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Gwalchmai hörte das Rascheln trockener Blätter hinter sich und fühlte etwas wie tastende Finger an seiner Schulter. Er fuhr herum und starrte voller Entsetzen zu einer Ameise empor, größer als ein Wolf, deren gewaltige Kiefer aufgerissen waren, bereit, ihn zu zer- malmen. Er rollte sich blitzschnell zur Seite, und nur wenige Zoll neben seinem Arm schnappte die tödliche Zange aus Chitin zu. Be- vor er auf den Beinen war, ragte das Monster schon über ihm und griff mit seinen scharfgekanteten Vorderbeinen an. In letzter Minute gelang es ihm, seinen schweren Mantel zu einem schützenden Kis- sen zu...
Autor Anonym
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Gwalchmai hörte das Rascheln trockener Blätter hinter sich und fühlte etwas wie tastende Finger an seiner Schulter. Er fuhr herum und starrte voller Entsetzen zu einer Ameise empor, größer als ein Wolf, deren gewaltige Kiefer aufgerissen waren, bereit, ihn zu zer- malmen. Er rollte sich blitzschnell zur Seite, und nur wenige Zoll neben seinem Arm schnappte die tödliche Zange aus Chitin zu. Be- vor er auf den Beinen war, ragte das Monster schon über ihm und griff mit seinen scharfgekanteten Vorderbeinen an. In letzter Minute gelang es ihm, seinen schweren Mantel zu einem schützenden Kis- sen zu ballen und damit die Gefahr abzuwehren. Erst als er mit ei- nem gezielten Hieb seiner Feuersteinaxt den Kopf des Insekts vom Rumpf getrennt hatte, endete das schrille Zirpen. Der Körper wand sich in konvulsivischen Zuckungen, schoß hoch und raste zum See- ufer hinab. Dort brach er durch Tamarisken und Schilf und kam erst zum Halten, als das Wasser den wilden Schwung hemmte und das Tier in die Tiefe zog. Zahllos sind die Abenteuer, die Gwalchmai, Sohn eines römischen Legionärs und Patenkind des großen Magiers Merlin, bestehen muß. Zusammen mit Corenice, der Frau mit dem goldenen Körper, zieht er aus, die Kunde vom unermeßlich reichen Kontinent Alata im We- sten der Welt einem christlichen Herrscher zu bringen, damit dieser das Land besiedle. Doch niemand scheint der Verheißung würdig – bis Gwalchmai auf Christoph Kolumbus trifft und ihm den Weg nach Amerika weist. Dies ist der dritte Band der großen Fantasy Trilogie von H. Warner Munn. Die beiden ersten Romane, »Ein König am Rande der Welt« (HEYNE- BUCH Nr. 3696) und »Das Schiff von Atlantis« (HEYNE-BUCH Nr. 3714), sind bereits erschienen., Vom selben Autor erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Ein König am Rande der Welt · Band 3696 Das Schiff von Atlantis · Band 3741,

H. WARNER MUNN MERLINS RING

Ein klassischer Fantasy-Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!, HEYNE-BUCH Nr. 06/3826 im Wilhelm Heyne Verlag, München Titel der amerikanischen Originalausgabe MERLIN'S RING Deutsche Übersetzung von Joachim Pente Das Titelbild schuf Jim Burns Die Innenillustrationen zeichnete Klaus D. Schiemann Redaktion: Friedel Wahren Copyright © 1974 by H. Warner Munn Copyright © 1981 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München Printed in Germany 1981 Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs & Schütz, München Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3-453-30728-3,

INHALT

TEIL EINS 1. Der Mann im Eis ... 7 2. Merlins Patensohn ... 37 3. Die Celi Dei ... 67 4. Auf nach Alata! ... 103 5. Die Seherin ... 125 6. Im Land der Elfen ... 161 7. Die verbrannte Heide ... 184 8. Die Jagd nach dem Einhorn ... 207 9. Das Schwert Arthurs ... 233 10. König einst und König der Zukunft ... 265 11. Arngrim und die Goldene Frau ... 310 12. Zu Ehren Rolands ... 344 13. Endlich in Rom ... 378 TEIL ZWEI 14. Die Katakomben ... 394 15. Auf der Suche nach Priester Johann ... 418 16. Durch die magische Tür ... 440 17. Der Feuerdrachen ... 477 18. Das Reich der Träume ... 507 19. Söldner des Glücks ... 558 20. Vorwärts – das Banner ... 575 21. Endlich – Corenice ... 603 22. Für die Jungfrau! ... 632 23. Der Marktplatz von Rouen ... 645 24. Der Phönix steigt aus der Asche ... 663 25. Der Teufel von Mâchecoul ... 676 26. Der Wanderer ... 697 27. Merlin erklärt ... 719 Epilog ... 737 Nachwort von F. Stanya ... 740, TEIL EINS

Der Mann im Eis

Fünf Tagesreisen von Streymoy entfernt, bei den Färöer-Inseln, erreichte das kleine Fischerboot, nach- dem ein steifer Westwind es weit auf die unbekannte See hinausgetrieben hatte, neues Land. Der Tag war schön, und der Himmel leuchtete blau. Als der Wind und der herniederprasselnde Regen aufgehört hatten und die Sonne herausgekommen war, sie zu wärmen, hatten die vier Insassen des Schiffes den Göttern gedankt. Zu keinem Zeitpunkt ihrer Irrfahrt hatten sie übertriebene Furcht empfun- den. Sie alle waren gute und erfahrene Seeleute. Den- noch hatte es ihnen ein gewisses Gefühl der Beruhi- gung vermittelt, das kleine Goldstück zwischen den Fingern zu spüren, das jeder nordische Seemann bei sich trug, war es doch ein großes Unglück, mit leeren Händen Rans Halle zu betreten, wenn man ertrunken war. Am meisten hatte ihnen der Mangel an warmer Nahrung zu schaffen gemacht. Käse und harter Zwieback mögen zwar nahrhaft sein, doch sind sie alles andere als schmackhaft, und roher Kabeljau ist auch nicht viel mehr als ein schaler Ausgleich. Zu al- lem Überfluß ging ihnen jetzt auch noch das Wasser aus, obgleich sie sehr sparsam damit umgegangen waren und einiges von dem Regenwasser hatten auf- fangen können., Zwar trieben Eisschollen auf dem Wasser, doch war dies Eis noch neu und brackig; es enthielt noch viel zuviel Eis, um als Trinkwasser verwertet werden zu können. Auf der Suche nach einem geeigneten Trinkwasserreservoir drehten sie jetzt nach Norden, wo eine dichte Schicht Packeis, das sich weiß glän- zend gegen den blauen Himmel abhob, darauf hin- deutete, daß festes Land darunter lag. Der Eigentümer des Schiffes war Skeggi Harvads- son, von seinen Leuten ›Haarmaul‹ genannt, jedoch nur, wenn er außer Hörweite war. Dann waren da noch Thyra, seine Tochter, und Biarki, dem sie ver- sprochen war. Biarki war der Sohn Orms. Dieser wiederum war der Sohn von Ketil dem Starken. Der Ruf seines Va- ters lag wie ein Schatten über ihm, und Biarki war alles andere als glücklich und stolz darüber, einen solchen Vorfahren zu haben, denn er konnte den Schatten seines Vaters einfach nicht abschütteln, und seine Mittel erlaubten es ihm nicht, so zu leben, wie er es gerne gewollt hätte. Obwohl er Skeggis Partner war, die Hälfte des Bootes besaß und sich darauf freuen konnte, daß Thyra einmal seine Frau werden würde, haderte er mit dem Schicksal. Statt ein einfa- cher Fischer zu sein, wäre er viel lieber als stolzer Wi- kinger in die Welt hinausgefahren, um große Aben- teuer zu bestehen. Denn nur auf diese Weise, so glaubte er, konnte er Ehre und Ruhm erlangen. Der vierte im Bunde war Flann, der Knecht, der mit Verachtung auf die Mitglieder seines Standes herab- zuschauen pflegte. Auch er hatte ein Kümmernis, das ihm schwer zu schaffen machte. Obwohl Skeggi und Thyra ihn als ein vollwertiges, verdientes Mitglied ih-, rer Familie betrachteten, trug er doch immer noch den eisernen Kragen. Es war das einzige Zeichen sei- ner Knechtschaft. Obwohl es kaum dicker als ein Draht war und die anderen es kaum bemerkten, la- stete es auf Flann wie ein schweres Joch. Als kleiner Junge schon war er bei der Plünderung von Lindisfarne geraubt worden, als seine Eltern un- glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt gerade zu ei- nem Besuch auf jener heiligen Insel weilten. Er war von einem Herrn zum anderen weiterver- kauft worden und viel geschlagen worden. Doch trotz alledem hatte er immer fest an seinem Glauben gehalten und ging nie einer Gelegenheit aus dem Wege, sich mit denen zu streiten, die er als Heiden betrachtete. Er konnte lesen und schreiben, und eine seiner größten Entbehrungen war der Mangel an Bü- chern. Da er eine schöne Stimme besaß und ausgezeichnet singen konnte, war er bei den meisten Leuten beliebt. Doch er war recht streitsüchtig, und manch einer fand, es wäre besser gewesen, er hätte häufiger ge- schwiegen, statt zu reden. Biarki haßte ihn wegen seines losen Mundwerks. Nun lächelte er spöttisch, als Biarki auf die ruhige See schaute, auf der sich lediglich ein paar kleine Wellen kräuselten, und bemerkte: »Rans Bad reicht tief hinab, aber Thor hat die Winde beruhigt und wird uns sicher nach Hause geleiten.« »Die alten Götter sind tot«, entgegnete Flann spitz. »Ist das noch nicht bis zu dir vorgedrungen?« »Bei Thors Hammer!« brüllte Biarki und fuhr her- um. Er konnte schnell aufbrausen. Drohend beugte er sich über den Leibeigenen. »Wieviel muß sich ein, Mann noch von diesem Sohn einer schwarzen Robbe bieten lassen? Skeggi, ich bezahle jetzt das Goldstück und bringe diesen Kerl um! Er kann niemals sein Maul halten, und mir reicht es! Hier, sein Gegen- wert!« Mit diesen Worten warf er eine Kupfermünze zu Boden und zückte seinen Dolch. Flann bewegte sich nicht und änderte auch seinen spöttischen Gesichtsausdruck nicht, doch Thyra er- hob sich in dem schwankenden Boot und griff nach Biarkis Arm. Ihr Gesicht war bleich. Skeggi hob die Hand von der Ruderpinne. »Wenn er den Tod für eine ehrliche Meinung und feste Hal- tung verdient – was im übrigen nicht meine Ansicht ist –, dann von meiner Hand! Er ist mein Leibeigener, Biarki, nicht deiner, und Blut, das in meiner Familie vergossen wird, kann nur mit Blut vergolten werden, nicht mit Geld. Steck deinen Dolch weg, wenn du nicht bereit bist, auch den meinigen zu spüren!« Biarki schaute ihn mit loderndem, haßerfülltem Blick an. Sein von einem verfilzten, mit salzigen Flek- ken gesprenkelten Bart umrahmtes Gesicht lief pur- purrot an. Seine Familie, so sagte man, hatte nicht wenige Berserker hervorgebracht, und Biarki war ge- fährlich nahe daran, in einen ebensolchen Wahn zu verfallen. Doch das Gefühl von Thyras kleinen Hän- den auf seinem Arm beruhigte ihn, und seine Wut verrauchte. Er stieß ein unwilliges Grunzen aus und setzte sich wieder hin. Thyra blieb stehen und blickte, gegen den kurzen Mast gelehnt, hinaus auf das Meer. Nur noch gelegentlich bauschte jetzt ein sanfter Windstoß das schlaff herunterhängende Segel auf, doch immer noch, hatte es Kraft genug, das Boot in dieselbe Richtung zu treiben – jene, die sie gewünscht hatten. Im gleichen Augenblick – als sollte es ein gutes Omen sein – stieß ein Rabe aus dem Himmel zu ihnen herab und umkreiste das Boot dreimal. Nachdem er sie vorsichtig von allen Seiten bespäht hatte, landete er auf dem Mastkorb, um sich auszuruhen. Sein klei- ner Kopf bewegte sich schnell hin und her. Dann öff- nete er lautlos seinen Schnabel und beäugte sie, so als wollte er ihnen etwas mitteilen. Biarki faßte sich ein Herz. »Schaut, ein Bote Odins! Er ist gekommen, um uns an Land zu geleiten. Das ist mehr als das, was dein Gott tun würde, Leibeigener!« Auch Skeggi warf Flann einen gestrengen Blick zu. »Diesmal hattest du unrecht. Die alten Götter regie- ren noch immer, denn noch hat Ragnarok uns nicht befallen! Dein Weißer Christus, von dem du ewig predigst, ist vielleicht im Südland stark und mächtig; hier aber hat er keine Macht. Wenn du um Hilfe beten willst, dann bete wie wir zu Odin, damit wir alle ge- rettet werden und nicht wegen dir in Aegirs Netz fallen. Nein!« fuhr er auf, als Flann etwas erwidern wollte. »Schweig! Ich will nichts mehr davon hören. Doch bei Odin, was hat das Mädchen?« Thyra, die noch immer gegen den Mast gelehnt da- stand, war ganz plötzlich erstarrt und zeigte mit er- hobenem Arm nach Norden. Biarki und Flann, die darüber ihren Streit rasch vergaßen, sprangen gleichzeitig auf, aber ihr Körper war hart wie Eisen geworden, und es gelang ihnen nicht, sie von der Stelle zu bewegen. Ihre Augen wa- ren starr und hatten einen glasigen Ausdruck ange- nommen. Und ihre Stimme klang ganz fremd in den, Ohren der drei Männer, die sie schon kannten, seit sie ein kleines Kind war. Sie hatte einen seltsamen Un- terton, und ihre Worte hatten eine ganz fremdartige Betonung, als sie sprach. »Rudert!« befahl sie. »Rudert mit aller Kraft! Ru- dert schnell, wenn ihr ein Leben retten wollt! Rudert, ohne anzuhalten, und ich werde euch den Weg zei- gen!« Trotz des herrischen Klangs ihrer Stimme lag eine gewisse Sanftheit darin, doch es war nicht die von Thyra. Es war ein kaum vernehmbarer Nebenklang, fast wie eine zweite Stimme. Es war wie ein Gefühl, ein kaum spürbarer Hauch von kleinen, in weiter Ferne läutenden goldenen Glöckchen. Biarki schaute sie entsetzt an. »Sie ist verhext! Was sieht sie bloß?« Flann ließ seine Hand langsam vor ihren Augen vorbeigleiten. Sie zuckte nicht einmal mit den Wim- pern. »Du hast recht; sie ist verhext«, pflichtete er Biarki bei. »Was auch immer sie sieht, sie wird uns dorthin führen. Ich habe nicht das Gefühl, daß sie uns ins Verderben leitet.« Skeggi nickte zustimmend. »Auch ich habe dassel- be Gefühl, daß etwas Gutes dabei herauskommen wird. Vielleicht haben uns Thors Winde eigens zu diesem Zwecke nach hier verschlagen. Laßt uns tun, wie sie uns heißt, und dorthin rudern, wohin sie uns lenkt.« Wie eine Schlafwandlerin ging Thyra nach achtern und ergriff die Ruderpinne, während die drei Männer die Ruder losmachten. Der Wind frischte auf und trieb sie ein wenig nach Osten ab., Die Luft war ganz klar, und gegen Mittag erblick- ten sie am Horizont eine Fahne schwarzen Rauchs; sie hatte gewaltige Ausmaße und stieg sehr hoch in den Himmel, bevor sie weit oben von einem Wind, den sie nicht spüren konnten, fortgeblasen wurde. Unter diesem düsteren Banner lagen schneebedeckte Gipfel, und als sie näher kamen, trat eine niedrige Küstenli- nie in ihren Blick. Ganze Schwärme neugieriger Vögel kamen ihnen entgegengeflogen – Möwen, Lummen und Papageitaucher, die von ihren Brutstellen oder den kleinen Inseln und Küstenfelsen aufstiegen. Während sie nach Nahrung suchten, stürzten Adler und Falken von oben auf sie herab und versuchten, ihnen ihre Beute zu entreißen oder die auf dem Was- ser schwimmenden Fischer zu schlagen. Hier und da tauchten die runden Köpfe von Robben aus dem Wasser auf, die ebenfalls auf Nahrungssuche waren oder einfach im Wasser herumtollten, und Skeggi er- kannte sofort anhand unmißverständlicher Anzei- chen, daß sich in diesen Gewässern große Schwärme von Dorschen und Schellfischen befanden. In der Ferne spritzte ein Wal seine Fontäne hoch in die Luft, und ein Hai, der sich an der Wasseroberfläche in der Sonne wärmte, tauchte, aufgeschreckt von dem nä- herkommenden Boot, eilig unter und brachte mit dem Strudel, den er verursachte, das kleine Schiff zum Schwanken. Die Männer teilten sich in einen Zwieback und be- obachteten, während sie sich zurücklehnten und sich treiben ließen, die Küste. Thyra nahm ihren Zwieback nicht an und starrte ungeduldig nach vorn, während sie noch immer Kurs auf das Land hielt, auf das die Brise sie jetzt rasch zutrieb., Als sie näher kamen, mußten sie zu ihrem Mißfal- len erkennen, daß die Küste keine Flußmündungen oder Buchten aufwies, die sie anlaufen konnten, um Schutz gegen einen plötzlich aufkommenden Sturm zu suchen. Die Küste schien von eintöniger Gleich- förmigkeit zu sein; der ebene, aus schwarzem Lava- sand bestehende Strand war an zahlreichen Stellen von kleinen Süßwasserbächen unterbrochen, die ins Meer flossen. Dahinter sahen sie Gras und Heide- kraut, das bis weit auf die Hügel hinauf wucherte, obwohl so hoch im Norden die Linie ewigen Schnees selten oberhalb einer Grenze von zweitausendfünf- hundert Fuß lag. Skeggis scharfe Augen, die nie durch Lesen ange- strengt worden waren, konnten die Form der Bäume ausmachen, die auf der Küstenebene und auf den nä- herliegenden, niedrigen Hügeln wuchsen. Sie waren nicht sehr zahlreich, obwohl überall dort, wo die La- va zu Erde zerfallen war, fettes, hohes Gras wucherte. Und über alles fiel beständig ein leichtes Pulver aus schwarzer Asche. Wie ein dünnes Tuch legte sich die- se körnige Substanz auf Land, Wasser und Boot. Sie kam von der schwarzen Wolke, die sie anfangs fälschlicherweise für Rauch gehalten hatten, die sich jedoch, wie sie jetzt deutlich sehen konnten, über ei- nem aktiven Vulkan erhob, der weit hinten im Bin- nenland emporragte. Und als die Wolke auf sie zuschwebte, sahen sie, wie ihre Unterseite von roten Blitzen erhellt wurde, und das unaufhörliche Grollen der Explosionen rollte über das Meer wie ferner Kanonendonner. Unterhalb der Wolke und im vollen Licht der Sonne nur wenig von dieser verdunkelt sahen sie, woher der harte, Glanz von Eis kam, den sie schon von weitem wahr- genommen hatten: Vor ihren Augen erstreckte sich ein riesiges Feld von Eis in Richtung Osten längs der Küste und bis weit ins Binnenland hinein, das seine Gletscher in die See hinaussandte und unter dem be- ständigen Beben der Erde, das von den gewaltigen unterirdischen Eruptionen des Vulkans herrührte, pausenlos neue Eisschollen von beträchtlichen Aus- maßen gebar, die ins offene Meer hinaustrieben. Sie konnten nicht wissen, daß dieses Eisfeld eine Fläche von über viertausend Quadratmeilen bedeck- te, denn zu jener Zeit hatte es noch keinen Namen. Später einmal würde dieses Land, auf das sie so zu- fällig gestoßen waren, den Namen ›Island‹ tragen, wegen seines riesigen Gletschers aus Eis, und der Gletscher selbst würde Vatnajokull genannt werden. Und auf dieses drohende Ungetüm aus Eis steuerte Thyra jetzt unbeirrt zu. Sie schien sich der Richtigkeit des eingeschlagenen Kurses so sicher zu sein, daß man glauben konnte, sie steuere eine ihr wohlbe- kannte Stelle an. Um den launenhaften, unbeständigen Wind zu unterstützen, nahmen die erschöpften Männer wieder die Ruder zur Hand und trieben das Boot schneller voran, von der Vorfreude beseelt, bald in irgendeiner kleinen Bucht zu landen, wo sie das kleine Fäßchen mit frischem Trinkwasser auffüllen konnten. Am vorderen Rand des riesigen Eisfeldes erkann- ten sie jetzt einen langen, sanft ansteigenden Abhang, der von zahlreichen kleineren Hügeln unterbrochen und von beträchtlichen Strömen durchschnitten wur- de. An dieser Stelle eignete sich der Strand hervorra- gend zum Landen, doch weigerte sich Thyra, das, Boot an den Strand zu steuern. Statt dessen fuhr sie weiter an der Küste entlang, bis sie an eine Stelle ka- men, wo die Ausläufer des Eisfeldes so dicht an das Wasser heranreichten, daß zwischen ihnen und dem Wasser kaum noch Platz war. Eine große Gletscherzunge endete hier in einer Felsfront von gut hundert Fuß Höhe, einst hatte sich hier eine Flußmündung tief ins Landesinnere hinein- geschnitten. Die Lavakanten der Wälle, die diese Bucht umschlossen, waren noch immer deutlich zu sehen. Einst zerklüftet und ausgezackt, hatten die Zeit und der ständig sich bewegende Gletscher das Ihre getan, sie glattzuschmirgeln und abzurunden. Thyra ließ ihren Blick prüfend über sie schweifen, so als wären die von der glühenden Lava eingebrannten Narben im Fels wohlbekannte Erkennungszeichen. Als die Prüfung zu ihrer Zufriedenheit verlaufen war, steuerte sie geradewegs auf die gefährliche Eis- front zu. Das Boot landete knirschend auf einem win- zigen Stück Strandes. Ein Fluß kam ihnen an dieser Stelle entgegen. Er floß aus einer Höhle, die in den Leib des Gletschers geschmolzen war. Das Wasser dieses Flusses war trübe von zu Pulver zermahlenem Felsgestein, das unter dem ungeheuren Gewicht der auf ihm ruhen- den Eismasse zerkleinert und durch die beständige Reibung mit der Zeit zu mehlfeinem Staub zerrieben worden war. Das Wasser war daher zum Trinken völlig ungeeignet. Die Männer schauten Thyra über- rascht an. Es war ihnen unbegreiflich, daß Thyra aus- gerechnet eine derart ungeeignete Stelle als Lan- dungsplatz gewählt hatte. »Nach Ragnarok«, sagte ihr Vater, »und wenn As-, gard nicht mehr ist, kommen die Götter gewiß hier- her, um in diesem Land zu wohnen. Vielleicht wer- den sie Loki für immer im Feuer dieses Vulkans ein- sperren. Wie angenehm diese wogenden Wiesen für den zarten Schritt von Freyas Füßen wären! Sicher hat Baldur, der Schöne, im Frühling an diesem Ort sein lächeln erklingen lassen. Doch der Ort, an dem wir nun stehen, meine Tochter, ist die Heimat der Eisrie- sen. Dieses Donnergrollen am Himmel ist nicht der Streitwagen Thors, der kommt, uns willkommen zu heißen. Es bedeutet Verderben für den Menschen! Wir werden alle unter dem Eis begraben werden. Laß uns sofort von hier wegfahren!« Thyra warf ihm einen seltsamen Blick zu, als wäre er ein Fremder. In ihrem Blick lag etwas Gebieteri- sches und Verächtliches, so wie er es noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Sie schob die Hand beiseite, die er ausgestreckt hatte, um sie zurückzuhalten, drehte sich wortlos um und lief in die Höhle. Flann, dem als erster bewußt wurde, was sie da tat, sprang mit einem heiseren Angstschrei aus dem Boot und watete durch das flache, jedoch reißende Wasser hinter ihr her. Ungeachtet der Gefahr, die ihnen drohte, folgten die anderen beiden dem tollkühnen Paar, und die Höhle hallte von ihren aufgeregten Rufen wider, mit denen sie die beiden zurückholen wollten. Die reißende Strömung verhinderte, daß Flann Thyra einfangen konnte; zu groß war ihr Vorsprung. Als sie tiefer in den Gletscher eindrangen, nahm das Sonnenlicht, das von oben durch die dicken, von Ascheschichten früherer Eruptionen durchzogenen Eisschichten fiel, immer seltsamere Farbschattierun-, gen an und tauchte sie in ein unwirklich anmutendes, türkis- bis indigofarben schimmerndes Licht. Der Boden unter ihren Füßen bebte. Die Hände auf beiden Seiten beim Gehen vorsichtig gegen die Eis- wälle der tunnelartigen Höhle gestützt, spürten sie fast ständig die Erschütterungen, die von weit ent- fernten Eruptionen herrührten. Immer wieder öffne- ten sich unter Donnergetöse klaffende Risse in der Eiswand, doch die winzigen Partikel von Fels und Eis, die dann jedesmal auf sie herabrieselten und sie für einen Moment in Angst und Schrecken versetzten, waren zunächst noch harmlos. Kurz vor dem Ende des Tunnels erreichte Flann Thyra endlich. An dieser Stelle war das Eis über ih- nen so dick, daß die Sonnenstrahlen es kaum mehr zu durchdringen vermochten. Sie stand da, den Körper gegen eine glatte Auswölbung im Eis gepreßt, und hielt die Arme weit geöffnet, so als wolle sie die Auswölbung umarmen. Ihre Augen waren geschlossen; ihre Wange hielt sie fest gegen das Eis gepreßt. Als Flann dicht bei ihr war, streckte er seine Hand nach ihr aus. Er berührte sie jedoch nicht, bemerkte er doch sofort an dem entzückten Ausdruck, der auf ih- rem Gesicht lag, daß sie weder ihn wahrnahm noch sich der Gefahr bewußt zu sein schien, in der sie schwebte. Jetzt schmiegte sie ihren Körper noch fester gegen das Eis, so als wolle sie es mit der Wärme ihres Kör- pers zum Schmelzen bringen, um sich den Weg hin- durch zu bahnen. Sie war völlig entrückt; nie zuvor hatte Flann sie oder einen anderen Menschen in ei- nem derartigen Zustand gesehen. Er fiel neben ihr auf, die Knie, senkte den Kopf und fing an zu beten. Er hörte über sich, wie sie leise sprach, und begann zu weinen, weil er wußte, daß ihre Worte nicht ihm gal- ten. »O mein Geliebter, mein einziger! Ich bin zurück- gekommen, wie ich es dir versprochen habe!« Als er den Eiswall näher in Augenschein nahm, sah er, daß er dünn wie Pergament war. Dahinter befand sich, wie er jetzt sah, da sich seine Augen langsam an das trübe Licht gewöhnt hatten, eine eiförmige Kam- mer. Und in dieser Kammer lag – eingepfercht wie ein Embryo im Mutterleib – ein Mann! Wie lange er schon dort eingeschlossen sein mochte, vermochte Flann nicht zu erkennen. Der Mann war in Leder ge- kleidet. Am Gürtel trug er ein kurzes Schwert und ei- ne Feuersteinaxt. Seine Augen waren geschlossen, der Kopf ruhte auf dem Arm. Es sah aus, als schliefe er. Auf seinem Ge- sicht lag ein Ausdruck friedvoller Erwartung. Ein sanftes Lächeln wie von süßen Träumen spielte um seinen Mund. Im Augenblick seines Todes schien er keine Furcht gehabt zu haben. In diesem Moment hatten auch die anderen sie ein- geholt. Biarki fegte Flann mit einem wütenden Hieb zur Seite, der ihn in das eisige Wasser schleuderte, und Skeggi sprang mit einem Satz über ihn hinweg und packte seine Tochter beim Arm, um sie von der Eiswand fortzuzerren. Mit einer Kraft, die er nie bei ihr vermutet hätte, widersetzte sie sich seinem Griff und verharrte un- beweglich an ihrem Platz an der Wand. Flann erhob sich tropfend aus dem Wasser, das Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzerrt, und wollte sich gerade, auf Biarki stürzen, als über ihnen ein Riß in der Wand erschien und ein Schwall eisigen Wassers sich über sie ergoß. Die hauchdünne Eisschicht zersprang in tausend Stücke, und nun konnten sie alle den seltsam geklei- deten Mann deutlich erkennen. Die eiförmige Kam- mer begann jetzt ihre Form zu verändern und sich in ein flaches Oval zu verwandeln. Es hätte nicht lange gedauert, und die langsam herabsinkende Decke der Kammer hätte ihren Bewohner zermalmt, wäre nicht Thyra in die immer enger werdende Höhlung hinein- gekrochen und hätte den Mann mit festem Griff bei seinem Hemd aus Rehleder gepackt und aus dem Loch herausgezerrt. Sein steifgefrorener Körper glitt ohne Schwierigkeit über das nasse Eis und fiel in das flache Wasser. Kei- ne Sekunde zu früh, denn kaum schlug er auf dem Wasser auf, als die Kammer mit lautem Getöse in sich zusammenfiel und verschwand, als hätte sie niemals existiert. Jetzt kam immer mehr Eis vom Dach des Tunnels herunter. Angesichts der drohenden Todesgefahr, in der sie schwebten, vergaßen die drei Männer ihre Dif- ferenzen. Jetzt gab es nur noch eins: hinaus aus dem Eistunnel, und zwar so schnell wie möglich! Da Thyra das Hemd des Fremden mit eisernem Griff umklam- mert hielt und es nicht so aussah, als könne man sie dazu bringen, ihn loszulassen, hatten sie keine andere Wahl, als den Mann aus der Höhle hinauszutragen, wenn sie das Leben des Mädchens retten wollten. Zum Glück bereitete ihnen der Rückweg keine großen Schwierigkeiten. Das Wasser half ihnen, das Gewicht des Mannes zu tragen, und die heftige Strö-, mung tat das Ihrige, ihre wilde Flucht zum Ausgang des Tunnels zu beschleunigen. Über ihnen, unter ih- nen, um sie herum – überall begann nun der Glet- scher sich knirschend und mahlend in Bewegung zu setzen. Hinter ihnen gerieten die Wände des Tunnels ins Wanken, wurden schmaler und kippten schließ- lich aufeinander. Dies ging so schnell, daß sie kaum Zeit hatten, sich umzublicken. Der Gletscher gönnte ihnen keine Atempause. Von panischer Todesangst getrieben, den erstarrten Körper des Mannes und Thyra hinter sich herschleifend, stolperten sie zum Ausgang. Eine mächtige Wasserwoge erfaßte sie und schleu- derte sie hinaus, jedoch nicht in Sicherheit, denn ob- wohl sie zappelnd und benommen von der Wucht des Aufpralls auf dem Strand landeten, brachen schon riesige Eisstücke aus der Vorderfront des Glet- schers heraus und schlugen berstend und krachend dicht neben ihnen auf. Ein Hagel von Eisbrocken und Splittern prasselte auf sie hernieder, doch wie durch ein Wunder blieben sie bis auf ein paar kleinere Schrammen und Prellungen unverletzt. Thyra trug noch immer diesen seltsam entschlosse- nen Ausdruck im Gesicht. Es bedurfte keines aus- drücklichen Befehls – ein Blick genügte, und Biarki und Flann hoben ihren merkwürdigen Fund auf. Und erst jetzt löste sich der eiserne Griff ihrer blutleeren Hände vom Körper des Mannes. Eilig trugen sie ihn den schwarzen Strand hinunter in das Boot. Thyras Augen schlossen sich. Alle Farbe und auch der Ausdruck festester Entschlossenheit wichen mit einemmal aus ihrem Gesicht. Sie begann zu taumeln und drohte jeden Augenblick hinzufallen., Mit einem Satz war ihr Vater bei ihr und fing sie auf. Er warf sie in Flanns ausgestreckte Arme und rammte seinen massigen Körper gegen den auf Grund gelau- fenen Bug des Bootes. Unter dem Geklirre und Getöse der niederprasselnden Eisbrocken löste sich das Boot knirschend aus dem schwarzen Sand und glitt frei. Asche und Bimsstein lagen wie eine dicke Kruste auf dem Wasser und bedeckten knöcheltief den Bo- den des Bootes. Die Brandung kam hereingerollt wie Öl, ohne sich zu brechen, obwohl die Wellen sehr groß waren und der Seegang mit jeder Sekunde spür- bar an Heftigkeit zunahm. Aus Leibeskräften ru- dernd, zwangen die Männer das Boot durch die Brandung, um in sicheren Abstand von dem Glet- scher zu gelangen. Dieser war jetzt in heftige Bewe- gung geraten; wie ein riesiger, zuckender Leib hob und senkte er sich unter den mächtigen Stößen, die das ganze Land erfaßt zu haben schienen. »Loki muß hier sein!« schrie Biarki keuchend. »Sigyn bringt ihm die Schale zu spät zurück! Seht, wie er sich krümmt und windet!« Flann warf ihm einen angeekelten Blick zu, den Bi- arki jedoch nicht wahrnahm. Flann glaubte nicht eine Sekunde daran, daß der gefesselte Gott wirklich an Schlangengift zugrunde ging, das ihm auf das Ge- sicht tropfte, weil seine Frau es nicht in einer Schale auffing, um ihn zu schützen. Er glaubte ebensowenig an Loki, aber er wußte auch, daß dies nicht der Au- genblick war, seine Zweifel offen zu äußern. Er biß die Zähne zusammen und ruderte weiter. Sie hatten gut daran getan, keine Zeit zu vergeu- den. Bald krachte die ganze Vorderfront des Glet- schers mit fürchterlichem Donnergetöse in sich zu-, sammen, begrub den ganzen Strand unter sich und verschüttete den Tunneleingang vollkommen. Zwar sahen sie keine größeren Eisberge, doch waren die Brocken, die spritzend in das Wasser krachten, noch immer groß genug, daß die Wellen, die sie verur- sachten, das Schiff gefährlich nahe ans Kentern brachten. Als sie sahen, wie das Meer sich immer mehr mit mahlenden, sich übereinanderschiebenden Schollen zusetzte, beschlossen sie, die ursprünglich einge- schlagene Richtung aufzugeben, und wendeten das Boot, um auf die Westküste zuzuhalten. Es war schon später Nachmittag, doch jetzt im Sommer stand die Sonne noch hoch am Himmel. Etwa zwei Stunden lang behielten sie diesen Kurs bei und fuhren dicht an der Küste entlang. Das einzi- ge, was sie sahen, waren kahle, nackte Gestade. All- mählich gelangten sie außer Reichweite des Aschen- regens, und als hätte der in der Ferne rumorende Berg eingesehen, daß sie seinem Machtbereich ent- schlüpft waren, verminderte er die Heftigkeit seiner Eruptionen. Thyras Augenlider begannen zu zucken und öff- neten sich. Sie blickte verwirrt um sich, und einen kurzen Augenblick schien es, als wäre sie wieder sie selbst. Doch bevor jemand den Mund auftun konnte, um sie zu fragen, wie sie sich fühlte, trat dieser selt- same, herrische Blick wieder auf ihr Gesicht, der sie den anderen als eine fremde Person erscheinen ließ, der sie jedoch auch schöner erscheinen ließ als je zu- vor. Sie stieß einen lautlosen Schrei des Glücks aus, kroch zu dem Mann hinüber, den sie gerettet hatten,, nahm ihn überschwenglich in die Arme und legte ih- ren Kopf auf seine Brust. Wieder schlossen sich ihre Augen. Diesmal jedoch schlief sie ein. Ihr geheimnis- volles Verhalten flößte den Männern Angst ein, und sie wagten es nicht, sie zu berühren. Und so blieben die beiden denn engumschlungen liegen, bis das Boot erneut landete – sie, die Lebende, und er, den sie für tot hielten, denn sollte er tatsäch- lich atmen, so sahen sie nichts davon, und andere Le- benszeichen gab er nicht von sich. Sie steuerten das Boot in eine kleine Bucht und zo- gen es auf den Strand. Das Wasser war an dieser Stelle ziemlich ruhig, lediglich ein kleiner Gießbach, der über eine felsige Anhöhe stürzte, brachte es ein wenig in Wallung. Ein Lachs, offenbar auf Nahrungs- suche, sprang hoch in die Luft, und sie prägten sich die Stelle ein, an der er wahrscheinlich auf der Lauer gelegen hatte; wichtiger war es jetzt jedoch zunächst einmal, eine geschützte Stelle zu finden. Weiter hinten gab es mehrere Hügel, und noch ein weiteres Stück dahinter erhob sich ein Berg, der den Blick auf den nördlich vor der Bucht liegenden Vul- kan versperrte, der noch immer in unregelmäßigen Abständen ein drohendes Grollen ausstieß. Sie konnten den Feuerschein erkennen, der über seinem Gipfel leuchtete, aber die Erde hatte sich inzwischen – abgesehen von einem gelegentlichen Rumoren – wie- der einigermaßen beruhigt. Die Sonne brannte von beiden Seiten zwischen den Klippen hindurch auf sie herab, aber es ging ein mächtiger Wind, und obwohl sie ihm nicht direkt ausgesetzt waren, reichte die Wärme, die die Felsen ausstrahlten, nicht aus, sie zu wärmen. Ihre Kleider waren einfach zu naß., Skeggi hob behutsam seine schlafende Tochter auf, die noch immer den Fremden umschlungen hielt, und legte sie sanft zwischen zwei Felsen auf das weiche Gras. Dann deckte er sie mit einem Kleid zu. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun. Als nächstes ho- ben sie gemeinsam den Fremden aus dem Boot und legten ihn ebenfalls ins Gras. Nun hatten sie zum er- stenmal Gelegenheit, ihn in Ruhe zu betrachten. Er trug Beinkleider aus Rehleder. Sie reichten ihm von den Knöcheln bis zum Oberschenkel. Sein Rock – oder besser sein Hemd – hatte an den Ärmeln lange Fransen, ähnlich wie die Beinkleider. Über dem Hemd trug er eine ärmellose Weste aus festem Leder, die mit gefärbten Stachelschweinborsten bestickt war. Schnürte man die beiden Hälften der Weste über der Brust zusammen, entstand das Bild eines Adlers, der die Schwingen spreizte. Sein Schnabel war geöffnet, so als wäre er kurz davor, sich auf seine Beute zu stürzen. Die schlanke Taille des Mannes zierte ein breiter Gürtel, der mit merkwürdigen Silber- und Bronze- münzen besetzt war. Die Münzen schienen sehr alt zu sein und waren stark abgewetzt. Die Prägung war nicht mehr zu entziffern. Rechts an seinem Gürtel hing ein kurzes, schweres Schwert und an einem zweiten schmaleren Gürtel, der sich ein wenig über dem ersten befand, baumelte, lediglich in einer losen Schlaufe hängend, eine kleine Wurfaxt mit einer Schneide aus Feuerstein. Sein Gesäßschurz war aus weißem Rehkalbsleder, und zwei breite, bestickte Streifen aus demselben Material hingen ihm vorne und hinten bis in Kniehö- he herab. Auch diese beiden Streifen waren an den, Säumen gefranst; überhaupt schien seine ganze Klei- dung das Produkt hoher Kunstfertigkeit und liebe- voller Mühe zu sein. Kein Zweifel: Dieser Mann mußte sich einst hoher Wertschätzung, Liebe und großen Respekts erfreut haben. Seine Füße steckten in bestickten, offenbar nur we- nig getragenen Mokassins. Er trug keine Kopfbedek- kung, jedoch wäre eine solche auch angesichts seines sonstigen Kopfschmuckes überflüssig erschienen. Um seine Stirn hatte er ein mit Perlen besticktes Band ge- schlungen, und seine langen braunen Haare, die üp- pig darunter hervorquollen, waren hinten zu einem dicken Zopf geflochten, dessen Ende von einem per- lenbesetzten Ring zusammengehalten wurde. Seine Haut war von einer tiefen, rotbraunen Tö- nung. Es schien sich hierbei um seine natürliche Hautfarbe zu handeln; sie war brauner als die Tö- nung, die ihr die Sonne in diesen Breitengraden hätte verleihen können. Biarkis Augen verengten sich zu Schlitzen, als er dies bemerkte. »Seiner dunklen Haut nach zu urteilen, ist er zwei- fellos ein Mann aus Surt«, bemerkte er argwöhnisch. »Bestimmt hat er dort auf der Lauer gelegen und ge- wartet, bis er mit seinem Schwarzen Herrn aus Muspelheim hinausfahren konnte, um Feuer über die Welt zu bringen und sie zu vernichten. Es war töricht von uns, ihn aus dem Eise zu befreien. Wir täten bes- ser daran, ihm die Gurgel durchzuschneiden, bevor er wieder zum Leben erwacht und es zu spät ist!« Skeggi stieß ein schallendes lachen aus. »Wenn hier einer töricht ist, dann bist du es! Der Mann ist doch tot!« Sein Partner grunzte ungehalten vor sich hin., »Vielleicht – vielleicht auch nicht. Sieh doch, seine Arme und Beine sind biegsam, und sein Kopf läßt sich auch hin- und herbewegen.« Mit diesen Worten stupste er unsanft den Fuß gegen die Wange des Mannes, um seine Behauptung auf eindrucksvolle Weise zu demonstrieren. »Sein Gesicht ist weich, und dabei müßte es doch eigentlich steinhart sein! Ich glaube, ich töte ihn bes- ser; er ist nämlich nicht tot.« Er zog dem Mann das Schwert aus der Scheide. Es bestand aus prächtigem Stahl, und auch seine äußerst scharfe Schneide schien nicht in Mitleidenschaft ge- zogen. Als er die Blicke der beiden anderen bemerkte, tat er so, als habe er nur einen Scherz machen wollen, und warf das Schwert verlegen von einer Hand in die andere. »Nun ja, wenn wir sicher sind, daß er tot ist, werde ich wenigstens sein Schwert behalten. Schaut mal, da sind Runen drauf!« Flann machte einen raschen Schritt auf ihn zu und nahm ihm mit der geschickten Bewegung eines Man- nes, der im Umgang mit einer solchen Waffe wohl- vertraut ist, das Schwert aus der Hand. Als Biarki es ihm mit wütendem Grollen wieder entreißen wollte, widersetzte er sich nicht, hielt die Waffe jedoch im- mer so, daß der andere sie, wollte er sie packen, nur an der Spitze hätte fassen können. Nachdem Biarki mißmutig von seinen Versuchen, das Schwert wieder an sich zu bringen, Abstand genommen hatte, be- trachtete der Leibeigene es mit prüfendem Blick. »Ich weiß sehr wohl, daß ich in deinen Augen zu nicht viel mehr tauge als Köderfisch zurechtzu- schneiden, Biarki. Aber vielleicht lernst du eines Ta-, ges noch, daß ich auch noch andere Fähigkeiten be- sitze. Könntest du wie ich Bücher lesen und hättest du mit Mönchen gesprochen, anstatt sie abzu- schlachten, dann wärest du klüger. Ich habe auf der Heiligen Insel unter dem Seligen Aldwith studiert, und ich sage dir, diese Zeichen sind keine Runen – was auch du wüßtest, wenn du selbst dazu fähig wärst, Runen zu ritzen. Diese Inschrift hier wurde von einem römischen Schmied auf ein römisches Schwert eingraviert, und zwar für einen römischen Soldaten! Und ich sage dir auch, Biarki, zu deiner weiteren Unterweisung, daß gegen dieses Schwert deine Axt und dein Schild völ- lig machtlos wären. Zu seiner Zeit war es die fürch- terlichste Nahkampfwaffe, die es auf der ganzen Welt gab! Die Inschrift lautet ›Sechste Legion – Victrix‹. Ich weiß ebensowenig wie du, wie dieser Mann hierhergekommen ist, aber ich würde mich hüten, ihn so zu verhöhnen, wie du es mit mir zu tun pflegst, solltest du ihm jemals im Zweikampf gegenüberste- hen. Deine Dummheit und Ignoranz können dir sonst noch einmal zum Verhängnis werden! Wenn er ein Legionär war, dann muß der Sidhe ihn geschützt haben, denn nun, zur Regierungszeit Ha- ralds des Blonden, vor dem ihr aus Norwegen geflo- hen seid, zählen wir Christen das Jahr des Herrn 873. Nun ist mir jedoch aus meinen Büchern, über die ihr ja so geringschätzig lächelt, bekannt, daß das mächtige Rom im Jahre 516 zusammenbrach. Danach ging nie wieder ein römischer Soldat auf Raubzug. Und sollte dieser hier nicht zu den Verwandten Me- thusalems zählen – was, wie mir scheint, nicht der Fall ist –, dann gibt es nur eine Erklärung, nämlich, die, daß er wohl an die dreihundert Jahre im Eis ein- gefroren war!« Man kann nicht wissen, was in diesem Augenblick in Biarkis unberechenbarem Hirn vorging; jedenfalls ließ seine scharlachrote Gesichtsfarbe auf einen kurz bevorstehenden Wutausbruch von katastrophenarti- gen Ausmaßen schließen. Obwohl Flann ihn keinen Moment aus den Augen ließ, bereit, sofort mit dem Schwert zuzustoßen, falls Biarki sich auf ihn stürzte, wäre er im Falle eines Angriffs angesichts der Bären- kräfte Biarkis mit Sicherheit nicht ungeschoren da- vongekommen. Skeggi ließ den Blick vom einen zum anderen wandern. Offenbar hatte er nicht die Absicht, sich einzumischen, egal, was passieren würde. Einen Au- genblick lang herrschte gespannte Stille; die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt. Um so mehr waren sie erschrocken, als plötzlich eine wütende, gebieterisch tönende Stimme in die Stille hineinbrach. Alle drei fuhren wie vom Donner gerührt herum. Vor ihnen stand Thyra, aber es war nicht die wirkli- che Thyra – nicht die, wie sie sie bisher gekannt hat- ten. Die seltsam klingende Stimme, die sie in den Gletscher geführt hatte, hatte noch immer diesen metallenen, glockenähnlichen Klang, doch war es nun nicht mehr das fein perlende Geläut goldener Glöck- chen, sondern das harte Tönen von Eisen. »Wollt ihr zusehen, wie der Körper dieses Mäd- chens langsam erfriert, während ihr wertlosen Krea- turen euch herumstreitet? Wenn sie stirbt, dann stirbt der Mann mit ihr, und er soll nicht sterben, denn sonst werdet auch ihr mit ihm in den Tod gehen, so wahr ich hier stehe! Und bevor ich zulasse, daß die, beiden sterben, werde ich eher ihre Leiber mit eurem Blut wärmen! Beeilt euch! Ich brauche sofort etwas zu essen für das Mädchen! Ich brauche ein Dach über dem Kopf und ein Feuer, damit mein Mann wieder zum Leben erwacht! Los, besorgt Holz, schafft Felsbrocken her, hackt Pfähle zurecht und hebt eine Grube aus! Wenn ihr damit fertig seid, werde ich euch weitere Anwei- sungen geben. Und nun geht los und beeilt euch!« Skeggi blies die Backen auf und glotzte seine Tochter ungläubig an. Bevor er jedoch dazu kam, et- was zu erwidern, hatte sie schon mit einer blitz- schnellen Bewegung Flann das Schwert aus der zit- ternden Hand gerissen und machte einen drohenden Schritt auf ihren Vater zu. Und nun trottete auch Skeggi brav wie ein Lamm hinter den anderen her. Nachdem sie, dem Fluß folgend, die Anhöhe aus scharfkantigem, erstarrtem Lavageröll hinaufgestie- gen waren, kamen sie auf eine große Wiese. Auf die- ser Wiese wuchs wilder Hafer, und als sie näher ka- men, flog direkt vor ihren Augen ein erschreckter Schwarm Seehühner auf. Als nächstes entdeckten sie die Spuren eines Flusses. Als sie sich einem stillen Teich näherten, blieb Flann stehen und gab den anderen durch Zeichen zu verstehen, daß sie sich so ruhig wie möglich verhal- ten sollten. Dann trat er vorsichtig einen Schritt vor, beugte sich behutsam über das Wasser und ließ seine Hand ganz langsam unter eine große Forelle gleiten, die unbeweglich im Wasser schwebte, wobei sich ihre Flossen kaum merklich bewegten, gerade so schnell, daß sie ihre Stellung gegen die träge Strömung des, Wassers halten konnte. Mit einer raschen Bewegung warf sie Flann auf das Ufer. Er ging dabei so ge- schickt vor, daß sich die Wasseroberfläche kaum kräuselte. Bevor die anderen Fische sich der Gefahr bewußt wurden und mit ein paar schnellen Schwanzbewegungen in tiefere, sicherere Gewässer davonschossen, hatte er schon drei weitere auf die- selbe Weise aus dem Wasser geholt. Dann knüpfte er seinen Fang an einen Weidenzweig und ging, die Fi- sche über der Schulter tragend, weiter, die Wiese zu erkunden. Überall wuchsen wilde Blumen. Ihre kleinen, zier- lichen Blüten verströmten einen köstlichen Duft. Auch wilde Heidelbeeren und Brombeeren gab es in Hülle und Fülle. Sie pflückten ein paar davon, wäh- rend sie weitergingen, hielten sich aber nicht lange damit auf, da die Zeit drängte. Zwar waren die Tage um diese Jahreszeit lang, aber noch hatten sie die Nacht vor sich, und die würde kalt werden. Auf dem Hang des nächsten Hügels, aus dessen Richtung kommend sich der Strom, der in dem in der Ferne aufblitzenden Gletscher entsprang, durch die Landschaft wand, wuchsen noch mehr Weiden und Wacholderbüsche. Dort gab es auch ein kleines Ge- hölz von Birken, von denen keine höher als zwölf Fuß war. Als sie die Wiese überquerten und auf die Bäume zuschritten, scheuchten sie einen weiteren Schwarm Schneehühner auf. Skeggi warf mit einem Stock nach ihnen und erwischte zwei von ihnen. Erfreut band er sich den unverhofften Fang an den Gürtel. Als sie an einem Sumpf entlanggingen, sahen sie, daß das Was- ser, mit dem sich sofort die tiefen Fußabdrücke füll-, ten, die sie hinterließen, schmutzigbraun von Torf war. Biarki ließ seinen Blick umherschweifen. Das Land war gut, und es schien unbewohnt zu sein. In Gedan- ken schätzte er seinen Reichtum ab. Es gab Steine ge- nug für Mauern und Tiergehege. Das Land war her- vorragend für die Schafhaltung geeignet. Es bot ex- zellente Weidegründe für Kühe und Pferde. Und da auch die Gewässer nur so von Fischen zu wimmeln schienen und ganze Schwärme wilder Wasservögel ständig über ihre Köpfe hinwegbrausten, würde es auch an Fleisch und Eiern niemals mangeln. Hier und da nisteten fette Eidergänse. Auch Robben hatte er gesehen, und er liebte Robbenfleisch über alles! Viel- leicht gab es weiter hinten im Hochland auch Wild; bisher hatte er jedoch noch keinerlei Anzeichen dafür entdecken können. Ein Haus würde er nicht bauen, nein. Das würde er anderen überlassen. Er spitzte nachdenklich die Lip- pen. Sein Gehirn arbeitete immer etwas langsam, nicht so wie das von diesem scharfsinnigen, spitz- züngigen Knecht, der ihn immer seine Überlegenheit auf so erniedrigende Art und Weise spüren ließ! So- bald das Haus fertig wäre, würde er Flann töten. Ein Grund dafür fände sich schon. Er hatte nie Schwie- rigkeiten gehabt, so wütend zu werden, daß er Lust hatte, den verdammten Leibeigenen umzubringen. Skeggi aus dem Weg zu räumen, war da schon schwieriger. Aber Unfälle passierten ja schließlich immer wieder mal. Wer weiß – vielleicht würde er ei- ne Klippe hinunterstürzen oder aus dem Boot fallen. Natürlich mußte das so geschehen, daß seine Tochter davon nichts mitbekam., Und dann würde dies ganze wunderbare Land ihm allein gehören! Und auch Thyra würde ihm gehören, ihm ganz allein! Er war sich ihrer nie ganz sicher ge- wesen, denn das Eheversprechen, das er als Faustpfand in der Hand hielt, kam nicht von ihr, sondern von ihrem Vater. Ach, sollte doch Loki die ganze Sippschaft holen! Aber da war ja noch der Fremde! Den hatte er völlig vergessen! Nun, wenn er wirklich noch nicht tot war, dann würde er, Biarki, schon dafür sorgen, daß er es bald wäre. Sein Gesicht lief rot an, und seine kleinen Schweinsaugen verengten sich zu Schlitzen. Der Fremde würde sterben, sobald sich eine günstige Ge- legenheit bot, ihn aus dem Wege zu schaffen. Viel- leicht würde er ihm schon diese Nacht den Kopf ab- schlagen, wie er es ja schon einmal vorgeschlagen hatte. Den anderen würde er erzählen, daß der Tote kein Mann sei, sondern ein Troll, der ihn während es Schlafes überfallen und angegriffen habe. Und das Gegenteil würden sie ihm niemals beweisen können, denn den Kopf wollte er ganz schnell ins Meer wer- fen. »Biarki! Setz deine lahmen Knochen ein bißchen in Trab! Oder bist du vielleicht im Sumpf steckengeblie- ben? Macht dir wohl Spaß, uns beim Arbeiten zuzu- schauen, was? Beweg deinen häßlichen Wanst ein bißchen und komm her zu uns!« Es war Skeggi, der ihn auf solch freundliche Art und Weise dazu aufforderte, nicht so dumm herum- zustehen. Flann hingegen lachte bloß. Biarki, der stol- ze Landeigentümer in spe, fuhr wie von einer Wespe gestochen aus seinen Träumereien auf. Dann beeilte er sich, den anderen nachzuklettern, die oben auf, dem Hügel standen und schon einen ansehnlichen Stapel Pfähle abgehackt und zurechtgestutzt hatten. Er beugte sich hinunter und hob einen Armvoll da- von auf. Dann straffte er sich und schaute die Anhöhe hinunter. In diesem Moment sah er weit hinten im Westen, hinter einer Landzunge, die vermutlich eine Bucht verdeckte, kleine Rauchwölkchen aufsteigen, und im gleichen Moment wußte er, daß das Land doch nicht so menschenleer war, wie er geglaubt hatte. Er senkte hastig den Blick, so als fühle er sich er- tappt, und schwieg. Hoffentlich hatten die anderen nichts gemerkt. Allem Anschein nach waren sie zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, um sich die Umge- bung genauer anzuschauen, denn keiner von ihnen erwähnte den Rauch auch nur mit einem Wort. Als sie wieder unten auf der Wiese angelangt wa- ren, stellte Biarki erleichtert fest, daß keinerlei Fuß- spuren zu sehen waren. Er konnte also noch immer seinen Plan verwirklichen. Er mußte ihn nur etwas schneller als ursprünglich vorgesehen in die Tat um- setzen. Und so wie die Dinge standen, sah es ganz so aus, als würde er sich sein Haus selber bauen müssen.,

