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David Mason Das IRIS-Projekt Deutsch von Wulf Bergner Inhaltsangabe Ein Attentat in London macht aus einem Verdacht schreckliche Gewißheit: Das strenggeheime IRIS-Programm ist in die Hände internationaler Top-Terroristen ge- fallen. Mit seiner Hilfe ist es möglich, eine computergesteuerte Killer-Maschine auf eine Zielperson zu programmieren und zu erschießen, sobald sie im Fadenkreuz des künstlichen Auges erscheint. Ed Howard, ein früherer Offizier der British Air Forces, stellt eine Spezialeinheit aus sechs Männern und einer Frau zusammen, um den Kampf gegen die effektive und skrupellose Söld...
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Dokumentinhalt

David Mason

Das IRIS-Projekt

Deutsch von Wulf Bergner,

Inhaltsangabe

Ein Attentat in London macht aus einem Verdacht schreckliche Gewißheit: Das strenggeheime IRIS-Programm ist in die Hände internationaler Top-Terroristen ge- fallen. Mit seiner Hilfe ist es möglich, eine computergesteuerte Killer-Maschine auf eine Zielperson zu programmieren und zu erschießen, sobald sie im Fadenkreuz des künstlichen Auges erscheint. Ed Howard, ein früherer Offizier der British Air Forces, stellt eine Spezialeinheit aus sechs Männern und einer Frau zusammen, um den Kampf gegen die effektive und skrupellose Söldnertruppe aufzunehmen. Die weltweit vernetzte Terroristeneinheit, die sich aus Überresten der Stasi rekrutiert, hat sich in einer Atomanlage in Nordkorea eine gut getarnte Kommandozentrale eingerichtet. Dorthin muß Ed Howards mit seinem Team vordringen, wenn er das auf einen der wichtigsten Politiker im internationalen Friedensprozeß geplante At- tentat verhindern will. Wird es ihm gelingen, die dunkle Verschwörung gegen den Weltfrieden noch rechtzeitig aufzudecken?

Autor

David Mason, geboren 1951, studierte an der englischen Eliteuniversität Eton. Als hochrangiger Offizier bei den Welsh Guards war er von 1974 bis 1976 im südarabi- schen Emirat Oman stationiert. Er ist ausgebildeter Scharfschütze und Experte für Feuerwaffen aller Art. Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Oxfordshire., Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel ›Little Brother‹ bei Bloomsbury Publishing, London Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Taschenbuchausgabe November 1999 Copyright © der Originalausgabe 1996 by David Mason Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1997 by Blanvalet Verlag, München in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: The Stock Market/Joe Towers Druck: Eisnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 35204 Lektorat: JE Herstellung: Heidrun Nawrot Made in Germany ISBN 3-442-35204-53579108642Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺,

Danksagungen

Viele Personen, die mir bei meinem ersten Buch ›Schatten über Ba- bylon‹ geholfen haben, sind mir auch bei diesem behilflich gewe- sen. Ratschläge und Ermutigung, die ich von Jock Tillotson, Patrick Mavros und vielen anderen Freunden erhalten habe, haben mir sehr viel bedeutet. Meine Sekretärin Sarah Wint hat mir mit Recher- chen geholfen und es zugleich irgendwie geschafft, mich in bezug auf sonstige Weltgeschehen auf dem laufenden zu halten. Dr. Mi- chael Kenworthy Browne und Jean Dunsby haben mich ebenso über verschiedene Einzelheiten aufgeklärt wie Martin Jeacock und Jane Corbin auf ihren unterschiedlichen Fachgebieten. Meinem Bruder Robert Mason verdanke ich eine für diesen Roman wesent- liche Idee: das gleiche gilt auch für Peter und Youngin Hyun sowie für Adam Sack. Crispin Gascoigne hat entscheidend dazu beigetra- gen, daß mein ursprünglicher Entwurf ein wenig abgeändert wurde. In leicht abgewandelter Form trifft das auch auf Richard Bethell und eine Reihe neuer Freunde im Ausland zu. Brigadier David Morgan, OBE, Kommandeur der Common- wealth-Verbindungsmission und ehemaliger Militärattache der briti- schen Botschaft in Seoul, hat immer viel Geduld aufgebracht und sich als Fundgrube an Informationen und Erfahrungen erwiesen. Außerdem muß ich erneut meine schrankenlose Bewunderung für den erstaunlichen Dr. Dave Sloggett bekennen, dessen wissenschaft- liche Fachkenntnisse und -erfahrungen unerschöpflich zu sein schei-, nen. Auf Vivienne Schusters Ermutigung war immer Verlaß. Neben an- deren im Verlag Bloomsbury sind Nigel Newton und David Rey- nolds äußerst geduldig gewesen. Esther Jagger hat sehr viel Einfluß gehabt, und ich bin ihr zu größtem Dank verpflichtet. Außer den hier Genannten hat es fast ebenso viele andere gege- ben, deren Namen ich nicht veröffentlichen darf. Sie wissen, wen ich meine, ich hoffe, ihnen ausreichend bewiesen zu haben, wie aufrichtig dankbar ich ihnen bin. Abschließend möchte ich die stoische Standhaftigkeit derer wür- digen, die täglich Umgang mit mir haben – insbesondere meine Frau Monique, unsere Töchter Natalie, Catherine und Chantal und unser Sohn Michael.,

Anmerkung des Verfassers

Das Akronym IRIS ist nach bestem Wissen des Verfassers fiktiv; die Idee dahinter ist es jedoch nicht. Ein Computerprogramm mit ge- nau diesen Fähigkeiten wird gegenwärtig für die britischen Sicher- heitsdienste entwickelt. Selbst als es noch im Entwicklungsstadium war, hat dieses Programm eine Schlüsselrolle gespielt, als die briti- sche Polizei mit seiner Hilfe in einem grausigen, von den Medien stark beachteten Mordfall zwei Verdächtige identifizieren konnte. Bis das vorliegende Buch erscheint, ist die Entwicklung dieses Pro- gramms abgeschlossen – es ist damit zur Realität geworden. Die Konstruktion des in diesem Buch beschriebenen Waffensystems ist dann durchaus möglich.,

Prolog Im Jahre 1992 überschritt ein Team aus ehemaligen Angehörigender Special Forces, die in Vietnam, im Falklandkrieg und im

Golfkrieg im Einsatz gewesen waren, aus Saudiarabien kommend heimlich die irakische Grenze. Die Männer sollten Präsident Sad- dam Hussein ermorden und handelten im Auftrag eines Privatklien- ten, der ihrer Ansicht nach die britische Regierung vertrat. Am 28. April dieses Jahres wurden in Saddam Husseins Geburts- ort Tikrit drei Schüsse aus einem Scharfschützengewehr mit großer Schußweite abgegeben. Drei Männer blieben tot liegen; einer von ihnen sollte Saddam Hussein persönlich gewesen sein. In der allge- meinen Verwirrung gelang dem Mordkommando die Flucht, aber zwei Angehörige dieses Teams fanden den Tod. Johnny Bourne überlebte – allerdings schwer verwundet. Zu den anderen, die sich in Sicherheit bringen konnten, gehörten Tony Ackford, Mel Harris, Mike Ziegler und Ed Howard, ihr Kommandeur. Howard, früher Major im Special Boat Service, hatte bereits den Verdacht, er sei ge- täuscht worden und die britische Regierung habe nie hinter diesem Plan gestanden. Während die anderen nach England und in die USA zurückkehrten, um ihr bisheriges Leben weiterzuführen, wollte Howard fürs erste aus der Öffentlichkeit verschwinden und lebte in Italien, von wo aus er seine Firma XF-Securities, die hervorragend ausgebildete und befähigte Sicherheitsexperten beschäftigte, weiter im Auge behielt. Ed Howards einziger Vorstoß in die dunkle Welt des Söldner-, tums hatte sich als schlimmer Fehlschlag erwiesen. Er beschloß ziemlich verbittert, das solle ihm sein Leben lang nie wieder passie- ren.,

TEIL EINS Der Mann stand in den Schatten des Potsdamer Platzes unweitdes begrünten Hügels, unter dem die gesprengten Überreste

von Adolf Hitlers Todesbunker lagen. Er stand schon lange dort, beobachtete und dachte nach. Weder der Bunker selbst noch die grausige Episode der neueren Geschichte, die er verkörperte, schien zu interessieren. Seine farblosen, vor Übermüdung rotgeränderten Augen nahmen andere Bilder auf; sein Verstand war damit beschäf- tigt, die Konsequenzen des neuen geschichtlichen Ereignisses, das sich hier vor ihm abspielte, zu analysieren. Er war groß, blond und eher schmächtig und hatte ein ausdrucks- loses, glattes Dutzendgesicht. Seine Größe war tatsächlich das ein- zig Auffallende an ihm. Er hatte in den letzten Tagen nicht viel ge- schlafen und wußte, daß er auch in den nächsten Tagen nur wenig Schlaf bekommen würde, aber er verdrängte jeden Gedanken an Müdigkeit. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt der an ihm vorbei- strömenden Menschenmenge. Sein Gesicht blieb dabei völlig aus- druckslos., Die Menge war vielköpfig, verhielt sich aber gesittet, und die Menschen blieben in der Schlange, während sie an ihm vorbeizo- gen. Sie waren wie immer geduldig und wohldiszipliniert. Interes- sant wurde ihr Anblick eigentlich nur durch die Überlegung, wer diese Menschen waren – und welches Ziel sie hatten. In nur einer Beziehung, die jemand, der nicht mit ihnen vertraut war, vermut- lich gar nicht wahrgenommen hätte, wirkte ihr Verhalten irgendwie ungewöhnlich. Der Mann in den Schatten kannte den Charakter dieser Men- schen in der Tat sehr gut und nahm ihre neue Stimmung wahr. Für ihn bedeutete sie keinen Schock – er hatte etwas in dieser Art schon seit Monaten erwartet und die ersten Anzeichen dafür in den letzten vier Wochen wahrgenommen, die zu diesem Tag geführt hatten; aber diesen Ausdruck hatte er bisher nie auf ihren Gesich- tern gesehen. Wo sich bis heute nur schlaffe, träge Resignation breitgemacht hatte, sah er jetzt Aufregung. Die neue Stimmung wurde sorgfältig beherrscht und unter Kontrolle gehalten, aber sie existierte, das war ihnen von den Augen abzulesen. Diese Augen, die durch achtundzwanzig Jahre und einundneunzig Tage Knecht- schaft, Angst und Mißtrauen trüb geworden waren, leuchteten jetzt vor Hoffnung und Energie. Es war der 9. November 1989. Die Berliner Mauer war endlich gefallen. Der in den Schatten stehende Mann war gekommen, um die Bresche zu sehen, um die Ostberliner zu beobachten, die vom Lichterglanz des Kurfürstendamms wie Nachtfalter angelockt nach Westen zogen. Beim Überschreiten der Sektorengrenze erhielt jeder ein Geschenk der Bundesregierung: hundert Westmark ›Begrü- ßungsgeld‹. Sie gafften staunend das üppige Warenangebot im Wes- ten an – Symbole eines verlockenden Lebensstils, von dem nur we- nige von ihnen auch nur zu träumen gewagt hatten. Später am Abend kehrten sie dann mit Plastiktüten zurück, die vielleicht nur ein paar Orangen oder Schokoriegel enthielten – im Osten nicht er-, hältliche Kleinigkeiten, die symbolisch für ihre neugewonnene Frei- heit waren. Was sie heute gesehen hatten, hatte ihr Leben für im- mer verändert und in ihren Köpfen ein Feuer entzündet, so daß sie sich in Zukunft weigern würden, die alten Unterdrückungsmetho- den der DDR zu tolerieren. Dieses Feuer würde, von ihrer Phanta- sie genährt, rasend schnell zu einem Flächenbrand werden. In Zu- kunft, das wußte der Beobachter in den Schatten, würde keine Macht der Welt dieses Feuer mehr löschen können. Das Spiel war aus, das sah er. Ein unwiderstehlicher, unwiderruf- licher Wandel, eine erdbewegende, unaufhaltsame politische Ent- wicklung war in Gang gekommen. Er hatte seit Monaten, seit den Ereignissen in Ungarn im Mai dieses Jahres gewußt, daß das früher oder später auch hier passieren würde – und nun war es soweit. Hier in Ostberlin schienen noch Ruhe und Ordnung zu herrschen; aber später, das wußte er, würden Beschuldigungen folgen, und der Unwille über zögerliche Veränderungen würde zu Aufruhr, Anar- chie und Vergeltungsschlägen auf die alten Strukturen, die alten Institutionen führen. Auf Gorbatschows Drängen war Erich Honecker bereits abgetre- ten und als Staatsratsvorsitzender von diesem Schwachkopf Egon Krenz abgelöst worden: einem schwachen, farblosen, geschwätzigen Apparatschik, der bereits vor einer unvermeidlichen Forderung nach der anderen kapitulierte. Krenz versuchte, sich als den großen wohltätigen Reformator hinzustellen, auf dessen Initiative der jüng- ste Kurswechsel zurückzuführen sei. Aber niemand, nicht einmal der begriffsstutzigste SED-Ideologe, fiel auf seine weinerlichen Rechtfertigungsversuche herein. Der Mann in den Schatten wußte, was passieren würde, aber von den Machthabern schienen das – auch jetzt noch – nur wenige be- griffen zu haben. Die Hierarchie würde versuchen, die Stellung zu halten, weil sie hoffte, etwas retten, eine gewisse Ordnung wieder- herstellen zu können; aber die Macht war ihr unwiderruflich ent-, glitten. Von Krenz abwärts würden diese Männer bald alle vom Strom der Geschichte fortgeschwemmt werden. Selbst der bisher unerbittliche General Mielke ließ Anzeichen von Panik erkennen und machte nominelle Zugeständnisse, die er später widerrufen zu können glaubte. Idiot, dachte der Mann in den Schatten. Mielke sollte sich das hier ansehen. Dann wüßte er Bescheid. Mielke, überlegte er sich, war vorigen Monat nicht in Leipzig gewesen. Dort hätte er se- hen können, wie Volkspolizei und Staatssicherheitsdienst, die am 7. Oktober eine friedliche Demonstration von zwanzigtausend Menschen mit brutaler Gewalt aufgelöst hatten, nachgaben und nicht mehr eingriffen, als zwei Tage später über sechzigtausend Menschen demonstrierten. In den seither vergangenen dreißig Ta- gen hatte die neue Bewegung ungeahnten Zulauf bekommen; ihre wachsende Stoßkraft hatte das unausweichliche Ende immer mehr beschleunigt. Viel Zeit war nicht mehr zu verlieren, das wußte der Mann in den Schatten. Für ihn und seinesgleichen gab es hier keine Zukunft mehr. Er würde schon bald ein Paria in seinem eigenen Land sein. Offenbarte er sein Wissen, konnte er dafür bestenfalls auf Straffrei- heit hoffen – wenn er Glück hatte. Danach würde er auf dem Schrotthaufen landen. Wer würde ihn beschäftigen wollen? Er wür- de sich glücklich schätzen müssen, wenn er als einfacher Arbeiter unterkam. Nein, seine Zukunft lag anderswo – im Kern der Orga- nisation, falls er sich retten ließ. Es kam nur darauf an, wohin man sich absetzte, wie man die Flucht organisierte und was man tat, so- bald man wieder etabliert war. Er würde Unterstützung brauchen, um eine neue Operationsbasis einzurichten, aber danach… Oberst Gerhard Eisener vom Ministerium für Staatssicherheit trat aus den Schatten und machte sich auf den Rückweg zur Zentrale in der Normannenstraße. Viel Zeit blieb nicht mehr, darüber war er sich im klaren, aber er wußte, was getan werden mußte.,

Am 24. April 1993 fuhren zwei Männer frühmorgens mit einemdunkelblauen Ford-Iveco Muldenkipper mit G-Nummernschild

in die Londoner City. Die Straßen, auf denen um diese Zeit norma- lerweise dichter Berufsverkehr herrschte, waren verhältnismäßig leer, weil Samstag war. Nachdem der Fahrer den Lastwagen unmittelbar südlich der Kreuzung zwischen Bishopsgate und Wormwood Street im Halteverbot geparkt hatte, stieg er aus. Er zündete sich eine Zi- garette an und sah sich nonchalant um, während sein Beifahrer sich noch für kurze Zeit im Fußraum zu schaffen machte. Nachdem sie das Fahrerhaus abgesperrt hatten, gingen die beiden Männer davon und blieben ab dann spurlos verschwunden. Etwa eine halbe Stunde später erhielt die Vermittlung der Zentra- le des Satellitenprogramme ausstrahlenden Senders Sky Television einen Anruf. Der Anrufer nannte keinen Namen, sondern teilte der Telefonistin nur mit, am Bishopsgate in der Londoner City sei eine große Bombe gelegt worden, die binnen einer Stunde detonieren werde. In den folgenden zehn Minuten erhielten sieben weitere Me- dien ähnliche Anrufe, aber der bei Sky-TV war am wichtigsten, denn dort war nach häufigen telefonischen Belästigungen eine Fangschal- tung installiert worden, mit der sich fast augenblicklich feststellen ließ, woher der Anruf kam. Er war aus einer Telefonzelle in dem winzigen Dorf Forkhill im Bezirk South Armagh an der Grenze zwischen Nordirland und Irland gekommen. Diese Information be- stätigte die Auffassung des Bombenräumkommandos von Scotland Yard, die Warnung müsse ernstgenommen werden, weil alle acht Anrufe mit einem IRA-Codewort begonnen hatten. Die meisten Gebäude am Bishopsgate und in den umliegenden, Straßen wurden rasch evakuiert, aber es erwies sich als unmöglich, rechtzeitig ein Räumkommando an den Tatort zu entsenden. Um zehn Uhr fünfundzwanzig ließ der Zeitzünder, den der Beifahrer im Fußraum des Fahrerhauses aktiviert hatte, die größte bisher einge- setzte Sprengladung des IRA-Feldzugs gegen das britische Festland detonieren. Die angerichtete Verwüstung unter der schwarzen pilzförmigen Wolke, die über dem Bankenviertel der Hauptstadt hoch in den Himmel stieg, war erschreckend. Ein Pressefotograf kam bei der De- tonation ums Leben, und siebenundvierzig weitere Menschen wur- den verletzt, viele von ihnen schwer. Die meisten waren durch Glas- splitter und herumfliegende Trümmer verletzt worden, aber manche waren einfach von der Druckwelle mitgerissen und quer durch Räu- me geschleudert worden. Andere waren durch einstürzende Ge- schoßdecken verletzt worden. Zu den zerstörten Gebäuden gehörte die winzige mittelalterliche Kirche St. Ethelburga the Virgin; sie hatte die Große Feuersbrunst des Jahres 1666 und die deutschen Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überstanden, aber jetzt lag sie völlig in Trümmern. Das vielleicht spektakulärste architektonische Opfer des Bombenan- schlags war jedoch der Büroturm der National Westminster Bank, mit gut hundertachtzig Metern das zweithöchste Gebäude Lon- dons. Der Riesenbau wurde in seinen Grundfesten erschüttert, und die meisten seiner zweitausenddreihundert Fenster, über ein Hektar Fensterglas, zersplitterten. Noch vier Stunden nach der Detonation konnten die etwa hundert dort festsitzenden Bankangestellten das Gebäude nicht ungefährdet verlassen, weil sich aus den Fensterrah- men immer wieder tödliche Glassplitter lösten, die aus großen Hö- hen herabfielen und auf der Straße zerschellten. Obwohl eine Folge des Sprengstoffanschlags von Bishopsgate scheinbar so unwichtig war, daß sie damals völlig unbeachtet blieb, sollte sie wenig später Ereignisse von weltweiter Bedeutung in Gang, setzen. Im anonymen Büro des Geschäftsführers einer Investment- gesellschaft in einem der Stockwerke des Gebäudes No. 99 Bishops- gate hatte die Druckwelle einen Teil des stählernen Fensterrahmens herausgerissen und quer durch den Raum geschleudert. Das ver- drehte Stahlstück traf eine auf dem Schreibtisch stehende Metall- kassette, sprengte ihr Schloß auf und verstreute ihren Inhalt, einen Stapel Schriftstücke, auf dem Fußboden. Die Kassette entsprach der in Bankschließfächern verwendeten Ausführung. Sicherheit boten solche Behälter aus dünnem Stahl- blech nicht durch ihre Konstruktion, die nicht sehr robust war, sondern durch ihre zusätzliche Aufbewahrung in Tresorräumen. Diese spezielle Kassette war am vorigen Nachmittag von ihrem Ei- gentümer, einem ausländischen Kunden der Firma, aus dem Tresor angefordert und geöffnet worden. Der Kunde hatte längere Zeit da- mit verbracht, die Schriftstücke aus seiner Kassette durchzusehen und teilweise durch Anmerkungen zu ergänzen. Als er damit fertig war, war das Zeitschloß des Tresorraums bereits aktiviert, so daß die Kassette nicht in ihr Fach zurückgestellt werden konnte. Der verärgerte Kunde hatte sie abgesperrt und bei dem Geschäftsführer zurückgelassen, in dessen Büro er sie über Nacht ebenso sicher glaubte. Der Geschäftsführer hatte dem Kunden versprochen, seine Kassette am nächsten Vormittag um zehn Uhr dreißig, wenn das Zeitschloß den Zugang zum Tresorraum wieder ermöglichte, an ih- ren Platz zurückzustellen. Hätte der Geschäftsführer das Bürogebäude an diesem Samstag- vormittag gefahrlos betreten können, hätte er die Schriftstücke pflichtbewußt zusammengesucht, sie in eine Ersatzkassette gelegt und den Kunden von diesem Vorfall unterrichtet. Aber der Iveco- Kipper hatte genau vor der No. 99 Bishopsgate gestanden, und die- ses Gebäude hatte die volle Wucht der Detonation abbekommen. Es war sofort als einsturzgefährdet abgesperrt worden und durfte vorerst nicht betreten werden., Im Büro des Geschäftsführers stand das zersplitterte Fenster Wind und Wetter offen. Die Schriftstücke lagen von einer dünnen Staub- schicht bedeckt zwischen Glasscherben auf dem Fußboden ver- streut. Die am schwersten beschädigten Gebäude blieben übers Wochen- ende strikt abgeriegelt. Nur die Notdienste und einige wichtige Mit- arbeiter der betroffenen Firmen durften die von der Polizei errich- teten Absperrungen passieren, um zu retten, was noch zu retten war. Aber die Londoner City ist eine erstaunlich effiziente Organi- sation, wenn sie alles daran setzt, um ein Problem zu lösen, so daß am Montag morgen, keine achtundvierzig Stunden nach dem Bom- benanschlag, bereits alle Firmen, deren Geschäftsräume zur Zeit un- benutzbar waren, in Ausweichquartieren untergebracht waren und ihre Geschäfte wie gewohnt weiterführen konnten. An diesem Montag war es windig, und während die in der City Beschäftigten ungläubig die an ein Kampfgebiet erinnernde Trüm- merlandschaft um sich herum betrachteten, fiel ihnen ein weiterer merkwürdiger Anblick auf. Wo jetzt in Bürohochhäusern statt ver- spiegelter Scheiben dunkle Fensterhöhlen gähnten, ergossen sich Kaskaden von Papier wie bei einer Konfettiparade auf die Straßen, überall in der City wehten Millionen und Abermillionen Blatt Pa- pier – vertrauliche Dokumente, die auf Schreibtischen gelegen hat- ten oder in bei der Detonation zerfetzten Ordnern abgeheftet gewe- sen waren – aus den Fenstern und segelten über ganz London hin- weg.,

Gerald Hipsall hatte es eilig. Er hatte auf dem Weg zur Probeschon fünf Minuten Verspätung und fluchte jetzt vor sich hin,

während der Bus durch den dichten Verkehr rumpelte. Er wußte, daß er den durch die verdammte Bombe verursachten Stau hätte voraussehen müssen und mit der U-Bahn zur Station Moorgate hätte fahren sollen. Als er stirnrunzelnd aufsah, stellte er fest, daß die junge Frau gegenüber ihn interessiert betrachtete. Als sie merk- te, daß ihm ihr Blick aufgefallen war, senkte sie rasch den Kopf. Gerald war solche kleinen Erlebnisse gewohnt. Als dunkelhaariger, gutaussehender Mann Anfang Zwanzig, der sehr ausdrucksvolle Au- gen hatte, wußte er recht gut, daß er auf Frauen attraktiv wirkte. Er lächelte und wartete darauf, daß sie wieder herübersehen würde. Das tat sie nach weniger als einer Minute. Ihre Blicke begegneten sich; er starrte sie unverwandt an, während sie errötete und rasch wieder zu Boden sah. Das klappt immer, Gerry, sagte er sich. Einer seiner ersten Regisseure hatte ihm den Tip gegeben. »Du solltest entweder lächeln oder die Stirn runzeln«, hatte er gesagt. »Du hast ein wundervolles Lächeln und kannst so herrlich seelenvoll finster dreinblicken. Wirklich jammerschade, daß du solche Fähigkeiten an Mädchen verschwendest…« Hm, dachte Gerald anerkennend. Die junge Frau war recht hübsch, und vielleicht… dann runzelte er wieder die Stirn. Ver- dammt! sagte er sich wütend. Keine Zeit. Er sah sich um. Der Bus stand endgültig im Stau. Zum Teufel damit, überlegte Gerald sich. Er arbeitete sich zum hinteren Ausstieg durch, sprang aus dem Bus und trabte auf dem Gehsteig, auf dem heute mehr Abfall als sonst zu liegen schien, in Richtung Barbican Centre weiter. Im Bus hinter, ihm blieb eine junge Frau zurück, die sich fragte, was, um Himmels willen, sie falsch gemacht haben mochte. Der junge Schauspieler bog gerade um die Ecke zur Chiswell Street, als ihm etwas ins Gesicht wehte. Er war für einen Augen- blick blind und prallte deshalb mit einem anderen Passanten zu- sammen, so daß sie in einem Gewirr aus Armen und Beinen zu Bo- den gingen. »Verdammter Idiot!« brüllte der andere sofort los. »Bist du blind, Mann? Scheiße, kannst du nicht aufpassen, wohin du gehst?« »Tut mir echt leid«, sagte Gerald. Er stand auf und hielt sich sein linkes Handgelenk. Die Handfläche war aufgeschürft. Er hielt ein Blatt Papier hoch, das jetzt in seiner Hand zusammengeknüllt war. »Dies hier ist mir plötzlich ins Gesicht geflogen. Ich hab nichts mehr gesehen. Tut mir leid.« Damit trabte er weiter. Zwei Minuten später erreichte er atemlos keuchend das Theater. Zu seiner großen Erleichterung war er kei- neswegs der letzte – sogar der Regisseur war noch nicht da. Seine Anspannung fiel von ihm ab. Drei Stunden später war die Probe zu Ende, und Gerald und vier weitere Schauspieler gingen auf einen Drink in den nächsten Pub. Als die fünf das Barbican Centre verließen, war der Wind noch im- mer frisch und böig; Gerald klappte seinen Kragen hoch und steck- te beide Hände in die Manteltaschen. Dabei ertastete er etwas. Was…? Ach, ja, dachte er, dieses verdammte Blatt Papier. Im Pub zog er das Blatt heraus, um es genauer zu betrachten. Tatsächlich handelte es sich um drei Blätter eines sehr dünnen Luft- postpapiers, die von einer Heftklammer zusammengehalten wurden. Mehrere Eckabrisse zeigten, daß ursprünglich weitere Blätter vor- handen gewesen sein mußten. Die Blätter, die er in der Hand hielt, waren mit eins, fünf und sechs numeriert; die Seiten zwei, drei und vier fehlten. Gerald legte die dünnen Blätter auf die Theke, strich sie glatt und begann zu lesen., »Hey, wach auf, Gerry! Ich hab gefragt, was du trinkst. Willst du uns nicht Gesellschaft leisten?« »Oh, Entschuldigung, Giles«, sagte Gerald. Er sah auf und ließ sein Lächeln aufblitzen. »Scotch pur, bitte. Vielen Dank für die Ein- ladung.« Nachdem Giles Smallpiece seine Bestellung bei dem Barmann aufgegeben hatte, wandte er sich erneut an Gerald. »Was hast du denn da so Interessantes?« »Irgend 'ne Art Dokument«, antwortete Gerald, faltete es zusam- men und steckte es wieder ein. »Das verdammte Ding ist mir nach- mittags ins Gesicht geweht. Hätte deswegen fast 'nen häßlichen Un- fall gehabt. Wollte bloß sehen, was darin steht – auf den ersten Blick lauter unverständliches Zeug.« »Oh«, sagte Giles, ohne sich weiter dafür zu interessieren. »Hey«, sagte er mit Verschwörermiene, indem er das Thema wechselte, »was hältst du davon, wie Julia heute gespielt hat? Sie hat ziemlich dane- ben gewirkt, wenn du mich fragst. Na, hoffentlich ist sie auf kei- nem Trip, wenn du weißt, was ich meine.« Der Klatsch und die Insidergespräche über das Stück, die anderen Mitwirkenden und die heutige Probe gingen eine halbe Stunde lang weiter, aber Gerald war nicht recht bei der Sache. Er verabschiedete sich frühzeitig von den Kollegen, die sich auf eine längere Diskus- sion einzurichten schienen, und machte sich auf den Heimweg. Auf der Straße fiel ihm schuldbewußt ein, daß er diesmal keine Runde ausgegeben hatte; im Pub hinter ihm stellte Giles jetzt wahrschein- lich dieselbe Frage in bezug auf ihn, die er vorhin in bezug auf die arme Julia gestellt hatte. Auf dem Nachhauseweg versuchte er zu entscheiden, was er tun sollte. Was das Schriftstück betraf, hatte er Giles nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hatte es rasch überflogen, und obwohl sein In- halt ihm größtenteils unverständlich geblieben war, hatten verschie- dene Dinge ihn nachdenklich gemacht. Dazu gehörten beispielswei-, se die Worte STRENG GEHEIM, die oben auf Seite fünf in fetten Groß- buchstaben standen. Auf den Seiten eins und sechs war an dieser Stelle etwas mit Korrekturflüssigkeit abgedeckt worden – vermutlich dieselben Worte, überlegte Gerald sich. Auf Seite fünf hatte der Tipp-Ex-Künstler sie wahrscheinlich nur übersehen. Auch im Text waren viele Wörter mit Tipp-Ex korrigiert und dann mit einer Ma- schine überschrieben worden. Gerald fragte sich, was unter den vielen Korrekturen stehen mochte. Etwas anderes, das den jungen Schauspieler beschäftigte, war die handschriftliche Notiz unten auf der letzten Seite. Das lag jedoch nicht an ihrem Inhalt – tatsächlich verstand er kein Wort davon. Merkwürdig kam ihm vor, daß sie in einer fremden Schrift abgefaßt war, die Gerald für Arabisch hielt. Wie kam ein Araber dazu, An- merkungen auf irgendein Geheimdokument zu kritzeln? John Geraghty brummelte auf dem Weg zu seiner Wohnungstür vor sich hin. Kaum hat man nach einem anstrengenden Tag auf Ver- brecherjagd dienstfrei, dachte er, wird man von irgendeinem Idioten raus- geklingelt. Er schob den Riegel zurück, öffnete die Tür und sah drau- ßen seinen Nachbarn aus der Wohnung über ihm stehen. »Oh, hallo«, sagte er. Gerry war ihm sympathisch, weil es mit ihm nie Ärger gab – keine laute Musik, keine lautstarken Parties oder dergleichen. Natürlich jede Menge Mädchen, aber das war verständ- lich. Ein gutaussehender junger Mann. Dagegen ließ sich nicht viel einwenden. Immerhin waren es keine Jungs. Geraghty lächelte ihn an. »Was kann ich für Sie tun?« »Hören Sie, ich störe Sie nicht gern, John«, sagte Gerald entschul- digend, »aber ich habe dieses Schriftstück hier gefunden, das mir aus verschiedenen Gründen Sorgen macht. Ich dachte, Sie wüßten am besten, was damit zu tun ist.« Er hielt ihm die Blätter hin. Geraghty betrachtete sie verständnislos, aber seine Miene hellte, sich auf, als sein Nachbar ihm erklärte, wie er zu diesem Schrift- stück gekommen war. »Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, Gerry. Sie hätten erleben sollen, wie's heute in der City ausgesehen hat – dieses Zeug kommt aus Fenstern, die bei der Bombendetona- tion am Samstag zu Bruch gegangen sind. An manchen Stellen hat's kniehoch gelegen. Ganze Trupps armer Kerle sind tagsüber da- mit beschäftigt gewesen, möglichst alles einzusammeln. Wenn Sie wollen, liefere ich das hier für Sie ab. Danke, daß Sie's mir gebracht haben – schön, wenn jemand mal Bürgersinn beweist.« »Kein Problem, John«, antwortete Gerald. »Aber ich finde, je- mand sollte sich genauer damit befassen. Ich meine, sehen Sie sich das hier an…« Geraghty begann die Stirn zu runzeln, während er die drei Seiten überflog. »Yeah«, sagte er, »kann sein, daß Sie recht haben.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Okay, machen Sie sich also keine Sorgen mehr. Ich liefere es gleich morgen früh ab. Sollte sich etwas erge- ben, halte ich Sie weiter auf dem laufenden. Und nochmals vielen Dank. War nett von Ihnen, daß Sie uns geholfen haben.« Als sein Nachbar ging, schloß Geraghty die Wohnungstür hinter ihm und kehrte zu seinem Fernsehsessel zurück. Er hatte einen verdammt anstrengenden Tag hinter sich und wollte sich nur noch entspan- nen. Trotzdem merkte er, daß er sich kaum auf die Sendung im Fern- sehen konzentrieren konnte. Das Schriftstück beschäftigte ihn – weil es ein bißchen rätselhaft war. Er griff erneut danach und las es aufmerksam. Es schien sich um einen Bericht über die relative Eig- nung einer Anzahl Großfirmen für die Durchführung eines nicht näher definierten Auftrags zu handeln. Das Dumme war nur, daß er keinen möglichen Zusammenhang zwischen ihnen erkennen konnte. Warum sollten beispielsweise IBM, Tesco und Courtaulds, um nur drei zu nennen, sich um den gleichen Auftrag bewerben. Computer, Lebensmitteleinzelhandel und Textilien? Das ergab ein-, fach keinen Sinn. ComUnion sollte vermutlich Commercial Union heißen – und damit wurde das Rätsel um eine Versicherung ver- mehrt. Dazu kamen Namen, Anschriften und Telefonnummern, mit de- nen Geraghty wieder nichts anfangen konnte. Hatte Tesco eine Fi- liale in Deutschland, IBM eine in Belfast? Schon möglich, aber das schien eine seltsame Methode zu sein, Verbindung mit solchen Fir- men aufzunehmen, die in London eigene Vertretungen unterhiel- ten. Rätselhaft war auch die Überschrift STRENG GEHEIM auf Seite fünf. Was mag unter dem vielen Tipp-Ex stehen? fragte Ge- raghty sich, während er die Blätter gegen das Licht hielt. Dann fiel ihm etwas auf – natürlich, alle die Firmennamen und sonstigen un- verfänglichen Hinweise waren über abgedeckte Originalwörter ge- tippt worden! Nun war Geraghtys Interesse endgültig geweckt. Er stellte den Fernseher ab, ging an seinen Schreibtisch und legte das Schriftstück flach auf die Schreibunterlage. Dann klappte er sein Taschenmesser auf und machte sich daran, vorsichtig einen Tipp-Ex-Klumpen ab- zukratzen. Dieses Zeug war überraschend hart, wie Zement ausge- härtet… Verdammt! Er hatte das dünne Papier eingerissen. Er merk- te, daß er so nicht weiterkommen würde, lehnte sich in den Schreib- tischsessel zurück, um nachzudenken, und griff automatisch nach einer Zigarette und seinem Feuerzeug. Dabei fiel ihm etwas ein – ein Kollege aus der Abteilung Spuren- sicherung hatte ihm einmal erzählt, wie einfach es war, mit Tipp-Ex abgedeckte Wörter zu lesen, wenn man den richtigen Trick kannte. Sein Instinkt als Polizeibeamter warnte ihn davor, weiter an dem Schriftstück herumzupfuschen, aber seine Neugier war stärker. Er wühlte in der Schreibtischschublade, bis er die Flasche Feuerzeug- benzin gefunden hatte. Dann ging er ins Bad, um aus der Hausapo- theke einen Wattebausch zu holen. Aus der Küche nahm er einen großen Teller mit. Nun hatte er alles, was er für die Arbeit am, Schreibtisch brauchte. Mit seinem Taschenmesser bog Geraghty sorgfältig die Heftklam- mer auf, trennte die Seiten und legte zwei davon vorerst weg. Er legte die erste Seite mit der Schrift nach unten auf den Teller, feuchtete den Wattebausch mit Feuerzeugbenzin an und tupfte die abgedeckten Wörter auf der Rückseite ab. Das Tipp-Ex auf der Vor- derseite blieb unverändert, aber darunter wurden nun die ursprüng- lichen Wörter in Spiegelschrift sichtbar. Als das ganze Blatt ange- feuchtet war, ging er damit ins Bad, hielt es vor den Spiegel und be- gann zu lesen. Zehn Minuten später fühlte John Geraghty sich wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte alle drei Seiten behandelt und den gesamten Text gelesen. Das Schriftstück lag nun vor ihm, das Feuerzeugben- zin verdunstete allmählich, und das Papier wurde langsam wieder undurchsichtig wie zuvor. Geraghtys Besorgnis war mit jedem Wort gewachsen; er wußte noch immer nicht genau, wovon dieses Schriftstück handelte, aber einige der zuvor abgedeckten Wörter hatten ihn sehr nachdenklich gemacht. Unter ›IBM‹ stand ›IRA‹, unter ›Com-Union‹ verbarg sich ›Abu Nidal‹, ›GKN‹ ersetzte ›KGB‹, ›Stena‹ mußte ›Stasi‹ heißen, und ›Courtaulds‹ bedeutete ›Securita- te‹. Das waren nicht die einzigen Beispiele – der oder die Unbe- kannte mit dem Tipp-Ex hatte offenbar willkürlich Firmennamen eingesetzt, deren Länge den vorgegebenen Lücken entsprach. Das Schriftstück schien jetzt ein Bericht über die Eignung dieser Organisationen für die Durchführung eines bestimmten Auftrags zu sein. Als mögliches Honorar wurden fünf Millionen US-Dollar er- wähnt. Dies war das erste Mal, daß Geraghty hörte, daß eine dieser Organisationen bereit sein könnte, kommerziell für Dritte zu arbei- ten, anstatt sich strikt auf ihre jeweiligen nationalen oder ideologi- schen Interessen zu beschränken. Er lehnte sich äußerst besorgt zu- rück und fragte sich, was er tun sollte; dann traf er eine Entschei- dung. Er würde seinen Boß zu Hause anrufen und ihm sagen, er, müsse ihn dringend aufsuchen. Er griff nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer. Fünf Minuten später schlüpfte Geraghty in seinen Mantel und steckte die Flasche Feuerzeugbenzin und einen frischen Watte- bausch ein. Dann verließ er seine Wohnung und stieg die Treppe hinunter. Sicher in seiner Innentasche steckte das Schriftstück, das jetzt trocken war, aber weiter schwach nach Benzin roch – drei Sei- ten Luftpostpapier, die der Wind aus dem anonymen Büro eines Geschäftsführers in der Ruine der No. 99 Bishopsgate auf die Straße geweht hatte und die nur rein zufällig in seine Hände ge- langt waren. Als die kalte Nachtluft ihm entgegenschlug, fröstelte Detective Constable John Geraghty leicht, dann machte er sich die Straße entlang auf den Weg und verschwand in der Dunkelheit.

Nachdem Oberst Gerhard Eisener die zweiseitige Nachricht ge-lesen hatte, legte er sie auf seinen Schreibtisch neben die abge-

nutzte uralte Schreibmaschine. Er lehnte sich auf seinem Bürostuhl zurück und dachte einige Minuten lang nach. Obwohl er in seinem Dienstzimmer allein war, ließ seine ausdruckslose Miene nichts von der Hochstimmung erkennen, in der er sich befand. Endlich hat's ge- klappt, dachte er. Nach viereinhalb Jahren im Exil ist endlich etwas völlig Neues in Sicht. Eine rein kommerzielle Anfrage. Endlich! Er wußte, daß er diese Sache sehr behutsam würde angehen müs- sen. Die erste Hürde – und zugleich die höchste – bestand darin,, daß er das prinzipielle Einverständnis seines Kommandeurs erhalten mußte. Der Alte würde vermutlich indigniert, vielleicht sogar em- pört auf den Vorschlag reagieren, einen Auftrag aus reinem Gewinn- streben zu übernehmen. Und er würde irritiert sein, weil die poten- tiellen Auftraggeber sich nicht mit ihm, sondern mit Eisener in Ver- bindung gesetzt hatten. Eisener stand seufzend auf. Er hoffte, alle Fragen zu diesen bei- den Punkten zufriedenstellend beantworten zu können. Schließlich, so überlegte er sich, hatte er einige Jahre lang Zeit gehabt, für die- sen Augenblick zu planen und sich seine Argumente zurechtzule- gen. Irgendwie mußte er's schaffen, den Alten zu überreden. Er zog seine Uniformjacke glatt, nahm die Nachricht vom Schreibtisch und verließ den Raum. Das Klopfen an der mit einer Stahlplatte gesicherten Tür hallte durch das große Dienstzimmer; General Reinhold Erfurt erkannte die typische Art, wie sein Stellvertreter anklopfte. Er legte die Pa- piere weg, die er gelesen hatte, und rief mit barscher Stimme: »Her- ein!« »Guten Morgen, Genosse General«, sagte Eisener förmlich, als er den Raum betrat und über den nackten Holzboden auf den Schreibtisch zukam. »Nehmen Sie Platz, Gerhard.« »Danke, Genosse General.« Eisener nahm auf einem Holzstuhl Platz und saß seinem Kommandeur nun vor dem großen, schnör- kellosen Schreibtisch gegenüber. Außer Erfurts Schreibtisch, dem Sessel des Generals und einem großen Schrank war dieser schlichte Stuhl das einzige Möbelstück in dem ansonsten kahlen Dienstzim- mer. Der Alte ist gut aufgelegt, dachte Eisener leidenschaftslos, wäh- rend seine Miene aufmerksam und respektvoll blieb. War der Ge- neral guter Laune, war alles einfacher, das wußte er. Dann gab es weniger Diensteifer und pedantische Genauigkeit, weniger tyranni- sche Wiederholungen von Dogmen und amtlicher Politik. Für die, seltenen Gelegenheiten, bei denen der General guter Laune war, gab es ein sicheres Anzeichen – daß er Eisener mit ›Gerhard‹ statt mit ›Genosse Oberst‹ anredete. Der Gesichtsausdruck des Generals ließ jedenfalls keinen Schluß auf seine Stimmungslage zu; er war kaum jemals anders als starr und streng. Der Gegensatz zwischen den beiden Männern war auffällig. Eise- ner war groß, schlank und Mitte Vierzig, während General Erfurt untersetzt, kräftig gebaut und für einen Achtundsechzigjährigen in ausgezeichneter körperlicher Verfassung war. Der General achtete darauf, durch rigoroses tägliches Training in Form zu bleiben. Sein kurzes, früher schwarzes Haar war längst eisgrau geworden; nur die dichten Brauen über den tief in ihren Höhlen liegenden, dunklen Augen hatten ihre ursprüngliche Farbe behalten. Wie bei vielen schwarzäugigen Menschen waren die Gedanken und Stimmungen des Generals schwer zu erraten. Für Leute, die ihn nicht kannten, deutete nichts unmittelbar darauf hin, wer oder was er war. Seine körperliche Stärke war offensichtlich; andererseits waren Männer aus allen möglichen Gesellschaftsschichten ähnlich kräftig. In vielerlei Beziehung genoß der General die klassenlose Anonymität seiner Erscheinung: Er war sich ihrer bewußt und hatte sie schon häufig zu seinem Vorteil genutzt. Das hatte bewirkt, daß andere Leute ihn oft für einen primitiven Muskelprotz, für einen bloßen Schläger gehalten hatten; die meisten von ihnen hatten die- sen Fehler später bitter bereut. Der General hatte einen erstklassi- gen Kopf auf den Schultern; er war ein cleverer, listiger und gerisse- ner Manipulator anderer Menschen und besaß Organisationstalent und unbeugsamen Durchsetzungswillen, die ihn in seiner langen Karriere unaufhaltsam zum Erfolg geführt hatten. Oberst Gerhard Eisener hatte jedenfalls nie den Fehler gemacht, seinen Boß zu unterschätzen. Er war seit fast fünfundzwanzig Jah- ren ein Schützling des Generals und seit gut einem Jahrzehnt die rechte Hand des Älteren. Gemeinsam bildeten sie eine unwahr-, scheinlich effektive Kombination, das wußte Eisener. Der General war dogmatisch, förmlich und starr, während er selbst flexibler und vielleicht berechnender – jedoch bestimmt nicht weniger skrupellos – als sein Kommandeur war. Der Unterschied lag darin, was die bei- den Männer anderen vorenthielten. Der General behielt seine Ge- danken und, wo es ihm passend erschien, auch sein Wissen für sich; aber er versuchte nie, seine kompromißlose, rauhbeinige Art zu übertünchen. Im Gegensatz dazu hatte Eisener nie versucht, sei- nen Intellekt zu tarnen, aber dafür immer einen bestimmten Aspekt seines Charakters vor allen Kollegen – auch vor dem General – ge- heimgehalten. Alle hätten ihn als den idealen Stellvertreter charakterisiert: ein etwas gesichtsloser, aber äußerst tüchtiger und dem General treu er- gebener Mann hinter den Kulissen. Keiner von ihnen hatte je ver- mutet – tatsächlich wäre ihnen das unglaublich vorgekommen –, daß er in Wirklichkeit vor persönlichem Ehrgeiz brannte. Eisener, der den General besser als jeder andere kannte, wußte recht gut, daß der Ältere zwar intelligente Mitarbeiter zu schätzen wußte, aber persönlichen Ehrgeiz fast so nachdrücklich mißbilligt hätte wie Ab- weichlertum. Deshalb hatte Eisener seinen wahren Charakter ein- fach getarnt. In vielerlei Beziehung – zumindest anfangs – hatte er sich damit begnügt, einfach dem aufgehenden Stern des Generals zu folgen. In letzter Zeit, das wußte er recht gut, war er fast unent- behrlich geworden. Auch der General konnte nützlich sein, das gestand Eisener sich offen ein. Ohne seine Unterstützung wäre es niemals möglich gewe- sen, die Organisation intakt aus Ostdeutschland zu verlegen. Eise- ner hatte ihm seinen Vorschlag am Tag des Mauerfalls unterbreitet, und Erfurt war bemerkenswert rasch darauf eingegangen. Er hatte die Vorteile von Eiseners Idee, die operative Fähigkeit ihrer Abtei- lung zu bewahren, sofort erkannt. Eisener hatte die Sache als ideo- logische Notwendigkeit hingestellt: Ließ die Abteilung, deren welt-, weites Agentennetz kaum beschädigt war, sich intakt und einsatz- fähig erhalten, spielte die Lage ihrer Zentrale kaum eine Rolle, so- lange dieser Stützpunkt sicher war und gute Nachrichtenverbindun- gen besaß. Dort konnte die Abteilung ihre wertvolle Arbeit fortset- zen, um den Kapitalismus weiter zu untergraben. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte der General seinen Vorschlag begeis- tert aufgegriffen. Eisener selbst hatte nicht viel für Ideologien übrig. Natürlich hat- te er sich gehütet, bei dem General – oder sonst jemandem – diesen Verdacht aufkommen zu lassen. Tatsächlich, sagte er sich, hatte das früher, als die Republik noch existiert hatte, praktisch keine Rolle gespielt. Damals war einem nichts anderes übriggeblieben, als sich an die Parteilinie zu halten. Jedes Streben nach persönlichem Reich- tum oder der Freiheit, die für die Bürger der westlichen Demokra- tien selbstverständlich war, wäre vergeblich gewesen. Einen richti- gen Begriff vom Reichtum und der Freiheit im Westen hatten nur einige wenige Privilegierte, die im Ausland gewesen waren und sich dort selbst umgesehen hatten. Für Reisen oder Versetzungen ins Ausland wurden nur absolut zuverlässige Genossen ausgewählt; die meisten von ihnen kamen voller Empörung über die dort erlebte ›Dekadenz‹ zurück und lie- ßen ihrem Abscheu über die Reichtümer und Privilegien, die sie ge- sehen hatten, häufig freien Lauf – verrückterweise in einer Art, die oft dazu verlockte, nach solchen Dingen zu streben, statt sie zu ver- achten. Eisener selbst war in Bonn, Paris, Wien, Brüssel und Lon- don gewesen. Obwohl er den größten Teil seiner Zeit in düsteren Handelsmissionen oder anonymen sicheren Stasi-Häusern außer- halb dieser Städte verbracht hatte, hatte er sich selbst davon über- zeugen können, daß die Westler trotz all ihrer ›dekadenten‹ Neigun- gen besser lebten als irgendjemand im Osten. »Nun, Gerhard, was haben Sie heute morgen für mich?« fragte der General., »Wir haben eine seltsame Anfrage erhalten, Genosse General«, begann Eisener vorsichtig. »Aber vielleicht eine, die sich lohnen könnte.« »Erzählen Sie mir davon.« »Vielleicht möchten Sie erst die Nachricht lesen, die zu diesem Thema eingegangen ist, Genosse General?« Er legte sie ihm hin. Während General Erfurt rasch die beiden Seiten las, verfinsterte sich seine Miene. Er sah auf und warf die Blätter auf den Tisch. »Wie haben diese Leute von uns erfahren? Und warum ist diese Nachricht an Sie, nicht an mich adressiert?« »Sie werden sich erinnern, Genosse General, daß wir etwas in die- ser Art frühzeitig vorausgesehen haben. Sie selbst haben es für un- vermeidlich gehalten, daß unsere Aktivitäten irgendwann bekannt würden, und auf meinen Vorschlag hin bin ich als Kontaktperson benannt worden, um Ihren Namen aus solchen Dingen herauszu- halten.« »Ich erinnere mich an etwas in dieser Art«, gab der General zu. »Trotzdem staune ich darüber, daß unsere Geheimhaltung so mise- rabel ist, daß diese… diese Barbaren von uns erfahren konnten. Und wie kann dieser unverschämte Narr auch nur eine Sekunde lang glauben, daß wir einen Auftrag für seine Regierung übernehmen würden?« »Anfangs bin ich nicht weniger überrascht als Sie gewesen, Genos- se General. Aber dann habe ich mir überlegt, wer diese Leute sind … Wir wissen, daß sie dem Westen ebenso feindselig gegenüberste- hen wie wir. Folglich muß diese Tat den Interessen des kapitalisti- schen Westens schaden – und das ist unschwer zu erkennen. Wäre diese Anfrage zum Beispiel von einem sozialistischen Bruderland gekommen, hätten wir sie ohne weiteres geprüft. Und diese Leute bieten ein großzügiges Honorar, das wir gut brauchen könnten. Natürlich werden wir für unsere Arbeit hier bezahlt, aber die Lan- deswährung ist nicht konvertibel, und wir haben allmählich keine, Devisen mehr, um unsere Zellen im Ausland einsatzfähig zu erhal- ten.« »Hm«, grunzte der General. Er sah ein, daß Eiseners Argumente vernünftig waren. Seine erste Reaktion war ein bloßer Reflex gewe- sen, das erkannte er jetzt. »Sie haben nicht ganz unrecht, nehme ich an. Gut, prüfen Sie die Sache. Stellen Sie fest, ob sich das ma- chen läßt. Und ich möchte genau wissen, warum die Leute diesen Auftrag erteilen wollen, damit ich die politischen Folgen abschät- zen kann. Ich erwarte Ihren Bericht so schnell wie möglich.« »Jawohl, Genosse General«, sagte der Oberst eifrig. »Wenn Sie sonst nichts mehr haben…« »Nein. Sie können gehen.«,

Also gut! Bloß noch ein paar Fragen, bevor wir entscheiden, wasin dieser Sache zu tun ist.« Commander Gordon Scott von der

Special Branch der Londoner Metropolitan Police sah sich am Tisch um und lächelte. Einige der Anwesenden ächzten innerlich; dieses Lächeln war kein gutes Zeichen. Der Commander war ein großer, freundlich aussehender Mann, der im allgemeinen recht umgänglich war, aber bei der Besprechung wichtiger Themen nur selten lächelte. Tat er es trotzdem einmal, mußte sich meistens ir- gendein glückloser Untergebener darauf gefaßt machen, unerbitt- lich abgekanzelt zu werden. »Wer diese Fragen beantwortet, ist mir egal«, fuhr Scott fort. »Wer nützliche Informationen hat, soll damit rausrücken. Erstens: Wieviel von dem verdammten Papier gibt's überhaupt – und was ist damit passiert?« Nach kurzem Zögern beugte sich etwa in der Tischmitte ein Chief Superintendent nach vorn. »Ich kann nur für mein Revier sprechen, Sir, aber ich schätze, daß wir ungefähr eineinhalb Tonnen gesammelt haben. Das Zeug steckt in Säcken, die jetzt einige mei- ner Arrestzellen füllen, bis wir Anweisung bekommen, was damit geschehen soll.« Sein Gegenüber nickte. »Wir haben sogar noch mehr – mindes- tens zwei Tonnen«, warf er ein. »Aber ich bezweifle offengestanden, Sir, daß wir auch nur die Hälfte sichergestellt haben. Unmengen sind in Kehrmaschinen, Mülltonnen oder Abfallkörben verschwun- den. Und die Leute haben viel Papier aufgehoben. Manches davon ist abgeliefert worden, aber viel dürfte verschwunden sein. Und so- viel ich gesehen habe, liegen in den Gebäuden noch Unmengen Pa- pier – jeder Windstoß läßt wieder Papier schneien.«, Commander Scott nickte. Auch seine beiden nächsten Fragen wa- ren damit schon so genau beantwortet, wie er vernünftigerweise er- warten konnte. »Noch jemand?« Drei weitere Hände wurden gehoben. Das Abfallproblem war offenbar weit verbreitet. »Also gut«, sagte Scott, »ich möchte, daß folgendes veranlaßt wird: Ich will, daß alle Säcke hier im Yard angeliefert werden. Und für jeweils zwei Säcke schicken Sie einen Beamten oder eine Beam- tin mit. Uniformiert oder aus der Verwaltung – das spielt keine Rol- le. Haben Sie fünfzig Säcke, will ich hier fünfundzwanzig Leute se- hen. Wo Sie die auftreiben, ist mir egal – meinetwegen leihen Sie sich welche aus. Was sie zu tun haben, erfahren sie, sobald sie hier sind. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Leute und die Säcke bis vierzehn Uhr da sind, dann müßten sie bis Dienstschluß mit der Arbeit fer- tig sein. Okay?« Scott sah sich um und lächelte erneut warnend, um jeglichen Protest zu ersticken, der jemandem auf der Zunge lie- gen konnte. »Gut«, sagte er schließlich. »Ich danke Ihnen allen, daß Sie gekommen sind.« Die hohen Polizeibeamten am Konferenztisch standen auf und verließen den Raum. Der Commander und ein schmächtiger blon- der Mann mit Brille blieben allein zurück. Scott wandte sich an ihn. »Wie schätzen Sie die Chancen ein, Richard?« »Nicht gut«, antwortete der andere ruhig, »aber die Sache ist ei- nen Versuch wert. Ich nehme an, Sie…« Er wurde unterbrochen, als jemand anklopfte. Scotts Sekretärin kam herein. »Sie wollten Geraghty sprechen, Sir. Er ist hier.« »Gut«, sagte Scott. »Soll reinkommen.« Eine halbe Minute später wurde Detective Constable John Ge- raghty, dem sichtlich unbehaglich zumute war, in den großen Raum geführt. Nach einem raschen prüfenden Blick bot Comman- der Scott ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl an. »Nehmen, Sie Platz, Geraghty.« Der Kriminalbeamte war nervös gewesen, als er die Aufforderung erhalten hatte, sich im New Scotland Yard zu melden, und regel- recht erschrocken, als er hörte, wer ihn dort sprechen wollte. Jetzt nahm er Platz und wartete auf den gewaltigen Anpfiff, mit dem er rechnete. Commander Scotts Tonfall blieb ruhig und neutral. »Dies«, sagte er, »ist Mr. Smith.« Er machte eine kurze Pause, damit Geraghty diese spärliche Information verdauen konnte, wobei er genau wuß- te, daß jede zusätzliche Erläuterung ihre Wirkung verringert hätte. Dann fuhr er fort: »Mr. Smith und ich möchten von Ihnen mit Ihren eigenen Worten erfahren, wie Sie eigentlich zu diesem Schrift- stück gekommen sind. Lassen Sie dabei bitte keine Einzelheit aus.« Geraghty räusperte sich und begann, wobei er sich fragte, wer, zum Teufel, ›Mr. Smith‹ sein mochte und was er mit dieser Sache zu tun hatte. Er hatte sich seinen Bericht so zurechtgelegt, daß er seiner Auffassung nach klar und präzise klingen mußte; aber als er ihn jetzt vortrug, merkte er, daß alles steif und förmlich klang wie bei einem jungen Constabler, der zum erstenmal als Zeuge vor Ge- richt aussagt. Er wurde jedoch bald unterbrochen. »Hören Sie, Geraghty«, sagte Scott, »wir wollen vorläufig ausspa- ren, was Sie selbst getan haben, als Ihnen das Schriftstück überge- ben worden ist. Mich interessieren die genauen Umstände, unter denen Ihr Nachbar an das Schriftstück gekommen ist. Er hat Ihnen erzählt, es sei ihm ins Gesicht geflogen?« »Ja, Sir«, murmelte Geraghty. Er holte tief Luft, hob den Kopf und reckte sein Kinn etwas vor. »Ich hab mir gedacht, daß die ge- nauen Umstände Sie interessieren würden, Sir, deshalb bin ich so frei gewesen, Mr. Gerald Hipsall mitzubringen. Er wartet unten, falls Sie mit ihm reden möchten.« »Verstehe«, sagte Scott. »Nun, da er so nett gewesen ist, Sie zu be- gleiten, kann's vielleicht nicht schaden, ihn kurz zu befragen. Ho-, len Sie ihn bitte rauf, ja?« Geraghty verließ den Raum und kam nach wenigen Minuten mit Hipsall zurück. In der folgenden Viertelstunde fragte Scott den jun- gen Schauspieler geschickt aus, bis er der Überzeugung war, sämt- liche Einzelheiten erfahren zu haben. »Mr. Hipsall«, schloß er, »Sie haben uns sehr geholfen – vielleicht mehr, als Sie je erfahren wer- den. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Die Papiere, die Sie gefunden ha- ben, werden uns voraussichtlich bei Ermittlungen wegen einer kri- minellen Verschwörung helfen, und die darin enthaltenen Informa- tionen können sich als äußerst wertvoll erweisen. Ich möchte Ihnen jedoch dringend raten«, fügte Scott mit warnendem Unterton hin- zu, »im Interesse Ihrer persönlichen Sicherheit mit niemandem über den Inhalt dieses Schriftstücks zu reden. Vorläufig weiß nie- mand, welche Rolle Sie bei seiner Auffindung gespielt haben. Bitte sorgen Sie dafür, daß das so bleibt, ja?« Scott wandte sich an seinen Kollegen. »Mr. Smith, haben Sie noch irgendwelche Fragen, die Sie Mr. Hipsall stellen möchten?« Als der Mann mit der Brille langsam den Kopf schüttelte, ohne ein Wort zu sagen, stand Scott auf und gab dem Besucher zum Ab- schied die Hand. »Nochmals vielen Dank für Ihr Kommen, Mr. Hipsall. DC Geraghty begleitet Sie hinaus.« Er lächelte, als er hin- zufügte: »Wir erwarten Sie in ein paar Minuten zurück, Geraghty!« »Ich glaube, das ist nützlich gewesen, Richard«, stellte Scott fest, als sie wieder allein waren. »Ich habe keinerlei Zweifel mehr. Seine Geschichte ist echt – keine Erfindung.« »Ganz meine Meinung«, sagte Smith. »Die meisten Schauspieler sind miserable Lügner. Nur auf der Bühne können sie ihr Publikum von etwas überzeugen, das nicht wahr ist.« Scott stand auf, als Geraghty zurückkam. Der Kriminalbeamte er- kannte unbehaglich, daß der Commander jetzt anders lächelte als zuvor, und merkte vor allem, daß er diesmal nicht aufgefordert wurde, Platz zu nehmen. Großer Gott, dachte er, jetzt kommt's! Er biß, die Zähne zusammen. »Also, Geraghty«, begann Scott, »Sie haben versucht, etwas von dem Tipp-Ex mit dem Taschenmesser abzukratzen, nicht wahr?« »Ja, Sir. Ich wollte Ihnen noch erklären, was…« Scott unterbrach ihn mit schneidend scharfer Stimme. »Und Sie haben das Papier beschädigt, stimmt's? Und danach haben Sie's mit dem Feuerzeugbenzin getränkt, nicht wahr?« fuhr er unerbittlich fort, ohne seinem Opfer Zeit zu lassen, irgendeine Frage zu beant- worten. »Ich vermute wohl richtig, daß Sie sich nicht die Mühe ge- macht haben, dabei Gummihandschuhe zu tragen? Und ich habe bestimmt recht, wenn ich annehme«, fuhr Scott mit unverkennbar zornig erhobener Stimme fort, »daß Sie nicht mal daran gedacht haben, sich mit einer verdammten Seite zu begnügen, anstatt alle drei zu ruinieren, nicht wahr?« Scott, der hinter dem Konferenztisch auf und ab gegangen war, beugte sich darüber und starrte den Detective Constable durchdrin- gend an. »Nun, Geraghty?« Der Kriminalbeamte nahm Haltung an, wagte aber nicht, seinen Blick zu erwidern, und murmelte bedrückt: »Tut mir sehr leid, Sir.« »Das will ich hoffen, verdammt noch mal!« blaffte Scott. »Durch Ihre ungeschickte, amateurhafte Behandlung haben Sie praktisch alle Spuren vernichtet, die vielleicht an dem Papier zu finden gewe- sen wären. Sie haben sie mit Ihrem verfluchten Benzin abgewischt und statt dessen Ihre eigenen dämlichen Fingerabdrücke überle- bensgroß darauf hinterlassen!« Scott machte eine lange Pause, bevor er sich wieder setzte. Als er dann weitersprach, klang seine Stimme nicht mehr so schneidend scharf. »Ja, Geraghty«, sagte er, »durch Ihre Behandlung haben Sie so ziemlich alle Spuren vernichtet, die an diesen drei Blättern hät- ten haften können. Sämtliche Hinweise bis auf den wichtigsten.« Er machte eine nachdenkliche Pause. »Das Papier ist natürlich iden- tifiziert worden. Aber das hilft uns nicht weiter – es ist überall er-, hältlich. Auch die Schreibmaschine ist identifiziert worden: eine billige, weitverbreitete Marke, die uns vermutlich auch nicht weiter- hilft. Das bei weitem wichtigste Beweisstück ist das Dokument selbst. Und ich muß zugeben, daß wir's nicht hätten, wenn Sie nicht richtig gehandelt hätten. Deshalb…« Scott stand auf und lä- chelte – diesmal nicht raubtierhaft, sondern durchaus freundlich. »…können Sie den Anpfiff von vorhin vergessen. Daß Sie sich nicht an die Vorschriften gehalten haben, wird Ihnen diesmal nachgese- hen. Ich schicke Ihrem Boß einen guten Bericht über Sie – einen verdammt guten Bericht. Gut gemacht, Geraghty!« Damit streckte Scott dem verblüfften Kriminalbeamten die Hand hin. Geraghty rang sich benommen ein schwaches Lächeln ab, schüttelte die angebotene Hand und murmelte hastig: »Danke, Sir.« Zwei Minuten später war er auf dem Weg nach unten, ohne recht zu wissen, was ihm zugestoßen war. Der Commander und der Mann von MI5 blieben im Konferenzraum zurück. »Für uns gibt's noch viel zu tun, Richard«, sagte Scott, »aber an sich glauben wir, daß dies genauso ein Job für Ihre Abteilung wie für unsere ist. Das findet auch der Polizeipräsident. Das Sortieren der Papiersäcke dürfte nicht allzulange dauern. Ich habe identische Papiermuster besorgen lassen, damit jeder weiß, was wir suchen: drei Blätter dünnes Luftpostpapier, vermutlich mit Tipp-Ex-Korrek- turen. Das müßte die Suche erleichtern… Also gut«, fuhr er fort, in- dem er das Thema wechselte, »wir sollten sehen, ob wir uns darüber einig sind, womit wir's hier zu tun haben. Soll ich anfangen?« »Bitte«, sagte Smith. »Okay. Wir sind uns ziemlich sicher, daß dies der Bericht eines illegalen Agenten für eine ausländische Organisation ist. Er – unsere Experten tippen wegen der handschriftlichen Anmerkung auf einen Mann – hat ihn hier recherchiert, ausgearbeitet und niedergeschrie- ben. Der Bericht ist offenbar privat angefertigt worden, und sein Verfasser hat ebenso offenbar keinen Zugang zu irgendwelchen Bot-, schaftseinrichtungen gehabt – sonst lägen diese Seiten jetzt nicht hier vor uns. Ein diplomatischer Kurier hätte eine Fotokopie außer Landes gebracht, und das Original läge im Botschaftstresor ver- wahrt oder wäre vermutlich in den Aktenvernichter gewandert. Tat- sächlich muß man sich fragen, wozu dieses Exemplar überhaupt aufbewahrt worden ist. Vielleicht als eine Art Rückversicherung für den unbekannten Verfasser, den wir bestimmt nie finden werden. Wichtig ist jedenfalls, daß durch diesen Sprengstoffanschlag keine Botschaft beschädigt worden ist – im Gebiet um den Tatort gibt's keine. Folglich muß es sich um eine unabhängig angefertigte Ausar- beitung handeln.« Smith nickte wortlos, um zu zeigen, daß er dieser Schlußfolge- rung zustimmte. »Bevor wir uns mit dem Inhalt dieses Schriftstücks befassen«, fuhr Scott fort, »will ich Ihnen unsere Überlegungen zu seinem Verfasser und dem vermutlichen Adressaten erläutern. Uns ist kein Fall be- kannt, in dem ein ›Illegaler‹ einen unabhängigen Bericht dieser Art verfaßt hat. Normalerweise würden derartige Informationen einem hiesigen Führungsoffizier übergeben, um dann über Botschaftsein- richtungen weitergeleitet zu werden. So würde niemand davon er- fahren – außer vielleicht zufällig unser Abhördienst GCHQ. Falls ich mich nicht täusche, würde das die Möglichkeiten erheblich ein- schränken. Ich weiß, daß das eine gewagte Annahme ist, aber wir könnten es hier mit einem Bericht an eine feindselige Regierung oder eine wichtige nichtstaatliche Gruppierung zu tun haben. Was Staaten betrifft, haben im Augenblick nur vier keine diplo- matische Vertretung in London. Was nichtstaatliche Gruppierungen angeht, sind die beiden auffälligsten die Palästinenser und die Kur- den. Darüber hinaus halten wir's für richtig, auch Staaten einzube- ziehen, deren diplomatische Beziehungen zu Großbritannien etwas angespannt sind. Zu dieser Kategorie müßten wir Syrien, den Iran, Pakistan und den Sudan zählen. Und in Afrika gibt's natürlich ge-, nügend andere Staaten, die für so was in Frage kämen – aber da sind Sie eher auf dem laufenden als ich.« »Richtig«, antwortete Smith. »Nigeria und Angola, um nur zwei zu nennen.« »Jetzt zu der Frage, was das alles zu bedeuten hat«, fuhr Scott fort. »Auch hier arbeiten wir wieder mit einigen unbewiesenen An- nahmen. Um Zeit zu sparen, begründe ich nicht im einzelnen, wie wir auf sie gekommen sind. Ich vertraue darauf…« Er lächelte Smith zu, »…daß Sie mich auf Fehler in unseren Schlußfolgerungen hin- weisen werden. Erstens: Obwohl wir nur die Hälfte des Schriftstücks besitzen, ist es offenbar ein kenntnisreicher, gut recherchierter, detaillierter Be- richt über Motive und Fähigkeiten der meisten wichtigen Organisa- tionen, die irgendwann unter anderem versucht haben, ausländische Regierungen zu destabilisieren. Ganz allgemein lassen diese Organi- sationen sich in zwei Kategorien unterteilen: Terroristengruppen und staatliche Geheimdienste. Interessanterweise werden rein krimi- nelle Organisationen, die sonst einiges Gewicht haben – beispiels- weise die Mafia – mit keinem Wort erwähnt. In der Terroristenkategorie zählt dieses Schriftstück die bekann- testen Organisationen wie die IRA auf. Tatsächlich sind die ausge- schlossenen Gruppen interessanter als die erwähnten. Die Unfähi- gen, Hochstapler oder Walter-Mitty-Typen wie ›Carlos der Schakal‹ kommen überhaupt nicht darin vor. Das gilt auch für die halbwegs Kompetenten, von denen die meisten sich so in irgendeine idioti- sche Ideologie verrannt haben, daß sie nicht einmal daran denken würden, einen kommerziellen Auftrag anzunehmen. Die Liste der offiziellen Geheimdienste ist weit interessanter und ebenso aufschlußreich. Ich weiß nicht, wer diesen Bericht geschrie- ben hat, aber ich würde ihn gern einmal befragen – nach unserer Ansicht hat er den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Was er schreibt, deckt sich mit unseren eigenen Erkenntnissen, die größ-, tenteils auf Mitteilungen unserer ausländischen Kollegen basieren. Beispielsweise wird der russische KGB erwähnt. Weshalb? Welcher uninformierte Außenstehende käme auf die Idee, der KGB würde kommerzielle Aufträge übernehmen? Tatsache ist jedoch, wie Sie bestimmt wissen, daß er sich jetzt aktiv um solche Aufträge be- müht. Er wird hier nur ausgeschlossen, weil er nach Ansicht des Verfassers den hier gemeinten Auftrag ablehnen würde. Wir glau- ben, daß dieser Mann weiß, wovon er redet. Während die meisten Gruppen flüchtig abgehandelt werden – und Gott allein weiß, was auf den fehlenden Seiten gestanden hat –, enthält der Bericht eine klare Empfehlung, den Auftrag an ei- ne bestimmte Organisation zu vergeben. Auch das zeigt, daß der Verfasser Insiderkenntnisse besitzt. Er empfiehlt eine Organisation, die jedermann im Westen für aufgelöst hält. Jedermann glaubt, die Stasi, der Staatssicherheitsdienst der ehemaligen DDR, sei zerschla- gen und die Mehrzahl seiner Mitarbeiter sitze wegen verschiedener Delikte in Untersuchungshaft. Aber wie wir beide wissen, stimmt das natürlich nicht. Woher weiß dieser Mann das? Woher weiß er, daß die Stasi mit ihrem weitgehend intakten Agentennetz und ge- waltigen finanziellen und personellen Ressourcen in den Unter- grund gegangen ist? Und er hat sie für diesen Auftrag empfohlen. Mit nachtwandlerischer Sicherheit hat er die am kommerziellsten denkende, am wenigsten wählerische und mit am professionellsten arbeitende aller dieser Organisationen empfohlen.« Scott machte eine Atempause und sah zu Smith hinüber, der sich eifrig Notizen machte. »Unsere zweite Schlußfolgerung«, fuhr der Commander fort, »scheint auf der Hand zu liegen, aber auch sie beruht auf einer An- nahme, die wir nicht beweisen können. Wir haben folgende nüch- terne Überlegung angestellt: Man bewertet keine kurze Liste von Kandidaten wie in diesem Bericht, wenn der betreffende Job völlig legitim und lobenswert ist – beispielsweise allen kleinen alten Da-, men der Nation über die Straße zu helfen oder die Bank von Eng- land zu bewachen. Berücksichtigt man noch, von welchem Hono- rar die Rede ist – fünf Millionen Dollar –, haben wir's mit einem verdammt großen Auftrag zu tun. Daraus schließen wir, daß die Stasi angeheuert worden ist, um einen wichtigen Job mit weitrei- chenden Konsequenzen auszuführen – einen Auftrag, der wegen der versuchten Geheimhaltung dieses Berichts und der Qualifikation dieser hier bewerteten Kandidaten höchst illegal sein dürfte. Unsere dritte Schlußfolgerung ergibt sich unmittelbar aus der zweiten. Auch wenn sie vielleicht noch mehr auf der Hand liegt, halte ich's für nötig, von dieser Annahme auszugehen, weil sie be- stimmt, was wir unternehmen werden. Der Auftrag, für den die Stasi angeheuert worden ist, richtet sich fundamental gegen die na- tionalen Interessen aller westlichen Demokratien. Trifft das zu – woran ich nicht zweifle –, müssen wir unser Bestes tun, um seine Ausführung zu vereiteln. Und nun zur vierten und letzten Schlußfolgerung. Auch sie ba- siert nur auf Vermutungen, für die es jedoch verschiedene Hinweise gibt. Als ersten nenne ich die in arabischer Schrift hingekritzelte Fuß- note. Unsere Experten glauben, daß der Autor des Berichts mit dem Verfasser dieser Anmerkung identisch ist – einige Ausdrücke stimmen auffällig überein. Die Fußnote ist offenbar später angefügt worden: Sie besagt nur, daß der Verfasser erfahren hat, daß sein Be- richt eingegangen ist und seine Empfehlungen befolgt worden sind. Deshalb glauben wir, daß der Mann seine Ausarbeitung einer ara- bischen Regierung oder Organisation gefaxt und für den Fall, daß der Faxverkehr kontrolliert würde, als harmlosen kommerziellen Be- richt aus England getarnt hat. Wir wissen nicht, warum er das ver- dammte Ding nicht einfach neu geschrieben hat, anstatt mit Un- mengen Tipp-Ex daran herumzupfuschen, aber er hat bestimmt sei- ne Gründe gehabt – was nur gut ist, denn sonst läge sein Bericht, jetzt nicht vor uns. Wir haben einige der offensichtlichen Kandidaten von der Liste gestrichen. Libyen ist durch amerikanische Schläge geschwächt und steht gegenwärtig wegen seiner Beteiligung an dem Bombenan- schlag auf das bei Lockerbie abgestürzte PanAm-Flugzeug unter stärkstem internationalen Druck. Syrien, das ebenfalls an diesem Anschlag beteiligt gewesen ist, kann es kaum fassen, daß es nicht mehr verdächtigt wird, seit der Westen allein Libyen die Schuld gibt. Außerdem hat Syrien heutzutage allen Grund, sich anständig zu betragen. Seit die Amerikaner diesen Kerl Assad bestochen ha- ben, damit er sich der Golfkriegskoalition anschließt oder wenig- stens nicht dagegen opponiert, hat er eingesehen, wie vorteilhaft es wäre, wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Wir glauben, daß er zumindest vorerst Wert darauf legt, saubere Hände zu behalten. Was die Palästinenser betrifft, würden sie auf ihre eigenen Leute zurückgreifen – schlicht und einfach. Wie Sie wissen, gibt es mas- senhaft palästinensische Terroristengruppen. Manche davon existie- ren schon lange und sind verhältnismäßig erfolgreich gewesen. Die wichtigsten sind hier drin erwähnt, aber interessanterweise werden ihre verschiedenen Mängel und Schwächen mit Ausdrücken charak- terisiert, die wohl jeder Palästinenser als kraß beleidigend empfin- den müßte. Schon deshalb glauben wir nicht, daß sie in Frage kom- men. Folglich bleibt unserer Meinung nach nur eine Möglichkeit – der Irak. Die Iraker passen aus verschiedenen Gründen ins Bild. Erstens sind sie praktisch nicht mehr imstande, außerhalb der eigenen Grenzen zu operieren, weil alle ihre Agenten in den Jahren 1990 und 1991 enttarnt und ausgewiesen worden sind. Sie haben keine mehr, und würde einer ihrer Leute im Westen auftauchen, würde er festgenommen und sofort abgeschoben. Wollen sie irgendwelche Schmutzarbeit im Ausland erledigen lassen, bleibt ihnen nichts an-, deres übrig, als Söldner anzuwerben. Außerdem haben sie's schon immer verstanden, Wissen und Sachkenntnis der in diesem Schrift- stück geschilderten Art einzukaufen. Und es gibt reichlich Schmutz- arbeit, die sie vermutlich erledigen lassen wollen. Ganz oben auf ihrer Liste dürfte die Destabilisierung eines Nach- barlandes stehen, von der sie ganz sicher profitieren würden. Einer der Nachbarn des Iraks steht auf tönernen Füßen und ließe sich leicht ins Chaos stürzen – vielleicht durch ein paar politische At- tentate, willkürliche Bombenanschläge, religiöse Ausschreitungen, etwas in dieser Art. Und ich rede nicht von Kuweit. Ich rede von Saudiarabien. Das mögen wilde Vermutungen sein, aber mich schau- dert, wenn ich mir vorstelle, was ein paar richtige Stasi-Profis dort anrichten könnten. Ich glaube nicht, daß wir diese Möglichkeit ig- norieren dürfen.« Scott lehnte sich zurück und verschränkte die Ar- me. »Also, da haben Sie's, Richard. Jetzt würde mich interessieren, was Sie und ihre Leute denken.« Smith hatte schweigend zugehört und sich gelegentlich Notizen gemacht, während Scott seine Theorie erläuterte. Jetzt sah er von seinem Notizblock auf. »Sie sprechen einige sehr interessante Punk- te an, Gordon, die wir teilweise noch nicht berücksichtigt haben. Insgesamt stimme ich Ihnen zu – vor allem in bezug auf die ersten drei Schlußfolgerungen, die sich hundertprozentig mit unseren de- cken. Ihre vierte ist absolut faszinierend.« Smith machte eine kurze Pause. »Wie gesagt, absolut faszinierend. Aber ich fürchte, daß sie leider von einer falschen Annahme ausgeht.« »Oh?« Scott war überrascht, wirkte aber keineswegs beleidigt. Sein Gesichtsausdruck verriet echtes Interesse. »Tatsächlich? Wo haben wir uns getäuscht?« »Es handelt sich nur um eine winzige Kleinigkeit, wissen Sie«, sagte Smith. »Sehr leicht zu übersehen. Aber sie wirkt sich ganz ent- scheidend auf die Analyse aus. Sehen Sie, unserer Ansicht nach hat diese arabische Fußnote kein Araber geschrieben.«, Scott griff nach einer Fotokopie der Seite sechs und studierte sie. »Naja, das kann ich nicht beurteilen«, murmelte er. »Für mich ist das alles bloß Gekritzel.« »Für mich auch«, sagte Smith. »Aber unser Sachverständiger hat nachdrücklich darauf bestanden, sobald er den Hinweis entdeckt hatte. Sehen Sie, die Schrift der Muttersprache des Verfassers ist dem Arabischen sehr ähnlich. Sie haben nicht nur gemeinsame Wurzeln, sondern sogar einige Wörter gemeinsam. Aber es gibt be- stimmte markante Unterschiede. Hätte der Verfasser seine eigene Sprache gebraucht, hätte Ihr Linguist sie sofort erkannt. Aber er hat arabisch geschrieben, deshalb sind sie übersehen worden. Zum Glück hat unser Mann sie entdeckt. Der Verfasser hat in bezug auf ein paar Akzente zwei sehr kleine, aber markante Fehler gemacht. Tatsächlich sind das keine Akzente, sondern Betonungszeichen für unterschiedliche Konsonanten. Hier, ich will's Ihnen zeigen.« Smith streckte seine Hand aus und deutete auf ein Wort in der zweiten Zeile der Fußnote. »Sehen Sie diesen Akzent, der wie ein französischer Zirkumflex aussieht? Im Druck erscheint er als drei kleine Punkte, die ein Dreieck bilden. In handschriftlichen Texten ist's üblich, sie genau wie hier miteinander zu verbinden. Im Arabi- schen bezeichnen sie die Konsonanten ›th‹ oder ›sh‹ – je nach der Form des darunterstehenden Schriftzeichens. Tatsächlich gibt's nur zwei arabische Schriftzeichen, über denen ein Zirkumflex steht. Und dieses hier…« Smith tippte mit dem Zei- gefinger darauf, »…gehört nicht dazu. Interessanterweise ist das Wort in beiden Sprachen fast identisch, wird aber etwas unterschiedlich ausgesprochen. Im Arabischen klingt es wie ›z‹ und trägt nur einen Punkt. In der Muttersprache des Verfassers klingt es wie ›zh‹ und hat drei Punkte – also mit diesen Zirkumflex. Wie Sie sehen, hat er genau dieses Wort hier unten nochmals gebraucht. Die Macht der Gewohnheit, nehme ich an.« Smith lehnte sich auf seinem Stuhl zurück., Scott betrachtete die Notiz einige Sekunden lang. Er sah, was Smith meinte – die beiden Schriftzeichen waren identisch. »Okay«, sagte er interessiert. »Sie haben mich überzeugt, Richard. Von wel- cher Sprache reden wir? Kurdisch oder dergleichen? Oder ist das nur irgendein arabischer Dialekt?« »Nein«, antwortete Smith kopfschüttelnd. »Unabhängig vom Dia- lekt wird Arabisch überall gleich geschrieben.« Er lächelte. »Das habe ich mir jedenfalls sagen lassen… Nein, wir sind uns unserer Sa- che ganz sicher. Dieses Wort ist eindeutig in Farsi geschrieben – folglich ist der Mann, der das geschrieben hat, ein Iraner.«

Guten Morgen, Genosse Oberst«, sagte General Erfurt. »NehmenSie Platz.«

»Danke, Genosse General.« Eisener ließ seinen langen Körper auf den Holzstuhl vor dem Schreibtisch des Alten sinken. Vorsicht – er scheint heute etwas mürrisch zu sein. »Sie haben mich angewiesen, Ihnen Bericht zu erstatten, sobald ich die Machbarkeit dieses neuen Pro- jekts geprüft habe.« »Bitte weiter.« Der General beugte sich nach vorn, stützte die Ell- bogen auf den Schreibtisch und fixierte seinen Untergebenen mit seinen dunklen Augen. »Als ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, Genosse General, ist mir die Gefährdung unserer eigenen Leute im Ausland als Hauptproblem erschienen. Ich bin der Überzeugung gewesen, der Auftrag lasse sich ausführen – aber nicht ohne großes Risiko., Auch weitere Nachforschungen haben mich in bezug auf die Er- folgschancen kaum optimistischer gemacht.« Er machte eine kurze Pause und sah dem General ins Gesicht, ohne eine Reaktion wahr- zunehmen. »Dann bin ich ganz zufällig auf etwas anderes gesto- ßen«, fuhr Eisener fort, »als ich in einer der Fachzeitschriften ge- blättert habe, die Dr. Gerber bezieht. Diese Sache müßte sich für unsere Zwecke gebrauchen lassen und sollte jedenfalls genau unter- sucht werden. In den Vereinigten Staaten haben wir einen hochqua- lifizierten Techniker, der sie in unserem Auftrag bewerten könnte. Ließe sie sich unseren Bedürfnissen entsprechend anpassen, wäre das Risiko, daß unsere Leute enttarnt, getötet oder verhaftet wer- den, aufs absolute Minimum reduziert.« »Sie haben darüber mit Gerber gesprochen?« blaffte der General. »Nein, Genosse General, und ich hatte auch nicht vor, das zu tun.« »Freut mich, daß Sie das sagen. Sie kennen meine Einstellung, was die Abschottung von Informationen betrifft.« »Ich kenne sie, Genosse General, und teile sie selbstverständlich«, sagte Eisener. Aber für mich ist das keine fixe Idee, dachte er. »Diese Sache fällt ohnehin nicht in Dr. Gerbers Fachgebiet«, fuhr er fort. »Vielleicht hat er den Artikel gelesen, aber der Bericht ist ziemlich kurz gewesen, und ich bezweifle, daß er viel darüber nachgedacht hat. Für einen Wissenschaftler ist er merkwürdig phantasielos.« Der General grunzte. »Was ist also zu veranlassen?« »Fürs erste etwas ziemlich Einfaches, Genosse General. Wir brau- chen nur dafür zu sorgen, daß etwas gestohlen wird.« »Erzählen Sie mir davon«, sagte der General.,

Der graue Ford Sierra bog in die Einfahrt des Landhauses abund hielt vor dem geschlossenen Garagentor. Der Fahrer stellte

den Motor ab und stieg aus, dann ging er zur Haustür hinüber und klingelte. Nach einem kurzen Blick zu dem Hirschgeweih hinauf, das über dem Türstock montiert war, sah er auf seine Armbanduhr. Ungefähr zehn Minuten zu früh dran, dachte er, aber wie ich ihn kenne… Die Tür wurde geöffnet und zeigte einen drahtigen, sportlich wir- kenden Mittfünfziger, der zu seiner Cordsamthose eine Wolljacke und ein kariertes Hemd mit offenem Kragen trug. Sein Gesicht ver- zog sich zu einem angenehm überraschten Lächeln, und seine leuchtendblauen Augen blickten noch immer so scharf und durch- dringend, wie Henderson ihn in Erinnerung hatte. »Richard! Schön, dich wiederzusehen. Komm rein.« Richard Henderson erwiderte sein Lächeln, und die beiden Män- ner schüttelten sich die Hände. »Sehr nett von dir, daß du so kurz- fristig Zeit für mich hast, Max.« Max Goodale ging ins Wohnzimmer voraus und bot Henderson mit einer Handbewegung einen Sessel an. »Setz dich, Richard, setz dich! Darf ich dir einen Drink anbieten?« »Nun«, antwortete Henderson und rieb sich nachdenklich das Kinn, »warum nicht? Gin und Tonic, bitte.« Er lehnte sich in den Sessel zurück. »Aber bitte mit sehr wenig Gin«, fügte er hinzu. Goodale trat an die Hausbar, mixte zwei Drinks, gab Henderson ein Glas und hob sein eigenes. »Auf deine Gesundheit, Richard.« »Und auf deine, Max.« Ihre Gläser berührten sich mit leisem Kli- cken. »Du siehst blendend aus, muß ich sagen. Der Ruhestand be- kommt dir offenbar. Du bist John Mills noch ähnlicher geworden.«, Goodale lächelte; diesen Vergleich hatte er schon oft gehört. »Ich weiß nicht recht, ob ich das als Kompliment auffassen soll oder nicht. Immerhin ist Sir John ein paar Jahre älter als ich!« Im näch- sten Augenblick wechselte er das Thema. »Dein Anruf hat mich neugierig gemacht. Worum geht's eigentlich?« Henderson trank einen kleinen Schluck aus seinem Glas und stellte es ab. Typisch Max, dachte er, wie er geradewegs zur Sache kommt. »Wir kommen mit einer Sache nicht weiter«, antwortete er knapp und mit plötzlich ernster Miene. »Wir glauben, daß du uns vielleicht helfen kannst.« »So was hab ich mir schon gedacht«, sagte Goodale. »Vermutlich ein osteuropäisches Problem?« »In gewisser Weise«, bestätigte Henderson und nickte langsam. »Aber ich fange am besten von vorn an, denke ich.« Max Goodale war im Mai 1992 – vor knapp einem Jahr – als stell- vertretender MI5-Direktor in den Ruhestand gegangen. Vor seiner Verabschiedung hatte er Henderson als möglichen Nachfolger vor- geschlagen, obwohl er genau wußte, daß diese Empfehlung nicht befolgt werden würde, weil Henderson noch verhältnismäßig jung war – aber andererseits in dem Bewußtsein, daß sie wie eine Belobi- gung in die Personalakte des Jüngeren aufgenommen werden wür- de. Er wußte, daß Henderson einen erstklassigen, scharf analysieren- den Verstand besaß, und er hatte sich seine Vorträge immer auf- merksam angehört. Auch jetzt hörte er aufmerksam zu, während seine leuchtendblauen Augen den Jüngeren fixierten. Richard Henderson – den Detective Constable Geraghty und Ge- rald Hipsall als ›Mr. Smith‹ kennengelernt hatten – sprach vierzig Minuten lang; Goodale unterbrach ihn kein einziges Mal. Die Sa- che mit dem aus drei Seiten bestehenden Schriftstück, wie es gefun- den worden war und seine mögliche Bedeutung, faszinierte ihn. Während Henderson sprach, machte er sich auf einem Stenoblock einige Notizen, um dann befriedigt zu konstatieren, daß die meis-, ten Fragen, die er hätte stellen wollen, beantwortet waren, bis Hen- derson zum Schluß seiner Ausführungen kam. »Also, Max«, sagte Henderson schließlich, »da hast du's. Unser Problem ist, daß das Außenministerium nach dem Fall der Berliner Mauer den Berichten über die Zerschlagung der ostdeutschen Stasi allzuviel Glauben geschenkt hat. Verständlich ist, daß die Medien sich durch Sensationsmeldungen über eine Hexenjagd gegen frühe- re Stasi-Mitarbeiter und Sympathisanten, geplünderte Aktenbestän- de, Anklageerhebungen und so weiter haben täuschen lassen. Aber das Außenministerium und weitere Ressorts hätten nicht darauf reinfallen dürfen. Ich weiß noch gut, wie du damals eine ziemlich scharf formulierte Denkschrift vorgelegt und warnend darauf hinge- wiesen hast, diese Einstellung sei kurzsichtig und gefährlich.« Hen- derson sah Goodale zustimmend nicken. »Jedenfalls«, fuhr der Jüngere fort, »sind wir in der Fünf – meines Wissens auch in der SIS – bekanntlich angewiesen worden, uns we- niger um die Stasi zu kümmern. Mit anderen Worten: Wir sollten sie praktisch vergessen. Aus der Sicht unserer politischen Führung stellt sie keine Bedrohung mehr dar. Das hat zur Folge gehabt, daß es bei uns eigentlich keinen mehr gibt, der die Stasi so gut kennt, wie du sie gekannt hast. Natürlich haben wir noch alle Unterlagen. Aber sie sind nicht aktualisiert worden und nützen außerdem we- nig, wenn einem Erfahrung und Hintergrundwissen fehlen, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Darum brauchen wir deine Hilfe.« Henderson lehnte sich zurück und trank einen großen Schluck von seinem Gin und Tonic. Die Eiswürfel waren längst ge- schmolzen, aber das schien er nicht zu bemerken. Goodale runzelte nachdenklich die Stirn. Er sah auf seinen Notiz- block, hob dann wieder den Kopf und starrte Henderson forschend an. »Ich habe befürchtet, daß etwas Schlimmes passieren würde«, sagte er ruhig. »Tatsächlich habe ich sogar sicher damit gerechnet. Du weißt, wie ich die Stasi einschätze, Richard. Diese Leute sind, jetzt vermutlich die fähigsten, am besten organisierten und tüchtig- sten Söldner der Welt. Bei ihrer finanziellen und personellen Aus- stattung ist das im Grunde genommen kein Wunder. Hinweise da- rauf findest du in den Akten Großmann und Wenzel. Nachdem der Iran in diese Sache verwickelt ist, solltest du auch über Erich Swa- ger nachlesen. Als Stasi-Resident hat er ziemlich lange zum Stab der Londoner DDR-Botschaft gehört und ausgezeichnete Verbindungen zum Iran gehabt.« Goodales Blick war plötzlich so durchdringend ernst, daß Hen- derson wie schon in früheren Jahren leicht verlegen wurde. »Oder will man mehr von mir als Ratschläge und nützliche Hinweise auf Aktenmaterial? Was genau erwartet man von mir?« Hendersons Verlegenheit wich leichter Resignation. Er hob ab- wehrend die Hände. »Ich habe meine Anweisungen, Max – von ihr ganz oben.« Er grinste plötzlich. »Sie will, daß du zurückkommst und die Sache übernimmst. Übrigens«, fügte er mit einem Blick auf seine Uhr hinzu, »wird sie gleich anrufen, um dich persönlich da- rum zu bitten.« Goodale, dessen Augen belustigt funkelten, grinste ebenso breit. Das ist wieder typisch für meine frühere Chefin, sagte er sich. Sie schickt jemanden her, der die Vorarbeit leistet, und führt den ent- scheidenden Schlag danach selbst. Das funktioniert jedesmal. Wenige Sekunden später klingelte das Telefon auf dem Beistell- tisch neben Goodales Sessel. Er nahm langsam den Hörer ab, be- hielt dabei Henderson weiter im Auge und sprach, ohne abzuwar- ten, wer sich melden würde. »Also gut, DG«, sagte er mit gespielter Mattigkeit. »Ich gebe auf. Sieht so aus, als hätten Sie mich drangekriegt.« »Danke, Max«, antwortete die sanfte Stimme am anderen Ende der Leitung.,

Gerhard Eisener saß allein in seinem Dienstzimmer und kochtevor stiller Wut und Enttäuschung. Immer die gleiche alte Ge-

schichte, sagte er sich. Sobald ich eine Idee habe, schnappt der Alte sie mir weg und übernimmt sie selbst. Ich kann von Glück sagen, wenn ich jemals wieder ein Wort davon höre, und Einzelheiten erzählt er mir garantiert nicht. Eisener hätte sich ohrfeigen können. Warum hatte er sich bloß nicht gründlicher über das Projekt informiert, bevor er es dem General vorgelegt hatte? Aber… nein, dachte er seufzend. Auch das hätte nicht funktioniert. Der Alte ist schließlich kein Dummkopf, und wenn er das rausgekriegt hätte… Er dachte wieder an die ursprüngliche Anfrage, die bei ihm einge- gangen war. Verständlicherweise hatte diese erste Nachricht nur die nötigsten Informationen enthalten. »Eine weltweit bekannte Persön- lichkeit«, hatte es darin geheißen, »soll bei einem öffentlichen Auf- tritt durch ein Attentat beseitigt werden. Die Identität des Opfers sowie Ort und Datum des Attentats werden nach Vertragsabschluß übermittelt.« Damit beschäftigte Eisener sich jetzt zum zwanzigsten- mal. Die Identität des potentiellen Opfers weckte vorerst nur seine Neugier – aber der Rest der Mitteilung war in vielerlei Beziehung weit interessanter und relevanter. Er hatte Eiseners erste Überlegun- gen, wie dieser Auftrag sich ausführen ließe, entscheidend beein- flußt. War das vorgesehene Opfer prominent, der Ort genau festgelegt, der Anlaß öffentlich und das Datum im voraus bekannt, stand das Mordkommando vor dem großen Problem, daß das Opfer durch massive Sicherheitsmaßnahmen abgeschirmt wurde. Eisener tippte darauf, daß ein Politiker – oder eine Politikerin – beseitigt werden, sollte. Vielleicht ein Präsident oder ein Premierminister. Jeder Poli- tiker, auch der bestbewachte, war im Alltag durch Gelegenheitsat- tentate verwundbar, aber große öffentliche Anlässe – und darum ging es hier offenbar – erschwerten einen Anschlag erheblich. Poli- zei und Sicherheitsdienste befanden sich in erhöhter Alarmbereit- schaft: Überwachungsteams waren unterwegs, die benachbarten Ge- bäude wurden durchsucht, es gab scharfe Personenkontrollen und Spürhunde, die nach Sprengstoff schnüffelten, und Polizeischarf- schützen auf den Dächern… Alle diese Dinge machten den Auftrag unendlich schwieriger. Verdammt, dachte Eisener. Er hätte wirklich gern an diesem Pro- jekt mitgearbeitet, das schließlich seine Idee gewesen war. Es hätte etwas willkommene Abwechslung in seinen sonst so eintönigen Dienstalltag gebracht. Aber er schüttelte seine trüben Gedanken ab und konzentrierte sich wieder darauf, was erledigt werden mußte. Dieses Projekt bot ihm die ideale Gelegenheit, und der General war ein paar Tage unterwegs, um alles in die Wege zu leiten… Er ging nach unten, wo der Wachhabende in der großen Ein- gangshalle diensteifrig aufsprang. Eisener ging an ihm vorbei, folgte dem zur Nachrichtenzentrale führenden Korridor, zog die schwere Stahltür auf. Der Techniker vom Dienst drehte sich mit seinem Stuhl um; als er sah, wer hereingekommen war, stand er auf. »Guten Abend, Genosse Oberst«, grüßte er höflich. »Guten Abend, Kessler. Alles in Ordnung?« »Ja, Genosse Oberst. Heute ist's sehr ruhig gewesen.« »Gut, gut. Ich muß telefonieren. Die abhörsichere Verbindung steht hoffentlich wieder?« »Ja, Genosse Oberst. Sie ist heute morgen instand gesetzt und durchgeprüft worden.« »Danke. Sie warten bitte draußen, während ich telefoniere. Sorgen Sie dafür, daß ich nicht gestört werde.« Kessler verließ den Raum und schloß die Tür hinter sich. Damit, ihn wirklich niemand stören konnte, schob Eisener von innen den Riegel vor. Er blieb noch einen Augenblick stehen und starrte das abhörsichere Telefon am Platz des Diensthabenden an. Dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche, trat an einen Stahlschrank in der Ecke des Raums und sperrte ihn auf. Die Tür quietschte leise, als er sie aufzog. Im Schrank stand ein altes Funktelefon, das frühere Be- nutzer dieses Gebäudes zurückgelassen hatten. Eisener entrollte die Antenne und schloß das Stromkabel an der nächsten Wandsteck- dose an. Als er den grauen Schalter an der Vorderseite des Geräts betätigte, erwachte es summend zum Leben. Er wartete einige Mi- nuten, bis es warm war; dann nahm er den Hörer ab.

Der Mann trug Jeans, Sportschuhe und eine weite schwarze Le-derjacke. Er zog an einer Zigarre, während er rasch durch die

menschenleeren Straßen des Gewerbegebietes am Südrand der engli- schen Kleinstadt Brackneil ging. Die Straßen waren gut beleuchtet; zusätzlich brannten an den Ecken kastenförmiger, häßlicher Gebäu- de grelle Halogen-Sicherheitsscheinwerfer. Als er um eine Ecke bog, lag vor ihm am Ende einer Sackgasse eine Ansammlung eingeschos- siger Bürogebäude hinter einem hohen Maschendrahtzaun. Das Einfahrtstor, ein schweres Stahltor mit massiven Angeln, war ge- schlossen, und als der Mann näher kam, sah er Sicherungsbolzen aus gehärtetem Stahl in ihren Buchsen im Asphalt stecken. Gleich rechts hinter dem Tor stand ein Wärterhäuschen aus gel- bem Glasfasermaterial. Der Mann mit der Lederjacke konnte den, darin sitzenden Wachmann erkennen, der seine Uniformmütze in den Nacken geschoben hatte und eine Zeitung las. Gut! dachte er und blieb vor dem Tor stehen. In die rechte Torsäule war eine Sprechanlage mit Klingel eingelassen; der Mann ignorierte sie je- doch, rüttelte statt dessen am Tor, daß es laut schepperte, und machte den Wachmann durch Rufen auf sich aufmerksam. Der Wachmann hörte den Lärm und sah zum Tor hinüber. Drau- ßen stand ein Mann, der ihm lächelnd zuwinkte. Der Wachmann runzelte einen Augenblick die Stirn, rückte seine Mütze zurecht und stand von seinem Stuhl auf. Was, zum Teufel, hat dieser Kerl um drei Uhr morgens hier zu suchen? Wahrscheinlich besoffen, dachte er mißmutig. Er öffnete die Tür seines Wachhäuschens. »Was ist los, Kumpel?« rief er von der Schwelle aus. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe«, sagte der Mann am Tor, »aber ich kann mein Auto nicht wiederfinden. Ich hab's vor dem Postfrachtzentrum abgestellt, und diese Straßen sehen alle gleich aus.« »Oh.« Der Uniformierte kam aufs Tor zugewatschelt. »Yeah, da gehen Sie hier auf die Hauptstraße zurück, biegen gleich wieder rechts ab und…« Mit einem dumpfen kleinen Schlag traf das Geschoß aus der Pistole mit Schalldämpfer seine Kehle. Es verfehlte die Luftröhre, durchtrennte aber die linke Halsschlagader und durchschlug den vierten Nackenwirbel. Der Wachmann zuckte krampfhaft und brach zusammen; lauter als das Geräusch des fallenden Körpers war das Klirren, mit dem sein Schlüsselbund seinen leblosen Fingern entglitt. Aus der Wunde spritzte hellrotes arterielles Blut auf den Asphalt, und der Mann mit der Pistole trat zurück, um keine Blut- spritzer abzubekommen. Er steckte die Waffe ins Schulterhalfter zu- rück, zog ein Handfunkgerät aus der Innentasche seiner Jacke und sprach kurz hinein. Sekunden später hörte er bereits das dumpfe Brummen eines näher kommenden Fahrzeugs. Ein dunkelgrüner, Range Rover bog um die Ecke, fuhr die Straße entlang und rollte vor dem Tor aus. Auf dem Rücksitz hinter dem Fahrer waren zwei weitere Männer zu erkennen. »Er hat uns etwas Arbeit erspart, glaub ich«, sagte der Mann in der Lederjacke zu dem Fahrer. »Er hat einen Schlüsselbund. Wahr- scheinlich geht's auch ohne Wagenheber und Bolzenschneider.« Er setzte eine schwarze Wollmütze auf, zog dünne Handschuhe an, holte eine lange Greifstange, wie sie Dekorateure benützen, aus dem Wagen und suchte damit den Asphalt hinter dem Tor ab. Als das Greifstück den Schlüsselbund erfaßte, zog er ihn zu sich her, so daß die Schlüssel auf dem Asphalt klirrten. Er wischte den größten Teil des Bluts mit einem Papiertaschentuch ab. Dann begutachte- te er das Torschloß, fand den passenden Schlüssel, sperrte auf und zog die Sicherungsbolzen hoch. Sobald beide Torflügel offen wa- ren, ließ der Fahrer den Range Rover aufs Firmengelände rollen und fuhr dabei um die Blutlache herum. Der Mann in der Leder- jacke schloß das Tor, schleppte die Leiche hinter das Wachhäus- chen, wo sie von der Straße aus nicht zu sehen war, und stieg dann vorn neben dem Fahrer ein. »Okay, holt ihn rauf«, sagte er. Die beiden Männer auf dem Rücksitz beugten sich nach vorn und packten die Arme eines Dritten, der unter ihren Füßen auf dem Wagenboden gelegen hatte. Sie zogen den Gefangenen hoch, bis er kniete, und einer von ihnen drückte ihm seine Pistole an die Schläfe. »Also, Simon«, sagte Lederjacke in freundlichem Gesprächston. »Jetzt bist du dran. Wohin?« Simon Henley war vor zehn Stunden bei der Heimkehr von der Arbeit gefangengenommen worden. Zwei Männer hatten ihm hin- ter der Tür seines Apartments, das er allein bewohnte, aufgelauert. Er hatte zehn Stunden nackten Entsetzens durchlitten und befand sich jetzt in einem Zustand, in dem er buchstäblich alles getan hät- te, was von ihm verlangt wurde. Er zitterte am ganzen Leib, als er, jetzt den Weg zu beschreiben begann. »D-dort vorn links… g-gleich hinter dem Gebäude«, sagte er. »Hören Sie, ich v-versprech Ihnen, daß ich k-keine Tricks versuchen werde. Ich versprech's Ihnen!« »Halt die Klappe, Simon«, befahl Lederjacke ihm gelassen. »Zeig' uns einfach den Weg.« Der Range Rover hielt neben dem Hintereingang des Gebäude- komplexes, und der Fahrer stellte den Motor ab. Sobald Lederjacke ausgestiegen war, zerrten die beiden Männer hinter ihm Simon Henley aus dem Geländewagen. Einer von ihnen öffnete die Heck- klappe und holte eine große Reisetasche heraus. »Deine Karte, Simon«, verlangte Lederjacke. »Dann den Zahlen- code.« Henley zog seine Sicherheitskarte aus der Hemdtasche und steckte sie in den Schlitz neben der Tür. Dann tippte er zögernd – seine Hände zitterten noch immer – einen fünfstelligen Zahlencode ein. Das elektronische Schloß summte fast unhörbar, und die Tür öffnete sich mit einem Klicken. »Du gehst voraus, Simon«, sagte Lederjacke. Simon Henley stieß die innere Schwingtür auf, dann folgte er dem langen dunklen Korridor nach links. Lederjacke knipste seine bleistiftdünne Stabtaschenlampe an und drückte sie Henley in die Hand; auch die beiden anderen schalteten ihre Taschenlampen ein. Am Ende des Korridors bog Henley rechts ab und blieb vor der ersten Tür links stehen. »Das ist der Computerraum«, flüsterte er, als sei er bemüht, seine Nützlichkeit zu demonstrieren. »Nummer hundertsiebenunddreißig.« »Aufsperren«, sagte Lederjacke nur. Henley benützte wieder seine Sicherheitskarte, diesmal mit einem anderen Zahlencode; die Tür öffnete sich, und die Männer betraten den Raum. Dort brannten etwa in Schreibtischhöhe überall kleine Kontrolleuchten; zugleich erfüllte ein leises Summen die Luft. »Verdunklung«, befahl Lederjacke., Der Mann mit der Reisetasche zog ihren Reißverschluß auf und nahm drei große Rechtecke aus schwarzem Filztuch und einen Ta- cker heraus. Während Lederjacke weiter Henley im Auge behielt, verdunkelten die anderen die drei Fenster des Raums, indem sie den Stoff mit Klammern oben, seitlich und unten am Fensterrah- men befestigten. »Fertig«, sagte der Mann mit dem Tacker schließ- lich. Lederjacke betätigte den Lichtschalter. Die Leuchtstoffröhren flackerten, dann zeigten sie einen ganzen Raum voller Hardware. Die PC-Arbeitsstationen waren mit Rechnern, Bildschirmen und Druckern in allen Größen ausgestattet; auf dem Fußboden darunter standen noch größere Kästen, aus denen dicke Kabel nach oben führten. Lederjacke wußte, daß die Kästen schwere Bleiakkus ent- hielten, die Spannungsschwankungen ausglichen und bei Stromaus- fall den Weiterbetrieb ermöglichten. Die Bildschirme waren dunkel, aber die Computer selbst waren eingeschaltet. »Ich dachte, ihr ar- beitet hier nur zu viert?« fragte er Henley. »Richtig, aber jedes Gerät hat andere…« »Schon gut«, unterbrach Lederjacke ihn. »Welcher ist's?« Henley führte ihn zu einer der Arbeitsstationen und tätschelte den dort stehenden Mido-Tower. »Der hier«, sagte er. »Ist er im Augenblick ins Netzwerk eingeloggt?« fragte Lederjacke. »Er bleibt nachts immer eingeloggt – aus Sicherheitsgründen. Macht jemand sich daran zu schaffen, wird zentral Alarm ausge- löst.« Lederjacke sah auf seine Armbanduhr. Gleich 3 Uhr 20. »Du schaltest den Monitor ein, gibst dein Paßwort ein und loggst ihn aus. Paß auf, daß du alles richtig machst.« »Fertig«, sagte Simon Henley kurze Zeit später. »Kein Problem.« Er versuchte ein schwaches Lächeln. »Ausschalten und alle Kabel rausziehen.« Das Geräusch, mit dem die beiden Kühlgebläse des Mido-Towers, zum Stillstand kamen, war kaum hörbar. Henley löste die Kabelver- bindungen zur Notstromversorgung, zum Bildschirm und zur Tas- tatur und zog auch den Ethernet-Stecker heraus. Einer der Männer kam mit einer Wolldecke, verpackte den Mido-Tower darin und legte ihn in die Reisetasche, deren Reißverschluß er zuzog. »Okay, wir gehen«, sagte Lederjacke und drehte sich nach der Tür um. »Was soll ich tun?« fragte Henley unsicher. »Morgens, meine ich.« Idiot, dachte Lederjacke. Er sah über seine Schulter hinweg zu Henley hinüber, zog seine Pistole und drehte sich um. Wieder ein dumpfer kleiner Schlag, und Simon Henley starb, be- vor ihm klar wurde, was geschehen war. Er fiel nach hinten, blieb seltsam verdreht auf dem Boden liegen, starrte blicklos zur Decke und hatte mitten in der Stirn ein kleines, sauberes, rotes Loch. Sei- ne linke Hand zuckte kurz, dann lag er still. Lederjacke bückte sich, um dem jungen Programmierer seine Sicherheitskarte abzunehmen. »Nichts, Simon«, sagte er. »Du brauchst gar nichts zu tun. Bleib' einfach 'ne Zeitlang hier liegen.« Als sie den Computerraum verließen, schnappte hinter ihnen das Türschloß klickend ein. Eineinviertel Stunden später wurde der Überfall auf das Firmenge- lände entdeckt. Ein langsam durchs Gewerbegebiet fahrender Strei- fenwagen bog in die Sackgasse ab und rollte auf das Stahltor zu. Der Fahrer, Police Constable Vic Hughes, bemerkte nichts Unge- wöhnliches und wollte bereits wenden. Aber sein Partner, PC Dave Cassell, hob die rechte Hand. »Warte noch 'ne Sekunde, Vic.« »Was ist los?« fragte Hughes. Cassell starrte mit gerunzelter Stirn zu dem gelben Wachhäus- chen hinüber. »Stell' den Motor ab, ja? Ich hab was gehört, glaub, ich.« Hughes stellte den Motor ab; Cassell kurbelte das Fenster ganz herunter und horchte nach draußen. Aus dem Wachhäuschen war ein drängendes, aber nicht sehr lautes wiederholtes Quaken zu hö- ren. Cassell stieg aus, ging ans Tor und schaltete seine starke Mag- Lite-Stablampe ein. »Was gibt's, Dave?« rief Hughes. »Warnsummer – aus der Hütte. Wo ist der Wachmann?« »Er macht bestimmt seine Runde«, schlug Hughes vor. »Will nachsehen, was den Summer ausgelöst hat, vermute ich.« Cassell richtete den Lichtstrahl der Stablampe tiefer und bemerk- te einen dunklen Fleck auf dem Asphalt. Ein Ausläufer der schon gerinnenden Flüssigkeit war unter dem Tor hindurchgesickert. Er bückte sich, tauchte zögernd einen Finger hinein und hielt ihn ins Licht. »Vic!« rief er aufgeregt. Hughes, der ebenfalls ausgestiegen war, stellte fest, daß das Tor unversperrt war. Er achtete darauf, die Sicherungsbolzen nur mit den Fingerspitzen seiner behandschuhten Hände hochzuziehen; dann stieß er einen Torflügel auf. Die beiden Polizeibeamten gin- gen um die große Blutlache herum und betraten das Firmengelän- de. Sie folgten der verschmierten Blutspur und entdeckten keine fünf- zehn Sekunden später die Leiche des ermordeten Wachmanns. Cas- sell, der nervös in sein Handfunkgerät sprach, erstattete ihrer Dienst- stelle Meldung. Die beiden Männer wurden angewiesen, vorläufig am Tor zu bleiben, bis Verstärkung eintraf. Es war 4 Uhr 46. Der Police Sergeant, der den Funkspruch aufgenommen hatte, blätterte rasch in seinem Verzeichnis, um zu kontrollieren, ob es für die Adresse 5 Fairton Close ein spezielles Benachrichtigungsver- fahren gab. Er wußte nicht viel über die dort ansässige Firma AMS – ihr anonymer Name lieferte keinen Hinweis auf ihre Geschäftstä- tigkeit –, aber er glaubte, irgendwo etwas über sie gelesen zu haben., Er hatte sich nicht geirrt. Als er die Liste der Stellen las, die bei et- waigen Vorfällen zu benachrichtigen waren, runzelte er die Stirn. Verdammt, dachte er, das wird 'ne schlimme Sache. »Trish«, sagte er und schob seine Liste zu WPC Carey hinüber, »fang schon mal an, diese Stellen anzurufen. Die Liste betrifft die AMS in Fairton Close. Du rufst alle an und meldest, daß es dort ei- nen Mord und vielleicht einen Verstoß gegen die Sicherheitsbestim- mungen gegeben hat. Ich benachrichtige den Superintendent und DCI Heywood. Eddie?« »Ja, Sarge?« fragte PC Gibbs. »Du übernimmst hier den Funkdienst. Hollingsworth und Tilley sollen sofort rausfahren – dringend. Dann forderst du einen Kran- kenwagen an.« »Wird gemacht, Sarge«, sagte Gibbs. In den folgenden vierzig Minuten trafen zahlreiche unterschied- liche Fahrzeuge vor dem Firmengelände 5 Fairton Close ein. PC Hollingsworth und PC Tilley, die mit ihrem Streifenwagen ganz in der Nähe auf der A30 unterwegs waren, kamen als erste – nur sechs Minuten nach Cassells Funkmeldung. Tilley blieb am Tor, während Cassell, Hollingsworth und Hughes einen Rundgang machten, um den Maschendrahtzaun und die Türen und Fenster aller Gebäude zu kontrollieren. Sie fanden keine Anzeichen für einen Einbruch und kehrten ans Tor zurück, wo Tilley inzwischen die gerinnende Blutlache mit Plastikhüten markiert hatte. Wenig später kamen wei- tere Polizeifahrzeuge und Detective Chief Inspector Andy Hey- wood, der müde und mißgelaunt wirkte, weil er aus dem Bett ge- holt worden war. Cassell erstattete ihm rasch Bericht über den Lei- chenfund. Heywood begann mit grimmiger Miene Befehle zu blaffen und den Polizeibeamten, deren Zahl rasch anwuchs, Aufgaben zuzutei- len. Aber er wußte, daß er im Augenblick nicht viel ausrichten konnte. »Wo bleibt der verdammte Kerl mit den Schlüsseln?« knurr-, te er frustriert, ohne seine Frage an jemand Bestimmten zu richten. »Er ist gerade gekommen, Sir«, meldete ein Polizeibeamter und schob einen blassen, sorgenvoll wirkenden Mann durch die Absper- rung. »Das ist Mr. Bennington, Sir.« Francis Bennington, Geschäftsführer der Firma AMS, stand sicht- lich unter Schock. Heywood schilderte ihm kurz, was passiert zu sein schien, und erklärte ihm ganz genau, was er tun sollte. Ben- nington hatte den Eindruck, was er nicht tun dürfe, sei noch wichti- ger. »Sie fassen also nichts an, okay?« schloß Heywood. »Überlassen Sie das uns. Sie schließen nur auf und zeigen uns, wo alles ist.« Er sah Bennington eifrig nicken. »Übrigens«, fuhr Heywood fort, »hat die Verdunklung eines der nach hinten hinausführenden Räume einen bestimmten Grund?« »Verdunklung?« wiederholte Bennington verständnislos. »Ja, Sir«, sagte Heywood. »Schwarze Vorhänge vor den Fenstern.« »Das ist nicht in Ordnung«, stellte Bennington fest. »Alle Räume haben Lamellenjalousien, aber die sind weiß.« »Aha!« sagte Heywood grimmig. »Dann kommen Sie am besten mit und sehen sich die Fenster von außen an. Stimmt dort etwas nicht, wissen wir, wo wir drinnen zuerst nachsehen müssen, nicht wahr?« Zehn Minuten später entriegelten Benningtons Sicherheitskarte und sein persönlicher Notfallcode das Türschloß von Raum 137. Heywood benützte vorsichtig die Spitze eines Bleistifts, um den Lichtschalter zu betätigen. Bennington trat zögernd vor und starrte den auf dem Fußboden liegenden Toten an, den er als Simon Hen- ley erkannte. Er wich entsetzt zurück, stolperte durch die Tür hin- aus und mußte sich im Korridor heftig übergeben. »Guten Morgen, Max«, sagte Richard Henderson und steckte sei-, nen Kopf in Goodales Büro. »Hast du 'ne Minute Zeit?« »Meinetwegen sogar fünf, Richard«, antwortete Max Goodale iro- nisch lächelnd. »Komm rein… nimm Platz. Hier hat's in letzter Zeit nicht gerade viele aufregende neue Entwicklungen gegeben.« »Nun«, sagte der MI5-Mann nachdenklich, »vielleicht gibt's jetzt was Neues. Vielleicht existiert kein Zusammenhang, aber das glaube ich nicht.« »Oh?« fragte Goodale interessiert. »Laß hören!« Er beugte sich nach vorn und faltete seine Hände auf der Schreibtischplatte. »Ich bin gestern den ganzen Tag in Bracknell gewesen. Auf die dortige Firma AMS – Automated Monitoring Services – ist ein be- waffneter Raubüberfall verübt worden. Dabei sind zwei Männer er- schossen worden: ein Wachmann, der tot am Tor aufgefunden wur- de, und ein Programmierer, der dort beschäftigt gewesen ist. Seine Leiche hat in dem Computerraum gelegen, in dem er gearbeitet hat. Wir glauben, daß er die Täter eingelassen hat – vermutlich un- ter Zwang. Abgesehen davon, daß die Tat offensichtlich professionell geplant war und skrupellos ausgeführt worden ist, weist diese Sache zwei in- teressante Aspekte auf. Erstens ist nur ein einziges Gerät gestohlen worden – ein Computer, eine Spezialausführung. Sein Hauptprozes- sor, ein sogenannter Gamma-Chip, ist offenbar besonders leistungs- fähig und bisher nicht frei erhältlich. Deshalb sind die AMS-Leute sehr besorgt, weil er gestohlen worden ist. Das Merkwürdige an dieser Geschichte ist, daß im dortigen Com- puterraum massenhaft andere Geräte stehen, von denen jedes ein kleines Vermögen wert ist. Das legt den Schluß nahe, dieser eine Computer sei nicht wegen seines Werts als Hardware, sondern we- gen des darin gespeicherten Programms gestohlen worden. Aber ich verstehe nicht, was Kriminelle oder Terroristen mit diesem Pro- gramm anfangen können sollten… Die zweite Tatsache hat sich erst später bei der Autopsie des, Wachmanns und des Programmierers herausgestellt. Offenbar sind die beiden tödlichen Schüsse aus einer ›Stasi-Spezial‹ abgegeben worden. Die Tatwaffe ist eine kleinkalibrige Pistole mit glattem Lauf und geringer Schußweite gewesen – höchstwahrscheinlich mit Schall- dämpfer.« »Ach, tatsächlich?« murmelte Goodale nachdenklich. »Die Ballistiker der Polizei haben eine Zeitlang herumgerätselt, aber einer unserer Leute hat die Geschoßart erkannt, und wir haben zu Vergleichszwecken alte Munition ausgegraben. Gewicht, Kaliber und metallurgische Zusammensetzung sind identisch. Da die Ge- schosse keine Spuren aus dem Lauf aufweisen, können die Ballisti- ker nicht sagen, ob es sich um dieselbe Waffe handelt, aber sie sind überzeugt, daß der Typ identisch gewesen ist. Interessant, nicht wahr?« Goodale runzelte kurz die Stirn. »Völlig identisch?« »Ja.« Goodale wechselte das Thema. »Du hast von einem Computer- programm gesprochen«, sagte er. »Was ist damit?« »Nun«, antwortete Henderson, »es handelt sich um ein sogenann- tes Mustererkennungsprogramm. Die Firma AMS entwickelt es im Auftrag des Innenministeriums für den Einsatz auf Flughäfen oder Fährhäfen. Es ist eine Weiterentwicklung des Systems, das die Ver- kehrspolizei jetzt auf den Autobahnen einführt. Registriert die Überwachungskamera einen Raser, liest ein angeschlossener Com- puter automatisch sein Kennzeichen ab und läßt auf einem großen Bildschirm am Straßenrand eine Tempowarnung aufblinken. Im Prinzip funktioniert das so, daß der Computer alle Buchstaben und Ziffern des Kennzeichens erkennt und auf dem Bildschirm darstellt. Im Grunde genommen eine simple Idee, aber wie ich gehört ha- be, braucht man ein verhältnismäßig kompliziertes Programm, um auch nur einfachste Formen zu erkennen.« Henderson seufzte. Francis Bennington hatte ihn mit technischen Einzelheiten bom-, bardiert, von denen die meisten viel zu hoch für ihn gewesen wa- ren. »Jedenfalls«, fuhr er fort, »arbeitet die Firma AMS jetzt an einer Weiterentwicklung dieses Programms, um seine Erkennungsfähig- keit ganz erheblich zu steigern. Damit soll dann…« »Augenblick!« unterbrach Goodale ihn. »Soll ich im Ernst glau- ben«, fragte er, »daß die Stasi einen bewaffneten Raubüberfall ver- übt und dabei zwei Menschen erschossen hat, nur um an irgendein Gerät heranzukommen, das zwei Autokennzeichen voneinander un- terscheiden kann?« »Nein, Max«, antwortete Henderson, »natürlich nicht. Hinter die- ser Sache steckt mehr. Das gestohlene Programm ist eine bedeut- same Weiterentwicklung des ursprünglichen Kennzeichenpro- gramms. Mr. Bennington von AMS hat es in höchsten Tönen ge- lobt – aber das ist nur logisch, nicht wahr? Er braucht sich keine allzu großen Sorgen zu machen. Da von allen Programmen Siche- rungskopien aufbewahrt werden, hat er eigentlich nur einen Com- puter verloren, den er bestimmt ersetzen kann, auch wenn das Ge- rät den neuesten Prozessor enthalten hat. Und natürlich«, fügte er hinzu, »fehlt ihm jetzt ein Mitarbeiter, der an diesem Programm ge- arbeitet hat… Jedenfalls ist diese neue Version eine Art Prototyp. Sie befindet sich noch im Versuchsstadium, aber Bennington sagt, daß die Er- probung so gut vorankommt, daß es irgendwann nächstes Jahr ein- gesetzt werden kann. Das Programm heißt IRIS – eine Abkürzung für…« Henderson blätterte in seinen Notizen. »Ah, da haben wir's: ›Image Recognition and Identification System‹. Es kann offenbar typische Merkmale von Gesichtern erkennen und mit in einer Da- tenbank gespeicherten Fahndungsfotos von Straftätern vergleichen. Bestimmt ein nützliches Hilfsmittel für Zoll und Polizei auf Flug- häfen, aber ich weiß nicht, was sonst jemand damit anfangen könn- te.« Max Goodale runzelte die Stirn. Sein Gesichtsausdruck war, plötzlich sehr ernst. »Dieses Ding kann also Leute voneinander unterscheiden?« »Das sagt Bennington, ja.« »Und es funktioniert seiner Auskunft nach?« »Nun«, antwortete Henderson, der über Goodales plötzliche Be- sorgnis rätselte, »es befindet sich wie gesagt noch im Entwicklungs- stadium, aber er hat bestätigt, daß es bei ihren bisherigen Versu- chen recht gut funktioniert hat.« Goodale wirkte für einen Augenblick wie vor den Kopf geschla- gen. Dann erholte er sich wieder und starrte Henderson eiskalt und durchdringend an. »Richard, sorg dafür, daß dieser verdammte Idiot Bennington herkommt, ja? Laß ihn sofort holen! Er hat uns einiges zu erklären. Mich interessiert vor allem, warum ein Ge- bäude, in dem an so etwas gearbeitet wird, so erbärmlich schlecht bewacht worden ist.« Um Himmels willen, was hat er bloß? dachte Henderson verwundert. So aufgeregt hab ich ihn noch nie erlebt. Er stand auf und verließ wort- los den Raum. Zwei Minuten später war er zurück. »Ich habe Donnelly losge- schickt«, berichtete er. »Bennington dürfte in knapp einer Stunde hier ein.« Er starrte Goodale an, der geistesabwesend nickte und noch immer sehr besorgt wirkte. »Max«, sagte Henderson schließ- lich, »würdest du mir freundlicherweise verraten, was dir solche Sorgen nacht?« Goodale gab sich einen Ruck und bot ihm mit einer Handbewe- gung einen Besuchersessel an. »Entschuldige, Richard.« Er rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Ich bin dir eine Erklärung schuldig, nehme ich an.« Er begann zu sprechen. Während er seine Befürch- tungen äußerte, konnte er beobachten, wie der Jüngere vor Besorg- nis blaß wurde. »O Gott!« murmelte Henderson entsetzt. »Das hätte ich erkennen müssen. Ein gottverdammter Alptraum!«,

Ich habe zu dieser Besprechung eingeladen, Gentlemen«, sagte derGeheimdienstkoordinator in dem hohen Raum mit Blick auf die

Whitehall hinaus, »weil Colonel Goodale etwas Wichtiges zu be- richten hat. Es scheint eine neue und potentiell sehr große Gefahr für die internationale Sicherheit zu geben. Max, ich weiß darüber auch nicht mehr als die übrigen Anwesenden. Vielleicht könnten Sie uns erklären, worin diese Gefahr besteht.« Goodales durchdringender Blick glitt über die an dem langen Tisch Sitzenden: hohe Beamte aus verschiedenen Ministerien, MI5, MI6, GCHQ, Polizei und andere, die informiert werden mußten. »Ich will mich so kurz wie möglich fassen, Gentlemen«, begann er. »Meine in den letzten Wochen angestellten Ermittlungen wirken vielleicht etwas zusammenhanglos, aber ich bitte Sie trotzdem um Geduld, während ich sie schildere. Bis ich fertig bin, sind die Zu- sammenhänge hoffentlich etwas klarer. Die Geschichte beginnt«, sagte er, »vor zehn Wochen, am 24. April, mit dem Bombenan- schlag in Bishopsgate.« Goodale schilderte rasch den Ablauf des Bombenanschlags, nach dem über der gesamten City ein Regen von Papier niedergegangen war, und den rein zufälligen Fund des Schriftstücks, das ihre Er- mittlungen ausgelöst hatte. »Nochmals Glück haben wir gehabt«, fuhr er fort, »als eine vierte Seite dieses Dokuments entdeckt wurde – was nur der äußerst prompten und effizienten Arbeit der Metro- politan Police zu verdanken war.« Goodales höfliches Nicken galt dem Polizeipräsidenten, der ihm zulächelte. »Polizeibeamte haben viele Tonnen sichergestellten Papiers durchsucht und diese zusätz- liche Seite gefunden. Da inzwischen zehn Wochen vergangen sind,, müssen wir leider annehmen, daß die beiden fehlenden Seiten ver- nichtet sind, so daß wir nicht damit rechnen können, sie eines Ta- ges noch aufzufinden.« Er erläuterte seinen Zuhörern, was MI5 und Special Branch be- reits wußten: daß dieses Schriftstück eine durch und durch profes- sionelle Analyse von Organisationen in aller Welt darstellte, die in den neunziger Jahren für Terroranschläge angeheuert werden konn- ten. Als er dann enthüllte, wer den Auftrag erhalten hatte, wirkten einige der Anwesenden wie erwartet ziemlich überrascht. »Ja«, bestätigte Goodale, »die Stasi – vermutlich die gefährlichste aller dieser Organisationen – existiert weiterhin. Tatsächlich ist sie sehr aktiv und lebendig.« Er machte eine Pause und nickte bekräf- tigend. »Aber ich möchte kurz auf das Schriftstück zurückkommen. Wir sind der Überzeugung, daß sein Verfasser ein Iraner gewesen ist. Wir wissen auch, daß dieser Bericht im Auftrag der iranischen Regierung erstellt worden ist, die ihn erhalten und seinen Empfeh- lungen entsprechend gehandelt hat.« »Entschuldigung, Max«, unterbrach ihn der Geheimdienstkoordi- nator, »aber es wäre nützlich, wenn Sie erläutern würden, woher Sie wissen, daß die iranische Regierung diesen Bericht tatsächlich erhal- ten hat.« »Natürlich«, sagte Goodale. »Dabei ist uns ein Zufall zur Hilfe ge- kommen. Der Verfasser hat seinen Bericht in ziemlich gestelztem, förmlichem Englisch geschrieben – vielleicht eine Folge der Ausbil- dung, die er irgendwann erhalten hat. Als er seinen Auftraggebern den fertigen Bericht zustellen wollte, sind ihm vermutlich Bedenken gekommen, ob es richtig sei, ihn in Klartext zu übermitteln. Außer- dem scheint er sich dafür entschieden zu haben, auf die Hilfe der iranischen Botschaft bei der Übermittlung zu verzichten. Statt des- sen hat der Verfasser seinen Bericht abgeändert. Merkwürdigerweise hat er ihn nicht neu getippt, sondern die ver- räterischen Stellen mit Korrekturflüssigkeit abgedeckt und danach, mit scheinbar harmlosen Codewörtern überschrieben. Zu unserem Glück ist ihm dabei ein Versehen unterlaufen. Auf allen Originalsei- ten hat oben ›STRENG GEHEIM‹ gestanden. Diesen Vermerk hat er auf den Seiten eins, drei und sechs, aber aus irgendeinem Grund nicht auf Seite fünf abgedeckt.« Goodale wandte sich an den freundlich wirkenden Mann links neben ihm. »George, vielleicht könnten Sie erläutern, wie dieses Versehen dazu geführt hat, daß der Empfänger des Berichts identifiziert worden ist.« George Seagrave nickte. »Sehr gern«, sagte er, setzte sich auf und begann seine Erklärung. »Wir im GCHQ haben die Aufgabe, Tag für Tag eine große Anzahl von Nachrichtenverbindungen zu über- wachen. Tausende und Abertausende. Natürlich haben wir nicht ge- nügend Leute, um sie mit aufgesetzten Kopfhörern alle Gespräche überwachen lassen zu können. Statt dessen sind unsere Computer so programmiert, daß sie auf bestimmte Wörter, Namen oder Aus- drücke achten. Registrieren sie einen dieser Begriffe, wird das Ge- spräch – oder irgendeine andere Art der Nachrichtenübermittlung – automatisch aufgezeichnet, um später analysiert zu werden. Auslö- ser könnte beispielsweise das Wort ›Terrorist‹ oder der Name ›Ach- med Jibril‹ sein. In diesem Fall ist's der Ausdruck ›streng geheim‹ gewesen. Das soll nicht heißen, daß die Entdeckung dieses Aus- drucks automatisch unseren ganzen Apparat in Bewegung setzt. Stünde er allein, würde wahrscheinlich nichts veranlaßt. Aber in diesem Fall ist noch etwas dazugekommen – die Telefonnummer des Empfängers.« »Was?« fragte der Geheimdienstkoordinator. »Soll das heißen, daß dieser Bericht einfach am Telefon vorgelesen worden ist?« »Nein«, antwortete Seagrave. »Er ist gefaxt worden.« »An welche Nummer?« fragte der Geheimdienstkoordinator ge- spannt. »Ans Außenministerium«, sagte Seagrave, »in Teheran.« »Ich verstehe«, sagte der Geheimdienstkoordinator. »Danke,, George, das hat uns weitergeholfen. Max, wenn Sie fortfahren wol- len?« »An dieser Stelle«, sprach Goodale weiter, »wäre es vielleicht zweckmäßig, einige Worte über die Einstellung der iranischen Re- gierung zu Offensivunternehmen im Ausland zu verlieren. Um es kurz zu sagen: Die Iraner kennen in dieser Beziehung wenig Skru- pel. Im allgemeinen organisieren sie solche Einsätze selbst und be- nützen ihre jeweilige Botschaft als Zufluchtsort für ihre Agenten, die dort untergebracht und ausgerüstet werden. Ihre Unternehmen sind meistens Vergeltungsmaßnahmen – Morde, um es genau zu sa- gen –, deren Opfer angebliche Feinde des Islams sind. Auch bei schwierigeren und riskanteren Einsätzen als einfachen Morden sind iranische Terroristen in der Vergangenheit verhältnismäßig erfolg- reich gewesen, obwohl es genügend Beweise dafür gibt, daß sie nicht gerade die fähigsten und subtilsten Agenten der Welt sind. Wozu würde die iranische Regierung sich dann die Mühe ma- chen, ein Gutachten über ausländische Organisationen in Auftrag zu geben, sich für den Staatssicherheitsdienst zu entscheiden und ihn für irgendein Unternehmen anzuheuern? Das kann nur daran liegen, daß sie's ihren eigenen Leuten nicht zutraut. Sie kennt die beschränkten Fähigkeiten und Erfahrungen der eigenen Leute recht gut und sichert sich notfalls ohne weiteres fremde Hilfe. Dieses Un- ternehmen ist ihr offenbar so wichtig und andererseits in seiner Durchführung so anspruchsvoll, daß ihr kaum eine andere Wahl geblieben ist. Was diese Leute auch sein mögen – dumm sind sie je- denfalls nicht. Alle bisher bekannten Tatsachen lassen nur den Schluß zu, daß dort etwas geplant wird, das größte internationale Auswirkungen haben dürfte. Auch wenn wir noch nicht wissen, was das sein könn- te, dürfte eines schon jetzt feststehen: es wird fundamental gegen die Interessen des Westens gerichtet sein.« Goodale beobachtete sei- ne Zuhörer. Überall am Tisch wurde zustimmend genickt., »Bitte weiter, Max«, forderte der Geheimdienstkoordinator ihn auf, als wieder Ruhe herrschte. »Danke«, sagte Goodale. »Als nächstes möchte ich über einen be- waffneten Raubüberfall sprechen, der vorgestern auf die Firma AMS in Bracknell verübt worden ist.« Er schilderte das Unternehmen, bei dem die Täter so gut wie keine Spuren hinterlassen hatten. Die Mit- glieder des Joint Intelligence Committee schien über die Bedeutung des Diebstahls eines einzigen Computers nachzurätseln, aber als Goodale die Wichtigkeit des Mustererkennungsprogramms IRIS analysierte, verstanden sie sofort, was passiert war, und machten alle sehr ernste Gesichter. »Ich denke, Gentlemen«, fuhr Goodale fort, während er sie nach- einander ansah, »daß Sie jetzt den Ernst der Lage erkennen. Und ich denke, daß Sie mit mir der Auffassung sind, daß wir alles tun müssen, um uns das IRIS-Programm zurückzuholen, bevor es für verbrecherische Zwecke benutzt werden kann. Wir müssen das da- für verantwortliche Stasi-Team aufspüren und an der Ausführung seines Unternehmens hindern. Normalerweise wäre das eine Auf- gabe für den Special Air Service. Diese Leute haben die richtige Ausbildung, die nötige Ausrüstung. Wegen des Aufenthaltsorts der verantwortlichen Stasi-Gruppe und der damit verbundenen extre- men Risiken bezweifle ich jedoch sehr, daß die zuständigen Stellen einen SAS-Einsatz genehmigen würden. Statt dessen schlage ich vor…« »Augenblick, Max!« unterbrach ihn der Geheimdienstkoordina- tor. »Das geht mir erheblich zu schnell. Warum kann der SAS nicht eingesetzt werden? Und woher wollen Sie wissen, wo dieser Stasi- Stützpunkt liegt? Wo liegt er überhaupt?« »Daß wir das wissen«, sagte Goodale, »verdanken wir wiederum George und seinen Leuten im GCHQ. Vor kurzem ist ein Ge- spräch abgehört worden, das jemand über ein nicht abhörsicheres Funktelefon geführt hat. Vielleicht möchte George die näheren Ein-, zelheiten selbst erläutern.« »Wie Max schon gesagt hat«, begann Seagrave, »ist das Gespräch abgehört worden. Wie ich vorhin erklärt habe, werden wir auf Fax- mitteilungen im allgemeinen durch eine Kombination aus mehre- ren Hinweisen aufmerksam; dieses Gespräch hat uns durch seinen Inhalt und seinen Ursprung alarmiert. Es war ein einseitiges, in deutscher Sprache geführtes Gespräch mit Anweisungen, auf das wir durch direkte Hinweise auf AMS und IRIS gestoßen sind. Mit wem der Anrufer telefoniert hat, haben wir nicht feststellen können, weil der Angerufene offenbar kein Wort gesagt hat. An dieser Stelle«, fuhr Seagrave eifrig fort, »möchte ich unseren amerikanischen Kollegen, der National Security Agency, ein Lob aussprechen. Unsere Zusammenarbeit mit ihnen ist sehr eng. In diesem Fall haben sie uns eine hochwertige Aufzeichnung des Tele- fongesprächs durch einen ihrer COMINT-Überwachungssatelliten zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe der NSA haben wir durch Stim- menvergleich den Anrufer als einen gewissen Gerhard Eisener iden- tifizieren können. Bis zum Zusammenbruch des ostdeutschen Re- gimes ist er ein hoher MfS-Offizier gewesen – Oberst, glaube ich. Natürlich ist der Stimmenvergleich nicht das einzige nützliche Ergebnis gewesen. Ebenfalls mit Hilfe der NSA haben wir durch Triangulation den Standort des Anrufers bis auf hundert Meter ge- nau ermitteln können.« Seagrave warf einen Blick in seine Notizen. »Das Funktelefon hat auf 125 Grad 57 Minuten 27 Sekunden östli- cher Länge und 39 Grad 49 Minuten 12 Sekunden nördlicher Brei- te gestanden.« »Wo genau ist das?« fragte der Geheimdienstkoordinator. Diesmal antwortete wieder Goodale. »Ungefähr fünf Kilometer westlich einer sehr streng bewachten Kernforschungsanlage mitten in einem des unangenehmsten und repressivsten Regimes der Welt. Der Ort heißt Jöngbjön. Noch eine Information für alle, die mit diesem Namen nichts anfangen können«, fügte er hinzu. »Jöngbjön, liegt in Nordkorea.« »Hm«, sagte der Geheimdienstkoordinator wie im Selbstgespräch. »Ich verstehe, was Sie meinen – das macht die Sache natürlich enorm schwierig. Ich glaube auch, daß ein SAS-Einsatz wahrschein- lich nicht in Frage käme. Ein Alptraum von einem Land, dieses Nordkorea. Viel zu gefährlich.« Ich bezweifle, daß der SAS selbst die Sache so ängstlich und zaghaft sehen würde, dachte Goodale. Aber er wußte, daß der Geheimdienstkoor- dinator in einer Beziehung recht hatte: die Regierung würde diesen Einsatz nie genehmigen. »Sie würde's natürlich nie tun«, murmelte er. »Wie meinen Sie das, Max?« fragte der Geheimdienstkoordinator überrascht. »Entschuldigung«, sagte Goodale hastig. »Ich habe nur laut ge- dacht. Ich bin völlig Ihrer Meinung – die Regierung würde einen SAS-Einsatz nie genehmigen. Zum Glück«, fuhr er fort, »gibt's eine andere Gruppe, die vielleicht bereit wäre, einen Auftrag dieser Art zu übernehmen. Sie arbeitet unkonventionell, aber ich kenne sie als sehr effektiv. Sie ist 1992 im Nahen Osten bemerkenswert erfolg- reich gewesen und hat den Vorzug, sagen wir mal… freiberuflich zu arbeiten.« Goodale lehnte sich mit ausdrucksloser, nichtssagender Miene zurück. »Sie meinen Söldner?« fragte der erstaunte Geheimdienstkoordinator mit von Verachtung triefender Stimme. »Nicht genau«, antwortete Goodale ruhig. »In vielerlei Beziehung sind diese Leute das Gegenteil von Söldnern. Aber welche Rolle spielt das schon? Ihre Erfolgschancen wären nicht schlechter als die irgendeiner Spezialtruppe. Sie würden natürlich inoffizielle Unter- stützung brauchen, aber die Öffentlichkeit würde nie etwas erfahren – auch bei einem Fehlschlagen ihres Unternehmens nicht. Sehen Sie«, fügte er hinzu, indem er sich nach vorn beugte und den Ge- heimdienstkoordinator anstarrte, »ihr Auftrag ließe sich dementieren., Brauche ich noch mehr zu sagen?« Bei dem Geheimdienstkoordinator zeigte das Wort ›dementieren‹ augenblicklich Wirkung – dieses Wort schätzte er sehr. Ging ir- gendwas schief, könnten weder er noch das Joint Intelligence Com- mittee dafür verantwortlich gemacht werden, weil diese Gruppe in- offiziell handeln würde. War das Unternehmen andererseits erfolg- reich, würden er und sein Komitee diesen Erfolg für sich beanspru- chen können. »Verbürgen Sie sich persönlich dafür, daß wir jegliche Verbindung dementieren könnten, Max?« fragte er mit samtweicher Stimme. Goodale hob den Kopf und erwiderte den zufriedenen Blick des Geheimdienstkoordinators. »Ja, das tue ich«, bestätigte er halblaut. Seine blauen Augen schienen sich in die seines Gegenübers zu boh- ren. »Wenn Sie's wünschen, verbürge ich mich dafür.« Der Geheimdienstkoordinator empfand Goodales durchdringen- den Blick sekundenlang als beunruhigend. Der Mann starrte einen an, als wolle er einen verlegen machen – manchmal wirklich ent- nervend. Egal, sagte er sich. Wichtig war nur, daß er die gewünschte Zusicherung erhalten hatte. »Nun, Gentlemen«, sagte er zu den anderen, »damit ist die Sache entschieden, denke ich. Wenn Sie gestatten, möchte ich Max in Ihrem Namen für seinen gründlichen und eingehenden Bericht danken, auch wenn er in vielerlei Hinsicht höchst beunruhigend ge- wesen ist. Ich denke, wir können uns jetzt darauf einigen, die Ange- legenheit in seinen fähigen Händen zu lassen. Es sei denn, jemand wäre anderer Meinung…?« Der Geheimdienstkoordinator sah sich lächelnd am Tisch um und vermittelte dabei die unüberhörbare Botschaft, andere Meinungen seien höchst unerwünscht. »Ausge- zeichnet«, sagte er befriedigt. »Ich danke Ihnen allen, daß Sie ge- kommen sind, Gentlemen.«,

Kommen Sie, nehmen Sie Platz, Gerhard«, forderte Erfurt ihnlächelnd auf.

