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Dagmar Mißfeldt (Hg.) Morden im Norden scanned 2006/V1.0 Kühl und rücksichtslos schlagen die Täter zu. Autoren und Autorinnen aus Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark sind berühmt für Hochspannung – lassen Sie sich entführen in ewige Dunkelheit und zwielichtige Mittsommernächte! ISBN: 3-596-16529-6 Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag Erscheinungsjahr: 2004 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! Buch Ein Hoch aus dem Norden bestimmt schon seit einiger Zeit die Kriminalliteratur. Dieser Band enthält die besten Kriminalgeschichten der Experten für eiskalten Mord aus Norwegen, Schwede...
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Dokumentinhalt

Dagmar Mißfeldt

(Hg.)

Morden im Norden

scanned 2006/V1.0 Kühl und rücksichtslos schlagen die Täter zu. Autoren und Autorinnen aus Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark sind berühmt für Hochspannung – lassen Sie sich entführen in ewige Dunkelheit und zwielichtige Mittsommernächte! ISBN: 3-596-16529-6 Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag Erscheinungsjahr: 2004 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!, Buch Ein Hoch aus dem Norden bestimmt schon seit einiger Zeit die Kriminalliteratur. Dieser Band enthält die besten Kriminalgeschichten der Experten für eiskalten Mord aus Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark. Darunter finden sich alte Bekannte, aber auch neue Autoren und Autorinnen: Von Ditte Birkemose bis Aino Trosell wird ein breites Spektrum an echten und vermeintlichen Verbrechen präsentiert, und es ist sicher kein Zufall, dass gleich zweimal für die Region typische Leckerbissen wie Krebse und Hummer aufgetischt werden … Der nordische Boom hat inzwischen auch Island erreicht, deshalb wurden auch einige Geschichten isländischer Autorinnen aufgenommen, die erstmals ins Deutsche übersetzt worden sind., Die Herausgeberinnen: Gabriele Haefs, Christel Hildebrandt und Dagmar Mißfeldt leben in Hamburg und übertragen nicht nur nordische Literatur ins Deutsche, sondern sind als Herausgeberinnen ein eingespiel- tes Team und haben Anthologien zu allerlei Themen herausgegeben. Zuletzt erschien ›Skål, Admiral von Schneider‹, skandinavische Geschichten zum Thema Alkohol.,

Inhalt

Vorwort ...5 Logenplatz Ann-Christin Hensher ...12 Knud und der Kater Ditte Birkemose...20 Das Klassentreffen Toril Brekke ...27 Zwei Männer der Tat Jonny Halberg...45 Das Meierschloss Viktor Arnar Ingólfsson ...52 Was geschah in Nummer 7? Margaret Johansen ...57 Der offene Brief Edda Magnúsdóttir ...65 Hombre Lars Kjædegaard ...68 Verwandte alte Bekannte Johanna Helga Halldórsdóttir ...92 Ohropax Unni Lindell...113 Der zufällige Tod eines Direktors Leif Davidsen...131 Auf beiden Augen blind Kim Småge...153 Auge um Auge Björn Hellberg...171 Die Scheren des Hummers Gert Nygårdshaug ...185 Mord in Reykjavik Birgitta H. Halldórsdóttir...204 Die Frau, die unsichtbar wurde Unni Nielsen ...218 Das Letzte, was sie taten Veums erster Fall Gunnar Staalesen...227 Nachts allein nach Hause Aino Trosell ...262 Krebsfest in Schwarz Marita Gleisner ...279 Ein knackiger Hintern Leena Lehtolainen ...296 Die Abschiedsparty Pentti Kirstilä ...313 Die Wahl des vorsichtigen Mannes Reijo Mäki ...321 Kriminell schön Taavi Soininvaara ...330 Zu den Autorinnen und Autoren...350 Quellenverzeichnis...355,

Vorwort

Morden im Norden – diese Tätigkeit besitzt in ihrer literarischen Verarbeitung in ganz Europa einen guten Ruf. Was nicht überraschen kann. Die Nachkommen der von den Wikingern heimgesuchten europäischen Völker (die nun wiederum über diese unerwünschten Gäste eine reichhaltige Literatur hinterlassen haben) müssen doch erleichtert aufatmen bei der Erkenntnis, dass die Nachkommen dieser Gäste heutzutage lieber in ihren eigenen Ländern morden. Und literarisch gesehen scheint die skandinavische Kriminalliteratur in einer beeindruckenden Tradition zu stehen. Schon in der mittelalterlichen Saga-Literatur wird gemordet, was das Zeug hält. Dabei spielt die Suche nach dem Mörder jedoch keine Rolle: Alle wissen von Anfang an, wer es war. Die Frage ist nun: Kann er vor den Verwandten seines Opfers fliehen, die Sitte und Brauch ihrer Zeit gemäß zu Blutrache verpflichtet sind? Wie und ob er es schafft, bringt für die Lesenden Spannung en masse. Auf das Motiv wurde schon vor tausend Jahren großer Wert gelegt. Dem Mann, der in einer Saga einen Sklaven enthauptet hat, nur weil der gerade so »passend« da steht, wird kein besonderer Ruhm zuteil, da für einen Sklaven niemand Blutrache nimmt. Es kommt keine Spannung auf, und das Motiv ist nun wirklich wenig überzeugend. Skandinavische Autorinnen neuerer Zeit halten sich an die alten Vorbilder. Den norwegischen Nobelpreisträger Knut Hamsun mit Morden im Norden in Verbindung zu bringen mag abwegig erscheinen, aber die Lektüre ergibt: Hamsum lässt morden. Abgelegte Liebhaber werden ebenso bedenkenlos aus dem Weg geräumt wie die Geschäfte störende Konkurrenten. Bei seiner ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Kollegin Sigrid Undset morden die Romanpersonen aus den alleredelsten Motiven. Zum Beispiel, um den guten Ruf seiner Verlobten zu schützen, bringt Olav Audunssohn aus dem gleichnamigen Roman deren Liebhaber um. Danach wird er ungefähr tausend Seiten lang von grauenhaften Gewissensbissen gequält. Nicht wegen des Mordes, der Liebhaber hatte nichts anderes verdient, was machte er sich auch an andrerleuts Verlobte heran, sondern weil Olav das aus diesem Seitensprung entstandene Kind seiner Frau als sein eigenes ausgibt und damit die Erbverhältnisse in der Großfamilie durcheinanderbringt. Das Rachemotiv ist übrigens auch in der modernen Literatur nicht in Vergessenheit geraten, wie die Erzählung von Jonny Halberg zeigt. Bei einer solchen Ahnengalerie – die hier ja wirklich nur höchst oberflächlich gestreift werden kann – ist es kein Wunder, dass das heutige Morden im Norden, nun endlich in der modernen Form des Kriminalromans, international so großen Erfolg hat. Der Erfolg setzte in den siebziger Jahren ein. Das schwedische Paar Sjöwall/Wahlöö prägte auf Dauer unser aller Bild vom skandinavischen Krimi, mit Helden, die altern und nicht unbedingt sympathisch sind, mit deutlichem Lokalkolorit und mehr als nur einem Schuss Sozialkritik. Dass sonst nicht besonders viel Kriminalliteratur aus dem Norden in anderen Sprachen erschien, wurde einfach übersehen. Tatsächlich aber lässt sich in der skandinavischen Krimiszene jener Jahre nur noch ein anderer Name von internationalem Format finden: der des Norwegers Jon Michelet, wie Sjöwall/Wahlöö in viele Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt, in Deutschland aber nie so richtig populär geworden, was sicher daran liegt, dass seine Krimis hierzulande nur in stark gekürzter Fassung erschienen. Kim Småge, die erste Autorin im Norden, die Ermittlerinnen auftreten und gegen eine Mauer aus männlichen Vorurteilen anrennen ließ, musste sich in der Presse jahrelang die Bezeichnung »der weibliche Jon Michelet« gefallen lassen, nahm es aber einigermaßen gelassen hin und als Beweis dafür, dass das in ihren Romanen gezeichnete Bild der, Männergesellschaft eher noch untertrieben war. Inzwischen boomt die Krimiliteratur im Norden dermaßen, dass ein Überblick kaum noch zu leisten ist. Wir können die schwedischen Krimikönige Håkan Nesser und Henning Mankell erwähnen, die norwegischen Krimiköniginnen Unni Lindell, Karin Fossum und Anne Holt; wir sehen, dass auch mittelmäßige Autorinnen zu Bestsellerehren kommen können (aus purer Höflichkeit wollen wir hier keine Namen nennen), und die große Überraschung: Als wir vor einigen Jahren den Band Morde in hellen Nächten zusammenstellten, war es fast unmöglich, isländische Kriminalgeschichten zu finden. Isländische Kriminalliteratur gebe es nicht, so wurde uns beschieden, und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf Island lüden eben nicht zum Schreiben von Krimis ein, dies schrieb die angesehene isländische Tageszeitung »Morgunblaðið«. Jetzt, nur wenige Jahre später, hat die isländische Kriminalliteratur einen internationalen Star, Arnaldur Indriason, und im vorliegenden Buch stellt sich eine Reihe neuer Autorinnen vor, die zumeist erstmals ins Deutsche übersetzt worden sind. Das mit den gesellschaftlichen Verhältnissen blieb im besagten Artikel ein wenig rätselhaft, auch auf Island wird gemordet – allerdings ist dort, wie überall, der typische Mord wenig spektakulär. Gemordet wird aus Eifersucht, im Suff, im Suff aus Eifersucht oder ohne einen wirklich erkennbaren Grund, zum Beispiel, weil nach reichlichem Genuss von schwarz gebranntem Fusel zwei Leute aneinander gerieten, der eine zum Messer griff und nach Erwachen in der Ausnüchterungszelle nicht einmal mehr genau wusste, was ihn so erbost hatte. In einem Zeitungsinterview sagte Kim Småge auf die Frage, warum sie in ihrem neuen Roman einen Giftmord vorkommen lässt, obwohl in Norwegen seit über zehn Jahren schon keiner mehr vorgekommen sei, das liege einfach an der von ihr geplanten Handlung: Als der Vergiftete sein Leben aushaucht, dürfen keine Zeugen in der Nähe sein, und da macht, sich eine Messerstecherei eben schlecht. Und Anne Holt, ebenfalls nach dieser wenig inspirierenden Kriminalstatistik befragt, meinte nur, es langweile sie schon, über solche Morde in der Zeitung lesen zu müssen, da wolle sie nicht auch noch darüber schreiben. Unsere hier vorliegende Auswahl bringt hoffentlich ein breites Spektrum an echten und vermeintlichen Verbrechen jeglicher Qualität zusammen. Manche der hier vertretenen Autorinnen und Autoren sind dem deutschen Publikum bereits bekannt und vertraut, andere gilt es neu zu entdecken. Manche Namen fehlen, die wir gern dabei gehabt hätten. Das kann vielerlei Gründe haben: Einige schreiben einfach keine Kurzgeschichten; andere hatten keine Erzählung in der Schublade und wollten eine schreiben, die bei Redaktionsschluss aber noch nicht fertig war (und hoffentlich irgendwann in einem weiteren Krimiband erscheinen kann); einige Male fanden wir Geschichten, die dermaßen frappierende Übereinstimmungen in Mordwahl und Entwicklung aufwiesen, dass wir eine aussondern mussten. Dass Island und Norwegen bei der Auswahl besonders gut vertreten sind, liegt an praktischen Bedingungen: dem bereits erwähnten neuen isländischen Krimiboom und der Tatsache, dass Norwegen eine Art Kurzgeschichtenparadies ist, was gerade für Krimis gilt. Immer wieder erscheinen dort Sammelbände, die neue Kriminalgeschichten bekannter Autorinnen vorstellen, sogar Preise für die beste Kriminalgeschichte werden vergeben (Unni Nielsen ist hierzulande bisher vor allem als Jugendbuchautorin bekannt – und mit Preisen bedacht, in Norwegen dagegen heimst sie so ungefähr jeden Kurzgeschichtenpreis ein, der zu bekommen ist, eben auch für die hier aufgenommene Geschichte). Auf der anderen Seite des Skagerraks, in Dänemark, sieht die Lage dagegen ganz anders aus. So beklagt sich die Zeitung »Weekendavisen«, dass die Dänen hinsichtlich der Mordmeriten ihren skandinavischen Schwestern und Brüdern etwas hinterherlaufen. Leif Davidsen, hält fast allein noch die Stellung (nein, nein, es gibt noch andere, aber wen und wie viele?). Zumindest sind wir im südlichen Skandinavien nicht sehr fündig geworden, hoffen aber, dass sich diese Balance wieder einpendelt. Und auf den Färöern herrschen offenbar paradiesische Zustände: Unser Kontaktmann Jógvan Isaksen, selbst Krimiautor, musste passen – keine Gewalt auf den Schafsinseln. Ein Blick über die Ostsee nach Finnland zeigt, dass die Welt bei den Finnougriern auch nicht in Ordnung ist und sie genauso häufig ihre Mitmenschen ins Jenseits befördern wie ihre skandinavischen Nachbarn. Über Morde in hellen Nächten liest man jedes Jahr pünktlich zu Juhannus (Mittsommerfest) in den Zeitungen, wenn von unnatürlichen Todesfällen berichtet wird: Entweder hüpfen die Finnen sturztrunken direkt aus der möckieigenen Sauna in den dazugehörigen See und ertrinken, oder sie zücken im Suff ihren Pukko (Finndolch) und stechen einen vermeintlichen Nebenbuhler ab. Das lässt sich natürlich wunderbar literarisch verarbeiten. Die ersten Kriminalfälle der finnischen Literatur, die auf wahren Begebenheiten beruhen, stammen von einer Frau. Minna Canth (1844-1897), Journalistin, Dramatikerin, Geschäftsfrau und verwitwete Mutter von sieben Kindern, beschreibt im Schauspiel Anna-Liisa (1895) einen Kindsmord, zu dem ein junges Mädchen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse getrieben wird. Hier wie in anderen Werken übt sie lange vor Sjöwall/Wahlöö starke Sozialkritik. Nach Minna Canth fand ganz lange kein nennenswertes literarisches Morden statt. Dennoch wird der Beginn der finnischen Kriminalliteratur auf das Jahr 1910 festgelegt. Ihr bekanntester Vertreter ist Mika Waltari (1908- 1979). Er erzielte internationale Anerkennung durch seine historischen Romane, vor allem durch Sinuhe, der Ägypter. Das Werk wurde sogar 1954 in Hollywood verfilmt. Nach dem Vorbild der amerikanischen Klassiker Raymond Chandler und, Dashiell Hammett verfasste er Kriminalromane. 1938 gewann Waltari mit dem Roman Kuka murhasi rouva Skrofin? (Wer ermordete Frau Skrof?) den finnischen Preis in einem gesamtnordischen Krimiwettbewerb. Seine Karriere als Krimiautor war allerdings schon nach drei Romanen beendet, diese zählen aber nach wie vor zu den finnischen Krimiklassikern. Auch Waltaris Kommissar Palmu ist wie seine amerikanischen Kollegen der einsame Wolf auf Mörderjagd im Sumpf des Verbrechens, und die Frauen sind nur schmückendes Beiwerk im Hintergrund, von Sozialkritik keine Spur. Dabei bleibt es vorerst auch bei Vertretern der nächsten Generation wie Matti Yrjänä Joensuu, Pentti Kirstilä und Reijo Mäki, wenn auch von Sjöwall/Wahlöö inspiriert. Erst Eeva Tenhunen durchbricht mit ihrer Heldin Liisa, der Hauptfigur ihrer zahlreichen Krimis, endgültig diese Männertradition. Aber der Kriminalroman von Frauen ist in Finnland keine Neuerscheinung. Nach zaghaften Anfängen in den vierziger Jahren bringen in den folgenden Jahrzehnten Schriftstellerinnen anderer Genres wie Aila Meriluoto und Eeva-Liisa Männer verstärkt Frauenkrimis auf den Markt. Neben Sirpa Tabet lässt auch Anja Snellman ihre Rachegöttinnen gewissenhaft und grausam im Norden morden. Die finnischen Crime-Ladys erobern in den neunziger Jahren endgültig das Feld. Leena Lehtolainen schreibt sich mit ihren Kriminalromanen um die Kommissarin Maria Kallio an die Spitze der Gattung. Marita Gleisner ist die erste finnlandschwedische Krimiautorin. In den letzten Jahren ist die Zahl der Gewaltverbrechen auch in Finnland gestiegen, und die internationale Kriminalität hat Fuß gefasst. Diese Entwicklung spiegelt sich in Kriminalromanen etwa bei Reijo Mäki, Juha Numminen und Harri Nykänen, ebenso wie beim Krimi-Newcomer Taavi Soininvaara wider. Das Gesamtbild des finnischen Kriminalromans der letzten Jahrzehnte ist bunt: Das Spektrum der Neuerscheinungen reicht, vom realistischen Polizeiroman über die Privatdetektivgeschichte bis hin zum Action-Thriller und sogar historischen Roman. Aus all der Vielfalt von Geschichten über das Morden im Norden haben wir Herausgeberinnen eine kleine, aber feine Auswahl getroffen in der Hoffnung, dass sie den Lesenden hin und wieder einen kalten Schauer über den Rücken treibt oder sie gar das Gruseln lehrt. Die Herausgeberinnen,

Logenplatz Ann-Christin Hensher

Christina Almark war davon überzeugt, dass sie Sebastians Tod niemals verwinden würde, auch wenn sie gelernt hatte, damit zu leben. In etwas mehr als zwei Wochen, am 7. Juni, würde es vier Jahre her sein, dass er von ihrer Seite gerissen worden war. Noch kurze Zeit zuvor hatte sie endlich Hoffnung gehabt, er werde sich wieder fangen. Werde dem Leben eine zweite Chance geben. Es war eine entsetzliche Zeit gewesen, wie sie sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind wünschte. Ein stetiges Auf und Ab aus Hoffnung und Verzweiflung, endend in einer aus Versehen eingenommenen Überdosis. Und dann war sie allein gewesen. Ein Versehen. Natürlich handelte es sich um ein Versehen. Christina konnte nicht glauben, dass er es so gewollt hatte. Ihr geliebter Junge konnte doch keine Todessehnsucht gehegt haben, auch nicht nach seiner Verwandlung in einen gebrechlichen Schatten seines früheren Ich. Er war achtzehn Jahre alt geworden. Eine liebevolle, aber verwirrte Seele. Ihr Alles. Eine niemals versiegende Quelle grenzenloser Liebe und bodenloser Verzweiflung. Sie waren allein gewesen, schon seit seiner Geburt. Sebastians Vater Valdemar war nur eine belanglose Parenthese, seine einzige gute Tat im Leben war es gewesen, Christina zu schwängern. Die Ehe war eigentlich schon zu Ende, noch ehe der Brautwalzer verklungen war. Valdemar war pflichtschuldigst zur Beerdigung gekommen. Sie hatte ihm schweigend den Rücken zugekehrt. Seither hatte sie kein Wort mehr von ihm gehört. Und das war nur gut so. Wenn sie schon früher keinerlei Gemeinschaft gehabt hatten, wozu jetzt damit anfangen, wo ihr einziger Grund zur, Kommunikation nicht mehr da war. Besser, sie wühlten nicht in der alten Asche nach einer längst erloschenen Glut. Valdemar war ein Taugenichts, auf den sie gut verzichten konnte. Wenn sie es sich damals hätte leisten können, hätte sie gern auf seine Unterhaltszahlungen verzichtet, einfach um nichts mehr mit ihm zu tun haben zu müssen. Mit einem mittelmäßigen Mitglied einer Tanzkapelle, das das Wort »Treue« nicht einmal buchstabieren konnte. Dass sie selbst Scheuklappen getragen und nicht hatte sehen wollen, dass Sebastian in rasantem Tempo immer tiefer im Drogensumpf versank, war ihr nur zu bewusst. Sie machte sich immer wieder Vorwürfe, weil sie die Gefahr zu spät erkannt hatte. Aber andererseits, als ihr dann endlich die Erkenntnis gekommen war, hatte sie sich wirklich alle Mühe gegeben, um ihm zu helfen. Er hatte ihr Versprechungen und Lügen aufgetischt. Wenn sie nur nicht so unendlich gutgläubig gewesen wäre, dann könnte er jetzt noch am Leben sein. Sie fühlte sich grenzenlos schuldig. Im Nachhinein konnte sie nicht begreifen, wie es ihr möglich gewesen war, die Signale so vollständig falsch zu deuten, wo er doch jedes Anzeichen von Sucht gezeigt hatte, das es überhaupt gab. Als ihr der Ernst der Lage endlich bewusst wurde, mobilisierte sie ihre ganze Kraft und all ihre Kontakte, um Betreuung für ihn zu organisieren. Aber es war misslungen. Für immer würde sie mit der Schuld leben müssen, nicht genug getan, ihm nicht geholfen zu haben. In der letzten Zeit war er ihr aus dem Weg gegangen. Vielleicht hatte er Angst gehabt, sie könne seinen Rückfall bemerken und versuchen, ihn ein weiteres Mal in die Therapie zu zwingen. Falls die Entzugsklinik ihn überhaupt genommen hätte. Wahrscheinlich nicht. Alles war so entsetzlich schnell gegangen. In so kurzer Zeit, dass sie die Tage hätte zählen können, wenn sie genug Kraft besessen hätte, hatte er sich abermals aus einem lebensfrohen, wenn auch ein wenig schüchternen jungen Mann in einen trüben, unzulänglichen, Schatten verwandelt. Nach der Beerdigung hatte sie ihre Stelle als Narkoseschwester gekündigt. Sie konnte die vielen teilnahmsvollen Blicke und die zaghaften Tröstungsversuche nicht ertragen. Jede Erinnerung wurde ihr zur Qual. Ein glatter Schnitt war die einzige Lösung. Sie bewarb sich in Kalmar um den Posten einer Schulschwester und wurde auch angenommen. In dieser Stadt kannte sie keine Menschenseele und, wichtiger noch, niemand hatte Sebastian gekannt. Zu der Stelle gehörte auch eine Dienstwohnung. Ein frisch renoviertes Apartment mit einem kleinen Balkon, auf dem sie bei gutem Wetter gern nach Feierabend saß. Der Balkon schaute nach Westen, und deshalb hatte sie Nachmittagssonne. Schon im ersten Frühling ließ sie den Balkon verglasen und mit praktischen Schiebetüren versehen, sodass sie selbst bei starkem Wind draußen sitzen konnte. Es kam vor, dass sie auch im Winter mit ihrer Kaffeetasse hinausging. Dann allerdings brauchte sie einen Mantel und eine Wolldecke, die sie über ihre Beine legte. An diesem Tag war keine Decke nötig. Die Maiwärme lag wie ein Deckel über der ganzen Stadt, und die Parks hatten sich schon in tiefes Grün gehüllt. Die Kinder waren frühlingsmunter und unkonzentriert. Sie wollten hinaus an die frische Luft und gaben sich alle Mühe, um der Schule zu entkommen und nach Hause geschickt zu werden. Aber jetzt, wo es nicht mehr so wichtig war, entging Christinas Aufmerksamkeit nichts. Sie betonte häufig, und das nicht ohne Stolz, dass das Kind noch nicht geboren sei, das sie hinters Licht führen könnte. Sie war steinhart. Wenn sie kein Fieber hatten und keine akuten Symptome einer lebensgefährlichen Krankheit aufwiesen, dann klebte sie ihnen Pflaster auf und stopfte sie mit Aspirin voll. Im günstigsten Fall durften sie auf dem Sofa den ärgsten Schulüberdruss wegschlafen, dann wurden sie ins Klassenzimmer zurückgeschickt. Es bedeutete für Christina, seltsamerweise eine gewisse Befriedigung, von jungen Menschen umgeben zu sein, auch wenn sie dadurch immer wieder an Sebastian erinnert wurde. Solange sie jedoch nicht über die Vergangenheit sprechen musste, konnte sie durchaus weiterleben. Oder zumindest funktionieren. Es musste die Hitze gewesen sein, die sie auf die beiden Männer aufmerksam machte, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Bank näherten. Sie fragte sich noch, warum um alles in der Welt sie bei diesem Wetter Mützen trugen, da wusste sie die Antwort auch schon. Sie wollten die Bank überfallen. Sie zogen sich die Hasskappen in dem Moment übers Gesicht, als sie die Türen aufschossen. Christina konnte in der Hand des einen Mannes die Waffe gerade noch ahnen, dann stürzte sie ins Haus und alarmierte die Polizei. Danach ging sie wieder auf den Balkon hinaus, um die Sache zu verfolgen. Schon nach einigen Minuten hörte sie ein Martinshorn. Kalmar war eine kleine Stadt, in der ein Banküberfall nicht zur Alltagskost zählte. Zwei Streifenwagen fuhren in hohem Tempo vor und hielten in einer Art Halbkreis vor der Bankfiliale. Vor Adrenalin strotzende Polizisten sprangen heraus, bereit, ihr Bestes zu geben, um die Gesellschaft zu schützen. Geduckt, doch zugleich geschmeidig wie eine Katze, näherte einer sich dem Eingang, um sich einen Überblick über die Vorgänge im Inneren der Bank zu verschaffen. Christina beobachtete gebannt das Schauspiel von ihrem Logenplatz aus. Jede Bewegung, jede Veränderung im Verlauf der Ereignisse schien allein für sie inszeniert worden zu sein … Ein innerhalb der Bank abgefeuerter Schuss steigerte die Spannung. Sofort änderte sich das Szenario draußen auf durchgreifende Weise. Immer mehr Streifenwagen kamen dazu. Medienvertreter versuchten, sich vorzudrängen, um Bilder zu machen und die Sensation auszukosten. Kugelsichere Westen. Gab es in Kalmar so etwas überhaupt? Geschützte Brustkörbe, mit verletzlichen Köpfen über durchtrainierten Schultern. Junge Polizisten, eifrig wie Statisten in einem Actionfilm. Per Megafon wurden nun einseitige Verhandlungen aufgenommen. Christina fiel auf, dass der Beamte, der die Bankräuber zum Aufgeben überreden wollte, um einiges älter war als seine Kollegen. Seine gemächliche småländische Aussprache nahm der Situation ein wenig von ihrem Ernst. Dann ging ihre Türklingel. Sie brachte es jedoch nicht über sich, ihren Logenplatz zu verlassen, um aufzumachen. Ohne Vorwarnung kam einer der Bankräuber aus dem Gebäude. Vor sich her stieß er eine Frau, die er an der Kehle gepackt hatte und der er einen Pistolenlauf gegen die Schläfe drückte. Die Frau schrie vor Angst auf, als sie die vielen auf sie gerichteten Waffen sah. »Lassen Sie die Geisel los, dann werden wir uns schon einigen. Machen Sie Ihre Lage doch nicht noch schlimmer, als sie ohnehin schon ist!«, rief der Verhandlungsführer. Wenn sich diese Szene auf dem Fernsehbildschirm abgespielt hätte, dann hätte Christina zweifellos einen anderen Sender eingeschaltet. Jetzt aber saß sie wie erstarrt da. Das kann doch einfach nicht gut gehen. Nie im Leben kommen die lebend da raus, dachte sie entsetzt. Diese vielen Waffen. Die Spannung, die Angst und die Nervosität. Eine unvorsichtige Bewegung, und dann könnte alles passieren. Jetzt kam auch der zweite Bankräuber zum Vorschein. Offenbar hatte die Filiale nicht besonders viel Bargeld aufbewahrt – die Tasche, die über seiner Schulter hing, sah jedenfalls fast leer aus. Er schwenkte drohend etwas, das Christina für eine Automatikwaffe hielt. Plötzlich ging ihr auf, dass sie auf ihrem Balkon vielleicht doch nicht so geschützt war, wie sie geglaubt hatte. Trotzdem beugte sie sich vor, um ja nichts zu verpassen., Brüllend stieß der Bankräuber seine Geisel auf einen Streifenwagen zu. Er schien außer sich vor Angst zu sein. Hatten sie denn kein Fluchtfahrzeug? Die Frau stolperte und entglitt seinem Zugriff. Ein Schuss dröhnte. Gefolgt von zwei Sekunden erstarrten Schweigens, dann hallten zwischen den Fassaden wütende Kommandorufe wider. Ein Moment des Chaos und der Verwirrung. Die beiden Bankräuber und ein Polizist lagen blutend in einem Inferno aus Lärm und Furcht da. Die Geisel lehnte sich an einen Mann, der ihr unbeholfen den Rücken streichelte. Vielleicht war es ihr Mann. In der Ferne waren die Sirenen von Krankenwagen zu hören. Irgendwer riss den Bankräubern die Mützen vom Kopf und entblößte ihre Gesichter. Christina rang um Atem. Großer Gott. Das waren doch Kinder. Sie waren nicht älter, als Sebastian gewesen war. Die Abendnachrichten berichteten ausführlich über den Banküberfall. Alle Welt schien diese Vorfälle kommentieren zu wollen. Am meisten kam der verletzte Polizist zu Wort. Mit allem Recht. Er war schließlich der Held des Tages. Einer der Bankräuber, der neunzehnjährige Henrik Johansson, war auf der Fahrt zum Krankenhaus gestorben. Der andere, dessen Name aus irgendeinem Grund nicht bekannt gegeben wurde, hatte nur leichtere Schussverletzungen davongetragen, hieß es. Christina fühlte sich von ihren Gewissensbissen wie vernichtet. Wenn sie sich nicht eingemischt hätte, wäre die Polizei nicht gekommen. Und dann hätte es keinen Schusswechsel gegeben. Die Jungen wären mit der Beute entkommen und hätten sich vermutlich früher oder später verraten. Und dann wären sie festgenommen worden, aber niemand wäre zu Schaden gekommen. Henrik würde noch leben. Seine Mutter hätte ihren Sohn nicht verloren. Die arme Frau. Der Gedanke an Henrik Johansson ließ ihr keine Ruhe mehr. Gierig las Christina alles, was über den Banküberfall geschrieben wurde. Doch schon nach zwei Tagen war der Vorfall Schnee von gestern und wurde als kurze Notiz ganz, hinten in die Zeitung verbannt. Und durch solch eine kleine Notiz erfuhr sie, wann die Beerdigung stattfinden würde. Sie spürte, dass sie einfach hingehen musste. Die Kapelle war voll besetzt und mit jungen Birkenzweigen schön geschmückt. Der Sarg war weiß. Der erste Choral, der gesungen wurde, hieß: »Jetzt ist die Blütenzeit gekommen.« Eine Blütenzeit, die Henrik in dieser Welt nicht erleben würde, wohl aber im Himmelreich, wie der Geistliche freundlich verkündete. Denn auch die, die in ihrer jugendlichen Torheit einen Fehler begangen und gesündigt haben, sind in Gottes Reich willkommen. Nach der Trauerfeier versammelten sich alle vor der Kapelle. Dort umdrängten sie Eltern und Geschwister in traurigen Gruppen. Jugendliche, die einander umarmten und zu trösten versuchten. Ob die in Henriks Klasse gegangen waren? In einigen Tagen hätte er Abitur gemacht. Was hatte ihn zu dieser sinnlosen Tat veranlasst? Einen bisher nicht vorbestraften Jungen. Christina hatte gelesen, dass die Jungen die Waffen in einem Militärdepot gefunden hatten. Ein wahnwitziger Impuls hatte ihr Leben ruiniert. Eine kindische Fantasie über einen Luxussommer in Europa war ihnen plötzlich zum Greifen nahe erschienen. Was Christina überraschte, war die Haltung der Mutter. Trotz ihres tiefen Kummers strahlte sie ungebeugten Stolz aus. Sie schämte sich nicht. Sie wusste, dass sie ihr Bestes gegeben hatte, und deshalb war es nicht ihre Schuld, dass es so endete. Christina wusste nicht, ob sie sich in der Schlange der Kondolierenden anstellen sollte. Was hätte sie sagen sollen? »Ich saß gerade auf meinem Balkon und habe gesehen, wie Ihr Sohn erschossen worden ist. Ich war das, die die Polizei angerufen hat. Im Grunde ist also alles meine Schuld. Können Sie mir verzeihen?« Unmöglich. Wie hätte sie ihre Schuld erklären sollen? Sie drehte den Trauernden den Rücken zu und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto. Auf halbem Weg blieb, sie stehen, kehrte um und ging zurück. Die Trauergemeinde war kleiner geworden. Sie waren schon unterwegs zum Café. Für einen kurzen Moment stand die Mutter allein da. Isoliert in ihrer Verzweiflung. Das Vakuum, das sie umgab, war zum Anfassen kompakt. Christina fing ihren Blick ein und sah ein Spiegelbild ihrer Selbst. Wie hypnotisiert nahm sie die Hand der Frau und sagte: »Es tut mir so Leid für Sie. Auch ich habe erst kürzlich meinen Sohn verloren. Er war so alt wie Ihrer. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann würde ich das so gern tun.« Die Worte kamen ganz von selbst. Tief in den Augen der Frau glaubte sie einen Funken der Hoffnung zu erkennen. »Erzählen Sie mir, wie man die Trauer überlebt.« »Sprechen Sie darüber. Ich glaube, man muss über seine Trauer sprechen können, wenn man weiterleben will«, sagte Christina voller Überzeugung. In dem Moment, in dem sie diese Worte aussprach, wusste sie, dass sie sich selbst erlösen musste indem sie anfing, über Sebastian zu sprechen. Er war so unendlich viel mehr wert, als sie ihm in den letzten Jahren gegeben hatte. Sie hatte kein Recht, die Erinnerung an ihn zu verschweigen.,

Knud und der Kater Ditte Birkemose

Knud saß wie immer vor dem Fernseher im Sessel. Der Sessel war schon seit vielen Jahren speckig und zerschlissen, aber von einem neuen wollte er nichts hören, obwohl sie doch die Ledermöbel ihres Vaters geerbt hatten. Die standen in der Abstellkammer. Mit einem gereizten Ausruf ließ sie die Strümpfe in die Waschschüssel sinken, wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und griff zum Kessel. Es war kurz vor sieben, gleich würden die Fernsehnachrichten beginnen, und er wollte seinen Kaffee. An diesem Tag war er schlechter Laune. Es hatte Spaghetti gegeben. Seit er in Rente gegangen war, hatte er das Leben für sie unerträglich gemacht. Er setzte nur selten einen Fuß vors Haus; meistens saß er im Sessel und gab vor, die Zeitung zu lesen, während er sie in Wirklichkeit so beobachtete, dass es ihr nur noch unangenehm war und sie erst kürzlich beim Staubwischen fast die Vase von der Fensterbank geworfen hätte. Deshalb empfand sie es als Erleichterung, dass er zweimal pro Woche in seinen Dartsverein ging und sie sich in dieser Zeit ganz normal verhalten konnte. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, räumte sie das Geschirr in den Schrank, legte den Wischlappen in Chlorwasser und öffnete das Küchenfenster. Unten auf dem Hofplatz flickte Egon Sørensen das Fahrrad seines Enkels. Eines schmächtigen kleinen Jungen, nicht besonders hübsch und immer mit zerschrammten Knien, weil er auf seinen dünnen Storchenbeinen davonstakste und über jeden Strohhalm stolperte. Vielleicht stimmte in seinem Kopf etwas nicht, er lachte auch mehr, als er redete, aber was wusste denn sie. Ihr konnte es ja auch egal sein, aber die anderen aus der, Nachbarschaft wollten nicht mit ihm spielen. Kinder waren eben so, sie schienen Probleme zu wittern, wie die Tiere, die dann ihre Jungen aus dem Nest stießen. Sie hatte keine Kinder. Knud hatte keine gewollt. »Es gibt ohnehin schon Idioten genug auf der Welt«, hatte er immer gesagt. Vor sechsundzwanzig Jahren hatte sie auf seinen Wunsch hin eine Abtreibung vornehmen lassen, sie hatte sich einfach nicht wehren können. Eine verdammte Idiotin, das war sie gewesen. Eine verdammte Idiotin. Wütend kratzte sie sich am Arm. Monatelang hatte die Leere an ihr gezehrt, er aber war wie immer gewesen, hatte gelacht und geredet, als sei nichts passiert. Und jetzt war es zu spät, das war es schon lange. Sie nahm die Kaffeedose aus dem Schrank. Vor acht Jahren hatte sie dann die Katze bekommen. Einen kleinen schwarzen Kater, den sie Sofus genannt hatte. Das sei kein Name für einen Kater, hatte er gesagt, aber sie hatte nicht darauf geachtet, sollte er doch sagen, was er wollte. Schon am ersten Abend legte Sofus sich auf ihren Schoß und war weich und warm und fühlte sich wunderbar an. Und seither schlief er bei ihr. Jede Nacht. Knud mochte das Tier nicht, sagte aber nichts, seine Haltung strahlte es einfach aus. Wenn sie abends mit Sofus auf dem Schoß dasaß, glotzte Knud sie wütend an und schien sie für schwachsinnig oder für noch Schlimmeres zu halten. Aber sie hatte ihn durchschaut. Er war eifersüchtig. Saß da in seinem verdreckten Unterhemd und glotzte und war eifersüchtig. Und als der Kater größer wurde, entdeckte sie, dass Knud sich vor ihm fürchtete. Er hatte echte Angst, wie andere vor Spinnen, nur fürchtete Knud sich eben nicht vor Spinnen, sondern vor dem Kater. Das fand sie lustig. Manchmal freute sie sich fast darüber. Vor allem dann, wenn Sofus vor Knud saß und ihn aus seinen gelben Augen anstarrte und mit seinem glänzenden Fell und seinen großen Pfoten aussah wie ein Raubtier. Trotzdem wollte Knud den großen Tierfreund spielen, wenn auch nur dann, wenn sie Gäste hatten, was nicht oft vorkam. Dann aber war er zu heftig, der Kater fauchte ihn an,, und Knud war wütend, weil Sofus ihm nicht gehorchte. Aber so war das eben mit Katzen. Er glotzte den Fernseher an und grunzte irgendetwas, das sicher »danke« bedeuten sollte, als sie das Tablett mit Kaffee und Plätzchen vor ihn hinstellte. Sie öffnete ein Fenster, da es nach Zigarrenrauch und alten Socken stank, aber er hasste frische Luft, zumindest in der Wohnung. Sie zupfte ein verwelktes Blatt von einer Topfblume, lugte verstohlen zu ihm hinüber und wartete. Dann kam es. »Es zieht«, bellte er und schlürfte Kaffee. »Hier muss aber gelüftet werden.« Sie öffnete auch das Fenster im Erker, verließ das Wohnzimmer und ging zurück in die Küche. Dort blieb sie vor der Tür stehen und horchte. Sie hörte, wie er sich aus dem Sessel erhob und zuerst das eine, dann das andere Fenster unter lautem Fluchen zuknallte. Sie kicherte und brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, wie er jetzt aussah. Wütend und unzufrieden wie immer, wenn er nicht seinen Willen bekam. Das lag einfach an ihm, auch wenn er es in jungen Jahren besser getarnt hatte, jedenfalls zu Anfang. Mit der Zeit hatte sie ihn dann besser kennen gelernt. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, wenn sie sich weigerte, mit ihm zusammen »Mittagsschlaf« zu halten oder so, wurde er stumm und abweisend, ganz, als ob ihr das nicht schon seit langer Zeit egal wäre. Für wen hielt er sich eigentlich? Sie wrang die Strümpfe aus und wollte sie schon über dem französischen Balkon zum Trocknen aufhängen, überlegte es sich dann aber anders, ging ins Badezimmer, trat vor das Waschbecken und musterte ihr Spiegelbild. Sie sah jetzt alt und verhärmt aus, das stand fest, egal, wie hübsch und adrett sie sich auch kleiden mochte. Ihr Körper war nun einmal so, wie er eben war. Alt und verhärmt. Aber das konnte ja auch egal sein. Für wen hätte sie sich schön machen sollen? Für ihn vielleicht …?!, Dann richtete sie sich auf und strich ihre Schürze glatt. Früher hatte sie einmal recht gut ausgesehen. Natürlich war sie keine Schönheit gewesen, aber ja, sie hatte gut ausgesehen. Und Knud … Als sie ihn kennen gelernt hatte, hatte er in einem Lager gearbeitet, als Leiter, wie er sich nannte, und sie hatte sich sofort in ihn verliebt, das ging fast allen ihren Freundinnen so. Vor allem der Roten Lise, doch die war nicht sein Typ, denn sie war zu schlagfertig, auch wenn sie fesch aussah und genug Holz vor der Hütte hatte, wie man damals sagte, aber das hatte er sich wohl später noch zunutze gemacht, als sie innerlich ganz leer geworden war und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Damals war Knud ein hoch gewachsener dunkelhaariger Mann mit braunen Augen gewesen, von deren Blick ihr wirklich schwindlig werden konnte, aber da war sie offenbar nicht die Einzige. Mit den Jahren schien er mehr und mehr in sich zusammenzusinken, es ließ sich nicht leugnen, er sah jetzt dick und vierschrötig aus. Und vor allem langweilig. Aber ihr war das egal, auch wenn sie manchmal staunen konnte: Früher war er doch anders gewesen, von der Sorte, die nicht auf Bäumen wächst. Erst nach ihrer Heirat hatte sie erkannt, dass er Kinder nicht ausstehen konnte. Anfangs hatte sie mit ihren Freundinnen darüber gesprochen, und alle meinten, er werde sich an den Gedanken schon noch gewöhnen, viele Männer reagierten zuerst so. Jetzt sprach sie mit keiner mehr. Weder darüber noch über andere Dinge. Er rief. Ob im Kühlschrank noch kaltes Bier sei. Heb doch deinen fetten Hintern hoch und sieh selber nach, dachte sie und verließ das Badezimmer. In der Küche sah sie den leeren Fressnapf des Katers, sie hatte es einfach nicht über sich gebracht, den wegzuwerfen. Und jetzt stand er nutzlos in der Ecke. Wie hatte er das über sich gebracht? Sie öffnete den Kühlschrank und nahm ein Bier heraus, Rotes Tuborg, wie immer. Wie hatte er es über sich gebracht?!, Sie erinnerte sich an ihre Hochzeitsreise nach Österreich. Damals hatte er sie jeden Morgen mit einem kleinen Geschenk geweckt, einer Flasche Parfüm, einer Creme, und dann der goldenen Kette, die sie noch immer um den Hals trug. Er hatte sich wirklich um sie bemüht, anders konnte man das nicht ausdrücken. Aber er hatte immer etwas zurückgehalten, sie wusste nicht, was, aber es hatte sie traurig gemacht, vor allem in den ersten Jahren, wenn sie ihm sagte: »Ich liebe dich«, und er sich dann schlafend stellte oder einfach antwortete: »ebenfalls«. War so eine Antwort möglich? Liebte er vielleicht sich selbst, denn das musste er doch meinen, wenn er »ebenfalls« sagte, oder was? Wieder rief er. »Ich komm ja schon«, murmelte sie. Er packte die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Dann erhob er sich, reckte die Arme und gähnte. Sie stellte das Bier auf den Tisch und gab sich alle Mühe, ihn nicht anzusehen, es würde ja doch nichts ändern, und wozu sollte es auch gut sein! Sie wusste es schon, kannte ihn in- und auswendig, und wenn nicht sie, wer denn dann! Bald würde er die Tür zum französischen Balkon öffnen, sein Bier trinken und hinunter auf die Straße blicken. Autos und junge Mädchen anstarren. Das war seine Vorstellung von Freizeitgestaltung. Ihr fiel auf, dass die Vorhänge gewaschen werden müssten, denn oben am Fensterrahmen hing ein Spinngewebe, und deshalb ging sie in die Küche, setzte sich an den Tisch und starrte Löcher in die Luft. Sie hatte nämlich ihren Entschluss gefasst, als ihr das Verschwinden des Katers aufgefallen war. Sie wusste nicht, wie, aber sie hasste ihn, und das reichte. Es war ein Samstag, sie war in der Stadt gewesen, hatte gelbe Erbsen und sowohl frischen als auch geräucherten Speck gekauft, und einen Schnaps hatte es auch gegeben. Als sie nach Hause kam, war der Kater verschwunden. Knud hatte gesagt, er sei sicher aus dem Fenster gekrochen und über die Dachrinne, weitergelaufen. Um sich danach in Luft aufzulösen. Sie widersprach energisch. Was war das für ein Unfug, warum hätte Sofus das tun sollen? Er war daran gewöhnt, dass das Fenster offen stand … Knud hatte sie blöde angeglotzt und mit den Schultern gezuckt. Er hatte doch keine Ahnung von Katzen! Sie hatte überall gesucht, im Keller und im Hinterhof, aber niemand hatte Sofus gesehen. Am Ende war ihr dann aufgegangen, dass Knud es gewesen war. Sie hatte keine Ahnung, was er gemacht hatte, aber er war daran schuld, dass der Kater verschwunden war, daran bestand kein Zweifel. Es hätte sie gar nicht gewundert, wenn er ihn vergiftet und dann irgendwo draußen verscharrt hätte. Trotzdem ließ sie sich nichts anmerken und schwieg. Für den restlichen Tag war er ganz normal, und sie verbarg ihren Ekel, als er ihre Wange streichelte, was er sonst nie tat. Sie ging früh ins Bett und weinte sich in den Schlaf. Aber sie hätte die Sache nie geklärt, wenn sie nicht am nächsten Morgen entdeckt hätte, dass das Gitter des französischen Balkons auf der einen Seite locker saß. Sofort fiel ihr ein Film ein den sie irgendwann im Fernsehen gesehen hatte, mit Harvey Keitel oder vielleicht auch mit einem anderen, aber dann wusste sie den Namen nicht mehr. Es passierte ganz zufällig, als sie ihre Bettdecke auslüften wollte, weil die Fenster immer geschlossen waren und sie schwitzte. Knud lag schnarchend im Bett, wie das so seine Art war, so oft sie ihn auch bat, sich auf die Seite zu drehen, weil sie nicht einschlafen konnte, sondern fast die ganze Nacht hindurch wach lag. Sie untersuchte das Gitter und konnte den Gedanken nicht unterdrücken, dass es mit irgendeinem Werkzeug und etwas Kraft doch möglich sein müsste. Anfangs war es fast eine Art Spiel gewesen, aber sie merkte doch, dass es nach und nach ernst wurde, denn das Herz hämmerte in ihrer Brust, fast wie damals, als sie den Film gesehen hatte, und es war auf irgendeine Weise mindestens ebenso spannend., Am Mittwoch, Knuds Vereinsabend, hatte sie viel zu tun, es machte wirklich gewaltige Mühe, aber sie war doch fertig, als er nach Hause kam, und sie dachte, das war wirklich um Haaresbreite, und über diesen Ausdruck musste sie lachen – um Haaresbreite. Er hatte ein wenig gestaunt, als sie ihn mit Tee und Käsebroten erwartete. Wenn er nur anders gewesen wäre. Aber er war ziemlich angetrunken und wollte keine »Teeplörre«, wie er das nannte. Und dann dachte sie, er habe es eben so gewollt. Wenn er den Kater nicht umgebracht hätte, wenn er freundlich mit ihr geredet hätte, dann vielleicht … Vom Wohnzimmer her hörte sie ein Gebrüll. Sie atmete erleichtert auf und erhob sich. Jetzt war es überstanden. Das Gitter hing vor der Mauer nach unten. Vorsichtig trat sie näher und hielt den Atem an. Blut strömte aus seinem Kopf auf die Straße. Er lag mit dem Gesicht nach unten da, wie im Film, war das Harvey Keitel gewesen oder dieser andere … sie erstarrte. Nahm eine Bewegung wahr, auf der Straße, ein Stück von ihm entfernt. Wie einen kleinen schwarzen Schatten … und dann stürzte sie zum Erkerfenster, riss es auf und beugte sich hinaus. Es war Sofus!!! Der Kater blieb stehen und setzte sich nur einen Meter von Knud entfernt hin. Sofus schien zu ihr hochzuschauen. »Dummes Tier«, murmelte sie liebevoll. »Dummes, dummes Tier.« Die Tränen liefen ihr über die Wangen, der Knoten in ihrer Brust löste sich, und jetzt weinte sie laut vor Freude. Sie wischte sich mit der Schürze die Augen. Gott sei Dank …,

Das Klassentreffen Toril Brekke

»Das kann doch nicht sein!«, rief Kitt. Ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. »Wir sind zu einem Klassentreffen eingeladen, die ganze Grundschulklasse. Und die Einladung kommt von Sol.« »Von wem denn sonst«, murmelte Morgan. »Wer könnte denn sonst auf eine dermaßen hirnrissige Idee kommen?« »Der Engel Helle«, erwiderte Kitt trocken. Es war vierzig Jahre her. Damals waren sie vierzehn gewesen, mit fettigen Haaren und Pickeln. Kitt und Morgan waren als Einzige in ihrer Heimatstadt an der Küste geblieben. Zwei Jungen waren zur See gegangen, einer war Pilot bei der SAS, ohne das ewige Hin und Her zwischen den Erdteilen schienen sie nicht leben zu können. Ein Mädchen war Diplomatin geworden, zuletzt hatten sie von ihr gehört, als sie nach Harare versetzt worden war. Ansonsten konnten sie einen Busfahrer in der Hauptstadt aufweisen, eine Bauersfrau im Norden, einen Ingenieur bei einer englischen Firma und einen Tontechniker beim Rundfunk. Es kam ja vor, dass Kitt und Morgan irgendwelche Eltern trafen, da sie ja noch in dieser Stadt lebten, und dass sie ein wenig plauderten und Neuigkeiten erfuhren. Deshalb wussten sie, dass Helle einen Firmenchef aus der Segelbranche geheiratet hatte. Von Sol dagegen hatten sie keine Ahnung. Sols Familie hatte in der Stadt nur eine Brandruine hinterlassen. Fast vierzig Jahre lang hatte sich auf dem Grundstück die Wildnis ausbreiten können. Am Ende hatte es ausgesehen wie ein zwischen den anderen Villen in der Straße eingeklemmtes Stück Dschungel., Jetzt war der Dschungel verschwunden. An seine Stelle waren Rasenflächen und Blumenbeete, frisch gepflanzte Obstbäume und Sträucher getreten. Monatelang waren dort Baumaschinen und Bauarbeiter am Werk gewesen. Das neue Haus hatte keine Ähnlichkeit mit dem alten. Früher hatte hier ein zweistöckiges gelbes Holzhaus im Schweizer Stil gestanden. Das neue Haus war ein Bungalow mit weiter Grundfläche und hinten einem kleinen Anbau, es war weiß und hatte rosa Fensterrahmen. Das Grundstück lag zwischen zwei Parallelstraßen, und während die alte Auffahrt im Westen des Hauses gelegen hatte, hatten sie die neue in den Osten verlegt. Auf diese Weise hatte sie doch das Gefühl, an einem ganz neuen Ort zu wohnen, das hatte Sol zufrieden überlegt. Und die Rückkehr hatte sie wirklich glücklich gemacht. Wie ein fröhliches junges Mädchen hatte sie Waldemar durch die Straßen und den Hafen geführt. Er war doch noch nie hier gewesen. Und wie erwartungsvoll hatte sie sich mit Papier und Kugelschreiber hingesetzt, um die Namen von fünfundzwanzig Mitschülerinnen und Mitschülern aufzuschreiben. Sie hatte unfertige, junge Gesichter vor sich gesehen. Leuchtende Augen unter Strickmützen. Knochige, zerschrammte Knie. Der Junge mit den knochigen Knien hatte Morgan geheißen. Sol war einmal mit ihm und seinen Eltern Beeren pflücken gegangen. Sie hatten Eimer mit Blaubeeren gefüllt und an einem kleinen Waldsee Würstchen gebraten. Das Mädchengesicht unter der roten Mütze hatte einer gewissen Kitt gehört. Einmal hatten sie zusammen ein Schneehäuschen gebaut und eine Kerze hineingestellt. Sol konnte sich noch an das rosa Licht der Flamme erinnern, das durch den Schnee zu sehen gewesen war. Idylle. Und sie hatte notiert: Morgan, Sol, Kitt. Der Rest war mechanisch gefolgt, wie ein Wissen, das viele Jahre hindurch, geschlummert hatte. Sechsundzwanzig Jahre lang. Bei ihrer Einschulung waren noch zwei andere dabei gewesen, aber die waren unterwegs verschwunden. Idylle. Die hing zusammen mit dem Duft der Rosen im Garten ihres Elternhauses. Und der Erinnerung an die Schaukel, die an einem dicken Ast der Eiche hinter dem Haus hing. Und dem Gesicht ihrer Großmutter, die ihr durch das Fenster zurief: »Hallo, Herzchen, hattest du einen schönen Tag?« Alles stieg in Sol auf, der Duft der Waffeln mit frischer Erdbeermarmelade, das Gefühl der weichen Schnauze eines kleinen Pudels an ihrer Hand. Omas Waffeln. Omas Pudel. Die Großmutter war in dem Frühling gestorben, in dem sie die Grundschule beendet hatte, dem Frühling, in dem Sol vierzehn wurde. Die Großmutter war in derselben Nacht gestorben wie der Pudel, zusammen mit Sols Vater und ihrem kleinen Bruder. Es war wie ein Fingerzeig Gottes gewesen. Das Feuer. Der Tod. Wie ein Schwertstreich Gottes: das jähe Ende des Lebens in der Hafenstadt. Der Umzug, das neue Leben an einem anderen Ort. Es hatte nur noch Sol und ihre Mutter gegeben, und sie hatten nicht zurückgeblickt. Dazu waren sie erst später in der Lage gewesen. Und das, was sie dann gesehen hatten, war das, was Sol auch jetzt einfiel. Die Waffeln. Die Schaukel. Die Adresse, an der das Klassentreffen stattfinden sollte, hatte Kitt und Morgan stutzen lassen. Deshalb waren sie einige Wochen vorher mit dem Rad ans andere Ende der Stadt gefahren. Und sie hatten den Bungalow zwischen den Parallelstraßen liegen sehen. Und das Schild neben der Tür des Anbaus: Sol Vatne. Psychologin. Morgan lachte laut. »Meine Rede. Die Leute studieren Psychologie, um ihre eigenen Traumata in den Griff zu bekommen!« »Dann hätten wir allesamt Psychologie studieren müssen«,, erwiderte Kitt trocken. Sie war ebenfalls Psychologin. Und sie hatte unendlich viel Zeit gebraucht, um die sieben Grundschuljahre zu bearbeiten und zu begreifen. Es hatte drei Haupträtsel gegeben: Helle, Sol und die anderen. Und es hatte schon am allerersten Tag angefangen, als sie das Klassenzimmer betraten und als die Lehrerin auf die Tafel zeigte. »Wer lesen kann, was hier steht, soll aufzeigen«, hatte sie gesagt. Sol hatte aufgezeigt. Helle hatte laut und glücklich gerufen: »Willkommen!« Aber die Freude darüber, diejenige zu sein, die laut und richtig rufen konnte, erlosch, als die Lehrerin vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und sich an Sol wandte: »Sag du es, Liebes, wo du doch so brav aufgezeigt hast!« Ob wohl alles anders gekommen wäre, wenn das nicht passiert wäre? Kitt sah sie vor sich. Helle, sieben Jahre alt. Einen kleinen Menschen in rosa Rock und Sandalen. Mit knallblauen Augen und einem von goldenen Engelslocken umrahmten Gesicht. Eine kleine Prinzessin. Ihr Vater hatte im Werk gearbeitet. Er hatte seine Tochter angebetet. Das hatten wohl beide Eltern getan. Und Helle hatte zwei ältere Brüder, die sie wie ein Maskottchen in der Stadt herumschleppten. Sie war also ein geliebtes Kind gewesen. Und vermutlich der Mittelpunkt ihrer Familie. In erwachsenem Alter hatte Kitt sich vorgestellt, wie Helles demütigender erster Schultag weitergegangen war. Sie hatte die erbosten Stimmen gehört, eine Mutter, einen Vater und zwei Brüder, die die Gefallene aufhoben. Die Mutter war ja dabei gewesen, schließlich drängten sich am ersten Schultag in allen Klassenzimmern hinten die Eltern. Und sie hatten gespottet: »Schule! Pauker! Snobs! Furien!« Und sie hatten gesagt: »Aber du wirst es ihnen zeigen, Helle. Du bist schließlich tüchtiger als alle anderen., Niemand wird auf einer von uns herumtrampeln. Und schon gar nicht die Tochter des Oberlehrers!« Am nächsten Tag hatte Helle ein Sprungseil mit in die Schule gebracht. Alle, die Lust hatten, durften springen. Helle schlug das Seil, zusammen mit irgendeiner anderen. Und immer, wenn Sol sprang, hatte Helle das Seil gespannt, sodass Sol hängen blieb. »So eine ungeschickte Person kann nicht mitmachen, das musst du doch einsehen«, urteilte Helle. »Vielleicht hast du zu große Füße!« Auf diese Weise wurde die Tochter des Oberlehrers zu Sol mit den großen Füßen. Bald war sie außerdem das Goldkind und die Schleimepuppe. Zwischendurch war sie das blöde Mondgesicht. Und das alles hatte Helle mit überaus vernünftiger, altkluger Stimme erklärt, wie eine Aufzählung von Tatsachen: »Wir wollen mit keiner Schleimerin zusammen sein, das musst du doch einsehen.« »Aber ich schleime doch gar nicht«, protestierte Sol. »Ich kenne die Lehrerin eben. Ich kenne sie schon lange.« »Hilft nichts«, sagte Helle. »Man darf keine Lehrerin haben, die man schon lange kennt. Dann muss man eben auf eine andere Schule gehen. Alles andere wäre ungerecht.« »Aber so weit kann sie doch nicht laufen«, hatte eine andere eingewandt. Hanne vielleicht? Die dafür bald bestraft worden war, das fiel Kitt jetzt ein. Die altkluge, entschiedene Stimme tauchte vor Sols innerem Ohr auf, als sie in ihrem Bungalow saß und sich das Menü ausdachte. »Hanne ist leider ein wenig übergewichtig. Das liegt sicher an dem seltsamen Proviant, den sie in die Schule mitbringt.«, Und die kleine Besitzerin dieser Stimme tauchte in ihrer ganzen reizenden Erscheinung vor ihr auf. Die Prinzessin. Der Engel, so hatten sie sie genannt. So eine gibt es in fast allen Klassen, das wusste die Psychologin Sol. Eine Schülerin, die deutlicher ist als die anderen. Schöner. Tüchtiger. Dominant. Dominanz muss nicht unbedingt negativ sein. Sie kann andere einbeziehen und freigebig sein, verbunden mit positiver Aktivität. Sie ließ die altkluge Stimme noch einmal ablaufen: Hanne ist leider ein wenig übergewichtig. Das liegt sicher … Sie hatte das Gefühl, die Tür zu einem Guckkasten zu öffnen und eine Schwelle zu überschreiten. Sol spürte die Sonne, die ihre bloßen Arme auf dem Weg zwischen Neubausiedlung und Schulhof wärmte, sie nahm den bitteren Geruch des Ackersenfs am Wegrand wahr, und sie sah Helle mit den Engelshaaren, die fragte: »Was hast du eigentlich auf deinem Brot, Hanne? Das sieht doch komisch aus.« »Euter.« »So was können Menschen doch nicht essen! Überleg doch bloß, wo es herstammt!« Dann tauchte vor Sol ein trauriges Jungengesicht auf. Der Junge hieß Ragnar und hatte beim Schulorchester Trompete gespielt, bis der Engel ihn davon abgebracht hatte. »Ich glaube eigentlich, dass du in kein Orchester gehörst«, hatte sie gesagt. »Wieso nicht?« »Du spielst so langsam. In einem Orchester müssen alle gleich schnell spielen, weißt du.« Sol lächelte. Es hatte doch gestimmt! Irgendwer war immer hinter den anderen hergezockelt, es war eine Qual für alle gewesen. Der Dirigent hatte geschimpft und wütend seinen, Taktstock geschwenkt, aber wer eingegriffen hatte, war Helle. Sie hatte den Schuldigen ermittelt und ihm die Leviten gelesen. Was wohl aus ihr geworden ist, überlegte Sol, als sie in ihrem neuen Haus am Computer saß und die Einladung schrieb. Politikerin vielleicht? Aber nicht auf Landesbasis, das hätte sie doch gewusst. In der folgenden Nacht träumte Sol von einem Kuss. Es war Winter, und sie lief mit einem großen, dunklen Jungen durch den Schnee. Er hieß Karl-Erik. In der siebten Klasse hatten sie nebeneinander gesessen. Er hatte dunkle Locken und einen langen Schal. Dann küssten sie sich, unter einem verschneiten Baum. Und Karl-Erik hatte ihnen beiden den langen Schal um den Hals gewickelt. Am nächsten Morgen rannte sie zur Schule, um ihn zu sehen, um vielleicht auf dem Schulhof seine Hand zu halten. Doch als sie ihn entdeckte, schaute er in eine andere Richtung. Er war beschäftigt. Er spazierte Arm in Arm mit dem Engel über den Schulhof. Im Traum erinnerte Sol sich daran, wie ihre Enttäuschung in Resignation umgeschlagen war, denn wenn der Engel einen Jungen wollte, dann hatte keine andere eine Chance … War es so gewesen? Ja, sicher, dachte sie am nächsten Morgen überrascht. Sie hatte es einfach vergessen. Die ganze Kindheit befand sich hinter einer Wand. Einer Wand aus Flammen. Sie hatte sie nicht für wichtig gehalten, in ihrer Selbsttherapie. Sie hatte sich auf den Brand konzentriert. Eine kleine Psychopathin, zu diesem Ergebnis war Kitt gekommen. Ein infernaler kleiner Machtmensch, mit niedlichen Kleidern in Rosa und Pastell. Freundlich und munter hatte sie sie alle gelenkt, hatte sie weggeschoben und zu sich gelockt, hatte gesagt, was ihr passte, hatte verurteilt und gleichsam gute Ratschläge erteilt. Sie hatte Freund gegen Freund aufgestachelt, Gruppe gegen Gruppe. Sie hatte sie dazu gebracht, einander zu, quälen, einander aufzuziehen, einander sogar Schmerz zuzufügen. Und meistens war das unter dem Vorwand irgendeines Wettbewerbs geschehen. Kitt erinnerte sich an Geheul und Geschrei, an Weinen und Streit. Helle hatte sich nie gestritten. Sie hatte nur selten die Stimme gehoben. Sie hatte nur ihre Meinung gesagt, freundlich und bestimmt. Sie hatte sich nicht am Wettbewerb beteiligt, sie hatte ihn ausgerufen und als Schiedsrichterin fungiert. Kitt erinnerte sich an Sols neugierige Miene, als zwei Jungen einen dritten gezwungen hatten, aus einer am Wegrand gefundenen Flasche zu trinken. Und ihren forschenden Blick, als sie einen Wurf kleiner Katzen zu Tode gequält hatten. Einige andere hatten sich erbrochen. Helle nicht. Jetzt sind wir erwachsen, dachte Sol. Für einen Moment ging in ihr auf, dass sie mit dem Klassentreffen vielleicht einen Hintergedanken verband, mehr als nur die Überlegung, dass es nett sein könnte, alte Bekannte wiederzutreffen. Vielleicht hatte sie gehofft, die Leerstellen in ihrer Erinnerung zu füllen. Dann kam der Tag. Es war ein schöner Spätsommertag. Eine ihrer Töchter stand mit einem Tablett mit dem Willkommensdrink bereit, die beiden anderen waren mit Kochen beschäftigt. Die Gastgeberin selbst empfing die Gäste gleich am Tor, sie trug eine gelbe Bluse über einem weinroten Rock. Bald kam das erste Taxi, gleich darauf noch zwei. Fremde Menschen stiegen aus, Menschen mittleren Alters, die sich fein gemacht hatten. »Ach, wie schön, dich zu sehen!« »Bist du das wirklich, Sol? Wie gut du aussiehst!« »Danke gleichfalls.« »Und dass du uns alle gefunden hast …«, »Das war gar nicht einfach. Das Einwohnermeldeamt hat Wochen gebraucht …« »Ich kann mich an den schrecklichen Brand erinnern …« »Das können wir doch alle. So hat sie doch geendet, unsere Grundschulzeit. Es war einfach grauenhaft. Und natürlich musstest du uns zusammenrufen, nach allem, was damals passiert ist. Den vielen Gerüchten …« »Kommt der Engel eigentlich?« »Ja.« »Dass sie sich traut!« Sol schaute verwirrt in die vielen Gesichter, die unter einer grauen oder schwarzen, roten oder blonden oder gestreiften Frisur etwas vage Bekanntes zeigten. »Gerüchte? Nach dem Brand?« Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete sie die Menschen, mit denen zusammen sie Kind gewesen war. Frauen in hellen Sommerkleidern und leichten Schuhen. Männer in kurzärmligen Hemden. Nur einigen von ihnen konnte sie Namen zuordnen. Und dann fiel ihr plötzlich ein Bootsausflug zu einer Insel ein. Raymond wäre fast ertrunken. »Wieso denn?« »Ist der Engel hier?«, fragte eine Stimme lauter als alle anderen. Sol kniff wieder die Augen zusammen. Konnte Helle gekommen sein, während sie die Blumen ins Haus gebracht hatte? Für einen Moment dachte sie an den ersten Schultag. Helle war so niedlich gewesen! Und so traurig, weil sie nicht begriffen hatte, dass sie aufzeigen musste, ehe sie etwas sagte. Sol hatte es an diesem Tag beim Essen zu ihrem Vater gesagt, die Lehrerin hätte am ersten Tag nicht so streng sein sollen. Nicht alle hatten ja einen Oberlehrer zum Vater und wussten deshalb, was sich in, der Schule gehörte. Und Sol fiel ein, was sie an diesem ersten Tag noch gedacht hatte. Sie hatte gedacht, dass sie gern mit dem Mädchen in dem rosa Kleid befreundet sein wollte. Aber Helle hatte das nicht gewollt. Sie sah alles ganz deutlich vor sich, sie saß mit ihren Eltern am Tisch, sie sprachen darüber, dass die Leute eben unterschiedlich waren, und dass Helle nicht mit ihr befreundet sein wollte, liege daran, dass ihre Eltern so unterschiedlich waren. Viele bringen einem Oberlehrer großen Respekt entgegen, weißt du, hatte ihre Mutter erklärt. Und deshalb bleiben sie auf Distanz. Sol musterte die große, schlanke Frau, die eben nach dem Engel gefragt hatte. Sie hatte kohlschwarze Haare. Hatte eine aus ihrer Klasse solche Haare gehabt? Vielleicht waren sie gefärbt. Plötzlich erkannte Sol die andere. Es war Hanne. Die rundliche Hanne, die Euter auf ihrem Brot gehabt hatte. Jetzt war sie schlank und elegant. Und Sol sah ihr nach, als sie vor der Hecke über den Plattenweg ging. Sie ist ein ganz anderer Mensch geworden, überlegte sie. Hat keine Angst mehr. Angst? Morgan betrachtete die Gastgeberin. Am Vorabend hatte er sich alte Fotos angesehen, um die anderen zu erkennen. Und das war dann kein Problem gewesen. Er sah zu Sol hinüber, die noch immer auf der Terrasse stand. Wie eine Galionsfigur, dachte er. Eine Galionsfigur für das neue Haus. Einmal war er in sie verliebt gewesen. Wie sein bester Freund. Und auf der Schlittschuhbahn hatte Karl-Erik nach ihrer Hand gefasst. Aber dann war etwas dazwischen gekommen. Eine Intrigantin. Eine, die es nicht ertragen konnte, dass auch anderen Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Fotze, dachte Morgan trocken. Er dachte daran, wie der Engel nach dieser Episode schlimmer denn je gegen die Tochter des Oberlehrers gestichelt hatte. Sie, hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Sol vor den Klassenarbeiten die Aufgaben immer schon kannte. Am Abend vor einem Examen brachte Helle einige andere dazu, Sol zu überfallen und in eine alte Pfadfinderhütte zu schleppen. Die Gefangene war durchsucht worden, zuerst mit Kleidern, dann ohne. Splitternackt war sie schikaniert worden, damit sie gestand. Morgan musste die Augen niederschlagen. Er war auch dabei gewesen. Er hatte geglaubt, dass sie die Aufgaben kannte. Natürlich war das nicht der Fall gewesen. Etwas wuchs in Sol, etwas drohte, ihre Brust zum Bersten zu bringen. Es kam durch den Anblick der anderen, durch die ausweichenden Blicke. Sogar, als sie ihr die Hand gegeben hatten, waren ihre Blicke flüchtig gewesen, als seien sie allesamt schüchtern und gehemmt oder als schämten sie sich. Und nachdem sie sie begrüßt hatten, ließen sie sie stehen. Niemand kam von selbst zu ihr herüber. Als ob niemand sie leiden könnte. Aber sie war ja auch die Tochter des Oberlehrers gewesen. Sicher stammte sie von damals, diese Unsicherheit der anderen. Weil sie so tüchtig gewesen war. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie eine Zeit lang Matheaufgaben ganz bewusst falsch gelöst hatte, damit … damit Helle sie leiden könnte, denn dann wäre Helle die Einzige, die alles richtig machte. Und das Gesicht der anderen wurde deutlich. Nicht niedlich. Nicht schön. Nur beängstigend voll von … Hohn? Hass? Sol keuchte auf. Weitere Bilder tauchten auf. Begleitet von fliegender Hitze, und sie wich zurück, ins Wohnzimmer. Sie ging weiter in die Küche, wo die Teller mit dem Roastbeef unter Plastikfolie standen. Eine ihrer Töchter hatte beim Salatzerschneiden ein Brett mit Selleriestangen übersehen, Sol packte das Messer und schnitt ein paar Stücke ab. Sie musste an etwas anderes denken. Sie musste an heute denken. Sie waren jetzt erwachsen. Dann hörte sie Stimmen und Schritte, die sich näherten, von der Treppe zur Hintertür bei der Garage. Sie schlüpfte in die Speisekammer. Ihre Tochter und ein fremder, junger Mann kamen an ihr vorbei, und Sol lief die Treppe hinunter. Dann stand sie wieder im Freien. Wie früher, dachte Kitt. Sol allein auf der Terrasse. Helle umgeben von einem Hofstaat. Kitt hatte den Engel durch die Blätter entdeckt. Sie hatte den Garten noch nicht betreten. Sie hatte die Gastgeberin noch nicht begrüßt. Sie stand einfach hinter der Hecke, umgeben von einigen anderen. Unverschämt, dachte Kitt und hielt nach einer Öffnung zwischen den Fliederzweigen Ausschau. Und alles war wie früher. Helle in Rosa und Gelb. Mit wunderschön frisierten Engelshaaren. Mit denselben hellen, messerscharfen Augen. Und mit derselben Stimme, wenn auch ein wenig tiefer und etwas heiserer. Um sie herum standen vier erwachsene Männer und machten Augen wie Dreizehnjährige. Mit dämlichem Lächeln standen sie da und nickten schwanzwedelnd zu Helles Geplauder. Und Helle sprach über den Sommer, der zu Ende ging, und erzählte, wie sie den verbracht hatte. Als gehörten die Zuhörer zu ihrer Familie, verbreitete sie sich über Leute, die ihr offenbar nahe standen, ohne diese Beziehungen genauer zu erklären. Sie fragte die anderen nicht, was sie so machten, ob sie verheiratet seien und Kinder hätten. Sie redete einfach nur. Kitt wurde von ihr vollständig übersehen. Helle redete einfach, über sich, auf ihre vertrauliche und andere einbindende Weise, und die vier Herren nickten und lächelten. »Aber Gerhard wird heute doch sechzig, deshalb kann ich nur kurz vorbeischauen und muss dann weiter, das versteht ihr sicher«, sagte sie. Die sechs standen in einer kleinen Nische neben der Auffahrt, einem von Flieder eingerahmten Halbkreis. Vor der Öffnung stand ein Wagen. Dahinter standen noch zwei, und für einen Moment fragte Sol sich, ob ihre Töchter wohl die, Mineralwasserflaschen in den Kühlschrank gelegt hatten, damit die, die noch fahren mussten, auch etwas Kaltes trinken könnten. Dann vergaß sie alles über den Gestalten, die sie durch die Blätter ahnen konnte, und über der Stimme, die redete und redete. Gleichzeitig kamen die Bilder. Die Erinnerungen. Und ein plötzlicher Anfall von Kopfschmerzen. Sol musste sich an einem Baumstamm festhalten, um nicht zu stürzen. Kitts Anwesenheit brachte die vier Männer offenbar zurück in die Wirklichkeit. Zwei verschwanden im Garten, die anderen sprachen jetzt darüber, wer gekommen war und wer nicht. Ein Name fiel und Helle schlug lächelnd zu: »Aber der arme Froschkönig hätte sich doch nie im Leben hergetraut. Der mit seinen Warzenhänden!« Erst als sie am Tisch saßen, fiel ihnen auf, dass eine fehlte. Zwischen Thomas und Ragnar war ein Platz frei. »Helle«, stand auf der Tischkarte. Sie lag in der Fliedernische zwischen Garage und Haus. Sie war erwürgt worden, offenbar mit ihrem eigenen Chiffonschal. »Viele von uns hätten ein Motiv für diesen Mord gehabt«, erzählte Morgan seinem Vorgesetzten von der Wache. »Doch nicht nach so vielen Jahren«, sagte der andere. »Wenn sie etwas gesagt hat, das für irgendwen die Vergangenheit zum Leben erweckte …« »Kannst du sie als Mensch beschreiben?« »Als Kind fehlte ihr jegliches Einfühlungsvermögen.« »Das Mysterium des geschlossenen Raums«, sagte der Polizeichef. »Also müssen wir feststellen, was genau alle hier gemacht haben, in der Stunde zwischen eurer Ankunft und dem Beginn des Essens.«, »Als ich sie verlassen habe, stand sie mit Anders und Kim zusammen«, sagte Kitt. »Ich habe sie geliebt«, sagte Anders. »Meine ganze Kindheit hindurch. In meiner Jugend habe ich alle anderen Frauen mit ihr verglichen. Die goldenen Haare. Das reizende Gesicht. Der lebhafte Blick.« »Ich habe sie geliebt«, sagte Kim. »Ihre Engelslocken. Keine andere war so sexy und weiblich wie sie. Damals. Und zugleich … ich weiß nicht. Es war ein ganz besonderes Prickeln. Ein Gefühl, als wisse sie alles. Als durchschaue sie dich. Sie war eine Königin.« »Aber der Brand, damals. Da war doch die Rede von Brandstiftung. Irgendwer hatte etwas gesehen, einen Schatten an der Wand … nach einiger Zeit wurden die Ermittlungen eingestellt. Und ihr seid dann weggezogen, du und deine Mutter, nicht wahr?« »Ja«, antwortete Sol. »Kannst du dich an die Gerüchte von damals erinnern?« Sie schüttelte den Kopf und schaute den Polizeichef traurig an. »Aber du musst sie doch gehasst haben!«, sagte Kommissar Morgan. »Da siehst du es«, sagte Morgan nach der Vernehmung. »Wie ich gesagt habe. Sol war damals zu naiv. Sie konnte nicht begreifen, dass andere so heimtückisch sein könnten.« »Aber stimmt es wirklich, dass die vierzehnjährige Helle euch aufgefordert hat, Sols Haus anzustecken?« »Das stimmt. Sol hatte das beste Examen abgelegt. Außerdem war sie mit einem gewissen Terje im Kino gesehen worden. Er war zwei Jahre älter als wir. Das war zu viel.« »Aber ihr habt es nicht getan?« »Spinnst du? Irgendwo gab es ja doch eine Grenze.«, »Für dich.« »Für mich und für Niels und Hugo, für Ragnar und Mons.« »Und die anderen Jungen?« Morgan schüttelte skeptisch den Kopf. Sol konnte nicht schlafen. Die Kopfschmerzen wollten sich nicht legen, es war zum Verrücktwerden. Denk positiv, das hatte ihre Mutter immer gesagt, wie ihr jetzt einfiel. Ihre Mutter, die hinter einer Maske verschwunden war. Einer munteren Maske nach dem Brand. Hatte der Polizist Recht? Hatte sie Helle als Kind gehasst? »Weißt du das mit den Kätzchen auch nicht mehr?«, hatte Morgan gefragt. Als sie endlich einschlief, kamen die Albträume. Die Bilder steckten noch in ihr, als sie erwachte, und sie taumelte zur Toilette und erbrach sich dort. Die niedlichen rotgoldenen Kätzchen. Der Engel hatte sie ausleihen wollen. Und Sol hatte sich so darüber gefreut, dass Helle gekommen war, sie hatte in ihrem Garten gestanden und gelächelt. Sol drehte die Dusche auf. Sie ließ Wasser über ihr Gesicht laufen. Es gab Bezeichnungen für Menschen ohne Einfühlungsvermögen. Ohne Schmerzgefühl. Die Gefängnisse in den USA wimmelten von solchen Leuten. Und ihr ging auf, dass es nicht unmöglich war, dass sie in ihrem tiefsten Herzen den Engel damals gehasst, dass sie dieses Gefühl und seinen Grund aber zusammen mit den anderen, schlimmeren Erlebnissen verdrängt hatte. Und durch das viele Lesen und ihre große fachliche Erfahrung wusste sie, sie hätte die andere töten können, mit einer Kraft aus der Tiefe, einer Kraft, die durch den Klang der Stimme hinter dem Flieder in ihr freigesetzt worden war. Sie hatte ein scharfes Messer in der Hand gehabt. Ihre Tochter, hatte sie später daran erinnert, dass sie rot vor Hitze und total verwirrt die Treppe zur Küche hochgekommen war, mit dem scharfen Salatmesser in der Hand. Aber der Engel war doch nicht erstochen worden! Diese Cateringfirma, fragte die Polizei. Die haben das Essen schon lange vor Festbeginn geliefert, nicht wahr? »Ja. Ja, sie wollten um halb fünf kommen. Meine Töchter haben mit ihnen gesprochen. Aber …« »Ja?« »Sie hatten wohl die Brote vergessen.« »Die Brote?« »Die Weißbrote. Baguettes. Susanne hat es gemerkt, und sie haben das in Ordnung gebracht. Als wir uns zu Tisch gesetzt haben, war alles in Ordnung.« Morgan hielt auf dem Parkplatz der Firma, die Essen »zu jeder Gelegenheit« anbot. Dann ging er ins Büro, um sich zu erkundigen, wer die letzte Lieferung zum Tatort gebracht hatte. »Jan Lind und Børre Mangset.« Lind wurde per Mobiltelefon darüber informiert, dass die Polizei mit ihm reden wollte. Er hatte schon damit gerechnet. Und war darauf vorbereitet. Er sprang aus dem Lieferwagen und lief ins Haus, nicht einmal seine Fahrhandschuhe zog er aus. Er hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte. Dass sie um Viertel nach sechs zum zweiten Mal bei Sol eingetroffen waren. Vielleicht um zwanzig nach sechs. Der Aushilfsjunge hatte die Brote allein ins Haus gebracht. Der Fahrer war beim Wagen stehen geblieben. Er hatte sich eine Zigarette angezündet. Er, hatte zu den fröhlichen Menschen in den Garten geschaut. Nach drei oder vier Minuten war der Junge zurückgekommen. Dann waren sie gefahren. Nicht mehr. Nicht weniger. Das würde er sagen. Aber mit Morgan hatte er nicht gerechnet. Die Zeit löste sich auf, als sie in dem kleinen Aufenthaltsraum mit dem Getränkeautomaten und den Aschenbechern standen. Die beiden Männer sahen einander an. Beide sahen einen kleinen Jungen. Morgan sah Jan mit den roten Händen. Den roten Händen mit den scheußlichen Warzen. Den Warzen, die nicht verschwinden wollten. Die lebten und sich auf Jans Händen vermehrten und immer größer wurden. Und die schrecklich bluten konnten, wie damals, als der Besitzer der Hände versucht hatte, sie mit einer Rasierklinge seines Vaters wegzuschneiden. Und sie hörten eine Mädchenstimme. »So kannst du nicht rumlaufen, Jan. Deine Mutter muss einfach einen Fachmann anrufen. Jetzt sehen deine Hände doch aus wie Frösche. Aber Frösche gehen nicht in die Schule. Die springen im Schlamm in einem Moor oder einem dreckigen Tümpel herum …« Jan Lind ließ sich auf einen Stuhl sinken. Er schaute seine Fahrhandschuhe an. Darunter waren die Warzen verborgen. Kein Facharzt hatte helfen können. Und keine Rasierklinge. Keine Salbe. »Du warst in unserer Klasse, du«, sagte Morgan leicht verwirrt. Der andere nickte kurz. »Bis ich da aufgehört habe.« »Und wohin bist du dann gegangen?« »Nirgendwohin. Nicht sofort. Ich hab mich in einer Höhle verkrochen. Oben bei der Geröllhalde. Bis zu den Sommerferien. Und dann wurde ich auf eine Schule für, Zurückgebliebene geschickt. Aber war ich denn zurückgeblieben?« »Da glaube ich nicht«, sagte Morgan. »Ich hatte nur Warzen«, sagte Jan. Morgan musterte die schwarzen Lederhandschuhe. Mit ihren Manschetten. Und dem Polizisten fiel ein Satz ein, ein Satz, der vor einigen Tagen in einem Garten gefallen war, über einen Jungen mit Warzen, einen, der keine Einladung erhalten hatte. Beide Männer hörten jetzt die Stimme, die diesen Satz ausgesprochen hatte. Und sie sahen einen kleinen Menschen mit einem strahlenden Lächeln. Und plötzlich nahmen sie beide den süßen Fliederduft wahr, obwohl die Fliederblüte schon längst vorbei gewesen war, an dem Tag, an dem der Wagen der Cateringfirma zweimal dasselbe Haus hatte aufsuchen müssen, da jemand die Baguettes vergessen hatte. Aber es hatte noch einen anderen Tag gegeben, in einer fernen Kindheit. Einen Sommertag, an dem sie beide in die erste Klasse gegangen waren, und an dem fünf Jungen von einem Busch in einem Garten an ihrem Schulweg schöne Blüten abgebrochen hatten. Und alle waren für Helle bestimmt gewesen. Doch als Jan ihr seinen duftenden lila Strauß hingehalten hatte, hatte der Engel seine Hand zurückgezogen, und das Geschenk war auf den Boden gefallen. Die Warzen könnten durch die Blumen von dem Jungen auf andere übertragen werden, hatte sie gesagt. Und Morgan fiel ein, wie sie alle in die Hecke gegangen waren, um im Kies nach kleinen roten Warzen Ausschau zu halten.,