Merlins Patensohn

Unten, im sicheren Schutz der Klippen, machte sich Thyra unterdessen an dem Fremden zu schaffen, der ihr so viel mehr zu bedeuten schien, als man norma- lerweise hätte annehmen sollen. Mit einer Kraft, die die anderen ihr niemals zugetraut hätten, schleppte sie ihn an eine Stelle, wo die Sonne noch einigerma- ßen warm herabschien. Als nächstes fertigte sie ein Bündel aus blühendem Thymian und schob es ihm behutsam als Kissen unter den Kopf. Obwohl im Boot reichlich Felle vorhanden waren, ließ sie sie für einen späteren Zeitpunkt dort liegen. In den Strahlen der Sonne liegen Kraft, Wärme und Leben, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als daß er all dies im Überfluß bekäme. Sie strich ihm voller Zärtlichkeit über das Haar und legte ihre warme Hand auf seine Wange. Sie war ge- schmeidig, doch so schrecklich kalt. Seine Wimpern waren mit Frost überzuckert, und als sie ihn anblick- te, sah sie, wie sich eine kleine Flocke davon löste und herunterfiel. Sie glaubte gesehen zu haben, wie sein Augenlid zuckte, war sich dessen aber nicht ganz si- cher. »Oh, komm doch! Oh, komm doch zu mir zurück!« rief sie flehend und machte sich wieder an die Arbeit. In der Ferne hörte sie den kalten Wind leise heulen, und als sie hochschaute, sah sie die Vögel in großen Schwärmen vom Meer zu ihren Nistplätzen zurück- kehren. Zu dieser Jahreszeit gab es zwar keine richti-, ge Nacht, aber kalt würde es werden – bitter kalt. Doch während dieses eisigen Zwielichts, bis der Morgen kam, würde sie es ihm nicht bloß warm ma- chen, sondern so heiß, wie es ein Mensch eben noch aushalten konnte. Dann würde er wieder zum Leben erwachen! Und dann würde auch sie endlich wieder lebendig sein – für ihn! Nach diesem Augenblick sehnte sie sich mit solch inbrünstiger Leidenschaft, daß sie Angst hatte, ihr könne vor Freude das Herz zerspringen, und sie zwang sich zur Ruhe. Dann sammelte sie Borken, Reisig und Blätter. Die- se zerbrach und zerriß sie in ihren Händen zu kleinen Stückchen und schichtete sie neben einer großen, ebenen Fläche aus Lavasand zu einem Häufchen auf. Als nächstes suchte sie oberhalb der Flutmarke nach trockenem Treibholz. Hiervon gab es im Überfluß, da der Golfstrom, der diese nördlichen Gestade um- spülte, reichlich Treibgut aus Regionen wärmeren Klimas heranschwemmte. Auch die schichtete sie zu einem großen Haufen auf, und als sie damit fertig war, begann sie, Steine zu sammeln. Scharfkantige Lavabrocken, Basaltklumpen, dicke, runde Brocken Fels, die irgendwann einmal aus ei- nem entfesselten Krater hoch in den Himmel gespien worden waren – all diese Schätze, die einst vom Höl- lenfeuer im Innern der Erde getauft worden waren, sollten nun ein zweites Mal mit dem Feuer in Berüh- rung kommen. Doch woher die Flamme nehmen, de- rer es bedurfte, ein solches zu entzünden? Die alte Thyra hätte mit einem Feuerstein gegen Stahl geschlagen, mit dem daraus entstehenden Fun- ken Zunder in Brand gesetzt und somit in wenigen Sekunden ein hübsches Feuerchen entfacht. Die neue, Thyra kannte diese Methode auch, aber Skeggi hatte die Schachtel mit dem Zunder bei sich, und er war nicht da. Sie überlegte, ob sie einfach die Feuer- steinaxt und das stählerne Schwert zu diesem Zwecke benutzen sollte. Zwischen ihren Augen, an der Na- senwurzel, bildeten sich zwei Konzentrationsfältchen. Dann hellte sich ihr Blick auf. Sie zog die Rechte des Fremden zu sich heran und streifte ihm den Ring ab. Da seine Hände zur Faust geballt waren, war der Ring den Blicken der Männer entgangen. Inzwischen jedoch hatte sich die Starre gelöst, die Hände hatten sich geöffnet, und es gab keine Probleme, ihm den Ring vom Finger zu ziehen. Er fühlte sich sehr warm an, wie er so auf ihrer Hand- fläche lag, und sie ließ ihn zwischen den Fingern hin und her gleiten, während sie überlegte und sich plötzlich wieder erinnerte. Richtig, er hatte ihr gesagt, daß der Ring warm würde, sobald ihm Gefahr drohte. Bedeutete das also, daß er jetzt in großer Gefahr schwebte? Nun, sie würde schon dafür sorgen, daß er so geschützt sein würde wie noch nie zuvor! Sie hob etwas von der zerriebenen Borke von der Erde auf, hielt sie in der Hand und legte den Ring darauf. Die Sonne schien durch den Stein, mit dem der Ring verziert war, hindurch und zauberte einen winzigen, hellen Lichtpunkt auf das Pulver in ihrer Hand. Doch da es feucht war, fing es nicht an zu glimmen. Für einen Moment wichen alle Kraft und alles Ge- bieterische aus ihrem Gesicht. Sie schien jetzt nicht mehr als ein kleines, hilfloses Mädchen zu sein – al- lein und von seinen Freunden verlassen., Hätte Flann sie jetzt sehen können, er hätte sie für niemand anderen als die kleine Thyra Skeggisdatter gehalten, die er seit so vielen Jahren kannte. Sie schloß die Augen. »Oh, Quetzalcoatl, Herr der Winde! Wenn du jemals deinen Patensohn geliebt hast, dann stehe ihm jetzt, in dieser Stunde, bei!« Ein sanfter Windhauch strich über ihre Hand, fast einer Liebkosung gleich. Der Ring verwandelte sich in einen winzigen, hell leuchtenden Kreis aus Licht. Der Zunder in ihrer Handfläche fing an zu glühen und zu qualmen. Vorsichtig legte sie die winzige Glut auf das Häufchen aus Reisig und zerkrümelter Rinde und blies darauf. Ein Flämmchen flackerte auf. Vorsichtig fütterte sie es mit Brennholz, bis es zu beachtlicher Größe ge- wachsen war. Begierig verschlang die Flamme nun die Holzstückchen, die sie nachwarf. Schon stieg eine dünne Rauchfahne empor. Sie klatschte in die Hände und lachte voller Fröh- lichkeit, wobei sie mit anmutigem Schwung den Kopf in den Nacken warf. Sie war sehr schön anzusehen in ihrer Freude und ihrem Glück. Der Ring war jetzt wieder erkaltet, und sie steckte ihn zurück auf die schlaffe, kalte Hand des Mannes. War die Gefahr ge- bannt? Es schien ganz so. Plötzlich entstand in der Gischt am Fuße des Was- serfalls ein Regenbogen, gleichsam wie ein verhei- ßungsvolles Symbol, das ihr versprechen wollte, daß ihre Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie schaute ihn an und senkte demütig den Kopf. »Ahuni-i! Geist der Woge! Vergib mir! Ich weiß, daß du bei mir bist. Ich werde nicht wieder zweifeln!« Und erneut ging eine Woge von Lebenskraft durch, ihren erschöpften Körper. Sie schürte das Feuer und warf große Holzstücke hinein, bis die Hitze sie zu- rücktrieb. Dann legte sie die Steine in die Flammen. Das Feuer toste und prasselte. Funken stoben in die Luft, und die Glut ließ die Steinbrocken langsam rot werden. Sie schimmerten vor Hitze und Meersalz – rot und grün und blau. Schließlich hatte sie nicht mehr die Kraft, ihren er- matteten Körper aufrecht zu halten. Erschöpft sank sie zu Boden und starrte müde in die Glut, die jetzt schon eine weißliche Färbung angenommen hatte. In diesem Zustand der Stumpfheit fanden sie die Män- ner vor, als sie mit den Pfählen und der Jagdbeute zu- rückkehrten. Nach dieser kurzen Ruhepause erwachte sie noch einmal zu neuem Leben, und obwohl auch die Män- ner nach all den Anstrengungen des Tages müde und erschöpft waren, gab sie ihnen erneut Anweisungen. Auf ihr Geheiß hin gruben sie eine breite, flache Vertiefung in den Sand. Dann trieben sie rings um diese Mulde die Pfähle tief in den Boden, und zwar so, daß sie nach innen geneigt standen und sich an der Spitze trafen. Als nächstes hieß Thyra sie, die Pfähle oben zusammenzubinden. Die Männer fragten sich neugierig, wozu diese merkwürdige Konstruktion wohl gut sein sollte, aber der seltsame Zauber, der auf Thyra lag, schien erneut sehr stark zu sein, und sie hatte auch wieder diesen seltsamen Blick. Aus diesem Grunde zogen sie es vor, sie besser nicht danach zu fragen. Nur Flann konnte seine Neugierde nicht beherrschen; und wahrschein- lich war er auch der einzige von den dreien, der überhaupt mit einer Antwort rechnen durfte., Schließlich war er derjenige gewesen, der ihr als er- ster in den Eistunnel gefolgt war – von den anderen beiden nahm sie augenscheinlich überhaupt keine Notiz. »Eine Hütte?« Sie schien mit diesem Wort nichts anfangen zu können. »Nein, keine Hütte – was ist das überhaupt: eine Hütte? Ein Schwitzhäuschen der Abenaki – dem Volk der Morgendämmerung! Beeilt euch, Männer!« Und wie sie sich beeilten! Als nächstes legten sie das Segel über die Pfähle. Dann warfen sie den Sand, den sie beim Graben der Vertiefung gewonnen hat- ten, ringsherum auf den Rand des so entstandenen zeltförmigen Gebildes. Dann holten sie die glühenden Steine aus dem Feuer, legten sie in die Vertiefung, verteilten sie gleichmäßig, bedeckten sie mit heißem Sand, den sie unter dem Feuer hervorgruben, und verteilten weiches Heidekraut über das Loch. Schon bald bauschte sich das Segel durch die im Innern des Zeltes entstehende Hitze nach allen Seiten aus. Nun legten sie Kleider auf das Heidekraut, mit der Fellseite nach oben. Als sie damit fertig waren, trugen sie den Mann aus dem Gletscher herein und legten ihn in die Mitte des Zelts auf die Felle. Das Mädchen kam herein und gab den anderen ein Zeichen, zu verschwinden. Dann ließ sie den nach außen eingeschlagenen Rand des Segeltuchdaches herunter, und das Zelt war so gut wie hermetisch verschlossen. Als sie sich ebenfalls gerade erschöpft neben dem Mann auf den Rücken gelegt hatte, trat auch Skeggi herein. Mit einer Mischung aus Neugier- de und Verwunderung starrte er sie an. Zunächst schien sie ungehalten, doch dann lächelte, sie und streckte einladend die Hand aus. Er nahm sie und kauerte sich neben sie. Schweigend schauten sie sich eine Weile an. Skeggi gingen mehrere Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Er fühlte sich verwirrt. War dieses seltsam verhext scheinende Mädchen noch seine Tochter? Wenn nicht, wer oder was war sie dann? In fremden Ländern passierten oft die merkwürdigsten Dinge, das wußte er aus den Erzählungen von Män- nern seines Volkes, die weit herumgekommen waren. Auf merkwürdige Dinge hatte er sich daher auch ge- faßt gemacht, als der Wind sie aus den heimatlichen Gewässern abgetrieben hatte. Doch dies hier grenzte schon an ein Wunder. Die Skalden und Sagenerzähler hatten schon von den seltsamsten Ereignissen be- richtet, doch so etwas, wie er es jetzt hier erlebte, hatte er noch nie gehört. Nur wenn sie lächelte, schien sie sein Töchterchen zu sein, das er liebte. Dennoch – das Feuer und die ungeheure Lebenskraft, welche sie heute an den Tag gelegt hatte, fesselten ihn auf eine seltsame Weise. Ja, er bewunderte sie fast. Mit welcher Sicherheit und Bestimmtheit sie sie geführt hatte, und wie genau sie wußte, was zu tun war in diesem fremden, men- schenleeren Land, das keiner von ihnen je zuvor ge- sehen, geschweige denn betreten hatte! Es war gera- dezu so, als ob sie schon oftmals hiergewesen wäre – ja, man hätte beinahe glauben können, sie habe ge- wußt, daß der Mann dort in dem Gletscher lag, und nur den rechten Zeitpunkt abgewartet, zu dem sie ihn herausholen konnte! Aber wie war das möglich? Sie waren doch niemals voneinander getrennt gewesen, weder in Norwegen, noch auf den Färöern – niemals seit ihrer Geburt! Doch nun gebrauchte sie plötzlich fremde, seltsam klingende Worte und Namen, sprach von Völkern und Ländern, die er, Skeggi, niemals zuvor gehört hatte, gab Anweisungen und Befehle, als wäre sie ei- ne Königin – oder gar eine Göttin! Skeggi war ein einfacher Mann, aber er war grund- ehrlich und hatte ein gutes Herz. Alles was sie bisher getan hatte, war in seinen Augen gut und recht gewe- sen. Und daher mußte auch das, was sie nun tat, richtig sein, weil sie seine Tochter war, sobald sie lä- chelte – und sie lächelte noch immer. Er gab ihr einen Kuß, und sie erwiderte ihn wann und liebevoll. Er ließ ihre Hand los und legte sich auf die andere Seite neben den Mann. Dann seufzte er tief. Und gleich darauf schlief er ein, erschöpft von den Anstrengungen, die dieser bemerkenswerte Tag mit sich gebracht hatte. Keiner von ihnen hatte etwas gegessen, wenn man einmal von den paar Brombeeren absah, die Skeggi unterwegs gepflückt und sogleich verzehrt hatte. Trotzdem hatte das Mädchen keinen Hunger. Die Aufregung hatte die Bedürfnisse des Leibes in den Hintergrund treten lassen. Und nun, wie sie so dalag, benommen von der wohltuenden Wärme, wich all- mählich die Erregung aus ihrem Körper, und sie hatte Mühe, die Augen geöffnet zu halten. Wie aus weiter Ferne hörte sie draußen in der Kälte Biarki und Flann miteinander herumzanken. Sie wußte, daß die beiden dabei waren, die gefangenen Vögel und Fische auszunehmen. Vielleicht würden sie essen. Vielleicht würden sie sich nach dem Essen unter dem kieloben auf dem Strand liegenden Boot, schlafen legen. All dies schien ihr im Moment ziem- lich belanglos. Sie hatte das, was sie wollte, und wie lange hatte sie darauf warten müssen, sich danach verzehrt! Wie hoffnungslos ihr das Warten manchmal erschienen war! Und nun war er da, und sie hatte ihre Arme fest um seinen Leib geschlungen! Er gehörte ihr, und endlich konnte sie ihn an sich drücken, ihn festhalten! Mit bebenden Fingern rollte sie ihn behutsam von einer Seite auf die andere, bis sie es schließlich ge- schafft hatte, ihm die ärmellose Weste auszuziehen. Fast schwanden ihr dabei die Kräfte, so müde und er- schöpft war sie. Sie hatte das Gefühl, als sei sein Kör- per schon ein wenig wärmer geworden. Als nächstes zog sie ihm das weiche Lederhemd über den Kopf. Sie glaubte, ein schwaches Pochen in seinen Schläfen zu fühlen, aber noch gab es keinerlei Anzeichen da- für, daß sein Herz wieder schlug. Sie streichelte seine muskulösen Arme und ließ ihre Finger über ihr noch gut in Erinnerung gebliebene Narben auf seinem Oberkörper gleiten. Hier, diese lange Schramme über den Rippen zum Beispiel – dort hatte sich einst eine Lanze hineingebohrt. Und jene Krallennarben auf seinem Rücken – da hatte ihn einst ein Puma erwischt, damals, als sie zusammen beim Volk der Morgendämmerung gelebt hatten. Der Na- me des Volkes rührte daher, daß es von allen roten Völkern des Nordens auf dem Kontinent Alata des Morgens als erstes die Sonne aufgehen sah. Ach, Ahuni-i! Wie leicht hätte es sein können, daß sie sich niemals wiedergesehen hätten, wäre nicht seine Magie so stark und ihre Göttin so gnädig. Ein Schauer durchlief ihren Körper bei diesem Ge-, danken. Erneut umschlang sie ihn mit den Armen. Spürte sie da nicht eine Bewegung? Eine ganz winzi- ge nur? Sie küßte ihm zärtlich den Nacken, und ihre Augen wurden feucht. So also weinten menschliche Wesen! Beinahe hatte sie es schon vergessen. Warum fühlte er sich nur so kalt an – so entsetzlich kalt? Sie öffnete den Kragen ihres wollenen Hemdes und öffnete die Schnüre, die ihr Kleid vorne zusammen- hielten. Sie schlug es weit auf, hüllte ihn und sich selbst damit ein und schmiegte ihren warmen, nack- ten Leib an seinen nackten Rücken. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Körper, preßte die Handflächen auf sein stummes Herz und drückte ihre Wange ge- gen die seinige – still lagen sie da, ihre Leiber zu ei- nem vereint. Mehr konnte sie nicht tun. Die einzige Magie, über die sie verfügte, war ihre Liebe – sie besaß kein Zau- bermittel außer ihren Gebeten zu einer Göttin, die man auf einem Kontinent verehrt hatte, der vor lan- ger Zeit in den Tiefen des Meeres versunken war und an die sich außer ihr selbst niemand mehr erinnerte. Seine Kälte drang langsam in Thyras Körper, der nicht mehr gänzlich Thyra gehörte, unterkühlte ihn bis auf die Knochen, und ihr Herzschlag wurde lang- samer, als die Körpertemperatur sank und der Kreis- lauf fast zum Stillstand zu kommen schien. Als schließlich die Bewußtlosigkeit kam, wußte sie nicht, ob sie in einen tiefen Schlaf fiel oder in einen gnädi- gen, doch einsamen Tod. In diesem Augenblick erwachte die wirkliche Thy- ra Skeggisdatter, die bis zu diesem ereignisreichen, und denkwürdigen Tag jenen Körper mit niemand anderem geteilt hatte, wie aus einem Traum. Das er- ste, was ihr ins Bewußtsein drang, war das Gefühl, in dem Körper wie in einem Kerker eingeschlossen zu sein. Es ist schrecklich, wenn man erkennen muß, daß ein Körper, dessen Vorhandensein man immer als etwas Selbstverständliches empfunden hat, am Ende nichts weiter als ein Transportmittel des Bewußtseins ist, daß zwischen ihm und dem Ich eine Trennung existiert. Sie hatte das Gefühl, nur noch eine Mücke oder ei- ne winzige Motte zu sein, die verzweifelt umherflat- terte, um ins Freie zu gelangen, und die immer hilflos gegen eine undurchdringliche Wand stieß. Sie wußte, ohne zu wissen, wie es möglich war, daß sie es wuß- te, daß dieses hilflose Ding, das da gefangen war, ihr wirkliches Ich war, jene wahre Essenz des Seins, von den Menschen in Ermangelung eines besseren Na- mens ›Seele‹ genannt. Sie war gefangengenommen und beiseite gestoßen worden. Sie war in ihrem eigenen Körper eingesperrt – so sicher und unentrinnbar, als hätte ein Wikinger- führer eine Burg eingenommen und ihren Herrn ins Verlies geworfen, wo er schmachten mußte, bis der Eroberer entschieden hatte, was mit ihm geschehen sollte. Sie hatte große Angst. Irgendwie konnte sie das Ge- fühl nicht loswerden, daß der neue Bewohner ihres Körpers ihre Furcht spürte und sich daran ergötzte. Sie spürte, daß eine ruhige, besänftigende Stimme zu ihrer Seele sprach. Das kleine, zitternde Etwas, das ihr Ich war, wurde von Wärme eingehüllt. Sie spürte ein Gefühl von Frieden und Ermutigung., Langsam verfestigte sich in ihr die Gewißheit, daß der Eindringling ebenfalls weiblichen Geschlechts war, spürte sie doch eine seltsame Verflechtung und Verwandtschaft zwischen ihren beiden Seelen und ein natürliches Einvernehmen, für das es sonst keine andere Erklärung gab. Als ihr dies endgültig zur Ge- wißheit geworden war, begann sich ihr Zorn über das Eingeschlossensein in tiefes Mitgefühl, ja fast in eine Art von spontaner Zuneigung zu verwandeln. Dabei war das einzige, was die Stimme zu ihr ge- sagt – oder besser getrillert – hatte (denn sie hatte sich angehört wie das Klingen silberheller Glockentöne): »Verzeih mir, kleine Schwester!« Die unendliche Müdigkeit und Verzweiflung, die in diesen wenigen Worten gelegen hatten, hatten sie so gerührt, daß sie den Tränen nahe war. Es war die unendlich tiefe Trostlosigkeit, die eine Seele befällt, welche spürt, daß die Qual kein Ende haben wird, bis Asgard fällt und der Winter kommt, um alles, was lebt und sich bewegt, in tiefe Erstarrung fallen zu las- sen, bis die neue Erde für den Aesir gebaut ist. So viele Jahre des Wartens waren ins Land gegan- gen und wieder vergangen, und nun war endlich ein Funken Hoffnung aufgeblitzt, und auch er war wie- der erloschen. Und jetzt gab es für diese fremde Besu- cherin, die für diesen einen Tag Thyra gewesen war, nichts mehr, auf das sie noch hoffen konnte. Sie verspürte das tiefe Bedürfnis, ihrer Besucherin Trost zu spenden, doch sie wußte nicht wie. Und doch; es schien, daß allein der Gedanke, es zu wollen, schon ausreichte. Thyra hatte Kraft aus jenem anderen Ich gezogen. Und nun gab sie diese Kraft zurück. Und sie fühlte,, wie sich eine Vereinigung ihrer Seelen vollzog, ein Bund gewissermaßen; und obwohl beide noch immer voneinander unabhängige Wesenheiten bildeten, wa- ren sie nicht länger Gefangene und Fängerin, sondern – wie die Besucherin Thyra schon bei ihrer beschwö- renden Bitte genannt hatte – Schwestern. Dieses wunderbare Gefühl der Einheit erfüllte sie mit neuer Lebenskraft; ihre Seelen, die sich auf so seltsame Art miteinander verbunden fühlten, schie- nen wieder aufzuleben und neuen Mut zu schöpfen. Ein wenig Wärme strömte wieder zurück in den er- schöpften Körper. Das Herz begann wieder ein wenig kräftiger zu schlagen. Thyra wußte, daß die andere ihren Schmerz überwunden hatte. Sie hatten einander beruhigt und sich neuen Mut gemacht. Ihr gemein- samer Körper würde am Leben bleiben. Sie konnten zusammen in ihm bleiben, solange es notwendig war, und es würde zwischen ihnen beiden keine Zwie- tracht aufkommen. Und wieder war es, als läuteten kleine Glöckchen. Thyra lauschte gespannt, als die andere zu ihrer Seele sprach. Sie waren jetzt einander so nahe, daß es ihr gar nicht wie etwas Ungewohntes vorkam; vielmehr war ihr, als erinnerte sie sich ganz plötzlich wieder an ein in den Tiefen ihres Bewußtseins schlummerndes, längst vergessenes Märchen aus uralten Zeiten. Wäh- rend sie gebannt lauschte, sah sie plötzlich die Dinge vor ihren Augen, die die andere gesehen hatte. »Es war einmal ein Land, weit weg von hier, in den Gewässern des Südens, vom Meer umschlungen, und sein Name war Atlantis ...« sagte die glockenhelle Stimme, und während sie es sagte, hatte Thyra dieses Land ganz deutlich vor ihren Augen. Das Land lag, unter einem entsetzlichen Fluch von dunkler Magie und Krieg. Es plante, schreckliches Unheil über die ganze Welt zu bringen, und die Götter, die dieses Land liebten, sahen diesen Plan mit Trauer und Zorn und beschlossen in ihrer Güte und Gerechtigkeit, es in den Fluten der Ozeane versinken zu lassen. Nur ein einziger Mensch konnte der Katastrophe entrinnen. Lebendig zwar, doch zugleich nicht mehr ein wirklicher Mensch. Ein junges Mädchen, dessen Seele durch Zauberkraft in eine Nachbildung seines eigenen Körpers gebracht wurde, die aus jenem rot- goldenen Metall namens Orichalcum gefertigt war, das über höchst wundersame Qualitäten verfügte und das nur die Bewohner von Atlantis kannten und verwendeten. Eingeschlossen in diesen metallenen Leib, unfähig, den Mechanismus, der ihn zum Leben erwecken würde, aus eigener Kraft in Gang zu setzen, mußte das arme Mädchen warten, bis jemand käme und sie befreite. Über Jahrtausende hinweg schwamm es in einem der Schwanenschiffe von Atlantis über dem versunkenen Kontinent und wartete. Das Schiff, das ebenfalls aus Orichalcum bestand, nahm die Energie der Sonne in sich auf, entwickelte eine gewisse Art von Intelligenz und nahm eine Art von Eigenleben an. Schließlich wurde das Mädchen erlöst – von einem Mann, dessen hölzernes Schiff in die Schlingpflanzen geraten war, die auch ihr eigenes Schwanenschiff festhielten. Sie schlossen einen Pakt, sich gegenseitig bei der Erfüllung ihrer Schwüre zu helfen, die jeder von ihnen einst geleistet hatte. Die Mission des Mädchens kam mit Hilfe des, Mannes zu einem glücklichen Abschluß, sie jedoch war nicht mehr in der Lage, ihr Versprechen ihm ge- genüber zu erfüllen, da sich sowohl das Metall des Schwanenschiffes als auch ihr eigener metallener Leib auflösten. Und so kam es, daß sie wieder voneinander ge- trennt wurden. Doch bevor sie scheiden mußten, hatten beide das Mysterium tiefer Liebe erfahren, und beide hatten große Angst ausgestanden, sich niemals wiederzusehen. Er wurde Gefangener des ewigen Eises, doch war er – so hatte sie immer geglaubt – niemals wirklich tot, denn er war der Patensohn eines großen Magiers und hatte vom Elixier des Lebens getrunken. Mit Hil- fe der Künste Atlantis' bewahrte sie ihre Identität, denn sie verfügte über die Fähigkeit, die Seelen ande- rer Lebewesen für eine Weile zur Seite zu drängen und sich in ihrem Körper einzunisten, bis es an der Zeit war, den fremden Körper wieder zu verlassen, oder bis er starb. Und auf diese Weise hatte sie weitergelebt, oft in den Körpern von Fischen und Robben, manchmal auch in den luftigen Regionen, die den Falken und Möwen vorbehalten sind. Später war sie auch in den Körpern von Menschen zu Gast und nahm für eine Weile an ihrem Leben teil, teilte Freud und Leid mit ihnen, ergötzte sich an ihrem Glück und nahm Anteil an ihrer Trauer. Dies war ihr allerdings nicht sehr oft vergönnt gewesen, da jene nördlichen Gefilde nur selten von Menschen besucht wurden. Während all der Jahre hatte sie jedoch niemals auch nur für einen Moment ihren Geliebten aus den Augen gelassen; immer hatte sie voll tiefer Sehnsucht und mit Span-, nung auf den Zeitpunkt gewartet, wo der sich lang- sam bewegende Gletscher den Geliebten wieder frei- geben würde. Ach, diese langen, langen Jahre des Wartens! Stän- dig hatte sie in der Furcht gelebt, daß am Ende viel- leicht alles umsonst war! Vielleicht befanden sich kei- ne Menschen in der Nähe, wenn der Augenblick des Handelns gekommen war. Menschen waren gekom- men und wieder gegangen. Wie leicht konnte es ihr da passieren, daß sie im entscheidenden Moment, wenn der Gletscher ihn endlich freigab, hilflos da- stand und mit ansehen mußte, wie er, von einem un- durchdringlichen Eisblock umschlossen, ins Meer stürzte und für sie auf immer verloren war! Denn was konnte eine menschliche Seele, einge- schlossen wie die ihre in einen Körper ohne Hände, schon tun, um ihm beizustehen? Und dann – noch bevor die Zeit gekommen war – brach der Vulkan aus, und die Erde bebte, und es blieb keine Zeit, nach anderen menschlichen Wesen zu suchen! Verzweifelt flog sie im Körper eines Raben über das Meer und spähte auf die Wogen hinab. Da erblickte sie das kleine Boot, das sich genau der Stelle näherte, wo sie es so dringend brauchte. Was dann folgte, wußte Thyra jetzt: Inbesitznahme, Glück, dann verzweifelte Anstrengung – und nun tie- fe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Wartend lagen sie da. Die Nacht kam, ohne wirkli- che Dunkelheit mit sich zu bringen. Sonnenunter- gang, ein kurzes, blasses Zwielicht, und gleich darauf ging die Sonne schon wieder auf und übergoß die Eishauben auf den Berggipfeln mit tiefem Rot. Weni- ge Minuten nur, und die Strahlen fielen auf die Wand, des Zeltes und tauchten sein Inneres in ein fahles Dämmerlicht. Die Steine hielten die Wärme, bis der Tag voll er- wacht war. Der Sand war warm und anheimelnd unter den Fellen, und das Heidekraut strömte ein süßes, betörendes Aroma aus. Noch immer bebte die Erde leise unter ihren Körpern, und zunächst fühlten Thy- ra und ihre seltsame Seelenverwandte nichts weiter als jenes ferne Rumoren. Doch dann spürte Thyras Körper, der noch immer dicht an den geretteten Mann geschmiegt war, plötzlich eine andere Vibration. Das Mädchen wagte kaum zu hoffen. In ängstlicher Erwartung löste es seine Umklammerung und wälzte den Körper des Mannes auf den Rücken. Als es seine bebende Hand auf sein Herz legte, spürte es ein schwaches Pochen – dann noch eines, diesmal schon stärker – und noch eines, zögernd, als wolle es Kraft sammeln für den nächsten Schlag, bis es schließlich immer kräftiger und regelmäßiger wurde. Es dauerte nicht lange, und das Herz hatte seinen Dienst wieder aufgenommen. Langsam wurde der Körper des Mannes warm, die aschfahle Blässe verschwand von seiner dunklen Haut – ein tiefer Atemzug, fast wie ein Seufzer klin- gend, hob seine Brust –, da warf sie sich schluchzend auf ihn und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Doch er wachte nicht auf. Thyra spürte, wie ihr Ich wieder in den Hinter- grund gedrängt wurde. Sie fühlte, daß sie in diesem Augenblick nicht länger gleichberechtigt war. Das Ich der anderen trat übergroß hervor, dominierte. Dies- mal jedoch überkam sie keine Furcht, wußte sie doch, was geschah. Sie empfand keine Angst und keinen, Haß bei dem Gedanken, daß sie wieder die Kontrolle über ihren Körper verlor. Irgendwie war sie sogar froh darüber, daß sie dem anderen Mädchen, das ihrer Hilfe so dringend be- durfte, in diesem Moment beistehen konnte. Sie war von tiefem Vertrauen in die Redlichkeit der anderen erfüllt und war sicher, daß ihr Körper nicht miß- braucht würde. Bevor sie in einen friedlichen Schlummer des Ver- gessens hinüberglitt, spürte sie noch, wie sich auf ih- rem Gesicht neue Züge formten. Sie war dabei, das Aussehen des anderen Mädchens anzunehmen. Würde er in ihm eine Ähnlichkeit erkennen? Wäh- rend sie sich noch diese Frage stellte, war ihr, als fiele sie in einen tiefen Schlaf. Skeggi spürte, wie jemand ihn wachrüttelte. Als er die Augen aufschlug, erkannte er seine Tochter kaum wieder. Er hatte das Gefühl, sie wie durch einen Schleier wahrzunehmen. Doch als er die Benommen- heit abgeschüttelt hatte und sein Kopf klar war, sah er in dem schummrigen Licht, daß es in der Tat Thyra war, jedoch leicht verändert. Inzwischen hatte sie das Hemd vor ihrer Brust wieder zugeschnürt und ihre Lederjacke angezogen. Sie war dabei, mit aller Kraft die nackte Brust des Fremden zu massieren. Sein Kopf rollte kraftlos von einer Seite auf die andere. Skeggi rief die anderen. Benommen krochen sie unter dem Boot hervor, wo sie die Nacht verbracht hatten, und hockten sich froh über die wohlige Wär- me, die sie im Inneren des Zeltes empfing, neben den Fremden. Er schien zu schlafen. Sein Atem ging kräftig, und, seine Brust hob und senkte sich regelmäßig. Die lange Gefangenschaft im Eis hatte seine Muskeln nicht ver- kümmern lassen. In kräftigen Strängen spannten sie sich über seinen Oberkörper, und seine Bizeps und Oberschenkel waren straff und hart. Als Thyra mit der Massage innehielt, lag er fried- lich da, scheinbar noch immer schlafend, doch unter seinen Lidern bewegten sich seine Augen, so als be- obachte er etwas. »Ich habe schon oft gedacht«, sagte Flann flüsternd, »daß jemand im Land des Traums Dinge sieht, an die er sich nicht mehr erinnern kann, wenn er aufwacht. Ich habe Schläfer beobachtet, und ich habe viele gese- hen, deren Augen sich bewegten.« Ob es nun im Lande des Traums war oder im Reich des Geistes – jedenfalls sah der Fremde zweifellos etwas vor sich, vor dem er große Furcht hatte. Sein Gesicht verzerrte sich plötzlich, dann breitete er mit einem Ruck die Arme aus, so als wolle er sich vor dem Aufprall nach einem tiefen Fall schützen, und stieß dabei den wuchtigen Skeggi zur Seite, als sei er ein kleines Kind. Das erste, was er sah, als er die Augen aufschlug, war das Gesicht von Skeggis Tochter. Mit einem Freudenschrei fuhr er hoch: »Corenice!« Im selben Moment lagen sich beide in den Armen. Diese dramatische Zuspitzung der Ereignisse ver- setzte die drei Fischer in einen Zustand höchster Ver- blüffung. Sie reagierten jeder auf verschiedene Weise. Flann wirbelte herum und stürzte nach draußen; Kummer und Schrecken standen ihm deutlich im Ge- sicht geschrieben. Die anderen zwei achteten nicht auf ihn. Biarki, der ein wenig schwer von Begriff war,, erfaßte nicht sogleich die Situation und brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, inwieweit die Ereignisse auch ihn persönlich betrafen – doch dann kochte die Wut in ihm hoch. Inzwischen hatte Skeggi das Paar schon mit seinen mächtigen Pranken gepackt und un- sanft auseinandergezerrt. Alle drei hatten nur Thyra gesehen. Doch als das Mädchen sich ihnen zornentbrannt zuwandte, wurde ihnen auf der Stelle klar, daß es nicht Thyra war – weder vom Charakter noch vom Aussehen her. Diese Person, die da zornbebend vor ihnen stand und sie aus funkelnden Augen anschaute, hatten sie noch nie zuvor gesehen. Während der langen Stunden im Zelt hatte sich ei- ne Veränderung vollzogen. Im Boot hatte es begon- nen, dann hatte es sich mit der Zeit fortgesetzt, und nun war der Wandel komplett. Das Gesicht des Mäd- chens war von unbeschreiblicher Schönheit; weit schöner als das von Thyra. Und es lag in ihm etwas derart Gebieterisches, daß Biarki erschreckt seine Wut hinunterschluckte. Dieses Mädchen da konnte nur eine völlig andere Persönlichkeit sein, eine, die ihnen Furcht einflößte. Corenice, so hatte der Fremde sie genannt – und eine Corenice kannten sie nicht! Corenice-Thyra musterte Biarki, und ohne ein Wort verließ er das Zelt. Dann streckte sie Skeggi die Hand hin, und nach einem kurzen Zögern nahm er sie. Corenice stand auf. »Dies ist Gwalchmai. Ich liebe ihn. Sein Name be- deutet ›Adler‹, und er ist der Sohn eines Königs. Ich weiß, daß du die Bedeutung dessen, was geschehen ist, nicht verstehen kannst, Vater von Thyra. Doch, vertraue mir, und ich werde dir alles erklären. Hab' keine Furcht, keinem von euch wird ein Leid gesche- hen, und aus allem, was geschehen ist, wird dir und deiner Tochter nur Gutes erwachsen. Das schwöre ich bei deinen Göttern und bei meinen. Doch du sollst und mußt mir gehorchen!« Für Skeggi war es klar, daß hier die Götter im Spiel waren. Die ganze Angelegenheit war viel zu verwir- rend für ihn, als daß er sie hätte begreifen können. Er versuchte es erst gar nicht. »Ich werde tun, was du wünschst, o Herrin, die du meine Tochter warst. Doch möchte ich, daß du mir meine Tochter zurückgibst – so, wie sie war, als sie mir weggenommen wurde. Wenn nicht, dann werde ich die Götter, die sie mir weggenommen haben, ver- fluchen und verhöhnen, bis sie mich töten! Thor du Witzbold, du Possenreißer! Hast du mir dies angetan? Oder du, Loki, du Schwindler, du Unheilstifter – habe ich es dir zu verdanken?« Corenice lächelte ihn an. Etwas in ihrem Lächeln erinnerte ihn noch immer an seine eigene geliebte Tochter – doch lag darin noch etwas anderes, Anmut und Grazie, die nur dieser Fremden eigen waren, und eine unendliche mütterliche Weisheit. Ein tiefes Gefühl zu ihr überkam ihn, überwältigte ihn geradezu. Er sank vor ihr auf die Knie wie vor ei- ner Göttin, die auf die Erde herabgestiegen war, und senkte seinen Kopf. Hätte jemand ihm gesagt, sie sei Freya oder Sif, die Gemahlin Thors – die mit dem goldenen Haar –, er hätte es geglaubt und ihr ebenso blind vertraut. Sie strich ihm sanft über seine allmählich grau werdenden Locken., »Dann hilf mir, meinen Geliebten wieder gesund zu machen; er ist sehr krank und geschwächt.« Gwalchmais Augen hatten sich wieder geschlossen. Er war nicht gänzlich bewußtlos, doch konnte er nicht den Boden fühlen, auf dem er lag. Er hatte das Ge- fühl, zu schweben. Sein Atem ging flach und unru- hig. Corenice setzte sich neben ihn und bettete seinen Kopf zärtlich auf ihren Busen. Ihr gleichmäßiger Herzschlag pochte sanft gegen seine Schläfe und gab ihm das Gefühl tiefer Geborgenheit und Ruhe. Wie schon während der Nacht, so schöpfte er auch jetzt erneut Kraft aus der jugendlichen Lebenskraft des Mädchens. Ihre beruhigende Nähe erweckte neue Lebensgeister in ihm. Sein Pulsschlag wurde kräfti- ger, sein Atem tiefer. Er begann, seine Umgebung wahrzunehmen. Zuerst jedoch glaubte er, wieder beim Volk der Morgendämmerung zu sein und sich in einem Dorf der Abenaki von einer schweren Krankheit zu erholen. Als er die Augen aufschlug, wußte er, daß er sich getäuscht hatte. Dann fiel ihm ein, wie Corenice zum Abschied ge- sagt hatte: »Am Golde sollst du mich erkennen!« Und er erinnerte sich des Versprechens, das sie ihm gege- ben hatte: »Wir werden uns wiedersehen – wir wer- den leben und uns lieben – und dauerte es zweihun- dert Jahre!« Seine Arme schlossen sich zärtlich um den Körper des schönen Mädchens mit dem goldenen Haar. Ihr Körper war nicht mehr aus Metall – sie fühlte sich weich und warm an. Ja, diese Frau war Corenice! Sie war zurückgekehrt, wider alle Erwartung! Mit unendlicher Zärtlichkeit streichelte sie sein Ge-, sicht. Beglückt schwelgte sie in seiner wiedererwa- chenden Lebenskraft. Dann hob sie den Kopf und schaute ruhig den noch immer am Boden knienden Skeggi an. »Bring uns nun zu essen. Mein Geliebter soll wie- der zu Kräften kommen!« Noch immer glomm das Holz unter der Asche, wo Biarki und Flann die Forelle gebraten und verzehrt hatten, bevor sie schlafen gegangen waren. Als Skeggi aus dem Zelt trat, noch immer verwirrt von den Dingen, die sich ereignet hatten, war Flann gerade dabei, mit mürrischer Miene die Glut neu zu entfachen. Niemals zuvor war dem Leibeigenen sein Status als Sklave so bewußt gewesen wie jetzt. Biarki hatte die Schneehühner gerupft und in ein- zelne Stücke zerteilt. Der kleine Kupferkessel – das einzige Kochgerät, über das sie verfügten – dampfte schon. Gemüse war keines vorhanden, aber Biarki erinnerte sich, auf der Wiese Lupinen gesehen zu ha- ben. Vielleicht waren ihre kleinen, flachen Bohnen schon reif genug zum Essen. Obwohl das Frühjahr erst gerade begonnen hatte, fand er eine große Menge Löwenzahnblätter und stopfte sich die Taschen mit den blaßgrünen Eiern der Eidergans voll. Die Eier kamen zum Rösten in die heiße Asche, und die Löwenzahnblätter schmorte er zusammen mit den kleinen Vögeln. Der Brei, der dabei heraus- kam, sah recht unappetitlich aus, aber er roch gut. Auf der Spitze des Felsens stand ein Fuchs und bellte klagend zu ihnen herunter. Als alles fertig war, holte Flann die hölzernen Schalen und füllte sie mit dem Brei. Dann bekam je- der einen halben von den harten Roggenzwiebäcken,, von denen sie sich schon auf ihrer Irrfahrt ernährt hatten. Sie schmeckten nicht schlecht, aber Gwal- chmai schaffte es nicht, die steinharten Brocken hin- unterzuschlucken. Er trank etwas von dem Brei und sank ermattet zu- rück, um sich auszuruhen. Corenice fütterte ihn mit liebevoller Fürsorge. Sie fischte für ihn die zartesten Fleischstücke aus dem Kessel heraus und legte sie ihm mit dem Hornlöffel zwischen die Lippen. Er aß ein wenig von dem Gemüse und verzog das Gesicht, angewidert von dem bitteren Geschmack. Doch dann plötzlich schlang er es heißhungrig hinunter und schaffte es gar, die ganze Schale leer zu essen. Als er gegessen hatte, fühlte er sich schon weit kräftiger. Er stellte Corenice eine Reihe von Fragen, und während er sie musterte, als sie ihm von seiner Rettung erzählte, veränderte sich sein Gesichtsaus- druck. Sie war die, die er geliebt hatte und an deren Seite er gekämpft hatte – und gleichzeitig war sie es doch nicht. Er wußte, was sie getan hatte, um ihn zu beschützen und zu retten, und er wußte auch, was er selbst jetzt tun mußte. Er taumelte leicht, als er sich erhob, und als er mit unsicherem Schritt aus dem Zelt ins Freie trat, verei- nigten sich das Rauschen des Wasserfalls, der Rauch des Feuers und das gleißende Sonnenlicht vor seinen Augen zu einem rasenden Strudel. Der kühle Wind belebte ihn. Dann sah er klar und deutlich die Ge- sichter der Männer, die ihn anstarrten. Biarkis Blick war finster. Haß und Drohung lagen darin! Der Ausdruck in Flanns Gesicht war schwer zu beschreiben; er war zurückhaltend, reserviert, fast teilnahmslos – doch da war noch etwas: Ablehnung!, Natürlich! Auch Flann liebte diese Frau, doch nicht die, die Gwalchmai so vertraut war. Hinter der Teil- nahmslosigkeit seines Blickes lag tiefer Kummer. Der dritte war Skeggi, der Vater des Mädchens. Sein Blick war am leichtesten zu deuten. Erwartung lag darin – Erwartung, daß ein Versprechen erfüllt würde. Wie gut Gwalchmai diesen Blick kannte! Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erkenntnis, daß das Ver- sprechen, das er selbst einst gegeben hatte, längst denjenigen, dem er es gegeben hatte, überdauert hatte. Diesen Fremden hier jenes Versprechen zu er- klären, würde bedeuten, eine tiefe Wunde wieder aufzureißen. »Ich heiße Gwalchmai. Es ist ein britischer Name. Ich bekam ihn von meinem Vater, der selbst ein Brite war, obwohl er sich selbst als Römer fühlte. Er hatte einen mächtigen Freund namens Merlin. Die Men- schen in Britannien nannten ihn einen Zauberer. Diese zwei begaben sich zusammen mit anderen vor langer, langer Zeit auf Entdeckungsreise über das Meer. Sie entdeckten ein großes Land; es liegt west- lich von hier. Dort machte mein Vater sich zum Kö- nig, und Merlin wurde als Gott verehrt. Gefiederte Schlange nannten sie ihn – Quetzalcoatl, den Herrn der Winde. Ich bin sein Patensohn. Diesen Ring, den ihr hier seht und der euch, wie ich hörte, Feuer machte, besitze ich als sein Erbe. Hütet euch, ihn zu berühren. Ich bin der einzige, der ihn unge- fährdet tragen kann. Es gibt welche, die sagen, Merlin sei nicht tot, ob- wohl mein Vater bei seiner Beerdigung zugegen war. Ich weiß nur, daß sein Grab, als man es schließlich öffnete, um sich Gewißheit zu verschaffen, leer war., Ich selbst kann das bezeugen, da ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Vielleicht hat er nur eine Weile geschlafen, und nun besucht er das Reich der Toten, das er immer gesucht hatte, und kommt eines Tages wieder zurück. Sein und meines Vaters Wunsch war es, daß das Land Alata unter die Herrschaft des Kai- sers von Rom käme. Aus diesem Grunde wurde ich zum Botschafter meines Vaters ernannt. Zwar ging mir die Botschaft verloren, doch habe ich die feste Absicht, zum Kaiser von Rom zu reisen, wie ich es mit einem heiligen Eid auf den Griff des Schwertes meines Vaters gelobte. Es ist möglich, daß Rom in höchster Gefahr schwebt. Alata soll die Zufluchtsstätte für seine Be- völkerung sein. Es ist meine heilige Pflicht, jene Zu- fluchtsstätte für diejenigen bereitzuhalten, die ihrer bedürfen. Auf ihren Schiffen werde ich in meine Heimat zurückkehren. Alles was ich von euch verlange, ist, mir zu helfen, nach Rom zu gelangen. Ich verfüge über einige magi- sche Kenntnisse, die ich aus den Büchern meines Pa- tenonkels gelernt habe. Wir können einander von Nutzen sein.« Er schaute jeden einzelnen der Männer an. Keiner von ihnen sagte zunächst etwas, aber er konnte deut- lich ihre Gedanken lesen. Corenice-Thyra strahlte vor Liebe und Stolz. Kein Zweifel, es war Corenice! Das war ihm jetzt völlig klar, obwohl er deutlich sehen konnte, daß sich dieses schöne Mädchen mit dem goldenen Haar in vielen Dingen von der Frau unterschied, die er einst kennen- und liebengelernt hatte. Das war zu erwarten gewesen. Doch trotz ihres anderen Aussehens war es, unverkennbar Corenice; ihre Persönlichkeit war ein- fach so stark, daß sie ihr verändertes Erscheinungs- bild nahezu vergessen machte. Und so lange, bis sie diesen Körper wieder verließ, um ihrer Seele eine an- dere Heimstatt zu suchen, war sie Corenice. Aus den Augen der anderen loderte jetzt unver- hüllter Haß. Prüfend ließ Gwalchmai seinen Blick über Flanns Gesicht gleiten. Unter anderen Umstän- den wäre der Leibeigene vielleicht ein guter Freund gewesen, aber er versuchte gar nicht erst, seine Ge- fühle zu verbergen. Der offensichtliche Verlust des Mädchens war ihm sehr nahegegangen. Haß war nicht so stark wie das Gefühl der Erleichterung dar- über, daß ein gefährlicher Rivale vielleicht bald tot sein würde. Biarkis Gründe waren nicht so deutlich zu durch- schauen. Gwalchmai las Neid aus seinen Augen, und er glaubte, auch Habgier zu erkennen – und einen Funken Eifersucht. Biarki würde er im Auge behalten müssen. Wichtiger jedoch war Skeggi. Zwar schien der Fi- scher halbwegs verstanden zu haben, was mit seiner Tochter geschehen war, doch würde er einsehen, daß alles dies notwendig gewesen war? Es war durchaus möglich, daß Skeggi wegen der Freiheiten, die Core- nice sich herausgenommen hatte, Groll hegte und nun befürchtete, daß er noch weitere, weit schreckli- chere zu erwarten hatte. Offensichtlich war er völlig in seine Tochter vernarrt. Gwalchmai versuchte, sie alle mit einem Lächeln zu beruhigen, aber keiner der drei mochte ihm so recht ins Auge blicken. Dennoch versprachen ihm alle drei, mitzuhelfen, so schnell wie möglich nach Rom, zu gelangen – jeder aus einem anderen Grund. Das Boot war auf dem Treibeis leckgeschlagen. So kam es, daß sie die Bucht an jenem Morgen nicht mehr verließen. Während Biarki und Flann das Leck mit Moos und Teer aus ihren Schiffsvorräten abdich- teten, machten sich Gwalchmai und das Mädchen auf die Suche nach Eiern auf der oberen Wiese. Skeggi begleitete die beiden. Er vermied es, seine Tochter für längere Zeit aus den Augen zu lassen. Die drei fanden eine große Menge von Eidergans-Eiern, mehr als sie brauchten. Wenn man sie jedoch ein paar Sekunden in kochendes Wasser legte, konnte man sie haltbar machen. Dadurch wurde nämlich das Innere des Eies luftdicht versiegelt und hielt sich relativ lan- ge frisch, obwohl das Dotter roh blieb. Als alle mit der Arbeit fertig waren, neigte sich der Tag schon fast dem Ende entgegen. Leider hatten sie noch immer kein Wild zu Gesicht bekommen. Dafür taten sie sich jedoch an ein paar gebratenen Enten gütlich, die ausgezeichnet mundeten. Trotz des Man- gels an Wildfleisch war es ein ausgezeichnetes Mahl. Biarki jedoch war gar nicht zufrieden. Jetzt, wo er sich sicher fühlte und ein warmes und trockenes Plätzchen hatte (sie aßen nämlich in dem Zelt, vor dem ständigen Wind geschützt), überkam ihn ein starkes Verlangen nach Bier. Doch es gab kei- nes. Je mehr er an Bier dachte, desto unwiderstehli- cher wurde sein Verlangen danach. Bald war er so- weit, daß er bloß die Augen zu schließen brauchte, und schon tanzten vor seinen Augen Krüge und Kannen, Lederflaschen und Trinkhörner – alle mit köstlichem kühlen Bier gefüllt. Nahrung war gut, Wärme war gut. Doch Bier war, beides. Und das Schönste an ihm: Es brachte Träume mit sich, wollüstige Bilder, in denen er schwelgen konnte, die seinen tumben Geist beflügelten. Er leckte sich sehnsüchtig die Lippen und legte die Stirn in Falten. Er dachte nach. Wenn sie Kurs nach Westen nahmen, würden sie morgen oder übermor- gen an dem Rauch vorbeikommen, den er von der Anhöhe gesehen hatte. Und wo Menschen waren, da war auch Bier. Und wo es Bier gab, da gab es auch welche, die es tranken, und Menschen, die zusammen tranken, wurden schnell Freund miteinander. Sie dachten das- selbe. Sie halfen sich untereinander. Die Hilfe eines guten Freundes konnte man immer gebrauchen, wenn es galt, einen Feind aus dem Wege zu räumen. In jener Nacht schlief Biarki viel besser als in der Nacht davor.,