»Danke, Genosse General«, sagte Eisener, der die anscheinend gute Laune seines Kommandeurs ermutigend fand. Er brachte sei- nen schlaksigen Körper so gut wie möglich auf dem kleinen Holz- stuhl unter. »Gibt's gute Nachrichten?« »Ja«, antwortete der General. »Ich habe hier einen Bericht unserer Leute in den Vereinigten Staaten. Er enthält eine erste Bewertung des IRIS-Programms. Der Computer ist heil angekommen, und Pe- ter Kramer, unser dortiger Fachmann, hat ihn zerlegt und analy- siert. Ich glaube, daß wir ziemlich darauf vertrauen können, daß er wie erwartet funktionieren wird.« »Das klingt ausgezeichnet, Genosse General«, sagte Eisener. »So- gar noch besser, als ich gehofft hatte. Als wir zuletzt darüber ge- sprochen haben, hat die Sache noch nicht so gut ausgesehen. Von unserer Gruppe in England, die den Programmierer vernommen hat, haben wir ursprünglich gehört, IRIS sei noch nicht einsatzbe- reit.« »In gewisser Weise stimmt das auch, Gerhard«, bestätigte General Erfurt, »aber bei diesem Unternehmen spielt ein Faktor mit, der es wesentlich erleichtern wird. Kramer deutet ihn in seinem Bericht auch an. Hier«, sagte er und schob den Bericht zu Eisener hinüber, »lesen Sie ihn und sagen Sie mir, was Sie davon halten.« Eisener beugte sich nach vorn und griff nach dem Bericht, ohne sich anmerken zu lassen, wie irritiert er war. Die verdammte Ge- heimnistuerei des Alten – aber irgendwann würde er doch alle Ein- zelheiten rauskriegen. Er begann zu lesen., General Erfurt lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und ließ seinen Gedanken freien Lauf, während sein Stellvertreter den Bericht durchblätterte. Die Gruppe in England hatte gute Ar- beit geleistet, überlegte er sich. Der Auftrag, das IRIS-Programm zu beschaffen, war nicht sehr schwierig gewesen, aber die Schnelligkeit und Effizienz, mit der er ausgeführt worden war, verdiente Anerken- nung. Erfurt sah über den Schreibtisch hinweg zu seinem Stellvertreter hinüber, der noch mit dem Bericht beschäftigt war. Der gute, treue Eisener, dachte er dabei. Der General war nie recht aus ihm schlau geworden und letztlich zu dem Schluß gekommen, Oberst Eisener besitze trotz seiner Intelligenz und seiner unbestrittenen Fähigkei- ten einfach keine Führungsqualitäten. Der Mann schien völlig da- mit zufrieden zu sein, die zweite Geige zu spielen, im Hintergrund zu bleiben – vermutlich hoffte er einfach darauf, Erfurts Nachfolger werden zu können, wenn sein Vorgesetzter eines Tages in den Ru- hestand trat. Jedenfalls war Eisener kaum der Typ, der irgendwann eine Palastrevolution anzetteln würde. Das Merkwürdige war, daß Männer dieses Typs normalerweise wenig Eigeninitiative bewiesen und kaum originelle Ideen hatten. In dieser Beziehung war Eisener ganz anders. Im Lauf der Jahre hatte er einige brillante Ideen ge- habt, und Erfurt war nicht so eingebildet, daß er diese Tatsache nicht anerkannt hätte. »Na, was halten Sie davon, Gerhard?« Eisener sah auf. »Ein höchst interessanter Bericht, Genosse Gene- ral«, antwortete er gelassen. »Kramer ist offenbar so sachkundig, wie wir gehofft haben. Seine in Kalifornien verbrachten Jahre und seine gegenwärtige Stellung in Baltimore machen sich jetzt bezahlt. Er scheint genau zu wissen, wovon er redet. Man hat den Eindruck, er sei mit dieser neuen Technologie völlig vertraut und hätte ein Pro- gramm dieser Art sogar selbst entwickeln können.« »Ganz mein Eindruck«, bestätigte der General. »Ich denke, daß es, ihm problemlos gelingen wird, das IRIS unseren Bedürfnissen anzu- passen.« Eisener schwieg einen Augenblick. Ob er das Problem nicht erkannt hat? fragte er sich. »Ein Punkt macht mir leider Sorgen, Genosse General«, begann der Oberst. »Kramer scheint zu bestätigen, was der englische Programmierer über das IRIS gesagt hat – daß das Programm sich noch im Versuchsstadium befindet. Er nimmt an, daß die Mustererkennung unter Idealverhältnissen zufriedenstellend funktioniert, aber noch erheblich verbessert werden muß. Schließ- lich brauchen wir ein System, das einen bestimmten Menschen zweifelsfrei identifizieren kann. Aus diesem Bericht geht hervor, daß wir möglicherweise zuviel von IRIS erwarten. Obwohl Kramer das nicht ausdrücklich sagt, sind seine Zweifel unüberhörbar.« Der General überlegte sich seine Antwort gut. »Ich glaube«, sagte er ausweichend, »wir können darauf vertrauen, daß Kramer diese letzten kleinen Schwierigkeiten ausbügelt. Wie Sie selbst gesagt ha- ben, ist er durchaus in der Lage, eigene Verbesserungen vorzuneh- men, und hat sogar schon welche vorgeschlagen. Dafür bleibt ihm reichlich Zeit.« Eisener verstand diesen Wink; die Diskussion war beendet. Er stand auf. »Gut… wenn Sie sonst nichts mehr haben, Genosse Ge- neral?« »Danke, Gerhard. Ich wollte Sie nur auf dem laufenden halten.« Er entließ den Oberst mit einem Nicken. Als Eisener die Tür hinter sich geschlossen hatte, schüttelte er leicht den Kopf. Das nennt er einen auf dem laufenden halten! sagte er sich. Dabei tappe ich ebenso im dunkeln wie zuvor. Er ging nachdenk- lich den Korridor entlang in sein eigenes Dienstzimmer zurück. General Erfurt war allein zurückgeblieben. Er griff nochmals nach dem vor ihm liegenden Bericht. Das Paket, das Kramer und sein Assistent zusammenstellen wür- den, sollte aus einer Videokamera, dem IRIS-Programm und einem, Datenspeicher bestehen, der Vergleichsbilder des zu erkennenden Attentatsopfers enthielt. Mit Hilfe dieser Bilder sollte die Videoka- mera durch Servomotoren auf die Zielperson ausgerichtet werden. Koaxial zur Kameralängsachse würde ein Gewehr mit abgesägtem Lauf oder eine Pistole montiert sein. Wie Kramer bestätigt hatte, würde das gesamte Paket mit Computerbausteinen, Reservebatte- rien, Servomotoren, Kamera und Schußwaffe nicht größer als ein Aktenkoffer sein. Es konnte überall aufgestellt werden. Es würde mit unendlicher, unerschöpflicher Geduld warten und sich erst nach vielen Tagen – sogar nach Wochen oder Monaten – selbstän- dig aktivieren, sobald es die Zielperson erkannte. Erschien ihre Stirn im Fadenkreuz, würde das IRIS die Waffe abfeuern, und die Zielperson würde tot zusammenbrechen. Der General las sich die Zusammenfassung auf der letzten Seite vor. »Das Computerprogramm IRIS«, murmelte er halblaut, »ist umfassend, gut ausgearbeitet und wirkungsvoll. In einigen Details muß es jedoch noch verbessert werden. Der gegenwärtige Entwick- lungsstand gibt keine Garantie dafür, daß es fehlerfrei funktionieren würde. Mit anderen Worten: Ist die Zielperson, die erkannt werden muß, nicht wirklich sehr auffällig, könnte das IRIS unzuverlässig ar- beiten.« Über diese Anmerkung mußte der General lächeln. Das konnte er sich leisten, denn er – und nur er allein – war vollständig infor- miert.,

TEIL ZWEI Das Mädchen war jung, ungefähr achtzehn. Der Mann hatte siedie Straße entlang auf sich zukommen sehen – irgend etwas

an ihr hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Ungefähr fünfzig Meter vor ihm begann sie plötzlich zu rennen, und er merkte, was mit ihr los war: Sie hatte vor etwas Angst. Die Augen in ihrem blassen Gesicht wirkten unnatürlich geweitet, und der Mann sah diese Art Gesichtsausdruck nicht zum ersten Mal. Sie hatte nicht nur Angst – sie schwebte in Todesangst. Plötzlich fühlte das Mädchen ihr linkes Bein einknicken, als einer der hohen Absätze ihrer billigen Pumps abbrach. Sie sah den Geh- steig grausam unausweichlich auf sich zukommen – aber bevor sie auf den Beton knallte, fingen zwei starke Arme sie auf und stellten sie wieder auf die Beine. Halb benommen und nach Atem ringend blickte sie verständnislos in das Gesicht des Mannes auf. »Alles in Ordnung?« fragte der Mann. »Was haben Sie?« Das noch immer keuchende Mädchen gab keine Antwort, son- dern sah sich nur ängstlich um. Hinter ihr kamen drei schwarze Ju-, gendliche in Jeans und Sportschuhen näher. Während der Mann sie beobachtete, verfielen sie aus ihrem Trab in normales Gehtempo, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er bückte sich nach dem rechten Fuß des Mädchens und brach mit einem kurzen Ruck auch den zweiten Absatz ab. »So«, sagte er dabei, »jetzt stehen Sie wieder gerade. Mit diesen Dingern sollte man nicht rennen, wissen Sie.« Aber er ließ die drei Jugendlichen, die weiter herankamen, kaum noch zwanzig Meter entfernt waren und selbstbewußt den Gehsteig entlangschlenderten, keine Sekunde aus den Augen. »Hören Sie«, fragte er das Mädchen halblaut, »ken- nen Sie diese Kerle? Sind Sie von ihnen belästigt worden?« Ihre Stimme verriet ihre Angst. »Die drei verfolgen mich! Lassen Sie mich…« Sie wollte sich losreißen und wegrennen, aber er hielt sie mühelos fest. Als sie in sein Gesicht aufsah, beobachtete sie, wie seine Augen sich drohend verengten, während er die drei näher- kommenden Gestalten anstarrte. Sein Blick streifte sie kurz. »Sie gehen dort rüber und stellen sich in den Eingang«, wies er sie ruhig an, indem er auf die mit einem Scherengitter gesicherte Ladentür eines Tabakwarengeschäfts deute- te. »Keine Angst, ich bringe das hier in Ordnung. Aber Sie dürfen auf keinen Fall wegrennen! Verstanden?« Sie nickte wortlos. Aus irgendeinem Grund ignorierte sie den fast übermächtigen Drang, wieder die Flucht zu ergreifen. Sie hastete zu der Ladentür, drückte sich in die flache Nische und machte sich so klein wie irgend möglich. Die drei Jugendlichen waren einige Meter entfernt stehengeblie- ben. Der Mann drehte sich nach ihnen um. »Was wollt ihr von dem Mädchen?« fragte er ruhig. »Das geht dich 'nen Scheiß an, Mann«, antwortete der junge Schwarze links außen und wippte dabei auf den Zehenspitzen. Er war groß und athletisch gebaut, hatte ausdruckslose Augen und wirkte unverkennbar aggressiv. Er spuckte mit einer wegwerfenden, Handbewegung aus. »Los, hau ab!« »Yeah, verpiß dich, Arschgesicht«, sagte der Jugendliche in der Mitte. »Sie gehört uns.« Der dritte junge Schwarze, kleiner und stämmiger als die beiden anderen, hatte sich auf der schmuddeligen Straße umgesehen. Nachdem er festgestellt hatte, daß sie nicht beobachtet wurden, griff er in die hintere Tasche seiner Jeans, zog ein großes Klappmes- ser heraus, ließ die Klinge aufschnappen und hielt es drohend hoch. »Alles klar, Arschgesicht?« fragte er spöttisch. »Zieh Leine, be- vor dir was passiert!« Das ängstlich in die Türnische gedrängte Mädchen beobachtete sie starr vor Entsetzen. Der Große links außen blinzelte ihr grin- send zu, während er ebenfalls ein Klappmesser zog und es auf- schnappen ließ. Er hob es an die Lippen, küßte die Klinge und hielt das Messer dann stoßbereit. Das schreckensstarre Mädchen be- griff nicht, woher der Mann, der sie aufgefangen hatte, den Mut nahm, weiter vor den drei Jugendlichen zu stehen. Aber ihre Dro- hungen schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen, und als er jetzt zu sprechen begann, war seine Stimme unaufgeregt leise. »Drei rotznäsige kleine Babies«, knurrte er verächtlich, »die sich als Erwachsene ausgeben. Bringen keinen Satz raus, ohne zweitklas- sige Filmdialoge zu imitieren – und das nicht mal überzeugend. Jämmerlich. Verschwindet, Babies, bevor ihr euch blutige Nasen holt!« Die drei Gesichter verfinsterten sich wütend. Der Große links stürzte sich auf den Mann; dabei beschrieb seine Hand mit dem Klappmesser von unten herauf einen Bogen gegen seinen Magen. Der Messerheld rechts folgte ihm, während der Jugendliche in der Mitte noch zurückblieb und sein Gewicht auf den linken Fuß ver- lagerte, um den Mann in den Unterleib treten zu können. Das Mädchen war in dem schmutzigen Ladeneingang zu Boden gesunken und hockte mit geschlossenen Augen, bis zur Brust hoch-, gezogenen Knien und am ganzen Leib zitternd da. Sie hörte ein ex- plosives Grunzen, dann einen erstickten Schmerzensschrei, der zu einem Wimmern wurde. Danach folgten undeutlich schlurfende Schritte, ein dumpfes Knirschen, ein gräßliches Husten und vier schwere Schläge sehr rasch hintereinander. Im nächsten Augenblick war das Geräusch eines zusammenbrechenden Körpers zu hören. Ungefähr eine halbe Sekunde lang war der einzige Laut das aus ei- nem Schrei entstandene Wimmern. Dann folgte wieder ein gräßli- ches Geräusch, mit dem etwas sehr Hartes etwas Weiches traf. Das leise Wimmern verstummte plötzlich. Das vor Angst zitternde Mäd- chen hielt seine Augen fest geschlossen. »Alles in Ordnung?« Die Stimme des Mannes klang unaufgeregt freundlich. Sie fuhr heftig zusammen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. »He, nur keine Angst!« Der sanfte Druck seiner Hand war beruhigend. »Die Sache ist ausgestanden. Kein Problem. Diese Idioten sind außer Gefecht.« Das Mädchen öffnete die Augen, hatte aber zunächst Schwierig- keiten, sich aufs Gesicht des über sie gebeugten Mannes zu konzen- trieren. Dann nahm sie zum ersten Mal seine markanten Gesichts- züge und sein dichtes braunes Haar wahr. Er war athletisch gebaut, aber ihr fiel auf, daß er sich etwas unbeholfen und leicht hinkend bewegte. Unter anderen Umständen hätte sie registriert, daß er gut aussah, aber dafür hatte sie jetzt keine Augen. Sie konnte kaum fas- sen, daß er noch lebte und unverletzt war. »W-w-was ist passiert?« stotterte sie. Ihr Blick fiel auf drei leblos auf dem Gehsteig liegende Gestalten. Der Mann begann sie wegzu- führen, aber sie hatte so weiche Knie, daß sie zusammengeklappt wäre, wenn er sie nicht gestützt hätte. Nach ungefähr zehn Metern sah sie sich um, ohne die Ereignisse der letzten Minuten richtig zu begreifen. Dann heulte sie plötzlich unbeherrscht los. »O Gott«, schluchzte sie, »haben Sie sie umgebracht?« »Nein«, sagte der Mann einfach. Er schwieg einige Sekunden lang,, während er sie wegführte, und erklärte ihr dann: »Sie werden's über- leben, aber einige Zeit brauchen, um wieder auf die Beine zu kom- men, wenn Sie wissen, was ich meine.« Er machte nochmals eine Pause, bevor er in freundlichem Gesprächston fortfuhr: »Einer hat eine sehr verrenkte Schulter. Ich bin kein Arzt, aber mich würde's sehr wundern, wenn er seinen rechten Arm jemals wieder richtig be- nützen könnte. Viele zerrissene Muskeln, verstehen Sie? Ein übler Kerl, und er hat nicht zu wimmern aufgehört, deshalb hat er jetzt noch 'ne Gehirnerschütterung, damit er die Klappe hält.« Der Mann blickte lächelnd auf sie hinab, um ihre Reaktion auf die geschilderten Verletzungen zu beobachten. Gut, dachte er, als sie seinen Blick mit einem hastigen, nervösen Lächeln erwiderte. Sie kommt darüber hinweg. Sie kann's ertragen, davon zu hören. Er berich- tete weiter: »Der zweite Kerl hat eine gebrochene rechte Knieschei- be, eine Gehirnerschütterung und einen Leistenbruch. Das mit dem Leistenbruch«, fügte er hinzu, »steht nicht hundertprozentig fest, aber es wird ihm vorkommen, als hätte er einen.« Der Mann zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. »Möchten Sie eine?« Sie griff aufatmend nach einer Zigarette und nickte dankend, als er ihr Feuer gab. »Okay«, sagte sie dann, »was ist mit dem dritten?« »Oh«, antwortete der Mann, »der hat die wenigsten Schwierigkei- ten gemacht. Er hat einen gebrochenen Knöchel und ist aus irgend- einem Grund mit dem Kopf voraus aufs Pflaster geknallt. Ist sofort weggetreten – genau wie seine Freunde. Ich wette, daß er nicht so rasch wieder versucht, jemanden zu treten. Hören Sie«, fuhr er plötzlich ernst fort, »was ich Sie jetzt frage, ist wichtig. Haben Sie diese drei Schwachköpfe schon mal gesehen? Kennen Sie die drei, oder kennt einer von ihnen Sie?« Sie antwortete sofort und nachdrücklich. »Nein! Ich habe sie noch nie gesehen. Sie sind mir aus der U-Bahn nachgelaufen. Sie haben im Zug herumkrakeelt, und ich bin aus irgendeinem Grund in ihr Visier geraten. Als ich ausgestiegen bin, haben sie mich ver-, folgt und mit schlimmen Ausdrücken eingedeckt. Mit scheußlichen Ausdrücken…« Sie zuckte mit Tränen in den Augen zusammen. »Ich hab versucht, sie zu ignorieren, aber sie sind immer aufdring- licher geworden. Ich bin schneller und schneller gegangen und zu- letzt in Panik geraten.« »Wohnen Sie hier in der Nähe?« fragte der Mann. »Nein«, antwortete sie. »Ich habe meine Freundin besucht. Bis zu mir sind's noch vier U-Bahnstationen.« »Gut«, sagte der Mann. »Ich schlage vor, daß Sie diese Gegend für einige Zeit meiden.« »Wo denken Sie hin?« rief das Mädchen aus. »In diesen Teil von London bringen mich keine zehn Pferde mehr zurück.« Sie zog an der Zigarette und hing einen Augenblick ihren eigenen Gedanken nach. Dann fiel ihr wieder auf, daß ihr Beschützer hinkte, und sie blieb erschrocken stehen. »Oh!« sagte sie besorgt. »Ich hab nicht mal gefragt, ob… Sind Sie verletzt? Ihr Bein…« Der Mann lächelte. »Nein, mir fehlt nichts«, beruhigte er sie. »Das ist eine alte Verletzung. Jetzt schon über ein Jahr alt… Ich ma- che fast jeden Abend einen weiten Spaziergang, um wieder beweg- lich zu werden. Dazu bin ich auch heute unterwegs gewesen, als Sie mir über den Weg gelaufen sind.« Das Mädchen lächelte erleichtert. »Hören Sie, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mich vor diesen Bestien geret- tet… Wer weiß, was sie mir angetan hätten.« Bei diesem Gedanken fuhr sie erneut zusammen und umklammerte seinen Arm. »Ich kann Ihnen wirklich nicht genug danken.« »Nicht nötig«, wehrte der Mann ab. »Ich habe nicht zum ersten- mal mit solchen Subjekten zu tun gehabt. Denken Sie einfach nicht mehr an sie. Also«, sagte er nachdrücklich, »ich habe mein Trai- ningspensum für heute abend mehr als erfüllt, und Sie können mit diesen Schuhen nicht mehr weit gehen. Wir nehmen ein Taxi. Ich setze Sie bei Ihnen ab, aber danach muß ich selbst nach Hause,, sonst geht's mir noch schlechter als den drei Kerlen dort hinten.« Zehn Minuten später saßen die beiden auf dem Rücksitz eines schwarzen Taxis. Sie ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken, kör- perlich und geistig erschöpft, aber nach diesem schlimmen Erlebnis endlich entspannt. Während sie über seine letzte Bemerkung nach- dachte, fiel ihr Blick auf seine linke Hand. Erst jetzt fiel ihr auf, daß er einen Ehering trug, und sie empfand ihre Enttäuschung wie einen jähen, überraschend schmerzhaften Stich. Sie drehte den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster, während das Taxi wei- ter durch die Straßen rumpelte. Es dauerte nicht lange, bis sie vor ihrem Wohnblock hielten. Der Mann stieg aus und hielt ihr die Autotür auf, während das Taxi mit laufendem Motor wartete. »Möchten Sie auf einen Kaffee oder irgendwas raufkommen?« fragte sie, obwohl sie wußte, wie die Antwort lauten würde. »Danke, lieber nicht«, antwortete er lächelnd. »Hören Sie, fehlt Ihnen auch wirklich nichts?« »Oh, mir geht's gut«, behauptete sie und sah mit hoffentlich selbstbewußter Miene zu ihm auf. »Übrigens hab ich Ihnen nicht mal meinen Namen gesagt. Ich bin Lisa. Lisa James.« Sie schüttelte ihm die Hand. »Also dann gute Nacht, Lisa. Tut mir leid, daß Ihnen das heute abend passiert ist. Und entschuldigen Sie bitte«, fügte er grinsend hinzu, »daß ich Ihnen auch den anderen Schuh ruiniert habe.« Sie rang sich ein Lächeln ab, wühlte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel und ging zur Haustür. Dann drehte sie sich plötzlich noch einmal nach ihm um. »Und Ihrer?« fragte sie. »Ha?« Er war einen Augenblick verblüfft; dann lächelte er. »Ah, richtig«, sagte er. »Ich heiße Johnny. Johnny Bourne.« »Noch mal vielen Dank für alles, Johnny«, sagte sie. »Passen Sie gut auf sich auf, Lisa.« Er beobachtete, wie sie die Tür aufsperrte; dann war sie mit einem kleinen Winken verschwunden., Johnny Bourne setzte sich wieder ins Taxi, das mit krachendem Ge- triebe anfuhr. Juliet hörte das Geräusch des Schlüssels im Schloß der Wohnungs- tür. Sie drückte auf einen Knopf der Fernbedienung, um die News at Ten auszuschalten, und ging in die Diele hinaus, wo ihr Ehe- mann gerade die Tür hinter sich zumachte. Sie verschränkte die Arme und musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen kühl und abschätzend. »Okay, Mister«, sagte sie eisig, »erklärst du mir freundlicherweise, was du wieder mal getrieben hast?« Johnny Bourne drehte sich ehrlich verblüfft nach ihr um. Diesen Gesichtsausdruck seiner Frau hatte er schon sehr lange nicht mehr gesehen. Er breitete hilflos seine Hände aus. »Woher weißt du das?« fragte er einfach. »Dazu muß man kein Genie sein«, sagte sie scharf. »Also? Ich ver- lange eine Erklärung!« Johnny blickte an sich herab, um zu kontrollieren, ob eines der Messer… Nein, nirgends ein Kratzer. Die unheimlichen hellseheri- schen Fähigkeiten seiner Frau verblüfften ihn so sehr, daß ihm überhaupt keine Antwort einfiel. Juliet Bournes Miene verfinsterte sich. Er ist so leicht zu durch- schauen! dachte sie. »Was suchst du an dir?« fragte sie mit wütend er- hobener Stimme. »Spuren? Glaubst du, daß ich physische Beweise brauche? Das Schuldbewußtsein steht dir ins Gesicht geschrieben, du Trottel!« Johnny runzelte die Stirn; dann widersprach er Juliet endlich. »Was heißt hier Schuldbewußtsein?« wehrte er ab. »Ich hab mir nichts vorzuwerfen.« Während sie ihn weiter anstarrte, überlegte er kurz. »Also gut«, gab er zu, »ich hätte nach einem Krankenwagen telefo- nieren sollen, aber diese Idioten sind keineswegs in Lebensgefahr, gewesen. Verdammt noch mal, das ist Notwehr gewesen! Sie haben mich angegriffen! Und das Mädchen…« Er sprach nicht weiter. »Du hättest telefonieren sollen?« kreischte Juliet, indem sie ankla- gend auf ihn zeigte und den größten Teil seiner gemurmelten Erklä- rung ignorierte. »Soll ich dir vom Telefon erzählen? Ich will dir vom verdammten Telefon erzählen! Ich bin von jemandem angeru- fen worden, den weder du noch ich unser Leben lang vergessen werden, und du brabbelst von einem Krankenwagen, nach dem du hättest telefonieren müssen?« Sie machte eine Pause, als ihr plötz- lich einfiel, was er noch gesagt hatte. »Welches Mädchen?« fauchte sie mit vor Wut blitzenden Augen. »Fang bloß nicht an, mich anzuschreien, Madam Inspector!« wehrte er nachdrücklich ab. »Wo, zum Teufel, sind deine Leute ge- wesen, als sie gebraucht worden wären?« Zorn stieg in ihm auf, und sein Blick war plötzlich so kalt wie ihrer, als er auf sie zutrat. »Ich hab dir gesagt, daß es Notwehr gewesen ist! Sie hat Schwierigkeiten gehabt – was also hätte ich tun sollen?« Er war jetzt kaum noch ei- nen Meter von ihr entfernt und schien sie physisch fast zu erdrü- cken. Juliet war zu wütend, um zu begreifen, auf welches falsche Gleis ihr aufgebrachter Wortwechsel geraten war. Sie kreischte ihren Mann an: »Schwierigkeiten? Du hast ein Mädchen in Schwierigkeiten ge- bracht und erzählst mir irgendwelchen Scheiß, daß du rechtzeitig nach einem Krankenwagen hättest telefonieren sollen? Und dann ruft dein alter MI5-Kumpel hier an und hinterläßt eine geheimnis- volle Nachricht, daß er dich dringend sprechen muß? Laß dir was anderes einfallen, Mister!« Sie stemmte ihre Arme in die Hüften und funkelte ihn zornig an. »Was?« Johnny Bourne verstand überhaupt nichts mehr. »Bist du übergeschnappt? MI5? Was, zum Teufel, soll das heißen? Wie könnte MI5 irgendwas damit zu tun haben? Bockmist!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung., Er drängte sich an ihr vorbei ins Wohnzimmer. »Vielleicht hätte ich's gleich melden sollen«, sagte er, füllte ein Glas mit Eiswürfeln und kippte einen Schuß Whisky darauf, »aber es ist doch erst vor einer halben Stunde passiert! Und aus welchem Grund sollte MI5 sich für diese Sache interessieren?« Er beobachtete Juliet über den Rand seines Glases hinweg. Jetzt war es soweit, daß ihr Zorn sich in Verwirrung verwandelte. »Vor einer halben Stunde?« Sie runzelte die Stirn. »Aber die Nach- richt ist kurz vor sechs Uhr auf den Anrufbeantworter gesprochen worden. Das ist schon über vier Stunden her und…« Juliet brachte den Satz nicht zu Ende. »Hör zu, Johnny«, sagte sie, als sie ihre Fassung zurückgewonnen hatte. »Tut mir leid, daß ich ausgeflippt bin. Aber dieser Anruf hat mir Sorgen gemacht. Ich hab dir ange- droht, dir bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen, wenn du dich jemals wieder auf krumme Touren einläßt, und das ist mein heiliger Ernst! Gibst du mir dein Ehrenwort, daß du's nicht getan hast?« »Ja«, antwortete er unwillig. »Verdammt noch mal, natürlich hab ich's nicht getan. Nun… abgesehen von dieser Sache heute abend, und ich hab dir gesagt, daß es Notwehr gewesen ist. Gott, wenn ich dieses Mädchen bloß nie zu Gesicht bekommen hätte! Sag mal, verhörst du alle deine Verdächtigen so rabiat?« Sie kam mit der Andeutung eines Lächelns auf ihn zu. »Entschul- dige, Johnny. Wir haben offenbar aneinander vorbeigeredet«, sagte sie. Dann machte sie wieder ein ernstes Gesicht. »Aber was ist heute abend genau passiert? Du solltest's mir lieber erzählen, glaube ich. Die Sache klingt nach etwas, das gemeldet werden müßte. Vielleicht kann ich dir helfen.« Johnny erzählte von seiner Begegnung mit dem Mädchen und der kurzen, aber nachdrücklichen Auseinandersetzung mit den po- tentiellen Gewalttätern. »Ich gehe jede Wette ein, daß sie von ir- gendwas high gewesen sind«, schloß er. »Weiß der Teufel, was sie mit ihr gemacht hätten. Vergewaltigt, ausgeraubt und hilflos liegen-, lassen, vermute ich. Ich meine, was hätte ich tun sollen? Du bist Polizeibeamtin – sag' du mir, was ich hätte tun sollen!« Sie lächelte zu ihm auf. »Laß mir eine Minute Zeit, dann fällt mir bestimmt was ein.« »Yeah«, sagte er sarkastisch. »Deine Minute kannst du vergessen, Juliet. Ich habe für meine Reaktion nur ein paar Sekunden Zeit ge- habt. Keine Chance, mir eine nette, friedliche Lösung auszudenken. Und erzähle mir nicht, ich hätte mir das Mädchen greifen und mit ihr abhauen sollen. Ich kann noch immer kaum richtig gehen und erst recht nicht laufen – und diese drei zugekifften Testosteron- Freaks sind ungefähr halb so alt gewesen wie ich.« »Okay, okay«, wehrte sie ab. »Trotzdem muß der Vorfall gemeldet werden. Am besten gleich.« »O Gott!« sagte er. »Hat das nicht Zeit bis morgen?« »Nein«, antwortete sie nachdrücklich. »Sonst fahnden meine Kol- legen die ganze Nacht lang nach jemandem, der diese drei Kerle so zugerichtet haben könnte. Die Met hat's nicht gern, wenn ihre Zeit mit sinnloser Arbeit vergeudet wird. Aber ich sehe zu, was sich tun läßt, damit du deine Aussage nicht heute abend, sondern erst mor- gen früh machen mußt.« Sie sah auf ihre Armbanduhr; es war 22 Uhr 15. »Ja«, sagte sie abschließend. »Die Sache muß ohnehin bis morgen warten. Du hast heute abend noch einen wichtigeren Ter- min. Ich rufe nur schnell an.« Detective Inspector Juliet Bourne von der Metropolitan Police ging ans Telefon in der Diele. Johnny schenkte sich einen weiteren kleinen Drink ein, sank müde aufs Sofa und hörte mit halbem Ohr zu, wie seine Frau kurz schilderte, was er an diesem Abend erlebt hatte. Fünf Minuten später kam Juliet ins Wohnzimmer zurück. »Okay«, sagte sie, »alles in Ordnung. Ich habe vereinbart, daß du morgen um Punkt neun Uhr reinkommst und deine Aussage machst. Übrigens haben die Kollegen einen recht zufriedenen Ein- druck gemacht«, fügte sie lächelnd hinzu. »Das Trio, das sich mit, dir angelegt hat, ist schon lange durch extrem antisoziales Verhal- ten aufgefallen. Der DC, mit dem ich gesprochen habe, kennt in seinem Revier jede Menge Leute, die dich zu einem großen Drink einladen würden, wenn sie wüßten, was du getan hast – und er selbst möchte gleich als erster in der Schlange stehen. Inoffiziell… gut gemacht Johnny.« Juliet kam zum Sofa herüber, setzte sich auf seinen Schoß und schlang ihm die Arme um den Hals. »Hör zu«, sagte sie mit liebe- vollem Blick, »wir wollen diesen Abend noch mal beginnen. Unser erster Versuch ist leider ein Flop gewesen.« Sie küßte ihn. »Guten Abend, Johnny, Liebster.« »Guten Abend, Detective Inspector, Liebste«, antwortete er lä- chelnd und zog sie an sich. Sie küßten einander erneut liebevoll, aber nach etwa einer Minute schob er sie sanft von sich weg. »Was hast du vorhin von einem Anruf der MI5 gesagt?« erkundigte er sich. »Das erzähle ich dir später«, murmelte sie. »Trag mich ins Bett, Johnny.« Er zog sie langsam hoch und nahm sie auf die Arme, um sie ins Schlafzimmer zu tragen. An der Tür blieb er kurz stehen. »Aha«, sagte er mit leiser, neckender Stimme, »das ist wohl mein wichtige- rer Termin, von dem du vorhin gesprochen hast?« Ihre Augen waren vor Begierde dunkel und verschleiert, und auf ihrem Gesicht stand ein rätselhaftes Lächeln, als sie zu ihm aufsah. »Nun…«, flüsterte sie geheimnisvoll. Die Tür schloß sich leise hinter ihnen. »Weißt du«, sagte Johnny einige Zeit später und streichelte ihren nackten Rücken, während sie neben ihm lag, »mich wundert's nicht, daß du eine gute Polizeibeamtin bist. Mal hart, mal sanft, das ist die beste Methode, Verdächtige weichzumachen. Du be-, herrschst beides gleich gut. Ein unglaublicher Gegensatz.« Er küßte sie zart, während eine Hände sie liebkosten. »Du bist auch nicht viel anders«, antwortete Juliet verträumt. »Wie du mich in der Diele angefunkelt hast, ist fast unheimlich gewesen… Johnny?« »Ja, Ma'am?« »Wir wollen uns bitte nie wieder so anschreien.« »Gute Idee«, murmelte er. »Versprochen?« fragte sie und stützte sich auf beide Ellbogen, um ihm ins Gesicht zu blicken. Er lächelte. »Ja, ich versprech's dir.« »Gut«, sagte Juliet. Auf ihrem Gesicht erschien wieder das rätsel- hafte Lächeln von vorhin. »Hör zu, du kannst jetzt noch nicht gleich schlafen.« »Warum denn nicht?« fragte er mit gespielter Entrüstung. »Es ist schon nach elf.« Sie wechselte plötzlich das Thema. »Johnny, versprichst du mir, daß du wirklich keine Schwierigkeiten mit MI5 hast?« »Natürlich«, antwortete er leicht ungeduldig. »Ich hab's dir doch gesagt, Liebling. Kein Grund zur Sorge.« »Und du hast mir auch versprochen, mich nie wieder anzuschrei- en?« »Ja, ja«, bestätigte er resigniert. »Wirklich kein Grund zur Aufre- gung.« »Gut«, sagte sie. »Gut.« Sie machte eine Pause, als wisse sie nicht recht weiter, und sah dann rasch auf den Radiowecker auf dem Nachttisch. »Johnny? Wegen dieses Anrufs, den ich von MI5 be- kommen habe?« Er kniff leicht die Augen zusammen. »Ja?« fragte er vorsichtig. »Was ist damit?« »Nun«, sagte Juliet. »Ich habe zurückgerufen. Schließlich hat er gesagt, die Sache sei sehr dringend.« »Und?« Er starrte sie prüfend an und versuchte herauszukriegen,, worauf sie hinauswollte. »Was hat er gesagt? Komm schon, Juliet, was hast du plötzlich? Spuck's aus!« »Er hat am Telefon nichts sagen wollen.« »Mir ganz recht«, meinte Johnny lässig. »Dann muß die Sache eben bis morgen früh warten, stimmt's?« Er runzelte die Stirn. »Be- ziehungsweise bis deine Leute mich wegen der kleinen Episode von heute abend befragt haben.« »Nun«, wandte sie hartnäckig ein, »vielleicht auch nicht. Der An- rufer ist Colonel Goodale gewesen, weißt du.« »Hör zu, Liebling«, sagte Johnny gutmütig irritiert, »das hab ich mir auch schon ausgerechnet. Beruhige dich endlich, ja?« Er faßte sie an den Schultern und zog sie an sich. Zu seiner Verblüffung entwand Juliet sich ihm und stützte sich wieder auf ihre Ellbogen. »Du hast mir versprochen, mich nicht an- zuschreien?« »Spuck's aus, Juliet!« forderte er sie gründlich verwirrt und miß- trauisch auf. »Colonel Goodale kommt dich besuchen – hier.« Toll! dachte er ungeduldig. Da spare ich mir das Geld für zwei Bus- fahrten. »Wann?« Juliet sah nochmals auf die Uhr. Ihre dunklen Augen glitzerten plötzlich koboldhaft. »Ist er pünktlich, was er meiner Erfahrung nach immer ist, kommt er in ungefähr drei Minuten.« »Was?« brüllte Johnny. Er sprang wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett und fing an, seine Sachen zusammenzusuchen. Dann richtete er sich auf, drehte sich nach ihr um und deutete anklagend auf sie. »Juliet, soll das etwa ein Scherz sein…?« Juliet konnte sich nicht länger beherrschen; sie brach in hilfloses Lachen aus. Große Lachtränen liefen ihr übers Gesicht. »Nein«, stieß sie zwischen Kicheranfällen hervor, »das ist mein Ernst! Zieh' dich lieber an!« Während sie beobachtete, wie ihr Mann fluchend und schimpfend mit seinen Jeans kämpfte, mußte sie wieder un-, kontrollierbar lachen. Sowie er das rechte Hosenbein hochgezogen hatte, mühte er sich mit dem linken ab. Als er sich rasch umdrehte, um ihr einen zornigen Blick zuzuwerfen, verlor er das Gleichge- wicht und ging schwer zu Boden. »Atta! Scheiße!« rief er wütend. Er blieb einen Augenblick mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich liegen, während ein weiterer Lachanfall Juliets in seinen Ohren gellte. Als er sich dann auf den Rücken wälzte, um das linke Hosenbein hochzuziehen, traf der an- steckend direkte Sexappeal dieses Lachens ihn wie ein Schlag. Ein Blick über die Bettkante zeigte ihm, daß Juliet vor Lachen zusam- mengekrümmt mich hochgezogenen Knien auf der Seite lag. Das war ein Anblick, dem er nicht widerstehen konnte: Er beugte sich nach vorn und biß in eine Gesäßbacke. »Autsch!« kreischte sie, fuhr ruckartig hoch und stieß ihn dadurch auf den Teppich zurück. Johnny rappelte sich langsam auf. Während sie sich wütend an- starrten, herrschte einige Augenblicke lang Schweigen. Juliet rieb sich indigniert ihre Kehrseite, während Johnny mit einer nachdrück- lich trotzigen Bewegung den Reißverschluß seiner Jeans hochzog. Dann brachen sie plötzlich beide gleichzeitig in lautes Lachen aus. Johnny warf sich aufs Bett und in ihre Arme, so daß die Federkern- matratze bedrohlich ächzte. »Verdammt, Bourne, das hat weh getan«, sagte sie vorwurfsvoll, rieb sich weiter ihre Kehrseite und küßte dabei seinen Hals. »Du bist festgenommen wegen tätlichen Angriffs auf eine Polizeibeam- tin. Deinetwegen habe ich morgen einen blauen Fleck!« »Das hat überhaupt nicht weh getan«, behauptete er, »und falls doch, ist's dir nur recht geschehen.« Sein Mund glitt zu ihren Brüs- ten hinunter. »Was hast du gegen einen kleinen Knutschfleck? Dort sieht ihn doch kein Mensch«, flüsterte er. »Niemand außer mir.« »Nicht jetzt, Johnny«, stöhnte sie leise, als ihr Körper zu reagieren begann. »Das ist mein Ernst. Er muß jeden Augenblick kommen!«, »Diese Szene haben wir in unserer allerersten Nacht schon mal gespielt, das weiß ich noch gut«, murmelte Johnny. »Du willst mich wieder reinlegen, stimmt's? Aber zweimal kriegst du mich nicht dran, du kleine Hexe!« In diesem Augenblick klingelte jemand. »Siehst du?« fragte Juliet kichernd. »Scheiße!« brüllte Johnny und sprang wieder auf. »Verdammt noch mal, Juliet, das zahl ich dir heim!« Juliet stand rasch auf, sammelte ihre verstreuten Sachen ein und zog sich ins Bad zurück. »Denk daran – du hast versprochen, mich nicht anzubrüllen. Ich bin in ein paar Minuten fertig. Du kannst inzwischen den Colonel hereinbitten.« Sie quittierte seinen finste- ren Blick mit einem freundlichen Lächeln und schloß die Tür. Johnny murmelte weiter aufgebracht vor sich hin, lächelte dann aber unwillkürlich, als er Juliet im Bad perlend lachen hörte. Er zog sein Hemd an, knöpfte es zu, schlüpfte in seine Schuhe, fuhr sich mit einem Kamm durchs Haar und hastete hinaus, um die Woh- nungstür zu öffnen. Colonel Max Goodale lehnte Johnny Bournes Angebot – Tee, Kaf- fee, Whisky – höflich ab, überlegte sich die Sache dann doch an- ders und bat um ein Glas Mineralwasser. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück, und sein entspannter Gesichtsausdruck lieferte kei- nen Hinweis darauf, daß er die Bewegungen und das gesamte Ver- halten des Jüngeren aufmerksam beobachtete. Nicht schlecht, sagte er sich. Er hat diese schwere Verwundung erstaunlich gut überwunden. Dabei hätte er das Bein fast verloren… »Na, Johnny, mein Junge?« fragte Goodale freundlich, aber mit leicht ironischem Glitzern in seinen blauen Augen. »Wie geht's Ih- nen? Immer schön brav gewesen?« Bourne lächelte. »Darauf können Sie Gift nehmen, Colonel«, ant-, wortete er. »Ich stehe unter ständiger Überwachung einer der Bes- ten der Met, nicht wahr?« Er verdrehte die Augen. »Was rede ich da?« korrigierte er sich. »Juliet ist nicht eine der Besten, sie ist die Beste. Gar keine Frage!« Hm, dachte Colonel Goodale zufrieden. Daran gibt's nichts auszuset- zen. Durchaus nichts. Seine Überlegungen wurden unterbrochen, als Juliet Bourne hereinkam. Während Goodale die junge Frau muster- te, fiel ihm sofort auf, wie liebevoll Johnny sie ansah. Liebevoll? Er ist geradezu in sie vernarrt. Sie hatte nur kurz zu ihrem Mann hin- übergesehen, aber aus diesem Blick sprachen unverkennbar Humor, Vertrautheit und vor allem Liebe. Als sie jetzt mit ausgestreckter Hand auf Goodale zukam, wirkte sie heiter, gelassen und fast ein bißchen schüchtern. Eine schöne junge Frau, dachte er, während er ihr leicht die Hand drückte. Eine wirkliche Schönheit. Heiter und nicht so unter Streß wie bei unserer letzten Begegnung vor etwas über einem Jahr. Aber schüchtern? Ganz im Gegenteil. »Tut mir sehr leid, daß ich Sie um diese Zeit belästigen muß«, be- gann Goodale, »und ich darf Ihnen beiden gleich versichern…« Er sah kurz zu Juliet hinüber, »… daß die Umstände diesmal ganz an- ders sind als bei unserer letzten… äh… Diskussion. Ich werde mich kurz fassen.« Goodale machte eine Pause, aber Juliet, die ihn beobachtete, merkte sofort, daß er das nur tat, um die Spannung zu erhöhen. Colonel Goodale, das wußte sie recht gut, hatte keine Pausen nö- tig, um seine Gedanken zu sammeln. »Ich brauche Ihre Hilfe.« Goodale lächelte, und sein Gesichtsaus- druck wirkte plötzlich entwaffnend offen. Johnny war sofort hellwach und beugte sich in seinem Sessel nach vorn. »Wie meinen Sie das?« fragte er langsam. »Ich möchte mit einem Ihrer Freunde reden.« Goodales Blick ließ Bourne nicht mehr los. »Wir brauchen ihn«, sagte er einfach. »Wir brauchen ihn dringend. Tatsächlich brauchen wir nicht nur ihn,, sondern…« Er ließ diesen Satz absichtlich unvollendet. Johnny Bournes Augen glitzerten jetzt erwartungsvoll, und er schien kurz davor zu sein, aus dem Sessel aufzuspringen. Aber ein rascher Blick zu seiner Frau hinüber zeigte Goodale ein blasses, völ- lig ausdrucksloses Gesicht. »Nein«, sagte Juliet leise. »Nein.« »Sie brauchen Ed«, stellte Johnny fest, ohne sie zu beachten. Sein nüchterner Tonfall konnte nicht verbergen, daß in seinen Augen plötzlich wilde Erregung leuchtete. »Sie wollen mit Ed Howard re- den. Sie haben einen Job für uns.« »Ja«, sagte Goodale.

Der Motor des großen Chrysler-Kombis schnurrte gleichmäßig,während Peter Kramer langsam eine gepflegte, baumbestandene

Wohnstraße in einem nördlichen Vorort von Baltimore entlang- fuhr. Als er die Nummer 126 erreichte, nahm er den Fuß vom Gas- pedal; die Hinterreifen quietschten leise, als er in die Einfahrt des zweigeschossigen Hauses abbog und vor dem Garagentor hielt. Meg Berman hörte das Geräusch und drehte sich um. Als sie den Wagen erkannte, stellte sie ihre Gießkanne weg, wischte sich die Hände an ihren Jeans ab und kam über den Rasen. »Hi, Peter!« rief sie. Kramer stellte den Motor ab, stieg aus und nahm eine dicke Ak- tentasche vom Beifahrersitz mit. Er war ein schmächtiger, mittelgro- ßer blonder Mann, dem man seine zweiunddreißig Jahre bei weitem, nicht ansah; mit seinem jugendlichen Haarschnitt und in lässiger Freizeitkleidung wirkte er eher wie ein Student. Jetzt lächelte er. »Hallo, Meg«, sagte er. »Hat Carl dir gesagt, daß ich vorbeikomme? Ich störe hoffentlich nicht?« »Durchaus nicht, Peter!« antwortete sie. »Ich freue mich immer, dich zu sehen.« Meg Berman war eine attraktive Frau, viel jünger als ihr Mann, aber sie hatte ihm niemals Grund zur Eifersucht gegeben. Anderer- seits, vermutete Kramer, hätte Carl sich selbst dadurch nicht sehr aus der Ruhe bringen lassen. Er hätte es wahrscheinlich für ein Kompliment gehalten, wenn andere Männer mit seiner Frau geflir- tet hätten, für ihn wäre das eine Bestätigung gewesen, daß er die richtige Wahl getroffen hatte, daß er eine Frau geheiratet hatte, die andere Männer begehrten. Die Haustür wurde geöffnet, und Carl Bermans massive Gestalt erschien mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht auf der Schwelle. »Hi, Peter!« rief er. »Freut mich, dich zu sehen, Kumpel. Komm nur rein… Meg, Peter und ich haben was Geschäftliches zu besprechen. Du hast doch nichts dagegen?« »Nein, nein«, sagte seine Frau. »Laßt euch nur nicht stören. Ich hab sowieso im Garten zu tun.« Carl Berman lächelte liebevoll, schloß die Tür und sperrte sie da- mit aus. »Willst du 'n Bier, Peter?« fragte er. »Ein Bier wäre genau richtig. Danke.« Berman ging in die Küche voraus. Die beiden Männer rissen jeder eine Dose Budweiser auf und gingen in den rückwärtigen Teil des Hauses weiter. Bermans schwere Lederstiefel polterten über die Bodendielen; Kramers Sportschuhe quietschten nur leise. Diese Stie- fel! dachte Kramer. Warum trägt Carl dauernd diese großen, schweren Stiefel – sogar im Sommer? Seine Füße müssen… Er seufzte. Berman än- derte sich nie. Er war immer gleich angezogen: kariertes Hemd mit offenem Kragen, Jeans, Stiefel. Eine Windjacke aus dunkelgrauem, Nylon, wenn es kalt war; ansonsten gab es bei ihm keine Verände- rungen. Aber diese Sachen paßten irgendwie zu ihm. Berman zog einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte die Tür des Raums auf, den er als seinen Hobbyraum bezeichnete. Von außen schien es sich um eine ganz normale Holztür zu handeln, aber als sie aufging, wurden ihre dicke Isolierung und die massiven Angeln sichtbar. »Vorsicht, Stufe«, warnte Berman seinen Besucher. Die beiden Männer betraten den etwas erhöhten Raum; Berman verriegelte die schwere Tür hinter ihnen. Kramer ging zu einem Ses- sel und ließ sich hineinfallen. Berman setzte sich auf einen Hocker an der langen Werkbank und trank einen großen Schluck aus seiner Bierdose. »Eine großartige Frau, deine Meg«, sagte Kramer schließlich, wäh- rend er Berman scharf beobachtete. »Sie hat sich nie dafür interes- siert?« »Yeah«, antwortete Berman leicht verlegen grinsend. »Yeah, sie ist 'ne großartige Frau, meine ich«, fügte er hastig hinzu, »aber für die- sen Raum hat sie sich nie interessiert. Sie würde nicht mal reinge- hen, wenn er nicht abgeschlossen wäre. Sie ist überhaupt nicht neu- gierig. Für sie ist er bloß mein Hobbyraum. Du weißt schon – Bü- cher, Angelzeug, ein paar barbusige Pin-up-Girls. Ein richtiges Män- nerreservat, in das sie nicht eindringen will.« Im Umgang der beiden Männer miteinander war eine subtile Ver- änderung eingetreten. Der fünfundvierzigjährige Berman war viel stärker und wirkte viel zielbewußter wie Kramer. Berman gehörte ein gutgehendes Waffen- und Sportgeschäft in der Innenstadt von Baltimore. Er hatte sich als guter und gerissener Geschäftsmann er- wiesen; seine nüchterne Zuverlässigkeit und seine geradlinige Art sicherten ihm Respekt. Peter Kramer hätte Bermans Neffe, ein Verkäufer in seinem Ge- schäft oder Bermans Schwager sein können – vielleicht Megs jünge- rer Bruder. Hätte Meg selbst jemals darüber nachgedacht, hätte sie, Kramer als den jüngeren Freund und Geschäftspartner ihres Man- nes beschrieben, was nur teilweise zutreffend gewesen wäre. Hier in der Ungestörtheit und Abgeschiedenheit von Carl Bermans Hobby- raum zeigte sich deutlich, daß Kramer Bermans Boß war – eine Tat- sache, die der Ältere bereitwillig akzeptierte. Kramer sah sich in diesem Raum um, der nicht viel Ähnlichkeit mit dem Hobbyraum eines Durchschnittsamerikaners hatte, son- dern eine kompakte, aber vollständig eingerichtete Werkstatt war. Berman hatte ihn vor einigen Jahren – vor seiner Heirat mit Meg – selbst ausgebaut und isoliert. Das einzige Fenster bestand aus drei Lagen verspiegeltem Sicherheitsglas, das Licht einließ, aber zugleich verhinderte, daß jemand von draußen hereinsehen konnte. Das dicke Glas färbte das einfallende Tageslicht eigenartig bläulich. Die aufwendige Schalldämmung verkleinerte den ohnehin nicht sehr großen Raum ziemlich, aber dafür drang praktisch kein Laut nach draußen. Berman hatte an ein Kind mit einem neuen Spielzeug erinnert, als er Kramer den fertig ausgebauten Raum erstmals gezeigt hatte. Er hatte sich eine kleine Vorführung für seinen Boß ausgedacht. Nach- dem er Kramer gebeten hatte, draußen zu warten und aufmerksam zu horchen, hatte er die schwere Tür geschlossen. Neunzig Sekun- den später war er wieder erschienen, hatte seinen Gehörschutz ab- genommen, Kramer hereingebeten und die Tür hinter ihm zuge- macht. »Hast du was gehört?« fragte er gespannt. Kramer sog prüfend die Luft ein und sah in einer Ecke einen mit Sand gefüllten Eimer stehen. Auf dem Boden davor lag etwas Sand verstreut. Er konnte sich denken, woraus die Demonstration be- standen hatte. »Einen Schuß«, sagte er sofort. Berman wirkte zutiefst enttäuscht, bis Kramer ihm auf die Schul- ter klopfte und ihm gratulierte. Nur der stechende Geruch habe ihm verraten, daß hier ein Schuß gefallen sei, versicherte er ihm. Tatsächlich hatte er lediglich ein ganz leises Geräusch gehört, als sei, hinter der Tür ein Buch zu Boden gefallen. Sonst nichts. Und er hatte wirklich angestrengt gehorcht. Er wiederholte lächelnd seinen Glückwunsch. Als Beweis zeigte Berman ihm strahlend einen schweren Revolver Kaliber 41-Magnum – aber Kramer lehnte die angebotene weitere Demonstration hastig ab. Er war sehr zufrieden; Bermans Werkstatt konnte irgendwann nützlich sein. Die Maschinen konnten surren, heulen, kreischen und stampfen, aber niemand würde sie jemals hö- ren. Solange Berman nicht mit dem Gesetz in Konflikt kam, würde kein Mensch erfahren, was in diesem Raum vorging. Berman hatte stets sorgfältig darauf geachtet, nicht mit dem Ge- setz in Konflikt zu kommen; aber Kramer war besorgt gewesen, als er von seiner Verlobung erfahren hatte. Natürlich hatte Berman im- mer Freundinnen gehabt. Er hatte eine Vorliebe für jüngere Frauen – manche waren kaum halb so alt wie er gewesen. Sie waren gekom- men und gegangen, aber für Kramer war entscheidend gewesen, daß keine dieser Freundinnen bei Carl eingezogen war. Heiratete er jetzt, kam eine Frau ins Haus – womöglich eine neugierige oder putzsüchtige Ehefrau, die unbedingt wissen wollte, was hinter dieser Tür lag und ob dort Staub gesaugt werden mußte. Kramer sah jedoch bald, daß er sich vorschnell Sorgen gemacht hatte. Tatsächlich hätte Carl keine bessere Wahl treffen können – Meg war ein fröhliches, unkompliziertes, nicht allzu intelligentes Wesen. Sie nahm das Leben, wie es gerade kam, und schien sich nie sehr für die geschäftlichen Angelegenheiten ihres Mannes zu inte- ressieren. »Also, Carl«, sagte Kramer, »kommen wir zur Sache. Irgendwelche neuen Ideen, was die Waffe betrifft?« Berman nickte eifrig. »Yeah, wenn man berücksichtigt, was du mir erzählt hast, sollten wir die 5,61-Millimeter-Fireball-Patrone von Re- mington nehmen. Das ist eine für Wettbewerbe gedachte Pistolen- munition mit hoher Mündungsgeschwindigkeit und großer Schuß-, weite. Sie hat Ähnlichkeit mit Gewehrmunition, ist aber eigens für Lauflängen unter fünfundzwanzig Zentimetern entwickelt worden. Verschießt man normale Gewehrmunition aus einem kurzen Lauf, verliert man viel Mündungsenergie, weil das Pulver nicht vollstän- dig verbrennen kann. Mit schneller abbrennendem Pulver lassen Kaliber wie die 5,66-Millimeter-Remingtonpatrone sich bei Lauflän- gen bis zu fünfunddreißig Zentimetern verwenden, aber das ist die Untergrenze, wenn man nicht viel Mündungsgeschwindigkeit und Schußweite verlieren will. Darum ist die 5,61-Millimeter-RF meiner Meinung nach ideal.« »Ist sie überall erhältlich?« »Auch das spricht für sie«, antwortete Berman. »Wir wollen Mu- nition, die praktisch nicht nachweisbar ist. Und genau das ist die RF – eine industriell hergestellte Patrone. Das schließt nicht aus, daß ich damit experimentiere, um zu versuchen, die Treibladung noch effektiver zu machen, aber das könnte jeder Sportschütze. Das wäre nicht nachweisbar. Übrigens auch die Pistole nicht, was für mich den Ausschlag gegeben hat.« »An welche Pistole denkst du?« fragte Kramer. Berman zog eine Schublade unter der Werkbank auf und nahm behutsam eine lange, gefährlich aussehende Waffe mit anatomisch geformten Griffschalen heraus. »Hier.« Er gab sie Kramer. »Das ist eine alte XP-100, die seit Jahren bei mir rumliegt. Offiziell existiert sie gar nicht. Sie stammt aus dem Lagerbestand eines Händlers, der verknackt worden ist, weil er kein vorschriftsmäßiges Register ge- führt hat. Die Cops haben mich gebeten, seinen Bestand zu katalo- gisieren. Ich habe ihn in Kommission genommen und legal ver- kauft, aber dies ist eine der Waffen, die ich beiseite geschafft habe.« Kramer begutachtete sie zweifelnd. Er zog ihren Ladehebel zurück und ließ ihn wieder nach vorn schnappen. »Für unsere Zwecke ist sie viel zu lang, Carl.« »Klar – fast fünfundvierzig Zentimeter. Aber das wird geändert., Ihren Lauf können wir um mindestens zwölf Zentimeter kürzen, und wenn sie nur einen Schuß abgeben soll, kann der Ladehebel entfallen, was noch mal zehn Zentimeter sind. Die Abzugsvorrich- tung muß ich sowieso komplett umbauen. Das fertige Produkt dürfte ungefähr dreißig Zentimeter lang sein.« Er tätschelte die Waf- fe geistesabwesend wie einen Hund, legte sie weg und zündete sich eine Zigarette an. »Wie du weißt«, fuhr er dann fort, »modifiziere ich viele Waffen für Kunden aus dem Laden. Ich habe alles hier, was ich für einen Umbau brauche, aber ich würde absichtlich grob und mit schlechtem Finish arbeiten, als hätte ein Laie die Waffe umgebaut. Mit Bearbeitungsspuren, nicht brüniert oder poliert – ganz amateurhaft. Aber funktionieren würde sie trotzdem.« »Klingt gut«, sagte Kramer in neutralem Tonfall. »Was ist mit dem Schalldämpfer?« »Den brauchen wir nicht«, antwortete Berman. »Bei diesem Hoch- geschwindigkeitsgeschoß wirkt kein Schalldämpfer – sein scharfer Knall kommt daher, daß es überschallschnell ist. Damit wir uns richtig verstehen: Ein Schalldämpfer kann eingesetzt werden, um den Knall des Treibgases zu dämpfen, damit schwerer zu orten ist, woher der Schuß gekommen ist. Aber in diesem Fall dürfte das keine große Rolle spielen. Ich glaube nicht, daß wir das Gerät nach dem Einsatz bergen können, deshalb ist's ziemlich egal, wie schnell es nach dem Schuß entdeckt wird – dann ist's ohnehin längst zu spät.« »Richtig«, sagte Kramer, dem Bermans Logik einleuchtete. »Wir lassen den Schalldämpfer weg.« Er griff nach seiner Aktentasche. »Ich will dir zeigen, wie weit ich inzwischen gekommen bin.« Kramer holte drei mit Luftpolsterfolie geschützte Gegenstände heraus. Er wickelte sie aus und legte sie nebeneinander auf die Werkbank. Der erste war eine Platine ungefähr im A4-Format, in deren Mitte ein etwa fünf mal acht Zentimeter großer schwarzer Prozessor saß. »Okay«, sagte Kramer, »hier haben wir das Gehirn, des Ganzen. Dieser große Chip ist der Hauptprozessor – eine Neu- entwicklung, die ich aus Fachzeitschriften kenne, aber bisher nie im Original gesehen hatte. Er wird als Gamma-Chip bezeichnet und ist viel schneller und leistungsfähiger als alles, was auf dem freien Markt erhältlich ist. Hast du zum Beispiel schon mal was von einem Pen- tium-Prozessor gehört?« »Nein«, gab Berman zu. »Ich verstehe was von Waffen, das weißt zu. Aber von Computern habe ich nicht viel Ahnung.« »Nun«, erklärte Kramer ihm, »der Pentium von Intel ist der Nach- folger des Mikroprozessors 80486 dieser Firma. Mit seiner CPU- Taktfrequenz von fünfundsiebzig Megahertz arbeitet er wesentlich schneller als der alte 486er mit maximal Sechsundsechzig Mega- hertz. Und in einigen Jahren, sagen wir mal bis 1995, gibt's einen Pentium, der mit hündertfünfzig Megahertz oder noch mehr läuft. Das ist dann wirklich schnell!« »Und das ist schon einer von denen?« »Nein«, sagte Kramer. »Dieser Gamma-Chip ist eine Klasse für sich. Kannst du dir hundert Pentiums vorstellen, die alle parallel laufen, sich die Arbeit aufteilen und untereinander Informationen austauschen? Das entspräche ungefähr der Leistung dieses Chips hier.« Berman starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Er konn- te sich nichts dergleichen vorstellen. »Ich brauchte meine Lesebril- le«, grunzte er. »Das aufgedruckte Zeichen sieht fast wie ein ›y‹ aus. Kommt aus Japan, stimmt's?« »Nein, er ist ein amerikanisches Produkt. Das ›y‹ ist der griechi- sche Buchstabe Gamma. Der Chip ist verdammt viel Geld wert, auch wenn er äußerlich nicht viel hermacht. Siehst du diese Dinger hier?« Kramer zeigte auf den oberen linken Rand der Leiterplatte. Dort steckten in vier Reihen je acht kleinere Speicherbausteine. »Je- der dieser zweiunddreißig kleinen Chips hat eine RAM-Kapazität von sechzehn Megabyte. Insgesamt ergibt das eine Speicherkapazi-, tät von fünfhundertzwölf Megabyte – und glaub mir, das ist eine Menge. Du hast hier Speicherbausteine für über zwanzigtausend Dollar vor dir.« Bermans Augenbrauen schossen nach oben. Von solcher Hardware versteht er nicht viel, überlegte Kramer sich, aber mit Geld kennt er sich aus. »Aber im Vergleich zum Wert des Gamma-Chips ist das praktisch nichts«, fuhr Kramer fort. »Jetzt sieh dir diese Dinger an.« Er zeigte auf vier Prozessorblöcke unter den RAM-Chips. »Das ist eine mei- ner nachträglichen Verbesserungen – programmierbare ROMs, die bei diesem Gerät eine Festplatte überflüssig machen. Ihre Kapazität ist nicht allzu groß – nur sechzehn Megabyte –, aber das gesamte IRIS-Programm, Vergleichbilder der Zielperson und ein von mir ge- schriebenes Programm, das die Waffe nachführt und ausrichtet, werden darauf Platz haben. Das IRIS-Programm und ein Testbild sind schon darin gespeichert.« »Wie denn? Warum braucht das alles so wenig Platz?« fragte Ber- man verständnislos. »Wozu ist soviel… äh… RAM-Kapazität da? Ich meine, die ist doch um ein Vielfaches größer, wenn man sie mitein- ander vergleicht.« »Berechtigte Frage«, gab Kramer zu. »Das Programm und die Bilder sind permanent in PROM gespeichert; sie bleiben dort und werden vom Gamma-Chip konsultiert. Die eigentliche Arbeit leistet das RAM – oder vielmehr der Gamma-Chip, dem das RAM durch schnelle Informationsbeschaffung zuarbeitet. Pro Sekunde muß das RAM bis zu fünfundzwanzig neue Bilder speichern, während der Gamma-Chip sie verarbeitet und gleich aussondert, wenn sie nicht den vorgegebenen Mustern entsprechen. Die Bilder selbst kommen hier oben an…« Dabei zeigte Kramer auf die obere rechte Ecke der Leiterplatte. »Diese drei Dinger werden als ADCs bezeichnet, Analog-to-Digi- tal Converters, und wandeln analoge Signale in digitale um. Einer, ist fürs rote Spektrum da, einer fürs grüne, einer fürs blaue. Sie wandeln das Kamerasignal in digitale Informationen um, damit sie weiterverarbeitet werden können. Das ursprüngliche IRIS-Programm für Schwarzweißbilder hätte nur einen ADC gebraucht. Da es bei unserer Zielperson aus irgendeinem Grund auf Farberkennung an- kommt, habe ich zwei weitere ADCs integrieren müssen. Ich bin schon richtig gespannt, wer sich als unsere Zielperson rausstellen wird. Vielleicht ist ihre Hautfarbe eher gelb als weiß.« »Oder der Kerl ist ein Schwarzer«, warf Berman ein. »Auch möglich… Jedenfalls wird das Signal von den drei ADCs umgewandelt und gelangt als nächstes in dieses größere Bauteil hier. Das ist ein Bildarretierungssystem, das du dir ähnlich wie die Standbildfunktion eines Videorecorders vorstellen kannst – nur we- sentlich komplizierter. Dieses System speichert die Bildinformatio- nen, bis der Gamma-Chip sie verarbeitet und ausgesondert hat, und hält danach gleich wieder das nächste Bild fest. Das passiert fünf- undzwanzigmal in der Sekunde.« »Diese eine Leiterplatte enthält also die gesamte Elektronik?« »Ja«, sagte Kramer und griff nach den beiden anderen Gegenstän- den auf der Werkbank. »Diese Bauteile sind unkomplizierter – ein Nickel-Cadmium-Akku als Notstromversorgung und ein handelsüb- liches Netzteil. Dutzendware.« Er fing an, die Baugruppen mitein- ander zu verbinden. Nachdem er das Netzteil eingesteckt hatte, be- tätigte er einen Mikroschalter an der Platine. Das winzige Kühlge- bläse des Gamma-Chips surrte kaum wahrnehmbar, aber sonst war nichts zu hören. »Fertig«, sagte Kramer. »Das IRIS ist jetzt mitsamt seinem standardisierten Vergleichsbild geladen. Es wartet nur noch auf Input zu Vergleichszwecken. Mehr ist nicht nötig.« »Was?« fragte Berman ungläubig. »Einfach ohne Bildschirm? Ohne Tastatur?« »Richtig«, antwortete Kramer gelassen. »Die sind im Einsatz über- flüssig. Wer will noch was eingeben, wenn das Gerät erst mal instal-, liert ist? Und wer will dann noch auf einen Bildschirm sehen? Das Programm lädt sich beim Einschalten automatisch, also ist keine Eingabe erforderlich. Die Vergleiche erfolgen elektronisch, also ist auch der Bildschirm überflüssig.« Berman runzelte zweifelnd die Stirn. »Woher weißt du, daß es funktioniert?« Kramers Antwort bestand daraus, daß er einen weiteren Gegen- stand, den Berman auf den ersten Blick für eine gewöhnliche Vi- deokamera hielt, aus seiner Aktentasche holte. »Genau«, bestätigte sein Boß, »ein Spitzenmodell, aber überall erhältlich. Ich habe den Output verändert, bin aber noch nicht dazugekommen, sie zu zer- legen und überflüssige Teile wie Bandantrieb und Sucher auszu- bauen. Bin ich erst mal damit fertig, wiegt sie kaum noch die Hälf- te. Dieses Kabel hier«, sagte er und deutete auf ein aus der Kamera hängendes, dünnes Koaxialkabel, »wird neben den ADCs in die Lei- terplatte eingesteckt.« Er schloß es mit dem kleinen Stecker an, schaltete die Kamera ein und stellte sie auf die Werkbank. Dann richtete er sie auf die leere Wand neben der Tür. Die automatische Scharfeinstellung der Kamera machte einen ver- geblichen Versuch, sich scharf einzustellen, aber die Wand war leer. Kramer stellte die Aufnahmeentfernung manuell auf drei Meter ein. »Später arbeitet die Kamera mit derselben Stromversorgung wie der Computer. So, hier haben wir ein paar schöne farbige Großfotos«, sagte er und zog einen großen flachen Umschlag aus seiner Akten- tasche. Er ging zur Tür, um das Foto eines Oldtimers mit Steckna- deln an der Wand zu befestigen. »Das ist gewissermaßen ein Test- bild.« Kramer sah durch den Sucher und richtete die Kamera so aus, daß sie nur das Foto erfaßte. Das Bild war scharf. »Okay«, sagte er zufrieden. »Du deckst jetzt das Objektiv mit diesem Stück Papier ab, ja?« Berman hielt die Pappe vors Objektiv, um das Bild zu verdecken, und Kramer ersetzte den Oldtimer durch eine barbusige Schönheit, aus einem Sexmagazin. »Mal was ganz anderes«, meinte Kramer trocken, während er Ber- mans unverkennbar anerkennenden Blick beobachtete. »Okay, nimm die Pappe wieder weg, damit wir sehen, ob 'ne Sicherung durchbrennt.« Berman zog grinsend die Pappe weg. »Was soll denn passieren?« »Nichts«, sagte Kramer. »Das IRIS scheint nicht viel von ihr zu halten.« Berman lachte wiehernd. »Objektiv abdecken«, wies Kramer ihn an. Das nächste Foto zeigte einen Mann in Bermans Alter, den er nicht kannte. »Gut – wieder wegziehen.« »Wer ist der Kerl?« fragte Berman. Das IRIS hatte wieder nicht reagiert. »John Doe«, antwortete Kramer. »Keine Ahnung, wer er ist. Nur ein Testbild. Abdecken!« Kramer wiederholte diese Übung mit sechs weiteren Aufnahmen wildfremder Menschen. Als neuntes Bild befestigte er einen Schnappschuß von sich selbst an der Wand. »Auf dem Foto hab ich mir schon immer gefallen«, meinte er grinsend. »Pappe weg!« »Okay, Peter«, sagte Berman seufzend, denn diese Versuche lang- weilten ihn allmählich. »Ich weiß jetzt, was du meinst. Vorläufig passiert nichts. Aber was macht das Ding, wenn es jemand er- kennt?« »Nur Geduld, Carl«, sagte Kramer. »Du wirst's gleich sehen. Deck' das Objektiv wieder ab.« Er befestigte ein weiteres Bild an der Wand. »Hey, das bin ja ich!« sagte Berman, als er eine Aufnahme er- kannte, die Meg erst neulich von ihm gemacht hatte. »Zieh' die Pappe weg, Carl.« Berman gehorchte wortlos. Fast augenblicklich kam aus der Lei- terplatte ein lauter Piepston, während eine rote LED aufflammte. »Hey!« rief er fast erschrocken aus. »Was macht das Ding? Es, glaubt wohl, daß es mich erkennen soll? Was soll der Scheiß? Spinnt der Kasten jetzt?« Kramer lachte über Bermans plötzliche Aufregung. »Alles in Ord- nung, Carl. Für diesen Praxistest habe ich dem Computer dein Bild eingegeben. Aber sei unbesorgt«, fügte er hinzu, »das ist nur ein Demonstrationsbeispiel gewesen.« Berman wirkte leicht verstört. »Das Ding ist unheimlich«, mur- melte er. »Wie, zum Teufel, macht es das?« »Tatsächlich«, sagte Kramer, jetzt wieder ernsthaft, »ist das für das IRIS ein sehr leichter Test gewesen, weil ich genau dieses Foto von dir eingegeben hatte. Probleme gibt's, wenn die Beleuchtung anders ist oder die Zielperson aus einem anderen Blickwinkel gesehen wird oder den Kopf leicht gesenkt hält. Oder sogar schon, wenn die Sonne scheint, so daß Nase und Augenbrauen Schlagschatten wer- fen, die bei bewölktem Himmel nicht auftreten würden. Wie wird das IRIS damit fertig? Was passiert, wenn die Haarlänge der Zielper- son anders ist als auf der Bildvorlage? Oder wenn sie eine Sonnen- brille trägt? Oder sich einen Schnurrbart hat stehen lassen? Oder ei- nen Hut trägt? Oder nur im Profil zu sehen ist? Das sind nur einige der Punkte, die mir Kopfschmerzen machen.« Berman nickte nachdenklich. »Yeah«, sagte er, »das leuchtet ein. Kann das IRIS alle diese Dinge ausgleichen?« »Bis zu einem gewissen Grad«, antwortete Kramer. »Aber es ist noch längst nicht perfekt. Zum Glück ist unsere Zielperson angeb- lich ganz unproblematisch. Leider weiß ich, wie gesagt, noch nicht, wer er oder sie ist.« Er seufzte frustriert. »Aber das spielt vorläufig keine Rolle. Da ich weiß, wo das Attentat vorgesehen ist, habe ich mir den Ablauf schon überlegen können. Das bedeutet, daß wir alles zusammenbauen und das Gerät dann praktisch testen können. Okay«, sagte er abschließend, »reden wir also über das Gehäuse und die Servomotoren, mit denen die Waffe ausgerichtet werden soll.« Die beiden Männer diskutierten zwanzig Minuten lang über den, Richtmechanismus, bis sie beide überzeugt waren, er werde zuver- lässig funktionieren. Dann verpackte Kramer die Einzelteile wieder in Luftpolsterfolie und verstaute sie in seiner Aktentasche. Berman entriegelte die Tür des Hobbyraums, begleitete Kramer hinaus und sperrte hinter ihnen sorgfältig wieder ab. »Okay, bis bald, Peter«, sagte Berman, als sie an der offenen Haustür standen. »Bis bald, Carl«, antwortete Kramer. Auf der anderen Seite des Rasens jätete Meg Berman in einem Blumenbeet Unkraut. »Bye, Meg!« rief er zu ihr hinüber. Sie richtete sich auf, drehte sich um. »Bye, Peter!« rief sie zurück und winkte. »Hey, Peter«, sagte Berman mit plötzlich besorgter Miene. »Du wechselst das Foto in dem verdammten Ding aus, ja? Aber nicht vergessen, okay?« Kramer lachte grimmig, als er sich in seinen großen Chrysler setz- te. »Keine Angst, Carl«, antwortete er, »es wird garantiert ausgewe- chselt.«,

Colonel Max Goodale ging auf dem römischen Flughafen Leo-nardo da Vinci durchs Ankunftsgebäude und erwartete, daß

sich in der Halle viele Menschen drängen würden, um Passagiere abzuholen. Zu seiner Überraschung herrschte dort verhältnismäßig wenig Gedränge; er suchte die Linie aus einigen Chauffeuren, Reise- veranstaltern und Firmenvertretern ab, die Schilder mit Passagier- namen hochhielten, war jedoch nicht überrascht, kein Schild mit seinem Namen zu sehen. Während sein Blick über die wartenden Angehörigen und Freunde glitt, fragte er sich, ob er den Mann er- kennen würde, den er noch nie gesehen hatte und mit dem er sich hier treffen wollte. Das einzige Foto, das Goodale von Ed Howard kannte, war über zwanzig Jahre alt – ein offizielles Foto aus der Zeit, als Howard als junger Offizier bei den Royal Marines gewesen war. Schon damals eine interessante Erscheinung, fand Goodale: dunkle, kantige Ge- sichtszüge mit zielbewußtem Ausdruck, der auf Charakterstärke schließen ließ. Es war nicht schwierig, sich die Veränderungen vor- zustellen, die in den Jahren danach eingetreten sein mußten. Vor allem jedoch, sagte Goodale sich, würde Howard durch seine Größe und seinen Körperbau auffallen. Ein Mann mit einem Meter neunzig blieb nur selten lange unentdeckt, und bei achtzig Kilo- gramm Gewicht mußte er drahtig, eher mager sein. Außerdem wür- de er, das wußte Goodale, fit und durchtrainiert sein und sich mit der sparsamen, geschmeidigen Präzision bewegen, die kein ehema- liger Angehöriger der Special Forces jemals ganz verleugnen konnte. Goodale erreichte das Ende der Reihe ungeduldig Wartender, ohne jemanden zu sehen, auf den Howards Beschreibung paßte., Vor ihm fand lärmend ein glückstrahlender italienischer Familien- treff statt, und eine Gruppe schwatzender japanischer Touristen ver- ursachte mit ihren überladenen Gepäckkarren einen Stau. Goodale, den kein Gepäckkarren behinderte, ging um sie herum und machte sich auf den Weg zum Informationsstand. Ob Howard mich von ei- nem dieser Sessel aus beobachtet? fragte er sich, während er rasch die Sitzreihen absuchte. Nein. »Colonel Goodale?« Die Stimme hinter ihm klang ruhig und ge- lassen. Goodale blieb stehen, drehte sich um. »Mr. Howard.« Er lächelte und streckte ihm die Hand hin. »Sehr nett von Ihnen, daß Sie mich abholen.« Die beiden Männer musterten sich etwa eine Sekunde lang ab- schätzend. Howards Gesichtsausdruck ließ nicht einmal andeu- tungsweise erkennen, was er dachte. Goodale fiel auf, daß sein vol- les schwarzes Haar jetzt an den Schläfen grau meliert war, und das Gesicht trug die Spuren der Erfahrungen, die Howard seit damals, als das alte Foto gemacht worden war, in sein Leben hineingepackt hatte. Vor allem fesselten ihn jedoch seine dunklen Augen. Ihr Blick war intensiv, fast zwingend, obwohl sie jetzt beinahe aus- druckslos wirkten. Goodale hatte erwartet, eine Spur von Mißtrau- en zu sehen – jedenfalls eine gewisse Wachsamkeit –, aber auch da- von war nichts zu bemerken. Goodale fühlte sich kurzzeitig aus dem Gleichgewicht gebracht. »Mein Wagen steht draußen«, sagte Howard. »Fahren wir zum Mittagessen? Ich weiß ein gutes Restaurant.« »Ausgezeichnete Idee«, antwortete Goodale. Howard sprach unterwegs nur wenig, sondern konzentrierte sich ganz auf die Straße. Er gehörte zu den Fahrern, zu denen man so- fort Vertrauen hat, und fuhr seinen Alfa Romeo schnell und sicher. Schon nach hundert Metern wußte Goodale instinktiv, daß ihm mit Howard selbst in der lärmenden Anarchie des italienischen Ver-, kehrs nichts passieren konnte. Wider Erwarten fuhren sie nicht nach Rom hinein, sondern waren bald weit draußen auf dem Land. Der Verkehr nahm noch mehr ab, als Howard auf immer kleinere Nebenstraßen abbog. Nach etwa vierzig Minuten bog er in einen Kiesweg ein, der zu einem ziemlich schäbigen, halb verfallenen, kleinen Ristorante am Rand eines Dorfes führte. »Über Äußerlichkeiten müssen Sie hinwegsehen«, sagte Howard, als er den Motor abstellte. »Es ist gut, und wir sind hier völlig un- gestört.« Goodale stieg aus und genoß die frische Luft. Fast ideal, dachte er. Weit draußen auf dem Land. Hierher verirrt sich kein Tourist – oder fährt daran vorbei. »Perfekt«, sagte er laut. Für sie war ein kleiner Tisch im Garten, im Schatten eines knor- rigen alten Olivenbaums, reserviert. Goodale zog sein Jackett aus und hängte es über die Stuhllehne. Der Tag war heiß, aber ein an- genehmer leichter Wind machte die Hitze erträglich. Goodale wirk- te entspannt und unverkrampft, obwohl er wußte, daß die Angele- genheit, die er mit Howard zu besprechen hatte, viel Verhandlungs- geschick erfordern würde. Howard hatte sich schon früher die Fin- ger verbrannt, sogar ziemlich schmerzhaft. Er würde nicht einfach klein beigeben. »Nun, Colonel«, begann Howard mit dem beunruhigend direk- ten, nüchternen Blick, der Goodale bereits auf dem Flughafen auf- gefallen war, »ich bin einigermaßen gespannt, muß ich sagen. Am Telefon hat Johnny mir nur erklärt, daß Sie mir irgendeinen Vor- schlag machen wollen, den ich mir anhören sollte. Ich bin ganz Ohr.« Ja, das sieht man, dachte Goodale. Dieser Mann war jemand, der sich immer nur auf eine Tätigkeit konzentrierte und sich ihr ganz widmete. Kein Mann, der sich von der gerade ausgeübten Tätigkeit ablenken ließ, wobei es gleichgültig war, ob er Auto fuhr oder ein Attentat auf ein ausländisches Staatsoberhaupt plante und durch-, führte. Das was Goodale bisher an Howard beobachtet hatte, be- stätigte alles, was er gehört oder erwartet hatte. Eine Karaffe Rotwein aus der Umgebung wurde serviert, und als der Ober gegangen war, fing Goodale an, den Grund seines Be- suchs zu erläutern. Fast eine Stunde später waren die beiden Män- ner noch immer ins Gespräch vertieft. Goodale lehnte sich schein- bar entspannt auf seinem Stuhl zurück. In gewisser Beziehung war er das auch. Das Mittagessen war einfach, aber ausgezeichnet gewe- sen, und der hiesige Rotwein hatte es ideal ergänzt. Tatsächlich war ihr Gespräch fast ein Monolog gewesen, denn Goodale hatte es überwiegend allein bestritten. Howard, der ihm leicht nach vorn ge- beugt gegenübersaß, hatte ihn nur selten unterbrochen, um knap- pe, aufs Wesentliche zielende Fragen zu stellen. »So«, sagte Goodale schließlich, »was halten Sie davon?« Howard machte eine nachdenkliche Pause. »Nun«, meinte er dann, »zweifellos eine spannende Geschichte. Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich gern noch ein paar Einzelheiten klären. Das ist Ihnen doch recht?« »Bitte sehr«, sagte Goodale nickend. »Okay. Erstens: Wie sicher steht fest, daß das IRIS eine ernste Ge- fahr darstellt? Wie zuverlässig ist es?« »Ziemlich zuverlässig, fürchte ich. Nicht hundertprozentig – ge- genwärtig noch nicht –, aber doch so gefährlich, daß wir die Bedro- hung sehr ernst nehmen müssen. Das Ganze ist ein klassischer Fall einer technischen Neuentwicklung mit guter Zielsetzung – die Auf- rechterhaltung von Recht und Ordnung –, die sich nur allzu- leicht für verbrecherische Zwecke einsetzen läßt. Offenbar hat nie- mand vorausgesehen, daß das IRIS so programmiert werden kann, daß es eine ganz bestimmte Person erkennt und einen Sprengsatz zündet, sobald diese Person auftaucht. Das ganze Ding, habe ich gehört, wäre je nach Größe der Bombe nicht größer als ein Akten- koffer. Und wie ich vorhin erwähnt habe, könnte sie, irgendwo ver-, steckt, endlos lange darauf warten, daß die Zielperson aufkreuzt – ähnlich wie die Bombe, die in Brighton um ein Haar das Kabinett Thatcher ausgelöscht hätte. Aber die hat natürlich einen Zeitzünder gehabt, während das IRIS keinen braucht. Da es die Zielperson selbständig erkennt, ist es weder von Zeitplänen noch von einer Fernsteuerung abhängig. Das macht es tödlich gefährlich.« »Hm«, meinte Howard nachdenklich. »Ja, ich verstehe. Und Sie haben keine Ahnung, wer die Zielperson ist?« »Keine«, bestätigte Goodale knapp. »Da wir wissen, daß der Auf- trag an die Stasi gegangen ist, setzen wir voraus, daß es sich um ei- ne wichtige Persönlichkeit handelt. Sogar daß wir wissen, daß die Iraner den Auftrag erteilt haben, hilft uns kaum weiter. Es bedeutet, daß die Zielperson jemand ist, der den Iranern nicht genehm ist, aber das scheint heutzutage auf praktisch jedermann außerhalb des Irans zuzutreffen.« »Was ist mit diesem Stasi-Stützpunkt in Nordkorea?« fragte Ho- ward. »Wieviel wissen Sie über den?« »Wir kennen vor allem seine genaue Position«, antwortete Goo- dale, »und wir wissen von amerikanischen Satellitenaufnahmen ziem- lich genau, wie er aussieht. Der Stützpunkt ist ein einzelnes Gebäu- de, das verhältnismäßig isoliert innerhalb eines Stacheldrahtzauns steht. Vermutlich ein ehemaliges Militärgebäude, das die nordkorea- nische Regierung der Stasi zur Verfügung gestellt hat. Wie viele Per- sonen dort arbeiten, wissen wir nicht, aber die Satellitenaufnahmen haben vor dem Gebäude nie mehr als drei Lastwagen und zwei Ge- ländewagen gezeigt. Daraus und aus der Größe des Gebäudes tip- pen wir auf ungefähr zwanzig Mann.« »Und die Position?« fragte Howard weiter. »Ja, die ist interessant. Keine zwei Kilometer vom äußeren Zaun der Kernforschungsanlage Jöngbjön entfernt. Ich vermute, daß die Stasi-Leute dort irgendwie tätig sind – vielleicht als Sicherheitsbera- ter oder dergleichen.«, »Und das alles wissen Sie, nur weil das GCHQ einen einzigen Funkspruch mitgehört hat?« »Ja«, bestätigte Goodale. »Ich kann Ihnen die Mitschrift zeigen. Der Mann am Funktelefon hat nicht viel gesagt, aber was er gesagt hat, läßt darauf schließen, daß dieses Gebäude ein fester Stütz- punkt, nicht nur eine zeitweilige Unterkunft ist. Die Stimme des Anrufers ist mit der des ehemaligen Stasi-Offiziers Gerhard Eisener identisch. In dem früher von unserer Überwachungsstation auf dem Berliner Teufelsberg abgehörten Funk- und Fernsprechverkehr ist sie regelmäßig zu hören gewesen.« »Gut, ich bin jetzt im Bilde«, sagte Howard mit deutlich sarkasti- schem Unterton. »Ich soll ein Team zusammenstellen, das in Nord- korea eindringt, den Stasi-Stützpunkt findet und ausschaltet, diesen Eisener umlegt, das IRIS-Gerät klaut und es Ihnen zurückbringt? Einfach so?« »Mehr oder weniger«, antwortete Goodale ruhig, ohne seinen Sarkasmus zur Kenntnis zu nehmen. »Aber ich glaube nicht, daß Sie das IRIS dort finden werden. Wahrscheinlich wird es in dem Land, in dem die unbekannte Zielperson ermordet werden soll, be- reits seiner neuen Aufgabe angepaßt. Für uns ist wichtig, welche Person an welchem Ort ermordet werden soll – sobald wir das wis- sen, ist die IRIS-Bombe nicht mehr ganz so schwer zu finden.« »Nun, Colonel«, fuhr Howard fort, »ich will Ihnen ehrlich sagen, daß ich die Erfolgsaussichten dieses Unternehmens sehr skeptisch beurteile. Das heißt nicht, daß ich nicht darüber nachdenken wer- de, aber bevor ich das tue, möchte ich noch ein paar Punkte ge- klärt haben. Vor allem einen«, sagte er, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Sein Blick bohrte sich in Goodales Augen. »In wessen Auftrag sind Sie eigentlich hier?« Goodale hatte diese Frage erwartet. »Im Auftrag der Regierung Ihrer Majestät«, sagte er einfach. Howard zog ganz leicht die linke Augenbraue hoch. »Woher weiß, ich das?« »Ich habe Verständnis für Ihre Einstellung, Mr. Howard«, antwor- tete Goodale. »Man hat Ihnen suggeriert, die Regierung stehe hinter Ihrem vorigen Unternehmen – was sie selbstverständlich nicht ge- tan hat. Sie sind irregeführt worden. Aber ich bin nicht hier«, fuhr er fort, nachdem er kurz überlegt hatte, »um diese Sache wieder ans Tageslicht zu zerren oder Sie irgendwie unter Druck zu setzen, da- mit Sie dieses Unternehmen wagen. Was meine Legitimation be- trifft, kann ich heute keine vorweisen, die Sie überzeugen würde. Sollten Sie den Auftrag jedoch annehmen, werden Sie genügend Be- weise erhalten. Innerhalb bestimmter Grenzen können Sie auf staat- liche Unterstützung zählen, obwohl dieses Unternehmen ›demen- tierbar‹ bleiben muß. Sie werden natürlich eine Einkaufsliste haben. Hereford, um ein Beispiel zu nennen, oder Poole stehen Ihnen da- für zur Verfügung. The Queen's Messenger Service kann den Trans- port … unhandlicher Frachtstücke übernehmen. Sie verstehen, was ich meine?« Howard nickte langsam. Der Zugang zu SAS- und SBS-Waffen- kammern würde ihnen vieles erleichtern, und als Kuriergepäck ge- tarnte Transporte konnten sehr nützlich sein – er erinnerte sich an die großen Risiken und Schwierigkeiten von Unternehmen, die er als ›Illegaler‹ durchgeführt hatte. »Das wäre bestimmt nützlich«, gab er zu. »Etwas anderes ist mir allerdings noch unklar. Sie sind pen- sioniert. Außerdem«, sagte er, »sind Sie früher beim MI5 gewesen. Kein SIS- oder SF-Mann, sondern ein Fünfer. Aber für diese Sache hier ist Fünf nicht zuständig. Warum also Sie?« »Völlig berechtigte Frage«, antwortete Goodale. »Ich bin eigens zurückgeholt worden, um diesen Fall zu bearbeiten. In solchen Dingen gibt's oft mehr Überlappungen, als man annehmen sollte. Die Verantwortlichkeiten sind selten klar abgegrenzt, und den Auf- trag bekommt oft derjenige, der – unabhängig von seinem üblichen Job – am meisten davon versteht. Das wissen Sie selbst. Aber, hauptsächlich bin ich wohl hier«, fuhr er fort, »weil das meine Idee gewesen ist. Und ich bin der einzige Mensch außerhalb Ihres eige- nen Kreises, der von Ihnen, Ihren Kameraden und Ihrer Vergangen- heit weiß. Viele Leute glauben noch immer nicht, daß letztes Jahr im Irak etwas passiert ist – und sie wissen erst recht nicht, daß Sie darin verwickelt gewesen sind. Aber ich weiß es. Und dem Mann, der das geschafft hat, traue ich auch zu, dieses Unternehmen zum Erfolg zu führen.« »Nehmen wir mal an, ich wäre bereit, mich näher damit zu befas- sen«, sagte Howard zurückhaltend. »Wie würden die finanziellen Bedingungen aussehen?« »Sie würden gut bezahlt«, antwortete Goodale sofort. »Die nähe- ren Einzelheiten können wir später vereinbaren, wenn Sie sich ei- nen Überblick über den Umfang des Unternehmens verschafft ha- ben. Aber ich versichere Ihnen, daß mir die Schwierigkeiten und Gefahren völlig klar sind, und niemand könnte vernünftigerweise annehmen, daß so etwas als mildtätige Geste verstanden wird – oder als eine Art Wiedergutmachung«, fügte er lächelnd hinzu. »Das war's also?« fragte Howard. »Mehr oder weniger«, sagte Goodale. »Aber weil wir gerade dabei sind…« Es gelang ihm, ein leicht verlegenes Gesicht zu machen, als er merkte, daß Howards Augen sich erneut mißtrauisch verengten. »Es gibt also noch was?« »Nun, wissen Sie…« Goodale machte jetzt den Eindruck, als sei ihm das angeschnittene Thema ausgesprochen peinlich. »Tatsache ist, daß ich gebeten worden bin, Sie zu fragen, ob Sie während des Aufenthalts im Gebiet um Jöngbjön einen weiteren Auftrag durch- führen könnten. Wirklich nur eine Kleinigkeit.« »Ach, wirklich?« fragte Howard ironisch. »Und was sollen wir dort tun? Den Kernreaktor in die Luft jagen? Einen Tagesausflug runter nach Pjöngjang machen und den alten Kürbiskopf persön- lich umlegen? Kommen Sie, Colonel! Sie wissen doch genau, daß, niemand zwei Aufträge gleichzeitig übernehmen kann.« »Ja, ja, gewiß«, sagte Goodale hastig. »Aber diese Sache ist wirk- lich relativ einfach, wissen Sie. Es handelt sich nur darum, in der Nähe des Kernforschungszentrums – möglichst im Innenbereich – ein Überwachungsgerät aufzustellen. Die genauen Einzelheiten sind noch nicht festgelegt. Aber wir müssen unbedingt erfahren, was dort drinnen abläuft, und bisher sind unsere Informationen darü- ber sehr spärlich. Mir ist versichert worden, daß diese Sache ziem- lich einfach ist.« »Einfach oder nicht – sie gefällt mir nicht!« widersprach Howard nachdrücklich. »Und es ist garantiert alles andere als einfach, in diese Anlage einzudringen. Aber mein Haupteinwand ist, daß dieser Auftrag uns ablenken und das Unternehmen zusätzlich komplizie- ren würde.« »Das verstehe ich völlig«, erklärte Goodale ihm mit einer be- schwichtigenden Geste. »Ich möchte nur, daß Sie sich diese Sache überlegen, sobald Sie genau wissen, worum es sich handelt.« »Gut, ich denke darüber nach, aber ich…« »Ich danke Ihnen«, unterbrach Goodale ihn rasch. »Ich verlange nicht mehr, als daß Sie darüber nachdenken, wenn's soweit ist. Al- so… kann ich davon ausgehen, daß wir uns vorläufig einig sind?« Howard streckte langsam seinen langen Arm über den Tisch, und die beiden Männer schüttelten sich die Hände.,

Tom Levy drängte sich gebieterisch durch die in der Eingangs-halle wartende Menge und steuerte auf die Freitreppe zu, die in

den ersten Stock hinaufführte. Als er die unterste Stufe erreichte, drückte er seine Schultern zurück. Errol Flynn, dachte er. Errol Flynn hat auf Treppen immer gut gewirkt. Charisma. Persönlichkeit. Power! Er begann die Treppe hinaufzusteigen. Sein Gesichtsausdruck war fins- ter zielbewußt, während er an den Gästen vorbeistampfte, die in langer Reihe anstanden, um oben begrüßt zu werden. »Hey, was…«, quiekste eine Frau protestierend, als Levy sich rück- sichtslos an ihr vorbeidrängte. Auch bloß 'ne Null, dachte er und vergaß sie sofort wieder. Er kam oben an und ging sofort an die Spitze der Warteschlange. »Tom Levy«, verkündete er mit sonorer Stimme, während seine hochgewachsene Gestalt den Sekretär des Botschafters überragte. »Sonderberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten.« Levy beug- te sich nach vorn und flüsterte dem Sekretär zu: »Sorgen Sie dafür, daß das richtig rauskommt, okay?« »Gewiß, Mr. Levy«, sagte der Sekretär höflich. Als er sich um- drehte und Namen und Stellung des Gastes nannte, war seine Stim- me bei weitem nicht so laut und aufsehenerregend, wie Levy es sich gewünscht hatte. George Hamilton, dachte Tom Levy. Er ließ das Zwanzigtausend- dollarlächeln aufblitzen, das er der Kunst seines Zahnarztes ver- dankte, und trat vor, um seinem Gastgeber die Hand zu schütteln. »Mr. Ambassador!« sagte er dabei überlaut. »Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen! Was für eine phantastische Party!« Levys Blick glitt sekundenlang durch den Saal, ruhte kurz auf den Figuren ei-, niger jüngerer Frauen. »Welch glänzender Rahmen!« »Danke, Mr. Levy«, antwortete der norwegische Botschafter gelas- sen. »Wir freuen uns, daß Sie uns die Ehre geben. Meine Frau Eva kennen Sie natürlich schon.« Levy wandte sich Eva Carlsson zu und bedachte sie mit einem Lächeln. »Aber natürlich!« Er nahm ihre Hände in seine und senkte dabei etwas den Kopf. »Mrs. Carlsson. Eva«, sagte er bedeutungs- voll. »Es ist einfach großartig, Sie wiederzusehen. Das ist mein voller Ernst!« »Ich freue mich, daß Sie kommen konnten, Mr. Levy«, antwortete sie. »Und ich hoffe, daß Sie sich auf unserer Party amüsieren wer- den.« »Da bin ich ganz zuversichtlich, Ma'am«, versicherte Levy ihr. Diese Matronen in mittleren Jahren waren immer ganz weg von sei- nem überwältigenden Charme, das wußte er. Na ja, was gibt's heut- zutage, das mehr Glamour als die alten Hollywoodgrößen ausstrahlt? Nein, die Frau des Botschafters steht auf echten Stil, wie er früher üblich war. Er lächelte ihr nochmals zu, wandte sich ab, nahm ein Glas Champag- ner vom Tablett eines Obers und stolzierte dann selbstbewußt auf die im Saal plaudernden Gäste zu. Eva Carlsson hatte sich ihrem Mann zugewandt. »Solche Männer kann ich nicht ausstehen«, flüsterte sie ihm zu. Der Botschafter antwortete mit einem liebevollen Verschwörerlä- cheln, bevor er ihren nächsten Gast begrüßte. Levy bahnte sich gebieterisch seinen Weg durch die Menge, in- dem er den wenigen Gästen, deren Gesichter er kannte, huldvoll zu- nickte. »Alan!« rief er laut, als er in einigen Metern Entfernung den dienstälteren Senator aus Wisconsin erkannte. Alan Glassner stand an diesem Abend auf seiner Liste der Leute, mit denen er sich ge- winnbringend unterhalten konnte, aber noch waren sie durch an- dere Gäste getrennt. Charlton Heston, dachte Levy. Wie in ›El Cid‹. Nein, wie in ›Die zehn Gebote‹., Tom Levy reckte das Kinn vor und bahnte sich mit frischem Elan seinen Weg. Die Menge teilte sich vor ihm wie das Rote Meer. Er erreichte Glassner. Wieder George Hamilton. Das Lächeln blitzte auf. »Wie geht's Ihnen, Alan? Freut mich, Sie zu sehen. Hören Sie, ich möchte kurz etwas mit Ihnen besprechen.« Ohne Glassners Frau, die beleidigt ein finsteres Gesicht machte, auch nur eines Blickes zu würdigen, legte Levy dem bedauernswerten Senator einen Arm um die Schultern, zog ihn beiseite und redete dabei ernsthaft auf ihn ein. Power! dachte Tom Levy zehn Minuten später. Was die Rechte Homosexueller betraf, war Glassner jetzt auf die Linie des Präsiden- ten eingeschwenkt. Es hatte nur ein paar Minuten gedauert, ihn da- von zu überzeugen. Was Levy nicht mehr sah, war der irritierte Gesichtsausdruck des Senators, der zugleich seine erneuerte Entschlossenheit ahnen ließ, als Glassner sich wieder zu seiner Frau gesellte. Er gratulierte sich noch zu seinem Erfolg, als er plötzlich einen halblauten Aufschrei hörte, nach dem jemand heftig gegen ihn prallte und seinen linken Ellbogen anstieß, so daß er sich Champagner über Hemd und Ja- ckett spritzte. Das Glas fiel zu Boden und zerschellte. »Oh! Tut mir schrecklich leid!« sagte eine sanfte musikalische Stim- me, bevor der aufgebrachte Levy losbrüllen konnte. Er drehte sich nach ihr um und blickte in ein besorgtes, aber schönes Gesicht. Sie zog ein kleines Taschentuch heraus und begann, vorsichtig sein Ja- ckett abzutupfen. »Ihre Jacke!« entschuldigte sie sich. »Tut mir sehr leid«, sagte sie nochmals. »Jemand hat mich angestoßen, und ich habe das Gleichgewicht verloren. Können Sie mir jemals verzei- hen?« Sie tupfte kopfschüttelnd weiter, konzentrierte sich ganz auf diese Tätigkeit. Während sie weitertupfte, stieg Levy ein köstlich berauschender Duft in die Nase. Nein, dachte er, das ist kein übliches Washingto- ner Dutzendparfüm, das man reichlich nimmt, bevor man auf eine, elegante Cocktailparty geht. Das ist… Raffinesse. Eigentlich hatte er eine Vorliebe für schulterlange blonde Locken über großen, aber nicht sonderlich intelligenten blauen Augen; aber hier umrahmte elegant frisiertes, dunkles Haar ein schmales, ausdrucksvolles Ge- sicht mit hohen Wangenknochen. Dann glitt sein Blick tiefer und streifte die bloße Andeutung eines vielversprechenden Dekolletes über einem klassisch schlichten schwarzen Modellkleid. Mit fünf- undvierzig war er den Umgang mit naiv-raffinierten Zwanzigjähri- gen gewöhnt, die Spaß daran hatten, sich von einem der ehrgeizig- sten und einflußreichsten ›Macher‹ der Hauptstadt zum Essen, zum Wein und ins Bett einladen zu lassen. Sie ließen alles raushängen, aber diese Lady… Diese Lady hatte einfach Klasse. Als sie mit ihrem Taschentuch fertig war, strich sie ihm die Jacke glatt, wobei ihre langen, eleganten Finger leicht seine Brust streif- ten. Dann hob sie die Hände und rückte ihm mit einem Lächeln die Schleife gerade. »So!« sagte sie aufmunternd. »Alles in Ord- nung!« In diesem Augenblick wurde sie erneut von hinten angerempelt. Als ihre Finger von der Schleife abrutschten und seinen Hals streif- ten, fühlte Tom Levy ihren Körper auf ganzer Länge an seinem. Die Berührung elektrisierte ihn. Von diesem Augenblick an wußte er, daß er diese Frau haben mußte. »Kennen wir uns nicht von irgendwoher?« fragte er schließlich. »Sie sind nicht zufällig…?« Eine instinktive Reaktion – darauf waren schon Dutzende von Frauen hereingefallen. Aber als er ihre leicht abweisende Miene sah, bereute er augenblicklich, es mit dieser billigen Anmache versucht zu haben. »Nein«, antwortete sie wieder lächelnd, »ich heiße Joanna Stone. Und ich weiß bestimmt, daß wir uns nicht von irgendwoher ken- nen. Aber ich weiß, wer Sie sind, glaube ich. Sind Sie nicht Tom Levy? Der Tom Levy aus dem Weißen Haus?«, »Zu Diensten, Ma'am!« »Hören Sie«, sagte er dann, »ich möchte Sie wirklich besser ken- nenlernen. Leider kann ich nicht länger bleiben, weil ich noch an- derswo eingeladen bin. Zu einer Abendgesellschaft im Weißen Haus – mit dem Präsidenten. Ich darf ihn nicht versetzen, so gern ich auch wegbleiben würde!« Merkwürdig, dachte er, so was habe ich noch nie ohne eine gewisse Ironie gesagt. Irgendwas ist mit mir passiert, glau- be ich. »Ganz sicher nicht, Mr. Levy. In Ihrer Position darf man sich sei- nen gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht entziehen!« stimmte sie lebhaft zu. »Außerdem muß ich heute abend wirklich meinen Begleiter retten, glaube ich. Er ist ein kanadischer Geschäftsmann, ganz neu in Washington, und ich sehe, daß dieser recht gutausse- hende, aber tödlich langweilige, irische Diplomat ihn sich ge- schnappt hat. Wahrscheinlich reden sie über Fischfangquoten«, fügte sie hinzu, wobei sie ihre Mundwinkel ausdrucksvoll nach un- ten zog. Levy bewunderte ihre vollen, zum Küssen einladenden Lippen und mußte sich beherrschen, um nicht zu versuchen, diese Einla- dung sofort anzunehmen. Aber er wußte, daß er bei einer Frau die- ser Art subtiler vorgehen mußte. »Ich würde Sie wirklich gern einmal zum Dinner einladen«, be- teuerte er. »Es sei denn, dieser Kanadier…« Er ließ den Rest seiner Frage unausgesprochen. »Aber ich sollte Sie zum Dinner einladen«, wandte sie lächelnd ein. »Schließlich müssen Sie die chemische Reinigung bezahlen! Ja, ich würde Ihre Einladung mit Vergnügen annehmen… und seien Sie unbesorgt, in meinem Leben gibt's gegenwärtig keinen Mann. Mein kanadischer Freund ist, nun…« Sie bewegte leicht flatternd die Hän- de. »Sagen wir mal nicht interessiert?« »Vielleicht müßten Sie den Iren retten?« schlug Levy vor. »Schon möglich«, antwortete sie. Ihre haselnußbraunen Augen, glitzerten dabei. »Also, soll ich Ihnen meine Telefonnummer ge- ben?« »Ich bitte darum.« »Haben Sie einen Stift für mich?« »Sie brauchen sie mir nicht aufzuschreiben.« »Aber Sie vergessen sie bestimmt nicht?« »Todsicher nicht«, antwortete er wahrheitsgemäß. Telefonnum- mern vergaß er nie. Joanna sagte ihm die Nummer. »Ich bin wirklich froh, Sie ken- nengelernt zu haben, Tom. Rufen Sie mich bald an.« Sie bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Gewühl. Dieses Lächeln verdankt sie keinem Zahnarzt, dachte er bewundernd. Jesus, was für eine Frau! »Entschuldigung… Entschuldigung«, hörte er sich sagen, als er sich zwischen Gästen in Abendkleidung hindurchschlängelte, um sich von den Gastgebern zu verabschieden. Entschuldigung? Tom Levy merkte plötzlich, daß er eine volle Viertelstunde lang nieman- den unfreundlich, herrisch oder verächtlich behandelt hatte.

