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Robert B. Parker Tödliches Rot Der neue Spenser Übersetzt von Klaus Kamberger Ullstein Kriminalroman Ullstein Kriminalromane Lektorat: Georg Schmidt Ullstein Buch Nr. 10616 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Titel der amerikanischen Originalausgabe: Crimson Joy Deutsche Erstausgabe Umschlaggestaltung: Horst Kraus Umschlagbild: Uwe Arens Alle Rechte vorbehalten © 1988 by Robert Parker Übersetzung © 1989 by Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Printed in Germany 1989 Gesamtherstellung: Ebner Ulm ISBN 3 548 10616 1 Er verehrt den Damen immer eine rote Rose. Viel Freude haben die ...
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Robert B. Parker Tödliches Rot

Der neue Spenser Übersetzt von Klaus Kamberger Ullstein Kriminalroman, Ullstein Kriminalromane Lektorat: Georg Schmidt Ullstein Buch Nr. 10616 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Titel der amerikanischen Originalausgabe: Crimson Joy Deutsche Erstausgabe Umschlaggestaltung: Horst Kraus Umschlagbild: Uwe Arens Alle Rechte vorbehalten © 1988 by Robert Parker Übersetzung © 1989 by Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Printed in Germany 1989 Gesamtherstellung: Ebner Ulm ISBN 3 548 10616 1, Er verehrt den Damen immer eine rote Rose. Viel Freude haben die daran nicht: Wenn der Verehrer das Haus verläßt, sind sie tot. Alles andere als Freude hat auch die Bostoner Kriminalpolizei. Der mordende Herrenbesuch gibt sich nämlich als einer der ihren aus. Ein Außenstehender muß mit anpacken: der Ex-Boxer und Privatdetektiv Spenser. Und der tut das mit ganzer Kraft, denn der Rote-Rosen-Mörder zeigt auch beunruhigendes Interesse an Spensers Herzensdame Susan. Der Amerikaner Robert B. Parker (Jahrgang 1931) arbeitete früher als Werbefachmann und Journalist und ist heute Professor für Literatur und Bestsellerautor. Nach Motiven seiner überragend erfolgreichen Romanreihe um den Bostoner Privatdetektiv Spenser entstand eine TV-Serie, die auch im deutschen Fernsehen gezeigt wird., Für uns alle, Die Sheridan Street in Jamaica Plain führt von der Center Street rund zweihundert Meter den Hügel hinauf und dann im Bogen hinunter zur Chestnut Avenue. Es ist eine enge Straße, gesäumt von holzverschalten Zwei- und Dreifamilienhäusern. Viele davon waren zu Apartments umgebaut worden, die mehrheitlich von Studenten und frischgebackenen Hochschulabsolventen bewohnt wurden. Der Rest von Leuten, die ihren Tätigkeiten ohne Krawatte nachgingen. Es war ein früher Märztag, hell und kalt, und in den aus Schnee und Sand gemischten, von Ruß und Auspuffgasen geschwärzten Haufen am Straßenrand hielt sich verschämt die Erinnerung an den Winter. Frank Belson rammte seinen Wagen über den Bordstein auf den vereisten Gehweg und ließ ihn so stehen, wie Cops das gerne tun – im schrägen Winkel, mit dem Heck halb auf der Fahrbahn. Auf die gleiche Art hatten dort schon zwei weitere Streifenwagen geparkt. Das Haus vor uns hatte eine kleine Veranda und zwei Eingangstüren. Sein letzter blaßgrüner Anstrich mußte schon älteren Datums sein. Der Wagen des Gerichtsmediziners stand auf der schmalen Auffahrt, und der Gehsteig war auf beiden Seiten mit gelbem Band abgesperrt. Auf der anderen Straßenseite standen ein paar Anwohner, überwiegend Frauen mit kleinen Kindern. Es war eine Gegend, in der die Männer zur Arbeit gingen und die Frauen zu Hause blieben. Belson hatte seine Polizeimarke an den Mantelkragen geklemmt. Der Cop in Uniform an der Tür warf einen Blick darauf, nickte und wandte sich dann meinem Kragen zu., Belson sagte: »Geht in Ordnung.« Der Cop sagte: »Klar, Sarge«, und wir gingen an ihm vorbei ins Haus. Wir kamen in einen Vorraum mit Treppe, die zu einem Apartment im Obergeschoß führte. Durch eine offenstehende Tür links traten wir in das Wohnzimmer der Parterrewohnung. Einige Beamte machten Fotos und sahen sich um. In der Mitte des Zimmers stand, noch im Mantel und die Arme vor der Brust verschränkt, Martin Quirk, und starrte auf eine Leiche. Belson sagte: »Spenser ist da, Lieutenant.« Quirk nickte, ohne mich anzusehen. Er starrte weiter auf die Leiche. Ich schaute auch hin. Es war eine schwarze Frau von vielleicht fünfundvierzig. Sie war nackt. Ihre Hände und Füße waren mit etwas gefesselt, das nach einer Wäscheleine aussah, den Mund hatte man ihr zugeklebt, und ihre dunkelbraunen Augen waren leer und unbewegt. Zwischen ihren Schenkeln war Blut, und der Webteppich unter ihr war dunkel von Blut. Zwischen ihren Brüsten lag eine einzelne rote Rose. »Die nächste«, sagte ich. Quirk nickte, noch immer wortlos, starrte auf die tote Frau hinab. Er zeigte keine Gefühlsregung. Belson trat zurück, lehnte sich an den Türpfosten, wickelte eine dünne, billige Zigarre aus ihrer Papierhülle und steckte die Hülle in die Hosentasche. Er schob die Zigarre in den Mund und zog sie wieder heraus, um sie anzufeuchten, dann zündete er sie mit einem Küchenstreichholz an, das er am Daumennagel anriß. Nachdem er die Zigarre zum Brennen gebracht hatte, blies er das Streichholz aus und steckte es ebenfalls in die Tasche. Die übrigen Cops taten, wozu sie hergekommen waren. Keiner fragte, was ich hier zu suchen hatte. Keiner fragte Quirk, wo er hinstarrte. Es herrschte das große Schweigen., Quirk wandte sich ruckartig zu mir, sagte »Frank« und marschierte aus dem Zimmer. Ich folgte ihm, und Belson stieß sich vom Türpfosten ab und schloß sich uns an. Wir verließen das Haus und gingen zu Belsons Wagen. Quirk und ich setzten uns auf den Rücksitz. »Den Jamaicaway runter, Frank«, sagte Quirk. »Um den Pond rum.« Belson fuhr langsam die enge Straße hinunter, bog ein paarmal nach links und dann in den Jamaicaway ab. Quirk lehnte sich zurück, faltete seine dicken Hände hinter dem Kopf und sah aus dem Fenster. Er trug einen offenen Regenmantel aus Popeline, darunter eine braune Harris-Tweed-Jacke, ein blaues Oxford-Hemd mit Button-down-Kragen und eine gelbe Strickkrawatte. »Die Zeitungen nennen ihn schon den ›Rote-Rosen-Mörder‹«, sagte Quirk. »Oder sie«, sagte ich. »Ihn«, sagte Quirk. »An jedem Tatort wurde Sperma gefunden.« »Am Tatort?« fragte ich. »Ja. Niemals in der Frau. Diesmal auf dem Teppich. Mal am Schenkel, mal auf einer Couch.« »Er hat also masturbiert«, sagte ich. »Wahrscheinlich«, sagte Quirk. »Vorher oder nachher?« »Keine Ahnung«, sagte Quirk. Belson fuhr auf dem Jamaicaway stadteinwärts, den Jamaica Pond zur Linken. Das blasse Licht der Frühlingssonne fiel auf die großen, stattlichen Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Ganz so imposant wie ehedem waren sie allerdings nicht mehr; viele waren von verschiedensten Institutionen wie Privatschulen, Religionsgemeinschaften, Altersheimen, übernommen worden, andere hatte man in Eigentumswohnungen umgewandelt. »Es könnte ein Cop sein«, sagte Quirk. »Du lieber Himmel«, sagte ich. Quirk sah mich an. Und nickte. »Er hat mir einen Brief geschickt«, sagte Quirk. Er zog einen Umschlag aus der Innentasche seines Mantels und reichte ihn mir. Es war ein glatter weißer Umschlag, wie man ihn in jedem Drugstore kaufen konnte. Die Adresse war mit Maschine geschrieben worden: Martin Quirks Privatanschrift. Kein Absender. Ich öffnete ihn. Das Blatt drinnen war so nichtssagend wie der Umschlag. In der gleichen Schrift stand da: »Quirk, ich habe diese Nutte umgebracht und die Kellnerin. Besser, du schnappst mich. Ich könnte es wieder tun, und ich bin ein Cop.« Ich sah noch einmal auf den Umschlag. Er war vor drei Tagen in Boston aufgegeben worden. »Er kennt Ihre Privatadresse«, sagte ich. »Die steht im Telefonbuch«, sagte Quirk. »Aber er hat sich die Mühe gemacht«, sagte ich. »Er will, daß Sie wissen, daß er Ihre Privatadresse kennt.« »Klar.« »Wann haben Sie den Brief bekommen?« fragte ich. »Nach dem zweiten Mord.« Belson überfuhr ein Rotlicht an der Brooklyn Avenue und bog zum Riverway ab. »Könnte jeder Cop sein«, sagte ich. »Stimmt.« »Könnte einer von der Spurensicherung sein.«, »Stimmt.« »Könnte ein Zivilist sein, der Verwirrung stiften will.« »Stimmt.« »Heißt also, daß Sie keinem mehr trauen können«, sagte ich. »Kaum einem«, sagte Quirk. »Außer vielleicht Belson«, sagte ich. Quirk nickte. Ich lächelte ihn an. Wie ein großes, freundliches Hündchen. Quirk sah mich an, ohne ein Wort. Belsons Zigarre roch, als ob jemand eine Ratte röstete. Ich sagte: »Lieutenant, ich bin Ihnen einiges schuldig.« Quirk sah mich weiter wortlos an. »Also denk ich mir, ich helfe hier mal aus.« Quirk nickte. »Yeah«, sagte er. »Wenn Sie wollen.« Belson landete wieder an der Brooklyn Avenue und bog nach rechts ab. »Sie kriegen Zugang zu allem«, sagte Quirk. »Und alles, was Sie rauskriegen, erzählen Sie nur mir oder Belson.« »Was wissen Sie bis jetzt?« sagte ich. »Drei Frauen, alle schwarz, alle auf die gleiche Art umgebracht, wie die eben. Keine Hinweise auf sexuellen Mißbrauch. Spermaspuren an jedem Tatort. Dieselbe Sorte Schnur, um sie zu fesseln, dieselbe Sorte flexibles Klebeband, um sie zu knebeln. Beim letzten Fall haben wir die Kugel noch nicht, aber bei den beiden ersten ist mit Kaliber achtunddreißig geschossen worden.« »Haben sie noch was gemeinsam, außer daß sie schwarz und weiblich waren?« »Möglich«, sagte Quirk. »Eine war eine Nutte, eine war Kellnerin in einer Spelunke im Hafenviertel.« »Und diese?« »Wissen wir noch nicht. Der Postbote sah sie durch das Vorderfenster und hat uns gerufen. Ihr Name war Dolores Taylor.«, »Ist es noch«, sagte ich. »Anzunehmen«, sagte Quirk. »Wie offiziell kann ich auftreten?« sagte ich. »Sie tun mir einen Gefallen«, sagte Quirk. »Macht jemand nicht mit, lassen Sie es mich wissen.« »Was ist mit der Presse?« sagte ich. »Ist nicht geheimzuhalten«, sagte Quirk. »Sie kriegen es raus, daß Sie dabei sind. Die stürzen sich auf den Fall wie die Köter auf die Mülltonnen.« »Sind die Schmierblätter schon aufgekreuzt? Sie gelten nichts, wenn Sie nicht in den internationalen Schmutzspalten stehen.« Quirk lächelte ohne ein Zeichen von Belustigung. »Sie sind am Ball. Also halten Sie die Ohren steif.« »Ist außer Ihnen, mir und Belson noch jemand dran?« »Die offiziellen Untersuchungen gehen weiter, vielleicht knacken wir den Fall auch so. Aber ich wüßte nicht wie, wenn der Mörder wirklich einer von uns ist. Ich brauche einen von draußen, von dem ich sicher weiß, daß er es nicht ist.« »So was Nettes haben Sie mir noch nie gesagt«, sagte ich. Belson hielt an einer Ampel in der Nähe der Kinderklinik. Die Ampel sprang um, und wir fuhren am Krankenhaus vorbei und bogen in den Jamaicaway ein. Quirk sagte: »Wir wissen nur das, was ich Ihnen erzählt habe. Keine weiteren festen Anhaltspunkte. Wir machen von dem Sperma noch eine Laboruntersuchung, aber die wird nicht viel bringen. Es gibt nichts, was man damit zurückverfolgen könnte. Von den beiden ersten Fällen haben wir keine Fingerabdrücke, und wir werden auch diesmal keine finden. Alle Frauen wurden bei sich zu Hause getötet. Die erste, die Nutte, in den Faneuil Projects drüben in Brighton, die zweite in der Ruggles Street in der Nähe der Kliniken.«, »Hat sie aufgegabelt, ist mit ihnen nach Hause und hat sie umgebracht«, sagte ich. »Oder er hat sie nach Hause verfolgt«, sagte Quirk, »die Kanone gezogen, sie reingedrängt und es dann getan.« »Sie meinen jedenfalls, er ist nicht wahllos eingebrochen, denn dabei wäre er kaum zufällig auf drei schwarze Frauen gestoßen«, sagte ich. »In der Ruggles Street konnte er damit rechnen, aber in Brighton bereits weniger und hier schon gar nicht«, sagte Quirk. »Und er ist wahrscheinlich ein Weißer«, sagte ich. Quirk sagte: »Klar, das nehmen wir an. Er will schwarze Frauen, aber er sucht keine schwarzen Wohngegenden auf, um sie zu finden. Sogar die Ruggles Street verläuft an ihrem einen Ende im Grenzbereich zwischen Schwarz und Weiß. Nehme an, daß er sich entweder nachts in schwarzen Wohngegenden fürchtet, oder daß er glaubt, er fällt zu sehr auf.« Belson bog in die Perkins Street. »Und der Brief?« sagte ich. »Einen Scheiß hat das Labor über den Brief rausbekommen«, sagte Quirk. »Vielleicht ist der Kerl, der den Test gemacht hat, selbst der Killer.« »Sie könnten ihn noch mal von anderen Laborleuten prüfen lassen«, sagte ich. »Und wenn sich rausstellt, daß einer von den Laborberichten falsch ist«, sagte Quirk, »dann haben wir einen Verdächtigen. Ich hab’s versucht. Die Tests sind gleich ausgefallen.« »Also weiß das Labor von dem Brief«, sagte ich. »Heißt, in Kürze weiß die ganze Kripo davon. Ist mir klar. Ich hab’ ihnen gesagt, sie sollen es für sich behalten. Aber das tun sie nicht. Es macht die Runde.« »Also weiß bald jeder, daß es ein Cop ist oder sein könnte.«, »Ist nicht gut für die Moral, aber ich mußte den Brief überprüfen lassen«, sagte Quirk. »Irgendwas, was nur Sie wissen?« fragte ich. Belson parkte den Wagen wieder vor dem Haus in der Sheridan Street. »Nein«, sagte Quirk. »Die Presse weiß noch nichts von dem Sperma, aber die Abteilung weiß es, also weiß es die Presse auch bald.« »Schwer, ein Geheimnis zu bewahren«, sagte ich. »Unmöglich. Die Cops gehen nach Hause und erzählen es ihren Frauen. Sie sehen sich ein Baseball-Spiel an, trinken ihr Bier, erzählen es ihren Kumpels. Himmel noch mal, auch ich erzähle es meiner Frau. Und Sie erzählen es Susan.« »Aber die erzählt es nicht weiter«, sagte ich. »Gewiß nicht«, sagte Quirk. »Meine Frau auch nicht oder Belsons oder sonst eine. Aber binnen einer Woche steht es im Globe, und Channel 5 schickt ein Aufnahmeteam los.« »So jung und schon so abgebrüht«, sagte ich. Quirk starrte noch immer aus dem Fenster. »Ich versuche, an der Sache dran zu bleiben«, sagte er. »Der Kerl wird nicht einfach damit aufhören, und der Fall wird sich gewaltig auswachsen. Talkshows, TV-Reportagen, Zeitungsberichte, Time und Newsweek, der Bürgermeister, der Gouverneur, der Stadtrat, die Feministinnen, die Rassisten, die Schwarzen, das FBI, alle möglichen Hilfsorganisationen für Verbrechensopfer und jeder Schwachkopf östlich des Mississippi, alle werden sie rumkrakeelen und sich einmischen und dieses Arschloch aufstacheln, es wieder zu tun.« »Der Kerl will, daß Sie ihn schnappen«, sagte ich. »Vielleicht, vielleicht nicht, vielleicht beides«, sagte Quirk. Belson drehte sich um und legte einen Arm auf die Rückenlehne. Die dünne Zigarre war zur Hälfte, heruntergebrannt und ausgegangen, aber er hielt sie weiter zwischen die Zähne geklemmt. »Wie auch immer, unser eigener Haufen ist mit drin«, sagte er. Auf seinem schmalen Gesicht zeigten sich die bläulichen Schatten eines kräftigen Barts. Ich nickte. »Ich werde vielleicht Hawk reinbringen«, sagte ich. Für einen kurzen Moment lächelte Quirk beinahe. »Können Sie ihn davon abhalten, bei der Presse zu quatschen?« sagte er. »Solange Barbara Walters nicht auftaucht«, sagte ich. »Wenn er die sieht, wird Hawk immer schwach.« »Ich schätze, das müssen wir riskieren«, sagte Quirk. Er stieg aus, und Belson fuhr mich nach Hause., Susan trug Hosen aus schwarzem Leder und niedrige Cowboystiefel mit eingearbeitetem blauen Muster, dazu eine kobaltblaue Bluse, ein paar goldene Ketten und zwei riesige Ohrringe aus Gold. Sie saß in meinem Wohnzimmer, die Füße auf dem Kaffeetisch, und nippte an ihrem Champagner mit einem Schuß Midori-Likör. »Und was sollst du nun für Quirk tun?« fragte sie. Der Midori verlieh dem Champagner eine zarte Tönung, etwas weniger grün als mit Chartreuse. Susan sprach mit der Unterlippe am Rand des Champagnerglases. Ihre großen dunklen Augen blickten über den oberen Rand. »Er will mich, weil er jemanden braucht, dem er trauen kann«, sagte ich. Ich umrundete die Küchenbar und stellte ein kleines Silbertablett vor ihr auf den Kaffeetisch. Auf dem Tablett war Beluga-Kaviar, daneben lagen ein kleiner Löffel, ein paar Bremner-Waffeln und sechs Zitronenspalten. »Mmmh«, sagte Susan. Sie nahm das Champagnerglas vom Mund und hielt mir das Gesicht hin. Ich küßt sie auf den Mund. »Keinen Zungenkuß«, sagte ich. »Das bringt den Gaumen durcheinander.« Susan schlürfte den nächsten winzigen Schluck Champagner und blickte mich wortlos an. Ich ging zurück in die Küche und klopfte ein paar ausgelöste Hühnerschenkel mit einem riesigen Messer flach. »Braucht einen starken Mann, um ein zartes Hühnchen zuzubereiten«, sagte ich. »Hat Quirk vor, eine Art eigene Spezialtruppe aufzustellen?« sagte Susan., »Belson spricht von einem ›Haufen‹. Quirks eigenem Haufen«, sagte ich. »Weil der Mörder möglicherweise in seiner Abteilung zu suchen ist?« »Und weil seine Abteilung drauf und dran ist, durch diesen ganzen Zirkus aufgerieben zu werden«, sagte ich. »Quirk sucht eine Alternative. Er braucht jemanden, der nicht auf derselben Gehaltsliste steht. Er braucht jemanden, den der Bürgermeister nicht herumkommandieren und der Stadtrat nicht unter Druck setzen kann. Jemanden, der nicht an seine Beförderung denkt. Er möchte irgendwo hingehen können, wo Ruhe herrscht und wo er nachdenken kann.« »Sieht es so schlimm aus?« sagte Susan. »Ja, sehr bald schon«, sagte ich. »Hattest du früher schon mal mit einem ähnlichen Fall zu tun?« »Bei der Strangler-Geschichte«, sagte ich. »Da hingen überall Irre, Filmproduzenten und Tanzhäschen rum.« Ich streute etwas Rosmarin über die platten Hühnerschenkel und legte sie zum Marinieren in Olivenöl und Zitronensaft. »Sie brauchen es alle«, sagte Susan. »Ja«, sagte ich. Ich goß ein bißchen Champagner in mein Glas. »Vorwärtskommen, berühmt werden, reich werden, aufregende Sachen erleben.« Ich trank und goß nach und kam um die Ecke, um vom Kaviar zu essen. »Wieso kannst du dir Kaviar leisten?« sagte Susan. »Läuft unter ›Bewirtung‹ auf Geschäftskosten«, sagte ich. »Ich hab’ da so meine Methoden.« »Es sieht so aus, als wollte er geschnappt werden«, sagte Susan. »Du meinst den Brief? Ja, wahrscheinlich. Aber er hat ihn erst nach dem zweiten Mord geschrieben.« »Also legt er die Spuren langsam, peu à peu«, sagte Susan., »Und viele Frauen sterben vielleicht, bis er genug gelegt hat, daß wir ihn schnappen können«, sagte ich. Susan plazierte ungefähr zwei Stör-Eier auf ihrem Löffel und aß sie langsam. »Während wir hier Kaviar essen«, sagte sie. »Und Champagner trinken«, sagte ich. Ich goß ihr nach und gab einen Spritzer Midori dazu. »Einfach schamlos«, sagte Susan. »Sie würden auch sterben, wenn wir Limo trinken und Hamburger essen würden«, sagte ich. »Ich weiß.« Wir tranken beide etwas vom Champagner. Die ledernen Hosenbeine umschlossen Susans Schenkel glatt und sanft. »Was wir grundsätzlich wissen: Es handelt sich um einen weißen Kerl, der schwarze Frauen umbringt. Klingt nach einem rassistisch motivierten Verbrechen«, sagte ich. »Und die Spermaspuren?« sagte Susan. »Das klingt natürlich nach Sexualverbrechen«, sagte ich. »Einem nicht vollendeten«, sagte Susan. »Weil es keine Penetration gab«, sagte ich. »Außer der mit einer Kanone«, sagte Susan. »Wenn man sich überlegt, welche Angst er vor Frauen haben muß, daß er sie fesselt, knebelt und wehrlos macht, und nicht einmal dann schafft er es. Sexuellen Ausdruck findet er nur auf diese Weise.« »Ausdruck?« »Im Sinne des Wortes«, sagte Susan. Ich nickte. »Warum schwarze Frauen?« fragte ich. Susan schüttelte den Kopf. »Das kann man nicht wissen«, sagte sie. »Psychopathen – und wir müssen annehmen, daß wir es hier mit einem zu tun haben – haben ihre eigene Logik, eine Logik, die in ihren eigenen Symbolen wurzelt.«, »Mit anderen Worten: Nur weil er weiß ist und sie schwarz sind, dürfen wir nicht schon annehmen, daß er sie aus rassistischen Gründen umbringt«, sagte ich. »Richtig. Was ihm die Frauen bedeuten und warum er sie so behandeln muß, wie er sie behandelt, mag mit ihrer Hautfarbe zu tun haben oder mit ihrem sozialen Status. Oder es hat mit irgendeiner aus Überempfindlichkeit entstehenden Assoziation zu tun, die ein anderer sich gar nicht vorstellen kann.« »Wahrscheinlich hat er ein kindliches Trauma nach der Lektüre von Black Beauty erlitten«, sagte ich. Susan lächelte, und das war immer wunderbar anzusehen. Wenn sie lächelte, bildete sich ihr ganzes Selbst darin ab, die Haltung ihres Körpers wurde anders, und ihre Haut erhielt einen rosa Schimmer. »Gewöhnlich ist es nicht so einfach, aber du hast eine Vorstellung. Gemessen an den Ängsten, die hineinspielen müssen, könnte es sogar sein, daß sie gerade dem, was sie symbolisieren, ganz unähnlich sind.« »Der Kerl hat drei Frauen umgebracht; da fällt es einem schwer, sich in seine Ängste einzufühlen«, sagte ich. »Ja«, sagte Susan. »Aber man sollte es verstehen. Vielleicht lohnt sich auch, sich die Art der Fesselung anzusehen. War sie in allen Fällen gleich? Könnte sie eine rituelle Bedeutung haben?« »Gibt es irgendeine Möglichkeit vorauszusagen, was er als nächstes tun wird?« »Das ist das, worin wir Seelenklempner am schlechtesten sind«, sagte Susan. »Wir sind ganz prima, wenn es ums Erklären menschlicher Verhaltensweisen geht, aber wenn wir sie voraussagen sollen, geraten wir in Verlegenheit.« »Wahrscheinlich bringt er die nächste schwarze Frau um«, sagte ich. »Wahrscheinlich«, sagte Susan. »Und wahrscheinlich schreibt er wieder Briefe, und schließlich schnappst du ihn.«, »Kann sein«, sagte ich. »Das wirst du«, sagte sie. »Du bist klug, du bist zäh, und deine Willensstärke ist unerschöpflich.« »Hm«, sagte ich, »das stimmt.« »Und ich werde dir dabei helfen«, sagte Susan. Der Küchenwecker klingelte, und ich stand auf, ging hinein und holte den Reis aus dem Rohr. Ich riß den Deckel von der Kasserolle, damit der Dampf entweichen konnte, schaltete das Backrohr aus und beugte mich über die Küchenbar zu Susan. »Wir stehen jetzt vor einer Entscheidung«, sagte ich. »Ich könnte das Abendessen in zehn Minuten auf dem Tisch haben, wir könnten herzhaft zuschlagen und dann ins Bett fallen. Aber nachdem ich weiß, wie du mit zunehmendem Alter etwas gegen das große Abschlaffen nach einer Mahlzeit hast, frage ich mich, ob du dich vielleicht mit der Frage beschäftigen magst, wie es wäre, wenn wir noch einen kleinen Hüpfer ins Bett machten.« Susan hatte noch ein halbes Glas Champagner mit Midori vor sich. Sie hob es gegen das Licht, sah für einen Augenblick hindurch, trank es dann zur Hälfte aus, ließ es sinken und sah mich gedankenvoll an. Ihre Augen waren so groß und so dunkel, daß es schien, als seien sie nur noch Pupille und die Iris wäre verschwunden. »Was gibt es zum Abendessen?« sagte sie. »Gegrillte Hühnerschenkel mit Zitrone und Rosmarin, braunen Reis mit Pinienkernen, gemischtes Frischgemüse, leicht gedämpft, und als Dressing Spensers berühmte Honig- Senf-Sauce, dunkles Maisbrot und dazu eine Flasche Iron Horse Chardonnay.« Susan trank ihren Champagner aus, beugte sich vor, stellte das Glas auf den Kaffeetisch und stand auf. Sie stieg aus den Cowboystiefeln, öffnete die Lederhose, wand sich heraus und legte sie ordentlich über die Rückenlehne ihres Sessels. Dann, drehte sie sich um, sah mich mit großen Augen an, lächelte strahlend und sagte: »Ich glaube, wir hüpfen jetzt ein bißchen.« »Ich wußte, daß du zu dem Schluß kommen würdest«, sagte ich. »Und wann ist dir der Verdacht zuerst gekommen?« sagte sie. »Als du deine Hose auszogst«, sagte ich. »Ja«, murmelte Susan, das Gesicht mir zugewandt, »das animiert ja auch zu Schlußfolgerungen.« Ich legte meine Arme um sie. »Weißt du, was ich vermisse?« sagte ich. »Ich vermisse die alten Zeiten, als es noch keine Hosen gab, sondern Strumpfhalter und das Aufblitzen der Haut über dem Strumpfband.« »Ach ja, süßer Vogel Jugend«, sagte Susan und drückte ihren Mund auf meinen. »Aber ich komm schon zurecht«, sagte ich. Und das tat ich. Danach aßen wir, Susan in einem von meinen blauen Oxford- Hemden und ich in einer von diesen Stretch-Trainingshosen, die per Zugband festgezurrt werden. Wir sahen umwerfend aus. »Ob er eine Therapie macht?« sagte ich. »Soll ich mal die Seelenklempner abklappern?« Sie schüttelte den Kopf. An ihrem Kinn klebte ein Rest von dem Gemüse, und ich beugte mich zu ihr und wischte ihn mit der Serviette weg. »Wahrscheinlich sucht er gar keine Therapie«, sagte Susan. »Die dürfte er gar nicht brauchen, denn was ihm fehlt, bieten ihm die Verbrechen. Nach Hilfe suchen die Leute, wenn sie frustriert sind, wenn der Druck, unter dem sie leiden, zu groß ist.« »Genau wie bei mir«, sagte ich. »Immer wenn der Druck unerträglich wird, suche ich dich auf.« »Wie reizend, daß du das so siehst«, sagte Susan., »Außerdem motiviert mich, das muß ich zugeben, auch noch der Umstand, daß ich dich mehr liebe, als ich es ausdrücken kann.« »Ich weiß«, sagte Susan. »Mir geht es genauso mit dir.« Einen Augenblick lang waren wir still, und das Band zwischen uns war spürbarer und greifbarer und unwandelbarer als das Universum. Ich hob mein Weinglas ein wenig. »Für immer«, sagte ich. Ihre Augen glänzten, als sie mich ansah. »Wahrscheinlich«, sagte sie., An einem nassen Apriltag trat der Rote-Rosen-Mörder wieder in Aktion. Der Schnee war verschwunden, und das zarte Leuchten des ersten Grüns zeigte sich an den Sträuchern. Dolores Taylor war Tänzerin für Exotisches gewesen. Diese war Sängerin. Sie hieß Chantelle, spielte Klavier und sang in der Cocktail-Lounge eines Hotels beim Flughafen. Sie war in einem der Hotelzimmer umgebracht und am Morgen von einem Zimmermädchen gefunden worden, das noch immer wegen des erlittenen Schocks keine Aussagen machen konnte. Als Quirk und ich ankamen, wimmelte es auf dem Flur vor dem Zimmer schon von Reportern aller Art. Einer der Fernsehberichterstatter nannte es das »Todeszimmer«. Starke Scheinwerfer verbreiteten grelles Licht. Ein uniformierter Cop mit dickem Bauch, roter Nase und Stiernacken bewachte die Tür, als wir eintraten. Er nickte nach einem Blick auf Quirks Marke, und wir gingen an ihm vorbei ins Todeszimmer. Hinter uns hörte ich den Cop zu jemandem sagen: »Hat ihr die gottverdammte Knarre in die Spalte geschoben und abgedrückt.« Quirk hörte ihn auch. Er hielt an, drehte sich um, ging zur Tür zurück und winkte den rotnasigen Cop herein. Ein Reporter rief: »Lieutenant, Lieutenant.« Quirk ignorierte ihn und schloß die Tür. Mit leiser Stimme sagte er zu dem rotnasigen Cop: »Das Opfer war eine junge Frau, die allein und voller Angst gestorben ist. Wenn ich Sie noch einmal von ihr reden höre, als wäre sie ein Klumpen Fleisch gewesen, dann reiße ich Ihnen, persönlich diese Scheißmarke von Ihrer Scheißbrust und stopfe sie Ihnen in Ihren Scheißhals.« Die Adern im Stiernacken des Cops schwollen an, und er öffnete den Mund. Quirk starrte ihm aus nächster Nähe ins Gesicht, den Regenmantel offen, die Hände in die Gesäßtaschen gestopft. Jeder sonst im Zimmer ging seinen Geschäften nach. Niemand außer dem rotnasigen Cop und mir hatte Quirk gehört. Wäre da nicht Quirks Blick gewesen, hätte man glauben können, daß sie über den Lunch redeten. Der rotnasige Cop schloß den Mund wieder und nahm etwas Haltung an. »Ja, Sir«, sagte er. Quirk öffnete die Tür. Der rotnasige Cop bezog seinen Posten. Woran er auch guttat. Quirk wandte sich an den Mediziner. Ich warf einen Blick auf die Leiche. Es gab natürlich keinen Grund dazu, denn es würde keine Hinweise geben. Aber man hatte sich einfach die Leiche anzuschauen, wenn man einen Mord untersuchte. Es gehörte dazu, war wohl nötig, um zu verstehen, was ein Mord bedeutete und was dies für einer gewesen war. Ich haßte es, und wie immer zwang ich mich, nicht die Augen zu schließen oder nur einen Seitenblick auf sie zu werfen. Was sie erlitten hatte, konnte ich mir zumindest ansehen. Ich tat es. Belson war schon da. Er stand am Fenster und sah sich von dort aus im Zimmer um. Das tat er immer – es war seine Art zu arbeiten. Er stand da, registrierte, was er sah, und speicherte es, und nach einiger Zeit konnte er einem alles aufzählen und erklären, was sich in dem Zimmer befand. Sein schmales Gesicht wirkte ruhig, fast verträumt. Die dünne blaue Rauchfahne von seiner Zigarre zog vor seinen Augen vorbei in Richtung Fenster., Ich ging zu ihm und stellte mich neben ihn, sah zu, wie die Leute von der Spurensicherung pinselten, ausmaßen und fotografierten. »Irgendwas anders als sonst?« sagte ich. Er schüttelte den Kopf, sah sich weiter um. »Was ist mit den Laborberichten über die anderen Fälle?« »Was glauben Sie denn?« sagte Belson. »Ich glaube, die Samenuntersuchung hat Blutgruppe A ergeben und die der Sekrete Prostaglandin MI«, sagte ich. »Blutgruppe 0«, sagte Belson. »Was bedeutet, daß es einer von zwei Millionen männlichen Bewohnern aus Boston und Umgebung sein kann.« Belson ließ immer noch seinen Blick durch das Zimmer schweifen. »Fünfundvierzig Prozent aller Menschen haben Blutgruppe 0. Achtzig Prozent aller Männer scheiden PGM ab, wenn sie ejakulieren. Achtundfünfzig Prozent von ihnen sind weiß. Der ganze Mist hat seinen Nutzen, wenn du Verdächtige aussondern willst, aber er bringt nichts, wenn man gar keinen hat. Eine Vasektomie hat er auch nicht vornehmen lassen.« »Wessen Zimmer ist das?« sagte ich. »Ihres. Kein Alkohol. Keine Anzeichen, daß in dem Bett geschlafen wurde. Keine Anzeichen, daß die Tür mit Gewalt geöffnet wurde.« »Ich nehme an, den Schuß hat auch keiner gehört«, sagte ich. »Wahrscheinlich hat er ihn mit einem Kissen gedämpft«, sagte Belson. Er sog den Rauch seiner Zigarre tief ein und ließ ihn langsam wieder heraus. »Ihr Körper dürfte ihn auch etwas gedämpft haben.« Ich nickte. »Wir lassen alle Gäste überprüfen. Könnte sein, daß er hier gewohnt hat. Ich denke mir, daß es nicht leicht ist, mit einer, zehn Meter langen Schnur, einer Rolle Klebeband und einer Kanone rumzumarschieren, ohne daß es jemandem auffällt.« »Den Strick könnte man sich unterm Hemd um den Bauch binden«, sagte ich, »und eine kleine Rolle Klebeband paßt in die Hosentasche.« »Sicher«, sagte Belson. »Oder man packt die Sachen in eine Aktentasche. Aber wir müssen alles bedenken. Man kann nie wissen.« »Auf dieselbe Art gefesselt?« »Ich habe die Fotos und die Protokolle noch nicht verglichen«, sagte Belson, »aber es scheint so.« »Wir sollten das überprüfen«, sagte ich. Belson nickte. Quirk gesellte sich zu uns. »Belegschaft?« sagte Quirk. »Gäste, Leute in der Bar?« »Dino sucht gerade alle Kreditkarten-Quittungen zusammen«, sagte Belson. »Richie hat sich die Belegschaft vorgenommen, O’Donnell und Rourke widmen sich den Gästen.« »Parkplatz?« sagte Quirk. »Unbewacht«, sagte Belson. »Wir haben notiert, welche Wagen sich auf den Parkplätzen befinden, aber wir haben keine Unterlagen, wer vielleicht da war und inzwischen wieder wegfuhr.« »Okay. Ich rede mit den Presseleuten«, sagte Quirk. »Gibt es einen Raum, in den sie sich verzogen haben?« »Den Ballsaal, erster Stock.« Quirk nickte und ging zur Tür. Ich schloß mich an. »Sie wissen schon von Ihnen«, sagte Quirk, als wir im Fahrstuhl hinunterfuhren. »Sie können also dableiben, wenn sie mich nach Ihnen ausfragen.« Im Ballsaal waren Klappstühle aufgestellt. Es waren ungefähr zwei Dutzend Reporter versammelt. Die meisten waren oben im Gang gewesen und dann hier gelandet. Sie hatten Lampen aufgestellt und sie auf ein Sprechpult an der Stirnwand des, Saals ausgerichtet. Ich lehnte mich neben der Eingangstür an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust, während Quirk zum Sprechpult ging. Er hatte noch immer seinen Regenmantel an. Die Tonleute kamen geduckt hinter ihm her, um nicht ins Blickfeld der Kamera zu geraten, und streckten ihm lange Mikrofone mit Schaumgummischutz entgegen. Die Fotoreporter fingen an zu knipsen. »Ich bin Lieutenant Quirk und führe die Untersuchungen«, sagte Quirk. »Bisher haben wir noch keinen Verdächtigen für die Morde, die unserer Meinung nach in einem Zusammenhang stehen. Der Commissioner hat mich gebeten, Ihnen zu versichern, daß alle Kräfte unserer Abteilung mir so lange zur Verfügung stehen, bis der Mörder verhaftet ist.« Quirk leierte den Spruch über den Commissioner herunter wie ein Kind, das den Fahneneid hersagt. »Irgendwelche Fragen?« sagte Quirk. Das war, als frage er einen Hai, ob er hungrig sei. »Erwarten Sie, daß es mit den Morden so weitergeht, Lieutenant?« »Möglich.« »Welche Schritte unternehmen Sie, um den Mörder zu fangen?« »Alle.« »Lieutenant, ist der modus operandi bei allen Morden der gleiche?« »Ja.« »Wann erwarten Sie eine Verhaftung, Lieutenant?« »Sobald wir einen Verdächtigen haben und genügend Beweise, die einen Haftbefehl rechtfertigen.« »Lieutenant, gibt es bereits Verdächtige?« »Nein.« »Ist es wahr, Lieutenant, daß der Mörder möglicherweise ein Polizist ist?«, »Wir haben einen anonymen Brief, in dem das behauptet wird.« »Ist der echt, Lieutenant?« »Ich weiß es nicht.« »Wie es heißt, hat man an jedem Tatort Spermatozoen gefunden, Lieutenant. Stimmt das? Und wenn ja, wie sind die dorthin gekommen?« Quirk sah den Fragesteller einen Augenblick lang ausdruckslos an, bevor er antwortete. »Das stimmt. Wir nehmen an, daß der Mörder ejakulierte.« »Betrachten Sie das Ganze als eine rassistisch motivierte Serie von Verbrechen, Lieutenant?« »Wir kennen den Mörder nicht. Wir wissen nicht, warum er mordet. Wir halten es für vernünftiger, Urteile erst dann zu fallen, wenn wir Bescheid wissen.« »Aber ist es nicht merkwürdig, Lieutenant, daß alle Opfer schwarz sind?« »Ja.« »Aber Sie sind nicht bereit, Lieutenant, zu sagen, daß es rassistische Gründe sind?« »Nein.« »Heißt das nicht, eine offensichtliche Tatsache zu leugnen, Lieutenant?« »Nein.« »Ist es wahr, Lieutenant, daß ein Bostoner Privatdetektiv Sie in diesem Fall unterstützt?« »Ja.« »Wird er dafür aus dem Etat der Stadt bezahlt, Lieutenant?« »Nein.« »Wer bezahlt ihn dann, Sir?« »Niemand. Er tut es aus Nächstenliebe.« »Geschieht das deswegen, weil Sie Ihren Kollegen nicht trauen, Lieutenant?«, »Nein.« »Wie heißt er, Lieutenant?« »Spenser. Er steht dort hinten an der Tür«, sagte Quirk. »Ich bin sicher, daß er sich gerne mit Ihnen unterhält.« Dann verließ Quirk das Podium, schritt durch die Reporterschar und an mir vorbei und war zur Tür hinaus. Als er auf meiner Höhe war, sagte er: »Viel Spaß.«, Am Mittwoch morgen stand eine Notiz über mich im Globe. PRIVATDETEKTIV GEGEN ROTE-ROSEN-MÖRDER EINGESCHALTET, hieß die Überschrift. Der Text erwähnte, daß ich schon in eine Reihe von Fällen verwickelt gewesen war, daß ich seit langem eine Beziehung zu Susan Silverman, einer Psychologin aus Cambridge, hatte, und daß ich früher einmal Boxer gewesen war. Er vergaß zu erwähnen, daß ich beim Lächeln niedliche Grübchen in den Wangen habe. Die Presse vergißt immer das Wesentliche. Wayne Cosgrove rief an und wollte wissen, ob ich noch etwas wüßte, was ich bei der Pressekonferenz nicht erzählt hätte. Ich sagte nein. Er fragte, ob ich ihn anlog. Ich sagte ja. Dann hängten wir ein. Ich blätterte die Sportseite auf und las den Artikel über Macnamara, den sie mit einem Panzer verglichen, und überflog gerade die »Geschäftsabschlüsse«, als Quirk hereinkam. Er trug eine Staffelei und eine Schiefertafel unterm Arm und eine große Papiertüte in der anderen Hand. Ich sagte: »Kriege ich jetzt meine Instruktionen?« Quirk stellte die Staffelei auf, postierte die Tafel darauf, holte eine neue Schachtel gelbe Kreide aus der Manteltasche und legte sie auf meinen Schreibtisch. Dann zog er zwei Servietten aus der Tüte und legte sie dazu. Als nächstes packte er zwei Pappbecher Kaffee und zwei Maiskuchen aus. Vorsichtig legte er einen Kuchen auf jede Serviette und setzte sich auf meinen Besucherstuhl. »Was macht Susan?« fragte er. »Das Übliche«, sagte ich. »Sie ist bezaubernd, klug und verrückt nach mir.«, Quirk zog den Plastikdeckel vorsichtig an einer Seite von seinem Kaffeebecher, bis ein ordentliches Dreieck frei war. »Schwer zu glauben, daß jemand alles auf einmal sein kann.« »Sie sind nur beleidigt, weil heute ein Foto von mir im Globe ist und von Ihnen keines«, sagte ich. Quirk trank einen kleinen Schluck Kaffee. »Klar«, sagte er. »Machen wir uns an diesen Rote-Rosen-Kram.« »Sicher«, sagte ich. Quirk stand auf und ging zur Tafel. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, lasse ich Ihnen das hier stehen«, sagte er. »Sehr nett«, sagte ich. Quirk fing an zu schreiben. Mörder 1. Wahrscheinlich weiß 2. Blutgruppe 0 3. Keine Vasektomio 4. PGM I-Sekret 5. Ejakuliert am Tatort 6. Opfer – schwarz a) Nutte b)Kellnerin c) Exotische Tänzerin d)Sängerin »Was wissen wir noch über ihn?