Die Celi Dei

Als der junge Tag das Dämmerlicht der kurzen Nacht verscheuchte, standen sie auf. An das Rauschen des Wasserfalls hatten sie sich schon gewöhnt, aber das Gekreische der Wasservögel, die sich auf Nahrungs- suche machten, hatte sie bald aus dem Schlaf gerissen und ermahnt, daß es Zeit war, aufzubrechen. Sie nahmen nur ein spärliches Mahl zu sich. Sie ga- ben sich nicht einmal die Mühe, dafür noch einmal Feuer anzufachen. Das Boot hatten sie schnell mit Hilfe von runden Stöcken, die sie unter dem Treib- holz fanden, zu Wasser gebracht. Zu ihrer Freude stellten sie fest, daß der Boden des Bootes wieder dicht war. Die See war ruhig, was (wie sie natürlich nicht wissen konnten) in dieser Küstengegend nur äußerst selten vorkam. Und obwohl es ein grauer Tag war und dunkle Wolkenmassen drohend am Himmel hingen, ging nur ein leichter Wind. Dieser blies in westliche Richtung, was Biarki mit stummer Freude erfüllte. Doch auch den anderen kam es sehr gelegen, da keiner von ihnen erpicht dar- auf war, wieder in die Nähe des Gletschers und der beständig herunterrieselnden Asche zu kommen, die ihn wie ein Schleier einhüllte. Sie ruderten aus der Bucht hinaus, und nachdem sie sich ein Stück von der Küste entfernt hatten, füllte bald eine frische Brise das Segel. Sie holten die Ruder ein und ließen sich vom Wind nach Westen treiben, wobei sie darauf achteten, immer einen Abstand von, mindestens einer Meile zur Küste einzuhalten; denn die weißen Gischtkämme weit vor dem Strand ließen eindeutig darauf schließen, daß sich dort dicht unter der Wasseroberfläche scharfkantige Felsenriffe aus erkaltetem Lavagestein befanden. In dieser Entfernung hatten sie einen herrlichen Ausblick auf die schwarzen Berge mit ihren schnee- bedeckten Gipfeln. Einige von ihnen stießen aus zahl- reichen Gesteinsritzen beständig dünne Strahlen wei- ßen Wasserdampfes aus, andere spien dunklen Rauch – beides hatte seine Ursache in dem glühenden Mag- ma, das tief unter dem zerklüfteten, von zahlreichen Beben zernarbten Land brodelte. Dennoch bot es in all seiner zerrissenen Erhabenheit und Größe einen Anblick von majestätischer Schönheit. Skeggi, der sichtlich beeindruckt war, bemerkte: »Dies muß das Land sein, das Gardar der Schwede vor zehn Jahren entdeckte, als er in den Hebriden auf Raubzug ging. Genau wie wir wurde er von seinem Kurs abgetrieben und landete schließlich irgendwo an der Küste eines unbewohnten Landes, dem er den Namen ›Schneeland‹ gab. Vielleicht lag es hier in der Nähe.« »Als ich zum letztenmal auf den Orkney-Inseln war«, berichtete Biarki, »erzählten die Leute von ei- nem Mann aus Norwegen, der von diesem Land ge- hört und sich aufgemacht hatte, es zu entdecken und sich dort niederzulassen. Man nannte ihn Floki den Raben, weil er drei Raben von seinem Schiff losflie- gen ließ, die das Land für ihn finden sollten. Einer davon flog zurück nach Norwegen, der zweite kehrte zum Schiff zurück, der dritte aber flog geradewegs nach Westen. Der Mann folgte ihm und fand Land., Ich würde ihn eher Floki den Dummkopf nennen! Es heißt, er sei in das Land so vernarrt gewesen, daß er vergaß, Heu zu machen für seine Tiere, und als der Winter kam, verhungerte sein Vieh, und ihm wäre um ein Haar dasselbe passiert – ihm und allen seinen Begleitern. Schließlich kehrte er als armer Mann nach Hause zurück und gab dem Land den Namen ›Island‹. Da- mit wollte er verhindern, daß andere auch dorthin führen und es ihnen ebenso erging wie ihm. Aber nach allem, was wir gesehen haben, glaube ich, daß es nicht das schlechteste wäre, hierzubleiben und Land in Besitz zu nehmen; wir könnten wohlhabend werden.« »Vielleicht war der Rabe, der uns besuchte, der von Floki; er schien an Menschen gewöhnt zu sein«, warf Flann ein. Gwalchmai und Corenice-Thyra warfen sich einen vielsagenden Blick zu, lächelten und zogen es vor, zu schweigen. Kurz darauf machte die Küste einen weiten Bogen nach Norden und wurde zusehends rauher und un- wirtlicher. Die Flußmündungen und kleinen Buchten verbreiterten sich zu Meerbusen. Die Bootsbesatzung teilte sich in einen Zwieback, und Biarki ließ seine Hoffnung auf Bier endgültig fahren. Was er für Rauch gehalten hatte und was von der Bergwiese aus auch ganz so ausgesehen hatte, ent- puppte sich jetzt als dampfende Quellen. Unablässig schossen hohe Fontänen kochenden Wassers aus dem Boden, sackten wieder in sich zusammen, brodelten einen Moment hustend vor sich hin, um gleich darauf erneut zischend und pfeifend in die Höhe zu schie- ßen., Ringsherum erstreckten sich herrliche grüne Wie- sen, die sich hervorragend als Weideland eignen würden. Das Land war nicht allzu dicht bewaldet, doch gab es Bäume genug. Ein Walroß tauchte schnaubend und spritzend aus dem Wasser auf – eine Tonne exzellenten Fleisches, wie jeder der Männer wußte. Ein paar Meilen weiter zog eine Herde Wale an ihnen vorüber in Richtung Eismeer, um den kurzen Sommer auszunutzen. Sie warfen Angeln aus und fingen Dorsche, die sie später braten wollten. Auf einem Stück schwarzen Strandes sahen sie ei- nen verendeten Wal; seine riesigen, breiten Rippen, die weiß aus dem narbigen schwarzen Lavaboden ragten, ähnelten den Planken eines gestrandeten Dra- chenschiffs. Der Anblick von soviel Fleisch bewirkte, daß Gwalchmai plötzlich von rasendem Hungergefühl überfallen wurde. Er konnte zwar noch immer nicht viel auf einmal essen, aber er knabberte ständig an ir- gend etwas herum – hier an einem Bissen Zwieback, mit ein wenig Seetang vermischt; dort an einem Stück rohen Fisches oder einem kleinen Krebs, eilig von ei- nem Stück vorbeitreibenden Holzes gekratzt. Nie richtig satt, immer auf etwas herumkauend – doch allmählich kam er wieder zu Kräften. Corenice stand immer bei ihm, schaute ihm liebevoll zu, wäh- rend er aß, und sah mit Genugtuung, wie er langsam wieder der alte wurde. Vor ihnen tauchte jetzt ein Vorgebirge auf. Seine bizarren, zerrissen anmutenden Konturen ragten kühn in den Himmel. Etwas Abstoßendes, ja Dro- hendes ging von ihm aus, doch die Bucht, die es, schützte, war breit und ruhig. Der Strand dampfte von heißen Quellen, und ein Stück weiter hinten sa- hen sie Rauch aufsteigen. Der Rauch kam aus niedrigen Steinhäusern, die wie Bienenkörbe aussahen und deren Dächer mit Torf gedeckt waren. In der Nähe dieser Häuser befanden sich Menschen, und nahe bei der Spitze des Vorge- birges, direkt an der Stelle, wo sich jetzt das Boot nä- herte, schwamm ein Kajak aus Walroßleder, in dem ein Mann saß und fischte. Er hob den Kopf und blickte spähend zu dem Boot herüber, das gerade mit vollem Segel in die Bucht einlief. Da er direkt in die Sonne schaute, konnte er im ersten Moment nicht genau erkennen, was er da sah. Als er sich vergewissert hatte, daß es sich tat- sächlich um ein Boot handelte, welches offenbar in der Bucht landen wollte, holte er blitzschnell seine Angel ein und rief etwas zum Ufer hinüber. Die anderen hatten das Boot inzwischen auch schon gesichtet. Ein Mann schlug schon mit einem hölzernen Hammer gegen einen langen, zwischen zwei Pfosten hängenden Knochen. Aufgescheucht von dem nicht einmal unmelodischen Klang, der klar und deutlich über die Bucht zu den Ankömmlingen her- überhallte, kamen weitere Menschen aus den Häu- sern gelaufen und drängten sich neugierig am Strand. Allem Anschein nach waren sie unbewaffnet. Män- ner und Frauen trugen die gleichen langen Kleider. Ei- nige davon waren aus Tuch, die meisten jedoch aus Fuchsfell. Hier und da sah man Menschen von über- ragenderer Größe als die anderen; die meisten jedoch waren von ziemlich kleinem Wuchs und relativ dunk- ler Hautfarbe. Viele der Männer hatten weiße Bärte., Einer von ihnen – er trug einen langen Stab – trat jetzt dicht ans Wasser und rief: »Wenn ihr uns freundlich gesonnen seid, Brüder, dann braucht ihr nichts zu befürchten und möget getrost an Land kommen. Seid ihr es nicht, dann gehet in Frieden.« Skeggi hatte schon das Segel eingeholt, und die an- deren hielten das Boot mit Hilfe der Riemen in ge- bührendem Abstand vom Ufer. Skeggi schaute sich den Mann genauer an. Er war sich nicht sicher, ob der Mann sie hatte willkommen heißen wollen oder ob seine Begrüßung als Warnung aufgefaßt werden sollte. Als der Mann jedoch seine Worte in der Spra- che der Wikinger wiederholte, hellte sich sein Blick auf. Er hatte schon vorher erkannt, daß der Stab, den der Mann in der Hand hielt, am oberen Ende ge- krümmt war und daß es sich somit um nichts anderes als einen Bischofsstab handeln konnte. Am meisten darüber erfreut war natürlich Flann. Die Sprache, die der Mann zuerst benutzt hatte, war Ersisch, und Flann hatte die Worte sogleich verstan- den. »Die Celi Dei! Die Kinder Gottes!« rief er jubelnd. »Es sind Freunde!« Skeggi lächelte. Er hatte schon viele von ihnen auf den Färöern kennengelernt und festgestellt, daß sie gute Menschen waren – harmlos, fromm, zugleich ein wenig engstirnig und für seine Begriffe ein wenig zu starr in ihren Prinzipien. Tatsache war jedenfalls, daß sie sehr fest waren in ihrem Glauben und keinen an- deren Herrn anerkannten als den Christengott. Insgeheim war Skeggi diesem Glauben gegenüber gar nicht einmal so abgeneigt, nachdem er mehrmals, gesehen hatte, welch starke Wirkung ihre Lehre auf andere Menschen ausübte, doch alte Lehren halten sich zäh, und er war seinen alten Göttern nach wie vor treu ergeben. Flann verstand diese Menschen noch besser als Skeggi. Die Celi Dei oder Culdees, wie sie allgemein genannt wurden, führten ein Leben in spartanischer Härte und übten strenge körperliche Zucht und As- kese zur Erringung ihres Seelenheils. Gottes Willen zu erkennen, war ihr höchstes Glück, ihn zu befolgen, war ihr Leben. Sie lebten in völliger Zurückgezogen- heit von anderen Menschen und mieden ihre Nähe, dies jedoch nicht, um auf diese Weise ihr persönliches Seelenheil zu erringen; denn daß sie dies besaßen, davon waren sie ohnehin fest überzeugt. Das aus- schließliche Motiv für ihre Zurückgezogenheit lag darin, durch ihr eigenes Beispiel Zeugnis vom Segen des einfachen Lebens abzulegen. Die lärmenden, prahlerischen, immer zum Kämp- fen aufgelegten Wikinger hatten da eine ganz andere Auffassung. Daß die Culdees keine Schätze besaßen, hatten die wikingischen Räuber und Abenteurer nie in ihre Köpfe hineinbekommen können. Von Zeit zu Zeit hatten sie immer wieder einmal ihre Siedlungen überfallen, ihre Bewohner erschlagen oder versklavt, so wie es ja auch mit Flann geschehen war. Die Cul- dees hatten dagegen immer auf ihre Weise gekämpft, die einzige, die ihnen blieb, wollten sie Gottes Kinder bleiben: Sie hatten die Stätten, welche die Wikinger überfallen und geplündert hatten, verlassen und sich auf die Suche nach einer neuen, sichereren Heimat gemacht. Auf diese Weise waren sie aus Schottland und Ir-, land verdrängt worden und hatten nach langen Wanderungen schließlich hoch oben im Norden, auf den Orkney-Inseln, den Shetland-Inseln und den Färöern, eine neue Heimat gefunden. Seit fast einem Dreivierteljahrhundert nun lebte diese kleine Gruppe in Frieden, so weit weg von den Menschen, wie man ihrer Auffassung nach überhaupt gehen konnte – in dem Land, das ihrer festen Überzeugung nach das abgelegenste Land der Erde war und das die Grie- chen Thule nannten. Was Wunder, daß sie nun, da sie die Umrisse des Schiffes als die eines wikingischen erkannten, starr vor Schrecken an jenem schwarzen Strand standen, mit dem Rücken zum Ozean, der sich nach Westen erstreckte, in grenzenlose Weite, keine andere Zu- flucht mehr bietend. Sie waren entdeckt! Jenes Boot dort verhieß Tod, Sklaverei und erneute Verfolgung und Heimatlosigkeit! Doch gutherzig und freundlich, wie sie waren, zö- gerte ihr Bischof keinen Augenblick, sie aufzufordern, an Land zu kommen, wo man sie mit rührender Gast- freundschaft in Frieden empfanden würde – unter ei- ner Voraussetzung: daß sie in gutem Willen kamen. »Guter Wille gegenüber den Westmännern*?« knurrte Biarki verächtlich. »Guter Wille gegenüber Sklaven? Eher hole ich mir das, was wir brauchen, mit der Axt, als daß ich mir was von denen schenken lasse!« Flann warf ihm einen haßerfüllten Blick zu, aber Skeggi bemerkte bloß kühl: »Du wirst den Frieden einhalten, den sie dir anbieten, Hitzkopf! Sonst be- * Bezeichnung für die Iren in der Sprache der Wikinger, kommst du es mit mir zu tun! Wir sind hier in ihrem Land, nicht in unserem, und du tätest gut daran, das nicht zu vergessen!« Dann rief er laut: »Wir nehmen deine Gastfreund- schaft an, Väterchen. Wir kommen in friedlicher Ab- sicht.« Die Ruderblätter fielen platschend ins Wasser, und mit ein paar kräftigen Schlägen hatten sie das Ufer erreicht. Knirschend schob sich der Kiel auf den Strandkies. Sofort waren hilfreiche Hände zur Stelle und scho- ben das Boot auf den Strand. Nachdem sich nun ihre Bestürzung gelegt hatte, wagten sich die Culdees zö- gernd an das Boot heran, und bald waren die Frem- den von einer Schar freundlich lächelnder Männer und Frauen umringt. Wie Skeggi vermutet hatte, war ein großer Teil von ihnen dem Äußeren nach pikti- scher Abstammung, obwohl einige blond und groß- gewachsen waren und etliche der Menschen rote Haare und blaue Augen besaßen. Alle betrachteten Gwalchmai mit unverhüllter Neugier und offensichtlicher Bewunderung, beson- ders, was seine imponierende Statur und Stärke be- traf; verwundert schauten sie auf seine fremdartige Kleidung und seine rotbraune Haut. Woher sollten sie auch wissen, daß seine Mutter ein Aztlanerin war! Diese Information hätten ihnen auch nichts gesagt, aber sie erkannten sofort, daß es sich bei ihm um den Abkömmling eines fremden Volkes handeln mußte. Immer mehr Leute strömten jetzt herbei, klopften den Ankömmlingen freundlich auf die Schultern und schüttelten Hände. Der Bischof trat vor und küßte Skeggi zum Zeichen des Friedens auf die behaarte Wange. Frauen und Kinder umringten scheu Gwal-, chmai und Corenice, befühlten neugierig den seltsa- men Stoff von Thyras Gewand und starrten mit be- wundernden Blicken auf die herrlichen flammenför- migen Perlenstickereien, die Gwalchmais lederne Kluft schmückten. Man merkte ihnen deutlich an, daß sie schon seit langem keine Vorstellung mehr von dem hatten, was die Frauen in Europa inzwischen trugen. Biarki wollte keiner einen Begrüßungskuß geben. Sein mürrischer Blick veranlaßte die Männer, einen Bogen um ihn zu machen, und die gierigen, lüsternen Blicke, mit denen er einige der Frauen geradezu ver- schlang, ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, was hinter seiner Stirn vorging. Flann bückte sich und hob ein kleines Kind auf, das hingefallen war und laut weinte, weil es sich das Knie aufgeschrammt hatte. Zärtlich stupste er seine Nase in den weichen Nacken des kleinen Jungen und summte ihm besänftigend ins Ohr. Sein Kragen kit- zelte den Kleinen, und er fing an zu lachen. Er wand sich wie ein Würmchen, grapschte mit seinen kleinen Händchen nach Flanns Gesicht und gab ihm einen schmatzenden Kuß. Lächelnd stellte der Sklave ihn wieder auf die Beine und gab ihn an die Hand der strahlenden Mutter. Kinder mochten Flann immer so- fort. Corenice schaute den Mann von Erin mit zärtlichen Augen an. Sie wußte, daß das, was er gerade getan hatte, tief unten in ihrem Herzen, da wo Thyra schlummerte, nicht unbemerkt geblieben war. Man führte die kleine Gruppe jetzt zu den bienen- korbförmigen Häusern. Sie waren ziemlich niedrig; das lag daran, daß sie, um die Wärme besser halten, zu können, tief in die Erde abgesenkt waren. Sie wa- ren ausnahmslos aus Stein; die Ritzen waren mit Moos abgedichtet und die Dächer mit Torf gedeckt. Die meisten von ihnen hatten weit vorgezogene Ein- gänge, die zum Schutz gegen den schneidenden Winterwind überdacht waren. Die Räume im Innern waren erstaunlich groß und strahlten eine behagliche Atmosphäre aus. Das Haus des Bischofs, in das sie jetzt geführt wurden, bestand aus zwei Gebäuden, die durch einen schmalen Korridor miteinander verbunden waren. In dem größeren der beiden Gebäude hieß Maire Ethne, die Frau des Bischofs, eine kleine, mollige Person, sie willkommen. Die quicklebendige, muntere Frau war gerade da- mit beschäftigt, einen Schmortopf zuzubereiten, der verheißungsvoll brutzelnd und dampfend über der Feuerstelle in der Mitte des Raumes hing. Einen Schornstein gab es nicht; der Rauch suchte sich von selbst einen Weg ins Freie durch ein Loch in der Mitte des kegelförmig zugespitzten Daches. Der glühende Topf unter dem Kessel strahlte wohlige Wärme aus. Erhellt wurde der Raum durch mehrere offene Tran- lampen, die zusammen mit der matt schimmernden Glut, die von dem Topf ausging, für ein dämmriges, gleichwohl behagliches Licht sorgten. Die Tranlampen waren aus Speckstein geschnitzt, in einer Form, die seit den Zeiten der Römer unver- ändert geblieben war und wie die Eskimos sie bis heute beibehalten haben. Die Culdees verbrannten darin Tran, den sie von Robben oder Walen gewan- nen, und die Dochte, die sie verwendeten, stellten sie aus dem weißen Wollgras her, das überall in Hülle, und Fülle wuchs. Die einzige Lampe, die sich von den anderen unterschied, war eine kleine Messin- glampe. Offenbar war sie der Stolz des Hauses, denn sie war auf Hochglanz poliert und leuchtete heller als die anderen. Auf Skeggis neugierigen Blick hin erklärte der Bi- schof, daß es sich bei der Lampe um ein kostbares Familienstück handelte. Das Öl, mit dem sie gespeist wurde, war sehr fein und kostbar; man gewann es, indem man die Brüste des Großen Alks auspreßte – jenes kläglichen Resultats des Versuchs von Mutter Natur, aus einem Papageientaucher einen Pinguin hervorzubringen. Nun, jedenfalls erfüllten die zahlreichen Lampen im Verein mit dem duftenden Schmortopf den Raum mit einem derart köstlichen Aroma, daß den Besu- chern vor lauter Hunger die Knie zu zittern began- nen. Flann wurde losgeschickt, die restlichen Zwiebäcke und den Käse zu holen, als Beitrag der Gäste zu dem in Aussicht stehenden gemeinsamen Mahl. Beim An- blick der steinharten Zwiebackstücke ging ein Leuchten über das Gesicht der Gastgeber. Kein Wun- der – ihnen mußte jenes karge Backwerk wie Manna vorkommen, da bei ihnen während der kurzen Som- mermonate kein Getreide gedieh und sie daher schon seit Jahren kein Brot mehr gegessen hatten. Dann deckte die immer lächelnde Hausherrin rasch den niedrigen, aus Treibholz gefügten Tisch mit höl- zernen Schalen und wunderschönen, an langen Win- terabenden liebevoll geschnitzten Löffeln. Die Gäste wollten schon Platz nehmen, als sie bemerkten, daß der Bischof und seine Frau den Kopf zum Gebet, senkten. Einen Augenblick lang standen sie verlegen da und wußten nicht so recht, wohin mit den Hän- den. Nachdem der Bischof seinen Herrn um den Segen für das Mahl gebeten hatte, schlugen er, seine Frau und Flann das Zeichen des Kreuzes über ihren Scha- len und begannen zu essen. Biarki machte mit aufrei- zender Geste das Zeichen des Hammers über seiner Schale, und nach kurzem Zögern tat Skeggi es ihm nach, als Verneigung vor Thor. Corenice spritzte et- was Wasser auf den Boden, zu Ehren des Geistes der Woge. Es war nicht eindeutig zu erkennen, ob Bischof Malachi die Gesten der anderen wahrgenommen hatte; als Gwalchmai jedoch ebenfalls das Zeichen des Kreuzes machte, hellte sich seine Miene auf, da er vermutete, daß der Aztlaner ebenfalls Christ war. Natürlich konnte er nicht wissen, daß Gwalchmais vage Neigungen zum christlichen Glauben aus den fragwürdigen Büchern von Merlin Ambrosius her- rührten, dem druidischen Magier. Während des Essens wurde kaum gesprochen. Bi- arki machte ein paar Anspielungen auf Schnaps, dann auf Bier, aber zu seinem Kummer konnte ihm der Bi- schof weder mit dem einen noch mit dem anderen dienen. Für die Herstellung von Bier fehlte es in dem kargen Gemeinwesen am nötigen Getreide. Als sie zu Ende gegessen hatten, schenkte ihnen die Hausherrin statt dessen einen leichten aromatischen, aber unge- gorenen Wein aus Brombeeren ein. Biarki schüttete seinen Becher mit verächtlichen Blicken hinunter. Ein Bier wäre ihm lieber gewesen, aber da war nun ein- mal nichts zu machen., Insgeheim überlegte er schon, was er alles anders machen würde, wenn die Pläne, die langsam und va- ge in seinem Hirn Gestalt annahmen, erst einmal in die Tat umgesetzt waren. Als alle satt waren, dankte der Bischof erneut Gott für seine Güte, und nachdem der Tisch abgeräumt war, lehnte er sich behaglich zum Gespräch zurück. Nachdem die Frau mit ihrer Arbeit fertig war, gesellte sie sich zu der Tischrunde und fing an, an einer Müt- ze aus Fuchsfell zu nähen. Weder der Bischof noch seine Frau bedrängten die Gäste mit Fragen, doch als sie hörten, auf welchem Kurs sich die wikingischen Fischer befunden hatten, bevor der Sturm sie überraschte, sahen sie sich in ih- rer Vermutung bestärkt, daß das Land, auf welchem sie ihre Siedlung errichtet hatten, in der Tat Island war. Über die wundersame Rettung Gwalchmais wurde kein Wort verloren, ebensowenig über seine Identität. Skeggi, der die Rolle des Wortführers übernommen hatte, sprach nicht darüber, was mit seiner Tochter geschehen war; so ganz hatte er es nämlich noch im- mer nicht verstanden. Nach wie vor hatte er große Probleme damit, diesem seltsamen Wechselbalg, des- sen Vater er war, voll und ganz Glauben zu schenken. Der Bischof war zu feinfühlig, um nicht zu spüren, daß seine Besucher irgend etwas Geheimnisvolles be- schäftigte; denn er war ein ausgezeichneter Men- schenkenner. Höflich, wie er war, versuchte er jedoch nicht, weiter in sie zu dringen, sondern brachte statt dessen das Gespräch auf sich und seine Gemeinde. Und so erfuhren denn die Wikinger, daß diese glücklichen und zufriedenen Menschen schon seit, fünfundsiebzig Jahren auf der Insel lebten, daß sie ein blühendes Gemeinwesen aufgebaut und eine Wirt- schaft entwickelt hatten, die sie gut ernähren konnte. Die Boote, in denen sie einst auf die Insel gekommen waren, waren Curraghs; sie bestanden aus eichenge- gerbtem Leder, dessen Besonderheit darin lag, daß es in drei Schichten übereinandergeklebt wurde, wobei zwischen den einzelnen Schichten mit Luft gefüllte Zwischenräume gelassen wurden. Das machte diese Boote, die im übrigen noch immer in Gebrauch wa- ren, so gut wie unsinkbar. Die Curraghs trugen einen Mast, an dem ein dreieckiges, ebenfalls aus gegerbter Tierhaut bestehendes Luggersegel hing, zusätzlich waren sie noch mit Rudern ausgerüstet. Selbst in vollbeladenem Zustand senkte sich ein solches Boot kaum mehr als ein paar Zoll tiefer als normal ins Wasser, und wenn es leer war, konnte man es mühe- los an Land tragen und verstauen. Die ursprüngliche Kolonie hatte sich im Verlauf der ersten Jahre beträchtlich vergrößert; ganze Schiffsladungen von Gotteskindern waren nach und nach eingetroffen. Sie waren auf der Suche nach einer friedlichen Zuflucht gewesen und hatten sie schließ- lich hier gefunden – manche in Curraghs, andere in hölzernen Schiffen, die so groß waren, daß sechzig Personen darin Platz gefunden hatten. Einige von ihnen hatten Schafe mitgebracht, und mit der Zeit hatte es die Kolonie zu einer stattlichen, sorgsam gehegten und gehüteten Herde gebracht. Leider jedoch kam es immer wieder vor, daß einige der Tiere von Füchsen gerissen wurden. Zwar ver- größerte sich die Herde trotz dieser Einbußen stän- dig, aber es gab immer noch nicht genügend Wolle, für alle. Sie besaßen weder Rinder noch Pferde – und sie hatten alle Waffen weggeworfen, sofern sie bei ih- rer Ankunft welche besessen hatten. Sie vertrauten voll und ganz darauf, daß Gott sie beschützen würde, wenn ihnen jemals Gefahr drohen sollte. Als Biarki das hörte, knurrte er verächtlich und machte sich seine eigenen finsteren Gedanken, ent- hielt sich jedoch eines Kommentars. Der Bischof ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und fuhr unbeeindruckt fort. Einige Male waren andere, weniger freundlich ge- sinnte Menschen auf der Insel aufgetaucht. Die Cul- dees hatten sich, rechtzeitig vor ihrem Erscheinen gewarnt, vor ihnen auf die kleinen Inseln zurückge- zogen, ihre Curraghs an eigens dafür bestimmten Orten versteckt und die größeren Schiffe auf die an- dere Seite der Insel gebracht. Und so hatten weder Gardar der Schwede noch der Wikinger Floki über- haupt etwas von ihrer Anwesenheit gemerkt und das Land für unbewohnt gehalten. Jedoch waren die Kelten realistisch genug, um zu wissen, daß ihre Isolation nicht ewig dauern konnte. Sie wußten genau, daß eines Tages der Moment kommen würde, wo sie von denen entdeckt wurden, die sie schon so oft verjagt hatten, denen sie so viele Jahre schlimmer Entbehrungen und endloser Irrfahr- ten zu verdanken hatten. Doch nun gab es nichts mehr, wohin sie sich noch zurückziehen konnten. Gingen sie in ihre Heimat im Süden zurück, dann lie- ferten sie sich unausweichlich der Sklaverei oder – schlimmer noch – dem Tod aus. Als Gwalchmai das hörte, regte sich in ihm die Er- innerung an seine eigene von der Sonne verwöhnte, Heimat Alata. Dieses Land wäre wahrlich ein Para- dies für diese Menschen, die auf so vieles verzichten mußten und die jetzt in solch schrecklicher Gefahr schwebten. Doch wollte er noch nichts davon erwäh- nen. Sein Blick tastete nach den Augen von Corenice, und als ihre Blicke sich trafen, spürte er, daß sie den- selben Gedanken gehabt hatte. Die Wärme, die im Innern der Hütte herrschte, und die warme Mahlzeit begannen nun langsam ihren Tribut von den erschöpften Reisenden zu fordern. Erst gähnte einer, dann der nächste, und schließlich hatten alle Mühe, die Augen offenzuhalten. Der Bischof, dem dies nicht entging, schloß schließlich die Unterhaltung mit den Worten: »Genug für heute, Brüder! Laßt uns das Nachtgebet sprechen und schlafen gehen. Morgen ist auch noch ein Tag. Frau, würdest du bitte dein Nähzeug fortlegen? Wie ich sehe, bist du damit ohnehin kaum vorangekom- men. Unsere Gäste möchten sich jetzt zur Ruhe bege- ben.