemen ein Stück vom Ufer abgestoßen. Gwalchmai mußte, um an Bord des Schiffes zu gehen, daher erst ein paar Schritte durch kniehohes Wasser waten. Er stand auf der Steuermannsplattform – seine Hand ruhte fest auf der Ruderpinne –, als das Schiff sich mit dem Bug in die Strömung legte. Er warf ei- nen letzten Blick zurück auf seine Eltern, die am Ufer zurückblieben. Sie standen genauso unbeweglich und ruhig da wie er – römischer Stolz, gepaart mit azte- kischer Würde. Doch wenn Herzen weinen könnten, es wären Tränen in Strömen geflossen. Dreißig Ruder tauchten zum Salut ein. Das schwere Baumwollsegel, ›Mantel des Windes‹ geheißen, stieg mit seiner geflügelten Schlange am Mast empor und, flatterte wild im Wind. Als es sich aufblähte, peitsch- ten die Riemen das Wasser, und das Schiff flog pfeil- schnell auf die Mitte des Stroms zu und glitt, von der Strömung getragen, den Wogen des Golfs entgegen. Ventidius und sein Weib verharrten am Ufer und blickten dem Schiff nach, das rasch kleiner wurde. Die Menge erstarrte in atemloser Stille. Selbst die Kinder schienen die Bedeutung des Augenblicks zu spüren und blieben ruhig. Weit in der Ferne leuchtete ein winziger Farbtupfer auf. War es ein Ruderblatt, auf dem sich für Sekunden das Licht der Sonne brach? War es eine Welle, in der sich ein Sonnenstrahl spiegelte? War es der Flügel einer Möwe, die vom Wasser aufflog, oder ein kurzes Zucken der bewegli- chen Drachenzunge am Vordersteven des Schiffs? Niemand vermochte es genau zu erkennen, und im selben Moment war es auch schon wieder ver- schwunden. Alle wandten sich vom Ufer ab und gingen zurück durch die wartende Menge; Ventidius hatte seinen Arm um die Schultern seiner Frau gelegt. Während sie langsam die Stufen hinaufstiegen, legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Ihre Augen waren halbge- schlossen, aber tränenleer. Zwei Männer traten aus der Menge heraus und gingen schweigend neben den beiden her: Der eine war Ga-no-go-a-da-we, der ›Mann, der Haar ver- brennt‹, mächtiger Gesandter vom Volk des Feuer- steins, der andere Hayonwatha, Royaneh der Onon- daga. Ventidius löste seinen Blick vom Boden, richtete ihn auf die zwei Männer, und ein leises Zucken lief über sein Gesicht. ›Goldene Blume des Lichts‹ lä-, chelte, streckte die Arme aus und begrüßte die beiden herzlich. »Gute, treue Freunde!« rief sie bewegt aus. »Immer wart ihr zur Stelle, wenn wir euch brauchten. Und nun, da wir wieder zu zweit sind, benötigen wir euren Beistand mehr denn je.« Ventidius beugte sich zu seiner Frau herab und küßte sie. »O nein, meine Geliebte, wir werden immer zu dritt sein. Amanimus. Amamus. Amabimus: Wir ha- ben geliebt. Wir lieben. Wir werden lieben. Wir wis- sen nicht, was unser Sohn am Ende seiner Reise fin- den wird. Am Ende meiner Reise fand ich dich.« Die kleine Gruppe schritt weiter durch die Menge und begab sich zu ihren Quartieren; das Fest nahm seinen Verlauf. Nachdem das Drachenschiff die trüben Wasser des Misconzebe-Deltas hinter sich gebracht hatte, wandte es sich nach Osten. Eine frische Brise wehte von ach- tern, und das Segel blähte sich. Hier und da gab es Inselchen und Sandbänke zu umschiffen, und gele- gentlich mußte man einen Bogen um die Mündungen kleiner Flüsse machen, die Bäume und abgerissenes Buschwerk ins Meer schwemmten. Da seine Route zunächst einmal eine ganze Weile an der Küste ent- langführte, überließ Gwalchmai das Ruder dem Steu- ermann und gab ihm Anweisung, einen ausreichend großen Abstand vom Ufer einzuhalten. Einen ganzen Tag lang segelten sie so dahin, den grünen Küsten- streifen zu ihrer Linken immer im Auge behaltend. Als der Abend nahte, holten sie das Segel ein und ruderten in eine kleine Bucht, wo sie an einem Koral- lenstrand für die Nacht festmachten. Eine schmale Süßwasserrinne mündete an dieser Stelle ins Meer, und zahlreiche Spuren im weichen Lehmboden deu-, teten darauf hin, daß sie eine häufig aufgesuchte Wildtränke war. Während ein paar Männer der Schiffsbesatzung sich aufmachten, Austern, Muscheln und Krebse zu suchen, holten andere ihre Jagdwaffen aus den Kisten unter den Ruderbänken hervor und gingen auf Jagd in den Wald. Es dauerte nicht lange, und köstlich duftendes Wildbret brutzelte über einem Feuer aus rot glühender Treibholzkohle. Nach einem ausgedehnten Mahl (für das die Vor- räte auf dem Schiff nicht angetastet zu werden brauchten) legten sich die meisten Männer neben dem Feuer nieder, um zu schlafen. Die Nacht war warm, und da es keine Anzeichen für Regen gab, be- nötigten sie kein Dach über dem Kopf, obwohl die Möglichkeit dazu – wie bei den meisten sächsischen Kriegsschiffen – bestand, und zwar dergestalt, daß man den leichten Mast heraushob und ihn mit der Spitze in den gegabelten Göschstock am Schiffs- schnabel legte. Wenn man über diese schräge Zelt- stange dann das Segel zog und es ordentlich fest- zurrte, entstand ein abgedeckter Raum über den Ru- derbänken, wo die Seeleute recht bequem und vor den Unbilden des Wetters geschützt schlafen konn- ten. Für die Nacht stellte man Posten auf, die regelmä- ßig abgelöst wurden. Es ereignete sich jedoch nichts Bemerkenswertes. Am nächsten Morgen lenkte Gwalchmai das Schiff gemäß der Instruktionen, die sein Vater ihm gegeben hatte, auf Südkurs, und zwar parallel zur Küste Floridas (die natürlich damals noch nicht diesen Namen trug). Einst war dies ein Land des Schreckens gewesen. Und selbst jetzt noch lebten trotz der Schönheit der, Landschaft und des großen Wildreichtums nur sehr wenige Menschen hier. Tagsüber hallten die Wälder vom Gezwitscher unzähliger Vogelarten wider, und aus den Sümpfen erscholl das mächtige dröhnende Gebrüll der Alligatoren. Hin und wieder ertönte der schrille Schrei eines Panthers, der auf der Jagd war. Aber es ereignete sich nichts, was der Mannschaft der Gefiederten Schlange Angst einzujagen vermochte. Das Wetter blieb weiterhin gut. Der Gott Hurakan hatte sich allem Anschein nach schlafen gelegt. Sie gerieten in ein Gewirr von Inseln und Korallenriffen; Land betraten sie nur zum Schlafen, Jagen und zur Auffrischung ihrer Wasservorräte, welche sie in gro- ßen irdenen Krügen mit sich führten. Als sie Cape Sable umschiffen wollten, trieben widrige Winde sie in südwestlicher Richtung aus der Sichtweite der Kü- ste. Hätten sie nicht Merlins kleinen Eisenfisch beses- sen, der – in einer Schale Wasser schwimmend – Prydwen einst den Weg westwärts übers Große Was- ser bis nach Alata gewiesen hatte, sie wären unrettbar verloren gewesen. So aber war, nachdem die See sich beruhigt hatte, bald wieder festes Land in Sicht, wo sie vor Anker gehen konnten. Das Gelände war von üppiger Vegetation überzogen und äußerst fruchtbar. Sie fingen am Strand eine riesige Schildkröte und verzehrten sie. Als die Kameraden eingeschlafen waren, setzte sich Gwalchmai in seine kleine Kabine und studierte die Landkarten. Die Insel, auf der sie gelandet waren, fand er nicht darauf, doch hatte dies nicht allzuviel zu bedeuten. Zahlreiche andere Inseln, an denen sie vor- beigekommen waren, blieben ebenfalls unerwähnt., Und auch der Verlauf der Küste stimmte nicht mit der Karte überein. Somit sah er sich zu dem Schluß gezwungen, sich auf die Karten nur sehr grob verlas- sen zu können. Schließlich rollte er die bemalten Baumwollstreifen wieder zusammen und legte sie in Merlins große Kiste zurück. In dieser Kiste befand sich noch anderes magisches Gerät, das, wie er wußte, weit wirksamer war als die Karten. Merlin hatte diese Utensilien seine ›Werkzeu- ge‹ genannt, und Gwalchmai war so vertraut mit ih- nen wie mit den Fingern seiner eigenen rechten Hand. Da gab es zum Beispiel magische Kräuter, Fläschchen mit Zaubertränken und Amulette. In ei- nem Kästchen (sein Deckel war mit Schnitzereien verziert, deren Muster sich auf geheimnisvolle Weise ständig änderte) befanden sich zahlreiche Pülverchen und Pillen, welche nur im Verein mit Gebeten und Zaubersprüchen angewendet werden durften. Und hier, in einem kleinen Seitenfach, lag sein Zauberstab und der magische Ring, welchen der alte Zauberer zu Lebzeiten stets trug. Gwalchmai wog ihn gedanken- voll auf der Handfläche und streifte ihn, einer plötzli- chen Eingebung folgend, über den Ringfinger seiner rechten Hand. Er erinnerte sich dunkel daran, wie er auf dem Schloß des alten Mannes gesessen und ihn an seinem langen weißen Bart gezupft hatte. Merlin hatte ge- lacht und ihn den ›Falken der Schlacht‹ genannt. Da- mals war er noch ganz klein gewesen. Nun war Mer- lin nicht mehr, und er – Gwalchmai – besaß all diese wundervollen Werkzeuge. Und hier waren seine Bücher mit Zaubersprüchen, alle in kunstvollen Lettern auf feines Pergament ge-, malt, sowie die Bände mit den Rezepten für explosive Pulvermischungen und bunte Feuer. Darunter, am Boden der Kiste, verbargen sich die ›Dreizehn Magi- schen Schätze‹ der Insel Britannien, die der Alte bei- seite geschafft hatte, um sie vor den sächsischen Pi- raten zu retten. Gwalchmai war gerade dabei, das ›Große Füllhorn‹ aus dem ›Mantel der Unsichtbar- keit‹ auszuwickeln, als ihn ein lauter Schrei vom Strand auffahren ließ. Im Hinauslaufen riß er das Kurzschwert seines Vaters aus der Scheide. Eine Sze- nerie des Grauens empfing ihn. Schon eine Weile vorher waren plötzlich seltsam anzuschauende, mit Schuppen bedeckte Köpfe aus dem Wasser aufgetaucht, nicht weit von der Stelle am Strand, wo die Männer die Schildkröte geschlachtet hatten. Als die seltsamen Wesen das Blut gewittert hatten, waren sie aus dem Wasser gestiegen und an den Strand gekommen. Dabei hatten sich auf ihren Köpfen Kämme wie die von Hähnen aufgerichtet, und die fleischigen Kehllappen unter ihren zurück- tretenden, kinnlosen Mäulern waren zu wütendem Purpur, gesprenkelt mit roten Flecken, angelaufen. Rasend vor Gier scharrten sie im blutgetränkten Sand und durchwühlten ihn mit den Krallen ihrer mit Schwimmhäuten versehenen Gliedmaßen, die menschlichen Händen ähnelten. Dann starrten sie mit ihren lidlosen runden Augen ruhelos umher und zischten wütend aus rudimentären Kiemen. Ventidius Varro hatte es unterlassen, seinen Sohn vor diesen furchterregenden Kreaturen zu warnen. Bei den Völkern des Südostens und bei den Illini wa- ren sie unter dem Namen ›Piasa‹ bekannt, sie selbst aber nannten sich ›Gronks‹. Ventidius hatte gegen sie, gekämpft und geglaubt, sie seien ausgerottet. Einige jedoch hatten überlebt. Sie waren auf diese Insel ge- flohen, um Zeugnis davon abzulegen, welch schreck- liche Geschöpfe Mutter Natur in Momenten des Wahns zu zeugen imstande war. Als die Gronks das Schiff erblickten, machten sich einige dieser Geschöpfe auf krummen Beinen auf den Weg dorthin, und ihre langen, spitzen Krallen zuck- ten in Vorfreude hin und her. Die meisten anderen krochen auf allen vieren langsam auf das schlafende Lager zu. Immer darauf bedacht, dem Feuer nicht zu nahe zu kommen (Feuer war das einzige, was die kaltblütigen Ungeheuer in Todesangst versetzte), umzingelten sie die unglückseligen schlafenden Männer. Obwohl ihre Leiber vor Gier auf das uner- wartete Festmahl bebten und ihre kurzen Stummel- schwänze zuckten, als wollten sie peitschend in die Luft schnellen wie die Schwänze von Alligatoren, warteten sie auf das Signal zum Angriff. Während sie so lauerten, verständigten sie sich untereinander mit leisen Grunzlauten und hell zir- penden Zischtönen – ein deutlicher Beweis dafür, daß es sich um hochentwickelte Lebewesen handelte, welche die Entwicklungsstufe von Tieren bereits überschritten, die des Menschen jedoch noch nicht er- reicht hatten. Dann brüllte ihr Anführer das Kom- mando, und alle stürzten sich auf die ahnungslosen Schläfer. Der schlaftrunken vor sich hin dösende Wachtpo- sten fiel dem wütenden Angriff zum Opfer, bevor er überhaupt wußte, was geschah. Es war von Anfang an ein hoffnungsloser Kampf! Kein Mann Alatas schlief jemals außerhalb der Reichweite seiner Waffen. Von, Angesicht zu Angesicht mit dem Grauen, das schon ihre Väter befallen hatte, wurden die Krieger Gwal- chmais mit ihrem furchtbaren Feind handgemein. Während ihnen die Gliedmaßen buchstäblich vom Leib gerissen und noch warm, wie sie waren, ver- schlungen wurden, kämpften sie dennoch uner- schrocken gegen die grausigen Bestien und starben, wo sie geschlafen hatten. »Al-a-la-la! Al-a-la-la!« gellte der wilde Kriegs- schrei der aztlanischen Helden über den Strand. Doch wurde er immer schwächer und leiser, während die, welche ihn ausstießen, nach und nach zerfleischt zu Boden sanken. Als Gwalchmai den Strand erreichte, war das Ge- metzel fast vorbei, und er sah sofort, daß er seine Männer nicht mehr erreichen konnte. Er drehte sich auf der Stelle um und rannte zum Schiff zurück. Die einzige Hoffnung, die es nun noch für seine Männer gab, lag in der Zauberei. Doch als er lief, rutschte ihm unbemerkt der bronzene Zylinder mit der Botschaft seines Vaters aus der Gürteltasche und fiel in den Sand. Gwalchmai erreichte das Deck, aber die Feinde waren ihm schon dicht auf den Fersen. Der Anblick der behende über die Reling klettern- den Ungeheuer und die Todesschreie seiner Männer, grausam in den Ohren gellend, ließen ihn für wenige Augenblicke den Mut verlieren. Er wich den schnap- penden Klauen des ersten Verfolgers aus und ver- grub die Klinge seines Schwerts bis zum Heft in dem nur spärlich geschützten Unterleib der Bestie. Doch als der Angreifer röchelnd zusammensackte und sich zuckend im Todeskampf wand, legten sich die dach- ziegelartigen Schuppen seiner Haut über die Klinge, und klemmten sie so fest, daß Gwalchmai es nicht schaffte, das Schwert wieder herauszuziehen. Er eilte in die Kabine, schlug die Tür hinter sich zu und verriegelte sie – keine Sekunde zu früh. Schon polterte die Horde mit der Wucht ihrer Leiber so hef- tig gegen die Tür, daß sie jeden Moment aus den An- geln zu fallen drohte. Nun wurde einmal mehr deut- lich, daß die Gronks über fast menschliche Intelligenz verfügten: Einer nämlich hob einen Ankerstein mit dem Tau, an dem er befestigt war, aus dem Wasser und schleuderte ihn mit solcher Wucht gegen die Tür, daß die kräftigen Eichenplanken mit lautem Krachen zersplitterten. Zum gleichen Zeitpunkt schwärmten ganze Trupps schuppiger Kreaturen durch das Lager, aus dem nun keine Schlachtrufe mehr drangen; das einzige Ge- räusch waren die widerwärtigen Schmatzgeräusche der Unholde, die gierig die Leichen der Männer ver- schlangen. Während sie sich noch vor dem schmalen Türspalt drängten und in ihrer Gier gegenseitig be- hinderten, war Gwalchmai mit einem Satz bei Mer- lins Kiste und holte mit fliegenden Fingern einen Ta- lisman von großer Zauberkraft aus dem kleinen Sei- tenfach. Sofort begann er wie ein Lebewesen zu zuk- ken, während Gwalchmai den Zauberspruch aufsag- te, der ihn zum Leben erweckte und seine ungeheu- ren Energien freisetzte. Rauch stieg kräuselnd von der verbrannten Handfläche des jungen Mannes auf, aber ungeachtet der Schmerzen hielt er den Talisman grimmig entschlossen fest, bis der Zauberspruch be- endet war. Der Gronk hob den Ankerstein erneut auf und holte aus, um Gwalchmai zu zerschmettern. Doch seine Bewegung war nur noch der letzte Reflex, eines Sterbenden. Noch während das Ungeheuer zu Boden fiel, war alles Leben aus ihm gewichen, und kaum, daß es mit einem dumpfen Krachen auf den Deckplanken aufschlug, begann seine Leiche mit be- ängstigender Schnelligkeit zu zerfallen. Sekunden später lag nur noch das blanke Skelett da. Überall auf der Insel ereignete sich im selben Mo- ment dasselbe: Die Leichenfledderer sackten mitten im grausigen Festmahl tot zu Boden. Die noch zum Festmahl eilten, sollten es nie erreichen. Selbst jene, welche am anderen Ende der Insel lebten, starben, ohne zu erfahren, wer oder was sie getötet hatte. Gwalchmai lag auf dem Boden der Kabine be- wußtlos in seinem Blut, um ihn herum eine Szenerie des Grauens. Überall Skelette – neben ihm, auf dem Boden der Kabine und auf Deck! Doch gab es auch nichts Lebendes mehr, das ihm noch hätte Leid zufü- gen können. Er lag da und murmelte zusammen- hanglos vor sich hin, und als er seine Augen auf- schlug, schaute er sich verständnislos um. An nichts vermochte er sich mehr zu erinnern. Er schloß die Augen und fiel in eine Art Dämmerzustand. Die Flut kam und hob die Gefiederte Schlange sanft aus ihrer Mulde im Sand. Und da auch die anderen Ankersteine von den Angreifern aus dem Wasser ge- zogen worden waren, gab es nichts mehr, was das Schiff am Ufer hielt. An jenem Morgen wehte eine leichte seewärtige Brise. Das Schiff trieb allmählich immer weiter vom Strand ab, wobei es sich sanft im Kreis drehte, da es niemanden gab, der das Ruder betätigte. Nach einer Weile kam starker Westwind auf, der die Gefiederte Schlange rasch aufs offene Meer hinaustrieb., Wenige Stunden später geriet das Schiff an den Rand des Golfstroms, der es packte und noch weiter forttrieb – fort von Alata, fort von seiner Heimat, fort auch von der Insel des Todes. Jahrhunderte später landeten die Spanier auf dieser Insel und gaben ihr den Namen ›Cayo de los Huessos‹ – Insel der Kno- chen. Heute nennen wir sie Key West.,

Der goldene Vogel

Gwalchmai erwachte, wußte aber nicht, daß er Gwal- chmai hieß. Er wußte, daß er ein Mann war und daß er sich auf einem Schiff befand; doch was für ein Schiff es war und wie er darauf gelangt war – daran vermochte er sich nicht zu erinnern. Dennoch kam ihm nichts auf dem Schiff merkwürdig oder fremd vor. Er wußte, dies war ein Mast und jenes ein Segel. Er betätigte das Ruder, und das Schiff reagierte – träge nur, da das Segel beschlagen war. Er kletterte hinauf, durchschnitt die Zurrungen und machte die Schoten fest. Nun trug ihn die leichte Brise nach Osten. Er spürte, daß er die richtige Richtung eingeschlagen hatte, doch warum er dies fühlte, hätte er nicht erklä- ren können. Der Grund für das Gefühl, auf dem richtigen Wege zu sein, lag tief in seiner verschütteten Erinnerung begraben. Er versuchte sich zu besinnen und runzelte die Stirn. Dabei merkte er, daß Haare an einer Wunde oberhalb seiner rechten Schläfe klebten. Es war die Stelle, wo ihn der Ankerstein getroffen hatte. Er beta- stete die Verletzung mit den Fingern und schrie vor Schmerz leise auf. Die Wunde klaffte weit und war stark geschwollen. Er ließ an einem Tau einen leder- nen Eimer ins Wasser hinab, zog ihn wieder hoch und spülte die Wunde aus. Das Salz stach und brannte höllisch, aber danach fühlte er sich besser. Mit einem Mal spürte Gwalchmai, daß er unerträg-, lichen Hunger hatte. Doch eine tödliche Schwäche hielt ihn gefangen, und als er die Vorratskammer des Schiffs gefunden hatte, gelang es ihm auch unter Aufbietung aller Kräfte nicht, einen fest zugeknoteten Sack Pemmikan zu öffnen. Ihm fiel ein, daß er auf Deck unter all den Knochen ein langes Messer hatte liegen sehen. Er schleppte sich hoch und holte es. Es war ein langer, beschwerlicher Weg, und nachdem er das Messer endlich gefunden und heruntergebracht hatte, saß er vor dem Sack, dem ein köstlicher Duft entströmte, und versuchte verzweifelt, sich daran zu erinnern, wozu er das Messer eigentlich geholt hatte. Nachdem er eine ganze Weile nachdenklich vor dem Sack verharrt hatte, stach er mit dem Messer hinein, und der Inhalt lief heraus. Er schlang die Nahrung mit beiden Händen gierig in sich hinein, bis er satt war. Das mit Fett, Wildkir- schen, Knochenmark und Fischeiern vermischte Pul- ver aus Antilopenfleisch war sehr nahrhaft und leicht verdaulich. Es dauerte nicht lange, und Gwalchmai fühlte seine Lebensgeister wieder erwachen. Er steckte das Kurzschwert in die Scheide, welche noch immer an seinem Gürtel hing, öffnete einen Krug Wasser und schlürfte das kostbare Naß in tiefen Zü- gen in sich hinein. Sein Instinkt warnte ihn, das Was- ser zu trinken, in dessen Fluten das Schiff schwamm. Danach verfiel er erneut in tiefen Schlaf, der den Rest des Tages und die ganze Nacht andauerte. Wäh- rend er so dahinschlummerte, blies der Wind das Schiff immer weiter nach Osten. Gegen Morgen legte er sich ein wenig, und als der Mittag kam, hörte er ganz auf, und das Schiff trieb in völliger Windstille, nur noch getragen von der Strömung des Meeres., Ohne den kühlenden Hauch des Windes wurde die Hitze der Sonne immer stärker. Das Pech erweichte, löste sich auf und tropfte aus den Fugen zwischen den Holzplanken. Das Segel hing schlaff am Mast. Während er dahintrieb, bemerkte Gwalchmai, daß sich die kleinen Seetanginseln um ihn herum zu ei- nem immer dichter werdenden Teppich zusammen- woben, über den Krebse und Insekten krabbelten. Tage verstrichen, ohne daß irgend etwas geschah. Er schaffte es, das Deck von den Skeletten zu räumen, doch dann erkrankte er an einer fiebrigen Infektion, die ihn sehr erschöpfte. Lange Zeit lag er, zwischen Leben und Tod schwebend, regungslos in seiner Ka- bine. Der tägliche Kampf, zu den Wasserkrügen und zurück auf seine Strohmatte zu kriechen, verlangte ihm alle seine Kräfte ab. Nur dem dumpfen Überle- benswillen, der ihm noch innewohnte, hatte er es zu verdanken, daß er dann und wann eine Handvoll Trockenfleisch hinunterwürgte. Wochen vergingen. Die Gefiederte Schlange trieb aus dem Golfstrom her- aus und gelangte in ruhigere Gewässer. Kein Tropfen Regen fiel. Der Teppich aus Schlingpflanzen wurde immer dichter und fester. Schließlich trat das Unver- meidliche ein: das Schiff saß fest. Langsam erholte sich Gwalchmai von der Krank- heit, und bald war sein Körper wieder so kräftig wie eh und je. Doch die Vergangenheit blieb nach wie vor ein leerer Fleck in seinem Gedächtnis. Und dann, ei- nes Tages, als er mit einer Tasse Wasser in der Hand auf dem Achterdeck saß und nachdenklich auf das Gewirr von Algen und Schlinggewächsen starrte, wurde ihm auf einmal bewußt, daß dieser Pflanzen- teppich sich bis zum Horizont erstreckte. Gar nicht, weit vom Schiff entfernt gab es noch enge Wasser- straßen, die durch das Dickicht hindurchführten und noch nicht vollends überwuchert waren. Doch weiter hinten, in der Richtung, in die das Schiff mitsamt der es umschließenden Insel trieb, gab es keine Löcher mehr in dieser dicht zusammengepackten Masse. Die Oberfläche war völlig still. Nur ab und zu stie- gen in unregelmäßigen Abständen von unten lange, sich gleichmäßig ausbreitende Wogen auf, so als gin- ge irgendein riesiger Meeresbewohner irgendwo am Grunde der See seinen privaten Geschäften nach. Es gab keinerlei Wellengang. Keine Brecher erhoben sich, um gegen die Küsten dieses Kontinents aus Seetang anzubranden. Auch der Wind vermochte die Oberfläche nicht zu bewegen. Die Gefiederte Schlange befand sich mitten in der Sargassosee, dem gefürch- teten Grab vieler todgeweihter Schiffe. Die Sonne und die absolute Stille hatten sich hier zu einem Pakt ver- schworen, den Menschen erst in den Wahnsinn zu treiben, bevor der Hunger ihm den Gnadenstoß ver- setzte. Weit in der Ferne spiegelten sich die letzten Strah- len der untergehenden Sonne an einem glänzenden Gegenstand von rötlichgoldener Farbe. Gwalchmai starrte, während er das Wasser aus seiner Tasse schlürfte, wie gebannt dorthin und fragte sich, was das wohl sein mochte. Bald deckte jedoch die herein- brechende Nacht das geheimnisvolle Ding mit ihrem dunklen Mantel zu, und er zog sich zurück. Am fol- genden Tag war es schon ein Stückchen näher. Die Tage kamen und gingen und schleppten sich in ihrer monotonen Eintönigkeit träge dahin. Das einzi- ge, was ihren Ablauf markierte, waren der ständig, sinkende Wasserspiegel in den Trinkkrügen und die Tatsache, daß die Tangmassen, ständig herangetrie- ben von den träge dahinfließenden Ausläufern des fernen Golfstroms, immer dichter zusammenbuken. Schließlich kam der Tag, da Gwalchmai den letzten Krug Wasser leerte. Nun war sein Ende nur noch eine Frage von Tagen ... Der grelle, messingfarbene Himmel ließ auch wei- terhin jede Hoffnung auf baldigen Regen im Keim er- sticken. Die einzige Möglichkeit, die Gwalchmai noch blieb, um seinen Durst zu lindern, bestand darin, die Tautropfen aufzufangen, welche sich während der Nacht auf dem Segel niederschlugen. Doch das weni- ge Naß, das er auf diese Weise gewann, quälte ihn mehr als daß es seinen brennenden Durst stillte. Er wühlte in Merlins Kiste, um etwas Trinkbares zu fin- den. Dabei stieß er auf ein Fläschchen, das kaum mehr als einen Löffel einer klaren, sirupartigen Flüs- sigkeit enthielt. Sie schmeckte angenehm süß und gleichzeitig scharf, und er leerte kurzerhand das gan- ze Fläschchen. Merlin hatte sich über viele Jahre hinweg mit dieser Flüssigkeit stark und gesund erhalten, indem er sie sparsam Tropfen für Tropfen eingenommen hatte. Hätte Gwalchmai alle fünf Sinne beisammen gehabt, hätte er unter normalen Umständen natürlich ebenso gehandelt. Die Portion, die er jedoch nun zu sich nahm, war so wertvoll und unersetzbar, daß alle Schätze eines Königs sie nicht aufgewogen hätten. Das einzige, was Gwalchmai verspürte: Er litt keinen Durst mehr. Doch er wußte nicht daß er die einzige Flasche der ganzen Welt besaß, die jemals das Elixier des Lebens enthalten hatte., Das brennende Durstgefühl war mit einem Mal verschwunden. Gwalchmais aufgesprungene Lippen verheilten, er fühlte sich plötzlich stark und von ei- nem eigenartig heiteren Gefühl durchpulst. Mit je- dem Sonnenuntergang stellte er fest, daß jenes selt- sam glänzende Ding ein Stückchen näher gekommen war, und es schien ihm, als nehme er allmählich Form an – eine Form, die er zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht erkennen konnte. Einmal, als er wieder einmal der untergehenden Sonne entgegenblickte, sah er vor ihrer schon zur Hälfte im Meer untergetauchten Scheibe einen Ge- genstand auftauchen, der gleichsam aus dem Meer wuchs. Ein großes schlangenartiges Wesen mit riesi- gem Pferdekopf und zottiger, tropfender Mähne, von Seetangfäden überwuchert, ragte aus den Fluten und spähte über die Oberfläche, als hielte es nach Beute Ausschau. Es entdeckte jedoch das Schiff offenbar nicht und ging – gleichzeitig mit der Sonne – wieder unter. Da das Gewicht seines Schwertes ihn ermüdete, hatte Gwalchmai es schon Wochen vorher abgelegt. Nun ging er nach unten in seine Kabine und legte es wieder um. Von nun an blieb es, gleich ob er wach war oder schlief, sein ständiger Begleiter. Gwalchmai rutschte an einem Stütztau herab, durch die allmählich verrottenden roten und grünen Segelfetzen hindurch, und blieb einen Moment nach- denklich stehen. Von seinem nun schon liebgeworde- nen Ausguck am Mast hatte er entdeckt, daß es jetzt möglich war, näher an das geheimnisvolle Ding her- anzukommen, das ihn so brennend interessierte. Der Mond hatte zu- und wieder abgenommen, oh-, ne daß sich inzwischen an der Position des Schiffs ei- ne merkliche Veränderung gezeigt hätte. An diesem Morgen allerdings schien es dem jungen Mann, als hätte jener merkwürdige, lockende Glanz erheblich zugenommen. Nun, da er vielleicht noch eine Meile entfernt war, schien es Gwalchmai, als hätte das Ding die Gestalt eines an der Oberfläche schwimmenden Wasservogels mit langem Hals, welcher den Kopf auf die Brust legte, als schliefe er. Gwalchmai stutzte. War es möglich, daß es irgendwo auf der Welt einen Vogel von solch imposanter Größe gab? Ein paar Tage zuvor hatte es endlich geregnet, und wie er nun so dasaß, aß und trank, überlegte er sich, wie er zu dem seltsamen Wesen gelangen konnte. Als sei es ein Wink des Schicksals, hatte sich wäh- rend der Nacht eine schmale Wasserstraße inmitten des dichten Teppichs aus Schlingpflanzen gebildet, obwohl zu dem Zeitpunkt, als er sich zum Schlafen gelegt hatte, noch nicht das geringste Anzeichen für eine derartige Öffnung zu erkennen gewesen war. Diese Gasse lief in einer Entfernung von etwa hun- dert Fuß an seinem Schiff vorbei und wand sich in Schlangenlinien nach Osten – direkt auf den merk- würdigen Vogel zu. Würde es ihm gelingen, sich mit seinem kleinen Schiff zu dieser Gasse vorzuarbeiten? Nun, es kam auf einen Versuch an! Eine innere Stimme sagte ihm, daß dort etwas Schönes und Begehrenswertes auf ihn wartete; doch zugleich mahnte diese Stimme ihn auch, nicht mehr lange zu warten. Nachdem er die Oberfläche etwa eine Stunde beob- achtet hatte, stellte er fest, daß die Gasse sich seit dem frühen Morgengrauen wieder um einiges verengt, hatte. Hätte er genauer hingesehen, dann wäre seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß der Tang an den Rändern der Gasse wie von einer Pflugschar zu einem Haufen aufgeworfen und zerrissen war. Irgend etwas hatte die verfaulte Vegetation von unten nach oben geworfen, so als wäre ein riesiger, mit großer Geschwindigkeit durchs Wasser gleitender Körper mit Gewalt durch das Pflanzengewirr gebrochen und hätte dabei den herausgerissenen Tang nach beiden Seiten zu einem Hügel aufgeworfen. Dies jedoch war seiner Aufmerksamkeit völlig entgangen. Er sah bloß einen Weg, der zum Ziel seiner Wünsche führte – und sonst nichts. Gwalchmai ließ das kleine Beiboot vorsichtig zu Wasser und stieß sich mit kräftigem Schwung von seinem Drachenschiff ab. Auf das Segel verzichtete er, denn es wehte ohnehin kein Wind. Und obwohl er irgendwie sicher war, nicht wieder zum Schiff zu- rückzukehren, nahm er weder Trockenfleisch noch Wasser mit. Für seinen noch immer ein wenig ver- wirrten Geist schien ihm dies nichts Außergewöhnli- ches. Er fühlte sich auf geheimnisvolle Art angezo- gen, und ihm war, als weise ihm eine unsichtbare Macht den Weg – wer oder was diese Macht bedeu- tete, vermochte er nicht zu sagen. Es deuchte ihm, als spräche eine ruhige, besänftigende Stimme zu ihm, ohne wirkliche Worte zu bilden. Diese Stimme führte ihn, erteilte ihm Weisungen und bestimmte alle seine Handlungen. Ohne jeden Widerstand gab er sich die- ser Stimme willenlos hin. Zuerst kam er nur sehr schwer von der Stelle. Der Tang staute sich vor dem Bug des Schiffs und ver- sperrte ihm den Weg. Er mußte häufig anhalten und, das Pflanzengewirr mit dem Ruder unter die Wasser- oberfläche drücken, bevor er weiter konnte. Nach ei- ner halben Stunde mühseliger Schinderei hatte er es endlich geschafft: Der spitze Bug des Beiboots hatte die letzten Hindernisse durchbrochen, und nun schwamm es auf dem freien Wasser der Gasse. Nichts war jetzt leichter, als das Boot durch Rudern oder Wriggen weiterzubewegen. Die Gasse verlief schnurgerade wie ein Kanal und führte geradewegs auf den in der Ferne schimmern- den Riesenschwan zu. Bald war Gwalchmai so nahe heran, daß er sehen konnte: Es handelte sich zwar nicht um ein lebendiges Wesen, jedoch um eine nahe- zu perfekte Nachbildung von Menschenhand. Die Stellung des Kopfes und des Halses blieben unverän- dert. Der Schnabel war ein wenig geöffnet. Darüber befand sich ein Auge. Es war geschlossen. Das Lid wirkte beweglich. Als der junge Aztlaner näher her- ankam, stellte er fest, daß der ihm zugewandte Flügel des Vogels gefiedert war. Die Federn waren aus Me- tall so kunstvoll gegossen und getrieben, daß man sie auf den ersten Blick für echt halten mochte. Sogleich bemerkte Gwalchmai, daß dieser Flügel beschädigt war: Die Spitze fehlte, und der im Wasser hängende Rest, der keinerlei Spuren von Rost aufwies, schien an den Rändern wie angefressen und zerklüftet. Gwalchmai paddelte noch dichter heran. Kein Zweifel – es handelte sich bei diesem merkwürdigen Vogel um ein Schiff! Dennoch war er davon kaum überrascht. Besaß nicht auch das Schiff, das er soeben verlassen hatte, eine Galionsfigur, die ein Fabelwesen darstellte, mit Fangzähnen und einer beweglichen Zunge? Warum sollte es nicht Schiffe geben, die ge-, baut waren wie ein Vogel? Doch wo hatte dieses Schiff seinen Eingang? Gab es überhaupt einen? Vielleicht befand sich an Bord ein einsamer Reisen- der, genau wie er selbst. Er mußte die andere Seite begutachten und es herausfinden! Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, als eine schrille Stimme in seinem Kopf wie eine Alarmglocke ertönte. ›Schau hinter dich!‹ schien sie ihm sagen zu wollen. Er fuhr herum. Und was da blitzschnell auf ihn zuge- schossen kam, hatte auch den Pfad gebahnt, auf dem Gwalchmai herangerudert war: Dreißig Fuß über der Wasseroberfläche ragte drohend ein Kopf, über und über mit Seetang behangen, bedeckt mit einer grün- lich schimmernden Kruste aus Parasiten und Blut- egeln. Augen, größer als ein Menschenkopf, starrten auf ihn herab. Paddelartige Flossen peitschten don- nernd das Wasser, und eine riesige Woge weißer Gischt umspülte den langen Hals des Ungeheuers. Es würde ihn in Sekundenschnelle erreicht haben, und obwohl Gwalchmai den Namen der scheußlichen Be- stie nicht kannte, so wußte er doch – es war der Tod! Ventidius Varros Sohn sprang in seinem schau- kelnden Boot auf und zückte das Kurzschwert. Im selben Moment öffnete sich dicht über ihm ein riesi- ges Maul. Es war noch größer als das des Drachens auf seinem Schiff. Er wagte einen flüchtigen Blick auf die spitze Zunge und sah die scharfen Hauzähne des Monsters aufblitzen. Ein Schwall heißer, stinkender Luft raubte ihm fast die Besinnung. Ein Zischen, lau- ter als ein Schrei, dröhnte ihm in den Ohren. Gwalchmai stieß mit aller Kraft zu. Er fühlte, wie der scharfe Stahl durch eine knorpelartige Masse, drang. Die Wucht des Hiebs war so gewaltig, daß er das Gleichgewicht verlor und in den Bug des Boots zurückfiel. Im selben Augenblick krachte der scheuß- liche, knochige Kopf der Bestie mit Donnergetöse aufs Heck. Wie von einem Katapult geschleudert schoß Gwal- chmai hoch in die Luft, noch immer mit eisernem Griff den Schwertgriff umklammernd. Auf dem Scheitelpunkt seines wahnwitzigen Flugs drehte er sich halb bewußtlos mit dem Kopf nach unten und tauchte mit einem Kopfsprung durch den Teppich aus Seetang, der das goldene Schiff umklammert hielt, ins Meer ein. Tief unten im klaren Wasser blickte er sich kurz um und schwamm – das Schwert fest in der Hand – unter dem Rumpf des goldenen Schiffs hindurch. Er nahm wahr, daß es selbst in jenen Teilen, die unter Wasser lagen, perfekt einem Vogel nachempfunden war. Auch hier war das Metall des Rumpfs mit federartig gravierten Verzierungen bedeckt. Als er erst an ei- nem, dann an einem zweiten herabhängenden Bein entlangschwamm, sah er, daß die breiten Füße des Vogels mit metallischen Membranen ausgestattet wa- ren, die sanft erzitterten, als sein Vorwärtsgleiten das Wasser bewegte. Mit kräftigen Stößen schwamm Gwalchmai an die Oberfläche. Die dichte Matte aus Seetang bot der scharfen Klinge seines Schwerts kaum Widerstand, als er sie mit einem kräftigen Hieb durchtrennte, um mit dem Kopf aufzutauchen und Luft zu schöpfen. Nun befand er sich dicht am anderen Flügel des gol- denen Vogels. Dieser war zwar nicht beschädigt, doch hing auch er herab und stand leicht ab. Die Fur-, chen und Ritzen zwischen den Federn als Halt für seine Finger und Fußspitzen benutzend, klomm Gwalchmai auf den breiten Rücken des Tieres. Ein kurzer Blick verriet ihm, daß das tödliche Ungeheuer wieder untergetaucht war. Eine gewaltige Erschütte- rung unter der Wasseroberfläche brachte den Vogel plötzlich zum Schaukeln und trieb Dutzende von Gasblasen aus dem verfaulenden Tang. Ein langer, schuppiger Schwanz schlug von unten her durchs Wasser der offenen Gasse, und das Boot hüpfte wie ein Kork auf und ab. Im selben Moment tauchte dicht neben Gwal- chmais Boot der widerwärtige Kopf des Monsters er- neut auf. Das gewaltige Maul öffnete sich sperran- gelweit, schnappte nach dem Boot, schüttelte es hin und her, zermalmte es und spie die Splitter zurück ins Wasser. Gwalchmai lag auf dem sonnenerhitzten, metalle- nen Rücken des Vogels, den Körper flach auf den Bo- den gepreßt. Die gesamte Oberfläche des Schiffs war mit einer dünnen Schicht getrockneten Salzstaubs überpudert. Als er vorsichtig den Kopf hob und nach der Bestie spähte, entdeckte er, daß aus einer Seite des Kopfs schleimige Tränen quollen. Auf der Seite war die Bestie also blind! Mit einem einzigen wüten- den Streich schlug Gwalchmai ihm die Hornhaut des Auges weg. Erneut tauchte der lange Hals des Scheusals hoch aus dem aufgewühlten Wasser auf und wand sich nach allen Seiten, um seinen Gegner ins Blickfeld zu bekommen. Gwalchmai wußte, daß es ihn gesehen hatte, und sprang auf die Füße. Er pochte mit der Spitze seines Schwerts auf den Rücken des Vogels., Das Metall hallte sanft wider. »Komm! Hilf mir!« schrie er und schwang verzwei- felt die Klinge über seinem Kopf, um zu einem letz- ten, mächtigen Streich auszuholen. Doch was war das? Gwalchmai spürte ein leises Vibrieren durch seine Mokassins, dann ein Kribbeln, das durch seinen ganzen Körper lief. Ein Schauer rann durch den Leib des Schiffs – falls dies überhaupt ein Schiff war! Er spürte unter seinen Füßen eine Bewegung, als spannten sich Muskeln. Die eingetauchten Flügel ho- ben sich halb und kamen an die Wasseroberfläche. Der lange wunderschön geformte Schwanenhals reckte sich und legte sich zurück. Die Augen des Vo- gels öffneten sich. Gleißendes weißes Licht flutete durch die kristallenen Pupillen nach draußen, und der Vogel starrte das heranschnellende Ungeheuer an, als sei er fürwahr ein lebendiges Wesen. Und dann, im gleichen Moment, als der junge Mann spürte, wie ihm angesichts der drohend auf- blitzenden Reißzähne des Todes-Monsters der Schweiß ausbrach und er seine letzte Sekunde ge- kommen glaubte, öffnete sich der Schnabel des Vo- gels noch weiter, und heraus zischte ein Bündel oh- renbetäubend prasselnder Flammen, gefolgt von ei- nem solchen Donnerschlag, daß Gwalchmais Trom- melfelle zu platzen drohten. Der gewaltige Knall er- schreckte ihn so, daß er zu Boden fiel. Der Kopf der Bestie schoß wie von einem Katapult geschleudert zurück. Verkohlte Fleischfetzen hingen vom Halsstummel herab, aus dem in einer hohen Fontäne Blut schoß. Nur noch von seinem Kleinhirn an der Basis des Rückgrats geführt, peitschte das Re-, likt aus grauer Vorzeit, Sturzseen aus Tang und Was- ser aufwirbelnd, durch die Fluten, rammte, blind, wie es war, mit ungeheurer Wucht das verlassene Dra- chenschiff und versank zwischen den Trümmern. Als Gwalchmai, vom Aufprall auf dem Rücken des Vogels ohnmächtig geworden, wieder zu Bewußtsein kam, stand die Sonne schon sehr tief. Er stellte fest, daß er noch an derselben Stelle lag, wo er mit dem Kopf aufgeschlagen war. Seine Finger hielten wie immer das Heft des Schwerts umklammert. Er erhob sich unsicher und ließ den Blick schweifen. Die See war vollkommen ruhig. Der Tangteppich hatte sich wieder geschlossen, und von einer Gasse freien Was- sers war keine Spur mehr zu entdecken. Nicht ein auf dem Wasser treibendes Trümmerstück deutete darauf hin, daß vor nicht allzu langer Zeit hier ein Schiff ge- legen hatte. Die Gefiederte Schlange war spurlos ver- schwunden. Als nächstes richtete Gwalchmai sein Augenmerk darauf, einen Eingang zu dem merkwürdigen Gefährt zu finden, das ihn trug. Er suchte eine ganze Weile sorgfältig die Oberfläche ab, doch blieb er erfolglos. Kurz vor der Dämmerung – er hatte sich schon damit abgefunden, die Nacht auf dem Rücken des Vogels verbringen zu müssen – entdeckte er durch Zufall einen haarfeinen, rechtwinklig verlaufenden Spalt direkt hinter dem Hals und zwischen den Schultern des Vogels. War dies der Zugang zu dem geheimnisvollen Innern des Tiers? Doch diese Er- kenntnis nutzte ihm wenig, denn er wußte noch im- mer nicht, wie man diese Tür – falls es eine war – öff- nete. Er versuchte, die Spitze seines Schwerts in den Spalt zu zwängen, um ihn zu erweitern. Obwohl das, Metall dem Druck nachgab, gelang es ihm nicht, den Riß auch nur einen Fingerbreit zu vergrößern – ge- schweige denn, den Einstieg zu finden. Als schließlich die Dunkelheit hereinbrach, gab Gwalchmai den fruchtlosen Versuch auf und legte sich zum Schlafen auf jene fremdartige Metalloberflä- che, welche zwar nicht zu beschädigen war, sich je- doch unter seinem Körper ganz weich anfühlte. Sie schien geschmeidig und warm, als wäre sie von selt- samer Lebendigkeit erfüllt. Der junge Mann wurde die Ahnung nicht los, der große Vogel hätte ihn wahrgenommen, fühlte Mitleid mit ihm und wollte ihn während der Nachtstunden behüten und schüt- zen. Auch wenn Merlins Zaubertrank ihn vor dem Tod bewahrt hatte, so schaltete er doch nicht für immer seine leiblichen Bedürfnisse aus. Hunger und Durst begleiteten ihn beim Einschlafen und waren sofort gegenwärtig, als er unter einer strahlenden Morgen- sonne aufwachte. Sogleich begann er erneut, die mutmaßliche Tür zu bearbeiten, doch blieb ihm auch diesmal der Erfolg versagt. Gegen Mittag war er mit seinen Kräften nahezu am Ende. Das rotgolden schimmernde Metall, das sich in der Nacht so warm angefühlt und ihm als bequemes Ru- helager gedient hatte, wurde unter der gleißenden Tropensonne zu einem schier unerträglich heißen Bratrost. Auf dem Drachenschiff hatte zwar auch glühende Hitze geherrscht, und wenn er während der Mittagsstunden träge auf seiner Koje gelegen hatte, war ihm Pech aus den Fugen der Deckenbalken auf den Körper getropft, und die Luft war so heiß und stickig gewesen, daß er kaum atmen konnte. Doch, hatte es wenigstens Schatten gegeben – und Wasser, womit er seinen brennenden Durst löschen konnte. Hier jedoch war weder Schatten noch Wasser, und er litt Höllenqualen. Gwalchmai hatte das Gefühl, als stocke unter sei- ner Schädeldecke allmählich sein Gehirn. Sein Hals war so trocken, daß er kaum noch schlucken konnte. Zweimal verschaffte er sich kurzfristige Kühlung, in- dem er im lauwarmen Salzwasser des Meeres badete, doch beim drittenmal war er so geschwächt, daß er es um ein Haar nicht mehr schaffte, auf die breite Schwinge des Vogels zurückzuklettern. So wagte er es nicht, einen vierten Versuch zu unternehmen. Schließlich, als seine Hoffnung auf ihren Tiefpunkt gesunken war, krächzte er verzweifelt: »Aufmachen! Aufmachen!« – und hielt verblüfft inne. Vor seinen Augen hob sich die Tür, die allen seinen Anstrengun- gen getrotzt hatte, lautlos und wie von Geisterhand bewegt. Eine kurze Treppe führte nach unten in einen kühlen, halbdunklen Raum, aus dem ihm das freundlich murmelnde Plätschern von Wasser entge- genklang. Keine Menschenseele auf der Treppe und nirgendwo eine Spur dessen, der die Tür geöffnet hatte! Ohne zu zögern stieg Gwalchmai hinunter, und als er gerade seinen Fuß von der untersten Stufe nahm, schloß sich die Tür oben genauso lautlos, wie sie auf- gegangen war.,