« sagte Quirk. »Daß die Opfer schwarz sind«, sagte ich, »die Tatorte aber weiß, jedenfalls überwiegend.« »Siehe oben, Punkt 1«, sagte Quirk. »Was gibt es über die Opfer?« sagte ich. »Bestimmte Muster?« »Quasi: Von der Nutte zur Sängerin?« sagte Quirk., »Könnte so was wie ein sozialer Aufstieg sein«, sagte ich. »Wenn er so denkt«, sagte Quirk. »Haben Sie schon das Schema über ihn, das die Seelenklempner von der Gerichtsmedizin zusammengestellt haben?« sagte ich. Quirk zuckte mit den Achseln. »Sicher, aber was soll’s? Wut auf Frauen oder Wut auf Schwarze oder beides. Gewaltig unterdrückte Sexualität, die sich durch die Waffe manifestiert; die Spermaspuren können von Masturbation herrühren oder von spontanen Ejakulationen. Vielleicht, wenn er sie erschießt.« »Gott im Himmel«, sagte ich. »Hm«, sagte Quirk. »Haben Sie mit Susan darüber geredet?« »Sicher.« »Was hat sie dazu gesagt?« »Das gleiche Zeug. An eines soll man denken, sagt sie, daß Psychopathen ihr eigenes System von Symbolen haben, und das kann bei jedem Menschen völlig verschieden sein.« »Weswegen es nicht unbedingt heißen muß, daß er, weil er schwarze Frauen tötet, auch schwarze Frauen haßt«, sagte Quirk. »Ja, er fürchtet nur – oder haßt oder was immer –, was schwarze Frauen für ihn symbolisieren.« »Hat sie irgendeine Idee, was das sein könnte?« sagte Quirk. »Das habe ich sie gefragt«, sagte ich. »Sie hat mir erklärt, wie die Seelenklempner das sehen, und gesagt: ›Ehret eure Mütter – wir fragen oft nach den Müttern‹.« »Also sollten wir nach einem Cop Ausschau halten, der Probleme mit seiner Mami hat«, sagte Quirk. »Schon möglich«, sagte ich. »Und das bei einer Polizeitruppe, die zu achtzig Prozent irischer Abstammung ist«, sagte Quirk., »Also gut«, sagte ich, »nähern wir uns der Sache von einer anderen Seite. Ist er wirklich ein Cop?« »Warum sollte er’s sagen, wenn er es nicht ist?« sagte Quirk. »Warum sollte er, wenn er es ist?« Quirk schüttelte den Kopf. »Dann wären wir also wieder soweit, daß wir nichts wissen.« »Er kannte Ihre Privatadresse«, sagte ich. »Wie gesagt, die steht im Telefonbuch.« »Aber nicht im Bostoner«, fügte ich hinzu. »Er mußte also wissen, daß er im richtigen Vorstadt-Verzeichnis nachzuschauen hatte.« »Das ist weiter nicht schwierig«, sagte Quirk. »Irischer Name, lebt nicht in der City, also schaut man unter Irish Riviera.« »Sicher, aber es bedeutet doch, daß er einige Arbeit hatte«, sagte ich. »Wenn er kein Cop ist und Sie nicht kennt, mußte er rausfinden, wer der zuständige Beamte war und dann die Telefonbücher wälzen, bis er Ihre Adresse hatte, und das alles nur, um Ihnen zu erzählen, er sei ein Cop.« »Was ihm ein Gefühl von Stärke gibt«, sagte Quirk. »‘ne Menge Irre fühlen sich stark, wenn sie Genaueres über den Cop rauskriegen, der sie jagt.« Quirk stand einen Augenblick still vor der Tafel. Dann legte er die Kreide weg, ging zum Schreibtisch und setzte sich in den Besuchersessel. Mein Bürofenster stand ein paar Zentimeter offen, und der Verkehrslärm drang von der Boylston und der Berkeley Street herauf. Ich schaute über meine Schulter aus dem Fenster und sah automatisch zu dem Fenster, hinter dem Linda Thomas gewöhnlich war. Es war jetzt mit einer pastellfarbenen Jalousie verhängt. Der Regen rann weiter die Scheiben hinab, wie schon die ganze Woche. Für das westliche Massachusetts war Flutwarnung angesagt. Um das Hancock Building hingen, Wolken, und wo die Überlaufrinnen verstopft waren, lief das Wasser über den Rinnstein auf die Gehsteige. Ich sah zu Quirk hinüber. Er starrte auf seinen leeren Kaffeebecher, den er langsam zwischen seinen dicken Fingern drehte. »Was sagen die ballistischen Untersuchungen?« sagte ich. »Die Kugeln stammen aus derselben Waffe, aber wir wissen nicht, aus was für einer«, sagte Quirk. »Wie wär’s mit einer Überprüfung aller Dienstwaffen?« fragte ich. »Der Commissioner ist dagegen. Sagt, die Gewerkschaft geht die Wände hoch. Sagt, das wirft einen unberechtigten Verdacht auf sämtliche Beamten und beeinträchtigt die ganze Abteilung in ihrer Funktion, und die besteht, wie man weiß, darin, dem Bürger zu dienen und ihn zu beschützen.« Quirk schnipste den Kaffeebecher mit einem Ruck in meinen Papierkorb. »Wahrscheinlich würde er sowieso nicht seine eigene Waffe nehmen«, sagte Quirk. … Die Spannung in seinen Leisten war heftig. »Sie hat immer gewetteifert mit mir«, sagte er. »Ihre Mutter?« sagte die Therapeutin. »Ja, sie wollte immer Basketball spielen mit uns und solches Zeug.« »Wie alt waren Sie da?« »Ein kleines Kind, vielleicht 8,9…« »Und deswegen war es schwer, mit ihr zu kämpfen«, sagte die Therapeutin. »Stimmt, als ich klein war.« »Schwierig für ein Kind, sich mit einem Erwachsenen zu messen«, sagte die Therapeutin. »Verdammt, ja, wenn du ein wirklich kleines Kind bist, ist es hart, auch wenn sie eine Frau ist.«, Sein ganzer Beckenbereich war verspannt bis ins Rückenmark. Sein Atem ging flach. »Aber ziemlich bald, wissen Sie, ziemlich bald wurde ich älter, und da konnte sie nicht mehr mithalten.« »Jedenfalls nicht beim Basketball«, sagte die Therapeutin. Einmal hatte er sie erwischt, nachts, als er auf dem Weg ins Badezimmer war. Er hörte die Stimme seiner Mutter, blieb stehen und lauschte. Die Tür war nicht ganz verschlossen. »Um Himmels willen, George, du bist sogar dazu zu betrunken.« Er hörte das Bett knarren und die Federn quietschen. »Ich muß ihn wohl ein bißchen nibbeln, bis du dich wieder erinnerst, wozu er da ist?« sagte sie. Seinen Vater hörte er nur dumpf murmeln. Dann wurden die Bewegungen heftiger. Er schlich näher zur Tür. Und dann stand sie plötzlich weit offen, und da war seine Mutter, nackt. »Du kleines, dreckiges Ferkel«, sagte sie. Er erinnerte sich an das Gefühl, wie sich ihm der Magen zusammenzog, als sie ihn an den Haaren zurück in sein Zimmer schleifte und die Tür hinter ihm zuschlug. Er hörte den Türknopf einrasten, und als er zu öffnen versuchte, ging es nicht. Sie hatte ihn eingesperrt. Er hätte noch immer ins Badezimmer gemußt, und er setzte sich auf den Fußboden, er mußte dringend, und er hatte Angst und noch etwas, was er nicht verstand, und er weinte. »Mama, Mama, Mama.«, Ich saß in meinem Büro und dachte darüber nach, ob ich auf eine zweite Tasse Kaffee losziehen sollte, als Hawk ohne anzuklopfen hereinkam, sich in meinem Besuchersessel niederließ und seine Air Jordans auf meiner Schreibtischkante plazierte. Er trug gestärkte Jeans und eine zweireihige Lederjacke, die aussah, als sei sie aus der Haut eines arabischen Gürteltiers gefertigt. Er hatte eine Papiertüte mit zwei Kaffeebechern in der Hand. Na gut, warum nicht. Ich hatte nicht vor, seine Gefühle zu verletzen. »Tony Marcus rief mich heute an«, sagte Hawk. »Wollte wissen, ob wir beide uns mit ihm zum Lunch treffen.« »Lunch?« sagte ich. »Mit Tony Marcus? Und was machen wir heute abend? Dinner und anschließend Tanz mit Imelda Marcos?« »Tony meint, er kann dir bei dieser Mordsache Rote Rose helfen.« »Wie das?« Hawk zuckte die Achseln. »Mag nicht, daß irgendwer schwarze Frauen umbringt.« »Ist Tony Aktivist geworden?« »Tony lebt von schwarzen Frauen, schon zeit seines Lebens«, sagte Hawk. »Vielleicht sieht er es nicht gern, wenn ihm diese Quelle versiegt.« »Und warum schickt er dich?« »Tony glaubt, du magst ihn nicht. Glaubt vielleicht, wenn er einen seiner, ehm, Angestellten schickt, daß du den vermöbelst.« »Okay, wo essen wir?« sagte ich., »Tony schätzt das Legal Seafood am Park Square.« »Ich auch«, sagte ich. »Wann?« »Zwölf.« »Glaubst du, Tony weiß was?« Hawk schüttelte den Kopf. »Glaube eher, er will rauskriegen, ob du was weißt.« »Dürfte ein geruhsamer Lunch werden«, sagte ich. Bei Legal gab es den besten Fisch in der Stadt, und sie verlangten nicht, daß man sich auftakelte, um bei ihnen zu essen. Marcus war schon da, als Hawk und ich ankamen. Er saß mit einer künstlich aussehenden Blondine an einem Tisch. Sie hatte blaßlila bemalte Lippen und trug die Haare auf einer Seite zusammengebunden. Marcus hatte einen fetten Nacken und einen großen Schnurrbart. Er trug einen kurzen schwarzen Afrolook mit grauen Strähnen drin, und er sah sanft aus. Das täuschte. Er hatte dem irischen und italienischen Mob in Boston Druck gemacht und sich das schwarze Viertel unter den Nagel gerissen. Es passierte wenig in Roxbury und an der Blue Hill Avenue, wo Tony nicht seine Finger drin hatte. Das schwarze Boston gehörte praktisch ihm, und dagegen konnten weder die weißen Banden noch die Cops noch die neu hinzugezogenen Jamaikaner etwas machen. Er deutete mit einem Kopfnicken auf zwei leere Stühle, und wir setzten uns. »Sie haben hier gute Bloody Marys«, sagte Tony. Vor ihm stand eine. Die Blondine hatte ein Glas Weißwein. Die Kellnerin stand neben uns. »Etwas aus der Bar?« sagte sie. Ich bestellte ein Sam-Adams-Bier. Hawk bestellte eine Flasche Cristal-Champagner. »Du lieber Himmel, Hawk«, sagte Marcus. Hawk gab ein Lächeln ohne jedes Anzeichen von Humor oder Bedeutung von sich., »Sie arbeiten mit Quirk an dieser Rote-Rosen-Sache?« fragte Marcus. »Was wissen Sie noch darüber, was nicht in den Zeitungen steht?« »Nichts«, sagte ich. »Und Sie?« Marcus schüttelte wortlos den Kopf. Die Kellnerin brachte mein Bier und Hawks Champagner und neue Drinks für Marcus und die Blondine. Sie öffnete die Champagner-Flasche, goß Hawk ein und stellte die Rasche im Kühler vor ihm auf den Tisch. Er lächelte sie an, und sie schien verwirrt. »Brauchen Sie noch ein wenig bis zum Essen?« fragte sie. Hawk nickte und lächelte wieder, und sie wurde ein bißchen rot und hastete davon. »Die Frau hat sich in mich verliebt«, sagte Hawk. »Wer kann’s ihr verdenken«, sagte ich. Die Blonde guckte verständnislos. »Es gefällt mir nicht, daß hier irgendein perverser Scheißkerl in der Stadt rumläuft und schwarze Frauen abserviert«, sagte Tony. Ich hob eine Faust und hielt sie einen Augenblick lang über meinen Kopf. Hawk murmelte: »Genau, Bruder«, und trank einen Schluck Champagner. Marcus schüttelte den Kopf. »Ich erwarte keinerlei Verständnis von einem Weißen«, sagte er. »Aber du, Hawk?« Hawk stellte sein Glas ab und beugte sich leicht zu Marcus hinüber. »Tony«, sagte er, »ich bin nicht schwarz, er ist nicht weiß, und du bist wahrscheinlich kein Mensch. Du willst um Grove Hall einen guten Eindruck machen, das ist dein Geschäft. Aber verschwende hier nicht unsere Zeit mit diesem Black-Brother- Mist.« Die Kellnerin kam, um die Bestellungen aufzunehmen. Ich bestellte gegrillten Tintenfisch »Cajun«. Marcus bestellte, Rotbarbe für sich und die Blondine. Hawk bestellte Jakobsmuscheln. Als die Kellnerin ging, erlaubte sich Marcus ein kleines Lächeln. Er sagte: »Besonders empfindsam warst du noch nie, Hawk.« Hawk goß sich noch etwas Champagner nach. »Also gehen meine Gründe auch keinen was an«, sagte Marcus. »Ihr sollt nur wissen, daß ich euch bei dieser Sache nach Kräften helfen werde. Ich hab’ ‘ne Menge Kontakte, ‘ne Menge Quellen, die ich anbohren kann.« »Warum bist du so sicher, daß der Mörder ein Weißer ist?« fragte ich. »Steht in den Zeitungen«, sagte Marcus. Er trank seine Bloody Mary aus und winkte nach der Kellnerin um eine neue und einen Weißwein für die Blondine. Die Kellnerin sah mich an. Ich schüttelte den Kopf. Sie verschwand. »Tony, ich kann dich nicht leiden«, sagte ich. Marcus zuckte die Achseln. Das schien ihn nicht zu entmutigen. »Aber ich nehme jede Hilfe, die ich kriegen kann. Das Problem ist nur, ich weiß noch nicht mal genug, um nur eine intelligente Frage stellen zu können. Am ehesten können wir annehmen, daß der Kerl weiß ist und übergeschnappt. Das Zeug, was im Globe steht, ist auch alles, was ich weiß. Ich kann nur sagen: Wenn du irgendwas hörst, laß es mich wissen. Und wenn du den Kerl schnappst…« Ich zuckte die Achseln. »Wenn wir ihn schnappen, bringen wir ihn um«, sagte Marcus. »Von mir aus«, sagte ich. »Du hast schon Leute aus weit weniger guten Gründen kaltgemacht.« Das Essen kam. Wie immer im Legal kam es so, wie es fertig wurde, also hatten Hawk und ich die Muscheln und den Tintenfisch eher als die beiden ihre Barben., »Fangt schon an mit dem Essen«, sagte Marcus. »Du glaubst, es ist wirklich ein Cop?« sagte Marcus. »Ja«, sagte ich. »Vielleicht sollte er mitkriegen, daß Tony Marcus an dem Fall interessiert ist. Vielleicht überlegt er es sich dann noch mal.« Ich sah Hawk an. Er lächelte glücklich und aß eine Muschel. »Der Kerl, der das hier macht, hat nicht mal einmal überlegt«, sagte ich. »Mit Denken hat das nichts zu tun. Wahrscheinlich tut er es, weil er es muß. Den kann man nicht abschrecken.« »Sollte trotzdem in der Zeitung stehen«, sagte Hawk, mehr zu sich selbst. »Schwarzer Verbrecherkönig bietet Hilfe gegen Rote-Rosen- Mörder an.« »Gute Werbung«, sagte ich. »Vorbeugung gegen einschlägige Streiks?« Die Rotbarben kamen. Marcus nahm einen Bissen; nickte vor sich hin. »Was auch immer«, sagte er, »denkt daran: Tony Marcus steht mit allem zur Verfügung, was seine Organisation zu bieten hat.« »Deine Huren haben Angst«, sagte ich. Marcus runzelte die Stirn. »Genau das ist es. Deine Huren machen es mit keinem weißen Freier mehr, weil er der alte Rosen-Killer sein könnte.« Marcus grinste aufrichtig und kaute weiter an seinem Rotfisch. »Das geht ins Geld«, sagte Hawk. »Seit AIDS das Schlimmste, was aufm Strich passiert«, sagte Marcus. »Gut, einen greifbaren Grund zu finden«, sagte ich. »Vielleicht gibt es mehr als einen greifbaren Grund«, sagte Marcus., Hawk und ich waren mit dem Essen fertig. Hawk holte seine Champagnerflasche aus dem Eiskübel. Sie war noch halbvoll. Er stellte sie zurück. Wir standen auf. »Hör ich was, laß ich es dich wissen«, sagte ich. »Und umgekehrt.« Marcus nickte und streckte die Hand aus. Ich schüttelte sie nicht. Hawk tat es auch nicht. »Trink den Champagner aus, Tony«, sagte Hawk. »Paßt gut zu sechs Bloody Marys.« Wir drehten uns um und gingen. Ich hörte, wie Marcus der Blondine zumurmelte: »Verflucht seltsames Gespann.« Ich sah mich um. Tony schaute uns nach, und die Blondine goß sich Hawks Champagner in ihr leeres Weinglas und lächelte mechanisch., Am Mittwoch morgen war bei meiner Post ein Tonband. Auf dem Umschlag stand kein Absender, und das Etikett des Bands war auch unbeschriftet. Ich ging zur Stereoanlage, nahm meine Ben-Webster-Kassette raus und steckte die neue rein. Über die Art von Lautsprechern, die für einen Ben Webster geschaffen waren, kam eine männliche Stimme, ein rauhes Flüstern. Spenser, wie geht es Ihnen? Ich bin der Kerl, nach dem Sie suchen. Ich bin der Kerl der das mit den farbigen Mädchen macht. Sie glauben, daß Sie mich finden? Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, daß Sie so gut sind. Ich glaube, mit einem wie mir werden Sie nicht fertig. Und während Sie nach mir suchen, sehe ich mich vielleicht mal nach Ihnen um. Wer Sie sind, weiß ich ja. Das Rüstern sollte wahrscheinlich seine Stimme unkenntlich machen. Er betonte auf eine Art, die darauf schließen ließ, daß er einen vorgeschriebenen Text ablas. Es gab keine Hintergrundgeräusche und keine verräterischen Töne wie das Schlagen einer Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald oder das Wiehern von Zebras, die nur im zentralen Flachland von Tasmanien leben. Ich ließ das Band noch mal laufen. Es klang wie beim ersten Mal. Ich spulte zurück und hörte es wieder. Nach dem fünften Durchlauf gelangte ich zu der Einsicht, daß einfach nichts darauf zu hören war, was ich nicht schon beim ersten Mal gehört hatte. Ich rief Quirk an und erzählte ihm, was ich, bekommen hatte, und er sagte, Belson würde kommen und es abholen. Was er auch tat. Als er gegangen war, rechnete ich zusammen, was ich bis jetzt über den Rote-Rosen-Mörder wußte. Das Ergebnis war ungefähr gleich Null. Was ihn dazu bewegt hatte, Quirk zu schreiben, das hatte ihn auch dazu bewegt, mir das Band zu schicken. Zumindest möglicherweise. Vielleicht gab es aber auch einen ganz anderen Grund. Vielleicht war er es nicht selbst. Vielleicht war es ein Witzbold. Vielleicht stammte aber auch Quirks Brief von einem Witzbold. Oder beides. Ich hatte mit der Zeit gelernt, was ich zu tun hatte, wenn ich an einem völlig undurchsichtigen Fall geriet. Ich schloß mein Büro und ging in den Harbor Health Club. Als ich dort anfing, war der Harbor Health Club eine Trainingshalle für Boxer gewesen unten am Hafen. Der Hafen war damals stillgelegt und heruntergekommen, und Henry Cimoli, der den Club führte, trug Sweatshirts und Netzhemden. Jetzt hatte sich die Stadtsanierung über den Hafen hergemacht, und alles glänzte und glitzerte. Auch im Harbor Health Club glitzerten die Gymnastikanzüge, und Henry trug Sporthosen aus weißem Satin und dazu Reeboks. Ein Panoramafenster gab den Blick auf den Hafen frei, und an der Wand gegenüber standen die chromblitzenden High-Tech-Trainingsgeräte. Die Gewichthebe-Geräte arbeiteten mit Luftkompression, und man konnte an ihnen im Sitzen Gewichte drücken. Wahrscheinlich war es ein erheblicher Fortschritt, das im Sitzen zu machen, aber ich kam nicht darauf, worin er bestand. Ich grübelte darüber nach, während ich fünfzehnmal 250 Pfund drückte. Ich stellte um auf größere Stemmzahl und weniger Gewicht, als der süße Vogel Jugend zu flattern begann. Im Raum nebenan übte eine Aerobic-Gruppe. In den Pausen zwischen meinen Gängen sann ich darüber nach, warum ich noch nie eine Frau gesehen, hatte, die in diesen Gymnastikanzügen gut aussah, außer vielleicht Gelsey Kirkland. Susan trug Trikothosen und ein T- Shirt, wenn sie trainierte. Ich sann darüber nach, warum die meisten Männer, wenn sie anfingen, mit Gewichten zu arbeiten, sich zuviel vornahmen und dann schwindelten, und warum die meisten Frauen sich zwar genau an ihr Trainingsprogramm hielten, aber nicht sehr hart arbeiteten. Ich grübelte, wieso der Rote-Rosen-Mörder möglicherweise versucht hatte, mir Angst einzujagen. Bei Quirk hatte er das nicht getan. Quirk hatte er im Grunde um Hilfe gebeten. Mich aber forderte er heraus, mir wollte er Angst einjagen. Ich sann darüber nach, daß das vielleicht eine interessante Einsicht über Mr. Rote Rose war, aber mir wurde ebenso versonnen klar, daß ich keinen Schimmer hatte, was das bedeutete. Henry kam in den Gewichteraum und mit ihm eine Frau in voller Montur. Sie hatte einen lila Leotard an, dazu passende Nike-Schuhe und labbrige Leggings in etwas dunklerem Lila. Über dem Leotard trug sie eine Art weißen Tanga, der eher wie eine Windel aussah. An Handgelenken und Kopf prangten weiße Schweißbänder, und ihre Haare wurden wieder von einem lilafarbenen Band zusammengehalten. Irgendwie war es ihr gelungen, einen Zustand zu erreichen, der sie gleichzeitig dünn und schwammig aussehen ließ. Ich war fasziniert, und während ich meinen zweiten Durchgang Gewichtedrücken im Sitzen machte, machte ich mir Gedanken darüber, wie man gleichzeitig dünn und schwammig sein konnte, und kam zu dem Schluß, daß der Körper, wenn er die Energie aufgebracht hatte, eine Unze Gewicht zuzulegen, davon so erschöpft war, daß die neue Unze nur schlapp herumhängen konnte. Henry lächelte freundlich und zeigte mit einem Kopfnicken auf die Maschine zur Stärkung der Kniesehnen. Die Frau setzte sich rückwärts hinein. Henry lächelte sogar noch freundlicher und drehte sie herum., »Da hinein mit den Fersen«, sagte er. »Und jetzt langsam die Beine im Bogen aufrollen.« »Was meinen Sie mit ›aufrollen‹?« sagte die Frau. »Versuchen Sie, ehm, Ihr Hinterteil mit den Fersen zu berühren«, sagte Henry. Henry hatte seine glitzernde Warm-up-Jacke ausgezogen, und sein kleiner Oberkörper sah in dem engen T-Shirt aus wie eine geballte Faust. »Das kann ich nicht«, sagte die Frau. »Es ist zu schwer.« »Es geht ganz leicht, Ma’am«, sagte Henry und lächelte noch einmal sein freundliches Lächeln. »Vielleicht könnten Sie sich ein bißchen mehr Mühe geben.« »Es tut weh«, sagte sie. »Naja« – Henry lachte freundlich –, »wie es so schön heißt: Ohne Fleiß kein Preis.« »Ich weiß nicht, wie Sie das meinen«, sagte sie. Ich wußte, daß Henry von meiner Anwesenheit wußte. Aber er sah nicht zu mir herüber. »Hier«, sagte Henry, »ich helfe Ihnen. So, jetzt rollen Sie die Beine auf, ich gebe Ihnen einen Schubs.« »Reicht das so?« sagte sie. »Nein«, sagte Henry. »Normalerweise lassen wir die Leute zu Anfang achtmal wiederholen, dann geht es auf zwölf, und danach erhöhen wir das Zuggewicht.« »Achtmal was?« sagte sie. »Sie sollen es achtmal wiederholen.« »Ich habe es erst einmal gemacht.« »Stimmt, also nur noch siebenmal.« »Ich kann es nicht noch siebenmal.« »Ich gebe Ihnen ein bißchen Schwung«, sagte Henry. Henry kurbelte die Maschine hoch und bis auf ungefähr dreißig Zentimeter an ihren dünnen, schlaffen Hintern heran. »Au«, sagte sie., Henry warf einen Blick zum Tisch am Empfang. Dort stand eine adrette junge Frau in weißen Trikothosen. Henry richtete den Zeigefinger auf sie und dann den Daumen auf sich. Sie kam herüber. »Also«, sagte Henry zu der Frau. »Ich habe den Startschuß gegeben: Janie macht die restlichen Übungen jetzt mit Ihnen durch.« Die Frau sagte: »Ich will aber heute nicht all diese Maschinen hier durchmachen.« Janie sagte: »Es macht richtig Spaß, wenn es erst mal läuft, Sie werden sehen.« Sie sah Henry an. In ihrem Blick lag keine Freundlichkeit. Ich saß in der Maschine mit den Expandern, und als Henry und Janie Blicke tauschten, wandte ich mich um und machte einen Handstand auf dem Sitz. »Entschuldigen Sie, Mr. Cimoli«, sagte ich. »Mache ich das so richtig?« Henry drehte sich um und starrte mich einen Moment lang an, ohne seinen Gesichtsausdruck zu verändern. »Ja, sicher, Sir«, sagte Henry und lächelte freundlich. »Sie machen es ganz prima.« Er kam ein paar Schritte näher und sagte etwas leiser, aber genauso freundlich: »Sicher doch, aber wie wäre es, wenn Sie jetzt das Gewicht mit dem Pimmel runterzögen?« und ging nach vorn zum Empfangstisch. Ich hörte mit dem Krafttraining auf und verzog mich für eine Stunde in die Boxhalle. Sie war Henrys letzter Tribut an seine Herkunft. Es gab einen Speedball, einen schweren Sandsack und ein paar Springseile in dem kleinen Raum, der gerade genug Platz für einen Fight zwischen zwei Pygmäen bot. Ich machte zehn Drei-Minuten-Runden, zwei am Sandsack, jede dritte am Speedball, und dann waren fünfzehn Minuten Seilspringen dran. Den Speedball sparte ich mir für die Momente auf, in denen junge Frauen aus dem Aerobic-Raum, vorbeikamen. Es gelang mir noch immer, den Speedball zum Tanzen zu bringen. Als ich die Seilspringerei hinter mir hatte, war ich ziemlich außer Atem und triefnaß. Ich kam mir vor wie ein ausgedrückter Schwamm. Als ich noch boxte, war ich gewöhnlich in den letzten Runden besonders gut. Der andere Bursche bekam schwere Arme, und ich hatte noch jede Menge Kraft. Ich hatte geduscht und zog mich gerade an, als Henry reinkam. »Früher war’s einfacher«, sagte Henry. »Da hab’ ich hart trainiert, und wenn ich soweit war, stieg ich in den Ring, und Willie Pep oder Sandy Saddler schlugen den Gong für mich, und dann ging ich nach Hause, und ein paar Tage später fing ich mit der Vorbereitung für den nächsten Kampfan.« »Diese Frau schien mir nicht den rechten Killer-Instinkt fürs Trainieren zu haben«, sagte ich. »Jeder zweite, der hier reinkommt, ist so. Die wollen sich spitze fühlen und spitze aussehen und dabei kein Tröpfchen Schweiß produzieren. Die Frau war übel. Aber noch schlimmer sind die Kerle, die Sport immer für was Vulgäres gehalten haben. Dann lassen sie sich mal richtig untersuchen, und der Arzt sagt ihnen, sie brauchen Bewegung. Also kommen sie hier anmarschiert in schwarzen Socken und weißen Tennisschuhen und flüstern ›diese Maschine sieht ja sehr beeindruckend aus‹, und dann mußt du ihnen praktisch noch die Händchen auf die Griffe legen. Die kommen nicht her und schauen sich die Sache mal an. Die würdigen die Maschine keines Blickes und raffen nicht mal, daß es wohl nur eine Möglichkeit gibt, wie man sie benutzt. Sie schauen nicht den anderen mal ein paar Minuten lang zu, um mitzukriegen, wie sie’s machen. Sie kommen an, hocken sich verkehrt in die Scheißmaschinen, wedeln mit ihren Scheißarmen rum wie ein Scheißsuppenhuhn, bis du, anmarschierst und sagst: ›Vielleicht ginge es besser, wenn Sie es so oder so machten.‹« Als Henry fertig war, war ich angezogen und knöpfte gerade mein Hemd zu. »Fühlst du dich jetzt besser?« sagte ich. Henry grinste. »Andererseits hatte ich in letzter Zeit ‘ne ungenähte Lippe.« »Treffer«, sagte ich. Draußen war sehr schönes Frühlingswetter, als ich über die Common wieder in mein Büro spazierte. Ich trug feste Baumwollhosen, weiße Reeboks, meine Lederjacke und ein weißes Hemd mit breiten lila Streifen – sehr gewagt für mich. Ich fühlte mich stark und sauber, wie immer, wenn ich mich richtig abgearbeitet hatte; und an diesem Abend würden die zwei Bier vor dem Essen genau so schmecken, wie sie sollten. Es wäre nur nett gewesen zu wissen, warum der Rote-Rosen- Mörder mir drohte., Am Donnerstag morgen stand ich um 9 Uhr 40 in Quirks Büro und versuchte noch immer rauszukriegen, warum Mr. Rote Rose mir Drohungen schickte. »Vielleicht ist es eine Variante zu dem Spiel ›Fang mich, bevor ich’s wieder tue‹«, sagte Quirk. »Vielleicht eine Herausforderung an uns, noch entschlossener dranzubleiben.« »Sie haben das Band abgehört«, sagte ich. »Hat es für Sie so geklungen?« »Nein«, sagte Quirk. »Es hört sich an, als hätte er was gegen Sie.« Quirk hatte seine Jacke ausgezogen und ordentlich auf einem Bügel an den Kleiderhaken gehängt. Die Manschetten an seinem weißen Hemd hatte er aufgerollt. Er trug eine pinkfarbene Krawatte auf Halbmast, und den gestärkten Kragen hatte er aufgeknöpft. Während er sprach, saß er zurückgelehnt in seinem Drehstuhl, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Seine Bizepse drückten sich durch die Ärmel. »Warum sollte er was gegen Sie haben?« sagte Quirk. »Warum überhaupt jemand?« sagte ich. Quirk grunzte. »Vielleicht kennt er Sie«, sagte er. »Und kann mich nicht leiden«, sagte ich. »So schwer man sich das auch vorstellen kann«, sagte Quirk. »Tja«, sagte ich, »der Mann ist ein Psychopath.« »Cops, die Sie kennen und nicht mögen, gibt es häufiger als Hühner mit Zähnen«, sagte Quirk. »Vielleicht ist er aber auch kein Cop und kennt mich nicht, und irgendwas anderes ist im Busch«, sagte ich. »Susan, erinnert mich dauernd daran, daß wir hier nicht einfach zwei und zwei zusammenzählen dürfen.« Ein uniformierter Cop kam und klopfte an Quirks Glastür. Quirk nickte mit dem Kopf, und der Cop öffnete und sagte: »Superintendent Clancy mit einigen Leuten, Lieutenant.« Quirk nickte wieder, und der Cop ging und ließ die Tür halb offenstehen. »Der Stellvertretende Superintendent«, sagte Quirk. »Zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Er wird mit einer Gruppe von Bürgern anmarschieren und von mir fordern, Mr. Rote Rose zu fangen.« Ich wollte aufstehen. Quirk schüttelte den Kopf. »Bleiben Sie hocken«, sagte er. »Denken Sie dran, warum Sie den Dienst bei den Cops quittiert haben.« Ich ließ mich wieder nieder. Clancy kam mit vier Personen herein, zwei Schwarzen und zwei Weißen. Eine von den Weißen war eine Frau. Clancy war ein kleiner, gepflegter Mann mit einem Gesicht wie ein Maulwurf. Er trug ein weißes Hemd mit Epauletten und eine blaue Mütze mit Goldborte. Die Polizeimarke auf seinem Hemd war poliert und glänzte, und er hatte seinen Revolver im Gürtel stecken, was man im Polizeipräsidium für ein Zeichen von Rang hielt. Seine Hosen hatten Bügelfalten, und seine Schuhe waren mit einem Spray auf Hochglanz gebracht. »Das ist Reverend Trenton«, stellte Clancy einen der beiden schwarzen Männer vor. »Abgeordneter Rashad«, sagte er, »und Mr. Tuttle vom Christian United Action Committee und schließlich Mrs. Quince von den Friends of Liberty.« Quirk sagte: »Wie geht es Ihnen«, und alle bis auf Quirk sahen mich an. Quirk ignorierte es. »Was kann ich für Sie tun?« sagte Quirk. Rashad, der Abgeordnete, sagte: »Commissioner Wilson sagte uns, Sie wären derjenige, der uns über diese Serie von, Rassenmorden informieren könne, die die Gesellschaft in Unruhe versetzen.« »Vergangenes Jahr«, sagte Quirk, »wurden sechsunddreißig Menschen schwarzer Hautfarbe in dieser Stadt ermordet. Niemand tauchte hier auf und verlangte Informationen. Und niemand hat sie als Rassenmorde bezeichnet.« »Weichen Sie nicht aus, Lieutenant«, sagte Rashad. »Wir möchten wissen, welche Fortschritte Sie in dieser gräßlichen Angelegenheit machen.« Ein Mann von Gewicht, dieser Mr. Rashad, ein Mann, erfahren in öffentlichen Auftritten und nicht gewohnt, sich die Redensarten eines untergeordneten Polizeibeamten anzuhören. Ich kriegte schon vom Zuschauen Gänsehaut. »Sie lesen die Zeitungen?« sagte Quirk. »Natürlich«, sagte Rashad. Er trug seine Haare in einem kurzgeschnittenen Afro-Look. Sein Schnurrbart war sorgfältig gestutzt. Er hatte einen dunkelblauen Anzug an, dazu ein weißes Hemd mit langen Kragenspitzen und blaurot gestreifter Krawatte. Auf der Krawatte baumelte ein Goldkettchen mit goldenem Medaillon. Es zeigte das Gesicht eines Afrikaners im Profil. »Da stehen die Fortschritte, die wir machen«, sagte Quirk. Die weiße Frau, Mrs. Quince, beugte sich ein wenig nach vorn. Sie hatte einen konzentriert-finsteren Gesichtsausdruck. »Sie wissen nicht mehr als in den Zeitungen steht?« sagte sie. »Exakt«, sagte Quirk. »Das reicht nicht, Lieutenant«, sagte Rashad. »Nein«, sagte Mrs. Quince. »Wir wollen alles wissen.« »Warum?« sagte Quirk. Mrs. Quince machte den Mund auf und wieder zu und sah Rashad an. Clancy sagte: »Lieutenant Quirk.«, Rashad sagte: »Ist schon recht, Jerry, ich weiß, wie ich mit dem Lieutenant umzugehen habe.« Tuttle meldete sich zum ersten Mal zu Wort. »Lieutenant, ich wäre gar nicht glücklich, Pat Wilson melden zu müssen, daß Sie sich unkooperativ verhalten.« Quirk schwieg. Jetzt war Reverend Trenton an der Reihe. Er sprach mit sehr sanfter Stimme. »Wir sind hier, Lieutenant, um festzustellen, ob die Polizei in dieser Sache alles tut, was in ihrer Macht steht. Es handelt sich um einen Fall, der der schwarzen Bürgerschaft, den Frauen und allen unter uns, die gegen den Rassismus in unserer Stadt sind, große Sorgen bereitet.« »Und gegen den Sexismus«, sagte Mrs. Quince. »Und gegen Mord«, sagte Quirk. »Und gegen den Mißbrauch von Wäscheleinen.« »Lieutenant«, sagte Mrs. Quince. »Das ist eine unpassende Bemerkung.« Quirk nickte. »Gewiß, Mrs. Quince. Ich bitte um Vergebung. Aber genauso unpassend ist Ihr Besuch.« Rashad sagte: »Jeder Bürger dieser Stadt hat das Recht, von Ihnen Rechenschaft zu fordern.« »Gewiß«, sagte Quirk. »Und da draußen gibt es einen gemeinen Rassisten, einen sexistischen Killer, der nach eigenem Bekenntnis zu Ihrer Abteilung gehört. Wir verlangen Antworten, keine schlauen Bemerkungen, und wir verlangen sie jetzt.« »Sie müssen sich mit schlauen Bemerkungen begnügen«, sagte Quirk, »weil ich keine Antworten habe.« Clancy sagte: »Martin, es gibt keinen Anlaß, wütend zu werden.« »Natürlich überhaupt keinen«, sagte Quirk. »Sie kommen hier hereinmarschiert, um sich zu versichern, daß ich meine Arbeit, mache, als ob ich sie vergessen würde, wenn Sie das nicht täten.« »Lieutenant«, sagte Trenton, »den schwarzen Bürgern können Sie keinen Vorwurf machen, daß sie die Polizei und ihre Arbeit mit Mißtrauen beobachten. Wie eifrig waren Sie denn in der Vergangenheit bei der Lösung von Fällen, die man an diesem Ort hier wohl ›Bimbo-Morde‹ nennt?« Ich sah, wie Quirk tief Atem holte. Er kippte seinen Stuhl nach vorn und stützte sich mit den Händen flach auf die Schreibtischplatte. »Reverend«, sagte er, »ich bin seit siebenundzwanzig Jahren bei der Mordkommission. Ein Profi. Ich versuche, jeden Mordfall zu lösen und jeden Mörder zu fangen, weil man mich dazu angestellt hat und weil ich das auch will. Ich tue das, egal, ob mir nun jemand dabei zuschaut oder nicht, ob das Opfer schwarz ist oder weiß, männlich oder weiblich; ob der Commissioner es von mir erwartet oder Sie oder der liebe Gott persönlich.« Quirk hielt inne. Keiner sagte etwas. »Sie aber, meine Herrschaften«, sagte Quirk. »Sie sind nicht dazu angestellt, Mörder zu fangen, und wären Sie es, dann wüßten Sie nicht, wie. Trotzdem stehen Sie hier herum. Wenn Sie ehrlich mit sich selbst sind, dann wissen Sie, daß Ihr Besuch nicht dazu beiträgt, den Mörder zu fangen. Sie sind hier, damit Sie Ihren Wählern oder Ihren Gemeindemitgliedern oder Ihren Vereinskollegen erzählen können, daß Sie immer am Ball sind und deswegen einsame Spitze.« Als Quirk geendet hatte, herrschte drückendes Schweigen im Raum. Schließlich sagte Rashad: »Nun gut, angesichts dieser Ihrer Haltung ist eine Fortsetzung des Gesprächs wohl sinnlos.« Quirk lächelte mild., Tuttle sah mich an. »Ich werde Commissioner Pat Wilson über unser Gespräch informieren«, sagte er. »Könnte ich erfahren, wer Sie sind?« »Mein Name ist Orotund Vowel«, sagte ich. »Ich unterrichte den Lieutenant in Vortragskunst.« Tuttle starrte mich an. Er war sich bewußt, daß er auf den Arm genommen wurde, aber er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Schließlich drehte er sich um und ging mit den anderen hinaus. »Orotund Vowel?« sagte Quirk. Ich zuckte die Achseln. »Sie sind ja ‘ne Nummer«, sagte er. »… Ich war immer nur ihrer, solange ich ein Kind war«, sagte er. »Ihr was?« sagte die Therapeutin. »Was meinen Sie mit ›ihr was‹? Ich war ihr Sohn.« Die Therapeutin nickte. Er wollte noch näher erklären, was er gewesen war. »Ich war ihr einziges Kind, wissen Sie, und sie hat sich die ganze Zeit Sorgen um mich gemacht.« »Woher wissen Sie, daß sie sich Sorgen machte?« sagte die Therapeutin. Mein Gott, konnte sie sich das denn gar nicht denken? »Sie hat es mir gesagt«, sagte er, »und wenn ich Sachen anstellte, die ihr Kummer bereiteten, dann wurde sie irgendwie krank.« »Krank?« sagte die Therapeutin. »Ja, sie legte sich auf die Couch und sagte den ganzen Tag nichts, und ihr Gesicht hatte diesen Ausdruck, als hätte sie Krämpfe oder so etwas. Wissen Sie, das war so wie bei den Mädchen, wenn sie ihre Periode kriegen.« Er fühlte ein kühnes Prickeln und hatte gleichzeitig ein Schuldgefühl, als er das sagte. »Irgendwie bösartig. Gemein.« »Was war daran gemein?« sagte die Therapeutin., »Daß sie so mürrisch war, daß sie nicht mit einem geredet hat, daß sie… daß sie einen nicht geliebt hat. Nicht nett zu einem war.« Die Therapeutin nickte. »Wenn ich zu spät zum Abendessen nach Hause kam oder mit meinen Kumpeln rumgammelte oder unterwegs war.« Er spürte, wie sich ihm die Kehle zuzog und es in der Nase zu kitzeln anfing. »Unterwegs?« sagte die Therapeutin. »Mit Mädchen«, sagte er. Seine Augen füllten sich mit Tränen. In ihm glühten Frustration und Scham. »Sie erzählte mir, alle Mädchen würden mich nach Strich und Faden ausnutzen.« Er kämpfte gegen das aufsteigende Weinen. Er drehte den Kopf weg. Die Therapeutin sagte: »Lassen Sie es heraus. Schauen wir, was sonst noch mit herauskommt.« Furchtbar. Er wollte hier nicht weinen. Seine Mutter hatte ihn nie beim Weinen erwischt. Er hielt den Kopf gesenkt und zwang sich zum ruhigen Atmen. Er spürte den Druck in der Leistengegend. »Ich kann mich zusammenreißen«, sagte er. »Immer?« sagte die Therapeutin. Angst schoß in ihm hoch. »Ausnahmslos«, sagte er. »Selbstbeherrschung ist wichtig«, sagte die Therapeutin. »Verliert man die Selbstbeherrschung«, sagte er, »dann verliert man sich selbst.« Die Therapeutin wartete. »Man wird beherrscht«, sagte er. »Man beherrscht sich gar nicht selbst, die Leute beherrschen einen.« »Dann«, sagte die Therapeutin, »können sie einen auch ausnutzen, wie sie wollen.«, Er wollte etwas sagen, konnte aber nicht. Er hatte das Gefühl, als hätte er etwas beiseitegeschoben. Er zitterte. Tief durchatmen. Laß es heraus. Seine Armmuskeln waren angespannt, und er drückte mit den Ellbogen gegen die Armlehnen seines Sessels. »Das sagte meine Mutter auch immer«, sagte er. Die Therapeutin nickte., Die nächste Frau war eine Lehrerin, ermordet in ihrer Wohnung am Park Drive mit Blick auf The Fenway. Es war Samstag zur Mittagszeit. Quirk, Belson und ich sahen uns wieder zusammen den Tatort an. Es war wie vorher. Die Leine. Das Klebeband. Das Blut. Einer der Detectives vom zuständigen Polizeirevier las Belson aus seinem Notizbuch vor. »Heißt Emmeline Washburn«, sagte er. »Lehrerin der Luther Burbank Middle School. Siebte Klasse. Dreiundvierzig Jahre alt, von ihrem Mann getrennt, lebt allein. Mann ist da drüben.