Zwei Männer der Tat Jonny Halberg

Zu Beginn der achtziger Jahre sollte ich mich in Lillehammer zu meinem Antrag auf Befreiung vom Militärdienst äußern. Ich war kein Pazifist, aber ich sah keinen Grund, warum ich einen Dienst ablegen sollte, von dem ich wirklich nichts hielt und der mir auch nicht als etwas Positives für irgendwen sonst erschien. Außerdem war ich in Offizierskreisen aufgewachsen, eigentlich schon fast in einer Garnison, und ich fand siebzehn Jahre abgeleisteten Wehrdienst mehr als genug. Anderseits machte es mir Spaß, mit einem Gewehr zu schießen. Ich hatte durchaus Lust, Jäger zu werden. Und manchmal prügelte ich mich auch. Gegen Ende des Gesprächs kam dann die Fangfrage, die immer als eine Art letzter Stolperstein ausgelegt wurde: die Gegenseite spielte die Gefühlskarte aus. Ich wusste von diesem Hindernis, aber als es dann kann, konnte ich doch nicht hinüberspringen. Es lautete so: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich nach Hause käme und feststellte, dass jemand in meine Wohnung eingebrochen war und gerade meine Familie umbringen wollte? Wenn ich eine Waffe in der Hand hielte, würde ich den Einbrecher damit erschießen? Ich wägte lange Für und Wider ab und sagte dann wahrheitsgemäß, dass ich das nicht wisse. Ich konnte nicht behaupten, dass ich nicht schießen würde. Aber ich wusste, wenn ich sagte, dass ich schießen würde, dann könnte ich mir den Zivildienst abschminken. Einige Zeit darauf erfuhr ich, dass mein Antrag noch einmal geprüft werden sollte. Bent, ein Freund von mir, Sozialist und Zyniker, wurde hinbefohlen, um zu bestätigen, dass ich Pazifist war. Er war damals Mitglied des Palästinakomitees und wollte Israel als Staat ausradieren, und er sagte der Kommission: Jonny? Der würde keinen Finger rühren. Der ist durch und durch Pazifist., Und damit war ich als Zivi anerkannt. Das war der logische Sprung, der dazu nötig war: Lass die im Stich, die dir nahe stehen und die du liebst, lass sie sterben, während sie dich dort stehen sehen. Damit hast du bewiesen, dass du für den Frieden im Land arbeiten kannst, du Waschlappen. Wichtig an der Frage war die Demütigung, man sollte sich als das feigste und jämmerlichste Würmchen sehen, das auf diesem Planeten jemals geboren worden ist, schließlich wollte man ja in den Zivildienst, statt im Krieg Menschen zu töten. Aber trotz dieser idiotischen Problematik grübelte ich oft darüber nach, wie ich mich verhalten hätte. Natürlich auch, weil ich nie in diese Lage geriet. Hätte ich gerettet oder gerächt? Ungefähr fünfzehn Jahre später brach ein junger Typ in meine Wohnung in Oslo ein und stahl alles, was er an Wertsachen finden konnte. Neben Stereoanlage, CDs, Schmuckstücken, Computerspielen, DVDs, Playstation und so weiter verschwand ein Laptop, den ich mit der Arbeit mehrerer Jahre gefüllt hatte. Von einigem hatte ich keine Sicherheitskopie. Etwas anderes waren die Arbeitsjahre, die ich nicht zurückbekam, und nicht zuletzt war da die Unsicherheit, die mein Sohn, meine Frau und ich verspürten, nachdem jemand unsere Wohnung aufgebrochen und verwüstet hatte. Diese Unsicherheit wurde nicht kleiner, als ich feststellte, dass mehrere von meinen CDs sich in der einen Stock tiefer gelegenen Wohnung befanden. Die Erklärung war, dass der dort wohnende Südafrikaner mit einer Norwegerin einen drogensüchtigen Sohn von neunzehn Jahren hatte. Er hatte ihre Wohnung aufgesucht, während sie in Urlaub waren, sie hatten davon nichts gewusst. Seinen Aufenthalt dort hatte er genutzt, um unsere Wohnung zu leeren. Seine Stiefmutter berichtete, dass er irgendwo in Oslo wohnte, wo, wusste sie nicht. Ich konnte mich erinnern, dass er mir einige Tage nach dem Einbruch im Treppenhaus begegnet war,, er kam pfeifend die Treppe herunter und hatte meinen Discman über den Ohren. Der Typ war schwarz, und ich wohnte damals in einer Gegend, in der es viele Afrikaner, Pakistani, Inder und andere Dunkelhäutige gab. Sie hatten nicht bei uns eingebrochen, aber schon nach wenigen Tagen war ich besessen von Rachegedanken und kochte vor Hass auf diesen Schwarzen, der ganz geplant mir und meiner Frau so viel Ärger bereitet und dafür gesorgt hatte, dass mein kleiner Sohn Angst hatte, dort zu wohnen, wo wir nun einmal wohnten. Uns hätte Schlimmeres passieren können, aber das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht wurde nicht geringer, und diese Ohnmacht und der Verdacht, dass seine Tat für den Einbrecher zu keinerlei Konsequenzen führen würde, ließen meinen Hass auf ihn weiter wachsen. Ich lief durch Vaterland, Grünerløkka und Grønland und suchte nach diesem Arsch (auch wenn mir klar war, dass er ebenso gut in Oslos noblerem Westen wohnen könnte). Ich wollte diesen Südafrikaner rollstuhlreif schlagen, denn ich wusste, dass ich niemals das zurückbekommen würde, was er mir genommen hatte. Ich wollte es aber auch, weil er mich wie ein kleines Kind behandelt hatte, dem man einfach das Spielzeug aus den Händen reißen konnte. Außerdem wollte ich ihn verletzen, um etwas von meinem eigenen Gefühl der Verletzung zu rächen und um meine Wut zu besänftigen und zu befriedigen. Das Problem war, dass ich ihn nicht finden konnte. Statt Vergeltung gab es weiterhin nur Rachefantasien. Ich fand keinen Auslauf für meinen Drang. Innerhalb einer Woche war ich zum eingefleischten Rassisten geworden. Ich glaubte überall, diesen Neunzehnjährigen zu sehen, aber als ich dann jedesmal erkennen musste, dass er es nicht war, dachte ich, dass dieser andere Schwarze, bei dem es sich um einen Äthiopier oder Ghanaer handeln mochte, durchaus dasselbe anrichten könnte wie der Südafrikaner oder es vielleicht sogar schon angerichtet, hatte. Dass es für mich keine Abrechnung mit ihm gab, dass ich mich nicht von meinem gerechten Zorn befreien konnte, dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde, führte zu Gewaltfantasien und Paranoia. Ich fuhr nachts aus dem Schlaf und war sicher, dass jemand im Zimmer stand. Ich hörte vor dem Haus bedrohliche Geräusche. Ich musterte Dunkelhäutige, die abends zusammen auf der Straße standen, und hatte wirklich vor, mir eine Handfeuerwaffe zu besorgen. Ich war in meiner eigenen Stadt zu einem Fremden geworden, einem Eindringling. Am Ende war es nicht mehr wichtig, dass dieser Südafrikaner büßen sollte: Ich wollte nur, dass irgendwer büßte, der vielleicht Ähnlichkeit mit ihm hatte, der möglicherweise dasselbe hätte tun können wie er. Eins der gestohlenen Videos war der Film »Taxidriver« mit der Hauptperson Travis Bickle, den ich so gut zu verstehen glaubte. Ich verstand seinen Zorn und seinen Drang nach Gerechtigkeit. und voller Entsetzen und Freude sah ich zu, wie er durch New Yorks Straßen wanderte, um mit der Gosse abzurechnen. Er hatte Recht. Und lag zugleich restlos daneben. Natürlich ist es eine wunderbare Geschichte, Robert De Niro in der Hauptrolle ist fantastisch, die Regie einzigartig und richtungweisend, aber gerade dieser kleine Aspekt, dass Travis so Recht hat und dermaßen schief liegt, sorgt wohl dafür, dass er uns so sympathisch ist. Sicher, es ist richtig, Gewalt, Übergriffe, Ausnutzen der Schwachen als etwas so grundlegend Falsches zu betrachten, dass man dagegen ankämpfen muss. Aber es ist nicht richtig, dass ein einzelner und leicht gestörter Mann aus dem Mittleren Westen einfach loszieht und Crackheads abknallt, um zum Retter Brooklyns zu werden. Er kann nicht der Rächer sein, der das ausgleicht, was die Opfer von Dealern, Zuhältern, Einbrechern und Gewalttätern erleiden mussten. Ein solcher Mann kann weder die Jungfrau aus dem Turm befreien noch den Drachen töten. Denn obwohl Travis Bickle von denselben Qualen angetrieben wird wie so viele von uns anderen, und, obwohl er zu viel grübelt und sich unerreichbare Ziele setzt, so besteht doch zwischen ihm und uns ein grundlegender Unterschied. Während die meisten es beim Überlegen belassen, ist er so naiv und wirklichkeitsfremd, dass er seine Vorstellungen in die Tat umsetzen will. Er nimmt die Qualen wortwörtlich, beschließt, zum Krieg gegen das Elend zu rüsten, und wird zu einer Einmannarmee. Wir wissen, dass das Abenteuer dieses halbpsychotischen Rächers kein gutes Ende nehmen wird. Er tötet am Ende den Drachen und befreit die Jungfrau, das schon. Dennoch: Ist das ein Sieg? Der Höhepunkt des Films, die Abrechnung, findet in einer Mietskaserne statt. Dort bringt Travis mehrere Menschen um und verursacht ein brutales Blutbad. Wie der klassische Rächer im Cowboyfilm hat er sich der Übermacht gestellt und sie bedungen – mit dem kleinen Unterschied, dass Scorsese das Blutbad als tragischen Albtraum zeigt, sodass es nicht als unterhaltsamer Höhepunkt oder als Triumph der Rache durchgehen kann. Zugleich ist es aber genau das. Denn am Ende liegt Travis als Medienheld im Krankenhaus und hält sich für den Ritter, der die Prinzessin aus der Not gerettet hat. Es ist richtig, sich gegen die Übermacht zu wehren, wenn einem von dieser Übermacht Unrecht geschieht. Die Frage ist nur, wie wir dann reagieren sollten. Soll ich meinen Leidenschaften gehorchen und mir einen Revolver zulegen, oder soll ich die Rache Polizei und Justiz überlassen, die den Verbrecher aller Wahrscheinlichkeit nach ungeschoren davonkommen lassen werden? Soll ich einen Vermittlungsausschuss einschalten, wie bisweilen vorgeschlagen wird? Oder soll ich die andere Wange hinhalten und innerlich vor Wut und Frustration verglühen? Vermittlungsausschuss, Revolver oder Wange: Meiner Ansicht nach erhält die Wirklichkeit ein letztes Wort, bei dem Zweifel und Überlegungen über das der Rache innewohnende Paradoxon sich sozusagen in den Schwanz beißen., Einige Wochen nach dem Einbruch in meine Wohnung saß ich mit meinem Sohn in der Straßenbahn, wir wollten nach Hause fahren. Den Südafrikaner hatte ich noch immer nicht gefunden. An der Haltestelle Theresesgate steigt ein heruntergekommener Mann von Ende zwanzig ein. Seine Turnschuhe sind verschlissen und verdreckt. Seine Hose ist verschlissen und verdreckt. Er ist bleich und hohläugig und einwandfrei ein Fixer. Der Typ setzt sich, zieht eine rote und feminine Brieftasche hervor, nimmt einen Packen Kreditkarten heraus und vertieft sich in deren Anblick. Und als ich sehe, wie dieser verkommene Junkie zu einer Brieftasche greift, die er einer Frau gestohlen hat, habe ich einfach genug. Ich kann nicht mehr, ich will das nicht länger hinnehmen. Ich weigere mich, hier zu sitzen und mir diese elenden und rücksichtslosen und dummen Existenzen anzusehen, die glauben mit uns anderen, die nicht gemein und gewissenlos sind, machen zu können, was sie wollen. Ich gehe nach vorn, rede mit dem Fahrer, und der informiert die Polizei. Uns wird mitgeteilt, dass sie an der nächstmöglichen Haltestelle auftauchen wird. Ich habe die Polizei alarmiert. Das ist ein seltsames Gefühl. Aber ich behalte den Typen im Auge und versuche zugleich, meinem Sohn zu erklären, was hier passieren wird. Ich habe nur schreckliche Angst, der Fixer könnte aussteigen, ehe die Polizei eingetroffen ist. Und plötzlich, vor einer Haltestelle, springt er auf. Und ich auch. Er schwankt ein wenig hin und her, starrt aus dem Fenster, sieht zu, wie die Tür sich öffnet und schließt, schaut mich an und lässt sich wieder auf seinen Sitz fallen. Ich nehme ruhig Platz, während mir der Puls in den Schläfen hämmert. Auf dem Stortorg steht schon die Grüne Minna. Zwei Polizisten und eine Polizistin warten daneben. Die überfüllte Bahn hält an, der Fahrer teilt mit, dass niemand aussteigen darf, ich dränge mich hinaus, gehe mit meinem Sohn zur Polizei hinüber, zeige auf die Bahn und sage, dass der Täter ganz hinten, sitzt. Wir steigen wieder ein. Die Leute glotzen. »Der da hinten«, sage ich. Der Junkie muss mitkommen. Er kapiert einwandfrei nur Bahnhof. Draußen muss er die Brieftasche vorzeigen. Er zieht sie hervor und kapiert einwandfrei nur Bahnhof, aber gehorsam leert er sie und reicht alles dem einen Polizisten. Der Polizist starrt den Inhalt der Brieftasche verständnislos an. Und nun sehe ich es. In seiner Hand liegen drei Telefonkarten. Der Junkie steht mit offenem Mund da. Dann verzieht er spöttisch sein ausgemergeltes Gesicht und lacht heiser. »Der hat meine Telefonkarten für Kreditkarten gehalten«, blökt er und zeigt auf mich. Er nimmt die Karten wieder an sich, lacht höhnisch und verdreht die Augen. Mein kleiner Sohn starrt mich an. Die Polizei starrt mich an. Der eine Polizist erzählt, dass Junkies oft Telefonkarten sammeln. Dafür bekommen sie Geld. Der andere Polizist klopft mir auf die Schulter. »Wir freuen uns aber immer, wenn jemand wenigstens guten Willen zeigt«, sagt er.,

Das Meierschloss Viktor Arnar Ingólfsson

Es war Ende Juni, schon früher Nachmittag, und die Sonne schien bereits den dritten Tag. Die frische Brise, die häufig durch die Stadt wehte, hatte allmählich nachgelassen, nun herrschte Windstille. Es war heiß, und das Leben hatte sich um einen Takt verlangsamt. In einer engen Wohnstraße im westlichen, alten Teil der Stadt saß eine junge Frau auf der Treppe eines altehrwürdigen Zweifamilienhauses. Sie trug einen weiten hellgrauen Rock und eine kurzärmelige weiße Bluse. Eine helle Jacke hatte sie ausgezogen und über das glänzende Treppengeländer gelegt. Das Haus war mit dunklem Sand, der mit Muschelkalk versetzt war, gemauert, das Dach mit rötlichen Dachziegeln eingedeckt. Der gepflegte Vorgarten war von der Straße abgetrennt durch eine hohe Mauer, die auf gleiche Art und Weise wie das Haus errichtet war. Die Gartenpforte war aus Eisen und grau gestrichen. Die junge Frau rauchte. Ihr Gesichtsausdruck war ernst, die grauen Augen ruhten nachdenklich auf der alten Pforte. Die Frau war dunkelhaarig und trotz zweier senkrechter Sorgenfalten hübsch. Sie wartete. Obgleich das Stadtzentrum nicht weit entfernt lag, war es ruhig in der Straße, nur wenige Menschen waren auf den Beinen. Der Gesang der Vögel, das Flattern ihrer Flügel und das Säuseln der Blätter, wenn sie von Zweig zu Zweig flogen, waren die einzigen Laute, die man hören konnte. Ein Wagen, der an dem Haus vorbeifuhr, erweckte die Aufmerksamkeit der Frau, und sie sah auf. Der Fahrer fuhr langsam, und schließlich stoppte er das Auto, etwas weiter unten in der Straße. Dort stieg er aus und schaute sich suchend um. Er war untersetzt und schien um die sechzig zu sein. Die Kleidung, eine schwarze Hose und eine bräunliche Wolljacke, wirkte reichlich warm für die Jahreszeit. Schließlich ging der Mann die Straße hinauf in Richtung der Frau, die ihn aufmerksam beobachtete, während er sich dem Haus näherte. Er zögerte ein wenig, als er an der Pforte angelangt war, doch als er die Frau sah, öffnete er sie und ging in den Garten. Die junge Frau war jetzt aufgestanden und strich ihren Rock glatt. »Guten Tag. Ist es hier, wo ich eine Tür öffnen soll?«, fragte der Mann, und die Stimme war sanfter als sein Aussehen vermuten ließ. Das graue Haar war kurz geschnitten, das Gesicht wettergegerbt und die Haut rau. »Ja, guten Tag«, gab die Frau förmlich zur Antwort. »Sind Sie von der Polizei?« »Ja, bin ich. Ich war gerade auf dem Weg vom Dienst nach Hause, als ich gebeten wurde, diese Sache noch rasch in Ordnung zu bringen.« »Ist dies das Schloss?«, fragte er daraufhin und deutete auf die gewaltige Haustür. Die Frau nickte nur. Der Mann ging vor ihr die Treppe hinauf und setzte sich eine Brille auf, ehe er sich das Schloss ansah. »Ja, wollen mal sehen. Dies ist also ein altes Meierschloss. Die waren schon immer problematisch.« Die Tür war mit einem Sprossenfenster versehen, in dem sich neun kleine Scheiben befanden. Der Mann hielt die Hand vors Gesicht, damit die Sonne ihn nicht blendete, und versuchte ins Haus zu sehen. Drinnen befanden sich Gardinen vor dem Fenster, und zwischen ihnen, und dem Glas sausten einige Schmeißfliegen umher. »Sind Sie hier zu Hause?«, fragte der Mann. »Nein«, antwortete sie bestimmt. »Eigentlich nicht. Mein Großvater wohnt hier.« »Hat sich der alte Mann ausgesperrt?«, fragte der Mann dann. »Weiß nicht«, antwortete die Frau. »Ich glaube nicht. Ich habe ihn telefonisch einfach nicht erreichen können.« »Ach so«, sagte der Mann, indem er sich zum Schloss hinabbeugte. »Haben Sie schon lange nichts mehr von Ihrem Großvater gehört?« »Eine Woche … über eine Woche«, antwortete die Frau und biss sich auf die Lippe. »Nun ja«, sagte der Mann und sah sich das Schlüsselloch an. »Schauen wir uns das mal an … Jawohl, dies sind solide Schlösser.« Er reckte sich und wischte sich mit dem Ärmel Schweißperlen von der Stirn. »Hatte sonst niemand Kontakt zu dem alten Mann?«, fragte er daraufhin. »Nein, soviel ich weiß nicht«, antwortete die Frau knapp. »Na ja … so ist das eben.« Der Mann steckte die Hand in seine weite Jackentasche und zog einen Bund mit verschiedenen Dietrichen hervor. Er betrachtete ihn näher, wählte dann einen Schlüssel aus und löste ihn vom Bund. »Hören Sie zu …« Der Mann blickte die Frau an und wollte etwas sagen, tat sich aber schwer damit, es zur Sprache zu bringen. »Haben Sie … Haben Sie angefangen, sich um den alten Mann Sorgen zu machen?«, fragte er schließlich zögernd. »Nein, hab ich nicht«, sagte sie spitz und ungeduldig. Sie, wollte noch mehr sagen, doch der treuherzige Gesichtsausdruck des Mannes hielt sie davon ab. Endlich schlug sie den Blick nieder und sagte leise: »Ja, doch, es ist so. Ich habe begonnen, mir um ihn Sorgen zu machen.« Der Mann beugte sich nun zum Schloss hinunter und steckte den Dietrich ins Schlüsselloch. »Wie alt ist Ihr Großvater eigentlich?«, fragte er dabei. »Er ist dreiundachtzig … oder vierundachtzig.« »Gibt es niemanden, der sich täglich um ihn kümmert?« »Doch, er hat eine Haushaltshilfe, die ist aber in Urlaub. Er kann ganz allein für sich sorgen und wollte keine Ersatzkraft haben … ich habe versprochen, nach ihm zu sehen.« »Ja, damit kenne ich mich aus«, sagte der Mann. Er stützte den linken Arm in die Seite und reckte sich. »Die waren schon immer schwierig, diese alten Meierschlösser.« Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, und er blickte zum Himmel. »Schönes Wetter, nicht?« Er sah die Frau an, als ob er eine Antwort von ihr erwarte, doch als sie schwieg, wandte er sich wieder dem Schloss zu und fügte, wie zu sich selbst, hinzu: »Die Bauern bekommen jetzt gutes Erntewetter … Wann haben Sie das letzte Mal etwas von Ihrem Großvater gehört?«, fragte der Mann dann, nachdem einige Augenblicke vergangen waren. »Von Mama, sie lebt im Norden, sie hat vor zehn Tagen mit ihm telefoniert, und daraufhin hat sie mich angerufen und mich gebeten, nach ihm zu sehen. Ich habe vor einer Woche versucht, ihn anzurufen, doch da ist er nicht ans Telefon gegangen. Dann musste ich fliegen – ich arbeite als Stewardess –, und ich bin erst vorgestern nach Hause gekommen. Heute Morgen hat Mama mich dann angerufen, denn er hatte den Hörer nicht, abgenommen, als sie gestern versucht hatte, mit ihm zu telefonieren.« »Könnte er nicht zu irgendwelchen Verwandten gefahren sein?«, fragte der Mann, der nun wieder damit angefangen hatte, sich mit dem Schloss abzumühen. »Nein, Mama wohnt, wie schon gesagt, im Norden, und seine andere Tochter lebt in Norwegen. Es wohnen keine Angehörigen hier in der Stadt, außer mir und meinem Bruder, doch die beiden treffen sich nur selten.« »Es will einfach nicht funktionieren«, sagte der Mann, indem er den Dietrich aus dem Schloss zog und ihn verwundert betrachtete. »Hören Sie mal, meine Liebe! Würden Sie mir vielleicht einen Gefallen tun und mir meine Werkzeugtasche, die auf dem Vordersitz liegt, aus dem Auto holen?« Sie nickte schweigend und ging die Treppe hinab. Als er ihr nachsah, während sie zur Gartenpforte hinausging, steckte er den Dietrich wieder ins Türschloss und drehte ihn. Es ertönte ein dumpfes Geräusch; er öffnete die Tür und trat ein. Im Haus herrschte eine Bruthitze, und seine Nase nahm einen süßlichen Geruch wahr. Er hatte diesen Geruch bereits früher wahrgenommen … nicht oft, doch oft genug. Er zog eine Tabakdose aus seiner Tasche hervor und nahm eine Prise Schnupftabak. Ehe er weiter in die Wohnung hineinging, zog er die Tür ins Schloss.,

Was geschah in Nummer 7? Margaret Johansen

Die triste Pension mit der müden Korridorbeleuchtung, die taktvoll die abblätternde Farbe an Wänden und Decken verbarg, war wie ausgestorben. Abgestandene Luft drückte sich um die Ecken in dem hoffnungslosen Bemühen, nach draußen zu entwischen. Nahezu alle Bewohner waren über Ostern verreist. Die meisten davon Studenten. Aber Mia war aus dem Norden und hatte nicht das Geld für einen Heimflug nur für die paar freien Tage. Also hatte sie Knabberzeug und ein paar Flaschen guten Wein gekauft und sich darauf eingerichtet, die Feiertage in ihrer Fünfzehn-Quadratmeter-Bude zu verbringen. Und sie hatte brav an ihre Eltern gedacht, die es ihr ermöglichten, »in der Welt voranzukommen«, wie ihr Vater zu sagen pflegte. Die Rathausuhr schlug acht. Jetzt saß sie da und knabberte Schokolade und redete sich gut zu, dass es völlig in Ordnung war, allein zu sein, es waren ja auch nur ein paar Tage. Sie entkorkte eine Flasche Wein, setzte sie an und trank ein paar Schluck, bevor sie ein Glas hervorsuchte. Gleich wurde ihre Laune besser. Für die Kleinstadt da oben im Norden war sie das Mädel mit den guten Zensuren, eine Freude für die ganze Familie. Sie sollte ihnen Ehre machen mit ihrem Studium in der Hauptstadt – aber wie so viele andere auch hatte sie gemerkt, dass es hier von »jungen Talenten vom Lande« nur so wimmelte, die sich in nichts von allen anderen unterschieden. Was blieb einem anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass man einer unter vielen war? Immerhin gehörte man dazu, das war ja auch nicht schlecht. Sie starrte an die Zimmerdecke mit den Stuckrosetten und den, Rissen kreuz und quer. Was die in all den Jahren wohl schon an Tragödien und Alltagstristesse gesehen haben mochten. Ein mitgebrachtes dünnes Deckbett lag eingerollt in eine verblichene Diwandecke wie eine schlaffe Wurst an der Wand. Der Fußboden war auch schäbig, mit knarrenden Dielen, die außerdem noch eine Schräge hatten. Verlor man einen Knopf, dann wusste man, wo man zu suchen hatte – unter dem Waschbecken. Insofern war es gut zu wissen, in welche Richtung das Gefälle ging. Sie hatte ein paar alte Taschenbücher von Agatha Christie gefunden, ließ sie aber im Moment noch unbeachtet auf ihrem Schoß ruhen. Unglaublich, mit welchem Krempel die Leute ihre Bude ausstaffierten, wenn sie an Fremde untervermieteten. Sie starrte auf die junge, hübsche Jeanne d’Arc, die erst von einem Bildhauer und anschließend von einem Fotografen verewigt worden war, um danach in etwas eingerahmt zu werden, was den Überresten einer misslungenen Waffel glich. Es war unangenehm still im Haus. Nur ein Hausmeister irgendwo in diesem Gebäude – wenn überhaupt. Sie nahm einen Schluck Wein, und es kam ihr beinahe so vor, als hätte Jeanne d’Arc sich ein bisschen bewegt … O nein, schöne Jungfrau, so leicht jagst du Mia keinen Schrecken ein. Sie nahm die Flasche und das Glas und ging über die knarrenden Dielen zum Sessel am Fenster. Dort zog es ein bisschen, aber es war der einzige Platz, von dem aus man das ganze Zimmer überblicken konnte. War sie etwa nervös geworden? Über dem Sessel hing MUTTERFREUDEN. Hatte das vorher, schon da gehangen, oder war das die Wirkung des Weins? Die Mutter hatte den Kopf schräg geneigt und blickte zärtlich auf ihren wonnigen Säugling, der hingebungsvoll auf ihrem Schoß lag. Ein arrangiertes Idyll, das sie in der guten Stube ihrer Großmutter oft betrachtet hatte. Ein Anachronismus. Wie komisch dieser kleine frivole Lendenschurz war, den das Kind trug, fast so, als sollte er den Anstand wahren. Es lag vielleicht daran, dass sie zu viele Krimis gelesen hatte, aber das Zimmer schnürte sich irgendwie um sie zusammen, und der Korbsessel knarrte warnend. Zitterten ihr nicht sogar ein ganz klein wenig die Hände? Dabei stand sie in dem Ruf, eine Frau zu sein, die sich von nichts einschüchtern ließ. Man sollte eben keine Krimis lesen, wenn man Ostern allein in einer Pension mit vielen finsteren Ecken zubrachte. Das Ticken des dickbäuchigen Weckers war auf einmal so laut. Mia hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen, deshalb stand sie auf und zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster und starrte hinunter auf die Straßenlaternen. Deren Lichtkegel ergossen sich eng begrenzt um die Masten, was die Verlassenheit der Straße noch unterstrich. Hinter den Gardinen in einem der anderen Häuser flackerte Kerzenschein, und das Geklimper eines verstimmten Klaviers drang an ihr Ohr. Es waren also doch noch andere Leute in der Stadt. Trotzdem spürte sie die Einsamkeit wie einen kalten Schauer hereindringen. Sie schloss das Fenster mit einem Knall und zog die Vorhänge zu. Aber anstatt sich über die warme, anheimelnde Atmosphäre im Zimmer zu freuen, fiel es ihr schwer, sich wieder dem Raum zuzuwenden., Hatte sie die Tür abgesperrt? Als Mr Allison Miss Bradford erwürgte, hatte sie die Zimmertür abgeschlossen. Als Polizeiinspektor Brent die Leiche der alten Lady Twinisborough fand, hatte sie daran gedacht, auch noch die Kommode vor die Tür zu schieben. Und sich gleich darauf über sich selbst geärgert. Wer sollte schon hierher kommen? Wer sollte schon hierher kommen wollen? Zu ihr? Hatte sie etwas Verlockendes zu bieten? Quatsch! Etwas knisterte, und Mia drehte sich abrupt um. Es war natürlich der Korbsessel, das hatte sie schon tausendmal gehört. Sie räusperte sich und zuckte zusammen, als das Echo durch das große, kalte Zimmer hallte, das ihr plötzlich erstickend heiß vorkam. Es klopfte irgendwo! Aha. Also war doch noch jemand im Haus. Jemand, der vielleicht Besuch bekam. Da klopfte es noch einmal. Danach war es eine Weile still. Sie hielt den Atem an und lauschte. Hörte, wie jemand an einem Türgriff rüttelte. Wo mochte das wohl sein? Bei Nummer 6 oder vielleicht Nummer 7? Nein, Morten von Zimmer 6 war nach Hemsedal gefahren. Ganz aufgeregt vor lauter Vorfreude. In Nummer 7 wohnte ein junges Mädchen, vielleicht war sie zu Hause … Ebenso pleite wie Mia. Na, das ging sie nichts an. Zum Sessel gehen und sich hinsetzen. Entspannen. Ein heiteres Buch ohne Mord lesen, Pralinen knabbern und … Jetzt wurde an die Tür gehämmert und jemand rief etwas., Zuerst ärgerlich. Dann ängstlich. Das Herz raste in ihrer Brust. Sie musste wissen, wer das war, was das war. Eine seltsame, süße Erregung kitzelte ihr im Magen, als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte und hinausspähte in den dunklen Korridor mit dem Feuerlöscher weit hinten in der Ecke. Jetzt hörte sie die Stimmen ganz deutlich. »Da ist bestimmt was passiert, wir sollten doch um acht hier sein, und da drinnen sind Leute …« »Und was sollen wir jetzt machen?« Eine Männerstimme. Eine Frauenstimme. Mia ging mit entschlossenen Schritten den Korridor hinunter. Ein junges Paar stand vor Nummer 7. »Kann ich irgendwie helfen, ich meine, das Hämmern war ja nicht zu überhören …« Das junge Mädchen begann nervös zu reden. »Ja, Entschuldigung, dass wir so einen Lärm gemacht haben, wir sind nämlich eingeladen zu einer Party hier um acht, und jetzt ist es fast – ja, schon Viertel nach – und es macht niemand auf.« Der Mann unterbrach sie. »Jetzt reg dich nicht auf, vielleicht ist sie nur eben runter zum Kiosk gegangen.« »Aber wir haben doch gehört …« »Wir können uns verhört haben, oder?« Mia schlug vor, dass sie den Verwalter oder den Hausmeister holen sollten. »Nein, nein«, sagte der Mann, »wir warten lieber noch. In der Regel gibt es für alles eine natürliche Erklärung«, fügte er tapfer hinzu und sah die beiden aufgeregten Frauen mit Beschützermiene an. Dann erstarrte er plötzlich und lauschte, angespannt. Aus dem Zimmer war ein deutliches Stöhnen zu hören, und Mia straffte die Schultern und sagte, sie werde jetzt jedenfalls den Hausmeister holen. Denn vielleicht hatte er ja einen Reserveschlüssel, aber ganz bestimmt hatte er Werkzeug. Und wenn dort drinnen ein Mensch in Not sein sollte, war es einfach eine Pflicht … Der Hausmeister hatte Soße am Kinn und Ärger im Blick. Er murmelte etwas von hysterischen Weibern und lebhafter Fantasie, aber Mia ließ nicht locker. In diesen unsicheren Zeiten, wo die Zeitungen jeden Tag über irgendein Verbrechen berichteten, konnte er doch unmöglich in aller Ruhe sein Osterlamm essen, während vielleicht gerade jemand ermordet wurde. Er seufzte und bewaffnete sich mit einem riesigen Schraubenschlüssel und einem kleinen Schraubenzieher, um das Schloss auszubauen, falls der Schraubenschlüssel nicht reichte. Leise schimpfend folgte er Mia die Hintertreppe hinauf, während er an das Fußballspiel im Fernsehen dachte, das er jetzt verpasste. Seine Frau sah ihnen ängstlich nach und schloss die Wohnungstür hinter ihnen sorgsam ab. Das junge Paar stand mit ernsten Gesichtern da und wartete. Sie wirkten angespannt und glaubten nun beide, dass etwas nicht stimmte. Sie hatten deutliches Stöhnen gehört und Geräusche, die auf einen Kampf hindeuteten. Vielleicht war jemand geknebelt? Der Hausmeister lauschte ebenfalls und begann langsam – o Gott, und wie langsam – die Schrauben am Türbeschlag zu lösen. Die Tür war von innen abgeschlossen, und der Schlüssel steckte. Die drei anderen traten an die Wand zurück und hielten den Atem an. »Ich sag nur eins, ich kann kein Blut sehen«, sagte der junge, Mann, dessen Tapferkeit sich spurlos verflüchtigt hatte. Es tröstete ihn wenig, dass die beiden Frauen versicherten, er werde wohl kein Blut sehen, da das Ganze eher auf Erwürgen hindeutete. Mia war schon wieder in der Welt der Bücher und beschrieb eifrig die Blaufärbung, die sie sehen würden, falls ihre Ahnung sich bestätigen sollte. Nicht gerade ein angenehmer Anblick, aber vielleicht nicht so schockierend wie Blut. Hinter der Tür war ein durchdringendes Röcheln zu hören, das immer lauter und höher klang. Der Schraubenzieher arbeitete langsam und zäh an dem Beschlag. »Nun machen Sie endlich«, schrie der junge Mann. »Sie können hier doch nicht so herumtrödeln, wo es vielleicht um Sekunden …« Da drangen neue Laute aus Nummer 7. Ungeduldige, aber friedliche. Es knarrte, es tapste, und dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein zerzauster Männerkopf starrte sie wütend an. Er war erhitzt und außer Atem, und etwas tiefer flatterten lose Hemdschöße um nackte, mit Gänsehaut überzogene Pobacken. »Was zum Teufel macht ihr da eigentlich?«, schrie er. »Könnt ihr die Leute nicht mal am Karfreitag in Ruhe lassen, verdammt?« »Doch, schon, aber wir waren hier für acht Uhr eingeladen. Ist Lille denn nicht da?« Die vier auf dem Korridor konnten in dem halbdunklen Zimmer nun ein junges Mädchen ausmachen, das sich ein Laken um den Körper gewickelt hatte. Ihre Wangen waren erhitzt und gerötet, die Haare zerzaust und die Augen glänzten. »O Gott, ihr seid es, ich hatte ja keine Ahnung, dass es schon so spät ist. Ist es wirklich schon acht? Wartet mal kurz, nur eine, Minute … Ach, das ist übrigens Petter, ich wollte gerne, dass ihr ihn kennen lernt …« Ihre Stimme zwitscherte ohne Unterlass. »Hör mal«, sagte Mia beherrscht, »wir dachten, du brauchst vielleicht Hilfe. Wir haben geklopft und gerufen. Haben schreckliches Stöhnen gehört …« »Ich glaub’s ja nicht!«, rief der zweite junge Mann, während er sich durch die Haare fuhr, »habt ihr denn keinen Funken Fantasie …?« Die Schritte des Hausmeisters auf der Hintertreppe waren das einzige Geräusch, das die darauf folgende Stille unterbrach. Mia ging zurück in ihr Zimmer und starrte hinunter auf die feiertagsleere Straße. Auf einmal war ihr, als hätte sie dort unten Miss Marple gesehen, die mit einem verschmitzten Lächeln zu ihr hinauf winkte. Wer hätte das von der Alten gedacht …,

Der offene Brief Edda Magnúsdóttir

Sei für immer herzlich gegrüßt, liebe Mutter! – Ich hatte versprochen, dir zu schreiben, sobald ich mein Sehvermögen wiederbekäme. Wie du sicherlich verstehen wirst, konnte ich niemand anderen bitten, dir diesen offenen Brief zu schreiben. Jetzt habe ich diese wunderbare Brille bekommen und kann sowohl wieder die Zeitung lesen als auch wieder unseren Bæjarfell, den Berg hinter unserem Hof, erkennen. Ich sah schon so schlecht, dass mein lieber Guðbjörn begonnen hatte, sich über meine verschiedenen Unzulänglichkeiten zu beklagen. Wenn seine Strümpfe bald falsch zusammengelegt, bald nicht zusammenpassend im Schubfach lagen, fand er, dass ich meine Augen untersuchen lassen sollte. Das zog sich dann in die Länge, bis er es mit dem Magen bekam. – Kannst du dich noch daran erinnern, als ich bei dir und Guðbjörn zu Besuch war? Damals warst du besonders zufrieden damit, wie gut ich Kümmelkringel und Zimtschnecken zu backen verstand. Mein lieber Guðbjörn findet es noch immer sehr wohltuend, sich am Abend in die Speisekammer zu stehlen und eine Schnecke oder ein Stück Kringel zu essen, ehe er zu mir ins warme Bett kriecht. Ich bin weder bis oben hin zugeknöpft noch kalt im Bett, liebe Mutter! – Doch zurück zu meinem lieben Guðbjörn und seiner Magenkolik. Eines Nachts wurde mein lieber Guðbjörn furchtbar krank., Er wand sich vor Schmerzen und hatte sowohl unter Erbrechen wie unter Durchfall zu leiden, wie du, als du auf dem Sterbebett lagst, liebe Mutter. Mein lieber Guðbjörn wurde in Eile nach Reykjavik gebracht, meine Tochter und ich fuhren mit ihm. Die Ärzte sagten, dass Guðbjörn vergiftet worden sei. Nach gründlichen Untersuchungen und Verhören gelangte die Polizei zu dem Ergebnis, dass ich Kümmel mit dem Rest einer Salbe verwechselt hatte, die mein lieber Guðbjörn nach alter Gewohnheit in die große Vorratskammer gelegt hatte. Glücklicherweise konnten die Ärzte meinen lieben Guðbjörn retten. Ich wurde zum Augenarzt geschickt, der seine Praxis in dem schrecklichen Betonbau hat, der Kringlan genannt wird, wenn nicht gar Kümmelkringlan. Natürlich existiert noch ein anderes Hausungetüm in der Stadt, das Snúðurinn heißt. Es war furchtbar, in diesem Kringlan umherzuirren. Immerhin haben die ringförmigen Gebäude eine Form, die es verhindert, dass man in ihnen eingesperrt wird. Anders sieht es mit den schneckenförmigen Gebäuden aus, man gelangt lediglich in ihrer Mitte hinein, und dort sitzt man dann bis an sein Lebensende fest. So wäre es mir beinahe ergangen, als der Bezirksrichter behauptete, dass ich die Salbe absichtlich an die Kringel gegeben hätte, die mein lieber Guðbjörn sich gegönnt hatte. Doch das Gutachten des Augenarztes ob meiner vorübergehenden Blindheit bewahrte mich davor, in einem der schneckenförmigen Gebäude eingesperrt zu werden. Diese Ärzte heutzutage können ganz ausgezeichnet und achtsam sein. Ja, nun kann ich fast ebenso gut sehen wie damals, als du es bei uns mit dem Magen bekamst und die Salbe ebenfalls in der, großen Speisekammer verwahrt wurde. Guðbjörn und mir ist es seit deinem Tod wirklich ausgezeichnet ergangen, und daher sei für immer herzlich verabschiedet, liebe Mutter. Ruhe in Frieden. – Ráðhildur.,

Hombre Lars Kjædegaard

Elias bekam vor Sonntagvormittag nicht viel von Mutter oder Jorge zu sehen. Mutter war fertig. So fertig, dass sie nicht einmal versuchte, es zu verbergen. So endete es inzwischen, wenn sie mit den Mädels ausgegangen war. Junge, Junge, dachte Elias, als er sah, wie sie herumwankte. Sie erinnerte ihn an etwas, das die Katze schon in der Mangel gehabt hatte. Je älter Mutter wurde, desto mehr redete sie von den »Mädels«. Als ob sie Mädchen wären. Sie waren aber verdammt nochmal Damen, oder, wenn man richtig deutlich werden wollte, mittelalte Schachteln oder so. Elias war froh, dass er nicht dabei gewesen war. Elias dachte darüber nach, ob es wohl Menschen weiblichen Geschlechts gab, die sich ganz und gar im Klaren darüber waren, was sie in Wirklichkeit waren. Er fand es peinlich, wenn Mutter davon sprach, zum Weiberabend zu gehen. Warum nahmen erwachsene Frauen sich selbst nicht ernst? Entweder waren sie Mädels oder Weiber, oder vielleicht waren sie auch verfluchte Schlampen. Warum wussten sie nie, was sie waren? Jorge war Mutters Freund. Er war Halbbrasilianer und sah gut aus. Und er war zehn Jahre jünger als Mutter. Jorge hatte kein Mitleid mit Mutter, und er zeigte es, indem er ziemlich laut Opern hörte. Es war unerträgliche Musik mit Jammern und Schreien, und Elias wusste genau, dass das Jorges Art war, Mutter dafür zu strafen, dass sie ausgegangen war und jetzt herumlief und Wasser trank und Brausetabletten nahm und zwischendurch die Augen verdrehte, als könne sie gar nicht fassen, dass es einem so schlecht gehen konnte. Jorge wirkte ziemlich cool, und Elias konnte an ihm nichts Auffälliges bemerken. Jetzt, Sonntagvormittag, glaubte er nicht mehr, dass, Jorge ihn gesehen hatte, als Jorge aus dem Haus gekommen war, in dem die professionellen Mädchen arbeiteten. Das gab Elias ein ruhiges Gefühl. Denn er hatte Jorge gesehen. Elias hatte gefrühstückt, während Jorge herumlief und Verschiedenes erledigte und seine Oper im Wohnzimmer dröhnte, dass die kleinen, antiken, von einem Architekten entworfenen Pendelleuchten aus gelblichem Glas über dem Esstisch fast flatterten. Elias sah hinüber zu Mutter, die immer noch im Morgenmantel war und aussah, als wäre sie schon wieder auf dem Weg ins Bett. »Durchgemacht?«, sagte Elias zu ihr. Sie sah hoch, blinzelte mit den Augen und strich sich ihre zerzausten, lockigen Haare aus dem Gesicht. Ihre Haut war gelb und sah ein bisschen fettig aus, wie Weißbrot, das darauf wartet, in den Ofen geschoben zu werden. Irgendwie aufgequollen, aber auch mit roten Flecken auf den Wangenknochen unter den Tränensäcken. Sie versuchte ihn anzulächeln. Die Musik wurde lauter, und Elias konnte sehen, wie Mutter zusammenzuckte, während die Pauken hämmerten und eine Frau höher und höher und immer hysterischer sang. »Du weißt …«, sagte sie, gab aber auf. Sie schaffte es nicht, die Musik zu übertönen. Elias stand auf und ging zur Anlage im Regal. Er drückte auf Stopp. Im Wohnzimmer war vollkommene Stille, und Elias konnte sehen, wie Mutter aufatmete und die Augen schloss. Im selben Moment kam Jorge von der Terrasse herein. »Was?«, fragte er und sah Elias an, als hätte Elias ihn gerufen. »Was was?«, fragte Elias und sah ihn an. Jorge ähnelte ihm vom Typ her ein bisschen, dachte Elias. Er war ein gut aussehender Mann, schlank, mit langen Beinen, an denen seine Diesel-Hosen gut saßen. Er war »intensiv«, sagte, Mutter. Jetzt jedenfalls war er intensiv, und aus irgendeinem Grund war es Elias scheißegal. »Du machst meine Oper aus?«, fragte Jorge mit seinem schwachen Akzent, der manchmal cool klang und manchmal einfach nur bescheuert. Wie jetzt. »Meiner Mutter geht’s nicht so gut, Jorge«, sagte er. »Lass es uns einfach ruhiger angehen, ja?« Aber Jorge blickte Elias unverwandt an. Ein Bein hatte er ein wenig seitlich ausgestellt, und eine Hand lag auf der Hüfte. »Du machst meine Oper aus?«, wiederholte er. Dieses Mal noch ein bisschen intensiver, dachte Elias. Und weiter dachte er, geh doch in den Garten, egozentrisches Arschloch. Elias holte Luft. So was hatte es zwischen ihm und Jorge noch nie gegeben, und so gesehen war er durchaus gespannt darauf, wie weit der Südamerikaner gehen würde. »Ja, ich habe deine Oper ausgemacht, Jorge«, sagte Elias. »Kannst du nicht sehen, dass es meiner Mutter nicht gut geht? Entspann dich, okay?« Ein kleines Lächeln lag auf Jorges Lippen. »Du machst meine Oper aus und erzählst mir, was ich zu tun habe, Elias?« Jorge hatte es damit, seinen Namen irgendwie spanisch auszusprechen. So, dass er sich auf »buenos dias« reimte. Das konnte er auf eine nette und eine weniger nette Art machen, genau, wie es ihm einfallen konnte, »ombray!« zu Elias zu sagen, was »hombre«, Mann, bedeutete und signalisierte, dass Jorge in Buddy-buddy-Laune war. Das war er jetzt nicht. Elias spürte, dass irgendetwas in ihm selbst, ein kleiner Widerstand oder eine kleine Furcht, nicht mehr da war. Es war nur ein kleiner Klick, aber es brachte ihn dazu, weiter zu gehen. Elias stellte sich genauso hin wie Jorge, die eine Schulter ein wenig angehoben und zu Jorge gewandt, das eine Beine ein, Stück vor dem anderen. Er müsste nur noch einen Arm über den Kopf heben, mit dem vorderen Fuß ein wenig trampeln und »olé! Flamenco, hombre!« rufen. Jorge kniff die Augen leicht zusammen, während sein Lächeln breiter wurde, als könne er einfach nicht glauben, was er sah. Elias ließ die Parodie fallen. »Jorge, meiner Mutter geht es schlecht. Du wirst doch verdammt nochmal wann anders Musik hören können. Oder setz deine Kopfhörer auf, wenn es unbedingt jetzt sein muss.« Aber er hatte nicht gesehen, wie zornig Mutters Freund war, und schaffte es nicht mehr rechtzeitig, die Arme hochzunehmen, bevor Jorge ganz dicht vor ihm war und ihm die härteste Ohrfeige verpasste, die er jemals bekommen hatte. Wenn er überhaupt je eine bekommen hatte. Es knallte nur zweimal in dem stillen Wohnzimmer, aber so, dass Elias dachte, was zur Hölle war das? So schnell ging es. Elias drehte langsam seinen Kopf und sah zu Mutter, die immer noch mit ihren Haaren und dem Bademantel unter der Pendelleuchte saß. Sogar der Bademantel sah aus, als wäre er aus gewesen und hätte die Nacht durchgezecht. »Jorge …«, sagte sie von dort drüben. »Jorge …« Aber Jorge ignorierte sie. Er stand einen Meter von Elias weg und sah ihn fragend an, mit seinem kleinen Lächeln und der einen hochgezogenen Augenbraue. Elias wusste, dass seine Mutter aufstehen, herüberkommen und sich einmischen würde, wenn ihr klar wurde, was Jorge gerade tat, und er konnte in Jorges Augen sehen, dass sie genauso einen Schlag abbekommen würde wie er selbst eben. Elias spürte in sich eine kühle Ruhe. Er drehte sich zum Regal mit dem CD-Player. »Gut«, sagte Jorge hinter ihm. »Das war vernünftig, Elias.« Buenos dias, dachte Elias., Er drückte auf die Lade und nahm die CD heraus. Jorges Augenbraue hob sich wieder ein wenig, aber das Lächeln verschwand nicht. »Leg discos compactos ein«, sagte Jorge. Elias steckte den kleinen Finger durch das Loch der CD. Er konnte sehen, wie Jorges Nasenflügel sich ein wenig weiteten, und er musste an Jorge und Mutter auf dem Sofa denken, wo er sie an einem Abend gesehen hatte, als er früher von einer langweiligen Party nach Hause gekommen war. Mutter und ihr junger Liebhaber in dem feinen Haus, in dem kein Vater mehr war. »Leg discos compactos ein«, wiederholte Jorge. »Du willst jetzt Oper hören?«, fragte Elias und sah Jorge fest an. Dieses Mal flüsterte Jorge. »Leg … discos compactos … ein, und mach an, Elias …« Es war merkwürdig, aber je wütender Jorge wurde, umso ruhiger wurde er selbst. Elias nahm die CD von seinem Finger und warf sie wie ein silbernes Frisbee durch die offene Terrassentür nach draußen. »Leg sie doch selbst ein, du lächerlicher Cowboy«, sagte er, ohne Jorge aus den Augen zu lassen. Jorge lief Amok. Aber dieses Mal hatte Elias die Arme oben. Er schützte seinen Kopf, während Jorge auf ihn eindrosch. Elias sah nach unten. Er konnte seine Mutter schreien hören. Elias trat mit seinem Absatz so fest er konnte auf Jorges linken Fuß. Jorge wich einen Schritt zurück und hob den Fuß. Elias traf seinen rechten Knöchel, Jorge verlor das Gleichgewicht und machte ein paar stolpernde Schritte nach hinten, bevor er über einen der geflochtenen Corbusierstühle am Esstisch fiel und auf Hintern und Ellenbogen landete. Elias sah seine Mutter an. Sie starrte ein wenig nach oben, als ob sie nicht, wirklich glaubte, was im Wohnzimmer geschah. Dann ging Elias an Jorge auf dem Boden vorbei und ging aus dem Wohnzimmer hinaus, den Flur entlang in sein Zimmer. Er schloss die Tür ab. Es war still im Haus, und Elias entdeckte, dass seine Hände ein bisschen zitterten. Sein Gesicht prickelte auch noch, da, wo Jorges flache Hand ihn geschlagen hatte. Das war das erste Mal seit langem, dass er wünschte, er hätte einen Joint. Er nahm von dem heftigen Wunsch Abstand, der ihn zu übermannen drohte. Er merkte, wie sehr es in ihm zog. Lass es ziehen, dachte er, lass es fast überall ziehen, aber nur fast. Ein Teil von ihm hätte alles dafür gegeben, den kräftigen, runden Rauch tief in die Lungen zu bekommen. Ein Teil von ihm würde jeden Preis bezahlen, um breit werden zu können und eine andere Perspektive zu bekommen. Es war nicht leicht. Aber das musste es auch nicht sein. Es war okay. Langsam erlaubte er seinen Gedanken wieder, Form anzunehmen. Es war, wie aus einem Traum kommen, wie wach werden. Wo bin ich, und was habe ich getan? Und was werde ich tun? Er dachte. Er hatte das Gefühl, sich weiter gezwungen zu haben, auf etwas zu, das wichtig war. Sex. Das war es, was ihn dazu getrieben hatte, in dem Haus anzurufen, in dem die Mädchen arbeiteten. Das war es, was ihn dazu gebracht hatte, dorthin zu gehen. Um hineinzugehen. Und Jorge zu sehen – rauskommen. In Wirklichkeit war es auch genau das – Sex –, was ihn dazu gebracht hatte, Jorge zu konfrontieren., Gelegentlich hatte er seine Mutter darüber reden hören, den ein oder anderen mit dem ein oder anderen zu »konfrontieren«. Sie hatte einmal Lone Schwartz konfrontiert, weil Mutter fand, dass sie keine loyale Freundin mehr war. »Ich werde sie damit konfrontieren müssen«, hatte sie gesagt, und Elias hatte darüber nachgedacht, was es bedeutete, jemanden mit etwas zu konfrontieren. Nichts Schönes, das konnte er an Mutters Stimme hören. Jetzt wusste er es. Er hatte Jorge konfrontiert, weil Jorge seine Mutter belästigt hatte. Und das fühlte sich in Wirklichkeit gut an. O Mann, er wusste, dass er so etwas noch vor nur einem Monat niemals getan hätte. Und jetzt hatte er es getan. Er betrachtete seine Hände. Sie zitterten kaum mehr. Er hatte nicht einmal Angst vor Jorge. Discos compactos, hombre! Aber … warum hatte er an Sex gedacht? Mutter und Jorge … Mutter hatte genau gewusst, dass es vielleicht schwer für Elias war, dass ein neuer Mann ins Haus gekommen war. Sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihr viel bedeutete. »Er macht mich froh, Elias«, hatte sie gesagt. Ja, daran hatte er keinen Zweifel. Er hatte sie auf dem Sofa gesehen. »Er ist ziemlich jung, oder?«, hatte er gefragt, und Mutter hatte ihre Freude nicht verbergen können. »Ja«, sagte sie, »er ist ziemlich jung. Aber das spielt keine Rolle, Elias. Alter spielt keine Rolle, wenn es … einem so geht.« Nein, das tat es vielleicht nicht. Aber es bedeutete etwas anderes für ihn als für sie. Er ging zur Tür und schloss auf. Er war alt genug. Alt genug, den stupiden Freund seiner Mutter zu konfrontieren. Alt genug, um zu probieren, Sex zu haben. Und alt genug, um zu wissen,, dass, wenn er den Freund seiner Mutter aus einem Puff kommen sah, in den er selbst gerade gehen wollte – es war dann allein an ihm, Elias, dafür zu sorgen, dass die Dinge in Ordnung kamen. Jorge klopfte gegen drei an. Seit dem Vormittag war kein Laut im Haus zu hören gewesen. »Komm rein«, sagte Elias. Er saß auf dem Stuhl am Fenster. Die Tür ging auf, und Jorge stand in der Öffnung. »Hallo«, sagte er. Seine Stimme war leise, und Elias konnte sehen, dass Gewalt und Zorn ihn verlassen hatten. »Wo ist Mutter?«, fragte Elias. Er stand nicht auf. »Sie schläft«, sagte Jorge. »Gut«, sagte Elias. Der große Liebhaber stand in der Tür, an den Rahmen gelehnt. Er hatte die Hände hinten in die Hosentaschen gesteckt. »Ich wollte mich nur entschuldigen«, sagte Jorge und hob seinen Blick über Elias hinweg, sodass er in den Garten sah. »Okay«, sagte Elias. Es war überstanden. In ihm war auch kein Zorn mehr. Es gab nicht wirklich etwas zu sagen. »Sie hat einen harten Abend gehabt, Elias.« Ja, dachte Elias. Das war ja der Grund … warum sagte Jorge ihm das? »Ich weiß.« Jorge änderte die Richtung. »Und was ist mit dir, Elias?« Kameradschaftlich. Hombre. »Was mit mir?« »Hast du einen schönen Abend gehabt?« »Ich? Ja, ich hatte einen prima Abend. Es war ja keiner zu Hause.«, Jorge sah zu ihm hinunter und Elias konnte etwas in seinen Augen sehen. »Warst du den ganzen Abend zu Hause? Ganz allein?« Aha. Elias entschied sich, ihm eine Kleinigkeit zu geben. »Ich bin ein bisschen mit dem Rad herumgefahren, als es dunkel geworden war.« »Okay«, sagte Jorge, und Elias konnte sehen, wie er dachte. Wenn du jetzt fragst, wohin ich gefahren bin … »Wo bist du denn hingefahren?« Elias hielt es zurück. »Einfach rum. Gerade bis zum Fitnesscenter.« Er fragte sich, wie dumm Jorge wohl war. »Hast du niemanden getroffen, den du kennst?« Elias fiel es schwer, ein Lächeln zu unterdrücken. »Nö.« Jorge kam ins Zimmer und hockte sich vor die Wand direkt neben der Tür. Jetzt waren sie auf Augenhöhe. »Elias … weißt du, was ich mache?« Elias wartete ein wenig, bevor er sagte: »Nein, nicht richtig. Meinst du Arbeit?« Der Südamerikaner nickte. »Weißt du das?« »Nein. Irgendwelche Geschäfte, oder?« Jorge nickte wieder. »Ja. Ich arbeite für eine Firma, die Wasser verkauft.« »Wasser?« Jorge nickte immer noch. »Ja, Wasser. Du kennst doch diese Behälter, die sie in den Büros rumstehen haben? Gekühltes Wasser?« »Ja.« »Die verkaufe ich.« »Du verkaufst Wasser?«, »Ja. Wasser. An Büros und Firmen. Fahre rum, mache neue Verträge … das ist ein gutes Geschäft.« »Sicher«, sagte Elias, ohne etwas Bestimmtes damit zu meinen. Er dachte, warum erzählst du mir das jetzt? »Wir unterhalten uns so selten, Elias. Das tut mir Leid.« Elias sah ihn an. Jorge stand auf. »Das wollte ich nur sagen.« »Okay, cool«, sagte Elias. Jorge ging raus und schloss leise die Tür hinter sich. Ja, right, dachte Elias. Wasser. Er dachte weiter. Er glaubte jetzt, dass Jorge ihn auf der Straße vor dem Haus der Mädchen gesehen hatte. Er glaubte, dass Jorge sich nicht sicher war, ob es wirklich Elias war, den er gesehen hatte. Darum hatte er gefragt, wo Elias gewesen war. Und dann hatte Jorge gedacht, dass, wenn er Elias gesehen hatte, Elias ihn vielleicht auch gesehen hatte. Und darum hatte er Elias erzählt, dass er Wasser verkaufte. Was vielleicht auch richtig war, aber Elias glaubte nicht daran. Das bedeutete gar nichts. Während es dunkel wurde, dachte Elias darüber nach, warum Jorge aus dem Haus der Mädchen rausgekommen war. Vielleicht war er drinnen gewesen, um mit einem von Tanias Mädchen Sex zu haben. Oder mit Tania selbst. Für einen Augenblick machte der Gedanke Elias wütend. Warum zum Teufel konnte er das nicht für sich haben? Aber vielleicht, dachte er, vielleicht gab es noch eine andere Erklärung. Die Art, wie Jorge über Geschäfte gesprochen hatte … Elias konnte es nicht ganz verstehen. Warum hatte er noch nie vorher etwas von dieser Wasserfirma gehört? Wie konnte Jorge Wasser verkaufen und dann überhaupt nie über Wasser reden? Vielleicht hatte Jorge irgendetwas mit diesem Ort zu tun? Vielleicht war das sein Geschäft? Elias versuchte, sich bis zu dem vorwärts zu denken, das mit ihm selbst zu tun hatte. Wenn Jorge da oben arbeitete, dann war, es vielleicht eine dumme Idee gerade dorthin zu gehen, um zu versuchen Sex zu haben? Er dachte lange darüber nach. Er versuchte es sich vorzustellen. Vielleicht war es eine dumme Idee, dorthin zu gehen. Oder vielleicht war es gerade richtig, dorthin zu gehen. Langsam war es dunkel geworden. Die Rezeption im Haus der Mädchen war nur schwach beleuchtet. Schummerlicht und gedämpfte Musik. Elias stand vor der Theke. Hinter der Theke stand Tania. »Hier auf der Karte kannst du sehen, was wir anbieten«, sagte Tania. »Ist es dein erstes Mal?« Elias nickte. »Ja.« Tania nickte auch. Sie wirkte nett. Sie sah aus, als wäre sie um die dreißig. Sie hatte blonde Haare mit ein paar dunkleren Strähnen dazwischen. Sie hatte scharfe Sachen an, ein durchsichtiges Kleid und einen schwarzen Büstenhalter. Elias konnte ihre sonnenverbrannten, festen Brüste sehen, und er fragte sich, ob sie echt waren. Sie sahen nicht danach aus. Sie sahen hart und schwer aus. Tania erklärte ihm, was die verschiedenen Bezeichnungen beinhalteten, aber es fiel Elias schwer, die Erklärungen mit etwas zu verbinden, das er selbst tun sollte. Er sagte: »Ich will einfach nur gern ausprobieren, wie es ist, Sex zu haben. Mit einem Mädchen. Ich habe das noch nie gemacht.« Tania sah von der Karte auf und lächelte. Sie legte das in Plastik eingeschweißte Menü beiseite. »Okay«, sagte sie dann. »Okay. Wir gehen es ganz langsam an.« Elias nickte. »Soll ich dann … ein Mädchen aussuchen?« Er hatte gehört, dass die Mädchen hereinkamen und sich vor, den Kunden aufstellten, sodass man selbst aussuchen konnte. »Bin ich nicht gut genug?«, fragte Tania und riss ihre Augen auf. Elias fühlte sich ein wenig beschämt. »Doch … doch, natürlich. So hatte ich es nicht gemeint. Ich dachte nur, du wärst die Chefin. Dass du hier die Theke beaufsichtigst.« »Ich kann mich gern ein bisschen um dich kümmern«, sagte Tania. »Wenn du Lust hast.« Er nickte. »Wie viel?« Er wusste, dass man immer im Voraus bezahlen musste. Aber Tania sagte: »Lass uns hinterher darüber reden.« »Okay«, sagte Elias. »Aber, ich habe wirklich Geld dabei.« »Ja, da bin ich sicher«, sagte Tania. »Sagen wir, wir legen den Preis hinterher fest.« »Okay«, sagte Elias. Er schwitzte ein bisschen. »Du wirst bestimmt mal richtig gut«, sagte sie hinterher. »Du bist ein hübscher Kerl.« »Ich heiße Elias.« »Okay, Elias.« Sie saß auf dem Bett, während er seine Sachen anzog. Als er die Hosen angezogen hatte, sah er sie direkt an. »Darf ich dich etwas fragen?« Sie hatte sich eine Zigarette angesteckt und lächelte. Sie war nett, und Elias fühlte sich dankbar. Ihre Haut war braun, und er war vorsichtig gewesen, um ihre Brüste nicht zu fest zu drücken, die nicht wie ein natürlicher Teil von ihr wirkten. Er hatte es zum ersten Mal gemacht. Jetzt wusste er, dass er es wieder machen könnte – leicht –, aber gerade jetzt lag es schon hinter ihm., »Natürlich darfst du.« Sie blies den Rauch in die Luft. Es war dunkel im Raum, abgesehen von dem Licht, das der rote Lampenschirm neben dem Bett ausstrahlte. »Es ist vielleicht eine komische Frage, aber ich kann nur dich fragen, Tania.« Er sah sie direkt an. »Frag mich, Elias. Ich werde dir schon antworten. Wenn ich kann.« Elias setzte sich ihr gegenüber aufs Bett. Sie lächelte immer noch, und er konnte sehen, dass sie neugierig war. Er hatte gehört, dass Nutten kalt und berechnend waren. Aber er war der Ansicht, dass sogar Nutten waren wie andere Menschen. Verschieden. Am Samstag aßen sie alle zusammen. Samstags war Jorge in aller Regel guter Laune und redete von Familie, während er kochte. »In Argentinien isst man lange«, sagte er. »Nicht wie hier. In Argentinien verwendet man Zeit darauf. Die ganze Familie ist da, alle helfen beim Kochen. Die Alten sitzen dabei und bekommen einen Drink. Es ist gemütlich. Ihr Dänen redet so viel von Gemütlichkeit, Elias, aber in Argentinien, da ist sie einfach.« »Cool«, sagte Elias, der davon schon gehört hatte. Jorge konnte unglaublich guter Laune sein. Dann sollte man alles Mögliche probieren. Man sollte seine Meinung sagen. Man sollte keine Angst davor haben zu entspannen und ganz man selbst zu sein. Mutter war froh, wenn Jorge froh war. Und am Anfang hatte das wiederum Elias froh gemacht. Nur zu sehen, dass sie froh war. Und am Anfang war es gemütlich gewesen. Nicht auf, dieselbe Art gemütlich wie damals, als Vater lebte, aber dennoch. An diesem Samstag gegen fünf sagte Elias zu Mutter: »Ist es okay, wenn meine Freundin mitisst?« Mutter war dabei, eine Aubergine auszuhöhlen, nachdem Jorge ihr erklärt hatte, wie sie es machen sollte. Sie sah vom Küchentisch auf. Jorge stand an den anderen Küchentisch gelehnt, ein Glas Wein in der Hand. Aus dem Ofen roch es nach Braten. »Deine Freundin?«, wiederholte Mutter. »Du hast eine Freundin, Elias?« »Ja«, sagte er. Jorge grinste ihn an. »Hombre!«, sagte er und zwinkerte Elias zu. Von Mann zu Mann. »Aber, davon hast du ja gar nichts erzählt«, sagte Mutter. Ihre Überraschung war dabei, einem Lächeln zu weichen. »Natürlich darf sie mitessen, mein Schatz. Wie heißt sie?« »Ulla.« »Ulla?«, wiederholte Mutter, immer noch mit diesem kleinen, erstaunten Lächeln, als wäre es ganz großartig, dass Elias’ Freundin Ulla hieß. »Ulla-ulla-ulla«, sagte Jorge und grinste ihn wieder an. »Aber«, sagte Mutter. »Wo hast du Ulla kennen gelernt? Und wieso hast du mir nichts gesagt?« Elias lächelte sie an. »Wie lange warst du mit Jorge zusammen, bevor du mir davon erzählt hast?« Ihr Lächeln wurde ein bisschen kleiner. »Na ja … aber das ist doch was anderes. Du bist doch mein Sohn.« »Ja, und du bist meine Mutter«, sagte Elias. »Deshalb …« Jorge sah sie beide von seinem Platz aus an und grinste wieder., »Familie«, grinste er. Elias konnte Mutter ansehen, dass sie jetzt nervös war. Zuerst war sie erstaunt gewesen, dann froh – weil er eine Freundin gefunden hatte und sie zum Abendessen mitbringen wollte –, und dann war sie nervös geworden. Elias’ Herz sank ein bisschen, aber er wusste, dass es so sein musste. Er ging zum Schrank und nahm einen zusätzlichen Platzteller heraus, ein zusätzliches Set und ein Gedeck. Weinglas, Wasserglas. Er deckte den Tisch. Mutter hatte sich wieder über ihre Aubergine gebeugt. Er konnte sehen, wie sie versuchte zu denken, versuchte herauszufinden, wie sie sich verhalten sollte, wenn es nicht sie und Jorge waren – also Jorge –, die die Show lieferten. Elias ging um den Tisch herum, während er versuchte sich vorzustellen, wie es Mutter gehen würde, wenn sie es war, die ins Wohnzimmer kam und ihn, Elias, mit einem Mädchen auf dem Sofa finden würde. Er machte sich hart. Wenn er das aushalten konnte, dann konnte sie es auch. Konnte sein, dass sie musste. Aber er selbst war auch nervös. Er ging hinüber zum Küchentisch, an dem Jorge stand, und schenkte ein Glas Wein ein. Jorge fing seinen Blick auf und zwinkerte ihm einmal zu. Er selbst machte Ulla, wie sie in Wirklichkeit hieß, auf. An diesem Samstagabend war sie ganz gewöhnlich angezogen. Jeans, Bluse. Sie trug ihre Haare offen. Sie sieht nicht aus wie eine Nutte, dachte Elias. Er hängte ihre Jacke an die Garderobe, während sie sagte: »Bist du immer noch sicher, dass das eine gute Idee ist, Elias?« Er lächelte sie an. »Lass uns sehen, was passiert«, sagte er. Sie lächelte auch. »Es ist dein Geld«, sagte sie., Wie er erwartet hatte, war es seine Mutter, die am heftigsten reagierte, als sie in die Küche kamen. Sie reichte ihr die Hand und sagte »Tag, Ulla«, während Elias sie ansah. Mutters Lächeln, das sie nur schwer aufrechterhalten konnte, während ihr Blick von Ulla zu ihm flackerte. »Also, Sie sind Elias’ … Freundin?« »Ja«, sagte Ulla. »Und danke, dass ich mitessen darf.« Es war haargenau so unwirklich, wie Elias gehofft hatte. Er war siebzehn, und jeder konnte sehen, dass Ulla um die dreißig sein musste. Er konnte sehen, wie Mutter dachte. Er konnte sehen, wie sie dachte, dass sie nicht wusste, was sie denken sollte. Sie sah ihn an, als hätte sie ihn noch nie vorher gesehen. »Wo habt ihr euch eigentlich kennen gelernt?«, fragte sie dann, während sie an der Küchentheke zum Wohnzimmer stand. »Auf einem Fest«, sagte Ulla. »Elias ist ein richtig guter Tänzer.« »Ist er das?«, fragte Mutter. »Ja«, sagte Ulla. »Und er ist ein netter Kerl.« Mutter lächelte tapfer, dachte Elias. Jorge war nicht im Raum gewesen, als sie hereinkamen. Jetzt kam er von der Terrasse, und Elias sah, wie er gleichsam anhielt und dann seinen Weg über den Wohnzimmerboden fortsetzte. Es war nur ein kleiner, unsicherer Schritt, als er Ulla entdeckte. Mutter gab es an ihn weiter. »Jorge, das ist Elias’ Freundin, Ulla. Ulla, das ist mein Freund, Jorge.« Elias sah, wie sie sich die Hände gaben. »Hallo Jorge«, sagte Ulla und lächelte. »Hallo«, sagte Jorge. Elias sagte nichts. Aber er lächelte und sah die drei an. Er sah Jorge um die Küchentheke gehen und ihnen den Rücken zuwenden. Elias folgte ihm mit den Augen und sah, wie er sich kurz umdrehte. Elias traf Jorges Blick. Jorge starrte ihn mit, seinen dunklen Augen an. Elias konnte sehen, dass er nicht mehr länger in der Stimmung war, in der er jemandem verschwörerisch zublinzelte. Sie setzten sich an den Tisch – Elias lächelte Ulla an. Mutter konzentrierte sich darauf, ein gutes Essen zu servieren. Jorge schwieg – er war gut darin, zu schweigen. Sein Schweigen verriet immer viel, wenn man ihn gut genug kannte. Ab und zu warf er Elias einen verletzten Blick zu, der Elias gut tat. Er hatte große Lust, Jorge zuzuzwinkern, aber er tat es nicht. Er lächelte nur. Mutter – die großen Wert auf eine gute Unterhaltung legte – sagte zu Ulla: »Und was machen Sie, Ulla? Ja, ich gehe ja nicht davon aus, dass Sie mit Elias zur Schule gehen?« Ulla lächelte. »Nein, es ist lange her, dass ich zur Schule gegangen bin. Ich arbeite in einer Klinik.« Mutter war vielleicht dabei, die Dinge zu einer Wirklichkeit zusammenzusetzen, die sie verstehen konnte. Sie nickte. »Eine Klinik? Was für eine Klinik?« »Massage«, sagte Ulla. Erst konnte Elias seine Mutter an Heilung denken sehen, an alternative Behandlungen – für die sie sich einsetzte –, während sie nickte. Dann sagte sie, »Okay, eine … Massageklinik?« Das Wort kam so verwundert, dass Elias fast lachen musste. »Ja«, sagte Ulla. »Ich bin Intimmasseuse.« Elias sah Jorge an, der auf seinen Teller hinuntersah, als hätte all das nichts mit ihm zu tun. Es war kurz still. Dann sagte Mutter, während sie Elias direkt ansah, »Elias …« Er sah sie an, ohne zu lächeln. »Ja?« Mutter hatte ihr Weinglas abgestellt und sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt. Sie lächelte immer noch ein wenig, aber es war, ein Lächeln, das dabei war, etwas anderem zu weichen. Sie richtete den Blick auf Ulla. »Ja, Sie müssen entschuldigen, Ulla, aber das ist ein bisschen schwierig für mich. Sie sind Intimmasseurin, sagen Sie? Und Sie sind die Freundin meines Elias?« »Ja«, sagte Ulla. »Das ist richtig.« Gut, dachte Elias. Ulla war unangefochten. Jetzt sah Mutter wieder ihn an. »Elias, stimmt das? Dass du der Freund einer …«, sie sah wieder zu Ulla hinüber, »ja, nicht weil ich jemanden verurteilen will, Ulla, aber vielleicht können Sie verstehen, dass es ein wenig seltsam für mich ist, dass mein siebzehnjähriger Sohn mit seiner ersten Freundin nach Hause kommt, die sich als weit älter als er selbst herausstellt und darüber hinaus eine …« Sie versuchte ein Wort zu finden, das die Wahrheit abdeckte, ohne sie gleichzeitig selbst zu kompromittieren. Da kam Jorge ihr zu Hilfe. »Nutte«, sagte er. Elias sagte noch immer nichts. Mutter hätte sicher ein anderes Wort gefunden, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte. Jorges Wort wirkte wie eine Ohrfeige auf sie. »Jorge!«, sagte sie. Jorge sah sie böse an, schüttelte kurz den Kopf und sah hinunter auf sein Essen, während er das Lammfleisch klein schnitt. »Das ist schon in Ordnung«, sagte Ulla. »Jorge weiß, wovon er spricht. Da bin ich mir sicher.« In diesem Moment hatte Elias ein wenig Mitleid mit seiner Mutter. Und zugleich war das hier alles, was er sich erhofft hatte. Mutter war nicht dumm, oder … Vielleicht war sie kein Genie, aber sie hatte Antennen. Sie war gut darin, Stimmungen aufzufangen. Jetzt nahm sie einen schnellen, routinierten, Schluck ihres Weines, während sie Ulla anstarrte. »Was meinen Sie damit?«, fragte sie. »Was meine ich womit?« »Damit, dass Sie sicher sind, dass Jorge weiß, wovon er spricht?« Ulla zuckte mit den Schultern. »Das … das weiß ich wirklich nicht.« Aber Mutters soziale Bemühungen waren verschwunden wie Nebel in der Sonne. Sie hatte es versucht, aber sie war von dem Augenblick an verloren gewesen, als Ulla den Raum betrat, genau wie Elias es gewusst hatte. Jetzt sah sie ihn an. »Elias, was zum Teufel soll das hier?« »Was meinst du?« Sie nahm ihr Glas, schluckte hastig und schenkte nach, während sie sagte: »Du weißt genau, was ich meine! Was machst du?« »Gar nichts. Versuche, mein Essen zu genießen.« Aber sie war jenseits all ihrer eigenen Ansprüche. »Du lädst eine Nutte nach Hause zum Abendessen ein, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und dann erzählst du mir, sie wäre deine Freundin!« »Ulla hat mir alles beigebracht, was ich über die Liebe weiß, Mutter. Also, physische Liebe.« Sie drehte durch. »Jetzt reicht es, Elias. Ich will das hier nicht hören! Und – Sie, Ulla – was zum Teufel meinen Sie damit, dass Jorge weiß, wovon er spricht? Was verdammt nochmal soll das?« Ulla sagte: »Ja, das sollten Sie vielleicht Jorge fragen.« Mutter verstand nicht, was sie erwartete. Sie drehte sich zu Jorge, zum Ende des Tisches. »Jorge … was meint sie?« Als wäre sie mitten in einem bösen Traum., Jorge legte sein Besteck hin und lehnte sich zurück. Sein Gesicht war ausdruckslos, als wäre er in Wirklichkeit ganz woanders. Er starrte Elias an. »Woher soll ich das wissen?«, fragte er. Mutter sagte über den Tisch zu Ulla: »Sie müssen schon sehr entschuldigen, Ulla, aber hier passiert irgendetwas, das ich einfach nicht begreife. Ich glaube, Sie dagegen begreifen es sehr gut. Und wenn Sie etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass Sie auf diese Art in mein Haus kommen und…« Sie geriet ins Stocken, aber sie wusste, sie war gezwungen auszureden. Sie schloss für einen Moment die Augen. Ihr Glas war leer. Dann öffnete sie die Augen wieder. Sie richtete sich auf. Elias konnte sehen, dass sie ein bisschen benebelt war. Sie hatte mindestens drei Gläser Wein sehr schnell nacheinander getrunken. Sie fing an zu weinen. Dann sagte sie: »Elias … warum hast du eine Nutte zum Abendessen eingeladen?« »Warum hast du?«, sagte Elias. Mutter schaffte es nicht mehr, den Sinn seiner Worte aufzunehmen, bevor Jorge vom Stuhl aufgesprungen war. »Jetzt hören wir auf, Elias«, sagte er. »Jetzt bist du zu weit gegangen, hombre!« Das war kein kameradschaftliches hombre. Elias sagte: »Nein, du bist zu weit gegangen, hombre.« Er wusste, dass es nicht mehr weit bis zur Gewalt war, und irgendwie sehnte er sich danach. Jorge ging um den Tisch, während er sagte, sehr laut: »Ich meine, du solltest deine Freundin jetzt bitten zu gehen. Danke für den Besuch. Das war eine hübsche Provokation. Aber jetzt, finde ich, solltest du gehen, Ulla.« »Ja, aber, warum?«, fragte Mutter. »Warum?«, »Weil«, sagte Elias schnell, während Jorge hinter Mutter und ihm herumging, »weil Jorge …« Aber er schaffte es nicht mehr. Jorge packte ihn an der Schulter und zerrte ihn vom Stuhl. Der Stuhl kippte um, und Jorge schleuderte ihn über den Boden, während er anfing Elias mit der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen. »Bringst deine Dreckshure mit nach Hause«, zischte er. »Okay …« Elias konnte Mutter schreien hören. Er hörte keinen Laut von Ulla. Er versuchte, an den Argentinier heranzukommen, versuchte seine Schläge durchzubringen. Er spürte, wie dieser dünne Mann die Gangart wechselte. Das waren keine unkontrollierten, flachen Schläge mehr. Elias spürte jetzt einen anderen Jorge, einen Jorge, der mit Gewalt sehr vertraut war. Er bekam einen festen Schlag in die Magengrube und, bevor er sich wieder ganz aufrichten konnte, einen Fausthieb ins Gesicht. Er schmeckte Blut im Rachen. Er versuchte sich zusammenzukrümmen, während er den nächsten Schlag erwartete. Aber er kam nicht. Er ließ sich auf den Boden fallen. Er sah auf und sah Jorge weit über sich, unbeweglich. Er sah Ullas Arm mit einer Pistole, dicht an Jorges Kopf. Er drehte seinen Kopf eine Spur und sah ihr Gesicht. Sie blickte zu ihm hinunter, und für einen Augenblick fühlte Elias sich, als wäre sie mehrere Kilometer hoch und riefe vom Himmel zu ihm herunter. »Es war eine dumme Idee, Elias. Aber es ist meine Schuld. Ich hätte niemals kommen dürfen. Du kannst dein Geld behalten.« Elias schloss die Augen. Er hörte sie da oben weitersprechen. »Jorge, setz dich.« Es geschah nichts, und Ulla brüllte: »Setz dich hin!« Elias schluckte Blut. Er hatte das Gespür für das verloren, was weiter passieren sollte, was er gedacht hatte, was passieren, sollte, was wirklich passiert war und warum. Er wollte aufstehen. Aber in seinem Kopf drehte sich alles, und er dachte, dass er sich lieber ein wenig ausruhen sollte, bevor er versuchte sich zu bewegen. »Aber ich will gern bezahlen«, sagte Elias. »Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass du es gratis machst.« Es war eine Woche später, Dienstagabend. Es war nicht viel los im Haus der Mädchen. Tania sah ihn über die Theke an. Hinter ihr lief ein Porno im Fernseher. Dort war eine Art Wartezimmer, wo die Kunden sitzen und in Fahrt kommen konnten. Aber jetzt war keiner da, und die Models auf dem Bildschirm stöhnten und strengten sich umsonst an. Tania – in Arbeitskleidung, die schweren, braunen Brüste im schwarzen Büstenhalter und darüber das durchsichtige Nachthemd – sah ihn direkt an, und er konnte ihre Stimmung nicht deuten. »Es war meine Schuld, Elias. Ich fasse es nicht, warum zur Hölle ich mitgemacht habe. Es war nicht gerade eine gute Idee.« Er zuckte mit den Schultern. »Jorge ist ausgezogen. Es hat gewirkt. Und du hattest eine Pistole. Mann.« Tania wirkte heute Abend müde. Sie sagte wieder: »Ich will kein Geld dafür, Elias. Und die Pistole war nicht echt. Es war eine Attrappe. Ich fasse es nicht, dass du mich dazu gebracht hast.« Elias fühlte sich ausgeschlossen. Er hatte das Geld dabei. Zweitausend Kronen, wie besprochen. Und jetzt wollte sie es nicht haben. »Hast du viel zu tun?«, fragte er. Sie sah ihn nur an. »Kann ich dich bezahlen wie neulich?«, fragte er. »Also für das, was du immer machst?«, Sie sah ihn lange an, bevor sie die Tür zum Aufgang öffnete. Dann nickte sie in Richtung des leeren Zimmers, wo sie das letzte Mal gewesen waren. Es ging gut, bis sie über ihm ins Stocken kam. »Was?«, fragte Elias. Ihre Augen, grau im Licht der Lampe auf dem Nachttisch, hingen genau vor seinem Gesicht. Er konnte den Tabak in ihrem Atem riechen. »Nichts«, sagte sie. »Ich …« Er dachte daran, wie kalt es plötzlich auf der Haut wurde, wenn man sich nicht bewegte. Er legte seine Hände auf ihren Hintern. Dann merkte er, dass sie weinte. »Was ist los?« Sie setzte sich auf. Für einen Moment war es sehr seltsam, dass sie so auf ihm saß, als hätten sie nie daran gedacht, es zu tun. Sie hob sich langsam hoch und Elias wusste, dass es vorbei war. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf dem Bett. Ihr Rücken war nackt und braun vom Solarium. »Was ist los?«, fragte er. Er setzte sich auf. Es dauerte einen Moment, bevor sie sich zu ihm umdrehte. Sie weinte nicht mehr. »Als du zum ersten Mal hier raufgekommen bist, mochte ich dich, Elias. Es war nett, mit dir zusammen zu sein. Und du hast mich dazu gebracht, einen großen Fehler zu machen. Weil es nett war mit dir und weil du mich davon überzeugt hast, dass Jorge ein dummes Schwein ist.« Elias wartete. Sie sah aus, als würde sie wieder weinen, aber dann sagte sie:, »Ich fand, er hätte es verdient. Und das hatte er auch. Aber… das hier ist nicht deine Welt, Elias.« »Was meinst du?« »Das hier ist meine Welt. Meine. Männer, die kommen und bezahlen. Ich bin zweiunddreißig, Elias. Ich kann nichts. Ich kann hier liegen, während Männer ihren Orgasmus in mir haben. Davon lebe ich. Und als du mich nach Hause eingeladen hast und wir deiner Mutter und Jorge zeigen sollten, wie die Dinge zusammenhängen …« »Was dann?«, fragte Elias. Er verstand sie nicht. Jetzt weinte sie wieder. Ihre aschblonden Haare lösten sich aus ihrer sexy Frisur, die sie getragen hatte. Ihre Brüste starrten ihn in ihrer machtvollen, befummelten Üppigkeit an. »Ich fand, es wäre … schön. Darum bin ich gekommen. Ich wollte gern zu dir nach Hause, Elias. Weil du nett bist. Und jung. Das mit deiner Mutter und Jorge, das war mir nicht so wichtig. Ich wollte einfach gern mit dir nach Hause.« Er hatte nichts zu sagen, aber er rutschte zu ihr hinüber, auf Knien, legte die Arme um ihren Hals und zog sie fest an sich. »Entschuldige«, sagte er. »Entschuldige. So habe ich nicht gedacht.« Er küsste sie und war erstaunt darüber, wie sie seinen Kuss erwiderte. Vielleicht weinte sie noch immer ein wenig, aber sie hielt ihn fest und zwang ihn zurück, und er merkte, wie es zurückkam – eine ganz andere Stimmung, eine mehr … eine richtige Stimmung. Zu irgendeinem Zeitpunkt, als sie sich bewegten und es sich leicht anfühlte, dachte er an Mutter. Sie hatte wohl Recht. Das Alter war nicht so wichtig.,

