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Die Sehnen zirpten, ein gellender Schrei ertönte, und Kukul- can, diese fettleibige Bestie, taumelte mit einem Pfeil im Bauch zu Boden. Ich hörte, wie die Geschosse zischend in die Gruppe um den Opferstein fuhren, wie die H'menes schreiend ausein- anderstoben und fielen. Der Oberpriester hüpfte gackernd wie ein Huhn umher – einen Pfeil im Auge. Ich erblickte unsere Kameraden, durchbohrt von zahllosen Speeren, und stimmte brüllend den alten römischen Schlachtruf an. Nicht Christoph Kolumbus, auch nicht Eric der Rote haben Amerika entdeckt, sondern bereits im 6. Jahrhundert Ventidius Varro, ein ...
Autor Anonym
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Die Sehnen zirpten, ein gellender Schrei ertönte, und Kukul- can, diese fettleibige Bestie, taumelte mit einem Pfeil im Bauch zu Boden. Ich hörte, wie die Geschosse zischend in die Gruppe um den Opferstein fuhren, wie die H'menes schreiend ausein- anderstoben und fielen. Der Oberpriester hüpfte gackernd wie ein Huhn umher – einen Pfeil im Auge. Ich erblickte unsere Kameraden, durchbohrt von zahllosen Speeren, und stimmte brüllend den alten römischen Schlachtruf an. Nicht Christoph Kolumbus, auch nicht Eric der Rote haben Amerika entdeckt, sondern bereits im 6. Jahrhundert Ventidius Varro, ein römischer Legionär, und in seiner Begleitung Myrdhinn (Merlin), der große Zauberer. So beschreibt es H. Warner Munn in seinem Roman »Ein König am Rande der Welt«. Nach dem Tod ihres Königs Arthur segeln die von Rom im Stich gelassenen Soldaten westwärts zu den Gestaden der Mias, eines grausamen und blutrünstigen Indianerstamms. Gefangenschaft, Menschenopferungen, Flucht, Kampf und schließlich die Einigung aller verfeindeten Wilden sind Statio- nen auf dem Leidensweg der Helden – bis sie sich selbst zu Herrschern über die Neue Welt erheben, zu jenen weißen Göttern, welche den Eingeborenen seit langem geweissagt wurden und von denen ein Jahrtausend später die staunenden Spanier Kunde erhielten. »Ein König am Rande der Welt«, erstmals 1939 erschienen, ist der erste Band einer Trilogie des amerikanischen Autors H. War- ner Munn. Die Folgebände, »Das Schiff von Atlantis« und »Merlins Ring«, sind als Heyne-Taschenbücher in Vorberei- tung., H. WARNER MUNN

EIN KÖNIG AM RANDE DER WELT

Ein klassischer Fantasy-Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 3696 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der amerikanischen Originalausgabe KING OF THE WORLD'S EDGE Deutsche Übersetzung von Joachim Pente Die Textillustrationen schuf Klaus D. Schiemann Redaktion: F. Stanya Copyright © 1939, erneut 1976 by H. Warner Munn, mit freundlicher Genehmigung von Ballantine Books, A Division of Random House, Inc., New York Copyright © 1980 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München Copyright © 1952 des Gedichts auf Seite 220 aus Ovid, »Metamorphosen« (2. Buch, 722–729, nach der Übertragung von Erich Rösch), by Heimeran Verlag, München, mit freundlicher Genehmigung des Heimeran Verlags Printed in Germany 1980 Umschlagbild: Maroto/Norma Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs, München Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3-453-30616-3,

INHALT

Prolog ... 6 1. Die verlorene Legion ... 8 2. Arthur, Myrdhinn und Vivienne ... 21 3. Der Schläfer und der Seher ... 32 4. Ein kleines Schiff auf dem großen Meer ... 44 5. Brandons Insel ... 60 6. Schiffbruch ... 74 7. Gefangene in Tlapallan ... 94 8. Die Zähmung unartiger Kinder ... 114 9. Kukulcan ... 132 10. Die Stadt der Schlange ... 139 11. Die Schlange und das Ei ... 149 12. Opfer und Hexerei ... 165 13. Steinerne Giganten und fliegende Köpfe ... 178 14. Der Mantel Arthurs ... 195 15. Auf der Suche nach dem Land der Toten ... 214 16. Myrdhinns Bote ... 237 17. Der Adler und die Schlange ... 251 18. Der neue Kukulcan ... 267 19. Der Marsch nach Maipan ... 280 20. Der Fall der Festung ... 299 21. Der Tod Myrdhinns ... 315 22. Zwanzig Jahre danach ... 342 Epilog ... 345 Nachwort ... 346,

PROLOG

Nach dem Hurrikan, der Key West nahezu leergefegt hatte, förderte ein Veteran, der bei den Aufräu- mungsarbeiten und beim Wiederaufbau mithalf, aus Korallen und Trümmern einen mit Grünspan be- deckten Bronzezylinder zutage. Er erkannte sofort, daß es sich um ein uraltes Relikt handeln mußte. Da er vermutete (fälschlicherweise, wie sich bald heraus- stellen sollte), daß der Zylinder aus der Zeit der spa- nischen Eroberer stammte, hielt er es für das Beste, ihn nicht zu öffnen, da er befürchtete, ihn damit sei- nes Wertes zu berauben. Und so kam es, daß er ihn zum Museum seiner Heimatstadt brachte, dessen Di- rektor ich bin. Nachdem ich ihm zugesichert hatte, daß er zehn Prozent aller etwaigen in dem Zylinder befindlichen Werte erhalten würde, öffnete ich ihn in seiner Ge- genwart. Zu unser beider Überraschung fanden wir im In- nern des Zylinders eine dicke Pergamentrolle, auf der in holprigem Soldatenlatein ein Brief geschrieben war. Als ich ihn übersetzte, begannen die Augen meines Besuchers zu funkeln, spürte er doch sogleich, daß daraus ein verwegener Geist sprach, der seinem eige- nen blutsverwandt war. Auch ich war derart gefesselt von dem Brief, daß mir Schauer über den Rücken liefen – jedoch aus an- deren Gründen. In mir war der Altertumsforscher erwacht, denn ich wußte, daß zu der Zeit, da das Per- gament beschrieben wurde, Rom bereits untergegan-, gen war, die Barbaren den westlichen Teil des Rei- ches unter sich aufgeteilt hatten und lediglich in Kon- stantinopel etwas von dem Glanz und der Macht Roms weiterlebte. Und hier, vierzig Jahre nach dem Fall Roms, schrieb ein Mann einen Brief an den römi- schen Kaiser! Wäre der Brief rechtzeitig angekommen, hätte die Weltgeschichte vielleicht einen anderen Verlauf ge- nommen. Er ging jedoch verloren, und mit ihm alle Hoffnung seines tapferen Verfassers. Doch möge er nun für sich selbst sprechen.,

Die verlorene Legion

Welcher Kaiser auch immer in Rom regiert – ich ent- biete Dir meinen Gruß: Ich, Ventidius Varro, Zenturio unter Arthur, dem Imperator von Britannien, jetzt König am westlichen Rande der Welt, hier genannt Nuitziton, Huitzilo- pochtli und Atoharo, sende Dir diesen Bericht durch die Hand meines einzigen Sohnes, der Dich um die Bestätigung meiner Regentschaft ersucht, damit er an meiner Statt als König herrschen kann, wenn ich tot bin. Es ist nun, so schätze ich, fünf volle Generationen her, seit sich die Legionen endgültig aus Britannien zurückzogen, und wenn ich auch vielleicht am An- fang dieses Berichts Dinge erzähle, die in Rom längst bekannt sind, so kann ich dessen doch nicht sicher sein und erzähle sie daher lieber in aller Ausführlich- keit. Ich bitte Dich deshalb, den redseligen Erinne- rungen eines alten Soldaten, der in Ehren ergraut ist im Dienst für ein Land, das er niemals mit eigenen Augen gesehen hat, Deine Aufmerksamkeit zu schenken. Der Gedanke, daß sich Britannien, seit ich es vor nunmehr vierzig Jahren verließ, noch immer nicht von den Schlägen erholt hat, die ihm die sächsischen Piraten zufügten, trifft mich hart; doch leider muß ich annehmen, daß es so ist, denn ich habe nicht verges- sen, daß wir schon hundert Jahre zuvor nur wenig oder keine Hilfe bekamen., Und als wir, die britischen Römer, damals, zur Zeit meines Urgroßvaters, Aetius um Hilfe anflehten, als wir ihm eindringlich klarzumachen versuchten, daß wir nach dem Abzug der Legion, die er gesandt hatte, praktisch hilflos den Feinden gegenüberstanden, be- kamen wir da auch nur eine einzige Kohorte als Ent- satz? Und das, obwohl wir warnend voraussagten, daß Britannien unterginge! Und vermutlich ist es das auch längst. Vielleicht geschah es tatsächlich so, wie Myrdhinn der Seher mir sagte, daß nämlich Britanni- en in voller Absicht aufgegeben wurde, da es von Rom nur als von geringem Wert erachtet wurde. Doch wie kann ich das glauben, ich, der ich die fruchtbare Erde, die unerschöpflichen Gruben und die fischreichen Gewässer Britanniens aus eigener Anschauung kenne! Es muß andere Gründe dafür geben, und Myrdhinn sagte sie mir. Ein Zeitalter geht dem Ende entgegen, die ganze Welt treibt auf ihren Zusammenbruch zu, wird von Barbaren überrannt – so wie wir damals in Britanni- en; doch hundert Jahre lang erreichte uns keine Bot- schaft über das Meer außer den verdrehten und ver- stümmelten Gerüchten, die die Sachsen uns brachten; und diese waren keine Freunde Roms. Sie überfielen mit erdrückender, zwanzigfacher Übermacht unsere Galeeren und Kriegsschiffe und versenkten sie. Mordend, plündernd und brand- schatzend fielen sie über unsere Küsten her, bis schließlich kein Schiff mehr wagte, den Kanal zu überqueren, und jeglicher Handel starb. Die Verbin- dung zum Kontinent war abgeschnitten. Selbst die Fi- scherboote trauten sich nicht, außer Sichtweite der, Küste zu geraten, und die sächsischen Drachenschiffe waren unumschränkte Herrscher auf dem Meer. Zürne mir daher nicht, daß ich – auch auf die Ge- fahr, dich mit einer alten Geschichte zu langweilen – ausführlich von allen Ereignissen berichte, die sich nach dem Rückzug der Legionen begaben, als die einzigen römischen Soldaten in ganz Britannien die der traurig dezimierten Sechsten Legion (Victrix) wa- ren, die in Eboracum und am Wall stationiert waren. Sollte dies Dir bekannt sein, lies dennoch weiter; denn es werden Ereignisse folgen, von denen Du nichts weißt, da ich der einzige lebende Römer auf der ganzen Welt bin, der Kenntnis hat von den Wun- dern, über die ich berichten werde. Als erste nach dem Eintreffen von Kaiser Honorius' Brief mit dem Rückzugsbefehl schiffte sich die Zwan- zigste Legion ein – und ließ Deva und den westlichen Teil des Landes ungeschützt vor den wilden Berg- stämmen der Siluren zurück. Alsbald marschierte auch die Neunte von Ratae ab, und das ganze Tief- land war ohne Wehr. Zwei Jahre später verließ die Zweite Legion Isca Silurum, und nun hinderte nichts die Piraten daran, die Sabrina hinaufzusegeln. Zuletzt ging auch der größere Teil der Sechsten, und da sie nun zu schwach war, um weiterhin den Wall halten zu können, verlegte der Konsul seine Truppen weiter nach Süden und überließ so kampflos den Pikten und Sachsen Eboracum, die es auch sofort besetzten und sich dort ansiedelten. Wären sich die einzelnen Städte untereinander ei- nig gewesen und hätten sie gemeinsam eine Armee aufgestellt, wäre Britannien wohl frei geblieben. Es, gab genügend Männer mit tapferem Herzen und rö- mischer Ausbildung, und einige davon rekrutierte die Sechste, um wieder auf volle Legionsstärke zu kommen; doch das war so, als verdünne man Wein mit Wasser. Die Städte, denen die ausgehobenen Truppen ent- stammten, lagen ständig miteinander im Hader; sie versuchten, ihre Soldaten für sich zu behalten, und da sie allein zu schwach waren, den Eroberern die Stirn zu bieten, fielen sie bald eine nach der anderen so, wie sie gekämpft hatten – einsam. Unterdessen scharten die unzähligen kleinen Fürsten und Prinzen ein Gefolge um sich und gründeten winzige König- reiche, die unabhängig von den Stadtstaaten waren. Der größte Teil dieser Zwergkönigreiche wurde spä- ter zerstört oder von den Eroberern überrannt. Was schließlich nach drei Generationen des Kämp- fens, Rekrutierens und Auflösens von der Sechsten übrigblieb, zog sich, noch immer den römischen Ad- ler hochhaltend, sich römisch und Victrix nennend, in die Berge von Damnonia, das letzte Bollwerk Britan- niens, zurück. An dieser Stelle muß ich nun ausführlich die Ge- schichte meiner eigenen Familie beginnen und er- zählen, welche Auswirkungen diese Ereignisse auf sich hatten. Fremder! Wisse zuerst, wer ich bin. Ich bin Venti- dius Varro – Römer bis ins Innerste meines Herzens, obwohl ich jene wunderbare Stadt am Tiber nie gese- hen habe, genausowenig mein Vater. Auch er wurde in Britannien geboren, hatte eine britische Mutter, und schon in den Adern seines Vaters floß nur noch ein Viertel reinen römischen Blutes. Und doch bin ich, Römer, Rom betrachte ich als meine Herrin, ihr gelten meine ganze Liebe und die Sehnsucht meines Her- zens – jener herrlichen Stadt, in die ich nie einen Fuß setzen werde! Die Geschichte meiner Familie ist die Geschichte der Tragödie Britanniens. Als mein Urgroßvater ein- gezogen wurde, war mein Großvater noch ein Säug- ling. Die Insel war ausgeblutet, die Garnisonen nur noch Skelette; doch bis zu dem Zeitpunkt, da mein Großvater in die Legion eintrat, hatte sich um diese nackten Knochen wieder festes, kräftiges Fleisch ge- bildet. Man könnte sagen, daß der Geist noch immer römisch war, aber die Substanz war britisch. Die Sechste kämpfte gegen die Pikten, die Skoten und die Sachsen, und obwohl die Barbaren schon Fuß gefaßt hatten, gelang es der Sechsten, sie wieder zu vertreiben und sie auf die See zurückzudrängen. Doch da – als vielleicht noch ein weiteres Jahr das Ringen zu unseren Gunsten entschieden hätte – kam der Ruf aus Rom. Man brauchte Männer: Rom selbst war in Gefahr geraten. Mein Großvater folgte seinem Vater ins Un- gewisse, um nie mehr zurückzukehren. Nicht einer der Männer kam wieder, und die Frau meines Groß- vaters blieb allein mit ihren kleinen Kindern, darun- ter mein Vater. Sie ging nach Westen in die Berge von Cambria und zog ihre Kinder in Viriconium auf. Rom sandte uns keine Statthalter mehr, weder hö- here noch niedere Beamte. Unsere Festungen im We- sten wurden nach wie vor von der dezimierten Sech- sten gehalten, aber die besten Männer waren fort, und ich weiß nicht einmal, wo sie begraben sind. Später wandten sich die Jüten, Sachsen und Angeln, gegen uns, die doch gelegentlich an unserer Seite als Bundesgenossen gegen die Pikten gekämpft hatten, und meine Mutter floh über die Grenze nach Cam- bria. Als sie sich umblickte, sah sie hinter sich das brennende Viriconium, wo mein Vater zusammen mit anderen tapferen Männern kämpfte und starb, auf daß die Herrschaft Roms in Britannien erhalten bleibe. Meine frühe Kindheit verbrachte ich damit, im Ge- biet der wilden Kymrer umherzuziehen, deren Tap- ferkeit alle Macht, die Rom ihnen entgegenwerfen konnte, herausgefordert und gebrochen hatte, deren Herrschaftsbereich der letzte Winkel Britanniens ge- blieben war, wo sie frei waren von der sächsischen Gefahr und nun – so seltsam es auch klingen mag – die römische Kultur verteidigten. Und nun komme ich schließlich und endlich auf meine eigene Zeit zu sprechen und auf die Geschichte, die du wissen mußt. Bei den Kymrern lebte jener seltsame Mann, den sie Myrdhinn nannten, der jedoch bei uns auf der ande- ren Seite der Grenze als Ambrosius bekannt war. Er war ein Mensch von edlem Äußeren und furchterre- gendem Blick. Er trug einen langen, wehenden wei- ßen Bart und fuhr in einer majestätischen Kutsche; ein Mann, dessen Herkunft von Geheimnissen umrankt ist. Wenn die Sage wahr ist, dann wurde Myrdhinn von einem Dämon gezeugt, und zwar zur Zeit der Herrschaft von König Vortigern, von Blayse, dem Beichtvater seiner Mutter, getauft, so daß er Christ war. Doch blieben in ihm die dämonischen Kräfte der Magie, des Scharfblickes und die Gabe der Weissa- gung erhalten. Andere schätzen ihn als so weise ein,, daß er eigentlich schon kein normaler Sterblicher mehr sein kann, und behaupten, er sei im Alter von achtzig Jahren zur gleichen Zeit geboren, da die Erde erschaffen wurde, und seither immer weiser gewor- den! Wahrscheinlicher jedoch ist die Version, er sei ein Findelkind, von Druiden aufgezogen, die in Cambria noch immer ihre alten Bräuche ausüben und wohl auch Myrdhinn in ihren geheimnisvollen Kenntnis- sen unterwiesen. Obwohl er später den christlichen Glauben annahm, rang in seinem Herzen stets das Druidentum mit der neuen Lehre. Es ist bekannt, daß die Weisen der Urzeit über Kenntnisse verfügten, die uns in diesen Zeiten des Verfalls abhanden gekommen sind, und fest ver- schlossen in Myrdhinns Geist ruhten viele Geheim- nisse, darunter auch jenes, wie das Leben zu verlän- gern sei. Ich bin von den Jahren gezeichnet, ergraut, hager und fast zahnlos. Myrdhinn hingegen ist in all der Zeit, die ich mit ihm zusammen war, derselbe geblie- ben. Er sah immer so aus, wie ihn meine Mutter mir beschrieb, die ihn einst als junge Frau zum ersten Mal sah, als er in den Bergen von Cambria durch eine en- ge, einsame Schlucht wanderte, zerfurcht, doch rüstig und stark, an der Hand den Knaben Arthur, der im- mer wieder in Trab verfiel, um mit dem kraftvoll ein- herschreitenden Mann Schritt zu halten. Sie müssen damals auf dem Wege zu Antor gewe- sen sein, dem Myrdhinn den Knaben Arthur zur Er- ziehung und Ausbildung überbrachte und unter des- sen fürsorglicher Hand der junge Bursche zu dem Arthur heranwuchs, zu Arthur, dem Ersehnten, dem, Unvergessenen – Arthur, dem Imperator, dem großen Pendragon, dem Diktator, jenem Arthur, der heute der Retter Britanniens hieße, hätte ihn nicht feiger Verrat scheitern lassen. Zu jener Zeit war Arthur etwa fünfzehn Jahre älter als ich, der ich, noch im Säuglingsalter, noch nichts von den aufregenden Ereignissen mitbekam, die sich um mich herum abspielten. Zu der Zeit, als ich vom Üben mit Schwert und Speer die ersten Schwielen an den Händen bekam, führte Arthur schon die ersten Stoßtrupps auf sächsisches Gebiet. Alte, verkrüppelte Soldaten aus den Überresten der aufgeriebenen Legion bildeten die rohe, ungeschliffe- ne Jugend Cambrias zu einem grotesken Abbild der ehernen Marschsäulen Roms aus. Wie in alten Tagen hämmerten Schmiede rotglühende Eisen zu silbern glitzernden Klingen, fertigten Zimmerleute Ballistas und Katapulte an ... und schließlich marschierte ein Zerrbild der alten Legion über die Grenze, mit zer- fetzten Standarten, zerschlagenen Panzern und zer- beulten Schilden. Doch wir stürmten in voller Zahl und Stärke! Unse- re Klingen und Panzer blitzten und glänzten, unsere Bögen waren wohlgespannt und unsere Pfeile ge- spitzt (jeder einzelne Mann war Bogenschütze, ob Kavallerist, Pionier oder einfacher Legionär), und die funkelnden Adler an der Spitze gaben uns frischen Mut. Sechste Legion, Victrix! Glück zu und Leb wohl! Deine Gebeine machen nun die Felder Britanniens grüner. Etwas von dem alten, kaiserlichen Geist hatte uns erfaßt. Wir nahmen Viriconium ein, verloren es wie-, der und eroberten es erneut, und die Kymrer ström- ten über die Grenze und errichteten von seinem alten Glanz soviel wie möglich wieder. In der Ebene au- ßerhalb der Stadtmauern tummelten sich die zottigen Ponies Cambrias in lächerlichem Kontrast zu dem majestätisch donnernden Angriff der römischen Rei- terei. Aber die sächsischen Lakaien zerstreuten sich vor der Wucht des Angriffs in alle vier Winde, und mit der Zeit rangen wir ihnen Meter um Meter briti- schen Bodens ab, um ihn wieder zu freiem Land für die Verbannten und Freunde Roms zu machen. Hier und da stießen wir auf edle Rosse und Stuten in den fruchtbaren Niederungen, und als Arthurs Truppen stark genug waren, sich mit einer sächsi- schen Übermacht in einer regelrechten Schlacht zu messen, zerschmetterten dreihundert Reiter die Schildwälle. In der ersten großen Schlacht, die wir antraten, um die Macht der Eroberer zu brechen, flohen die Sach- sen Hals über Kopf und ließen uns als Sieger auf dem Feld zurück. Unsere Reiter setzten nach, fielen über die Flüchtenden her und richteten ein solch gewalti- ges Gemetzel an, daß Arthur aus den Überlebenden der Truppe seine edle Ritterrunde formte. Ihr lederner, mit Bronze beschichteter Panzer wur- de durch Blech ersetzt; man züchtete kräftigere Pfer- de, die das größere Gewicht zu tragen vermochten, und als Arthur siegreich von Schlacht auf Schlacht zurückkehrte, als Heere, Stammesführer, ja Könige sich um den Helden scharten und ihn Amheradawr (Imperator) nannten – da entstand die Tafelrunde und hielt in Isca Silurum Gericht ab. So eilten wir von Schlacht zu Schlacht, und unser, Ruhm mehrte sich, unser Vertrauen wuchs, neue Kämpen gesellten sich hinzu. Zum Teil unter aben- teuerlichen Umständen stahlen sie sich des Nachts in kleinen Booten aus Weidengeflecht an den sächsi- schen Kriegsschiffen vorbei, welche die Küste kon- trollierten – bis wieder strahlende Leuchtfeuer auf den Kuppen der Hügel und Berge, so weit das Auge blicken konnte, die Grenzen des zurückeroberten freien Britanniens markierten. Bald war die Legion zu doppelter Stärke gewach- sen. Ungeduldig warteten wir auf den Befehl, die Überreste der Sachsen zu überrennen. Da kam uner- wartet Hilfe aus Armorika – unsere Landsleute vom Festland stießen mit Kriegsschiffen und Galeeren zu uns, um uns im Kampf gegen die Eindringlinge zur Seite zu stehen. Myrdhinn hatte sie um Hilfe gebeten, und umgehend kam Antwort. Zu jener Zeit hatten wir nur ein Kriegsschiff, die Prydwen, einen großen Dromon, welchen wir als Ver- suchsschiff nach dem Plan gebaut hatten, den wir in einem alten Buch gefunden hatten. Er war als Kreu- zer hergerichtet, der die feindlichen Galeeren zu rammen und unterzupflügen vermochte. Desgleichen hatte man seit Hunderten von Jahren in britischen Gewässern nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er war mit Wurfmaschinen und Pfeilkatapulten ausgerüstet, wurde mit Hilfe von Rudern und Segeln angetrieben, und mit seinen weit ausladenden, überhängenden Galerien, von wo aus man vortrefflich Enterer ab- wehren konnte, mutete er inmitten des Pulks plum- per, schwerfälliger feindlicher Schiffe an wie ein stol- zer Hahn, der mit geschwollenem Kamm über seine Familie wacht., Schon marschierten die Barbaren, von Wessex kommend, auf uns zu, während sich von See her eine Flotte näherte, die Truppen landen wollten, welche uns in den Rücken fallen sollten. Am Mons Badonicus warfen wir uns ihnen entge- gen; einen Tag und den größten Teil einer langen Mondnacht dauerte das Blutbad, während sich auf See die Flotte der Verbündeten mit Ruhm bedeckte. Armorikanische, hibernische und sächsische Galee- ren zerbarsten und gingen in Flammen auf, während mitten unter ihnen die Prydwen rammend und Feuer speiend durch den Pfeilhagel brauste und den Feind unter ihrem Kiel zermalmte. Da endlich kam der Friede zu uns: Zeit zu lieben, zu leben und zu ruhen – für einige jedoch Zeit, Ränke zu schmieden. Myrdhinn hatte für Arthur die Heirat mit Gwen- hyvar geplant, der Tochter eines edlen Stammesfüh- rers, Laodegan von Carmelide; und als Arthur ver- kleidet dorthin reiste, um die Jungfer vor der Trau- ung zu sehen, kam er zur rechten Zeit an. Die Mauern von Carmelide wurden nämlich gerade von einer räuberischen Horde wilder Reiter aus den Bergen belagert, doch Arthurs Panzerreiter rieben sie auf und vertrieben sie in alle Winde. Als sie in die Stadt kamen, ergriff Myrdhinn für Arthur das Wort und forderte Gwenhyvars Hand als Belohnung für den Retter der Stadt. Später pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß kein anderer als Myrdhinn die Belagerung und die Rettung ins Werk gesetzt hatte, um seine eigenen Pläne zu verwirklichen. Ich selbst kann dazu nichts sagen, da ich zu jener Zeit weit weg war; jedoch halte, ich Myrdhinn dazu für fähig, denn seine Gedanken nahmen oft seltsame Umwege, und er war nicht der Mann, der einen Plan auf einfache Weise verwirk- lichte, wenn sich eine auffällige, komplizierte Lösung bot. Diesmal jedoch – will man der Sache genau auf den Grund gehen – war es eben die Vorliebe für das große Spektakel, die ihn, Arthur, Gwenhyvar und Britanni- en ins Verderben stürzte. Wie es das Schicksal so wollte, hatte Gwenhyvar schon ihr Herz einem jun- gen Mann namens Lanceloc geschenkt. Arthur näherte sich schon der Lebensmitte; Gwen- hyvar und Lanceloc waren um vieles jünger. So wäre es nur natürlich gewesen, wären diese beiden den Bund der Ehe eingegangen; doch wie hätte ein ehr- geiziger Vater den großen Pendragon, den Retter der Stadt, vor den Kopf stoßen können, indem er ihm die Hand seiner Tochter verweigerte? Laodegan befahl, Gwenhyvar gehorchte, wie es sich für eine pflichtbe- wußte Tochter gehört, und damit begann das Unheil. ›Verbotene Früchte schmecken am süßesten‹, heißt ein altes Sprichwort. Alle wußten, was vor sich ging, nur Arthur, die arglose Seele, das Vorbild an Tapfer- keit und Ehrbarkeit, merkte jahrelang nichts davon, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Doch da kamen Agrivain und Medrawd, Ver- wandte, die selbst danach trachteten, mächtig zu werden, und glaubten, dieses Ziel am besten zu errei- chen, indem sie jene demütigten, die schon mächtig waren. Sie setzten Gerüchte in Umlauf und spritzten ihr Gift auf alles, was Arthur lieb und teuer war – und alle unsere Hoffnungen für Britannien stürzten in sich zusammen., Lanceloc, Agrivain und Medrawd flohen nach Wessex, um so dem Zorn ihres so schmählich gede- mütigten Herrschers zu entgehen. Ihre Verwandten, Vasallen und Freunde nahmen sie mit. Dort angekommen, verbündeten sie sich mit dem, was von der Macht der Sachsen übriggeblieben war und ließen die Kunde über das Meer tragen, daß die Piraten wieder ungestört kommen und morden, rau- ben und plündern könnten, denn Arthur war von tie- fem Kummer ergriffen, und Rom hatte seine verlore- ne Kolonie längst vergessen. So marschierte die Sechste, und die Sachsen mar- schierten ebenfalls, und die beiden großen Armeen kamen auf die schicksalsschwere Walstatt von Cam- lan – und aller Ruhm hatte ein Ende!,

Arthur, Myrdhinn und Vivienne

Es ist nicht an mir, meinem Kaiser jenes tragische Er- eignis zu schildern, bin ich doch sicher, daß Dir in all den vielen Jahren, die seither vergangen sind, die traurigen Ereignisse jenes unheilvollen Tages aus an- derer Munde hinterbracht wurden und Du inzwi- schen ein um vieles klareres Bild von der Schlacht haben mußt, als ich es Dir jemals vermitteln könnte. Schließlich war ich nur ein einfacher Zenturio und hatte keinen Einblick in den Gesamtschlachtplan. Doch wie auch immer dieser ausgesehen haben mag: Jeglicher Plan wurde von vornherein von dickem, kaltem Nebel zunichte gemacht, der uns gleich zu Beginn der Schlacht in sein graues Leichentuch ein- hüllte, so daß wir bald in kleine Gruppen aufgesplit- tert wurden, die nach ähnlich kleinen feindlichen Trupps spürten. In vielen blutigen Scharmützeln rie- ben sich diese Gruppen gegenseitig auf. Als das Tageslicht schwächer wurde, klang das Klirren der Waffen immer ferner. Ich war allein, ab- gesprengt von meiner Zenturie. Ich stieg von einem Schlachtroß, das ich kurz zuvor eingefangen hatte, als es herrenlos über die Walstatt irrte, faßte es beim Zü- gel und führte es einen Strand entlang, auf den sanft die Wogen der Brandung rollten und mit flüsternder Stimme den Grabgesang auf all meine Hoffnungen raunten. Es war so, als legte sich der klamme, düstere Nebel geradewegs auf meine Seele. Die schmale Stelle trennte das Meer von einem, brackigen Tümpel. Dort wollte ich mein Roß tränken. Ich wandte mich nach links. Leise plätscherten die kleinen Wellen durch das Riedgras der salzigen Marsch, die den Teich umgab. Kein Laut war zu hö- ren. Bisweilen vernahm ich das heisere Krächzen ei- nes Seevogels, der hilflos durch den Nebel flatterte. Als mein Pferd getrunken hatte und mit einem lan- gen Seufzer den Kopf aus dem Wasser hob, löste sich mit einemmal die Nebelwand auf und gab mir den Blick auf etwa hundert Schritt Entfernung frei. Wir standen am Rand einer schmalen Bucht. Am anderen Ufer dieser Bucht sah ich die Zeugen eines beendeten Gefechtes. Das Wasser und der gegenüberliegende Strand waren, soweit das Auge reichte, mit einem Teppich von Leichen bedeckt. Doch nicht alle, die dort lagen, waren tot. Einer hockte blutüberströmt am Boden, halb auf den Ellbogen gestützt. Über ihn gebeugt stand ein grausig anzusehender Ritter. Beiden Männern war der Panzer förmlich vom Körper gehackt, alles mit Blut besudelt. Da erkannte ich das Paar. Der Sterbende war Arthur, der andere, mit dem er sich, soweit ich das erkennen konnte, zu streiten schien, Sir Bedwyr, einer seiner zuverlässigsten und treuesten Ritter. Ich rief die beiden an, aber Arthur war schon zu schwach oder zu sehr in das Gespräch vertieft, um mich zu hören, während Sir Bedwyr in- dessen den Blick wandte und Ruhe gebietend den Arm hob. Wieder schien Arthur etwas zu befehlen, diesmal gehorchte Sir Bedwyr. Er hob Arthurs berühmtes Schwert, Caliburn, auf und verschwand im Nebel. In diesem Moment senkte sich der kalte graue Vorhang, wieder, und ich ritt durch ihn hindurch um die Bucht herum, bis der Klang von Stimmen mich mein Pferd zügeln ließ. »Hast du mich diesmal nicht enttäuscht?« hörte ich Arthurs Stimme sagen. »Zu meinem großen Bedauern gehorchte ich, mein König.« »Und was sahst und hörtest du?« »Ich warf das Schwert in den Weiher, so wie du mir es befahlst, und als es blitzend hinabsauste, er- tönte ein klagender Schrei, und aus der Tiefe des Weihers tauchte ein langer Arm auf, mit einem wei- ten, wehenden Ärmel aus weißem Samt. Er ergriff Caliburn, schwenkte das Schwert dreimal und zog es dann in die Tiefe hinab. Gleichzeitig erklang aus dem Weiher vieltausendfaches Wehklagen.« »So ist denn nun Caliburn in die Hand dessen, der es mir schenkte, zurückgekehrt, auf daß es dort blei- be, bis ein anderer kommt, der dazu ausersehen ist, Britannien zu retten. Doch seltsam, daß ich keinen Laut vernahm!« »Es erfüllt mich mit tiefer Trauer, mein König, dir sagen zu müssen, daß sich dein Ohr nun beginnt, an andere Rhythmen denn irdische zu gewöhnen.« »Jetzt schon, da mein Werk doch eben begonnen hat?« Mit diesem schmerzvollen Ausruf schlossen sich seine Augen. Als ich näher kam, vermochte ich nicht zu erkennen, ob ihn der Tod schon ereilt hatte, oder ob er bloß ohnmächtig geworden war. Sir Bedwyr trat mir entgegen, bevor ich Arthur er- reicht hatte, und erklärte mit flüsternder Stimme das Ereignis, dessen Zeuge ich soeben geworden war., »Er scheint vor Verzweiflung und Gram ohnmäch- tig geworden zu sein. Er hat schreckliche Verwun- dungen, doch ich glaube nicht, daß sie tödlich sind. Wenn ich die Blutungen nur stillen könnte! Ich glau- be, es ist seine Seele, die stirbt. Er ist fest davon über- zeugt, daß das Ende gekommen ist, für ihn, für uns und für Britannien. Darum befahl er mir, sein Schwert in den Weiher zu werfen. Gott verzeih mir! Ich bin ein Ritter, der seinen Schwur gebrochen hat! Ich habe einen Sterbenden belogen! Kannst du das verstehen, Zenturio? Wie könnte ich diese Waffe auch fortwerfen? Sein Schwert ist den Menschen ein Sym- bol. Wenn Arthur stirbt, werden sich die Überreste unserer Armee wenigstens um etwas scharen, das sie verehren. Du selbst weißt, wie sehr die Herde etwas braucht, dem sie folgen kann – einen Helden, einen Adler, ein heiliges Andenken. Dann wächst sie über sich hinaus, dann wird jeder wahrhaft zu einem Gi- ganten. Ohne ein solches Symbol hingegen sind die Menschen gewöhnliche Sterbliche voller Angst vor dem Tod und Angst vor Schmerzen. Um Arthurs Schwert vor den Händen der Sachsen zu bewahren, würden sie wie Dämonen kämpfen.« Ich hatte mich inzwischen niedergekniet und un- tersuchte die tiefen Wunden, die Arthur in der Seite und am Oberschenkel hatte. Doch waren meine Be- mühungen, die Blutungen zu stillen, ebensowenig von Erfolg gekrönt wie die Bedwyrs, und während wir uns gemeinsam bemühten, fuhr er fort: »Ich warf die juwelenbesetzte Scheide in den Wei- her. Doch alles weitere ist gelogen. Da war kein Arm in weißem Samt, kein Wehgeschrei, gab es keine kla- genden Stimmen – nur die Wellen, die sich auf der, Oberfläche des Weihers kräuselten, und das heisere Krächzen eines Wasservogels!« »Und mehr wäre auch nicht geschehen, wenn du das Schwert der Scheide hinterhergeworfen hättest«, grunzte ich. »Gib mir noch etwas von dem Leinen- stoff!« Er lächelte traurig. »Wenn er wirklich stirbt, dann wird er wenigstens glücklich hinübergehen, da er glaubt, ich führte sei- nen Befehl aus. Wenn er am Leben bleibt, versteht er sicherlich, daß ich das Beste wollte, und vergibt mir. Glaubst du, daß ich richtig handelte?« »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Mit Arthurs Schwert in unserer Hand können wir in die Berge fliehen, uns sammeln und erneut zuschlagen. Wenn ich doch bloß diese schrecklichen Blutungen stillen könnte!« Seine Lippen hatten die Farbe von Ton angenom- men, und ich wunderte mich, daß er immer noch at- mete, denn es schien, als könnte jeder seiner matten Atemzüge der letzte sein. Plötzlich hörte ich, daß sich eine Gruppe von Män- nern näherte. Ich fuhr herum und griff nach meinem Schwert. Doch sogleich ließ ich erleichtert die Hand wieder sinken. Männer mit Roben und langen Bärten umringten mich. Es war Myrdhinn mit seinen neun Barden. Noch nie zuvor war ich so froh gewesen wie in diesem Augenblick, jene geheimnisumwobene Ge- stalt in meiner Nähe zu haben. Ohne Worte zu vergeuden, schob er uns beiseite, tastete schnell und geschickt die Wunden ab, drückte auf eine Stelle an Arthurs Hinterkopf und auf zwei Stellen am Rücken, dann gab er uns ein Zeichen, Wa- che zu stehen., »Der große Pendragon scheidet dahin.« Die Barden stimmten sogleich einen wehklagenden Trauergesang an, doch der Weise gebot ihnen mit herrischer Geste zu schweigen. »Ruhe! Das hilft uns auch nicht! Ich kann ihn nicht heilen. Dies vermag nur die Zeit. Aber ich kann ver- hindern, daß es weiter mit ihm dahin geht, sofern wir einen sicheren Zufluchtsort finden.« Die tastenden Ranken des Nebels wirbelten immer dichter um uns herum, während wir verblüfft dem Spiel seiner behenden Finger zusahen. Geschickt ver- band er die furchtbaren Wunden, aus denen das Blut nun aufhörte zu strömen. Dabei bewegten sich seine Lippen in schnellem, unablässigem Gemurmel. Hier und da glaubte ich, ein paar lateinische oder kym- rische Satzfetzen herauszuhören, doch dann verfiel er sogleich wieder in ein eigentümlich zischendes Ge- murmel, das keiner uns bekannten Sprache zu glei- chen schien. Bald war uns, als würde der Nebel jedesmal, wenn Myrdhinn zwischen seinen Beschwörungsformeln ei- ne Atempause machte, noch dicker, und aus dem Nebel erklangen leise gemurmelte Antworten, als bete Myrdhinn um das Leben Arthurs und als liefer- ten die kalten Lippen jenes großen Heeres der Toten Britanniens auf dem Feld von Camlan die Antworten. Wieder und wieder hörten wir durch den Schleier des Nebels hindurch, wie die Wellen am gegenüber- liegenden Ufer gegen den Strand plätscherten. Doch war es wirklich das gegenüberliegende Ufer, von dem der Laut zu uns drang? Das Geräusch schien jetzt von ganz nah zu kommen. Einmal hob Myrdhinn den Kopf und lauschte, doch, dann fuhr er mit seiner Beschwörungsformel fort. Etwas Kaltes schwappte gegen meine Fußknöchel und umspülte sie. Ich schaute zu Boden und stellte zu meinem Erstaunen fest, daß ich mitten in einer Pfütze Seewassers stand. Ich hatte überhaupt nicht wahrge- nommen, daß das Wasser gestiegen war. Ich ging ein paar Schritte weiter zu dem kleinen Erdhügel, auf dem die anderen standen. »Ist er tot?« fragte Sir Bedwyr mit keuchendem Atem. Myrdhinn schüttelte den Kopf. »Inzwischen wäre er es gewesen, doch sein Atem ist stehengeblieben, und er wird überleben.« »Sein Atem ist stehengeblieben? Aber dann muß er doch sterben!« »Er ist vielleicht nicht gänzlich ausgeblieben«, er- widerte Myrdhinn mit einem geheimnisvollen Lä- cheln. »Er wird möglicherweise nur einmal am Tag atmen, so lange, bis er durch einen langen Heilschlaf seine Energie und das Blut, das er verlor, wiederge- winnt. Er hat bis auf wenige Tropfen fast all sein Blut verloren. Wir bringen ihn jetzt an einen sicheren und geheimen Ort, wo ich ihn verstecken kann, bis er sich wieder erholt hat und von neuem bereit ist, für Bri- tannien zu kämpfen.« Wieder stieg ich ein paar Schritte aus dem Wasser. Versank ich in einem Sumpf? Der Boden schien fest zu sein. »Wie lange muß er schlafen?« Wieder war es Sir Bedwyr, der die Frage stellte. »Länger, als du ahnst. Deine Knochen werden längst vermodert und dein Grab vergessen sein, be- vor Arthur überhaupt zu schlafen beginnt! Ich kann es jetzt nicht erklären – hört ihr nicht das Waffenge-, klirr? Die Feinde streifen im Nebel umher! Rasch, Varro, hilf meinen Leuten, ihn über deinen Sattel zu legen! Wir müssen fliehen!« Als ich vorwärts trat, um seinen Befehl zu befolgen, stellte ich fest, daß ich meine Füße schon wieder aus dem Wasser erheben mußte, um auf festen Boden zu kommen. Ich blickte mich um. Von uns allen unbe- merkt stieg das Wasser des Weihers langsam an, um uns zu umspülen und vom Land abzuschneiden. Wortlos wies ich Myrdhinn darauf hin. Seine Au- gen weiteten sich. Dann lachte er plötzlich. »Ah, Bedwyr. Es wäre besser gewesen, du hättest das Schwert Caliburn der Dame zurückgegeben, die es verlieh. Meine Frau Vivienne – eine etwas habgie- rige Person! Vielleicht hegt sie ein wenig Groll gegen uns, weil wir sie beschwindelten. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie sie mich einmal tagelang im Wald von Broceliande verhext hielt. Kommt schnell, bevor das Wasser noch höher steigt!« Eine riesige Welle erhob sich plötzlich aus dem Weiher und brauste über die Bucht. Sie umspülte un- sere Knie und wogte wieder zurück, als wolle sie uns nur widerwillig loslassen. »Schneller, schneller!« drängte Myrdhinn. Wieder vernahmen wir das Klirren von Rüstungen, diesmal schon viel näher. Bald darauf hörten wir deutlich sächsisch gerufene Befehle. Sie waren uns ganz dicht auf den Fersen. Sir Bed- wyr blickte mich an, ich blickte ihn an: Wir waren die einzigen Bewaffneten in unserer Gruppe. Kurz be- rieten wir uns und beschlossen, wieder umzukehren. Doch kaum hatten wir ein paar Schritte getan, als wir erneut das Brausen einer gewaltigen Woge vernah-, men, die über die Niederung brach, welche wir gera- de verließen. Diesmal folgten noch andere Laute – Schreie des Entsetzens, Schmerzensrufe; das schreckliche Gebrüll zu Tode gepeinigter Menschen, dann Stöhnen und Ächzen, markerschütterndes Seufzen, gemischt mit Schmatzgeräuschen, so als fräße sich hinter der Ne- belwand, die alles barmherzig mit ihrem Schleier zu- deckte, irgendein scheußliches Untier satt. Gelähmt vor Entsetzen blieben wir stehen. »Kommt schnell!« rief Myrdhinn. »Bleibt nicht ste- hen! Der Irrtum wird bald entdeckt sein. Laßt uns von dieser Stätte des Grauens verschwinden!« »Was ist dort hinten los?« brachte ich keuchend hervor. »Viviennes Lieblingstier, der Avanc. Der Wurm des Weihers. Wir haben ihn hereingelegt – und sie eben- so. Wahrscheinlich ist sie wütend darüber, daß ich Arthur geholfen habe, und mit Sicherheit tobt sie wie eine Rasende, weil sie Caliburn verloren hat, das ihr vertragsgemäß zusteht. Hör zu, mein Weib, und paß gut auf, was ich dir zu sagen habe!« rief er in den Nebel. »Ich habe Arthurs Schwert, und ich werde es diesmal behalten. Ich be- trachte es als Wiedergutmachung für all die Jahre, die ich als Gefangener im Ring des Rauches zubringen mußte! Lauft, Männer, lauft um euer Leben!« Wir rannten los, neben uns das trabende Pferd. In den ersten Minuten war alles ruhig; doch dann be- gann plötzlich der Boden unter unseren Füßen wie eine wütende See zu wogen. Zweimal, dreimal wogte er auf und warf uns von den Beinen. Wir rappelten, uns wieder auf und rannten blindlings weiter in den dichten Nebel hinein. Dann ertönte in der Ferne ein fürchterliches Kra- chen, als werfe sich der Ozean selbst mit aller Kraft auf den blutigen Strand; Stille folgte, dann ein er- neutes Krachen, diesmal schon weiter entfernt. Da- nach herrschte Stille. Aus dem Nebel, nur wenig außerhalb unseres Ge- sichtskreises, ertönte das Lachen einer Frau. Ein lan- ganhaltendes, leises, unvorstellbar böses Lachen! Es klang wie süße, verführerische Musik, doch gleich- zeitig ließ es mir das Blut in den Adern gefrieren! Lachen – sonst nichts. Und doch klang nur allzu deutlich das Wissen um etwas heraus ... etwas, das wir zu jenem Zeitpunkt nicht wissen noch ahnen konnten; etwas, das wir unbedingt kennen sollten, doch das uns vorenthalten blieb. Wir schauten Myrdhinn an. Er schüttelte wortlos den Kopf. Irgend etwas war geschehen, ins Werk gesetzt von der Herrin des Sees, etwas, womit sie Myrdhinn die Beleidigungen heimzahlen wollte, womit sie Lanceloc (der, wie es hieß, mit ihr verwandt war) rächen, wo- mit sie uns alle ins Verderben stürzen wollte. Doch was es war, das wußte keiner von uns. Wir gingen weiter, tiefer und tiefer ins Landesinne- re, in den dichten Nebel hinein. Und noch lange hör- ten wir hinter uns jenes süße, melodiöse Lachen, das uns erschauern ließ.,

Der Schläfer und der Seher

Ich will Dich, mein Kaiser, nicht langweilen mit dem, was wir in den darauffolgenden Tagen sagten und taten. Denn das ist nicht der Grund, warum ich Dir schreibe. Ich will mich kurz fassen: Wir marschierten mehrere Nächte hintereinander durch Feindesland. Hier und da sammelten wir versprengte Nachzügler unserer Armee auf. Tagsüber hielten wir uns ver- steckt. Als unsere Gruppe wieder vierzig Mann stark war, konnten wir bei Tag weitermarschieren. Zwei- mal stießen wir unterwegs auf umherstreifende säch- sische Banden. Unser Ziel war das im Westen gelege- ne Heimatland Arthurs, Lyonesse (gar oftmals hatte er den Wunsch geäußert, einmal in seinem Geburts- ort Avalon, einem kleinen Dorf, beerdigt zu werden). Als wir uns dem Weiler näherten, strömten uns Flüchtlinge entgegen, in deren Gesichtern blankes Entsetzen stand. Sie flohen vor einer Gefahr, die viel schlimmer war als die Seeräuber – die See selbst! Wir erfuhren, daß am Vorabend jener blutigen Schlacht auf dem Felde von Camlan die furchtbare und stark bevölkerte Provinz Lyonesse im Meer versunken war! Sechzig Dörfer und Städte, darunter Arthurs Ava- lon, waren mit Mann und Maus bis zum Kirchturm im Meer ertrunken, und nichts erinnerte mehr an die Stelle, wo einst eine blühende Provinz gelegen hatte, als ein paar verstreute Hügelkuppen, die als kleine Inseln aus den gelben, trüben Fluten des Ozeans rag- ten., »Glaubst du, daß Vivienne dahintersteckt?« fragte ich Myrdhinn. Er nickte, ohne ein Wort zu sagen, doch seine neun Barden antworteten mit Grabesstimme wie aus einem Mund: »Ja.« Wir eilten weiter durch einen dichten Wald und kamen bald zu einer Mulde, wo zurückflutendes Wasser das Unterholz mit Schlamm, Leichen, toten Pferden und Rindern gefüllt hatte. Überall trieben tote Fische mit aufgeplatzten Leibern: Unter Wasser mußten gewaltige Explosionen stattgefunden haben, während das Land versank. Myrdhinn, der ein bestimmtes Ziel im Auge zu ha- ben schien, schritt voran; dahinter folgten die neun Barden; dann kam ich mit dem Pferd, das Arthurs Leichnam trug; seine Haut war ganz gelb, und er at- mete nicht, aber sein Körper war warm und biegsam. Als letztes marschierten die Legionäre; sie hatten mich als Zenturio anerkannt, wenngleich nur zwei von ihnen aus meiner Zenturie stammten; die übrigen waren mir gänzlich unbekannt. Wir durchquerten den Wald und kamen schließlich an einen riesigen grauen Felsen, eigentlich schon mehr einen Berg. Diesen Felsen erklommen wir und machten Rast. Lange saßen wir da und ließen den Blick über das versunkene, durch Hexerei und Bosheit hingemor- dete Land schweifen; wir sahen zu, wie die Flut wie- der hereinkam und uns vom Festland abschnitt. Un- terdessen hockte Myrdhinn ein wenig abseits und blickte in die Zukunft. Als die Ebbe kam, kehrten wir zu dem Wald zu- rück und ließen den Seher allein mit dem Schläfer., Wir schlugen unser Lager jenseits des Todeswaldes auf und warteten ... drei Tage lang. Während der ganzen Zeit hing eine dicke schwarze Wolke, die weder aus Nebel noch aus Rauch bestand, über dem Gipfel des Felsens. Selbst der heftigste Wind vermochte sie nicht zu vertreiben. Und diejeni- gen unter uns, die über ein scharfes Gehör verfügten, behaupteten, Gemurmel in einer unbekannten Spra- che zu vernehmen, das von jener schwarzen Wolke ausgehe. Desgleichen gaben sie vor zu hören, wie verschiedene und unsichtbare Wesen durch die Luft auf den Felsen zueilten und miteinander sprachen, während sie sich näherten. Was mich betrifft, so hörte ich nichts von alledem; ich war vielmehr der Ansicht, daß es nichts weiter war als das Rumoren vulkanischer Aktivität, die sich noch immer in der Nähe der versunkenen Provinz bemerkbar machte. Schließlich kam Myrdhinn zu uns zurück, und die Wolke verschwand wieder wie Arthurs Ruhm und die Würde seiner Herrschaft. Wo er zur Ruhe gebettet war – Caliburn, sein berühmtes Schwert, fest im Griff –, wollte Myrdhinn nicht verraten. Das einzige, was wir ihm zu entlocken vermochten, war, daß er an ei- nem sicheren Ort ruhe, wo kein Mensch ihn finden und wo er bleiben könne, bis es Zeit sei, ihn wieder zu erwecken. Sei nicht besorgt um Britanniens Held, o mein Kai- ser! Ich habe die feste Zusage von Myrdhinn dem Weisen, daß Arthur eines Tages auferstehen wird! Es wird einen gewaltigen Krieg geben, und alle Stämme, denen auch nur ein Tropfen britisches Blut durch die Adern rollt, werden daran teilnehmen. Dann wird, Arthur erwachen und sich zu erkennen geben. Mit Caliburn in der Faust wird er ein blutiges Gemetzel in den Ländern der Feinde Britanniens anrichten. Dann wird es nie mehr Krieg geben, und Friede wird für alle Zeiten auf der Erde herrschen! Dies sagte uns Myrdhinn. Und weiter berichtete er uns, daß er dies in immerwährenden Lettern auf Kymrisch, Oghamisch und Lateinisch an die Wände von Arthurs Grabkammer geschrieben und den Ein- gang zu jener Kammer mit einem Felsblock versiegelt habe, auf welchem geschrieben stehe: Hier ruht Arthur. König einst und König der Zukunft. Sei jedoch, o Kaiser (sollte Britannien inzwischen wieder von römischen Legionen beansprucht wer- den), gewarnt, auf daß die Soldateska nicht in Versu- chung gerät, nach jenem geheimen Ort zu forschen und ihn zu betreten. Myrdhinn hat Wächter aufge- stellt. Arthur kann und darf nicht vor der Zeit ge- weckt werden! Die Hüter seiner Ruhe werden dafür Sorge tragen. Es sind keine menschlichen Wesen, sie ruhen nicht und bedürfen nicht des Schlafs, sie essen und trinken nicht, sie ermüden, vergessen oder ster- ben nicht! Sie sind da, um aufzupassen, daß niemand dem Eingang der Grabstätte zu nahe kommt. Sei da- her auf der Hut! Sie sind gefährlich, und sie werden – wie Myrdhinn es ihnen befahl – warten, bis Arthur erwacht, und wenn es tausend oder zweitausend Jah- re dauern sollte. Ich weiß es nicht, und es geht uns auch nichts an. Sie sind da, die Wächter ... die Hüter! Am darauffolgenden Morgen brachen wir wieder auf. Wir marschierten entlang der Küste in westlicher Richtung, und nach einiger Zeit kamen wir zum Ende des Landes, hinter dem sich nur noch der endlose, Ozean erstreckte. Hier lag am Rande einer hohen, rauhen Klippe ein riesiger Felsblock. Er war so ge- schickt ausbalanciert, daß man ihn mit der bloßen Hand hin und her bewegen konnte. Doch hätten ihn nicht einmal mehrere Ochsen von der Stelle bewegen können – obwohl man ihn mit einer Hebelstange hätte entfernen können. Myrdhinn zog aus seinem Gewand eine schon prä- parierte bronzene Platte hervor und beschrieb sie mit einem kurzen Bericht über alles, was er getan hatte, mit den Instruktionen, wie man in Arthurs Grab- kammer gelangen konnte, sowie einer Warnung für Unvorsichtige. Wieder ließen wir ihn allein. Und erneut sahen wir, wie sich die große schwarze Wolke zusammenballte, und aus der Ferne wurden wir Zeugen eines großen, schwer zu erklärenden Wunders: Der massive, schwere Felsen erhob sich in die Lüfte und blieb dort schwebend in Mannshohe stehen! Diese Arbeit, für die es die Kräfte eines Titanen be- durfte, geschah völlig lautlos und scheinbar mit größter Leichtigkeit. Myrdhinn hatte den Felsen kaum berührt, und schon hob er sich in die Lüfte! Er kniete nieder und legte die bronzene Platte auf die Erde. Dann senkte sich der schwebende Felsblock darüber und begrub sie unter sich – und dort wird sie sicher ruhen, bis die Zeit gekommen ist. Als Myrdhinn zu uns zurückkam, sprach er: »Wenn der Augenblick für Arthurs Erwachen ge- kommen ist, dann wird die Erde erbeben, der Fels- block die Klippe hinunterstürzen und Lyonesse sich aus den Fluten des Meeres erheben. Dann werden Männer kommen, die bronzene Platte mit meinen, Worten finden, sie lesen, verstehen und gehorchen. Und wenn das versunkene Land wieder fruchtbar genug ist, daß im Frühling die Apfelbäume in Avalon blühen, werden die Männer seine Schlafstätte betre- ten und ihn ohne Furcht vor den Wächtern wecken ... und die Ära des Weltfriedens nimmt ihren Anfang.« Mein Kaiser, Du magst dies für phantastisch halten, doch hättest Du die Worte des alten Mannes gehört, konntest Du nicht den geringsten Zweifel an ihrer Richtigkeit haben. Es mag Dir vielleicht vorkommen, als sei Myrdhinn ein Zauberer und Hexer, und ich kann nicht bestreiten, daß er sich manchmal der Ma- gie bediente, wie Du noch sehen wirst. Aber er hatte auch große Furcht davor. Sein christlicher Glaube kämpfte in ihm mit seinen Kenntnissen, die er als Druide besaß, und immer hatte er das Gefühl, er ris- kiere es, dereinst im Höllenfeuer zu schmoren, wenn er sich der Schwarzen Kunst bediene. Er war Erbe aller längst verlorenen alten Lehren, und ein großer Teil seiner Zauberei bestand aus wundersam anmutenden Tricks, für die es ganz na- türliche Erklärungen gab. Aber die grundlegenden Umstände, die sie erst möglich machten, blieben dem Pöbel verborgen. Die Welt ist grau und ehrwürdig an Jahren, und es gibt vieles, das sie vergessen hat. Nun, da unsere Mission erfüllt war, mußten wir an unser eigenes Wohlergehen denken. Und so hielten wir eine Versammlung ab, um über unsere Zukunft zu beraten, und stellten fest, daß wir unterschiedli- cher Meinung waren. Einige der Männer waren dafür, wir sollten uns tief in die Berge zurückziehen und weitere Flüchtige um, uns sammeln, bis wir wieder stark genug seien, für die Freiheit zu kämpfen. Sir Bedwyr unterbreitete diesen Vorschlag, und nicht wenige stimmten ihm zu. Ich war jedoch dagegen und hielt es für besser, uns einzuschiffen und hinüber nach Armorica zu segeln, wo wir vielleicht Blutsverwandte träfen, die uns nach Rom geleiteten. Von dort aus, so schlug ich vor, könne man viel- leicht eine Strafexpedition aussenden, wie es schon ein- mal von Gallien aus geschehen war. Sicherlich – so argu- mentierte ich – wäre Britannien ein zu wichtiger Teil des Imperiums, als daß man es so leicht aufgeben wür- de. An dieser Stelle beendete Myrdhinn das Gezänk. »Du, Ritter Bedwyr, und du, Zenturio – ihr denkt an nichts anderes, als an die Möglichkeit, Britannien wiederzuerringen. Doch glaubt mir, ich habe recht, wenn ich behaupte, es ist nicht möglich. Das Imperi- um selbst ist im Untergang begriffen; das Zentrum seiner Macht verlagert sich immer mehr nach Osten. Britannien ist seit einer Generation verloren, und sei- ne letzte und einzige Hoffnung auf Erneuerung der römisch-britischen Herrschaft fuhr dahin, als Verrat und Intrige uns auf die Walstatt von Camlan brach- ten. Gallien ist auf demselben Weg und wird schon bald für immer verloren sein. Britannien gehört nun denen, die sich als die Stär- keren erwiesen, und sie werden es unter sich auftei- len. Uns bleibt keine andere Wahl als zu fliehen, aber nicht nach Rom, dessen Macht immer mehr dahin- schwindet, sondern in ein anderes Land, von dem die Alten berichten. Angenommen, es gibt ein Land jenseits des westli- chen Ozeans, ein Land, das in so weiter Ferne liegt,, daß weder Jüten noch Angeln, weder Sachsen noch Wikinger es kennen – ein Land, das Rom vor langer, langer Zeit einmal bekannt war, aber von dem heute nur noch die Gelehrten wissen. Sollten wir dieses Land nicht besuchen, erforschen, ja vielleicht sogar erobern, auf daß es uns armen Ausgestoßenen eine neue Heimat werde, ein neues Herrschaftsgebiet, in welches Rom Flotten entsenden und Kolonien grün- den könnte, sollten die Barbaren ihm zu hart zuset- zen? Ich bin sicher, daß ein solches Land existiert. Es gibt viele Anzeichen dafür. Eines davon ist die Tatsa- che, daß König Salomo, Herrscher der Juden, edle Metalle aus seinen Minen geliefert bekam, die ihm die Männer von Tyrus mitbrachten. Auch der Grieche Homer spricht von einem Land jenseits des westli- chen Ozeans und vermutet dort – ebenso wie Plinius – die Heimat der Westäthiopier. Platon berichtet uns von einem versunkenen Kontinent namens Atlantis, doch ist dieser nicht mit unserem Land identisch, denn auch Anaxagoras erzählt uns von einem großen Teil der Welt, der jenseits dieses Ozeans liegen soll, doch ist das Land, von dem er berichtet, trocken und liegt nicht unter Wasser. Der Historiker Theopompus berichtet uns von den Meropiern und ihrem Kontinent jenseits des westli- chen Meeres, der, wie er sagt, größer sein soll als die ganze uns bekannte Welt, und Aristoteles sagt, daß die karthagischen Entdeckungsfahrer einen Teil des südlichen Landes entdeckten und besiedelten, bis ihr Senat beschloß, daß niemand mehr dorthin reisen dürfe, und alle Siedler umbrachte, aus Furcht, daß die Existenz dieses Landes nicht länger ein Geheimnis bleiben würde; denn die Karthager wollten sich die-, ses Land als Zufluchtsstätte für den Fall bewahren, daß ihre Republik von einem Unglück heimgesucht würde; aber sie verloren alle ihre Schiffe in den Puni- schen Kriegen. Statius Sebosius nennt dieses Land ›Die zwei Hes- periden‹ und ist der Meinung, man müsse zweiund- vierzig Tage segeln, um dorthin zu gelangen. Bedarf es nach alledem noch eines weiteren Beweises für die Existenz dieses geheimnisvollen Landes?« »Lächerlich!« schnaubte Sir Bedwyr. »Es gibt in ganz Britannien nicht ein Schiff, das man für eine sol- che Reise ausrüsten könnte! Ich bleibe dabei: Wir sammeln die versprengten Reste unserer Armee er- neut um uns und greifen, sobald wir uns genügend erholt haben, die Sachsen wieder an!« »Du hast die Prydwen vergessen. Arthurs eigener Dromon liegt sicher in Isca Silurum vor Anker, falls die sächsischen Drachenschiffe die Stadt noch nicht überfielen und brandschatzten. Wenn wir das Schiff unversehrt auffinden, wirst du dann mit uns segeln?« »Nein!« erwiderte er mit fester Stimme. »Ich lebe und sterbe in Britannien. Soll ich mich etwa auf See wagen mit einem Schiff, das so schwer mit Metall beladen ist, daß ein leichter Windhauch es zum Ken- tern bringt? Wenn ich schon sterben soll, dann durch Stahl, aber nicht durch Blech!« Hier sprach er auf eine Neuigkeit an, welche die Zinnbergleute aus Cornwall ersonnen hatten. Sie hatten Arthur kostenlos große Mengen dieses Metalls gesandt, auf daß er damit sein Schiff verkleide, und der Imperator hatte die Prydwen damit vom Bug bis zum Heck, über und unter Wasser beschichtet, so daß das Schiff hervorragend gegen Brandgeschosse ge-, schützt war. Durch diese Zinnbeschichtung kam es, daß die Prydwen so herrlich glänzte, daß viele sie »Das Haus aus Glas« nannten. »Deine Furcht ist unbegründet. Ich fühle es tief in meiner prophetischen Seele, daß ich und alle, die mit mir segeln, das Land sehen werden, welches sich in der Tat als jene ›Inseln der Glücklichen‹ herausstellen kann, von denen ihr schon auf eurer Mutter Schoß er- zählen hörtet. Warum nicht? Strabo, der weise Geo- graph, glaubte daran. Sollen wir ihn als romantischen Träumer abtun? Es ist durchaus möglich, daß die Me- ropier schon gen Osten segelten und Europa ent- deckten; denn Cornelius Nepos, der hervorragende Geschichtsschreiber, berichtet, daß im Jahre 63 vor Christi Geburt, als Q. Metellus Celer Proconsul in Gallien war, diesem gewisse sonderbare Fremdlinge als Geschenk vom König der Bataver gesandt wur- den. Sie erzählten, sie seien von ihrem eigenen Land in östlicher Richtung über den Ozean getrieben wor- den und schließlich an der Küste Belgicas gelandet. Dies mag hundertdreizehn Jahre später Seneca da- zu inspiriert haben, in seiner Tragödie von Medea zu prophezeien: ›Einst wird ein Zeitalter kommen, da der Ozean seine Bande löst, und ein großer Kontinent tritt zuta- ge, und neue Länder kommen an die Oberfläche. Und dann wird nicht mehr Thule das abgelegenste von allen bekannten Ländern der Erde sein.‹ Vierhundertfünfzig Jahre sind seit jener Prophezei- ung verflossen. Wenn wir jetzt lossegeln und das Land entdecken, können wir uns nicht mehr als die ersten bezeichnen, denn wir folgen nur in den Fuß- stapfen anderer, die in weit weniger festen Schiffen, als dem unsrigen die Überfahrt wagten. Fischer aus Armorika, unsere eigenen Vettern, ha- ben Jahr für Jahr seine nördlichen Fischgründe aufge- sucht, und das mit ihren armseligen Schiffen, wäh- rend Maeldune von Hibernia vor weniger als hundert Jahren mit siebzehn Gefolgsmännern in zerbrechli- chen Booten aus Haut auf das Meer hinausgetrieben wurde und berichtete, er habe eine große Insel er- reicht, auf der wundersame Nüsse wüchsen, mit Ker- nen weiß wie Schnee. Ihr seht, es gibt dieses Land, man kann es errei- chen! Nicht zuletzt ist erst in unseren Tagen Brandon, der Mönch von Kerry – derselbe, der jüngst das Klo- ster von Confert gründete –, dort gewesen, und das nicht einmal, sondern gleich zweimal! Er besaß kein großes Kriegsschiff wie wir, sondern ein Handels- schiff, dessen Wände mit starken, an den Säumen mit Pech abgedichteten Häuten benagelt war. Er und sei- ne Leute brauchten vierzig Tage (fast genau die Zeit also, von der auch Statius Sebosius sprach), bis sie das geheimnisvolle Land erreichten. Nun, wer von euch bezeichnet sich als Mann und kommt mit mir? Hier gibt es für uns nichts als zu wählen zwischen Tod, Sklaverei und Erniedrigung. Ich sage: Laßt uns alle gehen und dieses Paradies auf Erden entdecken, dieses Land Tir-nan-Og, dieses Land Hy Bresail, die gesegneten Inseln der Glückli- chen!« Der so sprach, war ich, fortgetragen von einer Woge der Begeisterung. Dann hub ein großes Palaver über das Für und Wi- der dieser abenteuerlichen Reise an, welches schließ- lich damit endete, daß wir uns in zwei Parteien spal- teten. Viele, die die Ungeheuer der Tiefe, Dämonen, und andere Fabelwesen fürchteten, entschlossen sich zu bleiben. Nachdem sie Sir Bedwyr zu ihrem Führer gewählt hatten, machten sie sich auf den Marsch in die wilden Berge. Ob sie starben, bevor sie den siche- ren Schutz der Berge erreichten, ob sie das trostlose Leben von Ausgestoßenen ertragen mußten – ich vermag es nicht zu sagen. In einem kleinen Hafen kauften wir Fellboote, und im Schutze der Küste segelten wir nach Isca Silurum, ohne unterwegs auch nur ein sächsisches Segel zu sichten. Wie froh waren wir, als wir von weitem Prydwens Bord und den goldenen Schimmer von Iscas Schutzgeist leuchten sahen, hoch oben auf seinem Pfeiler! Zeigte uns doch dies, daß wir in eine freie, uns freundlich gesinnte Provinz kamen. So hatten wir es doch noch gefunden, ein Stück- chen freien Landes, umgrenzt von den vier Städten Aquae Sulis, Corinium, Glevum und Gobannium – eine kleine Insel der Freiheit im feindlichen Meer. Und wir im sicheren Hafen Isca mochten den Hort der Geborgenheit nur ungern wieder verlassen, um in die schreckliche See der Finsternis hinauszufahren. Doch einen Monat später verließen wir Isca Sila- rum. Hundert Kämpen, dazu eine volle Besatzung er- fahrener Seemänner – und dreißig Sachsen, deren kräftige Rücken uns noch von großem Nutzen sein konnten, wenn es uns einmal an Wind ermangeln sollte. Es waren Gefangene, zum Tode verurteilt, und wir nahmen sie mit, um damit den Mangel an Rude- rern zu beheben. Es wäre besser für uns gewesen, hätten wir sie durch die Axt sterben lassen! Und so kehrten wir Britannien den Rücken, und keiner von uns sollte es je wiedersehen!,