« Er wies mit einem Kopfnicken auf einen Schwarzen, der bewegungslos auf einer unbequemen roten Couch saß und ins Leere starrte. »Emmeline war mit einer Freundin im Kino. Heißt Deirdre Simmons, wohnt in der Gainsborough Street. Emmeline verließ Deirdres Wohnung um Viertel nach zehn und hatte vor, direkt nach Hause zu gehen. Ihr Mann kam heute vormittag, um bei ihr zu Mittag zu essen, und hat sie gefunden. Er kann nicht viel erzählen. Der Arzt hat den Zeitpunkt des Todes noch nicht festgestellt. Aber sie hat schon die Leichenstarre. Todesart scheint wie bei den anderen vier.« Quirk sagte: »Haben Sie trotzdem das Alibi des Ehemanns überprüft?« Der Beamte schüttelte den Kopf. »Er ist ein einer schlimmen Verfassung, Lieutenant. Alles, was ich bisher von ihm weiß, ist, daß er sie gefunden hat.« Quirk sagte: »Ich rede mit ihm«, und ging zu dem Mann hinüber. »Ich heiße Martin Quirk«, sagte er. »Ich bin von der Mordkommission.« »Washburn«, sagte der Ehemann. »Raymond Washburn.«, Er sah nicht zu Quirk auf. Er sah auch nicht zu der toten Frau hinunter. Er starrte einfach zwischen beiden ins Leere. »Es tut mir leid«, sagte Quirk. Washburn nickte. »Wir waren dabei, es wieder zu reparieren«, sagte er. »Wir waren ein Jahr lang getrennt, und wir haben eine Eheberatung aufgesucht, und es klappte, und wir waren dabei, es wieder miteinander zu versuchen.« Während er sprach, wurde sein Körper plötzlich schlaff, und er fiel langsam nach vorn. Quirk ging in die Hocke und fing Washburn auf, als er von der Couch kippte. Washburn sah aus, als wöge er gut und gerne seine 190 Pfund, und Quirk mußte selber einen Augenblick um sein Gleichgewicht kämpfen, als er nach ihm griff. Dann erhob er sich mit sichtlicher Anstrengung, die Arme um Washburn gelegt. Washburn war nicht ohnmächtig. Als Quirk sich aufrichtete, sah ich, wie er ausdruckslos über Quirks Schulter starrte. Dann fing er an zu weinen. Es hörte sich an, als ob ihm das Schluchzen herausgewrungen würde. Quirk hielt Washburn und ließ ihn weinen, bis er von selber aufhörte. Dann schob Quirk ihn langsam wieder zur Couch zurück. Washburn plumpste hin, als Quirk ihn losließ, als wäre keine Kraft mehr in ihm. Seine Augen waren geschwollen, und sein Gesicht war naß. Quirk sah einen von den Sanitätern an, die mit der Ambulanz gekommen waren. »Er braucht Hilfe«, sagte er. »Wir nehmen ihn mit in die Stadt«, sagte der Sanitäter, »da kann er mit einem von den Ärzten reden.« Quirk nickte. Er sah mich an. »Irgendeine Idee?« sagte er. »Nein.« »Belson?« »Nein.« »Ich auch nicht«, sagte Quirk. »Haun wir ab von hier.«, Wir fuhren in mein Büro. Ich setzte mich an den Schreibtisch. Quirk setzte sich gegenüber, Belson stand, wie fast immer, an die Wand gelehnt. Das Büro roch nach abgestandener Luft. Ich öffnete das Fenster, und der Lärm des spärlichen Wochenendverkehrs drang herein. »Könnte ein Nachahmungstäter sein«, sagte Belson. »Ein Kerl, der seine Frau loswerden will und das Ganze so arrangiert, daß es aussieht, als wäre es Mr. Rote Rose. Nur, daß kein Sperma zu finden ist.« »Die Szene wirkt andererseits authentisch«, sagte Quirk. »Es hat alles in den Zeitungen gestanden«, sagte Belson. »Braucht schon eine ganz besondere Veranlagung«, sagte ich, »die eigene Frau umzubringen und dann noch Sperma auf den Teppich zu spritzen.« Belson zuckte mit den Schultern. »Er war vor Trauer ganz außer sich«, sagte Quirk, »aber das muß nicht bedeuten, daß er es nicht getan hat.« »Haben wir den Namen der Eheberaterin?« fragte ich. »Ja, die Frau wohnt im South End«, sagte Belson, »Rebecca Stimpson.« »Ich werde Susan bitten, sie anzurufen«, sagte ich. »Frank«, sagte Quirk, »geh noch mal zum Tatort zurück, sieh dir alles genau an und vergleich es mit den anderen Morden.« Belson nickte. »Und dann brauchen wir eine Zusammenfassung aller Einzelheiten, die in der Presse erschienen sind. Damit wir genau wissen, was man aus den Blättern über Mr. Rote Rose erfahren konnte. Auch wenn das hier keine Nachahmungstat ist, es kann noch welche geben.« Belson nickte. »Zeitungen, Fernsehen, Radio, alles.« »Wird einige Zeit dauern, Lieutenant«, sagte Belson. »Wir haben ja sonst nichts zu tun«, sagte Quirk., »Es werden auch noch andere Leute umgebracht in dieser Stadt«, sagte Belson. »Die müssen warten, bis sie dran kommen«, sagte Quirk. »Erst schnappe ich mir diesen Scheißkerl.« Von der Kreuzung unter meinem Fenster tönte eine Hupe herauf. »Spenser«, sagte Quirk, »ich möchte, daß Sie jeden Fall zurückverfolgen. Fangen Sie beim ersten Mord an. Arbeiten Sie ihn durch, als wäre er brandneu. Reden Sie mit allen, die damit zu tun haben, lesen Sie die Akten von der Spurensicherung und die psychiatrischen Gutachten, behandeln Sie jeden Fall, als hätte vorher noch niemand in die Unterlagen geschaut.« »Wir brauchen ein Muster, das auf alle paßt«, sagte ich. »Schwarze Frau, über vierzig, lebt in rassisch gemischter Gegend oder an der Grenze. Die eine Nutte, die nächste Kellnerin, dann eine Tänzerin, eine Sängerin, eine Lehrerin«, sagte Belson. »Die soziale Leiter rauf?« sagte Quirk. »Falls Sie annehmen, daß Sängerinnen höher rangieren als Tänzerinnen«, sagte ich. »Oder er das annimmt.« »Über vierzig«, sagte ich. »Ja«, sagte Belson. »Royette Chambers, die Nutte, war einundvierzig. Chantelle war sechsundvierzig. Die anderen drei lagen dazwischen.« »Das ist ein ziemlich eingeschränktes Altersmuster«, sagte ich. »Vor allem bei der Nutte«, sagte Quirk. »Einundvierzig ist ziemlich alt für eine Nutte.«, »Warum bringt er also nur Frauen in den Vierzigern um?« sagte ich. »Fünfmal, das kann kein Zufall sein.« »Ein Muttersöhnchen«, sagte Quirk. »Wir müssen nach einem Muttersöhnchen suchen.«, Routine ist Routine, die Dinge wiederholen sich endlos. Ich redete mit den Angehörigen der Opfer, die alle verbittert, traurig, entsetzt waren. Alle meinten sie, daß ihre Tochter, Schwester, Mutter, Ehefrau ein Opfer des Rassismus geworden war; alle hatten vorher mit den Polizisten gesprochen; und alle weigerten sich, mit einem weiteren Weißen zu reden, der vorgab, sich um die Fälle zu kümmern, während er in Wirklichkeit das weiße Establishment deckte, das dem Mörder Zuflucht gewährte. Die Hinterbliebenen sind nicht zwangsläufig klüger als der Rest der Menschheit. »Meine Tochter war ein gutes Mädchen, Mister. Sie hat nichts getan, für das jemand sie hätte töten müssen.« »Niemand wollte meine Schwester umbringen, Mann. Sie war eine niedliche Lady. Sie hatte eine ordentliche Arbeit. Zu Hause hat sie mit angepackt. Es gibt keinen Grund zu sagen, daß es ihre Schuld war.« Die Nutte hatte, soweit wir herausfinden konnten, keine Angehörigen. Ich redete mit ihrem Zuhälter. Er war größer als ich und zwanzig Pfund leichter, mit kurzgeschorenem Haar und einer zwei Zentimeter breiten freirasierten Stelle in der Mitte. Er trug eine weiße Weste, braune Jogginghosen und schwarze Reeboks mit hohem Schaft. In seinem linken Ohrläppchen und weiter die Ohrmuschel hinauf steckten fünf oder sechs kleine goldene Ohrringe. »Wenn ich den Drecksack kriege, reiß ich ihm den Arsch auf«, sagte der Zuhälter. »Dazu muß man ihn erst mal haben«, sagte ich. »Irgendeine Idee, wer er sein könnte?«, »Irgendein perverser weißer Freier«, sagte der Lude und starrte mich an. »In die Richtung denken wir auch«, sagte ich. »Denken Sie an irgendeinen speziellen perversen weißen Kerl?« Der Lude zuckte die Achseln. »Die meisten sind pervers, Mann, und kreuzen hier wegen der Nutten auf.« »Hat eine mal über Folterpraktiken oder so ein Zeug geklagt?« »Geklagt, Mann? Scheiße. Nutten klagen nicht. Die kriegen verdammt eine gescheuert, wenn sie anfangen zu klagen. Sie tun, was die Kerle von ihnen wollen, und hinterher liefern sie mir ihr Geld ab.« »Macht sich bombig bezahlt für sie, nicht?« »Huren sind Huren, Mann. Geht mich weiter nichts an.« »Haben Sie mal eine reden gehört?« sagte ich. »Irgendwelche Geschichten über Kerle, die es brutal haben wollten, Sado und Maso oder so?« »Ach, Scheiße, Mann, habe ich doch alles schon gesagt. Klar gibt es solche Kerle, jede kennt welche. Mit Handschellen, Knebeln.« »Stricken?« sagte ich. »Klar, Stricken, Klistieren, Ankerketten. Andere wollen verhauen werden. Wieder andere wollen hauen. Dann gibt’s welche mit Gummiunterwäsche. Was immer Sie wollen, ich kenne Kerle für jede Art Scheiß.« »Und Sie haben den Cops davon erzählt?« »Ich habe ihnen alle Namen gegeben, die ich kenne, Mann. Ich mag nämlich nicht, wenn man mir meine Huren aufschlitzt. Steh ich nämlich verflucht schlecht da. Kostet mich bares Geld. Ich will, daß sie den Scheißkerl schnappen.« »Alle wollen, daß dieser Scheißkerl geschnappt wird«, sagte ich., »Ja doch, klar. Alle bringen sich schier um dafür, ‘nen Kerl zu schnappen, der ‘ne schwarze Nutte abgeknallt hat.« »Und noch vier dazu.« »Ich hoffe, daß er als nächstes ‘ne weiße Braut beim Einkaufsbummel in Wellesley Hills umnietet, Mann«, sagte der Lude. »Dann geht’s ab.« »Und wie nennen Sie das, was ich hier mache?« sagte ich. »Das hier? Daß Sie sich mit mir unterhalten? Daß Sie mich über perverse Weiße ausfragen? Damit passiert doch noch nichts, Mann, das ist beschissener blauer Dunst, Mann. Soll bedeuten: ›He, wir sind unterwegs und suchen den Burschen, der eure schwarzen Mädchen um die Ecke bringt, Jungs. Seht, wie wir uns Mühe geben.‹ Alles Mist.« »Irgendwelche Vorschläge, was zu tun wäre?« »Nicht an Sie, Mann. Wir werden das Schwein irgendwann schnappen, und wir werden ihn abservieren.« »Wir?« »Genau, Mann, wir Scheißkerle selber. Wir Scheißfarbigen, klar, Mann? Dann geht’s ab.« »Das hoffe ich.« Ich reichte ihm meine Karte. »Wenn’s losgeht«, sagte ich, »würd’ ich gern zuschauen.« Er sah mir zu, wie ich in meinen Wagen stieg und wegfuhr. Im Rückspiegel beobachtete ich, daß er die Karte in die Tasche steckte., Susans Wohnung und Praxis lagen in einem großen alten Haus in der Linneaen Street. Es hatte ein schiefergedecktes Dach mit ausgebauten Mansarden und eine breite Veranda an der Vorderseite. Sie wohnte im ersten Stock, und ihre Praxis nahm zusammen mit dem Wartezimmer die eine Hälfte des Erdgeschosses links von der Eingangshalle ein. Ich saß in ihrem Wohnzimmer und trank eine Flasche Sam Adams, während sie das Abendessen zubereitete. Das Abendessen zubereiten – das bedeutete für Susan, sich aus Rudis Feinkost-Restaurant etwas schicken zu lassen und es zu Hause, wenn nötig, noch einmal aufzuwärmen. Sie trank eine Diät-Cola, während sie zwei Hühnerbrüste mit Aprikosen- und Pistazienfüllung in eine rote Kasserolle legte, um sie im Rohr aufzuwärmen. Sie hatte gerade zwei Meilen à sieben Minuten auf dem Lauf band in ihrem Fitness-Club hinter sich und trug noch ihre schwarzen Trikothosen und ein blaßblaues Sweatshirt mit abgeschnittenen Ärmeln und vertieftem Ausschnitt, dazu weiße Nikes mit roten Streifen. »Ich habe heute mit dieser Eheberaterin geredet«, sagte Susan. »Rebecca Stimpson?« »Sie hat mit den Washburns ein paar Beratungsgespräche geführt, und es war etwas heikel wegen der Vertraulichkeit. Aber, gerade raus gesagt, Miss Stimpson war überhaupt nicht der Meinung, daß die Washburns sich auf dem Weg zur Versöhnung befanden.«, »Weiß sie irgendwas über Neigungen zur Gewalttätigkeit bei Ray?« »Nichts Handfestes. Sie konnte nirgendwoher etwas ableiten, und Verhalten vorauszusagen ist, wie du weißt, nahezu unmöglich. Im übrigen wirkt Miss Stimpson auf mich nicht gerade wie ein therapeutisches As.« »Sie ist ausgebildete Sozialarbeiterin«, sagte ich. »Ja, und ich glaube auch an den Wert eigener Ausbildungsgänge; aber ich meine gar nicht ihre akademischen Abschlüsse; es gibt Doktoren der Psychologie und Magister der Psychiatrie, die genauso wenig als therapeutische Asse daherkommen. Es ist eine Frage des Temperaments und, weil mir kein besserer Begriff einfällt, der schlichten Intelligenz. Miss Stimpson ist da nicht besonders wendig.« »Du vertraust ihrer Meinung über die Washburns?« Susan trank von ihrer Diät-Cola. Sie schüttelte einen gemischten Salat aus Endivien, roten und gelben Paprika und Chicoree im Sieb ab. »Man kann sich kaum vorstellen, daß sie sich so total täuschen sollte. Sie hat sich mehrere Monate lang mit ihnen getroffen.« »Wenn sie sich also nicht geirrt hat, dann hat Ray gelogen«, sagte ich. »Nicht unbedingt«, sagte Susan. »Manche Leute wünschen sich etwas so sehr, daß sie alles glauben, obwohl die Dinge ganz anders liegen.« »Und wenn man sie zwingt, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?« sagte ich. Susan schüttelte den Kopf. »Bedürfnisse sind eine gewaltige Macht«, sagte ich. »Wenn also die Therapeutin recht hat…«, sagte ich. »Die Beraterin«, sagte Susan. »Nicht Therapeutin. Sie hat keine Therapie gemacht.«, Ich grinste. »Stimmt, ich wollte auch nur rauskriegen, ob du zuhörst. Wenn also die Beraterin recht hat, dann leidet Raymond unter einer Zwangsvorstellung, oder er lügt. Oder die Beraterin irrt sich, und wir haben es mit einem weiteren Rote- Rosen-Mord zu tun, oder beides. Oder weder noch, und es handelt sich um etwas, wozu uns noch gar nichts eingefallen ist.« »Faszinierende Arbeit«, sagte Susan. »Deiner nicht unähnlich, wie?« sagte ich. Susan legte einen Laib frisches französisches Brot auf den Tisch und servierte den Salat in zwei Glasschüsseln. »Metaphern fürs Leben«, sagte sie. »Dein Beruf und meiner.« Ich setzte mich zu ihr an den Tisch. »Du bist Simone de Beauvoir«, sagte ich, »und ich stelle Sartre dar, und wir überlegen uns, wie wir unser Leben dadurch bestimmen, daß wir es leben.« Susan lächelte und tätschelte meine Hand. Sie trug noch das gewundene Tuch um die Stirn, mit dem sie sich die Haare zurückband, wenn sie trainierte. An den meisten Menschen sah das affig aus. Ihr stand es. »Iß deinen verdammten Salat«, sagte sie. Wir aßen zu Abend, räumten ab, und dann setzte Susan sich zu mir auf die Couch und las das American Journal of Therapeutics. Ich sah mir das Match zwischen den ›Red‹ und den ›Braves‹ an. »Skip Carey und John Sterling sind heute als Reporter dran«, sagte ich zu Susan. »So?« »Sie bilden ein Team aus vier Leuten und kommentieren im Radio und im Fernsehen, und sie rotieren dabei so, daß nie zweimal hintereinander dieselben zusammen sind, und ich versuche rauszukriegen, nach welchem Schema sie das machen.«, Susan ließ ihre Zeitschrift sinken und sah mich schweigend an. »Wirklich?« sagte sie dann. »Und«, sagte ich, »dann gibt es da noch ein Schema im Schema, nach dem jeder von diesen Burschen seine eigenen Spiele im Spiel treibt und seine speziellen Farben reinbringt, ins Radio oder ins Fernsehen.« Susan sah mich weiter an, holte tief Luft, atmete langsam wieder aus und widmete sich erneut ihrem Magazin. Als das Spiel zu Ende war, war Susan über dem Magazin, das noch offen vor ihr lag, eingeschlafen. Ich beugte mich zu ihr, hob sie auf, trug sie zu ihrem Bett und legte sie nieder. Sie wurde davon wach und sah mich mit ihren großen Augen an. »Wie kamst du darauf, daß ich müde bin?« sagte sie. »Ich bin ein erfahrener Detektiv«, sagte ich. Sie lächelte und deutete mit dem Mund einen Kuß an. Ich beugte mich über sie, gab ihr einen Gute-Nacht-Kuß und machte mich auf den Heimweg. Als ich gerade die Treppe hinuntergehen wollte, hörte ich, wie unten die Haustür leise zufiel. Ich erstarrte in der Bewegung, lauschte. Die Haustür hätte eigentlich verschlossen sein müssen. Ich spürte den Adrenalinstoß in mir und stürzte die Treppe hinunter. Die Haustür war aufgebrochen worden. Ich zog sie auf. Im Vorgarten bewegte sich etwas hinter einem der großen Büsche. Ich schwang mich über das Geländer der Veranda und landete anderthalb Meter tiefer, gleich neben dem Gebüsch. Irgend etwas, wahrscheinlich eine Faust, traf mich an der Stirn. Es war nicht gerade ein Klassehieb, aber er bremste mich, und eine Gestalt brach aus dem Gebüsch und rannte die Linnaean Street Richtung Mass. Avenue hinauf. Ich lief hinter ihr her, wobei ich in meinem Kopf die Glocken noch läuten hörte. In den letzten zwanzig Jahren war ich jeden Tag fünf Meilen gelaufen, und ich beabsichtigte, den Kerl einzuholen., Nach einem Häuserblock hatte ich den Abstand aber noch nicht aufgeholt. An der Ecke zur Agassiz Street setzte er über einen hüfthohen Zaun, rannte quer über den Rasen und dann die Agassiz hoch. Ich sprang über den Zaun hinter ihm her, zog das linke Bein zu tief nach, blieb am Zaun hängen und landete auf dem Rasen. Er war den kleinen Hügel hinauf und bog gerade um die Ecke in die Lancaster, als ich wieder losrannte, und als ich die Lancaster erreichte, war er verschwunden. Ich rannte zur Massachusetts Avenue runter, aber ich rannte bereits ohne rechten Schwung, weil ich wußte, daß er weg war. Wo die Mass Avenue in Cambridge in den Porter Square mündet, herrscht am Abend viel Betrieb, Leben und Verkehr in den Straßen. Der Läufer vor mir war in die Menge eingetaucht. Er hatte dunkle Kleidung getragen und hatte etwas kleiner gewirkt als ich. Wahrscheinlich war er ein Weißer. Männlich. Und er konnte über höhere Hürden springen als ich. Ich ging zu Susans Haus zurück. Der Schweiß rann mir den Nacken hinunter, und mein Puls beruhigte sich langsam wieder. Wahrscheinlich hatte mich meine schwere Waffe so langsam gemacht. Es war ein Colt Python, der geladen wahrscheinlich zwei bis drei Pfund wog. Sonst wäre ich sicher über den Zaun hinweggeschwebt. Susans Haustür stand noch offen, als ich ankam. Ich trat in die Halle und schloß die Tür hinter mir. Im Haus war es still. Ich schaltete das Licht ein. Auf dem Tisch in der Halle stand eine lange, schmale weiße Schachtel. Ich öffnete sie. Drinnen lag, auf grünes Seidenpapier gebettet, eine einzelne, langstielige rote Rose. »Gott im Himmel«, sagte ich laut in die leere Halle., Als Susan am Morgen aufwachte, lag ich neben ihr im Bett, und meine Waffe lag ohne Holster auf dem Nachttisch. Susan rollte herüber und sah mich schweigend an. »Ich glaube, ich habe dich in der Nacht gehört«, sagte sie. Ihre Augen ruhten einen Augenblick auf der Waffe. »Als ich heute nacht rausging, hätte ich fast jemanden geschnappt, der in eine Eingangshalle eingebrochen war und dir eine einzelne rote Rose hinterlassen hatte. Ich hab’ ihn gejagt, aber er ist mir entkommen.« Ich sah keinen Grund, mit ihr den Umstand zu diskutieren, daß ich leider beim versuchten Sprung über den Zaun auf mein Kußmündchen gefallen war. Wir lagen Gesicht an Gesicht im Bett, und Susans Augen waren weit und noch ein bißchen schlaftrunken. »Du hast einen blauen Fleck auf der Stirn«, sagte sie. »Er hat sich hinter einem Gebüsch versteckt und zugeschlagen«, sagte ich. »Würdest du ihn wiedererkennen?« »Nein. Es war dunkel, ich hab’ ihn nur von hinten gesehen, und er war schnell auf den Beinen.« »Du weißt, daß es ein Mann war?« »Ja. Ziemlich sicher ein Weißer, ungefähr meine Größe. Mittelkräftig gebaut, eher etwas schlanker, nehme ich an.« Susan starrte mich weiter an, ohne sich zu bewegen. Ihre Augen waren jetzt fest auf mich gerichtet, die Pupillen im Morgenlicht zusammengezogen. »Darum bist zu zurückgekommen und hast die Nacht hier verbracht«, sagte Susan. »Ja.«, »Es gibt verschiedene Erklärungen«, sagte Susan. »Sicher«, sagte ich. »Es könnte einer von deinen Patienten gewesen sein, aus welchem Grund auch immer.« »Es könnte jemand gewesen sein, der einen Groll gegen mich hat«, sagte Susan. »Es könnte der Rote-Rosen-Mörder sein und zugleich ein Patient von dir, siehe oben«, sagte ich. »Du meinst, der Rote-Rosen-Mörder könnte mein Patient sein?« »Sicher. Er behauptet, er sei ein Cop. Auf Cops bist du unter anderem spezialisiert.« »Oder«, sagte Susan, »es könnte gegen dich gerichtet sein. Er weiß, daß du an diesem Fall arbeitest. Darum muß er auch wissen, daß du und ich ein Gespann sind.« »Oder es könnte jemand sein, der einen Groll gegen mich hat«, sagte ich. »Oder es könnte ein zufälliger Nachahmungstäter sein«, sagte Susan. »Ziemlich weit hergeholt«, sagte ich. »Zufällig auf dich loszugehen, wo gleichzeitig ich mit in dem Fall stecke.« Susan nickte und blickte an mir vorbei auf den Wecker. »Mein Gott«, sagte sie. »In anderthalb Stunden habe ich meinen ersten Termin.« »Ist dir das zu früh?« sagte ich. Sie war schon aus dem Bett und unterwegs zum Bad. »Viel zu früh«, sagte sie. Und war im Badezimmer verschwunden. Die Tür fiel hinter ihr zu. Ich hörte, wie die Dusche anging. Ich stand auf, zog meine Hose an, schnallte den Gürtel um, steckte den Revolver ins Holster und ging in die Küche. Dort wusch ich mir Gesicht, Hände und Oberkörper über dem Küchenwaschbecken. Dann machte ich Wasser für den Kaffee heiß., Ich trank gerade meine zweite Tasse, als Susan in der Küche erschien, mit Lockenwicklern in den Haaren und bereits Make- up im Gesicht. Sie goß Wasser über einen Beutel Kräutertee, ließ ihn in der Tasse eine Minute lang ziehen und sah ungeduldig dabei zu. Ich sagte: »Es ist mir klar, daß es fast unmöglich ist, sich mit dir zu unterhalten, wenn du deine morgendlichen Waschungen absolvierst, aber wir müssen uns Gedanken über unsere Sicherheit machen.« Susan zog den Beutel aus dem nur leicht verfärbten Wasser. »Das kann ich jetzt nicht. Ich habe jetzt grade meine Schnelldurchlaufphase, und du weißt, in was für einem Zustand ich da bin.« »Ja«, sagte ich. Sie nahm ihren Tee und ging zurück ins Badezimmer. Ich saß an ihrer Küchenbar aus Glasbausteinen und erledigte zwei Telefonanrufe. Einer ging an Henry Cimoli mit einer Nachricht an Hawk. Der andere ging an Martin Quirk. »Jemand ist in Susans Eingangshalle eingebrochen und hat dort eine einzelne Rose in einer Schachtel hinterlegt, auf Seidenpapier«, sagte ich. »Ich habe ihn verfolgt, konnte ihn aber nicht fangen. Ich habe nicht einmal sein Gesicht gesehen.« »Haben Sie die Schachtel noch?« »Klar, und die Rose auch und das Papier. Ich möchte wetten, es gibt keine Fingerabdrücke.« »Ich möchte wetten, Sie haben recht«, sagte Quirk. »Aber wir müssen es untersuchen. Können Sie die Sachen herbringen?« »Nein«, sagte ich. »Ich lasse sie nicht allein.« »Vielleicht nur einer von diesen Irren, die sie behandelt«, sagte Quirk. »Auch dann lasse ich sie nicht allein«, sagte ich. »Klar, in Ordnung, ich schicke jemanden. Wenn es einer von ihren Irren ist, gibt es vielleicht Fingerabdrücke.«, Ich hängte ein und trank meine zweite Tasse aus. Pulverkaffee hat viel weniger Coffein als aufgebrühter Kaffee, und zwei Tassen Pulverkaffee waren so gut wie nichts. Ich stellte den Wasserkessel für eine dritte Tasse auf die Platte. Susans Telefon läutete. Es war eine andere Nummer als die in ihrer Praxis. Ich nahm den Hörer auf und sagte: »Hallo?« Hawks Stimme sagte: »Susan?« Ich sagte: »Regel Nummer eins: Spiel nie den Schlaumeier, wenn du zu einer Minderheit gehörst.« »Wie wahr«, sagte Hawk. »Wozu brauchst du mich?« Ich erzählte ihm von dem Roseneindringling. Hawk sagte: »Und er gab dir eins auf den Schädel, und du hast ihn verfolgt, und er ist abgehauen? War er ein Bruder?« »Das glaube ich nicht«, sagte ich. »Du läßt einen Weißen entkommen?« »Was soll das?« sagte ich. »Ich bin auch weiß.« »Stimmt. Du hast es so drauf, daß ich das manchmal vergesse. Ich komme rüber, für den Fall, daß wir ihn noch mal jagen müssen.« Um zehn vor acht erschien Susan in einem Pfeffer-und-Salz- Tweed-Jackett über einem schwarzen Rollkragenpullover. Dazu trug sie einen tiefschwarzen Rock und schwarze Schuhe mit niedrigem Absatz. »Du bist schöner, als man aushalten kann«, sagte ich. »Und Köpfchen habe ich auch noch«, sagte sie. »Ich weiß, wir sollten noch miteinander reden. Aber ich kann jetzt einfach nicht. Ich weiß, du kannst mich nicht ohne Schutz lassen, aber es geht nicht, daß du oder Hawk in meinem Wartezimmer rumlümmeln, wenn meine Patienten kommen.« »Ich laß deine Haustür reparieren, und dann wird einer von uns in der Nähe sein, aber wir werden nicht im Weg rumstehen, und wir werden nicht deine Patienten erschrecken.«, »Ja«, sagte sie. Sie küßte mich. Ich gab ihr einen Klaps auf den Hintern, und dann war sie draußen und unten in ihrer Praxis, als der erste Patient auftauche. Ich hörte, wie Sie »Herein mit Ihnen« sagte, während ich unsichtbar oben am Treppenabsatz stand., Ein Schreiner namens Shutt kam und wechselte Susans Haustür aus. Ich gab Susan meinen 32er Smith & Wesson für ihre Schreibtischschublade, und Hawk und ich hielten oben an Susans Treppenabsatz Wache, während sie ihren Geschäften nachging. Es gibt kaum etwas Langweiligeres, als am oberen Ende einer Treppe zu stehen und sich unsichtbar zu machen. Als Susan am Abend soweit war, nahm ich sie mit ins Cambridge Police Headquarters, um ihr einen Waffenschein zu besorgen. Der zuständige Beamte war ein vierschrötiger Typ mit einem Körper wie ein Bär. Er hatte zwei Dienstzeiten in Vietnam verbracht und war nebenbei ein wenig als Büchsenmacher tätig. »Kann sie schießen?« fragte er. »Hab’ ich ihr selbst beigebracht«, sagte ich. »Das habe ich befürchtet.« Der Cop hieß Steve Costa. »Gehen wir noch zum Schießstand, Ma’am. Ich muß Sie ein paar Runden feuern lassen, um zu sehen, ob Sie’s können.« »Was ist, wenn ich es nicht kann?« sagte Susan. Costa grinste. »Klappt schon«, sagte er. Wir gingen nach oben und dann durch einen langen, gelbgefliesten Korridor. Costa schloß eine Tür auf, und wir betraten den Schießstand. »Reizend«, sagte Susan. »Tja, am Schießstand liegt keinem so viel«, sagte Costa. Der Raum sah aus, als hätte man ihn erst nachträglich eingebaut, in einen Hohlraum unter einer langen Stiege gequetscht. Es gab einen kleinen Tisch, auf dem eine Kaffeedose für die Messingreste umgekippt war. Die meisten, Patronenhülsen lagen über den Boden verstreut. Costa ging durch den schmalen Gang im Schießstand nach vorn und befestigte eine Zielscheibe mit einer Wäscheklammer auf dem Transportwagen. Dann zog er ihn ungefähr fünf Meter hinaus und kam wieder zum Tisch zurück. »Wie Sie sehen, Ma’am, besteht das Ziel aus den Umrissen eines Mannes, umgeben von immer enger werdenden konzentrischen Kreisen; die kleinsten Kreise um den Kopf und im Herzbereich bringen zehn Punkte. Der nächste Kreis ist dann neun wert, und so weiter, bis zum letzten Kreis. Außerhalb gibt es keine Punkte mehr.« »Nennen Sie mich bitte Susan.« »In Ordnung, Susan. Um eine Erlaubnis zum Führen von Feuerwaffen zu erhalten, müssen sie Siebzig Punkte schaffen und dürfen dabei höchstens dreißig Schüsse abgeben.« »Gut«, sagte Susan. »Ein paar Übungsschüsse vorweg, Susan?« »Nein, danke.« Ich holte den 32er aus der Tasche und legte ihn, den Lauf schon auf das Ziel gerichtet, auf den Tisch neben Susan. Wir setzten die Ohrenschützer auf. Costa sagte: »Da Spenser und ich das schon seit Ewigkeiten können, gebe ich Ihnen eine kleine Kostprobe.« Er zog seinen Revolver aus dem Halfter, einen vernickelten 38er mit schwarzem Gummigriff, ging mit beiden Händen an der Waffe und leicht gebeugten Knien in Schußposition und setzte sechs Treffer in den Zehner-Kreis. Er und Susan gingen vor und sahen sich die Zielscheibe an. »Na ja, da scheine ich ja schon fast die Qualifikation geschafft zu haben«, sagte sie. Ihr Lächeln war ein einziges unschuldiges Staunen. Costa lud seine Waffe wieder., »Hier«, sagte er, »benutzen Sie die. Sie ist genau ausgerichtet.« Sie würde die gleichen Trefferspuren hinterlassen wie bei der ersten Runde. Susan kapierte gleich. »Sicher«, sagte sie. Sie hob die Waffe, hielt sie vorsichtig in beiden Händen, stellte sich auf, wie ich es ihr beigebracht hatte, zog den Hahn mit dem rechten Daumen, gab sechs genaue Schüsse ab, wobei sie den Hahn nicht neu spannte, sondern jedesmal durchzog – ein Schuß schnell nach dem anderen –, und sie brachte alle Treffer im Siebener-Kreis unter. Dann legte sie den Revolver wieder auf den Tisch und wartete, während Costa zur Zielscheibe vorging. »Du hast vergessen, ›Stehenbleiben, Drecksack‹, zu schreien«, sagte ich. »Könnte ich mich nicht etwas anders ausdrücken, etwa: ›Schon gut, ich bin Ärztin‹?« sagte sie. Ich schüttelte mißbilligend den Kopf. »Siehst du eigentlich nie fern?« sagte ich. Costa kam mit der Zielscheibe zurück und sagte: »Gut geschossen, Susan. Sie haben den Nachweis erbracht, kein Problem. Wollen Sie noch ein paar Salven schießen, damit Sie ein Gefühl für Ihre Waffe kriegen?« Susan sagte: »Nein, danke.« Costa wandte sich an mich. »Jeder sechs Runden?« sagte er. »Um einen Kasten Bier?« »In Ordnung«, sagte ich. »Alles in zehn Sekunden.« »Klar«, sagte Costa, griff nach seiner Waffe, lud sie und setzte in acht Sekunden sechs Schuß in die neue Zielscheibe. Er ließ die Hülsen herausfallen, lud, steckte den Revolver ins Hüftholster und ging nach vorn, um seine Zielscheibe zu holen und eine neue für mich aufzuhängen. Ich stellte mich in Position, zog meinen Python, und als Costa »Los« sagte, feuerte ich sechs Schuß in sieben Sekunden ab., Alle unsere Treffer waren »tödlich« gewesen, aber Costa hatte viermal ins Schwarze getroffen, ich nur zweimal. »Budweiser«, sagte Costa. »Budweiser?« »Ganz recht«, sagte Costa. »Nur einheimische Erzeugnisse. Ich fahre auch einen Chevy.« »Der Herzschlag Amerikas«, sagte ich. »Ich bringe es morgen vorbei.« Als wir gingen, sagte Costa: »Nett geschossen, Susan. Wir werden das mit der Erlaubnis beschleunigen. Morgen, wenn das Bier kommt, sollten Sie sie haben.« Wir gingen zum Wagen, und Susan sagte: »Ich dachte, du wärst ein guter Schütze.« »Ich bin ein guter Schütze«, sagte ich, »aber Costa schießt täglich.« Susan nickte. »Ich hätte es auch ohne Hilfe geschafft, aber ich wollte seine nette Geste nicht einfach ablehnen.« »Du siehst die Dinge immer richtig«, sagte ich. »Also, dann nehmen wir jetzt eine Tasse Kaffee und ein Stück Käsekuchen zu uns und treffen eine Entscheidung bezüglich Mr. Rote Rose.« Wir fuhren nach Chelsea und setzten uns ins Washington Deli. Ich bestellte mir Käsekuchen mit Kirschen und, unbeherrscht, wie ich nun einmal war, eine Tasse frisch aufgebrühten Kaffee. Susan trank koffeinfreien und aß Käsekuchen pur. Ich verschlang ein Stück von meinem und ließ einen kleinen Schluck Kaffee, schwarz, folgen. »O Wildnis«, sagte ich. »Gehören dazu nicht ein Laib Brot und ein Krug Wein?« »Und Euch, Süße, vergeßt nicht Euch selbst.« Sie schnitt mit der Gabel ein schmales Stück von ihrem Kuchen ab und verzehrte es., »Der Rote-Rosen-Mörder kann nicht in therapeutischer Behandlung sein«, sagte Susan. »Er läßt bei den Morden den Druck ab.« »Ich weiß«, sagte ich. »Das hast du schon gesagt. Aber das war, bevor irgendein Kerl sich die Mühe machte, eine Rose in deiner Eingangshalle zu deponieren.« »Das bedeutet aber nicht, daß einer meiner Patienten der Mörder ist«, sagte Susan. »Es bedeutet etwas«, sagte ich. »Und es bedeutet etwas Beunruhigendes.« »Ja«, sagte Susan. »Da bin ich deiner Meinung.« »Der Bursche, der sie dir hinterlassen hat, ist entweder einer von deinen Patienten, oder er ist es nicht«, sagte ich. »Nehmen wir mal an, er ist es. Nehmen wir das nämlich nicht an, dann müssen wir noch zu viel weiter an den Haaren herbeigezogenen Hypothesen Zuflucht nehmen als zu der Unterstellung, daß er es ist.« »Mir gefällt der Gedanke aber nicht«, sagte Susan. »Und weiter?« sagte ich. Sie lächelte. »Ja, natürlich. Was kennen wir beide schon besser als die Tatsache, daß es nutzlos ist, beschließen zu wollen, was man denken möchte.« Sie nahm ein weiteres fast durchscheinend dünnes Stückchen Käsekuchen und einen Schluck Kaffee zu sich. »Wir machen hier eine Arbeit, bei der du Menschen begegnest, die sich untypisch verhalten«, sagte sie. »Manche können dich schon erschrecken. Aber wenn man die Aufgabe anpackt, verliert man die Angst.« »Ich weiß«, sagte ich. »Ja.« Sie lächelte und legte ihre Hand auf meine. »Natürlich weißt du das.«, Mein Käsekuchen war aufgegessen, die Kirschen nur noch ein Nachgeschmack auf meiner Zunge. Ich trank den Kaffee aus. »Das Band des Vertrauens zwischen dem Therapeuten und dem Patienten ist das Fundament, auf dem die Therapie aufbaut. Ich kann mich mit niemandem verschwören, nicht einmal mit dir, um wen auch immer von ihnen zu identifizieren und dich auf seine Fährte zu hetzen.« »Wenn es Mr. Rote Rose ist«, sagte ich, »bist nicht nur du in Gefahr.« »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt in Gefahr bin«, sagte Susan. »Es ist unwahrscheinlich, daß er plötzlich eine weiße Psychotherapeutin zum Objekt seiner Bedürfnisse macht.« »Das müßte nicht plötzlich passieren. Wenn es geschieht, scheint es plötzlich, aber vielleicht hat er sich im Laufe des letzten Jahres während seiner Therapie langsam verändert«, sagte ich. Susan zuckte die Achseln. »Und außerdem hast du mir erklärt«, sagte ich, »daß Leute wie Mr. Rose mit einer ganz eigenen Symbolik arbeiten. Vielleicht paßt du irgendwie in dieses Schema, ebenso wie die schwarzen Frauen.« »Möglich«, sagte Susan, »aber es bleibt weiterhin höchst unwahrscheinlich, daß ein Serienmörder sich in Psychotherapie befindet. Die Leute kommen dann in die Therapie, wenn der Druck, in den ihre Konflikte sie gebracht haben, ihnen unerträglich erscheint.« »Vielleicht ist die Therapie Teil seiner Bedürfnisstruktur«, sagte ich. »Vielleicht braucht er die Möglichkeit, darüber reden zu können.« »Aber das hat er nicht. Ich habe keine Patienten, die über Serienmorde reden.«, »Vielleicht redet er über sie auf so symbolische Weise, daß du es nicht merkst«, sagte ich. »Könnte ein Patient dich an der Nase herumführen?« »Sicher«, sagte Susan. »Wenn es auch offensichtlich nicht gerade in seinem oder ihrem Interesse ist, das zu tun.« »Er hat offensichtlich das Bedürfnis, geschnappt zu werden«, sagte ich. »Nimm den Brief an Quirk, das Tonband an mich.« »Das Tonband an dich muß nicht das gleiche bedeuten wie der Brief an Quirk«, sagte Susan. »Schon möglich, aber dann wird es um so wahrscheinlicher, daß er mit dir in irgendeiner Verbindung steht«, sagte ich. »Eifersucht oder so was.« Susan antwortete mit einem nichtssagenden Kopfnicken. »Jack«, sagte ich zu dem Mann an der Theke, »ich brauche noch einen Kaffee.« »Ted ist für den Kaffee zuständig«, sagte Jack. »Ich mache den Sellerie-Tonic.« Ted goß ein, brachte mir die Tasse und stellte sie vor mich hin. »Wollen wohl die ganze Nacht auf den Beinen bleiben, wie?« sagte er. »Alle Warnungen in den Wind geschlagen«, sagte ich. Ich gab etwas Sahne und Zucker dazu. Ich hatte eine bestimmte Theorie darüber, wie man das Koffein abschwächen konnte. Ted ging wieder zurück hinter die Theke. »Und«, sagte ich zu Susan, »die rote Rose in deinem Haus. Das hat ihn fast gekostet.« »Wenn er es war«, sagte Susan. »Daß er bei dir auftauchte, könnte Teil seines Wunsches sein, geschnappt zu werden«, sagte ich. »Oder bemerkt zu werden«, sagte Susan., »Und vielleicht wird er, wenn er zu sehr in Gefahr gerät, geschnappt oder bemerkt zu werden«, sagte ich, »dich töten, um sich zu retten.« Susan betrachtete die Bilder an den Wänden. »Das hier ist das einzige Deli, das ich kenne, das Kunst ausstellt«, sagte sie. Ich sagte nichts. »Es ist möglich«, sagte Susan. Sie sah mir jetzt voll ins Gesicht, und ich spürte ihre Willensstärke. »Aber ich kann nicht auf eine Eventualität hin handeln. Ich brauche mehr.« Ich erwiderte ihren Blick kommentarlos. Mein Kinn ruhte auf meinen gefalteten Händen. Sigmund Spenser. »Ich werde die Waffe in meiner Schreibtischschublade behalten«, sagte Susan, »und ich werde sie nachts zu mir ans Bett legen.« Sie schürzte die Lippen ein wenig, entspannte sie dann wieder. »Und ich werde sie benutzen, wenn es sein muß.« »Okay«, sagte ich. »Ich weiß, daß du das tun wirst. Und ich werde versuchen herauszukriegen, welcher deiner Patienten es ist, und ich werde dir nicht sagen, wie ich das mache, weil ich nicht weiß, was deine Arbeit kompromittieren könnte und was nicht.« Susan lachte, nicht sehr vergnügt. »Es ist gar nicht so leicht zu entscheiden – sind wir nun Alliierte oder Gegner in dieser Angelegenheit?« sagte sie. »Wir sind in allem Verbündete, Dummchen«, sagte ich. »Es ist nur so, daß wir nicht dauernd darüber reden wie andere Leute.