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Lois McMaster Bujold Komarr Ein Roman aus dem BARRAYAR-UNIVERSUM Aus dem Amerikanischen von MICHAEL MORGENTAL Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Von Lois McMaster Bujold erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Die Quaddies von Cay Habitat • 06/5243 Fiamettas Ring • 06/5895 DER BARRAYAR-ZYKLUS: Scherben der Ehre • 06/4968 Barrayar • 06/5061 Der Kadett • 06/5020 Der Prinz und der Söldner • 06/5109 Ethan von Athos • 06/5293 Grenzen der Unendlichkeit • 06/5452 Waffenbrüder • 06/5538 Spiegeltanz • 06/5885 Cetaganda • 06/6317 Viren des Vergessens • 06/6352 Komarr • 06...
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Lois McMaster Bujold Komarr

Ein Roman aus dem BARRAYAR-UNIVERSUM Aus dem Amerikanischen von MICHAEL MORGENTAL Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

, Von Lois McMaster Bujold erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Die Quaddies von Cay Habitat • 06/5243 Fiamettas Ring • 06/5895 DER BARRAYAR-ZYKLUS: Scherben der Ehre • 06/4968 Barrayar • 06/5061 Der Kadett • 06/5020 Der Prinz und der Söldner • 06/5109 Ethan von Athos • 06/5293 Grenzen der Unendlichkeit • 06/5452 Waffenbrüder • 06/5538 Spiegeltanz • 06/5885 Cetaganda • 06/6317 Viren des Vergessens • 06/6352 Komarr • 06/6421, HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/6421 Titel der amerikanischen Originalausgabe

KOMARR

Deutsche Übersetzung von Michael Morgental Das Umschlagbild ist von Thomas Thiemeyer Die Karte auf Seite 5 zeichnete Mirjam Wehner Umwelthinweis: Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1998 by Lois McMaster Bujold Erstausgabe 1998 by Baen Books Enterprises, New York Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und Thomas Schluck, Literarische Agentur, Garbsen Copyright © 2002 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München http://www.heyne.de Scan by Brrazo 02/2006 Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Technische Betreuung: M. Spinola Satz: Schaber, Satz- und Datentechnik, Wels Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-453-21-354-8, Der letzte schimmernde Splitter von Komarrs Sonne schmolz hinter den niedrigen Hügeln am westlichen Horizont dahin. Ihm folgte am Himmels- gewölbe das reflektierte Feuer des Sonnenspiegels, das sich strahlend vom dunkelnden, purpurn getönten Blau abhob. Als Ekaterin zum ersten Mal von der Oberfläche des Planeten Komarr aus die hexagonal angeordnete Soletta erblickt hatte, war diese ihr sofort wie ein riesiger Schmuck zum Winterfest vorgekommen, der wie eine aus Sternen gebildete Schneeflocke gütig und tröstend am Himmel hing. Jetzt lehnte Ekaterin auf ihrem Balkon, der eine Aussicht auf den zentralen Park der Kuppelstadt Serifosa gewährte, und blickte ernst und prüfend durch die Glaswölbung über ihrem Kopf auf den asymmetrischen Lichtfleck. Vermeintlich funkelnd hob er sich vom allzu dunklen Himmel ab. Drei der sechs Scheiben der Sternen- flocke leuchteten überhaupt nicht, die mittlere siebte war blockiert und gab nur noch mattes Licht. Die Erdbewohner der alten Zeit, so hatte sie gelesen, hatten Veränderungen am uhrwerkhaften Ablauf der Vor- gänge an ihrem Himmel – Kometen, Novae, Sternschnup- pen – als beunruhigende Omina und Vorzeichen für Katas- trophen in der Natur oder Desaster im Staat angesehen; schon in dem Wort Des-aster war in der Wurzel astet/astron der astrologische Ursprung dieses Begriffs, enthalten gewesen. Die Kollision vor zwei Wochen zwischen einem innerhalb des Systems zirkulierenden, doch außer Kontrolle geratenen Erzfrachter und dem Sonnenspiegel, welcher Komarr mit Solarenergie versorg- te, war buchstäblich ein Desaster gewesen, und zwar auf der Stelle für das halbe Dutzend komarranischer Angehöri- ger der Mannschaft auf der Soletta-Station, die ums Leben gekommen waren. Doch danach schien es sich in Zeitlupe abzuspielen; bis jetzt hatte es die abgeschlossenen Kuppel- biotope, welche die Bevölkerung des Planeten beherberg- ten, kaum in Mitleidenschaft gezogen. Drunten im Park errichtete eine Gruppe von Arbeitern hohe Träger mit zusätzlichen Beleuchtungskörpern. Ähnliche Notmaßnah- men in den Treibhäusern, wo die Nahrung für die Stadt produziert wurde, mussten nahezu abgeschlossen sein, wenn man diese Arbeiter und diese Anlagen für eine so dekorative Aufgabe übrig hatte. Nein, rief sie sich ins Gedächtnis: Unter dieser Kuppel gab es keine dekorative Vegetation. Jede trug ihren Teil zu dem biologischen Reservoir bei, das hier letztlich das Leben aufrechterhielt. Die Gärten in den Kuppeln würden leben, gehegt von ihren menschlichen Symbionten. Außerhalb der Kuppeln stellte sich eine völlig andere Frage bezüglich der empfindlichen Pflanzungen, mit denen man sich abmühte, eine ganze Welt zu biotransformieren. Ekaterin kannte die Berechnungen, die seit zwei Wochen Abend für Abend an ihrem Esstisch erörtert wurden, von den Prozent Sonneneinstrahlung, die am Äquator verloren gingen. Die Tage waren jetzt bewölkt wie im Winter – allerdings auf dem gesamten Planeten, und das immer, weiter und weiter, bis wann? Wann würden die Repara- turen abgeschlossen sein? Das heißt: Wann würden sie überhaupt beginnen? Als Sabotage war die Zerstörung unerklärlich, falls es sich denn um Sabotage handelte; als Halbsabotage war sie jedoch doppelt unerklärlich. Wann wird man es noch einmal versuchen? Falls es überhaupt ein man war, eine grässliche Bosheit, und nicht bloß ein gräss- licher Unfall. Sie seufzte und wandte sich von dem Anblick ab, dann schaltete sie die Scheinwerfer ein, die sie aufgestellt hatte, um ihren eigenen winzigen Garten auf dem Balkon zu versorgen. Einige der barrayaranischen Pflanzen, die sie gesetzt hatte, waren besonders empfindlich hinsichtlich ihrer Beleuchtung. Sie überprüfte das Licht mit einem Messgerät, schob zwei Kästen mit Hirschjägerranken näher an die Lichtquelle heran und stellte die Zeitschaltuhren ein. Dann ging sie zwischen ihren Pflanzen umher, überprüfte mit empfindsamen und erfahrenen Fingern Temperatur und Feuchtigkeit des Bodens und goss behutsam, wo es nötig war. Kurz erwog sie, ihre alte Bonsai-Skellytum nach drinnen zu stellen, um ihr kontrolliertere Bedingungen zu bieten, aber hier auf Komarr war ja in Wirklichkeit überall »drinnen«. Seit fast einem Jahr hatte Ekaterin keinen Wind mehr in den Haaren gespürt. Sie fühlte sich seltsam schmerzhaft mit der verpflanzten Ökologie da draußen verbunden, die langsam an Licht- und Wärmemangel dahinstarb und in einer toxischen Atmosphäre erstickte… Das ist töricht! Hör damit auf! Wir haben Glück, dass wir hier sein können! »Ekaterin!« Der fragende Ruf ihres Mannes weckte in, dem Wohnturm ein gedämpftes Echo. Sie steckte den Kopf durch die Küchentür. »Ich bin auf dem Balkon!« »Nun, dann komm mal herunter!« Sie verstaute ihre Gartenwerkzeuge in dem Kasten unter dem Sitz des Schemels, klappte den Deckel zu, schloss die durchsichtigen Türen hinter sich und eilte durch den Raum in den Korridor und dann die Wendeltreppe hinunter. Tien stand ungeduldig neben der Doppeltür, die von ihrer Woh- nung zum Hausgang führte. Er hielt einen Kommunikator in der Hand. »Gerade hat dein Onkel angerufen. Er ist auf dem Shuttlehafen gelandet. Ich werde ihn abholen.« »Ich nehme Nikolai und komme mit.« »Mach dir nicht die Mühe, ich hole ihn bloß an den Schleusen der West-Station ab. Er sagte, ich solle dir aus- richten, dass er einen Gast mitbringt. Noch einen Auditor, eine Art Assistenten von ihm, so hat es sich angehört. Aber er sagte, wir sollten uns keine Gedanken machen, sie würden beide mit dem vorliebnehmen, was sie hier vorfinden. Er schien sich vorzustellen, wir würden sie hier in der Küche abfüttern oder so etwas. Du meine Güte! Zwei kaiserliche Auditoren. Warum musstest du ihn überhaupt einladen?« Sie starrte ihn bestürzt an. »Wie könnte mein Onkel Vorthys nach Komarr kommen und uns nicht besuchen? Außerdem kannst du nicht behaupten, deine Abteilung sei von seinen Untersuchungen nicht berührt. Natürlich will er sie besuchen. Ich dachte, du magst ihn.«, Er schlug sich mit der Hand unrhythmisch auf den Ober- schenkel. »Damals, als er einfach der alte komische Professor war, gewiss. Der exzentrische Onkel Vorthys, der Vor-Techniker. Seine Ernennung zum Auditor durch den Kaiser hat doch die gesamte Familie überrascht. Ich kann mir nicht vorstellen, wem er Gefälligkeiten erwiesen hat, um diesen Posten zu bekommen.« Ist das die einzige Art, die du dir vorstellen kannst, wie jemand befördert wird? Doch sie sprach den Gedanken, dessen sie schon überdrüssig war, nicht laut aus. »Gewiss ist es doch beim Amt des Kaiserlichen Auditors – vergli- chen mit allen anderen politischen Ernennungen – am unwahrscheinlichsten, dass man es auf diese Art bekommt«, murmelte sie. »Kat, bist du naiv!« Er lächelte kurz und fasste sie bei den Schultern. »Niemand bekommt etwas umsonst in Vorbarr Sultana. Ausgenommen vielleicht der Assistent deines Onkels, der – wie ich gehört habe – eng mit dem Vorkosigan verwandt sein soll. Er hat den Posten anscheinend aufgrund seiner bloßen Existenz bekommen. Unglaublich jung für so eine Aufgabe, wenn es sich bei ihm um den Mann handelt, von dem ich gehört habe, dass er beim Winterfest vereidigt wurde. Vermutlich ein Leichtgewicht; allerdings hat dein Onkel Vorthys nur gesagt, der Mann sei empfindlich hin- sichtlich seiner Körpergröße und man solle sie deshalb nicht ansprechen. Wenigstens etwas an diesem Durch- einander verspricht ein Spektakel zu werden.« Er steckte seinen Kommunikator in die Jackentasche. Seine Hand zitterte leicht. Ekaterin fasste sein Handgelenk, und drehte es um. Das Zittern wurde stärker. Sie hob die vor Sorge dunklen Augen und blickte ihn stumm fragend an. »Nein, verdammt!« Er entriss ihr seinen Arm. »Es fängt nicht an. Ich bin nur ein wenig angespannt. Und müde. Und hungrig, und deshalb schau mal, ob du nicht ein anständiges Essen fertig bringst, bis wir zurück sind. Dein Onkel mag ja einen Proletengeschmack haben, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein junger Lord aus Vorbarr Sultana den teilt.« Er schob die Hände in die Hosentaschen und wandte die Augen von ihrem unfrohen Blick ab. »Du bist jetzt älter, als dein Bruder damals war.« »Es bricht zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus, weißt du noch? Wir werden bald einmal hingehen, ich verspreche es dir.« »Tien… ich wünschte, du würdest diesen Plan mit der galaktischen Behandlung aufgeben. Hier auf Komarr gibt es medizinische Einrichtungen, die sind fast so gut wie… wie auf Kolonie Beta oder sonstwo. Als du diesen Posten hier bekommen hattest, dachte ich, du würdest die Geheim- nistuerei vergessen und einfach offen Hilfe suchen. Oder diskret, wenn du darauf bestehst. Aber warte nicht länger!« »Man ist hier nicht diskret genug. Endlich ist meine Karriere in Gang gekommen, endlich zahlt sie sich aus. Ich habe kein Verlangen, gerade jetzt zum Mutanten abgestem- pelt zu werden.« Wenn es mir nichts ausmacht, was spielt es dann für eine Rolle, was irgendwelche anderen Leute denken? Sie zögerte. »Ist das der Grund, warum du Onkel Vorthys nicht begegnen möchtest? Tien, von allen meinen – oder auch, deinen – Verwandten schert es ihn wahrscheinlich am wenigsten, ob deine Krankheit genetisch bedingt ist oder nicht. Er wird dich mögen, und Nikolai.« »Ich hab es unter Kontrolle«, beharrte er. »Wage es nicht, mich an deinen Onkel zu verraten, wo ich so nahe daran bin, dass es sich wirklich echt auszahlt. Ich habe es unter Kontrolle, du wirst sehen.« »Dass du bloß nicht… den Ausweg wählst, den dein Bruder gegangen ist. Versprich es mir!« Jener Unfall mit dem Leichtflieger, der nur teilweise ein Unfall gewesen war, hatte diese Jahre des chronischen, subklinischen Alb- traums des Wartens und Beobachtens eingeleitet… »Ich hege nicht die Absicht, so etwas zu tun. Es ist alles geplant. Ich werde dieses Dienstjahr vollenden, dann nehmen wir den lange überfälligen galaktischen Urlaub, du und ich und Nikolai. Und dann wird alles geregelt werden, und niemand wird jemals etwas davon erfahren. Wenn du nicht den Kopf verlierst und im letzten Augenblick in Panik ausbrichst!« Er fasste sie an der Hand, zwang sich ein Lächeln ab, hinter dem kein Gefühl stand, und ging zur Tür hinaus. Warte, ich werde es regeln. Vertraue mir. Das hast du schon letztes Mal gesagt. Und davor, und wiederum davor… Wer wird denn hier verraten? Tien, dir läuft die Zeit davon, siehst du das denn nicht? Sie wandte sich der Küche zu und ging in Gedanken ihr Abendessen durch, das sie für die Familie vorgesehen hatte und das sie nun abändern musste, um einen Vor-Lord aus der Hauptstadt des Kaiserreichs zu berücksichtigen. Weiß-, wein? Ihre begrenzte Erfahrung mit diesen Leuten legte den Gedanken nahe, man müsse sie nur genügend unter Alkohol setzen, dann würde es keine Rolle spielen, was man ihnen zu essen gab. Sie legte noch eine ihrer teuren, von zuhause importierten Flaschen in den Kühlschrank. Nein … besser wären noch zwei weitere Flaschen. Mit gemischten Gefühlen deckte sie einen weiteren Platz an dem Tisch auf dem Balkon vor der Küche, den sie für gewöhnlich als Speisezimmer benutzten, und sie bedauerte es jetzt, dass sie keinen Diener für den Abend engagiert hatte. Aber auf Komarr waren menschliche Diener so teuer. Und sie hatte sich diese häusliche Ungestörtheit mit Onkel Vorthys gewünscht. Selbst die seriösen offiziellen Nach- richtensendungen im Vid setzten allen zu, die an den Untersuchungen beteiligt waren; die Tatsache, dass nicht ein, sondern zwei Kaiserliche Auditoren am Schauplatz im Orbit von Komarr eingetroffen waren, hatte die fieber- haften Spekulationen nicht beseitigt, sondern nur umge- lenkt. Als sie mit ihrem Onkel kurz nach seiner Ankunft am Schauplatz zum ersten Mal gesprochen hatte, und zwar über einen distanzverzögerten Kanal, der alle Versuche, ein längeres Gespräch zu führen, vereitelte, da hatte der nor- malerweise geduldige Onkel Vorthys bei der Schilderung der öffentlichen Befragungen, in die man ihn verwickelt hatte, bemerkenswert gereizt geklungen. Er hatte ange- deutet, er wäre froh, wenn er ihnen entkommen könnte. Da die Jahre seiner Tätigkeit als akademischer Lehrer ihn gegen dumme Fragen abgehärtet haben mussten, fragte sich Ekaterin, ob der wahre Grund seiner Gereiztheit darin lag, dass er die Fragen nicht beantworten konnte., Aber vor allem, das musste sie sich eingestehen, wollte sie einfach nur gierig das Gefühl einer glücklicheren Vergangenheit für sich selbst wieder einfangen. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie zwei Jahre bei Tante und Onkel Vorthys gewohnt, als sie unter deren zwangloser Aufsicht die Kaiserliche Universität besuchte. Das Leben mit dem Professor und der Professora war irgendwie weniger einge- schränkt und einschränkend gewesen als im konservativen Vor-Haushalt ihres Vaters in der Pionierstadt ihrer Geburt auf dem Südkontinent; vielleicht, weil die beiden sie als die Erwachsene behandelt hatten, die Ekaterin gerne sein wollte, anstatt als das Kind, das sie gewesen war. Mit gewissen Schuldgefühlen hatte sie sich ihnen näher gefühlt als ihrem leiblichen Vater. Eine Weile war ihr jede Zukunft möglich erschienen. Dann hatte sie Etienne Vorsoisson gewählt, oder er hatte sie gewählt… Dir hat es damals durchaus gefallen. Sie hatte Ja gesagt zu den Heiratsplänen, welche die Baba, die Heiratsvermittlerin, ihres Vaters offeriert hatte, und das mit allem guten Willen. Du hast es nicht gewusst. Tien hat es nicht gewusst. Vorzohns Dystrophie. Niemand ist schuld daran. Der neunjährige Nikolai hüpfte in die Küche. »Ich habe Hunger, Mama. Kann ich ein Stück von diesem Kuchen haben?« Sie fing die schnellen Finger ab, die versuchten, von der Glasur zu probieren. »Du kannst ein Glas Fruchtsaft haben.« »Ooch…« Doch er nahm den angebotenen Ersatz an, den sie ihm listig in einem der guten Weingläser darbot,, die schon aufgereiht warteten. Er stürzte das Getränk hinunter und hüpfte herum, während er trank. War er aufgeregt oder hatte er die elterliche Spannung gespürt? Hör mit deinen Projektionen auf, sagte sie sich. Der Junge hatte die letzten beiden Stunden in seinem Zimmer zugebracht und ganz vertieft an seinen Modellen herumgebastelt; es war an der Zeit, dass er sich mal wieder bewegte. »Erinnerst du dich an Onkel Vorthys?«, fragte sie ihn. »Vor drei Jahren haben wir ihn besucht.« »Aber sicher doch.« Er trank sein Glas leer. »Er hat mich in sein Labor mitgenommen. Ich dachte, da würden lauter Bechergläser und so blubbernde Dinger rumstehen, aber da waren lauter große Maschinen und Beton. Dort hat es komisch gerochen, irgendwie staubig und scharf.« »Von den Schweißgeräten und dem Ozon, ganz richtig«, sagte sie, beeindruckt von seinen Erinnerungen. Sie nahm das Weinglas wieder an sich. »Streck mal deine Hand aus. Ich möchte sehen, wie viel du noch wächst. Welpen mit großen Pfoten sollen nämlich große Hunde werden, weißt du.« Er hielt seine Hand ihrer entgegen, und sie begegneten sich, Handfläche an Handfläche. Seine Finger waren nur noch zwei Zentimeter kürzer als die ihren. »Ach, du meine Güte!« Er grinste sie befangen, doch befriedigt an und starrte kurz auf seine Füße, zappelte nachdenklich mit den Zehen. Sein rechter großer Zeh guckte durch ein neues Loch in seinem neuen Strumpf. Sein kinderhelles Haar wurde dunkler; es würde, vielleicht noch so braun werden wie das ihre. Er ging ihr schon bis zur Brust, obwohl sie hätte schwören können, dass er ihr vor fünfzehn Minuten erst bis zur Hüfte gegangen war. Seine Augen waren braun wie die seines Vaters. Seine schmuddelige Hand – wo fand er eigentlich unter dieser Kuppel so viel Schmutz? – war so ruhig, wie seine Augen klar und unschuldig waren. Kein Zittern. Die frühen Symptome von Vorzohns Dystrophie waren trügerisch, ahmten ein halbes Dutzend anderer Krankheiten nach und konnten jederzeit zuschlagen, von der Pubertät bis zum mittleren Alter. Aber nicht heute, und nicht bei Nikolai. Noch nicht. Geräusche vom Eingang der Wohnung her sowie gedämpfte männliche Stimmen lockten sie aus der Küche. Nikolai rannte voraus. Als sie hinter ihm ankam, hatte ihn der kräftige weißhaarige Mann, der den ganzen Raum auszufüllen schien, schon halb hochgehoben. »Uff!« Um ein Haar hätte er Nikolai herumgewirbelt. »Du bist ja mächtig gewachsen, Nikki!« Onkel Vorthys hatte sich nicht verändert, trotz seines Respekt gebietenden neuen Titels: dieselbe mächtige Nase, dieselben großen Ohren, derselbe zerknitterte Anzug in Übergröße, der immer so aussah, als hätte er darin geschla- fen, dasselbe tiefe Lachen. Er setzte seinen Großneffen auf den Fliesen ab, widmete seiner Nichte eine Umarmung, die herzhaft erwidert wurde, bückte sich und kramte in seiner Reisetasche. »Hier ist etwas für dich, Nikki, glaube ich…«, Nikolai hüpfte um ihn herum; Ekaterin zog sich vorläufig zurück, bis sie an der Reihe wäre. Tien schob sich mit Gepäck durch die Tür. Erst jetzt bemerkte sie den Mann, der distanziert lächelnd daneben stand und diese familiäre Szene beobachtete. Sie verbarg ihre Überraschung. Der Mann war kaum größer als der neunjährige Nikolai, aber ganz unverkennbar kein Kind. Er trug auf einem kurzen Hals einen großen Kopf und hielt sich leicht gebeugt; sein restlicher Körper wirkte mager, aber stabil. Jacke und Hose waren von einem vornehmen Grau, die offene Jacke ließ ein schönes weißes Hemd sehen; dazu trug der Mann blank geputzte Halb- stiefel. An seiner Kleidung fehlten die pseudomilitärischen Verzierungen völlig, welche die hohen Vor normalerweise zur Schau trugen, doch die Perfektion, mit der die Klei- dung saß – sie musste maßgeschneidert sein, um an diesem seltsamen Körper gut zu sitzen –, deutete auf einen Preis hin, den Ekaterin gar nicht zu schätzen wagte. Hinsichtlich seines Alters war sie sich unsicher; vielleicht nicht viel älter als sie selbst? Im dunklen Haar war noch kein Grau, aber Lachfältchen um seine Augen und Leidensfalten um seinen Mund durchzogen seine winterblasse Haut. Er bewegte sich steif, als er seine Reise- tasche absetzte, sich umwandte und beobachtete, wie Nikolai seinen Großonkel in Beschlag nahm. Ansonsten wirkte der Mann nicht sehr verkrüppelt. Er war keine unauffällige Gestalt, aber seine Haltung war bemerkens- wert unaufdringlich. Fühlte er sich in Gesellschaft wohl? Abrupt wurde Ekaterin an ihre Pflichten als Tochter der Vor erinnert., Sie trat zu ihrem überraschenden Gast. »Willkommen in meinem Haus…«, ach je, Tien hatte seinen Namen gar nicht erwähnt,»… Mylord Auditor.« Er streckte seine Hand aus und fasste die ihre zu einem völlig normalen, nüchternen Händedruck. »Miles Vorko- sigan.« Seine Hand war trocken und warm, kleiner als die ihre, aber durch und durch männlich. Saubere Fingernägel! »Und Sie, Madame?« »Oh! Ekaterin Vorsoisson.« Zu ihrer Erleichterung gab er ihre Hand frei, ohne sie zu küssen. Sie schaute kurz auf seinen Scheitel, der sich auf gleicher Höhe mit ihrem Schlüsselbein befand, und dabei ging ihr auf, dass er zu ihrem Dekolleté sprechen würde, deshalb trat sie ein wenig zurück. Er schaute zu ihr auf und lächelte dabei immer noch leicht. Nikolai schleifte derweil Onkel Vorthys’ größere Reise- tasche in Richtung auf den Gästeraum und demonstrierte dabei stolz seine Kraft. Tien folgte schicklicherweise seinem älteren Gast. Ekaterin überlegte schnell. Diesen Burschen Vorkosigan konnte sie nicht gut in Nikolais Zimmer unterbringen; das Kinderbett würde so peinlich gut passen. Einen Kaiserlichen Auditor einladen, er solle auf ihrer Wohnzimmercouch schlafen? Wohl kaum. Sie bedeu- tete ihm mit einer Geste, er solle ihr in den entgegen- gesetzten Korridor folgen, in ihren Pflanzenraum, der zugleich ihr Büro war. Eine ganze Seite des Zimmers war einem Arbeitstisch und einem Regal gewidmet, die beide mit Pflanzentöpfen besetzt waren. Kaskaden von Beleuch- tungskörpern in den Ecken nährten zarte neue Schösslinge in einer verwirrenden Vielfalt von Grüntönen (von der, Erde) und rotbrauen Farben (von Barrayar). Vor einem schönen breiten Fenster gab es einen großen freien Platz auf dem Boden. »Wir haben nicht viel Platz«, entschuldigte sie sich. »Leider müssen hier sogar barrayaranische Beamte akzep- tieren, was ihnen zugewiesen wird. Ich werde ein Grav- Bett für Sie kommen lassen, man wird es sicher geliefert haben, bevor das Abendessen um ist. Aber in dem Zimmer sind Sie wenigstens ungestört. Mein Onkel schnarcht gewaltig… Das Bad ist gleich den Korridor hinunter rechts.« »Es gefällt mir«, versicherte er ihr. Er trat zu dem Fenster und blickte über den von der Kuppel überwölbten Park hinweg. Die Lichter in den umliegenden Gebäuden schimmerten warm im Zwielicht des halb erloschenen Sonnenspiegels. »Ich weiß, dass Sie Besseres gewohnt sind.« Er zog einen Mundwinkel hoch. »Ich habe einmal sechs Wochen auf dem nackten Boden geschlafen. Zusammen mit zehntausend extrem schmuddeligen Marilacanern, von denen viele geschnarcht haben. Ich kann Ihnen versichern, hier gefällt es mir.« Sie erwiderte sein Lächeln, obwohl sie nicht sicher war, wie sie diesen Scherz nehmen sollte, falls es sich um einen Scherz handelte. Dann überließ sie es ihm, seine Sachen nach eigenem Belieben auszupacken, und eilte davon, um die Firma anzurufen, die Grav-Betten vermietete, und um die Vorbereitungen für das Abendessen abzuschließen. Trotz ihrer besten Absichten, es formeller angehen zu, lassen, trafen sie sich alle in ihrer Küche, wo der kleine Auditor erneut ihre Erwartungen zunichte machte, indem er ihr nur gestattete, ihm ein halbes Glas Wein einzugießen. »Ich habe den heutigen Tag mit sieben Stunden in einem Druckanzug begonnen«, sagte er. »Noch vor dem Dessert würde ich mit dem Gesicht auf meinem Teller einschla- fen.« Seine grauen Augen funkelten. Ekaterin scheuchte sie alle hinaus zu dem Tisch auf dem Balkon und servierte den mild gewürzten Eintopf aus künstlich gezüchtetem Eiweiß, von dem sie richtig vermu- tet hatte, dass ihr Onkel ihn mögen würde. Als sie das Brot und den Wein herumreichte, hatte sie schließlich ihre Pflichten so weit erfüllt, dass sie endlich selbst ein Wort mit ihrem Onkel wechseln konnte. »Was geschieht jetzt mit deinen Ermittlungen? Wie lange kannst du bleiben?« »Da gibt es nicht viel mehr, als was du in den Nach- richten gehört hast, fürchte ich«, erwiderte er. »Wir können uns diesen Urlaub auf dem Planeten nur so lange leisten, bis die Spurensicherungsteams die Trümmer zusammen- geklaubt haben. Uns fehlen noch einige ziemlich wichtige. Der Schleppzug des Frachters war voll beladen und verfüg- te über eine gewaltige Masse. Als die Maschinen explo- dierten, wurden Trümmer in allen möglichen Größen mit jeder möglichen Geschwindigkeit in alle möglichen Rich- tungen weggesprengt. Wir brauchen unbedingt alle Teile des Steuersystems des Frachters, die wir nur finden können. Wenn wir Glück haben, dürften die Leute in drei Tagen das meiste davon aufgespürt haben.« »War es also absichtliche Sabotage?«, fragte Tien., Onkel Vorthys zuckte die Achseln. »Da der Pilot tot ist, wird das sehr schwer zu beweisen sein. Es könnte auch ein Selbstmordkommando gewesen sein. Die Ermittlungs- mannschaften haben keine Anzeichen für militärischen oder chemischen Sprengstoff gefunden.« »Sprengstoff wäre überflüssig gewesen«, murmelte Vor- kosigan. »Der rotierende Frachter traf die Spiegelanlage im schlimmstmöglichen Winkel, nämlich hochkant«, fuhr Onkel Vorthys fort. »Die Hälfte des Schadens wurde von Teilen des Spiegels selbst angerichtet. Durch die beträcht- liche Wucht der unterschiedlichen Kollisionen hat er sich einfach selbst auseinander gerissen.« »Wenn das ganze Ergebnis geplant war, dann muss es wirklich erstaunlich gut berechnet worden sein«, sagte Vorkosigan trocken. »Genau das lässt mich glauben, es könnte wirklich ein Unfall gewesen sein.« Ekaterin beobachtete ihren Mann, der insgeheim den kleinen Auditor beobachtete, und sie las in seinen Augen das stumme Urteil: Mutant! Wie würde Tien mit dem Mann umgehen, der offen – und ohne sich zu rechtfertigen oder auch nur befangen zu sein – solche Stigmata der Abnormität trug? Mit neugierigem Blick wandte sich Tien an Vorkosigan. »Ich kann verstehen, warum Kaiser Gregor den Professor losgeschickt hat, denn er ist die höchste Autorität des Reiches für Störfallanalyse und dergleichen. Aber worin besteht eigentlich Ihr Part in dieser Sache, Lord Auditor Vorkosigan?«, Vorkosigan lächelte schief. »Ich habe einige Erfah- rungen mit Raumstationen.« Er lehnte sich zurück, schob sein Kinn hoch und ließ dieses seltsame Aufblitzen von Ironie wieder aus seinem Gesicht verschwinden. »Was die Untersuchungen der möglichen Ursachen angeht, bin ich genau genommen nur ein Trittbrettfahrer. Es handelt sich hier um das erste wirklich interessante Problem, das sich stellt, seit ich vor drei Monaten als Auditor vereidigt wurde. Ich wollte einfach zuschauen, wie so etwas gemacht wird. Da seine Heirat mit einer Komarranerin ins Haus steht, hat Kaiser Gregor ein vitales Interesse an allen möglichen politischen Nachwirkungen dieses Unfalls. Dies wäre ein sehr schlechter Zeitpunkt für eine ernsthafte Verschlechterung der Beziehungen zwischen Barrayar und Komarr. Aber ob es sich nun um einen Unfall handelt oder um Sabotage, der Schaden an dem Spiegel wirkt sich sehr direkt auf das Terraforming-Projekt aus. Ich habe gehört, Ihr Sektor Serifosa sei ziemlich repräsentativ dafür.« »In der Tat. Morgen werde ich sie beide zu einer Rundfahrt mitnehmen«, versprach Tien. »Ich lasse Ihnen von meinen komarranischen Assistenten einen kompletten Fachbericht erstellen, der alle Zahlen enthält. Aber die wichtigste Zahl ist immer noch reine Spekulation. Wie schnell wird der Spiegel repariert werden?« Vorkosigan verzog das Gesicht und streckte eine kleine Hand aus, mit der Handfläche nach oben. »Wie schnell, das hängt im Einzelnen davon ab, wie viel Geld das Kaiser- reich auszugeben gewillt ist. Da Teile von Barrayar selbst noch aktivem Terraforming unterzogen werden und der Planet Sergyar von beiden Welten Einwanderer fast so, schnell abzieht, wie sie nur die Raumschiffe besteigen können, fragen sich einige Mitglieder der Regierung offen, warum wir so viele Mittel des kaiserlichen Fiskus ausgeben und in eine Randwelt wie Komarr pumpen.« Aus seinem gemessenen Ton konnte Ekaterin nicht schließen, ob er mit diesen Regierungsmitgliedern einer Meinung war oder nicht. »Das Terraforming von Komarr war schon drei Jahrhunderte vor sich gegangen, bevor wir den Planeten eroberten«, sagte sie. »Wir können doch wohl kaum ausgerechnet jetzt damit aufhören?« »Schmeißen wir also gutes Geld dem schlechten hinter- her?« Vorkosigan zuckte die Achseln und lehnte es ab, seine eigene Frage zu beantworten. »Es gibt noch eine zweite Denkschule, eine rein militärische. Die Beschrän- kung der Bevölkerung auf die Kuppelstädte macht Komarr militärisch verletzlicher. Warum soll man der Bevölkerung einer eroberten Welt zusätzliches Territorium geben, in das sie sich zurückziehen und sich dort neu formieren kann? Dieser Gedanke geht von der interessanten Annahme aus, dass nach dreihundert Jahren, wenn das Terraforming end- lich abgeschlossen ist, die Bevölkerungen von Komarr und Barrayar immer noch nicht einander assimiliert sein werden. Und wenn doch, dann würde es sich ja um unsere Kuppelstädte handeln, und wir würden dann sicherlich nicht wollen, dass sie verletzlich sind, oder?« Er hielt inne, nahm einen Bissen Brot und Eintopf, spülte ihn mit Wein hinunter und fuhr dann fort: »Da Gregor sich zur Politik der Assimilation bekennt und er mit seiner kaiserlichen Person für diese Politik einsteht, wird… hm… die Frage nach einem Motiv für Sabotage kompli-, ziert. Könnten die Saboteure vielleicht isolationistische Barrayaraner gewesen sein? Komarranische Extremisten? Leute von beiden Seiten, die hofften, in der Öffentlichkeit die Schuld daran der jeweils anderen Seite geben zu können? Wie sehr ist der durchschnittliche, in einer Kuppelstadt lebende Komarraner einem Ziel verpflichtet, dessen Verwirklichung keiner der jetzt Lebenden jemals sehen wird? Würde man nicht lieber das Geld heutzutage sparen? Ob es Sabotage oder Unfall war, macht vom technischen Standpunkt aus gesehen keinen Unterschied, aber einen sehr großen, wenn man es politisch sieht.« Vorkosigan und Onkel Vorthys tauschten einen besorg- ten Blick aus. »Also beobachte, horche und warte ich«, schloss Vorko- sigan. Er wandte sich an Tien. »Und wie gefällt Ihnen Komarr, Administrator Vorsoisson?« Tien grinste und zuckte die Achseln. »Der Planet ist schon in Ordnung, wenn nur die Komarraner nicht wären. Ich habe festgestellt, dass sie eine verdammt empfindliche Bande sind.« Vorkosigan zog die Augenbrauen hoch. »Haben sie keinen Sinn für Humor?« Ekaterin blickte argwöhnisch auf. Dieser trockene Ton in seiner gedehnten Sprechweise ließ sie zusammenzucken, doch er entging anscheinend Tien, der nur schnaubte. »Sie lassen sich zu etwa gleichen Teilen in die Gierigen und in die Mürrischen einteilen. Barrayaraner zu betrügen hält man für eine patriotische Pflicht.« Der Auditor hob sein leeres Weinglas in Ekaterins, Richtung. »Und Sie, Madame Vorsoisson?« Sie füllte es bis zum Rand, bevor er sie aufhalten konnte. Sie war vorsichtig mit ihrer Antwort. Falls ihr Onkel in diesem Auditorenduo der technische Experte war, hieß das dann, dass Vorkosigan der… politische war? Wer war wirklich das tonangebende Mitglied dieses Teams? Hatte Tien überhaupt irgendwelche der verhalten aufblitzenden Andeutungen in den Worten des kleinen Lords mitbe- kommen? »Es ist nicht leicht gewesen, komarranische Freunde zu finden. Nikolai geht auf eine barrayaranische Schule. Und ich habe keine Arbeit, wo ich mit Komarra- nern zusammenkäme.« »Eine Vor-Dame braucht wohl kaum eine Arbeit«, sagte Tien mit einem Lächeln. »Ein Vor-Lord auch nicht«, fügte Vorkosigan fast flüs- ternd hinzu, »und doch sind wir hier…« »Das hängt von der Fähigkeit ab, die richtigen Eltern auszuwählen«, sagte Tien mit einem säuerlichen Unterton. Er blickte zu Vorkosigan hinüber. »Stillen Sie bitte meine Neugier. Sind Sie mit dem früheren Lordregenten ver- wandt?« »Er ist mein Vater«, erwiderte Vorkosigan knapp. Er lächelte nicht. »Dann sind Sie der Lord Vorkosigan, der Erbe des Grafen.« »Das folgt daraus, ja.« »Ihre Erziehung muss schrecklich schwierig gewesen sein«, platzte Ekaterin heraus. »Er ist damit fertig geworden«, murmelte Vorkosigan., »Ich meinte: für Sie!« »Ach so.« Sein Lächeln kehrte kurz zurück und ver- schwand wieder. Das Gespräch geriet jetzt auf ein falsches Gleis, wie Ekaterin spürte; sie wagte kaum den Mund aufzumachen und zu versuchen, es wieder umzulenken. Tien mischte sich ein, bohrte weiter: »Konnte Ihr Vater, der große Admiral, sich damit abfinden, dass Sie keine militärische Karriere einschlagen konnten?« »Mein Großvater, der große General, war mehr darauf erpicht.« »Ich war selber ein Mann mit Zehn-Jahres-Dienst, wie üblich. In der Verwaltung, wo es sehr langweilig war. Glauben Sie mir, Sie haben nicht viel verpasst.« Tien machte eine freundliche, wegwerfende Geste. »Aber heut- zutage muss nicht jeder Vor ein Soldat sein, was, Professor Vorthys? Sie sind ja der lebende Beweis dafür.« »Ich glaube, Hauptmann Vorkosigan hat, hm, dreizehn Jahre gedient, nicht war, Miles? Im Kaiserlichen Sicher- heitsdienst. Abteilung galaktische Operationen. Haben Sie es als langweilig empfunden?« Einen Moment lang schenkte Vorkosigan dem Professor ein echtes Lächeln. »Nicht annähernd langweilig genug.« Er hob mit einem Ruck sein Kinn – offenbar ein gewohn- heitsmäßiger nervöser Tic. Zum ersten Mal bemerkte Ekaterin die feinen weißen Narben an beiden Seiten des kurzen Halses. Sie floh in die Küche, um den Nachtisch zu servieren und der verqueren Konversation Zeit zu lassen, dass sie, sich wieder zurechtfand. Als sie zurückkam, hatten sich die Dinge entspannt, oder Nikolai hatte zumindest aufgehört, so übernatürlich brav, d. h. ruhig zu sein; er hatte begon- nen, mit seinem Großonkel zu verhandeln, damit der ihm nach dem Essen Aufmerksamkeit schenkte, indem er mit ihm eine Runde seines derzeitigen Lieblingsspiels spielte. Das hielt die Männer beschäftigt, bis die Leute von der Vermietungsfirma mit dem Grav-Bett an der Wohnungstür erschienen und der große Ingenieur mit der ganzen Männerschar ging, um die Installation des Bettes zu über- wachen. Ekaterin wandte sich dankbar der beruhigenden Routinearbeit des Aufräumens zu. Tien kehrte zurück, um zu melden, das Bett sei erfolg- reich aufgebaut und der Vor-Lord passend untergebracht. »Tien, hast du diesen Burschen genau beobachtet?«, fragte Ekaterin. »Ein Mutie, ein Mutie-Kor, doch er hat sich verhalten, als wäre überhaupt nichts Ungewöhnliches an ihm. Wenn er das kann …«, sie brach hoffnungsvoll ab und überließ es Tien, das »dann kannst du das sicher auch« hinzuzufügen. Tien runzelte die Stirn. »Fang nicht wieder damit an. Es ist offensichtlich, dass er nicht glaubt, die Regeln gälten auch für ihn. Er ist Aral Vorkosigans Sohn, um Himmels willen. Praktisch der Pflegebruder des Kaisers. Kein Wunder, dass er diesen gemütlichen kaiserlichen Auftrag bekommen hat.« »Das glaube ich nicht, Tien. Hast du ihm überhaupt zugehört?« All diese Untertöne… »Ich glaube … ich glaube, er ist derjenige, der für den Kaiser unangenehme Aufträge erledigt. Vielleicht wurde er geschickt, um das, ganze Terraforming-Projekt zu beurteilen. Mächtig … vielleicht gefährlich.« Vorsoisson schüttelte den Kopf. »Sein Vater war mächtig und gefährlich. Der hier ist lediglich privilegiert. Ein verdammter Trottel von einem hohen Vor. Mach dir keine Sorgen wegen ihm. Dein Onkel wird ihn bald genug mitnehmen.« »Ich mache mir keine Sorgen wegen ihm.« Tiens Gesicht verdunkelte sich. »Ich habe das jetzt so über! Du widersprichst allem, was ich sage, du beleidigst praktisch meine Intelligenz vor deinem so noblen Ver- wandten…« »Das habe ich nicht getan!« Oder doch? Sie begann verwirrt in Gedanken ihre Bemerkungen während des Abends durchzugehen. Was in aller Welt hatte sie gesagt, dass er so gereizt war… »Dass du die Nichte des großen Auditors bist, das allein macht dich noch nicht zu jemandem, mein Mädel! Du bist illoyal, das ist es.« »Nein … nein, es tut mir Leid…« Doch er stolzierte schon hinaus. Heute Abend würde ein kaltes Schweigen zwischen ihnen herrschen. Fast wäre sie hinter ihm her gerannt, um ihn um Verzeihung zu bitten. Er stand in der Arbeit unter einem ziemlichen Druck, sie hatte einen sehr schlechten Zeitpunkt gewählt, um ihn ausge- rechnet jetzt zu einem Entschluss hinsichtlich seines medizinischen Dilemmas zu drängen. Sie schaltete die fröhlich-bunten Pflanzenlichter aus und setzte sich einfach in den trüben Widerschein der Beleuchtung der komarra-, nischen Kuppelstadt. Die verkrüppelte Sternenflocke des Sonnenspiegels hatte schon fast den westlichen Horizont erreicht und folgte mit der Drehung des Planeten der echten Sonne in die Nacht. Eine weiße Gestalt kam stumm in die Küche und schreckte sie auf. Doch es war nur der Mutie-Lord, der seine elegante graue Jacke und anscheinend auch seine Stiefel ausgezogen hatte. Er steckte seinen Kopf durch die offene Tür. »Hallo?« »Hallo, Lord Vorkosigan. Ich beobachte hier draußen einfach den Spiegel. Hätten Sie gern, hm, noch etwas Wein …? Warten Sie, ich hole Ihnen ein Glas…« »Nein, bleiben Sie ruhig sitzen, Madame Vorsoisson. Ich hole es mir schon selbst.« Sein blasses Lächeln schimmerte ihr aus der Dunkelheit entgegen. Aus der Küche erklang mehrfach ein gedämpftes Klirren, dann trat er schweigend auf den Balkon. Als gute Gastgeberin goss sie reichlich in das Glas, das er neben dem ihren abgestellt hatte, dann hob er es an und ging an das Geländer heran, um den Himmel zu betrachten, so weit die Träger der Kuppel dies zuließen. »Das ist der beste Ausblick von dieser Stelle«, sagte sie. »Dieses bisschen Blick nach Westen.« Die Atmosphäre nahe dem Horizont vergrößerte den Spiegel, doch seine normalen abendlichen Farbeffekte in den Wolkenfetzen wurden durch die Beschädigung getrübt. »Der Spiegel- untergang ist normalerweise viel schöner als heute.« Sie nippte an ihrem Wein, der kühl und süß über ihre Zunge floss, und spürte, wie ihr endlich ein wenig schummrig im Gehirn wurde. Schummrig war gut. Beruhigend., »Das kann ich verstehen«, stimmte er zu und blickte weiter nach draußen. Er trank in großen Schlucken. Vorher hatte er es vermieden, durch Alkohol den Schlaf herbei- zuholen. War er jetzt dazu übergegangen, ihn zu suchen? »Dieser Horizont ist so eng bebaut, wenn ich ihn mit zu Hause vergleiche. Leider finde ich diese abgeschlossenen Kuppelstädte etwas klaustrophobisch.« »Und wo ist Ihr Zuhause?« Er wandte sich um und schaute sie an. »Auf dem Südkontinent. In Vandeville.« »Also sind Sie mitten in Terraforming-Gebiet aufge- wachsen.« »Die Komarraner würden sagen, das sei gar kein Terra- forming, nur Bodenverbesserung.« Er schloss sich dem leisen Lachen an, mit dem sie ihre trockene Wiedergabe des komarranischen Technosnobismus unterstrich. »Natür- lich haben sie Recht«, fuhr sie fort. »Wir mussten natürlich nicht damit anfangen, ein halbes Jahrtausend auf die Veränderung der Atmosphäre eines ganzen Planeten zu verwenden. Das Einzige, was es uns schwer machte, damals im Zeitalter der Isolation, war der Versuch, es praktisch ohne jede Technologie zu schaffen. Doch… ich habe die offenen Weiten zu Hause geliebt. Mir fehlt dieser weite Himmel, von Horizont zu Horizont.« »Das trifft aber auf jede Stadt zu, ob sie nun überkuppelt ist oder nicht. Sie sind also ein Mädchen vom Lande?« »Teilweise. Allerdings hat mir auch Vorbarr Sultana gefallen, als ich die Universität besuchte. Diese Stadt hatte eine andere Art von Horizonten.«, »Haben Sie Botanik studiert? Mir ist das Bücherregal an der Wand Ihres Pflanzenraums aufgefallen. Beein- druckend.« »Nein. Das ist nur ein Hobby.« »So? Ich hätte es für eine Passion halten können. Oder eine Profession.« »Nein. Damals wusste ich nicht, was ich wollte.« »Wissen Sie es jetzt?« Sie lachte ein wenig verlegen. Als sie nicht antwortete, lächelte er lediglich, ging auf dem Balkon umher und betrachtete ihre Pflanzen. Er blieb vor der Skellytum stehen, die wie ein hellroter fremder Buddha in ihrem Topf hockte und ihre Ranken in einer Haltung friedvoller Bitte emporhielt. »Verzeihen Sie die Frage«, sagte er wie ent- schuldigend, »aber was ist das denn hier?« »Das ist eine Bonsai-Skellytum.« »Wirklich! Das ist ja – ich wusste gar nicht, dass man das mit einer Skellytum anstellen kann. Die sind doch normalerweise fünf Meter hoch. Und von einem wirklich hässlichen Braun.« »Ich hatte eine Großtante väterlicherseits, die Garten- arbeit liebte. Ich pflegte ihr zu helfen, als ich noch ein Mädchen war. Diese Tante war ganz der Typ der einge- fleischten alten Pionierfrau, sehr Vor – gleich nach dem Cetagandischen Krieg war sie auf den Südkontinent gekommen. Sie überlebte eine Reihe von Ehemännern, sie überlebte… na ja, alles. Ich habe die Skellytum von ihr geerbt. Das ist die einzige Pflanze, die ich von Barrayar nach Komarr mitbrachte. Sie ist über siebzig Jahre alt.«, »Du lieber Himmel.« »Es handelt sich um einen kompletten Baum, der voll lebensfähig ist.« »Und – ha! – klein.« Einen Moment lang fürchtete sie, sie hätte ihn unab- sichtlich beleidigt, doch anscheinend war dies nicht der Fall. Er beendete seine Besichtigung und kehrte zum Geländer und zu seinem Wein zurück. Er schaute wieder zum westlichen Horizont und zum sinkenden Spiegel hinaus und zog die Augenbrauen herunter. Er hatte eine Präsenz, die dadurch, dass er selbst seine schwer fassbaren körperlichen Eigenheiten ignorierte, den Beobachter herausforderte, eine Bemerkung abzugeben. Doch der kleine Lord hatte sein ganzes Leben lang Zeit gehabt, sich an seinen Zustand anzupassen. Nicht wie die grässliche Überraschung, auf die Tien in den Papieren seines verstorbenen Bruders gestoßen war und die er anschließend für sich und Nikolai durch sorgsam geheime Tests bestätigt hatte. Du kannst dich anonym testen lassen, hatte sie argumentiert. Aber ich kann nicht anonym behandelt werden, hatte er gekontert. Seit sie nach Komarr gekommen war, war sie nahe daran, sich über Sitte, Gesetz und die Befehle ihres Herrn und Gatten hinwegzusetzen und auf eigene Faust seinen Sohn und Erben zu einer Behandlung mitzunehmen. Würden die komarranischen Ärzte wissen, dass eine Vor- Mutter nicht der gesetzliche Vormund ihres Sohnes war? Vielleicht konnte sie vorgeben, der genetische Defekt stamme von ihr, nicht von Tien? Aber falls die Genetiker, was taugten, würden sie mit Sicherheit die Wahrheit herausfinden. Nach einer Weile sagte sie zusammenhanglos: »Die oberste Loyalität eines Vor-Mannes soll seinem Kaiser gelten, aber die oberste Loyalität einer Vor-Frau ihrem Ehemann.« »Historisch und juristisch ist das so.« Seine Stimme klang amüsiert oder nachdenklich, als er sich wieder umdrehte, um sie zu betrachten. »Das war nicht immer zum Nachteil der Frau. Wenn er zum Beispiel wegen Verrat hingerichtet wurde, dann unterstellte man, dass sie nur seinen Befehlen gefolgt war, und sie kam ungeschoren davon. Ich frage mich, ob der zugrunde liegende praktische Grund nicht schlicht der war. dass eine unterbevölkerte Welt einfach nicht auf ihre Arbeitskraft verzichten konnte.« »Ist Ihnen das nie seltsam asymmetrisch vorge- kommen?« »Aber einfacher für die Frau. Die meisten Frauen hatten normalerweise zur selben Zeit nur einen Ehemann, doch die Vor hatten es nur allzu oft mit mehreren Kaisern zu tun, und wem galt dann Ihre Loyalität? Wenn man eine schlechte Wahl traf, konnte es tödlich ausgehen. Als jedoch mein Großvater. General Piotr, mit seiner Armee Kaiser Yuri den Wahnsinnigen zugunsten von Kaiser Ezar verließ, da war das tödlich für Yuri. Allerdings gut für Barrayar.« Sie nippte wieder an dem Wein. Von ihrem Platz aus gesehen hob er sich als Silhouette vor der sich ver- finsternden Kuppel ab. dunkel, rätselhaft. »Stimmt. Gilt, dann Ihre Passion der Politik?« »Du lieber Himmel, nein! Ich glaube nicht.« »Der Geschichte?« »Nur nebenbei.« Er zögerte. »Es war immer die Militär- geschichte.« »Es war?« »Es war«, wiederholte er mit Nachdruck. »Und jetzt?« Jetzt war es an ihm, nicht zu antworten. Er starrte auf sein Glas, hielt es schief und ließ die Neige des Weins kreisen. Schließlich sagte er: »In der politischen Theorie von Barrayar ist alles miteinander verbunden. Die gewöhn- lichen Untertanen sind ihren Grafen gegenüber loyal, die Grafen gegenüber dem Kaiser, und der Kaiser ist vermut- lich dem ganzen Kaiserreich gegenüber loyal, dem Körper des Reiches in der Gestalt all seiner, hm, Körper. An dieser Stelle finde ich. dass es für meinen Geschmack etwas abstrakt wird; wie kann der Kaiser allen gegenüber verant- wortlich sein, jedoch nicht jedem Einzelnen gegenüber? Und so kommen wir wieder am Ausgang an.« Er leerte sein Glas. »Wie sind wir einander treu?« Das weiß ich nicht mehr… Schweigen senkte sich über sie, als sie beide beobachteten, wie der letzte Schimmer des Spiegels hinter den Hügeln versank. Ein bleiches Leuchten am Himmel bildete noch ein oder zwei Minuten länger einen Nach- schein am Himmel. »Tja, ich fürchte, ich habe zu viel getrunken.« Ihr kam er, nicht betrunken vor, aber er rollte sein Glas zwischen den Händen und stieß sich vom Balkongeländer ab, an das er sich gelehnt hatte. »Gute Nacht, Madame Vorsoisson.« »Gute Nacht, Lord Vorkosigan. Schlafen Sie gut!« Er nahm sein Glas mit in die Küche und verschwand in der jetzt dunklen Wohnung., Miles tauchte strampelnd aus einem Traum über das Haar seiner Gastgeberin auf, der – wenn schon nicht eigentlich erotisch – doch peinlich sinnlich gewesen war. Aus der strengen Frisur gelöst, die sie gestern bevorzugt hatte, war es von einem satten dunklen Braun, durchsetzt mit bernsteinfarbenen Strähnen, gewesen, eine seidige Masse, die kühl durch seine kurzen, dicklichen Hände floss – er nahm an. dass es seine Hände waren, schließlich war es sein Traum gewesen. Ich bin zu früh aufgewacht. Mist. Zumindest hatte die Vision nichts von einer jener blutigen Grotesken seiner gelegentlichen Albträume an sich gehabt, aus denen er mit kaltem Schweiß und Herzklopfen zu erwachen pflegte. Ihm war warm und bequem in dem töricht komplizierten Grav-Bett. auf dessen Besorgung für ihn sie bestanden hatte. Es war nicht Madame Vorsoissons Schuld, dass sie zufällig zu einem bestimmten körperlichen Typ gehörte, der alte Erinnerungen in Miles’ Gedächtnis auslöste. Einige Männer hegten Obsessionen über viel seltsamere Dinge… Seine eigene Fixierung, so hatte er vor langer Zeit weh- mütig erkannt, bezog sich auf große kühle Brünette mit einem Gesichtsausdruck ruhiger Zurückhaltung und einer warmen Altstimme. Zugegeben, auf einem Planeten, wo die Menschen ihre Gesichter und Körper fast so beiläufig veränderten wie den Inhalt ihrer Kleiderschränke, war an ihrer Schönheit nichts, was auch nur im Geringsten, ungewöhnlich gewesen wäre. Bis man sich daran erinnerte, dass sie nicht von hier stammte, und erkannte, dass ihr Gesicht mit der elfenbeinernen Haut so gut wie sicher noch nicht einer Modifikation unterzogen worden war… Hatte sie sein idiotisches Geplapper gestern Abend auf dem Balkon als Ausdruck unterdrückter sexueller Panik durch- schaut? War diese seltsame Bemerkung über die Pflichten einer Vor-Frau eine versteckte Warnung an ihn gewesen, er solle sich zurückziehen? Aber er war ja noch gar nicht vorgerückt – zumindest glaubte er es nicht. War er so leicht zu durchschauen? Binnen fünf Minuten nach seiner Ankunft hatte Miles erkannt, dass er sich wahrscheinlich von dem herzlichen und überschwänglichen Vorthys nicht hätte dazu drängen lassen sollen, ihn zu dem Nachbarplaneten zu begleiten, aber dieser Mann schien von seiner Veranlagung her unfähig zu sein, etwas Gutes nicht mit einem anderen zu teilen. Der Gedanke, dass das Vergnügen seines Ver- wandtenbesuches einem problematischen Außenseiter – oder der Familie, der er aufgezwungen wurde – nicht die gleiche Freude bereiten würde, war dem Professor gar nicht gekommen. Miles stieß einen Seufzer des Neides auf seinen Gast- geber aus. Administrator Vorsoisson schien sich einen voll- kommenen kleinen Vor-Clan aufgebaut zu haben. Natürlich war er so vernünftig gewesen, damit schon vor einem Jahrzehnt anzufangen. Die Einführung galaktischer Technologien der Geschlechterwahl hatten einen Rückgang der Geburten weiblicher Babys auf Barrayar zur Folge gehabt. Dieser Mangel an Frauen hatte seinen Höhepunkt, in Miles’ Generation erreicht; allerdings schienen die Eltern inzwischen wieder vernünftiger zu werden. Doch jede Vor-Frau in etwa seinem Alter, die Miles kannte, war bereits verheiratet, und das seit Jahren. Würde er weitere zwanzig Jahre auf seine eigene Braut warten müssen? Falls notwendig. Hege kein Verlangen nach verhei- rateten Frauen, alter Junge! Du bist jetzt Kaiserlicher Auditor. Man erwartete von den neun Kaiserlichen Audi- toren, dass sie sich als Vorbilder der Rechtschaffenheit und Ehrbarkeit erwiesen. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals von irgendeiner Art Sexskandal gehört zu haben, in den einer von Gregors handverlesenen Agenten und Beobachtern verwickelt gewesen wäre. Natürlich nicht. Alle übrigen Auditoren sind mindestens achtzig Jahre alt und davon fünfzig Jahre verheiratet. Er kicherte in sich hinein. Außerdem dachte sie wahrscheinlich, er sei ein Mutant, obwohl sie dankbarerweise zu höflich gewesen war, um dies zu sagen. Ihm ins Gesicht. Dann finde also heraus, ob sie eine Schwester hat, na? Er wälzte sich aus der zur Trägheit verleitenden Bequemlichkeit des Grav-Bettes, setzte sich auf und zwang seinen Geist, auf etwas anderes umzuschalten. Vorsichtig geschätzt, würden während dieser Schicht ein paar hundert- tausend Wörter neuer Daten über den Unfall mit dem Sonnenspiegel und seine Folgen eintreffen. Er beschloss, den Dienst mit einer kalten Dusche zu beginnen. Heute war nicht der bequeme Strickanzug aus dem Raumschiffalltag angezeigt. Nachdem er unter den drei auf Barrayar eingepackten formellen zivilen Anzügen eine Auswahl getroffen hatte – unter den Nuancen von Grau,, Grau und Grau –, kämmte sich Miles das feuchte Haar ordentlich und schlenderte zu Madame Vorsoissons Küche hinüber, aus der ihm Stimmen und der Duft von Kaffee entgegenwehten. Dort fand er Nikolai vor, der Hafergrütze mit Milch aß – ein typisches Frühstück à la Barrayar –. Administrator Vorsoisson tipptopp gekleidet und anschei- nend im Begriff wegzugehen, und Professor Vorthys, der immer noch im Pyjama war und mit gerunzelter Stirn einen neuen Stapel Datendisketten durchschaute. Neben seinem Ellbogen stand ein unberührtes Glas mit einem rosa- farbenen Fruchtsaft. Er blickte auf und sagte: »Ah, guten Morgen, Miles. Ich freue mich, dass Sie schon auf sind«, und ihm sekundierte Vorsoisson höflich: »Guten Morgen, Lord Vorkosigan. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.« »Schön, danke. Was gibt’s, Professor?« »Das hiesige Büro des KBS hat Ihren Kommunikator geschickt.« Vorthys zeigte auf das Gerät, das neben seinem Teller lag. »Ich stelle fest, dass sie mir keinen geschickt haben.« Miles verzog das Gesicht. »Ihr Vater hat sich bei der Eroberung von Komarr auch keinen solchen Namen gemacht.« »Das ist wahr«, stimmte ihm Vorthys zu. »Mein alter Herr geriet in diese seltsame Generation zwischen den Kriegen, zu jung, um gegen die Cetagandaner zu kämpfen, zu alt, um die armen Komarraner anzugreifen. Diesen Mangel an militärischen Gelegenheiten hat er sehr bedauert, wie er uns Kindern mehr als einmal zu verstehen gab.«, Miles befestigte den Kommunikator an seinem linken Handgelenk. Das Gerät stellte einen Kompromiss zwischen ihm und der Außenstelle Seri-fosa des KBS, des Kaiserlich Barrayaranischen Sicherheitsdienstes, dar, die hier für seine Unversehrtheit verantwortlich war. Der KBS hatte aus Vorsicht auf Nummer Sicher gehen und ihn mit einer unpraktischen Schar von Leibwächtern umgeben wollen. Miles hatte es gewagt, seine Autorität als Kaiserlicher Auditor auf die Probe zu stellen, indem er befahl, die Leute sollten ihm von der Pelle bleiben; zu seinem Vergnügen hatte es funktioniert. Aber der Kommunikator gab ihm eine direkte Verbindung zum KBS und teilte den Beschützern seinen jeweiligen Standort mit – Miles versuchte, sich nicht wie ein Versuchskaninchen zu fühlen, das man mit einem Peilsender in der Wildnis ausgesetzt hatte. »Und was ist das da?« Er nickte in Richtung auf die Daten- disketten. Vorthys fächerte die Disketten wie ein schlechtes Blatt in einem Kartenspiel auf. »Der Morgenkurier hat uns auch Aufzeichnungen der Ausbeute an neuen Bits mitgebracht, die man gestern Abend gemacht hat. Und etwas, das speziell für Sie bestimmt ist, da Sie ja sich freundlicher- weise bereit erklärt haben, die Prüfung der medizinischen Seite der Sache zu übernehmen. Eine neue vorläufige Autopsie.« »Hat man endlich die Pilotin gefunden?« Miles nahm Vorthys die Disketten ab. Vorthys verzog das Gesicht. »Teile von ihr.« Madame Vorsoisson kam rechtzeitig vom Balkon herein, um das noch mitzubekommen. »Ach, du meine Güte.« Sie, hatte wie am Vortag komarranische Straßenkleidung in stumpfen, erdigen Tönen an: weite Hosen, eine Bluse und eine lange Damenweste, die ihre Figur – sofern sie eine besaß – völlig verhüllten. In Rot hätte sie brillant gewirkt, atemberaubend in blassem Blau, mit diesen blauen Augen … Heute Morgen war ihr Haar wieder streng nach hinten gebunden, was Miles eher erleichterte. Es wäre entnervend gewesen zu denken, er entwickle als Folge seiner früheren Verletzungen neben seinen verdammten Anfällen jetzt auch noch eine Art von Präkognition. Miles nickte ihr grüßend zu und richtete seine Aufmerk- samkeit wieder sorgfältig auf Vorthys. »Ich muss gut geschlafen haben, denn ich habe den Kurier nicht kommen hören. Sie haben Sie schon durchgeschaut?« »Ich habe nur einen Blick darauf geworfen.« »Welche Teile der Pilotin hat man gefunden?«, fragte Nikolai interessiert. »Darum solltest du dich nicht kümmern, junger Mann«, erwiderte sein Großonkel mit Nachdruck. »Danke«, murmelte Madame Vorsoisson ihm zu. »Das ist dann allerdings die letzte Leiche. Gut«, sagte Miles. »Es ist so niederschmetternd für die Verwandten, wenn sie jemanden ganz und gar verlieren. Als ich …« Er verschluckte den Rest. Als ich Flottenkommandeur unter einer Tarnidentität war, hatten wir immer Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Leichen unserer Gefallenen zu ihren Verwandten zurückzubringen. Dieses Kapitel seines Lebens war jetzt abgeschlossen. Punkt. Madame Vorsoisson, die großartige Frau, reichte ihm, schwarzen Kaffee. Dann fragte sie, was ihre Gäste gern zum Frühstück hätten; Miles gelang es, Vorthys dazu zu bringen, dass dieser zuerst antwortete, und wünschte sich dann wie er Hafergrütze. Während seine Frau sie geschäf- tig bediente und hinter Nikolai her aufwischte, sagte Admi- nistrator Vorsoisson: »Die Präsentation meiner Abteilung wird heute Nachmittag für Sie bereitstehen, Auditor Vorthys. Heute Morgen hat Ekaterin sich gefragt, ob Sie nicht Nikolais Schule besichtigen wollten. Und nach der Präsentation wird vielleicht etwas Zeit sein, um einen Besichtigungsflug über einige unserer Projekte durchzu- führen.« »Das klingt ja nach einem perfekten Tagesplan.« Professor Vorthys lächelte Nikolai zu. In dem ganzen Durcheinander ihrer übereilten Abreise von Barrayar hatte er – oder vielleicht die Professora – ein Geschenk für den Großneffen nicht vergessen. Ich hätte etwas für das Kind mitbringen sollen, entschied Miles verspätet. Die sicherste Methode, um eine Mutter zu erfreuen. »Ach, Miles…?« Miles tippte auf den Stapel Datendisketten neben seiner Ess-Schale. »Ich vermute, ich habe genügend Material, um mich heute Vormittag hier zu beschäftigen. Madame Vor- soisson, in Ihrem Arbeitsraum habe ich eine KomKonsole bemerkt; darf ich Sie benutzen?« »Gewiss, Lord Vorkosigan.« Vorsoisson murmelte höflich etwas, dass er in seiner Abteilung die Dinge für sie in Ordnung bringen werde, und verabschiedete sich. Kurz danach löste sich die Frühstücks- gesellschaft auf und jeder strebte dem ihm zugedachten Bestimmungsort zu. Mit den neuen Disketten in der Hand, kehrte Miles in Madame Vorsoissons Arbeitsraum bzw. ins Gästezimmer zurück. Er machte eine Pause, bevor er sich an die KomKonsole setzte, und starrte durch das geschlossene Fenster in den Park hinaus und zu der durchsichtigen Kuppel hinauf, die sich über dem Park wölbte und die freie Sonnenenergie durchließ. Komarrs schwache Sonne war nicht direkt zu sehen; im Osten war sie hinter einem Wohnhausblock aufgegangen, aber die Front ihres Morgenlichts kroch über das andere Ende des Parks dahin. Der beschädigte Spiegel, der der Sonne folgte, war noch nicht über den Horizont emporgestiegen, um den Schatten, den sie warf, zu verdoppeln. Bedeutet das also siebentausend Jahre Unglück? Er seufzte, verdunkelte die Polarisation des Fensters – was kaum nötig war –, setzte sich an die KomKonsole und begann die Datendisketten einzulesen. Ein paar Dutzend ziemlich großer neuer Wrackteile war über Nacht gefunden worden; er ließ die Vids davon ablaufen, die zeigten, wie sie sich im Raum dahindrehten, während die Bergungsschiffe sich näherten. Die Theorie besagte: Falls man jedes Fragment finden, präzise Auf- zeichnungen seiner Drehungen und Flugbahnen machen und sie dann rückwärts ablaufen lassen konnte, dann würde man am Ende ein computergeneriertes Bild vom genauen Moment der Katastrophe bekommen und so ihren Grund diagnostizieren. Leider funktionierte das wirkliche Leben nicht immer so ordentlich, doch jedes kleine Stückchen half. Der KBS von Komarr befragte auf den orbitalen Transferstationen noch alle Touristen, die zufällig ein Vid, mit hatten und vielleicht jenen Raumsektor zum Zeitpunkt des unbekannten Ereignisses und der Kollision aufgenom- men hatten. Miles fürchtete, dass dies inzwischen vergeb- lich war; denn für gewöhnlich meldeten sich solche Leute auf der Stelle, aufgeregt und hilfsbereit. Vorthys und das Spurensicherungsteam waren jetzt der Meinung, dass der Erzfrachter bereits in mehrere Teile zer- fallen war. als er auf den Spiegel auftraf, eine Spekulation, die man noch nicht für die Öffentlichkeit freigegeben hatte. War dann also die Explosion der Maschinen, welche zugleich die Beweise vernichtet hatte, der Grund oder die Folge jener Katastrophe gewesen? Und zu welchem Zeit- punkt hatten diese verformten Fragmente aus Metall und Plastik einige ihrer interessanteren Verzerrungen erfahren? Miles ließ – zum zwanzigsten Mal in dieser Woche – den Computer die Bahn des Frachters vor der Kollision wiederholen und betrachtete deren Anomalien. Das Schiff hatte nur seine Pilotin dabei gehabt, und das auf einer routinemäßigen – in der Tat todlangweiligen – langsamen Fahrt vom Abbauort im Asteroidengürtel zu einer Raffi- nerie im Orbit. Zum Zeitpunkt des Unfalls hatten die Maschinen nicht beschleunigen sollen; die Beschleunigung war schon abgeschlossen gewesen und die Verlangsamung hatte noch nicht beginnen sollen. Das Schleppschiff war etwa fünf Stunden dem Flugplan voraus gewesen, aber dies nur, weil es früh gestartet war, nicht weil es stärker beschleunigt hatte als gewöhnlich. Es war mit einer etwa sechsprozentigen Abweichung vom Kurs gereist, was sich innerhalb der normalen Parameter hielt und noch keine Kurskorrektur notwendig machte; allerdings könnte sich, die Pilotin damit amüsiert haben, dass sie versuchte, mit einer außerplanmäßigen Mikrobeschleunigung mehr Genauigkeit zu erzielen. Selbst wenn man die geringe Kurskorrektor nicht einbezog, war die Route des Schlepp- schiffs einige hundert bequeme Kilometer von dem Sonnenspiegel entfernt verlaufen, in der Tat weiter weg, als wenn das Schiff den genauen Kurs eingehalten hätte. Die Kursabweichung hatte allerdings bewirkt, dass die Bahn des Frachters fast direkt über einem von Komarrs unbenutzten Wurmlochsprungpunkten verlaufen war. Komarrs Lokalraum war ungewöhnlich reich an aktiven Sprungpunkten, eine Tatsache von strategischer und historischer Bedeutung; einer dieser Sprünge war Barrayars einziger Zugang zum Wurmlochnexus. Wegen der Herr- schaft über die Sprungpunkte, nicht wegen des Besitzes des kalten Planeten, war hier vor fünfunddreißig Jahren Barrayars Invasionsflotte eingedrungen. Solange das Militär des Kaiserreichs diese strategische Position hielt, war sein Interesse für die Bevölkerung des Planeten Komarr und deren Probleme bestenfalls gering. Dieser Sprungpunkt jedoch diente weder dem Verkehr noch dem Handel oder der strategischen Drohung. Erkun- dungen, die man durch ihn hindurch gemacht hatte, hatten entweder im tiefen interstellaren Raum in eine Sackgasse geführt oder zu Sternen, die weder bewohnbare Planeten noch ökonomisch regenerierbare Systemressourcen auf- wiesen. Niemand sprang durch ihn nach draußen; niemand hätte durch ihn hereinspringen sollen. Die Vorstellung, die einem dabei sofort kam, nämlich von einem unmotivierten Piraten oder Schurken, der durch dieses Wurmloch, aufgetaucht war, den unschuldigen Erzfrachter abknallte – mit einer Waffe, die keine Spuren hinterließ, wohlgemerkt – und wieder verschwand, wurde bislang von keinerlei Indizien gestützt, obwohl man den Bereich danach abge- sucht hatte. Dies war das derzeit bevorzugte Szenario der Nachrichtenmedien. Doch es war auch keine der Spuren im fünfdimensionalen Raum entdeckt worden, erzeugt von Schiffen, die einen Wurmlochsprung unternahmen. Die fünfdimensionale Anomalie des Sprungpunktes war mit normalen Mitteln vom dreidimensionalen Raum aus nicht einmal zu beobachten; der Sprungpunkt, der sich einfach nur dort befand, dürfte den Frachter in keiner Weise beeinflusst haben, selbst wenn das Schiff direkt über seinen zentralen Wirbel hinwegpassiert sein sollte. Bei dem Frachter handelte es sich um ein Schiff, das ausschließlich für Innersystemverkehr bestimmt war; er verfügte nicht über Necklin-Stäbe und die Sprungfähigkeit. Doch… der Sprungpunkt war da. Sonst war dort nichts. Miles rieb sich den Hals und wandte sich dem neuen Autopsiebericht zu. Grauenhaft wie immer. Die Pilotin war eine Komarranerin Mitte fünfzig gewesen. Man konnte es barrayaranischen Sexismus nennen, aber weibliche Leichen beunruhigten Miles immer mehr als männliche. Der Tod war ein so boshafter Zerstörer der Würde. Hatte auch er, Miles, so unordentlich und hilflos ausgesehen, als er im Feuer des Heckenschützen zusammengebrochen war? Die Leiche der Pilotin wies den üblichen Zustand auf: zerquetscht, dekomprimiert, verstrahlt und gefroren, alles ganz typisch für Unfälle durch Zusammenprall im tiefen Raum. Ein Arm war abgerissen worden, wohl eher, irgendwann beim anfänglichen Aufprall als später, wenn man es nach den Nahaufnahmen der Vereisungseffekte der Körperflüssigkeiten beurteilte, die aus dem Stumpf ausgetreten waren. Auf jeden Fall war es ein schneller Tod gewesen. Miles wusste es besser, als dass er angefügt hätte fast schmerzlos. In ihrem gefrorenen Gewebe hatte man keine Spuren verbotener Drogen oder von Alkohol ent- deckt. Der komarranische Gerichtsmediziner hatte zusammen mit seinen sechs endgültigen Berichten eine Nachricht geschickt, in der er um Mitteilung bat, ob er Miles’ Erlaubnis hatte, die Leichen der sechs Mitglieder des Stationsteams des Spiegels ihren wartenden Familien auszuhändigen. Du lieber Himmel, war das noch nicht geschehen? Als Kaiserlicher Auditor sollte er eigentlich diese Ermittlungen nicht leiten, sondern nur beobachten und über sie berichten. Er wünschte nicht, dass seine bloße Anwesenheit die Initiative irgendwelcher Leute erstarren ließ, also schickte er die Erlaubnis sofort los, direkt von Madame Vorsoissons KomKonsole aus. Dann begann er sich durch die sechs Berichte hindurchzuarbeiten. Die Berichte waren ausführlicher als die Voruntersu- chungen, die er schon gesehen hatte, enthielten aber keine Überraschungen. Zum jetzigen Zeitpunkt wollte er jedoch eine Überraschung haben, irgendetwas, alles, was mehr war als nur Raumschiff explodiert grundlos, sieben Tote. Ganz zu schweigen von der astronomischen Rechnung für den Sachschäden. Als er drei Berichte durchgearbeitet hatte und sich sein fades Frühstück bedenklich in seinem Magen, meldete, machte er eine kurze Pause, um sich ein wenig zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen. Während er darauf wartete, dass sich das unangenehme Gefühl wieder legte, ging er Madame Vorsoissons Dateien durch. Eine mit dem Titel Virtuelle Gärten klang erfreu- lich. Vielleicht machte es ihr nichts aus, wenn er dort einen virtuellen Spaziergang unternahm. Der Wassergarten lockte ihn. Er rief ihn auf die Holovid-Scheibe. Es handelte sich dabei, wie er vermutet hatte, um ein Programm zum Landschaftsdesign. Man konnte es aus jeder Entfernung oder jedem Winkel anschauen, von einem miniaturhaft wirkenden Gesamtüberblick bis zu einer vergrößerten Detailansicht einer bestimmten Anpflanzung; man konnte auch einen Spaziergang entlang seinen Pfaden aus jeder beliebigen Augenhöhe programmieren. Er wählte seine eigene, etwa ähem-murmel Zentimeter unter 1,50 m. Die einzelnen Pflanzen wuchsen nach realistischen Pro- grammen, die Licht, Wasser, Gravitation, Spurenelemente und sogar Attacken durch programmierte Schädlinge berücksichtigten. Dieser Garten war etwa zu einem Drittel gefüllt, mit versuchsweisen Anordnungen von Gras, Veilchen, Binsen, Wasserlilien und Schachtelhalmen; im Augenblick erlitt er einen Ausbruch von Algen. Die Farben und Formen hörten abrupt an den unfertigen Rändern auf, als hätte eine Invasion aus einem fremden grauen geo- metrischen Universum alles angefressen. Seine Neugierde war geweckt. Auf beste KBS-Manier wechselte er zum Basisteil des Programms über und suchte nach Aktivitätsebenen. Am meisten war in letzter Zeit, so entdeckte er, auf einer Ebene namens Der barrayaranische, Garten geschehen. Er sprang wieder zur Darstellungsebene zurück, wählte erneut seine eigene Augenhöhe aus und betrat diesen Garten. Es handelte sich nicht um einen Garten aus hübschen Erdpflanzen, der an einem entsprechend berühmten Ort auf Barrayar angelegt worden war; stattdessen war es ein Garten, der ganz und ausschließlich aus einheimischen Arten gebildet wurde, etwas, was er nicht für möglich, geschweige denn für schön gehalten hatte. Die einheitlich rotbraunen Farben und stummeligen Formen der barrayara- nischen Flora hatte er immer für bestenfalls langweilig gehalten. Die einzigen Pflanzen aus der barrayaranischen Vegetation, die er auf Anhieb identifizieren und benennen konnte, waren jene, gegen die er heftig allergisch war. Doch Madame Vorsoisson hatte irgendwie Farbe und Oberflächentextur benutzt, um eine heitere Stimmung in Sepiatönen zu schaffen. Felsen und fließendes Wasser rahmten die verschiedenen Pflanzen ein – es gab da eine niedrige karminrote Masse an Prickelnden Herzen, die die Begrenzung für einen wogenden blondhaarigen Bestand an Rasiermessergras darstellte, was hinwiederum – wie man ihm einmal versichert hatte – botanisch gesehen kein Gras darstellte. Doch er hatte bemerkt, dass niemand etwas gegen den Begriff »Rasiermesser« einzuwenden hatte. Wenn man von den allgemein üblichen Namen ausging, dann hatten die von ihrer Heimat abgeschnittenen barrayaranischen Siedler ihre neue Xenoflora nicht geliebt: Fluchkraut, Hühnerbläh, Ziegengift … Der Garten ist schön. Wie ist es ihr gelungen, ihn schön zu machen? So etwas hatte er noch nie gesehen. Vielleicht musste man, einfach mit diesem künstlerischen Blick geboren sein, wie mit dem absoluten Gehör, das ihm ebenfalls fehlte. In der kaiserlichen Hauptstadt Vorbarr Sultana gab es einen kleinen und langweiligen grünen Park am Ende des Häuserblocks neben dem Palais Vorkosigan, an einer Stelle, wo eine andere alte herrschaftliche Villa abgerissen worden war. Der kleine Park war mehr mit einem Blick auf die Sicherheitsbedürfnisse des benachbarten Lordregenten als nach einem ästhetischen Plan angelegt worden. Wäre es nicht großartig, ihn durch eine größere Version dieser herrlichen Raffinesse zu ersetzen und den Stadtbewohnern eine Kostprobe ihres eigenen planetarischen Erbes zu präsentieren? Selbst wenn es – er rechnete nach – fünfzehn Jahre dauern würde, bis der Park diesen Gipfel an Reife erreicht hätte… Das virtuelle Gartenprogramm sollte helfen, zeitrau- bende und teure Planungsfehler zu vermeiden. Doch wenn der ganze Garten, den man haben konnte, in dem bestand, was man in seinem Gepäck mitnehmen durfte, dann handelte es sich dabei vermutlich um ein Hobby um seiner selbst willen. Das Programm war sicher ordentlicher, sauberer und leichter als ein echter Garten. Also dann… warum gewann er den Eindruck, sie finde es nahezu so befriedigend, wie wenn man ein Holovid von einem Dinner anschaute, anstatt es zu verzehren? Oder vielleicht hat sie nur Heimweh? Mit Bedauern beendete er das Display. Aus purer antrainierter Gewohnheit rief er als Nächstes ihr Finanzprogramm auf, um es einer kurzen Analyse zu unterziehen. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um, ihr Haushaltskonto handelte. Sie führt ihren Haushalt nach einem ziemlich knappen Budget, wenn man bedenkt, wie hoch Administrator Tiens Gehalt sein müsste, dachte Miles; ihr zweiwöchentliches Haushaltsgeld war wirklich knickerig. Auf ihre botanischen Hobbys verwendete sie nicht sonderlich viel, wie die Ergebnisse nahe legten. Andere Hobbys, andere Laster? Die Spur des Geldes offen- barte immer am meisten von den wahren Beschäftigungen eines Menschen; aus genau diesem Grund beschäftigte der KBS die besten Buchhalter des Kaiserreichs, um geniale Wege zu suchen, wie der KBS seine eigenen Aktivitäten verbergen konnte. Sie gab verdammt wenig für Kleidung aus, außer für die von Nikolai. Er hatte Eltern aus seinem Bekanntenkreis über die Kosten für die Bekleidung ihrer Kinder jammern hören, aber bestimmt war das hier außer- gewöhnlich… halt, das war keine Ausgabe für Kleider. Gelder, die hier, da und dort abgezwackt wurden, kamen alle in ein spezielles kleines privates Konto, das den Namen »Nikolais Behandlung« trug. Warum? Als Ange- hörige eines barrayaranischen Beamten auf Komarr hatten die Vorsoissons doch Anspruch auf Erstattung ihrer Arzt- kosten durch die kaiserliche Regierung, oder? Er rief das Konto auf. Die Ersparnisse eines Jahres aus ihrem Haushaltsbudget ergäben keine sonderlich ein- drucksvolle Summe, aber das Muster der Einzahlungen war so beständig, dass es schon fast zwanghaft erschien. Verwirrt verließ er die Datei wieder und rief die gesamte Programmliste auf. Gab es da irgendwelche Hinweise? Eine Datei, unten am Ende der Liste, hatte keinen Namen. Er rief sie auf. Es stellte sich heraus, dass dies das, einzige Objekt auf ihrer KomKonsole war, zu dessen Öffnung man ein Passwort brauchte. Interessant. Ihr KomKonsolen-Programm war das einfachste und billigste, das kommerziell angeboten wurde. Kadetten des KBS sezierten Dateien wie diese als Aufwärmübung zu Beginn des Unterrichts. Ein Hauch von Heimweh überkam Miles. Er ging zum Basisteil des Programms über und hatte nach etwa fünfzehn Minuten das Passwort herausgefunden. Vorzohns Dystrophie? Tja, das war kein Schlüsselwort, das er auf Anhieb erraten hätte. Seine Reflexe überrumpelten sein zunehmendes Unbe- hagen. Als er die Datei geöffnet hatte, kamen ihm verspä- tete Bedenken. Du gehörst nicht mehr zum KBS, weißt du. Darfst du das überhaupt tun? Es stellte sich heraus, dass die Datei so viele Artikel enthielt, um fast einem Einführungskurs in Medizin gleich- zukommen. Sie waren aus jeder vorstellbaren barrayarani- schen und galaktischen Quelle herausgesucht worden und befassten sich mit einer von Barrayars selteneren und unbe- kannteren heimischen genetischen Störungen. Vorzohns Dystrophie war im Zeitalter der Isolation aufgetreten, vor allem, wie ihr Name andeutete, bei der Vor-Kaste, war jedoch erst nach der Rückkehr der galaktischen Medizin als Mutation identifiziert worden. Zum einen fehlten der Krankheit die Art äußerer Kennzeichen, die veranlasst hätten, dass man – nun ja – ihm zum Beispiel gleich nach der Geburt die Kehle durchgeschnitten hätte. Es handelt sich um eine Krankheit, die erst im Erwachsenenalter ausbrach, mit einer verwirrenden Vielfalt körperlicher Beeinträchtigungen begann und mit einem geistigen, Zusammenbruch und dem Tod endete. In der raueren Welt der barrayaranischen Vergangenheit hatten die Träger der Veranlagung den Tod oft aus anderen Gründen gefunden, nachdem sie Kinder geboren oder gezeugt hatten, doch bevor das Syndrom sich manifestierte. In genug Familien – einige meiner lieben Vorrutyer-Vorfahren eingeschlossen – gab es genug Wahnsinn aus anderen Gründen, sodass dieser späte Ausbruch oft sowieso als etwas anderes identi- fiziert wurde. Durch und durch unangenehm. Aber jetzt kann man es doch behandeln, nicht wahr? Ja, auch wenn das teuer kam, denn wegen der Seltenheit der Krankheit gab es keine Kostensenkung aufgrund von Massenanwendung. Miles überflog schnell die Artikel. Die Symptome waren beeinflussbar mit einer Vielfalt teurer biochemischer Mischpräparate, welche die fehlent- wickelten Moleküle ausschwemmen und ersetzen sollten; echte retrogenetische Behandlungen waren zu einem höheren Preis zu haben. Nun, fast echte Behandlungen: Jeder Nachkomme würde noch daraufhin untersucht wer- den müssen, vorzugsweise zum Zeitpunkt der Befruchtung und bevor der Embryo zur weiteren Entwicklung in den Uterusreplikator gesetzt wurde. War der kleine Nikolai nicht in einem Uterusreplikator herangereift? Du lieber Himmel, Vorsoisson hatte doch sicher nicht darauf bestanden, dass seine Frau – und sein Kind – die Gefahren der altmodischen körperlichen Schwangerschaft hatten durchstehen müssen, oder? Nur einige wenige der konservativsten Familien der Alten Vor hielten noch an den alten Methoden fest, eine Sitte, über die Miles’ eigene Mutter die heftigste und schärfste Kritik, geäußert hatte, die er je aus ihrem Mund zu hören bekommen hatte. Und sie musste es ja wissen. Was zum Teufel ist dann hier eigentlich los? Er lehnte sich zurück und presste die Lippen zusammen. Falls – wie die Dateien andeuteten – man von Nikolai wusste oder vermutete, er habe Vorzohns Dystrophie, dann musste auch ein Elternteil von ihm – oder beide – sie haben. Wie lange wussten sie es schon? Plötzlich ging ihm auf, was er schon zuvor hätte bemer- ken sollen, in der anfänglichen Illusion selbstgefälligen ehelichen Glücks, die Vorsoisson erfolgreich projizierte. Das war immer der schwierigste Teil, die fehlenden Frag- mente zu sehen. Ungefähr drei weitere Kinder fehlten, das war es. Ein paar kleine Schwestern für Nikolai, bitte, Leute? Doch nein. Also wissen sie es mindestens seit kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Was für ein privater Alb- traum. Aber ist Vorsoisson der Träger der Dystrophie, oder ist es sie? Er hoffte, dass es nicht Madame Vorsoisson war; ein schrecklicher Gedanke, dass die heitere Schönheit unter dem Angriff einer solchen inneren Zerstörung nur allzu bald zerbrechen könnte… Ich möchte das alles gar nicht wissen. Seine müßige Neugier war gerecht bestraft worden. Dieses idiotische Schnüffeln war sicherlich nicht das ange- messene Verhalten für einen Kaiserlichen Auditor, wie sehr es auch einem Agenten der Abteilung Verdeckte Operationen des KBS in Fleisch und Blut übergegangen sein mochte. Einem ehemaligen Agenten. Wo war denn jetzt diese ganze strahlende Rechtschaffenheit des neuen Auditors hingekommen? Er hätte genauso gut in der, Schublade mit ihrer Unterwäsche herumschnüffeln können. Ich kann dich nicht eine einzige verdammte Minute allein lassen, oder, alter Junge? Jahrelang hatte er sich über militärische Vorschriften geärgert, bis er zu einem Job gekommen war, bei dem es überhaupt keine schriftlichen Regeln gab. Sein Gefühl, er sei gestorben und in den Himmel gekommen, hatte nur ungefähr fünf Minuten gedauert. Ein Kaiserlicher Auditor war die Stimme des Kaisers, seine Augen und Ohren und manchmal auch seine Hände, eine hübsche Job-Beschrei- bung, bis man innehielt und sich fragte, was zum Teufel diese poetische Metapher denn bedeuten sollte. Also war es eine nützliche Probe, sich zu fragen: Kann ich mir vorstellen, dass Kaiser Gregor dies oder das tut? Gregors an den Tag gelegte kaiserliche Strenge verbarg eine fast schmerzliche persönliche Schüchternheit. Es wurde einem schwindlig, wenn man daran dachte. Also gut, sollte die Frage stattdessen lauten: Könnte ich mir vor- stellen, dass Gregor in seinem Büro als Kaiser dies tun würde? Genau welche Taten, die für eine Privatperson falsch waren, waren doch gesetzlich für einen Kaiserlichen Auditor, der seinen Dienst tat? Eine Menge, wenn man den Präzedenzfällen folgte, von denen er gelesen hatte. Also lautete die wirkliche Regel: »Tu, was dir beliebt, bis du einen Fehler begehst, und dann werden wir dich vernich- ten«? Miles war sich nicht sicher, ob ihm dies gefiel. Und selbst in seinen Tagen beim KBS war die Durch- forstung privater Dateien ein Vorgehen gewesen, das für Feinde reserviert war, oder zumindest für Verdächtige. Na ja, auch für mögliche Rekruten. Und Neutrale, in deren, Territorium man möglicherweise operieren würde. Und… und… er schnaubte selbstironisch. Gregor hatte zumindest bessere Manieren als der KBS. Total verlegen schloss er die Dateien, löschte alle Spuren seines Eindringens und rief den nächsten Autopsie- report auf. Er studierte die verräterischen Zeichen, die er aus der Zerstückelung der Leiche ablesen konnte. Der Tod hatte eine Temperatur, und die war verdammt kalt. Miles hielt inne und drehte den Thermostat des Arbeitsraums um ein paar Grad hoch, bevor er weitermachte., Ekaterin war nicht klar gewesen, wie sehr der Besuch eines Kaiserlichen Auditors das Lehrer- kollegium von Nikolais Schule in Aufregung versetzen würde. Doch der Professor, der lange Zeit selbst unter- richtet hatte, gab ihnen schnell zu verstehen, dass es sich um keine offizielle Inspektion handelte, und verwendete alle Phrasen und Redensarten, die dazu taugten, sie zu beruhigen. Trotzdem blieben Onkel Vorthys und sie nicht so lange, wie Tien ihr vorgeschlagen hatte. Um ein bisschen mehr Zeit totzuschlagen, nahm sie ihn zu einem kurzen Rundgang zu den besten Orten in der Kuppel von Serifosa mit: zu den schönsten Gärten und den höchsten Aussichtsplattformen, von denen man einen Aus- blick auf die verdorrte komarranische Landschaft jenseits der sich ausdehnenden überkuppelten Stadt hatte. Serifosa war die Hauptstadt dieses Sektors des Planeten – sie musste sich immer noch zwingen, bei einem Sektor nicht an einen Distrikt à la Barrayar zu denken. Barrayaranische Distriktsgrenzen waren organischere, kunterbunte Kontu- ren, die Flüssen, Bergketten und gezackten Linien folgten, wo Armeen der Grafen historische Schlachten verloren hatten. Die komarranischen Sektoren waren ordentliche geometrische Stücke, die den Planeten gerecht aufteilten. Allerdings hatten die so genannten Kuppeln – in Wirk- lichkeit miteinander verbundene Gebäude aller möglichen Formen – schon vor Jahrhunderten ihre frühen Geometrien, verloren, als sie in zufälligen und nicht zusammenpassen- den Wellen architektonischer Verbesserung erweitert worden waren. Etwas verspätet fiel ihr ein, sie hätte den emeritierten Professor der Ingenieurwissenschaften durch die tiefsten Versorgungstunnel und die Anlagen zur Stromerzeugung und Luftwiederaufbereitung schleppen sollen. Aber da war es bereits Zeit zum Mittagessen. Ihre Führung endete in der Nähe ihres Lieblingsrestaurants, das eine Gaststätte im Freien nachahmte, indem es Tische in einem Landschafts- park unter der Glaskuppel des Himmels aufgestellt hatte. Der beschädigte Sonnenspiegel war jetzt zu sehen, wie er langsam der Sonnenbahn folgte. Heute war er zum Teil von dünnen, hoch fliegenden Wolken verhüllt, als verberge er beschämt seine Verunstaltung. Die gewaltige Macht einer Stimme des Kaisers, die einem Auditor übertragen wurde, hatte ihren Onkel nicht sehr verändert, wie Ekaterin erfreut festgestellt hatte. Er besaß immer noch seine Begeisterung für ausgezeichnete Desserts und plante sich seine Speisenfolge von dem süßen Nachtisch her rückwärts. Sie konnte nicht sagen, er sei »überhaupt nicht verändert«; im Umgang mit seinen Mit- menschen schien er vorsichtiger geworden zu sein und nicht nur wegen technischer Überlegungen innezuhalten, bevor er sprach. Aber es sah nicht so aus, als könnte er die neuen und übertriebenen Reaktionen der Leute auf ihn völlig ignorieren. Sie gaben ihre Bestellung auf, und Ekaterin folgte dem Blick ihres Onkels zum Himmel, als er kurz den Sonnen- spiegel aus diesem Winkel betrachtete. »Es besteht doch, nicht wirklich die Gefahr, dass die kaiserliche Regierung das Sonnenspiegelprojekt aufgibt, oder?«, fragte sie. »Wir werden ihn zumindest reparieren müssen. Ich meine … so sieht er so asymmetrisch, so aus dem Gleichgewicht gebracht aus.« »In der Tat befindet er sich im Augenblick nicht im Gleichgewicht. Sonnenwind. Man wird in Kürze etwas in dieser Richtung tun müssen«, erwiderte er. »Mir jedenfalls würde es gewiss nicht gefallen, wenn man ihn aufgäbe. Abgesehen von den Kuppelstädten war dieser Sonnen- spiegel die größte technische Leistung der siedelnden Vorfahren der Komarraner. Leute, die was draufhatten. Falls es wirklich Sabotage war… nun, dann waren das gewiss Leute mit den übelsten Absichten. Vandalismus, einfach sinnloser Vandalismus.« Ein Künstler, der die Entstellung eines großen histo- rischen Gemäldes beschrieb, hätte sich kaum heftiger äußern können. »Ich habe ältere Komarraner davon reden hören«, sagte Ekaterin, »was sie empfanden, als Admiral Vorkosigans Invasionsstreitkräfte den Spiegel besetzten, praktisch als Erstes. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er bei dem hohen Tempo, mit dem die Raum- schlachten vor sich gingen, einen hohen taktischen Wert hatte, aber seine Besetzung hatte ohne Zweifel eine unge- heure psychologische Wirkung. Es war fast, als hätten wir ihre Sonne selbst besetzt. Ich meine auch, es war ein sehr guter politischer Schritt, als man ihn vor ein paar Jahren wieder der zivilen Kontrolle durch die Komarraner über- gab. Ich hoffe, dass dieser Zwischenfall das nicht wieder zunichte macht.«, »Schwer zu sagen.« Erneut diese ungewohnte Vor- sicht… »Man hat davon geredet, seine Beobachtungsplattform wieder für den Tourismus zu öffnen. Allerdings stelle ich mir vor, dass man jetzt erleichtert ist, dass man dies noch nicht getan hat.« »Es gibt immer noch jede Menge Besichtigungen durch Ehrengäste. Ich habe selbst an einer teilgenommen, als ich vor einigen Jahren hier war und einen kurzen Kurs an der Universität von Solstice abhielt. Glücklicherweise waren am Tag der Kollision keine Besucher an Bord. Aber er sollte der Öffentlichkeit zugänglich sein, als Sehens- würdigkeit und als Unterrichtsobjekt. Und das sollte man richtig machen, mit vielleicht einem Museum an Ort und Stelle, in dem dargestellt wird, wie er erbaut wurde. Der Sonnenspiegel ist ein großartiges Werk. Seltsam, wenn man daran denkt, dass sein vorrangiger praktischer Nutzen darin besteht, Sümpfe anzulegen.« »Sümpfe erzeugen atembare Luft. Letzten Endes.« Sie lächelte. Im Denken ihres Onkels überschattete die pure technische Ästhetik deutlich die schmutzige biologische Szenerie, die am Ende dabei herauskommen würde. »Als Nächstes wirst du die Ratten verteidigen. Hier gibt es doch wirklich Ratten, wie ich gehört habe, oder?« »O ja, in den Tunneln zwischen den Kuppeln gibt es Ratten. Und Hamster und Rennmäuse. Alle Kinder fangen sie als Schoßtiere, und wenn man es recht überlegt, waren sie dies ja auch am Anfang. Ich finde die schwarzweißen Ratten niedlich. Die Kammerjäger müssen ihre Arbeit vor, ihren jüngeren Verwandten absolut geheim halten. Und wir haben hier natürlich auch Küchenschaben, wer hat sie nicht? Drüben in Equinox gibt es sogar wilde Kakadus. Einige Paare von ihnen sind vor einigen Jahrzehnten ent- flohen oder freigelassen worden. Jetzt findet man dort überall diese großen, regenbogenfarbigen Vögel, und die Leute füttern sie tatsächlich. Die Gesundheitsbehörden wollten sie beseitigen, aber die Gesellschafter der Kuppel haben sie überstimmt.« Die Kellnerin servierte ihre Salate und den Eistee, und es gab eine kurze Unterbrechung im Gespräch, als ihr Onkel dem frischen Spinat, den Mangos, Zwiebeln und kandier- ten Pekannüssen zusprach. Ekaterin hatte schon vermutet, dass die kandierten Nüsse seinen Zuspruch finden würden. Die Hydrokultur-Produktion der Handelsgärtnereien in Serifosa zählte zu den besten auf Komarr. Sie benutzte die Pause, um das Gespräch wieder auf den Gegenstand zu lenken, der im Augenblick im Mittelpunkt ihrer Neugier stand. »Dein Kollege Lord Vorkosigan – hat er wirklich eine dreizehnjährige Karriere beim KBS hinter sich?« Oder hat dich Tien zu einer Übertreibung gereizt? »Drei Jahre Kaiserliche Militärakademie und ein Jahr- zehnt im KBS, um genau zu sein.« »Wie ist er denn da überhaupt hineingekommen? Wie hat er die körperlichen Aufnahmeprüfungen bestanden?« »Durch Nepotismus, glaube ich. Irgendwie. Man muss ihm zugestehen, dass es so aussieht, als hätte er später diesen Vorteil nur sparsam eingesetzt. Mir wurde das faszi- nierende Erlebnis zuteil, seine komplette geheime mili-, tärische Personalakte zu lesen, als Gregor mich und meine Auditorenkollegen bat, Vorkosigans Kandidatur zu über- prüfen, bevor er die Ernennung aussprach.« Sie ließ leichte Enttäuschung erkennen. »Geheim. In diesem Fall kannst du mir wahrscheinlich nichts darüber erzählen.« »Tja.« Er grinste, den Mund voller Salat. »Da war die Episode auf Dagoola IV. Du musst davon gehört haben, jener gigantische Ausbruch aus dem cetagandanischen Kriegsgefangenenlager, den die Marilacaner vor ein paar Jahren inszenierten?« Sie erinnerte sich nur undeutlich daran. Damals war sie ganz mit ihrer Mutterschaft beschäftigt gewesen und hatte kaum auf Nachrichten geachtet, besonders nicht auf solche, die so weit herkamen wie die galaktischen Nachrichten. Aber sie nickte, um ihn zu ermuntern fortzufahren. »Das ist jetzt alles Geschichte. Ich habe von Vorkosigan gehört, dass die Marilacaner dabei sind, über dieses Thema ein Holovid-Drama zu produzieren. Die Größte Flucht nennen sie es, oder etwas in der Art. Sie haben versucht, ihn dafür zu engagieren – oder genau genommen seine Tarnidentität –, und zwar als Fachberater für das Drehbuch, eine Chance, die er mit Bedauern abgelehnt hat. Mir kommt es – selbst für den KBS – ein bisschen unflexibel vor, wenn der Sicherheitsdienst eine Reihe von Ereignissen weiterhin geheim halten will, die die Marilacaner gleich- zeitig für ihren ganzen Planeten zu einem Spielfilm verar- beiten. Auf jeden Fall war Vorkosigan der barrayaranische Agent hinter diesem Ausbruch.«, »Ich wusste nicht einmal, dass wir einen Agenten hinter diesem Ereignis hatten.« »Er war unser Mann vor Ort.« Daher also der seltsame Scherz über schnarchende Mari- lacaner… Es war gar kein Scherz gewesen. Ganz recht. »Wenn er so gut war, warum hat er dann den Dienst quittiert?« »Hm.« Ihr Onkel wischte sorgfältig den Rest seines Salatdressings mit seinem Vielkornbrötchen auf, bevor er antwortete. »Ich kann dir nur eine gekürzte Version dieser Ereignisse liefern. Er tat es nicht ganz freiwillig. Vor eini- gen Jahren wurde er sehr schlimm verwundet – so sehr, dass eine Kryobehandlung notwendig war. Die ursprüng- liche Verwundung und das Eingefrorensein fügten ihm eine Menge Schaden zu, und einiges davon blieb zurück. Er war gezwungen, aus Gesundheitsgründen aus dem Dienst auzuscheiden, und damit ist er – hm! – nicht sonder- lich gut fertig geworden. Es steht mir nicht zu, die Einzelheiten zu erörtern.« »Wenn er so schlimm verwundet war, dass eine Kryo- behandlung notwendig wurde, dann war er tot!«, erwiderte sie bestürzt. »Praktisch ja. ›Lebendig‹ und ›tot‹ sind nicht mehr so eindeutige Begriffe wie damals im Zeitalter der Isolation.« Also verfügte ihr Onkel genau über die Art medi- zinischer Informationen über Vorkosigans Mutationen, die sie am dringendsten zu erfahren suchte, falls er darauf geachtet hatte. Militärärztliche Untersuchungen waren nämlich sehr gründlich., »Anstatt nun die ganze Ausbildung und Erfahrung brachliegen zu lassen«, fuhr Onkel Vorthys fort, »fand Gregor eine Aufgabe für Vorkosigan im zivilen Bereich. Die meisten Dienstpflichten von Auditoren sind körperlich nicht übermäßig anspruchsvoll… Allerdings muss ich gestehen, dass es sich als nützlich erwiesen hat, wenn man über jemanden verfügt, der jünger und schlanker ist als man selbst und den man für diese langen Inspektionen im Druckanzug außerhalb der Station abordnen kann. Ich befürchte, dass ich seine Geduld ein wenig überstrapaziert habe, aber er hat sich als sehr aufmerksam erwiesen.« »Also ist er in Wirklichkeit dein Assistent?« »Keineswegs. Welcher Narr hat das erzählt? Alle Auditoren sind gleichrangig. Das Dienstalter spielt nur dann eine Rolle, wenn es bei den seltenen Gelegenheiten, wo wir im Team arbeiten, darum geht, mit bestimmtem Verwaltungskram belastet zu werden. Vorkosigan ist als gut erzogener junger Mann höflich gegenüber meinem grauen Haar, aber er ist ein unabhängiger Auditor aus eigenem Recht, und er geht dorthin, wo es ihm gefällt. Im Augenblick gefällt es ihm, meine Methoden zu studieren. Und ich werde sicherlich die Chance nutzen, die seinen kennen zu lernen. Weißt du, wenn wir Aufträge vom Kaiser bekommen, dann gibt er uns kein Handbuch dazu, wie wir sie lösen sollen. Es wurde zwar einmal vorgeschlagen, die Auditoren sollten sich selber eines zusammenstellen, aber sie sind – klugerweise, wie ich meine – zu dem Schluss gekommen, dass es mehr Schaden als Nutzen anrichten würde. Statt- dessen haben wir einfach unser Archiv mit den Berichten, an den Kaiser: Präzedenzfälle, aber ohne Regeln. In letzter Zeit haben einige von uns, die noch nicht lange im Amt sind, versucht, jede Woche ein paar alte Berichte zu lesen und uns dann zu einem Arbeitsessen zu treffen, wo wir die Fälle diskutieren und analysieren, wie sie gelöst wurden. Das ist faszinierend. Und köstlich. Vorkosigan hat eine ausgezeichnete Köchin.« »Aber das ist doch sein erster Auftrag, nicht wahr? Und … er wurde doch einfach nur so ernannt, aus einer Laune des Kaisers heraus.« »Er war zuerst vorübergehend zum Neunten Auditor ernannt worden. Ein ziemlich schwieriger Auftrag, Ermitt- lungen innerhalb des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes. Ganz und gar nicht die Art Aufgabe, die nach meinem Geschmack wäre.« Diese Nachricht war nicht völlig an ihr vorüber- gegangen. »Ach, du lieber Himmel. Hatte er wohl etwas damit zu tun, dass im letzten Winter zweimal der Chef des KBS wechselte?« »Ich habe technische Ermittlungen viel lieber«, bemerk- te ihr Onkel sanft. Ihre Salatsandwiches mit künstlich gezüchtetem Hühner- fleisch wurden aufgetragen, während Ekaterin über den Versuch ihres Onkels, sie abzulenken, nachdachte. Auf welche Art von Beruhigung war sie denn aus? Vorkosigan beunruhigte sie, das musste sie sich eingestehen, mit all seinem kühlen Lächeln und seinen warmen Augen, und sie konnte nicht sagen, warum. Er tendierte zum Sarkasmus. Gewiss war sie doch nicht unterbewusst gegen Mutanten, voreingenommen, wenn doch Nikolai selbst… Wenn im Zeitalter der Isolation ich so ein Kind zur Welt gebracht hätte wie diesen Vorkosigan, dann wäre es meine mütter- liche Pflicht gegenüber dem Genom gewesen, dem Neuge- borenen die Kehle durchzuschneiden. Nikki wäre glücklicherweise meiner Ausmerzung entgan- gen. Für einige Zeit. Das Zeitalter der Isolation ist für immer zu Ende. Gott sei Dank. »Ich habe den Eindruck, du magst Vorkosigan«, begann sie erneut nach den Informationen zu angeln, hinter denen sie her war. »Und deine Tante auch. Die Professora und ich hatten ihn letzten Winter ein paarmal zum Dinner eingeladen, und dabei brachte Vorkosigan die Idee von den Diskussions- treffen auf, fällt mir jetzt ein. Ich weiß, dass er zuerst ziemlich ruhig ist – vorsichtig, glaube ich –, aber er kann sehr witzig sein, wenn man ihn einmal in Fahrt bringt.« »Amüsiert er dich?« Ihr erster Eindruck war gewiss nicht amüsant gewesen. Er schluckte einen weiteren Bissen von seinem Sand- wich und blickte erneut zu dem weißen unregelmäßigen Fleck empor, der jetzt die Position der Soletta markierte. »Ich habe dreißig Jahre lang Ingenieurwissenschaften unterrichtet. Das ist manchmal eine arge Plackerei. Aber jedes Jahr hatte ich das Vergnügen, in meinen Klassen ein paar von den Besten und Intelligentesten vorzufinden, die dem Ganzen einen Sinn gaben.« Er nippte am gewürzten Tee und sprach langsamer. »Aber es kommt seltener vor –, höchstens alle fünf oder zehn Jahre –, dass unter meinen Studenten ein wirkliches Genie auftaucht und dass das Vergnügen zu einem Privileg wird, welches ich mein ganzes Leben lang schätze.« »Du glaubst, er sei ein Genie?«, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch. Dieser aristokratische Vor-Trottel? »Ich kenne ihn noch nicht gut genug, aber ich vermute es, zumindest zeitweise.« »Kann man ein zeitweises Genie sein?« »Alle Genies, denen ich bisher begegnet bin, waren das nur zeitweise. Um sich dafür zu qualifizieren, muss man einmal großartig sein, weißt du. Einmal, wenn es darauf ankommt. Ah, das Dessert. Du meine Güte, das ist ja herrlich!« Er machte sich zufrieden über ein großes Schokoladenkonfekt mit Schlagsahne und noch mehr Pekannüssen her. Sie wollte persönliche Informationen haben, bekam aber weiterhin nur Zusammenfassungen seiner Karriere. Sie würde also einen peinlicheren, direkteren Weg wählen müssen. Während sie auf ihren Löffel die erste Portion ihres gewürzten Apfeltörtchens mit Eiskrem häufte, fasste sie schließlich Mut und fragte: »Ist er verheiratet?« »Nein.« »Das überrascht mich.« Wirklich? »Er ist ein hoch- rangiger Vor, du lieber Himmel, der höchste – eines Tages wird er doch Graf eines Distrikts sein. nicht wahr? Er ist wohlhabend, zumindest nehme ich das an, er hat eine wichtige Stellung …« Sie verstummte. Was wollte sie eigentlich sagen? Was stimmt nicht mit ihm, dass er bis, jetzt noch keine eigene Gemahlin hat? Welche genetische Schädigung hat ihn so gemacht, wie er ist? Stammt das von seiner Mutter oder von seinem Vater? Ist er impotent, ist er steril? Wie sieht er unter dieser teuren Kleidung wirklich aus? Verbirgt er noch schlimmere Missbildungen? Ist er homosexuell? Wäre es sicher, wenn man Nikolai mit ihm allein lässt? Nichts davon konnte sie aussprechen, und ihre versteckten Andeutungen lockten aus ihrem Onkel nichts hervor, das den Antworten, nach denen sie suchte, auch nur nahe kam. Verdammt, wenn sie mit der Professora reden würde, dann hätte sie nicht diese Schwierigkeiten, an relevante Informationen heranzukommen. »Im Laufe der letzten zehn Jahre hat er sich meist außer- halb des Kaiserreiches aufgehalten«, erwiderte der Onkel, als wenn das etwas erklärte. »Hat er Geschwister?« Normale Brüder und Schwes- tern? »Nein.« Ein schlechtes Zeichen. »Oh, das nehme ich zurück«, fügte Vorthys hinzu. »Nicht im üblichen Sinn, würde ich sagen. Er hat einen Klon. Sieht allerdings nicht aus wie er.« »Das… – wenn er ein… – ich verstehe das nicht.« »Du musst dir das von Vorkosigan erklären lassen, wenn du es wissen möchtest. Selbst nach seinen Maßstäben ist die Sache kompliziert. Ich bin dem Burschen selber noch nicht begegnet.« Den Mund voller Schokolade und Sahne, fügte er hinzu: »Wenn wir schon von Geschwistern reden, habt ihr noch ein Geschwisterchen für Nikolai geplant? Es, wird große Altersunterschiede geben, wenn ihr noch viel länger wartet.« Sie lächelte panisch. Sollte sie es wagen und ihm sagen? Tiens Beschuldigung des Verrats brannte in ihrem Gedächtnis, aber sie war so müde, erschöpft und dieser dummen Geheimnistuerei so überdrüssig. Wenn doch nur ihre Tante hier wäre… Vage war sie sieh ihres empfängnisverhindernden Implantats bewusst, jenes Stückchens galaktischer Techno- kultur, das Tien fraglos akzeptiert hatte. Es gab ihr die Sterilität einer Galakterin, ohne ihr deren Freiheit zu gewähren. Die modernen Frauen tauschten mit Freuden die tödliche Lotterie der Fruchtbarkeit gegen die Gewissheiten der Gesundheit und das Ergebnis, das sich aus dem Gebrauch des Uterusreplikators ergab, aber Tiens Obses- sion mit der Geheimhaltung hatte ihr diese Belohnung auch verwehrt. Selbst wenn er somatisch geheilt würde, so wären es seine Keimzellen nicht, und jedes Kind würde genetisch untersucht werden müssen. War es seine Absicht, zukünftige Kinder zu verhindern? Als sie versucht hatte, dieses Thema mit ihm zu diskutieren, hatte er sie mit einem nichts sagenden Die wichtigen Dinge zuerst abgespeist; als sie auf ihrer Frage bestanden hatte, hatte er sie der Nörgelei und Selbstsucht bezichtigt. Das wirkte immer, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie wich der Frage ihres Onkels aus. »Wir sind so oft umgezogen. Ich habe immer darauf gewartet, dass sich die Dinge mit Tiens Karriere einmal klären.« »Er scheint ziemlich … äh … rastlos gewesen zu sein.« Vorthys hob die Augenbrauen und lud sie ein… wozu?, »Ich … will nicht so tun, als wäre das nicht schwierig gewesen.« Das war nur allzu wahr. Dreizehn verschiedene Posten innerhalb von zehn Jahren. War das für einen aufsteigenden Bürokraten normal? Tien sagte, es sei notwendig, denn kein Boss befördere jemals jemanden aus seiner Abteilung oder lasse zu, dass ein früherer Unterge- bener einen höheren Posten bekam als er selbst; auf dem Weg nach oben musste man umherziehen. »Wir sind acht- mal umgezogen. Bis jetzt habe ich sechs Gärten aufge- geben. Bei den letzten beiden Versetzungen habe ich schon nichts mehr gepflanzt, außer in Töpfen. Und dann musste ich noch die meisten Töpfe zurücklassen, als wir hierher kamen.« Vielleicht würde Tien auf diesem Posten auf Komarr bleiben. Wie konnte er denn jemals die Belohnungen der Beförderung und des höheren Dienstrangs, des Status, nach dem er so hungerte, einheimsen, wenn er nie lange genug bei einer Sache blieb, um sich so etwas zu verdienen? Seine ersten paar Stellen, da musste sie ihm zustimmen, waren mittelmäßig gewesen; sie hatte ohne weiteres verstanden, warum er so schnell weiterziehen wollte. Man erwartete ja, dass die ersten Ehejahre eines Paares unruhig waren, während die beiden sich mit ihrer neuen, erwachsenen Lebensform vertraut machten. So, wie sie es gemacht hatte. Sie war damals schließlich erst zwanzig gewesen. Als sie heirateten, war Tien dreißig gewesen … In jeder neuen Stellung hatte er mit einem Ausbruch an Begeisterung begonnen und hart oder zumindest sehr lange gearbeitet. Bestimmt konnte niemand härter arbeiten. Dann hatte die Begeisterung abgenommen, und er begann sich zu, beschweren: über zu viel Arbeit, zu geringe Entlohnung, die zu langsam angeboten wurde. Faule Kollegen, krieche- rische Vorgesetzte. Zumindest stellte er es so dar. Für sie war es zum geheimen Alarmsignal geworden, wenn Tien anfing, von den sexuellen Eskapaden seiner Vorgesetzten zu erzählen; dies bedeutete, dass es mit seiner Stelle wieder einmal zu Ende ging. Er würde eine neue finden … Allerdings schien es heutzutage immer länger zu dauern, bis er eine neue fand. Und seine Begeisterung würde wieder auflodern, und das Ganze ging wieder von vorne los. Doch ihr überempfindsames Ohr hatte bis jetzt bei dieser Stellung hier keine schlimmen Anzeichen aufge- schnappt, und jetzt waren sie schon fast ein Jahr auf Komarr. Vielleicht hatte Tien endlich – wie hatte Vorko- sigan es genannt? – seine Leidenschaft entdeckt. Dies war der beste Posten, den er bisher bekommen hatte; vielleicht würden sich die Dinge zur Abwechslung einmal zum Guten entwickeln. Wenn sie nur lange genug durchhielt, würde es besser werden, denn Leistung würde belohnt werden. Und… da diese Sache mit Vorzohns Dystrophie über ihnen hing, hatte Tien guten Grund zur Ungeduld. Seine Zeit war nicht unbegrenzt. Und die deine schon? Sie wischte den Gedanken beiseite. »Deine Tante war sich nicht sicher, ob du hier zufrieden bist. Gefällt es dir auf Komarr?« »Oh, ich mag Komarr durchaus«, erwiderte sie schnell. »Ich gebe zu, ich habe ein wenig Heimweh gehabt, aber das bedeutet nicht, dass es mir hier nicht gefällt.« »Sie glaubte, du würdest die Gelegenheit ergreifen und, Nikki in eine komarranische Schule schicken, um der kulturellen Erfahrung willen, wie sie sich auszudrücken pflegt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Schule, die wir heute Morgen besucht haben, nicht sehr schön ist, was ich ihr berichten werde, damit sie beruhigt ist, das verspreche ich.« »Ich war versucht, ihn in eine komarranische Schule zu schicken. Aber da er Barrayaraner ist und somit von einem anderen Planeten stammt, hätte es für Nikki in einem komarranischen Schulzimmer schwierig werden können. Du weißt ja, wie Kinder sich in diesem Alter gegen einen zusammentun können, der anders ist als sie. Tien dachte, diese Privatschule sei viel besser. Viele der aristokratischen Vor-Familien in diesem Sektor schicken ihre Kinder dorthin. Er meinte, Nikki könnte gute Beziehungen anknüpfen.« »Ich hatte nicht den Eindruck, dass Nikki gesell- schaftlichen Ehrgeiz besitzt.« Den trockenen Ton dieser Worte milderte ein leichtes Zwinkern. Was sollte sie darauf antworten? Eine Entscheidung verteidigen, der sie selbst nicht zugestimmt hatte? Zuge- ben, dass sie meinte, Tien habe Unrecht? Wenn sie erst einmal anfinge, sich über Tien zu beschweren, dann war sie sich nicht sicher, ob sie aufhören könnte, bevor ihr die schrecklichsten Befürchtungen entschlüpften. Und überdies wirkten Leute, die sich über ihre Ehepartner beschwerten, immer so hässlich. »Nun ja, Beziehungen zumindest für mich.« Nicht, dass sie in der Lage gewesen wäre, die Energie aufzubieten, um diese Beziehungen so eifrig zu pflegen, wie sie es nach Tiens Meinung hätte tun sollen., »Ah ja, es ist gut, dass du Freunde gewinnst.« »Ja, nun… ja.« Sie kratzte an dem Rest von Apfelsirup auf ihrem Teller herum. Als sie aufblickte, bemerkte sie einen gut aussehenden jungen Komarraner, der am äußeren Tor zum Innenhof des Restaurants stehen geblieben war und zu ihr herüberstarrte. Einen Moment später kam er herein und näherte sich ihrem Tisch. »Madame Vorsoisson?«, fragte er unsicher. »Ja?«, erwiderte sie vorsichtig. »Schön. Also lag ich doch richtig mit meiner Ver- mutung, ich hätte Sie erkannt. Mein Name ist Andro Farr. Wir sind uns vor einigen Monaten beim Winterfest- empfang für die Mitarbeiter des Serifosa-Terraforming- Projekts begegnet, erinnern Sie sich noch?« Vage. »O ja, Sie hatten jemanden begleitet…« »Ja, Marie Trogir. Sie ist Technikerin in der Abteilung für Nutzung der Abwärme. Oder das war sie zumindest… Kennen Sie sie? Ich meine, hat sie jemals mit Ihnen gesprochen?« »Nein.« Ekaterin war der jungen Komarranerin vielleicht dreimal begegnet, und zwar bei sorgfältig arrangierten Veranstaltungen des Projekts. Ekaterin war sich dabei zu sehr ihrer Rolle als Tiens Repräsentantin bewusst gewesen, die jedermann herzlich zu begrüßen hatte, um sich in persönlichere Gespräche verwickeln zu lassen. »Hatte sie vor, mit mir zu reden?« Der junge Mann ließ enttäuscht die Schultern sinken. »Ich weiß es nicht. Mir kam die Idee, Sie seien vielleicht befreundet gewesen, oder zumindest miteinander bekannt., Ich habe mit allen Freunden von ihr geredet, die ich ausfindig machen konnte.« »Hm… so?« Ekaterin war sich keineswegs sicher, ob sie dieses Gespräch noch weiterführen wollte. Farr schien ihre Zweifel zu spüren; er errötete leicht. »Entschuldigen Sie bitte. Ich befinde mich offensichtlich in einer ziemlich schmerzlichen häuslichen Situation, und ich weiß nicht, warum. Es hat mich so überrascht. Aber… aber wissen Sie… vor etwa sechs Wochen sagte Marie mir, sie würde wegen eines Feldprojekts ihrer Abteilung die Stadt verlassen und in etwa fünf Wochen zurück sein, aber sie war sich da nicht ganz sicher. Sie hat mir keine KomKonsolen-Codes hinterlassen, unter denen ich sie erreichen kann; sie sagte, sie würde wahrscheinlich nicht anrufen können, und ich sollte mir deshalb keine Sorgen machen.« »Leben sie mit ihr zusammen?« »Ja. Auf jeden Fall, die Zeit verging und verging, und ich hörte nichts von ihr … Schließlich rief ich ihren Abteilungsleiter, Administrator Soudha, an. Er drückte sich sehr unbestimmt aus. Eigentlich bin ich der Meinung, dass er mir ausgewichen ist. Also ging ich persönlich dorthin und fragte mich zu ihm durch. Als ich ihn schließlich ausfindig gemacht hatte, sagte er«, Farr schluckte, »sie hätte vor sechs Wochen abrupt gekündigt und die Abteilung verlassen. Und das hatte auch ihr Chefingenieur Radovas getan, derselbe, von dem sie gesagt hatte, er gehe mit ihr zu diesem Feldeinsatz. Soudha schien zu meinen, sie seien… zusammen fortgegangen. Aber das ergibt keinen Sinn.«, Die Idee, aus einer Beziehung wegzulaufen und keine Nachsendeadresse zu hinterlassen, ergab für Ekaterin durchaus einen Sinn, aber es stand ihr wohl kaum zu, das zu sagen. Wer wusste, welch tiefe Unzufriedenheit Farr an seiner Lebensgefährtin übersehen hatte? »Es tut mir Leid, aber ich weiß nichts darüber. Tien hat es nie erwähnt.« »Verzeihen Sie, dass ich Sie damit belästige, Madame.« Er zögerte und schien zu erwägen wegzugehen. »Haben Sie schon mit Madame Radovas gesprochen?«, fragte Ekaterin versuchsweise. »Ich habe es versucht. Sie hat sich geweigert, mit mir zu reden.« Auch das war verständlich, falls ihr Ehemann mit einer jüngeren und schöneren Frau weggelaufen war. »Haben Sie beim Sicherheitsdienst eine Vermissten- anzeige aufgegeben?