Ein kleines Schiff auf dem großen Meer

Es ist nicht meine Absicht, einen langweiligen Bericht unserer Seereise zu liefern, doch will ich einige wich- tige Punkte erwähnen, die Dir als Orientierung die- nen mögen. Wenn Deine Eroberungs- und Entdeckungsflotte sich in Marsch setzt, leg große Proviantvorräte an, denn diese See ist von ungeheurer Weite! Sobald die Küste aus den Augen verschwunden ist, laß Deine Schiffer der untergehenden Sonne entge- gensegeln; so werden sie das Land finden, das Deiner Regentschaft harrt. Wenn Deine Schiffe durch Sturm von ihrem Kurs abgekommen sind, sollen sie, wenn sie etwa vierzig Tage gesegelt sind, in nördlicher oder südlicher Richtung längs der Küste des Landes (das die Ein- wohner hier Alata nennen) weitersegeln und werden wie wir einen breiten Golf finden, in welchen sich ein mächtiger Strom ergießt. Laß sie nach diesem Fluß suchen, denn an seiner Mündung liegt eine befestigte Stadt; in ihr warten Wachtposten, die Deine Männer in meine Hauptstadt geleiten. Nimm viel Wasser mit. Wasser bedeutet Leben, denn dieses Meer ist so weit, daß wir fast zwei Mo- nate auf ihm hin und her geworfen wurden. Hätten wir nicht so viele regnerische Tage gehabt, wären wir verdurstet – obwohl wir viermal auf Inseln stießen und unsere Helme, Eimer, Pfannen, ja unsere Tassen, und Becher mit dem kostbaren Naß füllten, bevor wir die gastlichen Gestade wieder verließen und unsere Reise gen Westen fortsetzten. Trotz allem gab es keinen Streit an Bord unter uns römischen Briten. Am zehnten Tage unserer Reise je- doch sollten wir das wahre Wesen der sächsischen Sklaven kennenlernen. Zuerst hatten wir die Ruderbank auf der Backbord- seite mit Sachsen besetzt und dachten dabei, das Ru- dern als Mannschaft gegen eine Mannschaft freier Männer auf der gegenüberliegenden Ruderbank sporne ihren Kampfgeist an und rufe ein besseres Verständnis hervor. Auch wenn sie unsere Feinde waren, so respektierten wir sie doch als tapfere Kämpfer und hegten die Hoffnung, ihre breiten, star- ken Rücken könnten uns von Vorteil sein. Doch sie ruderten nur mürrisch und mit äußerstem Widerwil- len, hielten mit den anderen nicht Schritt und berei- teten uns vielerlei Ärger. Bald trennten wir sie voneinander, gruppierten fünfzehn auf eine Seite und setzten zwischen zwei von ihnen einen freien Mann. Dieses System – im Verein mit der Peitsche – funktionierte besser. Mit dem saumseligen Rudern war es jetzt vorbei; und so mürrische Gesichter sie auch machten, die Prydwen pflügte mit guter Fahrt durch das Wasser, durch gu- tes und schlechtes Wetter gleichermaßen schnell vor- ankommend, manchmal mit Segel, manchmal mit Ruder, immer einen Mann im Ausguck auf der Topp, der angestrengt nach Westen spähte. Denn zu jener Zeit war nicht einmal Myrdhinn sicher, wie lange es noch dauerte, Land zu sichten. Kurz vor der Morgendämmerung des zehnten Ta-, ges schlugen die hoffnungslosen, heimwehkranken Sachsen in der einzigen Richtung los, die ihnen noch blieb – ohne Rücksicht auf ihren eigenen Tod, der ih- nen noch verheißungsvoller erschien als fortgesetzte Sklaverei. Ein Schrei riß mich aus dem Schlaf, und gleich dar- auf wurde meine Tür aufgerissen. Herein stürzte Marcus, der Sohn meiner Schwester. »Feuer!« schrie er. Ich war sofort auf den Beinen. Unbewaffnet stürzte ich in meinem Nachtgewand nach draußen. Unter Deck brannten die Planken bei den Ruder- bänken. Die Flammen breiteten sich in Windeseile über die Innenseiten aus, schmorten das Leder über den Ruderlöchern an und züngelten gleißend gen Himmel, das Segel in scharlachrotes Licht tauchend. Es war mehr als nur ein Brandherd – es gab unzählige Feuerstellen; sie waren an mehreren Stellen gleich- zeitig entzündet worden und vereinigten sich so rasch, daß wir schon das Tosen der Flammen hören konnten. Sofort bildete sich eine Eimerkette, und als ich eintraf, sah ich, wie sich schon der Inhalt des er- sten Eimers über die Flammen ergoß, doch ich hatte keine Augen dafür. Etwas anderes zog meine Aufmerksamkeit auf sich – ein Anblick, der in all seiner hoffnungslosen Ver- zweiflung von solcher Tapferkeit zeugte, daß meine Beschreibung ihm nicht gerecht werden kann. Auf der Ruderbank der Backbordseite saßen drei Männer, die schon von Flammen umloht waren! Zwei hatten schon Flammen eingeatmet und waren tot oder kurz vor dem Verscheiden; ihre Köpfe waren ihnen auf die Brust gesackt, ihr langes Haar stand lichterloh in Flammen. Der dritte bemerkte, wie ich, ihn entsetzt anstarrte, verfiel in ein irres, schmerzge- peinigtes Lachen und schlug sich mit seinen ver- kohlten, mit Blasen übersäten Händen wie ein Rasen- der vor die Brust. Und dann begann er zu singen! Niemals werde ich diesen Anblick vergessen, den Geruch verbrannten Fleisches, das Knistern der tosenden Flammen und jenes wilde, schreckliche Lied: Vieh krepiert, Menschen sterben, Könige vergehn. Und auch von uns wird nichts bestehn. Doch eins wird ewig sein: Der edle Ruhm des Tapferen! Seine Augen schlossen sich, und ich dachte schon, es sei zu Ende mit ihm. Doch dann hob er sein Antlitz – und schrie (es war ein frohlockender Ruf, hell und begeisternd wie ein Trompetenstoß!): »Seid tapfer, Kameraden! Laßt uns wie Männer zu Wotan gehen!« Dann sackte er von seiner Ruderbank in die Flam- men. Er war tot. Mein Gott! Wie Rasende kämpften sie gegen uns, als wir versuchten, das Feuer zu lö- schen, das sie gelegt hatten, indem sie über Tage hinweg das Öl, das zu ihrer täglichen Ration gehörte, gesammelt und schließlich die Planken damit über- gossen hatten. Das so getränkte Holz hatten sie dann mit der Glut aus einer Kohlenpfanne in Brand gesetzt. Einer hatte die Kohlen, die gerade noch von seinem Platz aus erreichbar waren (er war angekettet) aus der Pfanne genommen, und jeder hatte sie mit bloßen Händen weitergereicht, bis alle versorgt waren. Mehr als einer von uns bekam den Stahl ihrer, Handfesseln zu spüren, als sie versuchten, uns auf- zuhalten und mit sich in den Flammentod zu neh- men. Doch schließlich gelang es uns, die Überleben- den auf dem Achterdeck zusammenzutreiben und unter Bewachung zu stellen. Nicht alle konnten sich aus eigener Kraft bewegen; manche waren von der Hitze oder unter unseren Keulenschlägen ohnmäch- tig geworden und mußten von ihren Kameraden ge- tragen werden. Es wird wohl niemanden wundern, daß wir, als das Feuer endlich gelöscht war, aufs äußerste erzürnt waren und daß keiner Neigung verspürte, den Re- bellen gegenüber Milde walten zu lassen. »Über Bord mit ihnen!« ging es wie ein Ruf durch unsere Reihen, als wir uns um die Gefangenen drängten. Da bahnte sich Myrdhinn einen Weg nach vorn. »Ich habe euch etwas zu sagen«, unterbrach er das aufgeregte Geschrei mit besänftigender Stimme. »Sachsen, ist euer Anführer tot?« »Ich, Wulfgar Eisenbauch, der König, lebe«, rief ein riesiger Mann mit einem flachsfarbenen Bart und drängte sich aus der Gruppe seiner Männer nach vorn. »Und ich, sein Bruder Guthlac, lebe ebenfalls«, rief ein zweiter, der sein Zwillingsbruder hätte sein kön- nen und hinter ihm zum Vorschein kam. »Was hast du uns zu sagen, Alter? Sprich! Wir hören.« »Erstens«, begann Myrdhinn, »bin ich für diese Ex- pedition verantwortlich. Ich kenne meine Grenzen, und da ich über keinerlei Erfahrung auf See verfüge, habe ich mich bisher nicht eingemischt, wenn es um Dinge ging, welche die Organisation an Bord betrafen, oder mit irgendwelchen Manövern zu tun hatten. Ich sehe jedoch nicht ein und habe auch nicht die Absicht zuzulassen, daß Männer, die tapfer genug sind, für ihre Freiheit einen grauenvollen Tod zu erleiden, und Mut genug aufbringen, ruhig zuzuschauen, wie ihre Verwandten qualvoll leiden, die gefaßt warten, daß die Flammen auch sie einhüllen, nun einen sinnlosen Tod erleiden sollen. Bedenkt, daß wir damit dieses Schiff einer unschätzbar wertvollen Schar kühner Geister berauben. Sachsen, ihr seid frei!« Ein Murmeln des Mißbehagens ging durch die Menge. War Myrdhinn verrückt geworden? Die Sachsen schauten einander ungläubig an. Hat- ten sie richtig gehört? »Ihr seid frei«, wiederholte Myrdhinn, »doch nur unter bestimmten Bedingungen. Es ist klar, daß wir jetzt nicht mehr umkehren können, wo wir schon so weit vorgestoßen sind auf unserer Fahrt, deren ei- gentlicher Zweck euch entgangen sein mag. Wir be- finden uns auf einer Reise ans Ende der Welt auf der Suche nach neuen Ländern, von denen wir gehört haben. Wir wissen nicht, was uns dort erwartet. Auch ist nicht sicher, ob wir jemals von dieser Reise zu- rückkehren werden. Wohl aber ist uns bekannt, daß hinter uns Ruin und Verderben liegen, die Trostlo- sigkeit des Krieges und eine unglückliche Zukunft. Daher streben wir nach Westen, dahin, wo uns unser Glaube das Gelobte Land verheißt. Möglich, daß wir es finden, wahrscheinlicher jedoch, daß wir es nie er- reichen. Sachsen, ich frage euch nun: Wollt ihr an unserer Seite kämpfen, zusammen mit uns das Glück heraus- fordern, Hunger, Durst und die Gefahren eines frem-, den Landes auf euch nehmen, um den Preis, die Freude an Entdeckergeist und Abenteuer mit uns zu teilen? Kurzum: Ich möchte, daß ihr mit uns als Brü- der zusammen weitersegelt. Sachsen! Ja oder nein? Entscheidet euch!« Sie berieten sich flüsternd. Dann schlug Guthlac in die Hand seines Bruders ein, und ihre Augen leuch- teten aus den verrußten Gesichtern. »Von welch großen Abenteuern wir zu Hause er- zählen können, Wulfgar!« »Ihr könnt mit uns rechnen!« Die Versammlung löste sich auf, und ich folgte Myrdhinn in seine Kajüte. »Um Gottes willen! Bist du verrückt geworden? Denkst du denn gar nicht daran, daß, sollten wir et- was entdecken, die Sachsen bald Kunde davon ha- ben? Diese Piraten werden bald nachkommen und jegliche römische Siedlung verwüsten und plün- dern!« Myrdhinn schüttelte den Kopf. »Zerbrich dir dar- über nicht den Kopf, Varro. Keiner dieser Männer wird jemals die Heimat wiedersehen. Sie sind jetzt schon dem Untergang geweiht.« Ich starrte ihn an. Manchmal erschreckte Myrdhinn mich. »Sag, wieviel weißt du? Was ist mit uns? Werden wir Erfolg haben und das Ziel erreichen?« »Ich weiß mehr, als du glaubst, und weniger, als ich gern wissen würde. Ich kann vieles voraussehen, aber leider nicht alles – oder genug. Es gibt Lücken in der Zukunft, Stellen, die mir genauso verborgen sind wie jedem beliebigen anderen Menschen auch. Nichts, was ich dir zu sagen vermag, wäre ausreichend oder, würde deine Frage beantworten, denn die Zukunft ist wankelmütig und Veränderungen unterworfen. Aber du brauchst dir keinesfalls Sorgen darüber machen, sächsische Piraten könnten römische Städte in Bran- dons Land verwüsten, denn dazu wird es niemals kommen.« Ich glaubte ihm, und heute weiß ich, daß er recht hatte. Und so kämpften wir uns denn weiter voran, bahnten uns den Weg durch heftige Stürme und wie- der heraus, durch Orkane, die so stark wüteten, daß eine schwere See nach der anderen über uns zusam- menschlug. Aber genauso lernten wir auch, was es hieß, ohne Pause zu kämpfen, das Letzte zu geben oder bis zur Erschöpfung zu rudern – durch eine endlose Welt von Wasser, wenn kein Wind ging und das Schiff dem Steuermann nicht mehr gehorchen wollte, so träge glitt es dahin. Wir lernten Wut und Sorgen über ein gebrochenes Ruder kennen, über zer- rissene Segel, über eine Mannschaft, die mehr tot als lebendig war vor Erschöpfung und Mangel an Schlaf während pausenloser Sturzseen, die aber dennoch wie besessen schöpfte, um das Wasser niedrig zu halten, damit nicht schon der nächste auf uns einstür- zende Wasserberg das Werk vollendete und uns alle zu Neptun sandte. Aber Myrdhinn machte uns immer wieder neuen Mut und sorgte dafür, daß wir den Glauben an ihn nicht verloren. Als es uns vorkam, als sollten wir se- geln, bis unsere Bärte ergrauten, kämpften wir trotz aller Rückschläge unverdrossen weiter, um diesen gewaltigen Ozean zu überqueren, obwohl wir all- mählich zu verzweifeln begannen und im stillen nicht, mehr daran glaubten, jemals die jenseitige Küste zu erreichen. Schließlich hörte der Wind ganz auf, und die See lag glatt wie ein Spiegel da. Nicht die kleinste Brise kräuselte die Oberfläche des Wassers, und es hieß wieder: »Alle Mann an die Riemen!« Eine ganze, uns unendlich lang vorkommende Woche ruderten wir ohne Unterlaß, und dennoch verzagte keiner. Denn Myrdhinn erklärte uns, daß auch Brandon an diese Stelle gekommen sei und sie ohne Schaden passiert habe, obwohl im Wasser treibende Pflanzen ihn stän- dig behindert hätten. So wußten wir, daß wir auf dem richtigen Weg waren, und nahmen dies als gutes Omen, bis sich schließlich dichter Nebel über uns senkte und wir drei Tage lang weder Sonne noch Sterne sahen, die uns den richtigen Weg hätten zei- gen können und unser Schiffsführer kurz davor war, vor Sorgen und Gram verrückt zu werden. Da brachte Myrdhinn aus seinem Gepäck einen kleinen hohlen Eisenfisch hervor, den er sorgfältig in einen mit Wasser gefüllten Eimer legte und behutsam wie ein rohes Ei behandelte. Sofort begann der Fisch sich im Wasser zu drehen, bis seine Nase nach Süden gerichtet war und sein Schwanz nach Norden. Das Ganze sah so verblüffend nach Zauberei aus, daß unser Schiffsführer Angst be- kam, den Fisch auch nur anzuschauen, hatte er doch nicht allzu großes Vertrauen in Myrdhinns redliche Absichten und mißtraute er doch – wie ich glaube – allem, was er nicht kannte. »Sieh doch, werter Schiffsführer«, sprach Myrdhinn, »wie die Seitenflossen West und Ost mar- kieren! Laß dir getrost von ihnen den Weg weisen., Und gib gut Obacht auf diesen kleinen Fisch, auf daß er nicht verlorengehe, denn ich schätze ihn noch weit höher ein, als sein augenblicklicher Nutzen, den er uns erweist, vermuten ließe. Ich bekam ihn von ei- nem gelbhäutigen Wanderer, der sich mit seiner Hilfe durch die gewaltigen Ebenen von Scythia zur Insel Samothrake durchgeschlagen hatte, wo wir uns be- gegneten. Und fürchte nicht die kommenden Tage, denn Brandon schreibt, daß hinter diesem Meer der Stille eine schöne Insel liegt, von einem weisen Volk be- wohnt, das uns gewißlich Schutz gewähren wird.« Wir ruderten weiter, Sonne und Sterne kehrten zu- rück – doch unsere Lebensmittelvorräte gingen zur Neige. Wir tranken uns den Bauch voll und ruderten mit halbwegs gestilltem Hunger weiter, bis eines Ta- ges endlich wieder Wind kam und uns vorantrieb. Da fielen alle auf die Knie und dankten den Göttern (dem christlichen Herrn wie den heidnischen Mäch- ten). Zu jenem Zeitpunkt waren nur noch wenige Männer kräftig genug, einen Riemen zu bewegen. Ich wiederhole es noch einmal: Nimm genügend Proviant mit, damit Deine Leute nicht in eine solche Lage kommen, in der wir uns nun befanden. Wir wa- ren schon so weit, daß wir ernsthaft darüber debat- tierten, ob nicht einer von uns seinen Körper opfern sollte, damit die anderen genug zu essen hätten. Myrdhinn bewahrte uns davor, diese fürchterliche Sünde zu begehen. Und er fand in dieser unendlichen Wasserwüste Nahrung für uns! Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, daß wir während unserer langen Reise kein einziges Seeun- geheuer sahen, von denen uns so viele Fabeln kün-, den. Doch will ich nicht verhehlen daß wir andere seltsame Dinge zu Gesicht bekamen, die uns mit Ent- setzen erfüllten. Eines Nachts kam der Mann, der auf dem Ausguck saß, schreckerstarrt zu uns herunter. Sein Gesicht war totenbleich vor Angst. Er schrie, das Meer verbrenne, und alles sei rettungslos verloren. Wir rannten los, um zu sehen, was geschehen war. Mit Verblüffung stellten wir fest, daß rings um unser Schiff das Was- ser schimmerte und leuchtete, von gespenstischem Licht erfüllt. Aber es war kein Feuer, mein Kaiser, und es war gänzlich harmlos – obwohl ich Dir das Geheimnis nicht zu erklären vermag. Wenn man reist, muß man auf seltsame Dinge ge- faßt sein. Nicht alles, was einem merkwürdig er- scheint, ist gefährlich, und nur ein Feigling schreckt vor großen Abenteuern zurück, weil er seltsame, un- erklärlich scheinende Begebenheiten befürchtet. Wir hielten es für ein schlimmes Anzeichen, für ei- ne Warnung oder Voraussage, aber dem war nicht so – möglich, daß es sich tatsächlich um ein Vorzeichen handelte, doch wenn, dann war es ein gutes, denn es ereignete sich nichts Schlimmes. Fürchte daher diese harmlose, wenn auch entsetzliche Erscheinung des Meeres nicht, übersieh sie kühn, wenn Du auf sie sto- ßen solltest, und setz unbekümmert Deine Fahrt fort. Wir jedenfalls passierten die Stelle, ohne daß uns auch nur ein Haar gekrümmt wurde. Wir sahen Delphine und anderes noch mächtigeres Meergetier. Doch keines war auch nur annähernd so groß wie der gigantische Fisch Jasconye. Brandon be- zeichnet ihn als den größten Fisch der ganzen Welt und schreibt, daß er mit allen seinen Männern auf, dem Rücken dieses Fisches das Fest der Auferstehung feierte, wobei jeder glaubte, auf einer Insel zu stehen – bis man ein Feuer anzündete, um sich ein Mahl zu bereiten, worauf die »Insel« plötzlich versank und die Männer sich strampelnd und schwimmend auf dem Wasser wiederfanden! Dies alles halte ich jedoch für ein Ammenmärchen. Schenk ihm daher keine Beachtung! Einem solch rie- sigen Fisch begegneten wir nicht, obwohl wir eine ganze Weile von einer Herde großer Meeresbewoh- ner begleitet wurden, die uns ständig umkreisten und beobachteten, wobei sie hohe Fontänen von Wasser und Schaum aus ihren Nasenlöchern in die Luft blie- sen, wenn sie atmeten. Sie taten uns jedoch nichts Bö- ses, sie schienen lediglich neugierig zu sein. Ihrer Größe und ihrem Gewicht nach hätten sie uns jedoch überaus gefährlich werden können, wenn wir sie ge- reizt hätten. Sei also gewarnt! Nach diesem Erlebnis trafen wir noch auf eine an- dere Gattung Fisch, die dem Menschen gegenüber ge- fährlich und angriffslustig ist. Ich will dir berichten, was wir mit diesem Fisch erlebten: Kinial'ch, einer unserer tapfersten Männer (obwohl kein Tropfen römischen Blutes in seinen Adern floß – er war reinrassiger Kymrer), war bei der Prügelei mit den sächsischen Rebellen schwer verwundet worden. Solange wir noch ausreichend Nahrung besaßen, siechte er elendlich dahin, blieb aber am Leben. Je schmaler unsere Rationen allerdings wurden, desto schneller ging es mit ihm bergab, und schließlich, als wir nichts mehr zu essen hatten, erlag er seinen Ver- letzungen. Wir begruben ihn so, wie es auf See üblich ist – eine, andere Möglichkeit gab es ja auch nicht. Seine kym- rischen Landsmänner sangen ihren wehklagenden Trauergesang und brachten sich selber nach uraltem Brauch mit ihren Messern klaffende Wunden bei. Myrdhinn bereitete Kinial'ch für die Bestattung vor; er malte auf das Leichentuch nicht nur das Christen- kreuz, sondern fügte mit goldener Farbe eine Sichel hinzu und heftete neben diese ein Stückchen von ei- nem Mistelzweig – Symbole des uralten Druiden- glaubens, der in den dunklen Festungen der Hügel Cambrias ganz ausgerottet wurde. Nachdem wir den Leichnam so für jede denkbare himmlische Zukunft gerüstet hatten, ließen wir ihn über den Rand des Schiffes ins Wasser gleiten – und wurden Zeugen eines garstigen Schauspiels: Kaum hatte der Tote die Wasseroberfläche berührt, als ein riesiger Fisch nach ihm schnappte und sich in einem brodelnden Wirrwarr von Schaum und Gischt mit seinen eilig herbeiströmenden Artgenossen um die Überreste des blitzschnell zerstückelten Körpers stritt. Wir erlegten mehrere der Fische mit unseren Spee- ren. Doch als wir sahen, daß die anderen sofort über ihre getöteten Artgenossen herfielen, hörten wir auf damit, denn andere witterten sofort den Geruch des Blutes im Wasser und folgten uns. Tagelang blieben sie auf unserer Spur und umkreisten gierig unser Schiff, bis – wie schon erwähnt – wir dem Hungertod nahe waren. Da kam uns einmal mehr Myrdhinn zu Hilfe. Um Nahrung zu bekommen, hatten wir schon mehrmals versucht, einen dieser Fische zu töten. Doch sobald einer von ihnen auch nur verwundet war, wurde er sofort von seinen Raubkumpanen in, Stücke gerissen. Nun hieß uns Myrdhinn, es noch einmal zu versuchen, und er versicherte uns, daß wir diesmal Glück haben würden. Er formte ein längeres Tau zu einer Schlinge, be- strich es mit einer grünlichen Paste aus einem kleinen Topf, gab dreien von uns feste Handschuhe und be- schwor uns, das Tau nicht mit unseren Körpern zu berühren. Dann schwang er ein Bein über den Rand des Schiffes und tat, als würde er jeden Augenblick ausgleiten und ins Wasser stürzen. Sofort schoß einer dieser Menschenfresser an die Oberfläche. Blitzschnell warfen wir ihm die Schlinge um den Leib. Als sie die Wasseroberfläche berührte, bildeten sich sofort Blasen, und das Wasser begann zu dampfen und zu zischen, als hätte man ein glü- hendes Stück Eisen hineingetaucht. Der Fisch zap- pelte wie wild, aber es gelang ihm nicht, sich zu be- freien. Gleichwohl hätte man eine steinerne Mauer um ihn herum errichten können. Plötzlich erlahmte das Raubtier, sein Körper wurde steif und drehte sich so, daß es mit dem Bauch nach oben zu liegen kam, wo es leblos auf den Wellen schaukelte, während sei- ne Spießgesellen argwöhnisch herumschwammen. Bevor sie sich jedoch über ihn hermachen konnten, hatten wir schon Haken in des Fisches Leib geschla- gen und ihn an Deck gezogen. Es dauerte nicht lange, und wir labten uns an köstlichem, schmackhaftem Fleisch. So entkamen wir denn dem Meer der Stille, und nachdem Myrdhinn uns gewarnt hatte, sparsam mit dem Vorrat umzugehen (es stellte sich nämlich heraus, daß der Trick nichts mit Zauberei zu tun hatte und daher nicht wiederholt werden konnte), segelten wir weiter., Die Haut des großen menschenfressenden Fisches war nur sehr schwer zu durchschneiden, und Guthlac formte die dickste Partie, während sie noch feucht war, zu einem Brustpanzer für sich. Diesen beschlug er mit den Knöpfen einer alten abgetragenen Rü- stung, die wir ihm gaben, und nahm auch deren Spangen und Gurte dazu her. Mit anderen Stücken aus der Haut des Fisches be- spannte er einen kleinen runden Schild und fertigte sich Scheiden für Schwert und Axt. Außerdem um- wickelte er den Schaft seiner Axt mit schmalen Strei- fen, die er aus der Haut herausschnitt; und so kam es, daß er, als die Haut unter der Sonne getrocknet war und sich fest zusammengezogen hatte, im Besitz einer hervorragenden Ausrüstung war, die denen der an- deren in nichts nachstand. Und in der Tat: Nicht wenige von uns beneideten Guthlac um diese Ausrüstung, denn die dicke, knoti- ge Haut erwies sich als fast so fest wie Metall. Zu je- ner Zeit konnten wir ja noch nicht ahnen, welche schlimme Auswirkungen diese seine Arbeit noch einmal haben sollte. Sie sollte mir Jahre später großen Kummer bringen.,

Brandons Insel

Knapp eine Woche später überfiel uns ein heftiger Wind im Verein mit Donner, Blitz und peitschenden Regengüssen, der uns bis spät in die Nacht hinein mit eisernem Griff gepackt hielt. Doch bevor der Morgen graute, war das Unwetter an uns vorübergezogen, und als wir in der heftigen Dünung schaukelten – viele Meilen entfernt von der Stelle, wo der Sturm uns ergriffen hatte –, spähten wir, von unerklärlicher Neugier gepackt, im trüben Licht des beginnenden Tages, das dann und wann von fernen Blitzen unter- stützt wurde, nach vorn. Jeder von uns spürte ein seltsames Gefühl – als ste- he uns ein wichtiges Ereignis bevor (ob angenehm oder schlimm, das konnte keiner sagen). Aber es war etwas, das sein Kommen irgendwie anzukündigen schien. Dann drehte der Wind und blies uns entgegen, und deutlich spürten wir den süßen, etwas fauligen Ge- ruch üppiger Vegetation. Alle wußten auf der Stelle: Dies bedeutete, daß Land in der Nähe war. »Land, Land!« flüsterte einer seinem Nebenmann zu, und der andere fragte leise: »Welches Land, Kamerad?« Und ein dritter ebenfalls: »Welches Land, Kamerad?« Denn Brandon hatte von mehreren Inseln berichtet: Einige wurden von freundlichen Menschen bewohnt, andere von Zauberern, die man fürchten mußte, und wieder andere, auf denen ehrwürdige Priester wohnten, die wie Einsiedler lebten, Gott priesen und, deren einzige Kleidung aus ihrem langen, den ganzen Körper bedeckenden grauen Haar bestand. Und als wir noch miteinander flüsterten, ergoß sich ein Strom von Feuer vom Himmel, und ein Geräusch ertönte, als bräche der Boden des Himmels auf. Der Mann im Ausguck hob seine Hände dem blendenden Glanz entgegen und schrie: »Brandons Insel!« Und dann wurde es mit einem Schlag wieder dunkel, und wir tasteten umher wie Blinde. In jenem Augenblick wußten wir, daß die Ge- schichte des schottischen Abenteurers wahr war – zumindest teilweise –, denn die kleinen Inseln mit den Zauberern waren ausnahmslos winzig und rag- ten nur wenig aus dem Meer heraus, während diese, die sich vor uns aus dem Meer erhob, wahrhaft ge- waltig in ihren Ausmaßen war, hoch und zerklüftet. In dem kurzen Moment, da wir sie erblickten, konn- ten wir nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es über- haupt eine Insel war und nicht vielleicht sogar Fest- land. An dieser Stelle möchte ich gestehen, daß ich glau- be, alle diese Geschichten von Zauberern und ähnli- chem waren nichts als Phantasieprodukte, mit denen man die Reisebeschreibungen ausschmückte, da sie sonst zu trocken gewesen wären, um bei Brandons legendenhungrigem Volk Gefallen zu finden. Schenk also Geschichten von Zauberern und Hexe- rei in diesen westlichen Meeren, sollte man Dir davon in Hibernia oder Britannien berichten, keinerlei Be- achtung! Es mag tatsächlich verschwindende Inseln geben; wir jedenfalls sahen keine. Die Menschen hier sind einfach und freundlich, die Früchte, die auf den Inseln gedeihen, gut und nahrhaft; und für uns hung-, rige, buchstäblich zu Pökelfleisch gesalzene Seemän- ner waren sie wie der Saft des Lebens selbst. Da wir nicht wußten, was uns erwartete, nahmen wir Lotungen vor, warteten den Anker und sahen dem Morgengrauen entgegen. Nach dem ersten Auf- branden der Begeisterung waren wieder Stille und gespannte Erwartung bei uns eingekehrt. Wir wollten nicht, bevor es hell wurde und wir sehen konnten, was es zu erblicken gab, die Aufmerksamkeit der In- selbewohner auf uns lenken und möglicherweise ihr Mißtrauen erregen. Als wir so dalagen und sanft auf der Dünung schaukelten, dem leisen Murmeln der Brandung lauschten, die unablässig auf den in Finsternis ge- hüllten Strand rollte, während der Himmel über uns sich allmählich zu röten begann, da wehte der Wind plötzlich den Geruch brennenden Holzes über das Wasser zu uns herüber; und dieser Geruch, der sich kurz darauf noch verstärkte, sagte uns deutlicher als alle Worte, daß das Land vor uns bewohnt war. Wir legten Speere und Pfeile bereit, prüften unsere Bogensehnen, spannten unsere Pfeilmaschinen, kur- belten die kurzen Arme der zwei Tormentae herunter und luden jeden von ihnen mit einem zerklüfteten Felsbrocken aus dem Ballast. All dies versuchten wir so lautlos wie möglich zu verrichten, was uns, wie wir glaubten, auch gelang, bis wir plötzlich, als das Licht heller wurde, am Strand eine Gestalt erblickten, die angestrengt zu uns herüberspähte. Wahrschein- lich hatte sie das fremdartige Geräusch knarrenden Tauwerks oder das Klirren von Sperrklinge und Zahnbogen angelockt, das unvermeidlich ertönte, wenn wir die Maschinen zurückkurbelten., Daß der Fremde uns sah, stand außer Zweifel, denn just in jenem Augenblick tauchte der rote Rand der Sonne aus dem Meer und überflutete uns wie ihn mit Licht. Eine atemlose Sekunde lang starrten wir ihn und er uns über die Brandung hinweg an; dann grüßte ich ihn, indem ich meinen rechten Arm hob und ihm die leere Handfläche als Zeichen der Freundschaft entgegenstreckte. Bestürzt drehte er sich um und lief schreiend durch das Dickicht aus Bäumen und Büschen zurück ins In- nere der Insel. Gleich darauf kehrte er mit einer Gruppe von Männern zurück, welche Speere und Keulen trugen. Die Keulen waren mit Stacheln und die Speere mit Widerhaken besetzt und wirkten höchst furchterregend. An der Spitze der Gruppe stand ein alter weißhaariger Mann in weißem Ge- wand, das am Saum und um den Hals herum mit wunderschönen bunten Ornamenten geschmückt war, die wir jedoch auf die Entfernung unmöglich genauer erkennen konnten. Der Alte trug einen blü- henden grünen Zweig in der Hand – sonst nichts. Was das hieß, war klar: Wir mochten wählen zwi- schen Krieg und Frieden! Die Gruppe blieb kurz vor dem grünen Dickichts- aum stehen, und der alte Mann trat allein bis dicht an den Rand des Wassers vor. Er hielt an und rief etwas mit klarer, angenehm klingender Stimme, die in un- seren Ohren wie die Verkörperung von Frieden und glücklichem, sorgenfreiem Leben klang. Myrdhinn stieg auf das Schanzkleid und versuchte es in mehreren Sprachen, wobei er mit weit ausho- lenden Gesten auf die Sonne, das Meer und das Land zeigte, während seinerseits der Fremde ebenfalls in, möglicherweise mehreren Dialekten antwortete. Als trotz aller Versuche keine gemeinsame Grundlage für eine Unterredung zu finden war, gaben beide ihre Bemühungen auf und schauten sich mit einem Aus- druck belustigter Verblüffung lächelnd über die Brandung hinweg an. Nach einer Weile sagte Myrdhinn: »Laßt das Boot zu Wasser. Ich gehe an Land.« Wir taten dies gegen unseren Willen, da wir Verrat befürchteten, aber Myrdhinn hatte sich nun einmal entschieden und war fest dazu entschlossen. Und so ging er denn an Land, und wir konnten von weitem sehen, wie die beiden Alten versuchten, sich mit Ge- sten einander verständlich zu machen. Schließlich deutete der Fremde mit einer stummen Geste der Einladung ins Landesinnere, worauf Myrdhinn nickte, und plötzlich waren die beiden un- seren Blicken entschwunden. Der größte Teil der be- waffneten Männer folgte ihnen, während ein paar am Strand zurückblieben. Es waren ausnahmslos groß- gewachsene, kräftige Burschen, die, so schien es uns, durchaus in der Lage waren, einen Speer bis zu unse- rem Liegeplatz herüberzuschleudern. So unauffällig wie eben möglich richteten wir den Pfeilkatapult, den wir mit einem vollen Bündel Pfeile geladen hatten, auf die Eingeborenen und drehten auch den Back- bordkatapult in ihre Richtung. Wir waren nun fast si- cher, daß wir trotz der rollenden Bewegung, die un- ser Schiff auf der Dünung machte, den Felsblock im Ernstfall genau gegen sie schleudern konnten. Dann nahmen wir im Schutz des Schanzkleides unsere Bö- gen in die Hand ... und warteten ab. Die Sonne stieg immer höher. Endlich – es war, schon fast Mittag – tauchten Myrdhinn und der alte Mann, begleitet von ihrer Eskorte Bewaffneter, erneut am Strand auf. »Legt eure Waffen nieder, meine Freunde!« rief er. »Folgt mir auf Brandons Insel, denn dies ist tatsäch- lich jenes gelobte Land, das wir suchen. Laßt eine Wache von fünfzig Mann zurück und kommt.« Während er noch sprach, schien der alte Inselbe- wohner seinen Leuten ähnliches zu sagen, denn sie traten jetzt einzeln vor und warfen ihre Waffen auf den Sand, bis diese einen ganzen Berg bildeten; dann traten sie etwa zwanzig Fuß zurück und zeigten uns ihre leeren Hände. Die ganze Zeit über, schon seit Tagesanbruch, hatte das Geräusch leise wirbelnder Trommeln ununter- brochen die Luft erfüllt. Es schien nicht allzuweit ent- fernt zu sein. Dieses drohende, unheilvolle Murmeln endete plötzlich wie auf geheimen Befehl. Die Stille, die folgte, drückte auf unsere Ohren, wie höllischer Lärm. Über das Schweigen hinweg gab ich leise Kom- mandos: Unser zweites Beiboot wurde zu Wasser gelassen und fuhr an den Strand, wo einige Männer hinaussprangen und sich Myrdhinn anschlossen, während andere die zwei Boote zurückbrachten. Eine ganze Weile ruderten wir nun zwischen Schiff und Ufer hin und her, bis alle von uns – mit Ausnahme der Wachen, der Tormentae-Männer und der Kata- pultbesatzungen – an Land waren. »Denn«, so warnte ich, »es ist möglich, daß die Fremdlinge auf Verrat sinnen; darum haltet die Au- gen offen, damit ihr jederzeit bereit seid, unseren Rückzug zu decken.«, Wir stellten uns in Formation am Strand auf, und auf mein Signal traten alle gemeinsam drei Schritte vor und warfen Bogen, Kurzschwert, ja sogar die Messer, die wir zum Essen brauchten, auf die Erde. Dann standen wir – zwei Stapel aufeinandergehäufter Waffen zwischen uns – Auge in Auge den Inselbe- wohnern gegenüber: zwei unbewaffnete Gruppen, jede mit einem heiligen Mann an der Spitze. Alsdann traten Myrdhinn und der alte Priester vor und küßten sich; und während sie dies taten, brauste der Donner der Trommeln erneut auf, diesmal mit großer Heftigkeit. Erschrocken starrten wir uns an, geneigt, nach unseren Waffen zu greifen; jeder glaubte für einen Augenblick, dies sei das Signal zum Angriff. Doch gleichzeitig teilten sich die Büsche hinter den Männern, die uns gegenüberstanden, und heraus eilte eine Schar Frauen, alle mit Gras und Blumen bekleidet, begleitet von zahlreichen nackten Kindern, die ein fröhliches Lächeln zeigten und scherzend miteinander schwatzten, während sie uns Blumen und Früchte darboten. Diese Früchte mun- deten uns nach der salzigen Nahrung auf See ganz köstlich; sie waren äußerst schmackhaft, wenngleich etwas ungewöhnlich in Form und Geschmack. Und so schlossen uns die Insulaner denn in ihre Herzen, und wir lebten einen Monat lang einträchtig mit ihnen zusammen – eine wahrhaft glückliche Epi- sode unseres ansonsten so harten Lebens. Während der Zeit, die wir bei ihnen verbrachten, machten einige von uns große Fortschritte in der Erler- nung der Sprache der Eingeborenen (besonders das Konjugieren von Verben aus dem Bereich der Erotik und des Liebeslebens bereitete unter der Anleitung, schöner Lehrerinnen schon nach kürzester Zeit kei- nerlei Schwierigkeiten mehr). Manche widmeten sich der Jagd in den Bergen des Landesinneren oder fischten in der Bucht. In der Zwischenzeit arbeiteten wir alle reihum täglich ein paar Stunden auf der Prydwen, die wir in einer flachen Bucht kielgeholt hatten, um die Muscheln abzukratzen und die Bord- wände neu zu beschlagen. Wir ersetzten mehrere verzogene Planken und zwei angekohlte Spanten mittschiffs und machten das Schiff wieder seetüchtig, obwohl wir nicht daran dachten, so bald auszulaufen, wie es dann tatsächlich der Fall war. Eines Abends berichtete eine Gruppe von Män- nern, die von der Jagd kam, von einem alten Mann, den sie auf der anderen Seite der Insel getroffen hat- ten und für einen Weißen hielten (die Eingeborenen hatten eher goldfarbene Haut), denn er hatte zu ihnen in der Sprache der Skoten gesprochen. Einem der Männer von Cambria war diese Sprache geläufig, hatte er doch lange als Kriegsgefangener jenseits des hibernischen Meeres Sklavenarbeit ver- richtet und vermochte daher auf die Anrede des Mannes zu antworten, um zu erfahren, daß wir uns tatsächlich auf Brandons Insel befanden. Der Alte hatte Brandon auf der ersten Reise des abenteuer- hungrigen Mönchs begleitet, und da ihm das Land gefiel, hatte er sich eine Eingeborene zur Frau ge- nommen und war auf der Insel zurückgeblieben, als die andern in die Heimat zurückkehrten. Während wir auf der Suche nach ihm um die Insel herumfuhren, sann ich darüber nach und konnte ihm diesen Entschluß nicht verdenken – waren doch die Inselbewohner (wenngleich ungebildet und fremdar-, tig) höchst liebenswerte und anmutige Geschöpfe, sowohl was ihr Aussehen betraf als auch ihr Verhal- ten. Der Entschluß, in diesem Elysium zu bleiben, war sicherlich nicht das Schlechteste, was man tun konnte, wenn sich schon einmal die Gelegenheit dazu bot. Aber die Dinge sollten für uns ganz anders lau- fen. Völlig ahnungslos segelten wir unserem Schick- sal entgegen – und das hieß Krieg, Unruhe und Ver- änderung, welche bereits in der Gestalt des weißen Mannes auf uns warteten. Der Alte war so betagt, daß er unter der Last seiner Jahre langsam seinem Ende entgegenging. Das Auge jedoch war klar und die Zunge behende vor Freude über unser Kommen hatte er doch im Laufe der lan- gen Jahre jegliche Hoffnung aufgegeben, noch einmal einen Menschen aus der Heimat zu sehen. In der kühlen Dunkelheit seiner Grashütte saß Myrdhinn und sprach allein mit ihm, da die freudige Erregung, so viele seiner Landsleute auf einmal zu sehen, ihn schier närrisch machte und er im ersten Augenblick vor Überwältigung keinen Ton herausbe- kommen hatte, sondern stumm dasaß, während ihm die Tränen langsam in seinen hüftlangen Bart tropf- ten. Aber mit Myrdhinn konnte er sprechen und sich verständlich machen, wenn auch die sleotischen Worte nur schleppend kamen und er sich sehr an- strengen mußte, das zu sagen, was er ausdrücken wollte, und was für eine Geschichte er uns zu erzäh- len hatte! Wie es scheint (und jetzt kommt jener Teil der Ge- schichte, der direkt uns betrifft – und auch Dich, mein Kaiser!), wußte Brandon nicht, daß es noch weiteres Land westlich der Insel gab, die er entdeckt hatte;, und auch Fergus der Sleote hatte lange Zeit nichts davon geahnt. Doch dann hatte ihn eine Gruppe jun- ger abenteuerlustiger Männer zur Kaperfahrt auf eine der Nachbarinseln überredet. Während der kurzen Seereise waren sie mit ihren hölzernen Booten nach Nordwesten abgetrieben worden, und zwar von ei- nem plötzlich aufkommenden, in diesen Gewässern häufig auftretenden Sturm (von den Eingeborenen Hurakan genannt nach dem Namen des Gottes, dem sie den Wind zuschreiben). Schließlich fanden sie Land und erforschten dieses, indem sie sowohl nach Norden als auch nach Süden die Küste entlangfuhren, ohne jedoch allzuweit ins Landesinnere zu dringen. Es schien ihnen nämlich, daß dies mehr war als nur eine Insel – und was für Menschen oder gar Ungeheuer hier wohnten, wagten sie sich nicht vorzustellen. Bevor sie diesen Teil des Landes verließen, machten sie die bittere Entdeckung, daß ein kriegerisches Volk die Küste beherrschte, als sie eines Nachts, unter ihren Booten schlafend, über- rascht wurden. Viele der tapferen Männer fanden den Tod. Und so kam es, daß von zwanzig Booten, mit denen man aufgebrochen war, nur drei zurückkehr- ten – ohne Beute und Gefangene. Es war jedoch ge- lungen, einen der Angreifer zu töten und mitzubrin- gen. Ich selbst habe die Haut dieses Wesens (ausge- stopft) gesehen und bin mir nicht sicher, ob man es als menschlich bezeichnen kann oder nicht. Die Haut ist schuppig und glitschig vor Schleim, denn das We- sen verbringt viel Zeit im Wasser. Die Augen wirken eher rund als oval und haben keine Wimpern; die Nüstern sind klein und abgeflacht, vermutlich gegen Wasser verschließbar. Unterhalb des breiten, lippen-, losen Mauls, das mit äußerst spitzen Hauzähnen be- wehrt ist, befinden sich auf beiden Seiten des schup- penbesetzten Halses Rudimente von Organen, welche an Fischkiemen erinnern, sich aber weder öffnen noch schließen. Wenn die unheimlichen Geschöpfe einmal ausschließlich im Wasser gelebt haben, so muß das lange her sein. Die Beine des Wesens sind krumm, und hinten, am Ende des gefurchten Rückgrats, befindet sich ein knöcherner Fortsatz, dessen Länge je nach dem Le- bensalter zwischen sechs und zehn Zoll beträgt. Da- durch ist es, sobald es sich setzen will, gezwungen, ein Loch in die Erde zu graben, um diesen unbeweg- lichen Schwanz unterzubringen, oder es muß sich auf einen Holzklotz oder einen Stein hocken. Füße und Hände des Ungeheuers sind mit Schwimmhäuten versehen, und an der Spitze eines jeden Zehs oder Fingers befindet sich eine gebogene, messerscharfe Kralle. In Anbetracht dessen ist es nicht verwunderlich, daß diese Geschöpfe gefährliche Gegner sind, auch wenn ihnen künstliche Waffen – abgesehen von Steinen, mit denen sie werfen – unbe- kannt sind. Fergus und seine Begleiter konnten sich wahrhaft glücklich schätzen, ihnen entkommen zu sein. Nach jenem unheilvollen Ausflug war er denn auch nicht mehr hinausgerudert, sondern zu Hause geblieben und hatte kräftige Söhne und Töchter her- angezogen, die einmal der Trost seines Alters sein sollten. Nachdem er Myrdhinn von all diesen Dingen erzählt hatte, zeigte er uns stolz seine ausgestopfte Trophäe und sprach über dieses und jenes. Besonders interessierte ihn natürlich sein Heimatland, über das, Myrdhinn ihm aus seinem reichen Erinnerungsschatz und aufgrund ausgedehnter Reisen zu berichten wußte. Schließlich entließ er uns für diesen Tag, nicht ohne uns zu versichern, wie sehr er sich darauf freu- te, am darauffolgenden Tag weiter mit uns zu plau- dern. Dann veranstalteten die Bewohner jenes Teils der Insel (die in ihrer Sprache Cubanacan heißt) uns zu Ehren ein Festmahl, und wir verbrachten eine fried- volle Nacht in dem Gefühl, unter Freunden zu sein. Doch am Morgen, als Myrdhinn den alten Mann be- suchte, fand man ihn tot in seinem Bett, ein glückli- ches Lächeln auf den erstarrten Zügen. Und so starb dieser aus freien Stücken Verbannte. Ich hoffe auch ich ende eines Tages so friedlich wie er. Doch das, mein Kaiser, hängt ganz von Dir ab! Die beiden ältesten Söhne von Fergus nahmen wir zu uns an Bord, da sie entschlossen waren, bei uns zu bleiben. Wir konnten ganz sicher sein: Der Verlust von zwei Söhnen fiel bei der großen Familie bestimmt nicht ins Gewicht. Dazu kam, daß wir irgendwie das Gefühl hatten, die beiden könnten uns noch von gro- ßem Nutzen sein und uns Glück bringen auf der Su- che nach jenem fernen geheimnisvollen Land – den Zwei Hesperiden. So kehrten wir wieder zur Stätte unserer ersten Ankunft zurück und blieben dort eine weitere Wo- che. Doch obwohl unsere freundlichen Gastgeber darauf drängten, uns bei ihnen anzusiedeln, machten wir uns – nicht ohne Kummer und Abschiedsschmerz – erneut auf den Weg, diesmal begleitet von zehn Booten unserer neuen Freunde. Sie eskortierten und umkreisten uns eine ganze, Weile, bis schließlich eine Brise aufkam, die unsere Segel blähte, und es »Ruder einholen!« hieß. So sahen wir ihnen zu, wie sie allmählich zurückfielen, als die Paddler müde wurden und die Küste am Horizont verschwand. Schließlich entschwand das Land gänzlich unseren Blicken, nicht einmal sein höchster Punkt war mehr am Horizont zu erkennen. Nur noch eine ferne, trübe Wolke schien über dem Wasser zu schweben, als auch das letzte Boot zurückfiel, heimkehrend mit un- serem Versprechen, bald wiederzukommen. Eine Weile konnten wir noch die glitzernden Punkte der nassen Paddel erkennen, die unsere Freunde zum Abschied hin und her schwenkten; dann verschwan- den auch diese. Tainos hatten sie sich uns gegenüber genannt: ›gute Menschen‹. Und ich muß sagen, edleren Sterblichen begegnete ich nie wieder – was Herzlichkeit und Freundlichkeit Fremden gegenüber betrifft. Ganz allein fuhren wir über das Meer, nicht ein Vogel begleitete uns. Wieder hieß der Kurs Westen. Und nie wieder sollten wir zu jener friedlichen, glücklichen Insel Brandons zurückkehren ...,

Schiffbruch

Die Tage kamen und gingen, Regen und Sonne wech- selten einander ab, und wir segelten und segelten. Keinerlei Abwechslung unterbrach unseren öden und tristen Tagesablauf. Wir passierten zahlreiche kleine Inseln, alle trostlos und unbewohnt, was das Gefühl der Einsamkeit nur noch verstärkte. Nicht lange nach unserer Abfahrt fand Myrdhinn einen seltsamen Meeresschatz. Ich möchte etwas aus- führlicher davon erzählen, weil dieser Fund uns ebensoviel Glück brachte, wie Guthlacs Panzer aus Fischhaut uns Kummer bereiten sollte. Eines Tages sahen wir in einiger Entfernung einen Baum auf dem Wasser schwimmen. Auf einem der Zweige saß ein großer grüner Landvogel und krächzte traurig vor sich hin angesichts der Tatsache, daß sich der Stamm abwechselnd auf die eine und dann wieder auf die andere Seite neigte, so daß das bedauernswerte Tier in regelmäßigen Abständen un- tergetaucht wurde. Sein Federkleid war tropfnaß, und es bot ein Bild des Erbarmens. Ermutigt von dem Gedanken, daß wir auf dem rich- tigen Kurs segelten, bestand Myrdhinn darauf, den Vo- gel zu retten. Dazu hätte es ohnehin keiner Aufforde- rung bedurft, denn es gab keinen unter uns, der nicht beim Anblick dieses verlorenen, hilflosen Geschöpfs tiefstes Mitleid empfand. Was uns noch zusätzlich ermunterte, war die Tatsache, daß – wie Dir vielleicht bekannt ist – Grün eine den Druiden heilige Farbe ist., Und so hielt Myrdhinn, der manchmal Druide, manchmal Christ war, diesen Fund für ein gutes Omen, das uns Glück verhieß. Wir steuerten hart an den treibenden Baumstamm heran, um den Vogel an Bord zu holen, und als wir uns näherten, breitete er seine Flügel aus und ver- suchte, zu uns herüberzufliegen. Aber sein Gefieder hatte sich so voll Wasser gesogen, daß er abstürzte und unterzugehen drohte, als wir ihn erreicht hatten. Einer der Männer fischte ihn heraus und reichte ihn Myrdhinn weiter. Aber selbst in dessen Händen schnappte er nur noch ein paarmal nach Luft, flatterte matt mit den Flügeln, verdrehte die Augen und wur- de steif. Myrdhinn machte ein trauriges Gesicht. Jedoch konnte hier selbst Zauberei nicht mehr helfen – wir waren zu spät gekommen. Zwar vermochte er die fast erloschene Kohle des Lebens wieder zu gesunder Glut anzufachen, aber wenn der letzte Funke einmal verglommen war, blieb auch er machtlos. Tote wieder zum Leben zu erwecken – das vermochte auch Myrdhinn nicht: In diesem Punkt unterschied er sich nicht von normalen Sterblichen. Sei es, daß er die große Bedeutung, die diesem Vor- fall innewohnte, voraussah, sei es aus Gründen der Sentimentalität; jedenfalls befahl er, dem Vogel die Haut abzuziehen. Aus dem Federkleid fertigte er sich in seinen langen Mußestunden, während wir kleine Eilande erforschten, einen wunderschönen Kopf- schmuck. In seinen feierlichen, mit geheimnisvollen Symbo- len bestickten Gewändern und mit diesem Schmuck auf dem Haupt (den Kopf des Vogels stolz in die Hö-, he gereckt, den Schnabel halb geöffnet, so als schmettere er einen Trompetentusch) erschien er als das, was er wirklich war: ein wahrhaftiger Prinz der Magie. Wir drangen tiefer in dieses Insellabyrinth ein, doch Festland entdeckten wir erst, als wir bereits das offene Meer wieder erreicht hatten. Ganz unerwartet nahm das Wasser plötzlich eine andere Farbe an – wurde trüb, und kurz darauf sichteten wir einen fla- chen Küstenstreifen, aus dessen Richtung sich ein breiter, schlammiger Strom, auf dem allerlei Unrat trieb, ins Meer wälzte. Daran erkannten wir, daß Festland vor uns lag, doch gewarnt von Fergus' Bericht und dem Anblick seiner Trophäe, zogen wir es vor, lieber erst einmal die Küste entlangzufahren und das schöne Wetter zu genießen, statt an Land zu gehen, obwohl weit und breit kein Anzeichen dafür zu entdecken war, daß die Küste bewohnt war. Wir sahen weder Menschen noch Tiere, nur unzählige Vögel, die uns folgten, um die Abfälle zu erhaschen, die unser Koch über Bord warf. Nachdem wir eine ganze Weile gesegelt waren, merkten wir, daß wir, indem wir der Küste folgten, wieder nach Süden zurückfuhren, in die Richtung von Brandons Insel; da ging unser Wasservorrat zu Ende, und wir liefen ein, um die Fässer aufzufüllen. In dieser Gegend jedoch befanden sich überall wi- derwärtige Sümpfe und unfruchtbares Ödland. Das Wasser war brackig und nicht zum Trinken geeignet. Wir beschlossen daher weiterzusegeln; doch auch weiter südlich entdeckten wir nichts als salzige Sümpfe – und auch hier keinerlei Anzeichen von Be- siedlung., Endlich sichteten wir einen Küstenstreifen, der ei- nen etwas freundlicheren Eindruck machte: Grüne Baumgruppen wiesen auf das Vorhandensein von Quellen hin, und eine kleine Bucht lud zum Ankern ein. Wir ließen ein Boot zu Wasser, und da Guthlac ganz begierig darauf war, an Land zu gehen, ließen wir ihn übersetzen. Er nahm zehn seiner Sachsen und ein paar unserer Leute mit, die sich mit Fässern und Eimern beluden. Da die Männer bewaffnet waren, hatten wir keine Angst, ihnen könnte etwas zustoßen, zumal wir an dieser Küste nicht eine Menschenseele gesehen hat- ten. Wir beobachteten von weitem, wie mehrere un- serer Leute sich zwischen den Felsen verteilten, um Schellfische zu fangen, während andere zwischen den Bäumen verschwanden, um nach Süßwasser zu su- chen. Als letztere aus dem Blickfeld waren, begaben wir uns wieder an unsere gewohnte Arbeit auf dem Schiff. Von dieser schreckten uns laute Schreie auf, die vom Strand kamen. Ich stürzte an die Reling und sah, wie die Gruppe, die zum Fischen zwischen die Felsen gedrungen war, zurückgerannt kam, verfolgt von ei- ner Horde jener schuppigen, froschähnlichen Kreatu- ren. Die Biester krächzten ohrenbetäubend und schleuderten Steine gegen unsere Männer. Manche watschelten in einem merkwürdigen Gang auf ihren kurzen, krummen Beinen, andere bewegten sich auf allen vieren, doch alle drangen in atemberaubender Geschwindigkeit vorwärts und kamen schnell näher. Untätig mußten wir mit ansehen, wie sie unsere Männer zu Boden rissen, zerfleischten und ver- schlangen!, Alarmiert von dem plötzlichen Lärm kamen die anderen Männer hinter den Bäumen hervor und blie- ben angesichts des Gemetzels, das sich vor ihren Au- gen abspielte, starr vor Entsetzen stehen. Ich sah, wie Guthlac die Kämpen – Sachsen wie Römer gleicher- maßen – zum berühmten sächsischen Schildwall for- mierte, und gleich darauf war die krächzende, schnappende Horde über ihnen, so daß mir der Blick auf unsere Kameraden versperrt war. Wir konnten nichts tun. Schießen war unmöglich – die Gefahr, un- sere eigenen Leute zu treffen, schien einfach zu groß. Einmal löste sich das Knäuel für einen Moment, und ich erkannte Guthlac, wie er aus zahllosen Wunden blutend mit einem fürchterlichen Hieb seiner Axt ei- nem Ungeheuer den Schädel bis zum Kinn spaltete. Gleich darauf entglitt ihm die Waffe; er riß seinen Dolch heraus, schon waren sie wieder über ihm, und wir konnten in dem Gemetzel nicht erkennen, was ihm widerfuhr. Gelegentlich beobachteten wir aller- dings, daß die scharfen Krallen der Kreaturen wir- kungslos von seinem Panzer aus Fischhaut abglitten, wohingegen sie die ledernen Wämser der anderen Männer zerfetzten, als seien es alte Lumpen. Das Ende kam schnell. Immer mehr der widerli- chen Geschöpfe tauchten aus den Sümpfen auf, und Marcus, der Augen wie ein Habicht besaß, glaubte zu erkennen, wie sie einen unserer Kameraden als Ge- fangenen wegschleppten. Er war fast sicher, daß es sich um Guthlac handelte. In diesem Augenblick blies unser Trompeter das Signal: ›Alle Mann in Gefechts- position!‹ Unsere Bogenschützen ließen einen dichten Hagel von Pfeilen mitten in das Getümmel prasseln, doch, die Biester, überrascht, plötzlich einen neuen Gegner zu entdecken, stürmten völlig unbeeindruckt nach vorn und begannen, uns mit Steinen zu bewerfen. Und in der Tat: Auf diese Entfernung prallten unsere Pfeile fast wirkungslos von ihnen ab, während ihre Steine auf unser Deck polterten. Ihre Arme schienen so stark, daß sie glatt einer Schleuder an Treffsicher- heit und Reichweite gleichkamen. Gleich darauf ging unser Backbord-Pfeilkatapult mit lautem Gerassel los und schleuderte eine volle Ladung Pfeile mitten in die Horde; da jeder Pfeil gleich mehrere auf einmal von ihnen durchbohrte, gingen sie dutzendweise zu Boden. Der Rest stürzte sich mit lautem Gekrächze und Gekreisch ins Wasser und rannte auf unser Schiff zu. Da uns keine Zeit mehr blieb, den Anker zu lichten, kappten wir kurzerhand das Ankertau und ruderten, was das Zeug hielt, aus der Bucht heraus. Die Horde folgte uns wie eine Delphinherde, bis wir noch einen Felsbrocken auf sie niederdonnern ließen. Doch auch dann ließen die scheußlichen Kreaturen noch nicht locker, sondern tauchten unter und verfolgten uns ein ganzes Stück unter Wasser, bis sie schließlich die Nutzlosigkeit ihres Vorhabens einsahen und um- kehrten. Solchermaßen Fersengeld zu geben mag auf den ersten Blick feige und eines Römers unwürdig er- scheinen; doch war es in dieser Situation ein sehr weiser Entschluß – auch wenn es Dir, der Du die Sa- che aus dem fernen Rom betrachtest, nicht so vor- kommen mag. Doch ich bin sicher: Wären wir geblie- ben, hätte unsere Expedition an dieser Stelle ihr sang- und klangloses Ende gefunden., Und so fuhren wir denn weiter die Küste entlang, von tiefer Trauer ergriffen über den Verlust solch wackerer Kameraden. Wulfgar war rasend vor Schmerz über den Verlust seines Bruders; er machte mehrmals Anstalten, über die Reling zu springen und zurückzuschwimmen, um zu töten und zu sterben, doch hielten ihn seine eigenen Leute zurück. Als er sich gar nicht beruhigen wollte, trugen sie ihn nach unten, gaben ihm ein Ruder in die Hand und befah- len ihm, sich in die Riemen zu legen. Und wie er ru- derte! Er zog mit solcher Heftigkeit am Riemen, daß ihm Schaum in den Bart lief und Adern aus der Stirn quollen. Als er das Geräusch knarrenden Holzes hörte, vergaß er seinen Kummer über der Arbeit. Unsere Kehlen waren vor Durst wie ausgedörrt. Schließlich fanden wir auf einer nackten kleinen Insel ein paar Regenpfützen, die noch nicht ganz ausge- trocknet waren. Hier konnten wir wenigstens unsere Lippen ein wenig benetzen. Danach folgten wir der unwirtlichen Küste weiter nach Süden, umrundeten schließlich ein Kap und segelten wieder nach Norden. Kurz darauf gab uns ein plötzlicher Regen zu trinken und füllte unsere verbliebenen Fässer. Wir folgten der Küste weiter in nördlicher Richtung, entdeckten lieb- liche Buchten und grüne Bäume und waren uns einig, daß dieser Küstenabschnitt äußerst einladend wirkte; doch wagten wir nicht, an Land zu gehen. Wir machten gute Fahrt, indem wir uns an den Rudern abwechselten. In der ersten Schicht legten sich die Sachsen auf Backbord im Wettstreit mit einer Mannschaft auf Steuerbord in die Riemen, die aus- schließlich aus Bogenschützen zusammengesetzt war. Die folgende Schicht brachte eine aus Seeleuten be-, stehende Mannschaft gegen die Besatzungen der Tormentae und der Pfeilkatapulte. Die dritte Schicht setzte sich aus Romano-Briten auf der einen und Kymrern auf der anderen Seite zusammen. Auf diese Weise machten wir aus der Arbeit einen Sport und schlossen untereinander Wetten ab, welche der jeweiligen Mannschaften als erste ermüden wür- de. So machte das Rudern Spaß, und dadurch, daß die Mannschaften ständig das Äußerste gaben, wurde die Arbeit auf alle gleichermaßen verteilt. Dieses guteingespielte System wurde schließlich dadurch unterbrochen, daß der Himmel dunkel wie Bronze wurde und sich ein unheilvoll klingendes Sausen erhob. Wir erkannten an diesem Anzeichen (und dies müssen auch Deine Seeleute unbedingt wissen), daß der grimmige Gott des Windes, Hura- kan, zu wüten begann. Wir holten das Segel ein, das wir in der Hoffnung auf eine Brise gesetzt hatten, und ruderten aus Lei- beskräften von der Küste weg auf die offene See, um nicht an den Strand getrieben zu werden. Hier ließ der Kapitän einen Treibanker werfen, und wir liefen vor Topp und Takel und hielten den Kurs mit den Rudern, als der Wind losschlug. Das Meer brodelte und tobte und warf uns umher wie ein Stückchen Holz, und unsere beiden Insulaner, wohl zum erstenmal in ihrem Leben seekrank, hatten nicht mehr die Kraft, sich unter Kontrolle zu halten, sondern wurden so heftig hin und her geschleudert, daß man sie schließlich zu ihrer eigenen Sicherheit auf ihren Kojen festschnallte. Die Nacht kam, aber auch sie brachte kein Nachlas- sen des Sturms mit sich. Ich kämpfte mich zu, Myrdhinns Kajüte vor und rang, dort angekommen, erst einmal nach Luft. Draußen war dies fast unmög- lich. »Fast genauso wie damals, als wir Brandons Insel entdeckten«, meinte Myrdhinn mit einem Lächeln. »Sturm, die Nacht bricht herein, das Unwetter zieht an uns vorüber, und am Morgen ein glückliches, friedliches, gastliches Land. Ob es morgen auch wie- der so sein wird?« »Wir können nur zu allen Göttern beten, daß es so komme! Aber ich fürchte, diesmal ist es anders. Bis- her deutet nichts darauf hin, daß der Sturm nachläßt. Wir können nur flehen, daß die Götter Erbarmen mit uns haben und uns nicht zu nahe an Land treiben las- sen, in dieser entsetzlichen Dunkelheit ...« Ich hatte den Satz noch nicht vollendet, als das ge- schah, was ich befürchtet hatte: wir strandeten! Wir wurden beide mit fürchterlicher Wucht gegen die Kajütenwand geschleudert. Ich hörte, wie mit lautem Krachen der Mast brach, wie seine beiden Hälften donnernd in das Ruderhaus krachten; ich hörte das Geräusch splitternden Holzes und die To- desschreie der Männer, die Myrdhinn und ich so weit gebracht hatten, durch so viele Gefahren, durch Hun- ger und Durst ... und die nun sinnlos in der Finsternis an einer unbekannten Küste am Ende der Welt star- ben! Die Kajütentür klemmte; ich bearbeitete sie mit meinem Kurzschwert, um eine genügend große Öffnung zu schaffen. Ich spürte, wie der Dromon je- desmal erbebte, wenn eine Welle ihn traf. Eine Sturz- see nach der anderen warf sich auf unser Schiff, traf uns voll in die Flanke, schoß dann über uns hinweg, und schaukelte unsere Prydwen wie eine Wiege hin und her. Jedesmal, wenn sie wieder auf die Seite ge- worfen wurde, hörte ich, wie die Planken barsten und splitterten, bis sich schließlich die mächtige Woge des Ozeans ungehindert in unseren Laderaum ergoß und die Ruderbänke überflutete. Ich vernahm eine Stim- me, die verzweifelt die Namen der bereits Ertrunke- nen schrie: »Witta! Bleda! Cissa! Oswulf!« Keine Antwort. »Tolfig! Beotric! Oisc! Balday!« Es war Wulfgars Stimme. »Sagte ich dir nicht, daß niemals ein Sachse die rö- mischen Siedlungen belästigen wird?« schrie mir Myrdhinn ins Ohr. Inzwischen verschwand auch der Boden der Kajüte unter dem Wasser. Als es bereits unsere Knie um- spülte, hatte ich den Weg endlich freibekommen, und wir stürzten nach draußen. Es war so dunkel wie in den Höhlen des Tartarus, und wir sahen die Fluten, die auf uns einstürzten, beinahe erst im Augenblick, als sie uns trafen. Ich hörte einen gurgelnden Schrei: »Heil Wotan!«, und während ich gemeinsam mit Myrdhinn von einer Woge gepackt wurde, die uns von den Füßen riß und in die tosende Finsternis schleuderte, wußte ich, daß der letzte der Sachsen vor mir über Bord gegangen war. Im selben Moment wurde ich von Myrdhinn fortgerissen, als mich eine heftige Unterströmung packte, die mich aufs offene Meer hinauszuziehen drohte. Ich tauchte tief in sie hinein und schwamm mit aller Kraft in dieselbe Richtung. Als ich wieder auftauchte, merkte ich, daß ich der Strömung entron-, nen war. So gut ich konnte, schwamm ich wieder zu- rück, auf die Küste zu. Dabei horchte ich auf das To- sen der Brandung, um die Richtung nicht zu verlie- ren. Ohne diese Orientierung wäre ich in der bro- delnden gischterfüllten Finsternis dieser Nacht ret- tungslos verloren gewesen. Schließlich hörte ich in der Ferne ein berstendes Geräusch, als unser Schiff an dieser gnadenlosen Küste in Stücke zerbrach. Während ich auf die Stelle zuschwamm, von der das Geräusch gekommen war, dankte ich Gott, daß ich ein guter Schwimmer war, und auch dafür, daß mich keine hinderliche Rüstung in die Tiefe zog. Als ich mich der Küste näherte, hörte ich direkt vor mir einen erstickten Schrei; im selben Moment stieß ich heftig mit einer Gestalt zusammen, die sich nur noch mit letzter Kraft über dem Wasser hielt. Sie griff so- fort nach meinen Schultern und krallte sich an mir fest, doch als wir beide untergingen, ließ sie mich wieder los und kämpfte sich verzweifelt an die Ober- fläche. Ich tauchte neben ihr auf und bekam sie am Bart zu fassen. An der Länge des Bartes merkte ich sofort, daß ich Myrdhinn erwischt hatte. Bevor wir dazu kamen, auch nur ein Wort zu wechseln (sofern das überhaupt möglich gewesen wäre), spürte ich plötzlich festen Boden unter den Füßen. Ich schrie dem alten Mann ins Ohr, er solle aushalten, und hob ihn mit aller Kraft empor. Mit Unterstützung, einer mächtigen Woge, die uns herumwirbelte wie ein Knöchelspiel, warf Neptun uns, Arme und Beine zu einem wirren Knäuel verschlungen, weit hinauf auf den Sandstrand. Obwohl wir völlig erschöpft waren, beeilten wir uns, ein paar Schritte weiter den Strand hinaufzukriechen, um nicht noch einmal von den to-, senden Fluten gepackt zu werden. Dort blieben wir zu Tode ermattet eine Weile liegen. Schließlich, als mein Herz nicht mehr so wild schlug, als habe es die Absicht, meinen Brustkorb zu sprengen, erhob ich mich schwankend, hieß den Seher zu bleiben, wo er war, und machte mich daran, den Strand nach Über- lebenden abzusuchen. Ich war nur ein kurzes Stück gegangen, als ich spürte, daß jemand mir folgte. Ich drehte mich um und sah, daß der unerschrockene Graubart schon wieder dicht hinter mir war. Ich schloß ihn in die Arme und spürte, daß sein welker dürrer Körper unter den durchnäßten Gewändern vor Kälte zitterte, und fühlte das heftige Pochen sei- nes unbesiegbaren Herzens. Wortlos gingen wir ge- meinsam weiter. Nie zuvor hatte ich mich dem alten Mann so ver- bunden gefühlt wie in diesem Moment, wo jeder ei- gentlich zuerst einmal an sich selbst gedacht hätte. Der unsterbliche Geist in ihm trieb die klappernde Hülle unwiderstehlich voran und lachte der Erschöp- fung, dem Sturm und der Katastrophe hohn. Es muß einmal gesagt werden: Welch gottloser Handel es auch immer war, der ihn mit den Mächten der Finsternis verband, welche Kraft sein Leben über das eines normalen Sterblichen hinaus auch immer verlängerte, welche Fehler er auch hatte – Myrdhinn war ohne Zweifel ein ganzer Kerl! Wir tappten weiter vorwärts in der Dunkelheit, und es dauerte nicht lange, bis wir auf einen am Bo- den liegenden Körper stießen. Mit einiger Anstren- gung begann der Mann keuchend zu sprechen, und wir erkannten in ihm Marcus, den Sohn meiner Schwester. Er war schwer verletzt und klagte über, Kopfschmerzen; wir fanden eine klaffende Wunde an seinem Schädel, die wir verbanden, so gut dies in der Dunkelheit möglich war. Es war in der Tat so finster, daß ich, während ich ihn versorgte, kaum meine ei- genen Finger sah. Ich gab ihn in Myrdhinns Obhut und beschwor die beiden, am Strand zurückzugehen, sobald der Junge dazu fähig war, und dabei nach weiteren Schiffbrü- chigen zu suchen, während ich unsere ursprünglich eingeschlagene Richtung beibehalten wollte. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Es schien in der Tat, daß alle Männer an Land gespült worden waren – so oft stieß mein tastender Fuß gegen Leiber, die inner- halb oder kurz vor der Brandungslinie lagen. Jedesmal wenn ich auf einen der Gestrandeten stieß, zog ich ihn ein Stück aus der Gefahrenzone, brachte den Oberkörper in Hochlage und bearbeitete ihn so lange, bis er sich entweder erholt hatte oder ich einsehen mußte, daß weitere Bemühungen fruchtlos waren. Schließlich, nachdem ich schon sieben Leute aus dem Wasser gezogen hatte, hörte ich, wie jener, den ich als letzten herausgefischt hatte, keuchte, er- stickt hustete und dann erneut atmete. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, daß es deutlich heller ge- worden war. Nun konnte ich in der Dunkelheit auch die ersten Gesichter ausmachen und die Geretteten erkennen. Durch den dichten Regenvorhang, der uns noch im- mer umhüllte, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet, und uns, den Fluten kaum entron- nen, aufs neue bis auf die Haut durchnäßte, erkannte ich eine dunkle Masse, die sich aus der Richtung nä- herte, in die wir gesucht hatten., Diese Masse entpuppte sich sehr bald als eine klei- ne, etwa zwanzig Mann starke Gruppe weiterer Überlebender. Von ihr erfuhren wir, daß jedes weite- re Vorankommen in diese Richtung durch eine tiefe Bucht zunichte gemacht wurde und sie die einzigen Überlebenden waren. Resigniert gingen wir gemein- sam am Strand entlang in jene Richtung zurück, wo das Wrack lag. Wir verteilten uns ein wenig landein- wärts in der Hoffnung, dort vielleicht noch Überle- bende zu entdecken, die die Kraft gehabt hatten, weiter vom Strand wegzukommen als dort, wo ich gesucht hatte. Wir fanden jedoch niemanden; was wir entdeckten, waren zwei Ertrunkene, mit denen die Wellen an ei- ner seichten Stelle ein grausames Spiel trieben, indem sie die Körper hin und her warfen wie eine Katze, die mit Mäusen spielt. Wir trugen die Leichen dorthin zurück, wo die anderen Toten lagen – zwei weitere Mitglieder in der ohnehin schon beängstigend großen Gruppe von Opfern, deren Verlust, deren verloren- gegangene Fähigkeiten und Erfahrung wir zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht ermessen konnten. Wie wertvoll sie für uns gewesen waren, sollten wir in den darauffolgenden Tagen um so schmerzlicher er- fahren. Einer der beiden Toten war der Schiffsführer, und sein Dahinscheiden erweckte in uns sofort wachsen- des Unbehagen. Wie sollten wir ohne seine Kenntnis- se über die See, den Kurs des Windes, die Wellen je- mals wieder nach Britannien oder Rom zurückfin- den? Es schien uns wie bittere Ironie: Als wir die Toten identifizierten, mußten wir feststellen, daß Neptun, sich nur seine eigenen Kinder geholt hatte, um uns Landratten zu verschonen. Die sich jetzt zitternd vor Kälte um mich scharten, waren ohne Ausnahme Sol- daten, während die Toten am Strand größtenteils aus Mitgliedern der Schiffsbesatzung bestanden. Der andere der beiden Toten, die wir zuletzt ge- borgen hatten, war ausgerechnet derjenige aus unse- rer gesamten Gruppe, den wir (abgesehen von Myrdhinn) am allerwenigsten entbehren konnten, auch wenn wir das im Moment noch nicht wußten und statt dessen am meisten über den Verlust des Schiffsführers klagten und auch Morgo den Schmied betrauerten. Mit Morgos Dahinscheiden gingen uns alle Kennt- nisse über Metall und dessen Verarbeitung verloren. Zwar vermochte sich Myrdhinn in späteren Jahren einiges darüber aus seinen Büchern anzueignen. Doch hatten wir mit Morgos Tod die praktischen Kenntnisse verloren, derer es bedurfte, die theoreti- schen Kenntnisse auch in die Tat umzusetzen. So lit- ten wir unter diesem Verlust denn auch in mannigfa- cher Hinsicht. Und in der Tat: Eine unserer gewagte- sten und gefährlichsten Heldentaten entsprang eben diesem Mangel an Fähigkeiten, wodurch viele tapfere Männer den Tod erleiden mußten, wie Du noch sehen wirst. Der Himmel klarte allmählich auf, obwohl er noch immer von dahinjagenden Wolken übersät war. Wir ließen die Toten erst einmal da, wo sie lagen, und eilten zum Wrack. Welch trauriger Anblick, der sich unseren Augen darbot! Der Dromon war unter dem pausenlosen Ansturm der Wellen in zwei Hälften zerbrochen. Nur das Vor-, derschiff, etwa hundert Yards vom Strand entfernt in einem Felsennest gefangen, schien einigermaßen heil geblieben. Das Heck war zersplittert und fortge- schwemmt, und mit ihm der größte Teil unserer Aus- rüstung – was wir jedoch schon geahnt hatten, da der ganze Strand mit Treibgut übersät war. Unsere Klei- dungsstücke bildeten zusammen mit Tang ein wildes Knäuel; desgleichen die Vorratskisten, Pfeile, Bögen und Planken – kurz, alles, was beweglich war. Von tiefer Verzweiflung gepackt gingen wir zu der Stelle zurück, wo Myrdhinn, Marcus und andere Überle- bende mit trauernder Miene neben zahlreichen Er- trunkenen verharrten, unter denen sich auch Wulfgar Eisenbauch befand und alle Barden bis auf einen. Und dieser eine Barde bemühte sich tapfer, seiner Harfe, die ebenso durchnäßt und verstimmt war wie er selbst, eine Begleitung zu seinem Trauergesang zu entlocken. Sein schmerzvoller Gesang, der nur zu gut zu un- serer hoffnungslosen Lage paßte, versetzte uns alle in eine Stimmung, daß wir uns hinsetzten, bei den Hän- den faßten und in Tränen ausbrachen, um dort im kalten Regen den Tod abzuwarten, ohne auch nur die geringste Anstrengung zu unternehmen, uns selbst zu helfen. Ich konnte es nicht länger ertragen und schlug dem Barden die Harfe aus der Hand. Dabei muß ich wohl ein so wütendes Gesicht gemacht ha- ben, daß er erschreckt zusammenfuhr, schützend den Arm gegen den erwarteten Schlag vor sein Gesicht hielt und abrupt aufhörte, ›Seerösser mit weißen Mähnen, die unter ihren silbernen Hufen Tapfere und Wagemutige zertrampeln‹ anzusingen. Alle starrten mich bestürzt an, denn für einen Bri-, ten ist die Person eines Barden unantastbar, und ei- nen Trauergesang zu unterbrechen ist ein schwer- wiegender Frevel. Was auch immer ich nun zu tun gedachte – ich mußte es schnell tun, sonst war der Augenblick entschiedenen Handelns vorbei und ver- tan ... Ich sprach – zwar an Myrdhinn gewandt, jedoch so laut, daß alle mich deutlich verstehen konnten: »Herr und Führer! Unter deiner Führung sind wir so weit vorgedrungen, wie niemals ein Mensch zuvor – wei- ter noch als jene sleotischen Entdecker vor uns. Nun sind wir verloren. Unser Kapitän ist tot und der größte Teil unserer Schiffsbesatzung ebenfalls dahin!« Myrdhinn trat einen Schritt vor. Er bedeutete mir mit einer Geste, fortzufahren. »Herr! Wenn du uns aus diesem Land, dessen Bo- den vor uns noch kein Römer betrat, nicht wieder dorthin zu führen vermagst, woher wir kamen, dann müssen wir in diesem Land bis ans Ende unserer Ta- ge bleiben. Wenn ich mich umschaue, dann sehe ich nicht mehr als fünfzig Überlebende von den zehnmal zwanzig Mann, mit denen wir vor drei Monaten aus Isca Silurum aufbrachen. Wir alle sind – mit deiner Ausnahme – vergleichsweise jung. Unsere Waffen, Werkzeuge, Habseligkeiten und Kleidung vermodern dort im Wrack, und langsam kommt die Ebbe. Sogar deine magischen Geräte liegen dort, mit denen nie- mand außer dir etwas anfangen kann, sei er noch so weise und klug. Sollen wir wirklich hier nutzlos un- sere Zeit damit vertun, diesem Katzenjammer zu lau- schen, der uns – so gut er auch gemeint sein mag – die beiden Toten nicht zurückbringen kann? Der klu- ge Mann denkt zuerst an seinen eigenen Vorteil; die, Toten kann er auch später noch gebührend betrauern! Aus den Kleidern, Männer, und ins Meer! Laßt uns retten, was noch zu retten ist!« Als wäre ein dunkler Fluch von ihren Herzen ge- nommen, brachen die Männer in heisere Hochrufe aus. Wie ein Ruck ging es durch alle, und wir began- nen sofort mit der Arbeit. Der Barde entledigte sich seiner Kleider genauso hurtig wie die anderen, ob- wohl er bei dem Gedanken, daß ich ihn bei seinem Trauergesang so wenig vornehm unterbrochen hatte, wie ein Fuhrknecht vor sich hinfluchte. Doch der Kampf um unsere Habseligkeiten ließ selbst seine Le- bensgeister wieder erwachen und genauso freudig er- regt jubeln wie alle anderen, sobald er unter den Trümmern etwas Brauchbares fand. Nur Myrdhinn hielt sich abseits, und obwohl ich das beinahe erwartet hatte in Anbetracht der Tatsa- che, daß er schon so alt war und für die anstrengende Arbeit im kalten Wasser nicht mehr kräftig genug, berührte es mich doch zu sehen, wie er gesenkten Kopfes, als sei er tief in Gedanken versunken, lang- sam landeinwärts schritt, bis er schließlich hinter den Bäumen, die nicht weit vom Strand wuchsen, ver- schwunden war. Ich hatte das Gefühl, Autorität an mich gerissen, gegen meinen Herrn rebelliert, einen Graben gezogen zu haben zwischen mir und einem Mann, den ich respektierte und fürchtete. Der Ge- danke erfüllte mich mit Schuldgefühlen. Doch war es nicht meine Schuld, wenn unsere ver- schiedenartigen Naturen aneinandergerieten. Ich bin ein praktisch veranlagter Mensch, jemand, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und sich aus- schließlich an irdische Dinge hält. Myrdhinn hinge-, gen war ein Mann des Geistes, und wenn er auch ge- kämpft und bei Gelegenheit sogar Arthur den Ober- befehl abgenommen und die Truppen zum Sieg ge- führt hatte, so war dies seiner Natur doch eigentlich fremd gewesen. Ihm war es zweifellos ein sehr wich- tiges Anliegen gewesen, den scheidenden Seelen un- serer toten Kameraden auf diese weihevolle Weise ein letztes Geleit zu geben. Mir hingegen erschien dies ganz einfach lächerlich. Ich kann nichts dafür. Ich bin nun einmal so und habe mich diesbezüglich nie än- dern können. Von jenem Augenblick an begann ich immer mehr Einfluß auf den Willen der Überlebenden zu bekom- men, während Myrdhinn in gleichem Maße, wie ich an Macht gewann, davon immer mehr einbüßte, ob- wohl er sich stets als derjenige betrachtete, welcher das Kommando innehatte. Als ich ihn weggehen sah, glaubte ich, er wolle eine Weile mit sich allein sein; doch bald merkte ich, wie sehr ich mich in der Beurteilung seines Charakters getäuscht hatte: Als ich mich für einen Moment er- schöpft auf einer der geborgenen Kisten ausruhte, sah ich plötzlich eine Rauchwolke hinter den Bäumen aufsteigen. Ich war drauf und dran, nach meinem Schwert zu greifen und Signal zum Angriff zu geben, da ich dachte, es handele sich um ein feindliches Feu- er, als Myrdhinn zwischen den Bäumen auftauchte und uns winkte. Wir eilten zu ihm und entdeckten zu unserer Freude, daß er in den baumbewachsenen Dünen eine derart windgeschützte Stelle gefunden hatte, daß das Heulen des Windes nur noch als leises Flüstern zu hören war und der Rauch eines einladen- den Feuers fast senkrecht in die Luft stieg., »Es gibt ein paar Dinge, Ventidius, die kann ich ohne meine magischen Geräte vollbringen«, sagte er leise und lächelte. Ich schämte mich und konnte darauf nichts erwi- dern, obwohl ich nicht genau wußte, warum ich ei- gentlich Gewissensbisse haben sollte. Er nahm mei- nen Arm und drückte ihn kurz. Dann ließ er mich wieder los, damit ich mich abtrocknen konnte. Dies war das erste und einzige Mal, daß er auf meinen Ausbruch von jenem unglücklichen Tag anspielte. Und nun muß ich eingestehen, daß ich in meiner Eigenschaft als Führer einen schweren, unverzeihli- chen Fehler beging. Da standen wir nun – etwa fünfzig arme Schiffbrü- chige, welche die See auf ein wildes, möglicherweise feindliches Gestade gespült hatte. Und ich, der erfah- rene Centurio, vergaß angesichts des anheimelnden Feuers, die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen zu tref- fen! Statt ein paar Männern den Befehl zu geben, die Waffen aufzusammeln und die Bögen zu trocknen, um für den Fall eines Angriffs gewappnet zu sein, ge- sellte ich mich munter und gedankenlos den Män- nern zu, die es sich am Feuer gemütlich machten. Voller Behagen streckte ich die Glieder von mir, und bald stieg Dampf von unseren nackten Körpern auf. Zufrieden räkelten wir uns vor der Wärme spen- denden Glut, bis unser fröhliches Geschwätz mit ei- nem Schlag verstummte. Direkt vor uns, auf einer Hügelkuppe, sahen wir eine große Schar merkwürdig aussehender Männer.,