« »Gut gesagt«, sagte Susan, griff nach ihrer Tasse und trank den kalt gewordenen Kaffee ganz so, als sei er noch heiß., Ich war in Susans Küche und räumte das Frühstücksgeschirr zusammen, als das Telefon läutete. Quirk war am Apparat. »Washburn hat gestanden«, sagte er. »Überrascht mich nicht«, sagte ich. »Er hat gestanden, der Rote-Rosen-Mörder zu sein«, sagte Quirk. Ich sagte eine ganze Weile lang gar nichts. »Klar«, sagte Quirk, »mir geht’s wie Ihnen.« »Das ist Quatsch«, sagte ich. »Ich glaube, seine Frau hat er schon um die Ecke gebracht«, sagte Quirk. »Den Rest glaube ich nicht.« »Was sagt man auf der Führungsebene?« »Die Führungsebene ist so glücklich, eine Verhaftung verkünden zu können, daß sie Daisy Duck eingebuchtet hätten, wenn sie ein Geständnis abgelegt hätte«, sagte Quirk. »Was ist mit dem Burschen, der bei Susan die Rose hinterlegt hat?« »Kein Mensch kümmert sich um den, sie wollen nichts von ihm hören«, sagte Quirk. »Sie sitzen fest dort?« »Im Augenblick«, sagte ich. »Hawk kommt gegen zehn.« »Wenn er eingetroffen ist, kommen Sie dann zu mir ins Büro?« sagte Quirk. Ich räumte das Geschirr in die Spülmaschine, wischte die Küchenbar ab und setzte mich, um den Globe zu lesen. Es stand noch nichts davon im Blatt. Aber das würde bald der Fall sein. Die Fernsehleute würden es wahrscheinlich als erste haben, aber bald würden alle darüber berichten., Hawk trudelte um 9 Uhr 59 ein. Er war stets pünktlich. Tatsächlich tat er immer das, was er angekündigt hatte. Er hatte eine Sporttasche bei sich. »Die Cops haben ein Geständnis«, sagte ich. Hawk stellte die Sporttasche auf die Küchenbar. »Quirk zufrieden?« sagte Hawk. »Nein«, sagte ich. »Von dem Burschen erzählt, der gestern nacht hier wegrannte?« »Klar.« »Wie geht Susan damit um?« »Sie hat einen Zweiunddreißiger in der Schreibtischschublade, und dann hat sie ja noch dich oder mich in ihrer Nähe.« »Keine Namen?« »Nein.« Hawk nickte. Er öffnete die Sporttasche und holte ein paar Tonbänder heraus, eine Taschenbuchausgabe von Common Ground und ein Exemplar des Ring-Magazins. Er stellte die Bänder in einer ordentlichen Reihe neben Susans Stereoanlage, legte Common Ground auf der Couchseite auf den Kaffeetisch, zog seine Pistole aus dem Schulterhalfter und legte sie neben Common Ground, und dann lehnte er sich schließlich mit dem Ring-Magazin in die Couch zurück. »Du schaust bei Quirk vorbei?« sagte er. »Klar. Du weißt, wo du alles findest?« sagte ich. »Mmhm.« Es war einer dieser trügerischen Apriltage, an denen es nach Frühling aussieht und die samtene Luft einen über den hartnäckigen Verbleib des Winters hinwegtäuscht. Ich parkte in der Berkeley Street unter einem Schild, das NUR FÜR POLIZEI FAHRZEUGE besagte, und ging hinauf in Quirks Büro. Belson war auch da., »Washburn liegt in allem ziemlich richtig«, sagte Quirk, während ich mich setzte. »Nur die Schnur ist ein bißchen anders. Sonst war sie immer aus Baumwolle. Diesmal ist sie aus diesem Plastikzeug, das man an den Schnittstellen ansengen und zusammenschmelzen muß. Aber das Klebeband ist das gleiche, und auch die Art, wie sie gefesselt wurde, ist die gleiche. Sie wurde auch auf die gleiche Art mit der Schußwaffe traktiert. Nur war kein Sperma zu finden.« »Dieselbe Waffe?« »Nein. Dasselbe Kaliber, aber nicht die gleiche Waffe.« »Es stand alles in den Zeitungen«, sagte Belson. »Ich habe jede Einzelheit nachgeprüft – Klebeband, wie die Schnur um das Opfer gewickelt war, Kaliber, wie auf sie geschossen wurde, alles stand drin. Jeder konnte es wissen.« »Haben Sie ihn verhört?« fragte ich Quirk. »Ja, ich und Frank und noch zwanzig Leute. Es ist schwer, in einem Fall wie diesem ein ordentliches Verhör durchzuführen.« Ich nickte. »Jeder, der einen Rang über Ihnen steht, muß die Finger drin haben und behauptet dann am Ende noch, daß er den Fall geknackt hat.« »Da ging’s zu, als gäb’s was umsonst«, sagte Belson. »Der Scheißpolizeipräsident war da, ein Typ aus dem Büro vom Bürgermeister.« »Und die haben ihm gesagt, was er gestehen soll«, sagte ich. »Klar«, sagte Belson. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, betrachtete sie einen Augenblick und warf sie dann in den Papierkorb. »Und was sagen die dazu, daß es die falsche Schnur ist und eine andere Waffe, und daß kein Sperma da war?« Quirk grinste. »Der Typ aus dem Rathaus sagt, das beweise, daß er es ist. Meint, wenn er ein Nachahmungstäter wäre, dann, hätte er alles richtig gemacht. Meint, er konnte nicht ejakulieren, weil es seine eigene Frau war.« »Für die Waffe soll das auch gelten?« »Er meint, wahrscheinlich hätte er die eine weggeworfen, um nicht entdeckt zu werden, und hätte sich ‘ne andere besorgt«, sagte Quirk. »Man ist schließlich kein Trottel, wenn man im Rathaus arbeitet«, sagte ich. »Was gibt es über Washburn selbst?« »Betrieb einen Hamburger-Stand an der Huntington Ave. Den Cops bisher nicht aufgefallen, kein Eintrag über eine angemeldete Waffe. Nur die Mordwaffe. Keine sonstigen Eintragungen, außer Verkehrsverstößen.« »Was will er mit der früheren Waffe angestellt haben?« sagte ich. »Ist mit einer Jazzband auf ‘nem Vergnügungsdampfer mitgefahren und hat sie mitten im Hafen ins Wasser fallen lassen.« »Kannte er Sie?« Quirk schüttelte den Kopf. »Nein. Sagt, er hätte sich meine Adresse rausgesucht, nachdem er meinen Namen in der Zeitung gelesen hat, aber inzwischen hätte er sie vergessen.« »Warum hat er behauptet, er wäre ein Cop?« »Wollte uns durcheinanderbringen«, sagte Belson. Wir saßen schweigend da. Ein Sonnenstrahl bildete ein Rechteck auf Quirks fast leerem Schreibtisch. Fotos standen darauf, die seine Frau, seine drei Kinder und den Hund zeigten. Außerdem gab es eine Uhr mit allen Weltzeiten. Keiner verstand, warum Quirk die wissen wollte. Quirk lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und kaute auf seiner Unterlippe. »Susan stellt nicht absolut in Abrede, daß es ihr Bursche auch tatsächlich sein kann, oder?« sagte Belson. »Seelenklempner sagen nie was Absolutes«, sagte ich. »Glaubt sie, daß er wiederkommt?«, »Seelenklempner wissen nicht, was die Leute vorhaben. Sie wissen nur, warum sie es dann getan haben«, sagte ich. »Wie die Polizisten«, sagte Quirk. »Mit der Einschränkung, daß die es gewöhnlich nicht wissen«, sagte ich. »Stimmt«, sagte Quirk. Er griff nach dem Foto mit dem Hund und plazierte es einen Zentimeter näher neben den Bildern seiner Kinder. Das längliche Sonnenviereck war auf seiner Schreibtischplatte ein kleines Stück in meine Richtung gewandert. »Wir müssen etwas über diesen Kerl erfahren, der die Rose bei Susan gelassen hat«, sagte Quirk. »Ja«, sagte ich. »Washburn blies gerade seine Trompete auf diesem Vergnügungsdampfer, als der Kerl die Rose hinterlegte«, sagte Belson. »Wenn er also Mr. Rote Rose ist, wer zum Teufel ist dann dieser Kerl?« sagte Quirk. »Und wenn Washburn nicht Rote Rose ist?« sagte Belson. »Ja, was dann?« sagte ich. Da saßen wir drei und blickten ins Leere. »Washburn ist es nicht«, sagte Quirk. Ich sah Belson an. »Washburn hat seine Frau um die Ecke gebracht«, sagte Belson. »Die anderen Sachen hat er nicht gemacht.« »Mag sein«, sagte ich. »Wahrscheinlich«, sagte Quirk. »Washburn war es nicht«, sagte Belson. »Ist Hawk bei Susan?« sagte Quirk. »Ja.« »Gut.«, Washburn war am nächsten Morgen ein berühmter Mann. Jane Pauley führte seinen Namen im Mund, und sein Gesicht ziert alle Morgenzeitungen. Der Bürgermeister verkündete via Fernsehen dem Polizeipräsidenten seine Glückwünsche, und der Polizeipräsident drückte großzügig der ganzen Kriminalabteilung seine Anerkennung für die geleistete harte Arbeit aus. In der sechsten Spalte seines Berichtes erwähnte der Globe auch Police Lieutenant Martin Quirk, den Leiter der Mordkommission, der allerdings einige Vorbehalte anmeldete. In Spalte zehn wurde erwähnt, daß ein Bostoner Privatdetektiv, der der Polizei zur Hand gegangen sei, für einen persönlichen Kommentar nicht zur Verfügung gestanden habe. »Ich stehe zur Verfügung«, sagte ich. Susan saß mir gegenüber an ihrer Frühstücksbar und aß einen Weizentoast. »Auf jeden Fall mir«, sagte sie. »In der Zeitung heißt es, ich stünde nicht zur Verfügung«, sagte ich. »Wahrscheinlich haben sie in deinem Büro angerufen, und du warst nicht da«, sagte sie. »Eine Bande von Lügnern«, sagte ich. »Na, wir sind ja prächtiger Stimmung heute morgen«, sagte Susan. »Jeder hält den Fall für gelöst«, sagte ich. Sie verzehrte ein weiteres Stück Toast. Ich trank meinen Kaffee. Susans Haar war voller Lockenwickler, ihr Gesicht ohne Make-up. Sie trug einen weißen Pyjama mit Rüschen, die vom Schlafen ziemlich zerdrückt waren. Ich starrte sie an., »Was ist los?« sagte sie, als sie meinen Blick bemerkte. »Ich habe mich gerade gefragt, warum du immer noch so schön aussiehst«, sagte ich. »Es können nicht das Make-up und die Kleider sein. Es muß an dir liegen.« Sie lächelte. »Trinkst du schon zu dieser frühen Morgenstunde?« »Du steigst mir zu Kopf«, sagte ich, »wie ein Schluck Burgunderwein.« »Das habe ich eigentlich nicht vor«, sagte sie. »Jedenfalls nicht vor der Arbeit.« Ich kaute an meinem Brötchen. Sie sah auf ihre Uhr. Susan kam immer ein wenig in Zeitverzug. Doch für ihren Toast schien noch genügend Zeit vorhanden. »Irgendwelche Hinweise von deinen Patienten?« sagte ich. »Nein.« »Wenn du wüßtest, wer die Rose hinterlassen hat, und wenn du ganz sicher wärst, daß es Rote Rose war, würdest du es mich wissen lassen?« »Rote Rose hat gestanden«, sagte sie. »Weich mir nicht aus.« Sie nickte und biß eine Ecke von ihrem Toastdreieck ab. »Ich glaube, ich würde es tun«, sagte sie. »Aber ich müßte ganz sicher sein, und ich würde…« Sie schüttelte den Kopf und ließ den Satz unvollendet. Sie fing einen neuen an. »Ich bin spät zu diesem Beruf gekommen«, sagte sie. »Und dieser Beruf und was ich in ihm kann, macht aus mir, was ich bin. Das gilt auch für uns beide, denn ich bin mehr als bloß dein Augapfel, so glücklich ich mich auch fühle, genau das für dich zu sein. Ich habe meinen eigenen Wert auch ohne dich.« »Stimmt«, sagte ich. Auf der Küchenbar stand eine Schale mit Santa-Rosa-Pflaumen. Ich nahm mir eine und rieb sie an meinem Hosenbein ab., »Ich bin unbeugsam, wenn ich den zu verteidigen habe«, sagte sie. Ich biß in die Pflaume. »Daß diese Rote-Rosen-Geschichte mir meine Bewegungsfreiheit einschränkt, ist für mich fast unerträglich«, sagte sie. »Und dich oder Hawk hier als Wächter um mich haben zu müssen« – ihr Gesicht wurde hart –, »das ist schon sehr bitter.« »Nichts davon ist deine Schuld«, sagte ich. »Und auch nicht deine«, sagte sie. »Aber du mußt verstehen, es ist so, als böte ich dir Zugang zu etwas, was ganz allein meine Sache ist. Es ist, als gäbe ich einen Teil von mir her, wenn ich dir erlaube, daß du mir Fragen über meine Patienten stellst.« »Ich will nicht, daß er dich umbringt«, sagte ich. »Ich weiß«, sagte sie. »Das will ich genauso wenig. Und ich habe auch weniger Angst, wenn einer von euch hier ist. Aber du mußt verstehen, daß ich mich, beruflich gesehen, in einer schrecklichen Lage befinde, wenn ich Angst haben muß, sobald du nicht da bist.« »Ich weiß«, sagte ich. »Ich weiß, daß du es weißt«, sagte Susan. Sie lächelte ihr breites, strahlendes Lächeln, das einen aufleben ließ. »Ich ergehe mich nur etwas in Selbstmitleid.« »Weder Quirk noch Belson glauben, daß das Geständnis wahr ist«, sagte ich. »Es entlastet die Polizei«, sagte Susan. »Nach den Berichten in der Zeitung ist Washburn auch kein Cop.« »Stimmt, und mit ihm haben sie auch gleich einen schwarzen Kriminellen, womit das Gerede über Rassismus beendet wäre, und die Öffentlichkeit fordert keine Verhaftungen mehr. Es gibt also eine ganze Reihe Gründe, dem Mann zu glauben.« »Außer?«, »Außer, daß es die falsche Waffe ist und die falsche Schnur, daß es kein Sperma gibt und daß er schwarz ist, und dazu kommt die Frage, wieso er sich seine Opfer dort suchte, wo es ein Weißer tun würde, und wieso er so lange gebraucht hat, bis er sich seine Frau vorgenommen hat.« »Was seine Frau angeht, könnte ich mir schon was zurechtlegen«, sagte Susan. »Sicher«, sagte ich. »Aber es bleibt die Tatsache, daß es eine Menge Lücken gibt und daß zwei in Mordsachen äußerst erfahrene Kriminalisten ihm nicht glauben.« »Ein Mann wie Washburn könnte durchaus seine Frau getötet haben und dann von einem derartigen Schuldgefühl übermannt worden sein, daß er dazu bereit ist«, sagte Susan. »Bereit, all die Morde auf sich zu nehmen?« sagte ich. »Mehr noch. Er ahmt vielleicht den Verbrecher nicht nur nach, er wird es sozusagen selbst. Das wäre ein Weg, sich deutlich zu machen, was für ein schreckliches Verbrechen er plante, und es würde ihn vielleicht weit genug auf Distanz dazu bringen, um es ausführen zu können.« »Also könnten sein Kummer und all das echt sein«, sagte ich. »Absolut. Er hat eine schrecklichere Tat begangen, als sich einer von denen, die ihn verhört haben, vorstellen kann. Natürlich ist es über ihn gekommen. Und er muß bestraft werden, entsprechend der Furchtbarkeit seiner Tat. Er darf also nicht nur ein normaler Mörder sein, sondern er muß ein Unhold sein, in unserem Fall eben ein bekannter Serienmörder.« »Du glaubst also sein Geständnis auch nicht«, sagte ich. »Weder glaube ich, noch glaube ich nicht. Ich könnte genausogut ein Szenario entwerfen, das für das Geständnis spräche. Ich versuche nur, die Möglichkeiten in dem Bereich, in dem ich mich auskenne, herauszuarbeiten«, sagte Susan. »Wenn du zum Schluß beschließt, daß er unschuldig ist oder schuldig, werde ich dir glauben«, sagte sie. »Ich weiß, was ich, weiß, und ich weiß, was du weißt. In diesem Fall weißt du mehr.« Ich aß meine Pflaume auf, stand auf, ging um die Küchenbar auf die andere Seite und küßte sie auf den Mund. »Danke«, sagte ich. »Gern geschehen.« Sie sah auf die Uhr. »Lieber Himmel«, sagte sie. »Ich habe nur noch zwanzig Minuten bis zu meinem ersten Termin.« »Versuch bitte, mich nicht zu zertrampeln«, sagte ich und machte die Bahn frei., Quirk rief an, während Susan durch ihre Wohnung fegte. »Kommt Hawk heute?« fragte er. »Ja, um zehn.« »Bleiben Sie auch noch da. Ich komme mit Belson vorbei«, sagte Quirk. »Mach’ ich«, sagte ich. Als ich einhängte, blieb Susan einen kurzen Augenblick vor mir stehen, gab mir einen Kuß auf den Mund und rannte zur Tür. Sie sah aus wie ein schneller Sonnenaufgang. »Tüüt, tüüt«, sagte ich. »Ich ruf dich an«, sagte sie und war verschwunden. Hawk kam um zehn, Quirk und Belson gleich nach ihm. Hawk sagte: »Zufall, oder seid ihr hinter mir her?« Quirk schüttelte den Kopf, zog die Tür hinter sich zu und sagte: »Wir brauchen Hilfe.« Auf Hawks Gesicht erschien ein breites Lächeln. »Darauf läuft’s am Ende immer raus«, sagte er. Belson rumorte in der Küche herum, bis er eine Untertasse fand, die er als Aschenbecher benutzen konnte. Quirk ging hinter ihm her in die Küche und schüttelte das Wasser von seinem Regenmantel sorgsam über den Fliesen aus. Dann hängte er ihn auf einen Ständer, den Susan an der Tür zur hinteren Veranda aufgestellt hatte. Belson marschierte mit seinem Aschenbecher in Richtung Wohnzimmer. »Frank«, sagte Quirk und wies mit einem Kopfnicken auf dessen Mantel. Belson sagte: »Klar doch«, ging in die Küche zurück und hängte seinen Mantel neben Quirks. Hawk drapierte seine, Lederjacke über die Lehne eines Küchenstuhls. Ohne die Jacke sah man den schimmernden Knauf seiner Pistole unter seinem Arm. Hinten an seinem Gürtel steckte Ersatzmunition. Belson sah sich in der Wohnung mit ihre wohldurchdachten Unordnung aus Kunstgegenständen, Spitze, Seide, Kristall und Samt um. An einer Wand hing ein riesiger, leuchtend-roter Propeller. »Sie sind dran«, sagte Belson zu mir. »Ja«, sagte ich. »Ich halte nach ‘ner Paisley-Knarre Ausschau.« Quirk sagte: »Belson und ich sind beurlaubt.« Der kalte Regen rann dünn und stetig die Fensterscheiben hinunter. »Hervorragendes Wetter dafür«, sagte ich. »Der Polizeipräsident bestand darauf«, sagte Quirk. »Ich entnahm der Zeitung, daß Sie Vorbehalte angemeldet haben«, sagte ich. »Stimmt, und das habe ich gestern abend noch mal getan, in Jimmy Winstons Radio-Show«, sagte Quirk. »Die öffentliche Meinung mobilisieren«, murmelte Hawk. »In der Art«, sagte Quirk. »Jedenfalls wurde ich heute morgen vorläufig beurlaubt. Frank mit mir. Deutlicher Wink, nehme ich an.« »Wegen Faulheit war es nicht«, sagte Belson. »Sie wissen, ich habe schwer gearbeitet, Boss.« Quirk nickte. »Also haben sie sich auf Washburn festgelegt«, sagte ich. »Genau«, sagte Quirk. »Was bedeutet, daß sie glauben, seine Geschichte hält«, sagte Hawk. »Er bleibt ziemlich stur dabei«, sagte Quirk. »Das ist das einzige, worin er stur bleibt«, sagte Belson. »Bei allem anderen schwankt er hin und her.«, »Das muß er auch«, sagte ich. Ich erzählte ihnen von Susans Theorie. »Es ist der einzige Weg für ihn, an das zu denken, was er getan hat«, sagte Hawk. »Wahrscheinlich will er dabei nicht ins Schlingern geraten.« Belson sah Hawk an und schüttelte den Kopf. »Was immer seine Gründe sein mögen«, sagte Quirk, »ich bin auch der Meinung, daß er über sein Geständnis nicht mit sich reden läßt.« »Also«, sagte ich. »Wenn der echte Rote Rose klug ist, dann hört er für eine Weile auf, Leute umzubringen, und er kommt aus der Sache heraus, ohne daß ihm jemand etwas anhaben kann.« Quirk nickte. »Wenn er kann«, sagte Hawk. »Wenn er kann«, sagte Quirk. »Und wenn er ein Cop ist, dann kann er weiter in meiner Abteilung arbeiten und mit mir Tag für Tag über alles reden, was ich inzwischen weiß.« »Und kann er nicht, dann bringt er noch ein paar Frauen um«, sagte ich. Wir schwiegen. Belson klopfte etwas Asche von seiner Zigarre auf Susans hellrote Untertasse, die genau zu dem hellroten Propeller an der Wand paßte, der einer der Farben ihres Orientteppichs entsprach, dessen Form wiederum der des Spiegels im Flur angeglichen war, welcher innenarchitektonisch die Verbindung zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer herstellte. Die Asche paßte zu nichts von alledem. »Wir müssen mehr über diesen Kerl wissen, der Susan die Rose gebracht hat«, sagte Quirk. »Darüber habe ich mir schon einige Gedanken gemacht«, sagte ich. »Haben Sie einen Plan?« sagte Quirk., »Ja, wir müssen es nur richtig anpacken«, sagte ich. »Allerdings läuft das dann darauf hinaus, daß wir uns Susans Praxis vornehmen und jeden ihrer Patienten identifizieren müßten, der der Kerl sein könnte, hinter dem ich her bin.« »Und Susan macht nicht mit?« sagte Belson. »Nein«, sagte ich. »Selbst wenn es darum geht, ihren eigenen Arsch zu retten?« sagte Belson. »Ihr Leben«, sagte ich. »Ja, Verzeihung.« »Nein.« »Darin sehe ich keinen Sinn«, sagte Belson. »Sie vielleicht nicht«, sagte Hawk. »Aber Susan.« Belson sah wieder Hawk an, hielt seinem Blick einen Augenblick stand, dann nickte er. »Wie lange wird das dauern?« sagte Quirk. »Eine Woche etwa; die meisten Patienten kommen ein- oder zweimal die Woche«, sagte ich. »Etwas Besseres fällt mir nicht ein.« Quirk nickte. »Wir müssen vorsichtig vorgehen«, sagte ich. »Wenn ein Patient seine Therapie-Sitzung verläßt und sieht, daß ihm ein Polizist folgt…« »Ich weiß«, sagte Quirk. »Wir können diese Leute nicht in die Mangel nehmen.« »Wenn Susan uns erwischt, gibt’s Ärger«, sagte Hawk. »Das weiß ich auch«, sagte Quirk. »Okay«, sagte ich. »Wir gehen auf Beobachtungsposten. Der erste Patient erscheint um neun, und der letzte verschwindet um sechs. Kommen sie mit dem Wagen, können wir ihre Zulassungsnummer notieren. Kommen sie zu Fuß, folgen wir ihnen.« »Und einer von uns bleibt immer bei Susan«, sagte Quirk., »Klar.« »Kann man von hier aus genug sehen?« sagte Quirk. Er ging zum Fenster. »Nein, nicht so gut. Wir müssen uns draußen aufhalten.« Hawk sah aus dem Fenster. Es war dunkel, und der Regen hielt an. »Im Urlaub soll man viel frische Luft schnappen«, sagte er. … Sie dachten, es wäre ein anderer. Ein Neger. Irgendein Frauenmörder, der es so gedreht hat, daß es aussah, als hätte er die andern auch alle fertiggemacht. Machte ihn glücklich, darüber zu reden. Er müßte jetzt nur damit aufhören. Dann würden sie den Neger grillen, und er wäre in Sicherheit. Konnte er denn aufhören? Himmel, wie er das vermissen würde. Was ihm dann alles fehlte. Was für eine Lücke das in seinem Leben hinterließe. Nur dadurch war er etwas. Er plante alles genau, schlich sich an, griff sie sich, floh – es machte ihn zu dem, was er war. Was war er ohne das? Was sollte er sonst tun? Ob er darüber wohl mit ihr reden könnte? Aber wenn sie es erführe, sie würde reden. Er konnte sie nicht mehr weiter aufsuchen. Aber er wollte, daß sie es wußte. »Treten Sie ein«, sagte sie. Am Fenster hinter dem Aquarium mit den tropischen Fischen floß der Regen herab. Die Fische schienen ruhelos. Wasser hier und Wasser dort. Er nahm im gewohnten Sessel Platz. Er spürte in sich den Drang, es sie wissen zu lassen. Aber sie würde es weitererzählen. Er wußte, sie würde es ihrem Freund erzählen. »Als ich klein war, stand ich meiner Mutter sehr nah«, sagte er. Sie nickte. »Ich konnte ihr alles erzählen. ›Ist schon in Ordnung‹, sagte sie dann, ›ich bin deine Mutter.‹« Sie machte mit ihrem Zeigefinger eine winzige rollende Bewegung, um ihn zu ermutigen, weiterzusprechen. »Ich habe ihr alles erzählt.«, Sie hatte heute ein braunes Glencheck-Kostüm an, mit einer weißen Bluse. »Ich erinnere mich, als ich ein kleines Kind war, vielleicht in der dritten Klasse, da habe ich, ehm, mir die Hosen vollgemacht.« Sie nickte; keine Reaktion sonst, kein Abscheu, kein Lustigmachen. Er konnte noch jetzt spüren, wie furchtbar peinlich es ihm gewesen war. »Sie riefen meine Mutter an, und sie kam und holte mich ab, und sie war ganz nett und sagte, das könne jedem mal passieren. Und ich mußte mit ihr nach Hause fahren, und ich bat sie, niemandem davon zu erzählen, und sie versprach es mir… Sie hatte eine Freundin zu Besuch, und als ich ein Bad genommen hatte und wieder herunterkam, da hat diese Freundin mich damit aufgezogen.« »Also hatte sie es weitererzählt«, sagte sie. Er nickte. »Ich…« Er stockte und schluckte. Er schien unfähig, weiterzusprechen. »Sie konnten ihr nicht mehr vertrauen«, sagte sie. Wieder konnte er nur nicken. Es war, als hätte er die Stimme verloren. Er bekam normal Luft, und er konnte ordentlich schlucken, aber es schien, als könne er nicht mehr reden. Die Stille lastete wie ein Gewicht auf ihm. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben hinter ihr. Keine Fische in diesem Zimmer. Nur im Wartezimmer. Er atmete durch den Mund. Sie wartete. »Ich habe nie etwas gesagt«, sagte er schließlich. Seine Stimme klang dünn und entfernt. »Und wenn Sie es getan hätten?« »Sie wäre wütend geworden. Sie konnte nie zugeben, daß sie mal einen Fehler machte. Sie wurde gleich wütend, wenn ich etwas in der Richtung sagte.« »Was passierte, wenn sie wütend wurde?«, »Dann hat sie mich nicht liebgehabt.« Sie nickte. »Was ist das für eine Liebe?« hörte er seine Stimme sagen. »Was für eine Liebe, wenn du jemanden lieben kannst oder auch nicht, gerade wie es dir gefällt?« Sie schüttelte sanft den Kopf, und wieder war es still bis auf das Tropfen des Regens., Die Tagesschicht bei Susan übernahm Hawk. Ich ging mit Belson und Quirk nach draußen. Wir setzten uns in Quirks Wagen. Quirk und ich saßen vorne, Belson auf dem Rücksitz. Der Regen strömte die Scheiben hinab, alles verschwamm. »Keine Scheibenwischer«, sagte ich. »Drei Leute in einem Auto mit eingeschalteten Scheibenwischern und laufendem Motor, da können wir genauso gut ein Blaulicht aufs Dach setzen.« »Sehen Sie genug, um jemanden zu erkennen?« sagte Quirk. Wir standen auf der anderen Straßenseite, einen halben Block oberhalb von Susans Haus. »Nein«, sagte ich. »Aber allzu feine Unterscheidungen sind auch nicht angesagt. Jedes weiße männliche Wesen, das so aussieht, als könnte es schneller laufen als ich.« Quirk nickte. »Frank«, sagte er, »nimmst du den ersten?« »Sicher.« Wir schwiegen. Der Regen blieb uns treu. Nach zehn Minuten fingen die Scheiben an zu beschlagen, und Quirk kurbelte sie an der Seite herunter, die Susans Praxis abgewandt war. Um zehn vor elf kam ein Patient aus Susans Haustür und stieg die Treppe hinunter. »Was ist mit ihm?« sagte Quirk. »Er hat die richtige Größe«, sagte ich. Die Umrisse des Mannes waren nur weich und verschwommen durch die nassen Scheiben zu erkennen. »Ist er weiß?« »Wenn nicht«, sagte Belson, »lasse ich ihn laufen.« Er stieg an der Bürgersteigkante aus und ging die Linnaean Street in, Richtung Garden Street hinauf, immer parallel zu Susans Patienten, der auf der anderen Straßenseite ging. Nach einer Weile sagte Quirk zu mir: »Okay, er hat die richtige Farbe.« »Wenn Belson ihn jetzt nicht verliert«, sagte ich. »Belson verliert ihn nicht«, sagte Quirk. »Den hängt der Bursche nicht ab.« Ich nickte. »Und wenn er in ein Auto steigt, merkt Frank sich die Nummer.« »Und wir identifizieren ihn auf diese Weise«, sagte Quirk. »Wann ist der nächste dran?« »Müßte jeden Augenblick eintreffen und gegen zehn vor zwölf wieder herauskommen.« »Die Fünfzig-Minuten-Stunde«, sagte Quirk. Wir sahen zu, wie der Regen die Scheiben hinabrann. Um fünf vor elf stieg eine Frau in braunem Trenchcoat und mit einem violetten Kopftuch die vier Stufen zu Susans Eingangstür hinauf, läutete und trat ein. »Mist«, sagte Quirk. »Nun erst wieder um zehn vor eins«, sagte ich. »Da können wir gut einen Kaffee trinken.« Wir ließen den Wagen stehen, um den Parkplatz nicht zu verlieren, und gingen die Linnaean zur Mass Avenue hinauf, wo wir in einer Bäckerei Kaffee tranken. Dazu für jeden ein Hefeteilchen. Mit Käsekrem. Um halb eins saßen wir wieder in unserem Wagen und warteten. Um sechs Minuten vor eins kam eine Frau in rotem Regenmantel mit Gürtel aus dem Haus und spannte auf Susans Veranda einen schwarzen Regenschirm auf. Quirk und ich sagten nichts. »Wenn das so weitergeht«, sagte Quirk dann, »wird das hier eine Weile dauern. Wir könnten noch ein paar Leute gebrauchen.« »Aber nicht Hawk«, sagte ich. »Er bleibt, wo er ist.«, Quirk nickte. »Von meinen Leuten kann ich keinen nehmen.« »Und inoffiziell?« sagte ich. »Als eine Art Gefallen.« Quirk schüttelte den Kopf. »Es würde ihnen schaden. Ich bin sozusagen exkommuniziert, und zwar so lange, bis ich der offiziellen Version zustimme.« »Du und Galileo Galilei«, sagte ich. »War das nicht der, der seine Eier vom Schiefen Turm geschmissen hat?« sagte Quirk. »Unter anderem«, sagte ich. Um zwei Minuten vor eins betrat ein stämmiger Mann in schwarzer Lederjacke mit Ärmel, die ihm bis auf die Fingerspitzen hingen. »Sieht aus wie Charly Mahoney von der Sitte«, sagte Quirk. »Nein«, sagte ich. »Zu schwer. Den hätte ich nach ‘nem halben Block eingeholt.« »Wenn es soweit ist, halten Sie sich besser bereit«, sagte Quirk. Wir verfielen wieder in Schweigen. Die beiden nächsten Patienten waren Frauen. Um zwei Minuten nach vier bog ein Mann mit aufgespanntem Golfschirm in Susans Vorgarten und stieg die Stufen hinauf. »Der könnte es sein«, sagte ich. »Auch zu spät dran«, sagte Quirk. »Den nehme ich mir vor, wenn er wieder rauskommt.« Um 16 Uhr 53 kam der Mann wieder heraus, spannte seinen Schirm auf und marschierte die Linnaean Street in Richtung Mass Avenue hinauf, Quirk an seinen Fersen. Um 16 Uhr 56 tauchte ein ziemlich großer, mittelschwerer Mann in khakifarbener Buschjacke auf, mit einem dieser australischen Feldhüte auf dem Kopf, bei denen die Krempe auf der einen Seite hochgeschlagen ist. Ich hielt ihn deswegen nicht für einen Soldaten der australischen Streitkräfte. So lief man in Cambridge herum., Drei Minuten vor sechs kam er wieder aus Susans Haus und ging auf der Linnaean Street in Richtung Mass Avenue, und zwar auf der linken Straßenseite. Ich stieg aus und folgte ihm auf der rechten, etwa drei Wagenlängen hinter ihm. Es regnete noch immer, und es begann dunkler zu werden. Ich beobachtete seine Gangart, versuchte etwas wiederzuerkennen. Aber Gehen und Laufen sind unterschiedliche Bewegungsarten. Er hatte die richtige Größe und einen leichten, athletischen Gang. Es regnete, als sollte es niemals wieder aufhören. Ich trug Jeans, weiße Leder-Reeboks, ein graues T-Shirt, Lederjacke und einen Filzhut, den Paul Giacomin mir gekauft hatte. Er sah aus wie ein Hut, den Stewart Granger in Kenia tragen würde. Die Reeboks waren schnell durchnäßt, aber der Rest bot dem Regen recht guten Widerstand. Es war nicht schwer, ihn unbemerkt zu verfolgen, denn er schob sich mit gebeugtem Kopf durch den Regen und hob ihn nur, als er vor mir die Linnaean überquerte, um die Mass Avenue Richtung Harvard Square entlangzugehen. Ich brauchte mich nicht besonders gerissen anzustellen. Wenn einer nicht weiß, daß er verfolgt wird, oder es ihn nicht kümmert, dann ist das Verfolgen nicht gerade das, was man eine geistige Herausforderung nennt. Meistens muß man sich nur ein bißchen darauf konzentrieren, daß man von seinem Mann nicht erwischt wird, wenn man ihn im Spiegelbild eines Schaufensters beobachtet, oder daß man nicht zu weit zurückbleibt; denn dann könnte er in der U-Bahn oder in einem Bus verschwinden, und man hätte das Nachsehen. Am besten hat man noch einen Ersatzmann dabei, mit dem man sich abwechseln kann, und jemanden mit einem Wagen für den Fall, daß der Bursche einen hat oder sich ein Taxi schnappt. Dann muß man nämlich selbst auch noch einen Taxifahrer finden, der sich bereit erklärt, dem Wunsch »Folgen Sie dem Taxi dort« auch tatsächlich zu entsprechen. Der letzte Bursche, bei, dem ich das versuchte, trat mit Wucht auf die Bremsen, schaltete seine Taxiuhr aus und sagte mir, das sollte ich besser zu Fuß machen. »Sehe ich aus wie dieser Scheiß-James- Bond?« sagte er. Rechts lag der Cambridge Common, der Rasen war überschwemmt und sumpfig, und niemand hielt sich dort auf. Das einzige, was sich in der Gegend bewegte, war ein Mädchen in Schottenrock und hellgelber Regenjacke, die ihr bis über die Hüften reichte; sie führte einen schwarzen Labrador mit einem roten Kopftuch als Halsband spazieren. Das Mädchen trug keine Kopfbedeckung, und das lange schwarze Haar klebte ihm an Kopf und Nacken. Der Hund rannte schnüffelnd in einem großen Kreis um den Sockel des Kriegerdenkmals, und dann legte er sich seitlich in eine große Pfütze, die Beine von sich gestreckt und mit heraushängender Zunge. »Othello, du Schwein«, sagte das Mädchen. Am Harvard Square macht die Mass Avenue einen Knick nach Osten in Richtung Boston. Die Brattle Street geht westwärts nach Watertown, und die John F. Kennedy Street führt zum Fluß hinunter. An dem verzerrten Dreieck, das sie bilden, befinden sich ein Zeitungsstand und die Eingänge zur U-Bahn-Station Harvard Square. Einige kleine, runde Kioske, die irgendwie an byzantinischen Stil erinnern, bieten Informationen und Theaterkarten an. Die Trauben von Jugendlichen, die sich in kleinen Grüppchen in dem Dreieck herumtrieben, waren fast alle dünn, blaß und sehr jung. Sie trugen idiotische Kleidung, hatten alberne Haarschnitte und hörten aus ihren Blastern entnervende Musik. Manchmal sah man auch eine Gitarre, eine Art Referenz an die Tradition, die für sie aus den sechziger Jahren bestand. Sie waren vielleicht dort, weil sie nicht wußten, wo sie sonst sein sollten, selbst im kalten Frühlingsregen, vor dem sie in den U-Bahn-Eingängen, Schutz suchten und wo sie sich abmühten, anders auszusehen, als die Wertvorstellungen der Mittelklasse das verlangten. Mein Mann bleib unter dem Dach über dem U-Bahn-Eingang stehen und sah zu einer Gruppe von Punkern hinüber, die auf der anderen Seite standen. Ein dünnes Bürschchen mit mageren, weißen Armen löste sich aus der Gruppe, ging auf meinen Mann zu und sprach mit ihm. Der Junge trug ein kurzärmeliges Lederjackett über der schmalen, nackten Brust. Er hatte schwarze Strumpfhosen an, wahrscheinlich aus Polyester, und seine Füße steckten in schwarzen Motorradstiefeln. Jacke und Stiefel waren silberbeschlagen. Die Haare waren pinkfarben und zu einem Mohikaner geschoren, und in der einen Ohrmuschel steckten an die neun silberne Ohrringe. Ein echter Draufgänger. Mein Mann nickte und trat in den Regen hinaus, und der Junge folgte ihm. Zusammen gingen sie weiter die Mass Avenue hinab. Der Kamm des Jungen wurde ein wenig schlaff, hielt aber. Trotz des Regens war auf der Straße eine Menge los. Leute kamen von der Arbeit und waren auf dem Heimweg, Studenten unterwegs in die Bibliothek oder in die Kneipe oder ins Kino, eine Schar Touristen suchte den berühmten Harvard Square und machte etwas verwunderte Gesichter, als sie ihn gefunden hatte. An der Nordseite der Mass Avenue ragte das rote Backsteingebäude der Harvard University auf, während an der Südseite das Holyoke Center, das auch zu Harvard gehörte, an diesem nassen Abend grauer erschien als üblich. An der Putnam Street, wo es von der Mount Auburn zur Mass Avenue geht, bogen wir drei in Richtung Fluß ab, vorbei an dem großen Möbellager und in eine etwas schäbigere Gegend, wo es nicht mehr so viele Fußgänger gab. Ich ließ mich etwas weiter zurückfallen. Jetzt wurde es kniffliger. Die meisten Häuser hier hatten mehrere Wohnungen, und wenn er eines betrat, stand ich womöglich vor sechs Namensschildern. Ich, rückte wieder auf. Mein Mann hielt vor einem grünen, zweistöckigen Wohnhaus und warf einen schnellen Blick in die Runde. Einen verstohlenen, da er den Jungen bei sich hatte. Ich ging an ihnen vorbei, den Kopf vor dem Regen geduckt, der direkt vom Ruß die Putnam Street heraufzupeitschen schien. Nach ein paar Schritten hielt ich an und beobachtete die beiden, indem ich in die Auslagen eines italienischen Delikatessengeschäfts schaute und die Augen verdrehte, ohne den Kopf zu bewegen. Mein Mann beobachtete mich einen Augenblick. Der Junge zerrte ihn am Arm und sagte etwas, und mein Mann nickte und verschwand in dem Zwischenraum zwischen den zwei Gebäuden. Ich wartete eine ganze Minute und ging dann die Putnam Street hinauf. Niemand war zu sehen. Ich ging ebenfalls an der Seite des Hauses entlang, wo mein Mann abgetaucht war, und stieß auf einen Seiteneingang. Die Tür war verschlossen. Als ich davor stehenblieb, ging über mir im ersten Stock ein Licht an. Ich beugte mich vor und sah auf das Namensschild. Es war zwar noch nicht dunkel, aber schon so dämmrig, daß ich es nicht mehr lesen konnte. Es war sonst niemand zu sehen. Ich griff in die Innentasche meiner Lederjacke, holte eine Zwölf- Dollar-Lupe mit Beleuchtung heraus, schaltete sie ein und sah noch einmal hin. Auf dem Namensschild stand PHILIP ISELIN, PH. D. Hätte die Sonne geschienen, wäre es ohne Lupe lesbar gewesen., Als ich von meiner Verfolgung Philip Iselins zurückkam, standen Hawk und Susan vor dem Aquarium in ihrem Wartezimmer im Erdgeschoß und betrachteten es. Die Abdeckung war aufgeklappt, auf der Wasseroberfläche lag eine ölige Schicht, und in dieser Schicht schwamm eine rote Rose. Darunter trieben, in mehr oder weniger totem Zustand, die Fische. »Wahrscheinlich Benzin«, sagte Hawk. »Riecht jedenfalls so.« Ich nickte und sah Susan an. Der Filter im Aquarium blubberte sinnlos weiter vor sich hin, von dem Benzin reichlich überfordert. »Ich weiß nicht, wann es passiert ist«, sagte Susan. »Die Haustür ist tagsüber nicht verschlossen, und während ich einen Patienten habe, kann sich leicht jemand einschleichen.« »Keine Möglichkeit, ihn zu hören?« sagte ich. »Nein. Normalerweise läuten die Patienten und gehen dann ins Wartezimmer. Zum Behandlungszimmer gibt es eine Doppeltür, um die Vertraulichkeit zu wahren.« Hawk warf einen Blick auf die Tür. Eine öffnete sich ins Wartezimmer, die andere in den Behandlungsraum. »Aber es müßte sich um einen Patienten handeln, weil er sich auskennen muß«, sagte ich. »Bei den meisten Psychotherapeuten geht es vermutlich nicht anders zu«, sagte Susan. »Ach komm, Susan«, sagte Hawk. »Wenn es nicht einer von deinen Patienten ist, müssen wir uns einen vorstellen, der mit, Benzin und einer roten Rose in der Tasche rumläuft und ein Aquarium sucht.« »Und das Glück hat«, sagte ich, »zufällig hier reinzumarschieren und eines zu finden.« Susan nickte. »Wunschdenken«, sagte sie. »Es bedeutet jedenfalls nicht, daß er oder sie auch der Rote-Rosen-Mörder ist.