Das Standbild in der Nische

Gwalchmai war, als tauche er unter die Oberfläche eines stillen, klaren Teiches. Durch die transparenten Wände des Schiffs drang von außen Sonnenlicht her- ein. Es strahlte in Verbindung mit dem Material, durch das es noch goldener schien als sonst. Das Licht, das sich an der von innen deutlich erkennbaren Wasserlinie spiegelte, schimmerte bernstein- und ja- defarben und ging in leichten Abstufungen in dunk- les Aquamarin über, je tiefer das Wasser wurde. Der Boden des Schiffs war schachbrettartig mit weißen und schwarzen Quadraten ausgelegt. Es herrschte völlige Stille. Dies sollte sich jedoch ändern, sobald er sich aufmachte, die Herkunft des Plät- scherns zu erkunden, das er schon auf der Treppe ge- hört hatte. Kaum hatte er den ersten Schritt getan, als ein sü- ßer Klang wie Elfenglöckchen in Akkorden und piz- zicatoartigen Läufen von ebenmäßiger Harmonie den Raum erfüllte. Verblüfft hielt er inne; sofort ver- stummte auch die wunderbare Musik. Offenbar be- stand also ein Zusammenhang zwischen seinen Kör- perbewegungen und diesen zauberhaften Klängen. Als er zu Boden blickte, sah er, daß er gerade auf ei- nem weißen Quadrat stand. Er trat vorsichtig mit der Fußspitze auf das nächst- liegende schwarze Quadrat. Ein kaum hörbares, silb- rig plätscherndes Trillern war die Antwort. Es wurde sofort lauter, als er sich mit seinem vollen Gewicht, hinstellte. Nun trat er beiseite und stand auf einem el- fenbeinfarbenen Block. Es folgte Stille. Das also war des Rätsels Lösung! Sein Körper straffte sich, und er schritt kühn weiter in die Richtung, aus der das Ge- räusch des murmelnden Wassers gekommen war. Mit jedem Schritt löste er neue, vollkommene Harmonien aus. Unter den Klängen von Harfen und Hackbrettern ging er weiter. Als nächstes zogen wunderschöne Szenen und Fernsichten an den Wän- den seine Aufmerksamkeit an. Es waren jedoch we- der Malereien noch Zeichnungen. Die Darstellungen waren wie winzige magische Fenster, durch die er auf lebensechte Miniaturstädte aus Marmor blickte, be- völkert von schönen, kräftigen Männern und liebli- chen Frauen. Sie sahen so täuschend echt aus, daß er unwillkürlich den Atem anhielt, aus Angst, er würde die Figuren umblasen. Als er weiterschritt, erhob sich der süße Klang von Geigen und Bratschen, untermalt durch das perlende Glissando von Holzblasinstrumenten. Diese Wohl- laute vermischten sich mit dem seufzenden Murmeln von Wellen, als er vor einem Fenster mit einer Ha- fenszene stehenblieb. Große Schiffe – ähnlich jenem, das er gerade erforschte – stemmten sich gegen die Wogen oder lagen fest vertäut an einer langen Kai- mauer, wo Scharen dunkelhäutiger Sklaven gerade dabei waren, Ladungen zu löschen. Über den Himmel zogen andere Schwanenschiffe: Offenbar waren diese Gefährte in den Wolken genau- so zu Hause wie auf den Ozeanen. Eines war gerade dabei, am flaschenförmigen Hafeneingang zu landen. Seine Flügel hatte es leicht ausgebreitet, und die gro- ßen, mit Schwimmhäuten versehenen Füße waren, wie bei einer Möwe weit vorgestreckt, um den Auf- prall auf dem Wasser zu mildern. Gwalchmai ging weiter. Trompetengeschmetter er- klang, und unheilvoll grollende Trommeln erhoben drohend ihre Stimmen, als er an einer Kriegsszene vorbeikam. Vom Himmel herab schossen Schwanen- schiffe ihre Flammenbündel, die sich mit gezackten Blitzen kreuzten, welche von unten aus der am Boden kauernden Stadt in den Himmel zuckten. Mit ver- schmorten Flügeln fielen die Kriegsschiffe trudelnd vom Himmel und verschwanden in gewaltigen Wol- ken aus Feuer und Rauch, die von den in Schutt und Asche gelegten Mauern und Türmen der Stadt auf- stiegen. Gwalchmai wandte den Blick ab. Es war letztend- lich nur ein Bild, ein Zaubertrick. Durst trieb ihn weiter. Am Ende des langen Raums befanden sich Öffnungen zu zwei Gängen, die in verschiedene Richtungen führten. Er trat auf ein weißes Quadrat und blieb stehen, für einen Augenblick unentschlos- sen, welchen der beiden Wege er nehmen sollte. Während er noch verharrte, verstummte die Musik. Der Gang zu seiner Linken machte eine scharfe Biegung, so als führe er entlang der Außenmauer des Raums, in dem er sich befand – wieder zurück in die- selbe Richtung, aus der er gekommen war. Boden und Wände des Gangs, einst wohl einmal weiß, hat- ten die Farbe alten Elfenbeins angenommen. Dicke Staubschichten bedeckten alles. Der andere Gang verlief geradeaus zum Hals und Kopf des giganti- schen Wasservogels, doch konnte Gwalchmai sein Ende nicht absehen, da sich sein Blick in pechschwar- zer Dunkelheit verlor., Wände und Decke dieses Gangs waren ebenfalls mit der Zeit nachgedunkelt, und der Boden, einst wohl glänzend wie poliertes Ebenholz, war von einer dicken Staubschicht verunziert. Offensichtlich war er seit vielen Jahren weder benutzt noch gereinigt wor- den. Doch als Gwalchmai genauer hinschaute, er- blickte er mit einem Mal ein untrügliches Anzeichen dafür, daß sich irgendwo im Innern des Schiffs Leben befand! Der Boden des Gangs wies nämlich eindeutig Fußspuren auf. Die Fußspuren eines Menschen. Sie waren ganz klein, noch ziemlich frisch und führten in beide Richtungen. Er beugte sich hinab und studierte sie eingehend. Seine große Erfahrung im Fährtenlesen kam ihm dabei sehr zustatten. Die Spuren stammten von nackten, zierlich geformten Füßen, und derjeni- ge, der sie hinterlassen hatte, war in großer Eile ge- wesen. Von den Spuren, die aus dem Gang heraus- führten, waren lediglich die Abdrücke der Zehen klar und deutlich zu erkennen. Nur an wenigen Stellen hatte die Ferse einen schwachen, verschwommenen Abdruck in der Staubschicht hinterlassen. Teilweise darüber lagen die deutlich erkennbaren Umrisse des ganzen Fußes. Sie mußten entstanden sein, als die Person den Gang wieder zurückgegangen war. Beide – sowohl die herauskommenden als auch die hinein- führenden Spuren – waren doppelt vorhanden. Sie stammten unzweifelhaft von denselben Füßen. Je- mand mußte also zweimal ziemlich schnell aus dem Gang herausgerannt und auf dem Rückweg in nor- malem Tempo wieder hineingegangen sein. Ob der es war, welcher ihm die Tür geöffnet hatte? Gwalchmai zögerte nur ein paar Sekunden, obwohl er das unbestimmte Gefühl hatte, als lauere tief in, dem finsteren Gang eine drohende Gefahr – wie ein Raubtier, das lautlos, zum Sprung geduckt, neben dem Pfad kauert, durch den sein Jäger kommen muß. Gwalchmais Züge spannten sich zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln – eine kleine, nervöse Ei- genart von ihm, die schon manch einer fürchten ge- lernt hatte. Lautlos ließ er sein Schwert aus der Scheide gleiten. Er wollte kein Risiko eingehen. Besser, er wußte bald, mit wem er es zu tun hatte. Dann konnte er ihn ent- weder kampfunfähig machen oder erfahren, auf wel- che Weise es sich friedlich mit ihm zusammenleben ließ. Kurz entschlossen betrat er den Gang. Sofort hatte er das Gefühl, als setze das in der Dunkelheit kauernde Wesen zum Sprung an. Ohrenbetäubender Trommelwirbel prallte ihm ent- gegen, begleitet von einem gellenden Trompeten- schrei als Kontrapunkt. Der Höllenlärm verschluckte sofort das Geräusch der Quelle, der seine Suche galt. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er mit dem Fuß gegen eine Rampe stieß. Er tastete sich be- hutsam in der drohenden Dunkelheit vor und stieg hinauf. Als er vorsichtig ein Stück weiter durch den engen Korridor gegangen war, schlich sich ein seltsam dro- hend klingender Ton in die Musik. Ein schriller Miß- klang legte sich über die Harmonien der Trompeten, wurde lauter und steigerte sich zu einem deutlich vernehmbaren Brüllen, so als wollte es ihn davor warnen, weiterzugehen. Lag etwas Verbotenes am Ende des Korridors? Erneut überkam ihn das unerklärliche Gefühl, die- ses riesige Schwanenschiff sei mehr als eine Maschine, aus Metall. Stellte es am Ende doch ein lebendiges Wesen dar, und war diese seltsame Musik seine Stimme? Sollte es sein, daß es mit Harmonien seine Zustimmung und mit schrillen Disharmonien seine Mißbilligung und seinen Zorn ausdrückte? Er fühlte sich wie vom Schlund des Tiers aufge- saugt. Doch dann preßte er entschlossen die Lippen zusammen und ging unsicheren Schrittes weiter, wo- bei er sich mit der Spitze seines Schwerts durch die fast greifbar scheinende Finsternis vorantastete. Der Lärm wurde, je tiefer er vordrang, immer unerträgli- cher. Ein Inferno aus donnernden Kesselpauken und grell mißtönenden, schlangenförmig sich windenden Trompeten- und Posaunentönen schlug ihm so heftig entgegen, daß es ihm in den Ohren schmerzte. Aber entschlossen drang er weiter vor, immer tiefer hinein in das höllische Getöse, das ihn mit seinen schrillen Kakophonien jetzt von allen Seiten zu überfallen schien. Selbst seine Schädelknochen vibrierten und summten in schmerzhaften Vibrationen, die bald auch seinen ganzen Körper erfaßten. Weiter! Die Schläfen pochten, sein ganzer Schädel schien mit prasselndem Feuer gefüllt zu sein – bis er plötzlich in einem Raum stand, der kleiner war als der erste. Grünes Licht durchflutete ihn, ruhig und friedvoll. Der Lichtschein blendete ihn, und die Stille, die ihn empfing, traf ihn wie ein Keulenschlag. Er hatte das Gefühl, als ginge auch von dieser Stille etwas Ge- heimnisvolles, Drohendes aus. Instinktiv spürte er, daß er etwas Verbotenes getan hatte, eingedrungen war, wo er nicht hätte sein dürfen, daß dieser Raum ein Refugium war, von dem ihn die drohend grelle Stimme des Schiffs hatte fernhalten wollen. Zwar war, der Lärm schlagartig verstummt, doch nun wurde er von dem Gefühl erfaßt, sich einen unerbittlichen Feind geschaffen zu haben. Eine merkwürdig ge- spannte Atmosphäre lag über dem Ort, ihm war, als sei die Luft von einem Gefühl des Hasses geschwän- gert, eine Ahnung, die ihn nicht mehr loslassen wür- de, solange er sich an Bord dieses Schiffs befand. In jedem Winkel lauerte der unsichtbare Feind, dieser ›Genius loci‹, den er herausgefordert hatte und der nun geduldig abwartete, bis seine Stunde gekommen war. Gwalchmai verzichtete darauf, diesen Gedanken weiter auszuspinnen. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Sofort sah er den Springbrunnen, dessen munteres Plätschern ihn überhaupt erst her- gelockt hatte. Er lief darauf zu und tauchte seinen schmerzenden Kopf tief in das klare, milde Wasser des Beckens. Es war wunderbar frisch, und die Ver- suchung, ganz hineinzusteigen, unendlich groß. Der junge Aztlaner mußte seinen ganzen Willen zusam- mennehmen, sich zu beherrschen und der Verlok- kung zu widerstehen. Erst in diesem Augenblick sah er das Mädchen, welches ihn beobachtete. Es stand auf einem kleinen Podest in einer Nische der gegenüberliegenden Wand, die ansonsten bar jeglichen Zierats war. Die junge Frau schien vollkommen nackt; und in der Tat – es bedurfte keines Kleides, die Schönheit und Gra- zie ihres Körpers herauszustellen. Ihre vollkomme- nen, doch ausdruckslosen Gesichtszüge ließen kei- nerlei Verlegenheit oder Scham ob ihrer Blöße erken- nen. Sie hielt beide Hände leicht ausgestreckt, als wolle sie ihn auffordern, näher zu treten., Sekundenlang starrte Gwalchmai das gleichgültige Gesicht der Frau an. Beide schwiegen. Das einzige Geräusch, die Stille durchbrechend, war das Plät- schern des Springbrunnens. Sonnenlicht, welches durch die transparente, sma- ragdgrüne Decke des Raums hereinflutete und auf den rosafarbenen Boden fiel, tauchte ihren schönen Körper in solch herrliches Licht, daß er aussah wie eine köstliche Perle in ihrer perlmuttfarbenen Mu- schel. Die Zeit schien stillzustehen. Schließlich erhob sich Gwalchmai, ging zögernden Schritts am Rand des Beckens entlang und durch- querte langsam den Raum, ohne darauf zu achten, wohin er trat. Verzaubert starrte er nur noch auf die wunderschöne Frau. Plötzlich knirschte und splitterte etwas unter seinen Mokassins. Er schaute zu Boden. Was er sah, konnte ihn kaum noch überraschen, wirkte doch alles auf diesem Schiff seltsam und fremd: Er war in einen Haufen Menschenknochen getreten. Er stieg vorsichtig darüber hinweg und stellte sich direkt vor das Mädchen. Es bewegte sich nicht und zeigte keinerlei Furcht vor dem Fremdling, der da so unversehens in sein einsames Heim ge- drungen war. Ziemlich ängstlich für einen, der sich so tapfer dem Seeungeheuer entgegengestellt hatte, legte der junge Mann die Hand auf die Schulter des Mädchens – und zog sie mit einem kurzen Auflachen der Enttäu- schung wieder zurück. Dieses Ding da war kein Mensch – nichts, das ihm in der Einsamkeit Gefährte sein konnte! Es war nichts weiter als ein Standbild, geformt aus dem gleichen seltsamen Material, woraus auch das, Schiff bestand. Es hatte die gleiche rötliche Farbe wie seine eigene Haut, war warm, fester als Bronze oder Stahl, aber es fühlte sich dennoch fast weicher an als das Fleisch eines Menschen. War es vielleicht doch auf irgendeine Art lebendig? Er war sich nicht sicher. Erneut streckte er die Hand aus und berührte das Mädchen an der Schulter, am Hals und an der Brust. Sein Haar war ganz leicht, wie Menschenhaar, und es bewegte sich, als er dage- genblies. Ihr Fleisch gab dem Druck seiner Finger- spitze nach, aber das tat auch die Wand dahinter! Kein Zweifel – das Mädchen bestand aus Metall! Ei- nem fremdartigen Metall, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte, aber er war überzeugt: das Mädchen konnte kein Wesen aus Fleisch und Blut sein. Noch einen Versuch jedoch wollte er unternehmen, auch wenn er wußte, daß er einer Entweihung gleichkam. Er setzte sein Schwert, das er noch immer in der Hand hielt, gegen die Brust der jungen Frau und zog es mit leichtem Druck am Körper entlang bis zum Oberschenkel. Als sie weder einen Laut von sich gab noch ihre Stellung änderte, setzte er die Waffe an die sanft geschwungene Hüfte und drehte sie mit ei- nem kräftigen Ruck herum. Keine Reaktion. Er beugte sich vor und betrachtete die Stelle, die er mit der Klinge berührt hatte. Nicht der geringste Kratzer oder Abdruck verunstaltete die diamantenharte Oberfläche des Körpers. Nun be- durfte es keines weiteren Beweises mehr: die Frau be- stand eindeutig aus Metall! Sie war ein Standbild, weiter nichts! Mit einem Gefühl tiefer Enttäuschung und Ein- samkeit wandte Gwalchmai sich von dem quälenden, Geheimnis ab und machte sich daran, die Knochen, auf die er getreten war, näher zu untersuchen. Viel- leicht konnte er aus ihnen etwas über das unheimli- che Schiff erfahren. Sie waren völlig ausgetrocknet und grau, und als er sie berührte, zerfielen sie zu Staub. Ohne Zweifel waren sie uralt. Eines der Skelette stammte ganz offenbar von einer Frau; es war mit einer kostbaren Halskette verziert. Die anderen Knochen gehörten zu einem Mann. Ein kurzer Dolch lag dicht neben einer Hüfte, und neben der anderen befand sich ein kleiner trichterförmiger Gegenstand. Von einem Gürtel, an dem die beiden Geräte einst hingen, war allerdings nichts zu entdek- ken. Auch Hinweise auf Kleidung fand Gwalchmai nirgends. Möglicherweise waren diese längst zu Staub zerfallen. Das Metall jedoch wies keinerlei Spu- ren von Rost oder Zerfall auf. Gwalchmai hob den merkwürdigen Trichter auf und betrachtete ihn neugierig. Ob er eine Waffe dar- stellte? Für eine Keule war das Ding zu leicht. Viel- leicht eine Art Katapult? Aber auch das dünkte ihm unwahrscheinlich, denn die Öffnung war mit einem dicken abgerundeten Stück Kristall verschlossen. Da konnte mit Sicherheit kein Geschoß herauskommen! Er seufzte. Das Leben war mit einem Mal voller Rät- sel! Plötzlich fiel ihm auf, daß die Beine des Mannes zwischen Knie und Knöchel gebrochen waren. Da er nicht genau wußte, daß er diese Stelle nicht berührt hatte, beugte er sich hinunter, um sich die Bruchstel- len näher anzuschauen. Hierbei glitt sein Zeigefinger unversehens in eine Öse am Griff des Gegenstands, den er aufgehoben hatte, und zog ihn unwillkürlich zurück., Ein greller Blitz zuckte auf und blendete ihn. Die Waffe – denn ganz unzweifelhaft handelte es sich um eine solche – glitt ihm aus der Hand und fiel polternd zu Boden. Durch die Erschütterung wirbelten dichte Staubwolken auf. Als sie sich wieder gesetzt hatten und Gwalchmai klar sehen konnte, stellte er fest, daß nicht nur die beiden Skelette, sondern auch die goldene Halskette und die Dolchscheide sich in Luft aufgelöst hatten. Die Klinge hingegen, die aus demselben geheimnis- vollen schimmernden Metall bestand wie das Schiff und die Frau, war völlig unversehrt geblieben. Auch der Boden, auf dem sie lag, schien unbeschädigt – ab- gesehen von einigen schwarzen Flecken, die sich je- doch bei näherem Hinsehen lediglich als eine Schicht verkohlter Asche entpuppten, welche von den Ske- letten herrührte. Respektvoll begutachtete er das unheimliche, of- fensichtlich todbringende Ding, das er da in der Hand hielt. Eine ähnliche Waffe, nur viel größer, hatte ja das Seeungeheuer vernichtet! Und wenn die- se kleine Waffe hier eines Menschen bedurfte, um losgehen zu können, dann mußte das bei der ande- ren, größeren Waffe ebenfalls der Fall sein. Jemand hatte sie also absichtlich abgefeuert – um ihm, Gwal- chmai, das Leben zu retten! Wer aber war dieser Je- mand? Die Frage vermochte er zumindest im Augenblick noch nicht zu beantworten. Aber er entschloß sich, das ganze Schiff sorgfältig zu durchsuchen. Irgendwo mußte sein unbekannter Wohltäter stecken, der sich so scheu dem ihm gebührenden Dank entzog! Nachdem drei Tage vergangen waren, suchte, Gwalchmai noch immer, aber er hatte kaum noch Hoffnung, etwas zu finden. Während dieser Zeit durchstöberte er buchstäblich jeden staubigen Winkel des Schiffs, von der Kombü- se, die sich im Schwanz des Vogels befand, bis zu der kleinen Kammer hinter den großen, starren Glotzau- gen, deren Lider noch immer geöffnet waren, so wie er sie zuletzt von draußen gesehen hatte. Als er durch eines dieser Augen nach draußen blickte, fiel ihm der noch immer halb geöffnete Schnabel des Vogels ins Auge. Er zog an einem Hebel, der an einem riesigen Ebenbild der kleinen Trichterwaffe befestigt war, die jetzt seinen Gürtel zierte. Der gewaltige Blitz fuhr mit mörderischer Wucht ins Meer und verwandelte die Schlingpflanzen in weitem Umkreis für kurze Zeit in ein prasselndes Flammenmeer. Er wußte nun, wie diese Waffe funktionierte und welch verheerende Wirkung sie hatte. Aber wo steckte der unsichtbare Schütze – sein Retter? Er be- fand sich weder im Hals des Vogels, der wieder im Raum mit dem Springbrunnen mündete, noch in dem großen langgestreckten Saal, den er zuerst betreten hatte. Gwalchmai entschloß sich, es in dem anderen der beiden Korridore zu versuchen, der außen um den besagten Saal herumführte und irgendwo weiter unten endete. Die Räume am Ende dieses Gangs waren dunkler als die anderen, in denen er vorher gewesen war, ob- wohl auch sie von dem seltsam strahlenden Licht er- füllt waren, das allen Wänden des Schiffs innewohn- te. Vorn, in der Brust des Vogels, lag ein großer Lade- raum, vollgepfropft mit Kisten aus einem flexiblen, papierdünnen Metall, das sich nicht zerreißen ließ, und selbst der Klinge seines Schwerts erfolgreich wi- derstand. Die Kisten ließen sich jedoch leicht öffnen, wenn er an einer dünnen Litze zog, die sich (wie er schnell herausfand) jeweils an der oberen rechten Ek- ke befand. Als er sie öffnete, strömte mit einem leisen Zischen Luft ins Innere, woraus er zu Recht schloß, daß sie hermetisch versiegelt waren. Diese Vorratskammern bedeuteten seine Rettung: In einigen Kisten fand er getrocknete Früchte, andere enthielten einen dicken, fleischartigen Teig, der ihn ein wenig an Pemmikan erinnerte. Er war äußerst schmackhaft und sättigend. Was immer die Masse auch enthielt – er brauchte nur etwas Wasser hinzu- zufügen, und schon quoll sie zu einer köstlichen Mahlzeit auf. Während der drei Tage hatte er gelernt, die Symbole, welche zwei verschiedene Arten von Nahrung bezeichneten, auf den Kisten zu unterschei- den, so daß er immer zwischen zwei Sorten von Spei- sen wählen konnte. Und obwohl er sicher war, bei sorgfältiger Suche weitere Nahrungsmittel zutage zu fördern, reichten ihm diese beiden Gerichte einst- weilen völlig, um seinen Nahrungsbedarf auf ange- nehme Weise zu decken. In der Kombüse stieß er durch Zufall sogar auf eine Art Herd, auf dem er seine Speisen erwärmen konnte. Als er sich gegen die Wand lehnte, betätigte er, ohne es zu wollen, eine Art Knauf, der aus der Wand her- ausragte. Sofort glühte ein aus metallenen Spulen be- stehender Rost auf, der sich in einem kleinen aus der Wand ragenden Metallkasten befand. Auf diesem wundersamen Herd kochte er sich in ungewöhnlich geformten Töpfen seine Speisen, welche er dann mit den Fingern und seinem Messer von Tellern ver-, zehrte, wie er sie ebenfalls noch nie zuvor gesehen hatte. Sein Trinkwasser bezog er aus Rohren in der Wand, die, wie er vermutete, aus einem Becken ge- speist wurden, das auf dem Boden des über ihm lie- genden Raums stand. Er erinnerte sich daran, daß der kleine Springbrunnen beständig in Betrieb war, ohne jemals das Fangbecken zum Überlaufen zu bringen. Mittschiffs, unterhalb der Wasserlinie, befanden sich Maschinen, die Gwalchmai mit ehrfürchtigem Erstaunen erfüllten und ihn zugleich in ihrer unüber- schaubaren Vielfalt verwirrten. Er vermutete, daß sie die Aufgabe hatten, das Schiff im Wasser vorwärts- zutreiben, denn nachdem er sie eine Weile neugierig untersucht hatte, fand er heraus, daß von ihnen dicke Stangen und Hebel ausgingen, die direkt mit den Beinen des Schwans verbunden waren. Hatte er zu- erst nur vage vermutet, das Schiff sei – bevor eine der Schwingen draußen beschädigt worden war – auf dieselbe Weise durch die Luft geflogen wie jene Schif- fe, die er auf den Wandbildern gesehen hatte, so wurde diese Vermutung bald zur Gewißheit: Eine Reihe exzentrisch geformter Stangen, die von den Maschinen zu den Schultern führten, an denen die Flugschwingen befestigt waren, bestätigten die Rich- tigkeit dieser Theorie. Trotz dieser Erkenntnis blieb das Ganze ihm zunächst ein Rätsel, da er sich nicht im geringsten vorstellen konnte, was das für eine ge- heimnisvolle Kraft sein mochte, die das Schiff antrieb. Dieser Maschinenraum war eine wahrhaftige Gru- selkammer. Er war erfüllt von einem ständigen Sur- ren und Brummen, das sich bisweilen zu einem dro- henden Knurren steigerte, welches von irgendwo tief, aus dem Gewirr von Rädern, Hebeln und Kammrä- dern aufzusteigen schien. Jedesmal, wenn dies der Fall war, wurde Merlins Ring, der nach wie vor an seinem Finger steckte, ganz heiß. Gwalchmai wußte nicht, wodurch dies verursacht wurde. Aber er spürte instinktiv, daß es eine Warnung vor irgendeiner Ge- fahr war, und er fühlte sich bedroht. Manchmal sprangen große blaue Funken ohne erkennbare Ursa- che von Metall zu Metall und zerrten mit ihrem scharfen Knistern an seinen ohnehin schon gereizten Nerven, als er auf leisen Sohlen vorsichtig in dem Raum umherschlich. Durch den transparenten Boden unter seinen Füßen sah er, wie kleine Fische unter dem Vogel herumschwammen und neugierig mit den Mäulern gegen die Außenhaut stießen. Er wagte nicht, irgendeinen der Hebel zu betätigen, obwohl ihn seine brennende Neugier dazu trieb, jeden Win- kel des Raums zu durchstöbern. Er hoffte immer noch, ein lebendes Wesen zu entdecken. Doch blieb auch hier seine Suche erfolglos. Dennoch war er sicher: es mußte irgendwo auf dem Schiff Leben geben. Er konnte es fast körperlich spüren. Es lag wie eine eigenartige Schwingung in der Luft; es brachte seine Haut zum Prickeln, ließ sei- ne Kopfhaut brennen und jucken, seine Haare zu Berge stehen und seine Füße kribbeln – aber irgend- wie war es eine andere Art von Leben als das, womit er vertraut war. Es lag nichts Menschliches in der kalten Grausam- keit, die ihn ständig von allen Seiten zu beobachten schien. Nicht, daß sie ihn einschüchterte oder ihm Angst machte; sein Mut war nach wie vor ungebro- chen. Es war nur dieses ständige Gefühl von Unbe-, hagen, das ihn nicht losließ. Hier unten im Maschi- nenraum, dieser geheimnisvollen Stätte unkontrol- lierbarer Macht, war es besonders stark. Gwalchmai zweifelte nun nicht mehr daran, daß alles, was auch nur im entferntesten an menschliche Gefühle erin- nerte, ein Teil dieses fürchterlichen Hasses war, der schwer auf ihm lastete und den er spürte wie eine zweite Haut. Am Abend des dritten Tages – er war inzwischen fest davon überzeugt, daß weiteres Suchen nutzlos war – saß er wieder in dem Raum mit dem Spring- brunnen. Geistesabwesend spielte er mit den Händen im Wasser und betrachtete das schöne Standbild. Das grüne Licht, das mit der sinkenden Sonne immer blasser wurde, gab dem Raum etwas Friedliches. Die Farbe Grün hat etwas Beruhigendes, Heilendes an sich. Grün ist die Farbe alles Lebendigen, das Blut von Mutter Erde, und sie wirkt auf den Menschen wohltuend. In diesem Raum – und nur in diesem – hatte Gwalchmai das Gefühl, willkommen zu sein. Die Einsamkeit, unter der er litt, bedrückte ihn. Manchmal glaubte er, sie nicht mehr lange ertragen zu können. Plötzlich hatte er das Gefühl, als bräche ein Damm in ihm, und die Erinnerung kam mit der Urgewalt einer Flutwelle zu ihm zurück: Aztlan – sein Vater und seine Mutter – seine Mission und der Schwur, den er abgelegt hatte, den Auftrag zu erfül- len – die Gesichter seiner toten Kameraden, die ihm nahegestanden hatten wie leibliche Brüder ... all dies und vieles andere kam ihm mit einem Schlag wieder zu Bewußtsein, als er so versonnen in das weiche, grüne Licht schaute. Voller Verzweiflung vergrub er das Gesicht in den Händen, und ein tiefer Seufzer, entrang sich seiner Brust, als er sich die Hoffnungslo- sigkeit seiner Lage vor Augen führte. Er war verloren, Gefangener auf einem geheimnis- vollen Schiff, das fest in einem Meer aus Schling- pflanzen eingeschlossen hing! Er war allein und hilf- los, völlig außerstande, seine Botschaft zu überbrin- gen. Und der einzige Gefährte, den er besaß, war die- se blinde Frau aus Metall, lieblich wie der Traum ei- nes Engels, doch ohne Stimme, ohne Gefühl, ohne Seele. Auch die Stille drückte schwer auf sein Gemüt. Kein Vogel zwitscherte hier sein Lied, kein Fisch konn- te durch den Teppich aus Schlingpflanzen aus dem Wasser springen, und keine Biene summte durch die Luft. Auch die Musik war nach dem Tag, an dem er dieses Heiligtum betreten hatte, verstummt, und seit- her hatte kein Laut außer dem Plätschern des Spring- brunnens und dem drohenden Gebrumm aus dem Maschinenraum die Totenstille durchbrochen, die auf dem Schiff herrschte. Er hatte verzweifelt mit dem Fuß auf die schwarzen und weißen Quadrate ge- stampft, auf den Boden des dunklen Korridors ge- klopft – vergeblich. Keine Musik, weder harmonische noch mißtönende, war aufgeklungen! Die einzigen Geräusche, die er hörte, verursachte er selbst. Und als er so dasaß und versonnen auf die verblüf- fende Schöpfung eines längst verschiedenen Künst- lers starrte, da dachte er bei sich, daß selbst die Ein- samkeit auf dem verlassenen Drachenschiff tausend- mal besser gewesen war als dies hier. Dort hatte ihn wenigstens kein Trugbild gepeinigt, das ihm die Illu- sion von Leben vorgaukelte. Dann mußte er daran denken, wie ihm sein weißbärtiger Patenonkel Merlin, manchmal Spaß bereitet hatte, indem er eine Alrau- newurzel, die wie ein kleiner Kobold aussah, vor ihm tanzen und hin und her laufen ließ, um ihn zum La- chen zu bringen. Er lächelte bei dem Gedanken. Er kannte den Zauberspruch. Sollte er ihn versu- chen, hier und jetzt? Doch da – als hätte es ihm je- mand leise ins Ohr geflüstert – kam ihm mit einem Mal der Gedanke, daß es überhaupt keiner Zauberei bedurfte, weder schwarzer noch weißer. Auf diesem Schiff brauchte er bloß zu befehlen, und schon ge- horchte man ihm! Es gab nichts und niemanden, der ihn auf diese Idee brachte – kein Hinweis, kein An- zeichen – nichts. Es war nichts weiter als eine zufälli- ge Eingebung, die seiner Phantasie entsprang. Und obwohl keiner da war, dem er einen Befehl erteilen konnte, spann er den Gedanken weiter, von einer plötzlichen Unruhe befallen. Richtig! Auf dem Rücken des Schwanenschiffs – als er den Todesstoß des Ungeheuers erwartet hatte –, da hatte er nicht um Hilfe gebeten. Er hatte es befohlen! ›Hilf mir!‹ hatte er gerufen, und sein unbekannter Wohltäter hatte sofort gehorcht. Sein Gesicht verzog sich zu einem grimmigen Lä- cheln über seine eigene Torheit, als er den Blick auf die wunderbare Statue heftete und leise murmelte: »Komm her und sprich mit mir – wenn du kannst!« Und mit federleichtem, anmutigem Schritt stieg das metallene Geschöpf von seinem Podest herab und trat auf ihn zu. Als es noch etwa zwei Schritte von ihm entfernt war, sank es vor ihm auf die Knie, beugte scheu den Kopf und sprach mit glockenheller Stimme: »Hier bin ich! Was wünscht mein Herr von seiner Dienerin?«,