Gefangene in Tlapallan

Es handelte sich um eine alles andere als freundlich dreinblickende Gruppe gut ausgerüsteter Krieger, die sich aus den Pinien unbemerkt an uns herangeschli- chen hatte. Da sie uns zahlenmäßig um mindestens zwanzig Mann überlegen waren, zeigten sie uns nackten Fremdlingen gegenüber, die da schutzlos vor dem Feuer hockten, keinerlei Anzeichen von Furcht, sondern standen regungslos und musterten uns. Kei- ner von uns wagte sich zu rühren. Dann trat ihr Anführer vor und hob den rechten Arm zum Gruß, wobei er uns die offene Handfläche entgegenstreckte. Da er, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten, die auf seinen höheren Rang hindeuteten, genauso ge- kleidet war wie die anderen, paßt die folgende Be- schreibung auf alle anderen gleichermaßen: Seine Haut hatte die Farbe von Kupfer, so daß der kupferne Brustpanzer, der von den Schultern bis zum Bauch reichte, farblich vollkommen damit überein- stimmte. An den Handgelenken und Unterarmen trug er Armbänder, die ebenfalls aus blankem Kupfer bestanden. Auf seinem Kopf glänzte ein kupferner Helm, in dem die Sprossen eines Hirschgeweihs steckten. Der Helm war oben offen, so daß ein Feind leicht seinen Skalp als Trophäe hätte nehmen können. Es handelte sich also um keine Galea, wie die Römer sie tragen, sondern ähnelte eher einem dicken schwe- ren Reif, der etwa so breit wie eine Handfläche war., Der Fremde war mit einem kupfernen Band um- gürtet, welches ebenfalls sehr breit und dick war und unmittelbar unterhalb des Brustpanzers saß. Dieser Gürtel schützte zum einen seine Lenden, zum ande- ren hielt es einen kurzen gewobenen Rock, der mit glitzernden Ringen aus Glimmer verziert war. Um den Hals trug er eine breite Kette aus Bären- zähnen Muscheln und Perlen, und in der Linken hielt er ein kupfernes Beil, das an einem hölzernen Griff festgebunden war. Jetzt kamen von der anderen Seite weitere Grup- pen furchterregend anzuschauender Krieger, die ge- kleidet waren wie beschrieben, jedoch weniger prunkvoll; ihre Brustpanzer und Gürtel waren nicht so breit und dick, auf ihren Röcken fehlte der Glim- merzierat, und während die Unterführer noch eine einzelne Schnur mit Ornamenten trugen, so besaßen die einfachen Soldaten überhaupt keine. Sie hatten uns vollkommen umzingelt – auf eine Art und Weise, die von bemerkenswerter militäri- scher Disziplin zeugte. Ein paar unserer Gegner tru- gen Lanzen, andere wieder hielten Wurfstöcke, bereit, federlose Pfeile auf uns zu schleudern; und drei aus jeder Gruppe von zehn Männern hatten Stöcke mit vier Füßen, deren eines Ende nach hinten gebogen und ausgehöhlt war wie ein Löffel. Letztere – zwei- fellos die ›Maschinisten‹ dieser primitiven, aber furchteinflößenden Armee – hatten schwere Steine in die Löffel gelegt, so daß der ganze Apparat einen todbringenden, wenn auch kleinen Katapult dar- stellte, der jetzt drohend auf unsere bloße, unbewaff- nete Schar gerichtet war. Nun stell Dir, o Kaiser, unsere Situation genau vor:, Zu beiden Seiten und vor uns grimmige, schweigen- de, kupferne Männer, hinter uns die brodelnde See! Erachtest Du es unter diesen Umständen als schänd- lich und feige, daß wir, vor die Wahl gestellt, uns zu ergeben oder getötet zu werden, es vorzogen, ersteres zu wählen? Wir froren und waren noch immer nicht trocken, unser Mut lag nach den Ereignissen der Nacht dar- nieder. Ein Stück weiter strandaufwärts unsere Freunde und Kameraden, die Leiber starr und steif vom Tod! Ein Fingerschnipsen, ein falscher Blick, eine unachtsame Bewegung, und schon hätte uns dasselbe Schicksal ereilt wie sie. Wären unsere Bögen getrocknet und gespannt, un- sere Wurfmaschinen schußbereit und unsere Schwerter in Reichweite gewesen – dann hätte die Sa- che in der Tat anders ausgesehen. Aber dann besäßest Du, mein Kaiser, heute keinen Dir treu ergebenen König, der Dir all dies berichtet, und kein Königreich in einem fremden Land am Rande der Welt, welches nur darauf wartet, daß Du Deine Hand nach ihm aus- streckst. Ich sprach mit dem Anführer, der vorgetreten war, um uns zu begrüßen. Während die Männer hinter uns gespannt lauschten, versuchte ich es nacheinan- der mit Latein, Kymrisch und Sächsisch – ohne jeden Erfolg. In diesem Augenblick bedauerte ich schmerz- lich, daß unsere zwei Insulaner, die wertvolle Über- setzungsdienste hätten leisten können, ertrunken wa- ren, hilflos an ihre Kojen gefesselt. Der Mann antwortete in einer sehr weich klingen- den Sprache. Als er darauf von mir keine Antwort bekam, versuchte er es mit einer anderen, die ohne, jegliche Bewegung der Lippen gesprochen wird. Ich verstand ebenfalls kein Wort. Nun trat Myrdhinn, der einzige Bekleidete unserer Gruppe, vor und begann in der Sprache der Druiden auf den Mann einzureden. Danach probierte er es (so erzählte er mir später) mit Griechisch, Hebräisch und verschiedenen gallischen Dialekten – jedesmal ohne verwertbares Resultat, obwohl hin und wieder dem Fremden ein Wort bekannt vorzukommen schien so daß er mehrmals unterbrach und das betreffende Wort wiederholte, bis er dann feststellen mußte, daß es sich doch nicht um das gehandelt hatte, was er an- genommen hatte. Während der Anführer Myrdhinn zuhörte, trat zu- sehends der Ausdruck von Verwirrung und Unent- schlossenheit in sein Gesicht, und schließlich been- dete er das Palaver ziemlich abrupt, indem er uns den Rücken zuwandte und seine Männer heranwinkte. Als sie uns ergriffen, rief Myrdhinn laut: »Keinen Widerstand leisten!« Man führte uns zusammen mit den anderen in einen Wald auf der Hügelkuppe. Dort umringte uns sofort eine Abteilung von Lanzenträ- gern, deren grimmige Blicke und drohende Gebärden uns wenig Hoffnung auf einen erfolgreichen Aus- bruch ließen. Wir setzten oder legten uns hin, wobei wir nur we- nig miteinander sprachen, und beobachteten von un- serer Anhöhe herab, wie der Anführer und seine Hauptleute (die von den anderen leicht an ihren mit Hirschgeweih verzierten Helmen zu unterscheiden waren) unsere geborgenen Habseligkeiten unter- suchten. Manche der Dinge schien ihre Bewunderung oder ihr Erstaunen hervorzurufen, während sie ande-, re wiederum geringschätzig betrachteten und achtlos zu Boden warfen. Stahl und Eisen schien sie besonders zu faszinieren wie auch – jedoch in einem geringeren Ausmaß – un- sere Gegenstände aus gegossener Bronze, einem Me- tall, welches ihrem Kupfer ähnlich war, dessen Härte und Festigkeit sie jedoch in Erstaunen versetzte – vor allem, als einer von ihnen sich an meinem Rasierzeug zu schaffen machte und sich prompt die Fingerspitze abschnitt, als er die Schärfe des Rasiermessers mit dem Finger prüfen wollte. Sie legten alle Gegenstände aus Metall auf eine Seite und die verschiedenen anderen Dinge ebenfalls zu kleinen Häufchen zusammen, nachdem sie sie nach Gewicht, Größe und Schätzwert klassifiziert hatten. Danach zogen alle hinunter zum Strand und starrten die Überreste unseres Schiffes an. Dann kamen sie zurück, die Hauptleute tauschten die Wachen aus, und die frei gewordenen Männer strebten hinunter zu den anderen, die sich inzwi- schen ihrer Kleider entledigt hatten und ins Wasser gewatet waren. In verblüffend kurzer Zeit hatten sie von der Prydwen alles entfernt, was irgendwie trans- portabel war: Jeden Bolzen, jede Klampe, jeden Na- gel, jedes auch noch so kleine Stückchen Metall, das sie abreißen oder abbrechen konnten, brachten sie an den Strand. Das versunkene Heck des in der Mitte durchgebro- chenen Schiffes ließen sie zunächst unberührt; nur die Pfeilmaschinen und Tormentae fielen ihnen in die Hände. Nachdem sie diese abmontiert hatten, schleppten sie sie ebenfalls an den Strand und zün- deten sie an unserem Lagerfeuer an, um die Klampen, von den Balken abzubrennen. Nachdem man alles, was verwertbar schien, am Strand aufgestapelt hatte, führte man uns zum Strand und lud uns die eigenen Sachen wie Lasttieren auf den Rücken. Man machte Bündel, so groß, daß ich glaubte, kein Mann auf der Welt könne sie tragen; nun, wir jedenfalls trugen sie, und zwar mit Hilfe ei- nes Gurtes, der sich vorn zu einem Band verbreiterte, das uns über die Stirn gelegt wurde. So konnten die Nackenmuskeln einen Teil des Gewichts überneh- men, und ich muß sagen, diese simple Vorrichtung war in der Tat eine große Hilfe, und ich kann sie den großen Sklaveneignern in Rom, denen Maultiere und Packesel zu teuer kommen, nur wärmstens empfeh- len. Ich habe in diesem Land, gleichgültig in welchem Teil ich mich befand, niemals Lasttiere zu Gesicht be- kommen – von Hunden (eigentlich nicht viel mehr als gezähmte Wölfe) einmal abgesehen, die man gele- gentlich zur Beförderung kleinerer Gegenstände be- nutzt. Jedenfalls ist dieser einfache Trick mit dem Lastgurt, den die Menschen hier ersannen, um ihre Kräfte zu schonen, eine ganz hervorragende Sache. Unsere Rücken hingegen schonte er keinesfalls, waren wir doch weit über das normale Maß hinaus beladen, als wir in langer Reihe auf die Bucht losstapften. Der Weg, den wir eingeschlagen hatten, führte zwangsläufig an der Stelle vorbei, wo unsere toten Kameraden lagen, und als wir an ihnen vorbei- kamen, bot sich unseren Augen ein empörender, ab- stoßender Anblick: Die Leichen waren erst kurz zuvor gefleddert und ausgeraubt worden, aber selbst an einem nackten, Menschen gab es anscheinend noch etwas zu stehlen, und drei Ghule waren damit beschäftigt, dies garstige Geschäft zu verrichten. Wir starrten entsetzt zu ihnen hinüber. Diese Barbaren hoben den Leichen nacheinander die Köpfe hoch, ritzten mit einer scharfen Klinge blitzschnell die Kopfhaut rings um den Schädel auf, gruben ihre Finger in die Schnittstelle und rissen mit einem kurzen Ruck den Haarschopf ab. Das alles ge- schah so rasch, daß wir nicht einmal dazu kamen, ei- nen Schrei des Protestes auszustoßen. Als nächstes kratzten sie mit der Klinge ihres Messers die Fleisch- reste ab, die noch an der übrigbleibenden Haarkappe hingen. Uns wurde übel, Abscheu und Empörung ergriffen uns, da uns nun in aller Deutlichkeit bewußt wurde, wie grausam und schrecklich die Sitten und Gebräu- che dieses Landes waren und wie verroht die Gefühle seiner Bewohner. Zugleich fühlten wir, wie Angst in uns hochstieg vor dem, was wir zu erwarten hatten, wo auch immer man uns hinführen würde. Die Stiele der Lanzen trieben uns vorwärts. Unter der enormen Last unserer Bündel taumelnd, folgten wir einem Pfad in den Wald hinein, der offensichtlich häufig von Fischern benutzt wurde. Hinter uns blieben unsere Toten zurück: verstüm- melt, nackt und erbarmungswürdig – nicht einmal ein christliches Begräbnis hatten wir ihnen geben können! Sie schienen uns wie ein Symbol für all das, was wir verloren hatten, und wenn jemals Tote stumm nach Rache geschrien haben, dann waren es diese armseligen Kadaver, die dort unten an jenem verfluchten Strand lagen und uns diesen Appell un-, auslöschlich ins Gewissen hämmerten. Ich glaube, daß jeder von uns es bis in die Tiefe seines Herzens spürte. Schweigend stapften wir durch den Wald. Myrdhinn war der einzige, dem zum Sprechen zumute war. »Dieses Volk muß irgendwie mit den Szythen ver- wandt sein. Sie benutzen dieselbe Methode, den Schädel eines Toten zu entblößen. Ich vermute, daß sie die Trophäen später gerben oder räuchern ...« Weiter kam er nicht. Der ihm am nächsten stehen- de Aufseher wandte sich mit einem bösartigen Fun- keln in den Augen um und hieb ihm ohne ein Wort der Erklärung mit der abgeflachten Seite seines stei- nernen Beils über den Mund. Wortlos schritten wir weiter. Myrdhinns Bart war nun nicht mehr weiß, sondern rot von Blut, das ihm aus seinem zerschmetterten Mund lief und auf sein besticktes Gewand tropfte. Zu jenem Zeitpunkt werteten wir diesen Vorfall als ein weiteres Indiz für die sinnlose, bösartige Grau- samkeit dieser Leute. Doch kurz darauf sollten wir er- fahren, daß sie gute Gründe dafür hatten, uns mit al- len Mitteln zum Schweigen zu zwingen. Wir waren noch nicht eine Meile gelaufen, als plötzlich ohne Vorwarnung einer der Hauptleute, der neben unserer Marschlinie stand – während wir, Gefangene und Fänger, hintereinander in langer Reihe den schmalen Pfad entlangstapften –, sich an die Kehle griff, als stranguliere ihn etwas, blutspeiend auf die Knie sank und leblos zur Seite rollte. Sofort machte sich große Verwirrung breit. Die Männer griffen nach ihren ›Atlatls‹ (so heißen in ihrer Sprache die Wurfstöcke, von denen ich gesprochen, habe) und befestigten Pfeile daran; die Lanzenträger schwärmten nach links und rechts ins Unterholz aus und stießen dabei ihren schrillen Kriegsschrei »Ya-hi- ee-hee!« aus. Gleichzeitig prasselte unvermittelt ein Hagel von Steinen auf uns herab, der Gefangene wie Aufseher gleichermaßen zu Boden streckte. Sofort verwandelte sich der stille Wald in eine heu- lende Saturnalia. Die Lanzenträger kamen zurückge- rannt, dicht verfolgt von einer Horde bunt bemalter Wilder, die so schrecklich beschmiert waren, daß sie eher Furien denn Menschen glichen, und ein Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Am Rande des Kampfge- schehens tanzten ein paar Greise herum, die schon zu schwach waren, Keule oder Beil zu schwingen, und feuerten laut schreiend ihre Kumpane zum Kampf an. Zwischendurch setzten sie immer wieder lange Rohre an ihre Münder und bliesen kleine Pfeile gegen uns. Eines dieser Geschosse war es auch gewesen, das den ersten Offizier zu Fall gebracht hatte, indem es ihm die Gurgel durchbohrt hatte. Doch wäre es auch gefährlich gewesen, hätte es anderswo getroffen: Je- der Pfeil war nämlich so lange in faulendes Fleisch gesteckt worden, bis er grün anlief. Die Männer, die uns gefangengenommen hatten, waren keineswegs untätig: Ihr Panzer erwies sich als eindeutiger Vorteil, wie wir hin und wieder im Kampfgetümmel sehen konnten, wenn ein Hieb mit Keule oder Beil oder ein Stoß mit der Lanze auf dem kupfernen Armband oder dem Brustpanzer abprallte, woraufhin sie jedesmal sofort zum Gegenangriff übergingen und ihren Gegner durchbohrten oder ihm mit dem Beil den Schädel spalteten. Die Angreifer gerieten beim Anblick des Gemetzels, buchstäblich in Verzückung: Sobald ein Mann gefal- len war, fielen sie wie die Aasgeier über ihn her, um ihm den Haarschopf abzutrennen. In diesem Augen- blick achteten sie natürlich nicht mehr auf das Kampfgetümmel, das rings um sie wogte, so daß ein anderer wiederum ihnen ganz leicht von hinten den Todesstoß versetzen konnte. Wir armen Gefangenen wußten selbst nicht, für welche der beiden Seiten wir Partei ergreifen sollten. Wir steckten in einer bösen Klemme und konnten nur zwischen zwei gleichgroßen Übeln wählen. Mir fiel jedoch auf, daß uns nach dem ersten Steinhagel kein Haar mehr gekrümmt wurde. Daraus drängte sich mir die Folgerung auf, daß wir Weißhäute mögli- cherweise der Siegespreis waren, um den die beiden roten Stämme so verbissen kämpften. Dann, dachte ich mir im stillen, ist es besser, wir bleiben, wo wir sind, als zu solch zweifelhaften Helfern wie diesen nackten, buntbemalten Furien überzulaufen. Die Rüstungen der Männer, die uns gefangenge- nommen hatten, deuteten wenigstens noch auf eine gewisse Entwicklungsstufe von Zivilisation hin. Und während ich dies dachte, schlug ich mich kurzent- schlossen auf eine der Seiten in dieser kreischenden Hölle aus Blut und Raserei – und handelte. Neben mir focht der Anführer, hart bedrängt von drei Gegnern. Einen durchbohrte er mit der Lanze, dem zweiten zerschmetterte er mit einem fürchterli- chen Hieb den Schädel, doch der dritte streckte ihn mit einer knorrigen Keule zu Boden. Mit wildem Tri- umphgeheul riß er sein Steinmesser heraus und war mit einem Satz über seinem Gegner, um ihm den Rest zu geben., Ich zögerte keine Sekunde länger, warf mein Bün- del ab und vergrub, nackt und unbewaffnet, wie ich war, meine Finger mit aller Kraft in die Gurgel des Wilden. Aus dem Augenwinkel sah ich die Verblüf- fung im Gesicht des Anführers, als wir beide neben- einander mit dem Kerl rangen, doch mein Gegner ließ mir nicht viel Zeit zum Überlegen. Sein mit Öl eingeriebener Körper war glitschig wie ein Aal. Er stank bestialisch nach ranzigem Bärenfett, nach Rauch und Fell und wand sich unter meinem Griff wie eine Schlange. Blitzschnell stieß er sein Mes- ser durch meinen Unterarm, zog es wieder heraus und hätte es im nächsten Moment in meine Kehle ge- rammt, wäre nicht der Anführer zur Seite gerollt, hätte sein Beil gepackt und die wilde Grimasse mit einem Hieb von den Haarwurzeln bis zum Unterkie- fer gespalten. Ich schnappte mir das Messer und war mit einem Satz auf den Beinen. »Ya-hi-ee-hee!« brüllte ich den Kriegsschrei der Kupfernen. Der Anführer wieder- holte ihn, wobei er lächelte. Es war das erste Lächeln, das ich sah, seit wir diese blutgetränkte Küste betre- ten hatten. Rücken an Rücken kämpfend, wehrten wir die immer noch fanatisch angreifenden Wilden ab. Obwohl ich zu beschäftigt war, um mich umzudre- hen, vernahm ich, wie andere meiner Kameraden meinem Beispiel folgten und sich mit den guten alten Schlachtrufen der Briten ins Kampfgetümmel stürz- ten. Mit einemmal hörten die Wogen der Schlacht auf, sich an unserer hartnäckig Widerstand leistenden Kampflinie zu brechen. Angreifer und Angegriffene hielten gleichermaßen inne und lauschten. In der Ferne erscholl leise ein Ruf, langgezogen, heulend, und unheimlich – und wiederholte sich kurz darauf. Ohne sich um ihre Toten und Verletzten zu küm- mern, verschwanden die Angreifer blitzschnell im Wald. Gleich darauf marschierte eine Abteilung gut- ausgerüsteter Soldaten von der Art unserer Kampf- genossen auf den Plan und nahm das Schlachtfeld in Besitz. Nach einer kurzen Rast hieß man uns unsere Waf- fen abgeben und unsere Bündel erneut aufnehmen. Diesmal behandelte man uns jedoch mit einer gewis- sen Art von Respekt und trieb uns nicht mehr ganz so unbarmherzig an wie vorher, denn der befürchtete Angriff war vorbei, und die Wälder schienen wieder sicher. Kurz darauf trat der Anführer zu mir, und als er sah, daß die Wunde an meinem Arm mir starke Schmerzen bereitete, bedeutete er einem seiner Män- ner, mir mein Bündel abzunehmen, und ging dann eine Weile neben mir her, wobei er versuchte, eine Möglichkeit zu finden, unsere Gedanken auszutau- schen. Schließlich gab er es auf und schaute mich lä- chelnd an. Dann sprach er langsam und sorgfältig mehrmals hintereinander die Silben »Ha-yon-wa-tha« und tippte sich dabei auf die Brust, wobei sein Halsband aus Zähnen und Perlen leise rasselte. Das ist also dein Name, mein guter Barbar, nicht wahr? dachte ich im stillen und tippte auf meine eigene Brust. »Ventidius Varro«, sagte ich; aber das war zu viel des Guten für ihn, und nachdem er ein paarmal über das V gestolpert war, taufte er mich zunächst »Haro«, und einige Zeit später begann er dann, mich »Ato-, haro« zu nennen. Näher kam er nie an meinen wirkli- chen Namen heran. »Haro! Haro!« sagte er nun und hielt eine Hand mit gespreizten Fingern empor. Dann sagte er »Hayon- watha!« und erhob die andere Hand auf die gleiche Weise. Als nächstes schlang er mit einem munter plät- schernden Wortschwall seiner labialen Sprache seine Hände ineinander, um die Eintracht zwischen uns beiden zu symbolisieren. Dann zeigte er auf sein Herz und streckte seine linke Hand aus. Es war nicht schwer zu begreifen, daß er mir mit dieser Geste sei- ne Freundschaft anbieten wollte, und ich reichte ihm erfreut meine Linke, froh darüber, so schnell und leicht einen Freund gefunden zu haben. Aber er war längst noch nicht fertig. Er zog sein Messer, ritzte sich mit der Klinge ein wenig seinen Arm auf und drückte die blutende Stelle auf die Wunde an meinem Unterarm, auf daß unser Blut zusammenfließe. So hatte ich also einen Blutsbruder gewonnen, der, was ich damals noch nicht voraussehen konnte, in den darauffolgenden Jahren ein zuverlässiger Verbündeter und treuer Freund sein sollte. Während dies geschehen war, hatten wir den Wald durchquert und traten nun plötzlich und ohne vorhe- rige Ankündigung auf eine mehrere Hektar große Lichtung, in deren Mitte sich ein von einer Palisade umgebendes Fort befand, solide und mit hohen Wäl- len versehen, wie es für einen befestigten Außenpo- sten in einer solchen Wildnis angemessen war, die nur durch regelmäßige Streifengänge und Scharmüt- zel einigermaßen in Frieden gehalten wurde., Mein neuer Freund gab mir ein Zeichen, bei ihm stehenzubleiben, und während die lange Prozession an uns vorüberzog, schauten wir uns die Lichtung ein wenig an. Das Gelände war ringsum von dichtem Pi- nienwald umgeben, aber auf dem freien Feld befan- den sich große bebaute Flächen, auf denen eine lang- blättrige, große Pflanze wuchs, die mir gänzlich un- bekannt war und die, wie ich nach einigen Schwie- rigkeiten erfuhr, bei den Eingeborenen Teocentli ge- nannt wurde. Das Korn, das man aus dieser Pflanze gewinnt, wächst auf kräftigen, markigen Halmen, die von zar- ten Blättern umhüllt sind. Das einzelne Korn ist mehrmals so groß wie das des Weizens, und gemah- len ergibt es ein vorzügliches Mehl zum Backen. Je- doch eignet es sich darüber hinaus auch als Grund- stoff für zahlreiche andere Zubereitungsarten von Speisen und stellt das Hauptnahrungsmittel des Lan- des dar. Ja, die gesamte Kultur gründet sich auf die- ses Getreide, denn ohne die großen Erträge, die es auf vergleichsweise bescheidener Anbaufläche abwirft, könnte die enorme Sklavenbevölkerung längs der großen Stromtäler nicht ernährt werden, und die Blüte dieser Region gründet sich auf Sklaverei. Du wirst unter den Dingen, die ich mitschicke, auch Sa- men dieses Getreides finden. Es ist ohne Zweifel leichter zu ernten, zu mahlen und auf vielerlei Art zuzubereiten als die verschiedenen Getreidesorten, die bei uns zu Hause sind, wie Weizen, Roggen oder Gerste. Der Anführer zeigte auf ein anderes Feld, wo eine grobkörnige, üppige, breitblättrige Pflanze wuchs, und deutete an, indem er sich den Bauch rieb und, genußvoll ausatmete, daß es sich um etwas sehr Schmackhaftes handelte. In welcher Form das Ge- wächs jedoch verzehrt wurde, konnte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht ahnen. So unglaublich es auch scheinen mag: Die Menschen hier trocknen dieses Kraut, zerkrümeln es und stopfen es in winzige, tas- senförmige Behälter aus Stein, die mit einem langen Mundstück aus Schilfrohr verbunden sind; dann zünden sie das Kraut an, saugen die aromatischen Dämpfe, die dabei entstehen, in den Mund ein und atmen sie durch die Nasenlöcher wieder aus! Dies hat einen heilsamen Effekt, ruft aber bei dem, welcher es zum erstenmal probiert, Schwindelgefühle und Übelkeit hervor; nach einiger Zeit stellt sich je- doch eine allgemeine Heiterkeit ein, vergleichbar et- wa dem Gefühl, das man hat, wenn man sich an sehr mildem Wein gütlich tut. Bei den weniger zivilisier- ten Völkern dieses Landes ist der Genuß des besagten Krautes weit verbreitet, und sie halten niemals eine Versammlung ab oder verhandeln über eine wichtige Angelegenheit, ohne zuvor Rauchwölkchen in alle vier Ecken der Welt zu blasen – ein kompliziertes und in gewisser Weise sehr überflüssiges Ritual, das dazu dienen soll, die Geister zu beschwören und ihren Unternehmungen gewogen zu machen. Jenes Volk jedoch, auf das wir da gestoßen waren, ist schon um einiges über solcherlei primitiven Aber- glauben hinaus. Es verehrt nur drei Hauptgottheiten – Sonne, Erde und Wasser – und raucht das erwähnte Kraut nur um seiner heilsamen Eigenschaften willen. Als Hayonwatha sah, daß ich begierig darauf war, mehr von seinem Volk zu erfahren, zeigte er jedes- mal, wenn ein Mitglied vorüberging, mit dem Finger, darauf und nannte es in seiner sanft klingenden Spra- che beim Namen: »Chippeway, Yamasee, Otali, Nashee, Shawano ...« Während die Menschen vorbeigingen, hatte ich ge- nügend Zeit, sie mir ausgiebig anzuschauen, und ich stellte gewisse Unterschiede in der Färbung und Be- waffnung fest. Hayonwatha erklärte mir, daß sie ver- schiedene Nationen angehörten. Dann machte er mit den Armen eine ausschweifende Geste, als wolle er sie alle umschließen, und sprach: »Tlapallicos!« Un- mittelbar darauf verfiel er in eine trübe, grüblerische Stimmung, als bereite ihm dieser Gedanke Kopf- schmerzen. Ich tippte ihm auf die Brust und wiederholte mit fragendem Unterton: »Tlapallico?« Er fuhr auf, die Augen blitzten, und die kräftige rechte Hand fuhr zum Gürtel, wo sein Beil steckte. »Onondagaono!« rief er und schlug sich auf die Brust, als sei er zutiefst beleidigt. Dann lächelte er und wiederholte zweimal hintereinander: »Ononda- gaono!«, wohl um sicherzugehen, daß ich mich nicht erneut irrte. Beim zweitenmal ließ er jedoch die End- silbe ›ono‹ weg, woraus ich schloß, daß es als Be- zeichnung für einen Stamm, eine Familie oder eine Rasse diente und nicht für ein Individuum. Ich zeigte auf meine Kameraden und sagte: »Rö- mer.« Er wiederholte das Wort mehrmals, um es in seinem Gedächtnis zu verankern. »Tlapallicos?« fragte ich erneut und zeigte auf ein paar Gefangene, die größtenteils verwundet waren und scharf bewacht am Ende des Zuges gingen. »Calusas!« sagte er mit grimmigem Unterton und spie einen der so Bezeichneten im Vorbeigehen an,, um seine Verachtung auszudrücken. »Chichamecs!« Ebenso hätte ich sagen können: »Sachsen – Barba- ren!« Und doch mußten sich die Tlapallicos, ein halbzi- vilisiertes und vergleichsweise diszipliniert wirken- des Volk, gegen die Eingeborenen der Region und gegen ihre Nachbarn, die Carankawas, zur Wehr set- zen, indem sie Ausfälle machten oder sich in einem Lager einigelten, das von hohen Erdwällen und Holzpalisaden geschützt war. Als der Zug vorbei war, bildeten wir den Schluß und folgten den Männern quer über die Lichtung. Wir stiegen die Erdrampe hinauf, durchschritten ein Tor in der Palisade, und dann befanden wir uns in Fort Chipam. Innerhalb der Umzäunung befanden sich zahlreiche Hütten – größtenteils recht wacklig aussehende Konstruktionen aus Schilfgeflecht, mit Lehm verputzt; einige jedoch bestanden aus Pfahlge- rüsten, die man über Stellen mit abgesenktem Boden errichtet hatte und mit breiten Platten aus Borke oder Tierhäuten verkleidet hatte. Genau im Zentrum des Platzes standen zwei Holz- gebäude, ein kleines und ein großes. Das kleine war das Wohnhaus des Anführers und das große, dessen Türen und Fenster verriegelt werden konnten, das Gefängnis des Forts. Dort wurden wir nun hineingetrieben. »Weik- waum«, sagte Hayonwatha, und dann wurden die Öffnungen zugesperrt. Hier verbrachten unsere fünf- zig Mann die Nacht. Kurz vor der Dunkelheit beka- men wir jedoch noch etwas zu essen: geschmortes Wild und Bärenfleisch, das mit den gelben Körnern des Teocentli zu einem schmackhaften Eintopf zube-, reitet war dazu kleine schwarze Bohnen. Es war sehr gut und üppig. Nach dem Essen schliefen einige von uns. Ich jedoch fand keine Ruhe, ebensowenig wie Myrdhinn. Nahezu während der ganzen Nacht starrten wir durch die verriegelten Fenster auf die gespenstische Szene, die sich auf dem Paradeplatz abspielte, wo die gefangenen Calusas zu Tode gefoltert wurden, um die Manen der Tlapallicos zu besänftigen, die in der vorausgegangenen Schlacht gefallen waren. Verstümmelt, über dem Feuer geröstet und skal- piert starben sie bis zum letzten Mann, wobei sie bis zum Schluß ihre Peiniger verspotteten und mit her- ausfordernden Gesängen verhöhnten. Tage später sah ich ihre Schädel auf den Spitzen der Palisade – eine Demonstration der Stärke und eine Warnung an et- waige Späher, daß dasselbe Schicksal jeden ereile, der es wagte, sich der Macht dieses Vorpostens eines mächtigen Reiches zu widersetzen. »Hue-hue-Tlapallan«, so bezeichnete Hayonwatha es später mir gegenüber. »Das alte-alte rote Land!« Eine fürwahr treffende Bezeichnung. Jeder Zoll dieses Landes war rot: rot die Erde, rot die Kleidung, rot der in Blut getränkte Geist (selbst seine qualmen- den Altäre waren rot, und seine blutrünstigen Prie- ster stanken nach dem geronnenen Blut der Gefolter- ten), rot auch das Laub der Bäume an der Nordgren- ze, rot der Boden, auf dem wir lagen. Selbst die Gedanken der Menschen schienen rot ge- färbt, und ihre Wünsche und Träume waren röter als die Farbe ihrer Haut. Die untergehende Sonne färbte an jenem Abend die ganze Lichtung rot; sie übergoß Hütten und Häuser, mit rötlichem Schein; die Wälle aus roter Erde, die Schußbettungen aus rotem Pinienholz – all dies nahm einen noch blutigeren Schimmer an, der nach Son- nenuntergang seine grausige Steigerung erfuhr durch die zuckenden, blutigroten Flammen, welche die Feinde jener Sonnenanbeter verzehrten. Hätten wir damals mehr gewußt, dann hätten wir das alles leicht als ein Omen betrachtet, das unser weiteres Leben in diesem grausamen Land noch sehr stark beeinflussen sollte.,

Die Zähmung unartiger Kinder

Früh am Morgen lockte uns das Geräusch von Stim- men wieder an die Fenster. Da sahen wir, wie mehre- re Männer draußen vorbeigingen, nur leicht beklei- det, jedoch voll bewaffnet, so als wollten sie eine län- gere Strecke marschieren – oder kämpfen. Wir beobachteten, wie sie aus dem Nordtor hin- ausgelassen wurden. Sie blickten sich wachsam um und betraten dann den Wald, wo sie sich in mehrere Gruppen trennten. Wir vermuteten, daß es sich um Läufer handelte, die den Auftrag hatten, irgendeinen Monarchen von unserem Auftauchen in Kenntnis zu setzen. Offenbar hatten diese Leute großen Respekt vor den in der Gegend umherstreifenden Barbaren, denn kurz nachdem der letzte der Läufer unseren Blicken entschwunden war, bezog ein kleiner Trupp vor dem Tor Stellung für den Fall, daß einer der Kuriere, ver- folgt von den Barbaren, zurückkehrte. Doch nichts dergleichen geschah, und nachdem Dunst und Kühle des frühen Morgens angenehmer Wärme gewichen waren und man uns mit Essen ver- sorgt hatte, kehrte der Trupp wieder in seine Quartie- re zurück. Als Wache blieben lediglich je zwei auf- und abmarschierende Posten auf den Bettungen der vier Wälle, und hoch über ihnen – auf einem Turm, der zwischen dem Gefängnis und dem Haus des An- führers stand – kauerte ein weiterer Wächter, der die nähere Umgebung des Forts beobachtete., Dieser Wachtposten wurde stündlich abgelöst, und nur ein einzigesmal während unseres vierzig Tage dauernden Aufenthaltes in diesem Fort konnten wir ein kurzzeitiges Nachlassen der Wachsamkeit und Disziplin bemerken. In dem Fort herrschte ständiges Kommen und Ge- hen. Die Männer verließen die Umfriedung jedoch nur in Gruppen, die niemals kleiner als vier Mann stark waren. Manchmal kehrten sie mit geflochtenen Körben voller Fisch zurück, und zwar sowohl Salz- als Süßwasserfisch; häufig brachten sie Wild, schwar- zen oder braunen Bären, gemästet wie ein Schwein von den Beeren, die in diesen Wäldern im Überfluß wachsen. Oftmals kamen sie auch mit großen Vögeln zurück, saftigen, merkwürdig anzuschauenden Tieren mit bronzefarbenem Gefieder und roten Kehllappen – daneben gab es jedoch auch Vogelarten, die uns be- kannt waren, so zum Beispiel Tauben, Gänse, Krani- che, Moorhühner, Fasanen und viele andere genieß- bare Vögel. Ständig wurden Körbe voller Salz gebracht, die man so sorgfältig behandelte und lagerte, als handele es sich um einen kostbaren Schatz, den zu behüten man dieses Fort eigens errichtet hatte. Das Land bietet alles das, was man zum guten Le- ben braucht, in Hülle und Fülle. Ich habe Tauben in Schwärmen fliegen sehen, so dicht, daß sie die Sonne verdunkelten, und das drei volle Tage lang. Und des Nachts, während sie schliefen, konnte man in den Wald gehen und sie mühelos fangen. Man brauchte sich nicht einmal mit einem Stock zu bewaffnen, um sie totzuschlagen, sondern konnte sie mit dem ausge-, streckten Arm wie Äpfel von den Bäumen und Sträu- chern pflücken! Am nächsten Morgen jedoch gab es in dem Wald nicht mehr ein grünes Blatt; er sah aus, wie über Nacht vom Meltau befallen. Es ist in der Tat ein reiches, fruchtbares Land, das ich für Dich bereithalte, mein Kaiser! Zu jener Zeit jedoch erwartete keiner von uns et- was außer seiner täglichen Mahlzeit. Wir lebten in Furcht und Ungewißheit und erwarteten mit ängstli- cher Spannung die Rückkehr der Läufer. Welche Anweisungen würden sie bringen? Eine Woche verging, ohne daß sich irgend etwas an unserem Tagesablauf änderte. Lediglich unsere Klei- der gab man uns zurück (nicht jedoch unsere Rü- stungen und Waffen); außerdem erschien ein Medi- zinmann, der Myrdhinns zerfetzte Lippen behandel- te, meinen verletzten Arm sowie andere kleine Wun- den und Verletzungen, die sich unsere Männer bei dem Schiffbruch zugezogen hatten. Insbesondere ei- nen Mann behandelte der Arzt auf eine Art und Wei- se, die römische Ärzte sicherlich ebenso interessiert wie mich. Dieser Mann jedenfalls beklagte sich am zweiten Tag unserer Gefangenschaft über heftige Kopf- schmerzen. Am dritten Tag wurden die Beschwerden so unerträglich, daß er fortwährend stöhnte und vor Qual schrie und jammerte. Am vierten Tag stierte er uns nur noch mit fieberglänzenden Augen an, ohne einen von uns zu erkennen. Da auch Myrdhinn ihm nicht helfen konnte, hatten wir ihn schon so gut wie aufgegeben. Da jedoch er- schien der Arzt. Während ein junger Mann (sein Sohn, wie ich vermute) interessiert zuschaute, gab er, unserem Kamerad getrocknete Blätter zum Kauen und nahm selbst welche davon. Alsdann mußten vier von uns den armen Kerl an Armen und Beinen festhalten, und der Doktor machte sich an die Arbeit. Als erstes öffnete er mit einem rasiermesserschar- fen Feuerkiesel, den man hier übrigens ›Itztli‹ nennt, einen Teil der Kopfhaut und legte den Knochen frei, wobei er den Brei von seinen eigenen zerkauten Blättern auf die Wunde spie. Dann entfernte er einen Teil des Knochens, der, wie wir jetzt alle sehen konnten, zersplittert war und auf das Gehirn drückte. Die einzelnen Knochensplitter entfernte er geschickt mit Hilfe zweier Muschelschalen, die er als Pinzette benutzte. Als nächstes glättete er die Ränder des ent- standenen Loches, indem er sie mit Speichel be- schmierte, dann schnitt er mit großer Fingerfertigkeit ein genau auf das Loch passendes Stück Muschel- schale zurecht und klappte es über die Öffnung. Gleich darauf bestrich er die Wunde erneut mit Speichel und nähte den Kopfhautlappen mit Sehne wieder an. Als er fertig war, gab er uns durch Gesten zu verstehen, daß wir den Mann unter Aufsicht zu halten hätten. Dies taten wir auch zwei Tage lang, in- dem wir ihn mit dem Kopf nach unten auf ein Stroh- bett banden, das man uns brachte. Nach Ablauf die- ser zwei Tage kam er wieder zu Bewußtsein und konnte für sich selber sorgen, wenngleich er noch stark geschwächt war. Das Wunderbare an der ganzen Sache: Seine Schmerzen waren so gut wie ausgeschaltet – auch wenn er natürlich während der gesamten Operation litt – und zwar durch den Speichel auf seiner Wunde, und durch die Wirkung der Blätter, die er selbst kaute. Aus diesem Grund schicke ich Dir alle Blätter, die ich beschaffen konnte. Sie sind sehr selten und kostbar und wurden unter großen Gefahren und Mü- hen aus unwirtlichen Ländern weit unten im Süden herbeigeschafft. Ich hoffe, man identifiziert sie, wenn Du sie Deinen gebildeten Männern zur Prüfung vor- legst, so daß man ähnliche Pflanzen auch in Europa sammeln wird. Nachdem wir schon eine ganze Woche eingeker- kert waren – wobei man uns eher als respektierte Kriegsgefangene behandelte denn als Sklaven oder Feinde –, ließ man mich heraus und führte mich zum Weik-waum des Anführers. Hier begannen wir beide erneut mit dem Versuch, uns eine Verständigungsmöglichkeit zu schaffen, und da er wie ich sehr lernbegierig war, hatten wir es am Ende des Monats soweit gebracht, wenigstens einige Wörter in seiner Sprache zu wechseln, so daß wir uns verständlich machen konnten. Auch Myrdhinn er- laubte man, an diesem Unterricht teilzunehmen. Der alte Mann lernte weitaus schneller als ich, und wir beide wiederum brachten unseren Kameraden die neue Sprache bei. Während dieser Gespräche erfuhren wir sehr viel. Davon möchte ich nun einiges erzählen, weil dadurch der rasche Ablauf der folgenden Ereignisse um so besser verständlich wird. Ich möchte Dich jedoch darauf hinweisen, daß ich vieles von dem, wovon ich nun berichte, erst im Lauf einiger Jahre erfuhr. Das Land, in dem wir uns befinden, heißt Alata. Es ist auf der beigefügten Karte eingezeichnet, die ich teils nach eigenen Beobachtungen angefertigt habe,, teils nach den Erzählungen der einheimischen Händler, die große Entfernungen zu Fuß und auf dem Wasser überbrücken, da es im ganzen Land kei- ne anderen Transportmöglichkeiten gibt. Weit oben im Norden befindet sich ein Binnensee mit Süßwasser, an dessen Ufern – wie auch an der Ozeanküste – wilde Stämme leben. Diese sprechen verschiedene Sprachen und liegen, da es sich bei ih- nen um vollkommene Barbaren handelt, ständig mit- einander in Fehde. Sie werden – unabhängig davon, wie sie selbst sich bezeichnen mögen – Chichamecs genannt. Der Name ihres Landes ist Chichameca. Im Westen erstrecken sich weite Ebenen, Täler und sanft fließende Hügel, die ebenfalls von umherzie- henden Stämmen bevölkert sind ... bis ans Ende der Welt. Dieses wird markiert von einer gigantischen Gebirgskette, die für Menschen unüberwindlich ist, denn die Berge ragen bis in eine solche Höhe empor, daß die Luft dort oben derartig dünn ist, daß man sie nicht mehr atmen kann. Im Süden liegt ein heißes, dampfendes Land na- mens Alata, mit üppiger Vegetation und unange- nehmer Feuchtigkeit. Das ist die Heimat der Mias, der herrschenden Klasse des Staates Tlapallan. Von hier aus zogen die Mias nach Norden, siedelten sich in den fruchtbaren Tälern zwischen den großen Flüs- sen an, sorgten für Transportmöglichkeiten und machten riesige Landstriche urbar. Das Reich blühte, gedieh und dehnte sich immer mehr aus. Bald vertrieben die Mias die Ureinwohner in die umliegenden Wälder, wo sie ein primitives Da- sein fristeten. Sie paßten sich jedoch bald den neuen Lebensbedingungen an, wurden geschickte Jäger und, großartige Krieger, von den Tlapallicos und Mias gleichermaßen gefürchtet. Entlang der Grenzen von Tlapallan, besonders im Norden, Nordosten und Osten, zieht sich eine dichte Kette von Forts, alle stark bemannt, ständig bereit zum Angriff. Diese Forts beherrschen alle großen Flüsse, welche die Hauptverkehrsadern des Landes bilden. Es gibt eine Anzahl gut gerodeter Pfade durch die Wälder und Hügelketten, deren Pässe ebenfalls von Forts bewacht werden und auf deren Anhöhen ständig Männer patrouillieren, die in den Forts sta- tioniert sind. Diese Soldaten zollen den Chichamecs hohen Re- spekt und haben große Furcht vor ihnen, verachten sie wegen ihrer Waffen und ihrer Ausbildung und bewundern sie wegen ihres unbändigen Kampfes- muts. Entstammen sie doch derselben Rasse wie ihre Angreifer und stehen lediglich eine Stufe höher auf der Leiter der Zivilisation als die wilden Invasoren. Das System der Sklaverei funktioniert folgender- maßen: Wird jemand gefangengenommen – egal ob Mann oder Frau –, ist er sofort Sklave. Es gibt weder die Möglichkeit der Beschwerde noch den Austausch von Gefangenen, noch Freilassung. Auch Flucht ist völlig unmöglich, da der Gefangene sofort auf dem schnellsten Weg ins Landesinnere verschleppt wird. Verloren in der wimmelnden Masse von Tlapallan, macht man den Gefangenen zu einem rechtlosen Lasttier. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend muß er auf den Feldern schuften, unter strenger Auf- sicht in den Flüssen fischen oder an einem der zahl- reichen Erdwälle arbeiten (die manchmal über hun- dert Fuß hoch sind und sich über mehrere Morgen, Land erstrecken). Sie haben die Form von Pyramiden, Tieren, geometrischen Gebilden in Form abgesenkter Einfriedungen, oder es handelt sich um einfache Grabhügel. Diese mannigfaltigen Formen von Wällen und geometrischen Mustern sind der ganze Stolz und gleichzeitig auch das bestimmende Merkmal, welches Tlapallan von anderen Ländern unterscheidet. Fast alles, was dieses Volk tut, hängt in irgendeiner Form mit einem Erdwall zusammen. Die Schutzwehren der Forts mit ihren Palisaden obenauf sind ebenso aus Erde geformt wie die Deiche an den Ufern der Flüsse, auf denen die Menschen bei plötzlich eintretendem Hochwasser Schutz suchen. Diese mächtigen Flüsse treten manchmal nämlich gleichsam über Nacht über die Ufer oder verlassen ganz plötzlich ihr Bett, um am darauffolgenden Tag einen ganz anderen Verlauf zu nehmen. Andere Erdwälle wiederum bedecken die sterblichen Überre- ste berühmter Toter und sind fürwahr gewaltig. Man erzählte mir, allein für die Aufschüttung eines einzi- gen Hügels habe man fünfzig Jahre gebraucht; dabei seien – zu einer Zeit, als man sie noch nicht alle für das Urbarmachen der Felder benötigte – zweitausend Sklaven am Werk gewesen. Zwei Menschen liegen unter besagtem Hügel be- graben, doch dies ereignete sich vor so langer Zeit, daß niemand mehr ihren Namen kennt oder sich an ihre Geschichte erinnert! Den Sklaven wird natürlich kein derartiges Be- gräbnis zuteil. Sie errichten die Hügel, auf denen die Tempel gebaut werden, sie sehen die Wachtfeuer Tag und Nacht brennen, jene Brände, die mit größter, Sorgfalt gehütet werden und nur einmal im Jahr erlö- schen, um sofort wieder angezündet zu werden. Die Sklaven selbst nehmen nur auf eine – ganz bestimmte – Weise am Gotteskult teil. Sobald sie alt und schwach sind und ihre Tage als Arbeitskräfte gezählt sind, sobald sie sich von nützlichen Muskelapparaten in wertlose Esser verwandeln, steigen sie noch einmal die Tempelhügel hinauf, die sie einst mit ihrem Schweiß und ihren Tränen gesalzen haben, um dann grausam auf den Altaren geopfert zu werden, zum Ruhm der ruchlosen Götter ihrer Peiniger. Das Schicksal ihrer Kinder ist ein anderes. Sie wer- den ihren Eltern so früh wie möglich entrissen und gemäß den harten Prinzipien von Tlapallan erzogen. Von Geburt an jeglicher Liebe und Zuneigung be- raubt, entwickeln sie sich zu harten und grausamen Menschen. Die meisten der Knaben werden Soldaten; diejenigen, von denen man sich einiges verspricht, bildet man speziell zur späteren Übernahme von wichtigen Positionen aus, während das weniger be- gabte Kind oder der Krüppel den Weg seiner Eltern geht ... und später vielleicht einmal, beladen mit ei- nem schweren Korb voller Erde, auf einen hohen Erdwall hinaufstapft und einem alten Weib begegnet, das mit leerem Gerät herabwankt, ohne zu wissen, daß es seine Mutter ist ... oder er befindet sich in der Masse am Fuße des Tempels und schaut zu, wie der Priester oben beim letzten Strahl der untergehenden Sonne das noch zuckende Herz seines Vaters empor- hält, um den Göttern zu schmeicheln. Doch so hart die Arbeit dieses Unbegabten oder Krüppels auch ist, so schwer und voller Hunger auch seine Tage sind – er hat eine Hoffnung, die seinen, Eltern nie vergönnt war. Der Sohn von Sklaveneltern kann, je nach Laune seines Herrn, freigelassen wer- den, Land erwerben und kleiner Freisasse in Tlapal- lan werden. Und er darf hoffen, daß sein Sohn, der ja schon in der dritten Generation dem freien Leben im Walde entwöhnt ist, einmal Kaufmann wird, der mit Feuerkiesel handelt, mit geschmiedetem Metall oder mit Farben, mit denen die Chichamecs – seine Vettern – ihre Leiber bemalen. Wenn es dann einmal soweit ist, bringt dieser Handelsmann alle möglichen Arten von kostbaren Waren von seinen Fahrten zurück: Pelze, Perlen, sel- tenes Gefieder, Gold und Silber – sofern er nicht als wahrer Sohn Tlapallans von jenem stolzen, unbeug- samen Volk getötet wird! Obwohl die Farbe der Haut, der Schnitt des Ge- sichts und der stolze, wilde Gesichtsausdruck bei al- len Rassen sehr ähnlich sind, kann man einen Mia so- fort von einem Tlapallico unterscheiden, und zwar an der Form des Schädels. Kurz nach der Geburt binden die Mias dem Säugling kleine Bretter an den Kopf, und zwar vorn wie hinten. Dadurch wird der noch weiche Schädelknochen so geformt, daß er bisweilen an der Spitze einem Vogelnest ähnelt. Sehr häufig auch wird er so verändert, daß er nach oben spitz zuläuft. Dies macht es dem Sklaven unmöglich, sich jemals als ein Mitglied der herrschenden Klasse auszugeben. Gleichzeitig ist es ihm auch verwehrt, in diese Kaste einzuheiraten. Hayonwatha gehörte der zweiten Generation an. Er war zum Krieger erzogen worden, aber durch den ei- gentümlichen Zufall, daß man ihm seine eigene, Mutter durch ein Versehen als Erzieherin gegeben hatte, hatte er etwas von verbotener Mutterliebe mit- bekommen. Allerdings schon früh dieser Geborgen- heit beraubt, hatte er seitdem sein ganzes Leben lang einen tiefen, unversöhnlichen Haß gegen Tlapallan und die Söhne von Sklaven genährt, die den größten Teil des Soldatenvolks und der Garnisonen in den Forts ausmachten. Diese schwärende Bitterkeit war es auch, die deutlich in seiner Stimme mitschwang, als er mir die Namen der einzelnen Stämme nannte, während sie an uns bei dem Marsch vorbeigezogen waren – Stämme, von deren Existenz ihre eigenen Mitglieder selbst überhaupt nichts wußten, da man sie dazu eingesetzt hatte, Forts zu verteidigen, die weitab ihrer Heimat lagen, damit sie sich ihres eige- nen Volkes nicht bewußt wurden, von seiner Existenz nichts erfuhren und sich selbst als Fremde in einem feindlichen Land fühlten, deren einzige Freunde ihre Soldatenkameraden waren, während jeder Stamme- sangehörige in den Wäldern ringsum als Feind galt. Auf diese Weise verlor der einzelne seine Identität und wurde ein Tlapallico, ein Bürger von Tlapallan. Ausnahmen davon gab es nur wenig, wie zum Bei- spiel bei Hayonwatha, als er in einem Anflug ver- rückten Stolzes einem Fremden gegenüber, dem er sein Leben verdankte und der ihn ohnehin nicht ver- stehen konnte, sein Geburtsrecht als Bürger von Tla- pallan verleugnete und sich selbst als ›Onondaga‹ be- zeichnete – nach dem Volk seiner Mutter, das oben im Norden an den Küsten des Binnensees zu Hause war. All dies erklärte Hayonwatha Myrdhinn und mir in zahlreichen privaten Unterredungen. Er er- zählte uns auch, wie sich die Mias langsam nach, Norden vorgekämpft hatten. Ursprünglich waren sie vom Südwesten gekommen, wo es jetzt keiner Forts mehr bedurfte – einer Wüstenregion mit giftigen Brunnen und Quellen, die das Gebiet von Tlapallan von den nächsten großen Stämmen zivilisierter Völ- ker trennte. Er erzählte uns, wie die Tlapallicos Beu- tezüge durch diese ›Umstrittenen Gebiete‹ machten – mit Hilfe von Karten, auf denen sie bei ihren Mär- schen die Gewässer mit Süßwasser einzeichneten. Von diesen Raubzügen brachten sie Gefangene mit, die berühmt waren für ihr Geschick, Federschmuck anzufertigen und Decken zu weben. Er erzählte uns auch, daß einige der zahlreichen Barbarenstämme den Südwesten als ihre letzte Ruhe- stätte betrachteten, da es hieß, daß aus dieser Region alle Menschen stammten, und sie sahen daher diese Gegend als das irdische Paradies an. Aus diesem Grund richtete man auch ihre Häupter nach Südwe- sten, wenn man sie begrub; man gab ihnen all ihre Habe und ihre Waffen mit ins Grab und legte sie mit dem Gesicht nach oben, auf daß das Glück ihnen hold sei und sie sich im Reich der Toten verteidigen konnten. Myrdhinn zeigte an alledem großes Interesse, denn ihm schien es sehr wohl möglich, daß dieses irdische Paradies in der Tat der Garten Eden selbst war, dem alle Menschen entstammten, und er konnte es kaum abwarten, endlich frei zu sein und sich auf die Suche nach diesem Gelobten Land zu machen. Der Gedan- ke, daß man ihm dies vielleicht niemals gestatten würde, beunruhigte und beängstigte ihn sehr. Ich weiß nicht, wie oft er mir von vielen ihm be- kannten Religionen und Glaubensrichtungen berich-, tete, die der Überzeugung huldigten, das Paradies liege in irgendeinem geheimnisumwobenen Land des Westens, oder wie oft er mir mit der Tatsache in den Ohren lag, daß wir in südwestlicher Richtung gese- gelt waren, um dieses geheimnisvolle Land zu errei- chen. Dieser Gedanke nagte ständig an ihm und ließ ihm keine Ruhe. Nacht für Nacht, wenn die anderen längst schliefen, beobachtete ich ihn dabei, wie er an den vergitterten Fenstern unseres Gefängnisses stand und mit forschendem Blick in den Sternen irgendei- nen Hinweis zu entdecken suchte, der auf ein baldi- ges günstiges Ende unserer Gefangenschaft hindeu- tete. Aber die Sterne waren nicht sehr mitteilsam und enttäuschten ihn; einige waren uns sogar fremd und nicht dieselben wie in Britannien, woraus ich den Schluß zog, daß möglicherweise Myrdhinns Zauber- künste und Prophezeiungen uns in diesem Lande Alata nichts nutzten – da die Götter dieses Landes gegen uns waren. Myrdhinn lächelte nur, als ich ihm gegenüber diese meine Bedenken äußerte, und erwiderte: Wenn Pro- phezeiungen auch undeutlich wären, so sei seine Ma- gie überall wirksam, da sie auf fundamentalen Tatsa- chen der Wahrheit beruhe, die überall auf der Welt die gleichen blieben, und die meisten seiner Tricks basierten auf irdischen Gegenständen, die jedermann zugänglich und geläufig seien, und jeder könne sie ebenfalls anwenden, vorausgesetzt, er verfüge über die Fähigkeit, jene Kräfte zu erkennen, die in diesen Gegenständen liegen, und sie ihnen zu entlocken. »Gib mir«, fuhr er fort, »meine Bücher und meine, Materialien, und ich könnte uns alle vermittels gutar- tiger Magie hier herausholen; doch was soll ich tun, so wie ich bin – wo ich nichts als meine Kleider am Leibe trage?« »Schwarze Magie!« versetzte ich. »Probier es doch damit! Der Zweck heiligt die Mittel.« Myrdhinn schüttelte den Kopf. »Gewiß, schwarze Magie würde uns jetzt helfen. Ich könnte dieses Fort mit einem einzigen Zauber- spruch vom Erdboden blasen, doch würde ich damit meine sterbliche Seele in Gefahr bringen. Zu oft bin ich an den trüben, finsteren Abgründen der Hölle vorübergewandert! Vor langer, langer Zeit sah ich zuviel dieser Greuel und wurde dadurch gewarnt. Nie wieder werde ich schwarze Magie anwenden; es sei denn als letzten Ausweg, wenn alles andere nicht mehr hilft und das Ergebnis die mit der Anwendung verbundenen Gefahren auch rechtfertigt. Doch falls du daran zweifelst, daß ich tatsächlich über Kräfte verfüge, die uns schützen könnten – achte einmal ge- nau auf das Fenster und fürchte dich nicht, denn das, was du nun sehen wirst, ist weder weiße noch schwarze Magie, sondern ein ganz einfacher Trick, der einst in ganz Samothrake bekannt war und mit dem Eltern ihren Kindern Angst zu machen pflegten, wenn sie ungezogen waren.« Er ging ans Fenster und zwitscherte sich etwas in seinen Bart, als plötzlich aus dem Halbdunkel eine Fledermaus herangeflattert kam. Sie setzte sich auf einen der Gitterstäbe und beäugte uns. Myrdhinn streichelte ihr mit dem Zeigefinger über den seidig glänzenden Rücken, während er wiederum zwit- scherte – und das kleine Geschöpf antwortete ihm in, gleicher Weise. Gleich darauf war es wieder verschwunden, und Myrdhinn hob den Arm. »Paß auf«, flüsterte er, »und sei ganz still!« Rund um das schlafende Fort flog die Fledermaus, dreimal insgesamt. Dann verschwand sie wieder. Nun ließ Myrdhinn seinen Arm sinken und lauschte. »Hörst du es?« fragte er. Ich schüttelte den Kopf. Alles war so, wie es gewe- sen war, außer, daß sich eine leichte Brise erhoben hatte. Ich sagte es Myrdhinn, und er kicherte. »Brise? Dann hör mal genau hin!« Die Brise verwandelte sich in einen steifen Wind. Dieser schwoll zu einem Sturm an, der unser stabiles Gefängnis erzittern ließ und die solide Holzkon- struktion bedenklich zum Knarren brachte. Schreie schollen aus den Quartieren der Soldaten zu uns herüber, als die leichten Hütten und Zelte wie welkes Laub davongeweht wurden und die Soldaten sich plötzlich unter freiem Himmel wiederfanden. Doch der Sturm wurde immer noch heftiger. Alle Gefangenen waren jetzt wach. Unser Gefängnis wak- kelte und bebte bedenklich bis in seine Grundfesten. Aus dem Wald schallte das krachende Geräusch ab- knickender Bäume herüber. Wir mußten uns gegen- seitig anschreien, um uns verständlich zu machen, bis auch schließlich dies nichts mehr nützte. Und immer noch fuhr der mächtige Sturm wie ein eiserner Besen durch das Fort und wehte die losen Überreste der zerbrechlichen Weik-waums gegen die südliche Pali- sade, wo sie sich zu einem großen Haufen zusam-, menballten. Mit einemmal sahen wir über uns den schwarzen Sternenhimmel. Unser Dach hatte sich selbständig gemacht! Wie ein Herbstblatt im Winde segelte es davon und schlug mit lautem Getöse auf dem Para- deplatz auf. Im selben Moment stieg uns ein brenzli- ger Geruch in die Nase: Die Glut mehrerer Lagerfeuer war gegen die hölzernen Wände unseres Gefängnis- ses geweht worden! »Gebiete ihm Einhalt!« brüllte ich Myrdhinn an. »Du bringst uns alle um!« Myrdhinn hob den Arm, und mit einem Schlag war der Sturm wie ein Spuk verschwunden. Jetzt hörten wir vielfältiges Stöhnen und Jammern von Verletzten. Gleich darauf blitzte ein mächtiger Feuerschein auf. Die Trümmer, die sich an der Pali- sade gestapelt hatten, gingen in hellen Flammen auf, die die Nacht zum Tage machten, die Wand unseres Gefängnisses barst, und wütende Flammenzungen leckten ins Innere. Unsere Schultern gegenseitig als Leitern benutzend, stiegen wir über die gegenüber- liegende Wand ins Freie und ließen den Blick über die Verheerungen schweifen, die der Sturm im Fort angerichtet hatte. Myrdhinns ›kleiner Trick, mit dem man ungezogene Kinder erschreckt‹, hatte fürwahr ganze Arbeit geleistet! Das ganze Fort war leergefegt; keine Hütte stand mehr an ihrem Platz. Überall taumelten Verletzte umher, die andere trugen oder stützten. Ein Drittel der gesamten Besatzung war tot, und kein einziger der Überlebenden war ohne Schramme davonge- kommen (mit Ausnahme von uns, die wir ja im feste- sten Gebäude des gesamten Komplexes eingesperrt, gewesen waren). Der Aussichtsturm war heruntergekommen und direkt in das Quartier des Anführers gekracht. Zu meiner Erleichterung sah ich jedoch, wie er umher- humpelte und versuchte, die Ordnung wiederherzu- stellen. Die Palisade stand in hellen Flammen, und das ganze Lager war vor Schreck über das Unglück so gelähmt, daß sie ungehindert weiterbrannte. Keiner kam auf die Idee zu löschen. Hätten die Chichamecs in diesem Augenblick zugeschlagen, wir wären alle niedergemetzelt worden. Waffen, Proviant und Handelsgüter verbrannten in den Trümmern; lediglich ein paar Sachen, darunter unsere Habseligkeiten, waren von den Flammen ver- schont worden (sie hatten in einem Rübenkeller unter dem Quartier des Anführers gelegen; das Gebäude selbst war völlig zerstört worden). Myrdhinn schaute mich an. »Nun, wirkt die Magie der Druiden in Alata, Ven- tidius?« Ich konnte es nicht bestreiten.,