« »Sie ist auch Wunschdenken«, sagte ich. »Es sei denn, du willst glauben, daß das hier eine andere Person war als die, die gestern abend hier eingebrochen ist und ‘ne Rose hinterlassen hat.« Susan holte langsam und tief Atem. »Das wären wirklich sehr viele Zufälle«, sagte sie. »Also ist es wahrscheinlich ein Er, und wahrscheinlich ist es einer meiner Patienten. Aber er muß nicht automatisch der Mörder sein.« »Nur können wir nicht so tun, als wäre es nicht so«, sagte ich. »Könnten wir eine Liste der Patienten haben, die dich heute aufgesucht haben?« Sie schüttelte den Kopf. »Gott, bist du stur«, sagte ich. »Ja, aber es geht nicht nur darum«, sagte Susan. »Mir scheint, daß jeder, der so was wie das hier plant, nie einen Tag nehmen würde, an dem er ohnehin einen Termin bei mir hat. Und mir scheint, daß es sich um einen Menschen handelt, der mir etwas mitzuteilen versucht, was er noch nicht während der Therapie sagen kann. Wenn er der Mörder ist, dann können wir nur hoffen, daß ich ihn in der Therapie behalte, bis er mir erzählt, daß er derjenige ist. Ist er aber nicht der Mörder, dann dürften wohl die Gründe, seine Anonymität zu wahren, offensichtlich sein.« Ich sah Hawk an. Er zuckte schwach die Achseln. »Auch nicht schlecht«, sagte er., »Wenn sich tatsächlich in der Therapie herausstellen sollte, daß er der Rote-Rosen-Mörder ist, könntest du dann wohl die Zeit erübrigen, es einem von uns gegenüber zu erwähnen?« sagte ich. »Ach, mach dir doch nicht ins Hemd«, sagte Susan. »Du weißt, daß ich das tue, wenn ich sicher bin.« »Ins Hemd machen?« sagte ich. »Ins Hemd«, sagte Susan. »Ich kann ja nicht erwarten, daß du alle Fachausdrücke aus meinem Beruf drauf hast.« »Hast du vor, das Aquarium zu reinigen?« sagte ich. »Ja«, sagte Susan. »Und ich möchte noch mehr Fische hineintun.« »Die Patienten stört das nicht?« »Nein, und in Wahrheit möchte ich nur einen stören. Ich möchte dem, der mir die Fische vergiftet hat, einen Strich durch die Rechnung machen und ihn frustrieren. Ich möchte ihn zwingen, noch einmal zu äußern, was er mir mitteilen möchte, und vielleicht tut er es diesmal auf meine Art.« »Ihr Seelenklempner seid eine verschlagene Bande«, sagte ich. »Was ist, wenn er’s auf die Art tut?« Susan lächelte süß. »Naja, du oder Hawkielein, ihr werft euch dazwischen«, sagte sie. »Warum sonst hängt ihr hier herum?« Dazu hatte ich nichts mehr zu sagen. Hawkielein auch nicht. … Hatte sie Angst bekommen? Sie bekamen es alle mit der Angst, wenn es soweit war. Jeder Frau konnte man Angst machen. War sie schon auf den Gedanken gekommen, daß er es war? Hatte ihr Freund ihn deutlich gesehen? Der Gedanke, daß sie es wissen könnte, ließ ihn in freudige Verzückung geraten. Eines Tages vielleicht… »Ich habe Ihren Namen in der Zeitung gelesen.« Sie sagte: »Hmm.« Eines Tages vielleicht…, »Ihr Freund arbeitet an diesem Rote-Rosen-Fall.« »Hmm.« Eines Tages vielleicht… Die Angst durchfuhr ihn und gab ihm einen Riß. »Warum mag ein Kerl so etwas tun?« Sie sah ihn bloß interessiert an. Sie sprach kein Wort. Das Gefühl, das er hatte, als er mit ihr sprach, erinnerte ihn an das Gefühl, das er gespürt hatte, als er als kleiner Junge an seinem losen Zahn gewackelt hatte. Sie mißtraute ihm. Es war, als zöge er sich vor ihr aus. Sieh mal, hier. »Irgendwie fasziniert mich dieser Kerl, dieser Rote-Rosen- Kerl.« »Hmm?« sagte sie. In ihrer Stimme schwang Ermutigung mit, keine Mißbilligung. »Es macht Ihnen nichts, wenn ich darüber rede?« »Nein«, sagte sie. »Schauen wir uns an, wohin es führt.« »Meine Mutter würde…« Er machte das drohend- mißbilligende Stirnrunzeln seiner Mutter nach. »Sie haßte alles Schmutzige.« »Was waren denn das für Sachen, die sie schmutzig fand?« »Also, Sex, alles, was mit Sex zu tun hatte.« Sie nickte. Sie verstand. »Und Ihr Vater?« sagte sie. »Er hat sie so sehr geliebt. Er tat alles, was sie von ihm verlangte… außer mit dem Trinken aufzuhören.« »Sie war also die Stärkere in der Familie«, sagte sie. »Nein, doch, also, es war komisch. Wir haben alle so getan, als wäre sie es, und wir sagten, wie klug sie sei und wie gut sie die Dinge im Griff habe und Probleme anpacke und löse. Aber in Wirklichkeit war sie schwach und dumm und hatte vor allem Angst, und es war wie ein Spiel, das mein Vater und ich spielten. Nur, daß wir es ihr nie gesagt haben.«, »Haben Sie es denn selber gewußt?« Sie saß sehr still da, die großen Augen auf ihn gerichtet. Sie war voller Interesse und sehr freundlich. »Damals nicht, ich handelte nur so. Das heißt, ich tat es und tat es nicht – ergibt das einen Sinn?« Sie nickte mit dem Kopf »Sicher«, sagte sie. »Ich meine, sie erzählte einem genau, wie die Dinge waren und wie sie sein sollten, und ich glaubte ihr, und gleichzeitig wußtest du, sie weiß überhaupt nicht Bescheid darüber. Ich meine, sie konnte dir nicht erzählen, wo Brasilien lag. Und sie konnte nicht sehr gut lesen, und sie wohnte in ihrem Elternhaus, bis sie meinen Vater heiratete und mit ihm lebte, die ganze Zeit, bis er starb.« Sie rückte jetzt in ihrem Sessel ein wenig vor, die Knie zusammen, die Hände im Schoß. »Und sie hatte niemals wirklich ein Interesse an einem von uns. Sie sagte, daß sie es hätte, aber sie hörte einem in Wirklichkeit nie richtig zu und begriff nicht, was einem wichtig war. Ich glaube nicht, daß sie viel von der Welt verstanden hat, und wenn ihr jemand etwas darüber erzählte, bekam sie es mit der Angst.« Es war still im Zimmer. Sie saß da in ihrem dunklen Kostüm. Er stellte sich vor, wie sie es am Morgen angezogen hatte. Er spürte, wie ihm die Tränen kamen. Er war kurz davor zu weinen. Er holte immer nur kurz Luft, kleine, schnelle Atemzüge. »Aber sie hat mich geliebt«, sagte er. »Und wenn Sie das Spiel nicht gespielt hätten, dann hätte sie es nicht getan«, sagte sie. Er konnte nicht reden. Er nickte. Sie saßen schweigend zusammen, während er mit dem Atem kämpfte und mit den Tränen. »Schwäche«, sagte sie, »kann stark sein, nicht wahr?«, Er nickte wieder. »Und furchteinflößend.« »Ja«, sagte er. Seine Stimme klang wie erstickt. Er wollte ihr die andere Sache erzählen. Die Sache, von der er nie geredet hatte. Er öffnete den Mund. Er spürte es ganz nah. Er konnte nicht. Er hatte nie gekonnt. Er konnte nicht., Nach sieben Tagen hatten Quirk, Belson und ich eine Liste von sieben Verdächtigen zusammen. Alle anderen waren entweder zu weiblich oder zu alt, hatten die falsche Hautfarbe oder die falsche Größe. Es war ein heller, angenehmer Samstagmorgen, und wir saßen in meinem Büro und tranken Kaffee, während Quirk die sieben Möglichkeiten an der Tafel auflistete. »Okay«, sagte Quirk, »das ist alles, was wir haben.« Seine »Exkommunikation« hatte seinem Leutnant-Auftreten nichts anhaben können. »In der Reihenfolge, in der wir sie ausgemacht haben: Der erste Typ, dem Belson gefolgt ist, heißt Gordon Felton und lebt in Charlestown in der Nähe des Thompson Square. Arbeitet als Sicherheitswächter für eine Gesellschaft namens Bullet Security Systems, Inc. in Boston.« Belson grinste. »Wahrscheinlich haben sie gekreuzte Uzis auf ihren Visitenkarten«, sagte er. »Ist also ‘ne Art Polizist«, sagte ich. »So was Ähnliches«, sagte Quirk. »Ihr Mann heißt Phil Iselin, ist Lehrbeauftragter für Asiatik an der Harvard, wohnt dort, wohin Sie ihn verfolgt haben, in der Putnam Street. Nummer drei ist Mark Charles, Assistenzarzt am Boston City Hospital, wohnt im South End in der West Newton Street. Nummer vier heißt Lewis Larson, er ist Cop und fahrt Streife für Revier fünfzehn. Nummer fünf ist ein Bursche, der einen Feinkostladen in Wellesley betreibt – Edward Eisner, wohnt gleich neben seinem Laden. Nummer sechs heißt Ted Sparks, Mathematiklehrer am MIT, wohnt in Boston, Lime Street. Nummer sieben stammt aus Frankreich, heißt Emile Gagne, ist, Student für Politikwissenschaft an der Kennedy School und wohnt in einem Apartmenthaus an der Mount Auburn Street.« Quirk legte eine Pause ein und sah uns an. Wir sahen ihn an. Quirk hatte seine Schäfchen zusammen. Kein Grund, darob in Aufregung zu verfallen. »Einer von den sieben ist also wahrscheinlich der, den Sie gejagt haben«, sagte Quirk. »Wäre verflucht viel einfacher, wenn Sie ihn erwischt hätten«, sagte Belson, »oder zumindest einen ordentlichen Blick auf ihn geworfen.« »Am besten wir stellen sie in einer Reihe auf, und dann sollen sie mit mir um die Wette rennen«, sagte ich. »Die, die ich schlage, waren es nicht.« »Keine Neuigkeiten von Susan?« sagte Quirk. »Nichts. Hawk war die ganze Zeit oben bei ihr, die Tür zum ersten Stock offen. Es ist nichts Ungewöhnliches passiert, und Susan hat nichts Besonderes berichtet.« »Und Hawk macht’s Spaß?« fragte Belson. »Wie dem Birdman von Alcatraz«, sagte ich. Belson lächelte. »So nah ist Hawk dem Knast noch nie gewesen, wie?« sagte er. »Hält ihn von der Straße fern«, sagte Quirk. »Nachdem ich die Liste für euch auf sieben reduziert habe, meint ihr nun, ihr könnt rauskriegen, wer Mr. Red Rose ist?« sagte ich. »Noch während des Urlaubs?« »Sind wir etwa keine ausgefuchsten Kriminalisten?« sagte Quirk. »Ohne uns eine Anzeige vom Boston Psychoanalytic Institute einzuhandeln?« sagte ich. »Gut, vielleicht werden wir gefeuert«, sagte Quirk. »Dann machen wir unseren eigenen Laden auf. Quirk & Belson, Privatdetektei.« »Der ewige Lieutenant«, sagte Belson. »Nach dem Alphabet müßte es Belson & Quirk heißen.«, »Sobald wir was rauskriegen, melden wir uns«, sagte Quirk zu mir. »Nehmt euch zuerst den Wachmann und den Cop vor«, sagte ich. »Klar doch«, sagte Quirk. »Alle anderen sind, wie man sie sich vorstellt, eigentlich auch der Cop«, sagte ich. »Aber wie viele Wachmänner gibt es wohl, die sich von einer Seelenklempnerin aus Cambridge therapieren lassen? Was meint ihr?« »Es wird schon einige geben«, sagte Belson. »Sicher, aber alle passen in unser Schema, der Cop nicht ganz – aber bei dem läßt es sich erklären: Streß im Beruf, Susans guter Name, heißer Tip unter Bullen. Aber der Wachmann ist untypisch. Und irgendwo müßt ihr ja anfangen.« Quirk nickte. »Ich laß Sie wissen, was wir rauskriegen«, sagte er., Ich hatte, während ich bei Susan Babysitter spielte, meinen Anrufbeantworter im Büro eingeschaltet und wartete darauf, daß Quirk und Belson mit etwas rüberkamen. Hawk, der mit den beiden zusammen eine höchst eigenwillige Kombination ergab, half ihnen, und ich saß allein mit meinen Büchern und meinem Radio und meinem Colt Python oben in Susans Wohnzimmer, die Tür nur angelehnt. Ich fühlte mich isoliert, gelangweilt, nutzlos und frustriert. Ich gierte nach dem Kerl, der die Rose dagelassen und mich abgehängt hatte, und spürte diese Gier wie ein Lustgefühl in Nacken und Schultern prickeln, während ich dasaß und wartete und lauschte. Um die Zeit totzuschlagen, rief ich meinen Anrufbeantworter an und hörte eine Nachricht von einer Frau namens Sara, die sagte, sie arbeite als Producer bei der Jimmy-Winston-Show, und ob ich dort auftreten und über Mr. Rote Rose plaudern wolle. Ich rief sie an. »Oh«, sagte sie ganz aufgekratzt, »danke für den Rückruf. Uns ist bekannt, daß nicht alle mit Washburn als dem Rote- Rosen-Mörder einverstanden sind.« Ich sagte: »Hmm.« Sie sagte: »Und wir können niemanden auftreiben, der dazu etwas sagen möchte. Letzte Woche hatten wir den Chef der Mordkommission immerhin am Telefon, aber seitdem beantwortet kein Mensch von der Kriminalpolizei oder von der Bezirksstaatsanwaltschaft auch nur unsere Anrufe.«, »So geht mir das schon immer«, sagte ich. »Da kriegt man manchmal richtige Selbstzweifel.« »Gewiß, ja. Wie dem auch sei, wir wissen, daß Sie mit dem Fall zu tun hatten, und wir fragen uns, ob Sie nicht vielleicht mal abends vorbeikommen und mit Jimmy reden und vielleicht ein paar Anrufe beantworten möchten.« »Sicher«, sagte ich. Mich konnte die Polizeibehörde ja nicht in Urlaub schicken. »Wäre es möglich«, sagte sie, »daß Sie heute abend kämen?« »Sicher«, sagte ich, »wenn ich die Dame, mit der ich verabredet bin, mitbringen kann.« »Natürlich«, sagte Sara. So kam es, daß Susan und ich abends um Viertel vor zehn im Aufzug eines Gebäudes in der Nähe des Government Center nach oben fuhren. »Noch einmal, warum machst du das?« sagte Susan. »Sozusagen stellvertretend für Quirk«, sagte ich. »Er muß tun, was man ihm sagt. Ich nicht.« »Ja«, sagte Susan. »Das ist mir auch schon an dir aufgefallen.« Der Aufzug kam im sechsten Stock an, und wir meldeten uns bei der weiblichen Wachperson an der Rezeption. Ich bemerkte, daß sie nicht von Bullet Security kam. Sie rief irgendwo an, und nach einer Minute kam uns eine stämmige Blondine mit einer Brille mit braunem Würfelmuster in der Halle entgegen. »Hallo«, sagte sie. »Ich bin Sara. Jimmy erwartet Sie schon.« Wir gingen hinter ihr her ins Studio, wo Jimmy Winston mit Kopfhörern auf den Ohren einem Anrufer lauschte. Er nickte uns zu, als wir hereinkamen und winkte mich zu einem Sitz auf der anderen Seite des U-förmigen Tisches, an dem er saß. Es war ein Drehstuhl, und an einem Haken hingen Kopfhörer. An der Jimmy gegenüberliegenden Wand war in großen Ziffern, die Telefonnummer des Radiosenders angebracht. Darunter war eine Glasscheibe und hinter dieser die Technik mit dem Steuerpult. Ich ließ mich auf dem Drehstuhl nieder, Susan suchte sich einen anderen, der an der Wand neben dem Eingang stand. Ich beobachtete, wie Jimmy ihre Beine begutachtete, während sie sich setzte. »Gut, Sie haben ein Anrecht auf Ihre eigene Meinung«, sagte Jimmy ins Mikrofon, »aber offen gestanden, ich kann sie nicht mehr hören.« Er gab dem Kontrollraum ein Zeichen, das Gespräch abzubrechen. »Hier ist WKDK, Ihre Radiostation, mit ihrer Sendung ›Was Boston meint‹, und Jimmy Winston meldet sich nach den fünf Minuten Kurznachrichten wieder zurück.« Wieder gab er dem Kontrollraum ein Zeichen. Dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und schwenkte zu mir herüber. Durch die Glasscheibe sah ich einen leichenblassen Nachrichtensprecher neben der Technikerin Platz nehmen und sich in die Nachrichten vertiefen. »Heute abend geht’s rund«, sagte Jimmy Winston. Er war ein fetter Bursche mit Bürstenhaarschnitt und trug sogar hier drinnen eine dunkle Brille. Raybans mit schwarzem Gestell. Er trug ein weißes Hemd mit langen Kragenspitzen, das über der Brust offenstand. Seine Hosen waren aus einer Art grauem Kammgarn, und die Schuhe hatte er unter dem Studiotisch abgestreift. »Sie sind also der Detektiv«, sagte er. Ich nickte. »Das ist Susan Silverman«, sagte ich. Er nickte ihr kurz zu. »Was wissen Sie alles, was Sie noch nicht weitererzählt haben?« sagte er. »Ich kenne ein Rezept für Pfannkuchen aus Maismehl«, sagte ich, »das ich noch nie jemanden verraten habe.«, Jimmy zeigte ein automatisches Lächeln, das nichts und alles bedeutete. »Na, großartig. Und was ist mit dem Serienmörder? Sie meinen, die Cops haben den falschen Kerl am Wickel?« Sara kam herein und reichte Jimmy ein Manuskriptblatt. »Wir müssen die Werbeeinblendung ändern, Jimmy. Und danach kommt eine Verkehrsdurchsage, bei der du auch auf diesen Zusatz hier achten mußt, okay?« »Gott im Himmel«, sagte Jimmy. »Demnächst wartet ihr mit so was noch, bis ich endgültig auf Sendung bin. Welches Obergenie hat den Werbespot denn umgeschrieben, du?« »Die Programmdirektion hat…«, fing Sara an. Jimmy winkte ab. »Macht nichts, der Herr sei mein Zeuge. Ich hab’ keine Zeit. Mach weiter. Ich lese mir das durch und schicke es dann in den Äther.« Sara schenkte uns ein gequältes Lächeln und huschte hinaus. Jimmy schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen. »Bißchen schußlig, die Kleine«, sagte er und wandte seine Aufmerksamkeit dem Manuskript mit dem neuen Werbespruch zu. Ich sah Susan an. Sie lächelte ruhig und heiter zurück. »Das verspricht ja richtig aufregend zu werden«, sagte Susan. Jetzt war der Nachrichtensprecher dran, und Jimmy drehte den Studiolautsprecher auf. Nach den Nachrichten kam eine Reklame für einen Autohändler. »Okay, wir haben noch rund dreißig Sekunden«, sagte Jimmy. »Ich entwerfe erst mal den Hintergrund, indem ich Ihnen ein paar Fragen stelle, und dann sind wir bei den Höreranrufen. Für die brauchen Sie den Kopfhörer.« Er sah irgendwie aus wie eine Kröte, aber seine Stimme hatte das volle Timbre, das diese professionell ausgebildeten Stimmen haben. Voller Autorität. Keine Überheblichkeit neben der ihren duldend. Vertrauen ausstrahlend. Das rote Licht ging an, und, Jimmy sagte: »Sie hören WKDK mit der Sendung ›Was Boston meint‹, und ich bin Jimmy Winston. In dieser Stunde werden wir uns mit einem Bostoner Privatdetektiv unterhalten, der meint, daß die Polizei im Fall der Rote-Rosen-Morde etwas vertuscht, und er ist jetzt bei mir im Studio, um das mit Fakten zu belegen. Wie sind Sie eigentlich an den Fall geraten, Mr. Spenser?« Ich sah Susan an. »Die Polizei vertuscht etwas«, formte sie stumm mit ihren Lippen und lächelte mich so süß an wie ein Feld voller Luzerne. »Ich wurde von dem Mann darum gebeten, der mit den Untersuchungen betraut war.« Jimmy schaute in seine Notizen. »Das wäre Lieutenant Martin Quirk von der Mordkommission«, sagte er. Was immer er sagte, es klang wie eine Anklage oder wie die Ankündigung des Dritten Weltkriegs. »Ja.« »Er hat den Fall aber nicht mehr«, sagte Winston. »Warum bleiben Sie dran? Halten Sie Washburn für unschuldig?« »Ich glaube nicht, daß Washburn der Rote-Rosen-Mörder ist«, sagte ich. »Es sieht so aus, als wäre er es, und wenn er dafür verurteilt wird, dann löst das alle möglichen Probleme. Aber ich glaube, der echte Mörder läuft noch frei herum.« »Auch wenn die Spitzenleute bei der Kriminalpolizei unseres Staates vom Gegenteil überzeugt sind?« »Das kann einen schon einschüchtern«, sagte ich. »Aber ich sage: Ja.« Jimmy zündete sich eine Zigarette an. Es war wohl schon die fünfte, seit wir da waren. »Sie wollen diesen Fall also lösen«, sagte Jimmy. »Ich will, daß er gelöst wird.« »Aber wäre es Ihnen nicht lieber, wenn er von Ihnen gelöst würde?«, »Damit ich die Filmrechte verkaufen kann und mein Foto in People sehe?« »Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie nicht an so etwas denken«, sagte Jimmy. »Versuchen Sie’s«, sagte ich. »Haben Sie Beweise?« fragte Jimmy. »Wenn ja, dann könnten Sie uns vielleicht erzählen, wie sie aussehen, und vielleicht können Sie uns erklären, warum weder der Polizeichef noch der Bezirksstaatsanwalt von Suffolk County sie haben.« Ich schilderte ihm alles, was ich wußte, außer der Sache mit Susan und unserer Siebener-Gruppe. Jimmy sah entnervt aus. »Sie haben nicht mehr als Lieutenant Quirk«, sagte er. »Es wird Zeit für die Anrufe.« Er schaute auf den kleinen Bildschirm vor sich und las sechs Namen und dazu die Städte, aus denen sie anriefen. »Hier haben wir Clara aus Boston am Apparat. Hi, Clara, Sie sind auf Sendung in ›Was Boston denkt‹.« »Hi. Jimmy?« »Alsdann, Sie sind drauf.« »Jimmy, ich liebe Ihre Sendung. Das wollte ich Ihnen mal sagen.« »Danke. Haben Sie eine Frage an unseren Gast?« sagte Jimmy. »Sicher. Mr. Spenser?« »Ja, Clara?« »Stimmt es, daß Sie die Leichen gesehen haben?« »Ja.« »Sie waren alle unbekleidet?« »Ja.« »Und vergewaltigt?« sagte Clara. »Nein, nicht im herkömmlichen Sinn.«, »Natürlich waren sie das, er hat sie vergewaltigt, und sie sollten diese Bestie kastrieren, das ist es, was ich meine.« »Sie sagen das oft, nicht wahr, Clara?« »Wenn sie ihm die Dinger abgeschnitten hätten, dann würde er keine Frauen mehr vergewaltigen und strangulieren.« Jimmy sagte: »Danke, Clara, wir werden es uns merken. Jetzt haben wir Ronnie aus Reading am Apparat. Hi, Ronnie, Sie sind drauf.« »Jimmy?« »Genau. Ronnie, Sie sind auf Sendung. Worum geht’s?« »Jimmy, ich glaube, diese ganze Chose ist nichts als eine der üblichen Übertreibungen in den Medien. Übrigens, ich liebe Ihre Sendung.« »Danke.« »Ich meine, im Grunde bringen sie sich doch nur gegenseitig um, nicht? Ich meine, es ist nicht, als ob sie… na, Sie wissen schon. Vergessen wir’s. Meine Kinder haben gerade in der Schule drüber geredet. Was ist das denn für ein Zustand, daß die Kinder darüber reden? Ich sage nur, aus und vorbei damit, hört auf, einen Wirbel darum zu machen.« Jimmy sagte: »Meinen Sie damit, weil alle, die damit zu tun haben, Schwarze sind, sollte es den Rest der Menschheit nicht interessieren?« »Die bringen sich nur gegenseitig um«, sagte Ronnie. »Ronnie, hören Sie mich, Ronnie?« sagte Jimmy. »Ich empfehle Ihnen, jetzt raus in Ihre Garage zu gehen, den Motor Ihres Wagens anzuwerfen und sich das Auspuffrohr in den Mund zu stecken.« Er drückte den nächsten Knopf. Noch mehr Namen von Anrufern krabbelten über den Bildschirm. »Da ist Marvin aus Quincy. Was haben Sie uns zu sagen? Sie sind auf Sendung.« »Ich glaube, Mr. ehm, Spenser, Ihr Gast da, er hat recht, und ich bewundere seinen Mut, verstehen Sie? Ich meine, sie, vertuschen dauernd alles. Das einzige, worum sie sich Sorgen machen, ist, daß sie gut in den Zeitungen wegkommen. Die meisten von ihnen sind doch nur zur Polizei gegangen, damit sie die Leute rumschubsen können…« »Ich meine, die Neger sollten sich um ihre eigenen Probleme kümmern…« »… ich glaube, Ihr Fehler ist, daß sie ganz einfach versuchen, menschliche Probleme lösen zu wollen, für die die Gründe ganz woanders liegen. Haben Sie je an den Beelzebub gedacht?…« »Diese Verbrechen stehen symbolisch für eine weiter verbreitete und größere Krankheit in diesem Land. Jede Frau ist gewissermaßen dazu bestimmt, daß…« Und so ging das weiter. Um zweiundzwanzig Uhr dreißig bekam ich einen Anruf von einem Burschen, der die Meinung vertrat, daß ich, wenn ich so geistesgestört sei, an einer Show wie dieser teilzunehmen, kaum fähig sein dürfte, eine Mordserie aufzuklären. »Sind Sie das, Goldman?« fragte ich. »Dazu sage ich nichts«, sagte der Anrufer. Aber es war Maynard Goldman, ich wußte es. »Sie behaupten, an dieser Show wäre etwas nicht in Ordnung?« sagte Winston. Ich hörte Maynards Stimme an, welches Vergnügen ihm das bereitete. »Wenn es nur etwas wäre«, sagte er. Winston machte das Zeichen für die nächste Unterbrechung, und Maynard war aus der Leitung. Susan lächelte mich ermutigend an. Der letzte Anrufer vor den Elf-Uhr-Nachrichten wollte wissen, was ich wohl mit dem Rote-Rosen-Mörder anstellen würde, wenn ich ihn jemals schnappte. »Dafür sorgen, daß er in diese Show kommt«, sagte ich., Jimmy sprach die Nachrichten und steckte die nächste Zigarette an, während ich den Kopfhörer abnahm und meinen Stuhl nach hinten stieß. »Kein Grund, diese Show mit Scheiße zu bewerfen«, sagte Jimmy. »Wir sind hier ein Forum für die Menschen. Sie haben ein Recht auf eigene Meinung.« »Nur, daß das keine Meinungen sind«, sagte ich. »Das ist pathologisch. Das ist hier ein Forum für öffentliche Masturbation.« Jimmy zuckte die Achseln und wandte sich dem nächsten Werbespot zu, den er durchzusagen hatte. »War nett, mit Ihnen zu reden«, sagte er. »Hach«, sagte Susan, »mal hinter all den Glanz und Glamour zu schauen…« Sie faßte mich an der Hand, und wir gingen., Hawk war mit seiner Schicht bei Susan dran, und währenddessen ging ich in mein Büro, um meine Post durchzusehen und einigen Klienten Rechnungen zu schicken. Ich wanderte die Berkeley Street hinauf, den Wind, der vom Fluß herüberwehte, im Rücken. Er wirbelte leere McDonalds- Verpackungen vor mir her. Mit Susan ging alles in Ordnung, solange Hawk oder ich bei ihr waren, aber es war natürlich keine Art zu leben, und ich wußte, wie sehr sie es verabscheute, unter Bewachung zu stehen. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, hob ich den Haufen Post, der sich unter dem Briefschlitz am Fußboden angesammelt hatte, auf, ging zum Schreibtisch, legte die Füße drauf und fing an, die Briefe zu öffnen. Mein Anrufbeantworter hatte mehrere Anrufe registriert, und während ich die Kuverts aufriß, schaltete ich ihn ein. Der erste Anrufer meldete sich mit: »Hallo, Nigger-Freund. Ich habe Sie gestern abend bei Jimmy Winston gehört, und ich habe gehört, wie Sie versucht haben zu behaupten, es wäre ein weißer Mann gewesen, statt den Nigger schmoren zu lassen, wie er es verdient. Jemand sollte Ihnen das Maul stopfen.« Ich hörte mir das ganze Band in meinem Anrufbeantworter an, wie ich es immer tat, und hegte dabei die kühne Hoffnung, daß ich diese Mistkerle bei einem Fehler erwischte, der sie verriet. Es gab noch fünf weitere Anrufe auf der Kassette. Alle wetteiferten auf mehr oder weniger elegante Weise mit dem ersten, bis auf einen, der mir mit einem computerisierten Text eine Ferienwohnung anbot – da waren mir die echten Drohungen der Rassisten noch lieber –, und auf einen anderen,, bei dem mir eine sanfte, männliche Stimme bestätigte: »Vielleicht haben Sie recht, vielleicht ist Mr. Rote Rose noch draußen.« Ich legte die Post beiseite und spielte mir den letzten Anruf noch einmal vor. Dann holte ich die Kassette heraus, schob sie in meine Jackentasche und steckte eine neue in den Apparat. Zum Schluß öffnete ich die Telefonrechnung und einen Brief von Rita Fiore auf lilafarbenen Papier und mit Lavendelduft. Darin stand, sie lasse sich gerade für einen Flug nach Boston einchecken, um zu sehen, wie es mir ginge, und ob wir uns vielleicht zum Lunch treffen könnten. Während ich darüber nachdachte, ging die Tür zu meinem Büro auf, und fünf Figuren, die eindeutig nicht die Liga Weiblicher Wähler vertraten, kamen einer nach dem anderen herein und bauten sich in einem Halbkreis um meinem Schreibtisch auf. Der letzte schloß die Tür hinter sich. »Ihr Jungs seid sicher vom Kerry-Drake-Fanclub«, sagte ich, »und wollte mich zu eurem nächsten Festessen einladen.« Der Anführer war offensichtlich Gewichtheber. Das Quartett in seinem Rücken bestand aus lauter gut gebauten Burschen, die mir einzeln allerdings keinen Schrecken hätten einjagen können. Der Gewichtheber trug weite, vorgewaschene Jeans, schwarze Reeboks und ein enges, blaues Muscle-Shirt mit dem Schriftzug »Universe Gym«. Bei dem Wetter draußen mußte er ziemlich gefroren haben, aber wie hätte er mich sonst mit seinen Muskeln erschrecken können? Er sagte: »Wir möchten uns mit Ihnen unterhalten, Nigger- Freund.« Ich sagte: »Ach, war das nicht Ihre Stimme, die ich gerade auf meinem Anrufbeantworter hatte?« Er sagte: »Sie versuchen, diesen Nigger herauszuboxen.« Ich sagte: »Das ist wahr. Ich bin ein Diener der Wahrheit, und ich glaube nicht, daß er es war.«, »Na, wir tun es jedenfalls«, sagte er. »Klingt überzeugend«, sagte ich. »Wir mögen keine Nigger, und wir mögen keine Nigger- Freunde«, sagte der Gewichtheber. Ich spürte, wie mein Unterlegenheitsgefühl sich in Ärger zu verwandeln und der Ärger mich aufzubauen begann. Seit Wochen hatte ich jetzt mit einem Phantom gerungen, aber hier standen ein paar lebendige Leiber direkt vor mir und warteten darauf, mit mir zu ringen. Ich besann mich. Fünf sind ziemlich viele. »Könnten Sie mal Ihren Bizeps für mich spannen?« sagte ich. Der Gewichtheber machte tatsächlich Anstalten, bevor es ihm aufging. Ich grinste, damit er sah, daß ich das auch gemerkt hatte. »Kommen Sie hinter dem Schreibtisch vor«, sagte der Gewichtheber. »Sonst kommen Sie und holen mich«, sagte ich. Er stand in der Mitte, ein Stück vor seinen vier Kumpanen. Der Kerl rechts von ihm hatte rote Haare, eckige Schultern und das Gesicht voller Sommersprossen. Der Gewichtheber grinste seinen Kumpanen zu und sagte: »Genau.« Ich stand von meinem Sessel auf und kam um den Schreibtisch herum. Ohne meinen Schritt zu unterbrechen, trat ich ihm in die Leistengegend. Dem Kerl neben ihm verpaßte ich eine gerade Linke ins Gesicht, und gleichzeitig zog ich mit der rechten Hand meinen Revolver unter dem Arm hervor. Die anderen drei erstarrten zu einem Stilleben. Der Gewichtheber sank in die Knie und preßte sich die Hände und Unterarme zwischen die Beine. Der Rothaarige war ungefähr zwei Schritte zurückgewichen und schwankte vor und zurück, die Hände vor dem Gesicht. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut durch., »Und ihr drei Flaschen dort an die Wand«, sagte ich. »Lehnt euch mit dem Rücken dagegen. Los jetzt.« Sie taten, was ich gesagt hatte, bis sie an der Wand lehnten. Dann mußten sie sich niedersetzen, so daß sie Arme und Füße erst einmal hätten bewegen müssen, um sich hochzustoßen und aufzustehen. »Du auch, Rotschopf, und mach mir keine Blutflecken auf dem Teppich.« Rotschopf ging hinüber und hielt sich weiter die Nase. »So«, sagte ich, »und jetzt du, Mr. Universum. Bereit zum Weitermachen?« Er hockte immer noch auf den Knien, hob aber jetzt den Kopf. »Was meinen Sie?« sagte er. Seine Stimme klang gepreßt vor Schmerz. »Bereit mir ‘ne Lektion in Rassenbeziehungen zu erteilen?« sagte ich. »Wenn Sie keine Knarre hätten«, sagte er. »Sicher«, sagte ich. »Wenn ich keine Knarre hätte, könnte ich es nicht mit fünf Mann aufnehmen. Also scheint es mir fair.« »Wenn Sie mich nicht getreten hätten«, murmelte er. »Dann hätte meine Faust dich getroffen, genau wie Mr. Rotschopf, und du hättest viel Blut auf deinen Brustmuskeln. Bist du schon soweit, daß du aufstehen kannst?« »Ja.« Er kam mühsam auf die Füße und sah mich mit halb gesenktem Kopf an. »Das merken wir uns«, sagte er. »Das hoffe ich«, sagte ich. »Aber ich bin immer noch fit für ein paar Runden, wenn du möchtest.« »Mit der Knarre?« »Klar, nur damit ich’s nicht mit euch fünfen auf einmal zu tun kriege. Unseren Kampf absolviere ich einhändig. Wie klingt das?«, »Und wenn ich anfang’ zu gewinnen, bringen Sie die Knarre ins Spiel, stimmt’s?« »Du wirst nicht anfangen zu gewinnen, die Frage ist also überflüssig«, sagte ich. »Sie glauben, Sie können mich mit einer Hand besiegen?« »Klar«, sagte ich und ließ meine linke Faust auf seiner Nase landen. Der Schlag ließ ihn rückwärts taumeln, und Blut floß aus seiner Nase. Wie bei Mr. Rotschopf. Er schüttelte den Kopf und ging auf mich los. »Ihr an der Wand! Wer sich bewegt, wird erschossen«, sagte ich, pendelte zurück und ließ seine Faust an meinem Kinn vorbeisausen. Meine Linke kam als Haken und traf ihn am rechten Backenknochen unter dem Auge. Es folgten noch zwei Haken, bevor er die rechte Schulter und den rechten Arm zum Schutz oben hatte. Als er den rechten Arm hochzog, machte ich einen kleinen Ausfall zur Seite und antwortete mit einem scharfen Haken gegen die Niere. Er grunzte und drehte sich zu mir, und ich ließ die Waffe von der rechten in die linke Hand gleiten und versetzte ihm mit dem Handrücken einen vollen Schwinger direkt aufs Kinn, und er sackte mit weichen Beinen zwei Schritte zurück und setzte sich hin, die Beine gespreizt und kraftlos, die Arme schlapp im Schoß. So saß er eine Minute, dann legte er sich auf die Seite und war still. Einer von den Vögeln an der Wand, ein Bursche mit fleischigem Nacken und sehr blonden Haaren, sagte: »Sie ham gesagt mit einer Hand.« »Nacheinander«, sagte ich. Ich nahm den Revolver wieder in die rechte Hand. Meine Knöchel waren ein bißchen taub, morgen würden sie wahrscheinlich geschwollen sein. Ich spürte einen angenehmen Schweißfilm auf der Stirn, und meine Schulter- und, Rückenmuskeln fühlten sich angeregt und aktiv an. Ich fühlte mich gut. Sieh dich vor, Rote Rose, ich bin dir auf der Spur. »Zieht ihn auf die Füße«, sagte ich, »und dann raus mit ihm.« Rotschopf hielt sich noch die Nase. Die anderen drei zogen den Gewichtheber hoch und stützten ihn, als er zwischen ihnen hin und her schwankte. Alle fünf sahen aus, als versuchten sie krampfhaft einen würdigen Abgang. Einer von ihnen – es war der Blonde – sagte: »Wir finden dich.« Ich sagte: »Ihr habt mich auch diesmal gefunden, und nun schaut, was ihr davon habt.« Dazu hatte niemand mehr etwas zu sagen, also schleiften sie den Gewichtheber durch die Tür und verschwanden. Ich steckte die Pistole wieder ins Halfter unter dem Arm, ging zum Waschbecken im Raum nebenan, ließ ein paar Minuten lang kaltes Wasser über meine Hände rinnen, wusch mir das Gesicht und trocknete mich ab. Dann ging ich zurück ins Büro, trat ans Fenster, sah auf die Kreuzung Ecke Berkeley Street hinunter und atmete ein paarmal tief durch. »… Es schien, als könnte er ihr trauen. Er konnte mit ihr über Dinge reden, die er vorher nie beim Namen genannt hatte. Über diese Zeit in der Schule. Über seine Mutter. Sie würde es nie weitererzählen. Das gab es bei denen nicht. Es war eine Art Eid, den sie geschworen hatten… Sie haben keinen Schaden davon, wenn sie den Mund nicht aufmachen.« »Meine Mutter sagte immer, die Frauen würden mich nur ausnutzen und sich nehmen, was immer sie könnten.« Sie lächelte leicht und nickte. »Ich glaube, sie meinte damit Geld. Daß sie mit mir ausgehen, nur wegen meines Geldes.« »Hatten Sie denn viel Geld?« »Ich? Nein. Mein Vater hatte etwas, aber ich hatte nie Geld, und, ich meine, ich war ein Kind; Kinder haben kein Geld.«, Heute trug sie ein hellgraues Kostüm mit hochgestelltem Rundkragen und Perlen. Ihre Strümpfe und Schuhe waren weiß. »Also gab es vielleicht noch etwas anderes, was sie sich nehmen würden«, sagte sie. »Zum Beispiel?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich immer schlecht gefühlt, wenn sie das sagte. Es war, als würde keine von ihnen nur um meinetwillen mit mir ausgehen. Und so kriegte ich das Gefühl, ich wäre zu dumm und jede Braut wollte immer gleich alles aus mir herausholen, was zu kriegen war, und ich wäre zu schwach, ihr Einhalt zu gebieten.« »Schwach«, sagte sie. Es war weder eine Frage noch ein Kommentar. »Blöd, was auch immer.« Sie nickte. »Da müssen die Mädchen Ihnen ja ziemlich Angst gemacht haben, als Sie noch ein Junge waren.« »Nein, Angst eigentlich nicht. Ich meine, ein Junge kann sich doch nicht von einem Mädchen Angst machen lassen.« »Hmm.« »Manchmal habe ich Phantasien gehabt.« Er fühlte eine Woge der Erregung in sich aufsteigen, fast bis zur Ejakulation, als er der Enthüllung seines Innern immer näherkam. »Ich habe mir dann vorgestellt, daß ich sie feßle.« Er konnte vor Aufregung kaum sprechen. Er spürte, wie ihn ein sexueller Schauer durchfuhr. »Hmm.« Sie schwiegen beide. Ich könnte dich jetzt fesseln, dachte er. Wenn ich meine Ausrüstung bei mir hätte. Ich könnte dich halten und fesseln., »Was wollten die Mädchen sich denn Ihrer Meinung nach nehmen?« fragte er ihn wieder. Er hatte das Gefühl, als müßte er explodieren. »Mich«, hörte er seine Stimme. »Sie wollten mich nehmen.« »Und wem weg?« fragte sie. »Ihr.« Seine Stimme schien wie losgelöst von ihm, draußen im Raum und für sich selbst., Susan und ich saßen beim Dinner bei Davio’s in der Newbury Street im hinteren Teil des Restaurants. Susan hatte Gefallen an Rotwein gefunden; sie trank jetzt während eines Essens sage und schreibe ein ganzes Glas. Zwischen uns stand eine Rasche Chianti und vor uns jeweils ein Salat. Susan nippte fast zwei ganze Tropfen von ihrem Chianti und stellte das Glas wieder ab. »Hm«, sagte sie. »Wir haben sieben Patienten von dir als mögliche Täter im Auge«, sagte ich. »Der mögliche Rote-Rosen-Mörder dabei?« »Möglicherweise der Kerl, der die Rose bei dir ließ und abhaute.« »Wie seid ihr zu der Liste gekommen?« fragte sie. »Wir haben uns vor deinem Haus postiert und sind dann jedem gefolgt, auf den die Beschreibung paßte.« »Wer ist ›wir‹?« »Quirk, Belson und ich. Hawk war bei dir.« »Weil du derjenige warst, der ihn gesehen hat«, sagte sie. »Ja.« »Habt ihr sie zur Rede gestellt?« »Nein«, sagte ich. »Sie haben alle nicht gemerkt, daß sie verfolgt wurden.« Ich reichte ihr ein Blatt Papier mit den sieben Namen darauf, maschinegeschrieben. Sie griff danach, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wer es wohl sein könnte«, sagte sie. »Um dir zu entkommen, mußten ein paar bestimmte Dinge auf sie zutreffen.«, Ich nickte. In dem Korb auf dem Tisch lag Brot, und ich brach mir ein Stück ab und benutzte es als Schieber für den Salat. Sie sah auf die Liste. Nickte. »Ja«, sagte sie. »Die gehören zu denen, an die ich gedacht habe. Andere mußt du ausgesondert haben, weil sie nicht aussahen wie der Mann, dem du nachgerannt bist – Körpergröße und so.« »Ja.« »Eine verdammt unglückselige Entwicklung«, sagte Susan, »daß wir uns in unserem beruflichen Leben derart überschneiden müssen, so kurz, nachdem wir unser persönliches Leben wieder geordnet hatten.« »Ich weiß«, sagte ich. »Aber wir müssen damit fertig werden. Wir sind mit schlimmeren Dingen fertig geworden.