Das Schiff von Atlantis

Zu behaupten, daß Gwalchmai nicht überrascht war, wäre Lüge. Erschrocken fuhr er zurück, wie es wohl jeder andere in diesem Augenblick getan hätte. Doch er antwortete sofort, und als er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, verspürte er keinerlei Angst. Zu liebreizend war diese wunderschöne Frau, als daß sie anders als freundlich sein konnte, und ihre Stim- me klang so rein und süß – wenngleich ein leichter metallischer Klang in ihr mitschwang –, daß sie seine Sinne verzauberte. »Erzähl mir von dir«, befahl er. »Wie bist du hier- hergekommen, und aus welchem Land stammst du? Hast du das Ungeheuer vernichtet? Gibt es noch an- dere Wesen wie dich auf diesem Schiff, werden sie mir freundlich entgegentreten, oder muß ich kämp- fen?« Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, und sie erhob sich auch nicht, als sie zu sprechen begann. »Als ich noch ein menschliches Wesen war und der Strom des Lebens mich durchpulste, hieß ich Core- nice. Zusammen mit meinem Vater Colrane, einem Sternenseher, lebte ich auf dem Gipfel eines Berges im versunkenen Land Poseidonis. Hast du diesen Namen schon einmal gehört?« Der Aztlaner schüttelte den Kopf. »Ich befürchtete es«, meinte sie traurig. »Selbst die Erinnerung an mein unglückliches Heimatland ist al- so schon im Dunkel der Geschichte versunken, und, ich bin die einzige, die noch davon weiß. So höre denn dieses, Fremder: Poseidonis, ein Inselkontinent, groß und mächtig in meiner Jugendzeit, war nur der kleine Rest eines weit größeren Kontinents mit Na- men Atlantis, welcher unterging ob der Sündigkeit seiner Bewohner. Da seine Menschen so sündig waren, versenkte der Geist der Woge in jeder Generation breite Küsten- streifen fruchtbaren Landes und gab Wiesen, Bauern- höfe, Dörfer, ja ganze Städte den Fischmenschen des Meeres. Doch immer noch ließen sie nicht von ihrer Sünde ab, denn sie erkannten sie zu jener Zeit nicht als Sün- de, und das Land schwand über die Jahrhunderte immer mehr dahin.« »Worin bestand denn ihre Sündigkeit?« fragte Gwalchmai neugierig. »Mord, die unverzeihlichste aller Sünden! Das mutwillige Abschlachten des Menschen durch den Menschen – jene Sünde, welche die Menschen Krieg nennen! Atlantis war die Herrin der Welt. Seine Kolonien und tributpflichtigen Länder bedeckten den ganzen Erdball. Es hatte sie errungen mit dem Schwert – und nannte es Ruhm. In den Augen der Götter war At- lantis nichts als eine schwärende Wunde, die auch das Reine, das noch übriggeblieben war, ansteckte und vergiftete. Jahrhundertelang mußte Atlantis da- für büßen, wurde sie von Erdbeben, Feuersbrünsten, Vulkanausbrüchen und von der alles verschlingen- den See heimgesucht, bis schließlich nur noch Posei- donis übrigblieb. Und schließlich, wenn auch spät, war eine neue, Generation herangewachsen, die dem Krieg endlich entsagte. Sie überwand die jahrhundertelang herr- schende Religion der primitiven Verehrung des Sichtbaren und seiner Symbole und betete den Geist der Woge an. Bald begann das Volk zu blühen und zu gedeihen. Es vermehrte sich rasch. Das Meer hörte auf, weiteres Land zu verschlingen. Und da die Men- schen endlich gelernt hatten, in Frieden zu leben, kei- ne Kriegszüge mehr zu unternehmen, keine anderen Völker mehr zu unterdrücken und ihnen Tribut ab- zupressen, nahm Ahuni-i, der Geist der Woge, menschliche Gestalt an und stieg hinauf zu den Men- schen, um fortan in der Form einer schönen Frau un- ter ihnen zu leben.« Während dieses Vortrags änderte sich weder der Gesichtsausdruck noch die Haltung der jungen Frau auch nur im geringsten, und ihre – wenngleich melo- diös klingende – Stimme behielt den gleichen mono- tonen Tonfall bei. »Willst du nicht aufstehen und es dir bequem ma- chen?« unterbrach Gwalchmai sie. »Du brauchst nicht vor mir niederzuknien.« Sie rührte sich noch immer nicht. »Ich kann mit diesem Körper nichts anderes tun als Befehlen gehor- chen. Er wurde geschaffen, um zu dienen, und alle seine Handlungen sind festgelegt durch die Muster, die sein Ersinner in ihn hineinbaute. Wenn es dein Wunsch ist, daß ich aufstehe, mußt du es mir entwe- der befehlen, oder du mußt mir die Macht geben, meinen künstlichen Leib kraft meiner eigenen Willen- sentscheidungen zu bewegen.« »Was muß ich dazu tun?« »Zwischen meinen Schulterblättern befindet sich, ein Knopf. Dreh ihn dreimal nach rechts, und ich werde nach meinem eigenen Willen handeln.« Der Knopf war nicht schwer zu finden, da er die einzige Unregelmäßigkeit auf ihrem herrlich ge- schmeidigen Rücken bildete. Doch kostete es Gwal- chmai einige Mühe, ihn zu drehen, da er rund und von sehr glatter Oberfläche war. Doch schließlich schaffte er die erforderliche Anzahl an Umdrehun- gen, und die metallene Frau erhob sich. Nun war sie nicht länger eine Statue, sondern ein Wesen mit eigenem Willen. Sie schaute ihn an und lä- chelte. Jetzt, da sie mit einem Mal lebendig war, fand er sie noch viel schöner als zu der Zeit, wo er gedacht hatte, sie sei nichts weiter als ein Standbild. Corenice entfernte sich ein paar Schritte und kehrte wieder zu ihm zurück. Ein sanftes, melodisches Klingen beglei- tete jede ihrer Bewegungen, nun, da die metallenen Glieder ihres Leibes so funktionierten, wie sie es von ihrer eigentlichen Bestimmung her sollten. Gwalchmai kam zu dem Schluß, daß in Atlantis einst große Künstler gelebt hatten. Sie ergriff seine Hand und zog ihn neben sich auf den Rand des Brunnens. Ihre Hand fühlte sich leben- dig und warm an, und ihre Finger waren weich und biegsam, doch spürte er, daß in ihnen eine Kraft schlummerte, die Steine zu Staub zerdrücken konnte. Als sie in ihrer Erzählung fortfuhr, besaß ihre Stimme plötzlich menschlichen Tonfall und temperament- volle Ausdruckskraft. Sie lebte! »Ah! Wenn du die hehre Schönheit der langen, grünen Wogen gesehen hättest, die in den heiligen Hafen von Colicynos brandeten, hättest auch du wie alle Bewohner Poseidonis' den Geist der Woge ange-, betet. Die Sage – die schon lange vor meiner Zeit alt war – berichtet, daß Ahuni-i der Gischt des Meeres entstieg und sich den Sterblichen zeigte. Und als die- se, deren Geist noch immer dunkel war, sie erblick- ten, fielen sie vor ihr auf die Knie und beteten sie an. Sie lebte unter den Menschen, bis ihre sterbliche Hülle alt und schwach war und ihre Muskeln nicht mehr ihrem Willen folgten. Dann ging sie zurück zu den Wellen, schritt immer tiefer in die Brandung hin- ein, bis sie mit den Fingern in die Mähne eines wei- ßen Seepferdes mit silbernen Hufen griff, das sie da- vontrug zu den Hallen der Koralle. Dort lebt sie nun in ewiger Jugend, bis eines Tages wieder die Zeit für sie gekommen ist, das Gute im Herzen eines anderen menschlichen Geschlechts zu unterstützen. Der Priester, den sie über so viele Jahre hinweg unterwiesen hatte, goß ihre kleinen Fußabdrücke mit flüssigem Gold aus und baute um sie herum eine Promenade aus regenbogenfarbenem Marmor, die auf dem Rasen vor dem Strand beginnt und sich bis zu einer Stelle erstreckt, die weit unterhalb der Nied- rigwassermarke liegt. Diese Promenade ist ein wah- res Prunkstück – der schönste Anblick in Colicynos – oder vielmehr: sie war es, denn Poseidonis gibt es nicht mehr!« »Gibt es nicht mehr?« echote Gwalchmai. »Und warum nicht?« Tiefer Kummer schwang in ihrer Stimme mit, als sie erwiderte: »Ein Fluch kam vom Himmel über un- sere alte Welt. Die Menschen hatten gelernt, den Krieg zu verabscheuen. Sie waren sanft und friedlie- bend und hatten es zu großer Meisterschaft in den Künsten gebracht. Eines Tages blies ein heißer, trok-, kener Wind über die Stadt der Goldenen Tore. Die Menschen waren wie von Sinnen. Sie fielen mitten auf der Straße übereinanderher, schlugen grundlos aufeinander ein, griffen gleichermaßen Freunde wie Unbekannte wie wilde Tiere an, fluchten, mordeten in einem Fieberwahn von Wollust und Haß. Plötzlich ließ der Wind wieder nach, und mit ihm verschwand auch die Besessenheit, welche die Menschen ergriffen hatte. Doch auf der gegenüberliegenden Seite der Erdku- gel tauchte dieser Wind wieder auf. Er blies gerade- wegs vom Zenit herab, wie kein bekannter Wind es je zuvor getan hatte. Sein glühender Atem wehte über Bassalonia, und die Menschen erhoben sich, rasten, tobten und brachen über die Grenzen des Landes. Shandagone ging in jener schrecklichen Nacht in Flammen auf, desgleichen Phorphar und auch Nina- zar, jene einst mächtige Stadt! Asche, Ruinen und Gräber – das blieb von den drei Städten! Ihre Bewoh- ner starben durch Schwert und Keule oder wurden erwürgt, und keiner von ihnen hatte je seinen Näch- sten gehaßt. Zimba Buei, die Stadt aus Gold, spürte den heißen Atem ebenfalls, der erbarmungsloser brannte als die Tropensonne, und die Schwarzen fielen mit Axt und Speer über die Stadt her. Als sie sie wieder verließen, zeigten nur noch Knochen und zertrümmerte Mauern die Stätte an, an der sich unsere Bergwerkskolonie be- funden hatte. Trommeln dröhnten in Shamballa. Valusia spaltete sich in zwei Parteien und wurde bald von einem grausamen Bürgerkrieg verheert. Überall herrschten wieder Mißtrauen und Haß. Und es dauerte nicht, lange, bis Poseidonis erneut zum Krieg rüstete! Die Vimanas, unsere Schwanenschiffe, gebaut zum friedlichen Handel, wurden ausgerüstet, und bald er- hob sich eine Flotte – die so groß war, daß sich der Himmel verdunkelte – in die Lüfte und flog Richtung Norden, nach Cimmeda, um die Flotte abzufangen, die sich, wie wir wußten, uns näherte. Beide Flotten prallten in der Nähe von Congor aufeinander, und die Geschichtsschreiber berichten, daß die See von der Hitze zu kochen begann, welche die explodieren- den Schiffe ausstrahlten. Nicht ein einziges Schiff kehrte zurück. Gleichzeitig spielten sich überall auf der Welt ähn- liche Szenen ab. Doch erst, als die Kräfte aller Natio- nen erschöpft waren, trat die Ursache dieses welt- weiten Ausbruchs von Haß und Zerstörungswut zu- tage. Über der Weißen Insel, in der See von Gobi, schien sich der Himmel plötzlich in eine riesige, um- gedrehte Flammenschale zu verwandeln, angefüllt mit geronnenen, fest zusammengebackenen Klumpen aus Feuer. Bevor die entsetzten Menschen zu Asche verbrannten, sahen sie, wie ein riesiges schwarzes Schiff aus dem Äther herabstieg. Es war der verfluchte Herr des Dunklen Gesichts! Er war vom Morgenstern gekommen, hatte für die Menschen unsichtbar über den großen Städten ge- schwebt und mit seinen heimtückischen Künsten Zwietracht und Haß unter den Bewohnern gesät. Und als alle Völker geschwächt und ihre Waffen durch den Krieg verbraucht waren, stieg er mit sei- nem Raumschiff herab, um die geschwächte Erde zu unterjochen. Auf Feuer kam er geritten! Eine solch gewaltige, Hitze strahlte auf die See von Gobi, daß sie zu einer Wüste aus Salz und Sand austrocknete. Die Weiße In- sel verwandelte sich in eine einzige lodernde Fackel, auf der alles Leben ausgelöscht wurde. Als die Flammen erlöschten, bevölkerte der Herr des Dunk- len Gesichts die Insel mit seiner Gefolgschaft. Die meisten davon waren künstlich geschaffene Wesen, seinem eigenen, verderbten Geist entsprun- gen. Doch besaßen sie eigenes Leben, ein Leben aller- dings, das durch und durch schlecht und böse war. Sie gingen als Botschafter in die Welt hinaus, nahmen in jedem Land Gestalt und Hautfarbe der Einheimi- schen an und predigten die Schwarze Lehre des Kö- nigreichs Pan. Und alle Völker, zu denen sie kamen, schritten den langen Pfad jahrtausendealter Ent- wicklung, den sie erklommen hatten, in atemberau- bender Geschwindigkeit rückwärts, bis sie in finster- stes Barbarentum zurückfielen. Wollüstig gaben sie sich den Sünden des Fleisches hin und brüteten sol- che Abscheulichkeiten aus, wie sie nur ein entarteter Geist zu zeugen imstande ist. Das einzige Land, das wirklichen Widerstand lei- stete, war Poseidonis. Seit langer Zeit existierte hier ein geheimer Kult, betrieben von der Priesterschaft der Mitternachtssonne, in dunklen Erdhöhlen, die ge- radewegs in die unergründlichen Tiefen der Erde führten. Unter dem Schutz der Götter der Unterwelt befaßten die Priester sich mit Schwarzer Magie, und die Kenntnisse, die sie darin erlangt hatten, wurden nun, in diesem bitteren Ernstfall, zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Schwarze Magie schien der einzige Ausweg zu sein. In nie zuvor gekannter Einmütigkeit suchte das Volk von Poseidonis nach allen Waffen,, derer es habhaft wurde, um Krieg zu führen gegen Oduarpa, den Herrn des Dunklen Gesichts. Die leuchtenden Tempel von Ahuni-i blieben leer zurück – selbst von den eigenen Priestern verlassen –, als die Kunde durchs Land eilte: Die irregeleiteten Völker der ganzen Erde, angeführt von den Schlach- treihen der Eindringlinge aus dem All, waren unter dem Oberbefehl von Oduarpa losmarschiert, um sich von den Nachbarküsten aus nach Poseidonis einzu- schiffen. In dieser Stunde größter Not und Verzweif- lung vergaßen die Menschen, in die klaren, ehrlichen Augen des Geists der Woge zu blicken, die ihnen Weisheit vermittelt und frischen Mut gegeben hätten. Ja, sie gingen sogar so weit zu behaupten, Ahuni-i könne sie ohnehin nicht retten. Scharenweise ström- ten sie in die unvorstellbar tiefen Abgründe unter den Siluane-Hügeln, und dort, in den tiefsten Tiefen, wo ewige Nacht regierte, fanden sie, was sie suchten. Keiner von jenen, die hinabgestiegen waren, wollte später erzählen, was er dort unten gesehen hatte; das Reich, das sie dort entdeckten, war das schreckliche, unheimliche Land der Dunklen Sonne, und alle, die es betraten, nahmen die Gestalt der Bewohner dieses Landes an. Als die Menschen aus den tiefen Spalten und Höhlen zurückkehrten, hatten sie sich alle in mon- ströse Ungeheuer mit schaurigen Mißbildungen ver- wandelt. Die meisten besaßen nun lange Arme mit furchterregenden Klauen. Anderen waren lederartige Flügel gesprossen; ein großer Teil von ihnen lief nicht mehr auf zwei Beinen, sondern auf mehreren, und sie trugen Hornhaut und lange Stacheln auf dem Rük- ken, die sie doppelt gefährlich machten. In den wahn-, sinnigen Augen all dieser Ungeheuer glitzerte blanke Mordlust. In dem unterirdischen Reich der Dunklen Sonne hatte der Körper eines jeden die Gestalt ange- nommen, die seinem Geist entsprach, und dieser Geist war durch blasphemische Künste so stark ver- zerrt und beeinflußt, daß er – wie mild er vorher auch immer gewesen sein mochte – zur abgrundtief dunk- len, vergifteten Mörderseele wurde! Diese furchtbare Heerschar – Männer und Frauen gleichermaßen – überquerte das Meer und traf bei Gebira auf die versammelten Truppen Oduarpas, die sich anschickten, unser Land zu überfallen. In ihren Vimanas fielen sie über sie her, zerstreuten sie und vernichteten sie erbarmungslos. Wie Schnee taumel- ten brennende Flocken vom Himmel. Ganze Länder sanken in Schutt und Asche. Oduarpa starb, und bei seinem Tod lösten sich auch seine Offiziere in Luft auf, war doch ihr Leben nichts weiter als eine Pseudo- Existenz, seinem sündigen Geist entsprungen. Die entarteten Kreaturen der Unterwelt waren in ihrem Blutrausch nicht mehr zu halten. Rastlose Zerstö- rungswut trieb sie weiter. Sie streiften über die ganze Erde, wüteten, mordeten, brannten und zerstampften ganze Zivilisationen und vernichteten so, was Gene- rationen von Menschengeschlechtern in mühevoller Arbeit errichtet hatten. Der Weiße Imperator rief sie zurück, doch viele wollten seinem Ruf nicht folgen. Sie wurden zu jenen grausamen Gottheiten, die bei den Völkern der Welt auf den Altären des Schreckens ihren Platz fanden – blutrünstige Ungeheuer mit Vogelköpfen, Hundege- sichtern, Löwen- oder Pavianleibern, von den Men- schen gefürchtet und gehaßt, besänftigt nur durch, immer neue Ströme von Blut und Tränen. So endeten sie und dienten fortan der Welt als Symbole der Ver- körperung alles Bösen und Schlechten – unsere tapfe- ren Männer und Frauen von Poseidonis, die kämpf- ten und litten und ihr Seelenheil opferten, um das bedrängte Vaterland vor dem Untergang zu retten! Einige tausend jedoch kehrten zurück. Weiße Ma- gie rang mit Schwarzer, auf daß sie in den Tempeln Ahuni-is geheilt wurden – unsere Beschützer, die zu- gleich unsere größten Verbrecher waren! Viele konnte man nicht mehr retten; sie zu töten war ein Akt der Barmherzigkeit – auch ihnen selbst gegenüber. Die übrigblieben, nahmen wieder ihre frühere menschli- che Gestalt an, doch war ihr einstmals freundliches Wesen auf immer vergiftet. Ihre Handlungen waren unberechenbar, und es zeigte sich bald, daß schon der geringfügigste Anlaß ausreichte, sie in rasende Furien zu verwandeln. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – be- trachtete der Großteil der Bevölkerung sie als Helden, obwohl sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet wa- ren. Um ihnen die Möglichkeit zu geben, die verblie- benen Freuden des Lebens zu genießen, wies man ih- nen eine Insel vor der Küste Alatas zu, auf der sie un- behelligt vom gesunden Rest der Bevölkerung ihr Da- sein fristen konnten. Die Insel wurde von einer star- ken Mauer umgeben, die sie daran hinderte, auszu- brechen und die Menschen mit der schrecklichen Krankheit zu infizieren, an der sie litten. Es war ein mildes, angenehmes Exil, und sie wurden mit allem reich versorgt, was sie zum Leben brauchten. Ganze Familien verließen Poseidonis, um bei ihren kranken Verwandten zu bleiben, und in den darauffolgenden, Generationen lebten sie sowie ihre Nachkommen ein Leben in Glück und Frieden. Es war eine fruchtbare Insel; nur dann und wann frischte sich das Blut durch Neuankömmlinge – überführte Mörder – auf. Diese Verbrecher wurden in Poseidonis niemals zum Tode verurteilt, sondern in die Verbannung geschickt; denn wer kann einen Mörder töten, ohne sich selbst des Mordes schuldig zu machen? Einige Jahre lang noch versorgte man die Ver- bannten mit Gütern und Nahrungsmitteln aus Posei- donis, bis sie schließlich soweit waren, daß sie sich selbst ernähren konnten. So riß denn die letzte Ver- bindung zum Mutterland ab, und bald gerieten sie bei der Bevölkerung von Poseidonis fast in Verges- senheit. Mein Land, nun das einzig zivilisierte Land auf dem ganzen Erdball, litt fürchterlich während der folgenden Jahrhunderte. Der Rest der Welt sank in tiefste Barbarei. Die Menschen langten wieder am Nullpunkt ihrer Ge- schichte an. Sie lebten wie Urmenschen in Höhlen und Wäldern. In manchen Regionen geriet sogar der Gebrauch des Metalls und Feuers in Vergessenheit. Der Geist der Woge, welcher Poseidonis einen Groß- teil der Schuld an der umfassenden Zerstörung der Zivilisation zuschob, ließ die Gletscher schmelzen und zog sich in den hohen Norden unseres Erdballs zurück. Riesige Wassermassen wurden dabei frei und verschlangen Ruta und Daitya, zwei große Inseln, die nach einer früheren Überschwemmung von Atlantis übriggeblieben waren. Doch auch an anderen Stellen von Poseidonis for- derten wütende Wassermassen ihren Tribut und ver- setzten die Menschen in Angst und Schrecken. Erneut, schworen sie dem Krieg ab, und der sterbende Konti- nent Atlantis erlebte noch ein paar Jahre eine letzte Blütezeit. Während dieser Ära wurde ich geboren. Jahrhunderte vorher hatte eine Forschungsexpedi- tion den ehemaligen Boden des Sees Gobi, der ja zur Sandwüste geworden war, durchquert, um die sa- genumrankte Weiße Insel zu finden. Zwar hatte sie all ihre Pracht verloren, aber die Männer machten trotzdem eine nicht minder wertvolle Entdeckung: Sie fanden Oduarpas Raumschiff und untersuchten es gründlich. Das Metall, aus dem das Gehäuse bestand, war auf Erden unbekannt. Sie nannten es Orichalcum. Es ist das einzige Metall, welches lebt. Eine winzige Menge davon genügt, um eine große Menge Blei in Quecksilber zu verwandeln. Fügt man dem Quecksil- ber wiederum eine ähnlich geringe Menge dieses Ori- chalcums hinzu, so verwandelt es sich in Gold. Be- handelt man Gold nun auf ähnliche Weise, so erhält man schließlich Orichalcum. Aus diesem Metall be- steht auch mein künstlicher Körper und der Vimana, auf dem wir uns befinden! Jeder Körper, jedes bewegliche Ding, aus Ori- chalcum hergestellt, bezieht alle seine Energie aus dem Sonnenlicht und unterwirft sich fügsam dem Willen des Menschen. Diese Entdeckung – dazu eine große Anzahl von Schriftstücken, die man ebenfalls an Bord des Raum- schiffs fand – bedeutete für die Bewohner von Posei- donis einen großen Fortschritt. Von nun an verrich- teten künstliche Männer und Frauen, die man äußer- lich kaum als nichtmenschlich erkannte, alle unange- nehmen, aber lebensnotwendigen Arbeiten ohne Be- zahlung – und ohne sich je zu beklagen. Schwanen-, schiffe, wunderschön anzuschauen, zogen, ohne zu erlahmen, in pfeilschnellem Fluge ihre Bahn am Himmel und trugen die Menschen an jegliches Ziel, nach dem ihr leichtfertiger Wille verlangte. Das Le- ben wurde leicht und bequem. Es verlor seinen Sinn. Leere und Langeweile machte sich breit. Ich erwähnte schon einmal, daß Colrane, mein Va- ter, Sternenschauer war. Ich half ihm bei seiner Arbeit im Observatorium hoch oben in den Siluane-Hügeln. Nacht für Nacht beobachteten wir wie viele andere auch den Himmel, um nicht eines Tages von einem neuen ungebetenen Besucher aus dem All überrascht zu werden. Keiner von uns ahnte, daß eines Nachts – wir hat- ten wie immer den Blick zum Himmel gerichtet, das Land um uns lag in tiefem, friedlichem Schlummer, der nahe gelegene Hafen von Colicynos mit seinem hellen Marmor schimmerte sanft wie eine halbmond- förmige Gemme am Busen der dunklen See – Tod und Verderben aus dem dunklen, unterirdischen Reich unter den Hügeln auf uns zu krochen. Nach der Vernichtung der vereinigten Völker durch die Ungeheuer hatte unser Volk in seiner Panik den Höhleneingang, der ins Reich der Dunklen Sonne führ- te, zum Einsturz gebracht und mit einem Talisman ver- siegelt – im festen Glauben, dadurch für alle Zeiten die Gefahr aus der Tiefe zu bannen. Doch nun kamen ei- nige Narren, die sich ihre Langeweile durch einen Ner- venkitzel vertreiben wollten, auf den törichten Ge- danken, den unheiligen Pfad wieder zu öffnen. Und während sie eindrangen, kamen schon die Bewohner des Dunklen Reiches aus Ritzen und Spalten hervor- gekrochen, in der Absicht, Poseidonis zu erobern., Von unserem Observatorium aus spürten mein Vater und ich die Erschütterung und sahen die ge- waltige Stichflamme, als der Berg Gartola mit ent- setzlichem Getöse auseinanderbarst. Vater schwenkte das kleine Fernrohr herum und richtete es auf den Spalt, doch ich konnte schon mit bloßem Auge die ge- flügelten schwarzen Wesen erkennen, die aus dem Erdinnern hervorquollen und sich rasch auf die Ebe- ne und die friedlich schlafende Stadt am Fuß des Ber- ges zubewegten. Vaters Gesicht war weiß vor Angst, als er das Fern- rohr sinken ließ. Er packte mich beim Arm, zog mich hinter sich her auf die Landeplattform und kletterte hastig mit mir in unseren Vimana. Heftige Erdstöße rissen uns fast von den Beinen. Der Vimana kippte um und fiel von der Landeplattform, fing sich aber wieder, ohne daß wir eingegriffen hätten. Er schnellte mit einem riesigen Satz in die Höhe und breitete die Schwingen aus. Vater lenkte ihn zum Berg Gartola, und als wir den Spalt erreicht hatten, richtete er den Flammenspeier genau auf die Bestien, die in hellen Scharen umherlie- fen. Hin und her flog der Vimana und richtete seinen todbringenden Strahl gegen ihre auf die Stadt vor- rückenden Linien. Ich glaube, Vater hatte die Absicht, die abscheulichen Kreaturen wieder in den Spalt zu- rückzutreiben; doch dazu war es zu spät. Der Geist der Woge war über diese neuerliche Torheit des sün- digen Atlantis so sehr erzürnt, daß nichts seine Wut mehr zu besänftigen vermochte. Während wir noch verzweifelt gegen die Bestien kämpften, sahen wir, wie weit draußen auf dem Meer ein weißer Gischtkamm auf uns zuraste. Der Kamm, der Woge war höher als der höchste Berg, den ich je gesehen hatte. Sie stürzte sich auf Colicynos, und als sie die Stadt unter sich begrub, schossen zur gleichen Zeit Flammen aus den Bergen. Feuer und Wasser prallten mit gigantischer Wucht aufeinander. Das Wasser ergoß sich durch den Krater des Berges Gar- tola ins Land der Dunklen Sonne, und Poseidonis brach mit unvorstellbarem Donnergetöse auseinan- der. Im gleichen Moment schlug etwas gegen den Flügel des Vimana, ich hörte lautes Krachen und spürte, wie ein gewaltiger Ruck durch das Schiff ging. Dann merkte ich nur noch, daß ich in eine bo- denlose Tiefe hinabfiel. Doch erinnere ich mich nicht mehr an den Aufprall auf dem Wasser. Als ich das Bewußtsein wiedererlangte, spürte ich heftige Schmerzen. Mein Rückgrat war gebrochen, und ich wußte, daß ich nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte. Mein Vater lag dicht neben mir am Boden. Auch er litt schreckliche Schmerzen. Sein Arm, beide Beine und mehrere Rippen waren gebro- chen. Ich konnte sehen, daß auch er sich in einer ver- zweifelten Lage befand. ›Corenice‹, flüsterte er, ›unsere Körper gehen zu- grunde. Doch wir müssen nicht sterben, wenn wir nicht wollen. Sollen wir die Körper der Sklaven über- nehmen?‹ Damit meinte er zwei Körper aus Orichalcum, bei- de hergestellt, um zu dienen. Einer davon hatte sei- nen ständigen Platz auf einem Podest im Vimana und wurde nur gelegentlich in seiner eigentlichen Funkti- on als Sklave benutzt; er diente in erster Linie als Kunstobjekt. Der andere lag in eine Kiste verpackt – für späteren Gebrauch. Solche Körper wurden in der, Regel lebendigen Personen der Familien nachgebaut, in deren Besitz sie sich befanden. Wer geschickt war, konnte in einen solchen nach seinen eigenen Maßen gestalteten Körper hineinschlüpfen und darin wei- terleben. Dies war oft der Fall, wenn die eigene sterb- liche Hülle erschlaffte und alterte, der Geist jedoch noch jung, frisch und bereit war, große Taten zu voll- bringen, ungelöste Probleme oder Experimente zu Ende zu führen, mit denen er zu Lebzeiten seines ei- genen Körpers nicht mehr fertig wurde. Es war nicht allzu schwierig, sich in seinem neuen Heim einzu- richten, und es ist auch nicht viel komplizierter, für kurze Zeit in einen echten, lebendigen Körper zu schlüpfen und sich aus dessen ungewohntem Blick- winkel eine fremdartige, ungewohnte Umgebung an- zuschauen.« »Ich hörte davon schon einmal«, warf Gwalchmai ein. »Mein Patenonkel Merlin berichtet darüber in seinen Zauberbüchern. Er nannte es ›Inbesitznah- me‹.« »Ja, so heißt das. Und diese Leiber aus Orichalcum wollten wir nun also in Besitz nehmen, sie an die Stelle unserer sterbenden Körper treten lassen. Das Schaukeln des auf der Seite liegenden, beschädigten Vimanas in der aufgewühlten See bereitete mir schier unerträgliche Schmerzen. ›Tu alles, was du willst, Vater!‹ stöhnte ich, vor Schmerzen kaum noch bei Sinnen. ›Doch tu es rasch!‹ Er heftete seinen Blick fest auf die metallene Frau- enfigur, und ich verband meine eigenen Gedanken mit den seinen. Plötzlich fühlte ich, wie der Schmerz schwand. Ich öffnete die Augen, ein wenig verblüfft, weil ich mich nicht entsinnen konnte, sie geschlossen, gehabt zu haben, und fand mich auf dem Podest ste- hend, vor mir auf dem Boden zwei verrenkte Körper. Das Experiment war geglückt! Da hörte ich meinen Vater mit brechender Stimme flüstern: ›Komm her zu mir!‹ Ich ging zu ihm und fühlte mich völlig lebendig, wie ein normales Mädchen – ein etwas seltsamer Ge- danke! Das wurde mir sofort bewußt, auch wenn der metallene Körper, in dem ich da plötzlich steckte, nach dem Bild meines eigenen modelliert war. Mein Vater richtete sich auf, so hoch er mit seinen gebro- chenen Beinen eben konnte, und versuchte den Knopf auf meinem Rücken zu erreichen. Das Experiment glückte natürlich immer erst dann richtig, wenn je- mand in der Nähe war, der – sobald der Austausch der Körper stattgefunden hatte – durch das Drehen dieses Knopfes der Person die Möglichkeit gab, nach eigenem Willen zu handeln. Ich hätte meinem Vater dabei helfen können, indem ich ihn hochhob. Doch gab er mir dazu keinen Befehl, und die Hülle, in der ich steckte, konnte nur auf Befehl reagieren. So konnte ich weder ihm noch mir helfen. Zitternd streckte sich sein Arm aus, hob sich lang- sam bis an mein Knie, dann bis zur Hüfte – sein Atem ging keuchend und stoßweise vor Schmerz. Er schaffte es noch, meinen Rücken zu berühren, dann fühlte ich seine Hand schlaff nach unten sinken. Ich hörte ein dumpfes Poltern, als er auf dem Boden auf- schlug, und ich wußte: er war tot – und ich vollkom- men hilflos! Ich konnte nichts dagegen unternehmen. Oh, Ahuni-i! Ich vermochte nicht einmal zu weinen! Dann kehrte mein Körper, da er keine Befehle er- hielt, an seinen angestammten Platz auf dem Podest, zurück, was er jedesmal tun mußte, sobald er einen Auftrag ausgeführt hatte. Ich war in ihn eingesperrt wie in einen Käfig, hatte keine Möglichkeit, die Ni- sche jemals wieder zu verlassen, selbst wenn ich es noch so sehr gewollt hätte. Von magnetischer Kraft gehalten, verharrte ich unzählige Jahre bewegungs- los. Wellen wiegten das Schiff auf und ab, Stürme schüttelten es hin und her, Schlingpflanzen schlossen es mit eisernem Griff ein; mich jedoch bewegte nichts auch nur einen Zollbreit von der Stelle. Ich ließ während all der vielen Jahre meinen Geist weit hinausschweifen. In Gedanken durchstreifte ich die ganze Welt. Oft schaute ich durch die Augen fremder Menschen und hörte durch fremde Ohren. Ich wurde Zeuge von Liebe und Haß; ja sogar den Tod durchlebte ich – alle Gefühle, zu denen der Mensch fähig ist; doch waren es niemals meine eige- nen Gefühle. Ich sah, wie große Nationen sich aus der Barbarei erhoben, blühten und wieder in Vergessenheit gerie- ten. Ich sah, wie andere Nationen – Dutzende von Malen – stolze neue Städte auf den Ruinen der alten errichteten, deren Namen längst vergessen waren. Ich sah, wie das Land sich hob und wieder senkte wie die Wogen des Meeres, sah, wie Wälder sich in Wüsten ver- wandelten, Seen zu trocknem Land wurden, das sich wieder in Seen verwandelte. Und während all dieser unendlich langen Zeit stand ich hier und wartete. Ich lernte fremde Sprachen, um mir die Zeit zu vertreiben, Sprachen, die man wieder vergaß, und von denen heute in keiner lebenden Sprache auch nur noch ein Wort existiert; doch sosehr ich auch durch die Welt streifte und durch die Jahrhunderte, was, auch immer ich an neuen Dingen lernen mochte – meinem Gefängnis vermochte ich dadurch nicht zu entrinnen. Doch dann, als ich durch die Augen eines Alba- trosses übers Meer blickte, da sah ich dein kleines hölzernes Boot, wie es von den Strömungen des Meers und den Winden zu mir getrieben wurde ins Reich der Schlingpflanzen. Ich studierte mich. Ich wußte, daß ich dich zu mir locken mußte, und so brachte ich die Seeschlange dazu, dir einen Pfad durch die Schlingpflanzen zu bahnen, einen Pfad, von dem ich hoffte, er würde deine Neugier auf mich lenken und dich zu mir führen. Du hast einen starken Willen, solange dein Geist nicht durch Krankheit ge- trübt ist. Ich konnte dich nicht kraft meines Willens lenken und führen; das überraschte mich. Den Rest kennst du, doch wisse auch dies: Ich hätte nichts zu deiner Rettung tun können, wenn du meinem me- chanischen Körper nicht klare Befehle erteilt hättest, denen er gehorchen mußte. In tiefer Dankbarkeit ver- spreche ich dir, alle deine Wünsche und Befehle zu erfüllen, soweit dies in meiner Macht steht. Endlich bin ich die Gebieterin! Gebieterin über mich selbst!« »Ich habe keine Befehle«, erwiderte Gwalchmai. »Ich weiß weder, wer ich bin, noch wie ich herkam – und ich bin der Einsamkeit überdrüssig.« Corenice studierte das Gesicht des jungen Mannes. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und drückte ihn fest an ihre Brust. Die Berührung mit ih- rem Körper empfand Gwalchmai als warm und wohltuend; ihr Haar fiel so leicht und locker über seine Schultern wie das eines Mädchens aus Fleisch und Blut., Etwas Heilsames ging von dieser Berührung aus. Gwalchmai spürte, wie die wohltuende Kraft lang- sam durch seine Seele strömte. Und plötzlich füllte sich das Loch in seinem Gedächtnis wieder mit Erin- nerung. Er besaß wieder eine Identität! Er erinnerte sich an seine Eltern und an seine Mission. Und es fiel ihm auch wieder das Versprechen ein, das er gegeben hatte: seinen Auftrag zu erfüllen, was immer gesche- hen mochte ... Nun war es an ihm, in tiefer Dankbarkeit vor ihr auf die Knie zu sinken. Er erzählte ihr seine Ge- schichte und dankte ihr, daß es ihm mit ihrer Hilfe nun möglich sei, seinen Schwur zu erfüllen. Gewiß war es auch ihr zu verdanken, daß ihm allein es ge- lungen war, lebend dem Gemetzel auf der Insel der Piasa zu entkommen. Zu seiner Überraschung bejahte sie auch dies und lächelte ihn freundlich an. Ihr Lächeln war fröhlich und spitzbübisch wie das eines jungen Mädchens. Es machte ihr Spaß, ihn zu betrachten. Gwalchmai be- merkte das und wurde ein wenig unsicher. Ob ihre Geschichte wirklich der Wahrheit entsprach? War sie am Ende vielleicht doch kein menschliches Wesen? Er betrachtete sie eingehend. Abgesehen von dem klei- nen goldenen Schimmer direkt unter ihrer durch- sichtigen Haut – wenn es überhaupt Haut war – und von der goldenen Farbe, die ihren ganzen Körper be- deckte, unterschied sie sich in nichts von den Mäd- chen, die er in Aztlan gekannt hatte. Daß sie nackt war, war für ihn nichts Besonderes. Er selbst war in einem Land mit sehr heißem Klima aufgewachsen, wo Kleidung lediglich als Schmuck angesehen wurde oder als ein Mittel, sich vor den, Unbilden des Wetters zu schützen. Ihre Nacktheit wirkte daher für ihn ganz normal. Als Corenice ihr metallisch glänzendes Haar zu einem Kranz wand, bildeten sich an ihren Ellbogen kleine Grübchen. Und wie sie so vor ihm stand, den Kopf leicht zurückge- neigt, da empfand er jede ihrer Bewegungen als so hinreißend weiblich, daß er den Atem anhielt. Sie strahlte unbeschreibliche Anmut und Schönheit aus. Sein Herz klopfte. Tief bewegt blickte er sie an. Keines der schönen Mädchen aus seines Vaters Hauptstadt Miapan hatte ihn jemals so in seinen Bann geschlagen, obwohl die Mädchen dort als der Stolz des ganzen Reiches galten. »Als du noch ein Mensch aus Fleisch und Blut warst so wie ich, Corenice, hattest du da dieselbe Ge- stalt wie jetzt?« »Möchtest du mich einmal so sehen, wie ich da- mals ausschaute?« fragte sie fast ein wenig schüch- tern. »Sehr gern, wenn es möglich ist; aber du sagst doch, es sei schon so lange her ...« Sie öffnete ein Fach in einem Pult und nahm eine transparente Platte heraus. Zwei kleine Figuren wa- ren darauf zu erkennen. »Mein Vater und ich. So sahen wir an meinem letzten Geburtstag aus. Halt die Platte dicht ans Auge – so – und drück fest auf diese Ecke hier.« Gwalchmai erschienen die beiden Figuren nun in Lebensgröße. Sie bewegten sich und lächelten einan- der zu. Der Mann sagte etwas. Das Mädchen lachte und drehte sich vor ihm in anmutigem Tanzschritt im Kreis, einen wirbelnden Schweif weißer Seide nach sich ziehend, während der Vater zurücktrat und die, Tochter mit bewunderndem Blick betrachtete. Tiefe Liebe lag in seinen Augen. Das Mädchen blieb stehen und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Dann legten sie einander die Arme um die Schul- tern und schauten nach vorn. Gwalchmai hatte das Gefühl, als blickten sie ihm geradewegs in die Augen. Er atmete schwer. Das Mädchen in dem durchsichti- gen Würfel sah exakt genauso aus wie das lebendige Standbild. »Das dort bist du, und dies hier bist auch du! Ihr seid ein und dieselbe Person!« »Ich sagte dir ja bereits: Das Standbild wurde zu Lebzeiten nach meinem Ebenbild geformt. Und nun lebe ich wieder – dank dir.« »Wie alt warst du damals, Corenice? Und wie alt bist du jetzt?« Corenice war dabei, ihr Haar zu ordnen, und ob- wohl er die Frage noch einmal wiederholte, gab sie keine Antwort. Offenbar hatte sie ihn nicht gehört. Als sie fertig war, schaute sie ihn mit ernsten Augen an. »Ich werde dir helfen, dein Gelübde zu erfüllen. Ich schätze mich glücklich, alles für dich tun zu können, worum du mich bittest und was in meiner Macht steht. Doch muß ich dir sagen, daß ich, ebenso wie du, eine Pflicht zu erfüllen habe. Auch ich legte ein Gelöbnis ab. Ich schwor es meinen Ahnen während der langen Jahrhunderte, die ich allein in jener Nische stand und auf die sündige Welt hinabblickte. Es naht eine Gefahr, die nur ich abwenden kann, und wenn mir dies nicht gelingt, werden auch andere Länder untergehen wie einst Atlantis – und aus demselben Grunde wie Atlantis. Ich schwor, dieser Gefahr ent-, gegenzuwirken, sollte ich jemals aus meinem Ge- fängnis befreit werden. Ahuni-i vernahm meinen Schwur und sandte dich zu mir. Dieses Versprechen bindet mich nun. Meine Beobachtung deiner Person, des Schwerts, das du trägst, und vielleicht auch des Ringes an dei- ner Hand führen mich zu der Annahme, daß du mir dabei eine wertvolle Hilfe sein kannst. Wenn du nicht mit mir kommen möchtest, dann helfe ich dir jetzt, deine Mission zu erfüllen, und bringe dich dann wie- der zurück in deine Heimat. Doch würde ich mich sehr freuen, dich an meiner Seite zu haben, wenn ich das tue, was ich tun muß. Denn es ist möglich, daß ich Hilfe brauche, und die Zeit drängt.« »Wohin wird dein Gelöbnis uns führen?« fragte Gwalchmai. »Nach Norden! Nach Norden, an die Küste Alatas, zu Atlantis' letzter noch lebender Kolonie auf der Er- de – Nor-um-Bega, die Insel der Mörder!« »Ich gehe mit dir, Corenice von Colicynos! Meine Schwerthand darauf, und mein Schwert, wann immer du es brauchen solltest!« Ein seltsamerer Pakt war wohl, seit Menschen zum ersten Mal die bindende Kraft eines Händedrucks er- fahren hatten, noch nie geschlossen worden; und wohl auch keiner, der mit weitreichenderen Folgen verbunden war ...,