Kukulcan

Die bemerkenswerte Disziplin dieses Volkes zeigte sich sehr schnell, nachdem der erste Schock über- wunden war. Die donnernde Kommandostimme des Anführers weckte die Überlebenden schnell aus ihrer Lethargie, und sie machten sich sogleich an die Auf- räumungsarbeiten. Noch bevor die Sonne aufging, waren die Brandherde gelöscht und die Trümmer nach Waffen, Wertgegenständen und sonstigen wichtigen Dingen, die man irgendwie noch verwer- ten konnte, abgesucht. Ich selbst hatte, um auch meinen Teil dazu beizu- tragen, als Anführer meiner Gruppe Befehl gegeben, überall dort mit anzupacken, wo Hilfe gebraucht wurde. Ich dachte mir nämlich, daß eine Geste guten Willens uns allen von Nutzen sein konnte, so wie schon meine Hilfe gegenüber Hayonwatha mir diesen zum Freund gemacht und eine Reihe persönlicher Vergünstigungen gebracht hatte. Obwohl dies erneut einen Eingriff in Myrdhinns Autorität bedeutete, rief mein Handeln keine Feind- seligkeit bei ihm hervor – ganz im Gegenteil: Er stimmte mir von ganzem Herzen zu. Ich glaube, daß er sich insgeheim sehr erleichtert fühlte, daß ich das Kommando übernommen hatte, war ihm doch jegli- che Art von Pflicht, die mit Kämpfen zu tun hatte, im Grunde seines Herzens zuwider, obwohl er in Britan- nien früher selbst gekämpft hatte. Wir boten uns an, bei der Versorgung der Verwun-, deten behilflich zu sein, und bald hatten wir sie alle in unserem früheren Gefängnis zusammengetragen. Nicanor, ein Legionär, der über ein paar Kenntnisse in der Medizin verfügte, und Myrdhinn kümmerten sich um die Verletzten, bis der Arzt des Forts kam und die beiden ablöste. Unterdessen waren wir zu der Grube gegangen, in der unsere Rüstungen lagen. In dem allgemeinen Durcheinander konnten wir uns völlig unbemerkt mit Bogen und Schild, Schwert und Dolch bewaffnen. So ausstaffiert, marschierten wir zum Anführer. »Ich bitte dich, Herr«, begann ich, »empfange uns als Freunde und Verbündete in der Not. Euch allen droht tödliche Gefahr von den Männern aus dem Wald. Wir werden in die Bresche springen, bis die Palisade wieder aufgebaut ist.« Hayonwatha starrte uns verblüfft an. »Weißt du, was du tust, Atoharo? Ihr könntet ohne Schwierigkeiten entfliehen. Wir vermögen euch jetzt nicht daran zu hindern.« Ich lachte. »Und wohin sollten wir entkommen? Vielleicht zu den Chichamecs? Nein, danke! Laß uns unsere Frei- heit dadurch verdienen, daß wir uns als eure Freunde erweisen. Stell uns auf diesen gefährlichen Posten, und wenn die Barbaren angreifen, wirst du sehen, wie weiße Männer kämpfen können.« Wieder dieser merkwürdige Blick. »Gut. So soll es denn sein. Ich habe euch gewarnt. Wenn ihr es vorzieht zu bleiben, werden wir euch die Hilfe, die ihr uns erweist, nicht vergessen. Was auch immer geschehen mag – dieser Tag macht uns zu wahren Brüdern. Wann immer ich euch in Zukunft, helfen kann, werde ich es tun. Doch vergeßt eines nicht: Eure Freiheit hängt nicht von mir ab, sondern von Kukulcan!« Ich wählte zwanzig Mann aus, die zu den rauchen- den Trümmern marschierten und dort Posten bezo- gen. Sie beobachteten aufmerksam den Wald, wäh- rend wir übrigen uns in volle Rüstung warfen. Dann lösten wir die Wachen ab, die sich nun ebenfalls pan- zerten, und danach verteilten wir uns alle längs der Wälle – Bogen und Köcher griffbereit. Wie die Dinge nun lagen, war das Fort in unserer Hand – eine seltsame Laune des Schicksals, die sich ein paar Stunden zuvor keiner hätte träumen lassen. Hätten wir das bloß ausgenutzt! Kurz nach Sonnenaufgang verließ eine Gruppe von Läufern das Fort und verschwand im Wald, und ge- gen Mittag rückte eine Abteilung Soldaten von Fort Wiatosa an, dem nächstliegenden Stützpunkt, be- gleitet von einer Gruppe schwer beladener Sklaven, die keuchend und erschöpft an uns vorüberstapften. Du hättest sehen sollen, wie jene kupferfarbenen Krieger sich um Atlatl und Pfeile, Lanzen und Speere, Knochen, Feuersteine und Muschelmesser rissen! Und wie stolz sie einherstolzierten, als sie endlich wieder ordentlich bewaffnet waren und sich als voll- wertige Männer fühlen konnten! Und in dem Maße, wie ihre Stimmung stieg, sank die unsrige. Wachtposten marschierten auf und übernahmen unsere Position auf Erdwällen und Brüstungen. Wir stellten uns in Reihe und Glied auf dem Paradeplatz auf und warteten erst einmal ab. Bald darauf kam Hayonwatha zu uns, begleitet von einer Gruppe seiner Offiziere. Wir beobachteten sie, mit Spannung. Wie würden ihre Befehle lauten? Die Männer hinter mir murmelten erregt. Mußten wir wieder ins Gefängnis? Freiwillig würde keiner der Männer dorthin zurückkehren, das wußte ich. Myrdhinn und Nicanor kamen aus dem Gefängnis gerannt, um zu hören, was los sei. Ich trat fünf Schritte vor, löste Schwert und Scheide vom Gürtel und hielt sie Hayonwatha entgegen. Dieser jedoch hob die Hand zu einer würdigen Geste der Weige- rung. »Leg deine Waffe wieder an, Atoharo. Dieser Tag hat dir einen Platz unter den Unsrigen eingebracht. Laßt uns ein Volk sein und nicht mehr von Fängern und Gefangenen reden, bis ich die Anweisungen er- halten habe, um die ich nach eurer Ankunft bat. Und nun nimm dies als Zeichen unserer Freundschaft.« Ein Offizier reichte ihm eine Halskette, ähnlich der, die er selbst trug: Sie bestand aus mehreren Schnüren und glänzte vor Perlen, Elch- und Bärenzähnen, Gold- und Glimmerperlen. Ich nahm meinen Helm ab, und der Anführer hängte mir den kostbaren Schmuck um den Hals. Ich salutierte. Myrdhinn kehrte zurück zu seinen Verwundeten (wobei er belustigt in seinen Bart grin- ste), und dann löste unsere Gruppe sich auf. Jener Tag klang für uns mit Frohsinn aus; gab es doch nicht einen unter den Männern – ganz gleich, ob Tlapallico oder Brite –, der es nicht zu schätzen wuß- te, wieder seine gewohnten Waffen an der Seite zu spüren. Ich erzählte Dir bereits, mein Kaiser, wie sehr sich die Tlapallicos freuten, als sie wieder Waffen trugen – doch stell Dir erst einmal die Freude unserer Männer vor, die so viel länger auf die Berührung gu-, ten Stahls und kräftiger Bogen hatten verzichten müssen! Und vergegenwärtige Dir, wie wir durchs Lager schritten: wie Götter auf Erden, glitzernd und klirrend im Schein der Lagerfeuer, jedem willkom- men, die Helden des Tages – und Myrdhinn, der Mann, dem wir alles zu verdanken hatten, diskret im Hintergrund, wunderschön gewandet, beobachtete er still die Sterne und blickte versonnen in die Zukunft. Ich will hier nicht im einzelnen berichten, wie wir während der folgenden Tage die Eingeborenen mit unseren Bogen in Erstaunen versetzten, deren tödli- che Zielsicherheit sie zum erstenmal in ihrem Leben bewundern konnten. Ich schärfte meinen Leuten ein, darauf zu achten, daß sie den Bogen nicht allzu stark spannten, damit die geballte Kraft, die in dieser Waffe steckte, nicht offenbar werde. Um keinen Preis sollten sie weiter schießen, als die Reichweite der Atlatl war – um nicht unsere wahre Schlagkraft offenzulegen und um unsere Reserven geheimzuhalten. Und als unsere Gastgeber den Wunsch äußerten, selbst Bogen anzufertigen und unsere Waffen nach- zumachen, wählten wir zu diesem Zweck mit Be- dacht nur in bescheidenem Maß brauchbares Holz aus und waren auch nicht allzusehr erpicht darauf, ihnen den korrekten Griff und die richtige Haltung der Finger beim Loslassen der Sehne zu zeigen. Nach einer Weile griffen die Tlapallicos dann auch wieder auf ihre gewohnten Atlatl zurück, zufrieden darüber, daß sie uns an Reichweite damit gleichka- men, wenngleich auch nicht ganz an Treffsicherheit. Genau das hatten wir ja auch beabsichtigt. Gemeinsam gingen Männer aus meiner Gruppe mit den Tlapallicos in den Wald, wo sie ihre Schleudern, mit den unseren bei der Jagd auf Kleinwild maßen, und auch hier besiegten sie uns auf der ganzen Linie. Wir besuchten Fort Wiatosa und stellten fest, daß es mit Fort Chipam völlig identisch war; wir gingen fischen und sahen wieder das Wrack der Prydwen. Das Heck lag etwa zehn Fuß unter der Wasserober- fläche und glitzerte wunderschön in den Strahlen der Sonne, und es gab wohl keinen unter uns, der nicht bei dem Gedanken an ihre vergangenen ruhmvollen Tage Wehmut und Trauer empfand. Erst sehr spät, nämlich zu einem Zeitpunkt, da die Schäden längst wieder beseitigt waren, erfuhren die Chichamecs von der Zerstörung des Forts. Wutent- brannt griffen sie uns an und warfen sich mit Todes- verachtung dem Pfeilhagel, der sie empfing, entge- gen. Es gelang ihnen sogar, sich den Zugang zum Fort zu erzwingen, jedoch nur, um sogleich an Stahl und Stein zu verbluten. Die Überlebenden zogen sich wie verwundete Bären mit blutigen Nasen grimmig knurrend in die Wälder zurück, doch waren sie kei- nesfalls vernichtend geschlagen oder eingeschüchtert. Eines Morgens – etwa zwei Monate waren inzwi- schen vergangen – signalisierte der Wächter auf dem Turm verdächtige Bewegungen im Wald. Kurz dar- auf marschierte eine Truppe von etwa hundert Be- waffneten auf die Lichtung. Dort formierten sie sich in Marschsäulen zu je vier Mann nebeneinander und salutierten. Die Tore schwangen sofort auf, und sie kamen her- einmarschiert. Der Offizier überreichte Hayonwatha als Beglaubigungsurkunde einen mit glitzernden Perlen besetzten Gürtel. Dieser Gürtel wies den Besit- zer als den neuen Kommandanten des Forts aus, und, der Befehl, den er überbrachte, besagte, daß zwei Drittel der Garnisonsbesatzung unter Führung Hayonwathas uns auf der Stelle in die Hauptstadt von Tlapallan zu geleiten hätten. Ich wußte dies natürlich zuerst nicht und war über- rascht, Hayonwatha recht mürrisch und kurzange- bunden anzutreffen, denn mir gegenüber war er nie der brutale Söldner gewesen, als den seine Männer ihn kannten. Es war mir nicht möglich, Näheres aus ihm herauszubekommen. Seine Haltung verriet mir, daß irgendwelche geheimen Befehle etwas an unse- rem Verhältnis geändert haben mußten. »Zumindest«, sagte ich ziemlich gereizt, »kannst du uns verraten, wohin wir gebracht werden sollen, wenn du dich schon weigerst, uns über unser weite- res Schicksal Auskunft zu geben.« »Ihr brecht bei Tagesanbruch auf. Wir gehen nach Kukulcan. Ihr werdet vor Gericht gestellt.« »Wer oder was ist Kukulcan?« Er schien mich überhaupt nicht zu hören, sondern setzte sich auf seine Bank, vergrub den Kopf in den Händen und rief in einem Ton höchster Verzweiflung aus: »Kukulcan! Kukulcan!« Ich ließ ihn allein und zerbrach mir den Kopf, denn ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was Kukulcan war: eine Stadt, ein Land – vielleicht auch der Name eines Herrschers. Ich wußte es nicht.,

Die Stadt der Schlange

Es lag ein Hauch von Frost in der Luft, als wir am nächsten Morgen aufbrachen. Der Herbst näherte sich jetzt mit raschem Schritt, und während wir auf gut markierten, von unzähligen Füßen plattgetretenen Pfaden in Richtung Nordwesten marschierten, be- gannen wir allmählich die empfindliche Kühle zu spüren und waren jedesmal froh, wenn wir das Nachtquartier erreicht hatten. Dieses boten uns die Forts. Nacht folgte auf Nacht, doch jedesmal, wenn der Tag allmählich zu verblas- sen begann, erreichten wir wieder ein neues Glied in dieser gigantischen Kette von Befestigungsanlagen, die die langen Grenzen Tlapallans vor Invasoren schützen. Auch wenn die einzelnen Forts nicht durch einen Hadrianswall miteinander verbunden waren, so war dieses Befestigungssystem doch sicher ebenso wirksam wie das Britanniens, denn die Mias brauch- ten keinen organisierten Überfall zu befürchten. Die Chichamecs bekriegten sich selbst ständig unterein- ander; sie waren in zahllose Stämme zersplittert und hatten ebenso viele Sprachen und Dialekte, obschon es Fremden mit einigem Geschick gelang, sich mit Händen und Füßen verständlich zu machen. Wir wurden von einem Fort zum anderen weiter- gereicht. Man versorgte uns mit Nahrung und belud uns reichlich mit Waren, die wir dann bis zur näch- sten Station mitschleppen mußten: zum Beispiel Pfei- fenköpfe von den Steinschnitzern, Häute und Felle, von den Jägern und Fallenstellern, Schmuck und lose Perlen von den Bachfischern. Und als wir an den gro- ßen Glimmersteinbergwerken vorbeikamen, schloß sich unserem Zug eine Gruppe von Männern an, die auf mit Gras gepolsterten Tragen herrlich bearbeitete und polierte Scheiben und Tafeln aus Glimmer trans- portierten. Einige dieser Scheiben maßen wohl an die drei Fuß im Durchmesser. Vermutlich waren sie als Spiegel gedacht, die das Heim irgendeines Edlen verzieren sollten; denn auf dem Rücken von Sklaven ritten mehrere Angehörige der herrschenden Klasse dem Zug hinterher. Es handelte sich bei diesen Edlen um Abkömmlinge der alten Mias, und man sah ihnen an, daß sie zu nichts anderem taugten als zu herrschen und zu unterdrücken. Zusammen mit den Sklaven und ihren Herren kam unser Zug schließlich auf die stolze Zahl von nahezu dreihundert Mann – eine schwere Belastung für die Vorratskammern der Forts, die uns ja schließlich alle- samt beköstigen mußten. Schließlich wurde unsere ursprüngliche Gruppe wieder von den neu Hinzuge- kommenen getrennt, die als Gruppe für sich ziehen mußten, während wir zügig weitermarschierten, da wir nun nichts mehr zu tragen hatten außer unseren Rüstungen und Waffen, wenngleich die Sklaven, die uns nach wie vor begleiteten, schwer unter den Me- tallasten (die ausschließlich vom Wrack der Prydwen stammten) zu keuchen hatten. Während der ganzen Zeit hatte man uns gestattet, unsere Waffen zu tra- gen. Das gab uns Mut und linderte ein wenig die Furcht. Kälter, kürzer und trüber wurden jetzt die Tage., Gelegentlich legte sich schon eine dünne Schnee- schicht auf die Erde, und schließlich gab man uns Fellumhänge zum Anziehen. Des Nachts schliefen wir recht bequem, eingehüllt in Bärenfelle. Und weiter ging unser Marsch durch das Wald- land; wir stiegen über Berge, durchwanderten Täler, wateten in Flüssen oder überquerten sie auf Flößen. Dabei durchmaßen wir solch riesige Waldgebiete, daß Anderida, Britanniens mächtigster Wald, mit- samt seinen von Kobolden heimgesuchten Ruinen sich verloren vorgekommen wäre, hätte man ihn in eine dieser riesigen Talebenen versetzt. Einmal fuh- ren wir in Booten, die wir aus Rinde gefertigt hatten, auf einem breiten Strom etwa hundert Meilen fluß- aufwärts, und während der ganzen Fahrt sahen wir nicht eine einzige natürliche Öffnung in dem Baum- vorhang, der auf beiden Seiten des Flusses bis dicht ans Ufer heranreichte. Kein Rauchwölkchen war zu sehen, nichts wies darauf hin, daß hier Menschen wohnten. Lebenszeichen sahen wir immer nur dann, wenn wir uns einem der Forts näherten, die diese breite Wasserstraße für die Bürger von Tlapallan be- schützten. Wir wurden schlank und muskulös, da wir niemals weder richtig hungrig noch richtig satt waren. Nach unendlich lang erscheinender Fahrt kamen wir schließlich an einen unvorstellbar breiten Fluß, wo man uns (an einem Fort, versteht sich) mit tauglichen Schiffen versah, die uns zum Endpunkt unserer Reise bringen sollten. Hier erfuhren wir auch, daß die Waldmärsche endlich hinter uns lagen. Unsere Wanderung war uns in der Tat leicht ge- macht worden: Alle Pfade hatte man uns geebnet,, und wir bewegten uns inzwischen durch diese stra- ßenlose Wildnis wie Postreiter, die zuversichtlich die Straßen des römischen Imperiums entlangsprengen, immer gewiß, das Pferd, sobald nötig, wechseln zu können oder eine Herberge zu finden, wo man seine müden Glieder strecken kann, um dann am nächsten Tag frisch und gestärkt seine Botschaft weiterzutra- gen. Wir weißen Männer lernten sehr bald, die Art und Weise, in der dieses ungeheure Land verwaltet wur- de, mit Respekt zu betrachten, besonders als wir die riesige Anzahl von Booten sahen, die am Morgen un- serer Abreise in der flachen Bucht schaukelten. »Ohion«, sagte Hayonwatha und deutete auf den Fluß. »Dort hinten, stromaufwärts, mehrere Tagesrei- sen von hier entfernt, liegt die Stadt der Schlange und Kukulcan.« Wir stießen durch den dünnen Eissaum am Ufer des Flusses und hielten auf die Strommitte zu. Wach- same Späher setzten sich an unsere Spitze, und die letzte Etappe unserer langen Reise begann. Bisweilen sahen wir Tiere, die völlig arglos ans Ufer kamen und dort ihren Durst stillten: Wölfe, Bä- ren, große Wildrinder mit Höckern auf dem Rücken, zottigem Haar und kurzen, spitzen Hörnern. Und immer wieder sahen wir gewaltige Elche mit mächtigen Schaufelgeweihen oder den mähnenlosen Löwen, der die Elche gern reißt. Sein langer Schwanz peitschte wild hin und her, als er uns seinen Haß ent- gegenbrüllte, bevor er mit einem mächtigen Satz wieder im Wald verschwunden war. Zahlreiche Baumarten konnten wir in den Wäldern ausmachen, unter anderem Ahorn, Eiche, Birke, Bu-, che und Kiefer, deren Laubwerk größtenteils vom Frost verwelkt war, obwohl einige noch scharlachrote Blätter trugen. Immer wenn wir anlegten, um Rast zu machen, gab man uns sonderbare Nüsse, die ganz hervorragend schmeckten, und zum Nachtisch be- kamen wir von den leicht rauchig schmeckenden wilden Trauben, die hier im Überfluß wuchsen. Ein reiches Land in der Tat, mein Kaiser, ein Land, das von Reichtum überquillt für den, der es besitzt! Schließlich rückte der Waldsaum immer weiter vom Ufer ab, denn wir hatten die Grenzgebiete hinter uns gelassen. Entlang der Flußufer zeigten sich Lich- tungen – jede mit ihren Erdhügeln, ihren Forts, ihren Äckern und ihren vielen, vielen dienstbaren Geistern, die unsere weiße Haut, als wir vorbeifuhren, mit tö- richten Blicken neugierig bestaunten, bis die Peit- schen der Aufseher knallend über ihre vernarbten Rücken zuckten. Mit kaum einem Funken von Rebel- lion in den schwarzen Augen nahmen sie ihre Bündel wieder auf und schickten sich an, weiter Erdhügel zu errichten oder die, die schon fertig waren, zu vergrö- ßern. Die Lichtungen verbreiterten sich zu Wiesen und Moorland, die Forts wuchsen zu eingefriedeten Städten, die von Zitadellen beschirmt wurden – alles ohne jegliches Mauerwerk aus Stein, allein aus von Palisaden gekrönten Erdwällen errichtet, doch völlig uneinnehmbar für jeden Feind. Eines Tages verließen wir diesen Ohion und bogen auf einen Nebenfluß ab. Bald darauf erreichten wir die wichtigste, wenn auch nicht größte Stadt Tlapal- lans. Es war die höchst eindrucksvolle, blutbefleckte Stadt der Schlange., Als wir den Hauptstrom hinaufgefahren waren, hatten wir häufig Rauchsäulen vor uns aufsteigen se- hen, die immer wieder in bestimmten Abständen, welche ständig wechselten, abrissen. Unsere Freunde erzählten uns, daß auf diese Weise die Kunde von unserer Ankunft von Dorf zu Dorf getragen wurde. Hier, an den Ufern des Nebenflusses, fiel uns auf, daß die Flecken und Dörfer nicht mehr von befestig- ten Umfriedungen geschützt waren. Wir schlossen daraus, daß wir in eine Gegend vorgedrungen waren, wo die Gefahr, von Barbaren angegriffen zu werden, höchst gering war. Doch bald darauf mußten wir fest- stellen, daß wir uns geirrt hatten – wir sahen einen langen Erdwall, der sich über einen schmalen Grat er- streckte, und zwar genau an der Mündungsstelle zweier Flüsse. Als der Wall uns zum erstenmal ins Auge fiel, ver- blüffte uns seine Ähnlichkeit mit einer Schlange, wo- bei das Abbild jedoch größer war als jede Schlange, die je über die Erde kroch. Er erstreckte sich über mehr als eine Viertelmeile. Hätte man die ausge- dehnten, wellenförmigen Bögen begradigt, die gleichzeitig fortähnliche Einfriedungen darstellten, dann wäre er noch weitaus länger gewesen. Der ›Körper‹ des Walls selbst maß etwa dreißig Fuß in der Breite, obwohl er, vom Boden aus gemes- sen, nicht höher ist als ein großgewachsener Mann. In seinen Einfriedungen fänden im Ernstfall alle Be- wohner der ungeschützten Dörfer längs der kleinen Flüsse Zuflucht. Der ›Schwanz‹ lag nahe dem einen Fluß, der Kopf nahe dem anderen. Auf dem Rücken des Dammes standen Blockhäuser, die untereinander mit Palisaden verbunden waren. Auf diese Weise ent-, stand ein durchgehender Wall, der an keiner Stelle niedriger als zwanzig Fuß war. An den drei Toren be- fanden sich befestigte Außenwerke, die nahezu un- einnehmbar schienen. Als wir an der Außenseite dieser imposanten Befe- stigungsanlage entlangmarschierten, sahen wir, daß jeder verfügbare Platz auf den Dächern und Palisa- den von Schaulustigen bevölkert war. Sie beobachte- ten uns zwar, grüßten aber nicht und folgten uns auch nicht auf dem Wall, sondern blieben wie ange- wurzelt stehen, bis wir außer Sichtweite waren. Diese mehr als kühle Begrüßung gab uns zu denken, und langsam wurde uns unbehaglich zumute. Dieses Unbehagen verflüchtigte sich keineswegs, als auf Hayonwathas Befehl die Tlapallicos sich in zwei Marschgruppen teilten, die sich links und rechts von uns aufstellten. Solchermaßen eskortiert, näher- ten wir uns jetzt dem Stadttor am Maul der Schlange. Seine Kiefer waren weit geöffnet, und hinter den Au- ßenwerken konnten wir einen weiteren Erdhügel er- kennen, von der Form her oval, gekrönt mit einem Dach oder Pavillon aus Holz. Wir bemerkten, daß sich an seinem anderen Ende ebenfalls ein weit geöff- netes Schlangenmaul befand, das das Oval vollkom- men umschloß; dieser Schlangenkopf hatte jedoch keinen Körper – da nämlich der Strom, der ganz nahe vorbeifloß, eine weitere Ausdehnung des Erdwalles verhinderte. Völlig im unklaren darüber, ob wir nun Gefangene waren oder willkommene Gäste, schritten wir fünfzig Römer, eingerahmt von unserer Eskorte, auf das weit geöffnete Tor zu. Etwa hundert Fuß davor blieb unse- re lange Marschsäule stehen. Der Trompeter blies ein, Signal aus seinem Instrument aus Muschelschalen; dann trat gemessenen Schrittes eine Gruppe von Männern auf uns zu, um uns in Empfang zu nehmen. Eine Abteilung Krieger nach der anderen marschierte nun auf uns zu, teilte sich vor uns und bezog wortlos neben und hinter uns Stellung. Wir waren umzingelt! Die bösen Vorahnungen in mir wurden stärker, und ich ließ möglichst unauffällig die Parole durch- geben, uns auf das Schlimmste gefaßt zu machen. Ich hörte hinter mir das Klirren von Stahl in der Scheide, das knackende Geräusch von Bogensehnen, die ge- spannt wurden, das Rasseln von Pfeilen im Köcher und fühlte mich gleich etwas wohler. Vielleicht waren wir dem Untergang geweiht – aber wir würden tapfer sterben! Jetzt trugen Sklaven eine Sänfte durch das Tor, und wir sahen, wie sich ein korpulenter Mann von grau- samem Aussehen schwerfällig darin aufrichtete. Was seine Körpergröße betraf, konnte er in der Tat als Riese gelten, denn als er stand, maß er wohl an die acht Fuß (er war, wie ich später erfuhr, einmal der größte Kämpfer seines Volkes gewesen). Die schwe- ren Geweihsprossen aus Kupfer auf seinem Helm lie- ßen ihn noch gewaltiger erscheinen. Doch hatten Al- ter und Laster die ursprünglich markanten Linien seines Gesichts und seines Körpers verwischt, so daß er nur noch aufgedunsen und feist erschien. Anstelle eines Zepters trug er einen sehr kunstvoll gearbeite- ten Speer, dessen kupferne Spitze mehr zu wiegen schien als die Axt eines Holzfällers. Sein Gewand war, wie man uns später erzählte, aus reinem Men- schenhaar gewoben! Die Speere knallten zum Salut auf den Boden., »Kukulcan!« murmelte Hayonwatha leise. Alle roten Männer verneigten sich tief zur Begrüßung. Hayonwatha nahm Myrdhinn beim Arm und führte ihn zur Sänfte. Dort sank er auf die Knie und berührte mit der Stirn die Erde. Myrdhinn trat stolz einen Schritt zurück, und das Gesicht des Monarchen lief purpurrot an. Augenblicklich stürzten sich Sklaven auf Myrdhinn, rissen ihm sein Gewand vom Leib und schleuderten ihn zu Boden. Ich drehte mich zu mei- nen Leuten um, spürte im selben Moment einen fürchterlichen Schlag, und während ich benommen zu Boden taumelte, sah ich, wie meine Kameraden, ebenfalls von Schlägen getroffen, die von allen Seiten auf sie einprasselten, einer nach dem anderen zu Bo- den gingen. Ich hörte, wie die Bewaffneten auf uns losstürzten und uns angriffen! Mit diesem Bild vor meinen Augen, den Kriegs- schreien von Freund und Feind, die mir in den Ohren gellten, fühlte ich, wie mir das warme Blut unter dem Panzer den Rücken hinabrann, und spürte den Staub der Erde in meinem Mund. Dies ist der Tod! dachte ich. In Gedanken verfluchte ich jenen falschen Freund, der getan hatte, als sei er mein Blutsbruder, mit der einzigen Absicht, uns end- gültig in die Falle zu locken. Ich fühlte, wie man auf mir herumtrampelte, doch spürte ich keinen Schmerz. Das einzige, was ich noch merkte: daß die Erde sich unter mir öffnete und ich in einen schwarzen, unend- lich tiefen Schlund fiel.,

Die Schlange und das Ei

Das nächste, was ich bemerkte, war tiefe Dunkelheit um mich herum. Dann spürte ich, daß ich in einer La- che kalten Wassers lag. Ich versuchte, mich aus der Pfütze herauszurollen, und vernahm ein Stöhnen. Ich war wieder klar genug, um zu wissen, daß ich selbst diesen Schmerzenslaut ausstieß. Gleich darauf verlor ich erneut das Bewußtsein, denn ohne Unterbrechung war es plötzlich hell, und ich konnte wieder sehen. Doch es war nicht das Tageslicht. Und es war auch nicht die gute, würzige Luft, die man unter freiem Himmel atmet. Wie Maulwürfe lagen wir unter der Erde, meine Männer und ich. Sie kauerten niedergeschlagen dicht beieinander, während andere Gruppen von Gefange- nen, kupferfarbene Eingeborene, ebenfalls beieinan- der hockten und uns neugierige Blicke zuwarfen. Wir waren alle völlig nackt und zitterten vor Kälte in un- serem feuchten Verlies. Schließlich war es inzwischen Winter! Während ich so lag, fragte ich mich, ob dies wohl die Hinrichtungsart war, die man uns zuge- dacht hatte – den Tod durch Erfrieren. Nun vernahm ich aus der Ferne Geräusche, und als ich aufblickte, schauten meine schmerzenden Augen direkt in den gleißenden Schein von Fackeln, die durch ein Gitter aus soliden Eichenstämmen herein- leuchteten, die quer über dem Eingang unseres Ver- lieses lagen. Kurz darauf wurde das Gitter zur Seite geschoben, und ein Offizier betrat – begleitet von, zwei Wächtern mit Fackeln, die den Keller noch deutlicher erhellten – das Verlies. Der Offizier schritt mit verächtlichem Blick an uns vorbei. Man konnte deutlich sehen, daß er uns etwa so betrachtete wie ein Bauer seine Schafe. Ohne die geringsten Anzeichen von Furcht schritt er die Wän- de der riesigen unterirdischen Kammer ab und prüfte sorgfältig, ob nicht jemand heimlich den Versuch unternommen hatte, sich einen Tunnel zu graben. Zufrieden ob der Tatsache, daß sich keine Spuren etwaiger Tunnelbauten zeigten, kehrte er wieder zum Eingang zurück, bellte irgendwelche Befehle, und so- gleich betraten Sklaven mit dampfenden Eimern das Verlies, schütteten ihren Inhalt in lange Mulden und verschwanden. Das Gitter glitt wieder zurück, die Riegel schnappten in ihre vorgesehene Stellung, und wir waren erneut allein in unserer Höhle. Angewidert von dem Geräusch sich am Trog um das Fressen bal- gender Schweine, wie es die Männer verursachten, die nun um die Brocken kämpften, rollte ich mich so zur Seite, daß mein Gesicht im Wasser lag, und hoffte auf den Tod. Eine Hand strich mir sanft über den Kopf, und eine freundliche Stimme sagte: »Mein armer Freund!« Ich drehte mich um. Es war Myrdhinn. Dürr und knochig, wie er war, nur noch bekleidet mit seinem langen Bart, strahlte er immer noch Würde aus. »Steh auf und iß! Sammle Kraft und raffe deinen Mut zusammen! Dies ist noch längst nicht das Ende!« In diesem Augenblick erst sah ich, wer da bei ihm stand: kein anderer als Hayonwatha, der uns in diese Falle gelockt hatte – mein Blutsbruder!, »Verräter! Judas!« krächzte ich und machte den Versuch, aufzustehen, um ihn niederzuschlagen. Doch ich war sogar zu schwach, Myrdhinns Hand, die mich zurückhielt, beiseite zu schlagen. »Iß!« wiederholte er. »Unser Freund ist ebenfalls als Gefangener hier – und zusammen mit uns zum Tode verurteilt. Wir werden dir alles erklären, wäh- rend du neue Kräfte sammelst. Hab Vertrauen in ihn. Seine Zukunft ist eng mit der unsrigen verknüpft; uns erwartet das gleiche Los.« Nun, wenigstens Myrdhinn vertraute ich. Ich schlang dicken Brei aus Korn und Bohnen in mich hinein, den Hayonwathas zu einer Schüssel geformte Hände mir darbot. Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle erwürgt! Als ich fertig war, spürte ich, auf die Ellbogen gestützt, wie in meinen geschwächten Kör- per wieder Leben zurückkehrte. Auch das Pochen in meinem Kopf war nun nicht mehr so heftig. Ich erfuhr, daß das Gesetz bei diesen Barbaren streng befolgt wurde. Wer es brach, wurde mit dem Tod bestraft. Sein eherner Kodex war so unerbittlich, daß auch schon die geringfügigste Abweichung als schlimmer Verstoß geahndet wurde. Dieses Gesetz nun hatte Hayonwatha wissentlich gebrochen, indem er uns bei unserer Ankunft bekleidet und in Waffen vor den Monarchen gebracht hatte, obwohl zwingend vorgeschrieben war, Gefangene nackt, gefesselt und unbewaffnet vorzuführen. Hayonwatha, der geglaubt hatte, wir würden als Freunde empfangen und behandelt, da wir seine Freundschaft errungen hatten, war zutiefst bestürzt, als er sah, wie man Myrdhinn behandelte. Dieser wiederum hatte schwere Schuld auf sich, geladen durch seine Weigerung, sich vor einem Men- schen zu verbeugen, den er selbst als unter ihm ste- hend ansah, der jedoch von diesem Volk als fleisch- gewordener Gott betrachtet wird – als der Herr des Meeres, des Himmels und der Erde. Durch seine freundliche Behandlung uns gegen- über hatte Hayonwatha seine ihm widerruflich er- teilten Bürgerrechte verwirkt (widerruflich deshalb, weil er erst der zweiten Generation von Freien ange- hörte) und mit ihm alle seine Leute – weil sie sich nicht gegen ihn erhoben und auf der Stelle einen neu- en Oberbefehlshaber gefordert hatten. All dies war während unserer Reise durch Rauchsignale in die Hauptstadt übermittelt worden. Und so kam es, daß wir völlig ahnungslos in das längst geplante Verder- ben stolperten – obwohl Hayonwatha bereits Ver- dacht geschöpft hatte, als die Garnison des Forts ab- gelöst wurde. Der Befehl, den man ihm überbracht hatte, lautete, uns als Gefangene in die Hauptstadt zu bringen. Aus diesem Grund hatten sich seine Männer auch so aufgestellt, daß man uns ergreifen konnte, ohne Gewalt dabei anzuwenden. Jedoch hatten sie nicht im geringsten geahnt, daß sie selbst gefangen- genommen würden. Während der drei Tage, die ich bewußtlos hier in dieser Grube gelegen hatte, waren meine Männer mit Hayonwathas Leuten uneins gewesen, doch der Streit hatte sich inzwischen einigermaßen gelegt und war einer Apathie angesichts des grausigen Endes gewi- chen, das uns alle gleichermaßen erwartete. »Du siehst also, Ventidius«, fuhr Myrdhinn fort, »daß er wirklich mehr für uns tat, als wir erwarten konnten, und nun in derselben mißlichen Lage wie, wir steckt.« Ich versuchte zu lächeln. Es tat weh. Ich ergriff Hayonwathas Hand. »Wenn wir uns wieder erholt haben, werden wir gemeinsam einen Ausweg suchen.« »Wir sind also immer noch Freunde?« »Ja, wir sind immer noch Freunde«, antwortete ich. »Myrdhinn, geh und sag das den Männern.« Er stand auf, und durch meine halb geöffneten Li- der sah ich, wie sich Hayonwathas und meine Män- ner wieder zusammensetzten. Wenn es auch nur die lei- seste Hoffnung auf Flucht gibt, dachte ich mir im stillen, dann laßt uns zumindest als ein Volk kämpfen. Dann wurde mir übel, und ich sank, wie ich glaube, in eine Art Delirium. Jedoch nicht so tief, daß ich nicht mehr bemerkte, wie das Tageslicht, das durch die Öffnung zu uns hereinfiel, allmählich schwand, oder daß ich nicht vernahm, wie erneut Sklaven kamen und uns unsere Mahlzeit brachten. »Wieder einer weg«, hörte ich Myrdhinns Stimme wie hinter einer Wand sagen. Ich riß mich aus meiner Stumpfheit hoch und sah, wie ein Tlapallico von kräftigen Wachtposten fortgeschleppt wurde. Er wehrte sich verzweifelt wie ein Löwe und prote- stierte mit sich überschlagender Stimme, während gut siebenmal zwanzig Männer untätig dabeistanden und gafften, ohne den geringsten Widerstand zu lei- sten. Das Gitter wurde wieder vorgeschoben, das Licht schwand, und über unsere feuchte, kotige Gru- be senkte sich tiefe Finsternis. Plötzlich hörten wir weit in der Ferne, stark ge- dämpft durch die viele Fuß dicke Erdschicht über un- seren Köpfen, einen tosenden, tausendfachen Begei-, sterungsschrei aufbranden und wieder verebben, er- neut aufbranden und erneut verebben; und mit der ihm folgenden Stille kam die Nacht mit ihrer bitteren Kälte und ihren unzähligen Tieren, die über unsere kauernden, vor Kälte zitternden Körper sprangen und krochen, während wir schliefen. Dies war ein typischer Tag aus unserem Leben, wie er sich in der folgenden Zeit noch endlos wiederholen sollte. »Dies«, erklärte Hayonwatha, »ist der Fluß, auf dem wir kamen. Das hier ist Nachan, die Stadt der Schlange – und hier die Schlange selbst: Ciacoatl, die alles Verschlingende, die Erdmutter, welche die Stadt mit ihrem eigenen irdenen Leib verteidigt, Schutzwall und Göttin zugleich.« Wir drei Anführer, Hayonwatha, Myrdhinn und ich, hockten im Kreis um einen trockenen Fleck auf dem Boden. Hayonwatha fuhr mit seinem Finger über den schmutzigen Boden, während er sprach. »Ein solches Ungeheuer müßte eigentlich einen passenden Gefährten haben«, sagte ich. Er hob den Blick. »Hat es auch. Etwa fünfzig Mei- len von hier entfernt befindet sich sein Gegenstück; es ist ebenso wie Ciacoatl angelegt – an einer Flußbie- gung. Beide Schlangen liegen so, daß sie sich über das Land hinweg gegenseitig anschauen. Sie heißt Mix- coatl oder Schlange des Sturms, Göttin des Wassers und des Regens. Sie schützt mit ihrem Leib eine sehr große Stadt, Colhuacan, die Stadt des sich windenden Walles. Von dort aus etwa zehn Meilen flußaufwärts liegt Miapan, die größte Zitadelle von ganz Tlapallan. In ihr finden im Fall einer Belagerung sechzigtausend Menschen mitsamt ihrer Habe Schutz. Ein Stück fluß-, abwärts von Mixcoatl befindet sich eine befestigte Stadt, Tlacopan, die den Menschen des unteren Tals Schutz bietet. Diese drei befestigten Städte sind die wichtigsten Bollwerke der Mias. Nun, im Nordwesten liegt ein großer Süßwasser- binnensee, an dessen Ufern sich die Jagdgründe mei- nes Volkes befinden. Es sind nicht mehr als ein paar Tagesreisen dorthin. Wenn es uns gelänge, das Gebiet auf dem Weg der Bergleute (wenn sie von den vier Städten zu den Kupferminen in der Nähe des Binnen- sees reisen) zu erreichen, so wären wir – davon bin ich überzeugt – dort willkommen. Seit ungezählten Monden halten die Mias das gan- ze Land Tlapallan besetzt. Sie haben die Onondagao- no zurückgedrängt, sie verfolgt, ausgebeutet und zu Sklaven gemacht. Aber mein Volk ist noch immer frei, und könnte es nur seine eigene Wildheit beherr- schen und sich mit den Nachbarstämmen vereinigen – jeder Angriff würde zurückgeschlagen.« »Wer sind diese Nachbarstämme?« wollte ich wis- sen. »Einst waren sie alle ein einziges Volk von wilden, tapferen und unabhängigen Kriegern. Sie lebten in diesem Land, bevor sie von der Übermacht der gut- ausgebildeten und diszipliniert kämpfenden Mias vertrieben wurden. Sie wanderten nach Norden, wurden Jäger und Fischer und lebten unstet in klei- nen Gemeinschaften in den Wäldern. Der Kampf ums Überleben war hart, und nachdem sie aufgrund ihres Nomadendaseins immer mehr den Kontakt unterein- ander verloren hatten, kam es oft und öfter zu Streite- reien über die Jagdbeute oder über Frauen, und so entstanden miteinander in Zwietracht lebende Partei-, en. Mit der Zeit wurden diese Parteien zu eigenen Nationen, die in keiner Angelegenheit mehr eins sind, ja genauso bereit sind, sich gegenseitig zu skalpieren wie ihre wahren Feinde, die Mias.« »Wie viele dieser Nationen gibt es deiner Schät- zung nach?« fragte Myrdhinn. Hayonwatha zählte sie an den Fingern ab. »Es gibt fünf mächtige Stämme, die in den Wäldern leben. Da sind als erstes zu nennen die Onondagaono, mein eigenes Volk, die stärksten und tapfersten von allen. Weitere Stämme sind die Gwengwehono, die Nundawaono, die Ganeagaono und die Onayotekao- no.«* »Glaubst du, daß sie bereit wären, sich zu vereini- gen?« Hayonwatha kicherte grimmig – die einzige Art Lachen, die ich bei ihm kannte. »Gewiß – im Tod! Nichts auf dieser Welt könnte sie sonst zusammenbringen. Nicht einmal Tarenyawa- gon, dem Herrn des Lebens, würde dies gelingen!« »Tarenyawagon? Ist er es, den du verehrst?« Hayonwatha jedoch, bei anderen Themen sonst stets gesprächig, verfiel plötzlich in tiefes Schweigen. Er kehrte sich von uns ab, setzte sich allein in eine Ecke und brütete dumpf vor sich hin. Da uns klar war, daß wir ohne Absicht in irgendein Geheimnis eingedrungen waren, blieben wir da, wo wir waren, und diskutierten über unsere Zukunft. Nach alldem, was er uns erzählt hatte, wußten wir: Sollte uns die Flucht gelingen, kämen wir vom Regen * Diese entsprechen den uns bekannten Indianerstämmen der Onondaga, Cayuga, Seneca, Mohawk und Oneida., in die Traufe und tauschten ein Übel gegen ein nicht minder schlimmes ein, falls es uns nicht gelänge, durch unsere Tapferkeit so gefürchtet zu werden, daß man uns in den Wäldern, wo wir das triste Leben von Ausgestoßenen fristen müßten, allein und unbehelligt ließe. Von allen Stämmen der Chichamecs schienen die fünf genannten die bei weitem intelligentesten zu sein, hatten sie doch immerhin ihre Unabhängigkeit bewahren können, ohne gleich ihr ganzes Leben der Jagd nach Nahrung zu opfern; doch unterschied sich, wie man uns sagte, ihr System der Kriegführung nicht im geringsten von dem der wilden und grau- samen Stämme, deren buntbemalte Angehörige wir auf unserer langen Reise von Fort zu Fort so oft als Gefangene hatten bewundern können. Die Mias führten Krieg, um ihren Bedarf an Skla- ven zu decken. Alle ihre Feinde jedoch kämpften le- diglich darum, Gefangene zu machen, die sie dann folterten. Sklaven nämlich hatten sie bei ihrer Art zu leben nicht nötig. Die Praktiken der Waldstämme schienen uns hart und unnötig grausam. Jede der kriegführenden Parteien war darum be- müht, den Gegner so schwer zu treffen wie nur eben möglich. Selbst Frauen und kleine Kinder wurden brutal hingemetzelt, und dies war einer der Gründe, warum die besagten fünf Stämme auf dem besten Wege waren, einander auszulöschen. Doch hatte selbst dieses sinnlos scheinende Ab- schlachten von Frauen noch seinen tieferen, grausa- men Grund, wie Hayonwatha uns erläuterte: Jede Frau konnte womöglich selbst kämpfen oder Mutter von neuen Kriegern werden – also vermochte jeder, Säugling einst ein Kämpfer oder eine Frau zu wer- den! Und so tötete man einen zukünftigen Krieger, wenn man einen Säugling tötete, und gerade das Tö- ten von Säuglingen wurde als besonders empfindli- cher Schlag betrachtet, den man dem Feind versetzte. Erstens half es, seine Macht zu vermindern, und zweitens schwächte es ihn moralisch und versetzte ihn in Angst und Schrecken. Wir waren jedoch der Ansicht, daß diese zweite Komponente – nämlich den Feind durch das Töten seiner Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen – erheblich überschätzt wurde, denn nahm man einem Krieger seine Frau oder sein Kind, dann mußte das um so heftiger seinen unersättlichen Rachedurst her- aufbeschwören. Nun, auf diese Art und Weise jeden- falls schwächten sich die Chichamecs gegenseitig und wurden somit eine immer leichtere Beute der Skla- venjäger von Tlapallan. Dennoch – sollte uns die Flucht gelingen, dann war unsere beste Zuflucht noch immer der Norden. Dort oben, jenseits der Grenze bei Hayonwathas Volk, konnten wir noch am ehesten hoffen, gut aufgenom- men zu werden. Wir hatten erfahren, daß unser Gefängnis unter- halb des Eis lag, das die Schlange zwischen ihren weit aufgerissenen Kiefern hielt. Und wenn wir uns ins Freie gruben (was jedoch bei der täglichen Inspektion so gut wie unmöglich war), dann kamen wir genau zwischen den Häusern der Stadt ans Tageslicht oder auf der waagrechten Ebene außerhalb des Walls. In beiden Fällen würde man uns entdecken; denn eine solch große Anzahl von Männern konnte unmöglich der Aufmerksamkeit der Wachtposten entgehen., Die andere Möglichkeit war die Tür. Sie wurde je- doch ständig bewacht. Wir hatten uns schon so oft gegen das hölzerne Türgitter geworfen, daß inzwi- schen eine ganze Kompanie von Wächtern den inspi- zierenden Offizier bei seinen täglichen drei Rund- gängen begleitete und die meisten von uns schon Wunden von ihren Speeren hatten. Von meinen Männern war bisher noch keiner ab- geholt worden, während sich Hayonwathas Truppe schon um dreimal zwanzig Mann dezimiert hatte. Tag für Tag, bei Sonnenaufgang, mittags und bei Sonnenuntergang, wurde ein Mann ausgewählt und weggeschleppt. Dann hörten wir die Menge brüllen und wußten, daß er der Sonne geopfert worden war – auf welche Weise dies jedoch geschah, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, denn die Eingeborenen zitterten vor Angst und Grauen, wenn wir sie danach fragten, und wir wollten nicht weiter in sie dringen, konnte doch schon der, den wir ansprachen, der nächste sein, der sterben mußte. Einmal fragte ich Myrdhinn, ob er uns nicht durch Hexerei retten könne; aber er schüttelte traurig den Kopf. Unter der Erde hatte er keinen Kontakt mit den Mächten der Luft. Da man ihm seine Kleider genom- men hatte, besaß er keine magischen Instrumente mehr außer einem kleinen Kreuz, das die Peiniger ihm gelassen hatten – wie übrigens auch den anderen ihre Amulette und Ringe. Selbst die schwarze Magie – so erklärte Myrdhinn mir – bedurfte gewisser In- strumente und Materialien, und hier gab es absolut nichts, was er hätte verwenden können. So schien es in der Tat, daß wir alle sterben sollten, und wir hatten uns schon fast mit unserem Schicksal, abgefunden, insbesondere wo wir tagtäglich dreimal tatenlos mit ansehen mußten, wie einer nach dem an- deren unserer Mitgefangenen geholt wurde. Auch sie zeigten kaum noch Widerstand, schien doch das En- de unausweichlich. Die Tage wurden immer kürzer, das Jahr ging dem Ende entgegen. Das Licht, das durch die Gitteröff- nung in unser feuchtes Verlies sickerte, war grau und trüb, und manchmal saßen Schneeflocken auf dem Fellumhang des Offiziers, der uns kontrollierte. Eines Nachts rief Myrdhinn mich zu sich. Es war kurz nachdem man uns das Abendessen gebracht hatte (für fünfzig von uns und nur mehr zehn von Hayonwathas Männern. Einen vollen Monat waren wir nun schon eingesperrt, und wir fragten uns, für welch grausamen Zweck man wohl uns Weiße bis zuletzt aufsparte). »Ventidius, kannst du mir sagen, welcher Tag des Jahres heute ist?« Ich mußte lachen. Die Frage schien mir angesichts unserer Lage einfach verrückt. »Ja, das kann ich. Ich habe während all unserer Wan- derungen niemals vergessen, die Tage zu zählen. Sag unseren Leuten, sie sollen zusammenkommen, auf daß wir feierlich den Tag der Geburt unseres Herrn bege- hen können. Auch wenn ich nur ein armer Sünder bin, so bin ich doch der einzige unter uns, der die Christmesse durchzuführen weiß. Daher laßt uns fa- sten und die Nacht in stiller, feierlicher Andacht ver- bringen. Jeder Mann soll in die Tiefe seines Herzens blicken und sich vorbereiten auf das höhere Leben, das uns erwartet; denn ich glaube, daß wir keine wei- tere Nacht in diesem Gefängnis verbringen werden.«, Und so beteten wir gemeinsam in unserer dunklen Höhle, während unsere Mitgefangenen neugierig, aber respektvoll zusahen, da sie spürten, worum es ging – wohingegen der Wächter auf der anderen Seite des Gitters unsere Andacht mit zotigen, gemeinen Bemerkungen kommentierte. Hayonwatha schnappte ein paar dieser Bemerkungen auf. Als wir mit unse- rem Gottesdienst fertig waren, kam er sofort zu mir und fragte: »Habt ihr euch auf den Tod vorbereitet, Atoharo?« »Ja, mein Bruder. Wenn es denn so sein muß.« »Es muß sein. Daran ist nicht zu zweifeln. Morgen findet das Fest der Sonne statt.« »Was wird geschehen?« »Heute nacht werden alle Feuer in Tlapallan ge- löscht. Morgen ist der kürzeste Tag des Jahres, der Tag, an dem die Sonne am ehesten geneigt ist, uns zu verlassen und nie mehr zurückzukehren. Um dies zu verhindern, führen die H'menes – die Weisen – ein großes Opfer durch, damit die Sonne das Blut rieche und, wenn sie daran Gefallen findet, wieder zurück- kehre, um die Herzen ihrer Anbeter zu erfreuen. Morgen brennt im ganzen Land kein Feuer auf den Herden. In den Morgenstunden finden keine Opfer statt – und auch zur Mittagsstunde nicht. Statt dessen tanzt die geheime Brüderschaft der Sh'tols. Zuerst ruft man die Sonne an, ein weiteres Jahr zu bleiben, und dann bittet man Mixcoatl und Ciacoatl, bei ihrem Bruder Fürsprache einzulegen. Als nächstes tanzen sie den Schlachttanz. Dieser dauert fast den ganzen Tag. Dann finden Geschick- lichkeitskämpfe statt, bei denen viel Blut fließt. Diese haben den Zweck, die mianischen Jünglinge abzu-, härten, an den Anblick von Blut zu gewöhnen und sie dazu zu inspirieren, eines Tages Führer von Tlapallan werden zu wollen. Kurz darauf beginnen die Opfer. Sobald die Sonne beginnt hinter den Hügeln zu versinken, zündet der älteste H'mene mit dem Sastun – einem magischen Kristall – eine Flamme an, mit der alle anderen Feuer in der Stadt wieder in Gang gebracht werden. Dies jedoch werden wir nicht erleben.« »Heute ist das Ende gekommen!« »Verzweifle nicht«, sagte da Myrdhinn. »Uns bleibt noch ein Tag.« Doch er sagte kein weiteres Wort der Ermutigung, und da wir wußten, daß auch er kein Fünkchen Hoff- nung mehr haben konnte als wir, war die Stimmung gedrückt; und wir verbrachten die Nacht in Meditati- on, Einkehr und Gebet. Am darauffolgenden Morgen wiederholte Myrdhinn nach bestem Wissen die Messe. Unsere Hostie bestand aus grobkörnigem Teocentli-Kuchen, und unser Wein war das schmutzige Sickerwasser, das sich in einer Mulde am Boden unseres Gefängnis- ses sammelte. Doch fühlten wir uns seelisch gefestigt und bereit, unserem Schicksal ins Auge zu sehen. Auch unsere tlapallanischen Kameraden bereiteten sich auf den Tod vor, indem sie eigenartige, unmelo- diös klingende Weisen sangen und sich gegenseitig die Haare flochten, so gut das ohne Öl und Kamm ging. Und so warteten wir denn. Wir bekamen nichts zu essen. Auch die Rundgänge des Offiziers blieben aus. Aus der Ferne drangen die Geräusche einer ver- sammelten Menge und das ständige, dumpfe Dröh- nen von Trommeln zu uns herüber. All die verstreut, lebenden Bewohner des Tals hatten sich in einer der vier Städte versammelt. Hierher waren natürlich die meisten gekommen, denn dies war die Hauptstadt und das religiöse Zentrum Tlapallans. In jedem Dorf, in jeder Stadt, in jedem Fort – so weit sich das riesige Land erstreckte – fanden jetzt die gleichen Zeremoni- en statt, und das »alte, alte rote Land« würde in der kommenden Nacht auf vielfache Weise seinem Na- men Ehre machen!,

Opfer und Hexerei

Wir – tief unten in unserer Grube – vernahmen jetzt das vertraute Geräusch sich nähernder Schritte. Schwarz hob sich die vergitterte Türöffnung gegen den rötlichen Schein der Fackeln ab. Sie erschien uns in diesem Moment wie das wahrhafte Tor zur Hölle. Das Gitter wurde entfernt, und man winkte uns ein- zeln heraus. Dann bog man uns die Arme zurück, und jeder bekam eine hölzerne Klammer um die Oberarme gehakt. Diese Klammern hatten alle dieselbe Größe, so daß sie bei einem kräftigen Mann tief ins Fleisch schnit- ten, während sie bei einem jüngeren schlanken Mann recht lose saßen. Jede Klammer war mit einem ver- stellbaren Tau aus Haar mit ihrem Gegenstück ver- bunden. Diese Taue wurden so fest angezogen, daß sie uns fast die Schultern ausrenkten und uns jede kleinste Bewegung höllischen Schmerz bereitete. Bei Marcus saßen die Fesseln nicht allzu stramm, denn er war fast so schlank wie ein Mädchen. Das machte mich ein wenig froh, denn wir alle mochten ihn sehr, war er der Jüngste und in gewissem Sinne unser Mündel. Gefesselt trieb man uns mit Fußtritten und Schlä- gen nach oben. Halb benommen vor Schmerz tau- melten wir ans Tageslicht. Die ungewohnte Helligkeit blendete unsere Augen, als uns das tosende Gebrüll der Menge empfing. Wir standen auf der Spitze des Eis!, Rings um uns herum drängten sich die Massen. Tausende standen dicht an dicht entlang der Palisa- den und auf den Holzdächern der Häuser. Noch vol- ler war es längs der Kiefer und des Halses der Schlange – da wo in enger Formation die Privilegier- ten standen. In diesem Augenblick wurde es toten- still. In der Mitte der von Menschen freigehaltenen Eispitze befand sich ein Pavillon. Da er keine Wände besaß, konnten wir einen Blick hineinwerfen. Im In- nern befand sich ein steinerner Altar, vor dem sich mehrere Mitglieder des hohen Adels versammelt hatten, unter ihnen der Herrscher – jener feiste Riese Kukulcan sowie die H'menes, die Priester der Sonne. Aus der Gruppe der H'menes löste sich jetzt eine grausig anzusehende Gestalt, die wie ein wahrhafti- ges Gespenst aussah. Sie näherte sich uns in wirbeln- dem Tanz, umhüllt von einem wild flatternden Bausch von Federn und bunten Fellen. Ihr Körper war schwarz angemalt. Darüber hatte man mit roter Farbe die Umrisse eines Skeletts gezeichnet. Die Ge- stalt näherte sich rasch, noch bevor wir sicher waren, daß es sich wirklich um einen Menschen handelte und nicht um das Gespenst eines Toten. In den Händen hielt das Wesen schaurig klappern- de Rasseln aus menschlichen Fingerknochen, und um die Hüfte hatte es einen Gürtel geschlungen, von dem die haarigen Skalpe von Menschen baumelten. Zwi- schen den Skalpen hingen getrocknete Fleischklum- pen, bei denen es sich allem Anschein nach um menschliche Herzen handelte! Immer näher kam die Gestalt an uns heran, wobei sie merkwürdige Geräusche ausstieß und zwischen- durch Schreie, die sich anhörten wie die Todesschreie, eines Tiers. Da uns unsere bewaffneten Wächter mit eisernem Griff festhielten, konnten wir nicht vor der Gestalt zurückweichen. Sie tanzte in wirbelndem Schritt an uns vorüber; vor mir blieb sie stehen und zerrte heftig an meinen Fesseln. Ich ächzte vor Schmerz und fiel auf die Knie. Der Schmerz in meinen Schultern war so schrecklich, daß ich aufschrie. Das Wesen stieß einen bellenden, spitzen Schrei aus und ließ von mir ab. Ich sah, wie es von einem zum anderen tanzte, bis es vor Marcus stehenblieb. Wieder riß es an den Fesseln. Auf einmal hatte es die Klammern in der Hand. Es hielt sie triumphierend in die Luft, stieß einen Schrei aus und warf sie zu Bo- den. Die Menge tobte. »Die Götter wollen diesen hier als ersten!« gackerte die Gestalt. Sofort packten die Wächter Marcus und schleiften ihn zu dem stinkenden Altar, wo die Schlächter in ihren roten Gewändern schon mit ihren scharfen Messern aus Feuerkiesel warteten. Und dann schlachteten diese roten Teufel unseren Marcus ab – ganz langsam und genußvoll, um sich und ihren grausamen Göttern der Finsternis eine größtmögliche Befriedigung zu bereiten! Erst rissen sie ihm die Haut vom Rücken und von den Schultern. Untätig mußten wir mit ansehen, wie Marcus ohnmächtig zusammensackte und wieder aus der Ohnmacht erwachte. Tapfer versuchte er, keinen Laut von sich zu geben, während sie ihm nach und nach zum Ruhme ihrer Götter die Gliedmaßen vom Leibe schnitten. Wir schauten zu – der Himmel vergebe uns! – und spürten, wie unsere Herzen uns verließen und eiserne, Klumpen an ihre Stelle traten. Ohnmächtig mußten wir mit anhören, wie er schließlich, als alle Kraft aus seinem geschundenen Leib gewichen war, schrie und stöhnte und seine Peiniger anflehte, ihn endlich von seinen entsetzlichen Qualen zu erlösen. Und wir – wir mußten das alles mit ansehen und konnten ihm nicht zu Hilfe eilen! Gegen Mittag hatten sie mit der Folter begonnen. Als sie ihm sein zuckendes Herz aus dem Leib rissen und es der Sonne als Opfergabe entgegenhielten, war es merklich dunkler geworden. Er muß erst in jenem Moment gestorben sein, denn auf seinen Lippen lag noch das Lächeln, das er mir (seinem einzigen Bluts- verwandten) hatte zukommen lassen, als er meinen Blick traf und schon die mächtigen Schwingen des Todes auf sich zukommen sah, die ihn Augenblicke später in ihren friedenspendenden Schatten einhüllen sollten. »Hätte ich doch meine Instrumente!« hörte ich Myrdhinn murmeln. »Allmächtiger Schöpfer! Warum hat man sie mir nur genommen?« Die anderen fluchten, beteten oder weinten. Ich allein sah ohne Tränen zu, wie sie meinen eige- nen Neffen opferten, und tief in meinem Herzen wußte ich, daß diese abscheuliche Tat nicht ungerächt bleiben konnte. In diesem Augenblick tat ich den Schwur, daß ich überleben, fliehen, endlich eine Herrschaft errichten würde, die diese Kultur und all das, was sie beinhaltete, unbarmherzig von der Erde fegen würde. Man hätte annehmen können, daß dem Ermorde- ten weitere Entwürdigungen erspart blieben. Doch hatten die grausigen Riten noch immer kein Ende., Mit schweren Steinbeilen wurde der Leichnam in kleine Stücke zerhackt, und die rangniederen Priester warfen diese unters Volk, das sich die Bissen teilte, wie wir an einem Sakrament teilgenommen hätten. Als nächster wurde Myrdhinn nach vorn gezerrt und an einen der Pfeiler des Pavillons gefesselt. Dann band man Nicanor, Tiburcus und Agrestis (ich wünschte, ich könnte ihre Namen in goldenen Lettern schreiben) los, reichte ihnen Pfeil und Bogen, und Kukulcan befahl ihnen, eine Kostprobe ihrer Fertig- keit mit dieser Waffe zu geben. Myrdhinn schloß die Augen, und seine Lippen be- wegten sich wie in stummem Gebet. Ich sah, wie die drei kurz miteinander sprachen, die Sehnen spann- ten, die Pfeile einlegten und die Bögen hoben. Dann schaute ich weg. Die Sehnen zirpten, ich hörte einen gellenden Schrei und warf den Kopf herum – und sah, wie Ku- kulcan, diese fettleibige Bestie, mit einem Pfeil im Bauch nach vorn taumelte, im Todeskampf zuckte und leblos zu Boden stürzte. Ich hörte, wie die Pfeile zischend in die Gruppe um den Altar fuhren, wie die H'menes schreiend auseinanderrannten und zu Bo- den gingen. Der Oberschlächter, der sich Marcus aus- gesucht hatte, hüpfte gackernd wie ein Huhn umher, einen Pfeil im Auge; ich hörte, wie meine eigene Stimme und die meiner Kameraden den guten alten römischen Schlachtruf brüllten – und ich sah unsere drei Kameraden fallen, durchbohrt von fünfzig Spee- ren. So endete die Zeremonie der Hinrichtungen. Myrdhinn wurde losgebunden und wieder zu uns zurückgebracht, und da sich plötzlich dunkle Wolken, zusammenbrauten – so als seien die Elemente erzürnt über die Ungeheuerlichkeiten, die sich da auf dem sündigen Altar abspielten –, beeilten sich die überle- benden H'menes, ihr heiliges Feuer wieder anzuzün- den, bevor die Wolken das Antlitz ihrer Gottheit ver- dunkelten und dies unmöglich machten. Und so sahen wir nun – entgegen Hayonwathas Prophezeiung – doch noch den Sastun, einen vollen- det geschliffenen Kristall, den man als Brennglas be- nutzte, um mit den letzten Sonnenstrahlen Zunder in Brand zu setzen. Ich beobachtete, wie die Flamme sich im Schutze des Pavillons erhob. Neben ihr stan- den die Wächter, die Tag und Nacht über die heilige Flamme wachten. Und während man uns brutal mit Stockhieben in unsere Grube zurücktrieb, sahen wir noch, wie die Priester ein wahres Vermögen an Perlen in die Flam- me schütteten, als Sühne für das Sakrileg, das wir be- gangen hatten. Im selben Moment durchfuhr mich ein leichter Schreck, als ich mich plötzlich wieder er- innerte, wie zuversichtlich Myrdhinn gewesen war, daß wir den Tag überleben würden. Und erneut fragte ich mich – wie schon oft zuvor –, wieweit er ei- gentlich in die Zukunft blicken konnte. Und ich stellte mir ebenfalls die Frage, warum er manchmal offenbar so viel wußte, während er in anderen Fällen ebenso im dunkeln tappte wie wir anderen auch. Später, als wir wieder nackt und frierend auf dem feuchten Boden unseres Gefängnisses lagen, als die Nacht schon über uns hereingebrochen war mit der sicheren Aussicht, daß wir alle am nächsten Tag den Opfertod erleiden mußten, begann Myrdhinn aufs neue, das Fehlen seiner magischen Geräte zu beklagen., »Was soll ich tun, wo man mich all meiner Sachen beraubt hat? Hätte ich doch bloß ein einziges Blatt von einer Eiche, einer Esche oder einem Dornbusch! Dann könnte ich uns alle befreien, und wir würden mit unseren Waffen für derartiges Aufsehen sorgen, daß dieses Volk bis in alle Ewigkeit an uns denkt!« »Ist das wahr?« rief Kulhwch aufgeregt, der Bruder jenes Kinial'ch, der auf See gestorben war. »Ich habe genau das, was du brauchst! Hier in diesem Amulett steckt nicht nur jeweils ein Blatt von einer Eiche, einer Esche und einem Dornbusch, sondern auch noch ein Blatt vom Eisenkraut und drei Beeren der Eichenmi- stel. Diese Barbaren haben mir nämlich mein Amulett gelassen, weil sie es für wertlos hielten! Sag, Myrd- hinn, wie kann es uns von Hilfe sein?« »Zuerst einmal«, sagte Myrdhinn, »brauchen wir Licht.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als auch schon sein Gesicht wie ein Glühwürmchen zu leuchten be- gann – ein unheimlicher Anblick in jener schaurigen, beklemmenden Dunkelheit. Dann legte er sich die Handflächen auf die Wan- gen, und indem er sie streichelte, begannen seine Hände ebenso zu glühen, während wir in höchster Verblüffung den Kopf und die Hände, die scheinbar körperlos in der Dunkelheit schwebten, anstarrten. »Sag mir doch«, fragte Myrdhinn, während er das Amulett inspizierte und die Fäden, mit denen es zu- sammengenäht war, mit dem Daumennagel löste, »wie bist du zu diesem Amulett gekommen? Wenn du es auf unehrenhafte Weise erworben hast, wird es uns nichts nützen.« »Ich schwöre dir, o Seher: Ich habe es ehrlich er-, worben!« rief Kulhwch stolz. »Mein Vater hat mir er- zählt, daß Feenblut in meinen Adern fließt, und als ich in der geheimnisumwobenen Stadt Emrys auf die Welt kam, da bliesen drei Tage lang Elfenhörner überall in Tir-nan-Og. Das Amulett wurde mir von meiner Gevatterin – einer Fee, so heißt es – gesandt, die im Schloß mit den vier Hörnern in Caer Sidi wohnt. Kinial'ch besaß ebenfalls eines, aber es hat ihm wenig genützt; und meines wird mir wohl auch nicht viel helfen.« »Du irrst«, erwiderte da Myrdhinn, »dieses Amu- lett, das man dir gab, auf daß du weise Voraussicht und klare Urteilskraft besitzen mögest, gibt mir ge- nau jene Ingredienzien, die wir zur Flucht benötigen. Doch ...« Er zögerte. »Es bedeutet, daß ich einen Aus- flug in den Bereich der Schwarzen Magie unterneh- men muß. Seit fünfzig Jahren habe ich das vermieden. Es bringt große Gefahr für die Seele mit sich.« »Es gibt hier eine noch viel größere und wahr- scheinlichere Gefahr für unsere Körper, Myrdhinn!« rief ich voller Ungeduld. »Bei allen Göttern! Wenn du uns befreien kannst, dann tu es! Wir sitzen hier wie Ratten in der Falle! Hol uns heraus und laß uns um unser Leben kämpfen! Erinnere dich an Marcus!« »Ja, Marcus! Keine Angst, ich vergesse Marcus nicht. Er wird seine Rache bekommen. Doch diese Sa- che hier – Varro, wenn du ahntest, worum du mich da bittest! Trotzdem – ich werde es tun. Es gibt keinen ande- ren Ausweg. Ich werde es tun, komme, was will. Der Herr möge über mich richten. Schließlich und endlich ist es eine gute Sache, wofür ich kämpfe. Und nun schweigt alle und seid vollkommen still, was auch, immer ihr sehen werdet!« Ich hörte, wie er leise ein Gebet flüsterte; ich glaubte, die Worte: »Hên Ddihenydd, der Alte und Ewige«, zu hören; ich hörte den Namen ›Keridwen‹ und den ihres furchtbaren Sohnes ›Avaggdu‹ – mehr vernahm ich nicht; sein Gemurmel wurde immer lei- ser und unverständlicher. Sein Kopf fiel hintüber, als habe er das Bewußtsein verloren; scheinbar leblos kauerte er auf dem Boden. Die leuchtenden Hände schwebten plötzlich empor, als gehörten sie gar nicht zu Myrdhinn, sondern seien selbständig; sie hoben den Inhalt des Amuletts – ein Pulver aus geriebenen Blättern – empor und streuten davon eine Prise auf seine geschlossenen Augenlider und seine von schlohweißem Bart umrankten Lippen. Dann schwand das Licht aus den Händen. Der schimmernde Nebel verdichtete sich und zog sich zu einem Klumpen zusammen, der nicht viel größer war als eine Faust. Dann fiel er zu Boden. Alsdann schwand das Licht aus dem Nebel. Im selben Moment hörte ich ein eigentümliches Ge- räusch. Es war schmatzend und zugleich schabend, so als trippelten kleine, fleischige, mit Krallen verse- hene Füße an mir vorüber. Das Geräusch entfernte sich Richtung Eingang und verschwand dahinter. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir warteten; es kam mir vor wie eine Unendlichkeit. Irgendwann hörte ich Schritte im Gang, und gleich darauf er- kannte ich den Schein einer Fackel. Ein Wachtposten betrat den Keller. Seine Augen waren weit aus den Höhlen herausgetreten und zeigten einen irren, flak- kernden Ausdruck. Er blickte starr geradeaus und sprach kein einziges Wort., Er ging geradewegs auf Myrdhinn zu und wischte ihm die zerkrümelten Blätter vom Gesicht. Myrdhinn setzte sich auf. »Es ist soweit«, sagte er, und an den Wachtposten gewandt: »Führe uns heraus und bring uns zu unse- ren Waffen.« Der Wachtposten drehte sich wie eine hölzerne Puppe um und ging mit steifen Schritten zur Tür, die Augen starr nach vorn gerichtet. Wir folgten. Als wir den Gang zur Hälfte durchquert hatten, entdeckten wir einen zweiten Wächter, der wie ver- steinert dastand und eine Fackel in der Hand hielt. Wir fuhren erschreckt zusammen und duckten uns in den Schatten der Wand. Doch Myrdhinn lächelte grimmig und sagte: »Kommt, ihr Hasenfüße, weiter! Hier unten droht uns keine Gefahr mehr; die Wächter sind alle tot. Be- eilt euch, rasch!« Wir folgten dem Wächter in die Kammer nahe dem Eingang, in der unsere Habseligkeiten und sehr viel Metall auf einem Haufen lagen. Ich langte nach meinem Panzer und legte ihn an. Im gleichen Moment hörte ich neben mir einen dumpfen Schlag. Der Wächter war umgefallen, und seine Fackel füllte die Kammer mit wild flackerndem Licht. »Schnell!« drängte Myrdhinn und schob die Fackel in einen Halter in der Wand. »Der Mann ist tot, und schon in wenigen Momen- ten wird sein Leib der Verwesung anheimfallen. Sei- ne Seele ist nach Anwnn hinabgestiegen, den tiefsten Abgrund von Cythraul, und sein Fleisch kann diese Trennung nicht lange überdauern. Bald sind von ihm, und den anderen Wachen nur noch die Gebeine üb- rig. Doch kann ich dies nicht wiederholen, sonst ist meine Seele ebenfalls verloren! Beeilt euch, ehe man uns entdeckt!« Gleich darauf fiel der nackte Hayonwatha vor ihm auf die Knie, schlug sich an die Brust und küßte ihm die Hand. Auch die anderen zehn Chichamecs scharten sich um den Zauberer. »Großer Tarenyawagon!« ächzte der stattliche Hayonwatha. »Sender der Träume! Herr des Todes! Vergib uns, daß wir dich nicht erkannten!« »Steh auf, mein Freund. Wir müssen fort von hier!« Er half dem roten Mann, der ihn verzückt anstarrte, auf die Beine. Wir legten unsere Panzer an, nahmen die Dinge, die von größtem Wert für uns waren, auf die Schul- tern, packten Myrdhinns magische Utensilien in eine große Kiste, damit es ihm in Zukunft an nichts fehlen würde, und warfen noch einen letzten sehnsuchts- vollen Blick auf die Klampen und das übrige Zubehör der Tormentae und Pfeilkatapulte, die wir jedoch zu unserem großen Leidwesen nicht mitnehmen konn- ten, da sie viel zu schwer waren. Wieder voll gerüstet und bereit zu kämpfen, ge- langten wir ins Freie. An dem Pavillon saßen drei Novizen der H'menes und wachten über das heilige Feuer, das auf ihrem gottlosen Altar brannte. Wir rümpften die Nase; der Altar stank bestialisch. Doch plötzlich durchfuhr uns ein Schreck, und kaltes Grauen packte uns: Der Gestank kam gar nicht vom Altar! Die Novizen waren tot, ihre Körper aufge- schwollen und geplatzt!, Fürwahr – Myrdhinn hatte recht, als er sagte, der Körper könne die Trennung von der Seele nicht lange überdauern! Wir schlichen uns an der Seite des Eis entlang. Die Fenster der Häuser waren auf beiden Seiten dunkel. Kein Fackelschein an den Außenwerken – doch stand ein Wachtposten gegen die Mauer des Torwegs ge- lehnt und blockierte uns den Weg. Myrdhinn winkte uns weiter. Als wir näher heran- kamen, sahen wir, daß der Mann nur noch ein Gerip- pe war. Laut klapperten seine Knochen, als er zu Bo- den fiel. Wir hatten es geschafft! Wir hatten die verfluchte Stadt ungehindert verlassen. Wir waren noch nicht weit gekommen, als sich hinter der Mauer Geschrei erhob. Aber schon näher- ten wir uns dem Wald jenseits der bestellten Felder. Als wir den Waldsaum erreichten, kam plötzlich auf Myrdhinns Wink eine kleine Fledermaus herange- flattert. Sie schaute uns mit wild funkelnden Augen an und flog dann, laute Schreie ausstoßend, auf die Stadt zu. Im Dämmerschein beobachteten wir, wie das Tier eine Richtung einschlug, die es in eine Kreisbahn um die erwachende Stadt der Schlange führen würde; und als wir, wild um unser Leben rennend, zwischen den Bäumen verschwanden, hörten wir schon, wie sich plötzlich aus dem Nichts der Wind erhob. Zu- nächst spürten wir nur eine leichte Brise – die ersten luftigen Vorboten der schrecklichen Kavallerie des Sturms, die bald folgen würde, um zu verheeren und zu zerstören. Diesmal jedoch würde kein Myrdhinn helfen kön-, nen, jenen alles unter ihren Hufen zertrampelnden Rossen der luftigen Legionen Einhalt zu gebieten.,