« »Ja«, sagte sie und nahm das nächste Schlückchen Chianti zu sich. »Das sind wir. Und wir können es. Es ist nur, daß unser gemeinsames Problem beruflich und persönlich solche Überschneidungen hat, daß es bis ins Mark unserer Beziehung geht.« »Ich weiß«, sagte ich. »Wir sind fähig, uns so sehr zu lieben, daß wir einfach beides können – getrennt und doch eins zu sein, und zwar zur gleichen Zeit.« »E pluribus unum?« sagte ich. »Ich glaube, das ist etwas anderes«, sagte Susan. Die Salatteller wurden abgetragen, es folgte die Pasta. Nachdem der Kellner die Teller vor uns gestellt hatte und wieder verschwunden war, sagte Susan: »Dieser Fall gefährdet die eine Seite – das Getrenntsein. Ich bin nie mehr für mich. Wenn du nicht da bist, ist es Hawk. Und wenn ich arbeite, ist immer einer von euch oben auf dem Treppenabsatz, mit der Waffe in der Hand.«, Ich nickte. Ich hatte Tagliatelle mit Muschelsauce bestellt. Sie war erstklassig. »Du weißt, das bedeutet überhaupt nicht, daß ich dich leid wäre«, sagte Susan. Sie griff nach der Gabel und machte sich an ihre Tortellini. »Ja«, sagte ich, »das weiß ich.« »Oder Hawk«, sagte Susan. »Es gibt nur einen, mit dem ich noch lieber zusammen bin als mit Hawk, und das bist du.« »Aber es gibt Zeiten, da mußt du allein sein.« »Ganz und gar.« »Aber«, sagte ich, »wir können nicht einfach zulassen, daß er dich umbringt.« Susan lächelte. »Nein. Das können wir nicht«, sagte sie. »Und ich bin auch fest davon überzeugt, daß wir das nicht tun werden. Wenn man mich schon bewachen muß, wer könnte es besser?« Wir aßen von unserer Pasta. »Sollte tatsächlich einer meiner Patienten der Rote-Rosen- Mörder sein und die Rose in meine Halle gelegt haben, dann könnte ich theoretisch versuchen einen Tip zu geben, welcher es ist«, sagte Susan. »Aber das hast du nicht vor«, sagte ich. »Ich kann nicht.« Sie aß das nächste Stück Tortellini. »Noch nicht.« »Denk dran, daß es nicht nur um dich geht. Vielleicht ist schon wieder eine schwarze Frau in Gefahr.« Susan nickte. »Natürlich liegt mir das auf der Seele. Es ist alles sehr schwierig.« Sie trank einen Schluck Wein. »Er hat noch nicht wieder zugeschlagen, wenn du mir diese melodramatische Ausdrucksweise erlaubst, seit Washburn gestanden hat.« »Wir beiden kennen die Antwort darauf«, sagte ich. »Ja. Er könnte eine Zeitlang Ruhe geben.«, »Aber wie lange?« sagte ich. »Er dürfte schon eine Weile stillhalten können, aber… es ist ein Drang. Der arme Schweinehund wird von einem Drang getrieben, dem er nicht widerstehen kann. Er reagiert damit etwas Schreckliches ab, was in ihm steckt.« »Also wird er es wieder tun.« »Ja«, sagte Susan leise. »Und Gott allein weiß, was es ihn kostet, unentdeckt zu bleiben, und was er für ein Mensch sein wird, wenn er sich endlich zu erkennen gibt.« »Du glaubst, es ist einer deiner Patienten«, sagte ich. Sie betrachtete den Wein in ihrem Glas. Das Licht von oben durchdrang ihn und Heß ihn rubinrot leuchten. Dann sah sie zu mir auf und nickte langsam. »Ich glaube, es ist einer meiner Patienten.« »Welcher?« sagte ich. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht das Recht dazu«, sagte sie. »Noch nicht. Wenn ich mich irre, und er wird angeklagt, bringt ihn das um.« »Verflucht«, sagte ich. Susan streckte die Arme über den Tisch und legte mir die Hände auf den Mund. Dann ließ sie sie an meinen Schultern und Armen hinuntergleiten und schließlich auf den Unterarmen liegen. »Bitte«, sagte sie. »Bitte.« Ich holte so tief Luft durch die Nase, wie ich konnte, und ließ sie ganz langsam wieder ausströmen, so, wie ich das früher beim Zigarettenrauchen getan hatte. Sie beugte sich so weit zu mir herüber, daß die Tortellini gefährdet waren. »Um die zu sein, die ich bin. Um die Frau zu sein, die du liebst, um mein Teil zu sein von dem, was wir zusammen sind, um Susan zu sein, muß ich die Möglichkeit haben, so zu handeln, wie ich muß. Ich muß meine eigene Urteilskraft und, mein eigenes Geschick einsetzen, und ich darf nicht zulassen, daß die Angst meine Haltung verändert.« Ich betrachtete ihre schmalen Hände, die auf meinen Unterarmen lagen. Es war, als säßen wir allein in einem leeren Raum, ohne Gäste, ohne Personal, kein Restaurant, keine Welt um uns. Und es schien, als säßen wir so ganze zwanzig Minuten lang. »Nein«, sagte ich schließlich, »das darfst du nicht. Du bist voll und ganz im Recht.« Ich sah in ihre großen Augen, und sie erwiderte meinen Blick. Sie lächelte zögernd. »Und du bist grade dabei«, sagte ich, »deinen Busen in die Tortellini zu plazieren.« Er hatte ihren Freund im Radio gehört, diesen Spenser. Er hatte gesagt, dieser Farbige hätte es nicht getan. Ob sie über ihn Bescheid wußten? Hatte dieser Dreckskerl ihn erkannt, als er die Rose hingelegt hatte? Alle Welt glaubte, daß es der Farbige gewesen war. Wieso Spenser nicht? Glaubte sie es? Wußte sie, daß er der Täter war? Wußte sie, daß er all die anderen Weiber gefesselt und geknebelt hatte und dann zugesehen hatte, wie sie kämpften und versuchten, durch den Knebel zu schreien? Er betrachtete die Fische, wie sie ruhig in ihrem Aquarium hin und her schwammen und wie die Sonne zu ihnen hereinfiel. Jeden Augenblick würde sie ins Zimmer treten und ihn hereinbitten, und dann wäre er der Fisch im Aquarium, den sie betrachtete. Vielleicht gefiel es ihr, gefesselt zu werden. Manchen Frauen gefiel das. Sie mochten es, gefesselt zu werden und nackt zu sein und danach zu betteln. Er spürte wieder, wie es in ihm aufstieg, als er daran dachte. Aber er würde nie mehr zu ihr kommen und mit ihr reden können, wenn er so etwas tat. Und sie könnte es ihrem Freund erzählen. Ein großer Scheißkerl. In den Zeitungen hieß es, er sei Boxer gewesen. Scheiß drauf. Vielleicht hatte sie es ihrem Freund, schon erzählt. Vielleicht hatte sie ja Verdacht geschöpft aus dem, was er dort drinnen erzählt hatte. Sie wußten Bescheid. Diese Seelenklempner wußten alles mögliche, was sie eigentlich gar nicht wissen sollten. Sie hatte ihn die ganze Zeit beobachtet. Sie beobachtete ihn, wenn er den Arm bewegte oder mit dem Fuß wippte oder im Sessel herumrutschte. Sie registrierte alles. Sie war ganz auf ihn konzentriert… Die Fische schwammen in langsamen Kreisen durch das sonnendurchflutete Wasser… Sie machte sich Gedanken um ihn. Sie würde es ihrem Freund nicht erzählen. Sie würde es nicht. Der Freund ist von sich aus darauf gekommen. Der Schweinehund. Sie würde nichts sagen. Die Tür zur Praxis ging auf. Sie stand vor ihm, in einem dunkelblauen Kleid mit rosa Rosen darauf. »Kommen Sie herein«, sagte sie. Seine Bewegung erschreckte die Fische, und sie flitzten hin und her. »Mein Vater ging zu Nutten«, sagte er. »Und danach hatte er ein schlechtes Gewissen, und am nächsten Tag brachte er ihr Rosen.« Die Seelenklempnerin scheint interessiert, dachte er. Das hatte er erwartet. »Und sie sagte dann: ›Na mit ‘nem Flittchen ausgewesen, George?‹ Und er starrte bloß auf den Boden und sagte: ›Eine Rose für dich, Rosie‹ und ging weg.« »Er wollte nicht mit ihr kämpfen«, sagte die Therapeutin. »Nein, er hat nie mit ihr gekämpft. Er betrank sich nur und ging zu den Huren.« Sie sah ihn ruhig an. Sie strahlte immer diese Ruhe aus, diese freundliche, friedliche Stille. Keine Urteilssprüche. »Was hatten Sie dabei für ein Gefühl?« Er fühlte, wie er die Achseln zuckte, fühlte, wie er beiläufig wurde., »Tja, eines Tages nahm er mich mit«, sagte er. Er spürte wieder dieses Gefühl in seinem Magen, ein Gefühl der Leere. Sie zog leicht die Augenbrauen hoch. »Zu einer schwarzen Nutte«, sagte er. »Ich war ungefähr vierzehn.« Die Leere breitete sich aus und hinter ihr dieses Gefühl, die Hitze und das Prickeln, wie jedesmal. Er hörte sich selbst, wie er zu ihr redete. Er spürte, was er wagte, und das verstärkte noch dieses Prickeln. »Himmel, die roch schlecht.« Die Therapeutin wartete, bestätigte ihn mit ihrer Ruhe. »Hat mich weggeschickt«, sagte er, fühlte sich noch immer lässig. Beide schwiegen sie nun, die Therapeutin saß vollkommen still da, und er saß so lässig, wie er konnte, einen Arm über die Rückenlehne seines Sessels gelegt. Er spürte, wie Tränen aus seinen Augen traten. Noch immer lässig, sah er sie an, jetzt mit verschwommenem Blick, und wartete. »Ich konnte nicht«, sagte er, und seine Stimme war zittrig und heiser. »Ich konnte nichts tun. Sie war fett und und…« Er spürte, wie seine Schultern ein wenig zitterten. »… behaart und… Sie war gemein.« »Zu Ihnen?« sagte die Therapeutin. »Ja.« Und so erzählte er es ihr. »Ja. Sie machte sich lustig und sagte, wie klein er sei und wie schlaff und sie versuchte, ihn hochzubringen, versuchte, ihn mir hart zu machen, und ich konnte nicht, und sie wurde böse und sagte, ich würde sie abweisen, und ich sollte es tun, oder sie würde ihn mir abschneiden, und ich sei ein Heuchler, weil sie eine Schwarze sei.« »Furchtbar«, sagte die Therapeutin. »Und mein Vater war irgendwo und trieb es mit einer anderen Nutte, und ich konnte nicht weg.« »Und«, sagte die Therapeutin., »Und schließlich warf sie mich ohne Hosen aus dem Zimmer und verschloß die Tür. Und ich mußte dort warten, bis mein Vater kam und mich mit nach Hause nahm, in seine Jacke gehüllt. Und ein paar von den anderen Nutten sahen mich so.« »Haben Sie mit Ihrem Vater darüber geredet?« »Er war wütend auf mich, weil ich meine Hosen los war. Er sagte, meine Mutter würde wütend auf uns sein.«, Belson kam um elf Uhr morgens bei Susan vorbei und gab mir eine dicke Akte mit allen Punkten, die er und Quirk über die sieben Verdächtigen herausbekommen hatten. »Quirk sagt, Sie sollen es lesen und drüber nachdenken, und dann sollten wir uns unterhalten«, sagte Belson. »Sie, ich und Quirk, und Susan, wenn sie will.« »Okay, ich mache es noch heute«, sagte ich. »Was haben Sie jetzt vor?« »Nach Hause gehen, mich meiner Frau und meinen Kindern vorstellen und ein Nickerchen machen.« »Bevor Sie das tun«, sagte ich, »versuchen Sie mal, diese Stimme mit der anderen zu vergleichen, von der Sie schon das Band haben.« »Hat Rote Rose noch mal angerufen?« »Unter anderem. Sie werden schon merken, wen ich meine. Demnach müßte er noch frei herumlaufen.« »Ich seh’ zu, daß ich inoffiziell eine Aufzeichnung der Stimmkurven bekomme, auch wenn ich beurlaubt bin«, sagte Belson. »Ich geb’ Bescheid.« Belson ging, und ich fing an zu lesen. Das meiste war eher uninteressant. Es gab keine Eintragungen über Festnahmen und Arreste. Iselin, der Asiatik-Professor, war mal in der Klemme gewesen, als er an einer Privatschule für Jungen unterrichtet hatte. Ein Schüler hatte gemeldet, daß Iselin ihn belästigt habe, aber das schien folgenlos geblieben zu sein. Zwei Jahre später hatte Iselin seinen Doktor gemacht und war weiter als Lehrer tätig gewesen. Larson, der Polizist, hatte mit der Begründung, er sei ausgebrannt, um Beurlaubung gebeten, und man hatte, ihm gesagt, er solle professionelle Unterstützung suchen. Alle waren verheiratet, bis auf Felton und Iselin. Iselin war nie verheiratet gewesen, Felton war geschieden. Larson, den Polizisten, hatten sie bereits ausgeschlossen, weil sein Einsatzplan zeigte, daß er zur Zeit der drei letzten Morde im Dienst gewesen war und seine Aufenthaltsorte nachweisen konnte. Gagne, der Franzose, war ebenfalls draußen. Er war in Frankreich bei seiner Familie zu Besuch gewesen, als der zweite Mord geschah – während der Frühjahrsferien in Harvard. Unter den fünf Restlichen paßte Felton, der Wachmann, nicht ins Schema. Da waren zwei College-Lehrer, ein Assistenzarzt, der Besitzer des Feinkostladens – und eben dieser Wachmann. Wahrscheinlich ließen sich von denen noch ein paar ausschließen. Wenn wir mit ihnen oder ihren Mitarbeitern sprachen. Zum Beispiel ließ sich bei Charles, dem Assistenzarzt, feststellen, ob er Dienst gehabt hatte, während einer der Morde geschah. Aber wenn wir das taten, wußten sie, daß wir sie überwachten. Felton gefiel mir. Ich griff mir erneut seine Akte und las. Innerhalb eines kurzen Zeitraums kann man nur wenig tun, ohne Verdacht zu erregen. Er war dreiundvierzig Jahre alt, geschieden, Vater bereits verstorben. Derzeitige Adresse war Charlestown, aber aufgewachsen war er in Swampscott. Eine Seite aus seinem Highschool-Jahrbuch lag in Kopie bei. Dort war sein Foto neben anderen abgebildet, und seine Schulaktivitäten waren aufgelistet. »Na, bitte«, sagte ich. Unter seinem Foto stand: »Leichtathletik 1,2.« Das bewies noch gar nichts. Es war fünfundzwanzig Jahre her. Aber immerhin. Ich legte die Akte weg, ging ans Telefon und rief den stellvertretenden Direktor der Swampscott High School an. »Geht um einen Jungen namens Gordon Felton«, sagte ich. »Gehörte zu Ihrer Leichtathletikmannschaft damals im Jahr…, also das muß 1961 oder 1962 gewesen sei. Was ist er gelaufen?« Der stellvertretende Direktor sagte: »Warum wollen Sie das wissen?« »Mein Name ist Arthur Daley«, sagte ich. »Vom New England Sports Weekly. Wir machen gerade einen Rückblick: Fünfundzwanzig Jahre Highschool-Sport.« »Prima Idee. Bleiben Sie dran, ich brauche einen Moment, um nachzusehen. Wir haben Fotos und Unterlagen bis in die Kriegszeit zurück.« Er war wohl ungefähr fünf Minuten weg, während ich den Geräuschen der Stille in der Leitung lauschte. Großartig. Sehr experimentell. Dann war der stellvertretende Direktor wieder am Apparat. »Mr. Daley. Also, Gordie Felton war Hürdenläufer, Landesdritter über 440 Yards Hürden.« »Danke«, sagte ich. »Sie wissen nicht zufällig, wo er jetzt steckt, oder?« »Nein, ich bin erst seit drei Jahren hier. Ich habe es nur aus den Akten.« »Okay«, sagte ich. »Danke für Ihre Hilfe.« Wir hängten ein. Es bewies noch immer nichts. Weil die Tatsache, daß er damals so gut war, nicht bedeutete, daß er es heute noch war. Andererseits gab es nicht viele Männer, die mich beim Rennen abhängen konnten, und der Bursche, der die rote Rose hinterlassen hatte, hatte es geschafft. Ich las alle Akten noch einmal, außer denen über Larson und Gagne, und las sie wieder, dann legte ich sie weg, stand auf und wanderte in Susans Haus herum, sah aus dem Fenster, schaute in den Kühlschrank, sah auf der anderen Seite aus dem Fenster. Im Kühlschrank befanden sich ein Kopf Blumenkohl, Broccoli, zwei Diät-Cokes und ein Päckchen chinesische Glasnudeln. Bon appetit., Um eins tauchte Hawk mit zwei Thunfisch-Sandwiches mit allem Drum und Dran, außer Zwiebeln, und einer großen Tüte Pommes frites auf. »Ich will, daß wir den Dreckskerl bald schnappen«, sagte Hawk. »Mir fällt langsam die Decke auf den Kopf, wenn ich hier jeden Tag nur rumhocke.« Er trug ein braunes Harris-Tweed-Sportjackett und ein blaues Oxfordhemd mit Button-down-Kragen, ohne Krawatte, und mit drei offenen Knöpfen. Seine Jeans waren gestärkt und gebügelt, und seine Füße steckten in mahagonifarbenen Cowboystiefeln. »Was stellst du heute dar«, sagte ich, »‘nen Harvard- Cowboy?« »Eklektisch nennt man den Stil«, sagte Hawk und wickelte sein Sandwich aus. Wir aßen an Susans Küchenbar und beugten uns über das Essen, um keine Soße zu verkleckern. »Einer von den Burschen auf der Liste war während der Highschool-Zeit Hürdenläufer«, sagte ich. »Dritter Landesmeister im letzten Schuljahr.« »Muß ‘ne Weile her sein«, sagte Hawk. »Neunzehnzweiundsechzig«, sagte ich. Hawk nickte. »Heißt nicht viel«, sagte er. »Er ist Wachmann«, sagte ich. »Vielleicht wäre er gerne Cop?« sagte Hawk. »Möglicherweise gibt er es sogar vor«, sagte ich. »Wie geht’s ihr?« fragte Hawk. Wenn er von »ihr« redete, meinte er immer Susan. »Sie glaubt, sie hat eine Ahnung, wer unser Mann sein könnte«, sagte ich, »aber sie ist nicht sicher.« »Dann sitzt sie also da und hört ihm zu und nickt und läßt ihn reden und kann nie wissen, ob er ihr nicht plötzlich ‘ne Knarre reinsteckt und abzieht«, sagte Hawk., »Was einer der Gründe dafür ist, daß sie vierundzwanzig Stunden am Tag einen Babysitter hat, dich oder mich«, sage ich. »Und ihr fällt auch langsam die Decke auf den Kopf.« Hawk nickte. »Zeit, die Beweislage noch mal zu prüfen?« »Genau. Der Hürdenläufer hat eine Exfrau«, sagte ich. »Vielleicht rede ich mal mit ihr.« »Nimm mein Foto mit«, sagte Hawk. »Erzähl ihr, sie darf sich mit mir treffen, wenn sie ein kooperatives Wesen ist.« »Und wenn sie’s nicht ist«, sagte ich, »trifft sie sowieso.«, Mimi Felton wohnte in Concord in einem Komplex von Eigentumswohnungen, der um einen künstlichen See herum gebaut war. Morgens am Telefon hatte sie mir gesagt, sie arbeite in der Kosmetikabteilung von Bloomingdale’s und müsse dort nicht vor vier erscheinen. Ich kam um zehn nach zwei bei ihr an, und sie öffnete mir in einem weißen, schulterfreien Oberteil aus gerippter Baumwolle und schwarzen Jeans, die sie nur im Liegen geschlossen haben konnte. Sie war barfuß. Sie hatte jede Menge blondes Haar, so frisiert, daß auch keiner übersah, wieviel blondes Haar sie hatte. An acht Fingern trug sie Ringe, und ihre Ohrringe baumelten ihr wie Christbaumschmuck von den Ohrläppchen. »Hi«, sagte sie. »Mr. Spenser, treten Sie ein.« Sie hatte ziemlich viel hochwertiges Make-up gekonnt aufgetragen und trug falsche Wimpern. Ihre Finger- und Fußnägel waren in einem Ton aus tiefem Purpur lackiert. Der ebenfalls freiliegende Bauch war fest und braun und flach. »Sie sind also Detektiv?« »Ja«, sagte ich. »Ich hätte gern, daß Sie mir alles über Gordon Felton erzählen, was Sie können.« »Könnte ich Ihre Marke oder Ihre Lizenz oder was immer mal sehen?« sagte sie. Sie hatte eine Kleinmädchenstimme, nicht weit vom Lispeln entfernt. Ich zeigte ihr meine Lizenz. »Warum wollen Sie etwas über Gordie erfahren?« sagte sie. »Routine«, sagte ich. »Seit er für ein Sicherheitsunternehmen arbeitet, läßt die Vertragsfirma hin und wieder die Angestellten überprüfen, die für sie arbeiten.«, »Das ist wie bei einer Versicherung«, sagte sie mit ihrer kindlichen Stimme. Es war die Art Stimme, wie man sie sich immer im Zusammenhang mit einem Knicks vorstellt. »Stimmt.« »Sie sehen jedenfalls so aus, als bräuchten Sie keinen Beschützer, Mr. Spenser.« »Sicher«, sagte ich. »Was war der Grund für Ihre Scheidung, Mrs. Felton?« »Hier, nehmen Sie Platz«, sagte sie, und wir gingen in ihr kleines Wohnzimmer. An den Wänden hingen Drucke von avantgardistischer Kunst, und alles war in Lavendel und Grau gehalten. Von einem kleinen Fenster aus konnte man einen Blick auf den künstlichen Teich werfen. Sie nahm in einem Sessel aus lavendelfarbenem Leinen Platz, das über einen dreieckigen schwarzen Stahlrahmen gespannt war. Zwei weitere davon waren um einen massiven Kaffeetisch mediterraner Herkunft gruppiert, der wohl aus dem Haus in Swampscott stammte. »Danke, ich stehe lieber. Wie war das mit der Scheidung?« »Gordie«, sagte sie, »Gordie, Gordie, Gordie…« »War’s das?« fragte ich. »Was?« »Weswegen Sie sich scheiden ließen?« sagte ich. Sie schüttelte den Kopf. »Er war immer ein kleiner Junge«, sagte sie. »Markierte dauernd den Macho und war doch so ein Weichling.« »Wie drückt sich das aus?« sagte sie. »Also, er ging zum Beispiel nirgends ohne mich hin«, sagte sie. »Und wie war er als Macho?« sagte ich. »Er hatte immer eine Waffe bei sich. Er wollte gern Polizist sein, aber ich glaube nicht, daß er sich jemals beworben hat. Er hat immer nur darüber geredet. Er war so was wie ein Polizei-, Groupie, verstehen Sie? Hatte sein Radio mit Spezialantenne und trieb sich immer bei den Cops rum, als wir verheiratet waren. Und jedesmal, wenn er von einem Verbrechen hörte, manchmal auch über Polizeifunk, stieg er in sein Auto und fuhr zum Tatort. Da war er schon unheimlich.« »Familie?« sagte ich. »Wir hatten keine Kinder«, sagte Mimi. »Was wissen Sie über seine Familie?« sagte ich. »Wieso schreiben Sie sich das nicht alles auf?« sagte sie. Ich tippte an meine Schläfe. »Wenn das erst mal im Computer ist«, sagte ich, »bleibt es dort für alle Ewigkeit.« Sie nickte. »Sein Vater ist tot«, sagte sie. »Seine Mutter lebt noch. Wohnt in Swampscott.« Mimi schüttelte den Kopf. »Warum schütteln Sie den Kopf?« sagte ich. »Mein Gott, er haßt sie«, sagte sie. »Seine Mutter?« »Ja.« Mimi schüttelte noch einmal den Kopf und lächelte ohne Vergnügen. »Blackie ist eine Landplage«, sagte sie. »Blackie?« »Gordies Mutter.« »Warum nennt man sie Blackie?« sagte ich. »Ihr Mädchenname war Rose Mary Black«, sagte Mimi. »Alle Welt nannte sie nur Blackie.« »Gott im Himmel«, sagte ich., »Es ist Felton«, sagte ich. Es war Samstagmorgen, und Susan, Hawk und ich saßen an Susans Küchenbar, tranken Kaffee und aßen Weizenbrötchen, die Hawk auf dem Weg zu uns bei Fromaggio gekauft hatte. Auf der Bar lag ein 20 x 28 Zentimeter großer, brauner Umschlag, den Hawk bei Belson abgeholt hatte, bevor er die Brötchen besorgte. Er enthielt den Ausdruck der Stimmkurven von den beiden Anrufen und ein Band, auf das die beiden Stimmen nebeneinanderkopiert worden waren. Susan holte eine Schüssel mit eingemachten Kirschen aus dem Kühlschrank unter der Küchenbar und stellte sie vor uns hin, dazu Frischkäse. Sie verteilte eine hauchdünne Schicht Käse auf ein kleines Stück, das sie von ihrem Brötchen abgebrochen hatte. Obendrauf legte sie eine winzige Kirsche, und dann probierte sie einen kleinen Bissen. »Er ist es, Susan«, sagte Hawk. »Ja«, sagte Susan, während sie ihre winzigen Bissen hinunterschluckte. »Wahrscheinlich ist er es.« Ich rührte einen Löffel Zucker in meine zweite Tasse Kaffee. »Es erklärt die Symbolik«, sagte ich. »Die rote Rose, die schwarzen Frauen. Rose Mary Black, kurz: Blackie.« Susan schnitt ein Brötchen sorgfältig in zwei Hälften und steckte sie in ihren aus Deutschland importierten Toaster, der breit genug war, um zwei Brötchenhälften aufzunehmen. Dann drückte sie den Hebel herunter. »Ich wußte, daß ihr Vorname Rose war«, sagte Susan. »Aber er hat nie den Mädchennamen seiner Mutter erwähnt.« »Ist das nicht ungewöhnlich?« sagte ich., »Eigentlich nicht. Viele meiner Patienten sagen ›meine Frau‹, ›meine Mutter‹, ›mein Vater‹ – besonders von den Eltern wird so geredet, wenn der Patient sie nie bei ihrem Namen genannt hat.« Der Toaster spuckte die Brötchen aus, und Susan legte sie auf Hawks Teller. »Und er hatte Probleme mit ihr, nicht wahr?« sagte ich. Susan sah zu, wie Hawk Käse auf sein Brötchen strich. Wie alles, was Hawk tat, geschah das ohne überflüssige Bewegungen, fehlerlos, und er nahm genau die richtige Menge. Wenn Hawk Pizza aß, bekam seine Krawatte das nie zu spüren. »Falls er von unbewußter Wut auf seine Mutter besessen war«, sagte Susan, »und seine Mutter Rose Mary Black hieß, und wenn man noch einige Faktoren dazunimmt, die ich von ihm erfahren habe, ist es durchaus möglich, daß er tatsächlich diese Wut an anderen Menschen abreagierte, und zwar an solchen, die Rose Mary Black angemessen zu symbolisieren vermochten.« »Zum Beispiel schwarze Frauen«, sagte Hawk, »denen er rote Rosen hinterließ.« »Ja«, sagte Susan, »und wenn das Objekt dieser Wut eine ungeheure Kraft ausstrahlte, würde diese Wut von Angst überlagert. Und wenn die Wut und die Angst sexuell beeinflußt waren und sich sexuell Ausdruck verschaffen mußten, dann könnte das an einem Ersatzobjekt geschehen sein.« »Du meinst, er mußte sie dann fesseln und mit der Waffe vergewaltigen«, sagte ich. »Ja«, sagte Susan. Sie trank von ihrem Kaffee, hielt die Tasse mit beiden Händen und sah mich über den Rand an. »Hat Felton ein solches Charakterprofil?« fragte ich. Susan betrachtete mich weiter über den Rand ihrer Tasse. Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem entkoffeinierten Kaffee. Auf ihrem Kaffeetisch im Wohnzimmer tickte laut eine auf alt, gemachte Uhr mit Batteriebetrieb. Hawk goß sich Kaffee nach, danach mir. Ich sah Susan an. Sie sah mich an und schloß die Augen. »Ja«, sagte sie. »Er paßt besser, als du wissen kannst.« Ich sagte: »Wir haben ein Band, von dem Belson einen Ausdruck der Stimmkurven gemacht hat. Einmal ist der Kerl drauf, der anrief und sagte, er sei Mr. Rote Rose und mich herausforderte. Der andere Anruf kam nach dem Fiasko bei Jimmy Winston. Der Ausdruck beweist, daß es dieselbe Stimme ist.« Susan nickte. »Ich werde es mir anhören«, sagte sie. Ich ging zu ihrer Stereoanlage und legte die Kassette ein. Susan hörte zu, das Kinn in die Hand gestützt. Ich spielte die beiden Gespräche dreimal ab. Susan saß noch immer mit aufgestütztem Kinn da und starrte auf das Tonbandgerät. Hawk und ich warteten. Susan seufzte. »Es klingt nach ihm«, sagte sie. »Keine endgültige Sicherheit. Es könnte auch ein anderer sein, aber er ist es vielleicht.« Ich nahm das Band aus dem Recorder. Hawk saß entspannt auf seinem Hocker, ein wenig nach hinten gekippt, und balancierte sich mit den Ellbogen an der Kante der Küchenbar aus. Er sah eigentlich so aus, als hätte er diese Stütze gar nicht nötig. Susan nahm die Hand vom Kinn. »Auch ich weiß, daß er es ist«, sagte sie. »Aber es gibt nichts, was vor Gericht standhielt. Weil diese Verbrechen zu einem Menschen und seinem Krankheitsbild passen, heißt das nicht, daß er sie auch begangen hat. Ich hatte viele Patienten mit ähnlichen Befunden, die aber fähig waren, ihre Lage zu meistern.« »Wo liegt da der Unterschied?« fragte Hawk. »Ich weiß nicht«, sagte Susan. »Im Charakter, im Einfluß, den andere Menschen auf ihr Leben genommen haben, im Ausmaß der ödipalen Rolle, die die Mutter spielte, in der, Intelligenz des Patienten, im Vorsatz, die Therapie erfolgreich zu beenden, im Zufall.« Susan lächelte. »Von allem etwas.« »Wie steht’s mit göttlicher Intervention?« sagte Hawk. »Wäre das nicht fein?« sagte Susan. Hawk lächelte sie mit einer Wärme an, die sonst niemandem zuteil wurde. »Er ist es«, sagte ich. »Ja«, sagte Hawk. »Ja«, sagte Susan. »Und wir können es nicht beweisen«, sagte ich. »Mit dem Stimmenvergleich?« sagte Susan. »Das beweist nur, daß derselbe Kerl mich zweimal angerufen hat. Beweist nicht, daß es Rote Rose ist. Beweist nicht, daß der Bursche, den sie dafür eingelocht haben, nicht Rote Rose ist. Selbst wenn die Stimme unzweideutig identifiziert werden könnte, würde das nicht beweisen, daß es Rote Rose war.« »Unzweideutig, soso«, sagte Hawk. »Bleib in meiner Nähe«, sagte ich zu Hawk, »da lernst du was.« »Mein Terminkalender beweist, daß Felton an dem Tag, als du ihm nachgerannt bist, bei mir war«, sagte Susan. »Aber genauso sieben andere Patienten«, sagte ich. Sie nickte. »Was ist mit den Morden?« sagte Hawk. »Den Morden?« sagte Susan. »Vergleiche die Daten seiner Therapiestunden mit den Daten der Morde«, sagte ich. »Warum?« »Mal sehn, was rauskommt«, sagte Hawk. »Wir wissen, wo der Hase lang läuft, wir müssen ihn nur abfangen.« »Ich hole meinen Kalender«, sagte Susan. Sie stand auf und ging in die Praxis hinunter., Hawk sagte: »Wir können nicht beweisen, daß der Kerl es getan hat, aber wir wissen, daß er es war. Früher oder später müssen wir was tun.« »Ich weiß«, sagte ich. Susan kam mit ihrem Terminkalender zurück. »Wann wurden die Morde begangen?« fragte sie. Ich wußte es auswendig und sagte es ihr. Sie notierte die Daten in ihrer hübschen und total unleserlichen Handschrift. Sie war graziös, hatte schwungvoll kombinierte Bögen, wirkte ganz entzückend und war komplett unentzifferbar. Susans Handschrift war so schlecht, daß sie häufig später selbst nicht mehr lesen konnte, was sie geschrieben hatte. Sie blätterte in dem Terminkalender herum, während Hawk und ich die Küchenbar abräumten, de Tassen kurz abspülten und in die Spülmaschine räumten. Ich schraubte das Glas mit den eingemachten Kirschen zu, verschloß die Käsedose und beförderte beides zurück in den Kühlschrank. Hawk wusch sich Gesicht und Hände über dem Spülbecken und trocknete sich mit einem Papierhandtuch ab. »Dieser Dreckskerl«, sagte Susan. Hawk und ich drehten uns um und sahen sie an. »Felton kommt normalerweise zweimal die Woche«, sagte Susan. »Die Tage variieren, aber bei zweimal die Woche bleibt es. Alle Morde bis auf den ersten fanden an einem Tag statt, an dem er vorher bei mir gewesen ist.« »Wann hat er mit der Therapie angefangen?« sagte ich. »Zwei Wochen nach dem ersten Mord«, sagte Susan. Es war still im Zimmer. Man hörte nichts außer dem Rauschen und Summen der Spülmaschine. »Etwas in den Sitzungen muß ihn enthemmt haben«, sagte Susan., Ich spürte das leichte Zittern des Fußbodens, das die Spülmaschine verursachte. »Das muß nicht die Ursache gewesen sein«, sagte Hawk. »Ich weiß«, sagte Susan. Jetzt war sie ganz Dr. Silverman, menschliche Verhaltensweisen beurteilend. »Aber die Übereinstimmung ist überraschend.« »Was kann es ausgelöst haben?« fragte ich. Susan schüttelte den Kopf. Sie ging ans Fenster und starrte auf das samstagmorgendliche Treiben in der Linnaean Street. Wir schwiegen. Hawk ließ sich wieder auf seinen Hocker nieder, und ich blieb stehen, ans Spülbecken gelehnt. Schließlich wandte Susan sich um und sah uns an. »Ich, schätze ich.« »Wie das?« sagte ich. »Ich war für ihn wahrscheinlich nicht die richtige Bezugsperson. Eine attraktive ältere Frau in der Pose der Autorität, da war es leicht für ihn, seine Gefühle für seine Mutter auf mich zu übertragen.« »Und das soll passieren?« fragte Hawk. »Ja, und dann hätte ich ihn dazu anleiten müssen, diese Gefühle beherrschen zu lernen, weil ich ja nicht wirklich seine Mutter bin und unsere Beziehung nicht seine Verfassung verstärken soll. Das wäre meine Aufgabe gewesen.« »Und wie ist es tatsächlich gelaufen?« »In unserem Fall hat er die Leidenschaft für seine Mutter auf mich übertragen, aber ihre Unnahbarkeit war auch in mir, und – mein Gott, das wird hier zu einem Therapieseminar –, also, ganz einfach, sein Bedürfnis nach versteckter, symbolischer Bestrafung des Sexuellen durch körperliche Gewalt wurde durch diese Übertragung intensiviert und unglückseligerweise zusätzlich verstärkt durch deine Verbindung mit dem Fall und mir.« »Ich Laios und du Jokaste?«, Susan nickte. Hawk sagte: »Ich bin nur ein armer, einfacher Revolverheld und Vertreter einer gesellschaftlichen Minderheit. Redet ihr Intelligenzbestien von ‘nem gewissen Ödipus?« »Ich hab’ doch gesagt, bei uns kannst du was lernen«, sagte ich. »Man dankt für die große Chance, Meister«, sagte Hawk. Susan war so mit ihrem Thema beschäftigt, daß sie gar nicht auf uns achtete. »Ich hätte zu ihm eine andere Beziehung aufbauen müssen«, sagte sie. »Ich konnte die erotische Spannung bei unserem ersten Gespräch spüren.« »Aber du hast gedacht, du wirst damit fertig«, sagte ich. »Und ich habe geglaubt, daß ich ihm helfen kann, damit zurechtzukommen«, sagte Susan. »Was du mit der Zeit auch geschafft hättest«, sagte ich. »Bis jetzt sind vier Frauen gestorben«, sagte sie. »Wir haben keine Zeit mehr.« … Ihr Freund hat Mimi besucht. Er hat ihr irgendwas vorgelogen wegen einer Überprüfung, aber er war es. Großer, harter Kerl, gebrochene Nase, genau wie ihr Freund. Sie muß es ihm erzählt haben. Sie muß Bescheid wissen. Er hatte das Gefühl, als müßte er abspritzen. Sie weiß es. Er hatte das gleiche Gefühl wie bei den farbigen Mädchen. Den Abzug ziehen, es krachen lassen… Die Hure. Sie hat geredet. Sie hat verdammt geredet. Keiner konnte er trauen. Seiner Mutter nicht, seiner Frau – Exfrau – nicht und ihr nicht. Sie machen dich alle fertig, so oder so… Er dachte an gefesselte schwarze Frauen. Wenn er aufgeregt war, half ihm immer die Phantasie. Er dachte daran, wie er seine Sachen in die Sporttasche steckte, das Klebeband, die Schnur, die Waffe. Er stellte sich die Psychologin vor mit ihrem schwarzen Haar und ihren dunklen Augen. Vielleicht sollte ich sie alle wegputzen, dachte, er, alle zusammen, alle im selben Raum. Er stellte sich seine Frau vor – seine Exfrau –, wie sie hilflos vor ihm auf dem Fußboden lag. Er dachte an »sie«. Er stand über ihnen und sah auf sie hinab. Er ging zu dem Versteck, das er bereitet hatte, schob das Bodenbrett zur Seite und holte die Waffe heraus. Einen 38 Kaliber Smith & Wesson, vernickelt, Walnußgriff, zehn Zentimeter langer Lauf, nicht registriert. Seine offiziell registrierte Dienstwaffe hing in ihrem Halfter im Schlafzimmerschrank, gleich neben seiner Uniform. Diese Waffe hier hatte er nach dem Begräbnis seines Vaters aus dem Haus der Mutter mitgehen lassen. Sie hatte nie bemerkt, daß er sie genommen hatte. Er nahm die Waffe seines Vaters und stopfte sie in die Sporttasche. Dann holte er die Rolle Wäscheleine und das Klebeband aus dem Versteck und steckte sie in die Tasche. Er wußte nicht, was er jetzt tun sollte, aber er war bereit. Er fühlte sich stark und entschlossen, sein Marschgepäck war fertig. Aber der Freund? Wenn er nicht unterwegs war, war er vielleicht bei »ihr«. Die Entschlossenheit wich wieder. In seinem Magen breitete sich ein hohles Gefühl aus. Er nahm die Waffe aus der Tasche und wog sie in der Hand. Er drehte sich zum Spiegel an der gegenüberliegenden Wand, ging in die Hocke und musterte sein Bild mit der Waffe im Anschlag. Der Pistolengriff war glatt und fest. Die Kimme zitterte nicht. Sein Magen fühlte sich besser an. Aber nicht gut. Er stellte sich noch einmal die Frauen vor, und das entschlossene Gefühl kam wieder. Er drehte sich seitlich und beobachtete im Spiegel sein Profil, während er einhändig zielte, dann wieder von vorne. Es war lange her seit dem letzten Mal. Zum Teufel mit ihnen. Er brauchte das. Er sah sich zu, wie er auf den Spiegel zielte und dachte an Dr. Silverman., Susan und ich hatten eines unserer längeren Streitgespräche. Es hatte damit angefangen, daß sie sagte: »Natürlich kann ich nicht länger seine Therapeutin sein.« Und ich darauf sagte: »Ganz bestimmt nicht.« »Er hat am Montag einen Termin, und da werde ich ihm sagen müssen, daß wir unter den gegebenen Umständen nicht weitermachen können«, sagte sie. »Gewiß«, sagte ich. »Für wann ist er angemeldet?« Susans Terminkalender lag offen auf der Küchenbar. »Um elf«, sagte sie. »Dann werde ich in der Praxis sein«, sagte ich, »und Hawk ist im Wartezimmer.« Sie sagte: »Nein.« »Doch.« »Nein. Ich kann einen Patienten nicht hereinkommen lassen wie zu einer Therapie, und dann steht er plötzlich vor zwei bewaffneten Männern.« »Er hat vier Frauen umgebracht«, sagte ich. »Ich kann nicht zulassen, daß du ihm erzählst, du wüßtest, was er getan hat, ohne in deiner Nähe zu sein und dich zu beschützen.« »Ich fürchte, du mußt«, sagte Susan. »Du und Hawk, ihr könnt euch beide hier oben aufhalten, wie sonst auch. Ich will euch nicht in der Praxis sehen. Er hat ein Recht auf dieses Asyl.« »Und ich habe das Recht, dich am Leben zu erhalten«, sagte ich. Susan schlug mit der flachen Hand auf die Küchenbar. »Spiel hier, verflucht noch mal, nicht Gott für mich«, sagte sie., Wir schwiegen, blickten uns an. Hawk hockte bequem daneben und betrachtete uns ausdruckslos. Seiner Reaktion nach hätten wir auch über meinen nächsten Haarschnitt debattieren können. »Ich will dich nicht mit ihm allein lassen«, sagte ich. »Dafür haben wir zu hart gearbeitet. Es hat zuviel gekostet, zu werden, was wir sind, als daß wir das alles für ein Berufsethos aufs Spiel setzen dürften oder für Mitleid oder für das Bild, das du von dir hast, oder für alles gleichzeitig inklusive den Weltfrieden.« »Du läßt mich also nicht?« sagte sie. »Ich lasse dich nicht.« »Wer zum Teufel bist du, daß du darüber bestimmst, was ich tue und lasse?« sagte sie. »Dein kleiner Liebling«, sagte ich. Hawk ließ seinen Blick desinteressiert zwischen uns hin und her wandern, als beobachte er ein langweiliges Tennismatch. Susan sagte zu ihm: »Hast du etwas dazu zu sagen?« »Ich lasse dich auch nicht mit ihm allein«, sagte Hawk. Susan trommelte mit den Fingern beider Hände auf der Kante der Küchenbar. Sie sah ihren Fingern dabei zu und beobachtete, wie sie sich bewegten und auf und ab fuhren. »Seine Rechte enden hier«, sagte ich. »Und meine?« sagte Susan. Ich schüttelte den Kopf. »Darüber möchte ich jetzt nicht philosophieren. Ich bin stärker, ich kann stur sein, und ich werde es sein.« Sie studierte wieder ihre trommelnden Finger. Ich wartete. Ich sah, wie ihr Atem langsamer wurde. Hawk nahm sich eine Pflaume aus der Schüssel. Er aß sie auf, erhob sich, warf den Kern in den Abfallkorb und setzte sich wieder. Susans Atem ging nun ruhig und gleichmäßig. Sie sah auf., »Du bist mein kleiner Liebling«, sagte sie. »Du kannst dabei sein, wenn ich mit Felton rede.« »Danke«, sagte ich. »Gern geschehen.