«, fragte Onkel Vorthys. Ekaterin fiel ein, dass sie ihn nicht vorgestellt hatte, und nach kurzem Nachdenken beschloss sie, es dabei zu belassen. »Ich war mir noch nicht sicher. Aber ich glaube, das werde ich jetzt tun.« »Hm«, sagte Ekaterin. Wollte sie wirklich diesen Menschen ermuntern, er solle dieses Mädchen verfolgen? Marie Trogir war anscheinend problemlos davongekom- men. Hatte sie diese grausame Methode zur Beendigung ihrer Beziehung gewählt, weil sie blöd oder er ein Monster war? Es gab keine Möglichkeit, das als Außenstehender zu beurteilen. Man wusste nie, welche geheimen Lasten jemand mit sich herumtrug, die er hinter seinem strahlen- den Lächeln verbarg., »Sie hat all ihre Sachen zurückgelassen. Sie hat sogar ihre Katzen dagelassen. Ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll«, sagte er ziemlich kläglich. Ekaterin hatte von verzweifelten Frauen gehört, die alles zurückließen, sogar die eigenen Kinder, doch Onkel Vorthys warf ein: »Das kommt mir komisch vor. An Ihrer Stelle würde ich zum Sicherheitsdienst gehen, und wenn auch nur, damit Sie beruhigt sein können. Sie können sich später immer noch entschuldigen, falls es notwendig sein sollte.« »Ich… ich glaubte, das könnte ich tun. Guten Tag, Madame Vorsoisson, guten Tag, mein Herr.« Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar und ging durch das Tor aus imitiertem Schmiedeeisen in den Park hinaus. »Vielleicht sollten wir uns auf den Heimweg machen«, schlug Ekaterin vor, als der junge Mann verschwunden war. »Sollen wir für Lord Vorkosigan etwas zum Mittag- essen mitnehmen? Hier gibt es auch Speisen im Straßen- verkauf.« »Ich weiß nicht, ob er überhaupt merkt, dass eine Mahlzeit ausfällt, wenn er in ein Problem vertieft ist, aber mir erscheint es durchaus sinnvoll, wenn wir etwas mit- bringen.« »Weißt du, was er mag?« »Alles, könnte ich mir vorstellen.« »Ist er gegen irgendwelche Speisen allergisch?« »Soweit ich weiß, nicht.« Sie wählte hastig eine ausreichend ausgewogene und nahrhafte Mahlzeit. Dabei hoffte sie, das hübsch, arrangierte Gemüse würde nicht im Müllschlucker landen. Bei Männern wusste man das nie. Als die Bestellung ausgehändigt worden war, verließen sie das Lokal und Ekaterin schlug die Richtung zur nächsten Bubble-Car- Station an, um in ihren eigenen Kuppelbereich zurück- zukehren. Sie hatte immer noch keine klare Vorstellung davon, wie Vorkosigan auf seinem von Mutagenen heim- gesuchten Heimatplaneten mit seinem Status als Mutant so erfolgreich fertig geworden war, außer vielleicht dadurch, dass er den größten Teil seiner Karriere fern der Heimat verbracht hatte. Konnte das auf irgendeine Weise hilfreich für Nikki sein?, Etienne Vorsoissons bürokratische Domäne beanspruchte zwei Stockwerke in den Oberge- schossen eines luftdicht abgeschlossenen Turms, der ansonsten Büros der lokalen Regierung der Serifosa- Kuppel gewidmet war. Der Turm am Rande des Kuppel- bereichs war nicht innerhalb eines anderen atmosphäre- haltenden Bauwerks untergebracht. Während sie in dessen Innerem auf einer gebogenen Rolltreppe hinaufstiegen, beäugte Miles das mit einem Glasdach versehene Atrium mit Missfallen. Er hätte schwören können, seine Ohren hätten das schwache, ferne Pfeifen von Luft vernommen, die aus einer nicht ganz dichten Versiegelung entwich. »Was passiert eigentlich, wenn jemand einen Stein durch ein Fenster schmeißt?«, murmelte er dem Professor zu, der einen Schritt hinter ihm ging. »Nicht viel«, erwiderte Vorthys, ebenfalls murmelnd. »Es würde ein ziemlich spürbarer Luftzug entstehen, aber das Druckgefälle ist nicht so groß.« »Stimmt.« Die Serifosa-Kuppel war nicht wirklich dasselbe wie eine Installation im Weltraum, trotz gelegent- licher irreführender Ähnlichkeiten der Architektur. Hier erzeugte man die Luft im Inneren größtenteils aus der Luft draußen. Lüftungsschächte, die über den ganzen Kuppel- komplex verteilt waren, saugten Komarrs freie volatile Gase auf, filterten das überschüssige Kohlendioxid und andere gefährliche Spurenelemente heraus, ließen den, Stickstoff unverändert durch und konzentrierten den Sauerstoff zu einer für Menschen erträglichen Mischung. Prozentual war in Komarrs ursprünglicher Atmosphäre der Sauerstoff immer noch zu gering, um ein großes Säugetier ohne die technische Hilfe einer Atemmaske am Leben zu erhalten, aber die absolute Menge bildete ein reiches Reservoir verglichen mit dem Volumen selbst der ausge- dehntesten Kuppelkomplexe. »Solange ihr Stromerzeu- gungssystem funktioniert.« Sie verließen die Rolltreppe und folgten Vorsoisson in einen Korridor, der von dem zentralen Atrium abzweigte. Der Anblick einer Kiste mit Atemmasken für den Notfall, die neben einem Feuerlöscher an einer Wand angebracht war, beruhigte Miles ein wenig, als er vorüberging: Die Komarraner hier hatten ihre routinemäßigen Gefahren nicht völlig vergessen. Allerdings wirkte die Kiste verdächtig staubig. Hatte man sie jemals gebraucht, seit sie vor wer- weiß-wie-vielen Jahren angebracht worden war? Hatte man sie einmal überprüft? Wenn es sich hier um eine militärische Inspektion gehandelt hätte, dann hätte sich Miles ein Vergnügen daraus machen können, die ganze Gesellschaft auf der Stelle anzuhalten und die Kiste zu öffnen, um zu bestimmen, ob die Masken nach Energie- und Sauerstoffvorrat noch den Vorschriften entsprachen. Als Kaiserlicher Auditor konnte er das natürlich ebenfalls machen oder jede andere Maßnahme ergreifen, die ihm einfiel. Als er noch jünger gewesen war, war Impulsivität sein Gewohnheitslaster gewesen. In den dunklen Zweifeln der letzten Nächte hatte Miles mehrmals überlegt, ob Kaiser Gregor seine jüngste Auditorenernennung völlig, durchdacht hatte. Macht sollte angeblich korrumpieren, aber hier kam er sich eher vor wie ein Kind, das man in einem Süßigkeitenladen sich selber überließ. Bewahre deine Selbstbeherrschung, alter Junge. Die Kiste mit den Masken blieb hinter ihnen zurück, es gab keinen Zwischenfall. Als Führer des Rundgangs wies Vorsoisson auf die Büros der verschiedenen ihm unter- stellten Abteilungen hin, ohne jedoch seine Besucher einmal zum Betreten derselben einzuladen. Nicht, dass es in diesen Hauptquartieren der Verwaltung viel zu sehen gegeben hätte. Das wirkliche Interesse galt, wie die wirkliche Arbeit, einem Bereich, der völlig außerhalb der Kuppeln lag: den experimentellen Stationen, den Parzellen und Nischen von Fauna und Flora im gesamten Sektor von Serifosa. In diesen langweiligen Zimmern hätte Miles nichts anderes vorgefunden als KomKonsolen. Und Komarraner natürlich, jede Menge Komarraner. »Hier entlang, Mylords.« Vorsoisson lotste sie in ein angenehm geräumiges Zimmer mit einem großen, runden Holovid-Projektionstisch. Nach Aussehen und Geruch ähnelte das Konferenzzimmer allen Räumen, in denen sich Miles während seiner abrupt zu Ende gegangenen Karriere zu militärischen und sicherheitsdienstlichen Besprechun- gen aufgehalten hatte. Noch mehr vom Gleichen. Ich sehe schon, die größte Herausforderung wird heute Nachmittag für mich sein, dass ich überhaupt wach bleibe. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen saß bereits da und wartete, nervös an Tastaturen und Vid-Disketten herumfingernd, während ein paar weitere mit gemurmelten Entschuldi- gungen hinter den beiden Auditoren in den Raum huschten., Vorsoisson deutete auf Plätze zu seiner Rechten und Linken, die für die Besucher reserviert waren. Miles lächelte kurz den Versammelten grüßend zu und ließ sich nieder. »Lord Auditor Vorthys, Lord Vorkosigan, darf ich Ihnen die Abteilungsleiter der Zweigstelle Serifosa des Komarra- nischen Terraforming-Projektes vorstellen.« Vorsoisson ging um den Tisch herum, nannte die Anwesenden und deren Abteilungen, die im Rahmen der grundlegenden Einteilung in Buchhaltung, Durchführung und Forschung solche vielsagenden Titel wie Kohlenstoffreduzierung, Hydrologie, Treibhausgase, Versuchsparzellen, Abwärme- verwertung und Mikrobenreklassifizierung aufwiesen. Jeder war ein einheimischer Komarraner; Vorsoisson war unter ihnen der einzige Barrayaraner. Vorsoisson blieb stehen und wandte sich an einen der Neuankömmlinge. »Mylords, darf ich Ihnen auch Ser Venier vorstellen, meinen Verwaltungsassistenten. Vennie hat für Sie eine allgemeine Präsentation organisiert, und danach werden meine Mitarbeiter Ihnen gerne alle weiteren Fragen beantworten.« Vorsoisson setzte sich. Venier nickte jedem der beiden Auditoren zu und murmelte etwas Unverständliches. Er war ein schmächtiger Mann, kleiner als Vorsoisson, mit aufmerksamen braunen Augen und einem unglücklichen, schwachen Kinn, das ihm zusammen mit seinem nervösen Benehmen das Aussehen eines leicht manischen Kanin- chens verlieh. Er nahm das Holovid-Steuerpodium ein und rieb sich die Hände, dann stapelte er mehrmals seine Datendisketten um, wählte schließlich eine aus und legte, sie wieder hin. Er räusperte sich und fand endlich seine Stimme. »Mylords. Man hat mir vorgeschlagen, mit einem historischen Überblick zu beginnen.« Wieder nickte er den Auditoren einzeln zu, dann verweilte sein Blick einen Moment lang auf Miles. Er schob eine Diskette in seine Maschine und begann mit einer attraktiven, d. h. künst- lerisch verfeinerten Darstellung von Komarr. Der Planet drehte sich über der Vid-Scheibe. »Die frühen Erforscher des Wurmlochnexus betrachteten Komarr als einen wahrscheinlichen Kandidaten für das Terraforming. Unsere Gravitation von 0,9 Standard-g und das überreiche natür- liche Vorkommen von gasförmigem Stickstoff, dem bevor- zugten trägen Puffergas, und von ausreichend Wassereis ließ dieses Vorhaben beträchtlich leichter erscheinen als bei solch klassischen kalt-trockenen Planeten wie zum Beispiel dem Mars.« Das mussten tatsächlich sehr frühe Erforscher gewesen sein, überlegte Miles, wenn sie hier ankamen und siedelten, bevor angenehmere Welten gefunden wurden, die solche ehrgeizigen Projekte wirtschaftlich uninteressant machten, zumindest, wenn man noch nicht hier lebte. Aber… dann waren da noch die Wurmlöcher. »Auf der Debetseite«, fuhr Venier fort, »erwies sich die Konzentration von atmosphärischem CO2 als hoch genug, um für Menschen toxisch zu wirken, doch die Sonnen- einstrahlung war so unzureichend, dass kein Treibhaus- effekt die Hitze speicherte, um das Wasser flüssig zu halten. Komarr war folglich eine leblose Welt, kalt und dunkel. Die ersten Berechnungen legten den Gedanken nahe, es würde mehr Wasser nötig sein, und es wurden, einige so genannte schwache Kometeneinschläge ausge- löst, und so verdanken wir unseren Vorfahren unsere südlichen Kraterseen.« Ein buntes, allerdings nicht maß- stabsgetreues Lichtgesprenkel übersäte die untere Hemis- phäre der Planetendarstellung und löste sich dann in eine Kette blauer Kleckse auf. »Doch der zunehmende Bedarf an Kometenwasser und flüchtigen Gasen für die Orbit- und Wurmlochstationen bereitete dem bald ein Ende. Und dazu kamen natürlich noch die Befürchtungen der frühen Siedler auf dem Planeten gegenüber ungenügend kontrollierten Fallkurven der Kometen.« Berechtigte Befürchtungen, wie Miles sich aus seiner Beschäftigung mit der komarranischen Geschichte erinnerte. Er warf Vorthys einen verstohlenen Blick zu. Der Professor schien mit Veniers Vortrag völlig zufrieden zu sein. »Tatsächlich zeigten spätere Explorationen«, fuhr Venier fort, »dass das in den Polarkappen gebundene Eis dicker war als zunächst vermutet, wenn auch nicht so reichlich wie auf der Erde. Und so begann das Bemühen um Hitze und Licht.« Miles konnte es den frühen Komarranern nach- empfinden; arktische Kälte und Dunkelheit verabscheute auch er mit einer innigen Leidenschaft. »Unsere Vorfahren bauten den ersten Sonnenspiegel, dem eine Generation später ein anderer Entwurf folgte.« Ein Holovid-Modell, ebenfalls nicht maßstabsgetreu, erschien auf der Seite und ging in ein zweites über. »Hundert Jahre später folgte wiederum die Ausführung, die wir heute sehen.« Es erschien das aus sieben Scheiben, gebildete Hexagon und tanzte um den Globus von Komarr. »Die Sonneneinstrahlung am Äquator wurde ausreichend verstärkt, sodass das Eis schmelzen und eine beginnende Flora und Fauna Kohlenstoff abbauen und das dringend benötigte O2 freisetzen konnte. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde eine umfassende Mischung künstlicher Treibhausgase hergestellt und in die obere Atmosphäre entlassen, damit sie helfen konnte, die neue Energie anzufangen.« Venier bewegte seine Hand; vier der sieben Scheiben erloschen. »Dann kam der Unfall.« Alle Komar- raner starrten düster auf den beschädigten Sonnenspiegel. »Es wurde etwas von einer Hochrechnung der Abküh- lung erwähnt. Wie lauten die Zahlen?«, meldete sich Vorthys sanft. »Ja, Mylord Auditor.« Venier schob Vorthys eine Diskette über die polierte Tischplatte hinweg zu. »Administrator Vorsoisson sagte, Sie seien Ingenieur, und so habe ich alle Berechnungen darin belassen.« Der Mann von der Abwärmeabteilung, Soudha, eben- falls Ingenieur, zuckte zusammen und biss sich in den Daumen ob dieser unschuldigen Unkenntnis bezüglich Vorthys’ Stellung in seinem Fach. »Danke, ich weiß es zu schätzen«, erwiderte Vorthys lediglich. Und wo ist die Kopie für mich? Miles fragte nicht laut, sondern sagte: »Und können Sie bitte Ihre Schluss- folgerungen für uns Nichtingenieure zusammenfassen. Ser Venier?« »Gewiss, Lord Auditor… Vorkosigan. Ernstliche, Schädigung der Flora und Fauna in den nördlichsten und südlichsten Breiten, nicht nur im Serifosa-Sektor, sondern planetenweit, werden nach einer Saison beginnen. Jedes Jahr danach verlieren wir mehr Terrain; nach fünf Jahren steigt die Kurve der zerstörerischen Abkühlung schnell auf katastrophale Ausmaße an. Der Bau des ursprünglichen Sonnenspiegels hat zwanzig Jahre gedauert. Ich hoffe, die Reparatur wird nicht ebenso lange dauern.« Auf dem Vid- Modell krochen die weißen Polarkappen wie bleiche Tumore über den Globus. Vorthys blickte Soudha an. »Und so nehmen andere Wärmequellen plötzlich eine neue Bedeutung an, zumin- dest als Notbehelf.« Soudha, ein großer Mann mit breiten Händen, Ende vierzig, lehnte sich zurück und lächelte etwas grimmig. Auch er räusperte sich, bevor er begann. »Man hoffte damals am Beginn des Terraformings, die Abwärme unserer wachsenden Kuppelstädte würde signifikant zur Erwärmung des Planeten beitragen. Im Laufe der Zeit erwies sich das als zu optimistisch. Ein Planet mit einer aktivierenden Hydrologie ist ein riesiges thermales Puffer- system, bei dem die Warme der Verflüssigungslast in all dem Eis eingesperrt ist. Derzeit – vor dem Unfall – war man der Meinung, die beste Nutzung der Abwärme bestehe in der Schaffung von Mikroklimata in der Umgebung der Kuppeln, die als Reservoire für die nächste Welle höherer Flora und Fauna dienen sollten.« »Für einen Ingenieur klingt es wie Irrsinn, wenn man sagt: »Wir müssen mehr Energie im Wärmeverlust verschwenden«, stimmte Vorthys ihm zu, »aber vermutlich, stimmt es hier. Wie steht es mit der Machbarkeit, wenn man eine Anzahl von Fusionsreaktoren der reinen Wärme- erzeugung widmet?« »Wenn man die Meere becherweise kochen lässt?« Soudha machte eine Grimasse. »Möglich, gewiss, und ich hätte es gerne, wenn mit dieser Technik mehr für die Entwicklung kleiner Gebiete im Sektor Serifosa getan würde. Wirtschaftlich gesehen – nein. Pro Grad planetarer Erwärmung kostet das mehr, als wenn man den Sonnen- spiegel repariert – oder vergrößert, worum wir die kaiserliche Regierung seit Jahren bitten. Ohne Erfolg. Und wenn man einen Reaktor gebaut hat, dann könnte man ihn genauso gut dazu verwenden, eine Kuppel zu versorgen. Die Wärme wird am Ende genauso draußen ankommen.« Er schob diesmal beiden, Vorthys und Miles, Daten- disketten zu. »Hier ist der aktuelle Statusbericht unserer Abteilung.« Er blickte zu einem seiner Kollegen hinüber. »Wir sind alle erpicht darauf, noch während der Dauer unseres Lebens zu höheren Pflanzenformen weiterzu- schreiten, aber derzeit verbleibt die größte Aktivität – um nicht zu sagen: der größte Erfolg – auf der Ebene der Mikroben. Philip?« Der Mann, der als Leiter der Abteilung Mikroben- reklassifizierung vorgestellt worden war, lächelte – nicht völlig dankbar – Soudha zu und wandte sich an die Auditoren. »Nun ja. Bakterien boomen. Sowohl unsere absichtlichen Übertragungen als auch wilde Arten. Im Laufe der Jahre wurde jeder Typ von der Erde importiert, oder ist jedenfalls von dort angekommen und ins Freie gelangt. Leider haben die Mikroben die Tendenz, sich, schneller an die Umwelt anzupassen, als die Umwelt sich an uns angepasst hat. Meine Abteilung hatte alle Hände voll zu tun, um mit den Mutationen Schritt zu halten. Wie immer sind mehr Licht und Wärme notwendig. Und offen gesagt, Mylords, mehr Finanzmittel. Wenn auch unsere Mikroflora schnell wächst, so stirbt sie auch schnell und gibt ihre Kohlenstoffverbindungen wieder frei. Wir müssen zu höheren Organismen voranschreiten, um den über- schüssigen Kohlenstoff abzusondern für die tausend- jährigen Zeitrahmen, die notwendig sind. Vielleicht könnten Sie das einmal ansprechen, Liz?« Er nickte einer angenehm molligen Frau mittleren Alters zu, die den Auditoren als Leiterin der Abteilung Kohlenstoffabbau vorgestellt worden war. Sie lächelte glücklich, woraus Miles schloss, dass sich die Zuständigkeiten ihrer Abteilung in diesem Jahr gut entwickelten. »Ja, Mylords. Wir haben mit einer Anzahl höherer Vegetationsformen Fortschritte gemacht und genetische Entwicklungen oder Verbesserungen erzielt. Den weitaus größten Erfolg haben wir bei den Torf- sümpfen, die kälte- und kohlendioxidresistent sind. Sie brauchen flüssiges Wasser und würden, wie immer, sich bei höheren Temperaturen noch besser entwickeln. Idealer- weise sollten sie sich in Subduktionszonen befinden, um wirklich auf lange Zeit Kohlenstoff abzubauen, aber im Serifosa-Sektor fehlen solche Zonen. Also haben wir tief liegende Gebiete ausgewählt, die – wenn an den Polen Wasser freigesetzt wird – schließlich mit Seen und kleinen Meeren bedeckt sein werden und unter einer Sediment- kappe den eingefangenen Kohlenstoff speichern werden., Richtig geplant, wird der Prozess ganz automatisch laufen, ohne weiteres menschliches Eingreifen. Wenn wir nur die finanziellen Mittel bekämen, um das Gebiet unserer Pflanzungen in den nächsten paar Jahren zu verdoppeln oder zu verdreifachen… nun, hier sind meine Projektio- nen.« Vorthys nahm eine weitere Datendiskette entgegen. »Wir haben einige Testparzellen mit größeren Pflanzen begonnen, die über den Sümpfen folgen sollen. Diese größeren Organismen sind natürlich unendlich viel leichter zu steuern als die schnell mutierende Mikroflora. Im Augenblick sind sie bereit, um sich für größere Pflanzun- gen zu vergrößern. Aber sie sind noch schlimmer von der Reduktion an Wärme und Licht durch den Sonnenspiegel bedroht. Wir brauchen wirklich unbedingt eine zuverläs- sige Schätzung, wie lange es dauern wird, die Reparaturen im Weltraum auszuführen, bevor wir mit unseren Anpflanzplänen weitermachen.« Sie schaute Vorthys sehnsüchtig an, doch der sagte nur: »Danke, Madame.« »Wir planen eine Überfliegung der Torfplantagen später am Nachmittag«, erklärte ihr Vorsoisson. Einstweilen befriedigt, lehnte sie sich zurück. Und so ging es um den ganzen Tisch herum weiter: mehr, als Miles je hatte über das Terraforming von Komarr erfahren wollen, und darin eingeflochten versteckte und nicht so versteckte Bitten um zusätzliche Finanzmittel von der kaiserlichen Regierung. Und um Wärme und Licht. Macht korrumpiert, aber wir wollen Energie. Nur die Abteilungen Buchhaltung und Abwärmeverwertung hatten es so eingerichtet, dass sie zu dieser Besprechung, Duplikate ihrer einschlägigen Berichte für Miles mitbrachten. Er unterdrückte den Impuls, jemanden darauf aufmerksam zu machen. Wollte er wirklich noch weitere hunderttausend Wörter Bettlektüre haben? Als alle zu Wort gekommen waren, begannen seine neueren Narben zu schmerzen, und diesmal hatte er nicht die Ausrede wie gestern, es liege am körperlichen Stress, da er am Vortag dauernd in einem Druckanzug um das Wrack des Sonnen- spiegels herumgeturnt war. Als er sich von seinem Stuhl erhob, war er viel steifer, als er es erwartet hatte; Vorthys machte eine Geste in Richtung seines Ellbogens, als wollte er ihm helfen, doch als Miles die Stirn runzelte und kaum merklich den Kopf schüttelte, zog er die Hand zurück. Miles brauchte gar nicht unbedingt etwas zu trinken, aber er wollte es einfach. »Ach, Administrator Soudha«, begann Vorthys, als der Leiter der Abteilung Abwärme an ihnen vorbei zur Tür ging. »Dürfte ich Sie bitte mal kurz sprechen?« Soudha blieb stehen und lächelte schwach. »Mylord Auditor?« »Hat es einen besonderen Grund gegeben, warum Sie diesem jungen Burschen, Farr, nicht helfen konnten, seine verschwundene Dame zu finden?« Soudha zögerte. »Wie bitte?« »Der Mann, der Ihre frühere Angestellte suchte, ich glaube, er sagte, sie heiße Marie Trogir. Hat es einen Grund gegeben, weswegen Sie ihm nicht helfen konnten?« »Ach, dem, Sie suchen. Nun, hm… das war eine ver- trackte Geschichte.« Soudha blickte sich um, aber der, Raum hatte sich geleert, nur Vorsoisson und Venier warteten darauf, ihre hochrangigen Gäste zur nächsten Station ihres Rundgangs zu geleiten. »Ich habe ihm empfohlen, beim Sicherheitsdienst eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Die könnten dann bei Ihnen anfragen.« »Ich… glaube nicht, dass ich denen mehr helfen könnte als Farr. Leider weiß ich wirklich nicht, wo sie ist. Sie hat gekündigt, wissen Sie. Sehr plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Das hat mir zu einem schwierigen Zeitpunkt eine Lücke in mein Personal gerissen. Ich war nicht sehr erbaut darüber.« »Das hat Farr auch gesagt. Ich dachte mir nur, es sei seltsam mit den Katzen. Eine meiner Töchter hat Katzen. Es sind schreckliche kleine Schmarotzer, aber sie mag sie sehr gern.« »Katzen?«, fragte Soudha. Er wirkte zunehmend ver- wirrt. »Trogir hat anscheinend ihre Katzen in Farrs Obhut zurückgelassen.« Soudha blinzelte, sagte aber: »Ich habe es immer als unpassend empfunden, mich in das Privatleben meiner Untergebenen einzumischen. Männer oder Haustiere, das war Trogirs Angelegenheit, nicht die meine. Solange keine Projektzeit auf sie verschwendet wird. Ich … gibt es noch etwas anderes?« »Eigentlich nicht«, erwiderte Vorthys. »Wenn Sie mich dann bitte entschuldigen würden, My- lord Auditor.« Soudha lächelte erneut und entfernte sich., »Um was ging es denn dabei?«, fragte Miles Vorthys, als sie auf dem Korridor die entgegengesetzte Richtung einschlugen. Vorsoisson übernahm die Antwort. »Ein kleiner Skandal im Büro, unglücklicherweise. Eine von Soudhas Technike- rinnen ist mit einem seiner Ingenieure durchgebrannt. Das hat ihn anscheinend völlig unvorbereitet getroffen. Die Sache ist ihm ziemlich peinlich. Wie sind Sie denn darauf gestoßen?« »Der junge Farr hat Ekaterin in einem Restaurant ange- sprochen«, antwortete Vorthys. »Er ist wirklich aufdringlich.« Vorsoisson seufzte. »Ich kann es Soudha nicht verdenken, dass er ihm aus dem Weg geht.« »Ich habe immer gedacht, die Komarraner gingen mit solchen Dingen gelassener um«, mischte sich Miles ein. »Nach Art der Galakter und so fort. Nicht so entspannt wie die Betaner, aber immerhin, Es hört sich an, wie wenn im Hinterland von Barrayar jemand durchgebrannt ist.« Doch gewiss ohne die Notwendigkeit, dem sozialen Druck des Hinterlands zu entfliehen, wie zum Beispiel mörderischen Verwandten, die es darauf abgesehen haben, die Ehre der Sippe zu verteidigen. Vorsoisson zuckte die Achseln. »Vermutlich ist die kulturelle Beeinflussung zwischen den Planeten nicht immer nur eine Einbahnstraße.« Die kleine Gruppe setzte ihren Weg zur unterirdischen Garage fort, wo von dem Luftwagen, den Vorsoisson angefordert hatte, noch nichts zu sehen war. »Warten Sie, hier, Venier.« Leise fluchend ging Vorsoisson fort, um zu sehen, was los war; Vorthys begleitete ihn. Die Gelegenheit, einen Komarraner scheinbar beiläufig auszufragen, durfte Miles sich nicht entgehen lassen. Was für eine Art Komarraner war Venier? Miles wandte sich ihm zu, doch der Mann kam ihm zuvor. »Ist das Ihr erster Besuch auf Komarr, Lord Vorkosigan?« »Keineswegs. Ich bin oft oben auf den Raumstationen durchgekommen, aber ich muss zugeben, auf dem Planeten selbst war ich nicht so oft. Jetzt bin ich zum ersten Mal in Serifosa.« »Haben Sie schon einmal Solstice besucht?« Die Hauptstadt des Planeten. »Natürlich.« Venier schaute in die Ferne, vorbei an den Betonsäulen und der trüben Beleuchtung, und lächelte schwach. »Haben Sie dort auch einmal den Schrein zur Erinnerung an das Massaker besucht?« Ein Komarraner von der verdammt unverschämten Art. das ist er. Das Massaker von Solstice war berüchtigt als der hässlichste Vorfall während der Eroberung des Plane- ten durch die Barrayaraner. Die zweihundert komarrani- schen Ratsmitglieder, der damals regierende Senat, hatte sich unter gewissen Bedingungen ergeben – und war daraufhin in einer Turnhalle von barrayaranischen Sicher- heitskräften zusammengeschossen worden. Die politischen Folgen waren katastophal gewesen. Miles’ Lächeln wurde etwas starr. »Natürlich. Wie könnte ich nicht?« »Alle Barrayaraner sollten diese Wallfahrt machen. Meiner Meinung nach.«, »Ich bin mit einem engen Freund hingegangen. Um ihm zu helfen, ein Brandopfer für seine Tante darzubringen.« »Der Verwandte eines Märtyrers ist ein Freund von Ihnen?« Veniers Augen weiteten sich in einem Moment echter Überraschung in dem ansonsten – nach Miles’ Empfindung – höchst vorgeplanten Gespräch. Wie lange hatte Venier diese Sätze in seinem Kopf geübt, erpicht auf eine Chance, sie an den Mann zu bringen? »Ja.« Miles blickte ihn herausfordernd an. Venier spürte anscheinend das Gewicht von Miles’ Blick, denn er trat unbehaglich von einem Bein aufs andere und meinte: »Als Sohn Ihres Vaters, da überrascht mich das schon ein wenig.« Was denn – dass ich komarranische Freunde habe?1 »Besonders, da ich der Sohn meines Vaters bin. sollte Sie das nicht überraschen.« Venier zog die Augenbrauen hoch. »Nun … es gibt eine Theorie, dass das Massaker von Kaiser Ezar ohne Admiral Vorkosigans Wissen angezettelt wurde. Ezar war gewiss skrupellos genug.« »Skrupellos schon, aber nicht dumm genug. Es war die kluge Idee des obersten Politischen Offiziers der Barraya- ranischen Expeditionsstreitkräfte. Mein Vater ließ ihn dafür mit seinem Leben zahlen, was allerdings nach voll- brachter Tat niemandem viel genützt hat. Wenn man einmal alle moralischen Erwägungen beiseite lässt, so war das Massaker eine äußerst dumme Tat. Mein Vater ist vieler Dinge bezichtigt worden, aber die Dummheit hat meines Wissens nie dazu gehört.« Seine Stimme bekam, einen gefährlich schneidenden Klang. »Vermutlich werden wir nie die gesamte Wahrheit erfahren«, erwiderte Venier. Sollte das ein Zugeständnis sein? »Man kann die ganze Wahrheit den ganzen Tag lang gesagt bekommen, aber wenn man sie nicht glauben mag, dann wird man sie ver- mutlich niemals erfahren.« Er entblößte seine Zähne, ohne zu lächeln. Nein, beherrsche dich; warum diesem komarra- nischen Burschen zeigen, dass er dich getroffen hat? Die Tür eines Aufzugs in der Nähe öffnete sich, und Miles’ Aufmerksamkeit ließ abrupt von Venier ab. als Madame Vorsoisson und Nikolai herauskamen. Sie hatte dieselbe langweilig braune Kleidung wie am Morgen an und trug einen Stapel schwerer Jacken im Arm. Sie winkte und trat schnell zu ihnen. »Bin ich sehr spät dran?«, fragte sie etwas außer Atem. »Guten Tag. Venier.« Miles unterdrückte den ersten blöden Spruch, der ihm über die Lippen wollte. Für Sie ist jeder Zeitpunkt richtig. Mylady. Stattdessen sagte er: »Nun, guten Tag, Madame Vorsoisson, Nikolai. Ich habe Sie nicht erwartet. Wollen Sie uns begleiten?« Hoffentlich? »Ihr Herr Gemahl ist gerade gegangen, einen Luftwagen zu holen.« »Ja, Onkel Vorthys war der Meinung, es könnte für Nikolai lehrreich sein. Und ich hatte bisher kaum Gelegen- heit, mich außerhalb der Kuppeln umzuschauen. Deshalb habe ich die Einladung gern angenommen.« Sie lächelte, und als sie eine Strähne dunklen Haars zurückstrich, die sich gelöst hatte, hätte sie fast ihr Bündel fallen lassen. »Ich war mir nicht sicher, ob wir irgendwo landen und zu, Fuß aussteigen würden, aber auf jeden Fall habe ich für alle eine Jacke mitgebracht.« Ein großer geschlossener Luftwagen mit zwei Abteilen kam zischend um die Ecke und sank seufzend auf das Pflaster neben ihnen nieder. Das vordere Verdeck öffnete sich, Vorsoisson kletterte heraus und begrüßte seine Frau und seinen Sohn. Vom Vordersitz beobachtete der Professor leicht amüsiert, wie Nikolai die Frage löste, in welcher Aufteilung die sechs Passagiere auf die zwei Abteile verteilt werden sollten: der Kleine wollte sowohl bei seinem Großonkel als auch bei seinem Vater sitzen. »Vielleicht könnte Venier uns heute fliegen?«, schlug Madame Vorsoisson schüchtern vor. Vorsoisson blickte sie seltsam düster an. »Ich bin dazu durchaus in der Lage.« Sie bewegte die Lippen, äußerte jedoch keinen hörbaren Protest. Treffen Sie Ihre Wahl, Mylord Auditor, dachte Miles bei sich. Wollen Sie lieber von einem Mann chauffiert werden, der möglicherweise gerade an den ersten Symptomen von Vorzohns Dystrophie leidet, oder von einem komarrani- schen Patrioten mit der Verlockung eines Wagens voller barrayaranischer Ziele? »Mir ist es egal«, murmelte er wahrheitsgemäß. »Ich habe Mäntel mitgebracht…« Madame Vorsoisson verteilte sie. Sie und ihr Mann und Nikolai hatten ihre eigenen; eine Jacke ihres Mannes reichte beim Professor nicht ganz um die Leibesmitte. Die dick wattierte Jacke, die sie Miles reichte, hatte ihr, gehört. Er spürte es sofort an ihrem Duft, der noch am Futter haftete. Er atmete heimlich tief ein, während er sich das Kleidungsstück überzog. »Danke, das ist sehr gut.« Vorsoisson verschwand im Hinterabteil und tauchte mit zwei Hand voll Atemmasken auf, die er verteilte. Er und Venier hatten ihre eigenen, ihre Namen waren auf die Backenriemen graviert. Die anderen trugen sämtlich die Aufschrift »Besucher«: eine große, zwei mittelgroße, eine kleine. Madame Vorsoisson hängte die ihre über den Arm und bückte sich, um Nikolais Maske richtig anzupassen und den Stand von Batterie und Sauerstoff zu überprüfen. »Ich habe sie schon überprüft«, sagte Vorsoisson zu ihr. In seiner Stimme klang ein unterdrücktes Knurren an. »Du musst das nicht noch einmal tun.« »Oh, tut mir Leid«, sagte sie. Aber Miles, der gewohn- heitsmäßig seine Maske überprüfte, bemerkte, dass sie ihre Überprüfung abschloss, bevor sie sich ihrer eigenen zu- wandte. Vorsoisson bemerkte es auch und runzelte die Stirn. Man debattierte eine Weile, als handelte es sich bei ihnen um Betaner, dann teilte sich die Gruppe so auf, dass Vorsoisson, sein Sohn und der Professor sich ins vordere Abteil begäben, während Miles, Madame Vorsoisson und Venier hinten einstiegen. Miles wusste nicht, ob er sich freuen oder es bedauern sollte. Er hatte die Empfindung, er hätte jeden von beiden in ein faszinierendes, wenn auch ganz unterschiedliches Gespräch verwickeln können, wenn der jeweils andere nicht zugegen gewesen wäre. Sie hängten sich alle die Masken um den Hals, damit diese, jederzeit bereit waren. Ohne weiteren Aufschub verließ man die Fahrzeug- schleuse der Garage, und der Wagen stieg in die Luft. Venier kehrte zu seinem anfänglich steifprofessionellen Vortragston zurück und machte sie auf Details der Projektszenerie aufmerksam. Aus dieser bescheidenen Höhe konnte man bereits etwas von dem Terraforming sehen: an den feuchten, tief liegenden Stellen gab es Kleckse von Erdgrün, auf den Felsen sah man verschwommen Flechten und Algen. Madame Vorsoisson, die ihr Gesicht an das Verdeck presste, stellte Venier genug intelligente Fragen, sodass Miles sein müdes Gehirn nicht anstrengen musste. Dafür war er sehr dankbar. »Es überrascht mich, Madame Vorsoisson, dass Sie bei Ihrem Interesse für Botanik nicht Ihren Mann veranlasst haben, Ihnen einen Job in seiner Abteilung zu beschaffen«, sagte Miles nach einer Weile. »Oh«, erwiderte sie, als wäre ihr diese Idee völlig neu. »Oh, das könnte ich nicht machen.« »Warum nicht?« »Wäre das nicht Nepotismus? Oder eine Art Interes- senkonflikt?« »Nicht, wenn Sie Ihre Arbeit gut machen, und dass Sie das täten, dessen bin ich mir sicher. Schließlich funktio- niert ja das ganze barrayaranische Vor-System nach dem Prinzip des Nepotismus. Für uns ist das kein Laster, son- dern eine Lebensart.« Venier unterdrückte einen unerwarteten Laut, wahr- scheinlich ein Schnauben, und blickte Miles mit, zunehmendem Interesse an. »Warum sollten Sie davon ausgenommen sein?«, fuhr Miles fort. »Es ist nur ein Hobby. Ich habe auch nicht annähernd eine ausreichende praktische Ausbildung. Zunächst einmal würde ich mehr Kenntnisse in Chemie benötigen.« »Sie könnten in der Stellung einer technischen Assistentin anfangen – und Abendkurse besuchen, um Ihre Wissenslücken zu füllen. Sie würden es im Nu aus eigener Kraft zu einer interessanten Aufgabe bringen. Man wird jemanden einstellen müssen.« Zu spät fiel es Miles ein, dass – falls sie und nicht Vorsoisson der Träger von Vor- zohns Dystrophie war – es zwingende Gründe geben könnte, warum sie sich nicht einer so zeit- und energie- fordernden Herausforderung gestellt hatte. Er spürte eine verborgene Energie in ihr, und es kam ihm vor, als wäre diese verknotet oder eingesperrt und als drehte sie sich im Kreise, um sich zu erschöpfen, indem sie sich zerstörte; hatte die Angst vor ihrer drohenden Krankheit ihr das angetan? Verdammt, was davon stimmte jetzt? Er, Miles, sollte doch nun eine solche Kanone als Ermittler sein, und dann müsste er dies eigentlich herausbringen. Nun ja, er konnte das ganz leicht tun; er müsste dann nur schwindeln und den KBS von Komarr anrufen und eine komplette Überprüfung des medizinischen Hintergrunds seiner Gastgeber anfordern. Einfach seinen Zauberstab als Auditor schwingen und in die ganze Intimsphäre eindrin- gen, soweit er es wünschte. Nein. Das alles hatte nichts mit dem Unfall auf der Solettastation zu tun. Wie die peinliche Geschichte mit ihrer KomKonsole heute Morgen gezeigt, hatte, musste er endlich anfangen, seine private und seine berufliche Neugier so strikt voneinander zu trennen, wie er es bei seinen privaten und den staatlichen Finanzmitteln tat. Veruntreue nichts, und sei kein Voyeur! Eigentlich sollte er sich ein Schild mit diesem Motto anfertigen lassen und es zur Erinnerung an der Wand aufhängen. Zumindest stellte Geld keine Verlockung für ihn dar. Er nahm ihr schwaches Parfüm wahr, organisch und blumig gegenüber all dem Plastik und Metall und der wiederaufbereiteten Luft… »Sie sollten sich das wirklich überlegen, Madame Vorsoisson«, sagte Venier zu Miles’ Überraschung. Ihr Gesichtsausdruck, der während des Flugs allmählich angeregt erschienen war, wurde wieder reserviert. »Ich … wir werden sehen. Vielleicht nächstes Jahr. Nach… wenn Tien sich entschließt, hier zu bleiben.« Vorsoissons Stimme, die über das Interkom aus dem vorderen Abteil drang, unterbrach sie. Er wies auf Torf- sumpf hin, dem sie sich näherten und der ein langes schmales Tal unter ihnen ausfüllte. Der Anblick war eindrucksvoller, als Miles es erwartet hatte. Zum einen war es echtes, helles Erdgrün, außerdem reichte es kilometer- weit. »Diese Art produziert sechsmal so viel Sauerstoff wie ihre Vorfahren auf der Erde«, stellte Venier stolz fest. »Das heißt… wenn Sie draußen ohne Sauerstoffmaske in einer Notlage wären, dann könnten Sie darin herum- kriechen und überleben, bis man Sie retten würde?«, fragte Miles praktisch denkend., »Hm… wenn Sie die Luft noch hundert Jahre anhalten könnten.« In Miles keimte der Verdacht auf, Venier verberge unter dem nervösen Äußeren einen Sinn für Humor. Der Luft- wagen stieß in einer Spirale zu einem massiven Felsblock hinab, und Miles’ Aufmerksamkeit wurde von dem Lande- platz gefesselt. Er hatte unangenehme und sozusagen tiefe persönliche Erfahrungen mit der Tücke arktischer Sümpfe. Doch Vorsoisson schaffte es, den Wagen mit einem beruhigenden Knirschen auf solidem Fels abzusetzen. Alle setzten ihre Sauerstoffmasken auf. Das Verdeck hob sich, kalte, nicht atembare Luft von außen strömte schlagartig herein. Sie verließen den Luftwagen und kletterten den Felsen hinab, um die matschigen grünen Pflanzen in Augenschein zu nehmen. Es waren wirklich matschige grüne Pflanzen. Jede Menge. Sie erstreckten sich bis zum Horizont. Unheimliche Mengen. Matschig. Und grün. Mit etwas Mühe hielt Miles seinen Denkapparat davon ab, einen längeren Bericht an den Kaiser in diesem Stil zu verfassen. Stattdessen versuchte er Veniers höchst fach- lichen Vortrag über potenziellen Tieffrostschaden für den irgendwas-chemischen Zyklus zu verstehen. Man verbrachte noch eine Weile damit, den Anblick in sich aufzunehmen – es änderte sich nichts daran. Und obwohl Nikki wie ein Floh herumhüpfte, die besorgte Mutter auf den Fersen, schaffte er es nicht, in den Sumpf zu fallen. Dann begaben sich alle wieder an Bord des Luftwagens. Nachdem man ein benachbartes grünes Tal und dann noch – zum Vergleich und zum Kontrast – ein unverändertes, stumpfbraunes überflogen hatte, machte, man in Richtung der Serifosa-Kuppel kehrt. Am linken Horizont lenkte eine größere Anlage mit einem eigenen Fusionsreaktor Miles’ Aufmerksamkeit auf sich. Eine Menge unterschiedlichen Grüns breitete sich davon aus. »Was ist denn das?«, fragte er Venier. »Das ist die Hauptversuchsstation der Abwärmeleute«, erwiderte Venier. Miles betätigte das Interkom. »Könnten wir einmal dort drüben landen und es uns anschauen?«, rief er ins vordere Abteil. Vorsoisson zögerte. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch vor Einbruch der Dunkelheit zur Kuppel zurück- kommen könnten. Ich möchte das Risiko nicht eingehen.« Miles hatte nicht gedacht, dass ein Nachtflug so gefährlich sein könnte, aber vielleicht war sich Vorsoisson seiner Beschränkungen bewusst. Und er hatte Frau und Kind an Bord, ganz zu schweigen von der ganzen kaiser- lichen Bürde in den etwas wenig einnehmenden Personen von Miles und dem Professor. Aber überraschende Inspektionen waren immer ein großes Vergnügen, wenn man die interessanten Dinge zutage fördern wollte. Er spielte mit dem Gedanken, auf seinem Wunsch zu bestehen. Mit seiner Autorität als Auditor. »Es wäre sicherlich interessant«, murmelte Venier. »Ich bin schon seit Jahren nicht mehr persönlich dort draußen gewesen.« »Vielleicht ein andermal?«, schlug Vorsoisson vor. Miles ließ es darauf beruhen. Er und Vorthys spielten hier Feuerwehrleute zu Besuch, nicht Generalinspektoren., Die wirkliche Krise hatte sich im Orbit ereignet. »Vielleicht. Wenn Zeit dafür ist.« Nach weiteren zehn Flugminuten erschien die Kuppel von Serifosa am Horizont. In der zunehmenden Dämme- rung wirkte sie riesengroß und spektakulär mit ihren glitzernden Lichterketten, ineinander verschlungenen Bubblecar-Rohren, dem warmen Schimmer der Kuppeln und den funkelnden Türmen. Wir Menschen sind gar nicht so schlecht, dachte Miles, wenn man uns nur aus dem richtigen Blickwinkel sieht. Der Luftwagen glitt wieder durch die Fahrzeugschleuse und landete auf dem Pflaster der Garage. Venier brachte den Luftwagen fort, Vorsoisson sammelte die Sauerstoffmasken ein. Madame Vorsoissons Gesicht strahlte und glühte, angeregt von dem Ausflug nach draußen. »Vergiss nicht, deine Maske wieder an den Auflader anzuschließen«, zwitscherte sie ihrem Ehemann zu, als sie ihm die ihre reichte. Vorsoissons Gesicht verdunkelte sich. »Nörgle – nicht – an mir – herum«, flüsterte er mit zusammengebissenen Zähnen. Sie zuckte leicht zusammen, und es war, als fiel in ihrem Gesicht abrupt eine Jalousie herunter. Miles blickte zwischen den Säulen hindurch in die Ferne und gab höflich vor, nichts von diesem Zwischenspiel bemerkt oder gehört zu haben. Er war kaum ein Experte für eheliche Kommuni- kationsstörungen, doch selbst er konnte sehen, wie dieser Austausch hier schief gegangen war. Ihr vielleicht unglücklich gewählter Ausdruck von Liebe und Interesse war bei dem offensichtlich angespannten und müden, Vorsoisson als Kritik an seiner Kompetenz angekommen. Madame Vorsoisson verdiente mehr Verständnis, aber Miles konnte ihr keinen Rat anbieten. Er war bislang nicht einmal in die Lage gekommen, eine Ehefrau an sich zu binden, mit der er gestörte Kommunikation haben konnte. Am Mangel an Versuchen hatte es nicht gelegen… »Schon gut«, sagte Onkel Vorthys, der auch von Herzen so tat, als hätte er das Nebenspiel nicht mitbekommen. »Wir werden uns alle besser fühlen, wenn wir ein kleines Abendessen intus haben, was, Ekaterin? Gestattet mir, dass ich euch alle zum Dinner ausführe. Hast du noch ein weiteres Lieblingslokal, das so großartig ist wie das, wo wir zu Mittag gegessen haben?« Der Augenblick der Spannung erlosch in einer weiteren Debatte nach Betaner-Art über die Örtlichkeit für das Dinner; diesmal wurde Nikki von den Erwachsenen erfolg- reich überstimmt. Miles war nicht hungrig. Für ihn war die Versuchung stark, Vorthys alle Datendisketten abzuneh- men, die dieser im Laufe des Tages bekommen hatte, und dann wieder an die KomKonsole zu fliehen. Aber wenn er vielleicht zwei oder drei Drinks zu sich nahm, konnte er ein weiteres Abendessen mit der Vorsoisson-Sippe aus- halten. Das letzte, so versprach er sich selbst. Etwas beschwipster, als er es beabsichtigt hatte, entkleidete sich Miles für eine weitere Nacht in dem gemieteten Grav- Bett. Er häufte den neuen Stapel an Datendisketten auf die KomKonsole – die konnten bis zum Morgen warten, wenn es Kaffee gab und er wieder zusammenhängend denken konnte. Das Letzte, was er tat, war, in seinem Koffer, herumzukramen und seinen Stimulator für kontrollierte Anfälle herauszuholen. Er saß mit gekreuzten Beinen auf dem Bett und betrachtete den Apparat düster. Die Ärzte auf Barrayar hatten keine Heilmethode für die Anfälle gefunden, die nach der kryonischen Phase aufge- treten waren und schließlich seine Militärkarriere beendet hatten. Das Beste, was sie ihm hatten anbieten können, war ein Gerät, das seine Konvulsionen in kleinerem Ausmaß auslöste, und dies zu Zeitpunkten und an Orten seiner persönlichen Wahl, anstatt übermäßig, willkürlich und spektakulär in Augenblicken öffentlicher Belastung. Den Pegel seiner Neurotransmitter zu überprüfen war jetzt zu einer allabendlichen hygienischen Routine geworden – wie etwa das Zähneputzen, so hatten es die Ärzte angeregt. Er tastete an der rechten Schläfe nach dem Implantat und positionierte den Lesekontakt. Seine einzige Empfindung war leichte Wärme an einer Stelle. Der Pegel befand sich noch nicht in der Gefahrenzone. Es würde noch ein paar Tage dauern, bis er wieder seinen Mundschutz zwischen die Zähne nehmen und den Apparat erneut auslösen musste. Nachdem er seinen Gefolgsmann Pym, der für gewöhnlich den Butler und Kammerdiener spielte, auf Barrayar zurückgelassen hatte, würde er einen anderen Beobachter suchen müssen. Die Ärzte hatten darauf bestanden, dass er einen Beobachter dabei hatte, wenn er diese hässliche kleine Geschichte hinter sich brachte. Er hätte es vorgezogen, in völliger Privatheit hilflos und bewusstlos zu sein – und zu zappeln wie ein Fisch, wie er vermutete, obwohl er natürlich der Einzige war, der das nie zu sehen bekam. Vielleicht würde er den, Professor fragen. Wenn du eine Frau hättest, dann könnte sie deine Beobachterin sein. Igitt. was für ein Spektakel für sie! Er schnitt eine Grimasse und verstaute das Gerät sorg- fältig in seinem Kasten. Dann kroch er ins Bett. Vielleicht würde sich in seinem Traum das Wrack im All wieder zusammensetzen, genau wie in einer Vid-Rekonstruktion, und die Geheimnisse seines Schicksals enthüllen., Als sie sich auskleideten, um ins Bett zu gehen, musterte Ekaterin Tien vorsichtig. Die dunkle Spannung in seinem Gesicht und seinem Körper legte ihr den Gedanken nahe, sie sollte lieber sehr bald zum Sex übergehen. Die Spannung, unter der er stand, ängstigte sie wie immer. Es war schon längst an der Zeit, ihn zu entschärfen. Je länger sie wartete, desto schwieriger würde es werden, sich ihm zu nähern, und desto angespannter würde er werden, was dann in einem wütenden Ausbruch gedämpfter, aber schneidender Worte enden mochte. Sex, so stellte sie es sich sehnsüchtig vor, sollte romantisch, hingebungsvoll, selbstvergessen sein. Nicht die Aktion strengster Selbstdisziplin in ihrer Welt. Tien forderte eine Reaktion von ihr und bemühte sich sehr, sie zu bekommen, so dachte sie; nicht wie Männer, von denen sie gehört hatte, die sich ihr Vergnügen nahmen, dann auf die andere Seite rollten und einschliefen. Manchmal wünschte sie sich, er würde es auch tun. Er war beunruhigt – über sich, über sie? –, wenn sie nicht voll Anteil nahm. Da sie unfähig war, mit ihrem Leib eine Lüge zu begehen, hatte sie gelernt, sich in sich selber auszulöschen, und so den seltsamen Nervenkanal zu öffnen, der dem Fleisch erlaubte, den Geist zu überfluten. Die inneren erotischen Phantasien, die notwendig waren, um ihre Befangenheit zu überspielen, waren im Laufe der Zeit stärker und hässlicher geworden; war das lediglich ein unvermeidbarer Neben-, effekt, wenn man mehr über die Hässlichkeit der mensch- lichen Möglichkeiten lernte, oder eine dauernde Verderbnis des Geistes? Ich hasse es. Tien hängte sein Hemd auf und zuckte mit den Lippen ein Lächeln in ihre Richtung. Seine Augen blieben jedoch angespannt, wie sie es den ganzen Abend hindurch gewe- sen waren. »Ich hätte gern, dass du mir morgen einen Gefallen tust.« Alles, um den Augenblick hinauszuzögern. »Gewiss. Was denn?« »Führe die beiden Auditoren aus und mache ihnen einen schönen Tag. Ich habe sie schon fast satt. Dieser Urlaub, den die beiden auf dem Planeten zubringen, hat sich für meine Abteilung als unglaublich störend erwiesen. Wir haben bestimmt insgesamt eine Woche verloren, indem wir gestern diese Vorführung für sie zusammen- stellten. Vielleicht können sie irgendwo anders herum- schnüffeln, bis sie wieder in den Orbit hochfliegen.« »Wohin soll ich sie denn führen? Was soll ich ihnen zeigen?« »Irgendetwas.« »Ich habe schon mit Onkel Vorthys einen Rundgang gemacht.« »Hast du ihm den Universitätsbezirk gezeigt? Vielleicht würde ihm das gefallen. Dein Onkel interessiert sich für viele Dinge, und ich glaube nicht, dass es dem Vor-Zwerg etwas ausmacht, was man ihm anbietet. Solange nur genug Wein dazu gehört.«, »Ich habe keine Ahnung, was Lord Vorkosigan gern tut.« »Frag ihn doch. Schlag ihm etwas vor. Nimm ihn …, ich weiß auch nicht, nimm ihn zu einem Einkaufsbummel mit.« »Einkaufsbummel?«, fragte sie unsicher. »Oder sonst wohin.« Er trat zu ihr und lächelte dabei immer noch verkniffen. Seine Hand glitt hinter ihren Rücken und hielt sie, und er küsste sie zögernd. Sie erwiderte den Kuss und versuchte dabei, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie es nur aus Pflichtbewusstsein tat. Sie spürte die Wärme seines Leibes, seiner Hände, und wie arg angespannt seine Freundlichkeit war. Ach ja, das war also die Aufgabe dieses Abends, den noch nicht explo- dierten Tien zu entschärfen. Immer eine heikle Geschichte. Sie begann auf die gewohnten Rituale zu achten, auf die Schlüsselworte und die Gesten, die zu den gewohnten Intimitäten führten. Entkleidet im Bett liegend, schloss sie – während er sie liebkoste – die Augen, teils, um sich auf die Berührung zu konzentrieren, teils, um seinem Blick auszuweichen, der allmählich immer erregter und wollüstiger wurde. Gab es nicht irgendeinen bizarren mythischen Vogel oder so, auf der Erde, der sich einbildete, man könne ihn nicht sehen, wenn er einen nicht sehen konnte? Und steckte den Kopf in den Sand – eine seltsame Vorstellung. War da der Kopf noch am Hals dran, fragte sie sich. Sie öffnete die Augen, als Tien über sie hinweg langte und das Licht der Lampe zu einem sanfteren Schein, dämpfte. Sein gieriger Blick bewirkte nicht, dass sie sich schön und geliebt fühlte, sondern hässlich und beschämt. Wie konnte man schon allein von den Augen verletzt werden? Wie konnte man mit jemandem ein Liebespaar sein, und doch bei jedem Moment, den man mit dem anderen allein war, sich in seiner Intimsphäre, in seiner Würde belästigt fühlen? Schau mich nicht an, Tien. Absurd. Mit ihr stimmte wirklich etwas nicht. Er ließ sich neben ihr nieder; sie öffnete die Lippen und ergab sich schnell seinem suchenden Mund. Sie war nicht immer so befangen und vorsichtig gewesen. Damals am Anfang war es anders gelaufen. Oder war sie es allein gewesen, die sich verändert hatte? Sie wusste natürlich, wann die Veränderung in ihr stattgefunden hatte, damals, als er die sechste oder siebte Stelle innegehabt hatte. Als Tien aus Gründen, die sie immer noch nicht verstand, zu dem Schluss gekommen war, sie betrüge ihn – mit wem, das hatte sie auch nie verstanden, da die beiden Namen, die er schließlich als die von ihm Verdächtigten erwähnt hatte, so offenkundig absurd waren. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ein solches sexuelles Misstrauen von seinem Denken Besitz ergriffen hatte, bis sie ihn dabei ertappt hatte, wie er ihr folgte, sie beobachtete, zu seltsamen Zeitpunkten und an bizarren Orten auftauchte, während er eigentlich bei seiner Arbeit hätte sein sollen – und hatte das vielleicht etwas damit zu tun gehabt, warum es mit der damaligen Anstellung so schlimm geendet hatte? Schließlich hatte sie die Anschuldigung aus ihm herausgelockt. Sie war erschrocken gewesen, tief verwundet und unterschwellig, geängstigt. Konnte man es Belästigung durch Verfolgung nennen, wenn es sich bei dem Verfolger um den eigenen Ehemann handelte? Sie hatte nicht den Mut gehabt zu fragen, wen sie darüber hätte befragen sollen. Ihre einzige Quelle von Sicherheit war das Wissen, dass sie niemals an einem privaten Ort mit einem anderen Mann allein gewesen war. So viel hatte ihr wenigstens ihre Erziehung als Angehörige der Vor-Kaste genützt. Dann hatte er sie beschuldigt, sie schliefe mit ihren Freundinnen. Das hatte schließlich etwas in ihr zerbrochen: den Willen, sich zu wünschen, dass er eine gute Meinung über sie hätte. Wie konnte man jemanden mit Argumenten zur Vernunft bringen, der etwas deshalb nicht glaubte, weil es wahr war, sondern weil er ein Idiot war? Noch soviel panischer Protest oder empörtes Leugnen oder vergebliche Versuche, die Nichtigkeit der Vorwürfe zu beweisen, würde helfen, weil das Problem nicht beim Angeklagten, sondern beim Ankläger lag. Sie begann damals zu glauben, dass er in einem anderen Universum lebte, in dem vielleicht andere physikalische Gesetze und eine alternative Geschichte herrschten. Und ganz andere Menschen als diejenigen, die sie unter denselben Namen kennen gelernt hatte. Lauter schmeichlerische Doppelgänger. Doch die Beschuldigung allein hatte schon ausgereicht, um ihre Freundschaften abkühlen zu lassen, ihnen ihren unschuldigen Reiz zu rauben und ihn durch eine unwillkommene neue Wachsamkeit zu ersetzen. Beim nächsten Umzug schwächten Zeit und Entfernung ihre Kontakte. Und beim darauffolgenden Umzug hatte sie aufgehört, überhaupt noch neue Freundschaften zu suchen., Bis zum heutigen Tag wusste sie nicht, ob er ihre ent- rüstete Weigerung, sich zu verteidigen, als ein verstecktes Eingeständnis ihrer Schuld genommen hatte. Seltsamer- weise hatte er nach dem Krach das Thema einfach fallen lassen; er brachte es nicht mehr zur Sprache, und sie ließ sich ebenfalls nicht dazu herab, davon zu reden. Hielt er sie für unschuldig oder sich für unerträglich edel dafür, dass er ihre nicht vorhandenen Vergehen verziehen hatte? Warum ist er so unmöglich? Sie wollte die Einsicht nicht, aber sie kam trotzdem. Weil er fürchtet, dich zu verlieren. Und deshalb in Panik herumtappte und ihre Liebe zerstörte und damit eine self- fulfilling prophecy schuf? Es schien so. Es ist nicht so, dass du so tun kannst, als hätten seine Ängste keine Grundlage. Ihre Liebe war schon lange verschwunden. Zur Zeit kam sie nur mit einer Hungerdiät an Loyalität durch. Ich bin eine Vor. Ich habe geschworen, in Krankheit zu ihm zu halten. Er ist krank. Ich werde meinen Eid nicht brechen, nur weil die Dinge schwierig geworden sind. Das ist schließlich der ganze Sinn eines Eids. Manche Dinge, wenn einmal zerbrochen, können nicht mehr wieder- hergestellt werden. Eide. Vertrauen… Sie wusste nicht, in welchem Ausmaß seine Krankheit die Wurzel seines sprunghaften Verhaltens war. Wenn sie von der galaktischen Behandlung zurückkämen, dann könnte er ebenso gut emotional viel besser beieinander sein. Oder zumindest würde sie endlich wissen, wie viel davon Vorzohns Dystrophie war, und wie viel einfach nur… Tien., Sie wechselten die Positionen; seine kundigen Hände begannen sich ihren Rücken vorzunehmen und nach ihrer Entspannung und Reaktion zu forschen. Da kam ihr ein noch unglücklicherer Gedanke. Hatte Tien bewusst oder unbewusst seine Behandlung aufge- schoben, weil er auf einer obskuren Ebene erkannte, dass seine Krankheit, seine Verletzlichkeit eine der wenigen Bindungen war, die sie immer noch an ihn band. Ist dieser Aufschub meine Schuld? Ihr Kopf schmerzte. Tien, der immer noch tapfer ihren Rücken rieb, murmelte einen Protest. Sie entspannte sich nicht; es würde nicht funktionieren. Resolut richtete sie ihre Gedanken auf eine bewährte erotische Phantasie; sie war unschön, aber funktionierte gewöhnlich. Handelte es sich hier um eine seltsame umgekehrte Form von Frigidität, diese Sache, die an Selbsthypnose grenzte und die sie scheinbar tun musste, um trotz Tiens allzu naher Anwesenheit sexuelle Enthem- mung zu erlangen? Wie wusste man den Unterschied, ob man Sex nicht mochte, oder nur die einzige Person nicht mochte, mit der man jemals Sex gehabt hatte? Doch es verlangte sie fast verzweifelt nach Berührung, nach bloßer Zuneigung, die unbefleckt war von den Demütigungen des Erotischen. Tien war sehr gut darin, er massierte sie unglaublich lange; allerdings seufzte er manchmal vor einer Langweile, die sie ihm kaum zum Vorwurf machen konnte. Die Berührung, das Noch-besser- Machen, die schiere katzenhafte Behaglichkeit entspannten trotz allem ihren Leib und dann ihr Herz. Sie hätte es stundenlang so haben können – sie öffnete ein Auge zu einem Schlitz, um auf die Uhr zu schauen. Besser, wenn, sie nicht gierig wurde. Es war so verwirrend, dass Tien einerseits von ihr eine solche sexuelle Show verlangte, und andrerseits sie der Untreue bezichtigte. Wollte er, dass sie hinschmolz, oder wollte er, dass sie erstarrte? Was immer du tust, es ist falsch. Nein, das half nichts. Sie brauchte viel zu lange, um ihre Erregung zu kultivieren. Zurück an die Arbeit! Sie versuchte, erneut ihre Phantasie anzukurbeln. Er mochte ein Anrecht auf ihren Körper haben, aber ihr Geist gehörte ihr allein, der einzige Teil von ihr, in den er sich nicht einschmuggeln konnte. Danach ging es ganz nach Plan und Übung. Operation rundum gelungen. Tien küsste sie, als sie fertig waren. »Na, alles besser«, murmelte er. »Wir sind zur Zeit besser, nicht wahr?« Sie antwortete murmelnd mit den üblichen Beteuerun- gen, Sätzen aus einem leichten Standarddrehbuch. Ein ehrliches Schweigen wäre ihr lieber gewesen. Sie tat so, als döste sie schon in postkoitaler Mattigkeit, bis sein Schnar- chen ihr versicherte, dass er schlief. Dann ging sie ins Badezimmer und weinte. Ein dummes, irrationales Weinen. Sie erstickte es in einem Handtuch, damit er oder Nikki oder ihre Gäste nichts hörten und neugierig wurden. Ich hasse ihn. Ich hasse mich. Ich hasse ihn dafür, dass er mich dazu bringt, dass ich mich selbst hasse… Vor allem verachtete sie in sich dieses verkrüppelnde Verlangen nach körperlicher Zuneigung, das sich wie ein Unkraut in ihrem Herzen erneuerte, ungeachtet, wie oft sie, versuchte, es auszurotten. Dieses Bedürfnis, diese Abhängigkeit, diese Sehnsucht nach Berührung musste zuerst gebrochen werden. Wenn sie ihr Bedürfnis nach Liebe abtöten könnte, dann würde sie mit allen anderen Schlingen, die sie fesselten, etwa mit dem Verlangen nach Ehre, der Anhänglichkeit an die Pflicht, vor allem aber mit jeder Art von Furcht fertig werden. Vermutlich war es streng mystisch. Wenn ich all diese Dinge in mir töten kann, dann kann ich frei von ihm sein. Sie hörte auf zu weinen, wusch ihr Gesicht und nahm drei schmerzstillende Tabletten. Jetzt kann ich schlafen, dachte sie. Doch als sie wieder ins Schlafzimmer schlüpfte, fand sie Tien wach liegend da. Seine Augen schimmerten schwach in der Dunkelheit. Als er ihre bloßen Füße auf dem Teppich flüstern hörte, drehte er die Lampe auf. Sie versuchte sich daran zu erinnern, ob Schlaflosigkeit unter den frühen Symptomen seiner Krankheit aufgeführt wurde. Er hob die Bettdecken, damit sie darunterschlüpfen konnte. »Was hast du da drinnen die ganze Zeit getan? Warst du auf eine Pause ohne mich aus?« Sie war sich nicht sicher, ob er auf ein Lachen wartete, falls das ein Scherz sein sollte, oder auf ihr empörtes Nein. Sie wich dem Problem aus und sagte stattdessen: »Ach, Tien, ich hätte es fast vergessen. Deine Bank hat am Nach- mittag angerufen. Sehr komisch. Etwas von wegen, man brauchte meine Gegenzeichnung und meinen Hand- abdruck, um dein Pensionskonto freizugeben. Ich sagte ihnen, das könne meiner Meinung nach nicht stimmen, aber dass ich dich danach fragen und mich dann wieder, melden würde.« Noch während er nach ihr griff, erstarrte er. »Sie hatten keinen Grund, deswegen dich anzurufen!« »Wenn es etwas wäre, wovon du wolltest, dass ich es tue, dann hättest du es ja schon früher erwähnen können. Sie sagten, man würde die Freigabe aufschieben, bis ich mich wieder melde.« »Aufschieben, nein! Du blöde Kuh!« Er krampfte die rechte Hand in einer Geste der Frustration zusammen. Der gehässige Schimpfname löste in ihrem Magen ein Gefühl der Übelkeit aus. Dieses ganze Bemühen, ihn heute Nacht friedlich zu stimmen – und jetzt stand er wieder am Rande eines Wutausbruchs… »Habe ich einen Fehler begangen?«, fragte sie besorgt. »Tien, was ist los? Was geht da vor?« Sie hoffte, er würde nicht gleich wieder mit dem Kopf durch die Wand gehen. Der Lärm – ihr Onkel würde es vielleicht hören, oder dieser Vorkosigan, und wie könnte sie es dann erklären… »Nein … nein. Tut mir Leid.« Er rieb sich stattdessen die Stirn, und sie stieß einen verstohlenen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich habe vergessen, dass hier die komarranischen Regeln gelten. Auf Barrayar hatte ich nie Schwierigkeiten, wenn ich beim Verlassen einer Stelle meine Pensionsrückstellungen abhob, zumindest bei Stellen, die eine Pension angeboten hatten. Ich glaube, hier auf Komarr verlangen sie eine zusätzliche Unterschrift vom Begünstigten im Todesfall. Das ist schon in Ordnung. Ruf sie dann morgen früh als Erstes an und klär die Sache mit ihnen.«, »Du gibst doch nicht deine Stellung auf, oder?« Panik schnürte ihr die Brust zusammen. Du lieber Himmel, nicht schon so bald wieder ein neuer Umzug… »Nein, nein. Verdammt noch mal, nein. Entspann dich!« Er versuchte ein Lächeln. »Ach, das ist gut.« Sie zögerte. »Tien… hast du noch Pensionsrücklagen von deinen alten Jobs damals auf Barrayar?« »Nein, ich habe sie am Ende immer abgehoben. Warum soll ich ihnen das Geld zum Gebrauch überlassen, wenn wir es selbst gebrauchen können? Es hat uns mehr als einmal geholfen, über die Runden zu kommen, weißt du.« Er lächelte bitter. »Unter den gegebenen Umständen ist der Gedanke, für mein Alter zu sparen, nicht sehr zwingend, das musst du zugeben. Und du wolltest doch diesen Urlaub auf dem Südkontinent haben, nicht wahr?« »Ich dachte damals, du hättest gesagt, das Geld stamme aus einer Abfindung.« »Daher stammte es auch, in gewissem Sinn.« Das hieß … wenn Tien etwas Schreckliches zustieß, dann würden sie und Nikolai nichts haben. Wenn er sich nicht bald behandeln lässt. dann wird ihm etwas Schreckliches zustoßen. »Ja, aber…« Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Konnte es sein…? »Hebst du es ab für – wir fahren zu der galaktischen Behandlung, ja? Du und ich und Nikolai? Oh, wie gut, Tien! Endlich. Natürlich. Ich hätte es mir denken sollen.« Das also war es, wofür er das Geld brauchte, ja, endlich! Sie rollte zu ihm hinüber und umarmte ihn. Aber würde die Summe ausreichen? Wenn es, weniger als ein Jahresbetrag war… »Wird es reichen?« »Ich… weiß es nicht. Ich überprüfe es.« »Ich habe ein bisschen von meinem Haushaltsgeld gespart, das könnte ich dazutun«, bot sie an. »Wenn wir uns damit schneller auf die Reise begeben können.« Er leckte sich die Lippen und schwieg einen Moment lang. »Ich bin mir nicht sicher. Ich möchte nicht gern, dass du …« »Genau dafür habe ich es gespart. Ich will damit sagen, ich weiß, dass ich es nicht selbst verdient habe, aber ich habe es geschafft – es kann meinen Beitrag darstellen.« »Wie viel hast du denn?« »Fast viertausend Kaiserliche Mark!« Sie lächelte, stolz über ihre Sparsamkeit. »Oh!« Er blickte drein, als rechnete er im Kopf. »Ja, das würde beträchtlich helfen.« Er küsste sie auf die Stirn, und sie entspannte sich weiter. Sie sagte: »Ich hätte nie daran gedacht, deine Pension für die medizinische Behandlung zu plündern. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir das könnten. Wie bald können wir abreisen?« »Das ist… das Nächste, was ich herausfinden muss. Ich hätte es in dieser Woche in Erfahrung gebracht, aber dann wurde ich daran gehindert, weil meine Abteilung plötzlich unter einem ernsten Befall von kaiserlichen Auditoren zu leiden hatte.« Sie lächelte kurz, um sein Bonmot zu würdigen. Früher hatte er sie mehr zum Lachen gebracht. Wenn er mit, zunehmendem Alter bitterer geworden war, so war das verständlich, aber die Schwärze seines Humors hatte bei ihr allmählich mehr Überdruss als Amüsement verursacht. Zynismus wirkte auf sie jetzt auch nicht annähernd so eindrucksvoll mutig wie damals, als sie zwanzig gewesen war. Vielleicht hatte diese Entscheidung ihn auch erleichtert. Glaubst du wirklich, dass er diesmal tun wird, was er sagt? Oder wirst du als Närrin dastehen? Wieder einmal. Nein… wenn Misstrauen die tödlichste Beleidigung dar- stellte, dann war Vertrauen immer richtig, auch wenn es sich täuschte. Vorläufig erleichtert durch sein neues Ver- sprechen, kuschelte sie sich an ihn, und diesmal erschienen ihr die schweren Arme, die er um sie schlang, mehr als Trost denn als Falle. Vielleicht würden sie diesmal endlich in der Lage sein, ihrer beider Leben auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. »Einkaufsbummel?«, wiederholte Lord Vorkosigan am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Er war als Letzter aufgestanden; Onkel Vorthys war schon an der Kom- Konsole in Tiens Studierzimmer geschäftig tätig, Tien war zur Arbeit gegangen, und Nikki in der Schule. Vorkosigan verzog den Mund nicht, doch die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln kräuselten sich. »Dieses Angebot wird dem Sohn meiner Mutter selten gemacht… ich fürchte, ich brauche nichts – nein, warten Sie, ich brauche schon etwas, wenn wir schon dabei sind. Ein Hochzeitsgeschenk.« »Wird jemand aus Ihrem Bekanntenkreis heiraten?«, fragte Ekaterin, erleichtert darüber, dass ihr Vorschlag auf, fruchtbaren Boden gefallen war, vor allem, weil sie keinen zweiten Vorschlag in Reserve hatte. Sie schickte sich an, hilfreich zu sein. »Gregor und Laisa.« Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er den Kaiser und dessen neue komarranische Verlobte meinte. Die überraschende Verlobung war beim Winterfest angekündigt worden; die Hochzeit sollte zum Mittsommer- fest stattfinden. »Oh! Hm… ich bin mir nicht sicher, ob Sie in der Serifosa-Kuppel etwas Passendes finden – vielleicht gibt es in Solstice diese Art von Laden… ach, du meine Güte.« »Ich muss etwas finden, ich soll Gregors Beistand und Zeuge in ihrem Hochzeitskreis sein. Vielleicht könnte ich etwas finden, das Laisa an ihre Heimat erinnert. Doch möglicherweise ist das keine gute Idee –ich bin mir nicht sicher. Ich möchte nicht das Risiko eingehen, ausgerechnet in ihren Flitterwochen ihr Heimweh zu wecken. Was meinen Sie?!« »Wir könnten vermutlich mal schauen …« In bestimmten Vierteln der Kuppelstadt gab es exklusive Läden, in die sie nicht einmal hineinzugehen sich traute. Dies wäre nun ein guter Vorwand, um sich einmal hinein- zuwagen. »Duv und Delia werden auch heiraten, fällt mir gerade ein. Ja, ich hinke mit meinen sozialen Verpflichtungen etwas hinterdrein.« »Wer?« »Delia Koudelka ist eine Freundin von mir aus, Kindertagen. Sie heiratet Kommodore Duv Galeni, den neuen Chef der Abteilung Komarr des Kaiserlichen Sicher- heitsdienstes. Sie haben vielleicht noch nichts von ihm gehört, aber das wird sich ändern. Er stammt von Komarr.« »Und seine Eltern sind Barrayaraner?« »Nein, sie waren komarranische Widerstandskämpfer. Wir haben ihn in den Dienst des Kaiserreichs gelockt. Unserer Meinung nach haben wir es mit den blank polier- ten Stiefeln erreicht.« Er machte ein so todernstes Gesicht, dass es sich um einen Scherz handeln musste. Wirklich? Sie lächelte unsicher. Da kam Onkel Vorthys in die Küche gerumpelt und murmelte: »Gibt’s noch Kaffee?« »Sicher doch.« Sie goss ihm ein. »Wie kommst du voran?« »Unterschiedlich, unterschiedlich.« Er nippte und lächelte dankbar. »Ich schließe daraus, dass der Morgenkurier schon da war«, meinte Vorkosigan. »Was hat man letzte Nacht herbeigeschafft? Etwas für mich dabei?« »Glücklicherweise nein, wenn Sie damit weitere Körper- teile meinen. Man hat allerhand Gerätschaften unterschied- licher Art geborgen.« »Macht das einen Unterschied bei Ihren bisherigen Lieblingsszenarios?« »Nein, aber ich hoffe weiterhin, dass sich etwas ergibt. Mir gefällt nicht, wie die Vektoranalyse ausfällt.«, Vorkosigans Blick wurde merklich aufmerksamer. »So? Warum?« »Hm. Nehmen Sie Punkt A als alle Objekte einen Moment vor dem Unfall – ein intaktes Schiff auf seinem Kurs, und der Sonnenspiegel sitzt passiv auf seinem Platz im Orbit. Nehmen Sie Punkt B als einige Zeit nach dem Unfall, Teile aller Massen zerstreuen sich in allen möglichen Geschwindigkeiten in alle Richtungen. Der guten alten klassischen Physik zufolge muss B gleich A plus X sein, wobei X die Kräfte – oder Massen – darstellt, die während des Unfalls hinzukamen. Wir kennen A ziemlich gut, und je mehr wir von B sammeln, desto mehr engen wir die Möglichkeiten für X ein. Uns fehlen noch einige Steuersysteme, aber die Jungs dort oben im Orbit haben inzwischen das meiste von der anfänglichen Masse des Systems Schiff plus Spiegel gefunden. Nach den teilweisen Berechnungen, die bis jetzt gemacht wurden, ist X… sehr groß und hat eine sehr seltsame Form.« »Abhängig davon, wann und wie die Triebwerke explo- dierten, kann die Explosion noch einen ziemlich verdammt großen Kick hinzugefügt haben«, sagte Vorkosigan. »Nicht die Größe der fehlenden Kräfte ist so rätselhaft, sondern ihre Richtung. Fragmente von etwas, das im freien Fall einen Kick bekommt, bewegen sich im Allgemeinen in einer geraden Linie, wobei man natürlich die örtliche Gravitation in Betracht ziehen muss.« »Und die Trümmer von dem Erzfrachter taten das nicht?« Vorkosigan zog die Augenbrauen hoch. »Was schwebt Ihnen dann für die äußeren Kräfte vor?«, Onkel Vorthys schürzte die Lippen. »Darüber muss ich noch eine Weile nachdenken. Mit den Zahlen und den visuellen Projektionen herumspielen. Mein Gehirn wird alt, glaube ich.« »Was ist dann an der… der Form der Kraft, das sie so seltsam macht?«, fragte Ekaterin, die all dem mit großem Interesse folgte. Onkel Vorthys setzte seine Tasse ab und legte seine Hände halb offen nebeneinander. »Es ist dies… eine typische Masse im Raum erzeugt einen Schwerkraft- brunnen, einen Trichter, wenn du so willst. Hier sieht es mehr wie eine Mulde aus.« »Durchgehend vom Erzfrachter zum Spiegel?«, fragte Ekaterin und versuchte es sich vorzustellen. »Nein«, erwiderte Onkel Vorthys. »Durchgehend von dem nahe liegenden Wurmloch-Sprungpunkt zum Spiegel. Oder umgekehrt.« »Und der Erzfrachter fiel… äh … da hinein?«, fragte Vorkosigan. Er blickte momentan so verwirrt drein, wie Ekaterin sich vorkam. Onkel Vorthys schien es nicht viel besser zu gehen. »Ich würde das nicht gern in der Öffentlichkeit sagen, so viel ist sicher.« »Eine Gravitationskraft?«, fragte Vorkosigan. »Oder vielleicht… eine gravitische Imploderlanze?« Onkel Vorthys hob die Schultern. »Es sieht sicherlich nicht aus wie die Kräfteaufzeichnung irgendeiner Imploderlanze, die ich bisher gesehen habe. Na ja.« Er nahm seine Kaffeetasse auf und schickte sich an, wieder zu, seiner KomKonsole zurückzukehren. »Wir planen gerade einen Ausflug in die Stadt«, sagte Ekaterin. »Würdest du nicht gern etwas mehr von Serifosa sehen? Ein Geschenk für die Professora besorgen?« »Das würde ich schon, aber ich glaube, diesmal bin ich an der Reihe mit Zuhausebleiben und Lesen«, meinte ihr Onkel. »Geht nur ihr beiden und macht euch einen schönen Tag. Aber wenn du etwas siehst, wovon du meinst, es würde deiner Tante gefallen, dann wäre ich dir äußerst dankbar, wenn du es kaufst, und ich werde dir dann das Geld geben.« »In Ordnung…« Mit Vorkosigan allein ausgehen? Sie hatte angenommen, sie würde ihren Onkel als Anstands- wauwau dabei haben. Doch wenn sie sich auf öffentliche Örtlichkeiten beschränkten, dann sollte das ausreichen, um jeden aufkeimenden Verdacht auf Tiens Seite zu ersticken. Allerdings schien Tien seltsamerweise in Vorkosigan keinerlei Bedrohung zu sehen. »Wolltest du nicht noch mehr von Tiens Abteilung sehen?« Ach, du lieber Himmel, das hatte sie nicht gut formuliert – was war, wenn er ja sagte? »Ich habe noch nicht einmal den ersten Stapel ihrer Berichte durchgeschaut.« Ihr Onkel seufzte. »Vielleicht könnten Sie sich darum kümmern, Miles…?« »Ja, ich werde mich damit befassen.« Sein Blick fiel auf Ekaterins besorgtes Gesicht. »Später. Wenn wir zurück sind.« Ekaterin führte Lord Vorkosigan durch den überwölbten, Park auf der Vorderseite ihres Apartmentgebäudes zur nächsten Haltestelle der Bubblecars. Seine Beine mochten kurz sein, doch seine Schritte waren schnell, und sie stellte fest, dass sie ihr Tempo nicht mäßigen musste. Wenn überhaupt, dann musste sie längere Schritte machen. Diese Steifheit, von der sie beobachtetet hatte, dass sie seine Bewegungen hemmte, schien etwas zu sein, das im Laufe des Tages kam und wieder ging. Auch sein Blick war schnell, während er herumschaute. Einmal drehte er sich sogar um und ging einen Moment lang rückwärts, wobei er etwas musterte, was seinen Blick gefesselt hatte. »Gibt es einen bestimmten Ort, wohin Sie gern gehen würden?«, fragte sie ihn. »Ich weiß nicht viel über Serifosa. Ich vertraue mich Ihnen als meiner einheimischen Führerin ganz und gar an, Madame. Als ich das letzte Mal größer einkaufen ging, handelte es sich um Artilleriewaffen.« Sie lachte. »Das ist wohl etwas ganz anderes.« »Nicht so anders, wie Sie vielleicht glauben. Für die wirklich teuren Sachen schickt man Vertriebsingenieure durch die halbe Galaxis, damit sie einen bedienen. Das ist genau die Art, wie meine Tante Vorpatril Kleider kauft – was in ihrem Fall, wenn ich es mir recht überlege, auch teure Sachen sind. Die Couturiers schicken ihr ihre Lakaien ins Haus. In meinem vorgerückten Alter habe ich Lakaien gern.« Sein vorgerücktes Alter, so schloss Ekaterin, konnte nicht mehr als dreißig betragen. Dreißig, die eben erst voll geworden waren, wie bei ihr selbst, und an die man sich, erst noch gewöhnen musste. »Und kauft Ihre Mutter, die Gräfin, auch so ein?« Wie war eigentlich seine Mutter mit der Tatsache seiner Mutationen fertig geworden? Ziemlich gut, wenn man nach den Ergebnissen urteilen durfte. »Mutter kauft einfach, was Tante Vorpatril ihr rät. Ich habe immer den Eindruck gehabt, sie wäre glücklicher in ihrer alten Arbeitsuniform vom Betanischen Astronomi- schen Erkundungsdienst.« Ach ja, die berühmte Gräfin Cordelia Vorkosigan… Sie kamen an der Bubblecar-Plattform an, und sie führte zum vierten Wagen in der Reihe, teils, weil er leer war, und teils, weil sie ein paar Sekunden Zeit gewinnen wollte, um ihren Bestimmungsort auszuwählen. Lord Vorkosigan drückte ganz automatisch den Schalter zum Schließen des Verdecks, sobald sie sich auf der vorderen Sitzbank nieder- gelassen hatten. Er war entweder daran gewöhnt, ungestört zu sein, oder er war noch nicht der Kampagne »Fahren Sie gemeinsam!« begegnet, die derzeit gerade in der Serifosa- Kuppel im Gange war. Jedenfalls war sie froh, dass sie auf dieser Fahrt nicht mit irgendwelchen Komarranern zusam- mengepfercht waren. Komarr war seit Jahrhunderten ein galaktischer Handels- knotenpunkt gewesen, und seit Jahrzehnten der Basar des Kaiserreichs von Barrayar; selbst ein relativ provinzieller Bezirk wie Serifosa bot einen Überfluss an Waren, der Vorbarr Sultana durchaus gleichkam. Sie schürzte die Lippen, dann schob sie ihre Kreditkarte in den Schlitz und tippte auf dem Steuerfeld des Bubblecars den Distrikt der Shuttlehafen-Schleusen als Ziel ein. Einen Moment später plumpsten sie in das Transportrohr, und begannen zu beschleunigen. Die Beschleunigung war langsam, kein gutes Zeichen. »Ich glaube, ich habe Ihre Mutter ein paarmal im Holovid gesehen«, begann sie nach einer Weile zu sprechen. »Sie saß neben Ihrem Vater auf der Tribüne und dergleichen. Meistens vor ein paar Jahren, als er noch Regent war. Kommt es einem seltsam vor… bekommt man ein ganz anderes Gefühl von seinen Eltern, wenn man sie im Vid sieht?« »Nein«, sagte er. »Ich bekomme dann ein ganz anderes Gefühl vom Holovid.« Das Bubblecar schwenkte in einen dunklen Strecken- abschnitt ein, der nur von Seitenstreifen beleuchtet war, die an ihren Augen vorüberflimmerten, dann fuhr es abrupt ins Sonnenlicht hinein und machte einen Bogen auf den nächsten luftdicht abgeschlossenen Komplex zu. Auf halber Höhe des Bogens wurden sie noch langsamer; vor ihnen sah Ekaterin im Rohr andere Bubblecars, die sich im Kriechgang zusammendrängten, wie Perlen auf einer Kette. »Ach du meine Güte, das hatte ich schon befürchtet. Es sieht so aus, als hingen wir in einem Stau.« Vorkosigan reckte den Hals. »Ein Unfall?« »Nein, das System ist einfach überlastet. Zu gewissen Tageszeiten kann man auf gewissen Routen zwanzig bis vierzig Minuten aufgehalten werden. Im Augenblick gibt es hier einen Streit in der Lokalpolitik über die Finanzie- rung des Bubblecar-Systems. Die eine Gruppe möchte die Sicherheitsabstände zwischen den Wagen verringern und die Geschwindigkeiten erhöhen. Die anderen wollen mehr, Routen bauen. Und eine dritte Gruppe möchte den Zugang rationieren.« Seine Augen funkelten amüsiert. »Ach ja, ich verstehe. Und wie lange geht dieser Streit schon, ohne dass es eine Lösung gibt?« »Mindestens fünf Jahre, habe ich sagen hören.« »Ist die lokale Demokratie nicht eine wunderbare Sache?«, murmelte er. »Und wenn man daran denkt, dass die Komarraner sich vorgestellt haben, wir würden ihnen einen Gefallen erweisen, wenn wir ihre planetarischen Angelegenheiten ihrer traditionellen Sektorverwaltung überlassen.« »Ich hoffe. Höhe macht Ihnen nichts aus«, sagte sie unsicher, als das Bubblecar im Zenit des Bogens stöhnend fast anhielt. Durch die schwachen Verzerrungen des Verdecks und des Rohrs gesehen, schien sich vor ihrem Blick der halbe chaotische Fleckenteppich der Gebäude unter der Serifosa-Kuppel auszubreiten. Zwei Wagen vor ihnen ergriff ein Paar die Gelegenheit und widmete sich einer heftigen Knutscherei. Ekaterin ignorierte sie geflis- sentlich. »Und… kleine abgeschlossene Räume auch nicht.« Er lächelte ein wenig grimmig. »Solange der kleine abgeschlossene Raum über Gefriertemperatur ist, werde ich damit fertig.« War das eine Anspielung auf seinen Kryotod? Sie wagte es kaum zu fragen, sondern versuchte an etwas zu denken, womit sie das Gespräch wieder auf seine Mutter bringen konnte, und von dort zu dem Thema, wie Cordelia, Vorkosigan mit seinen Mutationen fertig geworden war. »Astronomischer Erkundungsdienst? Ich dachte, Ihre Mutter diente im Betanischen Expeditionskorps, im Krieg um Escobar.« »Vor dem Krieg hatte sie eine elf Jahre lange Karriere im Erkundungsdienst.« »Verwaltung, oder … Sie ist doch nicht zu den blinden Wurmlochsprüngen geflogen, oder? Ich will sagen, alle Raumfahrer sind ein wenig seltsam, aber Wurmloch- Draufgänger sollen die verrücktesten der Verrückten sein.« »Das stimmt ganz und gar.« Er blickte hinaus. Mit einem leichten Ruck setzte sich das Bubblecar wieder in Bewegung und fuhr zur nächsten Sektion der Stadt hinab. »Einigen von ihnen bin ich begegnet. Ich gestehe, ich habe die Leute vom regierungsamtlichen Erkundungsdienst nie in derselben Liga gesehen wie die freien Unternehmer. Die Unabhängigen machen Blindsprünge in den möglichen Tod und hoffen dabei auf phantastische Gewinne. Der Erkun- dungsdienst… macht Blindsprünge in den möglichen Tod für ein Gehalt, Zulagen und eine Pension. Hm.« Er lehnte sich zurück und wirkte plötzlich nachdenklich. »Sie schaffte es bis zum Schiffskapitän, damals, vor dem Krieg. Vielleicht hatte sie mehr Übung für Barrayar, als mir klar war. Ich frage mich, ob auch sie es müde war. gegen die Wand zu spielen. Ich werde sie fragen müssen.« »Gegen die Wand zu spielen?« »Entschuldigung, das ist eine private Metapher. Wenn man ein paarmal zu oft Risiken eingegangen ist, dann wird Adrenalin zu einer Gewohnheit, die man nur schwer, aufgeben kann. Ich hatte immer angenommen, mein – hm – früherer Geschmack für diese Art von Anfall käme von der barrayaranischen Seite meiner Genetik. Aber Nachtod- Erfahrungen haben die Tendenz, dass sie einen veran- lassen, seine Prioritäten neu einzuschätzen. So lange so viele Risiken einzugehen … da würde man am Ende verdammt sicher sein, wer man ist und was man will, oder man würde, ich weiß es nicht, anästhesiert sein.« »Und Ihre Mutter?« »Tja. sie ist auf keinen Fall anästhesiert.« Sie wurde noch kühner. »Und Sie?« »Hm.« Er zeigte ein leichtes, schwer fassbares Lächeln. »Sie wissen, die meisten Leute versuchen mich über meinen Vater auszuhorchen, wenn sie eine Gelegenheit bekommen, mich in die Enge zu treiben.« »Oh.« Sie errötete verlegen und lehnte sich zurück. »Es tut mir Leid. Ich war unhöflich.« »Überhaupt nicht.« Tatsächlich wirkte oder klang er nicht verärgert. Seine Haltung war offen und einladend, als er sich zurücklehnte und sie betrachtete. »Überhaupt nicht.« Dadurch ermutigt, beschloss sie, wieder kühn zu sein. Wann würde sie schließlich noch einmal eine solche Chance haben? »Vielleicht… war das, was mit Ihnen passiert ist, für sie eine andere Art von Wand.« »Ja, vermutlich ergibt es einen Sinn, dass Sie es vom Standpunkt meiner Mutter aus sehen.« »Was… ist genau passiert?«, »Mir?«, ergänzte er. Er erstarrte nicht wie in jenem kitzligen Moment beim Abendessen neulich, stattdessen betrachtete er sie nachdenklich, mit einer Art aufmerk- samer Ernsthaftigkeit, die fast noch beunruhigender war. »Was wissen Sie?« »Nicht viel. Ich hatte gehört, dass der Sohn des Lord- regenten verkrüppelt geboren worden war, damals im Krieg gegen den Usurpator Vordarian. Der Lordregent war dafür bekannt, dass er sein Privatleben sehr privat hielt.« Genau genommen hatte sie gehört, sein Sohn sei ein Mutant und werde vor der Öffentlichkeit versteckt. »Ist das alles?« Er blickte fast beleidigt drein – dafür, dass er nicht berühmter war? Oder berüchtigter? »Mein Leben ist kaum mit jenen gesellschaftlichen Kreisen in Berührung gekommen«, beeilte sie sich zu erklären. »Oder mit irgendwelchen anderen. Mein Vater war bloß ein kleiner Provinzbeamter. Viele von Barrayars ländlichen Vor sind viel mehr ländlich als Vor, fürchte ich.« Sein Lächeln wurde breiter. »Stimmt. Sie hätten meinem Großvater begegnen sollen. Oder… vielleicht nicht. Tja. Hm. So spät gibt es nicht mehr viel zu sagen. Ein Atten- täter, der es auf meinen Vater abgesehen hatte, schaffte es, meine Eltern beide mit einem veralteten militärischen Giftgas namens Soltoxin in Kontakt zu bringen.« »In der Zeit des Usurpators?« »Genau genommen kurz davor. Meine Mutter war fünf Monate schwanger mit mir. Daher dieses Malheur.« Mit einer Geste seiner Hand am Körper entlang und diesem, nervösen Ruck mit dem Kopf umschrieb er seine Person und forderte zugleich die Betrachterin heraus. »Der Schaden war eigentlich teratogen, nicht genetisch.« Er warf ihr einen seltsamen Seitenblick zu. »Es war einmal sehr wichtig für mich, dass die Leute das wussten.« »Es war? Und jetzt nicht mehr?« Wie offenherzig von ihm – es war ihm gelungen, es ihr schnell genug zu sagen. Sie war fast enttäuscht. Stimmte es, dass nur sein Körper und nicht seine Chromosomen geschädigt worden war? »Jetzt… denke ich. vielleicht ist es in Ordnung, wenn man meint, ich sei ein Mutant. Wenn ich es schaffe, dass es wirklich keine Rolle spielt, vielleicht wird es dann für den nächsten Mutanten, der nach mir kommt, noch unwichtiger sein. Eine Form des Dienstes, die mich keine zusätzliche Anstrengung kostet.« Es kostete ihn etwas, offensichtlich. Sie dachte an Nikolai, der bald ein Teenager sein würde, und wie schwer dieses Alter selbst für normale Kinder war. »Hat man Sie es spüren lassen? Als Sie aufwuchsen?« »Ich wurde natürlich etwas durch den Rang und die Stellung meines Vaters geschützt.« Sie bemerkte dieses etwas. Etwas war nicht dasselbe wie völlig. Manchmal war etwas genauso viel wie gar nicht. »Ich habe einige Berge in Bewegung versetzt, um durchzudrücken, dass ich in den Kaiserlichen Militärdienst eintreten durfte. Nach einigen Startschwierigkeiten fand ich schließlich einen Platz für mich im Kaiserlichen Sicherheitsdienst, bei den Irregulären. Beim Rest der Irregulären. Der KBS war mehr an Ergebnissen interessiert, als an der Erscheinung, und ich entdeckte, dass ich Ergebnisse liefern konnte. Außer dass alle Leistungen, aufgrund derer ich neu beurteilt zu werden hoffte, samt und sonders in den geheimen Archiven des Sicherheitsdienstes verschwanden – ich hatte mich also etwas verkalkuliert. Und so trat ich am Ende einer dreizehnjährigen Karriere ab, ein Hauptmann, der aus medizinischen Gründen ent- lassen wurde und den niemand kannte, fast so anonym wie bei meinem Start.« Er seufzte tatsächlich. »Kaiserliche Auditoren sind nicht anonym!« »Nein, einfach nur diskret.« Sein Gesicht hellte sich auf. »Dann besteht also noch Hoffnung.« Warum wollte er sie zum Lachen bringen? Sie schluckte den Impuls hinunter. »Wollen Sie berühmt sein?« Seine Augen verengten sich in einem Augenblick der Innenschau. »Früher einmal hätte ich diese Frage bejaht. Jetzt denke ich … ich wollte einfach nur jemand aus eigenem Recht sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin gern meines Vaters Sohn. Er ist ein großer Mann, in jedem Sinn, und es ist ein Privileg, dass ich ihn kennen darf. Aber trotzdem hege ich eine geheime Phantasie, in der nur einmal, irgendwo in einem Geschichtsbuch, Aral Vorkosigan vor allem deshalb als wichtig aufgeführt wird, weil er Miles Naismith Vorkosigans Vater war.« Daraufhin lachte sie, dämpfte das Lachen allerdings fast sofort mit einer Hand auf dem Mund. Doch er schien nicht beleidigt zu sein, denn um seine Augen erschienen nur die Fältchen. »Es ist ziemlich amüsant«, sagte er reumütig. »Nein … nein, das nicht«, leugnete sie eilends. »Es, kommt mir nur wie eine Art Hybris vor.« »Oh, alle Arten von Hybris.« Außer, dass er von der Aussicht nicht im Geringsten entmutigt wirkte, lediglich berechnend. Sein nachdenklicher Blick fiel dann auf sie; er räusperte sich und begann: »Als ich gestern an Ihrer KomKonsole arbeitete…« Das Langsamerwerden des Bubblecars unter- brach ihn. Der kleine Mann reckte den Hals, als sie in der Station gleitend anhielten. »Verdammt«, murmelte er. »Stimmt etwas nicht?«, fragte sie besorgt. »Nein, nein.« Er drückte den Knopf, um das Verdeck zu heben. »Also, dann schauen wir uns mal diesen Distrikt der Docks und Schleusen an…« Lord Vorkosigan schien den Spaziergang durch das organisierte Chaos des Shuttlehafen-Schleusendistrikts zu genießen. Allerdings entsprach die Route, die er wählte, keineswegs dem Standard. Er ging lieber in einem Zick- zack hinab in Bereiche, die Ekaterin für den Untergrund des Gebietes hielt, wo Menschen und Maschinen Lasten auf- und abluden und wo die weniger begüterten Raum- fahrer ihre Herbergen und Bars hatten. Im Distrikt gab es eine Menge seltsam aussehender Leute aller Farben und Größen, die fremdartige Kleidung trugen: Fetzen von Gesprächen in völlig fremden Sprachen erreichten ihr Ohr, während sie vorübergingen. Vorkosigan bemerkte, aber ignorierte die Blicke, die man den beiden Barrayaranern zuwarf. Ekaterin kam zu dem Schluss, dass er nicht deshalb keinen Anstoß daran nahm, weil die Galakter ihn, weniger – oder mehr – anstarrten; es lag daran, dass sie auf gleiche Weise alle anstarrten. Sie entdeckte auch, dass er von den Scheußlichkeiten unter den galaktischen Waren angezogen wurde, mit denen die engen Läden voll gestopft waren, die sie besuchten. Er schien tatsächlich ernsthaft einige Minuten über etwas nachzudenken, was angeblich eine auf Jackson’s Whole angefertigte Reproduktion einer echten Lampe aus dem 20. Jahrhundert darstellte: das Ding bestand aus einem abgeschlossenen Glasgefäß, das zwei unvermischbare Flüssigkeiten enthielt, die langsam in den Konvektions- strömen stiegen und sanken. »Das sieht genau aus wie rote Blutkörperchen, die im Plasma schweben«, meinte Vorko- sigan und starrte fasziniert auf die von unten beleuchteten Kleckse. »Aber das als Hochzeitsgeschenk!«, brachte sie halb amüsiert, halb erschrocken hervor. »Als was für eine Botschaft würde man das nehmen?« »Es würde Gregor zum Lachen bringen«, erwiderte er. »Solche Geschenke bekommt er nicht oft. Aber Sie haben Recht, das passende Hochzeitsgeschenk muss… äh … passend sein. Öffentlich und politisch, nicht privat.« Mit einem Seufzer des Bedauerns stellte er die Lampe wieder ins Regal zurück. Einen Moment später änderte er seine Meinung wieder, kaufte sie und ließ sie gleich verschicken. »Für die Hochzeit werde ich ihm ein weiteres Geschenk besorgen. Das hier soll dann für seinen Geburtstag sein.« Danach ließ er sich von Ekaterin an das kultiviertere Ende des Distrikts führen, wo die Läden in geräumigen, gut beleuchteten Schaufenstern Schmuck, Kunstwerke und, Antiquitäten ausstellten. Dazwischen gab es diskrete Couturiers von der Art wie jene, die Vorkosigans Tante Lakaien schickten. Diese Gegend schien er viel weniger interessant zu finden als die galaktischen Ramschläden ein paar Straßen und Ebenen weiter. Die Munterkeit wich aus seinem Gesicht, bis sein Blick von einer ungewöhnlichen Auslage in der Schauvitrine eines Juweliers angezogen wurde. Winzige Planetenmodelle, so groß wie Ekaterins Daumennagel, drehten sich in einer Grav-Blase vor einem schwarzen Hintergrund. Einige der kleinen Kugeln wurden in verschiedenen Vergrößerungen gezeigt, wobei sich herausstellte, dass es sich um vollkommen landkarten- getreue Repliken der Welten handelte, die sie darstellten. Nicht nur Flüsse und Berge und Meere, sondern auch Städte, Straßen und Dämme wurden in realistischen Farben dargestellt. Überdies bewegte sich die Beleuchtungsgrenze in der Echtzeit für den jeweils infrage kommenden planetarischen Zyklus über die Miniaturlandschaften; auf der Nachtseite leuchteten Städte wie lebendige Juwelen. Man konnte die Miniaturplaneten paarweise als Ohrringe oder an Halsketten und Armreifen tragen. Es waren die meisten Planeten des Wurmlochnexus erhältlich, einschließlich Kolonie Beta und einer Erde, zu der es als Option auch ihren berühmten Mond gab, der sie eine Hand- spanne entfernt umkreiste. Allerdings war nicht ganz klar, wie jemand diese Paarung an seinem Körper aufhängen sollte. Die Preise, die Vorkosigan keines Blickes würdigte, waren alarmierend. »Das ist recht schön«, murmelte er beifällig und starrte, fasziniert auf das kleine Barrayar. »Ich frage mich, wie sie das machen? Ich weiß, wo ich eins auseinander nehmen lassen könnte.« »Mir kommen sie mehr wie Spielzeuge denn wie Schmuck vor, aber ich muss zugeben, sie sind beein- druckend.« »O ja, ein typisches Technikspielzeug – ein exklusives Produkt dieses Jahr, überall erhältlich nächstes Jahr, danach nirgendwo zu bekommen, bis die Antiquitäten- händler es wieder auf den Markt bringen. Doch … es wäre lustig, ein Set mit allen Planeten des Kaiserreichs zusam- menzustellen, Barrayar, Komarr und Sergyar. Ich kenne keine Frau mit drei Ohren… zwei Ohrringe und einen Anhänger vielleicht, allerdings hätte man dann das sozio- politische Problem, in welcher Rangfolge man die Planeten anordnen soll.« »Man könnte alle drei an eine Halskette hängen.« »Stimmt, oder… ich glaube, meiner Mutter würde bestimmt ein Sergyar gefallen. Oder Kolonie Beta… nein, davon könnte sie vielleicht Heimweh bekommen. Sergyar, ja. das passt. Und schließlich gibt es das Winterfest, und es kommen Geburtstage – schauen wir mal. da ist Mutter, dann Laisa, Delia, Tante Alys, Delias Schwestern, Drou – vielleicht sollte ich ein Dutzend Sets bestellen und noch ein paar extra dazu.« »Hm«, sagte Ekaterin und überdachte diesen Ausbruch an rationeller Vorgehensweise, »kennen alle diese Frauen einander?« Waren welche davon seine Geliebten? Sicher- lich würde er die doch nicht in einem Atemzug mit seiner, Mutter und Tante erwähnen. Oder ging er vielleicht auf Freiersfüßen? Aber… bei allen gleichzeitig? »Oh, gewiss doch.« »Glauben Sie wirklich, Sie sollten allen das gleiche Geschenk mitbringen?« »Nein?«, fragte er unsicher, »Aber… mich kennen sie alle…« Am Ende zügelte er sich und kaufte nur zwei Ohr- ringsets, jeweils zwei Barrayars und Komarrs, die er dann für die Bräute der beiden gemischten Hochzeiten aus- tauschte. Dann gab er noch ein Sergyar an einer schönen Kette für seine Mutter hinzu. Schließlich rannte er noch einmal zurück und kaufte ein weiteres Barrayar, doch er verriet nicht, für welche der Frauen auf seiner Liste. Die winzigen Planeten wurden eingepackt und in Geschenk- papier gehüllt. Ekaterin, die sich von dem komarranischen Bazar etwas überwältigt fühlte, führte Vorkosigan anschließend in einen ihrer Lieblingsparks. Er grenzte an das Ende des Schleu- sendistrikts und wies einen der größten und am natür- lichsten gestalteten Seen in Serifosa auf. Sobald sie den See auf den benachbarten Gehwegen umrundet hätten, wollte sie zu Kaffee und Kuchen einkehren. Sie hielten an einem Geländer an einer bescheidenen Klippe an, wo der Ausblick über den See einige der höheren Türme von Serifosa einrahmte. Durch die durch- sichtige Kuppel des Parks war am Himmel der verkrüppelte Sonnenspiegel jetzt voll zu sehen; sein Schein funkelte schwach auf den kleinen Wellen des Sees. Aus der, Ferne drangen fröhliche Stimmen über das Wasser; Familien spielten an einem auf natürlich gemachten Bade- strand. »Es ist sehr hübsch«, erklärte Ekaterin, »aber die Instandhaltungskosten sind beträchtlich, Urbaner Waldbau ist hier ein Vollzeit-Fachberuf. Alles ist bewusst geschaffen, die Wälder, die Felsen, das Unkraut, alles.« »Eine Welt in einer Schachtel«, murmelte Vorkosigan und blickte über die spiegelnde Wasserfläche hinweg. »Irgendjemand muss sie zusammensetzen.« »Einige Serifosaner halten ihr System an Parks für ein Versprechen für die Zukunft, für eine Ökologie als Bankguthaben«, fuhr sie fort, »aber die anderen, vermute ich, kennen den Unterschied zwischen ihren kleinen Parks und wirklichen Wäldern gar nicht. Ich frage mich manch- mal, ob nicht dann, wenn die Atmosphäre zu atmen sein wird, die Urenkel der Komarraner vor lauter Platzangst gar nicht aus ihren Kuppeln herauskommen wollen.« »Eine Menge Betaner tendieren in diese Richtung. Als ich letztes Mal dort war…« Sein Satz ging in einem plötzlichen Krachen unter; Ekaterin erschrak, dann erkannte sie, dass der Lärm von einer Last stammte, die von einem Magnetkran gefallen war, an einer Baustelle hinter ihrem Rücken jenseits der Bäume. Doch Vorkosigan sprang hoch und wirbelte herum wie eine Katze; seine rechte Hand ließ das Päckchen fallen, mit der linken schob er Ekaterin hinter sich und zog dann einen Betäuber halb aus der Hosentasche, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass er ihn bei sich trug, bevor er ebenfalls die Quelle des Knalls identifizierte. Er atmete tief ein, errötete und, räusperte sich. »Entschuldigung«, sagte er. als sie ihn mit großen Augen anschaute, »ich habe hier ein wenig überreagiert.« Allerdings prüften sie beide verstohlen die Kuppel über ihren Köpfen; sie war noch völlig intakt. »Ein Betäuber ist sowieso eine ziemlich nutzlose Waffe gegen Dinge, die einen solchen Krach machen.« Er schob ihn wieder tief in seine Tasche. »Sie haben Ihre Planeten fallen lassen« sagte sie und schaute sich nach dem weißen Päckchen um. Es war nirgendwo zu sehen. Er beugte sich über das Geländer. »Verdammt.« Sie folgte seinem Blick. Das Päckchen war von der Strandpromenade heruntergehüpft und etwa einen Meter tief von hängendem Blätterwerk aufgefangen worden, einer dornigen, bittersüßen Pflanze, die über dem Wasser baumelte. »Ich glaube, ich kann es vielleicht erreichen …« Er schwang sich über das Geländer, vorbei an dem warnenden Schild mit der Aufschrift: VORSICHT – BLEIBEN SIE AUF DEM GEHWEG, und warf sich am Abgrund flach auf den Boden, bevor sie auch nur einen Mucks tun konnte. Aber Ihr guter Anzug – vermutlich gehörte Vorkosigan nicht zu den Männern, die regelmäßig ihre eigene Wäsche besorgten. Doch seine stumpfen Finger erreichten fast die Beute, die sie suchten. Ekaterin hatte eine grässliche Vision von einem kaiserlichen Auditor, der mit dem Kopf vornüber in dem Teich landete, obwohl sie für ihn als Gast verantwortlich war. Konnte man sie des Hochverrats anklagen? Die Klippe war kaum vier Meter hoch; wie tief war hier das Wasser?, »Meine Arme sind länger«, bot sie sich an und kletterte hinter ihm her. Da sein Unterfangen einstweilen vereitelt war, begab er sich wieder in eine sitzende Stellung. »Wir können einen Stock holen. Oder noch besser, einen Lakaien mit einem Stock.« Er blickte unsicher auf seinen Armbandkommuni- kator. »Ich meine«, versetzte sie spröde, »dafür den Sicher- heitsdienst zu rufen wäre doch eine Übertreibung.« Sie lag ausgestreckt da und langte hinab, wie er es getan hatte. »Es ist in Ordnung, ich glaube, ich kann …« Auch ihre Finger erreichten das Päckchen nicht, doch es fehlte nur sehr wenig. Sie schob sich einen Zoll vor und spürte den gefähr- lichen Zug des unterhöhlten Abhangs. Sie reckte sich… Der lockere Boden des Randes sackte unter ihrem Gewicht zusammen, und sie begann jäh nach vorn zu gleiten. Sie schrie auf; indem sie sich nach hinten schob, zerdrückte sie den sie stützenden Boden völlig. Einer der wild nach hinten fassenden Arme wurde plötzlich in einem schraubstockartigen Griff gepackt, doch ihr übriger Körper drehte sich, als der Boden unter ihr nachgab, und sie fand sich absurd mit den Füßen nach unten über dem Teich baumelnd wieder. Ihr anderer Arm, den sie herum- schwenkte, wurde ebenfalls ergriffen, und sie blickte nach oben, in Vorkosigans Gesicht. Er lag ausgestreckt auf dem Hang und hatte um jedes ihrer Handgelenke eine Hand geschlossen. Er biss die Zähne zusammen und grinste. Seine grauen Augen leuchteten. »Lassen Sie mich los, Sie Idiot!«, schrie sie., Der Ausdruck auf seinem Gesicht wirkte auf sonderbare und wilde Weise frohlockend. »Niemals«, keuchte er. »wieder…« Mit seinen Halbstiefeln klammerte er sich um … nichts, erkannte sie, als er unerbittlich hinter ihr her über den Rand zu rutschen begann. Doch sein Griff lockerte sich nicht. Der frohlockende Gesichtsausdruck wich einer plötzlichen, erschrockenen Erkenntnis. In den nächsten paar Sekunden gewannen die Gesetze der Physik die Oberhand über alle heroischen Absichten; Erde, Kieselsteine, Pflanzenstücke und die beiden barrayaranischen Körper schlugen mehr oder weniger gleichzeitig auf dem kalten Wasser auf. Wie sich herausstellte, war dieses Wasser nur wenig über einen Meter tief. Der Grund war mit weichem Schlamm bedeckt. Sie wälzte sich und richtete sich auf. Ein Schuh hatte sich selbstständig gemacht. Sie spuckte, schob die Haare aus den Augen und schaute sich verzweifelt nach Vorkosigan um. Nach Lord Vorkosigan. Das Wasser reichte ihr bis an die Taille und dürfte ihm somit nicht über den Kopf gehen. Nirgendwo ragten Füße in Halbstiefeln heraus. Konnte er schwimmen? Er tauchte neben ihr auf und spuckte schlammiges Wasser aus, dann wischte er es sich aus den Augen, um besser sehen zu können. Sein schöner Anzug war durch- nässt; an einem Ohr hing eine Wasserpflanze. Er schob sie weg, dann entdeckte er Ekaterin, streckte ihr die Hand entgegen und hielt mitten in der Bewegung inne. »Oh«, sagte Ekaterin matt. »Verdammt!« Es folgte eine meditative Pause, bevor Lord Vorkosigan, sprach. »Madame Vorsoisson«, sagte er schließlich sanft, »ist Ihnen jemals der Gedanke gekommen, dass Sie vielleicht einfach ein wenig übersozialisiert sind?« Sie konnte nicht an sich halten und lachte laut heraus. Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund und wartete ängstlich auf einen männlichen Wutausbruch. Doch der kam nicht; Vorkosigan grinste sie lediglich an. »Ha, jetzt ist wenigstens die Schwerkraft auf unserer Seite.« Er watete unter die Überreste des Überhangs, verschwand wieder im Wasser und kam mit ein paar Steinen in der Hand wieder hoch. Er warf sie auf die Dornenpflanze, bis sich sein Päckchen lockerte und herunterfiel. Er fing es mit einer Hand auf, bevor es im Wasser landen konnte. Wieder grinste er und kam platschend zu ihr zurück, dann bot er ihr seinen anderen Arm an, als schickten sie sich gerade an, zu einem Bot- schaftsempfang zu erscheinen. »Madame, wollen Sie mit mir an Land waten?« Sein Humor war unwiderstehlich; sie merkte, wie sie ihre Hand auf seinen Ärmel legte. »Mit Vergnügen, Mylord.« Sie hörte auf, verstohlen mit den Zehen nach ihrem verlorenen Schuh zu stochern. Sie platschten in Richtung der nächsten flachen Stelle am Ufer, das mit der gelassen- sten und zugleich verrücktesten Würde, die Ekaterin jemals erlebt hatte. Das Päckchen zwischen den Zähnen, kletterte er vor ihr an Land, fasste nach einem schmalen Baum- stamm, der sich über das Ufer lehnte, und half ihr mit der Hand aus dem Schlamm heraus mit der Haltung eines Butlers und Chauffeurs, der seiner Lady aus dem Fond, ihres Bodenwagens heraushalf. Zu Ekaterins ungeheurer Erleichterung schien niemand am See ihre Darbietung bemerkt zu haben. Konnte Vorkosigans Autorität als Abgesandter des Kaisers sie beide vor einer Verhaftung wegen Schwimmens an verbotener Stelle bewahren? »Sie sind nicht aufgeregt wegen des Unfalls?«, fragte sie schüchtern, als sie den Pfad wieder erreichten. Ekaterin konnte immer noch kaum glauben, wie viel Glück sie angesichts seiner zugegeben seltsamen Reaktion hatte. Ein vorüberlaufender Jogger starrte sie an, drehte sich um und hüpfte einen Moment lang rückwärts, doch Vorkosigan winkte ihm freundlich zu, er solle weiterrennen. Er nahm sein Päckchen unter den Arm. »Madame Vorsoisson, glauben Sie mir eins: Nadelgranaten sind Unfälle. Das vorhin war nur eine amüsante Unannehm- lichkeit.« Doch dann glitt das Lächeln von seinen Lippen, sein Gesicht erstarrte und er atmete scharf ein. »Ich sollte erwähnen«, fügte er schnell hinzu, »dass ich in letzter Zeit von gelegentlichen Anfällen heimgesucht werde. Ich falle in Ohnmacht und habe Krämpfe. Das dauert etwa fünf Minuten und geht dann vorbei, und ich wache auf, ohne dass mir etwas passiert ist. Wenn das eintreten sollte, dann geraten Sie bitte nicht in Panik.« »Werden Sie jetzt gleich einen Anfall haben?«, fragte sie erschrocken. »Ich habe plötzlich ein seltsames Gefühl«, gab er zu. In der Nähe stand eine Bank am Weg. »Hier, setzen Sie sich…« Sie führte ihn hin. Er setzte sich abrupt nieder und barg das Gesicht in den Händen. Wegen der feuchten Kälte, begann er zu zittern, wie sie auch, doch sein Schauder war lang und tief und ging durch seinen ganzen kleinen Körper. Begann jetzt ein Anfall? Sie betrachtete ihn voller Schrecken. Nach ein paar Minuten beruhigte sich seine raue Atmung. Er rieb sich kräftig übers Gesicht und blickte auf. Er war extrem blass, fast grau im Gesicht. Sein aufge- setztes Lächeln war so offensichtlich unecht, als er sich ihr zuwandte, dass es ihr fast lieber gewesen wäre, er hätte ein finsteres Gesicht gemacht. »Es tut mir Leid. So etwas habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht, zumindest nicht im wachen Zustand. Tut mir Leid.« »War das ein Anfall?« »Nein, nein. Ganz und gar falscher Alarm. Eigentlich war es ein… äh… eine lebhafte Erinnerung an einen Kampf, genau genommen. Ungewöhnlich lebhaft. Ent- schuldigung, ich tue gewöhnlich nicht… ich habe nicht… normalerweise tue ich so etwas nicht.« Seine Worte kamen etwas durcheinander und zögernd, völlig anders als sonst bei ihm, und es gelang ihnen nicht. Ekaterin zu beruhigen. »Soll ich Hilfe holen?« Sie war sich sicher, sie musste ihn so bald wie möglich irgendwohin bringen, wo es wär- mer war. Er sah aus, als befände er sich in einem Schock- zustand. »Ha. Nein. Viel zu spät. Nein, wirklich, in ein paar Minuten bin ich wieder in Ordnung. Ich muss darüber einen Augenblick nachdenken.« Er schaute sie von der Seite her an. »Ich war nur von einer Einsicht überwältigt, für die ich Ihnen danke.«, Sie krampfte die Hände im Schoß zusammen. »Entwe- der hören Sie auf, dummes Zeug zu reden, oder Sie hören auf, überhaupt zu reden«, versetzte sie leicht bissig. Sein Kinn tat einen Ruck nach oben, und sein Lächeln wurde etwas echter. »Ja, Sie verdienen eine Erklärung. Falls Sie sie haben wollen. Ich warne Sie, sie ist etwas hässlich.« Ekaterin war inzwischen so aus der Fassung gebracht und wütend, dass sie ihm am liebsten Erklärungen aus seiner rätselhaften kleinen Kehle hervorgewürgt hätte. Sie nahm Zuflucht zum Possenspiel der Förmlichkeit, das ihnen so nobel aus dem Teich geholfen hatte. »Wenn es Ihnen beliebt, Mylord!« »Ach ja, nun … Dagoola IV. Ich weiß nicht, ob Sie viel davon gehört haben…?« »Ein wenig.« »Es handelte sich um eine Evakuierung unter Beschuss. Ein verfluchtes Durcheinander. Shuttles stiegen auf, mit Leuten vollgepfercht. Die Einzelheiten spielen jetzt keine Rolle, eine ausgenommen. Da war eine Frau, Sergeant Beatrice. Sie war größer als Sie. Wir hatten Schwierig- keiten mit der Lukenrampe unseres Shuttles, sie ließ sich nicht mehr einziehen. Es war unmöglich, die Luke zu schließen und über die Atmosphäre aufzusteigen, solange wir die Rampe nicht abgestoßen hatten. Wir waren schon in der Luft, ich weiß nicht, wie hoch, es herrschte dichte Bewölkung. Es gelang uns. die beschädigte Rampe zu lösen, aber Sergeant Beatrice fiel hinterher. Ich griff noch nach ihr. Berührte noch ihre Hand, verfehlte sie jedoch.« »Ist sie… ist sie umgekommen?«, »O ja.« Sein Lächeln war jetzt ausgesprochen eigenartig. »Inzwischen waren wir schon sehr hoch. Aber sehen Sie… da ist etwas, was ich bis vor fünf Minuten nicht gesehen habe. Ich bin fünf, sechs Jahre mit diesem Bild in meinem Kopf herumgelaufen. Nicht die ganze Zeit, verstehen Sie. nur wenn ich zufällig daran erinnert wurde. Wenn ich nur ein wenig schneller gewesen wäre, ein bisschen fester zugepackt hätte, nicht danebengegriffen hätte, dann hätte ich sie vielleicht hereinziehen können. Immer wieder lief diese Szene wie auf einem Endlosband vor meinem geisti- gen Auge ab. In all den Jahren habe ich mir auch nicht ein einziges Mal vorgestellt, was wirklich passiert wäre, wenn ich sie richtig zu fassen bekommen hätte. Sie war fast doppelt so schwer wie ich.« »Sie hätte Sie aus dem Shuttle gezogen«, sagte Ekaterin. Trotz aller Einfachheit seiner Worte waren die Bilder, die sie auslösten, intensiv und unmittelbar. Sie rieb an den tiefroten Malen, die jetzt an ihren Handgelenken schmerz- ten. Weil Sie nicht losgelassen hätten. Zum ersten Mal warf er einen Blick auf diese Male. »Oh, das tut mir Leid.« »Ist schon in Ordnung.« Befangen hörte sie auf, die Handgelenke zu massieren. Das half nichts, denn er nahm ihre Hand und rieb sanft an den Flecken, als könnte er sie auslöschen. »Ich glaube, mit meinem Körperselbstbild ist etwas nicht in Ordnung«, sagte er. »Glauben Sie in Ihrem Kopf, Sie seien eins achtzig groß?«, »Mein Traum-Ich scheint das zu glauben.« »Macht es das etwas besser, wenn Sie die Wirklichkeit erkennen?« »Nein, ich glaube nicht. Nur… anders. Seltsamer.« Ihrer beider Hände waren eiskalt. Ekaterin sprang auf und entzog sich seiner fesselnden Berührung. »Wir müssen uns trocknen und wärmen, oder wir werden beide… uns ganz miserabel fühlen.« Du holst dir noch den Tod, war der alte Ausdruck ihrer Großtante dafür, und wenn sie den jetzt gebrauchte, dann wäre es außerordentlich unpassend. In den ersten Abfalleimer, an dem sie vorüberkamen, warf sie ihren überflüssigen verbliebenen Schuh. Auf dem Weg zur Bubblecar-Haltestelle in der Nähe des öffentlichen Badestrands flitzte Ekaterin in einen Kiosk und kaufte einen Stapel bunter Handtücher. Im Bubblecar drehte sie die Heizung auf Maximum. »Hier«, sagte sie, als der Wagen sich in Bewegung setzte, und schob Lord Vorkosigan einige Handtücher hin. »Ziehen Sie wenigstens diese klitschnasse Jacke aus und trocknen Sie sich ein bisschen ab.« »In Ordnung.« Jacke, Seidenshirt und Thermo-Unter- hemd landeten mit einem feuchten Klatschen auf dem Boden, und er rieb sich Haar und Oberkörper kräftig ab. Seine Haut hatte eine fleckige purpurblaue Färbung ange- nommen; rosafarbene und weiße Narben traten in deut- lichem Kontrast zum dunkleren Hintergrund hervor. Sein Körper war über und über mit Narben übersät, die meisten waren sehr fein, chirurgisch gerade und überlagerten sich in kreuzweisen Schichten, die älteren waren schwächer und, blasser: an seinen Armen, Händen und Fingern, am Hals und bis unter sein Haar. Sie liefen um seinen Brustkorb herum und parallel zu seinem Rückgrat. Die jüngsten, von frischestem Rosa, bildeten ein ungewöhnlich gezacktes und verschlungenes Durcheinander mitten auf seiner Brust. Sie starrte ihn mit verstohlenem Staunen an; sein Blick fing den ihren auf. »Sie haben keinen Scherz gemacht, als Sie von Nadelgranaten sprachen, oder?