Die ersten Passagiere aus Los Angeles kamen durch den Zoll.Howard stand hinter den Wartenden, die sich an der Absper-

rung drängten, und rauchte eine Zigarette, während sein Blick über die Gesichter der Ankommenden glitt. Nach einigen Minuten er- kannte er eine großgewachsene, athletische Gestalt in Jeans und ei-, nem karierten Hemd. Das Gepäck des Mannes bestand aus einem Aktenkoffer und einem großen grünen Rucksack, der schon bessere Tage erlebt hatte. »Mike! Lange nicht mehr gesehen!« rief er ihm zu. »Wie geht's, Ed?« Mike Ziegler schüttelte ihm breit grinsend die Hand. Howard grinste ebenfalls. »Wie ich sehe, hast du noch immer die- sen schäbigen alten Bergen-Rucksack«, stellte er vorwurfsvoll fest. »Warum kaufst du dir keinen neuen – oder einen Koffer wie andere Leute auch?« »Den hab ich als Erinnerung an die gute alte Zeit dabei«, sagte Ziegler. »Überhaupt ist er noch völlig brauchbar. Außerdem käme kein Mensch darauf, den zu klauen, stimmt's? Jedenfalls kommt mir diese neue Sache wie 'ne Wiederholung einer Spielaufzeichnung vom letzten Jahr vor. In welches Land marschieren wir diesmal ein?« »Das erzähle ich dir unterwegs«, antwortete Howard. »Los, wir müssen weiter!« Die beiden hatten sich kennengelernt, als Howard im Rahmen ei- nes Austauschprogramms zum amerikanischen Sea, Air and Land Service – abgekürzt SEALS –, dem Gegenstück des Special Boat Ser- vice, abkommandiert worden war. Sie hatten 1979 den Militärdienst quittiert, um für Zieglers Vater zu arbeiten, einem an der New Yor- ker Warenterminbörse erfolgreichen Makler. Aber das Stadtleben hatte ihnen so wenig gefallen, daß sie nach drei Jahren gekündigt und die auf Beratungen in Sicherheitsfragen spezialisierte Firma XF- Securities gegründet hatten. ›XF‹ bedeutete ›ex-forces‹, und die von ihnen angeworbenen Männer hatten tatsächlich alle in den Special Forces gedient, meistens im SAS. In jüngerer Zeit hatten die beiden gemeinsam den gefährlichen Einsatz im Irak überlebt. Draußen in der Kurzparkzone warf Ziegler seinen Rucksack auf den Rücksitz von Howards Leihwagen, stieg dann vorn ein und, schob den Beifahrersitz ganz zurück, um Platz für seine langen Bei- ne zu schaffen. »Hast du im Flugzeug schlafen können?« fragte Howard, als sie zur Ausfahrt unterwegs waren. »Nicht viel«, antwortete Ziegler. »Los, komm schon! Worum geht's diesmal? Rede endlich!« »Du hättest dich wenigstens rasieren können, du Bär«, sagte Ho- ward. »Du siehst beschissen aus.« »Fuck you!« wehrte Ziegler ungerührt ab. »Bei mir kriegst du, was du siehst, du Strolch. Los, pack' endlich aus!« Ziegler hörte schweigend zu, bis Howard ihm das Unternehmen geschildert hatte. »Ed«, sagte er dann, »du nimmst's mir hoffentlich nicht übel, aber das klingt nach einem verdammt schwierigen Auf- trag. Mir gefällt diese Idee nicht, zwei Jobs miteinander zu kombi- nieren. Dort einzudringen und mit heiler Haut wieder rauszukom- men, wird schon schwierig genug. Aber ein gottverdammtes Über- wachungsgerät mitschleppen zu müssen, ganz abgesehen davon, daß wir's in einer feindlichen Kernforschungsanlage installieren sol- len… Nein, das gefällt mir kein bißchen, Ed!« »Ich weiß«, antwortete Howard. »Der atomare Teil ist mir ge- nauso unsympathisch wie dir. Ich habe auch noch nicht endgültig ja gesagt, sondern nur zugestimmt, ihn mir durch den Kopf gehen zu lassen.« »Okay«, sagte Ziegler. »Wir kennen uns schließlich lange genug – ich mache mit, wofür du dich auch entscheidest. Wen haben wir sonst noch an Bord? Hast du mit Johnny darüber gesprochen?« »Ich habe mit ihm gesprochen, ja. Aber ich habe entschieden, daß er nicht mitkommt. Teufel, Mike, er kann nicht! Er ist nicht fit – seine Beinwunde aus dem Irak ist noch längst nicht ausgeheilt.« »Daß er nicht dabei ist, wird ihm nicht gefallen«, meinte Ziegler. »Natürlich gefällt's ihm nicht«, bestätigte Howard, »aber er weiß, daß ich recht habe. Ich habe ihm angeboten, ihn unter zwei Bedin-, gungen mitzunehmen: daß er sich einem der SAS-Testwoche ent- sprechenden Leistungstest unterzieht, um zu beweisen, daß er wie- der fit ist, und eine schriftliche Einverständniserklärung von Juliet beibringt.« Ziegler lachte. »Nun, ich hab ihn länger nicht mehr gesehen, da- rum weiß ich nicht, wie fit er ist. Aber wie ich Juliet kenne, stehen seine Chancen, daß sie damit einverstanden ist, denkbar schlecht.« Howard nickte grinsend. »Johnny hat gleich gewußt, daß er damit scheitern würde. Ich glaube nicht mal, daß er den Mumm gehabt hat, sie danach zu fragen. Aber ich habe ihm eine Art Trostpreis angeboten – er wird in Seoul stationiert und soll unsere Funkver- bindung einrichten. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas. Co- lonel Goodale begleitet ihn.« »Okay, wer gehört sonst noch zum Team?« »Tony Ackford, Mel Harris, Angelo Zeccara und Pete Halliday.« Ackford und Harris kannte Ziegler gut; beide waren voriges Jahr mit Howard und ihm im Irak gewesen. Ackford, ein hünenhafter ehemaliger Boxchampion, konnte auf viele Dienstjahre im SBS zu- rückblicken. Im Wasser fühlte er sich in seinem Element. »Und was sagt Kathy dazu?« erkundigte Ziegler sich grinsend. Sie alle hatten schon oft darüber gelacht, daß Ackfords zierliche, grund- los eifersüchtige, irische Frau ihren Mann nie von zu Hause fort- ließ, wenn Howard ihr nicht zuvor schriftlich bestätigt hatte, daß Tony die Wahrheit sagte. »Ihre Genehmigung habe ich noch nicht eingeholt«, gab Howard zu. »Wird langsam Zeit, daß ich's tue!« Auch den drahtigen, lebhaften Harris kannte Ziegler seit vielen Jahren. Der frühere SAS-Sergeant, ein Aktivposten für jedes Unter- nehmen, besaß die schnellste Reaktionsfähigkeit, die Howard und Ziegler je erlebt hatten. Dank dieser Schnelligkeit war er ein hervor- ragender Kricketspieler gewesen und sogar zweimal in die National- mannschaft berufen worden, aber er war dann doch lieber Soldat, geworden, statt eine Sportlerkarriere anzustreben. Halliday und Zeccara, der Engländer mit italienischem Vater, sagten Ziegler weniger. »Mit Pete Halliday hab ich ein paarmal tele- foniert«, stellte er fest, »aber ich weiß nicht viel über ihn. Und An- gelo kenne ich gar nicht.« »Die beiden kommen vom SAS, aus dem zweiundzwanzigsten«, berichtete Howard. »Pete ist Sergeant gewesen; er hat letztes Jahr den Dienst quittiert. Er ist zwölf Jahre beim Regiment gewesen und ziemlich überall rumgekommen. Johnny hat ihn auf den Falkland- inseln kennengelernt. Zuletzt ist er im Golfkrieg dabeigewesen. An- gelo hat eine ähnliche Laufbahn hinter sich, aber er ist bis vor kur- zem beim Regiment gewesen. Pete und er sind alte Kameraden. Mel Harris hat die beiden auch gekannt – er hat sie für die XF rekru- tiert. Pete ist ein guter Funker, der sich mit den neuesten Geräten auskennt. Sein Interesse dafür ist noch gewachsen, seit er im Golf- krieg miterlebt hat, wie Kameraden durch defekte Geräte und fal- sche Frequenzen in Schwierigkeiten geraten sind. Nicht ganz unlo- gisch, findest du nicht auch?« »Yeah«, meinte Ziegler. »Was ist Angelos Spezialität?« Howards Antwort bestand daraus, daß er mit einem Zeigefinger einen Kreis über seinem Kopf beschrieb. »Wir haben alle keine Pra- xis mehr«, sagte er, »und Angelo hat darin mehr Erfahrung als wir alle.« »Scheiße!« sagte Ziegler lachend. »Mann, das wird Big Tony aber nicht gefallen!« »Ja, ich weiß«, bestätigte Howard grinsend. »Ich hab's ihm noch nicht gesagt. Das erfährt er erst in letzter Minute.« »Damit sind wir also komplett? Sechs Mann?« »Sieben«, sagte Howard. »Wir brauchen einen zusätzlichen Mann. Der Colonel ist dabei, sich nach einem mit den richtigen Fähigkei- ten umzusehen.« »Was soll er können?«, »Das ist nicht schwer zu erraten. Wir brauchen einen Dolmet- scher für Koreanisch. Einen guten.« »Oh«, seufzte Ziegler. »Yeah, darauf hätte ich selbst kommen müssen. Daran ist der gottverdammte Jet-lag schuld.« Er machte eine Pause. »Das könnte bedeuten, daß wir einen Zivilisten mitneh- men müssen, außer wir finden… Hey, da fällt mir was ein! Den rich- tigen Mann gibt's wahrscheinlich eher in den Staaten als hier in England. Von uns werden dauernd Leute in Südkorea eingesetzt. Soll ich mal rumfragen?« »Das hat der Colonel sich auch überlegt. Er sagt, daß er schon eine Liste von Leuten hat, die in die engere Wahl kommen. Bis auf einen sind sie anscheinend alle Amerikaner mit mindestens einem koreanischen Elternteil. Der Colonel führt die Sicherheitsüberprü- fung durch, deshalb brauchen wir uns nicht selbst umzusehen – aber ich habe ihm gesagt, daß wir mit dem Mann, den er aussucht, einverstanden sein müssen.« »Yeah«, sagte Ziegler. Er runzelte die Stirn. »Nun, hoffentlich nimmt's der Colonel mit seiner Sicherheitsüberprüfung recht ge- nau, wenn du weißt, was ich meine.« »Ich weiß genau, was du meinst. Das macht mir nämlich auch Sorgen.«

Tom Levy hatte vor Aufregung und Vorfreude Herzklopfen, alser mit dem Lift zu Joanna Stones Apartment im siebten Stock

hinauffuhr. Er brachte ihr Blumen mit und hatte einen Tisch im, richtigen Restaurant bestellt: intim, elegant, aber nicht so modisch, daß es schon wieder vulgär war – das ideale Ambiente für eine chice Frau in den Dreißigern. Nach dem Essen würden sie vielleicht ein bißchen tanzen, danach… nun, er würde sehen, wie die Sache sich entwickelte. Er wollte nichts überstürzen. Seit ihrer ersten Be- gegnung auf der Party in der norwegischen Botschaft waren vier Tage vergangen, in denen er ständig an sie hatte denken müssen. Trotzdem hatte er der Versuchung widerstanden, ihr erstes Rendez- vous zu beschleunigen. Er hatte drei Abende lang im Weißen Haus bis spät nachts mit dem Präsidenten arbeiten müssen und bewußt auf einen freien Abend gewartet, um genug Zeit für Joanna zu ha- ben. Sie hatte sich hörbar über seinen Anruf gefreut und ihm spon- tan versichert, sie gehe sehr gern mit ihm aus. Er hatte instinktiv erkannt, daß Joanna eine ganz besondere Frau war. Und er war zu dem Schluß gekommen, sie sei nicht nur hoch- intelligent und umwerfend attraktiv, was offensichtlich war, sondern besitze auch mehr Sexappeal als sämtliche Frauen, die er bisher ge- kannt hatte. Paradoxerweise kam das daher, daß sie nicht alles zeig- te, was sie besaß. Er wollte sehr viel Mühe – und notfalls auch viel Zeit – in diese ganz spezielle Lady investieren. Cary Grant, dachte er. Cary Grant hat sich immer wie ein Gentleman benommen. Vielleicht etwas zu sehr… Okay, sagte er sich, schließen wir einen Kompromiß: Cary Grant, aber mit einem starken Schuß Warren Beatty. Der Aufzug hielt ohne Ruck. Levy holte tief Luft und trat aus der Kabine. Ein Hinweisschild zu den Apartments 701-705 zeigte nach links. Er ging den breiten, mit hochflorigem Teppichboden ausge- legten Korridor entlang und blieb vor der Nummer 703 stehen. Nachdem er noch einmal tief Luft geholt hatte, drückte er auf den Klingelknopf. Verdammt! sagte er sich erstaunt. So nervös bin ich seit meiner Zeit in Harvard vor keinem Rendezvous mehr gewesen. Er hörte Schritte näher kommen; dann klickte das Türschloß, und Joanna erschien auf der Schwelle., Diesmal fand er sie noch schöner als bei ihrer ersten Begegnung. Ihr kurzes dunkles Haar umrahmte das schmale Gesicht und be- tonte ihre Wangenknochen und die elegante Linie ihres Unterkie- fers. Ihre auffällig haselnußbraunen Augen – fast Löwenaugen – er- widerten gelassen seinen Blick. »Hallo, Joanna«, stammelte er unbeholfen. Alle weltmännischen Begrüßungsworte, die er sich zurechtgelegt hatte, waren plötzlich verflogen, und er stand wie ein schüchterner, pickliger Teenager da und spielte verlegen mit dem Blumenstrauß in seinen Händen. »Sie… Sie haben hoffentlich nichts dagegen, wenn ich das sage… Teufel, ich muß es einfach sagen. Sie sehen wunderbar aus!« Als sie lächelte, verschwand der Anflug von Ernst von ihrem Ge- sicht. »Danke, Tom«, antwortete sie mit sanfter, halblauter Stimme. Dann bekam sie große Augen, als sie die Blumen sah. »Oh, die sind herrlich! Sind sie für mich?« »O ja, natürlich«, sagte er hastig. »Zwei Dutzend der besten Ro- sen, die ich bekommen konnte. Aber… sie sind nicht mit Ihnen zu vergleichen. Keine Blume der Welt ist mit Ihnen vergleichbar.« Noch während er das sagte, fand er das Kompliment entsetzlich ba- nal, aber er konnte nicht anders – in ihrer Gegenwart war ihm ein- fach so zumute. Um ihn aus seiner Verlegenheit zu erlösen, streckte Joanna ihre Hand aus und nahm ihm die Rosen ab. »Danke«, murmelte sie. »Ein wundervoller Strauß. Und kommen Sie doch bitte herein. Wir können nicht endlos zwischen Tür und Angel miteinander plau- dern.« Er folgte ihr in ein Wohnzimmer, das genau so eingerichtet war, wie er es sich vorgestellt hatte: elegant, aber mit gewissem Under- statement. Tom Levy konnte keine Louis-quinze-Kommode von ei- nem Kaufhausmöbel unterscheiden, aber irgend etwas sagte ihm, daß diese Stücke hier echt waren. Aber eigentlich interessierte er sich mehr für Joanna als für seine Umgebung. Nachdem er bisher, nur undeutlich wahrgenommen hatte, daß sie irgendwas Helles trug, ließ er jetzt seinen Blick über ihren Körper gleiten. Ihr ärmel- loses weißes Kleid unterstrich ihre perfekte Figur, und die dezente Beleuchtung ließ ihre Gliedmaßen sonnengebräunt und geschmei- dig wirken. »Nehmen Sie Platz, Tom«, sagte sie über die Schulter hinweg und verschwand in einem Raum, den er für die Küche hielt. »Ich stelle nur schnell die Rosen ins Wasser. Und dann sollte's einen Drink ge- ben, finde ich.« »Klingt großartig«, sagte Levy. In der Küche lief Wasser, und er hörte Joannas Stimme rufen: »Ich brauche noch einen Augenblick, bis ich fertig bin, Tom. Auf der Hausbar finden Sie eine Flasche Schampus. Könnten Sie die für uns aufmachen?« Levy sah sich im Wohnzimmer um und erkannte in einer Ecke eine diskrete Hausbar. »Wird gemacht«, antwortete er. Schampus, sagt sie! dachte er, als er sah, was im Eiskübel stand. Veuve Clicquot – eine der besten Marken außer Jahrgangschampagnern. Er drehte den Draht- verschluß auf und lockerte behutsam den Korken, der mit einem gedämpften Knall aus der Flasche glitt. Dann füllte er langsam die beiden Kristallkelche, die neben dem Eiskübel bereitstanden. Hinter der Bar war ein Spiegel angebracht, und Levy starrte ganz unbewußt sein Spiegelbild an. Er hatte sein gewohntes Selbstbe- wußtsein zurückgewonnen und wußte, daß er gut aussah. Du hast's dir verdient, dachte er bewundernd. Gib's auf, Cary Grant - Tom Levy's Zeit ist gekommen! Plötzlich erkannte er hinter seinem Spiegelbild eine weitere Ge- stalt. Dort stand Joanna mit leicht amüsierter Miene. Levy drehte sich rasch um, hielt ihr ein Glas Champagner hin und stellte be- wundernd fest, daß sie jetzt ein langes creme-weißes Seidenneglige trug, das ihren Körper fließend umhüllte und die Linien ihrer end- los langen, schlanken Beine betonte, als sie auf ihn zukam. Sie stie-, ßen miteinander an und tranken. Ihr Blick ließ seinen nicht mehr los. »Zwecklos – ich kann mich einfach nicht entscheiden, was ich an- ziehen soll«, murmelte sie. »Aber wie wär's mit einem Begrüßungs- kuß für mich, während ich weiter nachdenke?« Er stellte ihre Gläser weg und zog Joanna sanft an sich. Sie hob ihm ihr Gesicht mit halb geschlossenen Augen entgegen. Ihre Lip- pen begegneten sich erst fast zögernd, dann fordernder. Unter sei- ner glatten Seidenhülle fühlte ihr Körper sich unglaublich erotisch an. Tom empfand diese Berührung als wunderbar neu, aber zu- gleich auch völlig vertraut. Er hatte das Gefühl, als kenne er sie schon endlos lange, als sei dies die natürlichste Sache der Welt. »Unser Tisch ist für halb neun reserviert«, sagte er leise. »Aber ich glaube nicht, daß es stört, wenn wir… etwas später kommen.« »In diesem Fall«, flüsterte sie, »löst die Garderobenfrage sich von selbst.« Sie bewegte ihre Schultern, und er zitterte vor Erregung. Das Neglige glitt an ihrem Körper herab und blieb malerisch dra- piert vor ihren Füßen liegen. »Ich hätte nicht gedacht…« begann Tom. »…daß es so schnell dazu kommen würde?« ergänzte Joanna. »Ich bin keine unbedarfte Neunzehnjährige, Tom. Ich weiß, was ich will. Und im Augenblick will ich nur dich… Und du willst mich auch, nicht wahr?« »O ja! Ja, sogar sehr«, antwortete er heiser. Er sah sich rasch nach der richtigen Tür um. »Nein, nicht im Schlafzimmer, Tom«, murmelte sie. »Gleich hier.« Er blickte auf den schöngemusterten Teppich hinunter, auf dem sie standen. »Ein echter Orientteppich, Tom. Ein sehr altes, sehr kostbares Stück. Komm, wir lieben uns hier. Das ist viel aufregender, finde ich!« Joanna Stone machte sich langsam daran, den Sonderberater des, Präsidenten zu entkleiden.

Das Telefon klingelte. Howard sah von seinen Landkarten undLuftbildern auf, zündete sich eine Zigarette an und nahm den

Hörer ab. »Hallo?« »Eine erfreuliche Mitteilung«, sagte eine vertraute Stimme. Max Goodale brauchte seinen Namen nicht zu nennen. »Ich habe eben mit dem Direktor gesprochen, und er ist einverstanden. Er veran- laßt sofort alles Nötige. Sie können jederzeit hinfahren und sich Ihre Ausrüstung zusammenstellen. In Ordnung?« »Gut«, antwortete Howard. »Das erspart uns viel Mühe. Ich rufe dort an, bevor wir kommen – am besten gleich anschließend. Für uns wär's günstig, noch heute hinzufahren.« »Das können Sie tun. Jederzeit, hat der Direktor gesagt.« »Ich müßte noch etwas anderes mit Ihnen besprechen«, sagte Ho- ward. »Hätten Sie morgen abend Zeit? Gegen zehn Uhr bei mir?« »Augenblick.« Goodale sah in seinem Terminkalender nach. »Ja. Also bis morgen abend.« Er legte auf. Howard lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. Ihr kur- zes, kryptisches Gespräch hatte eine gute Nachricht enthalten, die jedoch nicht unerwartet kam. Er konnte sich vorstellen, daß der Di- rektor der Special Forces die Augenbrauen hochgezogen hatte, als er Goodales Bitte gehört hatte, aber seine Genehmigung, daß Ho- ward sich aus den Waffen- und Ausrüstungskammern des 22. SAS- Regiments bedienen durfte, würde ihnen viel Zeit und Mühe spa-, ren. Howard hatte Goodale sogar darauf aufmerksam gemacht, daß sie diese logistische Unterstützung unbedingt brauchten. Einige Ausrüstungsgegenstände, die sie benötigten, waren anderswo prak- tisch nicht erhältlich oder jedenfalls nicht legal zu beschaffen. Er dachte wieder über das Thema nach, das er am nächsten Abend mit Goodale besprechen wollte. Diese Sache würde weit schwieriger zu arrangieren sein; trotzdem hielt Howard seine Idee nicht für aussichtslos. Allerdings würde Goodale dafür ganz nach oben gehen müssen. Er drückte seine Zigarette aus, griff erneut nach dem Telefonhörer und tippte eine Nummer in Hereford ein, die er auswendig wußte. »Sollen wir nicht lieber mit drei Autos fahren, Boß?« schlug Angelo Zeccara vor, als sie sich eine Dreiviertelstunde später vor Mel Har- ris' Haus in West London trafen. »In zwei Wagen bringen wir den ganzen Scheiß nie im Leben unter. Irgendwie wär's nicht clever, mit 'nem Stapel MPs und M-16 auf Mels Dachgepäckträger und zwei Kisten Haftladungen und Handgranaten auf meinem über die M4 zu brettern!« »Wahrscheinlich hast du recht«, sagte Howard. »Wir nehmen auch meinen Wagen. Ich habe ein paar Decken für die Sachen, die auf die Rücksitze kommen. Okay, wir fahren.« Sie erreichten Hereford gegen elf Uhr dreißig und trugen sich im Wachlokal ins Besucherbuch ein. Zeccara und Halliday wurden bald als vertraute Gesichter wiedererkannt. »Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der Erzengel Gabriel ist!« sagte ein SAS-Sol- dat, als Zeccara aus seinem Auto stieg. »Und Feet Halliday auch.« Sein boshaftes Grinsen galt Hallidays Füßen, die bekanntlich Schuh- größe achtundvierzig brauchten. »Was macht ihr beiden Ganoven hier?« »Hallo, Steve«, antwortete Zeccara. Seine Vorderzähne aus Edel-, stahl – eine Folge eines übereifrigen Rugby-Tacklings – ließen sein Lächeln etwas sinister wirken. »Wir sind auf Einkaufstour. Wir wol- len eure Lager ausräumen.« »Natürlich«, sagte Steve Donkin. »Ich hab gehört, daß jemand aus London kommt, und unser Quartiermeistersergeant ist echt sauer gewesen, als ich ihn vorhin gesehen habe. Wer sind diese an- deren Rumtreiber?« »Paß auf, daß du keinen Scheiß redest, Donk«, sagte Harris, der aus dem zweiten Wagen stieg. »Jesus – Mel Harris!« rief Donkin aus, der die katzenartig ge- schmeidigen Bewegungen und den athletischen Körperbau seines früheren Kameraden sofort erkannte. »Das ist aber 'ne Überra- schung! Wie geht's dir, Mel?« »Nicht mehr so gut, seit ich dir begegnet bin«, antwortete Harris und schüttelte Donkin die Hand. »Ich dachte, dich hätten sie längst als dienstuntauglich entlassen. Noch immer als Trooper im Einsatz, was?« »Quatsch«, sagte Donkin. »Ich bin jetzt 'n gottverdammter Cor- poral, und du bist längst vergessen. Wer sind diese anderen alten Knaben?« »Das geht dich einen Dreck an, Kumpel. Jesus, hier müssen sie dringend Leute brauchen, wenn jemand wie du auch nur einen Streifen kriegt, von zweien ganz zu schweigen. Jetzt verpiß dich, be- vor ich dir Beine mache!« »Fuck you! Hey, wer von euch ist Howard?« »Ich«, sagte eine Stimme. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Boß«, sagte Donkin. »Der Kom- mandeur würde Sie gern sprechen, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben.« »Okay, ich komme gleich mit.« Howard wandte sich an Zeccara. »Pete und du geht mit den anderen in die Waffenkammer der drit- ten Kompanie und fangt schon mal an, Ausrüstung zu fassen. Aber, keine M-16, Uzis oder dergleichen. Für jeden ein AKMS und dazu mindestens drei Pistolen mit Schalldämpfer. Lauter Zeug aus dem Warschauer Pakt, verstanden? Wir müssen notfalls als Ostdeutsche durchgehen, und die würden nicht mit modernster westlicher Aus- rüstung rumlaufen.« »Hey, Boß«, fragte Halliday, »können wir nicht wenigstens ein paar Zwohundertdreier mitnehmen?« Howard überlegte kurz. An sich wäre ihm nichts lieber gewesen, denn in geschickten Händen war der 40-mm-Granatwerfer 203 eine vernichtende Waffe. Aber er schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein, Pete. Den einzigen Schußwechsel, auf den wir uns einlassen wollen, kann's bei der Erstürmung des Stasi-Stützpunkts geben – und die dauert nicht lange, wenn wir's richtig anfangen. Für Notfälle neh- men wir ein paar Handgranaten L2 und ein paar Haftladungen mit, aber damit hat's sich schon.« Er wandte sich an Harris und fragte ihn halblaut: »Was weißt du über diesen Donkin? Der könnte zu uns passen, glaub ich.« »Erstklassiger Mann, Boß. Guter Springer und Taucher, kann praktisch alles. Wir sollten ihn für die XP anwerben, sobald er hier ausscheidet.« »Gut, dann strecke schon mal deine Fühler aus. Aber denk an mein Prinzip – keine aktive Anwerbung, okay?« Howard folgte Donkin in das große Stabsgebäude, den Korridor entlang, an der Schreibstube vorbei und ins Dienstzimmer des stell- vertretenden Kommandeurs. Der SAS-Major, den Howard nicht kannte, ließ ihm eine Tasse Kaffee bringen. »Der Chef hat gerade Besuch«, entschuldigte er sich. »Ich muß Sie leider bitten, ein paar Minuten zu warten.« »Kein Problem«, sagte Howard. Fünf Minuten später wurde die Verbindungstür aufgerissen, und ein drahtiger Mann, der zu einer hellen Cordsamthose ein Hemd mit offenem Kragen trug, erschien auf der Schwelle. Sein aschblon-, des Haar war seit ihrer letzten Begegnung dünner geworden. »Ed, du Hundesohn!« Howard stand von seinem Stuhl auf. »Alex! Freut mich, dich wiederzusehen. Wie geht's so?« »Danke, ausgezeichnet«, antwortete der Kommandeur des 22. SAS-Regiments. »Komm rein, damit wir uns ein bißchen unterhal- ten können. Hast du nachher noch Zeit für ein Bier drüben im Kasino?« »Klar«, sagte Howard, folgte Alex Warren nach nebenan und dachte dabei an einen Tag vor vielen Jahren zurück, an dem er ei- nem jungen Pionierhauptmann geraten hatte, an der SAS-Auswahl- prüfung teilzunehmen. »Warum wollen Sie's nicht einfach versu- chen?« hatte er gefragt. »Sie wissen, daß der gewöhnliche Dienst Ihnen nicht viel Spaß macht. Aber Sie sind genau der Typ, der beim SAS gebraucht wird.« Jetzt, fünfzehn Jahre später, war dieser Hauptmann ein Oberstleutnant, war für seine Tapferkeit im Falk- landkrieg mit dem Military Cross ausgezeichnet worden und befeh- ligte die beste und erfahrenste Spezialtruppe der Welt. »So, du willst dir also ein paar unserer Spielsachen aussuchen?« fragte Warren. »Tut mir leid, daß ich euch damit belästigen muß«, sagte Ho- ward. »Kein Problem«, versicherte Warren ihm lächelnd. »Aber du hät- test hören sollen, wie der Quartiermeister geflucht hat, als ich's ihm gesagt habe. Ich muß zugeben, daß ich ein bißchen neidisch bin. Ich wollte, wir hätten diesen Auftrag bekommen.« »Das wünsche ich mir manchmal fast auch«, antwortete Howard nüchtern. »Kann ich dir sonst irgendwie behilflich sein? Wollt ihr im Nah- kampfzentrum üben? Du brauchst's nur zu sagen.« »Nun, ich wüßte schon etwas«, meinte Howard nachdenklich. »Wir könnten in den nächsten ein, zwei Wochen etwas Übung im, Windtunnel brauchen.« »Ah, ich verstehe«, sagte Warren sofort. »Klar, das läßt sich ma- chen. Wen hast du in deinem Team?« Howard zählte die Namen seiner Männer auf. Als er zu Tony Ackford kam, lachte Warren mit zurückgeworfenem Kopf schallend laut. »Großer Gott!« rief er aus. »Mr. T? Verdammt! Ich hab schon viel von ihm gehört. Das wird ihm gefallen! Hast du's ihm schon gesagt?« »Noch nicht«, antwortete Howard grinsend. »Ich wollte abwarten, bis wir im richtigen Lagerraum stehen, und dann sein Gesicht beo- bachten. Wo finde ich den überhaupt? Hier sieht alles ganz anders aus. Keine Spinnweben mehr, nichts dergleichen.« »Ja, bei uns ist viel umgebaut worden. Der Lagerraum, den du suchst, liegt drüben beim Tauchzentrum. Komm, ich bringe dich hin.« Howard folgte Alex Warren ins Freie. »Ich brauche vermutlich nicht zu fragen, ob du reichlich Arbeit hast?« »Tag und Nacht«, antwortete Warren, »mehr, als du dir vorstellen kannst. Wie du dir bestimmt schon gedacht hast, hält die Sache in Bosnien uns ziemlich auf Trab. Und darüber hinaus gibt's genü- gend weitere Aufträge für uns.« »Gefällt dir der Job?« »Er füllt mich ganz aus«, sagte Warren einfach. »Ich hätte's nicht besser treffen können.« »Nun, du bist genau der richtige Mann dafür. Hoffentlich machst du weiter, bis du eines Tages DSF bist.« »Nein«, sagte Warren. »Ich quittiere den Dienst, wenn meine Zeit hier abgelaufen ist. Ich bin nicht der Typ für einen Schreibtischjob – nicht nach diesem Posten hier.« »Unsinn, Alex! Du wirst gebraucht, das weißt du. Beiß die Zähne zusammen, laß dich zum Stab versetzen und übernimm danach eine Zeitlang die fünfte Brigade, damit du Direktor werden kannst., Kluge Köpfe wie du sind selten genug.« »Ich werd's mir überlegen… Okay, da sind wir.« Als Warren die Tür des Lagerraums öffnete, hörten sie laute Stimmen. »Der Spaß scheint schon angefangen zu haben.« Tony Ackford warf sich mit hochrotem Gesicht und wild mit bei- den Armen rudernd herum. »Scheiße, Boß!« blaffte er Howard an. »Du weißt genau, daß ich Fallschirme hasse – warum können wir nicht von 'nem U-Boot an Land gehen, wie's jeder normale Mensch täte? Ich will nicht springen, verdammt noch mal!« Er machte eine Pause, dann zeigte er auf Howards Begleiter. »Und wer, zum Teufel, ist dieser alte Knacker?« Howard hatte Mühe, ernst zu bleiben. »Das ist Oberstleutnant Warren, der Regimentskommandeur.« »Oh, hallo, Boß«, sagte Ackford höflich. »Yeah, ich hab schon von Ihnen gehört. Freut mich, Sie kennenzulernen«, fügte er hinzu. Er schüttelte Warren die Hand, drehte sich sofort wieder zu Zecca- ra um und schien ihn mit seinem Zeigefinger durchbohren zu wol- len. »Und du hörst zu kichern auf, du falscher Hund«, fuhr er ihn an, »sonst setzt's Prügel! In das verdammte Ding kriegt mich keiner rein, das steht fest!« Er wandte sich verzweifelt an Howard. »Boß, sag mir, daß der kleine Scheißer mich bloß verarschen will.« »Das ist kein Witz, Tony«, sagte Howard. »Was findet er dann so verdammt witzig?« brüllte Ackford mit ausgestrecktem Zeigefinger. Howard sah nach rechts. Neben ihm bog sich der Kommandeur des 22. Special Air Service Regiments vor Lachen.,

Hi, Peter«, sagte Meg Berman verschlafen, als sie die Haustüröffnete. Sie stand unfrisiert und im Morgenrock vor ihm.

»Komm nur rein. Gott, seid ihr heute früh unterwegs!« meinte sie gähnend. »Draußen ist's noch dunkel.« »Du gehörst wieder ins Bett, Meg«, sagte Kramer. »Du versäumst deinen Schönheitsschlaf.« »Wahrscheinlich hast du recht.« Sie gähnte wieder. »Carl? Peter ist da.« Carl Bermans stämmige Gestalt tauchte mit einem onkelhaften Grinsen auf. »Hi, Peter, mein Junge.« Er klopfte ihm zur Begrü- ßung jovial auf die Schulter. »Ich bin gerade beim Kaffeekochen. Willst du 'ne Tasse?« »Danke, sehr gern«, antwortete Kramer. Er folgte dem Älteren in die Küche. »Ihr beiden Jungs kommt allein zurecht, denke ich«, sagte Meg. »Klar doch, Baby«, versicherte ihr Mann ihr. »In ein paar Minu- ten hast du deine Ruhe.« Er sah auf seine Armbanduhr; es war halb fünf Uhr. »Wir kommen bestimmt erst kurz vor Mittag zurück. Du kannst also beruhigt ausschlafen.« Meg verschwand, und die beiden hörten, wie die Schlafzimmertür sich hinter ihr schloß. Danach herrschte für kurze Zeit Schweigen, während Berman den schwarzen Kaffee in zwei Becher goß. »Vielleicht sind wir auch erst nachmittags zurück, Carl«, meinte Kramer gelassen. »Wir müssen sicherstellen, daß alles einwandfrei funktioniert.« »Oh.« Berman wirkte plötzlich besorgt. »Denkst du, daß es Pro-, bleme geben wird?« »Hoffentlich nicht. Aber man weiß eben nie. Probleme können immer auftreten.« Kramer trank einen Schluck Kaffee. »Du hast alles vorbereitet?« »Alles«, bestätigte Berman eilfertig. »Ich hab's gestern abend an- hand der Liste geprüft. Willst du's noch mal kontrollieren?« »Nein, du bist bestimmt gründlich gewesen.« Wie jedesmal in Megs Abwesenheit hatten die beiden Männer fast unmerklich die Rollen getauscht. Nur eine Minute später stellte Kramer seinen noch halbvollen Becher ab. »Okay, wir müssen los«, entschied er. Berman ging voraus und sperrte seinen Hobbyraum auf. Nach einem Dutzend dünner Sperrholzplatten trugen sie vier Umzugkar- tons mit dem Firmenaufdruck einer Spedition durchs Haus, um sie in Kramers Kombi zu laden. Daneben stellte Berman eine rote Coleman-Kühlbox mit weißem Deckel, die er aus der Küche geholt hatte. »Diese drei Kartons können auf der Ladefläche mitfahren«, sagte er. »Der andere mit dem schwarzen Klebeband ist unser Baby, das lieber auf dem Rücksitz mitfahren sollte. Vorsicht, nicht werfen – zerbrechlich!« Er grinste. »Die Kühlbox am besten auch. Wir wol- len auch nicht, daß das Bier durchgeschüttelt wird.« Nachdem Berman den Karton auf dem Rücksitz verstaut hatte, öffnete er die Beifahrertür und sah im Fußraum ein Bündel aus zwölf stabilen Papprollen liegen. »Steckt in denen das, was ich ver- mute?« »Ja«, antwortete Kramer. »Leg sie nach hinten und steig ein.« Kramer ließ den Motor an, stieß rückwärts aus Bermans Einfahrt und bog dann mehrmals ab, bis sie auf einer Straße waren, die nach Norden aus Baltimore hinausführte. Er fuhr bedächtig und nie schneller als zulässig. Berman wirkte geistesabwesend. Er schwieg etwa zehn Minuten, lang; dann schnitt er das Thema an, das ihm Sorgen machte. »Ich glaube, mit dem verspiegelten Glas gibt's ein Problem, Peter«, sagte er. »Tatsächlich?« erkundigte Kramer sich gelassen. »Hast du keines auftreiben können?« »Nein, nein, daran liegt's nicht.« Berman schüttelte den Kopf. »Das Glas gibt's überall – bis runter zu zwei Millimeter Stärke, was wirklich dünn ist. Aber das Problem ist, daß es bei Probeschüssen manchmal das Geschoß abgelenkt hat. Ich hab die ganze Werkstatt voller Glassplitter«, fügte er bedauernd hinzu. »Selbst bei den gerin- gen Schußweiten, mit denen ich experimentiert habe, treten meß- bare Ablenkungen auf. Sie sind je nach Auftreffwinkel verschieden, aber nicht berechenbar – auch nicht bei senkrechtem Auftreffen. Bei größeren Schußweiten würden sie sich natürlich entsprechend stärker auswirken.« »Hm.« Kramer runzelte die Stirn. »Welche Erklärung hast du da- für?« »Keine richtige«, antwortete Berman. »Ich hab angenommen, der Druck der Mündungsgase würde das Glas zertrümmern, bevor das Geschoß sie erreicht, so daß kein Problem auftreten würde. Aber bei ungefähr jedem vierten Schuß tritt aus irgendeinem Grund die- se Ablenkung auf. Vielleicht liegt's am Luftdruck, vielleicht trifft das Geschoß einen Glassplitter… vielleicht gibt's andere Gründe. Jeden- falls ist das ein Problem. Solange durchschnittlich jeder vierte Schuß abgelenkt wird, ist das Ganze unzuverlässig.« »Da hast du recht«, stimmte Kramer nachdenklich zu. »Wir müs- sen uns was anderes einfallen lassen.« »Aber wir brauchen verspiegeltes Glas als Frontscheibe«, stellte Berman fest. »Sonst merkt jeder, der sich den Kasten näher ansieht, daß damit was nicht stimmt.« Kramers Gesicht blieb ausdruckslos, während er eine Zeitlang nachdachte. »Gelatine!« sagte er plötzlich. »Das ist die Lösung.«, »Jell-O?« fragte Berman verständnislos. »Nein, nein. Gelatine. Ein dünnes, sprödes, durchsichtiges Mate- rial für Farbfilter. Du weißt schon – für Objektive, Theaterschein- werfer und dergleichen.« Berman wußte nicht, wovon Kramer redete. Seine persönlichen Erfahrungen als Fotograf beschränkten sich auf billige Schnapp- schußkameras, und er war noch nie im Leben im Theater gewesen. »Gibt's auch verspiegelte Gelatine?« fragte er zögernd. »Wie verspie- geltes Glas, weißt du?« »Keine Ahnung«, gab Kramer zu. »Wahrscheinlich eher nicht. Ich wüßte keinen Verwendungszweck dafür. Aber ich kann nachfragen. Ich hab einen Freund in der Filmbranche – der müßte's wissen.« Er überlegte kurz. »Jedenfalls spielt das keine große Rolle. Gibt's das Zeug nicht verspiegelt, tut's auch dunkelgraue Gelatine.« »Dunkelgrau?« »Richtig«, bestätigte Kramer. »Das ist ein altes Prinzip. Denk an dunkel getönte Autoscheiben. Der Fahrer sieht einwandfrei nach draußen, ist aber von außen praktisch nicht zu erkennen. Ein einfa- ches, aber wirksames Prinzip, das auf Helligkeitskontrasten basiert. Im Auto ist's dunkel, draußen dagegen hell. Der Fahrer nimmt den Unterschied gar nicht wahr – seine Augen passen sich den anderen Lichtverhältnissen automatisch an.« »Wäre ein Spiegeleffekt nicht besser?« »Tatsächlich beruht die Hälfte der Wirkung von verspiegeltem Glas auf Dunkelfärbung. Es ist nicht richtig undurchsichtig, son- dern nur dunkel mit einer hauchdünnen Silberauflage. Du kennst diese verspiegelten Sonnenbrillen, die manche Leute tragen?« »Yeah«, antwortete Berman. »Wie die Kerle vom Secret Service sie auf haben. Für Geheimdienstagenten ganz schön auffällig«, fügte er hinzu. »Okay«, sagte Kramer. »Setz im nächsten Drugstore mal eine ver- spiegelte Brille auf. Sie ist einwandfrei durchsichtig, aber niemand, kann deine Augen sehen. Die Secret-Service-Leute sind nicht so dumm, wie man denken könnte. Sie müssen beobachten, wollen aber nicht, daß man weiß, wen sie gerade beobachten. Wegen die- ser Brillen fühlt sich jeder beobachtet… Aber das ist nicht der sprin- gende Punkt. Setz die Brille auf und sieh dich im Spiegel an. Du wirst deine Augen nicht erkennen. Dann nimm die Brille ab und halt sie umgekehrt dicht vor deine Augen. Du kannst dein Bild im Spiegel noch immer erkennen, aber deine Augen sind nicht richtig auszumachen. Die Silberbeschichtung ist nur hauchdünn, und die Brillengläser sind nicht wirklich undurchsichtig. Verstehst du, was ich meine?« »Yeah«, sagte Berman, der allmählich begriff, worauf Kramer hin- auswollte. »Okay, ich weiß, was du meinst. Die dunkle Gelatine…« »Macht es doppelt schwierig, in den dunklen Innenraum hinein- zusehen«, ergänzte Kramer. »Alle IRIS-Bauteile sind mattschwarz, bis auf das Objektiv – aber das darf ruhig erkennbar sein, denn selbst wenn jemand es sieht, scheint es ein normales Geräteteil zu sein. Und der graue Filter stört die Kamera nicht im geringsten«, fügte er hinzu. »Den kleinen Helligkeitsunterschied gleicht die Be- lichtungsautomatik selbständig aus.« Kramer lächelte vor sich hin. »Die Iris des IRIS öffnet sich einfach um ein paar Stufen.« Berman äußerte sich nicht dazu. Er hatte nicht alles verstanden, aber Kramer schien eine einfache Lösung dieses Problems gefunden zu haben, das ihn seit Tagen beschäftigte. Er verließ sich auf Kra- mers Intelligenz und Urteilsvermögen, und das Selbstvertrauen in der Stimme des Jüngeren klang überzeugend. Er atmete auf und lehnte sich entspannt in den Beifahrersitz zurück. Vierzig Minuten später nahm Kramer den Fuß vom Gaspedal. Zuletzt waren sie einige Meilen weit durch dichten Wald gefahren. Er sah in den Rückspiegel; es war noch früh, und um diese Zeit waren keine anderen Autos in Sicht. Kramer bremste und bog hin- ter einem kleinen weißen Stein auf einen Waldweg mit tiefen Fahr-, spuren ab. »Hier sind wir ungestört, was?« fragte Berman, während der Chrysler über den unebenen Waldweg holperte. »Wir fahren noch ungefähr drei Meilen«, antwortete Kramer. »Dort scheint normalerweise kein Mensch mehr hinzukommen.« Berman runzelte die Stirn. »Diese Reifenspuren sehen aber frisch aus«, wandte er ein und zeigte nach vorn. »Das sind sie auch«, sagte Kramer. »Die sind von mir. Von ges- tern und vorgestern.« »Oh. Klar, in Ordnung.« »Ich bin an beiden Tagen drei Stunden lang dortgeblieben, ohne jemanden zu sehen. Aber wir müssen für alle Fälle trotzdem vor- sichtig sein.« »Yeah«, murmelte Berman finster und klopfte auf die leichte Aus- buchtung unter seinem linken Arm. Kramer sah erst jetzt, daß er bewaffnet war. »Hast du dafür 'nen Waffenschein?« »Klar hab ich den.« »Was hast du da?« »Eine Walther P-38.« Nach etwa eineinhalb Meilen bog Kramer auf einen anderen Waldweg ab. Jetzt waren sie mitten in einem dunklen, feuchten Tannenwald. Äste hingen bis tief auf den Weg herab, und Busch- werk streifte den schaukelnd weiterrollenden Wagen. Der Weg war schlammig, weil nicht genug Sonne oder Wärme bis auf den Wald- boden vordrang, um ihn wirklich trocknen zu lassen. Kramer bog noch zweimal ab. »Ich weiß schon nicht mehr, wo die Straße liegt«, gestand Berman ein. »Ich verstehe, warum du dir dieses Gebiet ausgesucht hast. Wer würde hierherkommen wollen?« »Oh, ich weiß nicht«, antwortete Kramer gelassen. »Mir gefällt's hier.«, Sie erreichten eine Lichtung mitten im Wald. Kramer hielt an und stellte den Motor ab. Die beiden Männer stiegen aus. Berman sah sich um. »Yeah«, sagte er, »ein ideales Testgelände. Wo soll ich die Ziele aufbauen?« »Dort drüben.« Kramer ging am Rand der Lichtung voraus und blieb ungefähr dreißig Meter von seinem Wagen entfernt stehen. Er deutete nach vorn. »Du stellst die Rahmen in dieser Richtung auf«, wies er Berman an. »Leicht gestaffelt und in unterschiedlichen Ent- fernungen. Ich bringe das IRIS hier an.« Er schlug mit der flachen Hand gegen den Stamm einer großen Tanne. »Wie weit sollen sie entfernt sein?« »Zwischen vierzig und hundertfünfzig Meter.« Eine Dreiviertelstunde später war Berman mit seiner Arbeit fertig. Die zwölf Drehrahmen mit den ein Meter zwanzig hohen Sperr- holzplatten waren fest im Erdreich verankert. Von jedem Rahmen führte eine dünne Nylonschnur zu der von Kramer bezeichneten Tanne. Dort zog Kramer die Verschlußschrauben des Metallbands fest, das um den Baumstamm herumgeführt worden war, und über- zeugte sich davon, daß die Halterung nicht nachgab. »Soll ich sie jetzt laden?« fragte Berman ihn. »Noch nicht. Erst bringen wir die Fotos an.« Sie machten sich mit den Papprollen und einem Tacker auf den Weg. Aus der ersten Rolle zog Kramer eine lebensgroße Farbaufnahme eines Mannes. Während er das Foto ausgerollt an die Sperrholzplat- te hielt, fixierte Berman es mit je einer Klammer an den Ecken und auf beiden Seiten etwa in der Mitte. Danach gingen sie zum näch- sten Rahmen weiter, wo sich der Vorgang wiederholte. »Wer sind diese Kerle?« fragte Berman. »Niemand«, antwortete Kramer. »Ich hab einfach ein paar Filme im Park verknipst und die schärfsten Aufnahmen vergrößern lassen. Keine Ahnung, wer diese Leute sind.« Als acht der zwölf anonymen Aufnahmen auf den Sperrholzplat-, ten angebracht waren, konnte Berman seine Neugier nicht länger beherrschen. »Mit welchem Foto hast du das IRIS programmiert?« erkundigte er sich. Kramer lächelte geheimnisvoll. »Nur Geduld, Carl.« Sie erreichten das neunte Ziel. »Wie weit ist das hier entfernt?« »Hundertfünf Schritte«, antwortete Berman. »Okay, das genügt.« Kramer ließ eine der Papprollen neben dem Ziel liegen. »Dieses eine Foto bringen wir auf dem Rückweg an.« Er ging weiter. Berman war jetzt noch neugieriger, aber er hielt den Mund und folgte Kramer bereitwillig. Nachdem sie die letzten drei Fotos ange- bracht hatten, kehrten sie zu der Papprolle neben Ziel neun zurück. »Okay«, sagte Kramer, zog das Foto heraus und rollte es ausein- ander. Das Gesicht war unverkennbar. »Oh, der«, meinte Berman. »Augenblick! Soll das etwa heißen, daß er der Mann ist, der…?« »Richtig«, bestätigte Kramer. »Er ist die Zielperson. Das weiß ich seit zehn Tagen.« Berman grinste breit. »Wow!« rief er aus. »Yeah! Das gefällt mir!« Sie befestigten auch dieses Foto an der Sperrholzplatte. Auf dem Rückweg zu der Tanne, an der das IRIS befestigt war, rieb Berman sich grinsend die Hände. »Ich kann's kaum erwarten, das zu sehen. Soll ich die Waffe jetzt laden und das Gerät einschalten?« »Also los.« Kramer blickte über die Lichtung. Die ihnen zuge- wandten dünnen Kanten der Sperrholzplatten mit den Fotos waren kaum zu erkennen. Berman zog eine Schachtel mit 5,6-mm-Fireball-Munition von Re- mington aus der Tasche und nahm eine Patrone heraus. Nachdem er die hintere Klappe des am Baumstamm hängenden, schwarzen Kastens geöffnet hatte, zog er den modifizierten Ladehebel der XP- 100 zurück und legte die kleine, gefährlich aussehende Patrone ein. Er schob den Ladehebel wieder nach vorn, schloß die Klappe und, betätigte zuletzt den auf der Überseite des Kastens angebrachten, unauffälligen Schalter. Ein kaum wahrnehmbares, hohes Summen zeigte an, daß das IRIS aktiviert wurde; dann folgte sekundenlang das fast unhörbare Surren der Servomotoren, als die Kamera ihr einprogrammiertes Ziel suchte. »Fertig!« verkündete Berman und trat zur Seite. Kramer wartete noch zwei Minuten, um ganz sicherzugehen, daß das IRIS betriebsbereit war. »Okay«, sagte er dann, »Ziel eins ziehen und festhalten.« Berman zog an der Nylonschnur, die er mit der Ziffer 1 markiert hatte. Das fünfzig Meter entfernte, erste anonyme Foto schwenkte zu ihnen herum. Das IRIS surrte kaum wahrnehmbar und ver- stummte wieder. »Loslassen«, befahl Kramer. Die Feder des Schwenkrahmens brachte die Sperrholzplatte mit dem Foto in ihre Ausgangsstellung zurück, so daß wieder nur ihre Kante sichtbar war. »Okay. Ziele zwei und sechs gemeinsam.« Diesmal erschienen zwei Fotos, als Berman an den Schnüren zog. Das IRIS surrte nochmals sehr kurz, bevor es wieder verstummte. »Loslassen.« Die Fotos verschwanden. Kramer war zufrieden. Das Gerät hatte nur einen Augenblick gebraucht, um die Gesichter zu analysieren und zu dem Schluß zu gelangen, keines der beiden ent- spreche dem einprogrammierten Musterfoto. »Okay«, sagte Kramer, »jetzt machen wir's etwas schwieriger. Drei, vier, zehn und zwölf gemeinsam.« Diesmal erschienen vier Gesichter. Trotzdem brauchte das IRIS nur einen Augenblick, um die anonymen Gesichter abzutasten, be- vor es wieder verstummte. »Loslassen«, befahl Kramer erneut. »Hi!« rief eine Stimme hinter ihnen. Berman warf sich herum, während er nach der Walther P-38 in seinem Schulterhalfter griff. Aber Kramer legte ihm ebenso schnell eine Hand auf den Arm. Kramer drehte sich ruhig und gelassen um. »Guten Morgen!« rief, er dem Neuankömmling freundlich entgegen. Der blonde, kräftig aussehende Mann war jung, Anfang Zwanzig. Er trug Jeans und Wanderstiefel und war mit einem großen Ruck- sack bepackt. Er lächelte Kramer zu. »Was macht ihr Leute hier draußen? Ich hätte nicht erwartet, hier jemand zu sehen.« »Wir auch nicht«, stellte Kramer lachend fest. »Sie haben uns fast erschreckt. Sorry… ich bin Peter Kramer, und das hier ist mein Mit- arbeiter Carl Berman.« Kramer trat vor und schüttelte dem jungen Wanderer freundlich die Hand. »Wir führen ein Experiment durch.« »Chuck Anderson«, antwortete der junge Mann. »Was für ein Ex- periment? Haben diese Fotos, die ich dort vorn gesehen habe, et- was damit zu tun?« »Ja«, bestätigte Kramer sofort. »Möchten Sie sehen, worum es dabei geht?« »Klar.« »Gut!« sagte Kramer sichtlich zufrieden. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen mit Ihrem Rucksack.« »Danke«, sagte Anderson. Kramer war ihm behilflich, sein Gepäck abzunehmen. »Verdammt!« rief er aus, als er dem jungen Mann den Rucksack von den Schultern nahm und rasch absetzte. »Was haben Sie in dem Ding? Steine?« Anderson lachte. »Nein, bloß Campingsachen. Ich bin drei Tage unterwegs gewesen. Morgen geht's wieder heim.« »Ganz allein?« »Klar. So ist's mir am liebsten.« »Nun, Chuck, nachdem Sie das drei Tage lang rumgeschleppt ha- ben, sind Sie entweder sehr fit oder sehr müde. Hey!« Kramers Mie- ne hellte sich auf. »Ich wette, Sie könnten ein Bier vertragen! Wir haben eine Kühlbox im Auto. Was halten Sie davon?« Anderson grinste. »Nun, eigentlich ist's noch ein bißchen zu früh, dafür, aber… Teufel, warum nicht? Prima Idee! Echt nett von Ih- nen!« »Schön, kommen Sie mit.« Kramer führte den jungen Mann zu seinem Wagen. »Hören Sie«, sagte er mit Verschwörermiene, als sie außer Hörweite waren. »Kümmern Sie sich nicht um den alten Carl. Er ist ein Griesgram, aber trotzdem in Ordnung. Er ist bloß nicht… nun, nicht sehr gesellig.« »Diesen Typ kenne ich«, bestätigte Anderson. Kramer zog die Kühlbox zu sich heran und klappte sie auf. »Okay, jetzt gibt's das Bier«, sagte er. »Eines für Sie, eines für mich.« Sie rissen die Dosen auf und tranken sich zu. »Oh«, sagte Kramer nach dem ersten Schluck, »Carl dürfen wir nicht vergessen, sonst macht er mir den ganzen Tag lang Vorwürfe.« Er hob den Kopf und rief: »Bier, Carl?« Berman fragte sich, was, zum Teufel, in Kramer gefahren war, daß er sich so kumpelhaft mit diesem unwillkommenen Fremden ab- gab. »Yeah«, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Danke.« Er sah Kramer und den jungen Mann in angeregter Un- terhaltung auf sich zukommen. Vorsichtshalber stellte er sich so hin, daß Chuck Anderson das IRIS nicht sehen konnte. »…in einer Wohngemeinschaft in der Stadt, was?« hörte Berman seinen Boß fragen, als die beiden herankamen. »Yeah«, antwortete der junge Mann. »Die ständigen Wechsel sind echt chaotisch. Schon deshalb bin ich manchmal gern allein unter- wegs. Ich hab nicht allzuviel Kontakt zu meinen Mitbewohnern.« »Keine Freundin?« »Im Augenblick keine richtige.« »Oh, kommen Sie!« sagte Kramer. »Ein gutaussehender junger Mann wie Sie? Erzählen Sie mir nicht, daß Sie keinen Erfolg bei Frauen haben!« Er beugte sich zu Chuck hinüber und flüsterte ihm zu: »Ich meine, sehen Sie sich bloß den armen alten Carl an. Was für Chancen hat ein Trottel wie er im Vergleich zu Ihnen?«, Chuck Anderson hätte sich fast an seinem Bier verschluckt. »Pe- ter, Sie können einen richtig verderben!« prustete er lachend. Berman fragte sich, was die beiden miteinander zu lachen hatten. Was, zum Teufel, hatte Kramer vor? »Für dich, Carl«, sagte Kramer, gab ihm die dritte Bierdose und ignorierte dessen Gesichtsausdruck. »Also«, sagte Anderson unbekümmert, »erzählen Sie mir von Ihrem Experiment.« »Okay«, sagte Kramer. »Sie sehen dieses an dem Baum angebrach- te Gerät… Hey, Carl? Gehst du mal kurz beiseite?« Er zog Berman sanft, aber nachdrücklich am Arm fort, damit der junge Mann das IRIS sehen konnte. Jesus! dachte Berman. Er war zu überrascht, um Widerstand leisten zu können. Ist Peter übergeschnappt? »Yeah«, sagte Anderson. Er betrachtete das IRIS, ohne etwas In- teressantes daran entdecken zu können. »Schön, hier vorn sehen Sie ein Objektiv. Die dazugehörige Ka- mera ist mit einem Computer im Inneren des Gehäuses gekoppelt. Das System ist, kurz gesagt, dafür programmiert, Gesichter zu er- kennen. Oder genauer gesagt: ein bestimmtes Gesicht zu erkennen. Es ignoriert alle anderen.« Jesus! dachte Berman. Scheiße, was will Peter diesem Kerl noch alles… »Das kann es?« fragte Anderson etwas interessierter. »Ich hab nicht gewußt, daß so was möglich ist. Das ist verdammt clever.« Er trank einen großen Schluck aus seiner Dose. »Das ist eine brandneue Entwicklung«, erklärte Kramer ihm. »Tat- sächlich ist dies unser erster Praxistest. Hey, soll ich Ihnen die Sa- che mal vorführen?« Er zog den jungen Mann beiseite. »Carl, zieh die Nummern fünf und elf. Carl?« Berman war jetzt äußerst besorgt. Mißtrauen stand ihm ins Ge- sicht geschrieben, als er jetzt langsam Kramers Befehl ausführte. Während er an den Nylonschnüren der beiden Ziele zog, ließ er, den Eindringling nicht aus den Augen. Die Fototafeln wurden nach vorn gedreht. Das IRIS surrte einen Augenblick lang, dann verstummte es wieder. »Okay, loslassen.« Die Ziele verschwanden wieder. »Sehen Sie?« fragte Kramer befriedigt und hob seine Bierdose an die Lippen. »Yeah«, antwortete Chuck. »Äh, gewissermaßen. Aber eigentlich ist nicht viel passiert.« »Genau!« bestätigte Kramer triumphierend. »Das kommt daher, daß keines dieser Fotos den Mann gezeigt hat, für den das Gerät programmiert ist!« »Oh.« Der junge Mann schien allmählich zu begreifen. »Ja, natür- lich.« »Wir versuchen es mit zwei anderen«, sagte Kramer. »Carl, Num- mer sieben und Nummer acht ziehen.« Berman runzelte finster die Stirn, gehorchte aber erneut. Die Ziele sieben und acht wurden nach vorn geschwenkt, ließen zwei anonyme Gesichter erkennen. Auch diesmal reagierte das IRIS nur mit einem Surren, das gleich wieder verstummte. Chuck Anderson kam dieses Experiment ziemlich langweilig vor. Sein Gesichtsausdruck verriet Enttäuschung. »Was passiert, wenn das Gerät irgendwann den richtigen Mann erkennt?« fragte er höf- lich. »Aha!« rief Kramer aufgeregt aus. »Das werden Sie gleich sehen! Okay, die Drehrahmen dort draußen enthalten zwölf verschiedene Männerfotos. Das Gerät hat bisher elf davon ignoriert, aber die Nummer neun haben wir ihm noch nicht gezeigt. Die steht unge- fähr hundert Meter entfernt. Mal sehen, ob das Gerät die schwierig- ste Aufgabe lösen kann.« Er wandte sich an Berman. »Carl? Zieh alle zwölf gleichzeitig!« Berman warf Kramer verzweifelt einen beschwörenden Blick zu und bückte sich dann nach den Nylonschnüren. Als er kräftig da-, ran zog, schwenkten alle zwölf Fotoziele gleichzeitig nach vorn. Ein kurzes Surren… PENG! »Scheiße!« rief Anderson erschrocken und warf sich herum. »Was, zum Teufel…?« Aus einer runden Öffnung neben dem Kameraob- jektiv, die ihm erst jetzt auffiel, sah er einen dünnen grauschwarzen Rauchfaden aufsteigen. Die Mündung einer Waffe… »Hey, was ist das für ein Gerät?« Kramer gab keine Antwort. Er starrte die Lichtung entlang und schien die Ziele abzusuchen. Anderson folgte Kramers Blick. Plötzlich erkannte er das Foto auf Ziel Nummer neun und wurde blaß. »Jesus! Den kenn ich doch! Soll das etwa heißen, daß er der Mann ist, den dieses Ding…?« »Ja«, antwortete Kramer gelassen. »Aber wir wissen natürlich noch nicht, ob wir einen Treffer erzielt haben. Hey, am besten gehen wir gleich mal hin und sehen nach.« Chuck Anderson wirkte plötzlich erschrocken, sogar verängstigt. Er bemühte sich tapfer, ruhig zu bleiben, aber das gelang ihm nicht. »Teufel, ich versteh sowieso nichts davon«, sagte er heiser, in- dem er langsam zurückwich. »Am besten laß ich euch jetzt allein weitermachen, Leute.« »Ach, kommen Sie, Chuck«, forderte Kramer ihn auf. »Überzeu- gen Sie sich wenigstens selbst, ob's geklappt hat.« »Hören Sie, wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich lieber weiter, denk ich.« Während der junge Mann weiter zurückwich, stand auf seinem Gesicht ein nervöses Lächeln, das seine wachsende Angst aber nicht tarnen konnte. »War echt nett, euch kennenzuler- nen, Leute. Vielen Dank fürs Bier. Also dann auf Wiedersehen.« Chuck wandte sich ab und ging rasch davon. Nach wenigen Schrit- ten verlor er jedoch die Nerven und begann zu rennen. Kramer zuckte resigniert mit den Schultern. »Schön, dann eben nicht. Leb wohl, Chuck.« Er trank sein Bier aus, wandte sich ab,, ging auf die Ziele zu und warf unterwegs seine Bierdose fort. »Über- nimm ihn, Carl!« rief er lässig über die linke Schulter hinweg. Eine Sekunde später hörte Kramer die P-38 einmal knallen, aber er konzentrierte sich ganz auf Ziel neun, auf das er zuging, und machte sich nicht einmal die Mühe, sich umzusehen. Er blieb vor der Fotoscheibe stehen und begutachtete sie mit ausdrucksloser Miene. Nach einer halben Minute hörte er stampfende Schritte. »Hab ihn erwischt«, keuchte Carl. Kramer runzelte die Stirn, als empfinde er Bermans Meldung als störend, und drehte sich dann um. »Wo?« »Im Hinterkopf. Aus fünfzig Metern, obwohl er gerannt ist. Nicht schlecht, was?« »Gibt's eine Austrittswunde?« »Nein.« »Dann müssen wir das Geschoß rausholen, bevor wir ihn begra- ben«, stellte Kramer gelassen fest. »Wird die Leiche später doch auf- gefunden, könnte das Geschoß zu deiner Waffe zurückverfolgt wer- den.« »Hm«, meinte Berman. »Wahrscheinlich hast du recht.« »Als erstes packst du jetzt unsere Sachen zusammen«, befahl Kra- mer ihm mit kalter Stimme. »Danach hebst du unter den Büschen dort drüben ein Grab aus. Ich schleppe die Leiche hin und hacke ihr den Schädel auf, um das Geschoß zu finden. Hast du ein Beil oder etwas in dieser Art mitgebracht, das ich dafür benützen kann?« »Ich habe ein Bowiemesser mitgenommen – für den Fall, daß wir Büsche abhacken müßten. Es liegt in einem der Kartons… Aber«, fuhr er sichtlich betroffen fort, »ich hätte nicht gedacht, daß wir's dafür brauchen würden.« »In unserer Branche ist kein Platz für zimperliche Leute, Carl«, knurrte Kramer. »Ich schlage ihm den Schädel auf und grabe darin herum, bis ich das Geschoß finde.« »Für diesen, äh, Job müßte das Bowiemesser geeignet sein«, sagte, Berman. »Es ist groß und schwer. Und verdammt scharf«, fügte er hinzu. »Gut«, sagte Kramer. »Damit die Sache nach einem Raubmord aussieht, plündern wir seinen Rucksack. Das mache ich am besten gleich«, fuhr er fort. »Sobald ich fertig bin, kommt der Schädelin- halt in den Rucksack, den wir ihm mit ins Grab legen. Dann ist alles ordentlicher. Okay?« »Ja«, sagte Berman nickend. »Hey!« rief er, als ihm plötzlich etwas einfiel. Er war sichtlich froh, das Thema wechseln zu können. »Hat's funktioniert?« Er trat näher heran, um das Ziel neun zu be- gutachten. »O ja«, antwortete Kramer gelassen. Der Blick seiner hellen Augen war unverändert kalt. »Alles hat tadellos funktioniert.« Er lächelte eisig, wandte sich ab und ging davon. Berman betrachtete das lebensgroße Foto des Mannes, den das IRIS jetzt seiner Programmierung entsprechend unerbittlich erschie- ßen würde, prüfend mit zusammengekniffenen Augen. Er stieß ei- nen leisen Pfiff aus und grinste anerkennend. Genau in der Stirn- mitte, ungefähr drei Zentimeter über dem Nasensattel, befand sich ein Loch mit glatten Rändern, das ein 5,6-mm-Geschoß ausgestanzt hatte.

Max Goodale ging rasch die menschenleere Straße entlang,näherte sich der schwarzlackierten Eingangstür. Obwohl er

früher schon häufig in diesem Haus gewesen war, hatte er es immer, durch den Hintereingang betreten. Irgendwie war ihm bei dieser Ankunft durch den Haupteingang nicht ganz wohl, aber es war schon spät, und um diese Zeit war niemand mehr unterwegs, der sich für Besucher hätte interessieren können. Der diensthabende Polizeibeamte kontrollierte seinen Ausweis und klopfte an. Als die schwarze Haustür geöffnet wurde, nannte Goodale seinen Namen und wurde gebeten, einen Augenblick zu warten. Er setzte sich und stellte seinen Aktenkoffer neben sich ab. Wenig später erschien ein Sekretär. »Kommen Sie bitte mit, Sir? Der Premierminister läßt bitten.« Goodale hatte irgendwann alle früheren, noch lebenden Bewoh- ner des Hauses No. 10 Downing Street kennengelernt. Alle waren auf ihre persönliche Art eindrucksvoll gewesen, und er hatte nur zwei dieser fünf Amtsinhaber nicht ausstehen können. Er hatte je- doch noch keine Gelegenheit gehabt, John Major kennenzulernen, und fragte sich jetzt unwillkürlich, ob der Premierminister sich in Wirklichkeit von dem Bild unterscheiden würde, das die Medien von ihm zeichneten. Er hoffte es jedenfalls. »Colonel Goodale, Premierminister«, meldete der Sekretär und hielt die Tür des Arbeitszimmers auf. John Major sah von seinen Akten hoch und stand mit herzli- chem Lächeln aus dem Schreibtischsessel auf. Als er seinem Besu- cher entgegenkam, merkte Goodale, daß er leicht hinkte. Der Pre- mierminister streckte ihm die Hand entgegen, während sein steter, freundlicher Blick Goodale musterte. Major war etwas größer, als er erwartet hatte, und wirkte gelassen und selbstbewußt. »Sehr freundlich, daß Sie gekommen sind, Colonel Goodale«, sagte Major mit angenehm ruhiger Stimme. »Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, Ihnen für Ihre Bereitschaft zu danken, diesen schwierigen Fall zu übernehmen. Aber ich bin froh, daß Sie ihn übernommen haben – ich habe schon viel über Sie gehört. Neh- men Sie doch bitte Platz. Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?«, »Nun… danke, Premierminister«, antwortete Goodale, der von Majors Art angenehm überrascht war. »Ein kleiner Whisky könnte nicht schaden, glaube ich.« Gott sei Dank, dachte er. Viel besser, als ich erwartet hatte. Er besitzt echten Charme und zugleich mehr Charakterstärke, als ich ihm zugetraut hätte. »Ich muß mich entschuldigen, daß ich Sie um diese Zeit noch belästige. Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mich empfangen.« »Das Vergnügen ist ganz meinerseits, kann ich Ihnen versichern«, sagte Major und lächelte ihm über die Schulter hinweg zu. »Außer- dem gibt mir Ihr Besuch Gelegenheit, den ganzen Papierkram eine Weile liegenzulassen.« Seine Handbewegung umfaßte den Schreib- tisch. »Eis?« Major goß zwei Drinks ein, brachte sie mit, ließ sich in den Ses- sel sinken und verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. »Entschuldi- gung«, sagte er mit entwaffnender Offenheit. »Eine alte Knieverlet- zung. Nach einem langen Tag auf den Beinen macht sie sich wieder bemerkbar.« Er hob sein Glas. »Auf Ihr Wohl, Colonel.« »Nun, vielleicht sollten wir auf den Erfolg des Einsatzes in Nord- korea trinken, Premierminister.« »Richtig! Erzählen Sie mir alles darüber, Colonel – auch über die Stasi-Verbindung. Die interessiert mich sehr.« »Wissen Sie bestimmt, daß Sie alles darüber erfahren wollen, Pre- mierminister?« fragte Goodale vorsichtig. »Das Joint Intelligence Committee hat kategorisch darauf bestanden, daß Sie unter keinen Umständen in diese Sache hineingezogen werden dürfen – für den Fall, daß irgend etwas schiefgeht.« Major grinste breit. »Oh, das kann ich mir denken«, sagte er. Sei- ne Augen blitzten vergnügt. »Alte Umstandskrämer, einige von ih- nen. Um die brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Außerdem habe ich gehört, daß Sie mich um einen Gefallen bitten wollen. Und wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie mich erst einweihen.« Goodale grinste ebenfalls. »Wie Sie wünschen, Premierminister., Sie haben danach gefragt, deshalb informiere ich Sie. Die Story ist ziemlich kompliziert, aber wenn Sie eine halbe Stunde Zeit ha- ben…?« »Also los, Colonel«, sagte Major und stützte sich auf seine Ell- bogen. »Ich bin ganz Ohr.« Während Goodale sprach, konnte er beobachten, wie aus der Miene des Premierministers erst Humor, dann Ernst und zuletzt Überraschung sprach. Major war ein ausgezeichneter Zuhörer, das merkte man. Er ließ Goodale keine Sekunde aus den Augen und konzentrierte sich ganz auf seinen Bericht. »Das war's also«, sagte Goodale schließlich. »Der springende Punkt ist, daß unsere Männer ein wenig Unterstützung brauchen, wenn sie eine Chance haben sollen, nach Nordkorea rein- und wie- der heil rauszukommen.« »Das kann ich mir gut vorstellen«, bestätigte Major. »Aber bevor Sie Ihre Bitte vorbringen, müssen Sie erst meine Neugier in bezug auf diesen Howard befriedigen. Wer ist er? Und warum haben Sie ihn für dieses Unternehmen ausgewählt?« Goodale wußte, daß sein Gegenüber einen anstrengenden Tag hinter sich hatte. »Ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruchnehmen, Premierminister, aber wenn er Sie wirklich in- teressiert, werde ich versuchen, mich kurz zu fassen.« »Lassen Sie sich ruhig Zeit, Colonel«, forderte Major ihn lächelnd auf. »Ich habe das Gefühl, daß mir diese Geschichte Spaß machen wird.« Während Goodale berichtete, wie erfolgreich Howard 1992 im Irak im Einsatz gewesen war, schien der Premierminister diesen Na- men plötzlich wiederzuerkennen. Als er dann fertig war, wirkte Ma- jor begeistert. »Nun, das erklärt einiges!« rief der Premierminister mit blitzenden Augen aus. »Wissen Sie, ich habe damals mehrere höchst verwirren- de Telefongespräche mit Präsident Bush geführt. Ich habe nie ganz, verstanden, wovon er geredet hat, und er hat mich verdächtigt, der eigentliche Drahtzieher zu sein, glaube ich. Naja!« Er lachte wieder. Goodale lachte unwillkürlich mit. »Nach diesem Unternehmen habe ich Howard natürlich verwarnt«, berichtete er. »Ich habe ihm unmißverständlich erklärt, daß er sich in Zukunft benehmen muß. Fairerweise muß man allerdings zugeben, daß er glauben mußte, in amtlichem Auftrag unterwegs zu sein. Howard hat erst nachträglich gemerkt, daß er reingelegt worden war. Seit damals verhält er sich lobenswert unauffällig. Ich glaube jedenfalls, daß Sie sich vorstellen können, warum ich Howard und seine Männer für die richtigen Leute für dieses Unternehmen halte.« »Das kann ich allerdings!« rief Major noch immer grinsend aus. »Also gut – wie kann ich Ihnen helfen?« »Nun, Premierminister«, begann Goodale zögernd, »ich sollte vielleicht vorausschicken, daß dieser Vorschlag nicht von mir, son- dern von Howard kommt. Er klingt ziemlich wild, und ich habe keine Ahnung, ob er tatsächlich funktionieren wird oder nicht…« »Los, raus damit!« Goodale holte tief Luft und trug die Bitte vor, die Howard ihm aufgetragen hatte. »Großer Gott!« sagte Major, als Goodale fertig war. »Wissen Sie bestimmt, daß das sein Ernst ist?« »Ganz sicher, Premierminister«, antwortete Goodale ruhig. »Das ist sein völliger Ernst. Er hat schon alles ausgearbeitet – bis ins letz- te Detail.« »Das glaube ich Ihnen«, murmelte Major nachdenklich. Dann lachte er plötzlich wieder, weil ihm die Kühnheit von Howards Plan gefiel. »Also gut! Ich werds's versuchen. Natürlich kann ich nichts garantieren – das wissen Sie selbst. Aber ich verspreche Ih- nen, mein Bestes zu tun, um diese Sache zu arrangieren. Und jetzt«, sagte er, indem er sich erhob, »will ich Sie nicht länger aufhalten.« Er wirkte auf einmal müde, aber Goodale sah, daß der Mann über, so viel Willensstärke verfügte, daß er alle Gedanken an Müdigkeit wegwischen konnte. An der Tür wandte Major sich erneut an ihn. Goodale fiel wieder auf, wie durchdringend sein Blick war. »Als Gegenleistung für mei- ne Unterstützung, Colonel«, sagte der Premierminister ruhig, »müs- sen Sie mir drei Dinge versprechen.« »Wenn das in meiner Macht liegt, gern«, antwortete Goodale, der sich fragte, was nun kommen würde. »Erstens möchte ich, daß Sie mich in bezug auf dieses Unterneh- men ständig auf dem laufenden halten. Persönlich. Kommen Sie hierher zu mir, sobald Sie Neues zu berichten haben. Kann ich mich darauf verlassen?« »Selbstverständlich, Premierminister.« »Zweitens«, sagte Major, »möchte ich, daß Sie Howard und sei- nen Männern von mir ausrichten, daß ich ihnen alles Gute wün- sche. Alles erdenklich Gute. Ich werde an sie denken. Das müssen Sie ihnen bitte ausrichten.« »Die Männer werden Ihnen für diese Unterstützung dankbar sein, Premierminister«, sagte Goodale aufrichtig. »Genau wie ich selbst. Es ist sehr freundlich von Ihnen, sie uns zu gewähren.« »Das ist das mindeste, was ich tun kann«, erwiderte Major. »Diese Männer und Sie sind die Leute, die uns allen einen Gefallen tun. Ich bin Ihnen diese Unterstützung schuldig – und sie ist Ihnen ohne Einschränkung sicher. Und jetzt«, fuhr er fort, »zum dritten Punkt. Gelingt es ihnen, dieses Unternehmen durchzuführen und sicher zurückzukehren, möchte ich, daß Sie mit ihnen hierher in die Number 10 kommen. Ich möchte sie gern persönlich kennen- lernen. Allein die Planung eines Unternehmens dieser Art weist sie als tapfere Männer aus. Versprechen Sie mir das?« »Selbstverständlich, Premierminister«, antwortete Goodale. Sie schüttelten sich die Hand. Du bist in Ordnung, dachte Goodale, als er auf der hell beleuchte-, ten Straße in Richtung Whitehall davonging. Du bist schwer in Ord- nung!

Den Leuten fiel auf, daß Tom Levy sich verändert hatte. SeineMitarbeiter, die täglich Umgang mit ihm hatten, wurden als

erste auf diese Veränderung aufmerksam – tatsächlich hätten sie sehr schlechte Beobachter sein müssen, um sie nicht wahrzuneh- men. Fast über Nacht schien Levy seine aggressive Wichtigtuerei wenigstens teilweise abgelegt zu haben. Er wirkte unverkrampfter und gelassener, und die hektische Aggressivität, die sein Markenzei- chen gewesen war, hatte sich so weit gelegt, daß sogar die Angestell- ten des Weißen Hauses, die ihn alle herzlich verabscheuten, zu ver- muten begannen, er könnte vielleicht doch etwas Menschliches an sich haben. Für Jane Margolyes, Levys Sekretärin, hatte seine Persönlichkeits- veränderung vor genau fünfzehn Tagen begonnen. Normalerweise kam ihr Boß morgens hereingestürmt, regte sich als erstes über ihre Arbeit auf und fing dann an, sie in der widerwärtig hochnäsigen, gönnerhaften Art, die er an sich hatte, mit Aufträgen zu überschüt- ten. Kam er nach der täglichen Besprechung mit dem Präsidenten wichtigtuerisch in sein Büro zurückstolziert, schien er irgendwie im- mer besonders grob und unfreundlich zu sein. Dann mußte Jane je- desmal die Zähne zusammenbeißen und sich eine bissige Antwort verkneifen. Dabei wußte sie, daß sie gute Arbeit leistete; sie arbei- tete gewissenhaft, sorgfältig und gründlich. Als begeisterte Anhänge-, rin der Demokratischen Partei war sie vor fünf Monaten mit gro- ßen Erwartungen ins Weiße Haus gekommen. Aber damit hatte kein aufregender Lebensabschnitt, sondern ein regelrechter Alp- traum begonnen. Nach einem besonders anstrengenden Arbeitstag hatte sie sich einer Freundin anvertraut, die im Vorzimmer des Jus- tizministers saß. An diesem Tag hatte Levy praktisch alles kritisiert, was seine Sekretärin gemacht hatte, und sie fühlte sich sehr un- glücklich. »Nimm's nicht so schwer, Jane«, sagte Cathy Todd beruhigend. »Wir stehen alle hinter dir. Daß Levy ein fieser Kerl ist, weiß schließlich jeder. Übrigens behandelt er niemanden besser, falls dir das ein Trost ist. Außer seinen Boß, versteht sich – Levy steckt so tief im Arsch des Präsidenten drin, daß die meiste Zeit nur seine gottverdammten Zehennägel zu sehen sind.« Jane schaffte es, Cathys reichlich derben Humor mit einem schwachen Lächeln zu quittieren. »Aber er ist immer so ekelhaft zu mir. Dabei leiste ich gute Arbeit – das weiß ich. Ich hab's nicht ver- dient, so behandelt zu werden.« »Ich weiß, Jane, ich weiß.« Cathy legte ihrer Freundin einen Arm um die Schultern. Arme Jane, sagte sie sich. So jung und idealistisch… »Hör zu, du hast dich bisher gut gehalten, weißt du, weil du ihn so lange ertragen hast.« »Aber ich bin doch erst zwei Monate hier.« »Hey, das ist schon ein Rekord!« erklärte Cathy ihr. »Länger als drei Wochen hat's noch keine bei ihm ausgehalten.« »Aber was soll ich bloß tun? Ich kann unmöglich so weiterma- chen!« Cathy merkte, daß Jane dicht davor war, in Tränen auszubrechen. »Es gibt alle möglichen Dinge, die du tun könntest – aber viele wä- ren illegal, und die meisten würden letztlich keinen großen Unter- schied machen. Willst du meinen Rat hören? Einfach kalt werden.« »Wie meinst du das?«, »Frier ihn ein«, riet Cathy ihr. »Laß dein Gehirn zu Eis werden und ihn einfrieren – laß nichts von dem, was er sagt, an dich heran. Übertreib die Höflichkeit und trage bei Entschuldigungen etwas dicker auf. Eis und Saccharin. Nicht zu sehr, aber gerade genug, da- mit Levy merkt, daß du sein Spiel durchschaust. Schließlich ist er auch nur ein mittelmäßig begabter Laienschauspieler. Ich wette, daß du 'ne bessere Vorstellung geben kannst!« Jane hatte Cathys Rat befolgt und verblüfft festgestellt, wie gut diese Methode funktionierte. Levy war ihr verändertes Verhalten so- fort aufgefallen, das wußte sie. Allerdings hatte sich das nicht son- derlich bemerkbar gemacht – nach einigen Tagen mißtrauischer Wachsamkeit von seiner Seite hatte er einfach weitergemacht wie bisher. Aber das großartige war, daß Jane sich nicht mehr daran störte. Sie war jetzt darüber erhaben. Jane Margolyes hatte sich verändert. Das erkannte sie erstaunt und mit leichtem Bedauern etwa zwei Monate später. Als sie eines Morgens in ihrem Bad in den Spiegel sah, fiel ihr auf, wie anders ihr Blick geworden war. Dies war nicht mehr der naiv vertrauens- volle Blick einer Unschuld vom Lande. Ihr Blick war kalt und ab- schätzend – sogar fast eisig. Jane betrachtete sich ganz objektiv. Mit ihren sechsundzwanzig Jahren würde sie niemals einen Schönheitswettbewerb gewinnen. Ihr Gesicht war zu lang, ihre Augen standen zu eng beieinander, ihr Haar war nicht voll genug, ihr Busen war zu klein, ihre Beine waren zu kurz… Sie zuckte die Schultern, weil ihr das alles nicht viel aus- machte, aber sie wußte auch, daß sie sich solche Mängel früher nie eingestanden hätte. Und sie erkannte, daß sie eigentlich nicht recht mochte, was ihre Eisfrau-Masche aus ihr gemacht hatte. Aber obwohl sie einen arroganten, großspurigen Boß hatte, gefiel ihr die aufregende Tätigkeit im Weißen Haus… Oder etwa nicht? Sie begriff plötzlich, daß sie sich eigentlich nichts mehr aus diesem Job machte. Habe ich wirklich alle Lebensfreude eingebüßt? fragte sie, sich. Oder bin ich einfach nur erwachsen geworden? Da sie auf diese be- unruhigende Frage keine rechte Antwort wußte, kam sie zu dem Schluß, es werde Zeit, die Stellung zu wechseln. Sie würde die Au- gen offenhalten, um eine besser bezahlte Position zu finden – viel- leicht in einer Washingtoner Anwaltskanzlei. Das hatte keine Eile; aber sie würde sich nach einem anderen Job umsehen. Wenig später fiel Jane die plötzliche Veränderung in Levys Beneh- men auf. Er war morgens wie immer hereingestürmt gekommen; sie hatte seinen Auftritt wie immer ignoriert. »Guten Morgen, Jane«, hatte er im Vorbeigehen gesagt. Jane? dachte sie verblüfft. Er hat mich noch nie Jane genannt. Was ist aus ›Ms. Margolyes‹ geworden? Sie drehte sich erstaunt um, aber Levy war bereits im Chefzimmer verschwunden. Und ›Guten Morgen‹? Das sagt er sonst zu keinem – erst recht nicht zu mir. »Äh, guten Morgen, Mr. Levy«, brachte sie gerade noch hervor, bevor er die Tür hinter sich schloß. Einfach zugemacht, nicht zuge- knallt, stellte Jane fest. Sie schüttelte kurz den Kopf, arbeitete dann weiter. Er scheint heute in guter Stimmung zu sein. Aber sie verwarf diese Einschätzung gleich wieder. Die hält bestimmt nicht lange an. Einige Minuten später summte die Gegensprechanlage. Jetzt geht's los! sagte Jane sich. Alles wieder wie gehabt. »Ja, Mr. Levy?« fragte sie höflich. »Jane, kommen Sie bitte einen Augenblick herein?« Was? Nicht ›Los, HEREIN mit Ihnen, Ms. Margolyes‹? fragte sie sich. »Sofort, Mr. Levy.« Als Jane sein Arbeitszimmer betrat, fiel ihr sofort sein Gesichts- ausdruck auf. Ihr Boß wirkte ausnahmsweise fast umgänglich, und sein selbstgefälliges, leicht grausames Lächeln fehlte diesmal. »Nehmen Sie bitte Platz, Jane«, sagte er. »Oh… danke, Mr. Levy.« Auch das war ganz neu. Er hatte sie noch nie aufgefordert, Platz zu nehmen. Levy lächelte. »Jane… ich bin mir bewußt, daß ich… daß ich Sie, in der Vergangenheit ziemlich rüde behandelt habe. Ich möchte, daß Sie wissen, daß ich Ihre Arbeit wirklich zu schätzen weiß. Und es tut mir leid, wenn ich Ihnen Grund gegeben habe, sich über mich zu ärgern.« Jane merkte, daß sie ihn mit großen Augen anstarrte. Sie schluck- te trocken und zwang sich dazu, cool zu bleiben. »Nun, äh… ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll, Mr. Levy. Sie können manchmal… äh… recht anspruchsvoll sein, aber ich verstehe, wie belastend Ihr Job ist.« »Tom«, verbesserte Levy sie. »Von jetzt an sagen Sie Tom zu mir, okay? Schön, dann will ich Sie für den Rest des Vormittags in Ruhe lassen. Ich weiß, daß Sie eine Menge Arbeit haben.« Jane kehrte völlig verwirrt an ihren Schreibtisch zurück. Was, zum Teufel, wird hier gespielt? fragte sie sich. O Mann, ich kann's kaum noch erwarten, Cathy davon zu erzählen! In der Mittagspause hörte ihre Freundin in der Kantine erstaunt zu, als Jane ihr schilderte, welcher Persönlichkeitswandel in Levy vorgegangen zu sein schien. »Du meinst, er hat dich tatsächlich auf- gefordert, ihn mit dem Vornamen anzureden?« fragte Cathy ver- blüfft. »Was, zum Teufel, hast du mit dem Mann angestellt?« »Das ist eben der springende Punkt – ich hab nichts anderes ge- tan als sonst. Ich versteh's einfach nicht!« Cathy ging plötzlich ein Licht auf. »Ich hab's!« rief sie mit den Fingern schnalzend aus. »Jede Wette, dahinter steckt eine Frau. Er muß 'ne Neue haben!« »Neue Freundinnen hat er praktisch täglich«, stellte Jane sarkas- tisch fest, weil sie an Levys scheinbar endlosen Strom junger Beglei- terinnen dachte. »Ja, ich weiß. Aber seine neue Eroberung muß was ganz Besonde- res sein.« Cathy lächelte schief. »Und du solltest dafür beten, Jane, daß sie's recht lange mit ihm aushält. Sobald sie von der Bildfläche verschwindet, ist er sofort wieder der alte Fiesling… Ich gehe jede, Wette ein, daß er 'ne Neue hat!« wiederholte sie triumphierend. Tom Levy hatte sich niemals glücklicher gefühlt oder unverkrampf- ter gelebt. Seine neue Freundlichkeit – sogar Herzlichkeit – schien im Lauf der Zeit eher noch ausgeprägter zu werden. Das lag natür- lich an Joanna; darüber war er sich im klaren. Er sagte sich zum hundertstenmal, sie sei die wunderbarste, aufregendste, erregendste Frau der Welt. Die beiden waren fast täglich zusammen; er konnte sich kaum mehr vorstellen, wie sein Leben ohne sie gewesen war. Und dabei lag ihr erstes Rendezvous gerade erst zwei Wochen zu- rück. Zu seiner Überraschung zeigte sich, daß die fast ständige Be- schäftigung mit Joanna seine Arbeitsfähigkeit keineswegs beein- trächtigte. Statt dessen verdankte er ihr neue Energie, neues Selbst- vertrauen. Im Lift, der ihn zu ihrem Apartment hinaufbrachte, fragte er sich jetzt, mit welcher Überraschung sie diesmal aufwarten würde. Mit ihr war es jedesmal sensationell gewesen. Der Aufzug hielt im siebten Stock, dann öffnete die Tür sich quälend langsam. Levy verließ die Kabine und hastete den Korridor entlang. Als er an Joannas Tür klingelte, sah er ein älteres Paar, bei- de Ende Fünfzig, untergehakt auf sich zukommen. Die beiden wa- ren offenbar zum Lift unterwegs. »Wer ist da?« Joannas Stimme wurde durch die massive Woh- nungstür gedämpft. »Ich bin's!« antwortete Levy. »Tom.« Er lächelte dem herankom- menden Paar leicht verlegen zu; die beiden nickten höflich. Die Sicherungskette klirrte leise, als sie hastig ausgehängt wurde; dann ging die Tür auf, und Joanna warf sich in seine Arme. Wäh- rend sie ihn leidenschaftlich küßte, wurde Levy plötzlich wieder auf das ältere Paar aufmerksam. Die beiden waren stehengeblieben und starrten sie mit weit aufgerissenen Augen an., »Ah, Joanna«, flüsterte Levy ihr ins Ohr. »Oh, Tom!« rief sie aus und drückte ihr Gesicht an seinen Hals. »Es tut so gut, dich wieder zu fühlen! Ich will sofort mit dir ins Bett!« Levy räusperte sich. »Joanna!« sagte er drängend. Er wurde vor Verlegenheit rot und konnte den Blick nicht von ihrem wie ge- bannt dastehenden Publikum wenden. Joanna sah sich überrascht um, löste sich aus seiner Umarmung und drehte sich nach dem Paar um. »Oh, das tut mir so leid, Mr. und Mrs. Garrett!« behauptete sie unschuldig. »Ich hab wirklich nicht geahnt, daß Sie… bitte verzeihen Sie mir…« Sie lächelte lie- benswürdig und drehte sich dann nach ihrer Wohnungstür um. »Ich wollte Sie wirklich nicht in Verlegenheit bringen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend. Wir… wir gehen heute nicht aus.« Sobald die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, fielen die bei- den sich lautlos lachend in die Arme. »Joanna, du bist gemein!« flüs- terte Levy. »Hast du das Gesicht der Frau gesehen?« »Hast du seines gesehen?« rief Joanna aus. »Ihn hat beinahe der Schlag getroffen – bestimmt hat er seit Jahren nichts Aufregenderes mehr erlebt!« Ihr Lachen verstummte, als Levy sie küßte und dabei seine Hände über ihren Körper gleiten ließ. Als sie rasch zu reagieren begann, nahm er sie auf die Arme und trug sie ins Schlafzimmer hinüber. Später, als ihr keuchender Atem sich langsam wieder beruhigte, lagen sie im behaglichen Schein der Nachttischlampen nebeneinan- der. Levy schmunzelte erneut, als er an das Ehepaar Garrett dachte. »Wer sind die beiden gewesen?« fragte er sie. »George und Bea?« murmelte sie. »Oh, die wohnen in 705 – zwei Türen weiter. Er ist Immobilienmakler oder so ähnlich. Hör zu, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich entschuldige mich noch mal, wenn ich sie wieder treffe. Warum?« Ihre Stimme klang plötz- lich besorgt. »Glaubst du, daß sie dich erkannt haben?«, »Das bezweifle ich sehr«, meinte Levy lachend. »Sie haben mich gar nicht wahrgenommen, glaube ich. Schließlich hast du den bes- seren Text gehabt, nicht wahr? … Außerdem spielt das keine Rolle. Die beiden werden sich daran gewöhnen, mich hier im Haus zu sehen – hoffentlich!« Joanna äußerte sich nicht dazu. Dann setzte sie sich auf, kehrte ihm den Rücken zu und ließ den Kopf hängen. »Tom«, begann sie mit leiser, ausdrucksloser Stimme, »es gibt etwas, das du wissen mußt. Ich… ich glaube, wir dürfen uns nicht wiedersehen.« Als sie ihm jetzt ihr Gesicht zuwandte, standen Tränen in ihren Augen. Levy setzte sich erschrocken auf und drückte sie besorgt an sich. Ihr Kopf sank an seine Schulter, und er spürte die Nässe ihrer Trä- nen auf seiner Haut. »Warum?« fragte er drängend, während sein Herz ängstlich zu pochen begann. »Ich liebe dich, Joanna. Mehr als jede Frau, die ich bisher gekannt habe. Das mußt du doch merken! Ich liebe dich!« Seine Stimme hatte einen verzweifelten Unterton an- genommen. »Warum?« wiederholte er. »Ich… ich liebe dich auch, Tom«, flüsterte sie krampfhaft schlu- ckend. »Gerade deshalb…« Sie drängte sich gegen Levy, klammerte sich an ihn. Ein schreckliches Gefühl drohender Leere befiel den verständnis- losen Levy. Er packte sie an den Schultern und zwang sie dazu, ihm in die Augen zu sehen. »Aber warum nur, Joanna? Warum? Wenn wir uns doch lieben…« Joanna atmete tief durch. Sie war sichtlich entschlossen, ruhig zu bleiben, aber ihre Worte überstürzten sich beinahe. »Weil ich dir schaden würde, Tom. Warum, glaubst du, habe ich mich immer ge- weigert, mit dir auszugehen? Warum haben wir alle Abende hier bei mir verbracht? Im Bett mit dir ist's herrlich, aber das ist nicht der einzige Grund. Es könnte deiner Karriere schaden, wenn bekannt würde, daß du und ich…« Sie konnte nicht weitersprechen, sondern brach wieder in Tränen aus., Levys Hände umklammerten ihre Schultern, und seine Augen hat- ten sich zu Schlitzen verengt. »Raus damit, Joanna! Warum?« Sie kämpfte gegen ihren Gefühlsausbruch an und holte tief Luft. »Du erinnerst dich an den Abend, an dem wir uns kennengelernt haben? Als ich dir erzählt habe, daß ich als Handelsberaterin arbei- te? Mehr habe ich absichtlich nicht erzählt – und du hast dich nicht weiter dafür interessiert. Erinnerst du dich daran?« »Ja«, antwortete Levy, »ich erinnere mich.« »Nun«, fuhr sie fort, während sie weiter seinen Gesichtsausdruck beobachtete, »ich hab dir nicht die ganze Wahrheit gesagt.« Ihr Blick ließ ihn nicht mehr los, als fürchte sie seine Reaktion. »Ich habe in bezug auf meine Arbeit gelogen. Anfangs habe ich ge- glaubt, das würde nichts ausmachen, aber jetzt… hat sich alles ganz anders entwickelt.« Ihre Stimme wurde leiser, und ihr Blick war kummervoll geworden. »Ich arbeite in der israelischen Botschaft, Tom. Ich bin der dortige Handelsattache.« Sie ließ den Kopf hän- gen. »Das weiß ich«, sagte Levy. Sie hob ruckartig den Kopf. »Du hast's gewußt?« »Natürlich hab ich's gewußt.« Er lächelte. »Wegen der guten alten Sicherheitsbestimmungen im amerikanischen Staatsdienst. Die Re- gel Nummer eins für Leute in Führungspositionen lautet: Persön- liche Beziehungen melden, damit sie überprüft werden können. Ei- ne Routinesache. Sorry«, sagte er, übertrieben die Schultern zu- ckend, »aber so leicht entkommst du mir nicht. Oder ich habe zu- mindest nicht die Absicht«, fügte er hinzu, »es dir so leicht zu ma- chen.« Joanna wirkte verblüfft. »Aber deine Karriere, Tom!« rief sie aus. »In deiner Position kannst du dir doch bestimmt keine Affäre mit einer ausländischen Diplomatin leisten? Daran mußt du auch den- ken!« »Das ist in diesem Fall kein Problem«, antwortete Levy mit sanf-, ter Stimme, indem er ihre Schultern streichelte. »Gibt's sonst noch irgendeinen Grund, aus dem du mich nicht wiedersehen willst?« »O Gott, Tom«, sagte sie und schmiegte sich an ihn. Dann rich- tete sie sich auf und sah ihm wieder in die Augen. »Ganz so einfach ist die Sache leider nicht. In meiner Stellung… nun, ich werde von Zeit zu Zeit gefragt, wie ich bestimmte Dinge einschätze, wie ich sie beurteile. Im allgemeinen von meinem Botschafter, verstehst du, aber manchmal… nun, ich unterstehe auch einer Dienststelle in Tel Aviv…« Ihr Tonfall war kleinlaut geworden. »Dem Institut«, sagte Levy nickend. »Dem Mossad.« Joanna starrte ihn an. »Das hast du auch gewußt?« »Ja«, erwiderte er leise, »das weiß ich auch.« Er zog sie an sich, schloß sie in seine Arme und sank mit ihr aufs Bett zurück. In die- sem Augenblick wußte er, daß er niemals wieder eine Frau so lieben würde, wie er Joanna jetzt liebte. »Oh, Joanna«, flüsterte er zärtlich und spielte mit den an ihrer Wange klebenden, feuchten Haarsträh- nen. »Meine schöne, geliebte Joanna. Sollte's dazu kommen – dann zum Teufel mit meiner Karriere! Aber dazu kommt's nicht. Mach dir deswegen keine Sorgen, Liebling.« Er nahm ihr Gesicht zwi- schen seine Hände und sah ihr beruhigend in die Augen. »Ent- schuldige, aber ich hab unseren Leuten von dir erzählen müssen; sie haben dich überprüft und wirklich nichts gefunden, was gegen unsere Beziehung spricht. Wie denn auch, verdammt noch mal, wenn ich schon Levy heiße? Ich bin mein Leben lang aktiv für die Belange Israels eingetreten. Das weiß jeder. Okay, seitdem ich die- sen Job im Weißen Haus angetreten habe, muß ich mich mit öf- fentlichen Äußerungen zugunsten Israels zurückhalten – aber un- sere Beziehung stellt kein Problem dar, das verspreche ich dir!« Während er sprach, hatte Joanna ganz still in seinen Armen gele- gen. Er spürte ihren Atem warm an seinem Hals. Jetzt richtete sie sich langsam auf und starrte ihn ungläubig an. »Meinst du wirklich, daß wir…«, »Ja, Liebling«, sagte er leise. »Wir haben absolut keinen Grund, uns zu trennen. Es sei denn…« Sein Blick war fragend geworden. »…du wolltest mich nicht wiedersehen?« Joanna starrte ihn einen Augenblick an, dann warf sie sich leiden- schaftlich über ihn und rief dabei immer wieder aus: »Ich liebe dich, ich liebe dich, Tom Levy! Du darfst mich niemals verlassen! O Gott, wie ich dich liebe!« Und weil sie jetzt völlig verwirrt war, be- gann sie wieder zu weinen. Aber diesmal weinte sie vor Freude und Erleichterung. Levy war vollständig glücklich. Plötzlich hörte er sich etwas fra- gen, das für ihn selbst unerwartet kam. »Heiratest du mich, Joan- na?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Du bist ein Teil meines Lebens ge- worden, und ich glaube einfach nicht, daß ich ohne dich weiterle- ben könnte!« Sie sah ihm wieder in die Augen, dann drückte sie ihn eng an sich. »O ja, ja«, murmelte sie. »Ich liebe dich, Tom Levy. Ich brau- che dich.«

Ed Howard legte seine Papiere weg, weil es geklingelt hatte, undöffnete die Wohnungstür. Max Goodale kam sehr zufrieden wir-

kend hereingeschneit. »Guten Abend, Colonel«, sagte Howard. »Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?« »Hm, eine gute Idee. Einen kleinen Whisky, bitte.« »Sie scheinen heute aus irgendeinem Grund recht zufrieden zu, sein«, stellte Howard fest, als er ihm sein Glas gab. »Gute Nachrich- ten?« »Ja, ich glaube schon«, antwortete Goodale und ließ sich in einen Sessel sinken. »Ich bin heute noch mal beim PM gewesen, und er ist ziemlich optimistisch, daß sich das arrangieren läßt, was Sie vor- geschlagen haben. ›Ruhige Zuversicht‹ – das ist der Ausdruck, mit dem ich seine Einstellung beschreiben würde, und soweit ich ihn bisher kennengelernt habe, ist das ein gutes Zeichen. Und ich habe eine weitere erfreuliche Nachricht für Sie. Ich glaube, daß ich einen Koreanisch-Dolmetscher für Sie gefunden habe.« »Schön«, sagte Howard zurückhaltend. »Wer ist er? Ist er gut in Form? Hat er eine Special-Forces-Ausbildung? Sie wissen, daß die Sache sonst nicht funktioniert.« »Lassen Sie mich Ihnen ein paar Hintergrundinformationen ge- ben«, begann Goodale. »Es handelt sich um jemanden, der vor zwei Jahren aus Nordkorea über Rußland in den Westen geflüchtet ist. Das ist eine recht häufig benutzte Route, denn dort arbeiten viele Nordkoreaner – die meisten unter unsäglichen Bedingungen. Süd- koreaner hätten reichlich zur Verfügung gestanden, aber ich habe mir sagen lassen, daß sie sich unmöglich als Nordkoreaner ausge- ben können. In dem seit über vierzig Jahren geteilten Land haben sich zwei Sprachen mit unterschiedlichem Wortschatz entwickelt.« »Gut, das glaube ich Ihnen«, sagte Howard ruhig. »Was hat dieser Mann gemacht, seit er übergelaufen ist?« »Für die CIA gearbeitet, hauptsächlich in Seoul«, antwortete Goodale. »Als Anerkennung für erwiesene wertvolle Dienste in den USA eingebürgert. Trägt den Namen Kim Soo-mi.« Er buchstabier- te Howard den fremdartigen Namen. »Aber jetzt zu Sumi verwest- licht. Sehr fähig, soviel ich gehört habe. Intelligent und einfalls- reich. Und nach allem, was man hört, erstaunlich fit.« »Ich muß ihn kennenlernen, damit ich mir selbst eine Meinung über ihn bilden kann«, stellte Howard nachdrücklich fest. »Ich neh-, me keinen mit, nur weil er empfohlen worden ist. Das müssen Sie verstehen.« »Natürlich«, meinte Goodale vorsichtig, »ja, gewiß. Gelegenheit dazu haben Sie übrigens schon in ein paar Tagen.« »Er kommt nach London? Gut.« »Ja«, sagte Goodale berechnend. »Ich… hören Sie, ich hoffe, daß Sie nicht nach dem ersten Eindruck urteilen werden. Das kann ein Fehler sein.« Howard kniff mißtrauisch die Augen zusammen. »Sie haben mir etwas verschwiegen, Colonel. Was ist mit dem Mann los?« »Nun, äh… wissen Sie«, begann Goodale verlegen. »Tatsache ist… nun, Kim Sumi ist eine Frau.« »Eine Frau?« fragte Howard überrascht. »Aber ich dachte, Kim sei ein Männername.« Er runzelte die Stirn. »Jedenfalls bei Koreanern«, fügte er dann hinzu. »Sie wissen schon – Kim Il Sung, Kim Jong Il, Kim Jong Sam und wie sie alle heißen.« »Eine an sich logische, aber irrige Annahme«, sagte Goodale rasch. »Koreaner stellen ihren Familiennamen wie Chinesen voran. Kim bedeutet ›Gold‹ oder ›golden‹ und ist ein ähnlich häufiger Na- me wie ›Smith‹ im Englischen. Ihr Vorname Soo-mi ist ein offenbar beliebter Mädchenname. Er bedeute ›überragende Schönheit‹. Wie überragend ihre Schönheit ist, kann ich allerdings nicht beurteilen«, ergänzte er leichthin. »Ich habe noch kein Foto von ihr gesehen.« »Ah, ich verstehe«, sagte Howard, den diese Erklärung zufrieden- zustellen schien. »Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen. Aber weiß sie auch, worauf sie sich möglicherweise einläßt?« Goodale staunte darüber, wie gelassen Howard auf den Vorschlag reagierte, eine Frau in sein Team aufzunehmen. Er hatte sarkasti- sche Einwände erwartet – oder eine nachdrückliche Weigerung, sich überhaupt mit dieser Idee zu befassen. Aber er machte ein Poker- gesicht, als er Howards Frage beantwortete. »Sie kennt natürlich noch keine Einzelheiten, aber sie weiß, daß der Auftrag schwierig, und gefährlich sein wird. Angesichts ihrer speziellen linguistischen Qualifikation dürfte sie sich denken können, wohin die Reise gehen soll. Jedenfalls hat sie keine Zweifel erkennen lassen, sondern nur gefragt, aus wem das Team außer ihr bestehen wird. Ich könnte mir vorstellen«, fügte Goodale trocken hinzu, »daß sie vorhat, Sie eben- so unter die Lupe zu nehmen, wie Sie sie begutachten werden.« Howard grinste. »Kein Problem. Ich hoffe, daß sie's tut. Ich hätte weniger Respekt vor ihr, wenn sie's nicht täte.« Goodale hatte das nächste Thema eigentlich erst bei anderer Ge- legenheit anschneiden wollen, aber Howards völlig unerwartete Reaktion machte ihm jetzt Mut. »Noch etwas«, fuhr er beiläufig fort. »Sie erinnern sich, daß ich davon gesprochen habe, ob Sie ein zusätzliches Gerät mitnehmen könnten?« »Allerdings«, bestätigte Howard. »Irgendein Überwachungsgerät für den Betrieb in der Kernforschungsanlage Jöngbjön. Und Sie werden sich erinnern, daß ich klipp und klar gesagt habe, diese Idee sei mir äußerst zuwider. Dadurch wird alles nur unnötig kompli- ziert.« »Ja, ich weiß. Aber ich kann Ihnen versichern, daß dieser Auftrag äußerst wichtig ist. Vermutlich fast so wichtig wie die Aufdeckung der Stasi-Pläne in bezug auf das IRIS.« »Nun, ich hatte Ihnen versprochen, darüber nachzudenken. Ist die Sache relativ einfach, sage ich vielleicht – vielleicht – ja. Ist sie's nicht, sage ich nein. Woraus besteht der Auftrag genau?« »Das Problem ist, daß es sich um ein sehr spezielles Gerät zu handeln scheint«, erklärte Goodale ihm. »Es ist nicht groß oder schwer, aber es muß offenbar sorgfältig aufgestellt und justiert wer- den. Diese verdammten Wissenschaftler«, murmelte er resigniert, »sind anscheinend nicht imstande, einfache Geräte zu bauen – aber damit muß man sich abfinden.« Er zuckte die Schultern. »Kurz ge- sagt: Die Zeit wird nicht ausreichen, um Sie oder einen Ihrer Män- ner in der Handhabung zu unterweisen.«, »Okay, damit ist der Fall erledigt«, sagte Howard leichthin. »Nicht ganz«, widersprach Goodale. »Was soll das heißen?« fragte Howard mit finsterem Blick. »Unser Vorschlag lautet, daß Sie jemanden mitnehmen, der sich mit dieser Wunderkiste auskennt. Dann brauchen Sie sich ihretwe- gen keine Sorgen zu machen. Sie könnten sie ganz ihm überlassen.« »Ein Passagier!« knurrte Howard. »Ich soll einen gottverdammten Passagier mitnehmen? Ausgerechnet bei diesem schwierigen Einsatz? Und was soll das heißen, daß wir uns deswegen keine Sorgen zu machen brauchen? Wir müssen uns um ihn kümmern und dafür sorgen, daß er dort die richtige Stelle findet, stimmt's? Und danach sollen wir ihn heil zurückbringen? Kommt nicht in Frage, Colo- nel!« »Ich verstehe Ihre Reaktion«, sagte Goodale. »Und ich bin eigent- lich Ihrer Meinung, falls Ihnen das ein Trost ist. Aber weil ich weiß, wie wichtig diese Sache ist, ersuche ich Sie dringend, den Vor- schlag nicht ungeprüft abzulehnen. Wir denken dabei an einen be- stimmten Mann. Er ist Wissenschaftler, aber kein Gelehrtentyp. Ich kenne ihn bereits. Er ist sportlich durchtrainiert und macht einen recht vernünftigen Eindruck. Ich halte ihn für geeignet – aber die endgültige Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen. Sind Sie wenig- stens bereit, sich mit ihm zu treffen?« Howard musterte Goodale mit düster funkelndem Blick. »Also gut, Colonel«, antwortete er knapp. »Ich treffe mich mit ihm. Aber ich verspreche Ihnen nichts.«,

Du darfst dich davon nicht unterkriegen lassen, Liebling«, sagteTom Levy mit besorgter Miene.

»Du hast recht, Tom.« Joanna lächelte schwach. »Ich hab nur ei- nen anstrengenden Arbeitstag hinter mir, das ist alles. Aber ich soll- te dich nicht damit belästigen. Reden wir lieber über uns.« Levy grinste. »Ich weiß nicht, ob wir das hier in der Öffentlich- keit tun sollten. Ich könnte bestimmt nicht die Hände von dir las- sen.« »Das würde ich auch gar nicht wollen«, sagte sie mit verführeri- schem Lächeln. »Du hast die Wahl, Levy. Eine mißmutige Verlobte, die über berufliche Probleme jammert, oder etwas Aufregenderes.« Sie griff unter dem Tisch nach ihm. »Laß das, Joanna«, wehrte er lachend ab, »sonst schmeißen sie uns raus! Nächstes Mal nehmen wir lieber ein kleines Nebenzim- mer oder ein Separee mit Vorhang und einem Schild ›Bitte nicht stören‹.« »Hauptsache, das Essen schmeckt so gut wie hier«, antwortete sie. »Vielen Dank für die Einladung, Tom.« Ihre haselnußbraunen Au- gen strahlten wieder glücklich. Levy lächelte. »Freut mich, daß es dir hier gefallen hat, Liebling.« Er bemerkte erleichtert, daß ihre Stimmung sich gebessert hatte. Beim Abendessen hatte sie uncharakteristisch niedergeschlagen ge- wirkt. Er war sich bewußt, daß das seine Schuld gewesen war, weil er das Gespräch auf ihre Arbeit gebracht hatte. Joanna hatte ihm einen kleinen Vortrag über die Schwierigkeiten und Obstruktionen gehalten, mit denen ihre Abteilung tagtäglich zu kämpfen hatte. Es schien kaum eine Handelsvereinbarung zu ge-, ben, die nicht irgendeinen Haken hatte. Wollte Israel etwas kaufen, wurden im Gegenzug unweigerlich politische Konzessionen gefor- dert, die für die israelische Regierung oft völlig inakzeptabel waren. Und wollte Israel etwas verkaufen, sogar in die USA, mußten Zoll- schranken, einheimische Wirtschaftsinteressen und manchmal auch politische Vorbehalte überwunden werden. Während Joanna ihm das auseinandersetzte, begann Levy zu begreifen, wie schwierig ihre Arbeit war. »Du solltest mich helfen lassen, weißt du«, sagte er, als er ihnen nachschenkte. »Wie meinst du das, Tom?« »Du weißt genau, was ich meine. Ich könnte meinen Einfluß ge- brauchen, damit einige dieser Beschränkungen, von denen du ge- sprochen hast, aufgehoben oder wenigstens abgemildert werden.« »Kein Wort mehr davon, Tom«, wehrte Joanna ab. »Wir wollten das Thema wechseln, nicht wahr?« Aus ihrem Blick sprach unver- hülltes Begehren. »Das ist mein Ernst«, beteuerte Levy. »Ich möchte helfen. Ich habe viel Einfluß, weißt du.« »Reden wir nicht mehr davon, Tom«, wies sie ihn sanft zurecht. »Du weißt, daß du das nicht kannst. Außerdem würde ich das nicht zulassen«, fügte sie abschließend hinzu. »Hey, gib mir deinen Fuß.« »Wie bitte?« »Deinen rechten Fuß.« Er hob gehorsam seinen Fuß und spürte, wie Joanna ihm unter dem Tisch erst den Schuh, dann die Socke auszog. »Was, zum Teufel… was machst du, Joanna?« flüsterte er. »Wenn uns die Leute…« Er sah sich um. »Nein, das sieht keiner«, antwortete sie leise und streichelte dabei seinen Fuß. »Bodenlange Tischdecke.« Erregung durchzuckte Levy wie ein Stromstoß, als sie seinen Fuß sanft zwischen ihre Beine zog. Die Innenseite ihrer Schenkel war, weich und warm. Joanna fing mit kaum merklichen Bewegungen an, sich seinem Fuß entgegenzudrängen. Ihre Augen glänzten entrückt, ihr Mund stand leicht offen. Levy gab sich einen Ruck, entzog ihr seinen Fuß und setzte sich wieder auf, nachdem er zuvor auf seinem Stuhl leicht nach vorn ge- rutscht war. »Verdammt, du bist einfach unverbesserlich, Joanna«, flüsterte er grinsend, »jetzt zieh mir den Schuh wieder an!« »Komm, wir verzichten aufs Dessert«, schlug sie lächelnd vor. »Ich will heim und ins Bett. Ich halt's nicht mehr lange aus, glaub ich.« Levy grinste nochmals. »Hm, was, zum Teufel, hat mich auf die Idee gebracht, dir könnte danach zumute sein?« Wenige Minuten später saßen sie hinten in dem großen Lincoln, mit dem Ronald, Levys Chauffeur, sie in rascher Fahrt zu Joannas Apartment brachte. Ronald warf einen Blick in den Innenspiegel. Er war schon oft Zeuge solcher Szenen geworden, aber im allgemei- nen ergriff der Boß die Initiative, statt ihr willenloses Opfer zu sein. O Mann, ist die 'ne heiße Nummer, dachte Ronald. Sie fällt richtig über ihn her. Eine Nymphomanin, wenn ich je eine gesehen habe. Er blickte wieder nach vorn und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrie- ren. An sich störte ihn das nicht weiter. Immerhin hatte er Gelegen- heit gehabt, die berühmte Miss Stone kennenzulernen, über die im Augenblick das ganze Weiße Haus klatschte. Wie alle anderen hoff- te er, daß sie sich lange halten würde. Durch sie war der Boß viel menschlicher geworden. Zehn Minuten später öffnete Ronald die Trennscheibe und hüs- telte taktvoll, ohne sich umzusehen. »Wir sind gleich da, Mr. Levy, Sir«, rief er über seine Schulter durch die Öffnung nach hinten. »In ungefähr drei Minuten.« Muß ihm 'ne Chance geben, seine Hose wieder anzuziehen, dachte er, während er die Trennscheibe wieder schloß. Ronald ließ den Lincoln vor dem Apartmentgebäude ausrollen, und stieg aus, um die hintere Tür aufzuhalten. Als Miss Stone aus- stieg, sah er ein Stück nacktes Bein aufblitzen, und fragte sich, ob das Absicht gewesen war. »Gute Nacht, Miss«, sagte er lächelnd. »Gute Nacht, Ronald«, antwortete sie. »Und vielen Dank.« »Danke, Ronald«, sagte Levy. »Könnten Sie mich morgen um halb acht abholen?« »Wird gemacht, Mr. Levy, Sir. Gute Nacht.« In Joannas Apartment hatte sich eben erst die Tür hinter ihnen geschlossen, als das Telefon klingelte. »Macht nichts«, flüsterte sie und drängte sich gegen ihn. »Der Anrufbeantworter ist eingeschal- tet.« Das Gerät spielte seinen gespeicherten Text ab, und nach dem Signalton sagte eine Männerstimme: »Joanna, ich bin's – David.« Sie fuhr überrascht zusammen. »Ich fliege kommenden Montag nach Washington«, fuhr die Stimme fort. »Ziemlich kurzfristig, ich weiß, aber es wäre schön, dich wiederzusehen – und ich habe etwas, das ich mit dir bespre- chen möchte. Holst du mich am Montag mittag um zwölf Uhr eu- rer Zeit vom Dulles International ab? Ruf mich hier an, falls du nicht kannst.« Am anderen Ende wurde aufgelegt, und das Gerät surrte leise, während das Band für den nächsten Anruf zurückge- spult wurde. »Sieh mal an!« sagte Joanna kopfschüttelnd. »Von ihm hab ich schon lange nichts mehr gehört. Ich bin gespannt, was er diesmal will.« »Wer ist David?« fragte Levy neugierig. »Mein Bruder, der erfolgreiche Banker.« Sie verzog das Gesicht. »Immer auf seinen Vorteil aus. Ruft mich nur an, wenn er was von mir will. Und ich soll ihn vom Flughafen abholen!« schnaubte sie irritiert. »Warum kann er sich kein Taxi nehmen, wie jeder andere auch?« »Woher hat er angerufen?« fragte Levy., »Wahrscheinlich aus Tokio«, antwortete Joanna. »Er arbeitet im dortigen Büro von Goldman Sachs. Macht im Wertpapierhandel schrecklich viel Geld.« Ihre Miene heiterte sich auf. »Komm jetzt, Liebling. Denken wir nicht mehr an ihn.« Sie griff nach unten und zog sich mit einer raschen Bewegung ihr Kleid über den Kopf. »Ich möchte, daß du mich überall küßt«, flüs- terte sie, während ihre Finger begannen, seine Kleidung zu öffnen. »Und ich meine überall.« »Versuch mal, mich davon abzuhalten«, sagte Levy lachend, ohne noch einen Gedanken auf Joannas Bruder zu verschwenden.

Yeah, ich hab sie kennengelernt«, sagte Ziegler zu Ackford undHarris. »Gestern abend erst. Ed bringt sie hierher mit. Sie müß-

ten jeden Augenblick kommen.« Der Hüne Ackford saß mit hochgezogenen Schultern am Tisch, hatte die Ellbogen aufgestützt, starrte Ziegler mit kleinen schwarzen Augen durchdringend an und wälzte seinen doppelten Kaugummi aus einer Backentasche in die andere. »Wie ist sie?« fragte er. »Na ja, Tony«, sagte Ziegler gedehnt, »erstens ist sie nur ungefähr halb so groß wie du. Und zweitens vermutlich doppelt so kompakt wie du, du übergewichtiger Fettsack.« Er grinste, als Ackford ihm in gespieltem Zorn mit einer gewaltigen Faust drohte. »Sie redet nicht viel, aber was sie sagt, klingt vernünftig. Und sie besitzt natürlich ei- nen weiteren großen Vorzug…« »Oh?« fragte Harris interessiert. »Welchen denn?«, »Sie ist Amerikanerin«, antwortete Ziegler. Er leerte sein Glas. »Al- lein deshalb muß sie schlauer sein als ihr, Jungs. Gott, ich hasse dieses warme Bier!« fügte er hinzu und verzog angewidert das Ge- sicht. »Schluß mit dem Jammern, Yankee«, polterte Ackford gutmütig. »Willst du noch eines?« »Yeah«, sagte Ziegler. »Danke, Tony.« »Cheers, Ack«, sagte Harris. »Für mich auch noch eines.« Ackford stand auf und ging zur Bar hinüber, wo seine hünenhafte Gestalt und sein finsterer Gesichtsausdruck bewirkten, daß der Bar- man ihn sofort bediente. An ihrem Ecktisch runzelte Harris die Stirn. »Amerikanerin?« frag- te er. »Ed hat von einer Koreanerin gesprochen.« »Nun, sie ist gewissermaßen eine«, gab Ziegler zu. »Aber jetzt ist sie als Amerikanerin eingebürgert.« Harris machte weiter ein zweifelndes Gesicht. Er war noch immer dagegen, eine Frau in ihr Team aufzunehmen. Halliday und Zeccara kreuzten auf, als Tony Ackford gerade mit drei Pint-Gläsern zurückkam. Er ächzte scheinbar irritiert und ging wieder an die Bar, um noch zwei Bier zu holen. »Sind sie unterwegs, Mike?« fragte Halliday, als er sich setzte. »Yeah«, bestätigte Ziegler. »Müßten jeden Augenblick kommen.« »Was ist mit diesem anderen Kerl, Mike?« fragte Zeccara. »Ich meine, ich kann verstehen, daß wir das Mädchen mitnehmen – wir brauchen jemanden, der die dortige Sprache spricht. Aber der ver- dammte Eierkopf, dieser Wissenschaftler! Scheiße, wozu brauchen wir den?« »Das erklärt Ed uns noch«, antwortete Ziegler. »Außerdem steht noch nicht fest, ob er wirklich mitkommt.« »Na, hoffentlich bleibt er, wo er ist«, knurrte Ackford, der zwei weitere Gläser auf den Tisch knallte. Er hatte Zieglers Antwort mit- bekommen und erraten, über wen sie sprachen. »Wir wissen nicht,, ob er fit genug ist. Und selbst wenn er's körperlich schafft, haben wir bestimmt nicht genug Zeit, ihm auch nur die Grundlagen von allem beizubringen, was er können müßte.« »Das Mädchen hat wenigstens schon Einsatzerfahrung«, warf Halliday ein, »aber dieser Kerl ist ein blutiger Anfänger. Er könnte uns aufhalten – vielleicht sogar gefährden.« »Genau!« rief Ackford aus und schlug mit seiner Faust auf den Tisch. »Er steckt dann als Korken im Arschloch des Fortschritts, das garantier ich euch!« Die anderen grinsten. Ackford wirkte leicht verwirrt, bis dicht hinter ihm eine Stimme ertönte. »Guten Abend, Tony«, sagte Ed Howard. »Mal wieder blendend gelaunt, wie ich höre.« Ackford drehte sich ungerührt um. »Oh, hallo, Boß«, polterte er. »Willst du auch ein Bier?« »Nett von dir. Aber Ladies first, denke ich.« Howard trat beiseite. »Ich möchte euch mit Kim Sumi bekannt machen.« Als Ackford aufstand, wirkte die junge Frau vor ihm fast zwergen- haft. Sie war winzig, kaum einsfünfzig groß, und zierlich gebaut. Er blickte in forschende dunkle Augen in einem ernsten, unergründli- chen Gesicht. »Guten Abend, Miss«, sagte er und schüttelte ihr vor- sichtig die Hand. »Trinken Sie ein Bier mit? Dies ist noch meine Runde.« »Danke«, sagte Kim Sumi. »Bitte ein Mineralwasser.« »Okay.« Ackford wollte an die Bar zurückgehen, blieb aber ste- hen, als Howard ihn ansprach. »Tony?« Howard zeigte auf einen großen, blonden Mann. »Das ist Dr. Richard Weatherill.« »Yeah«, knurrte Ackford finster und quetschte Weatherill die Hand. »Für Sie auch ein Mineralwasser, Doc?« »Pint«, sagte Weatherill, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Dan- ke.«, Howard hatte den kurzen Dialog interessiert verfolgt. Er merkte, daß Tony Ackford, vielleicht auch die anderen, sich dagegen sträu- ben würden, Weatherill in ihr Team aufzunehmen. In Ordnung, dachte er. Ich bin selbst noch längst nicht dafür. Allerdings sprach für den jungen Wissenschaftler, daß er sich durch Ackfords keineswegs herzliche Begrüßung nicht hatte einschüchtern lassen und den schmerzhaften Händedruck des Hünen ausgehalten hatte, ohne eine Miene zu verziehen. Ziegler war schon dabei, den beiden Neuankömmlingen das rest- liche Team vorzustellen. Howard bemerkte die Neugier auf den Ge- sichtern seiner Männer. Mit ihrer ausdruckslosen Miene und ihren einsilbigen Antworten machte Kim Sumi sich nicht gerade Freunde. Aber Weatherill ging es noch schlechter – er wurde weitgehend ignoriert. Ackford kam mit den Getränken zurück. Danach entstand eine kurze Pause, bis Harris sagte: »Erzählen Sie uns ein bißchen von sich, Miss Sumi.« »Einfach Sumi genügt«, wehrte sie ab. »Mein Familienname ist Kim – in meiner Heimat ist die Namensgebung anders als im Engli- schen.« Bei der Erläuterung solcher kulturellen Unterschiede hätte jeder andere gelächelt; nicht jedoch Kim Sumi. »Ich spreche Korea- nisch«, fuhr sie fort, »und bin körperliche Strapazen gewöhnt. Wie ich höre, sind das die beiden Qualifikationen, die Sie voraussetzen.« Howard war erneut von dieser Frau beeindruckt. Sie hatte nicht versucht, mitteilsam oder zuvorkommend zu wirken; andererseits hatte ihr Tonfall weder feindselig noch herausfordernd geklungen. Sie hatte lediglich das absolute Minimum an Informationen über- mittelt, weil sie wußte, daß ihre Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden würden. Zeccara runzelte die Stirn. »Was wiegen Sie, Kim… äh, Sum?« »Siebenundvierzig Kilogramm«, antwortete sie sofort. Keine überraschte Reaktion auf die Frage, kein ›Wozu wollen Sie das wis-, sen?‹ – nichts, dachte Howard. Zeccara machte ein nachdenkliches Gesicht, dann nickte er Ho- ward zu. »Dürfte kein Problem sein«, meinte er. »Aber ich denke, wir geben ihr keinen mit neun, sondern einen mit sieben Zellen.« »Du bist der Fachmann«, sagte Howard fest. »Das überlasse ich ganz dir.« Er sah nochmals zu Kim Sumi hinüber, weil er wußte, daß weder sie noch Weatherill ahnen konnten, daß Zeccara von Gleitschirmen sprach. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verän- dert; sie wirkte nicht im geringsten neugierig. »Ich wiege sechsundachtzig«, warf Weatherill hilfsbereit ein. Im Gegensatz zu Sumi bemühte er sich offenbar, gesellig zu sein. Alle Köpfe wandten sich ihm zu. Zeccara sprach als erster. »Auf das hab ich Sie ungefähr taxiert. Ihr Gewicht ist kein Problem.« »Sind Sie fit?« fragte Harris den Wissenschaftler kühl. »Einigermaßen, allerdings vermutlich nicht so gut in Form wie Sie und die anderen. Mein Hobby sind Bergläufe – Sie wissen schon, wettbewerbsmäßige Querfeldeinläufe in bergigem Gelände. Dafür muß man recht gut trainiert sein, und ich komme meistens in der Spitzengruppe an.« Harris nickte langsam. Wer als Bergläufer an Wettbewerben teil- nahm, mußte allerdings ziemlich gut in Form sein. »Wir müssen testen, wie belastbar Sie sind«, sagte Harris. Er wandte sich an Howard. »Was denkst du, Boß? Eine Woche in den Beacons? Und als Abschluß der Dauertest?« »Etwas in dieser Art«, stimmte Howard zu. »Aber ich weiß nicht, ob ich euch eine ganze Woche geben kann.« »Dauertest?« fragte Weatherill. »Woraus besteht der?« »Das ist ein Spaziergang durch Wales: vierzig bis fünfzig Meilen über die Brecon Beacons und Black Mountains in zwanzig Stun- den. Je nach Wetter auch schneller. Mit dreißig Kilo Gepäck und einem Gewehr auf dem Rücken. Und mit Trinkwasser für unterwegs – das geht extra.«, »Wow!« sagte Weatherill nachdenklich. »Das klingt verdammt schwierig. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, aber ich werde mein Bestes geben.« »Das werden Sie auch müssen«, warf Ackford ein. »Aber Sie tra- gen natürlich kein Gewehr. Wir dürfen Ihnen keines mitgeben. Das wäre illegal, versteh'n Sie.« »Ich will keine Vorzugsbehandlung«, sagte Weatherill ausdrucks- los. »Sie kriegen auch keine«, knurrte Ackford. Er starrte den Wissen- schaftler finster an. »Sie können statt dessen 'ne beschissene einein- halb Meter lange Brechstange schleppen. Oh, Entschuldigung, Miss«, fügte er hinzu, indem er sich an Kim Sumi wandte. »An meiner Ausdrucksweise dürfen Sie sich nicht stören. Beschissen schlimm, was?« Er setzte sein Bierglas an und leerte es in einem Zug. Die anderen studierten Weatherill aufmerksam. Trotz Ackerfords unverhohlen feindseliger Art hatte der Wissenschaftler gelächelt, als er die Brechstange erwähnt hatte. Er wirkte ehrlich und aufgeschlos- sen, und Howard sah, daß das ursprüngliche Mißtrauen der ande- ren Mitglieder seines Teams sich schon etwas gelegt hatte. »Das erwarten Sie von mir natürlich auch«, warf Sumi ein. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Nun«, meinte Harris, indem er zu Howard hinübersah. »Bei Ihnen ist das… ich meine, wir würden nicht erwarten, daß Sie mit vollem Gepäck…« Sumi griff in ihre Jackentasche und zog ein Foto heraus. Sie schob es Harris über den Tisch zu. »Bitte behandeln Sie mich nicht gönnerhaft«, sagte sie leichthin. »Ich bin kräftiger, als ich aussehe. Gut, ich gebe zu, daß der Rucksack auf diesem Bild nur etwas über zwanzig Kilo gewogen hat. Und ich habe weder ein Gewehr noch zusätzlich Trinkwasser geschleppt. Aber ich habe ihn ganz allein dort raufgetragen.«, Nach einem Blick auf das Foto sah Harris interessiert zu Sumi auf. »Ist das der…« »Ja, der Mount Everest. Vor zwei Jahren… Und was meine Aus- dauer betrifft«, fuhr sie fort, »ist das hier vielleicht aufschlußreich.« Sie legte ein zweites Foto hin. Die anderen drängten sich hinter Harris zusammen, um es zu se- hen. Die Aufnahme zeigte Sumi, die in naßgeschwitzter Laufklei- dung mit aufgenähter Startnummer eine Ziellinie überquerte – sichtbar abgekämpft, aber mit absolut entschlossenem Geischtsaus- druck. Über dem Zielstrich befand sich eine riesige Digitaluhr. Halliday stieß einen leisen Pfiff aus. »Ist das Ihre Zeit gewesen?« »Ja. Zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten. Letztes Jahr beim New York Marathon.« »Puh!« meinte Halliday überrascht. »Das entspricht bis auf wenige Minuten meiner persönlichen Bestzeit! Oder vielleicht sollte ich sa- gen«, fügte er breit grinsend hinzu, »daß meine Bestzeit bis auf ein paar Minuten an Ihre herankommt. Das ist eine Weltklassezeit für eine…« Er brachte den Satz nicht zu Ende. »Ja, Mr. Halliday«, sagte sie ironisch, wobei zum erstenmal etwas Humor aufblitzte. »Ich weiß genau, was Sie meinen. Für eine Frau.« Die anderen lachten schallend, und Ackford trommelte vor Ver- gnügen mit seinen riesigen Fäusten auf den Tisch. Nur Harris ließ sich nichts anmerken, sondern beobachtete Kim Sumi weiterhin aufmerksam. Kein schlechter Einstieg, dachte Howard lächelnd. Besser als erwartet.,

Jewgenij Michailowitsch Baruschkin, Oberst der russischen Luft-waffe, legte langsam den Hörer auf, atmete tief durch, lehnte sich

in seinen Schreibtischsessel zurück und schüttelte verwundert den Kopf. Schließlich wurde man nicht jeden Tag vom Verteidi- gungsminister persönlich angerufen. Nach Baruschkins Überzeu- gung schien die Welt im allgemeinen und Rußland im besonderen in den letzten ein, zwei Jahren übergeschnappt zu sein. Vielleicht war Gratschows Anruf nur eine weitere Manifestation dieser Ver- rücktheit. Er dachte darüber nach und überlegte, was der ihm er- teilte Befehl besagte. Streng geheim, hatte Gratschow gesagt. Von diesem Einsatz darf kein Mensch erfahren, hatte er gesagt. Sie stellen sich Ihre Besatzung selbst zu- sammen und schwören sie auf Geheimhaltung ein – aber Sie teilen Ihren Leuten den Zielflughafen erst nach dem Start mit. Baruschkin hatte schon viele Geheimeinsätze geflogen, deren Ein- satzbefehle ähnlich gelautet hatten, aber er hatte dabei nie Fracht transportieren sollen. Fracht, verdammt noch mal! Schnaps. Kaviar und weitere Delikatessen – Luxusartikel. Was sollte daran so gott- verdammt geheim sein? Bestimmt wieder eine von Gratschows klei- nen Gaunereien, dachte er. Vielleicht war das der Grund für die Ge- heimhaltung, denn falls diese Sache bekannt wurde, hätte es in der Staatsduma bestimmt einen Sturm der Entrüstung gegeben. »Scheiße!« sagte er angewidert. War er so tief gesunken, daß Gratschow ihn als Kurier für Bestechungsgeschenke einsetzen konnte? Baruschkin dachte an seine früheren Geheimeinsätze zurück. Bei einem der ersten hatte er plötzlich Befehl erhalten, ein ärztliches, Notfallteam nach Taschkent zu fliegen. An das Datum konnte er sich noch gut erinnern: 2. Januar 1980. Damals waren sie mit zwei Maschinen unter seinem Kommando unterwegs gewesen. Barusch- kin konnte sich nicht erklären, was die Geheimhaltung sollte – aber streng geheim war dieses Unternehmen jedenfalls. Ihr Einsatzbefehl trug die hastig hingekritzelte Unterschrift von Juri Wladimirowitsch Andropow persönlich, dem damaligen KGB-Vorsitzenden und spä- teren Generalsekretär der KPdSU. Das Medizinerteam hatte aus einer Gruppe hochangesehener Professoren, Ärzte und Chirurgen des berühmten Sklifakowski- Instituts in Moskau bestanden. Baruschkin hatte zwei von ihnen er- kannt – die Professoren Kanschin und Kowalenko, beide weltbe- rühmte Chirurgen – und sich gefragt, was für eine Katastrophe sich in der usbekischen Hauptstadt ereignet haben mußte, wenn diese Spezialisten angefordert wurden. Normalerweise kam es nie vor, daß diese beiden, noch dazu gemeinsam, Moskau verließen. Dem Zweck ihres Geheimeinsatzes hatte Baruschkin bald erfah- ren. In Taschkent wurde sein Flugzeug empfangen, als habe es ein hochrangiges Mitglied des Politbüros an Bord. Usbekische KGB- Offiziere kamen hastig an Bord und begleiteten die berühmten Ärzte zu einer langen Wagenkolonne, die mit Sirenengeheul davon raste. Baruschkin und seine Offizierskameraden wurden ebenfalls wie Prominente behandelt; sie wurden in der KGB-Zentrale am Flughafen üppig bewirtet und konnten sich vor dem Rückflug aus- schlafen. Während sie dort warteten, fing Baruschkin eine Unterhal- tung mit einem anderen Piloten an: einem abgekämpft aussehenden Major, der vor ihm gelandet war. »Sie sind hier, um sie abzuholen und heimzufliegen, was?« fragte der Major. »Wen?« »Die Verwundeten«, antwortete der Major. Aha, dachte Baruschkin, darum geht's also! »Ja«, sagte er knapp., »Wie schwer sind sie verwundet?« »So was Schlimmes hab ich noch nie gesehen«, erklärte ihm der Major. »Es muß ein regelrechtes Massaker gegeben haben. Kriegs- verwundete. Zwei bis drei Dutzend, praktisch alle mit schweren Ver- wundungen. Und vier Gefallene, glaube ich. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Alle diese Kerle sehen verdammt zäh aus. Und sie müssen ziemlich einflußreich sein«, fuhr er fort, »sonst würde ihret- wegen nicht solcher Aufwand getrieben. Ich wollte, ich wüßte, was dort unten vorgeht. In Kabul jagt ein Gerücht das andere, das kön- nen Sie mir glauben. Ich selbst hab's nicht eilig, dorthin zurückzu- fliegen«, fügte er finster hinzu. Kabul… Afghanistan! Baruschkin überlegte angestrengt. Aber in Kabul ist nichts los. Oder vielleicht doch? »Es ist äußerst unklug, Gerüch- te zu verbreiten, Genosse Major«, sagte er warnend. »Ich möchte Ihnen raten, nicht mehr über dieses Thema zu sprechen. Mit nie- mandem! Haben Sie verstanden?« Der Major, der auf seine Ermahnung mit mürrischem Schweigen reagiert hatte, war wenig später abgeflogen. Baruschkin hatte seine Gedanken für sich behalten – nicht nur nach zwei Tagen auf dem Ambulanzflug nach Moskau zurück, son- dern auch später. Aber er hatte eine dienstliche Meldung über Ma- jor Iwanenko und sein loses Mundwerk geschrieben. Als Dank für seine Mühe war Baruschkin prompt in die KGB-Zentrale am Dser- schinskiplatz bestellt worden. Er war mit klopfendem Herzen durch das schwarze Portal in der Mitte der riesigen Granitfassade eingetre- ten und hatte darum gebetet, nicht in eine der Kellerzellen abge- führt zu werden. Nach endlos langer Wartezeit hatte ihn zu seiner Überraschung der Chef der Siebten Hauptverwaltung in sein Dienstzimmer kom- men lassen. Er hatte bolzengerade strammgestanden, während der schmächtige Grauhaarige hinter dem Schreibtisch in einer Akte blätterte – ohne Zweifel in Baruschkins Personalakte. Was wirft man, mir vor? fragte er sich zitternd. »Sie haben vorbildlich gehandelt, Major Baruschkin«, hatte der General gesagt und die Akte zugeklappt. »Ihre Meldung über Major Iwanenko ist richtig und angebracht gewesen. Der Rat, den Sie ihm in Taschkent gegeben haben…« Der KGB-General lächelte eisig. »…ist ausgezeichnet gewesen. Inzwischen ist sichergestellt, daß Iwa- nenko ihn in Zukunft befolgen wird. Sie haben sich hoffentlich selbst daran gehalten?« »Ja, Genosse General«, antwortete Baruschkin steif. »Über Ein- satzfragen würde ich nie mit Außenstehenden sprechen.« »Gut«, sagte der General. »Ich habe Ihre Zuverlässigkeit in Ihrer Akte vermerkt. Sie können gehen.« Jahre später hatte Baruschkin erkannt, daß seine Karriere mit die- ser Episode einen seltsamen Aufschwung genommen hatte. Er hatte den zweiten Stern eines Oberstleutnants und später den dritten eines Obersten erhalten, aber irgendwie war er nicht über diesen Dienstgrad hinausgekommen. Wegen seiner ›Zuverlässigkeit‹ hatte er alle möglichen Geheimaufträge erhalten und in vielen Fällen an Bord verschiedenster Flugzeuge merkwürdige Gruppen harter, schweigsamer Kerle transportiert. Ja, er galt in der Tat als zuverläs- sig. Aber er hatte es nie bis zum Generalmajor gebracht. Baruschkin seufzte. An sich spielte das keine Rolle. Auch als Oberst lebte man nicht schlecht. Oder vielmehr: Man hatte nicht schlecht gelebt, bis die Welt plötzlich angefangen hatte, verrückt zu spielen. Heutzutage schienen Dienstgrad und Uniform nicht mehr viel zu gelten. Demokratie? Pah! Was war eine Demokratie wert, wenn Pawel Gratschow – Pascha Mercedes persönlich – ihm den Befehl erteilte, eine Ladung Whisky und Kaviar von einem Ort zum anderen zu befördern, bestimmt mit dem Hintergedanken, damit sein privates Monopol auf den Vertrieb der deutschen Nobelmarke ausweiten zu können? Sie stellen sich Ihre Besatzung selbst zusammen, wiederholte Baruschkin, für sich, und schwören sie auf Geheimhaltung ein. Nachdem Sie auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo Ihre Ladung an Bord genommen haben, fliegen Sie nach Wladiwostok und warten dort auf weitere Befehle. Sie neh- men einen KGB-Passagier mit, der Sie und die Fracht an Ihren Bestim- mungsort begleitet. Zum Teufel damit! sagte sich Baruschkin angewidert, während er an ihren Bestimmungsort dachte. Moskau war heutzutage schon schlimm genug, aber von den scheußlichsten Großstädten der Welt mußte Pjöngjang, die Hauptstadt Nordkoreas, die allerscheußlich- ste sein.