Das Volk der Morgendämmerung

Während sie sprachen, hatten sie sich wieder neben- einander auf den Rand des Beckens gesetzt. Nun sprang Corenice unter dem harmonischen Klingen ih- res Mechanismus' auf. »Folge mir!« rief sie mit einer Stimme wie Elfenge- läut und lief nach unten in den Maschinenraum. Wie schon bei seinem ersten Besuch schwammen auch diesmal die Fische unter dem durchsichtigen Boden des Raumes umher, goldgrünes Licht flutete über die leise summenden, geheimnisvollen Geräte, und die Schlingpflanzen unter dem Schiff bewegten sich sanft in der trägen Strömung. Wie immer spie und kni- sterte die überschüssige Energie leise vor sich hin, wie sie es wohl schon seit ungezählten Jahrhunderten tat, und strömte ungenutzt ins Meer. Doch nun war endlich wieder der Augenblick gekommen, da sie von intelligenter Kraft gelenkt wurde und wieder für den Menschen arbeiten konnte. Gwalchmai bemerkte erstmals, seit er das Schiff betreten hatte, daß das unbehagliche Gefühl, ständig von einem Feind beobachtet zu werden, völlig ver- schwunden war. Der Raum schien ihm jetzt genau- sowenig furchterregend wie jeder andere auf dem Schiff auch, abgesehen davon, daß angesichts der Maschinen ein wenig Vorsicht geboten war. »Wir können leider nicht fliegen, wie ich es gern tun würde«, erklärte Corenice. »Es ist wegen des be- schädigten Flügels. Doch wie du durch die Kontroll-, fenster sehen kannst, sind die Füße des Vogels unver- sehrt. So wird unsere Reise zwar länger dauern, aber wir erreichen unser Ziel schwimmend ebenso sicher, als flögen wir.« »Aber was ist mit diesen Unmengen von Schling- pflanzen, die um das Schiff herum liegen? Ist es stark genug, sich den Weg hindurchzubahnen?« »Wir könnten uns mit dem Feuerspeier eine Gasse brennen, aber möglicherweise würde das unsere gan- ze Energie verbrauchen, bevor wir durch sind. Es gibt noch eine einfachere Möglichkeit.« Sie betätigte fünf Schaltknöpfe auf einer waagrecht angebrachten Schalttafel, und der Vimana erwachte nach seinem jahrhundertelangen Schlaf zu neuem Leben. Längs der durchsichtigen Bordwände sah Gwalchmai dicke Luftblasen ausströmen. Die Schlingpflanzen gerieten in heftige Bewegung und warfen tanzende Schatten gegen die Wände des Ma- schinenraums. Mit glucksendem Geräusch strömte Wasser in verborgene Tanks. Der gebogene lange Hals und der Kopf des Vimana tauchten wie bei ei- nem Wasservogel unter, und gleich darauf ver- schwand das ganze Schiff unter der Wasseroberflä- che. Lediglich ein freier Fleck Wasser, ein rundes Loch, in dem Teppich aus Schlingpflanzen, markierte noch die Stelle, an der das Schiff so viele Jahrhun- derte gelegen hatte. Es ging rasch tiefer. In weitausholenden, spiralför- migen Bögen schwebte der Schwan hinab, angetrie- ben von den kräftigen Stoßbewegungen der mit Schwimmhäuten versehenen Füße. Das Sonnenlicht wurde immer schwächer, der Raum versank in düste- rem Dämmerlicht, und bald vertrieb die ewige Kälte, der Tiefe die aufgestaute Wärme im Innern des Schiffs. Corenice drückte auf weitere Knöpfe. An den In- nenwänden des Raumes glühten Heizgitter auf, die rasch wohlige Wärme verbreiteten. Gleichzeitig schossen strahlend helle Lichtbündel aus den Augen- linsen des Schwans in die Tiefe. Von dem plötzlich aufflammenden Licht irritierte Meerestiere schwärmten blitzschnell in Sicherheit, sobald das noch immer spiralförmig sinkende Schiff sich ihnen näherte. Gwalchmai betrachtete sie neugierig und nicht ohne Unbehagen. Manche von ihnen waren rie- sengroß und von absonderlicher Gestalt. Mit ihren langen, zuckenden Tentakeln machten sie in der Tat einen furchterregenden Eindruck. Ihre kraftvoll schnappenden Schnäbel sahen aus, als könnten sie spielend Metall zerreißen. Gwalchmai unterdrückte mit Mühe einen Schau- der. Das Mädchen hingegen saß unbeweglich da und spähte nach unten, wo die Suchlichter des Schiffs breite Lichtschneisen durch das dunkle Wasser schnitten. Plötzlich sprang Corenice mit einem spitzen Auf- schrei hoch und drückte hastig auf einen weiteren Schaltknopf, der die anderen fünf in ihre Ausgangs- stellung zurückspringen ließ. Sachte schaukelnd bremste das Schiff seinen Abwärtsschwung. Die Lichtbündel strahlten noch immer nach unten. Der Meeresboden, der in dem geisterhaften Licht wie ein Strand an einem nebligen Tag wirkte, kam nun nicht mehr mit beängstigender Schnelligkeit auf sie zuge- rast, sondern schien sanft unter dem Leib des Schwa- nenschiffs herzugleiten. Eine Weile sah Gwalchmai bloß Schlamm und breite Kriechspuren von Meeres-, tieren. Corenice schien indessen ihr Augenmerk auf etwas anderes zu richten. Dann, ganz plötzlich, als wäre es eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die plötzliche Ver- änderung des Sichtwinkels, verwandelte sich eine Er- hebung aus Schlamm vor ihnen in ein geometrisches Gebilde, und im Lichte der Scheinwerfer erkannte Gwalchmai eine kuppelartige Konstruktion, die auf einem Unterbau mit rechteckigem Umriß ruhte. Die Hand des metallenen Mädchens begann auf der Schalttafel zu zittern. Es deutete mit dem Finger nach unten. »Atlantis«, murmelte Corenice mit bewegter Stim- me. »Schau dir seine Bewohner an!« Über der Spitze der Kuppel schwebte eine langge- streckte, bandförmige Gestalt. Pulsierendes Zucken lief durch den schlaffen, spulenförmigen Leib, wäh- rend das Wesen fraß. Der scheußliche Kopf der Kreatur hob sich in dem Moment, als es den unge- wohnten Lichtstrahl wahrnahm, und sie konnten die Knochen erkennen, die das Wesen gerade zwischen seinen Zähnen zermalmte. Es waren die Knochen der Seeschlange, die, inzwischen fast völlig fleischlos, noch immer zwischen den Wracktrümmern des Dra- chenschiffs lagen. Gwalchmai wollte Corenice gerade fragen, ob man nicht versuchen könne, Merlins Zauberkiste aus den Trümmern zu bergen, als das Ungeheuer die Quelle des ungewohnten Lichts entdeckte. Ohne zu zögern, kam es mit weit aufgerissenem Maul – dicht hinter- einanderliegende Reihen scharfer Reißzähne blitzten auf – in langen wellenförmigen Bewegungen auf sie zugeschwommen, um den seltsamen Besucher, der, da so keck in sein finsteres Reich eingedrungen war, auf seine Eßbarkeit hin zu untersuchen. So schnell das Ungeheuer auch war, der Vimana war noch schneller! Corenice drückte hastig auf einen Knopf, und mit einer Heftigkeit, die Gwalchmai fast von den Beinen gerissen hätte, ging es in steiler Fahrt wieder nach oben, bis sie einen Punkt erreicht hatten, wo Sonnenlicht in langen, dünnen Strahlen durch das Schlingpflanzengestrüpp fiel und durch die Wände des Maschinenraums brach. Stundenlang glitten sie dicht unter der Wasseroberfläche dahin. Gwalchmai spürte, wie ihn ein Gefühl der Müdigkeit und Er- schöpfung überfiel, doch er weigerte sich, dem Schlafbedürfnis nachzugeben. Schließlich bemerkte das Mädchen, dessen metallener Leib natürlich keine Müdigkeit kannte, daß sein Gefährte die Augen kaum noch offenhalten konnte. Sie befanden sich gerade in dem Raum mit den Wandbildern, die Atlantis' vergangenen Ruhm zeig- ten. Ohne zu sagen, welche Absicht sie damit ver- folgte, stand Corenice plötzlich auf und begann zu tanzen. Ihre Bewegungen waren weich und ge- schmeidig wie die einer Katze. Leicht wie eine Feder im Wind, fast schwerelos, drehte sie sich im Kreis, wobei sie in rascher Abfolge mit grazilem Schritt die schwarzen Quadrate auf dem Fußboden berührte und Melodien erweckte, die keines Menschen Ohr mehr vernommen hatte, seit die Fluten des Meers über Poseidonis hinweggerollt waren. Sanfter und süßer denn je zuvor klangen die mysti- schen Harmonien, von keinem Mißklang getrübt. Anmutig schwebend tanzte das schlanke, biegsame Geschöpf durch den Raum, jede Bewegung seines, holden Körpers ein Gedicht von bezaubernder Schönheit und Grazie. Gwalchmais Augenlider wur- den schwerer und schwerer, und schließlich fielen sie ihm zu. Er sank auf das weiche Metall der Bank, wo er gesessen hatte. Im selben Moment, da er einge- schlafen war, setzte die Musik aus. Corenice lächelte sanft und ging quer durch den Raum auf ihn zu. Achtlos trat sie auf die Quadrate, die den Druck ihres Körpers nun nicht mehr mit sanften Klängen beantworteten – sie blieben stumm. Selbst das glockenhelle, metallische Klingen ihres Körpermechanismus blieb aus. Ein sanfter Druck auf einen verborgenen Knopf in dem Wandbild mit der Hafenszene ließ ein weiches Faltbett aus der Wand hervorklappen, von dessen Existenz Gwalchmai nicht gewußt hatte. Mit ihren metallenen Armen hob sie ihn mit einer solchen Leichtigkeit auf wie eine Mutter ihr Baby und ließ ihn sanft und behutsam aufs Bett gleiten. Schon vor langer Zeit waren alle Gegenstände aus Stoff von dem Vimana verschwunden. Dafür hatten die Jahrhunderte gesorgt, und auch die Seeluft trug das ihrige dazu bei. Das Bett jedoch war weich und behaglich wie aus Federn, da es aus jenem wunder- samen Metall Orichalcum bestand, welches sowohl daunenweich sein konnte als auch hart wie ein Dia- mant. Nachdem sie ihn sanft gebettet hatte, schaute sie ihn noch einen Augenblick zärtlich an und ging dann in den Kontrollraum im Kopf des Vogels. Ihre Ge- sichtszüge spannten sich vor Konzentration, als sie das Schiff (nachdem sie die Kontrollhebel auf Mental- steuerung umgelegt hatte) nur noch kraft ihres Wil-, lens lenkte und vorwärtsbewegte. Es beschleunigte sofort seine Fahrt. Die breiten, mit Schwimmhäuten versehenen Füße trieben es nun mit doppelter Kraft voran. Das Schiff schoß vorwärts, Richtung Norden, etwa fünfzig Fuß unter der Wasseroberfläche. Die seltsame Frau spähte mit einem Gesichtsausdruck voller Konzentration durch die Augenlinsen des Vo- gels nach vorn – unermüdlich, mit einer Aufmerk- samkeit, die kein irdisches Wesen besaß, verharrte sie unbeirrt auf ihrem Posten. Nur sie selbst kannte ihre Gedanken und die des Vimana – denn das Schiff vermochte in der Tat zu denken wie keine Schöpfung von Menschenhand jemals zuvor, seit die Welt exi- stierte. Gwalchmai lag in tiefem Schlummer, aus dem er auch nicht erwachte, als das Schiff weit jenseits der Grenzen der Sargassosee an die Oberfläche eines ru- higen, glatt daliegenden Meeres stieß. Als der Tag anbrach, schlief er immer noch. Den ganzen Tag hin- durch und auch die darauffolgende Nacht erwachte er nicht. Einmal an der Oberfläche, schwamm der Schwan schneller. Seine breite Brust glitt über die Wellen hinweg, und seine Flügel waren weit ausgebreitet (selbst der beschädigte), so daß der Rumpf sich durch den Luftauftrieb weit aus dem Wasser hob, wodurch die Fahrt noch schneller wurde. Den langen Hals zu- rückgelegt, den Kopf zwischen die Schultern ge- schmiegt, schoß er nur so dahin. Als hätte das stetige Dröhnen und Rumpeln, mit dem die Dünung der See gegen den Rumpf des Schwans klatschte, eine besänftigende, einschläfernde Wirkung auf seinen erschöpften Körper, schlief, Gwalchmai weiter wie ein Toter. Weder die Vibration der Maschinen vermochte seinen Schlaf zu beein- trächtigen noch das sanfte Hin- und Herwiegen des Vogels, das durch die regelmäßigen Paddelbewegun- gen der Schwimmfüße entstand. Auch in der zweiten Nacht änderte das Schiff sei- nen Kurs nicht. Es fuhr weiterhin nach Norden, in- zwischen jedoch mit verlangsamter Fahrt, denn es folgte jetzt einer felsigen, stark bewaldeten Küste. Als Gwalchmai endlich aufwachte, kurz nach Sonnenauf- gang, vibrierte das Bett unter ihm nicht mehr. Er spürte jedoch eine leichte Schaukelbewegung und hörte das leise Geplätscher der Wellen, die sanft ge- gen die Bordwände schwappten. Angezogen war er schnell, trug er doch an Bord nichts außer seinen Mokassins. Er ließ seine Waffen liegen, wo sie sich befanden, und ging aufs Oberdeck, um nach dem Mädchen zu suchen. Kühle Luft schlug ihm entgegen, als er durch die Tür im Rücken des Vogels ins Freie trat. Zu seiner Verblüffung sah er, daß schon Herbst war. Die Blätter der Ahornbäume und Eichen, welche die kleine Bucht säumten, in der das Schiff vor Anker lag, hatten sich rot gefärbt. Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie weit das Jahr vorange- schritten war und wie lange er in seinem Dämmerzu- stand auf dem Meer getrieben sein mußte. Unmerklich hatten die Jahreszeiten einander ab- gelöst, während er dort unten in den südlichen Gefil- den von Schlingpflanzen eingeschlossen war. Doch nun, da er feststellte, daß Monate ins Land gegangen waren, seit er von der Küste Alatas aufgebrochen war, wurde ihm schmerzlich bewußt, wie viele wert- volle, unersetzliche Tage ihm das Schicksal gestohlen, hatte. Wie weit wäre er schon gekommen, hätten ihm nicht die Ereignisse einen Strich durch die Rechnung gemacht! Ein von der Küste herüberschallender Ruf riß ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf und sah Core- nice, die am Strand stand und ihm zuwinkte. »Ohi!« rief sie. »Bist du endlich wieder von den Toten auferstanden? Nimm deine Waffen und komm an Land!« Lachend erwiderte er den Gruß, und ein paar Mi- nuten später erschien er wieder, voll bewaffnet jetzt. Eine der breiten Schwingen des Vimana lag voll aus- gestreckt wie eine Brücke über dem Wasser; ihre Spitze berührte einen zerklüfteten Felsen direkt am Strand. Es war ein leichtes, darüberzuschreiten und an Land zu gelangen, wo sie ihn schon erwartete. Ihre fröhliche Stimmung war verflogen, als er sie erreichte, und nach einem kurzen Händedruck wandte sie sich sogleich wieder wichtigeren Dingen zu, indem sie ihn ein paar Schritt vom Strand weg- führte und hinter den Schutz der Bäume zog. Dort blieb sie stehen und deutete mit der Hand auf die Erde. Gwalchmais geschultes Auge erkannte so- gleich den Beginn eines schmalen Pfades. »Wie oft schon bin ich in Gedanken diesem Pfade gefolgt, um die Menschen, welche ihn benutzen, vor den Folgen der Missetaten zu warnen, die sie im Sinn haben. Wie oft schon mußte ich von meiner Nische aus ohnmächtig mit ansehen, wie sie diesen Pfad be- traten, von dem ich wußte, daß er ins Verderben führt. Nun endlich bin ich wirklich hier, und an die- ser Stelle beginnt die Erfüllung meines Gelöbnisses. Wenn wir diesen Pfad einmal betreten haben, gibt es, für mich kein Zurück mehr, bevor ich nicht meine Aufgabe erfüllt habe.« »Geh voran«, bat Gwalchmai, »ich folge dir.« Sie lächelte. »Ich wußte, daß ich auf dich zählen kann. Doch vorher muß ich hier noch etwas erledi- gen. Während du schliefst, bin ich dem Pfad schon ein Stück gefolgt, um sicherzugehen, daß ich mich nicht irrte und diesen Platz mit einem anderen ver- wechselte. Da wir möglicherweise sehr weit ins Lan- desinnere vordringen müssen, können wir den Vi- mana nicht ungeschützt am Strand lassen. Das wäre zu gefährlich, besteht doch die Möglichkeit, daß er in die Hände von Feinden fällt. Ich werde ihn fortschik- ken, weit hinter den Horizont. Dort kann er auf unse- re Rückkehr warten.« »Du wirst was tun?« »Wart ab und schau, was ich mache.« Sie wandte den Blick zum Wasser. Durch die Bau- mäste hindurch konnte man den Strand übersehen, an dessen Ende der Vimana sanft in der Brandung schaukelte. Ohne erkennbare Bewegung und ohne ein Wort schaute Corenice das Schwanenschiff eindring- lich an. Gwalchmai glaubte, irgendwo in ihrem bezau- bernden Körper ein leises Klicken zu hören – ein Ge- räusch, das sich deutlich von dem harmonischen Klingen unterschied, das gewöhnlich ihre Bewegun- gen begleitete. Plötzlich scholl vom Strand ein hartes, rasselndes Geräusch herüber. Der Vimana holte von selbst seinen Anker ein! Der weit abgespreizte Flügel legte sich dicht an den glänzenden Leib, der lange Hals reckte sich, und der Kopf schwang herum, als suche der Schwan nach sei-, ner Herrin. Corenice schwenkte den Arm in gebiete- rischer Geste, und nach kurzem Zögern, das in seiner Unentschlossenheit fast menschliche Züge hatte, wandte der riesige Vogel sich dem offenen Meer zu und schoß in einer Woge von Gischt davon. »Wie hast du das bloß gemacht?« fragte der junge Aztlaner mit einem Ausdruck höchster Verblüffung. Corenice lachte, und es klang wie das Perlen einer Harfe. »Vielleicht habe ich Instrumente in mir, die das Schiff von weitem lenken können. Vielleicht ...«, ihre Stimme war jetzt ganz leise und hatte einen spöttischen Klang angenommen, »... hat der Schwan mich verstanden! Sind wir nicht beide aus demselben Material?« Gwalchmai brachte ein ungläubiges Knurren her- vor. Noch immer lächelnd, schritt Corenice voran in den Wald. Sie waren noch nicht weit gegangen, als ein kleiner Bach ihren Weg kreuzte. Sogleich legte sich Gwalchmai auf den Bauch und trank in gierigen, tiefen Zügen von dem köstlich klaren Wasser. Corenice blieb stehen und sah ihm dabei zu. Sie wußte um die Qualen, die er litt. Ein wenig wehmü- tig dachte sie daran, mit welcher Freude und wel- chem Hochgenuß auch sie einst, vor langer, langer Zeit, die köstlichen Dinge, derer ein Körper aus Fleisch und Blut bedurfte, getrunken und gegessen hatte. »Hast du auch Hunger?« fragte sie ihn, als er den Kopf aus dem Wasser hob. »Ich dachte leider nicht daran. Mein Körper bezieht seine Energie unmittelbar von der Sonne, nicht aus den Dingen, die die Sonne erst wachsen läßt. Leider nahm ich keinen Proviant für dich mit. Doch schau, dort hinten zwischen den, Bäumen wachsen Reben, an denen köstliche, purpur- farbene Trauben hängen. Ob sie wohl ausreichen, für eine Weile deinen Hunger zu stillen ...?« Sie wartete eine Weile und schaute ihm zu, wie er die reifen, vom ersten Frost versüßten Früchte in dik- ken Trauben von den Stöcken riß und heißhungrig in sich hineinschlang. Bevor sie weitergingen, suchte er sich für unterwegs noch ein paar besonders schöne Exemplare aus. »Sind sie auch schön saftig und süß?« wollte Core- nice wissen, und ein wenig Neid schwang in ihrer Stimme mit. »Ich konnte nie genug von ihnen be- kommen, als ich noch lebte.« Da sein Mund zu voll war, um zu antworten, nickte er bloß. Immer weiter drangen sie in den dichten Wald; die schützende Bucht war schon lange ihren Blicken entschwunden. Nunganey, der Abenaiki, lag flach ausgestreckt wie eine Klapperschlange, an die er zur Zeit – betrachtete man seine Kriegsbemalung – sehr stark erinnerte. Sein Bauch war ganz gelb, und seinen Rücken zierten braune und schwarze Flecken. Seine Wangen hatte er mit Asche geschwärzt, und er summte leise, mit wehmütiger Stimme, seinen Todesgesang, während er, auf einem dicken Eichenast liegend, aus luftiger Höhe hinunter auf den Pfad spähte, der sich durch den Wald schlängelte. Über diesen Pfad pflegten sie immer zu kommen, die rothaarigen Mörder von Akilinek, der Insel der Dämonen, irgendwo weit draußen im Meer. Er wußte nicht, wo dieses Eiland lag. Einmal hatten sich dreißig Kanus auf die Suche nach ihm aufge- macht. Es war ein großer Kriegstrupp gewesen – die, besten, kräftigsten Männer aus drei Stämmen. Nicht einer davon war je zurückgekommen! Entweder wa- ren sie das Opfer der Wölfe von Squant geworden, oder die Meeresgöttin mit den viereckigen Augen hatte sie vernichtet – oder Hobbamock, der Schändli- che, Fluch der Menschheit, welcher ebenfalls auf jener Insel hauste und dort sein Unwesen trieb. Zweimal im Jahr überfielen die rothaarigen Mörder das Festland und zogen mordend durch die Wälder der Abenaki – das erstemal kamen sie, wenn der Schnee gerade seit einem Mond von den Hügeln ge- schmolzen war, das zweitemal kurz bevor er wieder zurückkehrte. Niemals wurden sie besiegt. Sie waren plötzlich da und mordeten, wie es ihnen gefiel, mit ihren schweren Äxten und ihren Hemden, von denen die Pfeile wirkungslos abprallten, mit ihren Kriegs- helmen, an denen die steinernen Tomahawks zerbra- chen, als wären sie aus morschem Holz. Sie plünderten, sengten, raubten und verschwan- den dann wieder so, wie sie gekommen waren, in ih- ren seltsamen Booten aus Stein (Nunganey kannte kein Metall), beladen mit Mais, Fellen, Fleisch und Gefangenen. Jedesmal, wenn sie wieder fort waren, blieb Nun- ganeys Volk in bitterer Armut zurück. Doch trotz all- dem klammerte es sich nach wie vor an seine Heimat und an Jagdgründe, die es leidenschaftlich liebte, und widerstand allen Versuchen, sich vertreiben oder auf Dauer unterwerfen zu lassen. Nie hatte sein Volk zu kämpfen aufgegeben, obwohl es immer wieder bitte- re Niederlagen einstecken mußte. Über all dies sann Nunganey traurig nach, wäh- rend er geistesabwesend mit seiner steinernen Hacke, an der dicken Borke des Asts herumritzte und auf den Feind wartete. Orono, der Häuptling, hatte ihn nur verspottet, als er nach dem letzten Überfall, bei dem sein Blutsbru- der Cosannip gefangengenommen worden war, bitte- re Rache geschworen hatte. Nunganey hatte sich je- doch durch diesen Spott nicht entmutigen lassen. Tag für Tag war er seither auf diesen hohen Baum ge- klettert, große Beutel voller Kieselsteine auf dem Rücken. Und nun hingen in vierzig Fuß Höhe genau über dem Pfad, auf dem die Feinde immer kamen, zwei schwere aus der Haut von Bären gefertigte Säcke voller Steine. Zwischen ihnen schwebte ein mächti- ges, aus den Stämmen junger Bäume gefertigtes Git- ter, das mit fußlangen, angespitzten, steinhart ge- brannten Pfählen bewehrt war. Ein einziger Hieb mit seiner Axt auf einen der Halteriemen würde genügen, den kunstvoll ausgeklügelten Befestigungsmecha- nismus zu lösen, der das Ganze in der Schwebe hielt – und sowohl die Säcke als auch das Gitter würden in die Tiefe sausen, genau auf den Pfad. Und dann würde er ja sehen, ob diese steinernen Wesen auch dagegen gefeit waren so wie gegen Wurfpfeil und Speer! Sobald das Gitter und die Säcke unten landeten, würde er selbst rasch an dem Seil hinunterrutschen, das neben ihm bereitlag. Er würde sich auf sie stürzen und einen nach dem anderen tö- ten, bis Cosannip gerächt war und er selbst mit zer- schmettertem Schädel tot in seinem Blut lag. Denn daß er dabei selbst sein Leben lassen mußte, daran zweifelte er keinen Moment. In seinem Volk gab es niemanden, der, allein auf sich gestellt, den Äxten, dieser Dämonen lange standhalten konnte. Ihn wun- derte bloß, daß die Mörder diesmal schon so schnell wiederkehrten, wo ihr letzter Raubzug doch noch gar nicht lange zurücklag. Gewöhnlich kamen sie nur zweimal im Jahr. Früher, zu Lebzeiten seines Groß- vaters, so hatte ihm ein alter Mann seines Volks be- richtet, waren sie in der Regel sogar dreimal im Jahr erschienen und davor noch öfter, wie N'karnayoo, ein uralter Greis, zu berichten wußte. Und nun also hatte er sich hier verschanzt und hoffte, daß sie anrückten und in seine Falle liefen. Seit Urzeiten, so schien es, hatten diese Dämonen – die Chenoo, wie sie genannt wurden – immer nur die Abenaki, die Kinder der Morgendämmerung, ver- folgt und überfallen. Deshalb lag er auf seinem Ast und wartete darauf, sie endlich zu vernichten. Der Fi- scher Wan-pe hatte sie am Strand ankommen sehen. Er war sofort ins Dorf gerannt, um sein Volk zu war- nen. Da hatte Nunganey seine Eiche erklettert und sich auf den Vergeltungsschlag vorbereitet. Endlich, da waren sie! Lautlos näherten sie sich über den Pfad. Waren sie sich nun schon ihrer selbst so sicher, diese verhaßten Chenoo, daß sie glaubten, zu zweit das Dorf überfallen zu können und sich nach Belieben ihre Beute holen zu können? Nunganey stieß ein tiefes, entschlossenes Knurren aus. Er würde ja sehen! Doch wer in Kiehtans Namen waren die beiden? Der Mann trug ähnliche Kleidung wie die Ein- dringlinge, aber sein Haar war nicht rot, sondern braun, seine Haut bronzefarben, nicht weiß – wie die der Chenoo! Und die Frau, die ihn begleitete, sah ganz anders aus als die Frauen der Abenaki! Sie war, völlig nackt; ihr Fleisch glänzte wie die undurch- dringlichen Häute, in die die Chenoo sich zu hüllen pflegten. Sie wirkte wunderschön, aber sie war eine Dämonin und mußte daher sterben! Beide schienen Fremde, so seltsam sie auch be- waffnet waren, und sie kamen vom Meer. Dies war für Nunganey Beweis genug, daß es sich um Feinde handelte. Noch zwanzig Schritte – noch zehn – noch fünf! Ein harter Glanz trat in die Augen des Abenaki, als die Schneide seines Tomahawks singend durch den Rie- men fuhr. Gwalchmai und Corenice waren ein großes Stück Wegs wortlos nebeneinanderher gegangen. Der Wald blieb vollkommen still, doch schöpfte keiner von bei- den Verdacht, als plötzlich der Schrei eines Eichelhä- hers ertönte. Im selben Moment schwirrte etwas durch die Luft, und ein dunkler Schemen tauchte vor Corenices Augen auf. Das Mädchen wirbelte blitz- schnell herum und warf sich mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze gegen Gwalchmai, der strauchelte und seitlich neben dem Pfad in einen Busch stürzte. Das Mädchen hatte gerade noch Zeit, sich zu ducken, als das Gitter mit voller Wucht und ohrenbetäuben- dem Krachen voll auf seinen Rücken prallte. Im Liegen zerrte Gwalchmai den Flammenspeier aus seinem Gürtel und feuerte. Ein greller Blitz fuhr krachend in den Baum, und Nunganey, der schon an seinem Seil hing und sich gerade hinunterzugleiten anschickte, stürzte, von Ast zu Ast polternd, vom Baum, gefolgt von einem Regen aus Zweigen, kleinen Ästen und Laub, als das Seil über ihm riß. Mit donnerndem Bersten kam die ganze Baumkro-, ne nach und krachte splitternd auf den Pfad. Gwal- chmai sah den bemalten Körper, der wild in einem Wirrwarr von Zweigen zappelte und verzweifelt ver- suchte, sich freizustrampeln. Mit ein paar Sätzen war der junge Aztlaner über ihm und zerrte den Abenaki aus dem Gestrüpp. Als Nunganey benommen auf die Beine kam, trat der Aztlaner einen Schritt zurück und wollte ihm schon mit dem Flammenspeier den Gar- aus machen, als Corenice schrie: »Nein! Laß den Mann leben! Ich will mit ihm spre- chen!« Mit finsterem Blick, seinen mürrisch dreinschauen- den Gefangenen sicher mit der kristallenen Linse in Schach haltend, drehte sich Gwalchmai um. Unver- sehrt, ohne den geringsten Kratzer, stand Corenice mit wehendem Haar inmitten des zertrümmerten Gitters. Die Pfähle hatten sich rings um sie herum tief in den Waldboden gebohrt oder waren abgebrochen. Die zwei Ledersäcke waren an ihr abgeprallt und zur Seite geflogen. Von der Wucht des Aufpralls hatten sie sich geöffnet, und die Steine waren wie Geschosse in alle Himmelsrichtungen davongeflogen und hatten tiefe Löcher in den weichen Waldboden gerissen. Verblüfft starrte Gwalchmai Corenice an. Doch dann konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das erste, was sie tat – ganz Dame, selbst inmitten eines Trümmerhaufens: sich einen schwarzen Flecken Lehm aus dem Gesicht zu wischen. Sie lächelte un- verzagt zurück und begann dann, das Gerümpel vor ihr aus dem Weg zu räumen. Gebannt sah Gwal- chmai ihr zu, wie sie mit ihren so zart und gebrech- lich aussehenden Händen die schweren Eichenstäm- me zur Seite warf, als wären sie Blätter., Und dann, mit einer Leichtigkeit, als stapfe sie durch Schnee, befreite sie sich mit ein paar Schritten aus dem schweren Waldboden, in den die Wucht des Gitters sie bis zu den Knien hineingerammt hatte. Obwohl Nunganey ein überaus tapferer Krieger war, begannen seine Knie zu zittern, als sie auf ihn zutrat. Sekundenlang schwankte er und stützte sich mit dem Rücken gegen den Baum, der hinter ihm stand. »M'teoulin! Zauberin!« schrie er erregt. Doch dann gab er sich einen Ruck, steifte stolz seinen Körper und stimmte seinen Todesgesang an. Tiefe Ver- zweiflung sprach aus seinen Augen, doch keine Furcht mehr. Gwalchmai schaute Corenice an, als sie den Aben- aki in seiner Muttersprache anredete: »Mann! Sprich! Kennst du mich?« »Ho! Ich erkenne dich! Bumole bist du, die Frau der Nacht! Die Frau, der weder Speer noch Axt etwas anhaben kann! Töte mich rasch, auf daß es vorbei ist!« Corenice dachte blitzschnell nach. Sie war vertraut mit den Legenden der Abenaki. Manch langen Win- terabend hatte sie als unsichtbarer Zuhörer in den Weik-waums und Blockhütten der Eingeborenen ge- sessen, um im Lernen die Einsamkeit zu vertreiben und wenigstens für eine Weile ihr steriles, abgekap- seltes Dasein zu vergessen. Wenn sie nun diese Le- genden, die sie dort gehört hatte, zu ihrem Vorteil ausnutzen konnte – um so besser! Desto leichter würde sie ihre Aufgabe erfüllen können. »Du hast recht, Netop«, erwiderte sie, »ich bin Bu- mole, und jener dort ist Glooskap der Mächtige, der Herr des Donners! Vor langer Zeit schwor ich, den, Abenaki im Kampf gegen ihre Feinde beizustehen, und nun ist die Zeit gekommen, da ich für eine Weile bei euch leben möchte. Wir wollen von euch genauso aufgenommen werden, wie ihr einen ganz gewöhnli- chen Jäger und seiner Gefährtin Gastfreundschaft gewähren würdet. Wir wollen als normale Stammes- mitglieder bei euch leben, mit euch spielen, und auch – falls ihr euch dessen als würdig erweist – für euch kämpfen!« Nunganey fiel zum Zeichen seiner Bewunderung und Demut vor ihr auf die Knie, doch Corenice legte mit einer feierlichen Gebärde, so als wolle sie ihn zum Ritter schlagen, ihre kleine Hand auf seine Schulter und sprach: »Numchalse! Steh auf! Laßt uns einander als Glei- che betrachten, denn wenn wir euch helfen sollen, so bedürfen wir auch eurer Hilfe dazu. Wenn ich euer Dorf betreten soll, muß ich nach der Sitte eurer Frau- en gekleidet sein, damit man nicht erkennt, daß ich kein Mensch bin, und mich womöglich als Feind be- trachtet. Sag, Netop, kannst du mir solche Kleidungs- stücke besorgen, wie sie die Mädchen deines Volkes tragen?« Nunganey geriet vor lauter Freude und Stolz ins Stottern, daß er von einer solch mächtigen Göttin als Gleichberechtigter behandelt wurde. Doch schließlich gelang es ihm, sich halbwegs wieder zu fassen, und er antwortete: »Als meine Schwester Keona einen Krieger meines Stamms zum Mann nehmen wollte, arbeitete sie ein volles Jahr hindurch an einem wunderschönen Kleid aus Rehleder, das sie mit den Stacheln eines Wild- schweins verzierte, um in den Augen ihres Geliebten, begehrenswert zu erscheinen. Aber die Chenoo ka- men und raubten sie. Damals war ich noch ein kleiner Junge, und nun bin ich zum Mann herangewachsen. Doch immer noch hütet meine Mutter das Kleid, wel- ches meine Schwester einst fertigte. Wenn es der Frau der Nacht gefällt, dann soll es ihr gehören – obwohl es nicht schön genug ist für sie!« Corenice errötete vor Freude angesichts dieses un- erwarteten Kompliments. »Wurragen!« erwiderte sie. »Es ist gut!« Auf ihr Nicken hin ließ Gwalchmai seine Waffe sinken, und Nunganey rannte sogleich in den Wald, ohne noch eine weitere Aufforderung abzuwarten. Der junge Aztlaner konnte der Unterhaltung der bei- den größtenteils folgen, denn die Sprache der Abena- ki besaß gewisse Ähnlichkeiten mit der der Hodeno- saunee, jenes Volks, das in den Wäldern im Norden Alatas lebte und das Merlin als Gottheit verehrte. Der Mann, der Merlins Ring trug, vermochte alle Spra- chen zu verstehen, die Merlin vertraut waren. »Glaubst du, daß er zurückkommt?« fragte er. Statt einer Antwort bedeutete ihm Corenice mit einer knappen Kopfbewegung, in die Richtung zu folgen, die der Abenaki eingeschlagen hatte. Sie hatten etwa eine Meile zurückgelegt, als sie die schnellen Schritte eines Läufers nahen hörten. Kurz darauf tauchte Nunganey auf, vor Anstrengung ganz außer Atem. Er trug ein Bündel auf dem Rücken. Er legte es vor den beiden ab und rief: »Mein Volk erwartet euch mit ranzen und einem Festmahl! Ich habe berichtet, daß die Chenoo diesmal vergeblich kommen werden, nun, da die Götter uns lieben! Alle erwarten euch schon voller Ungeduld!«, »Dann will ich sie nicht länger harren lassen!« gab Corenice fröhlich zurück und verschwand sogleich in einem dichten Gestrüpp niedriger Schierlingstannen. Nach ein paar Augenblicken kam sie wieder, und die beiden Männer starrten sie verzückt und mit offenem Mund an. Der Wandel war wirklich verblüffend! Eine weiche, mit den flaumig schimmernden Brust- federn von Waldtauben gesäumte Bluse aus weißem Rehleder umschmeichelte ihren vollkommenen Bu- sen. Fein aufgenähte Ornamente aus gefärbten Sta- chelschweinborsten und perlmutten glänzenden Per- len schimmerten unter dem offenen, kittelartigen Rock, den sie über der herrlichen Bluse trug, und zwei schmale, mit winzigen Perlen besetzte Gürtel kreuzten sich zwischen ihren straffen Brüsten. Der Kittel, der kurze Rock und die Beinkleider waren ebenfalls verziert und mit meergrünen Fransenbän- dern besetzt. An ihren zierlichen Füßen steckten Mo- kassins aus Karibuleder, und ihr geflochtenes, golden schimmerndes Haar bedeckte eine spitz zulaufende Kapuze aus Hirschleder, die an dem blaugrauen Mantel aus Wolfsfell befestigt war, welchen sie über den anderen Kleidungsstücken trug. Die offensichtliche Bewunderung, die ihr die bei- den Männer entgegenbrachten, erfüllte Corenice mit Freude, und sie geriet geradezu in Verzückung, als Nunganey dem grimmig dreinschauenden Aztlaner mit scheuer Gebärde einen breiten Gürtel aus Siwan und einen Brustschutz aus dem nämlichen Material zusammen mit einer hübschen Decke aus Biberfell überreichte. Im Süden war Gwalchmai mehr daran gewöhnt gewesen, Schmuck aus Federn anstelle dieser schweren, perlenbesetzten Kleidungsstücke zu tragen., Er nahm die Geschenke an, doch sagte gleichzeitig mit gesenkter Stimme zu Corenice: »Ich würde alle Stücke, so schön sie auch sind, auf der Stelle weggeben, wenn ich dafür ein knuspriges Stück Wildbret und dazu braun gebackenes Maisbrot bekäme!« Corenice lachte, und Nunganey, der nicht verstan- den hatte, worum es ging, lächelte ängstlich. »Ihr Mannsbilder! Ihr seid schon mit einem alten Lumpen zufrieden, wenn ihr euch bloß zweimal am Tag den Bauch vollschlagen könnt! Dies hier sind die ersten neuen Kleider, die ich nach zehntausend Jah- ren trage, und ich glaube, für ein solch wunderschö- nes Geschenk hat sich fast das lange Warten gelohnt!« Und mit solcherlei kleinen, spaßig gemeinten Hän- seleien machten sie sich wieder auf den Weg durch den Wald, der sie diesmal endlich zu Freunden füh- ren sollte.,