«, sagte sie wie ent- schuldigend. Er berührte seine Brust. »Nein. Doch das meiste stammt von alten Operationen, von den spröden Knochen, die ich dem Soltoxin verdanke. Im Laufe der Zeit wurden prak- tisch alle meine natürlichen Knochen gegen synthetische ausgetauscht. Stück für Stück, allerdings wäre es vermut- lich medizinisch nicht praktisch gewesen, mich einfach von meinem Skelett abzuziehen, wie einen Anzug auszuschüt- teln und mich wieder auf ein neues Skelett zu stecken.« »Ach du meine Güte.« »Die Ironie daran ist, alle diese eindrucksvollen Narben stehen für die erfolgreichen Reparaturen. Die Verletzung, um derentwillen ich wirklich den Dienst quittieren musste, kann man nicht einmal sehen.« Er berührte sich an der Stirn und wickelte ein paar Handtücher wie einen Schal um sich. Die Handtücher waren mit riesengroßen gelben Gänseblümchen gemustert. Sein Zittern ließ jetzt nach, ebenso die Purpurfärbung seiner Haut, die allerdings noch fleckig blieb. »Ich wollte Sie vorhin nicht beunruhigen.« Sie überdachte seine Worte. »Sie hätten es mir eher sagen sollen.« Ja, was wäre gewesen, wenn einer seiner, Anfälle überraschend gekommen wäre, irgendwann auf ihrem Weg an diesem Vormittag? Was in aller Welt hätte sie getan? Sie blickte ihn stirnrunzelnd an. Er rutschte verlegen hin und her. »Sie haben natürlich Recht. Äh… völlig Recht. Es ist unfair, wenn man manche Geheimnisse vor den… Leuten im eigenen Team verbirgt.« Er wandte den Blick ab, schaute sie wieder an, lächelte verkniffen und sagte: »Ich hatte vorher schon einmal angefangen, es Ihnen zu sagen, aber dann habe ich den Mut verloren. Als ich gestern früh an Ihrer KomKonsole arbeitete, bin ich zufällig auf Ihre Datei über Vorzohns Dystrophie gestoßen.« Es war ihr, als sei ihre Brust plötzlich gelähmt und als stockte ihr der Atem. »Hatte ich nicht – wie konnten Sie zufällig …« Hatte sie die Datei beim letzten Mal irgendwie geöffnet gelassen? Das-war-nicht-möglich! »Ich könnte Ihnen zeigen, wie es geht«, bot er an. »Die Elementarausbildung beim KBS ist ziemlich elementar. Ich glaube, Sie hätten den Trick in etwa zehn Minuten intus.« »Sie haben die Datei absichtlich geöffnet!« Die Worte sprudelten aus ihr hervor, bevor sie innehalten und nach- denken konnte. »Ja, das stimmt.« Sein Lächeln war jetzt unecht und verlegen. »Ich war neugierig. Ich machte gerade eine Pause vom Angucken der Vids mit den Autopsien. Ihre… äh… Gärten sind übrigens auch schön.« Sie starrte ihn ungläubig an. Verschiedene Emotionen kämpften in ihrer Brust: Verletztheit, Empörung, Angst… und Erleichterung? Sie hatten kein Recht dazu,, »Ja, ich hatte kein Recht«, pflichtete er ihr bei und beobachtete ihren offensichtlich zu offenen Gesichtsaus- druck. Sie versuchte, eine gleichmütige Miene zu machen. »Ich bitte um Verzeihung. Ich kann zu meiner Entschul- digung nur geltend machen, dass die KBS-Ausbildung einem einige ziemlich schlechte Gewohnheiten einimpft.« Er holte tief Luft. »Was kann ich für Sie tun, Madame Vorsoisson? Alles, was Sie wissen oder fragen wollen… ich stehe zu Ihren Diensten.« Der kleine Mann machte eine halbe Verbeugung, eine absurd archaische Geste, wie er da in Handtücher gehüllt saß, wie ein schrumpeliger alter Graf aus dem Zeitalter der Isolation in seinen Amtsgewändern. »Es gibt nichts, was Sie für mich tun können«, sagte Ekaterin steif. Sie wurde sich bewusst, dass sie Beine und Arme fest verschränkt hatte und sich mehr und mehr zusammenkauerte. Mit einer bewussten Anstrengung richtete sie sich wieder auf. Du lieber Gott, wie würde Tien darauf reagieren, dass sie sein Geheimnis – wenn auch unabsichtlich – ausgespuckt hatte. Sein tödliches Geheim- nis – nun ja, er tat immer so, als wäre es tödlich. Ausge- rechnet jetzt, da er anscheinend nahe daran war, sein Leugnen – oder was immer es war – zu überwinden und endlich wirksame Maßnahmen zu ergreifen? »Ich bitte um Verzeihung, Madame Vorsoisson, aber ich fürchte, ich weiß immer noch nicht genau, wie Ihre Situa- tion ist. Offensichtlich ist es sehr privat, wenn nicht einmal Ihr Onkel davon weiß, und ich würde wetten, dass er es nicht…« »Sagen Sie es ihm ja nicht!« »Nicht ohne Ihre Erlaubnis, das versichere ich Ihnen,, Madame. Aber… falls Sie krank sind oder damit rechnen, zu erkranken, dann gibt es eine Menge, was man für Sie tun kann.« Er zögerte. »Der Inhalt dieser Datei sagt mir, dass Sie das schon wissen. Gibt es jemanden, der Ihnen hilft?« Helfen. Was für eine Vorstellung. Es war ihr, als würde sie beim bloßen Gedanken daran schmelzen und durch den Boden des Bubblecars davonfließen. Sie zog sich von dieser schrecklichen Verlockung zurück. »Ich bin nicht krank. Wir brauchen keine Unterstützung.« Sie hob heraus- fordernd ihr Kinn und fügte mit aller Frostigkeit, die sie aufbieten konnte, hinzu: »Es war sehr falsch von Ihnen, meine privaten Dateien zu lesen, Lord Vorkosigan.« »Ja«, stimmte er ihr einfach zu. »Ein Fehler, den ich nicht dadurch tilgen möchte, dass ich meinen Vertrauens- bruch verheimliche oder es unterlasse, Ihnen die Hilfe anzubieten, über die ich verfüge.« Aber über wie viel Hilfe der Kaiserliche Auditor Vorko- sigan wohl verfügen mochte… darüber wollte sie nicht nachdenken. Es war zu schmerzlich. Zu spät ging ihr auf, dass ihre Erklärung, sie sei nicht krank, bedeutete, dass sie Tien als den Betroffenen benannte. Aus ihrer Verwirrung wurde sie dadurch gerettet, dass das Bubblecar langsam in ihre Station einfuhr. »Das geht Sie alles nichts an.« »Ich bitte Sie, dann wenigstens Ihren Onkel als Hilfs- quelle zu betrachten. Ich bin sicher, er würde es wün- schen.« Sie schüttelte den Kopf und drückte heftig auf den Knopf zum Öffnen des Verdecks., In steifem, kühlem Schweigen gingen sie zum Haus der Vorsoissons zurück. Es war ein peinlicher Kontrast, so empfand es Ekaterin, zu ihrer vorherigen seltsamen Unge- zwungenheit. Vorkosigan blickte auch nicht glücklich drein. An der Wohnungstür empfing Onkel Vorthys sie, immer noch in Hemdsärmeln und eine Datendiskette in der Hand. »Ah! Vorkosigan! Früher zurück, als ich dachte. Gut. Ich hätte Sie fast über den Kommunikator angerufen.« Er hielt inne und betrachtete ihre nasse und bizarr verdreckte Erscheinung, doch dann zuckte er die Achseln und fuhr fort: »Wir hatten Besuch von einem zweiten Kurier. Etwas für Sie.« »Ein zweiter Kurier? Dann muss es etwas Brandheißes sein. Ist es ein Durchbruch in unserem Fall?« »Ich bin mir da nicht ganz sicher. Man hat eine weitere Leiche gefunden.« »Die Vermissten sind doch alle gefunden. Sicher nur ein Körperteil – vielleicht der Arm einer Frau?« Onkel Vorthys schüttelte den Kopf. »Eine Leiche. Nahezu intakt. Männlich. Man arbeitet gerade an der Identifizierung. Sie waren alle schon gefunden.« Er verzog das Gesicht. »Jetzt sieht es so aus, als hätten wir eine überzählige Leiche.«, Miles duschte sich lange möglichst heiß und versuchte dabei wieder die Herrschaft über seinen nervösen Körper und seine zerstreuten Gedanken zu gewinnen. Er hatte zuvor schnell erkannt, dass alle besorgten Fragen, die Madame Vorsoisson ihm über seine Mutter gestellt hatte, verborgene Sorgen über ihren Sohn Nikolai tarnten, und er hatte darauf so offen und sorgfältig geantwortet, wie er nur konnte. Während des äußerst ange- nehmen Morgenausflugs war er dadurch belohnt worden, dass er sah, wie sie sich allmählich entspannte und fast selbst öffnete. Als sie gelacht hatte, war ein Funkeln in ihren hellblauen Augen gewesen. Die lebhafte Intelligenz hatte ihr Gesicht erhellt und ihren Körper aus seiner ursprünglichen straffen defensiven Gespanntheit gelockert. Ihr Sinn für Humor, der langsam aus seinem Versteck hervorgekrochen war, hatte sogar den Augenblick überlebt, als er sie beide in diesen idiotischen Teich hatte fallen lassen. Ihr kurzer, erschrockener Blick, als er sich im Bubblecar halb entkleidet hatte, hatte ihn fast wieder in die früheren Zustände schmerzlicher körperlicher Befangenheit zurück- geworfen, doch nicht ganz. Es schien, als hätte er sich endlich in seinem eigenen, malträtierten Körper einge- richtet, und diese Erkenntnis hatte ihm den verrückten Mut zu dem Versuch eingegeben, die Dinge mit ihr zu klären. Als auf das Geständnis seiner Schnüffelei hin ihr Gesicht, wieder völlig verschlossen geworden war. da hatte ihn das… verletzt. Er war mit einer schlimmen Situation so gut fertig geworden, wie er konnte, nicht wahr? Ja? Nein? Jetzt wünschte er sich, er hätte den Mund gehalten. Nein. Seine falsche Haltung gegenüber Madame Vorsoisson war uner- träglich gewesen. Unerträglich? Ist das nicht ein bisschen stark? Unbehaglich, korrigierte er sich schnell. Auf jeden Fall peinlich. Aber auf eine Beichte sollte eigentlich eine Absolution folgen. Wenn nur das verdammte Bubblecar wieder eine Verzögerung gehabt hätte, wenn er nur noch weitere zehn Minuten mit ihr hätte Zusammensein können, dann hätte er es vielleicht wieder eingerenkt. Er hätte nicht versuchen sollen, darüber hinwegzugehen mit diesem dummen Scherz, ich könnte Ihnen zeigen, wie… Ihr eisiges, gepanzertes Wir brauchen keine Unterstüt- zung kam ihm vor wie… das Verfehlen eines Haltegriffs. Er würde immer weiter vorwärts gezwungen, sie in den Nebel hinabgewirbelt und nie wieder gesehen werden. Du überdramatisierst, alter Junge. Madame Vorsoisson befand sich nicht in einer Gefechtszone, oder? Doch. Sie fiel gerade in Zeitlupentempo dem Tod ent- gegen. Er wollte unbedingt einen Drink haben. Noch lieber einige Drinks. Stattdessen trocknete er sich ab, zog einen anderen seiner Auditorenanzüge an und ging, um mit dem Professor zu sprechen., Miles lehnte an der KomKonsole des Professors im Gastzimmer, das auch als Tien Vorsoissons Arbeitszimmer diente, und betrachtete das verwüstete Gesicht des toten Mannes in dem Vid. Er hoffte auf einen Aufschluss aus dem Gesichtsausdruck, ob Überraschung oder Wut oder Angst, die ihm einen Hinweis geben würden, wie der Kerl gestorben war. Außer plötzlich. Doch das Gesicht war lediglich tot, seine erstarrten Verzerrungen waren physiolo- gisch völlig vertraut. »Zuallererst: Ist man sich sicher, dass er wirklich zu uns gehört?«, fragte Miles, zog einen Stuhl für sich heran und ließ sich darauf nieder. Auf dem Vid lief die Aufzeichnung der Untersuchung der anonymen MedTechs weiter, ihre Kommentare aus dem Off gab sie in dem ausdruckslosen Ton, der überall in Momenten wie diesen benutzt wurde. »Vermutlich ist er nicht von irgendwoher eingeschwebt.« »Unglücklicherweise nein«, sagte Vorthys. »Seine Geschwindigkeit und Flugbahn lassen ihn genau zum Zeitpunkt des Zusammenstosses am Ort unseres Unfalls sein, und seine anfänglich geschätzte Todeszeit passt auch dazu.« Miles hatte sich einen Durchbruch in dem Fall gewünscht, eine neue Spur, die ihn schneller in eine fruchtbare Richtung bringen würde. Er war sich nicht klar gewesen, dass seine Wünsche eine solche magische Macht hatten. Sei vorsichtig, was du dir wünschst… »Kann man sagen, ob er vom Schiff oder von der Station kam?« »Nicht aus der Flugbahn allein.«, »Hm, vermutlich nicht. Er hätte an Bord von keinem der beiden sein sollen. Tja… dann warten wir mal auf die Identifizierung. Ich hoffe, dass die Nachricht von diesem Fund noch nicht an die Öffentlichkeit gegeben wurde.« »Nein, und erstaunlicherweise ist sie auch nicht durch- gesickert.« »Wenn die Erklärung für seine Anwesenheit am Unfall- ort sich nicht als felsenfest erweist, dann werden diesmal Berichte aus zweiter Hand nicht ausreichen, meine ich.« Er hatte, Gott weiß, in den letzten zwei Wochen genug Berichte gelesen, um für ein ganzes Jahr gesättigt zu sein. »Leichen sind Ihr Fach.« Der Professor überließ ihm den Fund mit einer Handbewegung und einer Bereitwilligkeit, die deutlich von Erleichterung gekennzeichnet war. Über der Vid-Scheibe kam die vorläufige Untersuchung zu ihrem Abschluss; niemand drückte auf den Replay-Knopf. Nun ja, genau genommen waren politische Konsequen- zen Miles’ Fach. Er sollte wirklich bald einmal Solstice besuchen; allerdings würde in der Hauptstadt des Planeten ein Auditor auf Besuch höchstwahrscheinlich betreut werden; er hatte zuerst diesen offenen Blickwinkel aus der Provinz genießen wollen, wo man ihn nicht als VIP choreografierte. »Technische Geräte sind mein Fach«, fügte Vorthys hinzu. »Man hat jetzt auch einige der Steuersysteme des Schiffes gefunden, auf die ich gewartet habe. Ich glaube, ich werde bald wieder in den Orbit hinauf müssen.« »Heute Abend?« Unter der Tarnung des Rückzugs des Onkels konnte Miles von den Vorsoissons in ein Hotel, ziehen. Das würde eine Erleichterung darstellen. »Wenn ich jetzt hinauffliegen würde, dann käme ich dort gerade zur Bettzeit an. Ich werde bis morgen warten. Sie haben auch noch ein paar seltsame Sachen gefunden. Die in keinem Inventar aufgeführt sind.« »Seltsame Sachen? Neue oder alte?« Auf der Station waren Tonnen von unzureichend inventarisiertem Technik- schrott gewesen, veraltete und verschlissene Teile, die sich im Laufe eines Jahrhunderts angesammelt hatten und die billiger dort zu stapeln als wegzuschaffen waren. Wenn die Techniker vom Spurensicherungsteam die nicht beneidens- werte Aufgabe hatten, das jetzt auseinander zu sortieren, dann musste es bedeuten, dass die Bergungsaufgaben höchster Priorität fast erledigt waren. »Neue. Das ist ja das Seltsame daran. Und ihre Flug- bahnen waren verknüpft mit dieser neuen Leiche.« »Ich habe kaum ein Raumschiff erlebt, wo nicht jemand einen nicht erlaubten Destillierapparat oder etwas Ähnli- ches irgendwo in einem Schrank dabei hatte.« »Und auch keine Station. Aber unsere komarranischen Jungs sind clever genug, um einen Destillierapparat zu erkennen.« »Vielleicht… fliege ich mit Ihnen morgen hinauf«, sagte Miles nachdenklich. »Das wäre mir lieb.« Miles nahm seinen Rest von Mut zusammen und ging, um Madame Vorsoisson zu suchen. Vermutlich wäre dies seine letzte Chance, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Seine, Schritte hallten durch die leeren Räume, und als er versuchsweise ihren Namen rief, bekam er keine Antwort. Sie hatte die Wohnung verlassen, vielleicht, um Nikolai von der Schule oder dergleichen abzuholen. Wieder verfehlt. Verdammt. Er nahm die Aufzeichnung der Untersuchung mit an die KomKonsole in ihrem Arbeitszimmer, um sie ein zweites Mal sorgfältiger anzuschauen, und stapelte die Berichte über Terraforming vom Vortag als Nächstes auf. Mit einem Anflug von Befangenheit schaltete er das Gerät ein. Sein schlechtes Gewissen erwartete irrationalerweise, sie würde jeden Augenblick ins Zimmer platzen, um ihn zu kontrol- lieren. Doch nein, eher würde sie ihm wahrscheinlich völlig aus dem Weg gehen. Mit einem deprimierten Seufzer ließ er das Vid loslaufen. Er fand wenig, was man der Zusammenfassung des Professors noch hätte hinzufügen können. Das mysteriöse achte Opfer war für einen Komarraner von mittlerem Alter und durchschnittlicher Größe und Statur, falls es sich um einen Komarraner handelte. Es war nicht mehr möglich zu sagen, ob er gut aussehend oder hässlich gewesen war, als er noch lebte. Das meiste von seiner Kleidung war bei der Katastrophe abgerissen oder verbrannt worden, einge- schlossen alle praktischen Taschen, die überprüfbare Kreditkarten und dergleichen enthalten haben könnten. Die Fetzen, die noch übrig waren, schienen von anonymen Schiffsstrickanzügen zu stammen, die übliche Kleidung von Raumfahrern, die jeden Moment bereit sein mussten, in einen Druckanzug zu schlüpfen. Was verzögerte eigentlich die Identifikation des, Mannes? Miles drängte bewusst das Dutzend Theorien zurück, das sein Denkapparat hervorbringen wollte. Es verlangte ihn danach, auf der Stelle zur Station im Orbit hinaufzusausen, wohin die Leiche gebracht worden war, doch wenn er oben ankäme und den Ermittlern über die Schultern schaute, dann würde er sie nur ablenken und die Dinge verlangsamen. Wenn man einmal die besten Leuten abgestellt hatte, eine Aufgabe zu erfüllen, dann sollte man ihnen und dem eigenen Urteilsvermögen vertrauen. Was er tun konnte, ohne eine Behinderung darzustellen, war, einen anderen nutzlosen hochrangigen Überwacher wie er selbst zu belästigen. Er tippte den privaten Code für den Chef der Kaiserlichen Sicherheit auf Komarr in dessen Büro in Solstice ein. Der Mann hatte ihm die Kombination korrekterweise schon geschickt, als die Kaiserlichen Auditoren gerade im Lokalraum von Komarr angekommen waren. General Rathjens erschien sofort über der Vid-Scheibe. Er war anscheinend mittleren Alters, aufgeweckt und geschäftig, alles passende Eigenschaften für seinen Rang und seinen Posten. Interessanterweise nutzte er seine hie- sige Stellung aus und trug lieber komarranische Straßen- kleidung als die kaiserliche Uniform, was den Gedanken nahe legte, dass er entweder raffiniert politisch eingestellt war oder die Bequemlichkeit vorzog. Miles tippte auf Ersteres. Rathjens war der Topmann des KBS auf Komarr und unterstand direkt Duv Galeni im KBS-Hauptquartier in Vorbarr Sultana. »Ja, Mylord Auditor. Was kann ich für Sie tun?« »Ich bin an der neuen Leiche interessiert, die heute, Morgen im Orbit gefunden wurde, anscheinend in Zusam- menhang mit unserem Soletta-Desaster. Sie haben davon gehört?« »Gerade eben erst. Deshalb hatte ich noch nicht die Gelegenheit, mir den vorläufigen Bericht anzuschauen.« »Ich habe es gerade getan. Er ist nicht sehr informativ. Sagen Sie mir, wie ist Ihre Standardprozedur zur Identifi- kation dieses armen Kerls? Wie schnell erwarten Sie, etwas Substanzielles zu bekommen?« »Die Identifikation des Opfers eines gewöhnlichen Unfalls, ob im Orbit oder auf dem Planeten, würde man normalerweise den lokalen zivilen Sicherheitsbehörden überlassen. Da es sich hier aber um mögliche Sabotage in unserem Orbit handelt, führen wir unsere eigenen Unter- suchungen parallel zu denen der komarranischen Behörden durch.« »Kooperieren Sie miteinander?« »Oh, ja. Das heißt, sie kooperieren mit uns.« »Verstehe«, erwiderte Miles höflich. »Wie lange wird die Identifikation wahrscheinlich noch dauern?« »Falls der Mann ein Komarraner war, oder ein Galakter, der an einer der Sprungpunktstationen durch die Zoll- kontrolle gegangen ist, dann sollten wir binnen Stunden etwas in Händen haben. Falls er Barrayaraner war, könnte es etwas länger dauern. Falls er irgendwie nicht registriert war… nun, das wäre dann ein anderes Problem.« »Ich schließe daraus, dass er keiner Vermisstenmeldung zugeordnet werden kann.« »Das hätte die Dinge beschleunigt. Nein.«, »Also ist er seit fast drei Wochen verschwunden, aber niemand hat ihn vermisst. Hm.« General Rathjens warf einen Seitenblick auf eine Anzeige an seinem KomKonsolen-Pult. »Wissen Sie, dass Sie von einer ungesicherten KomKonsole aus anrufen, Lord Vorkosigan?« »Ja.« Das war der Grund, warum alle Berichte und Zusammenfassungen, die für ihn und den Professor aus dem Orbit kamen, von einem Kurier des örtlichen KBS- Büros in Serifosa überbracht wurden. Sie hatten nicht erwartet, dass sie sich hier lange genug aufhalten würden, um sich vom KBS ihren eigenen abgesicherten Apparat aufstellen zu lassen. Hätten wir aber tun sollen. »Im Augenblick suche ich nur Hintergrundinformationen. Wenn Sie herausfinden, wer dieser Kerl ist, wie werden dann die Verwandten benachrichtigt?« »Normalerweise schickt die örtliche Sicherheit der Kuppelstadt einen Beamten persönlich hin, wenn das überhaupt möglich ist. In einem Fall wie diesem mit möglichen Verbindungen zum KBS schicken wir einen eigenen Agenten mit, um eine erste Einschätzung vorzu- nehmen und gegebenenfalls weitere Ermittlungen zu empfehlen.« »Hm. Unterrichten Sie mich bitte zuerst. Es könnte sein, dass ich mitfahren und beobachten möchte.« »Das könnte zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt sein.« »Sei’s drum.« Er wollte seinen Hinterkopf mit etwas anderem füttern als nur mit Daten aus zweiter Hand, und er wollte action für seinen rastlosen Körper. Er wollte aus, dieser Wohnung heraus. In der ersten Nacht hätte er gedacht, es sei unangenehm, weil die Vorsoissons Fremde waren, doch das war nichts im Vergleich dazu, wie pein- lich es geworden war, wo er jetzt angefangen hatte, sie näher kennen zu lernen. »Sehr gut, Mylord.« »Danke. General. Das ist einstweilen alles.« Miles legte auf. Mit einem Seufzer wandte er sich erneut dem Stapel von Berichten über das Terraforming zu und begann mit dem übertrieben vollständigen Bericht der Abwärmeabteilung über die Energieströme in den Kuppeln. Es war nur Ein- bildung, dass der Blick aus einem Paar empörter hellblauer Augen bis in seinen Hinterkopf brannte. Er hatte die Tür des Arbeitszimmers offen gelassen, mit dem Hintergedanken – oder der Hoffnung? –, Madame Vorsoisson würde, wenn sie zufällig vorbeikäme und zufällig ihr abgebrochenes Gespräch fortsetzen wollte, vielleicht erkennen, dass sie seine Einladung dazu besaß. Dass er damit allein mit dem Rücken zur Tür saß, wurde Miles im selben Augenblick bewusst, als er spürte, dass er nicht mehr allein war. Als er ein verstohlenes Schniefen aus der Richtung der Tür hörte, setzte er ein höchst einladendes Lächeln auf und drehte seinen Stuhl herum. Im Türrahmen stand Nikki und starrte ihn unsicher überlegend an. Schüchtern erwiderte er Miles’ Lächeln, das dieser an eine ganz andere Adresse gerichtet hatte. »Hallo«, sagte der Junge zögernd. »Hallo, Nikki. Zurück von der Schule?«, »Ja.« »Gefällt es dir dort?« »Nö.« »So? Wie war es denn heute?« »Langweilig.« »Was lernst du denn da so Langweiliges?« »Nix.« Was für eine Freude mussten solche einsilbigen Wort- wechsel für seine Eltern sein, die für diese exklusive Privatschule zahlten. Miles’ Lächeln wurde ironisch. Viel- leicht beruhigt vom humorvollen Funkeln in den Augen des Erwachsenen, wagte sich der Junge ins Zimmer. Er schaute Miles von oben bis unten an, offener, als er es bis jetzt getan hatte; Miles ertrug es, angeschaut zu werden. Ja, daran kann man sich gewöhnen, mein Kleiner. »Waren Sie wirklich ein Spion?«, fragte Nikki plötzlich. Miles lehnte sich zurück und zog die Augenbrauen hoch. »Na, wer hat dich denn auf diese Idee gebracht?« »Onkel Vorthys sagte, Sie waren beim KBS. Galaktische Operationen«, erinnerte ihn Nikki. Ach ja, am ersten Abend beim Essen. »Ich war Kurier- offizier. Weißt du, was das ist?« »Nich’… genau. Ich dachte, ein Kurier ist ein Sprung- schiff…?« »Das Schiff ist nach dem Job benannt. Ein Kurier ist eine Art von besserem Zusteller. Ich habe Botschaften für das Kaiserreich hin und her getragen.« Nikkis Brauen kräuselten sich fragend. »War das, gefährlich?« »Eigentlich sollte es das nicht sein. Ich kam meistens nur irgendwo hin, um dort sofort kehrtzumachen und zurückzufliegen. Unterwegs habe ich viel Zeit mit Lesen verbracht. Und mit dem Abfassen von Berichten. Und … äh … mit dem Lernen. Der KBS schickte immer diese Lernprogramme mit, die man in der freien Zeit durch- arbeiten und dann an die Vorgesetzten zurückgeben sollte, wenn man heimkam.« »Oh«, sagte Nikki. Es klang ein wenig verwirrt, vielleicht wegen des Gedankens, dass sogar Erwachsene nicht von Hausaufgaben verschont blieben. Er betrachtete Miles mit mehr Mitgefühl. Dann funkelte etwas in seinen Augen auf. »Aber Sie sind mit Sprungschiffen gereist, nicht wahr? Auf kaiserlichen Schnellkurieren und so was?« »O ja.« »Wir sind auf einem Sprungschiff gereist, als wir hierher kamen. Es war eine Vorsmythe Dolphin-Klasse 776 mit Vierfachvortex-Außenbord-Steuergondeln und dualen Normraum-Kontrolltriebwerken und einer zwölfköpfigen Mannschaft. Es waren hundertzwanzig Passagiere drauf, also voll besetzt.« Nikkis Gesicht wurde nachdenklich. »Verglichen mit den kaiserlichen Schnellkurieren war das nur ein alter Kahn, aber Mama brachte den Sprungpiloten dazu, dass er mich zu einem Besuch in den Steuerraum kommen ließ. Ich durfte auf seinem Pilotensessel sitzen und seinen Helm aufsetzen.« In der Erinnerung an diesen herrlichen Augenblick war aus dem Funkeln eine Flamme geworden., »Ich schließe daraus, dass du Sprungschiffe bewun- derst.« »Ich möchte Sprungpilot werden, wenn ich groß bin. Wollten Sie das nie? Oder… hätte man Sie nicht zugelas- sen?« Nikkis Gesichtsausdruck wurde wieder vorsichtig. Hatten die Erwachsenen ihn ermahnt, Miles’ mutoide Erscheinung nicht zu erwähnen? Ja, tun wir doch alle so. als beachteten wir das Offensichtliche nicht. Das sollte dann die Weltsicht des Knaben klären. »Nein, ich wollte Stratege werden. Wie mein Vater und mein Großvater. Ich hätte die körperliche Eignungsprüfung für Sprungpiloten sowieso nicht bestanden.« »Mein Vater war Soldat. Das hörte sich langweilig an. Er blieb fast die ganze Zeit auf demselben Stützpunkt. Ich möchte kaiserlicher Pilot werden, auf den schnellsten Schiffen, und herumkommen.« Sehr weit weg von hier. Ja, das konnte Miles durchaus verstehen. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Selbst wenn man zwischen jetzt und dann nichts unternähme, würde eine körperliche Eignungsprüfung beim Militär Nikkis Vorzohns Dystrophie ans Tageslicht bringen, und selbst wenn dieser Defekt erfolgreich behandelt würde, wäre der Junge damit für die Ausbildung zum Militärpiloten disqua- lifiziert. »Kaiserlicher Pilot?« Miles hob anscheinend überrascht die Augenbrauen. »Nun, ich vermute … aber wenn du herumkommen möchtest, dann ist das Militär nicht dein bester Weg dazu.« »Warum nicht?«, »Abgesehen von sehr wenigen Kurierflügen oder diplo- matischen Missionen, reisen die militärischen Sprung- piloten bloß von Barrayar nach Komarr und nach Sergyar und zurück. Dieselben alten Routen, immer wieder und wieder. Und wie die Piloten unter meinen Bekannten sagen, muss man eine Ewigkeit warten, bis man im Dienst- plan drankommt. Tja, wenn du wirklich etwas erleben willst, dann kämst du zum Beispiel mit den komarrani- schen Handelsflotten viel weiter – bis hin zur Erde und darüber hinaus. Und sie sind viel länger unterwegs, und da gibt es auch viel mehr Stellungen. Und mehr Arten von Schiffen. Piloten sitzen viel länger auf dem Schleudersitz. Und wenn man zu den interessanten Orten kommt, dann hat man mehr freie Zeit, um sich dort umzuschauen.« »Oh.« Nikki verdaute alles nachdenklich. »Warten Sie«, befahl er abrupt und schoss aus dem Zimmer. Einen Moment später war er zurück und trug in den Armen eine Schachtel voller Modellsprungschiffe. »Das ist die Dolphin-776, mit der wir gereist sind.« Er hielt eines der Modelle hoch, damit Miles es inspizieren konnte. Dann kramte er nach einem anderen. »Sind Sie schon mit Schnellkurieren wie dem da geflogen?« »Mit der Falcon-9? Ja, ein- oder zweimal.« Ein Modell zog Miles’ Blick auf sich; automatisch ließ er sich neben Nikki auf den Boden gleiten. Der Junge stellte seine Sammlung zu einer Flotteninspektion auf. »Du lieber Himmel, ist das ein RG-Frachter?« »Das ist eine Antiquität.« Nikki hielt ihm das Modell hin., Miles nahm es entgegen. Seine Augen leuchteten. »Ich habe eines der Allerletzten besessen, als ich siebzehn war. Na, das war ein Kahn!« »Ein… ein Modell wie das hier?«, fragte Nikki unsicher. »Nein, ein Sprungschiff.« »Sie haben ein echtes Sprungschiff besessen? Sie selbst?« Nikki schnaufte tief. »Hm, ich und ein paar Gläubiger.« Miles lächelte, als er sich daran erinnerte. »Haben Sie es auch gesteuert? Im normalen Raum, meine ich, nicht im Sprungraum.« »Nein, damals konnte ich noch nicht einmal Shuttles steuern. Das habe ich erst später an der Akademie gelernt.« »Was ist mit dem RG passiert? Haben Sie ihn noch?« »O nein. Oder… na ja, ich bin mir nicht ganz sicher. Er hatte einen Unfall im Lokalraum von Tau Verde und hat dort ein anderes Schiff gerammt … äh… ist damit kolli- diert. Dabei wurden seine Necklin-Feldgeneratorenstäbe gewaltig verbogen. Danach konnte er nicht mehr springen, und so habe ich ihn als einen Frachter für den Lokalraum verleast, und wir haben ihn dort gelassen. Ich sagte zu Arde – einem Freund von mir, der Sprungpilot ist –, wenn er jemals einen Satz Ersatzstäbe fände, dann könnte er den alten RG behalten.« »Sie hatten ein Sprungschiff und haben es herge- schenkt?« Nikkis Augen weiteten sich vor Staunen. »Haben Sie noch mehr?« »Im Augenblick nicht. Ach, da schau her, ein Kreuzer, von der General-Klasse.« Miles griff danach. »Einen solchen hat einmal mein Vater befehligt, glaube ich. Hast du auch Schiffe vom Betanischen Erkundungsdienst…?« Sie steckten die Köpfe zusammen und bauten die kleine Flotte auf dem Boden auf. Nikki kannte sich, wie Miles zu seinem Vergnügen herausfand, mit den technischen Spezifikationen aller Schiffe aus, die er besaß. Er dozierte wunderbar darüber, und seine Stimme, die zuerst angesichts Miles, des seltsamen Erwachsenen, schüchtern geklungen hatte, wurde lauter und schneller in seiner unbefangenen Begeisterung, als er seine Maschinerie erklärte. Miles’ Ansehen stieg an. da er von sich behaupten konnte, nahezu ein Dutzend der Originale schon persönlich kennen gelernt zu haben, und Nikkis schon eindrucks- vollem Wissensfundus noch ein paar interessante und nicht der Geheimhaltung unterliegende Sprungschiffanekdoten hinzufügte. »Aber«, sagte Nikki nach einer kurzen Pause, in der er Luft geholt hatte, »wie kann man Pilot werden, wenn man nicht beim Militär ist?« »Man durchläuft eine Trainingsschule und eine Lehrzeit. Ich weiß, dass es hier auf Komarr mindestens vier Schulen gibt, und ein paar mehr zu Hause auf Barrayar. Auf Sergyar gibt es noch keine.« »Und wie kommt man da hinein?« »Man meldet sich an und bezahlt Geld.« Nikki blickte entmutigt drein. »Viel Geld?« »Hm, nicht mehr als an jeder anderen Uni oder Fach- hochschule. Die größten Kosten verursacht die chirurgi-, sche Installation der neurologischen Schnittstelle. Es zahlt sich aus, wenn man sich das Beste anschafft.« Und ermu- tigend fügte Miles hinzu: »Du kannst alles machen, aber du musst dafür sorgen, dass du die Chancen dazu bekommst. Es gibt einige Stipendien und Ausbildungsverträge, die dir den Weg erleichtern können, wenn du dich darum bemühst. Allerdings musst du mindestens zwanzig Jahre alt sein, also hast du noch reichlich Zeit zum Planen.« »Oh.« Nikki schien diese riesige Zeitspanne zu über- denken, die sich vor ihm erstreckte und so lang war wie sein ganzes bisheriges Leben. Miles konnte mit ihm mit- fühlen; er stellte sich vor, wie es wäre, wenn jemand ihm sagte, er müsse noch weitere dreißig Jahre auf etwas warten, was er sich leidenschaftlich wünschte. Und was er haben konnte. Die Aussichten waren deprimierend. Nikki begann seine Modelle wieder in die gepolsterte Schachtel zurückzulegen. Als er die Falcon-9 an ihre Stelle bettete, streichelten seine Finger deren Abziehbilder mit den Emblemen der kaiserlichen Streitkräfte. »Haben Sie immer noch Ihre Silberaugen vom KBS?«, fragte er. »Nein, man hat sie von mir zurückverlangt, als ich gefeu … – als ich wegging.« »Warum sind Sie weggegangen?« »Ich wollte es nicht. Ich hatte gesundheitliche Proble- me.« »Und deshalb hat man Sie stattdessen zum Auditor gemacht?« »So in der Art.« Nikki suchte nach etwas, womit er dieses höfliche, Erwachsenengespräch weiterführen konnte. »Gefällt Ihnen diese Arbeit?« »Es ist noch ein wenig zu früh, um das zu sagen. Anscheinend gehört eine Menge Hausaufgaben dazu.« Er blickte schuldbewusst auf den Stapel mit den Berichts- disketten, die auf der KomKonsole auf ihn warteten. Nikki blickte ihn mitfühlend an. »Ach, schade.« Tien Vorsoissons Stimme ließ sie beide zusammenfah- ren. »Nikki, was tust du da drinnen? Steh vom Boden auf!« Nikki erhob sich. Miles blieb im Schneidersitz hocken und wurde sich abrupt bewusst, dass sein erst kürzlich ausgekühlter Körper wieder steif geworden war. »Belästigst du den Herrn Lord Auditor? Ich entschuldige mich, Lord Vorkosigan! Kinder haben keine Manieren.« Vorsoisson betrat das Zimmer und ragte drohend über ihnen auf. »Oh, er hat gute Manieren. Wir hatten gerade eine interessante Diskussion über das Thema Sprungschiffe.« Miles überlegte, wie er vor einem barrayaranischen Lands- mann würdevoll aufstehen konnte, ohne ungeschickt zu taumeln oder zu stolpern, um nicht einen falschen Eindruck von Behinderung zu vermitteln. Er streckte sich im Sitzen, um sich aufs Aufstehen vorzubereiten. Vorsoisson verzog das Gesicht. »Ach ja, die neueste Obsession. Treten Sie nicht barfuß auf eines der verdamm- ten Dinger, da kann man sich verletzen. Tja, vermutlich macht jeder Junge einmal diese Phase durch. Wir alle sind aus ihr herausgewachsen. Räum das ganze Durcheinander auf, Nikki.«, Nikki hatte die Augen niedergeschlagen, kniff sie aber, wie Miles aus seinem Blickwinkel sehen konnte, verstimmt zusammen. Dann bückte er sich, um den Rest seiner Miniaturflotte einzusammeln. »Manche Leute wachsen in ihre Träume hinein, anstatt aus ihnen heraus«, murmelte Miles. »Das hängt davon ab, ob die Träume vernünftig sind«, versetzte Vorsoisson, und seine Lippen zuckten freudlos amüsiert. Er musste sich der medizinischen Schranke zwischen Nikki und dessen Ambitionen voll bewusst sein. »Nein, davon hängt es nicht ab.« Miles lächelte leicht. »Sondern davon, wie intensiv man wächst.« Es war schwer zu sagen, wie Nikki das aufnahm, aber er hörte es zumindest; er warf noch einmal einen Blick auf Miles zurück, als er seine Schatzkiste zur Tür trug. Vorsoisson runzelte die Stirn, argwöhnisch ob dieses Widerspruchs, aber er sagte nur: »Kat schickt mich, um allen zu sagen, dass das Abendessen fertig ist. Geh deine Hände waschen, Nikki, und sag es deinem Onkel Vorthys.« Miles’ letztes Familienessen mit dem Vorsoisson-Clan verlief gezwungen. Madame Vorsoisson beschäftigte sich ausführlich damit, die Speisen zu servieren, die zugegebe- nermaßen ausgezeichnet waren. Ihre leicht gehetzte Haltung wirkte wie ein Plakat mit der Aufschrift Lassen Sie mich in Ruhe! Das Gespräch blieb dem Professor und Tien überlassen. Vorthys wirkte geistesabwesend, und Vorsoisson redete – da niemand das Gespräch lenkte – eindringlich und oberflächlich über komarranische, Lokalpolitik, wobei er autoritativ die Denkweise von Leuten erklärte, denen er – soweit Miles es beurteilen konnte – noch nie tatsächlich begegnet war. Nikolai, der vor seinem Vater auf der Hut war, verfolgte das Thema Sprungschiffe in dessen Anwesenheit nicht weiter. Miles fragte sich nun, wie er Madame Vorsoissons Schweigen an jenem ersten Abend als Gelassenheit hatte missverstehen können, oder Vorsoissons Spannung als Energie. Bis er dieses kurze Aufleuchten ihrer Munterkeit während des Ausflugs erlebt hatte, hatte er keine Ahnung gehabt, wie viel von ihrer Persönlichkeit sich dem Blick entzog oder wie viel in der Gegenwart ihres Mannes ins Off ging. Jetzt, wo er wusste, auf welche Indizien er achten musste, sah er das schwache Grau unter Tiens kuppel- bedingter Blässe, und er bemerkte die verräterischen kleinen Zuckungen, die als Plumpheit eines großen Mannes bei kleinen Dingen getarnt wurden. Zuerst hatte Miles befürchtet, die Krankheit hafte an ihr, und er war fast bereit gewesen, Tien zu einem Duell herauszufordern, weil er es unterließ, sofortige und massive Maßnahmen zur Lösung des Problems zu ergreifen. Wenn Madame Vorsoisson seine Frau gewesen wäre … Aber offensichtlich spielte Tien diese kleinen verzögernden Kopfspielchen mit seinem eigenen Zustand. Niemand kannte besser als Miles die eingefleischte barrayaranische Angst vor jeder genetischen Entstellung. Tödlich peinlich war mehr als nur eine Rede- wendung. Auch er erzählte nicht gerade überall von seiner eigenen unsichtbaren Neigung zu Anfällen herum – allerdings war er persönlich erleichtert gewesen, als er ihr, dieses Geheimnis offenbart hatte. Nicht, dass dies eine Rolle spielte, wo er jetzt doch weggehen würde. Tien hatte sich dafür entschieden zu leugnen, so dumm das auch scheinen mochte; vielleicht hoffte der Mann, von einem Meteor getroffen zu werden, bevor sich seine Krankheit manifestierte. Miles’ unterdrückte Mordgelüste kamen wieder, als er dachte: Aber Vorsoisson hat das gleiche Schicksal auch für Ekaterins Nikolai gewählt. Als sie das Hauptgericht zur Hälfte hinter sich hatten – exquisit aromatische Fischfilets aus künstlicher Züchtung, gebacken auf einer Unterlage aus Knoblauchkartoffeln –, läutete es an der Tür. Madame Vorsoisson erhob sich eilig, um zu öffnen. Miles folgte ihr, da er das obskure Gefühl hatte, es sei gegen die Sicherheit, sie allein losgehen zu lassen. Nikolai, der vielleicht ein Abenteuer witterte, versuchte sie zu begleiten, aber er wurde von seinem Vater am Esstisch zurückgehalten. Madame Vorsoisson warf Miles einen Blick über die Schulter hinweg zu, sagte aber nichts. Sie blickte prüfend auf den Monitor neben der Tür. »Wieder ein Kurier. Oh, diesmal ist es ein Hauptmann. Normalerweise kommt nur ein Sergeant.« Sie drückte den Türöffner. Vor ihnen stand ein junger Mann in der grünen barrayaranischen Interimsuniform. An seinem Kragen trug er Nadeln mit dem Horusauge des KBS. »Kommen Sie herein.« »Madame Vorsoisson.« Der Mann nickte ihr zu, trat ein und richtete seinen Blick auf Miles. »Lord Auditor Vorkosigan. Ich bin Hauptmann Tuomonen. Ich leite das KBS-Büro hier in Serifosa.« Tuomonen schien Ende, zwanzig zu sein, dunkelhaarig und braunäugig wie die meisten Barrayaraner, etwas schneidiger und fitter als der durchschnittliche Schreibstubensoldat, allerdings mit der blassen Haut der Kuppelstadtbewohner. In der einen Hand hielt er eine Diskettenbox, in der anderen eine größere Aktentasche. Deshalb nickte er freundlich, anstatt zu salutieren. »Ja, General Rathjens hat Sie erwähnt. Wir fühlen uns geehrt, einen solchen Kurier zu haben.« Tuomonen zuckte die Achseln. »Das KBS-Büro in Serifosa ist klein. Mylord. General Rathjens hat Anwei- sung gegeben. Sie möglichst früh nach der Identifizierung der neuen Leiche zu informieren.« Miles blickte auf die gesicherte Diskettenbox in der Hand des Hauptmanns. »Ausgezeichnet. Kommen Sie, setzen Sie sich.« Er führte den Hauptmann zur Sitzgruppe, einem niedrigen Sofa, das den Mittelpunkt des Wohn- zimmers der Vorsoissons bildete. Hatte Madame Vorsois- son manchmal das Gefühl, sie kampiere in einem Hotel, anstatt sich hier ein Heim einzurichten? »Madame Vorsoisson, würden Sie Ihren Onkel bitten, er solle zu uns kommen? Lassen Sie ihn aber erst zu Ende essen.« »Ich würde gern auch mit Administrator Vorsoisson sprechen, wenn er fertig ist«, rief Tuomonen hinter ihr her. Sie nickte und ging hinaus. In ihren Augen schien Interesse auf, aber ihre Haltung war immer noch zurückhaltend, fast so, als wünschte sie, für Miles’ Augen unsichtbar zu werden. »Was haben wir denn?«, fuhr Miles fort und ließ sich, nieder. »Ich hatte zu Rathjens gesagt, ich würde vielleicht gern dabei sein, wenn der KBS zum ersten Mal mit dieser Sache in Berührung kommt.« Er konnte seine Reisetasche packen und sie heute Abend mitnehmen. So würde er nicht zurückkommen müssen. »Ja, Maylord. Deshalb bin ich hier. Ihre geheimnisvolle Leiche ist, wie sich herausgestellt hat, ein Einheimischer, aus Serifosa. Er ist oder wurde aufgeführt als Angestellter des hiesigen Terraforming-Projekts.« Miles blinzelte. »Doch nicht etwa ein Ingenieur namens Dr. Radovas, oder?« Tuomonen schaute ihn verblüfft an. »Woher haben Sie das gewusst?« »Bloß so eine Vermutung, weil er seit ein paar Wochen vermisst ist. Ach, verdammt, ich wette, Vorsoisson hätte ihn mit einem Blick identifizieren können. Oder… viel- leicht auch nicht. Die Leiche wirkte ziemlich mitgenom- men. Hm. Radovas’ Boss meint, er sei mit seiner Techni- kerin, einer jungen Dame namens Marie Trogir, durchge- brannt. Ihre Leiche ist noch nicht oben im Orbit aufge- taucht, oder?« »Nein, Mylord. Aber es hört sich so an, als sollten wir anfangen, nach ihr zu suchen.« »Ja. Eine komplette KBS-Suche und Hintergrund- überprüfung, denke ich. Gehen Sie nicht davon aus, dass sie tot ist – falls sie noch lebt, dann wollen wir sie auf jeden Fall vernehmen. Brauchen Sie dazu einen besonderen Befehl von mir?« »Nicht notwendigerweise, aber gewiss würde es die, Dinge beschleunigen.« In Tuomonens Augen schimmerte Begeisterung auf. »Dann haben Sie hiermit also meinen Befehl.« »Danke, Mylord. Ich dachte mir, Sie würden das hier haben wollen.« Er reicht Miles die gesicherte Box. »Ich habe das komplette Dossier über Radovas kopiert, bevor ich das Büro verließ.« »Hat der KBS über jeden komarranischen Bürger eine Akte, oder war er etwas Besonderes?« »Nein, wir haben nicht für alle Akten. Aber wir haben ein Suchprogramm, das sehr schnell relevante Daten aus dem Informationsnetz holen kann. Der erste Teil davon besteht aus seiner öffentlichen Biografie, Schulakten, medizinische Unterlagen, Dokumente über Finanzen und Reisen, das Übliche. Ich konnte bisher nur einen Blick darauf werfen. Aber Radovas hat auch eine kleine KBS- Akte, die auf seine Studentenzeit während der Komarrani- schen Revolte zurückgeht. Sie wurde bei der Amnestie geschlossen.« »Ist sie interessant?« »Ich würde aus ihr allein nicht zu viele Schlüsse ziehen. Die halbe Bevölkerung von Komarr aus jener Altersgruppe war damals Teil des Studentenprotests oder einer poten- ziellen revolutionären Gruppe, meine eigene Schwieger- mutter eingeschlossen.« Tuomonen wartete steif, um zu sehen, wie Miles auf diese Information reagieren würde. »Aha, Sie haben also eine Einheimische geheiratet?« »Vor fünf Jahren.« »Wie lange sind Sie schon in Serifosa stationiert?«, »Etwa sechs Jahre.« »Wie gut für Sie!« Ja! Damit bleibt für uns anderen eine weitere Barrayaranerin zum Heiraten übrig. »Ich schließe daraus, dass Sie mit den Einheimischen gut auskommen.« Tuomonen entspannte sich. »Zum größten Teil. Außer mit meiner Schwiegermutter. Aber ich glaube, das hat nicht ausschließlich politische Gründe.« Tuomonen unterdrückte ein leichtes Grinsen. »Aber unsere kleine Tochter hat sie jetzt ganz in der Hand.« »Verstehe.« Miles erwiderte sein Lächeln. Mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln drehte er die Box um, holte sein Auditorensiegel aus der Tasche und öffnete den Behälter. »Hat Ihre Analyseabteilung in diesen Unterlagen etwas für mich besonders markiert?« »Ich bin die Analyseabteilung von Serifosa«, gab Tuomonen etwas verhalten zu. Er fasste Miles schärfer ins Auge. »Wie ich gehört habe, waren Sie selbst früher einmal beim KBS, Mylord. Ich glaube, ich lasse Sie es erst einmal durchlesen, bevor ich Kommentare abgebe.« Miles zog die Augenbrauen hoch. Vertraute Tuomonen seinem eigenen Urteil nicht, hatte die Ankunft zweier kaiserlicher Auditoren in seinem Sektor ihn verunsichert, oder ergriff er lediglich die Gelegenheit zu etwas gemein- samem Brainstorming? »Und was für ein Dossier haben Sie über einen gewissen Miles Vorkosigan aus dem Netz geholt und schnell gelesen, bevor Sie vorhin Ihr Büro verließen?« »Eigentlich habe ich das schon vorgestern gemacht, Mylord, als man mir mitteilte, Sie würden in Serifosa eintreffen.«, »Und was ergab Ihre Analyse meines Dossiers?« »Etwa zwei Drittel Ihrer Karriere unterliegt der Geheim- haltung, und für den Zugriff braucht man die Erlaubnis vom KBS-Hauptquartier in Vorbarr Sultana. Aber Ihre öffentlich vermerkten Auszeichnungen und Dekorationen erscheinen in einem statistisch signifikanten Muster, das angeblichen routinemäßigen Kuriermissionen folgt, die Ihnen vom Büro für Galaktische Angelegenheiten über- tragen wurden. Mit ungefähr fünfmal so vielen Auszeich- nungen wie der am zweitmeisten dekorierte Kurier in der Geschichte des KBS.« »Und Ihr Schluss daraus, Hauptmann Tuomonen?« Tuomonen lächelte schwach. »Sie waren nie ein verdammter Kurier, Hauptmann Vorkosigan.« »Wissen Sie, Tuomonen, ich glaube, es wird mir Spaß machen, mit Ihnen zu arbeiten.« »Das hoffe ich, Sir.« Er blickte auf, als der Professor – flankiert von Tien Vorsoisson – das Wohnzimmer betrat. Vorthys wischte sich den Mund mit seiner Serviette ab und stopfte sie geistesabwesend in seine Tasche, dann begrüßte er Tuomonen mit einem Händedruck und stellte seinen Schwiegerneffen vor. Als alle wieder saßen, sagte Miles: »Tuomonen hat uns die Identifizierung unserer zusätzlichen Leiche gebracht.« »Ach, gut«, erwiderte Vorthys. »Wer war denn der arme Kerl?« Miles beobachtete, wie Tuomonen Tien beobachtete und sagte: »Seltsamerweise, Administrator Vorsoisson, handelt es sich um einen Ihrer Angestellten. Dr. Barto Radovas.«, Tiens graues Gesicht wurde noch eine Nuance blasser. »Radovas! Was zum Teufel hatte er dort oben zu suchen?« Die Bestürzung und das Erschrecken auf Tiens Gesicht waren echt und die Überraschung in seiner Stimme unge- heuchelt, hätte Miles schwören können. »Ich hoffte, Sie könnten vielleicht dazu etwas sagen, Sir«, erklärte Tuomonen. »Mein Gott. Nun… war er an Bord des Schiffes oder der Station?« »Das haben wir noch nicht festgestellt.« »Ich kann Ihnen über diesen Mann wirklich nicht viel sagen. Er war in Soudhas Abteilung. Soudha hat sich nie über seine Arbeit bei mir beschwert. Er bekam alle seine leistungsbezogenen Gehaltserhöhungen ganz nach Plan.« Tien schüttelte den Kopf. »Aber was, zum Teufel, hat er dort gemacht…» Er blickte Tuomonen beunruhigt an. »Genau genommen ist er nicht mein Angestellter, wissen Sie. Er hat vor einigen Wochen gekündigt.« »Fünf Tage vor seinem Tod, nach unseren Berechnun- gen«, bemerkte Tuomonen. Tien zog die Augenbrauen zusammen. »Tja… dann konnte er nicht an Bord dieses Erzfrachters gewesen sein, oder? Wie hätte er die ganze Strecke zum zweiten Asteroidengürtel kommen und an Bord des Schiffes gehen können, bevor er Komarr überhaupt verlassen hatte?« »Er hätte unterwegs auf dem Erzfrachter zusteigen können«, meinte Tuomonen. »Oh. Vermutlich wäre das möglich. Mein Gott. Er ist verheiratet. War verheiratet. Hält sich seine Frau noch hier, in der Stadt auf?« »Ja«, sagte Tuomonen. »Ich werde mich in Kürze mit dem Beamten von der zivilen Sicherheit der Kuppelstadt treffen, der ihr die offizielle Benachrichtigung über seinen Tod überbringt.« »Sie hat drei Wochen gewartet, ohne von ihm zu hören«, warf Miles ein. »Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann eine Stunde mehr oder weniger keine große Rolle spielen. Ich denke, ich würde gern Ihren Bericht durchschauen, bevor wir gehen, Hauptmann.« »Bitte tun Sie das, Mylord.« »Professor, kommen Sie mit?« Am Ende marschierten alle in Vorsoissons Studier- zimmer. Miles dachte bei sich, er könne gut ohne Tien auskommen, doch Tuomonen machte keine Anstalten, ihn auszuschließen. Der Bericht war noch keine in die Tiefe gehende Analyse, sondern eher ein Haufen Rohdaten, der logisch gebündelt und von Tuomonen mit hastig erstellten Anmerkungen und Zusammenfassungen versehen war. Eine volle Analyse würde zweifellos am Ende aus dem komarranischen Hauptquartier des KBS eintreffen. Jeder zog sich einen Stuhl heran, dann drängten sich alle um den Vid-Projektor. Nach dem einleitenden Überblick ließ Miles den Professor dem Faden von Radovas Karriere folgen. »In der Mitte seiner Studentenzeit hat er zwei Jahre an den Aufstand verloren«, stellte Vorthys fest. »Damals war die Universität von Solstice einige Zeit komplett geschlos- sen.«, »Aber es sieht so aus, als hätte er mit diesem zwei- jährigen Postgraduierten-Aufenthalt auf Escobar einige Punkte gutgemacht«, sagte Miles. »Dort könnte ihm alles Mögliche zugestoßen sein«, meinte Tien. »Aber diesen Aufzeichnungen zufolge ist nicht viel passiert«, sagte Vorthys etwas trocken. »Kommerzielle Arbeit auf einer ihrer orbitalen Werften … er hat nicht einmal ein gutes Forschungsthema daraus machen können. Die Universität von Solstice hat seinen Vertrag nicht erneuert. Kein Mann mit einem Talent zum Lehren, so kommt es mir vor.« »Eine Stelle im Kaiserlichen Institut für Naturwissen- schaften wurde ihm wegen seiner Verbindungen zum Aufstand verweigert«, machte Tuomonen aufmerksam, »trotz der Amnestie.« »Das Versprechen der Amnestie bedeutete lediglich, dass er nicht verhaftet und erschossen würde«, bemerkte Miles ein wenig ungeduldig. »Aber man verweigerte ihm die Stelle nicht auf der Grundlage unzureichender fachlicher Kompetenz«, mur- melte Vorthys. »Hier macht er mit einem Job weiter, der eher unter seinem Bildungsniveau liegt, in den orbitalen Werften von Komarr.« Miles überprüfte es. »Da hatte er inzwischen schon drei kleine Kinder. Er musste für Geld sorgen.« »Es folgen einige ereignislose Jahre«, fuhr der Professor fort. »Er wechselt die Firma nur einmal, für eine respek- table Gehaltserhöhung. Dann wird er von Soudha – der war, damals noch ziemlich neu – für das Terraforming-Projekt eingestellt und zieht für dauernd auf den Planeten um.« »Damals keine Gehaltserhöhung. Professor…«, sagte Miles und deutete mit dem Finger auf diesen Abschnitt der Karriere des verstorbenen Dr. Radovas auf dem Vid- Display. »Kommt Ihnen dieser Umzug auf den Planeten nicht seltsam vor für einen Mann, der in Sprungtech- nologien ausgebildet und erfahren war? Er beherrschte die Mathematik des fünf-dimensionalen Raums.« Tuomonen lächelte verkniffen, woraus Miles schloss, dass er seinen Finger buchstäblich auf denselben Punkt gelegt hatte, der schon dem Hauptmann Kopfzerbrechen bereitet hatte. Vorthys zuckte die Achseln. »Da könnte es viele zwingende Gründe geben. Er könnte sich in seiner alten Arbeit gelangweilt haben. Madame Radovas könnte sich geweigert haben, noch einen Tag länger auf einer Raum- station zu leben. Ich glaube, Sie werden sie fragen müssen.« »Aber es ist ungewöhnlich«, sagte Tuomonen zögernd. »Vielleicht«, sagte Vorthys. »Vielleicht auch nicht.« »Nun denn«, seufzte Miles nach einem langen Schwei- gen. »Dann machen wir uns mal an den schwierigeren Teil der Aufgabe.« Die Wohnung der Radovas, so stellte sich heraus, war ein ziemliches Stück vom Haus der Vorsoissons entfernt, aber zu dieser Abendstunde gab es keine Staus im Bubblecar-System. Mit Tuomonen an der Spitze betraten Miles, Vorthys und Tien – den eingeladen zu haben Miles, sich nicht erinnerte, doch irgendwie hatte er sich der Expedition einfach angeschlossen – die Vorhalle, wo sie eine ziemlich junge Frau in der Uniform des Sicherheits- dienstes von Serifosa vorfanden, die nicht gerade geduldig auf sie wartete. »Aha, der Bulle ist eine Frau«, murmelte Miles Tuomonen zu. Er warf einen Blick über die Schulter auf die kleine Kavalkade. »Gut, dann sehen wir weniger wie eine Invasionsarmee aus.« Nachdem sie sich einander kurz vorgestellt hatten, nahmen sie das Liftrohr zu einem Korridor, der fast identisch mit jedem anderen Wohngebäude in der Kuppelstadt war, das Miles bisher gesehen hatte. Die Seri- fosa-Polizistin, Wachtmeisterin Rigby, läutete an der Tür. Nach einer Pause, die lange genug dauerte, dass Miles überlegte, Ist sie denn zu Hause?, öffnete sich die Tür. Die Frau, die im Türrahmen stand, war schlank und adrett gekleidet und wirkte für Miles’ barrayaranische Augen, als wäre sie Mitte vierzig, was wahrscheinlich bedeutete, dass sie Ende fünfzig war. Sie trug die übliche komarranische Kleidung aus Hosen und Bluse, darüber einen schweren Pullover. Außer einer gewissen Blässe in ihrer Erscheinung war gewiss sonst nichts, was einen Ehemann hätte abschrecken können. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Uniformierten erblickte, die da vor ihr standen, denn sie strahlten die Botschaft schlechte Nachrichten aus. »Oh«, seufzte sie müde. Miles, der sich auf einen hysterischen Anfall gefasst gemacht hatte, entspannte sich ein wenig. Es schien, als gehörte die Frau zu dem Typ, der eher unterreagierte. Ihre Reaktion würde wahrscheinlich auf seltsame und indirekte, Art kommen, und später. »Madame Radovas?«, fragte die Polizistin. Die Frau nickte. »Ich bin Wachtmeisterin Rigby. Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Ehemann, Dr. Barto Radovas, tot aufgefunden wurde. Würden Sie uns bitte hereinlassen?« Madame Radovas legte ihre Hand an die Lippen; einen Moment lang sagte sie nichts. »Nun ja.« Sie schaute zur Seite. »Ich bin nicht so froh, wie ich gedacht hatte. Was ist mit ihm passiert? Diese junge Frau – geht es ihr gut?« »Dürften wir eintreten und uns setzen?«, wiederholte Rigby. »Ich fürchte, wir werden Sie mit einigen Fragen belästigen müssen. Und wir werden versuchen, die Ihren zu beantworten.« Madame Radovas betrachtete argwöhnisch Tuomonen in seiner grünen KBS-Uniform. »Ja. Das geht in Ordnung.« Sie wich zur Seite, trat zurück und winkte sie alle herein. Auch in ihrem Wohnzimmer stand eine Standardsitzgrup- pe; Miles setzte sich auf eine Seite und überließ Tuomonen zusammen mit Wachtmeisterin Rigby die Blickrichtung auf Madame Radovas. Die Polizistin stellte die übrigen Personen vor. Tien schloss sich ihnen an und setzte sich auf das Sofa, wo er ein Bild verlegenen Unbehagens abgab. Professor Vorthys schüttelte fast unmerklich den Kopf und blieb stehen. Sein Blick wanderte durch den Raum. »Was ist mit Barto passiert? Hat es einen Unfall gege- ben?« Madame Radovas’ Stimme klang heiser, kaum beherrscht, da ihr nun die Bedeutung der Nachricht dämmerte., »Wir sind uns nicht sicher«, erwiderte Rigby. »Seine Leiche wurde im Weltraum gefunden, offensichtlich im Zusammenhang mit der Katastrophe des Sonnenspiegels vor drei Wochen. Wussten Sie, dass er in den Orbit geflogen war? Hatte er etwas gesagt, bevor er abreiste, was ein bisschen Licht auf diese Sache werfen würde?« »Ich …« Sie blickte zur Seite. »Er hat mit mir nicht geredet, bevor er ging. Ich glaube, er war darin nicht sehr mutig. Er hinterließ mir nur eine Notiz auf der Kom- Konsole. Bis ich sie fand, dachte ich, es handle sich um eine normale Dienstreise.« »Dürfen wir die Notiz einmal sehen?«, meldete sich Tuomonen zum ersten Mal. »Ich habe sie gelöscht. Tut mir Leid.« Sie blickte ihn mit gerunzelter Stirn an. »Der Plan für dieses … Weggehen – glauben Sie, der stammte von Ihrem Mann oder von Marie Trogir?«, fragte Rigby. »Ich sehe, Sie wissen alles über die beiden. Ich habe keine Ahnung. Ich war überrascht. Ich weiß es nicht.« Ihre Stimme wurde schärfer. »Ich wurde nicht zu Rate gezo- gen.« »Unternahm er oft Dienstreisen?«, fragte Rigby. »Er ging ziemlich oft zu Feldtests hinaus. Manchmal fuhr er zu den Konferenzen über Terraforming nach Sols- tice. Für gewöhnlich begleitete ich ihn dabei.« Ihre Stimme flatterte, dann gewann sie wieder die Beherrschung. »Was hat er mitgenommen? Irgendetwas Ungewöhn- liches?«, fragte Rigby geduldig., »Nur, was er normalerweise auf einen langen Feldtest mitnahm.« Sie zögerte. »Er nahm alle seine persönlichen Dokumente mit. Dadurch wurde mir erst mit Sicherheit klar, dass er nicht zurückkommen würde.« »Haben Sie mit irgendjemandem an seiner Arbeitsstelle über seine Abwesenheit gesprochen?« Tien schüttelte den Kopf, doch Madame Radovas erwiderte: »Ich habe mit Administrator Soudha gespro- chen. Nachdem ich die Notiz gefunden hatte. Ich versuchte herauszubekommen… was schief gelaufen war.« »War Administrator Soudha Ihnen gegenüber hilfs- bereit?«, fragte Tuomonen. »Nicht sonderlich.« Sie runzelte wieder die Stirn. »Er schien zu meinen, es ginge ihn nichts an, was nach Bartos Kündigung geschah.« »Das tut mir Leid«, sagte Vorsoisson. »Über diesen Teil der Geschichte hat Soudha mir nichts erzählt. Ich werde ihn zur Rede stellen. Ich habe es nicht gewusst.« Und Sie haben nicht gefragt. Doch so sehr Miles auch etwas an Tien aussetzen wollte, er fand es schwer, ihn dafür zu tadeln, dass er sich aus einer anscheinend pein- lichen Ehekrise herausgehalten hatte. Madame Radovas blickte ihn finster an. »Ich habe gehört, dass Sie und Ihr Ehemann vor etwa vier Jahren aus dem Orbit hergezogen sind«, sagte Tuomo- nen. »Das erscheint einem doch als ein ungewöhnlicher Wechsel in einer Karriere, vom fünfdimensionalen Raum zu einer Tätigkeit, bei der es sich tatsächlich um eine Art von Tiefbau handelt. Hatte er schon seit langem ein, Interesse am Terraforming?« Sie blickte einen Moment lang verdutzt drein. »Barto machte sich Sorgen um die Zukunft von Komarr. Ich… wir waren des Lebens auf der Station überdrüssig. Wir wollten etwas Ruhigeres haben, auch wegen der Kinder. Dr. Soudha suchte für sein Team nach Leuten mit unterschied- lichem Hintergrund, mit unterschiedlichen Erfahrungen in Problemlösungen. Er hielt Bartos Erfahrungen auf der Station für wertvoll. Ingenieurarbeit ist Ingenieurarbeit, nehme ich an.« Professor Vorthys war währenddessen leise im Zimmer herumgewandert und hatte, ein Ohr auf das Gespräch richtend, die Reiseandenken und die Porträts der Kinder in verschiedenem Alter inspiziert, die den hauptsächlichen Schmuck des Raums bildeten. Er blieb vor dem Biblio- theksschrank an einer Wand stehen, der mit Disketten voll gestopft war, und begann aufs Geratewohl ihre Titel zu studieren. Madame Radovas warf ihm einen kurzen, neu- gierigen Blick zu. »Aufgrund der ungewöhnlichen Umstände, unter denen Dr. Radovas’ Leiche aufgefunden wurde, verlangt das Gesetz eine vollständige medizinische Untersuchung«, fuhr Rigby fort. »Wenn die Prüfungen abgeschlossen sind, soll man dann seine sterblichen Überreste oder seine Asche an Sie überstellen, oder an einen anderen Verwandten?« »Oh. Ja. An mich, bitte. Es sollte eine richtige Zeremonie abgehalten werden. Den Kindern zuliebe. Allen zuliebe.« Sie schien sehr nahe daran zu sein, ihre Beherrschung zu verlieren. In ihren Augen standen Tränen. »Können Sie… ich weiß nicht. Können Sie sich darum kümmern?«, »Die Familienfürsorgerin in unserer Abteilung wird Ihnen gerne raten und helfen. Ich gebe Ihnen ihre Nummer, bevor wir gehen.« »Danke.« Tuomonen räusperte sich. »Aufgrund der mysteriösen Umstände von Dr. Radovas’ Tod wurde auch der KBS von Komarr gebeten, sich für den Fall zu interessieren. Würden Sie uns vielleicht gestatten, Ihre KomKonsole und Ihre persönlichen Daten zu untersuchen, um zu sehen, ob sie einen Hinweis enthalten.« Madame Radovas legte einen Finger auf die Lippen. »Barto hat alle seine persönlichen Dateien mitgenommen. Es ist nicht mehr viel übrig, nur meine eigenen.« »Manchmal kann eine technische Untersuchung noch mehr enthüllen.« Sie schüttelte den Kopf, sagte jedoch: »Nun ja … vermutlich schon.« Etwas schärfer fügte sie hinzu: »Aller- dings hätte ich nicht gedacht, dass sich der KBS wegen meiner Erlaubnis den Kopf zerbrechen müsste.« Tuomonen widersprach nicht, sondern sagte: »Ich möchte so viel Höflichkeit, wie ich kann, vor unseren kruden Notwendigkeiten retten, Madame.« Von der anderen Wand her fügte Professor Vorthys, die Hände voller Disketten, in distanziertem Ton hinzu: »Untersuchen Sie auch die Bibliothek.« »Warum wollen Sie die Bibliothek meines armen Mannes wegnehmen?«, sagte Madame Radovas mit einem Anflug von Bestürzung und Ärger. Vorthys schaute auf und lächelte sie freundlich und, entwaffnend an. »Die Bibliothek eines Menschen vermit- telt Informationen über die Gestalt seines Geistes, so wie seine Kleidung Informationen über die Gestalt seines Körpers vermittelt. Die Querverbindungen zwischen anscheinend nicht verwandten Themen existieren vielleicht nur in seinen Gedanken. Wenn ihr Besitzer verschwunden ist, nimmt eine Bibliothek eine traurige Zusammenhang- losigkeit an. Ich glaube, ich hätte Ihren Gatten gerne einmal kennen gelernt, als er noch lebte. Vielleicht kann ich es ein wenig auf diese geisterhafte Weise tun.« »Ich verstehe nicht, warum…« Sie presste erschrocken die Lippen aufeinander. »Wir können es einrichten, dass Ihnen die Bibliothek in ein, zwei Tagen wieder zurückgebracht wird«, sagte Tuomonen besänftigend. »Gibt es etwas davon, das Sie auf der Stelle brauchen?« »Nein, aber… oh … ich weiß nicht. Nehmen Sie sie mit. Nehmen Sie alles, was Sie wollen. Mir ist es egal.« Jetzt traten ihr die Tränen aus den Augen. Wachtmeisterin Rigby holte ein Papiertaschentuch aus einer ihrer vielen Uniformtaschen und reichte es ihr. Dann blickte sie die Barrayaraner finster an. Tien rutschte verlegen auf seinem Platz hin und her. Tuomonen blieb kühl professionell. Der KBS-Hauptmann nahm Madame Radovas’ Ausbruch als sein Stichwort, erhob sich und trug seine Tasche zu der KomKonsole neben der Essecke, öffnete sie und schloss eine Standard- Blackbox des KBS an dem Gerät an. Auf ein Zeichen von Vorthys hin machten sich Rigby und Miles daran, ihm beim Abnehmen des Bibliotheksschranks von der Wand, und bei der Versiegelung für den Transport zu helfen. Nachdem Tuomonen die KomKonsole ausgesaugt hatte, ließ er einen Scanner über die Bibliothek laufen, die nach Miles’ Schätzung nahezu tausend Disketten enthielt, und erzeugte eine Vid-Quittung für Madame Radovas. Sie stopfte die Plastikfolie in die Tasche ihrer grauen Hose, ohne einen Blick darauf zu werfen, und stand mit verschränkten Armen da, bis die Eindringlinge sich anschickten zu gehen. Im letzten Augenblick biss sie sich auf die Lippen und platzte heraus: »Administrator Vorsoisson. Es wird nicht… werde ich… wird es aufgrund von Bartos Tod eine normale Hinterbliebenenrente geben?« War sie in einer finanziellen Notlage? Nach Tuomonens Unterlagen waren ihre beiden jüngsten Kinder noch an der Universität und finanziell von ihren Eltern abhängig; natürlich hatte sie jetzt Geldsorgen. Aber Vorsoisson schüttelte traurig den Kopf. »Ich fürchte nicht. Madame Radovas. Der Gerichts- mediziner scheint sich ganz sicher zu sein, dass sein Tod erst nach seiner Kündigung stattfand.« Wäre es andersherum gewesen, dann wäre es ein viel interessanteres Problem für den KBS. »Dann bekommt sie nichts?«, fragte Miles. »Ohne eigene Schuld wird sie aller normalen Witwenbeihilfen beraubt, nur weil ihr«, er schluckte einige abfällige Adjektive hinunter, »verstorbe- ner Ehemann unzuverlässig war?« Vorsoisson zuckte hilflos die Achseln und wandte sich ab., »Warten Sie«, sagte Miles. Bis jetzt war er an diesem Tag für kaum jemanden von Nutzen gewesen. »Gregor billigt es nicht, dass Witwen mittellos zurückgelassen werden. Vertrauen Sie mir in diesem Punkt. Vorsoisson, los, setzen Sie die Beihilfe für sie auf jeden Fall durch.« »Ich kann nicht – wie – wollen Sie, dass ich das Datum seiner Kündigung abändere?« Und dass so das rechtliche Kuriosum eines Mannes entsteht, der am Tag nach seinem eigenen Tod kündigt? Auf welche Weise – durch Geisterschreiben? »Natürlich nicht. Machen Sie es einfach zu einem kaiserlichen Befehl.« »Auf den Formularen gibt es keine Rubrik für einen kaiserlichen Befehl«, sagte Vorsoisson verwirrt. Miles ließ diese Antwort auf sich wirken. Tuomonen beobachtete ihn mit leicht gerötetem Gesicht und fasziniert geweiteten Augen. Selbst Madame Radovas zog die Augenbrauen verdutzt zusammen. Sie schaute Miles direkt an. als sähe sie ihn zum ersten Mal. Schließlich sagte er sanft: »Ein Fehler beim Formularentwurf, den Sie werden korrigieren müssen, Administrator Vorsoisson.« Tien öffnete den Mund, um einen weiteren Protest zu erheben, doch dann klappte er ihn intelligenterweise wieder zu. Professor Vorthys wirkte erleichtert. Madame Radovas presste ihre Hand staunend an ihre Wange und sagte: »Danke… Lord Vorkosigan.« Nach dem üblichen Abschied mit der Floskel »Falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie bitte diese Nummer an«, begab sich die Gruppe der Ermittler hinaus auf den, Korridor. Vorthys übergab den Bibliothekskasten an Tien, damit er ihn schleppte. Als sie wieder in der Eingangshalle des Gebäudes angelangt waren, schickte sich die Wacht- meisterin an, ihrer eigenen Wege zu gehen. »Was sollen wir nach Meinung des KBS noch tun?«, fragte sie Tuomonen. »Dr. Radovas’ Tod scheint nicht in die Jurisdiktion von Serifosa zu fallen. Bei einem mysteriö- sen Todesfall sind enge Verwandte automatisch verdächtig, aber sie ist die ganze Zeit hier gewesen. Ich sehe keinen kausalen Zusammenhang mit dieser Leiche im All.« »Ich auch nicht, im Augenblick«, räumte Tuomonen ein. »Machen Sie einstweilen mit Ihren normalen Prozeduren weiter und schicken Sie meinem Büro Kopien all Ihrer Berichte und Beweismittel-Dateien.« »Vermutlich werden Sie uns den Gefallen nicht erwidern?« Nach der Art zu schließen, wie sie den Mund verzog, schien Rigby zu wissen, sie kenne die Antwort. »Ich werde sehen, was ich tun kann, wenn sich irgend- etwas ergibt, das Bezug zur Sicherheitsbehörde der Kuppelstadt hat«, versprach Tuomonen vorsichtig. Dieses wenn auch eingeschränkte Zugeständnis des KBS ließ Rigby die Augenbrauen hochziehen. »Ich werde morgen früh wieder in den Orbit hinauffliegen müssen«, sagte Vorthys zu Tuomonen. »Also werde ich nicht die Zeit haben, diese Bibliothek selbst gründlich zu untersuchen. Ich fürchte, ich werde damit den KBS behelligen müssen.« Tuomonen blickte auf den Kasten mit den tausend Disketten und wirkte einen Moment lang erschrocken., »Fordern Sie unter Berufung auf meine Autorität einen hochrangigen Analysten vom Hauptquartier für diesen Job an«, fügte Miles schnell hinzu. »Einen von den Wissen- schaftlern aus dem Kellergeschoss, mit Qualifikation auf den Gebieten des Ingenieurwesens und der Mathematik – richtig so, Professor?« »Ich weiß nicht recht«, erwiderte der Professor. »Das ist ja der Grund, warum ich einen Analysten vom KBS haben möchte, oder? Im Wesentlichen möchte ich, dass er aus diesen Daten ein unabhängiges Bild von Radovas erstellt, das wir dann später mit den Eindrücken aus anderen Quellen vergleichen können.« »Einen offenen Blick auf die Gestalt des Geistes, der sich in dieser Bibliothek manifestiert«, überlegte Miles. »Verstehe.« »Gewiss doch. Reden Sie mit dem Mann, Miles, Sie kennen doch die Art, wie die vorgehen. Und die Arten von Dingen, die wir haben wollen.« »Gewiss, Professor.« Sie übergaben den Bibliothekskasten Tuomonen, und Wachtmeisterin Rigby verabschiedete sich. Es ging bereits auf die komarranische Mitternacht zu. »Dann nehme ich also das alles in mein Büro mit«, sagte Tuomonen und schaute auf seine Lasten, »und übermittle die Neuigkeiten an das Hauptquartier. Wie lange haben Sie noch vor, in Serifosa zu bleiben, Lord Vorkosigan?« »Ich bin mir nicht sicher. Ich werde zumindest noch bleiben und mit Soudha und Radovas’ anderen Kollegen sprechen, bevor ich wieder hinauffliege. Ich… ah… denke,, ich werde meine Sachen morgen nach dem Abflug des Professors in ein Hotel bringen.« »Sie sind der Gastfreundschaft meines Haushalts will- kommen, Lord Vorkosigan«, sagte Tien förmlich und ohne jeden Nachdruck. »Jedenfalls vielen Dank, Administrator Vorsoisson. Wer weiß, vielleicht bin ich schon morgen Abend bereit, dem Professor in den Orbit zu folgen. Wir werden sehen, was sich ergibt.« »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mein Büro über Ihren Aufenthaltsort unterrichteten«, sagte Tuomonen. »Es war natürlich Ihr Privileg anzuordnen, dass Ihre Person nicht engen Sicherheitsmaßnahmen unterliegt, Lord Vorko- sigan, aber jetzt, wo Ihr Fall einen starken lokalen Bezug bekommen zu haben scheint, ersuche ich Sie nachdrück- lich, das noch einmal zu überdenken.« »Die Wachen vom KBS sind im Allgemeinen charmante Burschen, aber ich mag es wirklich nicht, jedes Mal über sie zu stolpern, wenn ich mich umdrehe«, erwiderte Miles. Er tippte auf sein KBS-Armbandchronometer mit Kommu- nikator, das an seinem Handgelenk überdimensional wirkte. »Halten wir uns einstweilen an unseren ursprünglichen Kompromiss. Wenn ich Sie brauche, werde ich nach Hilfe schreien, das verspreche ich Ihnen.« »Wie Sie wünschen, Mylord«, sagte Tuomonen miss- billigend. »Gibt es sonst noch etwas, was Sie brauchen?« »Nicht heute Abend«, erwidert Vorthys und gähnte. Ich brauche Folgendes, um einen Sinn in der Sache zu finden. Ich brauche ein halbes Dutzend eifriger, Informanten. Ich möchte allein in einem abgeschlossenen Raum sein, zusammen mit Marie Trogir und einer Spritze voller Schnell-Penta. Ich wünsche mir sogar, ich könnte diese arme, verbitterte Witwe unter Schnell-Penta setzen. Für einen so invasiven und offensiven Schritt würde Rigby eine gerichtliche Anordnung brauchen, Miles hingegen konnte es nach Laune und mit seiner geliehenen kaiser- lichen Stimme tun, wenn es ihm nichts ausmachte, ein wirklich unbeliebter Lord Auditor zu werden. Die Recht- fertigung reichte einfach nicht aus. Aber Soudha sollte morgen lieber auf seine Schritte achten! Miles schüttelte den Kopf. »Nein, verschaffen Sie sich etwas Schlaf.« »Endlich.« Tuomonen lächelte schief. »Gute Nacht, Mylords, gute Nacht, Administrator.« Sie verließen das Haus der Witwe in entgegengesetzte Richtungen., Halb dösend und auf dem niedrigen Wohnzimmersofa zusammengerollt, wartete Ekaterin auf die Rückkehr der Männer. Sie schob ihre Ärmel zurück und betrachtete die blauen Flecken, die im Muster von Lord Vorkosigans Griff auf ihren Handgelenken prangten. Normalerweise war sie ihrer Meinung nach nicht sehr körperbewusst. Sie beobachtete die Gesichter der Leute und schenkte allem, was sich unterhalb des Halses befand, kaum einen Blick, sofern es über die gesellschaftliche Sprache der Kleidung hinausging. Diese… nicht Abnei- gung, sondern Abschirmung … schien eine bloße Höflichkeit zu sein, und ein Teil ihrer sexuellen Treue, der so automatisch war wie das Atmen. Daher war es doppelt beunruhigend zu entdecken, dass sie sich des kleinen Mannes so bewusst war. Und wahrscheinlich auch sehr unverschämt angesichts der Seltsamkeit seines Körpers. Vorkosigans Gesicht war, sobald sie seine erste wachsame Undurchschaubarkeit durchdrungen hatte, nun … char- mant, voll von trockenem Esprit, der nur darauf wartete, in offenen Humor auszubrechen. Es war verwirrend, dieses Gesicht mit einem Körper verbunden zu finden, der eine Chronik erschreckender Schmerzen aufwies. War es eine Art perverser Voyeurismus, dass ihre zweite Reaktion nach dem Schock ein unterdrücktes Verlangen gewesen war, ihn zu überreden, er solle ihr alle Geschichten über seine Verwundungen im Kampf erzählen? Ich stamme nicht von, hier, hatten mit exotischen Versprechen diese Hiero- glyphen geflüstert, die in sein Fleisch eingegraben waren. Und: Ich habe überlebt. Wollen Sie wissen, wie? Ja, ich will wissen, wie. Sie presste ihre Finger an ihren Nasenrücken, als könnte sie die beginnenden Kopf- schmerzen zurückdrängen, die sich hinter ihren Augen sammelten. Ihr Körper zuckte zusammen, als das schwache Klick und Klirr ertönte, mit dem die Wohnungstür geöffnet wurde. Aber vertraute Stimmen, die von Tien und ihrem Onkel, beruhigten sie, dass es sich nur um die erwartete Rückkehr der Informationsjäger handelte. Sie überlegte, was für eine seltsame Beute sie wohl gemacht hatten, setzte sich auf und zog ihre Ärmel herunter. Es war schon weit nach Mitternacht. Als sie um die Ecke zum Flur bog, stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass Tuomonen nicht mehr dabei war. Sie konnte ihren Haushalt für die Nacht absperren wie eine regelrechte Kastellanin. Tien wirkte angespannt, Vorkosi- gan müde, und Onkel Vorthys sah aus wie immer. Vorko- sigan murmelte gerade: »Ich hoffe, es versteht sich von selbst, Vorsoisson, dass es morgen eine unangekündigte Inspektion geben wird?« »Gewiss, Mylord Auditor.« »Habt ihr etwas Interessantes gefunden?«, erkundigte sich Ekaterin ganz allgemein, während sie das Schloss hinter ihnen absperrte. »Hm, Madame Radovas konnte nichts dazu sagen, wie ihr fremdgehender Ehemann sich in das Wrack unseres Sonnenspiegels verirrt hat«, antwortete Onkel Vorthys., »Ich hatte gehofft, sie hätte etwas gewusst.« »Es ist so traurig. Bei den wenigen Malen, wo ich ihnen begegnet bin, erschienen sie als ein so nettes Paar.« »Tja, man kennt ja die Männer mittleren Alters.« Tien zuckte missbilligend die Achseln und schloss sich deutlich aus dieser Kategorie aus. Ach, Tien. Warum bist es nicht du, der mit einer jüngeren, reicheren Frau durchbrennt? Vielleicht wärst du glücklicher. Du könntest kaum weniger glücklich sein. Warum muss deine einzige Tugend die Treue sein? Jeden- falls, so weit sie wusste. Allerdings hatte sie sich damals während jener seltsamen Phase, als er sie dauernd beschul- digte, gefragt, warum eine Tat, die sie so unvorstellbar fand, ihn so verfolgte. Vielleicht fand er es gar nicht so unvorstellbar? Sie hatte kaum die Energie aufgebracht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie bot einen mitternächtlichen Imbiss an, doch nur Onkel Vorthys nahm die Einladung an, und dann trennten sich alle und begaben sich in ihre jeweiligen Schlaf- quartiere. Als ihr Onkel endlich mit dem Essen fertig war und gute Nacht gesagt und sie alles aufgeräumt und auf dem Weg zu ihrem eigenen Schlafzimmer nach Nikolai geschaut hatte, da lag Tien schon auf seiner Seite im Bett und hatte die Augen geschlossen. Er schlief noch nicht; er hatte ein sehr typisches Beinahe-Schnarchen, wenn er wirklich eingeschlafen war. Als sie neben ihm ins Bett schlüpfte, drehte er sich herüber, schlang seinen Arm um sie und kuschelte sich eng an sie. Er liebt mich, auf eine unbeholfene Weise. Der Gedanke, ließ sie fast weinen. Doch welche anderen menschlichen Beziehungen hatte Tien, abgesehen von ihr und Nikolai? Seine ferne Mutter, die erneut geheiratet hatte, und den Geist seines toten Bruders. Manchmal klammerte sich Tien nachts an sie wie ein Ertrinkender an einen Baumstamm. Falls es eine Hölle gab, so hoffte sie, dass Tiens Bruder sich darin befand. In einer Hölle für die Vor. Er hatte das Angemessene getan, o ja, indem er seine eigene Mutation ausgerottet und damit ein Beispiel gesetzt hatte, dem – sozusagen – nachzuleben Tien unmöglich war. Tien hatte versucht, es ihm gleichzutun, zweimal am Anfang der Ehe und einmal später, und dabei waren nur Selbstmord- versuche herausgekommen, die so halbherzig gewesen waren, dass sie kaum als Gesten gelten konnten. Die beiden ersten Male war sie äußerst erschrocken gewesen. Eine Zeit lang hatte sie geglaubt, ihre Loyalität und Abhängigkeit seien das Einzige, was ihn am Leben hielt. Beim dritten Mal war sie schon abgestumpft. Noch mehr davon, und sie würde gar nicht mehr menschlich reagieren. Sie kam sich schon jetzt kaum noch menschlich vor. In der Hoffnung, sie könnte so tun, als fiele sie in Schlaf, verlangsamte sie ihre Atmung und gab vor, zu schlafen. Nach einer Weile erhob sich Tien, der genauso wenig schlief wie sie, und ging ins Badezimmer. Doch anstatt ins Bett zurückzukehren, stapfte er leise durch das Schlaf- zimmer und hinaus in Richtung Küche. Vielleicht hatte er seine Meinung über den Imbiss geändert. Würde es ihm gefallen, wenn sie ihm etwas Milch mit Brandy und Gewürzen wärmte? Es war ein altes Familienrezept und Hausmittel, das ihre Großtante auf den Südkontinent, mitgebracht hatte; als Trosttrank für eine zu Besuch weilende kranke Nichte. Allerdings schien der größere Teil der großzügigen Portionen immer irgendwie seinen Weg in die eigene Tasse der alten Dame gefunden zu haben. Ekaterin lächelte, als sie daran dachte, und tappte hinter Tien her in die Küche. Das schwache Licht, das sie sah, stammte nicht vom Kühlschrank, sondern vom KomKonsolen-Terminal in der Küche. Sie blieb verdutzt in der Tür stehen. Im Haushalt ihrer Eltern war der einzige zulässige Grund, um zu dieser Nachtzeit jemanden anzurufen, entweder die Nachricht von einer Geburt oder von einem Todesfall gewesen. Ekaterin entdeckte, dass sie diese Regel verinnerlicht hatte. »Was zum Teufel hatte Radovas’ Leiche dort oben zu schaffen?«, sagte Tien, der ihr den Rücken zukehrte, heiser und leise zu dem Torso über der Vid-Scheibe. Verwundert erkannte Ekaterin seinen Untergebenen, Administrator Soudha. Soudha trug nicht einen Pyjama, wie sie es erwartet hatte, sondern war noch für den Tag gekleidet. Arbeitete er noch so spät? Nun ja, Ingenieure waren eben so. Sie zog sich ein wenig in die Dunkelheit des Korridors zurück. »Sie haben mir gesagt, er hätte gekündigt.« »Das hat er auch«, erwiderte Soudha. »Was danach mit ihm passiert ist, ist nicht unser Problem.« »Das ist es schon, verdammt noch mal. Morgen werden wir die ganze Abteilung voller herumlungernder KBS- Leute haben. Den echten KBS, nicht nur ein paar VIPs auf Tour, die wir im Kreis herumführen, zum Abendessen einladen und dann verabschieden können. Ich habe schon gesehen, wie Tuomonen diesen beschissenen Blick kriegt,, wenn er nur daran denkt.« »Wir werden schon mit ihnen fertig. Gehen Sie nur wieder ins Bett, Vorsoisson.« Lord Auditor Vorkosigan hat dir klipp und klar gesagt, dass er eine unangekündigte Inspektion machen möchte, Tien. Er spricht mit der Stimme des Kaisers. Was machst du da? Sie dämpfte das Geräusch ihres Atems und es überkam sie ein Gefühl der Übelkeit. »Sie werden alles über Ihren süßen kleinen Plan heraus- finden, und dann stecken wir alle bis zu den Ohren in der Scheiße«, sagte Tien. »Nein, das werden sie nicht. Wir sind nahe dran. Halten Sie sie einfach von der Versuchsstation weg, und wir werden sie ohne einen Mucks rein- und rausschleusen.« »Die Versuchsstation ist eine hohle Schale. Sie haben doch gar keine Abteilung, außer in den Dateien. Was ist. wenn sie einen Ihrer Geisterangestellten sprechen wollen?« »Solche wie Sie selbst?« Soudha verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln, »Entspannen Sie sich.« »Ich gehe nicht mit Ihnen zusammen unter.« »Sie glauben, Sie hätten eine Chance?«, schnaubte Soudha. »Schauen Sie mal. Es wird alles OK sein. Die können den ganzen Tag lang prüfen, und alles, was sie finden werden, sind eine Menge Zahlenkolonnen, die perfekt zusammenpassen. Lena Foscol in der Buchhaltung ist die akribischste Diebin, der ich je begegnet bin. Wir sind denen so weit voraus, dass sie uns nie einholen werden.« »Soudha, sie werden mit Leuten sprechen wollen, die, nicht existieren. Was dann?« »Die sind hält in Urlaub. Draußen bei der Arbeit im Testfeld. Wir können sie hinhalten.« »Für wie lange? Und was dann?« »Gehen Sie ins Bett. Vorsoisson, und hören Sie auf herumzuhampeln.« »Verdammt, ich habe seit drei Tagen zwei Kaiserliche Auditoren in meinem Haus.« Er hielt inne und holte tief Luft. Soudha schenkte ihm ein mitfühlendes Achselzucken. Tien fuhr leiser fort: »Da ist… noch etwas anderes. Ich brauche einen Vorschuss auf meine Bezüge. Ich brauche weitere zwanzigtausend Mark. Und ich brauche sie jetzt.« »Jetzt? Ach, sicher, unter den Augen des KBS, zweifel- los. Vorsoisson, Sie reden Unsinn.« »Verdammt. Ich muss das Geld haben. Oder sonst…« »Oder sonst was? Oder sonst gehen Sie zum KBS und zeigen sich selbst an? Hören Sie mal, Tien.« Soudha fuhr sich hastig mit den Händen durchs Haar. »Verhalten Sie sich ruhig. Halten Sie Ihren Mund. Seien Sie zuckersüß zu den netten Kerlen vom KBS, schicken Sie sie zu mir, und wir werden uns mit ihnen befassen. Machen wir bloß in aller Ruhe eins nach dem anderen, OK?« »Soudha, ich weiß, dass Sie die zwanzigtausend raus- rücken können. Es müssen allein schon von den fiktiven Angestellten mindestens fünfzigtausend Mark jeden Monat aus dem Budget Ihrer Abteilung in Ihre Taschen fließen, und Gott-weiß-wie-viel vom Rest – Ihre Lieblingsbuch- halterin weiß es sicher auch. Was ist, wenn man beschließt, sie unter Schnell-Penta zu befragen?«, Ekaterin wich zurück. Ihre bloßen Füße glitten still über den Boden nahe der Wand. Du lieber Gott! Was hat Tien jetzt getan? Es war nur allzu leicht, die leeren Stellen auszufüllen. Zumindest Veruntreuung und Bestechung, und das in großem Ausmaß. Wie lange geht das schon so? Die gedämpften Stimmen in der Küche tauschten noch ein paar kurze Worte aus, dann erlosch das blaue Licht des Holovids, und den Flur erleuchtete nur noch der bernsteinfarbene Schein der Lampen draußen im Park. Mit klopfendem Herzen schlich Ekaterin zurück durch den Flur in ihr Badezimmer und sperrte die Tür ab. Sie betätigte schnell die Klospülung und stand zitternd am Wasch- becken, während sie ihr dunkles Spiegelbild betrachtete. Das schwache Nachtlicht hinterließ ertrunkene Funken in ihren geweiteten Augen. Einen Moment später knarrte das Bett, als Tien wieder hineinkroch. Sie wartete lange, doch als sie aus dem Bad geschlichen kam, war er immer noch wach. »Hm?«, sagte er duselig, als sie wieder unter die Bett- decken kroch. »Ich fühle mich nicht so gut«, murmelte sie. Wahr- heitsgemäß. »Arme Kat. Hast du was Falsches gegessen?« »Bin mir nicht sicher.« Sie rollte sich zusammen, auf Distanz zu ihm. Das Übelkeitsgefühl in ihrem Magen musste sie nicht heucheln. »Nimm doch was dagegen, ja? Wenn du die ganze Nacht herumgeisterst, dann bekommt keiner von uns Schlaf.«, »Ich werde mal schauen.« Ich muss es jetzt wissen. Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Hast du heute etwas erreicht wegen unserer Reise in die Galaxis?« »Himmel, nein. War viel zu beschäftigt.« Nicht zu beschäftigt, um den Transfer ihres Geldes auf sein eigenes Konto zu bestätigen, wie sie bemerkt hatte. »Hättest du… gern, dass ich es übernehme, alles in die Wege zu leiten? Es gibt keinen Grund, warum du die ganze Bürde allein tragen solltest. Ich habe reichlich Zeit. Ich habe mich schon nach medizinischen Einrichtungen auf anderen Planeten erkundigt.« »Nicht jetzt, Kat! Damit können wir uns später befassen. Nächste Woche, wenn dein Onkel fort ist.« Sie ließ das Thema fallen und starrte in die Finsternis. Wofür auch immer er zwanzigtausend Mark braucht – auf jeden Fall nicht dafür, um sein Versprechen mir gegenüber zu erfüllen. Schließlich schlief er etwa zwei Stunden. Ekaterin sah die Zeit vorüberrinnen, schwarz und langsam wie Teer. Ich muss es wissen. Und wenn du es weißt, was dann? Wirst du dich damit später auch befassen? Sie lag da und wartete auf das Licht der Morgendämmerung. Das Licht ist zerbrochen, weißt du noch? Am Morgen fand sie Halt in der alltäglichen Routine der Sorge für Nikolais Bedürfnisse. Onkel Vorthys verließ das Haus sehr früh, um seinen Flug in den Orbit nicht zu versäumen., »Kommst du wieder herunter?«, fragte sie ihn ein wenig matt, als sie ihm im Flur in seine Jacke half. »Ich hoffe schon, aber ich kann es nicht versprechen. Diese Ermittlungen dauern schon länger, als ich erwartet hatte, und sie haben seltsame Wendungen genommen. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange es dauern wird, um sie zu beenden.« Er zögerte. »Wenn sich das noch über das Semesterende an der Distrikt-Universität hinauszieht, könnte vielleicht die Professora herkommen, um mir eine Weile Gesellschaft zu leisten. Wäre dir das lieb?« Ekaterin wagte nicht zu sprechen, sondern nickte nur. »Gut. gut.« Er schien noch mehr sagen zu wollen, doch dann zuckte er nur die Achseln, lächelte und umarmte sie zum Abschied. Es gelang ihr, fast jedem Kontakt mit Tien und Vorkosigan aus dem Weg zu gehen, indem sie Nikki im Bubblecar zur Schule begleitete, obwohl er eine solche Eskorte nicht schätzte, und dann für den Heimweg die lange Route nahm. Wie sie gehofft hatte, war die Wohnung leer, als sie nach Hause kam. Sie nahm noch mehr Schmerztabletten mit noch mehr Kaffee; dann betrat sie zögernd Tiens Büro und setzte sich vor seine KomKonsole. Ich wünschte, ich hätte Lord Vor- kosigans Angebot beim Wort genommen, dass er mir zeigt, wie man das macht. Die Empörung, die sie gestern im Bubblecar gegenüber dem Mutie-Lord an den Tag gelegt hatte, erschien ihr jetzt völlig unverhältnismäßig. Fehlge- leitet. Bis zu welchem Grad konnte ihre intime Kenntnis Tiens ihren Mangel an Ausbildung in dieser Art von, Schnüffelei ausgleichen? Nicht ausreichend, vermutete sie, aber sie musste es versuchen, Fang schon endlich an. Du verzögerst es absichtlich. Nein. Ich verzögere es verzweifelt. Sie aktivierte die Konsole. Tiens Finanzkonten waren auf diesem seinem persön- lichen Gerät nicht durch Code gesperrt. Die Einkünfte entsprachen seinem Gehalt; die Ausgaben … wenn alle routinemäßigen Ausgaben kontiert waren, dann sollte eigentlich eine bescheiden-respektable Sparsumme übrig bleiben. Tien gönnte sich keinen privaten Luxus. Aber das Konto war fast leer. Einige tausend Mark waren spurlos verschwunden, einschließlich der Übertragung, die sie gestern auf sein Konto angewiesen hatte. Nein, Moment mal – diese Übertragung war noch auf der Liste der auszuführenden Posten, hastig eingegeben und noch nicht gelöscht oder versteckt. Und es war eine Überweisung, nicht eine Abhebung, und zwar auf eine Datei, die nirgend- wo anders erschienen war. Sie folgte der Empfängerangabe der Überweisung auf ein verborgenes Konto. Die KomKonsole ließ über der Vid-Scheibe das Formular für eine Sicherung durch Handflächen-Identifikation erscheinen. Als sie und Tien vor weniger als einem Jahr ihre Konten auf Komarr einrichteten, hatten sie eine kluge Vorkehrung für den Fall getroffen, dass einer der beiden Elternteile vorübergehend geschäftsunfähig wäre; jeder hatte eine Notfallvollmacht auf die Konten des anderen. Hatte Tien dieses verborgene Konto völlig separat eingerichtet, oder, als Unterroutine seines größeren Finanzprogramms, wobei er dann das System für ihn die Arbeit hatte machen lassen? Vielleicht haben die verdeckten Operationen des KBS nicht alle Vorteile auf ihrer Seite, dachte sie grimmig und legte ihre rechte Hand in die Lichtbox. Wenn man ein Vertrauen verraten wollte, du meine Güte, da eröffneten sich einem dann die erstaunlichste Skala möglicher Maßnahmen. Und auch diese Datei öffnete sich. Ekaterin holte tief Luft und begann zu lesen. Der größte Teil der geschützten Daten erwies sich als eine riesige Datei mit Ausschnitten aus Untersuchungen und Recherchen, die ziemlich ihrer eigenen über Vorzohns Dystrophie ähnelte. Aber Tiens neue Obsession betraf anscheinend komarranische Handelsflotten. Komarrs Wirtschaft gründete sich natürlich auf seine Wurmlöcher und auf die Dienstleistungen für die Handels- schiffe anderer Planeten, die diese Wurmlöcher durch- querten. Doch sobald man diese ganzen Profite angehäuft hatte, wie sollte man sie reinvestieren? Es gab schließlich eine physikalisch begrenzte Anzahl von Wurmlöchern im komarranischen Lokalraum. Und so hatte sich Komarr daran gemacht, seine eigenen Handelsflotten zu ent- wickeln, die dann lange, komplizierte Reisen von Monaten oder sogar Jahren in den Wurmlochnexus antraten und manchmal mit märchenhaften Gewinnen zurückkehrten. Und manchmal auch nicht. Berichte über alle Flotten, welche die besten, sagenhaftesten Erträge eingebracht hatten, waren in Tiens Dateien hervorgehoben. Die Miss- erfolge, die zugegebenermaßen weniger waren, hatte man, beiseite geschoben. Tien war immer ein Optimist. Jeder Tag konnte ihm seine Glückschance bringen, jene Chance, die ihn direkt und ohne Zwischenstufen an die Spitze katapultieren würde. Als glaubte er wirklich, dass es so ginge. Einige der Flotten befanden sich im strikten Besitz der berühmten Familienunternehmen aus Komarrs Oligarchie, wie zum Beispiel der Toscanes; andere verkauften ihre Aktien auf dem öffentlichen Markt an alle Komarraner, die mitboten. Fast jeder Komarraner tat dies; Ekaterin hatte einmal einen barrayaranischen Bürokraten spötteln hören, im komarranischen Staat ersetze die Aktienspekulation das Bedürfnis für die meisten anderen Arten von Glücksspiel. Und wenn man auf Komarr lebt, sollte man sich dann nach den Landessitten richten? Mit Angst im Herzen ging Ekaterin zum finanziellen Teil der Datei über. Wo in Gottes Namen hat Tien hundertausend Mark her, um Flottenaktien zu kaufen? Sein Gehalt betrug kaum fünf- tausend Mark im Monat. Und warum hatte er dann die ganzen Hundertausend in ein und dieselbe Flotte inves- tiert? Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der ersten Frage zu, die man zumindest potenziell mit Bezug auf die erfassten Fakten beantworten konnte, ohne dass es dazu einer psychologischen Theorie bedurfte. Sie brauchte einige Zeit, um den Kreditzufluss nach seinen verschiedenen Quellen aufzuteilen. Eine teilweise Antwort bestand darin, dass er zu einem beunruhigend hohen Zinssatz kurzfristig sechzig- tausend Mark geliehen hatte; die Absicherung bestand aus seinem Pensionsfonds und Flottenaktien im Wert von, vierzigtausend Mark, die er – womit? – gekauft hatte. Mit Geld, das anscheinend aus dem Nichts aufgetaucht war. Von Soudha? Hatte Tien dies mit einem Geister- angestellten gemeint? Ekaterin las weiter. Die Flotte, auf die Tien sein geborgtes Spekulationsgeld gesetzt hatte, war mit viel Trara und Tamtam aufgebrochen; wochenlang waren nach ihrer Abreise die Aktien auf dem Sekundärmarkt zu steigenden Kursen gehandelt worden. Tien hatte sogar einen bunten Graphen gezeichnet, um seine elektronischen Gewinne zu verfolgen. Dann war der Flotte ein Desaster zugestoßen: Ein ganzes Schiff samt Fracht und Besatzung war bei einem Wurmlochunfall verloren gegangen. Da die Flotte jetzt nicht mehr in der Lage war, viele ihrer geplanten Handelstransaktionen zu vollenden, weil diese auf der verlorenen Fracht beruht hatten, war sie eine andere Route geflogen und früh heimgekehrt, mit eingezogenem Schwanz sozusagen. Manche Flotten brachten ihren Inves- toren eine Rendite von zwei zu eins, der Durchschnitt lag allerdings näher bei zehn Prozent. Die Goldene Fahrt der Marat Galen im vergangenen Jahrhundert war berühmt, da sie für jede Aktie ihrer Investoren einen märchenhaften Profit von hundert zu eins eingetragen und damit mindes- tens zwei neue oligarchische Clans hervorgebracht hatte. Tiens Flotte hatte jedoch einen Verlust von vier zu eins eingebracht. Mit seinen übrig gebliebenen fünfundzwanzigtausend Mark, Ekaterins viertausend, seinem persönlichen Spar- konto und seinem mageren Pensionsfonds war Tien nur in der Lage, zwei Drittel seines Kredits, der jetzt fällig war,, zurückzuzahlen. Nach den aggressiv formulierten Mahnun- gen war der Kredit offensichtlich schon dringend über- fällig. Als er Soudha angefleht hatte, er brauchte jetzt zwanzigtausend Mark, hatte Tien nicht übertrieben. Ekaterin konnte nicht anders als zu kalkulieren, wie viele Jahre es dauern würde, um zwanzigtausend Mark von ihrem Haushaltsgeld abzuknapsen. Was für ein Albtraum! Man konnte fast mit dem Mann Mitleid haben. Wenn man von dem kleinen Problem des Ursprungs dieser magischen ersten vierzigtausend Mark absah. Ekaterin lehnte sich zurück und massierte sich das erstarrte Gesicht. Sie hatte das schreckliche Gefühl, dass sie die verborgenen Teile dieser ganzen Kette von Schluss- folgerungen ahnte. Diese anscheinend komplexe und tief eingebürgerte Gaunerei im Terraforming-Projekt hatte Ekaterins Meinung nach ihren Ursprung nicht bei Tien gehabt. All seine früheren Unehrlichkeiten waren Kleinig- keiten gewesen: falsches Wechselgeld, das nicht zurück- gegeben wurde, Spesenabrechnungen, die da und dort ein wenig frisiert worden waren, die übliche leichte Erosion des Charakters, denen fast jeder Erwachsene in schwachen Momenten unterlag. Kein großer Diebstahl. Soudha war schon mehr als fünf Jahre in seiner Stellung. Bei dem Ganzen handelte es sich sicher um ein hausgemachtes komarranisches Verbrechen. Aber Tien war – erst vor kurzem zum Chef für den Serifosa-Sektor befördert – vielleicht zufällig darauf gestoßen, und Soudha hatte sich sein Schweigen erkauft. Hieß das, der frühere barrayara- nische Administrator, dessen Nachfolger Tien war, hatte, auch bei der Sache mitgemacht? Eine Frage für den KBS, ganz gewiss. Aber Tien steckte bis über beide Ohren in der Sache und musste dies erkannt haben. Daher die Spekulation mit den Handelsflottenaktien. Wenn die Flotte mit einem Profit von vier zu eins statt umgekehrt zurückgekommen wäre, dann hätte Tien sich in der Lage gesehen, sein Bestechungsgeld zurückzuzahlen, Schadenersatz zu leisten und sich aus der Sache herauszuwinden. Hatte er einen solchen panischen Gedanken im Hinterkopf gehabt? Und wenn er Glück gehabt hätte statt Pech, hätte dann der Impuls überlebt, um Realität zu werden? Und wenn Tien hunderttausend Mark aus seinem Hut gezogen und dir gesagt hätte, er habe sie mit den Aktien der Handelsflotte gewonnen, hättest du dann überhaupt eine Frage nach dem Ursprung der Aktien gestellt? Oder wärest du nicht überglücklich gewesen und hättest ihn für ein heimliches Genie gehalten? Sie saß vornüber gebeugt da, mit Schmerzen in jedem Körperteil, im Rücken, im Hals, innerhalb und außerhalb des Kopfes. In ihrem Herzen. Ihre Augen waren trocken. Die oberste Loyalität einer Vor-Frau sollte ihrem Ehemann gehören. Selbst bis zum Verrat, selbst bis zum Tod. Die sechste Gräfin Vorvayne war ihrem Mann bis in den Stock gefolgt, in den man ihn gehängt hatte, damit er für seinen Anteil am Salpeterkomplott sterbe, und sie hatte in einem Hungerstreik zu seinen Füßen gesessen und war an Unterkühlung gestorben, sogar einen Tag vor ihm. Eine große tragische Geschichte – eines der blutigsten Melodra-, men aus der Geschichte des Zeitalters der Isolation. Man hatte ein Holovid daraus gemacht; allerdings war in der Vid-Version das Paar im selben Augenblick gestorben, als hätten sie gemeinsam den Orgasmus erreicht. Hat also eine Vor-Frau keine eigene Ehre? Habe ich nicht trotzdem eine Integrität besessen, bevor Tien in mein Leben trat? Ja, und ich habe sie auf meinen Eheschwur gesetzt, das ist wohl etwa so, wie wenn man alle seine Aktien nur von einer Flotte kauft. Wenn Tien von einer großen, irregeleiteten politischen Leidenschaft befallen gewesen wäre – wenn er im Kampf mit dem Usurpator Vordarian auf die falsche Seite gesetzt hätte, oder was auch immer – und wenn er seinen Überzeu- gungen gefolgt wäre, dann hätte sie ihm vielleicht mit allem guten Willen folgen können. Aber das hier war keine Loyalität gegenüber einer größeren Wahrheit oder auch nur gegenüber einem großartig tragischen Irrtum. Es war bloß Dummheit, die noch zur Korruptheit hinzu- kam. Es handelte sich um keine Tragödie, sondern um eine Farce. Das war ganz und gar Tien. Doch falls es eine Ehre gab, die man zurückgewinnen konnte, indem man den eigenen kranken Ehemann den Behörden übergab, so sah sie die gewiss auch nicht. Wenn ich noch viel kleiner werde und meine Körper- größe unter seiner zu halten versuche, dann werde ich vermutlich bald ganz und gar verschwinden. Doch wenn sie keine Vor-Frau war, was war sie dann? Wenn sie sich von ihrem eingeschworenen Platz an Tiens, Seite entfernte, so hieß das, über einen Abgrund in die Finsternis zu schreiten, aller Identität entkleidet. Das hier war jetzt, wie nannte man es, ein »Fenster der günstigen Gelegenheit«. Wenn sie jetzt wegging, bevor die Krise ausbrach und bevor dieser ganze grässliche Schla- massel an die Öffentlichkeit kam, dann würde sie doch Tien nicht in der Stunde seiner größten Not verlassen, oder? Frage dein Kriegerherz, Frau! Ist Desertion in der Nacht vor der Schlacht auch nur einen Deut besser als Fahnenflucht in der Hitze des Kampfes? Doch wenn sie nicht ging, dann gab sie stillschweigend ihr Einverständnis zu dieser Farce. Nur Unwissenheit bedeutete Unschuld. Wissen war… alles andere als Macht. Niemand sonst würde sie retten. Niemand sonst zählte. Und selbst die Lippen zu öffnen und »Hilfe!« zu flüstern bedeutete, Tiens Vernichtung zu wählen. Sie saß sehr lange stumm und still da wie ein Stein., Als Treffpunkt mit Miles und Tien vereinbarte Hauptmann Tuomonen die Eingangshalle von Vorsoissons Wohnhaus anstatt der Büros des Terrafor- ming-Projekts, eine höflich-freundliche Geste, von der sich Miles auch nicht einen Moment täuschen ließ. Der kaiser- liche Auditor sollte eine KBS-Wache bekommen, ob er sie nun angefordert hatte oder nicht – so kam es ihm vor. Miles freute sich fast darauf, die Probe auf Tuomonens höfliche Findigkeit zu erleben, die dessen sicherheits- dienstliche Zielstrebigkeit zweifellos demonstrieren würde. Auf der Bubblecar-Plattform auf der anderen Seite des Parks ergriff Miles die Gelegenheit, Tien in einen anderen Wagen umzudirigieren und für sich und Tuomonen einen eigenen zu reklamieren, damit er die Neuigkeiten der Nacht leichter aus dem Hauptmann herausholen konnte. Ein paar morgendliche Pendler drängten sich in den Wagen des Administrators, der gleich darauf in die Röhren rutschte. Die nächsten beiden Komarraner hatten schon beim Anblick der grünen kaiserlichen Uniform gezögert, doch als sie nahe genug herangekommen waren, um das KBS-Abzeichen mit den Horusaugen am Kragen des Hauptmanns zu erkennen, unterließen sie jeden Versuch, sich Miles und Tuomonen anzuschließen. »Bekommen Sie immer ein Bubblecar für sich allein?«, erkundigte sich Miles, als das Verdeck sich schloss und der Wagen sich in Bewegung setzte., »Wenn ich in Uniform bin. Es funktioniert wie ein Zaubermittel.« Tuomonen lächelte leicht. »Aber wenn ich die Serifosaner belauschen will, dann sorge ich dafür, dass ich Zivilkleidung trage.« »Aha. Und wie ist der Stand der Dinge bezüglich Radovas’ Bibliothek?« »Ich habe in der Nacht noch einen der Männer unseres hiesigen Stützpunkts losgeschickt, damit er sie eigenhändig ins Hauptquartier in Solstice bringt. Solstice ist uns drei Zeitzonen voraus; der dortige Analyst müsste inzwischen damit begonnen haben.« »Gut.« Miles zog die Augenbrauen zusammen. Hiesiger Stützpunkt? »Hm… wie groß ist die KBS-Niederlassung in Serifosa eigentlich?« »Tja… da bin ich selbst, mein Dienst habender Sergeant und zwei Korporale. Wir pflegen die Datenbank, koordi- nieren den Informationsfluss zum Hauptquartier und unterstützen alle Ermittler, die uns das Hauptquartier bei besonderen Projekten schickt. Dann gibt es da meinen Leutnant, der die Wachen auf dem Anwesen des Subkonsulats des Sektors befehligt. Er hat eine Einheit von zehn Mann, um dort für Sicherheit zu sorgen.« Den Kaiserlichen Berater nannte man mit Rücksicht auf die hiesigen Sitten den barrayaranischen Vizekönig von Komarr. Da er inkognito in Serifosa eingetroffen war, hatte Miles sich davon entschuldigt gesehen, dem Repräsen- tanten des Beraters im Serifosa-Sektor einen Höflichkeits- besuch abzustatten, beziehungsweise er hatte beschlossen so zu tun, als sähe er sich davon entbunden. »Nur zehn, Mann? Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche?« »Leider ja.« Tuomonen lächelte schief. »In Serifosa geschieht nicht viel, Mylord. Während der komarranischen Revolte war es eine der am wenigsten aktiv beteiligten Kuppelstädte, und diese Tradition sozialer Apathie hat man seitdem beibehalten. Es war der erste Sektor, aus dem man die kaiserliche Besatzungsgarnison abzog. Einer meiner komarranischen Schwiegerverwandten schreibt den Mangel an städtebaulicher Erneuerung im Zentralbereich der Kuppel dem Versagen der vorhergehenden Generation zu, dafür zu sorgen, dass er von kaiserlichen Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurde.« Dieser alte und verfal- lene Bereich wurde jetzt in einiger Entfernung sichtbar, als der Wagen den Zenit eines Bogens erreichte und in eine Röhrenkreuzung rumpelte. Sie drehten sich um die eigene Achse und begannen in Richtung auf den modernen Rand von Serifosa hinabzusteigen. »Doch ob es hier nun apathisch zugeht oder nicht, wie bleiben Sie auf dem Laufenden?« »Ich habe ein Budget für bezahlte Informanten. Früher bezahlten wir sie auf der Basis von Einzelfallhonoraren, bis ich herausbekam, dass sie sich einfach Neuigkeiten aus- dachten, wenn sie keine echten Informationen zu verkaufen hatten. Also reduzierte ich ihre Zahl um die Hälfte und setzte stattdessen die besten auf ein regelmäßiges Teil- zeitgehalt. Wir treffen uns etwa einmal die Woche, ich halte für sie einen kleinen Sicherheitsworkshop und wir tauschen Klatsch aus. Ich versuche zu erreichen, dass sie sich mehr wie zivile Analysten an der Basis sehen, nicht wie bloße Informanten. Es sieht so aus, als hätte dies die, Zuverlässigkeit meines Informationsflusses beträchtlich gesteigert.« »Verstehe. Haben Sie jemanden in das Terraforming- Projekt eingeschleust?« »Leider nein. Das Terraforming wird nicht als sicher- heitskritisch betrachtet. Ich habe Leute am Shuttlehafen, im Schleusendistrikt, bei der Polizei der Kuppelstadt und ein paar in den lokalen Verwaltungsbüros. Wir decken auch das Kraftwerk ab, das Luftrecycling und die Wasser- aufbereitung, und das sowohl unabhängig wie auch in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden. Sie über- prüfen ihre Bewerber hinsichtlich krimineller Vergehen und psychologischer Instabilität, wir überprüfen sie hin- sichtlich potenziell gefährlicher politischer Kontakte. Das Terraforming hat immer einfach zu weit unten auf der Liste gestanden, als dass mein Budget es hätte abdecken können. Damit will ich sagen, die dortigen Standards bezüglich der Überprüfung von Bewerbern gehören mit zu den nied- rigsten im öffentlichen Dienst.« »Hm. Könnte diese Politik nicht dazu führen, dass sich hier die Unzufriedenen sammeln?« Tuomonen zuckte mit den Achseln. »Viele intelligente Komarraner lieben das Kaiserreich immer noch nicht. Sie müssen etwas tun, um sich den Lebensunterhalt zu ver- dienen. Um sich für das Terraforming-Projekt zu qualifi- zieren, reicht es vielleicht aus, dass sie Komarr lieben. Die haben dort einfach keine politische Motivation zur Sabo- tage.« Barto hat sich um die Zukunft Komarrs Sorgen gemacht,, hatte seine Witwe erzählt. War Radovas vielleicht unter den Unzufriedenen gewesen? Und wenn ja, was dann? Miles runzelte nachdenklich die Stirn, als der Wagen an der Station unter den Büros des Projekts anhielt. Wie vereinbart wartete Tien Vorsoisson auf der Platt- form auf sie. Wie zuvor geleitete er sie durch das Atrium des Gebäudes hinauf zu den Stockwerken seines Bereichs. Obwohl in verschiedenen Abteilungen schon ein paar Türen offen standen und den Blick auf frühmorgendliche Aktivitäten gestatteten, waren sie in Vorsoissons Büro die Ersten. »Haben Sie eine Präferenz, wie es eingeteilt werden soll?«, fragte Miles Tuomonen und blickte nachdenklich um sich, während Vorsoisson für Beleuchtung sorgte. »Mir ist es gelungen, heute Morgen ein kurzes Gespräch mit Andro Farr einzuschieben«, sagte Tuomonen. »Er gab mir einige Namen von Marie Trogirs besonderen Bekann- ten in der Arbeit. Ich glaube, ich würde gerne mit ihnen anfangen.« »Gut. Wenn Sie mit Trogir beginnen wollen, dann fange ich mit Radovas an, und wir können uns in der Mitte treffen. Ich möchte damit beginnen, dass ich seinen Chef Soudha befrage, Administrator Vorsoisson.« »Gewiss, Mylord Auditor. Wollen Sie mein Büro dazu benutzen?« »Nein, ich glaube, ich möchte ihn auf seinem eigenen Territorium besuchen.« »Dann bringe ich Sie nach unten. Ich werde gleich zu Ihrer Verfügung stehen, Hauptmann Tuomonen.«, Tuomonen setzte sich an Vorsoissons KomKonsole und betrachtete sie nachdenklich. »Lassen Sie sich nur Zeit, Administrator.« Mit einem besorgten Blick zurück über die Schulter führte Vorsoisson Miles eine Zimmerflucht hinunter zur Abteilung Abwärme. Soudha war noch nicht eingetroffen; Miles schickte Tien zurück zu Tuomonen, dann ging er langsam im Büro des Ingenieurs herum und inspizierte dessen Ausstattung. Es handelte sich um einen ziemlich kahlen Ort. Vielleicht hatte der Abteilungsleiter einen anderen, mehr Material enthaltenden Arbeitsbereich draußen auf der Versuchsstation. Das Bücherregal an der Wand war nur mäßig gefüllt, zumeist mit Disketten über Management und technischen Nachschlagewerken. Es gab Werke über Raumstationen und deren Bau, die sicherlich nahe Verwandte der Kuppelstädte waren, aber anders als in Radovas’ Bibliothek gab es keine weiteren spezielleren Texte über Wurmlöcher oder fünfdimensionale Mathema- tik, die Überbleibsel von Soudhas Universitätstagen hätten darstellen können. Schwere Schritte kündigten den Besitzer des Zimmers an; der neugierige Ausdruck, der auf Soudhas Gesicht erschien, als er sein Büro offen und hell fand, wandelte sich zu Begreifen, als er Miles sah. »Ah, guten Morgen, Lord Auditor Vorkosigan.« »Guten Morgen, Dr. Soudha.« Miles steckte die Hand voll Disketten in ihre ursprünglichen Fächer zurück. Soudha wirkte etwas müde; vielleicht war er kein, Frühaufsteher. Er begrüßte Miles mit einem müden Lächeln. »Welchem Umstand verdanke ich die Ehre dieses Besuchs?« Er unterdrückte ein Gähnen, zog einen Stuhl an seinen Tisch und lud Miles mit einer Geste ein, sich zu setzen. »Kann ich Ihnen etwas Kaffee holen?« »Nein, danke.« Miles setzte sich und wartete, bis Soudha sich hinter seiner KomKonsole niedergelassen hatte. »Ich habe unangenehme Neuigkeiten.« Soudha machte eine gefasste, aufmerksame Miene. »Barto Radovas ist tot.« Er beobachtete, wie Soudha reagieren würde. Soudha blinzelte und öffnete bestürzt den Mund. »Was für ein Schock. Ich dachte, er sei für sein Alter bei guter Gesundheit. War es das Herz? Ach du meine Güte, die arme Trogir.« »Kein Mensch bleibt gesund, wenn er dem Vakuum ohne Druckanzug ausgesetzt wird, ganz gleich, wie alt er ist.« Miles beschloss, einstweilen keine Einzelheiten über das massive Trauma der Leiche zu erwähnen. »Seine Leiche wurde im Weltraum gefunden.« Soudha blickte auf und zog die Augenbrauen hoch. »Nimmt man also an, es bestehe da eine Verbindung zu dem Unfall mit dem Sonnenspiegel?« Warum sonst würde sich Miles dafür interessieren? »Vielleicht.« »Hat man – was ist mit Marie Trogir?« Soudha presste nachdenklich die Lippen zusammen. »Sie sagten nicht, dass sie…?« »Sie wurde nicht gefunden. Oder noch nicht. Die Teams von der Spurensicherung setzen die Suche im Orbit fort,, und der KBS schaut jetzt in alle anderen Richtungen. Die nächste Aufgabe ist natürlich, den Spuren des Paares von dem Ort und Zeitpunkt an nachzugehen, als man sie zuletzt zusammen sah, was vor einigen Wochen und offensichtlich hier war. Wir werden natürlich um die Kooperation Ihrer Abteilung ersuchen.« »Gewiss doch. Das ist… das ist wirklich eine schreck- liche Wendung der Dinge. Ich meine, ungeachtet, was man über die Art und Weise denken mag, die sie gewählt haben, um ihre persönlichen Entscheidungen in die Tat umzu- setzen…« »Und was ist Ihre Meinung, Dr. Soudha? Ich würde wirklich gern einen Eindruck von dem Mann und von Trogir bekommen. Haben Sie da irgendwelche Ideen?