Am nächsten Montag verließ Joanna Stone kurz nach elf Uhrihre Wohnung und fuhr mit einem Taxi zum Dulles Internatio-

nal Airport hinaus. Diese sechsundzwanzig Meilen weite Fahrt nach Westen dauerte fünfzig Minuten, so daß sie um zwölf Uhr inmitten der vielen Wartenden stand, die ankommende Passagiere abholen wollten. Als sie fünfundfünfzig Minuten lang gewartet hatte, mach- te ihr ungeduldiger Gesichtsausdruck einer besorgten Miene Platz. Nach dem zwanzigsten Blick auf ihre Armbanduhr ging sie zu den öffentlichen Telefonzellen hinüber. Sie entschied sich impulsiv für eines der Kreditkartentelefone, steckte ihre Karte in den Schlitz und wählte eine Nummer, die sie auswendig kannte. Als es am anderen Ende klingelte, war es einige Sekunden nach 12 Uhr 59. Tatsächlich hatte Joanna hier auf niemanden gewartet. Die in der Menge verbrachte Zeit hatte ihr Gelegenheit gegeben, sich davon, zu überzeugen, daß sie nicht beobachtet oder beschattet wurde. Selbst wenn ihr eine sehr geschickte Überwachung entgangen wäre, hätte ihr Verhalten ebenso normal gewirkt wie die Tatsache, daß sie jetzt aus Besorgnis telefonierte. Die Telefonzelle war öffentlich, aber im Gedränge aus Reisenden und Verwandten würdigte niemand Joanna auch nur eines zweiten Blicks. Die Kreditkarte, mit der sie telefonierte, gehörte nicht ihr; sie war vor zwei Tagen gestohlen worden. In Tokio wurde sofort nach dem ersten Klingeln abgehoben. Die Stimme ihres ›Bruders‹ David kam klar und unverzerrt an. Seine Nachricht von vorgestern hatte ihr den Zeitpunkt – Mittag – ge- nannt, zu dem sie eine Stunde hinzuzählen sollte, bevor sie anrief. »Hallo?« »Oh, David, bist du's? Ich hab mir solche Sorgen um dich ge- macht!« sagte sie laut. »Was ist los? Warum bist du nicht hier?« »Tut mir sehr leid, Joanna«, antwortete er. »Bei mir ist im letzten Augenblick was dazwischengekommen. Ich hab's nicht mehr ge- schafft. Meine Reise ist verschoben worden.« »Was soll ich tun?« »Das erfährst du von Walter. Augenblick, ich gebe ihn dir gleich.« Damit waren die eingeübten Vorreden absolviert, und eine tiefere, energischer klingende Stimme meldete sich – die ihres Führungsoffi- ziers. »Hallo, Joanna. Wie kommen Sie voran?« Sie sprach etwas leiser. »Bisher sehr gut. Alles verläuft planmäßig.« »Wie kooperativ ist der Mann?« »Ich habe ihn noch nicht auf die Probe gestellt«, antwortete Joan- na, während sie sich durch einen unauffälligen Blick in die Runde davon überzeugte, daß niemand auf sie achtete. »Aber ich habe ihn an der Angel. Ich glaube, daß er mir zuliebe ziemlich alles täte. Er hat mir sogar schon einen Heiratsantrag gemacht… Wie soll's also weitergehen?« Am anderen Ende der Leitung, in Tokio, lächelte Walter zufrie-, den. Das überraschte ihn nicht. Joanna war eine äußerst attraktive Frau. Sie hatte Talent dafür, Männer zu umgarnen, und keinerlei Bedenken, sie für ihre Zwecke auszunützen. Obwohl Walter das nicht hätte beweisen können, verdächtigte er sie, sogar mit Män- nern, die ihr unsympathisch waren, gern ins Bett zu gehen. Sie hat- te sich jedenfalls noch nie dagegen gesträubt, einen Mann auftrags- gemäß zu verführen – aber andererseits auch keine Sekunde gezö- gert, ihn eiskalt sitzenzulassen, sobald er ihnen nicht mehr nützlich sein konnte. Walter ignorierte ihre Frage. »Er hat um Ihre Hand an- gehalten?« fragte er amüsiert. »Was haben Sie geantwortet?« »Ich habe natürlich ja gesagt. Aber das spielt keine Rolle. Ich kann ihm jederzeit den Laufpaß geben, wenn Sie's für angebracht halten. Wozu soll ich ihn veranlassen?« Joanna runzelte vor Konzentration die Stirn, während ihr Füh- rungsoffizier ihr auseinandersetzte, was sie tun sollte. Sie machte sich keine Notizen, sondern merkte sich seine Anweisungen. »Das dürfte nicht allzu schwierig sein«, bestätigte sie dann. »Sonst noch etwas?« »Nein, das ist vorläufig alles«, antwortete ihr Führungsoffizier. »Sind die Vorbereitungen abgeschlossen, rufen Sie hier bei David an und berichten ihm alle Einzelheiten, damit er die zuständigen Leute informieren kann.« Am anderen Ende wurde aufgelegt, und Joanna hängte ebenfalls ein. Sie wischte ihre Fingerabdrücke von der gestohlenen Kreditkar- te und ließ sie absichtlich zu Boden fallen, als sie das Empfangsge- bäude verließ. Mit etwas Glück würde die Karte von einem unredli- chen Finder nochmals benützt werden, was die Fährte weiter verwi- schen würde. Draußen nahm sie sich ein Taxi und fuhr in die Stadt zurück. In Tokio schob ihr Führungsoffizier das Telefon zufrieden seuf- zend von sich weg. Joannas Stimme hatte sehr zuversichtlich ge- klungen. Er war eigens nach Japan gekommen, um dieses Telefon-, gespräch zu führen, und die lange Reise war nicht vergebens gewe- sen. Er lachte befriedigt in sich hinein. »David«, sagte er, »ich möchte, daß Sie sich ab morgen ständig in der Nähe dieses Tele- fons aufhalten, bis sie sich wieder meldet. Wie die Übergabe der notwendigen Dokumente gehandhabt werden soll, überlasse ich ganz Ihnen. Meine einzige Bedingung versteht sich von selbst: Es darf in keinem Stadium irgendeinen direkten Kontakt zwischen ihr und den anderen geben. Ist das klar?« »Ja, Walter«, antwortete David beflissen. »Gut«, sagte der Führungsoffizier. Er gähnte, denn in Tokio war es jetzt nach zwei Uhr morgens. »Wann fliege ich heute vormittag zurück?« »Ich habe Sie für Flug JL 781 um zehn Uhr gebucht. Damit sind Sie um dreizehn Uhr vierzig in Peking und haben reichlich Zeit, den Anschlußflug JS 152 um fünfzehn Uhr zu erreichen, mit dem Sie um siebzehn Uhr dreißig in Sunan sind.« Er übergab Walter ei- nen Computerausdruck und sein Ticket. »Danke.« Der Führungsoffizier steckte seine Reiseunterlagen ein und gähnte nochmals. »Nun, ich habe einen langen Tag vor mir – mit hundert Kilometern Fahrt über schaurig schlechte Straßen als krönenden Abschluß. Aber immerhin findet alles in der gleichen Zeitzone statt. Ich lege mich jetzt hin. Wecken Sie mich um halb sieben, ja?« »Natürlich, Walter. Gute Nacht.« Der Führungsoffizier ging ins Gästezimmer hinüber. Als er sich auszog, warf er einen kurzen Blick in den Spiegel, der ihm einen sportlich durchtrainierten Körper zeigte, und fuhr sich mit der Rechten durch sein kurzes eisgraues Haar. Nach dem Aufstehen würde er eine halbe Stunde lang Gymnastik machen, um in Form zu bleiben. Nicht übel für einen alten Mann von achtundsechzig Jahren, sagte er sich. Er grinste, als er an Joanna dachte. Schon viel zu lange her, überlegte er sich, daß ich mit ihr geschlafen habe. So willig und hem-, mungslos! Er seufzte, schlüpfte unter die Bettdecke und mußte dann wieder grinsen. Die Israelis würde der Schlag treffen, wenn sie wüßten, daß sie für mich arbeitet. Eine meiner besten Agentinnen… General Reinhold Erfurt, der Stasi-Oberbefehlshaber, sank in ru- higen Schlummer.

Richard Weatherill befand sich in den letzten Stadien der Er-schöpfung. Die riesige Last auf seinem Rücken schien ihn bei

jedem Schritt in den Erdboden zu treiben. Seine Muskeln jammer- ten ihn an, stehenzubleiben, sich auszuruhen, sich hinzulegen. Sei- ne Schultern waren von den Gurten des Bergen-Rucksacks wund, seine Rippen von den Riemen aufgerieben. Bei jedem Schritt zuck- ten neue Schmerzen durch seine geschwollenen Füße, an denen er große Blasen hatte. Warum er bisher durchgehalten hatte, wußte er selbst nicht recht. Nicht das Bewußtsein, daß Kim Sumi auf einer anderen Route die- selbe Entfernung bewältigen mußte – obwohl sie wegen ihres zierli- chen Körperbaus einen leichteren Rucksack bekommen hatte. Als es noch hell gewesen war, hatte er einige Male geglaubt, sie, von Pete Halliday begleitet, in der Ferne zu erkennen. Auch Stolz hatte nichts damit zu tun. Alles Gefühl dafür hatte er längst eingebüßt. Vor etwa zwanzig Kilometern, als die Schmerzen richtig begonnen hatten, war sein Stolz durch etwas anderes abge- löst worden. Weatherill hatte angefangen, seinen ganzen Haß auf Mel Harris zu konzentrieren – auf den Quälgeist, der ihn beschat-, tete und sein Vorwärtskommen beobachtete. Harris kam und ging, sagte kein Wort, war nie weit entfernt. Nach Weatherills Überzeu- gung war der Mann verrückt. Harris, der in Topform war, unterzog sich dieser Tortur freiwillig und trug dabei einen gleich schweren Rucksack – dreißig Kilogramm. Manchmal verschwand Harris in eine andere Richtung, aber Wea- therill wußte jetzt, daß das lediglich ein Ablenkungsmanöver war, damit er glauben sollte, er sei von der richtigen Route abgekom- men. Der Wissenschaftler hatte nur einmal den Fehler gemacht, ihm zu folgen – und miterleben müssen, wie Harris nach gut ein- einhalb Kilometern kehrtgemacht hatte, um auf die richtige Route zurückzukehren. Seit diesem Erlebnis verließ Weatherill sich auf Karte, Marschkompaß und sein eigenes Orientierungsvermögen, während er sich im letzten Teilstück der Siebzigkilometerstrecke von einem Kontrollpunkt zum nächsten schleppte. Schließlich hatte eine Trotzreaktion eingesetzt, die ihn zuletzt noch weitertrieb. Er hatte eine Schmerzbarriere nach der anderen überwunden und hielt sich jetzt nur durch verbissene Entschlossen- heit auf den Beinen. Einen Schritt nach dem anderen, sagte er sich. Nur noch vier Kilometer. Etwas über eine Stunde, wenn's gutgeht. Das Wissen, daß diese Tortur fast überstanden war, nützte nichts. Es machte – im Gegenteil – alles noch schlimmer. Weatherill konn- te jetzt nur noch ans Ende denken; an den wartenden Land Rover, Essen, Wasser, endlich ausruhen. Er bemühte sich, nicht an diese herrlichen Dinge zu denken, aber das war unmöglich. Der letzte Ki- lometer würde der schlimmste sein, das wußte er. Als seine Kräfte ihn schon fast verließen, sah er endlich in der Ferne einen Lichtschein. Dort mußte Tony Ackford mit dem Land Rover stehen. Nicht mehr als vierhundert Meter entfernt, drunten in einer Kurve am Fuß des Hügels. Bergab. Er blinzelte benommen. Das Ende war in Sicht. Aber er spürte nur die Schmerzen in seinen Füßen, Knien und Schultern. Weiter, weiter…, Vierhundert Meter. Dreihundert. Zweihundert… Beinahe am Ziel. Jetzt nicht aufgeben! Dann hörte er den Motor des Land Rovers anspringen. Ackford mußte ihn kommen sehen haben – er machte sich bereit, ihn auf- zunehmen. Scheinwerfer flammten auf. Ja, das war der Land Rover. Gott sei Dank, gleich ist's geschafft. Nur noch wenige Schritte. Jetzt den Kopf hoch, damit du in guter Haltung ankommst. Weatherill hörte das Getriebe knirschen. Er wollte seinen Augen nicht trauen, als der Land Rover sich langsam in Bewegung setzte und die Straße entlang davonfuhr. Nein! Was tat Ackford da? Das mußte ein Irrtum sein. Komm zurück! Weatherill, der jetzt stolpernd weitertrabte, legte die wenigen Meter bis zum letzten Kontrollpunkt zurück, brach dort entkräftet zusammen, während ihm Tränen der Verzweiflung übers Gesicht liefen, und stieß gräßliche Flüche gegen Ackford, Harris und den Rest der Welt aus. »Das ist lästig«, meinte Harris, der unbemerkt herangekommen war, leichthin. »Tony scheint etwas zu früh losgefahren zu sein. Scheint sich in der Zeit geirrt zu haben. Er fährt zum Ausweichkon- trollpunkt, nehme ich an. Wir sollten uns beeilen, sonst kommen wir dort auch zu spät hin. Alles in Ordnung mit Ihnen, Doc?« »Scheißkerl, Scheißkerl, Scheißkerl«, krächzte Weatherill bei je- dem Atemzug, ohne diese Worte mit dem nötigen Nachdruck aus- stoßen zu können. »Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Doc.« Harris stand über ihm, ohne sich seine eigene Erschöpfung im geringsten anmerken zu lassen. »Aber hier sind die UTM-Koordinaten, falls Sie sich dafür interessieren.« Harris drückte ihm einen kleinen Zettel mit zwei Zahlen in die Hand. »Wir sehen uns dort. Trödeln Sie nicht zu lange.« »Fuck you!« Weatherills Versuch, gehässig zu knurren, war so kraft- los, daß Harris den gemurmelten Fluch kaum hörte. »Wie Sie meinen, Doc. Ich geh schon mal voraus.«, Weatherill beobachtete noch, wie Harris rasch in der Dunkelheit verschwand. Dann fluchte er noch mal und sank auf den feuchten Boden zurück, ohne die Kälte wahrzunehmen. So blieb er etwa eine Minute lang liegen, bis seine Atmung allmählich wieder normal war. Er war besiegt worden. Im Angesicht des Erfolgs besiegt. Das Be- wußtsein seiner Niederlage überfiel ihn, und er begann vor Wut und Enttäuschung zu schluchzen. Ackford hatte es absichtlich ge- tan… Absichtlich. Ein nüchtern denkender Teil seines Verstands begriff plötzlich, was hier gespielt wurde. Das gehörte alles zu diesem Test; sie wollten sehen, wie er darauf reagieren würde! Weatherill blieb vorerst liegen, zerrte die Karte aus seiner Parka und richtete seine wasserdichte Taschenlampe darauf. Er stellte fest, daß der durch die UTM-Koordinaten auf Harris' Zettel bezeichnete Punkt drei Kilometer entfernt war. Er versuchte stöhnend, wieder hochzukommen. Seine Schultermuskeln protestierten, als sie das Gewicht des schweren Rucksacks tragen sollten, und er sank keu- chend zurück. Aber dann versuchte er's noch mal, indem er alle Muskeln anspannte. Er richtete sich auf Händen und Knien auf, kam dann wieder auf die Beine. Vor Schmerzen und Erschöpfung war ihm schwindlig, als er seinen Kompaß einstellte und in die an- gezeigte Richtung weiterstapfte. »Ich bin erledigt«, sagte Harris, der auf dem Beifahrersitz des Land Rover saß und einen Becher Tee zwischen den Händen hielt, vier- zig Minuten später zu Ackford. »Die große Strecke bin ich seit Jahren nicht mehr marschiert.« »Nun, mich langweilt diese Warterei«, sagte Ackford, der wie ge- wöhnlich Kaugummi kaute. »Glaubst du, daß er kommt?« »Ich denke schon. Klar, er ist stinksauer gewesen, als du vor ihm, weggefahren bist, und ich hab schon befürchtet, er würde aufgeben. Aber nach ein, zwei Minuten hat er sich zusammengerissen – ich habe noch gesehen, wie er aufgestanden ist. Ich glaube, daß er kommt.« »Hätte ich ihm gar nicht zugetraut«, stellte Ackford fest. »Noch etwas Tee?« »Danke«, antwortete Harris. »Tatsächlich hat er sich ganz gut ge- halten. Fairerweise muß man sagen, daß wir bei dieser langen Stre- cke normalerweise keine Zusatzüberraschungen einstreuen.« »Na ja, ist ja bloß 'ne kleine gewesen«, wehrte Ackford leichthin ab. »Und für die richtig großen Überraschungen ist keine Zeit mehr, stimmt's? Der Boß will, daß wir morgen zurückkommen.« »Schon morgen?« »Yeah. Die Nachricht ist heute gekommen. Wir stellen unsere Ausrüstung zusammen, diese beiden dürfen sich ein paar Tage er- holen, dann geht's los.« »Wie hat Sumi abgeschnitten?« fragte Harris. »Sie hat mit keiner Wimper gezuckt. Pete ist beeindruckt gewe- sen.« »Damit dürfte das Team vollständig sein. Augenblick, ich hab was gehört, glaub ich.« Harris stieg rasch aus dem Land Rover und suchte den dunklen Hügel oberhalb des Feldwegs ab. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er in etwa dreihundert Metern Ent- fernung eine schemenhafte Gestalt auf sie zustolpern sah. »Yeah«, flüsterte er Ackford zu, »er kommt.« »Hat sich verdammt viel Zeit gelassen«, knurrte Ackford. Einige Minuten später sah Weatherill die dunklen Umrisse des Land Rovers vor sich aufragen. Er fährt bestimmt gleich wieder los, dachte er verzweifelt. Als er die letzten Meter auf den Wagen zutor- kelte, rechnete er damit, daß er ihm vor der Nase wegfahren würde. »'n Abend, Doc«, sagte Ackford und leuchtete dem Wissenschaft- ler mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. Weatherill besaß kaum, noch die Kraft, im grellen Lichtschein die Augen zusammenzuknei- fen. »Sadist!« keuchte Weatherill. »Geben Sie mir 'ne verdammte Zi- garette, ja?« »Schlecht für Ihre Gesundheit, Doc«, wehrte der große Mann knurrend ab. »Außerdem hab ich gedacht, Sie wären Nichtraucher.« »Bin ich auch«, antwortete Weatherill mit leiser, versagender Stim- me. »Wenigstens bis jetzt…« Seine Beine gaben nach, und er brach zusammen. Ackford beugte sich über ihn und fühlte seinen Puls, der schnell und gleichmäßig war. Aber Weatherill war ohnmächtig. »Bewußt- los«, sagte Ackford zu Harris. »Dieser dämliche Eierkopf! Komm schon, Mel, hilf mir, ihn hinten reinzuschmeißen. Dann können wir endlich losfahren.« »Er hat sich nicht schlecht gehalten«, sagte Harris einige Minuten später, als Ackford den Feldweg in Richtung Straße zurückfuhr. Weatherills leblose Gestalt lag auf der hinteren Ladefläche auf eini- gen Säcken. »Immerhin ist er angekommen.« »Zu langsam«, sagte Ackford. »Neunzehn Stunden. Im August und bei diesem schönen Wetter darf man keine neunzehn Stunden brauchen, stimmt's? Die Kleine hat's in siebzehneinhalb geschafft. Prima Leistung«, stellte er anerkennend, fast bewundernd, fest. »Und er hätte nicht umkippen dürfen«, fügte er hinzu. »Richtig«, bestätigte Harris, »das hätte er nicht tun dürfen. Trotz- dem hat er nicht allzu schlecht abgeschnitten. So ziemlich an der Grenze, aber ich schätze, daß er gerade noch durchkommt.« »Der gottverdammte blöde Eierkopf kippt einfach um«, murmelte Ackford. Sie ließen Weatherill zehn Stunden lang schlafen; er wachte durch das laute Scheppern eines kräftig mit einem Löffel bearbeiteten Kochtopfs auf. Seine Lider schienen zugeklebt zu sein, und als er sich aufzusetzen versuchte, stöhnte er über die Anstrengung, die, diese einfache Bewegung seinen steifen Muskeln abforderte. Er zog langsam den Reißverschluß seines Schlafsacks auf. So tief hatte er bestimmt noch nie geschlafen. Er trug noch immer die schmutzi- gen Sachen von gestern; er hatte nicht mehr die Kraft gehabt, sich umzuziehen. »Okay, okay«, murmelte er. »Bin schon wach.« »Ziehen Sie Ihre Sportschuhe an, Doc, und trinken Sie einen Be- cher Tee – danach gibt's zwanzig Minuten Gymnastik zum Auflo- ckern. Anschließend können Sie duschen und zum Mittagessen gehen.« Weatherill griff gehorsam nach seinen Laufschuhen und verzog schmerzhaft das Gesicht, während er seine geschwollenen, pochen- den Füße hineinzwängte. Er fühlte sich ungefähr wie ein Neunzig- jähriger. Nachdem er aus dem Zelt gekrochen war, machte Harris verschiedene Aufwärmübungen mit ihm. Seine protestierenden Muskeln begannen bald zu reagieren, und er fühlte sich allmählich besser. Danach ging er unter die Dusche, zog einen frischen Trai- ningsanzug an und humpelte zum Hauptzelt ihres kleinen Lagers hinüber. Seine Füße taten noch weh, aber ansonsten fühlte er sich fast wieder wie ein Mensch. Als er dann heißes Essen roch, merkte er plötzlich, wie ausgehungert er war. Er hob die Zeltklappe hoch. Harris, Ackford und Halliday saßen an dem blanken Holztisch und aßen bereits. Auch Kim Sumi saß dort beim Mittagessen. Sie wirkte so entspannt und beherrscht wie bei ihrer ersten Begegnung. »Nehmen Sie sich 'nen Teller und bedienen Sie sich, Doc«, sagte Harris, ohne aufzusehen. »Viel ist wahrscheinlich nicht mehr da, weil Pete nachgefaßt hat.« Halliday war für seinen Riesenhunger be- rüchtigt, obwohl er mit seinem blassen Gesicht und hagerem Kör- per wie ein schlechter Esser aussah. Weatherill versuchte, normal zu gehen, als er an den Tisch hum- pelte, aber er wußte, daß ihm das nicht gelang. »Is' was, Doc?« fragte Ackford in eigenartigem Tonfall. »Hehehe!« lachte er meckernd. »Auf eine Gelegenheit, diese Frage stellen zu, können, hab ich schon lange gewartet. Sie haben 'ne Blase, was?« »Ich habe ungefähr fünfhundert«, antwortete er müde grinsend, während er sich den Teller vollud, als wolle er Halliday imitieren. »Für euch mag das eine Kleinigkeit sein – ihr seid solche Anstren- gungen gewöhnt. Aber ich bin in meinem Leben noch nie so erle- digt gewesen.« Er machte sich über sein Essen her, schaufelte es gie- rig in sich hinein. »Yeah, klar, aber Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu ma- chen«, sagte Harris. »Sie haben's überstanden. Heute nachmittag fahren wir nach London zurück. Der Boß will Sie sprechen. Sie scheinen letztlich doch durchgekommen zu sein. Ich hätt's Ihnen nicht zugetraut, aber Sie haben's geschafft.« »Danke«, murmelte Weatherill, aber das war kaum zu verstehen, weil er den Mund so voll hatte. »Aber kippen Sie nicht wieder um, okay?« knurrte Ackford und zeigte mit seiner Gabel auf ihn. »Auch nach dem längsten Marsch müssen Sie noch imstande sein, klar zu denken. Und zu kämpfen. Das ist der ganze Zweck dieser Ausbildung, kapiert? Ankommen ist immer nur die erste Hälfte unseres Auftrags. Wer am Ziel umkippt, belastet bloß die anderen.« »Ich werd's mir merken«, versprach Weatherill ihm ruhig, fast ein- geschüchtert.,

Der nordkoreanische Jagdflieger rammte seine Leistungshebelnach vorn und spürte den gewaltigen Schub im Rücken, als die

beiden Strahltriebwerke Tumansky RD-31 hinter ihm aufheulten und das Flugzeug die Startbahn entlang beschleunigte. Der Abfang- jäger Mikojan MiG-25 begann zu beben und zu vibrieren, während er rasch schneller wurde; das schrille Pfeifen seiner Triebwerke mit je neuntausenddreihundert Kilopond Startschub wurde zu einem Röhren. Zwanzig Sekunden später zog der Pilot den Steuerknüppel zurück, und die MiG-25 hob ab. Nach dem Ende der Startbahn zog er die Maschine senkrecht hoch, raste in den Himmel hinauf und stieg steil nach Norden, während der gewaltige Triebwerksschub ihn in seinen Sitz gedrückt hielt. Der Luftwaffenstützpunkt Sunan, fünfzehn Kilometer nörd- lich von Pjöngjang, blieb unter ihm zurück, und die Höhenmesser- anzeiger kreisten rasch, während er weiter an Höhe gewann. In sie- benhundertfünfzig Meter schaltete er seine Nachbrenner ein und hatte das Gefühl, einen weiteren gewaltigen Tritt in den Hintern zu bekommen, als der Schub auf über zwölftausend Kilopond anstieg. Die MiG-25 hatte bereits Mach 1,2 erreicht. Hinter ihm würde sein Rottenflieger den hellen Feuerstrahlen seiner Nachbrenner in den Nachthimmel folgen, das wußte er. Nur zweieinhalb Minuten nach dem Start hatten die beiden Jäger bereits elftausend Meter Höhe erreicht. Sie gingen in den Gerade- ausflug über, flogen mit Mach 2 nach Norden und steuerten das ihnen zugewiesene Ziel an. Keiner der beiden Piloten sprach ein Wort; als Team hatten sie schon viele solcher Einsätze geflogen. Der Rottenführer schaltete sein Zielsuchradar Fox Fire ein, das den, Luftraum vor ihnen automatisch nach einem Ziel absuchte. Es entdeckte den Eindringling fast augenblicklich: vierzig Kilometer nord-nordöstlich von ihnen wie gemeldet in neuntausend Meter Höhe. Schon tot, dachte der Pilot leidenschaftslos, während er das Radar auf CW-Zielsuchmodus für die vier Lenkflugkörper Luft-Luft AA-6 mit halbaktiver Radaransteuerung umschaltete, die seine MiG- 25 an Aufhängepunkten unter den Flügeln mitführte. Er stellte die erste Lenkwaffe scharf, und als sein Daumen leicht den Feuerknopf berührte, wußte er, daß das Leben des Eindringlings jetzt ganz in seiner Hand lag. Aber er hatte noch keine Feuererlaubnis. Er hatte den Auftrag, zunächst festzustellen, warum der Eindringling vom Kurs abgekom- men war und auf ein Luftsperrgebiet mit striktem Einflugverbot zu- steuerte. Abschießen durfte er ihn nur, wenn er seinen jetzigen Kurs nicht zufriedenstellend erklären konnte. Der Blick des Piloten streif- te die Anzeige seines Kennungsgeräts. Ein, sah er. Die SAM-Stellun- gen auf dem Luftwaffenstützpunkt Kaechon würden bereits alar- miert sein, und er hatte keine Lust, selbst für einen Eindringling ge- halten zu werden. Die MiG-Rotte legte die vierzig Kilometer, die sie von dem Ein- dringling trennten, in weniger als einer Minute zurück. Der Rotten- führer leitete eine Linkskurve mit starker Schräglage ein, suchte den Nachthimmel unter ihnen ab und behielt dabei auch seinen Radar- schirm im Auge. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Posi- tionslichter des Eindringlings zu entdecken. Dummkopf, dachte er. Ich werde ihm eine Lehre erteilen. Er drückte seinen Steuerknüppel nach vorn, und die MiG-25 stieß mit Mach 2,4 heulend in die Tiefe – geradewegs auf die Lich- ter des ungeladenen Gastes zu.,

Das große Flugzeug zog stetig seine Bahn durch den sternenkla-ren Nachthimmel. In neuntausend Metern flog es hoch genug,

um auf der Erde praktisch unhörbar zu sein. Hätte jemand auf- merksam gehorcht, hätte er vielleicht ein fernes Brummen gehört, das ihm aber sehr weit entfernt vorgekommen wäre. In dem riesigen Laderaum hätte das Röhren der vier Triebwerke eine normale Unterhaltung sehr erschwert. Ganz unmöglich war sie in diesem Fall, weil die Personen, die sich darin aufhielten, Sauer- stoffmasken trugen. Die Masken der Besatzungmitglieder waren durch Schläuche an die zentrale Sauerstoffanlage des Flugzeugs an- geschlossen, aber die acht Fluggäste hatten eigene Flaschen. Diese fünfundvierzig Zentimeter langen Sauerstoffflaschen mit zehn Zen- timeter Durchmesser steckten in Segeltuchbeuteln, die unter ande- ren Ausrüstungsgegenständen vor dem Bauch getragen wurden. Bei normalem Verbrauch enthielt jede Flasche genügend Sauerstoff für dreißig Minuten. Vor siebenundzwanzig Minuten, bei S minus dreißig Minuten, hatten alle Personen an Bord angefangen, reinen Sauerstoff zu at- men, bevor dann der Druckausgleich mit der Atmosphäre herge- stellt wurde; in neuntausend Metern Höhe war die Luft viel zu dünn, um normale Atmung zuzulassen. Bei der Dekomprimierung hatten sie den Überdruck im Mittelohr gespürt; um ihn auszuglei- chen, hatten sie sich die Nase zugehalten und trocken geschluckt. Mögliche Nebenhöhlenprobleme waren bereits vorbeugend behan- delt worden, als alle vor eineinhalb Stunden Sudafed-Tabletten ge- nommen hatten. Das Zischen erstarb zu einem dünnen Pfeifen, das schließlich, ganz verstummte; nun war der Druckausgleich hergestellt. Der neunte Mann im Laderaum, ein Besatzungsmitglied, ging die Reihe der Fluggäste entlang und überprüfte ihre Ausrüstung. Vor der Brust jedes Springers war über der Sauerstoffflasche ein Höhenmes- ser angebracht; das Besatzungsmitglied kontrollierte die eingestellte Höhe und überzeugte sich davon, daß sie mit der Anzeige des Funkhöhenmessers im Cockpit übereinstimmte. Sechs der acht Springer trugen am rechten Handgelenk einen zweiten Höhenmes- ser, den sie selbst kontrollierten. Rechts neben dem vor der Brust getragenen Höhenmesser be- fand sich das Gerät für halbautomatische Fallschirmöffnung: ein kleiner grauer Kasten, etwa acht mal zehn Zentimeter, aus dem un- ten ein daumengroßer Zylinder ragte, während sich oben ein roter Knopf befand. Von diesem Automaten führte ein dünnes Aufzugs- kabel über die rechte Schulter des Springers zum Verpackungssack. Alle Gurte wurden auf festen Sitz überprüft; jeder Springer bestätig- te mit hochgerecktem Daumen, daß seine Sauerstoffversorgung funktionierte. Dem größten von ihnen fiel gerade noch ein, daß er hier ja ein anderes Handzeichen als den bei Tauchern üblichen Kreis aus Daumen und Zeigefinger machen mußte. Er machte un- ter seiner Sauerstoffmaske ein angewidert finsteres Gesicht; unter Wasser war ihm schon immer viel wohler gewesen als in der Luft. Zwanzig Minuten später, bei S minus zehn, wurden die ange- brauchten Sauerstoffflaschen gegen neue ausgetauscht. Sechs der acht Springer saßen bequem auf ihren großen Bergen-Rucksäcken, durch deren Tragegurte sie die Beine gesteckt hatten, während das Tragegestell an einem Gürtel mit Schnelltrennverschluß befestigt war; die beiden Springer, die keinen Rucksack hatten, saßen auf Holzkisten. Alle acht trugen sperrige Rückenfallschirme mit breitem Nylongurtzeug. Das Besatzungsmitglied, das über die Bordsprechanlage mit dem Piloten in Verbindung stand, signalisierte den Springern die Zeit:, S minus drei Minuten. Sie standen auf und watschelten zur Lade- rampe, wobei sie die hinter ihren Beinen hängenden Rucksäcke un- beholfen mitschleiften. Mit lautem hydraulischen Heulen und zu- nehmenden Windgeräuschen zeigte sich ein Schlitz in der schräg zum Leitwerk hinaufführenden Heckrampe. Ihr oberstes Drittel wurde nach oben weggeschwenkt; die beiden unteren Drittel san- ken langsam herunter, bis sie sich auf einer Ebene mit dem Lade- raumboden befanden. Die acht Springer starrten durch die größer werdende Öffnung in die Nacht hinaus. Trotz ihrer dicken Schutzkleidung begannen sie die durchdringende Kälte – minus 56 Grad Celsius – in dieser Hö- he zu spüren. Sie waren hier ebenso hoch wie auf dem Gipfel des Mount Everest. Die kleinste von ihnen, deren Gesicht hinter Sauer- stoffmaske und Schutzbrille nicht zu erkennen war, lächelte schwach; dieses Mal würde ihr Abstieg aus vergleichbarer Höhe viel kürzer dauern als letztes Mal, darüber war Kim Sumi sich im kla- ren. Sie bewegten sich weiter auf den Rand der jetzt horizontalen Rampe zu und bildeten dort die ›Keilformation‹, die sie eingeübt hatten. Ganz vorn standen Pete Halliday und Kim Sumi neben- einander. Einen Schritt hinter ihnen warteten Angelo Zeccara und Dr. Richard Weatherill. Die dritte Reihe bestand aus Harris, Ack- ford, Ziegler und Howard. Richard Weatherill staunte wie schon bei den Übungssprüngen über das Fehlen jeglicher Turbulenzen. Das gesamte Flugzeugheck war jetzt weit geöffnet, aber obwohl er beinahe am Rand der Lade- rampe stand, fühlte er keine wahrnehmbaren Stöße der draußen vorbeiheulenden Luft. Sumi wurde kurz abgelenkt, als Hallidays Hände sich hinten an ihrem Helm zu schaffen machten; sie spürte einen kurzen Ruck und erkannte, daß er ihren Cyalume-Leuchtstab aktiviert hatte. Ver- drehte man die dünne Plastikröhre, wurden zwei Chemikalien frei-, gesetzt, deren Reaktion gelblichgrünes Licht erzeugte. Normalerwei- se trug der Führer diesen Leuchtstab, damit die nachfolgenden Springer ihre Formation danach ausrichten konnten; bei diesem Sprung würden jedoch Sumi und Halliday die Spitze übernehmen. Der erfahrene Springer Zeccara, der Weatherill bei sich behielt und für beide steuerte, würde dicht hinter ihnen bleiben, und die ande- ren würden ihnen selbständig folgen. Sumi spürte, wie Halliday wie- der fest nach ihrer Hand griff, und fand seinen aufmunternden Händedruck beruhigend. Alle Augenpaare starrten jetzt die Signal- lampe über ihnen an, die Rot zeigte. Die Wartezeit, bis sie auf Grün umsprang, kam allen endlos lang und einigen von ihnen so- gar leicht irreal vor. Weatherill hatte Zeccara verblüfft. Er hatte schnell gelernt und zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Nervosität erkennen lassen. Selbst jetzt wirkte er unaufgeregt; vielleicht, dachte Zeccara, war er als Wissenschaftler imstande, alles logisch zu analysieren und sich dazu zu zwingen, automatisch zu funktionieren. »Klappt alles«, hatte Weatherill ihm gegenüber einmal geäußert, »habe ich nichts zu be- fürchten, nicht wahr? Schließlich geht's nur darum, theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen und sich an die Verfahren zu erin- nern, die man geübt hat.« Zeccara hatte in dieser Bemerkung weder Prahlerei noch Überheblichkeit entdecken können und ihr auch nicht widersprochen; in seiner ruhigen Art hatte er Weatherill und Kim Sumi jedoch auseinandergesetzt, welche riesengroßen Unter- schiede es zwischen Übungen im senkrechten Windkanal oder so- gar Sprüngen aus viereinhalbtausend Metern – die größte Höhe der beiden Neulinge bei ihren sechs Übungssprüngen – und einem ech- ten HALO-Sprung aus doppelter Höhe gab. ›High altitude, low opening‹ bezeichnete eine Sprungtechnik, die sich über viele Jahre hinweg als Verfahren für die Einschleusung von Kommandos der Special Forces in feindliche Gebiete entwi- ckelt hatte. Ein HALO-Sprung erfordert Fähigkeiten, die weit über, das in der normalen Sprungausbildung Gelehrte hinausgehen. Ge- wöhnliche Luftlandetruppen werden aus niedrigen Höhen abgesetzt und können ihren Sprung praktisch kaum beeinflussen; ihre Fall- schirme werden sofort von den am Flugzeug befestigten Aufzugs- leinen geöffnet, so daß es keinen freien Fall gibt. Die ersten Rund- kappenfallschirme waren unsteuerbar, aber durch spätere Verbesse- rungen wie Schlitzkappen und Steuerleinen wurde eine gewisse Steuerbarkeit erreicht. Trotz solcher Entwicklungen fielen her- kömmlich abgesetzte Luftlandetruppen wegen ihrer tieffliegenden Maschinen unweigerlich auf. Der moderne Krieg kennt praktisch keine Massenabsprünge von Fallschirmjägern mehr – hauptsächlich wegen der Verwundbarkeit ihrer Flugzeuge durch die feindliche Luftabwehr. Zu den wichtigsten Fortschritten auf dem Gebiet der Fallschirm- technik gehörte die Entwicklung des aus neun Zellen bestehenden ›Stauluft-Gleitschirms‹. Dieser rechteckige Gleitschirm, dessen Zel- len durch die einströmende Luft aufgeblasen werden, verhält sich dann wie eine Tragfläche. Der Springer kann ihn sehr gut steuern; fünfzig Stundenkilometer Geschwindigkeit und verhältnismäßig niedrige Sinkgeschwindigkeit (im allgemeinen etwa 4,5 Metersekun- den) ermöglichen geübten Springern punktgenaue Landungen. Der Gleitschirm machte ungeahnt präzise Sprünge aus großen Höhen und mit niedriger Öffnungshöhe möglich. Für Einheiten der Spe- cial Forces, vor allem für den SAS, war das eine außerordentlich nützliche Erfindung. Der nächtliche HALO-Sprung ist noch heute die unauffälligste Methode, Kommandos der Special Forces in feindliches Gebiet einzuschleusen. Das Hauptproblem ist natürlich die Tatsache, daß weiterhin ein Flugzeug benötigt wird – und Flugzeuge können geortet werden. Sie müssen entweder so hoch fliegen, daß sie von der Erde aus nicht mehr zu sehen sind – und werden dann von militärischen und zivilen Dienststellen mit Radar verfolgt –, oder so tief bleiben,, daß sie ganz sicher vom Boden aus beobachtet und weitergemeldet werden. Nur sehr kleine und sehr wendige Flugzeuge im Tiefstflug können modernen Radaranlagen noch entgehen; ein Absetzen von Springern kommt in so geringen Höhen nicht mehr in Frage. Die Lösung dieses Problems war verhältnismäßig einfach: Es erforderte ein Täuschungsmanöver. Flugzeuge mit HALO-Springern würden, wenn immer möglich, international festgelegte Standardflugstrecken benützen, damit sie im gewöhnlichen Luftverkehr nicht auffielen. Da es auf strengste Geheimhaltung ankam, war die logische Wei- terentwicklung dieses Gedankens der Einsatz von Verkehrsmaschi- nen statt Militärflugzeugen – und sogar die Benützung von Maschi- nen, Flugnummern und Abflugzeiten aus dem Linienverkehr. Dabei zeigten sich jedoch auch einige Nachteile. Obwohl die Mindestge- schwindigkeit der meisten Verkehrsflugzeuge niedrig genug liegt – etwa bei 130 Knoten –, um das Absetzen von Fallschirmspringern zu ermöglichen, sind nur wenige ihrer Bauart nach dafür geeignet. Das häufigste Problem bei Verkehrsmaschinen ist die Anordnung der Ausstiege. Der Idealfall ist ein Heckausstieg, der verhindert, daß der Springer mit dem Leitwerk oder einem der Triebwerke kolli- diert. Zum Glück ist bei der Boeing 737 alles richtig angeordnet. Merkwürdigerweise trifft das auch auf die Concorde zu. In den letzten Jahren ist Concorde-Passagieren mehr als einmal erklärt wor- den, ihr Flug sei aus irgendwelchen Gründen verschoben oder ab- gesagt worden, ohne daß sie mitbekommen hätten, daß ihre Ma- schine später doch gestartet war: mit einer kleinen Gruppe zielbe- wußt wirkender Fluggäste, von denen keiner den Flug auf her- kömmliche Art beenden würde. Pilot und Besatzung müssen nicht nur fliegen und navigieren, sondern auch komplizierte Berechnungen durchführen und Ent- scheidungen treffen, wenn das Unternehmen erfolgreich sein soll. Ihre Entscheidungen betreffen den Zeitpunkt des Absetzens und die Windgeschwindigkeiten. In den typischen Reiseflughöhen zwi-, schen zehntausend und zwölftausend Metern sind Windgeschwin- digkeiten von hundertfünfzig und mehr Stundenkilometern wegen der dort herrschenden Jet-streams nicht selten. Während dem Pilo- ten oder Navigator die Windgeschwindigkeit in seiner Flughöhe an- gezeigt wird, muß er sehr erfahren sein und über die neuesten Wet- termeldungen verfügen, um berechnen zu können, welche Windge- schwindigkeiten in niedrigeren Höhen auftreten und wie sie einen freifallenden Springer versetzen könnten. War diese Berechnung fehlerhaft, konnte ein Springer, der sich mit seiner Endgeschwindigkeit von zweihundert Stundenkilometern im freien Fall befand, schon fünf und mehr Kilometer von der vor- gesehenen Landezone abgetrieben sein, bevor sein Schirm sich überhaupt geöffnet hatte. Vor der Einführung des Stauluft-Gleit- schirms betrug der noch akzeptable Fehlerbereich deutlich weniger als einen Kilometer – und auch diese Genauigkeit war nur schwer zu erreichen. Dank der besseren Steuerbarkeit und höheren Vor- triebsgeschwindigkeit des Gleitschirms hatte der Radius dieses Be- reichs sich jetzt vervierfacht. Berechnungsfehler spielten keine Rolle mehr – sie ließen sich korrigieren. Endlich sprang die Signallampe auf Grün um. Halliday und Sumi reagierten gemeinsam, warfen sich nach vorn, stürzten sich über die Rampenkante und waren sofort verschwunden. Zeccara wartete eine Sekunde lang, dann folgte er ihnen mit Weatherill. Dann rückten Harris, Ackford und Ziegler auf und stürzten sich ebenfalls in die Tiefe. Ed Howard, der mit ihnen in der letzten Reihe stand, hätte gleichzeitig springen sollen; er hatte jedoch den Kopf zur Seite ge- dreht, um dem Absetzer dankend zuzuwinken. Erst als er die ener- gische Handbewegung des Mannes sah, merkte er, daß die anderen schon verschwunden waren. Howard verfluchte seine Unaufmerk- samkeit und stürzte sich kopfüber ins Dunkel. Nachdem die Wir-, belschleppe des Flugzeugs ihn durchgerüttelt hatte, nahm er die ›Froschposition‹ mit in Schulternähe nach unten weisenden Hand- flächen und an den Knien angewinkelten Beinen ein, um seine Fall- geschwindigkeit nicht allzu hoch werden zu lassen. Howard merkte, wie seine Fluglage sich stabilisierte; als er seine Endgeschwindigkeit von zweihundert Stundenkilometern erreichte, schien er sogar wieder zu steigen. Natürlich stieg er nicht wirklich, aber das Gefühl war täuschend echt. Während Howard sich weiter Vorwürfe machte, suchte er unter sich den Lichtschein des Cya- lume-Leuchtstabs. Der Triebwerkslärm des großen Frachtflugzeugs verebbte rasch und wurde durch das schrille Pfeifen der an seinem Helm vorbeiströmenden Luft ersetzt. Nirgend ein Lichtschein zu sehen. Die anderen mußten schon sehr viel tiefer sein. Er legte die Arme an, um mit dem Kopf voraus seine Fallgeschwindigkeit auf zweihundertvierzig Stundenkilometer zu erhöhen und so zu ver- suchen, zu den anderen aufzuschließen. Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall, dem sofort ein lautes Röhren und ein greller Lichtblitz folgten, um fast augenblick- lich wieder zu verschwinden. Howard spürte, daß ihm die Luft wie durch eine riesige Faust aus der Lunge gepreßt wurde. Ein gewalti- ger Verdichtungsstoß wirbelte ihn durch den Nachthimmel, so daß er für einige Sekunden ohnmächtig wurde, sich überschlug und mit schlaffen Gliedern in unkontrolliertes Trudeln geriet. Howard kam wieder zu Bewußtsein. Er fühlte sich schwindlig und benommen, und seine Ohren summten noch immer von der De- tonation – oder was immer das gewesen sein mochte. Um die Orientierung zurückzugewinnen, nahm er wieder die ›Froschposi- tion‹ ein und sah sich um, während sein Verstand fieberhaft arbei- tete. Als er seine Arme und Beine spreizte, durchzuckte ihn ein heftiger Schmerz. Seine linke Schulter war verrenkt und ließ sich nur mühsam bewegen. Von den anderen war nichts zu sehen. Er sah auf seinen Höhenmesser. Das Gerät zeigte 7.960 Meter, an – also war er seit dem Absprung erst tausend Meter gefallen. In der Sauerstoffmaske spürte er etwas Nasses, das ihm über die Oberlippe lief und auf seiner Zunge salzig schmeckte; Howard er- kannte, daß er Nasenbluten hatte. Er schluckte, sah auf seinen Kompaß, um sich zu orientieren, und blickte dann schräg nach oben, wo das Frachtflugzeug hätte sein müssen. Nichts zu erken- nen. Die Maschine muß explodiert sein, dachte er besorgt. Scheiße… Eine Fla-Rakete oder dergleichen? Aber er sah keinen Feuerball, auch keine in die Tiefe stürzenden, brennenden Flugzeugteile. Dann glaubte er trotz des schrillen Summens in seinen Ohren wieder das kreischende Röhren von vorhin wahrzunehmen. Es klang irgendwie anders, vor allem nicht entfernt so laut. Ein Echo? Im nächsten Augenblick sah er etwas. Aus der Tiefe kam eine bläu- lich leuchtende Flammenzunge in weitem Bogen auf die Stelle zu- gerast, an der das Frachtflugzeug sich hätte befinden müssen. Eine Boden-Luft-Lenkwaffe! Während er sie beobachtete, schien sie etwa zwölfhundert Meter über ihm und drei Kilometer entfernt in den Horizontalflug über- zugehen. Die bläulich weiße Flamme wurde zu einem orangeroten Leuchten, und Howard sah jetzt deutlich zwei getrennte Lichtpunk- te. Zwei Triebwerke. Fast gleichzeitig stießen zwei weitere orangero- te Flammenzungen aus größerer Höhe herab und schlossen zu dem ersten Paar auf. Zu seiner großen Erleichterung sah er jetzt ganz schwach die blinkenden Positionslichter des Frachtflugzeugs, das von den beiden schnellen Flugobjekten angesteuert wurde. Gott sei Dank, dachte er, es fliegt noch! Howard begriff endlich, was passiert war. Der Überschallknall der MiG-25 hatte das Frachtflugzeug wie eine Riesenfaust durchgeschüttelt. Der Jäger war keine zwanzig Meter entfernt in fast senkrechtem Sturzflug vorbeigerast und hatte dabei, eine massive und ohrenbetäubende Druckwelle erzeugt. Im Lade- raum war Alexander Plasnin, das Besatzungsmitglied, das als Abset- zer fungiert hatte, eben dabei gewesen, die Heckrampe zu schlie- ßen. Er wurde hochgeschleudert, als das Flugzeug wie von einem Schlag getroffen bockte, und verdankte sein Leben nur seiner am Rumpf befestigten Sicherungsleine. Jetzt rappelte er sich blutend und fluchend auf, schloß rasch die Heckrampe und öffnete danach ein Ventil, um den Flugzeugrumpf wieder unter Druck zu setzen. Er war nicht der einzige, der fluchte. Der benommene Pilot kämpfte damit, die Maschine wieder unter Kontrolle zu bekom- men, und stieß dabei wildeste Flüche aus. Er hatte den Knall und die heftigen Turbulenzen sofort richtig gedeutet. Er war schon mehrmals von übermütigen Jagdfliegern angesteuert worden – aber noch nie so schnell oder so gefährlich nahe. Geradezu ein Wunder, dachte er, daß keines unserer Fenster hier vorn zersplittert ist. Er mochte gar nicht daran denken, wie es im Laderaum aussah; aber als er gerade über die Bordsprechanlage anfragen wollte, drang eine dünne, hohe Stimme aus seinem Kopfhörer. »Unidentifiziertes Flugzeug! Sie, mit den Kopfschmerzen! Sofort nach links abdrehen und mir folgen! Führen Sie diese Anweisung sofort aus, sonst werden Sie abgeschossen!« Ein Blick aus dem Seitenfenster zeigte dem Piloten die unver- kennbaren Umrisse einer MiG-25 der nordkoreanischen Luftwaffe. Der Jäger hatte sich im Langsamflug keine fünfzig Meter entfernt links neben ihn gesetzt. Während er ihn beobachtete, flog die MiG etwas voraus und leitete eine Linkskurve ein. Der Pilot widerstand der fast übermächtigen Versuchung, dem Jagdflieger zu erzählen, was er von ihm hielt. »Verstanden, Anweisung wird befolgt«, bestä- tigte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er folgte der MiG, in- dem er seine große Maschine in eine steile Linkskurve legte. Im an- schließenden Geradeausflug zeigte sein Funkkompaß 160 Grad an; das bedeutete, daß ihr tatsächlicher Kurs 180 Grad war. Das konnte, ungefähr stimmen: der Luftwaffenstützpunkt Sunan bei Pjöngjang mußte jetzt genau südlich von ihnen liegen. »Hier kommt noch so ein Dreckskerl«, meldete sein Kopilot über die Bordsprechanlage und sah nach rechts, wo die zweite MiG sich heranschob. »Identifizieren Sie sich!« blaffte die dünne Stimme. »Sonderflug drei-zwo-vier-acht der russischen Luftwaffe von Wladi- wostok nach Pjöngjang«, antwortete Oberst Jewgenij Michailo- witsch Baruschkin aufgebracht. »Unser Flug ist angemeldet und ge- nehmigt! Was hat diese empörende Behandlung zu bedeuten?« »Sie sind vom Kurs abgekommen und in ein Sperrgebiet eingeflo- gen!« antwortete die dünne Stimme. »Befolgen Sie jetzt meine An- weisungen und halten Sie Funkstille. Weitere Warnungen haben Sie nicht zu erwarten.« Baruschkin widersprach nicht. Er verzog das Gesicht, als er an Alexander Plasnin im Laderaum dachte, und drückte auf die Sprech- taste der Bordsprechanlage. »Sascha, wie sieht's dort hinten aus? Bist du heil geblieben?« »Was mich betrifft, lautet die Antwort ja«, meldete Plasnin. »Aber ein paar Spanngurte sind gerissen, und die Paletten haben sich los- gerissen. Dabei sind jede Menge Flaschen zu Bruch gegangen. Hier schwimmt alles in Alkohol, deshalb brauchst du dich nicht zu wun- dern, wenn ich bei der Landung von den Dämpfen halb besoffen bin. Ich versuche, die Paletten wieder zu sichern, aber ihr solltet ex- treme Fluglagen vorläufig vermeiden. Was, zum Teufel, ist das übri- gens gewesen?« erkundigte er sich. »Ein Abfangjäger?« »MiG-25«, bestätigte Baruschkin. »Sogar gleich zwei. Diese ver- dammten Schweinehunde!« Er machte eine Pause. »Eigentlich bin ich sogar froh, daß ein Haufen Flaschen draufgegangen sind. Ich zeige die beiden Kerle an. Dann können sie ihrem Präsidenten per- sönlich erklären, warum diese für ihn bestimmten Luxusgeschenke der russischen Regierung nicht heil angekommen sind. Hoffentlich, läßt Kim Il Sung die beiden dafür an die Wand stellen!« »Das hoffe ich auch«, stimmte Plasnin zu. »Soll ich den Rest kon- trollieren und die heilgebliebenen Flaschen zerschlagen? Dann geht's den kleinen Scheißern noch dreckiger.« »Aber vergiß nicht, ein paar Flaschen für uns aufzuheben«, sagte Baruschkin grinsend. »Die brauchen wir als Stärkung in diesem ver- dammten Land dort unten. Übrigens, noch was«, fügte er hinzu. »Sind unsere Passagiere gut weggekommen?« »Kein Problem«, antwortete Plasnin. »Der letzte ist abgesprungen, kurz bevor die MiG uns angesteuert hat.« »Sehr gut!« meinte Baruschkin zufrieden. »Ich weiß nicht, wel- chen Auftrag sie haben, aber hoffentlich jagen sie dieses ganze Scheißland mitsamt seiner beschissenen Bevölkerung in die Luft.« Er ließ die Sprechtaste los und sah stumm nach draußen. »Jetzt Sinkflug nach Sunan einleiten! Folgen Sie mir bis zur Lan- dung!« kreischte die dünne Stimme in seinen Kopfhörer. Wird allmählich Zeit, dachte Baruschkin und nahm die Leistungs- hebel der Antonow zurück. Der Flugplatz Sunan war nur noch rund achtzig Kilometer entfernt. In dieser klaren Neumondnacht wäre der Widerschein des Lichtermeers jeder anderen Großstadt der Welt bereits am Horizont zu sehen gewesen. Aber Pjöngjang war ein seelenloses, deprimierendes Nest, das von einem korrupten, per- versen Größenwahnsinnigen und seinem kleinwüchsigen, Schuhe mit Plattformabsätzen tragenden, zwielichtigen Irrwisch von einem Sohn beherrscht wurde. Baruschkin, der Pjöngjang bereits kannte, hatte die nordkoreanische Hauptstadt nicht in bester Erinnerung. Dieses gottverdammte Land war so pleite, daß es außer für den Prä- sidentenpalast immer wieder Stromsperren gab, und die Menschen waren so indoktriniert und unterernährt, daß die meisten von ih- nen sich von freilaufenden Hunden und Ratten ernähren mußten – wenn es ihnen gelang, sie zu fangen. Und hier war er jetzt: Oberst Jewgenij Michailowitsch Barusch-, kin, mit dem Rotbannerorden für tapfere Dienste fürs Vaterland ausgezeichnet, der mit einer Flugzeugladung Luxusartikel zu dem pockennarbigen, verlogenen Diktator dieser Müllhalde von einer Hauptstadt unterwegs war. Die letzte wahre Bastion des Sozialis- mus? Pah! dachte Baruschkin verächtlich. Jedenfalls geschah es die- sen Schweinehunden ganz recht, wenn die gesamte Ladung ruiniert war. Schuld daran war allein der schwachsinnige MiG-Pilot mit sei- nen verrückten Kunstflugmanövern. Na ja, gestand Baruschkin sich ein, vielleicht nicht ganz allein schuld. Er grinste unter seiner Sauerstoffmaske. Tatsache war, daß er vom Kurs abgekommen war. Absichtlich davon abgekommen. Allerdings hatte er dafür eine glaubhafte Erklärung – einen defekten Funkkompaß. In Wladiwostok war das Gerät so verstellt worden, daß es zwanzig Grad zu wenig anzeigte, so daß die Antonow zu weit nach Norden und damit über den Jöngbjön/Kaechon-Kom- plex geraten war. Die Nordkoreaner konnten seinen Kompaß über- prüfen, wenn sie wollten – das war sogar Bestandteil des Plans. Baruschkin fragte sich zum zwanzigstenmal, auf wessen Plan die- ses Unternehmen zurückgehen mochte. Für ihn war es jedenfalls eine Premiere gewesen: Er hatte noch nie westliche Ausländer an Bord gehabt, und obwohl er schon früher mit einigen zusammen- gekommen war, waren diese Leute von ganz anderem Kaliber. Sie erinnerten ihn an Sascha Plasnin und seine Sondereinheit. Er kann- te Sascha gut; er hatte seine Kameraden und ihn schon oft zu Ge- heimunternehmen geflogen. Sascha war kein gewöhnliches Besat- zungsmitglied. Bei genauer Betrachtung waren Sascha und die Män- ner der Gruppe ›A‹ in keiner Beziehung gewöhnlich… Der Oberst dachte wieder an den Januar 1980, an seinen Ambu- lanzflug nach Taschkent, wo er die ersten Verwundeten des Afgha- nistankriegs an Bord genommen hatte. Diese Männer, das wußte er inzwischen, hatten der Gruppe ›A‹ angehört. Sascha war erst später dazugestoßen, aber er war dabeigewesen, als Baruschkin sie 1982 in, die georgische Hauptstadt Tiflis geflogen hatte, wo es wieder eine unangenehme Situation zu bereinigen gab. Basierte dieser Einsatz also auf einem Plan der Gruppe ›A‹? Nein, das war unwahrschein- lich. Die Gruppe besaß viel Einfluß, das wußte er, aber es war schlicht unvorstellbar, daß sie General Pawel Gratschow für ihre Zwecke einspannen konnte. Und von Gratschow stammte dieser Plan sicher auch nicht. Gratschow war zu dämlich und unbeholfen, um sich etwas so Rassiges auszudenken. Vielleicht Boris Jelzin per- sönlich…? Nein, dachte er sarkastisch. Jelzin hätte sich ihre Ladung Schnaps lieber selbst hinter die Binde gekippt. Um wessen Idee handelte es sich also? Und was hatten Westler damit zu schaffen? Westler, genauer gesagt Engländer. Ja, sagte er sich, dahinter muß die englische Regierung stecken. Der Premierminister muß Jelzin ei- nen Anreiz geboten haben – vermutlich politische oder finanzielle Unterstützung –, um sich seine Hilfe zu sichern. Wie hätten die Briten sonst eine ihrer Speznas-Gruppen nach Nordkorea einschleu- sen können? Die nordkoreanische Regierung erteilte nur russischen und chinesischen Flugzeugen gelegentlich Einflugerlaubnis, und we- gen ihres dummen, unnützen Streits um Hongkong sprachen die Engländer und Chinesen kaum mehr miteinander. Nun, unabhän- gig von den Hintergründen des Unternehmens der Briten, würde er heute abend in der Hoffnung, daß sie dabei möglichst viele dieser kleinen nordkoreanischen Schweinehunde massakrierten, einen kräf- tigen Schluck auf ihr Wohl trinken. Ohne zu ahnen, wie genau seine Vermutung zutraf, kontrollierte Baruschkin die Kabinendruckanzeige. Als er sah, daß der Innen- druck wieder normal war, nahm er seine Sauerstoffmaske ab, wäh- rend er den Sinkflug nach Sunan fortsetzte. Im nächsten Augen- blick schlugen ihm aus der Klimaanlage der Antonow betäubend riechende Alkoholschwaden entgegen. Er setzte die Maske rasch wieder auf. Plasnin hatte recht – auf dem Boden des Laderaums mußte das Zeug knöchelhoch stehen. Also mußte er nach dem, Aufsetzen vorsichtig bremsen, sonst kamen zehntausend Liter fein- sten Cognacs und Whiskys nach vorn ins Cockpit geschwappt. Auch ein schöner Tod! Durch die Tür in der dünnen Trennwand zum Laderaum hörte Baruschkin das Klirren zerbrechenden Glases. »Hey, Sascha!« rief er besorgt in die Bordsprechanlage. »Vergiß nicht, ein paar für uns aufzuheben!« Alexander Plasnin lachte. »Schon sichergestellt«, antwortete er und zerschlug die nächste Flasche.,

TEIL DREI Bei seinem Sturz durch den Nachthimmel bemühte Howardsich, nicht mehr an die gefährliche Begegnung mit dem nord-

koreanischen Abfangjäger und das mögliche Schicksal der russi- schen Antonow und ihrer Besatzung zu denken. Das Flugzeug, Oberst Baruschkin und Sascha Plasnin spielten in seiner Planung weiterhin eine entscheidende Rolle, und er konnte nur hoffen, daß ihnen nichts zustoßen würde. Sie waren darauf gefaßt gewesen, daß die Kursabweichung der Antonow eine unfreundliche Reaktion aus- lösen würde, aber die gewalttätige Reaktion der Nordkoreaner zeig- te, daß sie diese Sache sehr ernst nahmen. Seine russischen Freunde würden wahrscheinlich einige Zeit lang festgesetzt und von irgend- einem humorlosen Fanatiker der dortigen Sicherheitskräfte belabert werden, aber damit hatte es sich vermutlich. Die Nordkoreaner konnten es sich nicht leisten, ihren mächtigen Nachbarn Rußland zu reizen, auch wenn die Beziehungen zwischen beiden Staaten längst nicht mehr so gut wie früher waren. Während Howard seinen Höhenmesser im Auge behielt, machte, er sich jetzt mehr Sorgen um den Rest seines Teams, das sich ir- gendwo unter ihm befinden mußte. Obwohl der Jäger ihn nur knapp verfehlt hatte, hielt er es für sehr unwahrscheinlich, daß der Jäger tatsächlich einen seiner Leute getroffen hatte – bei dieser Ge- schwindigkeit hätte auch das Flugzeug den Zusammenprall nicht überstanden. Aber kurzzeitige Bewußtlosigkeit, wie Howard sie er- lebt hatte, Verletzungen, Schäden an der Ausrüstung, Orientierungs- verlust – alles das konnte eingetreten sein. Vor allem für die beiden Neulinge, Weatherill und Kim Sumi, konnten die Desorientierung und der Schock tödliche Folgen haben. Weatherill war entbehrlich, aber die junge Koreanerin… Trotzdem läßt sich das im Augenblick nicht ändern, sagte sich Howard grimmig. Wahrscheinlich hatte die Druckwelle des Jägers das Team zersprengt und die geplante Formationslandung unmög- lich gemacht; jetzt mußte jeder versuchen, die Landezone selbstän- dig zu erreichen. Er konnte nur hoffen, daß Halliday und Zeccara es geschafft hatten, ihre beiden Schützlinge bei sich zu behalten. Ein Glück, dachte Howard, daß ich eine Landezone ausgesucht habe, die verhältnismäßig leicht zu identifizieren sein dürfte. Howard überlegte, welche Möglichkeiten ihm offenstanden, und entschied, er müsse sich jetzt darauf konzentrieren, heil und am richtigen Ort zu landen. Sein Höhenmesser zeigte viertausendsechs- hundert Meter an, was bedeute, daß er sich seit ungefähr eineinhalb Minuten im freien Fall befand – etwa auf halber Strecke. Die mar- kante Geländeformation, nach der er Ausschau hielt, hatte er schon entdeckt. Die auffällige Schleife des Flusses Kurjong war unverkenn- bar; auch bei schwachem Sternenschein warfen Wasserflächen einen deutlich sichtbaren, glasigen Schimmer zurück. Er hatte lange über alten Luftbildern und neueren Satellitenauf- nahmen gebrütet, um eine Landezone zu finden, die alle drei von ihm festgesetzten Kriterien erfüllte. Erstens: sie mußte aus der Luft leicht erkennbar sein; zweitens: sie mußte ausreichend groß und, baumfrei sein; drittens: sie mußte weit von allen Straßen, Wegen und Gebäuden entfernt sein, so daß voraussichtlich niemand ihre Landung sehen und Alarm schlagen konnte. Wie das Gelände tat- sächlich aussah, war aus dieser Höhe noch nicht zu erkennen, aber durch die markante Flußschleife war es eindeutig bezeichnet. How- ard war sich sicher, daß auch die anderen die Landezone identifi- ziert haben würden – wenn sie noch heil und gesund waren. Selbst wenn sie bewußtlos waren, wie er es vorhin für kurze Zeit gewesen war, würden sie nicht zerschmettert liegenbleiben, denn ihre Fall- schirme würden sich automatisch geöffnet haben. Howard widerstand der Versuchung, den kleinen grauen Kasten rechts vor seiner Brust zu tätscheln. Schon diese kleine Handbewe- gung hätte ihn aus seiner stabilen Fluglage bringen können, aber im stillen dankte er dem unbekannten Erfinder des Fallschirmsprung- automaten. Der mit seinem Höhenmesser gekoppelte Automat war ein verhältnismäßig einfaches mechanisches Gerät. Die daumengro- ße silberne Röhre auf seiner Unterseite enthielt eine Feder; mit dem oben sitzenden, roten Drehknopf wurde die Auslösehöhe einge- stellt. Wie alle einfachen mechanischen Vorrichtungen funktionierte das Gerät wirklich. Das Beste daran war, daß der Springer es arbei- ten hören konnte. Der Automat tickte und klickte und surrte beru- higend, als wolle er beweisen, daß er nicht schlafe – und er funktio- nierte sogar, wenn der Springer bewußtlos war. In der eingestellten Öffnungshöhe aktivierte er die Feder, die das über die rechte Schul- ter zum Hauptfallschirm führende Kabel einzog; dadurch wurde der federförmige Clip des Verpackungssacks herausgezogen und der Fallschirm freigegeben. Eine Lektion, die alle beim SAS ausgebildeten HALO-Springer in ihrer Ausbildung verhältnismäßig früh lernten, betraf die Wichtig- keit einer stabilen Bauchfluglage im Augenblick der Fallschirmöff- nung. In der ›Froschposition‹ konnte schon die kleinste Handbewe- gung den freien Fall beeinträchtigen und den Springer ins Trudeln, bringen. Mit der bei diesen Einsätzen mitgeführten Ausrüstung und angesichts der Tatsache, daß der Sprung bei Nacht und über feind- lichem Gebiet erfolgte, hatten Fallschirmspringer der Special Forces genügend andere Sorgen, auch ohne ihren Höhenmesser im Auge behalten zu müssen – obwohl die meisten es trotzdem taten. Die kleinen grauen Kästen versagten nur äußerst selten und unter sehr ungewöhnlichen Umständen – aber ihr Versagen fiel durch die dann eintretende, ohrenbetäubende Stille sofort auf. In diesem Fall betätigte der Springer einfach mit der rechten Hand den rechts über seinen Rippen sitzenden Aufzugsgriff und öffnete den Ver- packungssack manuell. Darüber hinaus gab es weitere eingebaute Sicherheitsvorkehrun- gen. Jeder Springer trug einen Reservefallschirm. Öffnete der Hauptfallschirm sich nicht vollständig oder war aus irgendeinem Grund verdreht, hatte der Springer in der normalen HALO-Öff- nungshöhe von sieben- bis neunhundert Metern genügend Zeit, ihn abzuwerfen und den Reservefallschirm zu öffnen. Die Entscheidung mußte blitzschnell getroffen werden: Im freien Fall aus neunhun- dert Metern schlägt ein Mensch nach spätestens zwanzig Sekunden ungebremst auf dem Erdboden auf. Aus diesem Grund wurde das Notverfahren so lange eingepaukt, bis es automatisch ablief: Hö- henautomat versagt – rechte Hand zum Aufzugsgriff und ziehen – Handauslösung des Sprungfallschirms – Sprungfallschirm versagt – linke Hand zum Schnelltrennverschluß auf der Brust – öffnen, Hauptfallschirm abwerfen – linke Hand zum linken Aufzugsgriff – Rettungsfallschirm aufziehen. Und wenn auch das nicht funktio- nierte, konnte man sich von dieser Welt verabschieden. Diesmal war die Öffnungshöhe auf normale neunhundert Meter eingestellt; die erfahrenen Springer des Teams würden in letzter Mi- nute ein wenig auseinanderdriften, um die Gefahr eines Zusammen- stoßes in der Luft zu verringern. Die Landezone selbst lag keine sechzig Meter über dem Meeresspiegel. Als Howards Höhenmesser, tausendzweihundert Meter anzeigte, horchte er auf das Auslösege- räusch des Höhenautomaten; einige Sekunden später, in neunhun- dert Meter, hörte er, wie die Feder laut aktiviert wurde. Dann folg- ten ein Rascheln, als sein neunzelliger Stauluft-Gleitschirm aus dem Verpackungssack gezogen wurde, der scharfe Knall, mit dem er sich öffnete, und der seltsam elastische Entfaltungsstoß, mit dem seine Fallgeschwindigkeit von fünfzig Metern in der Sekunde auf etwa ein Zehntel herabgesetzt wurde. Danach herrschte völlige Stille; die ein- zigen Geräusche waren das Summen, das Howard seit dem Vorbei- flug des nordkoreanischen Jägers in den Ohren hatte, und das leise Pfeifen der vorbeiströmenden Luft in den Fangleinen. Howard packte die beiden Knebel der Steuerleinen, drehte den Gleitschirm, dessen himmelblaue Kappe über ihm fast unsichtbar war, und be- gann seinen langsamen, gleichmäßigen Abstieg zur Landezone. Zwei Minuten später, nachdem er Richtung und Stärke des Bo- denwinds durch mehrere Überflüge aus wechselnden Richtungen festgestellt hatte, setzte Howard mit seinem Gleitschirm zur Lan- dung an. Da er den Bodenwind auf ungefähr zwanzig Knoten schätzte, würde er gegen den Wind landen. Er öffnete den Schnell- verschluß, der seinen schweren Rucksack gehalten hatte, zog die Beine aus den Tragegurten und ließ den Rucksack fallen. Ein kräf- tiger Ruck in seinen Gurten zeigte ihm, daß er jetzt am Ende der drei Meter langen Halteleine baumelte. In acht Meter Höhe zog er die beiden Knebel kräftig nach unten. Der Schirm wurde abge- bremst, die Leine gab nach, als der Rucksack den Boden berührte, und im nächsten Augenblick war er unten. Er landete stehend, oh- ne sich über die Schulter abrollen zu müssen. Nachdem Howard rasch den Schirm entleert und den Schnell- trennverschluß seiner Gurte gelöst hatte, zog er Helm, Gesichts- maske und Schutzbrille ab, klappte den Kolben seines Sturmge- wehrs AKMS zurück und kauerte nieder, um den Schalldämpfer auf den kurzen Lauf zu schrauben. Er blieb eine volle Minute lang un-, beweglich, horchte aufmerksam und beobachtete seine Umgebung. Als nichts Verdächtiges zu hören oder zu sehen war, zog er aus ei- ner Seitentasche seines Rucksacks einen leichten Nylonsack. How- ard raffte den Fallschirm zusammen, stopfte ihn mit Gurtzeug, Sau- erstoffflasche, Helm, Maske und Schutzbrille hastig in den Sack, schnallte ihn hinten auf seinen Rucksack und lud sich diese Last auf. Allein die Sprungausrüstung wog dreißig Kilo, sein Bergen- Rucksack weitere vierzig – eine schwere Traglast, mit der man nur langsam und mühsam vorankam. Sein GPS-Gerät zur Satellitennavigation brauchte er vorläufig nicht; er marschierte nach Westen, erreichte den Fluß und folgte ihm nach Nordwesten bis zu der markanten Schleife, die er schon aus der Luft gesehen hatte. Zweihundert Meter nördlich davon nä- herte er sich leise dem von ihm festgelegten Treffpunkt, der in ei- nem Wäldchen in Flußnähe lag. Er blieb erleichtert stehen, als er flüsternd angerufen wurde, flüsterte seinerseits das vereinbarte Kenn- wort und gesellte sich zu Ziegler und Ackford. Fünf Minuten später stießen Zeccara und Weatherill zu ihnen; Weatherill hörten sie bereits kommen, als er noch über hundert Meter entfernt war. Howard machte ein finsteres Gesicht. Obwohl der Wissenschaftler eine Nachtausbildung erhalten hatte, war er noch weit davon entfernt, sich lautlos bewegen zu können. Trotz- dem, fand Howard, hatte er sich bisher gut gehalten. Weitere zwei Minuten später tauchten Halliday und Kim Sumi als zwei Schatten geräuschlos aus der Nacht auf. Das Team ruhte sich aus und wartete. Fünf Minuten lang sprach niemand ein Wort. Schließlich wandte Howard sich an die anderen. »Wo ist Mel?« flüsterte er besorgt. »Hat jemand ihn gesehen?« Alle schüttelten den Kopf.,

Auch Mel Harris war durch die Druckwelle der MiG-25 ohn-mächtig geworden, aber nicht so schnell wieder zu Bewußtsein

gekommen wie Howard. Während er sich in labiler Fluglage immer wieder überschlug, wurde er weit von den anderen abgetrieben. Er nahm undeutlich das Schwirren des Höhenauslösers wahr und wur- de mit einem Ruck ins Bewußtsein zurückgeholt, als sein Fallschirm sich öffnete. Er merkte sofort, daß er sich in einer sehr gefährlichen Lage befand. Harris stellte fest, daß er dem Erdboden in einer schnellen Links- spirale entgegenstürzte. Als die Steuerleinen sich als wirkungslos er- wiesen, wurde ihm klar, daß die Fangleinen sich verheddert haben mußten – wahrscheinlich als Folge seiner instabilen Fluglage beim Öffnen des Fallschirms. Vermutlich war eine der Fangleinen über die Fallschirmkappe geraten; dagegen war im Augenblick nichts zu machen. Jetzt kam es darauf an, sehr schnell die Sinkgeschwindigkeit fest- zustellen und dann zu entscheiden, ob er den Hauptschirm abwer- fen und mit dem Reserveschirm landen sollte. Einige kostbare Se- kunden lang bemühte er sich angestrengt, eine Geländeformation zu finden, mit deren Hilfe er abschätzen konnte, wie schnell er fiel. Während er unbeherrschbar weitersank, entdeckte er endlich in der Ferne den Fluß. Nach einigen weiteren Drehungen und einem raschen Blick auf seinen Höhenmesser kam er zu dem Schluß, seine Sinkgeschwindig- keit sei zwar hoch, aber noch beherrschbar, so daß er auf den Re- servefallschirm verzichten könne. Er bereitete sich auf eine harte Landung vor., Harris hatte eine mutige Entscheidung getroffen. Er wollte seinen Hauptschirm nicht abwerfen – er wäre irgendwo gelandet und ver- mutlich sehr rasch von Nordkoreanern entdeckt worden, die sofort Alarm geschlagen hätten. Rein logisch gesehen war diese Entschei- dung jedoch falsch. Er konnte seine Fallgeschwindigkeit nicht ge- nau beurteilen, und für ihn selbst – aber auch für den Rest des Teams – wäre es eine weit größere Katastrophe gewesen, wenn er nach einer Bruchlandung tot oder verletzt gewesen wäre. Er zog und zerrte nochmals an den linken Fangleinen, aber dieser Versuch war aussichtslos. Seine Bewegungen verschlimmerten die Situation nur noch. Harris ließ die Leinen los. In wenigen Sekun- den würde er aufschlagen; das war nicht mehr zu ändern. Dann sah er etwas, das ihm vermutlich das Leben rettete: ein nicht weit ent- ferntes, kleines Feuer. Er beobachtete, wie es um ihn zu kreiseln schien, und merkte, daß seine Fallgeschwindigkeit viel höher als an- genommen war. Er löste rasch seinen schweren Rucksack, strampel- te ihn frei und zerschnitt die Halteleine, sobald er den Ruck spürte. Zwei Sekunden später hörte er seinen Bergen-Rucksack dumpf auf dem Erdboden aufschlagen. Harris steckte hastig sein Messer weg und machte sich auf den Aufprall gefaßt. Trotzdem kam er unerwartet. Harris prallte nicht auf harten, stei- nigen Boden, auf dem man sich die Knochen brechen konnte, son- dern spürte einen gewaltigen Schlag gegen seinen Oberbauch. Er war auf einen großen Ast geprallt. Sein Körper erschlaffte, weil er im Augenblick keine Luft mehr bekam, und er merkte, daß er wei- terfiel. Im nächsten Augenblick landete er auf seinem Rücken im Unterholz, das knackend zersplitterte. Der Baum und das dichte Buschwerk darunter hatten ihm das Leben gerettet. Harris blieb fast eine halbe Minute lang liegen, rang nach Atem und fragte sich, ob er sich etwas gebrochen hatte. Seine Rippen brannten vom Aufprall auf den Ast. Er riß sich zusammen und fing an, sich aus seinem Fallschirm herauszuarbeiten., Jetzt kam es vor allem darauf an, schnell zu arbeiten; er schätzte die Entfernung bis zu dem Feuer auf nicht mehr als drei- bis vier- hundert Meter. Er zog wieder sein Messer, zerschnitt die Fangleinen und kroch unter den Stoffmassen hervor. Sobald er davon frei war, legte er Gurtzeug, Helm, Gesichtsmaske und Schutzbrille ab, kauer- te sich nieder, klappte sein AKMS auseinander und sah sich um, während er den Schalldämpfer aufschraubte. Harris traf eine weitere rasche Entscheidung: Er zog ein Hart- plastiketui aus seiner Springerkombi, klappte es auf und nahm eine Nachtsichtbrille HNV-1 heraus. Dieses neue leichte Gerät arbeitete mit holographischer Bilddarstellung, so daß der Benutzer stets noch den normalen Bildhintergrund mit gewohntem Blickwinkel sah. Das HNV-1, das kaum größer, aber etwas dicker als eine Ski- brille war, konnte auch ohne Helm getragen werden. Bevor Harris es aufsetzte, zog er ein fünf mal fünf Zentimeter großes Stück Klebeband vom Schalldämpfer seines Gewehrs und bedeckte damit sein rechtes Auge. Dann setzte er die Brille auf und schaltete sie ein. Die Szene vor seinem linken Auge veränderte sich, als das fünfzigtausendfach verstärkte Restlicht die Nacht in einen Tag mit körnigen, monochromen Bildern verwandelte. Als in seiner Nähe niemand zu sehen war, betätigte er den zweiten Schalter und aktivierte damit einen kleinen Infrarotscheinwerfer. Das IR-Licht war mit bloßem Auge nicht sichtbar, aber der dafür empfindliche Bildverstärker des Nachtsichtgeräts lieferte sofort ein klareres Bild. Harris wußte jedoch, daß er diese Funktion nur sparsam einsetzen durfte, weil jedem, der ein ähnliches Gerät benützte, die IR-Licht- quelle sofort auffallen mußte. Als er jetzt sehen konnte, was zu tun war, raffte er den Fallschirm zusammen und zerrte daran, um ihn aus dem Baum und den Bü- schen herauszubekommen. Das machte Lärm, aber im Augenblick kam es auf die Geschwindigkeit an. Nachdem er drei Minuten lang gezerrt und mit dem Messer Zweige abgehackt hatte, bekam er den, Fallschirm endlich frei. Zuletzt kontrollierte er nochmals den Baum, um sich davon zu überzeugen, daß nirgends ein Stoffetzen hängen- geblieben war. Harris machte eine Pause und sah sich erneut um, ohne jeman- den zu sehen. Sein Nachtsichtgerät verstärkte den Schein des hinter einer doppelten Baumreihe brennenden Feuers. Er machte sich auf die Suche nach seinem Rucksack, der irgendwo in der Nähe liegen mußte, und fand ihn zwanzig Meter entfernt in dornigem Ge- strüpp. Er zog ihn heraus, trug ihn zum Fallschirm hinüber und schaltete dann seinen IR-Scheinwerfer aus. Wie zuvor Howard stopfte er Fallschirm, Gurtzeug, Sauerstoffflasche, Helm, Maske und Schutzbrille in den leichten Nylonsack. Er hatte ihn gerade auf seinem Rucksack festgeschnallt, als er einen Laut hörte, der ihn er- starren ließ. Ein Hund kläffte. Verdammt! dachte Harris. Ich bin also doch gehört worden. Und der Hund bedeutete, daß dort eine Militärstreife kam. In diesem Land gab es buchstäblich keine Haustiere, das wußte Harris: Es gab nicht genug Nahrung für sie, und nordkoreanische Hunde wurden oft selbst gegessen – meistens von ihren Besitzern. So blieben nur die Diensthunde beim Militär übrig. Er versteckte seinen Rucksack unter dem Gebüsch und schlich in die Richtung, aus der das Bellen kam. Schon nach wenigen Schritten stieß er auf einen Trampelpfad, der in diese Richtung führte. Harris folgte ihm etwa zwanzig Meter weit bis zum nächsten dichten Gebüsch. Er hörte Stimmen, sah in ungefähr zweihundert Metern Entfernung, noch hinter den Bäumen, aufblitzende Lichter näher kommen und zählte drei Lichter. Drei Taschenlampen… drei Männer, vielleicht auch mehr. Sie gingen seitlich gestaffelt nebeneinander her, kamen auf ihn zu und suchten offenbar das Gelände ab. Erst als die Entfernung auf gut hundert Meter geschrumpft war, konnte Harris die Männer unter den Bäumen ausmachen. Sie wa- ren zu viert. Der Mann ohne Taschenlampe war der Hundeführer,, der einen mageren, sehnigen Köter – irgendein Schäferhundmisch- ling – an der Leine hatte. Alle vier waren mit umgehängten Geweh- ren bewaffnet. Harris schaltete sein Nachtsichtgerät aus, nahm es ab und steckte es ein, damit er es nicht verlieren und so seine Position verraten konnte. Danach zog er das schwarze Klebeband von seinem rech- ten Auge ab. Auf dem linken Auge war er vorläufig fast blind, aber sein rechtes Auge, das unter dem HNV-1 geschlossen gewesen war, arbeitete einwandfrei und ließ ihn die Herankommenden bereits er- kennen. Er holte tief Luft, füllte seine Lunge und stieß ein leises, aber hörbares Stöhnen aus, indem er das Zwerchfell nach oben drückte. Er wußte, daß dieser Laut scheinbar aus größerer Entfer- nung kommen würde. Dann herrschte sekundenlanges Schweigen, das abrupt endete, als der Hund wieder zu kläffen begann. Auf einen kurzen Befehl hin bückte der Hundeführer sich, um das Tier freizulassen. Der Hund hetzte aufgeregt kläffend den Trampelpfad entlang – genau auf Har- ris zu. Fünf Meter vor ihm verharrte der Hund plötzlich. Das Tier hatte ihn gewittert. Der Hund knurrte den vor ihm Kauernden drohend an, kam geduckt näher und sprang ihn im nächsten Augenblick an. Harris' Hand bewegte sich schnell und mit tödlicher Präzision. Sein hochgerissenes Messer traf den Unterkiefer des Hundes, so daß die Klinge durch Zunge und Gaumen bis ins Gehirn drang. Das Tier verendete augenblicklich, ohne einen Laut von sich zu geben. Harris schleppte den Tierkadaver sofort vom Trampelpfad weg hinter die Büsche. Er kniete nieder, um dem Hund die Kehle durch- zuschneiden, damit er ausblutete und nicht etwa durch letzte krampfartige Zuckungen seine Position verriet. Aber dann überlegte er sich die Sache anders, denn der Blutgeruch hätte einem der Nord- koreaner auffallen können. Außerdem bewegte der Hund sich oh- nehin nicht mehr. Harris kratzte etwas sandige Erde zusammen und, warf sie auf den Trampelpfad, um die Spuren des kurzen Kampfes zu verdecken. Der vorderste Mann war jetzt nur noch fünfzig Meter entfernt; alle vier befanden sich auf dem Weg und hasteten hinter ihrem Hund her. Als das Kläffen verstummt war, hatten sie kurz haltge- macht; einer der Männer sagte etwas, das wie eine verwirrte Frage klang, und ein anderer erteilte einen scharfen Befehl. Nun gingen sie hintereinanderher, bewegten sich vorsichtiger, hatten ihre Ge- wehre abgenommen und hielten sie schußbereit. Der Anführer kam nur wenige Meter von der Stelle entfernt vor- bei, wo Harris in den Büschen kauerte. Seine Taschenlampe blitzte kurz auf; ihr Lichtstrahl glitt gefährlich nahe an Harris' Füßen vor- bei und erlosch wieder. Der Hundeführer und der dritte Mann folg- ten mit einigen Metern Abstand. Dann kam der letzte Mann näher. Harris wartete, bis er an ihm vorbei war, bevor er lautlos auf den Trampelpfad hinaustrat. Sein linker Arm schlang sich blitzschnell von hinten um den Hals des nordkoreanischen Soldaten, und seine linke Hand umfaßte die rechte Schulter des anderen. Gleichzeitig hielt Harris ihm mit der rechten Hand Mund und Nase zu. Nun genügte ein kurzer Ruck mit beiden Händen, um dem Mann das Genick zu brechen. Harris schleppte die Leiche ins Gebüsch und legte sie neben dem Hunde- kadaver ab. In einem reflexartigen Todeskrampf trommelten die Beine des Koreaners noch einmal kurz auf den Erdboden. Harris hob vorsichtig den Kopf und sah den Trampelpfad entlang. Der dritte Mann schien etwas gehört zu haben: Er blieb stehen und drehte sich zögernd um. »Sss, sss«, zischte Harris leise und benützte damit einen fast uni- versellen Laut, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Trick funktionierte. Der dritte Soldat kam zurück; er glaubte offenbar, sein Kamerad habe etwas entdeckt und wolle ihn unauf- fällig zu sich rufen. Als jedoch nichts zu erkennen war, blieb er drei, Schritte von dem Versteck entfernt stehen und flüsterte drängend etwas, das Harris nicht verstand. Harris dachte daran, das Messer zu werfen, entschied sich dann aber dagegen, weil es fast unmöglich war, den Mann so zu treffen, daß er augenblicklich und geräuschlos starb. Jeder Körpertreffer, so- gar im Halsbereich, hätte einen Schrei oder bestenfalls ein Stöhnen ausgelöst, das die beiden anderen Koreaner, die jetzt dreißig Meter entfernt und noch immer ahnungslos waren, alarmiert hätte. Auch ein Zufallstreffer ins Auge, so daß die schwere Messerklinge den dünnen Knochen der Augenhöhle durchschlug und ins Gehirn vor- drang, hätte bewirkt, daß das Gewehr des Soldaten scheppernd zu Boden fiel. Das durfte Harris nicht riskieren. Statt dessen warf er rasch einen kleinen Stein, der einige Schritte vor dem Soldaten auf den Weg fiel. Der Koreaner hörte das Ge- räusch und bewegte sich darauf zu. Er war jetzt wachsam und miß- trauisch, und sein Zeigefinger lag am Abzug seiner Waffe. Wäre Harris hinter ihn getreten, um ihm wie dem ersten Mann das Ge- nick zu brechen, hätte er reflexartig abdrücken können. Sowie der Koreaner sich auf seiner Höhe befand, richtete Harris sich auf und stieß ihm sein Messer bis zum Griff in die linke Schläfe. Der Mann klappte lautlos zusammen; Harris fing sein Ge- wehr auf, um zu verhindern, daß die beiden anderen etwas hörten. Als Harris die Leiche zu Boden sinken ließ, drang aus ihrer Lunge ein leiser, lebloser Seufzer, mit dem sie sich zum letzten Mal ent- leerte. Harris zog sein Messer heraus und ließ den Toten wie eine acht- los hingeworfene Puppe auf dem Weg liegen. Dann nahm er die Taschenlampe des Soldaten mit und beeilte sich, die beiden ande- ren einzuholen. Er lief lautlos auf seinen Zehen und den Außen- kanten seiner Füße und schloß rasch zu dem Hundeführer auf. Zehn Meter hinter ihm paßte er sich seinem Gehtempo an, schal- tete die Taschenlampe ein, leuchtete damit den rechten Wegrand, ab. Er beobachtete, wie der Hundeführer sich kurz umsah; als der andere das Licht sah, nahm er an, alles sei in Ordnung, und ging weiter. »Augh!« stieß Harris halblaut hervor, als habe etwas seine Besorg- nis erweckt. Der Hundeführer drehte sich erneut um und sah seinen vermeint- lichen Kameraden, der das niedrige Buschwerk neben dem Trampel- pfad mit seiner Taschenlampe ableuchtete. Er näherte sich ihm zö- gernd. Fünf Meter von Harris entfernt zischte er etwas, das offenbar eine Frage war. »Augh!« wiederholte Harris. Der Hundeführer wiederholte seine Frage und kam gleichzeitig zwei Schritte näher. Das genügte. Harris stürzte sich mit einem ge- waltigen Satz auf ihn und stieß ihm sein Messer von unten herauf durchs Kinn ins Gehirn, so daß er wie zuvor sein Hund augenblick- lich tot war. Als Harris die Leiche zu Boden sinken ließ, hörte er den Anführer eine laute Frage stellen. Der Mann hatte sich umge- dreht und stand als deutlich erkennbare Silhouette zwanzig Meter entfernt auf dem Weg. Diesmal gab es nur eine Möglichkeit. Harris, der kein Wort Kore- anisch sprach, verstand nicht einmal die Frage und konnte erst recht keine überzeugende Antwort geben. Im nächsten Augenblick würde der Koreaner den Weg verlassen und sich in Deckung werfen. Har- ris traute sich zu, unbemerkt an ihn heranzukommen und ihn aus- zuschalten, aber er wußte, daß ihm das vermutlich nicht gelingen würde, bevor der Mann zu schießen oder gellend laut um Hilfe zu rufen begann. Er riß sein AKMS mit Schalldämpfer hoch und gab einen einzelnen Schuß ab. Die Prallbleche und die Expansionskammer eines Schalldämpfers unterdrücken den beim Austritt der Pulvergase entstehenden Mün- dungsknall – die lauteste Geräuschkomponente eines Gewehrschus- ses –, aber selbst ein Schalldämpfer ist gegen den Knall eines über-, schallschnellen Geschosses machtlos. Dieser Peitschenknall kam Harris erschreckend laut vor, und er konnte nur hoffen, daß nie- mand ihn gehört hatte. Der Führer der nordkoreanischen Militär- streife brach zusammen, ohne selbst einen Schuß abgegeben zu ha- ben; Harris' einzelne Kugel hatte sein Brustbein getroffen, es zer- schmettert und die Brusthöhle durchschlagen. Der Mann stieß ei- nen verzweifelten Seufzer aus, als er zusammenbrach, und sein Ge- wehr und seine Taschenlampe krachten zu Boden. Er blieb unbe- weglich liegen und gab keinen Laut mehr von sich. Harris setzte seine Nachtsichtbrille wieder auf. Er bückte sich, hob die einzelne leere Patronenhülse des verräterischen Kalibers 7,62 x 39 mm auf und steckte sie ein. Okay, sagte er sich, wohin jetzt mit den Leichen? Auf der Suche nach einem geeigneten Versteck konnte er sich mit Hilfe des Nachtsichtgeräts mühelos bewegen. Zehn Minuten später entdeckte Harris ungefähr sechzig Meter von dem Trampelpfad entfernt eine Grube. Dort hatte sich das Erdreich gesenkt, als sei ein alter Abwasserkanal eingebrochen. Er schleppte die vier toten Soldaten und ihren Hund nacheinander dorthin und begrub als erstes die Männer mitsamt ihren Waffen. Nachdem er sie mit dem Klappspaten aus seinem Rucksack mit ei- ner dünnen Schicht Erde bedeckt hatte, warf er den Hund in die nun ziemlich flache Grube. Eine weitere Erdschicht und etwas Buschwerk tarnten das Ganze. Harris wußte, daß dies keine wirk- same Tarnung war, aber immerhin bestand so die Möglichkeit, daß jemand, der den toten Hund fand, nicht auf die Idee kam, dort weiterzugraben. Zuletzt schnitt Harris einen Zweig ab und machte sich dran, die Spuren der Nordkoreaner und seine eigenen zu verwischen, indem er alle Fußabdrücke und Blutflecken so gut wie möglich beseitigte. Danach ging er zu seinem Rucksack zurück und packte ihn fertig. Sein GPS-Gerät zur Satellitennavigation zeigte ihm, daß er fast vier Kilometer von der Landezone entfernt war, wo die anderen jetzt auf, ihn warten würden. Beeilte er sich, konnte er die Strecke in einer Stunde schaffen; da er jedoch vermeiden mußte, unterwegs gesehen zu werden, würde er eher zwei Stunden oder sogar noch länger brauchen. Außerdem hatte er zuerst noch etwas anderes zu erledi- gen. Er nahm seinen schweren Bergen-Rucksack auf die Schultern und marschierte lautlos davon, wobei er darauf achtete, nicht den Trampelpfad zu benützen. Wenige Minuten später war Harris bis auf hundert Meter an das Feuer herangekommen, das er aus der Luft gesehen hatte. Es brann- te noch immer. Zehn Meter von dem Lagerfeuer entfernt stand ein kleiner, kastenförmiger russischer UAZ-Militärjeep mit Segeltuchver- deck. Nur ein Viersitzer, dachte Harris. Gut. Er schlug einen weiten Bogen um das Lager und hielt dabei einen dünnen Zweig vor sich, um Stolperdrähte rechtzeitig ertasten zu können. Aber er entdeckte keine, und das Lager schien menschenleer zu sein. Nach einem weiteren Blick in die Runde trat Harris an den Ge- ländewagen und sah hinein. Auf dem Rücksitz lagen mehrere Woll- decken; hinter dem Sitz standen zwei große Wasserbehälter und sechs Benzinkanister. Zwischen den Vordersitzen war ein altes, sper- riges UKW-Funkgerät fest eingebaut; Harris stellte fest, daß es nicht eingeschaltet war. Die zweieinhalb Meter lange Peitschenantenne des Funkgeräts war auf dem linken vorderen Kotflügel montiert. Neben dem Funkgerät steckten ein zerbeulter Blechkasten und eine Kartentasche. Harris klappte sie auf und warf einen Blick auf die Karten; sie enthielten keine Eintragungen oder Markierungen, die ihm hätten nützlich sein können. Der Blechkasten, den er als nächstes öffnete, war mit hartem, alt- backenen Brot in dicken Scheiben und einigen Stücken fettiger, scharf riechender Wurst vollgestopft. Harris machte ihn zufrieden wieder zu. Das Fahrzeug und dieser Proviant schienen darauf hin- zudeuten, daß die vier koreanischen Soldaten allein auf Streife ge- wesen waren und vielleicht erst in vierundzwanzig Stunden in ihrer, Dienststelle zurückerwartet wurden. Harris entleerte die beiden Wasserbehälter ins Feuer und verteilte die glühende Holzkohle mit seinen Stiefeln; sie zischte und rauchte, würde aber nicht wieder brennen. Ein Blick auf seine eigene Karte zeigte ihm, daß er weniger als ei- nen Kilometer von einem kleinen Nebenfluß des Flusses Kurjong entfernt war, der im Norden vorbeifloß. Er warf seinen Rucksack hinten in den Wagen und ging dann nach vorn, um die Motorhau- be zu öffnen. Eine Minute später hatte er den Motor kurzgeschlos- sen, der lärmend ansprang und stotternd im Leerlauf lief. Harris setzte sich ans Steuer, schaltete kurz seinen Infrarotscheinwerfer ein, um einen Blick auf die primitiven Bedienungselemente zu werfen, legte den ersten Gang ein und fuhr an. Nach langsamer Geländefahrt ohne Licht hielt Harris zweihun- dert Meter vor dem Fluß. Er stieg aus, stellte den Motor ab, nahm nur sein AKMS mit Schalldämpfer mit und marschierte nach Nord- westen weiter. Als er den Fluß erreichte, folgte er seinem Ufer laut- los nach Osten, ohne irgendwo Anzeichen für menschliches Leben zu entdecken. Nach dreihundert Metern bog er wieder ab und kehrte zufrieden zu seinem Fahrzeug zurück. Dann fuhr er den Jeep zu einer vorher ausgesuchten Stelle am Steilufer, stellte ihn so ab, daß die Vorderräder gerade noch Bodenhaftung hatten, zog die Handbremse und stieg aus, um den Motor erneut abzustellen. Nachdem Harris für den Fall, daß die Handbremse versagte, zwei große Steine unter die Räder gelegt hatte, holte er seinen Rucksack aus dem Fahrzeug. Er brach die Funkantenne ab und warf sie ins Wasser. Dann stieg er zum Fluß hinunter, um die leeren Wasserka- nister zu füllen. Als nächstes beschwerte er die Kartentasche und den Proviantbehälter auf der hinteren Ladefläche mit den Kanis- tern. Zuletzt schnitt er das Segeltuchverdeck auf, breitete es darüber aus und beschwerte es mit großen Steinen. Der Jeep würde laut ins Wasser klatschen, aber das ließ sich nicht ändern. Er nahm die bei-, den Steine von den Hinterrädern weg, wartete noch einige Minu- ten, beobachtete seine Umgebung und horchte aufmerksam. Nir- gends eine Bewegung; das einzige Geräusch kam von dem sanften Wellenschlag am Flußufer. Harris beugte sich in den Jeep und löste die Handbremse. Er mußte das Fahrzeug anschieben, aber sobald es in Bewegung ge- kommen war, rollte es von selbst schneller werdend in den Fluß. Das Klatschen war weniger laut als befürchtet, und wenige Sekun- den später sah Harris befriedigt, daß der Jeep ganz unter Wasser verschwunden war. Einige Luftblasen stiegen noch auf, aber das war alles. Er schnallte den Nylonsack mit seinem Fallschirm und allem Zubehör von seinem Rucksack los, beschwerte ihn mit Steinen, schnitt mehrere kleine Löcher hinein und warf ihn fünfzig Meter stromabwärts in den Fluß. Auch der Verpackungssack ging spurlos unter. Harris verwischte die Reifenspuren am Ufer, seine eigenen Fußab- drücke und die Vertiefungen, die unter den aufgesammelten Steinen zurückgeblieben waren. Dann nahm er seinen Bergen-Rucksack auf die Schultern und verzog dabei kurz das Gesicht, weil seine Rippen wieder weh taten. Er hatte noch immer starke Kopfschmerzen von der Druckwelle, die ihn in der Luft bewußtlos geschlagen hatte, und fragte sich erneut, was eigentlich genau passiert war. Er ver- folgte die Reifenspuren etwa fünfhundert Meter weit zurück und bemühte sich, sie mit einem Zweig zu verwischen. Das war eine hastige und primitive Art der Tarnung – ein erfahrener Fährtenleser hätte sich nicht davon täuschen lassen, das wußte er –, aber sie konnte ihm trotzdem einen entscheidenden Vorsprung verschaffen. Als er den felsigen Geländestreifen erreichte, den er mit dem Wagen überquert hatte, waren keine Reifenspuren mehr zu sehen. Er warf seinen Zweig weg. Er war vor nicht ganz einer Stunde gelandet; es war jetzt fast Mitternacht. Dann marschierte Harris, der sich rasch und lautlos bewegte, auf, der zuvor festgelegten Route zur Landezone weiter. Er wußte, daß er sich verdammt beeilen mußte, wenn er die anderen noch errei- chen wollte, aber er war sich sicher, seine Spuren – und die der nordkoreanischen Militärstreife – wirkungsvoll verwischt zu haben.

Drei Zeitzonen entfernt stand Jane Margoyles in Washington,D.C., von dem Stuhl im Büro ihres Chefs auf und wollte zur

Tür gehen. Tom Levy hatte ihr für den Rest des Tages einen Berg Arbeit aufgeladen, aber das machte ihr nichts aus. Seit sich Levys Charakter in den letzten Wochen plötzlich zum Besseren verändert hatte, fing ihr Job endlich an, ihr Spaß zu machen. »Übrigens noch etwas, Jane«, sagte Levy. »Entschuldigung, das hatte ich vergessen. Ich möchte, daß Sie für jemanden einen befris- teten Sicherheitsausweis beantragen. Kann ich's Ihnen überlassen, den üblichen Antrag zu stellen?« »Oh.« Jane hatte Mühe, sich ihren Mangel an Begeisterung nicht anmerken zu lassen. Sie drehte sich nach ihm um. »Klar, Tom. Wer ist's denn? Ein weiterer wissenschaftlicher Mitarbeiter?« »Wartungstechniker«, antwortete Levy. O Gott! dachte Jane. Sie haßte es, diese elenden Sicherheitsauswei- se zu beantragen. Der Papierkram und die Telefongespräche, die je- der erforderte, waren unglaublich. Bei wissenschaftlichen Mitarbei- tern war alles halb so schlimm: Der Sicherheitsdienst konnte sie verhältnismäßig leicht im Auge behalten, so daß sie ihren Ausweis schnell bekamen. Aber in bezug auf Techniker jeglicher Art war der, Secret Service geradezu paranoid, weil sie Zugang zu einigen der bestbewachten Systeme des Weißen Hauses hatten. »Das könnte eine Weile dauern, Tom«, stellte sie fest und versuchte, ihren Ton- fall neutral zu halten. »Vor allem Techniker werden sehr gründlich überprüft, wissen Sie.« »Oh«, sagte Levy ausdruckslos. »Ja, das hätte ich mir eigentlich denken können. Was wird denn alles überprüft?« Noch vor wenigen Wochen, das wußte Jane, hätte Levy sich nicht die Mühe gemacht, eine Frage dieser Art zu stellen. Er hätte sie nur angeblafft, sie solle sich gefälligst damit beeilen, und zu fluchen be- gonnen, wenn der Ausweis nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausgestellt war. »Nun«, begann sie, »als erstes werden sämtliche Unterlagen an- gefordert. Schule, Hausarzt, Krankenkasse, Sozialversicherung, Poli- zei, FBI, Militär, CIA, FDA, ATF, IRS – lauter Quellen, die ausge- wertet werden. Wie ist der Betreffende in der Schule gewesen? Exis- tiert eine FBI-Akte über ihn? Was sagen die Cops in seinem Hei- matort über ihn? Hat er in mehreren Bundesstaaten oder vielleicht sogar im Ausland gelebt, verdoppelt das die Zahl der Anfragen. Ist er als Autofahrer aufgefallen? Hat er seine Steuern bezahlt? Ist er je- mals zum Psychiater geschickt worden? Alle zuständigen Stellen er- halten einen Vordruck, den sie ausfüllen und zurückschicken sol- len. Aber die meisten tun's erst, wenn ich zwei- bis dreimal anrufe und daran erinnere. Das kann wirklich verdammt lästig sein.« Levy runzelte nachdenklich die Stirn. »Das hab ich nicht geahnt«, murmelte er schließlich. »Hören Sie, würde es nützen, wenn ich mich selbst dahinterklemme?« »Nun«, sagte Jane lebhaft, »das würde die Sache beschleunigen, glaube ich. Auf Sie würden die Leute natürlich mehr hören als auf mich… aber ehrlich, Tom, das würde wirklich viel Herumtelefonie- rerei bedeuten. Dafür haben Sie gar keine Zeit. Überlassen Sie das mir.«, »Nein«, widersprach Levy energisch, »dieser ganze Scheiß muß auch schneller gehen. Sie stellen eine Liste der Telefon- und Fax- nummern aller Stellen zusammen, bei denen wir anfragen müssen, wir faxen ihnen die Anfragen, und ich rufe die Zuständigen sofort an. Sie stellen mich durch, und ich sorge dafür, daß sie ihren fetten Hintern in Bewegung setzen. Wie klingt das?« »Das würde bestimmt einen Haufen Zeit sparen«, antwortete Jane dankbar. »Aber wollen Sie wirklich…« »Kein Problem«, wehrte Levy großzügig ab. »Also los, sehen wir zu, daß wir weiterkommen! Hier haben Sie seinen Antrag mit den Angaben zur Person.« Er schob ihr ein Blatt Papier über den Schreibtisch. »Ich fange gleich damit an«, sagte Jane. »Danke, Tom. Ihr persön- licher Einsatz macht natürlich alles leichter. Das ist sehr freundlich von Ihnen.« »War mir ein Vergnügen«, antwortete Levy lächelnd. Jane erwiderte sein Lächeln, verließ das Büro ihres Chefs und warf dabei einen Blick auf den Antrag. Ihr Blick fiel auf das Paß- foto unter der Büroklammer. Es stammte offenbar aus einem Foto- automaten – die Bildqualität war so schlecht, daß der Abgebildete fast jeder Weiße hätte sein können. Trotzdem zeigte es das freund- liche, lächelnde Gesicht eines schwarzhaarigen Mannes ungefähr in ihrem eigenen Alter. Sieht recht nett aus, dachte sie geistesabwesend. Der Name auf dem Antrag sagte Jane nichts. Aber sie hatte das Gefühl, wegen des persönlichen Drucks, den Levy ausüben konnte, werde der Antrag sehr schnell genehmigt werden. Ja, dachte sie zu- versichtlich, dieser George McKinley wird seinen Sicherheitsausweis in neuer Rekordzeit bekommen. Jane kam keine Sekunde lang auf die Idee, der Name könnte falsch sein oder der freundliche, gutaussehende Mann auf dem Paß- foto habe sich die Haare gefärbt und trage getönte Kontaktlinsen. Sie hatte absolut keinen Grund, den Verdacht zu hegen, George, McKinley heiße in Wirklichkeit Peter Kramer – und sein lächelndes Gesicht gehöre einem kaltblütig brutalen Stasi-Attentäter.

Es war fast zwei Uhr morgens, als Harris zur gewaltigen Erleichte-rung Howards und der anderen endlich an dem vereinbarten

Treffpunkt ankam. Er berichtete Howard in wenigen kurzen Sätzen, was passiert war, und fügte hinzu, er sei sich hundertprozentig sicher, außer von den vier Mann der nordkoreanischen Militärstrei- fe und ihrem Hund, die jetzt alle tot waren, von niemandem ge- sehen worden zu sein. Den ersten Hinweis darauf, daß irgend etwas nicht stimme, sagte Harris, könnten die Nordkoreaner bekommen, wenn die nächste Funkmeldung der Streife fällig sei. Aber das UKW-Funkgerät habe alt ausgesehen und sei vermutlich für seine Unzuverlässigkeit in stark gegliedertem, bewaldetem Gelände be- kannt. Howard nickte schweigend. Die Verzögerung war unangenehm, und Harris' Zusammenstoß mit der Militärstreife würde sie irgend- wann später fast unweigerlich in Schwierigkeiten bringen. Aber Har- ris hatte richtig gehandelt, als er seine Fährte verwischt und da- durch etwas Zeit gewonnen hatte. »Mit dir alles in Ordnung, Mel?« flüsterte er. »Ich hab ein paar geprellte Rippen«, antwortete Harris. »Vielleicht sind sie auch angeknackst. Außer bohrenden Kopfschmerzen fehlt mir sonst nichts. Auf mich braucht ihr keine Rücksicht zu neh- men.«, »Gut«, sagte Howard. »Okay, Leute, wir müssen weiter.« Während der Wartezeit hatten auch die anderen ihre Sprungaus- rüstung wie Harris im Fluß versenkt. Ohne noch ein Wort zu ver- lieren, marschierte Howard auf der von ihm gewählten Route vor- aus. Ziegler bildete die Nachhut. Sie kamen stetig voran. Howard behielt ein möglichst hohes Tem- po bei, aber noch viel wichtiger war, auf keinen Fall entdeckt zu werden. Weatherills offenbare Unfähigkeit, sich lautlos zu bewegen, gehörte mit zu seinen größten Sorgen. Der Wissenschaftler schien gegen jeden Stein zu stoßen, auf jeden Zweig zu treten und jeden Busch zu streifen, an dem sie vorbeikamen. Aber Howard rief sich immer wieder ins Gedächtnis zurück, daß der Mann ein völliger Neuling war, der lediglich eine Minimalausbildung erhalten hatte. Kim Sumi und er trugen keinen Rucksack; ihre Ausrüstung war auf die anderen verteilt worden, um ihnen den HALO-Nachtsprung möglichst zu erleichtern, aber auch – wie Ziegler festgestellt hatte –, weil jemand, der eine schwere Last trägt, zwangsläufig unbeholfener ist. Der Wissenschaftler war schon unbeholfen genug, und ein voll- gepackter Bergen-Rucksack auf seinem Rücken hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Weatherill war nicht nur nervös, sondern fand ihren Nachtmarsch auch verwirrend: Er war völlig desorientiert und der festen Überzeu- gung, Howard führe sie im Kreis herum. Er verstand nicht, warum ihr Anführer nicht die Wege und Fahrspuren benützte, die sie sahen, sondern sie im Gegenteil bewußt mied, wenn sie nicht gera- de überquert werden mußten. Als Howard sie einmal durch einen anscheinend ziemlich tiefen Fluß führen wollte, tippte er Harris auf die Schulter und deutete flußaufwärts. Harris schüttelte sofort den Kopf und bedeutete dem Wissenschaftler abrupt, ihm zu folgen. Das Wasser war brusttief und eiskalt gewesen. Die Kälte hatte Wea- therill den Atem verschlagen, aber er hatte sich zusammengerissen und den Mund gehalten. Warum, um Himmels willen, hat Howard, uns nicht über die weniger als vierhundert Meter flußaufwärts deut- lich sichtbare Brücke geführt, fragte er sich. Und warum macht Howard immer wieder scheinbar grundlos halt, obwohl er wissen muß, daß die Zeit drängt? Weatherill seufzte resigniert und gab es irgendwann auf, sich darüber zu wundern. Statt dessen konzentrier- te er sich auf Harris' Rücken und tat sein Bestes, um genau in sei- nen Fußstapfen zu bleiben. Am Morgenhimmel im Osten war die erste Andeutung des kom- menden Tages sichtbar, als sie endlich den Kamm einer niedrigen Hügelkette erreichten. In dem weiten Tal vor ihnen leuchteten Tau- sende von Lichtern, die zu einem in der Ferne verschwimmenden, riesigen Industriekomplex gehörten. Weatherill wußte sofort, wo sie waren; er erkannte bestimmte Abschnitte des Kernforschungszent- rums Jöngbjön wieder, die er auf Lageplänen und Luftaufnahmen studiert hatte. Ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben, führte How- ard sie den Gegenhang hinunter und machte erst vor einem weit- läufigen Dickicht aus mittelhohen Dornenbüschen halt. Er machte den anderen ein Zeichen, dort zu warten, verschwand mit Ziegler, um die Umgebung zu erkunden, und kam nach einigen Minuten zurück. Mit Howard an der Spitze begannen sie, hintereinander ins Dickicht zu robben und dabei ihre Rucksäcke hinter sich herzuzie- hen. Weatherills Kleidung blieb immer wieder an spitzen Dornen hängen; diese Fortbewegungsart war mühsam und schmerzhaft, und er selbst war ausgepumpt und mißmutig. Nach dreißig Metern Kriechstrecke machten sie halt. Harris bedeutete Weatherill, er solle liegenbleiben, wo er sei, und sich ausruhen. Der Wissenschaftler gehorchte erschöpft und wälzte sich in die am wenigsten unbequeme Lage, die er finden konnte. Wurzeln und Steine bohrten sich in seinen Rücken, und seine Haut brannte von unzähligen Dornenkratzern. Aber zu seiner Überraschung schlief er trotz aller Unbequemlichkeiten ein und nahm nur noch undeutlich, wahr, daß Halliday mit Howard neben sich am Funkgerät kauerte und halblaut ins Mikrofon sprach. Etwa zur selben Zeit, als Halliday anfing, Howards ersten Bericht an Johnny Bourne in Seoul zu übermitteln, begann an einem un- gefähr zehn Kilometer nordöstlicher gelegenen Punkt eine ganz an- dere Sendung. Ein kleiner olivgrüner Plastikkasten von der Größe einer Zigarettenpackung wurde durch seine eingebaute Digitaluhr aktiviert und sendete alle zwei Sekunden einen Piepston auf 121,5 Megahertz. Diese Frequenz ist durch internationale Vereinbarung für in Not geratene, zivile Schiffe und Flugzeuge reserviert; sie wird ständig durch TIROS-Satelliten überwacht, die den genauen Sender- standort durch Triangulation ermitteln. Die Position jedes Senders, der einen Notruf absetzt, wird sofort den Behörden des jeweiligen Landes übermittelt, damit Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden können. Die militärische Version solcher Notsender wird als Tac- tical Beacon (TACBE) bezeichnet; sie gehören zur Standardausrüs- tung von Piloten, die abgeschossen werden könnten, und Special Forces, die hinter feindlichen Linien operieren. Ebenfalls empfangen wurde das Signal von der Funküberwachung auf dem nordkoreanischen Militärflugplatz Kaech'on in der Nähe von Jöngbjön. Der Funkpeiler schaltete sich automatisch ein, und innerhalb von fünf Sekunden – nach dem dritten Piepston – lag ei- nem nordkoreanischen Funker die exakte Peilung vor. Er alarmierte den Offizier vom Dienst, der sich wunderte, weil in diesem Gebiet nichts von einem in Not geratenen Flugzeug, erst recht keinem zi- vilen Flugzeug bekannt war. Er schickte sofort einen Untergebenen los, um den Kommandeur wecken und herholen zu lassen. Fünfunddreißig Kilometer weiter westlich empfing das Personal der Überwachungsstation auf dem Militärflugplatz Pangbjön den Piepston ebenfalls und reagierte ganz ähnlich. Innerhalb von zwei, Minuten war der Schnittpunkt beider Peilungen in Kaech'on in eine Generalstabskarte eingezeichnet. Die beiden Funker wurden angewiesen, ihre Peilungen zu überprüfen; beide meldeten, das star- ke und regelmäßige Signal ergebe eine unveränderte Kreuzpeilung. Die beiden Kommandeure waren sich am Telefon darüber einig, damit sei der Standort des Senders auf etwa zweihundert Meter ge- nau bestimmt. Daraufhin wurde der dem Sender nächstgelegene Armeestützpunkt Kujang alarmiert. Eine neunzig Mann starke Abteilung unter Führung eines hageren Majors wurde sofort in Marsch gesetzt, um den rätselhaften Sender aufzuspüren und Mel- dung zu erstatten. Eine halbe Stunde später, kurz vor Sonnenauf- gang, hatte sie das betreffende Gebiet abgeriegelt. Ein Funker mit Peilantenne und aufgesetztem Kopfhörer machte sich auf die Su- che; der Major und ein Zug Soldaten begleiteten ihn wachsam und mit schußbereiten Waffen. Der Funker schwenkte seine Peilantenne langsam, arbeitete sich systematisch vorwärts und blieb schließlich unter einem kleinen, verkümmerten Baum stehen. Obwohl dort nichts zu sehen war, erklärte er dem Major, dies sei garantiert der Senderstandort. Der Major ließ einen Mann auf den Baum klettern, während ein zwei- ter den Erdboden um ihn herum absuchte. Der erste Soldat ent- deckte den kleinen olivgrünen Kasten fast augenblicklich in einer der untersten Astgabeln. Er sprang damit herunter und überreichte ihn seinem Vorgesetzten. Ein Gerät dieser Art hatte der Major noch nie gesehen. Der ein- heitlich grüne Kasten wies eine fünfundvierzig Zentimeter lange Peitschenantenne auf und konnte durch Schnellverschlüsse ge- öffnet werden, was der Major aber wohlweislich lieber Fachleuten überließ. Auf seiner Unterseite klebte eine wasserdichte Plastik- hülle, in der ein zusammengefalteter Zettel steckte. Der Major hielt sich für befugt, diesen Zettel herauszuziehen, aber er konnte die handschriftliche Mitteilung nicht lesen. Er verstand jedoch genug, davon, um zu erkennen, daß sie englisch geschrieben war. Bevor der hagere Major zu seinem Jeep zurücklief, blaffte er seine Offiziere an, in seiner Abwesenheit das gesamte Gebiet absuchen zu lassen und weitere Funde sofort zu melden. Sein Fahrer und er mußten die Augen zusammenkneifen, weil die Sonne jetzt über den niedrigen Hügeln vor ihnen aufging, während sie nach Kujang zu- rückrasten. Der Major wußte nicht, was der Kasten oder die daran befestigte Mitteilung bedeuteten, aber er war sich sicher, daß hier etwas sehr Merkwürdiges im Gange war. Hinter ihm brüllten seine Offiziere schrille Befehle, während ihre Männer sich daranmachten, das Gebiet, in dem Howard und sein Team vor sechs Stunden mit dem Fallschirm gelandet waren, gründlich abzusuchen.