« Man ließ die Felle vom Boot holen und breitete sie in der hinteren Kammer auf dicken Heidekrautpol- stern aus. Die Kammer war nicht groß, aber sie bot genügend Platz für alle. Als alles Nötige erledigt war, holte der Bischof eines seiner heiligen Bücher aus dem Regal und sprach das Nachtgebet. Danach ging Flann, dem als Knecht diese Pflicht oblag, das Feuer für die Nacht herzurichten. Mit geübter Hand bedeckte er die Glut mit trocke- nem Torf. Darüber legte er eine Schicht feuchten Torfs und darüber Asche. Das Ganze bedeckte er mit einer dicken Packung nassen Torfs. Dies würde rei- chen, das Feuer für die kurze Nacht einzudämmen,, ohne es vollständig zu ersticken. Dann ließ er sich unter der behaglich warmen Wol- ke aus Rauch und Wasserdampf, die sich wie eine dicke Schicht Watte unter die Decke der Kammer legte und sich mit den Rußfahnen vermengte, auf seinem Nachtlager neben dem Feuer nieder, von dem aus er es gut im Auge behalten und hüten konnte. Er blies die letzte noch brennende Tranlampe aus und war bald in tiefen Schlaf gesunken. Nur hin und wie- der, wenn Thyra in seinen Träumen auftauchte, wälzte er sich unruhig hin und her. Die darauffolgenden Tage boten den Reisenden reichlich Gelegenheit, die natürliche Herzlichkeit und Fröhlichkeit zu bewundern, mit der diese Menschen ihr hartes Tagewerk ertrugen. Diese Fröhlichkeit war keine bloß gelegentlich aufkommende die plötzlich aufflammte und dann wieder erlosch, sondern Aus- druck eines tiefen inneren Glücksgefühls, das alle Be- reiche ihres täglichen Lebens durchdrang. Sie mußten sich in der Tat hart mühen; die Vorbereitung für die strengen Wintermonate ließ ihnen keine Zeit für Ver- gnügen und Kurzweil. Die Männer mußten jeden Tag hinaus zum Fischen; die Frauen legten unterdes gro- ße Vorräte von Beeren an, die sie tagtäglich in mühe- voller Kleinarbeit sammelten und zum Trocknen in der Sonne auslegten. Die Knaben tanzten und spiel- ten zwar, doch trugen auch sie ihren Teil zur Vorbe- reitung für den Winter bei, indem sie Eier sammelten, Wollgras schnitten und das Salz aus den eigens dazu errichteten Verdunstungspfannen schabten. Sie legten Schlingen, in denen sie Vögel fingen, deren Fleisch dann getrocknet und eingesalzen wurde. Auch Rob-, ben fing man, deren Fleisch ebenfalls für den Winter konserviert wurde und deren Tran man für die schon erwähnten Lampen verwendete. Und während all der Tage, die jetzt zusehends kür- zer wurden, lachten und sangen sie bei ihrer schwe- ren Arbeit. Biarki führte ihre Fröhlichkeit auf den Genuß von Alkohol zurück. Nach und nach besuchte er alle Häu- ser, schnüffelte hier und dort herum und machte ver- deckte Anspielungen auf Schnaps oder Bier. Es wollte ihm einfach nicht in den Kopf, daß sich hinter dem Lachen dieser Menschen nichts anderes verbarg als schiere Freude am Leben und das befriedigende Ge- fühl von Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit, von dem die ganze Siedlung durchdrungen war. Im gleichen Maße, wie ihm die Erkenntnis dämmerte, daß er auch in der folgenden Zeit auf Alkohol würde verzichten müssen, verschlechterte sich seine Laune. Immer öfter stolzierte er nun, mit Schild und Strei- taxt bewaffnet, ziellos durch das Dorf. Seine Axt ließ er dabei immer locker in der Hand hin- und herbau- meln, und das in solch aufreizender Manier, daß je- der befürchtete, er würde jeden Moment damit los- schlagen. Die grimmige Miene, die er dabei zur Schau trug, führte bald dazu, daß in seinem Umkreis jegli- ches Lachen verstummte und die Bewohner des Dor- fes schon zusammenzuckten, wenn sie ihn bloß von weitem herannahen sahen. Skeggis Ermahnungen, er solle sich besser benehmen, stießen bei ihm auf taube Ohren; ja sie reizten ihn geradezu, es immer schlim- mer zu treiben. Oft schlich er nun auch um die Frauen herum und beobachtete sie mit lüsternen Blicken bei ihrer Arbeit., Eines Tages folgte er heimlich einem Mädchen, das zum Schafehüten außerhalb des Dorfes ging. Als sie außer Sichtweite des Dorfes waren, näherte er sich dem Mädchen rasch und zerrte es in eine Bodensen- kung. Verzweifelt versuchte das Mädchen, sich seiner gierig tastenden Pranken zu erwehren. In diesem Augenblick tauchte zum Glück nicht weit von der Stelle eine Gruppe Kinder auf, die auf Eiersuche war. Aufgeschreckt von ihrem fröhlichen Lachen und Sin- gen, fuhr Biarki hoch und gab dem Mädchen die Möglichkeit, zu entschlüpfen. Zum Glück trug es au- ßer einem zerrissenen Kleid keinen weiteren Schaden davon. Zu Hause schwieg es über den Vorfall, da es um sein Leben fürchtete, doch jedesmal, wenn es Biarki sah, trat ein solches Entsetzen in sein Gesicht, daß Bi- schof Malachi bald ahnte, was geschehen war. Von dem Augenblick an durfte kein Kind mehr allein die Schafe hüten. Die anderen gingen indessen ihren freundlichen Gastgebern hilfreich bei der schweren Arbeit zur Hand und machten sich nützlich, wo immer sie konnten. Sie waren im Dorf wohlgelitten, und die Culdees betrachteten sie – abgesehen einmal von dem heidnischen Glauben der Fremden – als wertvolle Mitglieder ihrer Gemeinschaft und hätten es gern ge- sehen, wenn sie auf Dauer bei ihnen geblieben wären. Eines Tages war Biarki noch ruheloser als gewöhn- lich. Stets hatte er jede Art von Arbeit verachtet, und nun ging ihm die Langeweile immer stärker auf die Nerven. Außerdem konnte er es nicht verwinden, daß Flann neuerdings ein freier Mann war. Skeggi hatte schon seit langem mit dem Gedanken, gespielt, seinem Leibeigenen die Freiheit zu schen- ken, denn ihm war eigentlich von Anfang an klar ge- wesen, daß Flann außer dem Namen nichts mit einem Sklaven gemein hatte. Was er immer an ihm bewun- dert hatte, war, mit welcher Bereitwilligkeit er seinen Befehlen gehorchte, obwohl er – und das wußte Skeggi ganz genau – wie kaum ein anderer unter sei- nem Status litt. Nach langer Überlegung war Skeggi nun zu der Überzeugung gelangt, daß es das beste wäre, Flann den Status zu verleihen, der ihn berech- tigte, Waffen zu tragen – gerade jetzt, wo Biarki in seiner Launenhaftigkeit immer unberechenbarer wurde. Was ihn zusätzlich zu diesem Schritt bewogen hatte, war das vage Gefühl, die Freilassung des Iren und die Tatsache, daß er sich von nun an als Gleich- berechtigter unter ihnen bewegen konnte, würde ir- gendwie – wie, das überstieg die Fähigkeiten seines geradlinig denkenden Verstandes – dazu führen, daß seine Tochter wieder zu sich kam. Es war Skeggi nicht entgangen, daß Flann und Thyra sich immer gemocht hatten, bis dann plötzlich dieser Fremde zwischen die beiden getreten war, der für ihre selt- same Veränderung verantwortlich war. Mehr als einmal hatte er schon bereut, seine Tochter Biarki versprochen zu haben. Daß dies ein Fehler gewesen war, war ihm nie so augenfällig klar gewesen wie jetzt. So hatte er denn Flann kurz entschlossen zu sich gerufen und das eiserne Band, das Symbol der Leib- eigenschaft, mit seinen starken Fingern zerbrochen. »Nie wieder sollst du ›Herr‹ zu einem Mann sagen müssen!« hatte er dabei gesagt., »Ja, Herr – niemals!« hatte Flann in tiefer Dankbar- keit erwidert. »Zu keinem Mann außer dir!« Und damit war er ein freier Mann. Es schien in der Tat so zu sein, daß sich seitdem in Thyra eine Veränderung vollzogen hatte. Sie lächelte Flann an und schien ihm ein wenig Beachtung zu schenken, als auch er ein paar Tage lang mit Schild und Axt im Dorf herumlief. Doch prahlte er dabei nicht herum oder schwenkte drohend seine Axt hin und her wie Biarki, so daß sich niemand veranlaßt fühlte, ihm ängstlich aus dem Weg zu gehen. Als Flann feststellte, daß Biarki ihn mied oder, wenn er ihm nicht ausweichen konnte, einen höflichen Ton anschlug, wie es sich im Umgang mit einem Gleich- gestellten geziemte, verzichtete er wieder darauf, sei- ne Waffen zu tragen, und verbrachte statt dessen sei- ne Freizeit damit, in den Büchern des Bischofs zu le- sen. Biarki aber wartete geduldig seine Zeit ab und brütete mit seinem langsam arbeitenden Verstand ei- nen Plan aus, mit dem er seine Ziele verwirklichen konnte. Eines Tages fragte er Skeggi, ob er nicht Lust hätte, mit ihm einen Ausflug ins Innere der Insel zu machen und einige der Wunder zu besichtigen, die es den Erzählungen der Siedler nach dort geben sollte. Skeggi war durchaus nicht abgeneigt, die tägliche Arbeit langweilte ihn, und außerdem hatte auch er von den Berichten über wundersame Dinge gehört. Sie brachen frühmorgens auf, da die Tage jetzt im- mer kürzer wurden. In der ersten Nacht schliefen sie nahe bei einer heißen Quelle, denn die Erde war dort angenehm warm. Am folgenden Tag gelangten sie, weiter nach Norden gehend, in eine Gegend, in der, das Gelände anstieg und die Wiesen in ein Hochpla- teau aus Lavagestein übergingen. Große Mengen von Eiderenten hatten hier ihre Nistplätze gehabt, und gleich darauf sahen sie zahlreiche Füchse, die mehre- re Jungenten erbeutet hatten und noch dabei waren, einzeln herumirrenden Jungtieren nachzujagen. Sie erlegten einen dieser Füchse, zogen ihm das Fell ab, das sie behielten, und brieten das übelriechende Fleisch, das sie ohne Genuß herunterwürgten. In der näheren Umgebung gab es zahlreiche Was- serfälle; einige davon waren von beeindruckender Größe und Wildheit, und ein paar von den Flüssen führten warmes Wasser, das von anderen heißen Quellen erhitzt wurde. Ein großer Teil dieses Plateaus war vor noch nicht allzulanger Zeit entstanden – wenn man die Zeitabschnitte, nach denen die Uhren des Universums laufen, zugrunde legte –, und die Feuer unter der Erdkruste brannten noch. Skeggi gelang es, zwei Alke zu fangen, was nicht besonders schwierig war, da sie keine Flügel besaßen. Eingedenk des Öls, das ihre Leiber enthielten und das ihr Freund, der Bischof, in den höchsten Tönen pries, drehte er ihnen den Hals um, band ihnen die Füße zusammen und hängte sie sich um den Hals. Flechten und Moos bedeckten die noch junge Lava wie ein Teppich aus graugrünem Staub. Die niedri- gen Hügel sahen aus wie Schlackehalden, und zwi- schen ihnen lagen Tümpel, die in der kalten Luft dampften. Neben einem dieser Tümpel, einem tiefen, kristallklaren Teich von etwa fünfzig Fuß Durchmes- ser, der eine Mulde aus weiß leuchtender Kieselerde füllte, ließen sich die beiden Männer zur Rast nieder. Von ihrer erhöhten Position aus konnten sie ein, wunderschönes Tal überblicken, und Biarki sagte: »Ich habe mir überlegt, Partner, daß all dies, was wir hier sehen, uns gehören könnte, wenn du mitmach- test.« »Drück dich deutlicher aus«, erwiderte Skeggi. »Welche Rolle hast du mir dabei zugedacht? Was soll ich tun?« Biarki, der glaubte, daß Skeggi leicht zu überzeu- gen war, kam jetzt ohne Umschweife zur Sache: »Paß auf! Zuerst töten wir mal diesen Troll – ich meine den Burschen, den wir aus dem Eis geholt haben und der deine Tochter in seinen Zauberbann geschlagen hat. Wenn sie frei ist, sind wir zu dritt – drei Äxte zu- sammen gegen diese Winzlinge, was haben wir da zu befürchten?« (Biarki überragte die meisten Dorfbe- wohner um Haupteslänge und fühlte sich daher be- müßigt, auf sie hinunterzuschauen.) »Und ich be- zweifle nicht, daß Flann, dieser Klugscheißer, sich auch wohler fühlt, wenn er Befehle geben kann, statt welchen gehorchen zu müssen. Wir können sie alle zu Sklaven machen, wir sind dann ihre Herren, und das ganze Land gehört uns.« Er ging natürlich nicht so weit zu sagen, daß, wenn erst alles soweit war, Flann nicht mehr lange leben wurde und auch Skeggi vielleicht eines frühen Todes sterben würde, aber Skeggi, der ein erstaunliches Ge- spür für solche Dinge hatte, durchschaute ihn sofort. »Und wenn ich nicht mitmache, was dann? Du mußt nämlich wissen, daß ich diese Leute mag.« Es war, als legte sich im selben Moment ein roter Schleier vor Biarkis Augen. Himmel und Erde ver- schmolzen ineinander wie zwei lodernde Flammen, das Wasser des Teiches verwandelte sich in Blut, und, sein Gesicht verzerrte sich zu der Fratze eines Ko- bolds. Skeggi, der sah, wie die Wut in ihm hochstieg, ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Er lockerte die Axt, die in seinem Gürtel steckte, und schob sich vor- sichtig ein Stück zurück. Aber die Vögel, die um sei- nen Hals hingen, behinderten ihn, und er konnte sich nicht weit entfernen. Er versuchte gerade, sich zu erheben, als Biarki auf die Füße sprang und wutentbrannt brüllte: »Dann, Skeggi Haarmaul, bist du für mich eine Memme und kein Mann!« Und mit einem einzigen fürchterlichen Axthieb spaltete er Skeggis Schädel. Blutüberströmt blieb sein Gefährte zu seinen Füßen liegen. Schnell war Biarkis Wut wieder verraucht, und als ihm bewußt wurde, was er angerichtet hatte, bekam er große Angst. Er wußte, daß er selbst hier in diesem fernen Land von Odin gesehen wurde, und er glaubte nicht, daß die Nornen die Absicht gehabt hatten, Skeggis Lebensfaden schon jetzt durchzutrennen. Ganz klar: Er hatte schwere Blutschuld auf sich gela- den, aber er hatte nicht die Absicht, dafür zu bezah- len – weder jetzt noch irgendwann. Er schritt hinüber zu dem Teich und schaute hin- ein. Er war sehr tief. Das Wasser war so heiß, daß es fast kochte; Blasen stiegen vom Grunde auf und zer- platzten schaumig an der Oberfläche. Aus zahlrei- chen Felsspalten am Rande des Teiches entwich laut zischend Dampf. Wenn schon der Körper nicht nach unten sinken würde, so würde gewiß das Fleisch sehr bald von den Knochen gekocht werden und sich in Schaum auflö-, sen. Das Skelett würde aufgrund seines Gewichtes auf den Grund sinken, und niemand würde es jemals entdecken. Biarki ging zu dem blutüberströmten Leichnam Skeggis und zerrte ihn an den Rand des Teiches. Als er die Axt im Gürtel seines Gefährten aufblitzen sah, zögerte er einen Augenblick. Es paßte ihm gar nicht, sich von der prächtigen Waffe zu trennen, aber sie würde durch ihr Gewicht den Körper nach unten zie- hen. Er rollte den Körper in den Tümpel, und das heiße Wasser wallte brodelnd auf und schlug über ihm zusammen. Viel Blut war nicht an der Stelle, wo er Skeggi er- schlagen hatte. Ein paar Becher Wasser reichten aus, es wegzuwaschen. Als er fertig war, war der Körper schon auf den Grund des Teiches gesunken, und nichts war mehr von ihm zu sehen. Dann fiel sein Blick auf die Alke. Ein Schauder des Ekels erfaßte ihn beim Anblick der Tiere, die ihn an seine Bluttat erinnerten. Hastig warf er auch sie in den Teich. Die Tiere waren groß und fett, und sofort begann sich eine Ölschicht auf dem Wasser auszubreiten. Sie glänzte im Sonnenlicht und hinderte die Blasen dar- an, an die Wasseroberfläche zu kommen und zu plat- zen. Rasch staute sich der Wasserdampf unter der sich geschwind ausbreitenden Ölschicht, die bald den ganzen Teich gleichmäßig bedeckte. Und während Biarki noch mit unbehaglichen Ge- fühlen dieses Phänomen bestaunte, vollzog sich vor seinen Augen ein schreckliches Schauspiel, das ihn fast um den Verstand brachte. Einige Sekunden noch, nachdem das Öl den Teich vollständig mit seinem, schillernden Film überzogen hatte, lag die Wasser- oberfläche in trügerischer Glätte da. Doch dann schoß plötzlich genau in der Mitte des Teiches mit Urgewalt eine mächtige Wasserfontäne empor, und auf ihrer Spitze ritt der wild zappelnde Leichnam Skeggis! Die Fontäne wuchs zu einer riesigen Säule aus weiß ko- chendem Wasser und Dampf. Ohrenbetäubendes Zi- schen und Pfeifen zerrissen die Stille. Je höher diese schreckliche Säule stieg, desto lauter wurde es. Und mit ihr stieg Skeggi – hoch, immer höher – mehr als zweihundert Fuß in die Luft! Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte Biarki seinen erschlage- nen Partner an. Da – was war das? Biarki fühlte, wie ihm der Atem stockte. Der Tote gab ihm ein Zeichen! Er winkte ihm zu, mit wedelnden Armen, von denen sich schon das zerkochte Fleisch zu lösen begann, so als wolle er Biarki beschwören, ihm hinauf in die Wolken zu folgen! Dieser scheinbar so friedlich daliegende Teich war der fürchterliche Geysir, von dem alle anderen auf der Welt ihren Namen hatten! Laut schreiend stürzte Biarki davon. Weg, nur weg von diesem grauenvollen Ort! Doch während er, von panischer Angst getrieben, blindlings über das Plateau rannte, geschah etwas, das sein Entsetzen noch mehr steigerte: Ein riesiger Falke stieß wie ein fallender Stern aus dem Himmel zu ihm herab, grub ihm seine Krallen in die Schulter und schlug ihm heftig mit den Flügeln ins Gesicht. Verzweifelt riß Biarki den Vogel von seiner Schul- ter und schleuderte ihn auf die Erde. Doch sofort er- hob sich das Tier auf seinen mächtigen Schwingen wieder in die Luft, stieg kreischend in die Höhe, und, gleich darauf hörte Biarki wieder das Rauschen seiner Flügel über sich, als er erneut auf ihn herabstieß, um mit seinem spitzen Schnabel nach ihm zu hacken. Diesmal jedoch war der Wikinger auf den Angriff vorbereitet. Er riß seinen Schild hoch, um sein Gesicht zu schützen, und hieb im selben Moment mit seiner Axt nach dem Raubvogel. Die messerscharfe Klinge trennte einen Flügel vom Rumpf des Vogels. Biarki rannte weiter, ohne sich noch einmal umzublicken, und ließ den Vogel verendend am Boden liegen. Er hatte zu große Angst, um sich zu vergewissern, ob er auch wirklich tot war. Doch wie es sich traf, war der Falke immer noch am Leben, als ein Rabe herbeigeflogen kam. Erst als der Rabe schon gelandet war und vorsichtig näher- hüpfte, legte sich ein Schleier über die Augen des Falken, und sein Schnabel schloß sich für immer. Doch seltsamerweise machte sich der Rabe – an- sonsten der immer hungrige Aasfresser – nicht daran, den toten Falken aufzufressen. Ganz plötzlich schien er seinen Hunger vergessen zu haben. Er flatterte un- beholfen wieder auf und folgte in niedriger Höhe dem keuchend dahinstolpernden Mann, der, ohne sich noch einmal umzudrehen, zum Dorf der Culdees zurückhastete. Flann hatte inzwischen erfreut festgestellt, daß Gwalchmai ganz plötzlich das Interesse an Thyra verloren hatte. Er konnte sich zwar keinen Reim dar- auf machen, aber als Thyra zu ihm kam und ihm, Flann, ganz offensichtlich den Vorzug gab gegenüber jenem Fremden, mit dem sie so vertraut war, zog er es vor, besser nicht nach den Gründen für ihr Ver- halten zu fragen, aus Angst, damit sein (oder ihr) so, plötzlich vom Himmel gefallenes Glück herauszufor- dern. Thyra hakte sich bei ihm unter, und fröhlich schwatzend – ganz so wie früher – gingen sie zu- sammen ein Stück spazieren. Das reichte schon aus, Flann in beste Stimmung zu versetzen. Nach einer Weile druckte sie seinen Arm ganz fest gegen ihren Körper, und sie gingen schweigend weiter. Gelegent- lich warf sie ihm von der Seite einen forschenden Blick zu, ganz so, als sähe sie ihn zum erstenmal, und was sie sah, gefiel ihr. Es schien fast so, als vergliche sie ihn im Geiste mit Gwalchmai und sei zu dem Schluß gelangt, daß sie Flann lieber habe als den an- deren. Sie drehte ihm das Gesicht zu und kam ganz nahe an ihn heran, und er war sich sicher, daß sie von ihm geküßt werden wollte. Gerade wollte er es versuchen, als sie plötzlich zum Himmel emporblickte, und im selben Moment war der Zauber zerstört, der sie beide in Bann geschlagen hatte. Wieder trat dieser seltsame Ausdruck, der ihm in jüngster Zeit schon so vertraut geworden war, in ihr Gesicht. Ihr Körper straffte sich, und sie entzog sich seiner Umarmung. Ein Rabe flog über ihre Köpfe hinweg. Für Thyra war es, als wäre eine geliebte Schwester heimgekehrt, und sie hätten sich liebevoll in stum- mem Gruße umarmt. Corenice war wieder da. Sie hatte sich Sorgen gemacht, wenn auch nur ganz vage, als ihr Vater mit Biarki fortgegangen war, denn was Corenice wußte, das wußte auch Thyra, und Corenice hatte die Besorgnis der anderen gespürt. Und um beide von diesem Druck zu befreien – denn, der Schmerz, den die eine fühlte, tat auch der ande- ren weh –, hatte Corenice Skeggi und Biarki nachge- spürt – in der Gestalt des Falken. Als der Rabe auftauchte, wußte Thyra sofort, was geschehen war. Sie konnte nicht weinen, da Corenice ihren Körper beherrschte, aber es flossen dennoch Tränen. Corenice hatte Skeggi wegen seines Mutes und sei- ner Redlichkeit liebgewonnen und bewundern ge- lernt. In erster Linie jedoch fühlte sie grimmige Wut, wie schon an dem Geysir. Es war eine abscheuliche Bluttat, die nach unverzüglicher Bestrafung verlang- te. Und so erfuhren auch Gwalchmai und Flann von dem Mord. Sofort nahmen sie ihre Waffen, obwohl Flann die Nachricht von der Schandtat nur auf Treu und Glauben hinnehmen konnte, und bald darauf machten sie sich auf den Weg nach Norden, Biarki entgegen. Sie – das waren die beiden Mädchen in der Gestalt Thyras und die zwei Männer, die sie beide liebten. Biarki hatte inzwischen, von panischer Angst ge- hetzt, ein großes Stück Weges zurückgelegt. Er war ununterbrochen gelaufen, immer bestrebt, dem Ort seiner Schandtat möglichst schnell zu entrinnen, und nun war er müde und erschöpft. Doch als er die drei Racheengel aus der Ferne auftauchen sah und merk- te, mit welcher Zielstrebigkeit und Entschlossenheit sie sich ihm näherten, da war ihm klar, daß sie wuß- ten, was er getan hatte. Unterwegs hatte er sich eine Geschichte zurecht- gelegt, mit der er Skeggis Verschwinden erklären wollte, doch nun verwarf er sie wieder. Irgendwie, war er sich sicher, daß lügen zwecklos war. Der Rabe, Odins Bote, hatte alles gesehen und den dreien be- richtet. Der Untergang hing schon wie eine drohende Wolke über ihm, und daß er seiner Strafe nicht mehr entrinnen konnte, schien letztendlich nur gerecht. Der Gedanke, daß dies das Ende aller seiner küh- nen Hoffnungen und Pläne sein sollte, machte ihn ra- send. Der unheilvolle Hang zur Wüterei, der schon immer der Fluch aller männlichen Mitglieder seiner Familie gewesen war, brach jetzt vollends und endgül- tig bei ihm durch und packte ihn mit eiserner Faust. Wieder legte sich der schon vertraute rote Schleier vor seinen Blick und tauchte seine ganze kleine Welt in blutiges Rot. Das Gelb der Flechten und das Grün des Mooses versanken unter einer scharlachroten Woge. Er hatte das Gefühl, zu ersticken. Keuchend riß er sich das Hemd vom Leib und bot seinen nack- ten Oberkörper dem Wind dar. Er biß so heftig auf den Rand seines Schildes, daß seine Zähne zersplitterten und ihm das Blut aus den zerfetzten Lippen schoß. Dann heulte er wie ein Wolf und rannte mit Schaum vor dem Mund in mächtigen Sätzen auf seine in das blutrote Licht der unterge- henden Sonne getauchten Feinde zu. Der erste, auf den er sich mit wild kreisender Axt stürzte, war Flann. Ihn haßte er am meisten von allen. Flann war weniger erschöpft als er, aber er entging dem gewaltigen Hieb nur, indem er im letzten Au- genblick den Bauch einzog, die Axt, die ihn nur um Haaresbreite verfehlte, vollführte einen Bogen in Form einer Acht und versetzte ihm mit der stumpfen Seite einen solchen Hieb auf den Rücken, daß er zu Boden ging., Ohne einen weiteren Blick auf den keuchend am Boden liegenden Flann zu verschwenden, fuhr Biarki herum und ging auf die anderen los. Merlins Ring begann wie Feuer an Gwalchmais Finger zu glühen, und der Aztlaner wußte, daß er in solch großer Ge- fahr schwebte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er riß seinen Schild hoch und fing damit die volle Wucht von Biarkis Axthieb ab. Der Aufprall war so heftig, daß er dachte, es reiße ihm den Arm weg. Die Hand mit dem Schild fiel kraftlos nach unten. Er hörte, wie das Mädchen einen entsetzten Schrei aus- stieß. Er wußte nicht, ob der Schrei von Thyra kam oder von Corenice. Sein Schwert stach wie eine giftige Schlange unter dem gesenkten Schild hervor – ein uralter römischer Legionärstrick, den sein Vater ihm einst beigebracht hatte. Er wußte, daß er dem anderen eine Stichwunde nach der anderen zufügte, denn er spürte mehrmals, wie die Spitze des Schwerts auf Knochen stieß. Aber Biarki in seinem Wahn schien dies nicht zu bemerken. Gwalchmai mußte fast übermenschliche Kräfte auf- bieten, um sich gegen den Hagel von Axthieben, der da auf ihn einprasselte, zu schützen. Immer wieder bohrte sich das kurze römische Schwert in den Leib Biarkis, der zwar jedesmal vor Schmerzen laut auf- brüllte, jedoch keine Ermüdungserscheinungen zeig- te. Da glitt Gwalchmai der Schild aus der Hand und fiel polternd zu Boden. Der nächste Hieb riß ihm das Schwert aus der Hand. Dann geriet auch er ins Straucheln und ging zu Boden. Jemand warf sich schützend über ihn, und er wußte, daß es Corenice war. Mit wildem Triumphge- heul ließ Biarki seine Axt kreisen. Gwalchmai riß den, Arm hoch, um das Mädchen auf die Seite zu werfen oder den Hieb abzuwehren. Da schoß ein grellweißer Strahl aus dem Stein in seinem Ring direkt in Biarkis Augen. Der Strahl war so gleißend, daß der Wikinger geblendet zurücktaumelte. Im selben Moment packte Flann das auf der Erde liegende Schwert. »Stirb, Biarki!« schrie er. Der Hüne fuhr herum und ging sofort auf ihn los. Biarkis Wahn hatte sich inzwischen ein wenig ge- legt. Schwer atmend näherte er sich dem Gegner. Sei- ne Axt kreiste drohend über seinem Kopf. Aus zahl- losen Fleischwunden rann Blut und tropfte auf den Boden. Doch immer noch waren seine Kräfte nicht erlahmt; alle vernahmen deutlich das sirrende Pfei- fen, mit dem die Klinge seiner Axt durch die Luft schnitt. Gwalchmai sah sofort, daß Flann nicht zum er- stenmal ein Schwert in der Hand hielt. Geschickt handhabte er die gefährliche Waffe, und obwohl das Schwert sehr kurz war, versetzte er Biarki rasch hin- tereinander zwei Schläge, die einen Schwächeren von den Beinen geholt hätten – einen Hieb in den Bizeps des linken Arms, der Biarki veranlaßte, seinen Schild fallen zu lassen, den zweiten tief in die linke Seite des Hünen. Biarki brüllte vor Schmerz und packte Flann mit ei- sernem Griff. Flann kam mit der Schwertspitze nicht mehr an ihn heran, aber er zog ihm die Klinge so oft über die Seite, daß er ihn schließlich, von wütendem Schmerz gepeinigt, wieder losließ und zurücktorkel- te. Flanns Gesicht war weiß vor Erschöpfung und Schmerzen. Er fiel nicht hin, aber er stand fast be-, wußtlos da, heftig nach Atem ringend, den ermatte- ten Körper auf die Schwertspitze gestützt. Er wankte. Nur mit äußerster Willensanstrengung hielt er sich auf den Beinen. Und wieder griff Biarki ihn an, aus hundert Wun- den blutend. Doch nun hatte sich Gwalchmai wieder erholt. In der Hand Biarkis zerbeulten Schild, war er mit einem Satz zwischen den beiden und hieb dem Rasenden den Schild mit voller Kraft unter das Kinn. Es gab einen Laut, wie wenn eine Axt in einen Baum- stamm fährt. Wie ein Echo kam gleich darauf ein zweites Knacken, als Biarkis Genick zerbrach. Der Riese fiel wie ein Baum, der seinem letzten Sturm getrotzt hat, und fast im gleichen Moment bra- chen auch die beiden Männer zusammen, kaum we- niger erschöpft als ihr Gegner. Weinend warf sich Thyra-Corenice über ihre beiden tapferen Männer, küßte und drückte sie und sandte ein Dankgebet zum Himmel – jede zu ihrem eigenen Gott.,