Steinerne Giganten

und fliegende Köpfe Den ganzen Tag hindurch schlugen wir uns in Rich- tung Norden durch den Wald. Der Himmel war grau und bleischwer, und gegen Abend begann es leicht zu schneien. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die gro- ßen Städte schon ein gutes Stück hinter uns gelassen. Wir sahen jedoch an zahlreichen Stellen immer wie- der Rauchzeichen aufsteigen, Fragen und Antworten, in dem Maße, wie sich die Kunde von unserer Flucht über die verstreuten Gehöfte und Dörfer verbreitete. Doch machten diese Botschaften ihren eigenen Zweck zunichte, zeigten uns doch die aufsteigenden Rauchsäulen immer wieder die Stellungen unserer Feinde. Hayonwatha las die Signale und berichtete uns, daß die Stadt der Schlange fast völlig zerstört worden sei. Man glaube, so berichtete er des weite- ren, daß wir flußabwärts nach Süden geflohen seien, da eine ganze Reihe von Booten fehlte. Diese Falscheinschätzung war unsere Rettung, denn die Forts längs der Nordgrenze paßten nicht be- sonders gut auf, so daß wir uns ohne sonderliche Mühe an ihnen vorbeischleichen konnten. Einmal näherten wir uns ihnen dabei so dicht, daß wir die Überreste eines langsam verglimmenden Si- gnalfeuers erkennen konnten. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, und so stahlen wir uns über die Grenze in die freie Wildnis von Chichameca – fünf-, undfünfzig Mann in einer einzigen langen Reihe, die weniger Lärm machten als ein Fuchs auf der Pirsch. Wir waren zwar nicht viele, doch hatten wir Myrdhinn bei uns, der schon allein eine ganze Legion darstellte! Als es auf den Morgen zuging und wir schon vier- undzwanzig Stunden ohne Nahrung und ohne Schlaf mit nur kurzen Ruhepausen durchmarschiert waren, hatten wir allmählich das Gefühl, uns so weit abge- setzt zu haben, daß wir es uns erlauben konnten, an- zuhalten und uns ein wenig zu erholen. Doch Hayonwatha – unermüdlich wie eh und je – drängte darauf, den Weg fortzusetzen; und als wir sahen, daß unser betagter Seher keine Einwände erhob, schäm- ten wir uns ein wenig und rafften uns wieder auf, obwohl unsere durch die lange Gefangenschaft er- schlafften Muskeln heftig protestierten. Genau bei Tagesanbruch kamen wir ans Ufer eines kleinen Sees mit einer bewaldeten Insel. Unter An- leitung unseres Führers bauten wir Flöße und pack- ten unsere ganze Ausrüstung darauf. Während die Sachen hinübergeschafft wurden, ging Hayonwatha mit seinen zehn Männern in den Wald zurück und verwischte unsere Spuren. Dann legten sie falsche Fährten und kehrten an das gegen- überliegende Ufer zurück. Sie löschten auch ihre Spu- ren, bevor sie in das eiskalte Wasser wateten und zu uns zurückkamen – halbtot vor Kälte. Ein Feuer konnten wir erst nach Einbruch der Dunkelheit entzünden, und auch dann nur ein ganz winziges in einem Felsennest, das jeden Lichtstrahl nach außen abschirmte. Zu diesem Zweck suchten wir sorgfältig bestimmte Hölzer aus, die keinen, Rauch machten, den man am Ufer hätte riechen kön- nen. Ohne etwas gegessen zu haben, schliefen wir ein. Als wir am Morgen aufwachten, stellten wir fest, daß alle Spuren, die wir möglicherweise trotz aller Vorsicht doch noch hinterlassen hatten, nun endgül- tig getilgt waren, denn über Nacht hatte sich eine dichte Schneedecke über das Land gelegt, und es schneite den ganzen Tag weiter. Danach kam strenger Frost, der den See zufrieren ließ. Frei blieb lediglich eine Fläche von ungefähr zwanzig Fuß Breite auf einer Seite der Insel, wo eine starke Unterströmung herrschte, die schwarz und unzählige Blasen werfend an die Wasseroberfläche sprudelte. An dieser Stelle konnte man hervorragend fischen. Darüber hinaus gab es im Wald zahlreiche Hasen und fette, buntgefiederte Vögel, die man leicht fangen konnte, wenn sie gerade aus dem Nachtschlaf erwachten. Trotzdem war nicht für alle Nahrung in ausrei- chender Menge zu beschaffen, und hätte es nicht das Glück gewollt, daß sich plötzlich ein kapitaler Hirsch mit seinem ganzen Gefolge in unser Versteck verirrte (ein Rudel Wölfe hatte sie über das Eis zu uns her- übergetrieben), dann wären wir gezwungen gewesen, anderswo nach Nahrung zu suchen, und das hätte unseren Tod bedeuten können. Nicht weniger als zweimal sahen wir Späher der Tlapallicos (die mühelos an den Geweihen, die ihre Helme zierten, zu erkennen waren), und einmal zog dicht an uns ein Trupp bewaffneter Krieger vorüber, der eine Menge Skalpe und gefangene Chichamecs bei sich hatte. Bevor unser Fleisch völlig aufgezehrt war, hatten, Myrdhinn und Hayonwatha einen Entschluß gefaßt, und wir brachen auf und drangen weiter nach Chichameca vor. Den tiefen Schnee überquerten wir mit Hilfe flacher, ovaler, bootförmiger Schuhe, die, unter den Stiefeln befestigt, verhinderten, daß wir in die Wehen einsanken. Diese Schuhe bestehen aus miteinander verflochtenen und mit Riemen zusam- mengebundenen Weidenruten und sind sehr leicht. Sie sind jedoch nicht ganz einfach zu benutzen, und so waren sie denn auch Ursache manch eines Zornes- ausbruchs und manch eines Muskelkaters. Da zu dieser Zeit des Winters die Völker im Nor- den nur selten größere Kriegszüge unternehmen (vor allem wegen mangelnder Fortbewegungsmöglich- keiten), schien uns dies der günstigste Zeitpunkt für eine friedliche Kontaktaufnahme mit ihnen. Wir stießen auf eine kleinere Gruppe Tlapallicos und schossen sie aus dem Hinterhalt nieder, als sie gerade Rast machten. Wir verloren dabei nicht einen einzigen Mann und befreiten zahlreiche Gefangene, durchweg Frauen, die sogleich unter wüsten Schmä- hungen über ihre toten Peiniger herfielen und sie kurzerhand in Stücke gerissen hätten, wären wir nicht dazwischengegangen. Trotzdem befahl Myrdhinn zu meiner großen Verwunderung, den Toten die Köpfe abzuschneiden und sie als Trophäen mitzunehmen. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß diese Frauen dem Volk der Hügel angehörten – Hayonwathas Stamm. Einige von ihnen konnten sich sogar noch an seine Mutter, Thiohero, erinnern. Bereitwillig führten sie uns zu ihrem Volk und ersparten uns so zwei Ta- gesmärsche. Wir freundeten uns mit den Eingebore-, nen an, wurden vorübergehend zu Mitgliedern ihres Stammes und überwinterten bei ihnen in festen Blockhäusern. Ihr Dorf war von einem soliden Pali- sadenzaun umgeben, der jedoch nicht so hervorra- gend konstruiert war wie andere, die wir in Tlapallan gesehen hatten. Wir gaben unseren neuen Freunden täglich Unter- richt im Bogenschießen, und schon bald wurden die großgewachsenen Waldbewohner zu passablen Bo- genschützen, was ihnen bei der Jagd sehr zugute kam und ihre Überlebenschancen im grimmigen Kampf gegen die Natur und die vielen anderen Feinde, die ihnen pausenlos zusetzten, erheblich vergrößerte. Je mehr es auf den Frühling zuging, desto häufiger zog Myrdhinn sich zurück, bis man ihn schließlich kaum noch zu Gesicht bekam. Er hatte die Köpfe der Tlapallicos geräuchert und präpariert; des Nachts las er in den Sternen, und tagsüber beschäftigte er sich in einem Haus, das man für seine privaten Zwecke zur Verfügung gestellt hatte und aus dem nun häufig üble Gerüche oder bunte Blitze und schwarze Rauchwölkchen nach au- ßen drangen. Oft hielt er lange Unterredungen mit Hayonwatha und den Stammesältesten; dabei lernte er ihre Legen- den, ihren Aberglauben und ihre Ängste kennen – und bastelte an seinen Plänen. Wir freundeten uns immer mehr mit diesem Volk der Hügel an. Waren sie uns zuerst mit Ehrfurcht be- gegnet, so wurden sie jetzt, da sie uns näher kannten, zusehends aufgeschlossener und umgänglicher. Je- doch sollten wir die ihnen eigene Wildheit in der Schlacht erst noch kennenlernen., Eines schönen Frühlingstages dachten wir, dieser Zeitpunkt sei gekommen. Die Männer fingen an, sich für den Krieg zu bemalen, die Knaben und Jugendli- chen eiferten ihren Vätern nach, und aus den anderen Siedlungen trafen Botschaften ein, das Volk solle sich nun vorbereiten. Myrdhinn jedoch trat gegen diesen Plan ein, und nach einer endlos langen Versammlung, zu der er als einziger aus unserer Gruppe zugelassen war, wurden die Kriegsvorbereitungen überraschend erst einmal abgebrochen. Es dauerte nicht lange, und eine Grup- pe von Männern, die zwar bewaffnet, jedoch nicht kriegsmäßig bemalt waren, machte sich auf den Weg in das nächstliegende Dorf ihrer Erzfeinde. Ein Mitglied dieser Gruppe war ich – begleitet von zehn bewaffneten Römern. Nach mehreren Tagesmärschen näherten wir uns mit äußerster Vorsicht dem größten Dorf der Besitzer des Feuersteins. Als wir nahe genug heran waren – doch weit genug, um sicherzugehen, daß man unsere Aktivitäten nicht beobachtete –, lösten wir die Borke einer großen Birke und bauten daraus ein über- mannsgroßes Sprachrohr. Als der Abend dämmerte, begaben wir uns damit an eine Stelle, die nahe am Rande der Lichtung lag, auf der sich das Dorf befand. Wir setzten das Sprachrohr auf einen Dreifuß und warteten, bis es völlig dunkel war. Als wir die Lichtung nicht mehr einsehen konnten, packten zwei unserer leichtfüßigsten Männer vier der präparierten Köpfe der Tlapallicos bei ihren langen Haaren und liefen damit zum Dorf. Dort angekom- men, warfen sie die Köpfe (die mit ihren verschrum- pelten Lippen aussahen, als hätten sie ein grausiges, Lächeln aufgesetzt) über die Palisade und liefen so geräuschlos wie möglich rasch wieder zu uns zurück. Die Köpfe verfehlten ihren Zweck nicht. Bald erhob sich ein schwaches Gemurmel, das sich rasch in ein heilloses Tohuwabohu verwandelte, als plötzlich un- ser Sprachrohr in die Nacht hinein erscholl. »Ganeagaono!« grollte Hayonwathas Stimme wie die eines überirdischen Monsters. »Besitzer des Feuersteins! Ich bin ein steinerner Riese! Hört auf meinen Rat! Ich habe so lange in den Ber- gen geschlummert, bis mein Volk mich brauchte. Ich bin euer Freund! Die fliegenden Köpfe scharen sich in den Wäldern und Bergen zusammen, um die einst mächtige Nation der Onguys zu vernichten. Tharon und der Sender der Träume baten mich, aufzustehen und sie zu zer- streuen wie Krähen von einem Kornfeld. Doch sind es zu viele für mich allein! Ganeagaono! Hört mir weiter zu! Ich erhob mich, als sie dabei waren, Rat zu halten. Sie flohen, nach- dem sie sich an meinen steinernen Gliedern die Zäh- ne ausgebissen hatten! Sie haben sich zusammenge- schart, um euch aufzufressen – ein kleines Volk nach dem anderen –, denn es gibt kein mächtiges Volk mehr, das sie vertreiben könnte. Besitzer des Feuersteins! Hört auf meine Worte! Seht euch die fliegenden Köpfe an, die ich tötete, als sie kamen, eure Schwäche zu erkunden und auf eu- ren Dächern zu lauschen, wie ihr plantet, eure Brüder zu töten! Sendet eure Läufer mit Gürteln des Friedens im ersten Morgengrauen zum Volk der Hügel. Ver- einbart einen Zeitpunkt für einen Friedensrat. Ich ge-, he nun, die anderen Völker zu warnen. Ich werdet sie alle in Onondaga treffen!« Der Donnergroll verhallte. Myrdhinn gab mir ein langes Rohr und hielt eine brennende Kohle an sein oberes Ende. Sofort sprühten aus ihm Funken empor wie eine Fontäne. Ich trat mit dem Rohr ins Freie, und sogleich erscholl aus dem Dorf entsetztes Stöhnen – wie Wind, der durch nacktes Astwerk streicht. Im selben Moment schoß ein roter Feuerball aus dem Rohr, fuhr hoch in die Luft und tauchte meine Gestalt in blutrotes Licht. Wilde Krieger heulten in Ehrfurcht auf. Ich war in voller Rüstung, und da ich gut sechs Fuß groß bin, muß ich in dem unwirklichen Licht in der Tat wie ein überirdischer Riese ausgesehen haben! Ich stand einen Augenblick reglos da, in einen Schauer von Funken gehüllt. Dann gab ich ihnen mit donnernder Stimme den vollen römischen Salut, und als das Rohr plötzlich eine grünliche Flamme ausspie, drehte ich mich um und schritt, in dieses unheimlich und schaurig wirkende Licht getaucht, wieder in den Wald zurück. Das Feuerrohr wurde sofort wieder gelöscht. Myrdhinn fiel mir vor lauter Freude um den Hals und drückte mich. »Großartig! Großartig!« stammelte er. »Hör dir dieses Angstgeheul an! Hoffentlich haben die anderen genausoviel Erfolg!« Hayonwatha war schon dabei, kurze und knappe Befehle zu geben, und unter seiner Führung machten wir uns auf den Heimweg in unser Dorf. Nach und nach trafen auch die anderen Gruppen ein. Sie alle hatten ihre Mission mit dem gleichen Er- folg zu Ende gebracht wie wir. Die vier übrigen, Stämme waren ebenfalls in völliger Panik, und mit Anbruch des Tages kamen bereits Läufer. Kurz dar- auf erschienen auch Boten von dem Volk der Großen Hügel, und wenig später tauchten die Kuriere des Granitvolks und des Volks des Schmutzigen Landes auf. Die Onondagaonos bewiesen, daß sie ihre Lek- tionen gut gelernt hatten, und empfingen die schweratmenden Friedensbringer mit gutgespieltem Entsetzen über einen nächtlichen Besuch, der ihnen angeblich – wie allen anderen auch – widerfahren war. Die Läufer machten sich mit der Vereinbarung ei- ner geheimen Versammlung wieder auf den Weg, und eine knappe Woche später trafen sich alle an ei- nem See, den sie als Versammlungsort gewählt hatten und der seit dem Auseinanderfallen des Volkes der Onguy ein ständiger Zankapfel gewesen war. An diesem See also fanden sie sich nun alle ein, ei- ne riesige Heerschar, deren Lagerfeuer die Hügel rings um den See mit ihren Rauchwölkchen zierten und die die Furcht vor einem imaginären Gegner zu- sammengeführt hatte, als ob nicht ihr wirklicher, überaus gefährlicher Feind schon bedrohlich genug gewesen wäre, sie zu vereinigen. Nun marschierten wir Römer in voller Kriegsrü- stung aus dem Versteck, in dem wir uns bis zum Eintreffen aller verborgen hatten. An der Spitze Myrdhinn in feierlichen Gewändern, auf dem Kopf seinen riesigen Federschmuck, der fast bis an die Hüfte über seinen Rücken hing. Bei diesem Anblick ging ein Raunen der Bestür- zung und des Entsetzens durch die Reihen der ver- sammelten Eingeborenen. Obwohl sie große Angst, bekamen, als sie unsere Rüstungen sahen und das Klirren unserer Waffen hörten (auf den ersten Blick müssen wir in der Tat wie echte Söhne des Felsenge- birges erschienen sein), erholten sie sich schnell vom ersten Schreck und gewannen rasch ihre natürliche Würde und ihren Gleichmut zurück. Denn sie sind ein Volk, das sehr stolz ist und großen Wert darauf legt, selbst unter größten körperlichen Qualen eine gefaßte Haltung an den Tag zu legen. Blitzschnell hatten sie ihr Mienenspiel wieder so unter Kontrolle, daß nichts, nicht einmal ein Blick der Überraschung darauf hindeutete, daß unser Auftau- chen etwas Außergewöhnliches war. Doch der nervö- se Griff zum Beil oder Messer sowie die finsteren Blicke verrieten uns deutlich, daß ihr Interesse an uns durchaus zwiespältig war und sich die wunderschö- ne Bergschlucht von Thendara sehr schnell wieder in ein Schlachtfeld verwandeln konnte. Wir näherten uns dem versammelten Onondaga- Volk. Fünfzig Schritt vor den Männern hielten wir an. Myrdhinn trat vor, und von der anderen Seite schritt Hayonwatha auf ihn zu. Auf halbem Wege trafen sie sich. Hayonwatha trug eine lange, mit Federn ver- zierte Pfeife bei sich, die er jetzt in Brand setzte. Während die beiden ihr feierliches Ritual zele- brierten, musterten wir die Eingeborenen und stellten fest, daß die unzähligen Augenpaare, die sich mit durchdringendem Blick auf uns richteten, sich rasch daran gewöhnten, daß wir weit menschlicher waren, als es zunächst den Anschein haben mochte. Uns beschlich ein Gefühl des Unbehagens. Nach- dem die Zeremonie beendet war, rief Myrdhinn laut: »Männer der Onguys! Sagt euren Frauen, sie sollen, die Lagerfeuer löschen!« Sie starrten ihn verwundert an. »Sofort!« rief der Druide ungeduldig. »Bis auf den letzten Funken!« Die jungen Burschen bahnten sich den Weg durch die Masse, rannten zum Ufer des Sees und dann in die Hügel. Kurz darauf wurden die unzähligen Rauchfahnen dünner, bis sie schließlich verschwan- den. »So wie ihr, die ihr hier auf der Erde wandelt, die zahllosen Feuer auslöscht, die – jedes für sich – die einzelnen Familien der einst mächtigen Onguys ver- sinnbildlichen, so blase ich, Tarenyawagon, nun die Große Flamme aus. Seht her!« Er streckte den Arm gen Himmel, und ein entsetz- tes Raunen ging durch die Menge. Ein schwarzer Schatten schob sich langsam vor die Sonne! Bevor sich ihre Furcht noch in den Gedanken hätte verwan- deln können, die Sonne zu retten, indem sie uns tö- teten, erhob Myrdhinn erneut seine Stimme. »Männer des Volkes der Onguys! Ich sehe vor mir viele Männer. Sie stehen einander in Haß und Miß- trauen gegenüber, und doch sind sie Brüder. Sie ha- ben dieselbe Hautfarbe, sprechen dieselbe Sprache; sie leben auf dieselbe Art und Weise in Familien und Gemeinschaften zusammen; sie bevorzugen dieselbe Nahrung, spielen dieselben Spiele – kurz, sie sind Brüder. Meine Söhne! Bringen Brüder sich gegenseitig um, während das Dach über ihren Köpfen von der Fackel des Feindes angesteckt wird? Kämpfen Brüder ge- geneinander, während ihr Vater, ihre Mutter und ihre kleinen Geschwister in die Gefangenschaft geschleppt, werden oder schon unter der Peitsche ihrer gnaden- losen Peiniger schmachten? Hört mir weiter zu, meine Söhne: Euer Feind lauert vor jeder Tür eurer Blockhäuser. Dieser Feind ist hinterhältiger als die Baumkatze, wilder als der Bär und gieriger als ein hungriges Wolfsrudel. Einzeln seid ihr machtlos; ein Stamm al- lein mag zwar zuschlagen, doch dann muß er fliehen. Aber wenn ihr alle wie Brüder zusammenhaltet, dann könnt ihr den Feind ein für allemal von eurer Tür vertreiben.« Bis auf einen kleinen Rand war die Sonne nun ver- dunkelt, doch keiner der Männer murrte oder lief weg. »Völker des Granits, der Großen Hügel und des Schmutzigen Landes! Seht euch um! Besitzer des Feuersteins! Seht euch ebenfalls um! Eure Feinde sind nicht die Fliegenden Köpfe! Keines der hier versam- melten Völker ist euer Feind! Neben jedem von euch steht ein Bruder, bereit, für euch zu kämpfen euch in der Schlacht den Rücken zu decken. Er wird euch hel- fen und schützen, wenn ihr bereit seid, dasselbe für ihn zu tun. Laßt eure alten, finsteren Gedanken fah- ren, auf daß sie sich mit der Finsternis vereinigen, die uns jetzt in ihr Leichentuch einhüllt.« Die Sonne war nun vollkommen verdeckt! »So soll denn eine Finsternis die andere auslöschen. Ergreift nun die Hand eures Nachbarn und laßt mich alle hören, wie ihr ihn euren Bruder nennt!« Alles kam nun auf diesen Moment an. Die Span- nung zerrte an unseren Nerven. Myrdhinn stand nur diese kurze Zeitspanne zur Verfügung, seinen Plan zu verwirklichen – und es schien, als sollte er fehl-, schlagen. Die Männer standen da und schauten sich mißtrauisch an. Die Sache mußte besiegelt sein, bevor die Sonne wieder auftauchte oder die Eingeborenen merkten, daß das Wunder nichts weiter als eine harmlose Naturerscheinung war. Schließlich brach der Bann. Ein uralter König der Nundawaono ging, auf einen Stock gestützt, auf den nicht minder betagten König der Onondagaono zu und ergriff seine Hand. Ein Jubelschrei erhob sich, und gleich darauf ging die Flamme der Verbrüderung wie ein Feuer durch die Reihen der versammelten Völker. Hayonwathas Muscheltrompete schnitt durch das Getöse, und Myrdhinn erhob erneut seine Stimme: »Meine Kinder! Vergeßt nicht eure augenblickli- chen Gefühle. Es werden erneut Anfechtungen auf euch zukommen, Mißtrauen, alte Wunden, die die Zeit noch nicht heilen konnte; auch neue Meinungs- verschiedenheiten werden auftauchen. Seht entweder großmütig darüber hinweg, oder laßt sie von euren weisen Männern friedlich beilegen. Denkt immer daran: Ihr habt einen gemeinsamen Feind – Tlapal- lan!« Ein mächtiges Wutgebrüll unterbrach ihn. Bleich und nervös die verbleibenden Sekunden zählend, wartete Myrdhinn, bis wieder Ruhe eingekehrt war. »Hört mir zu, meine Söhne! Ehret die Alten und Schwachen! Laßt sie nicht länger die Beute der wilden Tiere des Waldes werden! Betrachtet sie als Men- schen, die ebenso eurer Obhut bedürfen wie eure Kinder. Seid ihr nicht besser als die Mias, die einen alten Menschen nur noch als wertlosen Körper anse- hen, den man zum Ruhm eines blutrünstigen Gottes, verstümmeln kann? Behandelt euch gegenseitig mit Freundlichkeit und Nachsicht, doch euren Feinden gegenüber seid un- barmherzig und gnadenlos! Auf diese Weise werdet ihr endlich Frieden finden und eine große, geeinte Nation werden. Ihr werdet mächtig sein und jedem Feind die Stirn bieten können. Zum Zeichen eures Bruderbundes pflanzt einen Baum mit vier Wurzeln, dessen Äste nach Norden, Süden, Osten und Westen zeigen. In seinem Schatten müßt ihr euch in Freund- schaft zusammensetzen, auf daß ihn eure Feinde nicht fällen. Ebenfalls unter dem Dach dieses Baums müßt ihr als Symbol eurer Freundschaft und Einigkeit ein gro- ßes Haus errichten. Beides soll hier in diesem Wald stehen. Dieses Haus soll euch allen gleichermaßen als Zuflucht und Heimstatt dienen, und über ihm wird der mächtige Baum des Bruderbundes stehen als un- verrückbares Symbol und ewiger Hüter eures Bun- des! Und nun gebe ich euch neues Feuer für euren Herd!« Er nahm die Friedenspfeife und klopfte die restli- che Glut heraus, so daß sie auf die Erde fiel. Leises Zischen erklang, eine Feuerschlange wand sich blitz- schnell über den Boden, Wolken weißen Rauchs stie- gen auf, gefolgt von Geräuschen wie Donnerschlag. Ein paar Fuß abseits vom Mittelpunkt der Lichtung, auf der der Seher und der Trompeter standen, schoß eine gleißendrote Stichflamme aus der Erde. Und genau in diesem Moment trat der strahlende Rand der Sonne hinter der dunklen Scheibe hervor! »Nun zündet eure Fackeln an, kehrt in eure Weik-, waums zurück und betrachtet diesen Ort von nun als die Stätte des Ratsfeuers. Seid fürderhin nicht mehr Onguys, sondern nennt euch Hodenosaunee, Volk des Großen Hauses. Ich habe gesprochen!« Dann kam er zu uns zurück, und in tadelloser Marschordnung zogen wir in unsere Quartiere zu- rück, die uns die freundlichen Onondagaonos kurz zuvor bereitet hatten. Während wir aufbrachen, sa- hen wir noch, wie sich die Menge nach vorn drängte, um an dem magischen Feuer teilhaben zu können. Jeder wollte etwas abbekommen; die keine Fackeln besaßen, brachen Schilfrohr ab und entzündeten es, manche rissen sich sogar Fetzen ihrer Kleidung ab. Nun darfst Du nicht denken, mein Kaiser, Myrdhinns Rede hätte von einem auf den anderen Tag bewirkt, daß sich über viele Jahre angestautes Mißtrauen und Haß in Nichts auflösten. Sie war je- doch der Beginn einer langandauernden Versamm- lung. Während dieser Beratung gab es manch ein Ge- rangel, und hier und da fielen harte Worte. Doch je- desmal, bevor diese Zwistigkeiten in handfesten Streit auszuarten drohten, schaltete Myrdhinn sich persönlich ein, und der Zank war vorüber, noch ehe die Streithähne so recht wußten, wieso die Schwie- rigkeiten mit einemmal so unbedeutend geworden waren. Die Versammlung dauerte vier Tage. Myrdhinn wurde in aller Form in das Volk des Feuersteins auf- genommen und erhielt wichtige Funktionen in ihrem Rat. Auch Hayonwatha wurde in den Rang eines Royaneh (das heißt Mitglied im Rate der Weisen) ge- hoben – und hätte ich es gewünscht, man hätte auch, mir diese Ehre zuteil werden lassen. Ich setzte mich jedoch gegenüber solcherlei Lobhudelei seitens der Barbaren erfolgreich zur Wehr, und auch Myrdhinn nahm diese Ehrenbezeugung nur sehr ungern an, fürchtete er doch, sein neuerworbenes Amt könne seinen Plan durchkreuzen: im Frühjahr auf Reisen zu gehen. Er brannte nämlich darauf, nach Südwesten zu ziehen, um nach dem Land der Toten zu forschen. Die Versammlung endete schließlich mit dem Ergeb- nis, das alle gewünscht hatten: Fünf Völker, jedes al- lein zu schwach, der überwältigenden Macht Tlapal- lans die Stirn zu bieten, schlossen sich zu einer gro- ßen Union zusammen. Dieser kraftstrotzende Bund der Einheit spannte nun seine Kräfte an und verlangte Krieg, um seine Macht zu erproben. Doch sein Gehirn (bestehend aus fünfzig vom Volk gewählten Royanehs) hieß ihn, Ge- duld walten zu lassen und abzuwarten, bis er stärker wäre. Und so lernte das Volk des Großen Hauses den ganzen Frühling über, wie man mit Pfeil und Bogen umging, und erlangte in dieser Kunst große Fertig- keit. Als der Frühling sich dem Ende zuneigte, be- schlossen wir, unsere Stärke bei einem Überfall auf die Straße der Bergleute und möglicherweise auch bei einem Angriff auf die Grenze zu Tlapallan zu erpro- ben.,

Der Mantel Arthurs

Diese sogenannte Straße der Bergleute war im Grun- de genommen keine Straße, weil sie (aufgrund der Angewohnheit ihrer Benutzer, hintereinander in einer langen Reihe den dichten Wald zu durchqueren) an keiner Stelle breiter als ein Fuß war. Manchmal wur- de sie so schmal, daß sie nicht mehr als ein paar Zoll maß. Das hing davon ab, ob sie über felsigen oder weichen Boden führte. Dennoch war sie auf ihrer ganzen Länge ausgezeichnet markiert, wurde ständig von Patrouillen überwacht und war dicht mit Forts bestückt. Dieser hartumkämpfte Pfad verband näm- lich die vier schon erwähnten Hauptstädte mit den reichen Kupferminen, die in der Nähe des Binnensees lagen. Während der Sommermonate flutete ein stän- diger Strom schwerbeladener Sklaven über diesen Pfad. Für uns galt die Straße als der lange, gierig in die Schatztruhen Chichamecas greifende Arm des ver- haßten Tlapallans, und wir waren entschlossen, die- sen Arm zu brechen und damit der systematischen Ausbeutung der Naturschätze Chichamecas ein für allemal ein Ende zu bereiten. Und so setzte sich denn ein Marschtrupp in Bewe- gung, bestehend aus mir, Hayonwatha, zwanzig Rö- mern und achtzig Hodenosaunee. Wir alle waren uns darüber im klaren, daß auf unseren Schultern die schwere Last ruhte, Tlapallan beweisen zu müssen, daß im Norden eine neue Macht erstanden war., Myrdhinn wollte mit den restlichen Römern und zweihundert Kriegern aus dem Volk des Großen Hauses losmarschieren, die Minen zu erobern, wäh- rend sich andere Abteilungen – deren Umfang sich jeweils nach der Größe des Forts, das sie angreifen sollten, richtete – auf den Weg zu den Stützpunkten längs der Straße machten. Meine Abteilung hatte die Aufgabe, unterhalb des letzten Forts vor der Grenze jeden Mann abzufangen, der über den Pfad die Grenze zu Tlapallan zu errei- chen versuchte. Auf diese Weise wollten wir den Nachrichtenfluß zwischen den Forts und Tlapallan unterbinden. Sollte trotz dieser Vorsichtsmaßnahme Tlapallan gewarnt werden, so hatten wir die Aufga- be, jeden Trupp – und war er noch so klein –, der den Forts zu Hilfe eilte, zu vernichten oder gefangenzu- nehmen. Wir hofften durch Nachtangriffe die Forts mit einem einzigen Schlag einnehmen zu können, be- vor sie noch die Möglichkeit hatten durch Rauchsi- gnale die Nachricht vom Überfall zu verbreiten. Wir waren, was dies betraf, voller Zuversicht: Unsere Schlagkraft war beachtlich, und die Wälder wimmel- ten von unseren Kriegern. Bevor ich Myrdhinn ein Lebewohl sagte: rief er mich zu sich und überreichte mir als Anerkennung eine kleine Schachtel. Als ich sie öffnete, dachte ich, er wolle einen Scherz mit mir treiben: Sie war leer! Er lachte. »Faß hinein!« Ich tat es. Zu meiner Verblüffung fühlte ich die fei- ne Oberfläche von Stoff. Ich schaute hinein und sah, daß meine Finger, die den Stoff berührten, sich in Luft aufzulösen schienen. Gleichzeitig begannen meine Augen bei dem Anblick der sich auflösenden, Hand zu tränen. Auch den Boden der Schachtel konnte ich nicht erkennen. Er verschwamm einfach wie flimmernde Luft vor meinen Augen. Verblüfft starrte ich Myrdhinn an. »Dies«, sagte er, »ist ein unbezahlbares Andenken – der Mantel Arthurs.« Da begriff ich. Wir alle hatten von jenem geheim- nisvollen Mantel gehört, der alles, was er einhüllte, unsichtbar machte. Aber ich hätte nicht im Traum daran gedacht, daß er sich in unserem Besitz befand. »Myrdhinn! Du hast den Mantel mitgenommen ...?« Er nickte. »Ja, das tat ich. Alle dreizehn kostbaren Gegenstände befanden sich in meiner großen Kiste. Hätten sie den Sachsen in die Hände fallen sollen?« Ich lächelte. »Ich hoffe, bei dem Mantel ist nicht wieder Magie im Spiel!« »Was ist schon Magie?« versetzte er ein wenig ge- reizt. »Doch bloß etwas, das der Uneingeweihte nicht begreift. An dem Mantel ist nichts Schlimmes. Du brauchst keine Furcht zu haben. Du wirst schon nicht der Verdammnis anheimfallen. Es ist nichts weiter als ein einfaches Leinengewand, das mit schwarzer Farbe bedeckt ist.« »Schwarze Farbe? Du willst mich foppen, Seher! An dem Mantel ist nichts Schwarzes; er ist völlig farblos.« »Genau! Farblos – das ist das richtige Wort. Farblos deshalb, weil er das Licht, das auf ihn fällt, jeglicher Farbe beraubt. Die einzelnen Farben, die im Licht enthalten sind, löschen sich gegenseitig aus, und zu- rück bleibt – nichts. Daraus folgt, daß man den Man- tel oder das, was er bedeckt, ebensowenig sehen kann, wie das Licht, das durch die Luft fließt; denn das Licht und die Farben, aus denen es sich zusammen- setzt, sind ganz einfach nicht da; sie werden völlig von diesem perfekten Schwarz absorbiert.« Ich muß in diesem Augenblick wohl etwas dümm- lich dreingeschaut haben, denn er murmelte: »Aber warum viele Worte verschwenden? Du bist ein Mann des Krieges. Ich bin ein Mann des Geistes. Wir haben nicht viel gemeinsam. Nun geh schon und mach dich an dein blutiges Handwerk.« Mit diesen Worten des Lebewohls nahm ich das weiche Tuch, das ich nicht sehen konnte und für das ich auch keine Erklärung fand, stopfte es unter meine Lorica und machte mich davon. Drei Tage lang lagen wir schon an der vereinbarten Stelle in den Hügeln oberhalb der Straße der Berg- leute auf Lauer, und das einzig Erwähnenswerte, das wir beobachten konnten, waren Waldmäuse. Lang- sam, aber sicher begann die Situation uns zu peini- gen. Am Morgen des vierten Tages gelangte ich zu der Ansicht, daß weiteres nutzloses Herumsitzen und Abwarten nicht mehr zu ertragen waren. Jenseits der Hügel, im Süden, konnten wir den Rauch erkennen, der von der Stadt der Schlange aufstieg, und jeder von uns brannte darauf, dem Feind endlich einen Schlag zu versetzen, der ihn schmerzte. Ich lag da und dachte nach. Was konnte ein kleiner Trupp wie der unsere gegen solch eine Übermacht ausrichten? Außerdem durften wir den Befehlen Myrdhinns und der Royanehs nicht zuwiderhandeln. Wir sollten den Pfad auf keinen Fall aus den Augen lassen. Da fiel mir der Mantel ein, der noch immer, warm und weich unter meiner Lorica steckte, und ganz plötzlich fiel mir ein großartiger Plan ein. Wenn wir Tlapallan angreifen wollten, brauchten wir dazu neue, unbekannte Waffen, die unseren Feind mit ihrer Macht in Angst und Schrecken ver- setzen würden. In den Gruben unter dem Ei lagen genau die Dinge, die wir benötigten, um eben diese Waffen herzustellen – die Klampen der Pfeilkatapulte und der Tormentae! Die Bronzeklampen konnten wir nämlich nicht mehr herstellen, da ja unser Schmied tot war und wir kein Zinn besaßen (bis heute haben wir in diesem Land kein Zinn entdecken können). Was lag da näher, als daß ich im sicheren Schutze von Arthurs Mantel in die Stadt schlich, die Klampen aus den Kellern stahl und mich unerkannt wieder entfernte? Eine perfektere Methode gab es nicht! Gesagt, getan – in Begleitung von fünf Hodenosau- nee ließ ich die zehn Römer allein, schärfte ihnen ein, die Augen offenzuhalten, und machte mich auf den Weg nach Süden über die Hügel. Am Waldrand vor der Stadt verbargen sich meine Begleiter, und ich zog den Mantel über. Die Gesichter, die sie machten, als ich mich plötzlich in nichts auflöste, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich dachte zuerst, sie würden auf der Stelle in wilder Flucht davoneilen, als sie meine Stimme aus dem Unsichtbaren hörten. Doch obwohl sie wie Espenlaub zitterten und ver- störtere Gesichter machten als je beim Anblick leib- haftiger Feinde, blieben sie doch stehen. Ich gab ih- nen ein paar Anweisungen und ließ sie mit ihren Ge- danken über die gottähnlichen Mysterien und seltsa- men Wege des weißen Mannes allein. Nachdem ich etwa eine Stunde lang stramm vor-, angeschritten war, erreichte ich die Außenwerke, passierte sie unerkannt und schritt durch das offene Stadttor. Zuvor jedoch mußte ich eine Weile warten, denn es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, da die Felder gerade für die Aussaat hergerichtet wurden. In dem beruhigenden Gefühl, völlig unsichtbar zu sein, schlenderte ich gemächlich an den Häusern entlang. Viele von ihnen waren neu aufgebaut, und an einer ganzen Reihe konnte man noch die Schäden erkennen, die in der Nacht unserer Flucht entstanden waren. Ich ging ziellos umher und versuchte, mir ei- nen Eindruck von der Stärke der Stadt zu machen. Und während ich mir noch einen Spaß daraus mach- te, die Zahl ihrer Bewohner über den Daumen zu peilen und mir die schwächsten Stellen in der Palisa- de auf dem Rücken der Schlange einzuprägen, ereig- nete sich ein Zwischenfall, der mich um ein Haar um den Erfolg meines Abenteuers gebracht und fast das Leben gekostet hätte. Ein kleiner nackter Junge kam um eine Hausecke gerannt, das Gesicht zu einem schelmischen Grinsen verzogen wegen irgendeines Streichs, den er wohl ei- ner Gruppe anderer Bengel gespielt hatte, die ihm dicht auf den Fersen waren. Mit gesenktem Kopf rannte er genau in mich hinein. Ehe ich noch auswei- chen konnte, lagen wir schon beide auf der Erde. Mein, Mantel rutschte mir bis übers Knie, meine Kappe fiel mir vom Kopf, und wäre der Junge nicht von der Wucht des Zusammenpralls der Ohnmacht nahe gewesen, ich hätte ihn töten müssen, damit nicht die ganze Mühe umsonst war. Ich hatte gerade noch Zeit, mich hochzurappeln,, meinen Mantel zu ordnen, meine Kappe wieder auf- zusetzen und mit einem Satz zur Seite zu springen, als die brüllende Horde heran war, über ihren Spiel- kameraden herfiel und ihn, der noch immer ganz be- nommen war, mit lautem Gejohle davontrug. Nach diesem Erlebnis war mir die Lust, ziellos umherzu- schlendern, vergangen, und ich begab mich auf dem schnellsten Wege zu dem Ei. Der Eingang zu den unterirdischen Kammern war unbewacht, und kurze Zeit später kam ich wieder heraus. Unter dem Mantel verbarg ich drei der schweren Klampen – gerade so viel, wie ich einigermaßen bequem tragen konnte. Als ich bei meinen Begleitern ankam, war ich hungrig und aß eine Tasse voll Teocentli-Mehl, das ich in kaltem Wasser verrührte. Dieses Mehl ist alles, was wir an Nahrung auf langen Märschen mitzu- nehmen pflegen. Es ist sehr leicht und überdies sehr nahrhaft. Es wäre eine unschätzbare Bereicherung für den Marschproviant des römischen Heeres. Als ich mit dem Essen fertig war, machte ich zwei weitere Ausflüge in die Keller unter dem Ei. Bei mei- nem dritten und letzten brachte ich außer den restli- chen Klampen noch Zinn von der Verschalung der Prydwen mit. Es wurde nun langsam dunkel, und ich wußte, daß ich vor Einbruch der Nacht keinen weiteren Ausflug unternehmen konnte. Doch ich wollte um jeden Preis noch soviel von dem Zinn holen wie eben möglich – solange die Gelegenheit so günstig war. Das Metall war für uns mehr wert als Gold, wenn wir erst her- ausfanden, in welchem Umfang und auf welche Wei- se wir es mit den riesigen Mengen Kupfer kombinie- ren konnten, die Myrdhinn und seine Männer inzwi-, schen bei ihrem Überfall auf die Minen erbeutet ha- ben mußten. Also forderte ich Fortuna heraus und mußte feststellen, daß man sich auf ihr launisches Lä- cheln nicht verlassen darf, wie Du im folgenden se- hen wirst. Als ich den Keller erneut betrat, war es inzwischen stockfinster geworden. Ich tastete mich gerade behut- sam an die Stelle vor, wo der Stapel mit dem aufge- schichteten Zinnblech liegen mußte, da fühlte ich mich urplötzlich von unsichtbaren Händen gepackt. Ich riß mich los, hörte ein Geräusch, als ob Stoff zer- riß, und war frei – doch ohne den schützenden Man- tel Arthurs! Und ich hatte nicht einmal ein Messer, um mich gegen die bewaffneten Männer zur Wehr zu setzen, die jetzt von überallher kamen. Zum Glück stand ich nahe beim Eingang. Ich stürzte hinaus, rannte zwei Männer mit Fackeln um, die sich gerade anschickten, das Tor des Ganges zu schließen, und fand mich in der Stadt wieder, gejagt von den Menschen, die durch den Tumult aufge- schreckt worden waren. Alle Tore wurden bewacht – nirgends ein Schlupfwinkel, in dem ich mich hätte verstecken können. Zuerst schlug ich den Weg zum Fluß ein. Doch sein Uferdamm war gesäumt von Fackelträgern, so dicht, daß nicht eine Ameise hätte hindurchschlüpfen kön- nen. Ich rannte zurück, um über die Palisade zu klet- tern. Ich hielt mich dicht an den Häuserwänden, um möglichst im Schatten zu bleiben. Plötzlich kam ich an ein großes, unbeleuchtetes Blockhaus in der Nähe des Stadtzentrums – hinter mir eine Gruppe von Leuten, die zufällig und ohne Absicht des Weges ka-, men. Ich war mir sicher, daß man mich nicht gesehen hatte. Eine weitere Schar näherte sich mir von vorn. Sie war schon sehr nahe. Was sollte ich tun? Nur noch wenige Augenblicke, und ich würde mich in einem der beiden Lichtkreise befinden oder eine der Gruppen würde mich im Ge- genlicht der entgegenkommenden dabei ertappen, wie ich versuchte zu entkommen. Im Erdboden versinken konnte ich nicht, und wie ein Vogel davonzufliegen lag ebenfalls nicht in mei- ner Macht. Als ich hochblickte, flog eine Eule, ge- blendet vom Licht der vielen Fackeln, mit schrillem Gekreische von einem Dach auf und verschwand in Richtung Wald. Die Eule gilt bei vielen Menschen als böses Omen; diesen Vogel jedoch werde ich stets in guter Erinnerung behalten! Er brachte mich nämlich auf den richtigen Gedan- ken! Blitzschnell zog ich mich mit Finger- und Zehen- spitzen an den Rillen zwischen den Holzbohlen der Häuserwand empor und hatte es mir bereits auf dem Dach bequem gemacht, als die beiden Gruppen sich begegneten, kurz stehenblieben, um ein paar Worte miteinander zu wechseln, und dann ihres Weges gin- gen. Für den Augenblick war ich in Sicherheit, aber meine Lage war alles andere als rosig. Ich konnte be- stenfalls bis zum Anbruch des Tages hier oben blei- ben, und bisher sprachen keine Anzeichen dafür, daß man bis dahin die hektische Suche nach mir einge- stellt haben würde. Ich dachte noch darüber nach, was zu tun sei, als sich in dem Haus unter mir eine Tür öffnete und ein Mann herauskam. Er ging mit unsicheren Schritten, auf eine Bank zu und tastete unter ihr herum, bis sei- ne Hand mit einem Krug voll Wasser zum Vorschein kam, aus dem er so gierig trank, als sei er dem Ver- dursten nahe. Als er seinen Durst gestillt hatte, tastete er sich – die Hände unsicher nach vorn ausgestreckt – wieder zurück zur Eingangstür. Sein Verhalten kam mir selt- sam vor, denn der Himmel war sternklar und der Schein ferner Fackeln spendete genug Licht, daß ich deutlich sein Gesicht erkennen konnte. Somit hätte er eigentlich den Weg zur Haustür erkennen müssen. Doch dann sah ich zu meiner Überraschung, daß er seine Augen beim Gehen geschlossen hielt. Der Mann war blind! In jedem anderen Teil der Welt wäre dies an und für sich nichts Besonderes gewesen; auch in Chicha- meca gab es Blinde, Taube und Stumme. Doch hier war er ein Ungeheuer, ein Ausgestoßener – Tlapallan kannte keine Gnade mit Menschen, die an einem Ge- brechen litten, welcher Art es auch war. Selbst Mit- glieder der herrschenden Klasse der Mias wurden – wenn sie an einer unheilbaren Krankheit litten – dem Tod auf dem Altar des Eis geweiht, dessen Priester niemals genügend Opfer in ihren feuchten Kellern hielten, um Ciacoatl (genannt ›der Verschlinger‹) zu- friedenzustellen. Du kannst Dir vorstellen, welche Überlebenschance dieser Blinde – ein Tlapallico der dritten Generation, wie mir seine Kleidung verriet – gehabt hätte, wäre seine Blindheit den Priestern bekannt gewesen, deren Gruben ohnehin gerade völlig leer waren! »Wo es für dich sicher ist, da ist es auch für mich sicher, mein Freund!« sagte ich leise zu mir selbst, als, ich mich über den Rand des Daches schwang und ne- ben ihm landete. Er wirbelte herum und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Ich legte ihm die Hand auf den Mund und drängte ihn mit sanfter Gewalt ins In- nere des Hauses. »Alter Mann«, sagte ich grimmig, »die Männer deines Volkes sind hinter mir her. Wenn sie mich hier finden, dann nehmen sie dich auch mit, und sie wer- den uns gemeinsam auf dem Altar die Haut vom Lei- be reißen. Hast du meine Worte verstanden?« Er nickte heftig. »Dann verbirg mich da, wo auch du dich ver- steckst! Rasch!« Er führte mich zu einer Öffnung im Fußboden und kletterte über eine kurze Leiter nach unten. Bevor ich ihm folgte, packte ich mir noch schnell ein steinernes Beil, das an der Wand hing. Mein Leben war zwar in seiner Hand, doch er war ebenso auf meine Gnade angewiesen – und ich war jünger und stärker als er. Als ich den schmutzigen Boden erreicht hatte und neben ihm stand, kletterte er flink wie ein Wiesel die Leiter wieder hinauf. Ich war schon nahe daran, das Beil zu schwingen, als er eine Falltür zuzog und mit einer Schnur ein Bärenfell über die Öffnung in dem Fußboden über uns zog. Und dann saßen wir zusammen im Dunkeln und hatten Gelegenheit, uns näher kennenzulernen. Er war nicht immer blind gewesen. In seiner Ju- gend hatte er als Händler gelebt, bis ihn eines Tages die Chichamecs gefangen hatten. Sie hatten ihn grau- sam gefoltert, indem er zwischen zwei langen Reihen ihrer Krieger hindurchlaufen mußte, die mit Ruten aus Dornensträuchern auf ihn einschlugen., Er war geflohen, in einen Fluß gesprungen und hatte sich trotz seiner schweren Verletzungen in Si- cherheit bringen können, indem er seinen Kopf unter einem Klumpen Buschwerk versteckt hatte, der auf dem Wasser trieb. Bald darauf hatte seine Sehkraft – sei es durch einen Schlag mit der Dornenrute über die Augen, sei es durch Gift im Wasser des Flusses – im- mer mehr nachgelassen, und er war in der Stadt ge- blieben bei seiner Familie, seiner Frau und seinem einzigen Sohn, der ebenfalls verheiratet war. Seine Familie war es auch, die ihm dieses Versteck unter ihrer Wohnung gegraben hatte, und hier lebte er nun schon seit fünf Jahren, völlig erblindet, in ständiger Furcht vor dem Entdecktwerden. Er wagte sich nur in der finstersten Nacht vor die Tür, wenn alle genauso unsicher gingen wie er, um ein wenig frische Luft zu schnappen. In dieser Nacht jedoch, in der er ganz allein zu Hause war (seine Frau half bei der Suche nach mir), hatte der Durst ihn so gequält, daß er entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten nach draußen gegangen war, um frisches Wasser zu trinken. Im Verlauf unseres Gesprächs erfuhr ich, daß er keine große Liebe für Tlapallan hegte und das freie Leben eines Händlers im Wald immer sehr genossen hatte; ich machte ihm den Vorschlag, mir bei meiner Flucht behilflich zu sein; als Gegenleistung würde ich ihm eine sichere Heimstatt bei den Hodenosaunee besorgen, deren Bevölkerung ständig dadurch wuchs, daß sie kleinere Stämme überfielen, deren Mitglieder als Gefangene mitnahmen und sie zu Angehörigen ihres eigenen Volkes mit vollen Stammesrechten machten., Der Vorschlag gefiel ihm – und später auch seiner Frau –, und zwei Tage darauf billigte auch sein Sohn, der von einer Expedition in die Wälder mit Fellen, Elchzähnen und Muschelperlen zurückkehrte, diesen Plan. Er hatte davon reden gehört, daß oben im Nor- den eine große Macht entstanden war, und war klug genug einzusehen, daß ein ehrgeiziger Mann sich selbst einen guten Dienst erweist, wenn er sich mit einem Volk verbündet, dessen Stern im Aufgehen be- griffen ist. Für den darauffolgenden Tag war eine weitere Handelsreise geplant, und diesmal sollte die ganze Familie mitgehen – der blinde Mann und ich verklei- det als Frauen, die ihre Männer bis vors Stadttor be- gleiteten, um ihnen Lebewohl zu sagen. Sieben Tage waren seit dem Überfall auf die Straße der Bergleute vergangen. Seither war kein Kupfer mehr in die Stadt gekommen, weshalb große Unruhe und Alarmstimmung herrschten. Man plante, eine Strafexpedition auszusenden. Als ich davon hörte, be- fürchtete ich, daß man aus diesem Grund Handelsrei- sen, die in die Waldgebiete führten, verbieten würde. Ich schlug daher vor, schon in der Nacht aufzubre- chen. Etwa drei Stunden nach Sonnenuntergang trommelte der junge Händler seine Sklaven zusam- men (die keine Ahnung davon hatten, wer wir in Wirklichkeit waren), und der Blinde, seine Frau, ich und die Frau des Sohnes näherten uns – alle vier dicht vermummt – dem kleinen Tor am Schwanzende der Schlange. Wir hätten uns eigentlich denken können, daß wir wenig Hoffnung auf Erfolg haben durften, nachdem sowohl in der Stadt als auch im Wald die wildesten, Gerüchte umgingen und man wußte, daß ein Spion sich in die Stadt eingeschlichen hatte, der Schätze ge- stohlen hatte und entkommen war ... und nachdem schon seit einer Woche kein Kupfer mehr in die Stadt gelangt und kein Bote von einem der zwanzig Forts längs der Straße der Bergleute eingetroffen war. Wir hätten uns ebenfalls denken können, daß man unter diesen Umständen einen Vermummten beson- ders mißtrauisch inspizieren würde. Dies aber kam uns erst in dem Augenblick zu Bewußtsein, als die Torwache der Frau und mir gleichzeitig die Decken, mit denen wir uns eingehüllt hatten, vom Kopf riß. Ich vermute, meine Körpergröße verriet uns. Jeden- falls sagte uns der Schrei, den der Wachtposten aus- stieß, daß alles verloren war! Er schlug mit seinem Beil nach meinem Kopf. Ich duckte mich, sprang blitzschnell zur Seite und spal- tete ihm mit meinem eigenen Beil den Schädel. Dann rannten wir los, alle fünf: mitten durch die Menge der völlig verdutzt dreinblickenden Sklaven, die schreiend unter den Messerstichen und Keulen- hieben der Wächter zusammenbrachen, ohne die ge- ringste Ahnung zu haben, warum sie eigentlich abge- schlachtet wurden. Auch wir wären mit Sicherheit niedergestochen worden, wäre nicht der Heldenmut des blinden Alten gewesen. Er blieb nämlich, nachdem wir das Tor oh- ne eine Schramme passiert hatten, plötzlich stehen, drehte sich um und stellte sich den fünf Wachtposten, die mit erhobenen Speeren hinter uns hergehetzt ka- men, in den Weg. So blockierte er mit seinem Körper das Tor, und als er fiel, steckten in seinem Leib fünf der fürchterlichen, mit Widerhaken versehenen Spee-, re, die man nicht mehr herausziehen kann, sondern hinter der Spitze abhacken muß. In diesem Moment des Grauens flammte der ganze Himmel in fahlem Grün und blutigem Scharlachrot auf! Die Frauen schrien vor Entsetzen gellend auf und krallten sich an mir und dem jungen Mann fest. Wir schauten uns um. Über unsere Köpfe hinweg zischte ein dichter Pfeilhagel direkt in die kämpfende Masse am Torweg. Die ganze Welt schien aus Feuer zu be- stehen! Wir stolperten wie blasse Leichen durch den blutigen Regen des Jüngsten Tages. Ich brüllte ein paar knappe Befehle, und wir rannten nach vorn, ge- radewegs hinein in die Dunkelheit, aus der die Feuer- rohre ihre todbringenden Geschosse gegen die Stadt spien. Myrdhinn war gekommen! Nachdem wir etwa zweihundert Yards gerannt waren, erreichten wir eine Abteilung Bogenschützen. Dicht nebeneinander kniend feuerten sie in kurzen, regelmäßigen Abständen Pfeilsalven ab, die über die Palisade hinweg in die Stadt flogen und den Ausgang durch das Tor versperrten. Myrdhinn trat vor und schüttelte meine Hand. »Ich habe den kostbaren Mantel verloren«, sagte ich zerknirscht. »Ich schäme mich. Ich habe mich wie ein Kind benommen.« Myrdhinn klopfte mir auf die Schulter. Er schien bester Laune zu sein. »Denk nicht mehr daran«, meinte er großmütig. »Du hast mir dafür etwas gegeben, das viel wertvol- ler ist. Ich habe mich wie ein Kind benommen, weil ich damals bei unserer Flucht nicht darauf bestand, die Klampen und das Zinn mitzunehmen. Ich hätte ihren Wert erkennen und vorhersehen müssen – aber, in jener Nacht schienen sie mir nicht viel mehr als ein Haufen Metall zu bedeuten, der uns bei der Flucht im Wege wäre. Mein Freund, jetzt besitzen wir alles und können es als Vorlage benutzen, wonach wir neue Geräte bauen können! Wir haben das Zinn, das wir brauchen, um Bronze herzustellen; wir haben die Minen, aus denen wir das Kupfer gewinnen; und in sieben Tagen des Kampfes hat Chichameca zwanzig stark befestigte Forts von Tlapallan eingenommen mitsamt ihrer In- sassen, die jetzt entweder gute, verläßliche Hodeno- saunee oder ein Haufen toten Fleisches sind. Wenn nötig, ziehen wir zur Küste, bauen ein Schiff, segeln zum Wrack der Prydwen und holen uns alles Zinn, um so viele Tormentae mit Bronzeklampen auszurüsten, daß damit ein Zaun um ganz Tlapallan gelegt werden könnte. Dieses Volk hat wahrlich prächtige Krieger! Mit ih- nen schaffen wir alles! Alles!« Er strahlte seine Bogenschützen an wie ein ehr- würdiger, weißhaariger Patriarch seine Söhne. »Sehr gut – was unsere Zukunftsaussichten be- trifft«, erwiderte ich. »Aber laß uns lieber für einen Augenblick die Gegenwart betrachten. Es kann nicht mehr lange dauern, und die Mias machen einen Aus- fall durch ein anderes Tor. Und dann schneiden sie uns den Rückzug ab.« »Keine Angst, das wird nicht passieren. Hayon- watha hält das Tor am Ei. Die Außenwerke sind fest in seiner Hand. Das andere Tor ist von weiteren zehn Abteilungen eingenommen.« »Aber wir sind nicht stark genug, die Stadt zu er- obern! Unsere Gegner zählen nach Tausenden! Wenn, wir uns nicht beeilen, werden uns die umliegenden Dörfer einkreisen. Wir sind tief im Inneren Tlapal- lans. Für eine richtige Eroberung müssen wir zuerst die kleinen Dörfer nehmen und zerstören, ihre Be- wohner in die Hauptstädte treiben oder davon ab- schneiden und in unsere Armeen aufnehmen. Die Dörfer sind voller Sklaven, die jetzt noch für die Mias kämpfen, aber mit fliegenden Fahnen zu uns überlau- fen würden, wenn sie eine Siegeschance sähen. Wir haben hier eine Stadt. Wenn wir sie zu früh einneh- men, verderben wir uns alles. Die anderen drei Städ- te, Colhuacan, Miapan und Tlacopan, werden gegen uns marschieren und uns mit ihrer gewaltigen Über- zahl hinwegfegen! Wo sind unsere Maschinen? Wo- her sollen wir Nachschub und Verstärkung bekom- men? Chichameca ist keine geeinte Macht, sondern zersplittert in Hunderte von Stämmen, welche die Hodenosaunee genauso hassen wie Tlapallan. Diese Stämme müssen ebenfalls erst auf unserer Seite sein. Denk an die riesige Ausdehnung dieses Reiches, die enorme Größe seiner Besitztümer, denk an seine Tausende von Tempeln, seine unzähligen Forts, seine unzähligen Menschen, die auf eine Handbewegung der Mias hin losmarschieren! Sei zufrieden mit dem, was du bisher erreicht hast, Myrdhinn. Wir sind ein noch kleines Volk. Laß uns erst groß und mächtig werden, bevor wir unsere gerechte Ver- geltung üben!« »Du bist ein Mann des Krieges, Ventidius. Deine Worte beweisen Klugheit. Trompeter! Zum Rückzug blasen!« Scharf und laut scholl der Klang der Muscheltrom- pete über die Stadt hinweg. Weit hinten, an den Stel-, len, wo die durch die Luft zischenden Feuerbälle an- dere Angriffspunkte markierten, antworteten gleich darauf weitere Trompeten. Das Getöse wurde schwä- cher, die Feuerbälle hörten auf zu fliegen, obwohl brennende Häuser und Hütten den Himmel noch immer in flammendes Rot tauchten, und Chichameca machte sich auf den Heimweg wie ein satter und zu- friedener Bär, der von seiner Beute abläßt, auf daß sie ihre Wunde lecken kann. Nur einmal während des langen Rückwegs spra- chen Myrdhinn und ich miteinander. »Natürlich ist mir klar, daß die fünf Männer meiner Abteilung, die die Klampen bewachten, eine Nach- richt an ihre Stellung sandten. Und ich denke mir auch, daß der Bote auf deine Leute traf, die von den oberen Forts in die Stadt kamen, und daß sich so alle Truppen miteinander vereinigten und hierher mar- schierten. Wie aber«, fügte ich neugierig hinzu, »konntest du wissen, daß ich ausgerechnet in dieser Nacht fliehen würde, und wie konntest du wissen, an welchem Tor ich sein würde und zu welcher Stunde?« Myrdhinn kicherte leise vor sich hin. »Ich wußte es eben.« »Aber woher? Woher bloß?« In diesem Moment hörte ich über mir das Geräusch von Flügelschlagen. Ich blickte hoch und schaute di- rekt in ein großes gelbes Augenpaar, das mich anzu- starren schien. »Vielleicht hat die Eule es mir verraten. Man sagt Eulen nach, sie seien allwissend, nicht wahr?« Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Myrdhinn liebte es nun einmal, seine kleinen Ge- heimnisse zu haben.,