Auch bei seiner Rückkehr nach Wladiwostok kochte Oberst Jew-genij Baruschkin weiter vor Wut. Wie diese kleine Ratte von

einem nordkoreanischen Politkommissar ihn behandelt hatte, war wirklich empörend gewesen. Er war zwölf Stunden lang gewaltsam festgehalten worden. Man hatte ihn in eine winzige, unbelüftete, stinkende Zelle geworfen und dort schmoren lassen; dann war er von brüllenden Wachen den Korridor entlang in einen Verneh- mungsraum geführt worden, in dem der Kommissar ihn in miserab- lem Russisch angekreischt und beschimpft hatte. Baruschkin hatte sich von dem Kerl Vorhaltungen machen lassen müssen, mit denen man als Pilot unter normalen Umständen nicht einmal bei schlimm- ster Disziplinlosigkeit oder Pflichtvergessenheit rechnen mußte., Zwölf Stunden, dachte der Oberst aufgebracht, während er seine Antonow in Wladiwostok auf die Landebahn knallte. Nun, er hatte dem kleinen Hundesohn von einem Kommissar auch etwas zu den- ken gegeben. Zum Beispiel seine zertrümmerte Nase. Nach unge- fähr einer Viertelstunde war Baruschkins Temperament mit ihm durchgegangen. Er hatte die beiden schmächtigen Wachposten weg- gestoßen, sich auf den Kommissar gestürzt und ihm einen Schlag verpaßt, auf den sogar Sascha Plasnin stolz gewesen wäre. Der klei- ne Scheißer war bewußtlos zusammengesackt. Baruschkin hatte der Verachtung widerstanden, den Mann zu erwürgen, und sich einfach wieder hingesetzt, während die beiden Uniformierten sich aufrap- pelten. »Verschwindet und holt euren Oberst!« brüllte er sie an. Er deutete auf seine eigenen Sterne. »Oberst! Verstanden? Abtreten!« Autorität und Drohung in Baruschkins Stimme waren unverkenn- bar, und die Wachposten verschwanden hastig. Der Oberst nutzte ihre Abwesenheit, um den Bewußtlosen zu durchsuchen. Als er ein Päckchen Zigaretten und Streichhölzer fand, zündete er sich eine Zigarette an. Draußen kamen hastige Schritte herangestrampelt, dann tauchten vier weitere Wachen an der Tür des Vernehmungs- raumes auf. Sie hielten nervös ihre Waffen schußbereit, um Ba- ruschkin in Schach zu halten. Er musterte sie verächtlich und blies Rauchringe. Zehn Minuten später traf ein älterer, schon grauhaariger nord- koreanischer Offizier ein. Er trug keine Rangabzeichen, aber aus der Ehrerbietung, mit der die Wachen ihn behandelten, schloß Ba- ruschkin, er sei mindestens Oberst, wenn nicht sogar General. Er betrachtete den weiterhin bewußtlos auf dem Fußboden liegenden Kommissar ohne eine Miene zu verziehen, und gab dann einen knappen Befehl. Einer der Soldaten zerrte den schlaffen Körper nach draußen. Baruschkin musterte den Nordkoreaner kühl, bevor er ihn an- sprach. »Ihr Untergebener hat es am nötigen Respekt fehlen lassen., Sein Verhalten ist unangemessen gewesen, und er hat eine Lehre er- halten. Ich hoffe, daß Sie dafür sorgen werden, daß er in Zukunft respektvoller ist.« Der Nordkoreaner tippte mit einem Stiefel auf den Boden, bevor er sprach. »Sie können von Glück sagen, daß Sie nicht erschossen worden sind«, sagte er in passablem Russisch. »Und Sie erst recht, daß mir nichts passiert ist«, erwiderte Ba- ruschkin sofort. »Ich denke, daß Sie keine Lust haben, dafür verant- wortlich zu sein, daß es zwischen der Russischen Föderation und Ihrem Land zum Krieg kommt – der unweigerlich ausgebrochen wäre, wenn mir etwas zugestoßen wäre. Oder einem meiner Besat- zungsmitglieder«, fügte er nachdrücklich hinzu. »Sie haben gegen Ihren Flugplan verstoßen. Sie haben ein Sperr- gebiet überflogen. Sie wissen genau, daß Sie sich unter diesen Um- ständen rechtfertigen müssen. Außerdem«, fügte der Nordkoreaner hinzu, »haben Sie einen meiner höheren Offiziere tätlich angegrif- fen. Wir werden uns bei der sowjetischen Botschaft offiziell über Ihr Verhalten beschweren.« »Ich empfehle Ihnen dringend«, knurrte Baruschkin, »dafür zu sorgen, daß alle Mitteilungen Ihrer Regierung an die russische sehr freundlich und höflich abgefaßt sind. Denken Sie daran, daß unsere Ladung aus Geschenken unseres Präsidenten für Ihren bestanden hat. Sie haben eine merkwürdige Art, Ihre Dankbarkeit zu bewei- sen. Was meine Abweichung vom Kurs betrifft…« Baruschkin mach- te eine wegwerfende Handbewegung und zuckte mit den Schultern. »Dafür habe ich keine direkte Erklärung. Ich tippe auf irgendeinen Instrumentenfehler. Jedenfalls werde ich unsere Maschine vor dem Abflug gründlich überprüfen lassen.« »Wir haben sie bereits überprüft – unter Mitwirkung Ihres Flug- ingenieurs«, antwortete der Nordkoreaner. »Ihr Funkkompaß scheint defekt zu sein. Ich schlage vor, daß Sie ihn nach der Rückkehr in Wladiwostok auswechseln lassen und dafür sorgen, daß die War-, tungsmannschaft für ihre Nachlässigkeit streng bestraft wird. Damit dieser Verstoß sich nicht wiederholt, werden Sie bis zur Grenze be- gleitet.« Er machte eine Pause und starrte Baruschkin ausdruckslos an. »Bedenkt man, in welchem Zustand Ihre Fracht angekommen ist, könnte man Ihren Flug für völlig vergeblich halten.« »Ich danke Ihnen für das Angebot, mich begleiten zu lassen«, ant- wortete Baruschkin ruhig, ohne seinem Blick auszuweichen, »und nehme es gern an. Allerdings nur unter der Bedingung«, fügte er scharf hinzu, »daß zu unseren Begleitern nicht dieser verrückte MiG-25 Pilot gehört, der uns auf dem Flug hierher abgefangen hat. Falls Sie wissen wollen, warum meine Fracht weitgehend vernichtet ist, sollten Sie ihn fragen. Ein Beinahe-Zusammenstoß mit einer MiG-25, die mit Mach 2 fliegt, rüttelt jedes Flugzeug gewaltig durch. Für den angerichteten Schaden ist allein er verantwortlich. Tatsächlich können wir von Glück sagen, daß wir nicht zusammen- gestoßen oder abgestürzt sind.« Der Nordkoreaner runzelte kurz die Stirn. »Das wird noch unter- sucht«, sagte er. »Aber wie Sie natürlich wissen, sind unsere Piloten ermächtigt, in solchen Fällen Gewalt anzuwenden.« »Aber zuerst müssen sie versuchen, Funkverbindung aufzuneh- men, oder wenigstens Warnschüsse abgeben«, sagte Baruschkin auf- gebracht. »Ich empfehle Ihnen, sich an die international üblichen Verfahren zu halten.« Er nahm einen letzten Zug von der zweiten Zigarette, ließ sie zu Boden fallen und trat sie mit dem Stiefelabsatz aus. »Und was Gewaltanwendung betrifft«, fügte er gereizt hinzu, »darf ich Ihnen dringend raten, die Folgen solcher Maßnahmen ge- gen ein Flugzeug der russischen Luftwaffe sehr sorgfältig abzuwä- gen.« »Ich habe Ihre Argumente zur Kenntnis genommen«, sagte der Nordkoreaner, »und vertraue darauf, daß Sie ihrerseits meine zur Kenntnis nehmen werden. Sie können jetzt zu Ihrem Flugzeug zu- rückkehren.«, Er erteilte den Wachen einige barsche Befehle, machte auf dem Absatz kehrt und ging. Der Oberst wurde aus dem Gebäude ge- führt und zu seiner Antonow zurückgefahren. Dort erwartete ihn die Besatzung, aber Alexander Plasnin fehlte. »Sascha noch nicht wieder da?« fragte er seinen Kopiloten. »Nein. Er ist seit drei Stunden fort – seit sie uns freigelassen ha- ben. Ich mache mir langsam Sorgen um ihn. Um dich hab ich mir übrigens auch schon Sorgen gemacht. Was hast du gemacht?« »Boxübungen«, sagte Baruschkin böse grinsend, »aber lassen wir das vorläufig. Um Sascha brauchen wir uns keine Sorgen zu ma- chen, glaub ich. Der weiß sich überall zu helfen.« Eine Stunde später fürchtete Baruschkin jedoch, den Start nicht mehr viel länger hinausschieben zu können. Die Nordkoreaner wur- den zusehends ungeduldiger; die aufgebrachten Anweisungen des Kontrollturms Sunan, endlich mit den Startvorbereitungen anzufan- gen, gingen ihm auf die Nerven. Zum Teufel mit diesem Land, dachte er. Glauben die Kerle wirklich, daß ich eine Sekunde länger als nötig hier- bleiben will? Dann sah er zu seiner großen Erleichterung die Kontrolleuchte blinken, die ihm anzeigte, daß die kleine Seitentür der Antonow von innen verriegelt worden war. Einige Sekunden später knackte es in seinem Kopfhörer; dann meldete Plasnin sich über die Bord- sprechanlage. »Entschuldigung, daß ich euch habe warten lassen.« Baruschkin nickte dem Kopiloten zu, die Startvorbereitungen zu übernehmen. Er machte es sich auf dem linken Sitz bequem und drückte seine Sprechtaste. »Freut mich, dich wieder zu hören, Sa- scha«, sagte er. »Was hast du rausgekriegt?« »Leider nichts Erfreuliches«, antwortete Plasnin mit ernster Stim- me. »Die Sicherheitsmaßnahmen hier sind geradezu unglaublich. Ich weiß nicht, von wem der ursprüngliche Bericht stammt, aber er ist völlig unzutreffend. Ich habe mir den gesamten Flugplatzzaun, angesehen. Mindestens hundert Wachposten, alle fünfzig Meter eine Bogenlampe und ein sechs Meter hoher Maschendrahtzaun mit Bandstacheldraht. Außerdem werden jetzt davor und dahinter von je vier- bis fünfhundert Mann zwei weitere Zäune errichtet. Mit dem Bau ist anscheinend erst vor kurzem begonnen worden. Und zwischen den Zäunen werden mit Sandsäcken MG-Stellungen aus- gebaut. An allen Toren stehen Dutzende von Wachposten. Sogar eigene Fahrzeuge dürfen erst nach scharfen Kontrollen passieren. Ich habe gesehen, wie Leute von einem Lastwagen geholt wurden und sich im Freien ausziehen mußten, um peinlich genau kontrol- liert zu werden. Ich glaube nicht, daß jemand ohne Genehmigung auf den Platz käme – und erst recht niemand, der europäisch aus- sieht. Ich würd's jedenfalls nicht versuchen wollen.« »Scheiße!« sagte Baruschkin nachdrücklich. Er fühlte neuen Zorn in sich aufsteigen. Die vier Triebwerke liefen jetzt, und die Anto- now ruckte leicht, als der Kopilot die Leistungshebel ein wenig nach vorn schob, um die große Maschine zur Startbahn rollen zu lassen. Der Teufel soll die verdammten Nordkoreaner holen! dachte er. Er drück- te wieder seine Sprechtaste. »Nirgends eine Schwachstelle, die wir melden können?« »Ich hab keine gesehen.« Baruschkin seufzte irritiert. »Hör zu, Sascha, wir haben beide diesen Geheimdienstbericht gelesen. Der ursprüngliche Bericht war nur einen Monat alt und ist letzte Woche auf den neuesten Stand gebracht worden – ohne wesentliche Änderungen. Verdammt noch mal, er stammt von dem FSB-Residenten in unserer eigenen gottver- dammten Botschaft in Pjöngjang! Der Mann ist zweimal nur des- wegen zurückbeordert worden, damit er sich auf diesem verdamm- ten Flugplatz umsehen und über den neuesten Stand der Sicher- heitsvorkehrungen berichten konnte. In beiden Fällen hat er die Be- wachung und sämtliche Kontrollen als routinemäßig unproblema- tisch bezeichnet. Der Mann ist ein FSB-Major – er kann sich un-, möglich so sehr geirrt haben. Irgend etwas muß sich geändert ha- ben… seit wann sind diese neuen Aktivitäten im Gange?« »Ich hab nicht danach gefragt«, antwortete Plasnin trocken. »Aber wenn du meine Meinung hören willst – seit heute. Vermutlich erst seit ein paar Stunden, seit wir festgehalten worden sind.« Baruschkin runzelte besorgt die Stirn. »Haben wir uns irgendwie verraten?« »Nein«, sagte Plasnin nachdrücklich, »das haben wir nicht. Und ich kann dich beruhigen: Keiner hat gesehen, wie ich den Flugplatz- zaun inspiziert habe. Außerdem müssen diese Erweiterungsarbeiten schon vor unserem Verhör begonnen haben.« »Jedenfalls muß irgendwo etwas schiefgegangen sein. Vielleicht sind unsere englischen Freunde tot oder in Gefangenschaft. Ich will's nicht hoffen – ihretwegen nicht, aber auch um unseretwillen.« Baruschkin war so besorgt, daß er laut gedacht hatte; er wußte je- doch, daß er im Augenblick nichts tun konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen, und daß er irgendwann erfahren würde, was aus den Engländern geworden war. Er wechselte das Thema. »Eines interes- siert mich noch, Sascha: Wie hast du's geschafft, den Flugplatz zu besichtigen, ohne aufzufallen?« »Ich hab mir einen Jeep der Militärpolizei ausgeliehen, der in un- serem Frachthangar gestanden hat. Du erinnerst dich an die vier Kerle, die unser Zollmanifest kontrolliert haben? Das ist ihr Jeep ge- wesen. Ich habe sie freundlich angegrinst und ihnen eine Waren- probe in die Hand gedrückt – eine Literflasche für jeden. Dann habe ich sie hinter einen Stapel Paletten mit Milchpulversäcken ge- führt, ihnen das Manifest gezeigt und sie aufgefordert, sich davon zu überzeugen, daß die Ware in Ordnung ist. Nachdem wir mehr- mals auf ewige Freundschaft angestoßen hatten, habe ich sie allein gelassen und bin zum Flugzeug zurückgegangen. Wenig später bin ich von anderen zum Verhör abgeholt worden – genau wie ihr auch. Ich habe den dämlichen Sergeanten gespielt, und bin bald wieder freigekommen. Meine vier Babys hatten sich in meiner Abwesenheit sinnlos betrunken. Als ich zurückgekom- men bin, haben sie bewußtlos hinter dem Palettenstapel gelegen. Ich habe mir ihren Jeep für eine kleine Rundfahrt ausgeliehen, und als ich vorhin zurückgekommen bin, haben sie noch immer dagele- gen. Den Zündschlüssel habe ich dem Fahrer wieder in die Tasche gesteckt. Wahrscheinlich liegen sie morgen noch dort, falls nicht je- mand auf die Idee kommt, das verdammte Milchpulver umzusta- peln, und sie dabei findet. Hoffentlich wachen sie mit einem Rie- senkater auf.« »Hoffentlich werden sie an die Wand gestellt«, sagte Baruschkin nachdrücklich. »Zum Teufel mit dieser ganzen Bande! Los, ab nach Hause!« Als die große Antonow abhob und den Warteschleifen fliegenden Begleitjägern entgegenstieg, beobachtete der grauhaarige nordkorea- nische Geheimdienstoberst sie vom Kontrollturm Sunan aus mit kalter, ausdrucksloser Miene. Er wußte, daß Baruschkin ihn ange- logen hatte. Die Nachricht aus Kaech'on war eindeutig gewesen. Plumper russischer Gorilla, dachte er. Er hatte seine bevorzugte Taktik angewandt: unter Druck gering- fügig nachgeben. Scheinbar etwas zurückstecken. Glaubt der Feind dann, er habe gesiegt, schlägt man zu – mit aller Kraft. Der Gorilla würde mit einer weiteren Ladung zurückkommen, weil er sich ein- bildete, mit seinem Täuschungsmanöver Erfolg gehabt zu haben. Aber dann erwartete ihn eine schlimme Überraschung. War es rat- sam, ihn zu verhören, um die russische Regierung mit Beweisen für ihre Doppelzüngigkeit konfrontieren zu können, oder war ein klei- ner ›Unfall‹ die bessere Lösung? Er beschloß, diese Entscheidung zu treffen, wenn's soweit war. Je- denfalls würden die acht britischen Fallschirmspringer, die der Go- rilla bei Jöngbjön abgesetzt hatte, nicht mit dieser Maschine heim- fliegen. Aus der Mitteilung, die an dem Notsender befestigt gewe-, sen war, wußte der Oberst, wie viele sie waren und daß sie mit der Antonow zurückfliegen wollten, wenn sie wieder in Sunan landete. Er verzog angewidert das Gesicht, als er daran dachte, daß jetzt of- fenbar ausgerechnet die Russen den verhaßten Kapitalisten behilflich waren. Eigenartigerweise hatte die Nachricht sich über die genauen Absichten der Fallschirmspringer in Nordkorea ausgeschwiegen, aber das spielte keine Rolle. Er hatte veranlaßt, daß Jöngbjön, wo- hin sie offenbar unterwegs waren, verstärkt bewacht wurde. Für sie würde es kein Entkommen geben. Die acht britischen Fallschirm- springer würden nie mehr heimkehren – nicht einmal in Särgen.

Ed Howard hockte mit hochgezogenen Schultern da, während erüber Johnny Bournes Funkspruch nachdachte. Seine Mitteilung

war knapp und präzise gewesen. Bourne hatte sich erleichtert darü- ber gezeigt, daß das Team sicher gelandet war und sich jetzt knapp einen Kilometer von dem Stasi-Stützpunkt entfernt in Position be- fand. Aber er hatte auch den Inhalt eines Telefongesprächs zusam- mengefaßt, das er mit Oberst Baruschkin und vor allem mit Alex- ander Plasnin nach ihrer Rückkehr nach Wladiwostok geführt hatte. Der Flugplatz Sunan wurde offenbar hermetisch abgeriegelt. Noch vor einem Monat hatten Geheimdienstberichte und Satellitenauf- nahmen gezeigt, daß ihre Absicht, in Sunan an Bord der Antonow zu gehen, sich relativ leicht würde verwirklichen lassen. Eine weite- rer Bericht von voriger Woche hatte diese Auffassung bestätigt. Aber plötzlich schien sich alles verändert zu haben. Plasnins Au-, genzeugenbericht über die neuen Sicherheitsmaßnahmen in Sunan hatte äußerst pessimistisch geklungen. »Vielleicht hat er sich getäuscht, Ed«, sagte Ziegler aufmunternd. »Vielleicht ist das Ganze nur 'ne Alarmübung. Vierundzwanzig Stunden Blitzkrieg, danach wieder der alte Trott. Ich meine, Plasnin ist ein netter Kerl, aber als Luftwaffensergeant nicht gerade ein Fachmann für Sicherheitsfragen.« »Er hat sich nicht getäuscht, Mike«, stellte Howard sorgenvoll fest. »Du hast gehört, was er über neue Zäune und so weiter berich- tet hat – das klingt nicht nach vorläufigen Maßnahmen. Und Plas- nin ist auch kein Luftwaffensergeant. Ich habe bisher nur nicht da- rüber gesprochen. Er ist hochqualifiziert und weiß genau, wovon er redet.« »Ach, wirklich? Was ist er denn?« »Plasnin arbeitet für einen Bekannten, den ich in Moskau habe. Er ist wie wir bei den Special Forces gewesen und nach zehn Dienstjahren als Major ausgeschieden.« »Was?« Ziegler zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Er ist Major bei den Speznas gewesen?« »Richtig«, bestätigte Howard, »aber das Wort Speznas bedeutet ei- gentlich nur Spezialtruppen, von denen es völlig verschiedene gibt. Manche sind in Wirklichkeit nicht sehr speziell. Aber Plasnins Ein- heit gehört in eine völlig andere Kategorie. Sie ist die Elitetruppe des KGB-Nachfolgers FSB.« »Scheiße«, sagte Ziegler und verstummte. »Wir hätten mit dem Boot kommen sollen, Boß«, knurrte Tony Ackford. »Von 'nem U-Boot aus, meine ich. Mit 'nem niedrigen Boot, wie wir's früher beim SBS gehabt haben. So hätte uns nie- mand gesehen, und für den Rücktransport wäre auch gesorgt gewe- sen. Ich hasse diese Scheißfallschirme«, fügte er unnötigerweise hin- zu. »Ich dachte, das hätten wir ausdiskutiert, Tony«, antwortete How-, ard seufzend. »Klar, wir wären nicht gesehen worden. Die neuesten Niedrigboote laufen mit weniger als fünf Zentimeter Freibord – vom Ufer aus unsichtbar und unhörbar. Notfalls laufen sie sogar ganz untergetaucht. Damit hätten wir die Flüsse Tschöngtschön und Kurjong rauffahren können, ohne befürchten zu müssen, von Radar entdeckt zu werden. Aber ein anderes Hindernis wäre un- überwindbar gewesen – die Sonarketten der Nordkoreaner. Ihre So- nargeräte, die Schraubengeräusche aufnehmen, hätten uns schon weit vor der Küste geortet. Wir wären in die Luft gejagt worden, be- vor der Einsatz richtig begonnen hätte.« Harris setzte sich auf und verzog das Gesicht wegen seiner Rip- penschmerzen. »Was tun wir also, Boß?« fragte er halblaut. »Sollen wir ein Flugzeug von einem anderen Platz entführen oder ein Pa- trouillenboot kapern, um damit abzuhauen?« »Vielleicht«, sagte Howard. »Aber als erstes haben wir einen Auf- trag auszuführen. Löst du jetzt mal Pete ab? Ich möchte das Neu- este hören.« Harris kroch durchs Dornengestrüpp davon. Einige Minuten später kam Halliday zurück. Kim Sumi war bei ihm. »Riesiger Ver- kehr auf der Hauptstraße, Boß«, berichtete er müde. »Vor allem in Richtung Forschungszentrum. Der Strom von Fahrzeugen reißt nicht ab. Willst du die Kladde sehen?« »Danke«, sagte Howard. Er blätterte mit sorgenvoller Miene in dem hingehaltenen Notizbuch. »Wie sieht's mit Aktivitäten im Stasi-Stützpunkt aus?« »Der einzige Lichtblick«, antwortete Halliday. »Dort hat sich nichts geändert. Der Verkehr geht daran vorbei.« »Dort halten keine Fahrzeuge? Auch nicht irgendwo in der Nähe? Weißt du das bestimmt?« »Todsicher«, sagte Halliday. »Die nächste nordkoreanische Ein- heit ist eine Flakstellung am Haupttor des Forschungszentrums – fast zwei Kilometer entfernt. Mehrere ZSU-23 und eine Batterie, SAM-6, die von Infanterie gesichert wird.« »Sonstige schwere Waffen?« »Nun, ich habe bisher vierzehn BMP-1 gezählt. Keine richtigen Panzer, aber ich möchte mich lieber auf kein Duell mit 'ner 7,3- Zentimeter-Kanone einlassen. Und, äh, dazu kommen noch fünf BM-21.« »Verflucht!« ächzte Howard. »Katjuschas. Ich hasse diese ver- dammten Raketen. Eine ist schlimm genug, aber vierzig Abschuß- rohre auf einem einzigen Fahrzeug… Scheiße!« »Tatsächlich«, fügte Kim Sumi ruhig hinzu, »sind das keine BM- 21, sondern BM-11. Die sind weniger gefährlich. Sie haben nicht vierzig, sondern nur dreißig Abschußrohre.« Howard sah sie überrascht an. »BM-11, sagst du? Die kenne ich gar nicht.« »Hiesige Ausführung«, erklärte sie ihm. »Anderes Fahrgestell, etwas höher.« »Das ist interessant«, sagte Howard langsam. Er musterte Sumi prüfend. »Ist dir noch was aufgefallen, das wir übersehen haben könnten?« »Ja«, antwortete sie. »Die Soldaten sind weder Fallschirmjäger noch Spezialisteneinheiten. Sie sind kompetent, aber keine Elite- truppen. Sie wissen vermutlich nicht, warum sie hier im Einsatz sind – aber sie sind trotzdem wachsam.« »Ja, ich verstehe«, sagte Howard. »Sonst noch was?« »Mit der Straße wird's Probleme geben«, stellte Sumi fest. »Wie meinst du das?« »Transportraum scheint knapp zu sein. Die Lastwagen, die Solda- ten gebracht haben, fahren schon wieder zurück, um Nachschub zu holen. Also dürfte der ständige Verkehr noch mindestens vierund- zwanzig Stunden anhalten.« »Verdammt«, sagte Howard zunehmend frustriert. »Ich hatte ge- hofft, er würde nachlassen. Wir müssen heute nacht rüber, und, dort unten gibt's nicht viel Deckung.« »Dann müssen wir den Tunnel benützen«, erklärte Sumi ihm. »Tunnel? Welchen Tunnel?« fragte Halliday. »Ich hab keinen ge- sehen.« »Na ja, Tunnel ist etwas übertrieben«, gab Sumi zu. »Ich meine eher…« Sie suchte nach dem richtigen Wort. »Ein Abflußrohr? Ihr wißt schon, ein unter der Straße verlegtes Abflußrohr, das Überflu- tungen verhindern soll.« »Ein Dränagerohr?« »Richtig«, sagte sie. »Aber es fängt weit vom Straßenrand entfernt an. Diese Bauweise ist in Korea üblich. Solche Rohre sind leicht zu erkennen, wenn man weiß, wo man sie suchen muß. Unseres hier ist fast zweihundert Meter lang. Es kommt in der Nähe des Stasi- Gebäudes, das Pete mir gezeigt hat, aus dem Boden.« »Das muß ich mir mit dem Fernglas ansehen«, entschied Howard. Daß Sumi die hiesigen Verhältnisse kannte, schien sich bereits aus- zuzahlen. »Verdammt«, murmelte Ackford angewidert, als Sumi und How- ard zum Beobachtungspunkt oberhalb der Straße davonkrochen. »Wenn ich was noch mehr hasse als das verfluchte Fallschirmsprin- gen, ist's die Kriecherei durch Tunnels und Abflußrohre. Davon krieg ich… äh… ihr wißt schon, was ich meine – wenn man nicht gern eingeengt ist. Davon krieg ich… verdammt, wie heißt das Wort gleich wieder?« »Die Scheißerei«, warf Ziegler hilfreich ein. »Yeah, genau das«, bestätigte Ackford.,

Pete Halliday wußte recht gut, wofür er sich freiwillig gemeldethatte. Als kleinster Mann des Teams sollte logischerweise er das

Abflußrohr erkunden. Wie Ackford kroch er nicht gerade gern durch Abflußrohre aus Betonringen, aber immerhin schien dieses hier etwas größer zu sein als die Rohre, durch die er Mitte der acht- ziger Jahre bei seinem SAS-Auswahllehrgang hatte kriechen müssen. Als er jetzt nachts vor dem Betonrohr kauerte, schätzte er seinen Durchmesser auf sechzig Zentimeter. Ansonsten wußte er nur, wie lang es ungefähr war – etwa zweihundert Meter. Er hatte keine Ahnung, ob er unterwegs auf unüberwindbare Hindernisse oder Überflutungen wegen Schlammablagerungen stoßen würde. Der kri- tischste Punkt würde vermutlich auf halber Strecke liegen, wo das Abflußrohr unter der Straße hindurchführte. Halliday brachte seinen Kopf dichter an die Öffnung heran und sog prüfend die Luft ein. Sie roch feucht und unangenehm modrig, aber nicht nach Abwasser, sondern nur nach verrottenden Pflanzen, was immerhin etwas war. Er knotete das Ende der von einer Rolle ablaufenden Fallschirmleine mit fünfhundert Kilogramm Bruchlast mit einem Slipknoten an seinen Gürtel, nickte Howard kurz zu und kroch hinein. Als er verschwand, spulte sich die Leine von der Rolle ab, die Ziegler in den Händen hielt. Im Rohrinneren war es wie erwartet stockfinster. Halliday hatte überlegt, ob er seine Nachtsichtbrille aufsetzen sollte, war aber doch wieder davon abgekommen, denn bei völliger Dunkelheit hätte er den Infrarotscheinwerfer benützen müssen, der am anderen Ende hätte entdeckt werden können. Auf den ersten Metern kroch er über eine mit Steinen durchsetzte, angetrocknete Schlamm-, schicht. Die feuchte Moderluft schien dicker zu werden, je weiter er vorankam, und die trockene Schlammschicht wurde bald so hoch, daß er seine Knie überhaupt nicht mehr benützen konnte. Wenn er sich mit den Stiefelspitzen abstieß und Ellbogen, Unterarme und Hände dazu benützte, sich vorwärts zu ziehen, schaffte er jeweils nur fünfzehn bis zwanzig Zentimeter auf einmal. Die zweihundert Meter in dieser Fortbewegungsart entsprachen also mindestens tau- send Liegestützen. Bald liefen ihm Schweißbäche übers Gesicht. Nach schätzungsweise dreißig Metern wurde der Schlamm auf dem Rohrboden weicher. Er war schmierig, roch faulig und ließ ihn langsamer vorankommen, aber Halliday war dankbar dafür, daß sei- ne schon aufgescheuerten Knie und Ellbogen nicht weiter strapa- ziert wurden. Ein Gefühl der Platzangst machte sich jetzt stark be- merkbar, aber er verdrängte es bewußt und konzentrierte sich statt dessen auf seine langsamen Vorwärtsbewegungen. Achtundvierzig, neunundvierzig, fünfzig: Pause. Bis zwanzig zählen, Atmung wieder nor- mal, Puls auf ungefähr hundert zurückgegangen. Also weiter! Eins, zwei, drei… Er verlor jegliches Zeitgefühl. Seine Armbanduhr hing an einer Nylonkordel in seinem zugeknöpften Hemd. So trug er sie bei Nachteinsätzen aus alter Gewohnheit – ein Leuchtzifferblatt konnte einen allzu leicht verraten. Trotzdem bedauerte er jetzt, sie wegge- steckt zu haben; selbst ein noch so schwacher Lichtschein hätte in dieser stockfinsteren Röhre einen gewissen Kontakt mit der Realität herstellen können. Der Verkehrslärm, der von der nahen Straße herüberdrang, war schon nach wenigen Metern verstummt. Jetzt hörte er nur noch sei- ne keuchenden Atemzüge und das Scharren seiner Stiefel und Klei- dungsstücke, wenn er sich wieder ein Stück vorwärts zog. Wenig- stens, sagte er sich, brauchte er sich keine Mühe zu geben, leise zu sein – draußen herrschte genug Lärm, um jedes seiner Geräusche zu übertönen., Plötzlich wurde der faulige Geruch wirklich schlimm – ein ekeler- regender Gestank, den Halliday angewidert erkannte. Er biß die Zähne zusammen, um gegen den aufsteigenden Brechreiz anzu- kämpfen. Irgendein Tier – hoffentlich nur ein kleines – mußte sich in dem Abflußrohr verkrochen haben und war darin verendet. Der Tierkadaver mußte irgendwo vor ihm liegen. Halliday würde darü- ber hinwegkriechen müssen. Plötzlich stieß ihm etwas Spitzes ins Gesicht. Er tastete mit den Händen danach und stellte fest, daß ein kleiner Dornbusch ihm den Weg versperrte. Halliday zog sein Springermesser und machte sich daran, den Busch zu zerhacken. Das dürre Holz war so brü- chig, daß es nach zwei, drei Minuten weitgehend zerkleinert war. Er schob die Stücke hinter sich, bis zuletzt nur noch der gut daumen- starke Hauptstamm übrig war. Er zerrte daran, aber irgend etwas hielt ihn fest. Er ruckte nochmals kräftiger. Der dünne Stamm kam mit einem leisen, saugenden Schmatzge- räusch frei; gleichzeitig schlug der Gestank von verwesendem Fleisch Halliday wie eine Giftwolke entgegen. Er mußte krampfhaft würgen und erbrach sich heftig. Um endlich weiterzukommen, riß er noch- mals mit verzweifelter Kraft an dem Stamm, zog ihn zu sich heran und ertastete einen am Holz hängenden dünnen Draht. Gleichzei- tig hörte er ein hohes Quieksen und Quietschen, nach dem das Kratzen fliehender kleiner Füße zu hören war. O Gott! dachte er. Ratten! Während der grausige Gestank ihn noch immer würgen ließ, er- kannte er, was er in den Händen hielt: eine Drahtschlinge. Sie war an dem Busch befestigt gewesen; das darin gefangene Tier hatte es irgendwie geschafft, den Busch herauszureißen und mit sich fortzu- schleppen. Dann hatte es sich in dem Abflußrohr verkrochen, wo es jetzt von Ratten und Maden aufgefressen wurde. Halliday schloß die Augen, hielt die Luft an und warf sich nach vorn, um möglichst schnell über den Kadaver und den gräßlichen Todesgestank hinweg-, zukommen. Dadurch löste er eine neuerliche Kakophonie von Quietschtönen aus; mehrere Ratten liefen über seinen Rücken und verschwanden in der Röhre hinter ihm, wo ihr Quieken sich verlor. Sein linker Ellbogen versank in einer auf dem Schlamm liegenden weichen Masse; das mußte der Kadaver sein. Vermutlich ein Hase oder ein Wildkaninchen, sagte er sich, aber er hatte nicht den Wunsch, sich damit aufzuhalten. Er warf sich keuchend und würgend nach vorn; dann war er vorbei. Der Gestank ließ nicht nach. Sechsundvierzig, siebenundvierzig… Diesmal gab es keine Pause bei fünfzig, sondern er würde weiterkriechen, bis er wieder besser atmen konnte. Was für ein grausiger Todesort… Zuletzt machte Halliday mit keuchenden Lungen und zitternden Armen halt. Nacken und Schultern schmerzten vor Anstrengung, und er fühlte sich nach dem krampfartigen Erbrechen von vorhin schwach und benommen. Jetzt hörte er ein schweres Rumpeln, und das Rohr schien leicht zu vibrieren. Er glaubte erst, sich das nur eingebildet zu haben, aber als seine Atmung sich beruhigte, hörte und spürte er beides wieder. Das bedeutete, daß er genau unter der Straße sein mußte. Erst auf halber Strecke… Howard und die anderen sahen, wie die von Ziegler leicht ge- spannte Fallschirmleine plötzlich nicht weiter nachgezogen wurde. Sie erkannten, daß Halliday auf ein Hindernis gestoßen sein mußte, warteten besorgt und fragten sich, worum es sich handeln konnte. Als die Spule sich nach kurzer Zeit weiterdrehte, fiel Ziegler auf, wieviel schneller und hektischer die Bewegung jetzt war. Er wech- selte einen Blick mit Howard, dem das auch aufgefallen war, sagte aber nichts. Allmählich wurde das Tempo wieder gleichmäßiger, als der Kriechende zu seinem alten Rhythmus mit einer Pause nach etwa zehn Metern zurückfand. Halliday war der Erschöpfung nahe. Das Betonrohr mußte sich, im weichen Erdreich etwas gesenkt haben, so daß der Abschnitt, durch den er jetzt kroch, bis zu halber Höhe mit modrigem Wasser gefüllt war. Aber obwohl es eine zusätzliche Anstrengung erforder- te, den Kopf über Wasser zu halten, war diese Kühle erfrischend. Er wußte, daß er schmutzig war und stank, aber davon war jetzt nichts mehr zu riechen. Er hoffte sogar, hier würden einige der an seiner Kleidung haftenden Teile des Tierkadavers abgespült. Das Wasser wurde tiefer und tiefer, bis an einer Stelle kaum noch zwanzig Zen- timeter Luft blieben. Halliday kam jetzt besser voran, weil das Was- ser einen Teil seines Gewichts trug, aber er wußte auch, daß er wür- de umkehren müssen, wenn der Wasserspiegel weiterstieg. Bitte, Gott, jetzt nicht mehr, dachte er. Ich bin doch fast durch… Wenig später nahm er undeutlich wahr, daß das Abflußrohr of- fenbar wieder anstieg, weil der Wasserspiegel zu sinken begann. Das Wasser wurde immer seichter, bis er nach fünfundzwanzig Metern wieder über eine dünne Schlammschicht robbte. Vierunddreißig, fünf- unddreißig… Dann fanden seine Ellbogen plötzlich keine Auflage mehr, und er spürte, wie er nach vorne fiel. Sein Brustkorb krachte auf den Rand des Abflußrohrs, und seine Arme hingen schlaff herab. Er hörte das Rumpeln eines vorbeifahrenden Lastwagens und sah die von seinen Scheinwerfern geworfenen Schatten vor sich über den steinigen Bo- den tanzen. Er war durch! Seine durch Ausbildung und lange Erfahrung eingeübten Reflexe setzten augenblicklich ein, und er war sofort abwehrbereit. Ohne aus dem Abflußrohr zu kriechen, griff er langsam in seinen Overall, um das wasserdichte Etui mit seiner Nachtsichtbrille herauszuzie- hen. Als er die Brille aufsetzte und das Halteband hinter seinem Kopf befestigte, achtete er darauf, die Linsen nicht mit seinen schmutzigen Händen anzufassen. Als er das Nachtsichtgerät einschaltete, wurde seine Umgebung schlagartig sichtbar. Halliday erkannte die Senke des alten Bach-, betts, das er vom Kamm der Hügelkette aus mit dem Fernglas ge- sehen hatte. Wegen der auf beiden Seiten ansteigenden Ränder der Senke konnte er rechts und links nur wenige Meter weit sehen. Das alte Bachbett war etwas tiefer als erwartet und bot deshalb reichlich Deckung. Er ließ sich aus der Röhre gleiten und kroch mit schuß- bereitem AKMS zum rechten Rand der Senke. Dort zog er den Schalldämpfer aus seiner Gürteltasche, kippte das noch darin ste- hende Wasser aus und schraubte ihn auf sein Sturmgewehr. Dann hob er langsam den Kopf über die Böschung und sah sich um. Dreihundert Meter von ihm entfernt ragte das Stasi-Gebäude auf. Der Posten am Tor war sofort sichtbar… und wenig später auch der zweite Mann, der wie üblich auf dem Gelände Streife ging. Abgesehen von den Lastwagen, die auf der Straße hinter ihm vorbeidröhnten, war sonst nirgends eine Bewegung zu erkennen. Halliday grinste zufrieden und kroch zu dem Abflußrohr zurück. Erst jetzt sah er auf seine Uhr. Für die zweihundert Meter lange Kriechstrecke hatte er fast eine halbe Stunde gebraucht. Am anderen Ende sah Ziegler die Fallschirmleine plötzlich schnel- ler ablaufen. Er nickte Howard zu. Halliday war offenbar aus dem Rohr heraus und bewegte sich im Freien. Dann hing die Leine schlaff durch; Ziegler holte sie ein, behielt sie in der Hand und war- tete auf das Signal. Ein langer Zug bestätigte, daß Halliday durch war. Ein zweiter langer Zug signalisierte: schwierig, aber zu bewäl- tigen. Schluß jetzt! dachte Ziegler; ein dritter Zug hätte erhebliche Schwierigkeiten bedeutet. Und ein vierter hätte ›Abbruch!‹ signali- siert. Der dritte Zug blieb aus. Ziegler atmete erleichtert auf, knüpfte eine Schlinge in die Leine und befestigte sie an Hallidays Rucksack, der bereits in dem Abflußrohr lag. Er wartete; nach zwei Minuten straffte sich die Leine, und Hallidays Rucksack verschwand. Howard blieb dicht dahinter. Ziegler ließ die Fallschirmleine weiter ablau- fen., Eine halbe Stunde später fühlte Ziegler wieder einen Zug, als Hal- lidays Rucksack am anderen Ende losgebunden wurde. Er spulte die Leine auf und verzog angewidert das Gesicht, als er roch, wo sie über den verwesenden Kadaver hinweggeglitten war. An der Schlin- ge hing eine kurze Mitteilung, die Howard geschrieben hatte: Ab jetzt paarweise kommen. Nach der Straße sind 30 m zu 70% überflutet. Zweiter muß warten, bis erster durch ist. Ein kurzer Zug bestätigte, daß Ziegler verstanden hatte. Diesmal hängte er zwei Rucksäcke an die Fallschirmleine. Sobald sie ver- schwanden, kletterte Harris ins Abflußrohr, und Sumi folgte ihm. Der Hintergrundlärm eines Lastwagens, der in zweihundert Meter Entfernung vorbei ratterte, übertönte das Husten von Zieglers Pis- tole mit aufgesetztem Schalldämpfer. Das 9-mm-Geschoß traf den Mann im oberen Stirndrittel, und er warf sich halb herum, während er zusammensackte. Noch bevor der zweite Mann sich nach dem Geräusch umdrehen konnte, folgte ein weiteres Husten, nach dem er ebenso zusammenbrach. Howard ließ seine Pistole sinken und nickte Halliday und Zeccara zu, die jetzt auf den schweren Ma- schendrahtzaun zu spurteten. Während Zeccara wie wild pumpte und Halliday die Schneideflä- chen führte, trennte der besonders leicht gebaute Hydraulikschnei- der die Eisenwinkel, mit denen der untere Zaunrand am Betonfun- dament befestigt war, mühelos ab. Die beiden Männer brauchten keine Minute, um die Eisenwinkel eines fünf Meter langen Zaun- felds zwischen zwei Pfosten abzutrennen. Zeccara packte den unte- ren Zaunrand und zog ihn einen halben Meter hoch; Halliday stemmte eine Stütze hinein, damit Zeccara loslassen konnte. Inzwi- schen kamen die anderen schon lautlos herangestürmt. Zweihundert Meter hinter ihnen lag Ackford noch immer in der Senke und beobachtete sie durch sein Fernglas. »Sie sind durch den, Zaun«, murmelte er, als spreche er mit sich selbst. Er drehte sich nach Sumi um, die in ihrer klatschnassen Kleidung in der kühlen Nachtluft zitterte. »Dauert nicht mehr lange«, versicherte er ihr be- ruhigend. »Wir sind bald drinnen. Dort ist's dann wärmer.« Er ig- norierte Weatherill, der zähneklappernd und in fetaler Haltung zu- sammengerollt auf dem Boden der Senke lag und sichtlich unter den Nachwirkungen der gräßlichen Kriecherei durch die Röhre litt. Die über den Beton rennenden fünf Fußpaare waren nicht zu hören. Zeccara erreichte die Eingangstür als erster und legte eine Hand auf die Klinke. Als Ziegler ihm zunickte, drückte er sie lang- sam herunter und stieß die Tür auf. Er konnte nur hoffen, daß ihre Angeln nicht quietschen würden. Die Tür ging lautlos auf. Ziegler trat rasch in die Öffnung und hob seine Pistole; sie hustete noch- mals, und der blonde Mann, der gut sechs Meter entfernt an einem Schreibtisch gesessen hatte, fiel lautlos nach vorn über die Schreib- tischplatte. Außer ihm war niemand in der Eingangshalle. Die fünf Männer drangen in das Gebäude ein und schwärmten aus; Zeccara schloß die Tür hinter sich. Wie sich zeigte, war nur noch ein weiterer Mann wach, der in einer Art Nachrichtenzentrale Dienst tat. Als Harris Howard die Tür öffnete, drehte der Mann sich um und wollte sofort nach der Pistole an seinem Koppel greifen. Das war sein letzter Fehler; wie die anderen starb er lautlos und kippte langsam vom Stuhl. Außer der Eingangshalle und dem Treppenaufgang zum ersten Stock war dies der einzige Raum im Erdgeschoß, in dem Licht gebrannt hatte. Harris und Howard ließen den Toten liegen, durchsuchten rasch die übrigen Erdgeschoßräume und nahmen sich anschließend den Keller vor. Die fensterlosen Kellerräume, die offenbar als Haftzellen eingerichtet waren, standen alle leer. Oben im ersten Stock arbeiteten Ziegler, Halliday und Zeccara sich den Korridor entlang von Zimmer zu Zimmer vor. Als How- ard und Harris wieder zu ihnen stießen, hatten sie schon vier Ge-, fangene gemacht. In jedem Fall war der Schlafende aufgeschreckt, als plötzlich das Licht anging, hatte in die Mündung von Zieglers Pistole geblickt und war durch den deutsch geflüsterten Befehl: »Ruhe, sonst knallt's!« zum Schweigen gebracht worden. Die er- schrockenen und verwirrten Männer hatten keine Zeit, sich zu be- sinnen. Drei Sekunden nach dem Aufwachen hatten sie ein Klebe- band über dem Mund, die Hände mit stabilen Kabelbindern auf dem Rücken gefesselt und schwarze Baumwollsäcke über dem Kopf, so daß sie blind waren. Die plötzliche Konfrontation mit einem schmutzigen, stoppelbär- tigen Mann, der sie mit einer Pistole mit Schalldämpfer bedrohte, brachte die meisten so durcheinander, daß sie nicht mehr klar den- ken konnten. Nur einer, ein bulliger Kerl, der älter als die anderen war, wollte sich mit einem Fußtritt wehren. Im nächsten Augen- blick traf eine Faust wie ein Vorschlaghammer seine Magengrube, und er ging, nach Luft schnappend, zu Boden. Die vier Gefangenen wurden in einem Raum zusammengetrieben und mußten sich – von Halliday bewacht – mit je einem schwarzen Sack über dem Kopf auf den Fußboden setzen. Keine halbe Minute später kam ein fünf- ter Mann dazu. Harris überwachte die Treppe zum zweiten Stock. Ziegler, How- ard und Zeccara setzten die rasche Durchsuchung des ersten Stocks fort und stellten fest, daß die übrigen Zimmer leer waren. Dann stiegen sie lautlos in den zweiten Stock hinauf. Howard orientierte sich an der Vorstellung, die er sich vom Grundriß des Gebäudes ge- macht hatte. In den vergangenen achtzehn Stunden hatte er beo- bachtet, wann welche Lichter angegangen waren; daraus war zu schließen, daß rechts oben an der Treppe ein Schlafsaal oder eine Art Gemeinschaftsraum liegen mußte. Er postierte Harris und Zieg- ler vor der Tür und nahm Zeccara mit, um als erstes die übrigen Räume zu durchsuchen. Sie waren alle leer. Bis auf den großen Ge- meinschaftsraum war das Gebäude jetzt gesichert., Die Tür schwang lautlos nach innen auf, und die vier Männer schlichen in den Gemeinschaftsraum. Auf beiden Seiten des Mittel- gangs waren Betten zu sehen, aus denen die Atemgeräusche von Schlafenden kamen. Die vier verteilten sich; Ziegler, der in der Nähe der Tür stand, fand den Lichtschalter. Als Howard ihm ein Zeichen gab, machte er Licht. »Aufwachen!« brüllte Howard auf deutsch. Nur sieben der zwölf Betten waren belegt; fünf Gestalten schos- sen sofort hoch und starrten die Eindringlinge verständnislos an. Der sechste Mann drehte sich mit einem gemurmelten Fluch auf die andere Seite, während der siebte fest weiterschlief. »Was…«, begann einer der Männer. »Ruhe!« blaffte Howard ihn drohend an. Als die Männer die vier auf sie gerichteten Sturmgewehre sahen, hoben sie ihre Hände und hielten den Mund. Zeccara trat an die Betten der noch schlafenden Männer. Ein Schlag ins Gesicht des ersten ließ ihn hochfahren. Er starrte die Gewehrmündung unmittelbar vor seinem Gesicht an, sah dann zu seinen Kameraden hinüber und setzte sich ebenfalls auf. Er rieb sich das Gesicht, ohne jedoch etwas zu sagen. Der letzte Mann wurde ähnlich grob geweckt; er hatte nichts gehört, weil er Ohren- stöpsel trug. »Aufstehen!« Die sieben Gefangenen standen gehorsam auf. Vier von ihnen tru- gen Schlafanzüge; die anderen drei waren bis auf ihre Stiefel voll- ständig bekleidet. Howard befahl ihnen, sich bis auf die Unterhose auszuziehen. Danach wurden sie in den ersten Stock hinunterge- führt. »Mike, du bringst sie ins große Büro am Ende des Korri- dors«, wies Howard sie an. »Sie sollen sich auf den Boden legen, und du fesselst ihnen die Hände auf dem Rücken. Mel, du gehst mit. Angelo, du holst Tony und die anderen her und hilfst ihnen mit den Rucksäcken. Sobald alle drinnen sind, nimmst du die Stüt- ze weg und drückst den Zaun runter, damit wieder alles normal, aussieht.« Dann ging Howard zu Halliday hinüber; es wurde Zeit, sich ihre ersten fünf Gefangenen näher anzusehen. Da diese Männer Einzel- zimmer gehabt hatten, bildeten sie vermutlich das Führungsperso- nal des Stasi-Stützpunkts. Howard nahm einem nach dem anderen den schwarzen Sack ab, der seinen Kopf verhüllte, und studierte aufmerksam sein Gesicht, bevor er ihm den Sack wieder überstülpte und zum nächsten Mann weiterging. Der erste Mann, mit scharfem Blick und in mittleren Jahren, trug einen trotzigen Gesichtsausdruck zur Schau, obwohl er offenkundig besorgt war. Howard fiel auf, daß sein rechtes Augenlid leicht zuck- te, als habe er einen nervösen Tick. Er stülpte ihm den Sack wieder über den Kopf. Der zweite Mann war jünger und hatte ein hageres, schmales Gesicht; er wirkte verwirrt und ängstlich, als er sich mit flackerndem Blick umsah. Der dritte Mann war weit interessanter, fand Howard. Er war groß, blond und schlank, hatte blasse, aus- druckslose Augen und wirkte völlig gelassen. Er erwiderte Howards Blick ganz ruhig, ohne zu verraten, was er dachte. Der vierte Mann wirkte mürrisch und besorgt, und der fünfte – der muskulöse ältere Mann, den Zeccara vorhin flachgelegt hatte – starrte Howard haßer- füllt an. Auch er bekam wieder den schwarzen Sack übergestülpt. Howard trat einen Schritt zurück und betrachtete die fünf Ge- fangenen. »Ene, mene, muh«, sagte er laut. Er wandte sich an Hal- liday und sprach so leise, daß die Männer ihn nicht hören konn- ten. »Was hältst du von ihnen, Pete?« »Nummer drei«, flüsterte Halliday ihm ins Ohr. »Er hat irgendwas an sich. Er ist zu beherrscht.« »Genau«, bestätigte Howard ebenso leise. »Aber Nummer fünf scheint den größten Elan zu haben. Das macht neugierig.« »Fünf ist nur ein Mann fürs Grobe«, murmelte Halliday und schüttelte verächtlich den Kopf. »Ein Schlägertyp.« »Gut, wir werden ja sehen«, sagte Howard laut., Trotz des Schocks ihrer Gefangennahme behielten elf der Gefange- nen die Nerven, schwiegen hartnäckig und weigerten sich, irgend- welche Fragen zu beantworten. Die einzige Ausnahme war ein stäm- miger, nicht gerade intelligent wirkender Mann, der bereitwillig sei- nen Namen nannte: Josef Kleinhoff. Da er zu denen gehörte, die im Schlafsaal im zweiten Stock geschlafen hatten, hielt Howard ihn für eher unbedeutend. Bestimmt hatte es nicht viel Zweck, mit ei- nem bloßen Befehlsempfänger wie Josef Kleinhoff zu reden. Oder vielleicht doch? Howard hatte plötzlich eine Idee. »Mike, hol Kleinhoff wieder her. Bring ihn in das große Büro am Ende des Korridors im ersten Stock.« »Klar.« Kurze Zeit später wurde Kleinhoff, der ängstlich und verwirrt aus- sah, in das Büro geführt. Seine Verwirrung steigerte sich noch, als Howard das Plastikband zerschnitt, mit dem seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren. »Also gut, Josef«, sagte er auf deutsch, »setzen Sie sich in den großen Sessel hinter dem Schreibtisch.« Kleinhoff rieb sich die roten Striemen an seinen Handgelenken. Seine Verwirrung war offensichtlich, aber er gehorchte. Er fühlte sich sichtlich unbehaglich, als er in dem Sessel Platz nahm. »Ganz entspannt, Josef«, forderte Howard ihn auf. »Lehnen Sie sich zurück. Los, machen Sie's sich bequem!« Er lächelte aufmun- ternd, und Kleinhoff lehnte sich wie befohlen zurück. Aber der Mann wirkte keineswegs entspannt, sondern im Gegenteil völlig verkrampft. »Legen Sie die Füße auf den Schreibtisch, Josef.« »Aber…« »Los!« knurrte Howard drohend. Der Stasi-Mann gehorchte zögernd. Howard nickte zufrieden und wandte sich an Ziegler. »Okay, Mike«, flüsterte er, jetzt wieder auf englisch, »du bringst alle sechs aus dem Schlafsaal nacheinander, hierher. Du schiebst jeden kurz herein und nimmst ihn wieder mit, sobald er und unser Freund hier einen Blick gewechselt haben.« Ziegler grinste verständnisvoll. Zwei Minuten später wurde der erste von Kirchhoffs Kameraden hereingestoßen. Howard fand es anerkennenswert, wie wenig der Mann sich von seiner Überra- schung anmerken ließ, als er Kleinhoff mit hochgelegten Füßen in dem großen Sessel herumlümmeln sah. Josef Kleinhoff selbst grin- ste leicht verlegen und zuckte mit den Schultern; dann wurde der Mann wieder hinausgeführt. Der Vorgang wiederholte sich mit den übrigen fünf Männern aus dem Schlafsaal. Kleinhoff stand offen- sichtlich vor einem völligen Rätsel; er begriff nicht, was das alles sollte, wurde aber allmählich unverkrampfter. »Jetzt die anderen«, sagte Howard. »Gleiches Verfahren.« Josef Kleinhoff fuhr zusammen, als der erste seiner Stasi-Vorge- setzten hereingeführt wurde. Sein verlegenes Grinsen erstarrte zu ei- ner unbehaglichen Grimasse, und er bewegte die Füße, als wolle er sie vom Schreibtisch nehmen. »Lassen Sie Ihre Füße oben, Josef!« blaffte Howard ihn an, als der Offizier hinausgeführt wurde. »Sie sollen sich entspannen!« Kleinhoff begann zu schwitzen. Sein wachsendes Unbehagen war unübersehbar, als der nächste Mann hereingebracht wurde, und als dann der große blonde Offizier erschien, nahm er hastig die Füße vom Schreibtisch und setzte sich kerzengerade auf. Howard beo- bachtete das Gesicht des Offiziers; es blieb völlig ausdruckslos. Ziegler führte ihn wieder ab. Howards Pistole war drohend auf Kleinhoff gerichtet. »Füße hoch, Josef!« knurrte er. Der Stasi-Mann gehorchte widerstrebend. Der nächste Offizier wurde hereingeführt. Howard sah, wie Klein- hoffs Fingerknöchel sich weiß verfärbten, so krampfhaft umklam- merte er die Sessellehnen. Der Schweiß lief ihm in Bächen übers Gesicht, und er wirkte hochgradig nervös und unbehaglich. »Jetzt kommt der letzte«, flüsterte Ziegler. »Der Muskelmann.«, Als der ältere Stiernackige an der Tür auftauchte, konnte Klein- hoff sich nicht länger beherrschen. Er riß die Füße vom Schreib- tisch, sprang ruckartig auf, als habe er einen elektrischen Schlag be- kommen, und nahm Haltung an. »Ich bitte um Verzeihung, Genos- se General, aber…« Er verstummte abrupt, als er merkte, was er ge- sagt hatte, und sein Unterkiefer sackte herab, als er den mordlüster- nen Blick seines Vorgesetzten auffing. »Okay, Mike«, sagte Howard lächelnd. »Du kannst Josef wieder runterbringen, glaub ich. Aber sperre ihn lieber nicht mit den an- deren zusammen, sonst lynchen sie ihn, wenn sie erfahren, was er getan hat. Und schick Tony rauf, ja? Er und ich wollen uns ein biß- chen mit dem General unterhalten.« »Wird gemacht, Ed«, sagte Ziegler befriedigt grinsend. Er drehte den unglücklichen Kleinhoff um und fesselte ihm wieder die Hände auf dem Rücken. Bevor er ihn vor sich her zur Tür stieß, blieb er bei dem General stehen. Der ältere Mann erwiderte seinen Blick un- erbittlich trotzig. »Schade, nicht wahr, General?« meinte Ziegler im Gesprächston. »Heutzutage kriegt man einfach kein gutes Personal mehr, stimmt's? Aber keine Angst – der alte Kleinhoff ist bei uns in besten Händen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Was, schon halb vier Uhr morgens? Schönen Tag noch, Genosse!«

Ihr Name, bitte«, sagte Howard auf englisch.»Ich verstehe Sie nicht.« Der General spuckte diese deutschen

Worte verächtlich aus und wirkte dabei zugleich wütend und unbe-, sorgt. Tatsächlich war er von dem Schlag noch leicht benommen. Er hatte sich erbittert gewehrt, als Ackford ihn gepackt hatte, um ihn an einem Stuhl festzubinden, aber mit gefesselten Händen hatte er keine Chance gegen den Hünen gehabt. Ackford hatte sich das Treten und Strampeln des Generals nicht lange gefallen lassen, son- dern einmal zugeschlagen und ihn über dem linken Auge getroffen. Danach hatte er sich nicht länger gewehrt. Er war jetzt auf einem der schweren Holzstühle festgebunden, die sie in einem Kellerraum gefunden hatten. Sein linkes Auge war fast zugeschwollen. »Auch kein Problem«, sagte Howard in fließendem Deutsch. »Wir können gern in Ihrer Muttersprache miteinander reden, wenn Ih- nen das lieber ist. Ich habe Sie nach Ihrem Namen gefragt.« Der General, dessen rechtes Auge Howard trotzig anstarrte, über- schüttete ihn mit einem Schwall von Schimpfwörtern. »Haben Sie ›Arschficker‹ gesagt?« fragte Howard leichthin. »Ein merkwürdiger Name. Mich wundert, daß Sie's mit einem so idioti- schen Namen zum General gebracht haben. Aber ich glaube Ihnen natürlich nicht, daß Sie so heißen«, fuhr er fort. »Wir wollen keine Zeit vergeuden, einverstanden? Sie heißen Reinhold Erfurt und er- zählen mir jetzt alles über Ihre Pläne mit dem IRIS-Programm.« Der General war sekundenlang sichtlich erschrocken. Sein Mund stand leicht offen, bis er sich wieder fing und die Zähne zusammen- biß. Er überlegte angestrengt. Woher kannte dieser Engländer sei- nen Namen? Und woher wußte er, daß die Stasi hinter dem IRIS- Diebstahl steckte? Erfurt riß sich zusammen und antwortete ver- ächtlich: »Von mir erfahren Sie nichts, Engländer.« Howards dunkle Augen glitzerten, während er die Reaktion des Generals beobachtete. Das hat gesessen, dachte er, als er ein Päck- chen Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer aus einer Tasche zog. Er wird bald erraten, daß wir seinen Namen aus seinem Reisepaß ken- nen – aber die Erwähnung von IRIS ist wirklich ein Schock gewesen. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. »Tony«,, sagte er auf englisch, ohne den General aus den Augen zu lassen, »gib mir bitte mal die Taschenlampe.« Er stand langsam auf. »Halt ihm den Kopf fest und sorg dafür, daß er den Mund aufmacht.« Erfurt spürte, wie sein Kopf von hinten gepackt wurde. Ein ste- chender Schmerz zuckte durch seinen Unterkiefer, als Ackford ihm mit Gewalt den Mund öffnete. Er protestierte mit unbeholfenen gutturalen Lauten, konnte aber den Kopf nicht mehr bewegen. Der Engländer trat dicht an ihn heran und schaltete seine Taschenlam- pe ein, um die Mundhöhle des Generals zu inspizieren. Was, zum Teufel…? »Ihre Zähne sind in Ordnung, General«, sagte Howard gelassen. »Sie haben sie gut gepflegt. Danke, Tony, er darf den Mund wieder zumachen. Aber du hältst seinen Kopf weiter fest, okay?« Was kommt jetzt? fragte der General sich unruhig. Der Mann tastet meinen Unterkiefer ab wie ein Arzt… »Oh, oh, General«, sagte Howard und zog erneut an seiner Ziga- rette. »Hier links unten haben Sie eine geschwollene Drüse. Spüren Sie die?« Der General spürte sie. Er hatte die Schwellung nicht bemerkt, bis die Finger des Engländers sie entdeckt hatten. Sie war nicht schmerzhaft, sondern nur etwas unbehaglich. Er gab keine Antwort auf die Frage. Dann beobachtete er, daß Howard links neben ihn trat, und fühlte die schwache Wärme der Taschenlampe an diesem Ohr. »Aha!« rief Howard befriedigt aus. »Das ist der Grund dafür. Sie haben eine Ohrenentzündung. Sieht ziemlich schlimm aus. Behan- deln Sie die mit Antibiotika? Das sollten Sie tun, wissen Sie.« Der General verstand gar nichts mehr. Was, zum Teufel, sollte dieser Unsinn bedeuten? Gut, dann hatte er also eine Ohrenentzün- dung. Das hatte er eigentlich schon vermutet – sein linkes Ohr schmerzte seit einigen Tagen. Wahrscheinlich hatte er nur einen Ohrenpropf. Er nahm nie Medikamente, wenn es nicht unbedingt, sein mußte. Aber worauf wollte der verdammte Engländer hinaus? Howard knipste seine Taschenlampe aus und trat wieder vor den General hin. Der Deutsche sah, daß sein ruhiger, abschätzender Blick sich in ein kaltes, bedrohliches Starren verwandelt hatte. »Er- zählen Sie mir von IRIS, General.« Erfurt schwieg und starrte ihn weiterhin trotzig an. »Auch gut«, sagte Howard. »Aber Sie werden sich die Sache bald anders überlegen. Halt seinen Kopf fest, Tony.« Er trat wieder links neben den General, zog ein weiteres Streichholz aus der Schachtel, hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und führte es in Erfurts Ohr ein. Dann drückte er es weiter hinein – allerdings nicht beson- ders fest. Plötzlich durchzuckte ein unerträglicher Schmerz den Kopf des Generals. Er nahm seinen eigenen gellenden Schrei nur undeutlich wahr. Jeder Muskel seines Körpers verkrampfte sich, als er versuch- te, von diesem entsetzlichen Druck wegzukommen, aber er war zu keiner Bewegung imstande. Im nächsten Augenblick ließ der schreckliche Schmerz nach und wurde durch ein dumpfes, heftiges Pochen ersetzt. Als Erfurt einige Sekunden später die Augen öffne- te, sah er Howard vor sich sitzen. »Sehen Sie, was ich meine, General? Ohrenschmerzen können scheußlich sein, nicht wahr? Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Erzählen Sie mir jetzt bitte von IRIS, damit Sie nicht wieder leiden müssen.« »Ich weiß nichts darüber«, keuchte der General. »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.« »Ganz wie Sie wollen.« Howard trat wieder an seine linke Seite. Diesmal war der Schmerz womöglich noch schlimmer: wie ein Feuerball in seinem Kopf – ein dunkelroter, brennender, kreischen- der Feuerball… »Sie haben es in der Hand, sich Schmerzen zu ersparen, General«, sagte Howard, als das Kreischen wieder aufgehört hatte. »Wir wis-, sen, daß Sie das IRIS haben – oder daß eine Ihrer ausländischen Stasi-Gruppen es hat. Ihre Organisation wird von der iranischen Regierung dafür bezahlt, jemanden zu ermorden. Das IRIS-Gerät er- kennt den Betreffenden und zündet eine Bombe, wenn er in der Nähe ist. Ich will nur wissen, wer das vorgesehene Opfer ist und wo das Gerät installiert werden soll.« »Bitte«, keuchte der General, der sich verzweifelt bemühte, Zeit zu gewinnen, um nachdenken zu können. Die Schmerzen hatten ihm alle Kraft geraubt, und er war in Schweiß gebadet. Man kann sich dazu zwingen, Schmerzen im Arm oder im Bein zu ignorieren, erkann- te der General, aber wenn man sie mitten im Kopf hat… »Warten Sie!« »Lassen Sie sich Zeit, General.« Der General klammerte sich an eine winzige Hoffnung. Sie war nicht groß, aber immerhin eine Hoffnung. Er konzentrierte sich mit gewaltiger Willensanstrengung. Er wußte, daß er bald völlig zu- sammenbrechen würde, wenn er nicht vorher ohnmächtig wurde. Niemand konnte solche Schmerzen länger ertragen, und er hatte sie bisher nur für einige Sekunden aushalten müssen. Aber der Eng- länder hatte einen Fehler gemacht – einen entscheidenden Fehler, der dem General etwas Mut machte, während er angestrengt über- legte, wie er sich ausnützen ließ. Als ihm klar wurde, wie er sich verhalten mußte, übertrieb er sein Keuchen und Stöhnen. Dann öffnete er das rechte Auge und starrte Howard benommen an. »Also gut, ich… ich sage Ihnen, was Sie wissen wollen«, murmelte er schließlich. Howard Gesichtsausdruck blieb unverändert. Mit einfachen Fragen anfangen, dachte er. Sobald jemand auspackt – selbst wenn's nur Kleinig- keiten sind –, gibt's schon bald kein Halten mehr. »Ihr Name und Dienst- grad?« »Reinhold Erfurt, Generalleutnant.« »Sie sind der Kommandeur dieser Stasi-Gruppe?« »Ja.«, »Warum sind Sie in Nordkorea stationiert?« »Dies ist ein sicherer… bisher sicherer Stützpunkt für unsere Un- ternehmen. Außerdem haben wir einen Vertrag mit der nordkorea- nischen Regierung als Sicherheitsberater ihres Forschungszentrums Jöngbjön.« »Wo sind Ihre anderen Zellen?« »Wir haben vier bis fünf in jedem wichtigen europäischen Land. Mehr in den USA und im Fernen Osten.« Der General wußte, daß bald eine wichtige Frage kommen würde. Der Engländer war offen- bar kein erfahrener Vernehmungsoffizier, aber sogar er mußte mer- ken, daß sein Gefangener sich allmählich erholte. Ich darf nur lügen, wenn's notwendig ist, dachte Erfurt. Und vor allem nie zögern. Das muß ich mir für den Augenblick aufheben, in dem ich eine große Lüge erzähle… »Auf genaue Einzelheiten der Zellen kommen wir später zurück«, sagte Howard. »Das nützt nichts«, widersprach der General sofort. »Ich weiß nicht, wo sie genau sind. Das müßte Ihnen bekannt sein. Unser Sicherheitssystem arbeitet mit Verbindungsleuten. Habe ich einen Auftrag zu erteilen, benachrichtige ich einen Verbindungsmann, oder er meldet sich bei mir.« Howard nickte langsam. Alles aus diesem Mann herauszubekom- men, hätte lange Zeit gedauert – und Zeit hatte er nicht. Er wußte recht gut, daß genaue Informationen über die Stasi-Zellen in aller Welt für den Westen äußerst wichtig gewesen wären, aber er mußte sich jetzt auf seinen Auftrag konzentrieren, den er hier zu erfüllen hatte. »Wer hat das IRIS-Programm gestohlen?« »Eine unserer Zellen in England«, sagte der General müde. »Was haben Ihre Leute damit angefangen?« Der General zögerte, obwohl er sich darüber im klaren war, was nun kommen würde. Er machte sich darauf gefaßt und sagte sich zugleich, daß er diese Information preisgeben durfte, wenn er gefol- tert wurde – sie war nicht entscheidend wichtig. Für ihn war dies, ein Test. »Das Programm ist an eine andere ausländische Zelle ge- gangen. Ich weiß nicht, wohin.« Das Streichholz bohrte sich ins Trommelfell des Generals wie eine riesige, weißglühende, giftige Flammenzunge. Während er schrie, hörte er sich mehrmals einen Namen wiederholen. Als der Schmerz plötzlich nachließ, glaubte der General, er sei ohnmächtig geworden. »Haben Sie ›Amerika‹ gesagt, General?« fragte Howard unerbitt- lich. »Ja«, krächzte der General. Er bezweifelte, ob er die Folter noch einmal würde durchstehen können, aber er wußte, daß sie diesmal notwendig gewesen war. Weil er Widerstand geleistet hatte, würde der Engländer glauben, die Sache sei wichtig gewesen, aber dabei war sie längst nicht so wichtig wie die Dinge, die er wirklich ver- schweigen wollte. »In die USA«, wiederholte er. »Welche Ihrer Leute arbeiten daran?« knurrte Howard. »Namen, Adressen?« »Ich weiß natürlich von ihnen«, antwortete der General erschöpft, »aber ich weiß nicht, wer sie sind oder unter welchen Decknamen sie arbeiten. Ich habe Ihnen gesagt, daß jeweils Verbindungsleute zwischengeschaltet sind. So sind wir eben organisiert!« Die erste Lüge, dachte der General. Lieber Gott, hoffentlich glaubt er sie. »Einen Schluck Wasser, bitte!« Howard war unsicher. Log der Mann? Er vermutete es, hätte sei- nen Verdacht aber nicht beweisen können. Sein Zeigefinger ertaste- te den Puls unter dem Unterkiefer des Generals. Für einen Mann in seinem Alter war der Puls gefährlich hoch. Howard wechselte einen raschen Blick mit Tony Ackford, der den Kopf des Generals noch immer eisern umklammert hielt. Er sah Ackford die Schultern zu- cken und erriet, was der andere damit ausdrücken wollte. Ich weiß es auch nicht, Boß, schien der große Mann zu sagen. »Wasser bekommen Sie, wenn Sie alle meine Fragen beantwortet, haben«, sagte Howard. »Nächste Frage: Wer ist die Zielperson, das vorgesehene Attentatsopfer?« »Das wissen wir noch nicht«, stöhnte der General. Bitte, Gott, laß ihn auch diese zweite Lüge glauben. »Darüber haben wir noch keine Mitteilung erhalten. Wir wissen nur, daß eine prominente Persön- lichkeit bald die Vereinigten Staaten besuchen wird, daß er leicht zu erkennen ist und daß er beseitigt werden soll. Seine Identität er- fahren wir erst kurz vor seiner Ankunft. Wie ich gehört habe, ist es recht einfach, das IRIS mit jedem beliebigen Foto zu programmie- ren.« Halb Lüge, halb Wahrheit. Jetzt noch den Schmerz der Wahrheit über- stehen, damit ich wieder lügen kann. Howard starrte den General prüfend an. Der Mann war ziemlich am Ende. Er hatte ihm noch drei Fragen zu stellen, aber die dritte war weniger wichtig und konnte bis später warten. »Wo wird das Gerät installiert?« fragte er. »Das weiß ich nicht«, antwortete der General sofort, aber fast un- hörbar leise. Die dritte Lüge. Gott sei Dank scheint er die zweite Lüge – die über die Identität des Attentatsopfers – geglaubt zu haben. »Wie soll ich das wissen, wenn ich nicht einmal weiß, wer ermordet werden soll und wo der Betreffende sich aufhalten wird? Für solche Einzelhei- ten ist die zuständige Zelle verantwortlich, sobald ich ihr später die Identität des vorgesehenen Opfers mitteilen kann.« O Gott! dachte der General. Selbst wenn er das glaubt, muß ich noch einmal auffällig lü- gen, um dann unter Zwang die vierte Lüge zu erzählen, die unbedingt wahr klingen muß. Er sank auf dem Stuhl zusammen, während Ackfords Hände seinen Kopf weiter wie ein Schraubstock umklammerten. Sein Mund stand offen. »Wie soll das IRIS-Gerät in der Praxis funktionieren, General?« Erfurt brachte die Kraft auf, seinen Mund zu schließen. Er öffne- te das rechte Auge und starrte benommen ins Gesicht des über ihn gebeugten, unerbittlichen Engländers. Dabei fuhr er sich mit der Zungenspitze über seine ausgetrockneten Lippen. »Es benachrich-, tigt unser für das Attentat zuständiges Team«, behauptete er. »Das Team muß wissen, wann die Zielperson eintrifft. Das IRIS kann die Zielperson nur erkennen, aber nicht selbständig aktiv werden.« Er schluckte, weil er wußte, was kommen würde. O Gott, dachte er, gib mir die Kraft, noch einmal zu lügen. Howard kniff die Augen zusammen. Sein Gesicht verschwand aus dem verschwommenen Blickfeld des Generals. In Erfurts Kopf schien sich ein riesiger, entsetzlicher, jäh aufflam- mender Napalmbrand auszubreiten, als das Streichholz sich in sein entzündetes linkes Trommelfell bohrte. Während dieser Schmerz ihn überwältigte, hörte er sich mehrmals einige Wörter kreischen. Ich habe gesiegt, sagte er sich, bevor er ohnmächtig wurde. Der Eng- länder hat einen Fehler gemacht, von dem er nichts ahnt. Ich habe gesiegt! »Er ist weggetreten, Boß«, stellte Ackford überflüssigerweise fest, als der General schlaff zusammensackte. »Was hat er zuletzt ge- kreischt? Irgendwas von 'ner ›automatischen Bombe‹, stimmt's?« »Richtig«, sagte Howard mit leiser Stimme. »Was er vorhin be- hauptet hat – daß das IRIS ein Team von Attentätern alarmiert –, stimmt natürlich nicht. Das IRIS erkennt die Zielperson selbständig und zündet automatisch einen Sprengsatz.« Ackfords Unterkiefer bewegte sich gleichmäßig, während er sei- nen Kaugummi kaute und dabei Howard musterte, der blaß gewor- den zu sein schien. »Mit dir alles in Ordnung, Boß?« »Nicht wirklich«, antwortete Howard. Er wandte sich ab und ging zur Tür. »Irgendwie bin ich für solche Arbeit nicht geeignet«, mur- melte er halblaut. »Komm, Tony. Laß den Schweinehund vorläufig an den Stuhl gefesselt. Wird langsam Zeit, daß wir uns wieder über Funk melden.«,

George McKinley war jetzt seit genau achtundvierzig Stundentot. Eigentlich schade, dachte Peter Kramer, daß George hat

sterben müssen; er hatte die Freundschaft zu ihm seit Jahren aus ge- nau diesem Grund gepflegt, aber er hatte den Mann tatsächlich ge- mocht. Sie hatten sich kennengelernt, als sie damals beide als Pro- grammierer bei dem Computerriesen IBM gearbeitet hatten. Mc- Kinley war Kramer sofort als anständiger, freundlicher Typ aufgefal- len; vielleicht ein bißchen langweilig, aber diensteifrig und fleißig – in vielerlei Beziehungen der ideale Angestellte. Auch als Kramer später bei IBM ausgeschieden war, hatte er wei- ter Verbindung zu seinem ehemaligen Kollegen gehalten und war sehr zufrieden gewesen, als McKinley dann zu einer Computerbera- tungsfirma in Washington gegangen war. Noch zufriedener war er, als sich herausstellte, daß McKinley gelegentlich auch Ministerien und Bundesbehörden beriet; das bewies, daß er – abgesehen von Geldbußen wegen kleiner Verkehrsvergehen – nicht vorbestraft war. Es gab nur ein einziges potentielles Problem: McKinley war homo- sexuell. Kramer hatte nichts gegen Schwule; nichts hatte ihm gleich- gültiger sein können als die sexuelle Orientierung seines Freundes. Zum Glück war es ihm gelungen, McKinley davon abzubringen, in der Schwulenbewegung aktiv zu werden. Das war nicht allzu schwierig gewesen. McKinley hatte eingesehen, daß es besser war, sich unauffällig zu verhalten – nicht nur, um seinen Job nicht zu gefährden, sondern auch, weil er zugeben mußte, daß öffentlich auftretende, militante Aktivisten ihrer Sache oft mehr schadeten als nützten, weil sie die übrige Bevölkerung gegen Schwule aufbrach- ten. In gewisser Beziehung war McKinleys Homosexualität sogar, ein Vorteil, denn so hatte er weder Frau noch Kinder, die Unruhe ins Bild gebracht hätten. Ja, das stand für Kramer schon lange fest, von allen seinen Be- kannten war George am besten für diesen Job geeignet. Das hatte er sofort gewußt, als die Mitteilung gekommen war, wo das IRIS in- stalliert werden mußte. Brauchte man eine falsche Identität, war es viel einfacher, die wahre eines anderen Menschen zu benützen. Als die Nachricht gekommen war, der Stasi-Agent im Weißen Haus sei bereit, sich dafür einzusetzen, daß er so schnell wie möglich einen Sicherheitsausweis erhielt, hatte er George McKinley aufgesucht und ihn erwürgt. Kramer hatte kurz über die Frage nachgedacht, was mit der Lei- che passieren sollte, und dann beschlossen, sie entkleidet in dem Tiefkühlschrank im Keller von McKinleys Haus zurückzulassen – mit ein paar verräterischen Hinweisen auf seinen homosexuellen Le- bensstil. Die Leiche würde irgendwann entdeckt werden, aber der genaue Todeszeitpunkt würde sich nicht mehr feststellen lassen, und mit etwas Glück würde der Mord einem eifersüchtigen Liebha- ber zugeschrieben werden. Aber das würde dann keine Rolle mehr spielen, denn ein weit wichtigerer Mord würde die amerikanische Hauptstadt – und die ganze Welt – in ihren Grundfesten erschüttert haben. Als nächstes hatte Kramer den Ausweisantrag auf den Namen George McKinley ausgefüllt, an der angegebenen Stelle unterschrie- ben und mit zwei Paßbildern, auf denen er mit einem angeklebten Schnauzbart kaum zu erkennen war, an die angegebene Adresse ge- schickt. Er hatte keine Ahnung, wer der Kontaktmann im Weißen Haus war, aber er mußte verdammt viel Einfluß haben. McKinleys Vorleben war in jeder Beziehung mustergültig sauber, das wußte Kramer, aber solche Ausweise wurden im allgemeinen erst nach ei- nigen Wochen Bearbeitungszeit ausgestellt. Dieser hier – und die Auftragsbestätigung, die er außerdem brauchte – war in weniger als, sechsunddreißig Stunden zugestellt worden. Kramer hielt vor dem schweren Eisentor und wartete darauf, daß es von innen geöffnet wurde. Die Spuren des letzten Versuchs, das Tor mit einem Fahrzeug zu durchbrechen, waren noch immer deut- lich sichtbar – jährlich wurden über zwanzig solcher Versuche un- ternommen. In den achtziger Jahren waren die Torflügel erheblich verstärkt worden; bei geschlossenen Flügeln wurden jetzt massive Stahlpfeiler aus dem Boden ausgefahren, um sie von innen zu stüt- zen. Wie der mit dicht nebeneinander aufgestellten Stahlbetonpfos- ten und zweieinhalb Meter Maschendraht verstärkte Zaun des Wei- ßen Hauses konnte das Tor selbst dem Aufprall eines heranrasen- den schweren Lastwagens widerstehen. »Zum ersten Mal hier, Mr. McKinley?« fragte der Wachmann. »Okay, fahren Sie bitte dort hinüber, damit wir einen Blick in Ihren Wagen werfen können.« »Klar«, antwortete Kramer dümmlich grinsend. Er fuhr seinen Kastenwagen auf den angewiesenen Platz, stellte den Motor ab und stieg aus. »Bitte sehr«, sagte er zu dem Wachmann, als er die zwei- flügelige Hecktür öffnete und zur Seite trat. »Vorsicht, wenn Sie was anfassen – das Zeug ist zum Teil zerbrechlich.« Dieser Wachmann gehörte zur Uniformed Division im Secret Ser- vice. Kramer wußte, daß er gut ausgebildet sein und seinen Job be- herrschen, aber nicht das Kaliber der Angehörigen der Leibwache des Präsidenten haben würde – jener hundert Secret-Service-Männer, die den Präsidenten, den Vizepräsidenten und ihre Familien Tag und Nacht beschützten. Der Mann würde seine Arbeit gelangweilt und durch Routine abgestumpft verrichten, aber das bedeutete kei- neswegs, daß er nachlässig arbeiten würde. Kramer hatte sich über- legt, daß er nur Erfolg haben konnte, wenn er den Mann mit einer ganzen Reihe irritierender, zeitraubender Beinaheverstöße gegen die Sicherheitsbestimmungen konfrontierte; so würde der andere den wirklich gravierenden Verstoß, der vor seiner Nase passierte, am, ehesten übersehen. Der Wachmann warf einen Blick in den Kastenwagen und ver- drehte die Augen; der Laderaum war bis fast unter die Decke mit elektrischen und elektronischen Ersatzteilen vollgepackt. Die meis- ten Teile waren ordentlich in Regalen verstaut, aber der Wagenbo- den war voller Werkzeug und Kabelrollen. Den Zweck der meisten Bauteile konnte er nicht einmal erraten, und eine gründliche Durch- suchung war offensichtlich unmöglich. Warum können Wartungs- techniker nicht einfach nur mitnehmen, was sie für den jeweiligen Auftrag brauchen? fragte er sich irritiert. »Müssen Sie dieses ganze gottver- dammte Zeug mitbringen?« knurrte er. »Unbedingt!« antwortete Kramer aufreizend gutgelaunt. »Man weiß nie, was man braucht, wenn man gerufen wird – unter Um- ständen gibt's jede Menge instand zu setzen.« »Okay, was sollen Sie hier instand setzen?« »Eines von denen hier«, antwortete Kramer, indem er eine Hand auf einen großen Karton legte. »Ein neues Gerät als Ersatz für ein defektes. Sehen Sie? Steht alles hier auf meiner Auftragsbestäti- gung.« Er hielt dem Wachmann nochmals den Zettel hin. »Okay, machen Sie die Verpackung auf, damit ich reinsehen kann.« »Wird gemacht!« sagte Kramer bereitwillig. Er schnitt den im Werk zugeklebten Karton auf und nahm vorsichtig das obere Styro- porformteil heraus. Das schwarze Gerät stand in seinem Karton auf dem unteren Formteil. »Da haben Sie's!« fügte Kramer stolz hinzu. Der Wachmann beugte sich nach vorn, um einen Blick in den Karton zu werfen. »Ah, eine von denen«, sagte er, als er das Gerät erkannte. »Ich muß einen Blick ins Gehäuse werfen. Machen Sie's bitte auf.« »Tut mir leid«, antwortete Kramer fröhlich, »aber es läßt sich nicht öffnen. Wird in der Fabrik mit Stickstoff gefüllt und versie- gelt. Ein neues Modell, versteh'n Sie? Unseren Unterlagen nach ist, hier schon eines installiert. Die alten Geräte sollen nacheinander durch neue ersetzt werden. Ich persönlich bin gegen diese neuen Geräte«, fügte er vertraulich hinzu. »Bisher haben wir sie selbst warten dürfen – was nicht allzu schwierig ist. Jetzt dürfen wir sie nicht mehr anfassen, sondern müssen sie gleich an den Hersteller einschicken. Ich meine, stellen Sie sich das mal von meinem Stand- punkt aus vor. Ich habe gelernt, wie man die Geräte wartet, aber jetzt darf ich sie bloß noch austauschen und defekte zur Reparatur einschicken. Das verringert den Zeitaufwand auf ungefähr ein Vier- tel – und austauschen kann solche Geräte praktisch jeder. Gibt's irgendwann nur noch dieses neue Modell, verlieren Leute wie ich ihren Job, stimmt's?« »Yeah, natürlich«, sagte der Wachmann ohne großes Interesse. Ob McKinley demnächst arbeitslos werden würde, schien ihm völlig gleichgültig zu sein. »Okay. Stellen Sie den Wagen dort drü- ben ab – auf Platz Nummer zwölf. Ich muß zur Kontrolle einen Hund anfordern, und Sie brauchen einen Begleiter.« »Hund?« fragte Kramer. »Yeah, einen Sprengstoffspürhund. Sie parken dort drüben auf Platz Nummer zwölf und warten.« »Wird gemacht«, sagte Kramer bereitwillig. Er parkte den Kastenwagen auf dem angewiesenen Platz und blieb am Steuer sitzen, um auf den Hundeführer mit dem Spür- hund zu warten. Kramer wußte schon jetzt, was passieren würde. Hunde waren in Wirklichkeit nicht besonders klug und ließen sich verhältnismäßig leicht täuschen. Jedenfalls war es nicht allzu schwierig, die Kombination aus Spürhund und Hundeführer zu täuschen. Im Laderaum stand der Karton mit dem getarnten IRIS-Gerät un- mittelbar neben dem Reserverad. In die Mulde unter dem Reifen hatte Kramer vorsichtig eine – natürlich verschossene – Schrotpat- rone gelegt. Der Hund würde wie verrückt anschlagen, weil Kramer, den Innenrand der leeren Patrone ganz leicht mit dem handelsüb- lichen Sprengstoff Gelignite eingerieben hatte. Er hatte die Patrone schon vor einer Woche mit Gummihandschuhen präpariert, damit keine Sprengstoffspuren an seinen Händen zurückblieben, und sie vor zwei Stunden mit einer langen Zange an ihren jetzigen Platz ge- bracht. Für den Spürhund würde der Sprengstoffgeruch überwältigend sein; er würde den viel schwächeren Geruch der einzelnen geschlos- senen 5,6-mm-Patrone im Lauf der IRIS-Waffe wirkungsvoll tarnen. Der Hund würde also die Schrotpatrone finden und zufrieden mit dem Schwanz wedeln; Kramer würde verlegen grinsen und die Spür- nase des Hundes loben; der Wachmann würde ihm den für Blöd- männer seiner Art gedachten kleinen Vortrag über Sicherheitsmaß- nahmen halten; der Hundeführer würde seinen Köter wegzerren. Ende des Problems. Keine zehn Minuten später konnte Kramer sich zur Genauigkeit seiner Vorhersage gratulieren. Der Schäferhund hatte im Laderaum des Kastenwagens verrückt gespielt, und zusätzliche Wachmänner waren mit schußbereiten Waffen herangestürmt. Kramer hatte sich beherrschen müssen, um nicht zu grinsen, als sich zeigte, daß der Spürhund sich nur wegen einer verschossenen Schrotpatrone aufge- regt hatte. Die leicht angewiderten Mienen, mit denen die Wach- männer auf seine dümmlichen Fragen und Bemerkungen reagierten, waren der Beweis dafür, daß sein Trick funktioniert hatte. Was für Idioten! dachte Kramer, während er auf den Wachmann wartete, der ihn zu Fuß übers Gelände begleiten würde. Ausgerech- net im Weißen Haus hätte er schärfere Sicherheitsmaßnahmen er- wartet. Eigentlich war er sogar enttäuscht. Carl Berman und er hat- ten sich große Mühe gegeben, um das Fahrzeug und seine Ladung für eine gründliche Durchsuchung zu präparieren – aber nach der Entdeckung der verschossenen Schrotpatrone hatte das Wachper- sonal unverständlicherweise nicht weitergesucht., Eine Durchleuchtung wäre interessant gewesen, dachte Kramer. Sie hätte seine Behauptung bewiesen, selbst moderne Geräte seien nur so gut wie ihre Nutzer. Diese Theorie hatte er Carl erläutert. Die meisten Sicherheitsbeamten an den Geräten zur Durchleuch- tung von Bordgepäck waren anfangs diensteifrig und nach Ab- schluß ihrer Ausbildung auch einigermaßen kompetent. Aber wie sah die Sache ein paar Wochen später aus? Man brauchte sich nur diese Leute auf Flughäfen anzusehen: übergewichtig, halb schlafend, wegen der unmöglichen Dienstzeiten sauer, zu Hause vermutlich Streit mit der Frau und wirklich nicht am Inhalt eines weiteren Kin- derrucksacks mit Spielzeug, des Kosmetikkoffers einer Reisenden oder des Aktenkoffers eines leitenden Angestellten interessiert. So einfach sei das, behauptete Kramer: Trotz ihrer Versuche, den Lauf des IRIS-Geräts zu tarnen, wäre er bei einer Durchleuchtung sicht- bar, allerdings kaum erkennbar gewesen – und der Sicherheitsbeam- te hätte ihn nicht gesehen, weil er ihn nicht zu sehen erwartet hätte. Kramer seufzte. Wirklich schade, dachte er, daß das Leben einen nicht öfter vor größere Herausforderungen stellt. Weshalb, fragte er sich, ist's so einfach, sich in andere Leute hineinzuversetzen? Wa- rum hatte er's nicht ab und zu mit einem gleichwertigen Gegner zu tun? Es war so langweilig, ständig gegen Dumme und Unfähige an- treten zu müssen. Kramer wußte genau, daß die Langeweile sein größtes Problem und der eigentliche Grund dafür war, daß er gern viel riskierte. Das war auch ein interessantes Paradoxon, fand Kramer. Risiko- freudige hatten meistens größere Erfolgschancen als Übervorsich- tige. Carl Berman gehörte zu den vorsichtigsten Männern, die Kra- mer kannte. Wäre Carl jetzt hier gewesen, wäre er in Schweiß geba- det und vor Angst wie gelähmt gewesen. Es wäre sinnlos gewesen, ihn bei einem Job dieser Art mitzunehmen – sein schuldbewußter Gesichtsausdruck hätte ihn sofort verraten. Kramer erinnerte sich daran, wie Carl sich verhalten hatte, als sie, das IRIS im Freien getestet hatten und dabei von einem aus dem Nichts aufgetauchten jungen Wanderer überrascht worden waren. Kramer hatte gewußt, wie diese Sache ausgehen würde – genau wie Carl. Aber was hatte Carl getan? Er hatte sich so mißtrauisch und verschlagen benommen wie nur möglich. Wäre es nach Carl gegan- gen, hätte er den jungen Mann sofort umgelegt. Kramer hatte statt dessen freundlich mit ihm geredet und so eine Menge nützlicher Informationen aus ihm herausgeholt – zum Beispiel die Tatsache, daß er nicht gleich vermißt werden würde und daß eigentlich nie- mand genau wußte, wohin er unterwegs war. Später hatte Kramer Berman dafür ausgeschimpft. Erteilte man Carl einen gewöhnlichen Auftrag, bei dem es beispielsweise um ei- nen einfachen Mord ging, gab es keinerlei Probleme. Aber sobald Komplikationen auftraten oder etwas Unerwartetes dazwischen kam, wurde er nervös – das war eben seine Art. Dagegen ist nicht viel zu machen, überlegte Kramer seufzend. »Mr. McKinley?« Ein weiterer uniformierter Secret-Service-Mann erschien neben dem Wagen und unterbrach Kramers Überlegungen. »Oh, hallo!« sagte Kramer lebhaft. »Yeah! George McKinley, zu Ihren Diensten!« Er stieg aus und schlug mit der flachen Hand aufs Autodach. »Mein Wagen. Laut Anweisung auf Parkplatz Nummer zwölf. Sind Sie der Mann, der mich begleiten soll?« »Ihr Ausweis«, verlangte der Wachmann ungerührt. Seine Augen waren hinter einer verspiegelten Sonnenbrille unsichtbar. »Bitte sehr!« rief Kramer aus und zeigte seinen druckfrischen Sicherheitsausweis vor. »Ich hab auch die Auftragsbestätigung da- bei. Das Ersatzgerät muß wahrscheinlich dort drüben…« »Laden Sie bitte nur aus, was Sie für diesen Auftrag brauchen«, unterbrach ihn der Wachmann. »Wird gemacht!« bestätigte Kramer enthusiastisch. Nachdem er sich einen Werkzeuggürtel umgeschnallt hatte, löste er die Spann- gurte und hob eine Ausziehleiter vom Dachgepäckträger. »Schönes, Wetter heute, was?« sagte er zu dem Secret-Service-Mann, der ihn ausdruckslos beobachtete. Der Uniformierte gab keine Antwort. »Okay. Werkzeug, Leiter, Ersatzgerät… mehr brauch ich nicht. Kann's losgehen?« Der Secret-Service-Mann studierte die Auftragsbestätigung. Er be- gutachtete den beigehefteten Plan, auf dem die Position des defek- ten Geräts markiert war, und musterte dann stirnrunzelnd die wei- ten Rasenflächen vor dem Weißen Haus. »Merkwürdig«, sagte er, »ich hab keine Meldung darüber gelesen, daß eines dieser Geräte defekt ist.« »Nun, irgend jemand muß den Ausfall gemeldet haben, nicht wahr?« meinte Kramer dümmlich lachend. »Ich meine, diese Vor- drucke füllen sich nicht von selbst aus, stimmt's? Hey, wie finden Sie den?« Schwachkopf, dachte der Secret-Service-Mann und musterte Kramer verächtlich. »Ihre Kommentare können Sie sich sparen, Kumpel«, blaffte er. »Klar«, sagte Kramer hastig und rang sich ein nervöses Lächeln ab. »Sorry. Wollte bloß freundlich sein. Sorry.« »Yeah, halten Sie einfach Ihre verdammte Klappe und kommen Sie mit.« Der Uniformierte ging über den Rasen voraus. Arroganter Affe, dachte Kramer, während er seine Aluleiter auf die linke Schulter nahm und nach dem Karton mit dem IRIS griff. Wohl zu fein, um mit anzufassen, was? Er war froh, daß er daran ge- dacht hatte, einen Spanngurt um den schweren Karton zu legen, der sich sonst kaum hätte tragen lassen. Der Weg quer über den Rasen erschien Kramer endlos lang. Der Karton wurde schwerer und schwerer, und der Gurt schnitt sich in seine rechte Hand ein. Du darfst dir nicht anmerken lassen, wie schwer er wirklich ist, sagte er sich und biß die Zähne zusammen. Schließlich blieb der Uniformierte unter einem hohen Baum ste- hen und deutete nach oben. »Das ist das Gerät, das ausgewechselt, werden soll«, sagte er. Kramer stellte dankbar erst den Karton und danach die Leiter ab. »Okay«, sagte er und blickte nach oben. Etwa dreieinhalb Meter über sich sah er ein mattschwarzes Metallgehäuse, das praktisch mit dem IRIS-Gehäuse identisch war. Er studierte es aufmerksam und stellte erleichtert fest, daß die Baumhalterung massiv und stabil zu sein schien. Ein dickes Kabel verlief den Baumstamm entlang und verschwand im Erdboden, um unterirdisch zur Kontrollzentrale weiterzuführen. »Von hier aus scheint das Kabel in Ordnung zu sein«, stellte er fest. »Wetten, daß das Netzteil korrodiert ist? Die Abschirmung des Netzteils der alten Geräte ist nicht besonders gut. Da kommt Wasser rein, und nach einiger Zeit gibt's unweigerlich Korrosion.« Er stellte die Leiter ab und verlängerte sie bis zu dem schwarzen Kasten. »Ich seh ihn mir mal an.« »Tun Sie das«, sagte der Secret-Service-Mann sarkastisch. Oben auf der Leiter griff Kramer hinter das Gehäuse, zog das Ka- bel heraus und ließ es an der Halterung hängen, bevor er anfing, das Gehäuse abzuschrauben. Nachdem er den ersten Bolzen gelöst und eingesteckt hatte, lockerte er den zweiten und konnte das Ge- häuse nun zu sich herüberkippen. Während er vorgab, die Kabel- steckdose des Gehäuses zu untersuchen, zog er ein Fläschchen mit blauen Kristallen in einer klebrigen Flüssigkeit aus seinem Werk- zeuggürtel. Ohne daß der Uniformierte etwas davon mitbekam, be- nützte er einen kleinen Spachtel, um einen Teil der Mischung in die Steckdose zu schmieren, und ließ Fläschchen und Spachtel da- nach wieder im Gürtel verschwinden. »Ich hab recht gehabt!« rief er nach unten. »Korrosion! Sie wer- den Augen machen!« Er schraubte das Gehäuse vollständig ab, ließ es an einem Nylonseil herunter und kam dann die Leiter herab. »Sehen Sie?« rief er triumphierend und zeigte auf die Steckdose. »Korrosion!« Der Uniformierte sah ohne sonderliches Interesse hin. Die, Kabelsteckdose war allerdings ziemlich korrodiert. »Kupferstecker und schlechte Abschirmung, wie ich gesagt habe«, fuhr Kramer geschwätzig fort. »Dieses Zeug hier fassen Sie lieber nicht an. Es ist eine Mischung aus Kupfersulfat und Schwefelsäure. Zerstört irgendwann die Steckverbindung. Wird im Lauf der Zeit durch sauren Regen hervorgerufen. Sie brauchen die frühere lausige Abschirmung bloß mit der an diesem neuen Gerät zu vergleichen, dann sehen Sie, wie so was passieren kann.« »Das glaub ich Ihnen auch so«, wehrte der Secret-Service-Mann ab. »Was ist mit dem Kabel? Muß das auch erneuert werden?« »Nö!« beteuerte Kramer zuversichtlich. »Ich muß den Stecker ein bißchen putzen, das ist alles. Okay – jetzt das neue Gerät.« Er pack- te das IRIS vorsichtig aus, zog das Nylonseil durch die Lastenöse auf der Gehäuseoberseite und verknotete es. »Hören Sie, könnten Sie mir kurz helfen?« fragte er. »Ich will nicht, daß das Ding beim Hochziehen an den Baum knallt. Halten Sie's einfach so fest, bis ich oben bin und das Seil gespannt habe?« Der gefährlichste Augen- blick! sagte er sich. Sieht der Kerl sich das Gerät aus dieser Nähe genau an, muß er unbedingt erkennen, daß… Der Uniformierte legte widerstrebend Hand an, stabilisierte das IRIS auf dem Erdboden und schien sich nicht weiter dafür zu inte- ressieren. Er beobachtete, wie Kramer wieder die Leiter hinaufstieg. Als Kramer das Gerät hochzuziehen begann, wurde ihm klar, daß er dafür einen Flaschenzug hätte mitbringen sollen. Das IRIS kam ihm unglaublich schwer vor, und seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so krampfhaft hielt er das Seil umklammert. Mit gewaltiger Anstrengung gelang es ihm jedoch, diese Last scheinbar leicht zu bewältigen. Dann bekam er das Gehäuse endlich zu fassen und konnte es erst einmal auf die oberste Leitersprosse stellen. Kramer sah, daß sein Aufpasser das Interesse an ihm verloren hatte und ihn nur noch gelangweilt beobachtete. Er säuberte den Kabelstecker umständlich mit einer Drahtbürste, hob das IRIS auf, die Baumhalterung, schob die Bolzen hindurch und zog sie an. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Stecker gesichert war, öffnete er eine kleine Seitenklappe des Gehäuses und betätigte den Mikroschalter dahinter. Während er die Klappe schloß, hörte er ein leises Summen, als das IRIS seine Betriebsbereitschaft herstellte; dann polterte er wieder die Leiter hinunter und übertönte so jegli- ches Geräusch. Mit dem eingebauten Akku würde das IRIS in Be- trieb bleiben, bis der Strom eingeschaltet wurde. Dann würde der Akku aufgeladen werden, und dieser Zyklus würde sich am näch- sten Tag wiederholen… »Alles in Ordnung!« strahlte er den Uniformierten an, als er un- ten ankam. Er ließ die Leiter herunter. »Sie sind wieder im Ge- schäft! Ständige Wachsamkeit, was?« Der Secret-Service-Mann musterte Kramer scharf, sah aber nur ei- nen unverbesserlichen Schwätzer. »Mitkommen«, sagte er knapp und ging über den Rasen voraus zu Kramers Fahrzeug zurück. Zehn Minuten später fuhr Kramer davon und pfiff mit ansonsten ausdruckslosem Gesicht leise vor sich hin. Hoch auf dem Baum hinter ihm hatte das IRIS seine unaufhörliche, unendlich geduldige Suche nach der in seinen Speicher einprogrammierten Zielperson begonnen. Mit starrem Blick suchte es das Vorgelände des Weißen Hauses ab und wartete auf den Auftritt seines Opfers, der sein letz- ter sein würde.,

Oberst Jewgenij Baruschkin erwartete diesmal keine Probleme.Schließlich hatte es keinen Sinn, die Nordkoreaner grundlos

zu reizen und sich das Leben schwieriger als unbedingt nötig zu machen. Diesmal hielt er sich strikt an den Flugplan und blieb auf seinem Kurs, für den Pjöngjang ihm auf Antrag die Freigabe erteilt hatte. Auch der Funkkompaß arbeitete natürlich wieder zuverlässig: Das Gerät war nachjustiert und doppelt kontrolliert worden, bevor sie in Wladiwostok gestartet waren, um der Gangsterbande, die die- ses erbärmliche Land regierte, eine Ersatzladung Geschenke zu brin- gen. Baruschkin freute sich schon darauf, in Nordkorea zu erfahren, was mit dem MiG-25-Piloten passiert war, der sie in Absturzgefahr gebracht hatte, obwohl er nicht wirklich erwartete, darüber infor- miert zu werden. Aber er würde danach fragen, das hatte er sich fest vorgenommen. Vielleicht würde er sich sogar spöttisch nach dem Gesundheitszustand des widerlichen Politkommissars erkundigen, den er mit seinem prachtvollen Boxhieb zu Boden gestreckt hatte. Baruschkin rechnete jedenfalls damit, daß der grauhaarige nordko- reanische Geheimdienstoberst ihm wieder über den Weg laufen würde. Und für diesen Fall hatte er einen Trumpf im Ärmel, der den Mann aus dem Gleichgewicht bringen oder zumindest verblüf- fen würde. Er kannte seinen Namen. Ja, Oberst Zang, sagte Baruschkin sich. Ich weiß, wer Sie sind. Ich habe mich über Sie informiert. Oder genauer gesagt: mein Freund Sascha Plasnin hat Auskünfte über Sie eingeholt, sobald ich Sie auf einem alten Foto identi- fiziert hatte. Das FSB-Archiv hat eine umfangreiche Akte über Sie. Ich habe sie selbst gelesen. Der Pilot lächelte im abgedunkelten Cockpit der, Antonow vor sich hin, während er eine Rechtskurve einleitete, um Kurs auf die nordkoreanische Küste zu nehmen. Statt der kürzesten Verbindungslinie zwischen Wladiwostok und Pjöngjang zu folgen, war die für diesen Flug vereinbarte Route ein Winkelkurs. Der erste Abschnitt führte parallel zur Küste weit nach Süden übers Japanische Meer hinaus; dann folgte eine Rechtskurve in den Ost-Korea-Golf, wo die Küste der Halbinsel Hodo und das Jönghüng-Delta überflogen wurden, bevor der letzte Abschnitt auf Westkurs nach Sunan führte. Die Lichter von Wönsan, Okp'Jong Ch'önnae, und Jönghüng selbst waren nicht sonderlich eindrucks- voll, aber immerhin deutlich sichtbar, während er die große Anto- now in Richtung Küste steuerte. Baruschkin befand sich fünf Kilometer vor der Küste, als er auf dem Erdboden genau vor sich einen Lichtblitz beobachtete. Er schien aus Pangumi auf der Halbinsel Hodo zu kommen. Während der Pilot ihn im Auge behielt, stieg der Lichtpunkt, der einen kur- zen Feuerschweif hinter sich herzog, mit unglaublicher Beschleuni- gung in den Himmel. Etwa eine halbe Sekunde lang ächzte Ba- ruschkin innerlich: O Gott, nicht wieder eine dieser verdammten MiGs… Dann schien sein Blut zu erstarren. Auf der Halbinsel Hodo gab es keinen Militärflugplatz! »Lenkwaffe!« brüllte Baruschkin in sein Mikrofon, während er die Steuersäule nach vorn drückte und die Antonow in einen steilen Sturzflug abkippen ließ. Er konnte nur hoffen, daß Sascha hinten das Richtige tun würde: die Heckklappe öffnen und ihre Fracht ab- werfen, sobald er die Maschine abfing. Aber der Pilot wußte schon jetzt, daß es dazu nicht mehr kommen würde. Der weißglühende Feuerschweif hatte bereits sechstausend Meter erreicht, war in den Horizontalflug übergegangen und kam nun genau auf die Antonow zu… Die Lenkwaffe war eine Fla-Rakete des Typs RK-SD mit 5,80 Me- ter Länge, 34 Zentimeter Durchmesser und 578 Kilogramm Ge-, wicht. Ihre Reichweite betrug 25 Kilometer, ihre Einsatzhöhe 14.500 Meter. Die RK-SD gehörte nicht zu den ›intelligenten‹ Lenk- waffen, die ihr Ziel selbständig suchten und ansteuerten, sondern war auf ein Feuerleitradar als Bodenstation angewiesen. Trotzdem hatte sie sich in den fast dreißig Jahren seit ihrer Einführung bei den sowjetischen Streitkräften als sehr wirksame Waffe erwiesen. Die Fla-Rakete war im November 1967 bei der Militärparade auf dem Roten Platz erstmals gesichtet worden und hatte sofort die NATO-Kodebezeichnung ›SA-6 Gainful‹ erhalten. Unter Führung ihres auf den Bändern G, H und I arbeitenden Feuerleitradars SSNR steuerte sie jetzt die Antonow mit solchem Geschwindigkeits- überschuß an, daß alle Ausweichmanöver der schwerfälligen Fracht- maschine zwecklos bleiben mußten. Die Antonow befand sich jetzt mit kreischenden Triebwerken in einem fast senkrechten Sturzflug. Baruschkin, dessen Halsadern vor Wut und Verzweiflung dick hervortraten, hing in seinem Hosenträ- gergurt und verdrehte sich den Hals, um durch das obere Cockpit- fenster sehen zu können. Er beobachtete, wie seine Nemesis in wei- tem Bogen mit über dreitausend Stundenkilometern auf ihn herab- schoß. In einem letzten Alles-oder-nichts-Manöver zog er die Steu- ersäule unter Aufbietung aller Kräfte zu sich heran und drückte sie gleichzeitig bis zum Anschlag nach links. Aus dem Rumpf der Antonow kam ein krachendes, splitterndes Geräusch, das trotz des Heulens der Triebwerke auch im Cockpit deutlich zu hören war. Baruschkin, der durch Andruckkräfte, für die die Antonow nie konstruiert worden war, in seinen Sitz gepreßt wurde, war kurz davor, das Bewußtsein zu verlieren. Trotz des ge- waltigen Brausens in seinen Ohren hörte er irgendwo hinter sich ei- nen dumpfen Knall und einen kurzen, sofort wieder abbrechenden Aufschrei. Gleichzeitig machte die Antonow unerwartet eine schwerfällige seitliche Schlingerbewegung, die Baruschkin so heftig nach links warf, daß er mit dem Helm gegen das Seitenfenster, schlug. Nach einem jäh aufblitzenden, weißglühenden Lichtschein er- schütterte eine gewaltige Detonation das bereits schwer mitgenom- mene Flugzeug. Die rechte Cockpithälfte schien sich in ihre Be- standteile aufzulösen, und Baruschkin sah den Kopf seines Kopilo- ten in einer Blutwolke förmlich explodieren. Aber Baruschkin hatte keine Zeit, sich darüber zu wundern, daß er noch am Leben war; statt dessen konzentrierte er sich darauf, die steuerlos trudelnde An- tonow abzufangen. Die Lenkwaffe hatte einen achtzig Kilogramm schweren Gefechts- kopf mit Annäherungszünder getragen. Baruschkin wußte es nicht, aber er hatte etwas geschafft, das bisher nur sehr wenigen ausge- zeichneten Piloten – und ganz sicher keinem Piloten eines Fracht- flugzeugs – ohne ECM-Unterstützung gelungen war: Er hatte das Führungssystem einer SAM-6 durcheinandergebracht. Als er die An- tonow plötzlich nach links gedrückt hatte, waren die Gurte der Frachtpaletten im Laderaum unter der gewaltigen Belastung geris- sen, so daß die schweren Paletten quer durch den Laderaum ge- schlittert und gegen die rechte Rumpfseite geknallt waren. Das mas- siv vertrimmte Flugzeug war seitlich abgerutscht und hatte durch Strömungsabrisse zugleich an Geschwindigkeit verloren. Einer der rechten Hauptholme wurde dabei geknickt, aber die übrigen hiel- ten erstaunlicherweise. Der Radar-Annäherungszünder der SAM-6 hatte das Ziel bereits erfaßt, so daß die Ansteuerung nicht mehr durch Signale der Bodenstation erfolgte, aber die Lenkwaffe hatte die plötzliche Richtungsänderung der Antonow etwas zu spät kom- pensiert. Sie schoß über ihr Ziel hinaus und detonierte in hundert Meter Abstand. Baruschkin wurde langsam klar, daß er irgendwie überlebt hatte. Der explosive Druckabfall im Cockpit war noch das geringste Problem, während er mit den jetzt schwammigen Steuerorganen kämpfte, um die schwerfällig reagierende Antonow abzufangen., Während er die Maschine wieder in seine Gewalt bekam und sie in leichtem Sinkflug übers offene Meer zurücksteuerte, war er sich vor allem einer Tatsache bewußt: Alles war so schnell passiert, daß er nicht einmal Zeit gehabt hatte, einen Notruf abzusetzen. Während Baruschkin blindlings nach der Sprechtaste seiner Hör- Sprechgarnitur tastete, war ihm nicht bewußt, daß er der einzige Überlebende an Bord der Antonow war. Alexander Plasnin war von einer zwei Tonnen schweren Palette erdrückt worden, die ihn gegen die rechte Wand des Laderaums gequetscht hatte. Flugingenieur und Navigator der Antonow waren wie Baruschkins Kopilot von Splittern des Gefechtskopfs der SAM-6 getroffen und tödlich ver- letzt worden. Jewgenij Baruschkin fand die Sprechtaste, wollte sie drücken und ahnte dabei nicht, daß hinter ihm eine zweite SAM-6 heranraste. Die in leichtem Sinkflug befindliche, große russische Maschine bil- dete ein leichtes Ziel, und diesmal funktionierte der Radar-Annähe- rungszünder wie vorgesehen. Bevor Baruschkin auch nur ein Wort über Funk sagen konnte, stürzte er mit den brennenden Trümmern seiner Antonow aus dreitausend Meter Höhe ins Meer. Zwei Minuten später klingelte etwa hundertfünfzig Kilometer westlich von Pjöngjang ein Telefon. Ein kleiner grauhaariger Mann griff nach dem Hörer und nahm die erwartete kurze Meldung ent- gegen; danach legte er wortlos auf und gestattete sich ein schwaches Lächeln. Die Schlinge um euren Hals zieht sich zu, Engländer, sag- te Oberst Zang sich. Euer russischer Fluchtweg ist gerade abgerie- gelt worden – für immer.,

Howard war sich darüber im klaren, daß sein an Bourne abge-setzter Funkspruch sehr wenig informativ gewesen war. Er stell-

te sich vor, wie Bourne und Goodale vor Frustration stöhnend in ihrem Hotelzimmer in Seoul hockten. Nun, dachte er, Pech gehabt. Er war ebenfalls frustriert. Er wußte ziemlich sicher, daß General Erfurt irgendwelche Informationen zurückgehalten hatte – das lag in der Natur dieses Mannes, selbst wenn ihm noch so viel daran ge- legen haben mußte, daß die Schmerzen in seinem Ohr aufhörten. In gewisser Beziehung bewunderte Howard den zähen Widerstand des Generals; andererseits war es verdammt lästig gewesen, daß er vorhin bewußtlos geworden war. Tony Ackford hatte ihm einen Ei- mer Wasser über den Kopf gekippt, aber das hatte nichts genützt – Erfurt war nicht aufgewacht. Sie würden einfach warten müssen, bis er von selbst wieder zu sich kam. Weigerte er sich dann noch im- mer, den Namen der Zielperson preiszugeben, würden sie Oberst Eisener, seinen Stellvertreter, in die Mangel nehmen müssen. Howard war unbehaglich zumute, wenn er an Eisener dachte, der beherrschter wirkte und vermutlich weit analytischer dachte als der hitzköpfige General. In gewisser Beziehung, sagte Howard sich, ist er wahrscheinlich der gefährlichere Gegenspieler. Was Eisener dach- te, war schwer zu erraten. Sein nüchtern ausdrucksloses Gesicht ver- riet keinerlei Gefühlsregung – nicht einmal Überraschung. Trotz- dem, dachte Howard entschlossen, muß einer von beiden auspa- cken! Er hatte nicht die Absicht, den Stasi-Stützpunkt mit leeren Händen zu verlassen. Er dachte erneut über die wenigen Informationen nach, die er bisher aus dem General rausgeholt hatte. Er hatte Bourne mitteilen, können, das IRIS sei in den Vereinigten Staaten – eine nicht gerade präzise Angabe –, das Attentat solle schon bald stattfinden, und die Zielperson sei äußerlich markant, sogar unverkennbar. Diese letzte Information war möglicherweise am interessantesten, fand Howard, aber was besagte sie? War das Opfer ein Albino, kahl wie eine Bil- lardkugel oder unmäßig dick? Oder war sein Gesicht durch eine auffällige Narbe entstellt? Daß dieses besondere Kennzeichen nicht bekannt war, machte das Rätsel um so spannender. Trotzdem war es im Augenblick frustrierend, bloß dazusitzen und auf Bournes Antwort zu warten. Das Funkgerät erwachte für einen Augenblick blinkend zum Le- ben. Howard beobachtete, wie Pete Halliday seinen Kopfhörer auf- setzte und den komprimiert gesendeten Kurzfunkspruch mit nor- maler Geschwindigkeit ablaufen ließ. Dann sah er ihm über die Schulter, während Halliday, dessen Bleistift nur so übers Papier flog, die Nachricht auf einem Vordruck niederschrieb. DTG100355N SEPT//JB AN EH//EINS//DANK FÜR NACHR//VERHÖR FORTS// FALLS IDENT Z-PERS UNBEK KMM WÄREN ORT UND DATUM NÜTZL//ZWEI//MUSS LEIDER INFO KMM EUER RUSS TPT DCH NKAF LENKW ABGESCH KMM VERMUTL 2 SAM-6//VON AWACS BEST //ALSO KEIN ERS MÖGL//DREI//VERMUTL KENNEN NK NUN EUREN AUFTR//VIER//WIR ERK MÖGL RÜCKWEGE KMM ERBITTEN ABER SCHNELL INFO ÜBER EURE IDEEN//ENDE// Pete Halliday hörte zu schreiben auf. Howard und er wechselten einen erschrockenen Blick. Die Nachricht vom Abschuß der Anto- now und dem Tod ihrer Besatzung, mit der sie Freundschaft ge- schlossen hatten, war ein schwerer Schlag. Halliday brach das Schweigen als erster. »Wie können sie das ge- wußt haben, Boß?« fragte er bedrückt. »Wie, zum Teufel, können, die Nordkoreaner hinter die Sache mit der Antonow gekommen sein? Arbeitet ihr Geheimdienst so gut?« »Keine Ahnung, Pete«, erwiderte Howard langsam. »Aber auf eines kannst du dich verlassen. Das kriege ich noch raus – und wenn's das letzte ist, was ich in diesem Leben tue!« Als er jetzt auf- stand, war sein Gesichtsausdruck mörderisch finster. Die Tür flog auf und knallte gegen die Wand. Tony Ackford kam mit grimmiger Miene hereingestürmt. »Am besten kommst du gleich mit, Boß«, sagte er. »Was gibt's, Tony?« fragte Howard. »Es geht um den General«, antwortete Ackford. »Ich bin gerade oben gewesen, um nach ihm zu sehen. Er sitzt noch immer auf sei- nem Stuhl festgebunden.« »Und? Ist er noch nicht bei Bewußtsein?« »Nein. Und er wird auch nicht wieder wach. Der Scheißkerl ist tot.«,

TEIL VIER Ziegler und Ackford quittierten Hallidays knappe Mitteilung, dieAntonow sei abgeschossen worden, mit bedrücktem Schweigen.

Als Ziegler zu Howard hinübersah, lag die zwangsläufig folgende Frage in seinem Blick. »Okay«, sagte Howard, »dann müssen wir uns also eine andere Rückzugsroute einfallen lassen. Theoretisch können wir zu Lande, zu Wasser oder durch die Luft abhauen. Bleiben wir gleich beim Luftweg.« Er machte eine Pause, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. »Wir könnten ein Flugzeug klauen – am besten eine An-2, eine langsame Maschine mit sehr kleiner Radarsignatur – und damit außer Landes fliegen. Die beste Route wäre vermutlich nach Westen aufs Meer hinaus – dort liegen vierzig bis fünfzig Kilometer entfernt ein paar Inseln, die unter UN-Verwaltung stehen. Theore- tisch wären wir dort sicher.« »Und in der Praxis, Boß?« erkundigte Halliday sich. »In der Praxis gibt's dabei Probleme. Das erste wäre, daß wir ein unbewachtes Flugzeug finden müssen. Das zweite ist, daß die hie-, sige Luftverteidigung auf Zack ist, wie die Nordkoreaner so über- zeugend bewiesen haben. Das dritte ist, daß sie keine Bedenken ha- ben, sie auch zu mobilisieren. Da sie nicht davor zurückschrecken, ein Flugzeug der russischen Luftwaffe abzuschießen, würden sie be- stimmt versuchen, uns sogar noch auf UN-Gebiet zu erledigen. Aber der vierte Faktor gibt den Ausschlag, glaube ich.« Howard zog erneut an seiner Zigarette und zuckte die Schultern. »Leider kann keiner von uns ein Flugzeug fliegen.« »Yeah, nun, damit ist der Fall gewissermaßen entschieden, nicht wahr?« meinte Ackford sarkastisch. »Außer wir treiben irgendwo 'nen hiesigen Piloten auf und bitten ihn freundlich, uns behilflich zu sein.« Howard lächelte humorlos. »Wir wissen, wie überzeugend du sein kannst, Tony. Aber ich glaube nicht, daß das eine ernsthafte Alter- native ist. Jetzt zur Möglichkeit eines Rückzugs über See.« Er trat den Zigarettenstummel mit seinem Stiefel aus. »Ich weiß, daß ich mich gegen diese Route ins Land entschieden habe, aber unter den jetzigen Umständen müssen wir noch mal darüber nachdenken. Ein ultraleises U-Boot der Upholder-Klasse könnte eine Chance haben – könnte, sage ich –, in Küstennähe zu gelangen, und ein SBS-Team könnte vielleicht mit einem Boot an Land kommen, um uns abzu- holen. Ich kann nur sagen, daß die Chancen, nicht von den Sonar- ketten der Nordkoreaner entdeckt zu werden, gering wären – viel- leicht fünfundzwanzig Prozent. Und die Chancen, das U-Boot un- entdeckt zu erreichen, wären noch geringer.« »Vergißt du nicht was, Ed?« warf Ziegler ein. »Offiziell existieren wir überhaupt nicht. Das ist der springende Punkt, stimmt's? Eure Regierung wird den Teufel tun, uns von einem britischen U-Boot retten zu lassen!« »Richtig«, bestätigte Howard. »Und das ist noch nicht alles. Ein Rückzug über See würde zwei weitere Probleme aufwerfen. Erstens würde er viel Vorbereitungszeit erfordern – ich glaube nicht, daß es, möglich wäre, ein U-Boot in weniger als einer Woche in Position zu bringen. Und wer glaubt, wir könnten uns hier einigeln, bis die Nachricht kommt, daß wir aufbrechen sollen, täuscht sich gewaltig. Diese Stasi-Leute arbeiten als Sicherheitsberater der Nordkoreaner, und wenn sie wegbleiben, fragen ihre Auftraggeber sich nach dem Grund dafür – und kommen vorbei, um selbst nachzusehen. Eben- so chancenlos ist die Idee, von hier zu verschwinden und eine Wo- che in irgendeinem Versteck zu überdauern. Sobald die Stasi-Leute freikommen, schlagen sie Alarm, und dann wird das gesamte Land auf den Kopf gestellt, bis wir gefunden worden sind.« Howard run- zelte plötzlich die Stirn. »Ich fürchte sogar, daß das bereits passiert. Irgendwie haben die Nordkoreaner anscheinend mitbekommen, daß wir im Land sind. Pete«, sagte er und wandte sich an Halliday. »Weißt du bestimmt, daß unsere Funksprüche auf keinen Fall ab- gehört werden können?« »Ganz bestimmt!« bestätigte Halliday sofort. »Unser Funkverkehr ist garantiert abhörsicher. Erstens findet er außerhalb des normalen HF-Spektrums im EHF-Bereich statt – im Gigahertz-Bereich. Die Schüsselantenne sendet das scharf gebündelte Signal zu einem Comsat in einer polaren Umlaufbahn hinauf. Deshalb gibt's keinen Gegensprechbetrieb – und deshalb kann die Übermittlung sich bis zu neunzig Minuten verzögern, bis der Satellit wieder sichtbar ist. Ein Flugzeug genau über uns könnte etwas auffangen – wenn es zu- fällig den richtigen Empfänger an Bord hätte. Außerdem sind die komprimierten Funksprüche unglaublich kurz. Und dazu kommt, daß unser Gerät alle Zehntelsekunde willkürlich die Frequenz wech- selt. Auf der ganzen Welt gibt's keinen EHF-Empfänger, der diesem Frequenzspringen folgen oder den Sender gar anpeilen könnte.« »Okay«, sagte Howard, der solche technischen Details gern dem Fachmann überließ. »Angepeilt können sie uns jedenfalls nicht ha- ben. Sie wissen offenbar nicht genau, wo wir stecken, sonst hätten sie längst angegriffen. Aber sie wissen, daß irgendwas läuft. Denkt, an Sascha Plasnins Bericht über erheblich verstärkte Sicherheitsmaß- nahmen auf dem Flugplatz Sunan. Die ungewöhnlichen militäri- schen Aktivitäten dort draußen haben wir mit eigenen Augen gese- hen. Und dann ist die Antonow abgeschossen worden. Selbst wenn die vier Soldaten, die Mel umgelegt hat, mitsamt Hund und Jeep aufgefunden worden wären, wäre das noch keine Erklärung. Und im Landegebiet haben wir nichts zurückgelassen, was uns hätte ver- raten können.« Howard schüttelte den Kopf. »Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, daß wir aus Nordkorea raus müs- sen – innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden. Und unsere einzige Chance liegt darin, das zu tun, was die Nordkoreaner am wenigsten erwarten: Wir müssen den Rückzug über Land antreten.« »Wohin?« fragte Halliday. »Norden oder Süden?« »Norden würde China oder Rußland bedeuten«, antwortete How- ard. »China wäre einfacher – die Grenze ist näher und ziemlich lang. Aber die Chinesen würden uns sofort ausliefern – oder selbst einsperren oder erschießen. Was Rußland betrifft, hat es nur eine sehr kurze gemeinsame Grenze mit Nordkorea. Außerdem liegt sie über achthundert Kilometer nordöstlich von hier und nicht allzu- weit von Wladiwostok entfernt. Wladiwostok ist der Heimathafen der russischen Pazifikflotte, deshalb gehört das dortige Gebiet zu den am strengsten bewachten Sperrzonen Rußlands. Außerdem ver- läuft die Grenze in der Strommitte des breiten Grenzflusses Turnen, der schwer bewacht wird und keinerlei Deckung bietet. Nach dem Abschuß der Antonow werden die russischen Grenzwachen be- stimmt kein Risiko mit Eindringlingen aus Nordkorea eingehen wollen. Die Gefahr, von ihnen als Grenzverletzer erschossen zu wer- den, wäre vermutlich nicht geringer als die, von den Nordkorea- nern wegen Fluchtversuchs erschossen zu werden. Nein, den Nor- den können wir vergessen, denke ich«, sagte er abschließend. Ziegler verdrehte die Augen. »Ich hab's gewußt«, sagte er trocken. »Auf nach Süden! Großartig. Hör zu, Ed«, fragte er gähnend, »wie, viele nordkoreanische Soldaten stehen gleich wieder zwischen hier und der entmilitarisierten Zone entlang der Demarkationslinie?« »Nun«, antwortete Howard mit schiefem Lächeln, »nach letzten Schätzungen dürften dort mindestens eine dreiviertel Million Mann stehen.« »Klasse Verhältnis«, meinte Ziegler. »Bloß hunderttausend für jeden von uns. Das bestätigt deine Annahme, daß sie vermutlich nicht damit rechnen, daß wir uns nach Süden absetzen. Hast du nicht auch Stacheldrahthindernisse erwähnt? Minenfelder? Jede Menge Artillerie? Kleinigkeiten dieser Art?« »Richtig, das hab ich«, antwortete Howard. »Das alles haben die Nordkoreaner auf ihrer Seite der Grenze. Aber vergiß nicht«, fügte er grinsend hinzu, »daß die Südkoreaner ebenfalls Minenfelder und andere Verteidigungseinrichtungen auf ihrer Seite der Grenze ha- ben.« »Naja, das klingt ja alles verdammt beruhigend«, sagte Ziegler ge- dehnt. »Yeah, da fällt mir echt ein Stein vom Herzen. Wenn wir acht es irgendwie schaffen, zweihundertfünfzig Kilometer weit nach Süden vorzustoßen, uns durch 'ne Dreiviertelmillion feindlicher Soldaten durchzuschlängeln, dem Sperrfeuer eines ganzen Artillerie- korps zu entgehen und über die Demarkationslinie zu schleichen, ohne in ein nordkoreanisches Minenfeld zu geraten, ist's wirklich 'ne tröstliche Vorstellung, statt dessen in ein südkoreanisches Mi- nenfeld zu geraten. Ihre Minen sind bestimmt viel benutzerfreund- licher. Ich möchte wetten, daß sie kleine Aufkleber tragen, auf de- nen in drei Sprachen steht: ›Diese Mine ist ein südkoreanisches Er- zeugnis. Das mit Ihrem Fuß tut uns leid, aber wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.‹« Die Tür wurde wie auf ein Stichwort geöffnet, und Zeccara kam herein. »Was habt ihr Kerle bloß zu grinsen?« fragte er leichthin. »Mel hat mir eben erzählt, was passiert ist. Sieht nicht gut aus, was?«, »Nein«, bestätigte Howard. »Noch irgendwelche schlechten Nach- richten?« »Auf der Straße herrscht weiter dichter Verkehr – in beiden Rich- tungen«, meldete Zeccara. »Mel behält ihn im Auge.« »Was tun die anderen?« »Sumi und der Doc sind dabei, sich den gröbsten Dreck abzuwa- schen. Das täte ich auch gern – ich frage mich schon, ob ich den Aasgestank jemals wieder aus meiner Nase kriege.« »Was ist mit den Gefangenen?« »Die sitzen alle sicher in ihren Zellen«, antwortete Zeccara. »Ich hab erst vorhin nach ihnen gesehen.« »Wie steht's mit den Akten? Schon was Interessantes entdeckt?« Wegen seiner Deutschkenntnisse gehörte Zeccara zu den Teammit- gliedern, die das Aktenmaterial durchforsteten. »Noch nicht«, gab er bedauernd zu. »Das Material ist nicht sehr ergiebig. Weißt du, was ich denke, Boß?« »Was?« fragte Howard. »Nun«, sagte Zeccara, »vielleicht irre ich mich, aber man könnte fast glauben, hier habe jemand gewußt, daß wir kommen. Ich mei- ne, wir haben diesen Stützpunkt handstreichartig erobert, aber die Akten, die ich bisher gesehen habe, enthalten eigentlich nichts In- teressantes. Und dabei haben wir die Bude praktisch auf den Kopf gestellt. Ich möchte wetten, daß die wichtigen Unterlagen anderswo versteckt sind.« Howard schwieg einige Minuten lang gedankenverloren. »Eine interessante Frage, Angelo«, meinte er schließlich, »aber ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand im voraus gewußt haben soll, daß wir kommen würden. Es sei denn…« Er runzelte die Stirn, dann schob er diesen Gedanken wieder beiseite. »Also gut, Tony, du holst jetzt Oberst Eisener rauf. Es wird Zeit, daß wir uns mit ihm unterhalten, denke ich.«,

Vierzig Minuten später kam Howards Funkspruch in Seoul an.Bourne konnte zwischen den Zeilen des knapp gehaltenen

Texts lesen. Er kannte Ed Howard als einzigartig zielstrebigen Men- schen, der sich auf jeweils nur ein bestimmtes Vorhaben konzen- trierte. Nach Bournes Ansicht war es kein gutes Zeichen, daß How- ard sich bisher nicht über ihren Rückzug geäußert hatte – das be- deutete, daß er noch nicht intensiv darüber nachgedacht hatte. Na- türlich würde er schon bestimmte Überlegungen angestellt haben, aber Bourne merkte, was seinen Freund wirklich beschäftigte: How- ard dachte in erster Linie an den Auftrag seines Teams. Sein Funk- spruch handelte von nichts anderem. Weder Bourne noch Goodale bedauerten den Tod des Stasi-Ge- nerals Reinhold Erfurt. Goodales Blick war kalt geworden, als er da- von gehört hatte, aber er hatte sich mit keinem Wort dazu ge- äußert. Bourne fragte sich, was in ihm vorgehen mochte. Zum Teu- fel mit dem verdammten General, Ed! dachte Bourne. Um den ist's nicht schade! Seht zu, was ihr aus Oberst Eisener an Informationen rausholen könnt, und haut dann schnellstens ab. Und sagt mir, wohin ihr wollt, da- mit ich etwas zu eurer Unterstützung organisieren kann. Er sah durchs Hotelzimmer zu seinem Gefährten hinüber. Max Goodale saß tief in Gedanken versunken in seinem Sessel und hatte auf einem Tischchen neben sich ein kleines Glas Whisky pur ste- hen. Er hatte den Whisky jedoch kaum angerührt, seit er ihn sich vor einer halben Stunde eingeschenkt hatte. Goodales Augen leuch- teten noch immer intensiv, aber Bourne hatte den Eindruck, ihr Blick sei etwas verschwommen, als konzentriere Goodale sich auf etwas, das sehr weit zurücklag. »Oberst?« fragte er schließlich., Goodale kehrte mit einem sichtbaren Ruck in die Gegenwart zu- rück. Seine leuchtendblauen Augen musterten Bourne unbeirrbar gelassen. Er lächelte schwach. »Ja, Johnny?« Bourne fand diese Intensität von Goodales Blick nicht zum er- sten Mal leicht beunruhigend. Der Mann lächelt mit seinem Gesicht, dachte er, aber nicht sehr oft mit seinen Augen. Und seine Augen lächeln jetzt nicht. Aber zum Teufel damit, ich werd ihn trotzdem fragen. »Oberst«, begann er, indem er sich in seinem Sessel nach vorn beugte, »wol- len Sie mir nicht etwas erklären? Was, zum Teufel, hat diese Kon- zentration auf das Kernforschungszentrum Jöngbjön zu bedeuten?« Goodale lächelte plötzlich nicht mehr. Sein Blick bohrte sich in Bournes Augen und ließ sekundenlang einen Zorn erkennen, den er sofort bedauerte. Das war ein Fehler gewesen, erkannte Goodale. Damit hatte er sich selbst verraten. Das war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Eine Dummheit! Goodale wußte, daß er Bourne nicht unterschätzen durfte. Er merkte, daß der Jüngere keineswegs zu- rückgezuckt war, sondern seinen Blick unerschrocken erwiderte. Goodale lächelte erneut, diesmal jedoch aufrichtig. »Tut mir leid, Johnny«, sagte er. »Ich bin in Gedanken ganz woanders gewesen. Entschuldigung.« Er griff nach seinem Glas und trank einen Schluck. »Sie haben nach Jöngbjön gefragt«, fuhr er jovial fort. »Hat Ed Howard Ihnen denn nichts darüber erzählt?« »Nur wenig«, antwortete Bourne knapp. »Er hat gesagt, er wisse selbst nicht allzuviel darüber. Außerdem ist Ed nicht hier, deshalb frage ich Sie.« Gefährlich, dachte Goodale. Frustration, Verärgerung, Sorge um das Wohl seiner Freunde – das alles steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Nun«, sagte er gelassen, »Sie kennen Ed Howard viel besser als ich. Wenn er der Ansicht gewesen ist, dieser Teil seines Auftrags sei wichtig, muß er gute Gründe dafür gehabt haben.« »Reden Sie keinen Scheiß, Oberst!« brüllte Bourne, dessen Tem- perament mit ihm durchging. »Sie haben meine Freunde dort rein-, geritten – aber jetzt fällt Ihnen dazu nur ein, daß sie weitermachen sollen, als sei nichts passiert? Was ist mit dem angeblichen Atten- tatsopfer und dem IRIS-Gerät? Ist das alles auch nur Bockmist? Was, zum Teufel, denken Sie sich eigentlich dabei, wenn Sie so mit anderer Leute Leben spielen?« »Bitte beherrschen Sie sich«, verlangte Goodale ruhig. Er starrte Bourne durchdringend an. Für einen Augenblick kämpften Zorn und Gelassenheit gegeneinander. Dann siegte die Gelassenheit, und Bourne beruhigte sich ebenso schnell wieder, wie er zuvor aufge- braust war. »An sich ist dies weder der richtige Ort noch der richtige Zeit- punkt für einen Vortrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen«, begann Goodale. »In gewisser Beziehung ist der Jöng- bjön-Komplex äußerst wichtig. Aber das ist vermutlich Ansichts- sache.« Er leerte plötzlich sein Glas. »Jedenfalls kommt's dabei auf die Perspektive an. Ich kann Sie jedoch in einem Punkt zufrieden- stellen, glaube ich.« Goodale stand auf und durchquerte das Hotel- zimmer, um sich einen weiteren Whisky einzuschenken. »Aus aktu- eller Sicht bestehen so gut wie keine Zweifel an der relativen Bedeu- tung dieser beiden Probleme. Obwohl wir noch nicht wissen, wem der IRIS-Anschlag gilt, muß diese Sache Vorrang haben. Schon der Umfang des für die Ausführung des Attentats in Gang gesetzten Unternehmens beweist, daß die Zielperson eine sehr wichtige Per- sönlichkeit sein muß.« »Nun, Oberst«, sagte Bourne, »da mir Hintergrundinformationen fehlen, kann ich das natürlich nicht beurteilen. Aber ich finde, Sie und ich sollten uns hier auf lediglich zwei Dinge konzentrieren und uns auf keinen Fall ablenken lassen. Sie haben selbst gesagt, am wichtigsten sei diese IRIS-Sache. Gut, dann sollten wir darüber nachdenken. Vielleicht helfen uns die wenigen Informationen, die wir besitzen, auch schon weiter. Wir wissen zum Beispiel, daß das Attentat in den USA geplant ist und demnächst stattfinden soll., Ich schlage vor, von der Annahme auszugehen, daß der Anschlag einem prominenten ausländischen Besucher gelten soll. Warum be- schafft uns die US-Botschaft nicht eine Liste aller ausländischen VIPs, die in den nächsten Wochen Amerika besuchen werden? Wer weiß, vielleicht fallen ein paar von ihnen als mögliche Zielpersonen auf. Dann können wir die Amerikaner warnen und den Rest ihnen überlassen. Es ist nicht allzu schwierig, Bomben aufzuspüren oder die Reiseroute eines VIPs abzuändern, um Orte zu vermeiden, an denen ein Bombenanschlag möglich wäre.« »Diese Informationen habe ich bereits angefordert«, antwortete Goodale. »Das US-Außenministerium ist dabei, die Liste zusam- menzustellen. Das soll zwei bis drei Tage dauern – anscheinend ist die Liste erstaunlich lang… Aber auf welchen zweiten Punkt sollen wir uns Ihrer Meinung nach konzentrieren?« Bourne ächzte. »Ich bezweifle, daß uns zwei bis drei Tage blei- ben«, murmelte er vor sich hin. »Der zweite Punkt liegt auf der Hand, Oberst. Wir sollten konzentriert darüber nachdenken, wie wir Ed und die anderen dort rausholen können.« »Richtig«, stimmte Goodale zu. »Wir müssen alles tun, was in un- serer Macht steht. Aber dabei gibt's ein Problem: Solange wir nicht wissen, was Ed vorhat – und er kann am besten beurteilen, was als nächstes zu tun ist –, können wir nicht allzuviel unternehmen. Ver- langt er etwas – ein U-Boot, ein Ablenkungsmanöver, was auch im- mer –, tue ich selbstverständlich mein Bestes, um es ihm zu ver- schaffen.« »Bis dahin sitzen wir also einfach hier herum und warten?« fragte Bourne bedrückt. »Wir sitzen hier und denken nach«, sagte Goodale. »Das ist äußerst frustrierend, aber vorläufig können wir nichts anderes tun.«,