Verwandte alte Bekannte Johanna Helga Halldórsdóttir

Ich bin viel zu müde, um diesen Tag zu überstehen. Es ist kurz nach halb acht, ich habe die Kinder soeben in die Schule geschickt und brauche vor dem nächsten Monatswechsel selbst nirgendwo auf einer Arbeit zu erscheinen. Jeden Abend besuche ich einen Lehrgang, in dem es um Disziplin, Selbstständigkeit, Vertrauen, Pflichten, Führungsstile und so weiter geht. Bevor mir vertrauensvolle Aufgaben bei der Polizei übertragen werden, ich die Privatsekretärin und die rechte Hand des Polizeichefs der Stadt Reykjavik werde. Jetzt erlaube ich mir zu gähnen, koche mir Kaffee und setze mich mit dem Moggi, der größten Tageszeitung des Landes, an den Küchentisch. Es steht nicht mehr darin als sonst auch und meine Gedanken sind dabei, meine Position in der Welt zu reflektieren und die Realitäten des Lebens zu verarbeiten. Allein erziehende Mutter wollte ich nie werden, so wenig wie ich nie vorhatte, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann einzugehen oder einen Kapitän zum Ehemann zu haben, der höchstens zehn Wochen im Jahr zu Hause ist. Der ansonsten aber draußen auf dem Meer weilte, mit Kerlen, einem Koch und Fischen. Doch wenn er dann einmal an Land kam, herrschte ununterbrochen Party, und das gewöhnliche Familienleben hatte ihm Platz zu machen, ihm, der sich nun an Land befand und Wein, fröhliche Gesellschaft und eine Ehefrau brauchte, in dieser Reihenfolge wohlgemerkt. Für seine Kinder interessierte er sich nicht, und er fand keine Zeit, sich um sie zu kümmern. Gleichwohl kaufte er ihnen Geschenke und sagte ihnen abends gute Nacht, wenn er an Land war. Anderes gab es nicht. Meine liebe kleine Bára Dís und mein lieber kleiner Ægir Már sind, jetzt in die Schule gekommen und mit dem Wenigen ausgestattet, worauf ich in dieser Welt stolz sein kann. Die hübschesten Zwillinge die man je gesehen hat und von denen alle außer ihrem Vater Páll entzückt sind. Na ja, Scheiß drauf, ich gab vor ein paar Wochen auf, heute vor sieben Wochen und einem Tag, also vor genau fünfzig Tagen, beendete meine Ehe mit dem Kapitän Páll – der zu der Zeit gerade irgendwo vor der Küste Australiens war –, sogar am Telefon. Er erwiderte so gut wie nichts, nachdem er über neun Jahre eine Frau an Land gehabt hatte und siebenjährige Zwillinge, nein, er wollte nicht das Auto, nicht das Haus, nichts. Er hatte sich selbst und das war ihm genug. Mehr Kaffee, mehr Moggi. Moment mal, was ist denn das? Eine Sensationsnachricht, dass die Polizei beabsichtigt, einige ungelöste alte Kriminalfälle wieder aufzunehmen und neu zu untersuchen. In diesem Zusammenhang werden hier ein paar berüchtigte Straftaten erwähnt, die ich aus den Nachrichten von vor etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren kenne. Zum Beispiel die Vergewaltigung einer Gruppe von Freundinnen aus dem westlichen Teil der Stadt: Die Vergewaltiger, die nach Aussage der Frauen insgesamt acht an der Zahl waren, wurden nie gefasst, nicht einer von ihnen. Der Mord und die Misshandlungen an einem Jungen, von dem erzählt wurde, dass er zum innersten Ring von Dealern in Ostisland gehörte, er wurde in einem Schlachthaus aufgefunden, wobei er halb aus einem Fleischwolf heraushing. Es ließen sich nicht einmal Fingerabdrücke am Tatort finden, geschweige denn Leute. Lediglich seine Strickjacke lag ordentlich zusammengelegt auf dem Boden. Die Ehefrau, von der es hieß, dass sie die Geliebte ihres Mannes gequält habe, die jedoch nie gestanden hatte, die Geliebte war laut dieser Nachricht jetzt mit neuen Angaben gekommen. Und dann fiel mir das ins Auge: Zwei junge Leute, die am, Abhang der Straße Bakkasel starben, als ihr Auto von der Straße abgekommen war; keine Bremsspuren, es war, als ob sie geradewegs von der Fahrbahn runtergefahren wären. Das Auto wurde völlig demoliert, die beiden Männer wurden in Stücke gerissen. Doch jetzt hatte man das Fahrzeug mit neuen technischen Mitteln untersucht, man hatte es die ganze Zeit aufbewahrt, und die Polizei war der Meinung, dass zweifellos von Sabotage und Mord auszugehen sei, denn an den Bremsen sei herumgefummelt worden. Ich reibe mir die Augen und bin jetzt hellwach. Dies sind offenbar alles Fälle, mit denen sich Angehörige und Opfer nicht abgefunden hatten, und wahrscheinlich haben sie wegen weiterer Ermittlungen jahrelang mit der Polizei im Clinch gelegen. Ich muss mich daran gewöhnen wie die Polizei zu denken, alles unter Vorbehalt zu sehen, Zeitungen und Informanten anzuzweifeln, meine Ruhe zu bewahren, ganz gleich, um was es geht. All dies lerne ich bestimmt gerade als zukünftige Polizeiangestellte und Kriminalbeamtin. Mein Freund Skúli hat mich für diese Tätigkeit empfohlen, demnach scheint er zu wissen, wie gescheit und bereit zu Pioniertaten ich bin. Skúli ist Polizist, seit ich mich erinnern kann und ich das erste Mal mit ihm geschlafen habe. Er ist auch der verheiratete Mann, mit dem ich ein Verhältnis hatte und bei dem ich ruhig schlief, gerade als die zwei jungen Männer den Abhang der Straße Bakkasel hinabstürzten. Dundi und Diddi. Keine geringe Trauer in der Familie, beide waren sie nah mit mir verwandt, und ich erinnere mich an alles, als ob es gestern passiert wäre. Ich war achtzehn Jahre alt, und das ganze Wochenende lag vor mir. Im Winter machte mir die Schule zu schaffen, doch im Sommer ging alles gut. Ich hatte eine spannende Arbeit in der Umgebung, gemeinsam mit einer tollen Gruppe von Jugendlichen und Erwachsenen, sowohl in meiner Gemeinde als, auch in Nachbargemeinden. Bälle und Partys an den Wochenenden. Die letzte Woche war allerdings etwas anstrengend gewesen. Meine Schwester Inga hatte mich gebeten, zur Abtreibung mit ihr ins Krankenhaus zu fahren, und hatte mich schwören lassen, dass ich keinem Menschen etwas davon sage. »Ich mache alles für dich«, sagte sie weinend, »nur darfst du niemandem davon erzählen. Dundi bringt mich um, wenn ich es erzähle, und er bringt mich auch um, wenn ich es nicht machen lasse.« Sie hatte so eine Heidenangst, das Mädchen, dass ich völlig vergaß, dass sie meine große Schwester war und ich ihre kleine. Ich tröstete sie, fuhr mit ihr und pflegte sie, als sie hinterher fast verblutet wäre. Niemand bekam von der Sache Wind. Dundi war der unglaublichste Scheißkerl, den ich kannte, war als verkommener Mensch verschrien, verbrauchte die Altersrente seiner Großeltern und würde sich von ihnen gewiss noch manches andere unter den Nagel reißen, falls sie nicht aufpassten. Doch unsere älteren Cousins, Dundi und Diddi, so unähnlich sie sich sonst auch waren, hingen immer zusammen, fuhren gemeinsam auf Bälle und dergleichen und boten uns oft eine Mitfahrgelegenheit an, meiner Schwester Inga und mir und außerdem Diddis Schwester Dóra, die zu dieser Zeit meine beste Freundin war. Der alte Dundi. Er war bei allem ganz bei der Sache, außer bei der Arbeit und wenn es galt, ein anständiges Leben zu führen. Er war Dealer, was damals auf dem Land ziemlich ungewöhnlich war, er hielt junge Mädchen zum Narren, um mit ihnen zu schlafen, denn nichts war interessant in seinem Leben, es sei denn, dass er im Vorübergehen jemanden anführen und betrügen konnte. Meine Schwester Inga war sicherlich nicht die Erste und nicht die Letzte, die er zur Abtreibung gezwungen hatte und die dafür eine Zeit lang kostenlosen Stoff erhielt. Dundi liebte es, mit Menschen und ihren Gefühlen zu spielen und sie auf die, eine oder andere Weise von sich abhängig zu machen. Er sah nie nach Frauen, die ebenso alt waren wie er oder gar älter, und einmal ging das Gerücht um, dass er schwul sei, da er glaubte, dadurch besser an die jungen Mädchen heranzukommen, denn er wollte sie wie Heu haben. Doch wir, die ihn gut kannten, wussten, dass er nicht schwul war und dass er keine anderen Gelüste hatte als die, Leute zum Narren zu halten, sie zu betrügen und zu erniedrigen. Der einzige Mensch auf der Welt, vor dem er eine gewisse Achtung hatte, war sein Freund Diddi. Doch wie Diddi sein Freund sein konnte, verstand niemand. Sie waren Cousins, und es kann gut sein, dass einer der Verwandten, als die beiden noch klein waren, Diddi gesagt hat, dass der arme Dundi so in Bedrängnis sei, dass er stets auf ihn aufpassen und für ihn verantwortlich sein müsse. Vielleicht damals, wenn man es auch nicht genau weiß, nachdem er Dóra, Diddis Schwester, die Zöpfe abgeschnitten hatte. Es war zu Weihnachten, als Dóra fünf Jahre alt war und ihr Sonntagskleid anhatte und Dundi gerade vierzehn wurde und im Frühjahr konfirmiert werden sollte. Er wollte ihr einfach nur übers Haar streichen und sie einlullen, und alle waren darüber verwundert, wie lieb Dundi mit seiner Kusine umging. Am folgenden Morgen dann war Dóra ohne Zöpfe, und ihr Vater fand nirgends seine Pfeife oder sein Prinz Albert, das Rasierwasser, doch durch die engen Beziehungen zwischen den Familien fand Dundis Mutter alles wieder. Es war im Puppenkleiderbeutel seiner vierjährigen Schwester Olga versteckt. Auch die Zöpfe. Diddi war ein prima Kerl und so eine Art großer Bruder für mich. Dóra und ich sind gleich alt, und er war genau zehn Jahre älter als wir. Er war immer ein bisschen verliebt in mich und ging mit uns Mädchen durch dick und dünn, ganz gleich, welche Dummheiten wir auch anstellten. Ab und zu bekam er zur Belohnung einen Kuss und etwas Petting von mir, weil er eben ein so prima und guter Kerl war. Jedoch niemals mehr, denn ich war nicht so hingerissen von ihm, dafür war er ein zu Guter., Außerdem war ich so verrückt nach Action und Leben und hatte keine Lust, mit einem so ruhigen Mann, wie er es war, herumzuhängen. Dennoch wartete er die ganze Zeit und hoffte, dass er etwas mehr bekäme als nur, mich nach dem Ball oder dem Kinoabend nach Hause fahren zu dürfen. Mein Cousin Diddi war derjenige, der alles von allen wusste, der alle Geheimnisse für sich behielt und nichts verriet, der uns eine Flasche beschaffte, weil wir nicht alt genug waren, um ins Rikið, den staatlichen Alkoholladen, gehen zu können. Ein netter, ständig arbeitender, verantwortungsvoller Mann, aber eben uninteressant. Er besaß keine Initiative, kutschierte bloß das Auto und war dabei. Dann kam dieser Ball. Ich war achtzehn Jahre alt und zu allem bereit. Dóra, Inga und ich konnten bei den Cousins mitfahren. Die Gruppe Stuðmenn im Lokal Miðgarður in Skagafjörður, es konnte wohl kaum noch volkstümlicher zugehen, fanden wir. Wir erwarteten eine tolle Stimmung, eine Menge süßer Jungs und einen heißen Ball. Und wir wurden wahrlich nicht enttäuscht. Ich geriet sogleich an einen Typen aus Skagafjörður, doch bemerkte ich bald, dass Dundi nach dem Haar meiner Schwester Inga griff und vorhatte, sie abzuschleppen. Verdammt!, dachte ich und bat den süßen Jungen aus Skagafjörður ein paar Tänze lang zu warten, während ich meine Schwester suchen wollte. Ich lief hinaus, ihnen hinterher, doch fand ich sie nirgends. Ich ging wieder hinein und traf Diddi, ich fragte ihn, wohin sie gehen wollten. Er zuckte nur mit den Achseln und wollte nicht mit mir reden, er, der sich für gewöhnlich die Augen ausglotzte, wenn er auf meine Brüste oder meinen Hintern starrte, und auch noch glaubte, dass ich es nicht mitbekäme. »Diddi!«, schrie ich, »wohin sind sie gegangen? Du weißt bestimmt alles.« Er sagte, dass er Dundi versprochen hatte, nichts zu sagen., »Und ziehst du diesen Lump mir und meiner Schwester vor?«, schrie ich wütend, »er vögelt sie jetzt irgendwo für Dope und du weißt sehr wohl, dass sie gerade erst diese verfluchte Abtreibung hinter sich hat.« Diddi zuckte die Achseln und meinte, dass er das doch schließlich mit allen mache. Darauf wollte er überhaupt nicht mehr mit mir reden. »Diddi«, sagte ich, »was ist los mit dir? Findest du das in Ordnung? Muss ich einen Termin vereinbaren, um mit dir reden zu können?« »Nein, nein«, erwiderte er, »ich komme schon, dein Typ hat sich zwischenzeitlich sowieso ein anderes Mädchen geangelt.« Ich starrte ihn an und sagte: »Und? Ob es mir vielleicht egal ist?« Ihm war es offenbar nicht egal, doch wir gingen zum Auto hinaus, und ich trank kräftig aus der Flasche, die er mir reichte. Wir fuhren ziemlich lange herum, und ich spürte, dass ich betrunken war, als er das Auto anhielt. Ich sagte nichts, wartete nur darauf, dass er etwas sagte, und dachte darüber nach, ob er es verstand oder wie er eigentlich veranlagt sein mochte. Ob er doch eine so große Memme wäre und alles duldete, was den Leuten einfiel. Endlich seufzte er auf: »Sieh mal, Ásta, ich muss über etwas mit dir reden, ich …«, dann zögerte er … Mir kam der Gedanke, ihn ein wenig anzumachen, ich rückte zu ihm rüber und setzte mich mit dem Rücken zum Lenkrad auf seinen Schoß, doch er sah mich nicht an, schüttelte nur den Kopf. Ich küsste ihn auf die Wange, umarmte ihn und begann, seinen Hals zu küssen. Das Unglaubliche geschah, er stieß mich von sich und sagte: »Ich wusste es, Scheißweib, ich wusste es, wusste, dass du, anfangen würdest, es mit mir zu versuchen und dich wie eine Nutte aufzuführen …« Ich starrte ihn entsetzt an, sagte aber nichts. »So sind die Mädchen«, sagte er darauf. »Ja«, sagte ich, »du weißt natürlich alles über Mädchen, du bist ja mit unzähligen Mädchen zusammen gewesen. Entschuldige, wenn ich dir zu nahe gekommen sein sollte.« »Ach, du verstehst überhaupt nichts«, sagte er und brachte seine Kleidung in Ordnung, »wir sind doch verwandt, ich, ich, ach, es ist ein heilloses Durcheinander«, sagte er, startete den Wagen, fuhr, was die Karre hergab und setzte mich am Miðgarður ab. Danach sah ich ihn nicht mehr. Ich stand wie bestellt und nicht abgeholt auf der Treppe und fühlte mich leer. Zunächst bemerkte ich den lächelnden Mann in Polizeiuniform nicht, der auf mich zukam und rief: »Hei, Süße, irgendeine Schererei in Gang?« Ich nickte, nahm den Rest aus der Flasche zu mir und kam einige Stunden später im Bett des Polizisten Skúli zur Besinnung. Ich erinnerte mich nur undeutlich an den Ball und daran, dass meine Schwester Inga mit Dóra und ihrem Freund nach Hause wollte. Ich starrte Skúli und mich an, wir waren beide splitternackt, ich stupste ihn an. Er bewegte sich und betrachtete mich mit halb geöffneten Augen, ich fragte, was ich hier bei ihm im Bett machte. »Ich werde es dir zeigen«, sagte er. Darauf nahm er mich wie erwachsene Männer Frauen nehmen, ich war erst achtzehn und war völlig hingerissen und voll von ihm und bekam nicht genug. Ich spürte, dass ich bisher immer nur mit Jungs zusammen gewesen war., Mein Kaffee ist kalt geworden und auch mir selbst ist eiskalt davon geworden, die alten Tage aufzufrischen. Ich blättere weiter zurück in der Zeitung, wo sich eine ausführliche Besprechung des Falls, des so genannten »Dundi-und-Diddi- Falls«, befindet. Die offizielle Meinung der Polizei lautete, dass der Dealer-Ring Dundi getötet habe, als er zu eigenmächtig wurde und außerdem begonnen hatte, mit ihnen zu spielen, doch wir, die Dundi kannten, glaubten das nicht. Es musste etwas sehr Persönliches sein, denn Dundi war dermaßen listig, dass es unmöglich war, ihn zu erwischen, wenn er es selbst nicht wollte. Ich glaubte die ganze Zeit, dass ihm jemand in den Rücken gefallen sein musste, jemand, von dem er annahm, dass er ihn in der Hand hatte, jemand aus der Familie, ich glaubte zumindest nicht, dass es ein Unfall am Abhang gewesen war. Ich schenke mir Kaffee nach und gehe hin und her und fahre zusammen, als das Telefon klingelt. »Guten Tag, Ásta, ich bin es, Skúli.« Die männliche Stimme wärmt mich für einen Moment, dann sagt er: »Wärst du bereit, in dem Dundi-und-Diddi-Fall eine Aussage zu machen? Ich weiß, dass ihr euch sehr gut gekannt habt.« »Wow«, sage ich, »ich weiß nicht, Mann, ich bin gerade erst aufgestanden. Mein lieber Freund, erlaube mir, frei zu haben, zumindest heute.« »Kein Problem«, sagt er, »aber ich möchte gern jetzt zu dir kommen.« Er lacht, und wie gewöhnlich widerstehe ich ihm nicht. Er war mein Geliebter und ich seine Geliebte, seit wir uns auf der Treppe vor dem Miðgarður getroffen hatten. Niemand versteht mich so zu befriedigen wie er, er ist der perfekte Liebhaber, spielt auf mir wie auf seinem Piano, das er liebt, und lässt mich dann in Ruhe. »Komm und hol dir einen Kaffee bei mir ab«, sage ich., Dóras Freund Elli ist ein flotter Junge. Er ist der Liebling der ganzen Familie, außer Dundis, sie ertragen einander nicht. Dundi kann niemanden ausstehen, der ihm die Show stiehlt. Elli ist grundanständig und aufrichtig und lässt es die Leute spüren, wenn ihm etwas gefällt oder auch missfällt. Er macht in der Stadt eine Lehre zum Maschinenschlosser, doch nun befindet er sich mit uns anderen bei der Gemeindearbeit, um die ganze Zeit mit Dóra zusammen sein zu können. Ich verstehe ihn gut, Dóra ist ein nettes Mädchen und bei jedem beliebt, genau wie ihr Bruder. Ich bemerke, dass Elli und Diddi besonders gut miteinander auskommen und dass Diddi sich mehr mit ihm als mit jemand anderem aus dieser Großfamilie unterhält. Es ist ein Sommer voller Extreme, Liebe, Wein und Stress. Dóra und ich machen uns furchtbare Sorgen um meine Schwester Inga, was dazu führt, dass wir unsere Eltern dazu bringen, sie im Herbst therapieren zu lassen. Dundi hat sie völlig ruiniert, seelisch wie körperlich, ihr Selbstvertrauen ist verschwunden, und der einzige Ausweg, den sie noch sieht, ist, sich umzubringen. Als sie starben, weinten wir alle um Diddi, aber ich weiß nicht, ob irgendjemand um Dundi trauerte. Zumindest nicht wir drei und auch Elli nicht, der Dundi ins Gesicht geschleudert hatte, dass er der größte Lump sei, den die Erde jemals hervorgebracht habe. Das war, nachdem Dundi ein Mädchen vom Lande, die gerade einmal fünfzehn war und die er zuvor rauschgiftabhängig gemacht hatte, auf einer Geburtstagsparty, die er sich selbst zu Ehren veranstaltet hatte, einen Striptease hatte hinlegen lassen. Er hatte es sie weinend tun lassen und ihr damit gedroht, dass sie, sollte sie sich ihm widersetzen, keinen weiteren Stoff bekommen und er ihren Eltern davon erzählen würde, wie es um sie stehe. Daraufhin hatte er sie die Nacht hindurch an seinen Freund »verliehen« und dabei auch noch selbst zugeschaut. Bis auf das mit meiner Schwester Inga ging es mir diesen, Sommer über wunderbar. Ich widmete mich mit ganzer Kraft den Arbeiten draußen an der Luft, amüsierte mich an den Wochenenden und schlief mit Skúli, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Für mich war alles rosarot und passte ganz und gar nicht zu der Tragödie, die nach dem Spätsommerball über uns hereinbrach. Die Kinder waren aus der Schule nach Hause gekommen, als Skúli endlich kam. Er sah kränklich aus und war unrasiert, er sagte, dass er zur Zeit an zu vielen Aufgaben zugleich arbeite. Er beklagte sich darüber, Kriminalbeamter zu sein, und sagte, dass er davon träume, wieder als Streifenpolizist eingesetzt zu werden, dem auf Bällen im Miðgarður die Aufsicht obliege, um süße Mädchen auf der Treppe aufzugabeln. Ich lachte schallend. Er blieb den ganzen Tag bei mir, ich machte eine Aussage bezüglich des Dundi-und-Diddi-Falls und unterschrieb sie anschließend. Wir fuhren mit den Kindern in einen Eisladen, und sie schliefen früh ein. Sie vermissten ihren Vater sehr und forderten meine ganze Aufmerksamkeit, es war ihnen völlig gleich, ob jemand meiner Freunde oder Freundinnen zu Besuch war, sie duldeten keinerlei Konkurrenz, sie wollten stets die Nummer eins sein. »Warum bist du denn damals nicht vernommen worden?«, fragte er. Ich zuckte mit den Achseln. »Weiß nicht. Vielleicht weil ich in der Nacht bei dir war, und während jemand Dundi ein schlechtes alkoholisches Getränk gebraut hat, hatte ich den besten Sex meines Lebens«, sagte ich ernst. »Es ist auch kein ordentliches Protokoll von jemand anderem aus der Familie aufgenommen worden, wenn ich mich recht erinnere«, sagte ich darauf und blickte in seine eigentümlich grünen Augen. »Wiederholen wir es«, flüsterte er., »Was denn?«, fragte ich. »Den guten Sex von damals in der Nacht«, gab er zur Antwort und schob mich ins Schlafzimmer. Inzwischen war der Monatswechsel herangerückt, und ich nahm meine Arbeit im Büro des Polizeidirektors von Reykjavik als seine erste Assistentin und Privatsekretärin auf. Skúli hatte sein Büro neben mir, und ich wurde am ersten Tag herzlich willkommen geheißen. Was nicht verwunderlich war, denn dort gibt es nur wenige Frauen, und ich bin eine sehr feminine Frau, habe lange blonde Locken, bin ziemlich mollig und immer gut gekleidet. Die Männer bekamen sowohl etwas fürs Auge als auch eine hervorragende Arbeitskraft. Das kann mir niemand streitig machen, dass ich alle meine Aufgaben mit Sorgfalt ausführe, niemals aufgebe und mit allem fertig werde. Skúli ist so ein Mann, der nicht einmal eifersüchtig wird, er findet, dass ich wahnsinnig flott aussehe, und er weiß sehr wohl, dass sich niemand mit ihm messen kann, wenn es um Sex geht. Ihm wäre es sogar gleich, wenn ich ein Liebesabenteuer mit noch einem anderen hätte. Übrigens kann er wohl auch nicht viel dagegen haben, denn schließlich hat er eine Frau und drei Kinder. Ich suche ganz einfach jetzt nicht nach einem Ehemann, habe ich mich doch eben erst von meinem Mann getrennt. Meine Eltern hatten überall nach mir gesucht, doch am Ende fand mich meine Schwester Inga zu Hause bei Skúli. Sie weinte ununterbrochen. Sie hatte den ganzen Sommer geweint, sodass es nichts Neues war. Doch nun weinte sie so furchtbar, dass ich wusste, dass etwas Schreckliches geschehen war. »Sie sind tot«, flüsterte sie. »Wer?«, fragte Skúli. »Diddi und Dundi«, schluchzte sie und sah mich verzweifelt an. Ich fuhr mit ihr nach Hause, da die Trauer schwer über allem, fing, die Trauer darüber, Diddi verloren zu haben und dass sich dies auf eine so tragische Weise zugetragen hatte. Diddi, der immer für alle da war, Diddi, der mich im Auto nicht wollte. Zunächst jedoch empfand ich überhaupt nichts, dann allerdings kam die Trauer wie ein Erdrutsch, und der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss, war völlig absurd: Wie wären wir zwei wohl im Bett gewesen? So intensiv spürte ich die Trauer, und ich gebe zu, dass ich ihnen beiden nachtrauerte. Diddi vermisste ich fürchterlich, Dundi bloß deshalb, weil ich nun einmal an ihn gewöhnt war. Man trauert, denke ich, allem nach, woran man gewöhnt ist, ob das nun gut ist oder schlecht. Die Polizei kam und befragte alle, was sie glaubten, was geschehen war, wohin sie gefahren waren und wo wir gewesen waren. Ein abgeschlossener Fall, ich denke, sie haben nicht viel mehr unternommen, als das Auto die Böschung hochzuziehen Und zu versuchen es wieder zusammenzusetzen. Es herrschte jetzt viel mehr Strenge und Genauigkeit in den Ermittlungsarbeiten. Skúli fragte nach allem Möglichen, und ich gab ihm alle Auskünfte, die ich hatte oder in alten Zeitungen und Polizeiberichten hatte finden können. Wo meine Schwester Inga wohnte und wo Dóra, Diddis Schwester, und ihr Mann Elli wohnten. Nach allem, was ich wusste, waren die beiden noch immer ein Paar und sehr glücklich miteinander. Unsere Eltern waren noch alle am Leben, und Skúli wusste natürlich, wo sie lebten, zu Hause auf dem Lande. Ich teilte ihm alles über Dundi und Diddi mit, über ihre Beziehungen zu Familienangehörigen, über ihre Interessen, über ihre Verstecke, erzählte ihm vom Drogenring in Akureyri, von dem ich glaubte, dass Dundi vorgehabt hatte, ihn in der Nacht aufzusuchen, denn ihm fehlte Stoff für sich und die Seinen. Was ich von Dundi hielt? Ich wusste es nicht, ich dachte zu sehr wie meine Eltern und diese Großfamilie. Alle sollten das Gefühl haben, zur Familie zu gehören, ganz gleich, wie jeder dachte, und die Familie zeigte, sich verantwortlich für den Einzelnen, nicht umgekehrt. Ganz gleich also, wie jeder Einzelne von ihnen dachte und was er tat, niemand wurde abgelehnt. Ich vermochte den Cousin Dundi auf keinen Fall zurückzuweisen, doch wenn er ein Kerl auf der Straße gewesen wäre, hätte ich ihn nicht eines Blickes gewürdigt. Er war ein total armseliger Mensch, der alles und alle verachtete und alle missbrauchte. Wie die Familie zusammengesetzt war? Ja, diese drei Familien, in denen meine Mutter und die anderen zwei Mütter Schwestern waren, das war die Hauptverbindung, die Väter waren von hier und dort, aber alle aus Landgemeinden. Diese Familien hatten das Sagen im Kreis, ansonsten hätte Dundi sicherlich nie etwas ausrichten können. Diese Familien, die bestimmten, was jeder Einzelne zu tun und zu lassen hatte, und die darüber befanden, was als gut galt und was nicht. Kein Familienmitglied nahm bei öffentlichen Angelegenheiten zu etwas Stellung, ohne vorher die anderen zu fragen, sodass alle miteinander übereinkommen könnten. Meine Familie bestand aus meiner Schwester Inga, Mama, Papa und mir, Diddis Familie setzte sich aus ihm und Dóra sowie aus ihrer Mutter und ihrem Vater zusammen und Dundis Familie aus ihm, seinem Bruder Davið und seiner Schwester Olga. Dundi war der Älteste, die anderen waren viel jünger, sodass er nicht viel Lust hatte, sie zu peinigen, außer ihre Sachen zu beschädigen, die Reifen ihrer Fahrräder zu zerstechen und dergleichen mehr. Dann gab es noch eine Familie, zu der meine Schwester Inga und ich allerdings keine enge Verbindung hatten. Es war ein Ehepaar, das einen Jungen hatte, der Axel hieß und ein Störenfried war, jedoch nichts im Vergleich zu Dundi. Und selbstverständlich hatten zu Weihnachten, zu Ostern, wenn jemand getauft oder konfirmiert wurde und was es sonst noch geben mochte, alle einander zu treffen. All dies zählte ich gewissenhaft vor Skúli auf. »Wonach suchst du?«, fragte ich ihn eines Tages. »Nach dem Mörder«, sagte er mit finsterer Miene, »ich habe, das Gefühl, dass irgendein Hirn es so arrangiert hat, dass zu diesem Zeitpunkt die Bremsen nicht funktioniert haben, dass in dieser Nacht jemand Dundi angerufen hat, um ihn nach Akureyri zu locken und am Abhang verrecken zu lassen, und dass jemand versucht hat, Diddi noch irgendwo anders hinzulotsen, denn ich glaube nicht, dass er mit Dundi abstürzen sollte. Alle haben diesen Menschen gemocht, und keiner hatte mit ihm eine Rechnung offen, nicht einmal verflossene eifersüchtige Freundinnen, denn er hatte keine, soweit man weiß. Ich denke, dass Diddi nicht vorhatte zu fahren, denn nach Aussage von denen, die meinen, sich erinnern zu können, waren sie beide betrunken, als sie losfuhren, und ich bin sicher, dass dasselbe Hirn es so gedeichselt hat, dass Diddi gerade nicht fahren wollte. Aber Dundi hat ihn dazu überredet, mitzukommen und für ihn zu fahren.« Ich starrte Skúli erstaunt an. »Bemerkenswert«, sagte ich bewundernd. »Denkst du, dass sie gar nicht beide abstürzen sollten? Ich dachte die ganze Zeit, dass die offizielle Erklärung mit dem Dealer-Ring, der von Dundi genug hatte, stimmt, und dass Diddi lediglich darin verwickelt war, da sie ihn ja nicht kannten.« Ich wurde nachdenklich und fragte Skúli, was er als Nächstes vorhabe. Er sollte mit aller Kraft an diesem Fall arbeiten, erhielt dazu die Zeit, die er benötigte, und all das Personal, das er brauchte. Man hatte soeben eine Gruppe von Leuten aus sämtlichen Landgemeinden verhört. »Ich habe deine Schwester im Verdacht«, sagte Skúli und beobachtete mich genau. Ich geriet aus dem Gleichgewicht und schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein, diesen Sommer wäre sie nicht imstande gewesen, einer Fliege etwas zuleide zu tun, ich habe dir gerade gesagt, dass sie vollkommen ruiniert war und während des Herbstes in Behandlung geschickt worden ist.«, Skúli nickte. »Ja, vielleicht hat sie etwas getan, was sie bereute«, sagte er ruhig. »Skúli«, sagte ich entrüstet. »Du glaubst doch wohl nicht, dass meine Schwester Inga am Motor und an den Bremsen des Autos herumgefummelt hat? Erinnerst du dich noch, wie sehr sie geweint hat, als sie am Morgen zu uns kam?« Er zuckte mit den Achseln. »Ich schließe nichts aus.« Ich fühlte mich in diesen Tagen so allein in der Welt. Wenn ich nicht meine Zwillinge Bára und Ægir und ihre Schulbücher gehabt hätte, dann weiß ich nicht, was passiert wäre. Immerhin hatte ich die ganze Großfamilie wegen des »Dundi-und-Diddi- Falls« am Telefon, die von mir erfahren wollte, ob ich etwas über die Untersuchung und die Entwicklung des Falls wüsste. Bis auf meine Schwester Inga, Dóra und Elli hatten mich in den letzten Tagen alle angerufen. Inga befand sich gerade irgendwo im Ausland auf Reisen, und Dóra und Elli hatten soeben ihr zweites Kind bekommen, sodass es nicht weiter merkwürdig schien, dass sie sich nicht meldeten, trotzdem kam es mir etwas sonderbar vor. In der Nacht träumte ich von meinen Cousins, den alten Tagen und diesem wunderbaren, heißen, wilden, furchtbaren Sommer. Eigentlich dachte ich nie an meinen geschiedenen Mann Páll, mit dem ich ganze neun Jahre lang zusammen gewesen war, ich hatte begonnen, mich zu fragen, ob ich gefühlsmäßig vielleicht abgestumpft war. Eines Morgens dann, als ich bei der Arbeit erschien, saß meine Schwester Inga bei Skúli im Büro. Ohne anzuklopfen stürzte ich ins Büro und umarmte sie. Es war so lange her, dass ich sie gesehen hatte, bestimmt ein Jahr, wenn nicht sogar noch länger. Sie sah gut aus, und sie drückte mich ebenfalls. Nachdem sie bei Skúli fertig war, kam sie zu mir rüber und sagte:, »Ásta, die haben vor, mich des Mordes an Dundi und Diddi anzuklagen, glaubst du das?« Ich blickte sie an und bemerkte die Verzweiflung in ihren Augen. »Kannst du nicht etwas unternehmen, Ásta? Um Gottes willen, tu etwas!« »Ich weiß nicht, was ich machen soll«, seufzte ich, »was werfen sie dir denn vor?« Sie hatte angefangen zu schluchzen, und ich erinnerte mich daran, wie sehr sie nach der Abtreibung geweint hatte. Plötzlich kam mir der seltsame Gedanke, dass sie möglicherweise deshalb nie Kinder bekommen hatte. Was aber nicht zur Sache gehörte. »Fingerabdrücke, DNA-Nachweise, ich weiß nicht was, Fetzen aus meiner Strickjacke, die ich immer anhatte. Ich war oft mit Dundi in seinem Auto, es ist daher nicht weiter verwunderlich, wenn sie etwas, was mit mir in Verbindung steht, in seinem Wagen finden, wenn ich auch kaum glaube, dass sie das nach all den Jahren können. Er hat mich für den Stoff auf dem Rücksitz gevögelt, ich habe es Skúli gerade gesagt. Ich verstehe rein gar nichts, Ásta! Sie beabsichtigen auch, Dóra und Elli festzunehmen, die beiden befinden sich mit ihren beiden Kindern, wovon das eine noch klein ist, auf dem Weg hierher. Ásta, unternimmst du etwas?« In diesem Augenblick kam Skúli herein und führte sie ab. Ich verbarg das Gesicht in meinen Händen. In der Nacht träumte ich von dem einen Mal, an dem Diddi und ich fast miteinander geschlafen hätten. Bei ihm war es immer nur »fast«, es hatte immer jemanden gegeben, der ihn irritierte, ihn bedrängte oder ihn für irgendetwas einnehmen wollte. Dóra, Elli, Diddi und ich hatten in jenem Sommer bei Dóra und Diddi zu Hause ein paar Gläser zu uns genommen und waren dann alle betrunken gewesen. Ich kroch in meinen Kleidern zu ihm ins Bett, und zuerst war er mir noch erfreut und, bereitwillig entgegengekommen, dann aber schien es so, als ob er nicht wüsste, was er tun sollte, sodass ich mir meinen Pullover auszog und ihn aufforderte, zärtlich zu mir zu sein, woraufhin er völlig ausrastete. Aber aus dieser Chance wurde dann ganz und gar nichts mehr, als Dundi plötzlich auftauchte und ihn aufforderte mitzukommen. Er müsse ihm helfen, neuen Stoff zu beschaffen, er sei auf »Turkey« und hätte nichts mehr. So hatte es dann geendet. Mein Gott, ich träumte von Toten. Was bedeutete das? Kurz gesagt entwickelte sich der Fall in den folgenden Wochen dann so, dass die drei, nämlich meine Schwester Inga, Dóra und Elli, des Mordes an Diddi und Dundi überführt wurden. Sie gestanden alle. Elli hatte den Motor und die Bremsen des Autos manipuliert und hatte Dundi von Akureyri aus angerufen. Dóra hatte alles unternommen, was sie konnte, um Diddi mit zu sich nach Hause zu bekommen; sie hatte vorgegeben, dass ihre Mutter ins Krankenhaus gebracht worden sei und dass sie sofort kommen müssten. Doch alle drei hatten sie Dundis Macht über Diddi verkannt, und ehe sie sichs versahen, war Dundi bereits im betrunkenen Zustand mit Diddi losgefahren. O ja, alle drei hatten ausgesagt, dass sie sauber zu Werke gegangen seien, in der Absicht, Dundi auszuschalten, damit die Welt ohne ihn besser werde. Inga meinte, dass sie von Dundi seelisch wie körperlich zerstört worden sei, Dóra glaubte sowohl ihren Bruder Diddi als auch ihre verschwundenen Zöpfe zurückgewinnen zu können, indem sie Dundi loswerden würde, und Elli wiederum wollte ihnen lediglich dabei behilflich sein, die Welt von einem Lump zu befreien. Niemand von ihnen fand es gerecht, für das, was sie getan hatten, bestraft zu werden. Sie bekamen jeder fünfundzwanzig Jahre Gefängnisstrafe. Meine Eltern weinten, Dóras Eltern weinten, und auch ich weinte. Skúli würdigte mich keines, Blickes während der Gerichtsverhandlung. Ich hasste ihn, er hatte soeben meine Familie zerstört. Ich sah, dass Inga erblasste, als ich ihnen sagte, was sie zu machen hätten. Selbst hatte ich vor, mich um die Polizisten auf dem Gelände zu kümmern, das würde ein leichtes Spiel. Ich nahm meine Freundin Lovísa mit. Die Polizisten auf Landbällen hielten oft nach beschwipsten Mädchen und einer verheißungsvollen Nacht Ausschau, und es war für uns kein Kunststück, Skúli und seinem Freund Jónsi total den Kopf zu verdrehen. Während Inga, Dóra und Elli fortgingen und sich an Dundis Auto zu schaffen machten, lagen Lovísa und ich hinten im Streifenwagen in Skúlis und Jónsis Armen, mit Polizeimützen auf dem Kopf, und hatten es wahnsinnig gut. Inga wollte nicht mitziehen, doch erinnerte ich sie daran, dass ich unseren Eltern jederzeit erzählen könnte, dass Dundi sie geschwängert und anschließend genötigt hatte, das Kind abzutreiben. Eine Abtreibung vornehmen zu lassen war das Einzige in unserer Familie, was man nicht durfte, der einzige Grund, der ausgereicht hätte, jemanden zu verstoßen. Sie zitterte, als ich Elli auftrug, was er am Telefon sagen sollte. Ich wusste, welche Codeworte Dundi und die anderen Dealer benutzten, besaß alle wichtigen Informationen. Dóra zitterte ebenfalls, als ich ihr sagte, dass es ihre Aufgabe sei zu versuchen, Diddi nach Hause zu bekommen und in eine andere Richtung zu lenken als die, in die Dundi fahre, doch gleichzeitig prophezeite ich Dóra auch, dass es ihr nicht gelingen werde, denn ein Mann, der aus dem Bett einer Frau steigt, wenn ihm dies von einem Junkie und Scheißkerl befohlen wird, ist ein verkommener Mensch, der jenem Junkie und Scheißkerl hörig ist wie ein Hund, der versucht, sich von einer Hündin loszureißen, sobald sein Herrchen ruft. Ich sagte ihnen allen, dass ich es hervorragend fände, wenn Diddi selbst wähle, mit seinem Freund Dundi zu verrecken. Eine Frau nimmt es sich, nicht zu Herzen, wenn ein Mann wie Diddi, der nichts von Frauen versteht, sie einmal im Auto draußen auf dem Lande zurückweist, doch sie rächt sich, wenn es zweimal geschieht, und ich war mit ihm in seinem Bett bereits gut in Gang gekommen. Niemand anderer hatte mich jemals abgelehnt, weder früher noch später. Ich bin ja auch eine attraktive und gefährliche Frau. Trotzdem tröstete ich sowohl Inga als auch Dóra, als sie hinter Diddi hersahen, während er in Dundis Auto einstieg, und ich sah auf die Rücklichter des Wagens, bis er verschwand. Ich bin also keineswegs ein gefühlloser Mensch. Mitten in der Nacht ist er zu mir hereingekommen. »Skúli, was ist?«, flüstere ich ziemlich erschrocken. Empfange ihn, mein Körper nimmt ihn nach dem Mangel an Interesse in der ganzen letzten Zeit freudig auf. Er ist kalt, hat nasses Haar und ist unglaublich sexy, er beginnt auf mir wie auf einem Piano zu spielen, ist ziemlich grob, doch ich finde es gut so, er dringt in mich ein, nimmt mich in Besitz, wie in jener Nacht. Ganz genauso, und ich begreife, dass er möchte, dass ich die gleiche Freude wie damals erlebe, den gleichen Triumph, denn ich war es ja, die triumphierte, und noch immer triumphiere ich, denn alle anderen waren eingesperrt. Ich habe zweimal gesiegt und bin zweimal mit dem Schrecken davongekommen. Ich schreie und johle vor Freude, doch im Siegesrausch flüstert er mir ins Ohr: »Ich besitze dich. Ich besitze dich das ganze Leben hindurch, denn ich kenne deine Geheimnisse. Dein Körper gehört mir. Du kannst mich nicht töten, ohne dass es entdeckt wird, denn ich habe einen Bericht angefertigt und verwahre ihn an einem Ort, den du niemals entdeckst. Ich weiß, wer alles organisiert hat, und ich weiß auch, warum du die beiden töten wolltest. Niemand weist dich zurück – ist es nicht so? Du hast doch nicht etwa vergessen, dass du deiner Freundin Lovísa alles erzählt hast, oder? Auch das Ereignis mit Diddi im Auto. Du hältst dich, selbst für so perfekt, dass du nie gefragt hast, wer meine Frau ist. Es ist nämlich Lovísa, deine ehemalige Freundin. Und jetzt besitze ich dich ebenfalls, auf immer, und du wirst dein ganzes Leben tun müssen, was ich dir sage, und auch meine Frau und meine Kinder erdulden müssen!« Wir liegen danach eng beieinander, ich sehe in seine grünen Augen und lächle. »Du liebst mich, Skúli!«, sage ich und küsse ihn mit kleinen Küsschen überall, im Gesicht wie am Hals. »Gib’s zu!« Er gibt es zu und sieht mich mit den gleichen Augen an wie meine Kinder, wenn ich sie für eine gute Tat lobe. Er schläft ein, und ein neuer Plan beginnt in meinem Hirn zu entstehen. Ich habe überhaupt nichts dagegen, mein Leben mit Skúli und seinem wunderbaren Körper zu verbringen, doch in mein Bild passen nicht mehr Personen als ich, er und meine Zwillinge. Ich wecke ihn. »Skúli, ich habe großes Verlangen nach mehr …«,

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Der Polizeikommissar Cato Isaksen hatte seine Mutter endlich für Ostern bei einer alten Freundin von ihr untergebracht. Das Altersheim sollte renoviert werden, und die Familien der alten Leute waren darum gebeten worden, ihre Angehörigen für eine Woche bei sich oder irgendwo anders unterzubringen. Das war keine leichte Aufgabe gewesen. Er hatte sich hartnäckig geweigert, sie zu seiner Familie nach Asker zu holen. Bente, die meinte, man müsse dann halt die Reise in die Berge streichen, hatte sich bereit erklärt zu helfen. Der sechzehnjährige Vetle ebenso. Und Georg, der Vierjährige, den Cato Isaksen nach einer kurzen Episode mit einer anderen Frau bekommen hatte, fand es nur spannend, wenn die Oma eine Woche bei ihnen wohnen würde. Diese Ostern sollte er bei Cato Isaksen verbringen. Aber dieser selbst konnte dem Gedanken nichts abgewinnen. Und schließlich hatte er es also geschafft, hatte sie bei einer alten Freundin aus dem Frauenverband für Krankenbetreuung untergebracht, die in Stovner wohnte. An dem Tag, als er sie in dem Hochhaus mit Adresse Stovner senter 16 ablieferte, trat genau in dem Moment, als Cato Isaksen seine Mutter und ihre Krücken in das Treppenhaus manövrierte, eine Frau aus dem Fahrstuhl. Maren Tangvalds männliche Erscheinung konnte einen schon erschrecken. Sie hatte ein breites, kantiges Gesicht, einen kräftigen Mund und buschige dunkle Augenbrauen über zwei kleinen, böse funkelnden Augen. Die alte Frau Isaksen begrüßte sie freundlich, streckte ihr die Hand hin und stellte sich vor. »Ich werde hier für eine Woche wohnen«, erklärte sie. Ihr war nicht klar, dass es vielleicht nicht so üblich war, einen zufälligen Mitbewohner im Hochhaus mit Handschlag zu begrüßen. Maren, Tangvald schaute die schmächtige Frau und den blonden Mann mittleren Alters an, der ihr folgte, dann streckte auch sie ihre grobe Hand vor. Maren Tangvalds Aussehen stimmte in keiner Weise mit dem zarten, durchsichtigen Gefühl der Trauer überein, das sie in sich trug. Das konnten die wenigen, die sie kannten, bezeugen, aber das nützte nichts. Sie war die schlecht gelaunte Alte des Treppenaufgangs. Die immer meckerte, die niemand mochte. Sie lief treppauf, treppab und achtete genau darauf, dass alle ihre Pflichten auch erfüllten, dass sie die Treppe putzten, wenn sie an der Reihe waren, und keine Kinderwagen oder Fahrräder ins Treppenhaus stellten. Und erst vor kurzem hatte sie zwei freche Jungs geschnappt, mit Ringen in der Nase und grünen Haaren, die Graffiti auf die Kellerwände sprühen wollten. Maren Tangvald hatte die Jungs nach Strich und Faden ausgeschimpft. Sie nannte die Dinge beim Namen, nahm kein Blatt vor den Mund. Aber im Innersten fühlte sie sich klein und traurig. Etwas in ihr war vor langer Zeit kaputtgegangen. Die vorlauten Jungen hätten ihre Enkelkinder sein können – die sie nie bekommen hatte. Die Jugendlichen kicherten und gaben freche Antworten. »Ach, hör doch auf, Uroma!«, rief der eine grinsend. Maren hatte sich nach ihm umgedreht und die Faust geballt. »Warte nur ab«, hatte sie gesagt. Cato Isaksen nahm dankbar die Kaffeetasse entgegen, die die Freundin seiner Mutter ihm reichte. »Das ist wirklich sehr, sehr nett von Ihnen, Frau Nordberg«, bedankte er sich von ganzem Herzen. »Ach, Quatsch«, wehrte sie ab, »nenn mich einfach Tulla. – Ich finde es richtig schön, weißt du. Vielleicht erinnerst du dich, noch, ich habe einen Sohn, der ist ganz verrückt nach Krimis, übrigens arbeitet er beim Rundfunk.« Cato Isaksen nickte. »Doch, ich weiß«, sagte er. »Nils hätte dich nur zu gern kennen gelernt.« »Das müssen wir auf ein andermal verschieben«, sagte Cato Isaksen, während er bereits überlegte, wie er das vermeiden könnte. Er hatte genug an seiner Arbeit und seinem Privatleben. Die Position als Ermittlungsleiter in Mordfällen im Polizeihaus von Grønland fraß all seine Zeit. Nachdem Kaffee und Kuchen verzehrt waren, vergewisserte er sich, dass seine Mutter alles hatte, was sie brauchte. »Ach, guck doch lieber noch mal in meiner Kulturtasche nach«, bat sie. »Schau nach, ob ich auch alle meine Medikamente habe, meine Kampferbonbons und die kleine gelbe Dose mit Ohropax.« Cato Isaksen beugte sich hinunter und hob die Tasche auf. Er öffnete sie und kontrollierte alles. »Du hast sogar zwei Dosen mit Ohropax«, lächelte er. »Das wird ja wohl reichen.« Seine Mutter erwiderte dankbar sein Lächeln. Als er die Kulturtasche zurückstellte, nahm er den süßlichen Geruch nach Alter wahr, der dem Körper seiner Mutter entströmte. Er war froh, als er wieder im Auto saß, auf dem Weg zurück nach Asker. Normalerweise überschlug Maren Tangvald die Kulturseiten. Kultur war für diejenigen, die Zeit und Geld besaßen, nicht für die, die schon Mühe hatten, jeden Monat ihre Rechnungen zu bezahlen. Kultur war für Leute mit schönen Schuhen, nicht für welche wie sie, die ihr ganzes Leben lang ihre Strümpfe gestopft hatten – und das nicht nur einmal. Aber ausgerechnet an diesem Tag im Februar fiel ihr eine Überschrift ins Auge: »Ein Hoch den Frauen, die sich durchsetzen!« Eine Amerikanerin hatte ein Buch mit dem Titel, Bitch geschrieben. Der orangefarbene Umschlag leuchtete ihr wie eine verlockende Apfelsine entgegen. Ihre Augen huschten die Zeitungsseite entlang und blieben bei einem Auszug hängen. »Frauen von heute ist es egal, wer den Abwasch macht. Darum gibt es keinen Kampf. Was nicht in Ordnung ist, das ist die Tatsache, dass die Frauen all den mentalen Hausputz machen müssen, der notwendig ist, damit eine Beziehung funktionieren kann. Frauen haben sich unzählige Jahre hindurch zurückhalten müssen, haben vorsichtig sein und mit den Krumen vorlieb nehmen müssen, die sozusagen ihr Leben vorstellen sollten, während die Männer einfach sie selbst sind und das tun, was für sie ganz selbstverständlich ist.« Maren Tangvald schlug mit der Faust auf den Küchentisch, sodass der Aschenbecher hochsprang. Sie legte den Kopf zurück und lachte laut auf. Das hätte von ihr sein können. Ragnvald machte nur das, was für ihn selbstverständlich war, er war faul, mürrisch und aufbrausend. Und dann das mit dem Abwasch! Maren Tangvald war es von Herzen leid, sowohl den mentalen als auch den realen Abwasch zu machen. Wie viele Abwaschbürsten hatte sie doch im Laufe der Jahre verbraucht! Sie beugte sich wieder über die Zeitung und las noch einen Auszug: »Ich bin so wütend, dass mich nichts daran hindern kann, das zu tun, was ich will, wann ich will.« Dann gab es wirklich noch andere, die genauso fühlten. Maren Tangvald schob den abgenutzten Küchenstuhl zurück und stand abrupt auf. Sie ging in den kleinen Flur und zog ihren abgetragenen Mantel vom Haken. Drückte den alten Samthut auf die grauen Dauerwellen, nahm den Fahrstuhl ins Erdgeschoss und machte sich auf zum Buchladen im nahe gelegenen Einkaufszentrum. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, welches Gefühl beim ersten Mal in ihr auftrat. Es war wie eine schleichende, Krankheit, wie eine Pest, ein Fieber. Es erfüllte sie mit einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Unruhe. Hass, das war es. Beißender, brauner Hass. Sie hasste Ragnvald. Diesen alten Quälgeist. Diesen faulen, immer fordernden und schlecht gelaunten Ehemann, für den sie sich abgemüht hatte, die ganzen Jahre hindurch versucht hatte, ihn zu lieben. Er konnte keinen Lärm ab, dann wurde er nur noch wütender und schwerer zu ertragen. Maren musste durch die Wohnung schleichen. Wenn sie Essen kochte, durfte sie nicht mit den Töpfen klappern, und wenn sie im Stockwerk über ihnen mit Holzpantinen durchs Wohnzimmer liefen, dann befahl Ragnvald ihr, hochzugehen, um sich zu beschweren. Er schimpfte auf alles und alle, aber sie war der Prellbock. Sie war diejenige, die die Nachbarn hassten. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie ihn kennen lernte. Er war einer der Stahlarbeiter bei Akers Mekaniske Verksted, wo sie putzte. Putzfrau, so hieß das damals. Näher kommst du dem Boden im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Es war sein Name, der sie auf ihn aufmerksam machte. Nicht sein Aussehen, das ganz und gar nicht. Ragnvald Tangvald hieß er. Das war fünfundvierzig Jahre her. Maren war damals fünfundzwanzig. Ragnvald dreißig. Sie seufzte. Sie hatten anfangs in einer alten Wohnung unten in Vika gewohnt. Nichts Besonderes, nicht groß, aber dennoch gemütlich. Zunächst hatten sie eine Art Liebe füreinander gespürt. Maren wohnte gern dort, auch wenn das Leben mit Ragnvald sich bald als alles andere als glücklich herausstellen sollte. Böse war er, befahl sie hier- und dorthin. Dirigierte sie, als wenn sie ein Roboter wäre. Er war eifersüchtig und aufbrausend. Sie hatte sich damit abgefunden. Fand eigentlich, dass sie nichts Besseres verdiente. Dann sollte der Wohnblock abgerissen werden. Das ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht werden. Das war nun, fünfzehn Jahre her. Der Betrieb war bereits geschlossen, und Aker Brygge wurde gebaut. Mein Gott, was sie alles kaputtmachten. Da hatten die Arbeiter seit Generationen im Schweiße ihres Angesichts geschuftet, und dann hoppla, kam irgend so ein Idiot und entschied, dass der ganze Krempel zu einem gigantischen Einkaufszentrum aus Glas und Stahl umgebaut werden sollte. Wohnungen für Millionen von Kronen sollten gebaut werden, sodass die Reichen aus ihrem Fenster aufs Wasser starren und sich beim Anblick der Akershus- Festung den Bauch voll schlagen konnten. All das ärgerte Maren Tangvald, während sie nun mit siebzig Jahren im sechsten Stock in einer Wohnung im Stovner Senter saß, immer noch gemeinsam mit Ragnvald Tangvald. Die Zeit ist ein ungeduldiger Gast. Bitte ihn zu Tisch, und er weigert sich, sich zu setzen. Lege ihn in dein Bett, und er steht auf und setzt sich auf den Stuhl. Schließe die Tür, und die Zeit öffnet sie und geht. Die Tage vergingen ohne besondere Vorkommnisse. Sie hatte das Gefühl, immer unsichtbarer zu werden. Sie wurde viereckig wie der Küchentisch, grau wie das Linoleum auf dem Fußboden. Die Frau in ihr stellte die Blumentöpfe auf die Fensterbank und schaute aus dem Fenster. Aber tief im Innersten der alten Frau flatterte ein kleiner Geisterwind im Seidenkleid herum und rasselte mit seinen Ketten. Und jetzt war bald Ostern. Ragnvald rief aus dem Wohnzimmer, sie solle ihm eine Tasse Kaffee bringen. Wenn sie nur einen Balkon gehabt hätten, da hätte sie ihn einfach drüberschubsen und seinen Gleichgewichtsstörungen die Schuld geben können. Aber ihn aus dem Fenster zu bugsieren, das dürfte schwierig sein. Außerdem war sie überzeugt davon, dass er dabei die neuen Gardinen mitreißen würde, die sie bei Hansen & Dysvik gekauft hatte, und diese Freude wollte sie ihm nicht gönnen. Sie hatte auch an Thallium gedacht. Doch wo sollte sie das, herkriegen? Zwar hatte sie einmal bei der nächsten Apotheke angerufen, aber die hatten sie gleich abgewiesen, obwohl sie erklärt hatte, dass sie in ihrem Seniorenkurs chemische Experimente machen wollten. Ihre Gedankenspiele halfen ihr zu überleben. Natürlich würde sie ihren Mann nicht umbringen. Das ging doch gar nicht. Ragnvald saß wie üblich in seinem Sessel und guckte Fernsehen. Tulla Nordberg und Gyda Isaksen hatten es beide geschafft, ihre schweren Pelzmäntel anzuziehen. Jetzt warteten sie auf den Aufzug. Plötzlich wurde die Nachbartür einen Spalt geöffnet, und ein dünnes Männchen schaute heraus. »Ach, Entschuldigung«, sagte er. »Ich dachte, es wäre Maren.« Tulla Nordberg schob lächelnd ihre Freundin vor. »Sie müssen meine Freundin begrüßen«, sagte sie stolz, »ihr Sohn ist Direktor bei der Polizei. Er ist oft im Fernsehen.« »Na, nicht gerade Polizeidirektor«, wehrte Gyda Isaksen ab und stützte sich auf ihre Krücken, während sie den Mann in der Türöffnung anstarrte. Sie schien ihn wiederzuerkennen. Die Augen, die Hände, die Art, wie er lächelte. »Sag mal, bist du das«, traute sie sich zu fragen, »Ragnvald, bist du das?« Der Mann guckte sie neugierig an. »Und ich dachte schon, dass …« Er brach ab, senkte den Kopf, schaute erneut auf und lächelte gerührt. »Gyda«, stellte er fest und öffnete die Tür etwas weiter. Keiner von ihnen bewegte sich. Tulla Nordberg schaute ihn neugierig an. »Ihr kennt euch?«, fragte sie. »Aus der Schule«, sagte Gyda Isaksen schnell. »Aus der Volksschule in Majorstua«, nickte Ragnvald Tangvald., Die alten Damen schauten sich im Fernsehen den Osterkrimi an. Gyda und Tulla und auch Maren Tangvald. Wand an Wand saßen sie. Gyda Isaksen, das Herz unter dem weichen Angorapullover brennend. Sie waren ein Liebespaar gewesen, sie und Ragnvald. Es war ein Freudenschock gewesen, ihn wiederzusehen. Sie war sogar in seine Wohnung gegangen und hatte kurz mit ihm gesprochen, als seine harsche Frau nicht daheim war. Der Fernsehkrimi war eine englische Story und handelte von der Leiterin einer englischen Mädchenschule, die drei junge Mädchen umbrachte, eine nach der anderen. Die Serie gefiel Maren Tangvald. Die letzte Folge sollte am folgenden Tag laufen, am Ostersonntag. Das sah alles so einfach aus. Die Leiterin schlug den Mädchen einfach mit einer Portweinflasche über den Kopf und zog sie dann mit sich in den Park hinaus. Entkleidete ihren Unterkörper, und schwups, schon glaubte die Polizei natürlich, dass irgendein Sexualverbrecher unterwegs war. Niemand kam auf die Idee, die nette alte Dame zu verdächtigen. So musste man es machen, die Tat irgendwie tarnen. Nicht dass sie dachte, Ragnvalds Unterkörper zu entkleiden, absolut nicht, das würde eher verdächtig wirken. Dann kam der Ostersonntagabend. Die Stadt war aschgrau, schmutzig und ruhig. Maren Tangvald saß mit einer Tasse Kaffee vor sich am Küchentisch. Auf dem Tisch lag eine weiße Spitzendecke. Sie sehnte sich nach Farben, nach einem Streifen roter Sonne über den Häuserdächern. Auf der Fensterbank standen die alten, zerzausten Osterküken. Sie konnte sie nicht ausstehen, packte sie an den kleinen Köpfen und warf sie in den Mülleimer. Die Ruhe kreiste um sie in dem kleinen Raum. An den Fensterscheiben hingen die eingetrockneten Spuren der Regentropfen. Ihr Leben war fast zu Ende, jetzt waren nur noch die Reste übrig., Plötzlich lächelte sie vor sich hin. Am Tag zuvor hatte sie einen Taschendieb zu Boden geworfen. Er hatte versucht ihr die Tasche zu stehlen, als sie über die Thereses gate watschelte, die Spikes unter den Stiefeln, um auf dem Eis nicht auszurutschen. Sie war auf dem Weg gewesen, eine alte Freundin zu besuchen. Maren Tangvald hatte den Taschendieb niedergestreckt und ihm die Spikes in den Rücken gedrückt, sodass er vor Schmerzen aufschrie. Sie wusste nicht, wie alt er war, vielleicht so um die neunzehn. Zu allem Überfluss hatte er auch noch rote Haare und Sommersprossen. »Idiot«, hatte sie ihm hinterhergerufen, als er gebeugt den Fußweg entlanglief und hinter einer Ecke verschwand. Sie dankte der Autorin von Bitch. Es nützte wirklich etwas, man musste nur einen Entschluss fassen. Sie saß an dem abgenutzten Küchentisch und schaute auf all die anderen Tausendaugenhäuser, die sich in Reih und Glied formierten. Hinter jedem gelben Auge wohnten Menschen, die lebten, die liebten und hassten. Maren Tangvald fing an zu weinen. Sie spürte, wie die Einsamkeit wie ein weißes Licht ihren Körper durchzog. Sie betrachtete ihre traurigen Hände. Die runzligen Hände sahen aus wie ihr eigener Herbst. Das Buch lag immer noch vor ihr auf dem Tisch. Das war ihr mentales Osterei. Im Wohnzimmer saß Ragnvald und guckte Fernsehen. Er kaute auf seiner sauren Pfeife und rief ihr in regelmäßigem Abstand Befehle zu. »Hol mir eine Tasse Kaffee, schmier mir ein Brot. Gib mir ’nen Schnaps, ich will mich kurz aufs Ohr hauen.« Sie meinte zu verstehen »Gib mir ’ne Axt, dann kannste mir aufs Ohr hauen.« Oder besser gesagt: das war das, was sie gern gehört hätte. Resolut stand sie auf und öffnete die Tür zur Besenkammer, holte den Werkzeugkasten hervor, öffnete ihn und nahm den Hammer heraus., Cato Isaksen rief aus den Bergen an, um zu hören, wie es seiner Mutter ging. Einen Moment lang hätte sie ihm fast von der Begegnung mit dem Nachbarn erzählt, in erster Linie, weil es ihn eigentlich auch betraf. Aber dann ließ sie es doch sein. Es waren inzwischen zu viele Jahre vergangen. Das war alles viel zu schwierig gewesen. Aber sie meinte schon, dass er ihrer Stimme anhören konnte, dass sie aufgeregt war, und zwar im positiven Sinne. Merkwürdig, wie einfach das ging, dachte Maren Tangvald. Der Ehemann hatte mit dem Rücken zu ihr in seinem grünen Ohrensessel gesessen. »Hier«, hatte sie gesagt und ihm den Hammer auf den Kopf geschlagen, dass es dröhnte. »Bitte schön«, hatte sie gesagt, »bitte schön, bitte schön, bitte schön.« Ragnvald Tangvalds Kopf war nach vorn gefallen. Mehrere dünne Streifen dunklen Bluts waren aus den Kopfwunden gesickert, übers Gesicht und weiter hinunter auf das gelbe Hemd, das er trug. Hinterher waren seine Augen aufgerissen gewesen. Er hatte sie mit einem verwunderten, gläsernen Blick angestarrt. Und sie wusste, dass er tot war. Maren Tangvald ging wieder zurück in die Küche. Sie spürte, wie ihr Herz wie ein kleines wildes Tier in der Brust hämmerte. Sein Blut hatte winzige rote Sommersprossen auf ihre blassblaue Bluse gespritzt. Sie riss sie sich vom Leib und schrubbte die Hände unter dem Wasserhahn vom Blut sauber. Sie hatte es getan. Das Gedankenspiel war Wirklichkeit geworden. Die Küche war nicht mehr wie vorher. Das Geräusch des Hammers tanzte durch die Wohnung. Die Küche war eine Wüste. Auf dem Tisch lag ein Katalog für Ferienreisen. Das Bild der jungen braunen Körper auf der Titelseite brachte ihr inneres Gleichgewicht noch mehr ins Schwanken. Für einen, Augenblick schloss sie die Augen. Ragnvalds Gesicht tanzte auf ihrer Netzhaut. Von Schatten und Blut verzerrt. Die Körper wogten über dem blauen Meer hin und her, wie Boote mit Körperteilen anderer Menschen auf dem Rücken. Wenn sie nur ein Baum gewesen wäre, an dem immer neue Blätter wüchsen. Maren Tangvald beruhigte sich, genehmigte sich einen Schnaps. Der Branntwein lief ihr heiß durch den Körper. Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück. Aber seine Stille war fast noch schlimmer als die gemeinen Kommandorufe, die sie durch vierzig Jahre begleitet hatten. Sie spürte, wie ihr ein kleiner kalter Schauer das Rückgrat entlang lief. Die weiße Spitzendecke auf dem Tisch sah aus wie der Geist eines Toten. Dann dachte sie an sein Geld, das jetzt ihr gehörte. Bereits als sie sich kennen lernten, hatte er einen kleinen Betrag bei der Post stehen. Das Guthaben war synchron mit dem Kind gewachsen, das sie nie bekommen hatten. Es war ihre Schuld. Langsam, aber sicher war es zu einer ansehnlichen Summe angewachsen. Aber etwas davon ausgeben – nein, Ragnvald doch nicht. Mehrere Male hatte Maren ihn gedrängt, dass sie sich davon doch einen Urlaub im Süden leisten könnten, aber das fand er nur Quatsch. Und nachdem ein Jahr nach dem anderen verging, erkannte sie, dass das Geld überhaupt nicht benutzt werden sollte. Er wollte es nur haben, sicher auf dem Goldbuch der Post. Doch jetzt wollte sie ihre Freundin aus der Thereses gate einladen. Die einzige Freundin, die sie hatte. Maren Tangvald wartete, bis es zwei Uhr nachts war, bevor sie ihren Exmann, wie sie ihn heimlich titulierte, anzog. Sie zog ihm Mantel, Handschuhe und Straßenschuhe an. Ihn in den Fahrstuhl zu kriegen war kein Problem. Sie musste ihn nur hinter sich herziehen. Als sie jung waren, war er groß und sie klein gewesen. Jetzt, war es fast umgekehrt. Sie waren beide in die falsche Richtung gewachsen. Sie waren buchstäblich voneinander fort gewachsen. Sie hatte zugelegt, und er war eingeschrumpft. Was jetzt ein großer Vorteil war. Sie zog ihn unten aus dem Fahrstuhl heraus, durch die Haustür und den Fußweg entlang. Der Himmel war schwer von Schnee, als hielte er eine graue Wut zurück. Etwas weckte Gyda Isaksen. Sie wusste nicht, was es war. Sie nahm ihre Krücken und zog sich vom Bett hoch, ging zum Fenster. Draußen war es dunkel. Es war weit bis zum Boden, und ohne Brille sah sie alles wie im Nebel. Nach einer kurzen Weile ging sie so leise sie konnte in die Küche und holte sich ein Glas Wasser. Maren Tangvald schaute sich ängstlich um. Es war vollkommen menschenleer, niemand war am Ostersonntag so spät in der Nacht noch unterwegs. Alle Restaurants und Kneipen hatten geschlossen. Sie zog ihn an der Garagenanlage vorbei und ein Stück die Hauptstraße entlang. Das Geräusch seiner Schuhe auf dem staubigen Weg verursachte nur ein leises Knirschen. Plötzlich zuckte sie zusammen. Die beiden Jugendlichen, die sie vor kurzem im Treppenhaus ausgeschimpft hatte, kamen ihr ein Stück entfernt entgegen. Schnell rollte sie Ragnvald in einen kleinen Graben und warf sich selbst darüber. Sie lag ganz still neben dem toten Körper. Die Feuchtigkeit des Bodens drang durch ihren Mantel. Das Licht der Straßenlaterne zeichnete einen gelben Kreis, der sich ein Stück ihr Bein hoch fortsetzte. Plötzlich wurde es Maren Tangvald bewusst, dass sie mit der Leiche ihres Mannes neben sich in einem Graben lag. Wie einen schwarzen Filmstreifen, der sich rückwärts aus einem kleinen Fenster spulte, sah sie die Bilder von sich selbst mit dem Hammer immer und immer wieder. Sie kniff die Augen zusammen. Hörte das Geräusch der, Schläge durch ihre Gedanken dröhnen. Einige braune, zusammengeklebte Blätter bewegten sich vorsichtig in dem leichten Wind. Die beiden Jugendlichen blieben kurz vor ihr stehen. Sie standen mit dem Rücken zu ihr, der eine bemühte sich, eine Zigarette anzuzünden. Maren Tangvald öffnete vorsichtig die Augen. Sie konnte die Jungen dort oben sehen, durch ein paar hohe Grashalme vom letzten Jahr hindurch. Als der eine Junge plötzlich laut auflachte, war es, als würde ihr Herz ein paar Schläge überspringen. Die Angst, was wohl mit ihr geschähe, wenn sie hier entdeckt würde, lag wie eine giftige Schlange in ihrer Seele. Aber sie hatte Glück, plötzlich gingen die beiden Jungs weiter, als ob nichts passiert wäre. Sie hatten sie tatsächlich nicht gesehen. Maren Tangvald wartete einen Moment, bis die Nerven sich einigermaßen beruhigt hatten, bevor sie mit viel Stöhnen und Mühe ihren Exmann wieder auf den Bürgersteig hochgezogen bekam. Einen Moment lang sammelte sie Kraft und wartete, bis sie wieder ein wirklicher Mensch wurde. Dann zog sie ihn weiter mit sich den leicht abschüssigen Hügel hinunter. Sie zog ihn am Kindergarten vorbei, weiter in einen kleinen Seitenweg hinein. Wo sie ihn unter ein paar Kieferngewächse rollte und seine leere Brieftasche wegwarf, sodass es aussah, als wäre er ausgeraubt worden. Als sie zurück nach Hause ging, tanzte ein leichter Nieselregen im bleichen Schein der Straßenlaternen. Sie war erschöpft, ganz ermattet von der physischen Anstrengung und dem Nervendruck. Die Muskeln in ihren Armen und Beinen schmerzten., Aber als sie im Fahrstuhl hinauf zum sechsten Stock stand, spürte sie, wie die Kräfte und der Optimismus langsam zurückkehrten. Ein Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. Mit alten Damen ist nicht gut Kirschen essen. Und schon gar nicht mit wütenden, frustrierten alten Damen. Als sie in die Wohnung kam, zog sie sich schnell aus und nahm eine warme Dusche. Die alten, weißen Baumwollunterhosen mit Bein sollten jetzt durch teure Seidentangas ersetzt werden. Das heißt, wenn sie das ertrug, da diesen String in … Ja, ja, sie sollte es lieber mit Ruhe angehen. Alles zu seiner Zeit, wie es hieß. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Sie horchte auf etwas in ihrem eigenen Kopf, hörte die Stille wie ein dunkles Meer im Ohr. Cato Isaksen war zurück an seinem Arbeitsplatz. Seine Familie war noch im Gebirge geblieben. Bente hatte nichts dagegen gehabt, Georg die letzten zwei Tage allein zu haben. »Ich hab ihn ja lieb«, hatte sie gesagt. Eigentlich typisch Bente. Cato Isaksen saß im Speisesaal zusammen mit seiner Kollegin Randi Johansen, als sein ältester Sohn Gard anrief und ihn zum Essen am gleichen Abend einlud. »Gern«, sagte er sanft und spürte, wie sehr es ihn freute, dass der Älteste, nach einer schwierigen Zeit mit Experimenten mit Drogen und Alkohol, jetzt wieder in der Realität angekommen war. Während er noch am Telefon saß und mit seinem Sohn sprach, traf eine Vermisstenmeldung ein. Maren Tangvald meldete ihren Mann gegen zwölf Uhr am Ostermontag vermisst. Sagte, er wäre am Ostersonntagabend noch einmal hinausgegangen, sie hatte sich währenddessen schon schlafen gelegt. Aber jetzt hatte sie Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte., Der Pfarrer war schon um fünf Uhr an ihrer Tür. Der alte Pfarrer, der so von Trauer und Sympathie erfüllt war, bedauerte aus vollem Herzen, dass der Ehemann mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf erschlagen und dann ausgeraubt worden war. Maren Tangvald drückte einige bittere Tränen hervor und ließ ein paar Sätze über die heutige brutale Gesellschaft fallen. Kurz darauf kam die Polizei. Cato Isaksen nickte ihr kurz zu. Sie erkannte ihn sofort wieder. »Ach, Sie sind das«, sagte sie. Maren Tangvald mochte ihn nicht. Der Pfarrer ließ sie allein, bat Maren jedoch, sofort anzurufen, wenn etwas sei. Cato Isaksen lief durch die Räume. Es erschien ihm absurd, dass dieser Mord hier hatte geschehen müssen, wo seine Mutter die letzte Woche verbracht hatte. Er hatte den Toten gesehen. Ein alter dünner Mann mit einem müden Zug um den Mund. Cato Isaksen war besonders lange neben ihm stehen geblieben. Er wusste nicht, warum. Aber etwas im Gesicht des Mannes erinnerte ihn an sich selbst. Es war, als stünde er dort und würde sich selbst in alter Version sehen. Maren Tangvalds Gewissen fühlte sich an wie eine Art Wäscheleine, die von dem einen Dunkel ins andere reichte. Sie erklärte, sie würde Kaffee kochen. Dabei war sie so nervös, dass ihr eine Tasse in den Ausguss fiel und zerbrach. Der Ermittlungsbeamte, der ihr in die Küche gefolgt war, stand nur da und schaute sie an. »Wir haben schon mit den Nachbarn geredet«, sagte er, »unter anderem mit Frau Nordberg. – Ihr Mann ging nicht gerade oft spazieren. Hatte er Probleme mit den Beinen?« »Nicht mehr als andere alte Männer«, sagte Maren Tangvald schnell und trug ein kleines Tablett mit Tassen und Keksen ins Wohnzimmer. Der Ermittlungsbeamte folgte ihr und setzte sich auf den grünen Ohrensessel. Sie hatte die Blutflecken weggescheuert, aber der Stoff war noch etwas feucht. Er, bemerkte es nicht. Sie stellte die Tassen und Untertassen auf den Tisch. Anschließend besuchte Cato Isaksen seine Mutter und deren Freundin. Es war schon von vornherein verabredet gewesen, dass er seine Mutter wieder ins Frognerhjemmet fahren würde. Die beiden Frauen waren ganz aufgebracht über das, was passiert war. Seine Mutter schien traurig und deprimiert zu sein. Tulla Nordberg erzählte, dass Catos Mutter und Ragnvald Tangvald zusammen in die Schule gegangen waren. »Aber das kannst du ja selbst erzählen.« Doch die Mutter schüttelte nur leicht den Kopf. »Nein«, seufzte sie, »da gibt’s nichts zu erzählen. Ich habe ihn seit fünfundvierzig Jahren nicht mehr gesehen, habe ihn aber sofort wiedererkannt. Ich war einmal bei ihm, habe mit ihm eine Tasse Kaffee getrunken. Er hat sich darüber beklagt, dass seine Frau die ganze Zeit nur herummeckert. Da hat er von mir eine Packung Ohropax gekriegt, das war auch schon alles«, erzählte Gyda Isaksen traurig. Nachdem die Mutter wieder ins Frognerhjemmet gebracht worden war, fuhr Cato Isaksen zum Polizeihaus. Auf dem Flur begegnete er Randi Johansen, die Neues von den Ermittlungen zu berichten hatte. Cato Isaksen stand draußen im Dunkel und wartete auf die Kollegen. Sie hatten eine Verhaftung vorzunehmen. Er schaute auf die Uhr. In anderthalb Stunden wollte er bei seinem Sohn und seiner Mitbewohnerin draußen in Asker sein. Was sie wohl für ihn kochen würden? Er hatte Hunger. Maren Tangvald öffnete die Tür, als es klingelte. Einen Moment lang dachte sie, Ragnvald stünde vor ihr. Das schmale Gesicht, die leicht traurigen Augen, der Zug um den Mund. »Guten Tag«, sagte Cato Isaksen, »dürfen wir hereinkommen?« Sie öffnete die Tür ganz und ließ die drei Polizeibeamten, herein. Schon in dem Augenblick wusste sie, was kommen würde. Sie hatten es herausgefunden, Cato Isaksen blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Sein Blick suchte den der alten Frau. Als sie ihn endlich ansah, hob er seine rechte Hand. »Das haben wir in seinen Ohren gefunden.« Cato Isaksen streckte die Hand aus, zwei hellrote Kügelchen kamen auf seiner Handfläche zum Vorschein. »Ohropax«, sagte Maren Tangvald erschrocken. »Ja«, sagte Cato Isaksen. »Die man sich in die Ohren steckt, um schlafen zu können.« »Weiß ich auch«, sagte sie und schaute ihn misstrauisch an. »Ragnvald hat nie Ohropax benutzt. Er hat gar keine gehabt.« Eine Gewissheit war dabei, sich in ihr hochzuarbeiten. Da gab es etwas, was sie vergessen hatte. Aber schnell sammelte sie sich wieder. »Und was ist damit?«, fragte sie. »Es ist doch wohl ganz normal, wenn ältere Menschen Ohropax in den Ohren haben.« »Aber nicht, wenn sie draußen spazieren gehen«, erwiderte Cato Isaksen und betrachtete sie mit seinen kalten Augen. »Wir gehen davon aus, dass er ermordet wurde, während er schlief.« »Nein«, widersprach sie schnell und schob die eine Kaffeetasse zurecht. »Er hat nicht geschlafen. Er war noch nicht eingeschlafen.« Hinterher hätte sie sich die Zunge abbeißen können. Sie spürte, wie eine gewaltige Kälte ihren Körper durchzog. Maren Tangvald senkte den Blick. Dann war es also doch dazu gekommen, dass Ragnvald zum Schluss noch den letzten Stich bekommen hatte. Dieser Miesepeter, dieser unnütze, unzuverlässige Schuft von einem Kerl. »Haben Sie dazu noch etwas zu sagen?« Cato Isaksen war bereits aufgestanden. Maren Tangvald zuckte gleichgültig mit den Schultern,, während ihr ein leiser Seufzer über die Lippen kam. »Ich habe vergessen, in seinen Ohren aufzuräumen«, sagte sie ruhig. »Sie haben was vergessen?« »In seinen Ohren aufzuräumen!«, wiederholte sie, jetzt etwas lauter. »So lief es doch immer bei uns, wissen Sie. Er hat nie hinter sich aufgeräumt, dieser Ragnvald. Niemals! Ich musste alles tun. Nur gut für die Welt, dass er weg ist«, erklärte sie, wobei sich ein kleines böses Lächeln in einem ihrer Mundwinkel aufbaute. Sie begegnete dem kalten Blick des Ermittlungsleiters Cato Isaksen und senkte den Kopf.,