« Soudha schüttelte den Kopf. »Ich gestehe, diese Wen- dung in ihrer Beziehung hat mich überrascht. Aber ich mische mich nicht in das Privatleben meiner Angestellten ein.« »Das sagten Sie schon. Aber Sie haben mit dem Mann fünf Jahre lang eng zusammengearbeitet. Was waren seine Interessen außerhalb der Arbeit, seine politische Einstel- lung, seine Hobbys, seine Obsessionen?« »Ich…« Soudha zuckte frustriert die Achseln. »Ich kann Ihnen seine kompletten Arbeitsaufzeichnungen geben. Radovas war ein ruhiger Bursche, er machte nie Schwie- rigkeiten, leistete erstklassige fachliche Arbeit…« »Ja, aber warum haben Sie ihn eingestellt? Abwärme- verwertung scheint nicht sein früheres Fach gewesen zu sein.«, »Oh, er hatte viele Fachkenntnisse über Raumstationen – wie Sie vielleicht wissen, ist die Ableitung überschüssiger Wärme eine standardmäßige Herausforderung für Inge- nieure auf Stationen. Ich dachte, seine fachliche Erfahrung könnte einige neue Perspektiven in unsere Probleme bringen, und ich hatte Recht. Ich war mit seiner Arbeit sehr zufrieden – Teil 2 der Berichte, den ich Ihnen gestern gab, stammt zum größten Teil von ihm, falls Sie sie einmal studieren wollen, um einen echten Eindruck von dem Mann zu bekommen. Energieerzeugung und -verteilung. Hydraulik, in Teil 3. stammt zum größten Teil von mir. Die Grundlage von Wärmeaustausch durch Flüssigkeitstransfer ist sehr viel versprechend…« »Ich habe Ihre Berichte durchgeschaut, danke.« Soudha blickte überrascht drein. »Alles? Ich hatte in Wirklichkeit gedacht, Dr. Vorthys würde die Berichte haben wollen. Ich fürchte, sie sind etwas schwierig bezüg- lich der technischen Einzelheiten.« Ja sicher, ich habe die ganzen zweihunderttausend Wörter schnellgelesen, bevor ich gestern Abend ins Bett ging. Miles lächelte höflich. »Ich akzeptiere Ihre Ein- schätzung von Dr. Radovas’ fachlicher Kompetenz. Aber wenn er so gut war, warum ist er dann weggegangen? War er gelangweilt, glücklich, frustriert? Warum führte diese Veränderung in seinen persönlichen Umständen zu einem Wechsel seiner Arbeitsstelle? Ich sehe die notwendige Verbindung nicht.« »Danach werden Sie Marie Trogir fragen müssen, fürchte ich. Ich habe den starken Verdacht, dass sie die treibende Kraft bei dieser eigenartigen Entscheidung war,, obwohl sie beide zusammen gekündigt haben und weg- gegangen sind. Sie hatte weit weniger zu verlieren an Bezahlung, Dienstalter und Status, wenn sie das hier aufgab.« »Erzählen Sie mir mehr von ihr.« »Nun ja, das kann ich wirklich nicht. Barto hat sie selbst eingestellt und mit ihr tagtäglich zusammengearbeitet. Ich habe sie kaum bemerkt. Ihre fachlichen Fähigkeiten scheinen angemessen gewesen zu sein – wenn ich aller- dings darüber nachdenke, so kamen diese Einschätzungen alle von Barto. Ich weiß es nicht.« Soudha rieb sich die Stirn. »Das ist alles ziemlich beunruhigend. Bart, tot. Warum?« Der Kummer in seiner Stimme kam Miles’ erfahrenem Ohr echt vor, aber Soudhas Schock schien mehr Überraschung zu sein als die tiefe Trauer über den Verlust eines engen Freundes; Miles würde vielleicht woanders nach den Einblicken in Radovas’ Persönlichkeit suchen müssen, auf die er aus war. »Ich würde gerne Dr. Radovas’ Büro und Arbeitsbereiche untersuchen.« »Oh, sein Büro wurde leider geräumt und jemand anderem zugeteilt.« »Haben Sie schon einen Nachfolger eingestellt?« »Noch nicht. Ich sammle noch Bewerbungen. Ich hoffe bald mit den Vorstellungsgesprächen anfangen zu können.« »Radovas muss doch mit jemandem befreundet gewesen sein. Ich möchte mit seinen Kollegen sprechen.« »Natürlich, Mylord Auditor. Wann soll ich Termine vereinbaren?«, »Ich dachte, ich würde einfach mal kurz hereinschauen.« Soudha schürzte die Lippen. »Einige meiner Leute sind in Urlaub, und einige weitere sind draußen auf der Versuchs- station und führen heute Vormittag einen kleinen Test durch. Ich nehme an, dass sie nicht vor Einbruch der Dunkelheit fertig sind. Aber ich kann Sie ja schon mal mit den Leuten anfangen lassen, die hier sind.« »In Ordnung…« Mit der Haltung eines Mannes, der dem Vulkangott ein Opfer zuwarf, rief Soudha zwei Untergebene herein. Miles befragte sie einen nach dem anderen in demselben Konfe- renzraum, den man vor zwei Tagen für die Unterrichtung der VIPs benutzt hatte. Arozzi war ein junger Mann, kaum älter als Miles, ein Ingenieur, der sich momentan abstram- pelte, Radovas’ im Stich gelassene Pflichten zu über- nehmen, und vielleicht hoffte, wie er andeutete, auf den Platz des Verstorbenen befördert zu werden. Würde Mylord Auditor gerne etwas von seiner Arbeit sehen wollen? Nein, er war mit seinem Vorgesetzten nicht eng befreundet gewesen. Nein, die Büroromanze hatte für ihn eine Überraschung bedeutet, aber Radovas war schließlich ein sehr verschwiegener Bursche gewesen, sehr diskret. Trogir war eine intelligente Frau, intelligent und schön; Arozzi konnte ohne Schwierigkeiten würdigen, was Radovas in ihr gesehen hatte. Was hatte sie in Radovas gesehen? Er hatte keine Ahnung, aber schließlich war er ja keine Frau. Radovas war tot? Du lieber Gott… Nein, er hatte keine Ahnung, was der Mann oben im Orbit gemacht hatte. Vielleicht hatte das Paar versucht auszuwandern?, Cappell, der Mathematiker der Abteilung, war kaum nützlicher. Er war ein bisschen älter als Arozzi und ein wenig zynischer. Als er die Nachricht von Radovas’ Tod erfuhr, veränderte sich sein Gesichtsausdruck weniger als bei Arozzi oder Soudha. Er hatte weder Radovas noch Trogir nahe gestanden, hatte keine gesellschaftlichen Kontakte zu ihnen unterhalten, obwohl er oft mit dem Ingenieur zusammengearbeitet hatte, ja, er hatte Berech- nungen überprüft und Projektionen entwickelt. Er würde gern Mylord Auditor ein paar tausend weitere Seiten seiner Arbeit zeigen. Nein? Wie war Trogir? Vermutlich sah sie gut genug aus, aber sie war ziemlich durchtrieben. Man sah ja, was sie dem armen Radovas angetan hatte, oder? Ob er glaube, Trogir könnte ebenfalls tot sein? Nein, Frauen seien wie Katzen, sie landeten immer auf den Füßen. Nein, er hatte diese alte Redensart nie wirklich mit lebenden Katzen getestet; er besaß selbst keine Haustiere. Auch keine Frau. Nein, er wolle kein Kätzchen haben, danke für das Angebot, Mylord Auditor… Zur Mittagszeit traf sich Miles wieder mit Tuomonen zu mittelmäßigem Cafeteria-Essen im Kasino neben dem Atrium des Gebäudes; die Angestellten waren gezwungen, woandershin zu gehen. Die beiden Männer berichteten einander über die Gespräche des Vormittags. Auch Tuomonen hatte keinen Durchbruch gefunden. »Niemand hat zum Ausdruck gebracht, dass er Trogir nicht mag, aber sie scheint verdammt schwer fassbar zu sein«, bemerkte Tuomonen. »Die Abwärme-Abteilung genießt anscheinend den Ruf, dass sie sich etwas abseits hält. Die einzige Frau von der Abwärme, die angeblich ihre, Freundin war, hatte nicht viel zu sagen. Ich überlege, ob ich nicht eine Beamtin zur Vernehmung anfordern soll.« »Hm, vielleicht. Allerdings dachte ich, die Komarraner seien an mehr Gleichberechtigung der Geschlechter gewöhnt. Vielleicht sollte eine komarranische Beamtin das übernehmen?« Miles seufzte. »Wissen Sie, dass nach den neuesten Statistiken die Hälfte der barrayaranischen Frauen, die auf Komarr eine höhere Ausbildung erfahren, nicht mehr nach Hause kommen? Es gibt eine kleine Gruppe schwarzseherischer Junggesellen, die den Kaiser dazu veranlassen wollen, dass er diesen Frauen Ausreise- visa verweigert. Gregor hat es abgelehnt, ihre Petition überhaupt anzuhören.« Tuomonen lächelte leicht. »Nun, für dieses Problem gibt es mehr als eine Lösung.« »Ja, wie haben denn Ihre komarranischen Schwieger- verwandten die Ankündigung von der Verlobung des Kaisers mit der Erbin des Hauses Toscane aufgenommen?« »Einige meinen, es sei romantisch. Einige meinen, es sei auf Kaiser Gregors Seite eine clevere Geschäftspraxis. Wenn das von Komarranern gesagt wird, dann handelt es sich dabei übrigens um ein echtes Kompliment.« »Praktisch besitzt Gregor den Planeten Sergyar. Darauf könnten Sie alle hinweisen, die vielleicht darüber speku- lieren, dass er Laisa wegen ihres Geldes heiratet.« Tuomonen grinste. »Ja, aber handelt es sich bei Sergyar um ein liquides Vermögen?« »Nur in dem Sinne, dass dort kaiserliche Finanzmittel durchs Abflussrohr gurgeln, wie mein Vater sich aus-, drückt. Und was halten die Barrayaraner, die hier leben, von der Heirat?« »Im Allgemeinen sind sie dafür.« Tuomonen lächelte trocken in seine Kaffeetasse hinein. »Vor fünf Jahren dachten meine Kollegen, ich würde mir mit meiner eigenen Heirat meine Karriere ruinieren. Ich würde nie aus Serifosa wegbefördert werden, sagten sie. Jetzt vermuten sie. ich sei ein heimliches Genie, und sie haben begonnen, mich mit achtsamem Respekt zu behandeln. Ich glaube … es ist am besten, wenn ich mich darüber amüsiere.« »Ha, Sie sind ein kluger Mann, Hauptmann Tuomonen.« Miles aß den letzten Bissen einer stärkehaltigen und eiskalten Schnitte einer Pasta-mit-Irgendwas und schickte den letzten Schluck seines erkaltenden Kaffees hinterher. »Also, was hielten Trogirs Freunde von Radovas?« »Nun, ihm ist es bestimmt gelungen, einen beständigen Eindruck von sich zu erzeugen. Ein netter, gewissenhafter Kerl, der keine Wellen schlug. sich an die Abteilung Ab- wärme hielt und dessen Durchbrennen für die meisten eine Überraschung darstellte. Eine Frau dachte, es sei dieser Mathematiker Cappell, der in Trogir verliebt war, nicht Radovas.« »Mir kam er eher sauer vor als verliebt. Vielleicht enttäuscht?« In Miles’ Hinterkopf entstand ein hübsches, einfaches Szenario von Mord aus Eifersucht, wobei man Radovas aus einer Luftschleuse gestoßen hatte, und das auf einer Flugbahn, die nur aus Zufall mit der des Schrotts des Sonnenspiegels übereinstimmte. Das kannst du dir ja wünschen. Und überhaupt erschiene es ja logischer, dass ein mörderischer Irrer, der sich seinen Weg an die Seite, von Trogir bahnen wollte, erst einmal hätte mit Andro Farr anfangen sollen, und was zum Teufel hatte diese tragische Romanze überhaupt mit einem Erzfrachter zu tun, der vom Kurs abkam und in den Sonnenspiegel krachte? Es sei denn, der eifersüchtige Verrückte war Andro Farr… die Polizei von Serifosa sollte sich einmal diese Möglichkeit näher anschauen. Tuomonen knurrte. »Ich will damit sagen, in den paar Minuten, die ich mit Farr zubrachte, habe ich einen deut- licheren Eindruck von Trogirs Persönlichkeit bekommen als von allen Übrigen am ganzen Vormittag. Ich werde mich noch einmal mit ihm unterhalten müssen, glaube ich.« »Ich möchte in den Orbit hinauf, verdammt noch mal. Aber wie immer die Geschichte dort oben geendet hat, sie hat gewiss hier unten begonnen. Tja… machen wir weiter.« Soudha versorgte Miles mit weiteren Menschenopfern in Gestalt von Angestellten, die von der Versuchsstation zurückgerufen worden waren. Sie schienen alle mehr an ihrer Arbeit als an Büroklatsch interessiert zu sein, aber vielleicht, so überlegte Miles, war das ein Beobachter- effekt. Am späten Nachmittag blieb Miles nichts mehr übrig, als sich damit zu vergnügen, dass er in den Projekt- büros herumwanderte und die Angestellten terrorisierte, indem er aufs Geratewohl ihre KomKonsolen übernahm und Stichproben bei den Daten nahm, wobei er gelegent- lich ein vieldeutiges kleines »Hm …« von sich gab, während sie ihn furchtsam und fasziniert beobachteten. Bei dieser Aktivität fehlte auch noch die Herausforderung, die es bereitet hatte, Madame Vorsoissons KomKonsole zu, knacken, da die im Regierungsbesitz befindlichen Geräte auf den Mastercode seines Auditorensiegels hin sofort alles freigaben, ungeachtet der jeweiligen Geheimhaltungsstufe. Er erfuhr hauptsächlich, dass es sich bei dem Terraforming um ein enormes Projekt mit einer jahrhundertealten wissenschaftlichen und bürokratischen Geschichte handelte, und dass jede Person, die versuchen würde, durch bloßes Verdauen der Datenmassen Hinweise herauszu- finden, verdammt verrückt sein müsste. Nun, andrerseits könnte man diese Aufgabe auch dele- gieren … Wen hasse ich im KBS so sehr, dass ich ihm das antun würde? Er überdachte immer noch diese Frage, als er im Vorzimmer des Administrators die Dateien auf Veniers KomKonsole durchschaute. Nach dem vierten »Hm« war der nervöse Venier geflohen: anscheinend hielt er die Spannung nicht mehr aus. Tien Vorsoisson, der intelligen- terweise Miles den ganzen Tag hindurch so ziemlich sich selbst überlassen hatte, steckte den Kopf um die Ecke und lächelte zögernd. »Mylord Auditor? Um diese Zeit gehe ich normaler- weise nach Hause. Brauchen Sie noch etwas von mir?« In den letzten paar Minuten waren schon Angestellte, die heimgingen, an der offenen Tür vorbeigetröpfelt; am gan- zen Korridor entlang waren Bürolichter gelöscht worden. Miles lehnte sich zurück und streckte sich. »Ich glaube, nein, Administrator. Ich möchte noch ein paar weitere Dateien durchschauen und mit Hauptmann Tuomonen sprechen. Gehen Sie ruhig nach Hause. Warten Sie nicht mit dem Abendessen.« Unwillkürlich erschien vor seinem, geistigen Auge ein Bild von Madame Vorsoisson, wie sie, sich anmutig bewegend, ein köstlich duftendes Essen für die Heimkehr ihres Gatten vorbereitete. Miles unterdrückte die Vision. »Ich werde später vorbeikommen und meine Sachen holen.« Oder noch besser… »Oder ich schicke vielleicht einen von Tuomonens Korporalen danach. Bitte übermitteln Sie Ihrer Frau Gemahlin meinen herzlichen Dank für die Gastfreundschaft ihres Haushalts.« Das war’s. Damit war das abgeschlossen. Er würde sich nicht einmal von ihr verabschieden müssen. »Gewiss, Mylord Auditor. Nehmen Sie an, dass Sie… äh… morgen wieder hier sein werden?« »Das hängt davon ab, was im Laufe des Abends noch auftaucht. Guten Abend, Administrator.« »Dann noch einen guten Abend, Mylord.« Tien zog sich still zurück. Ein paar Minuten später kam Tuomonen herein, die Hände voll mit Datendisketten. »Haben Sie etwas gefun- den, Mylord?« »Ich war einen Moment ganz aufgeregt, als ich auf eine persönliche Datensperre stieß, aber es stellte sich heraus, dass es sich dabei nur um Veniers Datei mit Barrayaraner- Witzen handelte. Einige davon sind ziemlich gut. Wollen Sie eine Kopie haben?« »Sind das die, die so anfangen: ›KBS-Offizier: Was meinen Sie damit, er ist abgehauen? Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollten alle Ausgänge bewachen? – KBS- Wächter: Das habe ich ja getan. Aber er ist durch einen der Eingänge davonspaziert.‹«, »Ja. Und der nächste lautet: »Ein Cetagandaner, ein Komarraner und ein Barrayaraner kamen in die Klinik eines Facharztes für Genetik …‹« Tuomonen verzog das Gesicht. »Diese Sammlung kenne ich schon. Meine Schwiegermutter hat sie mir geschickt.« »Damit hat sie ja ihre unzufriedenen komarranischen Landsleute verraten, oder?« »Ich glaube nicht, dass das ihre Absicht war, nein. Ich denke, es war mehr eine persönliche Botschaft.« Tuomonen blickte sich in dem leeren Büro um und seufzte. »Nun, Mylord Auditor. Wann holen wir das Schnell-Penta heraus?« »Ich habe hier wirklich nichts gefunden.« Miles runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich habe hier zu viel von nichts gefunden. Vielleicht muss ich das erst überschlafen und meinen Hinterkopf damit spielen lassen. Die Analyse der Bibliothek mag vielleicht einen Hinweis ergeben. Und ich möchte auf jeden Fall morgen Vormittag einmal die Versuchsstation der Abteilung Abwärme besuchen, bevor ich wieder in den Orbit hochfliege. Ach, Hauptmann, es ist eine solche Versuchung. Die Wachen herbeirufen, mit einer ganzen Schwadron anrücken, alles einfrieren, eine Finanzprüfung durchziehen, jeden, der sich blicken lässt, unter Schnell-Penta setzen … hier das Unterste zuoberst kehren und alles durchschütteln. Aber ich brauche einen Grund dafür.« »Ich würde einen Grund brauchen«, sagte Tuomonen. »Mit kompletter Dokumentation und dem Einsatz meiner ganzen Karriere, wenn ich so viel vom Budget des KBS, ausgebe und dann danebengetroffen habe. Aber Sie andrer- seits sprechen mit der Stimme des Kaisers. Sie könnten es einen Drill nennen.« Man konnte den Neid in seiner Stimme nicht verkennen. »Ich könnte es auch eine Quadrille nennen.« Miles lächelte schief. »Vielleicht kommt es noch so weit.« »Ich könnte das Hauptquartier anrufen und ein Roll- kommando in Bereitschaft setzen lassen«, murmelte Tuomonen viel sagend. »Morgen früh werde ich es Sie wissen lassen«, ver- sprach Miles. »Ich muss noch in meinem Büro vorbeischauen und mich um einige Routineangelegenheiten kümmern«, sagte Tuomonen. »Würden Sie mich begleiten, Mylord Auditor?« Damit Sie mich bequem bewachen können? »Ich möchte noch ein wenig hier herumkramen. Es gibt etwas… etwas, was mich beunruhigt, und ich habe noch nicht heraus- gebracht, was es eigentlich ist. Allerdings hätte ich noch gern die Gelegenheit, mit dem Professor über einen gesicherten Kanal zu sprechen, bevor der Abend vorbei ist.« »Vielleicht könnten Sie mich anrufen, wenn Sie bereit sind zu gehen, und ich kann Ihnen einen meiner Leute zur Begleitung schicken.« Miles überlegte, ob er dieses aufrichtige Angebot ablehnen sollte, aber andererseits konnten sie dann auf dem Rückweg bei den Vorsoissons vorbeigehen und seine Kleider mitnehmen; Tuomonen würde seine Sicherheit, haben, und Miles einen Lakaien, der sein Gepäck trug, und somit würden beide etwas gewinnen. Und der Wächter im Schlepptau wäre eine gute Entschuldigung, weshalb er bei den Vorsoissons nicht länger verweilen könne. »In Ord- nung.« Tuomonen nickte, teilweise befriedigt, und entfernte sich. Miles wandte seine Aufmerksamkeit der nächsten Systemebene von Veniers KomKonsole zu. Wer weiß, vielleicht gab es noch eine weitere Sammlung von Witzen., Ekaterin legte das letzte von Lord Vorkosigans Kleidungsstücken in seine Reisetasche, und das sorgfältiger, als ihr Besitzer es getan hätte, nach dem Durcheinander der darunter liegenden Schichten zu schlie- ßen. Sie verschloss sein Reisenecessaire und steckte es hinein, dann den seltsamen, mit Gel ausgepolsterten Kasten, der dieses seltsame, medizinisch aussehende Gerät enthielt. Sie hoffte, es handelte sich dabei nicht um eine Art Geheimwaffe des KBS. Vorkosigans Kriegsgeschichte von seiner Sergeantin Beatrice brannte in Ekaterins Gedächtnis, wie auch die Male an ihren Handgelenken zu brennen schienen. O glücklicher Mann, dass sein Fehlgriff im Bruchteil einer Sekunde vorüber gewesen war. Was, wenn er Jahre gehabt hätte, um erst darüber nachzudenken? Stunden, um die Massen und Kräfte und die wirkliche Fallkurve zu berechnen? Wäre es Feigheit oder Mut gewesen, einen Kameraden loszulassen, den er unmöglich hätte retten können, um wenigstens sich selbst zu retten? Er hatte ein Kommando innegehabt, und er war auch noch für andere verantwortlich gewesen. Wie viel hätte es Sie gekostet, Hauptmann Vorkosigan, wenn Sie Ihre Hände geöffnet und absichtlich losgelassen hätten? Sie schloss die Tasche und blickte auf ihr Chrono. Nikolai bei der Familie eines Freundes »zum Übernachten« unterzubringen – das als Erstes, vor allem anderen – hatte, länger gedauert, als sie geplant hatte, ebenso die Sache mit der Verleihfirma, die ihr Grav-Bett wieder abgeholt hatte. Lord Vorkosigan hatte davon geredet, er würde am Abend in ein Hotel umziehen, aber er hatte nichts in diese Richtung getan. Wenn er mit Tien zurückkehrte, kein Abendessen vorfand und sah, dass sein Bett weg war und seine Taschen gepackt im Flur warteten, dann würde er sicher den Wink verstehen und sich sofort aus dem Staub machen. Ihr Abschied würde förmlich und auf Dauer sein, und vor allem kurz. Sie war fast mit ihrer Zeit am Ende, und hatte noch nicht einmal mit ihren eigenen Sachen begonnen. Sie schleifte Vorkosigans Tasche in den Flur und kehrte in ihr Arbeitszimmer zurück. Dort schaute sie sich um. blickte auf all die Sämlinge und Stecklinge, auf die Lampen und Geräte. Es war unmöglich, alles in eine einzige Tasche zu packen, die sie tragen konnte. Wieder würde sie einen Garten zurücklassen müssen. Wenigstens wurden diese Gärten immer kleiner und kleiner. Sie hatte einmal ihre Ehe pflegen wollen wie einen Garten; wie einen der sagenhaften großen Vor-Parks, zu denen die Leute aus fernen Distrikten kamen, um die Farben und die Schönheit im Laufe der Jahreszeiten zu bewundern, Parks, die Jahrzehnte brauchten, um volle Verwirklichung zu erreichen, und die mit jedem Jahr reicher und vielfältiger wurden. Als alles andere Verlangen gestorben war, waren doch Fetzen jenes Ehrgeizes noch zurückgeblieben und lockten sie mit: Wenn ich es nur noch einmal versuche… Sie verzog den Mund in trostlosem Spott. Es war an der Zeit zuzugeben, dass sie einen, schwarzen Daumen für die Ehe hatte. Pflüge sie unter, überdecke sie mit Beton und mach Schluss. Sie begann mit einer minimalen Geste, indem sie ihre Bibliothek von der Wand nahm und sie ihn eine Kiste steckte. Sie empfand den starken Drang, einige ihrer Sachen schnell in eine Einkaufstausche zu stopfen und zu fliehen, bevor Tien zurückkam. Aber früher oder später würde sie sich ihm stellen müssen. Wegen Nikki würde es Verhandlungen geben müssen, formelle Pläne, schließlich gesetzliche Petitionen, und deren Ungewissheit verursachte ihr ein flaues Gefühl. Aber sie war Jahre hindurch auf diesen Moment zugetrieben. Wenn sie das jetzt nicht tun konnte, wo ihr Zorn noch stark war, wie konnte sie dann die Kraft finden, den restlichen Dingen entsprechend gegenüberzutreten? Sie ging durch die Wohnung und starrte auf die gegenständlichen Dinge ihres Lebens. Es waren reichlich wenige; die größeren Möbel gehörten zur Wohnung und würden hier bleiben. Ihre krampfhaften Bemühungen der Ausgestaltung, um den Anschein eines barrayaranischen Heims zu schaffen, all diese Stunden der Arbeit – es war, wie wenn man entscheiden müsste, was man bei einem Brand packt und mitnimmt, nur ging es hier langsamer. Nichts. Lass doch alles verbrennen. Die einzige problematische Ausnahme war die Bonsai- Skellytum ihrer Großtante. Es war ihr einziges Erinne- rungsstück an ihr Leben vor Tien, und es stellte so etwas wie eine heilige Verpflichtung gegenüber den Toten dar. Dass man etwas so Törichtes und Hässliches siebzig Jahre und mehr am Leben erhielt… tja, das war eine typische, Aufgabe für eine Vor-Frau. Sie lächelte bitter, holte den Bonsai vom Balkon in die Küche und schaute sich nach einer Transportmethode um. Als sie hörte, wie die Wohnungstür aufging, hielt sie den Atem an und bemühte sich, in ihrem Gesicht so wenig Ausdruck wie möglich zu zeigen. »Kat?« Tien kam in die Küche und schaute um sich. »Wo ist das Abendessen?« Meine erste Frage wäre gewesen: Wo ist Nikolai? Wie lange wird es wohl dauern, bis dieser Gedanke ihm kommt? »Wo ist Lord Vorkosigan?« »Er ist noch im Büro geblieben. Er wird später vorbeikommen und seine Sachen holen, sagte er.« »Oh.« Es wurde ihr klar, dass ein winziger Teil von ihr gehofft hatte, sie würde das bevorstehende Gespräch mit Tien führen, während Vorkosigan noch in ihrem Arbeits- zimmer aufräumte oder dergleichen; dabei würde seine Anwesenheit einen gewissen Sicherheitsdruck sozialer Zurückhaltung auf Tien ausüben. Aber vielleicht war es besser so. »Setz dich, Tien. Ich muss mit dir reden.« Er hob unschlüssig die Augenbrauen, doch dann setzte er sich an den Kopf des Tisches, zu ihrer Linken. Sie hätte es vorgezogen, er hätte ihr gegenüber gesessen. »Heute Abend verlasse ich dich.« »Was?« Seine Überraschung wirkte echt. »Warum?« Sie zögerte. Es widerstrebte ihr, in eine Debatte ver- wickelt zu werden. »Vermutlich … weil ich am Ende bin.«, Erst jetzt, als sie auf die langen, die Kräfte aufzehrenden Jahre zurückschaute, wurde ihr bewusst, wie viel von ihr dagewesen war, das aufgebraucht wurde. Kein Wunder, dass es so lange gedauert hatte. Jetzt ist alles fort, »Warum … warum jetzt?« Wenigstens sagte er nicht: Du machst wohl Witze. »Ich verstehe es nicht, Kat.« Sie konnte sehen, wie er nach etwas suchte, nicht nach Ver- ständnis, sondern davon weg, so weit weg wie möglich. »Ist es Vorzohns Dystrophie? Verdammt, ich hab’s gewusst…« »Sei nicht töricht, Tien. Wenn es darum ginge, dann hätte ich dich schon vor Jahren verlassen. Ich habe einen Schwur getan, in Gesundheit und Krankheit bei dir zu bleiben.« Er blickte sie finster an, lehnte sich zurück und senkte die Augenbrauen. »Gibt es einen anderen? Es gibt einen anderen, nicht wahr?« »Ich bin mir sicher, du wünschst dir. dass dem so wäre. Denn dann wäre es wegen des anderen und nicht wegen dir.« Ihre Stimme klang ruhig, völlig ausdruckslos. In ihrem Magen drehte sich alles. Er war offensichtlich geschockt und begann leicht zu zittern. »Das ist verrückt. Ich verstehe es nicht.« »Ich habe nichts mehr zu sagen.« Sie schickte sich an aufzustehen und wünschte dabei nichts sehnlicher, als dass sie sofort weg wäre, weg von ihm. Du hättest das auch über die KomKonsole erledigen können, weißt du. Nein. Ich habe meinen Schwur persönlich geleistet. Und auf die gleiche Weise werde ich ihn in Stücke brechen., Er stand mit ihr auf und schloss seine Hand um die ihre, fasste sie und hielt Ekaterin auf. »Da ist doch mehr dran.« »Du dürftest mehr darüber wissen als ich, Tien.« Jetzt zögerte er und bekam, dachte sie, allmählich wirklich Angst. Das bedeutete nicht, dass es für sie sicherer sein würde. Er hat mich noch nie geschlagen, das muss ich ihm anrechnen. Ein Teil von ihr wünschte sich fast, er hätte sie schon einmal geschlagen. Dann hätte es Klarheit gegeben, nicht dieses endlose Durcheinander. »Was meinst du damit?« »Lass mich los.« »Nein.« Sie betrachtete seine Hand auf der ihren. Sie war fest, quetschte sie aber nicht. Doch sie war immer noch viel stärker als die ihre. Er war einen halben Kopf größer und wog dreißig Kilo mehr als sie. Ekaterin empfand nicht so viel körperliche Angst, wie sie gedacht hatte. Vielleicht war sie zu abgestumpft. Sie hob das Gesicht und blickte ihn an. Ihre Stimme wurde scharf. »Lass mich los.« Sie war ein wenig überrascht, als er sie wirklich losließ. »Du musst mir sagen, warum. Oder ich werde glauben, dass du zu einem Liebhaber gehst.« »Mir macht es nichts mehr aus, was du glaubst.« »Ist er Komarraner? Ein verdammter Komarraner?« Er stachelte sie an der üblichen Stelle auf, und warum auch nicht? Es hatte früher funktioniert, um sie zur Räson zu bringen. Es funktionierte immer noch halb. Sie hatte sich geschworen, sie würde das Thema von Tiens Taten und Unterlassungen nicht zur Sprache bringen. Beschwer-, den waren stillschweigende Bitte um Hilfe, um Verän- derung, um … Fortsetzung. Beschwerden bedeuteten den Versuch, die Verantwortung für die Taten auf einen anderen umzuladen. Handeln bedeutete, die Notwendigkeit für Beschwerden zu tilgen. Sie würde handeln oder nicht handeln. Sie würde nicht winseln. »Ich habe das mit deinen Aktien herausgefunden, Tien.« Er öffnete den Mund und machte ihn wieder zu. Einen Moment später sagte er: »Ich kann es wieder wettmachen. Ich weiß jetzt, was schief gelaufen ist. Ich kann die Verluste wieder wettmachen.« »Das glaube ich nicht. Woher hast du diese vierzig- tausend Mark, Tien.« Da sie die Stimme nicht hob, klang es nicht wie eine Frage. »Ich…« Sie konnte es in seinem Gesicht sehen, wie er nachdachte, welche Lüge er wählen sollte. Er entschied sich für eine ziemlich einfache. »Einen Teil habe ich gespart, einen Teil geliehen. Du bist nicht die Einzige, die knausern kann, weißt du.« »Von Administrator Soudha?« Bei dem Namen zuckte er zusammen, doch er fragte naiv: »Wie hast du es erfahren?« »Das spielt keine Rolle, Tien. Ich werde dich nicht anzeigen.« Sie schaute ihn müde an. »Ich nehme an dir keinen Anteil mehr.« Erregt ging er in der Küche hin und her. In seinem Gesicht arbeitete es. »Ich habe es für dich getan«, sagte er schließlich. Ja, jetzt wird er versuchen, mir ein Schuldgefühl, einzureden. Dass es alles meine Schuld ist. Es war ihr so vertraut wie die Schritte eines gut eingeübten giftigen Tanzes. Sie beobachtete ihn stumm. »Alles für dich. Du wolltest Geld haben. Ich habe mir den Arsch abgearbeitet, aber dir hat es nie gereicht, oder?« Er hob die Stimme, während er versuchte, sich in eine erleichternde, selbstgerechte Wut hineinzupeitschen. »Du hast mich dazu getrieben, eine Chance zu ergreifen, mit deinem endlosen Nörgeln, mit deinen ganzen Sorgen. Es hat nicht funktioniert, und jetzt willst du mich dafür bestrafen, ist es das? Du hättest mir schnell genug wieder schöngetan, wenn es sich ausgezahlt hätte.« Darin war er gut, das musste sie zugeben: seine Beschul- digungen waren Echos ihrer eigenen dunklen Zweifel. Sie hörte seiner Litanei mit einer Art unbeteiligter Anerken- nung zu, wie ein Folteropfer, das unbekannte Schmerzen durchgestanden hatte und jetzt die Farbe des eigenen Blutes bewunderte. Jetzt wird er versuchen zu erreichen, dass ich Mitleid für ihn empfinde. Aber ich empfinde kein Mitleid. Ich empfinde überhaupt nichts. »Geld, Geld, Geld, ist es das. worum sich hier alles dreht? Was möchtest du denn so verdammt dringend kaufen, Kat?« Deine Gesundheit, nie du dich vielleicht erinnerst. Und Nikkis Zukunft. Und die meine. Während er hin und her ging und die Worte heraus- sprudelte, fiel sein Blick auf die hellrote Skellytum, die in ihrem Topf auf dem Küchentisch stand. »Du liebst mich nicht. Du liebst nur dich selbst. Du bist selbstsüchtig, Kat!, Du liebst deine verdammten Topfpflanzen mehr als mich. Hier, ich werde es dir beweisen.« Er packte den Topf und drückte den Knopf zum Öffnen der Balkontür. Die Tür ging für sein dramatisches Timing ein wenig zu langsam auf, aber er trat trotzdem nach draußen und wirbelte herum, um Ekaterin ins Gesicht zu schauen. »Was soll jetzt übers Geländer gehen, Kat? Deine kostbare Pflanze oder ich? Entscheide dich!« Sie sagte kein Wort und rührte sich nicht. Jetzt wird er versuchen, mich mit Selbstmordgetue zu erschrecken. Dies war schon das vierte Mal, dass er diesen Trick anwendete, oder? Seine Trumpfkarte, die bisher immer das Spiel zu seinen Gunsten entschieden hatte. Er hob die Skellytum hoch. »Ich oder diese Pflanze?« Er beobachtete ihr Gesicht und wartete darauf, dass sie nachgab. Eine fast klinische Neugierde legte ihr nahe. Du zu sagen, einfach um zu sehen, wie er sich aus seiner Drohung herauswinden würde, aber sie blieb stumm und regungslos. Als sie nichts sagte, zögerte er verwirrt einen Moment lang, dann schleuderte er das alte absurde Ding über das Geländer. Fünf Stockwerke tief. Sie zählte im Kopf die Sekunden und wartete auf den Knall von unten. Er ähnelte mehr einem fernen, feuchten Bums, vermischt mit dem Scheppern zerbrechender Keramik. »Du bist ein Esel, Tien. Du hast nicht einmal geschaut, ob dort unten jemand steht.« Mit einem Ausdruck plötzlicher Besorgnis, der sie fast lachen machte, guckte er ängstlich über das Geländer., Anscheinend war es ihm nicht gelungen, endlich jemanden umzubringen, denn er holte tief Luft und drehte sich wieder ihr zu. Er tat einige Schritte durch die offene Tür in die Küche, kam aber Ekaterin nicht zu nahe. »Reagiere doch, verdammt noch mal! Was muss ich denn tun, damit du dich aufregst?« »Gib dir keine Mühe«, erwiderte sie ruhig. »Ich kann mir nichts vorstellen, womit du mich noch wütender machen könntest, als ich ohnehin schon bin.« Er hatte das Ende seiner Liste der Taktiken erreicht und stand verlegen da. »Was willst du?« »Ich will meine Ehre zurück. Aber die kannst du mir nicht geben.« Seine Stimme wurde noch leiser; er öffnete bittend die Hände. »Es tut mir Leid wegen der Skellytum deiner Tante. Ich weiß nicht, was…« »Tun dir großer Diebstahl und kleiner Verrat, Beste- chung und Unterschlagung Leid?« »Ich habe es für dich getan, Kat!« »In all den elf Jahren«, sagte sie langsam, »hast du offensichtlich nicht herausgefunden, wer ich bin. Das verstehe ich nicht. Wie kannst so intim und so lange mit jemandem zusammenleben und ihn doch nicht sehen? Vielleicht hast du mit einer Kat zusammengelebt, die nur eine Holovid-Projektion deines eigenen Denkens war. Ich weiß es nicht.« »Was willst du, verdammt? Ich kann nicht mehr zurück. Ich kann die Sache nicht gestehen. Das wäre eine öffent- liche Schande! Für mich, für dich, für Nikki, für deinen, Onkel – das kannst du nicht wollen!« »Ich möchte nicht mehr lügen müssen, solange ich lebe. Was du tust, ist dein Problem.« Sie holte tief Luft. »Aber das sollst du wissen. Was immer du tust oder nicht tust, solltest du von jetzt an lieber für dich selbst tun. Weil es mich nicht mehr berühren wird.« Einmal getan, für alle Zeit getan. Sie würde das nie wieder durchmachen. »Ich kann – ich kann es in Ordnung bringen.« Bezog er sich damit auf die Skellytum, ihre Ehe, seine Gaunereien? In allen drei Fällen hatte er jedenfalls Unrecht. Als sie immer noch nicht antwortete, platzte er ver- zweifelt heraus: »Nikolai gehört mir, nach barrayarani- schem Recht!« Interessant. Nikki war die einzige Taktik, die er nie zuvor eingesetzt hatte. Sie war tabu. Jetzt wusste sie, dass er wusste, wie todernst es ihr war. Gut. Er schaute sich um und fragte erst jetzt: »Wo ist Nikki?« »An einem sichereren Ort.« »Du kannst ihn nicht von mir fern halten!« Das kann ich schon, wenn du im Gefängnis sitzt. Sie machte sich nicht die Mühe, es laut zu sagen. Unter den obwaltenden Umständen würde Tien wahrscheinlich ihr Sorgerecht für Nikki nicht vor dem Gesetz anfechten. Doch sie wollte Nikolais Wohlergehen so weit wie möglich vom hässlichsten Teil dieser Geschichte entfernt halten. Sie würde diesen Krieg nicht beginnen, aber wenn Tien es wagen sollte, dann würde sie ihn zu Ende kämpfen. Sie beobachtete ihn, noch kühler als zuvor., »Ich werde es in Ordnung bringen. Ich habe einen Plan. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht.« Tien mit einem Plan – das war etwa so beruhigend wie ein Zweijähriger mit einem geladenen Plasmabogen. Nein. Du wirst nicht mehr für ihn die Verantwortung über- nehmen. Darum dreht sich doch alles, erinnerst du dich nicht? Lass los. »Tu, was immer du tun willst, Tien. Ich werde jetzt meine restlichen Sachen packen.« »Warte …« Er drehte sich zu ihr herum. Es beunruhigte sie, ihn zwischen sich und der Tür zu haben, aber sie zeigte ihre Angst nicht. »Warte. Ich werde es wettmachen. Du wirst sehen. Ich werde es in Ordnung bringen. Warte hier!« Er winkte nervös, ging zur Wohnungstür und war draußen. Sie lauschte seinen sich entfernenden Schritten. Erst als sie das schwache Wispern des Liftrohres hörte, trat sie auf den Balkon und schaute hinunter. Tief unten bildeten die zerschmetterten Überreste ihrer Skellytum einen unregel- mäßigen feuchten Fleck auf dem Pflaster. Die zerrissenen scharlachroten Ranken sahen aus wie verspritztes Blut. Ein Passant blickte neugierig darauf. Eine Minute später sah sie Tien aus dem Gebäude kommen und durch den Park in Richtung der Bubblecar-Plattform gehen. Von Zeit zu Zeit fiel er fast in Laufschritt. Zweimal schaute er über die Schulter in Richtung des Balkons zurück. Sie trat zurück in den Schatten. Er verschwand in der Station. Jeder Muskel ihres Körpers schien vor Spannung zu zucken. Ihr war, als müsste sie sich gleich übergeben. Sie kehrte zu ihrer – zur Küche zurück und trank ein Glas, Wasser. Es half, ihren Atem und ihren Magen zu beruhigen. Dann ging sie in ihr Zimmer und holte einen Korb, ein Plastiktuch und einen Hohlspatel, um den Schlamassel drunten auf dem Gehweg aufzukratzen., Miles saß an Administrator Vorsois- sons KomKonsolen-Pult und las systematisch die Dateien aller Angestellter der Abteilung Abwärmeverwertung durch. Verglichen mit einigen der anderen Abteilungen schien es da eine Menge Personal zu geben; die Abwärme war ein ausgesprochenes Lieblingskind im Projektbudget. Vermutlich verbrachten die meisten den größten Teil ihrer Zeit draußen auf der Versuchsstation, da die Büros der Abteilung Abwärme nur bescheiden waren. Im Rückblick, der immer schärfer war, wünschte sich Miles, er hätte seine Erkundung von Radovas’ Leben schon tagsüber dort draußen begonnen, wo es vielleicht einiges an Aktion zu beobachten gegeben hätte, anstatt hier in diesem Turm bürokratischer Langeweile. Noch mehr wünschte er sich, er hätte schon bei ihrer ersten Besichtigungstour einmal auf der Versuchsstation vorbeigeschaut… nun ja, nein. Damals hätte er ja noch gar nicht gewusst, wonach er hätte schauen sollen. Und jetzt weißt du es? Er schüttelte den Kopf und rief eine weitere Datei auf. Tuomonen hatte sich eine Kopie der Personalliste mitgenommen und würde zu gegebener Zeit die meisten dieser Leute vernehmen, sofern sich nichts anderes ereignete, was die Ermittlungen in eine andere Richtung lenkte. Wie zum Beispiel, wenn man Marie Trogir fände – das stand jetzt auf Miles’ Wunschliste für den KBS ganz oben. Miles rutschte auf dem Stuhl hin und, her, um den Schmerz in seinem Rücken zu mildern; er spürte, wie sein Körper vom zu langen Stillsitzen in einem kühlen Raum allmählich steif wurde. Wussten diese Serifosaner nicht, dass sie noch mehr Wärme verschwenden mussten? Schnelle Schritte hielten im Korridor an und bogen in das Vorzimmer ein. Miles blickte auf. Etwas atemlos verweilte Tien Vorsoisson einen Moment lang im Büro- eingang, dann trat er ein. Er trug zwei schwere Jacken, seine eigene und die seiner Frau, die Miles erst kürzlich benutzt hatte, dazu eine Sauerstoffmaske mit der Aufschrift Besucher – Mittelgroß. Mit unterdrückter Erregung lächelte er Miles an. »Mylord Auditor. Ich bin so froh, Sie noch hier vorzufinden.« Miles schloss die Datei und betrachtete Vorsoisson interessiert. »Hallo, Administrator, was führt Sie heute Abend noch einmal hierher?« »Sie, Mylord. Ich muss auf der Stelle mit Ihnen reden. Ich muss… ich muss Ihnen etwas zeigen, was ich entdeckt habe.« Miles öffnete die Hand und deutete auf die Kom- Konsole, doch Vorsoisson schüttelte den Kopf. »Nicht hier, Mylord. Draußen auf der Abwärme-Versuchsstation.« Ach so. »Auf der Stelle?« »Ja, heute Abend, während alle fort sind.« Vorsoisson legte die Sauerstoffmaske auf die KomKonsole, kramte in einem Schrank an der gegenüberliegenden Wand herum und holte seine eigene, persönliche Maske heraus. Er streifte sich die Riemen über den Hals, schob hastig die, Brustgurte zurecht, welche die Sauerstoffflasche an Ort und Stelle halten sollten. »Ich habe einen Leichtflieger angefordert, er wartet unten auf uns.« »In Ordnung…« Um was ging es denn bei dem Ganzen? War es zu viel, wenn er hoffte, Vorsoisson habe Marie Trogir dort draußen in einen Wandschrank eingesperrt aufgefunden? Miles überprüfte seine Maske – Batterie- und Sauerstoffstand zeigten an, dass sie voll aufgeladen war – und streifte sie über. Er tat ein paar Atemzüge, um ihre korrekte Funktionsweise zu testen, dann schob er sie sich unters Kinn und zog die Jacke über. »Hier entlang…« Vorsoisson ging ihm mit langen Schritten voran, was Miles ziemlich ärgerte; er lehnte es ab zu rennen, um mit dem Mann mitzuhalten. Gezwungener- maßen wartete der Administrator am Liftrohr auf ihn, ungeduldig auf den Fersen wippend. Diesmal stand das Flugzeug bereit, als sie die Tiefgarage erreichten. Es handelte sich dabei um einen einfachen zweisitzigen Flieger aus Regierungsbeständen, der jedoch in vollkom- men gutem Zustand zu sein schien. Was den Piloten anging, war sich Miles weniger sicher. »Um was geht es denn, Vorsoisson?« Vorsoisson legte die Hand aufs Verdeck und betrachtete Miles mit einem eindringlichen Gesichtsausdruck, der fast alarmierend war. »Wie lauten die Regeln für den Fall, dass man sich zu einem Kaiserlichen Kronzeugen erklärt?« »Nun… die sind unterschiedlich, nehme ich mal an, abhängig von der jeweiligen Situation.« Zu spät erkannte Miles, dass er sich in den Feinheiten des barrayaranischen, Rechts keineswegs so gut auskannte, wie es einem Kaiserlichen Auditor eigentlich anstand. Er musste noch mehr darüber nachlesen. »Ich will sagen… ich glaube nicht, dass es eigentlich etwas ist, das man für sich selbst tut. Für gewöhnlich wird es zwischen einem potenziellen Zeugen und der jeweils für den Kriminalfall zuständigen Strafverfolgungsbehörde ausgehandelt.« Und das auch nur selten. Seit dem Ende des Zeitalters der Isolation und der Einführung von Schnell-Penta und anderen galaktischen Verhördrogen brauchten normalerweise die Behörden nicht mehr um eine wahrheitsgemäße Aussage zu feilschen. »In diesem Fall sind Sie die Behörde«, sagte Tien. »Die Regeln werden von Ihnen bestimmt, nicht wahr? Weil Sie Kaiserlicher Auditor sind.« »Äh… vielleicht.« Vorsoisson nickte befriedigt, öffnete das Verdeck und schlüpfte auf den Pilotensitz. Zögernd und fasziniert zugleich zwängte sich Miles auf den Platz neben ihm. Er legte seinen Sicherheitsgurt an, während der Flieger sich hob und auf die Fahrzeugschleuse der Garage zuglitt. »Und warum fragen Sie?«, sondierte Miles vorsichtig. Vorsoisson vermittelte den Eindruck eines Mannes, der darauf erpicht war, tatsächlich etwas sehr Interessantes loszuwerden. Nicht um dreier Welten willen wollte Miles ihn an diesem Punkt einschüchtern. Gleichzeitig würde er äußerst vorsichtig in Bezug auf mögliche Versprechungen sein müssen. Er ist der Schwiegerneffe deines Auditoren- kollegen. Du hast dich soeben auf einen ethischen Drahtseilakt eingelassen., Vorsoisson antwortete nicht sofort, sondern powerte den Leichtflieger in den nächtlichen Himmel hinauf. Die Lichter von Serifosa erleuchteten die fedrigen Wolken voll kostbarer Feuchtigkeit über ihnen, welche die Sterne verdeckten. Doch je weiter sie sich von der Kuppelstadt entfernten, umso dünner wurde der schimmernde Dunst, und die Sterne kamen in dichter Zahl heraus. Die Land- schaft fern der Kuppel war sehr dunkel. Es fehlten die Dörfer und Gehöfte, die über klimatisch weniger feind- selige Welten zerstreut waren. Nur eine Einschienenbahn- Strecke verlief in Richtung Südwesten, eine schwache blasse Linie auf dem unfruchtbaren Boden. »Ich glaube«, begann Vorsoisson endlich und schluckte, »ich glaube, ich habe endlich genug Beweise für ein ver- suchtes Verbrechen gegen das Kaiserreich gesammelt, damit es erfolgreich verfolgt werden kann. Ich hoffe, ich habe nicht zu lange gewartet, aber ich musste mir erst sicher sein.« »Sicher in welcher Hinsicht?« »Soudha hat versucht, mich zu bestechen. Ich bin mir nicht absolut sicher, ob er nicht meinen Vorgänger auch bestochen hat.« »So? Warum?« »Abwärmeverwertung. Die ganze Abteilung ist ein Schwindel, eine leere Hülse. Ich bin mir nicht wirklich sicher, wie lange diese Gaunerei schon läuft. Sie haben mich monatelang an der Nase herumgeführt. Ich will sagen … ein Gebäude voll mit Geräten an einem ruhigen Tag – wie sollte ich wissen, was dort vor sich ging? Oder nicht, vor sich ging? Oder dass es dort nur ruhige Tage gab?« »Wie lange…« Miles verkniff es sich, die Frage zu vollenden: wissen Sie es schon? Dazu war es noch zu früh. »Was machen die denn dort?« »Sie zweigen Geld vom Projekt ab. Soweit ich weiß, hat es vielleicht klein angefangen, oder durch einen Zufall – ein Mitarbeiter, der gekündigt hatte, war irrtümlich weiter auf der Gehaltsliste geführt worden, es sammelten sich Lohngelder an, und Soudha fand heraus, wie er sie ein- sacken konnte. Geisterangestellte – diese Abteilung ist voll von fiktiven Mitarbeitern, die alle Gehalt beziehen. Und für die Geisterangestellten werden Gerätschaften gekauft. Soudha hat eine Frau in der Buchhaltung bestochen, die bei der Sache mitmacht. Sie sorgen dafür, dass alle Formulare richtig sind, dass alle Zahlen zusammenpassen. Sie haben das Ganze schon durch ich-weiß-nicht-wie-viele Finanz- prüfungen hindurchgemogelt, weil die Wirtschaftsprüfer, die das Hauptquartier schickt, nur wissen, wie man die Formulare überprüft, aber nicht die wissenschaftliche Arbeit.« »Wer prüft dann die wissenschaftliche Arbeit?« »Das ist ja die Geschichte, Mylord Auditor. Man erwartet nicht, dass das Terraforming-Projekt schnelle Ergebnisse produziert, nicht auf eine unmittelbar messbare Art und Weise. Soudha erstellt durchaus Fachberichte, jede Menge sogar, und immer ganz nach Plan, aber ich glaube, er produziert sie hauptsächlich, indem er die Ergebnisse anderer Sektoren aus der vorausgegangenen Periode kopiert und frisiert.«, In der Tat war das komarranische Terraforming-Projekt bürokratisches Hinterland und stand auf der Liste dringen- der Vorhaben des Kaiserreichs von Barrayar weit unten. Es war nicht kritisch und somit ein guter Ort, um etwa unfähige zweite Söhne von Vor-Familien weit ab vom Schuss unterzubringen. Dort konnten sie niemandem Schaden zufügen, weil das Projekt riesengroß und langsam war, und sie würden das System durchlaufen und wieder fort sein, bevor der Schaden auch nur gemessen werden konnte. »Apropos Geisterangestellte – was hat Radovas’ Tod mit diesem angeblichen Schwindel zu tun?« Vorsoisson zögerte. »Ich bin mir nicht sicher, ob es da eine Verbindung gibt. Außer dass man den KBS auf die Sache ansetzt und den Schwindel auffliegen lässt. Schließ- lich hat er etliche Tage vor seinem Tod gekündigt.« »Soudha sagte, Radovas habe gekündigt. Ihren Aussa- gen zufolge ist Soudha ein erwiesener Lügner und Datenfrisierer. Könnte es etwa sein, dass Radovas Soudha gedroht hat, ihn zu entlarven, und dann ermordet wurde, um sein Schweigen sicherzustellen?« »Aber Radovas steckte in der Sache drin. Seit Jahren. Ich meine, das ganze Fachpersonal musste es wissen. Es konnte nicht sein, dass sie sich nicht der Tatsache bewusst waren, nicht die Arbeit zu leisten, die in den Berichten behauptet wurde.« »Mm, das hängt vielleicht davon ab, wie weit Soudhas künstlerisches Genie beim Abfassen seiner Berichte ging.« Soudhas Personalakte legte auf jeden Fall den Gedanken nahe, dass er weder dumm noch zweitklassig war. Konnte es sein, dass er diese Berichte ebenfalls gefälscht hatte?, Ach Gott, das bedeutet ja, dass ich den Daten auf keiner der KomKonsolen dieser ganzen verdammten Abteilung trauen kann. Und er hatte im Laufe dieses Tages Stunden damit verschwendet, KomKonsolen abzuschöpfen. »Viel- leicht hatte bei Radovas ein Sinneswandel stattgefunden.« »Ich weiß es nicht«, sagte Vorsoisson und warf Miles einen schnellen Seitenblick zu. »Ich fände es schön, wenn Sie zu gegebener Zeit daran denken, dass ich diese Sache herausgefunden habe. Ich habe diese Leute angezeigt. Sobald ich mir sicher war.« Sein wiederholtes Insistieren auf letzterem Punkt war für Miles’ Ohr ein deutlicher Hinweis darauf, dass Vorsoissons Kenntnisse über diesen interessanten Fall von Unter- schlagung schon erheblich älter sein mussten. War Soudhas Bestechung nicht nur angeboten, sondern auch ange- nommen worden? Bis der Schwindel aufkam. Erlebte Miles bei Vorsoisson jetzt einen Ausbruch patriotischen Pflichtgefühls oder eine unziemliche Anwandlung, Soudha & Co. dranzukriegen, bevor die ihrerseits Vorsoisson dran- kriegten? »Ich werde daran denken«, sagte Miles zurückhaltend. Zu spät fiel ihm ein, dass er vielleicht jetzt nicht das Klügste getan hatte: allein in der Nacht mit Vorsoisson zu einem einsamen Außenposten zu fliegen, ohne dass er Tuomonen darüber wenigstens kurz informiert hatte. Jedoch bezweifelte er, dass Vorsoisson in der Gegenwart des KBS-Hauptmanns auch nur annähernd so offen gewesen wäre. Vielleicht wäre es ebenfalls gut, wenn er mit Vorsoisson nicht allzu unverblümt über dessen Chancen, sich aus dem Schlamassel herauszuwinden, reden, würde, bevor sie wieder sicher in Serifosa waren, und dann vorzugsweise in Anwesenheit von Tuomonen und ein paar netten großen KBS-Gorillas. Miles’ Betäuber machte sich in der Tasche beruhigend spürbar. Sobald er einen ruhigen Moment außerhalb von Vorsoissons Hörweite hätte, würde er sich über seinen Armbandkommunikator bei Tuomonen melden. »Und sagen Sie es auch Kat«, fügte Vorsoisson hinzu. Hä? Was hatte Madame Vorsoisson damit zu tun? »Schauen wir uns erst einmal Ihre Beweise an, dann sprechen wir darüber.« »Was Sie vor allem sehen werden, ist die Abwesenheit von Beweisen, Mylord«, erwiderte Vorsoisson. »Eine große, leere Anlage… dort drüben.« Vorsoisson zog mit dem Leichtflieger in eine Kurve und sie begannen den Anflug auf die Abwärme-Versuchs- station. Sie war von einer Menge Außenflutlichter beleuch- tet, die sich vermutlich bei Einbruch der Dämmerung automatisch einschalteten, und bildete somit einen starken Kontrast zu der sie umgebenden Dunkelheit. Als sie näher herankamen, sah Miles, dass der Parkplatz nicht leer war; in den Landekreisen drängte sich ein halbes Dutzend Leichtflieger und Luftwagen. Hier und da drang warmes Licht aus Fenstern des kleines Bürogebäudes; noch mehr Licht sickerte durch die luftdichten Röhren zwischen den einzelnen Bereichen. Und da standen zwei große Schwebe- transporter, der eine davon mit der Rückseite zu einer offenen Ladebucht in dem großen, fensterlosen Technik- gebäude., »Auf mich wirkt das ziemlich nach Arbeit«, bemerkte Miles, »falls das eine leere Hülse sein soll.« »Ich begreife es nicht«, erklärte Vorsoisson. Hier kämpfte eine Vegetation, die über Miles’ Knöchel hinausreichte, erfolgreich gegen die Kälte, aber sie reichte nicht aus, um den Leichtflieger zu verbergen. Miles war nahe daran, Vorsoisson zu sagen, er solle die Lichter des Fliegers löschen und außer Sichtweite hinter einer kleinen Anhöhe landen, obwohl das dann einen kleinen Fußmarsch zu der Station bedeuten würde. Doch Vorsoisson war schon im Anflug auf einen leeren Landekreis auf dem Parkplatz. Er landete, schaltete den Motor aus und guckte unsicher auf die Anlage. »Vielleicht… vielleicht sollten Sie sich lieber zuerst nicht sehen lassen«, sagte Vorsoisson beunruhigt. »Wenn ich komme, dürfte es ihnen nichts ausmachen.« Er war sich anscheinend nicht bewusst, was er in dieser kurzen Aussage alles enthüllte. Sie setzten beide ihre Sauerstoffmasken auf. Vorsoisson öffnete das Verdeck. Die kalte Nachtluft leckte an Miles’ Haut, wo sie über der Maske ungeschützt war, und prickelte an seiner Kopfhaut. Er grub die Hände in die Taschen, als wollte er sie wärmen, berührte kurz seinen Betäuber und folgte einige Schritte hinter dem Administrator. Außer Sichtweite bleiben war eine Sache, Vorsoisson aus der Sichtweite zu entlassen eine andere. »Schauen wir doch erst einmal in das Technikgebäude«, rief Miles. Die Maske dämpfte seine Stimme. »Versuchen wir erst mal zu sehen, was da vor sich geht, bevor Sie, Kontakt mit den In …, hm, bevor Sie mit jemandem zu reden versuchen.« Vorsoisson steuerte auf die Fahrzeugschleuse der Lade- bucht zu. Miles fragte sich, ob die Möglichkeit bestand, dass jemand, der in das ungewisse Licht hinausschaute, ihn zunächst mit Nikolai verwechseln könnte. Die Verbindung von Vorsoissons dramatischem Geheimnis und seiner eigenen natürlichen Paranoia machte ihn tatsächlich nervös, obwohl ein anderer Teil von ihm es für viel wahrscheinlicher hielt, dass das ganze Szenario harmlos war und Vorsoisson sich gewaltig irrte. Sie betraten die Fußgängerschleuse zum Ladedock und durchliefen den Eingangszyklus. Der Druckunterschied machte sich in seinen Ohren nur leicht bemerkbar. Miles behielt seine Sauerstoffmaske vorläufig noch auf, während sie den geparkten Schwebetransporter umrundeten. Sobald sie drin wären, würde er Tuomonen anrufen… Er blieb stehen, doch einen Moment zu spät, um der Aufmerksamkeit des Paares zu entgehen, das in aller Ruhe neben einer mit Maschinen beladenen Schwebepalette stand. Die Frau, die die Steuerleine der Palette in der Hand hatte, während sie die stumm schwebende Ladung in den Transporter manövrierte, war Madame Radovas. Der Mann war Administrator Soudha. Sie blickten beide bestürzt auf, als sie die unerwarteten Besucher bemerkten. Einen Moment lang war Miles hin und her gerissen, ob er den Alarmschaltkreis seines Kommunikators aktivieren oder nach seinem Betäuber greifen sollte; doch als Soudha plötzlich nach seiner Weste griff, siegten Miles’ Kampf- reflexe, und seine Hand fuhr in seine Tasche. Vorsoisson, drehte sich halb herum, den Mund erstaunt gerundet und zu einem Warnschrei ansetzend. Jetzt hat mich dieser Idiot in einen Hinterhalt geführt, dachte Miles unwillkürlich, doch Vorsoisson war offensichtlich viel überraschter als er selbst. Soudha hatte seinen Betäuber eine halbe Sekunde schneller gezogen als Miles. O Scheiße, ich habe Dr. Chenko nie gefragt, wie ein Betäuberschuss auf meinen Anfallsimulator wirken würde – der Betäuberstrahl traf ihn voll ins Gesicht. Sein Kopf schnellte zurück, und der Schmerz war gnädig kurz. Bevor er auf dem Betonboden aufknallte, war er bereits bewusstlos. Als Miles erwachte, rotierte die Betäubermigräne hinter seinen Augen, metallische Splitter reinen Schmerzes schienen zitternd in seinem Gehirn zu stecken, vom Lobus frontalis bis nach hinten zur Wirbelsäule. Sofort schloss er die Augen wieder vor dem zu grellen Licht. Ihm war so übel, dass er sich beinahe übergeben musste. Doch die sofort folgende Erkenntnis, dass er noch immer seine Sauerstoffmaske trug, aktivierte die antrainierten Reflexe; er schluckte und atmete tief und achtsam, und der gefährliche Moment ging vorüber. Ihm war kalt. Fesseln, die an seinen Armen zogen, hielten in einer unbequemen Stellung aufrecht. Er öffnete erneut die Augen und schaute um sich. Er befand sich im Freien, in der kalten Dunkelheit Komarrs, angekettet an ein Geländer entlang dem Gehweg an der kahlen Seite des Abwärme-Technikgebäudes. Das stechende Licht stammte aus bunten Scheinwerfern, die, zwei Meter weiter unterhalb in der Vegetation standen und hübsch das Gebäude und den erhöhten Gehweg anstrahlten. Dahinter war der Ausblick einzigartig uninformativ: Der Boden sank vom Gebäude weg ab und stieg dann weiter hinten wieder an und ging in kahle Ödnis über. Das Geländer war ganz einfach: Im Abstand von jeweils einem Meter steckten Metallpfosten im Beton, die einen runden, ebenfalls metallenen Handlauf trugen. Miles war mit den Knien auf den harten und kalten Beton gesackt, seine Handgelenke waren angekettet – angekettet? Ja, angekettet, die Kettenglieder waren mit einfachen Metallschlössern an zwei aufeinander folgenden Pfosten befestigt, sodass er mit halb gespreizten Armen am Geländer hing. Am linken Handgelenk trug er noch seinen KBS- Kommunikator. Natürlich konnte er ihn mit der rechten Hand nicht erreichen. Und auch nicht – er versuchte es – mit dem Kopf. Er verdrehte sein Handgelenk und drückte es an das Geländer, doch der Alarmknopf war eingesenkt, um zu verhindern, dass er durch einen zufälligen Stoß ausgelöst wurde. Miles fluchte leise unter seiner Sauerstoffmaske. Die Maske schien am Gesicht dicht zu sitzen; er spürte auch, dass die Sauerstoffflasche unter seiner Jacke noch fest an die Brust gegurtet war – wer hatte eigentlich die Jacke bis zu seinem Kinn hochgezogen? –, aber er würde außerordentlich vorsichtig sein müssen, um nicht die Maske zu verschieben, bis er die Hände freihätte, um sie wieder zurechtzurücken. Wie nun …? Hatte der Betäuberstrahl einen Anfall aus- gelöst, während er bewusstlos war, oder trieb er erst noch auf einen zu? Der nächste war allmählich fällig. Er hörte, abrupt auf zu fluchen und tat ein paar tiefe, beruhigende Atemzüge, die seinen Körper nicht im Geringsten täuschen konnten. Ein paar Meter zu seiner Rechten entdeckte er Tien Vorsoisson, der auf ähnliche Weise zwischen zwei auf- rechten Pfosten angekettet war. Sein Kopf hing nach vorn; offensichtlich war er noch nicht wach. Miles versuchte den Knoten stressigen Schreckens in seinem Sonnengeflecht zu überzeugen, dass dieses bisschen kosmischer Gerechtigkeit wenigstens einen hellen Punkt in der Geschichte darstellte. Er lächelte grimmig unter seiner Maske. Wenn man es recht überlegte, dann wäre es ihm lieber gewesen, Vorsoisson wäre frei und in der Lage, ihm zu helfen. Besser jedoch noch, wenn Vorsoisson da angekettet und er selbst frei gewesen wäre, um Hilfe zu rufen. Doch der Versuch, seine Hände in ihren straffen Ketten zu drehen, bewirkte nur, dass er sich die Handgelenke wund kratzte. Wenn man dich hätte umbringen wollen, dann wärest du jetzt tot, versuchte er seinen hyperventilierenden Körper zu überzeugen. Es sei denn natürlich, die anderen wären Sadisten und auf eine langsame und wohlüberlegte Rache aus… Was habe ich diesen Leuten überhaupt getan? Abgesehen von dem üblichen Verbrechen, dass er Barrayaraner im Allgemeinen und Aral Vorkosigans Sohn im Besonderen war… Die Minuten krochen vorüber. Vorsoisson rührte sich und stöhnte, dann fiel er wieder in eine schlaffe Bewusst- losigkeit, was Miles wenigstens dahingehend beruhigte, dass der andere nicht tot war. Noch nicht. Als schließlich Schritte auf dem Beton zu hören waren, drehte Miles, vorsichtig den Kopf herum. Wegen der Sauerstoffmaske und der Steppjacke, welche die sich nähernde Gestalt trug, war sich Miles zuerst nicht sicher, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, doch als sie näher herankam, erkannte er das lockige graublonde Haar und die braunen Augen einer Frau, die bei dem ersten VIP-Informationstreffen dabei gewesen war – es war die Buchhalterin, die peinlich Genaue, die darauf geachtet hatte, dass sie eine zweite Kopie der Berichte ihrer Abteilung für Miles parat gehabt hatte – ha! Foscol stand auf ihrer Sauerstoffmaske zu lesen. Sie sah seine offenen Augen. »Oh, guten Abend, Lord Auditor Vorkosigan.« Sie hob die Stimme und sprach laut und klar, damit ihre Worte deutlich durch die dämpfende Maske drangen. »Guten Abend, Madame Foscol«, gelang es ihm zu erwidern, wobei er sich ihrem Ton anpasste. Wenn er sie nur dazu bringen könnte, dass sie redete und ihm zuhörte… Sie zog die Hand aus der Tasche und hielt etwas metal- lisch Glitzerndes hoch. »Das ist der Schlüssel zu Ihren Handgelenkfesseln. Ich werde sie hier drüben außerhalb Ihrer Reichweite ablegen.« Sie platzierte sie sorgfältig auf dem Gehweg, ungefähr in der Mitte zwischen Miles und dem Administrator, nahe an der Mauer des Gebäudes. »Verhindern Sie, dass jemand sie zufällig über den Rand stößt. Sie würden dann nämlich ganz schön lange brauchen, um sie dort unten wiederzufinden.« Sie blickte nachdenklich über das Geländer auf die dunkle Vegetation unterhalb der Betonrampe., Bedeutete das, dass jemand erwartet wurde – ein Rettungsteam? Allerdings bedeutete es auch, dass Foscol, Soudha und Madame Radovas – Madame Radovas, was machte die denn hier? – davon ausgingen, sie würden nicht mehr da sein, um persönlich die Schlüssel zu überreichen, wenn diese Retter kämen. Foscol kramte erneut in ihrer Tasche und holte eine Datendiskette heraus, die in schützendes Plastik gewickelt war. »Das, Mylord Auditor, ist die komplette Aufzeich- nung der Bestechungsgelder, insgesamt etwa sechzig- tausend Mark, die Administrator Vorsoisson im Laufe der letzten acht Monate angenommen hat. Kontonummern, Datenpfad, Ursprung des unterschlagenen Geldes – alles, was Sie für eine erfolgreiche Strafverfolgung brauchen dürften. Ich hatte schon daran gedacht, die Diskette an Hauptmann Tuomonen zu schicken, aber so ist es besser.« Ihre Augenwinkel über der Sauerstoffmaske kräuselten sich in einem Lächeln. Sie bückte sich und befestigte die Diskette mit einem Klebeband am Rücken von Vorsoissons Jacke. »Mit besten Empfehlungen, Mylord.« Sie trat zurück und wischte ihre Hände ab. Die Geste schien zu besagen, dass eine schmutzige Arbeit gut erledigt worden war. »Was tun Sie denn da?«, begann Miles. »Was tun Sie überhaupt hier draußen? Warum ist Madame Radovas dabei…?« »Nun mal langsam, Lord Vorkosigan«, unterbrach ihn Foscol forsch. »Sie glauben doch wohl nicht, dass ich hier herumstehen und mit Ihnen plaudern werde, oder?« Vorsoisson rührte sich, stöhnte und rülpste. Trotz der, schieren Verachtung in ihrem Blick, der auf der zusam- mengesunkenen Gestalt verweilte, wartete Foscol einen Moment, um sicherzugehen, dass er sich nicht in seine Sauerstoffmaske erbrechen würde. Vorsoisson starrte sie mit trüben Augen an und blinzelte verwirrt. Miles ballte die Fäuste und zerrte an seinen Ketten. Foscol blickte ihn an und sagte freundlich: »Verletzen Sie sich nicht mit Ihren Versuchen, sich zu befreien. Es wird am Ende jemand kommen und Sie holen. Ich bedaure nur, dass ich das nicht mehr werde beobachten können.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging weg, den Gehweg hinab und um die Ecke des Gebäudes. Eine Minute später drangen die schwachen Geräusche eines abfliegenden Schwebetransporters um das Gebäude. Doch die beiden Gefesselten befanden sich auf der von Serifosa abgewandten Seite des Gebäudes, und der wegfliegende Transporter tauchte in Miles’ Blickfeld nicht mehr auf. Soudha ist ein fähiger Ingenieur. Ich frage mich, ob er den Reaktor hier so eingestellt hat, dass er sich selbst vernichtet?, war der nächste sinnvolle Gedanke, der Miles durch den Kopf ging. Das würde alle Beweise vernichten, und Vorsoisson und Vorkosigan obendrein. Falls Soudha es zeitlich richtig abgestimmt hatte, dann konnte er damit das Rettungskommando des KBS ebenfalls auslöschen … aber es sah so aus, als hätte Foscol vorgehabt, dass zumin- dest die Beweise, die sie an Vorsoissons Rücken geklebt hatte, erhalten bleiben sollten, was gegen ein Szenario sprach, das die Versuchsstation in ein glühendes Glasloch in der Landschaft verwandeln würde, wie es mit der verlo- renen Stadt Vorkosigan Vashnoi geschehen war. Soudha &, Co schienen nicht militärisch zu denken. Gott sei Dank! Bei dieser Szene schien es auf maximale Demütigung anzukommen, und die Toten konnte man nicht erniedrigen. Jedoch ihre nächsten Verwandten … Miles dachte an seinen Vater und schauderte. Und an Ekaterin und an Nikolai, und natürlich auch an Lord Auditor Vorthys. O ja. Vorsoisson, der endlich wieder bei vollem Bewusstsein war, bäumte sich auf und entdeckte die Begrenzung seiner Fesseln. Er fluchte, zuerst etwas benommen, dann mit zunehmender Deutlichkeit des Ausdrucks, und riss mit seinen Armen an den Ketten. Nach etwa einer Minute hielt er inne. Er schaute um sich und entdeckte Miles. »Vorkosigan, was zum Teufel geht hier vor?« »Man scheint uns abseits geparkt zu haben, während Soudha und seine Freunde sich in Ruhe aus der Versuchs- station aus dem Staub machten. Sie schienen erkannt zu haben, dass ihre Zeit abgelaufen war.« Miles überlegte, ob er Vorsoisson sagen sollte, was auf dessen Rücken geklebt war, doch dann entschied er sich dagegen. Der Mann atmete infolge seiner Zappelei auch so schon heftig genug. Vorsoisson fluchte erneut und monoton, doch bald darauf schien er einzusehen, dass er sich wiederholte, und er verstummte. »Erzählen Sie mir mehr über diesen Unterschlagungs- plan von Soudha«, sagte Miles in das unheimliche Schweigen hinein. Die komarranische Nacht wurde weder durch Vogelgezwitscher noch durch Insektengezirpe belebt; in der schwachen, kühlen Brise raschelte kein Laub. Aus dem Gebäude hinter ihnen drangen keine weiteren, Geräusche. Der einzige Laut war das Summen der elektrisch betriebenen Ventilatoren, Filter und Regulatoren ihrer Sauerstoffmasken. »Wann haben Sie das heraus- gefunden?« »Erst… gestern. Gestern vor einer Woche. Ich glaube, Soudha geriet in Panik und versuchte mich zu bestechen. Ich wollte nicht Kats Onkel Vorthys in eine peinliche Lage versetzen, indem ich die Sache platzen ließ, solange er hier war. Und ich musste mir sicher sein, bevor ich anfing, reihenweise Leute zu beschuldigen.« Foscol sagt, Sie lügen. Miles war sich nicht sicher, wem von beiden er inzwischen am wenigsten traute. Foscol konnte ihre Beweise gegen Vorsoisson unter Benutzung derselben Fertigkeiten fabriziert haben, die sie offen- sichtlich aufgeboten hatte, um Soudhas Diebereien zu verbergen. Das würden die forensischen Spezialisten des KBS herausfinden müssen, und zwar sorgfältig. Miles hatte mit Vorsoissons Zögern Mitgefühl, und zugleich war er zutiefst misstrauisch dagegen. Bei einer Betäubermigräne musste man einen verwirrenden Geistes- zustand ertragen. Er hatte nie Schnell-Penta als Medizin gegen Kopfschmerzen angesehen, aber jetzt wünschte er sich, er hätte ein Hypospray davon, um auf der Stelle in Vorsoissons Arsch zu pieksen. Später, gelobte er sich. Ganz bestimmt. »Glauben Sie, das ist alles, was da passiert?« »Was meinen Sie mit alles?« »Ich verstehe nicht ganz … wenn ich Soudha und seine Gruppe wäre und vom Tatort meines Verbrechens abhauen, würde … sie brauchten doch etwas Vorlaufzeit, um ihren Rückzug vorzubereiten. Vielleicht bis zu drei oder vier Wochen, falls sie wussten, dass Radovas’ Leiche wahr- scheinlich im Orbit gefunden würde.« Und was zum Teufel hatte Radovas’ Leiche dort überhaupt zu suchen? Ich habe immer noch keinen Anhaltspunkt. »Noch länger, falls sie ihre Notfallpläne auf dem neuesten Stand hielten, und Soudha ist schließlich durch und durch Ingenieur; er musste Pannensicherungen in seine Pläne eingebaut haben. Wäre es nicht sinnvoller, sich zu zerstreuen, mit wenig Gepäck zu reisen und zu versuchen, einzeln oder zu zweien das Kaiserreich zu verlassen … nicht auf einen Haufen mit zwei Schwebetransportern voll mit… was auch immer, wozu sie zum Teufel zwei Schwebetransporter brauchten, um es zu transportieren? Gewiss doch nicht ihr Geld, oder?« Vorsoisson schüttelte den Kopf, wodurch seine Sauer- stoffmaske etwas verrutschte; er musste sein Gesicht am Geländer reiben, um sie wieder zurechtzuschieben. Nach einer Weile sagte er leise: »Vorkosigan…?« Der demütigere Ton ließ Miles hoffen, der Mann nähere sich vielleicht endlich einem echten Geständnis. »Ja?«, erwiderte er ermutigend. »Ich habe fast keinen Sauerstoff mehr.« »Haben Sie denn nicht überprüft…« Miles versuchte sich in seinem pulsierenden Hirn den Moment vorzustellen, als Vorsoisson im Büro seine Sauerstoffmaske aus dem Schrank geholt und sich umgehängt hatte. Nein, er hatte gar nichts daran überprüft. Eine völlig geladene Maske würde unter normalen Umständen zwölf bis vierzehn, Stunden lebhafter Außenaktivitäten ermöglichen. Miles’ Besuchermaske stammte vermutlich aus einem zentralen Speicher, wo ein Techniker die Aufgabe hatte, die benutzten Masken zu überprüfen und nachzuladen, bevor sie wieder ins Regal kamen, bereit zu neuerlicher Benutzung. Vergiss nicht, deine Maske auf den Nachlader zu stecken, hatte Vorsoissons Frau zu ihm gesagt und dafür die patzige Antwort bekommen, sie nörgle an ihrem Mann herum. Hatte Vorsoisson die Angewohnheit, seine Aus- rüstung ungereinigt wegzustecken? In seinem Büro konnte Madame Vorsoisson nicht gut hinter ihm aufräumen, wie sie es zweifellos zu Hause tat. Früher einmal hätte Miles seine eigenen zerbrechlichen Handknochen zerbrechen und seine Hand aus einer Fessel ziehen können, bevor sein Fleisch genug anzuschwellen begann, um die Hand wieder festzuhalten. Er hatte es tatsächlich schon einmal gemacht, bei einer grässlich in Erinnerung gebliebenen Gelegenheit. Aber jetzt waren die Knochen in seinen Händen alle robust synthetisch, sogar weniger brüchig als normale Knochen. Solche Kraft- anstrengungen konnten nichts anderes bewirken, als seine wund gescheuerten Handgelenke bluten zu lassen. Vorsoissons Handgelenke begannen auch zu bluten, als er verzweifelter gegen seine Ketten anzukämpfen begann. »Vorsoisson, halten Sie still!«, rief ihm Miles ein- dringlich zu. »Sparen Sie Ihren Sauerstoff! Es soll jemand kommen. Entspannen Sie sich, atmen Sie flach, damit der Sauerstoff reicht.« Warum hatte der Idiot das nicht früher erwähnt, Miles gegenüber, oder sogar gegenüber Foscol… hatte Foscol dieses Ergebnis beabsichtigt? Vielleicht hatte, sie gewollt, dass Miles und Vorsoisson beide starben, einer nach dem anderen… wie lange würde es dauern, bis der versprochene Jemand kam, um sie zu holen? Ein paar Tage? Einen kaiserlichen Auditor mitten in der Ermittlung eines Falles zu ermorden galt als ein Akt des Verrats, der schlimmer war als die Ermordung eines herrschenden Distriktsgrafen und nur weniger schlimm als ein Attentat auf den Kaiser selbst. Nichts hätte sicherer kalkuliert werden können, um komplette Einsatzkräfte des KBS zu hektischer Verfolgung der fliehenden Veruntreuer auszu- schicken, und das mit einer unversöhnlichen Konzentra- tion, die potenziell über Raum und Zeit und diplomatische Schranken hinausreichte. Eine solche Tat war selbst- mörderisch oder unglaublich tollkühn. »Wie viel haben Sie noch?« Vorsoisson wackelte mit seinem Kinn und versuchte über seine Nase hinweg in die dunklen Tiefen seiner Jacke hinabzuspähen, um einen Blick auf die Oberseite des dort angegurteten Atemeinsatzes zu werfen. »O Gott, ich glaube, es ist schon bei null.« »Diese Dinger haben immer einen Sicherheitsspielraum. Halten Sie still, Mann! Bemühen Sie sich um etwas Selbst- beherrschung!« Stattdessen begann Vorsoisson noch verzweifelter zu zappeln. Er warf sich mit ganzer Kraft vor und zurück und versuchte das Geländer zu durchbrechen. Blut tropfte von der wund gescheuerten Haut seiner Handgelenke, das Geländer vibrierte und bog sich, aber es brach nicht. Er zog seine Knie hoch und warf sich dann durch den meterweiten Zwischenraum zwischen den Pfosten, wobei er versuchte,, sein volles Körpergewicht gegen die Ketten zu schleudern. Sie hielten, und dann konnten seine rückwärts strampeln- den Beine nicht mehr den Gehweg erreichen. Seine Stiefelabsätze schabten und scharrten an der Wand. Sein benommenes Würgen führte schließlich dazu, dass er sich in seine Sauerstoffmaske erbrach. Als sie wahrend seiner letzten Zuckungen auf seinen Hals hinabrutschte, schien dies fast eine Gnade zu sein, nur wurde auf diese Weise sein verzerrtes, purpurn anlaufendes Gesicht enthüllt. Doch das Geschrei und Gejammer verstummte, dann hörte das Keuchen und Würgen auf. Die um sich schlagenden Beine zuckten und hingen schließlich schlaff herab. Miles hatte Recht gehabt. Vorsoisson hätte vielleicht volle zwanzig oder dreißig Minuten Sauerstoff mehr gehabt, wenn er sich reglos zusammengekauert hätte. Miles stand völlig still und atmete sehr flach. Er zitterte in der Kälte. Zittern, so erinnerte er sich undeutlich, verbrauchte mehr Sauerstoff, aber er konnte es nicht unterdrücken. Das Schweigen war tief, nur unterbrochen vom Zischen von Miles’ Regulatoren und Filtern, und vom Pochen des Blutes in seinen Ohren. Er hatte viele Menschen sterben sehen, sich selbst eingeschlossen, aber dies war sicherlich eine der hässlichsten Todesarten. Die schockartigen Schauder wanderten über seinen Körper hinauf und hinab, und seine Gedanken drehten sich nutzlos im Kreis. Sie kamen immer wieder zu der nur vermeintlich gelassenen Feststellung zurück, dass für ihn im Augenblick ein ganzes Fass Schnell-Penta verdammt noch mal völlig nutzlos wäre. Falls er einen Krampfanfall bekäme und dabei seine, Sauerstoffmaske verschöbe, dann konnte er schon ein gutes Stück dem Erstickungstod näher sein, bevor er wieder zu Bewusstsein käme. Der KBS würde ihn da neben Vorsois- son hängend vorfinden, ebenfalls an seinem eigenen Erbrochenen erstickt. Und durch nichts wurde einer seiner Anfälle wahrscheinlicher ausgelöst als durch Stress. Miles beobachtete, wie auf dem Gesicht der zusammen- gesackten Leiche der Schleim zu frieren begann, dann suchte er den dunklen Himmel in der falschen Richtung ab und wartete., Ekaterin stellte ihre Koffer im Flur neben denen von Lord Vorkosigan ab und wandte sich zu einer letzten automatischen Kontrolle der Wohnung um, zur allerletzten Runde durch ihr altes Leben. Alle Lichter waren gelöscht, alle Fenster geschlossen, alle Apparate ausgeschaltet… die KomKonsole summte genau in dem Augenblick, als sie die Küche verließ. Sie zögerte. Lass los! Lass alles los! Aber dann überlegte sie, es könnte Tuomonen oder jemand anderer sein, der Lord Vorkosigan zu erreichen wünschte. Oder Onkel Vorthys. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt mit ihm sprechen wollte. Sie kehrte zu dem Gerät zurück, doch ihre Hand zögerte erneut bei dem Gedanken, es könnte Tien sein. In dem Fall schalte ich einfach ab. Falls es Tien war, der es mit irgendeiner neuen Bitte oder Drohung oder Überredung versuchen wollte, dann würde das wenigstens die Garantie bedeuten, dass er woanders war und nicht hier, und sie konnte immer noch fortgehen. Doch das Gesicht, das nach ihrem zögernden Knopf- druck über der Vid-Scheibe erschien, gehörte einer Komar- ranerin aus Tiens Abteilung, Lena Foscol. Ekaterin war ihr nur ein paarmal persönlich begegnet, doch ihr fiel ein, was Soudha die Nacht zuvor über dieser Vid-Scheibe gesagt hatte: Lena Foscol von der Buchhaltung ist die akribischste Diebin, der ich je begegnet bin. Ach du lieber Himmel. Sie, gehörte zu ihnen. Der Hintergrund war verschwommen, doch die Frau trug einen Parka, den sie über ihre komar- ranische Kleidung geworfen hatte, was den Gedanken nahe legte, sie sei entweder auf dem Weg zu einer Expedition nach draußen oder komme gerade davon zurück. Ekaterin betrachtete sie mit verhohlenem Abscheu. »Madame Vorsoisson?«, sagte Foscol munter. Ohne auf Ekaterins Antwort zu warten, fuhr sie fort: »Bitte kommen Sie und holen Sie Ihren Mann an der Abwärme-Versuchs- station ab. Er wartet auf Sie außerhalb der Nordwestseite des Maschinengebäudes.« »Aber…« Was hatte Tien um diese späte Stunde dort draußen zu tun? »Wie ist er denn dorthin gekommen? Hat er denn keinen Flieger? Kann er nicht mit jemand anderem zurückkommen?« »Alle anderen sind schon fort.« Foscol grinste breit und schaltete ab. »Aber…« Ekaterin hob ihre Hand in vergeblichem Protest, doch es war zu spät. »Verdammt.« Und dann, einen Moment später: »Hol’s der Teufel!« Tien von der Versuchsstation abzuholen würde mindes- tens zwei Stunden dauern. Sie würde zuerst mit einem Bubblecar zu einer öffentlichen Fliegervermietung fahren und sich dort einen Flieger leihen müssen, da sie nicht die Vollmacht hatte, einen von Tiens Abteilung anzufordern. Sie hatte ernsthaft erwogen, diese Nacht auf einer Park- bank zu schlafen, um ihre kargen Mittel für die unsicheren Tage aufzusparen, die vor ihr lagen, bis sie irgendeine bezahlte Tätigkeit gefunden hätte; allerdings erlaubten die, Wachstreifen der Kuppelstadt Obdachlosen nicht, an Orten herumzulungern, wo sie sich vielleicht sicher fühlen würde. Foscol hatte nicht gesagt, ob Lord Vorkosigan mit Tien zusammen war, was den Gedanken nahe legte, dass er es nicht war, was wiederum bedeutete, sie würde mit Tien allein nach Serifosa zurückfliegen müssen. Und Tien würde darauf bestehen, das Steuer zu übernehmen, und was war, falls er unterwegs auf halbem Weg schließlich Ernst machte mit seinen Selbstmorddrohungen und beschloss, sie mit in den Tod zu nehmen? Nein. Das war das Risiko nicht wert. Soll er doch bis zum Morgen dort draußen versauern oder jemand anderen rufen. Als sie schon die Hand erneut an ihrem Koffer hatte, dachte sie noch einmal darüber nach. In diesem ganzen Schlamassel gab es einen, der immer noch gefährdet oder zumindest vom Wohlverhalten aller Beteiligten abhängig war: Nikki. Tiens Beziehung zu seinem Sohn war größten- teils von Gleichgültigkeit geprägt, in die sich gelegentlich Einschüchterung mischte, aber es gab dann immer noch genug Anfälle von tatsächlicher Aufmerksamkeit, sodass Nikki zumindest noch eine gewisse Anhänglichkeit seinem Vater gegenüber an den Tag zu legen schien. Die Bezie- hung der beiden war immer getrennt von ihrer eigenen zu ihnen. Sie und Tien würden Nikki zuliebe kooperieren müssen: eine eiserne Hülle aus oberflächlicher Höflichkeit, die keine Sprünge bekommen dürfte. Tiens Ärger oder potenzielle Gewalttätigkeit waren für Ekaterins Zukunft keine größere Bedrohung als irgendein verspäteter Versuch von Zuneigung oder Versöhnung auf seiner Seite. Jetzt, so dachte sie, wäre sie in der Lage, beides mit der gleichen, steinernen Miene abzuweisen. Ich bin nicht hier, um meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich bin hier, um meine Ziele zu erreichen. Ja. Sie wusste, dies würde in den kommenden Wochen ihr neues Mantra sein. Sie verzog das Gesicht, öffnete ihren Koffer und holte ihre persönliche Sauerstoffmaske heraus, über- prüfte die Reserven, zog ihren Parka an und machte sich auf den Weg zur Bubblecar-Station. Die Verzögerungen waren genauso ärgerlich, wie Ekaterin es vorhergesehen hatte. Einige Komarraner, die mit ihr im selben Bubblecar saßen, machten zwei zusätzliche Stopps nötig. Sie steckte dreißig Minuten in Sichtweite ihres Ziels im Stau; als sie endlich die westlichste Schleuse der Kuppel erreichte, war sie schon nahe daran, ihren Plan, höflich zu sein, wieder fallen zu lassen und in die Woh- nung zurückzukehren, doch der Gedanke, dass sie dann weitere dreißig Minuten im Stau hängen würde, brachte sie davon ab. Der Leichtflieger, den man ihr vermietete, war nicht mehr neu und nicht sehr sauber. Als sie schließlich allein durch das riesige Schweigen der komarranischen Nacht flog, beruhigten sich ihre Gefühle ein wenig, und sie spielte mit der Vorstellung, anderswohin zu fliegen, irgendwohin, einfach um dieses himmlische Alleinsein auszudehnen. Es mochte noch mehr an Vergnügen geben als nur die Abwesenheit von Schmerz, aber im Augenblick konnte sie das nicht beweisen. Die Abwesenheit von Schmerz, von anderen Menschen und ihren Bedürfnissen, die auf sie eindrangen, erschien schon paradiesisch genug. Ein Paradies knapp außer Reichweite., Außerdem gab es für sie kein anderswo. Sie konnte nicht einmal mit Nikki nach Barrayar zurückkehren, ohne zuerst genügend Geld für ihren Flug zu verdienen oder sich das Geld von ihrem Vater oder ihren fernen Brüdern zu leihen, oder von Onkel Vorthys. Ein unangenehmer Gedan- ke. Was du empfindest, zählt nicht, Mädel, sagte sie sich. Es geht um die Ziele. Du wirst alles tun, was du tun musst. Ein Glühen am Horizont – die hellen Lichter der Versuchsstation, die isoliert in dieser öden Wildnis lag – zog den Blick schon aus der Ferne an. Sie folgte dem schwarz-seidigen Schimmer des Flusses, der sich an der Anlage vorüberschlängelte. Als sie näher kam, entdeckte sie einige Fahrzeuge auf dem Parkplatz der Station und runzelte verärgert die Stirn. Foscol hatte gelogen, als sie sagte, es sei niemand mehr an der Station, der Tien mitneh- men könnte. Andrerseits eröffnete dies die Möglichkeit, dass Ekaterin vielleicht mit jemand anderem nach Serifosa zurückfliegen könnte … Sie unterdrückte den Impuls, mitten im Flug kehrtzumachen und landete stattdessen auf dem Parkplatz. Sie schob ihre Sauerstoffmaske zurecht, öffnete das Verdeck und ging zum Bürogebäude, wobei sie hoffte, einen Rückflug ausmachen zu können, bevor sie Tien begegnete. Als sie das Steuerfeld berührte, öffnete sich die Luftschleuse. Es gab kaum einen Grund, weshalb man hier draußen etwas versperrt lassen sollte. Sie bog in den ersten gut beleuchteten Korridor ein und rief: »Hallo!« Niemand antwortete. Es schien niemand da zu sein. Etwa die Hälfte der Zimmer war kahl und leer; die übrigen kamen ihr ziemlich schlampig und unordentlich vor. Eine, KomKonsole war geöffnet, ihre Innenteile herausgerissen … genau genommen geschmolzen. Das musste eine spektakuläre Störung gewesen sein. Ihre Schritte erzeugten ein hohles Echo, als sie durch die Fußgängeröhre in das Maschinengebäude hinüberging. »Hallo? Tien?« Auch hier antwortete niemand. Die beiden großen Versammlungs- räume waren dunkel und leer. »Ist da jemand?« Wenn Foscol doch nicht gelogen hatte, warum standen dann all die Luftwagen und Flieger auf dem Parkplatz? Wohin waren ihre Besitzer verschwunden – und worin? Er wartet auf Sie außerhalb der nordwestlichen Seite… Sie hatte nur eine vage Vorstellung, welche Seite des Gebäudes nach Nordwesten lag; sie hatte halb erwartet, Tien würde auf dem Parkplatz auf sie warten. Sie seufzte unbehaglich, schob wieder ihre Sauerstoffmaske zurecht und trat durch die Fußgängerschleuse nach draußen. Es würde nur ein paar Minuten dauern, um das Gebäude herumzugehen. Ich möchte auf der Stelle nach Serifosa zurückfliegen. Das ist doch verrückt hier. Langsam umrun- dete sie das Gebäude zu ihrer Linken. In der Kälte und der toxischen Nachtluft klangen ihre Schritte auf dem Beton hart und laut. Ein erhöhter Gehweg, bei dem es sich in Wirklichkeit um den horizontalen Rand des Fundaments des Gebäudes handelte, lief an der Mauer entlang, begleitet von einem Geländer auf der Außenseite, wo der Boden absank. Ekaterin hatte ein Gefühl, als triebe man sie in eine Falle oder einen Pferch. Sie bog um die zweite Ecke. Auf halber Länge des Gehwegs war eine kleine mensch- liche Gestalt auf den Knien zusammengekauert, hatte die Arme ausgestreckt und die Stirn gegen das Geländer, gepresst. Eine größere Gestalt hing an den Handgelenken zwischen zwei weit auseinander stehenden Pfosten; der Körper baumelte über den Rand des erhöhten Beton- fundaments hinaus, die Füße waren einen halben Meter vom Boden entfernt. Was ist da los? Die Dunkelheit schien zu pulsieren. Ekaterin schluckte ihre aufkommende Panik hinunter und hastete auf das seltsame Paar zu. Bei der baumelnden Gestalt handelte es sich um Tien. Seine Sauerstoffmaske war abgegangen und um seinen Hals gedreht. Selbst in dem bunten Halblicht aus den Scheinwerfern drunten in der Vegetation konnte sie sehen, dass sein Gesicht purpurn gefleckt war. Und es war auf eine kalte, teigige Art regungslos. Die Zunge hing aus dem Mund; die hervorquellenden Augen waren erstarrt. Sehr, sehr tot. Der Magen drehte sich ihr um und krampfte sich schockartig zusammen, das Herz schlug ihr bis in den Hals. Die kniende Gestalt entpuppte sich als Lord Vorkosigan. Er trug ihre zweitbeste Jacke, die sie vor einer kleinen Ewigkeit beim Packen nicht hatte finden können. Er hatte die Sauerstoffmaske noch aufgesetzt und drehte den Kopf. Als er sie sah, riss er die dunklen Augen weit auf, und Ekaterin war erleichtert. Wenigstens lebte der kleine Lord Auditor noch. Sie war verzweifelt dankbar, dass sie nicht mit zwei Leichen allein war. Schließlich sah sie, dass er genau wie Tien mit den Handgelenken an die Pfosten des Geländers gekettet war. Blut rann herab und befeuchtete dunkel die Ärmelaufschläge seiner Jacke. Ihr erster zusammenhängender Gedanke war die unaus- sprechliche Erleichterung, dass sie Nikki nicht mitgebracht hatte. Wie soll ich ihm das erzählen? Doch erst morgen –, es war ein Problem für morgen. Sollte er doch diese Nacht noch in der heilen Abgeschiedenheit eines anderen Univer- sums verbringen, das diesen Schrecken nicht enthielt. »Madame Vorsoisson.« Lord Vorkosigans Stimme drang gedämpft und matt durch die Sauerstoffmaske. »O Gott!« Ängstlich berührte sie die kalten Ketten um seine Handgelenke. Die wund gescheuerte Haut war rings um die Kettenglieder geschwollen und begrub sie fast unter sich. »Ich gehe hinein und suche ein Schneidewerkzeug.« Fast hätte sie noch hinzugefügt: Warten Sie hier, aber sie schluckte diese alberne Floskel gerade noch rechtzeitig hinunter. »Nein, warten Sie«, keuchte er. »Lassen Sie mich nicht allein – es soll einen Schlüssel geben … angeblich … dort hinten auf dem Gehweg.« Er machte einen Ruck mit dem Kopf. Sie fand den Schlüssel sofort, er war vom einfachen mechanischen Typ, ein kaltes Metallstück in ihren zitternden Fingern. Sie musste es ein paarmal versuchen, bis sie ihn in die Schlösser stecken konnte, mit denen die Ketten befestigt waren. Dann musste sie die Kette aus Vorkosigans blutverkrusteter Haut schälen, wie aus einer Gummiform, bevor er seine Hände sinken lassen konnte. Als sie die zweite Hand befreite, fiel er fast mit dem Kopf voran über den Rand des Betons. Sie packte ihn und schleifte ihn zurück zur Mauer des Gebäudes. Er versuchte aufzustehen, doch die Beine knickten ihm ein und er sank erneut zusammen. »Haben Sie eine Minute Geduld«, sagte Ekaterin. Unbeholfen versuchte sie, seine Beine zu, massieren, um den Blutkreislauf wieder anzuregen; selbst durch den Stoff seiner grauen Hose hindurch spürte sie, wie kalt und steif sie waren. Sie stand auf, hielt den Schlüssel in der Hand und blickte verwirrt auf Tiens Leiche. Sie bezweifelte, dass sie und Vorkosigan zusammen den Toten wieder auf den Gehweg heben konnten. »Es ist viel zu spät«, sagte Vorkosigan, der sie beobach- tete. Seine Augenbrauen waren besorgt gekrümmt. »Es tut mir L-Leid. Überlassen Sie ihn Tuomonen.« »Was ist das da auf seinem Rücken?« Sie berührte das eigenartige Plastikpäckchen, das mit einem Klebeband befestigt war. »Lassen Sie das«, sagte Lord Vorkosigan etwas schärfer. »Bitte.« Und dann brach es stotternd aus ihm hervor, während er am ganzen Leib zitterte: »Es tut mir Leid. Es tut mir Leid. Ich k-konnte die K-Ketten nicht b-brechen. Verdammt, er konnte es auch nicht, und er ist s-stärker als ich … ich dachte, ich k-könnte meine Hand brechen und sie herausbekommen, aber ich konnte es nicht. Es tut mir Leid…« »Sie müssen ins Gebäude hineingehen, wo es warm ist. Hier.« Sie half ihm aufzustehen; nach einem letzten Blick über die Schulter auf Tien ließ er sich von ihr wegführen. Er machte einen Buckel, stützte sich auf sie und taumelte auf seinen wackeligen Beinen. Sie führte ihn durch die Luftschleuse in das Büro- gebäude und geleitete ihn zu einem Polstersessel in der Vorhalle. Er ließ sich mehr fallen, als dass er sich setzte. Er, zitterte heftig. »K-K-Knopf«, murmelte er und streckte ihr die Hände hin wie zwei gelähmte Pfoten. »Was?« »Der kleine Knopf s-seitlich am Kommunikator. Drücken Sie ihn!« Sie tat es; er seufzte und ließ sich entspannt gegen die Rückenlehne sinken. Seine steifen Hände rissen an der Sauerstoffmaske herum; Ekaterin half ihm, sie über den Kopf zu ziehen, und zog dann auch ihre eigene Maske herunter. »Gott, was bin ich froh, dass ich das Ding abhabe. Lebend. Ich d-dachte, ich würde dort draußen einen Anfall bekommen …« Er wischte sich über das blasse Gesicht und rieb an den roten Drucklinien, welche die Maskenränder in die Haut gegraben hatten. »Und es hat gejuckt.« Ekaterin entdeckte die Steuerknöpfe in einer Wand in der Nähe und drückte sie hastig, um die Temperatur der Vorhalle zu erhöhen. Auch sie zitterte, allerdings nicht von der Kälte. »Lord Vorkosigan?« Hauptmann Tuomonens besorgte Stimme tönte dünn aus dem Kommunikator. »Was ist los? Wo zum Teufel sind Sie?!« Vorkosigan hob sein Handgelenk an den Mund. »Auf der Abwärme-Versuchsstation. Kommen Sie her, ich brau- che Sie.« »Was tun Sie denn… Soll ich ein Kommando mit- bringen?« »Ich denke, wir brauchen jetzt keine Kanonen. Sie werden jedoch Spurensicherer brauchen. Und ein Notarzt- team.«, »Sind Sie verletzt, Mylord?« Tuomonens Stimme wurde scharf vor Panik. »Nicht der Rede wert«, sagte Vorkosigan, der anschei- nend das Blut vergessen hatte, das noch aus seinen Hand- gelenken sickerte. »Administrator Vorsoisson ist allerdings tot.« »Was zum Teufel – Sie haben sich nicht bei mir abgemeldet, bevor Sie die Kuppel verließen, verdammt! Was zum Teufel ist dort draußen los?« »Meine Fehler können wir später ausführlich disku- tieren. Machen Sie zu, Hauptmann. Vorkosigan Ende.« Er ließ erschöpft den Arm sinken. Sein Zittern ließ jetzt nach. Er lehnte den Kopf gegen die Polsterung. Die dunklen Flecken der Erschöpfung unter seinen Augen wirkten wie Blutergüsse. Er starrte Ekaterin traurig an. »Es tut mir Leid, Madame Vorsoisson. Ich konnte nichts tun.« »Das glaube ich Ihnen.« Er schaute sich schielend um und fügte abrupt an: »Das Kraftwerk!« »Was ist damit?« »Ich muss es überprüfen, bevor die Soldaten kommen. Als ich dort draußen angebunden war, habe ich eine Menge Zeit damit verbracht zu überlegen, ob man vielleicht einen Sabotageakt verübt hat.« Seine Beine waren immer noch nicht einsatzfähig. Fast fiel er wieder hin, als er versuchte, sich auf dem Absatz umzudrehen; sie stand auf und fing ihn gerade noch am Ellbogen auf. »Gut«, sagte er undeutlich und zeigte. »Dort entlang.«, Sie war offensichtlich zur Unterstützung abkomman- diert. Er humpelte entschlossen los und klammerte sich ohne Entschuldigung an ihren Arm. Die erzwungene Tätigkeit half ihr tatsächlich, wenn nicht Ruhe, doch eine gewisse physische Stabilität zu gewinnen; ihre Schauder klangen ab, und ihre aufkommende Übelkeit ging vorbei und hinterließ nur ein heißes, seltsames Gefühl in der Bauchgegend. Ein weiterer Röhrengang für Fußgänger führte hinab zum Kraftwerk am Fluss. Dieser Fluss war der größte im Sektor und der nahe liegende Grund, warum man die Versuchsstation hier errichtet hatte. Nach barrayarani- schen Maßstäben hätte man ihn allerdings einen Bach genannt. Vorkosigan bewegte sich schwerfällig im Kontrollraum des Kraftwerks umher und überprüfte Steuer- pulte und Computeranzeigen. »Nichts sieht unnormal aus«, murmelte er. »Ich frage mich, warum sie nicht auf Selbstzerstörung geschaltet haben? Ich hätte es getan…« Er ließ sich auf einen Arbeitsstuhl sinken. Sie zog sich auch einen heran, setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn ängstlich. »Was ist passiert?« »Ich – wir kamen heraus, Tien brachte mich hierher – wie zum Teufel sind Sie denn hergekommen?« »Lena Foscol hat mich zu Hause angerufen und gesagt, Tien wolle abgeholt werden. Sie hat mich fast nicht mehr erreicht. Ich war gerade dabei wegzugehen. Sie hat mir nicht einmal gesagt, dass Sie auch hier draußen waren. So hätten Sie immer noch…« »Nein … nein, ich bin mir fast sicher, sie hätte etwas anderes arrangiert, wenn sie Sie verfehlt hätte.« Er setzte sich aufrechter hin oder versuchte es zumindest. »Wie spät ist es?«, »Kurz vor 21 Uhr.« »Ich … hätte gedacht, es sei viel später. Man hatte uns betäubt, verstehen Sie? Ich wusste nicht, wie lange … Um wie viel Uhr hat sie Sie angerufen?« »Es war kurz nach 19 Uhr.« Er kniff die Augen zusammen, dann öffnete er sie wieder. »Es war zu spät. Da war es schon zu spät, ver- stehen Sie?«, fragte er eindringlich. Seine Hand bewegte sich ruckartig in ihre Richtung, auf ihr Knie zu, während sie sich ihm entgegenbeugte, um seine heiseren Worte mitzubekommen, doch dann ließ er die Hand zurücksinken. »Nein…« »In der Abteilung Abwärme ging etwas Fragwürdiges vor sich. Ihr Mann nahm mich hierher mit, um mir etwas zu zeigen – nun, ich weiß nicht ganz, was er mir zeigen wollte, aber wir sind dabei direkt Soudha und seinen Komplizen in die Arme gelaufen, die gerade dabei waren, sich aus dem Staub zu machen. Soudha hat schneller gezogen als ich – und uns beide betäubt. Ich kam wieder zu mir, an dieses Geländer dort draußen gekettet. Ich glaube nicht – ich weiß nicht… ich glaube nicht, dass sie vor- hatten, Ihren Ehemann umzubringen. Er hatte seine Atem- maske nicht überprüft, wissen Sie. Seine Sauerstoffreserve war fast leer. Die Komarraner haben es auch nicht über- prüft, bevor sie uns zurückließen. Ich wusste es nicht, niemand wusste es.« »Kein einziger Komarraner würde daran denken«, sagte Ekaterin steif. »Schon im Alter von drei Jahren sind ihnen die Prozeduren zur Überprüfung der Masken in Fleisch und, Blut übergegangen. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass ein Erwachsener mit unzureichender Ausrüstung die Kuppel verlassen würde.« Sie ballte die Fauste im Schoß. Jetzt konnte sie sich Tiens Tod bildlich vorstellen. »Es ging… schnell«, brachte Vorkosigan vor. »Wenig- stens das.« Das stimmte nicht. Weder schnell noch sauber. »Bitte, lügen Sie mich nicht an. Bitte lügen Sie mich niemals an.« »Na schön …«, sagte er langsam. »Aber ich glaube nicht… ich glaube nicht, dass es Mord war. Diese Sache zu inszenieren und dann Sie anzurufen …« Er schüttelte den Kopf. »Höchstens Totschlag. Ein Unglücksfall mit töd- lichem Ausgang.« »Ein Tod aus Dummheit«, sagte sie bitter. »Konsequent bis zum Ende.« Er blickte auf, nicht so sehr überrascht, sondern vielmehr wach und fragend. »Wie bitte?« »Lord Auditor Vorkosigan.« Sie schluckte; es schnürte ihr die Kehle zu, als hätte sie einen Muskelkrampf. Die Stille innerhalb und außerhalb des Gebäudes mit ihrer trostlosen Leere war geradezu unheimlich. Es hätte genau- so gut sein können, dass sie und Vorkosigan die beiden letzten Menschen waren, die noch auf diesem Planeten lebten. »Sie sollten wissen: Als ich sagte, Foscol habe angerufen, als ich gerade dabei war wegzugehen… da wollte ich fortgehen. Tien verlassen. Ich hatte es ihm gesagt, als er heute Abend von der Arbeit heimkam, kurz bevor er zurückging, um – wie ich vermute – Sie zu holen. Was hat er getan?«, Er nahm dies alles auf, ohne zuerst sichtlich zu reagie- ren, als müsse er es überdenken. »Na schön«, wiederholte er schließlich leise. Er blickte zu ihr hinüber. »Im Wesent- lichen kam er daher und stammelte etwas von einem Unter- schlagungskomplott, das anscheinend schon eine ganze Weile in der Abteilung Abwärme im Gange war. Er forschte mich aus, wie es wäre, wenn er sich zum Kron- zeugen erklärte. Anscheinend glaubte er, dies würde ihn vor Strafverfolgung schützen. Aber die Sache ist nicht ganz so einfach. Ich habe keine Zusagen gemacht.« »Tien hatte gehört, was er hören wollte«, sagte sie leise. »So … habe ich es auch verstanden.« Er zögerte und musterte ihr Gesicht. »Wie lange… was wissen Sie darüber?« »Und wie lange ich es schon weiß?« Ekaterin verzog das Gesicht und rieb sich die noch verbliebene Reizung durch die Maske aus dem Gesicht. »Nicht so lange, wie ich es hätte wissen sollen. Tien hat seit Monaten geredet … Sie müssen verstehen, er hatte eine irrationale Angst davor, dass jemand etwas über seine Vorzohns Dystrophie heraus- finden könnte.« »Das verstehe ich tatsächlich«, brachte er zögernd vor. »Ja… und nein. Es ist zum Teil die Schuld von Tiens älterem Bruder. Ich habe den Mann jahrelang verflucht. Als bei ihm die Symptome auftraten, wählte er den Ausweg der Alten Vor und stürzte mit seinem Leichtflieger ab. Das machte auf Tien einen Eindruck, den er nicht mehr los wurde. Damit wurde ein unmögliches Vorbild gesetzt. Wir hatten keine Ahnung, dass seine Familie Träger der, Mutation war, bis Tien als Testamentsvollstrecker seines Bruders dessen Aufzeichnungen und Hinterlassenschaften durchschaute, und es wurde uns beiden klar, dass der Unfall absichtlich herbeigeführt worden war, und warum. Das war kurz nach Nikkis Geburt…« »Aber wäre nicht… ich habe mich das bereits gefragt, als ich Ihre Datei las – der Defekt hätte doch schon bei der Genuntersuchung auftauchen müssen, bevor der Embryo in den Uterusreplikator umgesetzt wurde. Ist Nikki auch betroffen, oder…?« »Nikki war eine Körpergeburt. Keine Genuntersuchung. Die Sitte der Alten Vor. Die Alten Vor haben gutes Blut, wissen Sie, da ist es nicht nötig, etwas zu überprüfen.« Er schaute drein, als hatte er in eine Zitrone gebissen. »Wer ist denn auf diese intelligente Idee gekommen?« »Ich kann mich nicht mehr… ganz erinnern, wie es zu der Entscheidung kam. Tien und ich haben zusammen ent- schieden. Ich war noch jung, wir hatten gerade geheiratet, ich hatte eine Menge dummer romantischer Vorstellungen … vermutlich ist es mir damals heroisch vorgekommen.« »Wie alt waren Sie?« »Zwanzig.« »Aha.« Er verzog den Mund zu einem Gesichtsausdruck, den sie nicht ganz deuten konnte, eine traurige Mischung aus Ironie und Mitgefühl. »Ja.« Auf geheimnisvolle Weise ermutigt, fuhr sie fort. »Tiens Plan, mit der Dystrophie fertig zu werden, ohne dass jemand etwas davon erfuhr, bestand darin, sich einer galak- tischen Behandlung zu unterziehen, irgendwo weit weg, vom Kaiserreich. Das machte die Sache viel teurer, als es notwendig gewesen wäre. Wir hatten seit Jahren versucht zu sparen, aber irgendwie ging immer etwas schief. Wir machten nie große Fortschritte. Aber die letzten sechs oder acht Monate hat Tien mir gesagt, ich solle aufhören, mir Sorgen zu machen, er habe es unter Kontrolle. Außer dass… Tien immer so redet, und so achtete ich kaum darauf. Dann letzte Nacht, nachdem Sie schon zu Bett gegangen waren … Ich habe gehört, wie Sie zu ihm klipp und klar sagten, Sie wollten heute eine unangekündigte Inspektion seiner Abteilung durchführen, ich habe es gehört… Er stand in der Nacht auf und rief Administrator Soudha an, um ihn zu warnen. Ich lauschte… ich hörte genug, um mitzubekommen, dass sie ein Komplott zur Fälschung der Gehaltslisten durchzogen, und ich befürch- tete … nein, ich bin mir sicher, dass Tien Bestechungs- gelder angenommen hat. Denn …«, sie hielt inne und holte Luft,»… ich habe mich heute Morgen in Tiens Kom- Konsole eingelogt und habe mir seine Finanzdateien angeschaut.« Sie blickte auf, um zu sehen, wie Vorkosigan dies aufnehmen würde. Er hatte wieder den Mund verzogen. »Es tut mir Leid, dass ich Sie kürzlich so heftig kritisiert habe, weil Sie meine Dateien durchschauten«, sagte sie reumütig. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, machte lediglich eine kleine, ermutigende Geste mit den Fingern und sank noch ein wenig mehr in seinem Sessel zusammen, doch er lauschte mit einem Ausdruck höchster Aufmerk- samkeit. Er lauschte. Sie beeilte sich fortzufahren, nicht weil sie fürchtete, die, Nerven zu verlieren – sie empfand jetzt kaum etwas –, sondern aus purer Erschöpfung aufhören zu müssen. »Er hatte mindestens vierzigtausend Mark gehabt, von denen ich nicht sehen konnte, woher sie gekommen waren. Gewiss nicht aus seinem Gehalt.« »Hatte gehabt?« »Wenn die Informationen auf der KomKonsole stimmten, hatte er die ganzen vierzigtausend genommen und sechzig weitere geliehen, und dann alles bei Aktien von komarranischen Handelsflotten verloren.« »Alles?« »Nun ja, nein, nicht gänzlich alles. Etwa drei Viertel davon.« Auf seinen überraschten Blick hin fügte sie hinzu: »Mit Tiens Glück ging es immer so.« »Ich pflegte immer zu sagen, jeder sei seines Glückes Schmied. Allerdings wurde ich oft genug gezwungen, das wieder zurückzunehmen, und deshalb sage ich es nicht mehr so oft.« »Nun … ich glaube, es muss stimmen. Wie hätte sonst sein Pech so beständig sein können? Der einzige gemein- same Faktor in dem ganzen Chaos war Tien.« Sie lehnte erschöpft den Kopf zurück. »Allerdings hätte vielleicht auch ich schuld sein können, irgendwie.« Tien sagte oft, ich sei schuld. Nach einer kleinen Weile Schweigen sagte er zögernd: »Haben Sie Ihren Mann geliebt, Madame Vorsoisson?« Darauf wollte sie keine Antwort geben. Die Wahrheit beschämte sie. Doch sie hatte keine Lust mehr, sich zu verstellen. »Vermutlich habe ich ihn einmal geliebt. Am, Anfang. Ich kann mich kaum noch daran erinnern. Aber ich konnte nicht aufhören… für ihn zu sorgen. Hinter ihm aufzuräumen. Nur dass mein Für-ihn-Sorgen immer lang- samer wurde und schließlich… aufhörte. Zu spät. Oder vielleicht zu früh. Ich weiß es nicht.« Aber wenn sie natürlich nicht gerade zu jenem Zeitpunkt Schluss mit Tien gemacht hätte, in genau dieser Weise, dann wäre er an diesem Abend nicht… und, und, und, die ganze Kette von Ereignissen, die zu diesem Moment geführt hatten. Dieses wenn nur konnte man natürlich für jedes Glied in der Kette sagen. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht wiederherstellbar. »Ich dachte, wenn ich ihn loslasse, dann würde er fallen.« Sie starrte auf ihre Hände. »Am Ende. Ich habe nicht erwartet, dass es so bald geschehen würde.« Allmählich wurde ihr klar, in welch großem Schlamassel Tiens Tod sie zurücklassen würde. Sie würde die schmerz- lichen rechtlichen Schritte der Trennung gegen die ebenso schmerzlichen und schwierigen rechtlichen Schritte der Klärung seines wahrscheinlich bankrotten Nachlasses eintauschen. Und was sollte sie mit seinen sterblichen Überresten machen? Welche Art von Bestattung, und wie sie es seiner Mutter beibringen sollte und … doch schon jetzt erschien es ihr tausendmal leichter, das schlimmste Problem ohne Tien zu lösen als das einfachste mit ihm. Keine rücksichtsvollen Verhandlungen mehr um eine Erlaubnis oder Billigung oder Zustimmung. Sie konnte es einfach tun. Sie kam sich vor… wie ein Patient, der aus einer Lähmung erwachte, zum ersten Mal die Arme weit ausstreckte und überrascht feststellte, dass sie stark waren., Sie runzelte fragend die Stirn. »Wird es Anklagen geben? Gegen Tien?« Vorkosigan zuckte die Achseln. »Für gewöhnlich macht man Toten keinen Prozess, obwohl es gelegentlich im Zeitalter der Isolation vorkam. Da fällt mir zum Beispiel Lord Vorventa der Zweimal-Gehängte ein. Nein. Es wird Ermittlungen geben, und Berichte, ach du meine Güte, die Berichte, vom KBS und von mir selbst und möglicherweise von der Sicherheitsbehörde von Serifosa – ich sehe schon Streitigkeiten über die Zuständigkeit voraus –, und es könnte notwendig sein, dass Sie als Zeugin aussa- gen im Rahmen der Strafverfolgung anderer Personen …« Er brach ab, drehte sich mühsam auf seinem Sessel herum und schob eine jetzt etwas weniger steifgefrorene Hand in seine Tasche. »Personen, die vermutlich meinen Betäuber mitgenommen haben …« Auf seinem Gesicht erschien Bestürzung, er kam mit einem Ruck auf die Beine und drehte beide Hosentaschen nach außen, dann überprüfte er seine Jacke, streifte sie ab und tastete sein graues Hemd ab. »Verdammt.« »Was ist?«, fragte Ekaterin erschrocken. »Ich glaube, die Mistkerle haben mein Auditorensiegel mitgenommen. Wenn es mir nicht bei dem ganzen Unfug heute Abend irgendwo herausgefallen ist. O Gott! Es öffnet jede KomKonsole der Regierung oder des Sicherheits- dienstes im gesamten Kaiserreich.« Er holte tief Luft, dann hellte sich sein Gesicht auf. »Andrerseits hat es einen Ortungschip. Der KBS kann es aufspüren, wenn er nahe genug dran ist – der KBS kann diese Leute aufspüren. Ha!« Mühsam zwang er seine roten, geschwollenen Finger, auf seinem Kommunikator einen Kanal zu aktivieren., »Tuomonen?«, fragte er. »Wir sind unterwegs, Mylord«, erwiderte sofort Tuomo- nens Stimme. »Wir sind in der Luft, ungefähr auf halbem Weg, meiner Schätzung nach. Wollen Sie bitte Ihren Kanal offen lassen?« »Hören Sie. Ich glaube, die Angreifer haben sich mit meinem Auditorensiegel aus dem Staub gemacht. Beauf- tragen Sie sofort jemanden, es aufzuspüren. Wenn Sie es finden, dann werden Sie auch diese Leute finden, falls man es nicht hier irgendwo hat fallen lassen. Diese Möglichkeit können Sie überprüfen, wenn Sie hier sind.« Dann bestand Vorkosigan auf einem Rundgang durch das Gebäude, und er kommandierte Ekaterin erneut dazu ab, ihn gelegentlich zu stützen, obwohl er jetzt sehr selten stolperte. Mit finsterem Gesicht blickte er auf die geschmolzene KomKonsole und die leeren Räume, dann starrte er mit zusammengekniffenen Augen auf das Durch- einander der Geräte. Als sie wieder in die Vorhalle zurück- kehrten, kamen gerade Tuomonen und seine Leute an. Lord Vorkosigan zuckte verblüfft mit den Lippen, als zwei Wachleute in Halbpanzern mit Betäubern im Anschlag durch die luftdichte Tür sprangen. Sie nickten ihm nervös zu, was er mit einer schiefen militärischen Grußgeste zur Kenntnis nahm, dann stürmten sie hinter- einander durch die Anlage und nahmen eine ziemlich geräuschvolle Sicherheitsüberprüfung vor. Vorkosigan schob sich in eine absichtlich entspanntere Stellung und lehnte sich an einen gepolsterten Sessel. Hauptmann Tuomonen betrat die Vorhalle, gefolgt von einem weiteren barrayaranischen Soldaten in Halbpanzer und drei Männern, in Sanitätskleidung. »Mylord!«, rief Tuomonen und nahm seine Sauer- stoffmaske ab. In Ekaterins Ohren klang sein Ton vertraut mütterlich, so etwa zwischen Gott sei Dank, dass dir nichts passiert ist und Ich werde dich mit meinen bloßen Händen erwürgen. »Guten Abend, Hauptmann«, erwiderte Vorkosigan freundlich. »Es freut mich, Sie zu sehen.« »Sie haben mich nicht darüber in Kenntnis gesetzt!« »Ja, das war ganz und gar mein Fehler, und ich werde Sie bestimmt in meinem Bericht entlasten«, erklärte Vorkosigan besänftigend. »Darum geht es nicht, verdammt noch mal!« Tuomonen trat zu ihm und winkte einen Sanitäter heran. Dann bemerkte er Vorkosigans aufgequollene Handgelenke und seine blutigen Hände. »Wer hat Ihnen das angetan?« »Ich fürchte, das habe ich mir eher selbst angetan.« Vorkosigans Pose gekünstelter Ungezwungenheit wandelte sich wieder in seine ursprüngliche Grimmigkeit. »Es hätte noch schlimmer sein können, wie ich Ihnen gleich zeigen werde. Auf der Rückseite des Gebäudes. Ich möchte, dass Sie alles aufzeichnen, ein komplettes Scanning. Alles, wobei Sie sich unsicher sind, überlassen Sie den Experten aus dem Hauptquartier. Ich möchte, dass sofort ein erst- klassiges Spurensicherungsteam von Solstice hergeholt wird. Zwei Teams, eins für hier draußen, ein zweites für die prächtig frisierten KomKonsolen in den Büros des Terraforming-Projekts. Aber zuerst sollten wir«, er blickte auf die Sanitäter und Ekaterin, »die Leiche von Adminis-, trator Vorsoisson losbinden.« »Hier ist der Schlüssel«, murmelte Ekaterin benommen und holte das Metallstück aus der Tasche. »Danke«, sagte Vorkosigan und nahm ihn entgegen. »Warten Sie hier, bitte.« Er reckte das Kinn, überprüfte seine Maske und setzte sie auf, dann führte er den immer noch protestierenden Tuomonen zurück durch die Luft- schleuse und winkte den Sanitätern gebieterisch, ihm zu folgen. Ekaterin hörte immer noch das Gepolter und die angespannten scharfen Stimmen der bewaffneten Wachen, die jetzt aus fernen Korridoren tiefer im Bürogebäude kamen. Sie kauerte sich auf dem Sessel zusammen, den Vorkosigan freigemacht hatte, und kam sich dabei sehr komisch vor, weil sie nicht den Männern zu Tien folgte. Doch es schien, als würde diesmal jemand anderer den Schlamassel aufräumen. Ein paar Tränen rollten ihr über die Wangen, Nachwirkungen des körperlichen Schocks, vermutete sie, denn sie empfand gewiss nicht mehr Gefühle, als wenn sie ein Klumpen Blei gewesen wäre. Nach einiger Zeit kehrten die Männer in die Vorhalle zurück, wo Tuomonen schließlich Vorkosigan überredete, sich hinzusetzen und vom rangältesten Sanitäter seine Handgelenke behandeln zu lassen. »Das ist nicht die Behandlung, um die ich mir im Augenblick die meisten Gedanken mache«, beschwerte sich Vorkosigan, während ein Hypospray mit Synergin ihm seitlich in den Hals zischte. »Ich muss nach Serifosa zurück. Ich brauche unbedingt etwas aus meinem Gepäck.