« Hawk lächelte milde, wie ein stolzer Großvater. »Hab’ doch gewußt, daß ihr klarkommt«, sagte er. »Ach, scheiß drauf«, sagte Susan. »Ich wüßte Besseres«, sagte Hawk., Am Montag neun Minuten vor elf kam eine junge blonde Frau mit einer Art Bürstenschnitt aus Susans Praxis, nahm ihren gelben Regenmantel vom Kleiderhaken und verließ das Wartezimmer, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, erhob ich mich und betrat die Praxis. Hawk drückte sich oben auf der Treppe herum. Sobald Felton im Wartezimmer auftauchte, würde Susan ihn in das Behandlungszimmer bitten, und sobald er drin war, würde Hawk herunterkommen und sich ins Wartezimmer setzen. »Er kommt immer eine Minute vor elf«, hatte Susan gesagt. »Da ist nie jemand im Wartezimmer. Wenn er plötzlich Hawk dort sieht, wird ihm das einen Schreck einjagen.« »Macht das was?« hatte ich gesagt. »Hawk wird dafür sorgen, daß er nicht verschwindet.« »Du hast mir schon deinen Schutz aufgezwungen«, hatte Susan gesagt. »Das reicht.« Also stand ich schließlich hinter der Praxistür an der Wand, als Felton hereinkam, und Hawk wartete, bis er im Wartezimmer war und sich gesetzt hatte. Susan trug ein dunkelblaues Kostüm mit einer weiten Jacke und darunter einen weißen Pullover. Sie stand auf, als die Tür zum Wartezimmer aufging, ging ohne zu zögern zur Praxistür und sagte: »Treten Sie ein.« Dann ging sie in die Praxis zurück und blieb drinnen am Türrahmen stehen. Als Felton eingetreten war, schloß Susan die Doppeltür hinter ihm. Dann ging sie um ihren Schreibtisch herum und setzte sich. Felton blieb an der Stelle stehen, wo er hereingekommen war, und sah mich an., Ich blickte zurück. Es war das erste Mal, daß wir uns bei Tageslicht begegneten. Susan sagte: »Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Felton. Ich werde Ihnen gleich erklären, warum Mr. Spenser hier ist.« Felton sah mich weiter an und ich ihn. Er war ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß, vielleicht ein bißchen weniger, schlank, und in seiner Haltung war eine Elastizität, die darauf schließen ließ, daß er in passabler Form war. Sein braunes Haar wies vorne Geheimratsecken auf, und auch am Hinterkopf hatte er eine kahle Stelle. Er trug einen unordentlichen Schnurrbart, der buschig aussehen sollte, doch dafür waren die Haare zu dünn, und so wirkte er nur ungepflegt. »Setzen Sie sich bitte, Mr. Felton«, sagte Susan. Ihre Stimme klang klar und fest. Felton setzte sich in den Sessel neben ihrem Schreibtisch. Von dort aus konnte er Susan und mich gleichzeitig sehen. Ich verschränkte die Arme und lehnte mich an die Wand. Mein Gesicht war ausdruckslos. Es ist immer so bei diesen Monstern: Ehe du sie triffst, willst du sie umbringen, und wenn sie dann vor dir stehen, wirken sie gar nicht so monströs, und es erscheint dir herzlos, sie umzubringen. »Was hat das hier zu bedeuten?« sagte Felton zu Susan. »Es tut mir leid, daß ich Mr. Spenser mit angeschleppt habe, aber ich hielt das für notwendig. Ich bin überzeugt, daß Sie der Mann sind, der die Mordserie begangen hat, bei der immer eine rote Rose am Tatort zurückbleibt«, sagte Susan. »Daher schien es mir für mein eigenes Wohlbefinden wichtig, daß ich Mr. Spenser hier im Zimmer und einen weiteren Herrn im Wartezimmer habe, während wir das hier besprechen.« Felton sah mich an und dann wieder Susan. Er öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Ich sah, wie er um einen kontrollierten und zugleich geringschätzigen Gesichtsausdruck kämpfte., »Ich hoffe, Sie werden gestehen«, sagte Susan, »und zwar mir und der Polizei. Wenn Sie das tun, werde ich Ihnen beistehen, aber ich kann unter den gegenwärtigen Umständen die Therapie nicht weiter fortführen.« »Sie werfen mich hinaus, weil Sie glauben, ich sei der Mörder«, sagte Felton. Mir fiel auf, daß er ›Rote Rose‹ nicht davor setzte, sondern nur ›der Mörder‹ sagte. »Wir sollten uns darauf verständigen«, sagte Susan, »daß die Dinge hier auch so gemeint sind, wie sie ausgesprochen werden. Ich werfe Sie nicht hinaus, sondern ich ziehe mich von meiner Rolle als Therapeutin zurück. Was könnte ich Ihrer Meinung nach noch bewirken, wenn wir die Therapie fortsetzen würden, obwohl ich überzeugt bin, daß Sie ein Serienmörder sind und, offen gesagt, eine Gefahr für meine körperliche Unversehrtheit?« Felton war extrem angespannt. Er setzte sich sehr gerade hin, die Hände ineinander geschlungen, die Ellbogen auf die Lehnen gestützt. Die Sitzposition ließ seine Schultern ein wenig hochgezogen erscheinen. Er schien sich gebeugt zu fühlen, denn als er sprach, hielt er sich sehr gerade. »Also, beweisen können Sie so etwas nicht«, sagte er. »Nein, das kann ich nicht«, sagte Susan. »Das ist auch nicht meine Aufgabe, und ich werde niemandem von der Polizei oder sonstwem von dem erzählen, was Sie mir während der Therapie anvertraut haben. Allerdings werde ich der Polizei sagen, daß ich von Ihrer Schuld überzeugt bin, ebenso, wie ich davon überzeugt bin, daß Sie die Rose in meine Halle gelegt haben und daß Sie die Fische in meinem Wartezimmer getötet haben.« »Sie können unsere Treffen nicht beenden«, sagte er. »Es tut mir leid«, sagte Susan., »Ich habe nichts verbrochen. Sie können das nicht tun. Sie haben eine Verantwortung. Sie haben einen Eid oder so etwas geschworen.« Susan schüttelte leicht den Kopf. »Ich habe keinen medizinischen Doktor, sondern einen philosophischen. Aber ich könnte auch dann nicht weitermachen, wenn ich den Hippokratischen Eid geschworen hätte.« »Ich muß mit jemandem reden«, sagte Felton. »Ich habe niemanden. Es muß jemanden für mich geben.« »Wenn Sie die Wahrheit sagen, dann können wir miteinander reden, aber es muß die Wahrheit sein, und sie muß vor der Polizei und vor Gericht gesagt werden. Wenn Sie die Wahrheit sagen, werde ich mich mit soviel Überzeugung wie möglich dafür einsetzen, daß Sie eine Behandlung bekommen und nicht den elektrischen Stuhl. Aber ich kann natürlich nicht bestimmen, wie die Gerichte entscheiden.« Felton saß weiter steif in seinem Sessel. Doch sein Gesicht war blaß, und seine Augen standen voller Tränen. »Mit wem werde ich reden können?« sagte er. »Ich kann Ihnen da nichts mehr nützen«, sagte Susan. »Das geht nicht. Sie müssen es tun. Ich habe es nicht getan, glauben Sie mir. Ich war es nicht.« Susan schwieg. Feltons Starre fing an, sich zu lösen. Er sackte in seinem Sessel zusammen und beugte sich vor, als habe sein Körper keine Kraft mehr, sich aufrecht zu halten. »Das dürfen Sie nicht«, sagte er. Seine Stimme war belegt, und die Tränen rannen ihm nun aus den Augen. »Ich halte das nicht aus«, sagte er. »Ich kann es nicht. Bitte, tun Sie das nicht. Verlassen Sie mich nicht. Ich habe sonst niemanden. Bitte nicht.« Susan blieb ruhig, und ihre Stimme war fest und freundlich. »Wenn Sie nicht gestehen, wenn Sie so weitermachen wie bisher, wird es schlimm für Sie ausgehen. Man wird Sie bald, schnappen.« Sie nickte mit dem Kopf in meine Richtung, ohne mich anzusehen. »Er weiß, daß Sie der Mörder sind. Er wird Sie sehr bald gefaßt haben.« Felton pendelte in seinem Sessel vor und zurück, krümmte sich, schluchzte. »Ich schaffe es nicht, ich kann nicht. Sie dürfen mich nicht verlassen.« »Es ist eine schreckliche Entscheidung für Sie«, sagte Susan. »Aber Sie haben die Wahl, und die hatten diese vier Frauen nicht. Sie können gestehen und mit meiner Hilfe versuchen, das Beste für sich herauszuholen, oder Sie können jetzt gehen, und er«, wieder deutete sie mit einem Kopfnicken in meine Richtung, »und ein paar andere werden Sie verfolgen und schnappen.« Felton pendelte weiter vor und zurück und schüttelte den Kopf. »Ich habe es nicht getan«, sagte er. »Ich war es nicht.« Er rutschte aus dem Sessel, warf sich auf den Boden und legte sich mit angezogenen Beinen, sich selbst umklammernd, auf die Seite. »Gott, o Gott«, sagte er. »Ich kann es nicht.« Susan stand aus ihrem Sessel auf, ging um den Schreibtisch herum, hockte sich neben ihn und legte ihre Hand sanft auf seinen Rücken. »Sie können es«, sagte sie. »Einfach deswegen, weil Sie gar keine andere Wahl haben.« Er blieb liegen, und sie blieb neben ihm hocken, die Hand bewegungslos zwischen seinen Schultern, während er weinte. Es dauerte nicht so lange, wie es schien, und nach einer Weile war Felton wieder still. Er setzte sich auf, stand dann langsam auf, als täte ihm jedes Glied weh, und blieb hinter seinem Sessel stehen, beide Hände auf die Rückenlehne gestützt. »Okay«, sagte er. »Okay, Sie beschissene Hure, ich kann auch ohne Sie.«, Susan zeigte mir unter dem Tisch ihre linke Hand, die Handfläche zu mir gerichtet. Zwecklos. »Wenn Sie bereit sind, die Wahrheit zu sagen«, sagte Susan, »dann bin ich für Sie da.« »Ich komme nicht zurück«, sagte Felton. »Sie werden mich nicht noch einmal demütigen. Ich haue jetzt ab von hier, und ihr beiden könnt es dann von mir aus da drüben auf der Couch treiben wie die Tiere.« Er wandte sich um und ging durch die Tür ins Wartezimmer. Hawk lehnte an der Wand neben dem Ausgang. Seine Augen ruhten ausdruckslos auf Felton, als dieser auf die Tür zuging, öffnete, in die Halle und dann durch die Eingangstür trat. Hawk folgte ihm. Ich schloß die Tür. Susan sah mich einen Augenblick lang an und fing an zu weinen; erst war es nur ein Schniefen, dann wurde es stetig, und zuletzt lag sie mit dem Kopf auf dem Schreibtisch und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Ich ging auf sie zu, blieb dann stehen, spürte etwas Unbestimmbares und wartete ruhig, während sie weinte, und rührte sie nicht an., Susan brauchte wohl an die zehn Minuten, bis sie sich wieder gefangen hatte. »Entschuldige die Tränen«, sagte sie. »Mach dir keine Vorwürfe«, sagte ich. »Was du tun mußtest, war furchtbar.« »Wir sind überzeugt, daß er vier Frauen ermordet hat«, sagte Susan. »Ich bezweifle, daß er sich selber Einhalt gebieten konnte, und ich fürchte, er kann sich auch jetzt wieder nicht bremsen. Doch das ist ein schwacher Trost für die vier Frauen und die Menschen, denen sie jetzt fehlen.« »Hawk ist hinter ihm her«, sagte ich. »Was ist, wenn Felton ihn abhängt?« »Das wird er nicht. Hawk braucht sich nicht in acht zu nehmen. Er muß nicht darauf achten, unbemerkt zu bleiben. Er kann Felton dicht auf die Pelle rücken. Er wird ihn nicht verlieren.« »Wir können nicht zulassen, daß er noch jemanden umbringt«, sagte Susan. »Ich weiß«, sagte ich. Ich griff nach dem Telefonhörer auf ihrem Schreibtisch und rief Quirk zu Hause an. Seine Frau nahm an, und gleich darauf war Quirk am Apparat. »Es ist Felton, der Wachmann aus Charlestown«, sagte ich. »Sind Sie sicher?« »Ich bin sicher. Ich kann es nicht beweisen, aber ich weiß es.« »Wo ist er jetzt?« sagte Quirk. »Hat grade Susans Praxis verlassen, mit Hawk im Schlepptau. Felton weiß, daß wir Bescheid wissen. Susan hat ihn aus der Therapie entlassen, er hat ziemlich Schiß.«, »Ich hole mir Belson«, sagte Quirk. »Mal sehen, vielleicht knöpfen wir uns ihn bei sich zu Hause vor. Sie sind bei Susan?« »Ja.« »Bleiben Sie dort, ich melde mich dann.« »Ich bleibe da«, sagte ich. Wir legten auf. »Quirk und Belson hängen sich zusammen mit Hawk an Felton«, sagte ich. »Dann verfolgen ihn drei Mann, und sie können sich gegenseitig unterstützen.« »Bis wann?« »Bis wir raus haben, wie wir beweisen können, was er getan hat«, sagte ich. »Dann kann Quirk ihn festnehmen, und er ist weg von der Straße.« »Was ist, wenn wir es nicht beweisen können?« »Er muß schließlich aus dem Verkehr gezogen werden«, sagte ich. »Du meinst, dann tötest du ihn, oder Hawk tut es«, sagte Susan. »Vielleicht auch Quirk«, sagte ich. »Man kann ihn nicht frei rumlaufen lassen.« »Ich weiß, daß er der Mörder ist.« »Klar«, sagte ich. »Wir müssen eine Möglichkeit finden, ihn zu kriegen.« »Also«, sagte ich, »ich lasse dich nicht aus den Augen, bis wir soweit sind, darum fangen wir gleich an. Was ist mit deinen anderen Patienten?« »Ich habe alle anderen Termine für heute abgesagt«, sagte Susan. »Möchtest du einen Lunch?« sagte ich. »Ja«, sagte Susan. »Und dazu wahrscheinlich zwei kräftige Drinks.«, Wir gingen nach oben, und ich rührte zwei Wodka-Martini mit sehr wenig Wermut. Susan ließ drei Cocktail-Oliven in ein Glas fallen, ich schüttete den Martini darüber. Susan hob das Glas, sah es einen Augenblick lang an und trank dann vielleicht ein Drittel davon in einem Schluck. Susans Kühlschrank befand sich unter der Küchenbar, und was ihm an Höhe fehlte, das besaß er an Breite. Ich hockte mich auf die Fersen, um nach Eßbarem zu suchen. Das Angebot war begrenzt. »Im Gefrierfach sind ein paar Hühnerbrüste«, sagte Susan. Ich fand sie auf die Eisschalen geschichtet. Die Eisschalen waren voll. Normalerweise stellte Susan sie immer leer hinein. Ich gab etwas Olivenöl »extra vergine« in die Pfanne, nahm die Hühnerbrüste aus der Folie, legte die kleinen Klumpen in die Pfanne und schob sie auf die Ramme. Susan hatte das zweite Drittel von ihrem Martini geschafft. Ich fand eine Flasche Maltwhisky in ihrem Kühlschrank, gleich neben dem Würfelzucker und hinter einer naturreinen Erdnußbutter. Ich nahm die Flasche herunter, brach mir ein paar Eiswürfel aus einer der Plastikschalen und machte mir einen riesigen Scotch-on-the-rocks. »Weißt du, du hattest recht«, sagte Susan. »Wahrscheinlich«, sagte ich. »Womit?« Susan trank ihren Martini aus und winkte mit ihrem Glas. Ich schenkte ihr einen zweiten ein und unterließ sogar eine Bemerkung darüber, daß ich nicht genau Maß genommen und doch exakt zwei randvolle Gläser zustandegebracht hatte. »Daß du mich nicht allein mit Felton sprechen lassen wolltest.« »Es ging da nicht um richtig oder falsch«, sagte ich. »Ich konnte dich einfach nicht mit ihm allein lassen.« »Was du auch jetzt noch nicht kannst«, sagte sie. »Ja.«, »Obwohl Hawk sich auf Feltons Spuren gesetzt hat und Quirk und Belson noch dazustoßen werden.« »Ja.« »Und obwohl du sagtest, daß es Felton nicht gelingt, Hawk zu entwischen.« »Ja.« »Wieso dann?« sagte sie. Sie griff nach dem Olivenglas und warf zwei Oliven in den Martini, doch davon wurde das Glas zu voll. Sie schlürfte etwas weg und legte noch eine Olive dazu. »Ich habe dich einmal für einige Zeit verloren«, sagte ich. »Und dabei fand ich heraus, daß ich ohne dich leben konnte. Und ich fand heraus, daß ich das nicht wollte.« »Warum?« »Weil ich dich liebe«, sagte ich. »Weil du für mein Leben bist wie die Musik am Rande des Schweigens.« »Was macht die Musik da?« »Das hab’ ich nie verstanden«, sagte ich. »Ich habe es irgendwo gelesen.« Ich trank von meinem Scotch. Susan trank von ihrem Martini. Die Hühnerbrüste tauten auf und brutzelten. Ich ließ meinen Blick noch einmal auf der Suche nach Inspiration durch den Kühlschrank schweifen. Es gab Broccoli und eine Karotte. Unter dem Spülstein fand ich eine Zwiebel, letzte Überlebende in ihrem Netz. Ich legte das Gemüse zurecht und begab mich auf die Suche nach einem Messer. »Laß es mich anders erklären«, sagte ich. »Es ist nicht nur, daß ich dich liebe. Du ersetzt einfach alles, was mir fehlt.« Susan lächelte und aß eine Olive. »Aber du respektierst mich?« sagte sie. »Ich respektiere dich mehr als alles in der Welt«, sagte ich. Das war eine der vielen Phrasen, die wir mal in einer Schundserie aufgeschnappt hatten, zu einer Zeit, als wir uns, noch nicht kannten. Ich fand ein Schälmesser und fing an, die Zwiebel abzupellen. »Und«, sagte ich, »ich fülle die Fehlstellen, die du hast. Unsere Stärken und Schwächen greifen so perfekt ineinander, daß wir beide zusammen mehr sind als die Summe unserer Teile.« Susan lächelte und aß die nächste Olive. Ihr Martini war fast ausgetrunken. Sie sagte: »Mach mir noch einen Martini.« Ich sah sie an, zog die Augenbrauen hoch und mixte eine neue Ladung. »Danke«, sagte Susan, als ich das Glas nachfüllte. Ich trank einen weiteren Schluck von meinem Whisky. Wenn das so war, wollte ich nicht zurückstehen. »Das ist eine von diesen Ironien der Liebe«, sagte Susan. Ihre Stimme hatte einen kristallenen Klang, wie durch einen Filter. »Alle überkommenen Vorstellungen gehen davon aus, daß die Liebe, will sie erfolgreich sein, auf gemeinsamen Interessen basiert. Die Computer der Ehevermittlungsinstitute sammeln Vorlieben, Hobbys, Urlaubsvorstellungen, und dann wird verglichen.« Ich war mit dem Pellen der Zwiebel fertig und sah mich jetzt nach einem Brett um. Ich fand es hinter dem Toaster, ein winziges Ding aus Fiberglas, das so aussah, als sei noch nie etwas auf ihm geschnitten worden. »Und in Wirklichkeit«, sagte Susan, »blüht die Liebe natürlich am besten, wenn Ying und Yang zusammentreffen.« »Ying trifft Yang?« »Ist egal«, sagte Susan. »Behalt dein Ying ruhig für dich.« Ich schnitt die Zwiebel klein, schabte die Karotte und schnitt sie auch auf. Die Broccoli zerteilte ich Blümchen für Blümchen. »Deshalb konnte ich dich auch in meiner Nähe aushalten«, sagte Susan., Sie stützte den Kopf auf die Hand. Sie nahm die nächste Olive aus ihrem Martini, biß sie halb ab und kaute, während sie die andere Hälfte betrachtete. »Als du mit Felton zusammen warst?« »Ja. Weil es nicht so sehr mein wie dein Bedürfnis war.« »Also meine Schwäche, so gesehen.« »Hmm.« Sie aß den Rest ihrer Olive und trank den Rest von ihrem Martini. Ich goß mir noch ein wenig Whisky über das Eis. Susan goß Martini nach. »Und es hat dir nichts ausgemacht«, sagte ich, »daß du nicht allein damit fertig wurdest?« »Nein«, sagte Susan und fixierte ihren Martini. »Weil es wahr war. Ich konnte es nicht. Nicht, wenn er versucht hätte, mich zu fesseln und zu erschießen.« »Du hattest eine Waffe«, sagte ich. »Wenn ich die zur rechten Zeit in die Hand bekommen hätte.« Ich lächelte plötzlich. »Du meine Güte«, sagte ich, »du wolltest mich also dabei haben.« »Teils, teils.« »Du wolltest, daß ich darauf bestehe. Du wolltest, daß ich unseren Streit gewinne.« »Daß ich das wollte, ist zu einfach ausgedrückt«, sagte Susan. Sie hatte den Blick von ihrem Martini gelöst und schaute jetzt zum Fenster hinaus. »Ich wollte es und wollte es nicht. Ich brauchte beides, meine Autonomie und deinen Schutz. Und die Art, wie ich mich verhalten habe, hat mir beides ermöglicht.« Ich hob den Deckel von der Pfanne und prüfte die Hühnerbrüste mit der Spitze des Schälmessers. Sie schienen aufgetaut zu sein. Ich fegte Karotten und Zwiebeln mit dem Messerrücken vom Schneidebrett in die Bratpfanne. Ich gab, noch eine Knoblauchzehe dazu und etwas Estragon, und dann stülpte ich den Deckel wieder darüber. Susan trank ihren Martini aus. Ihre Pupillen waren sehr weit. Sie setzte das Glas ab, stieg vom Hocker, ging zu mir und lehnte sich an mich, die Arme um meine Taille geschlungen. Ich legte meine Arme um sie, und so standen wir eine Zeitlang. Dann hob Susan ihr Gesicht, und ich küßte sie. Sie öffnete die Lippen und hielt mich fester und gab mir einen langen Kuß zurück. Dann wurde ihr Körper ganz schlaff, und sie brach ab, ließ den Kopf zurückfallen und sah mich an. Ihre Pupillen waren jetzt so groß, daß ihre Augen aussahen, als hätten sie keine Iris. »Ins Bett«, sagte sie. Ich hielt sie noch umarmt, machte einen Arm frei, um die Gasflamme unter den Hühnchen abzudrehen, ließ ihn dann an ihrer Rückseite hinabgleiten und hob sie hoch. Sie stieß mit dem Kopf gegen meine Schulter und schloß die Arme hinter meinem Nacken. Ich trug sie durch das Wohnzimmer und den Flur bis in ihr Schlafzimmer. Das ist nicht so leicht, wie es in Vom Winde verweht aussieht. Susans Bett bestand aus dunklen Weiden. Eine Überdecke mit Paisley-Muster lag darauf, und unter der Decke leuchtete ein kobaltblaues Bettuch hervor. Außerdem bedeckten das Bett ungefähr acht riesige Kissen mit Bezügen im gleichen Paisley- Muster. Ich ließ Susan auf das Bett hinab, und sie lag da, Arme und Beine flach ausgestreckt, und sah mich mit weit geöffneten Augen an. Ich zog meine Waffe aus dem Holster und legte sie auf den Weidentisch neben dem Bett. Ich zog mich aus. Susan lag bewegungslos und schaute mir zu. Nur ihre Augen bewegten sich. Ihr Körper hatte keinerlei Spannung mehr und schien mit dem Bett zu verschmelzen. Dann war ich ausgezogen, und sie hatte noch alle Kleider an., »Zieh mich aus«, sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber sie hatte immer noch diese eigentümliche Klarheit. Ich nickte und hatte dieses Gefühl, das mir immer kam, wenn ich ausgezogen war und meine Partnerin nicht. Ich zog Susan die Schuhe aus. Sie waren blau, mit niedrigen Absätzen. Ich stellte sie vorsichtig unter das Bett, wo keiner von uns drauftreten würde. Ich zog ihr die Jacke aus. Susan unternahm keine Anstrengungen, mir zu helfen oder mich zu behindern, sondern lag locker und ruhig da und sah mich mit ihren riesigen, verträumten Augen an. Den Pullover mußte ich ihr über den Kopf ziehen, und wenn sie mir dabei nicht half, würde es ein Problem werden. Ich faßte sie unter den Schultern und fing an, sie hochzuheben. »Laß den Pullover«, sagte sie. »Sicher«, sagte ich. Meine Stimme klang ein bißchen heiser. »Aber den Rock«, sagte sie. »Sicher«, sagte ich. Meine Stimme war noch heiserer. Ich hatte schon immer geschickte Hände, und so hatte ich ihr nach kurzer Zeit alles bis auf den Pullover ausgezogen. Während alldem lag sie schlaff und passiv wie ein Teddybär da, mit weit offenen Augen. Ich legte mich neben sie auf die linke Seite und stützte den Kopf auf den angewinkelten Arm. »Und jetzt?« sagte ich. Sie drehte sanft den Kopf zur Seite. Ihre Augen sahen durch mich hindurch und weit in die Ferne. »Alles«, sagte sie. … Im Spiegel schwankte der dunkelglänzende Lauf der Waffe nicht ein bißchen. Er steckte sie in den Gürtel zurück und übte das Ziehen und Zielen. Das probierte er wieder und wieder. Er experimentierte mit verschiedenen Griffarten beim Ziehen, die linke Hand als Stütze unter dem Griff und dann zielte er zweihändig, die Linke um die Rechte gelegt, nachdem er den, Hahn gespannt hatte. Und er probierte die seitliche Stellung einhändig. »Du Scheißkerl«, sagte er in den Spiegel. »Wie stark fühlst du dich jetzt?« Er steckte die Waffe zurück, zog sie wieder, ging dabei in die Knie. In ihrer Praxis hatte ihr Freund die ganze Zeit über kein Wort gesagt. Stand nur da, an die Wand gelehnt, mit verschränkten Armen. Verdammt dicken Armen, wie dieser Popeye, zum Teufel. Er drehte sich mit dem Rücken zum Spiegel, zog den Revolver, wirbelte herum, die Waffe in der Rechten, die Unterseite des Griffs im Handteller der Linken. Knie angewinkelt, das schwache Auge, das rechte, zugekniffen, und mit dem linken gezielt. Der Freund hatte keinen nervösen Eindruck gemacht. Er hatte ausgesehen, Mist, wie hatte er ausgesehen? »Er sah aus, als wüßte er, daß er mich kriegt.« Er ließ die Waffe sinken und hob sie wieder, lächelnd. »Du glaubst, du kriegst mich, du Scheißkerl?« Sein Magen drehte sich, als wolle er heraus. Das ging so, seit »sie« ihn rausgeworfen hatte. Jetzt steckten die beiden zusammen, und er war hier. Wahrscheinlich trieben sie es gerade miteinander, und er war hier. Und der schwarze Kerl ist auch noch da. Himmel, der war noch größer als der verdammte Freund. Er betrachtete die Sporttasche, hob sie auf und sah sich die aufgerollte Wäscheleine und die Rolle Klebeband an. Er legte die Waffe auf das Nachtkästchen, zog sich aus, klebte sich selbst den Mund zu und fesselte sich, so gut er konnte, legte sich auf das Bett und dachte an die Seelenklempnerin und wie ihr die Leine in die Schenkel schnitt. »Ich krieg’ dich, du Hure, früher oder später krieg’ ich dich.« Er sagte das, so laut er konnte, aber unter dem Klebeband klang es nur wie ein gedämpftes Stöhnen. So, wie sie sich anhören würde. Im Liegen wand er eine Hand aus der, Wäscheleine und masturbierte und stellte sich vor, wie sie durch das Klebeband stöhnte. »Ich krieg’ dich, du Hure, ich krieg’ dich.«, Es war ein langer, entdeckungsreicher, überraschender, wilder Nachmittag, und als es vorbei war, fiel Susan in Schlaf, noch immer in ihrem Pullover. Ich stand auf, nahm meine Waffe, ging in die Küche und inspizierte die Hühnerbrüste. Die Marinade, die ich über sie geschüttet hatte, hatte sie nicht verdorben, im Gegenteil, sie hatte ihnen vielleicht sogar gutgetan. Ich ließ sie, wie sie waren, und ging in Susans Badezimmer, legte meine Waffe auf den Wasserkasten über der Toilette, schob drei Paar Strumpfhosen beiseite und ging unter die Dusche. Als Shampoo benutzte ich französisches Walnußöl, das ich auf dem Badewannenrand fand, und als ich fertig war, zog ich den Morgenmantel aus grünem Samt an, den ich immer bei ihr hängen habe, zog eine Flasche Clubsoda aus dem Kasten unter dem Waschbecken, wo er seinen Standort hatte, griff mir den Revolver und ging zurück in die Küche. Ich machte mir einen leichten Scotch mit Soda, stellte mich ans Wohnzimmerfenster und schaute hinaus auf die Straße. Die Waffe lag hinter mir auf dem Kaffeetisch. Die Bäume an der Linnaean Street fingen an zu knospen. Die meisten waren Ahorne, dazwischen ein paar Eichen und mindestens eine Roßkastanie. Gegenüber auf der anderen Straßenseite vor dem Ziegelwohnblock stand eine Latino-Frau in einem bedruckten Kleid mit Daunenweste darüber und schaukelte ihr Baby in seinem Wagen. Sie lehnte an der Wand und rollte den Wagen immer vor und zurück. In der Wohnung war kein Ton zu hören. Ich hatte wieder das Gefühl von Frieden und Gleichmut, das mich immer überkam, wenn wir beide, Susan und ich, uns geliebt hatten. Ein Federal-Express-Lieferwagen hielt nebenan,, und eine junge Frau in Uniform stieg aus und eilte mit einem dieser dringend aussehenden Umschläge in der Hand zur Haustür. Direkt gegenüber saßen vier Tauben auf den Simsen am ersten Stockwerk, verdrehten die Hälse und gurrten. Ich sah wieder die Straße hinunter. Niemand zu sehen mit einer Pistole und aufgerollter Schnur. »Verflucht«, sagte ich laut in das stille Zimmer. Wenn er uns angreifen würde, könnte ich ihn töten, und die Sache wäre vorbei. Ich glaubte nicht, daß Hawk ihn verlieren könnte, und auch Quirk würde das nicht passieren. Und doch geschieht es. Es ist gar nicht so leicht, an jemandem dran zu bleiben, der weiß, daß er verfolgt wird und einen abschütteln will und sich nicht darum kümmert, daß man weiß, was er vorhat. Wenn der Kerl, den man verfolgt, einfallsreich genug ist, hat man in der Tat keine Chance. Ich wußte das, Quirk wußte es, und Belson wußte es. Hawk wußte es auch, obwohl Hawk niemals wirklich glaubte, daß man ihm einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Aus diesem Grund würde ich sie nie allein lassen. Ich ging zurück in die Küche und machte mir einen neuen leichten Scotch mit Soda, trat wieder ans Fenster und sah weiter hinunter. Und wenn er mich tötete? Ich schüttelte heftig den Kopf. Nur daran zu denken, war schon zu schmerzlich. Und allzu produktiv war es auch nicht. Gemessen an dem, wer ich war und was ich bisher gemacht hatte, mußte ich annehmen, daß ich gewinnen würde. »Nur, weil er besser als ich über einen Zaun springen konnte«, sagte ich. Ansonsten war kein Laut in der Wohnung zu hören. Es war wie so oft. Man spürt Angst nicht, wenn es am naheliegendsten ist, sondern wenn es am furchtbarsten ist. Wenn er es nun schaffte, an mir vorbeizukommen und bis zu, Susan vorzudringen… Ich schüttelte wieder den Kopf. Dazu müßte er Hawk abschütteln und es schaffen, mich auszuschalten. Und er müßte bei Susan sein, ehe sie nach der Waffe greifen könnte. Ob sie auf ihn schießen könnte? Ja. Sie könnte. Wenn sie müßte. Und wenn sie müßte, dann wäre sie ruhig und gefaßt, und die Pistole würde in ihrer Hand nicht zittern. Ich sah wieder auf die Straße hinunter. »Komm schon«, sagte ich. »Komm und tu es.« Ich hörte meine eigene Stimme im Raum und fand mich albern, aber meine Zähne blieben zusammengebissen und die Nackenmuskeln gespannt. Aus dem Schlafzimmer hörte ich Susans Stimme. »Hallo«, sagte sie. Sie klang sehr dünn. Ich ging durch den Flur in ihr Schlafzimmer. Sie lag auf dem Rücken, unter sich alle Decken, und hatte nur ihren Pullover an. Ich sagte: »Es ist liederlich und schamlos, zu lieben und dabei einen Pullover anzuhaben.« Sie sagte: »Sag mir bitte, daß es irgendwo im Haus eine Diät- Cola gibt.« »Ich habe eine unter dem Waschbecken im Badezimmer gesehen«, sagte ich. »Ich nehme an, du willst sie warm.« »Ja, und sofort«, sagte sie. Ich holte die Diät-Cola, goß sie in ein großes Glas, holte eine Zitrone aus dem Kühlschrank, schnitt eine Spalte ab und warf sie in die Cola. Tatsächlich war es nur das letzte Drittel einer Zitrone gewesen, von dem ich sie abgeschnitten hatte, und sie war schon leicht angetrocknet. Susan hatte sie in dem Eierbehälter in der Kühlschranktür aufbewahrt. Sie lag noch immer flach auf dem Rücken. Ich sammelte ein paar Kissen auf, die ich vorher zur Seite gestoßen hatte, drapierte sie um sie, herum, faßte ihr zwischen die Schulterblätter, setzte sie auf und schob die Kissen hinter ihrem Rücken zurecht. »Meine Güte«, sagte sie. Ich schob die Cola auf dem Tischchen ein paar Zentimeter näher. Ihre Augen erfaßten das Glas langsam. Sie nahm es von der Platte, trank und stellte es wieder zurück. Sie war das einzige mir bekannte menschliche Wesen, das Diät-Cola warm mochte. Sie holte tief Luft und ließ sie wieder entweichen. »Was sagtest du bezüglich des Pullovers«, sagte sie. »Ich sagte, es ist liederlich und schamlos, zu lieben und dabei einen Pullover zu tragen.« »Ja«, sagte Susan gedankenvoll. »Das ist es, nicht wahr?« Sie lächelte mich an. Sie sagte: »Wahrscheinlich ist es auch ganz schön schamlos, herumzuliegen und Diät-Cola zu trinken, mit nichts außer einem Pullover am Leib.« »Ja«, sagte ich, »aber Nachdurst nach fünf Martinis läßt den besten Mann zu Kreuze kriechen.« »Fünf?« »Fünf.« »Um Gottes willen«, sagte Susan. Sie zog die nackten Beine bis zur Brust. »Wie spät ist es?« »Viertel vor fünf«, sagte ich. »Die Cocktailstunde ist angesagt.« Susan zitterte. Sie hatte die Arme um die Knie gelegt. »Vielleicht helfen zwei Aspirin«, sagte sie. Ich holte ihr welche, und sie spülte sie mit der warmen Diät- Cola hinunter. »Wir haben den Lunch ausgelassen«, sagte sie. »Das war es wert, glaube ich.« »Natürlich war es das«, sagte Susan. »Aber jetzt brauche ich was zu essen.« »Das Hühnchen wartet«, sagte ich. »Gut geworden?«, »Ich hatte ausgeschaltet, ehe ich dich in die Gefilde heißer Leidenschaften entführte«, sagte ich. Sie lächelte mich an. »Du denkst an alles«, sagte sie. … Zeit, zu verschwinden. Seine Tasche hatte er gepackt, alles Zeug war drinnen. Zeit, in die U-Bahn zu steigen. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover, schwarze Jeans, schwarze Rennschuhe. Dazu die passende Navy-Wachmütze auf dem Kopf. Allerdings würde es den Leuten da draußen auffallen, wenn er mit geschwärztem Gesicht herauskäme. Zwei weiße Kerle hatten sich zu dem schwarzen gesellt. Sie waren um das Haus gegangen und hatten sich alle Eingänge angesehen. Dann verschwand der schwarze Kerl. Die beiden weißen blieben draußen. Sie saßen in einem Kombi auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von wo aus sie den Vordereingang und die seitliche Feuertreppe im Auge hatten. Diese blöden Scheißer glaubten, sie hätten ihn. Es half ihnen nichts, sie würden ihn nicht aufspüren. Hier nicht. Das hier war sein verdammter Fuchsbau. Er machte die Tür auf ging durch den Flur zum rückwärtigen Fenster und ließ sich von ihm aus ungefähr anderthalb Meter tief auf ein Dach gleiten. Auf dem lief er weiter, vorbei an einem Fenster, hinter dem ein fetter Kerl und seine Frau auf der Couch saßen und auf den Fernseher glotzten, und dann kletterte er die Feuertreppe des Nachbargebäudes wieder hinauf Die Dachbodentür zu dem Haus war offen. Es klappte wie immer. Als er die Treppen hinunterstieg, hatte er wieder dieses Gefühl im Magen und in den Leisten. Wie elektrischer Strom. Er hatte, was er brauchte, er war angezogen, wie es gut für die Nacht war. Alles läuft so, wie ich es brauche. Als er im Erdgeschoß angekommen war, ging er zur Hintertür, trat hinaus und ging die kleine Gasse, entlang, und er fühlte das Kribbeln in den Beinen und wie die frische Luft frei in seine Lungen strömte. Dann hatte er die nächste Straße erreicht und tauchte in der Dunkelheit unter, für alles gerüstet., Susan sagte erneut alle Termine ab, und zusammen mit Quirk, Belson und Hawk saß sie in meinem Büro. »Ich kann mir eigentlich nur vorstellen«, sagte Quirk, »daß er aus dem rückwärtigen Fenster gestiegen ist. Es gibt hinten einen einstöckigen Anbau, und auf den muß er sich heruntergelassen haben und dann zur Feuerleiter des Hauses nebenan gegangen sein. Die ist er raufgeklettert, zur Dachbodentür rein, und wieder runter. Unten gibt es einen Hintereingang, der auf die Cordis Street führt.« »Irgendwas gefunden in der Wohnung?« fragte ich. »Würden wir denn ohne Durchsuchungsbefehl da eindringen?« sagte Belson. »Ja«, sagte ich. »Nichts von Bedeutung«, sagte Quirk. »Gar nichts. Ein paar Kleidungsstücke, ein Fernseher, ein paar Dosen Tomatensuppe. Als hätte dort niemand richtig gewohnt.« »Was wird er jetzt unternehmen?« sagte ich zu Susan. »Ich weiß nicht. Es wird alles in ihm hochkommen. Der Druck. Die Therapie hatte ihn ja nicht vom Morden abgehalten, aber…« Sie schüttelte den Kopf. »Hätten Sie ihn nicht so lange in der Therapie behalten können, bis wir ihn geschnappt haben?« sagte Quirk. »Wäre doch alles in Ordnung gewesen, wenn ihr ihn nicht verloren hättet«, sagte Hawk. Er lehnte an der Wand neben dem Fenster. Quirk warf ihm einen langen Blick zu und nickte. Er sagte, zu Susan gewandt: »Pardon, die Frage war daneben.«, Belson sagte: »Der Lieutenant hält sich für einen ziemlichen Trottel, daß ihm das passiert ist. Und mir geht’s nicht anders.« Susan nickte. »Ist er vielleicht auf dem Weg zu Ihnen?« sagte Quirk. »Schon möglich. Ich habe ihn nicht richtig behandelt. Er wird enorm erregt sein. Früher war es so, daß er es, wenn dieses Gefühl ihn übermannte, symbolisch ausgedrückt hat. Wie sich jetzt seine Erregung mir gegenüber ausdrücken wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht geschieht es direkt, vielleicht weicht er auch auf etwas aus, das dann als Symbol für mich steht. Aber wie das aussehen könnte, läßt sich nicht sagen.« »Also haben wir jetzt weniger gegen ihn in der Hand als vorher«, sagte ich. »Bisher konnten wir sagen, er ist fixiert auf eine schwarze Frau in den Vierzigern. Aber wenn jetzt du es bist, die er strafen will…« »Ich weiß nicht«, sagte Susan. »Er hat seine eigenen Symbolismen. Er könnte auf mich losgehen, er könnte auch…« Sie schüttelte den Kopf. »… irgendwen«, sagte sie. »Okay«, sagte Quirk. »Wir suchen nach ihm. Ich bin zwar noch beurlaubt, aber ich kann eine Menge Cops dazu bringen, auf ihn zu achten.« »Haben Sie ein Foto?« sagte ich. »Ja, von dem Bewachungsunternehmen.« »Susan bleibt bei mir«, sagte ich. »Es könnte ja sein, daß er bei ihr zu Hause auftaucht.« »Wir überwachen das Haus«, sagte Quirk. »Was ist mit seiner Exfrau?« Ich sah Hawk an. »Ich weiß mich glücklich zu schätzen, sie beschützen zu dürfen«, sagte Hawk. »Es sei denn, du brauchst mich als Ersatzmann für dich.« »Nein«, sagte ich. »Ich bleibe ganz nah bei Susan.«, Hawk sah Susan an. »Paß auf dich auf«, sagte er. »Wenn du mich brauchst, ruft Henry an.« Susan lächelte. »Ja«, sagte sie. »Danke.« Hawk ging hinaus, Belson und Quirk gingen mit ihm. In meinem Büro war es still. »Was machen wir jetzt?« sagte Susan. »Wir schauen uns nach unserem Muttersöhnchen um«, sagte ich. »Gehen wir.« »Du meinst, er ist unterwegs und sucht nach seiner Mutter?« sagte Susan. »Hat er nicht eine Menge Gefühle, die er für sie hegt, auf dich übertragen.« »Ja.« »Also leitet er seine Erregung vielleicht auf sie ab. Ist das möglich?« sagte ich. »Möglich«, sagte Susan. »Übrigens«, sagte ich, »bin ich ziemlich sicher, daß er nicht hierher kommen wird.«, Ich fuhr in diesem Jahr einen schwarzen Jeep mit Hardtop und allen möglichen Zusatzeinrichtungen, die den, den ich damals in Korea gefahren hatte, glatt hätte erröten lassen. Wir parkten ein Stückchen weiter hinter in der Straße, in Swampscott, in der Feltons Mutter wohnte, gleich an der Uferpromenade gegenüber King’s Beach. Sie bewohnte das Erdgeschoß eines dreistöckigen Hauses, das man auch in Eigentumswohnungen aufgeteilt hatte, als das überall Mode war. »Knarre in der Handtasche?