Der zufällige Tod eines Direktors Leif Davidsen

Nachdem Direktor und Aufsichtsratsvorsitzender Kai Baggersen den Wirtschaftsprüfungsbericht gelesen hatte, schloss er ihn im Tresor ein, änderte den Code und rief unter Umgehung der Sekretärin seinen Arzt an, um möglichst schnell einen Termin bei ihm zu erhalten. Sie waren alte Freunde, und darum konnte er schon eine Stunde später kommen. Seine Hände zitterten nicht, obwohl er schwarz auf weiß gesehen hatte, dass die Firma und damit er selbst bankrott waren und er folglich nicht weiterleben konnte. Er hatte verbissen dagegen angekämpft, dass das alte Steuerberatungsbüro der Gesellschaft ausgetauscht wurde, schließlich hatten aber selbst seine eminenten Fähigkeiten, den Aufsichtsrat zu manipulieren, nichts geholfen. Es waren nicht die Betriebsratsvertreter, die eine erneute Rechnungsprüfung gefordert hatten. Die waren leicht zu kontrollieren, saßen unsicher da und wussten nur wenig über das Unausgesprochene in einem Aufsichtsratsbüro. Enttäuscht hatte ihn, dass die alten Freunde und Kollegen, die sich nur ein paarmal im Jahr zu zeigen und wohlwollend zu nicken brauchten, angesichts der Zahlen zittrige Hände bekommen hatten. Zwar hatte die zeitweilige Krise inzwischen schon etwas länger gedauert als berechnet, doch der Umschwung stand unmittelbar bevor. Das wussten alle. Aber nun würden sie zu der bevorstehenden außerordentlichen Aufsichtsratssitzung erscheinen und ihre eigene Haut zu retten versuchen, indem sie ihn opferten und mit der Verantwortung allein ließen. Eigentlich konnte er es ihnen nicht verdenken. Er hätte ebenso gehandelt, wenn er nicht auf dem Stuhl des Vorsitzenden gesessen und damit die Kontrolle über Tagesordnung, Rednerliste und Informationen gehabt hätte., Die Schlüssel zur Macht. Er saß an seinem Schreibtisch und sah, wie sich das Licht über dem Øresund veränderte, als ein Regenschauer plötzlich die schwedische Küste verdeckte. Durch die dicken Scheiben sah er, wie die Welt lebte, aber kein Laut drang in das geräumige Direktorenbüro. Fünfzehn Jahre hatte er an der Spitze des größten Tennisball-Unternehmens Skandinaviens gestanden, und wenn irgendwer an seinen Führungsfähigkeiten zweifeln sollte, brauchte er sich nur die Aktienkurse in der Wirtschaftsbeilage der Zeitungen anzusehen. Aber das lag natürlich daran, dass die Investoren nicht den richtigen Jahresabschluss und die ungetilgten Darlehen kannten, die wie ein Krebsgeschwür wuchsen und jetzt außer Kontrolle geraten waren. Sie wussten nichts von den Millionen, die in dem Immobilienkomplex an der Sonnenküste Spaniens feststeckten, wo die leeren Wohnungen und nicht eröffneten Läden das investierte Kapital auffraßen, während die Zinsen wuchsen. Er streckte die Arme über den Kopf, sah wieder nach Schweden hinüber und spürte einen Druck in der Brust. Er war in guter Form, aber zweiundfünfzig Jahre hatten ihre Spuren im Organismus hinterlassen, und ungebeten tauchte eine Erinnerung aus der Kindheit auf. Seine Mutter steht im Garten und ruft ihn zum Essen. Der Wind spielt mit ihrem Haar, und er liegt so sicher wie ein schlafender Igel in der selbst gebauten Höhle und will nicht herauskommen. Er blickte sich im Büro um und schüttelte die Erinnerung ab, bevor sie von ihm Besitz ergreifen konnte. Das große schöne Eckbüro mit den gediegenen finnischen Möbeln unter einem Asger Jorn an der Wand. Plötzlich bewegten sich die Wände leicht, und wieder war dieser Druck in der Brust da, als ihm die Galle in den Hals schoss, weil er das Gefühl hatte, dass Leben in die Wände kam und sie zusammenrückten und das Büro fast auf, Besenkammergröße schrumpfen ließen. Er stand auf und schwitzte. Zog trotzdem die Jacke an. Der Schauer kam von der schwedischen Küste herangefegt und prallte mit schnellen klatschenden Lauten gegen die Panoramafenster. Durch die Tropfen sah er wieder zur Schwedenküste hinüber, und er stellte sich vor, dass sein Blick über das Land und bis weit hinein in die tiefen Wälder reichte. Dann drängte sich eine andere Kindheitserinnerung auf. In den Fünfzigern war er für drei Wochen in einem Pfadfinderlager in Schonen gewesen. Ihm fiel plötzlich der Friede ein und wie die Zeit stillgestanden hatte und gleichzeitig davongaloppiert war. Ihm wurde leicht unheimlich zumute, so stark war die Wirkung der ungewohnten Erinnerungen. Sonst dachte er nie an Kindheit oder frühe Jugend zurück. Er konzentrierte sich auf das Heute, das Geschäft und die Zukunft. Er sah sich deutlich als Fünfzehn-, Sechzehnjährigen auf einer anderen Schwedentour mit seinem besten Freund, konnte sich aber plötzlich nicht mehr an die Gesichtszüge seiner Kinder erinnern, als sie klein waren. Dagegen sah er vor seinem inneren Auge scharfgestochen wie auf einem Farbfoto den großen Elch, der im Walddickicht gestanden und sie angesehen hatte. Sie hockten zwischen den niedrigen, würzigen Blaubeerbüschen und hielten die rot verschmierten Hände ganz still, während sie das große Tier betrachteten. Es beäugte sie ruhig, hob den Kopf ein wenig und verschwand im Dickicht, als ob es nur eine Erscheinung gewesen wäre. Beeindruckt von diesem Erlebnis, der Größe des Tieres und seiner Ruhe hatten sie lange stumm dagesessen. Plötzlich schmeckte er auch den Tabak wieder. Pfeifentabak. Den süßen, weichen, würzigen Geschmack eines Tabaks, der sich Dark Twist nannte und den sie mit der glühenden Spitze eines Astes angezündet hatten, den sie ins Lagerfeuer gesteckt hatten. Sie lagen in ihren Schlafsäcken am Feuer, während sie sich unterhielten. Er entsann sich nicht mehr worüber. Bestimmt aber über Mädchen. Es war schon mehr als, zehn Jahre her, dass er zum letzten Mal geraucht hatte, aber er spürte ein Verlangen, so tief, als hätte er gestern erst aufgehört. Er stand mitten im Zimmer, in seine Erinnerungen verloren, mit der Angst in der Brust und dem Gefühl der Niederlage in der Seele. Morgen würden Investoren und Gläubiger entdecken, dass ihr Vermögen verschwunden war, und mehrere hundert Menschen ohne Arbeit dastehen. Das würde viele Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Dansk Tennis A/S galt als eines der solidesten und bestgeführten Unternehmen des Landes. Er selbst musste mit Gefängnis rechnen. Die Aktionärsdarlehen waren sehr belastend. Aber Gefängnis würde vielleicht eine geringere Strafe sein als die Demütigung, gefehlt und das Vertrauen anderer Menschen missbraucht zu haben. Der Entschluss war eigentlich natürlich. Damit wollte er auch Grethe und die erwachsenen Kinder absichern. Grethe verdiente zwar ihr eigenes Geld, aber das Gehalt einer Gymnasiallehrerin war nicht besonders üppig, und die Kinder konnten immer etwas zusätzlich gebrauchen. Die Lebensversicherung war bezahlt und unantastbar. Nicht wie all das andere, was er besaß. Das gehörte ab morgen anderen. Er konnte die Welt mit der Gewissheit verlassen, dass seine Nächsten abgesichert waren. Das Schicksal der anderen konnte er nicht länger auf seinen Schultern tragen. Er schüttelte den Kopf und schwitzte wieder. Warum konnte er ihre Gesichtszüge nicht vor sich sehen? Warum wollten sie nicht auftauchen? Warum sah er nur sich selbst, die Pfeife im Mund, gemeinsam mit Niels am Lagerfeuer in einem schwedischen Wald, nachdem sie selbst gefangenen Fisch mit einem Appetit gegessen hatten, der verdrängte, dass er nach Rauch und Asche des Lagerfeuers schmeckte. Wo war Niels heute? Einst beste Freunde. Ständig zusammen. Vertraute. Nun ahnte er nicht einmal, wo Niels wohnte oder was er machte oder ob er überhaupt noch lebte. Er wollte nicht schummeln. Er wollte nicht die Bilder auf seinem Schreibtisch ansehen. Wollte die Gesichter selbst finden., Er atmete tief ein und aus, konnte aber nicht das drückende Gefühl in der Brust loswerden. Darum gab er schließlich auf und schaute sich die beiden gerahmten Fotos auf dem Schreibtisch an: eine schöne, gepflegte Frau in seinem Alter. Zwei halbwüchsige Mädchen mit hübschen, nichts sagenden Gesichtern. Das war seine Familie. Warum wirkten die drei wie unbekannte Menschen, die es sich auf seinem Schreibtisch bequem gemacht hatten? Er holte den Wirtschaftsprüfungsbericht wieder aus dem Tresor, brauchte sein eigenes Todesurteil aber nicht noch einmal zu lesen. Geschäfte und Zahlen hatten sein Leben ausgemacht, Zahlen verstand er besser als Worte, und die Zahlen des Berichtes ließen keinen Platz für Zweifel. Er schloss ihn wieder im Wandschrank ein, atmete abermals tief ein und aus und schwang die Arme, machte ein paar Kniebeugen, streckte sich, als würde er sich für ein Tennisspiel warm machen. Dann nahm er den Telefonhörer ab. »Line. Ich habe eine Besprechung in der Stadt. Du siehst mich heute nicht mehr. Geh du nur früh.« »Gut. Hab vielen Dank. Dann hol ich Andreas heute früher ab.« »Und, Line?« »Ja, Kai.« »Ich komm morgen nicht ins Büro. Ich fahr heute Abend nach Brüssel. Eine einfache Besprechung morgen.« »Das steht nicht im Kalender.« »Das kam plötzlich.« »Was ist mit dem Ticket, dem Hotel? Soll ich nicht …?« »Hol du nur Andreas ab. Geh jetzt. Du hattest in letzter Zeit viel zu tun. Ich bitte Jørgensen, sich darum zu kümmern.« »Ja aber …«, »Mach, was ich sage, Line.« »Okay. Wenn du es sagst.« Er sah wieder nach Schweden hinüber. Es war Ende August und trotz des Schauerwetters eigentlich mild. Gedankenverloren stand er da, bis er sich sicher war, dass Line gegangen war. Er spürte den ruhigen Rhythmus der Arbeit in den anderen Büros des Verwaltungsgebäudes, und drüben in der Fabrikhalle spien wie seit fast fünfzig Jahren Maschinen Bälle aus. Dann rief er zu Hause an und sprach auf den Anrufbeantworter, dass er nach Brüssel müsse. Morgen nach Hause komme. Grethe würde das akzeptieren. Während ihrer langen Ehe hatte sie sich an seine Geschäftsreisen gewöhnt, und heute lebte jeder von ihnen wohl im Grunde genommen sein eigenes Leben, auch wenn sie einander vertrauten und sich gern hatten und keiner von ihnen sich ein Leben ohne den anderen vorstellen konnte. Grethe ging ihrer Arbeit als Lehrerin nach und besuchte mit ihren Freundinnen gern Kunstausstellungen. Er hatte seine Arbeit und spielte mit Aufsichtsratskollegen ein wenig Tennis. Sie hatte, wenn auch notgedrungen, eingesehen, dass die Arbeit den Sinn seines Lebens ausmachte und dass es ihm schwer fiel, über etwas anderes verständnisvoll zu reden. Sein alter, gleichaltriger Freund, der Arzt, sagte dasselbe nachdem er sein Herz abgehört und ihn ein wenig befragt hatte. »Du solltest an anderes denken als nur an die Arbeit, Kai.« »Ach, ich kann bloß ein bisschen schlecht schlafen in letzter Zeit.« Poul sah ihn freundlich an, während er das Mogadon-Rezept ausstellte. »Ich schreib dir was auf, damit zu schlafen kannst. Und dann lässt du dir draußen von Linda einen Termin für eine etwas größere Untersuchung geben. Sie findet für dich schon noch eine Lücke.« »Ist es etwas …?«, fragte er., »Nein. Aber ein Check schadet nichts«, sagte der Arzt. Er reichte das Rezept über den Schreibtisch und fuhr fort: »Probleme mit der Firma?« »Es sind schwierige Zeiten für alle.« »Mein Gott, die ganze Welt spielt doch Tennis! Und alle müssen Bälle haben.« Kai nahm das Rezept. »Die Konkurrenz aus dem Osten ist hart.« Der Arzt sah auf die Uhr. Kai hatte bemerkt, dass im Wartezimmer Leute saßen, und wusste recht gut, dass dies hier ein Gefallen war. »Vielen Dank, dass du mich dazwischengeschoben hast.« Der Arzt winkte ab und sagte mit einem Lächeln: »Bei dem Aktienposten, den ich in deiner Firma hab, muss ich dafür sorgen, dass du gesund und munter bist.« Kai spürte sein Herz schneller schlagen und bekam sehr wohl mit, dass ihn der Freund aufmerksam betrachtete. Er hatte im Geschäftsleben früh gelernt, dass es bei Verhandlungen wichtig war, die Körpersprache der Gegenseite zu beobachten. Worte gingen leicht über die Lippen, wenn man eine kleine Unwahrheit von sich gab, der Körper aber verriet das meiste, wenn man kein guter Pokerspieler war. Er gab schnell die Hand und wandte sich zum Gehen, zögerte aber an der Tür und fasste dann einen Entschluss. »Poul. Das, was ich dir jetzt sage, ist ungesetzlich, und ich kann dafür bestraft werden … nein, unterbrich mich nicht.« Poul hatte sich erhoben und stand hinter seinem Schreibtisch. »Ja?«, sagte er. »Verkauf deine Aktien an Dansk Tennis A/S.« »Was sagst du da? Warum in aller Welt …? Und ausgerechnet jetzt. In der letzten Zeit sind sie doch um ein paar Punkte, gestiegen, also ist das doch nicht gerade günstig.« Kai spürte wieder sein Herz schlagen. Den merkwürdigen Druck in der Brust, den er nicht erklären konnte und der nicht im Stethoskop zu hören war. »Poul, mach, was ich sage. Ich könnte für das hier ins Gefängnis kommen. Aber … ich … Verkauf sie heute. Und danke. Und auf Wiedersehen.« Er ging zur Tür hinaus und war verschwunden, bevor Poul reagieren konnte. »Soll ich den Nächsten reinschicken?«, erkundigte sich die Sekretärin einen Augenblick später über die Gegensprechanlage. »Einen Moment noch«, sagte er. Er setzte sich wieder und suchte nach der Telefonnummer seines Maklers. »Verkauf alle meine Dansk-Tennis-Aktien«, sagte er. »Ist das heute noch zu schaffen?« »O ja doch«, dröhnte die unbekümmerte Stimme im Hörer. Leute, die an der Börse Geld wie Heu machten, waren oft furchtbar jung, dachte der Arzt, während die energische Stimme fortfuhr: »Der Börsentag ist ja noch frisch. Aber darf ich fragen, warum? Hast du irgendwas gehört? In der Stadt gehen nämlich ein paar Gerüchte um.« »Nein. Ich brauch nur Geld. Was für Gerüchte?« »Dass der Halbjahresbericht nicht so gut ist wie erwartet. Der Überschuss kleiner als errechnet. Könnte in den nächsten Tagen den Kurs um ein paar Punkte drücken. Aber es werden sich schon Käufer finden.« »Verkauf sie heute alle.« Danach saß er eine Weile da, den Hörer in der Hand. Ertrug plötzlich nicht den Gedanken, die nächsten Patienten zu sehen, würde es aber natürlich doch tun. Wie Kai war er erzogen zu Pflicht, Verantwortung und Vernunft. Sie gehörten zu einer, Gesellschaftsschicht, der während des Heranwachsens ständig gepredigt worden war, dass man sich zusammenzunehmen habe, dass es schon gehen werde. Sie hatten weder Zeit gehabt für Jugendaufruhr, noch welchen nötig gehabt. Auch wenn Kai wohl eigentlich einmal ein wenig für die Linkssozialisten geschwärmt hatte. Wie so viele andere junge Leute aus wohlhabenden Familien. Er hatte nie für den Sozialismus geschwärmt. Das war das Privileg der Oberklasse. Er seufzte, stand auf und ging zur Sekretärin hinaus. »Schick den Nächsten nur herein, Linda. Und welchen Termin hast du Direktor Baggersen gegeben?« Linda sah auf. »Keinen. Er hat um keinen gebeten. Bestimmt hatte er es eilig.« Aber Kai Baggersen hatte es nicht mehr ganz so eilig. Er wusste, wenn er erst einmal das Rezept in der Apotheke abgegeben hatte, würde er schaffen, was geschafft werden musste. Die Schlaftabletten würde er später abholen. Er war der Meinung, dass ein leitender Mann der Wirtschaft beispielgebend sein sollte durch seine persönliche Erscheinung, seine Haltung und seinen Umgang mit anderen Menschen sowie durch seine Lebensführung. Er hielt sich in Form und war mit weißem Hemd und dunklem Anzug stets adrett und gut gekleidet. Er behandelte die Leute mit Höflichkeit und Achtung und erwartete, von anderen ebenso behandelt zu werden. Und er war davon überzeugt, dass die strenge Freundlichkeit, die seinen Umgang sowohl mit Angestellten als auch mit der Familie prägte, anderen Menschen Sicherheit verlieh. Aber die meisten empfanden ihn als distanziert und kühl und eigentlich ziemlich angsteinflößend. In geschäftlichen Dingen war er zynisch und rücksichtslos. Die Geschäftswelt war ein Dschungel, das hatte er früh erkannt. Der Kapitalismus war das beste System. Die Konkurrenz brachte es aber mit sich, dass die Schwächsten am, Ende unterlagen. Er wohnte idyllisch im Norden von Kopenhagen und hatte ein schönes Sommerhaus bei Skagen, aber für einen Mann mit seiner Position in der Gesellschaft war das nur recht und billig. Als Direktorenauto hatte er sich für einen Saab 900 mit einem V6-Motor entschieden. Weil Schweden einen großen Platz in seinem Herzen einnahm und weil er den Saab für ein Auto hielt, das zu dem Image gesunder Geschäftsmoral und bescheidener, aber qualitätsbewusster Lebensführung passte, mit dem er sich selbst und seine Firma zu umgeben versucht hatte. Er parkte am Pfadfinder-Sportgeschäft und kaufte nach einem mentalen Merkzettel ein, der in all den Jahren irgendwo in seinem Gedächtnis gespeichert gewesen zu sein schien. Seine ruhige Autorität führte dazu, dass ihm der junge Verkäufer bald wie ein Hund durch das Geschäft folgte, während er einkaufte und alles zusammenpacken ließ, sodass sie es schließlich zum Auto hinaustragen konnten. Er gab keine Erklärung ab, warum er die Grundausstattung für eine kleinere Expedition in die Wildnis kaufte. Der Verkäufer fragte nicht. Weil den Kunden ein Panzer umgab, der nicht zu Fragen einlud, und weil es dem Zeitgeist entsprach, dass Menschen der Natur huldigten und zu fernen Gegenden der Erde aufbrachen. Der Verkäufer wusste, dass wohlhabende Menschen die beste Qualität kauften, auch wenn viele die Ausrüstung wahrscheinlich nur ein einziges Mal nutzen würden. Also beriet er freundlich und kompetent. Er war selbst Outdoor-Freak und empfand einen gewissen Stolz, dass der seriöse Herr im besten Alter schnell begriff, dass er mit einem Profi sprach und deshalb seinem Rat vertrauen konnte. Er kaufte ein Einmannzelt, einen Schlafsack, einen Spirituskocher, einen Satz Kochtöpfe aus Aluminium, Besteck, einen Dolch, einen Kompass, Trekkingschuhe, dicke Socken, einen Anorak, einen dicken blauen Troyer, eine Iso-Matte und einen Rucksack, in dem alles Platz hatte. Er kaufte nur beste, Qualität und bezahlte mit seiner Eurocard. Danach holte er seine Medizin, fuhr zum »Magasin« und parkte im Parkhaus des Großkaufhauses. Er kaufte eine Cordhose, ein rot kariertes Baumwollhemd und eine Garnitur Unterwäsche. In der Sportabteilung erwarb er eine zusammenlegbare Angel und einen Satz Haken für Süßwasserfische und Trockenköder. Zum Schluss kaufte er noch eine Flasche Whisky, eine Dose Pulverkaffee, Knäckebrot, eine kleine Salami, eine große Packung geschnittenes Roggenbrot, drei Dosen Makrele in Tomaten, ein Stück Schnittkäse und mehrere Tütensuppen. Er ließ das Auto im Parkhaus stehen und ging den Strøget hinunter. Der Nachmittag war mild und der Himmel nun fast blau. Er ging in seiner eigenen Welt. Trug den leichten Sommermantel über dem Arm. Plötzlich und überraschend hatte die Sonne nackte Mädchenbeine und junge Brüste unter dünnen T-Shirts aus dem Regenzeug auftauchen lassen. Er genoss den kurzen Spaziergang. Normalerweise ging er nicht in der Arbeitszeit auf dem Boulevard spazieren. Der Druck in der Brust war nicht mehr da, und er fühlte sich leicht ums Herz, ging, als würde er schweben. Er bemerkte sehr wohl, dass ihm mehrere Frauen nachsahen. Das schmeichelte ihm, auch wenn er wusste, dass sie ihn nicht nur wegen seines markanten Gesichts attraktiv fanden, sondern auch wegen der Aura aus Macht und Geld, die ihn umgab. Dänemark war abermals eine Gesellschaft geworden, in der sich eine Reihe von Frauen gern wieder von einem Mann versorgen lassen wollte. Im Tabakgeschäft am Springbrunnen kaufte er eine gute, in Dänemark hergestellte Pfeife, ein Zippo-Feuerzeug, das der Verkäufer für ihn füllen musste, eine Tüte Pfeifenreiniger und eine Packung Dark Twist, auch wenn der Verkäufer eines der handgemischten Tabakprodukte des Ladens empfahl. Er war schon lange nicht mehr in einem Tabakgeschäft gewesen. Es roch gut. Süß und vanilleartig. Schwer und tabakgesättigt, und, er fand die Atmosphäre angenehm maskulin. Er holte das Auto aus dem Parkhaus und konnte eine dreiviertel Stunde später ohne Wartezeit in Helsingør an Bord der Fähre fahren, die um 16.30 Uhr ablegte. Eine halbe Stunde später lenkte er den Saab in Richtung Norden und fuhr in goldenem Sonnenschein durch Schweden, während er im CD- Player Vivaldi hörte. Er fühlte sich glücklich und ausgebrannt, müde und gleichzeitig hellwach. Als ob ein besonders schwieriges Geschäft nach großem, anstrengendem Einsatz unter Dach und Fach gebracht worden sei. Er fuhr, bis ihn die Dunkelheit einholte. Dann hielt er an einer Cafeteria und aß ein fades Steak mit einer halbgaren Backkartoffel und Soße direkt aus der Dose. Er konnte das Personal überreden, ihm eine Thermoskanne mit Kaffee zu verkaufen, die er mit ins Auto nahm. Er fuhr weiter durch die Nacht. Der Abstand zwischen den entgegenkommenden Lichtern wurde größer und größer. Die schwarzen Bäume schossen an ihm vorbei, und das Fernlicht fing mehr und mehr schimmernde Tieraugen ein, die wie rote Perlen zwischen den Stämmen leuchteten, wenn die Straße eine Kurve machte. Er spürte die Müdigkeit im Nacken, während er im CD-Player klassische Musik hörte und Kaffee aus einem Plastikbecher trank. Er versuchte sein Leben zu analysieren, aber die Gedanken wollten sich nicht einstellen. Stattdessen dachte er an Grethe und seine Töchter, konnte aber zu seiner Enttäuschung ihre Gesichter nicht deutlich vor sich sehen. Da konzentrierte er sich aufs Fahren, bis er nicht mehr dazu imstande war, die weißen Streifen auf der Straße zu verschwimmen begannen und sich verdoppelten. Er fand einen Rastplatz, kippte den Beifahrersitz nach hinten und lag lange mit offenen Augen da und hörte dem warmen Automotor zu, der in der sanften Kühle der Nacht knackte. Er hörte den Wind in den schwarzen Bäumen, und irgendwo im Dunkeln schrie ein Tier, aber das erschreckte ihn nicht, und schließlich schlief er ein., Er wurde im frühen Morgengrauen wach und geriet für einen Augenblick in Panik, weil er nicht wusste, wo er war. Und als sein Bewusstsein den schwedischen Rastplatz registriert hatte, konnte er sich für einen weiteren Augenblick nicht erinnern, warum er hier wach wurde und nicht zu Hause oder in einem guten Hotel. Als es ihm einfiel, fühlte er sich erleichtert und zugleich bedrückt, und er tauschte den Anzug gegen die Wanderkleidung aus, pinkelte am Waldrand, trank den restlichen lauwarmen Kaffee und fuhr weiter, bis er zu den großen Waldgebieten von Grimle kam. Er fuhr in Stille, mochte kein Radio hören, und das einzige Gefühl in ihm war ein schwacher Hunger, den er nicht gegen Geld in einer der Cafeterias am Straßenrand stillen wollte. Der Abstand zwischen ihnen wurde auch größer, und allmählich auch der zwischen den Häusern, und schließlich fuhr er allein auf einem Schotterweg in den Wald hinein, der sich wie ein schützender Mantel um ihn schloss. Er parkte das Auto an einer Lichtung, die an einem Weg lag, der zu einem kleinen rot gestrichenen schwedischen Holzhaus führte, das sie einmal in ihrer Jugend gemietet hatten. Er ließ seinen Anzug auf dem Rücksitz liegen, brachte es aber nicht über sich, Geld und Kreditkarte hier zu hinterlassen, obwohl er dort, wo er hinwollte, beides nicht brauchte. Das war zu unverantwortlich. Diese letzte kleine Verantwortungslosigkeit würde an Grethe hängen bleiben. Das konnte er nicht ertragen. Er packte Ausrüstung und Esswaren in den Rucksack, lud ihn sich auf, kämpfte ein wenig mit den Riemen und ging dann in seinen neuen Trekkingschuhen an dem Haus vorbei, in dem sie in ihrer Jugend glücklich gewesen waren. Das Haus stand leer und war verfallen. Schien nicht mehr genutzt zu werden. Es roch nach Wald und Fäulnis. Kein widerlicher Geruch. Eher wie verschrumpelte Äpfel und morsches Holz. Er betrachtete das Haus eine Weile. Arm waren sie wohl kaum gewesen, eher genügsam, damals in den frühen Sechzigern, bevor der große, Konsum einsetzte. Sie hatten billigen Rotwein getrunken, sich geliebt, Bücher gelesen, lange Spaziergänge gemacht. An sich selbst genug gehabt. Das war, bevor die höfliche Distanziertheit angefangen hatte. War sie mit den Kindern gekommen oder mit dem Geld? Oder mit seinem Arbeitsdruck? Sie waren verliebt gewesen. In dem stillen Wald erinnerte er sich an die Kraft dieses Gefühls. Eine physische Strömung von Liebe, wie er sie später nie wieder gespürt hatte. Das Gefühl, dass sie allein ausreichte, um sein ganzes Universum auszufüllen. Dass es mehr nicht brauchte. Er sah auf den Kompass, steckte ihn in die Tasche und ging nach Osten, in den Wald hinein. Im Osten war es am einsamsten und undurchdringlichsten, und dort gab es einen Fluss. Daran konnte er sich erinnern. Kein Haus meilenweit. Nur Bäume, Senken und Leere. Anfangs schritt er zügig aus. Die Beine waren gut trainiert nach den vielen Stunden auf dem Tennisplatz, aber die Schultern taten bald weh, weil sich die Rucksackriemen einschnitten. Schweiß lief ihm in die Augen, aber er ging in schnellem Tempo weiter, und nach einer Weile hatte er seine Müdigkeit überwunden. Die Schmerzen verschwanden, und die Landschaft verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit. Er lächelte und fühlte, dass er sich richtig entschieden hatte. Er war auf dem Weg zurück zu einer Form von Unschuld, die er unterwegs verloren hatte, von der er aber jetzt wusste, dass sie ihm ein glücklicheres Leben beschert hätte. Er ging durch einen Kiefernwald. Der Geruch nach Harz war intensiv und allgegenwärtig. Die Schuhe knirschten ein wenig, wenn die Sohlen lautlos auf die dicke Kiefernnadeldecke traten. Der einzige andere Laut war das gleich bleibende Summen der Insekten. Die Landschaft öffnete sich, als er aus dem Wald trat und durch ein Tal ging, das sich abwärts erstreckte., Er schmeckte seinen eigenen Schweiß, der von der Stirn über Wangen und Nase herablief und sich auf der Oberlippe absetzte. Die Landschaft im Tal war anders. Die Bäume standen ohne Nadeln da, tot und kahl. Hier war kein Zeichen von Leben. Er ging durch die weite Natur, fernab von Menschen, und dennoch hatte der Tod die Natur befallen. Seine Schultern taten weh, und der eine Schuh begann zu scheuern. Er ging durch die Stille und zwischen den toten Bäumen hindurch, und ihm wurde unheimlich zumute. Angst befiel ihn. Er fühlte sich plötzlich ganz allein auf der Welt. Als ob ihm träumte, dass alle Menschen verschwunden seien, und er aus seinem Traum erwachte und es kein Traum gewesen war, sondern Wirklichkeit. Ihm flimmerte vor den Augen, und er fing an zu laufen. Er stöhnte, als er aber seinen Körper zusammenpresste, wurden die Schmerzen dumpfer und verschwanden. Erst als er durch das Tal gelangt war und wieder in den Wald kam, hielt er an und setzte sich. Er lehnte den Rucksack gegen einen Baum und konnte das Weinen unter Kontrolle bringen. Trocknete mit dem Handrücken Tränen und Schleim und fing an zu lachen. Er sah sich plötzlich mit fremden Augen und lachte bei dem Gedanken, dass Direktor Kai Baggersen allein in einem schwedischen Wald saß, mit Rotz und Tränen im unrasierten Gesicht. Wenn ihn einer so sehen würde. Geschäftsfreunde oder Familienmitglieder. Was würden sie denken? Würde er ihnen Leid tun? Oder würden sie das Gesicht abwenden, weil es sie peinlich berührte, wie es uns peinlich berührt, wenn wir mit ansehen, dass ein Mensch seelisch zusammenbricht? Er zog den Schleim hoch und war sehr durstig. Er musste den Fluss finden, sein Lager aufschlagen und tun, was getan werden musste. Dann fiel ihm der Whisky ein. Mühselig nahm er den Rucksack ab und kramte die Flasche hervor. Er genoss das trockene Geräusch, als das Siegel brach, und saß eine Weile da und roch an der Flasche, als sei es ein feiner Jahrgangswein, erst dann trank er ein paar Schluck. Es brannte, tat aber auch gut. Er, trank noch ein wenig und spürte schnell die Wirkung im Gehirn. Sein Magen war leer, aber Hunger verspürte er eigentlich nicht. Gegen den Baum gelehnt, saß er eine Weile am Waldrand und trank in kleinen Schlucken, während er über das tote Tal blickte. Völlig reglos saß er da und sah einen großen Elch auf der Lichtung vorbeischreiten. Wie einen Talisman hielt er die Flasche ganz still vor sich, und er fühlte sich glücklich, als der Elch stehen blieb und ihm den großen Kopf zuwandte. Das Tier blinzelte mit den Augen, drehte wieder den Kopf und ging langsam weiter. Wie ein kleines Kind folgte er dem Elch mit den Augen, bis er im Wald verschwand und eins wurde mit dem Halbdunkel. Ein wenig betrunken, aber auch feierlich gestimmt, ging Kai Baggersen weiter. Die Schmerzen, verursacht durch die Rucksackriemen und die wachsende Blase, waren eigentlich nicht schlimm. Sie erinnerten ihn nur daran, dass er am Leben war und unterwegs. Er fing an zu singen. Bruchstücke von Kirchenliedern, die er in seiner Schulzeit auswendig gelernt hatte. Geh aus mein Herz und suche Freud. Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Nun danket alle Gott. So nimm denn meine Hände. An sehr viel Text konnte er sich nicht erinnern, aber ein, zwei Zeilen einer Strophe genügten ihm. Ihm wurde leicht zumute. Ein feste Burg ist unser Gott. Stille Nacht, heilige Nacht. Dann und wann blieb er stehen und nahm einen kleinen Schluck aus der Flasche, die er in der einen Hand hielt. So kam er mitten am Nachmittag zum Fluss, der träge und breit dahinfloss. Nach einem trockenen Sommer ragten große Felsbrocken aus dem klaren, langsam strömenden Wasser. An anderen Stellen konnte er sehen, dass der Fluss schwarz, dunkel und tief war. Große Kiefern und Ahornbäume wuchsen bis ganz an das Ufer heran, auf der anderen Seite aber hatte man einen weiten Blick auf eine Lichtung. Er ging am Fluss entlang, folgte der Strömung, bis er zu einer Biegung kam, von der er in ein neues Tal hinausblickte, während er dichten Wald hinter sich, hatte. Hier blieb er stehen. Er stellte die Flasche hin, nahm den Rucksack ab und fühlte sich hungrig und glücklich. Ohne Schwierigkeiten baute er das kleine Einmannzelt auf. Das war einfach getan: Alles war beisammen, und im Handumdrehen hatte er das kleine Rundzelt aufgestellt. Er rollte den Schlafsack auf der Iso-Matte aus, trug ein wenig Brennholz zusammen und errichtete einen kleinen Holzstoß innerhalb eines Steinkreises, den er auslegte, bevor er das Feuer mit dem neuen Zippo-Feuerzeug anzündete. Alles war trocken, und bald brannte ein kleines Lagerfeuer. An die Gesichter seiner Kinder konnte er sich nicht erinnern, aber er erinnerte sich ohne Schwierigkeiten an das, was er während seiner Pfadfinderzeit gelernt hatte. Er ging zum Fluss hinunter. Das Wasser war klar und schmeckte gut. Er trank aus seinen hohlen Händen, ging dann aber zurück, holte den Satz Kochtöpfe und füllte den größten der drei Töpfe mit Wasser. Er fand einen jungen Ahorn, dessen Spitze sich gabelte, legte ihn mit seinem Dolch um. Der Saft erinnerte ihn an seine Kindheit und klebte an den Fingern. Er teilte den Ahorn in zwei Enden, spitzte das Ende mit der Astgabel an und trieb es in die Erde, die zuerst hart war, dann aber weich wurde. Das Feuer knisterte, und er schwitzte in der Wärme von Sonne und Feuer. Er dachte an nichts, nur an die praktischen Dinge, um das Lager aufschlagen zu können. Er musste eine Weile suchen, bevor er noch einen jungen Baum mit einer Gabelung fand, die an ein Katapult erinnerte. Er schnitt sie ab und steckte sie auf der entgegengesetzten Seite des Feuers in die Erde. Dann legte er den dünnen geraden Knüppel in die Astgabeln. Er passte. Er nahm ihn wieder ab und steckte ihn durch die Henkel des grauen Kochtopfs, der nun über den Flammen hing. Er legte mehr Feuerholz auf und betrachtete sein Werk froh und glücklich. Dann öffnete er eine Dose mit Makrele in Tomate. Er ging wieder zum Fluss hinunter und holte in dem kleinen Kochtopf mehr Wasser. Dann sammelte er noch mehr, Feuerholz, setzte sich schließlich und lehnte sich gegen einen Baumstumpf, auf dem der Rucksack lag. Er betrachtete seinen Kessel mit Wasser, das langsam zu kochen begann, seine Whiskyflasche, seinen geordneten, gemütlichen Lagerplatz mit dem Zelt, dem Schlafsack, dem Roggenbrot, der kleinen Salami, den Dosen mit Makrele, den Tütensuppen und fühlte sich so müde und glücklich wie in seinem früheren Leben, wenn er ein gutes Geschäft abgeschlossen hatte. Oder glücklicher? Denn hier war die Arbeit nicht auf Kosten anderer gegangen. Hier war jede Handlung einfach und produktiv, ohne dass Lug und Trug schon von vornherein eingeplant waren. Er füllte Pulverkaffee in den kleinen Kochtopf und goss Wasser darauf, nachdem es zu kochen begonnen hatte. In den Rest des Wassers schüttete er den Inhalt von zwei Tüten mit Minestrone. Während alles abkühlte, legte er Salami und Käse auf eine Scheibe Roggenbrot und schmierte Makrele in Tomate auf die zweite. Kai Baggersen aß langsam und mit Genuss, während er Fluss und Wald betrachtete und hoffte, dass der Elch wieder auftauchte. Er meinte an nichts zu denken, nahm nur den öligen Geschmack der Salami auf der zarten Festigkeit des Käses wahr und die Säuerlichkeit des Tomatensaftes mit dem Meeresgeschmack der Makrele, die Wärme der Minestrone und den leichten Biss in das weich gewordene Trockengemüse, die Kerne des abgepackten Roggenbrotes und das kräftige Aroma des Pulverkaffees, den er mit einem Schuss Whisky verstärkte. Die Mahlzeit war ein Genuss. Er konnte sich nicht erinnern, in den teuersten Restaurants der ganzen Welt besser gegessen zu haben. Er kaute langsam und gründlich. Der Rauch des Lagerfeuers stieg gerade empor und störte ihn nicht, da er sehr trockenes Holz ausgesucht hatte. Der Rauch war fein und weiß und verführte ihn zum Rauchen. Außer dem Summen der Insekten und dem Seufzen des Lagerfeuers gab es keine anderen Geräusche., Er stopfte seine neue Pfeife. Der Tabak war in runde Scheiben geschnitten und duftete süß und stark. Er schmeckte vertraut und eigenartig, machte ihn ein klein wenig schwindlig und brannte auf der Zunge, aber er rauchte eine Weile, während er den Rest seines Kaffees trank. Er dachte an seine Geschäfte und tat sich wieder selbst Leid, bevor aber das Selbstmitleid Oberhand gewinnen konnte, erhob er sich mit der Pfeife im Mund und räumte auf. Er reinigte die Kochtöpfe im Fluss, steckte die Angel zusammen und befestigte zwei Angelhaken: Es dauerte, bis die Knoten richtig gebunden waren. Seine Finger waren mit der dünnen Nylonschnur nicht vertraut, die Haken stachen ihm in die Finger, sodass er die Blutstropfen absaugen musste. Aber schließlich klappte es, und er konnte die getrockneten Köder auf die Haken spießen. Er warf die Schnur aus und saß und wartete, gedankenleer. Mücken stachen ihm in den Nacken, und mit der Zeit begann er sich zu langweilen. Er konnte sich nicht erinnern, dass Angeln so langweilig war. Es gab doch einen Minister, der sich dabei erholte? Vielleicht war das eine andere Art des Angelns. Mit Fliege. Bis zum Hintern männlich im Wasser stehen und werfen, bis Arm, Angel und Schnur eins wurden und eine vollendete Kurve bildeten. Er schlief fast ein, aber die Mücken stachen so verdammt. Er legte die Angel hin, wusch Gesicht und Hände im kalten Wasser des Flusses. Fühlte sich schmierig und ein bisschen lächerlich. Ein erwachsener Mann, der an einem blöden schwedischen Fluss kniet. Das war nicht gerade die professionelle Art, Krisen zu lösen. Die Natur wurde überschätzt, dachte er und nahm seine Angel auf. Er rollte sie ein. Der Köder war weg. Die kleinen Haken leuchteten silbrig in der Sonne. Er hob die Dose mit Trockenköder auf, verlor dann aber völlig die Lust und legte die Angel aus der Hand. Er legte mehr Brennholz auf das Feuer und setzte sich wieder, den Rücken gegen den Rucksack gelehnt. Die gute Stimmung war verflogen. Er fühlte sich allein und hatte Angst, und das Feuer wärmte nicht mehr wie zuvor., Er trank, während sich Dunkelheit herabsenkte. Sein Rachen brannte von Whisky und Tabak. Besonders von letzterem, doch er fand den Tabakgeschmack auch stark und gut. Er schmeckte nach Rauch und Ruß des Lagerfeuers, aber auch nach Zucker und Jugend. Er fand zurück zu einer Art von Ruhe, und auch die Wärme kehrte zurück. Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich drei große Schatten. Es waren Elche. Vielleicht zwei große weibliche Tiere und ein fast erwachsenes Jungtier. Sie kamen langsam am anderen Ufer daher. Sie verharrten ein wenig und sahen ihn an, Schatten in der zunehmenden Dunkelheit. Sie beugten sich hinunter und tranken. Sie warfen ihm einen letzten Blick zu und gingen dann langsam und furchtlos weiter am Fluss entlang. Es war ein Augenblick großer Schönheit. In seiner Betrunkenheit war er davon überzeugt, dass das ein Zeichen war. Ein Signal an ihn, es sich anders zu überlegen. Aber welchen Weg sollten seine Gedanken einschlagen? Er wusste es nicht. Das Beste war, überhaupt nicht zu denken, sondern seinen Kopf freizumachen von allem anderen als dem Whisky und dem Tabak, der ihm auf der Zunge brannte. Irgendwann fing er wieder an, Bruchstücke von Liedern aus dem Gesangbuch und dem Liederbuch der Volkshochschule zu singen. Plötzlich fielen ihm die Worte zu Griegs »Von Feinden umgeben« ein. Er wusste nicht, woher sie kamen, doch dann entsann er sich, dass er einmal an anderes als an Geld geglaubt hatte. Er vermisste seine Jugend. Er wollte so gern noch eine Chance haben. Er wollte nicht wahrhaben, dass jeder im Leben nur eine Chance hat. Wünschte sich, von vorn anfangen und alles anders machen zu können. Es war ungerecht, dass der Mensch nur eine Chance bekam. Er fing wieder an zu weinen und holte das Tablettenröhrchen aus der Außentasche des Rucksacks. Er stellte es neben seine Füße und trank wieder. Er nahm das Röhrchen, hielt es in der Hand, drehte es, drückte es an die Lippen und küsste es. Dann trank er wieder aus der Flasche, und plötzlich musste er daran, denken, dass er nie zum Angeln gekommen war. Er musste bis zum nächsten Tag am Leben bleiben, bis es hell wurde und er im Fluss angeln konnte. Über die Hälfte der Flasche war leer, als er Grethe und die Kinder deutlich vor sich sah. Sie standen am Rand des Lagerfeuers, genau dort, wo das Licht der Flammen in Dunkelheit überging. Er konnte nicht ihre Körper sehen, nur ihre Gesichter. Endlich sah er deutlich ihre Gesichter. Zuerst glaubte er, dass sie über ihn lachten, fühlte sich aber erleichtert, als er sah, dass sie ihm zulächelten. Sie schüttelten leicht den Kopf über ihn, aber aus Liebe, nicht aus Verachtung. Er nahm das Tablettenröhrchen und öffnete es. Er trank wieder aus der Flasche und fing dann an, die Tabletten in die Flammen zu werfen. Sie zischten und knisterten, wenn sie sich mit der weißen und roten Asche mischten. Er warf immer nur eine Tablette. Jede schälte ein Jahr von seinem Leben, jede löschte aus seiner Seele ein Unbehagen und eine Schuld. Seine Familie stand am Rand des Lagerfeuers und lächelte ihm zu, und aus der Tiefe des Waldes kam der Laut von Tieren, die sich durch die Nacht bewegten. Er glaubte eine Eule schreien zu hören, aber er war es selbst, der in die Nacht hinaus schrie, bis das Glasröhrchen und seine Seele leer waren. Kai Baggersen war völlig ermattet und betrunken, aber der Rausch verhalf ihm zu Klarheit. Er verspürte eine große Erleichterung und gleichzeitig Ohnmacht. Voll angezogen kroch er in den Schlafsack, zog nur die Stiefel aus, lag auf dem Bauch und sah in das ersterbende Feuer. Er sah sein eigenes Gesicht in der rotweißen Glut liegen. Es war hautlos. Gras bedeckte stattdessen die Knochen. Dann verschwand es. Er wunderte sich, dass er keine Angst mehr verspürte. Morgen würde er angeln und den Rest seiner Lebensmittel aufessen, vielleicht noch eine Nacht im Wald schlafen, bevor er sich auf den Weg zurück zu seinem Auto machte. Es war nicht zu spät, von vorn anzufangen, an einem ganz neuen Ort, auf eine ganz neue Weise. Die Welt, war noch jung, dachte er und schlief ein, ohne den Biss der Nymphenzecke zu spüren, die Blut zu saugen begann und dabei eine merkwürdige Infektion übertrug, die in jenem Sommer schon mehrere schwedische Orientierungsläufer das Leben gekostet hatte. Kai Baggersen merkte nichts. Er schlief seinen Whiskyschlaf, und ihm träumte, dass er mit Grethe in einem Haus in einem schwedischen Wald wohnte und in einem Fluss angelte, zu dem allabendlich die Elche kamen, um zu trinken.,

Auf beiden Augen blind Kim Småge

Es ist eine dunkle, stürmische Nacht. Die Polizeibeamtin Anne- kin Halvorsen lehnt sich in ihrem Sitz zurück und starrt missmutig in die schwarze Nacht hinaus. »Es könnte noch schlimmer sein«, brummt ihr Kollege Vang, der darauf bestanden hatte, zu fahren, »es hätte noch regnen können.« Always look on the bright side of life. Sie schiebt sich einen Doc in den Mund, bietet ihm auch einen an. »Du, Halvorsen, wenn ich bis zum Schichtende dein Rülpsen anhören muss, dann spendier mir doch lieber Ohropax.« Anne-kin lächelt vor sich hin, der Vang hat schlechte Laune, zu wenig Action während dieser Nachtschicht. Höchstens ein bisschen Geschubse in den Taxischlangen; Leute, die bei diesem Wetter schnell nach Hause wollen, können Vordrängler in der Reihe nur schlecht vertragen. Ein paar Meinungsverschiedenheiten mit zerbrochenem Glas in einem Straßencafé. Sonst nichts. Die Leute bleiben in ihren vier Wänden. Sie fahren den Høyskolebakken hinunter, die breite Baumallee schwankt im Scheinwerferlicht, die Straßenlaternen tanzen und zeichnen eine unruhige, wogende Schatten-Licht-Landschaft. Vang gähnt. Elgeseter bru und Prinsens gate liegen schlafend da, kein Lebenszeichen außer einem einsamen Taxi. Zu spät für Nachtbummler und zu früh für die Zeitungs- und Brötchenboten. Plötzlich schreckt sie eine Stimme auf, es ist die Polizeizentrale. »Ein Anrufer hat um 04.17 Uhr gemeldet, dass er eine Person gesehen hat, die ins Dock am Nedre Elvehavn gefallen ist oder dort verschwand. Der Zeuge ist vor Ort.«, »Wir sind in zwei Minuten dort«, antwortet Polizeibeamtin Halvorsen und hält sich fest, während Vang den Wagen nach rechts in Richtung Østbyen reißt. Nein, in einer Minute, korrigiert sie sich selbst. Da erwacht der Rally-Harry in dem Mann neben ihr. »Das Dock ist doch nur einen Meter tief«, hört sie ihn sagen, »aber wenn Leute besoffen sind, dann reicht ja schon eine Waschschüssel.« »Wir werden einen nassen Retter und einen kotzenden Besoffenen finden«, erwidert sie wütend. »Da bleibt doch keiner untätig stehen, wenn jemand in einem Meter Wasser ertrinkt!« Er wirft ihr nur schnell einen Seitenblick zu, weiß, wie empfindlich sie ist, wenn es um Ertrinken geht. Der neue Stadtteil östlich des Flusses, Nedre Elvehaven, mit Wohnungen der Luxusklasse, Einkaufszentrum, unzähligen Restaurants und Skulpturen, die sich im Wasser spiegeln, liegt wie der Rest der Stadt schlafend da. Aber es weht stark vom Fluss her. Das Hafenbecken und der Fjord kochen. Als sie um eine Ecke biegen, spritzt ihnen eine Wasserfontäne auf die Windschutzscheibe. Vang flucht. Hält den Wagen an, springt raus. »Halt die Wagentür fest!«, ruft Anne-kin gegen den Wind, als ihre Tür aufgerissen wird und mit einem knirschenden Geräusch über den Anschlagpunkt schlägt. Vang rennt bereits zum Dock. Anne-kin bleibt eine Sekunde lang stehen, orientiert sich, späht in die Richtung, in der ihr Kollege Vang davongebraust ist. Sie sieht keinen triefnassen Retter, es liegt kein durchnässtes, hustendes Bündel auf dem Asphalt. Das feuchte Trockendock liegt leer wie immer da, Plantschbecken im Sommer und Schlittschuhbahn im Winter. Kein Mensch ist zu sehen. Weder liegend noch stehend. Nur ein ratloser Kollege Vang, der sich gegen die Windböen stemmt. Da hört sie einen abgerissenen Ruf, durch das Brausen der Sturmwogen, sie dreht sich um und späht in die Richtung. O verflucht, denkt sie, als sie begreift. Das haben wir vergessen. Denn an Dock Nummer zwei, dem offenen Dock, das mit Ebbe und Flut lebt, das nicht abgeschlossen ist, da kann sie eine Gestalt erkennen. Die Gestalt steht im Windschutz eines Autos, eines Van, ganz nah am Rand steht der Wagen geparkt. Und die Gestalt winkt mit den Armen. Das Wasser schlägt über die Kaimauer und versucht ihr die Füße wegzureißen, als sie zu ihm läuft. Jetzt nicht ausrutschen nur nicht ausrutschen. Sie rutscht nicht aus. Die Erleichterung, als sie entdeckt, dass da vorn zwei stehen, ist groß, riesengroß. Dann hat er den Typen doch rausziehen können, denkt sie, oder die Frau. Gut gemacht, verdammt gut gemacht, aus so einem Mahlstromtopf wie dem Dock da. Sie stolpert fast kopfüber auf die Leeseite des Vans und ist ungemein dankbar. Aber die Männer sind nicht nass. Nicht ein einziger Tropfen rinnt von ihren Gesichtern, von ihren Haaren oder ihren Kleidern. Sie stehen vollkommen trocken da. Das schüttere Haar des einen steht zu Berge, der andere hat eine Bürste. »Da«, stottert der mit der Bürste, »da liegt er.« Und dann zeigt er hinunter in das Schwimmdock der alten TMV, Trondhjems Mekaniske Verksted. Oder Trockendock. Wie man nun will. Im Augenblick ist das Dock nicht besonders trocken. Es kocht wie eine Flussmündung beim schlimmsten Tauwetter im Frühling. »Wir konnten nichts machen … wir können doch nicht … o verflucht, niemand kann da reinspringen!« Der mit den wenigen Haaren schreit ihr fast ins Ohr. »Wenn ich da reingesprungen wäre, dann wäre ich null Komma nichts tot gewesen! Ich kann schwimmen, aber das hier … was sollten wir denn verdammt nochmal tun? Sind Sie von der Polizei? Er ist nämlich reingeschubst worden!«, Die Polizeibeamtin Anne-kin Halvorsen starrt den Mann an, dreht sich auf dem Absatz um, sieht, dass ihr Kollege Vang Verstärkung bekommen hat, ein zweiter Wagen der Nachtschicht ist von der Zentrale herbeigerufen worden. Sie kommen gebeugt auf sie und den Van zu, der mit offenen Türen dasteht. Sie ruft die Zentrale an. »Fordere Taucher an«, sagt sie. »Und wir brauchen Licht, viel Licht. Es liegt wahrscheinlich einer hier auf dem Grund des Docks. Wir nehmen sofort die Zeugenbefragung in Angriff. Ein Zeuge behauptet, der Betreffende wäre ins Wasser geschubst worden.« »O Scheiße«, hört sie Vang sagen, »Haben Sie die Polizei alarmiert?« »Das haben wir beide, er war nur schneller als ich«, antwortet der Ältere. Es ist 04.23 Uhr. Der Zeitpunkt für den Alarm ist für 04.17 Uhr festgestellt worden. Vang hat die Fahrt in zwei Minuten geschafft, denkt die Polizeibeamtin Halvorsen. Der Wagen der Østby-Patrouille, der sich in der ruhigen Villengegend befand, hat es in fünf Minuten geschafft. Die Entfernungen sind nicht weit in Trondheim. Wir haben nichts gesehen, denkt sie, niemanden, der weg- oder hinlief. Sie weiß genau, dass alle Kollegen genauso gedrillt sind wie sie. Immer ein offenes Auge zu haben für laufende, schlendernde, wandernde Personen, weg von einem eventuellen Tatort. Sie gibt Kollege Vang mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie sich auf den Jüngeren konzentrieren will, er muss sich um den anderen kümmern. »Können wir uns nicht in den Van setzen, hier draußen weht, man ja weg.« Der Jüngere ist leicht bekleidet, seine Zähne klappern. »Ist das Ihr Wagen?«, fragt sie. Beide schütteln den Kopf. »Keiner nähert sich dem Wagen«, sagt sie und erntet ein breites Grinsen, gefolgt von den Worten: »Na, na, Fräulein Polizei persönlich steht da wohl am Auto, was!« Falls sie von der Zurechtweisung rot wird, weht der Wind ihr alle Farbe aus dem Gesicht. »Ich meinte hinein, keiner steigt in den Wagen«, entgegnet sie gereizt, sie hat noch nie gut Zurechtweisungen vertragen können. »Ich arbeite hier.« Der Jüngere zeigt zu den Restaurants und Kaufhäusern. »Wir können da reingehen.« Anne-kin schüttelt den Kopf. »Die Dienstfahrzeuge«, sagt sie, sieht ein, dass es keinen Sinn hat, draußen in den Windböen die Befragung durchzuführen. Weder mit Diktiergerät noch mit Papier und Stift. Vang und sie müssen sich aufteilen. Jeder macht seine Befragung in einem Wagen. Markus Berg, achtundzwanzig Jahre alt, Geschäftsleiter des Restaurants »Nautilus«, Spezialität: Meeresdelikatessen. Es war verflucht nochmal so viel zu tun, er erwartet am kommenden Tag, nein, am heutigen, ungewöhnlich viel Betrieb, und deshalb hat er die Nacht dazu genommen. Hat um halb vier angefangen. War wegen des Sturms fast nicht ins Haus gekommen. Wohlbehalten drinnen hatten ihn der Lärm und ein Klappern dazu gebracht, sich wieder nach draußen zu kämpfen, um zu überprüfen, ob dort auch keine losen Gegenstände herumflogen, die die Fensterscheiben zertrümmern könnten. Blumenkübel beispielsweise. Und da entdeckte er den schwarzen Van, der direkt am Beckenrand stand. Mit dem Heck zum Wasser. Und die Heckklappe stand offen. Sperrangelweit offen. Weiter kommt Markus Berg nicht mit seinen Schilderungen. Er starrt nach draußen, während sein Handrücken unentwegt über die, beschlagene Fensterscheibe wischt. Anne-kin Halvorsen folgt seinem Blick, sieht den Wagen von der angeforderten Taucherfirma auf den Platz fahren, sieht ihn scharf bremsen, und hinten springen zwei Gestalten heraus, die aussehen wie Aliens, Geschöpfe aus einer anderen Realität. Die Polizeibeamtin Halvorsen springt heraus, Markus Berg folgt ihr auf dem Fuß. »Da, da!«, ruft er – zeigt. »Da ist er verschwunden! Genau da!« Er wedelt mit den Armen. Aus dem Augenwinkel sieht Anne- kin, dass ihr Kollege Vang seinen Zeugen in dem anderen Polizeiwagen zurückgehalten hat. Ich bin einfach zu impulsiv, denkt sie, beruhige dich, bring Markus Berg wieder zurück ins Auto, ich will ihn zurück haben. Markus Berg hört nicht auf ihren Befehl, er weigert sich. Das will er sehen. Anne-kin wird böse, sie faucht, dass sie hier einen Job zu erledigen hat und die Taucher genauso, weder sie noch Markus Berg kommen weiter, wenn sie hier stehen und nach Luftblasen ausspähen. Wenn denn Luftblasen überhaupt in diesem Hexenkessel, in den sie hineinstarren, überleben könnten. Während sie Markus Berg wieder zurück ins Auto bugsiert, registriert sie, dass die Scheinwerfer aufgestellt worden sind, die Seile befestigt, dass grelle Lichtquellen zusammen mit den Tauchern unter Wasser verschwinden. »Weiter«, sagt sie, ihm zugewandt, »was ist noch passiert? Was haben Sie gesehen?« »Ich habe ihn gesehen, ganz hinten an der Heckklappe, habe gesehen, wie er sich gewehrt hat, mit dem ganzen Körper, das Gesicht nach außen gedreht, dass er … ja, verflucht, er ist rausgetreten worden!« Sein Atem geht schnell. »Haben Sie jemanden gesehen?«, fragt Anne-kin, ihr Atem geht fast genauso schnell. »Nein, nur ein Bein, das ihm einen Stoß versetzt hat. Und dann ist er geradewegs ins Dock gefallen.« Markus Berg sieht sie nicht an, er dreht den Kopf und versucht mitzubekommen, was da am Kairand vor sich geht., »Haben Sie jemanden weglaufen sehen, jemanden, der sich vom Van entfernt hat?« Er schüttelt den Kopf. »Die eine Autoseite war für mich verdeckt, da war keine Chance zu sehen, ob jemand zwischen den Gebäuden verschwunden ist.« Anne-kin nickt. »Und dann habe ich die Polizei angerufen, bin hingerannt und habe den anderen gesehen, den anderen Zeugen, wie der aus dem Treppenhaus direkt gegenüber kam. Habe gesehen, wie er mit seinem Handy herumgefummelt hat, um anzurufen. ›Dann sind wir zwei!‹, habe ich ihm zugerufen. ›Ja, mein Gott, haben Sie das auch gesehen?‹, rief er zurück. Und dann seid ihr gekommen«, schließt Markus Berg ab. »Sie haben es also aus verschiedenen Winkeln beobachtet? Er hat es von hinten gesehen, Sie von der Seite?« Markus Berg nickt. Und er hat nichts dagegen, sich gleich auf dem Revier zu melden, hektischer Tag hin oder her, wenn er jetzt nur endlich raus darf und gucken. Polizeibeamtin Halvorsen entlässt ihn. Der Wind hat sich ein wenig gelegt, sie sieht, dass auch ihr Kollege Vang fertig ist; er geht auf seinen Wagen zu, will sich hineinsetzen. Ein Krankenwagen ist angekommen, ein paar Schattenmenschen kann man bei ihrer Arbeit in und vor dem Wagen erkennen. Anne-kin Halvorsen lässt ihren Blick über die Hausfassaden schweifen – noch ist es Nacht im Nedre Elvehavn in Trondheim. Plötzlich wird ihr Blick von etwas auf einem Balkon eingefangen. Es ist ein Gesicht, ein weißes, kleines Gesicht. Der Balkon gehört zu dem gerade frisch renovierten Studenten-Wohnheim. Die Gestalt, zu der das Gesicht gehört, sieht aus, als wäre sie in eine Decke gehüllt. Anne-kin geht näher heran. Sieht, dass es ein Mädchen ist, eine junge Frau. Mit kreidebleichem Gesicht steht sie da und beobachtet die Schatten. Geh lieber ins Bett, murmelt Anne-kin, das hier musst du nicht sehen. Wenn die Taucher etwas finden … Da hebt sich eine Hand, winkt Anne-kin vorsichtig zu. Danach verschwindet die, Gestalt, und kurz darauf summt der Türöffner. Der Flur, in den Halvorsen eingelassen wird, hat viele Türen. Die beiden stellen sich gegenseitig vor. »Die anderen schlafen«, flüstert die Studentin, die Siri Sunde heißt. Aber du nicht, denkt Anne-kin. Siri Sunde ist vollständig angezogen. »Ich schlafe draußen«, sagt sie. »Draußen?« Die Polizeibeamtin Halvorsen schaut sie fragend an. »Bei dem Wetter?« »Das ganze Jahr«, kommt die geflüsterte Antwort. »Das ist mir zur Gewohnheit geworden.« Siri Sunde öffnet die Balkontür, da liegt ein Schlafsack. Ein Ajungilak, der bis zu minus zwanzig Grad hält, mindestens. »Ich musste aufs Klo, deshalb … mein Gott, das war so schrecklich, wie kann ein Mensch nur so verzweifelt werden!« Sie schlägt die Hände vors Gesicht, ihr Körper zittert. »Und ich konnte überhaupt nichts machen! Gar nichts!« Anne-kin klopft ihr auf die Schulter, sieht, dass sie hier oben in der ersten Reihe sitzen. »Fang von vorn an«, sagt sie nach einer Weile, als das Zittern abebbt. Siri Sunde bestätigt die Zeugenaussagen der beiden Männer, wer zuerst angelaufen kam, was sie gemacht haben, dass die Polizei gekommen ist. Ja, danke, das weiß ich, denkt Anne-kin und wirft der Studentin einen prüfenden Blick zu. »Hast du dein Handy mit hier draußen oder bist du reingegangen um anzurufen?«, fragt sie. »Anrufen?« Siri Sunde schaut sie mit großen Augen an. »Aber das war doch schon zu spät, niemand kann überleben, wenn …« Anne-kin unterbricht sie, starrt der Frau wütend in die Augen. »Das heißt, wenn ein Mensch in den Fjord geworfen wird, dann kommst du gar nicht auf die Idee, Hilfe zu holen?« »Geworfen?«, wiederholt Siri Sunde. »Er ist nicht geworfen worden. Da war sonst niemand da. Er ist aus eigenen Stücken reingesprungen, mit viel …« Sie bricht von allein ab, schnappt, nach Luft, starrt über die Schulter der Polizeibeamtin Halvorsen. Anne-kin dreht sich blitzschnell um. Sieht einen Taucher an der Wasseroberfläche, das Drahtseil, das eingeholt wird, Stück für Stück kommt etwas Dunkles zum Vorschein, etwas durchbricht die Wasseroberfläche. Jemand durchbricht die Wasseroberfläche. Ein lebloser Menschenkörper. Jäh erstarrt sie. Denn an dem Körper befestigt, um die Füße, hängt glänzendes, nasses Metall. »O Scheiße!«, ruft sie aus. »Eine Kette!« Ein Feuerwehrwagen und noch ein Peterwagen kommen an. Der Polizeiarzt. Das Gelände wird abgesperrt. Wiederbelebungsversuche werden gemacht, Sauerstoff und Herzkompression. Die Uhr zeigt 04.47, der Mann hat mindestens eine halbe Stunde auf dem Dockboden gelegen. Trotzdem, die Sanitäter haben schon häufiger Tote wieder zum Leben erweckt. Sie arbeiten. Und hören erst auf, als ein kurzes Kopfschütteln des Polizeiarztes sie stoppt. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es nur noch zu einer Malträtierung einer Leiche – die Kriminalbeamtin Halvorsen wird diesen Satz von ihm nie vergessen. Der Standort des dunklen Vans wird skizziert, sie nimmt zusammen mit Vang eine vorläufige Untersuchung vor. Eine Windböe packt einen Overall, der hinten im Wagen hängt, als sie mit Handschuhen und Schuhüberziehern in den Van krabbelt, versetzt ihr eine klatschende Ohrfeige. Der Overall riecht nach Pferd. Pferd? Im Handschuhfach finden sie Führerschein und Wagenpapiere. »Gudmund O. Hagen, fünfundfünfzig Jahre alt, wohnhaft in Trondheim.« Das Autokennzeichen stimmt. Zwei Handys, eins abgeschaltet, das andere mit Tastensperre. Die Bahre mit dem Toten wird in den Krankenwagen geschoben. Die Kette klirrt kalt, als Gudmund O. Hagen weggebracht wird, mit dem Polizeiarzt im Gefolge. Eine Abschleppfirma transportiert den Van in die unterirdische Garage der Polizeizentrale. Zurück bleiben der Taucherwagen, erschöpfte Taucher, drei, Polizeistreifen und ein Feuerwehrwagen. Die Taucher schreiben ihren Rapport, unterschreiben und geben Vang eine Kopie. Fast wäre das Blatt ins Meer geweht, der Wind ist immer noch aufgebracht. Zwei Securitas-Wachleute kommen zu ihnen angewatschelt, fragen, was zum Teufel denn passiert sei. Anne- kin antwortet mit einer Gegenfrage, erkundigt sich nach ihrer Route, der Uhrzeit, welche Firmen, wann und wo sie stempeln. Das wird keine große Hilfe sein, sie waren zum betreffenden Zeitpunkt in Midtbyen. Die Polizeizentrale hat die Taxizentrale schon lange informiert, es ist an alle Fahrer die Aufforderung ergangen, sich zu melden, falls sie Personen oder Autos in der Nähe des Nedre Elvehavn zum genannten Zeitpunkt gesehen haben. Das Ergebnis ist mager. Es ist eine ungewöhnlich ruhige, aber stürmische Nacht gewesen. Bevor die ersten Bewohner des Viertels sich den Schlaf aus den Augen reiben und den Morgenkaffee in die falsche Kehle bekommen, sind Vang und Halvorsen zurück in der Zentrale. Die Zeugenaussagen werden ins Reine geschrieben und noch einmal durchgegangen. Die Termine für die Befragungen werden festgesetzt. Der Leiter Sundt sieht wie immer gesund und morgenmunter aus. Ganz gleich, wie spät es ist, dieser Mann sieht immer frisch gebügelt aus, denkt Anne-kin wütend. Sie sollte sich auch »eine Ehefrau« anschaffen, ein bisschen mehr Ordnung in ihr Leben bringen. Aber im Augenblick möchte sie nur ihre Schicht verlängern, weiter dabei sein, anwesend sein, wenn die Zeugen kommen. Der Leiter Sundt kann sie wie ein offenes Buch lesen. Du, Halvorsen, sagt sein Gesichtsausdruck, du bist auch nicht unersetzlich, wir haben noch andere Ermittler als dich in unserer Dienststelle. Geh nach Hause, duschen und schlafen! Anne-kin knirscht mit den Zähnen, der Gedanke an Schlaf erscheint ihr im Augenblick absurd. Sie entscheidet sich lieber dafür, einen leichteren Anfall von Gesichtsausdrucks-Dyslexie zu bekommen, trinkt eine Tasse Kaffee mit dem Kollegen Vang, muss aber bald einsehen, dass sie sich selbst nur einen, Bärendienst erweist, wenn sie in der Zentrale herumrennt. Es ist noch Stunden hin, bis der Geistliche bei Frau Gudmund O. Hagen an der Tür klingeln wird, Stunden bis zu einer sicheren Identifizierung, Stunden bis zu den Zeugenvernehmungen. Ihr Chef Sundt grinst, als er seine Polizeibeamtin mit einer schaukelnden Schultertasche die Kongens gate auf dem Weg nach Hause überqueren sieht. Der Verstorbene ist Gudmund O. Hagen. Fünfundfünfzig Jahre alt. Seit dreißig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, Sonja, geborene Arntsen, zwei erwachsene Kinder, sie wohnen außerhalb und sind benachrichtigt. Hagen ist nicht vorbestraft, nur ein paar Falschparkbußen sind registriert. Geschäftsmann, Bauunternehmer. Wohnsitz: Nedre Elvehaven. Firmenadresse: Fossegrenda. Die Todesursache laut vorläufiger Obduktion: Ertrinken, Fund großer Wassermengen in der Lunge. Keine offensichtlichen äußeren Schäden bisher. Spuren schmerzstillender Mittel im Blut. Die Polizeibeamtin Halvorsen verfolgt konzentriert die Zusammenfassung. Die Ehefrau ist benachrichtigt, sie hat den Toten identifiziert, ist zusammengebrochen, ihr wurde psychische Hilfe in Form eines Pfarrers angeboten, was sie angenommen hat. Frau Sonja Hagen ist praktizierende Christin. Sundt leiert die Informationen herunter. Und was ist mit seiner Firma?, denkt Anne-kin ungeduldig, was ist mit … »Wir haben sichere Informationen dahingehend, dass Gudmund O. Hagen pekuniäre Probleme hatte«, fährt der Hohepriester da vorn fort. Anne-kin muss ein Kichern unterdrücken. Pekuniäre Probleme! Warum kann Sundt es nicht beim Namen nennen, nicht sagen, dass der Kerl pleite war, Konkurs, jede Menge Schulden, das Geld beim Pferderennen oder beim Spiel an der Börse verschleudert – und total bankrott! »Und nicht genug damit«, fährt der Prälat fort, »außerdem hat er einen Kredit aufgenommen, leider an den Banken und Versicherungsgesellschaften vorbei. Wie hoch der war, wissen, wir nicht, aber der Anrufbeantworter auf einem der Handys, die wir im Auto gefunden haben, enthält eine nur schwach kaschierte Drohung. Merkwürdigerweise nicht gelöscht.« Sundt drückt Tasten, verbindet intern, dreht die Lautstärke hoch, und nach ein paar Klicks und Pieps ist eine leise, aber deutliche Stimme zu hören. Und die Botschaft der Stimme ist nicht misszuverstehen. Anne-kin spürt, wie sich eine kalte Wut in ihrem Körper ausbreitet, sie ballt die Fäuste, trotzdem zittert sie vor unterdrückter Wut. Du glaubst ja nicht, wie schön sich das Geräusch von Knie-Scheiben anhört, die zerschmettert werden, mein Kleiner. Das waren seine letzten Worte, die letzten Worte der Stimme, des verfluchten Geldeintreibers, der doch immer wieder davonkommt, den sie nie zu fassen kriegten, Indizien, ja natürlich, aber nie klare Beweise, jemand, der jede Menge Verbindungen mit wasserdichten Alibi-Kumpanen hatte. Ein Teufel, der im Schattenreich operierte, der meinte, Schmerzensschreie eines armen Kerls auf Drogenentzug klängen schön! »Die Stimme ist identifiziert«, sagt Sundt, »sie gehört Lauritz Borg, wisst ihr, der uns immer wieder entwischt ist.« Sie fühlt, wie sich eine Hand auf ihre legt. Es ist ihr Kollege Vang. Er drückt fest zu. »Beruhige dich«, flüstert er und hindert sie so aufzuspringen. Anne-kin schluckt, der jetzt verkrüppelte Junge ist zusammen mit Kristian, ihrem Bruder, aufgewachsen. Das Einzige, was sie über die Täter aus ihm herausgekriegt haben, war, dass sie doch alle zur Hölle fahren sollten. Dann spitzt sie erneut die Ohren, ihr Chef Sundt ist noch nicht fertig. Die weibliche Zeugin, die Studentin Siri Sunde, die bei dem unmittelbar folgenden Verhör meinte, sie hätte gesehen, dass der Tote aus freiem Willen gesprungen sei, dass sich keine anderen Personen in seiner Nähe befunden hätten, kein ihn tretender Fuß aus dem Wagen, sie ist von ihrer Aussage abgewichen. Sie nahm an, dass sie wohl zu müde gewesen ist, vielleicht habe der Sturm, der in den Bäumen getobt und die, Straßenlaternen haben schaukeln lassen, ihr einen Streich gespielt. Die Augen der Polizeibeamtin Halvorsen verengen sich. »Außerdem«, fährt Sundt fort, »wenn zwei andere Personen, die nicht gerade aus dem Schlaf erwacht sind, gesehen haben, dass der Tote getreten worden ist, dann hat sie wohl höchstwahrscheinlich falsch gesehen. Ihre eigenen Worte.« Da haben wir’s, denkt Anne-kin. Wir hätten sie mit ins Revier nehmen sollen, dann hätte sie keinen Kontakt mit den anderen gehabt, und die hätten sie nicht überzeugen können, dass sie das, was sie gesehen hat, ja so gar nicht gesehen habe. Denn wer hatte in der ersten Reihe gesessen, Siri Sunde oder wer? Pass auf, Anne-kin, ermahnt sie sich selbst, geh nicht zu selbstsicher in die Kurven. »Es gibt keine frisch abgeschlossenen Lebens-, Unfall- oder Invaliditätsversicherungen«, fährt Sundt fort. »Alle polizeilichen Aktennotizen über Gudmund O. Hagen liegen bereits Jahre zurück.« Na gut, denkt die Beamtin Halvorsen, dann war es also kein Liebesdienst an Frau und Kindern – erhöhte Versicherungspolice und dann mit den Schulden an den Hacken untergehen. Es stinkt nach Lauritz Borg. Anne-kin fühlt etwas, das man als rohen, primitiven Jagdinstinkt bezeichnen muss. Endlich kriegen sie diesen Teufel zu fassen, haben ihn am Haken und können ihn an Land ziehen. »Das Auto wird noch näher untersucht«, fährt Sundt fort, »die Fingerabdrücke sind bereits gesichert. Wir schicken zwei Kaugummiklumpen noch ins Labor, einer wurde unter dem Fahrersitz gefunden, einer unter der Lenksäule, und außerdem zwei Zigarettenkippen aus einem ansonsten vollkommen sauberen Aschenbecher. Der Overall, der ganz hinten hing, ist auch interessant.«, Aber Halvorsen vergisst Overall und Vangs festen Griff um ihre Hand, sie würde Sundt am liebsten küssen, nein, die ganze Welt küssen, denn »das zweite Handy, das gefunden wurde, gehört Lauritz Borg« hört sie ihren Chef sagen. »Verflucht, natürlich gehört es mir! Wo zum Teufel habt ihr das denn gefunden?« Der Mann vor ihr sieht ziemlich wütend und empört aus. »In Gudmund O. Hagens Wagen«, antwortet die Polizeibeamtin Halvorsen freundlich. »Zwischen dem Reservereifen und einem Werkzeugkasten. Da lag es. Ausgestellt. Jedenfalls dort.« Lauritz Borg guckt sie argwöhnisch an. »Nun mal langsam, meine Kleine«, sagt er ganz sanft. Die Beamtin Halvorsen nickt, »nun mal langsam, mein Kleiner«, wiederholt sie. Kollege Vang sitzt dabei und macht Notizen, er schaut nicht auf. Aber deine Körpersprache, denkt Anne-kin, signalisiert ganz deutlich deinen Wunsch, ihn zu vermöbeln, dass ihm die Luft ausgeht. Und das Gleiche empfinde ich. »Und Ihre Fingerabdrücke befanden sich auf dem Türgriff, auf dem Lenkrad, auf dem Sitz, auf dem Radio, auf der Kassette – was haben Sie dazu zu sagen?« Lauritz Borg, fünfundvierzig Jahre alt, sieht nicht aus wie ein Bodybuilder, er ist lang und dünn, fast mager. Statt der hervorquellenden Kugelmuskeln hat er diese langen, zähen, lang gestreckten Kulimuskeln. Jetzt ziehen sie sich so fest zusammen dass sie wie gespannte Metallkabel auf der Haut liegen. »Vergiss es, Herzchen«, schnurrt er. »Gudmund hat mir seinen Van geliehen, ich habe Zeugen dafür. Er wollte einen Gaul für sein Gestüt abholen. Der Wagen war zu klein oder der Gaul zu groß, jedenfalls kriegte er einen größeren Wagen, und ich habe ihm diesen zurückgefahren. War nur ein Freundschaftsdienst.«, »Sie kannten ihn gut?«, fragt Anne-kin. »Was man so kennen nennt, eine Hand wäscht die andere, wie man so sagt.« Er lacht über seine eigene Formulierung. »Dann haben Sie Gudmund O. Hagen keine Kette um die Beine gewickelt, weil er nicht ›liquide‹ war, und ihn dann ins Dock gestoßen?« Kollege Vang springt auf seinem Stuhl hoch, verflucht Anne- kin, die alle Regeln bricht, sich wie so ein blöder Privatdetektiv aufführt. Zwei schmale Augen wenden sich Vang und Halvorsen zu: »Ich glaube, mein Herzchen, dass ich jetzt lieber meinen Anwalt dabei haben möchte, bevor die Mutter Theresa noch auf weitere Ideen kommt. Ich habe ein hieb- und stichfestes Alibi. Das riecht hier nach Verschwörung.« »Ihr Anwalt kann Sie in der Zelle besuchen. Unten im Keller.« Sie hält ihm ein Blatt Papier vor die Nase. »Vierzehn Tage Untersuchungshaft«, und springt schnell zurück, als der Schlag kommt. Ins Verhörzimmer kommen zwei solide Beamte, und mit einem deftigen Fluch wird der Geldeintreiber Lauritz Borg, der Kniescheibenzertrümmerer, in die Zelle gebracht. Das Labor bestätigt die vorläufige Analyse des zugesandten Materials, zwei Zigarettenkippen und ein benutztes Kaugummi stimmen positiv überein mit Lauritz Borgs DNA. Fingerabdrücke und Handymitteilung sind durch eigene Leute aus Trondheims Polizeidistrikt bereits positiv identifiziert worden. Alles »gehört« dem Untersuchungshäftling. Die »hieb- und stichfesten« Alibis stellen sich als eine mehr oder weniger feste Geliebte heraus. Die behauptet, er hätte in der betreffenden Nacht neben ihr geschlafen. Ob sie denn auch geschlafen habe? Ja, natürlich. Kriminalbeamtin Anne-kin Halvorsen hört die Botschaft. Sie holt tief Luft. Atmet wieder aus. Weiß, dass sie Siri Sundes korrigierte Zeugenerklärung nicht gründlich genug, durchgegangen sind. Die beiden anderen Zeugen weichen keinen Deut von ihren Erklärungen ab. Anne-kin Halvorsen hat ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Sie hört nicht auf ihren Bauch, hört lieber auf eine immer wiederkehrende Stimme, die sagt: Du glaubst ja nicht, wie schön sich das Geräusch von Kniescheiben anhört, die zerschmettert werden, mein Kleiner. Anne-kin und ihr Kollege Vang trinken zusammen ein Bier. Lauritz Borgs Verteidiger hat in allen Punkten verloren. »Ein Drecksack weniger an der frischen Luft«, grunzt Vang und trinkt aus. »Die nächste Runde geht auf mich«, sagt Anne-kin und geht zum Tresen, will sich an einer Gruppe fröhlicher Jugendlicher vorbeizwängen. Sie schnappt Bruchstücke ihres Gesprächs auf, es sind Studenten, sie haben irgendein Teilexamen bestanden. Sie entdecken sich gleichzeitig, Siri Sunde und sie. Anne-kin nickt, geht zu ihr, ihr Nicken wird erwidert. Eine Zunge huscht über trockene Lippen, zwei Augen bohren sich in Anne-kins. »Er ist nicht gestoßen worden, er ist ganz allein gesprungen.« Die Stimme ist leise, aber deutlich. Zwei Frauen stehen einfach da und starren sich an. Lange. »Ich verstehe das Geschwafel Betrunkener nicht, wenn du etwas mitzuteilen hast, dann komm doch morgen aufs Revier. Okay?« Anne-kin spuckt die Worte aus. Die andere schaut sie an, eine stumme Ewigkeit lang klebt ihr Blick an Anne-kins Lippen. Und mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln dreht sie der Polizeibeamtin den Rücken zu. Und geht. »War das nicht die Zeugin, mit der du da geredet hast?« Das ist Kollege Vang. »Die sah aber ziemlich ernst aus, gab’s was Besonderes?« »Die Lady hatte zu starke Schlagseite, als dass ich hätte verstehen können, wovon sie redet«, murmelt Anne-kin., »Schlagseite? Ich finde, sie sah überhaupt nicht angetrunken aus«, widerspricht er und sucht mit den Augen nach dem gefüllten Bierglas. Findet es nicht. Brummt etwas über vergessliche Frauenzimmer. Geht es holen. Schlagseite? Ich bin diejenige, die Schlagseite hat. Sie sieht ein Overallbein vor sich, das im Wind hin und her weht. Ein leeres Bein, das aus der offenen Heckklappe des Vans herausflattert, als Hagen mit seinen Schulden ins Wasser springt. Ein genau inszenierter Abgang, sorgfältig geplant, er wollte dabei nicht allein sein, ein anderer sollte mit ihm zusammen untergehen. Vergib mir, Sundt, denkt die Polizistin Halvorsen, kneift aber die Augen fest zusammen. Ich will nicht sehen. Will einfach nicht. In einer Arztpraxis räumt ein Arzt, der bald pensioniert wird, Patientenakten und anderes zum Makulieren weg. Er nimmt sich die oberste Mappe, die Mappe des verstorbenen Gudmund O. Hagen. Sie ist nicht besonders dick. Er bleibt mit ihr in der Hand sitzen, braucht sie nicht zu lesen, er kennt den Inhalt. »Eine Blinddarmentzündung im Herbst 1969, operiert und auskuriert im Frühling 1970, Knöchel verstaucht im Winter 1975, Influenza in dem schlimmen Grippewinter 1982, Antibiotika verschrieben, zwei Wochen widerstrebend krank gemeldet, entzündeter Finger, der 1991 aufgeschnitten und behandelt werden musste.« Das war alles. So weit. Bagatellen. Alles Dinge, mit denen ein erwachsener Mann im Laufe seines Lebens rechnen muss. Die Gesundheit in Person. Wenn da nicht das Letzte wäre … Du bist ertrunken, Gudmund, denkt der Arzt. Du bist ertrunken, bevor deine drei, höchstens vier Monate verstrichen waren. Du bist dreimal mit Chemotherapie behandelt worden, die letzte Kur hattest du gerade hinter dir. Deine lymphatische Leukämie war von der bösartigen Variante. Er streicht sich, übers Haar, zieht den Bericht der Gerichtsmediziner hervor. Liest. Nickt. Klar, dass sie nichts gefunden haben, die Chemotherapie hat dafür gesorgt, dass du symptomfrei warst. Erst mal. Die Krankheit hätte nach zwei, drei Monaten wieder zugeschlagen. Und das wäre dann das Ende gewesen. Eine neue Therapie hätte nichts genützt. Und du warst zu alt für eine Knochenmarkstransplantation. Das war der Bescheid, den wir geben mussten. Und dann hast du mir den Finger auf die Brust gelegt und mich drum gebeten, meine Schweigepflicht als Arzt nicht zu vergessen. Er bleibt sitzen, schaut aus dem Fenster, umklammert die Mappe. Nein, denkt er, die Polizei braucht das hier nicht. Sie haben deinen Mörder gefunden. Aber Sonja soll es wissen, vielleicht kann das ihre Trauer etwas lindern. Ich werde die Schweigepflicht brechen, die ich dir gegeben habe, Gudmund. Ihr zuliebe. Das zerrissene Papier knirscht, als der Aktenvernichter seine Zähne in Gudmund O. Hagens Mappe schlägt.,