Auf nach Alata!

Statt sofort nach diesen traurigen Ereignissen wieder nach südlicheren Gefilden aufzubrechen, zogen sie es vor, den Winter über bei den Culdees zu bleiben. Es war nicht so sehr die Furcht vor der stürmischen See, die sie zu dieser Entscheidung veranlaßte, obwohl die meisten der in dieser Region gefürchteten Gewitter- stürme gerade zu dieser Jahreszeit auftraten und die Boote in ihren Schuppen blieben. Der eigentliche Grund war vielmehr, daß es keinen von ihnen für den Augenblick nach einer anderen Lebensweise drängte. Der schreckliche Mord an Skeggi und die Blutrache an Biarki gingen nicht spurlos an der kleinen Ge- meinde vorüber. Nur kurz war der Zusammenstoß mit der Außenwelt gewesen, doch lang und heftig genug, um längst vernarbte Wunden erneut aufzu- reißen und seit Generationen verschüttete Erinnerun- gen an die Oberfläche zu spülen. Seither gingen die Menschen wieder mit traurigen Gesichtern umher, und auch ihr sonst so freudiges Lachen klang nur noch selten durch das Dorf. Die tragischen Ereignisse hatten bewirkt, daß diese braven Menschen von neu- em an Verfolgungen, Brutalität und Tod denken mußten. Maire Ethne, die Frau des Bischofs, schloß das va- terlose Mädchen schnell in ihr Herz und überschüt- tete es geradezu mit ihrer liebevollen Fürsorge. Beide – sowohl Thyra als auch Corenice – spürten ihre Lie- be und ihr Mitleid. Waren die beiden zu Schwestern, geworden, so fühlten sie jetzt, daß eine Mutter sie in ihre liebenden Arme schloß. Einmal, als sie für einen Augenblick die Dominie- rende war, ging Thyra zu Maire und drückte sie hef- tig. »Sollte ich jemals eine Tochter haben, werde ich sie nach dir benennen«, sagte sie mit bewegter Stim- me, und die Frau des Bischofs küßte sie, tief gerührt über diese Ehre. Corenice jedoch war bekümmert, denn auch sie sehnte sich nach Liebe und Zärtlichkeit, doch wußte sie nur zu gut, daß diese symbiotische Daseinsform, die ihr den Anschein irdischen, sterblichen Lebens vermittelte, nicht ewig dauern konnte, und sie wußte nicht, wann es wieder zu Ende sein würde. Und so lebten denn Gwalchmai, Flann und das Mädchen länger in dem Dorf, als sie ursprünglich vorgehabt hatten. Ständig waren sie bemüht, mit al- lem, was sie taten, zu zeigen, daß sie den Culdees wohlgesonnen waren. Durch ihre freundliche Art und ihre Hilfsbereitschaft gelang es ihnen bald, wie- der das Vertrauen der Dorfbewohner zu erringen, und als schließlich der Frühling ins Land kam, waren die traurigen Gedanken bald vergessen, und alle wa- ren guter Dinge. Während der Wintermonate war die Verbindung der drei (die in Wirklichkeit vier waren) immer tiefer geworden. Zu Anfang hätte Flanns Verwirrung tiefer nicht sein können, doch mit der Zeit lernte er, eine Lebensweise zu akzeptieren, die er nicht mochte und die er nicht verstand. Manchmal, wenn Corenice fort war und in Gestalt einer Robbe auf dem Meer umherstreifte und in den kühlen Fluten das Alleinsein genoß, tauchte seine, Thyra empor und lächelte ihn liebevoll an; dann war ihm, als käme der Sommer und verscheuchte seine trüben Gedanken. In solchen Momenten war er voll- kommen glücklich. Hand in Hand gingen sie dann am Strand entlang oder hinauf in die Hügel. Sie redeten miteinander oder standen einfach engumschlungen da und schwiegen; oft saßen sie auch stundenlang über den Büchern des Bischofs, und Thyra lauschte mit nach- denklichem, ernstem Gesicht den Ausführungen Flanns, froh darüber, daß sie zusammen sein konn- ten. Solche Augenblicke kamen immer öfter, je mehr sich der Winter dem Ende zuneigte, und Flann fiel auf, daß jedesmal, wenn Thyra so freundlich zu ihm war, Gwalchmai abwesend war. Und in der Tat schwammen dann Corenice und Gwalchmai häufig zusammen im Meer; denn Corenice hatte ihn in der uralten Kunst der Atlantiden unterwiesen, in den Körper eines anderen Lebewesens zu schlüpfen. Er war ein gelehriger Schüler und hatte dann bald eine gewisse Fertigkeit erlangt, wenn es ihm auch noch nicht gelang, seinen Körper für längere Zeit zu ver- lassen. Und so war endlich das eingetreten, was die ver- liebte Corenice so lange herbeigesehnt hatte und auf das sie so lange hatte warten müssen. Glücklich durchstreiften sie gemeinsam die Unterwasserwelt, als Meermann und als Meerjungfrau, während Flann, der seinen Freund mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegen sah, überzeugt war, daß er schlief. Und sie waren Freunde – trotz ihrer natürlichen Ei- fersucht. Dies um so mehr, als Flann weder Illusionen, noch falsche Hoffnungen nährte. Er war ein Sklave gewesen. Er erwartete nicht, daß Thyra dies so ohne weiteres vergessen würde. Er wußte, daß er es selbst niemals vergessen würde. Dann kam der Frühling, die Zeit der Paarung, die Zeit, in der Knabe und Mädchen sich plötzlich mit anderen Augen ansehen, in der sie sich in ihrer ju- gendlichen Frische zueinander hingezogen fühlen und ihre Eltern sich einander schmunzelnd zunicken, da sie sich an ihre eigene Jugend zurückerinnern. Flann war allein am Strand und flickte ein Boot. Gwalchmai und Corenice waren Hand in Hand in die Hügel gegangen. Flann fühlte sich einsam. Trübe Ge- danken gingen ihm durch den Kopf. Wenn er mit sei- ner Arbeit fertig war, würde er das Boot mit Proviant vollpacken und davonrudern – und niemals wieder- kommen. Wer weiß, vielleicht war es sogar das beste, er ru- derte einfach hinaus, ohne vorher das Leck zu stop- fen! Was war schon ein Leben ohne Thyra? Solche Gedanken waren nichts Ungewöhnliches im Frühling – aber vielleicht waren Flanns Grübeleien tiefer als andere, weil auch sein Mißverstehen tiefer als das anderer Menschen war. Die zwei, die ihn so durcheinanderbrachten, saßen unterdessen friedlich an einem kleinen Teich und sa- hen zwei stattlichen Schwänen zu, die auf dem Was- ser herumschwammen. Corenice schwieg. Sie dachte an die Schwanenschiffe von Atlantis und an all die Schönheit, die Pracht und den Glanz, die für immer dahingegangen waren. Gwalchmais Gedanken waren woanders. Die Schwäne näherten sich jetzt einander im Lie-, besspiel. Sie legten ihre Schnäbel aneinander und fuhren sich spielerisch damit durch das Gefieder. Dann schlangen sie ihre langen Hälse ineinander und stießen tiefe Kehllaute aus. Es war, wie wenn sie mit- einander von Liebe sprächen und von süßen Träu- men, genau wie zwei verliebte Menschen. »Schwäne paaren sich für ihr ganzes Leben«, sagte Gwalchmai. »Wenn einer von beiden stirbt, dann vergeht der andere vor Gram.« »So sollte es immer sein«, sagte Corenice zustim- mend. »Wenn du wirklich sterben müßtest, dann würde auch ich nicht länger leben wollen. Es war nur, weil ich nicht wußte, daß ich so lange auf dich würde warten können.« »Und doch, Geliebte, haben wir einander nicht und werden uns, wie es scheint, auch niemals richtig ha- ben, solange wir so leben wie jetzt und solange du das Versprechen hältst, das du der anderen gegeben hast, mit der du zusammenlebst.« »Das Haus, in dem ich lebe, ist nicht meines«, gab sie ihm mit sanfter Stimme zu bedenken. »Ich bin dort nur zu Gast. Das darf ich nicht vergessen, und du mußt mir dabei helfen, daß ich es nicht vergesse.« »Ich bin nicht aus Eisen, Corenice! Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, und ich liebe dich!« Ein langes Schweigen folgte. Die Möwen kreisten über ihnen und spähten aus ihren blitzenden Augen zu ihnen herab. Die Enten waren eifrig dabei, ihr Ter- ritorium abzustecken und Zweige und Gräser für ihre Nester zu sammeln. Jedes Lebewesen, so schien es Gwalchmai, hatte einen Gefährten. Selbst das vornehme Paar auf dem Teich war glücklich und zufrieden mit sich selbst. Nur die bei-, den Menschen waren so unendlich weit voneinander entfernt – obwohl sie einander so nahe zu sein schie- nen. »Wie lange müssen wir warten, Corenice? Wie lan- ge soll unser Leben dauern, wo ich doch das Elixier des Lebens getrunken habe und dein Geist unsterb- lich ist? Angenommen, du hast immer das Gefühl, derjenigen ein solches Versprechen abgeben zu müs- sen, in deren Körper du wohnst.« »Ist es so schlimm, wenn du dich für eine kleine Weile in Geduld üben mußt, Geliebter?« »Nur wenn das Leben eines von uns beiden zu En- de geht, denn ich glaube, daß unsere Liebe immer währt. Warum können wir nicht so glücklich sein wie diese Schwäne, die nichts weiter brauchen als sich selbst, um zu fühlen, daß ihnen die Welt gehört? Warum können wir nicht wie sie sein?« »Wenn wir wie sie würden, dann bedeutete das, daß wir niemals auseinandergehen«, sagte Corenice mit einer für sie ungewöhnlichen Schüchternheit in der Stimme. »Aber das wissen wir doch schon seit langem! Bist du denn damit nicht einverstanden?« »Dann soll es so geschehen, wie du sagst!« Gwalchmai schloß die Augen und ließ sich auf das Moos zurückgleiten. Der große Schwan hob den Kopf und starrte zu ihnen herüber, als Corenice sich über den offenbar Schlafenden beugte und ihn zärtlich küßte. Der Schwan stieß einen schmetternden Trompe- tenton aus und schlug das Wasser so heftig mit sei- nen Flügeln, daß Schaum aufspritzte. »Ich komme! Ich komme!« rief Corenice lachend., Unmittelbar darauf spreizte die Gefährtin des Schwans ihre zehn Fuß breiten Schwingen und war mit einem Satz in der Luft, gefolgt von dem Schwan. Dann stießen sie gemeinsam hoch in die Lüfte, schos- sen in närrischem Wettlauf herab, stiegen auf bis hoch in die Wolken, um sich gleich darauf wieder in rasendem Flug herabzustürzen, bis sie fast die Erde berührten. Erschreckt stoben die Möwen davon, als sie mit mächtigem Flügelschlag vorbeirauschten und die Zweige und Gräser, die die Enten angehäuft hat- ten, zur Seite wirbelten. Voller Jubel scholl das Liebeslied der Schwäne durch die Lüfte, wie silberne Trompeten, die die En- gel herausfordern, die auf den Wolkenschlössern Wacht halten. Dann glitten sie in majestätisch weitem Bogen wie- der herunter, ihre Gedanken verschmolzen mit ihren Leibern, und gemeinsam landeten sie auf dem klei- nen Teich. Nun waren sie allein. Thyra, die an alldem teilhat- te, was auch Corenice bewegte, warf ihnen stumm ih- ren Segen zu und machte sich auf ins Dorf, Flann zu suchen. Ruhig und glatt lag der Teich da, keine Wellen kräuselten seine Oberfläche. Seite an Seite schwamm das königliche Paar regungslos auf dem glänzenden Spiegel. Lange verharrten sie so nebeneinander, stumm und reglos ihrem gemeinsamen Glück hingegeben. Doch dann – so als könnten sie ihr unendliches Glück nicht länger stumm ertragen – erhoben sie sich aufs neue in die Lüfte. Vereint stiegen sie auf, immer höher, in immer, weiter werdenden Spiralen sich von der Erde entfer- nend. In überschäumendem Glücksgefühl jubelten sie ihre Freude hinaus in die Welt – und der Wind trug ihr Liebeslied hinab zu Flann und Thyra, die selbst- vergessen einander in den Armen lagen. Höher, immer höher hinauf in den blauen Äther stieg das königliche Paar, noch im Kreise fliegend, bis es zu einem winzigen Punkt am Himmel verschmolz, der schließlich den Augen entschwand. Doch lange noch trug der Wind ihr Liebeslied zur Erde herab. Immer höher noch stiegen die zwei Schwäne, immer weiter wurde die Bahn ihres Fluges und trug sie schließlich weit über das südliche Meer. Dies war ihre Hochzeit – dies war ihr Hochzeits- flug. Und dann erblickten sie weit in der Ferne, längs der verschwommenen Linie, wo Ozean und Äther zusammenfließen, einen dunklen, wabernden Strich aus unzähligen kleinen Punkten, der sich über den ganzen südlichen Horizont erstreckte; und als sie in langgestrecktem Gleitflug hinuntergingen, das Ge- heimnis zu entschleiern, sahen sie, daß das Meer voll von Schiffen war. Harald Harfager hatte, um einem Mädchen zu gefal- len, das ihn nicht zum Mann nehmen wollte, ge- schworen, sein Haar so lange nicht zu schneiden, bis er Norwegen geeint und sich selbst zum König ge- macht hatte. Aus diesem Grunde nannten seine Freunde ihn Harald Schönhaar, während seine Fein- de ihn Harald Läusekopf riefen. Nach der Seeschlacht von Hafrs Fjord wurde er König, heiratete seine Angebetete und ließ sich seine, langen Locken schneiden. Die besiegten Feinde je- doch flohen mit dem Rest ihrer wikingischen Dra- chenschiffe in alle Himmelsrichtungen, denn bald darauf schon führte Harald das Christentum ein und erhob es zum Gesetz. Ingolfur Arnason und sein Pflegebruder Hjorleifur Hrodmarsson, beide wilde, grausame Männer, sam- melten ihr Hab und Gut zusammen, scharten ihre in alle Winde zerstreute Gefolgschaft mitsamt Frauen und Kindern um sich und segelten mit zweihundert Schiffen nach Island; noch immer hielten sie zu Odin und Thor. Auf eben diese Flotte schauten die beiden Schwäne nun hinunter, und durch ihre scharfen Augen ließen Corenice und Gwalchmai prüfend den Blick über die Invasoren schweifen. Sie gingen dicht heran und kreisten in sicherer Hö- he, außerhalb der Reichweite der Pfeile, über der Flotte. Sie brauchten nicht lange, um zu erkennen, daß es sich um ein sorgfältig vorbereitetes Unter- nehmen handelte. Die Oberdecks waren bis in den letzten Winkel mit Vorräten und Gerät vollgepackt, was darauf schließen ließ, daß die Laderäume bereits voll waren. Da gab es hochbugige Kriegsschiffe, de- ren Seitenwände mit Schilden gespickt waren; die Männer auf den Ruderbänken trugen Kettenhemden und hatten ihre Waffen griffbereit neben sich liegen. Es waren fürwahr stolze Schiffe, mit prunkvollen Se- geln, die sich eindrucksvoll im Winde blähten, doch trugen viele von ihnen noch die Narben des Krieges. Da gab es schwerfällig durch die Wogen stampfen- de Lastschiffe, mit gedrungenem, niedrigem Rumpf,, schwer beladen, doch auch sie unaufhaltsam nach Norden strebend. Hier scholl den beiden Schwänen das Brüllen von Rindern, dort das Blöken von Schafen und Ziegen entgegen, und hin und wieder mischte sich darunter das helle Wiehern eines Pferdes. Irgendwo unter Deck krähte ein Hahn. Die schar- fen Ohren der Schwäne vernahmen deutlich den gak- kernden Antwortchor seines Hühnerharems. Jetzt erklangen auch die hellen Rufe von Kindern, die die prächtigen Besucher über sich entdeckt hatten und aufgeregt mit den Fingern nach oben zeigten. Säuglinge schrien, Mütter schimpften, Männer brüll- ten Befehle oder redeten miteinander von Schiff zu Schiff mit Hilfe ihrer Schlachthörner oder ihrer sechs Fuß langen Luren, die dazu geeignet waren, den Schall über ganze Fjorde oder weit hinaus auf See zu tragen. All diese Geräusche vereinigten sich zu einem einzigen grandiosen Lautgewirr, das wie eine Klangwolke über der sich langsam nach Norden wäl- zenden Flotte hing. Und über allem, gleichsam wie ein Flüstern, doch stets gegenwärtig und unüberhörbar, das Plätschern der Wellen gegen den Bug, das Summen des Windes in der Takelage und das dumpfe, rhythmische Po- chen der langen Ruder in ihren Löchern. Gwalchmai und Corenice schauten sich an. Diese wohlgeordnete Ansammlung von Schiffen war nicht von irgendeinem Sturm auseinandergeblasen wor- den, und es waren auch keine Fischer. Die Männer, die da gemessenen Schrittes an Deck auf und ab gin- gen, waren Krieger, Gefolgsmänner hoher Herren. Ih- re Kleidung ließ nicht auf die von Fischern schließen. Sie trugen dick gefütterte Wämse aus schwerem, gro-, bem Tweedstoff, ausgelegt auf lange Haltbarkeit und rauhes Klima. Ihre langen Mäntel leuchteten farben- prächtig in hellen Rot- und Blautönen und waren reich verziert mit Ornamenten aus purem Gold oder mit in Silber gefaßten Rauchtopasen. Diese Flotte wußte genau, wohin sie wollte – und diese Menschen hatten ihre Heimat nicht verlassen, um an ihrem Ziel zu einem kurzen Besuch zu ver- weilen, sondern um sich dort niederzulassen. Corenice teilte Gwalchmai mit, was sie dachte. Für diese Schiffe gab es nur ein mögliches Ziel, falls sie ihren Kurs nicht noch änderten – die Bucht des Rau- ches. Und dann gab es für die Culdees, die Kinder Gottes, nur ein mögliches Ende – Knechtschaft unter den Wikingern! Wenn der Wind nicht umschlug, würden sie in weniger als einem Tag dort sein! Sie mußten unbe- dingt zurück, um die Kelten vor der drohenden Ge- fahr zu warnen! Mit mächtigem Flügelschlag peitschten die beiden Schwäne die Luft und entfernten sich in einer weit geschwungenen Kurve von der Flotte, rasch an Höhe gewinnend. Bald darauf entschwanden sie in Rich- tung Norden. Die Wikinger, die dies für ein gutes Omen hielten, folgten der Richtung, die die Vögel eingeschlagen hat- ten. Von einer kräftigen Brise vorangetrieben, pflüg- ten die Drachenschiffe durch die Wellen. Flann war unangenehm überrascht, als sich Thyras Gesichtsausdruck plötzlich wieder in jene schon alt- vertraute, jedoch weit weniger zärtliche Miene ver- wandelte. Ohne sich umzuschauen oder eine Erklä- rung abzugeben, drehte sie sich auf dem Absatz um, und schritt zurück auf dem Pfad, der in die Hügel führte. Bald darauf kehrte sie zurück. Gwalchmai war bei ihr. Sie hatten einander beim Gehen untergehakt und warfen sich zärtliche Blicke zu. Flann stieß ein ärger- liches Knurren aus und machte sich mit mürrischem Gesicht wieder an seine liegengebliebene Arbeit. Das Paar ging weiter zu der Stelle, wo der lange Walkno- chen hing, und Gwalchmai hieb mit kräftigen Ham- merschlägen darauf, um das Volk zusammenzurufen. Aufgeschreckt durch das Signal, kamen die Cul- dees eilig herbeigelaufen. Männer und Frauen ließen ihre Arbeit liegen, und die Kinder hielten in ihrem Spiel inne, denn sofort wußten alle: Dieses nervöse, unregelmäßige Hämmern bedeutete weder, daß ein Wal gesichtet worden war, noch daß eine gewöhnli- che Versammlung einberufen wurde. Dies war ein Alarm, und zwar ein dringender! Nun kam auch Bischof Malachi mit geraffter Robe herbeigeeilt, um zu erfahren, was geschehen war; hinter ihm seine dralle kleine Frau, deren Wangen vor Anstrengung ganz rot geworden waren und die heftig nach Luft schnappte. Beide wurden blaß vor Schreck, als sie die schlimme Nachricht erfuhren, hatten sich aber schnell wieder erholt. »Seid frohen Mutes, Brüder und Schwestern!« rief der Bischof. »Wir waren schon einmal in Gefahr, und die Piraten sind nur für eine kurze Weile hiergeblie- ben und dann wieder verschwunden. Wir haben ge- nug Zeit, unser Hab und Gut zusammenzuholen und uns in unsere Verstecke auf den Westinseln zurück- zuziehen. Sie werden wieder gehen. Wir haben Zeit genug zum Warten.«, Corenice brachte es nicht übers Herz, ihnen die Wahrheit zu sagen, doch da sie wußte, daß die Leute sie insgeheim für eine Elfe hielten (viele von ihnen hatten gehört, daß sie über seherische Fähigkeiten verfügte), sagte sie: »Ich sehe die Flotte vor mir, sie ist wie eine große Stadt, die sich langsam auf uns zubewegt. Ihre Be- wohner werden sich an diesem Gestade niederlassen und nie mehr fortgehen. Wenn ihr dennoch hierbleibt und wartet, daß sie wieder aufbrechen, werdet ihr alle als Sklaven unter den Peitschenhieben grausamer Herren euer Leben fristen. Eure Töchter werden ein hilfloses Spielzeug in ihren groben Händen sein und wenn eure Söhne aufbegehren, wird man ihnen zum Ruhme Odins den Blutadler in den Rücken ritzen!« Über diese Worte waren die Culdees sehr verwun- dert, denn alle hielten sie für eine Wikingerin, und sie waren erstaunt, daß sie so gegen ihr eigenes Volk sprach. Nur der Bischof, der sie besser kannte als alle anderen, spürte sofort, daß sie irgend etwas auf dem Herzen hatte, und sprach mit freundlicher Stimme: »So sag uns doch, was wir deiner Meinung nach tun sollen. Wir wissen sonst nicht, wohin uns wen- den, es sei denn, wir fahren nach Erin oder zurück in das Land der Skoten, aus dem wir einst vertrieben wurden. Doch dort erwartet uns ein ebenso grausa- mes Los – wir sind verzweifelt!« Und Corenice antwortete: »Dieser Mann dort soll euch den Weg zu dem Land beschreiben, aus dem er selbst einst kam und das noch kein räuberischer Wi- kinger je erblickte. Dann sollt ihr entscheiden, ob ihr hier bleiben oder in jenes Land gehen wollt, um euch dort niederzulassen. Doch wisset: Wenn ihr euch für, dieses Land entscheidet, dann müßt ihr alsbald auf- brechen, denn die Gefahr ist nahe! Noch bevor die Sonne aufgeht, wird das Verderben über euch ge- kommen sein! Wenn ihr in jenes Land geht, dann gibt es kein Zurück mehr, denn niemand soll von diesem Lande erfahren. Es wird für ein anderes Volk als Heimstatt bereitgehalten. Jener Mann dort ist der Sohn eines Königs, und er hat die Aufgabe, die Kun- de von diesem Lande nach Rom zu tragen und das ganze Land in die Hände dessen zu legen, der jetzt in Rom regiert. Doch hat dieses Land auch Platz für euch, denn es ist ein weites Land mit großen Wäldern und vielen wilden Rindern jeglicher Art. Dort könnt ihr glücklich und ungestört leben.« Und so kam es, daß Gwalchmai ihnen von dem Land Alata berichtete, seiner Heimat, und von dem Kontinent Atala im Süden des Landes, den er selbst nur aus den Erzählungen von Reisenden kannte. Und da er schrecklich an Heimweh litt und sich als hei- matloser Fremder fühlte, solange er seine Mission nicht erfüllt hatte, malte er seine Heimat in solch leuchtenden Farben aus, daß man hätte glauben kön- nen, er beschreibe das Paradies selbst. Und bald schon begannen die Gesichter der Cul- dees wieder in froher Hoffnung und frischem Mut zu leuchten. Der Bischof, der von Anfang an überzeugt gewesen war, daß Gwalchmai die Wahrheit sprach, war schon während der Erzählungen Gwalchmais ins Haus zurückgegangen und kam jetzt mit einem Buch zurück. Als Corenice aus ihrer gespielten Trance erwachte und Gwalchmai verstummte, da er seinen Teil der, Arbeit erledigt hatte, begann der Bischof eine Passage aus der ›Reise des Heiligen Brendan‹ vorzulesen. Der Bischof liebte dieses Buch. Es war voll von wundersamen Dingen und heiligen Erscheinungen, und in allem steckte ein Körnchen Wahrheit. Der Bi- schof hatte niemals Fantastisches von Wahrem tren- nen können, aber er glaubte, daß Gwalchmai die Wahrheit sprach, und so war er nun sicher, daß ein Abschnitt, den er ganz besonders liebte, der Wahrheit entsprach. Und so erzählte er denn seinem Volk, wie der Heilige, von dem sie alle gehört hatten, von Mayo aus nach Westen gesegelt war. Unterwegs war er auf Eisberge gestoßen und auf Seeungeheuer, wie auch sie sie schon gesehen und als Walrosse erkannt hat- ten, und nach vierzig Tagen war er in ein neues Land gekommen, das ohne Zweifel Alata sein mußte. Dort sei der Heilige mit seinen Leuten auf einem Curragh, das um keinen Deut besser gewesen sei als die ihrigen, die Küste nach Süden entlanggesegelt, bis er – hier suchte der Bischof mit dem Finger nach sei- ner Lieblingsstelle und fand sie schließlich ... »›Und als sie aus dem Dunst kamen, tat sich vor ih- ren Augen ein solch liebliches Land auf, wie es keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte. Hell war es und heiter und voller Fröhlichkeit und Liebreiz, und die Bäume ächzten schier unter der Last herrlichster Früchte – und das Glück, das sie dort fanden, war unbeschreiblich.‹« An dieser Stelle hielt Bischof Malachi inne. Tränen standen in seinen Augen. »Dies ist also das Land, von dem unser Freund uns berichtete, das Land, das er uns als neue Heimat ge- ben möchte. Dies ist die sichere Zuflucht, in die unse-, re Feinde niemals gelangen werden. Es ist weit, sehr weit entfernt von hier, doch habe ich die feste Ab- sicht, meinen Lebensabend dort zu verbringen. Und wenn es mir gelingt, hinzugelangen, werde ich Gott jeden Morgen und jeden Abend lobpreisen und ihm danken, daß er uns in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit unsere Erlöser gesandt hat. Und wer mir und meiner Frau folgen will, der sammle sein Hab und Gut zusammen, bemanne die Schiffe und – auf nach Alata!« Da gab es kein langes Zaudern, keiner, der da nicht mit von der Partie hätte sein wollen. Die Begeisterung des Bischofs hatte alle angesteckt. Sofort rannten die Kinder los, alles was an Werkzeugen, Geräten und Nahrungsmitteln vorhanden war, aus den Hütten zu schaffen und aufzustapeln. Die Männer und Frauen arbeiteten mit vereinten Kräften den langen Abend und die kurze Nacht hindurch; nur einmal gönnten sie sich eine kurze Atempause, um zu verschnaufen und etwas zu essen. Alles was sie besaßen, trugen sie hinunter an den Strand und stapelten es direkt unter- halb der Flutmarke auf, um es gleich am Morgen auf die Schiffe laden zu können. Je näher der Morgen heranrückte, desto deutlicher wurde klar, daß sie es nicht rechtzeitig schaffen wür- den. Die drei hölzernen Curraghs, von denen jedes sech- zig Personen Platz bot, hatten lange Zeit unbenutzt in ihren Verstecken auf den Westinseln gelegen, und es bedurfte noch vieler Arbeit, sie soweit wieder herzu- richten, daß man eine längere Reise mit ihnen unter- nehmen konnte. Die Lederboote, ständig in Gebrauch, waren in einem weit besseren Zustand, jedoch erwie- sen sich die meisten von ihnen als viel zu klein., Jene, die über ein scharfes Gehör verfügten, konn- ten jetzt schon weit draußen auf dem Meer das Ge- räusch hören, das sie in Angst und Schrecken ver- setzte. Es waren die Luren der Wikinger, die die Kunde von dem neuen Land, das sie soeben gesichtet hatten, mit dröhnendem Schall von Schiff zu Schiff trugen. Zwar konnte man die Drachenschiffe von der Küste aus noch nicht sehen, doch mußten ihre Besat- zungen schon die schneebedeckten Gipfel gesichtet haben. Nicht mehr lange, und es würde eine wilde Wettfahrt entbrennen, denn natürlich würde jeder der erste bei der Landnahme sein wollen. Und sie hatten günstigen Wind. Dies spornte die Culdees an, ihre Anstrengungen noch zu verdoppeln. Mittlerweile hatten sie einen großen Teil der Takelage, die mit den Jahren verrottet war, durch Tauwerk aus kräftigem Walroßleder er- setzt. Die Segel aus dünngeschabtem Seerobbenfell warteten ebenfalls darauf, gesetzt zu werden, als sie mit dem Beladen fertig waren. Die Schafe waren zu- sammengetrieben und standen zum Verladen bereit, ja, einige waren schon an Bord, als Corenice plötzlich sagte, wobei ihre Lippen zum erstenmal seit dem Wiedersehen mit Gwalchmai bebten: »Zu spät – wir schaffen es nicht!« Wie auf ein Kommando lichteten sich aller Augen auf die See. Corenice hatte nicht übertrieben: Schon tauchten schemenhaft die ersten Segel am Horizont auf! In grimmiger Wut starrte Flann hinaus auf das Meer und rief mit bitterer Stimme: »Ich wollte, ich wäre da, wo ich einen Wind von einem Finnen kau- fen könnte! Dann würde ich diese ganze Flotte auf, den Meeresgrund versenken, bevor sie auch nur eine Elle näher gekommen wäre!« Da schoß Gwalchmai ein Gedanke durch den Kopf. »Ihr sollt euren Wind haben, Freunde. Nicht umsonst war mein Gevatter Herr der Winde!« Er entfernte sich ein Stück von den anderen und streifte seinen Ring vom Finger. Auf der Innenseite des Rings befand sich eine In- schrift, als winzige ineinanderverschlungene Lettern in das rote Gold graviert. Unmittelbar dahinter folgte, wie eine Unterschrift wirkend, eine in Minuskeln ein- gravierte Konstellation, wie sie kein Mensch von die- ser Welt je zuvor erblickt hatte. Das Gesicht dem Meer zugewandt, las Gwalchmai leise den Zauberspruch und richtete das längere Ende der Konstellation wie eine Speerspitze gegen die rasch herannahenden Schiffe. Ein paar von ihnen hatten sich inzwischen aus dem Pulk gelöst und die anderen weit hinter sich gelassen. Zuerst geschah gar nichts. Plötzlich tauchte, scheinbar aus dem Nichts, eine kleine Fledermaus auf und irrte, als sei sie von der Sonne geblendet, für ei- nen Moment hilflos flatternd über den Köpfen der am Strande Versammelten herum. Zirpend umkreiste sie Gwalchmai, wobei ihre kleinen Zähne kaum hörbar aufeinanderschlugen. Jetzt flüsterte Gwalchmai ihr etwas zu, wobei er noch immer den Zauberspruch aus dem Ring las. Die Fledermaus gewann heftig flatternd an Höhe, kreiste noch ein paarmal über Gwalchmais Kopf und flog dann geradewegs auf das Meer hinaus, genau in die Richtung, aus der sich die Schiffe näherten. Dabei wurde sie unterstützt von einem plötzlich aufkom-, menden ablandigen Wind, der zusehends stärker wurde. Gleich darauf erhoben sich die ersten Wogen und rollten träge auf die Flotte zu. Die Segel wurden ein- geholt, und die Schiffe begannen sich schwerfällig durch die Brecher zu bohren. Durch den starken Wind am Kreuzen gehindert, waren sie nun dazu ge- zwungen, sich nur noch mit Hilfe der Ruder vor- wärtszubewegen, was ihre Fahrt zwar nicht gänzlich zum Stillstand brachte, jedoch erheblich verlangsam- te. Zufrieden steckte sich Gwalchmai den Ring wieder an den Finger. »Jetzt habt ihr ein wenig mehr Zeit«, sagte er zu dem Bischof. Langsam glitt die kleine Flottille aus der ruhigen Bucht des Rauches – nahezu dreihundert Menschen richteten, erfüllt von Hoffnung und Zuversicht, den Blick nach Westen, wo jenes ferne, unbekannte Land lag, das ihre endgültige Heimat werden sollte. An der Spitze drei kleine hölzerne Schiffe, bis an den Rand beladen. Dahinter zwanzig kleine Cur- raghs, gebaut für Flüsse und Seen, doch auch sie tap- fer dem Kurs der größeren Schiffe folgend, auch sie schwer beladen mit Menschen, Tieren und Gerät. Zu- rück blieben nur Flann, Corenice-Thyra und Gwal- chmai, die auf dem Deck ihres Fischerbootes standen und ihnen versonnen nachblickten. Und wieder sprach Gwalchmai leise mit dem Wind. Eine steife Brise blähte die Segel aus Seehunds- fell und trieb die Schiffe rasch nach Westen, ins Un- bekannte. Nun waren sie frei und ihrem Schicksal, überlassen, aber die Landspitze schützte sie noch vor den Blicken der wikingischen Kolonisten. Sie schwenkten nach Norden ein, um die Masse der Insel zwischen sich und ihre Feinde zu bringen. Bald waren sie den Blicken der drei Gefährten ent- schwunden. Nachdenklich ließen Flann, Corenice- Thyra und Gwalchmai ihre Blicke über den Strand schweifen. Überall lag Abfall herum – ausgeblichene, durchlöcherte Curraghs, ein in der Brandung trei- bendes Ruder, zerbrochene Stangen, Glocken, eine Spielzeugrassel, ein aufgeplatzter Ballen Fuchsfelle. Da keine Zeit mehr gewesen war, sie aufzuheben, waren ein paar kostbare Bücher ebenfalls zurückgeblieben. Schon hatte der Wind sie zerfetzt und verstreute ihre Seiten über den Strand. Eine vergessene Puppe lag auf dem Rücken und streckte ihre hölzernen Arme aus. Die drei Gefährten machten ihr eigenes Boot klar und zogen das Luggersegel hoch. Sofort füllte es sich prall mit Wind, aber da das Boot ein Knorr war, der sich hervorragend zum Kreuzen eignete, hatten sie keine Mühe, ihn auf einen Kurs zu bringen, der sie ebenfalls rasch außer Sichtweite brachte und sie, wenn sie ihn beibehielten, nach Norwegen führen würde. Die wikingische Flotte war schon dicht heran. Schon warfen die Berge das Echo ihrer Hörner zu- rück, doch mittlerweile waren die Boote der Culdees nur noch als schwache Punkte am Horizont zu er- kennen. Sekunden noch, und sie waren nicht mehr zu sehen. »Ich versprach meinem Vater, mit einer großen Armee und einer stolzen römischen Flotte nach Alata, zurückzukehren«, sagte Gwalchmai. Selbstverach- tung schwang in seiner Stimme mit. »Und was habe ich meinem Volk gesandt?« »Zweihundertundsiebenundneunzig Kinder Got- tes!« erwiderte Flann.,