Auf der Suche nach dem Land der Toten

Und so ließen wir denn die Zeit für uns arbeiten. Ständig waren Boten in den Wäldern unterwegs, die Gürtel mit kabalistisch verzierten Perlen bei sich tru- gen. Jede Perle und jede kleine Figur hatten ihre eige- ne, höchst wichtige Bedeutung – die einzige wirkliche Sprache, die den zahllosen kleinen Stämmen Chichamecas gemein ist. Einer nach dem anderen willigten die Stämme in Pakte ein, die sie verpflichteten, gemeinsam mit uns loszuschlagen, wenn die Zeit dafür reif war, und zu warten, bis wir alle soweit waren. Und die Liga, die eines Tages Tlapallan den Todesstoß versetzen sollte, wurde Monat für Monat mächtiger und gefährlicher. Der Sommer kam und ging, und Myrdhinn – das wußte ich – brannte darauf, sich endlich auf die Jagd nach seinem Land der Toten zu machen, das wie ein Irrlicht vor seinen Augen tanzte und ihm keine Ruhe ließ. Die Tage wurden kürzer und kälter. Der erste Frost kam. Alles war friedlich und ruhig. Es geschah nichts, das uns hätte stören können. Die Tlapallicos hatten keinerlei Versuch unternommen, eines ihrer verlo- rengegangenen Forts zurückzuerobern. Auch von der erwarteten Strafexpedition, die das Kupfer zurück- holen und Chichameca eine Lehre erteilen sollte, war nichts zu sehen. Eines schönen Tages gewann Myrdhinns jugendli- ches Herz die Oberhand über ihn, und er rebellierte, offen gegen die nervtötende Monotonie unseres Waldlebens. Jawohl! Er würde sich auf die Suche nach dem Land der Toten machen! Und er würde das ewige Rätsel des Todes lösen! Er würde sich Freiwillige aus den Rei- hen der Männer zusammensuchen. Diejenigen, die sich noch keine Eingeborene zur Frau genommen hatten, würden ihm sicherlich folgen. Und was ihn betraf, so würde er jetzt, auf der Stelle, aufbrechen! Und das tat er auch. Von den siebenunddreißig Römern (dreizehn hat- ten bei den Angriffen auf die Minen, die Forts oder die Stadt der Schlange ihr Leben gelassen) begleiteten einundzwanzig Myrdhinn in sein neues Abenteuer. Es wäre eine gerade Zahl gewesen, hätte ich nicht da- für gesorgt, daß sie ungerade war. Die restlichen Rö- mer hatten inzwischen Hodenosaunee-Mädchen ge- heiratet, und sie waren wertvoll da, wo sie waren, in- dem sie eifrig für die Stärkung des Bündnisses sorg- ten. Du kannst unsere Route auf der Landkarte verfol- gen. Du mußt nicht denken, daß die Reise, nur weil ich nicht ausführlich über sie berichte, von kurzer Dauer war. Wir legten in jenem Winter ungeheure Entfernungen zurück. Wir gelangten sogar einmal aus den Klauen des Winters und fanden plötzlich grünes Gras und Blumen, wo es der Jahreszeit nach eigentlich hätte schneien müssen. Aber ich will nicht vorgreifen, denn dies ereignete sich erst im späteren Verlauf der Reise. Nachdem wir aufgebrochen waren, mußten wir erst einmal – um überhaupt nach Südwe- sten zu gelangen – Boote besteigen und in Richtung Norden paddeln! Wir überquerten einen breiten, Ausläufer des Binnensees. Wir kletterten über Berge, durchwateten Flüsse, wir jagten und fischten. Wir ließen das Gebirge weit hinter uns zurück und gerieten in riesige Moorgebiete – richtige Länder schon für sich selbst, bewohnt le- diglich von gewaltigen Herden einer wilden Vieh- gattung mit einem seltsamen Buckel auf dem Rücken. Diese Herden waren in der Tat oft so groß, daß es fast einen ganzen Tag dauerte, bis sie an uns vorüberge- zogen waren! Das Trampeln ihrer Hufe läßt den Bo- den erbeben und die Luft erzittern. Wenn sie vor- überziehen, liegt vor ihnen Gras, das hier oft höher als mannshoch wächst. Hinter ihnen bleibt nichts als plattgetrampelter brauner Erdboden zurück. Alles Grüne und alles, was sich ihnen sonst noch in den Weg stellt, ist buchstäblich in die Erde gestampft! Ihr Fleisch schmeckt köstlich. Diese gewaltigen Moorländer, die größer sind als ganz Britannien, tauften wir ›Meer des Grases‹ und zogen weiter, sicher geleitet von Myrdhinns kleinem eisernen Fisch, den wir zu diesem Zweck gelegentlich in einer mit Wasser gefüllten Tasse schwimmen lie- ßen. Ab und zu trafen wir auf Menschen; sie waren schmutziger, weniger tapfer und machten einen ab- gestumpfteren Eindruck als unsere stolzen Verbün- deten, die wir zurückgelassen hatten. Kein Wunder – durch diese Landstriche hatte ursprünglich die Hauptstraße der Mias geführt, als sie vom Norden aus den Heißen Ländern kamen und gen Süden zo- gen. Auf ihren langen Wanderungen hatten die Mias das ganze Grasland fast völlig seiner Bevölkerung be- raubt. Nur ein paar verstreute Einzelgänger waren, geblieben, und diese hatten sich seither zu Familien und Gruppen zusammengeschlossen und bemühten sich nach Kräften, wieder zu Stämmen und Völkern zu werden. Dieser Vorsatz jedoch schien von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt, denn die Moorgebiete wa- ren – wie sie uns sagten – häufig das Ziel von Raub- zügen. Im Südwesten jedoch, so berichteten sie (was Myrdhinn gespannt aufhorchen ließ), gebe es ein Volk, das noch niemals besiegt wurde. Als es in sei- nem seenreichen Land Aztlan (das von uns aus in Richtung Norden lag) von einer gewaltigen Über- macht der Mias angegriffen wurde, hatte es sich schlicht geweigert, zu Tlapallicos zu werden, und die Angreifer zurückgeschlagen. Daraufhin hatten die Menschen ihre geliebte Heimat verlassen und waren nach Süden gezogen. Was war aus ihnen geworden? Keiner wußte es; man erzählte sich lediglich, daß die Stoßtrupps, die ihnen aus Tlapallan folgten, jedesmal arg dezimiert und entmutigt zurückkehrten. Einige der Trupps wa- ren überhaupt nicht wiedergekommen. Konnten wir nach Westen gehen? Nein, das war unmöglich! Dort gab es riesige, unüberwindbare Ge- birge, auf deren Höhen kein Mensch atmen konnte, vorausgesetzt, er erreichte ihre Gipfel überhaupt. Und hinter diesen Bergen legte sich die Sonne jede Nacht schlafen – und dort würde sie sich auch eines Tages zum Sterben niederlegen. Wenn es ein Land der Toten gibt, dann muß es dort liegen – hinter jenen unüberwindbaren Bergen, denn wir haben überall sonst nach diesem Reich gesucht, und es nirgends gefunden. Wir drangen nach Westen vor bis in Sichtweite der ersten Vorgebirge. Dann hielten wir uns in Richtung Süden, da wir glaubten, irgendwo müsse ja das Ende dieser Bergeskette sein, und wir könnten es vielleicht umrunden. Vielleicht gibt es ja auch tatsächlich eine solche Stelle, wo man sich an den Rand der Welt stellen und über ihr Ende hinausblicken kann. Wir je- doch fanden diesen Platz nicht. Wir kamen in ein Land des Sandes und der Hitze, in dem es keinen Regen gab und nur wenige Quellen. Überall wuchsen knollenartige, blattlose Bäume mit langen Stacheln. Wir sahen auch Reptilien. Einer un- serer Kameraden wurde von einem der Tiere gebis- sen und starb unter höllischen Qualen. Halb tot vor Durst, kehrten wir wieder zurück, da wir einsahen, dieses Land unmöglich durchqueren zu können. Also hielten wir uns nach Osten, um das Gebiet zu umge- hen. Später wandten wir uns dann wieder Richtung Süden. Als nächstes kamen wir in ein unwirtliches Land voller Felsen und Schluchten. Letztere waren so tief in den Leib der Erde geschnitten, daß man zwar die Flüsse an ihrem Grund (wenn das Tageslicht günstig war) als hauchdünnes, glitzerndes Band ausmachen konnte, aber nicht den geringsten Laut vernahm von jenem donnernden Getöse, das dort unten herrschen mußte. Fürwahr ein merkwürdiges Land, dieses Alata. Es birgt unendliche Wunder in sich! Selbst hier, an diesem letzten Zufluchtsort der Welt, lastete noch die dunkle, drohende Wolke Tla- pallans wie ein Fluch über dem braven Volk, das die, Kraft und Kühnheit besessen hatte, sich Höhlen zum Wohnen in die Felsen zu meißeln. Einige Zeit schon hatten wir ständig Spuren beob- achtet, die uns verrieten, daß nicht weit vor uns eine große Anzahl von Menschen des Weges zog. Wir hatten Späher ausgesandt, um uns vor einer mögli- chen Überraschung zu schützen. Einer dieser Kundschafter kam mit der Meldung zurück, er habe ein Stück vor uns Kampfeslärm ge- hört. Die Bogen schußbereit, pirschten wir uns vor- sichtig am Grund einer tiefen, trockenen Schlucht voran. Noch ehe wir damit gerechnet hatten, vernahmen wir plötzlich Schlachtrufe, und als wir vorsichtig um die nächste Biegung der Schlucht spähten, sahen wir in einiger Entfernung vor uns einen heftigen Kampf toben. Aus sicherem Versteck heraus konnten wir uns schnell ein Bild von dem machen, was vor sich ging. Am Ende der Schlucht, die an dieser Stelle in einer Sackgasse mündete, befand sich ein Feldlager der Tlapallicos. Hoch über ihnen, in einer tiefen Felsenni- sche unter einem fast überhängenden Felsen, stand ein festungsähnlich ausgebautes Haus. Aus seinem ausgezackten Dach kräuselten sich zahlreiche Rauchwölkchen, die von den verschiedenen Küchen seiner wohl mehr als zweihundert Zimmer kamen. Seine terrassenförmig angelegten Brustwehren wim- melten von Menschen, die schrien und Speere schwenkten. Oberhalb davon klaffte eine gewaltige Felsplatte, ein natürlicher Vorsprung des Tafellandes, das die Bewohner wie ein steinernes Dach vor herabfallenden, Felsbrocken schützte. Dieser mächtige Schutzschild war jedoch nun zu einer Bedrohung geworden, da die Tlapallicos unten ein Feuer aus jungem Holz und nassen Blättern angefacht hatten und der Wind die Rauchmassen genau in die Höhlung blies. Die Fels- platte verhinderte, daß der Rauch abzog. Durch den dichten Qualm, welcher die Bewohner der Festung dem Ersticken nahe brachte, sahen wir immer wieder massive Steine von den Brustwehren herunterfliegen und die Tlapallicos (die versuchten den Felsen hinaufzuklettern) in arge Bedrängnis ge- raten. Die Belagerten hatten die Leitern hochgezogen, welche die einzelnen Abschnitte des Pfades mitein- ander verbanden, so daß die Angreifer kaum noch ir- gendwo Halt fanden. Dazu kam, daß einige dieser Zwischenstücke erst jüngst von Krüppeln, Greisen, Kindern und Frauen so blank poliert wurden, daß sie an der Oberfläche so glänzten wie Glas. Die Krieger machten den Angreifern außerdem den Zugang streitig, indem sie sie pausenlos mit Speeren und doppelschneidigen Wurfpfeilen bombardierten, während unterdessen ihre Frauen heißes Wasser, Sand, Asche und Glut hinunterwarfen, um den Feind aufzuhalten. Von der anderen Seite, abgeschirmt durch die dichte Rauchwolke, kroch bereits eine lange Reihe von Tlapallicos geschickt von Felsspalt zu Felsspalt, indem sie die zahllosen Vorsprünge und Ritzen mit Hilfe tragbarer Leitern überbrückte. Von weitem sa- hen die Männer mit ihren glitzernden Brustplatten aus Glimmer und dem glänzenden Kupferschmuck wie ein gleißender, sich windender Strang aus. Mir drängte sich unwillkürlich das Bild auf, die symboli-, sche Schlange von Tlapallan sei plötzlich lebendig geworden und gleite nun sanft und geschmeidig die Klippe hinauf, um diese unglückseligen Felsenbe- wohner zu verschlingen. Wie die Dinge standen, zeichnete sich in der Tat ab, daß sie – so tapfer sie sich auch zur Wehr setzen mochten – letztendlich nur die Wahl zwischen Sklaverei und Tod hatten. Für den Augenblick in unserem Versteck geschützt, beratschlagten wir, was zu tun sei. Nach kurzer Dis- kussion beschlossen wir einzugreifen, denn Myrdhinn sagte: »Wir können nicht für immer und ewig auf uns allein gestellt bleiben, sondern wir müs- sen uns Freunde suchen in diesem unwirtlichen Land. Und wem könnten wir besser vertrauen als den Erzfeinden unseres eigenen Feindes?« Über den Jubel der Zustimmung hinweg rief ich: »Laßt uns zuerst beweisen, daß wir ihnen freundlich gesonnen sind!« Wir erhoben uns hinter dem uns umgebenden Fel- senring, wo wir wie Küken im Nest gekauert hatten, und ließen unsere Bogen sprechen. Wie auf ein Signal hin drehte sich der Wind ganz plötzlich und wirbelte den Rauch in Richtung der Angreifer. Hoch oben auf der obersten Leiter sahen wir den vordersten Tlapallico mit seinem Geweih- helm straucheln, einen Pfeil in der Brust. Mit einem erstickten Schrei stürzte er hinab, Leitern und Kame- raden mit sich in den Abgrund reißend. Ein Schrei der Verblüffung erhob sich aus den Rei- hen der Verteidiger, als sie unsere in der Sonne glän- zenden Rüstungen entdeckten und zum erstenmal in ihrem Leben Bogenschützen in Aktion sahen. Doch wir hatten keine Zeit, uns um sie zu kümmern. Ohne, zu zögern schwenkten die Tlapallicos in dem Lager um und stürzten uns entgegen. Wir feuerten blitzschnell hintereinander drei Sal- ven mitten in das Gewühl der sich uns entgegenwer- fenden Leiber, doch mit Todesverachtung kletterten und sprangen die Krieger über die Leiber ihrer toten Kameraden hinweg und rannten weiter. Weiteres Schießen wäre nutzlos gewesen; sie kamen zu schnell heran. Wir warfen unsere schweren Lanzen, und während sie noch antworteten, indem sie ihre Beile schleuderten, hatten sie auch schon ihre langen Mes- ser herausgerissen, und im selben Augenblick waren wir handgemein. Ein Glück, daß wir gepanzert waren! Ein Glück auch, daß wir unser Metier in einer langen, harten Schule gelernt hatten! Rücken an Rücken kämpfend, warfen wir zwanzig uns der erdrückenden Übermacht von siebenmal zwanzig fanatisch kämpfenden Barbaren entgegen. Selbst Myrdhinn hieb mannhaft um sich. Ihr einziger Schutz waren die weichen Brustpanzer aus Kupfer und die vielen Bänder aus demselben Material, die ihre Arme von der Schulter bis zum Handgelenk schützten. Sie mochten vielleicht einen angemessenen Schutz gegen Atlatl-Pfeil und Steinmesser bieten, aber unseren prächtigen Klingen konnten sie nicht widerstehen; sie schnitten durch sie hindurch wie durch Käse. Ein Offizier warf sich auf mich. Meine Klinge zer- schnitt seine Perlenkette in Stücke, als sie ihm zwi- schen Hals und Schulter tief ins Fleisch fuhr. Er fiel. Andere kamen. Sie ereilte dasselbe Schicksal. Immer neue Feinde stürzten mir entgegen. Meine Hände wa-, ren naß von Blut. Ich hieb um mich, bis mein Arm zu erlahmen begann. Ich hatte keine Zeit zu beobachten, wie es meinen Kameraden erging. Neue Gesichter tauchten vor mir auf, wütendes Geheul ausstoßend – und fielen. Mehr Gesichter – wutverzerrt – tauchten hinter ihnen auf. Der Griff des Schwertes drehte sich in meinen vom Blut schlüpfri- gen Fingern. Ich wußte nicht mehr, ob ich mit der fla- chen Seite zuschlug oder mit der Schneide. Meine Muskeln krampften sich vor Anstrengung zusammen, und noch immer rannte der Feind an. Es war, als hätte sich ganz Tlapallan gleichzeitig auf uns geworfen. Plötzlich waren die Gesichter verschwunden. Ich kniff die Augen zusammen und blinzelte. Mein Helm war fort, meine Stirn naß, mein Kopf ein einziger un- erträglicher Schmerz. Ich wischte mir den Schweiß aus den brennenden Augen. Er glänzte rot. Die Hälfte meines rechten Ohres war abgerissen. Und dann tauchten wieder heulende Gesichter vor mir auf. Erneut hob ich mein Schwert – wie ein Zwil- lingsbruder derer, die das Römische Reich schufen. Hätten es die Götter so gewollt, fürwahr, ich hatte hier, an dieser Stelle, ein neues Imperium gemeißelt. Das Schwert glitt mir aus der nassen Hand. Ich hörte einen Legionär schreien: »Es sind Freunde, Varro! Freunde!« Mein Blick wurde klarer. Ich sah die Tlapallicos wie gehetztes Wild rennen, zusammenzucken, strau- cheln, fallen, beobachtete, wie die Felsbewohner sie mit Axt und Keule niedermachten und weiter vor- wärts stürmten. Und ich bemerkte, wie die kämpfen- den Frauen all jenen den Todesstoß versetzten, die, sich noch bewegten, die – den Tod vor Augen – den- noch zu stolz waren, um Gnade zu flehen, und furchtlos in die Augen derer blickten, die schon das Messer zum letzten Stoß ansetzten. Und tief in mei- nem Herzen sagte ich mir: Mit einem Volk von solcher Tapferkeit könnten wir Britannien zurückerobern. Und Myrdhinn trat vor in seinem weißen Gewand, über und über mit roten Kreuzen gesprenkelt, und verbrüderte sich in unser aller Namen mit den Älte- sten von Aztlan. Und sie nannten ihn in ihrer Sprache Quetzalcoatl, die Gefiederte Schlange (wegen seines wunderschö- nen Kopfschmuckes und auch wegen seiner List, denn ihm schrieben sie zu, daß der Wind, der sie mit seinem Rauch schon zu ersticken drohte, sich mit sei- ner Hilfe plötzlich gedreht hatte). Und sie nahmen uns in ihr luftiges Schloß auf mit allem Pomp und al- ler Ehrfurcht, welche sie sonst nur Göttern zudachten. Nun mußten wir wieder eine neue Sprache erler- nen; doch ging das diesmal ohne große Schwierig- keiten vonstatten, denn unsere neuen Freunde waren sehr eifrige Lehrer und gaben sich alle Mühe, uns so- viel wie möglich beizubringen, damit sie schnell er- fahren konnten, was für Menschen wir waren und woher wir kamen. Auch wenn die Wörter sich nicht ähnelten, so war doch die Satzstruktur der Miasprache der ihrigen ziemlich verwandt, was uns die Sache sehr erleich- terte. Außerdem hatten sie bei den starken Kulturein- flüssen, die Tlapallan im ganzen Land ausübte, ein paar Wortfetzen gelernt, die auch wir beherrschten. Hinzu kam, daß die Frauen, die in ihrer Kultur üb- rigens gleiche Rechte wie die Männer genießen, uns, in ihre Häuser aufnahmen und wie Könige behan- delten. Und wir lernten nicht nur Vokabeln von ihnen ... Das erste Wort, das ich in der Aztekensprache lernte, war der Name jener anmutigen, liebenswürdi- gen kleinen Dame, die mich – während ich in der trockenen, reinen Luft rasch von meiner Kopfverlet- zung genas – überaus liebevoll pflegte und mir das Essen brachte. ›Goldene Blume des Lichts‹ – so hatten ihre Eltern sie getauft (oder wie wir sagen würden: Aurora) –, ein Name, der bei aller Romantik nicht einmal annä- hernd den Liebreiz und die Schönheit dieses Mäd- chens auszudrücken vermochte. Schon nach kurzer Zeit war ich wieder auf den Beinen, und bis dahin hatten wir alle unser Wissen beträchtlich erweitert. Wir befanden uns in der Stadt Aztlan. Weniger als fünf Meilen entfernt lag eine weitere Stadt, Azatlan. Dazwischen jedoch befand sich unwegsames Land – nackter, von tiefen Schluchten durchzogener Fels, so daß eine Stadt der anderen im Falle der Gefahr kaum von Hilfe sein konnte. »Wir müssen dies alles ändern«, sagte ich eines Nachts zu meinen Kameraden. »Wieso?« wollte Myrdhinn wissen. »Wir haben doch nicht die Absicht, lange hier zu verweilen, oder? Wollen wir nicht lieber die Suche nach dem Land der Toten fortsetzen?« Ich fragte die anderen. »Was sollen wir tun, Kameraden? Unser ganzes Leben mit der fruchtlosen Suche nach einem Hirnge- spinst vergeuden oder hier eine Nation gründen?«, »Hierbleiben!« riefen sie im Chor. »Myrdhinn«, sagte ich, wieder an den Druiden ge- wandt, »mit Zauberei und List hast du eine Nation oben im Norden geschaffen. Die Vernichtung Tla- pallans ist mein höchstes und einziges Lebensziel. Mögen die Götter Zeuge dessen sein, was ich jetzt schwöre! Hiermit gelobe ich feierlich, daß ich nicht ruhen werde, bis ich in dieser Wildnis des Südens ei- ne Nation geschaffen habe, die, vereint mit der deini- gen oben im Norden, Tlapallan zermalmen wird wie eine Nuß zwischen Hammer und Amboß! Und hierzu werde ich keine andere Magie anwenden denn die- se!« Ich stand auf, zückte mein Schwert und küßte die Klinge. »Ich schwöre dies beim Kreuz des Schwertes. Wer folgt mir nach?« »Ich!« – »Ich!« – »Und ich!« Alle sprangen begei- stert auf und umringten mich. Myrdhinn lächelte – halb spaßhaft, halb traurig. »Wie es aussieht, muß ich mich wohl dem Willen der Mehrheit beugen. Nun – vielleicht ist es am Ende auch besser so.« Und so endete denn unsere Suche nach dem Land der Toten damit, daß wir bei den Felsenbewohnern blieben. Allerdings hatten auch sie, wie Myrdhinn bald zu seiner Freude erfuhr, ihre Legenden zu er- zählen, die ein geheimnisvolles Land namens Mictlampa betrafen: »das Land, wo die Sonne schläft« (so drückten sie sich aus), ein Land mit sieben dunk- len Höhlen, aus dem sie, wie sie glauben, ursprüng- lich einmal »von unten aus der Tiefe« an die Luft, ans Licht der Sonne und in ein glücklicheres Leben ka-, men, wohin nach dem Tode die Seelen von Guten wie Bösen gleichermaßen zurückkehren. Und so hat fast jeder Stamm und jede Sippe, zu- mindest in dieser Gegend, seine eigene Legende, doch stimmen sie alle in dem wichtigen Punkt über- ein, daß sie glauben, »von unten aus der Tiefe« ge- kommen zu sein. Und auch wir sind zu der immer fe- steren Überzeugung gelangt, daß irgendwo in diesem Land, vielleicht ganz in unserer Nähe, das Tor zu ei- ner Unterwelt tief unter unseren Füßen liegt. Viel- leicht hatten die Alten doch recht, als sie behaupteten, der Hades liege irgendwo nahe dem Kern der Erde. Doch haben wir bisher nicht nach ihm gesucht und auch nicht die Absicht, es zu tun. Statt dessen errichteten wir ein neues Rom – im kleinen, mitten in der öden Felsenwüste. Wir bauten es mit Mut und Ehrgeiz statt mir Marmor und Gold. All dies mag später einmal kommen – war nicht das echte Rom auch einst lediglich eine Ansammlung von Hütten? Als ich mich, nachdem ich von meiner Verletzung wieder genesen war, zum erstenmal umschaute, prä- sentierte sich mir dieses: Ein Volk von ungefähr tausend Barbaren, deren Kultur erst in den Kinderschuhen steckte und die praktisch keine Religion besaßen. Statt dessen ver- ehrten sie die Seelen geschlachteter Tiere und glaub- ten, sie selbst seien diesen Tieren seelenverwandt! Auch ihre Ackergeräte waren äußerst primitiv, und selbst ihre Waffen waren im Vergleich zu unseren nahezu wertlos. Tlapallan hatte ihre Entwicklung gehemmt, ihre Kultur unterdrückt, ihre natürlichen Fähigkeiten an, der Entfaltung gehindert und sie dort oben in ihren Felsennestern festgehalten. Aber wie ein junger Adler in seinem luftigen Horst, dessen leuchtendes Auge sein stolzes Erbe verrät, so sprach aus der freien Le- bensart dieser Azteken der Mut eines kühnen Volkes, welches seinem Schicksal und jedem, der es zu un- terdrücken trachtet, hohnlacht. Tlapallans Haß auf alle freien Menschen hatte in diesem kleinen Volk die feste Entschlossenheit groß- gezogen, seine Freiheit bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Es brauchte nur die richtigen Führer – und nun waren wir gekommen! Während ich mich langsam von meiner Verletzung erholte, betrachtete ich diese Leute, träumte und hing Plänen nach, und als ich ihre Sprache beherrschte und mich der Zustimmung der Ältesten versichert hatte, begann ich mich unter den jungen Männern beider Städte umzusehen, selektierte, stellte Truppen zusammen und drillte sie im Umgang mit Bogen und Kurzschwert. Bis zu unserem Auftauchen war in Alata das Schwert völlig unbekannt gewesen. Man benutzte lange Messer, kurze Wurfspieße oder die massive Keule. Diese Waffen waren im Grunde recht rück- ständig, obwohl, wie ich bekennen muß, die Wurfaxt ihre Vorzüge besaß. Doch nun kam eine neue, furchtbare Waffe – Schwert geheißen. Und welch ein Schwert! Aus Holz war es, kurz, schwer, auf beiden Seiten versehen mit einer Sägezahnschneide aus scharfen, zackigen Bruchstücken vulkanischen Glases. Fürwahr, eine furchtbare, eine gnadenlose Waffe! Ich grinste leise in mich hinein, als ich mich in die Gefühle eines Geg-, ners versetzte, der zum erstenmal in seinem Leben einem Feind gegenüberstand, der ein Schwert trug und fiebernd vor Haß und Eroberungshunger auf dem Schlachtfeld auf ihn zustürzte. Jedem meiner Kameraden übertrug ich das Kom- mando über eine Abteilung, und eines stolzen Tages marschierten vor den Augen der versammelten azte- kischen Frauen, Familien und Ältesten zehn Zenturi- en martialisch ausschauender, voll ausgerüsteter jun- ger Männer im Paradeschritt vorüber. Der folgende Tag sah Frauen und Liebchen – alle tapfer und trockenen Auges, den Männern Abschied sagen, als sie aufbrachen in die Wildnis, hinaus auf die lange Reise nach Eroberung und Ruhm. Das Adlerjunge war endlich ausgeschlüpft! Unterdessen lehrten Priester, die ich selbst geweiht hatte, das Volk eine neue Religion, eine Religion, die eines kämpfenden Volkes – den Kindern des Schick- sals – würdig war. Ich gab ihnen Ceres, Lucina, Vulcanus, Flora, Ve- nus, Mars – all die Götter des alten, kriegerischen Roms, an die ich mich erinnern konnte; und über Roms spätere dekadente Religion erzählte ich ihnen nicht mehr als eben nötig. Myrdhinn predigte ihnen Liebe und Caritas, lehrte sie, als Altargaben Früchte und Blumen zu nehmen – all die schwächlichen, verweichlichenden Dinge, die Rom so weit gebracht hatten, daß es Britannien verlor ... Er zelebrierte nach besten Fähigkeiten die Messe; dazu benutzte er eine Paste aus Mehl und Milch als Ersatz für die Heilige Hostie. Aber einem solchen Volk mußte seine Lehre auf die Dauer zu mild und, weibisch erscheinen, denn bei den Freudenopfern, die anläßlich unserer heilen Rückkehr mit Gefangenen, Überläufern und reicher Beute abgehalten wurden, entdeckte ich, wie das Mehl der Hostie mit Blut statt mit Milch vermischt wurde. Myrdhinn schaute weg und tat so, als bemerkte er es nicht. Das Volk nahm meine Erinnerungen an unsere alte Religion als neue, göttliche Offenbarung. Es suchte sich seine eigenen Namen für die Gottheiten, die ich ihm gegeben hatte, und schon bald hatte jeder unse- rer alten Götter seine eigene Anhängerschar – jede gehütet von Priestern, die offensichtlich aus dem Bo- den sprossen, so plötzlich waren sie da. Seit meine kleine Legion die neue Kriegstechnik gelernt hatte, schien die Welt zu klein für sie und die Feinde – wie weit diese auch immer entfernt sein mochten. Die Krieger hatten eine Schlacht gewonnen und hielten sich nun für unbesiegbar. Ständig be- stürmten sie mich, sie gegen neue Feinde zu führen, und ich gebe zu: Ich verspürte selbst große Lust dazu. Kämpfen ist mein Beruf, ja mein Leben. Wir unternahmen einen zweiten Feldzug. Wieder kehrten wir im Triumph zurück und konnten unse- rem allmählich wachsenden Reich neue Stämme ein- verleiben, welche zum Teil jahrhundertelang einsam und abgeschieden irgendwo in der Wüstenei gehaust hatten und die Namen ihrer Nachbarstämme nur vom Hörensagen kannten. Alte Feindschaften wur- den beigelegt und die kleinen Staaten unter Zwang dem aztekischen Banner und aztekischer Verwaltung zugeschlagen. Die Priester waren von morgens bis spät in die Nacht damit beschäftigt, Anhänger zu werben, Un-, gläubige zu bekehren und Missionare zu weihen, die in abgelegene Dörfer ziehen sollten. Dabei beschrie- ben sie ihre neuen Gottheiten in den buntesten Far- ben und priesen sie in phantastischen Vorstellungen. Meine armseligen Fähigkeiten, himmlische Verhält- nisse auszumalen, wurden bei weitem übertroffen. Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, wie überrascht ich war, als ich bei der Rückkehr von ei- nem ausgedehnten Feldzug ins Land der Erloschenen Feuer (ein unwirtliches Land in einem alten Vulkan- gebiet, übersät von zerfressenem Lavagestein und bar jeglicher Behaglichkeit) an der Grenze unseres Terri- toriums von einer Abordnung Priester empfangen wurde, die ein großes Bild bei sich trugen. Wen es darstellte, erkannte ich leicht. Es war ein Standbild von mir in Lebensgröße! Ich trug darauf einen recht phantastischen Harnisch mit Lorica, Kurzschwert und Helm, die völlig aus Federn bestanden. Es war, wie ich gestehen muß, wirklich sehr hübsch gemacht. Als ich allein war, mußte ich schmunzeln bei dem Gedanken, mit welch naiver Schüchternheit man ausgerechnet mich – einen er- grauten, von Narben übersäten Leder-und-Eisen- Zenturio Roms – vergötterte. Sollte ich etwa ein le- bender Gott werden – ich, der ich so viele imaginäre Götter zum Leben erweckt hatte? ›Goldene Blume des Lichts‹ (bei deren Familie ich wohnte) brachte mir nach dem Morgenmahl des dar- auffolgenden Tages eine Handvoll Kolibrifedern als Geschenk. Diese Federn sind beim einfachen Volk sehr geschätzt, stellten sie doch in den vegetati- onsarmen Felsentälern eine echte Seltenheit dar. Gerührt von dieser offensichtlichen Zuneigung und, Treue, sah ich sie plötzlich mit ganz anderen Augen, und um ihrem Geschenk auch Geltung zu verleihen, steckte ich die Federn mit den Kielen unter einem der metallenen Streifen meiner Lorica fest und trug sie während der folgenden Tage immer dann, wenn ich unter die Leute ging. Mehr als einmal bemerkte ich, wie die Eingeborenen mit scheuen Blicken meine Verzierung musterten, aber ich dachte mir nichts weiter dabei, bis eines Tages ›Goldene Blume des Lichts‹ zu mir kam und mich demutsvoll bat, mit neuen Riemen ein paar Platten meiner Lorica, die während des letzten Feldzuges teilweise abgerissen waren, wieder festnähen zu dürfen. Natürlich hatte ich nichts dagegen. Stell dir vor, wie überrascht ich war, als sie mir meine Lorica zurückbrachte und ich feststellte, daß jeder noch so winzige Fleck jenes alten, von zahllosen Schlachten zerbeulten Panzers mit einem prächtig schimmernden Überzug aus Federn bedeckt war. Sie hatte die Federn (welche ausnahmslos vom Kolibri stammten) in einem phantastischen, wunderschönen Muster auf ein zuvor über die Lorica gespanntes Futter aus Rehleder aufgenäht. Dazu wurden Läufer zu sämtlichen Dörfern im Be- reich beider Städte ausgeschickt, um in ausreichender Menge Kolibrifedern zusammenzubekommen. Es war meine Belohnung dafür, daß ich aus diesen in der Abgeschiedenheit lebenden Höhlenbewohnern Menschen gemacht hatte. Und es war fürwahr ein Geschenk, das einem Cäsar Ehre gemacht hätte! Be- stimmt hat nicht einmal der alte Picus persönlich je- mals ein solches Schmuckstück zu Gesicht bekom- men! Ich stolzierte damit wie ein Pfau in der Gegend, herum und fühlte mich sehr glücklich – doch be- stimmt nicht halb so glücklich wie ›Goldene Blume des Lichts‹, deren Augen mir deutlich ihre Zunei- gung verrieten, als ich ihr dankte und beibrachte, was ein Kuß bedeutet. Ich war mir sicher, das Geschenk war ihre Idee gewesen. Bald darauf machte mir eine Abordnung der Älte- sten ihre Aufwartung, und im Rahmen einer feierli- chen Zeremonie tauften sie mich im Tempelgewölbe unter ihrer Höhle auf den Namen ›Nuitziton‹ (Koli- bri) – ein Wort, das ihnen viel leichter über die Zunge ging als mir. Nach einer Weile hatte ich mich aber an meinen aztekischen Namen gewöhnt und fand ihn auch ganz hübsch klingend, ohne jemals zu verges- sen, daß ich ein Römer war. Die Untätigkeit ging mir auf die Nerven, und oft plagten mich ehrgeizige Träume. Und wieder mar- schierten wir los auf der Suche nach neuen Landstri- chen, die es zu erobern galt. Doch bevor ich aufbrach, streifte ich meinen prächtigen Waffenrock über den Kopf des Standbilds, das mich darstellte (wodurch die schon vorhandenen Federn im Vergleich gerade- zu lumpig wirkten), und versprach dem Priester, in dessen Obhut es sich befand, ich würde den schon eroberten Gebieten noch so viele hinzufügen, bis wir so viele Federn des Nuitziton beschafft hätten, um das ganze Standbild völlig zu bedecken. Das war der Beginn des lange andauernden ›Kriegs der Kolibrifedern‹ gegen die mächtige, im Süden ge- legene toltekische Nation. Dieser Feldzug dauerte zwei volle Jahre, erstreckte sich über ungezählte Meilen Landes und brachte Tausende unter meine Herrschaft., Als dieser Krieg beendet war, war meine Macht größer als die Myrdhinns. Die ganze aztekische Na- tion war trunken vom blutigen Wein des erneuten Er- folgs. Die Menschen vergaßen völlig die Lehren des Mannes, den sie zuerst als ihren Retter verehrt und voller Dankbarkeit Quetzalcoatl genannt hatten. Oh- ne jemals auch nur ein Quentchen Magie zu benut- zen, war ich zu ihrem einzigen und unbestrittenen Führer geworden. Da wir beständig die Einwohner unterworfener Dörfer aufgesogen hatten, war unser Volk längst über die engen Grenzen seiner Felsenhöhlen hinausge- wachsen. Viele lebten inzwischen auf dem Grund der Schluchten, überall da, wo es Süßwasser und für den Ackerbau geeignetes Land gab. In dieser Gegend be- sitzt das Wasser oft eine eigentümliche Färbung, und für den, der es trinkt, bedeutet es den sicheren Tod. Schließlich kam ein großer Festtag für jene gewalti- ge Volksmasse, die sich Volk der Azteken nannte. Es war der Tag, an dem ich in einem eigens zu diesem Zweck errichteten Tempel die letzte Feder an das Stirnband des Standbildes steckte. Damit war es voll- kommen bedeckt, und an keinem noch so winzigen Fleck schimmerte der ursprüngliche Untergrund durch. Aus der Menge erhob sich ein solcher Jubelschrei, daß das Echo hundertfach von den Felsklippen wi- derhallte. Da trat Myrdhinn vor. In seinen feierlichen weißen Gewändern und mit seinem Kopfschmuck aus dem Gefieder des Quetzal-Vogels gab er ein Ehrfurcht ein- flößendes Bild ab. Er legte zum Zeichen des Segens seine runzligen, Hände auf meinen Kopf und sprach: »Ventidius Varro, Soldat Roms, Führer, Hoffnung dieser jungen aztekischen Nation! Gemäß dem aus- drücklichen Wunsche der hier versammelten, frei gewählten religiösen Führer gebe ich dir hiermit im Angesicht des versammelten Volkes deinen neuen Namen. Vergiß die alten Namen Ventidius und Nuit- ziton und nenne dich fortan Huitzilopochtli – Gott des Krieges!« Er machte eine Pause, lächelte ein wenig säuerlich, und fuhr dann fort: »Heil dir, lebendiger Gott!« Ich stand da und machte einen ziemlich verlegenen Eindruck – in dem Bewußtsein, daß er im Grunde der weit bessere Mann als ich war. Ich fühlte mich wie ein Verräter, schlim- mer noch als Judas, hatte ich ihm doch seine Macht und seine Autorität gestohlen. Dann beugte er sein greises Haupt zum Gruß. Das Volk tobte!,

Myrdhinns Bote

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich dem Volk noch nicht meinen geheimen Wunschtraum offenbart: mit der Kraft der geeinten Volksstämme die Macht Tla- pallans zu brechen, jenes kriegerischen Volkes, das dieses riesige Land unterdrückte – so weit die Ge- schichte zurückreichte bei diesem Volk, das keine ge- schriebene Sprache besitzt und das seine Erinnerun- gen mit Hilfe von Bildern weitergibt, die auf Haut oder auf Papier aus Riedgras gemalt sind. Seit unserer Ankunft hatten die Tlapallicos jedoch auch keine Raubzüge mehr gegen unsere Städte un- ternommen, obwohl dann und wann unsere Streifen im ›Umstrittenen Land‹ (einer Gegend des Hungers, wo es kein Wasser und keine Nahrung gab und das unsere beste Barriere gegen Tlapallans Macht bildete) auf ihre Kundschafter gestoßen waren. Jedesmal war es dann zu erbitterten Gefechten ge- kommen. Manchmal kehrten Überlebende zu uns mit der Meldung des Sieges zurück, manchmal wurde ei- ne solche Meldung auch in die Vier Städte der Mias getragen. Doch brachte nie eine der beiden Streifen die Nachricht der Niederlage mit. Denn die Besiegten wurden ein Fraß der Wölfe und wilden Hunde. Tlapallan wußte von unserer wachsenden Macht. Im ›Umstrittenen Land‹ wimmelte es von Spähern. Manchmal schlichen sie sich sogar bei uns ein. Einige kehrten nach Tlapallan zurück und nahmen die Nachricht mit, daß sich unser ganzes Volk auf den, Krieg vorbereitete – und stahlen uns die Technik des Bogenschießens! Hätte Tlapallan als Führer einen Mann von Weitblick gehabt anstelle des zügellosen, wollüstigen Weichlings, Sohn des früheren Kukulcan, dann hätte am Ende alles vielleicht ganz anders aus- gesehen. Dieser jedoch zog es vor, stur den über- kommenen Traditionen verhaftet, am Atlatl festzu- halten, und als es soweit war, mähten wir – die wir uns weit außerhalb der Reichweite seiner Atlatls be- fanden – seine Soldaten um wie Teocentli-Ähren auf dem Feld. Nachdem wir dreieinhalb Jahre erfolgreich im Südwesten gekämpft hatten, zeichnete sich vor mei- nen Augen immer klarer der Weg zur Erfüllung mei- nes Gelübdes ab, welches ich einst angesichts des stinkenden Altars in der Stadt der Schlange abgelegt hatte. So weit das Auge reichte – das ganze Tafelland, bis zum Horizont und weit darüber hinaus –, es gehörte mir! Ich hatte es erobert! Südlich davon, jenseits eines breiten, flachen Flusses, lag das Land Tolteca, unser Zwangsverbündeter, von dem ich wußte, daß es auf meinen Befehl überallhin marschieren würde – und zeigte ich direkt in das grimmig verzerrte Maul des Zerberus! Schließlich spürte ich immer deutlicher, wie mit je- dem Sonnenaufgang und mit jedem Sonnenunter- gang der Tag nahte, an dem ich, auf dem Wall ste- hend, den Befehl geben würde, und dann würde Aztlan im Gleichschritt mit Tolteca in die letzte große Schlacht ziehen, in der ein für allemal die Entschei- dung fallen würde, ob Aztlan oder Tlapallan über diesen Kontinent regierte., Dennoch war ich nicht so glücklich, wie ich es er- wartet hätte. Oft saß ich da und brütete dumpf vor mich hin. Das Leben schien mir dann sinnlos, und so- sehr ich auch grübelte, ich konnte nicht herausfinden, was mir fehlte. Irgendwie hatten meine großen Ziele ihre Faszination verloren. Hatte ich zuviel Zeit damit verbracht, Kriege zu führen? Hatte das Töten mein Herz so verhärtet, daß alles andere mir nur noch wertlos schien? Eines Nachts stand ich da, die Arme auf den Wall gestützt, den Blick gen Osten gerichtet, und dachte an die unzähligen, sich über Land und See erstrecken- den Meilen, die mich von meiner Heimat Britannien trennten, und ich fühlte, wie mich eine große Müdig- keit überkam. Das Leben schien mir sinnlos, ich war seiner überdrüssig. Gegen Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht, flutet ihr Licht über die Wälle und dringt selbst in die hintersten Winkel der Felsenhöhlung. Doch sobald die Sonne sinkt, kriecht ein dunkler Schatten über den Eingang der Höhlung, und das Innere versinkt in tiefer Düsternis. Eine ähnlich schwarze Düsternis hatte sich nun über mein Gemüt gelegt. Worauf liefen alle meine Kämpfe hinaus? Konnte wenigstens ein Teil meiner Träume Wahrheit wer- den? Konnte ich einen Zipfel dieses riesigen Landes erhaschen und ihn auf Dauer ›römisch‹ nennen? Konnte ich einen Ort der Zuflucht schaffen für das hart bedrängte Imperium, das Myrdhinn mir von der Warte seiner größeren Weisheit aus beschrieb – eine Zufluchtsstätte für Rom, die es besetzen und koloni- sieren konnte und in der es aus den Ruinen des Rei- ches ein neues, mächtiges Rom errichten konnte, ein, Rom, das nie mehr untergehen konnte? Ich hatte es gewagt, davon zu träumen, die Zu- kunft nach meinen Vorstellungen zu gestalten – ein riesiges Königreich zu errichten. Ein Reich, das nach dem Vorbild und Muster Roms von Straßen zusam- mengehalten wurde, die voll waren von marschie- renden Truppen, Händlern und Pilgern, auf denen sich Kaufleute, Priester und buntes Volk drängten, in denen sich Läufer mit eiligen Botschaften flink den Weg durch die Menge bahnten, und irgendwo im Zentrum – da stand ich, ein kleiner Cäsar, der viel- leicht eines Tages stark genug sein würde, über den Ozean hinweg seinem Heimatland in der Stunde der Bedrängnis die helfende Hand zu reichen. Und nun, da es so schien, daß die Erfüllung meines Traums in greifbare Nähe gerückt war, erlosch plötz- lich die Flamme des Ehrgeizes in mir. Was fehlte mir noch – nun, da doch alles mein war? Und während ich so dastand und meinen trüben Gedanken nachhing, spürte ich plötzlich, wie jemand ganz scheu meinen Arm berührte. Ich drehte mich um. Neben mir, die Augen züchtig zur Erde geschla- gen, wie es sich für eine Maid geziemt, stand meine zierliche kleine ›Goldene Blume des Lichts‹. Und als ich sie anlächelte, da war mir plötzlich klar, warum mein Leben trist und leer war. Ich legte ihr meinen Mantel um die Schultern und küßte sie lange und zärtlich; und eingehüllt in den Schutz meines Mantels gingen wir zusammen zum Haus ihrer Eltern. So simpel und schlicht ging unsere Verlobung vonstatten – und an einem schönen Fest- tag wurde sie meine Braut. Kein glücklicherer Mann als ich ist je auf Erden, gewandelt, und keiner hat je eine schönere Dame ge- sehen. Denn auf ihre Weise ist sie in der Tat eine Da- me, und sie braucht sich keinesfalls hinter den gebil- deten, kultivierten Frauen Roms zu verstecken. Sie ist mir eine wirkliche Hilfe und gibt mir ständig neuen Mut. Und aus tiefster Überzeugung kann ich versi- chern, daß ich meine rote, warmherzige, kleine ›Gol- dene Blume des Lichts‹ respektiere und verehre! Aus ihrer Tiefe schöpfte ich die Kraft und den Mut, mein Werk zu vollenden. Die Macht hatte sich zu Asche in meinem Munde verwandelt. Sie gab mei- nem Leben neuen Sinn, gab mir die Kraft weiterzu- machen. Ihr Glaube an mich war unerschütterlich, und ich konnte und wollte ihn nicht enttäuschen. Der Unterwerfung Toltecas folgte eine lange Peri- ode des Friedens. In dieser Zeit offenbarte ich meine Absicht, einen Feldzug gegen Tlapallan zu unter- nehmen. An dem Plan wurde in unzähligen Ver- sammlungen und Beratungen gefeilt, und er nahm immer konkretere Formen an. Dann hieß es Drillen, Drillen und nochmals Drillen, bis auch der kleinste Legionär sein Handwerk ebenso verstand wie der kampferprobteste Veteran. Meine römischen Kame- raden befehligten statt Zenturien Kohorten von gro- ßer Standhaftigkeit und Stärke, bewaffnet mit Speer, Bogen und Schwert, geschützt von Schilden aus fe- stem, lederüberzogenem Holze, den Körper bedeckt mit einem Panzer aus dick wattiertem Tuch – ein her- vorragender Ersatz für Metall, vorausgesetzt, man hatte es nur mit Atlatl-Pfeilen zu tun. So ausstaffiert, paradierten sie eines schönen Tages vor Myrdhinn. Als er die stolze Armee in perfektem Gleichschritt vorübermarschieren sah – jeder Mann, exakt gleich gerüstet, jeder Marschtritt genau im Rhythmus zum Klang einer dröhnenden Trommel aus Schlangenhaut, die Speere wie an einer Schnur gezogen in gleicher Linie ausgerichtet –, meinte er: »Der Adler von Aztlan hat seinen Schnabel so lange gewetzt, bis er scharf geworden ist.« Und nachdenk- lich fuhr er fort: »Hast du dir schon Gedanken dar- über gemacht, welchen Namen du dem Knaben ge- ben willst?« In diesem Augenblick schritt der Signifer vorüber; auf seiner Stange thronte der alte, durch das Feuer so vieler Schlachten gegangene Adler der Sechsten Legi- on, Victrix. Und während ich bewegt den Blick auf diesem Relikt aus alten Tagen verharren ließ, das da stolz auf seiner Stange über dem wiederauferstande- nen Geist der Legion hin und her pendelte, da dachte ich bei mir, daß auch diese neue Legion vielleicht ei- nes Tages den Ruhm der alten erlangen sollte, und antwortete: »Du selbst hast ihm soeben seinen Namen gegeben. Gwalchmai soll er heißen – der Adler. Und möge er den Mut und Scharfblick des Adlers haben!« Und er hatte ihn! Denn als er die zwei Legionen in ihrem martialischen Schmuck erblickte, die da auf der langen Straße nach Tlapallan an ihm vorüberzogen, da begann er in den Armen seiner Großmutter zu krähen, und ein fröhliches Lächeln huschte über sein kleines Gesicht. Endlich war der langersehnte Tag gekommen! Endlich marschierten wir mit wehendem Banner gen Tlapallan! Zurück blieben die Alten und Kranken zusammen mit den Frauen, um für die Kin- der zu sorgen, die noch zu klein für den Krieg waren. Alle anderen folgten dem bronzenen Adler der, Sechsten – siebentausend aztekische Kämpen und dahinter noch einmal fast genauso viele aus Tolteca. Zu Beginn des Frühlings erreichten wir das Moor- land, welches von einem üppigen, süß duftenden Blumenteppich überzogen war. Ich führte meine kleine Völkerschar an, denn obwohl wir eine Armee waren, hatten wir uns doch wie die Packesel mit Pro- viant beladen, und zahlreiche große Hunde (unsere einzigen Lasttiere) trugen große Bündel mit getrock- netem Fleisch und anderen Nahrungsmitteln. Noch dazu hatte es der größte Teil der Frauen ab- gelehnt, in dem bevorstehenden Freiheitskampf von ihren Männern getrennt zu sein – konnte dieser Kampf doch nur mit der totalen Vernichtung einer der beiden Seiten enden. Und so hatten sie sich dazu entschlossen, mit uns zu ziehen, zu siegen oder aber – wenn das Schicksal es so wollte – mit uns in den Tod zu gehen. Daher erweckte unsere Heerschar mehr den Eindruck eines wandernden Volkes als den einer Armee. Eine der Frauen, die mit uns zogen, war mei- ne kleine ›Goldene Blume des Lichts‹. Der Marsch war bei weitem beschwerlicher als die Wanderung, die uns damals nach Aztlan geführt hatte. Diesmal galt es mehr hungrige Mäuler zu stop- fen als damals, und für die großen Rinderherden war die Zeit noch zu früh. Die vereinzelt umherziehenden Tiere, die wir dann und wann sichteten, hatten in der Regel schon den Geruch der anrückenden Menschen- herde gewittert und waren geflüchtet, ehe wir auf Schußweite heran waren. Dennoch – durch häufiges Rasten, währenddessen wir kampierten und den Jagdtrupps Gelegenheit ga- ben, vorauszueilen und hier und da ein Stück Wild, zu erlegen, schafften wir es, am Leben zu bleiben. Dabei halfen uns häufig jene einsamen Moorwande- rer, die sich im hohen Gras verborgen hielten, in ständiger Furcht vor den Sklavenjägern Tlapallans. Sobald sie sich davon überzeugt hatten, daß wir ih- nen freundlich gesinnt waren, schlossen sie sich uns freudig an und stellten uns ihr ganzes Wissen über günstige Jagdgründe und Verstecke zur Verfügung. Ohne ihre kluge Führung hätten wir es wohl kaum geschafft, uns unerkannt durchzuschlagen – was uns bis dicht an die Grenze Tlapallans gelang, ohne daß wir dabei auch nur einen Mann verloren. Als wir uns etwa einen Tagesmarsch aus dem ge- fährlichen Gebiet entfernt hatten, errichteten wir an einer günstigen Stelle mit kleinen Seen und fruchtba- rem Marschland, welches uns reiche Beute verhieß, ein Fort aus Erdwällen. Die Wälle krönten wir mit ei- nem Zaun aus Pfählen und Dornbüschen; das Ganze umgaben wir mit einem trockenen Graben. Dann gruben wir ringsherum Wolfsfallen, in deren Grund wir angespitzte Pfähle rammten und die wir sorgfältig mit Zweigen und Laub bedeckten. Nach- dem mein Volk und ich auf diese Weise sicher ge- schützt waren, machte sich Myrdhinn mit einer klei- nen Streitmacht (bestehend aus zwanzig ausgesuch- ten Männern, fünf Römern und einem Moorwande- rer) auf die lange und gefährliche Reise um die Gren- zen von Tlapallan herum in das Gebiet der Hodeno- saunee, um zu erkunden, wie es diesem Volk wäh- rend unserer langjährigen Abwesenheit ergangen war. Von jetzt an war ich in der Tat Alleinherrscher, und der erste Befehl, den ich erteilte, betraf den Bau einer, Feuerplattform für einen Ballista an jeder Ecke unse- res quadratisch angelegten Forts. Diese waren bald darauf errichtet und in Stellung gebracht. Zugegeben – es waren schon seltsam anmutende Maschinen, die wir da zusammenbastelten – aber schließlich mußten wir sie ohne jegliches Metall bauen. Statt Klampen verwendeten wir frische Tierhäute, die (getrocknet und gestrafft) den Balken, die wir mit ihnen zusam- mengebunden hatten, eine bemerkenswerte Festigkeit verliehen. Ich glaubte zwar nicht, daß diese doch recht wackligen Geräte große Zielsicherheit erreich- ten; doch rechnete ich fest damit, daß sie dem Feind zumindest großen Schreck einjagten, stellten sie doch für das Kriegswesen in Alata etwas völlig Neues dar. Ich spekulierte darauf, daß – bevor die Ballistae zu- sammenkrachten – der Feind vor Angst das Weite suchte. Meine ›Maschinisten‹ hatten sich mit ihren Pflich- ten rasch vertraut gemacht, und schon bald durch- kämmten wir die Gegend nach geeigneten Steinen für unsere Wurfmaschinen. Bei diesen Ausflügen trafen wir nicht ein einziges Mal auf feindliche Späher. Drei Monate lang ereignete sich nicht das geringste, und die Tage zogen überaus langweilig dahin. Unser sich ständig wiederholender Tagesablauf erschöpfte sich in Jagen, Exerzieren und kleinen Manövern, denn wir rechneten täglich damit, entdeckt und belagert zu werden. Indessen gab es viele Münder zu füttern und erhitzte Gemüter zu beruhigen, denn das ständige Aufeinanderhocken in den engen Wällen unseres Forts führte naturgemäß zu Reibereien und schlechter Laune. Dank der weiten, nahezu undurchdringlichen, Wälder, die uns von Tlapallan trennten, blieben wir jedoch unentdeckt. Unsere Position war insofern be- sonders günstig, als keiner der Hauptverkehrswege des Feindes (nämlich die großen Flüsse) durch unser Gebiet ging. Während wir Kräfte sammelten, fanden im Norden wichtige Ereignisse statt. Myrdhinn und sein kleiner Trupp passierten unerkannt die tlapallanischen Au- ßenposten, überquerten wieder den Binnensee und erreichten heil und unversehrt die Blockhaussiedlun- gen der Hodenosaunee, wo sie freudig von jenem harten, aber liebenswerten Volk empfangen wurden, das nie einen Freund vergaß oder einem Feind ver- zieh. Sie trafen unsere römischen Kameraden wieder, die inzwischen echte Söhne des Waldes geworden waren. Sie trugen Kleidung aus Tierfellen, bemalten sich nach Art ihres Stammes und waren inzwischen fast ausnahmslos Väter kleiner Hodenosaunee geworden. Doch in ihrem Herzen waren sie gute Römer geblie- ben. Während wir unsere Abenteuer erlebt hatten, wa- ren unsere Freunde nicht untätig gewesen. Myrdhinn konnte sich zu seiner großen Freude davon überzeu- gen, daß die Hodenosaunee noch immer die Kupfer- minen besetzt hielten, und er erfuhr, daß die zwanzig Forts, die die Straße der Bergleute schützten, niemals wieder zurückerobert worden waren. In der Zwi- schenzeit hatte man große Vorräte von Kupfer ange- legt, die für unsere Zwecke bereitlagen. Die Grenze hatte sich deutlich nach Süden verschoben! Myrdhinns erste Tat bestand darin, Schmelzöfen und Schmieden zu errichten, in denen schließlich –, nach zahlreichen, entmutigenden Rückschlägen – brauchbare Bronze hergestellt wurde, wenn auch nicht von der Qualität, die die Sechste einst gewohnt war. Nachdem man erst einmal das richtige Mischungs- verhältnis von Kupfer und Zinn herausgefunden hatte, machte man Gußformen nach dem Muster der alten Klampen der Prydwen, die zu bergen soviel Schweiß und so viele Menschenleben gekostet hatte, und mit diesen Gußformen stellte man neue Klampen her – genug, um eine riesige Batterie von Ballistae und Tormentae damit zu bestücken. Aus dem restli- chen Zinn fertigte man Speerspitzen mit bronzenen Spitzen und Schäften aus weichem Kupfer, die äu- ßerst biegsam waren und sich sofort nach unten bo- gen, wenn der Speer in einem Schild steckte, was im Zweikampf von großem Vorteil war. So also ging der strahlende Glanz dahin, der die Prydwen einst zur Königin unter den Schiffen ge- macht hatte. Doch ihr Geist vermählte sich mit dem roten Metall Tlapallans, auf daß es stark und fest ge- nug werde, Roms Glanz und Ruhm zu mehren. Die Hitze des Frühsommers lastete wie Blei auf un- serem befestigten Heerlager. Wir lagen schwitzend und schwer atmend in unseren Quartieren und ver- suchten Schlaf zu finden. In regelmäßigen Abständen kam der Anruf der Wachtposten, jedesmal gefolgt von der Antwort: »Alles in Ordnung.« Doch da schlich im Schutze der Dunkelheit etwas über die Wälle, passierte unbemerkt die Posten und kam in meine Schlafkammer. Ich bemerkte es, als ich plötzlich eine Bewegung vor dem trüben Licht der Türöffnung wahrnahm. Ich hörte, wie die Krallen, dieses Etwas über den festgetretenen Boden scharr- ten, als es sich mir näherte. Zuerst glaubte ich, es sei einer der Hunde, die häufig des Nachts im Lager herumstreunten; doch erkannte ich schnell, daß es viel kleiner war als diese. Mein nächster Gedanke war, daß es sich vielleicht um eine Wildkatze aus dem Wald handelte, die, rasend vor Hunger, in meine Kammer gedrungen war, um nach etwas Eßbarem zu suchen. Ich griff nach dem kurzen Speer, der zu jener Zeit immer griffbereit neben meinem Lager lag, und warf ihn nach dem Tier. Ein gellender Schrei ertönte, wie ich ihn nie zuvor bei einem irdischen Lebewesen gehört hatte. Ich erhielt einen heftigen Schlag gegen die Brust. Im selben Moment breitete das seltsame Wesen riesige Schwingen aus und flatterte durch die Tür davon. Dann herrschte wieder absolute Dunkel- heit. Einen Wimpernschlag später hörte ich lautes Ge- brüll, das vom Wall herzukommen schien. Einer der Wachtposten, ein großgewachsener Moorbewohner, kam jaulend zu mir heruntergestürzt. »Puk-wud-jee! Puk-wud-jee!« schrie er, und mit angstverzerrtem Gesicht erzählte er mir atemlos, wie die runden gel- ben Augen des Wesens seine Seele zum Erstarren ge- bracht hätten, als es, während er seine Runde machte, plötzlich über ihn hinweggesegelt sei. Als ich ihn nach näheren Einzelheiten befragte, er- fuhr ich, daß nach dem Glauben seines Volkes ein Puk-wud-jee ein kleiner Walddämon war, der dem Menschen manchmal freundlich, zumeist jedoch feindlich gesinnt war. Angeblich wartete er immer auf eine günstige Gelegenheit, ein Kind aus seiner Wiege zu stehlen, um es mit verzauberten Speisen zu, füttern, worauf es zusammenschrumple und zu ei- nem Waldkobold werde. Er versicherte mir allen Ernstes, daß so etwas im- mer wieder geschähe. Das schlimmste jedoch sei, wenn man diesen unheilvollen Gnom nie in seiner wahren Gestalt sähe (oft nämlich nehme er die Ge- stalt eines unauffälligen Tieres an, um seine bösen Absichten zu verbergen). Dies würde unweigerlich zum Tode desjenigen führen, der ihn erblicke. Der arme Kerl weigerte sich beharrlich, mir den Gnom zu beschreiben, da er befürchtete, dadurch würde un- weigerlich auch ich von dem Fluch getroffen werden, der nun unwiderruflich auf ihm laste. Ich entließ ihn in sein Quartier, gab Befehl, an seiner Stelle einen neuen Wachtposten aufzustellen, und begab mich zu- rück in meine Kammer. Ich mußte lächeln, denn plötzlich fiel mir die Eule mit den großen Augen wieder ein, deren Bekanntschaft ich schon zweimal – als ich in kritischen Situationen steckte – gemacht hatte – das eine Mal, als ich, in tödlicher Gefahr schwebend, auf dem Dach in der Stadt der Schlange gelegen hatte, und das andere Mal, als wir nach mei- ner Rettung nach Art von Siegern den Rückzug von jener Stätte des Todes angetreten hatten. Ich vermutete daher, daß der nächtliche Besucher eine Nachricht von Myrdhinn überbringen wollte oder zumindest ankündigte, daß der Zauberer ir- gendwo in der Nähe steckte. Und richtig: Als ich zur Tür hereintrat, sah ich gleich, daß meine erstere Ver- mutung richtig gewesen war. Vor einem Binsenlicht saß ›Goldene Blume des Lichts‹ in ihrem Nachtge- wand und zerbrach sich den Kopf über einen in La- tein geschriebenen Brief, der aus einer bronzenen, Kapsel stammte, welche das Wesen mir gegen die Brust geworfen hatte, bevor es verschwand. Eilig glättete ich die Rolle mit dem Handrücken und vertiefte mich in den Brief. Dabei vergaß ich völ- lig den armen Wachtposten mit seinen Ängsten – was sehr ungerecht von mir war, denn zu jenem Zeit- punkt lag er schon tot in seinem Bett, ein Steinmesser tief in seinem Herzen. Erst gegen Morgen sollten wir ihn finden. Der Brief hatte folgenden Wortlaut: An Varro, Legat von Aztlan, von Merlin Ambrosius, Imperator. Sei gegrüßt! Das Volk des Großen Hauses wartet auf den Neu- mond, um die Stadt der Schlange zu stürmen. Läufer verbreiteten die Nachricht unter den Stämmen von Chichameca auf breiter Bahn, vom Binnensee bis zu den Glimmersteinbrüchen. Die Könige kamen überein, an jenem Tag anzugreifen. Folge dem Plan, den wir vorbe- reiteten. Nimm das Fort an der Flußgabelung, versieh es mit einer Besatzung und stoß dann weiter vor, um Dich mit unseren Truppen zu vereinigen. Wir werden mit aller verfügbaren Kraft zuschlagen. Gott sei mit uns! Laßt uns Marcus rächen! Vale!,

Der Adler und die Schlange

Nach dieser Botschaft von Myrdhinn waren wir alle sehr erleichtert, und unsere Stimmung hob sich be- trächtlich, denn wir hatten ja nicht gewußt, ob unsere Freunde noch lebten oder längst tot waren. Im letzte- ren Fall wären alle unsere Pläne hinfällig gewesen, und wir hätten in aller Eile unsere Stellung verlassen und uns auf dem schnellsten Wege wieder nach Hau- se begeben müssen. In der Tat: In den letzten Mona- ten hatten sich die Klagen und das Murren über un- sere Untätigkeit in bedenklichem Maße gehäuft, und die erste Begeisterung war längst erloschen. Die Be- wohner Alatas sind äußerst ungeduldig. Sie können leicht eine Schlacht gewinnen, doch einen ganzen Krieg zu gewinnen finden sie äußerst schwierig. Sie sind nicht bereit, auszuharren und geduldig abzu- warten, sondern neigen dazu, sich Hals über Kopf in eine Sache zu stürzen. Das ist auch der Grund, war- um die Mias mit ihrer eisernen Disziplin das Land so lange beherrschen konnten. Hätte ich ihnen nicht durch mein ständiges Exer- zieren auf dem Paradehof die eiserne Disziplin ein- gebleut, die ihr überschäumendes Temperament zü- gelte (welche jedoch selbst von den Halsstarrigsten unter ihnen als notwendig eingesehen wurde), ich glaube, die Hälfte meiner Armee wäre schon längst desertiert. Den größten Anteil daran trugen allerdings die Frauen, deren unerschütterlicher Glaube an meine, Ziele von unschätzbarer Wichtigkeit war. Sie sagten sich – als Zeugen der ewigen Marschiererei und der ewigen Waffenübungen –, daß eine solch lange und harte Ausbildung nicht umsonst sein konnte, und unter ihren kritischen Blicken wetteiferten die Krieger darum, die besten zu sein. Während der Zeit, die wir im Lager verbrachten, schuf ich auch eine militärische Rangordnung mit ei- ner abgestuften Folge von Auszeichnungen. Ich führte farbige Mäntel und Abzeichen ein, an denen man sofort den Rang erkennen konnte. Die Aus- zeichnungen verlieh ich den Erkorenen im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Ich gab diesen wenigen Auserwählten den Ehrentitel ›Held‹. (In späteren Jah- ren breitete sich dieser Brauch rasch über die Grenzen meines Volkes aus, und heutzutage schmücken sich die Barbaren in ganz Chichameca mit Federn, um auf die Auszeichnungen, die sie erworben haben, hinzu- weisen.) All dies ließ sie einigermaßen geduldig unter mei- nem Befehl ausharren – bis zu jenem Tag, an dem wir erfuhren, daß die Hodenosaunee auf den Zeitpunkt warteten, an dem sie mit Axt und Feuer über die Grenzen stürmen konnten. Ganz Chichameca bro- delte vor Ungeduld, und hätte man die Stimmen, die sich aus den dunklen Wäldern erhoben, alle auf ein- mal vernommen – es wäre ein einziger Aufschrei des Hasses gewesen, dessen wilde Entschlossenheit den Mias das Blut in den Adern hätte erstarren lassen. Wir warteten unsere Zeit ab, bis der vereinbarte Tag endlich herangerückt war. Dann verließen wir (eine Wache aus fünf Zenturien, die Maschinisten und die Frauen blieben zurück) unsere Festung und, machten uns wieder auf den Weg durch den Wald. Unser Ziel war die Flußgabelung, an der die beiden größten Wasseradern Tlapallans sich treffen. An dieser Stelle befand sich ein mächtiges Fort. Doch es blieb nicht stark genug, unserem Angriff standzuhalten. Seine Verteidiger waren nicht mit un- serer Kampfmethode vertraut; die wilden Stämme ringsum verfügten nämlich nicht über das Durchhal- tevermögen, bei einer Attacke sofort nachzusetzen, und folglich waren ihre Angriffe immer wieder mit Erfolg abgewehrt worden. Wir hingegen setzten uns vor dem Fort fest und deckten es zwei Tage und Nächte lang mit einem un- unterbrochenen Pfeilhagel ein. Viele Geschosse waren zudem Brandpfeile. Wir gaben den Verteidigern kei- ne Gelegenheit, Wasser zu erreichen. Die Erdwälle, die das Fort mit dem Fluß verbanden, lagen ebenfalls pausenlos unter Beschuß. Am Morgen des dritten Ta- ges ergab sich die Besatzung. Nicht ein Gebäude war noch heil. Alles Brennbare war ein Opfer der Flammen geworden, und unter den Verteidigern, die lebten, gab es nicht einen ohne Ver- letzungen. Obwohl sie in dem festen Glauben waren, wir würden sie zu Tode foltern, zuckte keiner von ihnen auch nur mit der Wimper, als sie an uns vorbeimar- schierten und ihre Waffen auf einen Haufen werfen mußten. Wir gaben ihnen zu essen und ließen ihnen freien Abzug in ihren Booten, damit sie in den Hauptstäd- ten die Nachricht von unserem Ankommen verbrei- teten. Wir hofften, daß sich die Einwohner dann in den Schutz der Forts begeben würden. Mit Forts ka-, men wir gut zurecht, da war ich sicher, und die Men- schen, die wegen überfüllter Quartiere draußen blei- ben mußten, waren mit Sicherheit Sklaven. Und diese würden, wenn mich meine Gefühle nicht trogen, schnellstens zu uns überlaufen. Da wir nun erst einmal Zeit gewonnen hatten, konnten wir das zerstörte Fort in Ruhe wieder auf- bauen. Wir sandten einen Trupp zurück zu unserem alten Fort, der die Frauen und die Maschinen herbei- bringen sollte, damit wir unsere Festung doppelt so stark machen konnten, wie sie schon war. Nachdem alle Leute eingetroffen waren, verstärkte ich die Gar- nison um fünf weitere Zenturien, und bald darauf machten wir uns auf dem schmaleren der beiden Flüsse auf den Weg zu den vier Hauptstädten. Während wir in diesem Gebiet aktiv waren, wankte im Osten, Norden und Süden die gesamte tlapallani- sche Grenze bedenklich unter dem Ansturm der chiamecanischen Horden, welche die Forts längs der Grenze hart bedrängten. Und während sie die Mias und die Tlapallicos durch ihre ständigen Angriffe in den Forts banden, schlüpften Tausende von Männern der vereinigten Stämme über die Grenze und dran- gen ins Landesinnere vor. Kein einziger Tlapallico oder Mia innerhalb der Forts konnte ausbrechen und sie daran hindern, und so kam es, daß Trommelzeichen unbeantwortet blie- ben und Rauchsignale ungesehen vom Winde ver- weht wurden. Alata glich einer blutigen Arena, und Tlapallan, das Rote Land, glänzte röter, als seine Täufer es sich jemals erträumt! Wir, Aztlan und Tolteca, waren weiter als alle an-, deren vorgedrungen. Wir hatten die Grenze längst überschritten und kamen Tag für Tag den Vier Städ- ten – Tlapallans Herz – näher. Kleine Dörfer und Siedlungen wurden überrollt und aufgesogen. Wei- nende Frauen, hartgesichtige, von schwerer Feldar- beit abgehärmte Männer, bewaffnet mit allem mögli- chen Gerät, womit man dem Feind die Gurgel durch- schneiden oder ihm den Schädel zertrümmern konnte – so viele Verzweifelte scharten sich um uns, bereit, ihr Leben für die Freiheit zu geben, daß ich ihnen schließlich eigene Kommandeure gab, sie zu Zenturi- en zusammenfaßte und sie als Stoßtruppen einsetzte; denn sie kämpften so wild und unerbittlich, daß man hätte glauben können, ihnen liege nichts mehr am Leben. Bald darauf kamen wir in den Waldgürtel, der zwi- schen der Grenze und dem bebauten Ackerland liegt. Des Nachts röteten unsere Lagerfeuer den Himmel – tagsüber marschierten wir, ungehindert zwar, doch nicht ohne Zwischenfälle. Hin und wieder ging einer unserer Männer zu Bo- den, durchbohrt von einem aus dem Hinterhalt abge- schossenen Atlatl-Pfeil. Ein paarmal kam es auch vor, daß plötzlich ein Felsblock von oben herabstürzte und mitten unter uns aufschlug. Doch nie kam es zur Schlacht – nicht einmal zum Scharmützel. Ich schöpfte langsam den Verdacht, daß wir geradewegs in eine Falle liefen. Einmal setzten lose Steine, die plötzlich zu rollen begannen, einen ganzen Hügelabhang in Bewegung. Das Geröll flog uns um die Ohren wie die Felsblöcke einer ganzen Batterie Ballistae und tötete zahlreiche unserer Männer. Unsere Späher setzten den hinter-, hältigen Angreifern nach und brachten sie zur Strek- ke. Dann schlossen sich unsere Reihen wieder, und wir marschierten weiter – immer tiefer in Feindesge- biet hinein. Bald darauf kam einer unserer Kundschafter schwer verwundet aus einem dichten, dunklen Fich- tenwald zurück. Er war der letzte Überlebende seines Trupps und hatte sich mit letzter Kraft zu uns ge- schleppt. Er meldete, in dem Wald läge ein ganzes Heer Tlapallicos auf der Lauer, und dahinter hätten sich die mianischen Elitetruppen verschanzt, bereit, uns den Rest zu geben, falls es uns gelingen sollte, durchzukommen. Wir hielten sofort an und beratschlagten. Ich berief eine Versammlung meiner Tribunen ein (sie waren selbständige Könige gewesen, bevor ich nach Aztlan gekommen war), und ließ auch die Zenturionen der verläßlichsten Kompanien unserer jüngst gewonne- nen Verstärkungen vor. Zahlreiche Vorschläge wur- den unterbreitet und diskutiert, und schließlich war es einer der ehemaligen Sklaven, welchem die retten- de Idee kam, und ich übertrug ihm volle Befehlsge- walt. Dieser alte, von Peitschennarben übersäte Krieger mit Namen Ga-no-ga-a-da-we – oder, wie wir sagen würden: »Der Mann, der Haar verbrennt« – gehörte zum Clan des Bären und war höchst erstaunt, als er von den Heldentaten seiner Blutsbrüder im Norden erfuhr (er selbst stammte aus dem Volk des Großen Hügels und war Sklave ersten Grades). Zehn Jahre unvorstellbarer Schinderei lagen hinter ihm, zehn Jahre des Hungers, des Hasses und des Heimwehs nach seinem Volk. Niemals besaß ein zu allem ent-, schlossener Mann einen zutreffenderen Namen. Auf sein Kommando drangen die sieben Zenturien, die er unter sich hatte, unter Ausnutzung jedes Steins, jedes Busches so unbemerkt wie nur möglich in den Wald ein. Sie sickerten ein wie Wasser, das die Hohl- räume in einem Kasten voller Kieselsteine ausfüllt. Sie fochten und töteten und wurden getötet, und ein paar kamen zurück. Hinter denen, die wiederkehrten, ging der Wald in Flammen auf. Stolz defilierten sie an uns vorüber und hielten in stillem Triumph lange Gürtel und Ketten empor, an denen die blutigen Skalpe der getöteten Feinde baumelten. Viele von ih- nen schwenkten drohend die erbeuteten Waffen der Mias gegen die Feuerbarriere, die den Feind von uns fernhielt. Alles hing jetzt davon ab, die sich rasch ausbrei- tende Feuerwand zu umgehen, eine zur Verteidigung geeignete Stelle zu finden und sich auf den zu er- wartenden Ansturm der mianischen Armee vorzube- reiten. Uns war klar, daß diese sofort losmarschieren würde, um uns den Weg abzuschneiden. Da die Mias nicht wußten, auf welcher Seite wir den brennenden Wald zu durchbrechen versuchten, spalteten sie ihre Armee, um uns von beiden Seiten entgegenzukom- men. Das war ihr Verderben. Bevor die erste Abteilung ihrer Armee bereit war, uns anzugreifen (zahlenmäßig meinen Kohorten weit überlegen), hatten wir schon Erdwälle aufgeworfen, vor die wir zusätzlich noch einen tiefen Graben gezo- gen hatten. Wir waren bereit! Als die Nacht hereinbrach, kamen sie. Direkt uns gegenüber schlugen sie ihr Lager auf. Da sie sich au- ßerhalb der Schußweite von Atlatl-Pfeilen befanden,, fühlten sie sich völlig sicher. Doch kaum hatten sie sich halbwegs eingerichtet, als unsere Pfeile auf sie herunterprasselten, Tod und Verderben mit sich bringend. Ein paar Glückstreffer setzten sogar das trockene Gras in Brand, wo ihre Vorräte gelagert wa- ren. Das versetzte ihnen natürlich einen harten Schlag. Es war wohl auch die Angst vor dem Hunger, die ihren Anführer gleich am Morgen des darauffolgen- den Tages – obwohl ihr Lager jetzt außer Bogen- schußweite war – zu dem Entschluß veranlaßte, so- fort einen Angriff zu riskieren, statt erst auf das Ein- treffen der anderen Abteilung zu warten. Kurz nach Sonnenaufgang griffen sie an! Noch bevor sie auf Atlatl-Schußweite heran waren, fielen sie zu Dutzenden, dann zu Hunderten. Über die Leiber ihrer toten Kameraden hinweg- springend, kämpften sie sich unter ungeheuren Ver- lusten zu einem kleinen Sumpf vor. Salve auf Salve prasselte in ihre Reihen, bis der Sumpf so voller toter Leiber war, daß diese für die Nachsetzenden einen fe- sten Untergrund bildeten, über den sie hinwegsteigen konnten. Sie verstopften mit ihren Leibern einen klei- nen Bach, der uns während der letzten Tage mit Trinkwasser versorgt hatte, derart, daß er seinen Lauf änderte und blutrotes, wildes Wasser über das Gras- land ergoß und die Verwundeten ertränkte, welche dort kauerten. Sie kamen bis nahe an die Befesti- gungsanlagen, stockten, wankten – und ergriffen die Flucht. Erneut brach – diesmal von hinten – ein wah- res Gewitter von Pfeilen über sie hernieder, zerstreute sie, bis sie außer Schußweite waren. Sie formierten sich und griffen erneut an. Bei allen, Göttern! Welche Männer! Diesmal erreichten sie den Wall; doch um welchen Preis! Axt, Messer und Speer hatten nicht die Spur ei- ner Aussicht auf Erfolg unseren prächtigen, unver- gleichlichen Schwertern gegenüber! Zu Hunderten hatten sie schon ihr Leben lassen müssen, waren sie niedergemäht worden von jener neuen, furchtbaren Waffe, die ihnen ihr Kukulcan aus Knauserei und falsch verstandenem Nationalstolz verweigert hatte. Ihr Herrscher war ein Mann von wenig Weitblick – ein Wüstling, der dem Luxus frönte; und darum mußte nun sein Land sterben! Und jetzt sahen sich seine betrogenen Soldaten er- neut einer Waffe gegenüber, die sie nicht kannten – dem gnadenlosen, alles zerfetzenden Maccuahuitl, dem Schwert mit den gläsernen Fangzähnen, das mit einem einzigen Hieb in das Fleisch schnitt und es gleichzeitig in Stücke riß. Nie zuvor hatten sie von etwas wie einem Schwert auch nur geträumt. Sie warfen ihre Lanzen, setzten nach, um mit Axt oder Messer dem Gegner im Zwei- kampf den Rest zu geben – und wurden buchstäblich in Stücke gehauen. Entsetzt wandten sie sich erneut zur Flucht, und wieder sangen die Pfeile ihr tödliches Lied. Der Schnabel von Aztlan hatte sich tief in die Schlange von Tlapallan gebohrt! Es war ein blutiger Tag, und wir sehnten uns nach Schlaf. Aber wir wußten, daß die Gefahr noch nicht beseitigt war: Irgendwo in den Wäldern wartete eine frische, unerschrockene Armee von Tlapallicos und Mias darauf, uns den Garaus zu machen. Wir suchten die Wiese nach Pfeilen und anderen, Waffen ab, aßen, tranken und ruhten uns ein wenig in unserem Lager aus. Nur unsere Wachtposten blieben hellwach. Als der Tag zu Ende ging, begannen wir im Schut- ze der Dunkelheit Wolfsfallen zu bauen. Wir gruben die ganze Nacht hindurch, bis der Himmel wieder hell wurde. Und wir hatten gut daran getan! Drei Stunden nach Anbruch des Tages griffen sie an! Viel Zeit zum Schlafen konnten auch sie sich nach ihrer langen Suche nicht gegönnt haben; manche von ihnen taumelten vor Müdigkeit, als sie über die Lichtung stürmten. Doch als sie uns hinter unseren Verschanzungen erblickten, schienen sie plötzlich von neuem Kamp- fesmut beseelt. Ohne Schlachtruf stürmten sie über die Leiber ihrer toten Kameraden hinweg auf uns zu. Sie kamen immer näher, doch nicht ein Pfeil flog. »Achtung!« rief ich. »Wartet, bis sie die Gruben er- reichen!« Gleich würden sie heran sein. Wie ein breiter, wil- der Strom wälzte sich die Leiberflut mit gesenkten Lanzen auf uns zu. Auf den Gesichtern stand wilde Entschlossenheit, und wir wußten, sie wollten die Sa- che hier und jetzt ein für allemal beenden, schnell und gnadenlos. In ihren Augen verkörperten wir all das, was böse, niedrig und verworfen war. Wir sollten ausgelöscht, vertilgt, in Grund und Boden gestampft werden. Oh, wie sie auf uns zustürmen! Ihre Körper glän- zen vor Schweiß und Öl. Ihre langen, kegelartig ge- formten Köpfe sind stolz nach hinten geworfen. Die Geweihsprossen an ihren Helmen klirren und rasseln; die Glimmerplatten und das bräunliche Kupfer ihrer, Panzer glitzern in der Morgensonne. Der Boden er- zittert unter ihren Füßen. Sie kommen! Die unbezwingbaren Heerscharen Tlapallans, sie, die die verstreut lebenden Stämme Alatas eroberten und die besten Landstriche des Kontinents raubten! Sie kommen, und Aztlan, die Geächtete, aber ebenfalls Unbezwungene, erwartet sie, die Feder des Pfeils dicht am Ohr. Jetzt erhebt der ›Mann, der Haar verbrennt‹, die Stimme zum Skalp-Tanz: »Ha-wa-sa-say! Hah! Ha-wa-sa-say!« Jemand bringt ihn zum Schweigen. Der Gesang bricht ab. Jetzt stürmen sie über die Berge von Toten hinweg. Ein junger Offizier löst sich mit einem Satz aus ihren Reihen. Der kupferne Überzug auf seinen Geweih- sprossen verrät seinen hohen Rang. Er springt hoch in die Luft, schwenkt seine Lanze und heult wie ein Wolf. Er winkt seiner Kompanie, ihm zu folgen. Nun schreien sie alle ihren Schlachtruf: »Ya-ha-ee-hee!« Er springt erneut hoch und schleudert seine Lanze – eine leere Drohung – noch sind sie zu weit weg – und im selben Moment tut sich der Boden unter ihm auf und verschluckt ihn, und der Schreckensruf sei- ner Männer wird übertönt von dem gellenden Todes- schrei, als der angespitzte Pfahl sich durch seinen Leib bohrt. Verzweifelt versuchen sie anzuhalten. Doch zu, spät! Die gesamte vordere Reihe der Angreifer fällt, gestoßen von den Nachdrängenden, in die Wolfsgru- ben. Das donnernde Getrampel des Angriffs erstirbt; in die zweite Schlachtreihe zischen unsere todbrin- genden Pfeile. Zu ihrer Ehre muß ich sagen: Es waren tapfere Männer. Inmitten des Pfeilhagels formierten sie sich neu und stürmten vorwärts. Bald war die zweite Reihe der Wolfsgruben bis zum Rand mit den Leibern von Toten gefüllt, über die ihre Kameraden nachrückten. Atlatl-Pfeile kamen singend über unseren Wall geflo- gen. Jetzt fielen die Nachdrängenden in die dritte Reihe Wolfsgruben. Die Männer dahinter wankten, zögerten einen Moment und stürmten weiter. Doch die vierte Reihe war zuviel. Als sie schon fast unseren Erdwall berührte, wandte sie sich um und rannte in wilder Flucht davon. Unsere Pfeile mähten die Feinde nieder wie der Schnitter das Korn. Offizie- re fluchten und schlugen auf sie ein. Aber sie waren aus Fleisch und Blut und nicht aus Eisen, und sie rannten weiter. Und während ich den Fliehenden nachblickte, sah ich, wie sich ein Offizier nach dem anderen – gleichgültig, ob höchsten oder niedersten Ranges – in seine Lanze stürzte und zu den Göttern einging – die Ehre unbefleckt von der Schmach der Niederlage. Nun konnte ich mein wildes Volk nicht länger hal- ten. Unter begeisterten »Al-a-lala! Al-a-lala!«-Rufen stürmten die Männer über den Erdwall und rannten hinter den Mias her ich an der Spitze, um nicht allein zurückzubleiben. Als wir uns dem Wald näherten, brachen die Über-, reste der mächtigen Mia-Armee in geschlossener Formation aus dem Dickicht hervor wie ein verwun- deter, blutblinder Bär, der in alle Richtungen um sich schlägt, in der Hoffnung zu töten, bevor er stirbt. Die Scham über die Niederlage saß ihnen wie ein Stachel im Fleisch, und sie wollten es uns heimzahlen. Doch nun machte sich mein langes Drillen bezahlt. Gebieterisch erhob sich die Stimme meiner Trompete über das Getöse. Sofort antworteten in schrillem Ton die Kriegspfeifen der Tribunen und Zenturionen. In Sekundenschnelle verwandelte sich der eben noch wild vorwärtsstürmende, ungezügelte Mob in eine Armee, deren schnurgerade Ränge sich fächerförmig ausbreiteten, damit auch die hinteren Platz hatten zum Schießen. Den Mias gegenüber stand jetzt die wohlgeordnete Eggenformation der Quincunx, aus der sich gleich darauf eine solch verheerende Salve löste, daß die Angreifer entsetzt zurückfuhren. »Keinen Schritt zurückweichen!« brüllte ich, denn ich erwartete, daß sich der Feind erneut formieren würde. Aber nun war sein Widerstand endgültig ge- brochen. Die Schlachtreihen brachen auseinander, und er floh und zerstreute sich – diesmal endgültig. Ein wilder Schrei erscholl hinter mir. Gleich darauf schoß ›Mann, der Haar verbrennt‹ an mir vorbei, das mit Farbe verschmierte Gesicht haßerfüllt zur Fratze einer Furie verzerrt. Ihm auf dem Fuße folgten die aus Sklaven bestehenden Zenturien. In aufgelöster Formation, keinem Befehl mehr gehorchend, jagten sie den fliehenden Mias nach – jeder für sich wie ein ganzes Rudel hungriger Wölfe, welche das fliehende Wild hetzen –, setzten sie der von Todesangst ge- packten Menschenherde hinterher., Nur wenige kehrten zurück. Im Dickicht des Wal- des kämpften und starben sie, doch der Tod schreckte sie nicht; zu süß schmeckte der Triumph der Rache. Ein paar kamen, als wir dabei waren, unsere Toten für ein Massenbegräbnis zu einem Haufen aufzu- schichten und jeden von ihnen mit Waffen und einer Wasserflasche zu versehen, die er auf seiner langen Reise nach Mictlampa, dem Reich der Toten, benö- tigte. Andere kehrten zurück, als die Priester den Toten Pässe ausschrieben, die jeder von ihnen eben- falls für die Reise haben mußte, damit er unversehrt die tiefen Abgründe und die gefährlichen Ungeheuer, die am Wegesrand lauerten, passieren konnte. Alle Hunde im Lager wurden getötet, damit sie ihrem Herrn in die Unterwelt vorangehen und ihm über das letzte Hindernis – einen breiten Strom – hinüberhel- fen konnten. Myrdhinn wäre entsetzt gewesen, hätte er das ge- sehen! Auch ich war ziemlich bestürzt über die Behand- lung unserer zahlreichen Gefangenen durch meine Leute. Vielen wurde bei lebendigem Leib die Haut von den Knochen gerissen – zum Ruhme der Götter; andere starben in ungleichem Zweikampf: Sie wur- den mit einem Bein an einem Stein festgebunden und mußten sich mit einer Spielzeugwaffe gegen vier schwerbewaffnete Krieger zur Wehr setzen. In der Zwischenzeit wurde ein großer Korb, genannt ›Die Schale der Adler‹ mit den blutigen Herzen derer ge- füllt, die man an ein Gerüst gefesselt und mit Pfeilen gespickt hatte, auf daß ihr Blut die Erde tränke als ei- ne Huldigung an die Götter. Und ich war einer dieser Götter!, Ich war froh, daß Myrdhinn nicht anwesend war! Endlich endeten die schauerlichen Riten, doch be- vor wir es geschafft hatten, den Leichenhaufen mit einem Hügel festgestampfter Erde zu bedecken, kam die Nacht. Wir machten uns Tamalli-Kuchen aus Mehl und aßen zu Abend; doch es gab viele – ich wußte es, konnte es aber nicht verhindern –, die rotes Fleisch aßen, obwohl es schon sehr, sehr lange her war, seit wir zum letztenmal Wild erlegt hatten. In der Nacht hörte ich, wie jemand vor dem Ein- gang meiner Hütte flüsterte: »Tecutli!« (»Herr!«). Ich gab keine Antwort. Als ich am Morgen aufstand, lag ›Mann, der Haar verbrennt‹ quer vor meiner Tür und schlief. Er war der letzte, der von der Menschenjagd zurückgekommen war. Er war nicht mehr Anführer von vielen, sondern nur noch ein gemeiner Zenturio, denn viel mehr Sklaven waren es nicht die jetzt noch hinter ihm mar- schierten; alle anderen waren bei dem Gemetzel ge- fallen. Doch als wir schließlich diese Stätte des Todes und der blutigen Rache verließen, da schritt er in solch stolzer Haltung an der Spitze seiner dezimier- ten Schar voran wie ein Cäsar an der Spitze eines Tri- umphzuges. An seiner Haltung und an seinem Ge- sichtsausdruck sah ich: dieser Mann würde nie wie- der Sklave sein können. Er hatte sich seinen Mannes- stolz und seine Freiheit mit Blut zurückgekauft.,