Auge um Auge Björn Hellberg

Der Tag war da, und schon als ich das Schlafzimmerfenster zum Lüften öffnete, war mir klar, dass er einfach strahlend werden würde. Die Sonne brannte vom Himmel, kein Wölkchen war zu sehen. Die Sicht war gut, und ich gönnte mir eine Minute extra an dem weit geöffneten Fenster. Fast wollüstig sog ich die Luft ein, wurde erfüllt von reiner Lebenslust. Ich zog das herzhafte Frühstück in die Länge, bestehend aus Grapefruit, Ei, Schinken und weißen Bohnen, zwei Scheiben Knäckebrot mit Cheddarkäse, einem Glas Orangensaft, ein paar Tassen Kaffee und der Lokalzeitung. Nach der Dusche zog ich mich sommerlich leicht an: beigefarbene Hose, ein weißes, kurzärmeliges Hemd, Strümpfe und Sandalen. Damit war ich für die kurze Reise zum Sydstrand gerüstet. Ich hatte den Platz übrigens bisher zu jedem Jahrestag aufgesucht, warum sollte ich der Gewohnheit ausgerechnet in diesem Jahr nicht nachgehen, wo doch Jubiläum war und alles? Dreißig Jahre waren seitdem vergangen. Dreißig! Der Gedanke kann einen schwindlig machen, einen über die Vergänglichkeit von allem nachdenken lassen. Ich habe eigentlich das Gefühl, als ob es noch gar nicht so lange her ist, vielleicht, weil ich es ständig mit mir trage. Es lässt mir keine Ruhe, es zehrt und drängt sich auf, unaufhörlich. Ich kann alles vor meinem inneren Auge sehen, die schrecklichen Sekunden von neuem erleben, die Spur des plötzlich auftretenden, schrecklichen Schocks., Wie gesagt, das ist eine Tradition, die ich pflege. Ganz gleich, welches Wetter, ich bin immer genau an diesem Tag ans Meer gefahren, jahraus, jahrein. Regen und Wind haben mich nie abgeschreckt, aber meistens war es sowieso gutes Wetter, manchmal direkt herrlich. Der Juli hat einen unverdient schlechten Ruf in unserem Land. Ich weiß, wovon ich rede. Denn gestern Abend, als ich in meinen Tagebüchern nachgeschaut habe, fand ich, dass es an dem Jahrestag bei weit mehr als der Hälfte der Fälle warm und sonnig gewesen ist. Und nur zweimal fand ich die Notiz: starker, anhaltender Regen. Nur schade, dass wir nicht offen die Möglichkeit hatten, zu zeigen, was wir füreinander fühlten. »Bald«, versprach sie, »halte noch ein bisschen durch, dann machen wir reinen Tisch und gehen zu meinem Vater.« Wir waren uns einig darin, uns gleich nachdem wir ihrem Vater unsere Beziehung gebeichtet hatten, zu verloben, es gab keinen Grund, ihre nächsten Angehörigen in dieser Beziehung vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das wäre absolut nicht in Ordnung gewesen. Mit offenen Karten spielen, das war immer schon meine Devise gewesen. Dass ich von diesem Prinzip bei meinen heimlichen Treffen mit Linda abwich, hatte seinen zwingenden Grund und widersprach meiner innersten Überzeugung. Höchstwahrscheinlich würden wir unsere Verlobungsringe irgendwann im Sommer wechseln. So war es geplant. Der April begann ebenso schön, wie der März zu Ende gegangen war. Aber dann kam der erste Rückschlag: Linda sollte mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder nach Jerusalem fahren. Die Reise war kurzfristig geplant worden, und Eilert, Tjernberg befahl seiner Frau und seinen beiden Kindern fast mitzukommen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie überhaupt wollten oder nicht. »Da habe ich gar keine Wahl«, sagte Linda, als wir nebeneinander in meinem Bett lagen und nach einem dieser fantastischen Zusammensein, auf die zu verzichten ich mir kaum vorstellen konnte, nach Atem rangen. Natürlich war ich enttäuscht bei dem Gedanken, Linda zwei Wochen lang nicht sehen zu können. Die Sehnsucht würde nur schwer zu ertragen sein, aber was sollte ich machen? Sie hatte sich entschieden (oder besser gesagt: ihr tyrannische Vater hatte für sie entschieden), und zu versuchen sie zu überreden, doch zu Hause zu bleiben, wäre sinnlos und vielleicht sogar dumm. Wer war ich denn schon? »Es handelt sich doch nur um vierzehn Tage«, betonte sie. »Dann komme ich wieder zur dir zurück.« Zurück kam sie. Aber nicht zu mir. Wenn wir uns sehen wollten, hatte immer sie den Kontakt aufgenommen, um das Risiko zu vermeiden, dass jemand in ihrer Familie Verdacht schöpfen könnte. Die beiden Wochen schlichen unerträglich langsam dahin, aber dann kam der lang ersehnte Tag, an dem Familie Tjernberg von ihrer Israelreise zurückkehren sollte. Ich rechnete damit (oder hoffte es zumindest), dass Linda mich noch am gleichen Abend anrufen würde, aber dem war nicht so. Vielleicht waren sie erst sehr spätabends angekommen, dachte ich und betäubte meine Enttäuschung mit ein paar Starkbieren in der nächsten Kneipe. Obwohl ich mir sonst nicht viel aus Bier mache. Ich pflege sowieso nur einen sehr sparsamen Umgang mit Alkohol, habe, nie die Leute verstehen können, die ohne jeden Gedanken an die Qualen des folgenden Tages den Schnaps in sich hineinschütten. Auch am nächsten Tag ließ sie nichts von sich hören, und am Abend hielt ich die Ungewissheit nicht länger aus. Ich tat das, was wir beschlossen hatten, was ich nicht tun sollte: Ich rief sie an. Ihre Mutter war am Apparat, und ich murmelte eine Entschuldigung, dass ich mich verwählt hätte. »Macht doch nichts«, sagte Frau Tjernberg. »Das ist mir auch schon passiert.« Sie hatte wie eine etwas ältere Version der Tochter geklungen, was meine Sympathie ihr gegenüber weckte. Sicher hatte die arme Frau ein armseliges Leben zusammen mit ihrem dominierenden Ehegatten. Ihr Los war nicht gerade beneidenswert. Es gab keinen Grund für mich, ihr wegen der unversöhnlichen Attitüden des Propstes böse zu sein. Aber sie musste selbst die Konsequenzen tragen, wenn sie so ein Individuum heiratete. Beim zweiten Versuch – ein paar Stunden später – hatte ich das Glück, Lindas Stimme ans Ohr zu kriegen. Das erfüllte mich zunächst mit der schönsten Musik, aber als sie hörte, wer dran war, schien sie ziemlich erschrocken zu sein. Mir war sofort klar, dass jemand in der Nähe war, der dem Gespräch zuhörte – vielleicht ja der Propst selbst. Er schien die vollkommene Kontrolle über alles in seinem Haus zu fordern. Nach dem ersten Schreck besann Linda sich und tat, als spräche sie mit einer Schulfreundin. Sie nannte mich Anna, und ich spielte mit. Sprach leiser und versuchte außerdem die Stimme heller klingen zu lassen, für den Fall, dass der Propst direkt neben ihr stünde. In verdeckten Phrasen gelang es uns Zeit und Ort eines Treffens zu verabreden., Es kam mir der Gedanke, dass sie ziemlich verschlagen sein konnte, wenn es erforderlich war. Sie tat vollkommen unbeschwert, als würde es sich tatsächlich um ein gänzlich unverfängliches Gespräch handeln. Pünktlich fand sie sich am verabredeten Ort ein, und ich platzte fast vor Glück, als ich sie sah. Die zwei Wochen in Israel hatten ihre Schönheit noch verstärkt. Ihr Gesicht und ihre nackten Arme und Beine hatten eine attraktive Bronzetönung bekommen. Ich wollte mit den Fingern in ihr langes, blondes Haar fassen, ihre Brust betasten, ihre Augenlider mit den langen, dichten Wimpern küssen. Aber dann merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmte. Zwar ließ sie sich von mir umarmen, zwar erwiderte sie meinen Gruß. Aber ihre Zurückhaltung erschien pflichtbewusst und ließ die frühere Wärme vermissen. Sie war ganz einfach reserviert. Ich dachte, das könnte an einer gewissen Scheu liegen, da wir uns eine ganze Weile nicht gesehen hatten, und war überzeugt, dass sie bald auftauen würde. Leider irrte ich mich da. Linda hatte sich verändert. Und nach einer Weile bekam ich wirklich die kalte Dusche: Linda weigerte sich, mit mir zu schlafen. Und das, ohne ihr Nein zu begründen. Ich kannte sie nicht mehr wieder. Wo war das warme, lebenslustige Mädchen, das ich liebte, geblieben? Und woher kam diese abweisende Haltung? Ich fragte natürlich, was passiert sei, fragte geradewegs, warum sie so anders sei als früher. Aber sie gab mir für ihr eigentümliches Benehmen keine Begründung., »Ich kann noch nichts sagen«, erklärte sie. »Aber vertrau mir. Gib mir ein bisschen Zeit, dann wirst du alles erfahren. Und bitte, dräng mich nicht. Mach es mir nicht schwerer, als es sowieso schon ist.« Natürlich war ich unglaublich enttäuscht, hatte ich doch die Minuten bis zu ihrer Rückkehr aus Israel gezählt. Aber ich gehorchte, beunruhigte sie nicht weiter mit Fragen, die mir auf der Zunge brannten. Sie hatte sicher ihre Gründe, und wenn die Zeit reif war, würde ich erfahren, was sie eigentlich bedrückte. Es ging nur darum, Geduld zu bewahren, so schwer und mühsam das auch war. Als sie mich verließ, spürte ich große Furcht, aber ich war immer noch naiv genug anzunehmen, dass sich alles zwischen uns schon regeln würde. Und apropos Gutgläubigkeit: Es kam mir nie in den Sinn, dass sie einen anderen getroffen haben könnte. Sie hatte mir ja ihre Liebe erklärt, wir wollten uns im Sommer verloben. Alles würde wieder gut, redete ich mir ein, wenn ich ihr nur ein wenig Zeit ließe. Vielleicht hat sie Probleme mit ihrem Vater. Ich muss nur Geduld haben, dann wird sich sicher alles klären. Dachte ich in meiner Einfalt. Die Tage verstrichen ohne ein Lebenszeichen von ihr. Dann kam der tödliche Schlag. Eines Tages – es war Mitte Mai – sah ich die Anzeige in der Lokalzeitung. Sofort stieg der Schreck in mir auf, wie eine klebrige Übelkeit. Meine erste Reaktion war, auf die Toilette zu eilen und mich zu übergeben. Immer und immer wieder las ich die unfassbaren Worte:, Ihre Verlobung geben bekannt: Linda Tjernberg, stud. theol. und Jan-Eric Hessler, mag. phil. Frejalund, 19. Mai 1973 Wie grausam kann ein Mensch sein? Mir zuerst ewige Treue zu versprechen – und mich dann fallen lassen, als wenn nichts gewesen wäre, und sich in die Arme eines anderen werfen. Die erste Bestürzung ging in regelrechte Raserei über. Er – Jan-Eric Hessler, mag. phil. – war also gut genug vor den Augen des Papas, des Herrn Propstes. Ein einfacher Automechaniker war dagegen niemand, den man vorzeigen konnte. Und was hatte dann all ihr Gerede über Verlobung und ewige Treue bedeutet? Ich hörte in mir ihre Stimme, immer und immer wieder: »Ich werde dich nie im Stich lassen. Auf mich kannst du dich verlassen.« Aber sie hatte mich im Stich gelassen. Auf die schändlichste Art und Weise. Und dann hatte sie kein Wort gesagt, hatte mich hinter meinem Rücken betrogen. Sie hatte nicht einmal Anstand genug, sich zu trauen, es mir direkt ins Gesicht zu sagen. Stattdessen zog sie es vor, sich zu entziehen und ihre Verantwortung nicht wahrzunehmen. Man musste kein Einstein sein, um zu begreifen, was geschehen war: Linda hatte diesen Jan-Eric Hessler natürlich in Jerusalem getroffen und schnell das Objekt ihrer Begierde ausgetauscht, als sie begriff, dass es sich hier um jemanden handelte, den sie mit gutem Gewissen der übrigen Familie präsentieren konnte. Sie waren bereits in Jerusalem zusammengekommen. So viel, war klar wie Kristall. Linda liebte es zu lieben, und sie war niemand, der unnötig Zeit vergeudete. Sicher hatte sie irgendwelche Ausreden gefunden, um der Überwachung ihres Vaters zu entgehen und ihren Stier heimlich zu treffen, sicher mit einem Eifer, der den übertraf, den sie im Zusammensein mit mir gezeigt hatte. Aber ich musste mir eingestehen, dass es schrecklich weh tat sie mir in den Armen eines anderen Mannes vorzustellen. Und es tat weh zu akzeptieren, dass ich zurückgewiesen worden war. Das Gefühl der Unterlegenheit war unangenehm bis hin zur Erniedrigung. Doch vielleicht war es am besten, dass es so geschah – trotz allem. Schnell verstand ich, dass ich niemals so einer falschen Frau hätte glauben dürfen, fragte mich, wie es ihr so einfach hatte gelingen können, meine Urteilskraft außer Kraft zu setzen. Um meine Neugier zu befriedigen, holte ich einige Informationen über meinen Nachfolger ein. Jan-Eric Hessler erwies sich als ein großer, dunkelhaariger Mann mit ziemlich alltäglichem Aussehen – ich hatte zumindest einen etwas besseren Geschmack von Linda erwartet, aber schließlich war es ja ihre Entscheidung. Und Hessler hatte ja das, was mir fehlte: einen Titel, der dem Herrn Vater Propst imponierte. Ich bekam bald heraus, dass er in der Sommervilla seiner Eltern am Sydstrand wohnte. Allein. Das heißt: Er bekam natürlich den ein oder anderen Abendbesuch … Nach einer Weile war ich es leid, ihn zu beschatten. Ich beschloss, sowohl ihm als auch Linda den Rücken zu kehren, und hoffte, sie nicht wieder sehen zu müssen. Aber unser Ort ist nicht groß, und eines Vormittags stießen Linda und ich aufeinander – ironischerweise vor der Bibliothek – ausgerechnet hier., Es war natürlich reiner Zufall und in keiner Weise von meiner Seite aus geplant gewesen. Sie entdeckte mich von weitem und machte zunächst Anstalten, die Straßenseite zu wechseln. Dann sah sie ein, dass das zu demonstrativ wäre, und beschloss das Unvermeidliche durchzustehen. Wir blieben ein paar Meter voneinander entfernt stehen, und es war offensichtlich, dass ihr die Situation peinlich war. Der Anblick freute mich. Ich wollte sie leiden sehen für all die Qualen, die sie mir so herzlos zugefügt hatte. Dass es Linda peinlich war, daran bestand kein Zweifel. Sie stand da, rotwangig und verlegen, und wartete, dass ich den ersten Schritt täte. Offenbar hatte sie noch so viel Anstand im Leib, dass sie sich dafür schämte, wie sie mich behandelt hatte. Und ich machte den ersten Schritt. »Herzlichen Glückwunsch sollte ich wohl sagen«, erklärte ich und versuchte die Stimme neutral zu halten. »Zur Verlobung.« »Danke«, erwiderte sie und wich meinem Blick aus, als hätte er sie verbrannt. »Das ging ja schnell.« »Ach, eigentlich gar nicht so schnell. Wir haben uns schon … na, ist ja auch egal.« Ich sagte nichts, wartete auf die Fortsetzung. »Du musst verstehen«, sagte sie und begann nach Worten zu suchen, »dass du und ich … dass wir zwei …« Ich lächelte sie an. »Du brauchst nichts zu erklären, Linda. Ich bin dir nicht böse.« Zuerst sah sie mich ungläubig an. Dann konnte ich sehen, wie sich die Erleichterung über ihr niedliches, falsches Gesicht ausbreitete. Dass ich in meiner Niederlage so großzügig sein konnte, hatte sie wohl nicht erwartet., »Ist das dein Ernst?« »Aber natürlich. Ich bin nicht derjenige, der A sagt und B tut«, sagte ich und hoffte, sie würde die Ironie verstehen. »Natürlich hatten wir es eine Zeit lang sehr schön, du und ich, aber das wäre doch nie auf Dauer gut gegangen. Das war nie ernst gemeint. Zumindest nicht von meiner Seite. Wir haben einfach nicht zueinander gepasst.« »Kann schon sein«, log ich, um sie zu beruhigen. »Schön, dass du es so aufnimmst.« »Ich finde auch, dass wir es sehr schön gehabt haben, aber das ist nun einmal vorbei. Noch einmal: Ich gratuliere zur Verlobung und wünsche dir alles Gute. Ich hoffe, ihr seid glücklich zusammen, du und … wie heißt er noch mal, Sven- Eric?«, fragte ich, machte bewusst den Fehler. »Jan-Eric. Doch, das werden wir sein«, versicherte sie. Sie zögerte einen Moment und sog in einer Art die Unterlippe ein, die ihre Verletzbarkeit betonte. Diese kleine Veränderung der Mimik brachte meinen Magen dazu, sich zusammenzuziehen. Ich wartete die Fortsetzung ab, die garantiert kommen würde Und schon sagte sie: »Du wirst sicher eine andere finden.« Keine wie dich. »Sicher«, sagte ich leicht dahin und nickte ihr zu. Danach trennten wir uns, gingen beide unseres Weges. Und der Sommer kam. Eines strahlend schönen Tages hörte ich von dem Unfall. Der Fahrer war offenbar ins Schleudern geraten, von der Straße abgekommen und mit dem Wagen bei ziemlich hoher Geschwindigkeit einen Abhang nördlich vom Sydstrand hinuntergestürzt. Laut Zeugenaussage war das Fahrzeug gegen, eine große Eiche geprallt, danach gegen eine Steinwand, wo es explodierte. Die Wagenteile waren hoch in die Luft geworfen worden, und die Flammen hatten das Laub einiger Birken hinter der Mauer versengt. Die verbrannten Opfer konnten als Linda Tjernberg und Jan-Eric Hessler identifiziert werden, und es wurde festgestellt, dass er den Wagen gefahren hatte. Die Leute redeten mehrere Tage lang von dem schrecklichen Unfall. »Und dabei wollten sie doch nach Silvester heiraten. Was für ein grausames Schicksal!« Ich befand mich an einem anderen Ort, als sich der Unfall ereignete, aber als ich nach Hause kam, fuhr ich natürlich zur Unglücksstelle, um zu sehen, was geschehen war. Vor dreißig Jahren war es also, auf den Tag genau. Das Ereignis wurde als Unfall abgeheftet. Vielleicht gab es den Verdacht einer Sabotage, was weiß ich? Auf jeden Fall drang nichts in dieser Richtung an meine Ohren. Die Polizei fand nichts, was auf ein Verbrechen hindeutete – vielleicht arbeiteten sie auch einfach nur schlampig. Wenn es Spuren gegeben hat, die darauf hindeuteten, dass jemand sich an dem Auto zu schaffen gemacht hatte, dann kamen sie nie an die Öffentlichkeit. Das weiß ich genau, da ich den Verlauf mit höchster Aufmerksamkeit verfolgte. Viele Jahre später las ich einen Artikel darüber, dass der fleißige Kommissar Sten Wall versuchte, alte, ungeklärte Fälle zu erforschen. Er ist Junggeselle, der sich offensichtlich ganz von seiner Arbeit fressen lässt. Nicht genug damit, dass er den lieben langen, arbeitsreichen Tag seine Nase ins kriminelle Elend steckt – auch während seiner Freizeit widmet er sich also noch Dingen, die die Polizei nie hat aufklären können., Es gibt immer noch verrückte Enthusiasten. Ob dieser Wall sich um den Autounfall kümmern würde? Kaum anzunehmen. Es geschah auch nichts Neues. Und die ursprüngliche Theorie stand: Der Fahrer war bedauernswerterweise von der Straße abgekommen, was schreckliche Konsequenzen nach sich zog. Zwei junge Leben wurden gleichzeitig ausgelöscht. Überhöhte Geschwindigkeit war bereits zu dieser Zeit ein Übel, schon vor dreißig Jahren. Ich schaute auf die Armbanduhr. Zeit loszugehen. Ich versuchte, wenn irgend möglich, den Platz ungefähr zu dem Zeitpunkt aufzusuchen, an dem Jan-Eric Hessler sich und seine junge Verlobte zu Tode gefahren hatte. Die wenigen Kilometer waren schnell geschafft. Es gab ziemlich viel Verkehr auf den Straßen. Sydstrand war ein beliebtes Ziel für Badelustige, und die Leute kamen von weit her, um die größte Badewanne des Landes zu besuchen. Ich selbst war nie so begeistert davon gewesen, mich in diesem Gedrängel von Einheimischen und Touristen herumschubsen zu lassen, nur um Salzwasser auf die Haut zu bekommen. Aber ein paar Gastspiele im Sommer wurden es trotzdem. Und warum sollte ich nicht gerade heute einmal ins Wasser springen. Die Badehose lag in einem Leinenbeutel auf dem Beifahrersitz, falls ich Lust dazu kriegen würde. Und wenn die Sonne so heiß brannte wie heute, musste das Wasser auch ziemlich warm sein. Ich bin reichlich wasserscheu und kann es nicht ertragen wenn das Wasser so kalt ist, dass der ganze Körper fast erstarrt, aber heute hatte es gut und gern über zwanzig Grad in den Wellen. Dann war ich da., Hier war es, genau hier, wo der Wagen von der Straße abgekommen war. Die Eiche stand noch da. Die Mauer auch. Das Auto mit den verkohlten Leichen war seit dreißig Jahren nicht mehr da. Ich parkte und stieg aus, wanderte zum Unfallort hinüber. Wie schade, dass ich keine Gelegenheit hatte, dabei zu sein, als es passierte. Nicht, dass jemand irgendeinen Verdacht mir gegenüber hätte hegen können, obwohl ich in meiner Eigenschaft als Mechaniker natürlich einiges von Autos und Motoren verstand und mir so einiges Teufelszeug hätte ausdenken können, wenn ich es nur gewollt hätte. Soweit ich bemerkt hatte, gab es niemanden, der wusste, dass Linda und ich eine heimliche Liebschaft gehabt hatten, aber vollkommen sicher konnte man da nicht sein. Sie konnte sich ja bei jemandem verplappert haben, und dieser Jemand konnte daraus merkwürdige Schlüsse dahingehend ziehen, dass etwas Hässliches passiert sein könnte. Falls das geschah, war es das Beste, sich vom Unfallort fern zu halten. Denn wenn die beiden jungen Menschen Opfer einer Sabotage gewesen wären, dann würde die Sache natürlich in einem ganz anderen Licht dastehen. Hatte doch dieser Jan-Eric Hessler vollkommen rücksichtslos Linda einem anderen Mann weggeschnappt, dem sie ihre Liebe und Treue geschworen hatte. Wenn dann jemand seinerseits dafür Hesslers Leben nahm, war das eigentlich nicht mehr als gerecht. Ein Diebstahl gegen den anderen. Aber mir ist durchaus bewusst, dass die Polizei derartige Überlegungen beiseite wischen würde. Jetzt musste ich, weiterfahren. Ich glaube, es wird doch ein Bad heute werden. Um ein Jubiläum zu feiern. Schließlich ist es ein so herrlicher Sommertag.,

Die Scheren des Hummers Gert Nygårdshaug

Die Sauce könnte man zum Beispiel Montagnaise nennen, dachte Fredric Drum und blinkte für die Ausfahrt zur Snarøya. Er war bestens gelaunt, nieste dreimal und schob die Ouvertüre des »Tannhäuser« in den CD-Player. Mit dröhnendem Wagner und dem Gedanken an eine sehr exquisite Moltecremesauce, serviert zu einem Schneehuhnbraten, war er unterwegs, um einen freien Abend fern von seinen eigenen Kochtöpfen in der »Kasserolle« zu genießen, Oslos kleinstem und bei weitem besten Restaurant, mit drei Sternen im Michelin. Fredric Drum ließ sich den Wagner unter die Haut gehen. An diesem Dienstagnachmittag wollte er raus auf die Snarøya, in eine kleine, intime Gourmet-Runde, die sein guter Freund Joakim Hegg anberaumt hatte. Das Hegg-Anwesen war sehr schön gelegen, und als Fredric in die Einfahrt einbog, musste er wieder an die Bedingung denken, die seinem Freund Joakim gestellt worden war, als er Alina Hegg heiraten wollte: Er musste den Namen Hegg annehmen, er konnte nicht Larsen heißen, wenn er die Verantwortung für diesen traditionsreichen Familienbesitz übernehmen wollte, das hatte sein Schwiegervater, der alte Oscar Hegg, der Nachbarschaft, ja fast der ganzen Snarøya klar gemacht, bevor der Prostatakrebs ihn in das Reich des Schweigens hinübergezogen hatte. Oscar Hegg war stockkonservativ gewesen, schwierig, mürrisch und laut sein Leben lang, und niemand konnte verstehen, dass Alina, sein einziges Kind, von ihm abstammte. Alina war weich, lieb und mild wie eine Junibrise. So hatte also Joakim seinen Namen geändert. Es spiele keine Rolle, hatte er gesagt, solange er nur Alina bekäme und sie, zusammen Joakims Traum realisieren könnten: ein kleines, gemütliches Gourmet-Restaurant hier draußen zu eröffnen, hier auf diesem Anwesen, direkt am Wasser mit einer schönen Aussicht über den Fjord. Jetzt gab es hier keine Flugzeuge mehr, und aus Snarøya war eine friedliche Perle geworden. Fredric stieg aus dem Auto und nickte vor sich hin. Der Duft der Rhododendronblüte vermischte sich mit dem Geruch von Tang und Teer. Die See, das Wasser hier draußen, war rein. Er nickte wieder und konnte Joakims Plänen nur von Herzen zustimmen; diese Lage war perfekt für ein kleines und sehr exklusives Lokal. Der Umbau des Bootshauses mit kleinen Terrassen, als ob der Winter durch Glaswände und -dächer ausgesperrt würde, würde die Natur des Anwesens und die übrige Architektur kaum stören. Er machte einen schnellen Spaziergang durch den Garten und hinunter zu den Felsen am Wasser, bevor er seine Ankunft verriet. Wege aus Naturstein, umkränzt von allen möglichen Zierpflanzen von Rosenbüschen bis zu Heidekraut, machten das Anwesen außergewöhnlich schön. Fredric blieb unter einem ungarischen Fliederbusch in voller Blütenpracht stehen und genoss seinen Duft. Er schloss die Augen. Weißwein aus Penedés, dachte er. Ein tiefer, gelber Torres-Wein eines guten Jahrgangs, so war der Duft. Dann ging er hinauf zum Hauptgebäude. Plötzlich blieb er stehen und starrte eine kleine, graue Skulptur an, die zur Hälfte unter einem gestutzten Hegg-Baum, einer Traubenkirsche, verborgen war. Er kniff seine Augen zusammen und betrachtete die Skulptur forschend. Danach beugte er sich unter die Zweige und befühlte die kleine Steinfigur. Konnte er sich irren? Nein, das war unmöglich, er konnte sich nicht irren. Das war ein echter Meerfenchel-Gnom. Er fühlte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken herunterlief. Das war das erste Mal, dass Fredric Drum einen Meerfenchel- Gnom in einem norwegischen Garten gesehen hatte., »Willkommen, Fredric, du bist der erste Gast!« Joakim grinste breit und gab seinem Freund einen warmen Händedruck. »Wirklich gut, dass du mal für einen Abend von der ›Kasserolle‹ weggekommen bist. Aber du weißt, dass ich etwas Angst davor habe, dir Essen zu servieren.« Fredric lachte und nahm das angebotene Glas mit selbst gemachtem Krähenbeerenlikör. Er duftete nach Wald und Gebirge. »Gutes Bouquet, was?« Joakim war sichtlich stolz. »Alina?«, fragte Fredric. »Sie musste leider nach England fahren. Hat das Flugzeug heute Vormittag genommen. Das Theater geht ihr vor alles andere, du kennst Alina ja. Diesmal ist es ein viertägiger Pantomimekurs.« »Aha«, nickte Fredric. Die beiden Freunde setzten sich raus auf die große Südterrasse. Joakim sah auf die Uhr. Der Rest der Gäste musste jeden Augenblick kommen. »Die Wunderessenz ist übrigens fertig«, sagte Fredric und griff in seine Jackentasche. »Was sagst du da?! Fertig? Jetzt schon?« Joakim sprang auf, und sein jungenhaftes Gesicht leuchtete vor Eifer. Aus seiner Tasche fischte Fredric ein kleines Fläschchen mit Korken und Pipette. Es hätten Augentropfen sein können oder Nasentropfen, aber es war etwas ganz anderes. »Habe ich heute von Professor Armand bekommen. Sehr konzentriertes Zeug. Der Korken darf um Himmels willen nicht hier geöffnet werden; der Professor hat mir eine ganze Reihe von Anweisungen über den Gebrauch gegeben. Wir machen das unter vier Augen nach dem Essen.« Joakim saß da und drehte das Fläschchen zwischen seinen, Fingern, während er die Flüssigkeit innerhalb des Glases bewunderte. »Revolutionär«, flüsterte er, »das kann sich wahrhaftig als revolutionär erweisen.« Er steckte die Flasche in seine Tasche. Dann klingelte es an der Tür. Wenn man Fredric und den Gastgeber selbst mitrechnete, würden sechs Personen am Tisch sitzen. Der Sinn der Veranstaltung war, dass Joakim Hegg ein Menü ausprobieren wollte, das später in dem geplanten Restaurant angeboten werden sollte. Die Gäste sollten Kenner sein, daher stutzte Fredric etwas, als er Yaki Oones gegenüberstand, einer sehr schönen Frau, ursprünglich aus Neuseeland mit Maori-Blut in den Adern. Yaki Oones war Joakims langjährige Geliebte, aber es war mindestens zwei Jahre her, seit Fredric sie zuletzt gesehen hatte. Sie war nicht für ihre besondere Vorliebe für Essen bekannt, sondern eher für ihr Interesse an allem, was beim Verbrauch von Kalorien half. Sie betrieb ein Fitness-Studio in Skøyen. Außer Yaki Oones war da natürlich noch der so genannte »Sergeant« Aronsen, der berüchtigte Gourmet, dessen Vornamen niemand kannte, der aber der Schrecken aller Küchenchefs war. Seine Würde war Aufsehen erregend, und mit seinem Spitz und Schnurrbart sah er aus, als sei er der Rollenliste eines Ibsen-Dramas entstiegen. Man sagte, dass sein Gaumen so feinfühlig sei, dass er zwischen kubanischem und haitianischem Puderzucker in einem Parfait unterscheiden könne. Wenn man für ein Menü die Anerkennung von »Sergeant« Aronsen bekam, konnte man sich seines Erfolgs sicher sein. Die beiden letzten Gäste waren Fredric unbekannt: Stephan Finne und Petter Bardal. Beide waren Männer in den Vierzigern, Bewohner von Snarøya und wussten gut über Joakims, Restaurantpläne Bescheid. Petter Bardal war der nächste Nachbar des Hegg-Anwesens; er war Architekt und engagierte sich stark für die Zukunft von Snarøya, nachdem jetzt der Flugplatz verlegt worden war. Aber Fredric runzelte unmerklich die Stirn, als er hörte, dass Stephan Finne, der einige hundert Meter weiter unten wohnte, auch Restaurantpläne schmiedete. Konnte es hier draußen Platz für zwei Lokale geben? Verstohlen betrachtete er Finne: ein dünner, hohlbrüstiger Mann mit einer Adlernase und einem etwas flackernden Blick. Kein typischer Liebhaber von gutem Essen, dachte Fredric, aber der Schein konnte trügen. Seine Stimme hatte jedenfalls etwas Versöhnliches an sich; sie war fett, fast pavarottisch, und löste in Fredric Assoziationen von einer etwas gehaltvollen Biberschwanzsauce aus, so wie der Mann jetzt dastand und mit Yaki Oones redete. »Das wird die Hölle«, sagte Petter Bardal, der Architekt, so laut, dass alle, einschließlich der Gastgeber selbst, es hören konnten. »Das wird die Hölle mit zwei Restaurants hier draußen!« »Dieser Drecksack nutzt mich aus, Fredric«, sagte Yaki Oones. Sie und Fredric gingen einige Stufen hinab zu den Felsen am Wasser und dem Bootshaus. Die Gäste waren auf dem Anwesen sich selbst überlassen, während der Gastgeber letzte Hand an die Mahlzeit legte, die in einer knappen Stunde in dem kleinen Esszimmer serviert werden sollte. »Nutzt dich aus? Joakim?« Fredric blieb stehen. »Ja, was glaubst du denn, warum er mich eingeladen hat? Essen – ha-ha –, er weiß, dass ich auf sein Essen pfeife, aber auch, dass ich zu allem anderen, was er zu bieten hat, nicht Nein sagen kann. Sobald diese Alina, sein Porzellanpüppchen, aus seinem Blickfeld verschwunden ist, ruft er mich an. Und ich blöde Kuh kann nicht Nein sagen. Aber jetzt ist Schluss damit., Ende. Finito. Meine Maori-Großmutter hat mir gewisse Tricks beigebracht.« Die schöne Frau biss die Zähne zusammen, und Fredric konnte Funken in ihren braunen Augen erahnen. Der Maiabend war plötzlich nicht mehr so angenehm, und der Meeresduft wirkte auf einmal herb. »Hallo, da unten! Joakim hat endlich sein Menü bekannt gegeben!« Stephan Finne kam auf sie zu und schwenkte ein von Hand beschriebenes Blatt Papier. Die drei setzten sich auf eine Bank am Bootshaus. »Aha«, murmelte Fredric und las das Menü laut vor: »Saiblings-Carpaccio in Limonensauce mit Fischrogen. Frittierter Hummer mit in Ingwer mariniertem Kürbis. Waldvogel-Paté mit Haselnüssen. In Sahne gekochtes Seewolffilet, eingerollt mit Kapern und Estragon, serviert mit Mandelkartoffelpüree. Molte-Sorbet und Kirschsahnetorte. Das klingt ja viel versprechend!« Yaki Oones schnaubte. »All dieses überkandidelte Essen!« Stephan Finne trommelte nervös mit den Fingern auf die Bank, sein Blick zuckte unruhig über den Fjord. »Es gibt Zutaten«, sagte er mit seiner etwas fetten Stimme. »Zutaten, die Joakim noch gar nicht entdeckt hat. Damit kriege ich ihn, dann werden wir schon sehen, wohin sich im Laufe der Zeit die Gäste wenden. Ich habe seit fünf Jahren an meinen Plänen für das Restaurant gearbeitet. Und dann kommt er daher und haut ordentlich auf den Putz. Das hätte der alte Oscar Hegg noch mitkriegen sollen. Ich dachte, das Hegg-Anwesen sei gegen kommerzielle Veränderungen geschützt.« »Was ist mit Petter Bardal? Er ist sicher auch nicht besonders glücklich über Joakims Pläne?« Fredric versuchte, die schlimmsten Konflikte zu bereinigen, bevor die Mahlzeit begann. »O nein. Petter unterstützt mein Projekt. Ein Lokal draußen, bei mir ist völlig in Einklang mit seinen Visionen über die Zukunft von Snarøya.« Yaki Oones stand auf und verließ die Bank. Sie verschwand in der Zypressenplantage auf der Westseite des Anwesens. Fredric stutzte. Zwei Lokale. Konkurrenz. Warum hatte Joakim diese beiden eingeladen, die dermaßen gegen seine Pläne waren? Um ihnen zu zeigen, was er konnte? Sie zu entmutigen? Fredric hatte geglaubt, dass dies ein gemütlicher Abend werden würde, davon konnte wohl jetzt keine Rede mehr sein. Er erhob sich von der Bank. »Hast du übrigens schon Joakims Hummerbrunnen gesehen?«, fragte er Finne. Der Blick des Mannes wurde noch unruhiger, sein Adamsapfel stieg auf und verschwand wieder unter seinem Kragen, während er den Kopf schüttelte. »Komm mit«, sagte Fredric. Sie gingen hinunter zu den Felsen am Meer, kletterten über eine Steinmauer und standen plötzlich an einem tiefen natürlichen Gletschertopf im Fels. Unten am Grund des Gletschertopfes, der fast drei Meter tief war, ergoss sich das Meerwasser durch einen kleinen Spalt hinein. Auf den ersten Blick sah es so aus, als sei der Grund von schwarzen, ovalen Steinen bedeckt, aber die Steine bewegten sich. Es waren Hummer. Der Gletschertopf war ein perfekter Hummerbrunnen. Der Spalt, durch den das Seewasser einströmte, war zu schmal, als dass die Hummer hätten fliehen können, aber er sorgte ständig für frisches Wasser. Bei Niedrigwasser betrug die Tiefe einen knappen halben Meter. »Praktisch, nicht wahr?« Fredric versuchte, munter zu wirken. Stephan Finne stand leichenblass da und starrte hinunter in den Gletschertopf. Dann ballte er die Fäuste und zischte, während er, den Blick von Fredric abwandte. »Verdammter Mistkerl! Alinas Mutter ist in diesem Loch verunglückt!« Nach dieser Information und dem hässlichen Fluch von einem Menschen, der insgesamt sehr unangenehm war, zog Fredric sich endgültig zurück. Er ließ Finne am Hummerbrunnen zurück und ging die Treppe auf der Ostseite des Anwesens hoch. Er erblickte kurz den Architekten Bardal, der allein zwischen einigen Büschen stand und ein paar Steine in seinen Händen wog. Es war immer noch eine knappe halbe Stunde Zeit, bis die Mahlzeit beginnen sollte. Fredric versuchte, die Stimmung zurückzugewinnen, die er im Auto auf dem Weg hierher empfunden hatte. Hatte er nicht eine neue Saucenkreation entwickelt? Montagnaise? Aber all seine guten Gefühle waren verschwunden, die Düfte und Geräusche des Frühlings konnten nicht mehr zu ihm vordringen, die Mahlzeit des Freundes wirkte fern. Die Menschen um ihn herum benahmen sich nicht, wie sie es sollten, wenn sich Freunde zu einer guten Mahlzeit treffen. Freunde? Warum hatte Joakim diese Menschen eingeladen? Zwei neidische Nachbarn und eine alte Geliebte. Sowie den »Sergeant« Aronsen. Der alte, schlecht gelaunte Feinschmecker schien Fredric plötzlich der einzige Lichtblick in dieser Versammlung zu sein. »Sergeant« Aronsen war einfach er selbst. Er fand Aronsen neben der gestutzten Traubenkirsche. Er stand da und schnaubte wie ein gestrandetes Walross, während er anscheinend den Duft des fast verblühten Baumes genoss. »Duftet der gut?«, begann Fredric lächelnd. »Duftet!« »Sergeant« Aronsen war rot im Gesicht, während sein, Brustkorb beim Einatmen zu fast der gleichen Größe wie seine Wampe anschwoll. Dann entließ er die Luft aus der Lunge, dass die Schnurrbarthaare vibrierten. »Glauben Sie vielleicht, ich stehe hier und rieche an alten Traubenkirschblüten, hä?« »Nein, sie sind vielleicht nicht …« »Idiot! Das ist reine, schiere Blasphemie!« Sein Brustkorb schwoll wieder an, und ein erneuter Orkan ließ das Laub in der Nähe erzittern. Fredric begriff nichts, wurde der alte Kerl von Asthma geplagt? Dann folgte er Aronsens Blick und erstarrte. Der Meerfenchel-Gnom. Diese hässliche kleine Skulptur unter der Traubenkirsche. Eine Art Gartenzwerg mit einem Gesicht, das einen Ausdruck hatte, der an eiskalten Spott und Hass erinnern konnte. Meerfenchel-Gnome waren so. Kein Meerfenchel-Gnom war ein schöner Anblick. »Sergeant« Aronsen zog sich von der Traubenkirsche zurück, ging direkt auf Fredric zu und stieß ihm seinen riesigen Zeigefinger in den Bauch. »Sie wissen doch wohl, dass sich die Meerfenchel- Bruderschaft von anderen geschlossenen Orden, wie zum Beispiel den Freimaurern und den Rosenkreuzern, unterscheidet? Die Mitgliedschaft vererbt sich. Und sie stellen den hässlichen Gnom an Orte, die sie als heilig betrachten. Genau das, Drum, hatte ich geahnt! Das war der Grund, warum ich die Einladung angenommen habe. Der alte Oscar Hegg war ein Bekannter von mir. Dass er ein Meerfenchel war, hätte ich erraten können. Jetzt weiß ich es. Joakim Larsen kann leider nie ein Hegg werden. Er hat hier draußen nichts zu suchen! Ich muss dafür sorgen, dieses Projekt von ihm umgehend zu unterbinden, verstehen Sie das, Herr Drum?« Der Alte setzte seinen gewaltigen Körper in Bewegung und verschwand oben in Richtung Hauptgebäude., Fredric kam nicht mehr dazu zu sagen, dass er zu verstehen begann. Aber als er wirklich alles begriffen hatte, war es zu spät. Fredric blieb voller düsterer Gedanken auf einer Bank unterhalb der Südterrasse sitzen. Er sagte den anderen vier Gästen nichts. Zehn Minuten, bevor das Essen serviert werden sollte, ging er hinauf zum Hauptgebäude, um Joakim davor zu warnen, allzu große Erwartungen zu hegen, dass das Essen auf positive Resonanz stoßen würde. Der Tisch im Esszimmer war wunderschön für sechs Personen gedeckt. Die Weine standen in Reih und Glied zum Lüften auf einem eigenen Tisch. Ansonsten war es völlig still im Haus. Fredric ging schnell in die Küche. Ein übler Geruch schlug ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Auf dem Herd stand eine Kasserolle mit Sauce und kochte über. Sie hatte schon eine Weile gekocht, und der Inhalt brannte sich gründlich in die Kochplatte ein. Eine größere Kasserolle stand daneben und kochte sprudelnd vor sich hin. Wasser. Der Dampf verbreitete sich wie eine Wolke in der Küche und verstärkte noch den Geruch der angebrannten Sauce. Fredric setzte die Kasserolle ab und drehte den Herd ab. »Joakim!«, rief er. Aber der Gastgeber war verschwunden. Er rief im ganzen Haus nach ihm, bekam aber keine Antwort. Dann ging er auf die Terrasse hinaus. »Joakim!«, brüllte er über das Anwesen. Die vier Gäste kamen aus allen Richtungen auf das Haus zu. »Sergeant« Aronsen, immer noch rotgesichtig, aber mit einer fragenden Miene. Stephan Finne, verkrampft und ausgezehrt, als ob er unter großen Qualen litte. Petter Bardal, außer Atem, war er gerannt? Yaki Oones sah aus, als ob sie gerade geweint hätte. Ihre Augen waren geschwollen, und die Schminke lief ihr in dunklen Streifen die Wangen runter. Sie versuchte, das zu, verbergen, indem sie nach unten blickte. »Joakim ist verschwunden«, sagte Fredric knapp. Sie fanden ihn fünf Minuten später. Joakim Hegg lag unten im Hummerbrunnen, im Gletschertopf. Es war ein schrecklicher Anblick. Über seinen ganzen Körper krabbelten zwei Dutzend wütende Hummer; sie hieben und zerrten an Fleisch und Kleidung, und das Wasser war rot gefärbt. Die rote Farbe breitete sich durch den Spalt im Felsen bis in den Fjord hinaus aus. Große Stücke Fleisch wurden von dem toten Körper dort unten abgerissen. Fredric Drum musste sich abwenden. Noch nie hatte er gesehen, dass sich Hummer so aufführten. »Das ist eine der schlimmsten Verstümmelungen durch Meeresgetier, die ich je gesehen habe! Wie ist es bloß möglich, dass sich Hummer so aufführen können?« Skarphedin Olsen von KRIPOS richtete die Frage an seinen Neffen Fredric Drum, der mit dem Ermittler hatte unter vier Augen sprechen können, während die anderen Gäste bis auf weiteres im Esszimmer unter Bewachung interniert worden waren. Es bestand der Verdacht, dass es sich um ein Verbrechen handelte. Fredric starrte einen imaginären Punkt an der Wand an. »Das liegt an einem sehr speziellen Hormonpräparat«, sagte er leise. »Das Fläschchen, das ihr zerbrochen in Joakims Tasche gefunden habt, war voll. Ein Tropfen von dieser Substanz ist genug, um einen Hummer völlig wild zu machen. Er wird aggressiv und frisst alles, was ihm in den Weg kommt.« »Und woher stammt diese Substanz?«, fragte Olsen streng. »Aus einem privaten Labor. Ein Freund von mir, Professor Armand, hat lange daran geforscht. Bekanntlich nimmt ein Hummer in Gefangenschaft kein Futter zu sich; daher wächst er auch nicht. Eine Methode, den Hummer zum Fressen zu bringen, hätte die Zuchtmöglichkeiten revolutioniert. Joakim, Hegg sollte diese Substanz an seinen Hummern testen. Ich gab ihm die Flasche vor zwei Stunden. Einen Tropfen täglich in den Brunnen sowie reichlich Futter.« »Dann hat er die Wirkung ja wahrhaftig zu spüren bekommen.« Skarphedin Olsen zog seine Mundwinkel hoch, aber es wurde kein Lächeln daraus. »Obwohl er bestimmt nichts gespürt hat. Er war schon tot. Das Fläschchen ist unbeabsichtigt bei dem Sturz zerbrochen. Mord.« Das Wort donnerte auf Fredric ein. Mord? Sein Freund Joakim war ermordet worden? Er fror. Die KRIPOS-Techniker und der Arzt hatten nur einige Minuten gebraucht, um festzustellen, dass Joakim Hegg mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen worden war, vielleicht mit einem Stein, bevor er in den Gletschertopf hinuntergestürzt war. Die routinierten Ermittler verstanden etwas von ihrem Fach. »Aber was wolltest du mir eigentlich unter vier Augen sagen? Bilde dir bloß nicht ein, dass du weniger verdächtig bist als die anderen. Die erste Stunde hier, mit allen zusammen, wird den Mörder entlarven. Ich habe meine Methoden.« Olsen sah Fredric scharf an. Fredric erwiderte seinen Blick genauso scharf. »Und ich habe meine Methoden«, sagte er. Dann bat er den Ermittler, ihm genau zuzuhören. Die Polizisten hatten sich zurückgezogen, raus auf die Terrasse. Fredric hatte erreicht, dass es so gemacht wurde, wie er wollte. Skarphedin Olsen, der selbst für die Anwendung unkonventioneller Methoden bei den Ermittlungen bekannt war, hatte seine Idee übernommen. Jetzt saß er in einem Sessel am Kamin im Esszimmer, um an dem Schauspiel teilzuhaben. Er beabsichtigte, sofort die Regie zu übernehmen, falls das Drama außer Kontrolle geraten sollte., Die vier Gäste wurden gebeten, sich an den Tisch zu setzen. Die Stimmung war, gelinde gesagt, bedrückt, um nicht zu sagen gereizt, als Fredric Drum herumging und Weißwein in die Gläser goss. »Was soll denn das verdammt nochmal bedeuten!« »Sergeant« Aronsen polterte wie ein mittelschweres Gewitter. »Das ist doch der reine Wahnsinn!« Trotzdem konnte er sich nicht beherrschen, sondern hob das Weißweinglas an seinen Schnurrbart, schnüffelte, rollte mit den Augen und murmelte voller Anerkennung vor sich hin. Stephan Finne zitterte ganz offensichtlich; sein magerer Körper bebte, und er starrte hypnotisiert auf einen Punkt auf dem Tischtuch, weit von seiner Umgebung entfernt. Yaki Oones weinte geräuschlos, während sie ihr Gesicht in der Serviette verborgen hielt. »Das ist ein Komplott! Dieser Fredric Drum ist verdammt nochmal pervers, jetzt will er die makabre Seite der feinen Küche austesten! Nachdem er einen guten Freund ermordet hat. Er hat das getan, glaubt mir!«, knurrte Petter Bardal und leerte sein Weinglas in einem Zug. Fredric war in der Küche. Vier Leute am Tisch. Stille, nur Aronsens Stuhl, der unheilschwanger knarrte. Fredric Drum kam aus der Küche. Er brachte eine große Platte mit dampfendem, frisch gekochtem, rotem Hummer herein und stellte sie auf den Tisch. Vier Augenpaare starrten entsetzt auf die Hummerplatte. Einige Sekunden lang saßen alle wie erstarrt da. »Nein, das geht jetzt aber zu weit!« Petter Bardal erhob sich halb von seinem Stuhl. »Setzen Sie sich, Bardal!« Fredrics Stimme klang wie ein Peitschenhieb. Bardal sank auf seinen Stuhl zurück. Stephan, Finne schluckte und schluckte, als ob er jeden Moment anfangen würde, sich zu übergeben. »Sergeant« Aronsens Gesichtsfarbe war röter als der Hummer auf der Platte, Yaki Oones genauso bleich wie die Serviette, die sie die ganze Zeit zerknüllte. »Es ist mein voller Ernst«, sagte Fredric so ruhig wie er konnte. »Joakim ist ermordet worden. Einer von uns kann das getan haben, das wollen wir jetzt auf eine einfache Weise herausfinden.« Vorsichtig brach er die Scheren der Hummer ab und legte eine Schere auf jeden Teller. Auch auf seinen eigenen. Fünf Scheren, denn sie saßen jetzt zu fünft am Tisch. Der sechste Platz war leer geblieben. »Der Ermittler Olsen hat erfahren«, fuhr er fort, »dass wir uns alle fünf an verschiedenen Orten aufhielten, als Joakim in den Brunnen fiel – gestoßen wurde, als er zu den Hummern unterwegs war. Keiner kann dem anderen ein Alibi geben. Insofern sind wir alle fünf in diesem frühen Stadium der Ermittlungen gleich verdächtig, aus der Sicht der Polizei. Es ist ihnen nicht gelungen, irgendeinen von uns auszuschließen.« Dann kniff er die Augen zusammen und hob mit einer schnellen Bewegung seine eigene Hummerschere von seinem Teller. Dabei zuckten die anderen unwillkürlich auf ihren Stühlen zusammen, als ob die Delikatesse jederzeit zum Angriff übergehen könne. »Diese Scheren haben dazu beigetragen, unseren guten Freund zu misshandeln.« Er sprach leise, betonte aber jedes Wort. »Immer noch können diese Scheren misshandeln. Eine bestimmte Person misshandeln: den Mörder. Nur den Mörder. Für alle anderen außer dem Mörder sind diese Scheren vollkommen ungefährlich.« Bardal runzelte die Stirn und starrte leicht verwundert seine Hummerschere an. »Sergeant« Aronsen grunzte etwas Unverständliches. Stephan Finne war wieder völlig weggetreten. Yaki Oones riss sich zusammen und sagte mit brüchiger Stimme: »Ist das irgendein – psychologisches Spiel – Fredric –, ich glaube nicht? –« »Nein«, sagte Fredric, »das ist kein psychologisches Spiel. Kurz gesagt: Ich habe Joakim eine Flasche mit sehr konzentrierten Hummergeschlechtshormonen gegeben, direkt nachdem ich hier ankam. Diese Substanz, diese Flüssigkeit, sollte verwendet werden, um zu testen, ob Hummer in Gefangenschaft fressen können und damit auch wachsen würden. Eine Erfindung, die sehr profitabel hätte werden können, wenn sie wirkte. Als Joakim in den Gletschertopf fiel, ist das Fläschchen beim Sturz zerbrochen, und der Inhalt machte die Hummer völlig wild. Sie liefen Amok. Die Wirkung der Substanz war sehr stark, das haben wir ja alle sehen können. Aber …« Fredric machte eine kleine Pause, feuchtete sich die Lippen mit etwas Wein an und fuhr fort: »Die Tropfen haben noch eine andere Wirkung. Wenn eine Person die Luft einatmet, in der sich einige dieser Hormonmoleküle befinden, und hier ist tatsächlich die Rede von mikroskopisch kleinen Mengen, dann wird der Betreffende eine vorübergehende sehr starke Allergie gegen Hummer entwickeln. Diese Allergie wird mindestens vierundzwanzig Stunden anhalten; sie führt zu Ausschlag, Übelkeit und Durchfall. Die Symptome kommen schnell zum Vorschein und sind sehr offensichtlich, um es mild auszudrücken.« »Sie meinen also …« Petter Bardal brach mitten im Satz ab. »Genau«, sagte Fredric, »das meine ich. In den Sekunden, nachdem das Fläschchen in Joakims Tasche zerstört wurde, muss die Luft um den Gletschertopf herum voll von diesen Hormonmolekülen gewesen sein. Das bedeutet also, falls einer von uns fünf in der Nähe dieses Ortes gewesen sein sollte, als gerade die Flasche zerbrach, dann wird diese Person jetzt ernste Probleme mit dem Verzehr von Hummerfleisch bekommen. Der Polizeiarzt ist zur Stelle, sodass er bei einem akuten, Allergieanfall sofort helfen kann. Bitte sehr, in Joakims Namen heiße ich alle willkommen an der Tafel! Die Scheren sind aufgebrochen, also bleibt uns nur noch, das milde Hummerfleisch zu genießen.« Ohne die anderen anzusehen, nahm Fredric seine eigene Hummerschere und saugte das Fleisch aus. Er holte alles Essbare heraus. Die anderen taten zögernd das Gleiche. Danach starrten sich alle gegenseitig an. Keine Reaktion. Niemand kippte um vor Übelkeit, bekam Atemnot oder heftigen Ausschlag. Ein schriller Piepston durchschnitt plötzlich die Stille im Raum. Skarphedin Olsen griff nach seinem Handy und sprach leise hinein. Er nickte vor sich hin. Dann stand er auf und kam an den Tisch. »Ja, ja, Fredric. Das war ja eine interessante Mahlzeit. Aber sie hat uns von KRIPOS nicht viel Neues gebracht. Der Arzt wird hier anscheinend nicht gebraucht, wie es aussieht? Aber trotzdem hast du in einer Sache Recht, Fredric, es hätte noch ein Gast hier sein sollen. Deshalb solltet ihr die Mahlzeit noch ein bisschen ausdehnen, Leute, es wird nicht lange dauern, bis noch jemand kommt, der eine Hummerschere probieren will.« Der Ermittler kniff seine Augen zusammen und klopfte fest auf den Kaminsims. Fredric spürte, dass ihn allmählich die Kräfte verließen. Die Anspannung war groß gewesen; Joakims plötzlicher Tod und die Rolle, die er auf sich genommen hatte, um ihn aufzuklären, erschöpften ihn. Bisher war alles gelaufen, wie er es erwartet hatte; jetzt konnte sich erweisen, dass auch seine letzten Annahmen richtig gewesen waren. Die Stimmung um den Tisch wurde plötzlich leichter. Jetzt unterbrachen sich alle gegenseitig, die Gläser klirrten, und Stephan Finne verschüttete Wein auf das Tischtuch. »Sergeant«, Aronsen machte sich über die Hummerschwänze her und aß mit großem Appetit. Dann konnten sie hören, dass eine Autotür in der Einfahrt zuschlug. Alle wandten sich zur Tür, als zwei Polizisten mit einer jungen Frau hereinkamen. »Alina!« Petter Bardal stockte der Atem. »Du solltest doch …« »Ich habe mich verspätet – habe auf das Abendflugzeug gewartet, als die Polizei kam – und mir erzählte – ach, so grauenhaft – mein geliebter – Joakim!« Ihre Trauer und ihre Tränen wirkten echt. Die Blicke von Fredric und »Sergeant« Aronsen trafen sich plötzlich. Der Alte erhob das Glas, kniff die Augen zusammen und murmelte, sodass Fredric es kaum hörte: »Der Meerfenchel- Gnom, nicht wahr?« Fredric nickte. Jetzt ging alles ganz schnell und dramatisch. Sehr bestimmt wurde Alina Hegg vom KRIPOS-Ermittler an den Tisch geführt. Dort forderte man sie auf, ein Stück Hummerfleisch zu essen. Danach sollte sie der Polizei erklären, warum sie nicht, wie geplant, das Nachmittagsflugzeug nach London genommen, sondern bis zum Abendflugzeug gewartet hatte. Alina Hegg war eine gute Schauspielerin. Die Rolle als Trauernde und Verwirrte gelang ihr fast perfekt. Auch der hasserfüllte Blick, den sie Yaki Oones zuwarf, wirkte echt. Alles war ein gelungenes Theater, bis sie den ersten Hummerbissen heruntergeschluckt hatte und ein Weinglas zum Mund heben wollte. Da brach die Wirklichkeit ein. Es gab keine weiteren Rollen mehr. Der Polizeiarzt wurde herbeigerufen, und Alina Hegg bekam eine starke Antihistaminspritze. Die Gesellschaft war vorbei., »Wie ich schon sagte: Die Mitgliedschaft in der Meerfenchel- Bruderschaft ist erblich«, sagte »Sergeant« Aronsen und hielt einen sehr dicken Zeigefinger vor Fredrics Gesicht. Obwohl er normalerweise auf den öffentlichen Nahverkehr schwor, hatte er Fredrics Angebot, ihn in die Stadt mitzunehmen, angenommen. Fredric nickte und versuchte sich auf das Fahren zu konzentrieren. Aronsen fuhr fort: »Alina musste deshalb eine Meerfenchel sein. Sie hatte von klein an eine Gehirnwäsche bekommen. Und die hässlichen Gnome zeigen, dass Oscar Hegg und seine Vorfahren das Hegg- Anwesen als heilig betrachteten. Ein Restaurant hier hätte sowohl das Heiligtum als auch alles, wofür die Meerfenchel stehen, verspottet. Verstehen Sie, was ich sage, Junge?« »Ich verstehe schon«, nickte Fredric. »Ich habe es begriffen, als ich den Gnom sah. Ich verstand, dass etwas Schlimmes geschehen konnte. Ich war mir fast sicher, dass Alina diejenige war, die Joakim getötet hatte, und als keiner der anderen von dem Hummer krank wurde, war ich überzeugt. Aber ich weiß nicht, ob sie ihren Mann mit einem schweren Gegenstand erschlagen hätte, wenn Joakim sich nicht damit durchgesetzt hätte, den Hummerbrunnen ausgerechnet in der Gletschermühle anzulegen, in der ihre Mutter zu Tode stürzte, als Alina drei Jahre alt war.« »Tja«, seufzte »Sergeant« Aronsen. »Wir können wohl feststellen, dass es die Kombination Meerfenchel und Todesort der Mutter als Hummerbrunnen war sowie die Eifersucht gegenüber dieser Yaki Oones, die aus Frau Hegg eine kaltblütige Mörderin gemacht hat.« Fredric nickte stumm. Er fuhr an der Aker Brygge von der Autobahn ab. Dann sagte er: »Aber wir können auch sagen, dass Joakim sein Größenwahn zum Verhängnis geworden ist. Diese Gesellschaft heute Abend – mit all diesen Menschen, die ihn hassten. Eine klassische, Grundsituation für einen Mord. Ich bin sicher, dass er das als eine reine Machtdemonstration so eingerichtet hat; keiner sollte glauben, dass er über ihn siegen könne. Aber – können wir nicht über etwas anderes sprechen?« »Wie wäre es mit – Saucen?« Der alte Feinschmecker schnalzte mit der Zunge. »Hat Herr Drum irgendwelche spannenden Kreationen in der Mache?« »Montagnaise«, antwortete Fredric. »Kommen Sie nächste Woche mal in der ›Kasserolle‹ vorbei, dann sollen Sie eine Sauce kennen lernen, wie Sie noch keine geschmeckt haben.« »Quatsch«, schnaubte »Sergeant« Aronsen. »Ich habe schon alles geschmeckt. Absolut alles, Junge.« Pause. »Montagnaise, sagten Sie?«,

Mord in Reykjavik Birgitta H. Halldórsdóttir

Ich befand mich in einem alten Haus in der Stadtmitte Reykjaviks. Ein paar Minuten zuvor war die Polizei gerufen worden, da hier ein Mord begangen worden war. Der Anblick war schrecklich. Es war die Leiche eines verhältnismäßig jungen Mannes von hellem Äußeren, vermutlich um die dreißig. Ich vermutete, dass er ein gut aussehender Mann gewesen war. Der Mörder war grausam zu Werke gegangen. Der Leichnam war mit einem Nylonstrick an einem breiten Bett festgebunden und ordentlich geknebelt worden. Beide Augen waren ausgestochen, und es war offensichtlich, dass dies gemacht worden war, während der Mann noch lebte. Außerdem hatte man ihm ins Herz gestochen, und ich nahm an, dass das seinen Tod verursacht hatte. Eine blutige Bettdecke lag über den unteren Teil des Körpers ausgebreitet. Auf den ersten Blick war keine Mordwaffe zu entdecken. Mit geschulten Augen sah ich mir den Tatort an. Mein Kollege Baldur stand neben mir, und ihm war ebenso zumute wie mir. Noch nie hatten wir so etwas erlebt. Das Bettzeug war blutverschmiert, auf dem Fußboden befand sich eine Blutlache. Wir traten vorsichtig näher, jetzt kam es darauf an, sich vorzusehen. Der Mann, der den Mord gemeldet hatte, ging hinter uns auf und ab, er sah aus, als ob er sich gerade in die Hosen machen wollte. Ich wäre darüber nicht erstaunt gewesen. Es war einfach abscheulich. In der Ecke lag eine zusammengebrochene junge Frau und weinte. Sie hatte Blut an den Händen, und ich blickte den Mann an, der uns den Mord mitgeteilt hatte., »Wer ist sie?« Der Mann, der sich als Ingenieur Gunnar Danielsson vorgestellt hatte, räusperte sich. »Sie wohnt im Nachbarhaus und hat ihn offenbar so vorgefunden, denn ich habe die Schreie bis zu mir herauf gehört, nachdem sie ins Haus gekommen ist.« »War das Haus denn unverschlossen?« Man merkte, dass es ihm nicht behagte, darüber zu sprechen. »Sie besaß einen Schlüssel. Sie und der Ermordete hatten ein Verhältnis miteinander. Ihr Ehemann ist Autoschlosser von Beruf und schlägt sie grün und blau.« Ich nickte. »Und der Tote hieß?« »Jón Jónsson. Er war Lehrer und hat die letzten drei Jahre in diesem Haus gewohnt.« Ich hörte, wie mein Kollege Baldur telefonierte und unsere Spurensicherung anforderte, und beschloss zu warten, bis sie käme. Indessen wusste ich nicht genau, was ich mit der Frau anstellen sollte, die offenbar einen Nervenzusammenbruch bekommen hatte. Wir müssten sie zum Verhör auf die Wache bringen, sobald wir so weit wären. Ich sah Gunnar an. »Ich möchte Sie dann bitten, so bald wie möglich aufs Polizeirevier zu kommen, um Ihre Aussage zu machen.« Er nickte und schien kurz davor zu sein, in Ohnmacht zu fallen. Ich betrachtete den Toten. Offene blutige Augenhöhlen starrten mich an, doch ich versuchte, nach Möglichkeit nicht daran zu denken, wie furchtbar der Mann gelitten haben musste. Baldur nahm Handschuhe, streifte sie sich über und hob die Bettdecke hoch. Er schnappte nach Luft, und Gunnar schrie auf und stürmte hinaus. Ich rechnete nicht damit dass er weit käme, ehe er sich übergeben würde. Die Genitalien des Toten waren, abgeschnitten worden. Sie lagen wie Blutstücke zwischen den Knien der Leiche. Mir kam nicht der Gedanke, dass dies nach seinem Tod gemacht worden sei. Ich stieß Baldur an und richtete meinen Blick auf die junge Frau. Es war nicht nötig, dass sie dies mitbekäme, wenn sie denn nicht selbst die Verursacherin war. Durch meine Arbeit bei der Polizei hatte ich gelernt, anfangs niemandem zu trauen. Ich eilte zu ihr und kniete neben ihr nieder. »Sind Sie imstande, mit mir nach draußen zu kommen?« Die Frau blickte mich an, ihre Augen ließen eine tiefe Trauer und ein unbeschreibliches Entsetzen erkennen. Sie heulte erbärmlich. »Wer tut so etwas?« Darauf wusste ich keine Antwort. Ich nahm sie unter den Arm und half ihr auf die Beine. »Kommen Sie mit mir und verschaffen Sie sich ein wenig frische Luft!« Die Frau wankte auf den Beinen, schleppte sich aber trotzdem mit mir hinaus. Ich setzte mich mit ihr auf eine Bank neben dem Haus und betrachtete sie. Sie war hübsch, besaß himmelblaue Augen und dunkelblondes Haar, das mit Strähnen in wenigstens vier Farben versehen war. Sie trug eine Jeans und eine eng anliegende ärmellose Jacke, die ihren schlanken und mädchenhaften Körper gut zur Geltung brachte. Ich zündete zwei filterlose Camelzigaretten an und reichte ihr eine. Es war, als ob sie plötzlich zur Besinnung käme, sie ergriff die Zigarette mit dankbarer Hand. Ich räusperte mich. »Ich heiße Anna Káradóttir und arbeite bei der Kripo. Mögen Sie mir sagen, wie Sie heißen und was Sie in diesem Haus machen?« Einen Augenblick schien es, als ob sie nicht recht zuhören würde, doch nach ein paar Zügen schien sie sich zu entspannen. »Ich heiße Alma und wohne im Haus nebenan. Ich arbeite in der Bücherei und hatte mir vorgenommen, auf einen Sprung bei, Jón vorbeizuschauen, ehe ich zur Arbeit fahre. Mein Mann ist Autoschlosser und auf der Arbeit. Er ist ein wenig älter als ich und wahnsinnig eifersüchtig, deshalb treffe ich meine Freunde, wenn er arbeitet.« Ich drückte die Zigarette aus und dachte darüber nach, ob sie ein wenig naiv sei oder ob sie vielleicht glaube, dass ich keinen Verstand besitze. »Sie und Jón hatten, wie sagt man, ein Verhältnis?« Sie nickte und richtete den Blick auf ihre Hände. Es befand sich Blut an ihnen. »Haben Sie Jón ermordet?« Sie starrte mich erschrocken und feindselig zugleich an. »Sind Sie verrückt? Ich hatte vor, ihn zu heiraten, sobald ich von Páll geschieden wäre. Er ist bloß so irrsinnig schwierig.« »Schlägt er Sie?« Sie antwortete nicht, doch ich sah es ihr an, dass es so war. Ich seufzte. Mittlerweile war unser Spurensicherungsteam erschienen. Jetzt ging es richtig los. Ich war froh darüber, wenn die folgenden Tage auch wohl nicht gerade erfreulich bei uns werden würden. »Warum sind Sie so blutig an den Händen?« Sie begann zu weinen. »Als ich ihn so sah, da dachte ich zuerst, dass er vielleicht gar nicht tot sei, doch er war es, und ich glaube, dass ich laut geschrien habe. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch dann kamen Sie.« Sie war im Begriff, aufs Neue zusammenzubrechen, und ich winkte unserer Krankenschwester herzukommen, sie würde sie wieder in einen vernehmbaren Zustand versetzen. Ich war bereits lange Zeit bei der Polizei beschäftigt, wovon ich die vergangenen Jahre gemeinsam mit Baldur in einer besonderen Abteilung, in der ich Chefin war, gearbeitet hatte., Wir bekamen schwierige Fälle und oft umfangreiche Ermittlungsarbeiten aufgetragen. Bei uns hatten wir ein besonders gut geschultes Spurensicherungsteam, dem ich vollkommen vertraute. Es gab nur wenig, was den erfahrenen Augen seiner Mitarbeiter und der guten Technik entging. Im Team befand sich ebenfalls eine Krankenschwester, die besonders für den Umgang mit Opfern von Triebtätern ausgebildet und gleichermaßen eine Spezialistin in der Schockbehandlung war. Es erwies sich als sehr günstig, sie dabei zu haben, denn häufig hatten wir es mit Menschen zu tun, denen ein furchtbares Lebensschicksal irgendeiner Art zugestoßen war. Baldur kam zu mir. »Zum Teufel aber auch, ist das ein perverser Kerl!« Ich nickte. »Ich denke, dass mir eine solche Schweinerei noch nie zu Gesicht gekommen ist. Doch sollen wir das nicht lieber den anderen überlassen? Ich halte es jetzt für angebracht, jenen Nachbarn zu vernehmen, der in dieser Angelegenheit zum Hahnrei gemacht worden ist. Die gleiche alte Geschichte, stets sind es Dreiecksbeziehungen, die nicht aufgehen, ohne dass jemand verletzt wird.« »Ich glaube, das ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst.« Ich zuckte mit den Achseln. »Das wird sich noch herausstellen, doch wir müssen mit dem Automechaniker sprechen.« »Ich habe nach ihm schicken lassen, er wartet hoffentlich auf der Wache, wenn wir zurückkommen.« »Was hast du sonst noch erfahren, während ich mich mit der Frau unterhalten habe?« Er stöhnte. »Soweit ich es sehe, haben zur Zeit nur zwei Personen im, Haus gelebt. Dieser Gunnar wohnt im Dachgeschoss und kam gerade aus Ísafjörður zurück. Und dann hat dieser arme Jón im Erdgeschoss gewohnt.« »Was ist mit dem Keller?« »Im Keller haben junge Leute gewohnt, doch die sind vor einer Woche ausgezogen. Und die neuen Mieter werden erst im nächsten Monat erwartet.« »Wie gesagt, ein günstiger Zeitpunkt, um Jón umzubringen. Gunnar in Ísafjörður und der Keller unbewohnt. Offenbar war irgendein Bekannter am Werk.« Der Tag war bereits fortgeschritten. Ich war drauf und dran, mangels Nikotins und Koffeins einen Kollaps zu bekommen, als ich mich endlich mit einer Kaffeetasse hinausschleichen und eine Zigarette rauchen konnte. In Zeiten wie diesen war überhaupt nicht daran zu denken, zu essen oder sich auszuruhen. So viel hatten wir im Laufe der Zeit gelernt, dass jede Minute, die uns von der Tatzeit entfernt, die Aussichten vermindert, den Mörder zu finden. Ich hatte mir bislang noch kein Urteil gebildet, und insofern war noch vieles unerledigt. Wir hatten Leute hinausgeschickt, um die Anwohner der Straße zu verhören, doch es schien letzte Nacht niemand etwas Ungewöhnliches bemerkt zu haben. Die Nachricht vom Mord hatte sich verbreitet, bei den Medien lief jetzt alles auf Hochtouren. Zum Glück vermochten wir immer noch für uns zu behalten, wie die Leiche zugerichtet war, und das war ein großes Plus. Wir hatten Almas Ehemann, diesen Autoschlosser Páll, vernommen. Er war ein großer und stämmiger Kerl, der ernst aussah und sich ziemlich unkooperativ verhielt. Er fluchte viel, sagte, froh darüber zu sein, dass Jón tot sei, getötet aber habe er ihn nicht. »Ich kann Männer nun einmal nicht leiden, die meine Frau, bumsen«, hatte er barsch gesagt, und es war klar, dass er Jón hasste. Doch die Frage war, hasste er ihn stark genug, um dieses grauenvolle Verbrechen zu begehen? Páll gab zu, von dem Verhältnis zwischen Alma und Jón gewusst zu haben; auch gab er zu, seine Frau geschlagen zu haben, er bestritt es aber entschieden, jemals Jóns Wohnung betreten, geschweige denn ihm etwas angetan zu haben. Wir brachten viel Zeit damit zu, entscheidende Fragen zu stellen, doch es kam nichts dabei heraus, was wir ihm wirklich hätten anhängen können. Páll besaß ein Alibi, denn er war auf der Arbeit gewesen, Alma war somit also unsere einzige Zeugin, zumindest glaubten wir das. Gunnar kam aufs Revier und schien sich etwas erholt zu haben. Gleichwohl spürte ich, dass ihn ein großes Schuldgefühl darüber plagte, sich zu einer Zeit in Isafjörður aufgehalten zu haben, während jemand gerade seinen Nachbarn zu Tode folterte. Er selbst hatte eine Freundin im Westen, die bestätigte, dass er dort gewesen und wann er von ihr losgefahren sei. Es war offensichtlich, dass Gunnar und Jón sich gut verstanden hatten. Jeder hatte bei dem anderen Kaffee getrunken, sie hatten sich zusammen Kinofilme angesehen und gemeinsam ein Bier getrunken, ganz wie es sich für gute Nachbarn ziemte. Das Einzige, was Gunnar nicht zu gefallen schien, war das Verhältnis zwischen Jón und Alma. Er meinte, dass es angefangen habe, als Alma einmal vor ihrem Mann geflüchtet war, halb bekleidet und mit einem blauen Auge, und bei Jón an die Tür geklopft hatte. Er hatte Mitleid mit ihr gehabt und das Bedürfnis, sie zu beschützen und diesem Gewalttäter zu entreißen, den sie dummerweise geheiratet hatte. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass Beziehungen auf die sonderbarste Weise beginnen und die Menschen ihre Gefühle nicht immer kontrollieren können. Doch dieser Mord war viel mehr als nur ein Mord. Es war die Grausamkeit, die ihn so besonders machte, und mir wurde ganz übel, wenn ich daran dachte, was, tatsächlich geschehen war. Es gab so viele Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten. Wer vermochte den Mann zu fesseln und zu knebeln? Es gab keinerlei Anzeichen von Handgreiflichkeiten, keine zerbrochenen Möbel, nirgends gab es Hinweise auf eine Schlägerei. Der Mann musste sich doch gewehrt haben! Es legt sich niemand in sein Bett, um sich ordentlich fesseln und knebeln zu lassen und dann darauf zu warten, dass ihm die Augen ausgestochen und die Genitalien abgeschnitten würden. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, ich zündete mir eine weitere Zigarette an. Baldur kam zu mir. »Ich wusste, wo ich dich finden kann.« Ich grinste. »Draußen, um ungestört eine zu rauchen, da scheint der Kopf am klarsten.« »Ich habe den Haftbefehl für Páll erhalten. Damit haben wir ihn die nächsten vierundzwanzig Stunden. Somit tötet er in dieser Zeit seine Frau nicht.« Ich nickte. »Gut. Du machst weiter, ich muss für einen Augenblick weg.« Baldur tippte mich an. »Na, weiß meine Kollegin schon, wer der Mörder ist?« Ich seufzte nur. »Vielleicht, ich mache nur einen kurzen Besuch.« Mir war komisch zumute, als ich vom Polizeirevier losfuhr. Ich wusste, dass dieser Fall aufgrund seiner Abscheulichkeit einer der unvergesslichen würde. Wir waren an vieles gewöhnt, und ich hatte schon so manches gesehen. Morde waren zwar kein tägliches Brot in Island, aber dennoch zu zahlreich. Auch hatten wir die Leute oft fürchterlich verstümmelt zu Gesicht bekommen. Ich erinnerte mich an einen Mann, der versucht hatte, seine Frau anzuzünden, an Leichen, die lange Zeit gelegen, hatten und verwest waren, bevor sie gefunden worden waren, an einen Mann, den wir von der Straße abspachteln mussten, nachdem ein Trailer ihn überfahren hatte. Doch ich hatte noch nie etwas gesehen, das diesem gleichkam. Ich war in die Straße gekommen, wo der Mord verübt worden war, und etwas bedrückte mich. Vielleicht war es verrückt von mir, allein zu fahren, doch ich hatte diesen Entschluss nun einmal gefasst. Ich musste es so machen. Ich betrachtete das Haus, das jetzt mit einem gelben Band der Polizei abgesperrt war. Doch diesmal führte mein Weg nicht dorthin. Ich hielt das Auto an, stellte den Motor ab und stieg aus. Es herrschte herrliches Wetter, und ich dachte darüber nach, wie es möglich gewesen war, eine Tat wie die der vorausgegangenen Nacht auszuführen. Jetzt war alles so friedlich in dieser kleinen Straße, die Vögel sangen in den Bäumen, vereinzelte Blätter fielen herab. Der Herbst stand bevor, doch über allem lag eine unbeschreibliche Schönheit. Ich schaute mir das Haus an, das ich besuchen wollte. Ein kleines nettes, blau gestrichenes Wellblechhaus, mit einem schönen Garten rundherum. Man sah es ihm nicht an, dass sich darin das Böse verbarg. Ich ging an die Tür und läutete. Nach einer Weile öffnete Alma. Sie schien überhaupt nicht erstaunt darüber zu sein, mich zu sehen. Sie war totenblass, doch viel besonnener als bei unserem letzten Kontakt. Es war offensichtlich, dass sie gerade aus der Dusche kam. Das Haar war noch nass und stand in alle Richtungen, sie hatte sich andere Kleidung angezogen. Sie bat mich herein. Wir kamen in eine kleine holzvertäfelte Küche mit niedlichen Figuren im Fenster. Drinnen alles blitzblank, es war offenbar, dass Alma eine gute Hausfrau war. Wir nahmen beide am Küchentisch Platz, sie schob mir einen Aschenbecher und eine Kaffeetasse hin, doch mir war jetzt nicht nach Kaffee. Eine, lange Zeit über sagte keine von beiden ein Wort. Schließlich raffte ich mich auf. »Sie wussten, dass ich kommen würde.« Sie nickte. »Haben Sie ihn ermordet?« Wiederholt nickte sie, und ich fand, dass sie noch mehr erblasste. »Sie müssen ihn gehasst haben.« »Ich hasse mich.« »Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es reicht für Sie, dass ich den Mord gestehe.« Einen Augenblick lang sah sie mich feindselig an, doch dann entspannte sie sich. »Ich hatte vor, Páll dafür im Gefängnis schmoren zu lassen, doch die Rechnung geht wohl nicht auf.« »Nein.« »Woher wussten Sie, dass ich es war?« »Außer einer Geliebten ist niemand imstande, einen Mann dazu zu bewegen, sich ans Bett festbinden und knebeln zu lassen. Falls Páll es getan hätte, so hätte es Spuren von einem Handgemenge geben müssen, von irgendetwas, doch es gab nichts. Das war die einzig denkbare Erklärung.« Alma schaute in die Luft. »Ich habe mich nur danach gesehnt, frei zu sein. Die beiden loszuwerden.« »Hatten Sie den Mord geplant?« Sie zuckte mit den Achseln. »Ja, ich hatte ihn bloß noch nicht ausgeführt. Allerdings hatte ich nicht vor, ihn zu quälen, aber das ist nun einmal geschehen.«, Mir ging es nicht gut. Vor meinem inneren Auge schwebte das Bild vom ersten Anblick. Der Kopf ohne Augen, die abgeschnittenen Genitalien und das Blut, das sich überall befand. Alma zündete sich eine weitere Zigarette an, ich sah, dass ihre Finger ein wenig zitterten. Es war unglaublich, dass diese feinen, wohlgepflegten Hände diese Tat begangen haben sollten. »Was ist mit der Mordwaffe?« Sie erhob sich, und ich folgte ihr ins Badezimmer, das ziemlich klein war. An der einen Wand hingen zwei Schränke, einer für sie und einer für ihn. Es befanden sich Bilder von Männern und Frauen an den Türen. Sie öffnete den Schrank, der für den Mann vorgesehen war, und wies mich auf ein Fach mit Handtüchern hin. »Ich hatte vor, euch dies bei Páll finden zu lassen. Er ist ein teuflisches Vieh und hätte es verdient, irgendwo zu verrotten.« Sie nahm ein Werkzeug mit einer scharfen Spitze heraus, von dem ich nicht wusste, wozu es dienen sollte. Sowohl an dem Gegenstand wie an dem Handtuch befand sich geronnenes Blut. Ich nahm beides entgegen und legte es in eine Plastiktüte. Alma kicherte. »Das wird verwendet, um Reifen zu schneiden, es ist ungemein scharf.« Mir hatte es die Sprache verschlagen. Die Frau musste schwer gestört sein, es war am besten für mich, sie baldmöglichst aufs Polizeirevier zu bringen. »Wie kam es, dass Sie Ihre Meinung geändert haben?« Sie zuckte mit den Achseln. »Ach, halt so. Es ist ganz unmöglich. Sie hätten doch niemals aufgehört, in meinem Fall zu ermitteln, ich habe das gespürt. Zum Teufel, es ist mir außerdem völlig gleich, ich werde die beiden auch so los.«, »Komm, wir gehen.« Wir gingen zusammen ins sonnige Wetter. Alma nahm schweigend in meinem Auto Platz und legte den Sicherheitsgurt an. Sie wirkte ziemlich entspannt, ich ging daher nicht davon aus, dass sie Widerstand leisten würde. Deshalb beschloss ich, ihr keine Handschellen anzulegen. Es war stets das Beste, wenn die Leute freiwillig mitkamen. Außerdem würde ihr ein solches Benehmen vor Gericht zugute kommen, was sie ja gebrauchen konnte, denn sie besaß nicht gerade viel zu ihrer Entlastung. Ich fuhr ab. Es herrschte wenig Verkehr, das Wetter war herrlich, und das, was man sehen konnte, war so unschuldig und unbedarft. Kinder beim Spiel, ein Herr auf einem Spaziergang mit seinem Hund, alte Frauen auf einer Bank sitzend, kichernde Jugendliche. Gewöhnlicher Alltag in Reykjavik, gerade das, von dem ich fand, dass es die Stadt so faszinierend machte. Doch was war mit mir und Alma? Es hatte nicht den Anschein, dass ich soeben eine rücksichtslose Mörderin aufs Polizeirevier brächte. Wir sahen eher nach zwei Freundinnen aus, die außer Haus gingen, um einzukaufen. Ich seufzte. Es war sicherlich nicht immer alles so, wie es den Anschein hatte. »Was geschieht mit mir?« Ich fuhr zusammen und sah Alma an. »Ich weiß es nicht. Vorerst begeben Sie sich zur Protokollaufnahme und kommen dann in Untersuchungshaft. Darauf, davon gehe ich jedenfalls aus, erfolgt die Haftfähigkeitsuntersuchung, und anschließend kommen Sie vor Gericht, falls Sie daraus heil herauskommen.« Sie lachte kalt. »Heil, wer ist schon heil?« »Ich weiß es nicht.« Ich war froh, als ich da war. Ich empfand es als bedrückend,, mit der Frau zusammen zu sein. In meinem Geist befand sich ein festes Bild der übel zugerichteten Leiche. Ein Bild, das man nur allmählich vergessen würde. Ich verstand es nicht. Schon wollte ich fragen, wie warst du nur dazu imstande, das zu tun, doch ich durfte es nicht. Es war nicht meine Sache zu urteilen, ich sollte den Fall lediglich aufklären, und nun endete meine Aufgabe bald. Das Team von der Spurensicherung würde weitere Untersuchungen in ihrer Wohnung vornehmen, ihre Aussage würde zu Protokoll genommen werden. Dieser Mordfall war zu einfach, als dass es möglich wäre ihn zu vermasseln. Außerdem wusste ich, dass sie die Wahrheit sagte. Sie war keine Mitwisserin. Sie hatte diesen Mord begangen. Als wir auf die Wache gingen, schien Alma noch immer ruhig und besonnen zu sein. Baldur kam mir entgegen, in seinem Gesicht stand eine Frage geschrieben. Ich nickte. »Sie hat gestanden.« Ich öffnete die Zellentür. Páll saß mit den Händen im Schoß auf dem Bett. Ich konnte nicht anders, als ihn zu bemitleiden. Dieser Rohling, der zweifellos vieles auf dem Gewissen hatte, war trotzdem bemitleidenswert. Er blickte mich an, doch der Gesichtsausdruck sagte nichts. »Sie können gehen.« »Wo ist Alma?« Ich sah ihm an, dass er es die ganze Zeit gewusst hatte. »Warum haben Sie mir heute nichts gesagt?« »Sie haben mir nicht die richtigen Fragen gestellt. Sie haben gefragt, ob ich den Mann ermordet hätte, nicht, ob ich wüsste, wer es getan hat. Sie haben gefragt, ob ich heute Nacht zu Hause gewesen sei, Sie haben mich nicht nach ihr befragt.« Ich stöhnte. »Sie hat gestanden.« »Meine arme Alma.«, Er ging an mir vorbei, und ich starrte ihm nach, während er die Polizeistation verließ. Ich verstand ihn nicht. Ich spürte, dass die Erschöpfung mich erfasste, die überwältigende Müdigkeit, wenn etwas Übles passiert ist und nichts es zu ändern vermag. Dieser Fall war zwar abgeschlossen, doch mir ging es dennoch schlecht. Ich verstand die Grausamkeit nicht, verstand nicht, wie das Böse die Oberhand im Leben der Menschen gewinnen konnte. Verstand nicht, warum die Welt so grausam war. Es gab so vieles, was ich in dieser Welt nicht verstehen konnte und auch nie verstehen würde.,

Die Frau, die unsichtbar wurde Unni Nielsen

Während die Dunkelheit aufsteigt, merkt sie, dass es ihr kalt den Rücken herunterläuft, trotz der Hitze. Die Dunkelheit kommt hier viel zu schnell. Und die Nacht ist viel zu schwarz. Undurchdringlich steht die Nacht hinter dem Lichtkegel, stumm, bedrohlich, wie ein ruhendes Raubtier. Sie hat es nie geschafft, sich daran zu gewöhnen. Sie stammt aus einem Land mit blonden Nächten, in dem die Dämmerung langsam kommt. Anne hält das Glas fester. Es werden jetzt immer ein paar Gläser zu viel. Um diese Zeit sind fast keine Leute in der Bar. All jene, die hier vor Mittag reinschauten, sind schon nach Hause gegangen. Die anderen, die die ganze Nacht zusammensitzen mit ihrem Kartenspiel und den Würfeln, strömen erst später langsam ein. Die Nachtmenschen, die irgendwo auf die Dunkelheit warten. Bald werden sie kommen und Anne mit ihren Stimmen und Bewegungen umschlingen. Sie sitzt ganz hinten in der Ecke. Dort sitzt sie immer, möglichst weit weg vom Grammofon. Es ist vielleicht die letzte Bar auf der ganzen Welt mit einem Kurbelgrammofon. Alles braucht seine Zeit in Afrika, alles bleibt noch lange erhalten, selbst wenn es andernorts längst vorbei ist. Sie wünschte, das Grammofon würde aufhören, diese idiotische Musik auszuspucken. Doch das tut es nicht. Yeboa hinter der Bar stellt es selbst an, wenn niemand anderes es tut. »Stay with me till morning comes.«, Der Mann auf dem Barhocker wirkt angespannt. Seine Finger sind dauernd in Bewegung. Jetzt fragt er, ob Yeboa erklären könne, wie die Musik in den Grammofonkasten gekommen sei. Yeboa lächelt. »Es ist wohl eine Kraft, die kommt. Vielleicht liegt sie in meinen Händen, und wenn ich kurble, kommt die Musik raus.« Der Mann auf dem Barhocker hat unwahrscheinlich helle Augen, blau, fast farblos. Wenn ein Kind mit solchen Augen in den Dörfern geboren würde, denkt Yeboa, hätte es sicher nicht leben dürfen. Die Menschen hätten Angst vor ihm gehabt. Der Mann mit den hellen Augen ist der Chef der Wachmannschaft der Holzgesellschaft. Einmal schlug er einen Einbrecher nieder, ohne auch nur die Hände zu ballen. Die Leute erzählen, er sei Söldner in Ostafrika gewesen. Anne dreht und dreht das Glas in ihren Händen. Der Mann auf dem Barhocker hat sich zu ihr umgedreht. Ihr läuft es wieder kalt den Rücken herunter. Etwas ist mit seinen Augen. Sie schaut auf ihr Glas, versucht, jeden Kontakt zu vermeiden. Der Mann passt hier nicht her, das wird es sein. Aber sie kamen aus demselben Land, ewig lange ist es her, ein Land, in dem die Dunkelheit weniger angsteinflößend ist als hier. Da sie um jeden Preis nicht an das Land erinnert werden möchte, hat sie versucht, ihm aus dem Weg zu gehen, aber man kann nirgendwo anders hingehen als hierher. Warum kommen nicht bald mehr Leute? Anne sieht auf die Uhr. Es dauert noch viele Stunden, bis sie zurück ins leere Haus gehen kann. Draußen wartet der Chauffeur, schlafend, im Landrover. Sie kann sich also so betrinken wie sie möchte. Der Chauffeur wird sie einsammeln und nach Hause verfrachten, heute Abend wie an allen anderen Abenden. Bald, nach noch einigen Drinks, wird die Schwere leichter werden, die die Dunkelheit zu etwas Dichtem, Lähmendem um ihren Körper presst. Dann kann sie heim in das leere Haus gehen. In zwei Tagen kommt Jón aus dem Landesinneren zurück. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringt, sie damit zu warten, dass Jón nach Hause kommt. Bevor die Kinder zurück nach Europa reisen mussten, um eine Ausbildung zu machen, war es leichter. Jetzt kann sie auch mit ihnen nicht mehr richtig reden. Selbst musste sie nie eine Ausbildung machen. Sie winkt nach Yeboa. Er kommt mit einem doppelten Whiskey, bleibt an ihrem Tisch stehen. Der Mann auf dem Barhocker wird langsam betrunken. Er wirkt heute nicht ganz wie sonst, und das macht ihr Sorgen, sitzt wie eine kleine, murrende Unruhe im Zwerchfell. Sie macht sich um zu vieles Sorgen, ja das tut sie. Vielleicht langweilt auch er sich nur. Sie nimmt noch einen Schluck Whiskey. »Worauf wartest du, Yeboa?« Er tut so, als ob er sie nicht verstünde. »Ich warte auf den Regen, Ma’am. Alle auf dem Land warten jetzt auf den Regen.« »Das habe ich nicht gemeint, das verstehst du doch wohl?« »Selbstverständlich, Ma’am. Sie haben vergessen zu bezahlen. Ich dachte nicht, dass ich Sie daran erinnern müsste.« Immer dieses ›Ma’am‹, jetzt etwas deutlicher, um einen Abstand zu markieren. Sie will es nicht, aber dennoch hat sie plötzlich Tränen in den Augen. Yeboa macht einen kleinen bedauernden Schnalzlaut mit der Zunge, genervt, aber gleichzeitig doch sanft. »Wenn Sie warten möchten«, sagt er leise, »heute ist Freitagabend, da wird es spät, bis ich hier fertig werde. Aber Sie können danach bei mir schlafen. Versuchen Sie es nicht bei dem mit den weißen Augen. Und trinken Sie jetzt nicht mehr Whiskey, das ist nicht gut für Sie.« »Er hat einen Namen.« »Wer, Ma’am?« »Er mit den hellen Augen. Er heißt Jørgen.« »Jørgen?« Yeboa probiert das merkwürdige Wort, lacht, freundlich, dreht sich um und geht. Anne sitzt ganz still, verblasst langsam, bis sie fast eins mit der Wand wird. Vierzig Jahre Übung hat sie im Stillsitzen und langsamen Verblassen, bis sie eins mit der Wand wird. Eines schönen Tages wird es geschehen, sie wird in ihr verschwinden, und nach einer langen Zeit würde der eine oder andere daran denken, dass sie dort gesessen hatte und sich fragen, was aus ihr geworden war. Anne lacht plötzlich laut, mitten in die Stille hinein. Die zwei an der Bar, Jørgen und Yeboa, sehen erschrocken zu ihr hin. Sie fühlt sich erleichtert. Eigentlich ist es ganz leicht. Genau dafür bezahlt sie Yeboa manchmal, um sichtbar zu werden, sich lebendig zu fühlen, wenn auch nur für ein kleines Stückchen Zeit, bis sie wieder verschwindet. Es saust schwach in ihrem Kopf. Die Schwere beginnt leichter zu werden. Die beiden haben zusammen an der Bar gestanden und leise miteinander gesprochen. Anne hat gedankenverloren dagesessen und vergessen, wo sie war, vergessen, dass sie überhaupt anwesend waren. Das Grammofon blieb still, Gott sei Dank. Das leise Gemurmel der Stimmen hat die Unruhe im Zwerchfell gedämpft, menschliche Stimmen, etwas zu leise, etwas zu undeutlich, als dass sie die Worte hätte verstehen können. Jetzt sehen sie sie an, die Gesichter sind merkwürdig glatt, wie Masken. Vielleicht ist es der Whiskey, sie kann sie irgendwie nicht ganz deutlich sehen. Jetzt geht Yeboa um die Bar und setzt die Musik wieder in Gang: »Stay with me till morning comes.« »Zum Teufel«, sagt Jørgen, während sich der Raum mit Geräuschen füllt. »Ich hatte vergessen, dass sie dort sitzt. Sie kann jedes Wort gehört haben, das wir gesagt haben. Was machen wir jetzt?« Yeboa winkt ab und gibt ein paar bedauernde Klicklaute mit, der Zunge von sich. Es ist wohl nicht notwendig zu antworten. Jørgen muss doch wissen, was zu tun ist, oder? Ihre Schultern sind etwas nach vorn gebeugt, und sie starrt auf die Tischplatte. Deshalb bemerkt sie Jørgen nicht, als er den Boden überquert. Sie bemerkt überhaupt nichts. Der Schlag gegen ihren Hals ist nicht mal besonders kräftig. Das ist auch nicht notwendig. Er hat es schon viele Male zuvor gemacht, weiß genau, wie es gemacht werden muss. Durch ihren Körper gehen einige Zuckungen, bevor sie wie eine Schlenkerpuppe zusammenfällt. »Ich muss dein Auto nehmen«, sagt Jørgen, »die Waffenkisten liegen ja schon im Pajero.« Yeboa zuckt mit den Schultern. Jeden Moment können jetzt Leute kommen. Eben war es noch ein lebloser Körper, jetzt ist es nur noch ein leerer Stuhl. Die Frau, die hier sitzen sollte, bis er Feierabend hätte, existiert nicht länger, ist nur eine Schlenkerpuppe, mit einem Kopf, der in einem merkwürdigen Winkel hin und her schwang, als Jørgen sie hochhob. Yeboa hört draußen Stimmen und beeilt sich, wieder hinter die Bar zu kommen. Alles ist wie sonst, bis auf den leeren Stuhl. Ihn wird man nicht verdächtigen. Das Einzige, das er jetzt tun muss, ist warten. Jørgen wird mit seinem Landrover zurückkommen, sich in den Pajero setzen und die Waffenkisten zum Treffpunkt fahren. Er wird sich nur ein wenig verspäten. Das wird nichts ausmachen. In diesem Land kann »twelve o’clock sharp« alles zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang bedeuten. Er muss nicht weiter darüber nachdenken. Es ist nicht seine Schuld, dass Leute hierher kommen und zu viel reden. Er war es ja nicht, der zugeschlagen hat. Er will nichts anderes als hinter der Bar stehen und sich um seine Angelegenheiten kümmern., Doktor Peabody ist immer zuerst an der Bar. Genau um neun Uhr nimmt er den ersten Gin und Bitter zu sich. Nicht vorher, aber auch nicht einen Augenblick später. Vier Tage später auf dem Polizeirevier wird er ganz überzeugt sagen, dass es neun Uhr war. Ob Frau Hansen auch dort saß? Das glaube er schon. Das tue sie doch immer. Nein, er könne nicht sagen, dass er bemerkt habe, wann sie gegangen sei. Sie muss sich verlaufen haben, auf den Steg gekommen sein, gestolpert und in den Fluss gefallen, die Ärmste. Es ist ja in diesem Land so dunkel in der Nacht. Ach ja, es sei ja nicht so, dass er etwas Schlechtes über einen Menschen sagen wolle, jeder habe mit dem Seinen zu tun, das sei immer seine Meinung gewesen. Aber es sei ja nun nicht gerade ein Geheimnis, dass sie … tja … etwas zu tief ins Glas schaute? »Alle Menschen haben sie ja gesehen«, sagte Yeboa mild. »Ja, ich habe ihr Drinks serviert, Whiskey, das war es, was sie trank.« Ob sie besonders betrunken an dem Abend gewesen sei? Das glaube er nicht. »Sie muss ja noch aufrecht gegangen sein, da sie sich doch verlaufen hat, meine ich. Sie verstehen, manchmal muss ich ihren Chauffeur bitten, reinzukommen und sie zu holen, um es mal zu sagen, wie es ist. So ein Abend war es nicht. Übrigens, warum fragen Sie nicht die anderen? Die Bar war ja voll von Leuten. Ich hatte viel zu tun. Es ist nicht so leicht, alles mitzubekommen.« »Ich habe bereits die anderen befragt«, sagt der Polizeibeamte. »Sie erinnern sich nicht. Sie haben nicht bemerkt, wann sie ging. Es gibt nicht mal einen, der ganz sicher sagen kann, ob sie genau an diesem Abend überhaupt da war. Und gestern und vorgestern, sie wussten nicht mal, dass sie weg war. Alle glaubten, dass sie da war, weil sie doch immer da ist, sagen sie., Sie sind ganz erschrocken, wenn ich ihnen erzähle, dass sie letzten Freitag gestorben ist.« »Aber ihr Chauffeur?«, fragt Yeboa. »Ja, der erinnert sich in der Tat, dass er sie am Freitag zum Club gefahren hat«, antwortet der Polizeibeamte trocken. »Aber nicht, sie nach Hause gefahren zu haben. Er hat ein Nickerchen gemacht, während er wartete, sagt er, und als er aufwachte, war sie weg.« »Das machen sie immer.« »Was denn?« »Ein Nickerchen, solange sie warten, die Chauffeure, draußen in der Auffahrt.« »Ja klar. Der Chauffeur glaubt, sie sei mit einem anderen nach Hause gegangen. Ja, das sei auch schon früher passiert, leider, dass sie ein paar Tage weggeblieben sei, der Mann sei ja so viel auf Reisen. Ich sage immer, wenn alle Menschen eine gute, altmodische Moral wie früher hätten. Na ja, das ist doch ein Beispiel, wie es gehen kann.« Yeboa runzelt die Stirn. »Sie war ja ganz allein im leeren Haus«, sagt er mitfühlend. »Es kann nicht gut sein für einen Menschen, so viel allein zu sein. Ich verstehe die Leute aus Europa nicht, Sir, sie kümmern sich überhaupt nicht umeinander. Das ist keine schöne Geschichte, ganz Ihrer Meinung. Aber gibt es da mehr zu sagen?« »Es gibt zu viele Dinge, die nicht stimmen«, antwortet der Polizeibeamte geduldig. »Zuerst einmal ist sie nicht ertrunken, sie brach sich das Genick und war tot, bevor sie ins Wasser gefallen ist. Und dann hatte sie an dem Tag eine Menge Geld abgehoben. Als wir sie fanden, war nur ein bisschen Kleingeld in ihrer Tasche. Sie hielt immer noch die Tasche fest, als wir sie fanden.« »Das machte sie immer, das war eine Angewohnheit von ihr.«, »Was denn?« »Sie saß immer da und klammerte sich an ihre Handtasche.« Yeboa kann sie plötzlich wieder sehen, nicht den toten Körper, sondern sie, wie sie sich an ihre Handtasche klammert. Ganz deutlich sieht er sie. Das hat er eigentlich zuvor nie richtig getan »Und dann ist da noch der Ring«, sagt der Polizeibeamte. »Der Ring?« »Er war ziemlich wertvoll, Gold mit Diamanten, er tauchte im Pfandhaus unten in der Stadt auf. Ihr Mann hat ihn wiedererkannt.« Yeboa erinnert sich auch an den Ring, es kam vor, dass sie ihn drehte und wendete. Es ist ganz merkwürdig, wie deutlich er den Ring sehen kann. Yeboa versteht nicht, woher die Wut kommt. Sie kommt ganz plötzlich, steigt und steigt, rauscht in den Ohren, stärker und stärker, drängt. Er umgreift die Kanten der Bar mit aller Kraft. Die Wut ist jetzt Schmerz, reiner, weißer, stechender Schmerz genau unter der Stirnhaut. Sie drängt und will raus. »Ich verstehe nicht, dass er das Geld und den Ring nehmen musste«, sagt Yeboa. »Aber das sage ich ja, wenn ein Kind mit solchen Augen in den Dörfern geboren wäre, hätten sie es niemals leben lassen.« »Was um alles in der Welt redest du da?«, fragt der Polizeibeamte. »Er hätte nicht das Geld und ihren Ring nehmen sollen. Es reicht doch, dass er sie erschlagen hat?« »Grundgütiger, von wem sprichst du? Sein Name, kennst du ihn?« »O ja!«, bricht es aus Yeboa raus. »Sie hat ihn mir gesagt, Sir. Er hat einen Namen, sagte sie. Jørgen heißt er. Er ist der Chef der Wachmannschaft der Holzgesellschaft. Er hat viel an dem Abend geredet. Und dann war es so, als ob sie verschwunden, sei, Sir, für eine ganze Weile. Wir bemerkten sie erst wieder, als sie anfing, in ihrer Ecke zu lachen. Ich hatte nicht vor, das jemandem zu erzählen. Ich habe genug mit meinen Sachen zu tun, Sir. Aber er hätte nicht das Geld und den Ring nehmen sollen. Sie nahmen alles, Sir. Sie nahmen unsere Bäume, sogar den Namen von dem Dorf haben sie genommen. Leute, die Namen und Bäume stehlen und das, was die Toten mit sich nehmen sollen, was sind das nur für Menschen, können Sie mir das sagen, Sir? Ich erinnere mich gut an den Ring. Ich bin mir sicher, sie hätte ihn gern behalten. Das ist alles, Sir. Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen.« Yeboa wendet sich vom Polizeibeamten ab, streicht mit den Händen fast liebevoll über den Grammofonkasten und kurbelt: »Stay with me till morning comes.«,