Die Seherin

Sie mußten sich nun entscheiden, welche Richtung sie einschlagen sollten. Gwalchmai, der den Auftrag hatte, den Kaiser von Rom aufzusuchen, um ihm die Botschaft seines Vaters zu überbringen, und der dies nun gezwungenermaßen auf mündlichem Wege tun mußte, wollte natürlich auf dem schnellsten Wege nach Rom. Und wenn möglich wollte er dabei um al- les, was ihn unterwegs aufhalten konnte, einen Bogen machen. Am liebsten wäre ihm gewesen, über Land zu rei- sen; der Seeweg barg viele unbekannte Gefahren in sich. Flann dagegen zog es mit aller Macht nach Erin. Er hatte Gefallen an seiner neugewonnenen Freiheit ge- wonnen, aber er war sich gleichzeitig darüber im kla- ren, daß seine Aussichten, die anderen von seinem Reiseziel zu überzeugen, äußerst gering waren. In Erin konnte er am ehesten Thyra und ihre unbere- chenbaren Launen vergessen. Er zweifelte kaum dar- an, daß sie auch in Zukunft bei diesem faszinieren- den, gutaussehenden Fremden bleiben würde. Und wenn er genau überlegte, hatte das auch seine Rich- tigkeit: Sie hatte ihn aus dem Eise befreit, und auf ir- gendeine unergründliche Weise gehörte sie zu ihm. Flann hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, aber er war nichtsdestoweniger tief unglücklich dar- über. Alles, was er jetzt wollte, war nach Hause zu kommen, und zwar auf dem schnellsten Wege, und, das war nun einmal der Seeweg. Auch Thyra plädierte für eine Seereise, jedoch zu den Färöern, ihrer Heimat. Für sie waren – zumin- dest, solange nicht Corenice in ihr die Oberhand hatte – die Inseln ihr Zuhause. Norwegen hingegen fürch- tete sie, denn dort wurde noch immer gekämpft. Da ihre Familie verwandtschaftliche Bande zu höchsten Adelshäusern unterhielt, würde sie unweigerlich Partei im Streit zwischen den Gaufürsten und dem König ergreifen müssen. Und auf welche der beiden Seiten sie sich auch immer schlug: Das Ende vom Lied würde sein, daß man sie zu einer politischen Zweckheirat drängen würde. Dabei stand ihr Ent- schluß seit Biarkis Tod fest. Doch das wollte sie erst einmal für sich behalten. Corenice war die einzige, die nicht erst eine Ent- scheidung zu fällen brauchte. Ihr Standpunkt war klar und eindeutig: Wohin auch Gwalchmai gehen würde, sie würde ihm folgen. Und so fiel Gwalchmai als dem Hauptbetroffenen schließlich die Entscheidung zu. Inzwischen waren sie eine ganze Weile auf südli- chem Kurs gegen den Wind gekreuzt. Die Winkinger- flotte war längst außer Sichtweite und wahrscheinlich auch schon gelandet, aber wenn sie jetzt abdrehten und auf die norwegische Küste zuhielten, liefen sie Gefahr, Nachzüglern in die Hände zu fallen und in Gefangenschaft zu geraten. Wahrscheinlich war es das beste, sie schlugen Kurs auf die Färöer ein und warteten dort, bis sie sicher waren, daß die Luft wie- der rein war und keine Wikingerschiffe mehr die Meere unsicher machten. Während er noch überlegte, drehte er geistesabwe-, send den Ring an seinem Finger und betrachtete ihn. Dabei fiel ein Sonnenstrahl auf die konvex geschliffe- ne Wölbung des Steins, eines herrlichen, haselnuß- großen Feueropals, und gleißende grüne und rote Blitze schossen ihm in die Augen. In die Schrägfläche dieses Juwels war das Mono- grammMAeingraviert – Merlin Ambrosius. Die bei- den Lettern waren so ineinander verschlungen, daß der Querstrich des A mit dem mittleren V des M ein christliches Kreuz bildete. Festgehalten in dem dicken Goldreif wurde der Stein von einer dünnen, runden Fassung aus Gold, in die ein winziger Mistelzweig und eine Sichel eingraviert waren – die druidischen Symbole. Gwalchmai wußte, daß das Juwel auch als Speku- lum benutzt werden konnte, und obgleich er niemals zuvor versucht hatte, einen Blick in die Zukunft zu werfen, geschweige denn, eine Entscheidung davon abhängig zu machen, war er sehr wohl mit den Prin- zipien der Hellseherei vertraut, und wie die Dinge standen, gab es im Moment keine andere Möglich- keit, dem Dilemma zu entrinnen. Wenn er gewußt hätte, daß der Stein einst auf den Färöern ausgegra- ben worden war, wäre er vor dem Gedanken wahr- scheinlich zurückgeschreckt. Vielleicht zog es ja auch den Stein zurück in die Heimat! Und dies schien sich denn auch in der Tat als richtig zu erweisen. Nachdem er alle um äußerste Ruhe gebeten hatte, konzentrierte er seinen Blick und seine Gedanken voll auf den funkelnden Opal. Stille herrschte um ihn herum. Einzig der Wind, der sanft in der Takelage rauschte, und die Wogen, die leise gegen den Bug plätscherten, waren noch zu hören., Doch auch diese Geräusche wurden immer schwä- cher. Die Außenwelt wich in den Hintergrund. Die leuchtenden Farben des Steins wurden matter. Ein milchiger Schleier legte sich über die funkelnde Gemme. Der Schleier verdichtete sich zu einer Wolke. Plötz- lich begann die Wolke wie ein Strudel zu wirbeln und in den Tiefen des Opals zu versinken. Dort verdich- tete sie sich erneut, nahm Konturen an, zunächst ver- schwommen, dann immer deutlicher, bis ein Gesicht entstand. Es schaute Gwalchmai wie aus einer tiefen Quelle an, doch es war nicht sein eigenes Spiegelbild. Es war Merlin, wie er ihn als Knabe in Erinnerung hatte! Die von einem dichten, schlohweißen Bart um- rahmten Lippen öffneten sich, lächelten, und dann sagte die Stimme, die aus unendlicher Ferne zu kommen schien und so leise war wie das Summen ei- ner Mücke: »Begib dich nach Brendansvik. Dort ist eine Seherin. Sie wird dir sagen, was du tun sollst.« In diesem Augenblick schlug ein Stück Treibholz gegen die Außenwand des Schiffes. Der Aufprall riß ihn aus seinem tranceähnlichen Traumzustand. Das Gesicht in dem Opal verschwand in einer Wolke, die Wolke verwandelte sich in einen zarten weißen Hauch, der sich gleich darauf in Nichts auflöste. Die Außenwelt trat wieder aus dem Hintergrund hervor, und der Opal funkelte nur noch grün und rot wie eh und je. Es kam ihm vor, als wäre er für Stunden abwesend gewesen, doch er wußte, daß dieser Zustand nur ein paar Atemzüge gedauert hatte. Seine Gedanken flogen hinüber zu Corenice, die, wortlos mit Thyra in Kontakt trat. »Ja, es gab einen Hafen mit Namen Brendansvik. Er befand sich un- weit von Stromsey. Seinen Namen hatte er von Bren- dan dem Seefahrer, den die Kelten ›den Heiligen‹ nannten. Es hieß, daß er auf seiner ersten Seereise dort gelandet sei.« Flann wußte nichts von dieser wortlosen Unterre- dung oder von irgendeiner Entscheidung, aber er war sehr enttäuscht, als Gwalchmai zu ihm ans Ruder trat und sagte: »Bleib auf südlichem Kurs, bis wir zu dei- nen Inseln gelangen. Wir müssen dort landen, wo ihr aufgebrochen seid.« Das war das Ende von Flanns Hoffnungen. Er hatte das Gefühl, daß er auf dem besten Wege war, erneut nichts weiter als ein Sklave zu sein. Ein frischer Wind blies, und obwohl der Knorr unter heiterem Sommer- himmel gute Fahrt machte, wurde den Reisenden die Zeit lang. Flann hatte ein paar der beschädigten Bücher ge- rettet, die am Strand gelegen hatten, und manchmal las er Gwalchmai und dem Mädchen mit ruhiger Stimme daraus vor und weihte sie so in die Lehren seines Glaubens ein. Vieles von dem, was er hörte, war dem Aztlaner bekannt, da Merlin, sein Taufpate, ein zum Christentum konvertierter Druide gewesen war, und er hatte Bücher zu den mannigfaltigsten Themen besessen, die Ventidius Varro, Gwalchmais Vater, seinem Sohn zu lesen gegeben hatte. Für Thyra hingegen war dies alles neu und faszi- nierend. Wenn Flann vorlas, zog Corenice sich jedes- mal zurück, denn sie liebte die Göttin von Atlantis, Ahuni-i, den Geist der Woge, und sie wollte sich kei- nem anderen Gott zuwenden. Und so trat sie denn, bei solchen Gelegenheiten mit schwesterlichem Fein- gefühl in den Hintergrund und schlief für eine Weile, damit Thyra die Gelegenheit hatte, ungestört Flanns Worten zu lauschen. Doch gab es auch Stunden, in denen Thyra ihrer- seits schlief und Corenice sich ungestört fühlen konnte. Dann führte sie mit Gwalchmai lange, wort- lose Gespräche, denn seit ihres Hochzeitsfluges wa- ren sie im Geiste eins geworden. Auf diese Weise hatte Flann immer dann, wenn er auf Wache stand, Thyra ganz für sich allein, und wenn er schlief, waren die anderen beiden ungestört zusammen. So empfand er denn auch bald kaum noch Eifersucht, denn er sah nichts, was dieses Gefühl hätte nähren können. Da einzige, was er in sich spürte, war jenes köstliche und zugleich so traurige Gefühl, welches man Liebe nennt. In Brendansvik stand ein hoher steinerner Turm. Es hieß, daß Brendan und seine Mönche ihn einst er- richtet hätten. Er war mit den Jahren ein wenig ver- fallen, doch immer noch bewohnbar, und in ihm lebte eine Frau namens Fimmilene. Sie stand im Ruf, eine Seherin zu sein. Zahlreiche Geheimnisse rankten sich um diese Frau. Manche munkelten, sie sei von hoher Herkunft und lieber aus Norwegen geflohen, als sich Harald Schönhaar zu unterwerfen. Andere glaubten, sie hätte zuviel gesehen und zuviel gesagt, wo sie besser geschwiegen hätte; auf diese Weise hätte sie sich mächtige Feinde gemacht, die ihr nun nach dem Leben trachteten. Andere wieder behaupteten, sie sei insgeheim dem neuen Glauben zugeneigt und ver- berge sich vor Thors Zorn. Als Beweis dafür wurde angeführt, daß sie sich nicht scheute, ein Haus zu, bewohnen, in dem einst fromme Christenmänner ge- lebt hatten. In einem Punkt waren sich alle einig – daß sie über die Sehergabe verfügte und daß das, was sie voraussagte, eintraf. Aus diesem Grunde war sie sehr gefragt, sowohl als Wahrsagerin als auch, wenn es galt, verlorene Gegenstände wiederzufinden, und sie hatte immer genug zu essen. Wenn sie sich außer Hauses begab, trug sie ein Gewand aus schwarzem Wolfsfell und glänzende Stiefel aus Kalbsleder. Die Quasten an diese Stiefeln waren kleine, aus dem Elfenbein von Narwalen ge- schnitzte menschliche Schädel. Auch sah man sie au- ßerhalb ihres Turmes nie ohne ihre weißen Hand- schuhe aus Katzenfell, die ihre schmalen Hände bis fast zu den Ellenbogen umhüllten. An diesen Hand- schuhen waren noch die Krallen vorhanden, und manchmal schien es, als bewegten sie sich. Viele flüsterten hinter vorgehaltener Hand, sie verwandle sich des Nachts in einen Wolf oder eine Katze und streife bis zum Morgengrauen durch die Wälder. Doch ging bei keinem die Neugier so weit, daß er sich getraut hätte, sie offen danach zu fragen; ein Blick aus ihren stechenden Augen, die drohend unter dem Rand ihrer mit Lammfell gefütterten schwarzen Kapuze hervorschauten, reichte, um selbst dem Neugierigsten seine Lust am Fragen rasch aus- zutreiben. Jeder vermied es, ihr direkt in die Augen zu schauen. Man konnte nie wissen, ob sie einem nicht vielleicht bis tief in die Geheimnisse blicken konnte, die man besser für sich behalten hätte. Als der Knorr in Brendansvik einlief, hatten die drei schon gegessen und brauchten daher nicht erst einen Gasthof aufzusuchen, sondern konnten sich di-, rekt auf die Suche nach der geheimnisumwobenen Frau machen. Dies war auch gut so, denn an der Kaimauer lungerten zahlreiche Nichtstuer herum, die sofort neugierig aufblickten, als die drei Fremden auftauchten. Einige von ihnen kannten Flann und Thyra, obwohl Brendansvik nicht ihr Heimathafen war, doch keiner von ihnen hatte je zuvor einen Mann gesehen wie den, der die beiden begleitete, der ein antikes Kurzschwert und eine Feuersteinaxt als Waffen trug und der mit einem solch seltsamen An- zug bekleidet war. Hier und da hätte man gern die drei nach dem Verbleib von Skeggi und Biarki ge- fragt. Doch ohne anzuhalten, hasteten die drei weiter und erreichten bald den steinernen Turm, in dem die Seherin wohnte. Der obere Rand des Turms war ausgezackt und verfallen. Das Dach jedoch war noch unversehrt, und die Eingangstür war aus dickem, massivem Holz. Als sie näher kamen, schwang sie lautlos nach innen auf. Nach kurzem Zögern traten sie ein. Sie konnten niemand hinter der Tür entdecken, aber es schien, als habe man sie schon erwartet. Eine angenehme Altstimme forderte sie auf, näherzutre- ten. Über einen kurzen Flur gelangten sie in einen großen Raum, der den Rest des Untergeschosses mit einschloß. Als Teppiche dienten Felle von Polarbären, und erhellt wurde der Raum von einer Kohlenpfanne, in der knorriges Fichtenholz aus Norwegen brannte. Verstärkt wurde dieses Licht noch durch die Flam- men, die in einem großen, gemauerten Kamin loder- ten. Daß der Kamin um diese Jahreszeit brannte, war nichts Außergewöhnliches, da Steinwände selbst im Sommer häufig feucht und kalt sind., Der Raum war nur spärlich möbliert. In der Mitte des Raumes stand ein langer, schmaler Tisch, der von Sitzbänken flankiert war. Offenbar stammte er noch aus der Zeit, wo die Mönche hier gehaust hatten. An der ihnen gegenüberliegenden gewölbten Wand hing ein abgebrochener brauner Mammutstoßzahn, und unterhalb der Wandwölbung erhob sich, ein wenig eingerückt, ein mehrere Fuß hohes Podest. Darauf stand ein eichener Stuhl, dessen Beine und Lehne mit feinen Schnitzereien verziert waren. Und auf diesem Stuhl saß Fimmilene die Seherin und starrte in eine Kristallkugel. Der Untersatz, auf dem diese Kugel ruhte, war mit einem dunkelvioletten Tuch aus chine- sischer Seide drapiert, das mit goldenen Drachen be- stickt war. Als sie den Raum betraten, schrie ein Rabe mit ei- ner gespaltenen Zunge: »Da kommen die Geister!« Dabei flatterte er wild mit den Flügeln und sprang auf seiner Sitzstange, an die er mit einer Kette festge- bunden war, hin und her, wobei er die Besucher mit wildem Blick anstarrte. Die Seherin hob nicht den Kopf, sondern schaute unbeirrt weiter in die Kristallkugel. »Ruhe, Mimir!« rief sie geistesabwesend, so als ob es ihr im Grunde einerlei wäre, ob der Vogel gehorchte oder nicht. So- fort verstummte er, musterte jedoch die Besucher weiterhin mit seinen bösartig leuchtenden Augen, so daß man hätte glauben können, er sei mehr als nur ein Vogel. Ab und zu hörte man ein unterdrücktes Kichern ganz tief in seiner Kehle. Fimmilene verharrte noch einen Augenblick in ih- rer Position, dann erhob sie sich mit einem müden Seufzer und winkte die Besucher zu sich., Sie war schön und von schlanker Gestalt, und auf den ersten Blick konnte man sie für eine junge Frau halten. Ihr enganliegendes Kleid aus karmesinroter Seide war von unzähligen, glitzernden Steinen be- deckt, in denen sich die Farbe des Stoffes spiegelte, so daß sie aussahen wie Myriaden funkelnder roter Au- gen, die einen beobachteten, und wenn sie sich be- wegte, spiegelte sich in ihnen das Licht aus dem Ka- min und der Kohlenpfanne und sprenkelte die Wän- de und die Decke mit unzähligen winzigen Regenbö- gen. Doch bald sahen die drei, daß die Schönheit der Frau zeitlos war. Ihr Haar war so weiß wie ihre Handschuhe aus Katzenfell, und ihre Augen und ihr Lächeln zeugten von hohem Alter und tiefer Weis- heit. Diese Frau konnte man nicht täuschen – das war ihnen auf der Stelle klar. Nur gut, daß sie mit der Ab- sicht kamen, sie um Auskunft zu bitten, und nicht, eine solche vor ihr zu verbergen. Für Flann hatte sie nur einen flüchtigen Blick übrig; er schien von nicht allzugroßer Wichtigkeit zu sein. Das Mädchen hingegen, in dem gerade Corenice die Oberhand hatte, wurde mit einem scharfen, wenn- gleich kurzen Blick bedacht; instinktiv schien die Frau zu spüren, daß sie es hier mit einer Ebenbürtigen zu tun hatte. Auf Gwalchmai jedoch ruhte ihr prüfender Blick am längsten. »Da seid ihr nun also«, sagte sie schließlich und nahm wieder Platz. Und nachdem sie die drei noch eine Weile schweigend, den Kopf auf die Hände ge- stützt, studiert hatte, fuhr sie fort: »Ich bin von eurem Kommen unterrichtet – dem Iren, der nicht an Magie glaubt, dem Wikingermädchen, dem Magie von einer, bestimmten Art innewohnt, und dem Mann, der sich mit der Magie befaßt hat, aber der noch nicht weiß, wie man sie richtig anwendet. Fragt mich also, was ihr wissen wollt, und verlaßt mich wieder, doch vergeßt nicht: Die Antworten, die ich euch gebe, kommen von einem, der größer ist als ich und größer auch als du, Wanderer, der du bisher gescheitert bist und der du zu erneutem Scheitern verdammt bist.« Doch während sie sprach, lächelte sie Gwalchmai freundlich an, und das Lächeln verwandelte ihr Ge- sicht und milderte ein wenig den strengen Ton ihrer Worte. »Wirklich, du siehst gut aus«, fügte sie mit träume- rischer Stimme hinzu, »genau, wie man mir gesagt hat. Du mußt von den berühmten Äpfeln von Hel ge- gessen haben, die die Götter jung erhalten.« Während sie dies sagte, winkte sie ihn zu sich und lud ihn mit einer Geste ein, einen Blick in die Kristall- kugel zu werfen. Als Gwalchmai seinen Kopf senkte und neugierig hineinspähte, trat Corenice, verärgert über die offenkundige Bewunderung, mit der die Se- herin ihren Geliebten bedachte, vor und stellte sich mit herausfordernder Miene neben ihn. Sie war eifer- süchtig auf die zeitlose Schönheit dieser alten Frau. Obwohl ihm das Herz bis zum Halse schlug, stellte sich nun auch Flann zu den beiden, damit Thyra nicht denken sollte, er wäre weniger furchtlos als sein Ri- vale. Die Seherin kicherte leise vor sich hin, denn sie wußte ganz genau, was in jedem von den dreien ge- rade vorging. »Dann schaut, im Namen der Großen Mutter, in die Kugel, und denkt dabei an eure Frage, und nicht an mich! Jeder von euch wird das sehen, was zu sehen ihr zu mir kamt, gleich, ob er es gern sieht oder nicht!« Und während sie sprach, legte sie ihre Hand auf die Kugel, und in ihrem Inneren begannen sich Bilder zu formen. Als diese immer mehr Gestalt annahmen, hatte plötzlich jeder der drei das Gefühl, als hielte er die Seherin bei der Hand und ginge mit ihr allein auf eine Reise, denn die anderen verschwanden aus seinen Blicken. Auf diese Weise wurden die Bilder für sie Wirklichkeit, und sie betraten getrennt voneinander eine fremde Welt, durch die der Geist der Seherin ih- nen den Weg wies. Als erstes reisten sie durch ein Land von entsetzli- cher Kälte und Dunkelheit. Sie stießen auf Schranken aus loderndem Feuer, vor denen sie entsetzt zurück- wichen. Doch überwanden sie diese wie durch ein Wunder unversehrt und gelangten bald darauf in ein anderes Land. Hier hatte jeder von ihnen das Gefühl, er wäre von vielen Geistern umringt, obwohl jeder andere sah und mit anderen sprach. Corenice fand sich in den Armen ihres Vaters wie- der, der gestorben war, als Poseidonis versank und Atlantis von der Landkarte getilgt wurde. Sie spra- chen lange miteinander, und Corenice fühlte sich sehr glücklich, doch gleichzeitig fühlte sie sich wie je- mand, der das alles nur in einem Traum erlebt und sich später an nichts mehr erinnern kann. Dann kam ein anderer Geist zu ihr, der sie freund- lich begrüßte und von Ereignissen in der Zukunft sprach. Dies jedoch vergaß sie nicht, denn sie faßte, das, was er ihr sagte, als ein Versprechen auf. Und das Wissen um diese zukünftigen Ereignisse behielt sie in ihrem Herzen, denn es waren Dinge, die Gwal- chmai und sie allein betrafen. Thyra tat ebenfalls einen Blick in die Zukunft, und sie behielt das, was sie sah, doch als sie wieder Herrin über ihren eigenen Körper war, schaute sie Flann mit scheuerem Blick an als zuvor und weigerte sich, ihm zu sagen, was sie gesehen hatte. Flann schwieg sich ebenfalls aus über das, was ihm in der Geisterwelt widerfahren war, und er war sehr grüblerisch und versonnen, als er jene Stätte verließ, doch sollte er später mehr von den Qualitäten der Se- herin überzeugt sein als an jenem Tag. Zu Gwalchmai kamen Geister aus den alten Zeiten. Sie hatten rote Haut und schwarze Augen; sie trugen Federschmuck und hatten bemalten Gesichter, und während sie an ihm vorüberzogen, ertönte das dump- fe Dröhnen einer Schamanentrommel. Doch sie alle lächelten ihn an, denn es waren die Geister von Men- schen, die ihn einmal geliebt hatten. Die beiden, die als nächste kamen, sahen sehr unglücklich aus. Es waren seine Eltern, die ihn einst mit großen Hoffnun- gen und hohen Erwartungen auf die Reise geschickt hatten, die ihm soviel Glück bei der Erfüllung seiner Mission gewünscht hatten, bei der er kläglich versagt hatte – und obwohl er wußte, daß dies nicht durch seine Schuld geschehen war, machte ihn die Enttäu- schung sehr traurig, die er auf ihren Gesichtern las. Auch sie verschwanden bald in der Menge der Gei- ster, die an ihm vorbeizogen, und Sekunden später hatte er sie aus den Augen verloren. Ganz zum Schluß erschien ihm ein alter Mann in, den Gewändern eines Zauberers, und er wußte so- fort, daß es niemand anderer als Merlin war. Zu ihm würde er sprechen müssen, denn sein Gesicht war es, das ihn aus den Tiefen des Opals angeschaut hatte. Er stellte sich vor Merlin – zumindest tat er dies in seiner Vorstellung – und wollte seine Hand aus dem Griff der Seherin befreien, um seinen Gevatter zu umarmen, doch sie hielt seine Hand in festem Griff und ließ ihn nicht los. »Ich bin gekommen, wie du befohlen hast«, sagte Gwalchmai. »Welchen Rat willst du mir geben?« Merlin schaute ihn streng an unter seinen dichten, buschigen Augenbrauen, und Gwalchmai hatte das Gefühl, wieder ein kleiner Junge zu sein. »Höre, Lehrling, ich habe eine Aufgabe für dich, und diesmal mußt du sie erfolgreich zu Ende führen. Du wirst nach Rom gehen wie geplant, aber es hat keinen Zweck mehr, die Botschaft zu überbringen, die Alata betrifft. Rom hat nämlich keinen Kaiser mehr, und die Stadt ist heute nicht mehr als eine Stadt – es gibt kein Römisches Reich mehr. Rom kann daher keine Flotte entsenden, und es braucht auch keine mehr. Daher mußt du weiter suchen – so lange, bis du ei- nen Herrscher gefunden hast, der über Macht genug verfügt, den Wunsch deines Vaters zu erfüllen: daß Alata Menschen als Zuflucht diene, die einer solchen bedürfen. Und wenn du einen solchen Herrscher ge- funden hast, dann überbringe ihm jene Botschaft, die einst für den Kaiser von Rom bestimmt war. Und da mir dies ein ebenso großes Anliegen ist wie deinem Vater, will ich, daß du die Botschaft nur einem christ- lichen Herrscher überbringst. Kein anderer soll dieses, Land in Besitz nehmen. Dies dauert vielleicht länger, als du dir im Augen- blick vorzustellen vermagst. Es besteht daher kein unmittelbarer Anlaß zur Eile. Ich habe einen Auftrag für dich, den du unterwegs erfüllen sollst. Gehe nach Elveron, dem Feenreich, welches die Römer Mona nannten. Dort war die letzte Bastion der Druiden, und in dankbarer Erinnerung bewahrt Elveron nun Arthurs Schwert, Excalibur. Sir Bedwyr, Arthurs treuer Knappe, ließ es dort im Angesicht seines sicheren Todes in der Obhut der Elfe zurück, auf daß sie es bewahre bis zu den letzten großen Schlachten der Welt, wenn Arthur auferste- hen wird, um die Heerschar aller jener, in deren Adern britisches Blut fließt, gegen den Feind zu füh- ren. Denn dann ist der Tag gekommen, da er wieder seines Schwertes bedarf. Die Zwerge planen, Elveron zu verlassen, um sich auf einem freundlicheren Planeten anzusiedeln. Un- sere Erde wird nicht mehr lange der Ort sein, an dem sie in Glück und Frieden leben können. Es werden donnernde Maschinen kommen, und die Flüsse und Seen werden im Unrat ersticken, und glühende Win- de werden die Erde heimsuchen. Und sie werden keine süße, klare Luft mehr zu atmen haben in jenem Eisernen Zeitalter, das die Menschen schon bald her- vorbringen werden. Du mußt zu ihnen gehen und Excalibur holen. Dann mußt du es zu Arthurs Grab bringen und es neben ihn legen, auf daß es sicher dort ruhe bis zu dem Tag, an dem er es braucht. Ich glaube, daß du Magier genug bist, diesen Auftrag sicher zu erfüllen, Neubekehrter! Ich setze hohes Vertrauen in dich!, Sobald du Mona erreicht hast, mußt du zuerst ein- mal den Grabhügel von Getain finden, der Meeres- könig auf jener Insel war, ein wenig nach der Zeit deiner Liebsten. Er fiel in der Schlacht gegen die Fo- morianer. Man brachte seinen Leichnam heim und bestattete ihn dort. Sein Grab nun ist der geheime Eingang zum Feenreich Elveron. Dein Ring wird dir Zutritt verschaffen, jedoch nicht ohne Eintrittsgeld. Thor besitzt den Halsreif, der einst in Fafnirs Bett lag, und dieser wird bewacht von dem niemals schlafenden Mimingus, dem Satyr des Wal- des. Diesen mußt du zuerst zum Freund gewinnen. Sobald du den Halsreif erlangt hast, kannst du El- veron betreten – er dient dir als Eintrittsgeld. Doch zuvor noch mußt du die Widerwärtigen Hunde be- sänftigen. Desgleichen wird Arthurs Grab von Hü- tern bewacht – auch diese werden dir möglicherweise feindselig entgegentreten. Aber du hast ja gelesen, was du tun mußt, um dich vor ihnen zu schützen. Außerdem mußt du auf all deinen Reisen vor Odu- arpa auf der Hut sein, dem Herrn des Dunklen Ge- sichts. Er besitzt ungeheure Macht in der Welt und ist mein ältester Feind. Vor langer, langer Zeit kam er auf die Erde, Böses im Schilde führend. Die Men- schen verwechselten ihn oft mit Satan, und manche verehren ihn zu ihrem Schaden, aber er ist kein ge- fallener Engel. Nein! Er ist blutsverwandt mit denen, die in der Unter- welt leben, und sobald du dich unter die Erdoberflä- che begibst, trittst du in seinen Machtbereich ein. Er ist äußerst geduldig. Sobald er erfährt – und das wird er ohne Zweifel sehr bald –, daß du in meinem Auf- trag unterwegs bist, wird er alles daransetzen, euch, beiden Schaden zuzufügen. Solltest du dich nur ein- mal versündigen, bist du schon in seiner Gewalt – und es gibt viele Arten von Sünde. Nun zum letzten Punkt: Du mußt bestimmte Be- dingungen bei der Erfüllung deiner Aufgabe einhal- ten; ich werde sie dir nun nennen. Wenn du nur eine davon nicht einhältst, brichst du damit auch die an- deren, und das würde schlimme Folgen nach sich ziehen – insbesondere für dich. Die erste Bedingung: Du mußt Elveron allein be- treten, denn der Ring öffnet das Tor nur einer Person. Die zweite Bedingung: Du darfst nichts aus Elve- ron mitnehmen außer dem Schwert, das von der Her- rin des Sees geschmiedet wurde, das jedoch den Menschen gehört. Sie wird nichts unversucht lassen, es dir wieder ab- zujagen. Alles was du aus dem Elfenreich mitnimmst, mindert die Kraft deiner Hand, mit der du das Schwert umklammert hältst. Du kannst nicht in bei- den Reichen stark sein. Aus demselben Grund darfst du dort weder Speise noch Trank zu dir nehmen, so verlockend sie dir auch erscheinen mögen und mit welchen verführerischen Worten man auch immer versuchen wird, sie dir schmackhaft zu machen. Dies gilt für die gesamte Zeit deines Aufenthaltes in Elveron. Die Elfen sind nicht von Grund auf böse und schlecht, aber sie sind sehr schalkhaft und voll neckischer Ideen. Wann im- mer sie können, werden sie versuchen, dir Streiche zu spielen und dich in die Irre zu führen, ohne es jedoch wirklich böse zu meinen. Und nun geh, mein Paten- sohn, auf den ich stolz bin, und mach dich ans Werk!