« sagte ich zu Susan. »Ja«, sagte sie. »Reißverschluß der Handtasche offen?« »Ja.« »Gut«, sagte ich. Mein Revolver steckte im Holster unter meiner Red-Sox-Trainingsjacke. Die Jacke trug ich offen. Das Wetter war mild und sonnig. Ich schaltete den Motor des Jeeps aus, und wir saßen da bei halboffenem Fenster und rochen den Ozean. »Steht das auch in eurem Leitfaden für Leibwachen?« sagte Susan. »Nehmen Sie die Frau, die sie beschützen, und lassen Sie sie den Mann suchen, vor dem Sie sie schützen?« »Ich dachte, du würdest mich beschützen«, sagte ich. »Wovor?« »Davor, daß meine Eier anschwellen, bis sie platzen«, sagte ich. »Ich tue mein Bestes«, sagte Susan. Es war ein heller Morgen. Junge Frauen mit kleinen Kindern, ältere Damen mit kleinen Hunden und hin und wieder ein älterer Mann mit einem Spazierstock spazierten die, Uferpromenade entlang, die sich durch Swampscott und Lynn und weiter den Damm entlang bis Nahant zog. Hinter dem Damm verlief die Straße. Ein Gehsteig grenzte an die Straße, und ein Zaun begrenzte den Gehsteig. Hinter dem Zaun ging es drei Meter abwärts zum Strand und zum Ozean, der von Portugal zu uns herüberrollte. Ein Öltanker bewegte sich unmerklich von Boston Harbor aus den Horizont entlang, etwa auf Höhe des Chelsea Creek. »Ich kann dich nicht allein lassen, und ich muß Felton finden. Also tun wir es zusammen«, sagte ich. »Ich weiß«, sagte Susan. »Wenn es nicht so tödlich wäre, würde es mir irgendwie gefallen. Ein bißchen Abenteuer.« »Na, dazu hast du jedenfalls den richtigen Kerl bei dir«, sagte ich. Im Rückspiegel entdeckte ich Felton. Er kam um die Ecke aus der Monument Avenue und marschierte auf meiner Seite der Straße die Uferpromenade entlang, eine kleine blaue Sporttasche in der Hand. Er war ganz in Schwarz gekleidet und sah aus wie ein Statist in Rambo. »Felton«, sagte ich. »Er geht direkt an dir vorbei, beug dich rüber und küß mich.« Susan reagierte schnell. Sie bog sich von ihrem Sitz zu mir herüber, und ihr Gesicht verdeckte meines, als Felton an unserem Jeep vorbeiging. Ich konnte ihn durch Susans Haar mit einem Auge beobachten. Er strahlte eine Art aufgeregte Wachsamkeit aus, wie ein Kind, das Krieg spielt. Er ging vorbei und bog zum Haus seiner Mutter ein. »Manchmal ist es besser, wenn man Glück hat, statt nur Klasse«, sagte ich zu Susan. Susan lehnte sich zurück und sah hinter Felton her. »Und was nun?« »Ich weiß nicht«, sagte ich. »Was ist seine Mutter für ein Mensch? Wird sie ihm helfen, wenn er gesteht?«, »Ich kenne sie nur aus einer Sicht. Wenn das Bild stimmt, ist sie lediglich daran interessiert, sich selbst zu schützen. Wenn mit ihrer Hilfe alles zu vertuschen wäre, würde sie helfen. Wenn sie sicher vor ihm wäre, wenn sie ihn ausliefern würde, dann täte sie das. Nach den Schilderungen ihres Sohnes wirkt die Sorge um die Meinung, die andere von ihr haben, geradezu lähmend auf sie.« »Warum ist er dann hier?« sagte ich. »Ich weiß nicht.« »Ist er vielleicht vor den Augen seiner Mutter besonders leicht verletzlich?« »Ja«, sagte Susan. »Okay«, sagte ich. »Er steckt eindeutig in seinem Kampfanzug. Sieht aus, wie man sich in Hollywood einen Fassadenkletterer vorstellt.« Susan beobachtete mit mir, wie Felton zum Haus seiner Mutter ging und in der Haustür verschwand. »Er hat seine Sporttasche bei sich. Vielleicht hat er saubere Socken und eine Zahnbürste drin. Aber vielleicht auch eine Schnur und ein Klebeband und einen Revolver Kaliber achtunddreißig«, sagte ich. »Würden wir ihn mit der Mordwaffe schnappen, dann hätten wir ihn.« »Es wäre schön, ein handfestes Beweisstück in der Hand zu haben«, sagte Susan. »Es wäre von nicht zu überbietender Dummheit, mit einer Mordwaffe rumzuziehen, wenn man weiß, daß man verfolgt wird«, sagte ich. »Es wäre aber auch eine Möglichkeit, sich schnappen zu lassen«, sagte Susan. »Wenn er das möchte«, sagte ich. »Ein Teil von ihm wünscht sich das«, sagte Susan. »Der hat ihn auch wahrscheinlich in die Therapie geführt. Und veranlaßt, zu schreiben und Anrufe zu machen.«, »Und in der hellen Mittagssonne einen Besuch bei seiner Mutter zu machen«, sagte ich. »Gehen wir rein.« »Und dann?« »Mal sehn, wie sich die Dinge entwickeln«, sagte ich. »Haben wir das Recht dazu, vor den Augen seiner Mutter?« »Suze, bis jetzt habe ich fast ausschließlich dein Spiel gespielt. Aber jetzt sind wir auf meinem Parcours. Jetzt geht es nach meiner Methode«, sagte ich. »Warum?« »Weil ich hierüber mehr weiß als du. Weil das hier etwas ist, was ich tue.« Susan schwieg einen Augenblick und sah zum Haus von Feltons Mutter hinüber. »Und es könnte sein«, sagte ich, »daß er Schnur und Waffe für seine Mutter bei sich hat.« Susan nickte langsam und öffnete die Tür auf ihrer Seite., Die Haustür führte zu einem engen Flur mit brauner Blümchentapete. Eine Treppe führte geradeaus in den ersten Stock. Rechts lag ein kleines Eßzimmer mit einem Mahagonitisch und zwei Eckschränkchen aus dem gleichen Holz. Auf der linken Seite befand sich ein Wohnzimmer, von der Breite des gesamten Hauses. Es hatte eine beigefarbene Tapete mit großen roten Blumen. Felton saß in einem Ohrsessel aus hellrotem Samt. Seine Mutter saß auf dem Sofa, auf dem eine blumengemusterte Überdecke lag. »Ja, wer sind Sie, bitte?« sagte Mrs. Felton. Sie war eine kleine Frau mit scharfen Gesichtszügen und honigbraun gefärbten, künstlich lockigen Haaren. Sie trug ein graugrünes Kleid und grüne, hochhackige Schuhe. »Mein Name ist Spenser, Mrs. Felton. Und das ist Dr. Silverman.« Mrs. Felton runzelte ein wenig die Stirn. Doktoren waren männlichen Geschlechts. Und Silverman klang jüdisch. Felton saß vollkommen bewegungslos in seinem Sessel. Die Sporttasche lag am Boden zu seinen Füßen. Er fixierte einen Punkt irgendwo zwischen Susan und mir. »Was wollen Sie?« sagte Mrs. Felton. »Sie hätten klopfen müssen.« »Wissen Sie, was Ihr Sohn im Schilde führt, Mrs. Felton?« sagte ich. Dummheiten machen? In die Mädchen-Umkleideräume spähen, der Lehrerin einen Reißnagel auf den Stuhl legen? Ihr Gesicht wurde hart, die Falten erstarrten, und die Augen wurden zu Schlitzen. Sie wandte sich an Felton., »Was meint er damit, Gordon? Was hast du jetzt wieder angestellt?« Felton blieb steif und still in seinem Sessel sitzen und sah niemanden an. »Nichts«, sagte er. »Ich kenne sie nicht.« »Dr. Silverman ist die Psychotherapeutin Ihres Sohnes«, sagte ich. Die Falten in ihrem Gesicht wurden tiefer, und ihr Gesichtsausdruck wurde eisig. »Psych –?« sagte sie. »Psychotherapeutin«, sagte ich. »Dr. Silverman ist Psychologin. Sie hat Ihren Sohn behandelt.« Mrs. Feltons Züge waren inzwischen wie hartgefroren. »Was hat er gesagt?« »Über Sie?« lächelte ich. »Ein bißchen viel für eine kurze Zusammenfassung.« »Gordon, was hast du über mich erzählt?« Felton blieb starr. »Ich halte nichts von diesem ganzen Psychozeug. Die meisten Doktoren sind verrückter als ihre Patienten.« »Das wissen Sie natürlich ganz genau«, sagte ich. Wir warteten. Das Schweigen hatte etwas sehr Eindringliches. Ich hatte keine Ahnung, was mein nächster Schritt sein würde. Ich hatte nur vor, uns alle so lange wie möglich in dieser streßgeladenen Situation zu halten. Ging ich zu hart vor, bestand die Gefahr, daß Felton vielleicht ausriß. Durchsuchte ich seine Sporttasche zu früh und fand dabei nur saubere Socken und eine Zahnbürste, dann hieße es eins zu null für Felton, und ich wollte nicht mehr, daß seine Psyche irgendwelche Punkte gewann. Sagte ich es aber geradeheraus und erzählte seiner Mutter, was er für einer war, dann fiel sie mir womöglich in Ohnmacht, oder sie bekam einen Wutanfall, oder sie überhörte es einfach und warf uns hinaus. Auch das würde Felton nur noch bockiger machen., Wir standen noch immer in dem Wohnzimmer, Susan ein kleines Stück hinter mir. Nach hinten führte noch eine Tür hinaus, wahrscheinlich in die Küche. Doch um die zu erreichen, müßte Felton aufstehen und um seinen Sessel herumgehen. Wahrscheinlich gab es in der Küche auch noch eine Tür, die nach hinten ins Freie führte. Wenn er dort hinauskäme, bevor ich ihn stoppen konnte, dann würde ich mehr verlieren, als ich jetzt hatte. »Gordon«, sagte Mrs. Felton. »Was hat das hier zu bedeuten?« »Nichts«, sagte Felton. Seine Stimme klang flach, als stecke sie weit hinten im Hals. »Also, ich will Ihnen mal eines sagen«, sagte Mrs. Felton. »Kein Junge hat eine bessere Mutter gehabt. Ich habe ihn nie eine Minute alleingelassen. Ich war immer für ihn da, wenn er Probleme hatte. Ich habe mich für diesen Jungen sein Leben lang zerrissen.« Ich sah Felton an. »Stimmt das, Junge?« Felton schien von weither zurückzukommen, wo immer er gewesen war. Sein Blick wandte sich von dem Fixpunkt irgendwo im Raum ab und Susan zu. »Da sehen Sie’s«, sagte er. »Sehen Sie, wie sie ist?« »Gordon«, sagte seine Mutter, »was in aller Welt sagst du da? Hüte dich, so mit mir zu sprechen.« Felton sah immer noch Susan an. »Habe ich etwas zu ihr gesagt?« sagte er. »Nein, ich habe mit Ihnen gesprochen. Aber sie sagt, ich soll nicht mit ihr so sprechen.« »Gordon, wag es nicht«, sagte seine Mutter., »Sehen Sie«, sagte Felton. Er lächelte ein wenig. »Es ist gut, daß Sie hierhergekommen sind, Doktor. Jetzt werden Sie mir vielleicht glauben, was ich von ihr gesagt habe.« Ich sah Susan an und schüttelte ganz leicht den Kopf. Susan schwieg. »Gordon, das reicht. Wenn du irgendwie in Schwierigkeiten bist, dann erzähle es mir. Ich will hier keine frechen Reden mehr.« Felton drehte sich um und warf ihr einen ausgedehnten Blick zu. Sein Körper blieb bewegungslos, nur sein Kopf drehte sich. Er hielt ihrem Blick stand. »Ach, Ma«, sagte er, »scheiß drauf.« Sie zuckte zusammen, als müßte sie es wörtlich verstehen, und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Ihre Sprache wurde zum Flüstern. »Was?« Felton stand plötzlich auf. »Einfach nur drauf scheißen sollst du. Du hast gesagt, wie du dich mein ganzes Scheißleben lang für mich zerrissen hast, und das will ich nicht mehr hören. Dr. Silverman weiß Bescheid. Du hast mich immer nur besessen. Du hast mich nie geliebt. Du hast nie jemanden geliebt. Du hast mich geliebt, wenn ich Dinge tat, die dir gefielen, und hast mich nicht geliebt, wenn ich Dinge tat, die du nicht mochtest, und nichts davon hatte irgendein Logik. Du frigide Hure hast mein Leben ruiniert, das ist es, was du getan hast.« Fast hätte ich Beifall geklatscht, wenn es nicht zu spät gewesen wäre. Das kurze, glückliche Leben des Gordon Felton. Seine Mutter schien ihn nicht gehört zu haben. »Gordon, in meinem Haus solltest du nicht eine solche Sprache benutzen. Du wirst gehen müssen. Und deine Freunde wirst du mitnehmen müssen.« Sie saß sehr aufrecht., »Sprache?« Feltons Lächeln wurde breiter. »Sprache? Du meinst ›scheiß drauf‹?« Er starrte sie an. »Weißt du, was ich getan habe?« »Gordon, ich bin deine Mutter. Du tust, was ich sage.« »Weißt du, was ich getan habe?« sagte Felton noch einmal. »Kennst du den Rote-Rosen-Mörder?« Sein Gesicht strahlte vor Heiterkeit und Vergnügen. Seine Wangen waren gerötet. »Ja? Du weißt von dem Kerl, Ma? Der farbige Mädchen fesselt und ihnen dann in die Fotze schießt?« Mrs. Felton wandte sich ab und sah fest auf die billige Stehlampe am Ende der Couch. Felton breitete die Arme aus, und sein Gesicht zuckte vor Lachen. »Ma, das bin ich. Ich habe das getan, Ma. Wie gefällt dir das, Ma? Dein Sohn Gordon ist eine Berühmtheit.« Seine Mutter wirbelte zu ihm herum. »Still«, zischte sie. »Du bist jetzt sofort still. Ich will kein Wort mehr davon hören. Ich habe Freunde, an die ich denken muß. Es macht dir wohl nichts aus, was du mir antust, oder?« »Was ich dir antue, Blackie? Ich bin der verdammte Serienmörder, Blackie, und daß ich das wurde, das hast du mir angetan.« »Sprich deine Mutter nicht mit Vornamen an«, sagte sie. »Ich weigere mich, dir weiter zuzuhören.« Sie setzte ihre Betrachtung der Stehlampe fort. Felton stand auf, die Arme von sich gestreckt, er atmete schwer, und sein Lächeln wurde schmaler. Seine Mutter starrte standhaft auf die Lampe. Er bemerkte, daß sie von ihm wegsah, und schüttelte einmal den Kopf. Er sah Susan an. »Und Sie?« sagte er. Susan schüttelte langsam den Kopf. Felton starrte sie an, und seine Augen füllten sich langsam mit Tränen. Er schüttelte wieder den Kopf und richtete seinen nassen Blick auf mich., »So, Big Daddy«, sagte er. »Dann sind wir beide dran.« »Was ist in der Tasche, Gordon?« sagte ich. Er sah zu Boden. Die hatte er vergessen. Er sah wieder zu mir hoch. »Meine Sachen«, sagte er. Die Tränen waren noch da, aber ein verschlagener Zug gesellte sich hinzu. »Sie haben einen Haftbefehl?« sagte er. Sein Blick wanderte im Zimmer herum. Ich zog meine Waffe unter dem Arm hervor. »Das ist er«, sagte ich. Mrs. Felton sah den Revolver. Offenbar war ihr Blick gar nicht so auf die Lampe fixiert, wie es schien. »Jesus, Maria und Josef«, sagte sie. Ich ging durch das Zimmer und hob die Sporttasche auf, die zwischen Feltons Füßen stand. Ich reichte sie Susan. Sie zog sie auf. »Es ist ein Klebeband darin, Wäscheleine, ein Revolver«, sagte sie. »Und solche medizinischen Handschuhe aus irgendeinem Kunststoff oder so.« Ich sah Felton an. Er starrte zurück, die Tränen standen ihm noch in den Augen. »Das wär’s«, sagte ich. Felton lächelte schwach. Er zuckte die Achseln. Von der Couch zischte ihm seine Mutter etwas zu. »Lauf.« Er sah sie an, als habe er eine Erscheinung. »Lauf, Gordon. Wir werden sagen, daß sie lügen. Niemand weiß es. Niemand wird es erfahren.« »Ma…« »Lauf«, zischte sie. Ihre Stimme klang heiser, tief aus der Kehle. »Lauf, lauf, lauf…« »Die Waffe wird ihn überführen, Mrs. Felton«, sagte ich. »Ich will nicht. Sie dürfen es nicht wissen. Sie dürfen nicht.«, Sie stand von der Couch auf und ging zu ihrem Sohn. »Bring mich aus dieser Sache raus«, zischte sie. »Um Gottes willen, lauf.« Sie schob sich plötzlich zwischen uns. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie schlug Felton mit Kraft ins Gesicht. »Lauf, du verkommener Balg.« Felton sah sie mit einem so schrecklichen Blick an, daß es mir den Hals zuschnürte. Er wirbelte herum und rannte auf die Küche zu. Seine Mutter packte meine Hand mit dem Revolver. »Lauf«, kreischte sie. »Lauf, lauf, lauf, lauf, lauf.« Ich schob sie zur Seite und sah zu Susan hinüber. Sie hatte auch ihre Waffe gezogen. Gott sei Dank. »Alles klar«, sagte sie. »Fang ihn.« Ich rannte Felton durch die Hintertür nach., Felton war schon über die Straße, als ich um die Ecke kam. Er rannte die Treppe zum Strand hinunter. Ich stieß die Waffe ins Holster zurück und zog die Sicherheitslasche fest, während ich die Straße entlangrannte. Als ich an der Treppe ankam, war er schon hundert Meter den Strand in Richtung Nahant hinuntergelaufen. Auf dem feuchten Sand verfiel ich in einen schnellen Dauerlauf. Ich wollte ihn nur nicht aus dem Auge verlieren. Der Wind, der vom Meer her wehte, war frisch, und er kam uns schräg entgegen. Heute keine Weltrekorde. Der Sand gab unter meinen Füßen nach und glättete sich wieder, und ich spürte ihn bis zu den Schienbeinen. Felton gewann ein bißchen an Boden. Was mich aber nicht beunruhigte. Ich wußte, ich konnte zehn Meilen laufen, wenn nicht mehr, und ich nahm an, daß ich die größere Ausdauer von uns beiden hatte. Zehn Meilen weiter, und wir waren der offenen See fünf Meilen näher. Ich spürte, wie sich der Schweiß unter meinem Hemd sammelte. Im Laufen zog ich meine Red-Sox-Jacke aus und ließ sie in den Sand fallen. Ein Typ, der mit seinem deutschen Schäferhund vorbeispazierte, starrte auf mein Holster. Der Sand war unangenehm. Ich war schwerer als Felton, und je mehr Gewicht man hatte, desto stärker gab der Sand nach und bewegte sich. Felton da vorne schien über ihn hinwegzuschwimmen, als wenn seine Füße kaum den Boden berührten. Ich stapfte weiter, kämpfte mit dem Sand, spürte den schweren Python gegen die Rippen unter meinem linken Arm schlagen. Vor uns unterbrach eine Barrikade aus durcheinanderliegenden Felsbrocken den Sandstrand. Felton, kletterte hinauf und sprang von Fels zu Fels. Als ich den ersten erreichte, war er außer Sicht. Die Steine waren mit Muscheln und Seetang bedeckt. Das ganze kleine Gebirge – seine Verlängerung ragte als Wellenbrecher ins Meer hinaus – hatte eine rostige Farbe, und das Salzwasser hatte sämtliche Kanten rundgeschliffen. Ich nahm mich in acht, als ich von Felsen zu Felsen kletterte. Es herrschte Ebbe. Bei Flut würden die meisten Steine unter Wasser liegen. Der Seetang war feucht. Mit Saugnäpfen wäre man besser vorangekommen als mit Füßen. Eine größere Welle schlug gegen die Felsbrocken, und Gischt sprühte auf. Ich achtete auf guten Halt, während ich die vorderste Spitze der Geröllzunge umrundete. Von den Muscheln bekam ich Kratzer an den Händen. Eine neue starke Welle brach sich am Stein. Wieder ein salziger Sprühregen. Es war erfreuliche Arbeit, durch die frische Luft zu laufen, die Brandung zu riechen, sich zu verausgaben. Vor mir tauchte wieder der Strand auf. Felton hatte ihn schon erreicht und rannte weiter. Er warf einen Blick zurück, als ich gerade von einem Felsen hinuntersprang und auf dem Sand landete. Felton legte einen Gang zu, sprintete, und der Abstand zwischen uns wurde größer. Wenn er das Tempo durchhielt, wäre er bald verschwunden. Aber ich fühlte mich immer besser. Meine Beine wurden lockerer, und meine Muskeln an Brust und Rücken wurden ein wenig weicher, während ich in stetigem Tempo rannte und mich etwas mehr an den Sand gewöhnte. Morgen würde ich wahrscheinlich nur noch Splitter als Schienbeine haben, aber heute bewegten sich Muskeln und Beine in frühlingshafter Lockerheit. Felton stapfte vor mir dahin. Der Sand machte es ihm auch nicht leichter. Er blickte sich um und sah mich noch immer auf seinen Fersen, und er senkte den Kopf und beschleunigte noch mehr. Warum er diesen Weg nahm, war mir ein Rätsel. Wäre er auf dem Gehsteig geblieben und hätte sich von dort in die, Wohngegenden geschlagen, die sich die Küstenlinie entlangzogen, dann hätte er mich inzwischen wahrscheinlich abgehängt. Er war mindestens noch 150 Meter von mir entfernt. Andererseits hatte Felton sich bis jetzt nicht gerade von der Vernunft leiten lassen, warum sollte sie hier plötzlich erscheinen? Er würde vermutlich wie ein Insekt in die Ramme fliegen. Ich sog die Luft in tiefen, leichten Zügen in die Lungen, und sie war beißend vom Geruch des Ozeans. Ich fühlte mich wie in einer Bierwerbung. Jagd auf einen mordlustigen Psychopathen, draußen am Ufer der ruhelosen See. Besser wird’s nicht mehr, Gordie. Vielleicht würden wir uns ja, nachdem ich ihn gefangen hatte, die Hände schütteln und auf ein Bier schauen, ohne es zu trinken. Vor uns ein neues Gebirge, neue Felsbrocken, die bis ins Wasser reichten; Felton befand sich noch davor auf meiner Seite. Ein gutes Zeichen. Die Steine reichten hier auf der einen Seite höher hinauf bis zum Damm, und die höher liegenden waren oben trocken und nicht von Seetang bedeckt. Diesmal schaffte ich es leichter hinauf, kam nicht aus dem Rhythmus. Oben, oberhalb der Wasserlinie, sprang ich von Stein zu Stein und bewegte mich dabei nur geringfügig langsamer als unten am Strand. Die größeren Wellen sprühten einige Gischt herauf, aber die meisten schlugen unter mir gegen die Felsen. Als wir es geschafft hatten und wieder unten am Strand waren, machte Felton den Eindruck, als fange es für ihn an, anstrengend zu werden. Über die Felsen war er mit Händen und Füßen gekrabbelt, und als es wieder zum Strand hinunterging, war er halb gesprungen und halb in den Sand gefallen. Als ich unten ankam, war Felton nur noch gute siebzig Meter vor mir, und sein Tempo hatte nachgelassen. Er drehte sich wieder nach mir um. Ich legte etwas Tempo zu. Und vor uns erstreckte sich gemächlich ein mehrere Meilen langer, von nichts mehr unterbrochener Strand den Damm entlang., Wer hat von uns die bessere Form, Gor die? Für mich ging es jetzt wie im Takt von Musik. Big wheel keep on turning. Links von mir breitete sich der Ozean aus, Illusion von Leere und Freiheit. Vielleicht Feltons letzte Illusion, die ihm diese Flucht noch schenkte. Unendlich offen, und doch: Würden wir uns ihm zuwenden, wir müßten sterben. Proud Mary keep on burning. Vorne sah ich Felton stolpern und mit den Händen voraus in den Sand fallen. Er rappelte sich wieder auf, stand und rannte wieder, aber dabei hatte er erneut zehn Meter verloren, und ich zog weiter heran. Rolling on the seashore. Felton rannte jetzt in einer rollenden Bewegung und schnaubte wie ein Pferd. Seine Schritte wurden ungleichmäßig, und seine Arme schwenkten ziellos hin und her. Ich schloß auf sechzig Meter auf. Dann auf fünfundfünfzig. Auf fünfzig. Eine halbe Meile weiter kam der letzte Wellenbrecher, wieder von einem Haufen ausgewaschener Steinbrocken umgeben. Wieder sah Felton sich nach mir um und dann nach rechts, wo der glatte Damm ihm den Weg auf die Straße abschnitt. Er versuchte besonders leichte Schritte zu machen, und taumelte vorwärts, stolperte, ohne zu fallen. Sah sich nach mir um. Sein Mund stand offen, und aus seiner Brust kam ein Keuchen. Ich sah, wie er nach Luft rang, so wie die Sprinter, wenn ihnen der Sauerstoff ausgeht. Fast hielt er an. Dann stürzte er auf die Felsbrocken zu. Bis er sie erreichte, erweiterte er den Abstand zwischen uns noch einmal um fünf Meter. Er begann zu klettern. Seine Glieder gehorchten ihm nicht mehr ganz und wirkten, als führe jedes sein Eigenleben. Er krabbelte eher, als daß er kletterte, klammerte sich an den krustigen Felsen fest, kämpfte sich nicht mehr steil nach oben, sondern in Richtung Meer. Ich blieb hinter ihm, hatte fast das Gefühl, als schwebte ich, als ich auf die Steine stieg, locker und elastisch. Spiderman im Anmarsch. Dieser Haufen war der höchste und der, der am weitesten ins Wasser hinausragte. Feltons Bewegungen waren, nun schwerfällig, er kroch nur mehr über die Steine. Er sah sich nicht mehr um. Er schien immer nur noch das nächste kurze Ziel vor Augen zu haben. Über den nächsten Stein kommen. Nicht in die Spalte dort rutschen. Ich war hinter ihm. Langsamer jetzt. Zeit lassen. Er rannte mir nicht mehr weg. Ich wußte nicht, was er vorhatte, aber sein Ziel war offenbar ein Ort, von dem aus es nicht mehr weiterging. Noch ein paar Bemühungen, und er war da. Was immer es war. Die Flut kam, und so war er jetzt von drei Seiten von Wasser umgeben. Fünfzehn Meter unter uns kochte die See zwischen den Felsen. Er sackte gegen einen großen, flachen Felsen, den es zu einer anderen Zeit einmal auf die Seite geworfen hatte, so daß seine flache Unterseite im Winkel von ungefähr 30 Grad hochragte. Er lehnte mit dem Rücken dagegen, die Beine breit nach vorn gestemmt, die Arme und die Hände mit den Handflächen gegen den Stein gepreßt. Er atmete schwer und verzweifelt, und schlimmer wurde es noch dadurch, daß er weinte. Ich balancierte jetzt auf dem Kamm des Wellenbrechers, und der Wind blies mir heftig ins Gesicht. Silbermöwen flatterten von ihren Schlafplätzen auf den Steinen hoch, kreisten in der Luft und ließen sich ein Stück weiter wieder nieder. Schließlich stand ich keine zwei Meter von Felton entfernt. Ich hielt an. Sein Gesicht war von Schweiß und Tränen überzogen. Er hatte sich an den Felsen die Haut aufgerissen, und an seinen Händen und Unterarmen war Blut zu sehen, ein wenig auch im Gesicht. Nichts war zu hören, außer seinem gequälten Ringen nach Atem. Doch darüber und über dem Rauschen des Meeres war aus der Ferne das hohe Heulen von Sirenen zu hören. Susan hatte wohl die Polizei gerufen. Aber es war ein langer Weg bis zu ihnen zurück. Hinaus aus der Gischt, den Steinen, hinab auf den Strand, wo es unter den Füßen wieder sicherer war. »Hallo, die Jagd ist zu Ende«, sagte ich., Er sah mich an und durch mich hindurch und über die Steine hinweg auf die See. Er sah Dinge, die ich nie gesehen hatte, Dinge, die vielleicht nie jemand sehen sollte, und er sah sie vor sich, während sein Atem pfiff und die Tränen sein Gesicht hinabrannen und sein Brustkorb sich hob und senkte. »Gehen wir«, sagte ich. Die Sirenen übertönten immer noch den Wind und die Wellen, aber es wurden weniger. Einige Streifenwagen standen wohl schon auf dem Parkplatz oberhalb des Felsens, das Blaulicht eingeschaltet, während die Funkgeräte quäkten, wie sie das bei der Polizei zu tun pflegen. Mechanische Wortwechsel über die dunkelsten Seiten des Lebens. Ich sah ihn nicht an. Ich wußte, was ich sehen würde. Ich hatte es zu oft gesehen, hatte gesehen, wie ein Menschenleben zu sehr in die Enge getrieben wurde, und ich hatte dabei selber manchmal mitgetan. »Erschieß mich«, keuchte Felton. Ich schüttelte den Kopf. »Du weißt… was mir alles… passiert… im Gefängnis.« Ich nickte. Felton sah nach unten auf das schäumende Wasser zwischen den Felsen. »Wenn… ich springe… hältst… du mich auf?« Ich schüttelte den Kopf. Ich sah zum Wasser hinab. »Würde eine Weile dauern, bis Sie tot wären«, sagte ich. Felton kam langsam wieder zu Atem. Die Tränen flossen immer noch, aber weil sein Atem ruhiger ging, war es kein krampfhaftes Weinen mehr. Er sah mich jetzt an, ein wenig direkter. »Wissen Sie, daß ich verrückt bin?« sagte er. »Ja«, sagte ich. »Sie werden mich in Bridgewater unterbringen oder etwas Ähnlichem«, sagte er. »Sie werden mir helfen.«, »Wahrscheinlich«, sagte ich. »Ich glaube nur, sie haben siebenhundert Insassen in Bridgewater und nur einen einzigen Psychiater. Dürfte sich ein wenig von der Hilfe unterscheiden, die Sie bisher gewohnt waren.« Die Gischt spritzte mit zunehmender Flut immer höher herauf. Meine Haare klebten mir an der Kopfhaut, das Gesicht war naß. Mein Atem ging fast normal, und mein Puls war wieder unter hundert, und ich spürte, wie das Blut mir leicht durch die Adern strömte. Ein paar Schlucke kaltes Bier wären jetzt genau das Richtige, dazu vielleicht ein netter Schwatz mit jemandem, der nicht vier Frauen ermordet hatte. Hinter mir ertönte vom Parkplatz ein Megaphon: »Hier ist die Polizei, brauchen Sie Unterstützung?« Ich hob die Hand, ohne mich umzuschauen, und winkte ab. »Sie war es«, sagte Felton. »Sie hat mich dazu gemacht, dazu mußte ich einfach werden.« Ich zuckte die Achseln. »Kommen Sie«, sagte ich. »Wir müssen gehen.« »Ich kann nicht«, sagte Felton. »Ich helfe Ihnen«, sagte ich. Ich machte einen Schritt auf ihn zu, griff nach seinen Armen und zog ihn von dem Felsen weg. Seine Beine gaben nach, und er sackte zusammen. Ich schob meine Arme unter seine Achseln und um den Rücken und hielt ihn hoch. Er sackte gegen mich und verbarg sein Gesicht an meiner Brust und fing wieder heftiger an zu weinen. Seine Arme schlangen sich um mich, und er hielt mich fest, und was er sagte, kam nur gedämpft aus seinem Mund an meiner Brust. Ich hörte genauer hin. »Papa«, schluchzte er. »Papa.« Ich hielt ihn so eine ganze Weile fest, teils mitleidig, teils angewidert, bis zwei Cops angeklettert kamen, und wir drei ihn dann gemeinsam abführten., Wir saßen in einem neuen chinesischen Restaurant in Boston, und Susan aß Sushi. Sie aß es mit Stäbchen, und zwar mit der gleichen Geschicklichkeit, die ich mit der extra verlangten Gabel zustandebrachte. »Himmel«, sagte ich, »dein Fisch ist ja nicht gekocht.« »Soll ich ihn zurückgehen lassen?« sagte Susan. Ich hatte Shrimps und vorher eine Portion Bambussprossen bestellt, dazu eine Flasche Haus-Bier. »Besser, wir kränken den Küchenchef nicht gleich«, sagte ich. »Die Shrimps wird er uns ja nicht roh schicken.« »Okay«, sagte Susan. »Dann würge ich es mal runter.« Sie nahm einen winzigen Schluck Saki. Dann prostete sie mir mit dem Gefäß zu. »Auf den Marathonläufer«, sagte sie. Und lächelte. »Es gibt eben nicht nur Kurzstreckenrennen«, sagte ich. »Ich dachte, du würdest schießen«, sagte Susan. »Als er lief, hättest du auf ihn schießen können.« »Wahrscheinlich«, sagte ich. »Ganz sicher hätte ich ihn niederschlagen können, als er in die Felsen geklettert war.« »Aber du hast es nicht getan«, sagte sie. Ich zuckte die Achseln. Susans Lächeln wurde ein wenig breiter. »Ich weiß, warum du es nicht getan hast«, sagte sie. »So?« Ich hatte meine Vorspeise bekommen und nahm ohne Umschweife die Gabel zu Hilfe. »Das erste Mal, als du ihn verfolgt hast, ist er dir abgehauen«, sagte Susan., »Ja, da war dieser Zaun«, sagte ich. »Und diesmal«, sagte Susan, »warst du ihm auf den Fersen und mußtest ihn kriegen.« »Um das auszugleichen«, sagte ich. »Ach, komm. Klingt das nicht ziemlich kindisch?« »Ganz und gar«, sagte Susan. »Miss Schlaumeier«, sagte ich. Susan aß wieder ein Stückchen Sushi und machte ein zufriedenes Gesicht. »Quirk und Belson wieder im Dienst?« sagte Susan. »Klar.« »Tausend Entschuldigungen?« sagte Susan. Ich grinste. »Kaum«, sagte ich. »Jeder erinnert jeden daran, daß er eigentlich von Anfang an Quirks Meinung geteilt habe.« »Was ist mit dem Mann, den sie unter Anklage gestellt hatten?« »Washburn? Sie verfolgen ihn weiter wegen des Mords an seiner Frau.« »Und Gordon Felton?« »Ich nehme an, er wird auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren, das Gericht wird ihm glauben, und er kommt ins Bridgewater State Hospital. Wo man ihn nicht heilen wird.« »Also, ohne nun über die Beurteilung von Unzurechnungsfähigkeit durch die Gerichte mit dir zu streiten – anders hätte Felton wahrscheinlich gar nicht tun können, was er tat«, sagte Susan. »Und doch«, sagte ich, »gibt es eine Menge Leute, die mit ähnlichen Problemen aufwachsen, wie Felton sie hatte, und trotzdem marschieren sie nicht los und ermorden eine Frau nach der anderen.« »Ich weiß nicht«, sagte Susan. »Ich meine, ich könnte jetzt etwas mächtig schlau Klingendes über die unendliche Zahl von Variablen im menschlichen Verhalten von mir geben und daß, in Wirklichkeit niemals zwei Menschen mit genau der gleichen Art von Problemen aufwachsen. Aber das ist in der Tat nur eine andere Art ›Ich weiß nicht‹ zu sagen.« »Kann er geheilt werden?« »Nicht in Bridgewater«, sagte Susan. »Das weiß ich«, sagte ich. »Aber bei passender Behandlung, wäre er da zu heilen?« Susan nahm ihren letzten Bissen Sushi zu sich und dazu einen Schluck Saki. »Heilen ist wahrscheinlich das falsche Wort. Ihm kann geholfen werden. Man kann ihn wahrscheinlich davor bewahren, daß es schlimmer wird, vielleicht kann man ihm etwas von dem Druck nehmen, der ihn in seine Krankheit getrieben hat, und vielleicht kann man ihm, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine neue Richtung geben, in der er sich auf weniger destruktive Weise auslebt.« »Darauf läuft es dann raus?« fragte ich. »Ich weiß, das hört sich alles so nach Therapeuten-Gerede an, aber es ist tatsächlich die einzige Antwort, die ich habe. Was noch die Frage nach wirklicher Heilung berührt, ist natürlich der Umstand, wie ernsthaft er selber an die Sache herangeht. Wenn sich seine Krankheit darin ausgedrückt hätte, daß er, sagen wir einmal, Strumpfhosen von der Wäscheleine klaute, dann könntest du wohl sagen, ja, der Mann kann geheilt werden. Weil für den Fall, daß du dich irrst, die Folgen für dich unerheblich sind. Aber wie kann jemand dafür garantieren, daß er, wenn man ihn freiläßt, nicht wieder jemanden umbringt? Ich könnte das sicher nicht.« Die Kellnerin kam, nahm unsere Teller und brachte uns Shrimps und eine Schüssel Reis. Mir brachte sie ein neues Bier. Als sie wieder fort war, sagte ich zu Susan: »Ich habe ein schlimmes Gefühl, wenn ich an Felton denke.« Susan sagte: »Ja.«, »Aber ein noch schlimmeres habe ich, wenn ich an die Frauen denke, die er ermordet hat.« »Ja«, sagte Susan wieder. »Und was ist mit der Mutter?« »Schwer zu sagen«, sagte ich. »Aber nicht unmöglich«, sagte Susan. »Überleg dir, wie verzweifelt sie sich ihr Leben einrichten mußte, ohne über eine andere Kraft zu verfügen als die, Liebe und Liebesentzug einzusetzen.« »Und das alles für die Katz«, sagte ich. »Ihr guter Ruf wird dahin sein.« »Grausam«, sagte Susan. »Naja, ich hatte nie eine Mutter«, sagte ich. »Vielleicht macht mich das etwas unempfindlich.« »Möglich«, sagte Susan, »aber du hast starke Lenden. Das macht einiges wieder gut.« Ich griff nach der warmen Saki-Flasche und schüttete in ihren kleinen Saki-Becher nach. »Weißt du, was mir an diesem ganzen Geschäft gefallen hat?« sagte ich. »Nicht so recht«, sagte Susan. »Was mit uns beiden geschehen ist«, sagte ich. Susan nickte. »Es gefällt mir immer, was wir zusammen machen«, sagte ich, »aber diesmal steckte soviel darin, womit wir uns gegenseitig auf die Nerven gegangen sind, daß ich direkt Bewunderung dafür aufbringe, es ohne Blessuren überstanden zu haben.« »Ja«, sagte Susan, »wir waren uns dauernd im Wege und versuchten doch nur, beide unseren Job zu machen.« »Und wir sind dabei nicht bösartig geworden«, sagte ich. »Wir waren immer nett zueinander.« »Meistens«, sagte Susan. »Und uns immer nah«, sagte ich., Susan lächelte mich an, langte über den Tisch und legte ihre Hand auf meine. »Es war schon eine heikle Situation«, sagte sie. »Du hast mir gesagt, was ich in meinem Beruf zu tun habe, und umgekehrt ebenso. Und beide waren wir etwas zickig auf unsere Selbständigkeit bedacht.« »Ohne dieses wir zu beschwören«, sagte ich, »möchte ich doch anmerken, daß soviel Reife eine Belohnung verdient hat.« »Ich habe aber keine Lust, in den Fenway Park zu fahren und den Red Sox bei irgendwas zuzusehen«, sagte Susan. »Ich hatte eher eine Begegnung auf sexueller Ebene im Hinterkopf«, sagte ich. »Mit den Red Sox?« »Nach den Erfahrungen des letzten Jahres scheinen sie mir etwas zu unbeholfen dafür«, sagte ich. »Ich denke, da hast du eher mich verdient, Spenser, das Laufwunder.« »Ja«, sagte Susan, »bei Gott, ich fürchte, das ist es, was ich verdient habe.« »Wollen wir also unser Dinner beenden«, sagte ich, »und dann zu dir gehen und uns lieben?« »Gewiß doch«, sagte Susan. »Mit oder ohne Pullover?« sagte ich. Dann kam ein langer, schweigsamer Augenblick, in dem Susan mich sehr direkt ansah. Mit ihren großen, dunklen, weit offenen Augen und einem seltsamen Gesichtsausdruck, der ein Lächeln hätte sein können. Und dann tat sie etwas, was ich an ihr noch nie gesehen hatte. Vielleicht etwas, das noch nie jemand an ihr gesehen hatte. Sie errötete. … Es war heiß in der Zelle. Und das Gefängnis war laut, überall diese wütend-obszönen Ausdrücke. Er war nie zuvor in einem Gefängnis gewesen. In der Zelle gab es kein Licht. Das helle Licht im Gang konnte er sehen. Es warf lange Schatten., Es roch auch furchtbar. Urin, Kot, Pfeifenqualm, Körpergeruch, Zigaretten, Angst. Niemand war mit ihm in der Zelle. Das hier war eine zugleich wütende und eingeschüchterte männliche Welt, düster, stinkend, frauenlos. Sie wußten es bereits. Mitgefangene schrien ihn an, wenn er dazu kam. Die Schwarzen verfolgten jeden seiner Schritte. Er lag auf der nackten Matratze und weinte, das Gesicht in den Armen. Keiner kümmerte sich um ihn. Nicht einer. Er war ganz allein. Seine Einsamkeit tat ihm weh, bis tief in den Magen, bis hinauf in den Hals, bis in die Fingerspitzen. Er fühlte sich schwach und winzig. Nicht einer. Niemand. Nicht einer… Er erinnerte sich, wie er im Bett der Mutter gelegen hatte… die eine Sache, die er der Seelenklempnerin nicht erzählt hatte. Der Leib seiner Mutter, nackt, der ein wenig nach Kochen roch und ihn berührte. Ihre Hand berührte ihn, preßte ihn an sich, der Geruch von Weißwein, das Stöhnen seiner Mutter, ein stimmloses, wortloses Stöhnen, als sie ihn an sich zog. In sich zog. Er setzte sich auf und zog sein Hemd aus. Er knotete einen Ärmel um seinen Hals, stand auf, ging zur Zellentür, setzte einen Fuß auf den unteren Riegel, hielt sich am oberen fest und schwang sich hinauf. Den anderen Ärmel zog er von unten nach oben hinter beiden Riegeln durch und knotete ihn mit der freien Hand an einer Halterung fest. Er verkürzte das Spiel, das er jetzt noch hatte, auf ungefähr dreißig Zentimeter und hielt sich jetzt mit beiden Armen am oberen Riegel. »Ich habe es nie erzählt«, sagte er. Er hörte seine Stimme in der leeren Zelle und ihren Widerhall in der menschenleeren Dunkelheit. »Ich habe es nie erzählt, Mama«, sagte er, löste seine Füße vom unteren Riegel und ließ los…]
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