Das Letzte, was sie taten Veums erster Fall Gunnar Staalesen

Manche Fälle löst man an einem Tag. Für andere braucht man fünfundzwanzig Jahre. Mein allererster Fall gehörte zu Letzteren. Es war das Jahr, in dem Saigon kapitulierte und es in Norwegen verboten wurde, Reklame für Alkohol und Tabakwaren zu machen. Die UNO hatte das Jahr zum internationalen Jahr der Frau erklärt, und es gab wenige Männer, die sich ohne Gesundheitsschuhe und Samthosen auf die Straße trauten. The Marlborough Man war am Ende, in jeglicher Hinsicht. Ich hatte alles, was ein Privatdetektiv brauchte, der etwas auf sich hielt. Ich war dreiunddreißig, glatt rasiert, einsachtzig groß und achtundsechzig Kilo schwer. Mein Haar war dunkelblond und gerade so lang, dass ich ein paar potenzielle Kunden damit abschreckte. Ich ging zwei- bis dreimal die Woche joggen, und meine Kondition ließ nichts zu wünschen übrig. Ich war gesund und munter und bereit für neue Aufgaben. Das Problem war nur, dass niemand von mir wusste. Es war ein wechselhaftes Jahr gewesen, sogar für meine Verhältnisse. Meine Karriere beim Jugendamt hatte ein abruptes Ende genommen. Im Mai hatte ich einen Dealer fast totgeprügelt, nachdem ich ihn im Bett mit einer meiner jüngsten Klientinnen gefunden hatte. Im Juni wurde ich vor meinen Abteilungsleiter Johnsen zitiert, der mir mit trauriger Mine vorgeschlagen hatte, ich solle doch eine Beurlaubung beantragen. »Ich glaube, du brauchst das, Varg«,, hatte er gesagt. »Einen richtig schönen, langen Urlaub …« Nachdem ich ein paar Tage nachgedacht hatte, reichte ich meine Kündigung ein. Niemand protestierte. So ist das, wenn man in seinem Beruf hohen Respekt genießt. Im Laufe des Sommers bekam ich Büroräume im Strandkaien angeboten. Ich hatte dem Hausbesitzer einmal einen so großen Dienst erwiesen, dass er sich immer noch an meinen Namen erinnerte. Wenn ich den Job als Hausmeister hätte haben wollen, hätte ich ihn gleich dazubekommen, aber ich lehnte dankend ab. Ich hatte andere Pläne für mein Leben. In den letzten Julitagen renovierte ich das Büro. Im August meldete ich die Firma als Einmannunternehmen an und setzte eine kleine Annonce in die billigste der vier Tageszeitungen der Stadt. Den Telefonbucheintrag schaffte ich erst im Jahr darauf, und die Annonce hatten nur wenige registriert. Dass es still war im Büro, war also nicht verwunderlich. Ich verbrachte meine Zeit damit, über das Leben nachzudenken, und ich hatte genug zu grübeln. Es war nicht einmal eine Woche her, dass ich meine Mutter beerdigt hatte. Noch stärker als vorher hatte ich das Gefühl, mich auf einer einsamen Insel zu befinden, von allem und allen verlassen, ohne dass mich jemand gefragt hatte, welche drei Lieblingsbücher ich mitnehmen wollte. Und damit nicht genug. Es war schon ein Jahr her, seit meine Ehe mit Beate geschieden wurde. Sie hatte einen neuen Mann gefunden, und Thomas hatte einen Stiefvater bekommen. Ich selbst hatte auf ein neues, verlockendes Leben draußen unter den Wölfinnen gehofft, aber bis jetzt schnappte noch niemand gierig nach meinen Hosenbeinen, abgesehen von mindestens einem Kreditor. Es war nicht zu verleugnen: Ich befand mich in einer Art emotionalem Niemandsland, mitten zwischen den Schützengräben, ohne dass jemand auf mich zielte. Immerhin, war ja die Sicht auch schlecht, in diesem dunkelsten aller September. Noch wussten wir es nicht, aber die Pessimistischsten unter uns ahnten es schon: Am Ende des Monats wartete der damalige Niederschlagsrekord. Über längere Zeiträume klatschte der Regen so heftig gegen meine Fensterscheiben, dass ich eher das Gefühl hatte, ich befände mich in einem U-Boot als im dritten Stock über dem Strandkaien. Wenn es so weiterginge, würden den Markthändlern noch Kiemen wachsen. Mein allererster Klient sah denn auch aus, als suche er eher Schutz vor dem Regen als einen Privatdetektiv. Es platschte draußen im Wartezimmer. Ich hörte, wie er sich kräftig räusperte, bevor er hart an den Türrahmen klopfte und den Kopf durch die Öffnung steckte. Ein Ertrunkener hätte kaum lustiger aussehen können. Er war barhäuptig durch den Regen gegangen, trug einen verschlissenen Mantel und weite graue Hosen, die ihre besseren Tage damals auf dem Ständer bei der Heilsarmee gesehen hatten, wo er sie für einen Heiermann gekauft hatte. Das dunkle Haar klebte an seiner Kopfhaut, und er starrte mich mürrisch an, als sei das Wetter meine Schuld. »V. Veum, sind Sie das?« »So steht es auf dem Schild«, sagte ich, ohne große Hoffnungen in das Gespräch zu setzen. »Und Sie – finden Sachen raus und so?« »So sollte es sein, ja.« »Dann müssen Se mir erst mal erzählen … Sind Sie schon mal um hunderttausend beschissen worden?« »Ich habe niemals auch nur annähernd hunderttausend besessen.« »Na, seien Se froh. Is die reinste Hölle.« »Aber Sie – hatten also das Vergnügen?« »Ja, aber hat nich lang gedauert. Weder das Vergnügen noch die Hunderttausend. Wir haben gefeiert, und weg war er, der Olai und das ganze Vermögen.« Er kniff ein Auge zu und starrte, mich mit dem anderen an, als wolle er mich schärfer stellen. »Ob Se den wohl finden können? Den Olai?« »Vielleicht sollten wir noch mal am Anfang anfangen?« Ich nickte zum Klientenstuhl, den er somit die Ehre hatte, einzuweihen. »Wollen Sie sich nicht setzen?« Er betrachtete den Stuhl misstrauisch, schielte dann zu mir herüber und streckte seine Hand aus. »William Larsen, aber se nennen mich bloß das Auge, hab nie begriffen, wieso.« »Ach nein? Aber nehmen Sie doch Platz. Eine Tasse Kaffee?« »Das wär gut!« Ich stand auf, füllte den Wasserkocher und stöpselte dann den Stecker ein. »Ich werde Ihnen einen richtigen Kaffee machen, zur Feier des Tages.« »Feier?« »Ja, aber vergessen Sie’s. Fangen Sie lieber an zu erzählen.« »Ich kenn ihn schon, seit wir zur See gefahren sind. In den Osten, Australien, die Staaten – you name it.« »Ich bin auch mal zur See gefahren.« »Nee, echt?« »Wie heißt dieser Olai weiter?« »Risøy, Olai Risøy.« Ich notierte; wenn vielleicht auch nur, um Eindruck zu machen. »Dann sind wir beide an Land gegangen. Das heißt, der Olai ist irgendwie immer noch auf See, als Maschinist auf der Askøy- Fähre. Wenn er frei hat, nimmt er Handwerksjobs an. Gießt Estriche, macht Tischlerarbeiten … Is vielseitig, der Olai.« »Und Sie selbst?« »Ich such mir eher zufällige Jobs, am Kai und so, wissen Se. Frag mich langsam, ob ich nich wieder rausfahren soll. Aber, okay. Jetzt geht’s los. Der Olai und ich, wir spielen seit Jahren Lotto zusammen. Jede Woche füllen wir unsere Scheine aus, nach einem System, das wir selbst entwickelt haben. Wir treffen uns jeden Montag. Kippen ein paar Halbe und füllen zusammen die Lottoscheine aus. Im Børsen, hier um die Ecke.« »Aha.« Er brauchte mir nicht zu erzählen, wo das Børsen war. Ich hatte da eine Dauerkarte. »Und jetzt, letzten Samstag, ham wir voll ins Schwarze getroffen.« »Zwölf Richtige?« »Zwölf Richtige mit Sahnehäubchen, kann ich Ihn’ sagen! Der einzige Zwölfer.« »Also ein guter Gewinn, was?« »Aber hallo! Zweihunderttausend! Wie viele Jahreseinkommen sind das?« »Tja, fragen Sie mich nicht, dafür brauch ich einen Rechenschieber.« »Und die Hälfte davon war meins. Klar, dass wir gefeiert ham, oder?« »Klar, hätte ich auch gemacht.« »Wir ham echt nix ausgelassen.« »Aha?« »Sie kennen doch sicher das Lied von Jakob Sande. Wir ham es oft auf See gesungen, wenn wir inner Bar warn. – Zwei Bauern, so erzähl’n sich die Leut …« »… waren nie nüchtern, gestern wie heut. Hab ich schon mal gehört, ja.« »Und bei uns kam morgen und übermorgen auch noch dazu. Und den dritten kann ich voll unterschreiben: Sie wussten nicht mehr, was geschehen war.«, »Aber es heißt im Lied auch: dann gingen sie in den Fjord baden.« Wieder starrte er mich an, das eine Auge geschlossen. »Sie könn’ Ihre Klassiker, Veum. Und der Sande, der war gar nich so blöd, als er geschrieben hat: Und das war das Letzte, was sie taten.« »Vielleicht sollten wir die Literatur mal wieder verlassen und uns der Wirklichkeit zuwenden … Was ist passiert?« »Fragen Se mich lieber, was nich passiert is! Was passiert is, das sollen Sie ja grade für mich rausfinden. Aber was nich passiert is, is Folgendes. Wir haben uns jede Woche abgewechselt mit dem Scheine unterschreiben, und diese Woche gingen sie auf seinen Namen. Das Geld sollte von Norsk Tipping in Hamar auf sein Konto überwiesen werden, und dann wollten wir zusammen zur Bank und die Hälfte an mich überweisen. – Hunderttausend, Veum! Stellen Se sich mal vor! Ich hab mich gefühlt wie ’n reicher Mann!« »Das würde ich …« »Aber dann is er halt verschwunden – hat sich einfach in Luft aufgelöst.« Ich beugte mich nach vorn. »Ach, wirklich? Erzählen Sie!« Er sah mich düster an. »Da is nicht viel mehr zu erzählen. Den einen Tag war er noch da. Den andern Tag war er verschwunden. Ich fand es schon irgendwie komisch, dass ich nix von ihm gehört hab. Und nach ein paar Tagen bin ich dann zu ihm rausgefahren. Kleine Dachwohnung im Trangesmauet, draußen in Verftet.« »Ich weiß, wo das ist.« »Aber da war er nich. Der Vermieter hatte ihn seit ein paar Tagen nich mehr gehört, hat er gesagt. Dann hab ich seine Schwester angerufen. Ja, nich, dass ich se schon mal getroffen hätte, aber er hat oft von ihr geredet – eben dass er nich fein, genug war für sie und den Kerl, mit dem sie verheiratet is, obwohl der auch nich mehr war als ’n ganz gewöhnlicher Bankangestellter. – Nee, Olai, hat se gesagt, als würd ich sie nach ’nem entfernten Verwandten fragen. Den hätt se seit Weihnachten nich mehr gesehn, da hätten se alle zusammen gegessen. – Aber ich hab nich aufgegeben. Ich bin in den Tabakladen, wo wir immer unsere Lottoscheine abgeben, aber da war er auch nich gewesen, ham se da gesagt. Der hat große Augen gemacht, sag ich Ihnen, der Mann, der den Laden führt. – Was sagst du? Habt ihr gewonnen? Wie viel denn? – Und dann is mir das mit der Kontaktannonce eingefallen.« »Kontaktannonce?« »Ja, Sie wissen schon. Als Olai vierzig wurde, das is erst paa Wochen her, da meinte er, nu wär’s mal Zeit, selber aktiv zu werden. Also is er zur Zeitung und hat ne Annonce aufgegeben … Ja, ich hab se sogar ausgeschnitten.« »Warum das denn?« »Man weiß ja nie. War vielleicht gut, se zu haben, wenn ich mal selber so was versuchen wollte. Ich mein … Ich könnte schon auch gut ne Frau brauchen.« »Mmh«, stimmte ich ihm zu, ohne persönlich zu werden. Er steckte die Hand in die Innentasche seiner Jacke und holte eine alte, schlappe Brieftasche hervor. Mit zitternden Fingern zog er einen kleinen Zeitungsausschnitt heraus und reichte ihn mir über den Schreibtisch. »Und geschämt hat er sich auch nich. Hat es jedem Idioten erzählt, der es hören wollte. Kein Mensch im Børsen, der nix davon wusste, jedenfalls.« Ich sah mir die Annonce an. »Aber hat er Antwort bekommen?« »Tja, das steht in der Geschichte nich drin.« Er sah düster auf den kleinen Papierschnipsel in meinen Fingern. Der Text war nicht lang., SCHLUSS MIT DER EINSAMKEIT? Ferien im Süden? Mann in den besten Jahren sucht weibl. Bekanntsch. 25-45. Reisefreudig und mit Lust auf alles, was das Leben zu bieten hat! Chiffre Nr. 18910 »Wahrscheinlich hat er genau das getan«, sagte ich. »In den Süden reisen.« William Larsen stand abrupt von seinem Stuhl auf und schlug so heftig mit der Faust auf meinen Schreibtisch, dass sowohl ich als auch das Telefon einen Satz machten. »Das sag ich Ihn Veum, wenn der mit meinem Gewinn abgehauen is … Dann bring ich ihn um!« Veums erster Fall, dachte ich selbstironisch, als ich den Regenschirm aufspannte, meinen Mantel zuknöpfte und leicht vornübergebeugt in die Stadt hineinging. Ich fühlte mich wie ein von Noah Zurückgelassener, der auf dem Kai stehen blieb, als die Arche mit allen anderen an Bord um Kvarven herum verschwand. William Larsen hatte mir feierlich einen ordentlichen Bonus versprochen, wenn ich bloß seinen Lottokumpel fand, sobald der Gewinn in die richtigen Hände gekommen wäre. Als ich ihn fragte, warum er mit der Geschichte nicht zur Polizei gegangen war, hatte er mich nur verwundert angesehen: »Die Bullen? Was glauben Se denn, warum ich zu Ihnen komme?« – »Na ja … Ich beklage mich natürlich nicht, aber es wäre doch vielleicht effektiver.« »Effektiver?«, hatte er mit Hohn in der Stimme geantwortet, und mehr Energie hatte ich nicht in die Sache gesteckt. Ich hatte gefragt, ob er ein Foto von Olai Risøy hatte. Das, hatte er nicht, aber er hatte mir eine Art Beschreibung gegeben: Knapp über vierzig, um die einsachtzig, kräftig gebaut und dünne blonde Haare. Auf dem kurzen Weg zu der kleinen Boutique in der Skostredet, wo seine Schwester, Astrid Lunde, als Verkäuferin arbeitete, kam ich an ungefähr zehn Leuten vorbei, auf die diese Beschreibung zutraf. Es war ein Boutique für junge Frauen mit erwachsenen Scheckheften, oder auch umgekehrt. Aus der Stereoanlage ertönte ABBA mit ihrer neuesten Landplage »S.O.S.«, als ich hereinkam, und in gewisser Weise hatte ich vielleicht auch das Bedürfnis, ein solches Signal auszusenden. Ich hatte mich an solchen Orten noch nie zu Hause gefühlt; am wenigsten, wenn ich allein kam. Die Frau, die lässig hinter der Kasse stand, trug lange, geblümte Leggins und eine lila Bluse, durch die man deutlich einen eine Schattierung dunkleren und sehr dekorativen BH hindurchschimmern sah. Ihr leuchtend rotes, krauses Haar und der weiße Pfannkuchenteig, mit dem sie ihr Gesicht dekoriert hatte, waren offenbar ein Versuch, sie jünger aussehen zu lassen, aber sie konnte mich nicht hinters Licht führen; sie war mindestens zwei Wochen älter als ich. »Astrid Lunde?« Sie sah mich skeptisch an. »Ja?« »Mein Name ist Veum. Ich stelle ein paar Nachforschungen an wegen Ihres Bruders.« »Nachforschungen?« »Olai Risøy. Sie können bestätigen, dass das Ihr Bruder ist?« Sie verdrehte die Augen. »Es hat keinen Sinn, es abzustreiten. Woher kommen Sie? Vom Finanzamt?« Jetzt hörte ich den kaum erkennbaren Dialekt unter ihrer polierten Sprache; ein winziges Schleifen der R’s, das sie früher sofort als ehemalige Inselbewohnerin identifiziert hätte., »Nein, ich … Er soll verschwunden sein, mit einem größeren Geldbetrag.« »Einem größeren Geldbetrag? Olai? Der hat doch nie … Sagen Sie mal, wer sind Sie eigentlich? Kommen Sie von der Polizei?« »Nein, nein. Ich bin Privatdetektiv. Olai und ein Kumpel haben einen größeren Betrag im Lotto gewonnen, und jetzt ist er verschwunden. Ihr Bruder.« Sie starrte mich an. Ihr Blick war blau wie das Meer, dort, wo sie herkam, und wenn man sich nach vorn beugte, konnte man vielleicht einen kurzen Blick in die Tiefen erhaschen, in die sie einen vielleicht geführt hätte, hätte man nur eine dickere Brieftasche gehabt. »Ein Lottogewinn? Wie hoch denn?« »Ungefähr zweihunderttausend, heißt es.« »Zweihunderttausend?« »Sie haben keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte?« »Nein, ich … Wir haben nicht so viel miteinander zu tun.« »Zu Hause ist er jedenfalls nicht. Ihre Familie hat nicht vielleicht einen Hof oder so was?« »Na ja, Hof …« Sie zögerte, als wolle sie nur ungern verraten, woher sie kam. »Da ist natürlich das Haus, in dem wir aufgewachsen sind.« »Und wo ist das?« »Bei Kolbeinsvik, wenn Ihnen das was sagt.« »Ich finde es auf der Karte. Und Ihr Mann? Der hat sicher auch nichts von ihm gehört, oder?« »Harald? Ausgeschlossen! Die beiden sprechen völlig verschiedene Sprachen.« »Das kann ich mir denken. Er arbeitet bei der Bank, stimmt’s?« Der Fjord fror vor meinen Augen zu. »Und was hat das mit, dem Ganzen zu tun?« »Na ja, ich dachte mir … Wenn Ihr Bruder Rat gebraucht hätte, was er mit diesem überwältigenden Betrag tun sollte, den er gewonnen hat …« »Dann glaube ich kaum, dass er Harald um Rat gefragt hätte.« »Nein?« »Nicht einmal, wenn es um Leben und Tod gegangen wäre.« »Na ja … So ernst war es wohl nicht.« Als ich ging, war ABBA bei einem anderen Song angelangt: »I do, I do, I do, I do, I do«, sangen sie jetzt, wie um ganz sicherzugehen, dass wir es auch mitkriegten. Bevor ich nach Austevoll fuhr, klapperte ich die beiden anderen Orte ab, die William Larsen erwähnt hatte. Der untere Teil des Trangesmuget hatte seinen Namen »Enge Gasse« zu Recht. Wenn man mitten auf der Gasse stand, konnte man problemlos die Hauswände auf beiden Seiten berühren. Olai Risøys Hauswirt, Fredrik Andersen, sah aus, als habe er sich der Umgebung angepasst: klein und flink, wie ein Wiesel auf der Jagd über die Ufersteine. Er war an die Siebzig, hatte flinke, wache Augen und gerade so viel Sinn für die unerwarteten Dinge des Lebens, dass er mit Freuden mit mir in Risøys Wohnung unter dem Dach hinaufstieg, und wenn es nur war, um zumindest sicherzugehen, dass sein Mieter nicht in aller Stille verschieden war, ohne seinem Hauswirt davon Mitteilung zu machen. »Ich habe seit einer ganzen Woche kein Geräusch mehr von ihm gehört«, erklärte er. »Fanden Sie das denn nicht merkwürdig?«, »Tja, jetzt, wo Sie es sagen …« Wir waren auf dem Dachboden angekommen, der ungefähr in der Mitte unterteilt war. »Geräumig ist es hier nicht«, sagte Andersen, nachdem er angeklopft hatte. »Nur dieses Zimmer, und das WC ist da drüben, im Anbau.« Er zeigte auf eine grüne Tür links von uns. »Vielleicht sollten wir da auch nachsehen.« Als auf das Klopfen niemand antwortete, holte er den Schlüssel heraus, steckte ihn aber nicht ins Schloss, wie um zu unterstreichen, dass er niemals ohne Aufforderung anderer die Wohnungen seiner Mieter betreten würde. Ich nickte zur Tür. »Ja, dann …« »Ja.« Er fasste Mut und schloss mit widerwilligem Gesichtsausdruck die Tür auf. Er hatte Recht, hier war nicht viel Platz. Es dauerte zehn Sekunden, dann hatten wir festgestellt, dass der Raum leer war. Das Tageslicht fiel durch ein Fenster in der Dachschräge ins Zimmer. Der Regen trommelte heftig an die Scheibe, aber kein Tropfen schien hereinzusickern. Die Einrichtung war einfach: ein Bett, zwei Stühle und eine Kommode. Das Bett war nicht gemacht. Auf dem Tisch stand eine Tasse mit einem eingetrockneten Rest Kaffee, neben der Tasse lag ein offener Briefumschlag. Die Aufschrift verriet, dass Risøy zumindest eine Antwort auf seine Annonce bekommen hatte. Chiffre Nr. 18910 stand auf einem maschinengeschriebenen Etikett, wie man sie sicher bei der Zeitung ausgehändigt bekam. Ich untersuchte den Umschlag vorsichtig. Er war leer. Den Inhalt hatte Risøy mitgenommen – wohin auch immer. Sonst war in dem Zimmer kaum etwas Interessantes zu finden. Unter dem Bett stand ein roter Plastikkasten mit lauter leeren Bierflaschen. Auf der Kommode stand ein gerahmtes, leicht verblasstes Foto von einem dicklichen jungen Mann in dunklem, Anzug. Ich zeigte darauf. »Risøy, vermute ich.« Andersen beugte sich vor. »Ich denke schon, ja. Vor ziemlich vielen Jahren.« »Konfirmationsfoto vermutlich.« »Aber das Gesicht ist dasselbe. Nicht zu verwechseln.« Ich versuchte, mir die Gesichtszüge einzuprägen und fünfundzwanzig Jahre dazuzudenken, aber es hatte keinen besonderen Ausdruck. Es war ein rundes Mondgesicht, und das zaghafte Lächeln war verhalten und skeptisch, als sei ihm die Situation beim Fotografen höchst unangenehm gewesen. Viel mehr gab das Zimmer nicht her. Mit dem Raum, den der Hauswirt WC nannte, war es nicht anders. Die Toilette sah aus, als hätte sie schon viele Mieter erlebt, und nichts deutete darauf hin, dass sie in den letzten Monaten sauber gemacht worden war. Ich sah Andersen an. »Es rauscht sicher in den Rohren, wenn hier gespült wird, oder?« »Die reinsten Niagarafälle, junger Mann. Deshalb bin ich so sicher. Das letzte Mal, dass ich gehört habe, dass er zu Hause war, das war Sonntagabend, gleich nach der Sportschau. Gleich danach ist er weggegangen, und danach ist er nicht mehr zu Hause gewesen, das kann ich fast garantieren.« »Und das war das Letzte, was sie taten«, murmelte ich. »Was?« »Ach, nichts …« Von Verftet aus war der Weg nicht weit zu dem kleinen Tabakwarenladen, wo Olai Risøy immer seine Lottoscheine abgegeben hatte. Die Frau hinter dem Tresen war von der patenten Sorte; eine üppige Blondine Mitte dreißig, mit Leuchtfeuern im Blick und weichen Dünungen unter der Bluse. Durch die offene Tür zum, Hinterzimmer konnte ich einen kleinwüchsigen Mann erkennen. Er saß an einem kleinen Tisch und drehte sich eine Zigarette, während sein Blick misstrauisch in meine Richtung ging, als fragte er sich, ob ich es auf die Blondine oder auf den Kasseninhalt abgesehen hatte, wenn nicht sogar auf beides. Während des gesamten folgenden Gesprächs ließ er mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich streckte meine Hand aus. »Guten Tag. Ich heiße Veum.« Ihre Hand war auffallend klein, als gehöre sie eigentlich jemand anderem. »Elisabeth … Rødland.« »Es geht um jemanden, der hier oft Lotto spielt. Olai Risøy.« Ihre Augen weiteten sich unmerklich. »Ja? Was ist mit ihm?« »Kannten Sie ihn?« »Na ja, kennen … Mein Mann und ich …« Sie wies mit einem kleinen Nicken zu dem Mann im Hinterzimmer. »Risøy hat uns ein bisschen hier im Haus geholfen. Wir wohnen hier, wissen Sie, im ersten Stock, und in einem so alten Haus … Risøy hatte geschickte Hände.« »Gegen Bezahlung natürlich, oder?« »Ja, ja. Natürlich.« Dann schien sie plötzlich besorgt. »Sagen Sie, Sie kommen doch nicht vom Finanzamt, oder?« Sie war die Zweite an diesem Tag, die mich das fragte. Vielleicht sollte ich meine Frisur ändern. »Nein, nein«, beruhigte ich sie. »Aber die Sache ist die … Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wo er abgeblieben sein könnte?« »Abgeblieben? Ist er etwa doch nicht gefahren?« »Gefahren?« Sie beugte sich vor, und ich nahm einen leichten Duft wahr, der vage an reife Kirschen erinnerte. »Mir hat er gesagt, er wollte eine lange Reise machen. Eine Reise, die sein ganzes Leben dauern könnte, hat er gesagt.« »Sein ganzes Leben? Hat er sich so ausgedrückt?«, »Mmh.« »Wegen seines großen Gewinns?« »Das wissen Sie also?« »Das ist ja gerade der Grund, warum sich ein paar Freunde von ihm jetzt Sorgen machen.« »Ach was! Von wegen Sorgen machen! Die sind doch bestimmt nur hinter seinem Geld her.« Sie kam noch ein wenig näher. »Ich kann Ihnen erzählen … Man sieht eine ganze Menge, wenn man hier hinterm Tresen steht, und es sind nicht immer Engel, die plötzlich die besten Freunde von jemandem werden, der gerade das große Los gezogen hat.« »Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« »Risøy? Lassen Sie mich nachdenken … Dienstag, glaube ich. Er war kurz hier und hat Zigaretten gekauft. Er war schon ziemlich gut geräuchert, wenn Sie mich fragen, hat nach feinen Getränken gestunken und geschwankt wie ein Affe. Und da hat er es mir erzählt. – Ich gehe auf eine lange Reise, Frau Rødland, hat er gesagt. Hat mich immer gesiezt, obwohl er hier schon fester Kunde war, seit er vor vielen Jahren auf der Askøy-Fähre anmusterte.« »Und Ihr Mann? Könnte der was wissen?« Sie dämpfte ihre Stimme noch ein bisschen und verdrehte die Augen. »Nein, nein. Er …« Hinter ihr bewegte sich etwas. Der kleine Mann aus dem Hinterzimmer war in der Türöffnung erschienen. »Worum geht’s denn, Lisbeth?« »Nichts Besonderes. Wir tratschen nur ein bisschen, der junge Mann und ich.« Der Blick, den er mir zuwarf, kam direkt aus der Kühltruhe. »Und worüber?« »Olai Risøy«, sagte ich., Der Name stimmte ihn nicht gerade herzlicher. »Was ist mit ihm?« »Ich höre, er hat einen ordentlichen Gewinn gemacht.« »Na und?« »Tja … Sie haben ihn in den letzten Tagen nicht gesehen?« »Warum sollte ich?« »Tja, Sie wissen ja … Ein Tor kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten können, und was das angeht, sitzen wir offenbar alle drei in einem Boot.« Er machte eine Bewegung mit der Unterlippe, die deutlich zeigte, wie viel er von mir hielt. Dann drehte er sich langsam um und ging an seinen Ausgangspunkt zurück. Hinter ihm stand eine Wolke von Rauch, als hätte er seine Kupplung zu sehr gequält. Seine Frau beugte sich noch etwas weiter über den Tresen. Wenn sie so weitermachte, würde sie am Ende darauf liegen. »Er ist ja soooo eifersüchtig«, flüsterte sie. »Das verstehe ich gut«, antwortete ich, während ich meinen Blick tief zwischen ihre Dünungen eintauchen ließ. »Nun werden Sie man nicht frech«, sagte sie, mit einem erwartungsvollen kleinen Lächeln. Aber ich musste passen. Mehr konnte ich ihr nicht bieten. Ich hatte noch ein paar Besuche zu machen. Bei der Bank waren sie so abweisend, wie nur eine Kreditanstalt es sein kann. – Nein, solche Informationen gäben sie nicht heraus, sagte die Dame an der Rezeption. – Inwieweit einer ihrer Kunden in der letzten Woche einen größeren Lottogewinn abgehoben hatte, darüber waren sie absolut nicht verpflichtet, Auskunft zu erteilen. Ganz im Gegenteil. Und nicht zuletzt – wie sie hinzufügte – bei Nachfragen von höchst inoffiziellem Charakter wie dieser. Ich setzte mein allerentwaffnendstes Lächeln auf. »Ist Herr, Lunde im Hause?« Damit hatte sie nicht gerechnet. »Wer?« »Harald Lunde. Arbeitet er nicht hier?« »Doch, aber … Er ist gerade zu Tisch.« »Solche Informationen geben Sie also doch heraus?« Sie würdigte mich nicht einmal einer Antwort. Austevoll bei sonnigem Postkartenwetter war eine Sache; bei Südwind und strömendem Regen war es etwas ganz anderes. Der Regen prasselte so heftig auf die Windschutzscheibe meines Morris Mini, dass ich mehrmals den Impuls hatte, die Seitenfenster herunterzukurbeln und den Arm hinauszustrecken, um den Scheibenwischern meine Unterstützung anzubieten. Mein erster Halt war im Alters- und Pflegeheim in Storebø. Eine freundliche Angestellte zeigte mir den Weg zu der gut achtzigjährigen Magda Risøy, während sie mir erklärte, dass die Dame sehr schwerhörig sei und es für Menschen, die sie nicht von früher kannte, fast unmöglich sei, Kontakt zu ihr zu bekommen. »Ist ihr Sohn in letzter Zeit hier zu Besuch gewesen?« »Ja, allerdings … Vor knapp einer Woche. Mittwoch, Donnerstag muss es wohl gewesen sein, glaube ich. Er kam, um sich zu verabschieden, hat er gesagt.« »Verabschieden?« »Ja, das habe ich auch gefragt. Aber ich bekam nur zur Antwort, dass er beschlossen hätte, ins Ausland zu reisen, auf unbestimmte Zeit sozusagen.« »Und seine Schwester, sehen Sie die manchmal hier?« Ihr Mund zog sich einen Deut zusammen. »Nicht oft. Das, muss man wohl sagen dürfen. Eher selten, besser gesagt.« Sie hatte Recht, was ihre Prophezeiung bezüglich Magda Risøy anging. Zwanzig Minuten lang versuchte ich vergeblich, ihr zum Besuch ihres Sohnes ein paar Fragen zu stellen. Schließlich bekam ich zumindest etwas aus ihr heraus, das ich beschloss, als Zustimmung zu betrachten, ihr altes Zuhause in Kolbeinsvik aufzusuchen. Aber der Schlüssel läge beim Nachbarn, sagte sie. Sie selbst würde ihn nie wieder brauchen. Es glitzerte silbrig in ihrem blanken Blick, und sie konnte ein Seufzen nicht unterdrücken, um dann demonstrativ die Augen zu schließen und mir zu verstehen zu geben, dass die Audienz beendet sei. Ich fuhr weiter; erst in Richtung Süden, dann nach Westen. Es war ein windgepeitschtes Stück Norwegen, in dem sich nur die großen, purpurfarbenen Flecken der Heidesträucher von der sonst grauen Landschaft abhoben. Austevoll lag wie in Embryostellung da, bereit, in die Nordsee hinausgestoßen zu werden. Draußen über Litlakalsøy erhob sich eine graue Wolkenwand aus dem Meer. Der Skoltafjord sabberte aus den Mundwinkeln, und ich dachte, dass es hier wohl am besten wäre, einen angemessenen Abstand von den Klippen zu halten. Die wilden Schafe hatten das einzig Richtige getan, als sie sich dicht unter den Felsen um Kolbeinsvik zusammengedrängt hatten. Zehn Sekunden nachdem ich aus dem Wagen gestiegen war, war ich völlig durchnässt. Ich ging zum nächsten weißen Haus und klopfte an. Die Tür ging so schnell auf, dass die Frau mit dem erschrockenen Gesicht direkt dahinter gestanden sein musste. Sie starrte mich durch den schmalen Türschlitz an. »Wir brauchen nix!« »Ich bin auch nicht gekommen, um etwas zu verkaufen. Aber Frau Risøy hat gesagt, der Schlüssel zu ihrem Haus sei bei Ihnen.«, Sie sah deswegen nicht weniger erschrocken aus. »Nja …« »Darf ich etwas fragen?« »Fragen?« »Olai Risøy … Ist es lange her, seit Sie ihn zuletzt gesehen haben?« »Nnnee«, sagte sie langsam. »Aber es is jetzt doch schon paar Tage her.« »Genau. Ich habe versprochen nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.« »Aber er hat seinen eigenen Schlüssel.« »Schon, aber mich hat ja auch seine Mutter geschickt.« »Na ja, wenn Se im Altersheim warn und mit der Magda geredet ham, dann isses wohl …« Sie schloss abrupt die Tür und verschwand. Nach einer Weile öffnete sie sie wieder und reichte mir den Schlüssel. »Hier.« »Ich danke I–« Aber sie hatte die Tür schon wieder geschlossen. Ich zuckte mit den Schultern und ging den Weg zum Meer hinunter, wie sie es mir im Altersheim erklärt hatten. Das gesamte Grundstück sah verlassen und vernachlässigt aus. Salweidengestrüpp und kleine Birken wucherten wild, und die alten Blumenbeete waren längst von Unkraut überwuchert, an manchen Stellen über einen Meter hoch. Das Haus war weiß gestrichen, aber es hatte in jeder Hinsicht schon bessere Tage gesehen. Die Wandbretter trugen eine grüne Patina und eine Dachrinne hing herunter, sodass das Wasser wie eine Fontäne über die zugewachsenen Fliesen vor dem Eingang spritzte. Ich ging in einem Bogen um den Wasserstrahl herum – als ob das noch einen Unterschied machte – und klopfte an. Das Resultat war wie erwartet. Niemand öffnete. Nach einem erneuten und ebenso vergeblichen Versuch benutzte ich den, mitgebrachten Hausschlüssel und schloss die Tür auf. Ich schnupperte vorsichtig, nahm aber keinen Unheil oder Tod verkündenden Geruch wahr. Langsam ging ich von Raum zu Raum. In gewisser Weise erinnerte es mich an die Dachwohnung in Verftet. In einer Schlafkammer gab es deutliche Zeichen, dass hier jemand übernachtet hatte, ohne nachher das Bett zu machen. In einer Plastiktüte auf der Küchenanrichte fand ich Eierschalen, ein paar leere Suppentüten und Dosen. Von dort aus ging ich in das kleine Wohnzimmer, das nach Westen hin lag. Sofort fiel mein Blick auf zwei geöffnete Briefumschläge. Beide waren adressiert an Chiffre Nr. 18910, aber mit zwei verschiedenen Handschriften. Ich sah in beide Umschläge. Der eine war leer. In dem anderen lag ein zusammengefalteter Brief. Vorsichtig faltete ich ihn auseinander und las: Lieber Olai! Ich habe mit großem Interesse Ihre Annonce in Bergens Tidende gelesen, und ich hatte sofort das Gefühl, dass das hier der Richtige war und ich jetzt zum Füller greifen musste. Es war, als hörte ich eine Stimme in mir: Hier ist er, Berit. Auf den du gewartet hast, so viele Jahre. Ich bin 38 Jahre alt und habe ein unsichtbares Leben geführt. Ich arbeite im Büro einer Versicherungsgesellschaft, habe für die Arbeit gelebt und nie eine feste Beziehung gehabt, obwohl es sicher möglich gewesen wäre, wenn ich nur gewollt hätte. Aber es hat irgendwie auch nie gefehlt. Ich reise auch gern. Jeden Winter bin ich im Süden, und wenn ich diesen Winter mit Ihnen kommen könnte … Was könnte wohl besser sein? Schreiben Sie ein paar Worte mehr über sich selbst. Die Adresse finden Sie oben. Ich warte voller Spannung. Ihre Berit Lofthus, Ich zögerte einen Moment, bevor ich beschloss, beide Umschläge mitzunehmen. Warum hatte er den Inhalt des einen Briefes mitgenommen und den von Berit Lofthus liegen lassen? Vielleicht einfach, weil er die andere ihr vorgezogen hatte? Und was war in dem Fall verkehrt an diesem Brief? Er wirkte doch durchaus vertrauenswürdig, zumindest vielleicht als passende Reservelösung, falls das andere schief ginge. Bevor ich wegfuhr, gab ich den Schlüssel wieder ab. Die Frau riss ihn an sich, als bedauerte sie es, ihn sofort herausgegeben zu haben. Es schien fast, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Die Fährstrecke zwischen Huftarøy und Krokeide ist dafür bekannt, eine der stürmischsten der Gegend zu sein. Diesmal war der Seegang so heftig, dass es genauso schwer war, eine Tasse Kaffee zu trinken, ohne sich zu bekleckern, wie einem Finanzbeamten ein Lächeln abzuluchsen. Ich machte nicht einmal den Versuch. Außerdem hatte ich auch mehr als genug damit zu tun, mich an die Tischkante zu klammern. Ich war froh, als ich wieder festen Boden unter den Reifen hatte, aber auch das sollte sich als gar nicht unproblematisch herausstellen. Bei der Hamre-Brücke schwappte das Wasser so stark über die Straße, dass ich nur mit Mühe vorbeikam. Von der Spitze der Vallaheiene konnte ich nur andeutungsweise Nesttun durch den Regenschleier erkennen. Ich bog zum Elvenesvegen ab, wo ihren eigenen Angaben zufolge Berit Lofthus wohnte, in einem der Wohnblöcke, die mit der Front nach Bjørkåsen hin standen. Ich parkte vor dem Hochhaus, ging in den zweiten Stock hinauf und drückte auf den Klingelknopf neben ihrem Namensschild. Ich sah auf die Uhr. Viertel nach sechs. Berit Lofthus erwies sich als eine blonde kleine Frau mit blauem Blick, den sie selten höher als zu meiner Halsgrube hob, als käme meine Stimme von dort. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen hatte, wurde sie zuerst rot, dann bleich und dann irgendetwas dazwischen: ein blondes Schneewittchen mit, flammenden Wangen. »Es war nicht so gedacht – dass jemand anders …«, sagte sie leise, bevor sie mich widerstrebend in ihre Wohnung ließ – nicht weil sie es gern tat, sondern aus Sorge darüber, was die Nachbarn wohl denken würden, vermutete ich. »Ich habe nie eine Antwort bekommen«, sagte sie sofort, als wir das gepflegte, makellose Wohnzimmer betraten, dessen Möbel so glatt poliert waren, dass man sich darin spiegeln konnte. »Überhaupt keine?« »Nein. Sie müssen nicht denken … So was tue ich normalerweise nicht.« »Solche Briefe schicken?« »Auf solche Annoncen antworten. Es war tatsächlich das erste Mal.« »Und was hat Sie dazu gebracht, dieses Mal?« »Ich weiß es nicht, aber … Da war etwas an … Man gibt ja die Hoffnung niemals ganz auf, oder?« »Hoffentlich nicht.« »Sind Sie …« »Verheiratet? Nein.« »Gern auf Reisen – in den Süden, wollte ich sagen.« »Nein, auch das nicht.« Eine oder zwei Sekunden hob sich ihr Blick ganz hinauf und begegnete meinem, blau und blank. »Tja, dann …« »… haben wir zumindest das nicht gemeinsam.« »Nein.« »Sie arbeiten bei einer Versicherung?« »Warum fragen Sie danach?« »Tja, ich weiß es nicht. Aber er hätte wohl eine Versicherung brauchen können – der Mann, an den Sie geschrieben haben.«, »Wieso?« »Er hat einen Haufen Geld gewonnen, vor einer knappen Woche, und danach hat ihn niemand mehr gesehen.« »Oh, aber dann …« »Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch in den Süden geflogen ist. Ohne Sie …« »Mit einer anderen – vielleicht?« Ich sah sie nachdenklich an. »Ja. Vielleicht.« Veums erster Fall, wiederholte ich im Stillen vierzehn Tage später, mit aller mir zur Verfügung stehenden Selbstverachtung. – Ein richtiges Fiasko … Aber ich war nicht allein auf der Welt. Von meinem Bürofenster aus konnte ich das Resultat eines anderen Fiaskos sehen: den Stau von Åsane. Den letzten Zeitungsartikeln zufolge begann der Stau dort jetzt gegen halb sieben Uhr morgens. Sogar die Busse brauchten weit über eine Stunde bis in die Stadt. Wer viel Zeit brauchte, um über sein Leben nachzudenken, der sollte nach Åsane ziehen. Aus anderen Gründen nicht unbedingt. Der Fußballverein Brann, der nach dem 3:1-Sieg über Molde am Anfang des Monats mit um die Meisterschaft kämpfte, hatte der Tradition treu bleibend die folgenden Spiele verloren und raste jetzt die Tabelle wieder abwärts. Aus dem Pokal waren sie längst ausgeschieden. Es war das Beste, nicht zu viel zu erwarten. – »Das is nämlich gefä’lich«, wie Ludvig im norwegischen Filmerfolg des Jahres, Flåklypa Grand Prix, sagte. Und es hatte immer noch nicht aufgehört zu regnen. Ich hatte mehrmals Besuch von William Larsen gehabt, hatte, ihm aber nichts anderes bieten können als das, was ich nach der ersten Runde herausgefunden hatte. – Olai Risøy war spurlos verschwunden, und es lag weit außerhalb meiner Möglichkeiten, ihn wieder zum Vorschein zu bringen. »Aber wo isser bloß hin?« »Der Süden ist immer noch der heißeste Tipp, aber Sie wissen ja ebenso gut wie ich, dass der Süden größer ist, als wir alle wissen. Wenn man runterfliegen und unter jedem Sonnenschirm nach ihm suchen wollte, dann brauchte man massenhaft Zeit und ein dickes Bankkonto. Und wir beide haben weder das eine noch das andere.« »Ich fürchte, ich hab nich mal genug, um Ihn’ das zu bezahlen, was Sie schon gemacht haben.« »Ist schon in Ordnung. Aber machen Sie es sich nicht zur Gewohnheit. Ich möchte in diesem Beruf ehrlich gesagt auch überleben.« Bei ein paar Gelegenheiten hatte ich mit Astrid Lunde und ihrem Mann Harald gesprochen. Am Ende konnte ich sie davon überzeugen, zur Polizei zu gehen. Ein paar Tage später erschien eine Vermisstenmeldung in der Zeitung. Wenn ich dem glauben sollte, was in den darauffolgenden Tagen in den Zeitungen stand, hatte es nur wenige Reaktionen auf die Suchmeldung gegeben. Jemand hatte den Vermissten auf der Fähre von Krokeide nach Huftarøy gesehen, und dagegen war so weit nichts zu sagen. Ein Bekannter von ihm war sich ganz sicher, dass er ihm vor wenigen Tagen um zwei Uhr nachts auf der Straße begegnet war. Er hatte allerdings gestutzt, weil Risøy nicht auf seinen Gruß reagiert hatte. Andere Beobachtungen von der Fähre zwischen Kvanndal und Kinsarvik und aus dem Nachtzug nach Oslo waren weitaus vager. Vierzehn Tage später las ich, dass ein Tourist meinte, Risøy an einem Strand tief im Süden Spaniens, in der Nähe von Málaga, gesehen zu haben – eine Information, die William, Larsen nicht gerade erfreute. Dann versiegte der Strom der Rückmeldungen. Es gab andere wichtige Themen, sowohl für die Polizei als auch für die Zeitungen. Man meinte, es sei nicht schwer, sich vorzustellen, was passiert war. Der überwältigende Lottogewinn hatte Olai Risøy völlig überfordert. Ohne weitere Familie als seine Schwester und seine alte Mutter gab es nichts, was ihn an sein Heimatland band. Als ehemaliger Seemann hätte er sich überall niederlassen können, weit außerhalb der gewöhnlichen norwegischen Touristenziele. Trotzdem wurde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass die Lösung des Rätsels sich noch immer in Bergen befand. Ich musste es einfach zugeben: Veums erster Fall war eine ungewöhnlich schlechte Reklame für mein Büro gewesen. William Larsen traf ich noch gelegentlich, wenn ich nach Feierabend noch auf ein Bier oder zwei ins Børsen ging. Ab und zu kamen wir ins Gespräch, und meistens kamen wir dann auch auf Olai Risøv zu sprechen. Irgendwann Ende der achtziger Jahre verschwand Larsen plötzlich. Als ich seine Trinkkumpane nach ihm fragte, hieß es, er sei nach Sogn gezogen, wo er ursprünglich herkam. – »Er hat es hier nicht mehr ausgehalten«, hieß es. – »Es war einfach zu hart für ihn.« 1994 las ich seine Todesanzeige in der Zeitung. Ein halbes Jahr, nachdem ich zum ersten Mal dort gewesen war, betrat ich zufällig den kleinen Tabakladen in Nøstet, um eine Zeitung zu kaufen. Der Mann, der mich bediente, war dunkelhäutig und höflich, und als ich ihn nach seinen Vorgängern fragte, lächelte er breit und erzählte mir, sie hätten den Laden verkauft und seien ins Ausland gegangen. »Verkauft? Und wann?« »Im Oktober.« »Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?« »Portugal oder Spanien, meinten sie. Herr Rødland, dem der, Laden gehörte, hatte Psoriasis, und da unten scheint die Sonne, wie Sie wissen, öfter als in Bergen«, sagte er mit einem strahlenden Lächeln, wie um zu unterstreichen, dass ihm der ganze Regen überhaupt nichts ausmachte. »Und … Was ist mit dem Rest des Hauses?« »Da wohne ich mit meiner Familie!«, strahlte er, ein vollkommen glücklicher Mann, wie es schien. Nun waren die Rødlands nicht die Einzigen in dieser merkwürdigen Geschichte, die zu Geld gekommen waren. Von seinem unbekannten Aufenthaltsort aus schien Olai Risøy Goldstaub über alle gestreut zu haben, die ihn kannten, alle außer William Larsen wohlgemerkt. Ganz am Rande eines anderen Falles, in dem ich ermittelte, traf ich seine Schwester wieder, im Frühjahr 1983. Es ging um einen ziemlich ausgeklügelten Immobilienschwindel, wo ich – kraft meiner scheinbaren Anonymität – als Vermittler auftreten durfte. Eine der Spuren führte mich nach Strøno, westlich von Os. In einem der betroffenen Häuser, einem protzigen Sommerhaus mit Schwimmbad, dessen Schiebetüren zum Fjord hin geöffnet werden konnten, wenn das Wetter es zuließ, stieß ich auf eine leicht bekleidete Astrid Lunde. Wäre ihr leuchtend rotes, immer noch krauses Haar nicht gewesen, hätte ich sie kaum wiedererkannt. Sie verwirrte mich auch so schon genug, in ihrem kornblumenblauen Bikini. »Wir sind uns schon einmal begegnet«, sagte ich. Sie sah mich fragend an. »Tatsächlich?« »Im Zusammenhang mit dem Verschwinden Ihres Bruders.« »Ja, jetzt erinnere ich …« Sie warf mir einen kurzen Blick zu, dann glitt der Blick zum Fjord hinaus, wo sie direkt auf das Inselreich ihrer Kindheit schaute, Austevoll. »Der arme Olai. Wir wissen immer noch nicht, was passiert ist.« »Sie haben nie wieder von ihm gehört?«, »Nein, wir … Woher denn auch?« »Tja, wenn Sie mich fragen, frage ich Sie.« Ich sah mich um. »Aber Sie sind – zu Geld gekommen, sozusagen?« »Ja. Harald hat ein paar äußerst günstige Investitionen getätigt, zum richtigen Zeitpunkt.« »Und wann war das?« »Vor ein paar Jahren …« Auch Berit Lofthus musste das Leben wohlgesonnen gewesen sein. Jedenfalls beobachtete ich sie eines Abends in einem der besseren Restaurants der Stadt, wo ich selbst mit einem Klienten aus der Versicherungsbranche saß, der die absolute Kontrolle über sein Spesenkonto hatte. Sie trug ein sehr elegantes, einfaches schwarzes Kleid, das einen scharfen Kontrast zu ihrem blonden Haar bildete. Sie setzte sich an einen Nachbartisch, in Gesellschaft eines Mannes, der mindestens zehn Jahre jünger als sie zu sein schien. Soweit ich es sehen konnte, genossen sie Weine der besten Jahrgänge, und die Mahlzeit, die sie verzehrten, stand der, die der Versicherungsmann und ich uns eifrig einverleibten, in nichts nach. Sie schien munter und gesprächig, und von der Schüchternheit, die ich damals im Elvenesvegen an ihr wahrgenommen zu haben meinte, war wenig geblieben. Ich sprach sie nicht an, aber am nächsten Tag schlug ich im Telefonbuch ihre Adresse nach. Sie war in eine weitaus mondäne Gegend gezogen und wohnte jetzt in Hop, in einer der Straßen, in denen man nur wohnen durfte, wenn man Mitglied des Norwegischen Arbeitgeberverbands war. Auch sie musste in der Zwischenzeit einige günstige Investitionen getätigt haben. Vielleicht hatte sie mit ihrem nächsten Antwortbrief mehr Erfolg gehabt, oder sie war auf andere Weise erfolgreich gewesen. Später kamen neue Fälle. Einige davon löste ich, andere nicht. Mit der Zeit versank Olai Risøys Verschwinden immer tiefer in, meinem Gedächtnis. Trotzdem tauchte der Gedanke an ihn immer wieder auf, in immer größeren Abständen allerdings: und wenn auch nur aus dem Grund, dass er mein allererster Fall gewesen war – und einer von denen, denen ich nie auf den Grund gekommen war. Bis eines Tages … Es war ziemlich genau fünfundzwanzig Jahre her, dass ich den Auftrag bekommen hatte. Die Welt hatte sich verändert. Die Autoschlangen von Åsane waren Geschichte, Flåklypa Grand Prix ein interaktives Computerspiel, und in diesem Herbst regnete es im Østlandet mehr als in Bergen. Viel mehr. Aber nicht alles hatte sich verändert. Ich hatte noch immer mein Büro im Strandkaien, und ich wartete immer noch lange auf neue Kunden. Ich war alles, was ein selbstbewusster Privatdetektiv mittleren Alters sein sollte. Ich war immer noch einsachtzig groß, vier Kilo schwerer als damals, aber noch immer recht gut in Form. Mein Haar hatte graue Strähnen. Freundliche Damen strichen darüber und nannten es »Salz und Pfeffer«, aber auch das kam immer seltener vor. Ein neues Jahrhundert war angebrochen und es warteten neue Aufgaben. Es war einer der Tage, an denen es nicht viel anderes zu tun gab, als genauestens die Zeitung zu lesen. Sonst hätte ich mich kaum so sehr in das Spätsommerinterview mit dem neuen jungen Tourismusbeauftragten der Stadt vertieft, mit einem liebenswürdigen Foto, das bei Sonnenschein vor dem SAS- Hotel auf Bryggen aufgenommen worden war. Sein breites Lächeln verriet, dass die diesjährige Saison die Erwartungen, erfüllt hatte: The Gateway to the Fjord stand immer noch weit offen, und dass die Stadt in diesem Jahr zu einem Neuntel europäische Kulturstadt gewesen war, hatte auch nur die Kulturjournalisten aus der Hauptstadt davon abgehalten, sie außerhalb der Saison zu besuchen. Aber es war nicht der zufriedene Tourismusbeauftragte, der mein Interesse weckte. Es war die reife Frau, die direkt hinter ihm gerade aus dem Hoteleingang trat. Sie trug ein geblümtes, farbenfrohes Sommerkleid, und ihr Haar war hellblond, fast weiß in dem scharfen Sonnenlicht. Sie kam mir sofort bekannt vor, aber es dauerte noch eine Weile, bis meine Suchmaschine fündig wurde, und dann führte kein Weg mehr an ihr vorbei: Warum auch nicht? Jedenfalls hatte ich dabei nichts zu verlieren. Unten auf dem Markplatz kaufte ich mir ein Pfund Pflaumen und noch eine Zeitung, für den Fall, dass ich lange würde warten müssen. In der Hotellobby setzte ich mich auf eines der bequemen Sofas, auf das Schlimmste gefasst. Meine Ankunft im Voraus anzumelden kam nicht in Frage. Das hatte ich im Laufe all dieser Jahre immerhin gelernt. Ich hatte Glück. Anderthalb Stunden später kam sie von der Straße herein. An den Händen trug sie mehrere gut gefüllte Einkaufstüten aus einem der exklusivsten Damenkonfektionsgeschäfte der Stadt. Sie ging direkt zur Rezeption, und ich hörte, wie sie fragte, ob ihr Mann ausgegangen sei. Das war er nicht. Als sie Kurs auf den Fahrstuhl nahm, stellte ich mich ihr mitten in den Weg. Sie sah mich ohne irgendein Zeichen des Wiedererkennens an. Wie alt mochte sie jetzt wohl sein? Fünfundfünfzig, oder an die sechzig? Aber sie hatte sich gut gehalten. Ihre Haut hatte den dunklen Teint gegerbten Leders, den man nur durch einen sehr langen Aufenthalt in der Sonne erreichen kann, und sie war sehr diskret geschminkt., Ich lächelte leicht. »Entschuldigen Sie, aber sind Sie nicht Frau Rødland?« Sie starrte mich zurückhaltend an. »Doch.« »Wir sind uns schon einmal begegnet, vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren.« »Ach ja?« »Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern?« Sie legte den Kopf einen Deut in den Nacken und maß mich an ihrem Nasenrücken, bevor sie antwortete: »Nein.« »Das war in dem Jahr, als Sie und Ihr Mann das Geld machten, um es mal so auszudrücken.« Sie sah an mir vorbei, mit ungeduldiger Miene. »Ich weiß nicht, ob ich …« »Mein Name ist Veum, und ich habe damals Ermittlungen angestellt, die das Verschwinden eines gewissen Olai Risøy betrafen.« »Ach ja – das … Jetzt erinnere ich mich, vage.« »Dann lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Olai Risøy hatte einen großen Lottogewinn gemacht, daran erinnern Sie sich sicher. Meine Ermittlungen führten mich durch seinen kleinen Bekanntenkreis, aber abgesehen von seinem Lottokumpel William Larsen gab es, soweit ich weiß, niemanden, der von seinem großen Gewinn eine Ahnung hatte. Keiner außer Ihnen, der Annahmestelle, wo er immer seine Scheine abgab. Dann verschwand er spurlos, und damit meine ich – ohne die allergeringste Spur. Weniger als einen Monat später haben Sie und Ihr Mann den Laden verkauft, sind ins Ausland gezogen und offensichtlich, wie schon gesagt, zu Geld gekommen.« Bei ihrer Hautfarbe konnte sie nicht blass werden. Es war eher eine Art Grünton, der unter dem Firnis durchschimmerte. »Wir, haben doch verkauft …« »So viel haben Sie für das kleine Haus nicht bekommen. Sie müssen auch andere Einkünfte gehabt haben, immerhin haben Sie sich ein Haus in Spanien gekauft – oder wo es noch war – und sich da für den Rest Ihres Lebens niedergelassen.« »Für zweihunderttausend?« »Sie erinnern sich also an den Betrag?« Einen Moment lang war sie aus der Fassung geraten. »Ja, ich … Das war schließlich viel Geld, damals.« »Ja, allerdings. Kein schlechter Anfang jedenfalls. Und, was weiß ich? Vielleicht haben Sie ja da unten einen neuen Laden aufgemacht. In diesen Breitengraden spielen die Leute ja sicher auch Lotto und so was, oder nicht?« »Wovon mein Mann und ich leben …« »Das Einzige, was ich gerne wüsste, ist … was haben Sie mit der Leiche gemacht?« Ihr Blick flackerte. Dann fand er plötzlich etwas, das er fixieren konnte. Hinter mir hörte ich das Geräusch der sich öffnenden Fahrstuhltür. Sie versuchte, ihn zu warnen, aber es war zu spät. Ich war schon dabei, mich umzudrehen. Der Mann, der aus dem Fahrstuhl trat, war gut über sechzig, ebenso braun gegerbt wie sie, aber nicht ganz so leicht zu Fuß. Sein Körper war massiv, sein Atem ging in schweren Zügen, und sein Blick hatte etwas Blasses und Durchsichtiges, das verriet, dass er längst alle Hoffnung hatte fahren lassen. Dennoch hatte er sich nicht sehr verändert. Trotz seines Alters erkannte ich ihn sofort wieder, von dem alten Konfirmationsfoto. Als er stehen blieb, reichte ich ihm die Hand. »Olai Risøy, wenn ich mich nicht irre?« Er starrte mich an. »Und wer sind Sie, bitte?«, »Wir sind uns nie begegnet, aber mein Name ist Veum.« Nach einer leisen Erklärung von Elisabeth Rødland nahmen wir in der Sitzecke Platz; er zurückgelehnt, sie auf der Kante des Sessels, bereit aufzustehen und zu gehen, sobald es nötig sein sollte. »Sie wussten, was Sie taten«, sagte ich, »als Sie fünfundzwanzig Jahre gewartet haben, bevor Sie sich wieder in Norwegen zeigten.« Sie sagte schnell: »Er – ist nicht gesund. Das hier war die letzte Chance.« »Der Fall ist verjährt. Sie können alle Karten auf den Tisch legen, wenn Sie wollen, und ebenso frei wieder nach Spanien zurückreisen, wie Sie hergekommen sind.« »Es ist nicht, wie Sie glauben«, sagte sie. »Olai und ich, wir … Es war schon lange vor – dem Gewinn so. Der hat uns nur die Möglichkeit geboten, eine goldene Gelegenheit …« »Wozu? Ihren Mann umzubringen?« »Wegzukommen.« Olai Risøy sprach langsam und umständlich und wählte seine Worte mit Sorgfalt. »Ich habe Elisabeth und ihrem Mann geholfen, den Fußboden in ihrer Speisekammer neu zu gießen, im Jahr davor. Und da ist es passiert.« »Was ist passiert?« »Dass wir uns ineinander verliebt haben.« Ich versuchte, zurückzudenken. »Aber – trotzdem haben Sie diese Kontaktanzeige aufgegeben?« Wieder nahm sie das Wort. »Das war ein Teil des Plans. Wir hatten vor, zu verschwinden, jeder für sich, und uns dann zu treffen – da unten. Wir mussten einfach Verwirrung stiften, falsche Spuren legen … Aber wir hatten niemals vor, ihn – ihn zu töten!« »Nein?« »Nein! Aber … Olai hielt sich in Austevoll versteckt, und dann … Nils hatte Verdacht geschöpft. Als Olai anrief, hab ich, ihn gebeten, in die Stadt zu kommen. Es kam zu einer Auseinandersetzung und – dann ist es passiert.« »Ihr Mann – kam ums Leben?« Sie nickte nervös. »So können Sie es ausdrücken. Aber … Er war kein guter Mann. Er hatte mich viele Jahre misshandelt und terrorisiert mit seiner grundlosen Eifersucht!« »So völlig grundlos denn doch nicht, oder?« »Doch, denn es war umgekehrt! Weil sowieso die ganze Zeit der Verdacht über mir schwebte … Und außerdem, als ich Olai traf …« »Ja? … Was passierte?« »Die näheren Details will ich nicht … Aber als das Unglück erst einmal passiert war … Wir hatten keine nahen Verwandten. Und meistens habe ich im Laden bedient. Niemand schien ihn zu vermissen. Als wir verkauft haben, ist Olai in seine Rolle geschlüpft. Ansonsten hielt er sich im Haus, ging nur nachts nach draußen. Als sich das Ganze beruhigt hatte, haben wir den Verkauf vorbereitet. Der Mann, an den wir verkauft haben … Er hat keinen Moment lang Verdacht geschöpft.« Ich wandte mich wieder an Risøy. »Und Sie haben in dem Herbst noch einen weiteren Betonboden gegossen?« »Sozusagen, ja.« Sie stand abrupt auf. »Nein – sag nichts mehr!« »Nein, du hast Recht, Liebes. Jemand könnte auf die Idee kommen …« Sie blieb stehen. »Ich glaube, wir haben jetzt genug geredet. Wir haben noch anderes zu tun.« »Ja.« Er rappelte sich schwerfällig auf. Noch einmal begegnete ich seinem Blick. »Wenn Sie wüssten, wie oft ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren an Sie gedacht habe …«, Er starrte glasig zurück. »So?« »Es war mein allererster Fall, und ich habe ihn nie gelöst – bis heute.« »Tja …« »Und was ist mit Ihrem alten Kameraden, William Larsen, den Sie um einen Gewinn von hunderttausend gebracht haben? Das war verdammt viel Geld, damals.« Sein Blick ging in die Ferne. »William … Ich wollte ihm fast einmal eine Karte schicken, aber … Es blieb bei der Idee.« »Das war sicher das Beste.« »Wie geht es ihm? Wenn er noch …« »Nein, er ist tot.« »Besser so, vielleicht. Für ihn. Ich gehe bald denselben Weg wie er.« »Dann treffen Sie sich ja vielleicht wieder? Eine Lottorunde im Himmel, das wäre doch etwas, oder? Aber andererseits … Es fragt sich, ob er noch einmal das Risiko eingehen würde, Ihr Kompagnon zu sein.« Er sah mich schwermütig an. »Nein, das stimmt wohl … Na, dann adieu, Veum – so heißen Sie doch?« »Ja, adieu – und danke für die Begleitung, all diese Jahre.« Viel mehr war nicht zu sagen. Ich blieb einen Moment stehen, während sie im Fahrstuhl verschwanden. Was auch immer sie noch vorhatten; zu allererst brauchten sie jetzt eine Zeit für sich, allein mit ihren Erinnerungen – ja, vielleicht sogar mit einer gar nicht so kleinen Prise schlechtem Gewissen. Ich selbst unternahm ein Allerletztes in diesem Fall. Ich schickte ein paar Wochen später einen Brief an seine Schwester und erzählte ihr das Ganze in groben Zügen. Aber ich bekam nie eine Antwort. Vielleicht gefiel ihr das, was ich zu erzählen hatte, auch nicht. Oder es war ihr egal, nach all den Jahren., Für alle Fälle schrieb ich einen ausführlichen Bericht für mein eigenes Archiv. Ich zögerte ein wenig, bevor ich mich entscheiden konnte, unter welchem Stichwort ich ihn ablegen sollte. Schließlich nahm ich doch das Naheliegendste: ERSTER FALL. Ich war froh, auch unter diesen »Abgeschlossen« und dann das Datum schreiben zu können, auch wenn es fünfundzwanzig Jahre zu spät war. Wenn ich später an dem kleinen Haus in Nøstet vorbeikam, in dem der Tabakladen gewesen war, der vor mehreren Jahren durch einen Kebabladen ersetzt wurde, musste ich immer wieder an den Mann denken, der im Keller ruhte, unter einem Betonboden, der vor fünfundzwanzig Jahren neu gewesen war, aber dennoch eines schönen Tages reif für eine Erneuerung sein würde. Bis dahin schlief er sicher.,