«, »Ja, Mylord«, sagte der Sanitäter beruhigend und fuhr damit fort, die Wunden zu reinigen und zu verbinden. Tuomonen ging zu seinem Luftwagen hinaus, um seinen KBS-Vorgesetzten in Solstice einen knappen Bericht zu erstatten, dann kehrte er zurück, lehnte sich an die Sessellehne und schaute dem Sanitäter zu. Vorkosigan beäugte über den Sanitäter hinweg Ekaterin. »Madame Vorsoisson. Im Nachhinein, wenn Sie so zurück- denken – hat Ihr Mann jemals etwas gesagt, was darauf hindeutete, dass dieser Schwindel noch mit etwas anderem als Geld zu tun hat?« Ekaterin schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, Madame Vorsoisson«, warf Tuomonen in barschem Ton ein, »der KBS wird die Sache mit den sterb- lichen Überresten Ihres verstorbenen Gatten in die Hand nehmen. Da ist eine komplette Untersuchung notwendig.« »Ja, natürlich«, sagte Ekaterin matt. Sie hielt inne. »Und was dann?« »Wir werden Sie es wissen lassen, Madame.« Er wandte sich Vorkosigan zu, mit dem er offensichtlich ein Gespräch fortsetzte. »Und an was haben Sie noch gedacht, als Sie dort draußen festgebunden waren?« »Alles, woran ich wirklich denken konnte, war, wann mein nächster Anfall fällig ist«, sagte Vorkosigan trüb- selig. »Nach einer Weile wurde es fast zu einer Obsession. Aber ich glaube nicht, dass Foscol etwas über diesen verborgenen Defekt wusste.« »Für die Alarm-Anweisung, die an alle Sektoren geht, möchte ich es trotzdem Mord und versuchten Mord, nennen«, sagte Tuomonen und setzte offensichtlich eine Debatte fort. »Und der Mordversuch an einem kaiserlichen Auditor macht es zu Hochverrat, wodurch alle Streitereien über Beschlagnahmen überflüssig werden.« »Ja, sehr gut«, seufzte Vorkosigan und gab nach. »Aber sorgen Sie dafür, dass in Ihren Berichten die Tatsachen klar dargestellt werden.« »Wie ich sie sehe, Mylord.« Tuomonen verzog das Gesicht, dann brach es aus ihm heraus: »Verdammt, wenn ich daran denke, wie lange die Sache schon gegangen sein muss, und das direkt vor meiner Nase…!« »Aber nicht in Ihrem Amtsbereich, Hauptmann«, bemerkte Vorkosigan. »Es war die Aufgabe der Kaiser- lichen Buchhaltung, diese Art von Betrug im öffentlichen Dienst aufzudecken. Doch … hier stimmt irgendetwas ganz und gar nicht.« »Das will ich wohl meinen!« »Nein, ich meine über das Offensichtliche hinaus.« Vorkosigan zögerte. »Sie haben ihre ganzen persönlichen Habseligkeiten zurückgelassen, jedoch zwei Schwebe- transporter voll mit Geräten mitgenommen.« »Um sie zu … verkaufen?«, warf Ekaterin ein. »Nein, das ergibt keinen Sinn…« »Hm, und sie sind zusammen abgehauen und haben sich nicht aufgeteilt. Bei diesen Leuten schien es sich um eine Art komarranischer Patrioten zu handeln. Ich kann verste- hen, dass sie vielleicht einen Diebstahl am barrayarani- schen Kaiserreich als etwas ansehen, das zwischen Hobby und patriotischer Pflicht rangiert, aber… etwas vom, komarranischen Terraforming-Projekt zu stehlen, von der Hoffnung ihrer zukünftigen Generationen? Und wenn es nicht nur darum ging, sich zu bereichern, wofür zum Teufel haben sie das ganze Geld verwendet?« Er blickte finster. »Das wird vermutlich das Wirtschaftsprüfer-Team des KBS klären müssen. Und ich möchte, dass technische Experten herkommen und schauen, ob sie aus dem ganzen Schlamassel klug werden, der hier zurückgeblieben ist. Und nicht zurückgeblieben ist. Es ist klar, dass Soudhas Mannschaft im Technikgebäude etwas zusammengebastelt hat, und ich glaube nicht, dass das etwas mit Abwärme zu tun hat.« Er rieb sich die Stirn und murmelte: »Ich wette, Marie Trogir könnte es uns erzählen. Verdammt, aber ich wünschte, ich hätte Madame Radovas einer Schnell-Penta- Befragung unterzogen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.« Ekaterin schluckte einen Klumpen Angst und Ernied- rigung hinunter. »Ich werde es meinem Onkel sagen müssen.« Vorkosigan blickte zu ihr auf. »Diese Aufgabe werde ich übernehmen, Madame Vorsoisson.« Sie runzelte die Stirn, hin und her gerissen zwischen – wie ihr vorkam – matter Dankbarkeit und einem trüb- seligen Pflichtgefühl, doch sie brachte nicht die Kraft auf, um mit ihm zu streiten. Der Sanitäter beendete die Versorgung von Vorkosigans Handgelenken. »Ich muss die Sache hier Ihrer Obhut überlassen, Hauptmann, und nach Serifosa zurückkehren. Ich wage nicht selbst zu fliegen. Madame Vorkosigan, würden Sie so nett sein und…?«, »Sie werden eine Wache mitnehmen«, sagte Tuomonen mit einem leicht drohenden Ton. »Ich muss den Leichtflieger zurückbringen«, sagte Ekaterin. »Er ist nur gemietet.« Sie kniff die Augen zusammen, als sie erkannte, wie dumm das klang. Aber es stellte in diesem tödlichen Chaos das einzige Bruchstück von Ordnung dar, das sie im Augenblick wiederherstellen konnte. Und dann kam verspätet die Erkenntnis: Ich kann nach Hause gehen. Es ist sicher, nach Hause zu gehen, Ihre Stimme wurde kräftiger. »Gewiss doch, Lord Vorkosigan.« Die Anwesenheit des stämmigen jungen Wachsoldaten, der hinter ihnen in den Flieger gezwängt saß, Vorkosigans Erschöpfung und Ekaterins emotionale Desorientierung ließen auf dem Rückflug nach Serifosa kaum ein Gespräch aufkommen. Ekaterin zog nicht wenige Blicke auf sich, als sie den Flieger am Mietschalter zurückgab, höflich gefolgt von einem voll bewaffneten Soldaten im Halbpanzer und einem zwergenhaften Mann mit blutbefleckten Kleidern und Verbänden an den Handgelenken; andrerseits hatten sie jedoch auf der Rückfahrt zu ihrer Wohnung ein Bubblecar ganz für sich allein. Mit müder Ironie bemerkte Ekaterin, dass es auf dieser Strecke heimwärts keinen Stau im System gab. Sie überlegte, ob es einen Sinn haben würde, nach Klärung aller Fragen später einmal zu über- prüfen, ob Vorkosigan Recht hatte, wenn er darauf beharrte, dass es für Tien bereits zu spät gewesen sei, als Foscol sie anrief. Im Korridor vor ihrer Wohnung beschleunigte sie ihre Schritte; sie kam sich vor wie ein verletztes Tier, das nichts, anderes wollte, als sich in seinem Bau zu verstecken. Vor ihrer Tür blieb sie abrupt stehen und hielt die Luft an. Die Tafel mit dem Handflächenschloss war teilweise aus der Wand herausgerissen, und die Schiebetür war nicht ganz zu. Am Türrand sickerte ein dünner Lichtstreifen durch. Sie trat einen Schritt zurück und machte die anderen darauf aufmerksam. Vorkosigan erfasste die Situation sofort und winkte dem Wachsoldaten, der ebenso stumm an die Tür herantrat und seinen Betäuber zog. Vorkosigan legte den Finger an die Lippen, nahm Ekaterin am Arm und zog sie den halben Weg zu den Liftrohren zurück. Die Automatiktür funktio- nierte nicht; der Soldat musste sie umständlich packen und sich dagegenlehnen, um sie in ihren Spalt zurückzu- schieben. Den Betäuber im Anschlag und den Gesichts- schutz gesenkt, schlüpfte er in die Wohnung. Ekaterins Herz pochte. Ein paar Minuten später steckte der KBS-Mann seinen Kopf wieder durch die Tür. Das Visier hatte er wieder hochgeklappt. »Hier ist jemand drin gewesen, Mylord. Aber jetzt sind sie weg.« Vorkosigan und Ekaterin folgten ihm in die Wohnung. Sowohl Vorkosigans Koffer als auch ihr eigener, den sie neben der Tür im Vorraum hatte stehen lassen, waren aufgebrochen. Ihre Kleidungsstücke waren in gemischten Haufen über den ganzen Boden verstreut. Sonst schien kaum etwas in der Wohnung angerührt worden zu sein; einige Schubladen waren aufgezogen, ihr Inhalt durch- wühlt, aber abgesehen von der Unordnung gab es keine Beschädigungen., »So habe ich meine Sachen nicht zurückgelassen«, bemerkte Vorkosigan sanft, als sie nach der ersten kurzen Überprüfung wieder im Vorraum angelangt waren. »Ich habe sie auch nicht so zurückgelassen«, sagte sie ein wenig verzweifelt. »Ich dachte, Sie würden mit Tien zurückkommen und dann weggehen, und deshalb hatte ich alles für Sie gepackt, damit es abholbereit ist.« »Berühren Sie nichts, vor allem nicht die KomKonsolen, bis die Leute von der Spurensicherung da sind«, sagte Vorkosigan zu ihr. Sie verstand und nickte. Beide legten sie ihre schweren Jacken ab; Ekaterin hängte sie auto- matisch auf. Dann ignorierte Vorkosigan seine eigene Anweisung und kniete sich im Vorraum nieder, um die Haufen durch- zusehen. »Haben Sie auch meine codegesicherte Datenbox eingepackt?« »Ja.« »Die ist jetzt verschwunden.« Er seufzte, stand auf und hob seinen Armbandkommunikator an den Mund, um diese neue Entwicklung Hauptmann Tuomonen zu melden, der sich noch auf der Versuchsstation befand. Der überlastete Tuomonen nahm es zur Kenntnis, fluchte kurz und befahl seinem Soldaten, wie Kleister am Lord Auditor zu kleben, bis er abgelöst würde. Diesmal widersprach Vorkosigan nicht. Vorkosigan kehrte zu dem Durcheinander zurück und drehte einen unordentlichen Haufen von Ekaterins Kleidern um. »Ha!«, schrie er und stürzte sich auf die Gelpack-Box, welche die seltsame Vorrichtung enthielt. Er öffnete sie, schnell, und seine Hände zitterten dabei leicht. »Gott sei Dank haben sie das hier nicht mitgenommen.« Er blickte sie prüfend an. »Madame Vorsoisson …«, sein normaler- weise energischer Ton wurde etwas unsicher. »Ich frage mich, ob ich Sie damit behelligen dürfte … mir hierbei zu helfen.« Sie hätte fast ohne nachzudenken Ja gesagt, doch es gelang ihr noch, ein »Was?« daraus zu machen, bevor das Wort ihren Mund verließ. Er lächelte verkniffen. »Ich habe Ihnen schon von meinen Anfällen erzählt. Leider gibt es dafür keine Heilung. Aber meine barrayaranischen Ärzte haben sich eine Art Palliativ ausgedacht. Ich benutze diese kleine Maschine, um Anfälle auszulösen und sie so unter Kontrolle von Ort und Zeit ablaufen zu lassen, damit sie nicht zu einem unpassenden Zeitpunkt und an einem unpassenden Ort auftreten.« Aus seinem Gesichtsausdruck konnte sie ersehen, dass er sich gerade den kalten Gehweg auf der Rückseite des Technikgebäudes vorstellte. »Ich habe den Verdacht, dass ich jetzt überfällig bin. Ich würde es gern auf der Stelle hinter mich bringen.« »Verstehe. Aber was kann ich dabei tun?« »Ich soll einen Beobachter dabei haben. Der darauf achtet, dass ich nicht meinen Mundschutz ausspucke oder mich verletze oder etwas beschädige, während ich weg- getreten bin. Es dürfte nicht viel zu tun geben.« »In Ordnung.« Unter den unschlüssigen Blicken des KBS-Mannes folgte sie ihm ins Wohnzimmer. Er steuerte auf die Couch, zu. »Wenn Sie sich auf den Boden legen«, schlug Ekaterin zögernd vor, immer noch unsicher, wie spektakulär das zu erwartende Schauspiel werden würde, »dann können Sie nicht mehr fallen.« »Ach so, ja, stimmt.« Er ließ sich auf dem Teppich nieder, die Box offen in der Hand. Ekaterin vergewisserte sich, dass um sie herum nichts im Weg war, und kniete sich neben ihm nieder. Vorsichtig holte er das Gerät heraus, das aussah wie ein Satz Kopfhörer mit einem Polster am einen Ende und einem geheimnisvollen Knauf am anderen. Er setzte es auf den Kopf und schob es an seinen Schläfen zurecht. Er lä- chelte – äußerst verlegen, wie Ekaterin verspätet erkannte – und murmelte: »Ich fürchte, es sieht ein bisschen blöd aus«, befestigte einen Mundschutz aus Plastik und legte sich flach hin. »Warten Sie einen Moment«, sagte Ekaterin plötzlich, als seine Hand nach der Schläfe langte. »Was?« »Könnte es nicht sein … dass die Leute, die hier waren, an dem Ding etwas herumgepfuscht haben? Vielleicht sollten Sie es erst überprüfen.« Der Blick aus seinen geweiteten Augen begegnete dem ihren; so sicher, als verfügte sie über Telepathie, wusste sie, dass sie beide in diesem Moment dieselbe Schreckens- vision sahen, wie auf die Berührung seiner Hand am Auslöser des Stimulators hin sein Kopf durch eine Explo- sion abgerissen wurde. Vorkosigan riss sich den Apparat wieder vom Kopf, setzte sich auf, spuckte den Mundschutz, aus und schrie: »Scheiße!« Einen Augenblick später fügte er in ruhigem Ton, aber eine Oktav höher als normal, hinzu: »Sie haben völlig Recht. Danke. Ich habe nicht daran gedacht. Ich habe… viele kosmische Verspre- chungen gemacht, dass ich, wenn ich es noch einmal bis hierher schaffe, das als Erstes machen würde, und es nie, nie, nie wieder noch einen weiteren Tag aufschieben werde.« Hyperventilierend starrte er bestürzt auf den Apparat, den er in Händen hielt. Dann rollten seine Augen nach oben und er fiel nach hinten. Ekaterin fing seinen Kopf gerade noch auf, bevor er auf den Teppich knallte. Vorkosigans Lippen waren zu einem seltsamen Grinsen zurückgezogen. Sein Körper zitterte in Wellen, die bis hinab zu seinen Zehen und Fingerspitzen liefen, doch er schlug nicht wild mit den Armen um sich, wie sie es halb erwartet hatte. Neben ihr stand der KBS-Soldat mit erschrockenem Gesicht. Sie nahm den Mundschutz und schob ihn Vorkosigan wieder über die Zähne, was nicht so schwierig war, wie es zuerst ausgesehen hatte; trotz des gegenteiligen Eindrucks war er nicht starr. Dann setzte sie sich auf die Fersen und schaute ihn an. Vom Stress ausgelöst. Ja, ich verstehe. Sein Gesicht war… verändert, seine Persönlichkeit deutlich nicht anwesend, aber auf eine Weise, die weder Schlaf noch Tod ähnelte. Es kam ihr schrecklich unverschämt vor, ihn so in all seiner Verletzlichkeit zu beobachten; Höflichkeit drängte sie, wegzuschauen. Aber er hatte ihr explizit diese Aufgabe übertragen. Sie blickte auf ihr Chrono. Die Anfälle dauerten etwa, fünf Minuten, hatte er gesagt. Es kam ihr wie eine kleine Ewigkeit vor, war aber tatsächlich weniger als drei Minuten, als sein Körper still wurde. Eine weitere Minute lang lag er zusammengesunken in einer beunruhigend schlaffen Bewusstlosigkeit da, dann tat er einen Atemzug und zitterte. Er öffnete die Augen und schaute verständnis- los um sich. Wenigstens waren seine geweiteten Pupillen gleich groß. »Tut mir Leid. Tut mir Leid …«, murmelte er albern. »Hatte das nicht vor.« Er lag da und starrte mit gekrümm- ten Augenbrauen nach oben. »Wie sieht es übrigens aus?« »Wirklich seltsam«, antwortete Ekaterin ehrlich. »Mir gefällt Ihr Gesicht besser, wenn Sie in Ihrem Kopf zu Hause sind.« Ihr war bisher nicht klar gewesen, wie machtvoll seine Persönlichkeit seine Züge belebte, oder wie subtil, bis sie gesehen hatte, wie es war, wenn sie fehlte. »Mir gefällt mein Kopf auch besser, wenn ich darin zu Hause bin«, flüsterte er. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. »Jetzt werde ich Sie von meiner Anwesenheit befreien.« Seine Hände zuckten, und er versuchte sich aufzusetzen. Ekaterin war der Meinung, er sollte lieber noch nicht versuchen, irgend etwas zu tun. Sie drückte ihn mit einer Hand auf seiner Brust entschlossen wieder nach unten. »Ziehen Sie bloß nicht diese Wache ab, bis meine Tür repariert ist.« Nicht, dass das teure elektrische Schloss scheinbar auch nur das Geringste genützt hatte. »O nein, natürlich nicht«, sagte er matt., Es war völlig offensichtlich, dass Vorkosigans still- schweigende Behauptung, er springe nach seinen Anfällen ohne negative Nachwirkungen wieder auf, wenn nicht eine Lüge, so doch eine gewaltige Übertreibung war. Er sah schrecklich aus. Ekaterin hob den Blick zu dem beunruhigten KBS- Soldaten. »Korporal, würden Sie mir bitte helfen, Lord Vorkosigan zu Bett zu bringen, bis er sich wieder erholt hat? Oder zumindest, bis Ihre Leute eingetroffen sind.« »Gewiss, Madame.« Der Mann schien erleichtert zu sein, dass ihm diese Anweisung gegeben wurde, und half ihr, Vorkosigan auf die wackligen Beine zu heben. Ekaterin überlegte blitzschnell. Nikkis Bett war das einzige, das sofort verfügbar war, und in seinem Zimmer gab es keine KomKonsole. Falls Vorkosigan schlafen würde, was er offensichtlich nach den Strapazen dieser Nacht unbedingt nötig hatte, gab es dort eine Chance, dass man ihn in Ruhe lassen würde, selbst wenn das Spuren- sicherungsteam des KBS eintraf. »Hier lang, bitte.« Sie nickte dem Soldaten zu und führte die Männer den Flur entlang. Vorkosigan protestierte mit zusammenhanglosem Gemurmel, was Ekaterin darin bestärkte, dass sie genau das Richtige tat. Er zitterte wieder. Sie half ihm sein Ober- hemd ausziehen, brachte ihn dazu, dass er sich hinlegte, zog ihm die Stiefel aus, deckte ihn mit zusätzlichen Bettdecken zu, stellte die Zimmerheizung höher, löschte das Licht und zog sich zurück. Es gab niemanden, der sie zu Bett gebracht hätte, aber, sie bemühte sich nicht, ein Gespräch mit dem Soldaten zu beginnen, der in ihrem Wohnzimmer Posten bezog, um auf seine Verstärkung zu warten. Am ganzen Leib fühlte sie sich an, als hätte man sie geschlagen. Sie nahm einige schmerzstillende Tabletten und legte sich voll bekleidet in ihrem eigenen Schlafzimmer hin. Tausend Ungewissheiten und widersprechende Szenarios, was sie als Nächstes tun müsse, gingen ihr durch den Kopf. Tiens Körper, der letzte Nacht noch hier an diesem Platz neben ihr geatmet hatte, musste sich inzwischen in den Händen des ärztlichen Leichenbeschauers des KBS befinden. Er lag wohl jetzt nackt und starr auf einer kalten Metallplatte in einem klinischen Labor hier in Serifosa. Sie hoffte, man würde seine erstarrte sterbliche Hülle mit einem gewissen Maß an Würde behandeln, und nicht mit der nervösen Spaßhaftigkeit, die der Tod manchmal aus- löste. Wenn es für sie nachts in diesem Bett unerträglich geworden war, dann war es ihre Gewohnheit gewesen, sich in ihr Arbeitszimmer davonzustehlen und an ihren virtuellen Gärten herumzubasteln. In letzter Zeit hatte sie zunehmend den barrayaranischen Garten bevorzugt. Es fehlten ihm die Texturen, die Gerüche und die langsamen, dichten Befriedigungen der Realität, trotzdem hatte er ihr Gemüt besänftigt. Aber zuerst hatte Vorkosigan das Zimmer in Beschlag gehabt, und jetzt hatte er sie ange- wiesen, die KomKonsolen nicht zu berühren, bis der KBS sie überprüft hatte. Sie seufzte und drehte sich auf die Seite, zusammengerollt in ihrer gewohnten Ecke des Bettes, obwohl der Rest nicht belegt war. Ich möchte hier, so schnell wie möglich ausziehen. Ich möchte an einem Ort sein, wo Tien nie gewesen ist. Sie erwartete nicht einzuschlafen, aber ob es an den schmerzstillenden Mitteln lag oder an der Erschöpfung oder an der Verbindung von beidem – schließlich schlum- merte sie doch ein., Miles wusste auf der Stelle, dass er nicht gerne aufwachen würde. Ein schlimmer Anfall hinter- ließ normalerweise am folgenden Tag katerähnliche Symp- tome, und die Nachwirkungen eines schweren Betäuber- schusses umfassten Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe und Pseudomigräne. Die Kombination, so schien es, war ausge- sprochen synergistisch. Er stöhnte und versuchte, wieder in Bewusstlosigkeit zu sinken. Eine zarte Berührung an seiner Schulter vereitelte diese Absicht. »Lord Vorkosigan?« Die sanfte Stimme gehörte Ekaterin Vorsoisson. Er riss die Augen auf. Das Licht war dankenswerterweise gedämpft. Er befand sich im Zimmer ihres Sohns Nikki und konnte sich nicht erinnern, wie er dorthin gekommen war. Er drehte sich auf die Seite und blinzelte zu ihr empor. Seit der letzten Wahrnehmung von ihr, an die er sich erinnerte – sie hatte neben ihm auf dem Boden ihres Wohn- zimmers gekniet –, hatte sie sich umgezogen. Jetzt trug sie ein weiches, beigefarbenes Hemd mit hohem Kragen und dunkler getönte Hosen im komarranischen Stil. Ihr langes dunkles Haar hing offen in feuchten, frisch gewaschenen Strähnen über ihre Schultern. Er hatte immer noch sein blutbeflecktes Unterhemd und seine zerknitterten Hosen vom Albtraum des Vortags an. »Es tut mir Leid, dass ich Sie wecken muss«, fuhr sie, fort, »aber Hauptmann Tuomonen ist da.« »Ah«, erwiderte Miles heiser. Er rappelte sich auf. Madame Vorsoisson hielt ihm ein Tablett mit einem großen Becher schwarzen Kaffees und einer Flasche mit schmerzstillenden Tabletten hin. Zwei Tabletten lagen schon neben dem Kaffee zur Einnahme bereit. Nur in seiner Phantasie sorgte ein himmlischer Chor für Hinter- grundmusik. »Ach, du meine Güte!« Sie sagte nichts mehr, bis er die Tabletten mit einer ungeschickten Handbewegung zwischen seine Lippen geführt und geschluckt hatte. Seine geschwollenen Hände funktionierten nicht allzu gut, dennoch gelang es ihm letztlich, den Becher zu umklammern. Ein zweiter Schluck löschte brennend den unangenehmen Geschmack in seinem Mund und begann das üble Gefühl in seinem Magen zu vertreiben. »Danke.« Nach dem dritten Schluck brachte er hervor: »Wie spät ist es?« »Etwa eine Stunde nach Tagesanbruch.« Dann war er also etwa vier Stunden weggetreten gewesen. In vier Stunden konnte alles Mögliche passieren. Ohne den Becher abzustellen, schob er seine Beine aus dem Bett. Seine nur mit Socken bekleideten Füße tasteten nach dem Boden. Die ersten paar Minuten würde das Gehen ein heikles Unterfangen darstellen. »Hat Tuomonen es eilig?« »Ich weiß es nicht. Er sieht müde aus. Er sagt, man hat Ihr Siegel gefunden.« Das gab den entscheidenden Anstoß: Tuomonen vor einer Dusche. Er trank noch einen Schluck Kaffee, reichte, den Becher Ekater… Madame Vorsoisson, und stemmte sich auf die Beine. Er lächelte ihr verlegen zu und beugte und streckte sich einige Male, um sicherzugehen, dass er durch den Flur gehen konnte, ohne vor dem KBS auf die Nase zu fallen. Miles hatte nicht die geringste Ahnung, was er zu Madame Vorsoisson sagen sollte. Es tut mir Leid, dass Ihr Gemahl durch mich ums Leben gekommen ist war in mehrfacher Hinsicht nicht korrekt. Bis zu dem Augenblick, da man ihn betäubte, hätte Miles ein halbes Dutzend verschiedener Dinge tun können, um den Ausgang des Vorabends zu ändern; aber wenn Vorsoisson nur seine eigene verdammte Sauerstoffmaske überprüft hätte, bevor er nach draußen ging, so, wie er es eigentlich hätte tun sollen, dann wäre er an diesem Morgen noch am Leben gewesen, dessen war sich Miles ziemlich sicher. Und je mehr er über den Mann erfuhr, desto geringer wurde seine Überzeugung, dass dessen Tod für seine Frau von Nachteil war. Für seine Witwe. »Geht es Ihnen gut?«, brachte er einen Moment später hervor. Sie lächelte matt und zuckte die Achseln. »Alles in allem schon.« Zwischen ihren Augen furchten sich dünne Linien. »Haben Sie, hm …«, er zeigte auf die Flasche mit den Tabletten, »selbst davon genommen?« »Ein paar, ja, danke.« »Aha, gut.« Ihnen wurde Schaden zugefügt, und ich weiß nicht, wie ich es wiedergutmachen kann. Dazu wäre aller- dings verteufelt mehr notwendig als nur ein paar Pillen. Er schüttelte den Kopf, bedauerte die Geste sofort wieder, und wankte zu Tuomonen hinaus., Der KBS-Hauptmann wartete auf der Couch im Wohnzimmer und nippte ebenfalls dankbar an Madame Vorsoissons Kaffee. Er schien zu erwägen, ob er so etwas wie Haltung annehmen sollte, als der Lord Auditor das Zimmer betrat, aber dann besann er sich eines Besseren und machte eine einladende Geste. Miles setzte sich am Tisch dem Hauptmann gegenüber, und beide murmelten ihr »Guten Morgen.« Madame Vorsoisson folgte mit Miles’ halb leerem Kaffeebecher, stellte ihn vor ihm ab und setzte sich, nach einem vorsichtigen Blick auf Tuomonen, eben- falls hin. Falls Tuomonen wollte, dass sie hinausginge, würde er sie ausdrücklich darum bitten müssen, beschloss Miles. Und dann die Bitte rechtfertigen. Am Ende dankte Tuomonen ihr nur mit einem Nicken, rutschte herum und holte ein Plastikpäckchen aus seiner Jacke. Es enthielt Miles’ goldumkleidetes elektronisches Auditorensiegel. Er reichte es Miles. »Sehr gut, Hauptmann«, sagte Miles. »Vermutlich hatten Sie nicht auch das Glück, des Diebes persönlich habhaft zu werden?« »Nein, leider nicht. Sie werden es nicht erraten, wo wir es gefunden haben.« Miles kniff die Augen zusammen und hielt das Plastik- päckchen ins Licht. Die Innenseite war mit einer Schicht Kondensnebel überzogen. »In einem Abwasserrohr auf halbem Weg zwischen hier und der Kläranlage von Serifosa, würde ich zuerst mal raten.« Tuomonen fiel die Kinnlade herunter. »Wie haben Sie das gewusst?«, »Forensische Untersuchungen in der Kanalisation waren einmal eines meiner Hobbys. Ich möchte nicht undankbar klingen, aber hat es jemand gewaschen?« »Ja, in der Tat.« »Oh, danke.« Miles öffnete das Päckchen und schüttelte das schwere kleine Instrument in seine Handfläche. Das Siegel schien nicht beschädigt zu sein. »Binnen einer halben Stunde nach Ihrem Anruf hatte mein Leutnant das Signal aufgespürt«, sagte Tuomonen, »beziehungsweise trianguliert. Er ging mit einem Überfall- kommando hinab in die Versorgungstunnel. Ich wünschte, ich hätte es sehen können, als sie endlich herausfanden, was los war. Und ich bin mir fast sicher, dass Sie es auch genossen hätten.« Trotz seiner Kopfschmerzen musste Miles grinsen. »Leider war ich gestern Abend nicht in der Lage, irgend- etwas zu genießen.« »Nun ja, sie bildeten eine eindrucksvolle Delegation, als sie die Chefin der Stadtwerke von Serifosa aus dem Schlaf rissen. Sie ist natürlich Komarranerin. Dass der KBS mitten in der Nacht kam, um sie zu holen – ihr Mann bekam fast einen Herzanfall. Mein Leutnant konnte ihn schließlich beruhigen und ihr klar machen, was wir brauchten… Ich fürchte, sie sah darin einen Anlass für, hm, beträchtliche Ironie. Wir sind alle dankbar, dass mein Leut- nant nicht seinem ersten Impuls nachgab, den fraglichen Röhrenbereich mit den Plasmakampfgewehren aufzuspren- gen…« Miles verschluckte sich fast an seinem Kaffee., »Außerordentlich dankbar.« Er blickte verstohlen auf Ekaterin Vorsoisson, die an die Kissen gelehnt mit leuch- tenden Augen lauschte, eine Hand an die Lippen gepresst. Ihre schmerzstillenden Tabletten schienen jetzt zu wirken; ihr Blick wirkte nicht mehr so verschwommen. »Natürlich gab es keine Spur der Leute, die wir jagen«, schloss Tuomonen seufzend. »Die sind schon lange weg.« Miles starrte auf sein verzerrtes Spiegelbild auf der dunklen Oberfläche seines Getränks. »Man kann das Szenario erkennen und dürfte den Zeitplan ganz genau rekonstruieren können. Foscol und eine unbekannte Anzahl von Komplizen plündern meine Tasche, binden mich und den Administrator an das Geländer, fliegen zurück nach Serifosa und rufen Madame Vorsoisson an. Wahrscheinlich von einem Ort in der Nähe aus. Sobald sie ihre Wohnung verlässt, brechen sie hier ein, und dabei wissen sie, dass sie mindestens eine Stunde Zeit haben, alles zu durchsuchen, bevor Alarm geschlagen wird. Sie benutzen mein Siegel, um die Datenbox zu öffnen und auf meine Berichtsdateien zuzugreifen. Dann beseitigen sie das Siegel mittels der Toilette und hauen ab. Ohne dass sie dabei außer Atem geraten sind.« »Schade, dass sie nicht versucht waren, das Siegel zu behalten.« »Hm, sie haben offensichtlich erkannt, dass es ortbar war. Daher der kleine Scherz.« Er runzelte die Stirn. »Aber… warum meine Datenbox?« »Sie haben vielleicht nach etwas über Radovas gesucht. Was war denn alles in Ihrer Datenbox, Mylord?«, »Kopien aller geheimen technischen Berichte und Autopsien vom Soletta-Unfall. Soudha ist Ingenieur. Er hatte zweifellos eine sehr gute Vorstellung davon, was da drin war.« »Wir werden im Laufe des Vormittags noch eine interessante Zeit in den Büros des Terraforming-Projektes haben«, bemerkte Tuomonen düster, »wenn wir versuchen herauszubringen, welche Angestellten abwesend sind, weil sie geflohen sind, und welche nicht da sind, weil sie fiktiv sind. Ich muss so schnell wie möglich dorthin, um die ganzen vorbereitenden Vernehmungen zu überwachen. Vermutlich werden wir sie alle unter Schnell-Penta setzen müssen.« »Das wird einen großen Aufwand an Zeit und Drogen geben«, meinte Miles. »Aber es besteht immer die Chance, dass jemand mehr weiß, als er zu wissen glaubt.« »Hm, ja.« Tuomonen warf einen Blick auf ihre Zuhöre- rin. »Da wir gerade davon reden, Madame Vorsoisson, ich fürchte, ich werde Sie bitten müssen, ebenfalls einer Vernehmung unter Schnell-Penta zuzustimmen. Bei einem mysteriösen Todesfall dieser Art ist es ein Standard- verfähren, die engsten Angehörigen zu befragen. Vielleicht will auch die Polizei von Serifosa mit von der Partie sein oder zumindest eine Kopie haben, abhängig davon, welche Entscheidung meine Vorgesetzten hinsichtlich der Zustän- digkeit fällen.« »Verstehe«, erwiderte Madame Vorsoisson mit schwa- cher Stimme. »An Administrator Vorsoissons Tod war nichts, mysteriös«, hob Miles mit Unbehagen hervor. »Ich habe direkt neben ihm gestanden.« Nun ja, gekniet, wenn man es genau nahm. »Sie ist keine Verdächtige«, erklärte Tuomonen. »Son- dern eine Zeugin.« Und eine Vernehmung unter Schnell-Penta würde hel- fen, dass es dabei bliebe, erkannte Miles mit Widerstreben. »Wann wollen Sie das machen, Hauptmann?«, fragte Madame Vorsoisson ruhig. »Nun … nicht sofort. Wenn die Ermittlungen dieses Vormittags abgeschlossen sind, werde ich bessere Fragen parat haben. Gehen Sie bloß nirgendwo hin.« ·Stehe ich unter Hausarrest?, fragte ihr stummer Blick. »Irgendwann werde ich meinen Sohn Nikolai holen müssen. Er hat bei einem Freund übernachtet. Er weiß noch von gar nichts. Ich möchte es ihm nicht über die KomKonsole erzählen, und ich möchte auch nicht, dass er es zuerst aus den Nachrichten erfährt.« »Das wird nicht passieren«, sagte Tuomonen grimmig. »Jedenfalls vorerst noch nicht. Allerdings erwarte ich, dass die Medien uns recht bald zusetzen werden. Irgendwer wird mitbekommen, dass der langweiligste KBS-Posten auf Komarr plötzlich vor Aktivität brodelt.« »Ich muss entweder gehen und ihn abholen, oder anrufen und es einrichten, dass er noch länger bleibt.« »Was wäre Ihnen lieber?«, warf Miles ein, bevor Tuo- monen etwas erwidern konnte. »Ich… wenn Sie die Vernehmung heute hier durch- führen wollen, dann würde ich lieber warten, bis sie vorbei, ist und erst dann Nikki holen. Ich werde der Mutter seines Freundes etwas über die Situation erklären müssen, zumin- dest dass Tien letzte Nacht… bei einem Unfall getötet wurde.« »Haben Sie ihre KomKonsolen verwanzt?«, fragte Miles Tuomonen rundheraus. Tuomonens Blick drückte Zweifel aus, ob er dies offenbaren sollte, aber er räusperte sich und sagte: »Ja. Sie sollten sich bewusst sein, Madame Vorsoisson, dass der KBS einige Tage lang hier alle eintreffenden und abgehen- den Anrufe abhören wird.« Sie blickte ihn verständnislos an. »Warum?« »Es besteht die Möglichkeit, dass jemand – entweder aus Soudhas Gruppe oder mit einem Bezug, den wir noch nicht aufgedeckt haben – noch nicht weiß, dass der Administra- tor tot ist und vielleicht mit ihm in Verbindung treten möchte.« Sie akzeptierte diese Erklärung mit einem leicht unschlüssigen Nicken. »Danke, dass Sie mich gewarnt haben.« »Da wir gerade von Anrufen sprechen«, fügte Miles hinzu, »bitte veranlassen Sie einen Ihrer Leute, mir einen gesicherten Vid-Kommunikator zu bringen. Ich muss selbst einige Anrufe erledigen.« »Werden Sie hier bleiben, Mylord?«, fragte Tuomonen. »Eine Weile schon. Bis nach Madame Vorsoissons Ver- nehmung und bis Lord Auditor Vorthys auf den Planeten herunterkommt, was er sicher wird tun wollen. Das ist übrigens der erste Anruf, den ich erledigen möchte.«, »Ah, natürlich.« Miles blickte sich um. Sein Anfallstimulator, die zuge- hörige Box und der Mundschutz lagen immer noch dort, wohin sie ein paar Stunden zuvor gefallen waren. Er zeigte darauf. »Könnten Sie bitte auch Ihr Labor meinen medizi- nischen Apparat daraufhin untersuchen lassen, ob es da Anzeichen gibt, dass jemand daran herumgepfuscht hat, und ihn mir dann zurückgeben.« Tuomonen zog die Augenbrauen hoch. »Haben Sie einen solchen Verdacht, Mylord?« »Es war bloß ein schrecklicher Gedanke. Aber ich glaube, es wäre eine sehr schlechte Idee, die Intelligenz oder die Raffinesse unserer Gegner in dieser Angelegenheit zu unterschätzen, oder?« »Brauchen Sie das Ding dringend?« »Nein.« Nicht mehr. »Was das Datenpäckchen angeht, das Foscol auf Administrator Vorsoissons Rücken zurückließ, hatten Sie da schon die Gelegenheit, es anzuschauen?«, fuhr Miles fort. Es gelang ihm, einen Blick auf Madame Vorsoisson zu vermeiden. »Ich habe es nur kurz durchgesehen«, erwiderte Tuomo- nen. Er schaute Madame Vorsoisson an, dann wandte er den Blick ab und machte somit Miles’ Bemühungen um Takt zunichte. »Ich habe es dem Finanzanalysten des KBS – immerhin einem Obersten – übergeben, den das Haupt- quartier geschickt hat, damit er den finanziellen Teil der Ermittlungen übernimmt.« »Oh, gut. Ich wollte schon fragen, ob das Hauptquartier, Ihnen mittlerweile Verstärkung geschickt hat.« »Ja, alles, was Sie angefordert hatten. Das Techniker- team ist vor etwa einer Stunde bei der Versuchsstation eingetroffen. Bei dem Päckchen, das Foscol zurückließ, scheint es sich um eine Dokumentation aller finanziellen Transaktionen zu handeln, die sich auf die … äh … Zahlungen beziehen, die Soudhas Gruppe an den Adminis- trator geleistet hat. Wenn das nicht alles Lügen sind, dann wird es eine erstaunliche Hilfe bei der Klärung aller Unter- schlagungen in dem Schlamassel sein. Was wirklich sehr seltsam ist, wenn man es recht bedenkt.« »Foscol hatte sichtlich nichts für Vorsoisson übrig, aber ohne Zweifel dürfte alles, was ihn belastet, die Komarraner ebenso belasten. Sehr seltsam, wirklich.« Wenn nur mein Gehirn nicht in pulsierende Hafergrütze verwandelt worden wäre, dann könnte ich von hier aus einem logischen Faden folgen, dachte Miles. Also später. Ein KBS-Techniker in schwarzer Arbeitsuniform tauchte aus dem rückwärtigen Teil der Wohnung auf. Er trug eine schwarze Box, die der glich, die Tuomonen in Madame Radovas’ Haus benutzt hatte – vielleicht war es sogar dieselbe – und sagte zu seinem Vorgesetzten: »Ich bin mit allen KomKonsolen fertig, Hauptmann.« »Danke, Korporal. Kehren Sie ins Büro zurück und übertragen Sie Kopien in unser Archiv, ins Hauptquartier nach Solstice und zu Oberst Gibbs.« Der Techniker nickte und ging durch die Tür davon, die – wie Miles bemerkte – immer noch kaputt war. »Und, ach ja, würden Sie bitte einen Techniker, abstellen, der Madame Vorsoissons Wohnungstür repa- riert«, fügte Miles an Tuomonen gewandt hinzu. »Viel- leicht könnte er bei dieser Gelegenheit ein etwas besseres Schloss einbauen.« Sie warf ihm einen stillen, dankbaren Blick zu. »Jawohl, Mylord. Ich werde natürlich eine Wache hier auf Posten lassen, solange Sie hier sind.« Vermutlich eine Art Anstandsdame, dachte Miles. Er musste versuchen, für Madame Vorsoisson etwas Besseres zu bekommen. In der Meinung, er habe dem armen über- nächtigten Tuomonen für diesmal genug Pflichten und Anweisungen aufgehalst, bat Miles nur noch darum, ihn sofort zu benachrichtigen, sobald der KBS Soudha oder ein Mitglied seiner Gruppe zu fassen bekäme, dann ließ er den Hauptmann zu dessen plötzlich vervielfachten Pflichten davoneilen. Als er geduscht und seinen letzten guten grauen Anzug angelegt hatte, hatten die schmerzstillenden Tabletten ihre volle Wirkung erreicht, und Miles fühlte sich fast wieder wie ein Mensch. Als er aus seinem Zimmer trat, lud Madame Vorsoisson ihn in ihre Küche ein; Tuomonens Türwächter blieb im Wohnzimmer zurück. »Hätten Sie auch gern etwas zum Frühstück, Lord Vorkosigan?« Sie trug auf und servierte für beide; als sie ein paar Bissen genommen hatte, setzte sie ein nicht überzeugendes Lächeln auf und fragte: »Stimmt es, dass man mit Schnell- Penta… ziemlich albern aussieht?«, »Hm. Wie bei jeder Droge reagieren die Leute unter- schiedlich. Im Rahmen meines früheren Dienstes habe ich eine Menge Verhöre unter Schnell-Penta durchgeführt. Und zweimal war ich selbst der Verhörte.« »So?« Seine letzte Aussage hatte sichtlich ihr Interesse geweckt. »Ich … äh …« Er wollte sie beruhigen, aber er musste ehrlich sein. Lügen Sie mich nie an, hatte sie mit einer Stimme unter- drückter Leidenschaft gesagt. »Meine eigene Reaktion war idiosynkratisch.« »Haben Sie nicht diese Allergie, die der KBS angeblich seinen… – nein, natürlich nicht, sonst wären Sie ja gar nicht da.« Die Vorsichtsmaßnahme des KBS gegen die Wahrheits- droge bestand darin, den wichtigsten Agenten eine tödliche allergische Reaktion zu induzieren. Man musste der Behandlung zustimmen, doch da sie den Zugang zu größerer Verantwortung und somit auch Beförderung darstellte, hatte es dem Sicherheitsdienst nie an Frei- willigen gefehlt. »Nein, tatsächlich nicht. KBS-Chef Illyan hat mich nie aufgefordert, mich dieser Behandlung zu unterziehen. Im Nachhinein muss ich mir die Frage stellen, ob mein Vater da eine Hand im Spiel hatte. Aber mich macht Schnell-Penta jedenfalls nicht so sehr wahrheits- liebend wie vielmehr aufgedreht. Ich plappere dann daher und werde vermutlich schnell albern. Die einzige … äh … feindliche Vernehmung, der ich mich unterziehen musste, konnte ich tatsächlich sabotieren, indem ich ständig, Gedichte aufsagte. Das war eine sehr bizarre Erfahrung. Bei normalen Menschen hängt das Ausmaß der, nun ja, Hässlichkeit zu einem großen Teil davon ab, ob man dagegen ankämpft oder sich fügt. Wenn man das Gefühl hat, der Vernehmende sei auf der eigenen Seite, dann kann es eine sehr entspannende Art sein, die gleiche Aussage zu machen, die man sowieso gemacht hätte.« »Oh.« Sie wirkte noch nicht ausreichend beruhigt. »Ich kann nicht behaupten, dass Ihre Reserviertheit nicht durchbrochen wird«, und sie verfügte ja über eine meeres- grundtiefe Reserviertheit, »aber eine richtig geführte Befra- gung sollte Sie nicht« – beschämen – »zu sehr mitneh- men.« Allerdings, wenn die Ereignisse der vergangenen Nacht sie nicht in ihrer beängstigenden Selbstbeherrschung erschüttert hatten … Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Wie haben Sie gelernt, so gefasst zu reagieren, wie Sie es tun?« Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. »Reagiere ich gefasst?« »Ja. Sie sind sehr schwer zu durchschauen.« »Oh.« Sie rührte ihren Kaffee um. »Ich weiß es nicht. Ich bin so, seit ich mich erinnern kann.« Ein mehr nach Innen gerichteter Blick glättete ihre Züge für eine Weile. »Nein… nein, es hat eine Zeit gegeben… vermutlich geht es darauf zurück… ich hatte, ich habe drei ältere Brüder.« Die typische Familienstruktur der Vor ihrer Generation: schlichtweg zu viele Söhne, denen als Nachgedanke eine symbolische Tochter folgte. Hatte von diesen Eltern nie- mand a) Voraussicht besessen und b) die Grundrechenarten beherrscht? Hatten sie nicht Großeltern werden wollen? »Die beiden Ältesten waren schon weit aus meinem, Alter heraus«, fuhr sie fort, »aber der Jüngste war mir altersmäßig nahe genug, um sich mir gegenüber abscheu- lich zu benehmen. Er entdeckte, dass es für ihn eine prächtige Unterhaltung bedeutete, mich zu necken, bis ich Wutanfälle bekam. Pferde waren ein todsicheres Thema; ich war damals eine Pferdenärrin. Ich konnte mich nicht wehren – ich hatte damals nicht den Grips, mit gleicher Münze heimzuzahlen, und wenn ich versuchte, ihn zu hauen, so war er größer als ich – ich meine die Zeit, als ich etwa zehn und er ungefähr vierzehn war –: Er konnte mich einfach kopfüber hochhalten. Nach einer Weile hatte er mich so gut dressiert, dass er mich schon allein durch Wiehern zum Schreien bringen konnte.« Sie lächelte grimmig. »Für meine Eltern war das eine große Prüfung.« »Konnten sie ihm denn nicht Einhalt gebieten?« »Für gewöhnlich war er pfiffig genug und kam unge- schoren davon. Es wirkte sogar bei mir – ich kann mich erinnern, wie ich einmal lachte und ihn gleichzeitig schlug. Und ich glaube, dass damals die Krankheit meiner Mutter begann, allerdings wusste es keiner von uns. Was meine Mutter mir sagte – ich sehe sie immer noch vor mir, wie sie ihren Kopf hielt –, bestand darin, ich sollte ihn zum Auf- hören bringen, indem ich einfach nicht reagierte. Sie sagte dasselbe, wenn ich in der Schule gehänselt wurde oder mich über irgendetwas aufregte. Sei eine steinerne Statue, sagte sie. Dann macht es ihm keinen Spaß, und er wird aufhören. Und er hörte auf. Oder zumindest wurde er älter, war kein vierzehnjähriger Flegel mehr und ging dann weg, an die Universität. Heute sind wir Freunde. Aber ich habe es, nicht mehr verlernt, auf einen Angriff zu reagieren, indem ich zu Stein werde. Wenn ich jetzt zurückblicke, frage ich mich, wie viele Probleme in meiner Ehe ihre Ursache hatten in… tja.« Sie lächelte und blinzelte. »Meine Mutter hatte Unrecht, glaube ich. Sicherlich ignorierte sie ihren eigenen Schmerz viel zu lange. Aber ich bin jetzt ganz aus Stein, und es ist zu spät.« Miles biss sich kräftig in die Fingerknöchel. Ganz recht. Am Beginn ihrer Pubertät hatte sie also erfahren, dass niemand sie verteidigen würde, wenn sie sich nicht selbst verteidigen konnte und der einzige Weg zum Überleben darin bestand, sich totzustellen. Großartig. Und falls es noch eine falschere Geste geben sollte, die ein unbehol- fener Kerl in diesem Augenblick tun konnte, als sie in die Arme zu nehmen und zu versuchen, sie zu trösten, dann entzog diese sich seinen wildesten Phantasien. Falls es für sie notwendig war, im Augenblick versteinert zu sein, weil dies die einzige Überlebensmethode war, die sie kannte, dann sollte sie eben Marmor sein, oder Granit. Was immer Sie brauchen, nehmen Sie sich es, Madame Ekaterin; was immer Sie wollen, Sie haben es schon. »Ich liebe Pferde«, brachte er schließlich hervor. Er fragte sich, ob das so idiotisch klang, wie es… klang. Ihre dunklen Brauen kräuselten sich amüsiert-verwirrt, also klang es offensichtlich so albern. »Oh, dem bin ich schon vor Jahren entwachsen.« War sie entwachsen, oder hatte sie aufgegeben? »Ich war ein Einzelkind, aber ich habe einen Cousin – Ivan –, der denkbar flegelhaft war. Und natürlich viel größer als ich, obwohl wir ungefähr gleichaltrig sind. Aber als ich ein, kleiner Junge war, hatte ich einen Leibwächter, einen von den Gefolgsleuten meines Vaters, des Grafen. Sergeant Bothari. Er hatte überhaupt keinen Sinn für Humor. Wenn Ivan jemals so etwas versucht hätte wie Ihr Bruder, dann hätte ihn keinerlei Pfiffigkeit gerettet.« Sie lächelte. »Ihren eigenen Leibwächter. Na, das hört sich ja wirklich nach idyllischer Kindheit an.« »Das war sie auch, auf viele Arten. Allerdings nicht im medizinischen Bereich. Da konnte der Sergeant mir nicht helfen. Und nicht in der Schule. Wohlgemerkt, damals wusste ich nicht zu schätzen, was ich da hatte. Ich verbrachte meine halbe Zeit damit zu überlegen, wie ich aus Sergeant Botharis Schutz entkommen könnte. Aber ich vermute, es gelang mir oft genug, um zu wissen, dass ich damit Erfolg haben konnte.« »Ist Sergeant Bothari noch bei Ihnen? Einer dieser alt- hergebrachten Vasallen einer Familie der Alten Vor?« »Das wäre er wahrscheinlich, wenn er noch lebte, aber nein. Wir… äh … gerieten auf einer galaktischen Reise, als ich sechzehn war, in ein Kriegsgebiet, und er kam ums Leben.« »Oh, das tut mir Leid.« »Es war nicht genau meine Schuld, aber meine Entscheidungen spielten eine ziemlich große Rolle in der Kausalkette, die zu seinem Tod führte.« Er beobachtete, wie sie auf dieses Geständnis reagieren würde; wie üblich, änderte sich ihr Gesichtsausdruck sehr wenig. »Aber er hat mich gelehrt, wie man überlebt und weitermacht. Das war die letzte seiner sehr vielen Lektionen.« Sie haben gerade, Vernichtung erlebt: ich kenne mich mit dem Überleben aus. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Ihre Augen schnellten hoch. »Haben Sie ihn geliebt?« »Er war ein… schwieriger Mann, aber ja.« »Aha.« Nach einer Weile sagte er: »Wie auch immer Sie so geworden sind, aber Sie verhalten sich im Notfall sehr vernünftig.« »So, wirklich?« »So haben Sie sich zumindest letzte Nacht verhalten.« Sie lächelte, sichtlich berührt von dem Kompliment. Verdammt, sie hätte diese milde Feststellung nicht auf- nehmen sollen, als handelte es sich dabei um ein großes Lob. Sie muss halb verhungert sein, wenn ein solcher Brocken ihr wie ein Festmahl vorkommt. Ein so nahezu offenes Gespräch hatte sie ihm bisher nicht gewährt, und er empfand das Verlangen, den Moment auszudehnen, aber es war keine Hafergrütze mehr übrig, die sie noch auf dem Boden ihrer Teller hätten hin und her schieben können, ihr Kaffee war kalt geworden, und über- dies traf in diesem Augenblick der KBS-Techniker mit dem gesicherten KomKonsolen-Anschluss ein, den Miles angefordert hatte. Madame Vorsoisson zeigte dem Tech- niker das Büro ihres verstorbenen Mannes; in diesem ungestörten Raum solle er den Apparat aufbauen. Während Miles geschlafen hatte, waren die Spurensicherer gekom- men und gegangen. Madame Vorsoisson beobachtete kurz, wie die neue Installation vor sich ging, dann zog sie sich zu hausfraulichen Aktivitäten zurück. Anscheinend beabsich-, tigte sie alle Spuren der KBS-Invasion in ihrem Räum- lichkeiten zu tilgen. Miles machte sich an das zweitschwierigste Gespräch des Vormittags. Es dauerte einige Minuten, bis die gesicherte Verbin- dung mit Lord Auditor Vorthys hergestellt war, der sich jetzt an Bord des Mutterschiffs der Spurensucher im Orbit befand, das derzeit an der Sonnenspiegelstation angedockt war. Miles ließ sich so bequem, wie es seine schmerzenden Muskeln zuließen, vor der KomKonsole nieder und bereitete sich darauf vor, geduldig die irritierende, einige Sekunden dauernde Zeitverschiebung zu ertragen, die zwischen jedem Austausch lag. Als Vorthys schließlich erschien, trug er Standardschiffskleidung, augenscheinlich als Vorbereitung zum Anlegen eines Druckanzugs; das eng anliegende Tuch schmeichelte seiner massigen Figur nicht, aber er schien schon für den Tag gut gerüstet zu sein. Die Standardzeit nach dem Solstice-Meridian, die im Orbit galt, war der Zeitzone von Serifosa um einige Stunden voraus. »Guten Morgen, Professor«, begann Miles. »Ich hoffe, Sie hatten eine bessere Nacht als wir. Die schlimmste Nachricht zuerst: Ihr Schwiegerneffe Etienne Vorsoisson ist letzte Nacht bei einem Sauerstoffmaskenunfall auf der Abwärme-Versuchsstation ums Leben gekommen. Ich befinde mich jetzt hier in Ekaterins Wohnung; sie hält sich bis jetzt tapfer. Ich werde Ihnen anschließend eine sehr lange Erklärung senden.« Das Problem mit der Zeitverzögerung lag darin, dass man quälend lang Zeit hatte, auf den Wechsel im, Gesichtsausdruck und im Leben der Leute zu warten, der ausgelöst wurde durch Worte, die man gesendet hatte, aber dann nicht mehr zurückrufen und abändern konnte. Als die Botschaft Vorthys erreicht hatte, blickte er genau so bestürzt drein, wie Miles es erwartet hatte. »Mein Gott, fahren Sie fort, Miles.« Miles holte tief Luft und begann mit einer unverblümten Zusammenfassung der Ereignisse des Vortags, von den vergeblichen Stunden, in denen er in den Büros des Terraforming-Projekts an der Nase herumgeführt worden war. bis zu Vorsoissons hastiger Rückkehr und dessen Ansinnen, zur Versuchsstation hinauszufliegen, dann zur Enthüllung von dessen Verwicklung in das Unterschla- gungskomplott, der Begegnung mit Soudha und Madame Radovas und schließlich dem Augenblick, als er an das Geländer gekettet aufgewacht war. Er unterließ es, Vorsoissons Tod detailliert zu schildern. Dafür berichtete er über Ekaterins Ankunft, das Eintreffen der verstärkten KBS-Teams, die zu spät kamen, und die Geschichte mit seinem Siegel. Vorthys’ Gesichtsausdruck wechselte von Bestürzung zu Erschrecken, je mehr Einzelheiten zur Sprache kamen. »Miles, das ist ja fürchterlich. Ich komme so schnell wie möglich nach unten. Die arme Ekaterin! Bitte bleiben Sie bei ihr, bis ich da bin, ja?« Er zögerte. »Eigentlich hatte ich daran gedacht. Sie zu bitten, Sie sollten heraufkommen. Wir haben hier oben einige sehr seltsame Gerätschaften gefunden, die einige ganz unglaubliche physikalische Verzerrungen durchgemacht haben. Ich hatte mich gefragt, ob Sie vielleicht etwas Derartiges im Rahmen Ihrer, galaktischen militärischen Erfahrungen schon mal gesehen haben. Da und dort sind in dem Schrott allerdings einige zurückverfolgbare Seriennummern zu entdecken gewesen, und ich hatte gehofft, die würden sich als Spuren erweisen. Ich werde sie einstweilen meinen komarranischen Jungs überlassen müssen.« »Seltsame Gerätschaften, was? Soudha und seine Freun- de sind auch mit einem Haufen seltsamer Gerätschaften abgehauen. Mindestens zwei Schwebetransporter voll. Lassen Sie Ihre komarranischen Jungs diese Serien- nummern an Oberst Gibbs beim KBS Serifosa schicken. Er wird eine Menge Seriennummern in Anschaffungen des Terraforming-Projekts zurückverfolgen müssen, die viel- leicht nicht so schwindelhaft waren, wie ich zuerst ange- nommen hatte. Es dürfte zwischen hier und dort mehr Verbindungen geben als nur die Leiche des armen Radovas. Hören Sie … äh… der KBS hier will Ekaterin wegen Tiens Verwicklung unter Schnell-Penta verhören. Wollen Sie, dass ich da einen Aufschub veranlasse, bis Sie kommen? Ich dachte, vielleicht wollten Sie wenigstens ihre Vernehmung überwachen.« Zeitverzögerung. Vorthys runzelte besorgt die Stirn. »Ich … ach du lieber Gott. Nein. Ich würde es wollen, aber ich sollte es nicht tun. Meine Nichte – ein deutlicher Interessenkonflikt. Miles, guter Junge, nehmen Sie an … wären Sie bereit, daran teilzunehmen und dafür zu sorgen, dass man es nicht zu weit treibt?« »Der KBS benutzt kaum noch diese mit Blei gefüllten Gummischläuche, aber ja doch, ich hatte genau das vor. Wenn Sie nichts dagegen haben.«, Zeitverzögerung. »Da wäre ich außerordentlich erleich- tert. Danke.« »Natürlich. Ich hätte auch gern Ihre Einschätzung der Dinge, die das KBS-Technikerteam auf der Versuchs- station ausgräbt. Im Augenblick habe ich sehr wenig Beweise und jede Menge Theorien. Dieses Verhältnis möchte ich unbedingt umkehren.« Als dieser letzte Satz bei ihm ankam, quittierte ihn Professor Vorthys mit einem trockenen Lächeln. »Wollen wir das nicht alle?« »Ich habe noch einen weiteren Vorschlag. Ekaterin scheint hier ziemlich allein zu sein. Soweit ich bis jetzt gesehen habe, scheint sie keine engen komarranischen Freundinnen zu haben, und natürlich keine weiblichen Verwandten … Ich dachte mir, ob es nicht eine gute Idee wäre, wenn Sie die Professora bitten würden zu kommen.« Als dies ankam, erhellte sich Vorthys’ Gesicht. »Das ist nicht nur gut, sondern auch klug. Ja, natürlich, sofort. Bei einem familiären Notfall dieser Art kann sicherlich ihr Assistent die Abschlussprüfungen beaufsichtigen. Diese Idee hätte mir eigentlich gleich kommen sollen. Danke, Miles.« »Alles andere kann warten, bis Sie hier sind, es sei denn, es gibt beim KBS einen Durchbruch in diesem Fall. Ich werde Ekaterin herholen, bevor ich die Übertragung abschließe. Ich weiß, dass sie sich danach sehnt, mit Ihnen zu reden, aber… Tiens Verwicklung in diesen Schlamassel ist für sie vermutlich sehr bedrückend.« Der Professor presste die Lippen zusammen. »Ach,, Tien. Ja, ich verstehe. Geht in Ordnung, Miles.« Miles schwieg einen Moment. »Professor«, begann er schließlich, »apropos Tien. Befragungen unter Schnell- Penta sind im Allgemeinen viel leichter zu steuern, wenn der Befragende einen Anhaltspunkt hat, auf was er da stoßen kann. Ich möchte nicht… äh … können Sie mir einen Hinweis geben, wie Ekaterins Ehe vom Standpunkt ihrer Familien gesehen wirkte?« Die Zeitverzögerung zog sich hin, während Vorthys die Stirn runzelte. »Ich möchte nicht schlecht über Verstorbene reden, bevor noch nicht einmal ihr Totenbrandopfer darge- bracht wurde«, sagte er schließlich. »Ich glaube, in diesem Fall hier haben wir keine große Wahl.« »Ha«, sagte er düster, als Miles’ Worte ihn endlich erreichten. »Tja… vermutlich kam es seinerzeit allen als gute Idee vor. Ekaterins Vater, Shasha Vorvayne, hatte Tiens verstorbenen Vater gekannt – der war damals gerade erst verschieden. Jetzt ist das schon wieder zehn Jahre her, du meine Güte, wie schnell die Zeit vergangen ist. Nun ja. Die beiden älteren Männer waren Freunde gewesen, beide Beamte in der Distriktsverwaltung, die Familien kannten einander… Tien hatte gerade den Militärdienst quittiert und seine Veteranenrechte benutzt, um eine Stelle im öffentlichen Dienst des Distrikts zu bekommen. Er sah gut aus und war gesund … er schien dran und drauf zu sein, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, wissen Sie, obwohl es vermutlich schon hätte ein Fingerzeig sein sollen, dass er in den ganzen zehn Dienstjahren es nur bis zum Leutnant geschafft hatte.« Vorthys schürzte die Lippen., Miles errötete leicht. »Es kann eine Menge Gründe dafür geben – das hat nichts zu sagen. Erzählen Sie weiter.« »Vorvayne hatte gerade begonnen, sich vom vorzeitigen Tod meiner Schwester zu erholen. Er war einer Frau begegnet, nichts Unschickliches, einer älteren Frau, Violie Vorvayne ist eine bezaubernde Dame – und hatte begonnen, sich mit dem Gedanken einer erneuten Heirat zu beschäftigen. Er wollte vermutlich haben, dass Ekaterin passend versorgt war – damit er in allen Ehren die letzte seiner Verpflichtungen gegenüber der Vergangenheit ablösen konnte, wenn Sie so wollen. Meine Neffen standen damals schon alle auf eigenen Beinen. Tien hatte ihn besucht, zum Teil aus Höflichkeit gegenüber dem Freund seines verstorbenen Vaters, zum Teil, um eine Referenz für seine Bewerbung bei der Verwaltung des Distrikts zu bekommen … Sie schlossen eine Bekanntschaft, soweit dies bei Männern so unterschiedlichen Alters möglich ist. Mein Schwager sprach zweifellos sehr lobend über Ekaterin…« »Daraus schließe ich, dass im Denken ihres Vaters versorgt gleichbedeutend war mit verheiratet. Und nicht etwa mit einem Universitätsabschluss versehen und zu einem beträchtlichen Gehalt angestellt?« »Das galt nur für die Jungen. Mein Schwager kann in vieler Hinsicht mehr Alter Vor sein als Sie ein aristo- kratischer Vor.« Vorthys seufzte. »Aber Tien schickte eine angesehene Baba, um die Eheverträge zu arrangieren, die jungen Leute durften sich treffen … Ekaterin war aufge- regt. Geschmeichelt. Die Professora war bestürzt, dass Vorvayne nicht noch ein paar Jahre gewartet hatte, aber…, junge Leute haben kein Zeitgefühl. Zwanzig ist für sie schon alt. Das erste Angebot ist die letzte Chance. Und der ganze Unsinn. Ekaterin wusste nicht, wie attraktiv sie war, aber ihr Vater befürchtete wohl, dass sie vielleicht eine unpassende Wahl treffen könnte.« »Für einen Nicht-Vor?«, interpretierte Miles. »Oder noch schlimmer. Vielleicht für einen bloßen Techniker, wer weiß?« Vorthys gestattete sich ein winziges ironisches Augenfunkeln. Ach ja. Bis er vor drei Jahren in den Rang eines Auditors erhoben worden war, was seine Verwandten so sehr überrascht hatte, war seine eigene Karriere höchst un-Vor-mäßig verlaufen. Seine Ehe ebenfalls. Er hatte damit damals begonnen, als die Alten Vor noch beträchtlich konservativer gewesen waren als heute – Miles dachte zum Beispiel an seinen Großvater und unterdrückte ein Schaudern. »Und die Ehe schien gut anzufangen«, fuhr der Professor fort. »Sie schien beschäftigt und glücklich zu sein, dann stellte sich der kleine Nikki ein… Tien wech- selte meiner Meinung nach ziemlich oft die Stellen, aber er stand ja als Neuling erst am Anfang seiner Karriere; manchmal braucht es ein paar Fehlstarts, bis man sich freischwimmt. Ekaterins Kontakt zu uns schlief ein, doch wenn wir ihr begegneten, wirkte sie … ruhiger. Tien ließ sich nie irgendwo nieder, sondern jagte immer einem Regenbogen nach, den sonst niemand sehen konnte. Ich glaube, all die Umzüge fielen ihr schwer.« Er runzelte die Stirn, als überlegte er, ob er irgendwelche Hinweise über- sehen hatte. Miles wagte nicht, ohne Ekaterins ausdrückliche Erlaub-, nis Vorzohns Dystrophie zu erwähnen. Er hatte nicht das Recht dazu. Und so beschränkte er sich nur auf die Bemerkung: »Ich glaube, Ekaterin fühlt sich jetzt vielleicht freier, mehr über ihre Ehe zu erzählen.« Der Professor linste ihn besorgt an. »So …?« Welche Antworten würde ich wohl bekommen, wenn ich dieselben Fragen der Professora stellte? Miles schüttelte den Kopf und ging kurz weg, um Ekaterin an die KomKonsole zu holen. Ekaterin. In Gedanken kostete er die Silben ihres Namens aus. Im Gespräch mit ihrem Onkel war es so leicht gewesen, diese familiäre Form zu verwenden. Doch sie hatte ihn noch nicht eingeladen, ihren Vornamen zu ver- wenden. Ihr verstorbener Ehemann hatte sie Kat genannt. Ein Kosename. Ein kurzer Name. Als hätte er nicht die Zeit gehabt, ihn ganz auszusprechen, oder als wünschte er nicht, sich diese Mühe zu machen. Es stimmte, ihr vollständiger Name Ekaterin Nile Vorvayne Vorsoisson war unpraktisch lang, ein ganzer Mund voll. Aber Ekaterin lag leicht auf der Zungenspitze, doch er war elegant und würdevoll und durchaus eine zusätzliche Sekunde wert. »Madame Vorsoisson?«, rief er leise in den Korridor. Sie kam aus ihrem Arbeitszimmer; er wies auf den gesicherten Vid-Anschluss. Ihr Gesicht war ernst, ihre Schritte zögernd; sanft schloss er die Tür von Tiens Zimmer hinter ihr und ließ sie und ihren Onkel allein. Ungestörtheit würde in den Tagen, die ihr bevorstanden, zu einem seltenen und kostbaren Element werden, das wusste er schon jetzt., Schließlich traf der Reparaturtechniker ein, begleitet von einem weiteren Wächter im Dienst. Miles nahm beide beiseite, um ein Wort mit ihnen zu wechseln. »Ich möchte, dass Sie beide hier bleiben, bis ich zurück- komme, verstanden? Madame Vorsoisson darf nicht unbe- wacht bleiben. Hm … wenn Sie mit der Tür fertig sind, dann erkundigen Sie sich bei ihr, ob noch andere Repa- raturen notwendig sind, und dann übernehmen Sie diese für sie.« »Jawohl, Mylord.« Gefolgt von seinem eigenen Wächter begab sich. Miles zu den Büros des Terraforming-Projekts. Auf der Bubblecar-Plattform, in der Vorhalle des Gebäudes und an den Eingängen der Korridore zu den entsprechenden Stockwerken kam Miles an KBS-Wachen vorbei. Deprimiert erinnerte sich Miles an den Spruch der Alten Vor vom Aufstellen von Wachen an der Anpflockstelle nach dem Diebstahl der Pferde. In den Büros wechselte das KBS-Personal von stahläugigen Gorillas zu eifrigen Tech- nikern und Angestellten, die effizient die Daten von den KomKonsolen herunterluden und Dateien prüften. Ange- stellte des Terraforming-Projekts schauten ihnen mit unter- drücktem Schrecken zu. Miles entdeckte Oberst Gibbs, der sich in Vorsoissons Vorzimmer niedergelassen hatte, wo seine eigene mitge- brachte KomKonsole fest installiert war; zu Miles’ Über- raschung tanzte der kaninchenartige Venier um den KBS- Finanzanalytiker herum. Als Miles das Büro betrat, warf, Venier ihm einen Blick voller Abneigung zu. »Guten Morgen, Vennie; ich habe irgendwie nicht erwartet, Sie hier zu sehen«, begrüßte Miles ihn freundlich. Er war auf seltsame Weise froh, dass der Kerl nicht einer von Soudhas Leuten gewesen war. »Hallo, Oberst. Ich bin Vorkosigan. Tut mir Leid, dass wir Sie so kurzfristig herholen mussten.« »Mylord Auditor, ich stehe zu Ihrer Verfügung.« Gibbs stand förmlich auf und schüttelte die Hand, die Miles ihm reichte. Für Miles’ Augen war Gibbs ein angenehmer An- blick; ein magerer Mann mittleren Alters mit ergrauendem Haar und einer akribischen Art, die ihn trotz seiner grünen kaiserlichen Uniform mit jedem Zoll wie einen Buchhalter wirken ließ. Obwohl Miles seinen neuen Rang schon fast drei Monate innehatte, kam es ihm immer noch seltsam vor, wenn er die Ehrerbietung eines Älteren entgegennahm. »Ich hoffe, Hauptmann Tuomonen hat Sie unterrichtet und Ihnen das interessante Datenpäckchen überreicht, das uns letzte Nacht in die Hände fiel.« Gibbs holte einen Stuhl für den Lord Auditor herbei und nickte. Venier nutzte die Gelegenheit, um sich zu ent- schuldigen, und floh wortlos, als Gibbs ihm mit einer Geste die Erlaubnis erteilte. Sie setzten sich, und Miles fuhr fort: »Wie kommen Sie bis jetzt voran?« Er blickte auf den Stapel von Folien, die sich bereits auf dem KomKonsolen- Pult angesammelt hatten. Gibbs lächelte leicht. »Dafür, dass wir erst drei Stunden daran arbeiten, bin ich angenehm berührt. Es ist uns gelungen, die meisten der fiktiven Angestellten der, Abteilung Abwärme herauszufinden. Ich erwarte, dass das Aufspüren der falschen Konten schnell vonstatten gehen wird. Der Bericht Ihrer Madame Foscol über die Einnah- men des verstorbenen Administrators Vorsoisson ist sehr klar. Seine Richtigkeit zu verifizieren dürfte keine ernst- haften Probleme darstellen.« »Seien Sie sehr vorsichtig bei allen Daten, die vielleicht durch ihre Hand gegangen sind«, warnte Miles. »O ja. Sie ist sehr gut. Ich nehme an, es wird mir ein Vergnügen und ein Privileg sein, mit ihr zu arbeiten, falls Sie mich verstehen, Mylord.« Gibbs Augen funkelten. Schön, einem Mann zu begegnen, der seine Arbeit liebt. Nun ja, er hatte das Hauptquartier in Solstice gebeten, ihm ihren besten Mann zu schicken. »Reden Sie nicht zu früh von Foscol. Ich habe etwas, das verspricht, eine öde Arbeit für Sie zu werden.« »So?« »Ich habe Grund zu der Annahme, dass es bei der Abwärme zusätzlich zu den fiktiven Angestellten eine Menge fiktiver Einkäufe von Gerätschaften gegeben hat. Gefälschte Rechnungen und dergleichen.« »Ja, ich bin gleich auf drei Scheinfirmen gestoßen, die man anscheinend dafür benutzt hat.« »Schon? Das war aber schnell. Wie denn?« »Ich habe einen Datenabgleich aller Rechnungen, die vom Terraforming-Projekt bezahlt wurden, mit einer Liste aller echten Firmen im Steuerverzeichnis des Kaiserreichs laufen lassen. Was für unsere interne Buchprüfung keine Routine ist, verstehen Sie, allerdings glaube ich, dass ich, den Vorschlag unterbreiten werde, dass dies in Zukunft zur Liste der Prozeduren hinzugefügt werden soll. Es blieben drei Firmen übrig. Meine Feldagenten überprüfen sie. Gegen Ende des Tages dürfte ich die Bestätigung für Sie haben. Ich glaube, es ist nicht übertrieben optimistisch, wenn ich hoffe, dass wir vielleicht binnen einer Woche jede fehlende Mark aufspüren.« »Meine dringendste Sorge gilt eigentlich nicht dem Geld.« Gibbs zog die Augenbrauen hoch; Miles fuhr fort: »Soudha und seine Mitverschwörer sind auch mit einer Menge Gerät abgehauen. Mir ist folgender Gedanke gekommen: Wenn wir eine zuverlässige Liste der Ausrüstung und der Ersatzeinkäufe der Abwärme-Abtei- lung hätten und davon das derzeitige körperliche Inventar der Versuchsstation draußen abzögen, dann sollte der Rest eigentlich alles umfassen, was sie mitgenommen haben.« »So sollte es sein.« Gibbs betrachtete ihn zustimmend. »Es ist eine primitive Methode«, sagte Miles entschuldi- gend. »Und leider nicht so einfach wie ein Datenabgleich.« »Das ist der Grund«, murmelte Gibbs, »weshalb man Mannschaftsdienstgrade erfunden hat.« Sie lächelten einander in stillschweigendem Einver- nehmen an. »Das wird nur funktionieren«, fuhr Miles fort, »wenn die Beschaffungsliste wirklich korrekt ist. Ich möchte, dass Sie besonders nach gefälschten Rechnungen suchen, die sich auf reale, aber nicht dem Standard entspre- chende und nicht kontierte Geräteanschaffungen beziehen. Ich möchte wissen, ob Soudha etwas… Seltsames einge- schmuggelt hat.«, Gibbs legte interessiert den Kopf schief und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Es wäre leicht genug für sie gewesen, ihre Scheinfirmen dafür zu benutzen, auch diese Sachen zu waschen.« »Falls Sie irgendetwas Derartiges finden, dann markieren Sie es und informieren Sie auf der Stelle mich oder Lord Auditor Vorthys. Und das besonders, falls Sie irgendwelche Übereinstimmungen mit den Ausrüstungs- gegenständen finden, die Vorthys’ Spurensucher derzeit am Ort des Sonnenspiegelunfalls entdecken.« »Aha! Die Verbindung wird deutlich. Ich muss gestehen, ich hatte mich schon gefragt, warum ein so starkes Interesse von kaiserlichen Behörden an einer bloßen Unterschlagung besteht. Allerdings handelt es sich um ein sehr schönes Unterschlagungskomplott«, versicherte er Miles eilends. »Sehr professionell.« »Ganz recht. Betrachten Sie bitte diese Geräteliste als Ihre höchste Priorität, Oberst.« »Sehr gut, Mylord.« Während Gibbs mit einem – nach Miles’ Meinung sehr interessierten – Stirnrunzeln vor einer Fontäne von Daten- displays an seiner KomKonsole zurückblieb, ging Miles, um Tuomonen zu suchen. Der müde wirkende KBS-Hauptmann berichtete, man habe bis jetzt an diesem Morgen noch keine Über- raschungen aufgedeckt. Die Feldagenten hatten Soudhas Spur noch nicht aufgenommen. Das Hauptquartier hatte einen Major mit einer Verhöreinheit geschickt, der die systematische Überprüfung der restlichen Angestellten der, Abteilung übernommen hatte; die Inquisition ging jetzt im Konferenzraum vonstatten. »Aber es wird Tage dauern, bis alle durch sind«, fügte Tuomonen hinzu. »Wollen Sie sich am Nachmittag immer noch Madame Vorsoisson vornehmen?« Tuomonen rieb sich über das Gesicht. »Ja, im Grunde schon.« »Ich werde dabei sein.« Tuomonen zögerte. »Das ist Ihr Privileg, Mylord.« Miles überlegte, ob er die Vernehmung der Angestellten beobachten sollte, aber er kam zu dem Schluss, dass er in seinem derzeitigen körperlichen Zustand nichts Sinnvolles dazu beitragen würde. Alles schien im Moment unter Kontrolle zu sein, er selbst ausgenommen. Die am Morgen eingenommenen schmerzstillenden Tabletten verloren allmählich ihre Wirkung, und an seinen Rändern wurde der Korridor etwas wacklig. Falls er später noch für irgend- jemanden von Nutzen sein wollte, dann sollte er seinem mitgenommenen Körper lieber eine Ruhepause gönnen. »Ich sehe Sie dann wieder bei Madame Vorsoisson«, sagte er zu Tuomonen., Ekaterin setzte sich an die KomKonsole in ihrem Arbeitszimmer und begann den Scherbenhaufen ihres Lebens zu sortieren. Es war eigentlich einfacher, als sie in ihrer ersten Angst vermutet hatte – schließlich war so wenig davon da. Wie bin ich so klein geworden? Sie erstellte eine Liste ihrer Geldmittel. An oberster Stelle und am wichtigsten: die medizinische Betreuung von Angehörigen eines verstorbenen Angestellten des Projekts war garantiert bis zum Quartalsende, das noch einige Wochen entfernt war. Eine Art Zeitfenster. Sie rechnete die Tage im Kopf aus. Die Zeit würde ausreichen für Nikki, wenn sie nichts davon verschwendete. Ein paar hundert Mark verblieben in ihrem Haus- haltskonto, und ein paar hundert auch auf Tiens Konto. Die Wohnung durfte sie auch noch bis zum Quartalsende benutzen; dann würde sie sie für Tiens Nachfolger räumen müssen. Das ging in Ordnung, denn hier wollte sie ohnehin nicht länger bleiben. Eine Pension gab es natürlich nicht. Sie verzog das Gesicht. Eine garantierte Rückreise nach Barrayar, die zu Tiens Lebzeiten nicht verfügbar gewesen war, stand ihr und Nikki als eine bei Todesfall fällige Sozialleistung zu, und Gott sei Dank hatte Tien nicht herausgefunden, wie man das zu barer Münze machen konnte., Die Gegenstände, die sie besaß, bedeuteten ihr mehr Last als Gewinn angesichts der Tatsache, dass sie sie per Sprungschiff würde transportieren müssen. Die Freigrenze für Gepäckgewicht war nicht gerade großzügig. Den Großteil des ihnen zustehenden Reisegewichts würde sie Nikki überlassen; seine kleinen Schätze bedeuteten ihm mehr, als die Mehrzahl ihrer größeren Sachen ihr selbst. Es wäre dumm gewesen, wenn sie sich von ein paar Dingen hätte überwältigen lassen, die sie noch vor wenigen Stunden völlig aufzugeben bereit gewesen war. Sie konnte sie immer noch aufgeben, wenn sie sich dafür entschied. Um sich und Nikki einzukleiden, hatte sie einen bestimm- ten Secondhand-Shop in einem schäbigeren Teil der Kuppelstadt aufgesucht. Dort konnte sie Tiens Kleider und gewöhnliche Habseligkeiten verkaufen, eine Besorgung, die nur wenige Stunden dauern würde. Für sich selbst wünschte sie sich, ohne viel Gepäck zu reisen. Auf der Sollseite ihres Hauptbuches waren ihre Schul- den ebenfalls einfach, wenn auch überwältigend. Zuerst waren da die zwanzigtausend Mark, die Tien geliehen und nicht zurückgezahlt hatte. Und dann – verlangte es nicht die Ehre um des Vor-Stolzes und Nikkis Familiennamen willen, dass sie dem Kaiserreich das Bestechungsgeld erstattete, das Tien angenommen hatte? Tja, heute kannst du das noch nicht. Mach weiter mit dem, was du jetzt tun kannst. Sie hatte die medizinischen Ressourcen auf Komarr zur Behandlung genetischer Störungen recherchiert, bis die Information Rillen in ihr Gehirn gegraben hatte, und sie hatte sich Lösungen vorgestellt, von deren Ausführung, Tiens Paranoia – und seine gesetzliche Kontrolle über seinen Erben – sie abgehalten hatten. Genau genommen war Nikkis gesetzlicher Vormund jetzt ein Cousin dritten Grades von Tien zu Hause auf Barrayar, dem Ekaterin nie begegnet war. Da Nikki weder ein Vermögen noch einen Grafenrang erben würde, war die Übertragung seiner Vormundschaft auf sie wahrscheinlich leicht zu bewerk- stelligen. Mit diesen juristischen Fragen würde sie sich auch erst später befassen. Einstweilen brauchte sie weniger als neun Minuten, um mit der führenden Klinik auf Komarr in Solstice Kontakt aufzunehmen und die Leute dort dazu zu bringen, dass sie Nikkis ersten Untersuchungstermin schon für den übermorgigen Tag festlegten und nicht erst für in fünf Wochen, wie man ihr zuerst anzubieten versucht hatte. Ja. So einfach. Sie schüttelte sich in einem Anfall von Wut über Tien und sich selbst. Genauso einfach hätte man das schon vor Monaten tun können, als sie nach Komarr gekommen waren, wenn sie nur den Mut aufgebracht hätte, Tien zu trotzen. Als Nächstes musste sie Tiens Mutter benachrichtigen, die seine nächste noch lebende Verwandte war. Ihr konnte sie es überlassen, die Nachricht unter Tiens entfernteren Verwandten auf Barrayar zu verbreiten. Da sie sich nicht in der Lage fühlte, eine Vid-Nachricht aufzunehmen, verlegte sie sich aufs Schreiben und hoffte dabei, es würde nicht zu kühl erscheinen. Ein Unfall mit einer Sauerstoffmaske, die zu überprüfen Tien unterlassen hatte. Nichts über die Komarraner, nichts über die Unterschlagung, nichts,, wogegen der KBS Widerspruch einlegen konnte. Tiens Mutter würde vielleicht nie etwas von Tiens Schande erfahren müssen. Ekaterin ersuchte ihre Schwiegermutter, sie möge ihr mitteilen, welche Zeremonien sie wünsche und was mit den sterblichen Überresten geschehen solle. Höchstwahr- scheinlich würde die Mutter wollen, dass man den Toten nach Barrayar überführte und neben Tiens Bruder bestattete. Ekaterin konnte nicht umhin, sich ihre eigenen Gefühle in einer zukünftigen Szene vorzustellen, wo sie Nikki voller leuchtender Hoffnungen seiner Braut übergab, um ihn dann später als einen Haufen Asche in einer Schachtel zurückzubekommen. Mit einem Begleitschrei- ben. Nein, sie würde das persönlich besorgen müssen. All das würde auch erst später dran sein. Sie schickte ihre Botschaft auf den Weg. Die Geschichte mit den Einrichtungsgegenständen war einfach; sie konnte in einer Woche alles fertig gepackt haben. Die finanzielle Seite war… nein, nicht unmöglich, es war nur nicht möglich, sie auf der Stelle zu lösen. Wahrscheinlich musste sie einen länger laufenden Kredit aufnehmen, um den ersten abzuzahlen… Die KomKonsole summte und riss sie aus ihrem entschlossenen Tagtraum. Ein Mann in komarranischer Kleidung erschien über der Vid-Scheibe, als Ekaterin die Taste für Empfang drückte. Es war niemand, den sie aus Tiens Abteilung kannte. »Guten Tag, gnädige Frau«, sagte er und blickte sie unsicher an. »Mein Name ist Ser Anafi, ich bin Reprä- sentant der Rialto-Kapitalmarkt-Agentur. Ich versuche, Etienne Vorsoisson zu erreichen.« Ekaterin erkannte den Namen der Firma, deren Geld Tien bei den Handelsflottenaktien verloren hatte. »Er ist… nicht erreichbar. Ich bin Madame Vorsoisson. Um was geht es denn?« Anafis Blick wurde strenger. »Dies ist die vierte Mah- nung zum Ausgleich seines Kreditkontos, der jetzt über- fällig ist. Er muss entweder komplett zahlen oder sofort Schritte unternehmen, um einen neuen Tilgungsplan aufzu- stellen.« »Wie stellen Sie normalerweise einen solchen Plan auf?« Diese wohlüberlegte Antwort schien Anafi zu über- raschen. Hatte er zuvor schon mit Tien zu tun gehabt? Er entspannte sich leicht und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Nun ja … normalerweise berechnen wir einen Prozentsatz des Gehalts des Kunden, gemindert durch eine verfügbare Nebensicherheit, die er vielleicht anbieten kann.« Ich habe kein Gehalt. Ich habe keinen Besitz. Ekaterin vermutete, dass Anafi nicht erfreut sein würde, dies zu erfahren. »Tien … ist gestern Abend bei einem Unfall ums Leben gekommen. Heute geht es hier etwas durcheinander zu.« Anafi blickte bestürzt drein. »Oh, das tut mir Leid, Madame«, brachte er heraus. »Ich nehme nicht an… dass der Kredit versichert war?« »Ich werde es überprüfen, Madame. Hoffen wir…« Anafi wandte sich seiner KomKonsole zu; einen Moment, später runzelte er die Stirn. »Es tut mir Leid sagen zu müssen, dass er nicht versichert war.« Ach, Tien. »Wie soll ich ihn zurückzahlen?« Anafi schwieg lange, als dächte er nach. »Wenn Sie bereit wären, für den Kredit mitzuunterzeichnen, dann könnte ich heute einen Tilgungsplan für Sie aufstellen.« »Sie könnten das tun?« Als jemand zögernd an den Türrahmen des Arbeits- zimmers klopfte, schaute sie sich um. Lord Vorkosigan war zurückgekehrt. Wie lange hatte er schon dort gestanden? Er zeigte nach drinnen, und sie nickte. Er kam herein und beäugte Anafi über Ekaterins Schulter hinweg. »Wer ist der Kerl?«, murmelte er. »Er heißt Anafi und ist von der Firma, bei der Tien den Kredit für die Flottenaktien aufgenommen hat.« »Aha, gestatten Sie.« Er trat an die KomKonsole heran und tippte einen Code ein. Das Bild spaltete sich, und es erschien ein grauhaariger Mann mit dem Rangabzeichen eines Obersten und den Horusaugen am Kragen seiner grünen Uniform. »Oberst Gibbs«, sagte Lord Vorkosigan freundlich. »Ich habe noch weitere Daten für Sie bezüglich der finanziellen Angelegenheiten des Administrators Vorsoisson. Ser Anafi, darf ich Sie mit Oberst Gibbs vom KBS bekannt- machen. Er hat ein paar Fragen an Sie. Auf Wiedersehen!« »Vom KBS?«, sagte Anafi erschrocken. »KBS? Was hat…« Lord Vorkosigan machte eine schwungvolle Geste, und Anafis Bild verschwand. »Kein Anafi mehr«, sagte Vorkosigan mit einer, gewissen Befriedigung. »Jedenfalls nicht in den kommen- den paar Tagen.« »Na, war das jetzt nett ihm gegenüber?«, fragte Ekaterin, unwillkürlich amüsiert. »Die haben Tien doch das Geld in gutem Glauben geliehen.« »Unterzeichnen Sie trotzdem nicht, bis Sie juristischen Beistand haben. Falls Sie nichts von dem Kredit gewusst haben, dann ist es möglich, dass Tiens Nachlass dafür haften muss, und nicht Sie. Seine Gläubiger müssen sich miteinander um die Stücke zanken, und wenn das Geld futsch ist, dann ist es futsch.« »Aber Tiens Nachlass besteht nur aus Schulden.« Und Schande. »Dann wird der Zank kurz sein.« »Aber ist das fair?« »Der Tod ist ein normales Geschäftsrisiko – in manchen Branchen natürlich mehr als in anderen …« Er lächelte kurz. »Dieser Ser Anafi war drauf und dran, Sie auf der Stelle unterzeichnen zu lassen. Das legt mir den Gedanken nahe, dass er sich seines Risikos voll bewusst war und dachte, er könnte Sie, solange Sie noch unter Schock stehen, vielleicht drängen, eine Schuld zu übernehmen, die von Rechts wegen gar nicht die Ihre ist. Das ist nicht fair. Genau genommen überhaupt nicht ethisch. Ja, ich glaube, wir können ihn dem KBS überlassen.« Das war alles ziemlich anmaßend, aber… es war schwer, nicht auf das begeisterte Funkeln in Vorkosigans Augen zu reagieren, nachdem er ihren Widersacher vernichtet hatte. »Danke, Lord Vorkosigan. Aber ich muss wirklich, lernen, wie ich diese Dinge selbst mache.« »O ja«, pflichtete er ihr ohne das geringste Zögern bei. »Ich wünschte, Tsipis wäre hier. Er ist seit dreißig Jahren der Mann meiner Familie fürs Geschäft. Er liebt es, die Uneingeweihten zu unterrichten. Wenn ich ihn auf Sie loslassen könnte, dann wären Sie in null Komma nix voll im Bild, und er wäre schlicht begeistert. Ich fürchte, in mir hat er in meiner Jugend nur einen frustrierenden Schüler gefunden. Ich wollte nur über das Militär lernen. Schließlich gelang es ihm, ein bisschen Wirtschaftskunde einzuschmuggeln, indem er die Ökonomie als Logistik- und Nachschubproblem darstellte.« Er lehnte sich an das KomKonsolen-Pult, verschränkte die Arme und legte den Kopfschief. »Denken Sie daran, bald nach Barrayar zurückzukehren?« »So schnell es geht. Ich kann es kaum ertragen, hier noch länger zu bleiben.« »Ich glaube, ich verstehe Sie. Wohin … äh … würden Sie auf Barrayar gehen?« Sie starrte nachdenklich auf die leere Vid-Scheibe. »Ich bin mir noch nicht sicher. Auf jeden Fall nicht in den Haushalt meines Vaters.« Um wieder in den Status eines Kindes zurückversetzt zu werden… Sie stellte sich vor, wie sie ohne einen Pfennig in der Tasche und ohne eigene Mittel ankam, um sich bei ihrem Vater oder einem ihrer Brüder durchzufressen. Natürlich würden sie großzügiger- weise zulassen, dass Ekaterin sich durchfraß, aber sie würden auch so tun, als beraubte ihre Abhängigkeit sie ihrer Rechte und ihrer Würde und sogar ihrer Intelligenz. Sie würden ihr das Leben zu ihrem eigenen Wohl, einrichten… »Ich bin mir sicher, ich wäre willkommen, aber ich fürchte, die Lösung meines Vaters für meine Probleme würde darin bestehen, mich wieder zu verhei- raten. Der Gedanke daran schnürt mir schon jetzt den Hals zu.« »Oh«, sagte Lord Vorkosigan. Es folgte ein kurzes Schweigen. »Was würden Sie tun, wenn Sie tun könnten, was Sie wollten?«, fragte er plötzlich. »Wenn Sie nicht mit begrenzten Mitteln jonglieren und keine praktischen Über- legungen anstellen müssten?« »Ich weiß nicht… ich fange normalerweise mit dem Möglichen an und richte mich danach ein.« »Versuchen Sie, einen größeren Horizont zu haben.« Mit einer vagen Geste seines Arms, die den ganzen Planeten umschloss, deutete er an, was er mit Horizont meinte. Sie dachte zurück an den Punkt ihres Lebens, als sie diese fatal falsche Richtung eingeschlagen hatte. So viele Jahre waren verloren. »Nun ja, vermutlich … würde ich an die Universität zurückkehren. Aber diesmal würde ich wissen, um was es mir ginge. Formelle Ausbildung in Gartenbau und in Kunst, für den Entwurf von Gärten; Chemie und Biochemie und Botanik und genetische Manipulation. Wirkliche Fachkenntnisse, von der Art, wo man nicht mehr eingeschüchtert oder, oder… überredet werden kann, bei etwas Stupidem mitzumachen, weil man glaubt, alle Menschen im ganzen Universum wussten mehr als man selbst.« Sie runzelte wehmütig die Stirn. »Also könnten Sie gegen Bezahlung Gärten entwerfen?«, »Noch mehr als das.« Sie kniff die Augen zusammen, als sie um ihre innere Vision rang. »Planeten? Terraforming?« »Ach du lieber Himmel. Eine solche Ausbildung dauert zehn Jahre und dann weitere zehn Jahre Praktikum, bevor man auch nur annähernd die Komplexitäten begreift.« »So? Man muss doch jemanden einstellen. Meine Güte, man hat auch Tien eingestellt.« »Er war nur ein Administrator.« Sie schüttelte verzagt den Kopf. »In Ordnung«, sagte er fröhlich. »Also größer als ein Garten, kleiner als ein Planet. Da bleibt genug Horizont übrig, würde ich sagen. Ein barrayaranischer Distrikt könnte ein guter Anfang sein. Zum Beispiel einer mit unvollständigem Terraforming und Forstprojekten, mit Neugewinnung von geschädigtem Land und der unbeding- ten Notwendigkeit eines Hauchs Schönheit. Und dann«, fuhr er fort, »könnten Sie sich zu Planeten hinaufarbeiten.« Sie musste lachen. »Weshalb diese Besessenheit mit Planeten? Genügt Ihnen etwas Kleineres nicht?« »Elli Qu… eine Freundin von mir pflegte zu sagen: ›Ziele hoch. Du magst dann das Ziel immer noch verfehlen, aber wenigstens wirst du dir nicht den Fuß abschießen.« Sein Grinsen war wie ein Augenzwinkern. Er zögerte, dann sagte er langsamer: »Wissen Sie… Ihr Vater und Ihre Brüder sind nicht Ihre einzigen Verwandten. Der Professor und die Professora zeigen doch eine grenzenlose Begeisterung für Bildung. Sie können mir nicht sagen, dass die beiden sich nicht freuen würden, Ihnen und Nikki in, ihrem Heim Zuflucht zu geben, während Sie einen Neu- beginn wagen. Und Sie wären dann direkt in Vorbarr Sultana, praktisch gleich neben der Universität und… äh… allem anderen. Gute Schulen für Nikki.« Sie seufzte. »Es wäre für ihn eine so schöne Abwechs- lung, wenn er einmal eine Weile am selben Ort bleiben könnte. Er könnte endlich Freunde finden, die er nicht bald wieder aufgeben müsste. Aber… ich habe gelernt, Abhän- gigkeit zu verabscheuen.« Er beäugte sie scharf. »Weil sie Sie verraten hat?« »Oder mich dazu verleitet hat, mich selbst zu verraten.« »Hm. Aber gewiss gibt es da einen qualitativen Unter- schied zwischen, hm, einem Treibhaus und einer Kryo- kammer. Beide gewähren Zuflucht, aber Ersteres fördert Wachstum, während Letztere lediglich, hm …« Er schien sich in seiner Metapher etwas verheddert zu haben. »Die Verwesung verlangsamt?«, versuchte Ekaterin ihm höflich aus der Verhedderung zu helfen. »Genau so.« Wieder grinste er kurz. »Auf jeden Fall bin ich mir ziemlich sicher, dass die Professores Vorthys ein menschliches Treibhaus darstellen. All diese Studenten – sie sind daran gewöhnt, dass Menschen aufwachsen und weiterziehen. Sie betrachten das als normal. Ich glaube, es würde Ihnen dort gefallen.« Er wanderte zu ihrem Fenster und blickte hinaus. »Mir hat es dort gefallen«, gab sie wehmütig zu. »Dann klingt ja für mich alles vollkommen möglich. Gut, das wäre dann erledigt. Haben Sie schon zu Mittag gegessen?«, »Was?« Sie lachte und fasste sich an die Haare. »Mittagessen«, wiederholte er trocken. »Manche Men- schen nehmen um diese Tageszeit eine Mahlzeit ein.« »Sie sind verrückt«, sagte sie voller Überzeugung und ignorierte diesen vorsätzlichen Versuch der Ablenkung. »Entscheiden Sie immer so ohne weiteres über das Leben anderer Menschen?« »Nur, wenn ich hungrig bin.« Sie gab es auf. »Ich nehme an, ich habe etwas, was ich anrichten kann…« »Sicherlich nicht!«, erwiderte er ungehalten. »Ich habe einen Lakaien ausgeschickt. Und ich habe ihn gerade entdeckt, wie er mit einem sehr viel versprechenden großen Beutel durch den Park zurückkommt. Die Wachen müssen auch essen, wissen Sie.« Sie stellte sich kurz das Schauspiel eines Mannes vor, der beiläufig einen KBS-Mitarbeiter nach einem Imbiss schickt. Wahrscheinlich gab es Sicherheitsbedenken bei Mahlzeiten im Dienst. Sie ließ sich von Vorkosigan in ihre eigene Küche scheuchen, wo sie dann aus einem Dutzend Essensbehälter auswählten. Ekaterin stibitzte ein flockiges Aprikosentörtchen, das sie für Nikki beiseite schaffte, dann schickten sie den Rest ins Wohnzimmer, damit die Wachen dort ihr Picknick halten konnten. Das Einzige, was Vorkosigan ihr gestattete, war, für frischen Tee zu sorgen. »Haben Sie heute Morgen etwas Neues herausge- funden?«, fragte sie ihn, als sie sich am Tisch nieder- gelassen hatten. Sie versuchte, sich nicht an ihr letztes Gespräch mit Tien zu erinnern, das sie an diesem Ort, gehabt hatte. O ja, ich möchte nach Hause. »Irgendetwas Neues über Soudha und Foscol?« »Noch nicht. Ein Teil von mir erwartet, dass der KBS sie jeden Moment aufgreift. Ein anderer Teil von mir… ist nicht so optimistisch. Ich frage mich nur dauernd, wie lange genau sie Zeit hatten, ihren Abgang zu planen.« »Nun… ich glaube nicht, dass sie erwarteten, kaiserliche Auditoren in Serifosa begrüßen zu dürfen. Zumindest das muss für sie eine Überraschung gewesen sein.« »Hm. Aha! Jetzt weiß ich, warum mir diese ganze Geschichte so komisch vorkommt. Es ist, als erlitte mein ganzes Gehirn eine Zeitverzögerung, und daran sind nicht nur die verdammten Anfälle schuld. Ich bin auf der falschen Seite. Ich bin verdammt noch mal auf der Seite der Verteidigung, nicht der Offensive. Immer einen Schritt hinterher, reagierend und nicht agierend – und ich habe schreckliche Angst, dass das eine wesentliche Bedingung meines neuen Jobs ist.« Er schluckte einen Bissen Sandwich. »Es sei denn, ich kann Gregor die Idee eines Auditor-Provokateurs nahe bringen … Nun ja, auf jeden Fall habe ich eine Idee, die ich Ihrem Onkel nahe legen werde, wenn er herunterkommt.« Er hielt inne, und es herrschte Schweigen. Einen Moment später fügte er hinzu: »Falls Sie einen ermutigenden Laut von sich geben, fahre ich fort.« Sie hatte gerade den Mund voll. »Hmm?« »Schön, ja. Sehen Sie, angenommen… angenommen, diese Sache von Soudha ist mehr als nur ein bloßes Unterschlagungskomplott. Vielleicht haben sie die ganzen, staatlichen Mittel abgezweigt, um ein wirkliches Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu finanzieren, das allerdings nichts mit der Verwertung von Abwärme zu tun hat. Es mag ein Vorurteil aus meiner militärischen Vergangenheit sein, aber ich denke die ganze Zeit, dass die vielleicht eine Waffe gebaut haben. Eine neue Variante der gravitischen Imploderlanze, oder etwas Derartiges.« Er trank einen Schluck Tee. »Ich hatte nie den Eindruck, dass Soudha oder einer der anderen Komarraner in dem Terraforming-Projekt sehr militärisch dachte. Ganz im Gegenteil.« »Für einen Akt der Sabotage müssten sie das auch gar nicht. Eine große, idiotische, abscheuliche Geste – ich mache mir immerzu Sorgen wegen Gregors bevorstehender Hochzeit.« »Soudha ist nicht bombastisch«, sagte Ekaterin langsam. »Und auch nicht besonders abscheulich.« Sie zweifelte nicht daran, dass Tiens Tod unbeabsichtigt gewesen war. »Und auch nicht idiotisch.« Vorkosigan seufzte bedauernd. »Ich erinnere lediglich an diesen Zeitplan, um mich nervös zu machen. Das hält mich wach. Aber angenommen, es war eine Waffe. Hat man vielleicht diesen Erzfrachter angegriffen, als Test? Abscheulich genug. Ist ihre Generalprobe völlig schief gegangen? War die nach- folgende Beschädigung des Spiegels Zufall oder Absicht? Oder war es anders herum? Der Zustand von Radovas’ Leiche legt den Gedanken nahe, dass etwas ins Auge gegangen ist. Ein Streit unter Dieben? Jedenfalls plane ich, um diese Flut von Spekulationen an eine Art physikalischer Tatsache zu verankern, mir eine Liste aller Ausrüstungs-, gegenstände zu besorgen, die Soudha für seine Abteilung gekauft hat, davon alles abzuziehen, was sie zurück- gelassen haben, und damit eine Teileliste für ihre geheime Waffe zu erstellen. An diesem Punkt lässt mich dann meine Intelligenz im Stich, und ich werde die Sache Ihrem Onkel übergeben.« »Oh!«, sagte Ekaterin. »Das wird ihm gefallen. Er wird Sie anknurren.« »Ist das ein gutes Zeichen?« »Ja.« »Hm. Also, wenn man von einem Sabotageangriff mit einer geheimen Waffe ausgeht… wie nahe sind sie am Erfolg? Ich komme wieder – verzeihen Sie – auf Foscols seltsames Benehmen zurück, darauf nämlich, dass sie dieses Datenpäckchen mit Beweisen gegen Tien zur Verfügung gestellt hat. Es scheint zu verkünden: Es spielt keine Rolle, ob die Komarraner belastet sind, weil – hier ist das Fehlende zu ergänzen. Weil was? Weil sie nicht hier sein werden, um die Konsequenzen zu erdulden? Das lässt an Flucht denken, was gegen die Waffenhypothese spricht, weil die erforderlich macht, dass sie bleiben, um die Waffe zu benutzen.« »Oder dass sie glaubten, Sie würden nicht hier sein, um die Konsequenzen auszuteilen«, sagte Ekaterin. Hatten sie vorgehabt, dass Vorkosigan auch sterben sollte? Oder… was? »Oh, schön. Das ist ja beruhigend.« Er biss ziemlich aggressiv in das letzte Stück Sandwich. Sie stützte ihr Kinn mit der Hand und betrachtete ihn mit, ironischer Neugier. »Weiß der KBS, dass Sie so etwas daherplappern?« »Nur, wenn ich sehr müde bin. Außerdem denke ich gern laut. Es macht die Dinge langsamer, sodass ich sie gut anschauen kann. Davon bekommen Sie eine gewisse Vorstellung, wie es ist, in meinem Kopf zu leben. Ich gebe zu, nur sehr wenige Leute halten es aus, sich das länger anzuhören und…« Stimmen aus dem Vorraum unterbrachen, was immer er noch hatte sagen wollen. Ekaterin drehte den Kopf. »Tuomonen, schon so bald?« »Wollen Sie es aufschieben?«, fragte Vorkosigan. Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich möchte es hinter mich bringen. Dann möchte ich endlich gehen und Nikki abholen.« »Ah.« Er leerte seine Teetasse und stand auf, und sie gingen beide hinaus ins Wohnzimmer. Es war tatsächlich Hauptmann Tuomonen. Er nickte Vorkosigan zu und grüßte Ekaterin höflich. Er hatte einen weiblichen MedTech in der Uniform der barrayaranischen Sanitäts- truppe mitgebracht und stellte die Frau vor. Sie trug einen Medikamentenkoffer, den sie auf den runden Tisch stellte und öffnete. Ampullen und Hyposprays glitzerten in ihren Fächern. Erste-Hilfe-Materialien wiesen auf unheilvollere Möglichkeiten hin. Tuomonen bedeutete Ekaterin, sie solle sich auf das Sofa setzen. »Sind Sie bereit, Madame Vorsoisson?« »Ich denke schon.« Ekaterin beobachtete mit verbor- gener Angst und einem gewissen Abscheu, wie die, Sanitäterin ihr Hypospray füllte und es Tuomonen zur Überprüfung zeigte. Die MedTech legte ein zweites Hypospray bereit und zog von einem Plastikstreifen ein kleines, klettenartiges Pflaster ab. »Strecken Sie mir bitte einmal Ihr Handgelenk entgegen, Madame.« Ekaterin folgte der Aufforderung; die Frau drückte das Allergietestpflaster fest an Ekaterins Haut, dann zog sie es wieder ab. Sie hielt weiter Ekaterins Handgelenk, während sie wartend auf ihr Chrono blickte. Ihre Finger waren trocken und kalt. Tuomonen schickte die beiden Wachen auf Vorposten, das heißt in den Flur und auf den Balkon, und stellte auf einem Stativ einen Vid-Rekorder auf. Dann wandte er sich an Vorkosigan und sagte mit ziemlich seltsamem Nach- druck: »Darf ich Sie daran erinnern, Lord Vorkosigan, dass es bei einer Befragung unter Schnell-Penta zu unnötigen Verwirrungen führen kann, wenn mehrere Personen Fragen stellen.« Vorkosigan machte eine bestätigende Geste. »Ganz recht. Ich kenne die Vorgehensweise. Nur zu, Haupt- mann.« Tuomonen blickte auf die Sanitäterin, die aufmerksam auf Ekaterins Handgelenk starrte und es schließlich losließ. »Sie ist in Ordnung«, berichtete die Frau. »Dann machen Sie bitte weiter.« Auf die Anweisung der Sanitäterin hin rollte Ekaterin ihren Ärmel hoch. Das Hypospray zischte mit kaltem Biss auf ihrer Haut., »Zählen Sie langsam von zehn an rückwärts«, befahl Tuomonen. »Zehn«, zählte Ekaterin folgsam. »Neun… acht… sieben…«, »Zwei… eins …« Ekaterins Stimme, die anfangs kaum hörbar gewesen war, wurde stärker, während sie rückwärts zählte. Miles meinte, fast ihre Herzschläge spüren zu können, während die Droge ihren Körper durchflutete. Ihre zusam- mengekrampften Hände lockerten sich in ihrem Schoß. Die Spannung in Gesicht, Hals, Schultern und dem gesamten Körper schmolz dahin wie Schnee in der Sonne. Ihre Augen weiteten sich und begannen zu leuchten; ihre bleichen Wangen nahmen sanft Farbe an. Ihre Lippen öffneten und krümmten sich, und mit einem überraschten sonnigen Lächeln blickte sie an Tuomonen vorbei auf Miles. »Oh«, sagte sie mit erstaunter Stimme. »Es tut nicht weh.« »Nein, Schnell-Penta tut nicht weh«, sagte Tuomonen in beruhigendem Ton. Das meint sie nicht, Tuomonen. Wenn eine Person in Schmerzen lebt wie eine Meerjungfrau im Wasser, bis der Schmerz so unsichtbar geworden ist wie der Atem, dann muss dessen plötzliche Aufhebung – wie künstlich auch immer – ein verblüffendes Ereignis darstellen. Miles atmete heimlich auf, erleichtert darüber, dass Ekaterin anscheinend nicht zu den Kicherern oder Schwätzern gehörte, und sie war auch keine der gelegentlich, auftretenden Unglücklichen, bei denen die Droge einen Sturzbach verbaler Obszönitäten oder einen fast ebenso peinlichen Sturzbach an Tränen auslöste. Nein. Der Haken wird kommen, wenn wir ihr das Schnell-Penta wieder wegnehmen. Die Erkenntnis machte ihn frösteln. Aber, mein Gott, ist sie nicht schön, wenn sie keine Schmerzen hat? Ihre offene, lächelnde Wärme wirkte auf ihn seltsam vertraut, und er versuchte sich daran zu erinnern, wann er denn schon einmal dieses liebliche Fluidum an ihr beobachtet hatte. Nicht heute, nicht gestern… Das war in deinem Traum. Oh. Er lehnte sich zurück, stützte sein Kinn in die Hand und legte die Finger auf den Mund, während Tuomonen mit der Liste der neutralen Standardfragen begann: Name, Geburtsdatum, Namen der Eltern, das Übliche. Der Zweck davon war nicht nur, der Droge Zeit zur vollen Wirkung zu geben, sondern auch, einen Rhythmus von Frage und Antwort aufzubauen, der helfen würde, die Vernehmung weiterzutragen, wenn die Fragen und Antworten schwie- riger würden. Ekaterins Geburtstag war nur drei Wochen vor seinem eigenen, wie Miles nebenbei bemerkte, aber der Krieg um den Usurpator Vordarian, der in ihrem gemein- samen Geburtsjahr die Regionen rund um Vorbarr Sultana so erschütterte, hatte den Südkontinent kaum berührt. Die Sanitäterin hatte sich auf einem Stuhl außerhalb der Sitzgruppe niedergelassen, außerhalb des Gesichtskreises von Befrager und Befragter, aber leider nicht völlig, außerhalb Hörweite. Miles hoffte, dass sie die höchste Unbedenklichkeitsbescheinigung besaß. Er wusste es nicht, beschloss aber, nicht danach zu fragen, ob Tuomonen aus Taktgefühl eine weibliche MedTech angefordert hatte, als stillschweigende Anerkennung der Tatsache, dass ein Verhör unter Schnell-Penta eine Vergewaltigung des Geistes darstellen konnte. Körperliche Gewalt hatte bei einer Befragung mit Schnell-Penta nichts verloren, was dazu beigetragen hatte, dass gewisse unangenehme psycho- logische Typen von einer erfolgreichen Karriere als Vernehmer ausgeschlossen worden waren. Aber ein körperlicher Angriff war nicht das einzig Mögliche, nicht einmal notwendigerweise das Schlimmste. Oder vielleicht hatte die Frau nur als Nächste auf dem Dienstplan des verfügbaren Personals gestanden. Tuomonen ging zu Ereignissen der jüngeren Vergangen- heit über. Wann genau hatte Tien seinen Posten auf Komarr bekommen, und wie? Hatte er schon vor der Abreise von Barrayar jemanden in seiner zukünftigen Abteilung gekannt oder war er jemandem aus Soudhas Gruppe begegnet? Nein? Hatte sie Einblick in seine Korrespondenz gehabt? Ekaterin, die in der durch Schnell- Penta gehobenen Stimmung immer fröhlicher wurde, plapperte so vertrauensvoll drauflos wie ein Kind. Sie war so aufgeregt gewesen wegen der Ernennung, wegen der versprochenen Nähe zu guten medizinischen Einrich- tungen, überzeugt, sie würde endlich Hilfe galaktischen Standards für Nikki bekommen. Sie hatte sich um Tiens Bewerbung gesorgt und ihm geholfen, sie zu schreiben. Nun ja, sie hatte den größten Teil davon geschrieben. Die, Kuppelstadt Serifosa war faszinierend und ihre Dienst- wohnung viel größer und schöner, als sie erwartet hatte. Tien sagte, die Komarraner seien alle Techniksnobs, aber das hatte sie nicht so empfunden… Tuomonen führte sie sanft zum aktuellen Thema zurück. Wann genau hatte sie die Verwicklung ihres Ehemannes in das Unterschlagungskomplott entdeckt, und wie? Sie wiederholte dieselbe Geschichte über Tiens mitternächt- lichen Anruf bei Soudha, die sie schon am Vorabend Miles erzählt hatte, ausgeschmückt mit unwesentlichen Details – unter anderem bestand sie darauf, Tuomonen ein kom- plettes Rezept für gewürzte Milch mit Brandy zu geben. Schnell-Penta wirkte seltsam auf das Gedächtnis eines Probanden, selbst wenn es nicht – entgegen den Gerüchten – für perfekte Erinnerung sorgte. Ihr Bericht über das Gespräch, das sie belauscht hatte, klang allerdings fast wortwörtlich. Trotz seiner offensichtlichen Müdigkeit war Tuomonen geschickt und geduldig und erlaubte längere Abschweifungen, wobei er auf das verborgene Juwel kriti- scher Informationen in diesen fließenden Assoziationen achtete, von dem ein Befrager immer hoffte, es würde auftauchen – was es aber für gewöhnlich nicht tat. Ihre Beschreibung, wie sie am folgenden Morgen die KomKonsole ihres Mannes geknackt hatte, enthielt die störrische Nebenbemerkung: »Wenn Lord Vorkosigan es tun konnte, dann konnte ich es auch.« Tuomonens hell- wache Nachfrage löste eine peinliche Abschweifung zu ihren Ansichten über Miles’ vorausgegangenes Eindringen à la KBS in ihre eigene KomKonsole aus. Miles biss sich auf die Lippen und begegnete Tuomonens hochgezogenen, Augenbrauen mit einem ausdruckslosen Blick. »Allerdings sagte er, ihm gefielen meine Gärten. Niemand sonst in meiner Familie möchte sie überhaupt anschauen.« Sie seufzte und lächelte Miles schüchtern an. Durfte er hoffen, ihm sei hiermit verziehen worden? Tuomonen zog seine Folie zu Rate. »Wenn Sie die Schulden Ihres Gatten erst gestern früh entdeckten, warum haben Sie dann am vorausgegangenen Vormittag fast vier- tausend Mark auf sein Konto überwiesen?« Seine Auf- merksamkeit wurde schärfer, Ekaterin zeigte einen Aus- druck trunkener Bestürzung. »Er hat mich angelogen, der Mistkerl. Er sagte, wir würden zur galaktischen Behandlung reisen. Nein! Er sagte es nicht, verdammt. Ich war eine Närrin. Ich wünschte mir so sehr, dass es wahr sei. Lieber eine Närrin als eine Lügnerin. Ist es nicht so? Ich wollte nicht werden wie er.« Mit einem schnellen, verdutzten Seitenblick suchte Tuomonen Aufschluss bei Miles. Miles stieß den Atem aus. »Fragen Sie sie, ob es Nikkis Geld war.« »Nikkis Geld«, bestätigte sie mit einem schnellen Nicken. Trotz der Beschwipstheit durch Schnell-Penta run- zelte sie grimmig die Stirn. »Ergibt das für Sie einen Sinn, Mylord?«, murmelte Tuomonen. »Ich fürchte schon. Sie hatte genau diese Summe von ihrem Haushaltsgeld für die medizinische Behandlung ihres Sohns gespart. Ich habe das Konto in ihren Dateien gesehen, als ich diesen, hm, unglücklichen Abstecher unternahm. Ich nehme an, dass ihr Mann behauptete, er, benutze das Geld für diesen Zweck, und es ihr stattdessen abnahm, um seine Gläubiger hinzuhalten.« Unterschla- gung, in der Tat! Miles atmete langsam aus, um seinen Blutdruck wieder zu senken. »Haben Sie die Summe aufgespürt?« »Vorsoisson hat sie gegen Quittung an die Rialto- Kapitalmarkt-Agentur überwiesen.« »Es gibt vermutlich keine Möglichkeit, es zurück- zubekommen?« »Fragen Sie Gibbs, aber ich glaube es nicht.« »Aha.« Miles biss sich in den Fingerknöchel und bedeutete Tuomonen mit einem Nicken, er solle weiter- machen. Tuomonen, der nun mit den richtigen Fragen versehen war, bestätigte diese Interpretation explizit und holte im Folgenden all die höchst privaten Details über Vorzohns Dystrophie aus Ekaterin heraus. In genau demselben neutralen Ton fragte Tuomonen: »Haben Sie den Tod Ihres Gatten arrangiert?« »Nein«, seufzte Ekaterin. »Haben Sie jemanden gebeten oder dafür bezahlt, ihn zu töten?« »Nein.« »Wussten Sie, dass er getötet werden würde?« »Nein.« Schnell-Penta ließ die Probanden oft verdammt wort- wörtlich antworten; man musste immer die wichtigen Fragen, auf die es einem ankam, auf verschiedene Weisen stellen, um sicherzugehen., »Haben Sie ihn selbst umgebracht?« »Nein.« »Haben Sie ihn geliebt?« Ekaterin zögerte. Miles runzelte die Stirn. Fakten bilde- ten die rechtmäßige Beute des KBS, Gefühle vielleicht eher weniger. Aber Tuomonen wich noch nicht ganz von seiner Linie ab. »Ich glaube, ich habe ihn einmal geliebt. Ich muss ihn geliebt haben. Ich erinnere mich an den wunderbaren Aus- druck auf seinem Gesicht an dem Tag, als Nikki geboren wurde. Ich muss ihn geliebt haben. Er hat meine Liebe abgenutzt. Ich kann mich kaum noch an diese Zeit erinnern.« »Haben Sie ihn gehasst?« »Nein… ja… ich weiß es nicht. Er hat meinen Hass auch abgenutzt.« Sie schaute Tuomonen ernst an. »Er hat mich nie geschlagen, wissen Sie.« Was für ein Nachruf. Wenn ich einmal zur letzten Ruhe gebettet werde und Gott mein Richter ist, dann hoffe ich, dass meine Liebste etwas Besseres über mich sagen kann als: »Er hat mich nicht geschlagen.« Miles biss die Zähne zusammen und sagte nichts. »Tut es Ihnen Leid, dass er gestorben ist?« Passen Sie auf, Tuomonen… »Oh, schon, ja, aber es war eine solche Erleichterung. Was für ein Albtraum wäre es heute gewesen, wenn Tien noch am Leben wäre. Obwohl ich annehme, dass der KBS ihn weggebracht hätte. Diebstahl und Verrat. Aber ich hätte, ihn besuchen müssen. Lord Vorkosigan sagte, ich hätte ihn nicht retten können. Nach Foscols Anruf bei mir war nicht genügend Zeit. Ich bin so froh. Es ist abscheulich, so froh zu sein. Vermutlich sollte ich Tien alles verzeihen, weil er jetzt tot ist, aber ich werde ihm nie verzeihen, dass er mich so abscheulich gemacht hat.« Trotz der Droge sickerten jetzt Tränen aus ihren Augen. »Früher war ich nicht so, aber jetzt kann ich nicht mehr zurück.« Einige Wahrheiten drangen tiefer, als selbst Schnell- Penta es konnte. Ausdruckslos langte Miles an Tuomonen vorbei und reichte Ekaterin ein Papiertaschentuch. Sie machte große Augen und tupfte die Feuchtigkeit ab. »Braucht sie noch mehr von der Droge?«, fragte flüsternd die MedTech. »Nein.« Miles gebot ihr mit einer Geste Schweigen. Tuomonen stellte einige weitere neutrale Fragen, bis seine Probandin wieder zu ihrer ursprünglichen sonnigen und vertrauensvollen Art zurückzukehren schien. Ja, niemand sollte so viel Wahrheit auf einmal sagen müssen. Tuomonen schaute auf seine Folie, blickte mit Unbe- hagen auf Miles, leckte sich über die Lippen und sagte: »Ihre und Lord Vorkosigans Koffer wurden nebeneinander stehend in Ihrem Flur gefunden. Haben Sie geplant, zusammen wegzugehen?« Bestürzung und Empörung durchfluteten Miles in einer heißen Woge. Tuomonen, wie können Sie es wagen…! Aber die Erinnerung daran, wie er unter den Augen des KBS-Wächters diese ganze vermischte Unterwäsche durchsucht hatte, ließ ihn schweigen; also ja, es konnte, seltsam ausgesehen haben für jemanden, der nicht wusste, was los war. Miles verwandelte die in ihm hochbrodelnden Worte in einen langsamen Atemzug, den er ganz allmäh- lich von sich gab. Tuomonen, der den Seufzer mitbekam, warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Ekaterin blinzelte den Hauptmann etwas verwirrt an. »Ich hatte es gehofft.« Was? Ach so. »Sie meint, zur gleichen Zeit«, presste Miles zwischen den Zähnen hervor. »Nicht zusammen. Versuchen Sie das einmal.« »Hat Lord Vorkosigan geplant, Sie fortzubringen?« »Fort? Ach, was für eine schöne Idee. Niemand hatte vor, mich fortzubringen. Wer würde das schon tun? Ich musste mich selbst fortbegeben. Tien warf die Skellytum meiner Tante vom Balkon hinab, aber er wagte es nicht, mich selbst hinunterzuwerfen. Er wollte es aber, glaube ich.« Diese letzten Worte ließen Miles in ein Grübeln verfallen. Wie viel körperlicher Mut war notwendig gewesen, um sich am Ende Tien zu widersetzen? Miles unterschätzte keineswegs, wie viel innere Stärke für eine Mutprobe mit großen, wütenden Männern nötig war, wenn diese die Kraft besaßen, einen hochzuheben und durch den Raum zu schleudern. Innere Stärke und Gewitztheit, und man durfte nie in Reichweite kommen oder sich von der Tür abdrängen lassen. Dies musste man alles automatisch kalkulieren. Und man musste in Übung bleiben. Für Ekate- rin musste es gewesen sein, als sollte sie in ihrer allerersten Flugstunde ein voll geladenes Frachtshuttle landen., Tuomonen, der verzweifelt um Klarheit bemüht war und immer noch ein Auge auf Miles gerichtet hatte, wieder- holte: »Wollten Sie mit Lord Vorkosigan zusammen durch- brennen?« Ihre Augenbrauen zuckten hoch. »Nein!«, erwiderte sie überrascht. Nein, natürlich nicht. Miles versuchte seine erste Reak- tion der Verblüffung auf diese Beschuldigung noch einmal zu empfinden, doch stattdessen dachte er: Was für eine großartige Idee. Warum habe ich nicht daran gedacht?, was seiner Empörung die Spitze nahm. Sie wäre sowieso nie mit ihm durchgebrannt. Das Höchste, was er fertig brachte, war, dass eine barrayaranische Frau mit einem zu kurz geratenen Mutanten wie ihm die Strasse entlang ging… Ach, zum Teufel. Hast du dich in diese Frau verliebt du kleiner Idiot? Hm. Ja. Im Nachhinein erkannte er, dass er sich schon vor Tagen verliebt hatte. Jetzt war es ihm endlich bewusst geworden. Er hätte die Symptome erkennen sollen. Ach, Tuomonen, was wir nicht alles durch Schnell-Penta erfahren. Endlich konnte er jedoch erkennen, worauf Tien ab- zielte. Eine hübsche kleine Verschwörung: Tien ermorden, es den Komarranern in die Schuhe schieben, und dann über seine Leiche mit seiner Frau durchbrennen … »Ein höchst schmeichelhaftes Szenario, Tuomonen«, flüsterte er dem KBS-Hauptmann zu. »Schnelle Arbeit auf meiner Seite, wenn man bedenkt, dass ich ihr vor fünf Tagen zum ersten, Mal begegnet bin. Danke sehr.« Wurde je in dieser Stimmung um eine Frau geworben? Wurde jemals eine Frau in dieser Stimmung gewonnen? Ich glaube nicht. Mit zusammengepressten Lippen warf Tuomonen ihm einen finsteren Blick zu. »Wenn mein Wächter auf diesen Gedanken kommen konnte, und ich auch, dann konnte auch jemand anderer darauf kommen. Am besten erledigt man den Gedanken so schnell wie möglich. Ich kann ja Sie nicht unter Schnell-Penta setzen, Mylord.« Tuomonen machte einfach seinen Job, und er machte ihn gut. Miles lehnte sich zurück und knurrte: »Ja, ja, schon gut. Aber Sie sind optimistisch, wenn Sie meinen, Schnell- Penta sei schnell genug, um mit einem prickelnden Gerücht konkurrieren zu können. Tun Sie der Reputation der Audito- ren Seiner Kaiserlichen Majestät einen Gefallen und wech- seln Sie nachher ein Wörtchen mit diesem Ihrem Wächter.« Tuomonen widersprach nicht und tat auch nicht so, als missverstünde er. »Ja, Mylord.« Vorübergehend ohne Anleitung, plapperte Ekaterin in freier Assoziation daher. »Ich frage mich, ob die Narben unter seiner Gürtellinie genauso interessant sind wie die darüber. Vermutlich hätte ich ihn wohl nicht dazu bekom- men, in dem Bubblecar auch noch die Hose auszuziehen. Letzte Nacht hatte ich eine Chance, und ich dachte nicht einmal daran. Als Vor ein Mutant. Wie macht er das…? Ich frage mich, wie es wohl wäre, mit jemandem zu schlafen, den man wirklich mag…?« »Stopp«, sagte Tuomonen zu spät. Sie verstummte und blinzelte ihn an., Gerade, wo es wirklich interessant wurde… Miles unter- drückte den narzisstischen oder vielleicht masochistischen Impuls, sie zu ermutigen, sie solle in der Richtung fort- fahren. Er hatte sich ja selbst zu dieser Vernehmung geladen, um den KBS davon abzuhalten, seine Gelegen- heiten zu missbrauchen. »Ich bin fertig, Mylord«, sagte Tuomonen mit leiser Stimme seitwärts zu Miles. Er vermied es, seinem Blick zu begegnen. »Gibt es noch etwas, was ich Ihrer Meinung nach fragen sollte oder was Sie fragen wollen?