Die Insel unter dem Meer

Der Empfang, den die Abenaki den Fremdlingen be- reiteten, war von überwältigender Freundlichkeit, und schon nach ein paar Tagen hatten die Eingebore- nen sie ganz und gar in ihr Herz geschlossen. Gwal- chmai lernte sie bewundern und schätzen. Sie waren ein einfaches, doch stolzes und würdevolles Volk. Von seinem eigenen Volk her an einen höheren Grad von Zivilisation gewohnt, hielt er sie zunächst für Wilde. Doch mußte er sehr bald anerkennend fest- stellen, daß sie (obwohl sie keine Schrift kannten) über erstaunliche Kenntnisse auf dem Gebiet der Astronomie verfügten und ihm in dieser Wissen- schaft in nichts nachstanden. Ihr Auge war genauso scharf wie sein eigenes, wenn es galt, den winzigen Stern aus dem Sternbild des Kleinen Tauchers her- auszufinden, den sie ›den Säugling auf dem Rücken der Mutter‹ nannten. Sie sahen Dinge auf dem Mond, die er selbst nicht erkennen konnte. Ihr verblüffendes Gedächtnis versetzte sie in die Lage, uralte Familien- abstammungslinien – viel älter als seine eigene – her- zusagen und aus Gedichten zu zitieren oder Legen- den zu erzählen, die in solch schönen Versen ge- schrieben waren, daß sie den Vergleich mit den fein- sten Schöpfungen von Merlins Barden nicht zu scheuen brauchten. Sie besaßen ein stark ausgepräg- tes Gefühl für dramatische Darstellungsformen und trugen ihre Legenden und Geschichten mit derart eindrucksvoller Expressivität vor – besonders was, Mimik und Gestik betraf –, daß selbst ein Tauber sie verstanden und seine Freude daran gehabt hätte. In seiner Eigenschaft als Krieger war Gwalchmai stark beeindruckt von ihrem Geschick, ihrer Körper- kraft und ihrem Mut. Zusammen mit ihnen ging er auf die Jagd nach Bären und Wölfen und stellte dabei ihre Tapferkeit auf die Probe, so wie sie natürlich auch die seinige beobachteten. Und als er den großen Puma aus dem Norden im Zweikampf besiegte, ver- schaffte er sich großen Respekt bei ihnen, obwohl sie noch immer gewisse Scheu empfanden – war er in ih- ren Augen doch Glooskap, der boshafte Berggott. Bald zog der Winter ins Land, und die jungen Män- ner tollten im Schnee herum; sie rangen, rutschten auf ledernen Unterlagen vereiste Hänge hinab und be- warfen sich gegenseitig mit Schneebällen. Gwalchmai wetteiferte mit ihnen beim Spiel der Weißen Schlan- ge, wobei es darum ging, einen krummen geschälten Ast, der in atemberaubender Geschwindigkeit einen gefrorenen Abhang hinunterglitt, sich blitzschnell drehte und ständig seine Lage veränderte, mit dem Wurfpfeil zu treffen. Lachend und singend stapften sie gemeinsam auf ihren Schneeschuhen durch die Wälder, und gemeinsam stöhnten und schimpften sie auch, wenn sie sich gegenseitig die Krämpfe aus den Waden massierten. Corenice, das Wesen aus längst vergangenen Zei- ten, genoß unterdessen nach so vielen Jahren endlich wieder das Leben eines Menschen. Sie eiferte den Frauen in den Weik-waums in allem nach, was sie taten, soweit ihr metallener Körper es zuließ. Kein Auge war so schnell wie ihres, wenn es galt, die Näh- nadel auf der Erde zu finden, die einer alten zittrigen, Hand entglitten war; keine Hand war so sanft und gefühlvoll wie ihre, wenn es galt, einen Körper zu streicheln, der sich, gepeinigt von der bitteren Kälte des Winters, in Schmerzen auf dem Strohbett wand; kein Arm vermochte rascher als der ihre einen schrei- enden Säugling in Schlummer zu wiegen. Das leise, glockenhelle Klingen, welches jede ihrer Bewegungen begleitete, faszinierte die Kinder. Doch auch Erwachsene ließen sich von dem elfenartigen Geläut bezaubern, und es bestärkte sie darüber hin- aus in ihrer Überzeugung, daß diese Frau weit davon entfernt war, ein normales menschliches Wesen wie sie zu sein. Doch keiner hatte Angst vor ihr. Das ein- zige, was alle gleichermaßen fürchteten, war der Tag, an dem sie und ihr Gefährte das Dorf wieder verlas- sen würden. Beide, Corenice und Gwalchmai, nahmen oft als aufmerksame Zuhörer am Rat der Ältesten teil, doch erdreisteten sie sich nicht, selbst Ratschläge zu ertei- len, betrachteten sich beide doch lediglich als vor- übergehende Gäste. Gwalchmai, der ein weiches, mit- fühlendes Herz hatte, brannte darauf, in aller Aus- führlichkeit von den Verbrechen zu hören, die die Feinde ihnen angetan hatten. Auch wenn er nur we- nig sprach, so wuchs in ihm doch immer stärker die Entschlossenheit, den Abenaki gegen die Willkür der roten Mörder zur Seite zu stehen. Und genau dies war Corenices Absicht gewesen. Sie hatte genau ge- wußt, was sie tat, als sie vorschlug, den Winter beim Volk der Morgendämmerung zu verbringen. Obwohl Gwalchmai ja schon zugestimmt hatte, Corenice zur Seite zu stehen, bis ihre Aufgabe erfüllt wäre, fühlte er sich jetzt noch mehr als zuvor zu den Abenaki hin-, gezogen. Denn es schien ihm, daß dieses Volk in vie- len Dingen seinem eigenen sehr ähnlich war. Genau das aber hatte Corenice mit ihrem Plan bezweckt. Nun, da Gwalchmai von einem Gefühl tiefer Verbun- denheit mit den Abenaki erfüllt war, würde es für ihn kein Zurück mehr geben! Er und Nunganey, beide etwa im gleichen Alter, wurden während dieser kalten Wintermonate gute Freunde. Als der Schnee in den Wäldern taute und der Fluß eisfrei wurde, begann das Dorf sich auf den unvermeidlichen, immer näher rückenden Überfall vorzubereiten, der stets in den ersten Frühlingsmo- naten stattfand. Die jungen Mädchen verabschiedeten sich unter Tränen von ihren Familien und verließen das Dorf, um sich wie jeden Frühling an einem ge- heimen Orte in den Bergen zu verstecken. Männer und Knaben bereiteten sich mit ungebrochenem Mut auf ihren aussichtslosen Kampf gegen die Eindring- linge vor. Auch Corenice wollte nun versuchen, den bevor- stehenden Angriff zu vereiteln. Als die beiden Gäste ankündigten, der Zeitpunkt sei gekommen, um das Dorf wieder zu verlassen, waren sie nicht überrascht, daß Nunganey darauf bestand, sie zu begleiten und ihnen bei der Verwirklichung der Pläne zur Seite zu stehen, die Corenice heimlich geschmiedet hatte. Und so brachen sie denn an einem milden Früh- lingstag im Monat des Zuckers gemeinsam auf und paddelten, gegen die hereinkommende Flut kämp- fend, in Nunganeys kräftigem Einbaum flußabwärts, bis schließlich das Wasser zurücklief und der Strom der Ebbe sie rasch zum Meer trug. Ihre treuen Freun- de, die winkend und rufend die Uferbänke säumten,, verschwanden bald in der Ferne. Nunganey hob sein Paddel zu einem letzten Ab- schiedsgruß empor, und dann war um sie herum nur noch das endlose Meer. Zumindest er erwartete nicht, seine Heimat jemals wiederzusehen. In Gedanken war er schon ein toter Mann. Als sie der aufgehenden Sonne entgegenpaddelten – in jene Richtung, in die das Volk der Morgendäm- merung so viele Male die Flotte der Invasoren ver- schwinden sah –, erblickte Gwalchmais scharfes Auge einen goldenen glitzernden Punkt weit hinten am Horizont. Corenice folgte seinem Blick und nickte kurz. »Der Vimana? Er kommt auf uns zu, um uns zu treffen, aber ich muß ihn wieder fortschicken. Ich stand während des ganzen Winters mit ihm in Ver- bindung, bewahrte ihn davor, in Stürme zu geraten, und half ihm, dem Treibeis auszuweichen. Er will wieder zu uns, aber das kann ich im Augenblick nicht zulassen. Ich verfolge andere Pläne.« Sie schaute eine Weile mit festem Blick in die Richtung, wo der goldene Punkt schimmerte. Gwal- chmai vermochte nicht zu sagen, wann genau er ver- schwunden war. Doch als er nach einer Weile auf- blickte, um sich einen Moment vom Paddeln auszu- ruhen, sah er, daß der Vimana nicht mehr da war. Mit kräftigen Stößen trieben sie das Kanu voran, und bald waren sie weiter, als jemals auch der tapfer- ste Fischer in die Wasserwüste vorstieß. Nunganey schwieg. Die Zähne zusammengebissen, warf er hin und wieder einen Blick auf seinen kräftigen neuen Bogen, um sich Mut zu machen. Gwalchmai hatte ihm geholfen, die Waffe herzustellen, und der Aben-, aki hatte ihn mit einer Sehne gespannt, aus dem Haar seiner Mutter gedreht, auf daß die Pfeile, die er mit ihr abschoß, seine Schwester rächen und niemals ihr Ziel verfehlen sollten. Er dachte sehr oft an seine Schwester, doch intensiver noch, stärker als die Fa- milienbande lebte der Gedanke an Cosannip, seinen Kameraden und Blutsbruder, der durch heilige Riten für immer mit ihm verbunden war. Corenice trug das lederne Kleid und die Kapuze, welche das leuchtende Haar bedeckte. Als zusätzliche Verkleidung hatte sie sich Gesicht und Hände mit dem Saft von Beeren und Wurzeln eingerieben, so daß sie sich nun, was die Hautfarbe betraf, in nichts mehr von den beiden Männern unterschied. Und so kam es, daß sie als das erschienen, als was sie sich ausgeben wollten: nämlich als drei eingebo- rene Fischer, die gegen ihren Willen vom Wind weit ins Meer hinausgetragen worden waren. Das Kanu hob und senkte sich auf den stattlichen Wogen des Ozeans, die von den weit entfernten Ge- staden Europas heranrollten. Kurz nach Mittag hob Nunganey sein Paddel und deutete nach vorn. Der Bug des Einbaums tauchte gerade tief in ein Wellental, so daß die anderen nicht sehen konnten, worauf er gezeigt hatte. Als sich der Bug wieder hob, sahen sie von der Spitze des Wellenberges aus ein hohes schlankes Riff aus schwarzem Felsen am Hori- zont. Obwohl noch sehr weit entfernt, war es deutlich zu erkennen; es ähnelte einer spitzen Nadel, die aus zerknitterter Seide hervor in die Luft ragte. »Akilinek!« stammelte Nunganey. »Nor-um-Bega!« berichtigte ihn Corenice sanft. Eine Stunde später waren sie, unterstützt von star-, kem Rückenwind, so dicht an das Gebilde heran, daß sie die Schaumklümpchen und Gischtfetzen durch die Luft fliegen sehen konnten, die – wie Gwalchmai zunächst vermutete – entstanden, wenn die Wellen mit großer Wucht gegen das steinerne Hindernis an- brandeten. Doch als sie noch näher herankamen, sah er zu seinem Erstaunen, daß die sprühende Gischt den Felsen ganz offensichtlich überhaupt nicht be- rührte. Statt dessen leckten die Wellen schäumend in die Höhe, spitzten sich gleichsam zu einer züngeln- den Flamme, verloren sich in einer Wolke aus wei- ßem, blasigem Schaum und glitten kraftlos wieder zurück, als läge eine dicke Wand aus Glas zwischen der Felsennadel und der wütenden Brandung. Es war jedoch nichts Greifbares zu entdecken, das für dieses seltsame Phänomen eine Erklärung lieferte, außer einer kaum merklichen Turbulenz in der Luft, ähnlich dem Flimmern, welches entsteht, wenn glü- hendes Eisen starke Hitze abstrahlt, oder wie man es sehen kann, wenn eine Felsplatte an einem heißen Sommertag die Hitze, die sie aufgestaut hat, wieder abgibt, und die, wenn man sie von weitem betrachtet, dem Stein und der Luft darüber das Aussehen von etwas Konturlosem, Verschwimmendem verleiht. Zu ihrer Linken war das Wasser ruhiger. Dorthin lenkten sie das Kanu nun, wobei sie es sorgfältig vermieden, in den Sog der Brecher zu geraten, die weiter vorn mit Urgewalt gegen das unsichtbare Hindernis rammten. Als sie die Stelle erreicht hatten, konnten sie von Bord des nun nicht mehr ganz so heftig schwankenden Kanus aus erkennen – obwohl sie auch hier noch gegen Strudel und heftig saugende Strömungen und Wirbelströme zu kämpfen hatte –,, daß nicht weit von ihnen das Wasser plötzlich endete, an einem Rand, über den es (aus welchen Gründen auch immer) nicht hinwegfließen konnte. Vor ihren Augen befand sich ein wahrhaft titanisch anmuten- des Loch mitten im Ozean! Vorsichtig steuerten sie das Kanu durch die kabbe- ligen Wellen, die auf der Leeseite gegen die geister- hafte Barriere plätscherten, auf den Rand des Loches zu. Und als sie schließlich hinunterschauten, blickten sie auf die glänzenden, mit schimmernden Metall- platten gedeckten Dächer, Kuppeln und Turmspitzen einer steinernen Stadt. Breite Straßen aus weißem Pflasterstein und geo- metrisch angeordnete Boulevards teilten die Stadt in Häuserblocks auf, die hier und da aufgelockert wur- den von Parkflächen aus samtigem, grünem Gras. Das Ganze mutete an wie eine Spielzeugstadt, die je- mand auf einem Teppich aufgebaut hatte. Und all das in einer Tiefe von vielleicht hundert Fuß unter dem riesigen Atlantik, und die ganze Pracht durch nichts weiter als einen Atemhauch flimmernder Luft von den tosenden Fluten des Ozeans getrennt! »Als Atlantis versank und die Gletscher schmolzen, da ergoß sich alles Wasser in die Ozeane. An den Kü- sten der Welt stieg der Spiegel der Meere. Dasselbe geschah auch hier, und zur gleichen Zeit senkte sich die Insel. Im Lauf der Jahrhunderte ließ das Kraftfeld – jener Schutzwall, von dem ich erzählte – an Stärke und Festigkeit nach. Zwar kann der Ozean nicht durch den Wall hindurchdringen, doch fanden die Inselbewohner ein Mittel, ihn an seiner oberen Kante zu durchbohren, wo er weich und brüchig ist«, er- klärte Corenice den beiden., »Er ist wie der magische Ring aus Rauch, in dem Vivienne Merlin im Wald von Broceliande verhext hielt«, meinte Gwalchmai. »Niemand konnte ihn be- treten oder verlassen, bis sie sich schließlich ent- schloß, ihn freizulassen.« Nunganeys Hände umkrallten schutzsuchend sei- nen Medizinbeutel, und seine Lippen bewegten sich stumm, als er gebannt in das riesige Loch starrte, während Gwalchmai das Kanu noch näher an den Rand heranlenkte. Je näher sie kamen, desto größere Perspektiven eröffneten sich ihren Blicken. Wie ge- bannt starrten sie mit weit aufgerissenen Augen hin- unter. Eine dicke Mauer, die genau durch die Mitte der Insel lief und sie in etwa zwei gleich große Hälften teilte, trennte die eigentliche Stadt von Äckern und Wiesen. Gwalchmai sah hier und da die Hacken oder Schaufeln von Sklaven aufblitzen, die gerade dabei waren, die Felder zu bestellen. Doch waren sie zu weit entfernt, als daß er ihre Gestalt oder Kleidung genauer erkennen konnte. Die besagte Mauer war genau in der Mitte durch ein Tor mit hohem Bogen unterbrochen, das geschlossen und bewacht war, denn bei näherem Hinsehen entdeckte Gwalchmai einen Wachtposten, der vor dem Portal auf und ab schritt und dessen golden schimmernde Rüstung je- desmal kurz aufblitzte, wenn er auf dem Absatz kehrtmachte. Weitere solche Blitze entlang der Mauer verrieten ihm, daß auch auf ihrer Krone Wachtposten patrouillierten. Entlang der Felder standen Weik-waums und Blockhäuser für die Sklaven, und weiter dahinter er- streckten sich meilenweit Wälder, in denen hier und, da steinerne Ruinen ohne Dächer zu sehen waren, die darauf schließen ließen, daß sich dort einst weitere Städte befunden hatten, längst verlassen und langsam vom Wald überwuchert. Aus dem dichten, sich weit über hügeliges Gelände hinziehenden Nadelwald, dessen dunkel wogendes Grün von ein paar verein- zelt stehenden Birken und Harthölzern aufgelockert wurde, floß ein silbrig schimmernder Fluß, der einen großen, ebenfalls von einer dicken Steinmauer in zwei Hälften geteilten See speiste. Offensichtlich hielt sich der Wasserverlust, der wohl hauptsächlich durch Verdunstung entstand, mit der Auffüllung durch Flußwasser und Regen auf natürliche Weise die Waa- ge, so daß weder Wassermangel zu befürchten war noch die Gefahr einer Überschwemmung drohte. Die drei waren so sehr in der Betrachtung dieses Phänomens versunken, daß keiner von ihnen mehr Augen für näherliegende Dinge hatte, bis sie plötzlich ein lauter Ruf unsanft aus ihren Träumen riß. Als sie verdutzt in die Richtung des Geräuschs schauten, sa- hen sie auf dem Riff – in einer Entfernung von weni- ger als zwanzig Yards und einer Höhe von etwa noch einmal zwanzig Yards – über ihren Köpfen einen weißgekleideten Mann kauern, der über das Geländer der Plattform spähte, auf der er sich befand. Er hielt einen hölzernen Hammer hoch erhoben über dem Hemmklotz einer Steinschleuder, bereit, so- fort zuzuschlagen und das Projektil, einen massiven Felsblock, direkt auf das Boot zu katapultieren. »Er sagt, wir sollen uns nicht von der Stelle rühren, sonst versenkt er sofort das Kanu!« flüsterte Corenice den beiden zu. Während sie noch starr vor Schreck zu dem Mann, hochblickten (wobei Gwalchmai entdeckte, daß der Felsen künstlich war, denn die Fugen zwischen den schwarzen Blöcken des gewaltigen Mauerwerks wa- ren aus der Nähe klar zu erkennen), setzte dieser eine lange Trompete an den Mund und schmetterte ein grelles Signal über die Stadt. In den Büchern seines Patenonkels hatte Gwal- chmai Bilder der Pyramiden von Khemi gesehen. Er hatte die gewaltigen Erdhügel der Mias erklommen und war zahllose Stufen zwischen den Terrassen der Teocallis von Tolteca hinauf- und wieder hinabge- stiegen. Doch wies keines dieser Bauwerke die ge- ringste Ähnlichkeit mit dem gigantischen von Men- schenhand geschaffenen Felsen auf. Er erinnerte stark an den Turm von Babel, und zwar deswegen, weil sich auch hier ein steil ansteigender, geländerloser Aufgang vom Fuß des Bauwerks bis zur Spitze spiral- förmig nach oben wand, und zwar in genau sieben, immer kürzer werdenden Umdrehungen. Ein äußerst wichtiger Unterschied bestand jedoch darin, daß kein dem Gott Nabu geweihter Tempel auf der Plattform des Turms stand, sondern eine drohend auf sie zie- lende Wurfmaschine. Es dauerte nicht lange, und der Aufgang wimmelte von Menschen. Ganze Scharen braun- und rothäuti- ger Sklaven kamen heraufgerannt, zur Eile getrieben von weißen, rothaarigen Aufsehern, die so emsig ihre mit metallenen Spitzen versehenen Peitschen schwangen, daß man glauben konnte, ihre Arbeit be- reite ihnen größtes Vergnügen. Die Sklaven blieben auf einer breiten, ein Stück oberhalb des Wasserspiegels befindlichen Plattform stehen, machten sich an der Kurbel einer Winde zu, schaffen und schufteten mit gebeugtem Rücken, als ginge es um ihr Leben. Die Spitze des Turms begann sich zu drehen, der Wachtposten tat ein paar Schritte, um die drei Fremdlinge im Auge zu behalten, und dann sahen sie einen großen Balken wie den Arm ei- nes Riesen in ihre Richtung schwenken. Am Ende des Balkens hing an langen Seilen eine große muschel- förmige Kiste aus Metall. Mit der spitzen Seite nach vorn schwang diese Ki- ste jetzt unter lautem Quietschen in die Zone der flimmernden Luft, die zu kochen schien und heftig an den Tauen zerrte, als das merkwürdige Ding hin- überglitt. Kurz darauf schlug die Kiste klatschend auf den Wellen dicht neben dem Rand des Lochs auf. Durch die Wucht des Aufpralls schwappte ein Schwall Wasser in das Boot und füllte es knöcheltief. Sogleich hob sich die nach oben gekehrte Hälfte der Muschel und schwang zurück, und der Posten oben auf der Plattform forderte Gwalchmai und seine Ge- fährten mit einer Geste auf einzusteigen. Gwalchmai und Nunganey zögerten. Die riesige schwarze Mu- schel mit ihrem weit aufgesperrten Maul wirkte wie eine hinterlistige Falle, die sie – waren sie erst einmal eingestiegen – wie Würmer zerquetschen würde! »Was wartet ihr noch? Deshalb sind wir doch her- gekommen, oder?« rief Corenice und kletterte furchtlos in die muschelförmige Kiste. Die anderen folgten, gleich darauf schloß sich die Klappe wieder, und sie fühlten, wie sie emporgehoben wurden. Das letzte, was sie sahen, bevor sich die Klappe über ihren Köpfen schloß, war ihr verlassenes Kanu, das schau- kelnd forttrieb. Pechschwarze Finsternis umfing sie in der fenster-, losen Gondel. Es war so dunkel, daß sie sich gegen- seitig nicht sehen konnten. Doch hielten sie sich an- einander fest, um nicht hinzufallen, als der Boden heftig unter ihnen zu wanken begann. Der ganze Ap- parat schaukelte und quietschte laut, als die ungefet- teten Zahnräder den Balken und die Gondel wieder durch die blasige, dünne Luft des Kraftfeldes zu- rückholten. Die Klappe ihres ungewöhnlichen Transportmittels sprang auf, und hereinflutendes Sonnenlicht blendete die beiden Männer einen Moment lang so stark, daß sie blinzeln mußten und Tränen in ihre Augen traten. Ein dürrer Wächter spähte argwöhnisch in die Mu- schel hinein. Seine Augen funkelten wild, und sein ungekämmtes, zottiges weißes Haar flatterte ihm um Kopf und Schultern. »Wer seid ihr, Fremde?« krächzte er in der Abena- ki-Sprache. »Wieso kommt ihr aus freien Stücken nach Nor-um-Bega?« Nunganey reckte sich stolz in die Höhe und erwi- derte: »Das hier sind Glooskap und seine Gefährtin Bumole, die Frau der Nacht. Sie sind gekommen, Hobbamock, den Schändlichen, zu besuchen! Ich bin Nunganey, der Abenaki von Atinien, ihr Freund und Führer!« Der hagere, hakennasige Alte lachte – es war ein kurzes, unangenehm knarrendes, ungläubiges La- chen –, und sie konnten sehen, daß seine Lippen zer- kaut und narbig waren. Auch seine Schultern und Arme wiesen deutliche Bißspuren auf, weiße Male und frische Wunden, die kaum verheilt waren – als hätte er in Anfällen von Schmerz oder Wahn mit wöl- fischer Wollust an seinem eigenen Fleisch genagt., »Ich lebe auf dieser Insel, seit ich von meiner Mut- ter geworfen wurde«, grollte er, »und noch nie habe ich erlebt, daß einer freiwillig hierherkam. Da ihr nun einmal bei uns seid, könnt ihr sicher sein, nie mehr wegzukommen. Wir brauchen kräftige Männer, ver- dammt noch mal!« Seine stechenden Augen bohrten sich in den Schatten unter der Kapuze des Mädchens, und Gwal- chmai fürchtete schon, der Kerl hätte die Verkleidung durchschaut, doch grinste er Corenice bloß vielsa- gend an. »Und Caranche, unser König, wird sicherlich seine Freude daran haben, dich zu unterhalten, Frau der Nacht!« Doch half er ihr höflich über die Bordkante der Gondel, als Corenice mit gespielter Scheu ihre be- handschuhte Hand ausstreckte und in seine runzlige, mit gelben Fingernägeln bewehrte Pranke legte. Zahl- reiche Metallboote lagen kieloben auf der Plattform, bereit, zu Wasser gelassen zu werden, und gleich da- neben befand sich ein Ständer voller Ruder. Corenice ging um die Boote herum und trippelte am Arm des Alten mit zierlichen Schritten den rampenartigen Aufgang empor, der sich um den Turm wand. Die Männer, solcher Unterstützung nicht bedürftig, sprangen mit elegantem Schwung auf die Rampe, wobei sie mit den Händen ihre Waffen festhielten. Bisher hatte der Alte noch keinen Versuch unter- nommen, sie zu entwaffnen. Nunganey preßte die Augen zu einem Schlitz zu- sammen und musterte angestrengt die Reihen der Sklaven, die jetzt wieder, von Peitschenhieben vor- wärtsgetrieben, die Rampe hinunterhetzten. Sein, enttäuschter Gesichtsausdruck verriet, daß er Cosan- nip nicht unter ihnen entdeckte, als die drei sich unter Führung des Alten der Sklavengruppe anschlossen und das Ende der traurigen Prozession bildeten. »Ich bin Baraldabay«, plauderte der Wächter un- aufgefordert, »der Hüter des Turmes. Zu alt für den Krieg, zu rüstig zum Sterben. Ich sitze hier oben, sehe die Krieger gehen und kommen und sehne mich nach dem Tod. Aber anscheinend hat er mich vergessen, und so lebe ich immer weiter in diesem trüben Loch und begleite nie wieder einen Raubzug. Am schlimmsten ist es bei Vollmond, wenn die Mordlust mich überkommt. Vielleicht werde ich darum bitten, daß man mir einen von euch überläßt. Ihr seid wahr- haftig die ersten, die kamen, ohne daß man sie holte.« »Und vielleicht sind wir auch die letzten«, fügte Corenice ganz leise hinzu, und ihre Stimme klang dü- ster und drohend wie eine Totenglocke. Baraldabay war sich offensichtlich der Tatsache bewußt, einen unwichtigen, mit wenig Ehre verbun- denen Posten zu bekleiden, und er schien sich wie ein Kind darüber zu freuen, jemanden zu haben, dem er sein Herz ausschütten konnte, selbst wenn es nur ein paar Minuten dauerte. Auf dem Weg nach unten ka- men sie an mehreren Nischen vorbei, die man in die Wände des Turms gebrochen hatte. Diese waren voll- gepackt mit dichten Reihen von Metallbooten, kiel- oben auf Rollgestellen gelagert, von wo aus sie die Klauen des Schwebekrans leicht greifen und durch die schwächste Stelle des Kraftfeldes hindurch ins Wasser hieven konnten. »Erzähl uns etwas aus deiner Vergangenheit!« bat Corenice., »Früher einmal waren wir ein mächtiges Volk. Es heißt, große Schiffe verkehrten regelmäßig zwischen unserer Insel und Atlantis, unserem Mutterland.« Corenice und Gwalchmai tauschten einen raschen, vielsagenden Blick. »Das war zur Zeit, als unsere Küsten noch auf der- selben Höhe wie das Meer lagen. Doch dann geriet un- sere schöne Kolonie in tödliche Gefahr. Das Land sackte ab, das Meer stieg unaufhörlich. Um unsere Insel vor dem Untergang zu retten, bauten wir um sie herum jenen unsichtbaren Zauberwall, der so stark ist, daß ihn an seinem Fuße nichts durchdringen kann und an seinem oberen Rand nur mit großer Schwierigkeit.« Gwalchmai fragte sich, ob dieser schreckliche alte Mann wirklich so verrückt war, wie es den Anschein hatte. Gerieten im Lauf der Zeit die wirklichen histo- rischen Ereignisse so sehr in Vergessenheit, daß die Wahrheit unterging? Wußte der Mann nicht, daß er ein Abkömmling von Generationen unheilbarer Ver- brecher und pervertierter Lustmörder war, daß er alle ihre Anlagen geerbt hatte? Wußte er nichts davon, daß er der Bewohner einer ehemaligen Strafkolonie war? »Es heißt, die ursprüngliche Bevölkerung der Insel sei in zwei Klassen getrennt gewesen – eine, die aus normalen Menschen bestand wie zum Beispiel ich, und die andere, deren Mitglieder so unerträglich gut waren, daß wir unmöglich mit ihnen zusammenleben konnten. Die letzteren bildeten die ersten Siedler – alte Sol- daten, nach einem Krieg hierhergekommen, mit ihren Frauen. Statt das Töten als etwas anzusehen, was es ist; nämlich die beste und stolzeste Art, Ruhm und, Ehre zu erwerben, betrachteten sie es als Sünde! Mei- ne Vorfahren kamen später auf die Insel, nach und nach in kleinen Gruppen von nur wenigen Mann, und sie wußten es besser. Mit den Jahren nahmen sie an Zahl immer mehr zu, bis ihre Kinder und Kindes- kinder schließlich die Abkömmlinge der ersten Kolo- nisten überflügelten. Ein hoher, bewachter Steinwall trennte beide Klas- sen voneinander. Er verlief genau durch die Mitte der Insel. Sie hielten ihn unter Kontrolle und auch den Turm, wo sie zu Hun-ya beteten, der Hexe mit den viereckigen Augen, die heute unsere Schlachtgöttin ist. Mit Hilfe des Krans hoben sie Nachschub herein, und ihre Mauer versperrte uns den Zugang dazu. Wir konnten nicht heraus, selbst wenn wir es gewollt hätten. Wir waren so lange ihre Gefangenen, bis eines Nachts meine Vorväter jene Mauer stürmten, ihre Bewacher töteten und alle, die in der Stadt waren! Dieses Ereignis markiert erst den wahren Beginn unserer glorreichen Zivilisation. Zu Tausenden strömten wir hinaus auf das Festland, errichteten Städte, verwandelten Wüsten in urbares Land, un- terwarfen die Wilden.« Nunganey stieß bei dem letzten Wort ein wütendes Knurren aus. »Wir vernichteten das gerade im Aufblühen begrif- fene, heftig mit uns rivalisierende Reich des Horicon. Viele, viele Jahre später fegten wir auch die Talagewi hinweg – jenes Volk, das mit dem Bau der Erdwall- städte begann, welche die Mias später in den Bin- nentälern vollendeten, als sie aus dem Heißen Land des Südens heraufgezogen kamen. Ja, das waren Zeiten – unsere besten!«, Seine Augen glänzten wie die einer Spinne, die gie- rig auf ihre Beute starrt. Doch dann umwölkte sich seine Stirn, und ein trauriger Unterton kroch in seine Stimme: »Doch mir selbst war es nicht vergönnt, diese glor- reichen Jahre zu erleben. Sie gehörten schon lange der Vergangenheit an, als ich das Licht der Welt erblickte – vorbei und vorüber! Die ständigen Kriege hatten an der Kraft unseres Volks gezehrt. Und als es schließ- lich keinen Feind mehr gab, an dem wir unsere Kräfte erproben konnten, begannen unsere Städte, gegen- einander die Axt zu erheben und sich zu bekämpfen. Eine nach der anderen fielen sie dem Wald wieder zum Opfer, dem unsere Vorfahren sie mit soviel Mü- he abgerungen hatten. Unsere Frauen gebaren immer weniger Kinder, und wir waren zu stolz, uns mit den Wilden zu vereinigen, höchstens einmal für ein paar Stunden, und wenn aus einer solchen Vereinigung ein Kind entstand, dann töteten wir es sofort nach seiner Geburt, um die Reinheit unserer edlen Rasse zu bewahren. Schließlich holte Nor-um-Bega, die Insel der Hel- den, alles was noch an Kolonisten übriggeblieben war, vom Festland zurück – und wir sind nun der traurige Rest unseres einst so stolzen und fruchtbaren Volks. Nur ein einziges Mal in meinem Leben war mir das Glück vergönnt, mit einer großen Armee in die Schlacht zu ziehen. Vor zwanzig Jahren verbündete sich unser ganzes Volk – allein um der Lust am Kämpfen willen – mit den Eingeborenen, und wir halfen mit, das mianische Reich von Tlapallan zu vernichten. Wir kämpften, um jenes Land zu errei-, chen, kämpften in der Schlacht gegen die Mias und kämpften auf dem Heimweg zu unserer Insel! Hun-ya! War das ein herrliches Töten und Met- zeln!« Corenice deutete auf den hundert Fuß hohen, jade- grün schimmernden Wall aus Wasser, der in einer sanft geschwungenen Krümmung glatt wie ein blankpolierter Spiegel das versunkene Land umgab. Baraldabays Augen folgten ihrem Blick. Die schräg durch diesen Wall fallenden Sonnen- strahlen zitterten leise im Takt der Wogen, welche weit über ihnen gegen das unsichtbare Kraftfeld an- brandeten. Die Gruppe hatte inzwischen die Rampe verlassen und schritt eine Straße entlang. Das Land um sie herum war in unwirkliches, zitternd grünes Licht getaucht. Die Straße verlief dicht neben dem Kraftfeld. Ein Schwarm Dorsche folgte ihnen entlang der durchsichtigen Wand und glotzte neugierig die seltsamen zweibeinigen Wesen an, die da durch das Unterwasser-Aquarium marschierten. Auf irgendein Signal hin fuhren sie plötzlich herum, der ganze Schwarm setzte sich gleichzeitig in Bewegung und entschwand den Blicken der vier. »Warum lebt ihr weiterhin hier, wo es doch auf dem Festland viel sicherer ist?« Baraldabay schien ob dieser Frage verblüfft zu sein. »Warum denn nicht? Dies ist unsere Heimat!« »Habt ihr keine Angst, daß eines Tages das Meer über euch hereinbricht und euch vernichtet, mit al- lem, was ihr besitzt, einschließlich eurer schönen Stadt mit ihrem ganzen Prunk und Reichtum?« Der Alte grinste. »O nein, verehrte Dame, dazu kommt es niemals!, Die Magier, die den Zauberwall einst zu unserem Schutz errichteten, sagten voraus, daß er niemals rei- ßen werde. Niemals – erst an dem Tag, da der Donneradler Nor-um-Bega heimsucht!« »Was hat diese Prophezeiung zu bedeuten?« fragte Corenice. »Niemand vermag es genau zu sagen. In klaren, wolkenlosen Winternächten kann man – wenn die Kinder des Feuers auf der Straße der Geister spielen – manchmal eine riesige Gestalt mit roten Umrissen am Himmel erkennen, die aussieht wie ein Adler. Es gibt ein paar Abergläubische, die überzeugt sind, die Prophezeiung beziehe sich auf dieses Phä- nomen. Doch hat es sich in Wirklichkeit schon oft als gutes Omen erwiesen: Es kündigte uns bereits zahl- reiche große Siege an. Es muß Hun-yas Schoßtier sein. Die Krieger wählen als Zeitpunkt für ihren all- jährlichen Frühjahrsraubzug sogar immer den Tag nach dem letzten Erscheinen des Adlers. Er ist ganz harmlos.« Gwalchmai sah, wie Nunganey ihm mit einer ver- steckten Handbewegung bedeutete, sich ein paar Schritte außer Hörweite zurückfallen zu lassen. »Mein Volk kennt diesen Donneradler«, murmelte er durch die Zähne. »Der Vogel lebt auf dem Kap des Schlafenden Riesen am Nordufer des großen Binnen- sees. Wenn er über dem Kap am Himmel steht, dann bedeutet das, die Völker der nördlichen Länder wer- den vom Krieg heimgesucht. Fliegt er jedoch über den Himmel, dann bricht Krieg in jener Gegend aus, auf die er sich zubewegt. Und immer bedeutet er Unheil für jemand. Eines, Tages wird er über Akilinek schweben, und alle Abenaki werden Freudentänze vollführen!« »Mag sein, Bruder, doch mir ist gerade etwas ein- gefallen, das lange Zeit meinem Gedächtnis ent- schwunden war.« »Und was ist es?« »Mein Name! Ich heiße Gwalchmai, nicht Gloos- kap, und das Wort bedeutet – Adler!« Die Straße bog jetzt von dem Ozeanwall ab und führte in einer langen Kurve zur Vorstadt. Als sie sich den ersten Häusern näherten, stellten sie fest, daß die Schönheit der Stadt am besten zur Geltung kam, wenn man sie aus der Ferne betrachtete – wie bei ei- ner Frau, die einst schön war und bei der im Alter nur noch die würdevolle Haltung an einstige Anmut und Grazie erinnert. Hinter einer Säulenhalle stand ein schlampig ge- kleideter Mann, der auf marmornem Mosaikboden Holz zerkleinerte. Dabei zerhackte und deformierte er mutwillig die mit feinen Schnitzereien versehenen Säulen, so als hätte ihn eine wilde Wut gepackt, die er an irgendwelchen Gegenständen auslassen mußte. Aus den Fugen zwischen den steinernen Platten, mit denen die Straße ausgelegt war, wuchs Gras, und dicke Baumwurzeln hatten im Lauf vieler Jahre manch tonnenschwere Steinplatte gesprengt oder verschoben. Oft mußte die Gruppe großen Schutthau- fen ausweichen oder über sie hinwegsteigen, weil ganze Häuserwände auf die Straße gestürzt waren. Manche dieser Überreste einstiger Pracht mußten schon Jahrhunderte dort lagern: Stattliche Eichen wa- ren inzwischen auf ihnen gewachsen, die sich von dem verrotteten Holz ihrer gefällten und zum Haus-, bau verwendeten Vorfahren ernährten. Viele anson- sten noch gut erhaltene Gebäude waren mit ihren ab- gedeckten Dächern schutzlos Regen und Sonne aus- geliefert, feine Mosaiken, Springbrunnen und umge- stürzte Marmorstatuen lagen knietief unter verfaul- tem Laub und Matsch verborgen. Offenbar hatte man schon vor langer Zeit damit aufgehört, dem Verfall entgegenzuwirken und zer- störte Gebäude wieder zu reparieren. Nirgends gab es etwas Neues. Weder Hunde noch Katzen oder andere Haustiere tollten auf den Straßen herum, und die wenigen Kin- der, die man sah, warfen ihnen derart verschlagene, wissende Blicke zu, daß Gwalchmai sich unwillkür- lich fragte, ob sie wohl jemals wie andere Kinder spielten, und wenn ja, welcher Art ihre Spiele sein mochten. Einige Frauen hatten eine offene Kochstelle in der Mitte eines kleinen quadratischen Platzes aufgebaut. Dem achtlos auf die Straße geworfenen Abfall nach zu urteilen, schienen sich die meisten der umliegen- den Häuser in diese Feuerstelle zu teilen. Über den Flammen schmorte gerade Fleisch für das Abendes- sen. Der Kessel bestand aus Silber und war ursprüng- lich sicher nicht für derart profane Verrichtungen ge- dacht. Seine tiefen Gravierungen hatten sich mit Ruß gefüllt, so daß ein Muster kaum noch zu erkennen war. Eine Gruppe von Knaben und jungen Männern spielte, während sie auf das Essen wartete, mit einem runden Gegenstand Ball. Beim näheren Hinsehen er- kannte Gwalchmai diesen als menschlichen Schädel,, an dem noch ein paar Hautfetzen und Büschel schwarzer Haare hingen. Die Burschen dachten gar nicht daran, ihren makabren Sport zu unterbrechen, als die Fremden näher kamen, sondern spielten mit einem Ausdruck düsterer Verbissenheit weiter, so als handele es sich hierbei um eine Art Pflicht oder einen Brauch und als fänden sie eigentlich gar keinen Spaß an dieser Leibesübung. Doch sollten die drei, ehe sie dieses schmutzige, garstige Stadtviertel hinter sich gebracht hatten, mit noch Schlimmerem konfrontiert werden ... Aus einem halb zerfallenen, fensterlosen Haus stürzte laut kreischend ein Weib heraus, das einen brüllenden Säugling am Bein festhielt, der – obwohl kaum ein Jahr alt – mit seinen winzigen Fingernägeln der Frau in die Beine kratzte, biß, brüllte und um sich schlug wie ein kleiner Kobold. Schließlich mochte die Alte sich das Gebrüll offen- bar nicht länger anhören, blieb stehen und schlug den Säugling mit dem Kopf heftig gegen eine Mauer. Corenice zerrte erregt an Baraldabays Umhang. »Sag ihr, sie soll aufhören! Los, rasch!« schrie sie au- ßer sich vor Zorn, aber der Alte erwiderte ungerührt: »Was willst du? Die Frau ist schließlich die Mutter des Balgs! Wir lassen uns hier von keinem in unsere Angelegenheiten reinreden!« »Aber warum macht sie das? Warum bloß?« fragte Nunganey, der fassungslos dastand, entsetzt über ein derart brutales Verhalten, empfand er es doch schon als widernatürlich und verabscheuenswürdig, wenn eine Mutter ihr Kind nur leicht schlug. Diese jedoch schlug es in wilder Raserei einfach tot! »Wer weiß?« erwiderte Baraldabay. »Vielleicht hat, es sie gebissen, als sie es säugte. Die Launen einer Frau sind immer unberechenbar, hier vielleicht noch mehr als anderswo auf der Welt. Wir sind ein ster- bendes Volk – also laßt uns auf unsere Weise ster- ben!« Das Wimmern des Säuglings wurde leiser und er- starb, noch ehe sie viel weiter gekommen waren. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Doch dann hörten sie einen langen, hysterischen Schrei – viel- mehr an ein wildes Auflachen erinnernd, als der Zorn der Kindsmörderin verraucht war und sie sah, was sie angerichtet hatte. Ob sie es aus Kummer getan hatte oder in Aufwallung von Sadismus – dies in Er- fahrung zu bringen, fanden die Freunde keine Gele- genheit. Sie gingen schweigend weiter. Keinem der drei war für den Moment nach Unterhaltung zumute; jeder von ihnen brauchte erst einmal eine gewisse Zeit, um das soeben Erlebte zu verkraften. Gwalchmai hatte den Eindruck, Corenices Einwand gegen den Mord des Säuglings sei nicht von Herzen gekommen. Er fühlte, daß sie in diesem Punkt nicht aufrichtig gewe- sen war. Vielmehr schien ihm, als habe sie bloß prote- stiert, um vor seinen Augen noch deutlicher die Phi- losophie zutage treten zu lassen, welche offenbar alle Handlungen der Bewohner dieses grandiosen und gleichzeitig so schrecklich verwilderten Stadtstaates regierte. Und erneut fragte er sich, welche Motive sie hier- hertrieben, diese seltsame Abgesandte aus der Ver- gangenheit. Welche Veränderung plante sie? Was mochte sie sich noch von ihrer Mission erhoffen? Noch ein paar Jahre, und bei der ständig sinkenden, Zahl von Geburten und den pausenlos irgendwo auf- flammenden Querelen würde sich die Stadt von selbst ruinieren. Warum sollte man sie nicht sich selbst überlassen? Bald darauf kamen sie an einer Seitenstraße vorbei. Ziemlich weit hinten, nahezu am anderen Ende, zwang eine Horde junger Burschen gerade einen al- ten Sklaven zum Spießrutenlauf. Mit Stöcken und leichten Äxten aus Holz schlugen sie solange auf den Mann ein, bis er entkräftet zu Boden sank. Sogleich fiel die Meute über ihn her. Er schrie nicht einmal auf. Baraldabay bemerkte ihre mitleidigen Blicke und zuckte die Achseln. »Er gehört ihnen. Auf diese Weise lernen bei uns die Jungen, wie man zum Mann wird.« Gwalchmai, nach wie vor in trübsinnige Träume- reien versunken, nahm nicht weiter Notiz von dem abstoßenden Schauspiel. Der riesige, eindrucksvolle Platz, auf den die Straße jetzt mündete, ließ ihn je- doch aus seiner Versonnenheit erwachen. Sie über- querten den Platz, paßten ihre Gangart dem verhalte- nen Schritt des Alten an und stiegen die ausgetrete- nen Stufen einer großen Treppe hinan, die zu einem hohen, mit Pfeilern geschmückten Gebäude führte. Einst der Tempel des Poseidon, befand es sich auch heute noch in recht guterhaltenem Zustand. Die uralten in den Stein gemeißelten Bilder auf dem Ziergiebel stellten Reiter dar, die mit Bogen und Lanze ein Mammut jagten. Doch blieb den Freunden nicht viel Zeit für eine längere Betrachtung dieser prachtvollen Bildhauerarbeit, da Baraldabay sie zur Eile trieb. Sie durchschritten ein großes Tor. Schwar- zer Rauch quoll über ihre Köpfe hinweg und suchte, sich einen Abzug, als sie eintraten. Direkt hinter dem Tor, wo sich eine Säulenhalle erstreckte, blieben sie auf Geheiß ihres Führers stehen. Ein Schmied hatte seine Esse direkt neben dem Altar aufgebaut und die- sen, um sich Platz zu schaffen, auf die Seite gekippt. Er war gerade damit beschäftigt, ein Eisenstück zu einer halbmondförmigen Axtschneide zurechtzu- hämmern. Der Mann hob den Blick und musterte die An- kömmlinge aus tiefliegenden, blutunterlaufenen Au- gen. »Wo ist der König?« fragte Baraldabay. »Caranche? Der König?« fragte der Mann in einem Ton zurück, als hätte er die Frage nicht richtig begrif- fen. »Er ging heute morgen auf die andere Seite der Mauer; es gab wohl irgendwelchen Ärger mit den Feldsklaven, und die Waldbewohner sollen Ausrei- ßern Zuflucht geboten haben. Ein paar von ihnen wollen wohl unbedingt ins Loch geworfen werden.« Er grinste hämisch und begann wieder, auf den langsam abkühlenden Stahl zu hämmern. Die Gruppe durchquerte einen dunklen Korridor und trat auf einen offenen Hof. Und vor ihnen stand die prächtige Kutsche Poseidons, von springenden Delphinen aus Bronze gezogen, die lachende Was- sernymphen ritten. Die Kutsche, ganz aus Gold und Silber, war mit stilisierten Kraken geschmückt. Die Randverzierung des Sockels bestand aus einer Pro- zession von Seepferdchen, die rings um die Statue herumschwammen. Der Springbrunnen vor dem Standbild war trocken, und der Statue des Meergot- tes, der immer noch seinen Dreizack schwenkte, fehlte der Kopf., Corenice betrachtete ihn kurz, wobei sie einen trau- rigen Seufzer ausstieß, und wandte ihren Blick wie- der ab. »Das Haus steht zu eurer freien Verfügung«, sagte Baraldabay kurz und bündig. »Ihr könnt euch eines der Schlafgemächer aussuchen. Essen wird man euch bringen. Eure Waffen dürft ihr solange behalten, bis Caranche anderslautenden Befehl gibt. Er wird mög- licherweise zwei bis drei Tage fortbleiben. Bis er wie- der hier ist, werden alle Eingänge des Tempels be- wacht. Wenn ihr versuchen solltet, das Gebäude zu verlassen, seid ihr auf der Stelle tote Leute!« Als der Alte verschwunden war und sie endlich allein waren fragte Corenice die Männer: »Was haltet ihr von diesem Volk, das Ahuni-i einst liebte und das ihren Namen in den Schmutz zog und verunstaltete?« Grimmige Entschlossenheit lag in Gwalchmais Stimme, als er antwortete: »Wir dürfen nicht zulassen, daß sie weiterhin ihre Untaten verüben. Sie sind durch und durch schlecht und stellen eine ständige Bedrohung für die Abenaki dar.« »Diese Brut muß vernichtet werden!« murmelte Nunganey. »Ich für meine Person beschloß das schon vor lan- ger Zeit in meinem schwimmenden Gefängnis. Oft weilte ich als Geist unter ihnen und betrachtete mit Abscheu ihre Missetaten. Bald wußte ich, daß ich es tun muß. Wenn man ihnen kein Einhalt bietet, wer- den sie das Böse in die Welt hinaustragen und Tod und Verderben über die Menschen bringen. Ich weiß, was dabei für mich auf dem Spiel steht. Aber wir, werden ihnen eine Chance geben, Bruder, wie sie sie den Abenaki niemals einräumten. Ich kann mich an diesen ihren König nicht mehr erinnern – vielleicht ist er von vernünftigem Wesen. Wir werden erst einmal warten, was passiert, wenn er wieder da ist. Wenn wir während dieser Zeit auch nur einen Funken Einsicht oder guten Willens bei seinem Volk entdecken, oder vielleicht auch bei ihm ... Nun, so laßt uns denn geduldig der Dinge harren, die da kommen, und sehen, was wir sonst noch in Er- fahrung bringen können.«,