Gerhard Eisener ließ keine Spur von Nervosität erkennen, alsAckford ihn hereinführte. Sein Blick fiel sofort auf den in einer

Ecke des Raums liegenden Toten, aber sein Gesichtsaudruck blieb unverändert. Howard beobachtete ihn aufmerksam. Ein sehr gefährlicher Mann, sagte er sich, der seine Reaktionen völlig unter Kontrolle hat. Für einen weniger Beherrschten hätte der Anblick der Leiche seines Vorgesetzten einen Schock bedeutet, aber er hat mit keiner Wimper gezuckt. Tony Ackford führte Eisener wortlos zu dem Stuhl und fing an, ihn wie zuvor den General festzubinden. »Fesseln werden nicht nötig sein«, sagte Eisener gelassen und in gutem Englisch. Die beiden Männer ignorierten ihn, und Ackford machte unbe- irrt weiter. Als er fertig war, zog er aus der Brusttasche seiner Sprin- gerkombi ein Gerät, das an einen großen Schraubenzieher erin- nerte. Aus dem Handgriff führte ein Elektrokabel heraus, das mit einem Stecker endete. Ackford trat an eine Steckdose, steckte das Gerät ein und blieb einige Minuten lang so stehen. Leichter Brand- geruch erfüllte den Raum. Keiner der beiden Engländer hatte bisher ein Wort gesagt, aber Ackford trat jetzt vor den Stuhl und baute sich bedrohlich vor Ei- sener auf. Sein Blick war kalt und mörderisch, als er dem Deut- schen die fast glühende Metallspitze vors Gesicht hielt. »Ein elektri- scher Lötkolben«, sagte er. »Den hab ich unten in der Funkwerk- statt gefunden. Sobald der richtig heiß ist, kriegst du ihn bis zum Anschlag in den Arsch gesteckt.« Eisener runzelte kurz die Stirn. Dann ignorierte er Ackford und, den Lötkolben, drehte den Kopf zur Seite und sah zu Howard hin- über. »Ich wiederhole: Das wird nicht nötig sein«, sagte er. »Wie Sie bestimmt wissen, heiße ich Eisener. Mein Dienstgrad ist Oberst. Darf ich jetzt Ihren erfahren?« Howard starrte ihn kalt an, ohne ein Wort zu sagen. Eisener wirkte noch immer völlig ruhig. Auf seinem Gesicht war kein Anzeichen von Panik oder Besorgnis zu erkennen, als er weiter mit Howard sprach. »Sie sind Hauptmann, glaube ich, oder… nein, Major. Darf ich Sie Major nennen? Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, daß eine zivilisierte Diskussion in beiderseitigem In- teresse wäre. Ich verabscheue sinnlose Gewalt und unnötige Leiden. Warum fragen Sie mich nicht einfach alles, was Sie wissen wollen. Ich werde mein Bestes tun, um Ihnen zu helfen.« Howard zog sich einen Stuhl heran und nahm dicht vor seinem Gefangenen Platz. Seine dunklen Augen glitzerten, als er sich jetzt nach vorn beugte. »Also gut, Oberst«, begann er, »wir wollen ver- suchen, diese Befragung zivilisiert durchzuführen. Aber glauben Sie mir: Sobald ich den Verdacht habe, daß Sie mir etwas verheimli- chen, lasse ich diesen Mann auf Sie los. Sie sehen ja selbst, was Ihrem General zugestoßen ist.« »Ja, das sehe ich«, antwortete Eisener hastig. »Ich habe seine Schreie gehört. Ich habe nicht den Wunsch, auf ähnliche Weise zu enden, Major.« Seine blassen Augen starrten Howard unverwandt an. Der Vernehmungsoffizier nickte langsam. »Gut, dann können Sie mir als erstes erzählen, was Sie über das IRIS wissen.« »Das IRIS ist ein Computerprogramm, das einzelne Gesichter er- kennen kann«, antwortete Eisener sofort. »Eine unserer in England stationierten Gruppen hat es gestohlen. Es ist in die USA geschickt und modifiziert worden. Eine unserer dortigen Gruppen konstruiert ein Gerät, das mit Hilfe der IRIS-Technologie eine bestimmte Ziel- person erkennen und mit einem einzelnen Gewehrschuß ermorden, soll. Unser Auftraggeber ist die iranische Regierung.« Howard war verblüfft. Trotzdem gelang es ihm, sich nichts an- merken zu lassen, als er fragte: »Warum durch einen Gewehrschuß? Könnte das Gerät nicht dazu dienen, eine Bombe zu zünden?« »Auch diese Möglichkeit haben wir erwogen, Major«, sagte Eise- ner gelassen. »Das Problem bei einer Bombe ist, daß sie verhältnis- mäßig nahe neben der Zielperson detonieren muß, um zuverlässig tödlich zu sein. Oder sie muß sehr groß sein und ist dann schwie- rig zu tarnen. Außerdem ist eine Bombe wegen ihrer Sprengladung verhältnismäßig leicht aufzuspüren. Natürlich ist es viel schwieriger, mit Hilfe der IRIS-Technologie eine Schußwaffe auszurichten, aber unsere Fachleute haben bestätigt, daß das möglich ist. Das Gerät braucht nicht allzu groß zu sein und ist für die Zielperson auf Ent- fernungen bis zu hundert Metern trotzdem tödlich. Soviel ich weiß, soll ein Gewehr mit abgesägtem Lauf, vielleicht sogar nur eine Pis- tole verwendet werden. Daraus geht hervor, daß das fertige Gerät nicht größer als, sagen wir mal, ein Aktenkoffer zu sein braucht.« Howards Gesicht blieb ausdruckslos, aber er dachte angestrengt nach. Diese Aussage veränderte mit einem Schlag alles. Falls Eisener die Wahrheit gesagt hatte, war das IRIS-Gerät weit tödlicher, als Goodale und er angenommen hatten. Die Logik, eine Schußwaffe zu verwenden, falls sich das technisch machen ließ, war unwiderleg- bar. Er starrte Eisener an und versuchte abzuschätzen, wie vertrau- enswürdig er war. Der Mann hatte diese Informationen bereitwillig gegeben… Ja, das mußte stimmen. »Also gut, Oberst«, sagte er. »Erzählen Sie mir jetzt, wer die Zielperson ist.« »Das weiß ich nicht«, antwortete Eisener. Er sah kurz zur Leiche des Generals hinüber. »Er hat's natürlich gewußt, aber er hat mich nie eingeweiht. Das ist seine Art gewesen. Er hat mir viele Informa- tionen vorenthalten. Allerdings hat er einmal erwähnt, das Attentat sei in Washington, D.C., geplant, und ich habe deshalb eine Zeit- lang angenommen, es solle Präsident Clinton gelten. Das mag stim-, men, aber ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum die Iraner es auf Clinton abgesehen haben sollten. Ich weiß nicht einmal, wer drüben für dieses Unternehmen verantwortlich ist. General Erfurt hat einen geradezu krankhaften Geheimhaltungstick gehabt. Ab und zu hat er Andeutungen darüber gemacht, aber dabei immer in Rätseln gesprochen.« Gewisse Ressentiments, dachte Howard. Interessant. »Wo hat der Ge- neral seine Unterlagen aufbewahrt?« »Ha!« schnaubte Eisener, dessen Antipathie jetzt deutlich hervor- trat. »Jedenfalls nicht hier. Ich vermute, daß er sie in Tokio aufbe- wahrt hat. Vielleicht hat er dort ein Schließfach oder dergleichen. Er ist häufig hingeflogen – jeden Monat mindestens einmal. Glau- ben Sie, er hätte seine Geheimunterlagen hier zurückgelassen, damit ich sie hätte finden können? Niemals! Dazu ist er viel zu mißtrau- isch gewesen… Hören Sie, Major«, fuhr Eisener nüchtern fort, »ha- ben Sie sich die Akten im Erdgeschoß schon angesehen? Ich kann Ihnen sagen, was Sie finden werden. Geringwertige, unbedeutende Details, sonst nichts. Dienstpläne für unsere Leute, die drüben in Jöngbjön als Sicherheitsberater tätig sind. Beschaffungsaufträge, in denen die meisten Namen verschlüsselt sind. Alles, was wichtig oder interessant wäre, ist verschlüsselt, und der Alte hat die Texte als einziger entschlüsseln können. Falls er seine Schlüsselunterlagen hier aufbewahrt hat, habe ich sie jedenfalls nie finden können. Glau- ben Sie denn, ich hätte sie nicht gesucht? Er ist oft tagelang ver- schwunden und hat uns in diesem Loch sitzenlassen. Ich bin davon überzeugt, daß er eigene Akten gehabt haben muß, aber er hat sie bestimmt nicht hier aufbewahrt. Ich habe sie weiß Gott überall ge- sucht.« »Hat er jemals von einer Akte über das IRIS gesprochen?« »Er hat nie über seine Akten gesprochen. Er hat nicht mal zugege- ben, daß er eigene Unterlagen hatte – aber ich hab gewußt, daß er welche hatte. Tatsächlich…« Eisener runzelte die Stirn. »Ich muß, mich korrigieren. Er hat von einer IRIS-Akte gesprochen. Aber nur einmal. Vor ungefähr zwei Wochen ist ihm das rausgerutscht, als er gerade mal guter Laune gewesen ist. Ich habe vorgegeben, nichts bemerkt zu haben.« »Was hat er gesagt?« fragte Howard langsam. »Im Grunde genommen hat er nur von schriftlichen Unterlagen gesprochen. Aber daraus ist klar hervorgegangen, daß eine Akte existiert.« »Was genau hat er zu Ihnen gesagt?« Eisener runzelte erneut kurz die Stirn. »Hm, lassen Sie mich nach- denken… Ja, wir haben über das IRIS gesprochen. Wir hatten den ersten Bericht unseres Technikers in den USA mit seiner Einschät- zung des Computerprogramms erhalten. Darin hat es geheißen, die- ses Programm sei gut, aber es befinde sich noch im Entwicklungs- stadium. Der Techniker hatte gewisse Zweifel an seiner Zuverlässig- keit und wollte nicht dafür garantieren, daß es die Zielperson hun- dertprozentig identifizieren könne.« »Was hat der General gesagt?« drängte Howard. »Er hat offensichtlich… mehr gewußt als unser Techniker. Er ist der Überzeugung gewesen, das IRIS werde funktionieren. Wenn ich mich recht erinnere, hat er geäußert: ›Es funktioniert ganz sicher. Schließlich ist alles schwarz auf weiß vorhanden.‹ Ja«, sagte Eisener und runzelte dabei konzentriert die Stirn, »so hat er's ausgedrückt. Offenbar hat er irgendwo eine weitere Akte mit einer zusätzlichen Beurteilung des IRIS-Programms gehabt.« »Gibt's eine Kopie dieses Berichts des Technikers?« »Nein«, antwortete Eisener. »Er hat ihn mich lesen lassen, was un- gewöhnlich war. Daher weiß ich, daß ein Gewehr oder eine Pistole benützt werden soll. Später ist er mit dem Bericht in den Heizungs- keller hinuntergegangen und hat ihn verbrannt.« Eisener machte ei- ne Pause, dann lächelte er Howard zu. »Haben Sie eine Zigarette für mich?«, Howard steckte ihm eine Zigarette zwischen die Lippen, gab ihm Feuer und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. »Tony«, sagte er zu Ackford, »schneid die linke Hand des Obersten los, ja?« Ackford zog sein scharfes Klappmesser und zerschnitt damit das Plastikband. Er musterte Eisener mit finsterem Blick und trat dann wieder hinter ihn. »Danke, Major. Wissen Sie«, fuhr er gesprächig fort, indem er mit seiner freien Hand auf den Toten in der Ecke deutete, »General Er- furt ist ein höchst ungewöhnlicher Mensch gewesen. Viele Leute ha- ben ihn unterschätzt. Sie haben ihn für einen primitiven Kraftmen- schen gehalten, aber in Wirklichkeit hat er ein perfektes fotografi- sches Gedächtnis besessen. Er hat ganze Seiten von Schriftstücken, die er nur ein einziges Mal gelesen hatte, auswendig wiedergeben können. Das ist eine sehr seltene Gabe, wissen Sie.« Eisener nahm einen Zug von seiner Zigarette, dann fuhr er fort. »Ich habe lange angenommen, er führe deshalb keine persönlichen Akten – weil er sie nicht brauchte. Er konnte sich noch Jahre später absolut präzise an den Inhalt jedes Schriftstücks erinnern, das er irgendwann gele- sen hatte. Wirklich schade, wenn ein solches Gehirn sterben muß.« Howard stand auf und begann zwischen Tür und Fenster auf und ab zu gehen. Wie sich jetzt zeigte, war seine ursprüngliche Einschät- zung Eiseners richtig gewesen. Der Mann war außergewöhnlich in- telligent, kompliziert und gefährlich. Howard wünschte sich, Goo- dale wäre hier, um die Vernehmung durchzuführen; er selbst, das erkannte er, war Eisener nicht gewachsen. Wieviel von seinen Aus- sagen war wahr, wieviel war gelogen? Wahrscheinlich betrug der Wahrheitsgrad neunundneunzig Prozent. Das entsprach der Taktik eines cleveren Mannes wie Eisener. Aus Howards Sicht lag das Problem darin, dieses entscheidende eine Prozent zu identifizieren. Die wichtigste Tatsache war offenbar die Identität der Zielperson, die als Opfer des IRIS-Attentats vorge- sehen war. Oder etwa nicht? Eiseners Erklärung und die Informatio-, nen, die er preisgegeben hatte, waren völlig plausibel. Seine Schilde- rung des von seinem Geheimhaltungstick besessenen Generals hatte durchaus überzeugend geklungen und stimmte mit allem überein, was Howard bisher in Erfahrung gebracht hatte. Eisener hegte of- fensichtlich Ressentiments, weil sein krankhaft mißtrauischer Vorge- setzter ihn nie ins Vertrauen gezogen hatte. Eisener mußte wissen, daß das IRIS der Hauptgrund für den Ein- satz Howards und seiner Männer war; er würde auch wissen, daß es ihnen vor allem darauf ankam, die Identität der Zielperson fest- zustellen. Hätte Eisener sie gekannt, hätte er sie ohne weiteres preis- geben können – ohne zugleich etwas ebenso Wichtiges zu verraten: die Tatsache, daß das IRIS ein Gewehr abfeuern sollte, statt eine Sprengladung zu zünden. Hätte er das getan, überlegte Howard sich, hätten Polizei und FBI Washington auf der Suche nach einer Bombe auf den Kopf gestellt – und das Opfer wäre trotzdem ge- storben, weil diese Suche dem falschen Objekt gegolten hätte. So hätte Eisener den Eindruck erweckt, kooperativ zu sein, und sich nicht der Gefahr ausgesetzt, weiter nach der Identität der Zielper- son befragt zu werden – womit er jetzt natürlich rechnen mußte. Warum hatte Eisener, falls er die Zielperson kannte, den anderen Weg eingeschlagen und sich dadurch selbst in Gefahr gebracht? Was Eisener wußte, hätte ein Team erfahrener Vernehmungsoffi- ziere in wochenlanger Arbeit aus ihm herausholen müssen. Aber Howard, der viel weniger Zeit hatte, mußte sich auf das Wichtigste konzentrieren. Es gab zwei weitere Punkte, nach denen er fragen mußte. Er beschloß, das Thema IRIS vorerst zurückzustellen. »Erzählen Sie mir von Ihrer Arbeit in Jöngbjön, Oberst.« »Ah«, sagte Eisener, »da kann ich Ihnen behilflich sein.« Während Howard sich Notizen machte, überschüttete der Oberst ihn zehn Minuten lang mit Angaben über das nordkoreanische Kernfor- schungszentrum. Die Stasi hatte offenbar bei der Beschaffung kern- technischer Anlagen und des dazugehörigen Know-how aus Staaten, des ehemaligen Ostblocks aktiv mitgewirkt und spielte jetzt eine Hauptrolle bei der Sicherung und Bewachung des Forschungszent- rums. Eisener und seine Leute hatten praktisch ungehindert Zu- gang zu allen Einrichtungen und überwachten fast alle dort arbei- tenden Wissenschaftler. Howard fragte Eisener, ob er sich zutraue, ihn und drei seiner Männer dort einzuschleusen. Der Oberst dachte einen Augenblick nach. »Normalerweise«, sag- te er, »würde das keine großen Probleme aufwerfen, glaube ich. Schwieriger wird die Sache dadurch, daß hier plötzlich große Trup- penbewegungen stattfinden. Ich weiß nicht, welchen Zweck sie ha- ben, und bin nicht offiziell über sie informiert worden. Trotzdem steht fest, daß irgend etwas die Nordkoreaner in helle Aufregung versetzt hat, so daß die Sicherheitsmaßnahmen im Forschungszent- rum schärfer als sonst sein dürften. Könnte das vielleicht damit zu- sammenhängen, daß sie irgendwie von Ihrer Anwesenheit erfahren haben?« Verdammt! dachte Howard wütend. Der Kerl spielt mit dir. Er setzte sich wieder und starrte Eisener durchdringend an. »Ich wiederhole jetzt eine meiner früheren Fragen, Oberst«, sagte er leise, aber un- überhörbar drohend. »Diesmal verlange ich eine ehrliche Antwort. Bekomme ich sie nicht, überlasse ich Sie der Fürsorge meines Freundes hier – und seinem rotglühenden Lötkolben. Da ich im Gegensatz zu ihm keinen Spaß daran habe, andere zu quälen, wer- de ich den Raum verlassen, während er sich Ihrer annimmt. Sobald ich gegangen bin, helfen Ihre Schreie Ihnen nicht mehr. Denken Sie also lieber gut nach, bevor Sie antworten.« Howard zündete sich eine Zigarette an und inhalierte; seine dunklen Augen glitzer- ten, während er Eisener ins Gesicht starrte. »Sagen Sie mir, wer durch das IRIS-Attentat ermordet werden soll.« »Major«, antwortete Eisener langsam, »ich habe leider eine sehr niedrige Schmerzschwelle. Das ist nichts, worauf ich stolz bin, aber daran ist nichts zu ändern. Ihr Mann brauchte mich nur kurz mit, dem heißen Lötkolben zu berühren – und schon wäre mein Wider- standswille gebrochen. Ich habe deshalb in der Hoffnung mit Ihnen zusammengearbeitet, mir … größere Unannehmlichkeiten zu ersparen. Gleichzeitig habe ich Ihnen die Peinlichkeit erspart, zu solchen primitiven Methoden greifen zu müssen, um Informatio- nen zu erhalten. Ich kann nicht mehr tun, als Sie nachdrücklich zu bitten, Ihre Drohung nicht wahrzumachen. Damit würden Sie nichts erreichen. Bei der ersten Berührung mit diesem glühenden Eisen würde ich alle möglichen Namen schreien, die mir gerade einfallen. Manche würden vielleicht sogar überzeugend klingen. Aber das würde kei- nem von uns beiden weiterhelfen. Ich würde unerträgliche Schmer- zen erleiden, und Sie bekämen unbrauchbare Informationen. Statt dessen kann ich lediglich wiederholen, daß ich nicht weiß, wem das Attentat gilt. Das müssen Sie mir glauben.« Howard starrte Eisener lange und forschend an. Er stellte fest, daß der Oberst zu schwitzen begonnen hatte, und erkannte auf sei- nem Gesicht die ersten Anzeichen wirklicher Angst. Dann sah er auf seine Uhr und runzelte die Stirn. »Ich werde über Ihre Antwort nachdenken, Oberst, aber ich fürchte, daß ich Ihnen beim jetzigen Stand der Dinge einfach nicht glauben kann. Im Augenblick muß ich mich über Funk melden, deshalb lasse ich Sie jetzt für ein paar Minuten allein. Wenn ich zurückkomme, gebe ich Ihnen eine letzte Chance, mir den Namen des Attentatsopfers zu sagen.« Er stand auf. »Du sorgst dafür, daß der Lötkolben schön heiß bleibt, Tony, aber du benützt ihn nicht, bevor ich zurückkomme.« In der Eingangshalle im Erdgeschoß traf Howard auf Ziegler, Harris und Zeccara. Harris drehte an den Knöpfen des winzigen Kurzwellenempfängers herum, den er überallhin mitnahm, um Nachrichten hören zu können. Die beiden anderen, die ziemlich gute Deutschkenntnisse besaßen, arbeiteten Aktenstapel durch. Howard zog Ziegler beiseite. »Ich glaube, daß Eisener mehr weiß,, als er zugeben will, Mike«, sagte er müde. »Er legt es darauf an, sich nicht von mir bluffen zu lassen. Tony wirkt ziemlich überzeugend, aber in Wirklichkeit würde er den Lötkolben so wenig benützen wollen wie ich. Hey, Mel«, knurrte er, als das Pfeifen und Zischen des kleinen Radios ihn plötzlich irritierte, »mach das verdammte Ding aus, ja?« »Augenblick noch, Boß«, sagte Harris. »Okay, ich hab's – die gute alte neun-vier-eins-null.« Die atmosphärischen Störungen verstumm- ten; statt dessen hallten die vertrauten Klänge von Lillibollero und das nachfolgende Zeitzeichen blechern durch den Raum. Beim letzten Ton des Zeitzeichens sah Tony automatisch auf sei- ne Armbanduhr und stellte fest, daß sie zehn Sekunden vorging. Er wandte sich wieder an seinen alten Freund Ziegler. »Was sollen wir tun?« fragte er ihn. »Irgend jemand muß den Hundesohn energisch anpacken, Ed. Ei- ner von uns muß ihm weh tun.« »Wer? Du?« »Wir haben zuviel durchgemacht und sitzen zu tief in dieser Scheiße, als daß ich mich nicht verpflichtet fühlen würde, wenig- stens darüber nachzudenken«, sagte Ziegler langsam. »Aber… nein. Das ist nicht meine Art – so wenig wie Tonys oder deine.« Sie blieben einige Minuten lang schweigend stehen, dachten nach und hörten nebenbei die Nachrichtensendung des BBC World Service. Dann wandte Howard sich ab. »Also gut, ich muß mich über Funk bei Johnny melden – auch wenn's nicht viel zu berich- ten gibt. Übrigens noch etwas«, fügte er hinzu. »Eisener sagt, daß ihr in diesen Akten nichts Interessantes finden werdet. Zumindest das glaube ich ihm.« »Großartig!« ächzte Ziegler angewidert. »Ich hab's geahnt, daß wir damit bloß unsere Zeit vergeuden.« Als Howard wieder die Treppe hinaufstieg, arbeitete sein Verstand langsamer, als ihm lieb war. Er war müde, das wußte er; aber irgend, etwas beschäftigte ihn plötzlich, als er sich daran erinnerte, was Ei- sener über die Vorliebe des Generals für Geheimhaltung und Rätsel gesagt hatte. Was war das gleich wieder gewesen? Irgendwas über ›schwarz auf weiß‹ – ein Hinweis auf schriftliche Unterlagen. Ja, das mußte damit gemeint gewesen sein. Aber dann erinnerte er sich un- deutlich an eine Meldung, die eben aus Harris' kleinem Kurzwellen- empfänger gekommen war… Ziegler war wieder auf seinen Stuhl gesunken und beobachtete, wie Howard in den ersten Stock hinaufstieg. Er runzelte leicht die Stirn. Howard war plötzlich auf halber Treppe stehengeblieben. Ziegler starrte ihn neugierig an. Im nächsten Augenblick fuhr How- ard herum. »Mel! Los, raufkommen!« Ziegler sprang auf und spurtete die Treppe hinauf hinter ihm her. Harris und Zeccara wechselten einen Blick. »Was haben die plötzlich?« fragte Zeccara. »Keine Ahnung, Kumpel«, sagte Harris grinsend. »Aber ich schätze, daß der Boß eben die Antwort auf eine Frage gefunden hat, die ihn schon lange beschäftigt hat.« Howard und Ziegler rannten den Korridor entlang und stürmten in das Einzelzimmer, in dem Halliday sein Funkgerät aufgebaut hatte. Halliday drehte sich überrascht um. Er war nur mit einem Handtuch bekleidet. »Hallo, Boß«, sagte er unbekümmert. »Wird gleich Zeit für un- seren nächsten Funkspruch. Du hast hoffentlich nichts dagegen, daß ich inzwischen unter die Dusche gegangen bin. Jetzt bin ich den verdammten Aasgeruch endlich los.« Er beugte sich über das Funkgerät und schaltete es ein. »Okay, Ed«, sagte Ziegler, »dir ist irgendwas klargeworden. Also raus mit der Sprache!« Howards Augen glitzerten. »Ich weiß, wem das IRIS-Attentat gilt«, behauptete er. »Pete, ist dieser Kasten auch wirklich eingeschaltet?«, Halliday trocknete sich erst ganz ab, bevor er sich über das Funk- gerät beugte. Er runzelte die Stirn, während er mehrmals den Ein/ Aus-Schalter betätigte. »Scheiße«, murmelte er dann. »Muß an der Batterie liegen.« Er wühlte in seinem Rucksack nach einer neuen und murmelte dabei vor sich hin: »Das verdammte Ding dürfte nicht schon leer sein. Müßte noch stundenlang Saft haben…« Er wechselte rasch die Batterie und schaltete das Gerät erneut ein. Nichts. Hallidays Miene war ernst, als er jetzt zu Howard aufsah. »Tut mir leid, Boß, da stimmt irgendwas nicht. Das muß ich mir genauer ansehen.« »So schnell wie möglich, Pete«, sagte Howard so ruhig wie mög- lich. »Mike, komm, wir unterhalten uns draußen, während Pete das Funkgerät repariert.« Er führte Ziegler hinaus. Draußen im Flur sprach er mit halblauter Stimme schnell auf ihn ein. Ziegler grinste zustimmend und schlug sich mit der rechten Faust in die linke Hand. Dann steckte Halliday seinen Kopf in den Flur. »Boß? Ich muß dir was zeigen.« Howard sah, daß Halliday die Rückwand des Funkgeräts abge- schraubt hatte. Das Innere des Geräts mit seinen integrierten Schalt- kreisen war deutlich sichtbar. Howard beugte sich darüber. »Wo fehlt's?« erkundigte er sich. »Restlos durchgebrannt«, antwortete Halliday. »Siehst du diese Schaltkreise hier? Die sind hin. Unbrauchbar.« Howard und Ziegler begutachteten das Innenleben des Funkge- räts. Sie sahen, daß das Plastikmaterial an einigen Stellen verfärbt war und Blasen gebildet hatte. Howard sah Halliday scharf an. »Kannst du's reparieren?« »Sorry, Boß. Das ist ausgerechnet die Hauptplatine. Ohne Aus- tauschteil geht da nichts.« »Wie kann das passiert sein? Ist bei der Kriecherei durch die Röhre vielleicht Wasser reingekommen?«, »Das wäre möglich«, sagte Halliday aufgebracht, »wenn das Gerät nicht völlig dschungelfest wäre. Und wenn's in keinem wasserdich- ten Schutzgehäuse gesteckt hätte. Nein, das ist das Ergebnis eines massiven Stromstoßes. Und den kann's nicht geben – das Gerät ist dagegen geschützt.« »Also?« fragte Howard ruhig. Halliday zuckte mit den Schultern. In dieser Bewegung lag eine Mischung aus Zorn und Frustration. »Ich weiß keine Erklärung da- für, Boß«, sagte er. »Muß ein unglücklicher Zufall gewesen sein.« Howard kniff die Augen zusammen. Er wandte sich an Ziegler. »Mike, du holst Mel und Angelo her. Sag ihnen, daß sie die beiden Sanitätstaschen mitbringen sollen.« Keine Minute später öffnete Howard die beiden Taschen und kontrollierte ihren Inhalt. »Okay«, sagte er mit gefährlich leiser Stimme. »Angelo, du gehst und hilfst Tony, Oberst Eisener im Laufschritt in seine Zelle zurückzubringen. Danach treffen wir sechs uns hier oben im Büro des Generals. In zwei Minuten, okay?« Zeccara rannte hinaus. Nur Sekunden später waren draußen Schritte zu hören, als die beiden den Stasi-Oberst im Laufschritt in seine Zelle zurückbrachten. »Soll ich Sumi und Weatherill auch herholen, Boß?« fragte Har- ris. »Nein!« knurrte Howard. Er ging den Flur entlang ins große Büro voraus, in dem die Leiche des Generals noch immer in einer Ecke lag. »Zieh ihn aus, Mike«, sagte Howard. »Mel, du hilfst ihm dabei. Pete, du holst einen Eimer Wasser und einen Scheuerlappen.« Ziegler und Harris rissen dem Toten die Sachen vom Leib, wäh- rend Halliday, der noch immer nur mit seinem Handtuch bekleidet war, Wasser holte. Die unwillkürliche Lösung der Muskelspannung hatte kurz nach Erfurts Tod die übliche Kot- und Urinausschei- dung bewirkt. Nachdem Halliday aufgewischt hatte, beugte Howard, sich über den Toten, um ihn zu untersuchen. »Okay«, sagte er, als die anderen fünf wieder um ihn versammelt waren. »Da haben wir's. In der Vene auf der Innenseite des linken Fußknöchels. Verdammt deutlich sichtbar, wenn man weiß, wonach man suchen muß. Will jemand sich selbst davon überzeugen?« Die anderen verzichteten darauf; sie waren auch so überzeugt. Angefangen hatte alles mit Alexander Plasnins Bericht über unge- heure zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen in Sunan. Als nächstes hatten sie mit eigenen Augen die massiven Truppenbewegungen im Gebiet um Jöngbjön beobachtet. Dann war die russische Antonow abgeschossen worden. Jetzt war ihr Funkgerät, ihre einzige Verbin- dung zur Außenwelt, durch einen unerklärlichen Stromstoß irrepa- rabel beschädigt worden. Und aus einer ihrer Sanitätstaschen fehl- ten zwei Gegenstände: eine 10-ml-Spritze und die dazugehörige In- jektionsnadel. Der Einstich im Knöchel des Generals bestätigte nur, was sie schon wußten. Ziegler sprach als erster. »Womit ist er umgebracht worden, Ed?« »Keine Ahnung«, antwortete Howard, der sich plötzlich wieder müde fühlte. »Vielleicht mit Kaliumchlorid. Das wäre die schnellste und effektivste Methode. Aber dafür kommen viele Mittel in Frage. Batteriesäure, eine in die Vene injizierte Luftblase… da gibt's tau- send Möglichkeiten. Tony und ich haben natürlich auf Herzschlag getippt. Ich kann nur vermuten, daß er ermordet worden ist, um zu verhindern, daß er mir etwas Wichtiges verrät. Er ist noch gefesselt gewesen, als er tot aufgefunden worden ist, folglich scheidet Selbst- mord aus. Und keiner der anderen Stasi-Gefangenen hat Gelegen- heit gehabt, ihn zu ermorden.« »Genau das haben wir noch gebraucht«, sagte Ziegler. »Wer?« fragte Harris aufgebracht. »Die Kleine«, murmelte Zeccara. »Nein«, widersprach Halliday. »Der Doc«, knurrte Ackford., »Sie oder er«, stellte Howard fest. »Kim Sumi oder Richard Wea- therill. Einer der beiden ist ein Verräter.«

Komm schon, Ed, komm endlich!« murmelte Bourne verzweifelt.Goodale machte ein nachdenkliches Gesicht. »Wieviel Verspä-

tung hat er jetzt?« fragte er. »Zwei Stunden.« »Kann das irgendwie mit den Umlaufzeiten des Satelliten zu tun haben? Vielleicht hat kein geeigneter Satellit am Himmel gestanden. Oder vielleicht ist er mit anderen Meldungen überlastet gewesen. Tut mir leid, aber davon verstehe ich so gut wie nichts.« Bourne schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nein, nein, daran liegt's nicht. Der Satellit braucht nicht genau über ihnen zu stehen. Er muß lediglich über dem Horizont sichtbar sein. Und seine Kapazi- tät reicht immer aus.« »Nun«, fuhr Goodale fort, »Sie haben gesagt, eine Verzögerung sei normal. Vielleicht ist die diesmal nur länger als sonst.« »Nein«, widersprach Bourne gereizt. »Klar ist eine Verzögerung normal – aber keine so lange. Meistens dauert die Pause nur unge- fähr eine halbe Stunde, und länger als eineinhalb Stunden ist sie nie. Irgendwas ist da nicht in Ordnung.« »Worauf tippen Sie?« fragte Goodale vorsichtig. »Ihr verdammtes Funkgerät muß ausgefallen sein«, antwortete Bourne. »Andererseits fallen diese Geräte nie aus – sie sind extrem zuverlässig. Und selbst wenn es ausgefallen wäre, könnte Pete Halli-, day es instand setzen. Er kann alles reparieren. Angelo hat mir mal erzählt, wie ihr PRC-319 irgendwo droben in der Arktis ausgefallen ist. Wissen Sie, was Pete gemacht hat? Er hat in einer Hütte ein altes Universalmeßgerät entdeckt – ein uraltes, fast museumsreifes Ding. Damit hat er festgestellt, wo das Problem lag. Das hat nicht lange gedauert, obwohl er bestimmt Hunderte von Schaltkreisen hat prüfen müssen. Jedenfalls hat sich rausgestellt, daß ein einziger Widerstand defekt war – ein winziges Teil, nicht mal so groß wie ein Reiskorn. Als nächstes hat Pete dieses Meßgerät zerlegt und da- rin einen Widerstand mit gleicher Ohmzahl gefunden, der aller- dings zwanzigmal größer als der Originalwiderstand im Funkgerät war. Mit einem Gasfeuerzeug, etwas Lötzinn und einem Stück Draht ist's ihm gelungen, das Ding einzulöten. Danach hat ihr Funkgerät wieder einwandfrei funktioniert. So gut ist Pete Halli- day!« »Ja, ich verstehe«, sagte Goodale. Er schwieg eine Zeitlang, wäh- rend er beobachtete, wie die Frustration seines Gefährten wuchs. »Hören Sie, Johnny«, begann er dann vorsichtig, »vielleicht sollten wir uns mit der Möglichkeit abfinden, daß dort ein ernsteres Pro- blem existiert.« »Nein«, sagte Bourne leise. »Wir dürfen nicht einfach ignorieren, was alles passiert ist, wissen Sie.« »Das weiß ich, Oberst. Aber ich kenne Ed Howard. Er würde sich nie wie eine Ratte in einer Falle fangen lassen.« »Vielleicht weiß er nicht, was sonst noch alles passiert ist.« »Ed weiß, daß die Sicherheitsmaßnahmen in Sunan verstärkt wor- den sind, und ist auch über den Abschuß der Antonow informiert.« »Aber er kann nichts von dem Piepser wissen«, stellte Goodale fest. Bourne hob überrascht den Kopf. »Piepser? Was meinen Sie da- mit?«, »Entschuldigung, Johnny, das hätte ich Ihnen gleich erzählen sol- len. Ich habe selbst erst vor einer Stunde davon erfahren – deshalb bin ich vorhin verspätet gekommen. Ich habe eine Meldung des hiesigen Oberkommandos der US-Air-Force erhalten und mußte dort anrufen, um sie mir bestätigen zu lassen… Der Teufel soll die Kerle holen!« fügte Goodale aufgebracht hinzu. »Sie hätten mich schon vor fünf Stunden benachrichtigen können, aber die Sache ist ihnen nicht wichtig genug vorgekommen. Dann hätten wir Howard warnen können.« »Was soll das heißen, Oberst?« fragte Bourne besorgt. »Gestern morgen, nur wenige Stunden nach dem Fallschirmab- sprung, ist auf einer der internationalen Notfrequenzen ein Pieps- ton gesendet worden. Er sollte offenbar angepeilt werden können. Die amerikanische National Security Agency, die den nordkoreani- schen Funkverkehr überwacht, hat festgestellt, daß die Nordkorea- ner offenbar nichts damit anfangen konnten – sie haben ein Mili- tärkommando losgeschickt, um den Sender suchen zu lassen. Die NSA hat seinen weiteren Weg vom Fundort aus mit Hilfe des Piepstons verfolgt. Der Sender ist zum nächsten Militärstützpunkt gefahren und von dort aus mit einem Hubschrauber nach Pjöng- jang geflogen worden. Ungefähr eine Stunde nach der Ankunft in Pjönjang hat er zu senden aufgehört – vermutlich weil er von ei- nem ihrer Fachleute zerlegt worden ist.« »Okay, dann haben die Nordkoreaner also einen TACBE – oder wie das Ding bei ihnen heißt – aufgespürt«, murmelte Bourne. »Kein Grund zur Aufregung.« »Verdammt, was ist ein TACBE?« »Viel, fürchte ich«, antwortete Goodale sichtlich besorgt. »Gestern ist kein nordkoreanisches Flugzeug abgestürzt – das hat die NSA bestätigt. Sie hätte den entsprechenden Funkverkehr mitgehört. Und der Peilsender ist genau dort aktiviert worden, wo die Fallschirmspringer gelandet sind. Er ist lange vor dem, Eintreffen der Nordkoreaner aktiviert worden – er hat sie überhaupt erst angelockt.« »O nein!« rief Bourne entsetzt aus. »Das ist ein ›Tactical Beacon‹«, sagte Bourne. »Ein Notsender von der Größe eines Walkmans. Piloten führen ihn mit, damit sie schnell gefunden werden, falls sie aussteigen müssen. Offenbar ist ein nordkoreanisches Flugzeug abgestürzt, und der TACBE des Pi- loten hat die Bergungsmannschaft zu ihm geführt. Jetzt ist er wie- der in Pjöngjang, wie Sie gesagt haben. Was hat das mit Ed und den anderen zu tun?« »Doch, das stimmt leider, Johnny. Einer aus dem Team muß ihn dort zurückgelassen haben – wahrscheinlich mit einer Mitteilung über Einzelheiten des Unternehmens. Ich vermute, daß der Peilsen- der und die Mitteilung unmittelbar zur plötzlichen Steigerung mili- tärischer Aktivitäten und zum Abschuß der Antonow geführt ha- ben.« Bourne war wie vor den Kopf geschlagen. »Nein«, murmelte er benommen. »Bei diesem Unternehmen ist schon zuviel schiefgegangen, John- ny«, stellte Goodale fest. »Vor ein paar Stunden ist der Stasi-General Erfurt gestorben. Womöglich hat er als einziger gewußt, wem das IRIS-Attentat gelten soll. Vielleicht ist sein Tod kein Unfall ge- wesen. Jetzt scheint die Funkverbindung abgerissen zu sein. Viel- leicht ist das Funkgerät sabotiert worden. Das sind einfach zu viele ›Zufälle‹.« Bourne starrte zu Boden, während er sich bemühte, Argumente gegen Goodales unwiderlegbare Logik zu finden. Schließlich hob er den Kopf. »Was können wir tun?« fragte er. »Nichts, fürchte ich. Überhaupt nichts.«,

Glaubst du, daß du mit diesem alten Klapperkasten zurecht-kommst?« fragte Howard.

Er stand mit Halliday in der Nachrichtenzentrale des Stasi-Stütz- punkts. Das Funkgerät war ein großer, klobiger Kasten – ungefähr dreißig Zentimeter hoch, sechzig breit und fünfundvierzig tief –, der massiv auf einem Metalltisch thronte. Howard fühlte sich an das längst veraltete Funkgerät C42 der britischen Armee erinnert, aber Halliday erklärte ihm sofort, dies sei kein UKW-, sondern ein Kurzwellensender. »Wahrscheinlich hat er trotz seiner Größe nicht viel Leistung«, sagte Halliday. »Vielleicht nur fünfundzwanzig Watt Sendeleistung – aber das ist mehr als reichlich.« »Kommst du damit nach Seoul durch?« »Kein Problem, wenn die Stasi-Kerle ein vernünftiges Antennen- system auf dem Dach haben. Haben sie keines, kann ich eines in- stallieren, was natürlich gewisse Zeit dauert. Aber um Seoul zu er- reichen, brauche ich eine bestimmte Frequenz – und ich hab keine Ahnung, auf welcher dort jemand hörbereit ist. Das ist der Nach- teil der guten alten Kurzwelle…« Halliday runzelte die Stirn, wäh- rend er rasch alle Möglichkeiten erwog. Dann hellte seine Miene sich auf. »Ich hab's! Ich versuche Hereford zu erreichen. Die geben dann unsere Meldung weiter.« »Glaubst du, daß du Hereford mit diesem Ding erreichst?« »Dürfte kein Problem sein. Die Stasi-Leute haben den Sender für Sprechverkehr eingerichtet, aber ich kann ihn leicht auf Tastfunk umstellen. Dazu schließe ich die Morsetaste unseres Funkgeräts an. Aber ist dir klar, was passiert, sobald ich sende?«, »Ja, ich weiß«, antwortete Howard grimmig. »Die Nordkoreaner hören mit. Okay, ich verschlüssle die Meldung.« »Das hindert sie nicht daran, den Sender anzupeilen, Boß. Damit haben sie uns sofort. Ich würd mich sehr wundern, wenn sie mehr als fünf Sekunden dafür brauchen. Mit diesem alten Scheißkasten kann ich keinen komprimierten Funkspruch absetzen. Technisch gesehen«, fügte er angewidert hinzu, »steht er nicht allzu hoch über einem optischen Telegraphen.« »Ich weiß, Pete«, sagte Howard. »Aber wir müssen einfach durch- kommen. Du schaltest ihn ein und läßt ihn warm werden, ohne schon etwas zu senden. Wir funken erst, bevor wir abhauen. Wer weiß, vielleicht gewinnen wir eine halbe Stunde Vorsprung, bevor die Nordkoreaner hier aufkreuzen.« Aber das glaubte er selbst nicht, und er wußte, daß Halliday ebenso skeptisch war. Die mas- siven Truppenverstärkungen, die sie auf ihrem Marsch nach Jöng- bjön beobachtet hatten, waren nur fünf Autominuten entfernt. »Ich bereite alles vor, Boß«, sagte Halliday. »Hast du übrigens die- se Personalakte gesehen? Sie ist ungefähr der einzige interessante Fund, den wir hier gemacht haben. Sie enthält die Fotos und Na- men aller hiesigen Stasi-Ganoven – allerdings ohne weitere Anga- ben.« Howard ließ sich den Ordner geben und blätterte ihn durch. »Hm. Hätten wir den gleich gefunden, hätten wir uns einiges an Zeit gespart, aber das spielt keine Rolle mehr. Wir wissen inzwi- schen, wer die einzelnen Leute sind.« »Yeah, Boß, aber sieh dir den hier an…« Halliday blätterte weiter, bis er ein bestimmtes Foto gefunden hatte. Er tippte darauf. »Der ist nicht hier. Ich habe unsere Gefangenen und die Erschossenen kontrolliert – alle da, nur dieser Hundesohn nicht. Was hältst du davon?« Howard studierte das Foto. Halliday hatte ein gutes Personenge- dächtnis, das wußte er, aber der Mann hier sah nicht besonders, wichtig aus. Das grobkörnige kleine Paßfoto zeigte einen Mann von etwa dreißig Jahren. Wie die meisten anderen blickte er starr und leicht abweisend in die Kamera, so daß sein Gesichtsausdruck schwer zu deuten war. »Ich erkenne ihn auch nicht«, gab Howard zu, »aber ich habe diese Fotos schon anderswo gesehen. Sie sind für Dienstausweise in Jöngbjön gemacht worden. Das ist der einzige Grund.« »Das weiß ich, Boß«, sagte Halliday, »aber dieser Mann ist ein- deutig nicht da. Glaubst du, er könnte sich irgendwo versteckt ha- ben?« »Nein.« Howard schüttelte den Kopf. »Wir haben das Gebäude gründlich durchsucht. Hier hält sich niemand versteckt.« Er klemm- te sich den Ordner unter den Arm. »Vielleicht hat er irgendwo Dienst – drüben im Kernforschungszentrum oder sonstwo. Ich frage Eisener nach ihm. Okay?« »Okay, Boß«, sagte Halliday. »Wahrscheinlich steckt nichts dahin- ter. Der Kerl sieht nicht gerade wichtig aus. Irgendein Laufbursche, schätze ich.« Howard verließ die Nachrichtenzentrale und machte sich auf die Suche nach Ziegler. »Wir müssen alles vorbereiten, damit wir uns schnell absetzen können, Mike. Wo ist Tony? Er soll die Stasi-Fahr- zeuge fachmännisch begutachten.« Ziegler hatte keine Gelegenheit, Howards Frage zu beantworten, denn in diesem Augenblick tauchte Halliday auf. »Sorry, Boß«, sagte er mit grimmiger Miene. »Das Stasi-Funkgerät können wir vergessen.« »Was? Ist das etwa auch sabotiert worden?« »Nein, Boß. Aber unser alter Freund, der Specht, ist wieder am Werk. Mindestens so stark, wie ›Mars Bar‹ und ›Crunchie‹ der Rus- sen in der schlechten alten Zeit gewesen sind. Draußen wird massiv gestört. Die Störsender überlagern alle Kurzwellenbänder und schei- nen erst vor kurzem in Betrieb gegangen zu sein. Versuch's mal mit Mels Kurzwellenempfänger – der hat vor einer halben Stunde noch, funktioniert, aber ich möchte wetten, daß der auch gestört wird.« »Verdammt!« sagte Howard enttäuscht. »Schön, das war wohl nichts. Mike, wir müssen uns was anderes einfallen lassen.« »Darf ich was anderes vorschlagen, Ed, nachdem wir jetzt an- scheinend etwas überschüssige Zeit haben?« »Meinetwegen darfst du vorschlagen, was du willst, solange du nicht daran denkst, das Telefon zu benützen.« »Nein, das ist's nicht – ich hab ohnehin keine nordkoreanischen Dimes einstecken«, fügte er spöttisch hinzu. »Es geht um folgen- des…« Ziegler erläuterte ruhig, was er sich vorstellte. Howard hörte auf- merksam zu, nickte mehrmals und machte gelegentlich eigene Vor- schläge. »Du hast recht, Mike«, sagte Howard schließlich. »Mir gefällt die Idee auch nicht, von hier aufzubrechen, ohne Klarheit zu haben. Aber wir müssen sie uns verschaffen, ohne einen der beiden miß- trauisch zu machen. Wo sind sie im Augenblick?« »Soviel ich weiß, schlafen beide noch.« »Okay, ich denke, ich weiß jetzt, wie ich die Sache angehen muß. Als erstes nehme ich mir Weatherill vor. Du richtest ihm aus, daß ich ihn im Dienstzimmer des Generals erwarte, um mit ihm zu be- sprechen, wo sein Überwachungsgerät aufgestellt werden muß. Aber laß mir einen Augenblick Zeit, damit ich die Leiche zudecken kann – er soll nicht merkten, daß wir sie untersucht haben.« »Klar.« Einige Minuten später betrat Weatherill das große Büro im ersten Stock, wo Howard vor einem an der Wand hängenden Übersichts- plan der Kernforschungsanlage Jöngbjön stand. »Komm her, Richard, und erklär' mir, welche Funktion die einzel- nen Gebäude der Anlage haben«, forderte Howard ihn auf. »Unser Freund Eisener wirkt sehr kooperativ, aber er behauptet, es werde schwierig sein, uns so nahe an die wichtigsten Einrichtungen heran-, zubringen, daß wir dein Überwachungsgerät aufstellen können. Ehr- lich gesagt…« Howard schüttelte den Kopf, »…weiß ich nicht, ob ich ihm trauen kann. Aber ich weiß, daß ich mich nicht auf ihn ver- lassen werde, wenn's um die Funktion dieser Gebäude und den besten Platz für die Aufstellung deines Geräts geht. Du bist der Fachmann, du kannst mir die Anlage am besten erklären.« Weatherill trat an den Übersichtsplan und tippte mit dem Zeige- finger darauf. »Okay, wir sind hier – unmittelbar südlich der Straße und knapp einen halben Kilometer nördlich des Flusses Kurjong. Die Straße biegt nach Süden in diese große Flußschleife ab. Inner- halb der ungefähr zweieinhalb Kilometer breiten Schleife liegen alle neueren Einrichtungen. Hier im Süden haben die Nordkoreaner einen riesigen Uferdamm errichtet, um zu verhindern, daß das Ge- lände überschwemmt wird. Er ist fast dreieinhalb Kilometer lang und über dreißig Meter hoch.« »Warum haben sie riskiert, ihr Forschungszentrum hier zu errich- ten«, fragte Howard, »wenn das Gelände so leicht überschwemmt werden kann?« »Ganz einfach – sie brauchen das Wasser, um die Reaktoren zu kühlen«, antwortete Weatherill. »Ja, natürlich. Und wo genau stehen die Reaktoren?« »Ein kleiner steht hier oben im Norden jenseits des Flusses: ein Gas-Graphit-Reaktor mit fünf Megawatt Leistung, der etwa unserem Reaktor in Calder Hall entspricht. Er ist seit ungefähr 1985 in Be- trieb. Die beiden Kühltürme, zwischen denen der Reaktor steht, sind von hier aus sichtbar. Wir vermuten, daß er pro Jahr ungefähr fünf Kilogramm Plutonium 239 erzeugt.« »Ist das viel? Das kann ich nicht beurteilen.« »Nicht im Vergleich zur Produktion des anderen Reaktors, der hier unten im Süden steht.« Der Atomphysiker tippte auf ein gro- ßes Gebäude in der Flußschleife. »Das ist ein Reaktor mit fünfzig Megawatt Leistung. Seine Jahresproduktion liegt logischerweise, zehnmal höher – bei mindestens fünfzig Kilogramm. Wir vermuten, daß er noch nicht voll in Betrieb ist, aber die Nordkoreaner bemü- hen sich eifrig, ihn hochzufahren. Jedenfalls haben diese beiden Re- aktoren wahrscheinlich schon ausreichend Pu 239 für den Bau von fünf bis sechs Kernwaffen produziert.« »Hm.« Howard machte ein ernstes Gesicht. »Trotzdem sind das für diesen Aufwand nicht sehr viele. Warum nur fünf oder sechs?« »Nun, theoretisch braucht man für den Bau einer Atombombe nur ein paar Kilogramm Pu 239. Aber man muß es anreichern – wiederaufbereiten –, und das Verfahren ist sehr zeitraubend. Außer- dem beträgt der Wirkungsgrad nur etwa zehn Prozent. Daher die großen Verluste.« »Wo findet diese Wiederaufbereitung statt?« wollte Howard wis- sen. »Hier«, antwortete Weatherill und zeigte auf ein Gebäude in der Nähe des 50-MW-Reaktors. »Dieser Komplex ist über hundertfünf- zig Meter lang und fast zwanzig Meter hoch.« Howard machte große Augen. »So riesig? Nur um ein paar Kilo Plutonium zu verarbeiten?« »Ganz recht. Lagerung und Verarbeitung von Pu 239 erfordern umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen, und die Zentrifugen und die übrigen Maschinen zur Wiederaufbereitung sind nicht gerade klein.« »Ja, ich verstehe«, sagte Howard. »Wozu dienen die anderen Ge- bäude in der Nähe des Reaktors?« »Dieses hier ist interessant«, sagte Weatherill und tippte darauf. »Dort werden Reaktorbrennstäbe hergestellt. Ansonsten umfaßt die- ser Komplex noch Verwaltungsgebäude, Tanks für kontaminierte Flüssigkeiten und dergleichen.« »Okay«, sagte Howard, »das waren also die beiden Komplexe in unmittelbarer Nähe der Reaktoren. Welchen Zweck haben die übri- gen Gebäudegruppen?«, »Die hängen alle irgendwie zusammen. Zum Beispiel ist dieser Komplex hier…« Weatherill deutete auf eine große Gebäudegruppe in der Mitte der Flußschleife »…das eigentliche Forschungszentrum. Westlich davon liegen die Labors für Radiochemie. Hier oben, un- mittelbar südwestlich des kleineren Reaktors, befindet sich ein Wohngebiet für Techniker und Wissenschaftler. Diese Einrichtung auf einem Hügel im Nordosten ist eine Raketenstellung zur Luftver- teidigung, und die Stadt Jöngbjön selbst liegt einige Kilometer wei- ter nordöstlich.« »Okay, das genügt als Überblick… Aber was interessiert uns am meisten?« fragte Howard. »Welchen Punkt soll ich Eisener angeben, wenn es darum geht, wo dein Überwachungsgerät aufgestellt wer- den muß?« »Eindeutig diesen hier«, antwortete Weatherill und tippte auf ei- nen Punkt der südlichsten Gebäudegruppe. »Es muß hier stehen, um Temperaturveränderungen messen zu können. Du hast das Ge- rät gesehen – es ist klein und unauffällig. Seine Meßwerte gelangen direkt zum Satelliten Skynet-4, der sie nach Oakhangar übermittelt, damit wir sie auswerten können. Dann wissen wir genau, was in die- sem neuen Reaktor vor sich geht und was die Nordkoreaner wirk- lich vorhaben.« »Richtig«, sagte Howard nickend. »Aber mich interessiert noch et- was… Die Frage klingt vielleicht dumm, aber woher weiß der Wes- ten, daß diese Anlage kein völlig normales Atomkraftwerk ist? Ich weiß, daß die Nordkoreaner einen schlechten Ruf haben, aber sie brauchen Elektrizität wie andere Leute auch. Woher wissen wir, daß hier nicht ganz legitim Strom erzeugt wird?« »Das ist keine dumme, sondern eine sehr berechtigte Frage«, stell- te Weatherill nachdrücklich fest. »Aber die Antwort ist einfach: Hier gibt's keine Dampfturbinen zur Stromerzeugung, kein Um- spannwerk, keine Hochspannungsmasten und keine Überlandlei- tungen, die von hier wegführen. Jöngbjöns gesamte Produktion, dient der Gewinnung von Pu 239 – das ist der einzige Zweck der Anlage. Und die Nordkoreaner haben die bisher produzierten Plu- toniummengen bewußt vor der Internationalen Atomenergie-Be- hörde verheimlicht. Dafür gibt es nur eine mögliche Erklärung: Dieses Plutonium wird ausschließlich für den Bau von Kernwaffen hergestellt und weiterverarbeitet.« »Also gut, Richard«, sagte Howard langsam, »du hast mich über- zeugt. Dieses Gespräch ist sehr nützlich gewesen – vielen Dank für deine Erklärungen. Jetzt weiß ich endlich, worum es hier geht. Du machst dein Gerät einsatzbereit, und ich nehme mir Oberst Eisener noch mal vor. Wenn ich ihm einfach sage, welchen Punkt wir errei- chen müssen, kann er keine großen Einwände erheben, stimmt's?« Als Weatherill gegangen war, wies Howard Ackford an, Eisener zu holen. Zwei Minuten später saß der Stasi-Oberst wieder auf dem Stuhl. Er wirkte leicht überrascht, als Ackford ihn diesmal nicht fesselte. »Ich will Sie im Augenblick nicht wieder mit Fragen nach dem IRIS-Attentat bedrängen, Oberst«, begann Howard. »Als erstes möchte ich etwas vielleicht Nebensächliches aufklären.« Er griff nach dem Ordner, den er von Halliday hatte, schlug ihn an der markierten Stelle auf und hielt ihn Eisener hin. »Wer ist dieser Mann?« Eiseners Gesichtsausdruck zeigte, daß er das Foto sofort erkannte. »Ah, der arme Peter«, sagte er. »Schade um ihn!« »Was soll das heißen?« fragte Howard. Eisener machte eine vielsagende Handbewegung. »Ein hochbegab- ter, vielversprechender junger Mann. Er ist auf einem Flug mit China Airways von Pjöngjang nach Peking bei einem Flugzeugab- sturz ums Leben gekommen. Eine sehr unzuverlässige Fluggesell- schaft mit hoher Unfallhäufigkeit, obwohl ihre Unfälle natürlich nie gemeldet werden – ähnlich wie früher bei der sowjetischen Aeroflot, wie Sie bestimmt wissen, Major. Der General hatte Peter, losgeschickt, um eine Sendung abholen zu lassen.« Eisener runzelte die Stirn. »Er hätte einen gewöhnlichen Kurier losschicken sollen – sogar dieser Trottel Kleinhoff hätte diesen Routineauftrag ausführen können. Jedenfalls ist sein Flugzeug vor Shanhua im Mündungsge- biet des Gelben Flusses ins Meer abgestürzt. Überlebende hat es keine gegeben. Natürlich war die Maschine weit südlich vom Kurs abgekommen, aber den Grund dafür haben wir nie erfahren. Die Chinesen haben keine Einzelheiten bekanntgegeben.« Howard nickte. »Ich möchte gleich noch etwas klären«, fuhr er fort. »Sie haben mir schon einiges über den Komplex Jöngbjön erzählt. Sind Sie so freundlich, meine Erinnerung aufzufrischen?« »Natürlich, Major«, antwortete Eisener. »Was möchten Sie wis- sen?« »Zeigen Sie mir einfach, wo der neue Fünfzig-Megawatt-Reaktor steht. Ja?« Eisener stand auf, trat an den Übersichtsplan und tippte auf ein Gebäude. »Hier«, sagte er. »Und die Wiederaufbereitungsanlage?« »Hier«, sagte der Oberst und tippte auf ein weiteres Gebäude. Howard ließ sich auch die sonstigen Anlagen zeigen, deren Zweck Weatherill ihm erklärt hatte, und forderte ihn danach mit ei- ner Handbewegung auf, wieder Platz zu nehmen. »Danke, Oberst«, sagte er. Dann nickte er Ackford zu, der sich Eisener griff und ihn an den Stuhl zu fesseln begann. »Major, das ist nicht nötig!« protestierte Eisener. »Ich bin bereit, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.« »Doch, Oberst, das ist leider nötig, glaube ich. Sie haben mich angelogen. Sie haben die Gebäude nicht richtig bezeichnet.« Macht er einen Rückzieher? fragte Howard sich gespannt. Oder bleibt er bei seiner Darstellung? »Ich habe die Wahrheit gesagt«, beteuerte Eisener indigniert. »Das, kann ich beweisen!« »Und wie wollen Sie das anstellen, Oberst?« »Lassen Sie Dr. Erich Gerber heraufholen. Er wird bestätigen, was ich gesagt habe. Er ist einer Ihrer Gefangenen im Keller.« »Bitte beschreiben Sie ihn.« Eisener beschrieb ihn. Howard nickte Ackford zu, der hinausging, um den Mann zu holen. Gerber war blaß und schmächtig; er wirk- te äußerst nervös, als Ackford ihn grob hereinstieß. Als er Eisener an einen Stuhl gefesselt sah, holte er erschrocken tief Luft und frag- te sich angstvoll, was ihm bevorstehen mochte. »Sagen Sie's ihm, Oberst«, verlangte Howard. Eisener sprach ihn mit ruhiger Stimme an. »Gerber, ich erteile Ihnen jetzt einen Befehl«, sagte er auf deutsch, »den Sie sofort aus- führen müssen. Zeigen Sie dem Herrn Major auf dem Plan, wo der neue Fünfzig-Megawatt-Reaktor steht. Los!« Gerber zögerte kurz. »Soll ich wirklich…?« »Ausführung!« blaffte Eisener. Gerber trat an den Übersichtsplan und zeigte auf ein Gebäude. »Jetzt die Wiederaufbereitungsanlage«, befahl der Oberst ihm. Gerber zeigte auf ein anderes Gebäude. Auf Eiseners Drängen bezeichnete er auch die übrigen Bestandteile der Anlage. Howard sprach ihn auf deutsch an. »Woher wissen Sie, wozu diese Gebäude dienen?« Gerber sah zu Eisener hinüber, als sei er unsicher, ob er diese Frage beantworten dürfe. Der Oberst nickte. »Sagen Sie's ihm.« »Nun, Herr Major«, begann Gerber zögernd, »ich müßte's am besten wissen. Ich bin von Beruf Kernphysiker und damit beauf- tragt, bestimmte Aspekte des hiesigen Nuklearprogramms zu über- wachen. Aber ob ich die Wahrheit gesagt habe, können Sie leicht überprüfen. Sie brauchen nur Ihren Dr. Richard Weatherill zu fra- gen.«, Howard starrte den Deutschen verblüfft an. »Woher kennen Sie Dr. Weatherill?« »Ich kenne ihn nicht persönlich«, sagte Gerber, »aber ich kenne seinen Namen. Ich habe seine Arbeiten über Kernphysik gelesen und sein Foto in Fachzeitschriften gesehen. Deshalb habe ich ihn gleich erkannt, als ich ihm vorhin im Flur begegnet bin. Ich muß sagen, daß seine Teilnahme an Ihrem Kommandounternehmen mich sehr überrascht hat. Er ist ein ausgezeichneter englischer Wis- senschaftler.« Für Howard stand außer Zweifel, daß der Mann die Wahrheit sagte. Wer außer einem anderen Physiker wäre über Weatherill in- formiert gewesen? »Danke, Dr. Gerber«, sagte er, »Sie können ge- hen. Tony, bring ihn wieder nach unten.« Howard ging zu Eisener hinüber und fing an, seine Fesseln zu zerschneiden. »Bitte entschuldigen Sie, Oberst«, sagte er dabei. »Dieser Test ist vielleicht etwas plump gewesen, aber ich mußte mir Gewißheit verschaffen. Ich hatte mir die Gebäude natürlich schon von Dr. Weatherill zeigen lassen, deshalb habe ich gewußt, daß Sie die Wahrheit sagen. Aber etwas anderes ist mir noch immer rätsel- haft.« »Ja, Major?« »Warum arbeiten Sie so bereitwillig mit uns zusammen?« Erstmals seit Beginn der Vernehmungen durch Howard wirkte Gerhard Eisener echt verblüfft. »Aber ich dachte, das sei Ihnen von Anfang an klar gewesen. Major, ich dachte, das hätten Sie verstan- den. Die Antwort ist einfach: Weil ich hoffe, daß das in meinem wohlverstandenen Interesse liegt. Und damit meine ich nicht nur, daß ich mir Schmerzen ersparen möchte.« Er sah zur Ecke hinüber. »General Erfurts Leiche hat mir bewiesen, daß Sie vor nichts zu- rückschrecken, um sich die gewünschten Informationen zu beschaf- fen, und ich bin wirklich sehr schmerzempfindlich. Aber selbst wenn ich Zweifel an Ihrer Entschlossenheit hätte, würde ich trotz-, dem mit Ihnen zusammenarbeiten.« Howards Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte. Er war froh, daß Eisener befürchtet hatte, er riskiere, gefoltert zu werden, und nahm sich vor, dafür zu sorgen, daß der General wieder ange- zogen wurde, bevor sie abfuhren. »Das müssen Sie mir erklären, Oberst.« Eisener seufzte. »Ich dachte, das hätten Sie erraten. Die Sache ist ganz einfach. Im Prinzip bin ich ein… ein Söldner. Nicht alle meine Kollegen fühlen sich so, aber die meisten denken nicht anders als ich. Warum würden wir sonst hier für die Nordkoreaner arbeiten, die wir nicht leiden können? Das liegt natürlich auch daran, daß wir in der Heimat nicht länger willkommen sind, aber aus meiner Sicht ist der Hauptgrund, daß wir dafür gut bezahlt werden. Gene- ral Erfurt hat alles vom ideologischen Standpunkt aus beurteilt. Ich selbst habe mich nie mit Ideologien abgegeben, und das alte kom- munistische Gedankengut, das wir früher propagieren mußten, ist jetzt natürlich in Mißkredit geraten. Ich habe die Ansichten des Ge- nerals nie geteilt, obwohl ich ihm das natürlich nicht gesagt habe.« »Wie hat der General den Vorschlag aufgenommen, die Stasi solle bezahlte Aufträge ausführen, wenn er so linientreu gewesen ist?« »Oh, es ist nicht besonders schwierig gewesen, ihn zu etwas zu überreden, das sich als gegen die Interessen des Westens gerichtet ausgeben ließ. Beispielsweise… nun, tatsächlich ist der Vorschlag, den IRIS-Auftrag anzunehmen, von mir gekommen. Ich bin persön- lich von den Iranern angesprochen worden, die ihren Londoner Mittelsmann mit der Suche nach einer geeigneten Organisation be- auftragt hatten. Man hat mich gefragt, ob wir gegen großzügige Vergütung ein wichtiges Attentat für sie ausführen würden. Dazu mußte ich natürlich die Zustimmung des Generals einho- len. Normalerweise hätte er den Auftrag strikt abgelehnt, aber ich habe darauf hingewiesen, auch die Iraner seien Todfeinde des Wes- tens – was sie schließlich oft genug bewiesen hatten! Deshalb könne, es nicht schaden, sondern nur nützen, mit ihnen zusammenzuarbei- ten… noch dazu für gutes Geld. Er hat sich von mir überzeugen lassen, aber dann wie üblich die Leitung des Unternehmens an sich gerissen und mich kaum noch darüber informiert. Sehen Sie, für den General ist alles eine Frage der politischen Kor- rektheit gewesen. Ich dagegen habe diesen Auftrag nur als lukrative geschäftliche Vereinbarung gesehen. Verstehen Sie, was ich meine?« »Allerdings«, bestätigte Howard. Er musterte Eisener prüfend. »Sa- gen Sie, Oberst, würden Sie für jeden arbeiten, der Sie bezahlt? Wirklich für jeden?« »Ja«, sage Eisener einfach. »Würden Sie für uns arbeiten?« »Ich habe gehofft, daß Sie das fragen würden«, antwortete Eisener grinsend. »Ja, das würde ich. Gegen gute Bezahlung würde ich's selbstverständlich tun… Hören Sie, Major, ich habe eine Idee – wahrscheinlich die gleiche wie Sie. Vermute ich aufgrund einiger Fragen richtig, daß es zu Ihrem Auftrag gehört, mehr über das For- schungszentrum Jöngbjön in Erfahrung zu bringen?« »Richtig«, bestätigte Howard. »Gut. Ich bin erleichtert, daß Sie nicht irgendeinen Sabotageakt planen. Die Anlage ist so riesig, daß es fast unmöglich wäre, mehr als nur leichten Schaden anzurichten – und selbst damit wäre nicht viel geholfen. In Nordkorea gibt es weitere sieben kerntechnische Anlagen, von denen diese allerdings die wichtigste ist. Die Lösung liegt auf der Hand: Damit Sie nicht versuchen müssen, selbst in die Anlage hineinzukommen, könnte ich Ihnen die benötigten Infor- mationen liefern. Gegen gutes Honorar, versteht sich.« Howard machte ein zufriedenes Gesicht. »Oberst, Sie werden ver- stehen, daß ich nicht ermächtigt bin, über finanzielle Dinge zu ver- handeln, aber ich kann Ihnen versichern, daß die britische Regie- rung bestimmt sehr daran interessiert wäre, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen – wenn Ihr Material gut ist.«, »Ausgezeichnet!« sagte Eisener. »Aus meiner Sicht wäre das eine sehr zufriedenstellende Lösung. Ich muß natürlich weiterhin auch für die Nordkoreaner arbeiten, denn sobald ich meine Tätigkeit hier aufgebe, habe ich keinen Zugang mehr zu den von Ihnen ge- wünschten Informationen. Darf ich voraussetzen, daß Ihre Regie- rung nichts dagegen hat, daß ich von beiden Seiten bezahlt werde?« »Wir würden sogar darauf bestehen, Oberst.« »Gut! Dann sind wir uns im Prinzip einig, glaube ich. Aus ver- ständlichen Gründen möchte ich unsere Abmachung für mich be- halten und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ebenfalls niemanden ein- weihen würden. Darf ich vorschlagen, daß Sie mich weiter als Ge- fangenen behandeln, bis Sie von hier abrücken?« »Selbstverständlich«, sagte Howard. »Je weniger Leute von unse- rer Vereinbarung wissen, desto besser.« »Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen zu verhandeln, Major. Und nun möchte ich Ihnen beweisen, daß ich's ehrlich meine. Sie haben ver- mutlich mein Dienstzimmer durchsucht?« »Wir haben alle Räume durchsucht – auch Ihr Dienstzimmer. Warum?« »Ich schlage vor, daß Sie's noch mal durchsuchen«, sagte Eisener. »Dort steht eine alte Schreibmaschine…« »Ja?« fragte Howard gespannt. »Die Walze läßt sich herausnehmen, wenn man die Arretiervor- richtungen auf beiden Seiten löst«, fuhr Eisener fort. »Der rechte Walzenknopf ist ziemlich locker aufgesetzt. Die Walze selbst ist hohl.« »Und?« »In diesem Hohlraum finden Sie Mikrofilme – meine eigenen Ko- pien von rund zweihundertvierzig Schriftstücken, Bauplänen, Be- schaffungsaufträgen und so weiter, die alle Jöngbjön betreffen. Die Originale werden in einem Tresorraum in der Anlage selbst aufbe- wahrt, was auch ein Grund dafür ist, daß Sie hier so wenig Interes-, santes gefunden haben. Nehmen Sie diese Filme mit – sie vermit- teln ein umfassendes, bis in die Gegenwart reichendes Bild von al- lem, was hier vorgeht. Ich denke, daß Ihre Regierung sie höchst in- teressant finden wird.« Howard verzog keine Miene, aber er begriff sofort den ungeheu- ren Wert des Materials, das ihm gerade angeboten worden war. Falls es tatsächlich Eiseners Beschreibung entsprach. »Alles auf Mik- rofilm, sagen Sie?« »Ein leicht veraltetes Verfahren, ich weiß«, sagte Eisener. »Aber manchmal noch ganz nützlich.« »Weiß einer Ihrer Kollegen, daß Sie diese Kopien angefertigt ha- ben?« »Nein, selbstverständlich nicht!« beteuerte Eisener nachdrücklich. »Ich habe sie gewissermaßen als Rückversicherung aufbewahrt. In der Hoffnung, eines Tages davon profitieren zu können. Dieser Tag scheint nun gekommen zu sein.« »Oberst, Sie haben mich von Anfang bis Ende in Erstaunen ver- setzt. Sie sind wirklich ein bemerkenswerter Mann. Hören Sie…« Howard schien plötzlich sehr unbehaglich zumute zu sein. »Ich… ich möchte mich dafür entschuldigen, wie wir Sie behandelt haben, und für den Tod Ihrer Kollegen. Ich hoffe, daß Sie dafür Verständ- nis haben.« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Major«, sagte Eisener lächelnd. »Das verstehe ich sehr gut, und ich hätte nichts anderes erwartet. Wir sind beide Profis, Sie und ich. Die Männer, die bei der Erstürmung unseres Gebäudes umgekommen sind… nun, sie ha- ben die Risiken gekannt. In gewisser Weise hätten sogar sie Ver- ständnis dafür gehabt. Was General Erfurt betrifft… nun, er hat in der Vergangenheit gelebt. Seine politischen Ansichten und Vorurtei- le haben den kommerziellen Fortschritt blockiert. Heutzutage wer- den neue Methoden gebraucht.« Howard nickte schweigend. Er blieb noch eine Minute nachdenk-, lich sitzen. Obwohl er Eisener in gewisser Beziehung bewunderte, konnte er sich nicht vorstellen, die völlige Skrupellosigkeit – und offenbare Amoralität – dieses Mannes jemals akzeptieren zu kön- nen. Aber dann wurde ihm bewußt, daß er nicht wie Eisener aus dem Geheimdienstmilieu stammte. Howard war bei den Special Forces gewesen, und obwohl die Unterschiede manchmal ver- schwammen, traten sie in solchen Fällen wieder deutlich zutage. »Oberst«, sagte er schließlich, »ich möchte, daß Sie noch etwas tun, wenn Sie's schaffen können. Ich scheine Sie damit um einen Gefallen zu bitten – aber tatsächlich nützt Ihnen das ebenso wie mir.« »Ich höre, Major«, antwortete Eisener. »Erklären Sie's mir bitte.« Zehn Minuten später rief Howard Ackford herein, damit er Eise- ner in seine Zelle hinunterbrachte. Howard beobachtete, wie er hin- ausgeführt wurde. Er bezweifelte, daß er den Stasi-Oberst wiederse- hen würde, aber er wußte, daß er ihn nicht leicht vergessen würde. Dann ging er rasch den Korridor entlang und verschwand in Eise- ners Dienstzimmer. Nachdem er die Tür hinter sich verriegelt hatte, machte er sich daran, die alte Schreibmaschine zu zerlegen.

Howard trocknete sich nach dem Duschen ab und zog rascheine der Uniformen Eiseners an. Sie paßte einigermaßen, und

für ihn war es eine Erleichterung, nicht mehr die eigenen Sachen tragen zu müssen, die noch von der Kriecherei durch das lange Ab- flußrohr stanken. Er steckte seine Unterlagen und das Blatt Papier, mit dem verschlüsselten Funkspruch ein, den Halliday hätte über- mitteln sollen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß nichts liegengeblieben war, ging er in die Eingangshalle hinunter, wo die anderen bereits warteten. Ackford fehlte als einziger. »Mel, geh raus und frag Tony, ob er soweit ist, ja?« Harris verschwand und kam eine Minute später mit Ackford zu- rück. »Wie sieht's aus, Tony?« frage Howard. »Draußen steht ein Lastwagen, den wir nehmen können. Ein ur- alter russischer Militärlaster, der technisch gut in Schuß ist. Die Sta- sileute haben ihre Fahrzeuge tadellos gewartet. Nicht gerade ›Vor- sprung durch Technik‹, aber durchaus brauchbar.« »Gut«, sagte Howard. »Okay, alles mal herhören. Ich habe mich zu einer Neubewertung unseres Auftrags entschlossen. Unsere wich- tigste Aufgabe ist es gewesen, die Hintergründe des IRIS-Attentats aufzudecken. Ich glaube, daß ich jetzt genug weiß, um es verhin- dern zu können. Leider ist unser Funkgerät defekt, und alle sonsti- gen Frequenzen werden von den Nordkoreanern gestört. Das be- deutet, daß wir unsere Informationen nur außer Landes bringen können, indem wir sie körperlich bei uns tragen. Meiner Überzeu- gung nach muß das absolute Priorität haben. Unser Zweitauftrag, die Aufstellung von Richards Überwachungsgerät, wird deshalb ge- strichen.« Weatherill reagierte sichtlich enttäuscht und betroffen. Harris, der neben ihm stand, sah seine Reaktion. »Nicht ärgern, Doc«, meinte er freundlich. »Manchmal klappt eben was nicht. Dafür kannst du nichts.« Der Wissenschaftler nickte trübselig. »Danke, Mel«, sagte er. »Aber… nun, jetzt bin ich anscheinend umsonst mitgekommen und hab alles umsonst riskiert.« Howard beobachtete die Gesichter der anderen. Auch sie akzep- tierten seine Entscheidung widerspruchslos, obwohl Ziegler ihm, einen fragenden Blick zugeworfen hatte und ihn jetzt prüfend mus- terte; er hatte noch nie erlebt, daß Howard einen Auftrag nicht durchgeführt hatte. »Ich schlage vor, daß wir möglichst bald ab- rücken«, fuhr er fort. »Seht nach, ob euer Gepäck vollständig ist, und werft es auf den Lastwagen. Tony fährt, und Sumi sitzt für den Fall, daß wir auf Straßensperren stoßen, vorn neben mir. Hat jeder einen Stasi-Dienstausweis mit halbwegs passender Personenbeschrei- bung und die dazugehörige Reiseerlaubnis?« Seine Männer nickten. Kim Sumi war die einzige Ausnahme: Sie hatte die Uniform eines weiblichen Hauptmanns der nordkoreani- schen Armee und einen von der CIA gefälschten Dienstausweis mitgebracht. Sie ist die einzige, überlegte Howard sich, die nicht völlig deplaciert wirkt. Er konnte nur hoffen, daß diese Stasi-Ein- heit in Nordkorea hohes Ansehen genoß; ansonsten waren irgend- wo aufkreuzende, westliche Ausländer so ungewöhnlich, daß sie da- mit rechnen mußten, daß ohne Anruf auf sie geschossen wurde. »Was machen wir mit der Bande im Keller, Boß?« erkundigte Zeccara sich. »Lassen wir die Stasi-Leute einfach hier?« »Ja«, sagte Howard. »Die sitzen sicher hinter Schloß und Riegel. Irgendwann schaffen sie's, dort rauszukommen – aber das dauert ein paar Stunden. Sind Sie erst wieder frei, haben sie's bestimmt nicht eilig, den Nordkoreanern gegenüber zuzugeben, daß wir sie hier überrumpelt haben. Glaubst du, daß sie dann hier noch lange Sicherheitsberater wären? Nein, ich tippe darauf, daß sie sich größte Mühe geben werden, die Sache zu vertuschen.« Die anderen quittierten Howards scharfsinnige Schlußfolgerung zufrieden grinsend. Sie folgten ihm ins Freie, warfen ihre Rucksäcke auf den Lastwagen und kletterten auf die Ladefläche. Ackford ließ den Motor an; er stieß Rußwolken aus, klang aber nicht schlecht. Sumi wollte eben vorn einsteigen, als ihr etwas einzufallen schien. Sie wandte sich an Howard. »Oh«, sagte sie. »Tut mir leid, ich hab meine Uniformmütze vergessen.«, »Okay, lauf schnell los und hol sie«, forderte Howard sie auf. »Was hat sie gesagt?« fragte Ackford ungeduldig. »Sie hat ihre Mütze vergessen«, antwortete Howard. Er verdrehte die Augen. »Ein modisches kleines Ding mit 'nem roten Stern vor- ne drauf.« »Weiber«, murmelte Ackford. Kim Sumi lief ins Stasi-Gebäude zurück. Sie sah sich um; die Ein- gangshalle war menschenleer. Sie hastete lautlos weiter die Keller- treppe hinunter. In seiner Einzelzelle am Ende des Korridors hörte Oberst Eisener das leise Klicken des Schlüssels im Schloß. Er stand auf, als die Tür sich öffnete. Im Halbdunkel erschien Kim Sumi auf der Schwelle. Sie sagte kein Wort, sondern hielt ihm nur einen Zet- tel hin. Er griff ebenfalls schweigend danach. Dann schloß sich die Tür, aber der Schlüssel klickte nicht wieder. Eisener erkannte, daß er nicht mehr eingesperrt war. Von draußen war das Geräusch eines schweren Dieselmotors im Leerlauf zu hören; der englische Major und seine Männer würden offenbar bald abrücken. Er lächelte vor sich hin. Eisener fuhr erschrocken zusammen, als die Zellentür aufflog und gegen die Wand knallte. Diesmal stand Zieglers große, sehnige Ge- stalt vor ihm. Er hatte sich in einer leerstehenden Zelle versteckt ge- halten. »Hallo, Oberst«, flüsterte Ziegler drohend. »Ich würd mir gern diesen Zettel ansehen, wenn Sie nichts dagegen haben.« Kim Sumi kam mit ihrer nordkoreanischen Uniformmütze in der Hand aus dem Stasi-Gebäude gelaufen. »Entschuldigung«, sagte sie zu Howard. »Macht nichts«, antwortete Howard und half ihr beim Einsteigen. Während sie ins Fahrerhaus hinaufkletterte, drehte er sich um und sah auch Ziegler rasch ins Freie kommen. Als Ziegler sich dem Last-, wagen näherte, suchte sein Blick den Howards. Er nickte langsam, aber nachdrücklich. Dann verschwand er hinter dem Fahrzeug, und Howard hörte ihn auf die Ladefläche klettern. Howard stieg hinter Sumi ein und knallte die Beifahrertür zu. »Los, Tony«, sagte er mit ruhiger, neutraler Stimme. »Abfahrt!« Hinten auf der Ladefläche stieß Harris unauffällig Zeccara an. »Er oder sie?« murmelte er. »Es muß die Kleine sein, stimmt's?« »Ich denke schon. Aber der Boß weiß, was er tut, er läßt sie nicht aus den Augen.« Verräterisches Biest, dachte Harris. Ich hab ihr von Anfang an nicht getraut. Tony legte krachend den ersten Gang ein, und der Lastwagen fuhr an.

Der starke Militärverkehr auf der Straße erwies sich als unerwar-tet nützlich. Als Ackford aus dem Stasi-Gelände auf die Fern-

straße hinausrollte, reihte er sich einfach hinter einem unbeladen nach Südosten zurückfahrenden Laster ein. Nach ungefähr einein- halb Kilometern ließ Howard ihn nach links auf eine nach Nord- osten führende Straße abbiegen, die an der etwa fünf Kilometer ent- fernten Stadt Jöngbjön vorbeiführte. Er hatte vor, größere Siedlun- gen möglichst zu umfahren. Auf seiner Landkarte waren viele na- menlose Dörfer eingezeichnet, die sie passieren mußten; aber das Netz aus Haupt- und Nebenstraßen war dicht, und er hatte eine Route ausgearbeitet, die um größere Siedlungen herumführte. Die, eigentliche Gefahr, das wußte Howard, drohte von militärischen Kontrollpunkten oder Straßensperren. »Wie weit ist's insgesamt, Boß?« fragte Ackford, während seine Kiefer methodisch den gewohnten Kaugummi kauten. »Bis zur Demarkationslinie? Luftlinie rund dreihundert Kilometer bis zu der Stelle, die wir erreichen wollen. Auf der Straße mindes- tens doppelt soviel, eher sogar mehr.« »Sind alle Straßen wie die hier?« »Keine Ahnung, Tony, aber ich glaub's nicht. Manche führen über Pässe. Dort kommen wir bestimmt nur langsam voran.« »Sehr langsam«, bestätigte Kim Sumi, die auf die Landkarte gese- hen hatte. »Die Steilabschnitte der Bergstraßen sind nur im Kriech- tempo befahrbar – im ersten Gang, bestenfalls im zweiten. Hoffent- lich haben wir genug Treibstoff.« »Voller Tank plus zwanzig Kanister Diesel auf der Ladefläche«, sagte Ackford. »Ich weiß nicht, wieviel diese Schrottkiste auf hun- dert Kilometer verbraucht, aber das müßte locker reichen.« »Falls wir hier Glück haben und nicht schon vorher angehalten werden«, fügte Howard warnend hinzu. Ihre Fahrt nach Huich'ön dauerte fast zwei Stunden. Als sie die Außenbezirke der Stadt vor sich hatten, sah Howard, daß sie viel größer als erwartet war. »Zum Teufel mit dieser Karte«, murmelte er. »Die ist völlig veraltet. Diese Straße scheint ganz neu zu sein. Rechts abbiegen, Tony. Wir versuchen, außen herumzukommen.« Bevor sie nach etwa eineinhalb Kilometern auf die Nebenstraße abbiegen konnten, die über den Fluß Tschöngtschön und nach Südosten weiterführte, stießen sie auf die erste militärische Kon- trollstelle. Als der Militärposten vor ihnen auftauchte, klopfte How- ard an die Rückwand des Fahrerhauses, um die anderen zu warnen. »Ich übergebe an dich, Sumi«, sagte er grimmig, als Ackford vor der Schranke hielt. Hinten auf der Ladefläche zielte Harris mit seinem Gewehr durch, einen winzigen Schlitz in der Plane auf ihren Rücken, als sie aus dem Fahrerhaus sprang und im Befehlston mit dem Postenführer sprach, der sich aufrichtete und Haltung annahm. Auch Howard behielt eine Hand an seinem AK, das von außen unsichtbar vor ihm im Fußraum lag. Er horchte auf den Tonfall von Sumis Ge- spräch mit dem Mann, den er für einen Sergeanten hielt. Natürlich verstand er kein Wort, aber ihr Tonfall verriet, daß sie sehr ener- gisch sprach. Howard erkannte an der beflissenen Haltung des Ser- geanten, daß der Mann sich nicht gegen ihre Autorität auflehnen würde, und begann aufzuatmen. Dann machte Sumi plötzlich kehrt und kam wieder an die Beifahrertür zurück. Sie schnalzte gebiete- risch mit den Fingern und forderte Howard zu seiner Verblüffung in ausgezeichnetem Deutsch auf: »Geben Sie mir Ihren Dienstaus- weis und die Reiseerlaubnis!« Howard, der Mühe hatte, sich seine Überraschung nicht anmer- ken zu lassen, gab ihr seine Papiere. Sumi zeigte sie dem Postenfüh- rer, der sie nach einem kurzen Blick zurückgab und zackig grüßte. Sumi kam zum Lastwagen zurück und stieg ein; die Schranke ging hoch, und sie wurden durchgewinkt. »Sprichst du noch andere Sprachen, die hier nützlich sein könn- ten?« fragte Howard trocken, als die Kontrollstelle passiert war. »Japanisch und Russisch«, antwortete Sumi. »Aber die werden wir hier nicht brauchen, denke ich.« »Russisch?« fragte Howard erstaunt. »An Bord der Antonow habe ich kein einziges russisches Wort von dir gehört.« »Richtig«, bestätigte sie. »Das ist besser so. Wissen die Leute nicht, daß man ihre Sprache versteht, reden sie unbefangener mit- einander, wenn man dabei ist. Auf diese Weise erfährt man mehr. Außerdem bin ich anfangs nicht bereit gewesen, den Russen zu trauen.« Howard fand ihre Haltung schäbig. »Sie sind meine Freunde ge- wesen!« knurrte er aufgebracht. »Sie sind bei dem Versuch umge-, kommen, uns zu helfen!« »Ja, ich weiß«, antwortete Sumi, deren Stimme jetzt sanft klang. »Tut mir leid, daß ich so mißtrauisch gewesen bin. Ich habe schnell gemerkt, daß sie anständige Leute waren. Ich… ich bedaure ihren Tod sehr.« Howard sah zu ihr hinüber. Sumis Gesichtsausdruck war unver- ändert; er schien sich allerdings nie zu verändern. »Warum hast du mich vorhin auf deutsch angesprochen?« fragte er neugierig. »Der Mann hat schon früher mit Stasi-Mitarbeitern zu tun ge- habt. Vielleicht kennt er sogar diesen Lastwagen. Nördlich von hier liegt ein Uranbergwerk, das die Stasi-Leute manchmal als Sicher- heitsberater aufsuchen. Ich wollte nicht riskieren, daß dieser Ser- geant den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch erkennt und mißtrauisch wird.« »Ja, ich verstehe«, sagte Howard. Sie saßen eine Zeitlang schwei- gend nebeneinander, während der Lastwagen auf der mit Schlaglö- chern übersäten Straße weiterholperte; dann fiel Howards Blick wie- der auf die Landkarte. »Tony, an der nächsten Kreuzung rechts. Da- nach geht's in die Mjohjang- und Nangnimberge.« »Verdammt gerissen«, meinte Ackford, während er kaugummikau- end abbog. »Sich nicht anmerken lassen, daß man all diese Spra- chen spricht. Echt gerissen«, wiederholte er bewundernd. Gerissen mag sie ja sein, dachte er, aber ich wette trotzdem, daß dieser Scheißkerl von 'nem Wissenschaftler uns verraten hat. Vorerst gab es jedoch keine Gelegenheit, Howard danach zu fragen. Für die fünf Männer, die auf der Ladefläche des Lastwagens durch- geschüttelt wurden, war die Fahrt kein Vergnügen. Auch der durch lecke Kanisterverschlüsse hervorgerufene, durchdringende Dieselge- ruch machte sie nicht gerade erfreulicher. Als der Lastwagen seinen steilen Anstieg zu den Granitgipfeln begann, schlug Ziegler vor, Halliday und Zeccara sollten sich etwas ausruhen; die beiden streck- ten sich auf der Ladefläche aus und waren nach wenigen Minuten, eingeschlafen. Harris und er blieben wach. Weatherill hatte sich schon ausgeruht. Während er schlief, hatte Halliday Ziegler angestoßen und zu dem Wissenschaftler hinüber- genickt. »Trauen wir dem, Mike? Ich glaub's nicht.« »Der Boß sagt, wir sollen beide im Auge behalten«, lautete die ge- flüsterte Antwort. »Aber ja nichts anmerken lassen!« Weatherill, der wieder wach war, wurde von den Dieseldämpfen fast schlecht; er merkte, daß er sich noch immer nicht ganz von dem entsetzlichen Aasgestank während der alptraumhaften Krieche- rei durch das Abflußrohr erholt hatte. Er rutschte nach vorn, öff- nete an einer Stelle die Plane, um frische Luft hereinzulassen, steck- te den Kopf ins Freie und atmete dankbar tief durch. »Ist dir schlecht, Doc?« rief Harris grinsend. Weatherill drehte sich um und lächelte schwach. »Mir wird als Beifahrer leicht schlecht«, antwortete er, »und der Dieselgeruch schlägt mir auf den Magen.« »Du mußt die Sache positiv sehen«, sagte Harris, der sich eben eine Zigarette angezündet hatte. »Viel schlimmer wär's doch, wenn dieser Lastwagen mit Benzin liefe. Dann dürfte ich nicht mal rau- chen, stimmt's?« »Ich weiß nicht, ob das völlig ungefährlich ist«, wandte Weatherill ein. »Der Flammpunkt bestimmter Dieselmischungen kann so stark variieren, daß…« »Yeah, yeah, yeah«, unterbrach Harris ihn. »Du sagst mir, wenn der Flammpunkt erreicht ist, okay? Bis dahin rauche ich gemütlich meine Zigarette. Willst du nicht auch eine?« Weatherill wurde blaß und steckte seinen Kopf wieder ins Freie. Vorn im Fahrerhaus tippte Ackford drei Stunden später auf die Treibstoffanzeige. »Wir müssen nachtanken, Boß«, erklärte er How- ard. »Die Nadel steht bald im roten Bereich.« »Okay, Tony«, sagte Howard. »Gleich an der nächsten Stelle, wo wir von der Straße runterfahren können.«, »Das nennst du 'ne Straße, Boß?« grummelte Ackford. »Ausge- latschter Eselspfad wäre richtiger.« Tony übertreibt, sagte Howard, aber nicht sehr. Die Straße be- findet sich in so schlechtem Zustand, daß sie vor allem in der letz- ten Stunde nur noch sehr langsam vorangekommen waren. Die fünfundsechzig Kilometer seit Huich'ön waren nicht allzu schlimm gewesen; die ins Gebirge hinaufführende Straße war schmal und kurvenreich gewesen, aber sie war dem Flußtal südöstlich von Saent-ch'ön gefolgt und nur allmählich angestiegen. Erst nach dem Dorf Jaksutscham war sie wirklich schlecht geworden. Jetzt bestand sie praktisch nur noch aus zwei Fahrspuren; aber sie war wenigstens für Lastwagen geeignet und kaum befahren. In den verstreut liegen- den Taldörfern, durch die sie bisher gekommen waren, hatten die Einheimischen sie kaum eines Blickes gewürdigt. Die einzigen, die sich für sie interessiert hatten, waren die Soldaten der kleinen Kon- trollstelle in Sosung gewesen, die sie wie Marsmenschen angestarrt hatten. Howard fragte sich, ob sie schon jemals einen westlichen Ausländer gesehen hatten. Kim Sumis knapper Befehlston schüchterte den Postenführer so ein, daß er sie passieren ließ, aber beim Einsteigen war ihr Gesichts- ausdruck sorgenvoll. »Ich weiß nicht, wie oft wir noch damit durchkommen«, sagte sie zu Howard. »In den nächsten ein, zwei Tagen reden die Soldaten bestimmt über nichts anderes als uns. Sie sind nur örtlichen Verkehr gewöhnt.« »Haben sie ein Funkgerät?« »Nein, zum Glück nicht«, antwortete Sumi, »aber ein Telefon. Ich denke, daß ich den Sergeanten davon überzeugt habe, daß er seine Dienstpflichten verletzt hat, weil er die Mitteilung über unsere be- vorstehende Durchfahrt verschlafen hat. Also wird er hoffentlich nicht zurückrufen, um sich nach uns zu erkundigen. Das Problem ist, daß mit zunehmender Entfernung von Jöngbjön immer weniger Leute wissen, daß es in diesem Land eine legitime Stasi-Präsenz, gibt.« »Bisher bist du ganz gut mit ihnen zurechtgekommen«, sagte Howard aufmunternd. »Vielleicht«, meinte Sumi, »aber was passiert, wenn ich's mit je- mandem zu tun habe, der im Dienstgrad über mir steht? Daß ich eine Frau bin, ist schon schlimm genug. Dieser Mann hatte noch nie eine Offizierin gesehen.« Ackford fuhr an der nächsten Ausweichstelle von der Straße und stellte den Motor ab; alle stiegen aus, um sich die Beine zu vertre- ten. Sechs Dieselkanister wurden von der Ladefläche geholt und in den Tank des Lastwagens gekippt. »Pete?« rief Howard Halliday zu. »Löst du Tony 'ne Zeitlang am Steuer ab, ja?« Ziegler und Howard gingen einige Schritte beiseite, setzten sich an den Straßenrand und sprachen halblaut miteinander. Dann schüttelte Ziegler den Kopf. »Das gefällt mir überhaupt nicht, Ed«, sagte er. »Ich bin dafür, gleich hier und jetzt Klarheit zu schaffen. Zumindest die Jungs sollten wissen, was Sache ist.« »Du weißt, daß wir das aus allen möglichen Gründen nicht tun dürfen, Mike«, widersprach Howard ihm. »Hör zu, wir kommen da- mit zurecht – kein Problem. Die potentiellen Vorteile sind gewaltig. Ich muß leider darauf bestehen, daß du weiter dichthältst. Denk daran, wer uns verraten hat, will dieses gottverdammte Land eben- so dringend verlassen wie wir – aber für den Fall, daß ich mich ge- irrt habe, behandeln wir unsere beiden Begleiter, als sei nichts pas- siert, okay? Wir müssen nur dafür sorgen, daß wir sechs hellwach bleiben – ständige Wachsamkeit ist unser bester Schutz. Die große Abrechnung hat Zeit bis später.« »Du bist der Boß, Ed.« Ziegler zuckte resigniert die Schultern. »Ich mache natürlich mit. Ich verstehe deine Argumentation, aber ich möchte zu Protokoll geben, daß wir uns damit nur Probleme einhandeln. Als ob wir nicht schon genügend hätten«, fügte er, hinzu. Die Straße schlängelte sich durch Gebirge nach Süden weiter. Nach den Nangnim-Bergen folgten die Önjin-Kette und das Masik- njöng-Massiv, während die Straße jenseits bis zur Wasserscheide anstieg und dann wieder ins nächste Tal hinunterführte. Die Ge- birgstäler, über deren Steilwänden bis zu fünfzehnhundert Meter hohe Gipfel aufragten, waren teilweise spektakulär. Kurz vor dem Dorf Kudang überquerten sie den Fluß Imjin, der sich nach Süd- westen davonschlängelte. Dieser Flußname erinnerte Howard an ein berühmtes Gefecht der Glosters Anfang der fünfziger Jahre im Ko- reakrieg, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Die bevorstehende Überquerung des Flusses Imjin hatte ihm Sor- gen gemacht, weil die Straße dort an der Stadt Kudang vorbei- führte. Aber zu seiner Überraschung war nirgends Militär zu sehen. Die Straße überquerte den Fluß dreimal, bevor sie zum letzten Mal anstieg. Jenseits dieses Gebirgsmassivs lag der riesige Senkungsgra- ben Tschukanjöng. Sie waren seit fast zehn Stunden unterwegs, und inzwischen war es später Nachmittag geworden. Als die Stadt weit hinter ihnen lag, ließ Howard nochmals zu einer Tankpause anhal- ten, nach der Ackford wieder das Steuer übernahm. »Bis zur Demarkationslinie sind's nur noch fünfzig Kilometer, Tony.« »Fahren wir gleich weiter, Boß, oder warten wir irgendwo, bis es dunkel ist?« »Wir fahren noch möglichst weit. Fünfzig Kilometer Luftlinie sind mindestens hundert auf der Straße. Bis wir wirklich in Grenz- nähe sind, ist's dann dunkel, was uns nur recht sein kann.« »Falls die Nordkoreaner uns nicht vorher aufhalten, Boß.« »Da hast du recht, Tony, leider.« Der Lastwagen quälte sich die Paßstraße hinauf, die mindestens so steil wie alle bisherigen war. Die anschließende Gefällstrecke ins Tschukanjöng-Tal mit den großen Städten Sepo und Hjön-ni be-, deutete für Ackford eine Erleichterung, aber Howards nervöse An- spannung verstärkte sich. Je näher sie der Demarkationslinie kamen, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, auf massive Truppenkon- zentrationen der nordkoreanischen Armee zu stoßen. Eine Dreivier- telmillion Soldaten… Während sie Sepo weiträumig umfuhren, wurde der Verkehr – ausschließlich Militärfahrzeuge – allmählich stärker. Eigentlich war das sogar günstig. Ein alleinfahrender Lastwagen wäre eher angehal- ten und kontrolliert worden; aber in der größeren Zahl lag eine ge- wisse Sicherheit. Die meisten Fahrzeuge schienen zum Flugplatz Hjön-ni unterwegs zu sein. Sobald sie den Platz passiert hatten, nahm der Verkehr merklich ab. Nur noch ungefähr eine Stunde, dachte Howard. Bitte, lieber Gott, laß uns weiterhin Glück haben… Es war schon fast dunkel, als sie nach einer Kurve plötzlich eine Kontrollstelle vor sich hatten. Bei ihrem Anblick fühlte Howard sich beinahe erleichtert. Nach langen Stunden voller Unsicherheit und Zweifel war dies endlich etwas, auf das man sich konzentrieren konnte. Als Ackford vor der Schranke hielt und Kim Sumi ausstieg, um mit dem Postenführer zu sprechen, sah Howard sofort, daß die- se Männer viel soldatischer wirkten als ihre Kameraden im Hinter- land. Dies war kein einsamer Außenposten an einer Nebenstraße. Die Kontrollstelle war keine zwanzig Kilometer von der Demarka- tionslinie entfernt und mit wachsamen, gut ausgebildeten Soldaten besetzt. Der Postenführer stand im Dienstgrad unter Sumi, aber er war höchst mißtrauisch. Als sie aneinandergerieten, teilte er ebenso aus, wie er einstecken mußte. Seine Stimme klang schrill wie ihre schrill und stakkatohaft. Dann drängte der Postenführer sich in einem un- verkennbaren Akt trotziger Befehlsverweigerung grob an ihr vorbei. Er trat ans Fahrerhaus, blaffte Howard im Befehlston an und mach- te dabei eine drohende Bewegung mit seinem AK-47. Die Mün- dung seines Gewehrs war keinen Meter von Howards Gesicht ent-, fernt; hinter dem Offizier sah er weitere Soldaten noch unschlüssig zögernd ihre Waffen heben. Plötzlich schrie Sumi den Postenführer wild kreischend an. How- ard hatte keine Ahnung, was für Ausdrücke sie ihm an den Kopf warf, aber sie bewirkten jedenfalls, daß der Offizier sich umdrehte. Howard riß sofort sein eigenes AK hoch, schoß ihm von hinten in den Kopf und ließ sich dann aus dem Fahrerhaus fallen. Noch be- vor er auf dem Boden aufkam und sich abrollte, fielen hinter ihm Schüsse. Ziegler und Halliday waren von der Ladefläche gesprungen und hatten das Feuer eröffnet, während Harris und Zeccara übers Dach des Fahrerhauses schossen. Howard spürte einen Schlag ge- gen seinen linken Arm; dann riß er das AK-47 wieder hoch und schoß weiter. Sumi, die zwischen zwei Feuer geraten war, hatte sich blitzschnell auf den Boden geworfen und lag unbeweglich da. Das Feuergefecht war kurz, aber vernichtend gewesen. Innerhalb von sechs Sekunden nach dem ersten Schuß war die zehn Mann starke Besatzung dieser nordkoreanischen Kontrollstelle tot. »Mel? Angelo?« rief Howard. »Bewegt sich noch was?« Im nächsten Augenblick fiel noch ein Schuß. »Jetzt nicht mehr, Boß«, meldete Harris. »Okay«, sagte Howard und stemmte sich hoch. »Los, wir müssen hier schnellstens aufräumen.« Sumi setzte sich auf und hielt den rechten Arm unterhalb der Schulter umklammert. »Mich hat's erwischt«, sagte sie. »Pete!« rief Howard. »Sanitätstasche hierher! Mike, Angelo – schafft die Toten von der Straße. Richard – hilf ihnen dabei.« Er bückte sich, um Sumis stark blutende Wunde zu untersuchen, und legte sein Gewehr weg. »Kannst du den Ellbogen beugen?« fragte er Sumi. Sie versuchte es. »Ja«, sagte sie. »Der Knochen ist heil geblieben, glaub ich. Kannst du deinen beugen?« »Ha? Warum?«, »Weil du auch verwundet bist«, antwortete sie. Howard starrte verblüfft seinen linken Ärmel an, aus dem Blut tropfte. »Verdammt«, murmelte er. »Mist!« Er umklammerte seinen Arm, um die Blutung zu stillen. »Der Lastwagen ist im Arsch, Boß«, meldete Ackford. »Muß 'nen Treffer abgekriegt haben – springt nicht mehr an.« »Dort vorn stehen zwei Jeeps, Boß«, sagte Zeccara. »Wahrschein- lich für die Besatzung der Kontrollstelle.« Howard richtete sich auf und sah sich um. »Ich denke, wir sind weit genug gefahren«, sagte er. »Ladet die Rucksäcke ab und legt sie neben die Straße. Dann ladet ihr die Toten und die ganze Einrich- tung der Kontrollstelle in die Jeeps und auf den Lastwagen und laßt sie dort vorn in die Schlucht rollen.« Es wurde rasch dunkel. How- ard warf einen Blick auf den unter ihnen durch die Schlucht rau- schenden Fluß. »Macht nichts, wenn sie nicht versinken. Vor mor- gen früh sieht sie dort niemand. Schnell, bevor noch jemand kommt!« »Halt still, Boß«, sagte Halliday, der erst Sumi versorgt hatte und jetzt ein Verbandspäckchen um Howards Oberarm wickelte. »Los, Pete, wir machen die Straße frei, damit die anderen arbeiten können«, sagte er. Etwas später mußten alle gemeinsam ihre Kräfte anstrengen, um den schweren Lastwagen von der Straße zu schieben. Howard stemmte seine rechte Schulter dagegen, und während die anderen zogen und schoben, kippte das Fahrzeug langsam nach vorn und rollte den steilen Hang hinunter. Das dort wachsende Gebüsch konnte ihn nicht bremsen, und die Kanister auf der Ladefläche be- gannen zu klappern, als er schneller wurde. Dann prallte der Last- wagen dumpf auf einen großen Felsblock; Metall kreischte, als er zur Seite kippte. Dann stürzte er, sich überschlagend, immer schneller in die Tiefe, bis er schließlich laut ins Wasser klatschte. »Wäre das hier im Film gewesen, Boß«, sagte Ackford, »wäre der, alte Laster auf halber Strecke mit 'nem riesigen Feuerball explo- diert.« »Bloß gut, daß wir keinen Film machen«, antwortete Howard trocken. Die beiden Jeeps folgten dem Lastwagen. Howard konnte nur hoffen, daß es einige Zeit dauern würde, bis die Leichen irgendwo flußabwärts angeschwemmt wurden. Als das letzte Fahrzeug ins Wasser geklatscht war, mußte er sich plötzlich hinsetzen, weil der leichte Wundschock sich verspätet bemerkbar machte. Sein Arm tat ein wenig weh, aber die richtigen Schmerzen hatten noch nicht ein- gesetzt. Sie würden später kommen – das wußte er. Schnell den Ruck- sack aufladen und losmarschieren. »Okay, wir müssen weiter.« Trotz seiner Verwundung gab Howard ein rasches Tempo vor, um möglichst schnell von der ehemaligen Kontrollstelle wegzukom- men. Er hielt reichlich Abstand von der Straße und zwang sich da- zu, sein hohes Anfangstempo durchzuhalten. Sein linker Arm be- gann schmerzhaft zu pochen, und die Hand war kalt und leicht taub. Nach knapp einer Stunde hörte er Fahrgeräusche auf der Stra- ße, die jetzt tief unter ihnen lag, und legte eine kurze Pause ein. »Mike«, flüsterte er Ziegler zu, »am besten übernimmst du jetzt die Führung. Ich kann gut mithalten, aber meine linke Hand ist kaum zu gebrauchen, und das macht die GPS-Navigation ver- dammt schwierig.« Die beiden diskutierten einige Minuten lang, welche Route Ziegler nehmen sollte. »Was hältst du von diesem Verkehr, Ed?« erkundigte Ziegler sich. »Glaubst du, daß jemand die Schießerei an der Kontrollstelle ge- hört hat?« Howard überlegte kurz. »Nein, das glaube ich nicht«, sagte er. »Wäre jemand in der Nähe gewesen, wären sie viel früher aufge- kreuzt. Ich vermute eher, daß Alarm geschlagen worden ist, weil die Besatzung der Kontrollstelle sich nicht wie vorgeschrieben gemel- det hat. Die Nordkoreaner sind verständlicherweise nervös, wenn so, nahe der Demarkationslinie etwas schiefgeht.« »Bloß?« flüsterte Ackford. »Wie hat der Ort gleich wieder gehei- ßen, in dessen Nähe wir vorhin Feindberührung gehabt haben? Ir- gendwas wie Unchon?« »Oder so ähnlich.« »Ha, ha«, kicherte Ackford heiser. »Hunschön«, verbesserte Sumi seine Aussprache des Ortsnamens. »Ha, ha«, lachte Ackford wieder. »Was ist daran so lustig?« »Keine Angst, er ist nicht übergeschnappt, Sumi«, erklärte How- ard ihr seufzend. »Tony macht bloß das, was er auf Nachtmärschen immer tut: Er denkt sich Limericks aus. Das hält ihn wach, behaup- tet er.« »Ich muß gerade an einen dieser Nik-Noks denken«, brummte Ackford. »Den hab ich genau durch die Vorderzähne erwischt. Ha, ha!« »Schon gut, Tony, halt jetzt die Klappe, ja?« sagte Howard müde. Er wandte sich an Sumi. »Wie geht's mit dem Arm?« »Wie mit deinem, nehme ich an. Aber da ich keinen schweren Rucksack trage, komme ich besser zurecht. Warum gibst du deinen nicht Richard?« »Weil wir um so mehr darauf achten müssen, uns lautlos zu be- wegen, je näher wir der Demarkationslinie kommen. Das ist leich- ter, wenn man keinen großen Rucksack trägt, und ich habe mehr Übung darin.« Ziegler behielt ein gleichmäßig hohes Tempo bei und wurde nur langsamer, wenn sie auf Anzeichen menschlicher Besiedlung stie- ßen. In den ersten vier Stunden gelang es ihnen noch, ihren aus ei- ner Stunde Marsch und fünf Minuten Pause bestehenden Rhyth- mus durchzuhalten, aber dann stießen sie immer häufiger auf mili- tärische Einrichtungen, so daß sie weite Umwege machen mußten und nur rasten konnten, wenn sie wieder außer Gefahr waren., Richard Weatherill hatte endlich begonnen, die gewaltigen Schwie- rigkeiten eines Nachtmarschs durch feindliches Gebiet zu begreifen, in dem es darauf ankam, nicht gehört oder gesehen zu werden. Er wunderte sich jetzt nicht mehr darüber, daß sie weder Straßen noch Wegen folgten oder Brücken benützten; er verstand die langen Pau- sen, die Ziegler durch Handzeichen anordnete, damit er auskund- schaften konnte, wie ein Hindernis sich am besten umgehen ließ. Der erste Anblick einer größeren Einheit des nordkoreanischen Militärs hatte Weatherill zutiefst erschreckt. Als Zeccara ihm stumm die einzelnen Einrichtungen zeigte, war ihm klargeworden, daß er, auf sich allein gestellt, mitten hineingestolpert wäre. Hier müssen Hunderte von Soldaten in Stellung sein, dachte er. Während er sich mit seiner Nachtsichtbrille umsah und dabei Zeccaras Zeigefinger folgte, schienen die Umrisse von Fahrzeugen, Geschützen, Befehls- ständen und Wachbunkern ihn geradezu anzuspringen. Ein einzel- ner Wachposten, der jedoch fast hundert Meter entfernt war, schien gerade ihn anzustarren. Weatherill erstarrte, dann ließ er sich lang- sam zu Boden sinken. Aus irgendeinem Grund dachte er plötzlich an Fernsehfilme über afrikanische Großkatzen, die sich an ihre Beute anschleichen. Ihre langsamen, lautlosen Bewegungen waren völlig beherrscht und kaum wahrnehmbar gewesen, und die Raubtiere hatten jede Deckung geschickt ausgenützt. Ziegler und die anderen glichen solchen Großkatzen, das wußte er jetzt. Sie waren selbst Raubtiere und in dieser Umgebung völlig heimisch, auch wenn sie von Tausenden von Männern umzingelt waren, die sie sofort erschießen würden, falls sie entdeckt wurden. Weatherill erkannte, daß er auf den Schutz der anderen angewiesen war und nichts Besseres tun konnte, als sie nachzuahmen und selbst wie eine Katze zu denken. Die Nordkorea- ner wissen nicht, wie nahe wir sind, dachte er. Aber wenn sie's merken, werden sie nicht erst viele Fragen stellen. Ziegler führte sie weitere vier Stunden lang vorsichtig an unzäh-, ligen nordkoreanischen Stellungen vorbei. Einmal hatte Weatherill ihn allen Ernstes in Verdacht, übergeschnappt zu sein. Ziegler schien sie mitten in ein riesiges Militärlager geführt zu haben, in dem sie von Zelten, Bunkern, Fahrzeugen und in den Nachthimmel aufra- genden Fla-Raketen umgeben waren. Sie brauchten fast eine Stunde, um zweihundert Meter weit zu robben, bis sie wieder in Sicherheit waren; danach war Weatherill völlig erledigt. Er überlegte einen Au- genblick lang, wie das für Sumi und Howard sein mußte, die beide verwundet waren – vor allem für Howard, der zusätzlich seinen schweren Rucksack mitschleppen mußte. Weatherill zog vorsichtig seine Armbanduhr aus seiner Kombi, deckte das Leuchtzifferblatt ab, damit es sie nicht verraten konnte, und stellte fest, daß es fast drei Uhr morgens war. In seiner Müdig- keit begriff er, wie entscheidend wichtig die körperliche Leistungsfä- higkeit war, auf die der SAS so großen Wert legte. Der geisttötende, den gesamten Körper bis zur totalen Erschöpfung fordernde Ge- waltmarsch durch die walisischen Berge erschien ihm auf einmal sinnvoll. Er verstand sogar, warum Harris ihn mit einem gleich schweren Rucksack begleitet hatte. Das hatte er nicht etwa getan, weil er selbst wieder fit werden wollte, sondern um ihm die Einstel- lung zu vermitteln, die alle Soldaten der Special Forces haben muß- ten. Die Langeweile, die Erschöpfung, die Schmerzen – das zählte nicht. In Wirklichkeit zählte nur, daß diese Dinge nicht zählten. Un- annehmlichkeiten dieser Art mußten Routine sein, sie mußten ein- fach ignoriert und durchgehalten werden. Dieses Wort… durchhalten… Während die acht sich langsam weiter vorarbeiteten, wurden sie allmählich auf eine laute, monoton leiernde Stimme aufmerksam. Sie klang scheppernd und verzerrt; Howard erkannte, daß sie durch Lautsprecher verstärkt wurde. Je näher sie ihr kamen, desto lauter wurde die Stimme, bis sie praktisch alle sonstigen Geräusche über- tönte. »Was, zum Teufel, soll dieser Höllenlärm, Sumi?« fragte Howard., »Da spricht Generalsekretär Kim Il Sung«, antwortete sie. »Ver- mutlich seine letzte Rede. ›Haßtirade‹ wäre ein besseres Wort dafür. Langweilige Propaganda von vorn bis hinten. Die nordkoreanische Armee spielt seine Reden entlang der Demarkationslinie Tag und Nacht so laut ab, daß die Südkoreaner sie drüben hören können. Als ob die sich davon bekehren ließen«, fügte sie hinzu und verzog das Gesicht. »Ich hatte gehofft, ich würde diese Stimme nie wieder hören müssen. Die Amerikaner bilden sich ein, den Begriff politi- sche Korrektheit erfunden zu haben, aber sie sollten mal dieses Ge- schwätz hören. Kim Il Sung hat sie schon vor einem halben Jahr- hundert erfunden – und man braucht sich nur anzusehen, wohin sie sein Land gebracht hat.« »Nun, für uns ist das gut«, stellte Howard fest. »Solange dieser Scheiß aus den Lautsprechern kommt, hört uns niemand – auch wenn wir noch so viel Krach machen.« Während sie sich weiter vorarbeiteten, wurde Kim Il Sungs Stim- me ohrenbetäubend laut. Sie kamen in etwa fünfzig Meter Entfer- nung an einem der Lautsprecher vorbei, der als riesiger Schalltrich- ter deutlich sichtbar auf einem hohen Holzmast montiert war. Har- ris, dessen Gehör noch unter den Nachwirkungen seines Beinahe- Zusammenstoßes mit der MiG-25 litt, fand diesen Lärm fast uner- träglich; er hätte den Lautsprecher am liebsten mit einer Kugel zum Schweigen gebracht. Ziegler beriet sich halblaut mit Howard. Irgendwo im Süden war jetzt ein kleines Blinklicht sichtbar, das nicht besonders hell kurz- lang, kurz-lang blinkte. Weatherill bildete sich ein, mit seiner Nacht- sichtbrille links vor und unter ihnen eine schwächere Reflexion die- ses Signals zu sehen; er fragte sich, ob sein Nachtsichtgerät defekt sei. Er schaltete die Brille aus und hob sie hoch. Das Blinklicht war noch immer sichtbar, aber die synchrone Reflexion war verschwun- den. Sie kam jedoch zurück, als er die Nachtsichtbrille wieder ein- schaltete. Weatherill vermutete schulterzuckend eine durch das Ge-, rät hervorgerufene optische Verzerrung. Ziegler bewegte sich jetzt nach links. Weatherill beobachtete, daß Howard und er dabei häufig zu dem Blinklicht hinübersahen; zu seinem Erstaunen rückte die Reflexion allmählich auf eine Linie mit dem Blinklicht. Schließlich standen die beiden Lichter genau hin- tereinander. Ziegler machte halt. Weatherill schaltete seine Nacht- sichtbrille aus und schob sie erneut hoch; auch diesmal war nur das eine Blinklicht sichtbar. Kurz-lang, kurz-lang… »Okay, wir sind da«, flüsterte Howard. Trotz seiner Müdigkeit und seiner schmerzhaften Verwundung war er froh und erleichtert, weil die Leuchtmarkierungen wie vereinbart aufgestellt waren. »Wir bewegen uns geradeaus weiter und achten darauf, daß diese syn- chronisierten Lichter genau hintereinander erscheinen. Genau hin- tereinander, verstanden? Weichen wir ein paar Meter von der Ideal- linie ab, geraten wir in Minenfelder – vor allem auf der südkoreani- schen Seite. Dazwischen gibt's Zäune und Drahthindernisse, aber die überwinden wir, wenn sie auftauchen. Ab hier liegt eine vier Ki- lometer lange, ganz langsame Kriecherei vor uns. Und wir dürfen wirklich nur langsam kriechen. Jede plötzliche Bewegung würde ge- ortet. Noch Fragen?« »Warum sehe ich ohne die Brille nur ein Licht?« flüsterte Wea- therill. »Das vordere Blinklicht ist eine Infrarotleuchte«, erklärte Howard ihm ebenso leise. »Ich hoffe, daß die nordkoreanischen Infrarotsen- soren sie nur für eine zufällige Reflexion halten.« »Wo sind wir?« »Hörst du keine Musik, wenn der alte Scheißer mal 'ne Pause macht?« »Welche Musik?« »Horch!« sagte Howard. Weatherill hörte irgendwo in der Ferne leise Musik, konnte je- doch wegen der plärrenden nordkoreanischen Lautsprecher nicht, erkennen, was dort gespielt wurde. Dann machte Kim Il Sungs Stim- me zwischen zwei Sätzen eine kurze Pause; in der plötzlichen Stille erkannte Weatherill ungläubig die Rolling Stones mit ›Sympathy for the Devil‹. »Was, zum Teufel, geht hier vor?« fragte er. »Sind hier alle ver- rückt geworden? Woher kommt die Musik?« »Eigentlich passend ausgesucht, find ich«, murmelte Howard. »Das ist die Antwort der Südkoreaner auf Kim Il Sungs Propagan- da. Er versucht, sie zum Kommunismus zu bekehren, und sie bom- bardieren ihn ihrerseits mit den Stones und den Beatles. Falls du's noch nicht gemerkt haben solltest: Wir haben die entmilitarisierte Zone erreicht.«