« Könnten Sie mich jemals lieben, Ekaterin? Fragen nach zukünftigen Wahrscheinlichkeiten waren leider nicht zu beantworten, auch nicht unter Schnell-Penta. »Nein. Ich möchte Sie nur bitten festzuhalten, dass nichts, was sie unter Schnell-Penta aussagte, im Wider- spruch zu irgendeiner ihrer vorherigen Aussagen steht. Die beiden Versionen stimmen genau genommen ungewöhn- lich gut überein, wenn man sie meiner Erfahrung nach mit anderen Vernehmungen vergleicht.« »Auch meiner Erfahrung nach«, räumte Tuomonen ein. »Sehr gut.« Er winkte der schweigend wartenden Med- Tech. »Verabreichen Sie ihr das Gegenmittel.« Die Frau trat vor, nahm das neue Hypospray und presste es gegen die Innenseite von Ekaterins Arm. Das eidechsenartige Zischen der in die Haut eindringenden Antidroge war Musik in Miles’ Ohren. Er zählte wieder Ekaterins Herzschläge, eins, zwei, drei… O Mylady, kann ich jemals erreichen, dass Sie ohne Drogen glücklich aussehen? Doch von unmittelbarerer, Wichtigkeit war: Konnte sie ihm verzeihen, dass er bei der Befragung zugegen gewesen war? »Was für eine äußerst seltsame Erfahrung«, sagte Madame Vorsoisson in neutralem Ton. Ihre Stimme klang heiser. »Es war eine gut geführte Befragung«, sagte Miles aufs Geratewohl in den Raum. »Wenn man alles bedenkt. Ich habe schon … viel schlimmere erlebt.« Tuomonen warf ihm einen ungerührten Blick zu und wandte sich dann an Ekaterin. »Danke, Madame Vorsois- son, für Ihre Kooperation. Dieses Gespräch war für unsere Ermittlungen sehr nützlich.« »Sagen Sie den Ermittlungen, es sei gern geschehen.« Miles war sich nicht sicher, wie er das interpretieren sollte. Stattdessen sagte er zu Tuomonen: »Damit ist doch die Sache für sie beendet, nicht wahr?« Tuomonen zögerte. Offensichtlich versuchte er heraus- zufinden, ob dies eine Frage oder ein Befehl war. »Ich hoffe es, Mylord.« Ekaterin schaute zu Miles hinüber. »Es tut mir Leid wegen der Koffer, Lord Vorkosigan. Ich habe nicht daran gedacht, wie das aussehen könnte.« »Nein, warum sollten Sie auch?« Er hoffte, dass seine Stimme nicht so hohl klang, wie es ihm vorkam. »Ich schlage Ihnen vor, dass Sie sich eine Weile aus- ruhen, Madame Vorsoisson, ich bitte Sie sogar darum«, sagte Tuomonen zu Ekaterin. »Meine MedTech wird noch eine halbe Stunde bei Ihnen bleiben, um sicherzugehen, dass Sie sich ganz erholt haben und keine weiteren, Reaktionen auf die Droge erleben.« »Ja, ich … das wäre wahrscheinlich klug, Hauptmann.« Sie erhob sich mit wackligen Beinen; die Sanitäterin kam ihr zu Hilfe und begleitete sie in ihr Schlafzimmer. Tuomonen schaltete seinen Vid-Rekorder ab. »Tut mir Leid wegen der letzten Fragen, Mylord Auditor«, sagte er schroff. »Es war nicht meine Absicht, Sie oder Madame Vorsoisson zu beleidigen.« »Ja, schon gut… machen Sie sich darüber keine Gedan- ken. Was steht als Nächstes an, vom Standpunkt des KBS ausgesehen?« Tuomonen runzelte die müde Stirn. »Ich bin mir nicht sicher. Ich wollte sicherstellen, dass ich diese Vernehmung selbst führte. Oberst Gibbs hat in den Terraforming-Büros alles in der Hand, und Major D’Emorie hat sich noch nicht mit irgendwelchen Beschwerden von der Versuchsstation gemeldet. Was wir als Nächstes brauchen, ist, dass die Feldagenten Soudha und seine Kumpane schnappen.« »Ich kann nicht an allen drei Orten zugleich sein«, sagte Miles schweren Herzens. »Ausgenommen, es kommt zu einer Verhaftung … der Professor ist unterwegs und hat den Vorteil, dass er eine ganze Nacht schlafen konnte. Sie konnten das nicht, glaube ich. Mein Feldinstinkt sagt mir, dies sei der Augenblick, sich eine Weile aufs Ohr zu legen. Muss ich das zu einem Befehl machen?« »Nein«, beruhigte ihn Tuomonen ernsthaft. »Sie haben Ihren Armbandkommunikator, ich habe den meinen… die Einsatzgruppe hat unsere Nummern und den Befehl, zu melden, wenn es etwas Neues gibt. Ich bin froh, wenn ich, zu einer Mahlzeit nach Hause gehen kann, selbst wenn es sich um das Essen von gestern Abend handelt. Und dann will ich duschen.« Er rieb sich über sein stoppeliges Kinn. Schließlich packte er den Rekorder ein, verabschiedete sich von Miles und ging hinaus, um sich mit seinen Wachen zu besprechen. Hoffentlich, dachte Miles, würde er sie davon unterrichten, dass sich Madame Vorsoissons Status von der Verdächtigen bzw. Zeugin zur freien Bürgerin verändert hatte. Miles betrachtete nachdenklich das Sofa, verwarf den Gedanken und wanderte hinüber in Ekaterins – Madame Vorsoissons… Ekaterins, verdammt noch mal. wenn schon nicht auf den Lippen, so doch in seinen Gedanken – in Ekaterins Arbeitszimmer. Die automatische Beleuchtung sorgte noch für die Ansammlung junger Pflanzen auf den Borden in den Ecken. Das Grav-Bett war fort; o ja, er hatte vergessen, dass sie es hatte abholen lassen. Doch der Boden wirkte bemerkenswert einladend. Ein Fetzen Scharlachrot im Papierkorb zog seinen Blick auf sich. Als er nachschaute, entdeckte er die Überreste der Bonsai-Skellytum, die zusammen mit Scherben ihres Topfes und feuchter loser Erde in eine Plastikfolie gewickelt war. Neugierig holte er sie heraus und machte einen Platz auf Ekaterins Arbeitstisch frei, dann entrollte er die Folie … die vermutlich einen botanischen Leichensack darstellte. Die Bruchstücke erinnerten ihn an den Sonnenspiegel und den Erzfrachter, und auch an einige der quälenderen Autopsien, die er in letzter Zeit gesehen hatte. Methodisch begann er sie auseinander zu sortieren. Abgebrochene, Ranken auf einen Haufen, Wurzelfäden auf einen anderen, Fragmente des armen, zerschmetterten Rumpfs des Dings auf einen dritten. Der Sturz aus dem vierten Stock hatte auf die Flüssigkeit speichernde zentrale Struktur der Skellytum die gleiche Wirkung gehabt wie ein Vorschlaghammer auf eine Wassermelone. Oder wie eine Nadelgranate, die in der Brust eines Menschen explodierte. Er pickte die scharfen Topfscherben heraus und versuchte die Teile der Pflanze wie bei einem Puzzle zusammenzusetzen. Gab es ein botanisches Äquivalent für den chirurgischen Kleber? Oder war es zu spät? Eine bräunliche Verfärbung der bleichen inneren Klumpen legte den Gedanken nahe, dass die Fäulnis schon im Gange war. Er wischte sich die feuchte Erde von den Fingern, und dabei wurde ihm plötzlich klar, dass er Barrayar berührte. Diese Humuskrümel waren vom Südkontinent gekommen, vielleicht ausgegraben im Hinterhof einer bissigen alten Vor-Lady. Er zog sich den Stuhl von der KomKonsole her, stieg vorsichtig hinauf und holte von einem der oberen Borde eine leere Schale. Als er wieder sicher auf dem Boden stand, sammelte er sorgfältig alles von dem Humus auf und legte es in die Schale. Er trat zurück, stützte die Hände auf die Hüften und betrachtete sein Werk. Es bildete ein trauriges Häuflein. »Kompost, meine barrayaranische Freundin, du bist dazu bestimmt, Kompost zu werden, von mir aus. Eine anstän- dige Beerdigung ist vielleicht alles, was ich für dich tun kann. In deinem Fall allerdings könnte das genau genom- men die Antwort auf deine Gebete sein…« Ein zartes Rascheln und das Geräusch eines Atemzugs, machten ihm plötzlich bewusst, dass er nicht allein war. Er drehte den Kopf und erblickte Ekaterin. Sie hatte jetzt eine bessere Farbe als unmittelbar nach der Vernehmung, ihre Haut war nicht so aufgedunsen und von Falten durchzogen, obwohl sie immer noch sehr müde aussah. Sie hatte verwundert die Augenbrauen heruntergezogen. »Was tun Sie da, Lord Vorkosigan?« »Hm… ich besuche eine kranke Freundin?« Er errötete und wies auf das Ergebnis seiner Bemühungen auf dem Arbeitstisch. »Hat die MedTech Sie freigegeben?« »Ja, sie ist gerade weg. Sie war sehr gewissenhaft.« Miles räusperte sich. »Ich hatte gerade überlegt, ob es eine Möglichkeit gäbe, Ihre Skellytum wieder zusammen- zusetzen. Es schien mir ein Jammer zu sein, wenn man es nicht versuchte, wo sie doch siebzig Jahre alt ist und so.« Er zog sich respektvoll zurück, als sie an den Tisch trat und ein Fragment umdrehte. »Ich weiß, man kann sie nicht zusammenflicken wie einen Menschen, aber ich kann nicht anders als zu denken, dass es etwas geben müsste. Leider bin ich kein großer Gärtner. Als ich ein Kind war, ließen meine Eltern es mich einmal versuchen, im Garten hinter Palais Vorkosigan. Ich wollte Blumen für meine betanische Großmutter züchten. Wie ich mich erinnere, musste am Ende Sergeant Bothari die Arbeit mit dem Spaten machen. Zweimal am Tag grub ich die Samen aus, um zu sehen, ob sie schon keimten. Aus irgendeinem Grund gediehen meine Pflanzen nicht. Danach gaben wir es auf und verwandelten das Beet in ein Fort.« Sie lächelte, ein echtes Lächeln, nicht ein Schnell-Penta- Grinsen. Wir haben sie also wenigstens nicht gebrochen., »Nein, Sie können sie nicht zusammensetzen«, sagte sie. »Die einzige Methode ist, von neuem zu beginnen. Ich könnte die stärksten Wurzelfragmente nehmen – einige davon, um sicherzugehen«, ihre langen Hände sortierten den Haufen, den Miles gemacht hatte, »und sie in eine Hormonlösung legen. Und wenn eines dann neu zu treiben beginnt, könnte man es wieder eintopfen.« »Ich habe den Humus gesammelt«, erklärte Miles hoffnungsvoll. Idiot. Weißt du, wie idiotisch du klingst? Aber sie sagte nur: »Danke.« Danach kramte sie in ihren Regalen herum, fand ein niedriges Becken und füllte es mit Wasser aus der kleinen Spüle des Arbeitstisches. Aus einem Schrank holte sie eine Schachtel mit einem weißen Pulver; sie streute davon eine winzige Menge in das Wasser und rührte es mit dem Finger um. Dann nahm sie aus ihrer Werkzeugschublade ein Messer, stutzte die am meisten versprechenden Wurzelfragmente und legte sie in die Lösung. »Das wär’s. Vielleicht wird etwas daraus.« Sie streckte sich und stellte das Becken vorsichtig auf dem Bord ab, das Miles nur erreicht hatte, indem er auf den Stuhl stieg, und dann schüttete sie den Humus aus der Schale in einen Plastikbeutel, den sie verschloss und neben das Becken stellte. Schließlich rollte sie die verrottenden Überreste wieder in das Plastiktuch und brachte sie zu einem anderen Abfalleimer, in den sie sie schüttete; das Plastik kam wieder in den Papierkorb. »Zu dem Zeitpunkt, als ich wieder an diese arme Skellytum gedacht hätte, wäre sie schon mit dem organischen Abfall entsorgt worden, und es wäre zu spät gewesen. Die Hoffnung darauf hatte ich gestern Abend aufgegeben, als ich dachte, ich müsste mit, nur dem fortgehen, was ich tragen konnte.« »Ich wollte Sie nicht belasten. Wird es schwierig sein, sie auf dem Sprungschiff mit nach Hause zu nehmen?« »Ich werde sie in einen verschlossenen Container tun. Wenn ich an meinem Bestimmungsort ankomme, dürfte sie gerade zum Wiedereinpflanzen bereit sein.« Sie wusch und trocknete sich die Hände, Miles folgte ihrem Beispiel. Zum Teufel mit Tuomonen! Er hatte ein Verlangen in Miles’ Bewusstsein gezwungen, von dem sein Unter- bewusstsein sehr wohl gewusst hatte, dass es unreif war und für ein fruchtbares Ergebnis zur Unzeit kam. Die Zeit ist aus den Fugen, hatte sie gesagt. Nun würde er sich damit befassen müssen. Wie lange? Wie wäre es zum Anfang mit: bis nach Tiens Bestattung? Seine Absichten waren ehrenhaft genug, zumindest einige waren es, aber sein Timing war lausig. Er schob seine Hände tief in die Taschen. Ekaterin verschränkte die Arme, lehnte sich an die Theke und starrte auf den Boden. »Ich möchte mich für alles entschuldigen. Lord Vorkosigan, was ich möglicher- weise unter Schnell-Penta gesagt habe und was nicht passend war.« Miles zuckte die Achseln. »Ich habe mich selbst dazu eingeladen. Aber ich dachte, vielleicht wäre ein Beobachter für Sie von Nutzen. Sie haben schließlich das Gleiche für mich getan.« »Ein Beobachter.« Sie blickte auf, und ihr Gesicht erhellte sich. »An so etwas hatte ich nicht gedacht.« Er öffnete seine Hand und lächelte hoffnungsvoll., Sie erwiderte kurz sein Lächeln, doch dann seufzte sie. »Ich war den ganzen Tag so erpicht darauf, dass der KBS endlich fertig wird, damit ich Nikki abholen könnte. Jetzt glaube ich. dass die mir einen Gefallen getan haben. Vor dem, was jetzt kommt, habe ich Angst. Ich weiß nicht, was ich Nikki sagen soll. Ich weiß nicht, wie viel ich ihm über Tiens Schlamassel erzählen darf. So wenig wie möglich? Die ganze Wahrheit? Keins von beiden kommt mir richtig vor.« »Wir befinden uns hier noch mitten in einem geheimen Fall«, erwiderte Miles langsam. »Sie können einen neun- jährigen Jungen nicht mit Regierungsgeheimnissen oder derartigen Beschuldigungen belasten. Ich weiß noch nicht einmal, wie viel davon am Ende die Öffentlichkeit erfahren wird.« »Dinge, die man nicht auf der Stelle tut, werden nur noch schwieriger.« Sie seufzte. »Wie ich jetzt allmählich für mich selbst entdecke.« Miles zog den KomKonsolen-Stuhl für sie heran, forderte sie mit einer Geste auf, sich zu setzen, und holte sich den Schemel unter dem Arbeitstisch hervor. Er hockte sich darauf und fragte: »Hatten Sie ihm gesagt, dass Sie Tien verlassen würden?« »Noch nicht einmal das.« »Ich glaube … heute sollten Sie ihm nur sagen, dass sein Vater einen Unfall mit seiner Sauerstoffmaske erlitten hat. Lassen Sie die Komarraner aus dem Spiel. Wenn er nach weiteren Einzelheiten fragt und Sie nicht wissen, wie Sie damit fertig werden, dann schicken Sie ihn zu mir, und ich, übernehme es dann, ihm zu sagen, dass er es nicht oder noch nicht erfahren kann.« Ihr ruhiger Blick fragte: Kann ich Ihnen vertrauen? »Achten Sie darauf, dass Sie nicht mehr Neugier wecken als ersticken.« »Ich verstehe. Das Problem mit der ganzen Wahrheit ist nicht nur eine Frage des Was, sondern auch des Wann. Doch sobald wir alle wieder in Vorbarr Sultana sind, dann würde ich gerne Sie mit Ihrer Erlaubnis zu einem Gespräch mit Gr… – mit einem engen Freund mitnehmen. Er ist auch ein Vor. Er hatte die Erfahrung, sich in einer Lage zu befinden, die der Nikkis ähnelt. Sein Vater starb unter… äh … bedauerlichen Umständen; er selbst war noch viel zu jung gewesen, als dass man ihm hätte die Einzelheiten erzählen können. Als er mit Anfang zwanzig auf einige der hässlicheren Fakten stieß, war das für ihn ziemlich traumatisch. Ich wette, er wird besser als wir beide empfinden können, was man Nikki sagen soll und wann. Er hat ein gutes Urteilsvermögen.« Sie nickte. »Das hört sich gut an. Ich würde es sehr gern tun. Danke.« Er machte auf seinem Schemel eine halbe Verneigung. »Es freut mich, dass ich Ihnen zu Diensten sein kann, Madame.« Er wollte sie auf jeden Fall mit Gregor als Mann, als seinem Pflegebruder bekanntmachen, nicht mit Kaiser Gregor, der imperialen Ikone. Das könnte vielleicht mehr als einem Zweck dienen. »Ich muss Nikki auch von seiner Vorzohns Dystrophie erzählen, und das kann ich nicht aufschieben. Ich habe für, übermorgen bei einer Klinik in Solstice einen Termin für ihn vereinbart.« »Er weiß noch nicht, dass er Träger dieser Krankheit ist?« Sie schüttelte den Kopf. »Tien hätte nie zugelassen, dass ich es Nikki sage.« Sie musterte ihn ernst. »Ich glaube, Sie waren als Kind auch in einer ähnlichen Situation wie Nikki? Mussten Sie sich damals vielen medizinischen Prozeduren unterziehen?« »Ach Gott, ja, das ging jahrelang so. Was kann ich Nützliches sagen? Lügen Sie nicht, wenn er fragt, ob es wehtun wird. Lassen Sie ihn nicht zu lange allein.« Oder: Bleiben auch Sie nicht zu lange allein… Da gab es endlich etwas, was er für sie tun konnte. »Falls die Ereignisse es zulassen, darf ich mit Ihnen nach Solstice fahren und Ihnen behilflich sein, soweit ich kann? Ich kann Ihnen Ihren Onkel nicht freigeben – er wird übermorgen in fachliche Probleme vertieft sein, falls meine Teileliste Gestalt annimmt.« »Ich kann doch Sie nicht von Ihren Pflichten fortreißen.« »Meine Erfahrung sagt mir, falls Soudha dann noch nicht verhaftet sein wird, dann werde ich übermorgen nur meine Gedankenrädchen drehen. Mich einen Tag von den Problemen zu entfernen mag vielleicht genau das sein, was ich brauche, um einen neuen Zugang zu dem Fall zu bekommen. Sie würden mir sogar einen Dienst erweisen, das versichere ich Ihnen.« Sie schürzte unsicher die Lippen. »Ich gebe zu … ich wäre für Gesellschaft dankbar.«, Meinte sie jede beliebige Gesellschaft, oder die seine im Besonderen? Halt ruhig alter Knabe. Denk nicht einmal darüber nach. »Gut.« Aus dem Vorraum drangen Stimmen: einer der Wächter und ein wohlbekanntes Brummen. Ekaterin sprang auf. »Mein Onkel ist da!« »Er hat es schnell geschafft.« Miles folgte ihr in den Flur. Das breite Gesicht von sorgenvollen Falten durchzogen, überreichte der Professor dem KBS-Mann seine Reise- tasche und nahm seine Nichte in die Arme. Dabei murmelte er eine Beileidsbezeugung. Miles beobachtete die Szene neidvoll. Das warme Mitempfinden ihres Onkels ließ sie fast die Haltung verlieren, was der ganzen kühlen Professionalität des KBS nicht gelungen war, wie Miles bemerkte. Kühl und praktisch, das war genau die richtige Art. Sie wischte sich Tränen aus den Augen, schickte den Wächter mit der Reisetasche ins Tiens Studierzimmer und führte ihren Onkel ins Wohnzimmer. Man besprach sich kurz und beschloss, dass der Professor sie begleiten sollte, wenn sie Nikolai abholte. Trotz seiner – wie er mit Ironie erkannte – derzeitigen liebeskranken Manie für freiwillige Dienste unterstützte Miles diesen Beschluss. Vorthys hatte familiäre Rechte, und Miles selbst war zu eng in Tiens Tod verwickelt. Er bekam allmählich auch wacklige Beine, da die Wirkung der schmerzstillenden und stimulierenden Mittel, die er vor dem Mittagessen eingenommen hatte, nachließ. Eine dritte Dosis zu schlucken würde allerdings einen schlimmen Fehler darstellen. Stattdessen verabschiedete er den, Professor und Ekaterin und nahm dann über die gesicherte KomKonsole Kontakt mit dem KBS-Hauptquartier in Solstice auf. Keine neuen Nachrichten. Er wanderte zurück ins Wohnzimmer. Ekaterins Onkel war da, nun sollte er, Miles, eigentlich gehen. Seine Sachen nehmen und sich in das sagenhafte Hotel begeben, über das er die ganze vergangene Woche gequatscht hatte. Wenn Vorthys wieder im Gastzimmer untergebracht wurde, gab es für Miles keinen Platz mehr in dieser kleinen Wohnung. Nikki würde wieder sein eigenes Bett brauchen, und Miles sollte verdammt sein, wenn er Ekaterin damit belasten würde, dass sie wieder zu seinem hochherrschaftlichen Gebrauch ein Grav-Bett oder noch Schlimmeres organisierte. Was hatte sie sich denn erwartet, als sie dieses Ding zurück- gehen ließ? Er sollte unbedingt gehen. Er war offensicht- lich nicht so höflich neutral gegenüber seiner Gastgeberin, wie er es sich vorgestellt hatte, wenn dieser verdammte Wächter eine solche Bemerkung machen konnte, dass Tuomonen zu seiner Liste peinlicher Fragen über die Koffer angeregt worden war. »Brauchen Sie etwas, Mylord?« Die Stimme des Wächters an der Tür riss Miles aus seinen Gedanken. »Hm… ja. Wenn wieder einer Ihrer Burschen aus dem Hauptquartier in Solstice kommt, dann lassen Sie ihn eine Standardbettrolle aus Militärbeständen mitbringen.« Dann taumelte Miles einstweilen zum Sofa hinüber und rollte sich darauf zusammen. Binnen Minuten war er einge- schlafen., Miles erwachte, als die beiden Erwachsenen mit Nikki zurückkamen. Er setzte sich auf und es gelang ihm, ziem- lich gefasst zu wirken, als er sich dem Jungen gegen- übersah. Nikki wirkte bedrückt und erschrocken, aber er weinte nicht und benahm sich auch nicht hysterisch. Offensichtlich kehrte er seine Reaktionen eher nach innen als nach außen. Wie seine Mutter. Da Ekaterin keine Freundinnen hatte, die nach barraya- ranischer Sitte Eintopf und Kuchen gebracht hätten, ließ Miles den KBS für das Abendessen sorgen. In Nikkis Gegenwart hielten die drei Erwachsenen das Gespräch neutral; danach ging der Junge in sein Zimmer, um allein zu spielen, und Miles und der Professor zogen sich zum Informationsaustausch in das Studierzimmer zurück. Die neuen Gerätefragmente, die man im Orbit gefunden hatte, waren in der Tat eigenartig; dazu gehörten auch Einrich- tungen zur Energieübertragung, die sogar für ein kleines Sprungschiff ausgereicht hätten; Teile davon waren auseinander gerissen, geschmolzen und anscheinend in einem Plasmaschauer explodiert. Der Professor bezeich- nete die Funde als »wirklich interessant«, und diese tech- nische Chiffre weckte Miles’ volle Aufmerksamkeit. Mitten im Gespräch meldete sich Oberst Gibbs über KomKonsole. Er lächelte die beiden Kaiserlichen Audi- toren frei heraus an. Miles erkannte allmählich, dass dieser Gesichtsausdruck Gibbs’ Version von Verzückung war. »Mylord Vorkosigan. Ich habe die erste dokumentierte Verbindung, nach der Sie suchen. Wir haben die Seriennummern eines Paars von Beschleunigungs-, konvertern, das Mylord Vorthys’ Leute im Orbit fanden, die ganze Kette bis zu einem Einkauf der Abwärme- Abteilung vor acht Monaten zurückverfolgt. Die Konverter wurden ursprünglich an die Abwärme-Versuchsstation geliefert.« »Ganz recht«, flüsterte Miles. »Endlich eine bessere Verbindung als nur Radovas’ Leiche. Jetzt haben wir die echte Strippe zu fassen bekommen, ganz recht. Danke, Oberst. Machen Sie weiter.«, Ekaterin schlief besser, als sie es erwartet hatte, aber als sie erwachte, wurde ihr klar, dass sie den größten Teil des Vortags nur durch erhöhten Adrenalinausstoß durchgestanden hatte. Heute würde es mit dem erzwungenen Warten auf Taten schwieriger werden. Ich habe neun Jahre gewartet. Ich kann auch noch neunzehn Stunden warten. Wenn sie weiter im Bett liegen blieb, würde sich allerdings nichts von allein zum Besseren wenden. Also stand sie auf, kleidete sich sorgfältig an, huschte an dem Wächter in ihrem Wohnzimmer vorbei, machte Frühstück und wartete. Kurz darauf erhoben sich auch die Auditoren und kamen dankbar zum Essen, trugen aber ihren Kaffee sogleich zu der gesicherten KomKonsole. Bald hatte sie nichts mehr abzuwaschen und ging auf den Balkon hinaus, doch sie merkte, dass die Anwesenheit einer dort postierten zweiten Wache sie daran hinderte, draußen zu verweilen. Also brachte sie den Wächtern Kaffee, zog sich wieder in ihre Küche zurück und wartete weiterhin. Erneut tauchte Lord Vorkosigan auf. Er lehnte ihr Angebot, ihm Kaffee nachzuschenken, ab und setzte sich stattdessen zu ihr an den Tisch. »Heute Morgen hat der KBS mir Tiens Autopsiebericht geschickt. Wie viel davon möchten Sie wissen?« In Ekaterins Erinnerung erschien das Bild von Tiens, erstarrtem Körper, wie er in der Kälte hing. »Hat sich etwas Unerwartetes ergeben?« »Nicht im Hinblick auf die Todesursache. Natürlich hat man seine Vorzohns Dystrophie gefunden.« »Ja, der arme Tien. Er hat die ganzen Jahre in unter- drückter Panik wegen seiner Krankheit zugebracht, und jetzt ist er an einer völlig anderen gestorben.« Sie schüttelte den Kopf. »So viel Anstrengung, und so fehlgeleitet. Konnte man erkennen, wie weit die Dystrophie schon fortgeschritten war?« »Die Nervenschädigungen waren nach Aussage des Leichenbeschauers sehr ausgeprägt. Allerdings, wie kann man einen mikroskopisch kleinen Klecks vom anderen unterscheiden … Wenn ich den medizinischen Jargon richtig interpretiere, dann wäre es schon bald nicht mehr möglich gewesen, die äußeren Symptome zu verheim- lichen.« »Ja. ich glaube, das habe ich gewusst. Ich machte mir Gedanken über das innere Fortschreiten. Wann es begon- nen hat. Wie viel von Tiens… äh … Fehlentscheidungen und sonstigem Verhalten seiner Krankheit zuzuschreiben war.« Hätte sie nicht etwas länger durchhalten sollen? Hätte sie es können! Bis welche andere verzweifelte Lösung sich abgespielt hätte? »Die Schädigung entwickelt sich langsam über einen langen Zeitraum. Welche Teile des Gehirns betroffen sind, ist von Person zu Person unterschiedlich. Bei ihm schien sie sich in den motorischen Regionen und im peripheren Nervensystem zu konzentrieren. Allerdings ist es später, vielleicht möglich, einen Teil seiner Handlungen seiner Krankheit zuzuschreiben, falls es notwendig werden sollte, das Gesicht zu wahren.« »Wie … diplomatisch. Für wen das Gesicht wahren? Ich wünsche es nicht.« Er lächelte ein wenig grimmig. »Ich dachte auch nicht an Sie. Aber ich hege die unangenehme Überzeugung, dass dieser Fall früher oder später von seinem hübschen saube- ren fachlichen Rahmen in sehr schmutzige Politik über- gehen wird. Ich gebe nie eine mögliche Rückzugsstellung auf.« Er schaute auf seine Hände, die locker verschränkt vor ihm auf dem Tisch lagen. Seine grauen Ärmel verbargen nur unvollkommen die weißen Verbände um die Handgelenke. »Wie hat Nikki gestern Abend die Nachricht aufgenommen?« »Das war schwer. Am Anfang – bevor ich es ihm sagte – versuchte er mit mir zu argumentieren, ich sollte ihn noch eine Nacht bei seinem Freund bleiben lassen. Dabei wurde er heftig und ist eingeschnappt, Sie wissen ja, wie Kinder sind. Ich wünschte mir so sehr, ich könnte ihn einfach weitermachen lassen, ohne dass er es erfahren müsste. Ich konnte ihn nicht so viel vorbereiten, wie ich es gerne getan hätte. Schließlich musste ich ihn zwingen, sich hinzu- setzen, und ihm unmittelbar sagen: Nikki, du musst jetzt nach Hause kommen. Dein Papa ist letzte Nacht durch einen Unfall mit seiner Sauerstoffmaske ums Leben gekommen. Es ist ihm einfach … die Sprache weg- geblieben. Ich wünschte mir fast, er würde wieder quengeln.« Ekaterin blickte beiseite. Sie fragte sich, welche versteckten Formen Nikkis Reaktionen schließlich noch, annehmen mochten, und ob sie sie erkennen würde. Oder gut mit ihnen umgehen würde. Oder nicht… »Ich weiß nicht, wie es auf lange Sicht gehen wird. Als ich meine Mutter verlor… war ich älter, und wir wussten, dass es kommen würde, aber es war trotzdem ein Schock, an jenem Tag, zu jener Stunde. Ich dachte immer, es bliebe noch mehr Zeit.« »Ich habe noch kein Elternteil verloren«, sagte Vorkosigan. »Großeltern sind anders, glaube ich. Sie sind alt, es ist irgendwie ihr Schicksal. Ich war erschüttert, als mein Großvater starb, aber meine Welt wurde nicht erschüttert. Allerdings glaube ich, die Welt meines Vaters schon.« »Ja«, sie blickte dankbar auf, »genau das ist der Unterschied. Es ist wie ein Erdbeben. Etwas, von dem man annimmt, es würde sich nicht bewegen, stürzt plötzlich über einen. Ich glaube, die Welt wird heute Morgen für Nikki ein unheimlicherer Ort sein.« »Haben Sie ihn schon mit seiner Vorzohns Dystrophie konfrontiert?« »Ich lasse ihn jetzt schlafen. Nach dem Frühstück werde ich es ihm erzählen. Ich werde mich hüten, ein Kind zu belasten, das einen niedrigen Blutzucker hat.« »Komisch, mir geht es genauso mit Soldaten. Gibt es etwas… wobei ich Ihnen helfen kann? Oder ziehen Sie es vor, ungestört zu sein?« »Ich bin mir nicht sicher. Heute hat er sowieso keine Schule. Wollten Sie nicht heute Vormittag meinen Onkel zur Versuchsstation hinausbringen?«, »Jetzt gleich, ja. Obwohl – das kann noch eine Stunde warten.« »Ich glaube … ich hätte es gern, wenn Sie bleiben könnten. Es ist nicht gut, aus der Krankheit etwas so völlig Geheimnisvolles zu machen, dass es zu schlimm ist, überhaupt davon zu reden. Das war Tiens Fehler.« »Ja«, sagte er ermutigend. »Es ist nur eine Sache. Sie werden damit fertig.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Wie in: eine verdammte Sache nach der anderen!« »Ja, genau so.« Er lächelte sie an. Um seine grauen Augen bildeten sich Fältchen. Ihr ging auf, dass irgendeine Kombination aus Glück und geschickter Chirurgie sein Gesicht von Narben freigehalten hatte. »Es funktioniert, wenn nicht als Strategie, dann doch als Taktik.« Getreu seinem Angebot kam Lord Vorkosigan wieder in Ekaterins Küche gewandert, als Nikki gerade sein Früh- stück beendete. Vorkosigan verweilte vielsagend, rührte den Kaffee um und lehnte sich an die gegenüberliegende Theke. Ekaterin holte tief Luft und ließ sich neben Nikki am Tisch nieder. Ihre eigene halb volle und mittlerweile kalte Tasse stellte lediglich ein Requisit dar. Nikki beäugte sie argwöhnisch. »Morgen wirst du nicht in die Schule gehen«, begann sie und hoffte, damit eine positive Note anzuschlagen. »Ist morgen Papas Begräbnis? Muss ich das Totenopfer anzünden?« »Noch nicht. Deine Großmama hat gebeten, dass wir, seinen Leichnam nach Barrayar heimbringen, um ihn neben deinem Onkel zu begraben, der starb, als du noch klein warst.« Die Anwortbotschaft von Tiens Mutter war am Morgen über KomKonsole eingetroffen, per Dichtstrahl und Sprung durch die Wurmlochrelais übermittelt. In schriftlicher Form, wie es Ekaterins Nachricht gewesen war, und das vielleicht aus ähnlichen Gründen; zu schreiben gestattete einem, so vieles auszulassen. »Wir werden dann die ganzen Zeremonien vollziehen und das Totenopfer verbrennen, wenn alle dabei sein können.« »Werden wir ihn auf dem Sprungschiff mitnehmen müssen?«, fragte Nikki, der verstört wirkte. »Genau genommen wird sich der KBS, nein, die Kaiserliche Zivilverwaltung um all diese Dinge kümmern, mit Ihrer Erlaubnis, Madame Vorsoisson«, mischte sich Lord Vorkosigan nun in das Gespräch ein. »Er wird wahr- scheinlich vor euch zu Hause sein, Nikki.« »Oh«, sagte Ekaterin. »Ich… ich habe mich das schon gefragt. Ich danke Ihnen.« Vorkosigan deutete eine Verbeugung an. »Gestatten Sie mir, dass ich die Adresse und die Anweisungen Ihrer Schwiegermutter weiterleite. Sie haben genug andere Dinge zu tun.« Sie nickte und wandte sich wieder ihrem Sohn zu. »Auf jeden Fall, Nikki… du und ich, wir reisen morgen nach Solstice, um dort eine Klinik zu besuchen. Wir haben es dir bisher nicht gesagt, aber du hast ein Leiden, das man Vorzohns Dystrophie nennt.« Nikki machte ein unsicheres Gesicht. »Was ist denn das?«, »Das ist eine Störung, bei dem dein Körper, wenn du älter wirst, aufhört, gewisse Proteine in der genau richtigen Art zu produzieren, mit der sie ihre Aufgabe erfüllen können. Heutzutage können dir die Ärzte als Ersatz einige Retrogene geben, welche die Proteine richtig herstellen. Du bist noch zu jung, um Symptome aufzuweisen, und durch diesen Eingriff wirst du auch nie welche haben.« Bei Nikkis Alter und im ersten Anlauf war es wahrscheinlich nicht notwendig, über die Komplikationen zu reden, die dies für seine zukünftige Fortpflanzung spielen würde. Ekaterin bemerkte nüchtern, dass es ihr gelungen war, diese lange geplante Erklärung zu geben, ohne auch nur einmal das Wort Mutation zu verwenden. »Ich habe eine Menge Artikel über Vorzohns Dystrophie gesammelt, und wenn du willst, kannst du sie lesen. Einige davon sind sehr fachlich, aber es gibt ein paar, von denen ich meine, dass du sie mit ein wenig Unterstützung verstehen könntest.« Das war’s. Wenn es ihr gelang zu vermeiden, damit seine Abneigung gegen Hausaufgaben auszulösen, dann wäre dies wohl eine ziemlich neutrale Methode, um ihm die Informationen zu vermitteln, auf die er ein Anrecht hatte, und er konnte dann die Sache nach eigenem Antrieb weiterverfolgen. Nikki blickte beunruhigt drein. »Tut es weh?« »Nun, man wird bestimmt etwas Blut abzapfen und einige Gewebeproben nehmen müssen.« »Ich habe schon beides erlebt«, warf Vorkosigan ein, »tausende Male, wie es mir vorkommt, im Laufe der Jahre, aus verschiedenen medizinischen Gründen. Die Blutprobe tut einen Moment lang weh, danach aber nicht mehr. Die, Gewebeentnahme tut überhaupt nicht weh, weil man dazu einen medizinischen Mikrobetäuber verwendet, aber wenn die Betäubung nachlässt, schmerzt es eine Weile. Sie brauchen nur eine winzige Probe von dir, und so wird es nicht schlimm werden.« Nikki schien dies zu verdauen. »Haben Sie dieses Vorzohns Ding, Lord Vorkosigan?« »Nein. Meine Mutter wurde vor meiner Geburt mit einer Chemikalie namens Soltoxin vergiftet. Das hat haupt- sächlich meinen Knochen geschadet, und das ist der Grund, warum ich so klein bin.« Er trat an den Tisch heran und setzte sich zu ihnen. Ekaterin erwartete, Nikkis nächste Frage würde etwa lauten: Werde auch ich klein bleiben?, doch stattdessen weiteten sich seine braunen Augen äußerst besorgt. »Ist sie gestorben?« »Nein, sie hat sich vollkommen erholt. Zum Glück. Für uns alle. Jetzt geht es ihr gut.« »Hatte sie Angst?« Nikki, so erkannte Ekaterin, hatte noch nicht heraus Ekaterin erwartete gefunden, wer genau Lord Vorkosigans Mutter war, in Bezug zu den Leuten, von denen er im Geschichtsunterricht gehört hatte. Vorkosigan zog etwas erstaunt die Augenbrauen hoch. »Ich weiß es nicht. Du kannst sie das eines Tages selbst fragen, wenn – falls du ihr begegnest. Es würde mich faszinieren, die Antwort zu hören.« Er fing Ekaterins verwirrten Blick auf, doch seine Augenbrauen signalisierten nicht, dass er seine Worte bereute., Nikki betrachtete Lord Vorkosigan unsicher. »Hat man Ihre Knochen mit Retrogenen repariert?« »Nein, leider nicht. Wenn das möglich gewesen wäre, dann wäre es bei mir viel leichter gewesen. Man wartete, bis man dachte, ich sei ausgewachsen, und dann ersetzte man die Knochen durch Synthetik.« Nikki war abgelenkt. »Wie ersetzt man Knochen? Wie bekommt man sie heraus?« »Man schneidet mich auf«, Vorkosigan machte mit seiner rechten Hand eine schlitzende Bewegung am linken Arm entlang, vom Ellbogen bis zum Handgelenk, »schnipselt die alten Knochen heraus, schiebt die neuen hinein, verbindet die Gelenke wieder, überträgt das Mark in die neue Knochengrundsubstanz, klebt alles zusammen und wartet, dass es heilt. Sehr blutig und langwierig.« »Hat es wehgetan?« »Ich habe geschlafen – betäubt. Du hast Glück, dass du Retrogene bekommen kannst. Alles, was du über dich ergehen lassen musst, sind ein paar läppische Injektionen.« Nikki wirkte außerordentlich beeindruckt. »Darf ich mal sehen?« Nach einem fast unmerklichen Zögern öffnete Vorkosigan seine Manschette und schob den linken Ärmel hoch. »Diese blasse kleine Linie hier, siehst du?« Nikki betrachtete mit Interesse sowohl Vorkosigans Arm und vergleichend seinen eigenen. Er zappelte mit den Fingern und beobachtete, wie sein Arm sich spannte, während die Muskeln und Knochen sich unter seiner Haut bewegten. »Ich habe einen Grind«, erklärte er seinerseits. »Wollen, Sie ihn sehen?« Linkisch zog er sein Hosenbein hoch, um auf seinem Knie das neueste Andenken an den Spielplatz zu zeigen. Vorkosigan inspizierte es ernst und pflichtete ihm bei, dass es sich um einen guten Grind handelte, der zweifellos sehr bald abfallen würde, und ja, vielleicht würde es eine Narbe geben, aber seine Mutter habe ganz Recht, wenn sie sage, er solle nicht daran zupfen. Zu Ekaterins Erleichterung brachten dann beide ihre Kleidung wieder in Ordnung und trieben den Wettbewerb nicht weiter. Da nach diesem Höhepunkt das Gespräch ins Stocken geriet, kratzte Nikki in den letzten paar Klecksen Hafer- grütze und Sirup auf dem Boden seines Tellers herum und fragte dann: »Darf ich aufstehen?« »Natürlich«, sagte Ekaterin. »Wasch dir den Sirup von den Händen«, rief sie hinter ihm her, als er in der Tür verschwand. Sie beobachtete, wie er hinausrannte, nicht ging, und sagte unsicher. »Das ist besser gegangen, als ich erwartet hatte.« Vorkosigan lächelte beruhigend. »Sie waren sachlich, und so haben Sie ihm keinen Grund geliefert, nicht sach- lich zu sein.« Nach einem Moment Schweigen fragte Ekaterin: »Hatte sie Angst? Ihre Mutter.« Sein Lächeln verschwand. »Schrecklich, glaube ich.« Sein Blick wurde warm und funkelte. »Aber nicht wahn- sinnig, wie ich gehört habe.« Kurz darauf brachen die beiden Auditoren zu einer Orts-, besichtigung der Abwärme-Versuchsstation auf. Ekaterin wartete vorsichtig auf eine natürliche Pause in Nikkis stillem Spiel in seinem Zimmer und rief ihn dann in ihr Arbeitszimmer, damit er die einfacheren Artikel las, die sie über das Thema von Vorzohns Dystrophie gesammelt hatte. Sie saß mit ihm auf dem Schoß auf ihrem Stuhl vor der KomKonsole, was sie in letzterer Zeit selten getan hatte, seit er infolge seines Wachstums so langbeinig geworden war. Es war ein Anzeichen für seine verborgene Unsicherheit an diesem Morgen, so dachte sie, dass er gegen die Umarmung oder ihre Aufforderung zum Lesen keinen Widerstand leistete. Er las den Artikel mit ziem- lichem Verständnis durch und hielt dann und wann inne, um nach der Aussprache und Bedeutung unbekannter Ausdrücke zu fragen oder um sie zu bitten, sie solle einen verwirrenden Satz anders formulieren oder interpretieren. Wenn er nicht auf ihrem Schoß gesessen hätte, wäre es ihr nicht aufgefallen, wie sich sein Körper leicht versteifte, als er folgende Zeilen las:… spätere Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass diese natürliche Mutation zum ersten Mal gegen Ende des Zeitalters der Isolation in Vorinnis’ Distrikt auftauchte. Erst nach der Übernahme der galakti- schen Molekularbiologie wurde festgestellt, dass keine Beziehung zu einigen alten genetischen Krankheiten der Erde bestand, an die ihre Symptome manchmal denken lassen. »Hast du noch Fragen?«, wollte Ekaterin wissen, als sie endlich zum Ende der Abhandlung gelangten. »Nö.« Nikki stieß sich mit den Ellbogen von ihrem Schoß und ließ sich auf die Füße gleiten., »Du kannst mehr davon lesen, wann immer du möchtest.« »Hm.« Es war für Ekaterin nicht einfach, darauf zu verzichten, dass sie aus ihm noch eine deutlichere Antwort heraus- holte; ihr wurde klar, dass sie die mehr um ihret- als um seinetwillen haben wollte. Geht es dir gut, ist alles in Ordnung, verzeihst du mir? Er würde und konnte nicht alles in einer Stunde, einem Tag oder sogar innerhalb eines Jahres durcharbeiten; jeder Tag musste seine passende Herausforderung und Antwort haben. Eine verdammte Sache nach der anderen, hatte Vorkosigan gesagt. Doch nicht, dem Himmel sei Dank, alle Sachen auf einmal. Die Tatsache, dass Lord Vorkosigan an der Expedition nach Solstice teilnahm, bewirkte überraschende Abwei- chungen in Ekaterins sorgfältig ausgeklügelten Reise- plänen. Anstatt mitten in der Nacht aufzustehen, um noch Plätze in der Economyklasse der Einschienenbahn zu bekommen, wachten sie erst zu einer gemütlichen Zeit auf, um mit einem suborbitalen Kuriershuttle des KBS zu reisen, der nach ihrem Belieben wartete, und die Überque- rung der Zeitzonen würde ihnen eine zusätzliche Stunde schenken, in der sie vor Nikkis Termin noch zu Mittag essen konnten. »Ich liebe die Einschienenbahn«, hatte Vorkosigan gestanden, als Ekaterin überrascht gegen diesen Wechsel protestierte, der ihr spät am Abend mitgeteilt wurde, als die beiden Auditoren von den Ermittlungen des Tages zurück-, kamen. »Tatsächlich erwäge ich, meinen Bruder Mark dazu zu drängen, dass er in einige der Firmen investiert, die noch mehr Einschienenbahnen auf Barrayar bauen wollen. Aber da dieser Fall immer brisanter wird, machte der KBS mir ziemlich deutlich, dass man es lieber hätte, wenn ich gerade jetzt nicht mit einem öffentlichen Verkehrsmittel reiste.« Sie hatten auch zwei Leibwächter dabei, die diskrete Zivilkleidung im komarranischen Stil trugen, weshalb sie auch genau aussahen wie zwei barrayaranische militärische Leibwächter in Zivilkleidung. Vorkosigan schien nach Belieben unbefangen mit ihnen umgehen oder sie ignorie- ren zu können, als wären sie unsichtbar. Er brachte Berichte mit, um sie während des Fluges zu lesen, doch er warf nur einen Blick darauf und schien ein wenig zerstreut zu sein. Ekaterin fragte sich, ob Nikkis Rastlosigkeit Vor- kosigans Konzentration störte und ob sie versuchen sollte, den Jungen zu bändigen. Doch als sie die Reiseflughöhe erreicht hatten, bekam Nikki auf ein ruhiges Wort von Vorkosigan hin eine Einladung in die Pilotenkanzel, wo er zehn Minuten zubringen durfte. »Wie steht der Fall heute Morgen?«, fragte Ekaterin Vorkosigan während dieses Intermezzos der Ungestörtheit. »Leider genau, wie ich es vorhergesagt hatte«, erwiderte er. »Die Tatsache, dass es dem KBS nicht gelingt, Soudhas habhaft zu werden, wird mit jeder Stunde beunruhigender. Ich hatte wirklich geglaubt, sie müssten ihn inzwischen festgenagelt haben. Aufgrund der Arbeit von Oberst Gibbs’ Gruppe und dieses Teams ernsthafter KBS-Leute, die wir draußen auf der Versuchsstation Geräte zählen lassen,, nimmt meine Teileliste allmählich Gestalt an, aber es wird mindestens noch einen Tag dauern, bis sie vollständig ist.« »Hat meinem Onkel die Idee gefallen?« »Er sagte, das sei langwierig, was ich ja schon wusste. Und dann übernahm er die Idee von mir, was ich als ein Zeichen von Zustimmung deute.« Er rieb sich nachdenk- lich die Lippen. »Dank Ihrem Onkel haben wir gestern Abend in einem Punkt Ermutigung erfahren. Er hatte Radovas’ Privatbibliothek beschlagnahmen lassen, als wir Madame Radovas besuchten, und wir haben sie dann ans Hauptquartier des KBS zur Analyse geschickt. Ihr Analyti- ker bestätigte Radovas’ hauptsächliches Interesse an Sprungschifftechnologie und Wurmlochphysik, was mich nicht überrascht, aber dann bekamen wir eine Dreingabe. Soudha oder seine Techniker haben vorzügliche Arbeit bei der Löschung aller KomKonsolen geleistet, bevor der KBS darauf zugreifen konnte, aber es hat offensichtlich niemand an die Bibliothek gedacht. Bei einigen der techni- schen Bände waren in die Kästchen am Rand Notizen eingetragen. Der Professor war ziemlich aufgeregt wegen der mathematischen Fragmente, aber noch auffälliger war, dass es Gedächtnisstützen gab, um diese oder jene Idee oder Berechnung irgendwelchen Leuten anzuvertrauen, deren Namen danebengekritzelt waren. Meistens Mitglie- der der Abwärme-Gruppe, aber auch ein paar andere, darunter jemand, der eines der ums Leben gekommenen Mitglieder der Wartungsmannschaft auf der Solettastation gewesen zu sein scheint. Wir gehen jetzt davon aus, dass Radovas und seine Gerätschaften mit Hilfe eines Insiders zu welchem Zweck auch immer zum Sonnenspiegel, hinaufgeschmuggelt wurden und nicht an Bord des Erzfrachters gewesen sind. War nun der Sonnenspiegel wesentlich für ihr Vorhaben, oder benutzten sie ihn lediglich als Testplattform? Heute sind auf dem ganzen Planeten KBS-Agenten unterwegs und befragen Kollegen, Verwandte und Freunde aller Leute, die etwas mit dem Sonnenspiegel oder mit dessen Versorgungsshuttle zu tun haben. Morgen werde ich mich dann daran machen, all diese Berichte zu lesen.« Nikkis Rückkehr ließ diesen freundlichen Informations- austausch abreißen, und sie landeten bald auf einem der für den KBS reservierten Shuttlehäfen am Rand der ausge- dehnten Kuppelstadt Solstice. Anstatt ein öffentliches Bubblecar zu nehmen, bekamen sie eine Schwebelimou- sine mit einem Fahrer gestellt, der sie auf einem verwirrenden Abstecher in die Sondertunnel lotste, durch die sie ihr Ziel in etwa zwei Drittel der Zeit erreichten, die die Fahrt mit dem Bubblecar gedauert hätte. Den ersten Halt machten sie an einem Restaurant auf dem Dach eines der höchsten Türme von Solstice, wo die Gäste einen atemberaubenden Ausblick auf die Hauptstadt hatten, die sich glitzernd bis fast zum Horizont erstreckte. Ekaterin fiel auf, dass niemand in ihrer Nähe saß, obwohl das Lokal dicht gefüllt war. Die Leibwächter nahmen nicht an der Mahlzeit teil. Auf der Speisekarte standen keine Preise, was bei Ekaterin einen Moment der Panik auslöste. Wenn man fragen muss, dann kann man es sich nicht leisten. Ihre ursprüngliche Entschlossenheit, Vorkosigan gegenüber auf Begleichung ihres Anteils an der Rechnung zu bestehen, verflog., Vorkosigans Körpergröße und Erscheinung zog die üblichen verstohlenen Seitenblicke auf sich. Zum ersten Mal wurde es ihr in seiner Gesellschaft bewusst, dass man sie irrtümlich für ein Paar oder sogar für eine Familie hielt. Sie reckte abwehrend das Kinn. Was – dachten die wohl, er sei zu seltsam, um sich mit einer Frau zu verbinden? Das ging diese Leute doch gar nichts an! Der nächste Halt war die Klinik, und Ekaterin war sehr dankbar, dass sie nicht selbst den Weg dorthin finden musste. Sie kamen bequem eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin an. Für Vorkosigan schien an diesem ganzen Flug mit dem »Fliegenden Teppich« nicht das Geringste bemerkenswert zu sein, Nikki allerdings war die ganze Zeit begeistert abgelenkt gewesen. Hatte Vorkosigan das geplant? Während sie die Liftrohre hinauf zur Vorhalle der Klinik nahmen, wurde der Junge plötzlich sehr viel stiller. Als sie in die Kabine einer Angestellten von der Patientenaufnahme geleitet wurden, setzte sich Vorkosigan direkt hinter Ekaterin und Nikki auf einen Stuhl; die Leibwächter zogen sich diskret außer Hörweite zurück. Ekaterin präsentierte ihren Ausweis und die Unterlagen über die Besoldung durch den öffentlichen Dienst, und alles schien glatt zu gehen, bis man zu der Information kam, dass Nikkis Vater vor kurzem gestorben war und die KomKonsole der Klinik die formelle Erlaubnis von Nikkis gesetzlichem Vormund anforderte. Dieses Ding ist viel zu gut programmiert, dachte Ekaterin und begann zu erklären, wie weit Tiens Cousin dritten Grades auf Barrayar entfernt war und wie dringend, notwendig es war, dass Nikkis Behandlung vor ihrer Rück- kehr abgeschlossen würde. Die komarranische Angestellte lauschte verständnisvoll und mit Mitgefühl, aber das Kom- Konsolen-Programm war nicht einverstanden, und nach einigen Versuchen, die Sperre zu überwinden, ging die Angestellte weg, um ihren Vorgesetzten zu holen. Ekaterin biss sich auf die Lippen und rieb ihre Handflächen über die Knie ihrer Hosenbeine. Dass sie so weit gekommen und jetzt so nah dran waren, um dann an einer juristischen Spitzfindigkeit hängen zu bleiben… Der Vorgesetzte, ein angenehmer junger Komarraner, kam mit der Angestellten, und Ekaterin erklärte aufs Neue die Sachlage. Der Komarraner hörte sich alles an und überprüfte alle Unterlagen, dann wandte er sich ihr mit einem Ausdruck ernsthaften Bedauerns zu. »Es tut mir Leid, Madame Vorsoisson. Wenn Sie eine komarranische planetarische Anteilseignerin wären statt einer barrayaranischen Untertanin, dann wären die Regeln anders.« »Alle komarranischen planetarischen Anteilseigner sind barryaranische Untertanen«, erklärte hinter ihr Vorkosigan in einem höflichen Ton. Der Vorgesetzte lächelte gequält. »Leider ist das nicht ganz, was ich meinte. Es ist so, dass ein ähnliches Problem hinsichtlich der Notfall-Behandlung eines Vor-Kindes von auf Komarr lebenden Barrayaranern bei uns erst vor ein paar Monaten aufgetreten ist. Wir gingen die Sache unserer Meinung nach mit dem gesunden Menschenverstand an. Später war der gesetzliche Vormund des Kindes nicht damit einverstanden, und die gerichtlichen Verhandlungen, laufen immer noch. Das Ganze stellte sich für die Klinik als sehr teure Fehlentscheidung heraus. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Vorzohns Dystrophie um einen chronischen und nicht unmittelbar lebensbedrohlichen Zustand handelt und dass Sie theoretisch Ihre gesetzliche Erlaubnis binnen ein oder zwei Wochen erhalten dürften, muss ich Sie leider bitten, einen neuen Termin zu verein- baren.« Ekaterin holte tief Luft und war sich nicht sicher, ob sie argumentieren oder schreien wollte. Aber Lord Vorkosigan beugte sich an ihrer Schulter vorbei und lächelte den Vor- gesetzten an. »Reichen Sie mir doch bitte Ihr Eingabegerät, ja?« Der verblüffte Vorgesetzte tat es; Vorkosigan kramte in seiner Tasche und holte sein goldenes Auditorensiegel hervor, nahm die Verschlusskappe ab und drückte das Siegel zusammen mit seiner rechten Hand auf die Lesefläche. Dann sprach er in den Vocoder. »Mit meinem Befehl und zum Wohle des Kaiserreichs ersuche und verlange ich jegliche Unterstützung für eine angemessene medizinische Behandlung für Nikolai Vorsoisson. Vorkosigan, Kaiserlicher Auditor.« Er reichte das Gerät dem Vorgesetzten zurück. »Schauen wir doch mal, ob das Ihre Maschine zufriedenstellt.« Dann murmelte er Ekaterin zu: »Das ist, wie wenn man mit einer Laserkanone auf Spatzen schießt. Es ist etwas schwierig zu zielen, aber die Spatzen sind auf jeden Fall erledigt.« »Lord Vorkosigan, ich kann nicht…« Ekaterin ver- stummte. Was kann ich nicht? Das war hier kein Gezerre um die Restaurantrechnung; Tiens Versicherungsleistungen, würden für Nikkis Behandlung aufkommen, wenn man nur die Komarraner dazu überreden konnte, sie bereitzustellen. Der Beitrag, den Vorkosigan angeboten hatte, war völlig immateriell. »Ich tue nichts, was nicht auch Ihr geschätzter Onkel für Sie getan hätte, wenn ich ihn heute Ihnen hätte überlassen können.« Er deutete im Sitzen eine Verbeugung an. Der Gesichtsausdruck des Vorgesetzten wechselte von Argwohn zu Verblüffung, während seine KomKonsole diese neuen Daten verarbeitete. »Sie sind Lord Auditor Vorkosigan?« »Zu Ihren Diensten.« »Ich… hm… äh… in welcher Eigenschaft sind Sie hier, Mylord?« »Als Freund der Familie.« Vorkosigans Lächeln bekam einen Anflug von Ironie. »Als Antreiber des Amts- schimmels und allgemeiner Beschleuniger.« Man musste es dem Vorgesetzten anerkennen, dass er nicht ins Stammeln geriet. Er schickte die Angestellte weg und wickelte die Prozedur geschwind ab, dann geleitete er sie persönlich ein Stockwerk hinauf und übergab sie den MedTechs in der Genetikabteilung. Dann verschwand er, und danach liefen die Dinge überraschend zügig. »Es kommt mir fast unfair vor«, murmelte Ekaterin, als Nikki kurz von einem MedTech weggeholt wurde, um in ein Probenglas zu urinieren. »Ich glaube, Nikki hat soeben die ganze Warteschlange überholt.« »Ja, nun … letzten Winter habe ich herausgefunden, dass das Siegel eines Auditors die gleiche belebende, Wirkung auf die Abteilung zur Behandlung von Veteranen der Kaiserlichen Streitkräfte hat. Dort sind die Korridore noch viel zugiger und trister als hier und die Warte- schlangen berüchtigt lang. Es war ganz wunderbar. Ich war entzückt.« Vorkosigans Gesicht wurde nachdenklicher und nüchtern. »Ich fürchte, ich habe noch nicht ganz den ausgeglichenen Umgang mit diesem Amt des Kaiserlichen Auditors gefunden. Worin besteht der gerechte Gebrauch der Macht, worin ihr Missbrauch? Ich hätte anordnen können, dass Madame Radovas unter Schnell-Penta verhört würde oder dass Tien schon an jenem ersten Abend an der Versuchsstation landete, und die Ereignisse wären jetzt… tja, ich weiß nicht ganz, was sie jetzt wären, außer anders. Aber ich wollte nicht…« Er verstummte, und einen kurzen Augenblick lang fing Ekaterin den Eindruck eines viel jüngeren Mannes unter dieser gewohnheitsmäßigen Maske aus Ironie und Autorität auf. Er ist schließlich nicht älter als ich. »Haben Sie dieses Problem mit der Erlaubnis voraus- gesehen? Vermutlich hätte ich daran denken sollen, aber als ich den Termin vereinbarte, nahm man alle Infor- mationen entgegen und sagte nichts darüber, und deshalb dachte ich…, nahm ich an…« »Nicht direkt. Aber ich hoffte, ich hätte vielleicht die Gelegenheit, Ihnen heute den einen oder anderen kleinen Dienst zu erweisen. Es freut mich, dass es so einfach war.« Ja, erkannte sie neidisch, er konnte einfach alle gewöhn- lichen Probleme aus dem Weg scheuchen. Womit nur die außergewöhnlichen übrig blieben … ihr Neid verebbte. Zu spät kam Ekaterin der Gedanke, dass er sich vielleicht auch, an Tiens Tod etwas schuldig fühlte, und dass er deshalb sich so sehr bemühte, Tiens Witwe und Waise zu helfen. Eine so heftige Sorge schien unnötig zu sein, und sie fragte sich, wie sie ihm versichern könnte, dass sie ihm keine Schuld gab, ohne noch mehr Peinlichkeiten zu schaffen, als sie damit beseitigte. Nikkis Testreihe war bereits nach der Hälfte der Zeit abgeschlossen, die sie dafür veranschlagt hatte. Kurz darauf empfing die komarranische Ärztin sie in ihrem komfortablen Büro. Vorkosigan wies die Leibwächter an, sich im Korridor bereitzuhalten. »Nikkis Gen-Scanning zeigt, dass der Dystrophie- Komplex von klassischer Form ist«, sagte die Ärztin, als Ekaterin und Nikki nebeneinander vor ihrem Kom- Konsolenpult saßen. Vorkosigan hatte wie gewohnt hinter ihnen Platz genommen und begnügte sich mit der Rolle des Beobachters. »Er hat ein paar idiosynkratische Komplika- tionen, aber nichts, womit unser Labor nicht fertig werden würde.« Sie illustrierte ihre Ausführungen mit einem Holovid der tatsächlich betroffenen Chromosomen und einem per Com- puter generierten Vid, das vorführte, wie das Retrovirus die Splissung vornehmen würde, die einen Ausgleich der Fehlerhaftigkeit dieser Chromosomen bewirken sollten. Nikki stellte nicht so viele Fragen, wie Ekaterin gehofft hatte – war er eingeschüchtert, müde, gelangweilt? »Ich glaube, unsere Gentechniker können binnen einer Woche das Retrovirus für Nikki personalisieren«, schloss die Ärztin. »Dann muss ich dich noch einmal zur Injektion kommen lassen, Nikki. Planen Sie eine Übernachtung in, Solstice ein, Madame Vorsoisson, damit Sie am nächsten Tag zur Nachprüfung kommen können, und wenn möglich besuchen Sie uns noch einmal kurz vor Ihrem Abflug von Komarr. Danach wird Nikki drei Monate lang allmonatlich zu einer Nachuntersuchung gehen müssen, und das kann an einer Klinik in Vorbarr Sultana geschehen, die ich Ihnen empfehlen werde. Wir werden Ihnen eine Diskette mit allen Daten mitgeben, und auf dieser Grundlage dürften die Kollegen in der Lage sein, nahtlos weiterzumachen. Falls alles gut geht, würde danach eine jährliche Untersuchung genügen.« »Das ist alles?«, fragte Ekaterin, ganz schwach vor Erleichterung. »Das ist alles.« »Es liegt noch keine Schädigung vor? Wir sind recht- zeitig gekommen?« »Ihm geht es gut. Bei Vorzohns Dystrophie ist es schwer, Voraussagen zu machen, aber in seinem Fall würde ich vermuten, dass der Beginn feststellbarer schwer- wiegender zellularer Schädigungen im späten Teenager- alter oder Anfang zwanzig aufgetreten wäre. Sie sind recht- zeitig gekommen.« Als sie hinausgingen, hielt Ekaterin Nikki fest an der Hand und zügelte ihre Schritte, damit ihre Füße nicht zu tanzen begännen. »Au, Mama«, brummte Nikki und machte sich los, dann ging er mit eigenständiger Würde neben ihr her. Vorkosigan folgte lächelnd, die Hände tief in den Taschen seiner grauen Hosen., Im Shuttle schlief Nikki ein, den Kopf in Ekaterins Schoß gebettet. Sie betrachtete ihn zärtlich und strich ihm durchs Haar, ganz leicht, um ihn nicht aufzuwecken. Vorkosigan, der ihnen wieder mit seinem Handleser auf den Knien gegenübersaß, beobachtete sie seinerseits und murmelte: »Ist alles in Ordnung?« »Alles in Ordnung«, erwiderte sie leise. »Aber es fühlt sich so seltsam an … Nikkis Krankheit war so lange der Brennpunkt meines Lebens. Ich habe allmählich alle anderen Unmöglichkeiten abgestreift, um mich ganz darauf zu konzentrieren, auf die eine Hauptsache. Es kommt mir vor, als hätte ich mich gewappnet, um eine unüberwindbare Mauer niederzurammen. Und als ich dann endlich tief Luft holte, den Kopf senkte und losstürmte, da ist sie einfach… zusammengestürzt, auf einen Haufen, einfach so. Und jetzt stolpere ich blinzelnd im Staub und in den Steinen herum. Ich fühle mich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Wo bin ich jetzt? Wer bin ich jetzt?« »Oh, Sie werden Ihre Mitte schon finden. Sie können sie gar nicht völlig verloren haben, auch wenn Sie um andere Menschen gekreist sind. Geben Sie sich Zeit!« »Ich dachte, meine Mitte bestünde darin, dass ich eine Vor bin, wie die Frauen vor mir.« Sie blickte zu ihm hinüber und hatte die Empfindung, sie sei unfähig, sich richtig auszudrücken. Und doch wollte sie unbedingt etwas sagen. »Als ich Tien wählte … Sie müssen verstehen, es war meine Wahl. Meine Heirat war arrangiert, aufgrund eines Antrags, aber sie war nicht erzwungen. Ich wollte heiraten, wollte Kinder haben, eine Familie gründen, das Muster weiterführen. Meinen Platz in dieser – wie soll ich, sagen? – genealogischen Prozession behaupten.« »Ich bin der Elfte meines Namens. Ich weiß über die Prozession der Vor Bescheid.« »Ja«, erwiderte sie dankbar. »Es war nicht so, dass ich nicht wählte, was ich wollte, oder meine Mitte weggab, oder etwas anderes von diesen Dingen. Aber irgendwie hatte ich am Ende nicht dieses schöne Vor-Webmuster in Händen, das ich hervorzubringen suchte. Am Ende hatte ich dieses… Gewirr von Fäden.« Ihre Finger zappelten in der Luft und stellten so Chaos dar. Nachdenklich und mit Ironie verzog er den Mund. »Ich kenne ein solches Gewirr auch.« »Aber kennen Sie – nun, natürlich dürften Sie es kennen, aber… Die Sache mit der Steinmauer. Scheitern, Scheitern war mir vertraut geworden. Fast bequem, als ich aufhörte, dagegen zu kämpfen. Ich wusste nicht, dass es so umwerfend war, etwas zu erreichen.« »Ha.« Er lehnte sich zurück, hatte das Lesegerät in seinem Schoß ganz vergessen, und betrachtete sie mit seiner ganzen Aufmerksamkeit. »Ja… Schwindel am Gipfel, oder? Und die Belohnung für eine Aufgabe, die man gut erledigt hat, ist eine neue Aufgabe, und: ›Was haben Sie in letzter Zeit für uns gemacht, und ist das alles, Leutnant Vorkosigan?‹, und … ja. Eine Leistung ist umwerfend, oder zumindest desorientierend, und man warnt einen nicht vorher. Ich glaube, es liegt an dem plötzlichen Wechsel des Schwungs und der Richtung.« Sie blinzelte. »Wie seltsam. Ich hatte erwartet, Sie würden mir sagen, ich sei närrisch.«, »Ihrer vollkommen korrekten Wahrnehmung widerspre- chen? Warum sollten Sie das erwarten?« »Aus Gewohnheit… vermutlich.« »Hm. Sie können lernen, die Empfindung des Sieges zu genießen, wissen Sie, sobald Sie einmal das anfängliche komische Gefühl überwunden haben. Man kann auf den Geschmack kommen.« »Wie lange brauchten Sie, um darauf zu kommen?« Er lächelte langsam. »Einmal.« »Dann ist das kein Geschmack, sondern eine Sucht.« »Und zwar eine, die Ihnen gut stehen würde.« Seine Augen leuchteten beunruhigend. Herausfordernd? Sie lächelte verwirrt und starrte durch die Luke auf den dunkelnden komarranischen Himmel, während der Shuttle den Landeanflug begann. Er fuhr sich über die Lippen, wobei er sein seltsames Lächeln nicht völlig fortwischte, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Berichte. An der Wohnungstür kam ihnen Onkel Vorthys entgegen, Datendisketten in der Hand und ein zerstreutes Lächeln im Gesicht. Er begrüßte Ekaterin mit einem warmen Hände- druck und wehrte Nikki ab, der sofort versuchte, den Groß- onkel in Beschlag zu nehmen und mitzuziehen, um ihm von den Wundern des KBS-Shuttles zu berichten. »Nur einen Moment noch, Nikki. Wir gehen alle in die Küche zum Nachtisch, und dann kannst du mir alles erzählen. Ekaterin, ich habe eine Nachricht von der, Professora bekommen. Sie ist auf Barrayar an Bord eines Schiffes gegangen und wird in drei Tagen hier sein. Ich wollte es dir erst sagen, wenn sie sich sicher sein würde, dass sie wegkann.« »Oh!« Ekaterin hüpfte fast vor Freude, doch sofort mischte sich auch Besorgnis in ihre Gefühle. »O nein, willst du damit sagen, du schleifst die arme Frau durch fünf Wurmlochsprünge zwischen Barrayar und Komarr nur für mich? Sie wird doch so sprungkrank.« »Eigentlich war es Lord Vorkosigans Idee«, erwiderte Onkel Vorthys. Vorkosigan setzte ein strahlendes Lächeln auf und zog bedachtsam die Schultern hoch wie jemand, den man bei etwas ertappt hat. »Allerdings hatte ich die volle Absicht, sie um meinet- willen hierherzuschleifen«, fuhr Onkel Vorthys vor, »sobald das Semester zu Ende gewesen wäre. So ist der Zeitplan nur etwas beschleunigt worden. Sie mag Komarr, sobald sie hier ist und einen Tag Zeit hatte, um sich von den Nachwirkungen der Wurmlochsprünge zu erholen. Ich dachte, es würde dir gefallen.« »Du hättest nicht – aber nein, es gefällt mir sehr.« Auf diese Worte hin straffte sich Vorkosigan, und sein Lächeln entspannte sich zu der selbstzufriedenen Miene, die Ekaterin sehr amüsierte. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Feinheiten seines Ausdrucks inzwischen besser deutete oder ob er sie weniger verbarg. »Wenn ich dir ein Ticket besorge, würdest du sie dann auf der Sprungpunktstation abholen?«, fügte Onkel, Vorthys hinzu. »Ich fürchte, ich werde nicht die Zeit haben, und sie hasst es, allein zu reisen. Du könntest sie einen Tag eher sehen und ihr hättet einige Zeit für euch auf der letzten Strecke bis zum Planeten.« »Gewiss doch!« Ekaterin bebte fast, als ihr bewusst wurde, wie sehr sie sich danach sehnte, ihre Tante zu treffen. Sie hatte so lange in Tiens Orbit gelebt, dass sie sich schon an ihre Isolation gewöhnt hatte, als wäre dies die Norm. Ekaterin betrachtete die Professora als eine der wenigen nicht entmutigenden Verwandten, die sie besaß. Als eine Freundin – eine Verbündete! Die Komarranerin- nen, denen Ekaterin begegnet waren, waren durchaus nett, aber es gab so vieles, was sie nicht verstanden … Tante Vorthys mochte bissige Bemerkungen machen, aber sie hatte ein tiefes Verständnis. »Ja, ja, Nikki …«, sagte Onkel Vorthys. »Miles. Wenn Sie bereit sind, möchte ich mich mit Ihnen in meinem Zimmer treffen, und wir können dann an der KomKonsole die Fortschritte des heutigen Tages durchgehen.« »Gibt es welche? Etwas Interessantes?« Onkel Vorthys machte mit der freien Hand eine abwä- gende Geste. »Es würde mich interessieren, was für ein Muster Sie sich abzeichnen sehen, falls überhaupt.« »Wie es Ihnen passt. Klopfen Sie bei mir an die Tür, wenn Sie fertig sind.« Vorkosigan lächelte Nikki zu, salutierte andeutungsweise vor dem Professor und zog sich zurück. Nikki, der seinerseits ungeduldig wartete, schleifte jetzt wie versprochen seinen Großonkel in die Küche; Ekaterin, konnte nur dankbar sein, dass von den Ereignissen dieses Tages der Flug im KBS-Shuttle ihn viel mehr beeindruckt hatte als die medizinischen Untersuchungen. Zufrieden folgte sie den beiden in die Küche., Früh am nächsten Morgen trat Miles in Hemd und Hosen, aber noch barfuß und sein Reise- necessaire in der Hand, auf den Flur. Er musste Tuomonen daran erinnern, ihm seinen medizinischen Apparat zurück- zugeben. Die KBS-Techniker konnten keine interessanten explo- siven Vorrichtungen darin gefunden haben, sonst hätte man ihn inzwischen schon darüber informiert. Seine trübsinni- gen Überlegungen kamen zu einem Halt, als er Ekaterin erblickte, die – in einen Morgenmantel gekleidet, das Haar in ungewohnter, aber reizender Unordnung – an der Bade- zimmertür lehnte. »Nikki«, zischte sie. »Mach sofort die Tür auf! Du kannst dich nicht den ganzen Tag da drin verstecken.« Eine gedämpfte junge Stimme erwiderte störrisch: »Doch, kann ich schon.« Mit zusammengepressten Lippen klopfte sie erneut, eindringlich aber ruhig, dann fuhr sie leicht zusammen, als sie Miles erblickte, und zog ihren Morgenmantel am Hals zusammen. »Oh, Lord Vorkosigan.« »Guten Morgen, Madame Vorsoisson«, sagte er höflich. »Gibt es… Probleme?« Sie nickte geknickt. »Ich dachte, gestern wäre alles schrecklich einfach über die Bühne gegangen. Heute, versucht Nikki zu behaupten, er sei zu krank, um in die Schule zu gehen, wegen seiner Vorzohns Dystrophie. Ich habe ihm aufs Neue erklärt, dass es so nicht geht, aber er wurde immer eigensinniger. Er bettelte darum, zu Hause bleiben zu dürfen. Nein, nicht bloß eigensinnig. Er hat Angst, glaube ich. Das ist nicht die übliche Drücke- bergerei.« Sie wies mit einem Ruck des Kopfes auf die verschlossene Tür. »Ich versuchte es auf die resolute Art. Das war nicht die richtige Taktik. Jetzt ist er in Panik.« Miles bückte sich, um einen Blick auf das Schloss zu werfen. Es gehörte zum gewöhnlichen mechanischen Typ. Schade, dass es sich nicht um ein Handflächenschloss handelte; da hätte er einige Tricks gewusst. Dies hier hatte nicht einmal Schrauben, sondern eine Art Niete. Hier würde man eine Brechstange brauchen. Oder eine List… »Nikki«, rief Ekaterin hoffnungsvoll. »Lord Vorkosigan ist hier draußen. Er muss sich waschen und anziehen, damit er zur Arbeit gehen kann.« Schweigen. »Ich bin hin und her gerissen«, murmelte Ekaterin. »In ein paar Wochen reisen wir ab. Ein paar verpasste Schul- stunden würden keine Rolle spielen, aber… darum geht es nicht.« »Als ich in seinem Alter war, bin ich in eine private Vor-Schule gegangen, die seiner ziemlich ähnlich ist«, antwortete Miles, ebenfalls murmelnd. »Ich weiß, wovor er Angst hat. Aber ich glaube, Ihre Instinkte haben Recht.« Er runzelte nachdenklich die Stirn, dann setzte er sein Necessaire ab und kramte daraus seine Tube mit Ent-, haarungscreme heraus, die er sich dann ausgiebig über die während der Nacht gewachsenen Stoppeln schmierte. »Nikki?«, rief er. »Kann ich reinkommen? Ich bin ganz mit Enthaarungscreme voll geschmiert, und wenn ich die nicht abwasche, wird sie sich in meine Haut einfressen.« »Wird er nicht darauf kommen, dass Sie sich auch in der Küche waschen können?«, flüsterte Ekaterin. »Vielleicht. Aber er ist erst neun. Ich setze darauf, dass Enthaarung für ihn noch etwas mysteriös ist.« Einen Moment später ertönte Nikkis Stimme. »Sie können reinkommen. Aber ich komme nicht raus. Und ich sperre wieder ab.« »Das geht in Ordnung«, meinte Miles. An der Tür war ein Rascheln zu hören. »Soll ich ihn packen, wenn er aufmacht?«, fragte Ekaterin sehr unsicher. »Nein. Das würde unser stillschweigendes Abkommen verletzen. Ich gehe hinein, und dann werden wir sehen, was passiert. Zumindest werden Sie dann einen Spion drinnen haben.« »Es kommt mir nicht recht vor, Sie so zu benutzen.« »Hm. Kinder wagen nur denen zu trotzen, denen sie wirklich vertrauen. Die Tatsache, dass ich für ihn zum größten Teil noch ein Fremder bin, gibt mir einen Vorteil, und ich lade sie ein, den auszunutzen.« »Stimmt. Nun ja… geht in Ordnung.« Die Tür öffnete sich einen vorsichtigen Spalt. Miles wartete. Die Tür öffnete sich ein wenig mehr. Miles seufzte, drehte sich zur Seite und schlüpfte hindurch., Sofort schloss Nikki die Tür wieder und ließ das Schloss einschnappen. Der Junge trug Schulkleidung, die mit Litzen besetzte Uniform in nüchternem Grau und Kastanienbraun, doch keine Schuhe. Die Schuhe waren vermutlich der Knack- punkt gewesen, denn sie anzuziehen bedeutete implizit die Verpflichtung, hinauszugehen. Nikki wich zurück und setzte sich auf den Rand der Badewanne; Miles legte sein Necessaire auf die Spiegelkonsole und rollte die Ärmel hoch. Er versuchte, schnell zu denken, bevor er noch Kaffee getrunken hatte. Oder überhaupt zu denken. Seine Beredsamkeit hatte in der Vergangenheit seine Soldaten inspiriert, dem Tod ins Auge zu blicken, oder so erinnerte er sich zumindest schwach. Jetzt versuchen wir mal etwas wirklich Schweres. Er spielte um Zeit und Inspiration, indem er methodisch seine Zähne putzte. Inzwischen hatte die Enthaarungscreme ihr Werk vollendet. Er wusch die Schmiere ab, die das Ergebnis davon war, rieb sein Gesicht mit dem Handtuch trocken, warf das Tuch über die Schulter und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür. Dann rollte er langsam seine Ärmel herunter und knöpfte die Manschetten zu. »Also, Nikki«, sagte er schließlich. »Worin besteht das Problem mit der Schule heute Morgen?« Die Feuchtigkeit, die um die trotzigen Augen des Jungen verschmiert war, glitzerte, als das Licht darauf fiel. »Ich bin krank. Ich habe Vorzohns Ding.« »Das ist nicht ansteckend. Du kannst niemanden damit infizieren.« Außer auf die Art, wie du es bekommen hast. Nikki blickte ihn verständnislos an. Der Gedanke, für, jemand anderen gefährlich zu sein, war ihm noch gar nicht gekommen. Ach ja, der Egozentrismus der Kindheit. Miles zögerte und überlegte, wie er sich dem wirklichen Problem nähern sollte. Zum ersten Mal fragte er sich, wie gewisse Aspekte seiner Kindheit vom Standpunkt seiner Eltern ausgesehen haben mochten. Der doppelte Blick war verwirrend. Wie zum Teufel bin ich auf der gegnerischen Seite gelandet? »Du weißt doch«, versuchte es Miles, »niemand wird es jemals erfahren, wenn du es ihnen nicht sagst. Sie können es doch nicht an dir riechen, oder?« Nikkis Blick wurde doppelt so störrisch. »Das hat Mama auch gesagt.« Damit war dieser Versuchsballon gescheitert. Geheim- haltung vorzuschlagen brachte sowieso ein eigenes Problem mit sich, wie Tiens Leben gezeigt hatte. Kurz überkam Miles das Verlangen, den Jungen zu erwürgen, weil er gerade jetzt Ekaterin noch mehr Kummer bereitete, aber er unterdrückte selbstredend den Impuls und fragte: »Hast du schon dein Frühstück gegessen?« »Ja.« Als würde es zu lange dauern, wenn man Nikki aus- hungern oder mit Essen bestechen wollte. »Nun denn … treffen wir eine Abmachung. Ich werde nicht sagen, dass du alles gewaltig übertreibst, wenn du nicht sagst, dass ich es nicht verstehe.« Nikki blickte von seinem Sitz auf. Seine Aufmerk- samkeit war gefesselt. Ja, schau mich an, Kleiner. Miles überlegte und verwarf sofort jedes Argument, das nach, Drohung schmeckte und das versuchte, Nikki durch Erhöhung des Drucks in die richtige Richtung zu treiben. Zum Beispiel, indem er anfinge: Wie kannst du erwarten, dass du jemals den Mut hast, durch Wurmlöcher zu springen, wenn du nicht den Mut hast, dich dieser Sache zu stellen? Nikki stand jetzt sozusagen mit dem Rücken zur Wand, in eine unhaltbare Rückzugsposition getrieben. Eine Erhöhung des Drucks würde ihn zerquetschen. Der Trick bestand darin, die Wand niedriger zu machen. »Ich bin auf eine Privatschule gegangen, die ein bisschen wie die deine war. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo ich mich nicht damit auseinander setzen musste, dass ich in den Augen meiner Klassenkameraden ein Vor-Mutant war. Als ich so alt war wie du, hatte ich ein Dutzend Strategien. Einige davon bewirkten eher das Gegenteil, das gebe ich zu.« Die medizinische Hölle seiner Kindheit hatte er mit unerschütterlicher Haltung durchgestanden, doch als ein paar Spielkameraden, an die er sich noch erinnerte, ent- deckt hatten, dass bei seinen spröden Knochen körperliche Gewalt zu gefährlich war – für sie selbst, weil sie heraus- fanden, dass sie die Beweise nicht verbergen konnten –, da hatten sie gelernt, ihn allein mit Worten zu quälen, bis ihm Tränen der Erniedrigung kamen. Sergeant Bothari, der Miles täglich zu diesem schulischen Fegefeuer brachte, führte schnell die Routine einer kundigen Leibesvisitation ein und erleichterte Miles um Waffen, die von Küchen- messern bis zu einem militärischen Betäuber reichten, den er Hauptmann Koudelka aus dessen Halfter gestohlen hatte. Danach war Miles auf raffiniertere Weise in den, Kampf gezogen. Es hatte fast zwei Jahre gedauert, einige seiner Kameraden beizubringen, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Während er rundum lernte. Wenn er es sich recht überlegte, so war es nicht gerade die beste Idee, seine Lösungen aus der Zeit, als er neun bis zwölf gewesen war, Nikki anzubieten… genau genommen könnte es sogar eine äußerst schlechte Idee sein, Nikki auch nur herauszufinden lassen, worin einige dieser Lösungen bestanden hatten. »Aber das war vor zwanzig Jahren, auf Barrayar. Die Zeiten haben sich geändert. Was meinst du genau, was deine Freunde hier auf Komarr mit dir anstellen werden?« Nikki zuckte die Achseln. »Weiß nich’.« »Tja, lass mich mal raten. Man kann keine Strategie planen, ohne gute Informationen zur Verfügung zu haben.« Nikki zuckte erneut die Achseln. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Es geht nicht darum, was sie tun. Es geht darum, was sie denken.« Miles stieß den Atem aus. »Das ist… für mich ein wenig dürftig, um etwas damit anzufangen, weißt du. Was deiner Befürchtung nach jemand in Zukunft denken wird. Norma- lerweise muss ich Schnell-Penta benutzen, um herauszu- finden, was die Leute wirklich denken. Und selbst Schnell- Penta wird mir nicht sagen, was sie einmal denken werden.« Nikki kauerte sich zusammen. Miles verwarf mit Bedauern den Gedanken, Nikki zu sagen, wenn er weiter einen so krummen Buckel mache, dann würde sein Rück- grat in dieser Haltung erstarren, wie es bei seinem eigenen gewesen war. Es bestand die geringe, aber schreckliche, Möglichkeit, dass der Junge ihm glauben würde. »Was wir brauchen«, seufzte Miles, »ist ein KBS-Agent. Jemand, der unbekanntes Terrain erkundet und nicht weiß, was die Fremden, denen er begegnet, tun oder denken werden. Der sorgfältig zuhört, beobachtet, sich erinnert und dann Bericht erstattet. Und der es immer wieder tun muss, immerzu an anderen Orten. Das ist beim ersten Mal verdammt beängstigend.« Nikki schaute auf. »Woher wissen Sie das? Sie haben gesagt, dass Sie Kurier waren.« Verdammt, der Kleine war gewieft. »Ich, hm, soll nicht darüber reden. Du bist vom KBS noch nicht für unbedenk- lich erklärt worden. Aber glaubst du etwa, deine Schule sei so gefährlich wie etwa Jackson’s Whole oder Eta Ceta? Um nur ein paar willkürliche Beispiele zu nennen.« Nikki starrte stumm vor sich hin, mit – wie Miles fürch- tete – berechtigter Verachtung für derartiges erwachsenes Gequatsche. »Ich sage dir allerdings etwas, was ich gelernt habe.« Nikki war gespannt – oder wirkte doch zumindest so. Mach weiter damit; er wird dir nicht noch eine Gelegen- heit geben. »Beim zweiten Mal ist es nicht mehr so beängstigend. Später wünschte ich mir, ich hätte mit dem zweiten Mal anfangen können. Aber der einzige Weg, um zum zweiten Mal zu kommen, ist, es das erste Mal zu tun. Es erscheint paradox, dass der schnellste Weg zum Leichten durch das Schwere geht. Auf jeden Fall kann ich keinen KBS-Agenten erübrigen, der deine Schule nach Antimutanten-Aktivitäten untersucht.«, Nikki schnaubte argwöhnisch, empfänglich für die geringste Andeutung auf Gönnerhaftigkeit. Miles grinste mit düsterem Verständnis. »Außerdem wäre es zu viel, meinst du nicht?« »Wahrscheinlich.« Nikki zog griesgrämig die Schultern hoch. »Der ideale KBS-Kundschafter wäre sowieso jemand, der sich gut einpasst. Jemand, der das Terrain kennt wie seine Westentasche und nicht aus Unwissenheit gefährliche Fehler begeht. Jemand, der seine Meinung für sich behält und seine Beobachtungen nicht von seinen Annahmen beeinflussen lässt. Und der sich nicht in Kämpfe ver- wickeln lässt, weil das ja seine Tarnung auffliegen lassen würde. Die erfolgreichen kaiserlichen Agenten, die ich gekannt habe, waren sehr praktische Leute.« Er beäugte Nikki nachdenklich. Diese Methode funktionierte nicht, also musste er es mit einer anderen versuchen. »Der jüngste Subagent, den ich jemals eingesetzt habe, war etwa zehn. Das war selbstverständlich nicht auf Barrayar, aber ich glaube nicht, dass du weniger intelligent oder fähig bist als sie.« »Zehn?«, wiederholte Nikki, der vorübergehend aus seiner Schmollerei gerissen wurde. »Eine sie?« »Da ging es um einen Fall von einfachem Kurierdienst. Sie konnte unbemerkt durchkommen, wo ein uniformierter Sold… wo ein uniformierter Erwachsener es nicht konnte. Also, ich bin bereit, dein taktischer Berater bei dieser… äh … Schulerkundungsmission zu sein, aber ich kann nicht ohne Informationen arbeiten. Und der beste Agent, um sie, zu sammeln, befindet sich in diesem Fall schon vor Ort. Traust du dich?« Nikki zuckte die Achseln. »Zehn … ein Mädchen …« Getroffen, ganz spürbar getroffen! »In meiner KBS- Ausgabenrechnung habe ich sie als örtliche Informantin aufgeführt. Sie wurde natürlich bezahlt, zu denselben Sätzen wie ein Erwachsener. Ein kleiner, aber messbarer Beitrag zur Beschleunigung jener Mission zu einem erfolg- reichen Abschluss.« Miles starrte einen Moment lang in die Ferne, mit einem Ausdruck des Sicherinnerns, wie es gewöhnlich langen, langweiligen Erwachsenengeschichten vorausging. Als er zu dem Schluss kam, dass der Köder geschluckt war, tat er so, als käme er wieder zu sich, und lächelte Nikki zaghaft an, »Na ja, genug davon. Die Pflicht ruft. Ich habe noch kein Frühstück gehabt. Falls du be- schließt herauszukommen, dann bin ich noch weitere zehn Minuten oder so da.« Miles entsperrte das Schloss und verließ das Bade- zimmer. Er glaubte nicht, dass ihm Nikki mehr als nur ein Drittel seiner Worte abgenommen hatte, allerdings war zur Abwechslung und im Gegensatz zu einigen seiner histori- schen Verhandlungen alles wahr gewesen. Doch zumindest war es ihm gelungen, eine Rückzugslinie aus einer unmög- lichen Stellung anzubieten, Ekaterin wartete im Flur. Miles legte den Finger an den Mund und wartete einen Moment lang. Die Tür blieb zu, aber das Schloss schnappte nicht wieder ein. Miles winkte Ekaterin, ihm zu folgen, und er ging auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer., »Puh«, sagte er. »Ich glaube, das war das schwierigste Publikum, vor dem ich jemals aufgetreten bin.« »Was ist passiert?«, wollte Ekaterin besorgt wissen. »Kommt er heraus?« »Da bin ich mir noch nicht sicher. Ich habe ihm ein paar neue Dinge zum Nachdenken gegeben. Er schien nicht so arg in Panik zu sein. Und nach einer Weile wird es da drinnen wirklich langweilig werden. Geben wir ihm noch etwas Zeit und warten wir ab.« Miles war gerade mit seiner Hafergrütze und seinem Kaffee am Ende, als Nikki vorsichtig seinen Kopf durch die Küchentür steckte. Er blieb im Eingang stehen und stieß mit seinem Absatz gegen den Türrahmen. Ekaterin, die Miles gegenübersaß, legte ihre Hand an die Lippen und wartete. »Wo sind meine Schuhe?«, fragte Nikki nach kurzem Zögern. »Unter dem Tisch«, sagte Ekaterin und behielt dabei mit sichtlicher Anstrengung einen neutralen Ton bei. Nikki kroch hinunter und holte sie hervor, dann setzte er sich im Schneidersitz neben der Tür auf den Boden und zog sie an. Als er wieder aufstand, fragte Ekaterin vorsichtig: »Möchtest du, dass jemand mit dir geht?« »Nö.« Er begegnete mit seinen Augen kurz Miles’ Blick, dann latschte er ins Wohnzimmer, holte seine Schultasche und verschwand durch die Wohnungstür. Ekaterin, die halb von ihrem Stuhl aufgestanden war, drehte sich wieder herum und ließ sich schlaff niedersinken. »Du meine Güte! Ich überlege, ob ich in der Schule anrufen, sollte, um sicherzugehen, dass er dort auch ankommt.« Miles dachte darüber nach. »Ja. Aber lassen Sie Nikki auf keinen Fall wissen, dass Sie ihn kontrolliert haben.« »Ganz recht.« Sie rührte den Kaffee in ihrer Tasse um und fügte zögernd an: »Wie haben Sie das geschafft?« »Was geschafft?« »Ihn da herausgeholt. Wenn es Tien gewesen wäre … sie waren beide eigensinnig. Tien war manchmal so frus- triert über Nikki, nicht ohne Grund. Er hätte gedroht, die Tür einzuschlagen und Nikki in die Schule zu schleifen. Ich wäre im Kreis herumgelaufen, um sie zu besänftigen, und hätte panische Angst gehabt, dass die Dinge außer Kontrolle geraten könnten. Doch dazu schien es nie zu kommen. Ich weiß nicht, ob das an mir lag, oder… Tien schämte sich danach immer ein wenig, nun, nicht dass er sich jemals entschuldigt hätte, aber er kaufte immer… nun ja, das spielt jetzt keine Rolle mehr.« Miles zeichnete mit seinem Löffel ein Muster aus schraffierten Kreuzen auf den Boden seines Tellers und hoffte dabei, sein Verlangen nach ihrem Beifall wäre nicht zu peinlich offensichtlich. »Körperliche Lösungen sind mir nie leichtgefallen. Ich habe … einfach mit seinem Denken gespielt, ihn vorsichtig herausmanövriert. Ich versuche, niemanden sein Gesicht verlieren zu lassen, wenn ich verhandle.« »Nicht einmal ein Kind?« Sie verzog den Mund und hob die Augenbrauen in einem Gesichtsausdruck, von dem er sich nicht sicher war, wie er ihn interpretieren sollte. »Eine seltene Methode.«, »Vielleicht hatte somit meine Taktik die Neuartigkeit der Überraschung für sich. Ich gebe zu, ich hatte daran gedacht, meine KBS-Helfer in die Bresche zu schicken, aber das hätte wie ein sehr törichter Befehl ausgesehen. Nikkis Würde war nicht das Einzige, was auf dem Spiel stand.« »Nun ja… danke, dass Sie so geduldig waren. Norma- lerweise erwartet man nicht, dass viel beschäftigte und wichtige Männer sich Zeit für Kinder nehmen.« Ihre Stimme klang warm, sie war wirklich erfreut. Oh, gut. »Tja, ich tu’s«, plapperte er erleichtert. »Das heißt, ich erwarte es. Mein Vater tat es immer, wissen Sie – sich Zeit für mich nehmen. Später, als ich erfuhr, dass nicht alle Väter das taten, da nahm ich einfach an, es sei nur der Charakterzug der meistbeschäftigten und wichtigsten Männer.« »Hm.« Sie betrachtete ihre Hände, die zu beiden Seiten ihrer Tasse ruhten, und lächelte schief. Professor Vorthys kam herein, für den Tag in seinen bequemen zerknitterten Anzug gekleidet, der kaum besser saß als sein Pyjama. Dabei handelte es sich um eine Maß- anfertigung, die seinem Status als Kaiserlicher Auditor entsprach, aber nach Miles’ Meinung musste der Professor seinen Schneider zur Verzweiflung getrieben haben, bevor er ihm genau die Passform abschmeichelte, die er haben wollte, mit einer Menge Platz in den Taschen, wie er einmal Miles erklärt hatte, während die Professora die Augen gen Himmel rollte. Jetzt stopfte Vorthys Daten- disketten in diese geräumigen Behältnisse. »Sind Sie bereit, Miles? Der KBS hat gerade angerufen und, mitgeteilt, dass an den Westschleusen ein Luftwagen mit Fahrer auf uns wartet.« »Ja, sehr gut.« Mit einem entschuldigenden Lächeln in Ekaterins Richtung trank Miles den Rest seines Kaffees und stand auf. »Kommen Sie heute zurecht, Madame Vorsoisson?« »Ja, natürlich. Ich habe eine Menge zu tun. Termin bei einem Erbschaftsanwalt, und dann muss ich noch jede Menge sortieren und packen … der Wächter muss nicht mit mir mitgehen, oder?« »Nur, wenn Sie es wünschen. Mit Ihrer Erlaubnis lassen wir einen Mann auf Posten hier. Aber wenn unsere Komarraner Geiseln hätten haben wollen, dann hätten sie mich und Tien an jenem ersten Abend nehmen können.« Und sich damit eine Menge weiterer Schwierigkeiten aufgehalst. Wenn sie es doch nur getan hätten, dachte Miles mit Bedauern. Dann wäre sein Fall inzwischen schon viel weiter entwickelt. Soudha war verdammt noch mal zu clever. »Wenn ich dächte, Sie und Nikki befänden sich in möglicher Gefahr…«, dann würde ich mir eine Methode ausdenken, um Sie als Köder zu benutzen – nein, nein. »Wenn Sie sich auch nur im Geringsten unbehaglich fühlen, dann werde ich Ihnen gern einen Mann abstellen.« »Nein, wirklich nicht.« Wieder dieses schwache Lächeln. Miles hatte das Gefühl, er könnte den Rest des Morgens glücklich damit zubringen, all die subtilen Ausdrücke ihrer Lippen zu studieren. Teilelisten. Du wirst jetzt Teilelisten studieren., »Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Vormittag, Madame.« Nach seiner ersten Einschätzung der neuen Situation hatte Lord Auditor Vorthys beschlossen, sein persönliches Hauptquartier draußen auf der Abwärme-Versuchsstation aufzuschlagen. Miles musste zugeben, dass die Sicherheits- bedingungen dort großartig waren; niemand würde zufällig auftauchen oder unbeobachtet durch die öde Umgebung gewandert kommen. Nun ja, er und Tien waren unbe- obachtet dort erschienen, aber da waren die Insassen abge- lenkt gewesen, und Tien hatte offensichtlich über ein Pech verfügt, das schon fast dämonischen Charakter aufwies. Miles fragte sich, was für Soudha an erster Stelle gestanden hatte: Hatte die administrative Zuweisung einer derart perfekten Örtlichkeit für geheime Arbeiten die Idee für sein Schattenprojekt ausgelöst, oder hatte er zuerst die Idee gehabt und sich dann auf den richtigen Posten manövriert, um die Kontrolle über die Station zu gewinnen? Das war nur eine aus der langen Liste von Fragen, die Miles dem Mann unbedingt unter Schnell-Penta hätte stellen wollen. Nachdem der KBS-Luftwagen die beiden Auditoren abgesetzt hatte, machte sich Miles zuerst daran, den Fortschritt seiner Inventurmannschaften zu überprüfen, die Major D’Emorie von den KBS-Pionieren leitete. Der zuständige Sergeant versprach, die langwierige Identifi- zierung, Zählung und Überprüfung aller beweglichen Objekte in der Versuchsstation werde noch vor Ablauf des Tages abgeschlossen sein. Dann kehrte Miles zu Vorthys zurück, der sich in einem der langen Arbeitsräume im, Obergeschoss des Bürobereichs eine Art Ingenieur- werkstatt eingerichtet hatte, mit geräumigen Tischen, viel Licht und einer wachsenden Phalanx von Hochleistungs- KomKonsolen. Der Professor knurrte einen Gruß; er saß gerade hinter einem vielfarbigen spaghettiartigen Gemenge mathematischer Projektionen, die über seiner Vid-Scheibe flimmerten. Miles ließ sich auf einem Konkonsolen-Stuhl nieder und studierte die zunehmende Liste realer Objekte, von denen Oberst Gibbs behauptete, die Abwärme- Abteilung habe dafür bezahlt, doch sie seien nicht mehr in deren Räumlichkeiten auffindbar. Miles hoffte, dass sich vielleicht ein unterschwellig vertrautes Muster von Artilleriewaffen abzeichnete. Nach einer Weile schaltete der Professor sein Holovid- Display ab und seufzte. »Tja, ohne Zweifel haben sie irgendetwas gebaut. Die Mannschaften im Orbit haben gestern noch weitere Fragmente aufgesammelt, von denen die meisten geschmolzen waren.« »Steht dann unser Inventar für ein Ding, das zusammen mit Radovas vernichtet wurde, oder für zwei?«, überlegte Miles laut. »Oh, ich nehme an, für mindestens zwei. Allerdings wurde das zweite vielleicht noch nicht zusammengebaut. Wenn man die Sache von Soudhas Standpunkt aus betrachtet, dann wird einem klar, dass er einen sehr schlimmen Monat hatte.« Ja, falls dieser ganze Schlamassel oben im Orbit nicht eine wirklich bizarre Selbstmordmission war, oder eine mörderische Sabotage, oder… wo befindet sich eigentlich diese Marie Trogir, verdammt nochmal? Ich bin mir gar, nicht sicher, ob auch die Komarraner es wussten. Als Soudha mit mir sprach, schien er mich zu sondieren, um herauszufinden, ob ich etwas über sie wüsste. Es sei denn, dies war nur ein weiterer Trick seiner Irreführung. »Entdecken Sie in Ihrem Inventar schon etwas?« »Hm, nicht genau das, wonach ich suche. Der endgültige Bericht über Radovas’ Autopsie hat einige zellulare Verzerrungen aufgedeckt, zusätzlich zu den schweren Schäden – ich benutze den Begriff mit Bedacht. Sie erinnerten mich ein wenig an das, was mit menschlichen Körpern geschieht, die knapp von einem gravitischen Imploderstrahl verfehlt wurden. Ein Treffer ist natürlich auf eine unsaubere und gewaltsam zerstreute Weise sehr charakteristisch, aber ein Schuss knapp daneben kann töten, ohne den Körper tatsächlich explodieren zu lassen. Seit ich die Zell-Scannings sah, habe ich mich gefragt, ob Soudha die gravitische Imploderlanze oder eine andere Waffen mit gravitischem Feld neu erfunden hat. Ich weiß, dass die Waffenentwickler seit langem den Ehrgeiz haben, die gravitischen Waffen auf Mann-gegen-Mann-Maßstab zu verkleinern. Aber… die Teileliste stimmt damit nicht ganz überein. Unter diesem Zeug ist eine Ladung Equipment zur Hochenergie-Übertragung, aber ich soll verdammt sein, wenn ich kapiere, wohin sie die Energie übertragen.« »Die mathematischen Fragmente, die wir in Radovas’ Bibliothek gefunden haben, beschäftigen mich sehr«, sagte Vorthys. »Sie haben mit Soudhas Mathematiker, Cappell, gesprochen – welchen Eindruck hatten Sie von ihm?« »Das ist schwer zu sagen, wo ich jetzt weiß, dass er, während des ganzen Gesprächs das Blaue vom Himmel heruntergelogen hat«, sagte Miles kleinlaut. »Ich schließe daraus, Soudha hat darauf vertraut, dass Cappell einen kühlen Kopf behielt zu einem Zeitpunkt, als das ganze Team sich wie verrückt abgestrampelt haben muss, um ihren Rückzug über die Bühne zu bringen. Jetzt wird mir klar, dass Soudha im Hinblick auf die Leute, die er mit mir sprechen ließ, sehr wählerisch war.« Miles zögerte, denn er war sich nicht ganz sicher, ob er die Logik seines nächsten Schlusses begründen konnte. »Ich glaube, Cappell war eine Schlüsselfigur. Vielleicht der nächste Mann nach Soudha selbst. Obwohl die Buchhalterin, Foscol… nein. Ich tippe auf ein Quartett: Soudha, Foscol, Cappell und Radovas. Sie sind der Kern der Gruppe. Ich wette betanische Dollar gegen Sand, dass die Story von einer Liebesaffäre zwischen Radovas und Trogir komplett erfunden war, ein überzeugendes Tarnmanöver, das man nach dem Unfall entwickelt hat, um Zeit zu gewinnen. Aber in diesem Fall gilt die Frage: Wo ist Trogir jetzt?« Einen Moment später fügte er hinzu: »Und haben sie geplant, ihr Ding zu benutzen oder zu verkaufen? Falls verkaufen, dann müssten sie wohl einen Kunden außerhalb des Kaiser- reiches suchen müssen. Vielleicht hat Trogir mit allen falsches Spiel getrieben und ist mit den Spezifikationen zu einem Höherbietenden abgehauen. Der KBS hält auf allen Sprungpunktausgängen des Kaiserreichs scharf Ausschau nach unseren vermissten Komarranern. Und die hatten nur ein paar Stunden Vorsprung und können nicht hinaus- gekommen sein, bevor der Deckel zugeklappt wurde. Aber Trogir hatte zwei Wochen Vorsprung. Sie könnte, inzwischen längst auf und davon sein.« Vorthys schüttelte den Kopf und lehnte es ab zu speku- lieren, bevor er seine Daten erhielt; Miles seufzte und kehrte zu seiner Liste zurück. Nach einer Stunde taten Miles die Augen weh, nachdem er auf Meter um Meter wirklich höchst langweiliger Inventar- listen gestarrt hatte. Seine Gedanken begannen abzu- schweifen und einen Plan zu entwickeln, wie er sich als hyperaktiver Blutegel an alle Feldagenten heften könnte, die nach den flüchtigen Komarranern suchten. Vermutlich hintereinander; er hatte gelernt, sich nicht zu wünschen, ein Zwilling oder ein anderes Vielfaches seiner selbst zu sein. Miles fiel der alte barrayaranische Witz von dem Vor-Lord ein, der auf sein Pferd sprang und in alle Himmels- richtungen davonsprengte. Vorwärtsgerichteter Schwung funktionierte als Strategie nur, wenn man korrekt identi- fiziert hatte, welche Richtung vorwärts war. Schließlich rannte Lord Auditor Vorthys nicht im Kreis herum; er saß gelassen in der Mitte und ließ alles auf sich zukommen. Miles’ Gedanken über die nachgewiesenen Nachteile des Klonens wurde unterbrochen, als Oberst Gibbs anrief. Der KBS-Offizier lächelte ernst und zugleich überraschend selbstzufrieden. Der Professor begab sich in die Reichweite der Vid-Kamera und stützte sich auf Miles’ Stuhllehne, während Gibbs sprach. »Mylord Auditor. Mylord Auditor.« Gibbs nickte beiden zu. »Ich habe etwas Seltsames gefunden, von dem ich annehme, dass Sie es haben wollen. Es ist uns endlich, gelungen, die echten Bestellungen der größten Aufwen- dungen der Abwärme-Abteilung für Gerätschaften aufzu- spüren. Im Laufe der letzten zwei Jahre haben sie von einer komarranischen Firma für Sprungschiff-Triebwerke fünf speziell entworfene Necklin-Feld-Generatoren gekauft. Ich habe Namen und Adresse der Firma sowie Kopien der Rechnungen. Bollan Design – so heißt der Hersteller – hat die technischen Spezifikationen noch in seinem Archiv.« »Soudha hat ein Sprungschiff gebaut?«, murmelte Miles und versuchte es sich vorzustellen. »Warten Sie mal, Necklin-Stäbe gibt es doch immer paarweise … wurde vielleicht einer beschädigt? Oberst, hat der KBS der Firma Bollan schon einen Besuch abgestattet?« »Das haben wir getan, um die Fälschung der Rech- nungen zu bestätigen. Bollan Design scheint ein vollkom- men legales, wenn auch kleines Unternehmen zu sein; sie sind seit etwa dreißig Jahre im Geschäft, also schon lange vor diesem Unterschlagungskomplott. Zu einem Kopf- anKopf-Wettbewerb mit den größeren Herstellern wie Toscane Industries sind sie nicht in der Lage, deshalb haben sie sich auf besondere und experimentelle Entwick- lungen sowie auf Reparaturen ungewöhnlicher und veralte- ter Sprungschiffstäbe spezialisiert. Bollan als Unternehmen scheint keine Bestimmungen verletzt und in gutem Glauben mit Soudha als Kunden verhandelt zu haben. Als die Rechnungen Bollan verließen, waren sie noch nicht verändert; das geschah anscheinend erst, als sie auf Foscols KomKonsole ankamen. Trotzdem … ist der Chefent- wickler, der bei dieser Bestellung direkt mit Soudha zusammengearbeitet hat, seit drei Tagen nicht mehr zur, Arbeit erschienen, und meine Feldagenten haben ihn nicht zu Hause angetroffen.« Miles fluchte leise. »Der ist einer Vernehmung unter Schnell-Penta ausgewichen, jede Wette. Es sei denn, seine Leiche taucht in einem Straßengraben auf. Derzeit könnte beides möglich sein. Ich hoffe, Sie haben einen Haftbefehl ausgegeben?« »Gewiss, Mylord. Soll ich alles, was wir bis jetzt bekommen haben, auf Ihren gesicherten Kanal herunter- laden?« »Ja, bitte, tun Sie das«, erwiderte Miles. »Besonders die technischen Spezifikationen«, warf Vorthys über Miles’ Schulter hinweg ein. »Sobald ich sie mir angeschaut habe, möchte ich vielleicht mit den Leuten bei Bollan sprechen, die noch da sind. Dürfte ich den KBS damit behelligen, sicherzustellen, dass keiner von den restlichen Mitarbeitern einen überraschenden Urlaub antritt, bevor ich mich mit ihnen in Verbindung gesetzt habe, Oberst?« »Ist schon geschehen, Mylord.« Gibbs, der immer noch selbstzufrieden aussah, verabschiedete sich und wurde von den versprochenen finanziellen und technischen Daten ersetzt. Vorthys versuchte, die finanziellen Unterlagen Miles aufzuhalsen; der hinwiederum speicherte sie prompt ab und machte sich daran, Vorthys’ technischen Output unter die Lupe zu nehmen. »Nun«, sagte Vorthys, als er nach einer kursorischen ersten Durchsicht ein Holovid-Schema aufbauen konnte,, das langsam und bunt in drei Dimensionen über seiner Vid- Scheibe rotierte. »Was zum Teufel ist das?« »Ich hatte gehofft, Sie würden es mir sagen«, flüsterte Miles, der nun seinerseits über Vorthys’ Rückenlehne hing. »Gewiss sieht es wie keiner der Necklin-Stäbe aus, die ich bisher gesehen habe.« Die Linien, die sich da in der Luft drehten, skizzierten ein Gebilde, das wie eine Kreuzung zwischen einem Korkenzieher und einem Trichter aussah. »Alle Entwürfe unterscheiden sich leicht«, bemerkte Vorthys, als er vier weitere Figuren aufrief, die dann in einer Reihe neben der ersten schwebten. »Nach den Daten zu schließen, wurden sie mit jedem nachfolgenden Modell größer.« Den beigefügten Maßen zufolge waren die ersten drei relativ kleiner, ein paar Meter lang und etwa einen Meter breit. Das vierte Objekt war doppelt so groß wie das dritte. Das fünfte war wahrscheinlich am dickeren Ende vier Meter breit und sechs Meter lang. Miles hielt sich die Größe der Türen des Montageraums im benachbarten Gebäude vor Augen. Wohin auch immer man diesen letzten Apparat – vor vier Wochen? – geliefert hatte, auf jeden Fall nicht hierher. Und ein empfindliches Präzisions- gerät wie einen Necklin-Stab ließ man nicht einfach draußen in Wind und Regen liegen. »Diese Dinger erzeugen Necklin-Felder?«, fragte Miles. »Von welcher Gestalt? Bei einem Paar Sprungschiffstäben rotieren die Felder gegeneinander und stoßen das Schiff durch den fünfdimensionalen Raum.« Er streckte die Hände aus, parallel, mit den Handflächen nach oben, dann drückte er sie einwärts. In der bildlichen Vorstellung, die, man ihm vermittelt hatte, wickelte sich das Feld um das Schiff, um eine fünf-dimensionale Nadel von verschwin- dend kleinem Durchmesser und unbegrenzter Länge zu bilden, die dann den Bereich der Schwache des fünfdimen- sionalen Raums, den man ein Wurmloch nannte, durch- bohrte und auf der anderen Seite sich wieder in den dreidimensionalen Raum entfaltete. In seinem letzten Semester auf der Akademie hat man ihn auch durch eine überzeugendere mathematische Darstellung gezerrt, deren sämtliche Details danach nie mehr in Erinnerung gerufen worden und kurz nach dem Abschlussexamen aus seinem Gehirn verdunstet waren. Das war lange vor seiner Kryo- Wiederbelebung gewesen, sodass es sich dabei um einen Gedächtnisverlust handelte, den er nicht der Nadelgranate des Heckenschützen zuschreiben konnte. »Ich habe dieses Zeug einmal gewusst…«, murmelte er traurig. Trotz dieses Winks mit dem Zaunpfahl begann der Professor keine erhellende Vorlesung. Er saß einfach auf seinem Stuhl, das Kinn in die Handfläche geschmiegt. Einen Moment später beugte er sich vor und rief eine verwirrende Folge von Dateien aus der Spurenunter- suchung auf. »Aha, hier ist es.« Ein sich schlängelnder Graph erschien, flankiert von einer Liste von Elementen und Prozentangaben, die an einer Seite entlangliefen. Ein schneller Durchlauf durch die Daten von Bollan erzeugte eine weitere, ähnliche Liste. Der Professor lehnte sich zurück. »Ich fresse ‘nen Besen.« »Was?«, fragte Miles. »Ich hatte nicht erwartet, so viel Glück zu haben. Das«, er zeigte auf den ersten Graphen, »ist eine Analyse der, Zusammensetzung eines sehr geschmolzenen und verform- ten Massenfragments, das wir im Orbit aufgesammelt haben. Es weist nahezu die gleiche Zusammensetzung auf wie dieses vierte Gerät hier. Die Zahlen, die ein wenig abweichen, betreffen bloß diejenigen leichteren und flüchtigeren Elemente, von denen ich erwartet hatte, dass sie bei einer solchen Schmelze verlorengingen. Ha. Ich hatte nicht gedacht, wir würden jemals in der Lage sein, die Quelle dieser formlosen Brocken zu rekonstruieren. Jetzt müssen wir es gar nicht mehr tun.« »Wenn dies das vierte Objekt war«, fragte Miles lang- sam, »wo ist dann das fünfte?« Der Professor zuckte die Achseln. »Am selben Ort wie das erste, zweite und dritte?« »Haben Sie genug Informationen aus dem Inventar, um seine Energieversorgung zu rekonstruieren? Damit würden wir die ganze Maschine darstellen können, nicht wahr?« »Hm, vielleicht. Es würde sicherlich einige Parameter liefern. Wie viel Energie? Gleich- oder Wechselstrom? Bollan musste es wissen, um die passende Kopplung zu liefern… ach.« Er nudelte wieder die Spezifikationen durch und studierte das komplizierte Diagramm. Miles wippte ungeduldig auf den Absätzen. Als er das Gefühl hatte, er könnte nicht länger sein respektvolles Schweigen fortsetzen, ohne dass ihm die Schädeldecke barst, sagte er: »Ja, aber was macht es?« »Vermutlich genau das, was es behauptet. Es erzeugt ein fünfdimensionales Distorsionfeld.« »Welches was tut? An was?«, »Ah.« Der Professor sackte auf seinem Stuhl zurück und rieb sich wehmütig das Kinn. »Das zu beantworten kann ein wenig länger dauern.« »Können wir KomKonsolen-Simulationen laufen lassen?« »Sicherlich. Aber um die richtige Antwort zu bekom- men, muss man erst die Frage korrekt formulieren. Ich möchte einen mathematischen Physiker hier haben, der auf die Theorie des fünfdimensionalen Raums spezialisiert ist. Vermutlich Dr. Riva, sie lehrt an der Universität von Solstice.« »Wenn sie Komarranerin ist, wird der KBS dagegen sein.« »Ja, aber sie befindet sich hier auf dem Planeten. Ich habe sie schon früher zu Rate gezogen, als ich vor zwei Jahren einen politisch verdächtigen Wurmlochsprung- Unfall auf der Route nach Sergyar untersucht habe. Sie denkt lateral besser als alle anderen 5D-Leute, die ich kenne.« Miles hatte den Eindruck, dass alle Experten für 5D- Mathematik lateral zum Rest der Menschheit dachten, aber er nickte, da er die Wichtigkeit dieses Charakterzugs ver- stand. »Ich möchte sie haben, also werde ich sie kriegen. Aber bevor ich sie aus ihrer bequemen akademischen Routine herausreiße, will ich doch erst einmal Bollan persönlich besuchen. Ihr Oberst Gibbs ist sehr gut, aber er kann nicht alle Fragen gestellt haben.« Miles überlegte, ob er betonen sollte, dass weder der KBS noch einer dessen Mitarbeiter ihm persönlich gehöre,, doch ihm wurde mit Bedauern klar, dass er jetzt unter den Auditoren als die Autorität für den KBS galt, so wie man Vorthys für den Technikexperten hielt. Das ist ein KBS- Problem, hörte er schon ein zukünftiges Konklave seiner Kollegen resümieren. Geben wir es an Vorkosigan weiter. »In Ordnung.« Die Reise zur Fabrik der Firma Bollan Design erwies sich nicht als so erhellend, wie Miles gehofft hatte. Ein Katzen- sprung in einem suborbitalen Shuttle zu einer Kuppelstadt einen Sektor westlich von Serifosa brachte Miles und Vorthys bald zu einer persönlichen Begegnung mit Bollans aufgeregten Besitzern. Da sie schon am Morgen all ihre Unterlagen dem KBS ausgehändigt hatten, konnten sie den Kaiserlichen Auditoren nicht mehr viel anbieten. Die Leute von der Verwaltung kannten nur finanzielle und vertrags- mäßige Einzelheiten von der Geschäftsbeziehung mit Soudhas fiktivem »privatem Forschungsinstitut«, das angeblich die Arbeit bestellt hatte; einige Techniker, die in der Fertigungshalle gearbeitet hatten, konnten zu den Spezifikationen, die sich bereits in Vorthys’ Besitz befanden, nur sehr wenig hinzufügen. Falls der fehlende Ingenieur so unwissend in Bezug auf die wahre Identität des Kunden und den Zweck des Geräts gewesen war wie die restlichen Bollan-Angestellten, dann hätte er keinen Grund zur Flucht gehabt, denn Bollan hatte sich kein Vergehen zuschulden kommen lassen, das Miles hätte identifizieren können. Die Techniker konnten sich jedoch an die Termine einiger Besuche von Männern erinnern, die den Personen-, beschreibungen von Soudha, Cappell und Radovas entsprachen, und mit Bestimmtheit an einen von Soudha erst kürzlich in der vergangenen Woche. Ihr Vorgesetzter hatte sie nie zu diesen Besprechungen hinzugezogen. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten die seltsamen Necklin-Gene- ratoren niemals außerhalb ihrer Arbeitsgruppe erörtern, da die Geräte experimenteller Natur und noch nicht patentiert seien, Betriebsgeheimnisse, die sich bald in Profit (oder Verlust) verwandeln würden. Die bisherige Entwicklung hatte mehr nach Verlust als nach Profit ausgesehen. Die Kunden hatten die fertig gestellten Geräte immer selbst von der Fabrik abgeholt und sie nicht irgendwohin liefern lassen. Miles machte sich eine Notiz; er wollte herausfinden, ob die Abwärme-Abteilung ihren eigenen großen Transporter besessen hatte, und falls nicht, dann würde er den KBS alle Fälle überprüfen lassen, wo in letzter Zeit Schwebetransporter ausgeliehen worden waren, die groß genug waren, um diese letzten beiden Generatoren zu transportieren. Während der Professor wegging, um in Fachchinesisch mit den Zweisprachigen zu parlieren, schnüffelte Miles in der Fabrik herum und fühlte sich dabei zunehmend zu der Hypothese hingezogen, der Chefentwickler habe freiwillig das Weite gesucht. Bei genauerer Prüfung hatte sich herausgestellt, dass viele der persönlichen Notizen des Mannes anscheinend mit ihm zusammen verschwunden waren. Bollans Werkschutz war nicht so streng wie das Militär, aber es wäre doch übertrieben gewesen sich vorzu- stellen, wie Soudhas aufgescheuchte Komarraner zuerst den Mann ermordeten und dann ohne Hilfe Eingeweihter, glatt und chirurgisch präzis so viele KomKonsolen-Dateien aus so vielen Standorten entfernten. Jedenfalls wünschte sich Miles nicht, dass der Mann tot in einem Straßengraben lag. Er wünschte ihn sich lebend und mit Tuomonens Hypospray auf der Haut. Das war das Problem: Die Leute erwarteten jetzt Schnell-Penta. Moderne Verschwörer waren viel verschlossener als damals in den schlimmen alten Zeiten der lediglich körperlichen Folter. Wenn vor drei Tagen jemand Miles gesagt hätte, Gibbs würde ihm die kompletten Konstruktionsspezifikationen von Soudhas geheimer Waffe auf dem Tablett servieren, dann hätte er sich mit Freuden vorgestellt, sein Fall sei nahezu gelöst. Ha. An diesem Abend trafen Miles und Vorthys zu spät zum Abendessen in Ekaterins Wohnung ein, aber noch recht- zeitig für ein hausgemachtes Dessert, das offensichtlich nach dem Geschmack des Professors zubereitet worden war und Schokolade, Sahne und Mengen hydroponischer Pekannüsse enthielt. Sie saßen alle um Ekaterins Küchen- tisch und verzehrten den Leckerbissen. Nikki hatte sich heute mit seinen Spielgefährten getroffen, und Miles bemerkte anerkennend, dass dieses Treffen nicht so unangenehm gewesen war, dass es den Appetit des Jungen beeinträchtigt hätte. »Wie war es heute in der Schule?«, fragte ihn Miles. Er schämte sich zwar, dass eine so todlangweilige Banalität über seine Lippen kam, aber wie hätte er sonst heraus- finden sollen, wie die Dinge standen. »Ging schon«, erwiderte Nikki, den Mund voller Sahne., »Glaubst du, dass es morgen Schwierigkeiten geben wird?« »Nö.« Der Ton von Nikkis einsilbigen Antworten war wieder zu seiner normalen präpubertären, den Erwachse- nen gegenüber vorsichtigen Gleichgültigkeit zurückge- kehrt; von der keuchenden panischen Schärfe des Morgens war nichts mehr zu spüren. »Gut«, sagte Miles freundlich. Ekaterins Augen lächel- ten, wie Miles aus den Augenwinkeln bemerkte. Gut. Und als Nikki seinen Nachtisch hinuntergeschlungen und sich wieder davongemacht hatte, fragte sie: »Und wie ging heute die Arbeit? Ich war mir nicht sicher, ob die Überstunden Fortschritt oder dessen Gegenteil bedeute- ten.« Wie ging heute die Arbeit? Ihr Ton schien sich für die prosaische Qualität der Frage zu entschuldigen. Miles überlegte, wie er ihr erklären sollte, dass er diese Frage als ganz wunderbar empfand und sich wünschte, sie würde sie noch einmal stellen. Und noch einmal und … Ihr Parfüm weckte in seinem Reptilienhirn den Wunsch, Purzelbäume zu schlagen und Tricks vorzuführen, und dabei war er sich gar nicht einmal sicher, ob sie ein Parfüm trug. Diese verwirrende Mischung aus Lust und Häuslichkeit war für ihn völlig neu. Nun ja, halb neu; er wusste, wie er mit Lust umzugehen hatte. Es war die Häuslichkeit, die ihn über- rumpelt hatte. »Wir sind zu neuen und überraschenden Stufen der Verwirrung gelangt«, erwiderte er Ekaterin. Der Professor machte den Mund auf, schloss ihn wieder und sagte schließlich: »Das sagt in etwa alles. Lord, Vorkosigans These hat sich als zutreffend erwiesen; das Unterschlagungskomplott war eingefädelt worden, um die Produktion eines… äh… neuartigen Geräts zu fördern.« »Einer geheimen Waffe«, korrigierte ihn Miles. »Ich sagte, eine geheime Waffe.« Die Augen des Professors funkelten vergnügt. »Definie- ren Sie Ihre Begriffe. Wenn es sich um eine Waffe handelt, wo ist dann das Ziel?« »Die Waffe ist so geheim«, erklärte Miles Ekaterin, »dass wir uns nicht einmal vorstellen können, was sie bewirkt. Also habe ich zumindest zur Hälfte Recht.« Er schaute hinter Nikki her. »Ich nehme an, nachdem Nikki sich wieder in sein vertrautes Umfeld begeben hat, haben sich die Dinge geglättet?