Der neue Kukulcan

Die Macht unserer Feinde auf dem Feld war gebro- chen, doch nicht ihr Stolz und Mut. Als sie vor uns durch die Wälder nach Norden flohen, einzeln oder in Gruppen, da schleuderten sie uns jedesmal mit bis- sigen Worten ihren Hohn und ihre Verachtung ent- gegen, wenn wir ihnen zu nahe kamen, und griffen uns an wie in die Enge getriebene Wildkatzen. Wir durchquerten ein fruchtbares Tal und gelang- ten in eine pfadlose Wildnis zwischen den beiden Flüssen, wo wir uns ständig unerwarteter Angriffe erwehren mußten. Nicht eine Furt durchquerten wir unbehelligt, nicht einen Engpaß konnten wir passie- ren, ohne uns mit Gewalt unseren Durchgang zu er- zwingen. Nicht eine Waldlichtung betraten wir, ohne das Zischen der Atlatl-Pfeile über unseren Köpfen zu hören. Sie setzten uns schwer zu, und wir glaubten schon, sie endlich los zu sein, als wir endlich bebautes Land erreichten. Doch groß war unsere Enttäuschung, als wir sahen, daß die zurückflutenden Reste der miani- schen Armee alle Kornfelder und Gemüsegärten verwüstet hatten. Jedes am Weg liegende Haus, jedes Vorratslager hatten sie niedergebrannt, und alles, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte, hatten sie entweder mitgenommen oder zerstört. Gelegentlich stießen wir auf Sklaven, die in den rauchenden Trümmern halb verhungert nach etwas Eßbarem suchten. Hocherfreut kamen sie zu uns ge-, laufen, in der Hoffnung, etwas zu bekommen. Aber wir waren selbst in einer schlimmen Lage. Oft fanden wir tagelang keine Nahrung, und die Schwächsten legten sich schließlich an den Wegrand, um sich zu erholen und später nachzukommen oder – wenn die Götter es so wollten – den Tod abzuwarten, um uns keine Last mehr zu sein. In solchen Augenblicken wa- ren wir dankbar und froh, unsere Frauen sicher in ih- rem Fort an der Flußgabelung zu wissen. Wir hatten nur noch einen Gedanken: weitermar- schieren, bis wir Myrdhinn und die Hodenosaunee endlich erreicht hatten, um zu essen und uns endlich auszuruhen. Wir beargwöhnten unsere neuen Re- kruten wie Diebe, die uns die Bissen aus dem Munde stahlen; doch wäre da nicht ein bestimmter Mann unter diesen ungewollten Verbündeten gewesen, un- ser ganzes Unternehmen wäre fehlgeschlagen. Er führte uns zu einem großen unterirdischen La- ger, in dem für den Winter in irdenen Krügen, hohlen Baumstümpfen und Körben aus Baumrinde Teocentli gesammelt war. Diese Vorratskammer hatten unsere Feinde übersehen. Wir machten uns voller Freude über diesen Schatz her, mahlten das Korn und buken daraus Tamalli-Kuchen, die wir mit Heißhunger ver- schlangen. Nie zuvor hatte mir eine Speise so herrlich gemundet. Manche zerrieben Körner zwischen Stei- nen, vermengten das Mehl ungekocht mit Wasser – wie wir es häufig mit Weizen gemacht hatten, wenn wir in Britannien mit der Sechsten auf Marsch waren – und tranken es gierig, um den Schmerz, der in den Eingeweiden wütete, zu lindern, bevor sie ihrem Ma- gen festere Kost zumuteten. Wir hatten nun genug Korn, um beide Kohorten, ausreichend zu versorgen – ja, es reichte sogar für die folgenden zwei Tage, vorausgesetzt, wir gingen spar- sam damit um. Von dem Mann, der uns zu diesem Schatz geführt hatte, erfuhren wir auch, daß die flüchtenden Mias alle Sklaven massakrierten, die zu alt oder zu jung zum Kämpfen waren. Selbst Frauen und Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust waren den Messern blutrünstiger Söhne des Roten Landes zum Opfer ge- fallen. Nur jene blieben verschont, welche dem Reich des Kukulcan ewige Treue schworen. So kam es, daß sich das feindliche Heer in Richtung auf die Vier Städte ständig vergrößerte. Doch welche der Vier Städte ihr Ziel war, um sich dort zu verschanzen und unseren Angriff abzuwarten, das wußten wir nicht. Wir konnten nichts anderes tun, als ihnen auf den Fersen zu bleiben – was uns angesichts der breiten Schneise von Verwüstung, die sie hinter sich herzo- gen, nicht schwerfiel. Wir marschierten, was die Bei- ne hergaben, in der Hoffnung, sie einzuholen und in einer letzten Entscheidungsschlacht zu vernichten. Doch wir schafften es nie ganz, zu ihnen aufzuschlie- ßen, obwohl wir sie manchmal so dicht vor uns hat- ten, daß wir sehen konnten, wie in einiger Entfernung vor uns Häuser in Flammen aufgingen; oder wir fan- den niedergemetzelte Sklaven, deren Körper noch warm waren, auch wenn ihre Seelen sich schon auf der Reise ins Land der Toten befanden. Alles deutete darauf hin, daß sich die Mias in der Klemme wähnten. Von Flüchtlingen erfuhren wir, daß fast alle Grenzforts unter dem wütenden An- sturm der vereinigten Chichamecavölker gefallen wa- ren. Und im Osten, so berichteten sie uns, werde das, ganze Land von mordenden, sengenden und rauben- den Horden überrannt, die keinen Herren kannten. Nirgendwo wäre man mehr sicher, außer in den gro- ßen Städten und in den befestigten Vier Hauptstäd- ten. Es gab auch Gerüchte, die besagten, daß oben im Norden die Heilige Stadt der Schlange gefallen sei, und nie mehr würde sich die Verschlingerin den Leib mit schutzlosen Sklaven füllen können. Diesen Ge- rüchten jedoch schenkte ich keinen Glauben, denn ich konnte mir nicht denken, daß die Hodenosaunee es wirklich geschafft haben sollten, die Stadt einzuneh- men – zumal sie jetzt auch noch vermutlich die Land- bevölkerung beherbergte. Was wir jedoch nicht wußten, war, daß Myrdhinn tatsächlich die Stadt der Schlange eingenommen und dem Erdboden gleichgemacht hatte. Nur die Frauen und Kinder der Mias hatte er verschont sowie alle Tlapallicos, die ihre Waffen zu Boden warfen und um Gnade flehten. Das Volk des Großen Hauses hatte die H'menes getötet, den Pavillon und den Altar auf dem Ei eingerissen und an seiner Stelle auf Myrdhinns Geheiß ein zwanzig Fuß hohes Kreuz errichtet. Da- nach hatten er und seine Mannen die Stadt wieder verlassen und eilten uns entgegen. Bevor wir jedoch all dies erfuhren, kamen wir an die südlichste der Vier Städte, Tlacopan, wo wir uns außerhalb der Wälle festsetzten und auf die Belage- rung vorbereiteten. Dies kam gerade im rechten Mo- ment, denn meine Männer hatten schon über die endlos scheinende Wanderung zu murren begonnen – und natürlich über ihre leeren Mägen. Auch paßte es ihnen nicht, während des ganzen Marsches nicht, einmal Gelegenheit zu haben, in einem ordentlichen Gefecht mit dem Feind sein Mütchen zu kühlen. Ich bin fest überzeugt: Hätte ich bei ihnen nicht in dem Ruf gestanden, ein lebendiger Kriegsgott zu sein, sie wären mir nicht so weit nachgefolgt – schließlich und endlich waren sie nur Barbaren, die durch meinen Willen dazu gezwungen wurden, Din- ge zu tun, die ihnen bis dahin gänzlich fremd gewe- sen waren. Es ist schon eine gefährliche Sache, Heb- amme zu sein, wenn eine Nation geboren wird ... Wenn irgendeiner von uns dachte, diese waffen- starrende, befestigte Stadt im Handstreich nehmen zu können, dann wurde ihm dieser trügerische Glaube spätestens dann förmlich aus dem Leib geprügelt, als wir zum erstenmal von allen vier Seiten zugleich die Palisaden berannten. Wir machten die schmerzliche Erfahrung, daß Be- lagerung nicht gleich Belagerung ist; es war schon ein gewaltiger Unterschied, ob Tlapallicos oder Azteken die Verteidiger waren. Sie ließen uns herankommen, genauso wie wir sie hatten herankommen lassen. Plötzlich tauchten hinter den Wällen Köpfe auf, und ein Hagel von Steinen aus ihren Steinschleudern empfing uns. Sie waren außer- ordentlich treffsicher – und tödlich dazu. Der größte Teil unserer vordersten Reihe ging ge- troffen zu Boden, und auch in den hinteren Reihen hielt der Tod reiche Ernte. Doch trotz des Pfeilregens, der uns direkt danach um die Ohren schwirrte, ge- lang es uns, bis dicht an den Wall heranzukommen. Wir versuchten mit Brandgeschossen die Holzhäuser zu entflammen. Doch Fortuna schien nicht auf unse- rer Seite; das Holz war nach einem drei Tage anhal-, tenden Regen noch zu feucht. Da wir keinerlei Schutz hatten, traten wir den Rückzug an und beschlossen, uns die Arbeit lieber von Mutter Natur abnehmen zu lassen. Wie bei den meisten dieser Städte führte auch bei dieser ein doppelter Erdwall mit einer Palisade von den Befestigungsanlagen zum nahe gelegenen Fluß, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Diese Pali- sade bot zwar einen hervorragenden Schutz gegen Atlatl-Pfeile, die – mit der Rückhand abgeworfen – in waagrechter Bahn fliegen, aber gegen das Feuer unse- rer Bogenschützen war sie wertlos. Wir machten den Verteidigern das Leben schwer, indem wir den Verbindungsgang pausenlos mit ei- nem Hagel von Pfeilen zudeckten und den Zugang zum Fluß am Ende des Gangs besetzten. Schließlich gelang es uns, die Verteidiger des Tors zu vertreiben, und wir konnten den gesamten Verbindungsgang be- setzen. Nun war die Stadt völlig von der Wasserver- sorgung abgeschnitten. Ein Tag nach dem anderen verstrich, und wir wußten, daß die Belagerten entsetzlich von Durst ge- plagt wurden – vielleicht auch schon vom Hunger. Auch wir waren sehr hungrig, denn Fisch und Wild, welche uns zur Verfügung standen, reichten bei wei- tem nicht aus, und so mußten wir uns denn mit dem spärlichen Korn begnügen, das unsere Späher aus den umliegenden, unzerstört gebliebenen Dörfern und Bauernhöfen heranschafften. Und dann, eines Tages, als wir das Gefühl hatten, die Kapitulation stehe kurz bevor, kam ein Späher mit verstörtem Gesichtsausdruck zu uns zurückgeeilt mit der Nachricht: Eine riesige Armee sei auf dem, Wege hierher, um die Stadt zu entsetzen. Ich wußte, daß wir um jeden Preis hinter den schützenden Wäl- len sein mußten, bevor der Feind heran war. Sofort übertrug ich das Kommando meinen Tribunen mit dem Befehl, rasch Sturmleitern zu zimmern, die Wälle zu stürmen und alles bereitzuhalten, um uns sofort aufnehmen zu können, wenn wir in die Stadt zurückkämen. Dann marschierte ich los mit zehn Zenturien aus Aztlan, fünf aus Tolteca und dem größten Teil der befreiten Tlapallicos (die hervorra- gende Waldläufer abgaben), um den Gegner zu fin- den, ihn zu stellen und in einen nahe gelegenen Eng- paß zu locken, wo wir ihn aus dem Hinterhalt mit Felsbrocken zerschmettern konnten. Während die Tribune noch dabei waren, den hef- tigsten Angriff zu starten, welchen die Belagerten bisher erlebt hatten, brachen wir auf. Kurze Zeit spä- ter lagen wir schon am Rande der Schlucht hinter ha- stig aufgestapelten Steinhaufen verborgen, gespannt darauf wartend, daß es endlich losging. Allen war klar: Nach dem ersten Schlag mußten wir sofort das Weite suchen. Wir beteten, daß die Tribune es schaf- fen würden, damit wir eine sichere Zuflucht hatten, wenn wir zurückkämen. Schafften sie es nicht, war alles verloren. Wir sahen von oben die glänzenden Körper unserer roten Verbündeten lautlos durch das Unterholz glei- ten, verfolgt von der Vorhut des Feindes. Doch was war das? Das waren doch nicht die Ge- weihhelme der Tlapallicos! Und nirgends die absto- ßende, fliehende Stirn eines Mia! Statt dessen sah ich hier und da die Federn der Hodenosaunee, Myrdhinns eigenem Volk, durch das Laubwerk blit-, zen! Es waren Freunde, nicht Feinde! »Nicht werfen!« brüllte ich aus Leibeskräften und rollte Hals über Kopf den Abhang hinunter, um sie zu begrüßen. Sekunden später fiel ich meinen alten Kameraden um den Hals – Valerius, Antonius, Intico, der Kaledonier, Lucius – und schüttelte heftig Myrdhinns Hand. Ich fühlte eine schwere Hand auf meiner Schulter. »Atoharo, mein Bruder!« hörte ich Hayonwathas Stimme rufen. In meiner überschwenglichen Wiedersehensfreude drückte ich ihn so fest, daß ich ihm fast die Rippen an meiner Lorica zerquetscht hätte, und ich sah, wie sich sein ernstes Gesicht plötzlich zu einem Grinsen ver- zog. O ja, auch er konnte lachen, mein guter alter hel- denhafter Blutsbruder, doch bekam das außer seinen Freunden und seiner Familie nie einer zu sehen! Eilig beorderte ich meine Kompanien herunter, und gemeinsam eilten wir, so schnell es ging, zurück zur Stadt, um noch in die Eroberungsschlacht einzu- greifen. Doch als wir endlich ankamen, stellten wir fest, daß die Stadt bereits in die Hände meiner Tribu- nen gefallen war, die sofort meinen klaren Befehlen zuwidergehandelt hatten, als die Mias ihre Waffen über den Wall warfen. Den Tlapallicos hatten sie ge- stattet, ihre Waffen zu behalten, und dann hatten sie ihnen befohlen, ihre Rechnung mit ihren besiegten Unterdrückern zu begleichen. Die Rechnung war bereits so gut wie beglichen, als wir eintrafen, aber ich hatte das Vergnügen, diese Tribune zu gemeinem Fußvolk zu degradieren und sechs meiner ›Helden‹ in ihren Rang zu erheben. Auch dem ›Mann, der das Haar verbrennt‹, wollte ich, diese Ehre zuteil werden lassen und ihm das Kom- mando über unsere neuen tlapallicanischen Rekruten übertragen. Als ich aber nach ihm schaute, war er von seinem Posten verschwunden und auch unter den Toten nicht zu finden – weder innerhalb noch außer- halb der Stadt. Da er auch am folgenden Tag nicht auftauchte, sah ich mich widerwillig zu der Annahme gezwungen, daß er irgendwo tot im Wald lag. Aber wir konnten unmöglich noch länger warten, ob er nicht doch noch auftauchte; schließlich konnte ich nicht wegen eines einzigen Zenturios den ganzen Feldzug unterbre- chen. Also rissen wir die Palisaden nieder, setzten die Häuser in Brand und marschierten am Morgen des darauffolgenden Tages ab. Nun waren wir drei Nationen und zählten insge- samt mehr als zwanzigtausend Lanzen – unsere tla- pallikanischen Verbündeten nicht mitgerechnet; sie waren uns noch zu wenig bekannt, als daß wir ihnen vorbehaltlos getraut hätten; wer wußte schon, wie weit ihre Loyalität gehen würde, wenn sie erst der Hunger plagte. Unser Ziel war jetzt Colhuacan, die Stadt des sich windenden Walles, in der Mixcoatl, die Schlange des Sturms, verehrt wurde und die in der Grausamkeit ihrer Opfer der sündigen Stadt der Schlange in nichts nachstand. Dorthin war ihr Oberpriester, König Ku- kulcan, geflohen, bevor seine Stadt erobert worden war. Nur zehn Meilen von ihr entfernt lag die größte Zitadelle von Tlapallan – Miapan, deren Erdwälle höher und dicker waren als der Hadrianswall. Colhuacan würden wir erobern können, das wuß- ten wir; doch würde es jemals möglich sein, Miapan, in einem anderen Status als dem des Gefangenen zu betreten? Wir marschierten weiter. Wir würden es früh genug erleben. Und wieder mußten wir uns regelrecht vorwärts- kämpfen, wieder setzten uns die Mias auf die schon bekannte Weise zu. Da das Jahr sich dem Ende zuneigte, befürchteten wir, unser Angriff bliebe möglicherweise im Schnee stecken, wenn es dem Feind gelänge, uns lange genug aufzuhalten. Myrdhinn und ich wußten genau, daß dann die Gelegenheit ein für allemal vertan war; denn eine so riesige Armee würden wir mit Sicherheit nie wieder auf die Beine stellen. Ich überlegte hin und her, ob ich es wagen sollte, Myrdhinn zu bitten, Ma- gie anzuwenden, und ein paarmal war ich auch schon kurz davor, es zu tun, aber dann hielt ich mich schließlich doch zurück. Ich kannte ja Myrdhinns Standpunkt in dieser Sache zur Genüge. Als wir uns der Gegend von Colhuacan näherten, stellten wir zu unserer großen Verwunderung fest, daß der Widerstand sich nicht – wie es zu erwarten gewesen wäre – verstärkte, sondern immer geringer wurde. Vorsichtig marschierten wir weiter, jeden Moment darauf gefaßt, in eine Falle zu tappen. Doch schon bald schlief der Widerstand völlig ein, und we- nig später traten wir aus dem Wald – und vor uns lag die Stadt. Die Tore standen sperrangelweit offen; davor herrschte ein wüstes Getümmel. Menschen rannten aus dem Tor; andere verfolgten sie und hieben sie nieder. Die Stadt war in offener Rebellion, und die Mias flohen vor den tlapallani- schen Sklaven!, »Vorwärts, Aztlan!« schrie ich und stürmte voran. Ein vernarbter Mann, der mir irgendwie bekannt vorkam, kam aus dem Tor gerannt und lief mir ent- gegen. Es war ›Mann, der Haar verbrennt‹! »Tecutli! Huitzilopochtli!« begrüßte er mich stürmisch. »Schau, hier ist dein Feind!« Mit diesen Worten warf er mir einen blutenden Kopf vor die Füße. Ein Blick auf die schlaffen Wangen und die von dicken Tränensäcken umrandeten Augen genügte – auch ohne den goldenen Reif und die Geweihspros- sen hätte ich erkannt, wem der Kopf gehörte. Die Ähnlichkeit mit dem Herrscher, der mich einst zum Tode verurteilt hatte, war frappierend. Der Kopf gehörte in der Tat keinem anderen als dem Kukulcan, dem König der Mias! »Wie hast du es gemacht?« fragte ich ihn in einer Mischung aus Freude und Verwunderung, als wir die Stadt unter dem stürmischen Jubel der bewaffneten Sklaven betraten. »Nun, ich desertierte, ließ mich gefangennehmen und redete mit den Sklaven, zu denen sie mich steckten. Ich erzählte ihnen von massakrierten Tla- pallicos, welche die Mias auf der Straße nach Tlaco- pan liegenließen, berichtete ihnen von Helden, von lebenden Göttern, von Männern, die ich geführt hatte – ich schilderte ihnen meinen Herrn, der mir mit kup- ferner Peitsche das Fleisch in Fetzen vom Rücken ge- fetzt hatte – und dann, als wir wußten, ihr naht, sagte ich ihnen, sie sollten sich erheben. Herr, darf ich wie- der Männer anführen?« »Und ob du darfst! Und schon bald wird es der Fall sein. Du hast deine Sache hervorragend gemacht.« An jenem Tag wurde er in den Toren der Heiligen, Stadt Colhuacan in den Stand des Tribuns erhoben, was ihn mit großer Freude erfüllte. Doch wurde sein Ruhm durch ein anderes Ereignis überschattet: Am selben Tage noch wurde Myrdhinn durch öffentliche Akklamation einstimmig zum neuen Kukulcan ge- wählt, und Tlapallan hatte zum erstenmal in seiner Geschichte einen weißen Herrscher.,

Der Marsch nach Miapan

Als wir uns im sicheren Schutz der mianischen Wälle von unseren Strapazen erholten, unsere Wunden pflegten und zerbrochene Waffen durch neue ersetz- ten, eilten unsere Späher hinaus nach Miapan, um die Lage zu erkunden. Die Nachricht, die sie brachten, gab mir sehr zu denken: Miapan schien uneinnehm- bar. Die Stadtfestung besteht aus drei Teilen, dem nördlichen, dem mittleren und dem südlichen Fort. Die ganze Festung liegt auf einem Hochplateau, etwa dreihundert Fuß über dem nahen Fluß. Das Plateau ist ringsherum von Schluchten und Abgrün- den umgeben, die es wie ein Burggraben schützen. Nur im Nordosten ist die Hochebene mit dem umlie- genden Land auf gleicher Höhe verbunden, doch ist das Land, welches sich daran anschließt, völlig frei von Bäumen und Büschen, so daß etwaige Belagerer keinerlei Schutz haben. Hier pflegten die Mias ihre grausigen Opferspiele abzuhalten – wie Du noch se- hen wirst. Die Wälle des nördlichen Forts, die das Plateau ge- gen die Ebene absichern, sind die stärksten. Sie sind an der Basis siebzig Fuß dick und dreiundzwanzig Fuß hoch. Auf der Seite der Ebene befindet sich ein weiter, tiefer Wassergraben, der diese schwächste Stelle Miapans schützt. Direkt hinter dem Wall befin- det sich ein zweiter, etwas flacherer Graben. Auch er war mit Wasser gefüllt, und in seinen Boden hatten die Mias spitze Pfähle gerammt., Von dieser Stelle an bilden die Schluchten natürli- che Verteidigungswerke, und die Wälle sind nicht so hoch und so dick. Dennoch ziehen sie sich rund um die ganze Stadtfestung, verlaufen zickzackförmig längs des Plateaurandes und schützen so jeden Fuß- breit ebenen Bodens auf der Oberfläche des Plateaus. Insgesamt sind sie mehr als dreieinhalb Meilen lang; zöge man hingegen eine gerade Linie von den nördli- chen zu den südlichen Wällen, so würde diese weni- ger als eine Meile messen. Dieser gewaltige Wall besitzt fünf Haupttore und achtundsechzig weitere Öffnungen, von denen jede ungefähr zehn Fuß breit ist. Jede dieser Öffnungen ist mit einem Blockhaus versehen, das nach außen über den Wall hinausragt. Von diesen Wachhäusern aus können die Verteidiger die Wälle mit seitlichem Feu- er bestreichen. Entlang der gesamten Wallkrone verläuft eine Pali- sade aus gespitzten Pfählen. Auch sie hat Öffnungen zur Verteidigung – kleine Pförtchen, die man leicht verriegeln und verteidigen kann. An vielen Stellen – meist da, wo der Abhang un- überwindbar war – hatte man kleine Plattformen entweder nach außen gebaut oder in den Wall selbst hineingeschnitten. Diese dienten als Ausguck für die Wachtposten und waren ständig besetzt (außer dann natürlich, wenn sie unter direktem Beschuß lagen). Auf diese Weise machten sie einen Überraschungs- angriff so gut wie unmöglich. Im Nordfort war das Militärlager untergebracht, welches wir von der Ebene aus angreifen mußten; denn sowohl das mittlere als auch das südliche Fort waren hervorragend durch tiefe Gräben gesichert, de-, ren Wände fast senkrecht waren und aus krümeliger Erde bestanden. Saßen wir erst in einem dieser Grä- ben fest, dann waren wir unrettbar verloren, selbst wenn sich über uns nur die Familien von Soldaten be- fanden. In dem Militärlager, dem natürlich unser Haup- tinteresse galt, erwarteten uns – so schätzten unsere Späher – mindestens vierzigtausend Mann. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, äußerst rührig (so der Be- richt) und hielten pausenlos Verteidigungsübungen ab. Es war zu vermuten, daß weitere zwanzigtausend die anderen Forts bevölkerten und die Wälle und Blockhäuser bemannten, während im Südfort – gut von uns abgeschirmt – ihre Familien wohnten. Dies also war die letzte Bastion der Mias. Ihre ge- samte Bevölkerung (alles in allem wohl an die hun- dertfünfzigtausend Menschen) hatte sich mit all ih- rem Hab und Gut und ihrem ganzen Kriegsgerät in dieser Zitadelle verschanzt. Sie hatten sich diese Befe- stigungsanlage einst, als sie zum erstenmal ihren Fuß in dieses Land setzten, als Zufluchtsstätte für das ganze Volk erbaut. Unter unsagbaren Mühen hatten ihre Vorfahren und Sklaven unzählige Körbe voller Erdreich zu- sammengeschleppt, aus dem schließlich diese groß- artigen Wälle entstanden waren. Hier hatten sie ihre Heimstatt gefunden, von dieser Festung aus hatten sie nach und nach das Land erobert und waren zu ei- ner großen Nation gewachsen. Und nun waren sie schließlich wieder auf diese Stätte ihres Ursprungs zurückgedrängt worden, hat- ten die Früchte ihrer Grausamkeit geerntet. Die ganze, Welt hatte sich in Waffen gegen sie erhoben, und zum zweitenmal seit ihrem Aufbruch vor vielen hundert Jahren waren die schützenden Wälle Miapans groß genug, ihr ganzes Volk zu beherbergen – so riesig waren die Verluste, die sie hatten hinnehmen müs- sen. »Erobere Miapan«, hatten die Späher geraten, »und dir gehört ganz Tlapallan.« So lagen wir denn mehr als drei Wochen schon in Colhuacan, und jeder Tag brachte uns neue Freiwilli- ge. Zu zweit, zu dritt, zu Dutzenden strömten sie in die eroberte Stadt – wilde Moorbewohner, ohne Frauen, kinderlos, zerlumpt, grimmig und halbver- hungert. Nie lächelten oder lachten sie, meist saßen sie einsam und allein in irgendeiner Ecke, schärften ihre Messer und Beile oder lernten Bogenschießen. Zernarbte und halbverstümmelte tlapallanische Skla- ven, die hereingeschlichen kamen wie geprügelte Hunde. Wenn man sie laut ansprach, zuckten sie ängstlich zusammen, doch in ihren Augen loderte ein wildes, tückisches Feuer, ähnlich dem gelb schim- mernden Glanz in den Augen einer Wildkatze. Sie brachten ihre eigenen Kriegsfarben mit. Es war immer nur Schwarz. »Habt ihr keine anderen, fröhlicheren Farben in eu- rem Medizinbeutel?« fragte ich eine Gruppe. Ein alter Mann, schwer gezeichnet von langen, niemals richtig verheilten Striemen, schaute mich an und sagte grimmig: »In den Mauern von Miapan werden wir genug rote Farbe finden.« Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, und ich wandte mich von den Männern ab. Als ich da-, vonging, hörte ich hinter mir die gutturalen Grunz- laute, die bei diesen von tausend Feuern gehärteten Menschen als herzliches Lachen gelten. Weit gesprächiger und freundlicher waren die Freiwilligen, die aus den freien Waldstädten zu uns kamen. Ermutigt und erfreut von den Erfolgsmel- dungen, die sich rasch im ganzen Lande verbreitet hatten, kamen sie aus allen Himmelsrichtungen zu Dutzenden in unser Lager geströmt – aus Adriutha, Oswaya und Carenay, aus Kayaderos und Danascara. Maschinisten – ausgebildet von Myrdhinn persönlich in seiner Wahlheimat Thendara – brachten schwere Lasten mit scharfen Kupferpfeilspitzen, bronzenen Schwertern und Zubehör für die Belagerungsmaschi- nen. Die kleineren Waffen verteilten wir sofort, doch den Bau der Maschinen schoben wir zunächst einmal hinaus; wir wollten damit abwarten, bis wir vor den Wällen der Festung waren – denn ohne Lasttiere konnten wir solch schweres Gerät nur unter größten Mühen transportieren. Kleine Gruppen Chichamecas trafen ein und schworen Lehnstreue. Und eines Tages tauchten ein paar sehr seltsame Fremdlinge bei uns ein, die von der langen Reise völlig übermüdet waren. Sie kamen aus einer Stadt weit oben im Norden, Norumbega geheißen, die – so sagten sie – vollkommen aus Stein errichtet war. Sie waren im Unterschied zu allen an- deren Menschen, die wir bisher in diesem Land gese- hen hatten, nicht dunkelhäutig, sondern schienen eher der weißen Rasse anzugehören, wenn auch ihre Haut braun und sonnengegerbt war. In ihrer Klei- dung und ihrer Bewaffnung unterschieden sie sich, nicht von anderen Chichamecavölkern, doch da hörte die Gemeinsamkeit auch schon auf, denn ihre Ge- sichter waren mit Sommersprossen übersät, ihre Au- gen blau, ihre Haare und Bärte leuchteten in einem flammenden Rot! Ich hatte noch nie zuvor von einem rothaarigen Volk gehört. Aus welchem Lande sie ursprünglich kamen, weiß ich nicht, und auch sie selbst konnten darüber keine Auskunft geben, außer, daß sie vor Ur- zeiten in festen Schiffen angekommen seien. Ihre Vor- fahren hätten ein Land hinter sich gelassen, welches im Meer versunken sei, wobei der größte Teil der Be- völkerung ertrunken wäre. Sie waren niemals von den Mias behelligt worden, und das einzige, was sie an diesem Krieg interessier- te, war die Aussicht auf blutige Kämpfe. Sie forderten keinerlei Belohnung; das einzige, was sie wollten, war, an unserer Seite zu kämpfen; denn Kampf scheint ihre einzige Religion und ihr einziges Ver- gnügen zu sein, und wahrscheinlich wird er am Ende auch ihren Untergang bestimmen. Am Anfang, so berichtet ihre Legende, waren sie so viele wie die Blätter im Walde, und das Land des Nordens gehörte ihnen, sogar noch weit über Thule hinaus, und groß an der Zahl waren ihre Städte. Einst galten sie als wohlhabend und hatten köstliche Ju- welen und Geschmeide ihr eigen genannt. Doch nun waren sie durch ständige Kriege verarmt und nur noch so wenig an der Zahl, daß eine einzige Stadt ihr ganzes Volk aufnahm und jeder genügend Platz hat- te. Jeder männliche Bewohner, der laufen konnte – vom Jüngling bis zum Greis – hatte sich auf den Weg, gemacht, als die Nachricht vom Krieg gegen Tlapal- lan in die Stadt gedrungen war. Dennoch waren es insgesamt weniger als vierhundert; aus diesem Grund vermute ich, daß Norumbega in wenigen Jah- ren nur noch in den Legenden der Nachbarvölker existieren wird. Doch sie kämpften tapfer Seite an Seite mit meinen ›Helden‹; denn sie haben keine Lie- be mehr zum Leben und kümmern sich wenig dar- um, was morgen geschieht. Und nun muß ich auf eine sehr peinliche Begeben- heit zu sprechen kommen. Im Keller eines der Häuser, die dem Kukulcan als Liebesnest für sich und seine Frauen gedient hatten, entdeckten wir mehrere Krüge Wein. Dieser Wein war ziemlich dünn, aber dennoch berauschend, und es war der erste Wein, den ich seit unserer Überfahrt auf der Prydwen gekostet hatte. Nun, jedenfalls bot dieses Getränk Anlaß dafür, daß ich mich bis auf die Knochen blamierte. Am Vorabend unseres geplanten Abmarsches nach Miapan versammelte ich alle meine Tribunen und Zenturionen zu einer kleinen Feier in meinem Quar- tier. Nach kurzer Zeit waren wir mächtig betrunken. Ich versuchte, ihnen ein Trinklied, das die Sechste immer gesungen hatte, beizubringen, hatte jedoch er- hebliche Probleme dabei, da nur sehr wenige über- haupt die Wörter verstehen konnten und keiner von ihnen eine Ahnung hatte, wie man einen Ton hält. Musik – in dem Sinne, wie wir sie kennen – ist ihnen etwas völlig Unbekanntes. Ich brüllte aus Leibes- kräften den Refrain, bestrebt, meine Freunde mit ih- ren Pferdelungen zu übertönen, die unter rhythmi- schem Becherklirren sangen:, »Kommt Brüder, laßt uns trinken den süßen, kühlen Wein. Laßt hell die Becher klingen und laßt uns fröhlich sein, denn schon beim nächsten Abendrot sind wir vielleicht schon alle tot!« Plötzlich merkte ich, daß ich ganz allein sang, und starrte meine Freunde mit offenem Mund an. Sie alle glotzten mit ehrfürchtigen und ängstlichen Blicken zur Tür, und als ich mich umdrehte, sah ich Myrdhinn, der uns mit einer Mischung aus Wut und Abscheu musterte, ganz wie Moses, als er sein Volk um das goldene Kalb tanzen sah. »Schweine!« schrie er, »die ihr euch in Schmutz und Frevel suhlt! Während ihr euch hier vergnügt, wurden eure Freunde und Kameraden von den Mias überfallen, und man foltert sie nun zu Tode! Ihr pras- senden Toren, Elend und Zerstörung ist euer Ende! Ventidius, ich sage dir, dein Volk soll ruhelos um- herwandern auf der Suche nach einer Heimat und sie sechshundert Jahre lang nicht finden! Heimatlos soll es über die Erde wandern, bis es eine Insel auf einem See findet. Auf dieser Insel, die gekennzeichnet ist durch einen Adler, der eine Schlange in seinem Schnabel hält, soll es sich niederlassen, aber es soll nicht blühen und gedeihen! Seine Pfade sind von Blut getränkt, es hat meine Lehren in den Wind geschlagen und sie verlacht. Ich verstoße dieses Volk, und du, Ventidius, sollst nie- mals mehr Rom sehen! Und nun spute dich und folge mir!« »Aber woher weißt du?« fragte ich ein wenig be-, nommen, noch immer berauscht von dem Wein. »O du Tölpel, beeil dich!« schrie er ungeduldig. »Während du schwätzest, sterben tapfere Männer ei- nen qualvollen Tod. Die Wälder sind voll von meinen Boten. Du weißt, daß ich die Sprache der Vögel verstehe. Es war töricht von Hayonwatha, auf Erkundungs- gang zu gehen. Ich hatte schon alle Offiziere gewarnt, was vor uns läge, und ihnen erklärt, wie wir anzu- greifen hätten. Auch Hayonwatha war bei jener Ver- sammlung am Lagerfeuer zugegen. Der arme Dick- kopf! Er wollte es unbedingt mit eigenen Augen se- hen und ließ sich zusammen mit dreißig anderen überraschen! Nun, sie wußten zu sterben, die tapferen Seelen, und die meisten von ihnen sind schon tot. Wenn die Mias aber ihrem alten Brauch treu geblieben sind und sich den Anführer bis zum Schluß aufsparen, dann hat dein Blutsbruder noch eine winzige Chance, wenn wir schnell genug sind. Spute dich also. Reden können wir unterwegs.« Mein Rausch war blitzartig verflogen. »Gib deine Anweisungen, Myrdhinn, aber ich fürchte, es ist zwecklos. Das Heer kann Miapan nicht in weniger als sechs Stunden erreichen.« Myrdhinn lächelte dünn. »Das Heer nicht; da hast du recht. Aber du und ich, wir werden in weniger als sechs Minuten dort sein.« Während ich ihn verdutzt anstarrte und mich fragte, ob mir meine summenden Ohren nicht einen Streich gespielt hatten, befahl Myrdhinn einem der Tribunen, die ihn ebenso verblüfft anstarrten, mit schneidender Stimme:, »Befiel einem der Trompeter, er solle das Signal zum Abmarsch blasen. Brecht bei Sonnenaufgang auf!« (Im Osten färbte sich der Himmel schon rosa). »Sagt allen Soldaten, ihre Führer seien schon voraus- marschiert und würden sie auf der Straße nach Miapan treffen. Laßt euch von nichts aufhalten!« Er salutierte und trat weg. Als Myrdhinn und ich in den Wald kamen, hörte ich, wie hundert Muschel- trompeten ihre grelle Antwort auf die sanft schwin- genden Töne der Bronzetrompete meines eigenen Tubicen in die Nacht hinausschmetterten. Und ich wußte: Bald blickte wieder – vielleicht zum letzten- mal – der alte Bronzeadler der Sechsten auf marschie- rende Männer herab. Kaum hatte uns die Abgeschiedenheit des Waldes umfangen, da schien Myrdhinn zu vergessen, daß Eile geboten war. Er setzte sich auf einen Baumstamm und bedeutete mir mit einer Geste, mich neben ihm niederzulassen. Er zog ein Fläschchen aus seinem Gewand und hielt es ans Licht. Ich konnte mehrere kleine Pillen sehen, die rasselten, als er es bewegte. »Mit diesen Pillen, Ventidius«, sprach er verson- nen, »werden wir Zeit und Raum überwinden und schon in wenigen Minuten die Meilen zurückgelegt haben, die uns von Miapan trennen. Ich kann dir we- der sagen, was sie enthalten, noch weiß ich, wie sie hergestellt werden. Ich bekam sie einst von einer sehr angenehmen thessalischen Hexe geschenkt, mit der zusammen ich die Tage eines ganzen Sommers ver- tändelte – vor langer, langer Zeit, als ich noch ein Jüngling war. Wir benutzten sie, um Chronos' schnellen Schritt aufzuhalten. Wir verbrachten Jahre, des Glücks miteinander während einer Zeitspanne, die anderen wie ein Monat schien. Sie schenkte mir beim Abschied die Pastillen, die übrig waren. Nun, meine kleine Hexe ist schon lange Staub, und steckt in diesem Elixier schwarze Magie oder Sünde, dann hat der sie begangen, der es mischte, nicht der, der es einnimmt! Komm, Varro. Laß jeden von uns eine Pille schluk- ken. Vielleicht bringt sie mir die Erinnerung an Selene und ihre roten Lippen wieder – und an sündige Ta- ge.« Er ließ eine der Tabletten auf meine Handfläche rollen, und ich legte sie mir auf die Zunge. Ich spürte einen leicht bitteren Geschmack. Kaum hatte sich das Mittel aufgelöst, da legte sich ein Schleier vor meine Augen. Ich rieb sie, doch es half nichts; mein Blick blieb verschwommen. Als ich nach einer Weile, die mir unendlich lang vorkam, wieder klar zu sehen vermochte, stellte ich fest, daß ich stocktaub war. Direkt vor mir hatte ein kleiner Vogel auf einem Zweig gesessen und mit lautem Gezwitscher den herannahenden Tag begrüßt. Er saß noch immer da. Sein Schnabel war offen – er sang also. Ich konnte je- doch nicht einen Ton hören. Verblüfft starrte ich ihn an und versuchte zu verstehen. Da fiel mir auf, daß auch der Wind, der vorher ziemlich stark gewesen war, sich völlig gelegt hatte. Myrdhinn betrachtete mich mit amüsiertem Lä- cheln. »Komm«, sagte er, und ich wußte, daß ich nicht taub war. »Laß uns nach Miapan eilen.« Ich stand auf und folgte ihm durch die unheimliche, Totenstille, die über dem Wald lastete. Hinter uns, an den Toren von Colhuacan, rückte gerade eine Abteilung aus – besser gesagt, hatte da- mit begonnen, als Myrdhinn und ich losgegangen waren. Nun standen die Männer plötzlich da, als sei- en sie mitten in der Bewegung zu Eis erstarrt, und die Fahne über ihnen schien merkwürdig verdreht, flat- terte aber nicht. Es war, als habe sie sich plötzlich aus einem Fetzen Tuch mit Federn in eine naturgetreue Nachbildung aus Holz oder Metall verwandelt. Myrdhinn schritt voran. Ich bemerkte, daß, sobald er einen Zweig zur Seite bog, dieser nicht zurück- schnellte und mir ins Gesicht fuhr, sondern so blieb, wie er war. Als nächstes durchwateten wir einen flachen Strom. »Schau hinunter«, sagte Myrdhinn. Ich tat, wie mir geheißen, und stellte zu meiner Verwunderung fest, daß das Wasser nicht in die Mulden zurückfloß, die unsere Füße hinterließen. Jeder unserer Fußabdrücke war noch deutlich auf der Wasseroberfläche auszumachen, als wir vom an- deren Ufer aus zurückblickten. Es war, als wären wir durch weichen Schlamm gewatet statt durch Wasser, so langsam glitt die Flüssigkeit zurück. Wir schritten wacker aus und kamen schnell voran. Ein leichter Wind begann in unsere Gesichter zu bla- sen. Er war zuerst kühl, dann warm, und schließlich unangenehm heiß. Ich sah, wie Myrdhinn am Saum seiner Robe zupfte und sie anhob, bis der Saum auf Kniehöhe war. Sie begann langsam braun zu werden, so als habe die Hitze sie versengt. »Wir müssen langsamer gehen«, sagte er schließ-, lich, »sonst verbrennen wir durch die Reibung der Luft.« Mit einem Schlag wurde mir alles klar! Nicht die Welt war plötzlich um uns herum ruhig geworden! Unser Zeitgefühl war beschleunigt! Ganz plötzlich spürte ich rasenden Hunger. Meine Kraftreserven waren dabei, sich durch die unge- wohnten Anforderungen an meinen Körper zu er- schöpfen. Die Zeit verging. Weiter und weiter marschierten wir. Unsere Reise schien schon Stunden zu dauern, doch noch immer war der Himmel im Osten nicht heller geworden. Mir war, als stünde die Welt still und als sollten wir den Sonnenaufgang nie mehr er- leben. »Schau dir das Morgenrot an, Ventidius. Es ist noch genauso wie bei unserem Aufbruch. Kannst du dir vorstellen, wie weit wir in dieser kurzen Zeit schon gekommen sind? Und das, obwohl wir uns nicht schneller als im Schrittempo von der Stelle bewegt haben! Wir sind überhaupt nicht außer Atem. Wir haben nichts weiter getan, als stramm auszuschreiten, und dennoch haben wir in wenigen Sekunden Meilen hinter uns gebracht. Jetzt wirst du auch verstehen, woher die Legende rührt, daß Hexen sich mit einer ekligen Salbe einzureiben pflegten und in Gestalt ei- nes Vogels durch die Luft flogen. Keiner konnte na- türlich ahnen, daß das ganze Geheimnis in einer klei- nen Pille lag, und die Hexen gaben es nie preis.« »Sieh doch, dort hinten!« unterbrach ich ihn. »Die Rauchsäulen von Miapan!« »Ja, ich erkenne sie. Und genau dorthin wollen wir.«, »Hätten wir noch Arthurs Mantel, der durch meine Dummheit verlorenging, dann könnte einer von uns die Rettung bewirken.« Myrdhinn schaute mich mit einem seltsamen Au- genausdruck an. »Denk nicht mehr an den Mantel. Wir werden auch so ungehindert die Wachen passieren.« Wir gingen – wie es schien, ganz langsam, obwohl uns ein heißer Wind entgegenblies – um die Schlucht herum, die das Südfort begrenzte. Die Wachen hoch oben auf ihren Plattformen blickten auf uns herunter, als wären sie aus Holz geschnitzt. Sie blinzelten we- der mit den Augen, noch veränderten sie ihre Positi- on. Dann zog mich Myrdhinn rasch hinter einen Fel- sen. Ich spürte, wie meine Sinneswahrnehmungen sich zu verzerren begannen, und hatte das Gefühl, als zerplatze mit lautem Knall eine Blase in meinen Oh- ren, während mit einem Schlag die Geräusche der Außenwelt wieder auf mich eindrangen. Irgendwo in der Nähe des Rauches hörte ich das laute Gebrüll und Gejohle einer riesigen Menschenansammlung. Entschlossen schüttelte Myrdhinn für jeden von uns eine neue Pille aus dem Fläschchen. Die Geräu- sche um uns herum erstarben erneut, als die Zeit wieder einfror und sich nichts mehr zu bewegen schien außer uns selbst. Wir setzten unseren Marsch entlang der Schlucht fort. Bald waren wir auf gleicher Höhe mit dem mittle- ren Fort. Es war nur fünfhundert Fuß breit, aber sehr fest und außerordentlich gut gebaut. Auch hier starrten die Wachtposten uns unbeweglich an und, ließen uns ungehindert passieren. Jetzt erkannten wir, daß der Rauch von außerhalb der Wälle des Nordforts aufstieg. Eine riesige Menge hatte sich auf der weiten Ebene versammelt, die ich schon beschrieben habe. Myrdhinn schritt ruhig voran, bis fast in die Menge hinein, und ich folgte ihm mit einigem Unbehagen. Wenn die Wirkung der Droge plötzlich nachließ, weil sie alt und in ihrer Wirkungsdauer unberechenbar geworden war, würden wir in Stücke gerissen, bevor Myrdhinn zu seinem Fläschchen greifen könnte. Wir kamen auf einen kleinen Hügel und schauten auf eine grausige Szene hinab. Direkt gegenüber von uns, etwa sechzig Fuß ent- fernt, befand sich ein weiterer Hügel, der ebenfalls – vermutlich aus irgendwelchen religiösen Gründen – frei von Menschen war. Von ihm ging (wie auch von unserem Hügel) ein aus aufgeschüttetem Erdreich bestehender, etwa zwölf Fuß breiter Fahrweg aus. Diese beiden Fahrwege liefen über eine Strecke von etwas mehr als einer Viertelmeile parallel zueinander und waren am Ende durch eine Kurve miteinander verbunden. Die beiden Wege und die Kurve waren schwarz von Menschen, die mit dem Gesicht zum Innenraum standen. Der Boden dieses Zwischenraumes war mit Kalksteinplatten gepflastert, auf denen in gewissem Abstand voneinander wild flackernde Feuer loderten. Zwischen den Feuern standen zwei Reihen von Männern, die mit Stöcken und Peitschen bewaffnet waren. Wir sahen, daß man unsere gefangenen Ka- meraden gezwungen hatte, zwischen diesen beiden Reihen hindurchzulaufen, den grausamen Schlägen, ihrer Peiniger ausgeliefert – bis sie vor Erschöpfung keine Kraft mehr besaßen, über die vielen Feuer zu springen und hineinfallen mußten, wo sie unter un- beschreiblichen Qualen starben. Es war klar, daß selbst der Stärkste keine oder nur eine ganz geringe Möglichkeit hatte, die Feuerprobe lebend zu überstehen. Und in der Tat erfuhren wir später, daß Gefangene, die es tatsächlich schafften, die ganze Strecke zurückzulegen, nicht etwa ihre Freiheit erwirkten, sondern gezwungen wurden, aufs neue zu springen – bis schließlich das unausweichli- che Ende kam ... Als wir dahin schauten, wo sich eine dichte Men- schentraube drängte – deren langsame, doch deutlich erkennbare Bewegungen darauf hindeuteten, mit welcher Heftigkeit sie sich in ihrem eigenen Zeitrhythmus bewegten –, blickten wir in das ernste, heldenmütige Gesicht Hayonwathas. Wir waren noch rechtzeitig gekommen, doch durfte es keinen Moment später geschehen! »Bleib hier stehen«, murmelte ich Myrdhinn zu, und während ich noch mein Schwert aus der Scheide riß, stürzte ich auch schon den kleinen Hügel hinun- ter. Als erstes hieb ich mit dem Schwert auf die Männer direkt vor mir ein, doch bald mußte ich erkennen, daß ihre Trägheit ein kaum zu überwindendes Hin- dernis darstellte. Ich konnte zwar hier einem den Arm abhacken und dort einem anderen den Bauch aufschlitzen. Doch das nützte nicht viel, denn das Beispiel erschreckte die anderen nicht schnell genug, als daß sie reagiert und mir den Weg freigemacht hätten. Ich hätte die ganze Kraft der Droge verbrau-, chen können und es doch nicht geschafft, mich durch die statuenhaft dastehende Menschentraube hin- durchzuarbeiten. Also nahm ich den kürzesten Weg und sprang durch eines der Feuer. In der Zeit derjenigen, die um mich herum waren, muß es eine prasselnde, infernali- sche Waberlohe gewesen sein. Ich hingegen konnte jede einzelne Flamme, aus der sich das Feuer zusammensetzte, ganz deutlich erken- nen. Die Flammen sengten mich nicht an, als ich hin- durchsprang. Meine Kleidung roch auch nicht nach Feuer; das einzige, was ich spürte, war eine leichte Wärme. Auf diese Weise gelangte ich zu dem Menschen- haufen, der meinen Blutsbruder umringte. Ich hieb die Kerle aus dem Weg, steckte mein Schwert in die Scheide, packte Hayonwatha, warf ihn mir über die Schulter und lief denselben Weg zurück, welchen ich gekommen war. Während der ganzen Strecke wand er sich nicht einmal in meinem Arm oder versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. Als ich den Hügel erreichte, sah ich, daß alle Au- gen auf ihn gerichtet waren, und wußte sofort, daß Myrdhinn lange genug auf ein und demselben Fleck verharrt hatte, um von den Umstehenden gesehen werden zu können. Die Männer, die ich angegriffen hatte, fingen gerade damit an, auf den Boden zu fal- len, hatten ihn jedoch noch nicht ganz erreicht, und auf ihren Gesichtern hatte der Ausdruck des Schmer- zes gerade erst begonnen, sich zu formen. Diejenigen, die Myrdhinn auftauchen sahen (was für sie ja ganz plötzlich geschah), müssen zu Tode er- schrocken sein. Ich kicherte unwillkürlich, als ich mir, vorstellte, welche Bestürzung sie ergriffen haben mochte, als ihr letzter Gefangener plötzlich so uner- wartet verschwand und gleichzeitig ein alter Mann mit weißer Robe und weißem Bart ganz unvermittelt auf ihrem heiligen Hügel erschien und sich ebenso unvermittelt wieder in Luft auflöste. Wie sonst wür- den sie sich darauf einen Reim machen können, als anzunehmen, ihre Götter seien unzufrieden mit ih- nen? Ein solches Ereignis schwächte zwangsläufig ihren Mut. Diese Vermutung erwies sich als richtig. Wir lagen in einem Versteck, von dem aus wir die Menge genau im Auge behalten konnten, und warteten darauf, daß die Wirkung der Droge nachließ. Die Ebene sah aus wie ein wimmelnder Ameisenhaufen, als die Männer mit unendlich langsamen Bewegungen und angstver- zerrten Gesichtern ziellos hin und her rannten, auf der Suche nach einem Eindringling. Als sie die Aus- sichtslosigkeit dieses Unterfangens eingesehen hatte, strömte die Menge ebenso langsam zu den Toren des Nordforts. Hin und wieder drückten wir Hayonwatha sanft auf den weichen Torfboden zurück, wenn er Anstal- ten machte, sich zu erheben. Nachdem wir das drei- oder viermal getan hatten, gab er seine fruchtlosen Versuche auf, und der Beginn eines Lächelns – sehr merkwürdig und schauerlich anzusehen – war deut- lich auf seinen Zügen zu erkennen. Da wußten wir, daß wir lange genug in derselben Position verharrt hatten, daß er uns erkennen und begreifen konnte, daß alles in Ordnung war. Bevor er sein Lächeln beendet hatte, wich die Kraft, der Droge mit einem Schlag von uns. Schnell erklärte Myrdhinn Hayonwatha alles, gab ihm eine Pille zu schlucken, und wir taten dasselbe. Dann marschierten wir den gleichen Weg zurück, auf dem wir gekommen waren. Irgendwo, weit hinter uns, war eine Marschkolonne von dreißigtausend Mann auf dem Weg nach Miapan, und ihre Kom- mandeure mußten sich beeilen, um ihre Posten wie- der einzunehmen!,

Der Fall der Festung

»Ich kannte einst eine weise Frau aus Kaledonien, die über die Sehergabe verfügte«, erzählte Myrdhinn nachdenklich, während er über unsere Erdwerke hinweg den Blick auf die Ebene zu den Lichtern von Miapan und den Sternen schweifen ließ. »Sie prophezeite mir, daß ich, wenn ich in westli- cher Richtung zöge und die Zeit reif sei, das Land der Toten fände. Nun, jetzt bin ich in einem westlichen Land, von dessen Existenz die weise Frau nichts wußte, und obwohl wir schon weit in diesem Land umherwanderten, sahen wir noch immer nichts, was auf die Nähe eines irdischen Paradieses hinweisen könnte. Andere Dinge, die sie mir weissagte, haben sich erfüllt, und irgendwie bezweifle ich, daß sie sich in dieser Sache täuschte. Doch nichts, was ich in den Sternen sehe, könnte ihre Weissagung untermauern. Vielleicht ist die Zeit noch nicht gekommen.« »Was sagen die Sterne denn?« fragte ich, zitternd vor Kälte im Wind. »Zu wenig. Ich fühle, daß irgend etwas vor mir verborgen wird. Alles, was ich sehe: daß etwas Schlimmeres geschehen wird – schon sehr bald.« »Das weiß ich selbst. Höre, Myrdhinn: Seit zwei Wochen sind wir nun schon hier. Und was haben die- se zwei Wochen uns eingebracht? Erst messen sich die Feinde auf der Ebene mit uns in einer regelrech- ten Schlacht, und wir verlieren tausend Mann. Dann, greifen wir die Wälle an und müssen feststellen, daß sie in der Zwischenzeit Pfeil und Bogen entwickelt haben, seit ihr Kukulcan tot ist, der ihnen diese neue Waffe vorenthielt. Gewiß, ihre Bögen sind nicht gut und ihre Pfeile federlos, aber mit einem genügend starken Zug trifft selbst ihre Bogenschützenabteilung auf diese kurze Distanz ins Schwarze. Tatsache ist, Myrdhinn, daß wir in spätestens zwei Wochen Schnee haben. Und dann müssen wir aufgeben. Ohne ordentliche Vorräte vermögen wir in diesem harten, unwirtlichen Land nicht lange eine Belage- rung aufrechtzuerhalten, zumal wir über keinerlei Reserven verfügen, auf die wir im Notfall zurückgrei- fen könnten. Wir kämpfen gegen ein Volk von Bau- ern, das hervorragend versorgt ist. Und unsere Ver- bündeten sind Jäger, die wenig Gedanken an das Morgen verschwenden, wenn sie heute satt sind. Un- sere Vorräte sind aufgebraucht, Myrdhinn. Schnee bedeutet Niederlage. Das ist es, was ich aus den Ster- nen lese.« Myrdhinn schüttelte den Kopf. »Ich meine etwas anderes – ein persönliches Un- heil, eines, das nur mich allein trifft. Schau einmal! Dort oben steht der Ghul, der schwarze Stern – in meinem Haus und im Aszendenten.« »Ich verstehe nichts von dieser mystischen Lehre. Das einzige, was ich kann: mich mit Hilfe des Großen Bären nach Norden orientieren. Ich vermag dir nicht zu helfen.« »Natürlich«, meinte er düster. »Du bist ein Mann des Krieges. Schön, dann laß uns also zu diesem Thema zurückkehren. Wie steht's mit den Ballistae?« »Sechsundvierzig sind fertig. Fünfzig weitere wer-, den innerhalb einer Woche bereit sein. Pfeilkatapulte haben wir dreimal zwanzig. Damit sind sämtliche Klampen verbraucht. Ich habe soviel Felsbrocken sammeln lassen, daß wir mindestens drei Tage damit auskommen. Pfeile sind in Hülle und Fülle vorhan- den und die Feuerlanzen in Vorbereitung. Ich schlage vor, daß wir ab übermorgen das Nordfort mit einem solchen Geschoßhagel eindecken, daß es gezwungen ist, die Waffen zu strecken.« »Gut. Wollen wir hoffen, daß dieser blutige Krieg bald ein Ende hat. Was ist das denn da?« Ein hoher Pfeifton näherte sich rasch von der lin- ken Seite her, schwoll zu einem Kreischen an und zischte wie ein schreiender Geist über unsere Köpfe hinweg. »Ein pfeifender Pfeil von einem Wachtposten!« bellte ich verdutzt und wütend zugleich. »Irgendwas stimmt nicht bei unserer Artillerie. Sieh nur – Flam- men! Ein Angriff, Myrdhinn, ein Nachtangriff! Sie setzen unsere Maschinen in Brand!« Ich hob meine knöcherne Pfeife an die Lippen und blies aus Leibeskräften hinein. Ein gellender Pfiff er- tönte. In Sekundenschnelle fuhr Aztlan aus dem Schlaf und war auf den Beinen. Drei Abteilungen formierten sich rasch auf der Ebene, und während wir im Sturmschritt gegen den Feind marschierten, zogen sich plötzlich die Wolken, die sich schon ver- streut hatten, wieder zusammen. Gleich darauf pras- selte ein solcher Regen auf uns nieder, als hätte der Himmel sich entschlossen, uns zu helfen. Wir stellten den feindlichen Spähtrupp in der östli- chen Schlucht. Es war eine traurige, düstere Schlacht, die nichts an sich hatte, was einem das Blut wärmte., Die Dunkelheit wurde immer schwärzer. Gelegent- lich in der Ferne zuckende Blitze, für diese Jahreszeit ganz ungewöhnlich, ließen uns für Sekunden unsere Umgebung erkennen. In diesem Krieg scheint über- haupt nichts mit rechten Dingen zuzugehen, dachte ich. Selbst die Elemente haben sich gegen uns ver- schworen. In jenem Augenblick war mir überhaupt noch nicht bewußt, daß wir ohne diesen plötzlichen, völlig unerwartet über uns hereinbrechenden Regen- schauer wahrscheinlich sämtliche Belagerungsma- schinen verloren hätten. Der Regen war kalt und gefror auf unseren Waffen und Kleidern zu Eis. Viele Verwundete erfroren in je- ner Nacht oder ertranken in dem Schlamm, den der Regen von den Wällen der nahe gelegenen Festung herunterspülte. Die flüchtenden Späher kletterten an Leitern hoch, welche die Besatzung des Forts nach außen über die Wälle warf. In der Hoffnung, ihnen den Rückzugs- weg abzuschneiden, startete ich einen Angriff, um sie noch zu erhaschen. Aber die meisten waren schon ins Innere des Forts gezogen worden. Als wir vergeblich versuchten, an der schlüpfrigen Wand der Schlucht hochzuklettern, um ihrer vielleicht doch noch habhaft zu werden, prasselte ein fürchterlicher Steinhagel auf uns herab. Dreihundert Männer starben in jener Nacht einen sinnlosen Tod, ohne daß es uns auch nur das geringste einbrachte. Fünfzig von ihnen waren ›Helden‹. Das höhnische Gelächter, das am nächsten Tag von der Festung zu uns herüberhallte, brannte wie Feuer ... Rasend vor Rachedurst bat ich Myrdhinn um Hilfe. Zwanzig Maschinen vollkommen zerstört und mehr, als die Hälfte der Ballistae so stark beschädigt, daß wir sie neu zusammenbauen mußten! Die anderen Geräte hatten wir so aufgestellt, daß wir sowohl von der Ebene aus als auch über die Schluchten – an den Seiten des Forts hinweg – einen ständigen Hagel von Felsbrocken auf das Nordfort hinunterschicken konnten. Obwohl wir wußten, daß wir damit große Verheerungen anrichteten, hörten wir aus dem Inneren des Forts keine Schmerzens- oder Angstschreie zu uns herüberdringen – bloß spöttisches Hohngelächter. Erneut bat ich Myrdhinn, Magie anzuwenden, aber wie gewöhnlich lehnte er strikt ab. »Nein und nochmals nein! Laß es einen sauberen und ehrlichen Krieg bleiben, in dem Magie aus dem Spiele bleibt. Jedoch«, fuhr er mit einem Schmunzeln fort, »da du ja nun die Erfahrung gemacht hast, daß du diese Wälle nicht wie ein hirnloser Auerochse um- stoßen kannst, will ich dir einmal demonstrieren, wie das Volk des Großen Hauses die Stadt der Schlange ohne große Verluste eingenommen hat. Stell mir drei Ballistae auf, und zwar am Rande des Waldes, der dem östlichen Wall gegenüberliegt, und wir werden ihnen heute nacht eine kleine Überra- schung bereiten. Wir haben da in Thendara ein paar Eier vorbereitet, aus denen heute nacht in Miapan der Donnervogel ausschlüpft.« Kurz vor Einbruch der Dunkelheit zündeten wir am Waldrand mehrere Feuer an. Bald darauf rollten die Maschinisten Schubkarren heran, voll beladen mit großen, dunklen Kugeln, von denen jede wohl an die zwanzig Pfund wog und einen Durchmesser von neun Zoll besaß. Unter Myrdhinns Anleitung legten, sie eine davon in das Feuer, das dicht neben dem nächsten Ballista flackerte. Im Schein des Feuers konnte ich erkennen, daß sie zumindest teilweise aus Metall bestand, denn ihre Farbe verwandelte sich mit der Hitze – zunächst von Bronze zu Gold, und dann in ein schimmerndes Sil- ber. Schließlich begann sie zu glühen, und als ihre Außenwand in allen Regenbogenfarben zu schim- mern begann, konnte man in ihrem Innern ein leises Knistern hören. Schließlich war sie von einer leuchtenden Wolke umhüllt, als die feurigen Dämpfe, die in ihrem Inne- ren eingeschlossen waren, durch alle Poren nach au- ßen drangen. Myrdhinns Helfer nahmen sie mit Hilfe einer Zan- ge vom Feuer, legten sie in den Löffel des Ballista und schlugen den Hemmklotz los. Ganz langsam schien sie davonzusegeln. Einen Schweif glühenden Dampfes hinter sich herziehend, schoß sie in halbkreisförmiger Flugbahn über die Schlucht hinweg und fiel in die Festung. Ein dumpfes Dröhnen folgte, die Erde erbebte, eine ungeheure, grünlich leuchtende Stichflamme tauchte die ganze Festung in taghelles Licht, und als es wie- der still wurde, hörten wir lautes Wehklagen und Schmerzensschreie aus den Mauern der Festung zu uns herüberdringen. Und schon war die nächste Kugel unterwegs. Sie flog flacher und daher schneller als ihre Vorgängerin, und die Reibung der Luft ließ sie noch heller erstrah- len. Kaum war sie hinter dem Wall und damit aus un- serem Blickfeld verschwunden, als sie auch schon mit, einem gewaltigen Splittern zerbarst. Es hörte sich an, als hätte ein Blitz eine riesige Eiche von der Krone bis zur Wurzel gespalten. Wieder die gleißende, gespen- stisch leuchtende Stichflamme, die durch die Ritzen zwischen den Pfählen der Palisade hindurchschien. Dann pechschwarze Dunkelheit und die Schmerzens- schreie der Verwundeten und Verbrennenden. »Was ist das?« keuchte ich. »Höllenfeuer?« »Nein, mein Sohn. Es sind nichts weiter als die brennbaren Grundstoffe der Erde, die ich sorgfältig miteinander vermischte. Ich erhitze sie bis kurz vor dem Explosionspunkt. Sobald die Kugel durch die Luft fliegt, erhitzen sich die Wände durch die Rei- bung der Luft so sehr, daß sie dem Druck nicht mehr standhalten können. Beim Aufprall bersten sie dann, und alles wird mit unauslöschbarem Feuer übergos- sen. Du kennst doch die Stelle bei Ovid, wo er über die bleiernen Katapultgeschosse schreibt: Ob [Herses] Schönheit erstaunte des Jupiters Sohn und entbrannte schwebend im Äther, nicht anders als wenn ihr Blei des Balearen Schleuder gewirbelt: es fliegt dahin, erhitzt sich im Fluge, und unter den Wolken gewinnt es das Feuer, das vor- her ihm fehlte. Das brachte mich auf die Idee. Die Zusammenset- zung der explosiven Stoffe ist schon sehr alt. Archi- medes verwandte dieselben Stoffe in anderer Form, als er die römischen Schiffe bei der Belagerung von, Syrakus in Brand setzte, und Hannibal benutzte sie in noch einer anderen Form, als er die Felsen der Alpen wegsprengte, um seinen Armeen und Elefanten einen Durchgang zu schaffen. Nein, das Mittel ist beileibe nicht neu, nur in Vergessenheit geraten; und das ist auch gut so: Sonst wäre der Krieg noch schrecklicher, als er es ohnehin schon ist.« Weitere Geschosse wurden jetzt aus den Feuern geholt, und die Maschinisten begannen ein Dauerfeu- er auf das Nordfort. Eins nach dem anderen flogen sie hinüber und explodierten, diese furchterregenden, todbringenden Produkte von Myrdhinns Kunst – schreckliche, behaarte Sterne, die über den schwarzen Nachthimmel schwebten, Tod, Angst und Zerstörung mit sich bringend. Der Boden unter unseren Füßen erbebte ein ums anderemal, die Häuser im Fort standen in hellen Flammen, aber die Mias weigerten sich hartnäckig aufzugeben. Als der Morgen dämmerte, hielten sie das Fort noch immer und waren stark genug, unsere Attacke erneut in die Schlucht hinunterzuschleudern, wo sie in einem einzigen Wirrwarr aus Tod, Verwir- rung und panischer Flucht endete. Zur gleichen Zeit griffen Aztlan, Norumbega und eine große Truppe aus Chichameca von der Ebene her an. Zwar kamen sie bis dicht an den Wall heran, aber ein Hagel von Pfeilen, Atlatl-Pfeilen und Stein- geschossen zwang sie zum Rückzug. Sie ließen viele Tote und den größten Teil ihres Mutes zurück. Tolteca hielt den Fluß sicher und öffnete nicht seine Formation zum Angriff; denn vor ihnen war ein fast senkrecht in die Höhe ragender Erdwall, den zu er- klimmen Selbstmord bedeutet hätte., Nun, da es hellichter Tag war, stellten wir das Feu- er mit Myrdhinns furchtbaren Geschossen ein. Die Ballistae jedoch zermürbten die Wälle weiterhin mit ihren Felsbrocken und schlugen große Löcher in die Palisaden. Durch diese Löcher schossen die Pfeilka- tapulte immer wieder mit sauberer Präzision ihre brennenden Speere sowohl in das Nordfort als auch in das mittlere Fort. Das Südfort ließen wir weitgehend unbehelligt; wir hofften nämlich, zuerst die beiden anderen Verteidi- gungswerke erobern zu können und dann die Besat- zung in den hinteren Abschnitt zu treiben, wo sie dichtgedrängt auf einem Klumpen in der Falle säße und uns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wäre. Wieder brach die Nacht herein, wieder flogen die Feuerbälle und brachten Tod und Verderben. Ir- gendwann während dieser Stunden wurde das Nord- fort still und leise geräumt, und als der Morgen des zweiten Tages dieses neuartigen, grausigen Krieges anbrach, setzte ich mit dem, was von meinen ›Hel- den‹ übriggeblieben war, einen halbherzigen Angriff an. Ich übertrug dem ›Mann, der Haar verbrennt‹ das Kommando und erlaubte ihm, den Bronzeadler der Sechsten zu tragen – in der Hoffnung, er werde den Männern neuen Mut geben. Zwar war ich überzeugt, daß auch dieser Angriff zurückgeworfen würde, aber uns blieb keine andere Wahl. Ein letzter Versuch mußte gewagt werden, oder wir konnten die ganze Belagerung aufgeben. Myrdhinns Feuerkugeln waren dahin! Ich sollte mich jedoch getäuscht haben. Die Männer erreichten ungehindert den Wall und überstiegen ihn, ohne daß auch nur ein Pfeil oder Stein sie daran hin-, derte. Ich sah den Adler heftig hin und her schaukeln, als sein Träger auf der Feuerplattform des Walles vor Freude einen Tanz aufführte. Meine Trompete jubilierte. Andere schmetterten Antwort, und Aztlan und Norumbega strömten in das Nordfort! Kurz vor Mittag hatten wir die gesamte Streit- macht, welche die Ebene gehalten hatte, gut postiert im Innern der Wälle aufgestellt, zwei Ballistae aufge- fahren, die den Widerstand vor uns brechen sollten, und waren bereit, über das schmale Verbindungs- stück in das mittlere Fort vorzurücken. Wie Du auf dem Plan sehen kannst, verbarrika- dierten zwei schon vor langer Zeit aufgeschüttete, halbmondförmige Wälle den Zugang über die Ver- bindungsstelle zum mittleren Fort. Diese beiden Wälle hatte man erst kurz zuvor durch einen mehrere Fuß dicken Holzwall miteinander verbunden, der aus einem unentwirrbar ineinander verkanteten Gewirr von Bohlen und Pfählen bestand und wie ein Igel mit scharf gespitzten Pfählen gespickt war. Hinter diesem schier unüberwindlichen Hindernis trotzten die Verteidiger des Forts uns und unserer Artillerie. Nachdem wir über eine Stunde lang diesen Haufen zersplitterter Holzpfähle mit unseren beiden Ballistae bearbeitet hatten, was ihm so gut wie nichts anzuhaben schien, gingen wir zum Sturmangriff über, mußten uns jedoch unter beträchtlichen Verlu- sten wieder zurückziehen. Als nächstes ließ ich einen Rammsporn bauen. Die- ser jedoch verkeilte die Pfähle nur noch fester inein- ander, und unsere Feinde lachten höhnisch, während sie unsere Maschinisten niederschlugen., Der Gedanke, vor diesem lächerlichen Haufen Ge- rümpel kapitulieren zu müssen, brachte mich zur Weißglut. Ich rief die Tribunen zusammen und bat um Vorschläge. Vicinius schlug vor, in Form der Testudo (Schild- kröte) bis dicht an die Barrikade vorzurücken und dann blitzartig einen Ausfall zu machen. Dies schien in der Tat die einzig mögliche Taktik zu sein: Nur ein direkter Angriff schien erfolgversprechend, denn die Stellung konnte wegen der steilen, zu beiden Seiten in die Schlucht abfallenden Hänge aus loser, schlüpfri- ger Erde nicht von den Flanken her geschützt wer- den. Ich suchte also eine Reihe von Männern aus, in- struierte sie, und bald darauf rückten drei Abteilun- gen geschlossen und von allen Seiten mit einem Wall aus Schildern bedeckt gegen den hölzernen Wall vor. Während wir vorrückten, pfiffen über unsere Köp- fe die Felsbrocken der Ballistae hinweg und landeten mit dumpfem Aufprall in den beiden halbmondför- migen Hügeln, die schwarz waren von Verteidigern. Die Wurfpfeile und Steine prasselten wie dicke Hagelkörner mit ohrenbetäubendem Krach auf unse- ren Schildkrötenpanzer, richteten jedoch wenig Scha- den an. Als wir nahe an dem Holzwall heran waren, stellten unsere Maschinisten das Feuer ein, um uns nicht von hinten mit den schweren Felsbrocken zu treffen. Wir rannten los, warfen unsere Schilde zum Schutz gegen die angespitzten Pfähle auf den hölzer- nen Wall und erklommen diesen. Mit einem Schrei, den man bis nach Rom hätte hö- ren können, öffnete die Abteilung hinter uns die Testudo und stürmte heran, um uns zu helfen., Und diese Hilfe hatten wir fürwahr bitter nötig, denn der Feind war bei weitem in der Überzahl. Ein Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Es war ein einziges Hacken und Töten – Klinge herausziehen, ducken, ausholen, antäuschen, zustechen, mit Pugio und Gladius gegen Axt und Lanze! Unter einem Ha- gel von Hieben begann unser Angriff zu stocken und zu wanken. Die Lage wurde immer kritischer; zu Dutzenden gingen unsere Männer zu Boden. Aus dem Augenwinkel sah ich den treuen Vicinius tödlich getroffen niedersinken. Ich sah, wie Intico, der Kale- donier, seinen Mörder niederstreckte und dann, eben- falls tödlich getroffen, über seinen toten Freund fiel – und wieder gab es zwei Frauen mehr, ihre toten Männer zu betrauern. Ich hatte nur noch zwanzig Mann um mich, als un- sere Kohorten wie eine Woge über den Wall brande- ten und unter gellenden Schlachtrufen die Mias vor sich hertrieben. Verzweifelt kämpfend versuchten sie noch immer, uns den Zugang streitig zu machen, bis wir sie gegen das große Tor des Südforts gedrängt hatten und sie nicht weiterkonnten. Der Offizier, der den Widerstand geleitet hatte, sackte, vom Blutverlust geschwächt, auf die Knie. Alle seine Männer waren tot; er war der letzte, der uns gegenüberstand. Zweimal versuchte er, seine Lanze zu zerbrechen und sich hineinzustürzen, aber er hatte nicht mehr die Kraft. Plötzlich bahnte sich der ›Mann, der Haar ver- brennt‹, den Weg durch das Gewühl nach vorn. »Den kenne ich!« schrie er. »Es ist mein Herr, der mir den Rücken in Fetzen peitschte! Er gehört mir!« Blitzschnell riß er sein Messer heraus. Der am Bo-, den kniende Mann schaute ihm furchtlos ins Gesicht. »Ha, Sklave! Die Wölfe kläffen den sterbenden Puma an!« Mit einer letzten schnellen Handbewegung riß er sich seinen geweihverzierten Stirnreif vom Kopf und beugte sich vor, damit sein Gegner ihn um so leichter skalpieren konnte. Und als sein gnadenloser Kontra- hent die blutige Trophäe triumphierend über seinem Kopf schwenkte, da wußten wir: Das mittlere Fort war in unserer Hand. Obwohl ihre Lage mittlerweile aussichtslos war, hatten die Verteidiger hinter dem großen Tor zum Südfort eine Barrikade aus Hausrat, toten Tieren und Menschen errichtet. Diese Barrikade bestand aus drei parallel hintereinanderliegenden Wällen, die wir ei- nen nach dem andern hätten nehmen müssen. Da es inzwischen schon fast dunkel war, unternahmen wir keinen Versuch mehr, dieses Verteidigungssystem auf die Probe zu stellen, sondern begnügten uns da- mit, zwanzig Ballistae und Katapulte heranzuschaf- fen, mit denen wir ihr Forum beherrschen konnten, das im Zentrum des Südforts lag, neben einem Teich, dem letzten Wasserreservoir, das ihnen geblieben war. Die Besatzung war den größten Teil der Nacht da- mit beschäftigt, die Verteidigungsvorrichtungen zu verstärken. Irgendwann meldeten unsere Stationerii, sie hätten laute Stimmen vernommen und gesehen, wie Männer mit Fackeln umhergelaufen seien. Ich vermutete, dies hatte zu bedeuten, daß sie sich uneins waren. Vielleicht waren einige dafür, sich zu ergeben, und andere damit nicht einverstanden. Was es mit dieser nächtlichen Unruhe in Wirklich-, keit auf sich hatte, sollten wir in der empfindlichen Kälte kurz vor der Morgendämmerung erfahren, als ein wütender Ausfall auf der zum Fluß hin gelegenen Seite des Forts losbrach und mindestens fünftausend Mann den Erdwall herunterstürmten, eine Erdstufe überquerten und mit lautem Gejohle über unser nur schwach bewachtes Lager herfielen, das die Flotte von zweihundertfünfzig Booten bewachte. Und Tol- teca, in dessen Obhut die Boote waren, ergriff wie ei- ne Horde von Memmen die Flucht und ließ die Mias durch! Und so kam es, daß sich eine intakte Streitmacht, die sich noch immer auf freiem Fuße befand und uns jederzeit wieder angreifen konnte, flußabwärts da- vonmachte, um in den kleinen Hügelforts (sofern es davon noch welche geben sollte, die nicht von plün- dernden Horden überfallen worden waren) nach Verbündeten zu suchen. Als der Morgen dämmerte, kam ein Mann mit ei- ner Habichtnase unter dem Klang mianischer Trom- peten über den Leichenhaufen geklettert. Er trug das weiße, mit Perlmuscheln verzierte Hemd aus Rehle- der – das Wahrzeichen des Herolds in Alata. In der Linken hielt er einen grünen Zweig, was bedeutete, daß er um Verhandlungen bat. Die Stationerii ließen ihn zu mir durch. Er verbeugte sich – keineswegs demütig –, und ich konnte fast seinen steifen, stolzen Hals knacken hö- ren, als er seinen Kopf senkte und nach unseren Be- dingungen fragte. »Die einzigen Bedingungen, die ich euch stelle«, sagte ich, »sind: sofortiges Niederlegen aller Waffen, Entfernung eurer Verteidigungswälle und Vorberei-, tung der Räumung des Forts, und zwar bis spätestens Mittag!« Seine Augen blitzten, aber er erwiderte nicht ein Wort, als er sich zum Gehen wandte. »Wenn ihr damit fertig seid, können wir weiterre- den«, rief ich ihm nach und lächelte grimmig in mich hinein, als ich mir mit der geballten Faust an die ge- panzerte Brust schlug. Marcus! Marcus! Schau herab und genieße diesen Tag!,