Nachts allein nach Hause Aino Trosell

Nie würde sie den Anblick vergessen, nie. Sie hatte die Abendmesse besucht und anschließend hatte sie mit Fanny bei Emil und Jon Tee getrunken. Danach hatte sie bestimmt eine halbe Stunde lang mit Fanny vor deren Haustür gestanden und sich unterhalten, ehe sie weiterradelte. Als sie in den kleinen Park einbog, lag er plötzlich wie eine Jesuskrippe vor ihr, taghell von starken Scheinwerfern erleuchtet und im Hintergrund Polizisten und ihre Wagen mit den wirbelnden Blaulichtern. Sie hatte den Hügel abwärts so viel Tempo gehabt, dass sie erst kurz vor der Absperrung zum Halten kam. Sie konnte es sehen, ehe man sie wegscheuchte. Die Tote lag auf dem Rücken, die Zunge hing aus dem Mund, und die Augen waren so weit aufgerissen, als würden sie gleich aus den Höhlen treten. Auch die Beine waren gespreizt, und der Unterleib war nackt. Obwohl Frost war. Katarina erkannte sie sofort. Sie waren im gleichen Alter, sie kannte sie aus der Kindheit, obwohl sie nicht in denselben Kindergarten gegangen waren, und jetzt arbeitete sie sicher im Badepalast. Hatte dort gearbeitet. Sie war schließlich tot. Katarina war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte vorher noch nie einen toten Menschen gesehen. Ein Polizist führte sie sanft, aber bestimmt fort, sie sei so schnell da gewesen, dass man noch nicht dazu gekommen sei, alle Sperren aufzustellen, doch jetzt solle sie einfach nach Hause fahren, morgen werde bestimmt alles in der Zeitung stehen, dann werde sie Bescheid wissen. »Ich kenne sie«, stammelte sie, »ich meine, ich weiß, wer das da ist, wir sind gleich alt.«, »Fahren Sie jetzt nach Hause«, wiederholte der Polizist, »versuchen Sie zu vergessen, was Sie gesehen haben, den kriegen wir bald, jetzt ist er endgültig zu weit gegangen.« Der Albtraum war also nicht zu Ende, im Gegenteil, das war erst der Anfang gewesen. Ein Vergewaltiger lief seit einem halben Jahr frei herum, und jetzt war er auch noch zum Mörder geworden. Dreimal waren in der Stadt Frauen vergewaltigt worden und die Stimmung grenzte schon an Hysterie. Die Vergewaltigungen wurden mit äußerster Brutalität begangen, und die Frauen waren mit gebrochenen Rippen und zerfetzten Genitalien ins Krankenhaus eingeliefert worden. Jetzt war also ein entscheidender Wendepunkt im Vorgehen des Vergewaltigers eingetreten, er hatte eine Grenze überschritten. Was er getan hatte, war unwiderruflich. Jetzt konnte alles Mögliche passieren. Als sie zu Hause in ihrer sicheren Wohnung ankam, kontrollierte sie zum ersten Mal im Leben die Wandschränke und guckte unters Bett. Sie wohnte im fünften Stock, es konnte sich also niemand über den Balkon Zutritt verschaffen, doch sicherheitshalber überprüfte sie alle Fenster und vergewisserte sich, dass die Balkontür verschlossen war. Die Haustür hatte Sicherheitsgitter und ein Chubbschloss. Sie war geschützt. Es dauerte ein paar Wochen, bis der entsetzliche Anblick zu verblassen begann und sie wieder nach Hause kommen konnte, ohne gleich die Wohnung nach potenziellen Mördern zu durchsuchen. Die Kirche war ihre feste Anlaufstelle, dort hatte sie ihre Freunde und ihr soziales Leben. Die Kirche war ihre Familie und ihre ganze Geborgenheit. Sie war im Kirchenvorstand und sang im Chor. Ihre Beziehung zu Gott bestand aus Liebe ohne Schnörkel. Ihr Leben war gut. Der Vergewaltiger hatte die Stadt nach wie vor eisern im, Griff. Kein Mensch fühlte sich sicher, die Männer sahen sich schuldbewusst alle in einen Topf geworfen, und die Frauen hatten Angst, sobald sie allein waren. Auch in der Kirche wurden die schrecklichen Verbrechen diskutiert. Die Polizei hatte wenige oder keine Spuren vom Täter. Natürlich gab es Spuren: in Form von Sperma, Hautpartikeln und einzelnen Haaren unter den Nägeln der Opfer. Doch die Antwort der Analyse der DNA warf eine Frage auf: Ist er es? Da der Täter nicht in der Kartei der Polizei war, ergab sich nie die Frage, die zur Antwort hätte passen und somit die Stadt aus der Umklammerung des Terrors hätte befreien können. Viele Abende vergingen damit, dass sie viele Kannen Tee tranken. Meistens mit Emil, Jón und Fanny, und meistens saßen sie zu Hause bei Emil und Jón und redeten. Sie waren keine zwei Paare. Sondern vier Freunde. Eine zarte und kaum wahrnehmbare Erwartung lag bei ihren Verabredungen in der Luft, doch die Freundschaft war gerade jetzt das Wichtigste. Zu gegebener Zeit würde jemand den entscheidenden Schritt tun. Nicht aus romantischen, sondern aus Gründen der Sicherheit brachten Emil und Jón Katarina und Fanny nach dem Vorkommnis im Park nach Hause. Treu wie Hofhunde radelten die beiden Männer neben ihnen her und blieben so lange vor der jeweiligen Haustür stehen, bis sie sahen, dass im richtigen Fenster das Licht anging und eine Hand winkte. Katarina entspannte sich. Bei Tageslicht hatte sie keine Angst. Außerdem hatte sie einen kurzen Weg zur Arbeit. Die Tätigkeit in der Kirche brauchte sie dank der fürsorglichen Abendrituale der beiden Freunde auch nicht zu vernachlässigen. Immer schon hatte sie Sport getrieben, und jetzt machte sie zusätzlich Krafttraining. Das gab ihr ein gutes Gefühl. Sogar psychisch wirkte sich die physische Kraft bei ihr aus, sie wurde, sicher und ruhig. Alles würde gut werden. Und eines Tages würde Emil seine Hand nach ihrer ausstrecken und sie etwas zu lange festhalten. Fanny und Jón würden auch ein Paar werden. Aber damit hatte es keine Eile. Sie wussten alle vier, dass nach diesem Tag nichts mehr so sein würde wie früher. Sie waren füreinander bestimmt. Sie hatten sich füreinander aufgehoben. Sie trieben sich nicht herum und probierten nicht alles Mögliche aus, sodass an dem einen Tag alles besudelt wäre. Sie trafen zuerst ihre Entscheidung. Danach ließen sie ihre Seelen und Körper von Gottes schönsten Gefühlen erfüllen. Und diese Liebe würde ein Leben lang halten, bis dass der Tod sie schiede. Fanny war ihre beste Freundin, mit ihr konnte sie über alles reden, über fast alles. Fanny arbeitete in einer Kindertagesstätte und war ungezwungener und fröhlicher als sie, Katarina. Fanny betreute mit zwei Kolleginnen fünfundzwanzig kleine Knirpse, sie trug große Verantwortung. Katarina beneidete sie nicht. Sie selbst war Laborantin, was ebenfalls eine große Verantwortung bedeutete – ihr durften keine Fehler unterlaufen –, dennoch kam ihr die Arbeit wie eine Verwaltungstätigkeit vor. Sie musste nicht immer gut gelaunt sein, Hauptsache, sie war genau und gründlich. Dass Untersuchungsergebnisse vertauscht wurden, war ihr unbegreiflich. Sie ging systematisch vor, weder pokerte sie, noch überließ sie irgendetwas dem Zufall. Gott hielt seine schützende Hand über sie, sodass sie keine Katastrophe auslöste. Doch er tat es nur, wenn sie selbst Verantwortung übernahm, und damit war sie sehr einverstanden. Gott war eine Aufforderung: Liebe deinen Nächsten! Eigentlich war alles ziemlich einfach. Sollte Emil sie fragen, ob sie ihn heiraten wolle, dann würde sie Ja sagen. Er tat ihr gut, weil er immer so fröhlich und darauf bedacht war, dass auch sie fröhlich war, und er würde ihren Kindern ein guter Vater sein. In dieser Hinsicht war er eine verwandte Seele von Fanny. Aber an ihr, Katarina, war er interessiert, das wusste sie. Jón wiederum war ein, bisschen so wie sie selbst, etwas schwermütiger, grüblerischer. Für Jón hatte sie nur schwesterliche Gefühle, sie verstand ihn. Und sie verstand ihn allzu gut, somit kam nicht der notwendige Funke auf, den Ungleichheit entzünden konnte. Manchmal träumte sie von einer Doppelhochzeit. Doch noch war es zu früh, noch steckten ihre potenziellen Beziehungen in den Windeln. Eines Abends, als Emil sie wie immer zur Haustür begleitet hatte, beugte er sich übers Fahrrad und küsste sie. Sie ließ es geschehen und lächelte ihn an. Auch das, ja. Sie würden eines Tages Sex miteinander haben, wenn sie ein richtiges Paar geworden waren, wenn sie sich entschieden hatten. Gott war auf ihrer Seite. Sie zitterte. An dem Tag musste sie es ihm erzählen. Oder nicht? Konnte sie es einfach bleiben lassen und so tun als sei nichts geschehen? Aber würde sie die Kraft haben, das Geheimnis die Ehe hindurch, ein Leben lang für sich zu behalten? Aber was, wenn er andererseits seine Hand von ihr nehmen würde, wenn sie es ihm erzählte? Sie glaubte es nicht. Er war liebevoll und warmherzig. Er würde sie nicht verurteilen. Außerdem war sie per Definition unschuldig. Die Gefühle sagten ihr etwas anderes. Sie war ganz und gar nicht unschuldig, sondern schuldig und die Allerschmutzigste. Auch wenn sie damals erst vierzehn war. Vierzehn Jahre alt war sie gewesen und hatte sich falsch verhalten, war falsch gewesen, hatte das Falsche gesagt und so viele Fehler wie möglich gemacht, weil sie diese starken Gefühle, diese besinnungslose Verachtung und den Hass anzog. Mit einer Pipette gab sie vorsichtig je drei Tropfen Kochsalzlösung in zehn verschiedene Reagenzgläser. Sie war allein im Labor. Sie ließ sich von der ganzen Kraft der Erinnerung mitreißen. Von der Erinnerung, wie sie ihre, Unschuld an einen Mann verlor, der in der Nachbarschaft wohnte und behauptete, sie würde einen Hundertkronenschein bekommen, wenn sie seine Küche putzte. Hinterher bekam sie den Hunderter. Als wäre sie eine Prostituierte gewesen. Und enttäuscht war er obendrein. Sagte, er habe nicht gewusst, dass sie noch Jungfrau gewesen sei, dadurch war es anstrengend für ihn. Ihre Unterhose wurde blutig, und es lief eine Art Schleim aus ihr. Sie erinnerte sich, wie sie nach Hause schlich, fast gekrümmt, sie hatte Schmerzen. Die Unterhose stopfte sie in einen leeren Milchkarton, den sie anschließend in den Müllschlucker warf. Niemand durfte je davon erfahren. Sie sah ihn manchmal. Er tat, als sei nichts. Er hatte schließlich nichts gemacht. Er hatte keine Gewalt angewendet, musste bloß etwas rechthaberisch und energisch auftreten, er war schließlich so viel älter. Sie hatte es erst begriffen, als es zu spät war, als es schon weh tat und er fluchte. Weil es so anstrengend war und weil sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie das ging. Er hatte ihr ein Wissen aufdrängt, von dessen Existenz sie nichts wusste. Sie stellte den Ständer mit den Reagenzgläsern in den Laborkühlschrank und machte einige Notizen. Das war doch über zehn Jahre her, das war jetzt Vergangenheit. Sie würde es Emil erzählen, wenn er um ihre Hand anhielt, dann konnte er selbst urteilen, ob sie eine Schlampe war oder dieser Nachbar ein Päderast. Die Gemeinde war am Ende ihre Rettung gewesen. Ihre Altersgenossen hatten eine Fete nach der anderen gefeiert, doch sie war Jesus an einem wunderbar warmen Winterabend begegnet, als das Lied sie anonym zum Himmel emporhob, sodass sie sich bedingungslos und ohne Furcht hingeben konnte. So bekam sie endlich eine Zugehörigkeit, wie eine große Umarmung, und allmählich sogar Freunde, und sie dachte, das Geschehene habe vielleicht seinen Sinn gehabt, ja, sicher hatte Gott einen Plan, wenn er sie dieser Prüfung unterwarf., Sie band sich einen Mundschutz um und begann unter einem Abzug zu arbeiten. Ihre Arbeitskollegen kehrten von der Pause zurück. Ja, bestimmt hatte auch das seinen Sinn, dass sie in so jungen Jahren ohne Gewalt vergewaltigt wurde. Gott liebte sie, er wusste, was er mit ihr auch in der allerschwersten Prüfung vorhatte, wenn die Zeit gekommen war, würde sie es erfahren. Die Antwort ließ nur drei Tage auf sich warten. Sie saßen wie immer bei Emil und warteten auf Tee und Kuchen. Er war Muffins kaufen gegangen, und Fanny fiel plötzlich ein, dass sie ihr Handy in der Kirche vergessen hatte. »Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, bevor der Wachmann Feierabend macht«, sagte sie und warf sich die Jacke über. »Ich komme mit«, meinte Jón, doch sie schnitt nur eine Grimasse, gefolgt von einem Lächeln, und verschwand die Treppe hinunter, ehe sie etwas tun konnten. Es waren nur fünf Minuten bis zur Kirche, wenn man die Abkürzung nahm, es war nur ein Katzensprung. Jón und sie schauten sich im Fernsehen weiter den interessanten Dokumentarfilm an, Emil kam dann irgendwann mit herrlich duftenden Muffins vom Kiosk, und sie beschlossen, auf Fanny zu warten, ehe sie den Tee einschenkten. Als die Sendung zu Ende war, begannen sie sich zu wundern. Jón wählte ihre Handynummer. Aber es war nach der Messe immer noch abgeschaltet. Sie sagten kein Wort, sondern zogen die Mäntel an und machten sich auf den Weg, um sie abzuholen. Lachen und Scherzen aber waren ihnen vergangen, als hätten sie es schon geahnt. Der Wachmann war noch beim Abschließen. Nein, er hatte Fanny nicht gesehen. Sie fanden das Mobiltelefon, es lag auf der Bank, in der sie gesessen hatte. Die Abkürzung, ja. Jetzt hatten sie es nicht mehr so eilig,, sondern durchstreiften den kleinen Park langsam. »Man könnte eine Taschenlampe gebrauchen«, sagte Emil. Katarina traute sich kein Wort zu sagen aus Angst, sie könnte anfangen zu weinen. Sie lag gut sichtbar, wenn man nur vom Weg abwich. Sie lag ausgestreckt unter einem Baum, und Katarina war es, die sie fand. Die Augen waren aus den Höhlen gequollen, ebenso die Zunge. Sie hatte noch immer die Jacke an, doch am Unterleib war sie nackt. In der Notaufnahme, nur wenige Stunden später, fällte sie ihre Entscheidung. Während das Pflegepersonal sie umsorgte und von ihrem Schock sprach, arbeitete ihr Gehirn mit eiskalter Präzision. Diesem Werkzeug des Teufels würde jetzt der Garaus gemacht. Jetzt wusste sie, welche Aufgabe Gott für sie bereithielt. »Sie müssen weinen«, sagte die Ärztin, »weinen Sie! Sonst stößt es Ihnen sauer auf und hinterlässt fürs ganze Leben Narben auf der Seele.« Scher dich zum Teufel, dachte sie roh, als hätte sie schon mit allen Normen der Gemeinde gebrochen. Und ihr fiel nichts anderes als nur Flüche ein, und am Ende sprach sie sie laut aus, immer mehr. Aber die Ärztin schien nicht erstaunt. »Gut«, meinte sie nur, »raus mit dem Scheiß, Sie haben Ihre beste Freundin erwürgt liegen gesehen, Sie müssen reagieren.« Endlich entließ man sie, und sie konnte heimfahren. Emil und Jon waren weiß wie die Wand, boten aber trotzdem an, sie nach Hause zu bringen. Sie sagte, das sei nicht nötig. Sie hatte bereits ihre Entscheidung gefällt. Der Teufel hatte jetzt zum letzten Mal zugeschlagen, jetzt würde er geschnappt werden., Nach der Beerdigung weihte sie Emil und Jon in ihren Plan ein. Es war sehr einfach. Auch unter Fannys Nägeln hatte man Hautpartikel gefunden, auch Sperma in ihrer Scheide. Die Antwort lag vor. Fehlte nur noch die Frage: Ist er es? »Und ich kann die Frage liefern«, stellte Katarina fest. »Ihr könnt mich nicht aufhalten, alle Überredungsversuche sind zwecklos. Aber ihr könnt mich unterstützen oder mich machen lassen.« Ihre abwehrende Haltung zeigte Wirkung. Sie waren schließlich nach wie vor die besten Freunde. Emil schaute ihr besonders lang in die Augen. »Dir darf nichts passieren«, sagte er. »Mir wird nicht mehr passieren, als ich selbst zulasse«, antwortete sie, wobei sie sich gleichzeitig in den eigenen Oberarm kniff, »du weißt, wie gut durchtrainiert ich bin.« Leider war nicht nur ihr allein der glänzende Plan eingefallen. Die Polizei hatte ebenfalls eins und eins zusammengezählt und erkannt, dass der Mörder schnell und gefühlskalt zuschlug und dass auch der kleinste Park der nächste Tatort sein konnte. Also wurden alle Grünanlagen intensiv und verdeckt überwacht. Außerdem nahm die Hysterie gigantische Ausmaße an, keine Frau wagte sich überhaupt noch nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße. Restaurants und Kneipen klagten über ausbleibende Gäste, die brutalen Verbrechen machten mehrere Wochen lang Schlagzeilen auf den Titelblättern. Doch selbstverständlich beruhigte sich die Lage im Lauf der Zeit wieder. Die Psyche des Menschen ist rational, und die Zeit heilt alle Wunden. Er ist wohl woanders hingezogen, dachte man, jetzt ist ein halbes Jahr nichts passiert, aber vorher jeden zweiten Monat, wahrscheinlich sitzt er in der Klapse oder ist tot. Ja, er hat sich wohl das Leben genommen, vielleicht hat die Polizei schon die Ermittlungen eingestellt, nachdem ein Selbstmörder alle Anzeichen von Schuld aufgewiesen hatte. Die Frauen waren immer noch vorsichtig, aber es füllten sich, die Attraktionen des Abends wieder, und nun gab es eine weitere junge Frau, der man an den Bartresen der Stadt begegnen konnte, und sie hatte einen gesunden Zug am Leibe. Jedenfalls machte es den Eindruck. Die Gäste wurden vertraulicher, und sie lachte laut, ihr vulgäres Auftreten war fast unangenehm. Sie wurde oft in Ruhe gelassen. Auch wenn sie jemand anmachte – denn sie sah gut aus –, so schwankte sie nachts immer allein nach Hause. Und immer hatte sie in irgendeinem Park etwas zu erledigen. Tat, als müsse sie pinkeln. Rein und raus aus den verschiedenen Parks, halbe Nächte, hoffte beobachtet zu werden. Ja. Sie würde die Frage liefern. Zur bereits gegebenen Antwort. Sie würde einen ganzen Kerl voller DNA anziehen. Sodass sie sich aussuchen konnten, wo sie die notwendige Probe entnehmen wollten. Sie hatte keine Angst. War nur entschlossen. Sie war sogar bewaffnet, sie hatte einen kleinen schweren Totschläger aus Blei in der Manteltasche, das leiseste Rascheln, und sie würde ihn wie einen Diskus gegen den Angreifer schleudern, das hatte sie sich überlegt, er wäre auf so etwas nicht gefasst, so wie sie vom Alkohol benebelt zu sein vorgab. Sie würde ihn mit dem Totschläger zu Boden schicken und dann filzen, um seine Identität festzustellen. Der Rest war reine Polizeiroutine, eine Anzeige, eine Untersuchung, fehlende Alibis und am Ende Rechtsanspruch auf Ablieferung einer Probe zur DNA-Analyse. Sie wusste, wie gefährlich das Spiel war, das sie trieb. Womöglich war er Athlet, vielleicht schneller und leiser, als sie sich vorstellte. Er war vielleicht gerissener als sie. Er hatte sie bestimmt schon gesehen, wartete aber ab, ließ sich Zeit, bis er zuschlug. Er lauerte auf etwas. Sie wusste nicht, worauf. Aber sie war sich sicher, dass er sie beobachtete, dass er nur den richtigen Augenblick abpasste., Die ganze Zeit waren Emil und Jon in der Nähe. Sie machten sich um sie große Sorgen und versuchten sie zu beobachten, ohne dass sie es merkte, was nicht einfach war. Einige Male hatten sie ihre fürchterlichen Wutausbrüche zu spüren bekommen. Sie hatten Angst, ihre Freundschaft zu verlieren. »Wir können doch wohl auch in die Kneipe gehen«, versuchten sie zu erklären. »Trinkt doch«, provozierte sie, »zeigt doch mal, was für große Saufbolde ihr seid.« Doch sie vertrugen Alkohol schlecht und fielen auf wie Spatzen im Spiel der Kraniche. Katarina lachte ordinär, als Jon schlecht wurde und Emil gezwungen war, ihn nach Hause zu chauffieren. Da war sie die beiden los. Als der Herbst in den Winter überging, war in der Stadt alles fast wie früher. Doch Katarina hatte nicht vergessen, dass sie zu dieser Jahreszeit zum ersten Mal das Werk des Mörders gesehen hatte, als sie durch den Park geradelt war. Darum setzte sie ihre nächtlichen Wanderungen durch die verschiedenen Parks der Stadt fort, mehrere Abende in der Woche. Sie war besessen. In dünnen Strumpfhosen, hochhackigen Schuhen und im Minirock lief sie durch die Dunkelheit, als sei das die natürlichste Sache von der Welt, die einzigen Menschen, die ihr begegneten, waren vereinzelte, erstaunte Hundebesitzer. Sogar die Hunde sahen aus als frören sie und zogen an der Leine, um schnell wieder zurück nach Hause ins Warme zu kommen. Schließlich hielt der Winter die Stadt mit eisigem Griff umklammert, die Temperatur sank auf unter minus zwanzig Grad, und Schnee fiel, Massen von Schnee. Sie hatte so getan, als ließe sie sich in der Kneipe Black Velvet volllaufen und torkelte jetzt den Bürgersteig entlang. Sie sah, wie der Türsteher ihr besorgt nachblickte, und befürchtete, er, würde ihr folgen, um sie vor dem möglichen Erfrierungstod zu retten. Doch er blieb zum Glück stehen, hatte sich schließlich um seinen Job zu kümmern. Sie hatte einen Heimweg von einem Kilometer vor sich, und die Hälfte der Strecke konnte sie durch den großen Stadtpark laufen. Sie sah schon, wie die Bäume über den nächsten Mietshäusern aufragten. Der Wind heulte, und der Schnee hatte sich auf dem Bürgersteig aufgetürmt, sodass man selbst in vollkommen nüchternem Zustand nur schwer vorankam. Sie trug eine schwarze Strumpfhose, lange, aber dünne Stiefel einen Minirock und einen synthetischen Leopardenpelz. Nichts auf dem Kopf. Sie sah wie eine richtige Nutte aus. Fehlte nur noch der Beobachter, die Straßen waren menschenleer. Das Unwetter und die Kälte hatten auch die allerabgehärtetsten Kneipengänger heimwärts getrieben. Im Park war ein Vorwärtskommen wahrscheinlich noch schwieriger. Sie stapfte durch den Schnee, und es war nicht einfach, die Betrunkene zu spielen. Vielmehr sah sie wohl wie eine Geisteskranke aus, die sich zwischen die wahnsinnig peitschenden Bäume und den wirbelnden Schnee begab. Sie zitterte vor Kälte, und die Beine fühlten sich taub an, auch die Finger, Zehen, das Gesicht. Das Make-up brannte in den Augen, sie rieb es fort, schaute bestimmt aus wie eine Idiotin, aber hier sah sie niemand. Sie könnte sich glücklich schätzen, wenn sie in dieser Nacht überhaupt zu Hause ankam. Auszugehen war eine schwachsinnige Idee gewesen, sie hatte doch den Wetterbericht gesehen, sie hätte es besser wissen müssen. Bitter bereute sie ihre unerschütterliche Haltung, wenigstens etwas Verstand im Kopf musste man doch haben, zumal wenn man Jagd auf Mörder und ihre DNA machte. Kein Mensch setzte in so einer Nacht einen Fuß vor die Tür. Bloß sie dumme Gans. Sie schluchzte, ja, sie weinte. Weil sie fror, weil sie so allein war, weil sie nicht wusste, ob sie es überhaupt schaffen würde, bei, diesem schrecklichen Wetter den ganzen Weg nach Hause zu gehen. Aber wenn sie sich zum Ausruhen hinsetzte, war alles vorbei, das war ihr klar. Schließlich weinte sie um Fanny. Zum ersten Mal kam die Trauer hoch. Und die wird mich das Leben kosten, dachte sie. Ihre beste Freundin, Fanny mit den lustigen Eichhörnchenaugen, dem ansteckenden Lachen, der herzlichen Fürsorglichkeit. Fanny, die für sie wie eine Mutter und Schwester gewesen war, die alles für sie gewesen war. Sie nie mehr sehen zu dürfen. Das Weinen schüttelte sie. Am Ende hockte sie sich hin. Das war schön. Etwas im Windschatten hinter einem Baumstamm. Sie war so müde und fühlte nirgends mehr etwas. Trotzdem zitterte sie und konnte nichts dagegen tun. Ich will mich nur kurz ausruhen, dachte sie. Aber hinter dem Gedanken steckte etwas anderes: Ist egal, niemand wird mich vermissen, wenn ich tot bin. Doch, vielleicht Emil, armer geduldiger loyaler Emil, der hofft, wir würden eines Tages heiraten. Jetzt muss er sich eine andere suchen. Nein, sie musste weitergehen. Es war noch nicht Zeit zu sterben. Das zu tun war gegen Gottes Gebot. Andererseits hatte sie schon mehr gesündigt als alle anderen, was spielte es also noch für eine Rolle. Trotzdem stand sie auf und kämpfte sich gegen den Wind weiter vorwärts. Mit eisernem Willen würde sie es nach Hause schaffen. Wenn denn ein eiserner Wille ausreichte. Gegen diese fundamentale Dummheit, diesen sündigen Hochmut, für wen hielt sie sich eigentlich? Plötzlich hörte sie durch das Heulen des Windes ein Geräusch. Das Brummen eines Motors. Und eine Stimme. »Katarina! Katarina!« Und Licht. Scheinwerfer. Ein Auto war in den Park gefahren und hatte neben ihr angehalten. Als sie den Fahrer erkannte, brach sie in Tränen aus. Danke, lieber Gott! Emil war da. Er hatte sich den Wagen der Gemeinde geliehen,, und die Scheiben waren nicht vereist, das Auto war warm, bereit, sie aufzunehmen. Schnell sprang er heraus und führte sie zur Beifahrerseite. »Der Sitz ist beheizt«, sagte er fürsorglich, »bald wird dir warm, wirst gleich sehen.« Die Belüftung blies ihr einen tropischen Wind, herrliche Wärme ins Gesicht. Er setzte sich wieder hinters Steuer und schloss die Tür. Das Heulen des Windes verstummte und wurde von einem ruhigen Blues aus dem Autoradio abgelöst. »Woher wusstest du?«, flüsterte sie erleichtert. »Du hättest an so einem Abend nicht aus dem Haus gehen dürfen«, warf er ihr vor, »das war dumm von dir, sehr dumm.« Sie nickte. »Ich dachte, ich muss sterben«, sagte sie. »Durch meinen eigenen Übermut, ich dachte, ich würde meine Strafe bekommen.« In dem Augenblick hörte sie ein leises Klicken. »Was war das?« »Die Zentralverriegelung, Liebling.« Liebling? Sie hatte nicht die Kraft, über die neue Anrede nachzudenken, dass sie plötzlich so intim mit ihm war, sein Liebling geworden war. Sie war einfach nur erleichtert. Er fuhr aus dem Park und weiter nach Norden in ihren Stadtteil. Langsam taute sie auf. Schaute sich in dem wohl vertrauten Gemeindeauto um, in dem sie altersschwache Kirchgänger immer abholten. Wie eine rettende Flotte in stürmischer See, diese gesegnete Wärme. Und dieser gesegnete Mann, ihr Emil. Das Licht des reflektierenden Schnees draußen glänzte in seinen Augen, er lächelte still, sah sie an. Sie erwiderte das Lächeln. Bald waren sie da. Die Straßen waren nicht geräumt, und es lag so viel Schnee, dass man nicht an den Rand des Bürgersteigs fahren konnte. Doch andererseits war kein Verkehr. »Du kannst mich hier rauslassen«, sagte sie,, »ich steige auf der Straße aus. Ich winke, wenn ich oben bin.« Doch er hielt nicht an. Sondern fuhr an ihrem Haus vorbei. »Halt, Emil, jetzt bist zu weit gefahren.« Er schien sie nicht zu hören. »Emil, wo fährst du hin?« »Zu einem neuen Park. Zu einem, den du bei all deinen nächtlichen Wanderungen ausgelassen hast.« Er lächelte ihr wieder zu. Doch das Lächeln war anders, kalt und anzüglich. Oder bildete sie sich das nur ein? »Ein anderer Park, Liebling. Variation und Erneuerung, you know.« Die Erkenntnis tat körperlich weh. Gewichte schwer wie Blei fielen in ihrem Körper – ein anderer Park! Konnte es wahr sein, konnte er es sein? Bange schielte sie zu ihm hinüber. Er grinste jetzt übers ganze Gesicht und fuhr zügig durch die Stadt. Seine Worte waren nur in eine Richtung zu deuten. Oder erlaubte er sich einen Scherz? Nein, der Emil, den sie kannte, würde sich nie zu einem solchen Scherz hinreißen lassen. Neben ihr saß ein Fremder, ein Mann, den sie nicht kannte. Sie wusste nicht, dass Gefühle körperlich so weh tun konnten. Die Muskeln schmerzten, der Kopf dröhnte, ihr Emil, das durfte nicht wahr sein! Doch die Worte hingen unerbittlich in der warmen Luft. Er hatte es gesagt. Er war es. »Du kannst es trotzdem machen«, flüsterte sie. »Du musst mich nicht umbringen, oder?« Ein Schnauben war seine Antwort. »Das ist es gerade«, sagte er dann. »Dass du so eine Schlampe bist, was für ein Glück, dass, es herausgekommen ist. Und mit dir wäre ich fast den heiligen Bund der Ehe eingegangen.« »Was habe ich getan?« »Guck dich an!« »Du weißt doch, warum. Und Fanny? Was hatte sie getan?« »Du musst blind gewesen sein. Hast du ihre Blicke vergessen, ihr Lachen, wie sie sich bewegte?« »Sie war süß, Emil, ist das ein Verbrechen?« »Sie hatte selbst Schuld. Sie hätte es wissen müssen. Doch sie hat beschlossen, sich zur Schau zu stellen und die Leute durcheinander zu bringen.« »Das hat dich angemacht?« »Was für ein Ausdruck. Typisch für dich. Ich war verzweifelt. Ich strafe – so wie ihr darum bettelt, bestraft zu werden.« Sein Gesicht war jetzt vollkommen verändert. Die schwache Beleuchtung vom Armaturenbrett unterstrich zusätzlich seinen grotesken Gesichtsausdruck. Die Erkenntnis wie bleischwere Gewichte in ihrem Körper. Eine innere Kälte jetzt, viel schlimmer als die äußere. Eine glasklare Anwesenheit im Jetzt. Sie legte den Sicherheitsgurt an, registrierte, dass er nicht angeschnallt war. Bleischwere Gewichte im Körper, der bleierne Totschläger in der Hand, er bog auf den großen Friedhof ein, aha, das war also der Park, sie schleuderte das ganze Bleigewicht direkt gegen seine ungeschützte Schläfe. Und dann wurde es schwarz. Eine Woche später wusste sie, dass ein ganzer Kerl voller DNA zufriedenstellend abgeliefert worden war, er überleben und seine Strafe bekommen würde. Sie selbst würde lernen, mit ihrer Einsamkeit zu leben und ohne die Geborgenheit, die Gott spendet. Seinen Schutz gab es nirgendwo, nicht mal in seiner heiligen Gemeinde. Eine, Aufforderung war er nach wie vor, doch von unergründlicher, schmerzlicher Art. Die Liebe, die sie für das Ziel gehalten hatte, musste sie selbst erschaffen, jemandem zu geben versuchen, obwohl sie aus Mangel an dieser Wärme selbst schwere Erfrierungen erlitten hatte. Das half nichts. Sie musste selbst lieben und nicht warten, bis jemand kam und sie erlöste. Ein bisschen zufrieden war sie dennoch, weil sie eine Reihe von Frauen vor einem gewaltsamen Tod gerettet hatte, die eiserne Umklammerung der Gewalt nachgelassen und gerade in diesem Augenblick niemand mehr Angst hatte.,

Krebsfest in Schwarz Marita Gleisner

Ich holte die große schwarze Servierplatte heraus, hielt aber in der Bewegung inne und zog den Duft von frisch gepflücktem Dill ein, einfach herrlich. Ich wollte gleich die aufgetauten Krebse zu einer Pyramide auf der Platte schichten und sie ganz oben mit schönen Sträußen von Dillkronen garnieren, als ich feststellte, dass die Krebse noch leicht gefroren waren. Vorsichtig löste ich sie voneinander, damit keine Schere abbrach, und reihte sie zum Abtropfen einen nach dem anderen auf Küchenpapier auf. Da kam Johan in die Küche. »Du willst doch nicht etwa den Tisch mit schwarzen Tellern decken?«, fragte er in energischem Ton. Ich schaute hinunter auf die Arbeitsplatte. Was war mit Johan los? Ich hatte das Gefühl, wenn ich die große weiße Platte herausgeholt hätte, wäre das auch nicht recht gewesen. Ich starrte auf seine Schuhe und biss mir auf die Lippe. Ich ließ den Blick seine dunkle Cordhose und das grau gestreifte Hemd hinaufwandern. Er war groß und elegant, ein Mann mit dunkelbraunen Augen und blondgelocktem Haar, immer gut gekleidet. Jetzt war der Mund ein krummer Bleistiftstrich, und Johan schüttelte den Kopf wie ein störrisches Kind. Er seufzte, sagte aber nichts weiter. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging hinaus. Ein schwacher Duft von Rasierwasser blieb zurück und mischte sich mit dem vom Dill. Da war was. Ich hatte das im Gefühl. Er war genauso wie damals, als wir noch in Åbo wohnten, bevor wir herzogen. Damals hatte er angefangen an mir herumzumeckern und hatte Rasierwasser benutzt, obwohl es Samstag und er zu Hause war. Es konnte doch wohl nicht sein, dass er wieder … Nein, daran wollte ich nicht denken. Wir waren umgezogen, um dem, Klatsch zu entfliehen, und wir konnten nicht noch einmal umziehen. Johan hatte keine andere. Ich musste es mir immer wieder sagen Johan war nur müde und überarbeitet. Ich stellte die schwarze Servierplatte zurück und holte die weiße heraus. Das rote Tischtuch würde sich nicht genauso gut zu den weißen Tellern machen, aber es war wichtig, dass Johan an diesem Abend gute Laune hatte. Johan war charmant und freundlich. Alle mochten ihn. Er wollte Menschen um sich haben, und darum hatte er Elin und Gustav zum Krebsfest eingeladen. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir zu Hause allein vor dem Fernseher gesessen und einen Film geschaut. Verglichen mit Johan war ich langweilig, eine kleine graue Maus. Ich legte die Decke auf den Tisch und holte die Gläser heraus. Ich spülte sie unter heißem Wasser ab und polierte sie mit einem Leinentuch. Beim Falten der Servietten schaute ich aus dem Fenster und sah, dass Johan auf dem Weg ins Haus war. Sein Handy klingelte, und er ging ein paar Schritte zurück. Als er das Gespräch annahm, stand ich schon mit dem Ohr an der Lüftungsklappe. »Du bist also zu Hause«, sagte er sanft. Mir war klar, dass er mit einer Frau sprach. Sie erzählte offensichtlich, wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte, denn er stand lange stumm da und erwiderte nichts weiter als: »Jaja, jaja.« »Nein, das geht nicht«, sagte er in einer tieferen Stimmlage, und ich hörte, wie er einen Stein wegkickte, sodass er gegen den Holzschuppen flog. Seine Stimme klang enttäuscht, und ich konnte nicht heraushören, ob er nur so tat oder ob er wirklich enttäuscht war. »Birgitta gibt ein Krebsfest«, erklärte er und seufzte demonstrativ. Doch die Anruferin gab sich mit der Antwort nicht zufrieden., »Elin und Gustav«, sagte er. Ich hörte, wie er nervös auf dem Kies auf und ab ging. »Natürlich, natürlich«, erwiderte er. Dann musste er sich umgedreht haben, denn das Einzige, was ich hörte, war: »Wie immer« und »nach Mitternacht«. Danach blieb er stumm, und ich, die glaubte, sie hätten das Gespräch beendet, ging so schnell durchs Zimmer zur Kommode, dass ich mir den kleinen Zeh an einem Stuhlbein stieß. Es tat weh, und ich hätte am liebsten laut aufgeschrien. Mein Gesicht wurde heiß, und ich zog schnell die oberste Schublade mit dem Besteck auf. Ich wühlte nach den Krebsmessern, während ich zur Tür schielte, doch Johan kam nicht. Da humpelte ich zum Fenster und sah, dass er noch immer auf dem Hof auf und ab wanderte, das Mobiltelefon am Ohr. Er sagte nicht viel. Sie war es, die sprach. Plötzlich hätte ich mich am liebsten übergeben. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich davonschleichen und frische Luft schnappen, darum riss ich den gerippten Strickpullover vom Haken und schlüpfte durch die Küchentür hinaus. Die Sonne brannte heiß. Sanfter Wind kam vom Meer, aber ich hätte den Pullover nicht mitzunehmen brauchen. Bei der Mülltonne bog ich auf den Waldweg ein und stellte fest, dass die Blaubeeren reif waren. Ich hätte einen Korb mitnehmen sollen. Mir war danach, Beeren zu pflücken, sie für den winterlichen Bedarf einzukochen und zu entsaften, und nicht danach, Johans Krebsfest auszurichten. Ich wollte mit dem Ohr zurück an die Lüftungsklappe. »Wie immer« und »nach Mitternacht«, hatte er gesagt. Was meinte er damit? Bei der bloßen Vorstellung, er träfe sich mit einer anderen, während ich schlief, begann mein kleiner Zeh zu schmerzen. Mir war rasch klar, dass ich mich verhört haben musste. Es war nicht logisch, dass er sich mit, einer aus dem Dorf traf. Hier auf dem Berg wohnten nur Kjerstin Ekdahl und wir. Kjerstin war allein, seit ihr Mann Martin ausgezogen war. Als ich über sie nachdachte, kam ihre schwarze Katze Frida auf mich zu und begann sich auf dem Weg zu wälzen. Frida war eine gutmütige, dicke schwarze Katze mit schön glänzendem Fell. Martin hatte sie Kjerstin überlassen, weil seine neue Frau allergisch war. Ich bückte mich und streichelte sie. Frida kam oft zu mir, wenn ich allein war. Ich glaube, dass sie merkte, dass Johan Katzen nicht mochte. Er sagte, sie brächten Tod und Pech, aber ich glaube, er behauptete das nur, weil er Angst vor Katzen hatte. Frida schien nicht genug kriegen zu können, darum nahm ich sie auf den Arm und sie warf gleich ihren Motor an und schnurrte an meiner Wange. Die Katze war süchtig nach Gesellschaft. Hatte Kjerstin keine Zeit für sie? Und mir fiel auf, dass Kjerstin sich lange nicht mehr hatte blicken lassen. Ich wollte bis zum Felsvorsprung beim Kliff gehen und übers Meer schauen, besann mich aber und ging stattdessen den Weg, der hinter Kjerstins Haus entlangführte. Und ganz ohne Grund blieb ich im Schutz der dichten Fichte stehen und spähte. Kjerstin merkte nichts. Sie saß vor dem Haus in einem weißen Plastikstuhl mit dem Rücken zu mir. Ihr blondes Haar glänzte in der Sonne. Sie fuchtelte heftig mit der linken Hand in der Luft herum. Sie sprach in ihr Mobiltelefon. Bestimmt tratscht sie, dachte ich und spürte, dass der kleine Zeh anschwoll. Der Fuß hatte kaum noch Platz im Schuh. Kjerstin war bekannt dafür, dass sie allen Klatsch der Gegend aufbauschte und weitergab. Kjerstin schmückte alles so aus, dass belangloser Tratsch zu solcher Größe anwuchs, dass man ihn als sensationelle Neuigkeit weitererzählen konnte. Nichts im Dorf entging ihr. Sie wurde von denen geliebt, die alles wissen wollten, und von jenen gehasst, die etwas zu verbergen hatten. Und mir kam der Gedanke, dass sie bald vor jeder Gartenpforte mit ihrem blauen Volvo Halt machen und erzählen würde, dass, Johan eine andere hatte. Vielleicht wusste sie schon, wer die andere war. Ich öffnete den Ofen und holte die Auflaufform mit dem vorgebackenen Teig heraus. Ich brutzelte Champignons und legte den Boden der Form damit aus. Anschließend zerbröckelte ich Edelpilzkäse und streute eine Schicht darüber. Ich verquirlte die Eier mit Milch und füllte die Form bis zum Rand auf. Während alles im Ofen garte, duschte ich schnell und dachte, dass die Frau, mit der Johan gesprochen hatte, Elin und Gustav gekannt haben musste. Johan hatte ihre Vornamen genannt, nicht »ein paar Bekannte« oder »die Forsmans« gesagt. Er hatte »Elin und Gustav« gesagt, also wohnte sie im Dorf. Ich kannte die Frau, auch Kjerstin kannte die Frau. Als ich die Krebse zu einer Pyramide auf der weißen Servierplatte aufschichtete, wusste ich, dass das Schlimmste sein würde, wenn die Leute im Dorf von der Sache erfuhren. Dann wäre es wieder so peinlich wie in Åbo, als Johan etwas mit dem Aushilfsmädchen hatte. Ich konnte noch immer nicht fassen, mit wie wenig Bedacht er seine Geliebte ausgesucht hatte. Ich ging ins Badezimmer, bürstete die Haare und wickelte sie auf. Ich sah es vor mir, wie Johan meiner Mutter, die damals noch lebte, erklärt hatte, dass wir meinetwegen hierher gezogen waren. Er hatte erzählt, er habe eine schlechter bezahlte Arbeit angenommen, nur damit es mir hier auf dem Lande besser ging. Doch meine Mutter hatte ihn durchschaut, oder zumindest war ihr etwas aus Åbo zu Ohren gekommen. Bei der Testamentseröffnung stellte sich heraus, dass sie es so abgefasst hatte, dass Johan durch eheliche Gütergemeinschaft kein Recht an dem Haus hatte. Verließ er mich wegen einer anderen, durfte ich wenigstens das Haus behalten. Aber das war ein kleiner Trost. Ich wollte auch Johan behalten. Ich nahm die Wickler aus dem Haar und bürstete es wieder glatt. Es war glanzlos und hatte gespaltene Spitzen. Ich brauchte, mich gar nicht im Spiegel zu betrachten, um zu wissen, dass meine Nase schief und meine Augen zu klein waren. Ich hatte eine fettige Haut, die immer glänzte. Trotzdem wollte ich Johan für mich allein. Und ich war mit den Gedanken wieder bei Kjerstin. Als ich spähend hinter der Fichte gestanden und ihr blondiertes Haar gesehen hatte, war mir ein Gedanke gekommen, aber der hatte sich gleich wieder verflüchtigt. Ich versuchte ihm nachzuspüren, aber er fiel mir nicht mehr ein. Stattdessen erinnerte ich mich an Kjerstins freundlich einschmeichelnde Art, nachdem wir hergezogen waren. Ich hatte erzählt, dass ich vorhatte, demnächst ein Geschäft für Unterwäsche zu eröffnen. Ich hatte ihr geglaubt, als sie versprach, es niemandem weiterzuerzählen. Doch schon am nächsten Tag hatte man mich auf der Post und im Lebensmittelladen gefragt, wann ich denn mein Geschäft eröffnen wolle. Kurz darauf hatte Kjerstins Arbeitskollegin meine Idee geklaut und ein Geschäft mit Unterwäsche aufgemacht. Ich wollte Kjerstin zur Rede stellen. Ich wollte ihr die Meinung sagen, aber genau an dem Abend war Martin ausgezogen, und Kjerstin saß in unserer Küche und weinte, als ich aus der Stadt kam. Also sagte ich kein Wort. Johan musste ihr beim Brennholzmachen helfen, und bei starkem Wind musste er mit ihr aufs Wasser rudern und ihre Netze bergen. Es kam in Kjerstins Gesellschaft zu so vielen Stunden voller Tränen, dass ich in meinem eigenen Haus bald keine Ruhe mehr hatte. Kjerstin spielte die Märtyrerin und heulte wie ein Schlosshund. Bald konnte ich nachts nicht schlafen, und Johan fand, ich sollte es einmal mit einem Schlafmittel probieren. Der Vorschlag war gut, denn ich war einigermaßen aufgewühlt. Eines Nachts hatte ich vergessen, meine Schlaftablette zu nehmen, und erwachte in der Wolfsstunde. Johan hatte sich auf einen nächtlichen Spaziergang begeben, und obwohl er eine Stunde später zurück war, hatte ich mir Sorgen gemacht. Danach, sorgte Johan dafür, dass ich jeden Abend meine Schlaftablette nahm. Elin und Gustav kamen angeradelt, und Gustav lobte den guten Duft von Dill, und Elin meinte, ich sähe hübsch aus in meinem blauen Kleid. Johan schaltete seufzend sein Handy aus und versprühte seinen Charme, während er drei Drinks einschenkte. »Schlafmittel und Alkohol sind keine gute Mischung«, sagte er zu Elin und Gustav und erklärte ausführlich, wie schwer ich Schlaf fand. Er war sehr freundlich und nannte mich Liebling, dennoch ließ er es so klingen, als sei ich nervenkrank oder hysterisch. Er vergaß meinen Drink. Ich musste mir selbst eine Cola mit Eis holen. Als ich zurück war, bildete ich mir ein, Elin und Gustav schauten mich forschend an. Der Wind war abgeflaut, und der Abend wurde warm. Wir ließen die Terrassentür geöffnet, und während ich das Essen auftrug, betrieb Johan draußen auf der Terrasse mit Elin und Gustav Small Talk. Gustav rühmte die Aussicht. »Aber Kjerstin hat eine noch bessere Aussicht«, sagte Johan. »Hier verdecken die Bäume das meiste. Kjerstin sieht das ganze Meer.« Ich fragte mich, ob er tatsächlich auf ihrer Terrasse gesessen hatte oder ob es so war, wie er behauptete. »Fäll zwei Bäume, dann siehst auch du das Meer«, schlug Gustav vor. Da fiel mir gerade ein, dass die Frau, die Johan angerufen hatte, zu der neugierigen Sorte gehörte. Sie war wie Kjerstin. Das war der Gedanke, der mich angeflogen hatte, als ich spähend hinter der Fichte stand. Zugleich fiel mir ein, dass Johan bestimmt gern die Hälfte des Hauses besitzen würde, in dem er wohnte., Es dämmerte schon, und leichter Nebel war übers Wasser in die Bucht gezogen. Ich goss den anderen Schnaps aus einer beschlagenen Flasche ein und schenkte mir Cola nach. Bald waren Johan und Gustav aufgekratzt, gesprächig und stimmten hin und wieder ein Trinklied an. Ich spürte, dass ich kurz vorm Eingehen war. Außerdem tat der kleine Zeh heftig weh. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mir einen Umschlag mit Eis gemacht. Ich stellte die Teller zusammen und trug die Servierplatte hinaus. Elin fiel bestimmt auf, dass ich humpelte, und wollte behilflich sein, doch Johan wies darauf hin, dass Elin und Gustav unsere Gäste seien und bei ihm sitzen mussten. Während ich Kaffee kochte, klaubte ich die Krebsschalen zusammen und warf sie in die Mülltüte. Ich knotete sie zu und dachte daran, wie es morgen riechen würde, wenn ich die Tüte nicht hinaustrug. Auf der Küchentreppe fielen mir die Elstern ein, die die Tüte in den frühen Morgenstunden zerpflücken und den Abfall verteilen würden. Ich zwängte also den kleinen Zeh in einen Schuh und ging mit der Tüte zur Mülltonne. Obwohl der Fuß weh tat, humpelte ich den Weg weiter bis zum Felsvorsprung unterhalb unseres Hauses. Johan und Gustav waren wahrscheinlich draußen auf der Terrasse, doch sie würden mich nicht sehen. Ich schaute nach oben. Gustav hatte Recht. Die Bäume verdeckten die Aussicht. Fällten wir zwei, würden wir das ganze Meer, den Felsvorsprung und das Kliff sehen, das steil ins Meer auf eine Klippe abfiel. In Gedanken versunken ging ich weiter und erschrak fast, denn auf dem Felsvorsprung, der zu unserem Grundstück gehörte, saß Kjerstin auf ihrem weißen Plastikstuhl und belauschte heimlich das Gespräch da oben. Frida saß ein Stück weiter. Ich fragte mich, woher Kjerstin wissen konnte, dass wir ein Krebsfest gaben, doch nur einen Augenblick lang dachte ich das, denn plötzlich wurde mir klar, wer es ihr erzählt hatte. Mir war alles, klar, und ich schaute mich um. Nicht ein Boot bewegte sich draußen auf dem Meer. »Prost«, sagte Johan in dem Augenblick, da ich mich an sie heranschlich. »Wo warst du?«, fragte Johan misstrauisch. »Bei der Mülltonne«, antwortete ich. Johan holte eine Flasche Cognac und drei Gläser. Ich stellte die schwarzen Kaffeetassen auf den Tisch und stellte mich für sein übertriebenes Flüstern taub: »weiße Tassen«. Ich war ruhig und stellte auch die Schokoladentorte um auf die schwarze Servierplatte. Hätte ich schwarze Servietten gehabt, hätte ich auch die hingelegt. Jetzt mussten welche aus Papier mit weißen Lilien auf goldfarbenem Grund reichen. »Ich nehme etwas Cognac«, sagte ich, und Elins wie Gustavs Gesicht hellte sich auf, und sie lächelten, Johan aber meinte entschieden: »Nein.« Elin und Gustav lobten die Torte und nahmen noch ein Stück. Johan begann bald auf die Uhr zu schielen, und Elin merkte es. Sie wollte aufbrechen, aber ich widersprach: »Es ist so schön, dass ihr hier seid. Bleibt doch noch ein bisschen.« Wir saßen lange beisammen. Die Sommernacht am Bottnischen Meerbusen war warm wie am Mittelmeer. Wir wären wohl noch länger sitzen geblieben, aber als Johan den Cognac wegschloss, standen Elin und Gustav auf. Sie bestiegen ihre Fahrräder, um nach Hause zu radeln, und Johan ermahnte mich, meine Schlaftablette einzunehmen. »Ich räume schnell ab«, sagte ich und machte mich daran, Tassen und Gläser zusammenzustellen. »Wir lassen den Abwasch stehen«, meinte er. »Wir lassen nichts stehen«, widersprach ich, obwohl ich sah, dass Johan verärgert war., Ich reihte das Geschirr in der Spülmaschine auf und steckte die Tischdecke und die Servietten in die Waschmaschine. Ich tat, als drückte ich eine Schlaftablette aus der Folie und saß eine Weile mit dem Glas in der Hand im Wohnzimmer auf dem Sofa. Johan verfolgte mich mit Blicken. Ich führte die Scheintablette zum Mund und gab vor zu schlucken. Ich hätte nach der Aussicht von Kjerstins Terrasse fragen können, verkniff es mir aber. Es spielte keine Rolle mehr. »Das war ein schöner Abend«, stellte ich fest, und wir gingen zu Bett. Ich stellte mich schlafend, und Johan schlich aus dem Zimmer. Er duschte und zog sich frische Kleidung an, und ich hörte, wie er hinaus in die warme Nacht ging. Ich dachte an nichts. Ich lag nur leer da in der Nacht. Eine Stunde und zwanzig Minuten später, es war genau zehn nach vier, war er wieder da. Er machte die Schlafzimmertür einen Spalt auf, kam aber nicht zu mir herein. Ich hörte, wie er die Kühlschranktür öffnete. Er klirrte mit Gläsern und ich konnte endlich einschlafen. Mein Johan war nach Hause zurückgekehrt, um zu bleiben. Am nächsten Morgen lag er auf dem Sofa und schlief. Er hatte eine Alkoholfahne, die bis in die Küche zu riechen war. Ich hängte die Tischdecke auf die Leine zwischen den Fichten, und Frida, die auf der Treppe gesessen hatte, schlüpfte ins Haus. Ich gab Sahne in eine Schüssel, und während ich die Spülmaschine ausräumte, schlabberte die Katze schnell die Sahne auf. Ich goss noch mehr nach und kochte starken Kaffee. Ich toastete Brot und ließ Frida im Wohnzimmer auf den Sofatisch springen, wo sie sich putzte, als Johan aufwachte. Er erschrak vor der schwarz glänzenden Katze, als hätte er ein Gespenst erblickt. »Was macht die hier?«, schrie er mich an., »Keine Ahnung«, log ich. »Sie lag in meinem Bett, als ich aufgewacht bin, darum habe ich gedacht, du hättest sie reingelassen.« Er war einer Ohnmacht nahe. Er rappelte sich hoch, und mit ein paar Schritten war er in der Küche. Im Kühlschrank war kein Bier mehr, und er giftete mich wütend an. »Habe ich heute Nacht Bier getrunken?«, fragte ich mit gespieltem Erstaunen. Johan, der immer behauptete, er trinke kein piewarmes Bier, ging in die Garage und kehrte mit zwei Flaschen zurück. Er leerte sie, während er im Wohnzimmer auf und ab wanderte. Das Handy hatte er vergessen. Es lag auf dem Küchentisch, und es kümmerte ihn nicht, dass es klingeln und ich sehen konnte, wer anrief. Er ging auf die Terrasse und schaute den Steilhang hinunter, obwohl er nichts anderes als Gebüsch und Bäume sehen konnte. Er kam wieder herein, weiß im Gesicht wie ein Geist. »Geht’s dir nicht gut?«, fragte ich, aber er gab keine Antwort. Er sank im Sofa zusammen, und kurz glaubte ich, er weinte. Um halb fünf Uhr am selben Nachmittag parkte Kriminalkommissar Eino Virtanen sein Auto vor unserer Treppe. Der Polizist in seiner Begleitung war klein und schweigsam. Ich verstand seinen Namen nicht, weil ich an die Wäsche dachte; an die rote Tischdecke und die Servietten, die ich von der Wäscheleine genommen hatte. Ich musste sie gleich bügeln. Einen Augenblick später, und sie wäre zu trocken gewesen. Ich hatte schon das Bügelbrett aufgestellt, und das Bügeleisen war heiß, sodass ich mich ungeachtet der Fragen des Kommissars mit ruhigen Bewegungen ans Bügeln machte. »Nein«, antwortete ich. »Ich habe Kjerstin Ekdahl lange nicht gesehen.«, Johan nickte auch. Er erinnerte sich nicht, wann er zuletzt mit ihr gesprochen hatte. Da fing der Kommissar an zu husten. Kjerstin Ekdahls Mobiltelefon hatte man in der Küche gefunden, und es zeigte an, dass sie Johan gestern Nachmittag angerufen hatte. Daraufhin schien Johan fieberhaft in seinen Erinnerungen zu kramen. Er sagte viel zu schnell: »Doch, klar«, und wurde rot im Gesicht. Ich bin sicher, der Polizist sah, dass er log. »Sie hat irgendwas gefragt«, behauptete Johan, konnte sich aber nicht mehr erinnern, was. »Es ist aber besser, wenn Sie sich erinnern!«, entgegnete der Kommissar barsch und berichtete, dass man unsere Nachbarin Kjerstin Ekdahl vor kurzem im Wasser zwischen den Klippen unterhalb unseres Hauses tot aufgefunden hatte. Zwei Fischer hatten sie entdeckt. Man hatte auch einen weißen Plastikstuhl gefunden, der auf den Wellen auf und ab schaukelte, die an die Felsen schlugen. Ich stellte das Bügeleisen zur Seite. »Das kann nicht wahr sein«, sagte ich, doch der Kommissar nickte stumm. »Was haben Sie gestern gemacht, Frau Karlsson?«, fragte er, und ich setzte mich und wischte mir die Stirn mit dem Handrücken ab. Bügeln war schwere Arbeit, und es wurde warm. Ich erzählte ausführlich, wie ich das Krebsfest vorbereitete, und obwohl ich merkte, dass Kommissar Virtanen ungeduldig wurde, beeilte ich mich nicht. Ich behauptete, ich sei den ganzen Tag nicht weiter als bis zur Mülltonne gekommen. Ich hatte mir den Fuß verletzt. Da wollte Virtanen sofort den Fuß sehen. Ich glaube, sowohl er als auch Johan hatten den Verdacht, ich log, darum deutete ich erst auf das Stuhlbein, an dem ich mich beim Tischdecken, gestoßen hatte. Dann hob ich den Fuß mit dem kleinen Zeh, der jetzt nicht nur doppelt so dick, sondern auch noch rot und blau war. »Sieht schlimm aus«, meinte Virtanen und verzog das Gesicht. »Ich kann damit fast nicht auftreten«, sagte ich. Kriminalkommissar Virtanen fragte, ob mein Zeh womöglich gebrochen sei, und forderte mich auf, zum Ärztezentrum zu gehen. Johan sah aus, als sei er einer Ohnmacht nahe. Die Leute von der Spurensicherung sperrten das Gelände ab und durchkämmten es, während Frida wie eine Statue am Fenster saß und sich weigerte, nach draußen zu gehen. Ich backte einen Obstkuchen und lud alle zum Kaffee ein. Herr Virtanen erzählte dann anscheinend aus Versehen, dass man Kjerstin Ekdahl vom Vorsprung unterhalb unserer Terrasse gestoßen hätte. Im späteren Verlauf des Abends fragte er, ob Kjerstin Ekdahl die Angewohnheit gehabt hätte, auf diesem Vorsprung zu sitzen. »Soviel ich weiß nicht!«, antwortete ich. »Der gehört doch zu unserem Grundstück.« Danach gab ich vor, mir sei noch etwas eingefallen, und erzählte, dass Kjerstin zu Lebzeiten sehr neugierig gewesen war. Das wusste das ganze Dorf. Ich sagte, dass sie uns möglicherweise heimlich belauscht hätte. Später widerrief ich. »Ich verstehe nur nicht, wer erzählt haben könnte, dass wir ein Krebsfest geben.« Da zuckte Johan zusammen und bekam einen verkrampften Gesichtsausdruck, und ich glaube, Virtanen merkte das auch. Ich suchte das Ärztezentrum auf und mein kleiner Zeh war wirklich gebrochen. Sie konnten ihn nicht eingipsen, bandagierten den Fuß aber fest. Die Verhöre zogen sich wochenlang hin, und einige Zeit war Johan gezwungen, fast täglich zur Polizeidienststelle in die Stadt zu kommen. Er erklärte mir, man habe Fingerabdrücke gefunden, die ihm, gehörten. Er hatte Kjerstin schließlich ab und zu geholfen. Ich fragte, ob er sich dabei die schöne Aussicht angeschaut habe, aber Johan war zu nervös, um meine Fragen zu beantworten. Er kam immer ins Stottern und verlor den Faden. Die Verhöre waren so anstrengend, dass er sich bald krank schreiben lassen und vorm Zubettgehen ein Mittel nehmen musste, um nachts schlafen zu können. Eines Tages fragte mich Kommissar Virtanen, ob es möglich sei, dass Johan und Kjerstin ein Verhältnis gehabt hätten. Ich schaute ihn fragend an und zögerte eine Weile mit der Antwort. »Das ist möglich«, sagte ich. Dann widerrief ich wieder. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Das hätte ich doch gemerkt. Johan hat ihr beim Brennholz machen geholfen, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte.« Kriminalkommissar Virtanen schaute mich lange an und dachte wahrscheinlich, Frauen seien ziemlich einfältig und leicht für dumm zu verkaufen, sprach es aber nicht laut aus. Ich nahm an, man hatte Johans Fingerabdrücke auch in der Nähe des Bettes gefunden, aber darüber verlor Virtanen mir gegenüber keine Silbe. Elin und Gustav hatten ausgesagt, wir hätten uns alle den ganzen Abend in unserem Haus aufgehalten, bis mindestens zwei Uhr nachts. Das ging Virtanen immer wieder mit mir durch. Ich meinte, so sei es wahrscheinlich gewesen, selbst hätte ich aber nicht auf die Uhr geschaut. Niemand fragte mich jemals, ob ich die Mülltüte in der Nacht hinausgetragen hätte, und ich sah keine Veranlassung, mich an so ein Detail zu erinnern. Es gab offensichtlich keinen Anhaltspunkt, keine Spuren oder Motive. Es schien, als habe Kjerstin allein auf dem Vorsprung gesessen und sei plötzlich mit dem Stuhl und allem hinuntergefallen., Es kam zur Aufteilung des Erbes, und Kjerstin Ekdahls Bruder Edgar, ein großer dunkelhaariger und saumseliger Mann, übernahm das Haus und zog ein. Er war allein stehend, und im Dorf erzählte man sich, er fühle sich wohl, aber er kam uns nie besuchen; er störte uns nicht. Johans Protesten zum Trotz begann Frida am Fußende meines Bettes zu schlafen, und ich musste kein Schlafmittel mehr einnehmen. Wachte ich auf, war Frida da und tröstete mich. Als Johan versuchte, die Katze zu verscheuchen, wies ich ihn darauf hin, dass er sie ins Haus gelassen hatte. Bei diesen Worten sah ich ihn mit halb offenem Mund forschend an, und er begann sofort mit den Wimpern zu klimpern, gab aber kein Wort von sich. Er war zerstreut, und offensichtlich grübelte er über etwas, das schlimmer als die Katze war, doch ich erkundigte mich nicht danach. Ich schlug vor, wir könnten Besuch einladen, doch er wollte keine Gäste mehr haben. Er wollte mit mir vor dem Fernseher sitzen. Er versuchte tapfer, wieder zur Arbeit zu gehen, aber eine Woche später war er gezwungen, sich abermals krank schreiben zu lassen. Bald hatte ich ihn tagsüber zu Hause, und ich war mit der Entwicklung zufrieden. Das Geschäft, das angefangen hatte, Unterwäsche zu verkaufen, ging Pleite, und man bot mir an, es zu übernehmen, aber ich lehnte ab. Johan brauchte mich. Gut zwei Jahre später wollte uns Johans Schwester zu Weihnachten besuchen. Johan lebte plötzlich auf und war fröhlich. Zusammen planten wir das Essen, und Johan sagte: »Wir decken den Tisch mit schwarzen Tellern.« »Ich wollte weiße nehmen«, sagte ich entschieden. Da wurde sein Mund plötzlich zu einem krummen Bleistift strich, doch ich weigerte mich, den Blick auf seine Schuhe zu senken. Ich schaute ihm direkt in die Augen, und wir standen lange da und schätzten einander mit Blicken ab. Ich hatte das, Gefühl, die Stunde der Entscheidung war gekommen. Johan wollte die Frage stellen, auf die er so lange gewartet hatte. »Was hast du damals in der Nacht draußen gemacht?«, fragte er in energischem Ton. »Du meinst an dem Abend, an dem wir das Krebsfest hatten?« Er nickte. »Du meinst den letzten Abend in Kjerstins Leben?« Wieder nickte er. »Ich habe die Krebsschalen zur Mülltonne gebracht«, antwortete ich. »Was hast du sonst noch gemacht?«, fragte er. »Ich verstehe deine Frage«, erwiderte ich. »Aber wenn du darauf eine Antwort haben willst, musst du zuerst meine Frage beantworten.« Ich weiß nicht mehr, ob er nickte, trotzdem fragte ich: »Warum hast du Virtanen nicht erzählt, dass auch du in derselben Nacht, in der Kjerstin verschwunden ist, draußen warst?« Er zuckte zusammen, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Ich habe mein Schlafmittel nicht genommen, darum weiß ich genau, wann du zurück warst«, sagte ich. Von diesem Tag an wollte Johan nicht mehr diskutieren, wie der Tisch gedeckt werden sollte. Ich ließ einen Profi zwei der Bäume an der Terrasse fällen, und wir konnten die herrliche Aussicht übers Meer sehen. Bei Johan stellten sich jedoch Unwohlsein und Schwindelanfälle bei Höhen ein. Er konnte nicht auf die Terrasse hinausgehen, während ich dort unendlich lange im Wind, der vom Meer herüberwehte, sitzen konnte. Nur der immer wiederkehrende Albtraum störte mich. Ich wachte immer an der Stelle auf, wo ich Anlauf nahm und Kjerstins Stuhl einen Tritt versetzte,, sodass er über den Rand des Felsvorsprungs flog. Jedesmal erwartete ich, sie würde schreien, und der Schrei sei bis hinauf zu unserer Terrasse zu hören. Doch sie schrie nie. Ich hörte nur, wie der Körper auf die spitze Klippe aufschlug und das Rückgrat brach. Dann hörte ich ein leises Platschen. Das war der Plastikstuhl, der ins Wasser fiel.,

Ein knackiger Hintern Leena Lehtolainen

Ich stand an der Ampel vor dem Athenäum und zupfte an meinem Rock, der mir an den Oberschenkeln klebte. Bevor ich das Büro verließ, hatte ich die Strumpfhose ausgezogen, denn das Thermometer zeigte mehr als dreißig Grad. Selbst im Leinenkostüm war ich zu warm angezogen, am liebsten wäre ich in der Unterwäsche gegangen. Für eine dreiunddreißigjährige Finanzjuristin ziemte sich dergleichen natürlich nicht, obwohl ich auch nach der Geburt der Zwillinge rank und schlank geblieben war. Als Erstes fiel mir der perfekte Po des Mannes auf. Er trug altmodisch enge Jeans, die jeden Muskel nachzeichneten. Als die Ampel umsprang, überquerte er die Straße. Sein Körper wirkte durchtrainiert. Das weiße T-Shirt klebte ihm feucht am Rücken und ließ die Muskeln deutlich erkennen – ich konnte den Blick nicht von ihm lassen. Als ich Harri kennen lernte, vor acht Jahren, spielte er als linker Verteidiger in einer Eishockeymannschaft der zweiten Liga. Wir hatten uns gerade verlobt, da riss die Achillessehne an seinem linken Fuß, und er musste seine Laufbahn als Profisportler aufgeben. Als Alexandra geboren wurde, spielte er noch zweimal wöchentlich Unihockey, aber seit der Geburt der Zwillinge schaffte er auch das nicht mehr. Er arbeitete siebzig Stunden pro Woche in seiner eigenen Firma und hatte kaum noch Zeit für die Kinder. Im letzten Jahr hatte er zwanzig Kilo zugenommen, weil er sich ungesund ernährte und abends zur Entspannung das eine oder andere Bierchen kippte., Meine Absätze klapperten über den heißen Asphalt. Ich hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen, dort wartete niemand auf mich. Harri war mit den Kindern und dem Hund über das Wochenende nach Tammisaari ins Sommerhaus seiner Eltern gefahren. In der nächsten Woche fing auch für mich der Urlaub an, aber vorher musste ich das ganze Wochenende arbeiten. Das hatte ich Harri gegenüber jedenfalls behauptet. Wann war ich das letzte Mal ohne Hast und ohne festes Ziel durch Helsinki spaziert? Der Mann mit dem knackigen Po ging die Treppe zum Bahnhofstunnel hinunter. Ohne weiter nachzudenken, folgte ich ihm. Normalerweise ging ich nicht in die Phonoabteilung von Anttila, sondern kaufte meine Platten im Internet oder bei Stockmann. Der Mann mit dem tollen Hintern begutachtete die Sonderangebote, während ich mich hinter der Stellage mit der klassischen Musik verschanzte. Das Vernünftigste wäre gewesen, nach Hause zu fahren, zu duschen, ein Glas eisgekühlten Weiß-Wein zu trinken und weiterzuarbeiten, aber auf einmal hatte ich keine Lust, vernünftig zu sein. Meine Bluse war verschwitzt, auch zwischen den Brüsten spürte ich Feuchtigkeit. Wie wäre es, wenn ich mir eine neue Bluse und einen BH kaufen, mich umziehen und in ein Gartenlokal setzen würde? Wann hatte ich zuletzt diese fiebrige Unruhe verspürt, war es damals, als ich Harri kennen lernte, bevor wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten? Warum waren alle meine Freundinnen berufstätige Mütter, warum hatte ich keine Clique, mit der ich ab und zu ausgehen konnte? Der Mann stand immer noch bei den CDs. Ich ging zwischen den Regalen hindurch, sodass ich sein Gesicht sehen konnte. Nicht übel. Ein kurzer, dunkler Bart betonte die vollen Lippen. Als er sich den Schweiß von der Stirn wischte, blitzte am rechten Arm eine Tätowierung auf, ein geschmackvolles keltisches Ornament., Ich ging an ihm vorbei und spürte die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Sie löste ein Prickeln zwischen meinen Beinen aus, das ich seit langem nicht mehr gespürt hatte. Ich musste sofort weg von hier, sonst würde ich mich noch auf ihn stürzen. Was war nur in mich gefahren? Ich ging wieder hoch auf die Straße, schon auf der Treppe schlugen mir die Abgase entgegen. Im Kaufhaus Stockmann gewann ich die Fassung wieder. Ich sah mich im Spiegel, eine große, schlanke, gepflegte Frau. Ich kaufte ein weißes Top mit schmalen Trägern und einen goldfarbenen Satin-BH. Bei dem Gedanken, wie es wäre, die Hände des gut gebauten Fremden auf meinen Brüsten zu spüren, stöhnte ich leise auf. Ich war daran gewöhnt, mich vor wichtigen Verhandlungen in der Flugzeugtoilette zu waschen. Die Toiletten bei Stockmann waren wesentlich geräumiger. Ich zog die neuen Sachen an, wickelte die Leinenjacke um die verschwitzte Bluse und stopfte beides in die Einkaufstüte. Noch ein paar Tropfen Parfüm und eine Spur Lippenstift. Zum Glück hatte ich mich am letzten Wochenende in die Sonne legen können. Harri hatte sich wieder einmal einen Sonnenbrand geholt. Bei dem Gedanken an die rosaroten Rettungsringe, die um seine Taille schwabbelten, schüttelte es mich. Der Mann mit dem festen Hintern hatte gleichmäßig gebräunte Arme. Anfangs war Sex für Harri und mich ein Abenteuer gewesen, der Körper des anderen ein unerforschter Kontinent. Wie hatte ich seinen Gesichtsausdruck unmittelbar vor dem Orgasmus geliebt, wie stolz war ich darauf gewesen, ihm Lust zu bereiten. Harri war Computertechniker und arbeitete als selbstständiger Subunternehmer für Nokia. Wir hatten uns am gleichen Tag verlobt, an dem ich mein Jurastudium abschloss. Zur Hochzeit schenkte Harri mir zwanzig Prozent der Aktien seiner Firma. Wir wollten Erfolg und Reichtum und alles, was dazugehört: ein Haus mit Ufergrundstück, teure Autos, zwei oder drei Kinder. Alexandra war beim ersten Versuch gezeugt worden, bei den, Zwillingen hatten wir vier Monate gebraucht. Wir hatten es eilig gehabt, denn ich musste unbedingt vor der Einführung des Euro aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkommen. Zwei Kinder auf einmal passten uns nicht ins Konzept, und so dachten wir an Abtreibung. Ich hatte mich mit dem Gedanken bereits angefreundet, als Harri einen Rückzieher machte. »Das würde bedeuten, dass wir es erst 2003 schaffen, und dann stecken wir mitten im WAP-Geschäft. Am besten lassen wir sie doch jetzt schon kommen.« Wenn wir gewusst hätten, dass sich die WAP-Technik doch nicht so rasant durchsetzen würde wie allgemein erwartet, wären die Zwillinge nicht geboren worden. Natürlich waren Amanda und Anton niedlich, doch im Mutterschaftsurlaub wäre ich fast durchgedreht. Die diversen Entwicklungsphasen hatte ich schon bei Alexandra erlebt, der Reiz des Neuen war verflogen. Ich war überglücklich, als ich wieder in den Job zurückkehren konnte. Schon nach Alexandras Geburt hatte sich Harri abgewöhnt, meine Brüste zu liebkosen, an denen er früher unermüdlich gespielt und gesaugt hatte. Wahrscheinlich fürchtete er, ich würde Milch verströmen. Mir kam es vor, als hätte man einen Teil meines Körpers amputiert. Für Harri existierten nur noch mein Mund und mein Unterleib, die er aber auch nur noch einmal im Monat wahrnahm. Als ich das Kaufhaus verließ, war es draußen immer noch heiß. Gab es in der Nähe ein nettes Straßencafé? Zufällig fiel mein Blick auf die Dachterrasse des Alten Studentenhauses. Dort saß der Mann mit dem knackigen Po. Im Alten Studentenhaus war ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gewesen. Das Lokal war für meinen Geschmack zu schäbig, die Klientel nicht seriös genug. Dennoch ging ich kurz entschlossen an dem schwitzenden Türsteher vorbei zur Theke und bestellte einen trockenen Cidre. Die Luft auf der Terrasse war heiß und abgasgeschwängert., Der Fremde saß allein an seinem Tisch, und ich setzte mich so hin, dass ich Blickkontakt aufnehmen konnte. Das Prickeln machte sich wieder bemerkbar. Der Mann trank irgendetwas Farbloses mit viel Eis. Ich nahm Arbeitspapiere aus der Tasche und tat, als überflöge ich sie, behielt aber den Mann genau im Auge. Er betrachtete die Passanten, ab und zu spielte der Anflug eines Lächelns um seine Lippen. Von Zeit zu Zeit begegneten sich unsere Blicke und blieben immer länger ineinander haften. Nach einer Weile schenkte er mir ein Lächeln. Ich lächelte zurück, schob eine Haarsträhne aus der Stirn, tupfte ein Schweißtröpfchen vom Ohr. Wie lief das alte Spiel, konnte ich es noch? Er war etwas jünger als ich, kaum dreißig. Mit jedem Blick begehrte ich ihn heftiger. Wenn ich mit Harri schlief, dachte ich neuerdings an die Arbeit oder an den Speiseplan fürs Wochenende. Der Mann leerte sein Glas und stand auf. Wollte er etwa schon weg? Er ging so dicht an mir vorbei, dass er mich beinahe streifte. Er roch nach Sonne und Salz. Am liebsten wäre ich ihm nachgelaufen, doch ich zügelte mich. Nach einigen Minuten kam er mit einem frisch gefüllten Glas zurück. Diesmal verlangsamte er den Schritt, als er sich meinem Tisch näherte. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?« Seine Stimme war genau richtig, tief und ein wenig rau. Ich schämte mich. Sah man mir so deutlich an, was ich wollte? Dennoch lächelte ich und sagte, ich würde mich freuen. Er hieß Niko und war Sportlehrer. Mehr wollte ich nicht wissen. Auch von mir gab ich nur den Namen preis. Niko sah den Trauring an meiner Hand, stellte aber keine Fragen. Er wohnte in der Punavuorenkatu. Nach dem zweiten Drink gingen wir. Auf der Mannerheimintie fasste Niko mich spontan an der Hand, seine, Handfläche war warm, aber nicht verschwitzt. Mir wurde schwindlig: Was tat ich da eigentlich? Nur dumme Frauen gehen mit einem Unbekannten in dessen Wohnung. Doch selbst die Gefahr war erregend. Seit langem hatte ich mich nicht so lebendig, so weiblich gefühlt. Niko küsste mich schon im Treppenhaus, als könne er nicht warten, bis wir seine Wohnung erreichten. Auch ich war ungeduldig. Sein Po fühlte sich unter meiner Hand so gut an, wie er ausgesehen hatte. Schon im Flur riss ich ihm die Jeans vom Leib. Von meiner neuen Bluse sprang ein Knopf ab. Beim ersten Mal schafften wir es nicht ins Bett. Der Wohnzimmerteppich war weich, er streichelte mich, es war, als läge ein zweiter Mann unter mir. Niko leckte, saugte und streichelte, ich tat Dinge mit ihm, die mit Harri unvorstellbar gewesen wären. Ich biss ihn in die Schulter und in die Brustwarzen. Der Schmerz schien seine Erregung zu steigern. Ich war seit Jahren nicht mehr so gekommen, unaufhaltsam und ohne eigene Anstrengung. Niko machte weiter und brachte mich ein zweites Mal zum Höhepunkt. Danach lagen wir schweißüberströmt auf dem Teppich. Ich ließ die Hand über Nikos Rücken wandern, sah die Knutschflecken, die ich ihm gemacht hatte. Ich fühlte mich befriedigt und hungrig zugleich. Ich wollte mehr. »Anniina …« Niko ließ meinen Namen auf der Zunge zergehen und begann mich mit den Lippen zu erkunden, träge und genießerisch: Hals, Brüste, Rippen … »Kannst du die ganze Nacht bei mir bleiben?« »Ja. Ich muss nur rasch etwas erledigen.« Ich stand auf und ging ins Bad, um Harri anzurufen. Meine Schwiegermutter meldete sich. »Harri ist mit den Kindern in der Sauna.« »Sag ihm bitte, dass ich das Telefon abstelle, ich will bis spät in die Nacht arbeiten und morgen ausschlafen.«, Dann existierten Harri und die Kinder nicht mehr. Es gab nur hoch Niko, der eiskaltes Mineralwasser auf meine Lippen tröpfeln ließ. Niko, der mich erneut begehrte und in sein Schlafzimmer trug. Das Bett war breit, mit hohen Pfosten an den Ecken und Gitterstäben am Kopfende. Ich dachte an meine Teenagerfantasien von Männern, die mich an ein solches Bett fesselten. Harri hatte ich nie davon erzählt, denn Unterwürfigkeit passte nicht zum Bild der erfolgreichen Karrierefrau. Ich legte mich auf das Bett und hielt mich an den Gitterstäben fest. Dann stellte ich mir Niko in dieser Position vor. Arme und Beine gespreizt, mir ausgeliefert. Spielerisch warf ich mich auf ihn und packte seine Handgelenke. Diesmal wollte ich den Takt angeben. »Magst du so was?«, fragte er. »Fesseln … ersticken …« Ich nickte, obwohl ich es nie probiert hatte. Harri fand solche Spiele nicht erregend. Niko küsste mich, dann stand er auf und ging an den Kleiderschrank. An meinem Polterabend hatten meine Freundinnen mich natürlich in einen Sexshop geführt, in dem es alles gab, was man sich nur vorstellen konnte: Fesseln, Gummikapuzen, Korsetts … Nikos Schrank war ein Sexshop im Miniaturformat. Unter anderem enthielt er zwei Paar Handschellen, mit denen ich Niko an die Bettpfosten fesselte. Er war so erregt wie ich. Diesmal hielten wir länger durch. Zwischendurch stand ich auf, um mir ein frivoles rotes Korsett anzuziehen. Dabei entdeckte ich eine schwarze Gummikapuze, die ich Niko über den Kopf zog. Als er keine Luft mehr bekam, wurde er noch geiler. Die Kapuze machte ihn anonym. Es war egal, mit wem ich vögelte. Er war nichts weiter als ein schöner Körper, ein knackiger Hintern. Ich hatte noch nie solchen Genuss verspürt., Auch unter der Dusche streichelten wir uns, dann schliefen wir ein. Gegen fünf erwachte ich mit entsetzlichem Hunger. Es war schon hell, die Sonne malte Streifen auf Nikos nackten Körper, auf die Rückenmuskeln und die Pobacken. Ich hatte Lust, eine Portion Fleisch oder Eier zu vertilgen und mich danach wieder über Niko herzumachen. In der Küche fand ich alles, was ich zum Kaffeekochen brauchte, außerdem Roggenbrot und geräucherten Schinken. Nikos Schränke waren sauber und ordentlich. Ich streifte lange schwarze Gummihandschuhe über, goss eine Tasse Kaffee für Niko ein und ging nachsehen, ob er schon wach war. »Anniina«, murmelte er verschlafen. »Kaffee?«, fragte ich. Harri brachte ich nie Kaffee ans Bett, er hätte doch nur alles vollgekleckert. Niko lächelte, trank seinen Kaffee und streckte die Hand nach mir aus. Dich will ich, sagten seine Augen. Ich wollte es langsam angehen lassen, der Mann lief mir nicht weg. Nach dem kurzen Schlaf war seine Haut empfindsam, er erschauderte bei jeder Berührung. Ich fesselte ihn mit schwarzen Seilen ans Bett, folterte ihn mit meinen Berührungen. Die Kapuze, die ich ihm diesmal aufsetzte, hatte innen einen Knebel. Immer wenn ich ihm die Nase zuhielt, sodass er keine Luft mehr bekam, wurde er noch härter. Ich ritt auf ihm, ließ mich von seinen Stößen davontragen, flog … Niko wand sich unter mir, warf den Kopf hin und her, ich spürte, wie er sich ergoss. Dann wurde er ganz schlaff. Sekundenlang begriff ich in meiner Erregung nicht, was passiert war, dann ließ ich endlich seine Nase los und zog ihm die Gummikapuze vom Gesicht. Es war blau angelaufen. Die Halsschlagader, die gerade noch heftig pulsiert hatte, war nicht mehr zu fühlen. Ich glitt von ihm, suchte in der Handtasche nach einem Spiegel. Er beschlug nicht. Ich hätte künstliche Beatmung, versuchen müssen, brachte es aber nicht über mich, Niko zu berühren. Ein Krankenwagen? War Niko noch zu retten? Sollte ich telefonieren? Nein. Den Skandal, der unweigerlich folgen würde, wollte ich nicht. SM-Sex mit tödlichem Ausgang, ein gefundenes Fressen für die Boulevardzeitungen. Das wäre das Ende meiner Karriere und meiner Ehe, auch das Haus in Westend würde ich verlieren. Dabei hatte ich Niko doch nicht umbringen wollen. Wieso war er plötzlich tot? Ich wusch mich, behielt aber die langen schwarzen Gummihandschuhe an, obwohl sie nun grotesk wirkten. Ich durfte keine weiteren Fingerabdrücke hinterlassen. Was hatte ich in der Wohnung angefasst? Ich wischte alle denkbaren Stellen im Bad, in der Küche und im Schlafzimmer ab. Selbst wenn noch Abdrücke gefunden wurden, konnte mir eigentlich nichts passieren, meine Fingerabdrücke hatte die Polizei nicht in ihrer Datenbank. Schließlich hatte ich mir nie etwas zuschulden kommen lassen, Von ein paar Geschwindigkeitsübertretungen abgesehen. Gab es andere Spuren? Befanden sich meine Zellen auf Nikos Leichnam? Ich brachte es nicht über mich, ins Schlafzimmer zu gehen und ihn abzuwaschen. Ich hatte Niko nie zuvor gesehen, ich wusste nichts von ihm. Wenn es mir gelang, seine Wohnung unbemerkt zu verlassen, würde man mich nicht mit ihm in Verbindung bringen können. Und die Leute im Alten Studentenhaus? Würden sie sich an mich erinnern? Ich zog mich an und vergewisserte mich, dass ich nichts zurückgelassen hatte. Niko wohnte im fünften Stock. Was war sicherer, Aufzug oder Treppe? Ich entschied mich für den Fahrstuhl und stellte mich mit dem Rücken zur Tür, sodass mein Gesicht vom Treppenhaus nicht zu sehen war. Für den Fall, dass jemand aus dem Fenster schaute, zog ich die Jacke über den Kopf., Es war Samstagmorgen, noch nicht einmal sieben Uhr. Die Straßen waren leer. Durfte ich es wagen, ein Taxi zu nehmen, oder würde der Fahrer sich später an mich erinnern? Klüger war es wohl, zu Fuß zur Mannerheimintie zu gehen und von dort mit der Straßenbahn nach Hakaniemi zu fahren. Dort konnte ich eine Weile in meinem Büro warten und dann mit dem Taxi nach Hause fahren. Ich musste so tun, als wäre nichts geschehen, musste aussehen wie eine Frau, die von jedem x-beliebigen Ort kommen mochte, bestimmt aber nicht von ihrem toten Liebhaber. Ich kramte die Sonnenbrille aus der Handtasche und wünschte mir, ich hätte ein Kopftuch dabei, denn mit der Jacke über dem Kopf war ich zu auffällig. Gerade als ich den Boulevard erreichte, kam die Straßenbahn. Ich stieg ein. Der Form halber ging ich in mein Büro und bestellte mir dann ein Taxi. Zu Hause steckte ich alle Kleider in die Waschmaschine und wusch mir Nikos Spuren vom Körper. Im Spiegel entdeckte ich einen blauen Fleck über dem rechten Schulterblatt. Ich musste mir eine Erklärung für Harri einfallen lassen. Ich hatte versprochen, gegen Abend nach Tammisaari zu kommen. Also hatte ich noch Zeit, mich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen und zu überlegen, was ich tun sollte. Ich versuchte, mich an die Gäste im Alten Studentenhaus zu erinnern, konnte mir aber kein einziges Gesicht ins Gedächtnis rufen. Meine ganze Aufmerksamkeit hatte Niko gegolten. Sollte ich anonym bei der Polizei anrufen und melden, in der Punavuorenkatu liege ein Toter in seiner Wohnung? Aber es war besser, wenn die Polizei die Todeszeit nicht genau kannte. Nein, ich würde nichts unternehmen. Ich war Niko nie begegnet. Rasch erledigte ich die Arbeiten, mit denen ich mich angeblich am Vorabend beschäftigt hatte. Im Lauf des Tages sah ich mehrmals im Internet nach, ob auf den Nachrichtenseiten ein in seiner Wohnung aufgefundener Toter erwähnt wurde. Niko hatte allein gelebt, so viel hatte ich trotz meiner Erregung gesehen,, und als Lehrer hatte er zur Zeit Sommerferien. Vielleicht wurde er tagelang nicht vermisst. Gegen vier machte ich mich auf den Weg nach Tammisaari. Harri hatte glücklicherweise seinen Laptop mitgenommen, sodass ich auch dort die Nachrichten checken konnte. Aus einer plötzlichen Eingebung heraus kaufte ich in einem Supermarkt in Kirkkonummi hellbraunes Tönungsshampoo. Normalerweise ließ ich mir die Haare beim Frisör machen, doch jetzt schien es mir sicherer, eine Weile nicht blond, sondern brünett zu sein. Dann kaufte ich noch Weißwein und für die Kinder Schokolade. Meine Schwiegermutter hatte versprochen, sich um das Essen zu kümmern, was mir nur recht war. Hausarbeit ist nicht meine Sache. Die Putzfrau, die einmal in der Woche kommt, übernimmt auch das Bügeln und Mangeln. Ich hatte mir mein Leben bequem eingerichtet und war nicht bereit, wegen eines dummen Unfalls auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten. Warum hatte ich die Kapuze nicht über Nikos Kopf gelassen? Dann hätte die Polizei vielleicht angenommen, er wäre bei einem einsamen Sexspiel umgekommen. Ich versuchte, an etwas anderes zu denken, sah aber immer wieder Nikos Gesicht vor mir, mal mit einem einladenden Lächeln, dann wieder lustverzerrt. Als ich beim Sommerhaus eintraf, hielten Amanda und Anton immer noch ihren Nachmittagsschlaf. Das ärgerte mich, denn dadurch würde es am Abend spät werden. Also weckte ich die Kinder unter dem Vorwand, ich hätte sie vermisst. Anton lächelte mich sofort an, während Amanda den ganzen Abend quengelte und trotzte. Alexandra übte mit meiner Schwiegermutter, Blumenkränze zu winden, stellte sich aber sehr ungeschickt an. Die Tage vergingen, weder im Internet noch in den Zeitungen stand etwas über Niko. Ich begann ihn zu vergessen. Er war nur einen halben Tag lang Teil meines Lebens gewesen. Was bedeutete das schon?, Die Nachricht stand am Freitag in den Abendzeitungen, die Harri aus dem Laden mitbrachte. Ich hatte ihn mit einer Einkaufsliste losgeschickt und mich in die Sonne gesetzt, wo ich gleichzeitig die Kinder beaufsichtigen konnte, die sich im Plantschbecken tummelten. Meine neue Haarfarbe war schrecklich ordinär, so mochte ich mich nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen. MANN BEI SEXSPIEL GESTORBEN?, fragte die eine Schlagzeile. GEFESSELTER SPORTLEHRER TOT AUFGEFUNDEN, formulierte das andere Blatt. Bevor ich zu der Seite umblätterte, auf der Näheres berichtet wurde, las ich ein paar andere Artikel über die neue Bademode und die Urlaubspläne von Miss Finnland. Niko war am Donnerstagabend gefunden worden, nachdem seine Mutter sich gewundert hatte, warum er tagelang nicht ans Telefon ging. Bei der anhaltenden Hitze hatte der Leichnam allmählich zu riechen begonnen, und die Mutter, die besorgt vor der Tür stand, hatte den Hausmeister gezwungen, ihr die Wohnung aufzuschließen. Beim Anblick der von Sexspielzeug umgebenen, gefesselten Leiche hatte sie natürlich einen Schock erlitten. Ich hatte das Gefühl, vom Schicksal eines Fremden zu lesen. Nikos Name wurde nicht genannt, es gab auch kein Bild von ihm. Die Kripo Helsinki bat um sachdienliche Hinweise, doch die Telefonnummer sah ich mir gar nicht erst an. Am nächsten Tag klickte ich die Internetseiten der beiden Boulevardblätter an. Inzwischen wusste man bereits mehr. Beide Zeitungen brachten ein Foto von Niko. Auf dem Bild war er etwas jünger, trug die Haare länger und war glatt rasiert. Er sah ausgesprochen gut aus. Ich erinnerte mich, wie sich seine Pobacken angefühlt hatten. Der Barkellner im Alten Studentenhaus hatte ausgesagt, Niko sei am Freitag der Vorwoche in dem Lokal gewesen. Er sei nicht, allein weggegangen. An Nikos Begleiterin konnte sich der Barkellner jedoch nicht erinnern. Wieder bat die Polizei um Hinweise. Ich sah bereits mein Bild auf der ersten Seite. ERFOLGREICHE KARRIEREFRAU ALS SEXMÖRDERIN. Ich nahm mir vor, gleich einen Frisörtermin in Tammisaari zu bestellen, in dieser Notlage musste ich meinem regulären Salon in Helsinki einmal untreu werden. Die eine Zeitung brachte ein Interview mit Nikos ehemaliger Freundin. Sie berichtete, Niko habe eine Vorliebe für SM-Spiele gehabt, bei denen er während des Aktes halb erstickte. Sie hätten sich jedoch nicht wegen seiner Sexualpraktiken getrennt, sondern aus anderen Gründen. Beim Frisör bekam ich erst für Montag einen Termin. Harri wunderte sich über meinen plötzlichen Drang, ständig Frisur und Haarfarbe zu ändern. Zum Glück konnte ich den Frisörbesuch mit der missratenen Heimtönung rechtfertigen. Die Kinder schliefen bei der Hitze schlecht und quengelten tagsüber. »Lass uns für den Rest des Urlaubs verreisen, vielleicht nach London«, schlug ich Harri vor. Meine Schwiegermutter, die mit uns im Sommerhaus geblieben war, nörgelte ständig an mir herum. Mal war ich angeblich zu streng zu den Kindern, mal garstig zu ihrem lieben Söhnchen. »Wie stellst du dir das vor, mit drei kleinen Kindern in der Großstadt?« »Nur wir zwei. Deine Eltern können doch eine Weile auf die Kinder aufpassen. Wenigstens übers Wochenende.« Harri meinte, es käme gar nicht in Frage, dass wir die Kinder allein ließen, wenn wir endlich einmal Zeit für sie hatten. Das lieferte mir einen Vorwand, ihm eine Weile den Sex zu verweigern. Harris Haut war von der Sonne fleckig gerötet, doch er weigerte sich strikt, ein Hemd überzuziehen. Meine Schwiegermutter backte pausenlos Hefeteilchen und Piroggen,, die Harri unbekümmert in sich hineinstopfte. Ich selbst bekam nur Obst und Jogurteis hinunter, für alles andere war es zu heiß. Die Zeitungen berichteten fast jeden Tag über Niko. Die Polizei ging davon aus, dass jemand bei ihm gewesen war, als er starb, konnte jedoch den Zeitpunkt seines Todes nicht exakt feststellen. Zu meinem Glück behauptete der Nachbar von oben, er habe Niko am Samstagabend noch gesehen. Ich war dankbar für seine Zerstreutheit. Für Samstagabend hatte ich ein Alibi. Wie die Polizei arbeitete, hatte mich nie sonderlich interessiert. Nun überlegte ich, wie lange die Ermittler sich noch mit dem Fall befassen würden. Den Zeitungen zufolge schlossen sie die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens nicht aus. Die Hitzewelle nahm kein Ende, und der Familienurlaub zerrte an meinen Nerven. Warum hatte ich die Kinder für den ganzen Urlaub in der Kindertagesstätte abgemeldet! Ich rief dort an, um zu fragen, ob ich sie früher wieder hinschicken konnte, doch die Tagesstätte war den ganzen Juli über geschlossen. Mit der Drohung, andernfalls vorzeitig in die Stadt zurückzufahren, brachte ich Harri dazu, für uns alle eine Kreuzfahrt nach Stockholm zu buchen. Nach Tallinn wollte ich nicht, das war mir zu ordinär. Im Hafen von Helsinki patrouillierten Polizisten. Es war mir beinahe gelungen, Niko zu vergessen, doch nun kam es mir vor, als stünde alles um mich herum still. Warteten die Polizisten auf mich? Ich brachte es kaum fertig, dem Angestellten, der die Fahrkarten kontrollierte, meinen Pass zu zeigen. Aber die Polizisten rührten sich nicht. Vielleicht schlugen sie erst auf dem Schiff zu? Den Fotografen, der am Eingang auf Kundschaft lauerte, scheuchte ich mit scharfen Worten davon. Ich legte keinen Wert darauf, dass Hinz und Kunz mein Konterfei begafften. Wir hatten zwei nebeneinander liegende Vorderkabinen gebucht, eine für uns und eine für die Kinder. Nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht hatten, gingen wir, essen und anschließend tanzen. Ich ärgerte mich über Harris Schwerfälligkeit. Sehnsüchtig betrachtete ich einen vorbeitanzenden blonden Mann, der die Sambaschritte vollendet beherrschte. Da ich mit meinem Ehemann da war, forderte mich natürlich niemand auf. Harri war in zärtlicher Stimmung. Ich lag unter ihm und überlegte, was ich in den Stockholmer Boutiquen kaufen könnte. Am nächsten Tag stand ich allein an der U-Bahnstation beim Hauptbahnhof, denn Harri war mit den Kindern in den Vergnügungspark gegangen. Vom Bahnhof fuhren auch die Züge nach Arlanda ab, und ich war in Versuchung, einzusteigen, ein Flugticket zu kaufen, egal wohin, und alles hinter mir zu lassen. Pass, Visa-Karte und American Express hatte ich dabei, was brauchte ich mehr? Aber dann nahm ich doch die Metro in die Altstadt. Unser Hotel war komfortabel, und in Stockholm gab es glücklicherweise noch Sachen zu kaufen, die man in Finnland nicht bekam. Die Kinder schliefen nach dem langen Tag an der frischen Luft früh ein. Harri lag faul in der Badewanne, ich wusste, dass er auf mich wartete. Vorher wollte ich aber noch die Nachrichten im Internet lesen. NEUER LUSTMORD! SERIENMÖRDER IN HELSINKI? Die Überschrift sprang mich an. Diesmal handelte es sich um einen fünfzigjährigen Familienvater, der nackt und mit Handschellen in einer Toreinfahrt in der Helsinginkatu gefunden worden war. Er war erstickt und hatte unmittelbar vor seinem Tod Geschlechtsverkehr gehabt. »Anniina!«, rief Harri aus dem Badezimmer. Er hatte sich endlich einmal etwas Neues ausgedacht. In der Badewanne hatten wir uns noch nie geliebt. Es war reichlich unbequem, aber nach einer Weile kam ich in Fahrt. Am nächsten Tag gab ich mir alle Mühe, Harri nicht merken zu lassen, wie verzweifelt ich nach finnischen Zeitungen, Ausschau hielt. Der Laptop war im Hotelzimmer geblieben. Ich wollte nicht, dass Harri entdeckte, wie brennend ich mich für den zweiten Lustmord interessierte, der mich womöglich rettete. Auf dem Schiff konnte ich endlich den Computer benutzen. Wie zu erwarten, hatten die Zeitungen Nikos Fall wieder aufgewärmt. Den Berichten zufolge war er an einem Herzinfarkt gestorben. Die Obduktion hatte ergeben, dass er einen angeborenen Herzfehler gehabt hatte, der bei übermäßiger körperlicher Anstrengung zum Tod führen konnte. Ich dachte daran, wie sich Niko ins Zeug gelegt hatte, und musste lächeln. Ach Niko. Wo würde ich noch einmal so jemanden finden, stark, hart und unersättlich? Ich besah mir Harri, der sein Bier direkt aus der Dose trank. Mit diesen Manieren würde er im Geschäftsleben nie ganz nach oben kommen. Der erste Arbeitstag war herrlich. Die Kinder hatten geweint, als ich sie in der Kita ablieferte, aber sie würden sich bald wieder eingewöhnen. Es war wohltuend, wieder ein denkender Mensch zu sein, nicht nur Ehefrau und Mutter. Da Ursula noch im Urlaub war, ging ich allein in die Mittagspause. Ich wollte mir auf dem Markt Möhren und ein Vollkornbrötchen holen. Gewohnheitsmäßig warf ich einen Blick auf die Schlagzeilen der Boulevardblätter. FREUDENMÄDCHEN GESTEHT SEXMORD UND NIMMT SICH DAS LEBEN. Und die andere: SEXMÖRDERIN TOT AUFGEFUNDEN. Ich riss beide Zeitungen vom Ständer. Das Mittagessen fiel heute aus, ich wollte die Berichte ungestört in meinem Büro lesen. Auf den langsamen Fahrstuhl konnte ich nicht warten, ich lief die Treppe zum zweiten Stock hinauf. Oben schloss ich die Tür ab und schlug die Zeitungen auf. Bei dem Freudenmädchen hatte es sich um eine Russin gehandelt, die kaum Finnisch sprach. Das zweite Opfer war ihr Freier gewesen. Er hatte sie gebeten, ihm eine Schlinge um den, Hals zu legen, die sich beim Akt zu fest zugezogen hatte. Als die Russin bemerkte, dass ihr Kunde tot war, hatte sie die Nerven verloren. Eine Kollegin hatte ihr geholfen, den Mann in den Aufzug zu verfrachten und in den Toreingang des Nachbarhauses zu schleppen. Die Polizei war ihr jedoch bald auf die Spur gekommen und hatte sie am Vorabend verhaftet, als sie gerade einen neuen Freier bediente. Während der Nacht hatte sie sich mit ihrer Strumpfhose in der Zelle erhängt; sie hatte einen Zettel hinterlassen, auf dem sie die Schuld an beiden Todesfällen auf sich nahm. Ich starrte verdattert auf die Zeitungen. Sie behaupteten übereinstimmend, die Polizei halte beide Fälle für geklärt. Sicherheitshalber überprüfte ich die Nachrichten im Internet. Auch dort stand im Wesentlichen dasselbe: Die Russin hatte sich auf SM-Dienstleistungen spezialisiert und in ihrem Abschiedsbrief zugegeben, dass ihr bereits zwei Freier unter den Händen gestorben waren. Auf dem Heimweg machte ich einen Abstecher ins »Sin City« und kaufte ein wenig Zubehör. Um neun Uhr schliefen die Kinder endlich ein, und ich konnte mich umziehen. Harri hatte sich in den Sessel gefläzt und sah die Nachrichten an, eine leere Bierflasche stand zu seinen Füßen. Er machte große Augen, als er mich in dem frivolen roten Korsett erblickte. »Harrischatz, kommst du ins Schlafzimmer?«, gurrte ich. Dann holte ich die Handschellen und die Gummikapuze.,