« »Ja, ich war mir fast sicher gewesen, dass es so kommen würde«, sagte Ekaterin. »Vielen Dank für Ihre Hilfe heute Morgen, Lord Vorkosigan. Ich bin sehr dankbar, dass…« Es läutete an der Wohnungstür, was Miles aus einer gewissen Verlegenheit rettete. Ekaterin stand auf und ging öffnen, der Professor folgte und blockierte damit Miles’ Gegenfrage Wie ging es heute beim Erbschafisanwalt? Ich war mir sicher, Sie würden die Sache deichseln. Miles erinnerte sich daran, dass der KBS-Wächter jetzt im Flur auf Posten stand; er brauchte keine Parade aus der Sache zu machen. In Gedanken legte er die Sätze als Eröffnung des nächsten Gesprächs beiseite, drückte den Knopf zum Öffnen der luftdichten Tür und schlenderte auf den Balkon hinaus. Sonne und Sonnenspiegel waren beide schon vor, Stunden untergegangen. Nur die Stadt selbst verlieh der Nacht einen Schein. Ein paar Fußgänger durchquerten noch drunten den Park, bewegten sich zwischen den Schatten hin und her, hastig auf ihrem Weg zur Bubblecar- Plattform und von dort weg, oder sie spazierten langsam paarweise daher. Miles lehnte sich auf das Geländer und verfolgte mit dem Blick ein flanierendes Paar: Er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt, ihr Arm umschlang seine Taille. In der Schwerelosigkeit würde sich ein solcher Größenunterschied ausgleichen, bei Gott. Und wie bewäl- tigten die im Weltraum lebenden vierarmigen Quaddies diese Momente? Miles war einmal einer Quaddie-Musi- kerin begegnet. Bestimmt musste es ein Quaddie-Äqui- valent für eine so universell menschliche Geste geben… Stimmen, die aus dem Wohnzimmer klangen, brachten ihn von seinen müßigen, neidischen Überlegungen ab. Ekaterin begrüßte einen Gast. Die Stimme eines Mannes mit komarranischem Akzent: Miles versteifte sich, als er die schnelle Sprechweise des kaninchenhaften Venier erkannte. »… der KBS gab seine persönlichen Habseligkeiten eher frei, als ich gedacht hatte. Also sagte Oberst Gibbs, ich solle sie Ihnen vorbeibringen.« »Danke, Venier«, erwiderte Ekaterins Stimme in dem leisen Ton, der – wie Miles erfahren hatte – Wachsamkeit bedeutete. »Stellen Sie die Schachtel einfach auf den Tisch, ja?« »Das meiste davon ist nichts Besonderes, Schreibstifte und dergleichen, aber ich dachte, Sie würden den Vid-Clipper gern haben, mit all den Holos von Ihnen und Ihrem Sohn.«, »Ja, gewiss.« »Eigentlich geht es bei meinem Besuch um mehr als nur um das Ausräumen von Administrator Vorsoissons Büro.« Venier holte tief Luft. »Ich wollte mit Ihnen unter vier Augen sprechen.« Miles, der gerade dabei gewesen war, vom Balkon aus wieder in die Küche zurückzukehren, erstarrte. Verdammt, der KBS hatte doch Venier befragt und für unbedenklich erklärt, nicht wahr? Welches neue Geheimnis konnte er anbieten wollen, und vor allem Ekaterin? Wenn Miles jetzt die Küche beträte, würde Venier dann nichts mehr sagen? »Nun… nun ja, in Ordnung. Hm, warum setzen Sie sich nicht?« »Danke.« Man hörte, wie Stühle über den Boden geschoben wurden. »Ich habe darüber nachgedacht, wie schwierig Ihre Situation hier geworden ist seit dem Tod des Adminis- trators. Es tut mir sehr Leid, aber im Verlauf der Monate kam ich nicht umhin zu beobachten, dass es zwischen Ihnen und Ihrem verstorbenen Gatten nicht so stand, wie es hätte sein sollen.« »Tien … war schwierig. Ich war mir nicht klar darüber, dass man das sehen konnte.« »Tien war ein Esel«, stellte Venier kategorisch fest. »Das konnte man doch sehen. Tut mir Leid, tut mir Leid. Aber es stimmt, und wir beide wissen es.« »Das ist jetzt abgehakt.« Ihr Ton war nicht ermutigend. Doch Venier redete weiter: »Ich habe davon gehört, wie er Schindluder mit Ihrer Pension getrieben hat. Sein Tod, hat Sie in eine schreckliche Situation gestürzt. Ich habe gehört, Sie seien gezwungen, nach Barrayar zurück- zukehren.« »Ich plane nach Barrayar zurückzukehren, ja«, sagte Ekaterin langsam. Miles dachte, jetzt müsste er sich eigentlich räuspern. Über einen Balkonstuhl stolpern. Wieder in der Tür erscheinen und rufen: Vennie, nett, Sie hierzu treffen! Stattdessen begann er durch den Mund zu atmen, um kein Geräusch zu erzeugen. »Mir ist klar, dass dies ein schlechter Zeitpunkt ist, um so etwas vorzubringen, viel zu früh«, fuhr Venier fort. »Aber ich habe Sie seit Monaten beobachtet. Die Art und Weise, wie Sie behandelt wurden. Praktisch eine Gefan- gene, in einer traditionellen barrayaranischen Ehe. Ich wusste nicht, wie gern Sie Gefangene waren, aber jetzt – haben Sie daran gedacht, auf Komarr zu bleiben? Nicht in Ihre Zelle zurückzukehren? Sie haben jetzt die Chance zu entkommen, wissen Sie.« Miles spürte, wie sein Herz panisch zu pochen begann. Worauf zielte Venier damit ab? »Ich… die Ersparnis… unsere Rückreise ist eine Versi- cherungsleistung, wissen Sie.« Dieselbe wachsame leise Stimme. »Ich kann Ihnen eine Alternative anbieten.« Venier schluckte. Miles hätte schwören können, dass er das leichte Gurgeln im schmalen Hals des Komarraners hören konnte. »Heiraten Sie mich. Das würde Ihnen den gesetzlichen Schutz geben, den Sie brauchen, um hier zu bleiben. Dann, würde niemand Sie zwingen zurückzukehren. Ich könnte Sie unterstützen, während Sie sich zu Ihrem vollen Talent ausbilden, in Botanik oder Chemie oder was immer Sie wollen. Sie könnten so viel erreichen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mir den Magen umgedreht hat, zu sehen, dass so viel menschliches Potenzial an diesen Clown von einem Barrayaraner verschwendet wurde. Mir ist klar, dass es für Sie als Vernunftehe beginnen würde, aber für Sie als Vor wäre das doch sicher keine fremdartige Vorstellung. Und es könnte mit der Zeit zu mehr werden, da bin ich mir sicher. Ich weiß, es ist zu früh, aber bald sind Sie fort, und dann wäre es zu spät!« Venier machte eine Atempause. Miles beugte sich vor, den Mund noch offen zu einer Art stummem Schrei. Das sind meine Worte! Meine Worte! Das waren alles meine Worte, verdammt! Er hatte erwartet, dass von überallher Vor-Rivalen um Ekaterins Hand auftauchen würden, sobald die Witwe in Vorbarr Sultana gelandet war, aber mein Gott, sie hatte noch nicht einmal Komarr verlassen! Weder hatte er an Venier noch irgendeinen anderen Komarraner als möglichen Mitbewerber gedacht. Er war kein Mitbewerber, die Vorstellung von Vennie als Konkur- renz war lächerlich. Miles hatte mehr Macht, Stellung, Geld, Rang, alles lag ihr zu Füßen, sobald die Zeit reif war – Venier war nicht einmal größer als Ekaterin, er war gute vier Zentimeter kleiner… Das Einzige, was Miles nicht anbieten konnte, war weniger Barrayar. Darin hatte Venier einen Vorteil, den Miles niemals gutmachen konnte. Es folgte ein langes, fürchterliches Schweigen, während, dessen Miles’ Gehirn schrie: Sagen Sie nein, sagen Sie nein! Sagen Sie NEIN! »Das ist ein sehr freundliches Angebot«, erwiderte Ekaterin schließlich. Was zum Teufel soll das heißen? Stellte sich Venier die gleiche Frage? »Freundlichkeit hat nichts damit zu tun. Ich …«, Venier räusperte sich erneut,»… bewundere Sie sehr.« »Ach du meine Güte.« »Ich habe mich um den administrativen Posten des Chefs der hiesigen Terraforming-Abteilung beworben«, fügte Venier eifrig hinzu. »Ich glaube, ich habe eine gute Chance. Wegen des Durcheinanders in der Abteilung wird die Zentrale sicherlich um eine gewisse Kontinuität bemüht sein. Oder wenn der Dreck auf die Unschuldigen ebenso verspritzt wird wie auf die Schuldigen, dann werde ich alles tun, was ich tun muss, um es anderswo zu versuchen und eine Chance zu bekommen, meine berufliche Repu- tation wiederherzustellen – ich kann den Serifosa-Sektor zu einem Schaukasten machen, ja, ich weiß, dass ich das kann. Wenn Sie bleiben, kann ich Ihnen Anteile mit Stimmrecht beschaffen. Wir könnten es zusammen schaffen; wir könnten diesen Ort in einen Garten verwan- deln. Bleiben Sie hier und helfen Sie, eine Welt aufzu- bauen!« Es folgte ein weiteres, fürchterliches Schweigen. Dann sagte Ekaterin: »Vermutlich würde man Ihnen diese Woh- nung zuweisen, wenn Sie auf Tiens Posten folgten.« »Die gehört dazu«, sagte Venier mit unsicherer Stimme., Tja, das war kein Pluspunkt; allerdings war sich Miles nicht sicher, ob Venier es wusste. Ich kann es kaum ertra- gen, noch länger an diesem Ort zu sein, hatte sie gesagt. »Ihr Angebot ist freundlich und großzügig, Venier. Aber Sie haben meine Situation etwas missverstanden. Niemand zwingt mich, nach Hause zurückzukehren. Komarr… ich fürchte, in diesen Kuppelstädten würde ich irgendwann an Klaustrophobie leiden. Jedes Mal, wenn ich eine Sauer- stoffmaske anlege, werde ich an Tiens hässliche Todesart erinnert.« »Ah«, versetzte Venier. »Das kann ich verstehen, aber vielleicht, mit der Zeit…« »O ja, die Zeit. Die Vor-Sitte verlangt von einer Witwe, ein Jahr lang zu trauern.« Miles erriet nicht, welche Geste, welcher Gesichtsausdruck diese Worte begleitete. Eine Grimasse? Ein Lächeln? »Halten Sie sich an diesen archaischen Brauch? Müssen Sie das? Warum? Ich habe es nie verstanden. Ich dachte, während des Zeitalters der Isolation hätte man versucht, alle Frauen immerzu verheiratet zu halten.« »Eigentlich meine ich, dass diese Sitte praktisch war. Sie ließ einem Zeit, um sicherzugehen, dass eine Schwanger- schaft, die vielleicht begonnen hatte, noch abgeschlossen werden konnte, während die Frau sich noch unter der Kontrolle der Familie ihres Gatten befand, sodass diese sicher sein konnte, das Sorgerecht über jeden männlichen Nachkommen zu beanspruchen. Aber es spielt keine Rolle, ob ich an das förmliche Trauern glaube oder nicht. Solange die Leute denken, dass ich es tue, kann ich es benutzen, um, mich zu verteidigen – gegen unerwünschte Heiratsanträge. Ich brauche dringend eine ungestörte Zeit und einen ruhigen Ort, um mein Gleichgewicht wiederzufinden.« Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann sagte Venier etwas förmlicher: »Verteidigen? Ich habe meinen Antrag nicht als einen Angriff verstanden, Madame.« »Natürlich meine ich das nicht«, erwiderte sie matt. Lüge, Lüge. Natürlich hatte sie das verdammt noch mal gemeint. Ekaterin hatte ihre Ehe als eine lange Belagerung ihrer Seele erlebt. Nach zehn Jahren mit Tien dachte sie wahrscheinlich über die Ehe so, wie Miles über Nadel- granatengewehre. Das war sehr schlecht für Venier. Gut. Aber es war ebenso schlecht für Miles. Schlecht. Gut. Schlecht. Gut. Schlecht… »Madame, ich… ich will Ihnen nicht lästig sein. Aber denken Sie darüber nach, denken Sie über alle Ihre Alter- nativen nach, bevor Sie etwas Unwiderrufliches tun. Ich werde noch hier sein.« Ein weiteres schreckliches Schweigen. Dann: »Ich möchte Ihnen keinen Schmerz bereiten, da Sie mir nie einen zugefügt haben, aber es ist falsch, jemandem falsche Hoffnungen zu machen.« Es folgte ein langer Atemzug, als müsste sie all ihre Kraft aufbieten. »Nein.« Ja! Und dann fügte sie etwas matter hinzu: »Aber herzlichen Dank, dass Sie sich um mich sorgen.« Ein längeres Schweigen. Dann sagte Venier: »Ich hatte vor, Ihnen zu helfen. Ich sehe, dass ich es schlimmer gemacht habe. Ich muss jetzt wirklich gehen, ich muss mir, noch auf dem Heimweg ein Abendessen besorgen…« Ja, und es allein essen, Sie jämmerliches Kaninchen! Ha! »Madame Vorsoisson, gute Nacht.« »Ich bringe Sie zur Tür. Noch einmal Dank dafür, dass Sie Tiens Sachen gebracht haben. Ich hoffe, Sie bekommen Tiens Job, Venier. Ich bin mir sicher, Sie können ihn gut ausfüllen. Es wird Zeit, dass man anfängt, wieder Komarraner auf die höheren administrativen Posten zu befördern …« Miles entspannte sich langsam und überlegte, wie er jetzt an Ekaterin vorbeischlüpfen sollte. Wenn sie nach Nikki schauen ging, was sie vielleicht täte, dann konnte er in ihr Arbeitszimmer flitzen, ohne dass sie ihn sah, und er konnte so tun, als wäre er die ganze Zeit dort gewesen… Stattdessen hörte er ihre Schritte in die Küche zurück- kehren. Ein Gescharre und Geklapper, ein Seufzer, dann ein lauteres Geklapper, als der Inhalt einer Schachtel anscheinend komplett in den Müllschlucker geworfen wurde. Ein Stuhl wurde verrückt. Er bewegte sich zenti- meterweise vorwärts und lugte um den Türpfosten. Sie hatte sich einen Moment lang wieder hingesetzt und die Hände an die Augen gedrückt. Weinte sie? Lachte sie? Sie rieb sich das Gesicht, warf den Kopf zurück, stand auf und wandte sich zum Balkon. Miles zog sich hastig zurück, schaute um sich und setzte sich auf den nächsten Balkonstuhl. Er streckte die Beine aus, warf seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Sollte er es wagen, ein Schnarchen zu markieren, oder wäre das, eine Übertreibung? Ihre Schritte hielten inne. O Gott, was war, wenn sie die Tür schloss und ihn aussperrte wie eine streunende Katze? Würde er gegen das Glas trommeln oder die ganze Nacht hier draußen verbringen müssen? Würde jemand bemer- ken, dass er fehlte? Konnte er hinabklettern und wieder durch die Vordertür hereinkommen? Allein der Gedanke ließ ihn schaudern. Ein neuer Anfall war noch nicht fällig, aber man wusste ja nie. Das war ja ein Grund, warum seine Störung so viel Spaß machte… Ihre Schritte hielten nicht inne, deshalb setzte er sich einfach blinzelnd und schnaubend auf. Sie starrte ihn überrascht an. Ihre eleganten Gesichtszüge zeigten, vom Halblicht aus der Küche überschimmert, große Erleichte- rung. »Oh! Madame Vorsoisson, ich muss müder gewesen sein, als ich dachte.« »Haben Sie geschlafen?« Sein Ja mutierte zu einem matten »Hm«, als er sich an sein Versprechen erinnerte, sie nie anzulügen. Er rieb sich den Hals. »Ich war in dieser Stellung halb gelähmt.« Sie senkte fragend die Augenbrauen und verschränkte die Arme. »Lord Vorkosigan, ich bin davon überzeugt, dass Kaiserliche Auditoren nicht derart schwindeln sollen.« »Wie… schlimm?« Er setzte sich aufrecht hin und seufzte. »Es tut mir Leid. Ich bin auf den Balkon gegangen, um die Aussicht zu genießen, und ich habe mir nichts dabei gedacht, als ich den alten Vennie kommen hörte. Gleich darauf dachte ich, es könnte sich vielleicht um etwas handeln, das mit dem Fall zu tun hatte, und dann war es zu, spät, etwas zu sagen, ohne uns alle in Verlegenheit zu bringen. Wieder ist es so schlimm wie die Geschichte mit Ihrer KomKonsole, tut mir Leid. Beides waren Unfälle. Ich bin nicht so, wirklich.« Sie reckte den Kopf und verzog den Mund zu einem seltsamen, spöttischen Lächeln. »Was, unersättlich neugie- rig und völlig frei von gesellschaftlichen Hemmungen? Ja, das sind Sie. Es liegt nicht am KBS-Training. Sie sind von Natur aus so. Kein Wunder, dass Sie so gute Arbeit für den Sicherheitsdienst geleistet haben.« War das jetzt ein Kompliment oder eine Beleidigung? Er wusste es nicht genau. Gut, schlecht, gut-schlecht-gut…? Er stand auf, lächelte, gab den Gedanken auf, sie nach dem Besuch beim Erbschaftsanwalt zu fragen, sagte ihr höflich gute Nacht und floh in Schande., Am nächsten Morgen machte sich Ekaterin früh auf den Weg, um ihre Tante abzuholen, die von Barrayar her eintreffen sollte. Die Fähre von Komarr zur Wurmlochsprungstation verließ den Orbit noch vor 12 Uhr Mittag Solstice-Zeit. Mit einem zufriedenen, schuld- bewussten Seufzer ließ sich Ekaterin in ihrer privaten Schlafkabine an Bord der Fähre nieder. Es sah Onkel Vorthys ähnlich, dass er ihr diesen Komfort verschafft hatte; er machte keine Halbheiten. Keine künstlichen Engpässe, konnte sie ihn fast begeistert dröhnen hören, obwohl er üblicherweise diesen Slogan in Bezug auf Desserts vortrug. Was spielte es also für eine Rolle, dass sie, in der Mitte der Kabine stehend, beide Wände berühren konnte. Sie war froh, dass sie nicht Schulter an Schulter mit den Massen in der Economy- Klasse saß, wie sie es bei ihrem ersten Flug getan hatte, selbst wenn es diesmal nur ein achtstündiger Flug vom komarranischen Orbit zum Dock der Sprungstation war. Seinerzeit hatte sie auf dem Höhepunkt eines Sieben- tageflugs von Barrayar zwischen Tien und Nikki gesessen und sie hätte jetzt gar nicht zu sagen gewusst, wer von ihnen dreien am müdesten, abgespanntesten und übel- launigsten gewesen war. Hätte sie Veniers Antrag angenommen, dann würde sie nicht einer Wiederholung jener ermüdenden Reise entge- gensehen, ein Punkt zu seinen Gunsten, auf den Vennie, allerdings gar nicht hatte kommen können. Doch sei dem, wie ihm wolle. Sie dachte an sein unerwartetes Angebot am Vorabend in der Küche und verzog den Mund, als sie sich an ihre Verlegenheit, Amüsiertheit und an einen seltsamen Anflug von Zorn erinnerte. Wie war Venier überhaupt auf die Idee gekommen, sie sei verfügbar? Sie dachte, sie hätte aus Achtsamkeit auf Tiens irrationale Eifersucht schon längst jedes ermutigende Signal aus ihrem Verhalten getilgt. Oder wirkte sie wirklich so bemit- leidenswert, dass selbst eine so bescheidene Seele wie Vennie sich als ihren Retter vorstellen konnte? Falls dies der Fall war, so war es sicher nicht seine Schuld. Eigentlich waren ihr weder Veniers noch Vorkosigans begeisterte Pläne für ihre zukünftige Ausbildung und berufliche Anstellung unangenehm, genau genommen entsprachen sie ihren eigenen Ambitionen, und doch … gaben beide zu verstehen: Sie können eine reale Person werden, doch nur, wenn Sie unser Spiel spielen. Warum kann ich nicht dort real werden, wo ich bin? Hol’s der Teufel, sie würde diesem Durcheinander von Emotionen nicht gestatten, ihr kostbares Stück Alleinsein zu verderben. Sie holte ihr Lesegerät aus ihrem Hand- gepäck, schob die großzügig ausgegebenen Kissen zurecht und streckte sich auf dem Bett aus. In einem Augenblick wie diesem stellte sich ihr wirklich die Frage, warum Einzelhaft als derart strenge Strafe betrachtet wurde. Du meine Güte, niemand konnte einen stören. Sie zappelte genießerisch mit den Zehen. Schuldig fühlte sie sich wegen Nikki, den sie ohne Bedenken bei einem seiner Schulfreunde beziehungsweise, dessen Eltern zurückgelassen hatte, vorsorglich, damit er keinen Unterricht versäumte. Wenn Ekaterin, wie es ihr manchmal vorkam, den ganzen Tag wirklich nichts von Wert tat, warum musste sie dann so viele Menschen belästigen, dass sie ihre Pflichten übernahmen, wenn sie einmal fortging? Da passte doch etwas nicht zusammen. Madame Vortorren, Gattin eines Adjutanten des für Serifosa zuständigen Repräsentanten des Kaiserlichen Beraters, hatte sich herzlich gern bereit gezeigt, der kürzlich Verwitweten auszuhelfen. Und Nikki belastete die Ressourcen von dessen Haushalt nur wenig – Madame Vortorren hatte vier eigene Kinder, und es gelang ihr, sie zu ernähren, zu kleiden und zu erziehen, und das direkt in einem allgemeinen Chaos, welches ihre Aura wohlwollen- der Geistesabwesenheit nie zu verletzen schien. Ihre Kinder hatten früh gelernt, selbstsicher zu sein, und war das so schlimm? Nikkis Bitte, Ekaterin begleiten zu dürfen, war mit einem Hinweis darauf abgeschlagen worden, dass strikte Regeln den Piloten der Fähre untersagten, Passa- giere auf das Flugdeck zu lassen, und im Übrigen handelte es sich sowieso nicht einmal um ein Sprungschiff. In Wirklichkeit freute sich Ekaterin aber auf die Gelegenheit, ungestört und offen mit ihrer Tante über die letzten Jahre ihres Lebens mit Tien zu reden, ohne dass Nikki jedes Wort mitbekam. Ihre angestauten Gedanken kamen ihr wie ein übervolles Reservoir vor; sie drehten sich unaufhörlich in ihrem Kopf. Die Beschleunigung war kaum zu spüren, als die Fähre vorwärtsflog. Sie steckte die Buchdiskette über Verwaltung von Nachlässen und Finanzen, die der Anwalt ihr, empfohlen hatte, in ihr Lesegerät und lehnte sich zurück. Der Rechtsberater hatte Vorkosigans Vermutung bestätigt, dass Tiens Schulden mit seinem Nachlass endeten. Nach zehn Jahren würde sie also mit genau nichts weggehen, mit leeren Händen, wie sie gekommen war. Abgesehen von den Werten der Erfahrung … sie schnaubte. Wenn sie jetzt darüber nachdachte, dann zog sie es eigentlich vor, dass sie Tien für nichts zu Dank verpflichtet war. Sollten alle Schulden doch verfallen. Die Diskette bot trockenen Stoff, doch als Belohnung für ihre Hausaufgabe wartete eine Diskette über escobaran- ische Wassergärten. Es stimmte, dass sie noch kein Geld zu verwalten hatte. Auch das musste sich ändern. Wissen mochte nicht Macht bedeuten, aber Unwissenheit war bestimmt Schwäche, und Armut war es ebenfalls. Es war höchste Zeit, dass sie aufhörte zu denken, sie sei das Kind, und alle anderen die Erwachsenen. Ich habe einmal am Boden gelegen. Ich werde nie wieder zu Boden gehen. Nach zwei Stunden ununterbrochenem Schlummer erwachte Ekaterin und machte sich zurecht, als die Fähre angekommen war und mit dem Manöver zum Andocken begann. Sie packte wieder ihre Reisetasche, zog deren Schulterriemen hoch und ging, um durch die Sichtfenster des Salons zu beobachten, wie sie sich der Transferstation und dem vor ihr bedienten Sprungpunkt näherten. Diese Station war vor etwa einem Jahrhundert gebaut worden, als eine neue Erforschung des Wurmlochs die Wiederentdeckung von Barrayar ergeben hatte. Die verlorene Kolonie war am Ende einer komplexen Multi-, sprungroute gefunden worden, die sich völlig von der unterschied, durch die der Planet ursprünglich besiedelt worden war. Während der Periode der cetagandanischen Invasion war die Station modifiziert und vergrößert worden; Komarr hatte den Ghem-Lords das Durchgangs- recht eingeräumt, im Austausch für beträchtliche Handels- konzessionen im gesamten cetagandanischen Kaiserreich, ein Handel, den Komarr später bereut hatte. Dann war eine ruhigere Periode gefolgt, bis die Barrayaraner, erzogen in der harten Schule der fehlgeschlagenen cetagandanischen Okkupation, ihrerseits durch das Wurmloch geströmt waren. Unter der neuen Barrayanischen Kaiserlichen Verwal- tung war die Station wieder gewachsen und zu einem ausgedehnten und chaotischen Bauwerk geworden, das etwa fünftausend dort lebende Angestellte, ihre Familien und eine fluktuierende Anzahl von Transitpassagieren beherbergte und pro Woche einigen hundert Schiffen als Haltepunkt diente, die auf der einzigen Route nach und von Barrayar unterwegs waren, das sich in einer galaktischen Sackgasse befand. Eine neue, lange Andockspeiche befand sich in Bau und ragte aus der stachelig wirkenden Struktur heraus. Die barrayaranische militärische Raumstation war ein heller Punkt in der Ferne, auf der anderen Seite des unsichtbaren Sprungpunktes in den fünfdimensionalen Raum. Ekaterin sah ein halbes Dutzend Schiffe auf dem Weg zwischen der zivilen Station und dem Sprungpunkt, die teils am Dock anlegten oder abflogen, dazu ein paar Lokalraumfrachter, die mit Lasten davontuckerten, die sie zu einem der anderen Wurmlochsprungpunkte transpor-, tierten. Dann glitt die Fähre selbst in ihre Andockbucht, und die riesige Station versperrte den Blick. Da die lästigen Zollkontrollen schon im Orbit von Komarr erfolgt waren, bevor man an Bord der Fähre ging, konnten sich die Passagiere zwanglos ausschiffen. Ekaterin zog ihren Holo-Kubus mit dem Plan der Station zu Rate, der in diesem phantastischen Labyrinth unentbehrlich war, und ging zu einem Hotel, um dort ein Übernachtungs- zimmer für sich und ihre Tante zu mieten und ihr Gepäck zu deponieren. Das Zimmer war klein, aber ruhig, und würde vollauf genügen, um der armen Tante Vorthys Gelegenheit zu geben, sich von ihrer Sprungkrankheit zu erholen, bevor sie den letzten Teil ihrer Reise hinter sich brachte. Ekaterin wünschte, sie hätte auf ihrer eigenen Reise nach Komarr einen solchen Luxus zur Verfügung gehabt. Da ihr klar war, dass eine Mahlzeit das Letzte war, wonach die Professora unmittelbar nach ihrem Flug verlangte, kehrte Ekaterin klugerweise in einem benach- barten Cafe zu einem Imbiss ein, dann begab sie sich zur Ankunftshalle an der vorgesehenen Andockbucht und wartete auf das Schiff ihrer Tante. Sie wählte einen Platz mit guter Sicht auf die luftdichten Türen und bedauerte es ein wenig, dass sie für den Fall von Verspätungen nicht ihr Lesegerät mitgebracht hatte. Aber die Station und deren Bewohner und Gäste bildeten eine faszinierende Ablenkung. Wohin waren all diese Leute unterwegs, und warum? Am auffallendsten waren für sie die offensichtlichen Galakter, die mit ihren seltsamen planetarischen Kleidungen signalisierten, dass sie nicht von hier stammten. Waren sie auf der Durchreise als, Geschäftsleute oder Diplomaten, auf der Flucht oder zur Erholung? Ekaterin hatte in ihrem Leben bisher zwei Welten gesehen; würde sie noch mehr sehen? Zwei, so rief sie sich ins Gedächtnis, waren eine mehr, als die meisten Leute je sahen. Sei nicht gierig! Wie viele hatte Vorkosigan gesehen…? Ihre müßigen Gedanken begannen wieder um ihre eigene persönliche Katastrophe zu kreisen, wie ein Überschwemmungsopfer, das seine ruinierten Besitztümer durchsucht, nachdem das Wasser zurückgewichen ist. Stand das Ideal der Alten Vor bezüglich Ehe und Familie in einem inneren Widerspruch zur Seele einer Frau, oder war bloß Tien die Ursache ihres Schrumpfens gewesen? Es schien keineswegs klar, wie man ohne mehrfache Versuche die Antwort herausfinden sollte, und die Ehe war kein Experiment, das sie gerne wiederholen würde. Doch die Professora schien der Beweis des Möglichen zu sein. Sie hatte etwas in der Öffentlichkeit erreicht – sie war Histo- rikerin, Dozentin. Gelehrte in vier Sprachen – sie hatte drei erwachsene Kinder, und eine Ehe, die bald ein halbes Jahrhundert gedauert hatte. War sie geheime Kompromisse eingegangen? Sie hatte eine solide Position in ihrem Beruf – könnte sie auch einen Platz an der Spitze erreicht haben? Sie hatte drei Kinder – hätte sie auch sechs haben können? Wir werden einen Wettlauf machen, Madame Vorsois- son. Soll man Ihnen das rechte Bein abhacken oder das linke? Ich möchte auf beiden Beinen laufen. Tante Vorthys war auf beiden Beinen gelaufen, ziemlich, gelassen – Ekaterin hatte in ihrem Haushalt gelebt und glaubte nicht, dass sie ihre Tante überidealisierte –, aber schließlich war die Professora mit Onkel Vorthys ver- heiratet. Die Karriere eines Menschen hing vielleicht allein von dessen eigenen Bemühungen ab, aber die Ehe war eine Lotterie, und man zog sein Los im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, zum Zeitpunkt maximaler Idiotie und Verwirrung. Vielleicht war dies auch gut so. Wenn die Menschen zu vernünftig wären, würde die Menschheit vielleicht aussterben. Die Evolution begünstigte die maximale Produktion von Kindern, nicht von Glück. Warum hast du also beides nicht geschafft? Sie schnaubte selbstkritisch, dann richtete sie sich auf, als die Türen aufglitten und Menschen hindurchzutröpfeln begannen. Der größte Teil der Flut war vorüber, als Ekaterin die kleine Frau mit dem unsicheren Schritt entdeckte, der ein Gepäckträger der Raumschifflinie assis- tierte, indem er sie durch die Tür hindurch geleitete und ihr die Führungsleine der Schwebepalette überreichte, die ihr Gepäck trug. Ekaterin erhob sich, lächelte und trat vor. Ihre Tante wirkte völlig erschöpft, ihr langes graues Haar hatte sich aus den Flechten auf ihrem Kopf gelöst und hing ihr ins Gesicht, das sein normales attraktives rosafarbenes Glühen gegen eine grünlich-graue Färbung eingetauscht hatte. Ihr blauer Bolero und der wadenlange Rock sahen zerknittert aus, die dazu passenden bestickten Reisestiefel lagen auf dem Gepäckhaufen, an den Füßen trug die Professora stattdessen offensichtlich Schlafzimmer- pantoffel. Tante Vorthys und Ekaterin fielen sich in die Arme., »Oh! Es ist so schön, dich zu sehen.« Ekaterin hielt sie von sich, um ihr Gesicht zu betrachten. »War die Reise sehr schlimm?« »Fünf Sprünge«, sagte Tante Vorthys hohl. »Und es war ein so schnelles Schiff, es blieb nicht viel Zeit dazwischen, um sich zu erholen. Sei froh, dass du zu den Glücklichen gehörst.« »Ich bekomme immer einen Anflug von Übelkeit«, tröstete Ekaterin sie, dem Gedanken folgend, geteiltes Leid sei halbes Leid. »Der vergeht dann nach etwa einer halben Stunde. Nikki gehört zu den Glücklichen – ihm scheint es überhaupt nichts auszumachen.« Tien hatte seine Symp- tome hinter mürrischem Gehabe verborgen. Hatte er gefürchtet, etwas zu zeigen, was er als Schwäche auffasste? Hätte sie versuchen sollen zu …Jetzt spielt das keine Rolle mehr. Lass es los. »Ich habe ein hübsches ruhiges Zimmer gemietet, wo du dich hinlegen kannst. Dort können wir Tee bekommen.« »Oh, wie schön, meine Liebe.« »Halt mal, warum wird dein Gepäck getragen und du läufst?« Ekaterin schob die beiden Reisetaschen auf der Schwebepalette zurecht und klappte den kleinen Sitz hoch. »Setz dich drauf, und ich werde dich ziehen.« »Wenn mir da nur nicht schwindlig wird. Die Sprünge haben vor allem meine Füße anschwellen lassen.« Ekaterin half ihr an Bord der Schwebepalette, sorgte dafür, dass ihre Tante sich sicher fühlte, und ging dann langsam los. »Ich muss mich dafür entschuldigen, dass Onkel Vorthys dich wegen mir die ganze Strecke hierher, geschleift hat. Ich habe vor, nur noch ein paar Wochen hier zu bleiben, weißt du.« »Ich hatte sowieso vorgehabt zu kommen, falls sein Fall sich noch viel länger hinzieht. Es scheint nicht so schnell zu gehen, wie er erwartet hat.« »Nein, nun … nein. Ich werde dir all die schrecklichen Einzelheiten erzählen, wenn wir in unserem Zimmer sind.« Eine öffentliche Halle war nicht der richtige Ort, um die ganze Geschichte zu erörtern. »Ganz recht, meine Liebe. Du siehst gut aus, wenn auch ziemlich komarranisch.« Ekaterin blickt an ihrer graubraunen Weste und den beigen Hosen hinab. »Für mich ist die komarranische Kleidung bequem, nicht zuletzt, weil ich damit unter den anderen nicht auffalle.« »Eines Tages würde ich es gern sehen, dass du dich kleidest, um dich von den anderen abzuheben.« »Aber nicht heute.« »Nein, wahrscheinlich nicht. Hast du vor, traditionelle Trauerkleidung zu tragen, wenn du nach Hause kommst?« »Ich, ich glaube, das wäre eine gute Idee. Es könnte mir ersparen… ersparen, mich mit einer Menge Sachen zu befassen, mit denen ich mich im Augenblick nicht befassen möchte.« »Verstehe.« Trotz ihrer Sprungkrankheit schaute sich Tante Vorthys interessiert auf der Station um und begann, Ekaterin das Neueste aus dem Leben ihrer Vorthys- Cousins zu berichten., Ihre Tante hatte Enkel, doch nach Ekaterins Meinung wirkte sie eher wie eine Frau in den mittleren Jahren als wie eine alte Dame. Im Zeitalter der Isolation war eine Barrayaranerin mit fünfundvierzig schon alt gewesen und hatte nur noch auf den Tod gewartet – wenn sie es überhaupt bis zu diesem Alter geschafft hatte. Im letzten Jahrhundert hatte sich die Lebenserwartung der Frauen verdoppelt und mochte vielleicht sogar auf das Dreifache zugehen, wie es von Galaktern wie den Betanern als selbstverständlich hingenommen wurde. Hatte der frühe Tod der eigenen Mutter Ekaterin ein falsches Gefühl für Zeit und Timing vermittelt? Ich habe zwei Leben, wo meine Ahninnen nur eines hatten. Zwei Leben, in denen sie ihre zweifachen Ziele verwirklichen konnte. Wenn man beide ausdehnen könnte, anstatt eines auf das andere zu häufen … Und auch die Ankunft des Uterusreplikators hatte alles von Grund auf verändert. Warum hatte sie ein Jahrzehnt damit vergeudet, dass sie versuchte, das Spiel nach den alten Regeln zu spielen? Doch ein Jahrzehnt im Alter von zwanzig schien nicht gerade ein reeller Tausch für ein Jahrzehnt mit neunzig zu sein. Sie musste einmal darüber nachdenken… Während sie sich vom Bereich der Docks und Schleusen entfernten, wurde die Menge dünner, bis nur noch gelegentlich ein Passant vorüberging. Die Station funktio- nierte nicht so sehr nach einem Tag-Nacht-Rhythmus, sondern nach einem anderen Muster: Wenn Schiffe andockten, dann schalteten alle um und beluden und entluden wie verrückt, da Zeit Geld war, und wenn die Schiffe abgelegt hatten, herrschte wieder Stille, was nicht, notwendigerweise der Solstice-Standardzeit entsprach, die im gesamten komarranischen Lokalraum eingehalten wurde. Ekaterin bog in einen schmalen Versorgungskorridor ein, den sie zuvor entdeckt hatte und der eine Abkürzung zur Restauranthalle und ihrer Unterkunft darstellte. In einem der Kioske wurde traditionelles barrayaranisches Brot gebacken; zur Werbung ließ man die Düfte aus den Öfen listigerweise in die Halle abziehen. Ekaterin nahm den Geruch von Hefe und Kardamom und heißem Brillbeerensirup wahr. Die Kombination erinnerte an das barrayaranische Winterfest, und sie wurde von einer Welle von Heimweh gepackt. Durch den ansonsten menschenleeren Korridor kam ihnen zusammen mit den Düften ein Mann entgegen, der einen Overall wie die Dockarbeiter der Station anhatte. Das Firmenlogo auf seiner linken Brust verkündete in schrägen, flott wirkenden Buchstaben, von denen kleine Linien wegschössen: SOUTHPORT TRANSPORT LTD. Er trug zwei große Beutel, die mit Brotzeitschachteln voll gestopft waren. Der Mann blieb stehen und starrte sie bestürzt an, wie Ekaterin es ihrerseits auch tat. Es handelte sich bei ihm um einen der Ingenieure der Abwärme-Abteilung – Arozzi war sein Name. Unglücklicherweise erkannte er sie ebenfalls auf der Stelle. »Madame Vorsoisson!« Und etwas matter: »Dass man Sie hier antrifft!« Er blickte sich hektisch um, wie jemand, der in eine Falle geraten war. »Ist der Adminis- trator auch bei Ihnen…?« Ekaterin erwog, einfach zu sagen: Es tut mir Leid, ich, glaube, ich kenne Sie nicht und dann ohne die Miene zu verziehen an ihm vorbeizugehen, nicht mehr zurück- zuschauen, um die Ecke zu biegen und dann wie verrückt zur nächsten Notfallrufbox zu sausen. Doch Arozzi ließ seine Beutel fallen, holte einen Betäuber aus der Tasche und drehte ihn in die richtige Richtung, bevor sie weiter kam als: »Es tut mir Leid…« »Mir auch«, erwiderte er offensichtlich ehrlich und feuerte. Als Ekaterin die Augen öffnete, blickte sie schräg auf die Decke des Korridors. Ihr ganzer Körper kam ihr wie mit Nadeln gespickt vor und weigerte sich ihr zu gehorchen und sich zu bewegen. Ihre Zunge fühlte sich an, als hätte man ihr eine zusammengrollte Socke in den Mund gestopft. »Zwingen Sie mich nicht, Sie zu betäuben«, forderte Arozzi jemanden auf. »Ich würde es sofort tun.« »Das glaube ich Ihnen«, erwiderte Tante Vorthys’ atemlose Stimme direkt hinter Ekaterins Ohr. Ekaterin erkannte, dass sie sich jetzt auf der Schwebepalette befand, halb sitzend an die Brust ihrer Tante gelehnt; ihre Beine hingen schlaff über das neu geordnete Gepäck vor ihr. Die Hand der Professora hatte sie an der Schulter gefasst. Arozzi blickte sich verzweifelt um, legte ihr dann seine Brotzeitschachteln auf den Schoß, nahm die Steuerleine der Schwebepalette in die Hand und lief den Korridor so schnell entlang, wie die winselnde, überbeladene Palette folgen konnte., Hilfe, dachte Ekaterin. Ich werde von einem Komarraner entführt. Ihr Schrei war nur ein leises Stöhnen, als sie in einen anderen Korridor einbogen und an einer Frau in der Uniform eines Verpflegungsdienstes vorbeikamen. Die Frau widmete ihnen kaum einen Blick. Schließlich handelte es sich bei ihnen um keinen ungewöhnlichen Anblick: zwei sehr sprungkranke Transitpassagiere, die zu ihrem Anschlussflug oder einer Unterkunft oder vielleicht zur Krankenstation geschleppt wurden. Oder in die Leichenhalle … Eine schwere Betäubung, so hatte Ekaterin gehört, machte einen für Stunden bewusstlos. Es musste sich also bei ihr um eine leichte Betäubung handeln. War dies ein Gefallen, den man ihr erwiesen hatte? Sie spürte ihre Gliedmaßen nicht, aber sie fühlte, wie ihr Herz schlug und in ihrer Brust schwer pochte, während das Adrenalin sich nutzlos mit ihrem nicht reagierenden peripheren Nervensystem abmühte. Mehr Kurven, mehr Abstiege, mehr Ebenen. Hatte sie den Kubus mit dem Plan der Station noch in der Tasche? Sie kamen aus dem Passagierbereich auf Versorgungs- ebenen, die den Frachten und der Schiffsreparatur gewidmet waren. Schließlich gelangten sie zu einer Tür mit der Aufschrift SOUTHPORT TRANSPORT LTD. im gleichen Stil wie das Logo auf dem Overall. Außerdem stand da in größeren roten Buchstaben: ZUTRITT NUR FÜR BEFUGTE. Arozzi führte sie um eine Biegung, durch einige weitere luftdichte Türen und über eine Rampe hinab zu einer großen Ladebucht. Es roch kalt, nach Öl und Ozon und Plastik. Welchen Weg sie auch gekommen sein mochten, sie befanden sich an der Außenhaut der Station., Ekaterin erinnerte sich, dass sie das Southport-Logo schon einmal gesehen hatte; bei dieser Firma handelte es sich um eine der kleineren, finanzschwachen Gesellschaften für Transport im Lokalraum, die sich mühsam in den Nischen durchschlugen, welche die großen komarranischen Familienfirmen übrig ließen. Ein großer, breit gebauter Mann, ebenfalls im Arbeiter- overall, kam in der Bucht auf sie zu, gefolgt vom Echo seiner Schritte. Dr. Soudha! »Endlich gibt’s was zu essen«, begann er, dann erblickte er die Schwebepalette. »Was zum Teufel? Arozzi, was bedeutet das? Madame Vorsoisson!« Er starrte sie überrascht an. Sie erwiderte seinen Blick benommen und voller Abscheu. »Ich bin ihr direkt in die Arme gelaufen, als ich aus der Restauranthalle kam«, erklärte Arozzi und ließ die Schwebepalette zu Boden sinken. »Ich konnte es nicht vermeiden. Sie hat mich erkannt. Ich konnte sie nicht laufen und Alarm schlagen lassen, und so habe ich sie betäubt und hergebracht.« »Arozzi, du Narr! Das Letzte, was wir im Augenblick brauchen, sind Geiseln! Sie wird sicher vermisst, und wie bald?« »Ich hatte keine andere Wahl!« »Wer ist diese andere Dame?« Er nickte der Professora zu, höflich und bestürzt zugleich. »Ich heiße Helen Vorthys«, erwiderte die Professora. »Doch nicht die Gattin von Lord Auditor Vorthys…?« »Dieselbe.« Ihre Stimme klang kühl und ruhig, doch Ekaterin, deren Körperempfinden zurückkehrte, spürte, wie, ihre Tante leicht zitterte. Soudha fluchte leise. Ekaterin schluckte, fuhr sich mit der Zunge im Mund herum und bemühte sich, sich aufzusetzen. Arozzi nahm seine Schachteln an sich, dann zog er verspätet erneut den Betäuber. Von dem Wortwechsel angezogen, kam eine Frau hinter einem Kistenstapel hervor und näherte sich ihnen. Sie war von mittlerem Alter und hatte gekräuseltes graublondes Haar. Auch sie trug einen Overall von Southport Transport. Ekaterin erkannte in ihr Lena Foscol, die Buchhalterin. »Ekaterin«, fragte Tante Vorthys heiser, »wer sind diese Leute? Kennst du sie?« »Das sind die Verbrecher«, antwortete Ekaterin mit lauter, wenn auch etwas belegter Stimme, »die vom Terraforming-Projekt eine große Menge Geld gestohlen und Tien ermordet haben.« »Was?«, fragte Foscol überrascht. »Das haben wir nicht getan. Als ich ihn verließ, war er noch am Leben.« »Sie haben ihn an ein Geländer angekettet zurück- gelassen, mit einer leeren Sauerstoffflasche, die Sie nicht überprüft haben. Und dann haben Sie mich angerufen, ich solle kommen und ihn holen. Anderthalb Stunden zu spät.« Ekaterin spie mit den Worten ihre Verachtung aus. »Eine schöne Falle, Madame. Kaiser Yuri der Wahnsinnige hätte es als ein Kunstwerk betrachtet.« »Oh«, hauchte Foscol. Sie sah aus, als würde ihr übel. »Stimmt das? Sie lügen. Niemand würde mit einer leeren Flasche die Kuppel verlassen!«, »Sie haben Tien gekannt«, erwiderte Ekaterin. »Was meinen Sie denn?« Foscol schwieg. Soudha war blass geworden. »Es tut mir Leid, Madame Vorsoisson. Falls es so geschehen ist, dann war es ein Unfall. Wir hatten die Absicht, dass er überlebt. Das schwöre ich Ihnen.« Ekaterin presste die Lippen zusammen und sagte nichts. Sie setzte sich auf und ließ ihre Beine über den Rand der Palette baumeln. Jetzt konnte sie auf die Ladebucht schauen, ohne dass ihr schwindlig wurde. Der Raum war etwa dreißig Meter lang, zwanzig Meter tief und hell erleuchtet. An der Decke liefen Laufplanken und Strom- leitungen entlang, auf der Seite, die der breiten Eingangs- rampe gegenüberlag, über die sie gekommen waren, gab es eine Steuerkabine mit gläsernen Wänden. Ausrüstungs- gegenstände lagen hier und dort verstreut um ein riesiges Objekt herum, das die Mitte des Raumes beherrschte. Sein Hauptteil war anscheinend ein gewundener, trompeten- förmiger Kegel, der aus einer dunklen, polierten Substanz zu bestehen schien – aus Metall? aus Glas? – und mit schwer gepolsterten Klampen auf einer bis zum Boden herabgelassenen Schwebebühne ruhte. In sein schmales Ende liefen eine Menge Stromkabel. Die Mündung der Glockenform war mehr als zweimal so groß wie Ekaterin. War das die »geheime Waffe«, von der Lord Vorkosigan gesprochen hatte? Und wie waren die Leute damit an der Großfahndung des KBS vorbeigekommen? Der KBS überprüfte sicherlich jeden Shuttle, der den Planeten verließ – doch erst jetzt,, wie Ekaterin erkannte. Dieses Ding konnte schon vor Wochen transportiert worden sein, bevor die Fahndung überhaupt begonnen hatte. Und der KBS konzentrierte wahrscheinlich seine Aufmerksamkeit auf Sprungschiffe und ihre Passagiere, nicht auf Frachtschlepper, die auf den Lokalraum beschränkt waren. Soudhas Verschwörer hatten Jahre zur Verfügung gehabt, um ihre falsche Identität zu entwickeln. Sie benähmen sich hier, als gehörte ihnen diese Örtlichkeit – vielleicht war es tatsächlich so. In Ekaterins bedeutungsvolles Schweigen hinein sagte Foscol, fast ebenso verbissen: »Wir sind keine Mörder. Anders als ihr Barrayaraner.« »Ich habe mein ganzes Leben lang noch niemanden umgebracht. Dafür, dass Sie keine Mörder sind, ist die Zahl Ihrer Opfer eindrucksvoll«, gab Ekaterin zurück. »Ich weiß nicht, was mit Radovas und Trogir passiert ist, aber wie steht es mit den sechs armen Leuten von der Mannschaft des Sonnenspiegels, und der Pilotin des Erzfrachters – und Tien. Das sind mindestens acht, vielleicht sogar zehn.« Vielleicht zwölf, wenn ich nicht aufpasse. »Ich war während der Revolte Studentin an der Solstice- Universität«, knurrte Foscol. Die Nachricht von Tiens Tod hatte sie sichtlich aus der Fassung gebracht. »Ich habe erlebt, wie Freunde und Klassenkameraden während der Unruhen auf der Straße erschossen wurden. Ich erinnere mich an die Vergasung der Grün-Park-Kuppel. Wagen Sie es ja nicht – Sie, eine Barrayaranerin! –, hier zu sitzen und mir etwas über Mord zu erzählen.« »Zur Zeit der komarranischen Revolte war ich fünf Jahre alt«, erwiderte Ekaterin müde. »Was hätte ich da Ihrer, Meinung nach tun sollen, na?« »Falls Sie in die Geschichte zurückschauen wollen«, warf die Professora trocken ein, »dann seid ihr Komarraner es gewesen, die die Cetagandaner auf uns losgelassen haben. Fünf Millionen Barrayaraner sind gestorben, bevor überhaupt der erste Komarraner starb. Die Toten Ihrer Vergangenheit zu beweinen ist ein Hinterherhinken in der Geschichte, das ein Komarraner nicht gewinnen kann.« »Das ist schon länger her«, erwiderte Foscol etwas hilflos. »Aha, ich verstehe. Der Unterschied zwischen einem Verbrecher und einem Helden liegt also in der Reihenfolge, in der ihre Verbrechen begangen werden«, sagte die Professora mit einer Stimme, die von gespielter Freund- lichkeit triefte. »Und die Gerechtigkeit bekommt ein Verfallsdatum. In diesem Fall sollten Sie sich lieber beeilen. Sie dürfen Ihren Heroismus doch nicht verderben.« Foscol straffte sich. »Wir planen nicht, jemanden umzubringen. Wir alle hier haben die Vergeblichkeit dieser Art von Heldentum schon vor fünfundzwanzig Jahren erlebt.« »Dann scheinen die Dinge nicht genau nach Plan zu laufen, oder?«, murmelte Ekaterin und rieb sich das Gesicht. Die Gefühllosigkeit ließ nach. Sie wünschte, auch ihre Geisteskräfte würden wiederkehren. »Ich stelle fest, Sie leugnen nicht, dass es sich bei Ihnen um Diebe handelt.« »Wir holen uns nur etwas von unserem Eigenen, zurück«, versetzte Foscol. »Das Geld, das in das komarranische Terraforming geflossen ist, hat für Barrayar keinen unmittelbaren Nutzen. Sie haben Ihre eigenen Enkelkinder bestohlen.« »Was wir nahmen, haben wir genommen, um eine Investition für Komarr zu tätigen, die unseren zukünftigen Generationen unermesslichen Reichtum bringen wird«, erwiderte Foscol. Hatten Ekaterins Worte sie getroffen? Vielleicht. Soudha wirkte, als dachte er heftig nach, wobei er die beiden barrayaranischen Frauen beäugte. Sollen sie ruhig weiter streiten, dachte Ekaterin. Menschen können nicht streiten und gleichzeitig denken, oder zumindest schienen eine Menge Leute, die sie kannte, dieses Problem zu haben. Wenn sie die Komarraner am Reden halten konnte, während ihr Körper sich etwas mehr von der Betäubung erholte, dann konnte sie … was? Ihr Blick fiel auf einen Feuer- und Notfallmelder an der Basis der Eingangsrampe, vielleicht zehn Schritte von ihr entfernt. Alarm, falscher Alarm, die Aufmerksamkeit erzürnter Behörden auf Southport Transport lenken … Konnte Arozzi sie binnen weniger als zehn Schritte erneut betäuben? Sie lehnte sich an die Beine ihrer Tante zurück und versuchte, sehr schlaff zu wirken. Mit einer Hand umfasste sie den Fußknöchel der Professora, als suchte sie bei ihr Trost. Die neuartige Gerätschaft ragte stumm und geheimnisvoll in der Mitte des Raumes auf. »Also, was planen Sie dann«, fragte Ekaterin sarkas- tisch, »den Wurmlochsprungpunkt zu schließen und uns abzuschneiden? Oder wollen Sie …« Sie verstummte, als, ihr das bestürzte Schweigen bewusst wurde, das ihre Worte ausgelöst hatten. Sie schaute die drei Komarraner an, die sie erschrocken anstarrten. Mit plötzlich leiserer Stimme sagte sie: »Das können Sie nicht tun. Oder?« Es gab ein militärisches Manöver, mit dem ein Wurm- loch vorübergehend unpassierbar gemacht werden konnte, wozu gehörte, dass man ein Schiff – und einen Piloten – an einem Punkt mitten im Sprung opferte. Doch die Störung klang binnen kurzer Zeit aus. Wurmlöcher öffneten und schlossen sich, ja, aber sie waren astrographische Erschei- nungen wie Sterne, die mit Zeiträumen und Energien verbunden waren, die über menschliche Kontrolle nach derzeitigem Vermögen hinausgingen. »Das können Sie nicht tun«, sagte Ekaterin mit festerer Stimme. »Welche Störung Sie auch immer erzeugen, früher oder später wird es wieder passierbar, und dann werden Sie doppelt so viele Schwierigkeiten haben wie zuvor.« Es sei denn, Soudhas Verschwörung war nur die Spitze eines Eisbergs und es stand ein riesiger koordinierter Plan dahinter, dass sich ganz Komarr in einer neuen Revolte gegen die barraya- ranische Herrschaft erheben würde. Noch mehr Krieg, noch mehr Blut unter Glas – die Kuppeln von Komarr mochten bei Ekaterin Klaustrophobie erzeugen, aber die Vorstellung, ihre komarranischen Nachbarn würden in einer neuen Runde dieses endlosen Ringens vernichtet zu Boden gehen, löste ein Gefühl der Übelkeit in ihr aus. Die Revolte hatte auch Barrayaranern schlimme Dinge zugefügt. Wenn neue Feindseligkeiten ausgelöst wurden und lange genug dauerten, dann würde Nikki in ein Alter kommen, wo er auch hineingezogen werden konnte …, »Sie können es nicht geschlossen halten. Sie können hier nicht durchhalten. Sie haben keine Verteidigung.« »Wir können es, und wir werden es«, erklärte Soudha entschlossen. Foscols braune Augen leuchteten. »Wir werden das Wurmloch auf Dauer schließen. Wir werden Barrayar für immer los sein, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Eine völlig unblutige Revolution, und die Barrayaraner werden nichts dagegen tun können.« »Die Revolution eines Ingenieurs«, sagte Soudha, und auf seinen Lippen erschien die Andeutung eines Lächelns. Ekaterins Herz pochte, und die Ladebucht schien sich zu neigen. Sie schluckte und sagte mit Nachdruck: »Sie planen, das Wurmloch nach Barrayar zu schließen, und der Schlächter von Komarr und drei Viertel der barrayara- nischen Raumstreitkräfte bleiben auf dieser Seite des Wurmlochs zurück. Glauben Sie tatsächlich, dass Sie damit eine unblutige Revolution bekommen? Und was ist mit den ganzen Leuten auf Sergyar? Das ist doch idiotisch!« »Der ursprüngliche Plan«, erwiderte Soudha verkniffen, »bestand darin, zum Zeitpunkt der Hochzeit des Kaisers zuzuschlagen, wenn der Schlächter von Komarr und drei Viertel der Raumstreitkräfte sich im Orbit von Barrayar befunden hätten.« »Zusammen mit einer Menge unschuldiger galaktischer Diplomaten. Und nicht wenigen Komarranern!« »Ich kann mir kein besseres Schicksal für all die führen- den Kollaborateure vorstellen«, sagte Foscol, »als bei ihren hübschen barrayaranischen Freunden eingeschlossen zu, sein. Die Lords der Alten Vor betonen doch immer, wie viel besser sie es damals in ihrem Zeitalter der Isolation hatten. Wir erfüllen ihnen nur ihren Wunsch.« Ekaterin drückte den Fußknöchel der Professora und erhob sich langsam. Als sie aufrecht stand, schwankte sie. Sie wünschte sich, ihr mangelndes Gleichgewicht wäre in Wirklichkeit eine kunstvolle Heuchelei, um die Komarraner in Sicherheit zu wiegen. »Im Zeitalter der Isolation«, sagte sie giftig, »wäre ich mit vierzig schon tot gewesen. Im Zeitalter der Isolation wäre es meine Aufgabe gewesen, meinen Kindern, wenn sie Mutanten waren, die Kehle durchzuschneiden, während meine weiblichen Verwandten zuschauten. Ich garantiere Ihnen, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung von Barrayar den Lords der Alten Vor nicht zustimmt, und dazu gehören die meisten Ladys der Alten Vor. Sie würden uns dazu verdammen, dazu zurückzukehren, und jetzt wagen Sie es, das unblutig zu nennen?« »Dann betrachten Sie sich doch als vom Glück begünstigt, dass Sie sich auf der komarranischen Seite befinden«, versetzte Soudha trocken. »Los, Leute, wir haben eine Arbeit zu erledigen, und weniger Zeit dafür als je zuvor. Von jetzt an werden alle Ruheschichten gestri- chen. Lena, geh und wecke Cappell auf. Wir müssen uns überlegen, wie wir diese Damen für eine Weile sicher einsperren.« Es sah so aus, als warteten die Komarraner nicht mehr auf die Hochzeit des Kaisers, die ihnen den idealen taktischen Zeitpunkt geliefert hätte. Wie nahe waren sie denn schon daran, ihren Apparat in Betrieb zu setzen?, Nahe genug, so schien es, dass selbst die Ankunft zweier unerwünschter Geiseln nicht mehr ausreichte, um sie abzulenken. Tante Vorthys versuchte, aufrechter zu sitzen; Arozzis Blick war zu den Schachteln mit erkaltenden Speisen zu seinen Füßen zurückgekehrt. Ekaterin stürzte sich vor, prallte gegen Arozzi und sauste weiter. Arozzi wirbelte hinter ihr herum, doch er wurde von einem blauen Stiefel vorübergehend abgelenkt, den Tante Vorthys mit überraschender Genauigkeit – wenn auch mit begrenzter Kraft – geschleudert hatte und der von seiner Schläfe abprallte. Soudha und Foscol sprinteten hinter Ekaterin her, aber sie schaffte es bis zu dem Feuermelder und riss den Hebel kräftig herunter, als Arozzis zittriger Betäuberstrahl sie traf. Diesmal schmerzte es stärker. Ihre Hände öffneten sich krampfartig und sie sank zu Boden. Der erste Ton der Sirene traf noch ihr Ohr, bevor Schock und Schwärze ihr das Bewusstsein raubten. Als Ekaterin die Augen öffnete, sah sie das Gesicht ihrer Tante von der Seite. Sie erkannte, dass sie mit dem Kopf auf dem Schoß der Professora lag. Sie blinzelte und versuchte, sich über die Lippen zu lecken. Ihr Körper schmerzte, als wäre er mit Nadeln gespickt. Eine Woge von Übelkeit drehte ihr den Magen um, und sie bemühte sich, sich seitwärts zu drehen. Zwei, drei Spasmen bewirkten jedoch nicht, dass sie sich übergab, und nach einem gedämpften Rülpser rollte sie sich wieder in die Ausgangsstellung. »Hat man uns befreit?«, murmelte sie. Es kam ihr jedoch nicht so vor. Sie schienen auf dem, Boden einer winzigen Toilette zu sitzen, wo es kalt und hart war. »Nein«, erwiderte die Professora voller Abscheu. Ihr Gesicht war angespannt und bleich. In der weichen Haut ihres Gesichts und am Hals waren rote Prellungen zu sehen. Ihr Haar hing in wirren Strähnen über die Stirn. »Sie haben mich geknebelt und uns beide hinter dieses Ding geschleift. Der Notfalltrupp der Station ist schon gekommen, aber Soudha hat sich mit schnellem Gerede entschuldigt. Er behauptete, Arozzi sei zufällig gegen die Wand getaumelt, und er erklärte sich einverstanden, eine beträchtliche Strafgebühr für das Auslösen eines falschen Alarms zu zahlen. Ich versuchte ein Geräusch zu machen, aber es nützte nichts. Dann schlossen sie uns hier ein.« »Oh«, sagte Ekaterin. »Verdammt.« Übersozialisiert, vielleicht, aber derbere Wörter schienen ebenso unzu- reichend zu sein. »Genau, meine Liebe. Es war allerdings ein guter Versuch. Einen Moment lang dachte ich, es würde funktio- nieren, und das dachten auch deine Komarraner. Sie waren sehr aufgeregt.« »Damit wird der nächste Versuch schwieriger.« »Sehr wahrscheinlich«, pflichtete ihr die Tante bei. »Wir müssen sorgfältig nachdenken, wie er vonstatten gehen soll. Ich glaube nicht, dass wir mit einer dritten Chance rechnen dürfen. Sie scheinen nicht von Natur aus brutal zu sein, aber sie handeln unter großem Stress. Ich glaube nicht, dass es ungefährliche Leute sind, gerade jetzt, auch wenn sie dich kennen. Wann, glaubst du, wird man uns vermissen?«, »Nicht sehr bald«, erwiderte Ekaterin mit Bedauern. »Als ich in der Unterkunft auf der Station ankam, habe ich Onkel Vorthys eine Nachricht geschickt. Er erwartet ver- mutlich keine weitere, sondern erst dann, wenn wir morgen Abend nicht aus der Fahre steigen.« »Dann wird etwas geschehen«, sagte die Professora. Ihr Ton ruhiger Zuversicht klang nicht mehr ganz so zuversichtlich, als sie matter anfügte: »Sicherlich.« Ja, aber was wird zwischen jetzt und dann geschehen? »Ja«, bestätigte Ekaterin. Sie schaute sich in der abge- sperrten Toilette um. »Sicherlich.«, Die Experten, die Professor Vorthys angefordert hatte, sollten am Shuttlehafen von Serifosa etwa zur selben Zeit ankommen, da Ekaterin ihren Anschlussflug zur Sprungstationsfähre antrat. Dieser Umstand ermöglichte es Miles, dabei zu sein, wahrend es sonst nur ein Abschied unter Verwandten gewesen wäre. Ekaterin erörterte Veniers Besuch vom Vorabend nicht mit ihrem Onkel; der Professor gab ihr Botschaften an seine Frau mit und umarmte sie zum Abschied. Miles stand mit den Händen in den Taschen da und wünschte ihr mit einem Nicken von Herzen eine sichere Reise. Der kommerzielle Morgenflug von Solstice her mit den Wissenschaftlern an Bord landete kurz darauf. Die Expertin für den fünfdimensionalen Raum, Dr. Riva, entpuppte sich als hagere, lebhafte Frau von etwa fünfzig Jahren mit olivfarbener Haut, leuchtenden schwarzen Augen und einem flüchtigen Lächeln. Ein kräftiger junger Mann mit sandfarbenem Haar, den sie im Schlepptau hatte und den Miles zuerst für einen Studenten hielt, erwies sich als ihr Kollege Dr. Yuell, ein Mathematikprofessor. Ein schwerer Luftwagen des KBS wartete darauf, sie direkt zur Abwärme-Versuchsstation zu bringen. Dort angekommen, führte der Professor sie alle hinauf in seine Werkstatt, in der sich die KomKonsolen, Stapel von Folien und mit Maschinenteilen übersäte Tische über Nacht vermehrt zu haben schienen. Zu jedermanns Unbehagen,, doch nicht zu Miles’ Überraschung, nahm der KBS-Major D’Emorie den beiden komarranischen Beratern einen förmlichen und protokollierten Eid der Loyalität und der Geheimhaltung ab. Miles dachte, der Loyalitätsschwur sei überflüssig, da keiner der Akademiker seinen derzeitigen Posten hätte innehaben können, ohne zuvor diesen Eid geschworen zu haben. Was die Geheimhaltung anging … fragte sich Miles, ob einer der Komarraner schon bemerkt hatte, dass sie die Versuchsstation auf keinem anderen Weg als mit den Transportmitteln des KBS verlassen konnten. Alle fünf setzten sich. Lord Auditor Vorthys hielt einen Vortrag, der halb militärische Besprechung, halb akade- misches Seminar war – mit einer Tendenz zu Letzterem. Miles war sich nicht sicher, ob D’Emorie als Teilnehmer oder als Beobachter zugegen war, aber schließlich hatte er, Miles, auch nicht viel zu sagen, außer ein oder zwei Punkte hinsichtlich der Autopsien zu bestätigen, als ihm Vorthys die entsprechenden Stichworte gab. Miles fragte sich erneut, ob er nicht vielleicht woanders nützlicher wäre, zum Beispiel draußen bei den Feldagenten; hier konnte er kaum weniger nützlich sein, erkannte er trübsinnig, als die mathematischen Erörterungen über seinen Kopf hinweg- flogen. Wenn Sie das alles in hübsche bunte Diagramme auf der KomKonsole umwandeln, dann zeigen Sie mir das Bild. Ich mag es, wenn meine Märchenbücher Bilder enthalten. Vielleicht sollte er selbst zwei oder drei Jahre auf die Schule zurückkehren, um seine Kenntnisse aufzu- frischen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er sich nur selten in einer Gesellschaft befand, die ihn sich so, dumm vorkommen ließ. »Die Energie, die in das Horn – so dürfen wir es vermut- lich nennen – des Necklin-Generators eingespeist wird, wird impulsweise geschickt, ausgesprochen impulsweise«, erklärte Vorthys den Komarranern. »In hohem Maße gerichtet, schnell und regulierbar – ich möchte fast sagen: abstimmbar.« »Das ist sehr seltsam«, sagte Dr. Riva. »Sprung- schiffstäbe haben eine stabile Energie – genau genommen ist es ein wichtiges Anliegen der Konstruktion, uner- wünschte Fluktuationen der Energie fern zu halten. Versuchen wir einmal einige Simulationen mit den verschiedenen Hypothesen …« Miles erwachte und beugte sich näher vor, als die verschiedenen Theorien als dreidimensionale Vektor- diagramme über der Vid-Scheibe sichtbare Gestalt annahmen. Die Wissenschaftler erzeugten tatsächlich einige hübsche Bilder, aber abgesehen von ästhetischen Erwägungen hinsichtlich der Farbkontraste sah Miles nicht, was es zwischen ihnen zu wählen gab. »Was passiert, wenn jemand vor den gerichteten fünf- dimensionalen Impulsen aus diesem Ding steht?«, fragte er schließlich. »Zum Beispiel in verschiedenen Entfernungen. Oder mit einem Erzfrachter davor vorbeifliegt?« »Nicht viel«, erwiderte Riva und schaute dabei mindestens so intensiv auf die Wirbel und Linien wie Miles. »Ich bin mir nicht sicher, ob es für Sie auf der zellularen Ebene gut wäre, nahe an einem Energiegenerator dieser Größe zu sein, aber es handelt sich dabei schließlich, um einen Impuls für ein fünfdimensionales Feld. Alle dreidimensionalen Effekte hätten ihre Ursache in einer Defokussierung am Rande und würden zweifellos die Energieform von Gravitationswellen annehmen. Künstliche Gravitation ist ein Schnittstellenphänomen zwischen dem fünfdimensionalen und dem dreidimensionalen Raum, wie auch bei Ihrer militärischen gravitischen Imploderlanze.« D’Emorie zuckte leicht zusammen, aber der Versuch, einen Physiker, der sich mit dem fünfdimensionalen Raum befasste, hinsichtlich der Prinzipien der Imploderlanze in Unkenntnis zu halten, war eine vergebliche Liebesmüh, wie wenn man versuchte, das Wetter vor einem Bauern geheim zu halten. Das Beste, was die Militärs erhoffen konnten, war, die technischen Details eine Weile geheim zu halten. »Könnte es sein, ich weiß nicht… dass wir nur die Hälfte der Waffe sehen?« Dr. Riva zuckte die Achseln, blickte aber eher interes- siert als verächtlich drein, und so hoffte Miles, dass die Frage nicht töricht gewesen war. »Haben Sie schon ermittelt, ob es überhaupt als Waffe gedacht ist?«, fragte sie. »Es gibt schon einige sehr tote Leute in diesem Zusam- menhang«, betonte Miles. »Dazu braucht man leider nicht unbedingt eine Waffe.« Professor Vorthys seufzte. »Sorglosigkeit, Dummheit, Hast und Unwissenheit sind ebenso zerstörerische Gewalten wie mörderische Absichten. Allerdings muss ich gestehen, dass ich für solche Absichten eine besondere Abneigung hege., Sie erscheinen mir so unnötigerweise redundant. Sie sind … anti-technisch.« Dr. Riva lächelte. »Also«, sagte Vorthys, »was ich wissen will, ist: Was geschieht, wenn man mit diesem Apparat auf ein Wurm- loch zielt oder es vielleicht aktiviert, wenn man durch ein Wurmloch springt. In diesem Fall müsste man auch die Effekte in Betracht ziehen, die durch das Necklin-Feld entstehen, in dem der Apparat unterwegs ist.« »Hmmm…«, machte Riva. Sie und der junge Mann mit dem sandfarbenen Haar begannen in ihrem mathema- tischen Fachchinesisch eine Diskussion, die sie dann zu einer Umprogrammierung der Simulationskonsole unter- brachen. Das erste bunte Display verwarfen beide mit dem gemurmelten Kommentar: »Das stimmt nicht…« Ein paar weitere Projektionen erschienen. Dr. Riva lehnte sich schließlich zurück und fuhr sich mit den Händen durch die kurzen Locken. »Haben wir die Möglichkeit, das nach Hause mitzunehmen, um eine Nacht darüber zu schlafen?« »Ach«, erwiderte Lord Auditor Vorthys, »ich fürchte, ich habe mich gestern Abend über die KomKonsole Ihnen gegenüber unklar ausgedrückt. Diese Angelegenheit hier ist so etwas wie ein Sofortprogramm. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Zeit hier einen wesentlichen Faktor darstellt. Wir bleiben alle hier so lange, bis wir das heraus- gefunden haben. Es verlassen keine Daten das Gebäude.« »Was, kein Dinner auf dem Zenit der Kuppel von Serifosa?«, bemerkte Yuell enttäuscht. »Nicht heute Abend«, sagte Vorthys entschuldigend., »Es sei denn, jemand bekommt wirklich eine Inspiration. Kost und Logis werden vom Kaiser bezahlt.« Riva blickte sich in dem Raum um, stellvertretend für die ganze Anlage. »Heißt das wieder, es gibt nur die übliche billige Unterkunft des KBS? Mit Bettrollen und Fertigmahlzeiten?« Der Professor lächelte schief. »Ich fürchte, ja.« »Daran hätte ich mich doch noch vom letzten Mal erinnern sollen … Tja, vermutlich stellt das eine gewisse Motivation dar. Yuell, das reicht einstweilen an der Kom- Konsole. Irgendetwas stimmt da nicht. Ich muss herum- gehen.« »Der Korridor steht Ihnen zur Verfügung«, lud Professor Vorthys sie freundlich ein. »Haben Sie Ihre Wanderschuhe mitgebracht?« »Gewiss doch. Daran habe ich mich noch vom letzten Mal erinnert.« Sie streckte die Beine aus und zeigte ihre bequemen Schuhe mit den dicken Sohlen, dann stand sie auf und ging in den Flur hinaus. Dort begann sie schnell auf und ab zu gehen, wobei sie von Zeit zu Zeit etwas vor sich hinmurmelte. »Dr. Riva behauptet, sie könne besser denken, während sie geht«, erklärte Vorthys Miles. »Ihre Theorie ist, dass dabei das Blut besser ins Gehirn gepumpt wird. Meine Theorie ist, dass damit die ablenkenden Unterbrechungen verringert werden, weil niemand mit ihr Schritt halten kann.« Eine verwandte Seele, bei Gott. »Darf ich dabei zuschauen?«, »Ja, aber sprechen Sie sie bitte nicht an. Es sei denn, sie spricht Sie an.« Vorthys und Yuell kehrten beide an ihre KomKonsolen zurück. Der Professor schien zu versuchen, seine hypothe- tische Konstruktion des fehlenden Energieversorgungs- systems des neuartigen Apparats zu verbessern. Miles war sich nicht sicher, ob Yuell nicht bloß eine Art mathematisches Vid-Spiel spielte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, schaute zum Fenster hinaus und richtete eine Frage an seine Phantasie: Wenn ich ein komarranischer Verschwörer wäre, dem der KBS auf den Fersen ist und der einen neuartigen Apparat von der Größe mehrerer Elefanten mit sich herumschleppt, wo würde ich das Ding verstecken? Nicht in seinem Gepäck, das war auf jeden Fall mal sicher. Er kritzelte Ideen auf eine Folie und strich dann die meisten wieder durch und verwarf sie. D’Emorie studierte die Arbeit des Professors und ließ einige der früheren Simulationen noch einmal laufen. Nach etwa einer Dreiviertelstunde bemerkte Miles, dass das Echo sanfter schneller Schritte aus dem Korridor verstummt war. Er stand auf, ging zur Tür und steckte den Kopf hinaus. Dr. Riva saß auf einem Fenstersims am Ende des Korridors und blickte nachdenklich auf die komarra- nische Landschaft hinaus. Hier fiel der Boden zu dem Wasserlauf hin ab und war viel weniger öde als die übliche Szenerie, da er reichlich von irdischem Grün besiedelt war. Miles trat behutsam zu der Sitzenden. Sie schaute mit ihrem lebhaften Lächeln auf, als er sich ihr näherte. Er lächelte zurück, setzte sich auf den, niedrigen Sims und folgte ihrem Blick durch das luftdichte Fenster, dann wandte er den Kopf und musterte ihr Profil. »Also«, begann er schließlich, »was denken Sie?« Sie verzog spöttisch die Lippen. »Ich denke… dass ich nicht an ständige Bewegung glaube.« »Aha.« Nun ja, wenn es leicht oder auch nur gemäßigt schwierig gewesen wäre, dann hätte der Professor sicher nicht Verstärkung geholt. »Hm.« Sie wandte den Blick von der Szenerie ab und schaute ihn an, dann sagte sie: »Sind Sie wirklich der Sohn des Schlächters von Komarr?« »Ich bin der Sohn von Aral Vorkosigan«, erwiderte er ruhig. »Ja.« Ihre Version der ständigen Frage war weder der zufällige gesellschaftliche Fauxpas Tiens noch die bewusste Provokation Veniers. Es schien etwas mehr… Wissenschaftliches zu sein. Worauf machte sie die Probe? »Das Privatleben der Mächtigen ist manchmal nicht das, was wir erwarten.« Er reckte das Kinn. »Die Menschen haben einige sehr seltsame Illusionen hinsichtlich der Macht. Meist besteht sie darin, eine Parade zu finden und nach vorn zu flitzen, um sich an die Spitze der Band zu setzen. So wie Beredsamkeit darin besteht, Menschen zu Dingen zu überreden, die sie unbedingt glauben wollen. Demagogie ist vermutlich Beredsamkeit, die auf die niedrigste moralische Energiestufe herabsinkt.« Er lächelte düster seinen Stiefeln zu. »Menschen bergauf zu schieben ist verdammt viel schwerer. Man kann sich bei dem Versuch das Herz ruinieren.« Buchstäblich, aber er sah keinen Sinn, darin, mit ihr die Krankengeschichte des Schlächters von Komarr zu erörtern. »Man hat mir zu verstehen gegeben, dass Sie ein Opfer der Machtpolitik sind.« Gewiss doch konnte sie nicht durch seinen grauen Anzug hindurch Narben sehen. »Oh«, Miles zuckte die Achseln, »die vorgeburtliche Schädigung war nur das Vorspiel. Den Rest habe ich mir selbst zugefügt.« »Wenn Sie die Zeit zurückdrehen und die Dinge ändern könnten, würden Sie das tun?« »Das Soltoxin-Attentat auf meine schwangere Mutter verhindern? Wenn ich nur ein einziges Ereignis ändern dürfte… vielleicht nicht.« »Was? Weil Sie es nicht riskieren wollten, einen Audito- renposten mit dreißig zu versäumen?« In ihrem Ton war nur ein Anflug von Spott, den ihr schiefes Lächeln mil- derte. Was zum Teufel hatte Vorthys ihr überhaupt über ihn erzählt? Sie war sich allerdings der Macht einer Stimme des Kaisers sehr bewusst. »Ich habe das Alter von dreißig ein paarmal fast im Sarg erreicht. Ein Auditorenposten hat nie zu meinen Ambitio- nen gehört. Diese Ernennung war eine Laune Gregors. Ich wollte Admiral werden. Aber darum geht es nicht.« Er hielt inne, holte Atem und stieß ihn langsam wieder aus. »Im Laufe meines Lebens habe ich eine Menge bedauerns- werter Fehler begangen, bis ich meine heutige Stellung erreichte, aber… ich würde meinen Weg nicht mehr gegen einen anderen austauschen. Ich würde befürchten, dass ich mich damit kleiner mache.«, Sie reckte den Kopf und schätzte seine Kleinwüchsigkeit ab. Dabei war ihr nicht entgangen, was er sagen wollte. »Das ist die beste Definition von Befriedigung, die ich bisher gehört habe.« Er zuckte die Achseln. »Oder von verlorenem Wage- mut.« Verdammt, er war doch hergekommen, um heraus- zufinden, was sie dachte. »Was halten Sie also von diesem neuen Apparat?« Sie verzog das Gesicht und rieb sich langsam die flachen Hände. »Wenn Sie nicht davon ausgehen wollen, dass es erfunden wurde, um Physikern Kopfschmerzen zu bereiten, dann meine ich … es ist Zeit für eine Essenspause.« Miles grinste. »Essen, das können wir liefern.« Bei dem Essen handelte es sich, wie angedroht, in der Tat um Fertigmahlzeiten aus Armeebeständen, wenn auch von der höchsten Qualitätsstufe. Alle saßen um einen Tisch in dem langen Raum, schoben Geräteteile beiseite, um Platz zu machen, und rissen die Verpackung von den selbstwärmenden Tabletts ab. Die Komarraner beäugten unsicher ihre Speisen; Miles erklärte, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können, und löste damit bei Dr. Riva ein Kichern aus. Das Gespräch ging zu allgemeinen Themen über, es ging um Ehemänner und Ehefrauen, Kinder und Lehrstühle, dann folgte ein Austausch skurriler Anekdoten über die Unzuverlässigkeit früherer Kollegen. D’Emorie hatte ein paar gute Geschichten über frühe KBS- Fälle parat. Miles war versucht, sie mit ein paar Storys über seinen Cousin Ivan zu überbieten, aber dann nahm er vornehmerweise davon Abstand, allerdings erzählte er, wie er einmal mit seinem Fahrzeug in einigen Metern, arktischen Schlamms versunken war. Das leitete zum Thema des Fortschritts beim Terraforming von Komarr über, und so kamen sie allmählich wieder zur Arbeit zurück. Dr. Riva wurde, wie Miles bemerkte, immer ruhiger. Sie bewahrte ihr Schweigen, als sich nach dem Essen alle wieder an die KomKonsolen begaben. Ihr Hin- und Herwandern nahm sie nicht wieder auf. Miles beobachtete sie verstohlen, dann weniger verstohlen. Sie ließ einige Simulationen erneut laufen, spielte aber nicht mehr mit weiteren Abänderungen herum. Miles wusste verdammt gut, dass man Einsichten nicht beschleunigen konnte. Diese Art der Problemlösung glich mehr dem Fischen als der Jagd: Man wartete geduldig und bis zu einem gewissen Grad hilflos darauf, dass Dinge aus den Tiefen des Bewusstseins aufstiegen. Er dachte daran, wie er das letzte Mal gefischt hatte. Überlegte, wie alt Dr. Riva wohl war. Zur Zeit der barrayaranischen Eroberung von Komarr war sie ein Teenager gewesen. Zur Zeit der Revolte in den Zwanzigern. Sie hatte überlebt, hatte durchgehalten, hatte kooperiert; ihre Jahre unter der kaiserlichen Herrschaft waren gut gewesen, einschließlich eines offensichtlich erfolgreichen Geisteslebens und einer einzigen Ehe. Sie hatte mit Vorthys über ihre Kinder gesprochen und die bevorstehende Hochzeit ihrer ältesten Tochter erwähnt. Diese Frau war keine komarranische Terroristin. Wenn man die Zeit zurückdrehen und Dinge ändern könnte…, Der einzige Zeitpunkt, wann man Dinge ändern konnte, war im schwer fassbaren Jetzt, das einem so schnell durch die Finger glitt, wie man darüber nachdachte. Er fragte sich, ob auch sie im Augenblick darüber nachdachte. Jetzt. Jetzt würde sich das Schiff der Professora, von Barrayar kommend, für seinen letzten Wurmlochsprung bereit- machen. Jetzt würde Ekaterins Fähre sich der Sprungpunkt- station nähern. Jetzt würden Soudha und seine Mannschaft ernsthafter Techniker… was machen? Und wo? Jetzt saß er, Miles, in einem Raum auf Komarr und beobachtete eine auf ruhige Weise brillante Frau, die aufgehört hatte zu denken. Er stand auf, trat zu Major D’Emorie und tippte ihm auf die Schulter in der grünen Uniform. »Major, darf ich draußen ein Wort mit Ihnen wechseln?« Überrascht fuhr D’Emorie seine KomKonsole herunter, auf der er einer Frage nach verfügbaren Transformatoren nachgegangen war, die Vorthys ihm gestellt hatte. Er folgte Miles in den Vorraum und den Korridor hinab. »Major, haben Sie eine Schnell-Penta-Ausrüstung ver- fügbar?« D’Emorie hob die Augenbrauen. »Ich kann nach- schauen, Mylord.« »Tun Sie es. Holen Sie das Schnell-Penta und bringen Sie es mir.« »Jawohl, Mylord.« D’Emorie ging. Miles verweilte am Fenster. Es dauerte zwanzig Minuten, bis D’Emorie zurückkehrte, aber er hatte die wohlbekannte Box in der Hand., Miles nahm sie. »Danke. Jetzt hätte ich gern, dass Sie Dr. Yuell auf einen Spaziergang mitnehmen. Ganz diskret. Ich werde Sie es wissen lassen, wenn Sie wieder herein- kommen können.« »Mylord… wenn es um Schnell-Penta geht, dann würde der KBS sicher wollen, dass ich zuschaue.« »Ich weiß, was der KBS will. Sie können versichert sein, ich werde ihnen danach sagen, was sie wissen müssen.« Das war jetzt der Gegenkurs, ha, zu all den Besprechungen, die Leutnant Vorkosigan einst erduldet hatte und wo wichtige Dinge fehlten … Das Leben war gut – manchmal. Miles lächelte etwas säuerlich; D’Emorie schwenkte intelligenterweise ab. »Ja, Mylord Auditor.« Miles hielt sich abseits, wahrend D’Emorie mit Dr. Yuell nach draußen ging. Als er den langen Raum betrat, sperrte er die Tür hinter sich ab. Professor Vorthys und Dr. Riva schauten ihn beide überrascht an. »Wozu soll das gut sein?«, fragte Dr. Riva, als er die Box auf den Tisch stellte und öffnete. »Dr. Riva, ich erbitte und verlange ein etwas offeneres Gespräch, als wir es zuvor hatten.« Er hielt das Hypospray hoch und kalibrierte die Dosierung für ihre geschätzte Körpermasse. Eine Überprüfung auf Allergie? Er glaubte nicht, dass die notwendig war, aber sie gehörte zur Standardprozedur; wenn er nicht raten musste, würde er auch nicht danebenraten. Er riss ein Testpflaster von dem zusammengerollten Streifen ab und trat zu Dr. Rivas Stuhl. Sie war zu überrascht, um Widerstand zu leisten, als er ihre, Hand nahm, sie umdrehte und den Tester an die Innenseite ihres Handgelenks drückte, doch als es prickelte, zog sie die Hand mit einem Ruck zurück. Er ließ es durchgehen. »Miles«, rief Professor Vorthys mit erregter Stimme, »was soll das heißen? Sie können doch nicht mit Schnell- Penta … Dr. Riva ist von mir als Gast eingeladen worden!« Diese Formulierung war nur einen Schritt von solchen Vor-Herausforderungen entfernt, die in den schlechten alten Zeiten in Duellen zu enden pflegten. »Mylord Auditor, Dr. Riva. In diesem Fall sind mir bisher zwei ernste Fehlbeurteilungen unterlaufen. Wenn ich einen davon vermieden hätte, dann wäre Ihr Schwiegersohn noch am Leben, wir hätten Soudha festgenagelt, bevor er mit seiner ganzen Apparatur abhauen konnte, und wir würden jetzt nicht alle auf dem Grund eines tiefen taktischen Lochs sitzen und mit Puzzles spielen. Beide Male war es im Kern der gleiche Fehler. Am ersten Tag unserer Besichtigung des Terraforming-Projekts habe ich nicht darauf bestanden, dass Tien mit dem Luftwagen hier landet, obwohl ich mir die Örtlichkeit ansehen wollte. Und am zweiten Abend habe ich nicht darauf bestanden, Madame Radovas unter Schnell-Penta zu verhören, obwohl ich das wollte. Sie sind der Analytiker von Fällen von Versagen, Professor; oder täusche ich mich?« »Nein… Aber Sie hätten es doch nicht wissen können, Miles!« »Oh, ich hätte es durchaus wissen können. Darum geht es ja. Aber ich entschied mich nicht zu tun, was notwendig war, weil ich nicht wollte, dass es erschiene, als gebrauchte oder missbrauchte ich meine Macht als Auditor auf eine, beleidigende Weise. Besonders nicht hier auf Komarr, wo jedermann mich, den Sohn des Schlächters, beobachtet, um zu sehen, was ich wohl tun werde. Außerdem habe ich in meiner Karriere immer gegen die Autoritäten gekämpft. Jetzt gehöre ich zu ihnen. Natürlich war ich ein wenig verwirrt.« Dr. Riva hielt die Hand an den Mund; auf der Innenseite ihres Arms war kein Ausschlag und keine Rötung zu sehen. Schön und gut. Miles kehrte an den Tisch zurück und nahm das Hypospray. »Lord Vorkosigan, ich bin nicht damit einverstanden!«, erklärte Dr. Riva förmlich, als er sich ihr näherte. »Dr. Riva, ich habe Sie nicht gefragt.« Seine linke Hand schützte seine rechte wie im Messerspiel; das Hypospray schoss hervor und berührte ihren Hals, als sie sich gerade umwandte und anschickte, von ihrem Stuhl aufzustehen. »Es wäre ein zu grausames Dilemma.« Sie sank zurück und blickte ihn zornig an. Zornig, aber nicht verzweifelt; sie war also selbst geteilter Meinung, was ihnen zweifellos die Peinlichkeit erspart hatte, dass er im Raum hinter ihr her hätte jagen müssen. Selbst bei ihrem Alter und ihrem würdigen Aussehen wäre sie wahrscheinlich schneller als er gerannt, wenn sie wirklich dazu entschlossen gewesen wäre. »Miles«, versetzte der Professor mit einem gefährlichen Unterton, »es mag dies Ihr Privileg als Auditor sein, aber Sie sollten lieber in der Lage sein, Ihr Vorgehen zu rechtfertigen.« »Wohl kaum ein Privileg. Nur meine Pflicht.« Miles, blickte in Dr. Rivas Augen, während ihre Pupillen sich weiteten und sie auf ihrem Stuhl schlaff zurücksank. Miles machte sich nicht die Mühe mit der standardmäßigen Eröffnungslitanei neutraler Fragen, während er darauf wartete, dass die Wirkung der Droge eintrat, sondern beobachtete nur ihre Lippen. Ihre Gespanntheit wich langsam dem stereotypen Schnell-Penta-Lächeln. Ihre Augen blieben fokussierter als die der üblichen Probanden; er war sich sicher, dass sie die Vernehmung langwierig und weitschweifig machen konnte, wenn sie es wollte. Er würde sein Bestes tun, um diese Weitschweifigkeit zu beschneiden. Der kürzeste Weg durch einen feindlichen Bezirk ging um drei Seiten. »Professor Vorthys hat Ihnen ein wirklich interessantes Problem bezüglich des fünfdimensionalen Raums gestellt«, bemerkte Miles. »Gewissermaßen ein Privileg, bei so etwas zu Rate gezogen zu werden.« »O ja«, stimmte sie freundlich zu. Sie lächelte, runzelte die Stirn, ihre Hände zuckten, dann wurde ihr Lächeln sicherer. »Das könnte Preise und akademische Beförderung bedeuten, wenn alles am Ende geklärt ist.« »Oh, noch besser«, versicherte sie ihm. »Etwas Neues in der Physik kommt einem nur einmal im Leben unter, und normalerweise ist man dann zu jung oder zu alt.« »Seltsam, ich habe Militärkarrieristen die gleiche Beschwerde vorbringen hören. Aber würde man es nicht Soudha zuschreiben?« »Ich bezweifle, dass Soudha es war, der es sich, ausgedacht hat. Bestimmt war es der Mathematiker, Cappell, oder vielleicht der arme Dr. Radovas. Man sollte es nach Radovas benennen. Er ist vermutlich dafür gestor- ben.« »Ich möchte nicht, dass noch jemand dafür stirbt.« »O nein«, pflichtete sie ihm ernsthaft bei. »Was sagten Sie noch mal, worum es sich handelte, Professor Riva?« Miles bemühte sich nach Kräften, wie ein erstaunter Student zu klingen. »Ich habe es nicht ver- standen.« »Die Technik zum Kollaps eines Wurmlochs. Es sollte eigentlich einen besseren Namen dafür geben. Ich frage mich, ob Dr. Soudha eine kürzere Bezeichnung dafür hat.« Lord Auditor Vorthys, der mit zusammengekniffenen Augen missbilligend zugeschaut hatte, richtete sich lang- sam auf seinem Stuhl auf. Seine Augen wurden groß, seine Lippen bewegten sich. Das letzte Mal hatte Miles ein derartiges Gefühl im Magen gehabt, als er bei einem Kampfsturzflug aus dem niedrigen Orbit dabei gewesen war. Technik zum Kollaps eines Wurmlochs? Bedeutet das, was ich meine, dass es bedeutet? »Eine Technik zum Kollaps eines Wurmlochs«, wiede- rholte er höflich in seinem besten Schnell-Penta-Verneh- mungsstil. »Wurmlöcher kollabieren, aber ich wusste nicht, dass Menschen dazu beitragen könnten. Würde das nicht eine schreckliche Menge Energie erfordern?« »Dr. Soudha und seine Leute scheinen Wege gefunden zu haben, um das zu umgehen. Resonanz, fünfdimen-, sionale Resonanz. Amplitudenverstärkung, wissen Sie. Verschließt das Wurmloch für immer. Ich glaube allerdings nicht, dass es umgekehrt funktionieren würde. Es kann nicht antientropisch wirken.« Miles warf Vorthys einen fragenden Blick zu. Ihm schienen die Worte offensichtlich etwas zu sagen. Gut. Dr. Riva fuchtelte träumerisch mit den Händen. »Höher und höher und höher und – bumm!« Sie kicherte. Es war ein Kichern, das nach Schnell-Penta klang, dieses beunru- higende Kichern, das den Gedanken nahe legte, dass sie auf einer anderen Ebene in ihrem von der Droge beherrschten Gehirn überhaupt nicht kicherte. Vielleicht schrie sie dort. Wie es Miles getan hatte, als… »Außer«, fügte sie hinzu, »dass hier irgendwo etwas sehr verkehrt ist.« Kerne Lüge. Er ging zum Tisch, nahm das Hypospray mit dem Gegenmittel und schaute Vorthys an. »Wollen Sie noch etwas fragen, solange sie noch unter der Droge steht? Oder ist es an der Zeit, zum Normalzustand zurück- zukehren?« Vorthys blickte immer noch abwesend, nach innen gerichtet, drein. In Gedanken ging er offensichtlich alles, was er im Laufe der Ermittlungen erfahren hatte, noch einmal im Licht dieser neuen, revolutionären Idee durch. Er blickte auf und schaute zu der albern grinsenden Dr. Riva hinüber. »Ich glaube, wir müssen unseren ganzen Grips zusammennehmen.« Er senkte die Augenbrauen, als hätte er Schmerzen. »Man sieht natürlich, warum sie gezö- gert hat, uns ihre Theorie mitzuteilen. Im Falle, dass sie zutrifft…«, Miles trat mit dem zweiten Hypospray an Dr. Riva heran. »Das ist der Antagonist zu Schnell-Penta. Er wird die Droge in weniger als einer Minute in Ihrem Organismus neutralisieren.« Zu seiner Überraschung hob sie Einhalt gebietend die Hand. »Warten Sie. Ich habe es gehabt. Ich konnte es fast in meiner Vorstellung sehen… wie eine Vid-Projektion … Energieübertragung, ein fließendes… Feldreservoir … warten Sie.« Sie schloss die Äugen und lehnte den Kopf zurück; ihre Füße klopften sanft und rhythmisch auf den Boden. Ihr Lächeln kam und ging, kam und ging. Schließlich riss sie die Augen auf und starrte Vorthys kurz und eindringlich an. »Das Schlüsselwort«, begann sie, »ist elastischer Rückstoß. Halten Sie das fest.« Sie blickte Miles an und hielt ihm einen schlaffen Arm hin. »Sie können fortfahren, Mylord.« Wieder kicherte sie. Er setzte das Hypospray über der blauen Ader auf der Innenseite ihres Ellbogens an; es zischte kurz. Er deutete eine Verneigung vor ihr an, trat zurück und wartete. Ihre gelockerten Gliedmaßen strafften sich; sie verbarg das Gesicht in den Händen. Nach etwa einer Minute blickte sie wieder auf und blinzelte. »Was habe ich gerade gesagt?«, fragte sie Vorthys. »Elastischer Rückstoß«, wiederholte der Professor und beobachtete sie eindringlich. »Was bedeutet das?« Sie schwieg einen Augenblick lang und starrte auf ihre, Füße. »Es bedeutet … ich habe mich für nichts und wieder nichts kompromittiert.« Sie presste erbittert die Lippen zusammen. »Soudhas Apparat funktioniert nicht. Oder zumindest funktioniert er nicht, um ein Wurmloch zum Kollaps zu bringen.« Sie setzte sich auf und schüttelte und streckte sich. Zweifellos kam ihr Körpergefühl wieder, während der Rest des Gegenmittels durch ihren Organis- mus pulste. »Ich dachte, dieses Zeug würde bei mir Übelkeit erzeugen.« »Die Reaktionen sind von Proband zu Proband höchst unterschiedlich«, erwiderte Miles. In der Tat hatte er eine derartige noch nie erlebt. »Eine Frau, die wir kürzlich vernahmen, sagte, sie finde es sehr erholsam.« »Es hatte den seltsamsten Effekt auf meine inneren Visualisierungen.« Sie blickte mit nachdenklichem Respekt auf das Hypospray. »Vielleicht werde ich es eines Tages mit Absicht versuchen.« Da möchte ich dann dabei sein, wenn Sie das tun. Miles hatte plötzlich eine erregende Vision, wie er die Droge benutzte, um seine eigenen Einsichten zu vermehren – für ein Instantgehirn! –, dann fiel ihm zu seiner extremen Enttäuschung ein, dass Schnell-Penta bei ihm nicht so wirkte. Dr. Riva schaute Miles an. »Falls ich jemals aus einem barrayaranischen Gefängnis herauskomme. Stehe ich jetzt unter Arrest?« Miles kaute an seiner Lippe. »Weshalb?« »Ist es nicht Verrat, wenn man Eide der Loyalität und der Sicherheit bricht?«, »Sie haben keinen Sicherheitseid gebrochen. Noch nicht. Was die andere Sache angeht… wenn zwei Kaiserliche Auditoren sagen, sie hätten etwas nicht gesehen, dann kann es bemerkenswert unsichtbar werden.« Vorthys lächelte plötzlich. »Ich dachte, Sie wären vereidigt, die ganze Wahrheit zu sagen, Lord Auditor.« »Nur Gregor gegenüber. Was wir dem übrigen Univer- sum gegenüber sagen, ist Vereinbarungssache. Wir verkün- den diese Tatsache lediglich nicht.« »Das stimmt leider«, seufzte Vorthys. »Wie werden Sie die fehlenden Drogendosen dem KBS erklären?« »Erstens bin ich ein Kaiserlicher Auditor. Ich muss niemandem irgendetwas erklären. Am allerwenigsten dem KBS. Zweitens haben wir sie experimentell benutzt, um wissenschaftliche Einsichten zu verbessern. Was meiner Schlussfolgerung nach die Wahrheit ist, und so kehre ich zum Spielbeginn zurück und sammle meine Spielmarken ein.« Sie verzog die Lippen zu einem echten, wenn auch spöttisch verblüfften Lächeln. »Ich verstehe, glaube ich.« »Kurz gesagt, das hier ist nie passiert, Sie stehen nicht unter Arrest, und wir haben eine Arbeit zu tun. Doch könnten Sie, bevor ich unsere Kollegen zurückrufe, zur Befriedigung meiner Wissbegier mir eine schnelle Zusammenfassung Ihrer Argumentationskette geben? Bitte in nichtmathematischen Begriffen.« »Bis jetzt habe ich sie erst in nichtmathematischen, Begriffen. Wenn ich nicht einige echte Zahlen unterlegen kann – tja, dann werde ich es einfach als eine interessante Halluzination abtun müssen.« »Sie waren überzeugt genug, um uns gegenüber den Mund zu halten.« »Ich war bestürzt. Nicht so sehr überzeugt, sondern atemlos.« »Mit Hoffnung?« »Mit… ich weiß es nicht ganz.« Sie schüttelte den Kopf. »Es mag sich noch erweisen, dass ich nicht Recht habe, und das wäre nicht zum ersten Mal. Aber Sie sind vermut- lich mit Beispielen positiver Feedback-Schleifen in reso- nanten Phänomenen vertraut – beim Schall zum Beispiel?« »Feedback-Kreischen, ja.« »Oder eine reine Note, die ein Weinglas zerbrechen lässt. Und in Strukturen – wissen Sie, warum Soldaten ihren Gleichschritt aufgeben müssen, wenn sie über eine Brücke marschieren? Damit die Resonanz ihrer Schritte nicht das Bauwerk zum Einsturz bringt?« Miles grinste, »Ich habe das tatsächlich einmal passieren sehen. Beteiligt waren ein Trupp Kaiserlicher Jungpfad- finder, eine Flaggenzeremonie, eine hölzerne Fußgänger- brücke und mein Cousin Ivan. Dabei sind zwanzig wirklich abscheuliche Jungen im Teenageralter in einen Bach gestürzt.« An den Professor gewandt fügte er hinzu: »Man wollte mich an jenem Abend nicht mit meinem Trupp mit- marschieren lassen, weil – wie man sagte – meine Körper- größe die Symmetrie stören würde. Also beobachtete ich das Ganze von den hinteren Reihen aus. Es war herrlich., Ich glaube, ich war etwa dreizehn, aber ich werde es nie vergessen.« »Haben Sie es kommen sehen, oder sind Sie davon über- rascht worden?«, fragte der Professor neugierig. »Ich habe es kommen sehen, allerdings – das muss ich zugeben – nicht schon lange vorher.« »Hm.« Dr. Rivas Augenbrauen zuckten; sie leckte sich über die Lippen und begann: »Wurmlöcher schwingen im fünf- dimensionalen Raum mit. Sehr leicht und mit sehr hoher Geschwindigkeit. Ich glaube, die Funktion von Soudhas Apparat besteht darin, einen Energieimpuls für den fünfdimensionalen Raum auszuschicken, der genau auf die natürliche Frequenz eines Wurmlochs abgestimmt ist. Die Energie des Impulses ist gering, verglichen mit den latenten Energien, die an der Struktur des Wurmlochs beteiligt sind, aber wenn er richtig abgestimmt ist, könnte – nein, würde er allmählich die Amplitude der Resonanz des Wurmlochs aufbauen, bis sie ihre Phasengrenzen über- schreitet und kollabiert. Oder zumindest dachte Soudhas Gruppe, sie müsse kollabieren. Was meiner Meinung nach tatsächlich geschah, ist komplexer.« »Ein elastischer Rückstoß?«, fragte Vorthys erwartungs- voll. »In einem gewissen Sinn. Ich meine, es geschah Folgendes: Der Puls verstärkte die Resonanzenergien, bis die Phasengrenzen zurückprallten und die Energie abrupt in den dreidimensionalen Raum zurückgegeben wurde, und zwar in Form einer gerichtete Gravitationswelle.«, »Du lieber Himmel«, sagte Miles. »Wollen Sie damit sagen, dass Soudha eine Methode gefunden hat, ein ganzes Wurmloch in eine gigantische Imploderlanze zu verwan- deln?« »Mmmm …«, erwiderte Riva. »Äh … vielleicht. Was ich nicht weiß, ist, was er zu tun beabsichtigte. Die erste Theorie ergab mehr politischen Sinn für mich … als Komarranerin. Sie war für mich ganz verführerisch. Ich frage mich, ob Soudhas Leute ebenso verführt wurden? Falls er tatsächlich beabsichtigte, dass das Wurmloch sich wie eine Art Imploderlanze verhalten sollte, dann sehe ich nicht, dass er einen Weg gefunden hätte, mit dieser Lanze zu zielen. Ich glaube, der Gravitationsimpuls wurde entlang seinem ursprünglichen Pfad zurückgegeben. Ich weiß nicht, ob Radovas Selbstmord begangen hat, aber ich befürchte sehr, dass er sich selbst erschossen hat.« »Du meine Güte«, hauchte Vorthys. »Und der Erz- frachter…« »Falls sich die Testplattform tatsächlich an Bord der Solettastation befand, war die Verwicklung des Erz- frachters in den Vorfall reines Pech. Schlechtes Timing. Er geriet in den Gravitationsimpuls und wurde auseinander gerissen, dann wurde er auf den Sonnenspiegel gelenkt, traf ihn und brachte alles durcheinander. Falls der Apparat sich an Bord des Erzfrachters befand – nun ja, dasselbe Ergebnis.« »Die Verwirrung eingeschlossen«, bemerkte Vorthys mit Bedauern. »Aber… aber da gibt es noch etwas, das sehr unstimmig, ist. Wahrscheinlich haben Sie die meisten der Energie- vektoren berechnet, die am Soletta-Unfall beteiligt waren?« »Immer wieder.« »Sie vertrauen den Zahlen, die Sie mir gegeben haben?« »Ja.« »Und Sie haben Grenzwerte für die Energien gesetzt, die der Apparat – über verschiedene Zeitspannen – übertragen haben kann?« »Es gibt einige ziemlich strikte und offensichtliche technische Beschränkungen für seinen potenziellen höch- sten Energieausstoß«, stimmte ihr Vorthys zu. »Was wir nicht wissen, ist, wie lange sie ihn aufrechterhalten konnten.« »Nun«, die Physikerin holte tief Luft, »wenn sie den Apparat nicht wochenlang haben laufen lassen – und Radovas und Trogir wurden ja noch viel später hier unten gesehen –, dann glaube ich, dass man mehr Energie aus dem Wurmloch herausgeholt als in es hineingeschickt hat.« »Woher?« »Vermutlich aus der Tiefenstruktur des Wurmlochs. Irgendwie. Es sei denn, Sie wollen davon ausgehen, dass Soudha gleichfalls ein Perpetuum mobile erfunden hat, was gegen meine Religion verstößt.« Vorthys wirkte heftig erregt. »Das ist wunderbar! Miles, rufen Sie Dr. Yuell herein! Rufen Sie D’Emorie! Wir müssen diese Zahlen überprüfen.« Als D’Emorie mit Yuell zurückkehrte, waren alle, Fachleute zu sehr über den Durchbruch bezüglich des neuen Apparats entzückt, um irgendwelche peinlichen Fragen über den Verbleib des Schnell-Penta zu stellen. D’Emorie würde zweifellos später daran denken zu fragen; Miles beschloss, nichtssagend und uninformativ zu bleiben. Dr. Riva wollte offensichtlich keine Zeit und keine mentalen Energien auf Zorn verschwenden, wo es doch um Physik ging, aber wenn sie später beschließen sollte, ihm gegenüber sauer zu sein, dann würde er so reumütig tun wie nötig. Einstweilen lehnte sich Miles zurück, beobach- tete und lauschte, wobei er das Gefühl hatte, er verstehe vielleicht von drei Sätzen nur einen. Was stellte sich also Soudha nun vor, was er besäße: einen Wurmlochkollabierer – oder eine gigantische Imploderlanze? Soudha hatte viele der technischen Daten aus den Unfallermittlungen gestohlen; er besaß eine Menge derselben Zahlen wie Vorthys und verfügte über dieselbe Zeit, um sie zu sondieren. Während er – wie Miles sich ins Gedächtnis rief – eine komplizierte Evakuierung von etwa einem Dutzend Personen und einigen Tonnen technischer Güter durchführte. Soudha war sehr beschäftigt gewesen. Natürlich hatte er nicht Zeit damit verschwenden müssen, die Konstruktionspläne seines Apparats aus zerstreuten Spezifikationen zu rekonstruieren. Doch der Rückprall der Gravitation von dem Test- wurmloch in der Nähe der Solettastation muss Radovas – wie kurz auch immer – und Soudha überrascht haben. Der Unfall hatte ihren Forschungen ein Ende gemacht, Auditoren auf ihre Spuren gesetzt und ihre Flucht erzwungen. Es ergab keinen, aber auch gar keinen Sinn zu, unterstellen, bei der Zerstörung des Sonnenspiegels habe es sich um bewusste Sabotage und um Selbstmord gehandelt. Wenn man Barrayaraner in die Luft jagen wollte, dann gab es allenthalben weit einladendere Ziele. Wie zum Beispiel die militärischen Stationen, die jeden Wurmlochausgang aus dem Lokalraum von Komarr bewachten. Als eine Variante der Imploderlanze würde der Apparat keine sehr nützliche militärische Waffe darstellen, bis man heraus- gefunden hätte, wie man auf jemand anderen als sich selbst zielen konnte. Allerdings, wenn man ihn insgeheim an Bord einer militärischen Station aufbauen, einschalten und dann fliehen konnte, bevor die Explosion stattfand… Hatte Soudha schon herausgefunden, was geschehen war? Er verfügte über Daten, ja, aber sein Spezialist für den fünfdimensionalen Raum war tot. Arozzi war nur ein jüngerer Ingenieur, und Cappell, der Mathematiker, wies in seiner akademischen Laufbahn keine besondere Brillanz auf. Vorthys war in der Lage gewesen, die führende 5D- Expertin auf dem Planeten zu Rate zu ziehen, ganz zu schweigen von Yuell, dem Wunderknaben, der, wie Miles bemerkte, gerade in diesem Augenblick einen mathema- tischen Disput mit Vorthys führte und gewann. Wenn er über die Daten und genügend Zeit verfügt hätte, dann hätte Radovas vielleicht den gleichen gedanklichen Durchbruch wie Dr. Riva schaffen können, aber Soudha auf der Flucht war dazu nicht ausgerüstet. Es sei denn, er hatte einen Ersatz für Radovas gefunden … Miles nahm sich vor, den KBS aufzufordern, man solle überprüfen, ob in den letzten Wochen weitere komarranische Experten für den 5D-Raum verschwunden waren., Soudhas Flucht, so schloss Miles, musste einer von drei logischen Alternativen folgen. Entweder hatte man alles aufgegeben und war geflohen, oder man hatte sich zurück- gezogen, um sich zu verstecken, mühsam wieder die sichere Basis aufzubauen und eines anderen Tages einen neuen Versuch zu unternehmen. Oder man hatte den Zeitplan beschleunigt und beschlossen, alles mit einem frühen Schlag zu riskieren. Miles fragte sich, ob Soudha und seine Leute über die Entscheidung, die von techni- schen Erwägungen hätte bestimmt sein sollen, eine Abstimmung abgehalten hatten. Sie waren schließlich Komarraner und anscheinend Freiwillige. Amateur- verschwörer – nicht dass Verschwörung gerade ein anerkanntes Gewerbe war. Option eins kam Miles als nicht zutreffend vor, angesichts der Fakten, die er bisher gesehen hatte. Option zwei erschien wahrscheinlicher, gab aber dem KBS genug Zeit, um seine Arbeit zu tun. Das mochten auch die Komarraner gedacht haben. Wenn du dir Sorgen machen möchtest, dann tu das über Option drei. Bei Option drei gab es eine Menge, worüber man sich Sorgen machen konnte. In Panik geratene und verzweifelte Menschen waren in der Tat zu sehr eigenartigen Schritten fähig; Miles musste sich nur an einige Vorfälle in seiner eigenen Karriere erinnern. »Professor Vorthys, Dr. Riva.« Miles musste sich wiederholen, diesmal etwas lauter, bevor die beiden aufblickten. »Also, man zielt mit diesem Apparat auf ein Wurmloch und schaltet ihn an, und dann beginnt er Energie hineinzupumpen. An einem gewissen Punkt erreicht die Energie eine Bruchgrenze und prallt auf einen zurück. Was, passiert, wenn man den Apparat vor diesem Punkt abschaltet?« »Ich bin mir nicht sicher«, sagte Dr. Riva, »dass das genau passiert ist. Der Rückschlag kann dadurch ausgelöst worden sein, dass er eine der beiden Phasengrenzen über- schritten hat, oder dadurch, dass Radovas die Pulsquelle ausgeschaltet hat. Es ist unklar, ob die Verringerung der Phasengrenze diskontinuierlich vonstatten geht oder nicht.« »Also… einmal aktiviert, kann der Apparat praktisch zu seiner eigenen Totmannsschaltung werden? Ihn auszu- schalten löst ihn aus?« »Ich bin mir nicht sicher. Das wäre ein wichtiger Fall für einen Test.« Aus einer passenden Entfernung. »Nun… wenn Sie es herausfinden, dann lassen Sie es mich bitte wissen, ja? Machen Sie weiter!« Miles lehnte sich zurück. Er fühlte sich ganz und gar nicht beruhigt. Falls Soudha seinen Apparat mit dem Hintergedanken vervollkommnet hatte, die Wurmlöcher als Energiequellen zu benutzen, um die militärischen Stationen in die Luft zu jagen, die sie bewachten, als überraschende Eröffnung eines heißen Krieges… die richtige Methode dafür wäre, alle sechs Stationen auf einmal in die Luft zu jagen, abgestimmt mit einem komarrweiten Aufstand vom Ausmaß der unglückseligen Komarranischen Revolte. Miles war nicht völlig zufrieden mit dem, was der KBS bis jetzt in diesem Fall erreicht hatte, aber Soudhas Leute waren eine kleine Gruppe gewesen, die nahe am Boden agierte. Die Anzeichen für eine massive Revolte, die gärte,, hätten zu verbreitet sein müssen, als dass sie selbst dem KBS entgangen wären. Außerdem waren die Haupt- verschwörer alle in einem Alter, wo sie das schon einmal durchgemacht hatten. Jeder, der das Debakel der Komarranischen Revolte erlebt hatte, hatte Grund, seinen Volksgenossen mindestens so sehr zu misstrauen wie den Barrayaranern. Die Letzten, die Soudha bei seinem Komplott noch dabeihaben wollte, waren ein Haufen weiterer Komarraner. Und… die Gruppe verfügte nicht über sechs Apparate. Sie hatten fünf gehabt, der vierte war zerstört, und die drei früheren schienen nur Prototypen in kleinerem Maßstab gewesen zu sein. Es war, wie wenn man eine Pistole mit nur einer Kugel darin hatte. Man würde sich sein Ziel sehr sorgfältig auswählen müssen. Angenommen, Soudha bildete sich immer noch ein, er besitze einen Wurmlochkollabierer, wenn auch einen mit ein paar Macken in der Konstruktion. Im Lokalraum von Komarr gab es sechs aktive Wurmlöcher, doch Miles hatte keinerlei Zweifel, auf welches Soudha es abgesehen haben würde. Der einzige Sprungpunkt nach Barrayar. Würde uns mit einem Schlag abschneiden, jawohl. Von einem komarrani- schen Standpunkt aus gesehen war das ein Komplott, das alle diese fünf Jahre der Aufopferung, all den Schweiß und die Gefahr wert war: Barrayars einziges Tor zum galak- tischen Wurmlochnexus zu schließen. Eine unblutige Revolution, die diese Technikertypen ohne Zweifel ansprechen würde. Sie würden Komarr wieder in die guten alten Tage seiner Glorie wie vor einem Jahrhundert, zurückversetzen – und Barrayar in seine schlimmen alten Tage, in ein neues Zeitalter der Isolation. Egal, ob irgendjemand auf Komarr oder Barrayar überhaupt dorthin zurückwollte oder nicht. Bildeten sich die Verschwörer ein, man würde ihnen gestatten weiterzuleben, sobald die Wahrheit einmal enthüllt war? Wahrscheinlich nicht. Doch falls stimmte, was Dr. Riva gesagt hatte, dann war der Vorgang irreversibel; sobald das Wurmloch einmal kollabiert war, konnte man es nicht wieder öffnen. Die Tat war dann geschehen, und weder Tränen noch Gebete würden sie rückgängig machen. Wie bei einem Attentat. Soudha und seine Freunde mochten sich für eine neue und wirksamere Generation von Märtyrern halten, die damit zufrieden waren, dass sie nach ihrem Tod in einem Schrein verehrt würden. Eigentlich hatten sie dafür zu praktisch orientiert gewirkt, doch wer weiß? Man konnte von schweren Entscheidungen auf eine Weise hypnotisiert werden, die nichts mit der eigenen Intelligenz zu tun hatte. Ja. Miles wusste jetzt, welche Richtung die Komarraner einschlugen, wenn sie nicht schon dort waren. Die zivile – oder die militärische Station? Nein, die zivile Transfer- station, die den Wurmlochsprung nach Barrayar bediente. Du hast gerade erst Ekaterin dorthin verabschiedet. Sie befindet sich jetzt dort. Und die Professora, rief sich Miles in Erinnerung, sowie einige tausend andere unschuldige Leute. Er unterdrückte die Panik, um seinen Gedankengang bis zum Ende zu verfolgen. Soudha konnte sich eine Art Schlupfloch auf der Station aufgebaut und vielleicht schon Monate oder Jahre, im Voraus vorbereitet haben. Dann würde er planen, seinen neuen Apparat aufzubauen, damit auf das Wurmloch zu zielen, Energie abzuziehen –woher? Falls von der Station, dann würde es vielleicht jemand bemerken. Falls sie den Apparat an Bord eines Schiffes brachten (und es musste sich auf irgendeinem Schiff befunden haben, um dorthin gebracht zu werden), dann konnten sie die Stromver- sorgung des Schiffes dazunutzen. Aber die Flugkontrolle und das barrayaranische Militär würden wahrscheinlich nicht dulden, dass ein Schiff am Wurmloch herumhing, ohne einen Flugplan eingereicht zu haben, von dem es lieber nicht abweichen sollte. Schiff oder Station? Für diese Entscheidung hatte er nur unzureichende Daten zur Verfügung. Aber wenn Soudha seinen Apparat nicht ernstlich modifiziert hatte, dann könnte das Komplott, das mit einem unblutigen Plan zum Kollaps des Wurmloches begonnen hatte, im blutigen Chaos einer großen Katastrophe der Transferstation enden. Miles hatte Raumkatastrophen verschiedensten Ausmaßes erlebt. Er wollte keine weitere mehr erleben. Aufgrund der Daten, die sie in Händen hatten, konnte sich Miles ein Dutzend verschiedener Szenarios vorstellen, doch nur dieses eine ließ ihm keine Zeit und keinen Spielraum für einen Irrtum. Er langte nach der gesicherten KomKonsole und wählte das KBS-Hauptquartier für Komarr in Solstice an. »Hier Lord Auditor Vorkosigan. Geben Sie mir sofort General Rathjens. Es ist ein Notfall.« Vorthys blickte von dem langen Tisch auf. »Was ist?«, »Ich bin gerade darauf gekommen, dass mögliche Aktionen der Verschwörer auf der Transferstation am barrayaranischen Sprungpunkt stattfinden dürften.« »Aber Miles – gewiss wird doch Soudha nicht so töricht sein, es nach seinem anfänglichen Desaster noch einmal zu versuchen!« »Ich verlasse mich in keiner Weise auf Soudha. Haben Sie etwas von Ekaterin oder von Ihrer Frau gehört?« »Ja, Ekaterin schickte mir eine Nachricht, als Sie draußen waren, um Ihr… äh … Material zu holen. Sie hatte ihre Unterkunft sicher erreicht und war unterwegs, um die Professora abzuholen.« »Hat sie eine Nummer hinterlassen?« »Ja, die ist auf der KomKonsole…« General Rathjens Gesicht erschien über der Vid-Scheibe. »Mylord Auditor?« »General, ich habe neue Daten, die den Gedanken nahe legen, dass unsere flüchtigen Komarraner sich auf der barrayaranischen Transferstation befinden oder dorthin unterwegs sind. Ich möchte, dass der KBS so schnell wie möglich eine Razzia mit maximalem Einsatz nach ihnen auf der Station beginnt, überdies an Bord jedes Schiffes, das dorthin unterwegs ist. Ich möchte für mich einen KBS- Kuriershuttle dorthin haben, so schnell Sie einen auftreiben können. Ich werde Ihnen die Einzelheiten durchgeben, sobald ich auf dem Weg bin. Wenn alles in Bewegung gesetzt ist, möchte ich eine persönliche Nachricht per Dichtstrahl an, hm«, er suchte schnell, »folgende Nummer schicken.«, Rathjens hob die Augenbrauen, erwiderte aber nur: »Ja, Mylord Auditor. Ich bin sehr an diesen Einzelheiten interessiert.« »Danke.« Rathjens’ Gesicht verschwand; ein paar Augenblicke später blinkte das Lämpchen für die Dichtstrahlverbindung auf. »Ekaterin«, Miles sprach schnell und mit aller Entschlossenheit in die Vid-Kamera, als könnte er so seine Nachricht beschleunigen. »Nehmen Sie die Professora und begeben Sie sich an Bord des ersten Transportmittels weg von der Station, das Sie finden können, egal, wohin im Lokalraum es unterwegs ist – in den Orbit von Komarr oder zu einer der anderen Stationen, egal wohin. Wir werden dafür sorgen, dass Sie beide später abgeholt und heil und gesund nach Hause gebracht werden. Begeben Sie sich nur von der Station weg, und das auf der Stelle.« Er zögerte bezüglich der Schlussworte; nein, dies war nicht die Zeit oder der Ort zu gestehen, ich liebe Sie, ganz gleich, welche Gefahren seiner Vorstellung nach ihr drohten. Zu dem Zeitpunkt, wo diese Botschaft eintreffen würde, könnte sie durchaus schon wieder in ihrer Unter- kunft sein, und die Professora würde ihr vielleicht über die Schulter hinweg zuhören. »Seien Sie vorsichtig. Vorkosigan Ende.« Als Miles sich erhob, um zu gehen, bemerkte Vorthys unsicher: »Meinen Sie, ich sollte mit Ihnen gehen?« »Nein. Ich glaube, Sie alle sollten hier bleiben und herausfinden, was zum Teufel passiert, wenn jemand, versucht, diese Höllenmaschine abzustellen. Und wenn Sie es wissen, dann schicken Sie mir bitte per Dichtstrahl die entsprechenden Instruktionen.« Vorthys nickte. Miles verabschiedete sich von allen mit der vagen Grußgeste der KBS-Analytiker – man winkte da- bei mit der Hand in der Nachbarschaft der eigenen Stirn –, drehte sich um und ging auf die Tür zu., Ekaterin beobachtete verdrießlich, wie die sonische Toilette mit kaum einem Rülpser ihre Schuhe verschlang. »Es war einen Versuch wert, meine Liebe«, sagte Tante Vorthys, als sie Ekaterins Gesichtsausdruck sah. »Auf dieser Raumstation sind zu viele störungssichere Systeme«, bemerkte Ekaterin. »Das hat bei Nikki funktio- niert, auf dem Sprungschiff beim Herflug. Was für einen Aufruhr das zur Folge hatte. Der Steward des Schiffes war sehr ungehalten wegen uns.« »Meine Enkel könnten damit schnellen Prozess machen, jede Wette«, pflichtete ihr die Professora bei. »Zu schade, dass wir nicht ein paar Neunjährige bei uns haben.« »Ja«, seufzte Ekaterin. Und nein. Dass sich Nikki im Augenblick auf Komarr in Sicherheit befand, war in einem verborgenen Winkel ihres Bewusstseins eine Quelle befreiender Freude. Aber es müsste eigentlich eine Methode geben, eine sonische Toilette so zu sabotieren, dass auf der Kontrolltafel eines Stationstechnikers ein Lämpchen aufleuchtete und eine Untersuchung auslöste. Wie man eine sonische Toilette in eine Waffe verwandelte, gehörte einfach nicht zu Ekaterins Berufsausbildung. Vorkosigan wüsste wahrscheinlich, wie das geht, überlegte sie bitter. Das sah einem Mann ähnlich: Tagelang war er ihr ständig im Weg gewesen, und jetzt, wo sie ihn wirklich, brauchte, war er ein Viertel Sonnensystem weit weg. Zum zehnten Male betastete sie die Wände, versuchte es an der Tür, durchsuchte ihrer beiden Kleider. Praktisch das Einzige, was in diesem Raum brennbar war, waren die Haare der Frauen. In einem abgeschlossenen Raum ein Feuer zu entzünden, erschien Ekaterin nicht sonderlich empfehlenswert, allerdings war es eine mögliche letzte Zuflucht. Sie steckte ihre Hände in die Nische in der Wand und ließ vom sonischen Reiniger den Schmutz entfernen, das UV-Licht die Keime wegspülen und den Ventilator vermutlich deren winzige Leichen wegwehen. Sie zog die Hände wieder heraus. Die Ingenieure mochten schwören, dieses System sei wirkungsvoller, aber sie fühlte sich danach nie so frisch wie nach einer altmodischen Wäsche mit Wasser. Und wie sollte man den Po eines Babys in dieses Ding stecken? Sie schaute mit finsterem Blick auf den Sterilisator. »Wenn wir irgendein Werkzeug hätten, könnten wir mit diesem Apparat da etwas machen.« »Ich hatte mein Vorfemme-Messer dabei«, sagte die Professora traurig. »Es war mein bestes Emailliertes.« »Hattest?« »Es war in der Scheide in meinem Stiefel. In dem Stiefel, den ich warf, glaube ich.« »Oh.« »Du trägst deines dieser Tage nicht mit dir?« »Nicht auf Komarr. Ich versuchte – ich weiß nicht recht – modern zu sein.« Sie verzog den Mund. »Ich frage mich, welche kulturelle Botschaft das Vorfemme-Messer hat. Ich meine, ja, man war damit besser bewaffnet als die Bauern,, aber niemals so gut bewaffnet wie die Männer mit zwei Schwertern. Hatten die Vor-Lords Angst, ihre Frauen könnten ihnen überlegen sein?« »Wenn ich mich an meine Großmutter erinnere, dann halte ich das für möglich«, erwiderte die Professora. »Mm. Und ich an meine Großtante Vorvayne.