« »Bleib, Gevatter! Ich habe dich soviel zu fragen!«, rief Gwalchmai, als Merlin sich anschickte, wieder in der Schar der vorbeiziehenden Geister unterzutau- chen. »Gut. Eine Frage noch.« Er hielt einen Moment in- ne. »Doch fasse dich kurz.« »Als man dein Grab öffnete, fand man es leer. Starbst du wirklich – so, wie wir ›sterben‹ verstehen? Fandest du das Reich der Toten, nach dem du immer gesucht hast? Und ist der Ort, an dem ich dich nun sehe, Mictlampa, von dem die Azteken glauben, daß sie von dort aus einst auf die Erde gekommen sind?« »Du hast drei Fragen gestellt statt einer, mein Sohn. Wenn du erst mehr gelernt hast und wir uns noch einmal begegnen sollten, erkläre ich dir den Sinn des Lebens, und dann werde ich dir das Geheimnis des Todes darlegen. Bis dann – leb wohl!« Mit diesen Worten verschwand er in der Menge. Gwalchmai entwand seine Hand dem Griff der Se- herin. Sofort stürzte die Welt, wie er sie kannte, wie- der auf ihn ein. Die Geister entschwanden, und er stand verwirrt und benommen vor der Kristallkugel. Die Seherin hatte sich nicht von ihrem Stuhl gerührt. Sie schaute die drei mit unendlich müden Augen an und gab ihnen mit einer Geste zu verstehen, daß sie sie allein lassen sollten. »Ich bin mit euch weiter gereist, als ich es jemals zuvor getan habe. Kommt nicht noch einmal hierher, denn ich wünsche nicht, euch jemals wiederzusehen, und ich glaube, daß es weder für euch noch für mich gut wäre, wenn wir uns noch einmal begegnen. Denn dann bestünde die große Gefahr, daß nach einer er- neuten Wanderung dieser Art keiner von uns den Weg nach Hause zurückfände. Außerdem habe ich, das Gefühl, daß wir von jemandem beobachtet wur- den, der keinem von uns freundlich gesinnt ist. So geht dann, wie euch aufgetragen wurde, und ver- weilt keinen Augenblick länger an diesem Orte. Und vergeßt nicht, daß ihr am Eingang zu jener Stätte, die ihr betreten wollt, zuerst den Wächter bestechen und die Höllenhunde füttern müßt. Was meine Person betrifft, so verlange ich keine Bezahlung für meine Dienste. Ich brauche nichts von dem, was ihr habt.« Und so gingen sie denn schweigend davon, und je- der hing seinen eigenen Gedanken nach. Plötzlich fiel Gwalchmai ein, daß er überhaupt nicht wußte, wo sich der Halsreif befand, von dem sein Mentor gesagt hatte, er müsse ihn dem Volk von Elveron als Lohn dafür geben, daß es Excalibur sicher bewahrt habe. Und als er Corenice danach fragte, wußte sie auch nicht mehr als er. Doch die beiden Mädchen sprachen miteinander, und Thyra berichtete Corenice von dem Thortempel auf Stromsey, den Thorgeir, der Wikinger, einst dort errichtet hatte, um Harald Schönhaar zu ärgern, als er mit seinem Volk und seinem ganzen Reichtum dort gelandet war. In diesem Tempel wurden viele Kostbarkeiten auf- bewahrt, und eigentlich hätte er keines Wächters be- durft, denn nur wenige hätten die Kühnheit besessen, Thor, den Donnergott, herauszufordern, noch dazu in seinem eigenen Haus, zumal sie sich bei einer Flucht mit der Beute auch noch den Gefahren des Meeres hätten aussetzen müssen – denn Stromsey war eine Insel. Dennoch hatte man, da Thor unstet überall auf der Welt umherstreifte, einen Wächter aufgestellt. Gwal- chmai, der dies wußte, ersann ein Geschenk, mit dem, er dessen Freundschaft erringen wollte. Er brauchte eine Weile, um es vorzubereiten, doch als die Nacht anbrach, war es fertig, und sie machten sich auf den Weg. Vorneweg Gwalchmai mit einer zugedeckten Schüssel aus rohem Steingut, die noch nie mit Metall in Berührung gekommen oder mit Salz glasiert worden war. Sie begegneten niemandem, als sie im Schein des Mondes den Hain Thors betraten und bald darauf zu seinem Tempel kamen. Nur Thyra erschrak einmal, als eine Nachtschwalbe mit schrillem Schrei aufflat- terte, denn sie war im Zwiespalt darüber, ob die alten oder die neuen Götter die mächtigeren waren, und sie war nicht sicher, ob dieser Vogel nicht vielleicht Odin war, der oft in Gestalt von Tieren zu den Menschen hinabstieg. Die Türpfosten von Thors Tempel waren reich ver- ziert mit kunstvoll geschnitzten Schlangenleibern, die sich zu winden schienen, als die drei leise hindurch- gingen. Thors Stuhl, aus dem Holz einer verhexten Eiche geschnitzt, die einst in der Nähe von Blokula gestanden hatte, bis eines Tages der Blitz aus Thors Hammer sie gefällt hatte, schien leer. Als sie unter der Oberschwelle der Tür hindurch- traten, sahen sie, daß dies nicht so war – in ihm saß, den Blick starr auf sie gerichtet, etwas, das sie im er- sten Augenblick für einen zottigen Mann hielten, das sich jedoch, als es sich aus dem Stuhl erhob, als ein Wesen entpuppte, welches – wenn überhaupt – mit einem Menschen nur von seinem lockigen Schopf bis zu den Hüften hinab Ähnlichkeit hatte. Von den Hüften abwärts war es ein Tier. Seine Beine waren – ähnlich wie bei einem Pferd – nach außen gebogen,, und anstelle von Füßen hatte es Hufe, die laut auf den steinernen Fliesen hallten. Kichernd kam es mit schnellem Schritt auf sie zu und verschlang das Mäd- chen fast mit seinen großen gelben Augen. Gwalchmai hob den Deckel der Schüssel ein wenig und hielt sie den gierigen Händen des Satyrs hin. So- fort löste sich sein Blick von dem Mädchen und rich- tete sich neugierig auf die Schüssel. Mit aufgeblähten Nüstern schnupperte er an dem dampfenden Inhalt. Gleich darauf stieß sein gieriges Maul tief in die Schüssel. »Du siehst, Mimingus, wir sind Freunde«, sagte Gwalchmai in besänftigendem Ton. »Wir bringen dem armen, hungrigen Mimingus, der von nieman- dem beachtet wird, etwas zu essen. Sonst sind all die herrlichen Leckereien immer nur für Thor. Er be- kommt alles – gebratenes und gesottenes Fleisch, duftende Früchte, edles Gebäck! Und wer denkt da- bei an den armen Mimingus? Nur wir, seine Freunde! Iß, lieber Freund Mimingus! Schau nur, diese köst- lichen Rinderherzen, diese wunderbaren Herzen von Schaf, Maus, Maulwurf und Kröte – all diese wun- derbaren, schmackhaften Spezereien, die dich glück- lich und stark machen! Und hier – die Herzen von fliegendem Getier, von Möwe, Drossel und Kiebitz – sie werden deinem Geist und deiner Seele Flügel verleihen. Und hier – die Herzen von Schlange, Fisch und Aal. Wenn du all diese köstlichen Dinge ißt, wirst du eine tiefe Verbundenheit mit allen Lebewe- sen spüren, denn sie alle werden auf diese Weise zu einem Teil von dir. Weil wir dich lieben, geben wir dir unser Bestes, und du sollst alles haben. Iß, Mi- mingus, es ist nur für dich!«, Und wie er aß! Hingekauert auf die steinernen Flie- sen hockte er da und schlang alles mit heißer Gier in sich hinein. Mit fettigen Händen stopfte er sich den Mund voll, so voll, daß er kaum noch kauen konnte. Zwischendurch schoß er aus seinen gelben Ziegenau- gen immer wieder ängstliche Blicke zur Seite, aus Furcht, die drei könnten ihre Großzügigkeit vielleicht plötzlich bedauern und ihm die Schüssel wieder wegnehmen. Nur einmal hielt er für einen Moment inne, um zu verschnaufen, und murmelte mit halbvollem Mund: »Liebe Freunde, wenn ihr wiederkommt, denkt dar- an: Das Herz des Menschen ist das beste von allen!« Gwalchmai ging auf Zehenspitzen zu Thors Stuhl. An seiner hohen Lehne hing, bereit für den Fall, daß der Donnergott ihn zu tragen wünschte, der schwere goldene Halsreif, dessentwegen die drei gekommen waren und den sie um jeden Preis haben mußten. Als er ihn berührte, zuckte weit in der Ferne ein Blitz aus dem wolkenlosen Himmel, gefolgt von dro- hendem Donnergrollen. Doch Gwalchmai griff kühn nach dem Reif und bog ihn in einer Spirale um den Bizeps seines linken Arms. Dann ritzte er mit diebi- schem Grinsen mit der Spitze seines Schwertes ein Kreuz in die Lehne des Stuhls, und darunter zeich- nete er Merlins Monogramm, so, wie es in den Ring eingraviert war. Als der ferne Donner verstummte, hasteten die drei zurück zu ihrem Boot, den Satyr, der noch immer mit dem Rücken zu ihnen dasaß und gierig aus der Schüssel fraß, ahnungslos zurücklassend. Als der Morgen graute, hatten sie die Färöer längst hinter sich gelassen und waren auf dem Wege nach Mona., Nachdem sie die Shetland-Inseln umfahren hatten, erreichten sie die Orkney-Inseln, wo sie kurz halt- machten, um Lavran Harvaddsson, Thyras Onkel, ei- nen Besuch abzustatten. Als sie sich eine Woche in Stromness erholt hatten, stachen sie wieder in See und segelten nach Süden weiter durch den Minch, ohne jedoch dort auf Wassergeister oder Wasserbul- len zu stoßen oder gar auf jene gefährlichen blauen Männchen, die sich den Gerüchten nach in der be- sagten Meerenge herumtrieben und sich einen Spaß daraus machten, Schiffe zu versenken. Der nächste Punkt ihrer Reise war die Hebriden-Insel Barra. Skarpheddin, der betagte Bruder von Lavrans Frau, beherbergte sie für einen Tag und eine Nacht und hielt sie lange mit seinem lustigen Geschwätz wach, denn auch er mochte Thyra Skeggisdatter gern. Als sie die Insel wieder verließen, verließen sie damit zu- gleich auch den äußersten Rand der von Wikingern kontrollierten Gewässer. Den Nordkanal wagten sie erst bei Einbruch der Nacht zu durchfahren, und selbst dann noch hielt sie während der ganzen Zeit eine nervöse Unruhe in Bann, denn weder die Männer von Erin noch die Schotten hätten viel Federlesens gemacht, wenn sie ein einzelnes Wikingerboot gesichtet hätten. Den größten Teil der Fahrt legten sie während der Nacht zurück, und als es Morgen wurde, hatten sie die Insel Eubonia erreicht. Fast schien es schon, als wäre es ihnen tatsächlich gelungen, der Rache Thors zu entrinnen, dessen wüten- den Zorn sie mit Sicherheit herausgefordert hatten, als mit einemmal ein wütender Sturm über sie her- einbrach. Sie hatten keine Schwierigkeiten, Eubonia, zu finden – der Sturm warf sie geradezu auf die Insel. Zum Glück liefen sie auf einen Strand, der es ihnen erlaubte, das Boot ohne Schaden aufs Trockene zu ziehen. Am darauffolgenden Morgen wurden sie von Wachtposten im Dienste des Gaufürsten Orry aufge- stöbert, die gerade am Strand patrouillierten. Als sie diesen zu verstehen gaben, daß sie nicht auf der Seite des Königs von Norwegen standen, gewährte man ihnen Unterkunft. Gaufürst Orry hatte die Insel einst den Walisern abgenommen und später darauf ein unabhängiges Königreich errichtet. Als er von dem Auftrag erfuhr, für den die Frem- den unterwegs waren, und als er hörte, daß Gwal- chmai über gewisse Kenntnisse in der Magie verfüg- te, hätte er sie am liebsten bei sich behalten. Es hätte ihm sehr gefallen, das Land von einer Dunstwolke einhüllen zu lassen, um es so vor Harald Schönhaar zu verbergen, so wie Mannanan-Beg-Mac-y-Lheirr es einst gemacht hatte, bevor Arthurs Neffe Maelgwyn die Skoten vertrieb. Als er jedoch erfuhr, daß Thor sie mit seiner Rache verfolgte, nahm er schnell von sei- nem Angebot Abstand und hatte plötzlich nichts Eili- geres zu tun, als ihr Boot mit Proviant zu versorgen und sie schnell wieder davonzuschicken. Sie segelten weiter an der Küste entlang nach Sü- den, und als die Nacht erneut anbrach und sie sich an den Sternen orientieren konnten, verließen sie die Küste und segelten geradewegs nach Süden in das Hibernische Meer. Kurz vor dem Morgengrauen lan- deten sie sicher auf Mona, ohne während ihrer fünf- zig Meilen langen Reise irgendeinem Boot begegnet zu sein., Sie stakten den Knorr in einen flachen, gewunde- nen Kanal, der von einem Sumpf ausging, holten den Mast nieder und deckten alles sorgfältig mit Schilf zu. Als sie fertig waren, machten sie sich auf die Suche nach dem Grabhügel des Getain, an dem sich ir- gendwo der Eingang nach Elveron befand. Zum Glück befanden sie sich in Freundesland, denn Mona war unter der Herrschaft des Prinzen von Nordwales. Da die Iren sich zur Zeit im Friedenszu- stand befanden und daher überall im Lande frei und ohne Argwohn umherstreiften, hatte Flann keine Mühe, als sie unterwegs eine hübsche Kuhhirtin tra- fen, eine Auskunft über die Richtung zu bekommen, die sie einschlagen mußten. Die meisten Frauen schauten den hochaufgeschossenen Burschen mit bewundernden Augen an, und außerdem war er, was den Umgang mit Mädchen betraf, nicht auf den Mund gefallen, wenn man einmal von Thyra absah. Bei der Gelegenheit erstand er gleich noch für eine Kupfermünze einen Krug Milch, und er hätte oben- drein noch einen Kuß bekommen können, hätte er sein Glück versucht. Fröhlich pfeifend ging er mit dem Krug davon und traf die anderen an der verein- barten Stelle, wo sie sich unterdessen versteckt ge- halten hatten, denn bis zu jenem Zeitpunkt waren sie immer noch nicht sicher, ob man sie freundlich be- handeln würde – Corenice wegen Thyras goldblon- dem Haar und Gwalchmai aufgrund seiner Kleidung. Der letztere befand sich indessen wieder unter Men- schen mit dunkler Haarfarbe, und nur noch seine Größe verriet, daß er nicht dem gleichen Volke ange- hörte. »Wir haben Glück!« rief Flann ihnen schon von, weitem zu. »Nur eine Stunde von hier entfernt befin- den sich zwei Steinbauten, genannt ›die Zwillinge‹, und wenn man zwischen ihnen hindurchkommt und nach Osten schaut, fällt der Blick genau auf den Grabhügel des Meereskönigs. Kannst du uns denn nicht verraten, warum du unbedingt dort hinwillst? Das Mädchen sagte, es müsse ein schauerlicher Ort sein, und niemand traue sich in seine Nähe.« Wenn Flann geahnt hätte, daß dies ein Land der Sidhen war, wie die Iren die kleinen Menschen nannten, dann wäre er freiwillig gar nicht erst hier- hergekommen. Das wußten sowohl Gwalchmai als auch Corenice. Corenice hatte diesen einen Punkt vor Thyra verborgen gehalten, aus Angst, sie würde Flann davon berichten, obwohl die beiden in allen anderen Fragen keinerlei Geheimnisse voreinander hatten und in bester Harmonie miteinander verkehr- ten. Aus diesem Grunde antwortete Gwalchmai auf Flanns Frage bloß, die Seherin hätte ihm den Auftrag gegeben, er solle sich Thors Halsreif verschaffen und ihn in Getains Grab legen, aus dem er einst gestohlen worden sei; sobald er diesen Auftrag erfüllt habe, sei seine Mission beendet, und er könne gehen, wohin er wolle. Flann war mit dieser Antwort zufrieden. Von An- fang an hatte ihn die Nähe des goldenen Halsreifs beunruhigt, da er das Gefühl hatte, er bringe ihnen Unglück. Und die Tatsache, daß er möglicherweise schon bald mit Thyra allein sein und gehen konnte, wohin er wollte, stimmte ihn mehr als zufrieden, denn eigentlich hatte er darauf schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt. Aus diesem Grunde machte er natürlich keinerlei Einwände mehr, sondern ging gut, gelaunt noch einmal zurück, um mehr Milch zu be- sorgen. Außerdem kaufte er ein schwarzes Huhn, denn Gwalchmai brauchte beides. Als sie bald darauf die ›Zwillinge‹ erreichten, sa- hen sie, daß diese die einzigen noch stehenden Steine einer ursprünglich kreisförmigen Konstruktion wa- ren. Gwalchmai wußte aus Merlins Büchern, daß die- ses Grab aus grauer Vorzeit stammte. Es mochte zwar sein, daß man Getain dort begraben hatte, aber für ihn hatte man den Hügel nicht errichtet; er war viel älter. Als die Nacht anbrach, hörten sie plötzlich außer- halb des Kreises ein leises Geräusch. Es hörte sich an wie das Schnuppern eines Tieres. Gleich darauf ver- nahmen sie den leisen Tritt riesiger Füße oder Tatzen auf dem weichen Boden. Das Geräusch entfernte sich und kam nach einer Weile wieder, so als umkreise das Tier sie. Dies wiederholte sich in regelmäßigen Abständen, dicht außerhalb ihrer Sichtweite. Doch als es dunkler wurde, schien das Geräusch näher zu kommen. Hin und wieder hörten sie auch das scha- bende Geräusch, welches entsteht, wenn eine lange Kralle über Stein kratzt; da wußten sie, daß es sich um kein Hirngespinst handelte, sondern daß in der Tat irgendein Wesen in der Nähe war, das den Ein- gang von Elveron bewachte. Dennoch hatten sie nicht das Gefühl, daß sie in unmittelbarer Gefahr schweb- ten – vorausgesetzt, sie kamen dem Eingang nicht zu nahe. Ohne sich dem hohen Grabhügel in der Mitte des Kreises zu nähern, schnitt Gwalchmai der schwarzen Henne den Kopf ab und ließ das Blut in den Milch- krug fließen. Als die Flügel des Huhns aufgehört, hatten zu schlagen, warf er das tote Tier weit außer- halb des Kreises, und sofort hörte er das Geräusch rennender Füße, dann ein kehliges Knurren und hef- tige Kaugeräusche, als das Huhn mitsamt Federn und Knochen im Maul des unsichtbaren Wächters ver- schwand. »Die Hunde! Die Höllenhunde von Annwn!« flü- sterte Flann voller Entsetzen, umkrallte seine Axt und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkel- heit, jeden Moment den Angriff der Bestien erwar- tend. Doch nichts geschah. Gwalchmai verrührte das Blut sorgfältig mit der Milch und rannte dann plötzlich mit dem Krug genau auf den Grabhügel zu. Im gleichen Moment fühlten sich Flann und das Mädchen von einem kräftigen, sehnigen Körper, der urplötzlich mit einem riesigen Satz zwischen ihnen aufgetaucht war, zur Seite ge- schleudert, und als sie benommen aufblickten, sahen sie einen Schatten, der Gwalchmai schon dicht auf den Fersen war. Die völlige Lautlosigkeit, mit der dieses schemenhafte Etwas über den Rasen schoß, war fast noch furchterregender als das rhythmische Tapsen, das sie bei Einbruch der Dunkelheit gehört hatten. Auf der Spitze des Grabhügels stand ein großer unbehauener Stein. Auf seiner Oberseite war vor Ur- zeiten ein Sonnenrad eingeritzt worden, und da, wo eigentlich die Nabe des Rads hätte sein müssen, war eine tiefe Mulde in das Gestein gemeißelt. Dort hinein goß Gwalchmai die Milch. Im selben Moment fühlte er sich von einem riesi- gen Maul gepackt. Zwei mächtige Kiefer schlossen sich über seinem Brustkorb, hoben ihn in die Höhe, und schüttelten ihn hin und her wie eine Ratte, wobei das Biest wütend schnaubte. Als nächstes hörte er, wie Flann und Corenice auf ihn zugerannt kamen, um ihm zu helfen. »Zurück! Zurück!« keuchte er verzweifelt. »Keinen Schritt nä- her, wenn euch euer Leben und eure Seele lieb sind!« Dies hielt sie zwar nicht davon ab, ihm zu Hilfe zu kommen, aber es ließ sie für einen Moment innehal- ten und unschlüssig verharren. Unterdessen gelang es Gwalchmai, den Arm zu heben, an dem Thors Halsreif steckte, und ihn der Bestie vor das kalte, schuppige Maul zu halten. Er hörte, wie die Bestie neugierig an dem Gold schnupperte; unmittelbar darauf milderte sich der fürchterliche Druck der Kiefer, die ihn gepackt hiel- ten, der mächtige Kopf senkte sich, und er glitt sanft ins Gras. Corenice und Flann waren sofort bei ihm und hal- fen ihm auf. Die Bestie winselte sie an und schwän- zelte mit geducktem Kopf um sie herum wie eine rie- sige Katze, die sich bei ihrem Herrn einschmeicheln will. Gebannt warteten sie, was passieren würde. Die ganze Zeit über sahen sie nichts. Doch dann vernah- men sie ein Schleckgeräusch, gefolgt von einem lang- gezogenen, zufriedenen Seufzen, dann war die Bestie verschwunden. Der Mond ging in jener Nacht erst spät auf, doch als die ersten silbernen Strahlen auf den Grabhügel fielen, wälzten die drei den Stein auf die Seite. Dar- unter befand sich ein viereckiges, mit Steinplatten umrahmtes Loch, von dem aus eine Treppe in die Tie- fe führte. Gwalchmai wandte sich ein letztesmal um, um den, Gefährten Lebwohl zu sagen. »Ich muß nun allein weitergehen, aber ich werde wiederkommen, wenn ich das getan habe, was ich tun muß. Wartet auf mich.« Die anderen nickten stumm; keiner von ihnen ver- mochte ein Wort hervorzubringen; denn ihre Herzen waren übervoll. Schon vorher hatte Gwalchmai Fackeln vorbereitet, da er wußte, was ihn erwartete. Jetzt zündete er eine davon an. In ihrem flackernden Licht tauschten er und Corenice einen langen Blick aus. Keiner berührte den anderen, beide schwiegen. So nahe sie sich auch gegenüberstanden – keine Umarmung hätte ihnen in diesem Augenblick mehr bedeuten können als jener innige Blick des Verstehens und der Liebe. Gleich darauf war er verschwunden – verschwun- den in jener Mitternachtswelt, die unter Getains Grabhügel begann. Sie warteten. Die Morgendämmerung kam, aber er war noch immer nicht zurückgekehrt. Gegen Mittag brannte die Sonne heiß auf ihre Köpfe hinunter. Sie verharrten innerhalb des steinernen Kreises, aber sie folgten ihm nicht hinunter in die Tiefe. Vögel flogen über sie hinweg, Bienen summten, und einmal nä- herte sich ihnen ein Kaninchen auf wenige Schritte und mümmelte dicht neben ihnen, während sie ganz still dalagen und warteten. Erneut brach die Nacht an, und sie wachten noch immer am Eingang. Der Tag verging, und Gwalchmai war nicht zurückgekehrt. Sie hatten weder zu essen noch zu trinken. Bald dämmerte der nächste Abend. Die Sterne erschienen klar und hell am Firmament, verblaßten, und der dritte Tag hatte begonnen. Und, da wußten sie, daß Gwalchmai etwas Schlimmes zu- gestoßen sein mußte und daß er nicht kommen wür- de. Schwach vor Hunger kehrten sie zum Boot zurück, um Wasser und Nahrung zu holen, und während sie mutlos nebeneinander herschritten, sprachen Thyra und Corenice miteinander. »Kleine Schwester«, begann Corenice (doch Flann hörte kein Wort von dem, was sie sprach), »die du zu einem Teil von mir geworden bist, ich habe mein Ver- sprechen, das ich dir gab, gehalten. Es war schwerer, als du ahnen magst, doch du bist wieder die, die du warst, und du kannst, ohne deinen Stolz zu verlieren, wieder zu deinem Liebsten gehen.« Es war wie ein Flüstern, als Thyra antwortete (und wieder hörte Flann nichts): »Ich weiß, was du getan hast und was du nicht getan hast, und dafür liebe ich dich – doch was du nun tun willst, falls ich gehen sollte, weiß ich nicht. Ich weiß es nicht, und ich habe Angst um dich, denn auch du bist zu einem Teil von mir geworden.« Dann fühlten beide, wie sie in tiefer Zuneigung einander in die Arme schlossen; fühlten, wie sie ein- ander in diesem traurigen Moment des Scheidens nä- her waren denn je zuvor. Lange Zeit verharrten sie so, in inniger, zärtlicher Umarmung, in der es keiner Worte bedurfte, um einander zu verstehen. Dann sagte Corenice: »Ich werde warten. Ich werde warten, so wie ich es schon vorher getan habe – wenn es sein muß, für immer. Was mehr kann eine liebende Frau für ihren Mann tun? Doch bevor wir nun voneinan- der scheiden, will ich euch beiden etwas schenken, das allen Kummer von euch nehmen wird.«, Durch Thyras Mund sagte sie laut und deutlich vernehmbar: »Flann!« Und als Flann, der ein paar Schritte vor dem Mädchen ging, innehielt und sich umwandte, fühlte er plötzlich, wie sich ihre Hände auf seine Augen legten, und mit einem Schlag ver- schwand alles, was er seit seiner ersten Landung auf Island gesehen und erlebt hatte, aus seinem Gedächt- nis. Sie legte ihre Handflächen auf seine Ohren, und er vergaß alles, was er auf jener langen Reise, von dem Tag an, wo er auf den Färöern in See gestochen war, bis zu dem Tag, da sie am Gestade Monas gelandet waren, gehört und gefühlt hatte. Dann streichelte sie ihm sanft über die Stirn, und neue Erinnerungen tauchten vor seinem Auge auf – wie er Thyra von Biarki geraubt hatte, Biarki, der Skeggi erschlagen hatte und den er haßte. Er erin- nerte sich, daß sie in einem kleinen Boot geflohen wa- ren und daß sie jetzt nicht weit von Erin waren und von der Heimat seiner Väter – doch immer noch war er nicht sicher, ob sie ihn liebte: denn eine solche fal- sche Erinnerung vermag keine Magie der Welt einem Manne vorzugaukeln – nicht einmal die tausend Jah- re alte Magie des versunkenen Atlantis. Thyra fühlte sich plötzlich allein. Als sie sich um- blickte, sah sie eine kleine Feldmaus dicht neben dem Pfad davonhuschen, auf dem sie gingen. Doch bevor sie in dem hohen Gras verschwunden war, blieb sie stehen und warf einen kurzen Blick zurück. Im glei- chen Moment tauchten in ihr dieselben Erinnerungen auf, wie Flann sie hatte. Sie schenkte der Maus keine weitere Beachtung, denn sie war eine Maus wie jede andere auch und bedeutete ihr nichts. Ihre ganze, Welt war von dieser Sekunde an Flann. Gemeinsam gingen sie weiter zurück zum Boot, ohne sich zu erinnern, wo sie gewesen waren und warum sie es verlassen hatten – und während sie gingen, hielten sie sich bei den Händen. Nachdem sie gegessen hatten, stakten sie das Boot durch den Kanal zurück in die offene See, und plötzlich erhob sich die Frage: Wohin sollten sie segeln? Flann war sich noch immer nicht ganz sicher. Ir- gendwo im hintersten Winkel seines Gedächtnisses war etwas, das er noch nicht ganz vergessen hatte, etwas, das ihn verwirrte und mit Unruhe erfüllte. Schließlich fragte er: »Tut es dir leid, daß du mit mir gekommen bist? Wäre es dir lieber, ich setzte dich hier an Land oder brächte dich zurück nach Strom- sey?« Thyra blickte ihn ernst an und erwiderte: »Was möchtest du, das ich tue? Hat ein geraubtes Mädchen denn die freie Wahl, hinzugehen, wo es will? Sag mir, wohin willst du, daß ich gehe?« »Meine Heimat Erin ist ein grünes, schönes Land, und es gibt dort nicht viele Mädchen, die so wunder- schönes langes goldenes Haar haben wie du und die so schön sind wie du. Man würde dich wie eine Prin- zessin behandeln – jedermann würde dich lieben und bewundern, und keiner täte dies mehr als ich. Doch wenn es dein Wille ist, bringe ich dich wieder zurück in deine Heimat, denn gerade ich weiß sehr wohl, daß es keine schlimmere Krankheit gibt als Heim- weh.« Thyra gab hierauf keine direkte Antwort, sondern sagte statt dessen: »Hast du noch immer das Buch, aus dem du mir während unserer langen Reise so oft, vorgelesen hast?« (Die Erinnerung an jenes Buch war eine der wenigen, die Corenice in ihrem Gedächtnis intakt gelassen hatte.) Als Flann das Buch hervorgeholt hatte, blätterte sie es durch, bis sie ein Bild gefunden hatte, an das sie sich erinnern konnte, und sagte: »Lies mir diese Stelle vor!« »›Dränge mich nicht, dich zu verlassen oder davon abzulassen, dir nachzufolgen: Denn wohin du auch gehst, ich werde mit dir gehen, und wo du wohnst, da will auch ich wohnen.‹« Da blickte er auf und sagte: »Oh, Thyra!« Doch sie sagte nur: »Lies weiter.« Und er las: »›Dein Volk soll mein Volk sein, und dein Gott soll mein Gott sein: Wo du stirbst, da will auch ich sterben, und dort soll man mich begraben.‹« Ein tiefes Schluchzen erstickte seine Stimme, und er konnte nicht weiterlesen – und so vollendete Thyra für ihn, hatte sie doch die wunderbaren Worte in Er- innerung: »›Und nur der Tod kann uns scheiden!‹« Und als er aufschaute, sah er sie wie durch einen Schleier, aber er konnte immer noch nicht glauben und sagte: »Könntest du wirklich einen Mann lieben, der einmal ein Sklave war?« »Oh, Flann!« antwortete sie bewegt. »Wann immer ich dich auch angeschaut habe – niemals habe ich in dir einen Sklaven gesehen!« Und dann segelte das Boot nach Erin weiter – ganz von allein.,