Die Abschiedsparty Pentti Kirstilä

Markus Karila stieg aus dem Taxi. Er schwankte ein wenig, machte sich darüber jedoch keine Sorgen. Er hielt sich für einen Mann, der nicht grundlos schwankte. Vor drei Wochen war er an der gleichen Stelle in ein Taxi gestiegen, vor seiner Haustür. Dass er allein eingestiegen war, bereitete ihm ein wenig Kopfzerbrechen. Doch nun kehrte er zurück. Der Grund seines Schwankens war eine dreiwöchige Sauftour in Italien, in Rimini. Markus war verwirrt. Kleine, zusammenhanglose Ereignisse tauchten in seinem Gedächtnis auf, denn er war jetzt seit fast vierundzwanzig Stunden nüchtern. Aber die Grenze zwischen Realität und Unwirklichkeit war noch verschwommen. Er betrachtete das Haus. Es war verpackt. Dicke Plastikfolien vor den Fenstern, über dem Baugerüst eine Plane als Spritzschutz. Fassaden wurden immer im Sommer renoviert. Für die Hausbewohner war das die reine Hölle, und Markus wusste, dass das Haus praktisch leer stand. Jeder hatte sich bemüht, seinen Urlaub in die Zeit der Renovierung zu legen. Das ganze Frühjahr hindurch hatten die Hausbewohner von nichts anderem gesprochen. Markus trug den Seidenanzug, den Helena für ihn ausgesucht hatte. Er war trotz allem immer noch makellos. Markus wusste, dass er attraktiv war. Er trug eine getönte Brille, er war ein Mann von Welt. Er trug seinen Koffer ins Treppenhaus. Treppenhäuser wie diese betreten täglich Hunderte und Tausende von Menschen, um sich in ihre Wohnung zu begeben, ihre Lieblingssendungen zu sehen und diejenigen, die mit ihnen in der Wohnung lebten, zu hassen., Der Geruch im Treppenhaus war berauschend. Markus wartete geduldig auf den Fahrstuhl. Das Abschiedsfest kam ihm in den Sinn. Es hatte eine ausgelassene Stimmung geherrscht. Aus irgendeinem Grund waren Abschiedspartys immer ziemlich wild, obwohl Markus eine leicht melancholische, sehnsuchtsvolle Stimmung angemessener gefunden hätte. Seine Frau war fröhlich gewesen, seine Freunde waren fröhlich gewesen. Mag sein, dass auch einige Fremde unter den Gästen waren, er kannte nicht immer alle, die zu seinen Partys kamen. Eben deshalb hielt er sich für ausgesprochen beliebt. Sie hatten einiges getrunken. Helena Weißwein; sie behauptete, sie könne nichts anderes trinken als Weißwein. Er hatte Whisky getrunken, seiner Meinung nach war Whisky das Richtige. Aus irgendeinem Grund hatte Raimo ihm gratuliert. Raimo hatte gesagt: »Du bist ein Glückspilz, eine Frau wie Helena zu kriegen.« Das hatte Markus öfter gehört. Helena auch. Diesmal hatte Helena mürrisch dreingeschaut. Seltsam, denn im Allgemeinen hatten Helena und Raimo sich gut verstanden. Raimo hatte sich betrunken, seine Glückwünsche waren immer lauter geworden. Markus lehnte sich an die Wand der Fahrstuhlkabine. Ihm war übel. Der Geruch war jetzt intensiver, als stünde irgendwo eine Tüte mit faulen Äpfeln. Der Aufzug schob sich langsam hoch. Es war ein alter Aufzug, dem es nicht pressierte. Auch Markus hatte keine Eile. Er durchlebte seine Erinnerungen. Die Vergangenheit, an die er sich erinnerte, rückte näher. Er erinnerte sich an die fröhliche Abschiedsparty und an die dunklen italienischen Nächte. Er betrachtete sich als Mann, der von allem etwas haben wollte, aber nicht zu viel. Diesmal war es, vielleicht ein wenig zu viel gewesen, doch immerhin erinnerte er sich an einzelne Momente, an Bruchstücke. Er nahm sich vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Aber jetzt war er wieder er selbst. Markus erinnerte sich, wie beliebt er gewesen war. Wie viele Gäste waren zur Abschiedsparty gekommen? Vielleicht nur ein Dutzend. Es war ein bescheidenes Fest gewesen, sie hatten ja nur drei Wochen verreisen wollen. Ein Begräbnis war es schließlich nicht gewesen. Alle hatten ihm auf die Schulter geklopft, vor allem Raimo. Markus hatte seine Lieblingsmusik aufgelegt. Jemand hatte gescherzt: »Du kommst wohl nie von deinem infantilen Geschmack los.« Er hatte gelacht und weiter neue finnische Schlager gespielt. Die hatten allen gefallen. Manche hatten eben einen merkwürdigen Humor. Er hatte überlegt, was infantil bedeutete, dann aber vergessen, nachzuschlagen. Doch das Wort klang ihm immer noch im Ohr. Das Fest hatte bis in die Morgenstunden gedauert. Irgendwann war aus der Nachbarwohnung laute Musik gekommen, Arbeiterlieder. Einer der Gäste hatte vorgeschlagen, die Nachbarn mit einzuladen, da sie offenbar auch gerade feierten. Markus hatte nebenan geklingelt. Der Nachbar hatte gesagt: »Scher dich zum Teufel!« Da hatte er sofort begriffen, dass die Leute ihre eigene Party feierten. Als er zurückkam, hatte anscheinend gerade jemand einen Witz erzählt, denn alle hatten schallend gelacht. Er hatte sie gebeten, auch ihm die Geschichte zu erzählen, was erneutes Gelächter auslöste. Als hätte er selbst gerade einen Witz gemacht. Daraufhin hatte er mitgelacht. Marja hatte mit ihm geflirtet, war ihm in die Küche gefolgt und hatte sich an seine Schulter gelehnt. Sie hatten sich freundschaftlich unterhalten., »Ich mag deine Ohren.« Etwas in der Art hatte Marja gesagt. »Ich mag deine Ohren auch«, hatte Markus geantwortet, denn er war der Überzeugung, dass man ein Kompliment stets mit einer Nettigkeit erwidern solle. Allerdings hatte man ihm gelegentlich vorgeworfen, seine Komplimente seien nicht besonders originell. Das Gespräch war weitergegangen. Marja hatte gesagt: »Ich bewundere intelligente Männer.« »Und ich bewundere intelligente Frauen«, hatte Markus erwidert. Marja hatte seine Wange gestreichelt. Helena war in die Küche gekommen. »Wie herzig«, hatte Helena gesagt. Marja war im Wohnzimmer verschwunden. An die Aufzugwand gelehnt, erinnerte sich Markus, dass Helena ihn auf der Reise nicht begleitet hatte. Sie hatten beide verreisen wollen, doch Helena war nicht mitgekommen. Markus konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, warum sie es sich anders überlegt hatte. Frauen sind launisch, dachte er. Aber ich werde sie entschädigen dachte er. Im dritten Stock wohnte eine Familie mit Hund. Bestimmt hatte der Hund sein Geschäft wieder im Treppenhaus erledigt, denn der widerliche Geruch wurde stärker. Markus fühlte sich schwindlig. Daran waren sicher die italienischen Weine schuld. Rotwein, Weißwein, Schaumwein, Marsala. Warum hatte er sich auf Wein verlegt? Er war doch eigentlich eher für harte Getränke. Nie mehr würde er Wein trinken. Er betrachtete seine Hände und registrierte ein leises Zittern. Das würde sich legen. Am Tag vor dem Abschiedsfest war er mit Helena auf der Bank gewesen, um Geld zu wechseln und eine Reiseversicherung abzuschließen. Aber Helena … Irgendwann in den frühen Morgenstunden, als das Fest bereits, schal geworden war, war Markus ins Schlafzimmer gekommen, wo sich Rauni und Helena unterhielten. Helena hatte gesagt: »Ich denke in Italien darüber nach, vielleicht hast du Recht.« Rauni, Helenas Kusine, hatte erwidert: »Natürlich habe ich Recht. Sei nicht so feige, mach endlich Schluss.« »Womit willst du Schluss machen?«, hatte Markus gefragt. »Mit nichts.« »Worüber hat ihr gesprochen?« »Über nichts.« Markus hatte sich damit zufrieden gegeben. Frauen haben ihre eigenen Probleme, hatte er gedacht. Er war großzügig und modern. Irgendwann hatte Markus zu seinem Verdruss bemerkt, dass er in seiner eigenen Wohnung keinen Sitzplatz fand. Immer, wenn er sich setzen wollte, saß schon jemand da. Auf dem Plattenteller hatte sich eine Scheibe mit greller Jazzmusik gedreht. Der Barschrank war so umlagert gewesen, dass er nicht drankam. Er hatte um einen Schnaps gebeten, aber niemand hatte von ihm Notiz genommen. Plötzlich hatte Helena an der Tür gestanden und etwas gesagt. Markus versuchte sich zu erinnern. Im Aufzug waren zwei Fliegen aufgetaucht. Das war nicht weiter verwunderlich. Sommer und Fliegen, so hieß es ja. Markus freute sich, dass ihm die Wendung eingefallen war; er fand sie treffend. Er betrachtete die Fliegen. Eben waren sie noch herumgeflogen, nun saßen sie auf dem Spiegel. Im Aufzug war es so heiß wie am Strand von Rimini. Rimini, ja. Einmal hatte man ihm alles Geld gestohlen, das er »auf sich trug«, wie er dem Reiseleiter humorvoll erklärt hatte. Sehr üblich, sehr üblich, hatte der Reiseleiter genickt. Molto, generale, molto generale, hatten die Polizisten achselzuckend gesagt. Markus hatte daraus geschlossen, dass alle Italiener Taschendiebe waren. Auch vor der Polizei hatte er keinen Respekt mehr. Aber da er noch genug Geld hatte, vergaß er den Vorfall. Im vierten Stock flogen die Fliegen vom Spiegel auf, eine dritte gesellte sich zu ihnen. Die Erinnerung an Italien verblasste. Helena kehrte in sein Gedächtnis zurück. Sie hatte an der Tür gestanden und gesagt: »Markus, wäre es nicht Zeit, das Fest zu beenden? Wir verreisen morgen früh. Erinnerst du dich? Nach Italien.« »Ja, ja, aber die Gäste … Sie wollen noch feiern. Wir können doch unsere Freunde nicht einfach hinauswerfen.« »Wieso nicht?«, hatte Helena gesagt. Und dann hatte sie ihm gezeigt, wie es ging. Sie hatte geschrien und Aschenbecher und halb volle Gläser über den Köpfen der Gäste ausgekippt. Markus war konsterniert gewesen: So durfte man seine Freunde nicht behandeln. Aber Helena hatte nicht aufgegeben. Einen nach dem anderen hatte sie die Gäste in den Flur geschleppt und im gleichen Schwung zur Tür hinaus gedrängt. Die Mäntel hatte sie ihnen nachgeworfen. Dann hatte sie die Tür zugezogen und still dagestanden wie eine Siegesgöttin, die Augen voller Tränen, die – was Markus nicht wusste – nicht Hass oder Wut hervorgebracht hatte, sondern Selbstverachtung. Markus verstand überhaupt nicht, was los war. Das passierte ihm manchmal. Danach war eine Lücke in seiner Erinnerung. Was war geschehen? War er schlafen gegangen? Die Vergangenheit rückte näher. Markus erreichte den fünften, Stock. Es war heiß. Es roch auch genauso wie in den Slums der italienischen Großstädte. Auch die hatte Markus unwillentlich zu Gesicht bekommen. Markus nahm den Schlüssel aus der Tasche und erinnerte sich. Es war später gewesen. Die Gäste waren weg. Und Helena hatte merkwürdig geredet. Sie hatte gesagt: »Ich habe genug davon.« »Was meinst du? Wovon hast du genug?« »Von deinen Freunden. Verstehst du denn nicht? Das sind nicht deine Freunde! Sie nutzen dich aus. Du bist so gutmütig und simpel. Merkst du denn nicht, wie sie über dich lachen?« »Sie sind in Ordnung. Hör auf, so zu reden.« Helena schrie: »Hör selber auf! Begreif doch endlich, dass du keine Freunde hast. Du hast nur Geld. Vielmehr, dein Vater hat Geld. Alle nutzen dich aus. Alle lachen über dich.« »Sie sind in Ordnung.« »Du hast keine Freunde.« »Doch.« »Und ich werde weggehen. Ich hab früher auch zu denen gehört, aber das ist vorbei. Ich will nicht mehr.« »Ja, ja, wir gehen ja weg, wir fahren nach Italien.« »Du begreifst überhaupt nichts. Wir fahren nirgendwohin.« »Wieso denn nicht?« »Weil du immer sagst, ›wieso denn‹ oder ›warum‹ oder ›was‹, und nie irgendwas begreifst. Nicht mal, dass die Leute sich über dich lustig machen.« Stille. »Außerdem fahre ich mit Raimo weg.« Irgendwo in der Ferne schlug eine Uhr. Irgendwo ging eine, Tür auf. Aufrichtige Worte bekamen eine neue Bedeutung. Gelächter einen neuen Inhalt. Doch Markus hatte stur widersprochen: »Aber Raimo ist doch mein Freund.« Helena hatte gelacht. Markus öffnete die Tür und sah die Fliegen. Viele Fliegen. Er konnte den Geruch beinahe schmecken. Ihm wurde übel. Dennoch betrat er die Wohnung. Der Gestank war nun nicht mehr zu schmecken; man konnte ihn anfassen. Fliegen überall. Und neben dem Wohnzimmertisch lag eine aufgedunsene Leiche, die Helenas Kleid trug. Markus erinnerte sich an das Messer, das auf dem Wohnzimmertisch gelegen hatte, als Helena in Lachen ausgebrochen war. Es hatte dort gelegen, damit die Gäste sich Brot abschneiden konnten. Jetzt war das Messer blutig, und auf dem Teppich war Blut, und überall war Blut. Und das Blut war getrocknet, und nun würde es sehr schwierig sein, es aus dem Teppich herauszuwaschen. Markus wusste immer noch nicht, was passiert war. Aber bald, sehr bald, würde er sich erinnern.,

Die Wahl des vorsichtigen Mannes Reijo Mäki

Koristo wachte Punkt 06.30 Uhr auf. Schon beim zweiten Schrillen des Weckers sprang er unter der warmen Decke hervor und hastete zur Kommode, um ihn auszuschalten. Koristo stellte seinen Wecker grundsätzlich nicht auf den Nachttisch. Man könnte ja sonst versehentlich wieder eindösen. Dieses Risiko einzugehen war Koristo nicht bereit. Vorsicht war für ihn schon immer Ehrensache gewesen, nebst sorgfältiger und gründlicher Planung. Wie gewohnt ging er beim Zähneputzen in Gedanken die wichtigsten Aufgaben des Tages in chronologischer Reihenfolge durch. Ja, auch an diesem Morgen, obwohl das Treffen um 12.15 Uhr die Berechenbarkeit des restlichen Tagesverlaufs zwangsläufig beträchtlich einschränkte. Koristo konnte nicht umhin, sich darüber einen Moment lang zu ärgern, schließlich verabscheute er nichts mehr als Improvisation und Ungewissheit. Und das Allerschlimmste waren überraschende Abweichungen vom vorgesehenen Tagesplan. Er tat noch mehr Zahnpasta auf die medizinisch empfohlene Zahnbürste und führte den Reinigungsvorgang mit festen, kurzen Bewegungen fort. Er putzte die Zähne stets dreimal und achtete darauf, dass jeder einzelne Zahn gründlich gereinigt wurde. Besondere Sorgfalt widmete er den schwer erreichbaren Innenflächen der Backenzähne. Koristo warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dem üblichen Zeitplan um einige Minuten voraus zu sein. Das bedeutete, dass ihm fürs Anziehen und die weiteren morgendlichen Verrichtungen noch fast zwölf Minuten zur Verfügung standen., Er schaltete den Fernseher an. Auf einem der Satellitenprogramme wurde ein Wundermesser angepriesen, das man nicht zu schärfen brauchte, auf einem anderen sang eine Schlagersängerin – Koristos Meinung nach angemessen angezogen – von der Sinnlosigkeit aller Bitternis, und auf einem dritten brach ein untersetzter Prediger gerade in Tränen aus. Der Prediger schien am besten zum Thema dieses Tages zu passen. Koristo zog die grauen Hosen, ein graublaues Hemd, das graue Jackett, graue Strümpfe und graue Lederschuhe an. Die Grundfarbe der Krawatte war ebenfalls grau und wurde von bläulichen und schwarzen Diagonalstreifen belebt. Koristo war schon immer der Ansicht gewesen, dass während der Dienstzeit neutrale und verlässliche Kleidung zu tragen war. Schließlich ging es um Arbeit und nicht um irgendein Nachmittagstänzchen. Als der Krawattenknoten vorbildlich saß und die Ecke eines graublauen Einstecktuches exakt so aus der Brusttasche hervorschaute, wie sich das gehörte, betrachtete Koristo zufrieden sein Spiegelbild. Dann nahm er noch den schwarzen Regenschirm aus dem Garderobenständer und klemmte ihn sich unter den Arm. Ohne Schirm zur Arbeit zu gehen war für ihn schlicht unvorstellbar, selbst wenn die Wettervorhersage ein unverrückbares Hoch samt Jahrhunderthitze prophezeit hätte. Auch in dieser Angelegenheit war Vorsicht das Klügste. Koristo warf einen letzten kurzen Blick auf sein Bild im großen Flurspiegel. Ihm gefiel, was er sah. Die harmonischen grauen Farben, durch ein paar dunklere Streifen aufgelockert, standen ihm gut; genau so hatte er es beabsichtigt. Koristo hob den schwarzen Koffer der Marke Cavalet vom Flurtisch. Er war um einiges schwerer als sonst. Eisen hat eben sein Gewicht. Koristo trat hinaus und schloss die Wohnungstür ab. Mit dem zweiten Schlüssel verriegelte er auch das Sicherheitsschloss. Diese Vorsichtsmaßnahme befolgte er jedes Mal, wenn er die Wohnung verließ, selbst wenn er nur kurz über den Hof zu den Mülltonnen ging, um den Abfall wegzubringen. Nein, man, konnte gar nicht vorsichtig genug sein. Koristo hatte einen kurzen Weg zur Arbeit, nur drei Häuserblöcke weit. Drei Straßen mußten überquert werden, alle hatten Ampeln. Es war nicht Koristos Art, über den Zebrastreifen zu stürmen, sobald es grün wurde, so wie all die Durchschnittsfußgänger, er sah sich immer erst dreimal um: erst nach links, dann nach rechts und dann noch einmal nach links. Vorsicht war besser als Nachsicht. Koristo war auf die Minute genau eine halbe Stunde vor Beginn der Dienstzeit am Arbeitsplatz. So blieb ihm Zeit, schematisch einen Teil der üblichen Alltagsroutinen zu erledigen, ehe seine Kollegen erschienen, zur Uhr schielten und hektisch die Flure bevölkerten, Klatschbasen und gähnende Gestalten. Pünktlich um acht schaltete er den Computer ein und sah gebannt zu, wie der Rechner hochfuhr. Ehe er mit den Aufgaben des Tages begann, änderte er das Passwort. Das tat er jeden Morgen. Die Regeln im Büro sahen vor, das Passwort mindestens einmal pro Monat zu wechseln, doch Koristo hatte sich von vornherein nicht mit solch einer Nachlässigkeit anfreunden können. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Bis halb elf hatte Koristo zwei Evaluationsberichte geschrieben und ein Arbeitspapier aufgesetzt, das den Weiterausbau der Rechnungskontrolle präzisieren helfen sollte. Zufrieden schaute er auf die Uhr. Der Vormittag war ganz nach Plan verlaufen. Im Grunde war er seiner eigenen Zeiteinteilung sogar zehn Minuten voraus. Koristo speicherte seine Dateien auf dem Server und schaltete den Computer auf stand-by. Verblieben ein paar Minuten, um im Kopf noch einmal das Treffen um 12.15 Uhr durchzuspielen. Es ließ sich nicht leugnen: Er verspürte dabei einen gewissen, wenn auch von Aufregung begleiteten Enthusiasmus., Seine Gedanken wanderten zu der eigenhändig erworbenen Ausrüstung, wobei er sich tiefer Befriedigung über seine gute Wahl nicht erwehren konnte. Ganz egal, worum es sich handelte – Koristo kaufte grundsätzlich stets das Beste, was auf dem Markt zu finden war, ganz besonders dann, wenn er sich auf unbekanntem Terrain bewegte. Zu Frühlingsbeginn hatte Koristo eine Schiffsreise über die Ostsee nach Deutschland unternommen. Er hatte deutsche Qualität stets hoch zu schätzen gewusst, und so hatte er beschlossen, die lang geplante Anschaffung in Lübeck zu erledigen. Ein höflicher und diensteifriger Verkäufer war ihm, so gut er konnte, behilflich gewesen. Natürlich waren gewisse Kommunikationsprobleme aufgetreten, denn Koristo war in Sprachen nie sonderlich bewandert gewesen. Zahlen waren so viel eindeutiger und logischer als Worte. Ein beidseitiges Einverständnis stellte sich dennoch bald ein, als Koristo mit hinreichendem Nachdruck dasselbe Wort zu wiederholen begann: Sicherheit, Sicherheit. Zu guter Letzt hatte der Verkäufer die Sache begriffen und aus dem Regal eine Schachtel hervorgeholt, auf deren Seite in deutlicher schwarzer Schrift geschrieben stand: SICHERHEIT. Koristo hatte begeistert genickt. In einer derart bedeutenden Angelegenheit gab er sich nur mit der höchstmöglichen Sicherheit zufrieden. Sicherheit und größte Sorgfalt waren die Leitsterne in Koristos gesamtem bisherigen Leben gewesen. Wieso sich also auf einmal mit weniger zufrieden geben? Punkt 11:00 Uhr schlüpfte er in sein graues Jackett und wappnete sich für das Mittagessen in der Betriebskantine drei Stockwerke tiefer. Er schaltete den Computer aus und schloss die Bürotür hinter sich ab. Dies war eine Vorsichtsmaßnahme, die seine Kollegen bis heute nicht begreifen konnten. Koristo ließ sich davon nicht beirren. Über die Sorglosigkeit,, Fahrlässigkeit, ja sogar Haltlosigkeit gewisser Kollegen ließe sich ein wahrlich detailliertes Arbeitspapier anfertigen. Aber nun gut. Koristo war schon immer der Ansicht gewesen, dass es sich nicht gehörte, solche Dinge an die große Glocke zu hängen. Stille Verachtung genügte vollkommen. Doch irgendwo gab es natürlich trotzdem eine Grenze, die niemand ungestraft übertreten durfte. Bei diesem Gedanken zogen erneut die altbekannten Unwetterwolken in ihm auf – und die allzu vertrauten Gesichtszüge. Raento! Der Fiesling! Vor ihm hielt der Fahrstuhl. Koristo trat ein und drückte auf den Schalter für das Erdgeschoss. Er schloss die Augen und ließ die Gedanken noch einmal zu den jüngsten Ereignissen wandern, die ihn schließlich zu seiner Entscheidung bewogen hatten. Gründe waren ausreichend vorhanden. Da hatte sich jemand nun mal reichlich in seiner Einschätzung vertan. Im Grunde sogar mehrfach vertan. Dieser Widerling hätte kapieren müssen, dass man einen vorsichtigen und prinzipientreuen Mann wie ihn nicht an der Nase herumführen durfte. Und schließlich hatte jeder Mensch für seine Fehler zu büßen. Dies war das grausame Gesetz der Natur. In der Kantine tat sich Koristo drei Koteletts auf den Teller und bestrich drei Scheiben Knäckebrot mit Butter. Er setzte sich an seinen Stammplatz am Ecktisch. Allein und mit dem Rücken fest an der Wand, so wie immer. Die Kantine füllte sich schnell. Raento kam mit den Nachzüglern, im Schlepptau drei Sekretärinnen von der Marketingabteilung. Wie gewohnt führte er das Wort, und die Mädels wollten vor Lachen schier ersticken. Das Gekicher dauerte sogar noch an, als sie längst am Tisch saßen. Manchmal brauchte Koristo nur Raentos Stimme zu hören, schon verging ihm der Appetit., Jetzt jedoch aß er die Koteletts mit Genuss, bis zum letzten Bissen. Entgegen seiner Gewohnheit kehrte Koristo zehn Minuten früher ins Arbeitszimmer zurück. Vor dem Treffen um 12.15 Uhr hatte er noch ein wichtiges Telefonat zu erledigen. Der Jurist, den er vom Gymnasium kannte, hob nach dreimaligem Klingeln ab und wirkte ein wenig überrascht, als er hörte, mit wem er es zu tun hatte. Koristo erkundigte sich bei ihm nach seinen Plänen für den Nachmittag. Amtsrichter Pellervo Mairinen räusperte sich; da müsse er im Terminkalender nachschauen. Es stünden durchaus ein paar Besprechungen an, doch ein Telefonat zwischendurch sei jederzeit möglich. Koristo dankte für die Information und kündigte an, nach ein Uhr auf sein Anliegen zurückzukommen. Er wünschte dem Amtsrichter einen erfolgreichen Tag und legte auf. Um 12.10 Uhr goss Koristo die drei Kakteen, die seine Fensterbank zierten, und schloss dann die Schubladen des Schreibtisches ab. Um 12.14 Uhr öffnete er seinen Koffer und nahm einen Aktenordner heraus, der in der Mitte auffallend gewölbt war. Mit drei raschen Kammstrichen brachte er seine Frisur in Ordnung und besprühte seinen Rachen mit Atemspray. Um 12.14 Uhr und dreißig Sekunden schloss Koristo die Bürotür hinter sich ab – wie immer, wenn er das Zimmer verließ. Dann steuerte er ruhigen, festen Schrittes und mit dem Aktenordner unter dem Arm auf die Zimmer der Führungsriege zu. Die Tür zu Raentos Zimmer war die dritte von rechts von der Korridorecke aus gesehen. Genau um 12.15 Uhr blieb Koristo vor der Tür stehen und klopfte laut, der Sicherheit halber dreimal., Das Signallämpchen an der Tür leuchtete grün auf. Koristo öffnete die Tür und trat ein. Raento vollführte vor seinem Computer einen kleinen Schwenk Richtung Tür; er besaß einen schicken norwegischen Bürostuhl, der sich vollkommen geräuschlos drehte – den einzigen dieser Art im ganzen Haus. Koristo war absolut schleierhaft, von welchem Geld der angeschafft worden war. Auf Raentos rötlichem Gesicht zeigte sich eine Art Lächeln, seine Riesenpranke wies auf den Besucherstuhl. »Ach richtig, der Koristo! Ich hatte unsere Verabredung schon fast vergessen. Aber du bist selbstverständlich pünktlich da, wie eh und je.« Koristo war hin- und hergerissen, setzte sich aber, als er dazu aufgefordert wurde. Er fand, dass Raentos Gesicht denselben Farbton hatte wie sein viel zu breiter, greller Schlips. Er konnte nicht begreifen, wie jemand in Führungsposition zu solch einem Kleidungsstück kam. »Wie hat denn deine Woche angefangen, Koristo – alles nach Plan, wie?« Raento fingerte sich grinsend eine Zigarette aus der Schachtel und lehnte sich lässig und entspannt zurück. Koristo sagte kein einziges Wort. Worte waren nicht mehr nötig. Er zog seinen Kamm aus der Tasche und fuhr damit dreimal durch sein straßenköterfarbenes Haar. »Okay, genug gescherzt. Wir haben schließlich beide noch was zu tun.« Raento rieb sich die Nase und sah kurz auf den Bildschirm. »Du willst sicher, über den neuen Bericht über die Rechnungskontrolle reden. Dann lass uns mal gleich zur Sache kommen …« Koristo schwieg noch immer. Er blinzelte dreimal und stand langsam auf. Aus dem schwarzen Aktenordner kam eine glänzende deutsche Automatikwaffe von ähnlichem Farbton zum Vorschein. Langsam und bedächtig richtete er den Lauf auf, den Mann hinter dem Tisch. Raentos Gesicht wurde weiß. Träge öffneten sich die wulstigen Lippen. Seine Augen schienen aus den Höhlen hervorzutreten. Die Zigarette fiel aus dem Mund auf die Schreibtischunterlage. »Was zum Teu…« Koristo fühlte sich zu keiner Antwort verpflichtet und drückte stattdessen entschlossen auf den Abzug. Und noch einmal, und noch einmal. Die Schussfolge durchschnitt die bleierne Stille des Zimmers. Drei rasch aufeinander folgende, hallende Schüsse. »Hast du herausgefunden, was mit dem Typ los ist?«, fragte Kriminalpolizist Elorinta Kriminalinspektor Harittu, als dieser aus dem Verhörzimmer kam. »Kann ich nicht gerade behaupten. Ist eine seltsame Sache. Der wiederholt ständig ein und dasselbe deutsche Wort. Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit.« Harittu kratzte sich den geröteten Nacken. »Vor allem wirkt er irgendwie überrascht und irritiert.« »Was bedeutet es – das Wort?« »Also … mit meinen geringen Deutschkenntnissen würde ich sagen: Alles hat verlässlich und solide zu sein.« »Und was hat das mit unserem Fall zu tun?« »Ich habe da so eine Idee. Die Jungs von der Spurensicherung sind in seiner Wohnung auf eine Schachtel Patronen gestoßen. Ein deutsches Fabrikat, und auf der Packung steht genau dasselbe Wort. Es handelt sich nämlich um Übungsmunition. Also Platzpatronen, die bei Filmaufnahmen verwendet werden. Vielleicht ist das die Erklärung für sein Gefasel.« Harittu zuckte mit den Schultern. »Komische Geschichte. Wirklich rätselhaft. Aber unser Mann, scheint auch sonst nicht ganz zurechnungsfähig zu sein.« »Wohl kaum. Mit Platzpatronen auf seinen Chef zu schießen ist keine sonderlich durchdachte Aktion.« »Nein. Aber wie geht es denn dem Opfer, diesem Raento?« »Der ist einigermaßen wohlauf. Er ist natürlich noch ein bisschen benommen und hat Ohrensausen. Aber ansonsten alles okay. Und was hat unser Revolverheld noch so alles im Kopf?« »Tja, wenn man das nur wüsste. Ich hab ihm gesagt, dass jetzt erst mal eine Stunde Pause ist mit dem Verhör. Ach, und er hatte drei Wünsche.« »Gleich drei auf einmal!« Kriminalinspektor Harittu lächelte schief. »Und um was für Wünsche handelt es sich da?« »Ein Anruf bei irgendeinem Anwalt, dann die Telefonnummer von einem x-beliebigen Waffengeschäft und – ob du’s glaubst oder nicht – ein Deutschwörterbuch.«,

Kriminell schön Taavi Soininvaara

Auf dem Flugplatz Helsinki-Vantaa saß Oberwachtmeister Matti Sutela als Beifahrer im Polizeiauto am Ende des Rollfeldes, trank Kaffee aus einem Pappbecher und wartete ungeduldig, dass der erste Staatsgast seiner Karriere in Finnland eintraf. In den zehn Jahren in Polizeiuniform hatte er schon Präsidenten, Ministerpräsidenten, königliche Oberhäupter und Weltstars bewacht, aber noch nie einen so eigenartigen Gast. »Kindermädchen für eine Geige, so ein Mist«, giftete Sutelas Kollege auf dem Fahrersitz. Sutela regte sich nicht auf, es war eine willkommene Abwechslung nach den Ereignissen vom Anfang der Woche. Vorgestern hatte er vergeblich versucht, ein zwölf Jahre altes Schulmädchen wiederzubeleben, die sich eine Überdosis Heroin in die Venen gejagt hatte, und gestern musste eine Wohnung untersucht werden, in der zwei Wochen lang eine Tote gelegen hatte. An den Gestank der verwesten Leiche erinnerte er sich noch gut, und auf seiner Netzhaut zeichnete sich das Bild ab, wie die alte Frau ihre Einsamkeit aus ihrem Zuhause hinausschrie. Mitleid breitete sich warm in seinem Körper aus. Welten lagen zwischen dem Alltag der Polizei und dem Spiel auf einer mit vierzig Millionen Dollar versicherten Violine. Er schob die unangenehmen Erinnerungen ganz weit weg, schlürfte Kaffee und strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Sutelas Mundwinkel zogen sich leicht nach oben, als er daran dachte, wie die Stadt Genua das Gefolge für die Geige zusammengesetzt hatte: zwei bewaffnete italienische Wachmänner, die für die Wartung des Instruments verantwortliche Kuratorin und der Rektor der Sibelius- Akademie, der der Vorsitzende des Komitees war, das man, anlässlich des Finnlandbesuchs des Instruments gegründet hatte. Die Minuten vergingen, und Sutela hatte das Warten langsam satt, sein Leben war alles andere als ein Zuckerschlecken. War er unfähig, ein Angsthase oder nur ein zu gutmütiger Mensch, der sich damit begnügte, Jahr für Jahr darauf zu warten, dass er dem Glück ein Stück näher kam, auf eine Gelegenheit, seine Fähigkeiten zu beweisen? Er hatte schon fünf Jahre einer Beförderung vergeblich hinterher gehechelt. Wie lange würde er im Kopf noch die Jagd nach Fixern, Säufern und von den Ehemännern verprügelten Frauen aushalten? Bis zur Rente bestimmt nicht. Als Kommissar bekäme er mehr Papierkram zu tun, und den würde er immer selbst erledigen wollen. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Funkgerät im Polizeiauto rauschte. Sutela stieg aus und verfolgte, wie der zwanzigsitzige Learjet 35 vorbei am Inland-Terminal zum hintersten Winkel der Landebahn rollte. Die morgendliche Dezembersonne schien klar, wärmte aber nicht im Geringsten. Da der Wind in Böen über den Flugplatz fegte und den Schnee wie Puder aufwirbelte, kamen einem die zwanzig Grad Frost doppelt so kalt vor. Sutela beschloss, irgendwann zwischendurch seine Frau anzurufen und sie zu bitten, die Sauna einzuheizen, ihm würde, wenn er nach Ende der Schicht losfuhr, noch die Kälte in den Knochen sitzen. Der Unabhängigkeitstag musste doch gefeiert werden. Vielleicht würden sie sich auch im Fernsehen die Feier im Präsidentenpalast anschauen und sich den einen oder anderen Schnaps gönnen. Als der Learjet vor dem VIP-Terminal zum Halten kam, gab Sutela über Funk zwei Polizisten den Befehl, ihm zu folgen, und er ging zur Tür des Flugzeuges. Er schüttelte den aus dem Düsenflieger steigenden Passagieren die Hand und führte sie zur VIP-Lounge, wo Finnlands hingerissener Kulturminister die Gäste willkommen hieß. Die Presseleute stürzten sich auf die Kuratorin mit Dutt, die den Geigenkasten trug, wie Möwen auf die Reste vom Fischeausnehmen., Nachdem alle ein Glas Champagner in der Hand hielten, setzte der Kulturminister zu seiner Begrüßungsansprache an: »Das Jahr 2007 ist für das unabhängige Finnland ein Jubiläumsjahr und zugleich ein Gedenkjahr für das Musikleben in unserem Lande. Der Tod des Komponisten Jean Sibelius jährte sich am 20. September zum fünfzigsten Mal, und nur wenige Tage später gewann die junge finnische Violinistin Tuuli Ahava in Genua den zweiten Platz im italienischen Violinen- Wettbewerb Premio Paganini. Heute können wir all diese Ereignisse in außergewöhnlicher Weise feiern, dank der Stadt Genua, die Finnland und Helsinki eine seltene Ehre zuteil werden lässt: Bei uns zu Besuch ist ›Il Cannone‹, die vor zweihundertfünfundsechzig Jahren von Giuseppe Guarnieri gebaute Geige Guarnieri del Gesù. Verehrte Damen und Herren, Tuuli Ahava, das junge Geigentalent und die Solistin im Orchester der finnischen Staatsoper, spielt heute auf der großen Bühne des Opernhauses Jean Sibelius’ Violinkonzert.« Die Journalisten umlagerten die Kuratorin, die die Geige trug, von der Sekunde an, in der der Minister seine Rede beendet hatte. Die Begeisterung der Presseleute war dennoch schnell verebbt, als die gereizte Kuratorin den Geigenkasten wie einen Säugling an die Brust drückte, sich weigerte, das Instrument zu zeigen, und mit wehendem Rocksaum auf die Garderobe zusteuerte. Die Gesellschaft aus Italien wollte unbedingt in einem einzigen Wagen fahren, sodass Sutela sie zu einem polizeieigenen Transporter führte. Die Polizeifahrzeuge formierten sich zu einem Konvoi, in dessen Mitte der Transporter sich einreihte, und die Fahrt durch Helsinkis Innenstadt und zur Staatsoper begann. Der kahlköpfige und übergewichtige Rektor der Sibelius- Akademie konnte seine Augen nicht vom Geigenkasten lassen. »Man kann sich kaum vorstellen, dass Paganini seinerzeit, genau auf diesem Instrument gespielt hat.« »Wer?«, entfuhr Sutela aus Versehen die Frage, und der Rektor machte ein Gesicht, als habe der Polizist ein Sakrileg begangen. »Niccolò Paganini. 1782 in Genua geboren, 1840 in Nizza gestorben. Der größte Violinist der Welt, der Vater der modernen Violinenspieltechnik und ein begabter Komponist«, erklärte der Rektor und wartete vergeblich, dass Sutela ein Licht aufging. »Paganinis Spiel war von so großer Virtuosität, dass seine Zeitgenossen glaubten, der Mann habe seine Seele dem Teufel verkauft.« Die Stimme des Rektors nahm an Lautstärke zu, als Sutelas Gesichtszüge sich noch immer nicht aufhellten. »Er erfand die Scordatura und das Pizzicato der rechten Hand, und er … Wissen Sie wirklich nicht, wer Niccolò Paganini war?«, fragte der Rektor verärgert. »Wer benutzt … oder vielmehr spielt eigentlich die Geige?«, wechselte Sutela das Gesprächsthema. Der Rektor berichtete, Paganini habe per Testament die Violine der Stadt Genua vermacht, die sie in der Stahlkammer des Rathauses Palazzo Tursi aufbewahrte. »Wussten Sie übrigens, dass Giuseppe Guarnieri in seiner gesamten Laufbahn nur fünfzig Violinen gebaut hat, von denen der größte Teil verschollen ist? Anders als allgemein angenommen, gehören die Stradivaris nicht zu den seltensten Geigen der Welt, von denen gibt es noch fast fünfhundert Exemplare«, dozierte der Rektor. Sutela war aus dem Schneider, als der Rektor mit der Kuratorin ein Gespräch auf Italienisch begann. Die Fahrt verlief schnell, der Verkehr nahm erst auf dem Mannerheimintie zu. Die Polizeifahrzeuge wurden hinter der Staatsoper gleich beim Bühneneingang geparkt, von wo der Leiter der Oper die Gesellschaft durch lange Gänge zum Orchesterfoyer führte. Die kleine blonde Geigerin Tuuli Ahava wartete im Foyer zur, großen Bühne auf Il Cannone und hörte auf, am Daumennagel zu kauen, als der Rektor sie der Kuratorin vorstellte. Die Gesellschaft ging mit Tuuli Ahava ins Künstlerzimmer, die italienischen Wachmänner und Sutela folgten dem Geigenkasten wie Küken der Henne. Die anderen finnischen Polizisten blieben im Foyer, um sich von einem bärtigen, ins Horn stoßenden Posaunisten das Trommelfell strapazieren zu lassen. Die fahle Wintersonne schien ins Künstlerzimmer, sodass die Kuratorin die Vorhänge vors Fenster zog. Anschließend holte die Frau aus ihrer Handtasche ein digitales Thermometer, überprüfte die Zimmertemperatur und nickte beifällig. Tuuli Ahava verfolgte mit ernster Miene, wie die Kuratorin den Geigenkasten auf einem kleinen Arbeitstisch abstellte, die Schlösser aufklickte, die schützenden, purpurroten Seidentücher vom Instrument entfernte und Il Cannone heraushob wie eine Reliquie. Die zierliche Geigenvirtuosin ergriff das Instrument behutsam an Hals und Resonanzboden, ihre Hände zitterten ein wenig. Adrenalin durchströmte ihren Körper. Sie hielt die wertvollste Violine der Welt in Händen, die Guarnieri del Gesù, Niccolò Paganinis Instrument, des Meisters aller Solisten. Der Puls pochte ihr in den Schläfen. Jetzt musste sie sich beruhigen, das Spiel würde misslingen, wenn sie dem Instrument weh tat. Wenn sie die Violine nun fallen ließ? Die Vorstellung steigerte zunehmend ihre Anspannung, und auch die Wachmänner neben ihr plapperten wie Marktverkäufer. Man musste ihr Ruhe zur Konzentration geben. »Darf ich die Violine allein stimmen, hier ist es ein bisschen … zu voll«, sagte die junge Frau zur Kuratorin gewandt. Die Italienerin schüttelte lächelnd den Kopf. »Die Wachmänner werden das Instrument nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen. Sie warten das Konzert über in den, Seitenkulissen und nehmen Ihnen die Violine ab, sobald das Konzert beendet ist.« Tuuli Ahava schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Sie zog den Frosch des Bogens an, befühlte die Stimmwirbel, strich mit der Hand über das Griffbrett, glitt mit dem Finger am oberen Rand des Stegs über die Saiten und legte am Ende die linke Hand auf den Hals. Dann krümmte sie den Finger, setzte den Bogen auf die Saite und begann das Instrument zu stimmen: g, d, a, e … Einige Minuten später spielte Tuuli Ahava die schnellen Läufe des Violinkonzerts von Jean Sibelius. Sutela zuckte zusammen. Die Schönheit der Violinentöne traf ihn in die Herzgrube wie ein Faustschlag. Der Klang von Il Cannone war überwältigend, das hörte auch ein Laie sofort: kräftig, klar, dunkel … Er beobachtete fasziniert, wie die Violinistin ihr Ohr auf die Resonanzdecke drückte. Das Instrument klang wie ein Lebewesen, nur schöner. Und die Kraft des Instruments drang bis in die Seele, der Kosename, den Paganini dem Instrument gegeben hatte, war wirklich passend. Sutela hatte noch nie etwas so Beeindruckendes gehört und … Der Rahmen zerbarst, als die Tür aufgetreten wurde und zwei Männer in schwarzen Armeeoveralls mit Maschinenpistolen im Anschlag eindrangen. Das Spiel brach jäh ab, Tuuli Ahava wäre die Geige beinahe aus den Händen geglitten, und der Kuratorin traten vor Schreck fast die Augen aus dem Kopf. Sutelas Hand auf der Klappe des Pistolenholsters war gelähmt, als der zweite Angreifer seine Waffe auf ihn richtete, aber die italienischen Wachmänner erbebten von der Wucht der Kugeln, der Lärm schmerzte in den Ohren, und der Geruch von Schießpulver breitete sich im Zimmer aus. Zugleich stürmten zwei andere Männer in Armeeoveralls herein, von denen der eine der zitternden Tuuli Ahava die Violine aus der Hand riss und der andere der schreienden Kuratorin einen Schlag in den Bauch verpasste. Der Schrei verstummte., Sutela wurden die Füße zusammengebunden und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Schock wich Wut in seinem Kopf, als man ihm ein Stück Stoff in den Mund stopfte und starkes Paketklebeband darüber klebte. Er konnte nicht glauben, was geschah. Mein Gott, er hatte die Verantwortung für eine Vierzig-Millionen-Dollar-Violine. Und zwei Männer waren getötet worden. Die Geige hatte ihn dazu verleitet, seine Aufgabe zu vergessen. In einer Minute war alles vorbei und die Räuber verschwanden genauso schnell wie sie aufgetaucht waren. Sutela kroch wie eine Raupe aus dem Zimmer, seine Kleider kamen mit dem Blut in Berührung, das auf den Fußboden geflossen war, und sein Atem zischte in der Nase. Im Flur warf er einen Blick in Richtung Foyer, und er sah seinen Kollegen und den bärtigen Musiker gefesselt auf dem Boden zappeln. Wie viele Räuber waren es eigentlich? Was um alles in der Welt war passiert? Sutela suchte mit Blicken nach dem nächsten Feuermelder und kroch hin. Er drehte sich auf den Rücken, hob die Füße und trat mit den Absätzen auf den Alarmknopf. Acht Männer in schwarzen Armeeoveralls rannten zum Luftschutzraum im Kellergeschoss der Staatsoper, wo die technische Gruppe von vier Männern wartete. Der Bandenchef überprüfte, ob alle Mann da waren, er erkannte die auf die Overallkragen seiner Leute gemalten Zahlen. Sie traten einer nach dem anderen durch die kleine Metalltür, deren Alarmanlage entschärft worden war, dann schwang der Chef sich auf eine Metallleiter und stieg immer zwei Stufen auf einmal abwärts. Er ließ sich in das Tunnelsystem fallen, das man unter Helsinkis Asphalt gesprengt hatte, holte aus der Oberschenkeltasche seines Overalls eine Karte des Tunnelsystems und vergewisserte sich, wie schon viele Male zuvor, dass er den Wegeplan im Kopf hatte. Nur das Rauschen, der Belüftungsanlage störte die Ruhe der Finsternis. Die Männer in den Overalls teilten sich in drei Gruppen, von denen zwei sofort in entgegengesetzter Richtung verschwanden, und die dritte entfernte sich durch den in ein paar hundert Metern weiter gelegenen Tunnel. Der hohe und breite in den Felsgrund gesprengte Tunnel erdröhnte, als die erste Mannschaft auf dem feuchten Asphalt Richtung Museokatu lief. Die Strecke betrug nur einen halben Kilometer, aber in Autos würden die Verfolger sie im Handumdrehen einholen. Als die erste Mannschaft die Metallleiter erreichte, die hinauf zur Museokatu führte, gab der Anführer mit der Hand den Befehl zum Halten. Die keuchenden Männer zogen schnell Handschuhe, Overalls und Schuhe aus, holten Zivilkleidung aus ihren Rucksäcken und zogen sie an. Einer der Männer stopfte die abgelegten Stücke in einen Müllsack, ein anderer sammelte die Waffen ein, und der Anführer der Gruppe zwängte den Geigenkasten in einen kleinen Rucksack. Die Bewegungen der Männer waren so exakt wie die bei Balletttänzern, auch das kleinste Detail des Raubes war mit äußerster Präzision geplant gewesen. Die erste Mannschaft trat im winterlichen Zentrum Helsinkis aus der grauen Metalltür ohne Schild im steinernen Sockel eines hundert Jahre alten Jugendstil-Etagenhauses, dessen Alarmanlage schon vor dem Coup entschärft worden war. Sie spazierten in aller Ruhe in das Treppenhaus des Gebäudes und stiegen zur angemieteten Wohnung hinauf. Der Anführer der Gruppe stellte die Violine auf den Boden und stimmte dann den Standort mit den anderen beiden Gruppen ab. Keine Probleme. Er goss einen Pappbecher randvoll mit Wodka, leerte ihn in zwei Zügen und ließ sich häuslich auf dem Fußboden der unmöblierten Wohnung nieder. Er lächelte nicht, obwohl die Flucht ganz planmäßig gelungen war. Sie würden, einen hohen Preis für den Tod der italienischen Wachmänner bezahlen müssen. Matti Sutela biss die Zähne zusammen, seine Lippen formten einen leisen Fluch, aber dieser Wutausbruch verschaffte ihm keine Linderung. Er hatte sich eine Violine im Wert von vierzig Millionen Dollar stehlen lassen. Er blickte an seinem mit Blut getränkten Hosenbein hinab, und das Gefühl der Beklemmung nahm zu, als der Anblick der getöteten italienischen Wachleute ihm durch den Kopf fuhr. Hätte jemand, der zuverlässiger war als er, den Tod der Männer verhindern können? Warum hatte ihn der Klang der Kanone gelähmt? Sutela zog das Frostwetter in die Lungen ein, die Zigarette in seiner Hand zitterte, und die Füße stapften schwerfällig über den festgetretenen Schnee. Auf dem Platz hinter der Oper wimmelte es von Leuten. Die Polizisten der Mordkommission wie die Leute von der Spuren- Sicherung rannten zwischen den Autos und dem Tatort hin und her. Die Sonne war um halb vier Uhr nachmittags untergegangen, jetzt durchschnitt das Blaulicht der Polizeifahrzeuge und der Krankenwagen die Dunkelheit. Auch das Sondereinsatzkommando Karhu war vor Ort für den Fall, dass es zu einer Belagerung oder Geiselnahme kam. Sutela verfolgte am Rand, wie Kollegen, die jünger und höher eingeschätzt waren als er, Anweisungen gaben und fürchtete, dass er ab heute nur noch die Tore der Fussballmannschaft der Polizei zu bewachen hatte. Der Einsatzleiter der Polizei pumpte sich von Sutela eine Zigarette und versuchte seinen Kollegen, der elend aussah, aufzumuntern. »Der Alarm kam wirklich früh, das hilft uns. Das Zentrum von Helsinki ist abgesperrt, alle Ausfallstraßen sind abgeriegelt, und die Grenzübergänge, Flugplätze und Fähranleger sind informiert worden …« Die freundlichen Worte erleichterten Sutelas Gewissen nicht., »Wir haben noch nicht mal die Täterbeschreibungen. Wir wissen nur, dass es acht Angreifer waren. Kein Mensch hat ihre Gesichter gesehen oder sie sprechen gehört. Können gut Ausländer gewesen sein.« Der Einsatzleiter nickte. »Selten solche Profiarbeit gesehen …« »Murtomaa hier. Der Hund hat Witterung aufgenommen, wir verfolgen die Spuren«, hallte die Stimme des Kommissars der Mordkommission im Funkgerät wider. »Geh mit, Matti, dann kommst du auf andere Gedanken!«, schlug der Einsatzleiter vor, und in Sutela kam Leben. Er sprintete in die Oper und schloss sich der Hundestaffel an. Über zehn bewaffnete Polizisten stiegen die Treppe ins Kellergeschoss der Oper hinab. Die Schäferhunde zogen wie eine Dampflok ihre an der Spitze gehenden Hundeführer an der Leine hinterher, bis sie vor einem Luftschutzraum anhielten und wütend an der Metalltür kratzten. Die Polizisten traten in den Raum dahinter ein und entdeckten die geöffnete Tür, die ins Tunnelsystem führte. »Wir steigen in die Tunnel hinab, besetzt alle Ausgänge. Ich weiß, dass es davon über hundert gibt«, teilte Murtomaa über Funk dem Einsatzleiter mit. »Sollten die Wagen nicht schon nach unten beordert werden?«, schlug Sutela vor. Murtomaa schüttelte den Kopf. »Noch nicht, nur die Hunde können die Spuren verfolgen. Und die Tunnel sind über zweihundert Kilometer lang, da unten lohnt sich großes Geschütz nicht.« Sutela kletterte zwischen den Polizisten die Leiter hinab, und beim Betreten der Tunnel stieg ihm der Geruch von Feuchtigkeit in die Nase. Er hoffte, die Räuber würden durch das Tunnelsystem des Notausgangs oder der städtischen Verkehrsbetriebe entkommen, weil die Polizei über keine Karten über alle von den Streitkräften und der Staatsverwaltung, genutzten Höhlen verfügte. Beim Gedanken, welchen Ruf es ihm eintragen würde, wenn den Räubern die Flucht gelänge, erschauderte er. Die Aussicht auf Beförderung konnte er dann vergessen, komme, was da wolle. Die Hunde wurden an ihrem Geschirr in den Tunnel hinabgelassen. Schnell fanden sie drei Spuren, nach denen sich die Polizisten in Gruppen aufteilten. Murtomaas Mannschaft lief einige hundert Meter hinter dem Hund her, bis das Tier bei einer nach oben führenden Metallleiter mit Gebell stehen blieb. Sutela saugte Sauerstoff ein, fiel auf die Knie und dankte Gott, dass die Räuber nicht weiter gelaufen waren. Er hätte mit den Jüngeren nicht mehr viele Meter Schritt halten können. Bald stießen die Polizisten die Tür zur Außenwelt auf, der Hund drehte sich auf dem Bürgersteig wie ein Windrad, bekam aber keine Witterung mehr. Murtomaa suchte das nächste Straßenschild. »Die Diebe sind in der Museokatu 21 rausgekommen.« Die Funkverbindung rauschte, während der Einsatzleiter nachdachte. »Ich schicke Männer, die das Haus von diesem Punkt in alle Richtungen umstellen. Ihr fangt ab Nummer 21 an, meldet mir danach den Verlauf. Ich besorge inzwischen ein Verzeichnis über die Einwohner der Nachbarschaft.« Die Polizisten klingelten im Treppenaufgang A an jeder Tür, befragten die Bewohner und notierten sich die Wohnungen, deren Tür nicht geöffnet wurde. Nutzlose Hinweise sammelten sich massenhaft an: streitsüchtige Nachbarn, ihre Stereoanlage folternde Studenten, unangenehme Beischlafgeräusche … Nach einer Stunde hatte Murtomaas Mannschaft alle drei Treppenhäuser durchkämmt, die Polizisten standen vor der Museokatu 19, als der Einsatzleiter Verbindung aufnahm. Murtomaa hörte die Anweisungen und drehte sich zu seinen Männern um: »Im Einwohnerverzeichnis der Nachbarhäuser hat, man ein interessantes Objekt gefunden. Wir fangen bei Museokatu 25 A 14 an, die ist an den Russen Felix Jusupov vermietet. Wir bestellen die Karhu-Gruppe vor Ort, wenn die Situation es erfordert.« Murtomaa postierte seine Männer am Treppenaufgang, Sutela kauerte sich weit von der Tür zur Wohnung 14 entfernt nieder. Der junge Polizist klingelte an der Tür, man hörte, wie jemand zur Tür kam, und Licht war in dem flimmernden Spion zu erkennen. Plötzlich waren aus der Wohnung ein Schrei, schnelle Schritte und ein metallenes Geräusch zu hören, das an das Laden eines Gewehres erinnerte. »Hier Murtomaa. Schickt die Karhu-Gruppe in die Museokatu.« Er befahl zwei Männern, an der Treppe stehen zu bleiben, verteilte die anderen über das Haus und sagte, er warte auf der Straße mit Sutela auf die Karhu-Gruppe. Sutela maß die Museokatu ungeduldig, die nächsten Minuten würden über seine Zukunft und die der Violine entscheiden. »Ein Teil der Verbrecher ist in der Humalistokatu festgenommen worden. Keine Geige. Und die dritte Hundestaffel hatte keinen Erfolg.« Murtomaa meldete über Funk den Erhalt der Nachricht. »Wenn die Geige nicht da ist …« Sutela wurde noch nervöser, die Ereignisse der letzten Stunden belasteten sein Gewissen. Kamen die Räuber aus Russland? Schon was Murtomaa gesagt hatte, wollte ins Unterbewusstsein vordringen. Er konnte noch zwei Zigaretten rauchen und die dritte bis einen Zentimeter vor den Filter, ehe die weißen Kastenwagen am Bürgersteig anhielten und die Männer der Karhu-Gruppe von der Ladefläche sprangen. In feuerfesten Schutzanzügen, schusssicheren Helmen und Westen nahmen die Polizisten schwer bewaffnet ihren Befehl entgegen. Zehn Männer rannten zur Museokatu 25, vier zur Rückseite des Hauses und zwei blieben auf dem Gehweg zurück., Der Leiter der Karhu-Gruppe befestigte ein Mikrofon an der Tür der Zielwohnung, hörte einen Augenblick bedrohliche Stille und griff dann zum Megafon. »Hier spricht die Polizei. Machen Sie die Tür auf und legen Sie sich auf den Boden. This ist the police. Open the door and get down on the floor«, wiederholte der Leiter ein halbes Dutzend Mal. Ohne Ergebnis. Es musste gestürmt werden. Er teilte seinen Männern die Aufgaben zu, verbot den Einsatz von Leuchtmunition und Tränengas. Die Violine durfte nicht beschädigt werden. Zwei Polizisten packten ein eineinhalb Meter langes Metallrohr bei den Griffen und gingen hinter einem kugel- und splittersicheren Schild in Deckung. Der Rammbock riss die Tür aus den Angeln, die roten Punkte des Laservisiers kreuzten über die weißen Wände, und die Karhu-Gruppe stürmte die Wohnung. Die Spannung zerrte an Sutelas Wangenmuskeln, als zwei Polizisten den ersten Räuber auf die Museokatu führten. Dann kam der Leiter der Karhu-Gruppe mit dem Geigenkasten in der Hand heraus, und Wellen der Erleichterung durchströmten Sutelas Körper. Er starrte den folgenden auf die Straße geführten Räuber an, der Gesichtsausdruck des dunkelhaarigen Mannes war ernst, aber nicht enttäuscht. Sutela identifizierte ihn als den Mörder der beiden italienischen Wachmänner, ihre Blicke trafen sich, und Sutela sah, wie sich auf dem von Sonne und Wind gegerbten Gesicht des Verbrechers ein überhebliches und schadenfrohes Lächeln zeigte. »Matti, du kannst den Italienern die Geige bringen. Das ist dein Job«, sagte Murtomaa kumpelhaft und drückte Sutela den Geigenkasten in die Hand. Sutela sagte auf der Fahrt zum Flugplatz kein Wort, er kam sich vor wie ein Vollidiot. Das Galakonzert war abgesagt worden, und die Italiener wollten Finnland sofort verlassen. Was würde morgen über ihn in den Zeitungen stehen?, Das italienische Geschwätz der Kuratorin war noch nicht zum Stillstand gekommen, als der Frau in der VIP-Lounge des Flugplatzes Il Cannone überreicht wurde. Gut so, dachte Sutela, weil sicher war, dass die Frau ihn mindestens genauso sehr beschimpfte wie sie sich über die wiedergefundene Violine freute. Der Redeschwall verstummte sofort, als die Frau den Boden der Geige nach oben drehte. Sie hielt das Instrument unter eine Lampe, kniff die Augen zusammen und betrachtete jeden Zentimeter. Eine qualvolle halbe Minute später ächzte sie schließlich verärgert, wickelte die Geige wieder in die seidenen Schutztücher und legte sie in den Geigenkasten. »Wir überprüfen sie in Genua gründlich. Je weiter weg von hier wir kommen, desto besser.« Die Situation war am Ende bereinigt, die Polizisten gratulierten sich gedämpft gegenseitig, und Sutela erkannte im Blick seiner Kollegen Mitleid. Dieses Mal brannte es nicht, sein Gehirn verarbeitete ununterbrochen die Ereignisse der letzten Stunden. Der spöttisch lächelnde Verbrecher, der begutachtende Blick der Kuratorin … Der Raub war aufgeklärt und mit militärischer Präzision durchgeführt, die Kriminellen waren Profis, wie um alles in der Welt konnten sie so leicht aufgestöbert werden? Warum hatten die Hunde in den Tunneln drei Witterungen aufgenommen, obwohl es nur zwei Gruppen gewesen waren? Und warum hatte er das Gefühl, dass Murtomaa etwas gesagt hatte, woran er sich erinnern müsste. Nicht alles war, wie es sein sollte. Sergei Lybimov saß in einem prächtgen Sessel in der ersten Reihe im Privattheater des Jusupov-Palastes, rollte Machorka- Tabak in Zigarettenpapier, drehte die Zigarette mit den Fingern, leckte den Rand des Papiers, und die kurze Samokrutka war fertig. Er zündete die Zigarette an und bewunderte die Ornamente an den Wänden seines Theaters. Die Renovierung des luxuriösen Petersburger nichtkaiserlichen Palastes und die, Innenarbeiten waren endlich abgeschlossen. Er hatte den berühmten Palast im Herbst gekauft, mit Geld konnte man alles kaufen und durch den Gewinn seiner Ölgesellschaft besaß er so viel davon wie kein anderer Russe. Auf der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt stand er vorläufig auf dem befriedigenden siebenunddreißigsten Platz. Der von den Schuhen bis zur Krawatte in Schwarz gekleidete Oligarch trommelte mit dem Zeigefinger nervös auf der Stuhllehne und inhalierte gierig den schweren, dicken und würzigen Duft des Rauches. Die Erstaufführung in dem renovierten Theater würde gleich beginnen. Zuletzt war in dem Palast 1916 ein großes Drama im Getöse des Weltkrieges gezeigt worden, als die von Felix Jusupov angeführte Bande Gregori Rasputin ermordete, der sich selbst zum Hellseher und Manipulator der Zarenfamilie gemacht hatte. Lybimov bedauerte es fast, dass in der bevorstehenden Vorstellung kein einziger Mord vorkam. Es war zwölf Minuten vor zehn Uhr abends, als Lybimovs Privatsekretär in der Tür des Theaters erschien. »Gennadi ist zurück.« Lybimovs Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. »Führe den Mann herein, sofort. Ich bitte den Jungen zu kommen«, befahl er. Gennadi marschierte mit dem zwölfjährigen Achilles durch dieselbe Tür ins Theater. Der Junge lief auf seinen Vater zu und hauchte ihm leichte Küsse auf die bärtigen Wangen. Gennadi beschränkte sich aufs Händeschütteln. »Du kommst früher, als ich erwartet habe«, sagte Lybimov und schaute Gennadi erwartungsvoll an. »Na ja, von Helsinki sind es nur vierhundertfünfzig Kilometer. Wir mussten übrigens an der Grenze warten, bis die finnische Polizei beide Gruppen gefunden hatte und die Grenzen wieder geöffnet wurden. Wir …«, »Ihr hattet doch Erfolg? Erzähl jetzt endlich, was passiert ist …«, meinte Lybimov begeistert. »Alles lief nach Plan, außer dass die italienischen Wachmänner getötet werden mussten. Jetzt müssen die Jungs länger als nötig auf den Kuchen warten.« Gennadi schaute den Oligarchen forschend an. »Epat-kopat!«, fluchte Lybimov. »Ich bezahle die armen Juristen und drehe die Dinge so, dass deine Männer in Finnland ein erträgliches Urteil bekommen. Und ich zahle ihnen natürlich eine angemessene Entschädigung.« Matti Sutela saß in seinem kargen Büro im Präsidium von Pasila und versank immer weiter in den Wogen von Selbstmitleid. Er musste die Hoffnung auf Beförderung endlich begraben, weder der Chef der Schutzpolizei noch die Führung der Polizei würden diesen Tag je vergessen. Er fühlte sich gewissermaßen für den Tod der italienischen Wachmänner verantwortlich, so sehr er es sich auch immer wieder sagte, dass niemand das Geschehene hätte verhindern können. Er bereute, dass er sich hatte von der Violine aus dem Konzept bringen lassen. Außerdem quälten ihn Zweifel, die zur Gewissheit geworden waren, dass nicht alles war, wie es sein sollte. Aber was zum Teufel sollte er tun, der Fall war an Interpol übergeben worden, man hatte ihm noch nicht einmal Einsicht in die ersten Ermittlungsberichte gewährt. Er hatte seinem Chef gegenüber den grinsenden Räuber, das Zögern der Kuratorin, die nahezu problemlose Festnahme der Verbrecher und seine anderen Beobachtungen zur Sprache gebracht, doch sein Chef hatte ihm ins Gesicht gelacht. In der letzten Stunde hatte er im Internet unzählige Seiten über Niccolò Paganini und die Kanone gelesen. In seinem Kopf wirbelten unwichtig erscheinende Informationen herum: Paganini hatte immer Schwarz getragen. Er hatte vor kurzem, von einem anderen Mann gelesen, der auch immer nur Schwarz trug, konnte sich aber nicht mehr an den Namen erinnern. Er konnte sich auch nicht mehr ins Gedächtnis rufen, was Murtomaa Wichtiges gesagt hatte, obwohl ihn die Sache unablässig beschäftigte. Er zermarterte sich das Gehirn, und plötzlich fiel ihm ein, dass Murtomaa den Namen eines Wohnungsmieters in der Museokatu erwähnt hatte. Der hatte etwas mit Russland zu tun und mit dem anderen Mann in Schwarz. Der Name des Mieters würde sich in den Berichten finden. Der Ärger überkam Sutela mit aller Macht, hier wartete er wie gewohnt darauf, dass etwas passierte, obwohl er wissen müsste, dass er ohne Untersuchungsberichte nichts erreichen würde. Sollte er wieder aufgeben? Der Chef hatte die Berichte bekommen und war nach Hause gegangen, und Sutela wusste, wo in seinem Zimmer der Chef den Ersatzschlüssel aufbewahrte. Er beschloss, einmal das Risiko auf sich zu nehmen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Der endlos lange Korridor dröhnte, als Sutela zielstrebig auf das Zimmer des Chefs zuging, den Ersatzschlüssel im Schreibtisch der Sekretärin fand und die Tür aufschloss. Der Tisch quoll von Unterlagen über, aber Sutela fand das Gesuchte nicht. Er zog die Schreibtischschubladen auf, sodass die Spanplatte zu Bruch ging. Wenn man ihn erwischte, bevor er das Gesuchte gefunden hatte, dann bekam er seine Papiere, wahrscheinlich auch eine Klage. Aber jetzt war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen, die Spuren des Einbruchs würde man in jedem Fall bemerken. In der Schublade fand er nur Büroartikel, und Sutela merkte, dass er schon unsicher wurde. Der eineinhalb Meter hohe abgeschlossene Aktenschrank war die letzte Möglichkeit. Sutela nahm einen eisernen Kleiderständer und schmetterte ihn gegen den Aluminiumschrank, dass er schepperte. Und noch einmal. So brach er den obersten Rollladen auf, als auf dem Korridor, Rufe und Schritte zu hören waren. Sein Herz hämmerte, vom Zeitdruck und von der Angst bekam er einen erdigen Geschmack im Mund, er durchwühlte die Unterlagen und fand den Ermittlungsbericht. Das hatte er gesucht: Die Wohnung in der Museokatu war an Felix Jusupov vermietet. Murtomaa hatte in der Museokatu einen russischen Namen erwähnt. Wie Tausende andere finnische Touristen hatte auch Sutela in St. Petersburg den Jusupov-Palast besichtigt, als er noch ein Museum war. Darum war der Name Jusupov so bekannt. Jetzt fiel ihm auch wieder ein, dass er vor kurzem in der Zeitung über den Verkauf und den Käufer des Palastes gelesen hatte, über den Mann, der die seltsame Angewohnheit hatte, sich nur in Schwarz zu kleiden. Die Bruchstücke fügten sich in Sutelas Kopf zu einem Ganzen. Vollkommen sicher war er sich dennoch nicht, die Sache brauchte Bestätigung. Er schaltete den Computer an und gab sein Passwort ein, die Schritte im Korridor wurden lauter. Sutela gab im Internet in die Suchmaschine die Wörter »Jusupov+Palast+Verkauf« ein, und hundertvierundsiebzig Treffer wurden angezeigt. Gleichzeitig wurde die Tür aufgerissen, und der junge Kommissar der Schutzpolizei starrte verdutzt auf die Beulen im eingedellten Schrank und den auf die Computertastatur einhämmernden Sutela. »Mein Gott, Matti, was zum Teufel soll das? Damit kommst du nicht durch.« »Zwei Minuten. Gib mir zwei Minuten, dann erkläre ich alles.« Sutela drehte noch nicht einmal den Kopf zu seinem Kollegen um. Er las den Artikel über Lybimov. Das Finanzgenie und der Bewunderer Paganinis hatte im Herbst den Jusupov- Palast gekauft und trug nur Schwarz. Seine Erinnerung hatte ihn nicht getrogen. Es war sein Glück, dass die Medien rücksichtslos wie ein Raubvogel das Handeln des russischen Milliardärs verfolgten. Als Sutela den Namen von Lybimovs Sohn, eines Violinisten, las, war der letzte Zweifel ausgeräumt., Auch Paganinis Sohn hatte Achilles geheißen. Jubel prickelte in Sutelas Körper, er hatte das Gefühl, genauso ein Genie zu sein wie Paganini und Lybimov. Vielleicht war es das Verdienst der Violine, dachte er amüsiert, fand im internen Telefonbuch der Kripo die Nummer des für russische Angelegenheiten zuständigen Kommissars und griff zum Hörer … »Alles Gute zum Geburtstag, Achilles!«, sagte Lybimov und drückte seinen Sohn heftig an sich. Achilles kämpfte sich aus der Umarmung frei und versuchte ein böses Gesicht zu machen, konnte aber ein aufkommendes Lächeln nicht unterdrücken. »Aber bis zu meinem Geburtstag dauert es doch noch viele Tage.« »In diesem Jahr bekommst du dein Geschenk im Voraus. Gennadi, gib Achilles das Geschenk«, befahl Lybimov. Die Augen des jungen Mannes strahlten. »Was ist es denn?« Gennadi öffnete den Rucksack, zog den großen Geigenkasten heraus und überreichte ihn Lybimov. »Spasibo, Gennadi«, dankte der Milliardär. Er stellte den Geigenkasten auf den Rand der Theaterbühne, öffnete die Schlösser, nahm die schützenden Seidentücher ab und bewunderte Il Cannone mit Blicken. Er hatte für die unendlich wertvolle Violine nur zwei Millionen Dollar bezahlt; eine ging an Gennadi und die andere an den italienischen Geigenbauer, der die Kopie von Il Cannone angefertigt hatte. »Was sagst du zu dem Geschenk? Die zweihundertfünfundsechzig Jahre alte Guarnieri del Gesù, Niccolò Paganinis legendäre Il Cannone.« Mit den Worten überreichte Lybimov das Instrument feierlich seinem Sohn. Achilles ergriff so begeistert die Violine, dass er vergaß, sich bei seinem Vater zu bedanken. Er nahm den Bogen in die Hand, und begann das Instrument zu stimmen. Lybimovs Augenlider fielen zu, Achilles würde das werden können, wozu er nicht in der Lage gewesen war: ein großer Violinist. Natürlich hatte er es versucht, seine ganze Jugend lang bis aufs Blut Fingerübungen gemacht, Paganinis Capricen aber hatte er trotz allem nicht zu spielen gelernt. Der Neid auf Paganini war erst Respekt und Bewunderung gewichen, als er seine Genialität in Geschäftsangelegenheiten hatte unter Beweis stellen können. Sein Erfolg war gewissermaßen Paganinis Verdienst, darum hatte er den Meister geehrt, indem er seinem eigenen Sohn denselben Namen gab wie Paganini seinem Sohn, und darum trug auch er Schwarz. Stolz stieg in Lybimov auf, als Il Cannones Klänge in sein Ohr fluteten. Achilles war Petersburgs Rimski-Korsakov – der begabteste Schüler am Konservatorium, ein künftiger Weltstar. Aber Begabung brauchte Nahrung und Förderung, darum hatte er dem Jungen den besten Lehrer der Welt bezahlt und ihm Il Cannone besorgt. »Wann, glaubst du, wird den Italienern auffallen, dass ihre Geige eine Kopie ist?«, fragte Lybimov Gennadi. »Heute, morgen oder in einem Monat, wer weiß. Oder vielleicht ist es ihnen schon aufgefallen. Das ist doch unwichtig, die echte Violine ist jetzt hier, meine Männer sprechen nie.« Lybimov lächelte zufrieden, nachdem Achilles Il Cannone angenehm gestimmt hatte und den Anfangssatz von Tschaikowskys Violinkonzert griff. Der Klang von Il Cannone war noch schöner, als er es sich vorgestellt, hatte, kriminell schön. Es hatte sich gelohnt, das Risiko einzugehen. Mut zahlte sich immer aus, dachte Lybimov, kurz bevor das Sonderkommando der Petersburger Polizei in den Jusupov- Palast stürmte., Zu den Autorinnen und Autoren

D itte Birkemose, geb. 1953, schreibt vor allem für das dänische Fernsehen. Autorin von zwei Kriminalromanen

um die eigenwillige Detektivin Kit Sorél, die auch in deutscher Übersetzung vorliegen. (Ü: Gabriele Haefs) Toril Brekke, geb. 1949, schreibt für Kinder und Erwachsene. In Deutschland wurde sie vor allem bekannt durch ihre historischen Romane, zuletzt ›Sara‹. Ihre Erzählungen sind in vielen Anthologien vertreten. (Ü: Gabriele Haefs) Leif Davidsen, geb. 1951, ist Dänemarks erfolgreichster Krimiautor, vielfach ins Deutsche übersetzt. (Ü: Ruth Stöbling) Marita Gleisner, geb. 1945 in Nykarleby (Uusikaarlepyy), gehört zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland. Bisher ist auf Deutsch der Krimi ›Der Frisörladen‹ erschienen. (Ü: Dagmar Mißfeldt) Jonny Halberg, geb. 1962, schreibt Romane und Filmdrehbücher. Großen Erfolg hatten in Deutschland sein Roman ›Über alle Ufer‹ und der auf seinem Drehbuch basierende Film Wenn der Postmann gar nicht klingelt. (Ü: Gabriele Haefs) Birgitta Hrönn Halldórsdóttir, geb. 1959, lebt in Blönduós (Nordisland) und arbeitet als Autorin und Landwirtin. Auf Isländisch liegen von ihr insgesamt zwanzig Kriminalromane sowie zwei Interviewbücher vor. Die Erzählung, Miðbœjarmorðið (›Mord in Reykjavik‹) ist ihre erste Übersetzung ins Deutsche und in Island bislang noch unveröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) Johanna Helga Halldórsdóttir, geb. 1967, lebt in Blönduós (Nordisland) und ist als Autorin und Landwirtin tätig. Auf Isländisch liegen von ihr einige Erzählungen und Gedichte, die in Zeitschriften erschienen sind, sowie ein paar Interviewbücher vor. Zur Zeit schreibt sie an einem größeren Roman. Die Erzählung Hin gömlu kynni (›Verwandte alte Bekannte‹) ist ihre erste Übersetzung ins Deutsche und auf Isländisch bisher noch nicht veröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) Björn Hellberg hat sich mit seinem Krimi Förhäxad (1988) und den dreizehn Krimis mit dem korpulenten Sten Wall einen festen Platz in der schwedischen Krimiszene gesichert. Im Fischer Taschenbuch Verlag sind bisher zwei Krimis aus dieser Serie von ihm erschienen, ›Ehrenmord‹ (Bd. 15321) und ›Mauerblümchen‹ (Bd. 15320), der dritte erscheint unter dem Titel ›Todesfolge‹ im Juni 2004. (Ü: Christel Hildebrandt) Ann-Christin Hensher, eine Schwedin, lebt in Spanien als Rechtsanwältin und hat großen Erfolg mit ihrer Krimiserie um die Anwältin Ulrika Stål, die auch in deutscher Übersetzung vorliegt. (Ü: Gabriele Haefs) Viktor Arnar Ingólfsson, geb. 1955, lebt in Reykjavik und arbeitet als Autor und Redakteur beim Straßenbauamt in Reykjavik. Auf Isländisch liegen von ihm vier Kriminalromane und mehrere Erzählungen vor. Die Erzählung Slossmæjer (›Das Meierschloss‹) ist seine erste Übersetzung ins Deutsche. (Ü: Dirk Gerdes), Margaret Johansen, geb. 1922, schreibt Romane und Kurzgeschichten, ihre immer wieder nachgedruckten boshaften Erzählungen sind in vielen deutschsprachigen Anthologien zu finden. (Ü: Dagmar Lendt) Pentti Kirstilä lebt als Schriftsteller in Helsinki. Neben Kriminalromanen und -erzählungen verfasst er auch andere Prosawerke und Schauspiele. (Ü: Gabriele Schrey-Vasara) Lars Kjædegaard, geb. 1957, lebt im dänischen Helsingør, das auch vielen seiner Romane als Schauplatz dient, hier erstmals ins Deutsche übersetzt. (Ü: Friederike Buchinger) Leena Lehtolainen, geb. 1964 in Vesanto, lebt heute westlich von Helsinki, schreibt außer Jugendbüchern und Krimis auch Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane. In deutscher Übersetzung liegen mittlerweile fünf Krimis mit der Kommissarin Maria Kallio vor, zuletzt ›Weiß wie die Unschuld‹. (Ü: Gabriele Schrey-Vasara) Unni Lindell, geb. 1957, Autorin von in viele Sprachen übersetzten Büchern für Kinder und Erwachsene. Ihre Krimiserie um Kommissar Cato Isaksen wurde auch verfilmt. Im Scherz Verlag erschien 2004 ihr neuer Roman ›Nachtschwester‹. (Ü: Christel Hildebrandt) Reijo Mäki, geb. 1958 in Siikainen, wohnt in Turku, schreibt nach seinem Debüt 1985 Kriminalromane und auch Kurzgeschichten für Zeitungen. Auf Deutsch sind die Krimis ›Der vierte Musketier‹ und ›Die Strumpfbandnatter‹ erschienen. (Ü: Elina Kritzokat), Edda Magnúsdóttir, geb. 1936, lebt in Hóll (Ostisland) und beschäftigt sich neben ihrer Tätigkeit als Autorin mit Zeichenarbeiten und Kunsthandwerk. Die Erzählung Bréfkornið (›Der offene Brief‹) ist ihre erste Übersetzung ins Deutsche und in Island noch nicht veröffentlicht. (Ü: Dirk Gerdes) Unni Nielsen, geb. 1942, fuhr viele Jahre zur See, arbeitet heute als Journalistin und Autorin. Schreibt für Kinder und Erwachsene, ihr Jugendroman ›Ein Dach in Brooklyn‹ wurde mit dem Österreichischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. (Ü: Kathrin Hägele) Gert Nygårdshaug, geb. 1942, ist Autor von historischen Romanen und Krimis, hier erstmals ins Deutsche übersetzt. (Ü: Andrea Dobrowolski) Kim Småge, geb. 1945, ist sozusagen die Gründermutter des neuen norwegischen Krimibooms, vielfach ins Deutsche übersetzt. Der neue Roman ›Tapetenwechsel‹ um Kommissarin Anne-kin Halvorsen erscheint im Oktober 2004. Als Scherz Taschenbuch lieferbar sind die Romane ›Die Containerfrau‹ (Bd. 51819), ›Nachttauchen‹ (Bd. 51891), ›Die weißen Handschuhe‹ (Bd. 51923) und ›Mittsommer‹ (Bd. 51987). (Ü: Christel Hildebrandt) Taavi Soininvaara, geb. 1966 in Imatra, arbeitete nach dem Studium der Rechtswissenschaft im Finanzamt und in der Industrie. Seit seinem Debüt 2001 gilt er in Finnland als eine Art literarisches Wunderkind. (Ü: Dagmar Mißfeldt), Gunnar Staalesen, geb. 1944, setzt in seinen vielfach übersetzten Romanen um Privatdetektiv Varg Veum seiner westnorwegischen Heimatstadt Bergen ein literarisches Denkmal. Zuletzt im Scherz Taschenbuch erschienen: ›Wie in einem Spiegel‹ (Bd. 51976). Lieferbar: ›Die Schrift an der Wand‹ (Bd. 51713), ›Der Hexenring‹ (Bd. 51784), ›Dein bis in den Tod‹ (Bd. 51756), ›Dornröschen schlief wohl hundert Jahr‹ (Bd. 51823) und ›Die Toten haben’s gut‹ (Bd. 51855). (Ü: Kerstin Hartmann-Butt) Aino Trosell, geb. 1949, gelernte Schweißerin, war mehrere Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie tätig, debütierte 1978 als Schriftstellerin und veröffentlichte seitdem in Schweden fünfzehn Bücher. Auf Deutsch erschienen sind ›Die Taucherin‹ (2002) und ›Wenn das Herz noch schlägt‹ (2003). (Ü: Dagmar Mißfeldt), Quellenverzeichnis

D itte Birkemose: »Knud und der Kater« (Knuden og katten), © Ditte Birkemose, für die deutsche Übersetzung

aus dem Dänischen © Gabriele Haefs. Toril Brekke: »Das Klassentreffen« (Klassefesten), © Toril Brekke, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Gabriele Haefs. Leif Davidsen: »Der zufällige Tod eines Direktors« (Bedste vender), aus: Leif Davidsen, ›Forræderen og andre historier‹, © Leonhardt & Hoier, Kopenhagen, für die deutsche Übersetzung aus dem Dänischen © Ruth Stöbling. Marita Gleisner: »Krebsfest in Schwarz« (Kräftskeva i svart), © Marita Gleisner, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © Dagmar Mißfeldt. Jonny Halberg: »Zwei Männer der Tat« (En gjerningens mann), © Jonny Halberg, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Gabriele Haefs. Birgitta Halldórsdóttir: »Mord in Reykjavik« (Miðbæarmoðið), © Birgitta Halldórsdóttir, für die deutsche Übersetzung aus dem Isländischen © Dirk Gerdes. Johanna Helga Halldórsdóttir: »Verwandte alte Bekannte« (Hin gömlu kynni), © Johanna Helga Halldórsdóttir, für die deutsche Übersetzung aus dem Isländischen © Dirk Gerdes., Björn Hellberg: »Auge um Auge« (Stöld för Stöld), © Björn Hellberg, für die deutsche Übersetzung aus dem Schwedischen © Christel Hildebrandt. Ann-Christin Hensher: »Logenplatz« (Ögonvittet), © Ann- Christin Hensher, für die deutsche Übersetzung aus dem Schwedischen © Gabriele Haefs. Viktor Arnar Ingólfsson: »Das Meierschloss« (Slossmæjer), © Edda, Reykjavik, für die deutsche Übersetzung aus dem Isländischen © Dirk Gerdes. Margaret Johansen: »Was geschah in Nummer 7?« (Hva skjedde på nr. 7?), © Margaret Johansen, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Dagmar Lendt. Pentti Kirstilä: »Die Abschiedsparty« (Lähtöjuhlat), aus: Pentii Kirstilä, ›Klassinen happokylpy‹ © WSOY, Helsinki, für die deutsche Übersetzung © Gabriele Schrey-Vasara. Lars Kjædegaard: »Hombre«, © Lars Kjædegaard, für die deutsche Übersetzung aus dem Dänischen © Friederike Buchinger. Leena Lehtolainen: »Ein knackiger Hintern« (Hyvä peffa), aus: Kyösti Salovaara (Hg.), ›Intohimosta rikokseen‹, © Gummerus, Helsinki, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © Gabriele Schrey-Vasara., Unni Lindell: »Ohropax« (Sov i ro), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © Unni Lindell, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Christel Hildebrandt. Reijo Mäki: »Die Wahl des vorsichtigen Mannes« (Varovaisen miehen valinta), aus: Reijo Mäki, ›Aito turkki. Juttuja‹, © Otava, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © Elina Kritzokat. Edda Magnúsdóttir: »Der offene Brief« (Bréfkornið), © Edda Magnúsdóttir, für die deutsche Übersetzung aus dem Isländischen © Dirk Gerdes. Unni Nielsen: »Die Frau, die unsichtbar wurde« (Kvinnen som ble usynlig), © Unni Nielsen, für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Kathrin Hägele. Gert Nygårdshaug: »Die Scheren des Hummers« (Hummerens klo), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © Gyldendal Norsk Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Andrea Dobrowolski. Kim Småge: »Auf beiden Augen blind« (Blind betjent), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © Gyldendal Norsk Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Christel Hildebrandt. Taavi Soininvaara: »Kriminell schön« (Rikollisen kaunis), © Taavi Soininvaara, für die deutsche Übersetzung aus dem Finnischen © Dagmar Mißfeldt., Gunnar Staalesen: »Das Letzte, was sie taten« (Det siste de gjorde), aus: Nils Nordberg (Hg.), ›De nye krimheltene‹, © Gyldendal Norsk Forlag, Oslo, © für die deutsche Übersetzung aus dem Norwegischen © Kerstin Hartmann-Butt. Aino Trosell: »Nachts allein nach Hause« (Ensam hemat i natten), aus: Linqvist/Nyberg (Hg.), ›Mord på julafton‹, © Bokförlaget Semic, Sundbyberg, für die deutsche Übersetzung aus dem Schwedischen © Dagmar Mißfeldt.]
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