Howard übernahm die Spitze und kroch auf seiner rechten Seite,um den verwundeten linken Arm zu schonen. Sumi, die auf

ihrer linken Seite kroch, folgte ihm, während Halliday dicht hinter ihr blieb. Sie hatte ziemlich viel Blut verloren, das merkte Halliday ihr an, aber sie war außergewöhnlich zäh und zum Durchhalten entschlossen. Nach dreihundert Metern erreichten sie ein Drahthindernis aus hintereinanderliegenden Stacheldrahtrollen. Howard winkte Ack- ford und Zeccara nach vorn. Die beiden brauchten lange Minuten, um das Hindernis nach Alarm- und Stolperdrähten abzusuchen, dann fingen sie an, die Stacheldrähte durchzuschneiden. Zeccara hielt jeden Draht mit Lederhandschuhen hoch, und Ackford be-, nützte die Drahtschere. Das leise Klicken, mit dem der Draht durchtrennt wurde, und das Rascheln, mit dem die langsam losge- lassenen Enden auseinanderglitten, wurden von den Lautsprechern übertönt. Nach zwanzig Minuten war eine schmale schräge Gasse entstan- den, die von Norden aus hoffentlich nicht sichtbar sein würde. Während Ackford und Zeccara die Drahtrollen auseinanderhielten, krochen die anderen vorsichtig hindurch und achteten darauf, nicht mit Kleidungsstücken hängenzubleiben. Als letzter Mann verdrillte Ziegler die Drahtenden wieder miteinander, damit das Hindernis auf den ersten Blick unbeschädigt aussah. Natürlich wird die Gasse morgen bemerkt, dachte Howard, aber bis dahin… Die Schmerzen in seinem Arm begannen allmählich seine Kon- zentrationsfähigkeit zu beeinträchtigen, und er forderte Halliday mit einer Handbewegung auf, ihm die Sanitätstasche zu geben. Hal- liday hatte diese Anforderung erwartet. Er drückte Howard zwei Tabletten in die Hand und bot Sumi ebenfalls zwei an. Sie wollte die Tabletten erst zurückweisen, schluckte sie dann aber doch, als er darauf bestand. Eine Viertelstunde später ließen die Schmerzen langsam nach. »Brown Sugar!« grölten die Rolling Stones vor ihnen im Süden. Die lange Kriecherei war anstrengend und wollte kein Ende neh- men. Die beiden synchronisierten Blinkleuchten schienen über- haupt nicht näher zu kommen. Das Gelände war offen, kahl und fast eben. Im ersten Abschnitt gab es außer einigen Felsen und ver- kümmerten Sträuchern so gut wie keine Deckung. Vor ihnen, das wußte Howard, lag die in der Mitte der entmilitarisierten Zone ver- laufende Demarkationslinie. Eine imaginäre Linie durchs Nie- mandsland. Jenseits dieser Grenze… Weit hinter ihnen erklang ein dumpfer metallischer Schlag, dann waren trotz des Lautsprecherlärms Menschenstimmen zu hören. Wenige Sekunden später flammte gut hundert Meter über ihnen, die Leuchtgranate eines Granatwerfers auf und tauchte das Gelände im Umkreis von Hunderten von Metern in gleißend helles Licht. Jede Bewegung wäre sofort sichtbar gewesen, aber das leichte Pen- deln des langsam an seinem Fallschirm herabsinkenden Leuchtsat- zes bewirkte, daß unbewegliche Gegenstände nur schwer erkennbar waren. Howard fühlte sein Herz bis zum Hals schlagen, während er darauf wartete, was als nächstes passieren würde. Waren sie gesehen worden? Hatte irgendein Sensor die Nordkoreaner alarmiert? Eine weitere Leuchtgranate folgte, unmittelbar bevor die erste aus- brannte. Sie lagen unbeweglich. Weatherill schloß schweratmend die Augen und war für diese Pause dankbar. Dann war es wieder dunkel. Howard wartete volle zwei Minuten lang, bevor er weiterkroch. Er war noch vorsichtiger als bisher, weil er vermutete, den Nord- koreanern sei erhöhte Alarmbereitschaft empfohlen worden. Die acht legten langsam die nächsten zweihundert Meter zurück. How- ard sah, daß sie auf eine mit Felsbrocken und -blöcken übersäte Bo- denwelle zukrochen. Seine Hand berührte etwas, und er erstarrte, weil er ein Stück Kla- viersaitendraht ertastete. Zum Glück war der Draht schlaff, nicht gespannt. Eine Leuchtfalle oder vielleicht eine Schützenmine. Ver- dammt! dachte er wütend. Diese Route ist doch angeblich frei! Die Draht- enden würden in zehn bis fünfzehn Metern Entfernung an niedri- gen Metallpflöcken befestigt sein. Ein Pflock diente nur als Anker, aber am anderen Ende war der Draht mit einem Kipphebel verbun- den, der durch eine Feder gespannt wurde. Jeder Zug am Draht be- wegte diesen Hebel, der aber auch ausgelöst wurde, wenn der Draht zerschnitten wurde – die Feder ließ ihn dann zurückschnellen. So oder so wurde eine Pulverladung gezündet und die Schützenmine an ihrer eineinhalb Meter langen Kette in die Luft geschleudert. Diese Kette betätigte den Abreißzünder der Mine, die augenblick- lich detonierte – mit tödlicher Wirkung für jeden Menschen im, Umkreis von fünfzig Metern. Howard schnalzte leise mit den Fingern. Zeccara kam nach vorn gekrochen. Er nickte, als er den Draht sah, und bewegte sich lang- sam nach rechts, um ihn bis zu seinem Pflock zu verfolgen. Nach einigen Minuten kam er lautlos zurück und schüttelte den Kopf. »Minenfalle, Boß«, flüsterte er. »Lieber nicht anfassen. Die Feder hat noch Spannung. Der Hebel könnte festgerostet sein – aber falls er's nicht ist, kann die leichteste Berührung ihn auslösen.« Die Rolling Stones mit ›Jumping Jack Flash‹, überlegte Howard sich. Diesen Song sollten die Südkoreaner spielen. »Und wenn wir den Draht durchschneiden?« »Das könnte gehen, aber er steht noch leicht unter Spannung. Ich würd's nicht riskieren. Am besten kriechen wir ums andere Ende herum.« Howard nickte, dann fügte er warnend hinzu: »Paß auf weitere Drähte auf.« Er ließ Zeccara vorauskriechen. Nach ungefähr zehn Metern sah er den kleinen Ankerpfosten aus dem Boden ragen. Dann war er um dieses Hindernis herum und kroch nach rechts zu- rück, um die Blinklichter wieder in Deckung zu bringen. Aber die beiden Lichter waren verschwunden. Howard fühlte sein Herz jagen, bis er entdeckte, daß sie nur für den Augenblick durch die kleine Bodenwelle vor ihnen verdeckt waren. Zeccara, der weiter den Weg erkundete, kroch langsam zu den Felsen hinauf. Irgendwo hinter ihm schwirrte ein straffgespannter Draht. Scheiße, jemand ist daran hängengeblieben… Weit hinter ihnen plärrte ein Signalhorn los, und Sekunden spä- ter war der dumpfe Abschußknall von Granatwerfern zu hören. »Los, schnell zwischen die Felsen!« rief Howard drängend. Sie has- teten weiter, um hinter den Felsen in Deckung zu gehen, denn sie wußten, daß die Werfergranaten in spätestens fünfzehn Sekunden einschlagen und mit einem Hagel von Stahlsplittern detonieren würden, die für jeden tödlich waren, der nicht rechtzeitig in De-, ckung ging. Sie erreichten das Gewirr aus Felsblöcken und warfen sich zu Bo- den. Howard behielt den Kopf oben, um durch einen Spalt zwi- schen zwei Felsen die nordkoreanische Feuerstellung beobachten zu können. Eine Zigarette, dachte er. Die könnte ich jetzt brauchen. Das kurze Rauschen der fallenden Granaten war seitlich von ihnen zu hören. Noch keine Gefahr. Flugzeit ungefähr zwanzig Sekunden, schätzte Howard. Seine Augen glitzerten dunkel, während er die Detonatio- nen beobachtete. Feuer liegt schlecht, sagte er sich leidenschaftslos. Zweihundert weiter, vierhundert rechts. Die Druckwellen der Detonatio- nen schlugen an seine Ohren. Verdammt, ich brauchte eine Zigarette. Er erinnerte sich an einen Rat, den ihm vor vielen Jahren ein Offizierskamerad gegeben hatte – als Veteran zahlreicher Schlachten ein Mann, vor dessen Ruf er großen Respekt gehabt hatte. Obwohl Howard damals schon mehrmals beschossen worden war und eini- ge Male vor wenig wirkungsvollem Artillerie- oder Granatwerfer- feuer hatte in Deckung gehen müssen, war er sich darüber im kla- ren, daß er noch immer ein relativ unerfahrener Neuling war. Er hatte nie recht begriffen, was sie zusammengeführt hatte: den Vete- ranen Sean, den irischen Söldner, und ihn, den jungen Engländer, der noch kaum zu leben begonnen hatte und sich erst recht nicht darauf verstand, anständig zu sterben. Der ältere Mann… Älter? Howard seufzte. Sean ist damals kaum dreißig gewesen… besaß jene Lebenserfahrung, die nur denen zuteil wird, die dem Tode nahe gewesen sind. Auf Tuchfühlung… du brauchst nur die Hand auszustrecken, dann ist er dein… Sean und er hatten sich am Rande einer kleinen lärmenden Kasinoparty kennengelernt. Bei- de hatten den Krach satt, und obwohl sie einander kaum kannten, waren sie ins Gespräch gekommen. Howard hatte sich Seans Erzäh- lungen fasziniert angehört. »Sean?« hatte er schließlich gefragt. »Wie ist's, in einer richtigen Schlacht zu sein?«, »Schwer zu beschreiben«, antwortete Sean langsam. Er zog kräftig an seiner Zigarette. »Willst du auch eine?« fragte er und hielt ihm die Packung hin. Aber Howard lehnte dankend lächelnd ab. »Danke, ich hab das Rauchen vor ein paar Monaten aufgegeben. Mir ist aufgefallen, daß ich im Gelände nicht mehr mit meinen Leuten mitgekommen bin.« »Nimm die Packung, Ed«, forderte Sean ihn ruhig auf. »Behalt sie.« Howard griff zögernd danach. Er steckte sie in seine Hemdtasche. Sean sprach weiter. »Paß auf, ich will dir was erzählen. Ich will dir einen guten Rat geben, den du vielleicht brauchen kannst, wenn du mal einen schweren Angriff erlebst.« Howard starrte ihm in die Augen. Aber Seans Blick wirkte geistes- abwesend, als sei er in Gedanken weit weg in der Vergangenheit. »Sobald der Angriff beginnt, zündest du dir eine von diesen an.« Er tippte auf Howards Brusttasche. »Dann rauchst du sie fünf Mi- nuten lang in aller Ruhe, während du dich umsiehst und nach- denkst. Alle anderen laufen hektisch herum, schreien durcheinander und versuchen, alles mögliche zu tun. Tatsache ist aber, daß – außer in offensichtlichen Notfällen – in den ersten fünf Minuten nicht viel getan werden kann. Nach diesen fünf Minuten weißt du, was getan werden muß – oder hast zumindest fünf Minuten länger darüber nachgedacht als jeder andere.« Howard hatte diesen guten Rat nie vergessen. Schon am Tag da- rauf hatte er Sean zum Flugplatz mitgenommen; Sean war mit ei- nem neuen Auftrag unterwegs. Nur wenige Tage später war er bei dem Versuch gefallen, einen Kameraden zu retten… Eine Zigarette… Entscheidungen treffen. Verlegen die Nordkoreaner ihr Feuer? Oder haben sie nur auf Verdacht geschossen? Hinter ihnen flammten jetzt Scheinwerfer auf, deren Lichtstrahlen das Gelände systematisch absuchten. Weitere dumpfe Abschußgeräusche zeigten, daß die Granatwerfer wieder schossen. Howard begann langsam zu, zählen. Fünfzehn, sechzehn, siebzehn… Das pfeifende Rauschen war dicht vor ihnen. »Einschläge!« warnte Howard die anderen halblaut. Der Erdboden unter ihnen erzitterte, als die Granaten etwa hundert Meter vor ihnen detonierten. Scheiße, sie haben's doch verlegt… Müssen wir abhauen? Ja. Dann hämmerte ein Maschinengewehr los: ein schweres 12,7-mm- MG, das von links hoch über ihre Köpfe hinwegschoß. »Los, wei- ter! Bleibt unten und achtet auf die Blinklichter!« rief Howard, um das Hämmern des MGs und das Wummern der Musik der Boom- town Rats zu übertönen, die jetzt aus den weit entfernten, südko- reanischen Lautsprechern kam. Während sie zwischen den Felsen hindurch davonhasteten, be- gann hinter ihnen wieder Granatwerferfeuer. Diesmal ging es nach der ersten Salve weiter. Grau-schwarzer Rauch von der Sprengla- dung der Granaten trieb in dichten Schwaden übers Gelände. »Jesus!« wimmerte Weatherill. »Maul halten und mitkommen!« knurrte Ackford ihn an. Die 82-mm-Granatwerfer schossen Sperrfeuer, und die Nacht wur- de von den ständigen Lichtblitzen detonierender Granaten erhellt. Zum Glück hatten die Nordkoreaner ihr Feuer nicht nochmals ver- legt, so daß es weiterhin zu kurz lag. Der Rauch war erstickend dicht, und Howard konnte nur hoffen, daß es Ziegler trotzdem ge- lingen würde, die Blinkleuchten zu erkennen. Ins Dauerfeuer des schweren MGs waren jetzt viele andere Maschinenwaffen eingefal- len, und der Krach war ohrenbetäubend. Der scharfe Knall vorbeifliegender überschallschneller Geschosse war besonders desorientierend, und Howard konnte sich vorstellen, was die Neulinge bei ihrer Feuertaufe empfinden mußten. Er selbst bildete die Nachhut. Vor sich sah er, daß Ackford den Wissen- schaftler am Kragen gepackt hielt und Weatherill rücksichtslos mit- schleppte. Ganz vorn war Sumi zu erkennen, die klugerweise dicht bei Ziegler blieb. Die felsige Bodenwelle hinter ihnen gab ihnen, noch etwas Deckung; sie befanden sich jetzt in einer leichten Sen- ke, in der sie vor MG-Feuer sicher waren. Gut zweihundert Meter vor ihnen lag eine weitere felsige Bodenwelle… Howard hörte das neue Geräusch, das die Detonationen der Wer- fergranaten hinter ihnen übertönte, lediglich einen Augenblick lang. Ein schreckliches brausendes Röhren, das er nur allzugut kannte. Für eine Reaktion blieb ihm weniger als eine halbe Sekunde Zeit. »Runter!« brüllte er. Die 122-mm-Katjuscha-Rakete detonierte keine fünfzig Meter ent- fernt. Die blendende Gewalt ihrer Detonation traf sie wie ein Vor- schlaghammer. Erdbrocken und Steinsplitter wurden in die Luft ge- schleudert und regneten auf sie herab. »Weiter!« brüllte Howard. Keiner schien getroffen zu sein. Sie hatten den felsigen Streifen schon fast erreicht. Deep Purple hatte die Boomtown Rats abgelöst. Die nächste Salve der 82-mm-Granatwerfer lag besser. Kurz bevor die Werfergranaten detonierten, warfen die acht Gestalten sich flach zu Boden. Howard versuchte, die Einschläge zu zählen; zuvor wa- ren es schätzungsweise vierzig Werfergranaten gewesen – also jeweils fünf Schuß Wirkungsfeuer aus acht Rohren. Das klang plausibel. Aber diesmal lagen die Einschläge viel näher… Sechsunddreißig, siebenunddreißig… Dann ein kurzer Aufschrei Sumis. Die letzte Detonation verhallte. »Weiter!« brüllte Howard, um das Maschinengewehrfeuer zu übertönen. »Scheiße«, grunzte Ackford, während er unbeholfen auf die Beine kam. Sein linker Arm hing kraftlos herab. Halliday bückte sich und hob Sumi auf. Er legte sie sich wie ein Feuerwehrmann über die Schulter und stolperte hinter Ziegler her, der die letzten Meter bis zu den nächsten Felsen vorauslief. Im nächsten Augenblick hörten sie wieder das brausende Röhren einer Katjuscha-Rakete. Als sie sich in Deckung warfen, sah Howard, wie Ackford Weatherill mit sich zu Boden zog. Der Einschlag lag näher als vorhin. Gleich feuern sie eine ganze Salve ab – alle vierzig Stück auf, einmal… Nein, das stimmt nicht; Sumi hat gesagt, daß es nur dreißig sind… Als Howard sich mit einem Hechtsprung zwischen die Felsen warf, hörte er das Abschußgeräusch weiterer Raketen, und dann schien die ganze Welt grellweiß zu erstrahlen. Obwohl sie ihre Ge- sichter in die Erde drückten und die Augen fest geschlossen hielten, schienen die Raketendetonationen heller als Blitze zu sein. Ein Gluthauch fegte über sie hinweg, der Erdboden unter ihnen erbeb- te, und die Felsen schienen zu wanken. Eine Stimme schrie vor Schmerz oder Entsetzen klagend auf… Dann hörte das Trommelfeuer ebenso plötzlich wieder auf, wie es angefangen hatte. Nur das Summen in ihren Ohren erinnerte noch daran. Selbst das Hämmern des MGs war verstummt. Howard woll- te sich kniend hochstemmen, sank dann aber zurück, als ein starker Schmerz sein rechtes Bein durchzuckte. Verdammt… Er tastete sei- nen Oberschenkel ab und spürte Blut an den Fingern. Trotzdem Glück gehabt. Hätte auch die Schlagader treffen können. »Mike? Bei dir alles okay?« »Yeah«, antwortete Ziegler seelenruhig, »aber meine linke Hand hat's erwischt. Außerdem ist mir was an die Rippen geknallt, aber ich atme noch. Pete, gibst du mir ein oder zwei Verbandspäckchen, wenn du 'nen Augenblick Zeit hast?« »Sonst jemand getroffen?« »Sumi hat's am linken Fuß oder Knöchel erwischt«, meldete Hal- liday. »Wie schlimm, weiß ich nicht, aber sie kann jedenfalls nicht laufen.« »Bei mir ist's die linke Schulter, Boß«, grunzte Ackford. »Und der Doc hier scheint unter Schock zu stehen.« Harris, Zeccara und Halliday waren unverwundet. Wunderbar, dachte Howard, von acht sind nur fünf verwundet. »Mike«, sagte er laut, »wahrscheinlich greifen sie bald an. Ihr müßt sofort abhauen! Nehmt ein paar Sprengladungen mit und sprengt ein Loch in den Grenzzaun – der ist nur drei- bis vierhundert Meter von hier ent-, fernt. Pete, du trägst Sumi. Tony, du kümmerst dich um Richard. Wir geben euch Feuerschutz. Los!« Er warf Ziegler ein kleines Päck- chen zu, das der Amerikaner mit seiner nicht verwundeten Hand auffing. »Haut endlich ab!« Ziegler verstand. Er nickte Howard kurz zu und führte die vier anderen, deren Rucksäcke ebenfalls zurückblieben, rasch in Rich- tung Grenzzaun. »Claymores sind in meinem, Ed, Handgranaten in Tonys!« rief Howard über eine Schulter hinweg zu. Ackford trug sein AK jetzt umgehängt; mit der nicht verwundeten Rechten hielt er den schreckensbleichen Weatherill am Kragen gepackt und stieß ihn vor sich her. Howard umklammerte sein Bein und sah ihnen nach, als sie nach Süden verschwanden. Daß die Nordkoreaner den Granatwerfer- und Raketenbeschuß eingestellt hatten, konnte ein gutes Zeichen sein, aber er glaubte nicht recht daran. »Angelo, du holst die Handgrana- ten aus Tonys Rucksack. Mel, du stellst die Claymores auf. Und ihr bringt die Reservemunition aus allen Rucksäcken mit.« Howard beugte sich nach vorn, um seinen Oberschenkel zu verbinden. Ver- dammt, dachte er dabei, jetzt könnten wir ein paar leichte MGs oder Ma- schinenpistolen brauchen. Oder noch lieber ein M19 mit reichlich Muni- tion… Nachdem Zeccara rasch die Handgranaten und Reservemagazine verteilt hatte, gingen die drei Männer in Richtung Norden in Stel- lung. Mit jeder Sekunde, in der keine Werfergranaten einschlugen, wurde ein Sturmangriff nordkoreanischer Truppen wahrscheinli- cher. Harris hatte sechs Claymore-Minen auf ihren Ständern gut ver- teilt etwa zehn Meter vor ihnen aufgestellt. Zwei weitere behielt er in Reserve. Jede Claymore bestand aus einer halbmondförmigen Sprengladung, in deren Außenseite Hunderte von Stahlkugeln ein- gebettet waren; wurde die Mine gezündet, fegte ein Kugelhagel über einen weiten Sektor hinweg und mähte jeden Angreifer nieder, der, nicht in Deckung lag. Von jeder Mine führte ein Kabel zu einem kleinen handbedienten Impulsgenerator. Wurde er zusammenge- drückt, entstand ein Zündfunke, der die Claymore augenblicklich detonieren ließ. Tempo, Mike! dachte Howard. Tempo! Er sah auf seine Uhr; er wollte ihnen ein paar Minuten länger Zeit lassen und sich dann ebenfalls absetzen. Harris und Zeccara würden ihn tragen müssen… Die Blinklichter lockten Ziegler an, während er und die drei an- deren auf die Demarkationslinie zustolperten. Ackford, der den tau- melnden Weatherill an einem Arm gepackt hielt, schloß zu ihm auf. »Faß mit an, Mike«, keuchte Ackford. »Meinen anderen Arm hat's erwischt.« »Klar«, sagte Ziegler und packte Weatherills rechten Arm. Er zuckte zusammen, weil diese Bewegung seine Rippenschmerzen ver- stärkte. »Was fehlt ihm eigentlich?« »Er ist bloß taub, glaub ich«, sagte Ackford. »Eine der Raketen hat neben uns eingeschlagen. Mit dem Kerl ist jedenfalls nichts mehr anzufangen.« Sie trabten nach vorn gebeugt weiter und schleppten Weatherill zwischen sich mit. Der junge Wissenschaftler schien den Verstand verloren zu haben; er stöhnte und torkelte, konnte sich aber immerhin noch auf den Beinen halten. Hinter ihnen stolperte Halliday mit Sumi in den Armen auf die Blinklichter zu. Sie schien leicht wie ein Kind zu sein, aber das un- ebene Gelände war kräftezehrend, und die vor ihm liegende Strecke schien endlos lang zu sein. Sumi blieb bei Bewußtsein und starrte ihm ins Gesicht. Halliday konnte sich vorstellen, daß ihre Verlet- zungen bei jedem Schritt schmerzen mußten, aber sie gab keinen Laut von sich. »There was a young Nik-Nok rom 'unchon«, keuchte Ackford. »Was?« »Got shot in the mouth after luncheon«, fuhr Tony fort. »Huntschön«, murmelte Sumi., »Ha, ha!« lachte Ackford. »Before…« »Hör auf, Tony«, ächzte Ziegler. »Außerdem ist's Abendessenzeit gewesen.« »Ha, ha! Before the bloke died…« »Laß den Scheiß, Tony!« »I said open wide…« »Jesus«, fragte Ziegler grinsend, »muß ich mir das wirklich anhö- ren?« »Here's a couple of bullets to munch on. Ha, ha, ha!« »Tony, du bist ein Arschloch, weißt du das? Es tut gottverdammt weh, mit gebrochenen Rippen zu lachen.« »Ha, ha, ha!« Hinter sich hörte Ziegler Sumi und Halliday kichern. Plötzlich waren sie am Grenzzaun. »Runter!« befahl Ziegler. »Bleibt in Deckung, bis ich die Sprengladungen gezündet habe!« Neunzig Sekunden später detonierten die Haftladungen aus Plas- tiksprengstoff, rissen ein gezacktes Loch in den Streckmetallzaun und legten zwei der großen Stahlpfosten um, deren Y-förmige Auf- sätze mit Bandstacheldrahtrollen bewehrt waren. Sie stolperten durch die Bresche weiter und hatten jetzt das erste der beiden Blink- lichter – das Infrarotblinklicht – vor sich. Weit konnte's nicht mehr sein… Drei Minuten später erreichten sie das Blinklicht. Plötzlich stol- perten sie nach vorn und rollten eine Grabenböschung zu einem großen Unterstand hinunter. Dort gab es Licht, Gesichter… Ziegler verzog schmerzlich das Gesicht; er war ausgerechnet auf seiner verwundeten Hand gelandet, und seine Rippenwunde brann- te wie Feuer. Als er Weatherill von sich wegschob und sein AK von der Schulter nahm, erkannte er Johnny Bournes Gesicht über sich. Hinter ihm im Graben stand Oberst Max Goodale; wenige Meter von ihm entfernt lag ein eingegrabener Befehlsstand der südkorea- nischen Armee., »Mike!« rief Bourne aus. »Alles in Ordnung mit dir?« »Hallo, Jungs«, keuchte Ziegler erschöpft. »Nein, mit mir ist nicht alles in Ordnung. Im Gegenteil, ich leide gräßliche Schmerzen. Tony hat uns gerade den schlechtesten Witz der Welt erzählt.« »Ha, ha!« lachte Ackford, dessen Arm in unnatürlichem Winkel von seiner zerschmetterten Schulter abstand, mit schwacher Stim- me. Ziegler rappelte sich unter Schmerzen auf. »Oberst, kann ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?« Er zog Goodale beiseite und sprach außer Hörweite der anderen halblaut auf ihn ein. Ihr Ge- spräch war kurz und dringend. An einer Stelle sah Goodale scharf zu den drei anderen hinüber. Ziegler griff in seine Kombi und über- gab ihm das kleine Päckchen, das Howard ihm mitgegeben hatte. »Und vergessen Sie nicht, Ihren Leuten zu sagen, daß das IRIS-Ge- rät keine Bombe zünden, sondern einen Schuß abgeben soll«, sagte er abschließend. »Das bedeutet, daß es kleiner ausfallen und weiter von der Zielperson entfernt sein kann.« Goodale drückte Ziegler kurz die Hand und drehte sich dann nach dem Befehlsstand um. »Major«, sagte er zu dem amerikani- schen Verbindungsoffizier, der sie in dem schmalen Eingang ste- hend beobachtet hatte, »sind Sie so freundlich, Ihre südkoreani- schen Freunde zu bitten, mich über eine abhörsichere Leitung mit dem US-Botschafter in Seoul zu verbinden? Persönlich, wenn ich bitten darf, und sofort.« Irgend etwas an Goodales Gesichtsausdruck sagte dem Amerika- ner, daß diese Sache wirklich dringend war. »Ja, Sir!« antwortete er, salutierte zackig und verschwand im Befehlsstand. Goodale folgte ihm mit grimmig gerunzelter Stirn, weil aus dem nordkoreanischen Sektor der entmilitarisierten Zone wieder Granatwerferfeuer zu hö- ren war. Südkoreanische Ärzte und Sanitäter versorgten bereits Sumis und Ackfords Wunden. Ziegler war zu Boden gesunken. Sein Gesicht, war vor Schmerzen grau, aber er hielt weiter sein AK umklammert. Zwei Sanitäter hatten ihm bereits Kombi, Hemd und Unterhemd aufgeschnitten und verbanden seine stark blutende Brustverletzung, während zwei andere sein gebrochenes Handgelenk schienten. Die Granatwerfer waren verstummt; dafür war jetzt Gewehrfeuer zu hören. Ziegler versuchte sich aufzurappeln. Bourne drückte ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Hiergeblieben, Mike«, sagte er. »Du hast 'ne Menge Blut verloren. So kämst du keine zehn Meter weit.« Ziegler, dem plötzlich schwindlig war, sank erschöpft zurück. »Vielleicht hast du recht, Johnny«, sagte er mit schwacher Stimme. »Aber wir müssen irgendwas tun, um den Jungs zu helfen… sie müßten längst hier sein.« Er überlegte kurz, dann blitzten seine Au- gen auf. »Hey, schnapp dir diesen Major dort drüben und gib ihm mein Magellan-GPS. Darin sind die vier nächsten nordkoreanischen Stellungen und unsere beiden letzten Positionen auf zehn Meter ge- nau gespeichert. Er soll alle Punkte bis auf den letzten, an dem Ed und die Jungs im Augenblick sind, mit Artillerie beschießen lassen. Sag ihm, daß es mir scheißegal ist, ob er damit den Dritten Welt- krieg auslöst.« Bourne nickte wortlos. Eine Minute später war er zurück. »Ich habe mit dem Oberst gesprochen, und er will sehen, was er tun kann«, berichtete er. »Er telefoniert übrigens gerade mit Seoul. Eure Meldung ist unterwegs.« Das Gewehrfeuer schien heftiger geworden zu sein. Bourne zog Weatherill die Nachtsichtbrille vom Kopf und setzte sie auf; dann griff er sich Ackfords Gewehr und das Webkoppel mit vollen Reser- vemagazinen. Er forderte Halliday mit einer Handbewegung zum Mitkommen auf. »Los, Pete! Wir müssen sie rausholen.« »Ich bin dabei, Boß.« Die beiden Männer kletterten die Böschung hinauf und trabten ins deckungslose Gelände der entmilitarisierten Zone weiter. Bour- ne, der durch seine alte Verwundung behindert war, hinkte so, schnell wie möglich hinter Halliday her, der bald einen ziemlichen Vorsprung hatte. Das Gewehrfeuer vor ihnen wurde heftiger, und verirrte Kugeln pfiffen und surrten über ihre Köpfe hinweg. Das dumpfe Krachen detonierender Handgranaten unterbrach die Schüsse und übertönte fast die Beatles, deren Stimmen jetzt aus den Lautsprechern der Südkoreaner kamen. Die Jahre schienen von Bourne abzufallen; er kam sich vor, als sei er wieder Anfang Zwan- zig, und ließ sich von der verzweifelten Sorge um seine Freunde an- treiben. Während Halliday und er weiterrannten, steigerte das Gewehr- feuer sich zu einem wütenden Crescendo; dann detonierten vier Sprengladungen mit lautem Krachen unmittelbar nacheinander. Das Feuer wurde sofort merklich schwächer. Als es erneut an- schwoll, detonierten zwei weitere Sprengladungen, während Halli- day auf eine Gruppe kleinerer Felsen zuhielt. Endlich ließ das Ge- wehrfeuer nach… »Ed!« brüllte Bourne. »Halt durch! Wir kommen!« Harris war mit dem Aufstellen der Claymore-Minen eben rechtzeitig fertig geworden. Der Boß hatte eine schwere Beinverwundung, das wußte er, und sie würden vorläufig hierbleiben müssen. Die Clay- mores konnten jeden Sturmangriff aufhalten, falls einer bevorstand, aber Harris wünschte sich, er hätte kein AK, sondern ein M16-203 in den Händen… Scheiße! »Deckung!« rief er, als er wieder die 82-Millimeter-Gra- natwerfer hörte. Auch diesmal lagen die Einschläge fast deckend. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als das Ende dieser Beschießung abzuwarten; unmittelbar danach würden die Nordkoreaner vermut- lich angreifen. Endlich hörte das Feuer auf. Harris hob sofort wieder den Kopf, um das Gelände mit seiner Nachtsichtbrille in der Richtung abzu-, suchen, aus der er den Angriff erwartete. »Mel…« Zeccaras schwache Stimme war kaum hörbar. Harris sah nach rechts. Zeccaras linke Schulter war eine einzige blutige Masse. »Scheiße!« Harris holte ein Verbandpäckchen aus der Sanitätsta- sche und warf es zu ihm hinüber. »Einfach fest auf die Wunde drü- cken, Angelo. Ich kümmere mich gleich um dich.« »Mich hat ein Felsbrocken erwischt, glaub ich«, brachte Zeccara noch heraus. Dann machte er eine schwache Handbewegung. »Der Boß…« Sein Kopf fiel nach vorn, als er das Bewußtsein verlor. Harris drehte sich nach Howard um und sah ihn mit dem Ge- sicht nach unten bewegungslos daliegen. Er kroch rasch zu ihm hinüber. Ein Granatsplitter hatte ihn am Kopf getroffen, und er blutete stark. Zeccara war schwer verletzt, außer Gefecht, bewußtlos. Und nun der Boß, ebenfalls außer Gefecht. Harris war allein. In diesem Augenblick sah er Bewegungen vor sich. Gebückte Ge- stalten, die auf ihn zugerannt kamen. Dutzende von Gestalten. Jetzt wurde es Zeit für ein paar gute Würfe wie auf dem Kricketfeld – vielleicht ein paar Bälle, die keiner erwischte. Sicherungsstift rauszie- hen, nicht in hohem Bogen werfen, sondern flach über den Boden segeln lassen. Sogar mit etwas Spin aus dem Handgelenk. Peng, klirr, als der Hebel wegflog. Okay, Dickie? Gut so, Shep? Und sofort die nächste! Ziehen, werfen. Krach, die erste. Pause, krach, die zweite. Ein dünner Schrei. Na, wie ist der gewesen? Bitte den Finger hoch, Dickie: Out! Ein Scheißkerl weniger. Drei, vier und fünf bereits in der Luft. Geht verdammt schnell. Sechs. Als seine Handgranaten etwa fünfunddreißig Meter vor ihm zu detonieren begannen, hörte Harris befriedigt mehrere Aufschreie. Dann fingen die Nordkoreaner wieder zu schießen an. Sie kannten jetzt seine Position. Harris hatte genug gesehen, um die Zahl der Angreifer ungefähr, abschätzen zu können. Er wußte, daß er sich der größten Über- macht seines Lebens gegenübersah. Dies war ein Sturmangriff in Kompaniestärke – und er erhielt bereits Feuer von links, das ihn während des endgültigen Frontalangriffs niederhalten sollte. Jetzt kam alles darauf an, ob er die Lage richtig einschätzte. Er mußte die Claymores im richtigen Augenblick zünden und konnte nur hoffen, daß diese letzten Grantwerfersalven sie nicht umgeworfen hatten… »Back in the US, back in the US, back in the USSR!« grölten die Beatles aus den südkoreanischen Lautsprechern. Das Gewehrfeuer von vorn wurde heftiger. Harris ignorierte es und hob kurz den Kopf. Er hatte richtig vermutet. Sie kamen! Kopf runter. Paßt auf, ihr Scheißkerle, ich schick euch in die UdSSR zurück. Clay- more eins! Rumms. Nummer zwo! Rumms. Drei! Klick. Scheiße! Die ver- dammten Granaten müssen das Kabel beschädigt haben. Vier! Rumms. Fünf! Klick. Wieder Scheiße! Sechs! Rumms. Verdammt, das war Glück – die hat den Zug erwischt, der von links Feuerschutz gegeben hat… Jetzt aber schnell, dachte Harris. Hoch, Feuerstoß, seitlich abrollen, wie- derholen. Noch zwei Claymores übrig. Aber wo soll ich sie aufstellen? Links, wo das Unterstützungsfeuer hergekommen ist, oder vorn und rechts, um ei- nen unerwarteten Vorstoß abzuwehren? Entschluß! Die erste zur Verteidi- gung nach vorn. Die letzte als Reserve behalten. Er streckte beide Arme aus und rammte den Minenständer in den Boden. Die Claymore würde kaum einen Meter über ihm detonieren. Er war sich darüber im klaren, daß die Druckwelle betäubend stark sein würde – sie konnte Lungenschäden oder sogar seinen Tod hervorrufen. Wieder eine Bewegung vor ihm. Harris wälzte sich drei Meter zur Seite und hob dann vorsichtig den Kopf. Ja, sie kommen wieder. Ab- warten, bis sie alle auf den Beinen sind. Das ist der Kompanieführer, der seine Männer anfeuert. Den mußt du als ersten erschießen, falls die Clay- more versagt. Scheiße, da sind noch immer verdammt viele am Leben! Kommt schon, ihr Hundesöhne! Nur dreißig Meter näher. Wildes Gewehr-, feuer, um ihn niederzuhalten, aber wirkungslos, weil er längst die Stellung gewechselt hatte… Kopf runter! befahl Harris sich selbst. Claymore sieben! Rumms. Kopf hoch! Verdammt, das ist beschissen nahe gewesen. Trommelfelle geplatzt? Nummer acht vorbereiten. Wohin damit? Voraus ein mit Gefallenen be- decktes Schlachtfeld, von denen steht keiner mehr auf. AK schußbereit, Re- servemagazine, nach links schießen. Dreißig Schuß in kurzen Feuerstößen, dazwischen immer wieder die Position wechseln, damit die Hundesöhne nicht mitkriegen, wo du genau liegst… Von links brach Schnellfeuer über Harris herein. Von Felsen ab- prallende Querschläger umsurrten ihn wie zornige Hummeln. Ein Geschoß schlug so dicht vor seinem Gesicht ein, daß er Steinsplit- ter auf seiner Haut spürte und einige, die ihm in den Mund geraten waren, wieder ausspuckte. Scheiße. Hat mir 'nen Zahn ausgeschlagen. Seine Nachtsichtbrille war links gesprungen. Das war knapp. Ohne die Brille hättest du ein Auge weniger. Harris merkte, daß er die Stärke der von links angreifenden Abtei- lung unterschätzt hatte. Stell die letzte Claymore links von dir auf. Er hörte einen schrillen Befehl; dann detonierten zwei Handgranaten – beide jämmerlich weit entfernt. Flaschen! Das muß noch geübt wer- den! Er hob den Minenständer hoch und rammte ihn nach links ge- richtet vor sich in den Boden. Abwarten, bis sie kommen. Ein Schrei könnte sie anspornen. »Aaaah…!« Langsam den Kopf hoch und nach links sehen, befahl Harris sich. Da sind sie – schon auf den Beinen. Noch ein paar Meter, bis sie richtig in Schwung sind… Stillhalten… ja, sie kommen. Jetzt! Er zog seinen Kopf wieder ein und drückte gleichzeitig den Impulsgeber seiner letzten Claymore. Acht! Rumms. Kopf hoch! Schnellfeuer! Lange Feuerstöße! Stel- lungswechsel! Nachladen! Er verlegte sein Feuer von links in die Mitte, wälzte sich über den Boden, tauchte einige Meter entfernt wieder auf und versuchte den Eindruck zu erwecken, hier gebe es nicht nur einen, sondern viele Verteidiger…, »Get about as oiled as a diesel train!« grölte Elton John jetzt aus den südkoreanischen Lautsprechern. »Gonna set this dance alight! Saturday night's all right for fighting, Saturday night's all right – all right – all right!« Harris hatte sich gut gehalten, das wußte er. Aber obwohl er Dut- zende Angreifer erledigt hatte, kamen noch immer neue. Einige von vorn, weitere von links. Irgend etwas schmetterte gegen seine Linke und schlug ihm fast sein AK aus den Händen. Die vier Kerle von vorn, überlegte er sich. Die sind am gefährlichsten. Peng-peng, peng- peng-peng. Scheiße. Die linke Hand macht nicht mehr mit. Zwei hab ich verfehlt. Scheiße, jetzt bin ich erledigt. Magazinwechsel. Verdammte linke Hand. Keine Zeit mehr! Er riß das AK-Magazin heraus und machte sich darauf gefaßt, hier zu sterben. Der nordkoreanische Kompanieführer und drei seiner Soldaten stürmten mit aufgepflanzten Bajonetten auf ihren chinesischen AK- 47 auf Harris zu. Zwei von ihnen fielen unter seinen letzten kurzen Feuerstößen, aber der Offizier und ein Soldat kamen Schulter an Schulter weiter heran. Dann kam ein kurzer Feuerstoß; der nordkoreanische Kompanie- führer riß die Arme hoch, drehte sich um die eigene Achse und brach tot zusammen. Der Soldat zögerte kurz, als versuche er zu er- raten, woher die Schüsse gekommen waren. Das genügte. Harris sprang ihn an. Sein Messer drang unter dem Rippenbogen ein und wurde dann hochgerissen. Der Nordkoreaner röchelte kurz und wurde schlaff. Aus dem Augenwinkel heraus sah Harris zwei nord- koreanische Soldaten von links auf sich zukommen. Er hörte noch einen weiteren langen Feuerstoß, und dann wurde ihm schwarz vor den Augen. »Mel!« Halliday rüttelte Harris an den Schultern. »Mel! Los, aufwa- chen!« Er schraubte seine Feldflasche auf und kippte sie Harris, übers Gesicht und in den Mund. Harris stöhnte, prustete heftig und kam allmählich wieder zu Be- wußtsein. Er spuckte Wasser aus und griff sich mit seiner unverletz- ten rechten Hand an den Kopf. »Ohhh… Scheiße«, ächzte er be- nommen. Dann öffnete er die Augen und setzte sich langsam auf. »Pete?« fragte er, während er sich auf das Gesicht über ihm zu kon- zentrieren versuchte. »Oh… verdammt, mein Kopf!« »Los, steh auf, Mel«, drängte Halliday. »Wir müssen weg von hier.« »Was? Ich versteh dich nicht.« »Wir müssen weg von hier!« brüllte Halliday, der erkannte, daß Harris von den Minendetonationen halb taub war. »Ich trage Ange- lo.« »I wanna be your man!« kreischten die Rolling Stones idiotischer- weise. »Angelo…«, murmelte Harris. »Den hat's bös an der Schulter er- wischt.« »Ja, ich weiß. Aber das überlebt er. Los, komm endlich – ich muß ihn hier rausbringen, aber ich kann euch nicht beide schleppen!« »Den Boß hat's am Kopf getroffen«, sagte Harris trübselig. »Er ist tot.« »Nein, er lebt«, widersprach Halliday laut. »Johnny trägt ihn ge- rade zurück.« »Johnny? Woher hat er gewußt, daß wir…« »Keine Ahnung. Der Oberst und er müssen Hellseher sein - sonst wären sie nicht genau hier aufgekreuzt. Los, komm endlich!« Harris rappelte sich mühsam auf. »Der Boß lebt tatsächlich noch?« fragte er ungläubig. »Ja! Trab endlich los! Ich komme mit Angelo nach.« »Okay. Oh, Scheiße«, ächzte Harris und hielt sich wieder den Kopf. »Woher kommen diese verdammten Schmerzen?« »Du hast 'nen Schlag mit 'nem Gewehrkolben abgekriegt«, ant-, wortete Halliday. »Johnny und ich haben die letzten drei oder vier Angreifer erschossen. Einer von ihnen ist über dir zusammengebro- chen. Los jetzt – Beeilung!« »Was ist mit unseren Rucksäcken? Mit unserer ganzen Ausrüs- tung? Die können wir nicht einfach…« »Zum Teufel damit!« brüllte Halliday. »Verschwinde!« »Augenblick«, sagte Harris. Er beugte sich leicht schwankend über den Nordkoreaner, den er erstochen hatte, und zog sein Mes- ser heraus. »Das bleibt nicht hier«, murmelte er dabei. Er steckte das Messer unsicher in die Gürtelscheide zurück. »Johnny ist schon unterwegs, hast du gesagt?« »Ja. Du orientierst dich an den beiden Lichtern und versuchst ihn einzuholen. Los jetzt!« Halliday sah, daß Harris eigentlich kaum imstande war, sich ohne fremde Hilfe in Sicherheit zu bringen. Er bewegte sich träge, war kaum richtig bei Bewußtsein und hielt sich offenbar nur durch reine Willenskraft auf den Beinen. »Yeah. Okay.« Halliday beobachtete, wie Harris auf die Blinklichter zutorkelte; dann lud er sich den bewußtlosen Zeccara auf seine Schulter und folgte ihm. »Scheint 'ne ganze Kompanie gewesen zu sein, die hier angegriffen hat«, murmelte er vor sich hin, während er hinter Harris herstolperte. »Mel Harris, du bist ein verdammt guter Soldat…« Dann setzte wieder Granatwerferfeuer ein. Goodale war entsetzt. »Was soll das heißen, Johnny ist dort drau- ßen?« »Ist zurückgegangen, um Ed zu helfen«, antwortete Ziegler mit schwacher Stimme. »Pete und er.« »Aber er…« »Sie hätten ihn nicht aufhalten können, Oberst«, erklärte Ziegler ihm ruhig. »Niemand hätte ihn aufhalten können.«, »Aber hören Sie sich das an!« Goodale war außer sich, während er verzweifelt übers freie Gelände starrte. Der Krach des nordkoreani- schen Grantwerferfeuers war jetzt ohrenbetäubend. Massive Salven, danach scheinbar willkürliche schwere Detonationen – gräßlich blendende Lichtblitze… unsichtbare Metallsplitter, die kreischend auseinanderspritzten… erstickend dichter grau-schwarzer Rauch… »Das ist doch verrückt! Blanker Wahnsinn!« Ziegler rappelte sich mühsam auf. Er stand mit kreidebleichem Gesicht leicht schwankend neben Goodale; dann lehnte er sich wie er an die Grabenwand. Er ließ sein Kinn auf dem Rand des Schüt- zengrabens ruhen, so daß seine Augen sich unmittelbar über dem Erdboden befanden, während er ins Niemandsland hinausstarrte. »Yeah, Oberst, hören Sie sich das an«, sagte er langsam. »Endlich mal ein Song, mit dem die gottverdammten Beatles recht haben. ›A little help from your friends.‹ Sie verstehen, was ich meine, Oberst? Wissen Sie, wir lassen unsere Leute nicht gern zurück. Tony und ich, wir gehen als nächste raus, wenn Johnny und Pete nicht in fünf Minuten mit den anderen zurückkommen.« Ziegler sah nach links und stellte fest, daß auch Ackford, dessen zerschmetterter Arm fest an seinen Oberkörper bandagiert war, wieder mühsam aufgestanden war. »Sie wissen, auf wen Sie achten müssen, wenn wir unterwegs sind, Oberst«, fügte er gelassen hinzu. »Nein!« rief Goodale entsetzt. »Sie sind beide verrückt! In diesem Zustand können Sie unmöglich…« Ziegler starrte in die treibenden Rauchschwaden, die langsam in den schon hellen Morgenhimmel aufstiegen. Dann waren die dumpfen Abschußknalle großkalibriger Geschütze zu hören, dies- mal von der südkoreanischen Seite. Endlich eine brauchbare Reaktion, dachte er. Die Granaten kreischten über sie hinweg. Vermutlich 10,5- Zentimeter-Haubitzen. Schwer zu beurteilen. Besser wären 15,5-Zentimeter- Granaten gewesen… Trotzdem kommen sie zu spät… »Ziehen wir los, Mike?« fragte Ackford., »Wir geben noch ein bis zwei Minuten zu«, antwortete Ziegler. Er starrte wieder ins freie Gelände der entmilitarisierten Zone hinaus. Dann runzelte er die Stirn, als er sich erneut an Ackford wandte. »Sag mal, Tony, was ist das für'n Scheiß mit ›luncheon‹ gewesen?« »Was? Oh, yeah – das ist 'ne Art schicker Lunch«, erklärte Ack- ford ihm. »Roastbeef, halbes Pint Portwein in 'nem hohen Glas, et- was in dieser Art. Ich hab mal irgendwas darüber gelesen. Man trägt dazu Krawatte.« »Diese gottverdammten Nordkoreaner haben keine Krawatten ge- tragen«, wandte Ziegler ein, »und ich wette, daß sie nicht mal ein Stück gekochtes Hundefleisch zu essen gehabt haben – von Roast- beef ganz zu schweigen.« Jetzt sind die beiden völlig übergeschnappt, dachte Goodale benom- men. »Yeah, nun, hier geht's ums Prinzip, verstehst du?« sagte Ackford. »Und ›boiled dog‹ hätte sich nicht gereimt, hab ich recht?« »Nein, aber ›coiled frog‹ oder vielleicht ›soiled bog‹.« »Hätte trotzdem nicht reingepaßt, stimmt's?« Völlig übergeschnappt, dachte Goodale. »Wie wär's mit ›oiled hog‹?« »Mike!« Ackfords Gesichtsausdruck hatte sich schlagartig verän- dert. Er deutete mit der rechten Hand nach vorn. Anfangs sah Goodale überhaupt nichts. Dann glaubte er, in den treibenden Rauchschwaden eine Bewegung zu erkennen. Aber der Rauch verdeckte sie erneut, und sie war nicht wieder zu sehen. Dort draußen war nichts. Er mußte sich das nur eingebildet haben. Aber… »Ich glaube, sie sind's, Mike«, sagte Ackford. »Sie sind's«, bestätigte Ziegler. Aus den grau-schwarzen Rauchschwaden tauchte eine langsam heranhinkende Gestalt auf, die einen über ihrer Schulter liegenden Mann schleppte. Dahinter erschienen zwei weitere Männer, die stol-, pernd und schwankend einen dritten Mann trugen. Über das Plär- ren der Lautsprecher und die scheppernden, krachenden, donnern- den Detonationen von Granaten in nordkoreanischen Stellungen hinweg hörte Goodale undeutlich, wie die Männer um ihn herum zu lärmen und zu schreien begannen – wie sie anfeuernd brüllten, wie Verrückte kreischten und sich mit Beifallsrufen heiser schrien. Goodale spürte ein Brennen in den Augen und war sich darüber im klaren, daß der Rauch nichts damit zu tun hatte. Er beobach- tete sprachlos ungläubig die quälend langsame Annäherung der fünf Männer und wußte, daß dies die verdammt herrlichste Szene war, die er jemals gesehen hatte.,

TEIL FÜNF Marvin Jefferson war siebenundvierzig Jahre alt und überge-wichtig. Er war ein hünenhafter Mann: einsneunzig groß und

hundertfünf Kilogramm schwer. In den ersten Monaten nach dem Tod seiner Frau, die vor fünf Jahren viel zu früh gestorben war, hat- te er fast zehn Kilogramm zugenommen und es nie mehr geschafft, sie wieder loszuwerden. Unterdessen hatte er sich mit der Tatsache abgefunden, daß er dieses Übergewicht nie wieder verlieren würde, aber in Wirklichkeit störte es ihn nicht sonderlich. In gewisser Be- ziehung gefiel ihm seine bullige Erscheinung sogar. Die zusätzlichen Pfunde steckten nicht nur in Fett, Bierbauch und Hängebacken, sondern waren gleichmäßig über seinen ganzen Körper verteilt. Eigentlich wirkte Marvin nur muskelbepackt wie der Türsteher eines Nachtclubs, und das erschien ihm keineswegs als Nachteil. In seinem Beruf war es manchmal vorteilhaft, eine im- posante Erscheinung zu besitzen. Er hatte ein breites Gesicht mit Boxernase, mit kräftigem Kinn und tief in ihren Höhlen liegenden, grauen Augen; sein lockiges blondes Haar, das an den Schläfen, grau zu werden begann, war ziemlich kurz. Er wirkte geschäftsmä- ßig und wie eine Autoritätsperson; die meisten Leute schreckten da- vor zurück, sich mit ihm anzulegen, was Marvin nur recht war. Außerdem, sagte Marvin sich, hätte er sich nach einer erfolgrei- chen Abmagerungskur sieben neue Anzüge in einer kleinen Größe kaufen müssen, und die sieben, die er besaß, waren noch lange brauchbar – vor allem sein dunkelblauer Sonntagsanzug. Die übrigen sechs Anzüge in Marvins Kleiderschrank waren dun- kelgrau; sie waren alle identisch, und er trug jeden Tag einen ande- ren. In jeden Anzug war ein Etikett mit einem bestimmten Wo- chentag eingenäht, damit er morgens wußte, welchen er anziehen mußte. Das gleiche galt für seine sieben Hemden, die alle weiß wa- ren, seine Krawatten, die alle dunkelblau waren, seine Socken, die alle schwarz waren, und seine blitzblanken Halbschuhe, die eben- falls schwarz waren. J. Edgar Hoover hätte Gefallen an Marvin Jefferson gefunden. Tatsächlich hatte Hoover einmal Gefallen an ihm gefunden: im Jahre 1970, als Marvin die FBI National Academy absolviert und als FBI Special Agent verlassen hatte. Die Abschlußprüfung für alle neuen Special Agents bestand aus einem Gespräch mit dem Direk- tor persönlich; an diesem Verfahren hatte sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Marvin hatte sich mit den übrigen Absolventen angestellt; dann waren sie nacheinander vor den großen Mann hingetreten und hat- ten ihm die Hand geschüttelt – nachdem sie sich erst die Handflä- che abgewischt hatten, damit sie bestimmt trocken war. »Hallo, Mr. Hoover, ich heiße Marvin Jefferson«, hatte er genau wie angewiesen gesagt. Hoover hatte kein Wort geantwortet, aber jeder der jungen Männer hatte gespürt, wie der Blick des Direktors ihn zu durch- bohren schien. Das Ganze hatte keine fünf Minuten gedauert, und Marvin hatte Hoover, der zwei Jahre später gestorben war, nur noch einmal zu Gesicht bekommen., Seit damals war die strenge FBI-Kleiderordnung etwas gelockert worden, aber Marvin hatte sich nie die Mühe gemacht, mit seinen alten Gewohnheiten zu brechen. Er hatte genügend andere Sorgen, sagte er sich, auch ohne sich jeden Morgen für ein bestimmtes Outfit entscheiden zu müssen. In dreiundzwanzig FBI-Dienstjahren hatte Marvin Jefferson nicht nur gleichmäßig solide Leistungen erbracht, sondern gelegentlich durch intuitive Brillanz außergewöhnliche Erfolge erzielt. Im Lauf der Zeit hatten seine Vorgesetzten erkannt, daß Marvin jemand war, den sie gern um sich hatten. Er leistete immer gute Arbeit und hat- te manchmal Einfälle, die aus Erfolgen große Erfolge machten. Er war uneitel, er war weder Angeber noch Ellbogenmensch, er kam mit seinen Kollegen gut aus, und er war nicht umstritten. Er konn- te stur und erstaunlich freimütig sein, im allgemeinen jedoch nur, wenn er überzeugt war, recht zu haben – und dann hatte er im all- gemeinen recht. Ansonsten tat Marvin einfach seinen Dienst. Janes Tod hatte Marvin sehr schwer getroffen. Er war siebenund- dreißig gewesen, als sie geheiratet hatten, und seine Frau dreiund- zwanzig; ihre Ehe hatte nur fünf Jahre gedauert, bevor Jane auf dem Heimweg von der Arbeit bei einem Verkehrsunfall umgekom- men war. Sie war eine zurückhaltende, ernsthafte junge Frau gewe- sen, die als Verwaltungsangestellte in der FBI-Zentrale in der Penn- sylvania-Avenue arbeitete, und Marvin hatte sich auf den ersten Blick in sie verknallt. Jane, die ein bißchen schüchtern und äußer- lich unauffällig war, gehörte nicht zu den Frauen, die man wahr- nimmt, aber Marvin hatte sie sehr wohl wahrgenommen. Die beiden hatten zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung ge- heiratet, und für alle, die sie kannten, war unverkennbar gewesen, daß sie einander anbeteten. Als sie tödlich verunglückt war, hatte Marvin vor Kummer fast den Verstand verloren, und war beurlaubt worden, damit er darüber hinwegkommen konnte. Nachdem er fast ein Vierteljahr lang damit verbracht hatte, sich mit zuviel ungesun-, dem Essen vollzustopfen, hatte er eines Montags beschlossen, da- mit müsse jetzt Schluß sein; es sei Zeit, wieder zu arbeiten. Heute saß Marvin Jefferson, der seinen dunkelblauen Sonntags- anzug trug, vor dem Schreibtisch von Louis J. Freeh, dem vor kur- zem ernannten neuen FBI-Direktor. Jefferson und Freeh kannten sich seit 1980, als Freeh aus New York nach Washington gekom- men war, um die Abteilung Organisiertes Verbrechen zu leiten. Ein Jahr später war Freeh aus dem FBI ausgeschieden, um in New York stellvertretender Bundesanwalt zu werden, aber er hatte weiter eng mit dem FBI zusammengearbeitet. Im Jahre 1991 war er in New York zum Bundesrichter ernannt worden. Nach der Entlassung von FBI-Direktor William S. Sessions hatte Präsident Clinton sich für Freeh als seinen Nachfolger entschieden. Jefferson mochte Freeh und bewunderte seine Fähigkeiten; er war insgeheim über seine Ernennung entzückt gewesen, aber jetzt hörte er sich Freehs Ausführungen mit zunehmendem Unbehagen an. Jefferson war stets jemand gewesen, der lieber im Hintergrund blieb, und hatte sich nie ins Rampenlicht vorgedrängt. Aber jetzt hörte er, daß er einen Fall übernehmen sollte, der ihn ins grellste Rampenlicht bringen konnte – vor allem dann, wenn irgendwas schiefging. »Sir, das klingt mehr nach einem Job für den Secret Ser- vice«, wandte er schließlich ein. »Der ist für die Sicherheit von Staatsbesuchern zuständig, nicht wahr?« »Nun, ja und nein«, antwortete Freeh. »Im Prinzip natürlich schon, aber auch das FBI trägt eine gewisse Verantwortung. Schließ- lich ist diese Sache eine Bundesangelegenheit. Aber darauf kommt's hier nicht an. Der Präsident möchte die Gesamtleitung dem FBI übertragen.« »Ich wette, das wird dem Secret Service gefallen«, murmelte Mar- vin. »Aber warum ich? Warum nicht Saunders – Sie wissen schon, der Leiter des FBI-Verbindungsbüros im alten Executive Building? Er ist für alle Kontakte mit dem Secret Service und dem Weißen, Haus zuständig. Wäre das nicht eher sein Job?« »Nein«, antwortete der Direktor. »Saunders ist kein aktiver FBI- Agent. Er ist schon pensioniert. Er ist für Sicherheitsüberprüfungen von Angestellten des Weißen Hauses zuständig.« »Aber warum ich?« fragte Jefferson erneut. »Mit allem Respekt, Sir… Ich meine, okay, wir haben schon mehrmals zusammengear- beitet, aber dies ist ein Job für jemanden, der im Dienstgrad weit über mir steht. Es muß einen Mann geben, den Sie kennen, den Sie…« »Ich kenne bisher kaum jemanden«, sagte Freeh scharf. »Ich bin noch keine zwei Wochen im Amt, verdammt noch mal. Aber ich habe mit ein paar Leuten geredet, die alle finden, daß Sie der rich- tige Mann für diesen Job sind. Sie können gut mit Leuten umge- hen, was hier wichtig ist, denn wie Sie selbst gesagt haben, wird der Secret Service nicht gerade begeistert sein, wenn das FBI in seinem Revier und auf seinem Ego herumtrampelt. Würde ich also einen stellvertretenden Direktor oder einen Special Agent in Charge hin- schicken, der gewaltig Wirbel macht und jeden in den Hintern tritt, würde alles nur noch schlimmer. Aber ich übertrage Ihnen diesen Fall vor allem, weil Sie ein guter Ermittler, ein guter Kriminalbeamter sind. Sie gebrauchen Ihren Verstand. Und bei dieser Sache werden Sie ihn gebrauchen müssen. Außerdem«, sagte Freeh abschließend, »ist jede Diskussion überflüs- sig. Ich habe diesen Fall Ihnen übertragen, und damit hat's sich. Und jetzt kommen Sie mit. Sie und ich werden in einer halben Stunde im Oval Office erwartet.« »Ja, Sir«, sagte Jefferson trübselig, stand auf und folgte Freeh aus seinem Büro. Er sah auf seine Armbanduhr; es war sieben Uhr mor- gens. »Sir, darf ich fragen, wann die erste Gefahrenwarnung einge- gangen ist?« »Irgendwann gestern am späten Nachmittag, habe ich gehört. Aber kein Mensch hat es für nötig gehalten, uns bis vor drei Stun-, den zu benachrichtigen. Ich selbst bin seit vier Uhr auf den Bei- nen.« »Jesus«, murmelte Jefferson. »Schon zwölf Stunden vertan. Was, zum Teufel, haben die anderen inzwischen gemacht?« »Keine Ahnung«, sagte der Direktor und drückte auf einen Knopf, damit der Lift sie ins Erdgeschoß brachte. »Vermutlich im Kreis rumgerannt. Dem Secret Service will ich gar keinen Vorwurf machen. Im allgemeinen ist er ziemlich gut, wenn man ihn in Ruhe arbeiten läßt. Aber der gottverdammte Stab des Weißen Hauses hat keine Ahnung, wo oben und unten ist. Dort gibt's höchstens drei bis vier Kerle, die sich auf ihre Arbeit verstehen. Die übrigen sind eine Bande von eingebildeten Arschlöchern, die einem bloß in die Quere kommen und dafür sorgen, daß alles schiefläuft. McClary, der Stabschef, ist einer der Schlimmsten. Zum Glück ist einer seiner Mitarbeiter ein gewisser David Gergen, der vernünftige Arbeit leis- tet. Er ist erst seit ungefähr einem Vierteljahr dort, aber er scheint ziemlich kompetent und einsichtig zu sein, obwohl sein eigentli- ches Spezialgebiet die Ausarbeitung politischer Richtlinien ist. Aber Sie behalten das alles für sich, verstanden?« »Ja, Sir«, sagte Jefferson hastig, während sie aus der Kabine traten und durch die Eingangshalle zur Limousine des Direktors gingen. Freehs Chauffeur hielt ihnen die hintere Tür auf, und die beiden Männer stiegen ein. »Übrigens noch etwas«, fügte der Direktor hinzu, während die Li- mousine sich in den schwachen Sonntagmorgenverkehr einordnete. »Ich weiß nicht, ob Ihnen das etwas nützt – das müssen Sie selbst entscheiden. Jedenfalls sind zwei Briten aus Seoul hierher unter- wegs. Soviel ich weiß, kommen sie am frühen Nachmittag an. Sie gehören zu dem Team, das tatsächlich in Nordkorea gewesen ist, um genaue Informationen über diesen Fall zu beschaffen.« »Oh?« Jefferson machte ein überraschtes Gesicht. »Wer sind die beiden?«, »Sie heißen Bourne und Halliday«, antwortete Freeh. »Ihr Team hat aus acht oder neun Leuten bestanden, aber die anderen sind alle verwundet und liegen noch im Krankenhaus. Muß ein ziemlich wildes Unternehmen gewesen sein.« »Was soll ich mit ihnen anfangen, Sir? Ich meine, was ist ihr Spe- zialgebiet?« »Beide sind beim britischen Special Air Service gewesen – Bourne als Offizier, Halliday als Sergeant.« »SAS-Leute?« fragte Jefferson erstaunt. »Teufel, Sir, ich hoffe sehr, daß wir die nicht brauchen. Sie sind auf Geiselbefreiungen, Terro- ristenbekämpfung und dergleichen spezialisiert, nicht wahr? Ich meine, wenn erst mal solche Fähigkeiten gebraucht werden, sitzen wir schön in der Patsche.« »Allerdings«, stimmte der FBI-Direktor zu, »aber zu ihren Spezia- litäten gehören auch Personenschutz und verwandte Gebiete. Man kann nie wissen – vielleicht ist ein Gespräch mit ihnen doch nütz- lich. Und nach allem, was sie offenbar durchgemacht haben, sind wir ihnen etwas schuldig. Ich schicke einen Wagen zum Flughafen und lasse sie direkt ins Weiße Haus bringen, wenn Sie einverstan- den sind.« »Ich würde sie gern kennenlernen, Sir. Wie Sie ganz richtig sagen, kann ein Gespräch nur nützlich sein.« Der Präsident hatte sofort Zeit für sie, was ungewöhnlich war. Jef- ferson erfuhr erst später, daß eine wichtige Besprechung mit dem Mehrheitsführer im Senat im letzten Augenblick verlegt worden war – sehr zur Verärgerung des Senators. Als Jefferson dem Direktor ins Oval Office folgte, stand Präsident Clinton hinter seinem Schreibtisch auf und kam ihnen lächelnd entgegen. »Lou«, sagte er. »Ich freue mich, daß Sie gekommen sind.« »Danke, Mr. President«, antwortete Freeh. »Ich möchte Ihnen Special Agent Marvin Jefferson vorstellen, dem ich unseren Fall, übertragen habe.« »Freut mich, Sie kennenzulernen, Marv«, sagte Clinton und schüttelte ihm die Hand. »Freut mich, Sie an Bord zu haben. Kom- men Sie, nehmen Sie Platz und trinken Sie eine Tasse Kaffee.« »Danke, Mr. President«, sagte Jefferson. Er blieb stehen und sah sich neugierig im Oval Office um. »Schon mal hier drinnen gewesen, Marv?« fragte Clinton. »Nein, Mr. President«, antwortete Jefferson langsam, »aber mein Ur-Ur-Ur-Uronkel…« »Ihr Ur-Ur-Ur-Uronkel? Er hat im Weißen Haus gearbeitet?« »Mein vierfacher Uronkel«, sagte Jefferson. »Ja, Sir. Thomas Jeffer- son, von 1801 bis 1809 dritter Präsident der Vereinigten Staaten.« »Hey, das ist großartig!« rief der Präsident aus. »Donnerwetter! Thomas Jefferson… Hey, haben Sie gewußt, daß ich mit zweitem Vornamen Jefferson heiße? Bill Jefferson Clinton. Vielleicht sind wir sogar verwandt!« Clinton lachte. Er legte Jefferson eine Hand auf die Schulter und dirigierte ihn hinter den großen Eichen- schreibtisch. »Nehmen Sie Platz, Marv! Na los, setzen Sie sich! Sa- gen Sie mir, wie man sich fühlt, wenn man am selben Schreibtisch, im selben Arbeitszimmer wie sein berühmter Vorfahre sitzt!« Jefferson nahm langsam Platz. »Sehr freundlich von Ihnen, Mr. President, ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.« Er runzelte kurz die Stirn und sah dann zu Clinton auf. »Aber wie Sie sicher wissen, ist das ursprüngliche Weiße Haus 1814 abgebrannt, so daß dies natürlich nicht mehr Jeffersons Amtssitz ist. Und das Oval Office hat damals noch gar nicht existiert. Wie Sie sich erinnern werden, ist es erst 1909 angebaut worden – genau hundert Jahre, nachdem T. J. aus dem Amt geschieden war.« Jefferson brachte seine Beine mühsam unter dem Schreibtisch unter und lehnte sich in den Ses- sel zurück. »Der Schreibtisch ist offenbar wieder tiefergelegt wor- den«, stellte er fest. »Wie bitte?«, »Ja, Sir. Für Präsident Reagan hat er damals erhöht werden müs- sen. Irgend jemand hat gemerkt, daß er immer seitlich gesessen hat, weil er seine Knie nicht unterbringen konnte, deshalb ist der Schreibtisch etwas erhöht worden. Irgendwie nett von ihm, nicht wahr? Daß er sich nie darüber beschwert hat, meine ich. Die meis- ten Leute hätten sich bestimmt lautstark über diesen zu niedrigen Schreibtisch beschwert.« Jefferson schob den Sessel zurück, stand auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. »Also, Mr. President, ich nehme an, daß wir hier sind, um darüber zu reden, wie die At- tentatsdrohung gegen…« »Ja, natürlich. Gegen Flagman«, sagte Clinton. »Klar. Reden wir darüber.« »Flagman, Mr. President?« »Genau – Flagman. Das ist sein Deckname beim Secret Service. Benützen Sie immer seinen Decknamen.« »Ich werd daran denken, Sir. Ich müßte vor allem wissen, mit wem ich in diesem Fall zusammenarbeite, welche Befugnisse ich habe, wem ich unterstehe und so weiter.« »Das ist einfach, Marv«, sagte der Präsident. »Sie arbeiten vor allem mit dem Secret Service zusammen, aber wenn Sie noch wei- tere Leute in Ihrem Team haben wollen, brauchen Sie sie nur anzu- fordern. Was Ihre Befugnisse betrifft, übertrage ich Ihnen die allei- nige Leitung der Ermittlungen. Und Sie erstatten mir persönlich Be- richt – hier im Oval Office. In diesem Fall geht's um allerhöchste nationale Sicherheitsbelange.« Clinton zog die Augenbrauen hoch. »Sind Ihre Fragen damit beantwortet?« Jefferson überlegte einen Augenblick. »Darf ich dazu ein paar Vorschläge machen, Mr. President?« fragte er. »Könnten Sie die Lei- tung der Ermittlungen nicht mir allein, sondern mir gemeinsam mit dem Chef des Secret Service übertragen? Ich glaube, daß das die Zusammenarbeit erheblich verbessern würde. Und darf ich vor- schlagen, daß Mr. Gergen mein Ansprechpartner im Weißen Haus, ist, solange es nicht unbedingt nötig ist, Ihnen persönlich Bericht zu erstatten?« »Einverstanden, Marv, wenn Ihnen das lieber ist.« »Vielleicht könnten Sie diese beiden jetzt hereinbitten, Mr. Presi- dent, damit wir uns kennenlernen können. Nett wär's auch, wenn Sie ihnen erklären würden, daß ich diese Regelung vorgeschlagen habe, nachdem Sie die beiden ursprünglich übergehen wollten.« Clinton grinste verständnisvoll. »Ja, ich verstehe, worauf Sie hin- auswollen, Marv. Gute Idee. Sehr diplomatisch von Ihnen. Ich merke schon, daß Sie hier gut zurechtkommen werden.« »Danke, Mr. President«, sagte Jefferson. Zwanzig Minuten später verabschiedete Freeh sich am Nordwest- tor von Jefferson. »Gut gemacht, Marvin«, sagte er. »Ich glaube, daß Sie den Secret Service dank Ihres Verhandlungsgeschicks auf Ihrer Seite haben.« »Das hoffe ich, Sir«, sagte Jefferson. »Sonst könnte ich nämlich gleich aufgeben.« »Ganz schön frech, wie Sie am Schreibtisch des Präsidenten geses- sen und ihm Nachhilfeunterricht in Geschichte gegeben haben«, meinte Freeh schmunzelnd. »Ich hab gar nicht gewußt, daß Tho- mas Jefferson einer Ihrer Vorfahren ist.« »Nun, Sir«, sagte Jefferson, »ich will Ihnen ein kleines Geheimnis verraten.« Er grinste. »Tatsache ist, daß wir überhaupt nicht ver- wandt sind.«,

Jedes Jahr werden durchschnittlich fast viertausend Morddrohun-gen gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgesprochen.

Sie werden vom Secret Service bewertet und in Gefahrenklassen ein- geordnet. Im allgemeinen fallen weniger als hundert in die Katego- rie drei mit dem höchsten Gefährdungspotential; jede dieser vier- tausend Drohungen bewirkt jedoch, daß ihr Urheber Besuch be- kommt, fast immer von einem grimmig dreinblickenden Geheim- agenten, und ›verwarnt‹ wird. Die meisten Leute sind dumm genug, um die Morddrohung am eigenen Telefon auszustoßen; die Telefonzentrale des Weißen Hau- ses stellt augenblicklich fest, woher dieser Anruf kommt, was dem Secret Service die Arbeit erleichtert. Solche Anrufer werden nach- drücklich darauf hingewiesen, daß eine Morddrohung gegen den Präsidenten – auch wenn sie nicht in die Tat umgesetzt wird – ein nach Bundesgesetzen strafbarer Tatbestand ist. Obwohl die meisten so eingeschüchtert sind, daß sie nicht wieder auffallen, speichert der Secret Service ihre Namen in seinem Computerregister, das jetzt über fünfzigtausend Namen enthält. Wiederholt drohende oder ge- fährliche Personen werden genauer unter die Lupe genommen. Das erfordert immer umfangreiche Ermittlungen, zu denen oft die stän- dige Überwachung des Betreffenden gehört. Das Weiße Haus ist als Nationalmuseum eingestuft: Es ist fürs Publikum geöffnet und zählt jährlich eine Million Besucher. Für die Sicherheit der Gebäude, zu denen das alte Executive Building und das Weiße Haus selbst gehören, ist eine ursprünglich als White House Police bezeichnete Organisation zuständig. Unter Präsident Richard Nixon wurde sie in Executive Protective Service umbe-, nannt; einige Jahre später – 1977 – wurde daraus die Secret Service Uniformed Division. Obwohl ihre uniformierten Angehörigen sich gern als Secret-Service-Leute sehen, sind sie nicht wirklich welche, denn die Anforderungen an ihre Qualifikation, ihre Fähigkeiten und ihre Ausbildung sind geringer. Trotzdem spielt die Uniformed Division eine wichtige Rolle in dem zum Schutz des Präsidenten aufgebauten Sicherheitsapparat. Das Personal der Uniformed Division besteht aus über tausend Männern und Frauen. Sie betreibt den Fuhrpark des Weißen Hau- ses, der in zwei Garagenkomplexen in der L-Street und auf der Ana- costia Naval Station untergebracht ist; außerdem unterhält sie die Hundestaffel mit einer eigenen Hundeschule in Maryland, in der die Spürhunde ausgebildet werden, die jedes Fahrzeug vor der Ein- fahrt aufs Gelände des Weißen Hauses nach Sprengstoffen be- schnüffeln. Auffälliger sind die uniformierten Wachen, die jeden Be- sucher mit Metalldetektoren nach Waffen und mit Geigerzählern nach radioaktivem Material kontrollieren. Da Versorgungsanlagen durch Defekte oder Sabotage ausfallen könnten, unterhalten Mitarbeiter der Uniformed Division zahlrei- che Anlagen zur Notversorgung; dazu gehören Luft- und Wasserfil- ter, Notstromgeneratoren und eine Reservewasserversorgung. Außer- dem überwachen sie das Weiße Haus und seine Außenanlagen mit zahlreichen elektronischen Systemen zur Aufspürung von unbefug- ten Eindringlingen. Dazu gehören Kameras, Trittschallsensoren, In- frarot- und Akustiksensoren sowie Tag und Nacht kontrollierte Überwachungskameras mit automatischer Aufzeichnung, die jeden Winkel des Gebäudes und seiner Umgebung erfassen. Eine zusätzliche Komplikation ergibt sich aus der Tatsache, daß das Gelände des Weißen Hauses als Nationalpark ausgewiesen ist. Deshalb ist für dort erforderliche Wartungarbeiten der National Park Service zuständig, und für auf dem Gelände verübte Straftaten wäre theoretisch die U.S. Park Police zuständig. Durch seine Lage, bedingt, sind dort verübte Verbrechen im allgemeinen nach Bun- desgesetzen strafbar, so daß das FBI eingreifen kann. Nach allen Kriterien ist es eine sehr schwierige Aufgabe, einen gu- ten Sicherheitsstandard für das Weiße Haus, seine Bewohner, das dortige Personal und alle Besucher zu garantieren. Daß die Zustän- digkeitsbereiche der einzelnen Organisationen, die für diese Sicher- heit garantieren sollen, teilweise verschwommen sind oder sich über- lappen, macht diese Aufgabe nicht einfacher. Marvin Jefferson, der sich die Ausführungen seines Kollegen vom Secret Service zu diesem Thema geduldig anhörte, erkannte bald, daß die Details ihn überfordern würden, und gelangte zu dem Schluß, er brauche ohnehin nicht alles zu wissen. Er unterbrach den anderen höflich. »George«, sagte er, »Sie haben mich über- zeugt. Ich bin hier der Amateur; Sie und Ihre Leute sind die Exper- ten. Ich schlage vor, daß ich alle rein fachlichen Dinge Ihnen über- lasse und mich auf Vorschläge beschränke – falls mir etwas einfällt, auf das Sie nicht schon selbst gekommen sind. Ich hoffe, ehrlich gesagt, nur den Beobachter spielen zu können, aber falls mir etwas einfällt, werden Sie mir hoffentlich zuhören.« George Reynolds nickte lächelnd. Jefferson hatte sich als freund- lich und sehr kooperativ erwiesen. Reynolds war höchst aufgebracht gewesen, als er gehört hatte, ein FBI-Agent solle die Leitung der Er- mittlungen übernehmen, aber dann hatte Jefferson ihn mit seinem Vorschlag, sie gemeinsam zu leiten, angenehm überrascht und be- sänftigt. Bisher hatte der Hüne in dem blauen Anzug ihm noch kei- nerlei Probleme gemacht. »Klar, Marvin«, stimmte er zu. »Klingt gut, finde ich.« »Okay«, sagte Jefferson. »Vielleicht sollten wir mit dem Termin- plan von Flagmans Besuch anfangen – wann er eintrifft, wie sein Besuchsprogramm aussieht, was morgen hier stattfinden soll und so weiter. Und natürlich, welche Sicherheitsvorkehrungen Sie bereits getroffen haben.«, Reynolds informierte ihn rasch über alle Punkte. Der große FBI- Agent runzelte konzentriert die Stirn, unterbrach ihn aber nicht. »Leider steht noch nicht alles fest«, sagte Reynolds abschließend. »Teufel, wir wissen nicht einmal genau, wann die Maschine mit Flagman und seiner Begleitung landet – am späten Nachmittag oder frühen Abend –, und es gibt viele weitere Details, die noch nicht feststehen. Das macht unsere Aufgabe nicht gerade leichter.« »Tatsächlich«, meinte Jefferson, »macht es sie leichter, glaub ich. Aber lassen wir den Terminplan im Augenblick mal beiseite. Ich halte ihn für nicht weiter wichtig. Entscheidend ist, daß dieses IRIS- Gerät offenbar automatisch zielen und schießen kann, sobald Flag- man auftaucht. Also geht's um einen bestimmten Ort. Das IRIS ist so angebracht worden, daß es auf einen ganz bestimmten Punkt ge- richtet ist – weil die Attentäter wissen, daß Flagman sich irgend- wann dort aufhalten wird. Das Wann ist nicht weiter wichtig. Das Wo dagegen sehr. Sie verstehen, was ich meine?« »Ja, natürlich«, bestätigte Reynolds. »Das Dumme ist nur, daß es so viele Orte gibt, an denen er sein wird. Ich denke dabei an den Flughafen, an die Strecke, auf der seine Wagenkolonne in die Stadt fährt, an sein Hotel…« »Okay«, sagte Jefferson, »am besten gehen wir die nacheinander durch. Wie werden VIPs normalerweise auf dem Flughafen empfan- gen?« »Ein hochrangiger Besucher wie Flagman, meinen Sie? Nun«, ant- wortete Reynolds, »für den gibt's das volle Programm, das können Sie mir glauben. Hier, ich will's Ihnen zeigen.« Er entrollte einen Flughafenplan auf seinem Schreibtisch. »Das Flugzeug wird hier ab- gestellt, während die Wagenkolonne…« »Was ist mit den Fahrzeugen der Wagenkolonne? Kann jemand an sie herangekommen sein?« »Unmöglich«, sagte Reynolds. »Welche Fahrzeuge eingesetzt wer- den, ist erst heute morgen entschieden worden, und die Wagen wer-, den im Augenblick nochmals inspiziert. Aber was…« »Folglich bleiben auf dem Flughafen nur Fahrzeuge, Gebäude und andere ständige Einrichtungen übrig, in die das IRIS-Gerät ein- gebaut sein könnte, nicht wahr?« »Vermutlich schon, aber…« »Bitte noch einen Augenblick Geduld«, fuhr Jefferson fort. »Neh- men wir einmal an, das IRIS habe eine maximale Schußweite von vierhundert Metern. Ich vermute, daß die tatsächliche Entfernung darunter liegen wird – wahrscheinlich bei weniger als hundert Me- tern.« »Ich glaube nicht, daß wir das einfach annehmen können«, wider- sprach Reynolds irritiert. »Ich schon«, sagte Jefferson nachdrücklich. »Für vierhundert Me- ter brauchte ein von IRIS abgefeuertes Geschoß ungefähr… äh… knapp über eine halbe Sekunde, stimmt's? Das ist eine ziemlich lange Zeit. Macht Flagman in dieser halben Sekunde irgendeine Be- wegung, dreht er auch nur den Kopf zur Seite, könnte der Schuß ihn verfehlen. Aber aus hundert Metern Entfernung trifft das Ge- schoß fast augenblicklich. Nach einer Zehntelsekunde oder so ähn- lich. Das muß sich auch der Attentäter überlegt haben. Er will na- türlich keinen Fehltreffer riskieren, sondern hat das IRIS so plaziert, daß es treffen muß. Also brauchen wir nur dafür zu sorgen, daß Flagman immer mindestens vierhundert Meter von allen Orten ent- fernt ist, an denen er normalerweise zu erwarten wäre. Zum Beispiel lassen wir sein Flugzeug hier abstellen…« Er zeigte auf den Flugha- fenplan, »…nicht dort drüben. Sie verstehen, was ich meine?« »Ja«, antwortete Reynolds nachdenklich. »Wir brauchen die Be- grüßung am Flugzeug also nur zu verlegen…« »Ganz recht«, bestätigte Jefferson. »Das tun wir auf jeden Fall – rein als Vorsichtsmaßnahme. Aber das macht letztlich keinen Un- terschied.« »Das verstehe ich nicht«, sagte Reynolds. »Wieso macht das kei-, nen Unterschied?« »Weil das IRIS-Gerät nicht auf dem Flughafen installiert worden ist«, behauptete Jefferson. »Was? Woher wissen Sie das?« »Weil unser Attentäter ein Profi ist, der so gut wie wir weiß, daß geplante Positionen, Fahrtrouten und Zufahrtswege sich sehr leicht ändern lassen. Er hat bestimmt nicht riskiert, daß sein Vorhaben durch eine Änderung dieser Art undurchführbar wird. Wie ich schon gesagt habe, braucht er einen garantierten Treffer. Er weiß genau, daß wir Flagmans Besuchsprogramm fast beliebig abändern können. Es gibt alternative Fahrtrouten, alternative Gebäudeeingän- ge – für beinahe alles, was Sie vorhin aufgezählt haben, gibt's ir- gendeine Alternative. Und deswegen ist das IRIS an keinem dieser Orte aufgestellt worden.« »Was bedeutet das für uns?« »Ganz einfach«, antwortete Jefferson. »Der Attentäter hat das IRIS an dem einen Ort plaziert, für den es keine Alternative gibt. An dem einzigen Ort.« »Aber Sie meinen doch nicht etwa…« »Doch«, sagte Jefferson, »ich meine dieses Gebäude hier. Das IRIS-Gerät ist hier aufgestellt worden, irgendwo im Weißen Haus.« Diese Behauptung war ein Affront gegen alles, was George Rey- nolds verkörperte. Das ist unmöglich, sagte er sich. Völlig unmög- lich! Die Sicherheitsmaßnahmen im Weißen Haus waren die schärf- sten der Welt. Niemand, wirklich niemand durfte es ohne ausdrück- liche Genehmigung mit einer Waffe betreten, die genau dem in sei- ner Genehmigung beschriebenen Typ entsprechen mußte. Die Per- sonenkontrollen, die Spürhunde, die Metalldetektoren… Unabhän- gig davon, wie wichtig jemand sein mochte, wurde jeder kontrol- liert: enge Mitarbeiter des Präsidenten, Senatoren, Besucher – jeder. Einmal war sogar das Auto eines Abgeordneten genau untersucht worden, weil ein Spürhund angeschlagen hatte. Die verdächtige, Substanz hatte sich als Gartendünger erwiesen… »Unmöglich«, mur- melte er zuletzt. »Das schafft niemand.« »Irgend jemand hat's geschafft«, sagte Jefferson halblaut. »Wie, weiß ich noch nicht, aber das kriegen wir noch raus. Wir müssen hier alles auf den Kopf stellen, bis wir das IRIS-Gerät gefunden ha- ben. Irgendein cleverer Hundesohn hat's geschafft, die Kontrollen zu überlisten.«

Marvin Jefferson hätte sich keinen schlechteren Tag für einegründliche Durchsuchung des Weißen Hauses aussuchen kön-

nen, das wußte er. Unter normalen Umständen wäre der Sonntag ein verhältnismäßig ruhiger Tag gewesen, aber an diesem speziellen Sonntag herrschte im Weißen Haus auf allen Ebenen hektische Be- triebsamkeit. Die Wachmänner der Uniformed Division konnten den Ansturm offizieller Besucher kaum bewältigen, die Telefonzen- trale wurde mit Anrufen überschwemmt, das Hauspersonal stellte Möbel um, Elektriker installierten Lautsprecheranlagen, Sekretärin- nen hasteten mit Aufträgen durch die Korridore, Assistenten telefo- nierten aufgeregt oder schrien sich gegenseitig an, es gab Pressekon- ferenzen, Besprechungen, Konferenzen… Das reinste Irrenhaus, fand Jefferson. Er war froh, nicht George Reynolds zu sein, der trotzdem den Überblick behalten mußte. Er hatte gemerkt, daß seine Schlußfolgerung, das IRIS sei irgendwie ins Weiße Haus eingeschmuggelt worden, Reynolds schwer getroffen hatte. Aber Jefferson mußte seinem Kollegen vom Secret Service zu-, gestehen, daß er die unwiderlegbare Logik seiner Schlußfolgerungen akzeptiert und sofort energisch gehandelt hatte. Die Uniformed Di- vision hatte ihr Personal an diesem Morgen bereits verstärkt, aber Reynolds hatte die Zahl der Wachmänner nochmals verdoppeln las- sen und für die Durchsuchung des Weißen Hauses alle nur verfüg- baren Spürhunde angefordert. Bis Jefferson etwas Neues einfiel, konnte er Reynolds und seine Männer nur arbeiten lassen. Er be- schloß, einen Rundgang zu machen und sich gründlich umzusehen. Reynolds hatte ihm ein farbig gekennzeichnetes Secret-Service-Na- mensschild gegeben und ein Funkgerät mit Ohrhörer zur Verfü- gung gestellt. Das Funkgerät empfing nicht nur den Primärkanal, sondern auch den für den Secret Service reservierten Kanal Charlie. Außer seiner FBI-Plakette und dem dazugehörigen Dienstausweis war das alles, was Jefferson bei sich trug. Seine Dienstwaffe hatte er am Eingang abgegeben, weil er wußte, daß es sinnlos gewesen wäre, sie hier zu tragen, und bei Kontrollen durchs Sicherheitspersonal nur zusätzliche Verzögerungen bewirkt hätte. Jefferson fand es beruhigend, wie oft er auf seinem Rundgang an- gehalten und kontrolliert wurde; die Männer der Uniformed Divi- sion, die durch einzelne Marineinfanteristen verstärkt wurden, wa- ren höflich, aber unnachgiebig, während sie alle paar Meter kon- trollierten, ob Vorbeikommende berechtigt waren, sich im jeweili- gen Teil des Gebäudes aufzuhalten. Jefferson merkte, daß das Stammpersonal des Weißen Hauses diese verstärkten Sicherheits- maßnahmen als sehr lästig empfand, und bekam mehrmals erregte Diskussionen mit. Aber die Wachmänner ließen sich keineswegs einschüchtern, sondern taten unbeirrbar ihre Pflicht. Mit einer gewöhnlichen Waffe käme man hier drinnen keine zehn Meter weit, ohne gestellt und verhaftet zu werden, dachte Jefferson. Und mit etwas wie dem IRIS-Gerät keine fünf Meter. Aber das war nicht der springende Punkt, das wußte er. Jemand hatte das Gerät bereits ein- geschmuggelt, und als erstes galt es, festzustellen, wie er damit, durch die Kontrollen geschlüpft war. Jefferson ging zum Nordost- tor weiter. Dort blieb er zehn Minuten lang im Hintergrund stehen und beobachtete die Kontrollen, während Personenwagen und Kleinbus- se das Tor in beiden Richtungen passierten. Die Zahl der eingesetz- ten Wachmänner war eindrucksvoll, und die Spürhunde, Geigerzäh- ler und Metalldetektoren wurden zur Überprüfung der Hereinkom- menden und etwa mitgebrachter Gegenstände eingesetzt. Die meis- ten Personenautos waren Dienstwagen – viele aus dem Außenmi- nisterium –, aber Jeffersons Interesse wurde geweckt, als ein Kasten- wagen vorfuhr, aus dem ein Mann stieg, den er für einen Techniker hielt. Jefferson kam ans Tor, um die Kontrolle zu verfolgen, und wies seine FBI-Plakette vor. »Lassen Sie sich nicht stören«, forderte er den Posten auf. »Machen Sie einfach weiter. Mich interessiert bloß das hiesige Verfahren. Aber Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie's mir erläutern würden.« Der Wachmann ließ sich seinen Dienstausweis zeigen. »Okay, Mr. Jefferson«, sagte er höflich. »Nun, dies ist eine Routinekontrolle. Dan Zelinski hier ist einer unserer GSA-Techniker und…« »GSA?« »General Services Administration«, sagte der Wachmann. »Hi, Dan«, begrüßte Jefferson ihn freundlich. »Hi«, sagte der Techniker. »Entschuldigen Sie, daß ich mich einmische«, fuhr Jefferson fort, »aber könnten Sie mir erklären, was alles zu Ihrem Job gehört?« »Yeah, nun, die GSA ist für die ganze Haustechnik zuständig, okay? Ich habe hier Ersatzteile für ein defektes Klimagerät. Die fal- len ziemlich oft aus.« »Ja, ich verstehe«, sagte Jefferson. Er beobachtete, wie der Wach- mann eine Eintragung in seiner Kladde machte; danach wurde ein Spürhund auf das Fahrzeug angesetzt. Er zeigte kein Interesse dafür., Der Techniker lud seine Ersatzteile aus und wurde von einem weite- ren Posten ins Wachlokal begleitet. Dort würden die Teile mit Mag- netometer, Röntgengerät und Geigerzähler untersucht werden. Ob- wohl dieses Verfahren keine fünf Minuten dauerte, schien es recht gründlich zu sein. Er wandte sich erneut an den Wachmann. »Was passiert nach Schichtwechsel mit Ihrer Kladde?« »Die bekommt die Zentrale. Früher sind die Blätter nur abgehef- tet worden, aber heutzutage werden alle Eintragungen im Compu- ter gespeichert.« »Also wird jeder notiert, der hereinkommt oder hinausgeht? Auch hochrangige Besucher?« »Jeder – ohne Ausnahme. Hier, sehen Sie sich die Eintragungen an, Mr. Jefferson.« Der Wachmann legte ihm die Kladde hin. Jefferson warf einen Blick auf die Eintragungen. Die Kladde ent- hielt Spalten für Datum, Uhrzeit Einfahrt, Autokennzeichen, Auto- marke und -modell, Besuchszweck, mitgebrachte Gegenstände, mit- genommene Gegenstände und Uhrzeit Ausfahrt. Unter ›Besuchs- zweck‹ trugen die meisten Besucher den Namen des oder der Be- suchten ein und ließen die Spalten ›mitgebrachte Gegenstände/mit- genommene Gegenstände‹ frei. Der Techniker Zelinski hatte die Nummer des Raums angegeben, in dem er arbeiten würde, und die mitgebrachten Ersatzteile aufgeführt. »Umfassend«, stellte Jefferson fest. »Gilt dieses Verfahren auch für Leute, die außerhalb des Weißen Hauses zu arbeiten haben?« »Sie meinen Anstreicher, Personal der Nationalparkverwaltung, solche Leute?« »Genau«, sagte Jefferson. »Für die gilt das gleiche Verfahren. Sogar ihre Farbkübel werden durchleuchtet. Auch neue Pflanzen für den Park werden kontrol- liert. Einfach alles.« »Und jeder bekommt einen Begleiter mit?«, »Yeah, wenn er hier arbeitet. Jemand wie Dan bekäme normaler- weise keinen, weil er zum Stammpersonal gehört, aber heute sind verschärfte Kontrollen angeordnet, deshalb kriegt er jemanden mit. Ich meine, Dan arbeitet hier im Haus und ist nur weggefahren, um Ersatzteile zu holen. Ein Techniker von außerhalb würde auf jeden Fall begleitet. Er wäre nie unbeaufsichtigt, selbst wenn er einen Be- sucherausweis hätte.« Jefferson nickte nachdenklich. Er sah sich um, als suche er et- was. Sein Blick fiel auf einen Stahlmast, der in diskretem Abstand vom Tor aufgestellt war. Auf dem Mast war ein Metallgehäuse mon- tiert, hinter dessen Glasfront undeutlich ein Kameraobjektiv zu er- kennen war. Jefferson konnte beobachten, wie es in Abständen von wenigen Sekunden vom Tor zu den Parkplätzen hinüber und wie- der zurück schwenkte. »Was ist mit dieser Kamera dort oben?« fragte er und zeigte da- rauf. »Läuft die ständig?« »Tag und Nacht«, antwortete der Wachmann. »Blinzelt nie, schläft nie.« »Wird sie auch die ganze Zeit überwacht?« »Ja – und die Aufnahmen werden für den Fall aufgezeichnet, daß hier etwas passiert, das später dokumentiert werden muß.« »Wie lange werden diese Videofilme aufbewahrt?« »Das weiß ich nicht«, sagte der Wachmann, »aber ich glaube, daß sie erst nach einigen Wochen wiederverwendet werden. Danach müssen Sie in der Zentrale fragen. Dort werden sämtliche Aufzeich- nungen aufbewahrt.« »Gibt's von allen Zugängen Kladden und Videofilme?« »Ja«, antwortete der Wachmann. »Executive Building, Treasury Office, überall.« »Danke, Sie haben mir sehr geholfen«, sagte Jefferson. Er nickte dem Uniformierten zu, ging davon und griff dabei nach seinem Funkgerät. Er rief Reynolds auf Kanal Charlie. »George?« sagte er., »Wir haben etwas, denke ich.« »Was denn?« fragte Reynolds. »Den Attentäter«, sagte Jefferson. »Irgendwo in den Torkladden der Uniformed Division steht seine Ein- und Ausfahrt verzeichnet. Und irgendwo auf einem Videofilm ist zu sehen, wie er das IRIS- Gerät auslädt.« Reynolds begriff sofort, wie wichtig Jeffersons Feststellung war. »Natürlich!« sagte er. »Warum bin ich nicht selbst darauf gekom- men?« »Wir brauchen eine Arbeitsgruppe zur Überprüfung der Kladden und Videofilme«, fuhr Jefferson fort. »Je mehr Leute Sie dafür ab- stellen können, desto schneller werden wir fündig.« »Ich kümmere mich sofort darum!« sagte Reynolds. »Dabei gibt's natürlich ein Problem«, fügte Jefferson hinzu. »Welches?« »Nun, wenn er's im richtigen Leben geschafft hat, die Wachen zu täuschen, muß er auf Papier und im Film erst recht überzeugend wirken, nicht wahr? Aber wir können wahrscheinlich alle Besucher eliminieren, bei denen keine mitgebrachten Gegenstände aufgeführt sind. Das dürfte einiges an Zeit sparen.« »Yeah, wir nehmen uns alle vor, die etwas mitgebracht haben«, stimmte Reynolds enthusiastisch zu. »Sobald wir unseren Mann durch Kladde und Videofilm aufgespürt haben, können wir auf den Filmen anderer Kameras feststellen, wo er hingegangen ist und das Gerät aufgestellt hat. Unsere Kameraüberwachung ist lückenlos.« »Dabei können wir uns auf die Orte beschränken, an denen Flag- man morgen früh sein wird. Im Weißen Haus und natürlich drau- ßen im Park. Ich tippe auf einen Ort im Freien, aber ich kann mich auch irren.« »Jedenfalls finden wir das verdammte Ding«, sagte Reynolds zu- versichtlich., Patrick Donovans anfängliches leichtes Unbehagen hatte sich in be- klemmende Angst verwandelt. Er hatte von Anfang an gewußt, daß er die Finger von diesem ›Gefallen‹ hätte lassen sollen. Sich selbst versicherte er weiterhin, das sei nur ein kleiner Gefallen gewesen, sonst nichts, wie er ihn auch schon anderen Leuten erwiesen habe. Außerdem waren fünfhundert Dollar ein starker Anreiz gewesen. Er hatte sich eingeredet, was er getan habe, habe niemandem gescha- det. Schließlich kam das häufig vor, nicht wahr? Alle fälschten ir- gendwann Aufzeichnungen, ohne daß sie jemals nachgeprüft wer- den. Aber jetzt wurden sie geprüft. Oder genauer gesagt: Nicht weniger als vierzig Geheimagenten waren unter Mr. Reynolds' Leitung damit beschäftigt, sie zu prüfen. Donovan hatte noch nie so viele Men- schen auf einmal im Archiv gesehen. Die Eintragungen aus den Kladden waren aus dem Zentralrechner in eine ganze Batterie von Apple Macs übernommen worden, um Zeile für Zeile kontrolliert zu werden. Das machte Pat Donovan keine Sorgen. Wirklich unbehaglich wurde ihm beim Gedanken an das Videoarchiv. Die Eintragungen in den Kladden ließen sich leicht fälschen oder löschen, aber bei Videofilmen gab es diese Möglichkeit nicht. Donovan merkte, daß er schwitzte. Er zwang sich dazu, den Be- trieb um ihn herum nicht zu beachten, und erinnerte sich an den Gefallen, den er Mr. Levy erwiesen hatte. Auf den ersten Blick ein harmloser kleiner Gefallen… So machen's alle, dachte Donovan. Ein wichtiger Mitarbeiter des Prä- sidenten hat eine neue Tussi, die sich aber noch ziert. Also wartet er, bis der Präsident und die First Lady mal verreist sind; dann schmuggelt er seine Mieze ins Weiße Haus. Dort hat er einen Butler bestochen, der ihm den Lin- coln Bedroom für eine Nacht zur Verfügung stellt. Das Zweieinhalbmeter- bett und das Schlafzimmer des Präsidenten beeindrucken die Tussi so sehr, daß unser Mann ans Ziel kommt. Natürlich erfährt sie nicht, daß der Prä-, sident gar nicht in diesem Zimmer schläft. Aber das klappt jedesmal. Um danach seine Spur zu verwischen, muß der gute alte Pat Donovan – oder wer eben gerade Dienst hat – die Aufzeichnungen frisieren. So machen's alle. Das ist schließlich nicht kriminell, oder? fragte Donovan sich. Nein, eigentlich nicht. Aber diese Sache war irgendwie ein bißchen komisch gewesen. Das hatte er gleich gespürt. Erstens war sie tags- über gelaufen – nicht nachts, wie man normalerweise erwartet hätte. Zweitens hatte er später gehört, daß der Präsident und die First Lady an diesem Tag keineswegs verreist gewesen waren. Levys Story stimmte also nicht. Drittens wußte er aus Gerüchten, die im Wei- ßen Haus umliefen, daß Levys Freundin eine verdammt heiße Num- mer war – wozu brauchte er also den Lincoln Bedroom, damit die Sache klappte? Irgend etwas stimmte hier nicht, erkannte Donovan, aber er trös- tete sich mit dem Gedanken, Levy müsse für seinen Wunsch, die Eintragungen frisieren zu lassen, einen anderen harmlosen Grund gehabt haben. Schließlich war Levy ein sehr prominenter Mann. Er gehörte zu den engsten, vertrauenswürdigsten Mitarbeitern des Prä- sidenten, nicht wahr? Und solchen Leuten widersprach man nicht, wenn man seinen Job behalten wollte, nicht wahr? Also hatte er nicht widersprochen. Er hatte die fünf Hunderter eingesteckt und getan, was Levy von ihm verlangte. Aber er hatte gewußt, daß irgendwas an dieser Sache faul war. Das hatte er einfach instinktiv gewußt, obwohl er sich große Mühe gegeben hatte, diesen Gedanken zu verdrängen. Und jetzt machte er sich um so stärker wieder bemerkbar. Vierzig Geheimagenten, die Kladden und Videofilme überprüften. Aus den Kladden erfahren sie nichts, sagte Donovan sich. Die Originalblätter waren in den Reißwolf gewandert. Sobald die tägli- chen Aufzeichnungen im Computer gespeichert waren, brauchten sie nicht länger aufbewahrt zu werden. Danach war es ein Kinder- spiel, eine bestimmte Eintragung zu löschen. Levy hatte ihm das, Autokennzeichen genannt; er hatte es mit der Suchfunktion des Computers gefunden und anschließend auf Delete gedrückt. Ganz einfach. Ein Tastendruck, und schon war die Zeile gelöscht. Dann die Sicherheitskopie bearbeiten und einen neuen Ausdruck herstel- len – fertig! Die Eintragung war spurlos verschwunden, als habe sie nie existiert. Das Problem war der Videofilm. Donovan hatte den entsprechen- den Film gegen einen älteren ausgetauscht, der bald wiederverwen- det werden sollte. Dieser Film aus derselben Kamera zeigte dasselbe Tor – aber er war zwei Wochen älter. Donovan hatte einfach neue Etiketten geschrieben und die Filme vertauscht. Der neuere Film mit dem belastenden Bildmaterial war schon wiederverwendet wor- den; der ältere Film wartete mit gefälschtem Etikett auf seine Wie- derverwendung. Wo kann's Probleme geben? fragte Donovan sich. Zum Glück nicht mit dem Datum, das nicht auf dem Film, sondern nur auf dem Etikett erschien. Auch nicht mit der Uhrzeit – zumindest nicht sofort. In der rechten unteren Bildecke erschien immer die genaue Zeit. Das war soweit in Ordnung, denn Donovan hatte ei- nen entsprechenden Film genommen. Aber trotzdem drohte hier ein großes Problem, das Donovan ins Schwitzen brachte. Was war, wenn einer der Agenten auf die Idee kam, ausgerechnet die frisier- ten Eintragungen mit dem Videofilm zu vergleichen? Er würde so- fort merken, daß Kladde und Film nicht zusammenpaßten – daß der Film vertauscht war. Donovan war bereits entschlossen, in diesem Fall zu bluffen und den völlig Ahnungslosen zu spielen. Selbst wenn die Verwechslung bemerkt wurde, konnte niemand wissen, daß eine Eintragung ge- löscht war. Ihm konnten sie nicht einmal den Filmtausch anhän- gen. Das konnte jeder gewesen sein, nicht wahr? Das konnte… Yeah, das war ein Versehen gewesen. Jemand hatte den Film ver- sehentlich vertauscht. So was konnte schließlich mal passieren. Ein, dummes Versehen. Pat Donovan hob den Kopf. Drüben in der Ecke bei der Tür sah er einen großen, stämmigen Unbekannten in einem dunkelblauen Anzug neben Mr. Reynolds stehen. Reynolds sprach mit ihm, aber der große Kerl schien nicht sehr aufmerksam zuzuhören. Statt des- sen… sah er zu ihm hinüber! Mit sehr merkwürdigem Gesichtsaus- druck! Scheiße! Donovan sah hastig weg und versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Das bildest du dir nur ein, sagte er sich. Er kann's unmöglich wissen. Außerdem ist's ein Versehen gewesen… Johnny Bourne und Peter Halliday erkannten schnell, daß sie nicht viel zur Suche nach dem IRIS-Gerät beitragen konnten. Die Män- ner vom Secret Service kannten das Weiße Haus, in dem Bourne und Halliday noch nie gewesen waren, wie ihre Westentasche. Die beiden fühlten sich fehl am Platz. Sie waren keine Polizeibeamten und hatten auch keine bessere Vorstellung von dem gesuchten Ge- rät als die Geheimagenten, die hier zu Dutzenden durcheinanderlie- fen. Bourne erklärte Jefferson freimütig, er glaube nicht, ihn bei sei- nen Ermittlungen wirkungsvoll unterstützen zu können. Er hatte den stämmigen FBI-Agenten auf den ersten Blick sympathisch ge- funden und ihm gleich gesagt, vermutlich sei es besser, wenn Halli- day und er sich im Hintergrund hielten und ihn in Ruhe arbeiten ließen. Dafür war Jefferson ihm stillschweigend dankbar. Er wußte Bour- nes professionelle Art zu würdigen und war erleichtert, daß die bei- den Engländer nicht darauf bestanden hatten, sich an den Ermitt- lungen zu beteiligen. Jefferson kannte den Ruf des SAS und wußte, daß diese beiden sich in Lebensgefahr begeben hatten, um Informa- tionen über das Attentat zu beschaffen. Als guter Charakterkenner, sah Jefferson, daß Bourne und Halliday die durchlittenen Strapazen längst weggesteckt hatten. Er staunte vor allem über Pete Halliday. Diesen schmächtigen, blutarm wirkenden kleinen Kerl mit den leicht hervorquellenden Augen hätte er nie für einen Soldaten ge- halten – und schon gar nicht für einen Angehörigen einer weltbe- rühmten Eliteeinheit. Aber er sah die Willenskraft und Entschlos- senheit in seinem Blick. Johnny Bourne war einfacher auszurechnen, fand Jefferson. Er wirkte geradliniger und zeigte seine Gefühle wahrscheinlich deutli- cher – ohne sie deshalb sein Urteil beeinflussen zu lassen. Der FBI- Agent nickte Bourne zu. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, Johnny«, sagte er. »Für die Suche sind Reynolds und seine Leute am besten geeignet. Schließlich ist dies ihr Revier. Ich lasse sie einfach weiter- arbeiten. Was mir bisher dazu eingefallen ist, habe ich ihnen mitge- teilt. Ich hoffe, daß sie das ebenfalls tun werden. Darauf kann ich mich doch verlassen?« »Natürlich tun wir das«, versprach Bourne ihm. »Übrigens besten Dank für diese Funkgeräte. Mit denen sind Sie jederzeit erreichbar, falls uns was einfällt?« »Klar«, sagte Jefferson. »Jederzeit.« Er lächelte. »Was haben Sie also vor?« »Oh«, meinte Bourne vage, »wir sehen uns nur ein bißchen um und bemühen uns, niemandem in die Quere zu kommen. Dürfen bestimmte Teile des Gebäudes nicht betreten werden?« »Eigentlich nicht«, sagte Jefferson. Er grinste. »Naja, das Oval Office, vermute ich – und vielleicht das Schlafzimmer der First Lady. Mit diesen Ausweiskarten müßten Sie überall durchkommen. Aber rufen Sie mich, falls es Schwierigkeiten gibt, okay?« »Danke«, antwortete Bourne. »Komm, Pete, wir machen einen Rundgang. Bis später, Marvin. Und alles Gute!« Halliday wartete, bis Jefferson außer Hörweite war. »Was hältst du von ihm, Boß?« fragte er., »Er ist ein guter Mann«, antwortete Bourne sofort. »Aber ich fürchte, daß er zu sehr darauf setzt, daß dieses IRIS-Gerät hier im Weißen Haus aufgebaut ist. Ich sehe seine Logik, aber damit geht er ein verdammt hohes Risiko ein. Wie steht's mit dir? Irgendwel- che Ideen?« »Ich bin deiner Meinung«, bestätigte Halliday. »Was ist, wenn er sich irrt? Würde… äh… Flagman am Flughafen oder auf der Fahrt hierher umgelegt, stünden wir alle ganz schön dumm da. Das könn- te passieren, wenn Mr. Jefferson irgendwas übersehen hat. Machen wir einen kleinen Spaziergang und sehen uns Flagmans Route ge- nauer an?« »Gute Idee«, sagte Bourne. »Ich glaube nicht, daß es hier noch viel zu tun gibt, was diese Jungs nicht schon in Angriff genommen haben.« »Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Mr. Jefferson?« fragte David Gergen. »Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie Zeit für mich haben, Mr. Ger- gen«, begann Jefferson. Er war froh, daß der Direktor ihm von Ger- gen erzählt hatte. Dieser Mann war ebenso überlastet wie alle ande- ren, aber wie die meisten effizient arbeitenden Leute besaß er die Gabe, trotzdem ruhig und entspannt zu wirken. »Ich weiß, wie be- schäftigt Sie sind.« »Nicht mehr als jeder andere«, sagte Gergen, »und was Sie tun, ist wichtiger als der Scheiß, mit dem ich im Augenblick beschäftigt bin. Was kann ich für Sie tun?« »Nun, Sir, ich muß Ihnen melden, daß wir trotz zwölfstündiger Suche noch keinen Schritt weitergekommen sind. Sie haben be- stimmt gesehen, wie viele zusätzliche Leute und Spürhunde wir ein- gesetzt haben. Bisher sind wir nirgends fündig geworden, und die Kladden der Torwachen enthalten keinen Hinweis auf irgendein un-, gewöhnliches Ereignis, das uns weiterhelfen könnte. Wir lassen zwei Dutzend Leute die Videofilme kontrollieren, aber es wird noch ziemlich lange dauern, bis alle überprüft sind. Damit will ich fol- gendes sagen, Sir: Es ist durchaus denkbar, daß wir dieses IRIS-Ge- rät nicht rechtzeitig finden.« »Verdammt«, murmelte Gergen. »Sie haben alles abgesucht?« »Alles«, bestätigte Jefferson. »Das Dach, die Mauern, die Säulen- vorhalle, den Park, die Eingangshalle, die Tore – einfach alles.« »Haben Sie auch die Überwachungskameras kontrolliert?« »Die vor allem, Sir. Da das IRIS vermutlich mit einer Videokame- ra arbeitet, um die Zielperson identifizieren zu können, hätte es sich angeboten, es als Überwachungskamera zu tarnen. Sogar als Kamera, die ganz normal arbeitet, bis dann Flagman auftaucht. Wir haben sämtliche Kameras von GSA-Technikern genau kontrollieren lassen. Nichts. Alles hundertprozentig original, nirgends eine Verän- derung.« »Hm. Und wie geht's weiter?« »Unsere Suche geht weiter, Sir, notfalls die ganze Nacht hin- durch. Ich möchte betonen, daß Secret Service und Uniformed Branch ihr Bestes geben. Niemand hätte mehr Einsatz zeigen kön- nen. Trotzdem ist's denkbar, daß wir dieses Ding nicht finden. Des- halb müssen wir uns jetzt überlegen, was dann passieren soll.« Gergen schien bei dem Gedanken daran leicht zusammenzufah- ren. »Woran denken Sie, Mr. Jefferson?« »In diesem Punkt brauche ich Ihre Hilfe, Sir. Aus meiner Sicht stehen uns drei Möglichkeiten offen. Die erste ist, daß wir das für morgen vorgesehene Programm verschieben. Es ganz abzusagen, wäre vermutlich undenkbar.« »Da haben Sie recht«, bestätigte Gergen sofort. »Eine Absage wäre fatal. Ich muß im Außenministerium nachfragen, aber ich fürchte, daß selbst eine Verschiebung die ganze Sache gefährden würde. Sie haben keine Ahnung, wie genau alles austariert ist.«, »Ich kann's mir einigermaßen vorstellen, Sir. Ich habe mir schon gedacht, daß das nicht möglich sein wird. Außerdem böte selbst ei- ne Verschiebung um vierundzwanzig Stunden keine Garantie dafür, daß wir das IRIS-Gerät in dieser zusätzlichen Zeit finden würden.« Gergen nickte. »Ihre zweite Möglichkeit?« »Wir weichen aus, Sir. Wir lassen die Veranstaltung an irgend- einem anderen Ort stattfinden – nur eben nicht hier. Dazu möchte ich Ihnen dringend raten, Sir.« Gergen schüttelte den Kopf. »Auch darüber muß ich mit dem Präsidenten und dem Außenminister sprechen, aber ich glaube nicht, daß das eine realistische Alternative ist. Bei dieser Sache spie- len alle möglichen Empfindlichkeiten mit. Eine Verlegung könnte als bewußter Affront aufgefaßt werden. Ich kann mir nicht vorstel- len, daß Flagman sich darauf einläßt.« »Glauben Sie mir, Sir, ich weiß, was ich vorschlage. Ich kann mir vorstellen, wie schlimm es wäre, wenn Flagman sich von uns herab- gesetzt fühlen müßte, aber ich gebe zu bedenken, daß es noch viel schlimmer wäre, wenn er hier im Weißen Haus erschossen würde.« »Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen, Mr. Jefferson«, wehrte Gergen ab. »Das wäre… nun, das wäre eine wirkliche Katastrophe. Das würde eine internationale Krise, ein Blutbad auslösen… Jesus, daran mag ich nicht mal denken! Aber wie sieht Ihre dritte Mög- lichkeit aus?« »Sir, ich kann nicht dafür garantieren, daß sie funktioniert, aber ich muß betonen, daß dies die einzige Alternative ist, die uns noch bleibt.« »Ich verstehe, was Sie meinen, Mr. Jefferson. Uns bleibt keine an- dere Wahl, stimmt's?« »Überhaupt keine, Sir. Ich darf Ihnen kurz erklären, worauf ich hinauswill. Soviel wir wissen, arbeitet das IRIS-Gerät nicht hundert- prozentig zuverlässig. Das Computerprogramm hat sich noch in der Entwicklung befunden, als es gestohlen worden ist. Niemand, kann dafür garantieren, daß es zuverlässig funktioniert. Sie verste- hen, was ich meine?« »Ja, aber wir können nicht darauf vertrauen, daß es…« »Ich will auf folgendes hinaus, Sir«, sagte Jefferson und beugte sich nach vorn. »Wir wissen, daß die Stasi-Leute genau gewußt ha- ben, daß das IRIS nicht hundertprozentig zuverlässig arbeitet – und trotzdem sind sie der Überzeugung gewesen, Flagman damit beseiti- gen zu können. Außerdem wissen wir, warum sie so zuversichtlich gewesen sind. Das liegt an Flagmans unverwechselbarem Aussehen. Die ganze Welt kennt seine typische Erscheinung – und die wird auch das IRIS erkennen.« »Soll das heißen, daß wir ihn bitten sollen, sein Aussehen zu ver- ändern?« »Richtig, Sir. Wir müssen ihn irgendwie dazu bewegen. Er bleibt für jedermann erkennbar, aber sobald er dieses eine Kleidungsstück ablegt, erkennt das IRIS ihn nicht mehr. Deshalb müssen wir ihn ir- gendwie dazu überreden, Sir.« »Sie haben recht, Jefferson!« stimmte Gergen nachdrücklich zu. »Mein Gott, Sie haben recht! Ich kümmere mich sofort darum. Ich rede mit dem Außenminister und bitte ihn, persönlich auf Flagman einzuwirken. Das muß taktvoll geschehen, aber er findet bestimmt eine Gelegenheit. Überlassen Sie das mir. Ich informiere Sie dann über Flagmans Reaktion.« »Danke, Sir… Wenn Sie gestatten, mache ich mich jetzt weiter auf die Suche.« »Ich danke Ihnen, Jefferson. Und viel Erfolg – hoffentlich finden Sie dieses Ding rechtzeitig.« »Wir tun unser Bestes, Sir.«,

Marvin Jefferson fühlte sich vor Übermüdung benommen undsogar leicht schwindlig. Von seinem Aussichtspunkt auf dem

Dach des Weißen Hauses aus konnte er die gesamte Szene unter sich überblicken. Schon jetzt trafen Gäste ein und nahmen erwar- tungsvoll ihre Plätze ein: die ersten von dreitausend Staatschefs, Diplomaten und weiteren VIPs aus aller Welt. Die Vertreter inter- nationaler Medien waren bereits da und drängten sich hinter den Absperrungen. Dort unten waren mehr Fernsehkameras aufgebaut, als Jefferson jemals auf einem Fleck gesehen hatte; dazu kamen Fernsehmoderatoren, Rundfunkreporter, Pressefotografen, Journalis- ten, Kolumnisten, Kommentatoren… Dort würde das wichtigste und bedeutsamste Ereignis seit Jahrzehnten stattfinden, und hier stand er, Marvin Jefferson, in seinem verknitterten blauen Sonntags- anzug, obwohl er wie jeden Montag einen dunkelgrauen hätte tra- gen sollen, und war außerstande, die sich anbahnende unvorstell- bare Katastrophe zu verhindern. Er hatte alles getan, was ihm nur eingefallen war. Da die Zeremo- nie in weniger als einer Stunde beginnen würde, konnte er nichts mehr tun, falls sich nicht etwas Neues ergab. Flagman wird zustim- men, tröstete er sich. Er wird sein Aussehen entsprechend verändern. Während er zusah, wie die Stuhlreihen sich füllten, drang das Stim- mengewirr bis zu ihm herauf. Eine Militärkapelle spielte; in der Luft schienen Vorfreude, Aufregung und das Gefühl zu liegen, hier werde Geschichte gemacht… Um ihn herum waren Dutzende von Männern in schwarzen Uni- formen auf dem Dach postiert, wo sie hinter der Brüstung unsicht- bar waren und ihre Waffen unauffällig auf die Menge gerichtet hiel-, ten. Das übliche Special Weapons Team war verdoppelt und durch vier Scharfschützen mit klobigen Waffen verstärkt worden, die Jef- ferson noch nie gesehen hatte. Bei den neuartigen Gewehren, die Reynolds angefordert hatte, handelte es sich um Laserwaffen, die einen Gegner etwa auf Gewehrschußweite blenden konnten. Der Dazer, wie die neue Waffe hieß, arbeitete völlig lautlos und erzeugte in ultrakurzen Impulsen einen bleistiftdünnen kohärenten, bläulich weißen Lichtstrahl. Da jeder Impuls nur wenige Nanose- kunden dauerte, war der Laser sofort wieder aufgeladen – die Im- pulsfolge war schneller als die Schußgeschwindigkeit aller bekann- ten Maschinengewehre. Auf hundert Meter Entfernung konzentrier- te die gesamte Energie des Laserstrahls sich auf einen Punkt mit etwa zwei Zentimeter Durchmesser. War die Luft durch Nebel, Re- gen oder Rauch getrübt, durchdrang der Laserstrahl sie trotzdem, indem er die Wasser- oder Rauchpartikel augenblicklich verdampfte – allerdings unter hohen Energieverlusten. Diese Verdampfung konnte beobachtet werden, aber bei klarer Luft – außer man hatte das Pech, selbst das Ziel und danach für immer blind zu sein – war der Laserstrahl praktisch unsichtbar. Wirkte der Dazer gegen menschliche Augen, hatte Reynolds sich überlegt, mußte er auch gegen die CC-Zelle der Videokamera des IRIS-Geräts wirksam sein – es sei denn, in dem Gerät verberge sich eine für militärische Zwecke speziell ›gehärtete‹ Kamera. »Aber das halte ich für unwahrscheinlich«, hatte Reynolds gesagt. »Jedenfalls können die Dazer uns etwas mehr Zeit verschaffen. Spüren wir das IRIS erst auf, wenn die meisten Gäste schon da sind, bekommen wir vermutlich nicht die Erlaubnis, es mit einem Gewehr auszu- schießen – nicht mal mit einer Waffe mit Schalldämpfer.« Alles gut und schön, dachte Jefferson. Aber die ganze verdammte Hardware ist zwecklos, wenn die Männer nicht wissen, worauf sie zielen sollen – und vorerst hat niemand eine Ahnung, wie das IRIS- Gerät aussieht oder womit es getarnt worden ist., Unten strömten weitere Menschenmassen auf den Rasen. Über tausend Gäste waren schon da; Hunderte von neuen Gästen trafen ein und wurden zu ihren Plätzen begleitet. Jefferson versuchte sich vorzustellen, vor welchen riesigen Problemen die Wachmänner der Uniformed Division jetzt standen. Alle verfügbaren Kräfte waren mobilisiert worden, das wußte er. Und das IRIS war noch immer nicht gefunden… »Mervin?« fragte eine Stimme in seinem Ohrhörer. Das war Rey- nolds auf Kanal Charlie. »Ja!« antwortete Jefferson nervös. »Wir haben den vertauschten Videofilm gefunden. Er stimmt nicht mit der Kladde überein. Laut Etikett ist er drei Tage alt, aber wir haben festgestellt, daß er Verkehr zeigt, der schon vor zwei Wo- chen durch dieses Tor gefahren ist.« »Kann der Film nicht irrtümlich vertauscht worden sein?« »Möglich, aber meiner Ansicht nach unwahrscheinlich. Die Wie- derverwendung dieser Filme ist genau geregelt. Ich vermute, daß er absichtlich falsch etikettiert worden ist.« »Genau!« sagte Jefferson aufgeregt. »Auf dem Originalfilm wäre zu sehen, wie das IRIS hereingebracht wird. Stellen Sie fest, wer zu die- sem Zeitpunkt Wachdienst am Tor gehabt hat. Quetschen Sie ihn nach irgendwelchen Lieferungen aus. Und befragen Sie Ihren Mann, der den Lieferanten begleitet hat: Er muß wissen, was wohin ge- bracht worden ist.« »Ich habe bereits zwei Leute darauf angesetzt. Sie stellen anhand der Dienstpläne fest, wer an diesem Tag Dienst gehabt hat.« »Gut.« Jefferson runzelte für einen Augenblick nachdenklich die Stirn. »George?« »Gestern abend, als wir drüben im Archiv gewesen sind… Sie wis- sen schon – gegen neunzehn Uhr. Mir fällt gerade der Kerl ein, der dort Dienst gehabt hat. Ein kleiner, schmächtiger Kerl, rothaarig und mit Nickelbrille.«, »Das sagt mir nichts. Was ist mit ihm?« »Stellen Sie fest, wer er ist, und lassen Sie ihn festnehmen.« »Okay – aber warum?« »Ich gehe jede Wette ein, daß der kleine Kerl die Videofilme ver- tauscht hat. Und ich wette, daß er auch die Kladde frisiert hat, um den Tausch zu tarnen.« »Wie kommen Sie auf ihn?« »Oben im Archiv ist's angenehm kühl gewesen, aber er hat ge- schwitzt wie ein Spanferkel. Und er hat verdammt nervös gewirkt.« »Tatsächlich? Ich wollte, das wäre mir aufgefallen.« »Das ist mein Fehler gewesen. Mir ist's aufgefallen, und ich hätte etwas sagen sollen.« »Keine Angst, den schnappen wir uns gleich.« »Gut«, sagte Jefferson. »Und sparen Sie sich die Mühe, ihm seine gottverdammten Rechte vorzulesen, bevor Sie mit der Befragung anfangen, okay?« »Ich les dem Hundesohn höchstens was aus dem offiziellen Ver- nehmungshandbuch der bosnischen Serben vor!« »Einverstanden«, sagte Jefferson abschließend. Verdammt! dachte er aufgebracht. Er hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Ich hätte meinem Instinkt folgen und diesen kleinen Kriecher gestern abend in die Mangel nehmen sollen. Er sah auf seine Uhr. Großer Gott! Nur noch zwanzig Minuten. Wo, zum Teufel, bleibt Gergen? Wie auf ein Stichwort hin meldete sich eine Stimme in seinem Ohr. »Jefferson, hören Sie mich?« »Ja, Sir, Mr. Gergen. Ist Flagman einverstanden?« »Tut mir leid, aber er hat diesen Vorschlag rundweg abgelehnt.« O Scheiße o Scheiße o Scheiße… »Das Ding ist praktisch sein Markenzeichen«, fuhr Gergen fort. »Er sagt, für ihn sei es undenkbar, sein Aussehen so zu verändern, wie Sie vorgeschlagen haben. Damit müssen wir uns abfinden, fürchte ich. Warren Christopher hat sein Bestes getan, aber er will, Flagman natürlich nicht verärgern und kann ihm deshalb nicht wei- ter zusetzen.« »Verdammt noch mal!« brüllte Jefferson in sein Funkgerät. »Ist Flagman denn nicht klar, daß auf ihn geschossen werden könnte? Nein, das muß ich anders ausdrücken. Weiß er nicht, daß auf ihn geschossen werden wird?« »Doch, das ist ihm klar«, sagte Gergen. »Und wissen Sie, was er geantwortet hat? Er hat gesagt, er sei bereit, völlig auf uns zu ver- trauen. Das hat er gesagt.« »Großer Gott!« ächzte Jefferson. »Hören Sie, Mr. Gergen, Sie müssen eine Verschiebung erreichen. Das müssen Sie einfach! Wie Sie das anstellen, ist mir egal, aber wir brauchen mehr Zeit. Ich glaube, daß wir auf der richtigen Fährte sind – eine der vom Wach- personal geführten Kladden ist gefälscht worden, und wir sind eben dabei, uns die Verantwortlichen zu schnappen. Geben sie mir noch eine Stunde Zeit, dann schaffen wir's!« »Ich werd's versuchen«, sagte Gergen einfach. Das Rauschen in Jeffersons Ohrhörer verstummte. Unten in der Menge, weit hinter den für Prominente reservierten vordersten Reihen, saß ein Mann in einem dicken Anzug neben sei- ner Frau, einer dunkelhaarigen, temperamentvollen und attraktiven Mittdreißigerin. Ihr einige Jahre älterer Mann hatte braunes Haar mit einem Anflug von Grau an den Schläfen und ein freundliches, sanftes Gesicht. Die beiden waren ein gutaussehendes Paar, das ein- ander sichtbar zugetan war. Alle Anwesenden waren voll gespannter Erwartung – aber keiner empfand sie stärker als diese beiden. Sie hielten sich krampfhaft an den Händen. Der Mann begann sich zu wünschen, er hätte sich leichter angezogen; in der Sonne, die von einem wolkenlosen Himmel brannte, war ihm heiß und unbehag- lich., Er seufzte. »Hoffentlich geht alles gut, Mona«, sagte er mit leiser Stimme, aus der Müdigkeit und nervöse Anspannung sprachen. Sie sah lächelnd zu ihm auf und drückte seine Hand. »Jetzt dau- ert's nicht mehr lange«, flüsterte sie ihm zu. »Dies ist dein Tag. Du hast dich mehr dafür eingesetzt als jeder andere. Bestimmt geht al- les gut. Du mußt versuchen, dich ein bißchen zu entspannen.« »Dies ist auch dein Tag«, sagte er. »Ohne deine Unterstützung hätte ich meine Rolle nicht spielen können.« Dann beobachteten sie schweigend, wie die letzten Sitzreihen sich füllten. Nur noch wenige Minuten… »Wir haben den Hundesohn, Marvin.« »Wen?« knurrte Jefferson. »Ihr Spanferkel«, sagte Reynolds. »Der Kerl heißt Patrick Dono- van. Wir sind dabei, ihn zu vernehmen.« »Die Zeit läuft uns davon!« sagte Jefferson verzweifelt. »Wir brau- chen auch den Wachmann, der am Tor kontrolliert hat – er kann uns sagen, was reingebracht worden ist. Haben Sie ihn schon?« »Noch nicht«, antwortete Reynolds. »Dann haben wir verspielt! Uns bleiben nur noch ein paar Minu- ten! Können Sie nicht irgendwas tun, damit wir einen Aufschub be- kommen? Erfinden Sie irgendwas – eine Bombendrohung, eine Sturmwarnung, einen Fliegeralarm, den Dritten Weltkrieg, irgend- eine gottverdammte Ausrede –, aber sorgen Sie, um Himmels wil- len, dafür, daß noch gewartet wird!« »Ich werd's versuchen«, murmelte Reynolds. Jefferson fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar und be- gann auf dem Dach auf und ab zu marschieren. Er beneidete die Männer des SWAT-Teams um ihre ruhige Gelassenheit. Scott Ha- zeldine, ihr Kommandeur, machte einen Rundgang bei seinen Män- nern, erteilte ihnen gelassen letzte Anweisungen und überzeugte, sich davon, daß sie alle freies Schußfeld hatten. Jefferson hörte mit halbem Ohr zu. »…also Ihr Sektor«, sagte Hazeldine eben zu einem seiner Män- ner. »Können Sie alles deutlich sehen?« »Kein Problem – bei dieser Sonne«, antwortete die schwarz ge- kleidete Gestalt. »Bloß schade, daß das Licht nicht immer so gut ist. Heute geht's jedenfalls ohne Scheinwerfer. Erinnern Sie sich an den Nebeltag im März, an dem sie die Scheinwerfer einschalten mußten, um den Tag wenigstens ein bißchen aufzuhellen?« »Yeah«, bestätigte Hazeldine lächelnd. »Und geregnet hat's auch, stimmt's?« »Allerdings!« Jefferson hatte die ganze Nacht lang um Regen gebetet: um sint- flutartige Regengüsse, die eine Verlegung der Zeremonie ins Weiße Haus erzwingen würden. Aber der Himmel war wolkenlos wie sel- ten… Er zuckte zusammen. »Was haben Sie da gesagt?« fauchte er und warf sich herum. Der SWAT-Kommandeur drehte sich verblüfft um. Der hinter ihm stehende große FBI-Agent sah aus, als habe ihn eine Hornisse gestochen. »Wir reden nur über die Lichtverhältnisse«, stellte er ru- hig fest. Das haben wir übersehen, dachte Jefferson. »Scheinwerfer! Schein- werfer! Wo sind die?« »Überall auf dem Gelände verteilt, Mr. Jefferson. Einige hier oben auf dem Dach, andere auf Masten, wieder andere in den Bäumen…« Jefferson brüllte bereits in sein Funkgerät. »George! Das Ding steckt in einem der gottverdammten Scheinwerfer! Schicken Sie ein paar Männer los, die sie außer Betrieb setzen!« Er wandte sich wie- der an den SWAT-Kommandeur. »Lassen Sie Ihre Leute ihre schwar- zen Overalls ausziehen und vor die hier auf dem Dach montierten Scheinwerfer hängen! Und sorgen Sie dafür, daß die Männer mit, den Lasergewehren jeden verdammten Scheinwerfer ausschießen, den sie von hier aus sehen können! Los, los, Beeilung!« Hazeldine blaffte einige knappe Befehle. Fünf oder sechs Männer seines Teams schlüpften aus ihren Overalls und hasteten tief ge- bückt übers Dach, um nicht oberhalb der Brüstung sichtbar zu sein. Der Kommandeur leitete inzwischen das Feuer der Laserge- wehre. »Taylor!« rief er über die Schulter hinweg zu einem seiner Gruppenführer hinüber. »Wie viele Scheinwerfer gibt's auf dieser Seite des Gebäudes?« »Ungefähr ein Dutzend, Sir.« »Fünfzehn, Sir«, sagte eine andere Stimme. »Ich hab sie nachts mal gezählt.« »Los, herkommen! Helfen Sie uns, sie zu finden!« Jefferson ließ sich Taylors Fernglas geben und suchte damit den Park des Weißen Hauses ab. Sein Blick fiel auf einen der Scheinwer- fer. Während er ihn betrachtete, traf ein greller Lichtblitz die Glas- scheibe des rechteckigen schwarzen Metallgehäuses. Den hat ein Da- zer getroffen… ohne erkennbare Wirkung. Verdammt – was macht das IRIS, wenn es getroffen wird? Dreht es durch und schießt trotzdem? »Wie viele haben Sie schon erledigt?« rief er. »Bisher vier!« antwortete Hazeldine. »Wir halten jeweils ein paar Sekunden drauf. Der Laserstrahl ist sehr scharf gebündelt, und wir wollen sicherstellen, daß wir ein wichtiges Bauteil treffen.« »Melden Sie jeden, der außer Betrieb ist!« Jefferson merkte plötzlich, daß unter ihm etwas Neues vorging. Die Gäste waren verstummt. Wie durch Watte hörte er eine Laut- sprecherdurchsage. Er setzte sein Fernglas ab und sah über die Brüstung. »O Gott«, murmelte er. Unter ihm kam Vizepräsident Al Gore mit seiner Frau, die ein altrosa Kleid trug, über den Rasen. Die Gäste applaudierten. Hinter dem Vizepräsidenten folgten wei- tere VIPs. O Gott! dachte Jefferson verzweifelt. Warum haben sie nicht noch warten können? Bloß ein paar gottverdammte Minuten!, »Jetzt sind's sechs!« reif Hazeldine. Jefferson hob wieder sein Fernglas. Aus den Lautsprechern kam die Durchsage, die er gefürchtet hatte. »…sowie der Präsident der Vereinigten Staaten!« endete die Durch- sage. Beifall brandete auf, während hundert Fernsehkameras die dramati- sche Szene live in alle Welt übertrugen. Millionen Fernsehzu- schauer beobachteten sie gerade ungläubig. Nur wenige von ihnen hätten das bevorstehende Ereignis jemals für möglich gehalten. Im Hintergrund der auf dem Rasen versammelten Gästeschar hielt Terje Larsen die Hand seiner Frau Mona umklammert. Das norwegische Ehepaar war den Tränen nahe. Endlich! Es ist geschafft! dachte Larsen… Präsident Bill Clinton, der israelische Ministerpräsident Jitzhak Rabin und der PLO- Vorsitzende Jassir Arafat kamen aus dem Wei- ßen Haus und traten auf den im Sonnenschein liegenden South Lawn hinaus. Sämtliche Fernsehkameras konzentrierten sich auf die drei Män- ner, die jetzt an den beiden strammstehenden Marineinfanteristen vorbei über den roten Teppich gingen. Hunderte von Blitzlichtern flammten auf, um die ersten außergewöhnlichen Bilder festzuhal- ten, die dann um die Welt gehen würden. Manche Gäste glaubten, auf den Fenstern und Glasflächen des Weißen Hauses kurze Reflex- ionen von Blitzlichtern zu sehen. Sie konnten nicht ahnen, daß dies die grellen Impulse von Lasergewehren waren, die über ihre Köpfe hinweg einen Scheinwerfer nach dem anderen ausschossen. In dreieinhalb Meter Höhe auf seinem Baum am Rand der Rasen- fläche war das IRIS-Gerät an diesem Morgen voll damit ausgelastet gewesen, die Gästeschar mit zwanzig Gesichtern pro Sekunde abzu- suchen. Jetzt erfaßte es die drei Neuankömmlinge., Das IRIS-Gerät erkannte Jassir Arafat augenblicklich als die Ziel- person, die es seiner Programmierung nach erschießen sollte. Ara- fats schwarzweiße Kaffija, seine unverwechselbare Kopfbedeckung, die im Lauf der Jahre sein persönliches Markenzeichen geworden war, schloß jeden Zweifel aus. Ziel erkannt… Feuer bereit… Das IRIS- Gerät zielte auf Arafats Stirn dicht unterhalb der sorgfältig überein- andergefalteten Spitze der Kaffija, folgte jeder Bewegung und warte- te seiner Programmierung entsprechend darauf, daß der Mann ste- henblieb. Seine elektrischen Servomotoren veranlaßten ständig win- zige Richtungsänderungen, damit Arafats Kopf im Fadenkreuz blieb. Nachführen… Auf dem Dach des Weißen Hauses war Jefferson einem Herz- schlag nahe. Er war auf einen Schuß gefaßt gewesen, aber bisher war keiner gefallen. Konnte das IRIS-Gerät versagt haben? Er sah jetzt Flagman, der neben Jitzhak Rabin und dem Präsidenten auf dem roten Teppich über den Rasen ging… Nach neunzehn Schritten im Freien, noch immer auf dem roten Teppich, ließ Jassir Arafat eine einzige sichtbare Reaktion auf die Lebensgefahr erkennen, in der er sich durch die Mordmaschine be- fand, vor der er nachdrücklich gewarnt worden war. Seine Hände griffen reflexartig nach seiner Kopfbedeckung. Er rückte sie nervös zurecht, aber sein Schritt blieb fest, und er lächelte weiter. »Acht erledigt!« rief der SWAT-Kommandeur, dessen Stimme hör- bar aufgeregt klang. O Gott, es wartet darauf, daß er stehenbleibt, dachte Jefferson. Deshalb ist noch kein Schuß gefallen. Die Gefahr besteht weiter… Er hob wieder sein Fernglas. Dort drüben im Baum ist auch ein Scheinwerfer. Ist er das etwa? »Neun!« Noch immer sechs… Nicht genug Zeit… Dann fiel Jefferson irgend etwas auf. Ein schwacher Lichtreflex von diesem auf dem Baum montierten Scheinwerfer. Seine Front-, scheibe schimmerte, als bewege sie sich in der leichten Brise… Das war kein Glas! Das war eine Abdeckung aus viel dünnerem Mate- rial! »Scott!« rief Jefferson, warf sich neben dem SWAT-Kommandeur aufs Dach und deutete nach vorn. »Dieser Scheinwerfer in dem gro- ßen Baum am linken hinteren Rand der Rasenfläche – das muß er sein! Er hat sich bewegt!« »Ziel erkannt!« sagte Hazeldine knapp und befahl den vier Dazer- Scharfschützen einen raschen Zielwechsel. Unten auf dem Rasen hatten Präsident Clinton, Jitzhak Rabin und Jassir Arafat den roten Teppich verlassen und gingen über den kurzgeschorenen Rasen zu den zu einem weißgestrichenen Podium hinaufführenden vier Stufen. Sie hatten nur noch etwa fünf Meter weit zu gehen. Jetzt stiegen sie die Stufen hinauf. Noch drei Meter, zwei Meter, einen… Arafat erreichte seine Position und blieb stehen. In genau diesem Augenblick registrierte das IRIS erst einen bläu- lichweißen Lichtblitz, als ein Laserstrahl den Bildsensor seiner Ka- mera traf, und dann völlige Dunkelheit, weil der Sensor verglüht war. Bildausfall, Fehlfunktion. Auf dem Dach starrte Jefferson weiter durchs Fernglas. Er sah ei- nen dünnen Rauchfaden von der Vorderseite des Scheinwerfers auf- steigen; als er das Glas schärfer einstellte, erkannte er in dem hauch- dünnen Ersatzglas mehrere Brandlöcher von Laserstrahlen. Zello- phan oder dergleichen, dachte er benommen. Er ließ das Fernglas sin- ken und sah über die Brüstung nach unten. Die Zeremonie hatte begonnen. Jassir Arafat stand noch immer. Das IRIS-Gerät hatte nicht geschossen. Jefferson wußte, daß sie in letzter Sekunde Erfolg gehabt hatten. Seine Hände zitterten plötzlich heftig. Das geblendete, aber sich dessen nicht bewußte IRIS-Gerät suchte geduldig weiter nach einem Bild, das es nie wieder sehen würde… In den folgenden Minuten passierten zwei Dinge, die allgemein, unbeachtet blieben, obwohl sie sich buchstäblich vor einem Millio- nenpublikum ereigneten. Die Fotos und Fernsehaufnahmen des be- rühmten Händedrucks zwischen dem lächelnden Arafat und dem leicht verlegen und unbeholfen wirkenden Rabin würden immer wieder betrachtet werden; aber von all den Millionen, die sie sahen, fiel nur einem Mann eine winzige Kleinigkeit auf. Robert Lucas war Pressefotograf. Wie seine mit ihm hinter einer Absperrung zusammengedrängten Kollegen hoffte er, das sensatio- nelle Bild zu schießen, das weltweit durch alle Zeitungen gehen würde. Wie sich dann zeigte, gab es so viele ähnliche Aufnahmen, aus denen die Redaktionen wählen konnten, daß sein Bildbericht nur einer von Dutzenden war – hervorragende Aufnahmen, aber nicht anders als viele andere. In einer Beziehung unterschied Robert Lucas sich jedoch von allen seinen Kollegen. Er war fast vollständig taub. Als Arafat vortrat und Rabin die Hand schüttelte, sah Lucas den israelischen Ministerpräsidenten etwas aus dem Mundwinkel heraus sagen. Rabins Lippen bewegten sich kaum, aber durchs Teleobjektiv seiner Nikon konnte Lucas ihm die Worte von den Lippen ablesen. Er sah sie ungleich klarer definiert, als die Fernsehkameras sie ein- fangen konnten; deshalb merkte später niemand, was Rabin gesagt hatte. Lucas runzelte überrascht die Stirn; dann schoß er als Profi weiter seine Bilder. Rabin drehte sich nach seinem Außenminister Simon Peres um, und diesmal zeigten die Fernsehaufnahmen deut- lich seine Lippenbewegungen, als er sagte: »Jetzt bist du dran.« Pe- res trat nun ebenfalls vor, um Arafat die Hand zu schütteln. Lucas stieß leicht verwirrt seinen Nachbarn an. »Das war merk- würdig«, sagte er stirnrunzelnd. »Was denn?« fragte sein Kollege. »Was Rabin eben zu Arafat gesagt hat. Eine merkwürdige Äuße- rung.« »Du kannst Lippen lesen?«, »Ich bin taub.« »Oh, Entschuldigung, das hab ich nicht gewußt. Okay, was hat Rabin gesagt?« »Er hat gesagt: ›Sie sind ein tapferer Mann.‹ Warum sollte er das zu Arafat sagen? Er haßt ihn.« »Na, wenn schon«, meinte der andere, den das nicht weiter inte- ressierte. »Bloß 'ne nette, brüderliche Geste dem kleinen Kerl gegen- über, schätz ich.« Auch der zweite Vorfall blieb weitgehend unbemerkt. Er ereignete sich während Jitzhak Rabins Rede nach der Unterzeichnung und dem Händedruck. Rabin sprach nur etwas über eine Minute lang, und in seiner Stimme lag der Widerhall des vielen Leids und der Schmerzen, die der jahrzehntelange erbitterte Konflikt zwischen sei- nem Volk und den Palästinensern mit sich gebracht hatte. Ver- ständlicherweise waren alle Augen auf ihn gerichtet, während er sprach; alle Gäste konzentrierten sich auf seine Worte. So nahmen nur wenige wahr, was unmittelbar nach Beginn seiner Rede hinter ihm geschah. »Die Zeit für Frieden ist gekommen…«, sagte Rabin gerade. »Mit der israelisch-palästinensischen Grundsatzerklärung, die heute hier unterzeichnet worden ist…« In diesem Augenblick drehte Jassir Arafat, der links hinter Rabin stand, plötzlich den Kopf scharf nach links. Jemand in seiner Nähe versuchte, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Arafat bemerkte ihn nicht gleich, aber dann fiel sein Blick auf den Mann, und er beugte sich zur Seite, um zu hören, was der andere sagte. Er hörte einen Augenblick gespannt zu; danach nickte er, um zu zeigen, daß er verstanden hatte, richtete sich auf und sah wieder nach vorn, während Rabin weitersprach. Arafat schien tief Luft zu holen. Er senkte kurz den Kopf, wäh- rend er über die Mitteilung nachdachte, die er gerade erhalten hat- te, und sah dann wieder auf. Sein Gesichtsausdruck blieb noch ei- nige Sekunden lang ernst, aber dann schien alle Nervosität von ihm, abzufallen, und er wirkte entspannt. Und sein Lächeln, das zuvor aufgesetzt und brüchig gewirkt hatte, strahlte plötzlich mit der Son- ne um die Wette. Dieses Lächeln bezeichnete den Augenblick, in dem Flagman be- wußt wurde, daß das IRIS-Gerät endlich unschädlich gemacht wor- den war. Er war nicht mehr in Lebensgefahr. »Wir, die wir gegen euch, die Palästinenser, gekämpft haben«, schloß der israelische Ministerpräsident seine Ansprache etwas leiser und unverkennbar gerührt, »wir sagen heute mit lauter und klarer Stimme zu euch: Genug von Blut und Tränen! Genug!«