Der Tod Myrdhinns

Ich saß in meiner Hütte am Rand des Waldes, schaute auf die Ebene hinaus und rasierte mich. Über den schmalen Durchgang und aus dem Nordfort kamen Abteilungen mit Bündeln von Pfeilen und Lanzen marschiert, die über den Haufen von Äxten und Mes- sern aufgeschichtet werden sollten, damit man alles verbrennen konnte. Irgendwie konnte ich bei dem Anblick keine rechte Freude mehr empfinden, wußte ich doch, was bald darauf folgen würde – nämlich schändlicher Verrat. Aber das sind nun einmal die Spielregeln des Krieges. Myrdhinn kam herein und setzte sich. Auch er machte ein düsteres Gesicht. »Hast du schon Pläne, wie es weitergehen soll, Ventidius?« »Amnestie für alle Tlapallicos, die bereit sind, fort- an nur uns als Herrscher anzuerkennen. Tod allen übrigen und Tod allen Mias!« Myrdhinn sprang entsetzt auf. Ich rasierte mich ungerührt weiter. »Aber das bedeutet Massaker!« »Vertilgung«, korrigierte ich ihn. »Ventidius, du bist zu hart geworden«, tadelte Myrdhinn mit sanfter Stimme. »Du bist nicht mehr der fröhliche Bursche, der mit der Neugier und dem Eifer eines Knaben Abenteuer erleben und neue Län- der entdecken wollte. Ist denn von dem alten Venti- dius gar nichts mehr übriggeblieben? Ist nichts mehr, da als der grausame Mann des Krieges?« »Nichts«, gab ich ruhig zurück. »Hast du etwas an- deres erwartet? Schon bei meiner Geburt habe ich den Krieg mit all seinem Entsetzen zu spüren bekommen. Meine Mutter floh aus einer brennenden Stadt, um sich und mir das Leben zu retten. Mein Vater ließ dort sein Leben. Ich bin zum Krieg erzogen worden; er ist alles, was ich je gelernt habe. Eine weiche Stelle in meinem Herzen gab es. Sie gehörte Marcus. Ich habe den Jungen geliebt. Du weißt selbst, was geschah. Damals auf dem Ei wurde mein Herz zu Stein. Hast du den Schwur vergessen, den wir damals in der stinkenden Grube ablegten? Hast du vergessen, daß wir damals schworen, Marcus zu rächen?« Er schaute mir lange in die Augen. »Wie viele Leben willst du noch opfern, damit das eine bezahlt wird? Kennst du nicht den weisen Spruch Hernins, des Barden aus dem Stift von Llan- veithin, der da heißt: ›Der Tapfere ist niemals grau- sam‹?« »Ich kenne den Mann nicht. Seine Worte sind für andere bestimmt – nicht für mich!« Ich hieb die Faust auf die Bank und stand auf. »Mein letztes Wort, Myrdhinn. Tod allen Mias!« Er nahm meine Hand und drückte mich sanft wie- der auf die Bank zurück. »Hör, Ventidius. Ich komme gerade aus der Fe- stung. Sie sind dort gerade dabei, ihre Toten zu be- graben, mein Sohn. Wenn du es dir anschautest, würde es auch dein Mitleid erregen.« »Was weiß ich schon von Mitleid? Kann einer wie ich überhaupt Mitleid kennen? So oft schon nanntest, du mich einen Mann des Krieges, und ich fühlte mich darob nicht beleidigt, ist es in der Tat alles, was ich je lernte und erfuhr – alles, was ich bin. Hier, in diesem neuen Land, habe ich ein Reich geschaffen, das mir gehört. Mein Volk verehrt mich als lebendigen Gott des Krieges, der sich an Blut und blutigen Opferga- ben erbaut. Ich will dir etwas gestehen, Myrdhinn: Ich fange an, mich am Anblick des Leides zu ergöt- zen! In meinem Herzen ist keine Liebe mehr, für nichts und niemanden – außer vielleicht für mein Weib und meinen Sohn. Doch auch meine Frau wird wahr- scheinlich schon bald von der Hand jener Mia- Flüchtlinge den Tod erleiden, welche den Fluß hin- untergefahren sind – und ich stehe hier und kann ihr nicht helfen. Nein, Myrdhinn! Kein Mitleid, keine Gnade! Je früher dieses Volk mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist, desto eher werde ich frei sein, meiner Frau und den Frauen meines Volkes zu Hilfe zu eilen. Die ganze Zivilisation dieser Mias basiert auf ei- nem Fundament aus Leichen. Jeder Zoll tlapallani- schen Bodens ist mit Blut getränkt. Die Seelen der von den Mias Unterdrückten schreien so laut nach Ver- geltung, daß man es im Himmel hören kann. Besser, sie ein für allemal auszulöschen, als sie ziehen zu las- sen, auf daß sie erneut ihr blutiges Reich errichten. Sie zeigten uns – Fremden und Schiffbrüchigen – gegen- über nicht die Spur von Mitleid oder Gnade. Selbst das blieb letztlich ihren Sklaven vorbehalten! Um die Mittagsstunde werde ich Aztlan auf sie hetzen, Myrdhinn, und wenn die Hodenosaunee sich zurückhalten, dann gnade ihnen Gott!« »Das würde Bürgerkrieg bedeuten!«, »Nenne es, wie du willst. Aber keine Sorge. Deine Männer sind genauso blutrünstig wie meine. Nichts auf der Welt könnte sie davon abhalten, endlich ihre grausame Rache zu üben, auf die sie so lange warte- ten. Nicht einmal du würdest das schaffen!« »Und wenn ich es schaffen sollte«, erwiderte er ru- hig, »würdest du dann deine Horden zurückpfeifen?« Ich lachte. »Wenn du es schaffst, ja. Aber dann müßte schon ein Wunder geschehen, und die Zeiten für Wunder sind vorbei. Außer«, fügte ich hinzu, und ein Gedan- ke schoß mir plötzlich wie ein Blitz durch den Kopf, »außer du hast vor, Zauberei anzuwenden.« »Nein, keine Zauberei, das verspreche ich dir. Ich sagte dir bereits, daß ich der Magie abgeschworen habe. Nichts auf der Welt könnte mich dazu bringen, noch einmal Schwarze Magie anzuwenden und damit mein Seelenheil zu verwirken. Ich werde statt dessen mit ihnen reden, mit ihnen argumentieren.« Der Gedanke ließ mich unwillkürlich schmunzeln, so verrückt kam er mir vor. Also gut, dachte ich im stillen, dann argumentiere doch mit den Wölfen, die gera- de das Wild gerissen haben und bloß noch darauf warten, es in Stücke zu reißen und sich den Wanst vollzuschlagen. »Eines jedoch möchte ich wissen«, meinte ich neu- gierig. »Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Auch du liebtest Marcus und wolltest ihn rächen.« »Ich war im Fort und hörte das Stöhnen der Ster- benden; ich sah, wie edle Damen liebevoll ihre Ver- wundeten versorgten, ihre hingeschlachteten Männer betrauerten und ihre toten Säuglinge beweinten.« »Das gehört nun einmal zum Krieg. Das war schon immer so. Selbst eine Ratte schützt ihre Jungen und, versorgt sie! Warum sollte anderes Ungeziefer, zum Beispiel die Mias, nicht dasselbe tun?« Er warf mir einen entsetzten Blick zu und sprach dann mit trauriger Stimme: »Ratten begraben ihre Toten nicht, Ventidius. Die Mias schütteten einen großen Erdhaufen über die Leichen jener tapferen Männer, die so todesmutig das mittlere Fort verteidigten, und nun stehen sie neben diesem Erdhügel und beten zur Sonne, daß sie die Seelen der Toten empfange. Sonst werden bei ihnen die Toten getrennt voneinander von ihren Familien- angehörigen begraben. Die Krieger begräbt man mit ihren Jagdwaffen, und die Frauen finden ihre letzte Ruhe neben ihren Haushaltswerkzeugen, ihrem Korn und ihren Kochutensilien. Ich sah einen kleinen Burschen, Ventidius, einen hübschen Knaben, auf den jeder Vater stolz wäre. Er lag neben seinen Spielsachen im Grab. Die rechte Hand hatte man ihm in einen mit Nahrung gefüllten Krug gelegt, auf daß er in der anderen Welt keinen Hunger leiden müsse. Verstehst du, Ventidius? Die Männer können sich durch Jagen am Leben halten, die Frauen durch Arbeit, doch die Kleinen vermögen keines von beidem. Doch damit auch sie auf dem lan- gen Weg nicht Hungers sterben, stellt man ihnen ei- nen Krug mit Nahrung ins Grab! In der linken Hand hielt der Kleine einen winzigen roten Ball, mit Federn ausgestopft.« Er schaute mir eindringlich, fast beschwörend in die Augen. »Einen kleinen roten Ball – der mit Federn ausge- stopft war?« Ich wiederholte die Worte in Gedanken. Mein Kopf, schien plötzlich von einer großen Leere erfüllt zu sein. Ich hatte mit einemmal das Gefühl, ein uralter Mann zu sein. Einen ebensolchen Ball hatte ich mei- nem Sohn geschenkt, und der war sein ganzer Stolz. Mit diesem Ball in seiner kleinen Hand hatte er mir zum Abschied gewunken, als ich von Azatlan aufge- brochen war ... Und Myrdhinn, dieser alte schlaue Fuchs, hatte das natürlich gesehen und sich wieder daran erinnert, so wie er sich stets an alles erinnerte! Er hatte natürlich recht. Alles, was er gesagt hatte, war richtig. Diese Mias waren keine Dämonen, keine Unmenschen – zumindest waren sie nicht unmensch- licher als andere auch. Sie kannten Treue und Tapfer- keit. Ich hatte ihnen als Soldat gegenübergestanden und konnte das daher besser als jeder andere beur- teilen. Sie liebten ihre Frauen und ihre Kinder wie andere Menschen auch. Wir hatten ihr System ver- nichtet; doch mußten wir sie nun auch gleich als Rasse vom Erdboden tilgen? Ein harter Klumpen schien plötzlich in meiner Brust zu schmelzen. Ich haßte mit einemmal nieman- den mehr und hatte das heftige Bedürfnis zu weinen; doch wußte ich nicht, wie – ich hatte schon vor lan- ger, langer Zeit zu weinen verlernt. »Geh und sprich zu den Männern. Auch zu Aztlan und Tolteca. Wenn du sie überzeugen kannst, lassen wir die Mias ziehen.« Ein Ausdruck tiefer Freude trat in Myrdhinns Zü- ge. Er tat einen tiefen Atemzug der Erleichterung, lä- chelte mich kurz an und ging hinaus. Ich ging ihm nicht nach, sondern blieb allein in meiner Hütte sitzen. Ich wollte an meinen kleinen, Sohn denken, der so weit weg war. Und so kam es, daß ich auch nicht hörte, was Myrdhinn zu den Män- nern sprach, doch gewaltiges Gejohle und Schreien ließen mich Minuten später hochschrecken. Mit ge- zücktem Schwert rannte ich hinaus, um sein Leben vor den Männern zu schützen, die er in Wut versetzt hatte. Doch kaum stand ich vor der Tür, als ich auch schon mit offenem Mund innehielt. Ich muß wie ein wahrhaftiger Tor dreingeschaut haben. Sie jubelten ihm zu! Es war nicht zu glauben! Sie jubelten! Die Männer aus Adriutha und Caranay – Seite an Seite mit mei- nen Kriegern aus Aztlan! Sogar die rotmähnigen Schlächter aus Norumbega und die wilden Barbaren aus Chichameca! Alle standen sie da und ließen ihn begeistert hochleben. Ich glaube, von allen Triumphen, die Myrdhinn in seinem langen Leben erlebte, war dieser der bei wei- tem größte! Zur Mittagsstunde war Miapan geräumt, und auf der Ebene stand das Volk der Mias, größtenteils Frauen und Kinder, aber immer noch eine stattliche Heerschar, zwischen unseren bewaffneten Reihen und wartete auf meine Befehle. »Marschiert fünfzehn Tage lang in gerader Linie Richtung Westen«, befahl ich. »Dann biegt nach Sü- den ab und zieht weiter bis zu den Heißen Ländern von Atala, aus denen ihr einst aufgebrochen seid. Bummler und Deserteure werden getötet.« Ich gab ihnen zehn Abteilungen von Moorbewohnern mit auf den Weg, die sie einen Tag lang begleiten und dafür sorgen sollten, daß meine Anordnungen strikt befolgt wurden., Je einer von hundert durfte zum Zweck der Jagd seine Waffen behalten; alles andere Kriegsgerät ver- brannten wir bei ihrem Auszug. Meine Instruktionen, so rechnete ich mir aus, wür- den sie in das offene, unbewohnte Grasland führen, wo sie sich von den haarigen Rindern (die ich bereits näher beschrieb) ernähren konnten, und wo sie von keinen Feinden bedroht wurden. Während ich ihnen nachblickte, wie sie – selbst in der Niederlage noch stolz und ungebeugt –, ohne zu jammern oder sich noch einmal umzublicken, losmarschierten und lang- sam in der Ferne verschwanden, konnte ich nicht umhin, mir einzugestehen, dies sei am Ende doch die beste Lösung, und ich war sicher, auch Marcus hätte dies gebilligt. Dieser Tag bedeutete das Ende des organisierten Widerstands der Mias. Der Adler hatte über die Schlange triumphiert. Zwar harrten in den weit auseinanderliegenden, im ganzen Reich verstreuten Forts auf den Hügelkuppen immer noch ein paar tausend Flüchtlinge unbeirrt aus. Doch wußte ich, daß ihre Forts, so gut sie auch immer befestigt sein mochten, letztendlich dem Un- tergang geweiht waren; ihre Eroberung war lediglich eine Frage der Zeit. Diese Forts besaßen nämlich aus- nahmslos als einziges Wasserreservoir einen Teich, der vom Regenwasser gespeist wurde, und da sie nur als zeitweilige Zufluchtsstätte für die in der Umge- bung lebenden Menschen gedacht waren, konnten sie einer Belagerung nicht lange standhalten. Hinzu kam die schon erwähnte Tatsache, daß sie mit längerfristi- gen Belagerungen überhaupt keine Erfahrungen hat- ten, da dies bei den Chichamecs nicht üblich war. Wir, hatten daher keine Bedenken, diese kleinen Wider- standsnester sich selbst zu überlassen. Irgendwann – das wußten wir – würden sie von dem Meer von Chichamecs, das sie umgab, einfach hinweggespült werden. Und das war, wie gesagt, nur eine Frage der Zeit. Alsdann machten wir uns eilig in den verbliebenen fünf Booten auf den Weg flußabwärts zu unserem Fort an der Flußgabelung. Wir – das waren Myrdhinn, ich, meine Tribunen aus Aztlan und ande- re tapfere Männer, insgesamt hundert an der Zahl. Die Zeit drängte; inzwischen mußten die Mias, die unsere Flotte gestohlen hatten, schon sehr nahe an der Flußgabelung sein. Unseren Frauen blieb nur noch eine kurze Galgenfrist! Uns war allen klar, daß sie keine Schonung zu erwarten hatten! Dicht am Flußufer entlang folgte uns die Legion von Aztlan; dahinter marschierten die ungestümen Horden Toltecas, die natürlich darauf brannten, die Scharte wieder auszuwetzen. Auch Hayonwatha kam mit uns; sein Volk jedoch richtete sich unterdessen in Miapan ein, wo es auf Myrdhinns Rückkehr warten wollte, und die Norum- beger, deren Volk sich noch mehr dezimiert hatte, als es ohnehin schon war, machten sich, schwerbeladen mit Beute, auf den Weg in ihre weit entfernte, ge- heimnisvolle Stadt. Wir fuhren den kleinen Fluß hinunter, bogen auf den größten Strom ab (wo wir Spuren der vor uns Fliehenden entdeckten), und ein paar Tage später er- reichten wir die Flußgabelung, an der unser Fort lag – keine Sekunde zu früh. Das Fort wurde bereits von einem heftigen Angriff, der Mias erschüttert, war jedoch noch nicht einge- nommen. Aus der Ferne sahen wir, wie oben auf den Wällen die kurzen Arme der Ballistae und Katapulte nach vorn schnellten und ihre todbringende Fracht aus Steinen und Speeren über die unten auf dem Wasser tanzenden Boote ergossen, während Wolken von Pfeilen und Steinen aus beiden Richtungen flo- gen. Wir stimmten einen gewaltigen Schlachtruf an, tauchten unsere Paddel tief ins Wasser und flogen ge- radezu den mächtigen Ohion hinunter. Als wir näher kamen, erkannten uns die Frauen und Männer aus dem Fort und brachen in laute Jubel- rufe aus. Als die Mias uns sahen, wendeten sie blitz- schnell ihre Boote und paddelten uns entgegen, um uns abzufangen und zu vernichten. In jenem Augen- blick brach unsere Legion aus dem Waldrand am Flußufer hervor. Als die Mias dieser gewaltigen Übermacht gewahr wurden, schwangen sie sofort ihre Boote herum und flohen flußabwärts. Wir nahmen die Verfolgung auf. Als wir das Fort passierten, brandete uns stürmischer Jubel entgegen. Ich erkannte auf dem Wall die vertraute Gestalt von ›Goldene Blume des Lichts‹. Sie schwenkte einen flatternden Schal. Ich grüßte mit erhobenem Paddel zurück, und sie erkannte mich. Das Fort war noch nicht außer Sichtweite, als wir die ersten Boote einholten. Als die Mias merkten, daß sie uns nicht entkommen konnten, wendeten sie er- neut, um uns anzugreifen und uns den Rest zu geben. Ich erhob mich in meinem Boot, legte einen Pfeil auf die Sehne – wunderschön war er anzusehen mit sei- nen grauen Gänsefedern –, spannte den Bogen und, zielte sorgfältig. Doch als ich den Pfeil eben von der Sehne schnellen lassen wollte, sah ich aus meiner er- höhten Position im Boot etwas, das mir den Atem stocken ließ. Ich kniff die Augen zu und öffnete sie wieder. Kein Zweifel – ich hatte richtig gesehen. Was da langsam flußaufwärts auf uns zuglitt, war ein Schiff, von dem ich nie geglaubt hätte, es je in meinem Leben noch einmal zu sehen. Ein sächsisches Drachenschiff! Obwohl kein einziges Ruder zu sehen war, das es auf Kurs hätte halten können, arbeitete es sich gegen die starke Strömung auf uns zu. Der Drachenkopf, in dessen Zähnen ein Knochen steckte, schwenkte ein wenig herum und näherte sich uns sehr rasch, Ver- folgern wie Verfolgten. Nun sahen es auch die Mias und erkannten es so- gleich als eine neue Bedrohung. Ein Trompetensignal rief die Boote, die sich hatten zurückfallen lassen, um uns anzugreifen, wieder zurück, und alle scharten sich zu dichtem Schwarm zusammen – bereit, sich dem Angriff zu stellen, von welcher Seite er auch kommen mochte. Als wir fast zu ihnen aufgeschlossen hatten, sahen wir, daß ein gepanzerter Mann auf das winzige Deck trat. Er stützte sich mit einer Hand auf den Hals des Drachen, dessen bewegliche rote Zunge unheilvoll hin und her wedelte, als zische sie uns drohend an. Der Mann formte die andere Hand zu einem Schirm über die Augen und spähte uns entgegen. Da erkannte ich ihn! Es war Guthlac! Guthlac, der letzte der Sachsen! Guthlac, den wir zuletzt gesehen hatten, als ihn die Fischmenschen aus den Sümpfen davonschleppten,, und den wir längst tot geglaubt hatten! Ich hob den Arm und brüllte ihm entgegen: »Guthlac! Wende, so schnell du kannst! Es sind Feinde!« Er erkannte mich und schwang zum Zeichen, daß er verstanden hatte, seine Axt wild hin und her. »Ha! Da komme ich ja gerade im rechten Augen- blick, Wewalas!« schrie er. Dann griff er nach einer Muscheltrompete, die neben ihm hing, und stieß ei- nen gellenden Trompetenstoß aus, der schaurig vom Ufer widerhallte. Und in diesem Moment sahen wir, wer das Schiff so atemberaubend schnell stromaufwärts geschleppt hatte! In einem gewaltigen Schwall von Gischt brach ein Dutzend der schaurigen, schuppigen Piasa an die Wasseroberfläche. Sie streiften ihre Zuggeschirre ab und stürzten sich auf die Mias. Diese versuchten, beim Anblick der Fischmenschen von panischem Entsetzen gepackt, ihre Boote erneut zu wenden, doch die Piasa rissen große Löcher in ihre Bordwände, und sie versanken rasch. Da wir befürchteten, die Kreaturen könnten nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden – bei all den verschiedenen Menschenrassen, mit denen sie plötzlich zusammenprallten –, zogen wir uns schnell- stens zurück und begnügten uns damit, die im auf- gewühlten Wasser zappelnden Mias mit einem dich- ten Pfeilhagel einzudecken. Jetzt sprangen noch mehr Piasa aus dem Drachen- schiff in die Fluten und schossen in dichtem Schwarm laut krächzend auf das Getümmel zu. Der Kampf war schnell zu Ende. Kein einziges Boot schwamm mehr auf dem Wasser, und vom Ufer aus,, wo unsere kleine Flotte Zuflucht gesucht hatte, sahen wir, wie sich die Fluten des Ohion rot vom Blut der zerfetzten Mias in Richtung auf das Meer wälzten, während die menschenähnlichen Monster, nun ge- sättigt, mit spielerisch anmutenden Bewegungen in den Wellen herumtollten und nach den letzten Fleischbrocken schnappten, die in den Strudeln her- umwirbelten. Auf ein bestimmtes Trompetensignal hin legten ei- nige von ihnen sich wieder ins Geschirr und schleppten das Drachenschiff zu uns ans Ufer. In dem Augenblick, da es anlegte, kam unsere Legion, wel- che uns am Ufer entlang gefolgt war, keuchend und außer Atem angerannt. Entsetzt fuhren die Männer zurück, als sie die schauerlichen Biester sahen, die sich gerade aus dem flachen Uferwasser erhoben und drohend auf sie zugetrottet kamen. Guthlac sprang behende ans Ufer, ging lachend auf seine Horde zu und trieb sie mit rohen Knüffen und Püffen wieder zurück. Sie nahmen ihm diese Be- handlung keineswegs übel, sondern schwänzelten brav um ihn herum wie Hunde um ihren Herrn. Dann trat er auf uns zu, ergriff meine Hand und schüttelte sie heftig. »Ein prächtiges Gemetzel, Wealas. Wotan liebt solch blutigen Tribut. Ich wähnte dich schon lange in Helas Hallen.« »Auch ich glaubte dich längst unter den Toten, Guthlac. Wie hast du es geschafft, dich zum Herrn der Piasa zu machen?« »Piasa?« Er schaute mich verständnislos an, dann lachte er schallend. »Ach, du meinst mein Fischvolk. So werden sie vielleicht von den roten Männern ge-, nannt; sie selbst nennen sich Gronks.« »Dann haben sie also eine Sprache, die wir Men- schen lernen können?« »O ja! Eine gute Sprache – sie besteht hauptsächlich aus Grunzen, Krächzen und Zischen, aber sie spre- chen nicht sehr oft mit Menschen – gewöhnlich zie- hen sie es vor, sofort zu handeln.« Das glaubte ich ihm gern. Die Überreste der miani- schen Truppe, die da auf dem Fluß trieben, sprachen eine schauerliche Sprache. Auf Guthlacs Befehl zogen sie sich jetzt auf einen schmalen Sandstreifen am Ufer zurück, wo sie mit ih- ren scharfen Krallen Löcher in den Boden bohrten, um sich mit ihren kurzen, unbeweglichen Schwänzen hineinhocken zu können. Bald darauf kauerten sie da und musterten uns kalt, und (wie ich glaube) nicht ohne Appetit. »Nachdem ihr mich so freundlich der Obhut der Sumpfbewohner ausgeliefert hattet«, begann Guthlac ironisch, »betrachtete ich mich schon als toten Mann. Sie zerrten mich durch knöcheltiefen Morast zu einer seltsamen Ansammlung eng aufeinanderklebender, feuchter Hütten tief im Inland. Dort warfen sie mich in einen mit Moos bewachsenen Schuppen aus halb- verfaulten Holzstämmen und gaben mir rohen Fisch zu essen. Lange Zeit schmachtete ich in Todesängsten in die- sem dumpfen Verlies, bis ich schließlich all meinen Mut zusammennahm und mich ins Freie wagte. Zu meiner Verblüffung wurde ich draußen mit allen An- zeichen von Ehrerbietung begrüßt, und es dauerte nicht lange, bis ich merkte, daß sie mir voller Ehr- furcht entgegentraten und mich anscheinend als eine, Art höheres Wesen verehrten. Als ich ihnen durch Zeichen zu verstehen gab, ich wolle meine Axt wie- derhaben, brachten sie mir sie auf der Stelle. Allem Anschein nach hatten sie also keineswegs vor, mich zu töten. Und seither haben sie mich immer sehr freundlich behandelt. Es dauerte fast zwei Jahre, bis ich ihre Sprache so gut beherrschte, daß ich verstehen konnte, warum sie ausgerechnet mich verschont hatten, während alle meine Kameraden sterben mußten. Wie du sehen kannst, sind sie auf dem Weg, sich zu Menschen zu entwickeln. Dies ist auch ihr größter Wunsch. Sie bemühen sich, Menschen nachzuahmen, und glauben, daß sie ihre Entwicklung dorthin be- schleunigen können, indem sie Menschenfleisch es- sen. Vor langer Zeit einmal verkündete ihnen einer ihrer Ältesten, eines Tages werde aus dem Meer ein göttliches Wesen – halb Mensch, halb Fisch – zu ih- nen kommen, das sich zu ihrem Herrscher machen und sie lehren werde, wie sie zu Menschen würden. Als sie meinen Panzer aus Fischhaut sahen und feststellten, daß ihre Krallen daran abglitten, ohne auch nur den geringsten Schaden anzurichten, hielten sie mich für dieses göttliche Wesen – und das war, wie du ja sehen kannst, meine Rettung. Ich brachte ihnen eine Menge nützlicher Dinge bei. So gab ich ihnen zum Beispiel einfache Waffen. Ich versuchte auch, sie den Umgang mit Feuer zu lehren; doch wollten sie davon nichts wissen. Sie haben ent- setzliche Angst davor; daher gewöhnte ich mich dar- an, meine Nahrung roh zu essen, um ihre Gefühle nicht zu verletzen. Ein weiteres Jahr brauchte ich, um das Schiff zu, bauen. Ich stellte es zum größten Teil allein fertig. Sie gingen mir dabei jedoch hilfreich zur Hand, indem sie Holz für mich heranschleppten und es nach mei- nen Anweisungen zerkleinerten und bearbeiteten. Als das Schiff stand, fuhr ich damit die Küste entlang, in der Absicht, euch zu folgen. Denn diese Richtung hattet ihr ja eingeschlagen, als ich euch zum letzten- mal sah. Wir kamen aufs offene Meer, blieben auf Südkurs und gelangten schließlich in ein Land namens Chi- vim, in dem kleine braune Menschen wohnen. Ich lehrte sie, Wotan anzubeten, fühlte mich jedoch nie so recht froh und heimisch bei ihnen. Nachdem ich eine lange Zeit dort verweilte und noch immer nichts von euch hörte, wurde mir klar, daß ich in der falschen Richtung gesucht hatte und ihr höchstwahrscheinlich ums Kap gesegelt wart, das ich hinter mir zurückge- lassen hatte. Statt wieder aufs offene Meer hinauszu- fahren, wart ihr – so schloß ich – entlang der Küste nach Norden weitergesegelt. Als der nächste Frühling kam, schleppten mich meine treuen Untertanen wie- der von Chivim fort. Während all der Zeit, die ich auf See verbrachte, mangelte es mir nie an Nahrung. Die Gronks sind im Wasser sehr geschickte Jäger. Sie verfolgen den Fisch unter Wasser, bis sie ihn schließlich einholen und fangen. Und so war denn für Nahrung immer ausrei- chend gesorgt. Wir fuhren weit nach Norden hinauf. Du kannst dir gar nicht vorstellen, über welch unendliche Wei- ten sich dieses Land erstreckt. Wir kamen schließlich an einen Punkt, wo das Wasser so kalt war, daß mei- nen Genossen die Glieder abstarben. Dort schwam-, men Eisberge auf dem Meer! Wir fuhren wieder zu- rück, ohne irgendwo auf ein Lebenszeichen von euch zu stoßen, und ein weiteres Jahr verging. Und wieder fuhren wir die Küste entlang nach Sü- den. Manchmal stießen wir hier und da auf Fischer. Beim Anblick meiner Untertanen überkam diese Männer jedesmal solche Angst, daß sie kein Wort herausbekamen. Eines Tages sahen wir in einer Bucht die Spuren eines Wracks. Ich erkannte sofort, daß es die Prydwen war. Wir waren zwar auf unserer Fahrt nach Norden schon einmal dicht an dieser Bucht vor- beigekommen, aber zu jener Zeit mußte wohl gerade Flut gewesen sein, denn selbst nun, da Ebbe herrsch- te, ragte das Wrack kaum aus den Fluten. Wir gingen an Land, entdeckten den Vorposten, eroberten ihn, und die Gronks taten sich an der Be- satzung der Garnison gütlich. Doch bevor alle tot wa- ren, erfuhr ich, was euch zugestoßen war – daß im Inneren des Landes ein Krieg tobte und daß meine Freunde« – er dehnte das Wort ironisch – »gegen ein mächtiges Volk kämpften. Und da meine Untertanen nicht lange an Land leben können, eilten wir zur Flußmündung zurück, fuhren den Misconzebe hin- auf, fanden nach langem Suchen endlich den richti- gen Nebenfluß und kamen hierher, wie du siehst – um ein Haar zu spät, um noch in den Kampf einzu- greifen.« »Aber nicht zu spät, um mit uns Frieden zu schlie- ßen«, rief Myrdhinn enthusiastisch. »Trenn dich von deinen wilden Untertanen und komm wieder zurück zu den Menschen! Wir sind jetzt Könige in diesem Land der Heiden.« Guthlac schüttelte den Kopf., »Auch ich bin ein König, und meine Untertanen sind mir nicht minder treu ergeben als eure. Mein Platz ist bei ihnen. Aber ich werde dennoch eine Weile bleiben, da ich Arbeit zu verrichten habe, die nicht länger aufgeschoben werden darf.« Er grunzte mit kehliger Stimme einen Befehl, und alle seine Untertanen – bis auf eine Handvoll, welche sein Schiff ziehen mußte – verschwanden mit lautem Platschen im Fluß und schwammen stromabwärts davon. Myrdhinn und ich wurden von zwei kräftigen Piasa zum Schiff zurückgetragen, und als Guthlac seinen Platz im Bug eingenommen hatte, glitten wir, eskortiert von unseren fünf Booten und den Soldaten am Strand, flußaufwärts zu unserem Fort. Groß war der Jubel, als wir ankamen; wie Könige wurden wir empfangen! Die Arme unserer Lieben umschlossen uns, und obwohl viele der Frauen ihren Mann durch den Krieg verloren hatten und nun allein dastanden, gab es keine Trauergesänge für die Toten. Um uns herum waren nur glückliche Gesichter zu sehen, und die Tränen wurden für die Nacht aufge- spart, für die einsamen Stunden in der Zurückgezo- genheit der Weik-waums. In der Nacht entdeckte ich Myrdhinn dabei, wie er mit düsterem Blick die Sterne betrachtete. Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Nun, wie steht's mit deinen düsteren Prophezei- ungen von Unheil und Tod? Du sagtest doch, die Sterne verhießen dir Unheil, aber nun ist der Krieg aus und alles wieder in bester Ordnung. Komm! Gib zu, daß auch du dich einmal irren kannst!« »Ich habe mich schon oft geirrt, Ventidius; die, Sterne aber irren sich niemals. Mein Schicksal ist noch nicht erfüllt.« Mehr war ihm in dieser Nacht nicht zu entlocken. Der folgende Tag wurde zu einem Festtag erklärt. Während unserer Abwesenheit hatten die Frauen ein großes Stück Boden eingeebnet und plattgetreten, um es als Platz für ein Ballspiel zu benutzen. Die Azteken lieben dieses Spiel über alles; manch einer hat schon Haus und Hof dabei verwettet. Die Regeln sind recht einfach: Der Spieler muß mit einem kleinen Ball ein Loch treffen, das sich in der Wand befindet, die das Spielfeld umgibt. Schafft er es, bekommt er einen Punkt. Dies hört sich zunächst sehr einfach an. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, daß die Öffnung kaum größer ist als der Ball, und da sich gleichzeitig zwei Mannschaften darum bemühen, den Ball für sich zu gewinnen und ihn in das Loch zu werfen, sind Punkte eine Seltenheit. Man erzählte mir, daß es Leute gegeben habe, die ihre Kleidung darauf ver- wetteten, daß kein Punkt erzielt würde, und die – als tatsächlich einer erzielt wurde – unter dem Gelächter der Zuschauer nackend davonschleichen mußten. Auch heute gab es einige unter den Zuschauern, die diese Wette eingingen. Als Guthlac sah, wie von den Verlierern einer nach dem anderen nackt und mit hochrotem Kopf davon- schlich, erklärte er rundheraus, der Trick sei unmög- lich. Lachend erwiderte ich: »Ich schaffe das mit Leich- tigkeit. Und selbst Myrdhinn findet, alt wie er ist, keine Schwierigkeit dabei.« »Ich glaube es erst, wenn ich es mit eigenen Augen, gesehen habe«, versetzte Guthlac. »Ich habe einen Krug Wein an Bord meines Schiffes. Wenn du es schaffst, soll er dir gehören.« Ich wollte schon einschlagen, als Myrdhinn mit ei- nem Lächeln sagte: »Den Wein werde ich mir verdie- nen, Ventidius.« Er bahnte sich einen Weg durch die Reihen der Zu- schauer und schritt auf das Spielfeld. Ein Herold rief: »Macht Platz! Platz da für den Tecutli Quetzalco- atl!« Die Spieler verneigten sich tief vor ihm, als sie ihm den Ball übergaben. Er lüftete sein langes Gewand, rannte los, sprang hoch, und während er sich noch in der Luft befand (denn genauso macht man es richtig), warf er den Ball so gekonnt durch das Loch, daß er nicht einmal den Rand des Rings berührte. Er hatte einen sauberen Treffer markiert! Unvorstellbarer Jubel brandete auf. Myrdhinn kehrte an seinen Platz neben mir zurück, und das Spiel wurde wiederaufgenommen, während Guthlac einen seiner Piasa hinunter zum Fluß nach dem Wein schickte. Myrdhinn nahm den Krug, sog tief und mit genie- ßerischer Miene das Aroma des köstlichen Tranks ein und lachte. Ich reichte ihm mein Trinkhorn. »Du mußt mir einen Trunk dafür spendieren, daß du es benutzen darfst!« rief ich übermütig. Guthlac sagte nichts. Ein merkwürdiges Lächeln war auf seine Züge getreten. Ob es der plötzliche wilde Glanz in seinen Augen war, den er schnell und geschickt maskierte, oder ob es dieses merkwürdig grimmige Lächeln war, das plötzlich Verdacht in mir, aufkeimen ließ, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls mißtraute ich dem Sachsen. »Myrdhinn – nicht!« brüllte ich. Zu spät! Er hatte das Horn mit einem Zug bis auf den letzten Tropfen geleert. Sein Gesicht wurde lei- chenblaß, und er sah plötzlich so alt aus, daß mir die Worte fehlen, es zu beschreiben. Er rang nach Luft, keuchte und brachte heiser hervor: »Dies also ist das dunkle Schicksal, das die Sterne vor mir verbargen!« Dann sank er in die Arme von Cronach Hên, dem letzten seiner neun treu ergebenen Barden. Lähmendes Entsetzen befiel mich. Was dann pas- sierte, sah ich wie durch einen Schleier. Cronach Hên ließ seine Harfe fallen, bettete Myrdhinn sanft auf den Boden und sprang unter wil- den Flüchen und Beschimpfungen wie eine fauchen- de Wildkatze auf Guthlac los. Ich löste mich aus der Erstarrung und sprang hin- terher. Einer der Piasa war schneller als wir. Er packte den Barden, senkte seine langen, gebogenen Krallen tief in sein Fleisch und verhakte sie in seine Rippen. Dann riß er ihn mit einer solchen Leichtigkeit in Stük- ke, wie ein Mann eine gebratene Taube zerlegte. Während die Menge in gellende Entsetzensschreie ausbrach, krächzte Guthlac seinen grausigen Unge- heuern einen Befehl zu und zog sich rasch hinter den sicheren Schutz ihrer Leiber zurück. »Endlich habe ich den Seelen meiner Brüder und meiner Gefährten Genugtuung verschafft! Endlich habe ich mich an dem Mörder gerächt, der uns hier- her führte, der uns alle opferte für seine wahnsinnige Suche nach einem wertlosen Land! Komm, Wealas, hol mich, wenn du kannst!«, Die Piasa sprangen auf uns zu, die langen, schup- pigen Arme weit geöffnet, um nach uns zu greifen, die Krallen gespreizt, bereit uns zu zerreißen. Obwohl der Anblick dieser entsetzlichen Bestien meinen Männern das Blut in den Adern gefrieren ließ, ergriff keiner von ihnen die Flucht. Sie gingen jedoch nicht zum Nahkampf vor, sondern schleuder- ten aus kurzer Distanz ihre Speere und Wurfbeile auf die Fischmenschen. Unsere erste Verwirrung nutzend, wäre es ihm fast gelungen, sich mit seiner Gruppe bis zum flußwärts gelegenen Tor des Forts durchzuschlagen. Doch mit zwanzig meiner Männer, die sich hastig ihre Panzer angelegt hatten, erreichte ich ihn kurz vor dem Tor und stellte ihn. »Bleib stehen, Wealas!« schrie er und wich tiefer in den Kreis seiner ihn umringenden Fischmenschen zu- rück, während er seine kurze Axt schwang, um die Speere dreier Hodenosaunee abzuwehren. »Bleib stehen, sonst spalte ich dir den Schädel bis zum Kinn!« Die drei Männer stürzten sich furchtlos auf ihn, laut ihren Schlachtruf »Sassakway! Sassakway!« brüllend. Die Piasa packten sie. Ich hörte das Knak- ken von Knochen, und drei tapfere Seelen waren von uns gegangen, ohne auch nur einen Schmerzensschrei von sich zu geben. In diesem Moment durchpulste ein Gefühl von Un- sterblichkeit meinen Leib. Ich ging auf sie los. Guthlacs Augen loderten in grimmiger Freude auf. Er krächzte seinen Kreaturen etwas zu. Sie wichen zur Seite und öffneten ihm eine Gasse. Mit vorge- strecktem Schild, die Axt wie einen blitzenden Ring, aus Stahl über seinem Kopf kreisen lassend, kam er in geduckter Haltung auf mich zu. »Nimm dies, Wealas!« schrie er und warf die Waffe nach mir, auf meinen Kopf zielend. Sie flog vorbei, ohne Schaden anzurichten. Ich schleuderte meinen Speer. Nun, er verstand zwar etwas von Wurfspeeren und Lanzen, aber er unterschätzte den Unterschied zwi- schen gewöhnlichen Lanzen und dem römischen Pi- lum. Er lachte, riß seinen Schild hoch und fing den Speer damit auf. Tief bohrte sich die bronzene Spitze mit lautem Krachen in seinen Schild. Der weiche Kupfer- schaft bog sich nach unten, der Stiel fiel zu Boden und zog den kleinen, runden Schild mit sich. Ich sprang vor und trat auf den Schaft des Pilum. Es blieb ihm noch ein Atemzug, um zu erkennen, daß er ein toter Mann war. Entsetzt starrten seine Augen mich an, als ich ihm mit meinem Kurzschwert das Messer, das er schützend vor sich hielt, aus der Hand schlug und dann die Schneide genau zwischen Hals und Schulter tief in seinen Leib hinabsausen ließ. Er fiel. Myrdhinn war gerächt! Im selben Moment fühlte ich mich von hinten mit eisernem Griff gepackt. Ein Piasa hob mich hoch über seinen Kopf, und während ich sekundenlang in der Luft hing, sah ich Myrdhinn umringt von der Menge auf dem Boden liegen. Er öffnete die Augen, und unsere Blicke trafen sich. Etwas Seltsames und zugleich so Warmes lag in sei- nem Blick. Er schaute mich an wie ein Vater seinen halsstarrigen, ungehorsamen Sohn, der sich durch, Dummheit in Gefahr gebracht hat. Seine Lippen bewegten sich. Der eiserne Griff, der mich umklammert hielt, löste sich plötzlich, und ich fiel zu Boden. Zu meiner Verblüffung empfand ich dabei keinerlei Schmerz. Ich spürte den Aufprall kaum. So wie einst dem Antaeus schien auch mir die Erde plötzlich übermenschliche Kräfte zu verleihen. Ich wußte, daß ich unbesiegbar war! Der Piasa schnappte nach mir. Ich lachte ihn höhnisch an und wischte sei- ne Pranke weg wie eine Feder. Dann packte ich ihn bei seiner schuppigen Gurgel und zerbrach ihm den Hals wie einen dürren Zweig. Als die Menge dies sah, stürzte sie sich auf die üb- rigen Piasa, riß sie zu Boden und überwältigte sie mit der schieren Gewalt ihrer ungeheuren Überzahl. Ich rannte zu Myrdhinn und beugte mich über ihn. Ich bot in diesem Moment wohl einen schauerlichen Anblick, über und über mit geronnenem Blut besu- delt, mein Brustpanzer zerfetzt, meine Hände naß von Blut, das auf sein weißes Gewand tropfte. Aber er lächelte schwach. »Ich habe es getan, Ventidius – für dich! Diesmal war es wirklich Schwarze Magie! Ich gab dir alle meine Kraft, um dein Leben zu retten. Ich habe dich immer geliebt, als wärest du mein einziger Sohn – ich hatte nie das Glück, einen zu haben –, wie hätte ich dich da sterben lassen können? Vater, vergib mir, daß ich noch einmal Hexerei angewendet ...« »Er wird dir vergeben«, sagte ich sanft, doch hatten sich seine Augen schon geschlossen, und ich wußte nicht, ob er meine Worte noch hören konnte. Ich dachte, es wäre mit ihm zu Ende. Doch dann, sprach er erneut – ganz leise –, und ich beugte mich über ihn, um seine letzten Worte hören zu können. »Dies also war der tiefere Sinn der Prophezeiung, die mir verhieß, ich werde einst das Land der Toten finden ... jenseits der untergehenden Sonne am Ende der Welt. Komm, zeig mir den Weg! Muß ich denn allein gehen?« Er starrte verzweifelt um sich. Aber es war klar, daß er keinen von uns mehr wahrnahm. Plötzlich richtete er seinen Oberkörper auf, und sein Gesicht begann vor freudiger Erregung zu glühen. Von Westen her kam ein großer weißer Vogel ge- flogen, wie ich nie zuvor einen gesehen hatte. Er nä- herte sich rasch, flog dreimal im Kreis um uns herum, ohne zu landen oder einen Laut von sich zu geben, und flog wieder davon, so schnell, wie er gekommen war. Ein letzter Ruck ging durch den greisen Leib Myrdhinns, dann wurde er schlaff. Ich ließ ihn sanft zurücksinken, und als ich so vor ihm kniete, vergrub ich das Gesicht in meinen Händen, denn ich wußte, daß er nun von uns gegangen war. Ein Gefühl düsterer Einsamkeit schlug wie eine Woge über mir zusammen. Ich hatte einen lieben Freund verloren, einen Mann, den ich wie keinen an- deren auf dieser Welt achtete und verehrte, dessen Klugheit und Weisheit mich so oft vor Dummheiten bewahrt hatten. Und in diesem Moment wurde mir bewußt, daß ich ihn wie einen Vater geliebt hatte. Nun aber war es zu spät – zu spät – ich konnte es ihm nicht mehr sagen. Durch einen Schleier von Tränen erkannte ich, wie die Männer um mich herum in Andacht aufs Knie, sanken, und weit, weit in der Ferne sah ich einen weißen Vogel davonfliegen – bis er am westlichen Horizont verschwand. Und so begruben wir denn seinen Leichnam und bedeckten sein Grab mit einem Mosaik aus bunten Kieseln, das einen Mann darstellt, der mit dem Fuß eine Schlange zertritt – Symbol für die Zerstörung des mianischen Reiches. Denn ihm allein gebührte der Ruhm, dies vollbracht zu haben. Ohne ihn, das wuß- ten wir, wären alle unsere Anstrengungen umsonst gewesen. Am Kopf seines Grabes errichteten wir einen gro- ßen Erdhügel; doch geschah dies erst Tage später, denn in jener Nacht forderten die Royanehs aus Myrdhinns junger Nation, daß man ihnen die weni- gen Piasa, die überlebt hatten, lebendig überließ. Achselzuckend wandte ich mich ab, und die kalt- blütigen Schuppenmonster blickten mir aus ihren lidlosen, unbeweglichen Fischaugen nach. Was mochte wohl in ihnen vorgehen, als sie sahen, wie die Männer und Frauen Reisig aufschichteten und Holzpfähle in die Erde rammten? Feuer bedeutete für diese Wesen, deren Element das Wasser war, etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes. Um so schrecklicher für sie, daß sie darin einen lang- samen, qualvollen Tod erleiden mußten. »Huup! Huup!« schrien die Krieger, höhnisch ihre krächzenden Todesschreie imitierend, während sie wild um das Feuer herumtanzten. »Huup! Huup!« Diesmal gab es keine Skalpe zu erbeuten, denn nir- gendwo an den Körpern der Kreaturen wuchs auch nur ein einziges Haar.,

Zwanzig Jahre danach

Im Nordwesten, weit weg von Aztlan, nahe bei den hohen Bergen, die das Ende der Welt einhegen, vege- tiert heute (zwanzig Jahre nach Myrdhinns Tod) ein Volk in Elend und Armut dahin. Seine Nachbarn nennen es das Volk der Flachköpfe. Ob es sich bei diesen Menschen um mianische Flüchtlinge handelt, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen, denn ich habe von ihnen nur gerüchteweise gehört. Fest steht jedoch, daß die Schädel dieser Menschen ähnlich ge- formt sind wie die der Mias. In den Moorgebieten haben sich die einsamen Wanderer Weiber genommen, so daß manche edle, wohlerzogene mianische Dame ihr Leben damit ver- bringt, Leder zu gerben, Bündel zu schleppen und ih- rem rohen, ungebildeten Gatten Kinder zu gebären. Viele kamen während der langen, beschwerlichen Wanderschaft zu den Moorgebieten um. Nur wenige überstanden heil und unversehrt den Marsch durch die Heißen Länder von Alata. Doch die meisten wur- den zerstreut oder getötet von jenen, die ich ihnen mitgesandt hatte, sie zu bewachen. So ging die stolze und tapfere Nation der Mias un- ter, und mit ihr das weit ausgedehnte Reich der Erd- hügel. Wir kehrten wieder in unsere Felsenhäuser zurück und lebten glücklich und in Frieden. Zuvor jedoch unternahmen wir einen langen Feldzug in die Sümp- fe der Piasa und rotteten sie nahezu aus., Tolteca, das im Süden von uns liegt, ist wieder – wie schon in früheren Zeiten – ein ständiger Unruhe- herd, und ich spüre, daß es bald Krieg geben wird. Von oben aus dem Norden berichtet mir Hayon- watha, der (anders als meine britischen Kameraden, die inzwischen ausnahmslos am Alter oder an der Flasche zugrunde gegangen sind) noch immer unter den Lebenden weilt, daß das Volk der Hodenosaunee blüht und gedeiht und immer mächtiger wird. Meine Soldaten oder Bundesgenossen halten alle Forts be- setzt, die einst die mianische Grenze bildeten. Auch die Chichamecs verhalten sind ruhig und gelten als freundliche Nachbarn. Wo auch immer Dein Gesandter landen mag, o mein Kaiser, ist ihm ein freundlicher Empfang gewiß, denn alle erwarten erneut die Ankunft weißer Män- ner und haben die Order, diese in allen Ehren zu empfangen – als die Söhne des Gottes Quetzalcoatl, des Mannes, der Frieden predigte, jedoch unerbittlich sein konnte im Krieg, um ihn schnell zu beenden. Ich bitte Dich, mein Kaiser, behandle meinen Sohn Gwalchmai, den Falken der Schlacht, wie Myrdhinn seinen Paten einst taufte, freundlich und mit Nach- sicht. Er ist an große Städte nicht gewöhnt, obwohl er von ihnen viel aus Myrdhinns Büchern las. Leider – so fürchte ich – hat er aus diesen Büchern auch noch andere gefährliche Dinge gelernt. Er hat schon eine Reihe seltsamer Kunststücke vorgeführt, die mir ein wenig nach Hexerei schmecken. Komm, so schnell es geht, solange ich noch lebe. Ich habe so oft von dem Augenblick geträumt, da die Kiele römischer Schiffe knirschend auf den Strand- kies der Gestade Alatas laufen. Ich sehne mich nach, dem Klang römischer Trompeten. Ich habe für Rom einen ganzen Kontinent erobert, aber da ist niemand, der ihn nach meinem Tode zusammenhalten wird ... Schon beginnt das Volk, die christlichen Gebete, die Myrdhinn ihm einst beibrachte, zu vergessen. Und meine Azteken fangen an, unruhig zu werden; es zieht sie hinaus auf Wanderschaft. Komm, bevor es zu spät ist. Komm und nimm Dein Reich in Empfang. Vale.,

EPILOG

Nachdenklich ließ ich die uralte Pergamentrolle sin- ken und blickte den Veteran an. »Hier ist der Bericht zu Ende«, sagte ich. »Aber das ist doch nicht das Ende der Geschichte!« »Wie sollte es? Doch warum kam die Botschaft nicht weiter als bis Key West? Was wurde aus dem Sohn des Ventidius? Wie kam es, daß die Botschaft verlorenging?« »Ich könnte mir eine plausible Erklärung denken. Wissen Sie, wie Key West zu seinem Namen kam?« Ich schüttelte den Kopf. »Als die Spanier die Insel entdeckten, stießen sie auf Unmengen von Skeletten, die von einer Schlacht herrührten. Es waren so viele, daß sie der Insel den Namen Cayo de los huessos (Insel der Knochen) ga- ben. Dieser Name wurde später im Englischen zu ›Key West‹ verballhornt. Angenommen, diese Kno- chen waren die Überreste der Schiffsbesatzung, wel- che die Botschaft bei sich trug und von den Piasa ge- tötet wurde, welche Ventidius' Männer aus den Sümpfen Floridas verjagt hatten!« »Dann war das vielleicht das Ende der Piasa?« Er nickte. »Und das Ende von Gwalchmai, Ventidius' einzi- gem Sohn!« fügte ich nach einem Zögern hinzu. »Wer weiß?« meinte der Veteran nachdenklich. »Wer weiß?« »Immerhin war er Myrdhinns Patensohn. Wenn ei- ner heil diese Schlacht überstand, dann er! Aber das ist alles schon tausend Jahre her, und wir werden es wohl niemals ergründen.«,

NACHWORT H. Warner Munn am Ende der Welt

Wie jedes Kind weiß, wurde Amerika laut Ge- schichtsbuch von Christoph Kolumbus entdeckt. Dem Wikinger Eric dem Roten schreibt man allerdings zu, die amerikanische Küste bereits früher erreicht zu haben. Einen Amerika-Reisenden und -Entdecker ganz anderer Art und noch älteren Datums stellt H. Warner Munn in seinem Roman King of the World's Edge vor, der 1939 erstmals in Fortsetzungen in der berühmten amerikanischen Zeitschrift Weird Tales er- schien. Sein in der Ich-Form erzählender Held Venti- dius Varro ist Angehöriger der Sechsten Legion in Britannien, der »Victrix« (der Siegerin), und fühlt sich noch immer als Römer – fünf Generationen, nachdem Kaiser Honorius die römischen Truppen von der In- sel zur Verteidigung Roms heimberufen hat! Er fühlt sich so sehr als Angehöriger eines Reiches, das er nie gesehen hat, daß er schließlich alle eroberten Gebiete dem römischen Kaiser zur Verfügung stellen will – wie es die Art siegreicher Feldherrn war. Hart be- drängt von Juten, Sachsen und Angeln segeln diese keltischen Briten nach dem Tod ihres sagenumwobe- nen König Arthur in dessen Schiff Prydwen nach neu- en Küsten – ein paar Legionäre, begleitet von keinem Geringeren als dem Zauberer Merlin (welcher bei Munn unter dem keltischen Namen Myrdhinn auf- tritt). So bilden den Ausgangspunkt des Romans die arthurische Sagenwelt und der historische Hinter- grund des 6. Jahrhunderts nach Christus. Doch wer-, den diese Elemente nur in den ersten Kapiteln skiz- ziert; später entwickelt sich der Roman zu einer durchaus originellen und handlungsreichen Aben- teuergeschichte. Entlehnt wird nur die archetypische Gestalt des großen Zauberers und Weisen, der den Abenteurern als Ratgeber und Mentor beisteht, ihnen in der Not hilft und sie zügelt, wenn Kampfeslust und Rachsucht mit ihnen durchzugehen drohen. Die Geburt Merlins ist geheimnisumwittert: Er wurde entweder in historischer Zeit von einem Dämon ge- zeugt oder ist bereits so alt wie die Schöpfung selbst. Man sagt ihm auch nach, er sei bereits als Achtzigjäh- riger auf die Welt gekommen – also im Vollbesitz sei- nes Wissens – und könne die Zukunft voraussehen. Genaues weiß niemand, er hüllt sich meist in Schwei- gen, macht nur hie und da Andeutungen. Seine Gabe der Voraussicht und seine Zauberkräfte setzt er weise ein – nur in Augenblicken höchster Gefahr, und auch dann unter Gefährdung seines Seelenheils –, denn er ist Christ. Das hat natürlich auch rein erzählerische Gründe, denn jederzeit und beliebig angewandte Zauberkunst würde dem Roman jede Spannung nehmen. Merlin hat in der phantastischen Literatur seinen festen Platz im Zusammenhang mit dem ar- thurischen Sagenkreis, und Thomas Malorys Mort Darthur, die klassische englische Legendensammlung, diente Autoren phantastischer Romane immer wieder als Inspiration. Das bekannteste wie auch beste Bei- spiel ist wohl T. H. Whites Romantetralogie The Once and Future King (1958), bestehend aus den Romanen The Sword in the Stone (1938), The Queen of Air and Darkness (ursprünglich The Witch in the Wood, 1939, das für diese Fassung stark überarbeitet wurde), The, Ill-Made Knight (1940) und The Candle in the Wind (erstmals in The Once and Future King veröffentlicht). 1977 wurde posthum ein fünfter Band, The Book of Merlyn, veröffentlicht, den Whites Verleger seinerzeit nicht publizieren mochte, der es aber, endlich er- schienen, sofort zu Bestsellerehren brachte. White verstand es, mit viel liebe und Einfühlungsvermögen, den Geist der Zeit zu erwecken, die Details des ritter- lichen und höfischen Lebens, die Rüstungen, die Waf- fen und die Jagd zu beschreiben. Und doch sind seine Bücher im modernen Geist geschrieben, denn er setzte Anachronismen bewußt als Stilmittel ein. Sein Merlyn z.B. ist ein Zeitreisender, der sich an die Zu- kunft erinnert (schon in der unsterblichen Alice im Wunderland heißt es ja schließlich, daß der ein armse- liges Gedächtnis besitzt, welches nur in einer Rich- tung funktioniere). In der Gegenwart erscheint er des öfteren verwirrt, und es gibt Anspielungen auf die Psychoanalyse und ähnliches. Whites Romane sind Ausdruck eines ritterlichen Ideals und einer Weltan- schauung des Friedens und der Gerechtigkeit (um ih- nen zu dienen, wird die Tafelrunde eingesetzt), wie es sie im wirklichen Ritterzeitalter kaum gab, wo in Wahrheit brutale Gewalt herrschte, T. H. Whites Te- tralogie ist daher die in die Vergangenheit projizierte Utopie einer ritterlichen Idealgesellschaft, ironisch gebrochen und dramatisch äußerst wirksam. In ihr können sich die Friedenssehnsüchte des modernen Menschen spiegeln. In den Perspektiven schillernd verschoben, erscheint die Artus-Sage auch in anderen modernen Darstellungen, etwa in Thomas Bergers jüngstem Roman Arthur Rex (wo es vor allem um Sex, weniger um Minne geht), während andere Bücher, mehr romantisch-naiv sind. Dazu gehören z.B. Excali- bur (1973) von Sanders Anne Laubenthal (eine Ent- deckung Lin Carters für die Ballantine-Fantasy-Serie) oder eine Trilogie der Engländerin Vera Chapman: The Green Knight, The King's Damosel und King Ar- thur's Daughter (1976). Strenggenommen gehört Munns Roman jedoch nicht zu diesem Sagenkreis; übernimmt er doch le- diglich die Gestalt Merlins als Inbegriff des Zauberers und gewisse seiner magischen Gerätschaften (einen unsichtbar machenden Mantel, seinen Zauberring) und versetzt sie in eine völlig neue Umgebung. Nach einer Reise, auf der den Gefährten die üblichen Abenteuer zustoßen, welche eine Seefahrt zu bieten pflegt, gelangen sie in die Neue Welt, wo Merlin schließlich sein ersehntes ›Land der Toten‹ findet – für ihn kein anderes Land als für jeden anderen Men- schen. In erster Linie ist King of the World's Edge ein historischer oder vielmehr pseudo-historischer Abenteuerroman mit phantastischen Elementen, de- nen die verbreitete Annahme zugrunde liegt, daß in den Tagen unserer Altvorderen – zu Zeiten eines Artus, Merlin (und als Atlantis noch existierte) – die Magie funktionierte und die alten Götter wirkten, die dann irgendwie dahinschwanden. Mit einer Aus- nahme handelt es sich bei den Geschöpfen, die den Helden begegnen, durchaus um Menschen, und die beschriebenen Kämpfe und Abenteuer sind die der üblichen Kriegszüge und Waffentaten, wenngleich von phantastischen Ausmaßen. Eine Ausnahme bil- den die Piasa, fischähnliche Submenschen, die den Einfluß Lovecrafts zu verraten scheinen, der ebenfalls fischförmige Ungeheuer schilderte. H. Warner Munn, gehörte zum Freundeskreis Lovecrafts; die beiden wechselten Briefe und besuchten einander gegensei- tig in Providence (wo Lovecraft lebte) und Athol in Massachusetts (wo Munn 1903 geboren wurde und damals lebte). Lovecraft war es, der Munn zu seiner ersten veröffentlichten Erzählung The Werewolf of Ponkert (1925) anregte – von ihm stammt die Idee, einmal eine Werwolfgeschichte vom Standpunkt des Werwolfs zu schreiben –, während sich Munn wie- derum mit dem Gedanken trug, eine Fortsetzung zu Edgar Allan Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym zu verfassen (er verzichtete darauf, als der dadurch inspirierte Lovecraft At the Mountains of Madness, dt. Berge des Wahnsinns, geschrieben hatte). Die Situation, die die Helden aus King of the World's Edge in einem Teil der Neuen Welt antreffen, etwa dem heutigen Mexiko entsprechend, ist dem späteren Aztekenreich entlehnt. Es gibt eine herrschende Klas- se, die Mias, welche als grausame und harte Herren von gutbefestigten Städten und Forts aus über unter- einander zersplitterte und verfeindete Indianerstäm- me regieren – unter Abhaltung von Menschenopfern. Die Tlapallans, die Chichamecs, die Hodenosaunee sind teils Sklaven in den beherrschten Gebieten, teils bekämpfte und gejagte Wilde außerhalb der Festun- gen und Palisaden. Die Handlung folgt dem Muster vieler Romane dieser Art: Gefangenschaft mit allen Entbehrungen und grausamer Behandlung, Flucht, Einigung der verfeindeten Wilden, Aufstellung einer Streitmacht, die nach römischem Muster gedrillt und mit neuen Waffen ausgerüstet wird (z.B. einem schrecklichen Schwert aus Lavagestein) – und als Höhepunkt der Eroberungs- und Ausrottungsfeldzug, gegen die herrschenden Mias, der mit allen Finessen antiker Kriegskunst geführt wird, darunter riesigen Belagerungsmaschinen. Der Krieg artet oft zu Gemet- zeln aus, so daß Unterdrücker und Unterdrückte un- unterscheidbar werden. Die endgültige Ironie des Romans, welche der Autor wortlos übergeht, liegt darin, daß die zur Nation aufgestiegenen Aztlan die ihrerseits unterworfenen Völker genauso behandeln und durch Menschenopfer dezimieren wie früher die bekämpften Mias ihre Vasallenstämme. Sowohl Myrdhinn wie Varro werden zu aztektischen Gott- heiten erhoben: zu Quetzalcoatl der eine, zum men- schenverschlingenden furchtbaren Kriegsgott Huit- zilopochtli der andere. Und sie bereiten damit auch, ohne daß es ausdrücklich gesagt wird, den Weg für den Untergang des Aztekenreiches – sind sie doch Prototypen der weißen Götter, welche die Azteken auch fürderhin erwarteten – aber es kamen nur Kon- quistadoren. Tiefere philosophische oder staatspolitische Über- legungen liegen Munn fern; er wollte einfach eine spannende, abenteuerliche und farbige Geschichte auf mythisch-historischer Grundlage schreiben, ohne allzu große Rücksichten auf historische Genauigkeit. Und das ist ihm gelungen: Sein Roman hält für den Leser immer Überraschungen bereit, es gibt einen Spannungsbogen zwischen erniedrigender Gefangen- schaft und Triumph auf dem Schlachtfeld, immer neue Ereignisse, die den Leser in den Bann ziehen. Die Grundidee des Buches ist völlig eigenständig. Es hat andere Autoren phantastischer Romane gegeben, die den blutigen Hintergrund des untergehenden Aztekenreiches ins Mythische erhoben (etwa Leo Pe-, rutz' Die dritte Kugel oder Henry Rider Haggards Montezuma's Daughter, um nur die beiden wohl inter- essantesten zu nennen). Aber meines Wissens hat kein anderer Autor die Vorgeschichte des Azteken- reiches in romanhafter Form fabuliert. King of the World's Edge erschien 1966 in den USA als Taschenbuch, und 1967 publizierte Munn, der seit 1940 keine phantastischen Geschichten mehr ge- schrieben hatte, eine Fortsetzung: The Ship from Atlan- tis; beide Bücher erschienen 1976 nochmals, zusam- men in einem Band, unter dem Titel Merlin's Godson. Ein dritter Roman in der Serie, der noch umfangrei- cher ist als diese beiden Teile und einen weiterge- spannten räumlichen und zeitlichen Bereich umfaßt, wurde 1974 unter dem Titel Merlin's Ring veröffent- licht. Munn soll auch an einer weiteren Fortsetzung arbeiten, die den Titel The Sword of Merlin tragen wird. Weiteres steht also zu erwarten; deutsche Aus- gaben von The Ship from Atlantis und Merlin's Ring werden derzeit als Heyne-Taschenbücher vorbereitet. Sie erzählen, was Gwalchmai, der Sohn des Ventidius Varro, auf seiner Reise zurück zur Alten Welt alles erlebt – seine Begegnung mit einem Schiff aus dem untergegangenen Atlantis und einem Mädchen aus lebendigem Metall, seine Abenteuer unter Wikingern, Franken, selbst Chinesen und Japanern, aber auch im Reich der Elfen.]
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