Das Loch

Caranche, der König von Nor-um-Bega, kam am Nachmittag des zweiten Tags ihrer Gefangenschaft in die Stadt zurück. Doch als man ihm die Gefangenen vorführte, war schon Dunkelheit hereingebrochen; wegen des berghohen Wasserwalles zwischen Stadt und untergehender Sonne wurde es in Nor-um-Bega früher dunkel als anderswo auf der Erde. Flackernde Pechfackeln tauchten den Thronsaal in unwirkliches Licht. Ein kurzer Blick nur, und der junge Aztlanier wußte, daß der Mann, der sich dort auf dem Thron rekelte, durch die naiven Behauptun- gen Nunganeys bezüglich seiner und Corenices Gött- lichkeit nicht so leicht hinters Licht zu führen war wie der alte Turmwächter. Er bat den Abenaki mit einer verstohlenen Geste in der universalen Zeichensprache (die fast alle Nationen des Vielvölkerstaates Alata ver- standen und beherrschten) zu schweigen. Nunganey deutete durch ein kurzes Nicken an, daß er verstan- den hatte. Aber das Mißgeschick war schon passiert. Caranche verkörperte einen wahren Bullen von Mann – ein stiernackiges, muskelbepacktes Mon- strum, dessen Arme und Beine mit einem dichten Pelz roter Haare bedeckt waren. Eine gewaltige Mäh- ne karottenroten Haars fiel ihm über die wilden, ru- helos irrlichternden Augen bis in den struppigen ro- ten Bart. Er spreizte sich in seinem Thron, streckte die Beine weit von sich und musterte die drei Fremden mit, mürrischem Blick durch seine zottigen Locken. Dabei hob er immer wieder seine fleischige Hand und saugte an einer kleinen, blutigen Wunde am Hand- gelenk. Gwalchmai sah, daß mehrere der Männer, die sich im Thronsaal aufhielten, Verbände trugen oder humpelten. Er schloß daraus, daß Caranches Strafex- pedition gegen die Waldbewohner nicht ganz so verlaufen war, wie sich der bullige Herrscher Nor- um-Begas das vorgestellt haben mochte. Entweder der Schmerz war es, der ihn so verdrieß- lich stimmte, oder die Art und Weise, in der er sich die Schramme zugezogen hatte. Jedenfalls schien sei- ne Laune schlechter zu sein als gewöhnlich. Die be- waffneten Männer im Raum beäugten ihren König mit respektvollen, ängstlichen Blicken, und die drei Freunde vermuteten, daß dieser Mann von demsel- ben üblen Charakter und ähnlicher Unberechenbar- keit war wie die meisten seiner Untertanen. Baraldabay, ihr Gönner, schritt zum Throne und flüsterte dem König etwas ins Ohr, das sie nicht ver- stehen konnten. Caranche schaute sofort auf und warf Gwalchmai einen prüfenden, interessierten Blick zu. Als nächstes glitten seine Augen auf die Flam- menwaffe am Gürtel des Aztlaners. Er winkte den jungen Mann mit einer herrischen Geste seines juwe- lenglitzernden Wurstfingers zu sich und kam sofort und ohne Umschweife auf den Kern seines Interesses zu sprechen. »Mein Turmwächter wies mich gerade auf etwas hin, das ich auch mit eigenen Augen erkennen kann«, polterte er auf Abenaki. »Du hast da eine Waffe, wie sie die Alten benutzten, die diese Stadt erbauten. Wo hast du sie her?«, Gwalchmai war für einen Augenblick ratlos. Fie- berhaft überlegte er, was er preisgeben konnte, ohne die wahre Identität Corenices zu verraten. »Nun, ist auch egal, wo du sie herhast!« Er streckte fordernd seine fleischige Pranke aus. Gwalchmai warf dem Mädchen einen blitzschnel- len, fragenden Blick zu. Es nickte kaum merklich, und er überreichte dem König widerstrebend die Waffe. Caranche fingerte unbeholfen daran herum und drehte sie wieder und wieder in seiner Pranke. In- brünstig hofften die drei, daß er aus Versehen an den Abzug kam und sich selber den Kopf wegschoß. Oh- ne den Blick von der Waffe zu wenden, grunzte er schließlich unzufrieden einem der Umstehenden zu: »Schaff mir ein paar von den Feldsklaven herbei!« Gleich darauf wurde eine Schar verkrüppelter, blutender Rothäute wie eine Herde Vieh in den Thronsaal getrieben. Sie mußten sich in einer Reihe vor der Wand aufstellen, die dem Thron gegenüber- lag. Bei keinem von ihnen waren die zum Teil tiefen Wunden versorgt worden, und manche, die schon dem Tode nahe waren, stützten sich schwer auf ihre Kameraden. Offenbar gehörten diese Männer zu den Unglücklichen, die von sadistischen Folterknechten, die den Anblick von Grausamkeit liebten, aus purer Lust gepeinigt wurden. Der Seufzer der Erleichte- rung, den Nunganey beim Anblick der Sklaven aus- stieß, verriet den anderen beiden, daß sich sein Bluts- bruder nicht darunter befand. Der König starrte Gwalchmai aus wilden, unbarm- herzigen Augen an. »Es gibt bei uns einen Lagerraum, bis zur Decke mit diesen Dingern vollgepackt, aber keins davon, funktioniert. Wenn dieses Exemplar wirklich das tut, was unsere Legenden ihm nachsagen, ernenne ich dich zum Obersten Waffenmeister und übertrage dir den Befehl über hundert meiner Krieger!« Er hob die Waffe, zielte und betätigte den Abzug. Das Echo der langanhaltenden Entladung geballter Energie füllte die riesige Halle mit ohrenbetäuben- dem Donner. Verkohlte Klumpen, die noch Sekunden zuvor Menschen gewesen waren, fielen zu Boden und wurden zur Hälfte begraben unter wahren Kas- kaden von Mauerwerk, das aus der zerschmetterten Wand hinter ihnen herniederprasselte. Ungeachtet der Zerstörungen, die er mit der furchtbaren Waffe anrichtete, schwenkte Caranche die Waffe erneut herum, um das verheerende Strahlenbündel noch einmal längs der Reihen sich im Schmerz windender, von schrecklichen Verbrennungen entstellter Sklaven vorbeistreichen zu lassen. Doch er kam nicht weit: Plötzlich wurde der Feuerstrahl schwächer, das weißlich grelle Blau verwandelte sich zuerst in ein dunkles Kirschrot und wurde dann schwarz wie aus- geglühte Kohle. Wütend fuhr Caranche herum und brüllte die drei an: »Habt ihr das gemacht? Wie kann ich das Ding wieder aufladen?« »Fahr gen Mictlampa und finde es selbst heraus, du blutrünstiges Ungeheuer!« schrie Gwalchmai außer sich vor Wut und Erschütterung. Gleichzeitig griff er nach seinem Schwert, während der Abenaki und das Mädchen aus Atlantis zum Zei- chen stummer Billigung näher an ihn heranrückten. Aber sein Griff zum Schwert kam zu spät. Er und, Nunganey wurden sofort unter dem Ansturm eines Dutzends Wächter begraben und in Sekunden- schnelle überwältigt. Während man sie – diesmal oh- ne ihre Waffen – fortschleppte, führte man Corenice, die aus unbegreiflichen Gründen auf den Einsatz ih- rer ungeheuren, wundersamen Körperkräfte ver- zichtet hatte, mit freundlichen Blicken (die ausdrük- ken sollten, daß sie nichts zu befürchten habe) in eine andere Richtung davon. Außer sich vor Wut brüllte Caranche den Wächtern hinterher, welche die beiden Männer davonschlepp- ten: »Gebt ihnen eine Kostprobe von dem Loch! Schickt sie zusammen mit dem Sklavenpack hinunter, aber bringt sie bis zum Morgen wieder zurück in die Gru- ben! Dann können sie sich ja überlegen, ob sie ihr Schweigen brechen wollen oder ob sie es vorziehen zu sterben!« Man zerrte die beiden Männer hinaus auf die Stra- ße, wo sie mit einer langen Kette an eine Reihe von etwa vierzig Männern gefesselt wurden, die alle nur leicht verwundet waren. Unter strenger Bewachung verließen sie die Stadt durch ein Tor in der großen Mauer und überquerten die großen Felder, die da- hinterlagen. Nachdem sie etwa eine Meile zurückge- legt hatten, erreichten sie eine Stelle, wo riesige Hau- fen von Felsbrocken – in gewaltigen Halden, die teil- weise höher waren als ein Haus – aufgeschichtet la- gen. Soweit das Auge im Dämmerlicht blicken konnte, erstreckten sich diese Halden zu beiden Seiten; man konnte fürwahr den Eindruck gewinnen, daß hier Titanen irgendein gewaltiges Werk verrichtet hatten., Jetzt wurden Fackeln angezündet, in deren flak- kerndem Schein die Schlange weiterzog. Nach etwa halbstündigem Marsch über einen allem Anschein nach oft benutzten Pfad, der sich längs einer dieser gewaltigen Halden zog, kamen sie schließlich an ein freies Feld. Dort ragte ein großer metallener Turm empor, in dessen Spitze sich ein mächtiges Rad be- fand, über das ein dickes Kabel lief. Eine Gruppe Sklaven, die an eine Winde gekettet war, wartete schon auf sie. Sofort wurden zehn Männer ausgesondert und auf eine Plattform verfrachtet, die unter dem lauten Quietschen der Winde und unter dem Knall der Auf- seherpeitschen im Boden versank und rasch ihren Blicken entschwand. Nicht lange danach kam sie wieder mit einer La- dung Felsbrocken zum Vorschein, die naß im Licht der Fackeln glänzte. Ein Trupp Sklaven trat vor, räumte die Plattform von Felsbrocken, und weitere zehn Männer nahmen darauf Platz und folgten den anderen in die Tiefe. Dies wiederholte sich mehrere Male, und schließ- lich waren auch Nunganey und Gwalchmai, die den Schluß des Zugs bildeten, an der Reihe. Der Schacht war mit Verschalungen aus Metall und Holz ausge- kleidet. Nachdem sie eine Weile in die Tiefe gefahren waren, hörte diese Verschalung auf, und ihr Blick fiel nur noch auf nacktes Granit. Sie spähten über den Rand der Plattform nach unten und sahen einen schwachen Lichtschimmer. Kurz darauf hielt der Aufzug mit lautem Schaben und Knirschen an. Wenn sie angenommen hatten, den Grund des Schachtes erreicht zu haben, so sahen sie sich bald, getäuscht: Der Schacht verbreiterte sich nämlich in eine weite, unterirdische Halle. Gleich neben ihnen befand sich ein weiterer Förderturm mit einem Kon- tingent von Sklaven, die die Winde betätigten. Die nächste Plattform erwartete sie schon. Nachdem Sklaven das Gestein, das sie aus der Tiefe mit nach oben gebracht hatten, auf die andere Plattform verla- den hatten – jene, mit welcher sie heruntergekommen waren – stellten sie sich auf die zerschrammten Holz- planken, und weiter ging die Fahrt in die Tiefe! Wieder und wieder endete die Fahrt mit einem ruckartigen Stillstand der Gondel in der nächsttiefe- ren Halle und dem Umsteigen in einen neuen Auf- zug. Der Schacht schien kein Ende zu haben. Bald wurde das Atmen schwer. Die Luft wurde immer dunstiger, und schließlich erloschen sogar die Fak- keln. Die Hallen, an denen sie jetzt vorbeikamen, waren vom schwachen Schein leuchtender Pilzschwämme erhellt, die in dichten Klumpen auf faulem Holz wu- cherten, das man eigens zu diesem Zweck dort unten liegengelassen hatte. Auch die Böden dieser Hallen schimmerten in geisterhaft grünem Licht, und von den Decken hingen an langen Faden Glühwürmer herab, die, in der modrigen, kaum bewegten Luft langsam hin- und herschwingend, wie kleine Sterne funkelten. Doch immer noch nahm die Fahrt kein Ende. Bald hatten sie das Gefühl, ihre Augen quöllen ihnen aus dem Kopf und ihre Trommelfelle seinen kurz vor dem Platzen. Als sie das nächste Stockwerk erreich- ten, lag auf der schon wartenden Plattform inmitten der Felsbrocken ein Toter. Nachdem er achtlos zu-, sammen mit dem Gestein auf die andere Plattform geworfen worden war, nahmen die zehn erneut auf dem wackligen Gefährt Platz, und wieder ging es hinab in die Tiefe. Die Wände des Schachts rückten nun dichter an sie heran, und manchmal kamen sie ihnen so nahe, daß zwischen sie und die Kanten der Plattform kaum noch eine Schwertklinge gepaßt hätte. Als sie im nächsten Stockwerk umstiegen, war die Plattform, die sie betraten, kleiner als die vorherigen, so daß nur noch fünf Menschen darauf Platz fanden. In den Bö- den dieser kleineren Aufzüge befanden sich Drossel- klappen, die geschlossen wurden, wenn die Fahrt abwärts ging, und geöffnet wurden, sobald sie nach oben fuhren. Auf diese Weise wirkten die auf- und abfahrenden Gondeln wie Kolben in einer Pumpe und halfen so, die stinkende Luft zwischen den Stockwerken hin- und herzuschieben und damit ein wenig den Druck auszugleichen. Inzwischen hatten sie eine Tiefe erreicht, in der selbst die Schwämme nicht mehr gediehen. An ihre Stelle trat Leuchtfarbe. Das Licht, das diese lieferte, war so matt und verschwommen, daß die Neuan- kömmlinge kaum noch sehen konnten. Die anderen hatten anscheinend – obwohl man sah, daß auch sie litten – weniger Schwierigkeiten. Immer noch fuhren sie weiter in die Tiefe, luden die Gesteinsbrocken um, die schon auf sie warteten, und sprangen auf die nächste Plattform, die sich gleich darauf, von nim- mermüden, wie Tiere gehaltenen Sklaven gewunden, quietschend in Bewegung setzte. Schließlich hörten sie den Klang von Hämmern und Spitzhacken von unten emporschallen, und, gleich darauf endete die Reise in einer noch nicht ganz fertiggestellten Kammer, die von Sklaven in den Basalt getrieben wurde. Diese Kammer lag viele Meilen unterhalb der tiefsten Gesteinsschichten, wie sie dem heutigen Menschen bekannt sind. Dort un- ten, gewissermaßen in den Knochen des Gerippes von Mutter Erde, schufteten und starben die Sklaven wie Tiere auf Befehl und zum puren Vergnügen von König Caranche, der mit diesem Schacht die Pläne längst verstorbener Herrscher fortsetzte. Gerade war ein Mann damit beschäftigt, Leuchtfarbe an die Wän- de zu streichen. Er stand weit vornübergebeugt von der Last seines Farbeimers und der Bürste und rang mit rasselndem Atem nach Luft. Neben ihm war einer vor Schwäche über seinen Hammer gefallen und lag keuchend am Boden. Er hatte die Augen geschlossen und war so ermattet, daß selbst der knallende Peit- schenhieb des Aufsehers – der selbst in wenig besse- rer Verfassung war – ihn nicht dazu bewegen konnte, sie wieder zu öffnen. Die Pickel und Hämmer sangen in der dünnen Luft. Bei jedem Schlag hallte ein Echo auf, das aus dem Felsen unter ihnen zu kommen schien. Zuerst hielten Gwalchmai und Nunganey es auch tatsächlich für ein Echo, doch als kurz darauf die Arbeit für ei- nen Moment unterbrochen wurde, um die völlig er- schöpften Sklaven gegen neue Arbeitskräfte auszu- tauschen, setzte sich das Geräusch fort. Es gab keinen Zweifel: Von unten her, aus den tiefsten Eingeweiden der Erde, wurde ein zweiter Schacht nach oben ge- trieben, der sich irgendwo mit dem Schacht treffen sollte, in dem sie sich befanden. Ein Schauer des Entsetzens durchfuhr die beiden, Kameraden als ihnen schlagartig bewußt wurde, wer dort unten in den Tiefen des Grauens hauste. Doch im selben Moment, als ihnen in aller Deutlichkeit der schreckliche Grund dieses jahrelangen Grabens klar wurde, brachen sie beide fast gleichzeitig, aus Na- senlöchern und Ohren blutend, ohnmächtig auf dem mit Felsklumpen übersäten Boden der Kammer zu- sammen. Sie spürten nicht mehr, wie sie unsanft auf den nächsten Steinhaufen gezerrt wurden, der zum Abtransport nach oben bereitlag, wie sie eilig in den einzelnen Stockwerken von Plattform zu Plattform geschleppt und auf schwankende Bohlen unter lau- tem Rütteln und Quietschen wieder an die Erdober- fläche befördert wurden. Ein kühler Wind weckte sie aus der Ohnmacht. Durch eine kreisförmige Öffnung über ihnen schie- nen die Sterne herein. Während sie noch benommen nach oben starrten, vergrößerte sich die Öffnung all- mählich, und die Sterne verwandelten sich in lodern- de Fackeln. Sie fühlten sich von rohen Händen ge- packt und unsanft auf die Beine gestellt. Dann tor- kelten sie wie willenlose Automaten unsicher und benommen wieder zurück in die Stadt. Im Tempel des Poseidon angekommen, führte man sie einen steil abwärts gehenden, dunklen, schlecht durchlüfteten Gang hinunter, dessen feuchte Wände im Schein der Fackeln von stinkendem Schleim und grünlichem Schimmel glitzerten. Caranche gesellte sich ihnen zu und folgte ihnen nach unten. Dort stieß man sie in ein Verlies, das man mit einem eisernen Gitter zusperrte. Nachdem die Wachtposten verschwunden und die drei allein wa- ren, trat der König ans Gitter und knurrte mit dro-, hendem Unterton in der Stimme: »Du bist also der mächtige Glooskap, der Sohn des Bergs? Es heißt, du seist hierhergekommen, um Hob- bamock einen Besuch abzustatten. Nun, von diesem Hobbamock sprechen bei uns hier nur Sklaven. Wir kennen ihn nicht. Ist es möglich, daß du vielleicht auch zum Sklaven geboren bist? Morgen wirst du jedenfalls wie ein Sklave sterben, Glooskap, wenn du mir nicht sagst, was ich wissen will. Vielleicht lasse ich dich wieder in das Loch zu- rückbringen, damit du dir's noch überlegen kannst. Aber ich verspreche dir, ein zweitesmal wirst du nicht lebend wieder herauskommen! Vielleicht ent- schließen wir uns auch dazu, einen der reizenden kleinen Bräuche aus deinem eigenen Land anzuwen- den! Schließlich müssen wir ja einem Fremden ge- genüber gastfreundlich sein und alles tun, daß er sich bei uns wie zu Hause fühlt. Sollen wir dich in rotglühende Ketten wickeln, oder hättest du es lieber, wenn wir deine Füße ein bißchen mit heißen Kohlen wärmen oder dir Asche in die Augen streuen? Heh? Glaubst du nicht, daß dies deiner Erinnerung auf die Sprünge hülfe?« »Hol dich der Schwarze Hauptmann!« zischte Gwalchmai und drehte dem König voller Abscheu den Rücken zu. Dies schien Caranche mächtig zu amüsieren. Er nahm die Fackel, verschwand in dem Gang und kicherte sich dabei eins in den Bart. Als die beiden glaubten, bis auf die überall herum- huschenden Ratten allein in dem Keller zu sein, wandte sich Nunganey in der Finsternis Gwalchmai zu. »Dieser Teufel!« murmelte er. »Er ist überhaupt, kein wirklicher Mensch! Sagt, er habe noch nie etwas von Hobbamock gehört! Ich glaube, er selbst ist Hob- bamock, der Schändliche – er und kein anderer! Der Körper, den du dir als Wohnstätte für deinen Geist ausgesucht hast, ist zu schwach, als daß du damit ge- gen diese Teufel kämpfen könntest, Glooskap. Es sind wahre Dämonen. Glaubst du, daß die Frau der Nacht mit ihm fertig wird?« Gwalchmai stieß ein kurzes, rauhes Lachen aus. »Wer? Cor-Bumole? Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie kann auf sich selbst aufpassen. Wir werden schneller hier wieder herauskommen, als du glaubst. Ha, dieser Dummkopf – dieser rothaarige Bär! Wenn er wüßte, daß er bloß die kleine Pfanne über dem Griff der Waffe hochklappen und ihr Inne- res eine Stunde lang der direkten Sonnenbestrahlung aussetzen muß, um sie vollständig wieder aufzuladen ...« Irres Gelächter unterbrach ihn, und gleich darauf hörte er das Trommeln nackter Füße auf dem Stein- boden, als der unsichtbare Lauscher durch den Gang nach oben rannte. »Wenn er es bis jetzt noch nicht wußte ...«, be- merkte der Abenaki trocken, »jetzt ist er jedenfalls im Bilde! Wir können bloß noch zu Kiehtan beten und uns im voraus schon mit Todesfarbe bestreichen.« Gwalchmai stieß einen Seufzer aus. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein! Wut und Trauer überkamen ihn. Doch eine Hoffnung gab es noch: Merlins Ring! Erleichtert stellte er fest, daß das Metall an seinem Finger kalt war. Das beruhigte ihn. Die Gefahr war noch nicht nahe. In jener Nacht war der Himmel über ganz Alata, kalt und wolkenlos. Die Luft schien vor elektrischer Spannung zu knistern, und über den großen Binnen- see zogen die Geistertänzer hinweg und ließen die kalte Pracht des Monds erbleichen. Vielleicht wegen der reichen Kupfervorkommen, vielleicht aber auch aus anderen weit schrecklicheren Gründen nahm hoch oben am Himmel ein riesiger Vogel mit weiten Schwingen langsam Gestalt an. Die Menschen blickten empor, erkannten die Vo- gelgestalt und fragten sich ängstlich, wohin sie flie- gen würde, um Krieg zwischen den Völkern zu ver- künden. Der betagte Hayonwatha, den man sogleich aus seinem Blockhaus in Onondaga holte, sah das wütend aufblitzende Rot ihrer sich kräuselnden Schwingen, als sie über dem Großen Haus der Fünf Nationen schwebte, und seine Augen verengten sich zu einem Schlitz. Er würde eine Versammlung einbe- rufen müssen, um zu erfahren, welche Gefahr es war, die sein Volk bedrohte. Der Vogel verschwand langsam in Richtung Osten. Hayonwatha gähnte erleichtert und legte sich müde und friedlich auf seine Felle zurück. Die Erscheinung änderte ihre Gestalt nicht. Sie schwebte weiter nach Osten, ein wenig schneller jetzt, von einem schwachen Flimmern erfüllt, das schließ- lich strahlend hell wurde, bis der ganze Vogel in kal- tem, pulsierendem ständig seine Farbe änderndem Glanze schimmerte. Von den geheimnisvollen ma- gnetischen Strömungen der oberen Luftschichten ge- tragen oder auf ihnen reitend, jagte er über den Gei- sterpfad nach Osten. Als er über die unerschrockenen Abenaki hinweg- flog, leuchtete er in sanften, Frieden verheißenden, Pastelltönen von rosafarbenem Perlglanz, metalli- schem Blau und weich fließendem Gelb auf, bevor er in einem weitem Bogen über dem Meer entschwand. Seine Konturen hatten sich noch nicht verändert, als er über Nor-um-Bega schwebte. Doch schillerte er nun blutrot, und mit seinen flammenden, ausge- zackten Rändern erschien er wie von einer Aura des Zorns umhüllt. Er verharrte eine Weile drohend über der Stadt und eilte dann weiter, der aufgehenden Sonne zu. Caranche, dem man davon berichtete, sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster, um das Phänomen zu betrachten. Als er es erblickte, lachte er in grimmiger Freude auf, denn für ihn war es ein gutes Omen, das ihm Erfolg beim nächsten Raubzug verhieß. Unter ihm, in ihrem Verlies, durch eine dicke Mauer von Nunganey und Gwalchmai getrennt, nickte Corenice geheimnisvoll mit dem Kopf, und ihre zwei einge- kerkerten Freunde wälzten sich unruhig im Schlaf, nicht ahnend, was sich soeben ereignet hatte.,