Pat Donovan hatte seine Beteuerungen, er habe keine Ahnung,wie die Videofilme vertauscht worden sein könnten, nicht ein-

mal fünfundsiebzig Sekunden lang durchgehalten. Reynolds hatte Liam O'Rourke auf ihn angesetzt – einen seiner besten Leute, der nicht nur bullig und bärenstark, sondern auch intelligent und cle- ver war. Mit dieser Vernehmung hatte Reynolds absichtlich O'Rour- ke beauftragt, weil er wußte, daß der Verrat eines Landsmanns den großen Iren erst recht in Rage bringen würde. Donovan hatte behauptet, nichts von den vertauschten Filmen zu wissen, aber er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als O'Rour- kes riesige Faust in sein Gesicht krachte, ihm die Nase zerschmet- terte und Blut spritzen ließ. Donovan schrie vor Schmerzen und Entsetzen laut auf; dann klatschte ein Eimer kaltes Wasser in sein Gesicht. Er spuckte und blubberte. O'Rourke wiederholte mit ruhi-, ger Stimme seine Frage. »Ich hab Ihnen doch gesagt«, jammerte Donovan schniefend und keuchend, »daß ich keine Ahnung hab, wie…« Die Faust krachte nochmals in sein Gesicht. Das genügte. Dono- van spuckte schnüffelnd und weinend die Einzelheiten des ›Gefal- lens‹ aus, den er jemandem erwiesen hatte. O'Rourke deckte ihn mit Fragen ein. Wo war der Originalfilm jetzt? Wer hatte ihn dazu überredet, die Filme zu vertauschen? Was war ihm dafür geboten worden? Wann war der Wagen eingefahren? Was für ein Fahrzeug? Kennzeichen? Name des Fahrers? Was hatte er hereingebracht? Während O'Rourke diese Fragen stellte, hatte Donovan seine zur Faust geballte Pranke als Warnung vor weiteren Lügen dicht vor seinem verschwimmenden Blick. Donovan wagte nicht, noch mal zu lügen. Sein Widerstandswille war gebrochen, und er stammelte die Antworten nach bestem Wis- sen. Er kannte weder den Namen des Fahrers noch seine Ladung, aber erinnerte sich an das Kennzeichen und die ungefähre Ein- fahrtszeit. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Eintragung ge- nau durchzulesen, bevor er sie löschte, und O'Rourke war clever ge- nug, um zu erkennen, daß Donovan jetzt die Wahrheit sagte. Der kleine Mann hatte innerhalb von fünf Minuten alles ausgespuckt, was er wußte. Jetzt schluchzte er nur noch vor Selbstmitleid. »Schnauze halten!« knurrte O'Rourke ihn an. Der große Ire wand- te sich ab, um zu gehen, überlegte sich die Sache jedoch anders und kam zurück. Seine Faust krachte nochmals in Donovans Ge- sicht – diesmal mit solcher Gewalt, daß er den kleinen Mann k.o. schlug. O'Rourke ließ ihn auf dem Fußboden liegen und ging hin- aus, um Reynolds Bericht zu erstatten. Bis der Mann aus der Uniformed Division, der am Tor kontrol- liert hatte, ermittelt und hergeholt worden war, bestand keine Ge- fahr mehr. Das IRIS-Gerät war bereits zerstört; der große Druck war gewichen. Ken Nicholson, der Wachmann, erinnerte sich gut an, den Lieferwagen, mit dem es Probleme gegeben hatte, weil der Spür- hund darin eine verschossene Schrotpatrone gefunden hatte. Er be- stätigte, der Fahrer habe einen neuen Scheinwerfer mitgebracht, um einen defekten auszuwechseln. Nach einigem Nachdenken fiel ihm auch der Name seines Kollegen ein, der den ›Wartungstechniker‹ beaufsichtigt hatte. Er konnte den Techniker gut beschreiben, sich aber nicht an seinen Namen erinnern. Immerhin wußte er noch, daß dieser Mann einen neuen Sicherheitsausweis gehabt hatte – erst ein paar Tage alt, sagte er. Reynolds schickte einen Mann los, damit er die Unterlagen über alle in letzter Zeit ausgestellten Sicherheitsausweise holte. Fünf Mi- nuten später lagen sie auf seinem Schreibtisch, und Nicholson iden- tifizierte anhand der Fotos sofort George McKinley als den Fahrer. »Äh, worum geht's eigentlich, Sir?« erkundigte Nicholson sich zö- gernd. »Was hat dieser Kerl verbrochen?« »Schnauze!« blaffte Reynolds ihn an. Er sah O'Rourkes Fäuste zu- cken. »Noch nicht, Liam«, sagte er. Reynolds veranlaßte rasch, daß zwei Secret-Service-Teams sich auf die Suche nach McKinley machten, und sorgte dafür, daß das Kenn- zeichen seines Lieferwagens an die Polizei übermittelt wurde. Bin- nen zehn Minuten kreuzten vier bullige Geheimagenten an McKin- leys Arbeitsplatz auf, nur um von einem nervösen Geschäftsführer zu erfahren, McKinley sei an diesem Morgen nicht zur Arbeit ge- kommen, nachdem er schon am Freitag unentschuldigt gefehlt ha- be. Das zweite Team fuhr zu McKinleys Haus. Die Männer hielten sich nicht damit auf, an der Tür zu klingeln. Vorder- und Hinter- eingang zersplitterten gleichzeitig, als sie mit Äxten und schußbe- reiten Waffen ins Haus stürmten. Es schien leer zu sein. Die Ge- heimagenten machten sich daran, das Haus systematisch auf den Kopf zu stellen. Als sich draußen einige von dem Krach angelockte neugierige Nachbarn versammelten, wurde ein Geheimagent abge-, stellt, um sie zu fragen, wann McKinley zuletzt gesehen worden sei. Dann kam die Polizei, und der Geheimagent konnte es ihr überlas- sen, die Neugierigen zurückzudrängen. Einem Polizeibeamten fiel etwas auf, das den Geheimagenten entgangen war: Der gesuchte Van stand ganz in der Nähe geparkt. Das Fahrzeug war völlig leer. Zehn Minuten später wurde der echte George McKinley inmitten homosexueller Erotica tot in seiner Tiefkühltruhe aufgefunden. »Verdammter Schwuler«, sagte ein Geheimagent angewidert, wäh- rend er McKinleys kältestarres Gesicht mit dem Foto verglich, das er mitbekommen hatte. Trotz gewisser Ähnlichkeiten war dies ein- deutig nicht derselbe Mann. Der Geheimagent machte zwei Pola- roidaufnahmen von dem Toten. Eine brachte ein Motorradkurier der Polizei in McKinleys Büro, wo der entsetzte Geschäftsführer ihn eindeutig identifizierte; die andere erhielt Reynolds, der sie Nicholson vorlegte. Nicholson, dem die Aufnahme des Toten den letzten Nerv raubte, bestätigte, dies sei eindeutig nicht der Mann, den er gesehen habe. »Kann ich jetzt gehen?« fragte er zögernd. »Nein«, knurrte Reynolds. »Zu Ihrer Information: Sie sind entlas- sen! Aber ich bin noch längst nicht fertig mit Ihnen.« Er nickte O'Rourke zu. Die Faust des großen Iren explodierte in Nicholsons Gesicht. »Laß den Hundesohn einsperren«, wies Reynolds ihn an. Während O'Rourke den bewußtlosen Nicholson hinausschleppte, ließ Reynolds sich berichten, wie die Arbeit draußen vorankam. Die Gäste hatten sich verlaufen; der Empfang in einem der Säle des Weißen Hauses hatte begonnen. Unter dem Baum am Rand der Ra- senfläche waren gut ein Dutzend Geheimagenten versammelt. Auf der Arbeitsbühne eines rasch errichteten Gerüsts wurde der zerstör- te IRIS-›Scheinwerfer‹ für den Fall, daß er plötzlich explodierte, mit Sandsäcken umgeben. Ein Elektriker und ein Sprengmeister waren angefordert, um ihn zu öffnen und zu entschärfen, bevor er zur Untersuchung abtransportiert wurde. Reynolds erinnerte den Team- chef daran, sich vor einer möglichen Sprengfalle in acht zu neh-, men. Er überlegte kurz und beschloß, nicht auf das Eintreffen des Wachmanns zu warten, der ›McKinley‹ begleitet hatte. Auch dieser Mann würde festgenommen werden, aber Reynolds bezweifelte, daß er viel Neues würde aussagen können. Nein, es wurde Zeit, einen anderen Mann aufzusuchen – jemanden, der eine Menge zu erklä- ren hatte. Er rief Marvin Jefferson über Funk und vereinbarte einen Treffpunkt mit ihm. »Okay, Liam«, sagte er, als O'Rourke zurück- kam, »wir gehen los.« »Levy?« »Yeah«, antwortete Reynolds finster. David Gergens Bürotür war nur angelehnt. Tom Levy, der nach un- ten ging, um die feierliche Vertragsunterzeichnung mitzuerleben, wollte gerade anklopfen und fragen, ob sein Kollege ebenfalls kom- me, als er drinnen Gergens Stimme hörte. »Jefferson, hören Sie mich?« fragte Gergen. Levy steckte den Kopf durch die Tür und erwartete, Gergen am Telefon zu sehen. Aber er telefonierte nicht. Er stand mit seinem Funkgerät am Fenster. Das konnte Levy sich nicht gleich erklären. Er kontrollierte sein eigenes Funkgerät, das in Ordnung zu sein schien. Dann erkannte er, daß Gergen einen anderen Kanal eingestellt haben mußte. Als leitende Mitarbeiter des Weißen Hauses hatten Gergen und er Funkgeräte, die auf allen Kanälen arbeiteten – nicht nur auf dem Allzweckkanal ›Baker‹ und dem Stabskanal ›Oscar‹. Levy suchte rasch einen Kanal nach dem anderen ab, bis Gergens Stimme aus seinem Ohrhörer drang, »…praktisch sein Markenzeichen«, sagte er gerade. Kanal ›Charlie‹? Der Secret-Service-Kanal? Was hat das zu bedeuten? Levy hörte interessiert zu, während Gergen weitersprach. Warren, Christopher wurde erwähnt… »…aber er will Flagman natürlich nicht verärgern und kann ihm deshalb nicht weiter zusetzen.« Levy staunte über die unerwartet heftige Reaktion auf Gergens Mitteilung. »Verdammt noch mal! Ist Flagman denn nicht klar, daß auf ihn geschossen werden könnte? Nein, das muß ich anders aus- drücken. Weiß er nicht, daß auf ihn geschossen werden wird?« Jesus! dachte Levy. Eine Morddrohung gegen Arafat! Scheiße! Dieser Jefferson, wer immer er sein mochte, wirkte ernstlich besorgt. Seine Stimme klang geradezu verzweifelt. »Ich glaube, daß wir auf der richtigen Fährte sind«, fuhr Jefferson jetzt fort. »Eine der vom Wachpersonal geführten Kladden ist gefälscht worden…« Levys Augen weiteten sich vor Entsetzen. Ihm war plötzlich eis- kalt. Er machte kehrt und verließ lautlos Gergens Vorzimmer. Nein, da kann's keinen Zusammenhang geben, sagte er sich. Ganz ausgeschlos- sen! Er hastete mit starr geradeaus gerichtetem Blick den Korridor entlang zu seinem eigenen Büro zurück. »Wir haben den Hunde- sohn, Marvin«, sagte eine Stimme im Funk. Levy blieb stehen und drückte den Ohrhörer fest an sein Ohr. »Der Kerl heißt Patrick Do- novan…« O Gott! dachte Levy vor Entsetzen starr. Donovan ist der Mann, den ich bestochen habe… Nein! Nein, das muß ein Irrtum sein! Er stieß die Vorzimmertür auf. Jane Margolyes sah überrascht auf. »Oh! Hallo, Tom, ich dachte, Sie seien längst draußen. Müssen Sie sich nicht schon beeilen?« »Hallo, Jane.« Levys Stimme war kaum zu hören. Er ging in sein Arbeitszimmer weiter, ohne Janes Frage zu beantworten, und ließ sie mit verwirrt gerunzelter Stirn zurück. Er schloß die Tür hinter sich und ließ sich in den Schreibtischsessel fallen. Das Funkgerät war für einen Augenblick verstummt. Einige Minuten später begann es wieder zu quäken. »George! Das Ding steckt in einem der gottverdammten Scheinwerfer! Schicken Sie ein paar Männer los…«, Levy war unwillkürlich aufgesprungen. Seine Augen drohten aus ihren Höhlen zu quellen. Er hatte das Gefühl, jemand habe ihm ei- ne lange Nadel ins Gehirn getrieben. O Gott. O Gott. O Gott. Ohne recht zu wissen, was er tat, stürmte er aus seinem Arbeitszimmer, an Jane vorbei und auf den Korridor hinaus. Muß weg von hier, Joanna finden. Sie kann alles erklären. Muß Joanna finden. Sie hat heute frei. Be- stimmt ist sie zu Hause. Er wollte zum Ausgang, zu seinem Wagen, blieb dann aber plötzlich stehen. Sobald sie rauskriegen, daß ich Mc- Kinley seinen Sicherheitsausweis verschafft habe, sind sie hinter mir her. Muß den anderen Ausgang benützen. Durch den Tunnel zum Treasury Building, dann mit dem Taxi weiter. Muß mit Joanna reden, bevor sie mich schnappen. Sie kann alles aufklären. Joanna kann alles aufklären. Er machte kehrt und ging in Gegenrichtung davon. Fünf Minu- ten später saß er in einem Taxi, das zu Joannas Apartment unter- wegs war. Er zwang sich dazu, ruhig nachzudenken. Eine in Israel entwickelte Überwachungskamera, die als Scheinwerfer getarnt ist, sagte er sich. Wie Joanna ihm versichert hatte, war sie den bisher von staatlichen Stellen in den USA eingesetzten Kameras weit über- legen. Aber die hiesigen Behörden wollten sie nicht kaufen, weil sie nicht ›made in USA‹ war. Wie ließen sich ihre Vorzüge besser be- weisen als durch eine praktische Demonstration auf dem Gelände des Weißen Hauses? Und McKinley war nur ein Techniker der isra- elischen Botschaft, der die Kamera montieren würde. Joanna hatte die nötigen Angaben geliefert, und er hatte einen Sicherheitsausweis beschafft. Das war schon alles gewesen – genau wie Joanna gesagt hatte. Ein Glück, daß heute ihr freier Tag war! Sie hatte ihm erklärt, sie werde die Zeremonie im Fernsehen verfolgen und ihn erwarten, wenn er nach dem Präsidentenempfang heimkomme. Reynolds und O'Rourke gingen nach unten und ins Labyrinth des Westflügels des Weißen Hauses hinüber. Jefferson, der sie bereits er-, wartete, hockte zusammengesunken auf einem Stuhl im Korridor. Der große Mann war auffällig blaß; sein dunkelblauer Anzug war verknittert, seine Krawatte saß schief, und seine schwarzen Schuhe waren an den Zehen abgewetzt. »Alles in Ordnung mit Ihnen, Marvin?« fragte Reynolds. Jefferson sah auf. »Yeah«, brachte er heraus, »mir geht's schon wieder gut.« Er stand langsam auf, atmete mehrmals tief durch und rückte seine Krawatte gerade. »Jesus, George, das war gottverdammt knapp! Mich hätte fast der Schlag getroffen. Noch eine Sekunde, dann…« Reynolds lächelte den FBI-Agenten an. Er konnte sich gut vorstel- len, wie ihm zumute war. »Marvin, ich brauche Ihnen nicht zu sa- gen, daß Sie dort oben verdammt gute Arbeit geleistet haben. Bald werden eine Menge Leute anstehen, um Ihnen die Hand zu schüt- teln – mit dem Präsidenten angefangen. Nein, der soll sich hinten anstellen. Ich will der erste sein.« Er schüttelte Jefferson kräftig die Hand. »Ich gratuliere auch«, sagte O'Rourke und trat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Ich hab alles mitgekriegt. Klasse gemacht, Mar- vin. Autsch!« »Liam hat sich anscheinend die Knöchel aufgeschürft«, sagte Rey- nolds trocken. »Vorsichtig anfassen, okay?« Reynolds berichtete Jefferson rasch, was sie aus Donovan und Nicholson herausbekommen hatten. »Jesus«, murmelte Jefferson schließlich. »Sie meinen also, daß die- ser Levy…?« »Yeah«, bestätigte Reynolds. »Kommen Sie, wir knöpfen ihn uns gleich vor.« Sie betraten Levys Büro, ohne erst anzuklopfen. Jane Margolyes sah überrascht auf. Dann erkannte sie den Secret Service-Chef. »Mr. Reynolds!« rief sie aus. »Guten Morgen, Ms. Margolyes«, sagte Reynolds mit neutraler, Stimme. »Ist Mr. Levy da?« »Er ist vor einer halben Stunde kurz dagewesen«, antwortete Jane. »Gleich nach der Zeremonie. Dann ist er zum Präsidentenempfang gegangen.« Auf ihrem Gesicht erschien ein besorgter Ausdruck, als ihr auffiel, daß Reynolds nicht einmal lächelte. »Gibt's irgendein Problem?« Reynolds nickte O'Rourke zu, der eilig hinausging. Wenige Se- kunden später hörten sie von draußen eine gedämpfte Stimme, als er auf Kanal Charlie mit einem Kollegen sprach. »Wir möchten ihm nur ein paar Fragen stellen«, erklärte Reynolds der Sekretärin und rang sich ein Lächeln ab. »Aber die Sache ist ziemlich drin- gend.« »Oh«, sagte Jane ausdruckslos. »Kann ich Ihnen irgendwie weiter- helfen?« »Vielleicht«, meinte Reynolds. Er legte ihr das Antragsformular für George McKinleys Sicherheitsausweis hin. »Kommt Ihnen dieser Vordruck bekannt vor, Ms. Margolyes?« Jane las das Formular. »Ja, natürlich. Tom… Mr. Levy, wollte ich sagen, hat diesen Antrag letzte Woche eingereicht. Der Ausweis ist am Mittwoch gekommen, glaub ich – oder am Donnerstag.« »Sie haben den Antrag für Mr. Levy bearbeitet?« »Tatsächlich hat er die meisten Formalitäten selbst erledigt. Das hat viel Zeit gespart. Sie wissen ja, wie das ist, wenn man als kleine Sekretärin…« Jane war jetzt sichtbar unbehaglich zumute. »Mr. Rey- nolds, ist damit irgendwas nicht in Ordnung?« Jefferson mischte sich ein. Er hatte die junge Frau aufmerksam beobachtet. Sie hatte ein offenes, ehrliches Gesicht, fand er. Ein nettes Gesicht: jung und etwas naiv, aber nett. »Äh, Ms. Margo- lyes«, sagte er lächelnd. »Entschuldigung – ich bin Marvin Jefferson. Ich bin beim FBI. Hören Sie, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Sie haben absolut nichts zu befürchten. Wir müssen nur mit Mr. Levy über diesen McKinley reden. Ich verspreche Ihnen,, daß Sie keinerlei Schwierigkeiten zu erwarten haben.« Er nahm vor ihrem Schreibtisch Platz und streckte ihr lächelnd die Hand hin. Arme Kleine, dachte er. Dieser Dreckskerl Levy hat sie ohne ihr Wissen in diese Sache hineingezogen. Jane war nicht dumm. Sie spürte, daß hier irgendwas oberfaul war, aber sie mochte diesen Bären von einem Mann in seinem ver- knitterten blauen Anzug instinktiv und vertraute ihm. Er war unra- siert und sah aus, als habe er die ganze Nacht durchgearbeitet oder in diesem Anzug geschlafen… Sie schüttelte ihm die Hand. »Jane Margolyes«, sagte sie und versuchte, dabei zu lächeln. Jeffersons Blick trübte sich für einige Sekunden. »Jane«, murmelte er. »So heißt meine Frau…« Er sah kurz weg, dann räusperte er sich. »Entschuldigung. Wo war ich stehengeblieben? Ah, richtig, bei die- sem McKinley. Also, wir nehmen an, daß er mit einem anderen Mann dieses Namens verwechselt worden ist, und möchten Mr. Levy um ein paar Auskünfte bitten – Sie wissen ja, wie das ist. Hö- ren Sie, könnten Sie mir sagen, was mit dem fertigen Ausweis pas- siert ist? Ich meine, haben Sie ihn mit der Post zugeschickt, von ei- nem Boten zustellen lassen oder was?« »Ich habe ihn Mr. Levy gegeben«, sagte Jane. Sie starrte ihn be- sorgt an. »Alles in Ordnung mit Ihnen, Mr. Jefferson?« »Natürlich«, antwortete er. »Bloß ein bißchen müde, sonst nichts.« Er lächelte. »Und ich heiße Marvin. Nennen Sie mich Mar- vin. Das tun alle.« »Okay, Marvin«, sagte Jane. Sie lächelte kurz. Dann entstand eine Verlegenheitspause, die sie irgendwie überbrücken wollte. »Ihre Frau heißt auch Jane, sagen Sie?« Jefferson hüstelte. »Sie hat so geheißen. Sie… sie ist gestorben.« »Oh!« rief Jane errötend aus. »Entschuldigung! Ich wollte Sie nicht…« »Letzten Monat vor fünf Jahren«, erklärte Jefferson ihr. »Verkehrs- unfall mit Fahrerflucht. Der Fahrer ist nie gefaßt worden.«, »Das tut mir sehr leid, Marvin«, sagte Jane. »Wie schrecklich! Ich hätte nie davon…« »Bitte – das war nicht Ihre Schuld. Ich hab selbst davon angefan- gen. Übrigens…« Er rang sich ein Lächeln ab. »Wissen Sie, daß Sie ihr ein bißchen ähnlich sehen?« Jesus! dachte Reynolds, der sich ihr Gespräch schweigend angehört hatte. Was, zum Teufel, soll dieser Scheiß? Soll das etwa eine Vernehmung sein? Er verließ den Raum und schloß die Tür hinter sich. O'Rourke stand draußen im Korridor. »Gibt's was Neues, Liam?« »Yeah«, sagte der Ire. »Levy ist nicht auf dem Präsidentenemp- fang. Sein Wagen steht noch hier auf dem Parkplatz. Er selbst ist vor gut einer halben Stunde im Tunnel zum Treasury Building gese- hen worden. Ich hab drüben nachgefragt und erfahren, daß er dort vor ungefähr zwanzig Minuten rausgegangen ist. Er hat sich ein Taxi genommen.« »Hat jemand bei dem Taxiunternehmen nachgefragt?« »Yeah. Der Rückruf müßte jeden Augenblick kommen. Was habt ihr aus der Sekretärin rausgekriegt?« »Jesus«, murmelte Reynolds. »Du kannst dir nicht vorstellen, was dort drinnen abläuft. Marvin tickt nicht mehr ganz richtig, glaub ich. Keine Ahnung, was er vorhat.« »Mir ist er ziemlich normal vorgekommen. Vielleicht ein bißchen abgekämpft, aber… Augenblick!« O'Rourke sprach in sein Mikro- fon. »Yeah, ich höre.« Er notierte sich eine Adresse. »Danke«, sagte er. Dann zeigte er Reynolds die Adresse. »Sagt die dir was?« »Nein«, antwortete Reynolds, »aber wir fahren gleich hin. Der Kerl hat über zwanzig Minuten Vorsprung.« Jefferson kam aus Levys Vorzimmer und holte sie ein, als sie den Flur entlanghasteten. O'Rourke war dabei, über Funk einen Wagen anzufordern. »Ich weiß wahrscheinlich, wo Levy hingefahren ist«, sagte Jeffer- son., »Ist das die Adresse?« fragte Reynolds und hielt ihm den Zettel hin. »Genau!« bestätigte Jefferson. »Das Apartment seiner Verlobten.« »Hab gar nicht gewußt, daß er heiraten wollte.« Reynolds runzelte die Stirn. »Wer ist sie?« »Sie heißt Joanna Stone.« Reynolds schnalzte mit den Fingern. »Klar, jetzt erinnere ich mich!« Er wandte sich an O'Rourke. »Liam, erkundige dich über Funk, ob sie an der Zeremonie teilgenommen hat. Sollte sie noch auf dem Empfang sein, läßt du sie festnehmen. Aber die Jungs sol- len sie mit Samthandschuhen anfassen, okay? Wir wollen keine in- ternationalen Verwicklungen.« Während O'Rourke mit den Kollegen sprach, berichtete Jefferson weiter. »Nach Janes Aussage hat Levy sich sehr verändert, seit er sei- ne Verlobte kennt. Er ist früher echt fies gewesen, aber Jane sagt, seitdem sei er viel menschlicher. Sie führt das alles auf Joanna Stone zurück.« »Hat Jane sonst noch was erzählt?« »Yeah«, antwortete Jefferson. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber nach ihrer Aussage hat Levy bis heute völlig nor- mal gewirkt – ein Mensch ohne Probleme. Aber vorhin ist er lei- chenblaß reingekommen und hat sich mindestens fünf Minuten lang in seinem Zimmer eingesperrt und so die Zeremonie verpaßt. Danach ist er weggegangen, ohne ein Wort zu sagen. Er hat ausge- sehen, als hätte er vor Angst die Hose voll, sagt Jane.« »Das will ich hoffen!« knurrte Reynolds. »Dieser Schweinehund hat allen Grund, Angst zu haben. Ich kann's kaum mehr erwarten, ihn in die Finger zu kriegen!« »Ich weiß nicht recht«, meinte Jefferson zweifelnd. »Ich meine, würden Sie sich normal benehmen, wenn Sie wüßten, was passieren wird – und daß die Spur geradewegs zu Ihnen führt? Und würden Sie dann plötzlich in Panik geraten und in dem Augenblick ab-, hauen, in dem es nicht passiert? Das kommt mir irgendwie unlo- gisch vor. Vielleicht ist Levy selbst reingelegt worden. Vielleicht ist er nicht wirklich eingeweiht gewesen und hat nicht gewußt, was passieren würde, als er diesen Sicherheitsausweis besorgt hat.« »Das nehm ich Ihnen nicht ab, Marvin!« Reynolds stieß das Hauptportal auf; Jefferson und O'Rourke folgten ihm ins Freie hin- aus. »Natürlich hat der Hundesohn Bescheid gewußt. So dumm kann niemand sein.« »Vielleicht nicht«, sagte Jefferson hartnäckig. »Aber er wäre nicht der erste Mann, der wegen einer Frau zum Arschloch wird. Wer ist diese Joanna Stone überhaupt?« »Levy ist schon ein Arschloch gewesen, bevor er sie kennengelernt hat«, behauptete Reynolds. »Und was Ihre Frage betrifft, hab ich 'ne Überraschung für Sie: Miss Joanna Stone ist nämlich zufällig der Handelsattache der israelischen Botschaft hier in Washington.« »Der israelischen Botschaft? Jesus!« sagte Jefferson. »Erzählen Sie mir bloß nicht, daß die damit zu tun haben! Glauben Sie, daß das möglich ist?« »Im Augenblick, Marvin, weiß ich überhaupt nicht, was ich glau- ben soll.« Er sah auf seine Uhr. »Wo bleibt der gottverdammte Wa- gen?« O'Rourke hatte wieder eine Meldung über Funk erhalten. Er wandte sich an Reynolds. »Auf der Gästeliste für die Zeremonie steht keine Joanna Stone«, berichtete er. »Sie ist eindeutig nicht hier.« Jefferson sagte nichts dazu. Aber er fragte sich, weshalb eine isra- elische Diplomatin in ihrer Stellung nicht an dieser Zeremonie im Weißen Haus teilgenommen hatte. Das war unerklärlich, fand er. Dann quietschten Reifen, und eine ganz gewöhnlich aussehende, viertürige Limousine kam neben ihnen zum Stehen. Ungewöhnlich an diesem Wagen war nur seine stummelförmige Dachantenne für den Secret-Service-Funk; sie fiel kaum auf, aber Jefferson hatte schon, mal eine gesehen und erkannte sie wieder. Blinklichter und Sirene, das wußte er, waren hinter dem Kühlergrill versteckt. Dies war ein Dienstwagen, wie ihn der Secret Service benützte – neutral und un- auffällig, aber mit Motortuning und Sportfahrwerk. Die drei Män- ner stiegen rasch ein, und der Fahrer trat das Gaspedal durch. Se- kunden später rasten sie mit eingeschaltetem Blinklicht und heulen- der Sirene durchs Tor hinaus davon. Johnny Bourne hatte nach der über Funk eingegangenen, knappen Meldung über die Entdeckung und Zerstörung des IRIS-Geräts sei- ner Erleichterung durch einen leisen Pfiff Luft gemacht. Er wandte sich an Halliday. »Er hat's geschafft, Pete«, berichtete er. »Anschei- nend erst in letzter Sekunde, aber Marvin hat's geschafft.« »Verdammt knapp«, bestätigte Halliday. »So was kostet Nerven. Aber clever gemacht.« »Die Frage ist nur«, murmelte Bourne, »was passiert jetzt? War das schon alles – oder glaubst du, daß die Stasi es noch mal ver- sucht?« »Zuzutrauen wär's ihr«, sagte Halliday nachdenklich. »Worauf tippst du, Boß?« »Kommt darauf an«, antwortete Bourne langsam. »Dazu fällt mir alles mögliche ein. Erstens denke ich daran, mit was für Leuten wir's zu tun gehabt haben. Die sind verdammt hartnäckig – und Mut haben sie reichlich. Zweitens frage ich mich: Wie sicher sind sie gewesen, daß das IRIS wie geplant funktionieren würde? Ich bin kein Techniker, aber ich weiß nicht, ob ich mich völlig auf ein Ge- rät dieser Art verlassen würde. Und dann denke ich an ihre Profes- sionalität. Hätten sie keine vorbereitete Alternative, selbst wenn sie zuversichtlich wären, daß das IRIS funktioniert? Das führt gleich zur nächsten Frage: Wie gut ist ihre Alternative vorbereitet – falls es sie gibt? Wir müssen annehmen, daß sie durchdacht und gut aus-, führbar ist.« Bourne sah Halliday zustimmend nicken. »Zuletzt noch eine an- dere Überlegung«, fuhr er fort. »Marvin hat verdammt gute Arbeit geleistet. Er hat das IRIS-Gerät aufgespürt. Aber er ist ein Cop. Er glaubt wahrscheinlich, daß nun alles vorbei ist. Er konzentriert sich auf die Fahndung nach den Hintermännern dieses Anschlags. Aber ich vermute, daß er nicht auf die Idee kommt, sie könnten ein zweites Attentat vorbereitet haben.« »Yeah«, sagte Halliday. »Die Amerikaner sind wahrscheinlich kei- ne Zweit- und Drittanschläge gewöhnt, Boß. Ich meine, hier steckt der Terrorismus noch in den Kinderschuhen – ein paar Spinner und Fanatiker, damit hat's sich schon. Sie haben noch keine wirk- lich zu allem entschlossene Bande gegen sich gehabt – zumindest bisher nicht. Ich persönlich glaube, daß die Stasi es noch mal ver- suchen wird. Und ich denke, daß sie eine Alternative vorbereitet hat. Aber wenn man sich seinen Terminplan ansieht«, fuhr Halliday fort, »gibt's nur zwei Orte, an denen ein Attentat möglich wäre. Ei- ner ist der Flughafen, wenn Arafat heute abend abfliegt. Der ande- re…« Er sah auf seine Armbanduhr und tippte auf einen vor ihnen ausgebreiteten Stadtplan von Washington, »…ist dieser hier: Num- mer 2551, Massachusetts Avenue. In ziemlich genau eineinhalb Stunden.« »Okay, Pete«, sagte Bourne. »Komm, wir sehen uns dort mal um.« Levys Taxi hielt vor dem Apartmentgebäude; er bezahlte beim Fah- rer und stieg aus. Dann hastete er durch die Eingangshalle und drückte auf den Rufknopf des Aufzugs. Die Tür öffnete sich sofort; die Kabine befand sich zufällig im Erdgeschoß. Ein schlanker blon- der Mann Anfang Dreißig tauchte plötzlich auf und trat hinter ihm in die Kabine. Levy drückte auf den siebten Knopf., »Hi!« sagte der Mann lächelnd. Der Aufzug setzte sich in Bewe- gung. »Fahren Sie auch in den siebten?« Levy nickte wortlos. »Ich bin Jim Garrett«, sagte der Mann freundlich, »meine Eltern wohnen im Apartment 705.« »Oh«, murmelte Levy ausdruckslos. »Ja, ich hab sie schon ken- nengelernt.« Der Aufzug hielt, und sie stiegen aus. Der Blonde bückte sich, um sich ein Schuhband zuzubinden, und folgte Levy dann den Flur entlang. In der Nähe von Joannas Wohnungstür stand ein sta- biler Rollwagen mit einer großen hölzernen Packkiste. Levy drückte auf den Klingelknopf. Die Tür ging sofort auf, und er wurde plötz- lich vorwärts gestoßen. Während er über die Schwelle stolperte und dabei fast das Gleichgewicht verlor, nahm er undeutlich wahr, daß die Diele mit schwarzer Plastikfolie ausgelegt war. Sein Aktenkoffer fiel ihm aus der Hand und schlitterte über die Folie. Er hörte die Tür hinter sich ins Schloß fallen und sah sich um. Der Blonde, der sich Jim Garrett genannt hatte, und ein weiterer Mann – ein bul- liger, schwarzhaariger Typ in einem Overall – zielten mit Pistolen mit aufgesetzten Schalldämpfern auf ihn. Joanna war nirgends zu sehen; die Wohnungstür hatte der Stämmige geöffnet. Levy starrte die beiden erschrocken an. »Setzen Sie sich auf den Fußboden!« befahl der Blonde ihm mit eisiger Stimme. Peter Kramer war in sehr übler Laune; er hatte die Zeremonie im Fernsehen verfolgt und miterleben müssen, wie das IRIS irgendwie versagt hatte. Levy bekam vor Schreck noch immer den Mund nicht zu. Carl Berman verpaßte ihm einen Magenhaken, und er sank japsend und nach Luft ringend auf die Knie. »Hinsetzen!« verlangte Berman. Levy, der zu benommen war, um klar denken zu können, blieb auf den Knien und rang weiter nach Luft. Einige Sekunden später, siegte jedoch seine Angst, und er gehorchte. Die schwarze Poly- äthylenfolie unter ihm raschelte, als er sich daraufsetzte. »Beantworten Sie mir ein paar Fragen«, verlangte Kramer, der nun ebenfalls einen Overall anzog. »Nummer eins: Wie haben Sie er- fahren, was in dem Scheinwerfer steckt?« »Secret-Service-Funk«, keuchte Levy. »Im Funk ist darüber geredet worden. Was haben Sie mit…« »Maul halten! Wann haben Sie's erfahren?« »Kurz bevor ich aus dem Weißen Haus weggegangen bin. Vor we- niger als einer Stunde.« »Sie haben den Secret Service nicht davor gewarnt?« »Nein! Ich hab nichts davon geahnt! Joanna… meine Verlobte hat mir erklärt, das sei nur eine Überwachungskamera! Was ist in Wirk- lichkeit…« »Maul halten«, wiederholte Kramer, während er sich dünne Gum- mihandschuhe überstreifte. »Beantworten Sie meine Fragen ehrlich, sonst nimmt mein Freund Carl hier Sie in die Mangel. Nächste Fra- ge: Haben Sie mit irgend jemandem darüber gesprochen, was in dem Scheinwerfer steckt?« »Nein«, antwortete Levy zitternd. »Kein Wort! Mit keiner Men- schenseele! Ich bin gleich hergekommen, um mit Joanna zu spre- chen. Dies ist ihr Apartment. Sie kann erklären, wie…« Kramer schob ihm mit dem Fuß seinen Aktenkoffer hin. »Aufma- chen!« Levy beeilte sich, die beiden Schlösser zu öffnen. Der Aktenkoffer enthielt zwei dicke Ordner mit Schriftstücken, ein kleines Diktierge- rät, mehrere Filzschreiber und einen gelben Schreibblock. »Kippen Sie das Zeug auf den Boden.« Levy gehorchte wortlos. Kramer hielt ihm ein halb beschriebenes Blatt Papier hin. »In kleine Stücke reißen und in den Aktenkoffer werfen.« Levy war verwirrt, aber Bermans auf seinen Kopf gerichtete Pisto-, le schüchterte ihn so ein, daß er schweigend tat, was Kramer ver- langte. Als nächstes mußte er seine Akten und die anderen Sachen auf die Papierschnitzel legen und den Aktenkoffer wieder zuma- chen. Die beiden Schlösser schnappten wieder ein. »Auf den Rücken legen und den Mund aufmachen.« Levy schluckte krampfhaft. Er gehorchte, ohne zu wissen, was das sollte. »Weiter!« Berman beugte sich rasch über den Liegenden und betätigte den Abzug seiner Pistole. Der dumpfe Knall des Schusses war kaum zu hören. Die Kugel ging zwischen Levys teuren Zähnen hindurch in den Rachen, zerschmetterte den zweiten Rückenwirbel und blieb in ihm stecken. Levy starb augenblicklich: Sein Körper zuckte nur ein- mal kurz, dann war er tot. Berman kniete neben ihm nieder, um sich davon zu überzeugen, daß das 6,5-Millimeter-Geschoß keine Austrittswunde hinterlassen hatte. Danach sah er zu Kramer auf, der gerade den Reißverschluß seines Overalls zuzog. »Glaubst du, daß er die Wahrheit gesagt hat?« »Ja. Los, an die Arbeit. Wir müssen uns beeilen.« Sie schlugen die Leiche und den Aktenkoffer rasch in die reiß- feste schwarze Plastikfolie ein, hoben sie in die Packkiste, die drau- ßen im Flur auf dem Rollwagen stand, und zogen die Wohnungstür hinter sich ins Schloß. Sie klappten den Kistendeckel zu und scho- ben den Rollwagen vor sich her den Flur entlang. Als sie am Auf- zug vorbeikamen, bückte Kramer sich, um den Holzkeil herauszu- ziehen, den er in die Kabinentür geklemmt hatte, um den Lift still- zulegen. Die Tür schloß sich, und Kramer hörte das gedämpfte Summen des Elektromotors, als die leere Kabine sich nach unten in Bewegung setzte. Fünf Meter weiter bog der Flur nach links ab; dort befand sich der Lastenaufzug, der sie zum Hinterausgang des Gebäudes hinunterbringen würde. Als Kramer, Berman und der Rollwagen im Lastenaufzug nach, unten fuhren, befand sich die Passagierkabine mit Jefferson, Rey- nolds und O'Rourke bereits auf der Fahrt nach oben. Die beiden Kabinen glitten zwischen dem zweiten und dritten Stock in Gegen- richtung aneinander vorbei. Oben im Korridor ging Reynolds zu Joanna Stones Apartment voraus und klingelte an der Wohnungstür. Zu diesem Zeitpunkt luden Kramer und Berman die Packkiste und den Rollwagen bereits in einen am Hinterausgang geparkten Kastenwagen. Nachdem Ber- man rasch die Hecktüren zugeknallt hatte, schwang er sich auf den Beifahrersitz. Kramer gab Gas und ordnete sich in den Washing- toner Verkehr ein. Hinter den beiden und sieben Stockwerke über ihnen hörte Jef- ferson Schritte, die von innen auf die Tür zukamen. »Wer ist da?« fragte Joanna Stone hinter ihrer Wohnungstür. Die Meldung kam eine Dreiviertelstunde später, als Jefferson und Reynolds noch damit beschäftigt waren, Joanna Stone zu befragen. O'Rourke, der sie in seinem Ohrhörer empfing, stieß Reynolds an, der auf den Korridor hinausging und ein kurzes Funkgespräch führ- te. Als Reynolds ins Wohnzimmer zurückkam, war sein Gesicht ausdruckslos. Er sah zu Jefferson hinüber, während er wieder Platz nahm, und wandte sich dann der Frau zu, die ihnen gegenübersaß. »Tut mir leid, Miss Stone«, begann er, »aber ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß…« In seinen fünfundzwanzig FBI-Dienstjahren hatte Jefferson sich schon oft in vergleichbaren Situationen befunden. Daher wußte er, daß die Reaktion einer potentiellen Zeugin auf die Nachricht vom Tod eines guten Freundes, Lebenspartners oder Liebhabers einer der wichtigsten und aufschlußreichsten Augenblicke sein konnte. Er konzentrierte sich ganz auf Joanna Stone, während Reynolds ihr schonend beibrachte, Levy sei tot aufgefunden worden. Jefferson, sah, wie der Schock sie erblassen ließ. Ihre Augen weiteten sich und ihr Körper wurde starr; dann begann ihr Kopf zu zittern, ihr Ge- sicht wurde zu einer häßlichen Grimasse, und die Tränen kamen. »Nein«, flüsterte sie kaum hörbar. »Mein aufrichtiges Beileid, Miss Stone«, sagte Reynolds, der sie ebenfalls genau beobachtet hatte. »Wir müssen jetzt weiter, und ich glaube, daß Sie allein sein möchten. Können wir noch irgend etwas für Sie tun?« Joanna Stone schüttelte den Kopf. »Nein… nein, vielen Dank«, brachte sie mit zitternder Stimme heraus. Fünf Minuten später saßen sie wieder in ihrem Dienstwagen, der sie zu der Stelle brachte, an der Levys Leiche aufgefunden worden war. »Sie sind der Cop, Marvin«, sagte Reynolds. »Also, wie hat sie auf Sie gewirkt?« »Eindrucksvoll«, antwortete Jefferson. »Yeah«, stimmte O'Rourke zu. »Falls sie gelogen hat, hätte sie dafür 'nen Oscar verdient.« »Levy hat die Liaison gemeldet, sagen Sie?« »Ja, das hat er getan«, bestätigte Reynolds. »Er hat sich von An- fang an vorschriftsmäßig verhalten. Ich habe empfohlen, ihn vor die Wahl zwischen ihr und seinem Job zu stellen, aber mein Vor- schlag ist abgelehnt worden. Das ist eine politische Entscheidung gewesen.« »Ich würde sie gern vorladen und weiter vernehmen«, sagte Jeffer- son. »Sie wissen genau, daß das unmöglich ist, Marvin. Wir haben Glück gehabt, daß sie überhaupt bereit gewesen ist, mit uns zu sprechen. Sie hätte sich auf ihre diplomatische Immunität berufen und uns auffordern können: ›Verpißt euch!‹ Und wir hätten nicht das geringste dagegen tun können.« »Aber für sie hätte das nicht gerade gut ausgesehen, nicht wahr?«, »So funktioniert die Sache nicht, Marvin. Manche Diplomaten haben strikte Anweisung, keine Aussage bei der hiesigen Polizei zu machen, ohne die Genehmigung ihrer Botschaft eingeholt zu ha- ben. Und die wird routinemäßig verweigert. Kommen Sie, das wis- sen Sie doch selbst!« »Warum hat sie nicht an der Zeremonie teilgenommen?« fragte Jefferson. »Ich habe bei der Botschaft nachfragen lassen«, sagte Reynolds. »Sie hat bestätigt, daß Miss Stone heute ihren freien Tag hat. Sie hat also die Wahrheit gesagt.« »Verdammt komisch, daß eine israelische Diplomatin ausgerech- net heute frei bekommt«, murmelte Jefferson. »Eigentlich müßten doch alle im Dienst sein.« »Ich glaube nicht, daß das etwas zu bedeuten hat«, stellte Rey- nolds fest. Jefferson schwieg einen Augenblick, dann wechselte er das The- ma. »Warum ist Levy mit einem Taxi zu ihr gefahren, aber dann ir- gendwohin verschwunden, ohne sie wenigstens kurz aufzusuchen?« »Schwer zu sagen. Vielleicht hat er sich die Sache anders überlegt. Er muß ziemlich durcheinander gewesen sein. Nachträglich läßt sich das nicht mehr feststellen.« »Ich glaub's nicht. In Krisensituationen flüchten die meisten Leu- te nach Hause oder in irgendein Versteck, in dem sie sich sicher glauben. Genau das hat auch Levy getan – er ist zu seiner Verlobten gefahren. Daß er in letzter Minute davon abgekommen sein soll, ist einfach unlogisch.« »Hören Sie, Marvin«, sagte Reynolds, »dies ist nicht gerade ein normaler Fall. Der arme Kerl hat anscheinend Selbstmord verübt. Wer kurz vor dem Selbstmord steht, verhält sich eben nicht nor- mal.« »Ob's wirklich Selbstmord gewesen ist, muß sich erst noch zei-, gen.« »Wollen Sie damit sagen, daß Sie glauben, er sei ermordet wor- den?« »Weiß ich noch nicht.« »Nun, falls er ermordet worden ist, kann sie nichts damit zu tun gehabt haben. Sie hätte gar keine Zeit dafür gehabt.« »Sie kann ihn in die Falle gelockt haben«, behauptete Jefferson. »Vielleicht hat jemand ihm bei ihr aufgelauert.« »Das wäre möglich«, gab Reynolds zu. »Aber hätte sie riskiert, zu diesem Zeitpunkt in ihrer Wohnung zu sein? Das bezweifle ich sehr. Sie hätte todsicher darauf geachtet, meilenweit entfernt zu sein.« »Vielleicht«, sagte Reynolds. »Aber vielleicht auch nicht. – Wenn sie gute Nerven hat und sehr clever ist, was sie meiner Meinung nach ist.« »Sie haben keine Beweise, Marvin«, wandte Reynolds ein. »Ist Ihnen vorhin der Duft in ihrer Diele aufgefallen?« Reynolds runzelte die Stirn. »Nein, eigentlich nicht. Wonach hat's denn gerochen?« »Luftreiniger«, antwortete Jefferson. »Tannenduft.« »Mir ist bloß Kochgeruch aus der Küche aufgefallen«, sagte O'Rourke. »Ziemlich gute Gerüche. Vielleicht hat sie deshalb den Luftreiniger benützt.« »Der Tannenduft ist in der Diele gehangen.« »Vielleicht ist er aus dem Bad gekommen.« »Nein. Ich bin drin gewesen.« Der Dienstwagen hielt am Parkeingang, und sie stiegen aus. Sie wiesen ihre Plaketten einem Leutnant der Park Police vor, der dann unter den Bäumen vorausging. »Kann man hier mit dem Auto fahren?« erkundigte Jefferson sich. »Wir haben den Park abgeriegelt«, sagte der Leutnant. »Das sehe ich. Aber kann man normalerweise herfahren?«, »Klar«, bestätigte der Leutnant. »Die Straße führt mitten durch den Park.« Der tote Levy lag noch dort, wo er entdeckt worden war – unter Büschen und Bäumen an einer Stelle, die von der Straße aus nicht einzusehen war. Er lag im Gras auf dem Rücken ausgestreckt; seine rechte Hand umklammerte noch immer eine Pistole. Ein Polizeifo- tograf war damit beschäftigt, die Leiche aus allen Richtungen aufzu- nehmen. Die Spurensicherer warteten darauf, den Toten untersu- chen zu können; einer von ihnen hatte sich bereits den in der Nähe liegenden Aktenkoffer vorgenommen. »Er ist genau in dieser Haltung gefunden worden?« fragte Jeffer- son. »Ja, Sir«, sagte der Leutnant. »Scheint sich in den Mund geschos- sen zu haben. Pistole mit Schalldämpfer, deshalb hat niemand den Schuß gehört. Gesehen hat ihn auch niemand, aber wir haben den Jogger, der den Toten entdeckt hat. Er schwört, nichts angefaßt zu haben. Das hab ich ihn gleich als erstes gefragt. Hey… die weiteren Ermittlungen übernehmt doch ihr Feebies, stimmt'?« »Ja«, antwortete Jefferson. »Ist mir gerade recht«, sagte der Leutnant. »Ich hab nie gern mit den Medien zu tun… Mann, wie die sich auf diesen Fall stürzen werden, wenn sie hören, wer der Tote ist!« Jefferson krümmte sich innerlich. Auch er ging nicht gern mit Medienvertretern um. Er bückte sich über den toten Levy. »Schmauchspuren«, stellte er fest. »Außen um den ganzen Mund herum.« »Innen auch«, warf der Leutnant ein. »Zunge, Rachenraum. Keine Austrittswunde.« Reynolds beugte sich über den Aktenkoffer, den der Spurensiche- rer, der dünne Gummihandschuhe trug, vorsichtig geöffnet hatte. Auch Reynolds zog sich Handschuhe an. »Augenblick, ich will mir die Akten erst ansehen.« Er schlug beide Ordner auf und blätterte, ihren Inhalt rasch durch. »Okay«, sagte er zu dem Beamten, »keine Geheimsachen. Sie können sie als Beweismaterial behalten.« Der Spurensicherer machte sich daran, die Papierschnitzel wie Puzzlespielteile zusammenzufügen. Reynolds sah ihm dabei über die Schulter. Jefferson war davongeschlendert, um sich die nähere Umgebung anzusehen. Nach wenigen Minuten kam er zurück. »Na, was steht drin?« »Scheint ein Abschiedsbrief zu sein«, sagte Reynolds. Er kniff die Augen zusammen, um den Text besser lesen zu können. »Nicht zu Ende geschrieben. Er hat ihn zerrissen.« »Wir brauchen die Fingerabdrücke von den Schnitzeln«, erklärte Jefferson dem Spurensicherer, »und einen Handschriftenvergleich.« »Kein Problem«, sagte der Mann. »Warum hat er den Brief zerrissen, wenn er sich erschießen woll- te?« fragte Reynolds. »Kommt oft vor«, antwortete Jefferson. »Dann sind wir uns also einig – Selbstmord?« »Das werde ich den Medien erklären, wenn Sie keine Einwände haben.« »Nein. Wahrscheinlich ist's so am besten. Ich stelle noch ein paar Nachforschungen an – vielleicht finde ich ein glaubwürdiges Selbst- mordmotiv.« »Aber lassen Sie Jane Margolyes vorläufig aus dem Spiel, ja? Ich möchte selbst mit ihr reden.« Jefferson wußte, daß er dabei nur Hintergrundinformationen erhalten würde; aber Jane war ihm sym- pathisch gewesen, und er merkte plötzlich, daß er sich darauf freu- te, sie wiederzusehen. »Schließlich ist das Ihr Fall«, sagte Reynolds und unterbrach da- mit Jeffersons Überlegungen. »Wie bitte?« »Natürlich können Sie mit Ms. Margolyes reden. Halten Sie mich, auf dem laufenden, okay?« »Klar. Danke.« »Aber Sie haben trotzdem noch Zweifel wegen dieses Selbst- mords?« »Nicht den geringsten«, sagte Jefferson. »Warum er's wohl getan hat?« meinte Reynolds nachdenklich. »Er hat's nicht getan«, widersprach Jefferson. »Aber Sie haben doch gesagt…« »Sie haben mich mißverstanden, George. Als ich gesagt habe, daß ich nicht den geringsten Zweifel habe, wollte ich damit ausdrücken, daß ich mir hunderprozentig sicher bin, daß kein Selbstmord vor- liegt.« »Was? Woher wissen Sie das?« »Haben Sie schon mal einen Selbstmörder gesehen, der sich er- schossen hatte?« »Kann ich nicht behaupten«, gab Reynolds zu. »Ich habe schon viele gesehen«, sagte Jefferson, »darunter auch ei- nige gestellte, in denen ein Mörder seine Tat als Selbstmord zu tar- nen versucht hat. Von den echten Selbstmördern schieben die meis- ten den Lauf ihrer Waffe in den Mund. Manche schießen sich in die rechte oder linke Schläfe – je nachdem, ob sie Rechts- oder Linkshänder sind –, manche in die Stirn, einige unters Kinn, aber die meisten in den Mund. Um die Einschußwunde herum sind im- mer Schmauchspuren festzustellen.« »Na, und? Die haben wir hier auch.« »Denken Sie mal darüber nach«, forderte Jefferson ihn auf. »Der Selbstmörder steckt sich die Waffe in den Mund. Ich sage, er, weil sich nicht viele Frauen erschießen – die nehmen eher eine Überdo- sis Schlafmittel oder dergleichen. Okay, er steckt sie also in seinen Mund. Die Schmauchspuren entstehen durch aus der Mündung austretende, heiße Gase und Kohlenstoffpartikel des verbrannten Schießpulvers. Ist die Waffe ein Revolver, tritt auch etwas Gas zwi-, schen Trommel und Lauf aus, so daß leichte Spuren auf dem Ge- sicht zurückbleiben können – aber nicht bei einer Pistole. Levy hält eine Pistole in der Hand, deshalb dürften Verbrennun- gen und Schmauchspuren nur im Mund festzustellen sein. Tatsäch- lich sehen wir hier aber starke Schmauchspuren außerhalb des Mun- des, im Gesicht und auf den Augäpfeln. Nicht etwa auf seinen Li- dern, sondern auf den Augäpfeln. Die Mündung dieser Waffe hat nicht in Levys Mund gesteckt, als sie abgefeuert worden ist. Sein Mund ist offen gewesen, aber die Pistole hat nicht darin gesteckt. Ich schätze, daß sie mindestens zwanzig Zentimeter von seinem Ge- sicht entfernt gewesen ist – bei geöffneten Augen. Und ich kann Ihnen sagen, George, daß Selbstmörder das einfach nicht tun. Wol- len sie sich so erschießen, stecken sie die Waffe in den Mund, da- mit sie bestimmt treffen. Und sie schließen immer die Augen. Das hat Levy nicht getan.« »Verdammt!« murmelte Reynolds. »Zwei weitere Punkte. Erstens hält Levys rechte Hand noch im- mer die Pistole umklammert. In allen Fällen von Selbstmord durch Erschießen, die ich jemals gesehen habe, hat der Griff sich sofort gelockert, als der Schuß gefallen ist. Meistens hat der Rückstoß dem Selbstmörder die Waffe im Augenblick des Todes aus der Hand geschlagen. Umklammert die Hand des Toten wie hier seine Waffe, liegt mit einer Wahrscheinlichkeit von neunundneunzigkom- masoundsoviel Prozent kein Selbstmord vor.« »Jesus!« »Zweitens«, fuhr Jefferson fort. »Sehen Sie sich an, wie Levy da- liegt: auf dem Rücken liegend ausgestreckt, die Beine geschlossen, die Füße nebeneinander, alles hübsch ordentlich. Selbst wenn er sich so hingelegt hätte, um sich zu erschießen, wäre zu erwarten, daß seine Körperhaltung sich im Todeskrampf verändert. Die Glied- maßen würden zucken, sein Körper würde sich leicht zusammen- krümmen – irgendwas in dieser Art. Ich habe noch keinen Selbst-, mord durch Erschießen gesehen, bei dem der Tote so schön gerade ausgestreckt auf dem Rücken gelegen hat… Levy hat sich nicht selbst erschossen, George. Er ist ermordet worden.« »Scheiße!« »Genau. Ein Selbstmord würde viele weitere Fragen aufwerfen. Woher hat Levy diese Pistole? Soviel ich gesehen habe, kann er sie nicht ins Weiße Haus mitgebracht haben – dort wäre sie ihm von Ihren Leuten sofort abgenommen worden. Und wie ist er hierherge- kommen? Liam hat bei allen Taxiunternehmen nachgefragt, aber bei keinem ist etwas von einer Fahrt hierher bekannt. Haben Sie sich übrigens die Pistole genauer angesehen?« »Nein.« »Sie ist jedenfalls keine gewöhnliche Waffe – schon wegen des Schalldämpfers. Die fehlende Austrittswunde läßt auf die Verwen- dung von Spezialmunition mit verminderter Treibladung für Schüs- se aus nächster Nähe schließen. Und die Züge im Pistolenlauf sind durch Aufbohren beseitigt worden. Der glatte Lauf macht die Waf- fe noch weniger treffsicher. Entscheidend dabei ist, daß der Schütze weiß, daß sie nicht weit und nicht treffsicher schießt, so daß er dicht an die Zielperson heran muß – wie er's in seiner Ausbildung gelernt hat. Nahe genug, um sich ganz sicher zu sein, daß sein Schuß tödlich ist.« »Welche Ausbildung?« frage Reynolds. »In welcher Organisation?« »Das ist die im Ostblock übliche Standardmethode für Attenta- te«, sagte Jefferson. »Sie wird längst auch anderswo kopiert, aber dort hat man erstmals erkannt, daß viele Attentate schiefgehen, weil die Täter mit ihren Pistolen aus unrealistischen Entfernungen schie- ßen. Daher hat man angefangen, sie mit Waffen dieser Art auszu- rüsten, damit der Killer von Anfang an weiß, daß er sehr nahe an die Zielperson heran muß. Das paßt zu allem, was wir bisher über die Rolle der Stasi bei diesem Anschlag wissen. Ich vermute, daß Levy nicht hier ermordet worden ist. Die durch den Park führende, Straße verläuft gleich hinter der Buschreihe dort drüben. Ich glau- be, daß er in Miss Stones Apartment erschossen und dann hierher- gebracht worden ist. Der Luftreiniger hat vermutlich dazu gedient, den Pulvergestank zu überdecken.« »Und welche Rolle hat Miss Stone dabei gespielt?« »Nun, wie Liam ganz richtig gesagt hat, ist sie eine verdammt gute Schauspielerin. Aber sie hat allzu viele Filme gesehen. Sie hat ungefähr ein Dutzend Szenen mit ›trauernden Witwen‹ zu einem einzigen Bravourauftritt vereinigt. Sie hat bereits gewußt, daß Levy tot war, bevor Sie ihr's gesagt haben. Wahrscheinlich hat sie sogar zugesehen, als er erschossen wurde. Ich glaube allerdings nicht, daß sie ihn selbst erschossen hat – das hätte Pulverspuren an Händen und Kleidung hinterlassen, und sie ist zu clever, um das zu riskie- ren. Aber wie man's auch dreht und wendet… Miss Stone hat uns eiskalt belogen.« Reynolds schüttelte seufzend den Kopf. »Sie ist eine akkreditierte Diplomatin, Marvin. Wir können ihr nichts anhaben. Wir können den Israelis mitteilen, was wir vermuten – aber das ist auch schon alles. Wir werden ihr nie etwas nachweisen können, und wenn sie so clever ist, wie Sie glauben, werden's die Israelis auch nicht kön- nen.« »Ja, ich weiß«, sagte Jefferson. »So grausam kann das Leben sein.«

Kramer schob das Garagentor nach oben. Berman fuhr den Lie-ferwagen in die Garage und parkte ihn neben dem an der

, Wand stehenden Motorrad, einer Kawasaki ZZR 1100. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Nachdem Kramer das Garagentor wie- der geschlossen hatte, zogen die beiden Männer Motorradkleidung an und setzten Sturzhelme auf. Dann schob Berman die Maschine ins Freie und ließ den Motor an. Kramer schloß die Garage ab und schwang sich auf den Beifahrersitz; der großvolumige Motor der Kawasaki röhrte mit unterdrückter Kraft, als sie anfuhren. Berman war ein erfahrener Biker, aber er wußte, daß dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um seine Fähigkeiten oder die Leistung seiner Maschine zu demonstrieren. Da Kramer ihm eingebleut hat- te, sie dürften auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen, achtete er darauf, die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht zu überschreiten. Daß Kramer ein guter Beifahrer war, wußte Berman bereits; um sich selbst davon zu überzeugen, hatte er als Test auf einer längeren Überlandfahrt bestanden. Ein nervöser oder ängstlicher Beifahrer konnte dem Fahrer das Leben verdammt schwermachen – vor allem auf einer so schnellen Maschine. Mit ihrer Spitzengeschwindigkeit von weit über zweihundertsieb- zig Stundenkilometern gehörte die Kawasaki ZZR 1100 zu den schnellsten Serienmotorrädern der Welt; ihre Fahrleistungen waren verblüffend – sogar fast haarsträubend –, aber Kramer hatte sich nicht das geringste anmerken lassen, als Berman auf einer einsamen kurvenreichen Bergstrecke durch die Appalachian Mountains rich- tig aufgedreht hatte. Er hatte ganz entspannt hinter Berman geses- sen, sich wie er in die Kurven gelegt und weder gezappelt noch ver- sucht, gegen starke Schräglagen anzukämpfen – genau, wie Berman es von ihm erwartet hatte. Das war nur eine weitere Demonstration von Kramers Fähigkeit gewesen, seine Nerven unter Kontrolle zu halten. Oder besaß er überhaupt keine Nerven? Diese Frage hatte Berman sich schon oft gestellt. Da sie noch reichlich Zeit hatten, brauchte er sich nicht zu be- eilen. Er lenkte seine Kawasaki die 16th Street hinunter bis zur, Kreuzung mit der Hampshire Avenue. Dort bog er in Richtung Dupont Circle und Stadtmitte ab. Vom Dupont Circle aus waren es nur noch knapp zwei Kilometer weit nach Nordwesten zur Em- bassy Row. In spätestens fünf Minuten sind wir da, überlegte er sich. Kramer ging in Gedanken nochmals durch, was er tun würde. Die Uzi steckte unter seiner Motorradjacke, und nach langer Übung hatte er Vertrauen zu seiner Treffsicherheit mit dieser kurzen, kom- pakten Maschinenpistole. Er war kein so guter Schütze wie Carl, das wußte er, aber er konnte damit ein bewegliches Ziel aus fünfzig Metern Entfernung treffen und hatte vor, erheblich näher heran- zukommen. Im Topcase der Kawasaki lagen sechs Splitterhandgra- naten; zwei weitere steckten in Kramers Jackentaschen. Ein kurzer Feuerstoß aus der Uzi, um die Zielperson zu erledigen, danach wei- tere Feuerstöße, um ihre Leibwächter außer Gefecht zu setzen. Als Dreingabe zwei Handgranaten, dann aufs Motorrad und mit Voll- gas fort. Carl brauchte nur die Kawasaki zu fahren. Nahm ein Strei- fenwagen die Verfolgung auf, würden die sechs Handgranaten genü- gen, um ihn auszuschalten. Wäre es besser gewesen, Carl auf Arafat anzusetzen? fragte Kramer sich. Carl war der bessere Schütze, das stand fest, aber die Antwort lautete trotzdem nein. Carl mußte fahren – er mußte mit laufen- dem Motor zur Flucht bereitstehen. Außerdem hielt Kramer ihn für allzuleicht erregbar. Seine Nerven konnten mit ihm durchgehen: Er würde womöglich zu früh oder zu spät schießen oder nicht rechtzeitig aufhören. Erfahrung im Umgang mit Schußwaffen spiel- te hier nicht die entscheidende Rolle – die Zielperson würde so nahe sein, daß es darauf nicht ankam. Viel wichtiger war die Wahl des richtigen Augenblicks, und da würde Carl eher einen Fehler machen. Kramer sah auf seine Uhr. Gutes Timing, sagte er sich. Sie wür- den nur etwa fünf Minuten warten müssen. Ideal. Es hatte keinen Zweck, zu früh aufzukreuzen und lange herumzuhängen; irgend je-, mandem konnte es einfallen, sie zu fragen, was sie dort zu suchen hatten. Sie brauchten nur hinzufahren, die Maschine in der Nähe abzustellen, abzusteigen und sich ein paar Minuten lang zu unter- halten. Sobald dann aus der Ferne Sirenengeheul näher kam, würde Kramer in Richtung Eingang schlendern, während Carl zurückblieb und den Motor seiner Kawasaki laufen ließ. Eine Frage beschäftigte Kramer noch immer: Sollte er seinen Sturzhelm auflassen oder abnehmen? Nimm ihn ab, sagte er sich, und laß ihn auf der Maschine, damit du die Hände frei hast. Ohne Helm würde er weniger bedrohlich wirken. Motorradfahrer, die ihren Helm nicht abnahmen, hatten immer etwas leicht Bedrohli- ches an sich. Außerdem hatte er ein Dutzendgesicht, und wie er aussah, wußte ohnehin niemand. Schade, daß es soweit gekommen ist, überlegte Kramer sich; wirk- lich schade um IRIS. Das Gerät war imponierend gewesen, und er hatte sich darauf verlassen, daß es tadellos funktionieren würde; als Profi hatte er jedoch gewußt, daß er – für den Fall, daß es ver- sagte – einen Notfallplan brauchte. Irgendwie hatte der Secret Ser- vice von dem IRIS erfahren und es rechtzeitig außer Betrieb setzen können. Aber sein jetziger Plan war viel einfacher, und diesmal wür- de niemand einen Anschlag erwarten. Bourne und Halliday hatten ihr Ziel bereits zwanzig Minuten frü- her erreicht. Halliday parkte den Wagen, den sie sich vom Secret Service ausgeliehen hatten, in einer Seitenstraße unweit der indi- schen Botschaft, und sie gingen zu Fuß zur Nummer 2551 Massa- chusetts Avenue weiter. »Wie fangen wir's an, Boß?« fragte er Bour- ne. »Glaubst du, daß sie uns reinlassen?« »Vielleicht lassen sie mich rein, aber du bleibst lieber draußen. Sobald ich mich drinnen umgesehen habe, treffen wir uns wieder. Du siehst dich inzwischen auf der Straße um. Ruf mich über Funk,, falls dir etwas auffällt. Okay«, sagte Bourne, als sie sich dem Ein- gang näherten, »jetzt geht's los. Ich muß an diesen beiden Kerlen vorbei, die bestimmt scharf kontrollieren. Du bleibst am besten hier und siehst zu – hoffentlich klappt's!« Am Haupteingang standen zwei große, wachsam wirkende Män- ner mit verschränkten Armen. Ihre strengen Mienen veränderten sich nicht, während Bourne vor ihnen stehenblieb und sie in flie- ßendem Arabisch ansprach. Einer der Männer schien leicht verwirrt zu sein; der andere freute sich sichtlich darüber, daß ein westlicher Ausländer seine Sprache so gut beherrschte. Er antwortete automa- tisch auf die höflichen Begrüßungsworte des Fremden, verlor rasch sein anfängliches Mißtrauen und ergriff Bournes hingestreckte Hand, um sie zu schütteln. Nach kaum zweiminütigem Gespräch wurde Bourne gastfreundlich hineinbegleitet; er machte am Eingang halt, um seine Schuhe auszuziehen. Das Islamic Center in der 2551 Massachusetts Avenue ist Wa- shingtons größte und wichtigste Moschee. Es war nur natürlich, daß Jassir Arafat sie bei seinem historischen ersten Besuch in den Vereinigten Staaten aufsuchen würde, um dort für den Erfolg der Friedensbemühungen zu beten, zu denen das palästinensische Volk und er sich jetzt mit Volk und Regierung des Staates Israel vereinigt hatten. Allerdings hatten nur wenige Amerikaner sich intensiv mit der Möglichkeit beschäftigt, daß Arafat das beabsichtigen könnte. FBI und Secret Service kannten sein Besuchsprogramm natürlich; Bourne und Halliday hatten ihr Exemplar von Jefferson erhalten. Auch Peter Kramer und Carl Berman kannten das Besuchspro- gramm des PLO-Vorsitzenden. Joanna Stone hatte es von Tom Levy besorgt und an die beiden weitergegeben. Jetzt, nur fünf Minuten vor Arafats voraussichtlichem Eintreffen, hielt Berman in der Nähe des Haupteingangs der Moschee an und ließ den Motor leise brum- mend weiterlaufen. Kramer und er blieben einige Zeit neben der Maschine stehen und schwatzten miteinander. Kramer, der dem, Islamic Center den Rücken zukehrte, nahm seinen Helm ab und reckte sich umständlich; Berman versuchte gelangweilt lässig zu wir- ken. Kramer hängte seinen Sturzhelm über den Lenker und ging langsam in Richtung Haupteingang. In ihrer Nähe erkannte ein anderer Biker die Kawasaki ZZR 1100. Als Superbike-Fan kam er herübergeschlendert, um die große Ma- schine zu bewundern und ein paar Worte mit dem Fahrer zu wech- seln, der jetzt mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen im Sattel hockte. »Geile Kawa, Mann«, sagte er. »Verdammt schnell, was?« »Man kommt voran«, murmelte Berman, dessen Antwort unter dem Sturzhelm fast unhörbar war. Hau ab, Arschloch! dachte er ner- vös. Kramer, der scheinbar unbekümmert auf die Moschee zuschlen- derte, blies wegen der Hitze die Wangen auf und öffnete den Reiß- verschluß seiner Lederjacke. Alles muß natürlich wirken, ermahnte er sich. Nicht übertreiben, sonst fällst du auf. In der Ferne war Sirenenge- heul zu hören; niemand schien auf dieses gewöhnliche Geräusch zu achten, aber Kramer wußte, daß es Jassir Arafat und seine Beglei- tung ankündigte. Noch zwei Minuten, dachte er. Bestimmt nicht länger. Er war völlig ruhig und gelassen. Während Carl seine Zeit stoppte, hatte er oft genug geübt, die Uzi aus der Jacke zu ziehen, und wuß- te, daß er keine eineinhalb Sekunden brauchen würde, um sie her- auszuholen und einen fünf Schuß langen Feuerstoß ins Ziel zu bringen. Das konnte auch Carl nicht schneller, aber er schoß natür- lich besser. Langsam! ermahnte Kramer sich. Die Zielperson ist noch nicht mal in Sicht. In der Moschee erkannte Johnny Bourne sofort, daß es ausge- schlossen war, in der noch verbleibenden, kurzen Zeit eine mögli- che Gefahr entdecken und beseitigen zu können. Er zwang sich dazu, logisch zu denken. Das Innere des Gebäudes war ohnehin durchsucht worden, und die beiden Türsteher würden alle Besucher, sorgfältig kontrolliert haben. Die Gefahr droht draußen, sagte er sich. Er machte kehrt und ging in Richtung Ausgang zurück. Halliday, der auf dem Gehsteig stand, war angespannt und ner- vös, weil er wußte, daß Bourne und er bei weitem nicht genug Zeit hatten, um die Moschee und ihre Umgebung gründlich zu durch- suchen. Er suchte sorgenvoll die Fenster der Gebäude auf der ge- genüberliegenden Straßenseite ab, ohne aber etwas Verdächtiges zu sehen. Der Verkehr schien schwächer geworden zu sein. Vielleicht ha- ben sie die Straße abgesperrt, dachte er. Dann hörte er die Sirenen. Sein Blick fiel auf das große Motorrad, das nicht weit von ihm entfernt am Straßenrand stand. Während der Fahrer wieder im Sattel seiner Maschine saß, kam der Beifahrer zu Fuß auf Halliday zu, war noch ungefähr zwanzig Meter weit entfernt. Halliday stellte fest, daß er den Näherkommenden anstarrte. Er achtete nicht auf seine Lederbekleidung, sondern konzentrierte sich ganz auf sein Gesicht – ein Gesicht, das er irgendwo schon einmal gesehen hatte. Dabei spannte er unwillkürlich die Beinmuskeln an und stand mit leicht angewinkelten Armen etwas nach vorne ge- beugt da, als wolle er sich sofort in Bewegung setzen. Im nächsten Augenblick schoß Hallidays rechte Hand hoch, um nach der Sprechtaste seines Mikrofons zu greifen. Kramers Aufmerksamkeit war auf den Eingang fixiert gewesen, aber er nahm aus dem Augenwinkel heraus die rasche Bewegung von Hallidays Hand wahr. Scheiße, dachte er. Dieser magere kleine Kerl mit den Glupschaugen ist ein Sicherheitsbeamter. Irgendwie verdächtigt er mich. Kramer sah sich über eine Schulter hinweg nach Berman um. »Boß, hier draußen!« zischte Halliday nervös in sein Mikrofon. Auch Berman war Hallidays Handbewegung sofort aufgefallen – und jetzt drehte Kramer sich halb nach ihm um. Der Superbike-Fan redete noch auf ihn ein: Berman stieß den Mann mit der linken Hand grob von sich weg und griff mit der rechten Hand in seine Jacke, um seine Walther P-38 zu ziehen., Halliday folgte Kramers Blick und sah, daß der Mann, der mit dem stämmigen Biker mit dem Sturzhelm gesprochen hatte, zu Bo- den gegangen war. Der Stämmige war gerade dabei, etwas aus seiner Jacke zu ziehen… Halliday warf sich zu Boden, aber seine Reaktion kam einen Au- genblick zu spät. Er hörte den Schuß und spürte einen schmerz- haften Schlag gegen die Rippen, der ihm die Luft aus der Lunge preßte und ihn sekundenlang lähmte. Er versuchte den Kopf zu he- ben. Das Sirenengeheul wurde lauter, als die Wagenkolonne näher kam. Um ihn herum liefen Menschen ziellos durcheinander, um aus der Schußlinie zu kommen. Halliday sah den Beifahrer zu dem Motorradfahrer zurückrennen, der auf ihn geschossen hatte. Kramer konnte kaum fassen, was passiert war. Carl, dieser gottver- dammte Idiot! sagte er sich, während er zu der Kawasaki zurückspur- tete. Dieser dämliche, übernervöse Schwachkopf! Damit hat er alles verdor- ben! Kramer wußte, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als schnell- stens die Flucht zu ergreifen – Arafats Wagenkolonne würde jetzt ohnehin bestimmt umgeleitet werden. Er lief weiter auf Berman zu, der auf seiner abfahrtbereiten Maschine saß. Johnny Bourne hörte den Schuß und kam aus der Moschee auf die Straße gelaufen. Er sah Hallidays schmächtige Gestalt einige Meter vom Eingang entfernt auf dem Gehsteig liegen und rannte zu ihm. »Holt einen Krankenwagen!« rief er den Umstehenden zu, bevor er sich über Halliday beugte. »Pete!« »Bike«, krächzte Halliday und deutete die Straße entlang. »Mit zwei Kerlen. Ich hab den Beifahrer erkannt. Aus Jöngbjön, aus sei- ner Stasi-Personalakte. Also los, Boß!« Bourne hob den Kopf, und sein Blick folgte Hallidays Zeigefin- ger. Er sah, wie der Beifahrer das große Motorrad mit den Breitrei- fen erreichte und seinen Helm aufsetzte. Ein weiterer Mann in einer Lederkombi rappelte sich von der Straße auf und schimpfte wild gestikulierend, während er zu seiner in der Nähe abgestellten eige-, nen Maschine zurückstolperte. Für Bourne war das ein Vierzigme- terspurt, aber trotz seiner alten Beinverletzung war er auf dieser Strecke wahrscheinlich schneller als je zuvor im Leben. Erst später merkte er, daß er noch immer barfuß war – seine Schuhe waren am Eingang der Moschee zurückgeblieben. Die Kawasaki röhrte bereits davon, als er das andere Motorrad er- reichte. Vor ihm stand eine große, klobige Maschine mit Alurah- men, Breitreifen und auffällig orangeroter Lackierung – und der Zündschlüssel steckte! Bourne schwang sich in den Sattel. Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter; sie gehörte dem Motorradbesitzer, den Berman eben zu Boden gestoßen hatte. Bourne stieß den Mann weg, der dabei fast ein zweites Mal zu Boden gegangen wäre. »FBI! Ich brauche Ihr Bike!« brüllte er. Seine Augen glitzerten, als er die Zündung einschaltete. Der großvolu- mige Motor sprang beim ersten Druck auf den Anlasserknopf an und röhrte bereits im Leerlauf. Al Fredericks erkannte einen zum äußersten entschlossenen Mann, wenn er einen vor sich hatte, und er konnte sehen, daß dieser bar- füßige Irre, der auf sein Motorrad gesprungen war, sich nicht von ihm würde aufhalten lassen. »Nicht zu Schrott fahren, Mann!« rief er verzweifelt, während Bourne den Motor aufheulen ließ und wü- tend auf die Fußhebel hinunterstarrte. »Die gibt's in den USA nur dreimal!« »Scheiße, wieso…?« brüllte Bourne und lief vor Wut rot an, wäh- rend er sich vergeblich abmühte, den Schalthebel mit dem linken Fuß nach oben in den ersten Gang zu drücken. Dabei zog er sich eine blutende Schürfwunde zu, aber er achtete nicht darauf. »Laverda!« brüllte ihr Besitzer, um den aufheulenden Motor zu übertönen. »Schaltung rechts, Bremse links…« Bourne hatte erst ein Motorrad mit dieser vertauschten Anord- nung gefahren. Das war schon viele Jahre her, aber jetzt konzen- trierte er sich und hob den Schalthebel mit dem rechten Fuß an., Der erste Gang rastete klackend ein; Bourne gab mit der rechten Hand Gas und ließ mit der linken die Kupplung kommen. Die Be- schleunigung ließ das Vorderrad hoch in die Luft steigen; dann raste Bourne mit röhrendem Motor davon, dessen Lärm die Stille dieses Washingtoner Nachmittags zerriß. Er schaltete rasch durch die Gänge hoch. Einige hundert Meter vor sich konnte er gerade noch die große Kawasaki erkennen, die über die Rock Creek Bridge in Richtung U.S. Naval Observatory davonraste. Hinter ihm sank Al Fredericks erneut zu Boden und schüttelte trübsinnig den Kopf. »Nur drei Stück in den ganzen gottverdamm- ten USA«, murmelte er vor sich hin. »Eigenimport. Laverda Jota 1200. Scheiße.« Kramer saß unbeweglich auf dem Beifahrersitz, während die Ka- wasaki mit Vollgas über die Rock Creek Bridge röhrte. Sein kalter Zorn auf Berman steigerte sich so sehr, daß er ernsthaft daran dach- te, seinem Untergebenen die Hände von hinten um den Hals zu legen und ihn auf der Stelle zu erwürgen. Der Kerl war eine Niete, ein Totalausfall. Sogar seine Fahrweise, das fiel Kramer jetzt auf, war nicht mehr so flüssig und sicher wie damals bei ihrer ersten Aus- fahrt. Berman steuerte die Kawasaki mit hektischen, abrupten Bewe- gungen, während er sich durch den Verkehr schlängelte. Kramer merkte deutlich, daß Berman noch immer unter Schock stand. Du bist erledigt, Carl, entschied er. Was Berman bei einem Blick in den Rückspiegel sah, hätte ihn fast die Kontrolle über seine Kawasaki verlieren lassen. Noch ein Biker! Auf einer ähnlich schnellen Maschine! Er hob die linke Hand und deutete mit dem Daumen nach rückwärts, um seinen Beifahrer auf den Verfolger aufmerksam zu machen. Kramer drehte sich halb um und sah die Laverda. Kein Polizeimo- torrad, dachte er. Und nicht der kleine Kerl mit den Glupschaugen – den hat Carl umgelegt, und er hat tot ausgesehen. Dann fiel ihm etwas ande- res ein, und er hob den Kopf, um den Himmel abzusuchen. Noch, kein Polizeihubschrauber. Gut. Kramer sah sich wieder um; die La- verda war noch da. Sie holte nicht auf, aber Carl gelang es auch nicht, ihren Vorsprung zu vergrößern. Sie rasten jetzt durch die langgezogene Kurve, die um die Nordostseite des Observatoriums herumführte; bei hundertfünfzig Stundenkilometern machte der Fahrtwind jegliche Verständigung unmöglich. Kramer wartete, bis Carl langsamer wurde, um in die 34th Street abzubiegen, und brüllte ihm dann ins Ohr: »Halt dich an unsere vereinbarte Strecke! Kannst du den Kerl nicht abhängen, läßt du ihn rankommen, damit ich ihn erledigen kann!« Er sah Berman zu- stimmend nicken und griff in seine Jackentasche, um eine Hand- granate herauszuholen. Bourne drückte die Sprechtaste seines Mikrofons und rief mit lauter Stimme Halliday und Jefferson. Er erkannte das Observato- rium nach einem Foto, aber er kannte sich in Washington nicht aus und konnte absehen, daß er bald nicht mehr wissen würde, wo er sich befand. Sein Funkspruch wurde von mehreren Leuten emp- fangen, aber die Windgeräusche in seinem Mikrofon waren so stark, daß in ihren Ohrhörern nur ein tosendes Rauschen ankam. Vor sich sah er die Kawasaki rechts abbiegen. Zehn Sekunden später er- reichte Bourne die Kreuzung, bremste, schaltete herunter und legte sich in die Kurve zur 34th Street. Als er auf dem Tank liegend wie- der beschleunigte, nahm er vage wahr, daß er jetzt auf der falschen Straßenseite zu fahren schien. Vielleicht eine Einbahnstraße? Nein, dachte er, bloß etwas zu weit ausgeholt. Aber wen kümmert's? Die beiden Kerle fahren auch nicht besser. Achtzig Stundenkilometer, hundert… wieder raufschalten, der Abstand verringert sich… Kramer zählte langsam mit. Berman hatte etwas Gas weggenom- men, und die andere Maschine lag jetzt nur noch vier Sekunden hinter ihnen. Er zog den Sicherungsstift aus der Handgranate und ließ sie einfach auf die Straße fallen. Detonieren würde sie in vier Sekunden…, Er hatte sich jedoch verschätzt. Wegen der rasenden Fahrt der Ka- wasaki bekam die Handgranate eine hohe Eigengeschwindigkeit. Sie sprang und trudelte über den Asphalt, prallte schließlich von einem geparkten Auto ab und rollte in eine Einfahrt. Dort detonierte sie etwa gleich weit von den beiden Motorrädern entfernt. Kramer merkte, daß er einen Fehler gemacht hatte, und hätte sich am liebsten selbst dafür geohrfeigt. Nun war ihr Verfolger gewarnt. Würde er jetzt vorsichtig sein und etwas mehr Abstand halten? Bourne hatte einen auf die Straße fallenden Gegenstand gesehen und sofort richtig vermutet, worum es sich dabei handelte. Er bremste scharf und beschleunigte dann wieder, sobald die Handgra- nate in sicherer Entfernung von ihm detoniert war. »Das war nichts, du Schweinehund«, murmelte er vor sich hin, während er wieder Gas gab und die Laverda durch die aus der Einfahrt quellen- de Rauchwolke lenkte. Dann sah er, wie der Beifahrer der Kawasaki sich auf seinem Sitz umdrehte. Diesmal hielt er etwas anderes in den Händen… Kramer gab einen zehn Schuß langen Feuerstoß aus der Uzi ab. Bourne, der noch nicht wieder aufgeschlossen hatte, war ein schwie- rig zu treffendes Ziel, so daß Kramer, der in unnatürlich verdrehter Haltung schießen mußte, einen Treffer für eher unwahrscheinlich hielt. Aber er hoffte, daß dieser erste Feuerstoß ihren Verfolger ab- schrecken und dazu bringen würde, weiter zurückzubleiben. Bourne hatte die Waffe gesehen; jetzt sah er ihr Mündungsfeuer aufblitzen. Eine kleine MP, erkannte er und nahm etwas Gas weg. Praktisch keine Chance – bei dieser Geschwindigkeit. Die Schüsse, die ihn um mindestens zwei bis drei Meter verfehlten, waren kaum zu hören. Er ignorierte sie. Der Fahrtwind rauschte so laut in sei- nen Ohren, daß er weder die Rufe und Schreie von Fußgängern noch das aufgeregte Hupen der Autofahrer in ihrem Kielwasser hör- te. Dann sah er die Kawasaki erneut bremsen. Berman legte seine Maschine in die Rechtskurve zur Lowell Street,, als Kramer eben einen weiteren Feuerstoß aus der Uzi abgab. Kra- mer verlor für einen Augenblick das Gleichgewicht, so daß seine Schüsse ziellos in die Luft gingen; er fluchte wütend, fing sich wie- der und sah nach vorn. Noch ein halber Kilometer, dann eine scharfe Rechtskurve zum National Zoological Park hinunter und weiter zu ihrem Fluchtauto, das unter der Porter Street Bridge auf sie wartete… Kramer sah ihren Verfolger auf die Lowell Street abbie- gen und gab einen weiteren langen Feuerstoß aus seiner Uzi ab. Er spürte, wie Berman bremste; dann waren sie bereits abgebogen. Die Straße wurde kurvenreicher. Mehrere Schlängelkurven, eine langge- zogene Rechtskurve, eine scharfe Linkskurve, vor ihnen bereits die letzte Kurve… Zeit für ein neues Magazin. Bourne, dessen Augen vom Fahrtwind tränten, sah den Beifahrer der Kawasaki in seine Jackentasche greifen. Er vermutete ganz rich- tig, daß der Mann mit der MP ein neues Magazin ansetzen wollte. Als er die Laverda in die letzte Kurve legte, sah er in dem parkarti- gen Gelände eine Kreuzung, vor der die Kawasaki scharf bremste, um nach links abzubiegen. Jetzt bremsen?… Nein! Sowie Kramer das Reservemagazin angesetzt hatte, drehte er sich wieder um. Zu seiner Verblüffung sah er die Laverda auf sich zura- sen und erkannte, daß ihr Verfolger überhaupt nicht gebremst hat- te… Die Laverda krachte ungebremst ins Hinterrad der Kawasaki und ließ beide Maschinen in einem Funkenregen über die Straße schlit- tern, während alle drei Männer abgeworfen wurden. Bourne wurde über seinen Lenker katapultiert und spürte einen stechenden Schmerz, als er sich dabei das linke Knie anschlug. Er rollte sich in der Luft zusammen und landete hart auf dem mit Gras bewachse- nen Straßenbankett. In seinem rechten Handgelenk brach etwas. Ohne auf die Schmerzen im linken Knie zu achten, rappelte er sich sofort wieder auf, um über die Straße an die beiden Männer her- anzukommen. Dann sah er mitten auf der Fahrbahn die Uzi liegen., Kramer sprang rasch auf; abgesehen von einigen Prellungen, die nur schmerzhaft waren, war er unverletzt. Die Uzi! Dachte er sofort. Als er sich herumwarf, sah er sie zehn Meter von sich entfernt auf der Straße liegen. Gleichzeitig sah er, daß Bourne zu ihr unterwegs war. Der Mann hinkte, schien verletzt zu sein, aber er bewegte sich trotzdem so schnell, daß er die Waffe als erster erreichen würde. Et- was weiter seitlich kniete Berman in der Nähe seiner demolierten Kawasaki und schüttelte benommen den Kopf. »Carl!« rief Kramer laut. Dann lief er hakenschlagend davon und griff unterwegs in sei- ne Jackentasche. Bourne griff rasch nach der Uzi, biß dann die Zähne zusammen und hätte die Waffe beinahe wieder fallen lassen, als ihm klar wur- de, daß sein rechtes Handgelenk gebrochen war. Er nahm die Uzi in die linke Hand, entsicherte sie unbeholfen und gab zwei kurze Feuerstöße auf den Flüchtenden ab. Scheiße, dachte er, als Kramer weiterrannte und im Unterholz verschwand. Hab das Schwein verfehlt. Na ja, mit links hab ich noch nie gut schießen können. Er konzentrierte sich auf den Kawasakifahrer. Der nur wenige Meter entfernt auf dem Asphalt kniende Mann kam allmählich wieder zur Besinnung und griff jetzt nach etwas in seiner Jacke… »Halt! Keine Bewegung!« schrie Bourne ihn an und hob drohend die Uzi. Aber Berman schien den lauten Befehl nicht verstanden zu ha- ben. Er war noch immer leicht benommen und wußte kaum, was passiert war, als seine rechte Hand jetzt den Griff der P-38 ertastete und die Pistole zu ziehen begann. Bournes gewaltiger Fußtritt traf Berman unter dem Kinn und ließ seinen Kopf nach hinten fliegen. Wäre die Bewegung von Bermans Hals nicht durch den Sturzhelm aufgefangen worden, wäre dieser Tritt tödlich gewesen; aber auch so kippte Berman bewußtlos zur Seite. Bourne, der ebenfalls zu Boden gegangen war, hörte ein me- tallisches Scheppern, sah eine Handgranate über den Asphalt auf, sich zuschlittern und wälzte sich blitzschnell hinter den Bewußt- losen. Dann detonierte die Handgranate, und Bourne hatte das Gefühl, körperlich hochgehoben und wieder auf den Asphalt geknallt zu werden. Er hob seinen Kopf. Im Unterholz war schemenhaft die Gestalt des Flüchtenden zu erkennen… Er wollte sich hochstem- men, sank aber kraftlos gegen Berman zurück. Hat keinen Zweck – kann ihn nicht einholen. Er streckte probeweise die Beine aus. Gebro- chenes rechtes Handgelenk, verdrehtes linkes Knie, dachte er benommen. Schnittwunden an den Füßen, rechter Fuß vermutlich gebrochen. Schlag auf den Schädel, demolierte rechte Schulter. Sonst halbwegs okay. Linker Arm voll beweglich. Er drehte den Kopf zur Seite, um zu sehen, was der andere Mann machte. Carl Bermans Oberkörper sah weich und blutig aus. Er hatte eine großflächige Brustverletzung, aus der Blut quoll, und gleich neben ihm war ein überraschend gleichmäßiges rauchendes Loch aus dem Asphalt herausgestanzt. Seine Augen starrten blicklos durch das zer- splitterte Helmvisier. Er hatte die volle Wucht der Handgranaten- detonation abbekommen. Eigentor, dachte Bourne. Obwohl seine Ohren stark summten, hörte er in der Ferne Sirenengeheul näher kommen. Er wollte nach dem Mikrofon des Funkgeräts greifen, aber es war bei seinem Sturz abgerissen. Macht nichts. Da kommt schon jemand. Dann starrte er plötzlich verwundert seine Füße an. Wo, zum Teufel, sind meine Schuhe? fragte er sich zum erstenmal. Kramer, der längst außer Sicht war, trabte keuchend zu dem be- reitstehenden Fluchtauto weiter. Der Zündschlüssel steckte in seiner Tasche. Sein Verstand arbeitete wie immer kalt und präzise – auch als er kurz an seinen toten Mitarbeiter Berman dachte. Auf Wieder- sehn, Carl, dachte er, du dämlicher, tolpatschiger Scheißkerl.,

Die Krankenschwester in der Uniform der U.S. Army steckte denKopf durch die Tür. Als sie sah, daß ihr Patient hellwach war

und schon gefrühstückt hatte, kam sie lächelnd herein. »Sie bekom- men gleich Besuch, Mr. Howard«, kündigte sie an. Howard zog leicht die Augenbrauen hoch. »Oho! Auf einmal bin ich gesund genug, um Besuch empfangen zu dürfen, was?« »Dieser Besucher ist jeden Tag dagewesen, aber Oberst Payne hat ihn nicht zu Ihnen vorgelassen. Ich denke, daß die Besuchserlaub- nis bedeutet, daß Ihre Genesung gute Fortschritte macht. Aber das hätte ich ihm natürlich auch sagen können«, fügte sie sarkastisch hinzu und musterte Howard mit scharfem Blick. »Ach, kommen Sie, Mary-Ann«, sagte Howard. »Dafür kann ich nichts. Dieser Metallklumpen muß meinem Gehirn irgendwie ge- schadet haben. Vielleicht liegt's an Ihrer gestärkten Uniform – die wirkt echt anziehend auf mich. Und hören Sie auf, mich ›Mr. How- ard‹ zu nennen. Ich heiße Ed, okay?« »Meine Uniform ist nicht gestärkt«, widersprach Mary-Ann Kelly gespielt streng, »und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Hände in Zukunft bei sich behalten würden.« Sie stellte das Frühstücks- tablett weg und machte sich daran, ihm die Manschette des Blut- druckmeßgeräts um den rechten Oberarm zu wickeln. »Geben Sie mir vorher noch meine Zigaretten, Mary-Ann? Sie sind dort drüben im…« »Nein, von mir bekommen Sie keine Zigaretten«, sagte sie und pumpte die Manschette auf. »Rauchen schadet Ihrer Gesundheit.« »Unsinn! Ich bin am Kopf verwundet, nicht an der Lunge.« »Das spielt keine Rolle«, antwortete Mary-Ann. »Hier drinnen, wird nicht geraucht, Punktum. Das ist gegen die Dienstvorschrif- ten.« Sie hörte seine Herztöne mit ihrem Stethoskop ab, wäh- rend sie weiterpumpte. »Aua, das tut weh!« sagte Howard. »Der ganze Arm wird gefühl- los. Lassen Sie die Luft raus, ja? Ich hasse dieses verdammte Ding!« »Ihre Ausdrucksweise ist schrecklich«, sagte sie mit gelangweilter Stimme, während sie das in die Wand neben seinem Bett eingelasse- ne Manometer beobachtete. »Und wie können Sie außerdem über derartige Kleinigkeiten jammern, obwohl Sie am anderen Arm eine Schußwunde haben?« »Solche Dienstvorschriften sind doof«, meinte Howard, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Wer hat entschieden, daß ich hier nicht rauchen darf?« Luft zischte, als Mary-Ann die Ventilschraube aufdrehte. »Keine Ahnung. Dies ist ein US-Lazarett. Wahrscheinlich erläßt der Ver- teidigungsminister die Dienstvorschriften.« »Sagen Sie ihm, daß er entlassen ist!« »Sagen Sie's ihm doch selbst«, antwortete sie spitz. »Hm. Hun- dertfünfunddreißig zu fünfundsiebzig.« Sie notierte diesen Wert auf seinem Krankenblatt. »Ist das gut oder schlecht?« »Mittel. Hören Sie jetzt auf, sich zu beschweren. Sie können von Glück sagen, daß Sie noch leben.« Sie steckte ihm ein Fieberther- mometer in den Mund und marschierte hinaus. Max Goodale tauchte hinter ihr auf, als sie einige Minuten später zurückkam. »Guten Morgen, Ed«, sagte er lebhaft. »Mmmpf!« murmelte Howard und deutete irritiert auf seinen Mund. Mary-Ann beugte sich über ihn und zog das Thermometer her- aus. »Verbindlichen Dank, Mary-Ann«, sagte Howard sarkastisch. »Und auch Ihnen einen guten Morgen, Oberst.«, »Normal«, verkündete Mary-Ann streng, als sie das Thermometer abgelesen hatte. »Ganz wie erwartet. Körperlich fehlt ihm so gut wie nichts mehr, Mr. Goodale. Ich lasse Sie jetzt mit ihm allein.« Sie machte kehrt und verließ den Raum. »Ich freue mich, daß Sie auf dem Weg der Besserung sind«, sagte Goodale, als die Tür sich hinter ihr schloß. »Wie fühlen Sie sich?« »Sogar die Kopfschmerzen sind jetzt weg«, antwortete Howard. »Aber der Verband muß noch ein paar Tage draufbleiben, und ich bin gewarnt worden, daß ich wie Frankensteins Ungeheuer ausse- hen werde, wenn er runterkommt – mein Kopf ist rasiert, und ich habe eine zehn Zentimeter lange Narbe, wo die Metallplatte einge- setzt worden ist. Mir geht's gut, aber ich könnte eine Zigarette ver- tragen. Sie liegen dort drüben auf dem Regal, wenn Sie so freund- lich sein wollen, sie mir zu geben. Ich darf wegen meines Beins nicht aufstehen.« Goodale brachte ihm Zigaretten und Streichhölzer und nahm auf dem Besucherstuhl am Bett Platz. »Die dürfen Sie bestimmt auch nicht haben. Wahrscheinlich schimpft Ihre nette Krankenschwester mich nachher aus, weil ich sie Ihnen gegeben habe.« Er seufzte. »Haben Sie mit den anderen gesprochen?« »Ich habe gehört, daß alle sich gut erholen, aber ich habe nur mit Mike gesprochen«, antwortete Howard, zündete sich eine Zigarette an, nahm den ersten Zug und lächelte zufrieden. »Ah, schon besser! Ja, Mike hat kurz mit mir reden dürfen, um mir zu sagen, daß Sie meine Mitteilung erhalten haben. Und ich habe die Nachrichten im Radio gehört. In Washington scheint alles gut geklappt zu ha- ben.« »Sogar sehr gut«, bestätigte Goodale. »Kennen Sie schon Einzelheiten?« fragte Howard. »Wie hat dieses IRIS-Gerät ausgesehen?« Goodale berichtete, was er bisher wußte. Howard hörte interes- siert zu und stieß einen leisen Pfiff aus, als er hörte, wie knapp der, Anschlag verhindert worden war. »Raffiniert«, murmelte er. »Ja«, sagte Goodale. »Ich muß Sie natürlich bitten, alles für sich zu behalten. Über den geplanten Anschlag auf Arafat ist nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Offiziell hat es nie einen gegeben, und er ist nie in Gefahr gewesen.« »Das überrascht mich wirklich«, sagte Howard nachdrücklich sar- kastisch. »Nun, Sie wissen ja, wie so was läuft«, antwortete Goodale. »Oder Sie sollten's allmählich verdammt gut wissen.« Er lächelte schwach, dann zuckte er die Schultern. »Natürlich wissen Sie das. Aber jetzt zu etwas anderem. Haben Sie schon gehört, was Johnny Bourne und Pete Halliday inzwischen gemacht haben?« »Nein«, sagte Howard. »Aber ich habe mich gefragt, wo die bei- den stecken. Ich hätte gedacht, daß Johnny mich mal besuchen würde. Warum? Wo sind die beiden?« »In einem Washingtoner Krankenhaus.« »Verdammt, wie denn das?« rief Howard überrascht aus. »Keine Sorge, beide erholen sich gut. Ich habe sie rübergeschickt. Und sie haben verdammt gute Arbeit geleistet, indem sie einen zwei- ten Anschlag auf Arafat verhindert haben.« Goodale schilderte kurz, wie Bourne und Halliday in Washington eingegriffen hatten, und berichtete über die FBI-Ermittlungen. »Der Tote war ein gewisser Carl Berman, der Besitzer eines Waffengeschäfts in Baltimore. Al- lem Anschein nach bis dahin ein mustergültiger Staatsbürger. Das FBI hat sein Haus durchsucht und einen als Werkstatt eingerichte- ten Tresorraum entdeckt, in dem das IRIS-Gerät zusammengebaut worden sein könnte. Außerdem«, fügte Goodale hinzu, »ist dort sei- ne Frau aufgefunden worden. Sie war erwürgt worden.« »Berman hat seine eigene Frau ermordet, bevor er losgezogen ist, um das Attentat zu verüben?« »Möglicherweise. Aber das FBI hält eher den zweiten Mann für, den Täter – Bermans Beifahrer auf dem Motorrad. Vermutlich ist er auf der Flucht als erstes zu ihr gefahren. Mrs. Berman dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der ihn noch hätte identifizieren kön- nen. Jedenfalls scheint er nun spurlos verschwunden zu sein.« »Das klingt so, als sei er der Anführer gewesen«, meinte Howard nachdenklich. »Ein Untergebener hätte vielleicht nicht den Nerv gehabt, die Frau seines Bosses zu ermorden.« »Richtig«, stimmte Goodale zu. »Und das FBI ist der gleichen Meinung, seit es Johnny befragt hat. Nach Johnnys Schilderung ist der Beifahrer eindeutig der Chef gewesen. Und aufgrund von Halli- days Personenbeschreibung hält das FBI ihn für den Mann, der das IRIS-Gerät aufs Gelände des Weißen Hauses geschmuggelt hat. Aber…« Goodale machte eine kurze Pause. »Ich habe das Gefühl, nicht wirklich alles erfahren zu haben. Wie hat's dieser Mann bei- spielsweise geschafft, seine Höllenmaschine durch alle Kontrollen zu schmuggeln? Vielleicht bin ich zu mißtrauisch, aber das macht einen doch nachdenklich.« Er stand auf, trat ans Fenster und blieb dort mit dem Rücken zu Howard stehen. »Schon mal von einem gewissen Tom Levy gehört?« fragte er. Howard runzelte die Stirn. »Nein, ich glaube nicht. Warum? Wer ist er?« »Er war einer der engsten Berater Präsident Clintons.« »Er ist rausgeflogen?« »Nein. Er hat sich erschossen. Zumindest ist das die amtliche Ver- sion, und ich habe noch nichts anderes gehört. Angeblich hat er unter Depressionen gelitten. Aber das ist am Tag der Unterzeich- nung des Friedensabkommens passiert, was ein merkwürdiger Zufall ist… Aber vielleicht bin ich wirklich zu mißtrauisch.« »Sie glauben, daß er etwas damit zu tun gehabt hat?« fragte How- ard. »Das werden wir vermutlich nie erfahren, aber mich macht dieser ›Zufall‹ nachdenklich.«, »Hm«, meinte Howard. »Die Amerikaner würden seine Verwick- lung in diese Sache natürlich geheimhalten wollen.« »Was man ihnen kaum übelnehmen kann«, sagte Goodale, der zu seinem Stuhl zurückkam. »Aber genug davon.« Er nahm wieder Platz, beugte sich nach vorn und faltete die Hände. »Erzählen Sie mir jetzt von Oberst Eisener. Mike Ziegler hat mir schon einiges berichtet, aber mich interessierten Ihre Eindrücke. Dieser Gerhard Eisener scheint ein höchst interessanter Mann zu sein.« »Ja, das ist er«, bestätigte Howard. »Aber ich fange lieber ganz vorn an.« Er schilderte rasch, was sich bis zu ihrem Eintreffen in dem Stasi-Stützpunkt ereignet hatte. Dann runzelte er die Stirn, als er detailliert über das Verhör und die Ermordung General Erfurts berichtete. »Das ist enttäuschend gewesen«, sagte er. »Ich glaube, der General wäre zuletzt doch weich geworden und hätte Arafat als Zielperson des Attentats benannt. Oder vielleicht auch nicht. Er ist ein zäher alter Knabe gewesen. Aber ich vermute, daß er nicht des- halb ermordet worden ist. Dem Verräter in unserem Team dürfte Arafat ziemlich egal gewesen sein – aber er hat Angst gehabt, der General könnte ihn identifizieren. Zum Glück ist's letztlich auch ohne Erfurt gegangen.« »Sie haben also von Eisener erfahren, daß dieser Anschlag Arafat gelten sollte?« »Nein«, antwortete Howard. »Ich glaube nicht einmal, daß Eise- ner die Zielperson gekannt hat. Aber er hat eine Bemerkung des Generals über etwas, das ›schwarz auf weiß‹ vorhanden sein sollte, erwähnt – und die hat mich nachdenklich gemacht. Als ich im BBC World Service die Meldung gehört habe, Israel sei bereit, die PLO anzuerkennen, und Arafat werde zur Vertragsunterzeichnung nach Washington reisen, hat plötzlich alles zusammengepaßt. Be- kanntlich hassen die Iraner Arafat, der in ihren Augen ein Verräter ist. Ich habe sofort an seine schwarz-weiße Kopfbedeckung denken müssen – und damit war eigentlich alles klar., Unmittelbar danach haben wir festgestellt, daß unser Funkgerät defekt war – vermutlich durch Sabotage. Das haben wir nicht sicher gewußt, aber dieser ›Zufall‹ nach der Nachricht vom Abschuß der Antonow hat mich mißtrauisch gemacht. Ich habe die Leiche des Generals genauer untersucht und dabei den Einstich entdeckt. Da- mit war klar, daß wir einen Verräter in unserem Team hatten. Das Problem war nur, daß es keinen Hinweis auf eine bestimmte Person gab – Kim Sumi und Richard Weatherill sind beide als Täter in Frage gekommen. Allerdings weiß ich noch immer nicht, wie die Nordkoreaner erfahren haben, daß die Antonow uns wieder abho- len sollte. Ich kann nicht glauben, daß sie das Flugzeug ohne siche- re Informationen abgeschossen hätten.« »Dafür gibt's eine Erklärung«, sagte Goodale. »Die Amerikaner haben das Signal eines Notsenders empfangen, das genau aus Ihrer Landezone gekommen ist. Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber ich denke, daß an dem Sender eine Nachricht befestigt gewe- sen ist. So haben die Nordkoreaner von der Antonow erfahren, glaube ich.« »Ein gottverdammter TACBE«, knurrte Howard, »ja, ich verstehe. Das könnte auch die Erklärung für die Störsender sein. Ich habe versucht, Sie über ein altes Stasi-Funkgerät zu erreichen, aber alle Frequenzen sind sehr stark gestört worden. Aber warum haben die Nordkoreaner nicht auch erfahren, wohin wir unterwegs waren und was wir vorhatten?« »Wahrscheinlich hat Ihr Verräter befürchtet, die Nordkoreaner würden den Stasi-Stützpunkt angreifen und alle dort Angetroffenen erschießen. Aber er dürfte geglaubt haben, Sie würden sich kampf- los ergeben, wenn Sie nach dem Abschuß der Antonow plötzlich keine Fluchtmöglichkeit mehr hätten. Verräter wollen im allgemei- nen ihren Judaslohn, nicht aber eine Ladung Blei kassieren.« Howard wirkte nachdenklich. »Das muß wohl der Grund gewesen sein«, meinte er., »Wie haben Sie den Verräter dann enttarnt?« »Das ist vor allem auf Oberst Eisener zurückzuführen«, berichtete Howard. »Er hatte sich erboten, uns zu helfen; sein Angebot hat ehrlich geklungen, aber ich habe ihm nicht getraut. Das Problem war, daß er auf einem Plan von Jöngbjön mehrere Gebäude anders bezeichnet hat, als Weatherill sie identifiziert hatte. Folglich hatte einer der beiden gelogen. Ich habe eine Möglichkeit gefunden, Kim Sumi und Eisener gleichzeitig auf die Probe zu stellen. Kurz vor unserem Abmarsch habe ich Kim Sumi beiseite genom- men und ihr erzählt, Eisener arbeite jetzt für uns, aber das dürfe noch niemand wissen. Ich habe ihr einen Zettel mit einer teilweise verschlüsselten Nachricht gegeben und sie angewiesen, sie heimlich Eisener zu bringen und ihn danach freizulassen. Im unverschlüssel- ten Teil ist Eisener aufgefordert worden, meine Nachricht mög- lichst schnell an Sie in der britischen Botschaft hier in Seoul zu übermitteln. Ich hatte Mike Ziegler eingeweiht und ihn angewiesen, die Über- gabe zu beobachten. Er hat bestätigt, daß Kim Sumi sich genau an meine Anweisungen gehalten hat. Sie ist in den Keller hinunterge- gangen, hat Eiseners Zellentür aufgesperrt und hat ihm die Nach- richt gegeben. Mike hatte eine zweite Ausfertigung, die er Eisener gegeben hätte, wenn sie das Original vertauscht hätte.« »Ja, ich verstehe«, sagte Goodale. »Kim Sumi hat den Test bestanden«, fuhr Howard fort. »Also mußte Weatherill der Verräter sein. Und Oberst Eisener hat ihn of- fenbar auch bestanden, sonst wären Johnny und Sie nicht dagewe- sen, um uns auf der südkoreanischen Seite der entmilitarisierten Zone in Empfang zu nehmen.« Er zündete sich eine weitere Ziga- rette an und atmete den Rauch tief ein. »Ich hätte auf Tony Ack- ford hören sollen. Er hat Weatherill von Anfang an nicht getraut.« Die unausgesprochene Bedeutung dieser Worte traf Goodale zu- tiefst. Ich hätte auf Tony Ackford hören sollen, hatte Howard gesagt., Wirklich gemeint hatte er jedoch: Ich hätte damals nicht auf Sie hören sollen, Oberst, als Sie mich aufgefordert haben, Weatherill mitzunehmen. Er sah Howard ins Gesicht. »Ich versichere Ihnen, ich habe nie ge- ahnt…« Howards dunkle Augen glitzerten sekundenlang gefährlich; dann zuckte er die Schultern. »Das glaube ich Ihnen sogar. Allerdings nur deshalb, weil es völlig sinnlos gewesen wäre, dieses Unterneh- men zu gefährden, indem Sie mir jemanden aufdrängen, von dem Sie wissen oder vermuten, daß er ein Verräter ist.« Max Goodale lächelte schwach. »Warum haben Sie Weatherill nicht gleich umgelegt?« fragte er. »Es muß verdammt riskant gewe- sen sein, ihn wieder mitzubringen.« »Ich habe mir überlegt, daß er vermutlich ebenso dringend aus Nordkorea rauswollte wie wir und bestimmt nicht sein Leben riskie- ren würde, um uns zu verraten. Wie Sie selbst gesagt haben, hat er wahrscheinlich gehofft, wir würden uns ergeben, aber als klar war, daß wir's nicht tun würden, hat er mitkommen müssen. Weathe- rill hat geglaubt, er sei nicht enttarnt, und hätte mir nicht einfach er erklären können, er habe zurückzubleiben beschlossen – das hät- te höchst eigenartig gewirkt, nicht wahr?« »Ich verstehe, was Sie meinen.« »Allerdings ist er ein begabter Lügner«, fuhr Howard fort. »Er hat den zutiefst Enttäuschten gespielt, als ich ihm gesagt habe, daß wir sein Überwachungsgerät doch nicht würden aufstellen können. Ich habe ihm das sogar abgenommen – aber ich möchte wetten, daß er innerlich sehr erleichtert gewesen ist. Außerdem glaube ich nicht, daß das verdammte Ding funktioniert hätte. Weatherill hätte es ab- sichtlich falsch aufgestellt oder wie unser Funkgerät sabotiert. Es liegt noch immer irgendwo in der entmilitarisierten Zone, glaube ich. Vermutlich ist er im illegalen Handel mit Nukleartechnologie tätig – vielleicht im Auftrag der Nordkoreaner – und hat Angst ge- habt, das könnte rauskommen. Aber das ist nicht der eigentliche, Grund gewesen.« »Hm. Sie haben ihn aus einem bestimmten Grund zurückge- bracht?« Howard grinste. »Ich habe von Oberst Eisener viel über die Kunst der Doppelzüngigkeit gelernt. Weatherill auffliegen zu lassen oder ihn auf der Stelle umzulegen, wäre kunstlos gewesen. Ich habe mir überlegt, daß Sie bestimmt viel mit ihm anfangen könnten, wenn wir ihn heil zurückbrächten und ihn in dem Glauben ließen, er sei nicht enttarnt.« Goodale nickte. »Ich bin sehr froh, daß Sie das getan haben. In Zukunft behalten wir ihn scharf im Auge – ohne sein Wissen, ver- steht sich. Alle seine Kontakte werden überwacht und registriert. Ich hoffe, daß wir in ein paar Wochen oder Monaten genügend In- formationen haben, um gegen einige Hauptdrahtzieher des illegalen Nukleartechnologietransfers vorgehen zu können.« »Gut«, sagte Howard. »Genau das habe ich gehofft. Benachrichti- gen Sie mich rechtzeitig, wenn er festgenommen werden soll? Ich möchte das Gesicht dieses Scheißkerls sehen, wenn er merkt, daß wir von Anfang an über ihn Bescheid gewußt haben.« »Wird gemacht«, versprach Goodale ihm. »Aber eines interessiert mich noch: Wie konnten Sie sicher sein, daß Eisener die Nachricht weitergeben würde?« »Ich bin mir natürlich nicht sicher gewesen«, antwortete Howard. »Aber ich habe zwei gute Gründe dafür gehabt, es mit ihm zu versu- chen. Der erste liegt auf der Hand: Wären wir umgekommen oder in Gefangenschaft geraten, womit wir eine Zeitlang durchaus rech- nen mußten, wäre das die einzige Möglichkeit gewesen, Sie zu be- nachrichtigen. Der zweite Grund war, daß ich so seine erklärte Be- reitwilligkeit, mit uns zusammenzuarbeiten, auf die Probe stellen wollte. Vorsichtshalber habe ich den Text verschlüsselt, weil Eisener nicht erfahren sollte, daß wir wußten, daß Arafat ermordet werden, sollte, oder wo wir die entmilitarisierte Zone durchqueren würden. In diesem Punkt habe ich ihn sogar absichtlich irregeführt: Ich habe angedeutet, daß wir von einem U-Boot abgeholt werden wür- den – nur für den Fall, daß ihm einfiele, uns bei den Nordkorea- nern zu verpfeifen. Nur gut, daß ich von der sicheren Route durchs Minenfeld gewußt habe, sonst wären wir jetzt nicht hier. Übrigens besten Dank, daß Sie die Blinkleuchten haben aufstellen lassen.« »Nun, Ihr Vabanquespiel mit Eisener hat geklappt«, sagte Goo- dale. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich mein Leben so aufs Spiel gesetzt hätte«, murmelte er kopfschüttelnd, »aber lassen wir das jetzt. Ihnen ist offenbar nichts anderes übriggeblieben. Eisener hat Ihre Nachricht prompt übermittelt. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, aber noch am gleichen Abend ist eine nicht identifi- zierte Europäerin in unsere Botschaft gekommen. Sie hat einen an mich adressierten Umschlag abgegeben und ist wortlos verschwun- den. Johnny hat den Text mit seinem Einmalschlüssel entschlüsselt. In diesem Umschlag hat Eisener uns auch mitgeteilt, wohin er seine Honorare überwiesen haben möchte. Jedenfalls hat er Ihren Auftrag pünktlich ausgeführt – und wir haben jetzt einen neuen, ausge- zeichnet plazierten Agenten in Nordkorea. Mit etwas Glück müßte er uns wichtige Erkenntnisse über den Stand der nordkoreanischen Atomrüstung liefern können.« »Wissen Sie, Oberst«, sagte Howard, »das ist eine merkwürdige Geschichte.« Er machte eine Pause und zündete sich die nächste Zigarette an – die dritte seit Goodales Ankunft. »Er ist nicht nur sehr clever, sondern auch sehr gefährlich. Er ist völlig skrupellos. Er besitzt keine erkennbaren moralischen Wertvorstellungen, er ist glatt wie ein teflonbeschichteter Aal, er denkt offenbar nur an sich selbst und scheint für gutes Geld zu praktisch jeder Schandtat be- reit zu sein. Aber trotzdem…« Howard machte nochmals eine Pau- se, um an seiner Zigarette zu ziehen. »Bitte weiter«, sagte Goodale., »Nun…«, seufzte Howard. »Das klingt merkwürdig, aber in gewis- ser Beziehung empfinde ich trotzdem eine gewisse Achtung für ihn.« »Das ist verständlich«, stimmte Goodale zu. »Einen fähigen Ge- genspieler sollte man immer respektieren.« »Das weiß ich«, antwortete Howard. »Aber was mich wirklich stört, ist die Tatsache, daß ich den Kerl richtig gern gehabt habe.«

Gerhard Eisener lehnte sich in seinem großen Büro zufrieden inden Schreibtischsessel zurück. Die Benachrichtigung seiner

Schweizer Bank war gekommen; die Briten hatten wie erwartet prompt gezahlt. Auf weitere Zahlungen konnte er sich freuen, so- bald er neues Material lieferte. Es macht Spaß, der Chef zu sein, überlegte Eisener sich; er konn- te jetzt tun und lassen, was er wollte, ohne von General Erfurt ge- gängelt oder behindert zu werden. Er hatte den General nicht lei- den können und war froh, daß der Alte jetzt tot war. Weatherill war nützlich gewesen, das stand fest. Er hatte ihn auf den ersten Blick erkannt. Schließlich hatte er Weatherill damals selbst angeworben. Es war kinderleicht gewesen, die unerwartete Anwesenheit dieses Mannes zu seinem Vorteil auszunützen und ihn zu warnen, der General stehe unter Umständen kurz davor, seine Verwicklung in den illegalen Handel mit Nukleartechnologie preis- zugeben. Weatherill hatte wie erhofft reagiert: Er war in Panik gera- ten und hatte den General ermordet. Dieser Schachzug war riskant, gewesen, aber er hatte funktioniert und Eisener die Mühe gespart, Erfurt später selbst beseitigen zu müssen. Er dachte über Howard nach. In dem Mann steckte mehr, als auf den ersten Blick sichtbar war. Eisener hatte von dem Zwischenfall in der entmilitarisierten Zone gehört, und Oberst Zang war beson- ders übel gelaunt gewesen, als er ihn am nächsten Morgen in Pjöng- jang angerufen hatte, um ihn ein bißchen auszuhorchen. Zang hat- te nicht ausdrücklich davon gesprochen, aber Eisener hatte zwi- schen den Zeilen gelesen und daraus geschlossen, Howard und sei- nen Männern sei es offenbar doch gelungen, über die Grenze zu entkommen. Das hatte ihn insgeheim gefreut, obwohl diese Tat- sache ein kleines Problem aufwarf, das er lösen mußte. Er hatte Howard nichts von Weatherill erzählt, aber dieser merk- würdige Auftritt der jungen Koreanerin, die ihm eine verschlüsselte Nachricht übergeben hatte, hatte ihn nachdenklich gemacht. Das Ganze war offensichtlich eine Art Test gewesen, den der große Amerikaner von seinem Versteck aus überwacht hatte. Aber wer war auf die Probe gestellt worden? Natürlich er selbst – aber bestimmt auch die junge Frau. Wozu wäre sie sonst als Überbringerin der Nachricht eingesetzt worden? War ihre Zuverlässigkeit auf die Pro- be gestellt worden, mußte Howard gemerkt haben, daß irgend et- was nicht stimmte. Unter Umständen hatte der Test ihm gezeigt, daß Weatherill der Verräter sein mußte. Die einfachste und beste Lösung war, auf Nummer Sicher zu ge- hen; in seiner nächsten Mitteilung würde er den britischen Geheim- dienst darüber informieren, welche Rolle Weatherill gespielt hatte. Das konnte auf keinen Fall schaden. Weatherill hatte seinen Zweck erfüllt und war entbehrlich. Daß Max Goodale nach der Pensionie- rung im Vorjahr nun wieder Dienst tat, war interessant zu hören, aber eigentlich nicht überraschend gewesen. Er war ganz sicher kein Mann, den man unterschätzen durfte. Wußte Goodale jetzt über Weatherill Bescheid, sagte Eisener sich, konnte er seine eigene, Glaubwürdigkeit dadurch untermauern, daß er diesen Verdacht bestätigte. Natürlich hatte er Howard einiges verschwiegen. Er hatte genau gewußt, daß dieser Anschlag Jassir Arafat gelten sollte; er kannte auch alle übrigen Geheimnisse des Generals. Seine Unterla- gen hatte er während einer der Japanreisen des Generals entdeckt; sie waren geschickt, aber nicht geschickt genug versteckt gewesen. Howard hatte sie nicht gefunden, aber er mußte irgendwie auf Ara- fat gekommen sein und den Anschlag verhindert haben; das bewie- sen Rundfunkmeldungen über die Unterzeichnung des Friedensab- kommens in Washington, und Peter Kramer hatte diese Tatsache in seinem Bericht bestätigt. Eisener seufzte; er hatte schon immer eine große Schwäche für Rätsel gehabt und der Versuchung nicht widerstehen können, How- ard mit dem Schwarz-auf-Weiß-Rätsel vielleicht doch auf eine fal- sche Fährte zu locken. Nun, dachte er, dafür hast du einen hohen Preis gezahlt – von den Iranern gibt's jetzt kein Geld. Macht nichts, sagte Eisener sich. Der Preis war nicht zu hoch ge- wesen. Es gab weitere Projekte, und die von Peter Kramer geführte Washingtoner Stasi-Zelle war weitgehend intakt, auch wenn Kramer sich jetzt eine neue Identität würde zulegen müssen. Carl Bermans Tod war unwichtig. Joanna Stones Zukunft war weniger leicht vor- herzusagen, aber da Kramer jetzt wußte, wer sie war, konnte er Kra- mer über ihr weiteres Schicksal auf dem laufenden halten. Daß er Kramer über sie informiert hatte, war ein Verstoß gegen alle sonst üblichen Sicherheitsvorkehrungen gewesen – aber unter den herrschenden Umständen war das nicht nur entschuldbar, son- dern notwendig gewesen. Schließlich war abzusehen gewesen, daß dieser Trottel Levy in Panik geraten und flüchten würde, so daß es notwendig sein würde, ihn schnellstens zu beseitigen. Dafür war eigentlich nur Kramer in Frage gekommen. Der General war zu dumm gewesen, um diese Entwicklung vorauszusehen, und hatte nicht einmal zugehört, als Joanna ihre eigenen Bedenken vorge-, bracht hatte. Durch seine Schuld wäre sie beinahe in eine höchst kompromittierende Situation geraten. Hätte er, Eisener, nicht rechtzeitig hinter dem Rücken des Gene- rals eingegriffen, um die Lage zu bereinigen, hätte sie Levy sehr wahrscheinlich selbst erschießen müssen. Er bezweifelte, daß sie da- mit durchgekommen wäre. Auch so würde Joanna sich einige Zeit still verhalten und alle Verbindungen abbrechen müssen. Aber sie war so umsichtig, clever und findig, daß Eisener ihr ohne weiteres zutraute, ihre Stellung zu behaupten. Es gab keinerlei Beweise ge- gen sie – das hatte Kramer bestätigt. Insgesamt war alles recht gut gelaufen, fand Eisener. Der Westen würde niemals erfahren, daß er diese ganze Sache eigens deshalb aufgezogen hatte, um sich den General vom Hals zu schaffen und nach langen Jahren geduldiger Unterwürfigkeit selbst an die Spitze eines lukrativen kommerziellen Unternehmens zu gelangen. Das war keineswegs risikolos gewesen; andererseits waren die meisten be- gehrenswerten Dinge seiner Erfahrung nach nur mit gewissen Ri- siken zu erreichen. Dabei war alles so einfach gewesen. Er hatte lediglich bewußt ge- gen die Sicherheitsbestimmungen verstoßen und das alte Funktele- fon benützen müssen, das nicht mehr benützt werden sollte. Hatte die amerikanische NSA sein Gespräch mitgehört und dabei dieses Gebäude angepeilt? Oder war es das britische GCHQ gewesen? Das spielte keine Rolle. Howard und sein Kommando-Team waren ge- kommen, wie er gehofft hatte. Als sie wieder verschwunden waren, hatte er hier den Befehl übernommen – noch dazu mit einer neuen Einnahmequelle. Alles hatte genau nach Plan geklappt. Schade um den iranischen Auftrag, dachte er. Aber in dieser Be- ziehung war nicht unbedingt alles verloren. Vielleicht ließ sich noch etwas retten. An Arafat würde nach dieser Episode kaum mehr heranzukommen sein, aber vielleicht gaben die Iraner sich mit einer anderen Zielperson zufrieden…, Anhang]
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