« Ekaterin seufzte und blickte besorgt auf ihre anwesende Tante. Die Professora lehnte, sich mit einer Hand stützend, an der Wand und sah immer noch sehr blass und wackelig aus. »Wenn du mit deinem Sabotageversuch fertig bist, würde ich mich gern wieder hinsetzen.« »Ja, natürlich. Es war sowieso eine dumme Idee.« Die Professora sank dankbar auf den einzigen Sitz in der winzigen Toilette, und Ekaterin lehnte sich jetzt ihrerseits an die Wand. »Es tut mir so Leid, dass ich dich in diese Sache verwickelt habe. Wenn du nicht bei mir gewesen wärest… Einer von uns muss davonkommen.« »Wenn du eine Chance siehst, Ekaterin, dann ergreife sie. Warte nicht auf mich.« »Damit würde Soudha immer noch eine Geisel haben.« »Ich glaube nicht, dass das im Augenblick das Wich- tigste ist. Nicht, wenn die Komarraner die Wahrheit gesagt haben über die Funktionsweise des großen, hässlichen Dings dort draußen.« Ekaterin fuhr mit der Zehe über den glatten grauen Boden der Toilette. »Meinst du, unsere Seite würde uns opfern, wenn es zu einem Patt käme?« »Dafür? Ja«, sagte die Professora. »Oder zumindest…, sollten sie es tun. Wissen der Professor und Lord Auditor Vorkosigan und der KBS, was die Komarraner gebaut haben?« »Nein, gestern noch nicht. Das heißt, sie wussten, dass Soudha etwas gebaut hatte – so weit ich weiß, war es ihnen fast gelungen, die Pläne zu rekonstruieren.« »Dann werden sie es erfahren«, stellte die Professora mit Bestimmtheit fest. Und etwas wenig bestimmter: »Schließlich…« »Ich hoffe, sie meinen nicht, wir sollten uns selbst opfern, wie in der Tragödie der Jungfrau vom See.« »Eigentlich wurde sie von ihrem Bruder geopfert, wie die Tradition erzählt«, sagte die Professora. »Ich frage mich, ob sie es wirklich so freiwillig getan hat, wie er später behauptete.« Ekaterin dachte nüchtern über die alte barrayaranische Sage nach. Der Geschichte zufolge war der Ort Vorkosigan Surleau am Langen See von den Streitkräften von Hazelbright belagert worden. Loyale Vasallen des abwesenden Grafen, ein Vor-Offizier und seine Schwester, hatten bis zuletzt durchgehalten. Kurz vor der endgültigen Erstürmung bot die Jungfrau vom See ihren blassen Hals dem Schwert ihres Bruders dar, um nicht den Misshand- lungen der feindlichen Soldaten zum Opfer zu fallen. Am nächsten Morgen wurde die Belagerung durch eine List ihres Verlobten aufgehoben – übrigens eines entfernten Vorfahren des Auditors Vorkosigan, des später berühmten Generals Graf Selig aus gleichem Hause –, der den Feind veranlasste, in Eile abzumarschieren, um einem gerüchte-, weise bevorstehenden weiteren Angriff zu begegnen. Aber es war natürlich zu spät für die Jungfrau vom See. Für den nachfolgenden Kummer der beiden Männer wurde auf Barrayar viel historische Sympathie in Form von Schau- spielen, Gedichten und Liedern aufgewendet; in ihrer Kindheit hatte Ekaterin eines der kürzeren Gedichte für eine Rezitation in der Schule auswendig gelernt. »Ich habe mich immer gefragt«, sagte sie, »ob man dann, wenn der Angriff wirklich am nächsten Tag stattgefunden hätte und all die Plündereien und Vergewaltigungen planmäßig von- statten gegangen wären, gesagt hätte: ›Oh, dann ist ja alles in Ordnung’?« »Wahrscheinlich«, erwiderte Tante Vorthys, und ihre Lippen zuckten. Nach einer Weile bemerkte Ekaterin: »Ich möchte nach Hause reisen. Aber ich möchte nicht ins Alte Barrayar zurückkehren.« »Ich genauso wenig, meine Liebe. Es ist wunderbar und dramatisch, darüber zu lesen. Es ist so hübsch, wenn man in der Lage ist zu lesen, nicht wahr?« »Ich kenne Mädchen, die danach schmachten. Sie lieben es, alte Kostüme anzuziehen und so zu tun, als wären sie Vor-Ladys aus der alten Zeit, die von romantischen Vor- Jünglingen aus bedrohlichen Situationen gerettet werden. Aus irgendeinem Grund spielen sie nie Tod im Kindbett oder Kindstötung oder Wie man sich die Eingeweide auskotzt, weil man die Ruhr hat oder Wie man webt, bis man von Farbvergiftung blind und von der Arthritis verkrüppelt wird. Nun ja, manchmal sterben sie romantisch an Krankheiten, aber irgendwie ist das dann immer eine, Krankheit, die einen auf interessante Weise blass macht und alle trauern lässt und einen nicht die Kontrolle über die Darmfunktionen verlieren lässt.« »Ich lehre seit dreißig Jahren Geschichte. Man kann nicht alle erreichen, so sehr wir uns auch bemühen. Schick sie nächstes Mal in meine Klasse.« Ekaterin lächelte grimmig. »Das würde ich gerne tun.« Einige Zeit herrschte Schweigen, während Ekaterin auf die gegenüberliegende Wand starrte und ihre Tante sich mit geschlossenen Augen zurücklehnte. Ekaterin beobach- tete sie mit zunehmender Besorgnis. Sie schaute auf die Tür und sagte schließlich: »Meinst du, du könntest so tun, als wärest du viel kranker, als du wirklich bist?« »Oh«, sagte Tante Vorthys, ohne die Augen zu öffnen, »das dürfte überhaupt nicht schwer sein.« Daraus schloss Ekaterin, dass ihre Tante schon vorgab, viel weniger krank zu sein als sie wirklich war. Die Sprungkrankheit schien sie diesmal sehr schlimm getroffen zu haben. War an diesem grauen Gesicht, an dieser Erschöpfung wirklich nur die Reisekrankheit schuld? Betäuberfeuer konnte für ein schwaches Herz unerwartet tödlich sein – gab es außer der Bestürzung noch einen Grund dafür, dass ihre Tante unter Arozzis Drohungen weder gekämpft noch geschrien hatte? »Also… wie geht es derzeit deinem Herzen?«, fragte Ekaterin unsicher. Tante Vorthys schlug die Augen auf. Einen Moment später zuckte sie die Achseln. »So lala, meine Liebe. Ich bin auf der Warteliste für ein neues.«, »Ich dachte, jetzt sei es leicht, neue Organe zu züchten.« »Ja, aber chirurgische Transplantationsteams wachsen weniger leicht nach. Mein Fall ist nicht so dringend. Nach den Problemen, die eine Freundin von mir hatte, beschloss ich, lieber zu warten, bis eine der erfahreneren Gruppen einen Termin frei hat.« »Ich verstehe.« Ekaterin zögerte. »Ich habe nachgedacht. Hier eingeschlossen können wir nichts tun. Ich dachte, wenn ich jemanden dazu bewegen kann, an die Tür zu kommen, dann könnten wir vielleicht so tun, als wärest du gefährlich krank, und sie dazu bringen, dass sie uns heraus- lassen. Danach – wer weiß? Es kann nicht schlimmer werden als jetzt. Alles, was du tun musst, ist, ganz schlaff werden und überzeugend zu stöhnen.« »Ich bin bereit«, sagte Tante Vorthys. »In Ordnung.« Ekaterin begann so laut an die Tür zu hämmern, wie sie nur konnte, und die Komarraner eindringlich bei ihren Namen zu rufen. Nach etwa zehn Minuten klickte das Schloss, die Tür glitt zur Seite, und Madame Radovas guckte aus geringer Distanz herein. Hinter ihr stand Arozzi mit seinem Betäuber in der Hand. »Was ist?«, wollte sie wissen. »Meine Tante ist krank«, erwiderte Ekaterin. »Sie hört nicht mehr zu zittern auf, und ihre Haut wird klamm. Ich glaube, sie bekommt vielleicht einen Schock von der Sprungkrankheit und ihrem kranken Herzen und dem ganzen Stress. Sie braucht auf jeden Fall einen warmen Ort, wo sie sich hinlegen kann, und etwas Warmes zu, trinken. Vielleicht einen Arzt.« »Wir können im Augenblick keinen Arzt holen.« Madame Radovas spähte beunruhigt an Ekaterin vorbei auf die schlaffe Professora. »Für das andere könnten wir vermutlich sorgen.« »Einige von uns hätten nichts dagegen, wenn wir das Klo wieder benutzen könnten«, brummelte Arozzi. »Es ist nicht so gut, wenn wir alle durch den Korridor zur nächsten öffentlichen Toilette marschieren müssen.« »Es gibt keinen anderen sicheren Ort, wo wir sie einsperren können«, entgegnete ihm Madame Radovas. »Also, dann bringe sie heraus in die Mitte des Raums und hab ein Auge auf sie. Später steck sie wieder hier herein. Die eine ist krank, die andere muss sich um sie kümmern, was können sie schon tun? Es wäre nicht gut, wenn uns die alte Dame unter den Händen wegstirbt.« »Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte Madame Radovas zu Ekaterin und schloss die Tür wieder. Nach einer kleinen Weile kam sie zurück und begleitete die beiden Barrayaranerinnen zu einem Feldbett und einem Klappstuhl, die am Rand der Ladebucht aufgestellt worden waren, so weit wie möglich von jedem Alarmmelder entfernt. Ekaterin und Madame Radovas stützten die strauchelnde Professora bis zum Feldbett und halfen ihr, sich hinzulegen. Dann deckten sie sie zu. Madame Radovas ließ Arozzi als Wächter bei ihnen und ging weg, dann kam sie mit einer dampfenden Teetasse zurück, die sie neben der Liegenden abstellte. Arozzi übergab ihr den Betäuber und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Madame Radovas holte, sich einen anderen Klappstuhl und setzte sich vorsichtig einige Meter von den Gefangenen entfernt hin. Ekaterin stützte ihre Tante an den Schultern, während diese den Tee trank, dankbar zwinkerte und stöhnend zurücksank. Ekaterin fühlte demonstrativ die Stirn der Professora und rieb ihr die kalten Hände, und dabei blickte sie sehr besorgt drein. Sie strich das zerzauste graue Haar zurück und blickte sich verstohlen in der Ladebucht um, auf die sie vorher nur einen flüchtigen Blick geworfen hatte. Der Apparat stand immer noch auf seiner Schwebe- bühne, aber jetzt schlängelten sich auf dem Boden mehr Stromkabel zu ihm hin. Soudha beaufsichtigte die Verbindung eines solchen Kabels mit dem sperrigen Aufgebot an Transformatoren an der Basis des Horns. Ein Mann, den sie nicht kannte, war in der Steuerkabine mit den Glaswänden zugange. Auf seine Gesten hin zog Cappell sorgfältig Kreidelinien auf dem Deck in der Nähe des Apparats. Als er fertig war, beratschlagte er sich mit Soudha; Soudha seinerseits nahm die Fernsteuerung der Schwebebühne, trat zurück und ließ mit höchster Sorgfalt die Bühne schweben und sich nach vorn bewegen, bis sie fast die äußere Wand berührte, dann ließ er sie sanft landen, und zwar genau auf den Kreidemarkierungen. Das Horn zielte jetzt nicht ganz direkt auf die Innentür der großen Frachtschleuse. Machten sie sich bereit, das Ding an Bord eines Schiffes zu laden und es hinauszubringen, damit es auf das Wurmloch zeigte? Oder konnten sie es direkt von hier aus benutzen? Ekaterin zog ihren Kubus mit dem Plan der Station aus der Tasche., Madame Radovas setzte sich beunruhigt auf, zielte mit dem Betäuber, sah, was Ekaterin in Händen hielt, und lehnte sich unsicher wieder zurück, doch sie unternahm keine Anstalten, Ekaterin den Plan wegzunehmen. Ekaterin machte den Standort der Docks und Schleusen von Southport Transport ausfindig; die Firma hatte drei Lade- buchten nebeneinander gemietet, und Ekaterin war sich nicht sicher, in welcher von den dreien sie sich jetzt befand. Die dreidimensionale Vid-Projektion lieferte keinerlei Orientierungsmöglichkeiten nach außen, aber sie meinte, sie befänden sich auf der Seite der Station, die in Richtung auf das Wurmloch schaute, wodurch diese Schleuse durchaus in Blickrichtung auf das Wurmloch liegen konnte. Ich glaube nicht, dass überhaupt noch sehr viel Zeit bleibt. Zusätzlich zu der Rampe, über die sie hereingekommen waren, und zur Toilettentür schien es noch zwei weitere luftdichte Ausgange aus der Ladebucht zu geben. Der eine war offensichtlich eine Personenschleuse nach draußen, direkt neben der Frachtschleuse. Der andere führte zurück in einen Bereich, wo es Büros geben konnte, falls dies tatsächlich die mittlere der drei Buchten war. Ekaterin folgte in Gedanken einer Route durch diese Tür hindurch zum nächsten öffentlichen Korridor. Einige Komarraner waren durch diese Tür gekommen und gegangen; vielleicht kampierten sie alle dort hinten. Auf jeden Fall schienen sich dort mehr Leute aufzuhalten als an der Tür, durch die sie hereingekommen waren. Aber sie war näher. Die Steuerkabine war eine Sackgasse. Ekaterin betrachtete die andere Witwe. Seltsam zu, denken, dass ihre unterschiedlichen häuslichen Wege sie am Ende an denselben Ort gebracht hatten. Madame Radovas sah müde und mitgenommen aus. Das ist für alle ein Albtraum gewesen. »Was glauben Sie, wie Sie nach dieser Sache davon- kommen?«, fragte Ekaterin sie neugierig. Werden Sie uns mitnehmen? Sicher würden die Komarraner dies tun müssen. Madame Radovas presste die Lippen zusammen. »Das hatten wir nicht geplant. Bis Sie beide daherkamen. Es tut mir fast Leid. Vorher war es einfacher. Das Wurmloch zum Kollaps bringen und dann sterben. Nun gibt es wieder lauter Möglichkeiten und Ablenkungen und Sorgen.« »Sorgen? Schlimmere als die Erwartung des Todes?« »Ich habe drei Kinder auf Komarr zurückgelassen. Wenn ich tot wäre, hätte der KBS keinen Grund… sie zu behelligen.« In der Tat, überall gab es Geiseln. »Außerdem«, sagte Madame Radovas, »habe ich dafür gestimmt. Ich konnte doch nicht weniger tun, als mein Mann getan hat.« »Sie haben abgestimmt? Über was? Und wie teilt man komarranische Stimmanteile bei einer Revolte auf? Sie hätten alle mitnehmen müssen – falls jemand, der etwas wusste, zurückgelassen und dann unter Schnell-Penta verhört worden wäre, dann wäre alles herausgekommen.« »Soudha, Foscol, Cappell und mein Mann wurden als die hauptsächlichen Anteilseigner betrachtet. Sie beschlos- sen, dass ich die Stimmanteile meines Mannes geerbt habe., Die Optionen waren einfach genug – sich ergeben, fliehen oder bis zuletzt kämpfen. Die Abstimmung ergab drei zu eins dafür.« »So? Wer hat dagegen gestimmt?« Madame Radovas zögerte. »Soudha.« »Wie seltsam«, sagte Ekaterin überrascht. »Er ist jetzt Ihr Chefingenieur – beunruhigt Sie das nicht?« »Soudha«, erklärte Madame Radovas scharf, »hat keine Kinder. Er wollte warten und es später noch einmal versuchen, als ob es ein Später gäbe. Wenn wir nicht jetzt zuschlagen, wird der KBS binnen kurzem alle unsere Verwandten als Geiseln nehmen. Aber wenn wir das Wurmloch schließen und sterben, dann wird niemand übrig bleiben, den der KBS mit Repressalien gegen seine Ange- hörigen bedrohen kann. Meine Kinder werden sicherer sein, selbst wenn ich sie niemals wiedersehe.« Ihre Augen blickten düster und aufrichtig. »Was ist mit all den Barrayaranern auf Komarr und Sergyar, die ihre Familien nicht wiedersehen werden? Abgeschnitten, ohne überhaupt etwas von deren Schicksal zu wissen …« Ich von meiner zum Beispiel. »Sie werden für einander so gut wie tot sein. Es wird wieder ein Zeitalter der Isolation kommen.« Sie zitterte vor Schrecken angesichts der kaskadenartig über sie hereinbrechenden Vorstellungen von Erschrecken und Trauer. »So seien Sie doch froh, dass Sie sich auf der guten Seite des Wurmlochs befinden«, versetzte Madame Radovas. Ekaterin starrte sie kühl an, und sie ließ sich etwas erweichen. »Es wird überhaupt nicht so sein wie in, Ihrem alten Zeitalter der Isolation. Sie haben jetzt eine voll entwickelte planetarische Industrie, und eine viel größere Bevölkerung, die hundert Jahre lang einen Zufluss neuer Gene erlebt hat. Es gibt eine Menge anderer Welten, die kaum einen galaktischen Kontakt aufrechterhalten, und sie kommen durchaus gut zurecht.« Die Professora öffnete ihre Augen zu Schlitzen. »Ich glaube, Sie unterschätzen die psychologischen Auswir- kungen.« »Was ihr Barrayaraner einander danach antut, unterliegt nicht meiner Verantwortung«, sagte Madame Radovas. »Solange ihr es nie mehr uns antun könnt.« »Wie… erwarten Sie zu sterben?«, fragte Ekaterin. »Wollen Sie zusammen Gift schlucken? Durch eine Luft- schleuse hinausgehen?« Und werden Sie uns als Erste töten? »Ich erwarte, dass ihr Barrayaraner euch um diese Details kümmert, wenn ihr herausbringt, was passiert ist«, sagte Madame Radovas. »Foscol und Cappell meinen, wir werden danach entkommen oder dass man uns vielleicht erlauben wird, uns zu ergeben. Ich glaube, es wird eine Wiederholung des Massakers von Solstice geben. Wir haben sogar unseren ganz eigenen Vorkosigan dafür da. Ich habe keine Angst.« Sie zögerte, als dächte sie über ihre tapferen Worte nach. »Oder auf jeden Fall bin ich zu müde, um mir noch Sorgen zu machen.« Das konnte Ekaterin verstehen. Da sie aber der Komarranerin nicht zustimmen wollte, schwieg sie und starrte blicklos in die Ladebucht hinaus., Leidenschaftslos dachte sie über ihre eigene Angst nach. Ihr Herz pochte, ja, ihr Magen verkrampfte sich und ihr Atem ging etwas zu schnell. Doch diese Leute erschreckten sie tief drinnen nicht auch annähernd so sehr, wie sie es Ekaterins Meinung nach eigentlich hätten tun sollen. Irgendwann, kurz nachdem einer von seinen unbegreif- lichen, peinlichen Eifersuchtsanfällen abgeflaut war, hatte Tien ihr ernsthaft versichert, er habe eines Nachts seinen Nervendisruptor (den er illegal besessen hatte, denn er trug ihn nicht auf Erlass ihres Distriktslehensherrn) von einer Brücke geworfen und sei ihn so losgeworden. Ekaterin hatte nicht einmal gewusst, dass er einen besessen hatte. Diese Komarraner waren verzweifelt und in ihrer Verzweiflung gefährlich. Aber sie hatte neben Dingen geschlafen, die ihr mehr Angst einjagten als Soudha und alle seine Freunde. Wie komisch ich mir vorkomme. Es gab in der barrayaranischen Überlieferung eine Geschichte über einen Mutanten, den man nicht töten konnte, weil er sein Herz in einer Schatulle auf einer geheimen Insel weit weg von seiner Festung verbarg. Natürlich brachte der junge Vor-Held die gefangene Maid des Mutanten dazu, ihm das Geheimnis zu verraten; er stahl das Herz, und der arme Mutant fand sein übliches schlimmes Ende. Vielleicht lähmte Ekaterins Angst sie nicht, weil Nikki ihr Herz war und sich weit weg in Sicherheit befand. Oder vielleicht lag es daran, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz im Besitz ihrer selbst war. Ein paar Meter entfernt trat Soudha erneut zu dem Apparat, aktivierte mit der Fernsteuerung die Schwebe-, bühne und korrigierte geringfügig ihre Position. Cappell rief eine Frage von der anderen Seite der Bucht, Soudha legte die Fernsteuerung am Rand der Bühne ab, ging zu einem der Stromkabel hinüber und untersuchte es einge- hend, bis er die Steckdose in der Wand erreichte, wegen der Cappell so viel Wirbel machte. Sie steckten ihre Köpfe über einem Wackelkontakt oder etwas Ähnlichem zusam- men. Cappell rief dem Mann in der Glaskabine eine Frage zu. Der schüttelte den Kopf und kam zu ihnen heraus. Wenn ich darüber nachdenke, dann ist die Chance dahin. Wenn ich darüber nachdenke, dann wird sogar mein Mutantenherz mich im Stich lassen. Hatte sie das Recht, so viel allein zu riskieren? Das war die wirkliche Angst, ja, und sie verunsicherte Ekaterin bis in ihren Wesenskern. Das war keine Aufgabe für sie, eine Frau. Das war eine Aufgabe für den KBS, die Polizei, die Armee, für einen Vor-Helden, für alle außer ihr. Die nicht hier sind. Doch wenn sie es versuchte und versagte, dann versagte sie für ganz Barrayar, für alle Zeit. Und wer würde sich um Nikki kümmern, wenn er im Laufe von kaum einer Woche beide Eltern verlor? Das Sicherste wäre zu warten, bis kompetente männliche Erwachsene sie retteten. Wie Tien, was? »Wird es dir wärmer, Tante Vorthys?«, fragte Ekaterin. »Zitterst du noch?« Sie stand auf und beugte sich mit dem Rücken zu Madame Radovas über ihre Tante und tat so, als zöge sie die Decke straffer, während sie sie in Wirklichkeit lockerte. Madame Radovas war kleiner als Ekaterin und schmächtiger und fünfundzwanzig Jahre älter. Jetzt,, flüsterte Ekaterin der Professora zu. Mit einer geschmeidigen, doch nicht plötzlichen Bewegung drehte sie sich um, ging auf Madame Radovas zu und warf ihr die Decke über den Kopf, während die Frau aufsprang. Noch zwei Schritte, und Ekaterin konnte ihre Arme um die kleinere Frau schlingen und deren Arme an die Seiten drücken. Der Betäuberstrahl blitzte surrend auf den Boden zu ihren Füßen. Der Nimbus kribbelte über Ekaterins Beine. Sie hob Madame Radovas hoch und schüttelte sie. Der Betäuber fiel scheppernd auf den Boden, und Ekaterin stieß ihn ihrer Tante zu, die sich mühsam auf ihrem Feldbett aufsetzte. Ekaterin schleuderte die von der Decke umhüllte Komarranerin so heftig von sich weg, wie sie nur konnte, drehte sich um und sprintete auf die Schwebebühne zu. Sie schnappte sich die Fernsteuerung, wirbelte herum und rannte, so schnell ihre Beine sie trugen, auf die gläserne Steuerkabine zu, wobei sie ihre schwitzenden nackten Füße fest auf die glatte Oberfläche setzte. Die Männer an der Steckdose in der Wand schrien und liefen auf sie zu. Ekaterin schaute sich nicht um. Sie hechtete um die Ecke und nahm die zwei Stufen zu der Kabine in einem Sprung. Hektisch drückte sie die Türsteuerung. Die Gleittür brauchte eine kleine Ewigkeit, bis sie sich schloss. Cappell war schon fast an den Stufen, als es ihr nach zwei Versuchen mit ihren zitternden Fingern gelang, das Schloss zu aktivieren. Cappell prallte mit einem lauten Bums gegen die Tür und begann dagegenzutrommeln. Ekaterin wagte nicht zurückzublicken, um zu sehen, was, mit der Professora geschah. Stattdessen hob sie die Fern- steuerung und richtete sie durch das Glas auf die Schwebe- bühne. Die Steuerung bestand aus sechs Tasten und einem Knauf mit vier Zacken. Bei dieser Art von Koordination war sie nie gut gewesen. Glücklicherweise ging es jetzt nicht um Feinheiten. Mit dem dritten Fingerdruck fand sie die Nach-oben- Tasle. Allzu langsam begann sich die Schwebebühne vom Deck der Ladebucht zu heben. Vielleicht gab es da irgendwelche Sensoren, die sie waagrecht hielten; die ersten vier Kombinationen, die sie versuchte, schienen nichts zu bewirken. Schließlich gelang es ihr, das Ding zum Rotieren zu bringen. Es bumste gegen die Lauf- planken an der Decke des Raums und machte dabei hässlich knirschende Geräusche. Gut. Stromkabel schnell- ten davon und peitschten herum; der Fremde wich nur mit Mühe den sprühenden Funken aus. Soudha schrie und versuchte vor ihr an der Glaswand hochzuspringen. Sie hörte ihn kaum. Das Glas sollte ja schließlich dem Vakuum standhalten. Er kroch zurück und zielte mit einem Betäuber auf sie. Der Strahl klatschte harmlos vom Fenster ab. Schließlich gelang es ihr, das Sensorprogramm in dem kleinen Display der Fernsteuerung anzuzeigen. Sie wider- rief die laufenden Instruktionen, und dann wurde die Bühne lebhafter. Ekaterin hatte erreicht, dass die Bühne sich fast um 180 Grad von unten nach oben gedreht hatte. Dann schaltete sie die Stromversorgung der Bühne aus. Die Sturzhöhe von den Laufplanken bis zum Boden betrug nur etwa vier Meter. Ekaterin hatte keine Ahnung, aus welchem Material das Horn hergestellt war. Sie, erwartete, dass sie es ein paarmal versuchen müsste. bis sie eine Delle oder eine Bruchstelle bewirken würde, die Soudha nicht innerhalb eines Tages reparieren konnte – der Zeitspanne, die es dauern würde, bis sie und ihre Tante an der Fähre vermisst würden. Stattdessen barst die Glocke – wie ein Blumentopf. Der Knall erschütterte die Ladebucht. Große und kleine Bruchstücke schossen wie Granatsplitter über das Deck. Ein zackiges Stück sauste nur wenige Zentimeter an Soudhas Kopf vorbei und knallte gegen das Glas der Kabine. Ekaterin duckte sich unwillkürlich, aber das Glas hielt stand. Ein erstaunliches Material. Sie war froh, dass das Horn dieses Apparats nicht daraus gegossen war. Gelächter drang aus ihrer Kehle hervor, einer Berserker- freude über ein Bravourstück. Sie wollte hundert Apparate vernichten. Sie schaltete den Strom der Schwebebühne wieder ein und stampfte damit noch ein paarmal auf die zerschmetterten Überreste auf dem Deck, einfach weil sie es konnte. Die Jungfrau vom See schlägt zurück! Die Professora saß zusammengekrümmt an der gegen- überliegenden Wand auf dem Deck. Sie lief nicht davon, sie machte nicht einmal Anstalten zur Flucht. Das war nicht gut. Madame Radovas war auf den Beinen und hatte ihren Betäuber wieder in Händen. Cappell, der Mathe- matiker, schlug mit einem langen Schraubenschlüssel, den er irgendwo gefunden hatte, gegen die Tür der Steuer- kabine. Arozzi, dessen Gesicht (getroffen von einem herumfliegenden Splitter des Horns) blutüberströmt war, redete auf Cappell ein, er solle davon ablassen, bevor er die Tür so demoliert hätte, dass man sie nicht mehr öffnen, konnte. Soudha kam mit einer Hand voll elektronischer Geräte angerannt, dann verschwanden er und Arozzi unter dem Fenster der Tür. Kratzgeräusche drangen durch das Türschloss, und sie klangen unheilvoller als Cappells hektisches Gehämmer. Ekaterin hielt den Atem an und schaute sich in der Steuerkabine um. Sie konnte nicht die Luft aus der Ladebucht abfließen lassen, denn ihre Tante war ja auch dort draußen. Da, da war die KomKonsole. Hatte sie sich nicht zuerst an die halten sollen? Nein, sie machte es schon in der richtigen Reihenfolge. Egal, wie die Reaktion des KBS vermasselt sein würde, egal, wie fehlgeleitet oder inkompetent ihre Taktik ausfällen würde, es war nicht mehr möglich, Barrayar abzuschneiden. »Hallo, Notfallzentrale?«, keuchte Ekaterin, als die Vid- Scheibe aktiviert wurde. »Mein Name ist Ekaterin Vorsoisson …« Sie musste innehalten, während das automatische System versuchte, sie zu einer Auswahl an Hilfsdienste für Reisende zu dirigieren. Sie verwarf das Fundbüro, wählte die Sicherheitsabteilung und begann erneut, unsicher, ob sie schon einen menschlichen Empfänger erreicht hatte, und sie hoffte, dass alles aufgezeichnet würde. »Mein Name ist Ekaterin Vorsoisson. Lord Auditor Vorthys ist mein Onkel. Ich werde zusam- men mit meiner Tante von komarranischen Terroristen in den Docks und Schleusen von Southport Transport gefangen gehalten. Ich befinde mich im Augenblick in einer Steuerkabine, aber es gelingt ihnen, die Tür zu öffnen.« Sie blickte über die Schulter. Soudha hatte das Schloss besiegt; die luftdichte Tür, von Cappells, Bemühungen mit dem Schraubenschlüssel eingedellt, jaulte und weigerte sich, in ihren Spalt zurückzugleiten. Soudha und Arozzi drückten grunzend ihre Schultern dagegen, und die Tür öffnete sich Zentimeter um Zentimeter. »Sagen Sie Lord Auditor Vorkosigan – sagen Sie dem KBS…« Dann schlüpfte Soudha seitwärts durch die Tür. Er fluchte, ihm folgte Cappell, der noch seinen Schrauben- schlüssel in der Hand hielt. Hysterisch lachend, mit Tränen, die ihr über die Wangen liefen, wandte Ekaterin sich um und stellte sich ihrem Schicksal., Miles konnte sich kaum davon abhalten, sein Gesicht gegen das Fenster der Luftschleuse seines Kurierschiffs zu pressen, während er darauf wartete, dass die Dichtungen des Anschlussrohrs der Sprungstation sich korrekt einfügten. Als die Tür sich endlich zischend öffnete, schwang er sich in einer einzigen Bewegung hindurch, landete mit einem Plumps auf den Füßen und schaute sich im Lukenkorridor um. Sein Empfangskomitee an der privaten Schleuse, der rangälteste KBS-Mann an Bord der Station und ein Mann in der blau-orangefarbenen Kleidung des zivilen Sicherheitsdienstes, waren einen kurzen Herzschlag lang überrascht angesichts seiner Größe – er erkannte es an der Art, wie ihr Blick sich senken musste, um seinem Gesicht zu begegnen – und seiner Erscheinung, dann nahmen beide Haltung an. »Lord Auditor Vorkosigan«, sagte der angespannt wir- kende KBS-Mann, Vorgier. »Darf ich Ihnen Gruppenführer Husavi vorstellen, den Leiter der Sicherheitsabteilung der Station.« »Hauptmann Vorgier, Gruppenführer Husavi. Gibt es irgendwelche neuen Entwicklungen im Laufe der letzten«, er warf einen Blick auf sein Chrono, »fünfzehn Minuten?« Fast volle drei Stunden waren vergangen, seit die erste Nachricht von Vorgier seine Reise vom komarranischen Orbit hierher zu diesem zähflüssigen Albtraum unter- drückter Panik gemacht hatte. Noch nie hatte sich ein, Kurierschiff des KBS scheinbar so langsam voranbewegt, und da noch so viel Geschrei eines Auditors vor versammelter Mannschaft die Gesetze der Physik nicht ändern konnte, hatte Miles gezwungenermaßen stumm vor Wut gekocht. »Meine Männer haben mit Rückendeckung von Gruppenführer Husavis Leuten fast alle Positionen für unseren Sturm eingenommen«, versicherte ihm Vorgier. »Wir glauben, wir können über der Außentür der Luftschleuse, in der sich die Vor-Frauen befinden, einen Notfall-Rohrverschluss anbringen, bevor die Komarraner die Luft ablassen können. In dem Augenblick, wo die Geiseln gerettet sind, können unsere Männer in Raum- rüstungen nach Belieben die Southport-Ladebucht betreten. Binnen weniger Minuten wird die Sache vorbei sein.« »Das ist allzu verdammt wahrscheinlich«, versetzte Miles. »Einige Ingenieure hatten einige Stunden zur Verfügung, um sich auf Ihren Zugriff vorzubereiten. Diese Komarraner mögen verzweifelt sein, aber ich garantiere Ihnen, sie sind nicht dumm. Wenn ich auf den Gedanken kommen kann, eine druckempfindliche Sprengladung in der Luftschleuse anzubringen, dann können sie es auch.« Was für Vorstellungen Vorgiers Worte auch auslösten – zum Beispiel von einer Rohrdichtung, die fehlerhaft oder zu spät an der Außenhaut der Station angebracht wurde, oder wie die Leichen Ekaterins und der Professora hinaus in den Raum geschleudert wurden, wobei ein KBS- Kämpfer in Raumanzug sie vergeblich aufzufangen versuchte –, Miles konnte mehr oder weniger schon jetzt das verlegene, basstiefe Ups des KBS-Offiziers über, Kopfhörer hören. Welch ein Segen, dass Vorgier diese Einzelheiten nicht früher mitgeteilt hatte, als Miles noch an Bord des Kurierschiffs festsaß und diese ganzen Stunden der Reise zur Verfügung hatte, um darüber nachzudenken. »Die Vor-Damen dürfen nicht geopfert werden. Madame Vorthys hat ein schwaches Herz, wie ihr Gemahl, Lord Auditor Vorthys, mir mitgeteilt hat. Und Madame Vor- soisson – darf einfach nicht geopfert werden. Und die Komarraner dürfen am allerwenigsten geopfert werden. Wir brauchen sie lebend, um sie verhören zu können. Tut mir Leid, Hauptmann, aber mir missfällt Ihr Plan.« Vorgier versteifte sich. »Mylord Auditor, ich weiß Ihre Besorgtheit zu schätzen, aber ich glaube, dieser Vorfall kann als militärische Operation am schnellsten und effek- tivsten gelöst werden. Die zivile Autorität kann am besten helfen, wenn sie sich heraushält und die Profis ihren Job machen lässt.« Der KBS hatte Miles hintereinander zwei Männer von außergewöhnlicher Kompetenz zugeteilt, Tuomonen und Gibbs; warum, ach warum konnten nicht aller guten Dinge drei sein? Das sollte doch so sein, verdammt noch mal! »Hier handelt es sich um meine Operation, Hauptmann, und ich werde für jede Einzelheit persönlich dem Kaiser Rede und Antwort stehen müssen. Ich habe die letzten zehn Jahre als galaktischer Agent des KBS verbracht und mich mit mehr verdammten Situationen beschäftigt als jeder andere auf Simon Illyans Dienstliste. Und ich weiß just genau, wie total vermasselt eine professionelle Operation enden kann.« Er tippte sich auf die Brust. »Also steigen Sie von Ihrem hohen Vor-Ross herab und informieren Sie mich.«, Vorgier blickte höchst verblüfft drein; Husavi unter- drückte ein Lächeln, das Miles allzu viel darüber verriet, wie die Dinge hier vonstatten gegangen waren. Man musste es allerdings Vorgier zugute halten, dass er sich fast sofort wieder fing und erwiderte: »Kommen Sie hier entlang, Mylord Auditor, zum Einsatzzentrum. Ich werde Ihnen die Einzelheiten zeigen, und Sie können sich selbst ein Urteil bilden.« Das klingt schon besser. Sie gingen den Korridor hinab, fast schnell genug für Miles’ Geschmack. »Hat es im Bereich von Southport Transport eine Veränderung oder eine Zunahme des Stromverbrauchs gegeben?« »Noch nicht«, antwortete Husavi. »Wie Sie befohlen haben, haben meine Ingenieure ihre Leitungen bis auf die für den Betrieb der Life-Support-Systeme notwendigen abgeschaltet. Ich weiß nicht, wie viel Energie die Komarra- ner von dem Lokalsystemfrachter abzapfen können, der dort angedockt ist. Soudha hat gesagt, wenn wir versuchten, das Schiff zu kapern oder zu entfernen, dann würden sie die Luftschleuse mit den Vor-Damen öffnen. Deshalb haben wir gewartet. Unsere Fernsensoren zeigen noch keine ungewöhnlichen Vorgänge von dort an.« »Gut.« Verblüffend, aber gut. Miles konnte sich nicht vorstellen, warum die Komarraner ihren Apparat zum Kollaps des Wurmlochs noch nicht eingeschaltet hatten, in einem letzten, verzweifelten Versuch, ihr so lange verfolgtes Ziel zu verwirklichen. Hatte Soudha dessen inhärenten Defekt herausgefunden? Ihn korrigiert, oder dies zumindest versucht? War er noch nicht ganz fertig, und die Komarraner bemühten sich noch in diesem, Augenblick, ihn vorzubereiten? Auf jeden Fall, sobald das Ding unter Strom stand, hingen sie alle ganz tief drin, denn der Professor und Dr. Riva waren zu dem Schluss gekom- men, es bestünde eine Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent, dass es in dem Augenblick, wo der Apparat abgestellt würde, ein unmittelbarer Gravitationsrückstoß vom Wurmloch erfolge, der die Station auseinander reißen würde. Als Miles gefragt hatte, worin der praktische Unter- schied zwischen einer fünfzigprozentigen Chance und wir wissen nicht bestünde, hatte er von ihnen keine direkte Antwort bekommen. Weitere theoretische Spitzfindig- keiten waren zu einem abrupten Halt gekommen, als die Nachricht von dem Patt hier auf der Station eintraf; der Professor war jetzt zum Sprungpunkt unterwegs, nur ein paar Stunden hinter Miles her. Sie bogen um eine Ecke und betraten ein Liftrohr. »Wie steht es im Augenblick mit der Evakuierung der Station?«, fragte Miles. »Alle ankommenden Schiffe, die umgeleitet werden konnten, haben wir weggeschickt«, erwiderte Husavi. »Ein paar mussten andocken, um aufzutanken, sonst hätten sie es nicht bis zu einer anderen Station geschafft.« Er wartete, bis sie in einen anderen Korridor hinausgetreten waren, dann fuhr er fort: »Es ist uns bis jetzt gelungen, die meisten der Transitpassagiere und etwa fünfhundert Mann unseres nicht notwendigen Personals wegzubringen.« »Was haben Sie ihnen erzählt?« »Wir sagen ihnen, es handele sich um eine Bomben- drohung.«, »Ausgezeichnet.« Und effektiv wahr. »Die meisten kooperieren. Einige nicht.« »Hm.« »Aber es gibt ein ernstes Transportproblem. Es sind einfach nicht genügend Schiffe in Reichweite, um alle binnen weniger als zehn Stunden wegzubringen.« »Falls der Stromverbrauch in der Southport-Bucht plötzlich stark zunimmt, werden Sie damit beginnen müssen, Leute mit Shuttles zur militärischen Station hinüberzuschicken.« Allerdings war sich Miles keineswegs sicher, ob das Gravitationsereignis, falls es stattfände, nicht auch die militärische Station mit einbeziehen und beschädigen oder zerstören würde. »Das Militär wird aushelfen müssen.« »Hauptmann Vorgier und ich haben diese Möglichkeit mit dem militärischen Kommandeur erörtert, Mylord. Er war nicht glücklich über die Aussicht, dass plötzlich zufällig ausgewählte, nicht überprüfte Personen seine Station überfluten würden.« Das konnte Miles sich gut vorstellen. »Ich werde mit ihm sprechen.« Er seufzte. Vorgiers »Einsatzzentrale« war, wie sich herausstellte, das hiesige KBS-Büro; der zentrale Kommunikationsraum wies tatsächlich eine flüchtige Ähnlichkeit mit dem Taktikraum eines Kriegsschiffes auf, wie Miles zugeben musste. Vorgier rief ein Holovid-Display des Bereichs der Southport-Docks und -Schleusen auf, das in den technischen Einzelheiten besser war als jenes, welches Miles die letzte Stunde lang studiert hatte. Er ging die, erwartete Aufstellung seiner Leute, das geplante Timing und die Technik seines Sturmangriffs durch. Für einen Sturmangriff war es kein schlechter Plan. In seiner Jugend, als er in verdeckten Operationen unterwegs gewesen war, hatte Miles, wenn wenig Zeit zur Verfügung stand, ebenso bravouröse und idiotische Dinge vorgeschlagen. Na schön… idiotischere, wie er sich reumütig eingestehen musste. Ich hoffe, Miles, hatte sein Boss, KBS-Chef Simon Illyan, einmal zu ihm gesagt, ich werde es eines Tages erleben, dass du ein Dutzend Untergebene hast, wie du einer bist. Bis zu diesem Tag war es Miles nicht klar gewesen, dass dies von Illyans Seite aus ein förmlicher Fluch gewesen war. Vorgiers Gerede trat in Miles’ Gedanken hinter einer Wiederholung der Aufzeichnung der letzten Nachricht von Ekaterin zurück, die Vorgier Miles zuvorkommenderweise per Dichtstrahl übermittelt hatte. Im Laufe der letzten drei Stunden hatte er jede einzelne ihrer Nuancen auswendig gelernt. Ich befinde mich in der Steuerkabine einer Lade- bucht – sie brechen die Tür auf… Sie hatte nichts über den neuartigen Apparat gesagt. Es sei denn, es hätte dem Sagen Sie es Lord Vorkosigan, sagen Sie es dem KBS noch ein Bericht folgen sollen, den die Pranke des zornesroten Soudha so rüde unterbrochen hatte, als sie abrupt auf die KomKonsole geknallt war. In dem verschwommenen Hintergrund konnte man selbst in der Computer- vergrößerung nichts anderes erkennen als die öde Steuerkabine. Und den Mathematiker, Cappell, der einen Schraubenzieher hielt, den er dem Anschein nach zu einem anderen Zweck als zum Festziehen von Schrauben, verwenden wollte, was er offensichtlich aber nicht getan hatte; der KBS hatte über den Sicherheitskanal der Luft- schleuse der Ladebucht Vids erhalten, die zeigten, wie die beiden Frauen lebend hineingestoßen wurden, bevor Soudha den Signalgeber unterbrochen hatte. Diese kurzen Bilder brannten ebenfalls in Miles’ Gehirn. »In Ordnung, Hauptmann Vorgier«, unterbrach Miles den KBS-Mann. »Halten Sie Ihren Plan als die mögliche ultima ratio parat.« »Unter welchen Umständen soll er ausgeführt werden, Mylord Auditor?« Nur über meine Leiche, antwortete Miles nicht. Vorgier hätte vielleicht nicht verstanden, dass es sich dabei um keinen Scherz handelte. »Bevor wir beginnen, die Wände einzureißen, möchte ich versuchen, mit Soudha und seinen Kumpanen zu verhandeln.« »Hier handelt es sich um komarranische Terroristen. Um Verrückte – mit denen können Sie nicht verhandeln!« Der verstorbene Baron Ryoval war ein Verrückter gewesen. Der verstorbene Ser Galen war ohne Frage ein Verrückter gewesen. Und der verstorbene General Metzov hatte übrigens auch nicht gerade alle Tassen im Schrank gehabt. Miles musste zugeben, dass alle diese Verhand- lungen einem ausgesprochen negativen Trend gefolgt waren. »Ich bin in diesem Problem nicht ohne Erfah- rungen, Vorgier. Aber ich glaube nicht, dass Dr. Soudha ein Verrückter ist. Er ist nicht einmal ein verrückter Wissenschaftler. Er ist lediglich ein sehr aufgeregter Ingenieur. Diese Komarraner sind vielleicht tatsächlich die, vernünftigsten Revolutionäre, denen ich je begegnet bin.« Er blieb einen Moment lang stehen und starrte blicklos auf Vorgiers buntes, ominöses taktisches Display. Die Logistik der Evakuierung der Station stritt sich in seinen Gedanken mit Vermutungen über den Geisteszustand der Komarraner. Selbsttäuschung, politische Leidenschaft, Persönlichkeit, Urteilsvermögen… Visionen von Ekaterins Schrecken und Verzweiflung wirbelten in seinem Hinter- kopf. Wenn sie schon von einer so geräumigen Umfrie- dung wie einer komarranischen Kuppelstadt Klaustro- phobie bekam … hör auf damit! Er stellte sich vor, wie eine dicke Glasscheibe sich zwischen ihn und diesen persönlichen Mahlstrom von Angst senkte. Wenn seine Autorität hier absolut war, dann war es auch seine Verpflichtung, klaren Kopf zu bewahren. »Jede Stunde erkauft Leben. Wir werden für Zeit zahlen. Verschaffen Sie mir einen Kanal zum Kommandeur der militärischen Station«, befahl Miles. »Danach werden wir sehen, ob Soudha auf seiner KomKonsole antwortet.« Der absichtlich kahle Raum, in dem Miles saß, hätte sich genauso leicht auf der nahen militärischen Station befinden können, oder auf einem Schiff, das einige tausend Kilo- meter von der Station entfernt lag, statt – wie in Wirk- lichkeit – nur ein paar hundert Meter von der Southport- Bucht entfernt. Soudhas Standort war nicht so anonym, als sein Gesicht endlich über der Vid-Scheibe erschien; er saß in derselben gläsernen Steuerkabine, aus der Ekaterin ihren Hilferuf geschickt hatte. Miles überlegte, welche Techniker die Korridore gegen Maßnahmen von Seiten des KBS, überwachten und wer den nervösen Finger an der Steuerung der Außentür der Personalluftschleuse hatte. Hatten die Komarraner diesen Knopf als Totmannschaltung eingerichtet? Soudhas Gesicht war abgespannt und ehrlich müde; er war nicht mehr der höfliche, gutmütig-derbe Lügner. Rechts von ihm saß Lena Foscol nervös auf einem Rollschemel und sah aus wie ein schlampiger Wesir. Madame Radovas schaute ebenfalls zu. ihr Gesicht war halb von Soudha verdeckt; Cappell stand an der Seite, fast außerhalb des Focus. Gut. Das Quorum für eine Abstim- mung unter komarranischen Anteilseignern, wenn Miles die Zeichen richtig deutete. Zumindest respektierten sie soweit seine Autorität als kaiserlicher Auditor. »Guten Abend, Dr. Soudha«, begann Miles. »Befinden Sie sich hier auf der Station?« Soudha zog die Augenbrauen hoch, als er merkte, dass es bei der Übertragung keine Verzögerung gab. »Ja nun, anders als Administrator Vorsoisson bin ich meinen Ketten an der Versuchsstation lebend entkommen. Ich weiß immer noch nicht, ob es Ihre Absicht war, dass ich überlebte.« »Er ist doch nicht wirklich gestorben, oder?«, unterbrach ihn Foscol. »O doch.« Miles ließ seine Stimme absichtlich sanft klingen. »Ich musste dabei zuschauen, genau, wie Sie es arrangiert hatten. Jede einzelne elende Minute. Es war ein bemerkenswert hässlicher Tod.« Foscol schwieg. Soudha erwiderte: »Darum geht es im, Augenblick nicht. Die einzige Nachricht, die wir von Ihnen bekommen wollen, ist die, dass Sie die Sprungschiffe bereit haben, die uns in den nächsten neutralen Raum bringen – nach Pol oder Escobar –, woraufhin Sie Ihre Vor-Damen zurückbekommen werden. Wenn es nicht darum geht, dann breche ich diese Verbindung ab.« »Ich habe für Sie zuerst einige kostenlose Informatio- nen«, versetzte Miles. »Ich glaube nicht, dass Sie Ihren Erwartungen entsprechen.« Soudhas Hand zögerte über der KomKonsole. »Reden Sie weiter.« »Ich fürchte, Ihr Wurmloch-Kollabierer stellt keine geheime Waffe mehr dar. Wir haben Ihre Spezifikationen aus den Dateien der Firma Bollan Design geholt. Professor Vorthys hat Dr. Riva von der Universität Solstice zu Beratungen eingeladen. Kennen Sie Dr. Rivas Reputa- tion?« Soudha nickte vorsichtig; Cappell riss die Augen auf. Madame Radovas blickte müde drein. Foscol wirkte zutiefst misstrauisch. »Tja, indem man Ihre Spezifikationen, die Daten aus dem Soletta-Unfall und Dr. Rivas Kenntnisse der Physik zusammenfügte – es war daran auch ein Mathematiker namens Dr. Yuell beteiligt, falls der Name Ihnen etwas sagt –, sind der führende Störungsanalytiker und die führende 5D-Raum-Expertin des Kaiserreiches zu dem Schluss gekommen, dass Sie es tatsächlich nicht geschafft haben, einen Wurmloch-Kollabierer zu erfinden. Was Sie erfunden haben, war ein Wurmloch-Bumerang. Dr. Riva, sagt, das Wurmloch habe, als die fünfdimensionalen Wellen seine Resonanz über dessen Phasengrenzen hinaus verstärkten, anstatt zu kollabieren die Energie in Form eines Gravitationsimpulses an den dreidimensionalen Raum zurückgegeben. Dass sie in diesen Impuls hinein- gerieten, hat die Soletta und den Erzfrachter vernichtet und – tut mir Leid, Madame Radovas –, Dr. Radovas und Marie Trogir getötet. Das Spurensicherungsteam hat vor ein paar Stunden endlich ihre Leiche gefunden, wie ich leider berichten muss, umwickelt von Wrackteilen, die man vor fast einer Woche fand.« Cappell verriet seinen Kummer nur durch einen Atem- stoß, aber in seinen Augen glitzerte es feucht. Klar!, dachte Miles, ich dachte, er hätte zu viel protestiert. Niemand wirkte überrascht, lediglich bedrückt. »Wenn es Ihnen also gelingt, Ihr Ding in Gang zu setzen, dann werden Sie tatsächlich diese Station, die etwa fünftausend Menschen auf ihr und sich selbst vernichten. Und morgen früh wird Barrayar immer noch hier sein.« Miles dämpfte seine Stimme fast zu einem Flüstern. »Alles für nichts, und weniger als nichts.« »Er lügt«, platzte Foscol heftig in das bestürzte Schwei- gen. »Er lügt.« Soudha stieß ein unheimliches Schnauben aus, fuhr sich mit den Händen durchs Haar und schüttelte den Kopf. Dann lachte er, zu Miles’ Bestürzung, laut auf. Cappell starrte seinen Kollegen an. »Glaubst du wirk- lich, dass das der Grund ist? Dass eine derartige Fehlfunk- tion aufgetreten ist?«, »Das würde es erklären«, begann Soudha, »das würde es erklären … o Gott.« Er verstummte. »Ich dachte, es sei der Erzfrachter gewesen«, sagte er schließlich. »Dass der irgendwie kollidiert ist.« »Ich sollte auch erwähnen«, warf Miles ein, der immer noch mit Unbehagen Soudhas seltsame Reaktion beobach- tete, »dass der KBS das gesamte Personal der Abteilung Abwärme und deren Familien verhaftet hat, die Sie in den Räumlichkeiten von Southport Transport in Solstice zurückließen. Und dann sind da all Ihre anderen Ver- wandten und Freunde, die Unschuldigen, die nichts wussten. Das Geiselspiel ist ein schlechtes Spiel, ein trauriges und hässliches Spiel, das man sehr viel leichter anfangen als beenden kann. Die schlimmsten Versionen, die ich erlebt habe, endeten damit, dass keine Seite mehr die Kontrolle darüber hatte oder bekam, was sie wollte. Und die Leute, die darin am meisten zu verlieren drohen, spielen häufig gar nicht mit.« »Barrayaranische Drohungen!« Foscol hob ihr Kinn. »Glauben Sie, dass wir nach all dem Ihnen nicht mehr Paroli bieten können?« »Ich bin mir sicher, dass Sie das können, aber aus welchem Grund? In diesem Schlamassel ist nicht mehr viel zu gewinnen. Der größte Gewinn ist verloren; Sie können Barrayar nicht isolieren. Sie können Ihr Geheimnis nicht bewahren und auch niemanden schützen, den Sie auf Komarr zurückgelassen haben. So ungefähr das Einzige, was Sie noch tun können, ist, noch mehr unschuldige Menschen töten. Große Ziele können große Opfer verlangen, ja, aber Ihr möglicher Lohn schrumpft ständig.«, Ja, das war die Lösung: Erhöhe nicht den Druck, sondern mach die Mauer niedriger. »Wir haben nicht das alles durchgemacht«, sagte Cappell heiser und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen, »um einfach die Waffe des Jahrhunderts direkt den Barrayaranern in die Hände zu liefern.« »Dort ist sie doch schon. Als Waffe scheint das Ding bis jetzt einige fundamentale Defekte zu haben. Aber Dr. Riva sagt, es gibt Anzeichen dafür, dass Sie mehr Energie aus dem Wurmloch herausbekamen, als Sie hineinsteckten. Das lässt an eine mögliche zukünftige friedliche, wirt- schaftliche Nutzung denken, wenn man die Phänomene besser versteht.« »Wirklich?«, fragte Soudha und setzte sich auf. »Wie hat sie das herausgebracht? Wie lauten ihre Zahlen?« »Soudha!«, rief Foscol tadelnd. Madame Radovas zuckte zusammen, und Soudha gab – wenn auch widerstre- bend – nach und starrte Miles mit zusammengekniffenen Augen an. »Andrerseits«, fuhr Miles fort, »bis weitere Forschungen sicherstellen, dass der Kollaps eines Wurmlochs in der Tat ganz unmöglich ist, wird niemand von Ihnen irgendwohin gehen, besonders nicht zu einer anderen planetarischen Regierung. Das ist eine dieser hässlichen militärischen Entscheidungen, wissen Sie? Und leider muss ich sie fällen.« Die Vor-Damen dürfen nicht geopfert werden, hatte er zu Vorgier gesagt. Hatte er da gelogen, oder log er jetzt? Nun ja, wenn er sich darüber nicht im Klaren war, dann waren es die Komarraner vielleicht auch nicht., »Sie sind alle unausweichlich in ein barrayaranisches Gefängnis unterwegs«, fuhr er fort. »Der Teufelspakt einer Vor-Existenz, den eine Menge Leute – einige Vor einge- schlossen – übersehen, besteht darin, dass unser Leben für Opfer geschaffen ist. Es gibt keine Drohung, keine Folter, keine langsame Tötung, die Sie gegen zwei barrayara- nische Frauen einsetzen können und die das Ergebnis für Sie ändern werden.« War das die richtige Methode? Über der Vid-Scheibe schwebten die Bilder der Lauschenden unterlebensgroß, ein wenig gespensterhaft, schwer zu durchschauen. Miles wünschte sich, er könnte dieses Gespräch von Angesicht zu Angesicht führen. Die Hälfte der unterschwelligen Hinweise, der Körpersprache, der subtilen Nuancen des Ausdrucks und der Stimme gingen bei der Übertragung verloren und waren seinen Instinkten nicht verfügbar. Aber sich selbst ihnen persönlich auszuliefern, um ihre Geisel- sammlung zu vergrößern, hätte nur dazu dienen können, ihre ins Schwanken geratene Entschlossenheit zu verstär- ken. Die Erinnerung an eine Frauenhand, die durch seine Finger in einen Nebel voller Schreie glitt, flackerte durch seine Gedanken. Er ballte hilflos die Fäuste im Schoß. Nie wieder, hast du gesagt. Nicht zu opfern, hast du gesagt. Er suchte aufmerksam in den Gesichtern der Komarraner nach dem wahrnehmbaren Aufflackern eines Ausdrucks, nach Widerspiegelungen von Wahrheit, Lüge, Glaube, Miss- trauen, Vertrauen. »Gefängnisse haben Vorteile«, fuhr er fort. »Einige davon sind komfortabel möbliert, und anders als bei Gräbern kann man schließlich aus ihnen wieder heraus-, kommen. Jetzt bin ich bereit, im Austausch für Ihre friedliche Kapitulation und Kooperation persönlich Ihr Leben zu garantieren. Nicht, wohlgemerkt, Ihre Freiheit – die wird warten müssen. Aber die Zeit vergeht, alte Krisen werden von neuen abgelöst, Menschen ändern ihren Sinn. Jedenfalls lebende Menschen. Es gibt immer Amnestien, zur Feier dieses oder jenes öffentlichen Ereignisses – der Geburt eines kaiserlichen Erben zum Beispiel. Ich bezweif- le, dass jemand von Ihnen gezwungen sein wird, ein ganzes Jahrzehnt im Gefängnis zu verbringen.« »Das ist ja ein Angebot«, bemerkte Foscol bitter. Miles zog die Augenbrauen hoch. »Ein ehrenhaftes Angebot. Sie haben eine bessere Hoffnung auf Amnestie als Tien Vorsoisson. Die Pilotin dieses Erzfrachters wird keine Besuche von ihren Kindern bekommen. Ich habe ihre Autopsie überprüft, habe ich das erwähnt? Alle Autopsien. Wenn ich moralische Bedenken habe, so die, dass ich das Anrecht der Familien der toten Soletta-Techniker auf Gerechtigkeit für ihre Verstorbenen verschachere. Hierzu sollte es Zivilprozesse über fahrlässige Tötung geben.« Bei diesen Worten schaute selbst Foscol beiseite. Gut. Mach weiter. Je mehr Zeit er totschlug, desto besser, und sie folgten seinen Argumenten; solange er Soudha davon abhalten konnte, die Verbindung abzu- brechen, machte er eine verquere Art von Fortschritt. »Sie beschweren sich ohne Ende über die barrayaranische Tyrannei, aber irgendwie glaube ich nicht, dass Sie eine Abstimmung unter allen planetarischen Anteilseignern von Komarr durchgeführt haben, bevor Sie versuchten, deren Zukunft zu verschließen – oder zu stehlen. Und wenn Sie, das hätten tun können, dann glaube ich nicht, dass Sie es gewagt hätten. Vor zwanzig oder sogar noch vor fünfzehn Jahren hätten Sie vielleicht auf die Unterstützung durch die Mehrheit zählen können. Vor zehn Jahren war es schon zu spät. Würden Ihre Landsleute jetzt wirklich sich einen ihrer nächsten Märkte versperren und den ganzen Handel verlie- ren wollen? Und all ihre Verwandten verlieren, die nach Barrayar umgezogen sind, und dazu ihre halbbarra- yaranischen Enkelkinder? Ihre Handelsflotten haben die barrayaranischen militärischen Geleitzüge oft genug verdammt nützlich gefunden. Wer sind hier die wahren Tyrannen – die stümperhaften Barrayaraner, die – wie unbeholfen auch immer – versuchen, Komarr in ihre Zukunft einzuschließen, oder jene elitären komarranischen Intellektuellen, die alle, außer sich selbst, davon ausschlie- ßen wollen?« Er holte tief Luft, um den unerwarteten Zorn zu beherrschen, der mit seinen Worten aufgebrodelt war; er war sich bewusst, dass er mit diesen Leuten am Rande eines Abgrunds balancierte. Pass auf, pass auf! »Also bleibt für uns nichts anderes übrig, als dass wir versuchen, aus diesem Trümmerhaufen so viele Menschenleben wie möglich zu retten.« Nach einer kleinen Weile fragte Madame Radovas: »Wie würden Sie unser Leben garantieren?« Das waren die ersten Worte, die sie sprach, obwohl sie die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte. »Durch meinen Befehl als Kaiserlicher Auditor. Nur Kaiser Gregor selbst könnte ihn widerrufen.« »Und… warum wird Kaiser Gregor ihn nicht wider eines Abgrunds rufen?«, fragte Cappell skeptisch., »Er wird über die ganze Sache nicht glücklich sein«, antwortete Miles offen. Und ich werde ihm den Bericht überreichen müssen, Gott steh mir bei! »Aber… wenn ich mein Wort aufs Spiel setze, dann glaube ich nicht, dass er mir widersprechen wird.« Er zögerte. »Sonst werde ich zurücktreten müssen.« Foscol schnaubte. »Wie hübsch für uns zu wissen, dass Sie zurücktreten werden, sobald wir tot sind. Was für ein Trost!« Soudha rieb sich die Lippen und beobachtete Miles… der sein verkleinertes Abbild beobachtete. Miles war nicht der Einzige, der Hinweise der Körpersprache vermisste. Der Ingenieur blieb stumm, dachte nach… worüber? »Ihr Wort?« Cappell verzog das Gesicht. »Wissen Sie, was das Wort eines Vorkosigan für uns bedeutet?« »Ja«, erwiderte Miles ruhig. »Wissen Sie, was es für mich bedeutet?« Madame Radovas legte den Kopf schief, und ihr stiller Blick wurde, wenn möglich, noch schärfer. Miles beugte sich zur Vid-Kamera vor. »Mein Wort ist alles, was die ehrgeizigen Helden des KBS davon abhält, Ihre Wände zu durchbrechen und auf Sie loszugehen. Sie brauchen nicht die Korridore, das wissen Sie. Mein Wort reicht hinab bis zu meinem Auditoreneid, der mich in diesem Augenblick ungerührt an eine Pflicht gebunden hält, die ich für schrecklicher halte, als Sie ahnen können. Ich habe nur einen Namen zu verlieren. Mein Wort kann nicht dem Kaiser gegenüber wahr sein, wenn es Ihnen gegenüber falsch ist. Aber wenn es etwas gibt, was meines, Vaters herzzerreißende Erfahrung in Solstice gelehrt hat, so dies, dass ich mein Wort lieber nicht für Ereignisse geben sollte, die sich meiner Kontrolle entziehen. Wenn Sie sich ruhig ergeben, dann habe ich Kontrolle darüber, was geschieht. Wenn der KBS Sie gewaltsam festnehmen muss, wird es dem Zufall, dem Chaos und den Reflexen einiger übererregter junger Männer mit Schusswaffen und mutigen Visionen vom Kampf gegen irre komarranische Terroristen überlassen bleiben.« »Wir sind keine Terroristen«, versetzte Foscol hitzig. »Nein? Sie haben mich doch schon erfolgreich terrori- siert«, erwidert Miles düster. Foscol presste die Lippen zusammen, doch Soudha blickte weniger sicher drein. »Wenn Sie den KBS auf uns loslassen, dann sind die Konsequenzen Ihr Werk«, erklärte Cappell. »Fast korrekt«, pflichtete ihm Miles bei. »Wenn ich den KBS auf Sie loslasse, dann bin ich für die Konsequenzen verantwortlich. Das ist dieser teuflische Unterschied zwischen Verantwortung haben und Kontrolle haben. Ich habe die Verantwortung; Sie haben die Kontrolle. Sie können sich vorstellen, wie sehr mich das begeistert.« Soudha schnaubte. In einer widerwilligen Reaktion zog Miles einen Mundwinkel hoch. Ja, darüber weiß auch Soudha völlig Bescheid. Foscol beugte sich vor. »Das ist alles nur ein Tarn- manöver. Hauptmann Vorgier hat gesagt, man lasse ein Sprungschiff kommen. Wo ist es denn?« »Vorgier hat gelogen, um Zeit zu gewinnen, was seine, eindeutige Pflicht war. Es wird kein Sprungschiff geben.« Mist, damit war die Katze aus dem Sack. Jetzt gab es nur noch zwei Richtungen, in welche die Sache sich ent- wickeln konnte. Auch vorher hat es nur zwei Richtungen gegeben… »Wir haben zwei Geiseln. Müssen wir eine davon in den Raum hinausstoßen, um zu beweisen, dass es uns ernst ist?« »Ich glaube, es ist Ihnen todernst. Welche von beiden wird zuschauen, die Tante oder die Nichte?«, fragte Miles sanft und lehnte sich wieder zurück. »Sie behaupten, Sie seien keine verrückten Terroristen, und ich glaube Ihnen. Sie sind es nicht. Noch nicht. Sie sind auch keine Mörder; ich akzeptiere tatsächlich, dass all die Toten, die Sie in Ihrem Kielwasser zurückgelassen haben, nur Unfälle waren. Bis jetzt. Aber ich weiß auch, dass es mit zuneh- mender Übung immer leichter wird, die Grenze zu über- schreiten. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie jetzt so weit gegangen sind, wie Sie nur können, ohne sich in ein perfektes Abbild des Feindes zu verwandeln, dem Sie sich widersetzen wollen.« Zur Betonung ließ er diese letzten Worte eine Weile in der Luft hängen. »Ich glaube, Vorkosigan hat Recht«, sagte Soudha uner- warteterweise. »Wir sind am Ende mit unseren Wahl- möglichkeiten. Oder am Anfang einer anderen Wahl. Eine, für die ich mich nicht verpflichtet habe.« »Wir müssen zusammenhalten, oder es bringt nichts«, sagte Foscol eindringlich. »Wenn wir eine der beiden, durch die Luftschleuse hinausstoßen müssen, dann stimme ich für diesen Drachen Vorsoisson.« »Würdest du es mit deinen eigenen Händen tun?«, fragte Soudha. »Denn ich denke, ich weigere mich.« »Selbst nach dem, was sie uns angetan hat?« Was in Gottes Namen hat die sanfte Ekaterin euch angetan? Miles zwang sein Gesicht, so ausdruckslos wie möglich zu bleiben und rührte sich nicht. Soudha zögerte. »Es sieht so aus, als machte das keinen Unterschied mehr.« Cappell und Madame Radovas begannen gleichzeitig zu reden, doch Soudha hob Einhalt gebietend die Hand. Er stieß den Atem aus wie ein Mann, der von Schmerzen geplagt wird. »Nein. Machen wir weiter, wie wir ange- fangen haben. Die Entscheidung, vor der wir stehen, ist offensichtlich. Jetzt aufhören – bedingungslose Kapitulation – oder Vorkosigan zwingen, Farbe zu bekennen. Nun, es ist für euch kein Geheimnis, dass ich dachte, der Zeitpunkt, uns zu verstecken, um es später noch einmal zu versuchen, sei gewesen, bevor wir Komarr überhaupt verließen.« »Es tut mir Leid, dass ich letztes Mal gegen dich gestimmt habe«, sagte Cappell zu Soudha. Soudha zuckte mit den Achseln. »Ja, schon gut… Wenn wir aufgeben sollen, dann ist der Zeitpunkt jetzt gekom- men.« Nein, er ist noch nicht gekommen, dachte Miles verzweifelt. Das alles ging zu abrupt. Es war mindestens noch Zeit für weitere zehn Stunden Plauderei. Er wollte sie zur Kapitulation gleiten lassen, nicht zum Selbstmord, treiben. Oder zum Mord. Wenn sie ihm hinsichtlich der Defekte ihres Apparats glaubten, wie sie es anscheinend taten, dann müsste ihnen doch bald der Gedanke kommen, dass sie die ganze Station als Geisel nehmen konnten, wenn es ihnen nichts ausmachte, sich selbst zu opfern. Miles lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, kaute an einem Finger, beobachtete und lauschte. »Es bringt auch nichts zu warten, so oder so«, fuhr Soudha fort. »Das Risiko nimmt jede Minute zu. Lena?« »Keine Kapitulation«, erwiderte Foscol standhaft. »Wir machen weiter.« Und etwas düsterer fügte sie hinzu: »Irgendwie.« »Cappell?« Der Mathematiker zögerte lange. »Ich kann nicht ertragen, dass Marie umsonst gestorben ist. Durchhalten!« »Ich selbst…« Soudha öffnete seine große, breite Hand. »Hören wir auf. Da wir nun den Überraschungseffekt verloren haben, führt das nirgendwohin. Die einzige Frage ist. wie lange es dauert, anzukommen.« Er wandte sich an Madame Radovas. »Oh, bin ich schon dran? Ich wollte nicht die Letzte sein.« »Deine Stimme würde sowieso die entscheidende sein«, sagte Soudha. Madame Radovas verstummte und starrte zum Fenster der Steuerkabine hinaus – über die Ladebucht hinweg auf die Tür der Luftschleuse? Miles’ Blick musste dem ihren folgen; als sie sich wieder umdrehte, ertappte sie ihn dabei, und er zuckte zusammen., Jetzt hast du es geschafft, alter Junge! Ekaterins Leben und der Schwur deiner Seele hängen von der verdammten Debatte komarranischer Anteilseigner ab. Wie hast du das zulassen können? Das war nicht geplant… Er sah wieder den Code an seiner KomKonsole, der Vorgier und seine wartenden Kämpfer in Aktion gesetzte hätte, und ignorierte ihn. Madame Radovas’ Blick kehrte zum Fenster zurück. »Unsere Sicherheit hing vorher immer von der Geheim- haltung ab«, sagte sie an niemand Besonderen gerichtet. »Selbst wenn wir jetzt bis Pol oder Escobar gelangen, wird der KBS uns folgen. Wir würden nicht einmal einen sicheren Zeitpunkt haben, um unsere Geiseln herzugeben. Ob im Exil oder nicht, wir werden Gefangene sein, immer Gefangene. Ich bin es müde, Gefangene zu sein, egal, ob Gefangene der Hoffnung oder der Angst.« »Du bist keine Gefangene gewesen!«, widersprach Fos- col. »Du bist eine von uns gewesen. Dachte ich zumindest.« Madame Radovas blickte zu ihr hinüber. »Ich habe meinen Mann unterstützt. Hätte ich es nicht getan, dann wäre er noch am Leben. Lena, ich bin es müde.« »Vielleicht solltest du dich ausruhen, bevor du dich entscheidest«, entgegnete Foscol zögernd. Der Blick, den sie von Madame Radovas als Antwort erhielt, ließ sie die Augen senken und wegschauen. »Glaubst du ihm, dass der Apparat nicht funktioniert?«, fragte Madame Radovas Soudha. Soudha legte die Stirn in tiefe Falten. »Ja. Leider. Sonst hätte ich anders gestimmt.«, »Armer Barto.« Mit einem fast distanzierten Staunen schaute sie Miles lange an. Von ihrer scheinbaren Leidenschaftslosigkeit ermutigt, fragte er neugierig: »Warum ist Ihre Stimme die entschei- dende?« »Der Plan war ursprünglich die Idee meines Mannes. Diese Obsession hat sieben Jahre lang mein Leben beherrscht. Sein Stimmanteil wurde immer als der größte betrachtet.« Wie außerordentlich komarranisch! Dann war Soudha tatsächlich der stellvertretende Anführer gewesen, in die Schuhe des Toten hineingezwungen … jetzt war das alles erstaunlich irrelevant. Vielleicht wird man es nach ihm benennen. Den Radovas-Effekt. Wahrscheinlich. »Dann sind wir beide in gewissem Sinne Erben.« »In der Tat.« Die Witwe verzog den Mund. »Wissen Sie, nie werde ich den Ausdruck auf Ihrem Gesicht vergessen, als dieser Narr Vorsoisson Ihnen sagte, auf seinen Formu- laren gebe es keinen Platz für einen kaiserlichen Befehl. Trotz allem hätte ich laut losgelacht.« Miles lächelte kurz. Er wagte kaum zu atmen. Madame Radovas schüttelte ungläubig den Kopf, doch nicht, so meinte er, aus Unglauben über seine Versprechun- gen. »Nun, Lord Vorkosigan … ich werde Sie beim Wort nehmen. Und herausfinden, was es wert ist.« Sie betrach- tete forschend die Gesichter ihrer drei Kollegen, doch als sie sprach, schaute sie Miles an. »Ich stimme dafür, jetzt aufzuhören.« Miles wartete angespannt auf Anzeichen von Meinungs-, verschiedenheit, Protest, interner Revolte. Cappell schlug mit der Faust gegen die Glaswand der Kabine, die vibrierte, und wandte sich ab. In seinem Gesicht arbeitete es. Foscol barg ihr Gesicht in den Händen. Danach herrschte Schweigen. »Das ist es also dann«, sagte Soudha trostlos und erschöpft. Miles fragte sich, ob die Nachricht von dem inneren Defekt des Apparats seinen Willen mehr geschwächt hatte als jeder Streit. »Wir ergeben uns, auf Ihr Wort hin, dass unser Leben geschützt bleibt. Lord Auditor Vorkosigan.« Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. »Was jetzt?« »Eine Menge vernünftiger langsamer Maßnahmen. Zuerst bringe ich den KBS sanft von seiner Vision eines heroischen Sturmangriffs ab. Die haben sich hier draußen ziemlich aufgeregt. Dann informieren Sie den Rest Ihrer Gruppe. Entschärfen Sie alle versteckten Sprengladungen, die Sie vielleicht angebracht haben, stapeln Sie alle Waffen, die Sie vielleicht besitzen, zu einem Haufen auf und entfernen Sie sich davon. Schließen Sie die Türen auf. Dann setzen Sie sich ruhig auf den Boden der Ladebucht und halten Sie die Hände hinter den Kopf. Anschließend werde ich die Jungs hineinschicken. Und vermeiden Sie plötzliche Bewegungen und dergleichen«, fügte er vorsich- tigerweise noch hinzu. »So soll es sein.« Soudha brach die Verbindung ab; die Komarraner verschwanden. Miles schauderte, plötzlich desorientiert, wieder allein in seinem kleinen, abge- schlossenen Raum. Es kam ihm vor, als holte der schreiende Mann hinter der Glaswand in seiner Vorstellung, einen Rammbock heraus. Miles öffnete den Kanal auf seiner KomKonsole und befahl, ein Trupp Sanitäter solle die verhaftenden Offiziere des KBS und der Sicherheitsabteilung der Station beglei- ten, die mit Betäubern – und nur mit Betäubern – bewaff- net sein sollten. Diesen letzten Befehl wiederholte er einige Male, um sicherzugehen. Es kam ihm vor, als hätte er ein ganzes Jahrhundert auf dem Stuhl vor der KomKonsole verbracht. Als er versuchte aufzustehen, fiel er fast hin. Dann rannte er los. Miles’ einziger Kompromiss mit Vorgiers Sorge um die persönliche Sicherheit des Kaiserlichen Auditors bestand darin, dass er die Rampe in die Southport-Ladebucht hinter anstatt vor dem Sicherheitsteam hinabging. Die etwa zehn Komarraner, die mit gekreuzten Beinen auf dem Boden saßen, drehten sich herum und beobachteten, wie die Barrayaraner hereinkamen. Hinter Miles kam das Techni- kerkommando, das ausschwärmte und nach versteckten Sprengladungen suchte, und dahinter folgten die Sanitäter mit einer Schwebepalette. Das Erste, was Miles’ Blick auf sich zog, nachdem er die lebenden Ziele registriert hatte, war die umgestürzte Schwebebühne in der Mitte der Bucht, die auf einem Haufen verwickelter Trümmer lag. Er konnte das Ding kaum wiedererkennen, nach den Diagrammen, die er auf Komarr von dem fünften Apparat gesehen hatte. Sein Herz wurde ihm leicht, als er diesen unerklärlichen, will- kommenen Anblick sah., Er ging darum herum, betrachtete das Ding und trat dann zu Soudha, der nach Waffen abgesucht und gefesselt wurde. »Du lieber Himmel! Ihr Wurmloch-Kollabierer scheint einen Unfall gehabt zu haben. Aber wir haben die Pläne.« Cappell und ein Mann, in dem Miles den Ingenieur erkannte, der von Bollan Design geflohen war, standen daneben und blickten ihn finster an. Foscol bemühte sich, in Hörweite zu gelangen, nur mit Mühe kontrolliert von der Offizierin, die sie festnahm. »Das waren nicht wir«, seufzte Soudha. »Das war sie.« Mit einem Ruck seines Daumens lenkte er Miles’ Auf- merksamkeit auf die Innentür der Personalluftschleuse der Bucht. Über dem Pfosten der luftdichten Tür war eine Metallstange befestigt; ihre Enden waren jeweils an die Tür und die Wand geschweißt. Miles’ Augen weiteten sich; in atemloser Erwartung öffnete er den Mund. »Sie?« »Das Miststück aus der Hölle. Oder von Barrayar, was fast dasselbe ist, wenn man ihr zuhört. Madame Vor- soisson.« »Bemerkenswert.« Endlich wurde Miles der Grund einiger seltsam verkehrter Reaktionen auf Seiten der Komarraner im Laufe der Verhandlungen ersichtlich. »Hm… und wie?« Alle drei Komarraner versuchten gleichzeitig zu ant- worten, begleitet von einem Durcheinander der gegen- seitigen Schuldzuweisung mit einer Menge Sätze wie: Wenn Madame Radovas sie nicht herausgelassen hätte –, Wenn du nicht zugelassen hättest, dass Radovas sie herauslässt – Wie sollte ich denn das wissen? Für mich sah die alte Dame krank aus. Immer noch. Wenn du nicht die Fernsteuerung direkt vor ihr hingelegt hättest – Wenn du nicht die verdammte Steuerkabine verlassen hättest – Wenn du bloß schneller gewesen wärst – Wenn du zur Schwebe- bühne gerannt wärst und den Strom abgeschaltet hättest – Und warum hast du nicht daran gedacht, hä? Daraus setzte sich Miles langsam das großartigste mentale Bild dieses Tages zusammen. Dieses Jahres. Genau genommen einer ziemlich langen Zeitspanne Ich bin verliebt. Ich bin verliebt. Vorher habe ich nur gedacht, ich sei verliebt. Jetzt bin ich es wirklich. Ich muss, ich muss, ich muss diese Frau haben! Mein, mein, mein. Lady Ekaterin Vorvayne Vorsoisson Vorkosigan, ja! Sie hatte hier dem KBS und den Auditoren des Kaisers nichts anderes zu tun übrig gelassen, als die Scherben aufzu- kehren. Er wollte sich auf dem Boden herumkugeln und vor Freude heulen, was unter diesen Umständen von ihm höchst undiplomatisch gewesen wäre. Also bewahrte er einen gleichmütigen, sehr normalen Gesichtsausdruck. Irgendwie wussten die Komarraner das Vergnügen nicht richtig zu würdigen, fand Miles. »Als wir sie in die Luftschleuse steckten, habe ich die Tür zugeschweißt«, bemerkte Soudha düster. »Ich wollte nicht, dass sie uns ein drittes Mal reinlegt.« »Ein drittes Mal?«, fragte Miles. »Wenn das das zweite war, was war dann das erste?« »Als dieser Idiot Arozzi sie hierher brachte, ließ sie, schon da die ganze Sache fast platzen, indem sie den Not- alarm aktivierte.« Miles blickte auf den Alarmknopf an der nahen Wand. »Und was geschah dann?« »Es kamen plötzlich Leute von der Notfallkontrolle der Station angeschwärmt. Ich dachte, ich würde sie nie wieder loswerden.« »Aha, ich verstehe.« Wie seltsam. Diesen Teil hat Vor- gier nicht erwähnt. Später. »Sie wollen damit sagen, wir haben die letzten fünf Stunden damit zugebracht, diese Station in aller Eile zu evakuieren – für nichts und wieder nichts?« Soudha lächelte säuerlich. »Erwarten Sie von mir Mit- gefühl, Barrayaraner?« »He, keine Sorge.« Die meisten Gefangenen wurden hinausgeführt; mit einer Geste befahl Miles, Soudha zurückzulassen. »Der Augenblick der Wahrheit, Soudha. Haben Sie dieses Ding mit einer versteckten Sprengladung versehen?« »An der Außentür ist eine bewegungsempfindliche Ladung angebracht. Wenn man die Schleuse von dieser Seite aus öffnet, dürfte sie nicht losgehen.« Mit eiserner Selbstbeherrschung beobachtete Miles, wie ein Techniker des KBS die Metallstange losschweißte. Klirrend fiel die Stange aufs Deck. Miles wartete einen letzten Augenblick flauer Furcht lang. »Worauf warten Sie?«, fragte Soudha neugierig. »Ich überdenke nur die Tiefe Ihrer politischen Findig-, keit. Angenommen, diese Bombe ist aktiviert, um loszu- gehen und uns im letzten Augenblick unseren Lohn zu entreißen?« »Jetzt? Warum? Es ist vorbei«, sagte Soudha. »Rache. Manipulation. Vielleicht stellen Sie sich vor, mich wütend zu machen, damit ich eine Wiederholung des Solstice-Massakers auslöse, in einem etwas kleineren Maßstab. Das könnte einen Propagandacoup darstellen. Ob es wert wäre, Ihr Leben dafür zu opfern, hängt natürlich ganz von Ihrem Standpunkt ab. Richtig dargestellt könnte der Vorfall vermutlich helfen, eine neue komarranische Revolte auszulösen.« »Sie haben eine wirklich krankhafte Denkweise, Lord Vorkosigan«, sagte Soudha und schüttelte den Kopf. »War das Ihre Erziehung oder sind das Ihre Gene?« »Ja.« Miles seufzte. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens winkte er den Soldaten, sie sollten weiter- gehen, und Soudha wurde hinter seinen Genossen hinaus- geführt. Der Kaiserliche Auditor nickte dem Techniker zu, er solle weitermachen, und der Mann drückte die Knöpfe am Steuerfeld. Die innere Tür jaulte und blieb auf halbem Weg stecken. Miles drückte sie sanft mit dem Stiefel zur Seite, und die Tür öffnete sich zitternd. Ekaterin stand zwischen der Innentür und der Professora, die auf dem Boden saß, die Weste ihrer Nichte über ihren Bolero gezogen. Ekaterins Gesicht wies eine rote Prellung auf, ihr Haar hing wirr in alle Richtungen, und sie hatte die Fäuste geballt. Sie sah wie eine Wahn-, sinnige aus und gab nach Miles’ Meinung ein ganz und gar großartiges Bild ab. Mit einem breiten Lächeln streckte er beide Hände aus und beugte sich in die Luftschleuse. Sie blickte ihn zornig an. »Das wird ja auch Zeit.« Sie stolzierte an ihm vorbei und murmelte voller Abscheu: »Männer!« Miles geriet ganz kurz ins Schlingern, dann gelang es ihm, seine offenen Arme in eine geschmeidige Verbeugung vor der Professora umzuwandeln. »Madame Dr. Vorthys, geht es Ihnen gut?« »Du meine Güte, hallo, Miles.« Sie blinzelte ihn an. Ihr Gesicht war grau, und sie wirkte ganz durchgefroren. »Mir ist es schon besser gegangen, aber ich glaube, ich werde es überleben.« »Ich habe eine Schwebepalette für Sie. Diese kräftigen jungen Männer werden Ihnen hinauf helfen.« »Oh, danke sehr, mein Lieber.« Miles trat zurück und winkte die Sanitäter heran. Die Professora schien völlig damit zufrieden zu sein, dass man sie an Bord der Sanitätspalette hob und mit warmen Decken umhüllte. Eine flüchtige Untersuchung und eine kurze Diskussion hatten zum Ergebnis, dass man ihr eine halbe Dosis Synergin gab, aber keine Infusion; dann stieg die Palette in die Luft. »Der Professor wird in Kürze hier sein«, versicherte ihr Miles. »Genau genommen wird er wahrscheinlich schon da sein, bevor Sie beide auf der Krankenstation abgefertigt sind. Ich werde dafür sorgen, dass er direkt zu Ihnen weitergeschickt wird.«, »Ich bin ja so froh.« Die Professora winkte ihn zu sich heran; als er sich über sie beugte, fasste sie ihn am Ohr und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ekaterin war wunderbar«, flüsterte sie. »Ich weiß«, hauchte er. Seine Augenwinkel kräuselten sich, und die Professora lächelte zurück. Er trat von der Palette zurück an Ekaterins Seite und hoffte dabei, das Beispiel ihrer Tante möge sie inspirieren – ein kleines Schauspiel der Dankbarkeit hätte ihm nichts ausgemacht… »Sie schienen nicht überrascht zu sein, als Sie mich sahen«, murmelte er. Die Palette schwebte unter der Führung eines Sanitäters los; Miles und Ekaterin folgten ihr. Die KBS-Techniker warteten höflich, bis sie den Raum verlassen hatten, erst danach betraten sie die Luftschleuse, um die Sprengladung zu entschärfen. Ekaterin strich mit nur leicht zitternder Hand eine Haarsträhne über ein Ohr zurück. Als ihr Ärmel zurückglitt, waren auch an ihren Armen rote Prellungen zu sehen. Miles betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. »Ich wusste, es musste unsere Seite sein«, sagte sie einfach. »Ansonsten wäre es die äußere Tür gewesen.« »Äh, ganz richtig.« Drei Stunden hatte sie gehabt, um diese Möglichkeit zu erwägen. »Mein Schnellkurier war langsam.« In nachdenklichem Schweigen bogen sie in den nächsten Korridor ein. So erfreulich es auch gewesen wäre, wenn sie sich vor dieser Meute von KBS-Kerlen in seine Arme geworfen und erleichtert auf… – nun ja, wenn nicht seine Schulter, dann wenigstens auf seinen Scheitel geweint hätte, –, so musste er doch zugeben, dass er diesen Stil noch mehr bewunderte. Also, was ist das mit deiner Geschichte bezüglich großer Frauen und unerwiderter Liebe? Sein Cousin Ivan hätte zweifellos einige beißende Dinge zu sagen gewusst – Miles knurrte schon im Voraus in Gedanken. Mit Ivan und anderen Gefährdungen seiner Werbung würde er sich später befassen. »Wissen Sie, dass Sie etwa fünftausend Menschenleben gerettet haben?«, fragte er Ekaterin. Sie senkte die dunklen Augenbrauen. »Was heißt das?« »Der neue Apparat war defekt. Wenn es den Komarra- nern gelungen wäre, ihn zu starten, dann hätte der Gravitationsrückstoß aus dem Wurmloch diese Station genauso zerstört wie die Soletta-Station, wahrscheinlich mit ebenso wenig Überlebenden. Und mich schaudert, sobald ich nur an die Schadensrechnung denke. Wenn ich mir vorstelle, wie Illyan sich über meine Materialverluste zu beschweren pflegte, damals, als ich bloß verdeckte Operationen durchführte…« »Sie wollen damit sagen… der Apparat funktionierte überhaupt nicht? Ich habe das alles für nichts getan?« Sie blieb stehen und ließ die Schultern sinken. »Was meinen Sie mit ›nichts‹? Ich bin kaiserlichen Generälen begegnet, die in ihrer ganzen Karriere nicht mehr vorzuweisen hatten. Sie sollten einen verdammten Orden bekommen, meine ich. Außer dass diese Sache am Ende so geheim sein wird, dass man eine völlig neue Stufe der Geheimhaltung wird erfinden müssen, um sie darin unterzubringen. Und dann wird man die Geheimhaltungs-, stufe für geheim erklären.« Sie prustete los. und es klang nicht sehr fröhlich. »Was sollte ich mit einem so nutzlosen Ding wie einem Orden anfangen?« Miles dachte versonnen an den Inhalt einer gewissen Schublade zu Hause im Palais Vorkosigan. »Ihn einrahmen lassen? Als Briefbeschwerer benutzen? Ihn abstauben?« »Genau, was ich immer gewollt habe. Noch mehr Krimskrams.« Er grinste sie an; endlich lächelte sie zurück. Ihr Adrenalinstoß begann sichtlich nachzulassen, ohne dass sie zusammenbrach. Sie holte Luft und ging wieder weiter. Miles hielt mit ihr Schritt. Ekaterin war dem Feind begegnet, hatte ihren entscheidenden Augenblick gemeistert, hatte drei Stunden an der Schwelle des Todes gesessen, und trotzdem war sie aus der Sache aufrecht und zornig hervorgegangen. Übersozialisiert, ha! O ja, Vater. Die möchte ich haben. Er blieb vor der Tür der Krankenstation stehen; die Professora verschwand dahinter, von ihren medizinischen Lakaien davongetragen wie eine Dame auf einer Sänfte. Ekaterin hielt mit ihm an. »Ich muss Sie eine Weile verlassen und nach meinen Gefangenen schauen. Die Leute von der Station werden sich um Sie kümmern.« Sie runzelte die Stirn. »Gefangene? O ja, wie sind Sie eigentlich die Komarraner losgeworden?« Miles lächelte grimmig. »Durch Überredung.« Sie schaute auf ihn hinunter und zog einen Winkel ihres, schönen Mundes nach oben. Ihre Unterlippe war aufge- platzt. Er wollte sie küssen und heilen. Noch nicht. Denk ans Timing, alter Junge. Und an etwas anderes. »Sie müssen sehr überzeugend sein.« »Das hoffe ich doch.« Er holte tief Luft. »Ich bluffte, sodass sie glaubten, ich würde sie nicht gehen lassen, egal was sie Ihnen und der Professora antäten. Außer, dass ich nicht bluffte. Wir hätten sie nicht gehen lassen können.« Da. Der Verrat war gestanden. Seine leeren Hände ballten sich zu Fäusten. Sie starrte ihn ungläubig an; sein Herz zog sich zusam- men. »Nun ja, natürlich nicht.« »Äh… was?« »Wissen Sie nicht, was die Barrayar antun wollten?«, fragte sie. »Es war eine Horrorshow. Äußerst böse, und sie haben es nicht einmal begriffen. Sie versuchten mir tat- sächlich einzureden, das Wurmloch zum Kollaps zu bringen würde niemanden verletzen! Monströse Narren.« »Das ist genau, was ich dachte.« »Also, würden Sie nicht Ihr Leben aufs Spiel setzen, um sie aufzuhalten?« »Ja, aber ich setzte nicht mein Leben aufs Spiel – sondern das Ihre.« »Aber ich bin eine Vor«, erwiderte sie einfach. Sein Lächeln und sein Herz lebten wieder auf. Ihm war schwindlig vor Freude. »Eine wahrhafte Vor, Madame«, hauchte er. Eine MedTech näherte sich ihnen. »Madame Vorsois-, son?«, murmelte sie besorgt. Miles ließ sie gewähren, salutierte andeutend vor Ekaterin und wandte sich ab. Als er um die erste Ecke bog. summte er vor sich hin., Das Personal der Krankenstation bestand darauf, beide Vor-Frauen über Nacht dazubehalten, eine Vorsichtsmaßnahme, gegen die keine von beiden Widerspruch einlegte. Trotz ihrer Erschöpfung bekam Ekaterin die Erlaubnis, ihre Reisetasche aus dem nicht benutzten Zimmer im Hotel zu holen, und zwar unter den wachsamen Blicken eines sehr jungen KBS-Mannes, der sie in jedem Satz »Madame« nannte und entschlossen war, ihr Gepäck zu tragen. Auf der KomKonsole ihres Zimmers wartete eine Nach- richt für sie: eine dringende Aufforderung Lord Vorkosi- gans, sie solle ihre Tante nehmen und sofort von der Station fliehen. Die Botschaft klang so eindringlich überzeugend, dass sie beinahe losgerannt wäre, obwohl der Inhalt ja offensichtlich veraltet war. Nur Instruktionen, bemerkte Ekaterin, aber keinerlei Erklärungen. Vorkosigan musste wirklich einmal einen militärischen Kommandoposten inne- gehabt haben. Der Unterschied zwischen diesem angespann- ten, energischen Lord und der fast albernen Freundlichkeit des jungen Mannes, der sie mit einer Verbeugung aus der Luftschleuse geholt hatte, machte sie nachdenklich; welcher war der echte Lord Vorkosigan? Trotz all seines anscheinend selbstenthüllenden Geplappers blieb der Mann so schwer fassbar wie eine Hand voll Wasser. Wasser in der Wüste. Der Gedanke kam ihr ungebeten, und sie schüttelte den Kopf, um ihn wieder loszuwerden., Nachdem sie in die Krankenstation zurückgekehrt war, blieb Ekaterin eine Weile bei ihrer Tante sitzen und wartete mit ihr auf den Professor. Onkel Vorthys traf im Laufe der nächsten Stunde ein. Er war ungewöhnlich außer Atem und gedämpfter Stimmung, als er sich auf den Bettrand neben seine Frau setzte und sie umarmte. Sie erwiderte seine Umarmung, und zum ersten Mal traten ihr nach der Nervenprobe dieses Abends Tränen in die Augen. »Du solltest mir nicht auf solche Art Angst einjagen, Frau«, sagte er mit gespielter Strenge. »Herumrennen und entführt werden, komarranische Terroristen an ihrem Werk hindern, dem KBS Arbeit abnehmen … Dein vorzeitiger Abgang würde völlig meinen egoistischen Plan zunichte machen, dass ich zuerst tot umfalle und dich zurücklasse, damit du hinter mir aufräumen kannst. Bitte, tu mir das nicht an!« Sie lachte zittrig. »Ich werde es versuchen, mein Lieber.« Das Patientengewand, das sie trug, war kein sehr schmeichelhaftes Kleidungsstück, aber ihre Gesichtsfarbe sah jetzt besser aus, meinte Ekaterin. Synergin, heiße Getränke, Wärme, Ruhe und Sicherheit hatten zusammen- gewirkt und ohne weitere ärztliche Eingriffe ihre beunruhi- genderen Symptome gebannt, sodass selbst ihr besorgter Ehemann sich ziemlich schnell beruhigen ließ. Ekaterin überließ es ihrer Tante, ihm den größten Teil der Geschichte ihrer schlimmen Stunden mit den Komarranern zu erzählen und warf nur dann und wann gemurmelte Richtigstellungen ein, wenn die Professora zu schmeichel- haft über den Anteil ihrer Nichte an dem Ganzen berichtete., Mit düsterem Neid dachte Ekaterin über die Natur einer Ehe nach, die nach Auffassung von deren Partnern nach lediglich vierzig gemeinsamen Jähren von einem vorzei- tigen Ende bedroht gewesen war. Für mich gilt das nicht. Diese Möglichkeit habe ich verloren. Der Professor und die Professora gehörten sicherlich zu den wenigen Glück- lichen. Welche persönlichen Eigenschaften auch immer notwendig waren, um diesen glücklichen Zustand zu erreichen, so war es Ekaterin überdeutlich, dass sie darüber nicht verfügte. Der Professor kehrte wieder zu seiner normalen dröh- nenden Stimme und präzisen akademischen Ausdrucks- weise zurück und scheuchte damit die MedTechs unnötigerweise zugunsten seiner Frau herum. Ekaterin intervenierte und gab mit fester Stimme zu bedenken, dass Tante Vorthys jetzt vor allem Ruhe brauche; nach einem letzten störenden Rundgang durch das Privatzimmer entfernte er sich, um Lord Vorkosigan zu suchen und das Schlachtfeld bei den Schleusen von Southport Transport zu besichtigen. Ekaterin meinte, sie könnte nicht mehr schlafen, doch nachdem sie aufgeräumt hatte und in ihr eigenes Krankenbett gekrochen war, brachte ihr eine MedTech ein Präparat und forderte sie auf, dieses einzu- nehmen. Ekaterin beschwerte sich immer noch duselig, dass so etwas bei ihr nicht wirke, als die Betttücher sie bereits hinabzusaugen schienen. Ob es nun an dem Medikament, an der Erschöpfung, an bloßem Nervenkollaps oder an der Abwesenheit eines Aufmerksamkeit fordernden Neunjährigen lag, Ekaterin, erwachte jedenfalls spät. Der ruhige Rest des Vormittags, den sie in oberflächlichem Geplauder mit ihrer Tante zubrachte, ging bereits in den Mittag über, als Lord Vorkosigan in das Krankenzimmer marschierte. Er war geschniegelt und gebügelt, sein schöner grauer Anzug war adrett und frisch, doch in seinem Gesicht waren Spuren von Müdigkeit zurückgeblieben. Er trug unter jedem Arm ein riesiges und sperriges Blumengesteck. Ekaterin half ihm schnell, seine Last loszuwerden, und ließ die Gebinde auf einen Tisch gleiten, bevor er sie beide fallen lassen konnte. »Guten Tag, Madame Dr. Vorthys, Sie sehen heute viel besser aus. Ausgezeichnet. Madame Vorsoisson.« Er nickte Ekaterin zu und grinste, dass seine Zähne weiß blitzten. »Wo haben Sie denn auf einer Raumstation solch herr- liche Blumen gefunden?«, fragte Ekaterin erstaunt. »In einem Laden. Es handelt sich hier schließlich um eine komarranische Station. Hier verkauft man Ihnen alles. Nun ja, nicht alles – das wäre dann Jackson’s Whole. Aber angesichts all der Leute, die sich hier begegnen und begrüßen und verabschieden, leuchtet es ein, dass es hier für diese Sachen eine Marktnische gibt. Die Blumen werden direkt hier auf der Station gezüchtet, wissen Sie, zusammen mit all ihren Gartengemüsen.« Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich neben ihr nieder, am Fußende des Bettes der Professora. »Dieses dunkelrote, fusselige Ding ist übrigens eine barrayaranische Pflanze, glaube ich. Ich habe davon einen Ausschlag bekommen, als ich es anfasste.« »Ja, das ist Blutroter Schwellbausch. Er kommt vom, Südkontinent, von den westlichen Abhängen der Schwar- zen Wand.« »Ich war einmal zur Winterausbildung an der Schwarzen Wand. Glücklicherweise müssen diese Dinger damals unter einigen Metern Schnee begraben gewesen sein.« »Wie sollen wir die jemals nach Hause bringen, Miles?«, fragte die Professora lachend. »Belasten Sie sich nicht damit«, empfahl er. »Sie können Sie ja den MedTechs schenken, wenn Sie hier weggehen.« »Aber die Blumen müssen sehr teuer sein«, sagte Ekaterin beunruhigt. Lächerlich teuer für etwas, das sie nur wenige Stunden genießen konnten. »Teuer?«, erwiderte er, ohne die Miene zu verziehen. »Automatische Waffensteuersysteme sind teuer. Luftlande- operationen, die fehlschlagen, sind sehr teuer. Diese Blumen hier sind billig. Wirklich. Auf jeden Fall unter- stützt man damit einen Wirtschaftszweig, der gut für das Kaiserreich ist. Falls Sie Gelegenheit haben, sollten Sie sich einen Rundgang durch die Hydroponik-Abteilung der Station ausbedingen, bevor Sie gehen. Ich glaube, Sie würden das ziemlich interessant finden.« »Wir werden sehen, ob Zeit dafür bleibt«, sagte Ekaterin. »Das Ganze ist ein so bizarres Erlebnis gewesen. Seltsam, wenn ich daran denke, dass ich noch nicht einmal zu spät kommen werde, um Nikki abzuholen. Noch ein paar Tage, bis seine Behandlung abgeschlossen ist, und dann bin ich mit Komarr fertig.« »Haben Sie dafür alles zur Verfügung? Alles, was Sie, brauchen? Ihre Tante«, er nickte in Richtung der Professora, »ist jetzt bei Ihnen.« »Ich nehme an, dass ich diesmal mit allem fertig werde, was sich ergibt«, versicherte ihm Ekaterin. »Das hoffe ich auch.« Wieder huschte dieses schiefe Lächeln über sein Gesicht. »Wir haben nur das Schiff verpasst, das wir ursprünglich heute Morgen nehmen sollten, weil Onkel Vorthys darauf bestand, wir sollten warten und mit ihm in seinem Schnell- kurier zurückfliegen. Wissen Sie, wann das sein soll? Ich sollte Madame Vortorren eine Nachricht schicken.« »Er hat hier noch ein paar Dinge zu erledigen. Der KBS von Komarr hat uns ein Spezialkommando aus Wissen- schaftlern und Technikern geschickt, die den Schlamassel aufräumen und dokumentieren sollen, den Sie in der Ladebucht von Southport angerichtet haben…« »Ach du meine Güte. Es tut mir Leid…«, begann sie automatisch. »Nein, nein. Das war ein schöner Schlamassel. Ich hätte selber keinen besseren anrichten können, und ich habe schon einige angerichtet. Auf jeden Fall wird Professor Vorthys sie überwachen und dann nach Komarr zurück- kehren, um eine geheime Wissenschaftlerkommission einzusetzen, die den Apparat studieren und seine Grenz- werte und all das untersuchen soll. Und das Hauptquartier hatte mir einige energische Vernehmungsbeamte geschickt, mit denen ich mich persönlich besprechen wollte, bevor sie sich meiner Gefangenen annehmen. Hauptmann Vorgier war nicht sehr glücklich, dass ich niemanden von seinen, hiesigen Leuten unsere Verschwörer verhören lasse, aber ich habe schon alle Details dieses Falles mit meinem Auditorensiegel für mich reklamiert, sodass er hier kein Glück mehr hat.« Vorkosigan räusperte sich. »Ihr Onkel und ich haben beschlossen, dass ich die Aufgabe über- nehme, von hier aus direkt nach Vorbarr Sultana zu reisen und Kaiser Gregor persönlich den vorläufigen Bericht zu erstatten. Bis jetzt hat er nur Resümees des KBS bekommen.« »Oh«, sagte sie überrascht. »Sie reisen schon so bald ab …? Was ist mit allen Ihren Angelegenheiten – Sie sollten doch wohl nicht ohne Ihren Anfallstimulator abreisen, oder?« Etwas befangen rieb er sich die Schläfe; Ekaterin bemerkte, dass er nicht mehr die weißen Verbände um die Handgelenke trug; es blieben nur blassrote Ringe neuer Narben zurück. Vermutlich Neuzugänge für seine Samm- lung. »Ich hatte Tuomonen meine Sachen packen und mit dem Team vom Hauptquartier hier herauf schicken lassen. Es ist vor ein paar Stunden angekommen, und so bin ich reisefertig. Der gute alte KBS, manchmal habe ich von ihm so richtig die Schnauze voll. Tuomonen wird einen großen Minuspunkt bekommen, weil die Verschwörung im Terraforming-Projekt von Serifosa in seinem Revier statt- fand und er sie nicht erwischte; allerdings hätte die Kaiserliche Finanzrevision die erste Verteidigungsfront darstellen sollen. Und dieser Idiot Vorgier bekommt eine Belobigung! Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Welt.« »Der arme Tuomonen. Ich hatte ihn gern. Können Sie nichts in dieser Sache tun?«, »Hm. ich habe eine Gelegenheit abgelehnt, die Leitung des Innendienstes des KBS zu übernehmen, und so glaube ich, ich sollte lieber nichts unternehmen.« »Wird er seinen Posten behalten?« »Das ist im Augenblick noch ungewiss. Ich habe ihm gesagt, wenn seine militärische Karriere stagnieren sollte, dann solle er sich an mich wenden. Ich glaube, ich werde einen gut ausgebildeten Assistenten in diesem Audito- renjob gebrauchen können. Allerdings wird die Arbeit irregulär sein. Das ist der Trend meines Lebens.« Er saugte nachdenklich an seiner Unterlippe und blickte Ekaterin an. »Ich fürchte, die Umstufung dieses Falles von einem Unterschlagungsschwindel zu einer weit ernsteren Sache wird auch einen Einfluss darauf haben, was Sie Nikki erzählen können. Es kommt alles in ein Schwarzes Loch des KBS, so schnell wir es dort hineinstopfen können, und dort wird es eine ganze Weile bleiben. Es wird folglich keine öffentlichen Strafverfahren geben, und somit keine Notwendigkeit für Sie zu einer Zeugenaussage; allerdings kann sich der KBS noch zu ein oder zwei Gesprächen melden – aber diesmal nicht unter Schnell- Penta. Im Rückblick bin ich sehr erleichtert, dass ich die Sache so unter Verschluss hielt. Aber für Nikki und alle Verwandten von Tien und alle anderen muss die Dar- stellung bleiben, dass er bei einem simplen Unfall mit der Sauerstoffmaske gestorben ist, weil er sich mit einem zu geringen Reservoir draußen aufhielt, und dass Sie auch nicht mehr wissen als das. Madame Dr. Vorthys, das gilt auch für Sie.« »Verstehe«, sagte die Professora., »Ich bin erleichtert und zugleich beunruhigt«, erklärte Ekaterin langsam. »Mit der Zeit werden sich die Sicherheitserwägungen lockern. Dann werden Sie das Problem neu beurteilen müssen, wenn sich, tja, wenn sich vielleicht viele Dinge geändert haben.« »Ich habe mich gefragt, ob ich um der Ehre von Nikkis Namen willen dem Kaiserreich das ganze Bestechungsgeld zurückerstatten sollte, das Tien bekommen hat.« Vorkosigan blickte überrascht drein. »Du lieber Gott, nein. Wenn jemand etwas schuldet, dann ist es Foscol. Sie hat das Geld zuerst gestohlen. Und von ihr werden wir ganz bestimmt nichts mehr zurückbekommen.« »Etwas wird geschuldet«, bemerkte Ekaterin ernst. »Tien hat seine Schuld mit seinem Leben bezahlt. Er ist mit dem Kaiserreich quitt, das versichere ich Ihnen. Mit der Stimme des Kaisers, wenn nötig.« Sie überdachte diese Worte. Der Tod tilgte Schulden. Nur löschte er nicht die Erinnerung an den Schmerz aus; für diese Heilung war noch Zeit erforderlich. Jetzt gehört deine Zeit dir. Das kam ihr seltsam vor. Sie konnte sich alle Zeit lassen, die sie haben wollte oder brauchte. Ein traumhafter Reichtum. Ekaterin nickte. »In Ordnung.« »Die Vergangenheit ist bezahlt. Doch benachrichtigen Sie mich bitte, wann Tiens Totenfeier stattfindet. Ich möchte zugegen sein, falls ich kann.« Er runzelte die Stirn. »Ich schulde da auch etwas.« Sie schüttelte stumm den Kopf. »Rufen Sie mich auf jeden Fall an. wenn Sie und Ihre, Tante nach Vorbarr Sultana zurückkehren.« Vorkosigan blickte erneut auf die Professora. »Sie und Nikki werden doch einige Zeit bei Ihnen bleiben, ja?« Ekaterin war sich nicht ganz sicher, ob das als Frage oder als Bitte gemeint war. »Ja. in der Tat.« Tante Vorthys lächelte. »Also, hier sind alle meine Adressen.« Er richtete seine Worte wieder an Ekaterin und reichte ihr eine Folie. »Die Nummern der Vorkosigan-Residenzen in Vorbarr Sultana, Hassadar und Vorkosigan Surleau, von Verwalter Tsipis in Hassadar – mein Mann fürs Geschäft, ich glaube, ich habe ihn schon einmal erwähnt; er weiß normalerweise, wo er mich in einem Notfall erreicht, wenn ich draußen im Distrikt bin – und eine Nummer in der Kaiserlichen Resi- denz, wo man immer wissen wird, wie ich zu erreichen bin. Jederzeit, bei Tag oder Nacht.« Tante Vorthys lehnte sich zurück, legte einen Finger auf den Mund und betrachtete ihn zunehmend nachdenklich. »Glauben Sie, die werden reichen, Miles? Vielleicht fallen Ihnen noch drei oder vier weitere ein, einfach um sicher- zugehen?« Zu Ekaterins Überraschung errötete er ein wenig. »Ich hoffe, dass sie reichen«, erwiderte er. »Und natürlich kann ich Sie über Ihre Tante erreichen, nicht wahr?« »Natürlich«, murmelte Tante Vorthys. »Ich würde Ihnen gern einmal meinen Distrikt zeigen«, fügte er an Ekaterin gewandt hinzu, wobei er dem Blick der Professora auswich. »Dort gibt es eine Menge zu sehen, was Sie interessant finden dürften. In den Dendarii-, Bergen gibt es ein größeres Aufforstungsprojekt, dann einige Experimente zur Rückgewinnung verstrahlten Terrains. Meine Familie besitzt einige Güter, wo Ahorn- sirup und Wein gewonnen werden. Eigentlich gibt es in der ganzen verdammten Gegend jede Menge Botanik; Sie können sich kaum bewegen, ohne über eine Pflanze zu stolpern.« »Vielleicht später einmal«, erwiderte Ekaterin unsicher. »Was wird eigentlich mit dem Terraforming-Projekt passieren, nach diesem ganzen Schlamassel mit den Komarranern?« »Hm. nicht allzu viel, vermute ich mal. Die Geheim- haltung wird die unmittelbaren öffentlichen politischen Auswirkungen gering halten.« »Auch auf lange Sicht?« »Obwohl die Geldsumme, die dem Budget des Sektors von Serifosa entzogen wurde, vom Standpunkt einer Privatperson gesehen riesig ist. war es vom Standpunkt der Bürokratie gesehen nicht so arg viel. Schließlich gibt es neunzehn weitere Sektoren. Der Schaden, der dem Sonnen- spiegel zugefügt wurde, wird genau genommen den größten Rechnungsposten darstellen.« »Wird die kaiserliche Regierung ihn richtig reparieren lassen? Ich hoffe das so sehr.« Sein Gesicht hellte sich auf. »Dazu hatte ich eine großartige Idee. Ich werde es Gregor beibringen, dass wir die Reparatur – und Vergrößerung – des Sonnenspiegels zum Hochzeitsgeschenk von Gregor an Laisa und von Barrayar an Komarr erklären sollten. Ich werde empfehlen,, dass er nahezu verdoppelt wird, indem man die sechs neuen Scheiben hinzufügt, um die die Komarraner schon so lange gebeten haben. Ich glaube, dieses Missgeschick kann in einen absoluten Propagandacoup umgedreht werden, wenn man das richtige Timing beachtet. Wir werden die Bewilligung der Mittel schnell noch vor dem Mitsommer durch den Rat der Grafen und den Ministerrat bringen, während in Vorbarr Sultana noch jedermann wegen der kaiserlichen Hochzeit sentimental gestimmt ist.« Ekaterin klatschte begeistert in die Hände, dann hielt sie zweifelnd inne. »Wird das funktionieren? Ich hatte nicht gedacht, dass der verkrustete alte Grafenrat für das empfänglich wäre, was Tien immer romantisches Gefasel nannte.« »Oh«, sagte er munter. »Ich bin mir sicher, die Grafen sind schon dafür empfänglich. Ich bin selbst ein Anwärter auf die Mitgliedschaft im Grafenrat – wir sind schließlich nur Menschen. Außerdem können wir darauf hinweisen, dass jedes Mal, wenn ein Komarraner zum Himmel blickt, er dann – nun ja, zumindest tagsüber – dieses barrayara- nische Geschenk über sich hängen sieht und wissen wird, was für einen Beitrag es für die Zukunft seines Planeten leistet. Die Macht der Suggestion und all das. Das könnte uns die Kosten sparen, die nächste komarranische Verschwörung niederzuschlagen.« »Das hoffe ich doch«, sagte sie. »Ich halte es für eine schöne Idee.« Er grinste, sichtlich erfreut. Dann blickte er zur Professora hinüber und wieder weg, rutschte hin und her und holte ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche., »Ich weiß nicht, Madame Vorsoisson, ob Gregor Ihnen einen Orden verleihen wird oder nicht, dafür, dass Sie in der Southport-Bucht so schnell gedacht und kühl reagiert haben…« Sie schüttelte den Kopf. »Ich brauche kein…« »Aber ich dachte, Sie sollten etwas haben, das Sie daran erinnert. Das hier.« Er hielt ihr die Hand hin. Sie nahm das Päckchen und lachte. »Erkenne ich es wieder?« »Wahrscheinlich.« Sie faltete die bekannte Verpackung auseinander, öffnete die Schachtel und entdeckte das kleine Modell-Barrayar aus dem Juwelierladen in Serifosa, das jetzt an einer dünnen Kette aus geflochtenem Gold hing. Sie hielt es hoch, und es drehte sich im Licht. »Schau mal, Tante Vorthys«, sagte sie schüchtern und reichte es der Professora zur Betrachtung und Billigung. Die alte Dame untersuchte das Schmuckstück interes- siert und schielte dabei ein wenig. »Sehr schön, meine Liebe. Wirklich sehr schön.« »Nennen Sie es die Lord-Auditor-Vorkosigan- Auszeichnung für Erleichterung seines Jobs«, erklärte Miles. »Sie haben mir meine Arbeit wirklich erleichtert, wissen Sie. Wenn die Komarraner nicht schon ihre Höllen- maschine verloren hätten, dann hätten sie sich nie ergeben, selbst wenn ich mir den Mund fusselig geredet hätte. Tatsächlich sagte Soudha etwas in diese Richtung, gestern während unserer vorläufigen Vernehmung, und so dürfen Sie es als bestätigt ansehen. Wenn Sie nicht gewesen, wären, bestünde diese Station jetzt aus einer Million durcheinander wirbelnder Bruchstücke.« Sie zögerte. Sollte sie es annehmen…? Sie blickte auf ihre Tante, die ihr wohlwollend und ohne sichtbare Zweifel zulächelte. Nicht, dass Tante Vorthys sich besonders leidenschaftlich um Schicklichkeit gekümmert hätte – diese Gleichgültigkeit war genau genommen eine der Eigen- schaften, die sie zu Ekaterins bevorzugter weiblicher Verwandter machten. Denk daran! »Danke«, sagte sie aufrichtig zu Lord Vorkosigan. »Ich werde mich daran erinnern lassen. Und ich erinnere mich daran«, fügte sie hinzu. »Hm, Sie sollten aber den unglücklichen Teil mit dem Teich vergessen.« »Niemals.« Ihre Lippen kräuselten sich. »Das war das Glanzlicht des Tages. War es eine Art Vorahnung, dass Sie dies hier beiseite gelegt haben?« »Ich glaube nicht. Das Glück begünstigt die, die bereit sind und so weiter. Glücklicherweise kommt mir zugute, dass die meisten Leute nicht in der Lage sind, von außen die schnelle Ausnutzung einer verspätet erkannten Gelegenheit von einer schlau angelegten Planung zu unterscheiden.« Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, als sie die Kette über ihren Kopf streifte. »Wissen Sie, Sie sind die erste Freund … äh … Bekannte, bei der es mir gelun- gen ist, ihr Barrayar zu schenken. Nicht aus Mangel an Versuchen.« In ihren Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen. »Haben Sie viele Freundinnen gehabt?« Wenn nicht, dann, würde sie alle ihre Geschlechtsgenossinnen als geborene Idiotinnen abtun müssen. Der Mann konnte mit seinem Charme Schlangen aus ihren Löchern, neunjährige Knaben aus verschlossenen Badezimmern und komarranische Terroristen aus ihren Schlupfwinkeln locken. Warum folgten ihm die Frauen nicht scharenweise? War keine barrayaranische Frau in der Lage, durch sein Äußeres hindurch oder an ihrer gerümpften Nase vorbei zu schauen? »Hmm …« Er zögerte ziemlich lange. »Die übliche Folge, vermute ich mal. Eine hoffnungslose erste Liebe, dies und das im Laufe der Jahre, unerwiderte verrückte Schwärmereien.« »Wer war die hoffnungslose erste Liebe?«, fragte sie fasziniert. »Elena. Die Tochter eines Gefolgsmanns meines Vaters, der mein Leibwächter war, als ich jung war.« »Lebt sie noch auf Barrayar?« »Nein, sie ist vor Jahren ausgewandert. Machte eine galaktische militärische Karriere und trat im Rang einer Kapitänin in Ruhestand. Jetzt ist sie kommerzieller Handelskapitän.« »Sprungschiffe?« »Ja.« »Nikki würde sie beneiden. Hm … was heißt dies und das eigentlich genau? Wenn ich fragen darf.« Würde er darauf antworten? »Äh, tja, nun ja, ich glaube, Sie dürfen schon, wenn man alles bedenkt. Lieber früher als später. Vielleicht.«, Er wurde schrecklich barrayaranisch, dachte Ekaterin; der Gebrauch von vielleicht war reine Mundart aus den Dendarii-Bergen, Dieser Ausbruch von Vertraulichkeiten war zumindest so unterhaltsam, wie es sein mochte, wenn man ihn auf Schnell-Penta setzt. Besser noch, wenn man bedachte, was er über seine seltsame Reaktion auf die Droge gesagt hatte. »Da gab es Elli. Sie war eine Rekrutin bei freien Söldnern, als ich sie kennen lernte.« »Was ist sie jetzt?« »Flottenadmiralin. Tatsächlich.« »Also sie war dies. Und wer war das!« »Da gab es Taura.« »Was war sie, als Sie sie kennen lernten?« »Eine jacksonische Leibsklavin. Des Hauses Ryoval – Haus Ryoval, das bedeutete normalerweise schlechte Nachrichten.« »Irgendwann einmal muss ich Sie mehr über diese Ihre verdeckten Operationen fragen… Also, was ist sie jetzt?« »Oberstabsfeldwebel in einer Söldnerflotte.« »In derselben Flotte wie… äh… dies?« »Ja.« Sie hob hilflos die Augenbrauen. Ihre Tante Vorthys lehnte sich wieder mit dem Finger auf dem Mund zurück. In ihren Augen schimmerte Lachen; nein, die Professora würde sich offensichtlich nicht einmischen. »Und…?«, führte Ekaterin ihn weiter und wurde dabei allmählich neugierig, wie lange er mitmachen würde. Warum in aller, Welt meinte er, diese ganze romantische Historie sei etwas, was sie wissen sollte? Nicht, dass sie ihn zurückhalten würde… und anscheinend würde auch Tante Vorthys es nicht tun, nicht einmal gegen eine Bestechung mit fünf Kilo Schokolade. Aber Ekaterins geheime Meinung von ihren Geschlechtsgenossinnen begann allmählich wieder anzusteigen. »Hmm… da gab es Rowan. Das war… das war nur kurz.« »Und sie war…?« »Praktisch eine Leibeigene des Hauses Fell. Jetzt ist sie allerdings eine Chirurgin für Kryo-Wiederbelebung an einer unabhängigen Klinik auf Escobar. Ich freue mich, das sagen zu können. Sie ist sehr angetan von ihrer neuen Staatsbürgerschaft.« Tien hatte sie, überlegte Ekaterin, stolz in der kleinen Vor-Lady-Festung ihres Haushalts geschützt. Tien hatte zehn Jahre damit zugebracht, sie so streng zu schützen, besonders vor allem, was nach Wachstum aussah, dass Ekaterin sich mit dreißig kaum größer vorkam, als sie mit zwanzig gewesen war. Was immer Vorkosigan dieser außerordentlichen Reihe von Liebhaberinnen angeboten hatte, Schutz war es jedenfalls nicht gewesen. »Beginnen Sie in all dem einen Trend zu erkennen, Lord Vorkosigan?« »Ja«, erwiderte er düster. »Keine von ihnen wollte mich heiraten und nach Barrayar kommen, um dort mit mir zu leben.« »Also … wie steht es dann mit der unerwiderten ver-, rückten Schwärmerei?« »Ach, das war Rian. Ich war damals jung, nur ein frisch gebackener Leutnant auf einer diplomatischen Mission.« »Und was macht sie jetzt?« Er räusperte sich. »Jetzt? Sie ist Kaiserin.« Ekaterin starrte ihn mit großen Augen an. Dieser Druck veranlasste ihn zu der Ergänzung: »Von Cetaganda. Dort gibt es mehrere, wissen Sie.« Schweigen legte sich zwischen sie und dehnte sich. Er rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her, und sein Lächeln erschien und verschwand wie an- und aus- geknipst. Sie stützte ihr Kinn auf die Hand, betrachtete ihn und zog verblüfft-vergnügt die Augenbrauen zusammen. »Lord Vorkosigan. Kann ich eine Nummer bekommen und mich einreihen?« Was immer er erwartet hatte – das war es nicht; er war so überrascht, dass er beinahe von seinem Stuhl fiel. Warte, sie hatte nicht gewollt, dass es ganz so klang als ob… Sein Lächeln blieb in der Stellung Eingeschaltet hängen, aber es war ausgesprochen schief. »Die nächste Nummer, die dran ist«, hauchte er, »ist die Eins.« Jetzt war es an ihr, überrascht zu sein; versengt von dem Lodern in seinen Augen fielen ihr fast die ihren heraus. Er hatte sie zur Leichtfertigkeit verführt. Sein Fehler, dass er so… verführerisch war. Sie schaute sich aufs Geratewohl im Zimmer um und suchte dabei nach einer passenden neutralen Bemerkung, mit der sie ihre Fassung wieder-, finden konnte. Sie befanden sich auf einer Raumstation: da fiel das Wetter als Thema aus. Du meine Güte, das Vakuum ist heute aber rau dort draußen… Das passte auch nicht. Sie blickte flehentlich zu Tante Vorthys. Vorkosigan beobachtete ihr unwillkürliches Zurückschrecken, und sein Lächeln wurde irgendwie gepresst entschuldigend; auch er blickte vorsichtig zur Professora. Die alte Dame fuhr sich mit einem Finger nachdenklich über das Kinn. »Reisen Sie auf einem kommerziellen Linienschiff zurück nach Barrayar, Lord Vorkosigan?«, fragte sie ihn freundlich. Die beiderseitige beunruhigten Parteien blinzelten sie mit zerstreuter Dankbarkeit an. »Nein«, erwiderte Vorkosigan. »Mit einem Schnell- kurier. Genau genommen wartet er schon auf mich.« Er räusperte sich, sprang auf die Beine und blickte demonstrativ auf sein Chrono. »Ja, er wartet schon. Professora, Madame Vorsoisson, ich hoffe, ich sehe Sie beide wieder in Vorbarr Sultana.« »Ja. sicher«, sagte Ekaterin, in einer Mischung aus Sprachlosigkeit und Hoffnung. »Ich freue mich sehr darauf«, erklärte die Professora scheinheilig. Sein Lächeln wurde schief, da er ihren Ton präzis einzuschätzen wusste. Er zog sich mit einer schwungvoll- befangenen Verbeugung zurück; die höfische Wirkung wurde leicht dadurch beeinträchtigt, dass er gegen den Türpfosten prallte. Dann verhallten seine schnellen Schritte im Korridor. »Ein netter junger Mann«, bemerkte Tante Vorthys in, ein Zimmer hinein, das plötzlich viel leerer zu sein schien. »Schade, dass er so klein ist.« »Er ist nicht so klein«, entgegnete Ekaterin abwehrend. »Er ist bloß … konzentriert.« Das Lächeln ihrer Tante wurde aufreizend sanft. »Das habe ich gesehen, meine Liebe.« Mit einem letzten Rest an Würde hob Ekaterin das Kinn. »Ich sehe, dass es dir schon sehr viel besser geht. Soll ich mich einmal nach dieser Führung durch die Hydroponik- Treibhäuser erkundigen?«]
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Buch Wieder kehrt Sario ins Königreich Tira Virte zurück, wo inzwi- schen Mechellas jüngster Sohn als Herzog herrscht. Sario über- nimmt den Körper eines jungen Namensvetters und will der zwischenzeitlich recht degenerierten Familie Grijalva zu einer neuen künstlerischen Blüte verhelfen. Die junge E
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