Der Kampf um den Turm

Man hatte den Thron des Königs in einem kleinen Hof aufgestellt, als man ihm die Gefangenen vor- führte, die im harten Licht der Morgensonne mit den Augen blinzelten. Neben dem König stand Corenice, von zwei Wächtern festgehalten. Sie war noch immer verkleidet. Davor ragten zwei steinerne Pfosten in die Höhe, deren Fuß, ebenso wie die vom Feuer zerfres- senen Ketten, die von ihnen herunterhingen, rußge- schwärzt war. Neben den Pfosten stand eine Gruppe von Wächtern mit Reisigbündeln in den Händen. Mit Ausnahme von diesen befanden sich keine weiteren Menschen auf dem Platz. Caranche schaute Gwalchmai und seinen Freund mit einem Ausdruck plumpen Wohlwollens an und zeigte auf ihre Waffen, die zu einem Häufchen aufge- stapelt zu seinen Füßen lagen. »Da ihr mir – wenn auch nur unbeabsichtigt – ver- raten habt, was ich wissen wollte, bin ich geneigt, euch das Leben zu schenken. Sagt, wollt ihr meine Männer sein? Ich werde euch zu Aufsehern machen!« Anstelle einer Antwort spie Gwalchmai ihn an. Überraschenderweise rief das bei Caranche keinen Wutausbruch hervor, sondern er gab den Aufsehern mit einem knappen Wink das Signal, die beiden Männer an die steinernen Pfosten zu fesseln. Wäh- rend dies geschah, sagte er: »Da du also ablehnst, und dein Kumpan ebenfalls, wie ich seinem Schweigen entnehme, möchte ich dir,, höchst mächtiger Glooskap, der du wahrscheinlich nicht mehr als ein gemeiner Schwindler bist, zu dei- nem – wie ich hoffe – Vergnügen verkünden, daß du sehr bald ausreichend Gelegenheit dazu haben wirst, deine Göttlichkeit zu beweisen. Eine Stunde, sagtest du, wenn ich mich recht erin- nere, braucht das kleine Spielzeug, bis es von der Sonnenhitze wieder vollständig geladen ist? Nun, wir werden ja sehen. Erst einmal lassen wir ein bißchen Reisig zu deinen Füßen aufschichten.« Seine Männer begannen sofort, dies in die Tat umzusetzen. »Und wenn wir damit fertig sind, wollen wir das einmal ausprobieren, ja? Wenn das Ding wirklich wieder aufgeladen ist, dürfte es dir keine großen Schmerzen verursachen, wenn wir dir die Beine weg- brennen – sagen wir mal, bis zu den Hüften! Solltest du aber doch Schmerzen verspüren – nun, dann wird das brennende Holz schon dafür sorgen, daß deine Qualen nicht allzu lange dauern. Bist du aber tatsächlich Glooskap, dann wird es dir zweifellos überhaupt nichts ausmachen. Ein richtiger Gott würde nicht zusehen, wie seine Freunde leiden, wenn er die Möglichkeit hat, sie zu retten, oder? Die Sache interessiert mich wirklich brennend. Und folgendes will ich dir noch mit auf den Weg geben, ehe du nun zur Hölle fährst, Glooskap: Im Frühling – wenn die Blätter des Ahorns so groß sind wie das Ohr eines Eichhörnchens – ist die Zeit des Kriegs! Es dauert bis dahin nicht mehr lange. Dann werden wir mit Axt, Messer und Feuer über die Abenaki herfallen. Nichts wird am Leben bleiben, nicht einmal die Köter vor den Türen der Weik- waums verschonen wir! Wir brauchen keine neuen, Sklaven. Sie sind überflüssig, sobald wir die Waffen der Alten wieder aufladen können. Mit diesen Waffen wird es uns gelingen, noch zu meinen Lebzeiten das Loch bis zum Grund voranzu- treiben! Wir werden das Land der Dunklen Sonne er- reichen, wie unsere Vorfahren es taten! Mit den ge- heimnisvollen Zauberkräften, die wir von den Be- wohnern dieses Landes lernen, werden wir uns zu Königen unter den Heiden aufschwingen! Ha! Die ganze Welt wird sich der Macht Nor-um-Begas beu- gen! Die Insel der Helden wird Kontinente erobern und unterwerfen! Doch leider müssen wir noch eine ganze Stunde warten, bis wir wissen, ob du auch wirklich die Wahrheit sprachst. Und da das Warten etwas schrecklich Langweiliges ist, werde ich mir die Zeit mit deiner Frau in süßer Zweisamkeit vertreiben, Glooskap!« Er wandte sich zu Corenice, die geduldig dastand, das Gesicht unter ihrer pelzbesetzten Kapuze verbor- gen. »Und was dich betrifft – du kommst erst ein Weil- chen mit mir ... dann zu meinen Hauptmännern ... und schließlich in den Kessel, damit die Sklaven was zu fressen haben!« Seine Männer brüllten vor Lachen und schlugen sich johlend auf die Schenkel, als das Mädchen dem König mit verdächtiger Sanftmut in eine kleine Kammer folgte. Die schwere Tür fiel hinter den bei- den mit einem dumpfen Schlag ins Schloß; es war, als hätte die Geschichte ein Kapitel zugeschlagen. Ein paar ruhige Sekunden folgten. Dann ließ ein langgezogener, grausiger Schrei die Männer, die sich, gerade herabbeugten, um die Reisigbündel anzuzün- den, entsetzt mitten in der Bewegung erstarren. Der Schrei war so fürchterlich, daß Gwalchmai das Gefühl hatte, das Blut gefriere ihm in den Adern. Alles lag darin: Entsetzen – Todesangst – und Verblüffung! Noch ehe die Männer sich von dem Schock erholt und wieder aufgerichtet hatten, kam Caranche aus der Kammer geflogen, die schwere Tür aus den An- geln reißend. Er war nur noch eine einzige blutige Masse Fleisch; weiß ragten die Rippen aus seinem zermalmten Brustkorb. Er war schon tot, als er durch die Luft flog und mit zuckenden Gliedmaßen auf die Steine schlug, zwanzig Fuß von den Männern ent- fernt. Nunganey stieß ein gellendes Triumphgeheul aus, als Corenice aus der Kammer geschritten kam, wäh- rend die Männer völlig entgeistert dieses Wesen aus ihren ältesten, längst vergessenen Legenden anstarr- ten und entsetzt vor ihm zurückwichen. Corenices Kapuze war zurückgerutscht und gab den Blick auf ihr schimmerndes Haar frei. Mit dem Ärmel hatte sie die tarnende Farbe von ihren Wangen gewischt, die nun in metallischem Glanz erstrahlten. Niemand konnte sie nun mehr für ein menschliches Wesen halten. Als sie näher kam, wichen die starken Männer bis an die Mauer des Hofs zurück und drängten sich ängstlich dagegen, ohne sich noch weiter um die Gefangenen zu kümmern. Corenices Gesicht trug die grimmigen Züge eines traurigen Racheengels, der hinabgefahren war, ein Todesurteil zu vollstrecken. Mit unbeweglicher Mie- ne hob sie die Flammenwaffe und warf mit dem Daumen den Flügel am Griff herum. Ihre Miene än-, derte sich auch nicht, als sie mit einer kleinen Bewe- gung ihres Fingers die Feinde allesamt vom Leben zum Tode beförderte. Die Waffe blitzte nur kurz auf, als sie sich entlud, doch war der Flammenstrahl stark genug gewesen, die Mauer des Hofs zum Einsturz zu bringen. Die Straße dahinter war leer. Dann trat sie zu ihren an die steinernen Pfosten ge- fesselten Gefährten. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, die schweren Eisenketten auszuhaken, son- dern sprengte mit einem kurzen Ruck die dicken Glieder auseinander, als wären sie aus Wachs. Als- dann sprach sie mit düsterer Stimme: »So gehen die ersten der verleumderischen Feinde Ahuni-is zugrunde!« »Hier hereinzukommen war leicht«, sagte Nunga- ney trübsinnig. »Aber wir werden Schwierigkeiten haben, wieder hinauszugelangen.« Corenice lachte. »Aus dir spricht dein gewohnter Optimismus, mein Freund. Dort liegt die Straße offen vor uns, und hier sind unsere Waffen. Gehen wir also!« Da meldete Gwalchmai sich mit mürrischem Ge- sicht zu Wort: »Wohin sollen wir uns denn wenden, Weib von Atlantis? In diesem Land gibt es nicht einen Fleck, wo man uns freundlich gesinnt ist – höchstens jenseits der Sklavenmauer. Doch da befinden wir uns auch nicht in Sicherheit. Wir sind nur zu dritt!« Sie neigte ihren hübschen Kopf. »Nein, mein Freund, wir sind vier. Wir – und Ahuni-i, in deren Auftrag ich handle. Und was unser Ziel betrifft, so habe ich den Befehl, den Turm zu besetzen dort aus-, zuharren und abzuwarten, was passiert.« »Das ist unser sicherer Tod«, murmelte der Abena- ki leise. Während Corenice Gwalchmai dabei half, sein Schwert umzuschnallen, kratzte er verstohlen den Ruß von den schmutzigen Ketten und schmierte ihn sich auf Wangen und Stirn. In dem Gefühl, nun passend für seine vermeintlich letzte Schlacht ausstaf- fiert zu sein, trottete er hinter den beiden anderen her und dichtete in Gedanken schon eine neue, glorreiche Strophe für seinen Todesgesang. Obwohl die Sonne steil über ihnen stand, war es dank des hohen Wasserwalles, der einen langen Schatten über die Stadt warf, für die spät aufstehen- den Stadtbewohner noch immer früher Morgen. Kei- ne Menschenseele war in dem elenden Stadtviertel auf den Beinen, das sie auf dem Weg zum Turm durchquerten. Der Turm war nicht zu verfehlen, da er das bei weitem höchste Gebäude der ganzen Stadt war. Sorgfältig die Straßen meidend, über die sie auf dem Hinweg in die Stadt geführt worden waren, nä- herten sie sich dem Turm. Die Häuser, an denen sie vorbeikamen, waren ausnahmslos verriegelt und ver- rammelt; aus Furcht vor mitternächtlichen Mordan- schlägen hatten ihre Bewohner Türen und Fensterlä- den geschlossen und mit schweren Riegeln gesichert. In Nor-um-Bega traute keiner dem anderen über den Weg. Das Glück blieb ihnen treu, als sie in die nächste Straße einbogen – ein verkommener Pfad, an dessen Rändern sich riesige Berge stinkenden, halbverfaulten Mülls türmten. Doch sollte dies nicht lange so blei- ben: Als sie kurz darauf erneut nach rechts in eine etwas stattlichere Allee abbogen, sahen sie in nicht, allzu großer Entfernung einen Mann, der ihnen ent- gegenkam. Er war voll bewaffnet und gepanzert und schlenderte fröhlich vor sich hin pfeifend achtlos die Straße entlang. Sofort huschten die drei wieder um die Ecke der Straße, aus der sie gerade eingebogen waren. »Die Wachablösung für das Loch«, flüsterte Core- nice. »Nunganey, kannst du ihn dir vornehmen? Aber ohne einen Laut!« Statt einer Antwort ließ der Abenaki grimmig seine weißen Zähne aufblitzen. Er zog sein Kriegsbeil aus der Schlaufe und wog es prüfend in der Hand. Ahnungslos kam der Wächter näher. Offensichtlich hatte er es nicht sonderlich eilig, seinen Dienst in dem tiefen Schacht anzutreten. Pfeifend kam er um die Ek- ke geschlendert. Die drei drückten sich tief in einen Hauseingang. Als der Mann sie passiert hatte, trat Nunganey aus dem Eingang heraus, um genügend Platz zu haben für einen weiten Wurf. Sein Beil zischte wirbelnd durch die Luft und grub seine mes- serscharfe Schneide aus Feuerstein bis zum Stiel in den Nacken des Feindes, genau zwischen dem Rand der Kesselhaube und dem Ringkragen. Ein Schwall roter Locken – röter noch als sonst, rieselte zu Boden. Es war das Werk weniger Minuten, den toten Sol- daten in die schmutzige Straße hinter einen der Müll- haufen zu schleifen und ihn seiner Kleider zu entle- digen. Kurz nachdem sie damit fertig waren, kam aus besagter Straße ein bewaffneter Mann um die Ecke gebogen. Das braune Haar hatte er sorgfältig unter dem Helm verborgen. Sein Gesicht war mit einem heruntergeklappten Visier maskiert. Mit gezücktem Schwert trieb er einen rothäutigen Sklaven und ein, Mädchen mit Kapuze vor sich her. Die Bündel, die die beiden trugen, enthielten Gwalchmais und Nun- ganeys eigene Waffen, eingewickelt in den Rock des toten Wächters. Derart verkleidet kamen sie bald in belebtere Ge- genden, die sie nun nicht länger umgehen konnten. Sie schritten eine breite Allee hinunter, die schon voller Menschen war. Sie erregten jedoch auch hier kaum Aufmerksamkeit. Die nächste Biegung brachte sie in das ihnen schon bekannte Elendsviertel, wo der silberne Kessel mit dem Morgenmahl dampfend über dem Feuer hing. Kinder waren noch kaum auf den Beinen, und so gelang es ihnen, auch diesen Platz un- gehindert zu überqueren. Schließlich erreichten sie wieder die mit Gras überwucherte Straße, welche sich entlang dem Fuß jenes steilen Wasserwalls hinzog, der das seeumgürtete Land drohend umzingelte. Während sie eilig neben dem dunklen, unbewegten Wasser entlangschritten, bemerkten sie plötzlich eine geheimnisvolle, schwer zu beschreibende Bewegung jenseits der unberührbaren Sperre zwischen ihnen und dem untergetauchten Land. Als sie näher hin- schauten, sahen sie, daß ihnen ein Schatten folgte – auf der anderen Seite des unsichtbaren Walls. Er näherte sich ihnen rasch, verschwand für kurze Zeit hinter einer Erhebung auf dem Meeresboden, und als er wieder auftauchte, konnten sie ihn klar und deutlich erkennen, als er mit der Nase an der Außenwand des durchsichtigen Dammes entlang- glitt, der die Stadt vor den Fluten des Ozeans schützte. Es war ein riesiger Hai, auf der Suche nach Nahrung umherstreifend. (Aus dem Dunkel des Meers sahen sie im Hintergrund schon weitere auf-, tauchen!) Mit leichten Fächelbewegungen seiner ge- waltigen Schwanzflosse schwamm er neben ihnen her und glotzte sie neugierig aus seinen tückischen klei- nen Augen an. »Die Seewölfe von Ahuni-i!« sagte Corenice. »Sie hat ihnen befohlen herbeizuschwimmen, und nun sammeln sie sich!« Die Straße bog jetzt wieder von der Wasserwand ab, aber sie wußten, daß sie weiterhin von dem im- mer größer werdenden Schwarm verfolgt wurden, der sich drohend jenseits des Damms zusammenrot- tete. Und so erreichten sie dann endlich – entgegen Nunganeys düsteren Ahnungen – unbehelligt und unversehrt den steinernen schwarzen Turm. Gerade als sie den Fuß auf die erste Stufe der Wendeltreppe setzen wollten, erhoben sich nicht weit von ihnen großes Geschrei und Getöse. Sie fuhren herum und erblickten eine Rotte rotbärtiger Soldaten, die sie mit wildem Geschrei verfolgte. Sie rannten, ein wüster Haufen, völlig konfus und undiszipliniert durchein- ander. Offensichtlich gab es keinen Anführer. Den Freunden war sofort klar, daß es nicht lange dauerte, bis man sie einholte. Die drei hetzten die zwölf Stufen bis zum ersten Treppenabsatz hinauf. Dort angekommen, riß Gwalchmai sein Schwert her- aus und stellte sich den Anstürmenden entgegen. Obwohl er stark war wie ein Bär und zudem den günstigeren Stand auf dem Treppenabsatz hatte, ret- tete ihn bloß sein solides römisches Schwert beim er- sten Zusammenprall mit den Feinden. Ein Glück, daß sein Vater Ventidius – der ehemalige römische Zentu- rio – ihn so hervorragend ausbilden ließ. So hatte er, einen Trumpf in der Hand, über den außer ihm kein Azteke verfügte, denn das Maccahuitl mit seinen Zähnen aus vulkanischem Glas war in erster Linie ei- ne Schlagwaffe, die keine Spitze besaß, während er mit seinem Gladius auch zustechen konnte. Er hatte jedoch zunächst keine Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Zu groß war die Übermacht der heranstürmenden Nor-um-Beger. Mit dem schieren Gewicht ihrer Leiber prallten sie auf ihn und zwangen ihn, die Plattform zu verlassen. Mit schnellen Schritten sprang er rückwärts ein paar Stu- fen hinauf, um sich ein wenig Luft zu verschaffen und die nötige Distanz zum Kämpfen herzustellen. Seine stahlblaue Klinge, von deren Spitze schon das erste Blut tropfte, wirbelte singend über seinem Kopf in einem glitzernden Kreis, den keiner betreten konnte, ohne sein Leben zu lassen. Zu seinem Glück bestand der Panzer der Feinde nicht aus dem seltsam lebendigen Orichalcum, son- dern aus einer Legierung, die diesem nur in der Farbe ähnelte. Der Bronze an Härte vergleichbar, verbog es zwar die Spitze einer weichen Eisenwaffe oder ließ die Klinge einer Axt aus demselben Metall wir- kungslos abprallen – der gute römische Legionärs- stahl jedoch schnitt hindurch, als wäre es Blech. Immer weiter drängten sie ihn die Treppe hinauf. Als er schon fast auf halber Höhe der ersten Spirale angekommen war, hörte er hinter sich das schnarren- de Geräusch von Nunganeys Bogen, als dieser die Sehne zurückschnellen ließ. Etwas zischte laut pfei- fend über seine Schulter hinweg, und der vorderste Angreifer ging stöhnend zu Boden. Ein großgewachsener Mann mit reich verziertem, Panzer löste sich aus dem Gewirr von Leibern und hastete, die schwere Streitaxt von einer Hand in die andere werfend, die Stufen hinauf. Er trug keinen Helm, und seine fast scharlachroten Locken flogen ihm um den Kopf wie lodernde Flammen. Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck höchster Verzückung, und es war nicht schwer zu erkennen, daß er keine Angst vor dem Tod hatte. Im Rennen sang er das Lied der Sonne: »Himmel und Erde sind ewig. Menschen müssen vergeh'n! Alter ist ein übel Ding! Kämpf und stirb!« Röchelnd sackte er auf die Knie, als Nunganeys Pfeil ihm in die Kehle fuhr. Mit letzter Kraft warf er sich über den Rand der Treppe in die Tiefe, um seinen nachdrängenden Kameraden Platz zu machen – und selbst im Fallen noch wich der Ausdruck der Ekstase nicht aus seinem Gesicht. Wie giftige, wütende Bienen schwirrten die Pfeile des Abenaki in die Reihen der Angreifer und rissen sie zu Boden, bis sie schließlich keinen Platz zum Kämpfen mehr hatten und den Toten erst einmal Platz machen mußten, die polternd die Treppe hin- unterrollten. Gwalchmai lehnte sich erschöpft gegen die Mauer und rang nach Luft. Corenice riß eine der Steinplatten aus dem Boden, die als Ruhebänke dienten, und schleuderte sie mit aller Kraft in das Getümmel der Feinde. Dies schaffte den dreien eine kurze Verschnaufpause. Während einige schwerbewaffnete Männer ver-, suchten, die Leichen aus dem Weg zu räumen, um den Nachdrängenden einen Pfad durch die Toten und Verwundeten zu bahnen, zogen andere lange Messer, um ihre Kameraden zu schützen. Als Gwal- chmai sah, daß es nicht lange dauerte, bis sie wieder heran waren, sprang er mit einem verzweifelten Satz die Stufen hinunter und griff die Männer an. Und wieder gab es ein mächtiges Klirren, Rasseln und Krachen, doch die Speere mit ihren hölzernen Stielen hatten trotz ihrer Länge keine Chance gegen eine stählerne Klinge, die noch dazu von einem Mann ge- führt wurde, der sein Handwerk von keinem Gerin- geren erlernt hatte als dem besten Schwertkämpfer der Leibgarde König Arthurs von Britannien! Gleich darauf stand Nunganey neben ihm, dem inzwischen die Pfeile ausgegangen waren, sammelte ein paar der heruntergefallenen Messer auf und schleuderte sie mit unfehlbarer Zielsicherheit zurück in die Menge der anstürmenden Feinde – eine Kunst, auf die er sich wie kein zweiter verstand. Auf diese Weise hielten sie die Treppe eine Weile. Doch immer neue Wogen bewaffneter Männer bran- deten von unten gegen die Stufen an; die ganze Stadt war inzwischen alarmiert und auf den Beinen. Mit frischen Kräften, vor Freude über die Aussicht auf ei- nen glorreichen Kampf wie von Sinnen, trieben sie mit ihrer gewaltigen Übermacht die drei immer höher hinauf, bis sie den nächsten Absatz erreicht hatten. Nunganey, den eine fliegende Axt am Kopf getrof- fen hatte, lag benommen, jedoch nicht blutend, am Boden. Gwalchmai stand mit gespreizten Beinen über ihm und hieb und stieß nach einem Dutzend brüllen- der, kämpfender Feinde zugleich. Er wußte, daß er, bald unter der Übermacht zusammenbrechen würde, doch war er fest entschlossen, bis zum letzten Bluts- tropfen seinen Freund zu beschützen und keinen Zoll zurückzuweichen. Da erscholl Corenices trompetenhelle Stimme: »Zu Boden, Aztlaner!« Kaum hatte er sich zu Boden fallen lassen, als der Strahl des Flammenspeiers die Luft über ihm in Feuer verwandelte und die Anstürmen- den mit fürchterlichem Donnergetöse hinwegfegte. Der Feuerstoß war so gewaltig, daß zwanzig Fuß der Treppe zu Staub zerfielen. Als sich die Wolke gelegt hatte sah Gwalchmai dicht vor sich einen weit klaf- fenden Spalt, der von den Feinden nicht so leicht zu überqueren wäre. Zwar befanden sie sich nun erst einmal außer Reichweite, aber die Gefahr war noch lange nicht ge- bannt. Inmitten eines Hagels von Speeren und Mes- sern, in den sich hier und da auch eine schwere Axt mischte, die klirrend und Funken schlagend die aus- getretenen Stufen hinunterpolterte, packte Corenice die beiden kurzerhand bei den Hüften und trug sie leichtfüßig die Stufen hinauf bis zur nächsten Platt- form. Die entladene Waffe ließ sie liegen, wo sie war. Sie legte ihre beiden Gefährten auf die an dieser Stelle flach um den schwarzen Turm herumlaufende Plattform. Ihr Atem wurde ruhiger. Der Schleier wich von Nunganeys Augen. Mit einem lauten Kriegs- schrei sprang er auf und fuhr mit der Hand an seine Axt, die einzige Waffe, die er jetzt noch besaß. Als er sah, wo er war, trat ein einfältiger Ausdruck in sein Gesicht. Als seine strengen, grimmigen Züge langsam unter der Todesfarbe weich wurden und sich seine Lippen zu einem dümmlichen Grinsen ver-, zogen, sah das so urkomisch aus, daß Gwalchmai la- chen mußte. Auch die süßen Lippen des metallenen Mädchens spitzten sich zu einem sympathischen Lä- cheln – zum erstenmal, seit sie auf dem Turm gegen den Feind zu kämpfen begonnen hatten. Dieses Lä- cheln verschwand jedoch schnell, als sie von unten Schreie und das Knallen von Peitschen hörten. Vor- sichtig schauten die drei über den Rand der Platt- form. Direkt unter ihnen, in etwa fünfzig Fuß Tiefe, gähnte der riesige Spalt, den der Flammenstrahl ge- rissen hatte. Auf diesen bewegte sich jetzt, getrieben von den Peitschenhieben der Aufseher, eine große Schar rothäutiger Abenaki-Sklaven zu. Sie waren mit schweren Holzbalken beladen und wankten unter der Last dicker Planken und gewaltiger Bohlen. Es war somit klar, daß ihre Atempause nur von kurzer Dauer sein würde. Es dauerte nicht lange, und die erste Planke fiel krachend über den Spalt. Zwar prallte sie mit dem anderen Ende zu heftig auf der gegenüberliegenden Kante auf, so daß sie abglitt und im Abgrund ver- schwand – ein Schicksal, das auch noch die nächsten drei ereilte –, doch schon die vierte blieb liegen und bildete eine Brücke über den Spalt. Sofort lief ein Sklave hinüber und hielt das Brett fest, während seine Kameraden vorsichtig unter den lauten Anweisungen eines Aufsehers eine zweite Bohle hinüberschoben. Als auch diese den Spalt sicher überbrückte, folgten rasch weitere Balken, bis ganz zum Schluß alles be- deckt war. Gwalchmai bemerkte, daß Corenice ihren Platz an seiner Seite verlassen hatte. Er schaute sich suchend, nach ihr um und sah, wie sie gerade dabei war, mit einer spitzen Stange (die sie wohl von einer der Win- den abgebrochen hatte) einen der riesigen Steine aus der Mauer zu brechen. Sofort eilte er hinzu, um ihr dabei zu helfen, den Stein auf die Brücke zu werfen. Doch da sprang Nun- ganey auf, der das schabende Geräusch der Eisen- stange in der Mauerritze gehört hatte und sofort wußte, was sie vorhatten. Sein Gesicht zuckte erregt, aller Gleichmut war schlagartig aus seinen Zügen gewichen. »Das sind meine Stammesbrüder, Bumole!« rief er flehend. »Nicht auf sie!« »Es waren deine Stammesbrüder. Du kannst sie nicht mehr mit normalen menschlichen Wesen ver- gleichen. Sie sind so sehr geschunden und gequält worden, daß ihre Seelen abgestorben sind. Sie wer- den genauso unerbittlich gegen dich kämpfen wie ih- re Herren, sobald sie dich erreichen!« »Mag sein«, räumte Nunganey ein, »doch bitte, wirf diesen Stein nicht auf die Sklaven, Frau der Nacht! Warte, bis die Chenoo herüberkommen.« Corenice schaute ihn einen Moment lang an. Dann warf sie die Stange zu Boden, ging zum Rand der Plattform und spähte hinunter. Es war schon zu spät. Als hätte inzwischen einer der Männer das Kommando übernommen und vor- ausgesehen, was Corenice beabsichtigte, stürmten die Sklaven und die rothaarigen Axtmänner gleichzeitig mit wildem Gebrüll über die Brücke. Corenice wartete, bis der letzte Sklave hinüber war, und rollte dann den tonnenschweren Stein über den Rand der Plattform. Mit donnerndem Krachen schlug, er mitten in den funkelnden, sich langsam vorwärts- drängenden Strom bewaffneter Nor-um-Beger. Die provisorische Brücke zerbarst mit ohrenbetäubendem Splittern und polterte in den Abgrund, gefolgt von zerschmetterten Leibern, die auf die unteren Rampen aufschlugen und große Lücken in die wimmelnde Menschenmenge riß, die sich in der Einbuchtung mit den Booten drängte. »Zu spät«, sagte Corenice grimmig. Die ersten Ver- folger hatten schon die Plattform erreicht und kamen auf sie zugestürzt, an der Spitze halbnackte, johlend die Waffen schwenkende Abenaki, welche sie unter- wegs aufgehoben hatten. Sie schienen ihren Herren an Wildheit in nichts nachzustehen, und ihre Gesich- ter waren zu ebenso teuflischen Fratzen verzerrt wie die der besser ausgerüsteten, grinsenden Mörder, die sie vorwärtstrieben, damit sie die erste Wucht des Aufpralls wie ein Puffer auffingen. Nunganey schrie ihnen verzweifelt zu, sich gegen ihre Peiniger zu wenden, doch entweder hörten sie ihn nicht, oder sie mißverstanden seine Beweggründe völlig. Wie Rasende fielen sie über die drei her. Es war gut, daß Gwalchmai und Nunganey sich eine Weile ausgeruht hatten, denn die neuen Gegner wa- ren nicht minder gefährlich als ihre Herren. Unge- hindert von schwerer Panzerung konnten sie sich äu- ßerst flink bewegen und sich vor den Hieben ducken oder rasch zur Seite springen. Obgleich Gwalchmai und Nunganey wie die Löwen kämpften, wurden sie langsam, aber sicher zurückgedrängt, und bald hat- ten sie die letzte Treppe erreicht, die direkt zur Spitze des Turms führte. Von dort aus war kein Rückzug mehr möglich!, Und wieder, in der gleichen Formation wie schon auf der ersten Treppe, verteidigten sie Stufe für Stufe gegen den anstürmenden Feind. Sobald der Gegner ein Abenaki war, schlugen sie nur so hart zu, daß sie ihn lediglich betäubten. War er aber ein Nor-um- Beger, dann stießen und schlugen sie unerbittlich zu, um ihn zu töten. Glücklicherweise war diese Treppe schmaler, stei- ler und stärker gekrümmt, da der Turm sich zur Spit- ze hin stark verjüngte, was es dem Feind sehr er- schwerte, einen gezielten Wurf mit dem Messer oder der Axt anzusetzen. Für Gwalchmai indessen bot dies einen großen Vorteil, da das römische Schwert sich in hervorragender Weise dazu eignete, zwischen die Scharniere von Rüstungen zu stechen. Seine Gegner kannten jedoch die schwachen Punkte ihrer Harni- sche besser als er, und bald blutete er aus zahlreichen Schrammen, die ihm die scharfen Speerspitzen bei- brachten. Er spürte, wie sein Arm schwächer und das Schwert in seiner Hand immer schwerer wurde. Dies war auch der Grund, warum er schließlich ei- nen Axthieb nicht parieren konnte, der ihm die Kes- selhaube vom Kopf riß und ihn auf die Knie zwang. Sofort sprang Nunganey vor und stellte sich schüt- zend mit bloßem Oberkörper vor seinen Freund. Mit lautem Klirren zerbrach sein steinernes Kriegsbeil am Brustharnisch eines vorwärtsstürmenden Riesen. Die- ser stieß einen spöttischen Schrei aus, ließ seine weit schwerere Waffe über dem Kopf kreisen und holte zu einem mächtigen Hieb aus, um beiden Gegnern gleichzeitig den Rest zu geben. Irgendwo in der Menge erhob sich laut gellend der Kriegsschrei der Abenaki – jenes markerschütternde, Brüllen, das selbst einem hungrigen Puma das Blut in den Adern gefrieren ließ –, und ein von Narben über- säter, einäugiger Krieger drängte sich hastig durch das Kampfgetümmel nach vorn. »Ho! Ho! Cosannip!« brüllte Nunganey, warf sich gleichzeitig nach vorn und umschlang die Knie eines Feindes mit den Armen. Im gleichen Moment holte Cosannip mit seiner eigenen Waffe, einer halbmond- förmigen Axt, zu einem fürchterlichen Schlag aus. Der Hieb war so gewaltig, daß eine Hälfte des metal- lenen Halbmonds aus dem Nacken des Nor-um- Begers ragte, während die andere zwischen den Zäh- nen seines Unterkiefers hervorschaute. Beide Hälften seines gespaltenen Schädels fielen ihm über die Schultern zur Seite, als Cosannip mit einem Ruck die Axt herauszog. Nunganey bückte sich blitzschnell nach der Axt des Toten, und Seite an Seite verteidigten die beiden nun wieder vereinten Blutsbrüder die Treppe gegen die anstürmende Horde. Es gelang ihnen sogar, den Gegner ein Stück zurückzudrängen und kostbare Mi- nuten zu gewinnen. Gwalchmai tastete benommen nach seinem Helm, doch schien alle Kraft aus seinen zittrigen Händen gewichen zu sein. Nunganey beugte sich zu ihm hinunter und setzte ihm den Helm auf den Kopf. Gwalchmai kam schwankend hoch und mußte sich auf sein Schwert stützen. Das Ende schien nahe zu sein. Ein zappelnder Körper kam von oben geflogen und landete krachend inmitten der brüllenden Horde. Ein zweiter folgte, begleitet von einem gellenden Todes- schrei, direkt danach. Als nächster schlug der Barald- abay, jener verrückte Turmwächter, der sich über, Mangel an Krieg beklagt hatte, mit zerschmetterten Gliedern auf den Stufen auf. Alle Blicke richteten sich nach oben. Auf der höchsten Zinne stand Corenice wie eine Statue – einer fleischgewordenen Rachegöt- tin gleich. Ihre Bluse hing ihr in Fetzen von ihrem metallisch glänzenden Oberkörper, und mit wehen- dem Unterkleid blickte sie über die Kämpfenden hinweg weit hinaus aufs Meer. »Schaut!« schrie sie. »Schaut nur, Mörder von Nor- um-Bega! Dort hinten auf den Wogen naht euer Ver- derben! Ahuni-i hat es gesandt!« Sofort brach der Kampfeslärm ab. Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Menge. Die Männer, die gerade zur Verstärkung der oben Kämpfenden über die wiedererrichtete Brücke stürmten, blieben abrupt stehen, als sie die Plattform erreichten, und wandten sich entsetzt um, um auf das Meer hinauszuschauen. Äxte glitten aus zitternden Händen zu Boden, und altgediente Krieger fielen vor Angst auf die Knie. Jen- seits des unsichtbaren Schutzwalls, der ihre kleine Welt umgab, näherte sich rasch, jetzt deutlich für je- den erkennbar – der Vimana!,

Vale! Sei gegrüßt, Donnervogel!

Von seinen breiten Schwimmfüßen geschwind vor- angetrieben, pflügte das Schwanenschiff von Atlantis durch die Wellen. Als es näher kam, konnten Gwal- chmai und die beiden Abenaki, die inzwischen die wenigen Stufen zu Corenice hinaufgeeilt waren, deutlich das Stampfen der mächtigen Maschinen hö- ren, welche es antrieben. Und nicht lange danach hörten sie ein weiteres Geräusch, das sogar das stän- dige Rumoren der Brandung übertönte, die gegen den Rand der unsichtbaren Mauer schlug: ein langge- zogenes, furchterregendes Pfeifen, vergleichbar dem wütenden Zischen einer zu Tode gereizten Riesen- schlange. Und wieder spürte Gwalchmai das beklemmende Gefühl gnadenlosen Hasses, das er schon an Bord des Schiffes so deutlich gefühlt hatte, doch war es dies- mal nicht allein gegen ihn gerichtet. Ein fremder Ge- danke begann an sein Unterbewußtsein zu pochen. ›Töte! Töte! Töte!‹ hämmerte es in seinem Gehirn. Er warf einen Blick auf Corenice. Ihr Gesicht war starr und unerbittlich. Jetzt war das Schwanenschiff heran. Der lange, schlangenartige Hals bog sich geschmeidig zurück zwischen die Schultern des Vogels, und der riesige Schnabel öffnete sich langsam. Die runden Kri- stallaugen blitzten gefährlich auf, als sei der Vogel le- bendig, und ein gezackter Strahl bläulich schim- mernden Feuers zischte mit ohrenbetäubendem Kra-, chen in den unsichtbaren Wall. Dieser Strahl jedoch war nicht mit dem Flammenbündel vergleichbar, das prasselnd in die Schlingpflanzen gefahren war und das die Seeschlange blitzschnell enthauptet hatte. Es war ein fahlblauer, dünner, gezackter Funke, dessen grelles Licht die Augen blendete. An der Stelle, wo der ununterbrochen aus dem Schnabel des Schwans zischende Strahl auf die hauchdünne Barriere einwirkte, bildete sich rasch ein leuchtender, in allen Regenbogenfarben schillernder Lichthof. Ohne an Intensität nachzulassen, floß der gewaltige Energiestrom weiter in den schillernden Kreis, erhitzte ihn immer stärker und zerbröckelte langsam seinen Widerstand, zerstörte das Muster sei- ner Zusammensetzung und veränderte seine Struk- tur. Die Stelle des Walls, an der der Strahl auftraf, be- gann sich nun nach innen zu biegen. Tiefer, immer tiefer wurde die Wölbung, bis schließlich der seltsam gleißende Blitzstrahl hindurchbrach und bis über die Mitte des versunkenen Landes schoß. Dort hing er ei- ne Weile in der Luft, schimmernd und leuchtend als weithin sichtbares Feuerzeichen am Himmel, das den Menschen das Jüngste Gericht verkündete. Dann, ganz plötzlich, wurde der Strahl blasser und erstarb. Doch rings um das gleichmäßig in den Wall ge- schnittene Loch fingen die Kanten an zu brennen. Langsam zuerst, dann immer schneller – je größer das Loch wurde – begannen kleine, rauchlose Flam- men den Energievorhang zu verzehren. Doch spürten alle, die vom Turm aus gebannt auf das größer wer- dende Loch starrten, keinerlei Hitze, obwohl sie dem Flammenmeer am nächsten waren, zu dem sich die, leckenden Feuerzungen entwickelt hatten und das nun wie entfesselt auf den schwachen Rand des Walls zuraste. Die unsichtbare Substanz, die so lange dem Druck des Ozeans standgehalten hatte, schmolz zu- sehends dahin. Inzwischen war ein klaffender Spalt entstanden, der fast bis an den oberen Rand des Energievorhangs reichte. Wie ein Geschwür fraß sich der wütende Brand nach links und rechts weiter. Bald loderten hundert Fuß hohe Flammensäulen empor, die sich rasch verbreiteten und zu einem gleißenden Vorhang zusammenwuchsen, der sich mit atembe- raubender Geschwindigkeit ausdehnte und nach bei- den Seiten hin den Wall entlangraste. Es war abzuse- hen, wann die beiden Enden zusammentreffen und die dem Untergang geweihte Stadt wie ein riesiges Feuerband umschlingen würden. Auch nach unten fraß sich der Brand durch. Es schien, als sänke eine kalte, rauchlose Linie gleißen- den Lichts auf den Meeresboden hinab. Doch ging dies nur sehr langsam vonstatten. Denn die Energie, die von sich im Felsen des Meeresbodens spaltenden Atomen gespeist wurde, floß nach oben, also in die entgegengesetzte Richtung, und speiste das Kraftfeld – wie von den genialen Ingenieuren des alten Atlantis vorgesehen. Aber schneller noch, als sich diese Ener- gie erneuerte, konnte sie auch zerstört werden! Nun begann die Brandung über die Kante zu schwappen, ohne jedoch den ständig sinkenden Feu- erwall zu löschen. Als die ersten Wellen hereinka- men, durchnäßte ein kalter Schauer salzigen Regens die entsetzt nach oben starrenden Gesichter der Men- ge, die sich in der Mauernische mit den Booten zu- sammengedrängt hatte. Lautes, langgezogenes Angst-, geheul schallte zu denen empor, die auf der Spitze des Turms standen. Schon wimmelte die sich um den Turm windende Treppe von Scharen von Kletterern. Jeder wußte, der Turm war das einzige Gebäude der Stadt, welches übers Meer hinausragte. Einen anderen Zufluchtsort gab es nicht. Gwalchmai beobachtete, wie die Men- schen in der Nische die kieloben liegenden Boote umkippten, und wußte, daß dies ein hoffnungsloses Unterfangen war. Währenddessen schaukelte das Schwanenschiff sanft in der Dünung. Es hatte den Kopf weit vorge- streckt, so als könne es wahrhaftig sehen. Es hatte fast den Anschein, als beobachte es mit Belustigung das Schauspiel, das dort unten in der Stadt seinen Lauf nahm. Nunganey und Cosannip schauten wie gebannt zur Sklavenmauer hinüber. Dort wurde heftig gekämpft, und ein erster großer Trupp ihrer geknechteten Stammesbrüder hatte sich schon wie eine dunkle Flut über den Wall ergossen. Keiner der goldenen Mörder war unter ihnen zu sehen, als sie durch die Straßen der halbverfallenen Stadt in Richtung Turm strömten. Auch sie hatten die Gefahr erkannt, die drohend über ihnen schwebte. Oben auf der Turmspitze war das Wehklagen der dem Untergang geweihten Bevölke- rung nur als leises Wimmern zu vernehmen, das fast völlig übertönt wurde von dem fast weihevoll an- mutenden Donnergroll der hereinstürzenden Sintflut und dem trockenen Krachen zusammenstürzender Steinhäuser, die unter der Wucht des mit Urgewalten auf sie niedergehenden Katarakts zerbröselten, als bestünden sie aus Zucker., Der ganze obere Rand des Energievorhangs war verschwunden, und an hundert Stellen, dort, wo die Energieeinheiten am schwächsten waren, strömte das Wasser in gewaltigen Sturzbächen herein. Kleine Gießbäche, rasch größer werdend, glitzerten auf wie poliertes Silber, als die Strahlen der Sonne auf die Gischt fielen, oder wurden von unten erleuchtet durch die langsam sinkenden, noch immer mit un- verminderter Heftigkeit lodernden Flammen. Die Bä- che schwollen zu Flüssen, die sich wiederum mit an- deren Flüssen vereinigten, und die riesigen Sturz- wellen, die sich ungehindert über den Rand des Walls ergossen, ließen gewaltige Kaskaden entstehen. Schaum und Gischt sprühten in hohem Bogen über den dicker werdenden Rand und donnerten mit sol- cher Wucht in die Tiefe, daß die Falle von Ne-ah-ga- ah dagegen wie ein schmächtiges Rinnsal wirkten. Durch den Vorhang aus Gischt hindurch sahen die vier von ihrem erhöhten Stand auf der Turmspitze aus, daß die Fluten inzwischen die rennende Skla- venmeute erreicht hatte. Mit eiserner Faust packte die rasende Sturzwelle die unglückseligen Männer und schwemmte sie erbarmungslos fort – fort von ihrem Ziel, dem rettenden Turm! Auch weiter hinten hatten sich die durch die Straßen schießenden Bäche verei- nigt und strömten unaufhaltsam auf das Loch zu. Die ersten Wellen schwappten schon dagegen, und kleine Rinnsale begannen über den Rand ins Innere zu lau- fen. Bald darauf verschwanden die Winden zusammen mit herumliegendem Tauwerk und anderem treiben- den Gerümpel in dem tiefen Schlund. Es dauerte nicht lange, und der Förderturm brach mitsamt dem, Flaschenzug zusammen und wurde sofort in die Tiefe gerissen. Bald folgten die Mauerkronen des Turm- sockels. Die riesigen Halden von Stein und Erdreich schmolzen wie Schnee in der Sonne, und der Eingang des Lochs vergrößerte sich mit beängstigender Ge- schwindigkeit. Bald klaffte er soweit auf, daß man glauben konnte, die Erde selbst habe ihren riesigen Schlund geöffnet, um gierig ihren Durst zu stillen. Selbst jetzt noch, über das Tosen des hereinbre- chenden Ozeans hinweg, vernahm man rhythmisches Hämmern, das von weit unten aus verwunschenen Tiefen drang, wo die schauerlichen Wesen der Un- terwelt dabei waren, die letzte dünne Felsschicht zu durchstoßen, die sie noch vom Oberland trennte und das letzte Hindernis auf dem Wege zur Herrschaft über die Welt des Lichts bildete. Auf diese letzte dünne Schicht donnerte nun der Katarakt mit unvorstellbarer Wucht hinunter, staute sich zu einer Wassersäule von ungeheurem Gewicht und drückte schließlich mit gewaltiger Wucht das Hindernis ein. Eine mächtige Luftblase schoß durch den zickzackförmigen Schacht nach oben. In ihrem Sog wurde eine verstümmelte Gestalt ans Tageslicht geschleudert, die entfernte Ähnlichkeit mit einem Menschen besaß, jedoch im Vergleich zu diesem so groß war wie ein Mammut im Verhältnis zu einer Maus! Als nächstes schoß ein entwurzelter Baum aus dem Loch ins Freie, dessen Stamm und Blattwerk aus Mangel an Chlorophyll kalkweiß waren. Die verkrüppelte Kreatur hob noch einmal einen zerschmetterten, blutenden Arm aus dem Wasser, bevor sie für immer versank. Einen Moment lang wurde das Wasser von der rie-, sigen Gischtsäule zurückgedrängt, die in einer ge- waltigen Fontäne aus dem Loch schoß und mehrere hundert Fuß hoch in die Luft stieg. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie langsam in sich zusammensank. Kurz darauf markierte nur noch ein sich stetig aus- dehnender und immer flacher werdender Schaum- ring die Stelle, an der sich der tiefste Schacht befun- den hatte, der je von Menschenhand in die Erde ge- trieben wurde. Und bald war auch diese letzte Spur nicht mehr zu sehen. Wenige Minuten nur hatte der Ozean gebraucht, um die Früchte tausendjähriger Plackerei unzähliger Sklaven mit einem Schlag zu- nichte zu machen! Für immer versiegelt war nun die Höhle, die trotz ihrer gewaltigen Ausmaße für die Bewohner des Landes der Dunklen Sonne nicht viel mehr als ein winziges Vorzimmer gewesen war. Eine ungeheure Wasserwand mit einem Kamm wild tanzender Klumpen von Unrat und Trümmern wälzte sich nun mit rasender Geschwindigkeit durch die Hauptstraße der Stadt und überspülte den Platz, wo die Boote lagen. Die Woge wirbelte die metalle- nen Boote wie Korken durch die Luft und wälzte sich über die ertrinkende Menge. Dann donnerte sie wie eine Lawine gegen die Rampe, riß die Menschen mit, die sich verzweifelt festzuklammern versuchten, und saugte sie – in einem Berg von Schaum eingehüllt – in die Tiefe. Dann umspülte sie den Fuß des Turms und fraß sich tief in das Erdreich, auf dem sein Fundament ruhte. Der mächtige, von Menschenhand errichtete Koloß erbebte in seinen Grundfesten, wankte und neigte sich schwerfällig zur Seite, als wolle er mit einer tie-, fen Verbeugung dem Stärkeren seine Reverenz er- weisen. Dabei schüttelte er den kletternden Schwarm, der sich verzweifelt an ihm festklammerte, wie lästi- ges Ungeziefer von seinen Schultern. Der lange Balken schwang knirschend herum und blieb pendelnd über dem Wasser hängen, genau an einer Stelle, wo der Sog der Strömung, die sich kurz dahinter ungestüm in einen rasenden Strudel stürzte, die Wellen glättete. Der Vimana, immer noch den stummen Befehlen Corenices gehorchend, schwamm direkt unter das Ende des überhängenden Balkens. Selbst er schien Mühe zu haben, sich gegen die Strö- mung zu stemmen, die ihn in den Strudel hinabzu- reißen drohte. Nachdem die vier Gefährten vergeb- lich versucht hatten, die dicht über dem Wasser bau- melnde Gondel zu erreichen, kletterten sie tollkühn durch das Gitterwerk aus Stützbalken und Verstre- bungen, welches den Balken waagerecht hielt, nach unten aufs Schiff. Gwalchmai warf einen eiligen letzten Blick nach hinten. Ein paar Inselbewohner und Sklaven kamen ihnen nachgeklettert. Hinter ihnen ragte inzwischen kein einziges Gebäude mehr aus dem Wasser. Tempel und Palast, stolze Wohnhäuser und elende Hütten – alles lag nun für immer und ewig unter den Fluten des Ozeans begraben. Da wo einst das stolze und ge- fürchtete Nor-um-Bega der See getrotzt hatte, hing jetzt eine gigantische, kalte weiße Wolke aus Dunst und Gischt über dem Meer – als sei der Schutzgeist von Atlantis gekommen, das Dahinscheiden seiner letzten Kolonie zu betrauern, so sündig und verges- sen sie auch gewesen sein mochte. Die anderen kauerten schon auf dem Rücken des, Vimana und rissen Gwalchmai aus seinen Träumen. Ein Zittern lief durch den Balken, als er noch ein Stück tiefer sank. Behende sprang Gwalchmai auf das nasse, schlüpfrige Metall. Corenice bekam seinen Gürtel zu fassen und zog ihn in Sicherheit. Wieder öffnete sich die Falltür im Rücken des Schwans, und die vier eilten hastig die Stufen ins In- nere des Schiffs hinunter. Schon sprangen die ersten Nor-um-Beger auf den Rücken des Vogels. Die Tür glitt lautlos in ihre Stellung zurück, und gleich darauf schwoll das Geräusch der Maschinen an: Das Schwa- nenschiff befreite sich langsam aus dem Sog der Strömung. Ein fürchterlicher Schlag traf die metallene Oberfläche, und alle hörten deutlich das Donnergetö- se, mit dem der Turm endgültig einstürzte. Dann krachte der Balken ein zweitesmal gegen den Vimana – das Schwanenschiff wurde durch die Wucht des Schlags für einen Moment aus der Bahn geworfen, und der gewaltige Sog des Strudels erfaßte und wir- belte es herum. Zum Glück war das Wasser darunter tief genug, um den Fall abzubremsen, aber die mächtigen Strö- mungen warfen den Vimana wie einen Spielball hin und her. Im Gegensatz zu den Menschen, die gegen die stahlharten Wände des Schiffes schleuderten, hielt sich Corenice durch starke Magnete auf dem Stuhl vor den Kontrollhebeln fest. Sie tat alles, was in ihren Kräften stand, um sich und die Gefährten heil aus der Gefahrenzone herauszumanövrieren. Schon nach dem ersten Aufprall blieben die drei Männer be- wußtlos liegen. Für Gwalchmai waren alle Lichter erloschen, nachdem er mit dem Kopf gegen die me- tallene Decke geprallt war, als das Schiff sich zum er-, stenmal überschlagen hatte. Corenice warf den dreien einen besorgten Blick zu, sah sich jedoch außerstande, ihnen zu Hilfe zu kommen. Betrübt wandte sie den Blick wieder den Kontrolltafeln zu. Jene waren die einzigen noch lebenden Menschen, welche die Schönheit, aber auch den Schrecken Nor-um-Begas mit eigenen Augen gesehen hatten. Alle anderen wa- ren in den tosenden Fluten der unendlichen Wasser- wüste umgekommen. Und so hatte sich denn die Prophezeiung aus längst vergangenen Zeiten erfüllt – der Donnervogel war über die Insel der Mörder gekommen und hatte sie vernichtet. Hoch oben in den Gewässern des Nordens schaukelte der Vimana sanft auf den Wellen einer vom Lande umschlossenen kleinen Bucht. Eine Woche behutsa- mer Pflege hatte den zerschundenen Leibern der drei Freunde Kraft und Gesundheit zurückgebracht. Die beiden Abenaki waren nach bewegten Abschiedssze- nen an Land gegangen und in ihre Heimat zurückge- kehrt. Corenice und Gwalchmai saßen im Kontroll- raum zusammen und studierten eifrig eine Landkarte aus hauchdünner Metallfolie, in die alle Kontinente mit Säure hineingeätzt waren. »Nun paß gut auf«, sagte das Mädchen und warf dem jungen Mann einen warmherzigen Blick zu. »Seit diese Karte gefertigt wurde, hoben sich ganze Inseln aus dem Meer und versanken wieder. Küsten verschoben sich und Berge, die einst bis in die höch- sten Wolken ragten, fielen wieder in sich zusammen oder wurden von Wind und Regen abgetragen. Die großen Landmassen jedoch sind fast dieselben ge-, blieben, die sie schon vor Jahrtausenden waren. Dies ist die Route, die du nehmen mußt, um deinen Schwur zu erfüllen, wozu ich dir meine Hilfe zusagte. Im Norden und Westen leben die wilden Inuete, ein kriegerisches Volk, das den Stämmen des Waldes nicht freundlich gesonnen ist. Im Nordosten sind die Beothuks zu Hause. Ihr Land ist schön, aber kalt, da durch den Untergang von Atlantis die warmen Mee- resströme von seinen Küsten abgelenkt wurden. In keinem der beiden Länder kannst du auf Hilfe rech- nen. Noch weiter nördlich liegt Cimmeria, tief unter dem Schnee von Jahrtausenden begraben. Jenseits dieser Länder verläuft dein Pfad. Dort gibt es Inseln und Kontinentalvorsprünge, die weit bis nach Europa hineinragen. Hier siehst du Estotiland und Miura und das Land, das die Griechen – unsere alten Feinde – Thule nannten. Folgst du diesem Pfad, so wirst du beizeiten dein Ziel erreichen.« »Du sprichst immer nur von mir, Corenice«, sagte Gwalchmai, und seine Stimme klang ein wenig be- drückt. »Soll das heißen, daß sich unsere Wege tren- nen?« Sie hob mit einer kleinen impulsiven Geste die Hand, als wolle sie ihn streicheln. Statt dessen ließ sie sie jedoch wieder sinken und preßte sie auf ihre Hüfte, wo ein schwacher Lichtschimmer durch ihre Haut leuchtete. »Ja, mein Lieber, wir müssen auseinandergehen, und das hier ist der Grund. Die Zeit der Trennung ist gekommen. Sowohl ich als auch das Schiff, das uns beide trägt, sind dem Untergang geweiht. Das Leben beginnt bereits aus unseren Leibern zu weichen. Wie du sicher schon mehr als einmal vermutet hast, ver-, fügt der Vimana über ein eigenes Leben. Dies mag sehr unwahrscheinlich klingen. Doch du darfst nicht vergessen, daß der Mensch niemals wirklich Mensch wäre ohne jenen göttlichen Funken in sich, der ihn über die Tiere erhebt. Dieser Funken war es – vom Geist der Woge eingehaucht –, den die Mörder in sich sterben ließen, wodurch sie ihren Untergang herauf- beschworen. Metall – gleich welcher Art – könnte niemals zu Leben erwachen ohne den winzigen Zusatz von Ori- chalcum, welches wie Hefe seinen Einfluß auf das Ganze ausdehnt und schließlich die ursprüngliche Substanz verändert. Dieser Vimana wurde einst von Menschenhand aus purem, totem Metall gebaut, doch verwandelte die ständige Anwesenheit meines Körpers aus Ori- chalcum mit der Zeit die Partikel seiner Substanz. Und da jene verwandelten Partikel die Energie der Sonne aufnahmen und sie über all die Jahrtausende hinweg (während wir über dem versunkenen Atlantis trieben) speicherten und bewahrten, hat der Vimana eine gewisse Verwandtschaft mit mir erlangt und ein eigenes Leben angenommen. Die Gefühle, die er hat, sind zwar nur sehr schwerfällig und träge, doch han- delt es sich unbestreitbar um Leben! Da alle wichtigen Funktionen des Schiffs so kon- struiert wurden, daß sie durch Gedankenübertragung gesteuert werden können, und da in meinem metal- lenen Leib ein menschliches Bewußtsein lebt, hat es allmählich Wissen von mir angenommen. Ich, Core- nice von Colicynos, verfüge über eine höhere Intelli- genz als jene metallene, die sich langsam in dem Vi- mana entwickelt, und ich war bis auf den heutigen, Tag in der Lage, dieses andere Ich zu kontrollieren und zu lenken. Ich besitze eine Seele – der Vimana nicht. Trotzdem kam er fast völlig ohne meine Hilfe allein nach Nor-um-Bega und rettete uns. Der Vima- na liebt mich – auf seine eigene unergründliche und seltsame Art!« »Das kann ich verstehen«, murmelte Gwalchmai. Sie zögerte ein wenig, fast scheu, bevor sie weiter- sprach. »Dich jedoch haßt er, weil er wußte, daß dein Kom- men unsere Gemeinschaft zerstörte – wie es letztend- lich nun auch geschehen ist. Dennoch – o Gwalchmai! –, es war so schön, wieder lebendig zu sein! Er versuchte dich von der Kammer fernzuhalten, in der ich auf dich wartete. Dazu bediente er sich der einzigen Stimme, über die er verfügt – die Harmoni- en, die man einst zum Vergnügen der Menschen in ihn einbaute. Doch du ließest dich davon nicht auf- halten und gelangtest schließlich zu mir. Da begann er zu schmollen – ich konnte jeden seiner Gedanken fühlen. Ich spürte, wie sein Haß auf dich immer stär- ker wurde. Er wollte dich zerstören, damit er und ich wieder allein wären. Das aber war unmöglich, weil du und ich immer zusammen waren und mein Wille stärker war als der seinige. Doch nun werde ich dich verlassen, und du mußt allein deines Wegs ziehen.« Tiefe Traurigkeit lag in ihrer Stimme. Er wollte et- was erwidern, doch sie hob beschwichtigend die Hand. »Du siehst den schwachen Lichtschimmer, der sich langsam über meinen Körper ausbreitet, um mich herum funkelt, das leuchtende Metall stumpf macht, und das Leben auslöscht, das unter ihm pulsiert. Als ich von der Spitze des Turms auf die brennende Energiemauer blickte, trafen mich die grausamen Strahlen, die von ihr ausgingen, und setzten eine chemische Reaktion in Gang. Der Vimana steckte sich wiederum bei mir an, da ich nun dieselben Strahlen aussende. Sowohl seine als auch meine Körperzellen sterben langsam ab. Sie verwandeln sich entweder wieder in ihren ursprünglichen Zustand, das heißt, sie werden zu totem Metall, oder sie zerfallen zu ei- nem Nebel glühender Teilchen, wie er mich seit eini- ger Zeit ständig umhüllt. Wenn dieser Prozeß abgeschlossen ist, sind wir praktisch tot. Doch bevor es soweit ist, möchte ich dir noch Lebewohl sagen und den rechten Weg weisen. Du kannst den riesigen Ozean von dieser Stelle aus nicht in einem zerbrechlichen Boot aus Holz überque- ren. Die Gefahr ist zu groß. Die Seemänner von At- lantis segelten einst in hölzernen Schiffen übers Meer der Würmer und ertranken. Die Würmer fraßen gro- ße Löcher in die Böden ihrer Schiffe, und sie versan- ken. Nur Metall ist sicher vor ihnen. Der Vimana wird nicht mehr lange genug leben, um dich quer über den Ozean zu deinem Ziel zu tra- gen. Wir müssen nach Norden, in die Region der kalten Gewässer, wo die Eisschollen auf dem Meer treiben. Wir müssen uns von Insel zu Insel voranta- sten, solange ich das Schiff noch dazu zwingen kann, meinen Befehlen zu gehorchen. Dann jedoch müssen wir uns trennen – du wirst zu Fuß die Länder durchqueren, die deinen Pfad säu- men. Du wirst dich mit Menschen anfreunden und dir Boote beschaffen, die dich weiter auf deinem Weg, gen Osten tragen. In bequemen Tagesreisen wirst du der Kontinentalküste folgen, bis du dein Ziel erreicht und deine Botschaft übermittelt hast. Doch habe ich das Gefühl – ich weiß nicht, woher es kommt –, daß deine Reise länger dauern wird, als du annimmst.« »Und du – was wirst du tun?« fragte Gwalchmai. Sie lächelte. »Ich? Mach dir um mich keine Gedanken. Lange bevor du dein Ziel erreicht hast, werde ich wissen, welcher Art das Ende ist, welches das Schicksal und Ahuni-i mir zudachten.« Während der darauffolgenden Tage legten sie gro- ße Strecken zurück. Sie ließen die Küste hinter sich und fuhren nach Nordosten. Bald stießen sie auf an- dere unwirtliche Küsten und folgten ihnen eine Zeit- lang. Einmal verfolgten Eingeborene sie in ihren Ein- bäumen und versuchten, ihr Schiff zu umzingeln. Doch waren sie bald aus dem Blickfeld entschwun- den. An einer anderen Stelle der Küste kamen zottige, wie Affen behaarte Menschen an den Strand gerannt. Sie schienen keine Furcht vor dem seltsamen Gefährt zu haben, das sich ihnen summend näherte, und schüttelten drohend ihre Keulen, um die Fremdlinge davor zu warnen, an Land zu kommen. Sie fuhren weiter nach Nordosten, uralten Land- karten folgend. Corenice verbrachte den größten Teil ihrer Zeit im Kontrollraum, und sie waren nicht oft zusammen. Sie befürchtete, er könne sich an dem goldenen Nebel verbrennen, der unaufhörlich aus den Wänden des Kontrollraums zu strömen schien und der auch ihren eigenen Körper wie eine Wolke umgab, die von den Strahlen der untergehenden Sonne beschienen wurde., Erschöpftes Gerassel kündigte den baldigen Ruin der Maschinen an, und eines Tages verstärkten sich alle diese Anzeichen so deutlich, daß man sie nicht länger stillschweigend ignorieren konnte. Inzwischen hatten sie das Gebiet der Eisschollen passiert und näherten sich langsam wieder wärmeren Klimazonen. Schließlich sichteten sie Land. Das Gelände schien felsig, und Corenice stellte fest, daß es auf keiner Karte verzeichnet war. Aufgrund seiner Lage und angesichts des vulkanischen Rauchs, der am Horizont hing, kam sie zu dem Schluß, daß es sich um relativ junges Land handelte, das erst nach ihrer Zeit entstanden war. Falls es Bewohner gab, so war von diesen jedenfalls nichts zu sehen, als das Schwanenschiff vorsichtig an der Südküste entlangfuhr. Nirgends fanden sich Buchten, und nur sehr wenige Stellen eigneten sich zum Landen. Die See brandete hart gegen die un- wirtliche Küste; überall schwamm Treibeis herum, das von Gletschern stammte, welche vom Meer her auf die Küste zutrieben. Der Staub ständiger Eruptio- nen fiel auf sie herab, und des Nachts leuchtete der Himmel feuerrot. Sie kamen zu dem Schluß, daß es sich um eine Insel handelte; und das einzige Anzei- chen, das darauf hindeutete, daß jemals ein Mensch seinen Fuß auf diesen unwirtlichen Küstenstrich ge- setzt hatte, war ein kleines Fellboot, das kieloben auf dem Wasser trieb. In der näheren Umgebung schien sich indessen niemand aufzuhalten. Eine Säule aus Rauch und Vulkanasche stand zehntausend Fuß hoch über dem Zentrum der Insel, als sie an Land gingen. Es schien Corenice, als gäbe es auf der ganzen Welt keinen schrecklicheren Ort – und, ausgerechnet hier mußte sie Gwalchmai an Land set- zen. Doch wußte sie, sie hatte keine andere Wahl. Weiterzufahren war unmöglich. Unter größten An- strengungen – ihr widerspenstiger Körper wollte kaum noch ihrem Willen gehorchen – half sie ihm, seinen Proviant zu einem sanft abfallenden Küsten- streifen am Ende einer Flußmündung zu tragen. Ein vereister Fluß mündete hier ins Meer. Gwalchmais Haar war durch die ständige Einwir- kung der Strahlen, welche die in Auflösung begriffe- nen Zellen des Schiffs ohne Unterlaß absonderten, ganz weiß geworden. Er stellte jedoch fest, daß seine körperlichen Fähigkeiten nicht im geringsten beein- trächtigt waren und auch seine Kraft sich nicht ver- ringert hatte, als sie zusammen den kleinen Hügel hinaufstiegen, von dessen Höhe man den Gletscher überblicken konnte. Dicke Schneeflocken rieselten sanft auf die triste Einöde hinab. Sie saßen da und blickten von der Kuppe des Hügels auf das unten wartende Schwa- nenschiff hinab. Es war nun fast völlig von einer dichten Wolke tanzender goldener Sonnenstäubchen eingehüllt. Corenice umgab eine ähnliche Aura; nie zuvor war sie seinen Augen schöner und anmutiger erschienen als in diesem Moment, da schon der tödli- che goldene Dunst in ihrer Nähe schwebte. Als sie sprach, merkte er, daß sie sich nur noch unter größten Mühen bewegen konnte. Es zerriß ihm fast das Herz, als er daran dachte, mit welcher Fröh- lichkeit und Lebenslust sie vor seinen Augen getanzt und Musik für ihn gemacht hatte. Es schien unend- lich lange her zu sein. »Dies also ist nun der Ort, an dem wir voneinander, Abschied nehmen müssen. O Gwalchmai! Brachte ich dich so weit deinem Ziel entgegen, nur um dich hier dem Tod zu überlassen? Ich kann nicht glauben, daß der Geist der Woge ein solch grausames Ende für uns ausersehen hat!« »Deine Göttin hätte niemals zugelassen, daß du mir so ans Herz wächst, wenn es nicht ein anderes Schicksal für uns gäbe. Ich weiß jetzt, daß ich mein Leben verlängerte, indem ich den Zaubertrank meines Patenonkels Merlin trank. Du, mein Liebling, meine Angebetete, die du in Gedanken die Welt durch- streiftest und mit den Augen anderer in so viele Jahr- hunderte und Epochen spähtest, mußt einen Weg finden, zu mir zurückzukehren. Gewiß ist es uns ver- gönnt, daß wir uns irgendwann einmal wiedersehen.« Sie lächelte unter größten Mühen. »Dann fühlst also auch du genau wie ich, daß der Tod des Körpers nicht des Lebens Ende ist? Mein metallener Leib stirbt, und er brachte mir nur wenig Freude: spüren, daß ich lebe, und gleichzeitig wissen, daß ich nur aus Metall bin! Wissen, daß ich ein leben- diger Mensch bin, Verlangen zu spüren, mich nach Liebe zu sehnen! So lange zu leben, mich nach dem Tod zu verzehren – und nun, da er mich endlich er- eilt, mich nach dem Leben zu sehnen! O Gwalchmai! Und doch bedeutet dieses Leben mir nur wenig. Du und ich, wir würden uns darin niemals näherkom- men. Wenn wir uns wiedersehen, dann laß es in einer zukünftigen anderen Existenz sein.« »Wir müssen uns wiedersehen! Wir werden uns wiedersehen!« Ergriffen nahm er sie in den Arm und preßte sie an sich. Sie löste sich spielerisch aus seiner Umarmung., »Jetzt ist nicht der Augenblick für Liebe! Die Zeit drängt! Du mußt so weit wie möglich ins Landesin- nere fliehen! Es geht um dein Leben! Denn wisse: So- bald ich nicht mehr bin, wird der Vimana zurück- kommen, um dich zu suchen und zu töten! Ich ver- lasse dich nun. Ich werde ihn weit aufs Meer hinaus steuern und ihn zerstören, wenn ich kann, bevor meine Kraft und die Macht, die ich über ihn habe, erlöschen und mein Körper gänzlich verfällt. Dies ist die Strafe, die ich verdiene. Ich habe mein Gelübde erfüllt. Ich tötete die Mörder und wurde so selbst zur Mörderin; ich habe damit eine Sünde be- gangen, die unverzeihlich ist. Wegen dieser Sünde muß ich sterben, doch ich flehe dich an, Ahuni-i, ver- gib mir, denn ich fühle mich nicht als sündiger Mensch!« »Du bist es auch nicht!« erwiderte Gwalchmai mit einem tiefen Seufzer. »O Corenice! Es wird nicht we- niger Mord und Mordlust auf der Welt geben, nur weil die Nor-um-Beger vom Erdboden getilgt sind. Haß ist ein Teil des Menschen, ihm angeboren, und er wird ihn immer begleiten.« »Vielleicht«, gab sie keuchend zurück. »Doch Liebe ist besser als Haß. Nun, da meine Stunde gekommen ist, kann ich es sagen ... es ist so unschicklich, Gwal- chmai! Der Gedanke, ein Mädchen aus Metall könne lieben, ist so ungewöhnlich und erschreckend ... doch will ich dir gestehen, daß du der Schatz meines Her- zens bist ... nie werde ich einen anderen lieben!« Gwalchmai senkte sein weißes Haupt. Herzzerrei- ßendes Schluchzen schüttelte seinen Körper. Ihre kleinen Finger berührten seine Wange und streichel- ten sie sanft. Sie fühlten sich noch immer weich an,, doch spürte er, daß der Zersetzungsprozeß des Me- talls schon weit vorangeschritten war: Sie schienen von innen her zu brennen. Der Glanz in ihren Augen hatte etwas Verlorenes und zugleich Verzücktes an sich. Sie schien zu lauschen. Ihre Stimme war ganz sanft und leise. »Ich habe das Versprechen bekommen. Meine schreckliche Sünde ist mir vergeben worden. Dies ist nicht das Ende, hier, an dieser Stätte aus Eis und Feu- er.« Er zog sie wieder an sich, ohne Rücksicht auf den Schmerz, den dies bei ihm verursachte. »Laß mich gemeinsam mit dir sterben«, sagte er lei- se. »Hier, an dieser Stelle!« Sie riß sich mit einem heftigen Ruck von ihm los und richtete sich schwankend auf. Ein letztesmal blitzte etwas von ihrem gebieterischen Wesen in ihr auf. »Nein!« stieß sie hervor, doch der glockenhelle Klang ihrer Stimme war von einem Mißton tiefer Traurigkeit unterlegt. Gleich darauf beugte sie sich mit einem Ausdruck der Reue zu ihm hinab und küßte ihn. Ihre Lippen waren so weich und süß wie die eines Mädchens aus Fleisch und Blut. »Dies ist kein endgültiger Abschied, mein Gelieb- ter, denn nun, da ich weiß, daß du mich liebst, werde ich einen Weg finden, zu dir zurückzukommen. Ich werde dafür sorgen, daß du deinen Schwur erfüllst, und tun, was in meinen Kräften steht, dir auf deiner langen Reise zur Seite zu stehen. Hab Vertrauen, und wir werden in einem anderen Leben wieder vereint sein. Ja, wir werden uns wiedersehen, leben und uns lieben – und dauerte es noch zweihundert Jahre!, Möge Ahuni-i dich beschützen, mein Schatz, denn ich kann es nun nicht mehr!« Sie ließ von ihm ab und lief stolpernd und tau- melnd den Hügel hinab auf das wartende Schiff zu. Eine Aura leuchtenden Nebels umgab sie – ein gol- dener Geist in einer goldenen Wolke. »Warte, Corenice!« schrie er in seiner Pein und rannte hinter ihr her. »Laß mich mit dir gehen! Wann werden wir uns wiedersehen? Wie soll ich dich in ei- nem anderen Leben erkennen?« Sie blickte über die Schulter zu ihm zurück. »Du kannst mich am Gold erkennen!« schrie sie und verschwand unter dem Deck des Vimana. Fast im selben Moment drehte das Schwanenschiff ab und schoß aufs offene Meer hinaus. Er stieg wieder auf seinen Aussichtspunkt, setzte sich nieder und schaute, den Kopf schwermütig auf die Hände gestützt, dem Schwanenschiff nach, bis es seinem Blick entschwunden war. Der Ring an seinem Finger wurde glühend heiß. Ungeachtet ihrer letzten Warnung blieb er re- gungslos auf seinem Felsen sitzen und starrte mit lee- rem Blick auf den bedrohlich dunklen Horizont. Dik- ke graue Wolken ballten sich zusammen, und gleich darauf begann es zu schneien. Ein eisiger Wind schnitt ihm ins Gesicht. Doch immer noch machte er keinerlei Anstalten, sich eine geschützte Stelle zu su- chen, obwohl es nun rasch dunkler wurde. Und dann sah er plötzlich einen leuchtenden Punkt am Horizont, genau an der Stelle, wo See und Him- mel sich trafen. Es war, als hätte sich die Sonne ent- schlossen, wieder aufzugehen. Entsetzen durchfuhr ihn, als er bemerkte, daß der leuchtende Punkt rasch, größer wurde und Gestalt annahm. Der Punkt wurde zu einem glänzenden Fleck, zu einer Wolke aus Feu- er, die über das Wasser auf ihn zuraste. Jetzt hatte sie die Flußmündung erreicht! Das Schwanenschiff – es war gekommen, ihn zu vernich- ten, nun, da es endlich frei von jeder Bevormundung war! Ohne sich um seinen Proviant zu kümmern, hastete er landeinwärts, über die Oberfläche des Gletschers. Er rannte, was die Beine hergaben, setzte über kaum sichtbare, vom Schnee zugedeckte Spalten hinweg. Der Schnee, der jetzt in dicken Flocken fiel, blendete ihn. In dem sich rasch von hinten nähernden Licht wirkte er wie ein Meer glitzernder Funken. Schweratmend blieb Gwalchmai stehen. Er wußte, daß es kein Entrinnen mehr gab. Er drehte sich um. Der Vimana hatte den Strand erreicht. Langsam schob sich sein Kopf zurück und legte sich zwischen die Schultern, bereit, sein verheerendes Feuerbündel auf Gwalchmai zu richten. Ein Zischen wie von tau- send wütenden Schlangen erfüllte die Luft. Gwal- chmai stand ganz still, den Todesstoß zu empfangen. Doch da! Was war das? Eine Erscheinung nahm vor ihm auf dem Eis Gestalt an! Im ersten Moment glaubte er, es sei Corenice, die auf geheimnisvolle Weise zurückkehrte. Doch als die Gestalt sich ihm zudrehte und ihn anlächelte, sah er, daß er sich ge- täuscht hatte. Es war nicht Corenice. Ihr Gesicht war oval, doch es sah nicht aus wie das Gesicht eines irdischen Wesens! Es war unbeschreib- lich schön, doch mit viereckigen Augen, und die Haut umsäumten juwelenartige Schuppen. Seegrün waren die Kleider, aus denen Wasser tropfte. Sie trug einen, bis zur Hüfte reichenden Panzer und einen Helm, je- doch keinerlei Waffe. Statt dessen hielt sie einen konkav gewölbten Schild in der Hand, auf dem eine große Schlange prangte, die sich in den eigenen Schwanz biß. Der harte Glanz des Metalls schmerzte Gwalchmais Augen, als die Gestalt ihm mit einer Geste bedeutete, hinter sie zu treten. Der schreckliche Feuerstrahl des Donnervogels zuckte über das Eis, doch schneller noch, als er ihn erreichen konnte, hob das fremde Wesen den Schild und deckte ihn damit ab. Wir- kungslos prallte der Strahl vom Schild ab und schoß zurück auf den, der ihn gesandt hatte. Bis hoch hinauf in die grauen Wolken reckte sich die Feuerwand, zuckten die tosenden Stichflammen, als sich die zerrissenen Atome des Schwanenschiffs befreiten und zu einem unvergleichlichen Energie- strahl vereinigten, der sich in den Himmel entlud. Der Grund der Flußmündung wurde sichtbar, dampfend und schwarz, doch augenblicklich stürzte das Wasser, das von der gewaltigen Explosion ins Meer geschleudert worden war, in einer gewaltigen Flutwelle wieder zurück und donnerte mit unbe- schreiblicher Wucht gegen den Gletscher. Seine ganze Vorderfront geriet in Bewegung und krachte hinunter in die tosenden Wogen. Ein riesiger Spalt tat sich zwischen Gwalchmai und seinem Retter auf, und die stürzenden Eismassen trugen den Fremdling wieder hinab ins Meer, aus dem er ge- kommen war. Mit der Kraft der Verzweiflung rannte Gwalchmai von dem drohend klaffenden Spalt fort. Die gewaltige Erschütterung hatte neue Risse hervorgerufen. Ge-, schickt wich er diesen aus oder sprang über sie hin- weg, doch etwa hundert Fuß weiter lag ein Schnee- brett über einem alten Spalt, den er in seiner Hast nicht als solchen erkannte. Kaum hatte er seinen Fuß darauf gesetzt, als alles unter ihm zusammenbrach. Zusammen mit den Schneemassen stürzte er hinab in die Tiefe, tief hinein ins Herz des Gletschers. Er prallte gegen zackige Vor- sprünge aus Eis, neue Brocken lösten sich und pras- selten auf ihn herab, als er mit dumpfem Schlag auf dem Grund des Spalts aufschlug und das Bewußtsein verlor. Er merkte nicht mehr, wie sich immer mehr Schnee, von seinem fallenden Körper in Bewegung gesetzt, über ihn ergoß und ihn immer tiefer unter sich begrub. Und schließlich, als der Gletscher sich beruhigt hatte, legten sich sanft die Flocken auf sein weißes Grab und bedeckten den Spalt vollends. Bald deutete nichts mehr auf die Stelle hin, wo tief unter den Schneemassen vergraben sein Körper lag, versie- gelt im Herzen des Gletschers. Für einen winzigen Augenblick schoß noch einmal ein Funke der Erinnerung durch sein Bewußtsein, be- vor es wieder schwarz um ihn wurde. »Wir werden uns wiedersehen – wir werden leben und uns lieben – und dauerte es noch zweihundert Jahre!«,

NACHWORT

Seit Plato im vierten vorchristlichen Jahrhundert in seinen Alterswerken Timaios und Kritias vom Unter- gang eines Landes Atlantis berichtete, ließ diese Idee – Sage, Legende oder auch historische Begebenheit – die Phantasie der Menschen nicht mehr los. Atlantis gehört inzwischen zum festen Bestand menschlicher Vorstellungswelt, nicht weniger als der Garten Eden, aus welchem der Mensch vertrieben wurde, oder der kommende Himmel auf Erden. Nicht selten trägt At- lantis Züge beider Vorstellungen. Die Literatur über Atlantis, zumeist sich wissenschaftlich gebende Ent- hüllungen, füllt eine beachtliche Bibliothek. Und je- des Jahr kommen neue Werke dazu, vor allem solche, deren Verfasser zu wissen glauben, wo sich jenes sa- genhafte Atlantis wirklich befand, und die es – allen Zweifeln und allem Gespött der Welt zum Trotz – zu finden hoffen (so wie der anfangs gleichfalls verlachte Schliemann schließlich doch noch das nicht minder sagenhafte Troja ausgrub). Aber selbst wenn es einen realen Ort Atlantis je gegeben haben sollte, so ist At- lantis doch in erster Linie eine Projektion des menschlichen Geistes und ein Spiegel seiner Erwar- tungen, Hoffnungen und Ängste. Und damit ist es, was immer man vom ›Atlantis-Rätsel‹ als Problem von Geschichte und Archäologie halten mag, ein le- gitimes Betätigungsfeld für phantasiebegabte Schrift- steller. Nach Atlantis in der realen Welt zu forschen, ist eine Sache; in einer erfundenen Geschichte von Atlantis zu fabulieren, eine ganz andere. Der Schrift- steller (und erst recht der Autor phantastischer Lite-, ratur) schafft sich seine eigenen Wirklichkeiten, und diese fiktionalen Wirklichkeiten werden von anderen Regeln regiert als vorgebliche Sachbücher, die mit dem Anspruch auf buchstäbliche Wahrheit daher- kommen. Aber selbst Themen, die Spielball von Scharlatanerie und Pseudowissenschaft sind, können als Dichtung durchaus eine tief menschliche Bedeu- tung und einen unanfechtbaren Sinn haben. In E. T. A. Hoffmanns unvergänglicher Märchennovelle Der goldne Topf etwa steht Atlantis als lauteres Symbol für ein höheres geistiges Leben, das zur Philisterwelt Dresdens einen schroffen Gegensatz bildet. Ebenso wird in Gerhart Hauptmanns Atlantis auf den Mythos nur angespielt. Nicht alle Schriftsteller freilich verfol- gen mit ihren Atlantis-Erzählungen solche Absichten oder erreichen ein derartiges literarisches Niveau – ganz im Gegenteil: Die meisten Autoren, die von At- lantis erzählen, beabsichtigen lediglich, ihre Leser mit möglichst farbenprächtigen, abenteuerlichen, exoti- schen Geschichten zu unterhalten, und was eignete sich besser für dieses Unterfangen als der Untergang einer ganzen Welt, einer vollkommenen Kultur? Als eine Erzählung, in der sich Geheimnis, Tragik und Exotik vermischen? Nicht erst der Science Fiction- Film entwickelte ein Faible für Katastrophen, auch die geschriebene Literatur ist voll von Weltuntergän- gen und der Lust am Untergang. Das Atlantis-Thema ist in der phantastischen Literatur vielleicht das Ge- genstück zu den Katastrophen-Geschichten der SF. Berührungspunkte mit der SF sind häufig, weil den Atlantiern nicht selten eine überlegene Wissenschaft zugeschrieben wird, die beim Untergang in Verges- senheit geriet. In der SF ermöglichen derartige Theo-, rien die Verbindung der Zukunft mit der Vergangen- heit, mit der der Mensch zuweilen im All wieder kon- frontiert wird. Das ist etwa der Fall in Otto Willi Gails kosmonautischem Roman Der Stein vom Mond (1926), worin eine irdische Expedition die letzten Flüchtlinge aus dem versunkenen Atlantis mumifiziert in einer Kreisbahn um die Venus antrifft. Man denke auch an die Romanheftserien Sun Koh, der Erbe von Atlantis (1933–1939) und Jan Mayen (1935–1939) von ›Lok Myler‹ (d.i. Paul Alfred Müller) oder an Perry Rhodan, der ebenfalls nicht ohne Atlantis auskommt. Kosmische Bezüge fehlen auch nicht im vorliegen- den Buch The Ship from Atlantis von H. Warner Munn, ursprünglich erschienen 1967 als Fortsetzung eines viel älteren Romans aus dem Jahre 1939: King of fhe World's Edge (Ein König am Rande der Welt, HEYNE- BUCH Nr. 3696). Der für den Untergang des Konti- nents Atlantis verantwortliche Oduarpa, Gott vom Schwarzen Angesicht, ist keine irdische Gottheit, sondern ein von der Venus zur Erde herabgestiegenes Wesen, welches die Bewohner von Poseidonis (wie- derum ein Überrest des seit langen Zeiträumen we- gen seiner Sünden im Meer versinkenden Atlantis) auf ausgeklügelte Weise verdirbt und zum höchsten Verbrechen verleitet: kriegerischem Menschenmord. So ist der Untergang von Atlantis nicht frei von mo- ralischer Wertung – zumeist erscheint er als verdiente Strafe für moralische Verworfenheit, wie ja auch bei Otto Willi Gail. Die Elemente selbst treten auf als richtende Rächer verletzter Moral – eine Vermi- schung von Naturgesetz und moralischem Gesetz, die in der echten SF unzulässig ist und das Atlantis- Thema in die Fantasy verweist. Oduarpa dürfte wohl, auf den Einfluß H. P. Lovecrafts zurückzuführen sein, mit dem Munn korrespondierte. Lovecraft verzichtet in seinen eigenen Erzählungen ja auf die überlieferten Gestalten der phantastischen Literatur und ersetzt sie durch ein Raum und Zeit umspannendes System kosmischen Schreckens. Ebenso können die Fisch- menschen (die Piasa), die den Gefährten des Helden Gwalchmai gleich zu Beginn des Romans ein so übles Ende bereiten, den Einfluß Lovecrafts nicht verleug- nen. Von diesen Zügen abgesehen, steht der Roman Munns durchaus in der Tradition anderer Bücher, die vom Untergang eines Kontinents mit fortschrittlicher Wissenschaft berichten, den einige Atlantier bis her- auf zur Erzählzeit der Geschichte überlebt haben mö- gen. Das atlantische Schwanenschiff ist ein Beleg für die hohe Wissenschaft der Atlantier, ebenso das in ei- nen Körper aus lebendigem Metall gebannte Mäd- chen Corenice: zwei glückliche und farbige Einfälle unseres Autors. In seinem Buch Lost Continents. The Atlantis Theme in History, Science and Literature (1954, 1970) skizziert Lyon Sprague de Camp auch diese literarische Tradi- tion. Laut de Camp soll Jules Verne das Atlantis- Thema – wie so vieles – aktualisiert haben; in einer Episode von Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1869) werden auch die Trümmer von Atlantis be- sichtigt, ohne daß der Autor mit Atlantis weiteres im Sinn hätte. Das blieb anderen Verfassern vorbehalten, die entweder das Leben im alten Atlantis direkt vor- führten oder moderne Forscher irgendwo eine über- lebende Kolonie der Atlantier entdecken ließen (etwa in einer Kuppelstadt auf dem Meeresgrund). Zur er- sten Kategorie gehört Cutcliffe Hynes The Lost Conti-, nent (1900), der auch dem heutigen Leser ohne Schwierigkeiten greifbar ist, wurde das Buch doch vor etlichen Jahren in der damals von Lin Carter be- treuten Fantasy-Reihe bei Ballantine neu entdeckt. Die Handlung dieses abenteuerlichen Romans, den de Camp für einen der besten seiner Art hält, kann als ziemlich typisch für die ganze Gattung gelten. Der Leser wird einfach direkt ins alte Atlantis versetzt, doch handelt es sich nicht einfach um einen histori- schen Roman wie etwa Ben Hur, denn es kommt Ma- gie hinzu. Der Roman gibt sich als die Autobiogra- phie Deucalions, eines Priesters und Politikers aus Atlantis – ähnlich wie King of the World's Edge (Ein König am Ende der Welt) von H. Warner Munn der Bericht des Römers Ventidius Varro ist. Eine Aben- teurerin Phorenice hat sich des Throns von Atlantis bemächtigt und ein Auge auf Deucalion geworfen, der jedoch die Tochter des Oberpriesters liebt. Um des sozialen Friedens willen heiratet er Phorenice, was dennoch nicht verhindert, daß es zum Kampf zwischen Phorenice und der Priesterklasse kommt, die schließlich Atlantis durch ihre Magie im Meer versinken läßt, so daß nur das hart geprüfte Liebes- paar in einer Arche die Katastrophe überlebt. Im At- lantis von Hynes wimmelt es von Dinosauriern, und der Held kämpft als Verbannter neun Jahre lang ge- gen sie an. Priester und Priesterinnen, Prunk eines großen Reichs, Palastintrigen und Liebesaffären be- stimmen die meisten Romane dieser Art. Ein paar Autoren verfolgen indes auch mehr ideologische Ab- sichten. In David M. Parrys Scarlet Empire (1906) ist Atlantis ein Schreckbild des sozialistischen Gleich- heitsideals, während es für Richard Hatfields Geyser-, land (1908) wiederum ein Ort utopischen kommuni- stischen Glücks ist. Große Verbreitung erlangte der Roman L'Atlantide (1919) von Pierre Benoit, in dem, wie in etlichen an- deren Büchern dieser Art, noch immer Überreste At- lantis' im verborgenen blühen, u.a. auch in Arthur Conan Doyles The Maracot Deep (1928), Stanton A. Coblentz' The Sunken World (1928) oder Dennis Wheatleys They Found Atlantis (1936). Zumeist han- delt es sich dabei um Kuppelstädte unter dem Ozean, die mit Tauchbooten erreichbar sind. Wheatley schil- dert z.B. eine an H. G. Wells erinnernde gesellschaft- liche Zweiteilung. Die wahren Atlantier sind glückli- che, untätige Menschen in einem Schlaraffenland, die aus ihren schlafenden Körpern die Seele zur Erfor- schung der Oberwelt aussenden, während die zwei- ten Spezies durch Zauberei geschaffene Untermen- schen sind, die in dunklen Tunneln hausen und sich von Fischen ernähren, welche das Pumpensystem der Atlantier ansaugt. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Atlantis- Thema in der utopischen deutschen Literatur der Zwischenkriegszeit, wo man es häufig in Verbindung mit rassistischen Ideen und Pseudowissenschaften wie Hörbigers Welteislehre aufgriff, die wegen ihres Ka- tastrophencharakters ja geradezu einlädt, sie mit dem Atlantis-Mythos zu verbinden. Auch Gails Roman Der Stein vom Mond ist nicht frei von Verachtung für die ›minderwertigen‹ Rassen. Deutlich ausgeprägt tritt der Gegensatz zwischen überlegenen blondhaarigen, blauäugigen Ariern/Atlantiern/Herrenmenschen und dunkelhäutigen Sklavennaturen aber in einer Tetra- logie des Regierungsbaurates Edmund Kiß zutage,, die so etwas wie eine Chronik vom Glanz und Fall Atlantis' bildet, wobei überhaupt die Projektion deut- scher Großmachtträume in die Vergangenheit un- übersehbar ist: Das gläserne Meer (1930), Frühling in Atlantis (1933), Die letzte Königin von Atlantis (1931) und Die Singschwäne aus Thule (1939). Atlantis geht durch das Auftauchen des jetzigen Monds zugrunde; doch die Atlantier schlagen sich, unter der Herrschaft starker Führer, nach Thule durch und gründen ein neues Reich – im späteren Deutschland. Die Hörbi- gersche Welteislehre, derzufolge die Erde im Lauf ih- rer Geschichte von verschiedenen Monden umkreist wurde, die herabstürzten und auf der Oberfläche Katastrophen auslösten, blieb allerdings nicht auf Deutschland beschränkt. Man findet sie auch in zwei Atlantis-Romanen des Engländers Francis Ashton The Breaking of the Seals (1946) und Alas, the Great City (1948) – Mythen und Pseudowissenschaften kennen keine nationalen Grenzen. Es überrascht auch kaum, daß manche Autoren von »Sword and Sorcery« auf Atlantis zurückgreifen: C. A. Smith z.B. oder Robert E. Howard, dessen Er- zählungen vom König Kull in Atlantis spielen, wäh- rend sein berühmtester Held, der Barbar Conan, sich schwerterschwingend im ›hyborianischen‹ Zeitalter herumtreibt, 12 000 Jahre vor unseren Tagen, gera- dewegs zwischen dem Untergang Atlantis' und dem Beginn der überlieferten Geschichte. Unter Romanen der jüngsten Vergangenheit sind die von Jane Gaskell The Serpent (1963), dt. Der Turm der Göttin, HEYNE- BUCH Nr. 3508, und Der Drache, HEYNE-BUCH Nr. 3516, Atlan (1965), dt. Im Reich der Atlantiden, HEYNE- BUCH Nr. 3530, The City (1966), dt. Im Land der Af-, fenmenschen, HEYNE-BUCH Nr. 3543) ebenso erfolg- reich wie melodramatisch, spannend und stim- mungsvoll. Diese kurzen Bemerkungen sind naturgemäß nicht mehr als ein Hinweis auf die Fülle von Erzählungen, die sich mit Atlantis beschäftigen und zu denen der vorliegende Roman einen nicht uninteressanten Bei- trag liefert, in dem die packende Schilderung vom Untergang der letzten Reste Poseidonis' besondere Aufmerksamkeit beanspruchen kann. Der Gedanke an den Untergang einer hochstehenden Zivilisation, das Memento Mori, welches darin mitschwingt, hat etwas ungemein Faszinierendes an sich. Das geringe Ausmaß unseres Wissens über die Vorgeschichte der Menschheit, die Tatsache, daß in grauer Vergangen- heit alle historischen Konturen verschwimmen, ver- schaffen den Autoren von Sachbüchern und den Ver- fassern phantastischer Geschichten einen Freiheits- raum, den sie mit Gebilden dramatischer, romanti- scher oder auch utopischer Natur nach Belieben fül- len. Sie wären auch dann schwer zu widerlegen, wenn die buchstäbliche Wahrheit oder auch nur Möglichkeit des Beschriebenen überhaupt ein Krite- rium der Fantasy bildete. Und darum ist Atlantis, mag es auch versunken sein, unsterblich. Denn es exi- stiert in uns nicht nur als Traum von dem, was war oder hätte sein können, sondern auch als Sehnsucht nach dem, was sein könnte oder hätte sein sollen. Dieses geistige Atlantis unserer Sehnsüchte aber wird immer wieder in Form von Erzählungen aus dem menschlichen Unterbewußtsein aufsteigen, und Ro- mane wie die von H. Warner Munn dienen dazu, uns daran zu erinnern.]
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Der Autor Klappentext
Der Autor Andreas Richter wurde 1966 in Hamburg geboren und lebt und arbeitet in Ahrensburg. Vor sieben Jahren hat er seine Existenz als Berliner Jungunter- nehmer an den Nagel gehängt, um seinen Jugendtraum vom Schreiben zu verwirklichen. Andreas Richter ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.