Im Land der Elfen

Als Gwalchmai die Stufen hinabgestiegen war, sah er, daß er sich am Anfang eines langen Ganges befand. Die Felsplatten, die die Wände und das Dach dieses Ganges bildeten, waren von megalithischen Ausma- ßen. Das Licht seiner Fackel reichte nicht bis zu der Kammer, die, soweit er wußte, am Ende des Ganges liegen mußte. Vorsichtig schritt er voran. Er fühlte sich nicht allzu wohl in seiner Haut, besonders als er an Merlins Warnung dachte, der gesagt hatte, daß Oduarpa, der Herr des Dunklen Gesichts, hier unten über weit grö- ßere Macht verfügte als über der Erdoberfläche. Dann fielen ihm die Grabhügel von Alata ein, die er im Tal des Ohion gesehen hatte, und der Gedanke an die Fallen, die man dort für mögliche Grabräuber gelegt hatte, ließ seine Schritte noch zaghafter und vorsich- tiger werden. Er war ganz auf sich gestellt. Keiner konnte ihm jetzt noch folgen, um ihm zu helfen; dazu war es zu spät. In Merlins Büchern hatte auch etwas über die Pyramiden von Ägypten gestanden und über plötz- lich umkippende Felsplatten, die den Unvorsichtigen erschlugen. Ein Korridor wie dieser konnte ihn ins Verderben führen, wenn Oduarpa sein Eindringen bemerkt hat- te. Wäre vor Gwalchmai in diesem Augenblick eine Maus oder gar eine Feldmaus aufgetaucht, er hätte sie unweigerlich für einen Kobold gehalten der seine, Seele in die Unterwelt locken sollte. Aber nichts be- wegte sich außer ein paar Schatten. Er hatte Angst, aber er ging weiter. Auf einmal stand er in der Kammer. Der Gang war weniger als hundert Fuß lang gewesen, aber er war ihm viel länger vorgekommen. Er kam zu der Er- kenntnis, daß er ganz tief unter der Erde sein mußte, denn der Grabhügel oben war nicht sehr groß gewe- sen, und er konnte nichts anderes sein als das Kup- peldach der Kammer. Die Seitenwände bestanden hier aus kleineren Steinplatten, die sämtlich unge- putzt und ohne jeglichen Zierat waren. Das Kuppeldach wölbte sich in einer Höhe von mindestens zwanzig Fuß über seinem Kopf, und die Kammer selbst hatte einen Durchmesser von etwa dreißig Fuß. Das Ganze sah von innen fast wie eine der bienenkorbförmigen Hütten der Culdees aus. Der einzige Gegenstand, der sich in der Kammer befand, war ein steinerner Sarg. Alles deutete darauf hin, daß er vor langer Zeit schon von Grabräubern geplündert worden war. Der steinerne Deckel des Sargs war auf die Seite gekippt worden, und die Kno- chen lagen in wüstem Durcheinander überall in der Kammer verstreut. Nirgendwo waren wertvolle Ge- genstände zu sehen – keine Ringe, keine Armspan- gen, kein Bernsteinschmuck, der bei den Seefahrern besonders beliebt war. Nicht die Spur von einer Waf- fe war zu sehen, nicht einmal Überreste einer Rü- stung. Gwalchmai fragte sich, ob dies in der Tat die Grabkammer des Piratenkönigs Getain war. Gwalchmai hatte von Natur aus Achtung vor den Toten. Er wollte daher nicht die Kammer durchsu- chen und dabei womöglich die entweihten Knochen, unter seinen Füßen zu Staub zertreten. Doch er mußte den Eingang zum Königreich der Elfen finden, ko- stete es, was es wollte. Dieser lag offenbar noch tiefer unter der Erde. Er sammelte die Knochen auf und legte sie zurück in den Sarg. Eine spöttisch klingende Stimme ließ ihn hochfah- ren. »Sehr schön, sehr schön! So gut hat der alte Kna- be schon seit langem nicht mehr ausgesehen!« Gwalchmai hatte niemanden kommen gehört. Verwirrt blickte er sich um. Ihm gegenüber auf der anderen Seite der Grab- kammer stand ein schlanker, von Kopf bis Fuß in Grün gekleideter junger Mann. Er stand lässig gegen die Wand gelehnt, die langen, sich durch den Stoff der Hose deutlich abzeichnenden, wohlgeformten Beine locker übereinandergeschlagen, eine Hand ge- gen die Hüfte gestützt. Auf seinem Kopf saß ein kek- kes, mit einer langen scharlachroten Feder ge- schmücktes Hütchen. Durch sein arg zerschlissenes, mit Borten verziertes Wams schimmerten die Falten eines feinen Batisthemdes, und quer über seine breite Brust spannte sich der Ledergurt, der seine Laute hielt, die er auf dem Rücken trug. An seiner Seite hing ein Dolch, der offenbar nicht aus Metall, sondern aus hartem Holz war. Als Gwalchmai ihn erstaunt betrachtete, trat er ei- nen Schritt vor, machte einen tiefen Kratzfuß und wischte dabei mit seinem Hut über den Boden. »Ihr dürft mich Huon nennen, Herr Gwalchmai. Ich habe den Auftrag, Euch zu meiner Königin nach Elveron zu geleiten. Seid Ihr bereit, mit mir zu kom- men?« »Ihr wißt, wer ich bin?«, Huon ließ ein helles, musikalisches Lachen erklin- gen. »Jeder im Elfenreich kennt inzwischen den be- rühmten Herrn Gwalchmai, den Falken der Schlacht, und weiß von seiner Mission. Wir wurden schon vor langer Zeit von Eurem Kommen unterrichtet und ha- ben uns darauf vorbereitet, Euch zu bewirten und zu unterhalten. Wollt Ihr mir jetzt bitte folgen?« »Wohin bringt Ihr mich?« fragte Gwalchmai mit unüberhörbarem Argwohn in der Stimme. Er hatte noch nicht Merlins Warnung vor den Streichen des Elfenvolkes vergessen, und er traute diesem dünnen, nicht gerade robust wirkenden Burschen nicht so oh- ne weiteres über den Weg. Wer weiß, was sich hinter seiner schnoddrigen, schalkhaften Lässigkeit ver- barg? Nicht alle Menschenfresser und Waldungeheu- er näherten sich dem Menschen sofort in ihrer wah- ren Gestalt. Kobolde, Gnome und Trolle lebten unter der Erde, aber von den Elfen hatte er gedacht, daß sie in einem luftigeren, helleren Reich zu Hause waren. »Oh, wohin Ihr wollt.« Huon machte eine vage Handbewegung, so als hätte er die ganze Welt in sei- nen Fingerspitzen. »Elveron. Aphallin. Lyonesse. Kil- stalpheen. Kir-Is. Alles Provinzen desselben König- reichs. Vielleicht auch Avalon – später. Aber zuerst natürlich Elveron. Hat man Euch nicht auch befohlen, dort als erstes hinzugehen?« Der Ton, in dem der Bursche mit ihm sprach, machte Gwalchmai wütend. »Befohlen? Niemand hat mir etwas zu befehlen!« »Da habe ich aber was anderes gehört. Trotz all Eu- rer Magie könnt Ihr Euch es nicht leisten, so viele Ta- ge zu verschwenden wie ich. Wie lang das Leben auch sein mag, zum Streiten ist es jedenfalls zu kurz., Ihr solltet danach trachten, Eure Tage in Freuden zu verbringen.« »Wenig Aussicht – wenn ich bedenke, wie ich an- gefangen habe!« »Stimmt. Ihr habt in der Tat ganz schön munter losgelegt. Wirklich, eine stramme Leistung, erst gegen Ungeheuer zu kämpfen, sich dann einen Freund zum Feind zu machen, einen Geist zu heiraten, sich einen Gott als Gegner auszusuchen, einen Zauberer bei sei- nen Geschäften zu stören – und jetzt auch noch zu versuchen, einem im Tiefschlaf liegenden König zu helfen! Ihr könnt in der Tat stolz auf Euch sein. Los jetzt, zahlt schon dem alten Getain Euren Wegzoll, und er läßt Euch Elveron betreten.« »Meinen Wegzoll?« »Den Halsreif, den Ihr dem Führer der Seeleute ge- klaut habt. Ihr wußtet doch, daß er niemals wirklich Thor gehörte, oder? Natürlich gehörte er auch nicht Getain. Er stahl ihn einst Bran Mak Morn. Der wie- derum hatte ihn von Siegfried, der ihn aus Fafnirs Bett holte. Aber keiner gibt ihn jetzt mehr dem Dra- chen zurück. Wahrscheinlich hat der ihn ohnehin schon seit langer Zeit vergessen. Ich würde sagen, er gehört Getain genauso wie je- dem anderen, wenn Ihr nicht die drei mitzählen wollt, die hier hereinkamen und ihn mitnahmen. Aber für sie nahm die Sache ein schlechtes Ende, und sie hatten nicht viel Spaß daran, ihn zu haben. Getain will ihn haben; Ihr braucht ihm den Reif bloß über den Arm zu streifen, und schon ist der Weg frei, und wir können endlich fort von hier.« Verwirrt streifte Gwalchmai den Reif von seinem Arm und drückte ihn am rechten Oberarmbein des, zerfallenen Skeletts im Sarg fest, besorgt, das Gerippe nicht noch mehr zu beschädigen, als es ohnehin schon war. Doch diese Mühe hätte er sich sparen können. Kaum nämlich saß der Reif fest auf dem Knochen des Oberarms, als ein großes Geklirre und Geschep- per anhob. Wie von Geisterhand bewegt, sausten die Knochen zusammen, jeder dorthin, wo er hingehörte. Da huschten Fingerknöchel umher wie Mäuse; Zähne schossen mit lautem ›Klick‹ in ihre Höhlen zurück; winzige Splitter, die Gwalchmai übersehen hatte, schwebten durch die Kammer wie Schnee. Dann ballte sich alles zu einer Wolke zusammen und ver- schwand in dem steinernen Sarg. Als sich die Knochen wieder an ihrem ursprüngli- chen Platz befanden, richtete sich das Skelett auf und starrte die beiden aus leeren Augenhöhlen an. »Wer ist das?« fragte es, wobei seine Zähne laut aufeinanderschlugen. »Wer will da Eisen nach Elve- ron bringen ohne die Erlaubnis der Königin?« »Er will Euer Schwert«, flüsterte Huon und gab Gwalchmai einen leichten Stoß in die Rippen. »Ihr müßt es hierlassen, bis Ihr wieder zurückkommt.« »Hierlassen? Meines Vaters Schwert? Das Schwert, das er in hundert Schlachten trug? Das Schwert der Sechsten Legion? Niemals! Lieber gehe ich auf der Stelle unverrichteterdinge zurück!« »Und laßt König Arthurs Schwert zurück, damit ir- gendein gemeiner Dieb es sich nehmen kann, sobald es nicht mehr in der sicheren Obhut der Elfen ist! Soll das eine ritterliche Tat sein? Ist Excalibur in den Au- gen der Menschen heutzutage schon weniger wert als Euer kleines Stückchen kaltes Eisen dort? Nun legt es schon in den Sarg neben unseren blutlosen Freund,, auf daß er es für Euch aufbewahre. Ich versichere Euch: Wer auch immer versuchen sollte, hier einzu- dringen und es zu stehlen, er wird sein blaues Wun- der erleben, jetzt, wo unser Freund Getain sein Spiel- zeug zurückbekommen hat und wieder so ganz ist, wie er es überhaupt sein kann!« Gwalchmai machte ein verdrießliches Gesicht. Es sah ganz so aus, als bliebe ihm nichts anderes übrig, als Huons Aufforderung Folge zu leisten. Widerstre- bend löste er die Scheide von seinem Gürtel und legte sie dem Skelett in die fleischlose Hand. Es schob das Schwert unter seinen Brustkorb, kreuzte die Arme darüber und legte sich zurück. »Seht doch, wie zufrieden der alte Knabe jetzt ist! Wie wenig es heutzutage braucht, ihm eine kleine Freude zu machen, wenn man bedenkt, was für ein wilder, zügelloser Kerl er einst war! Ihr würdet es kaum für möglich halten, was für eine Plage er einst nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst war. Nun schaut doch, wie er lächelt!« »Lächelt? Kann ich nicht erkennen. Ich finde, er sieht genauso aus wie vorher.« Mit einem leichten Schauer wandte Gwalchmai den Blick von dem Ge- rippe ab, das ihn grinsend anzustarren schien. »Ach! Das kommt bloß daher, daß Ihr ihn nicht so lange kennt wie ich. Glaubt mir, er ist jetzt wirklich ganz glücklich. So, aber jetzt laßt uns endlich gehen!« »Und was ist mit meiner Axt?« »Oh, die – die könnt Ihr getrost behalten«, sagte Huon beiläufig. »Das Volk des Friedens hat niemals Streit mit dem Volk des Feuersteins gehabt. Schaut! Das Tor hat sich geöffnet! Elveron heißt Euch will- kommen!«, An der Stelle der Wand, wo Gwalchmai Huon zum erstenmal gesehen hatte, leuchtete ein winziger Lichtpunkt, nicht viel größer als die Pupille eines Mäuseauges, direkt über dem Boden. »Folgt mir, Herr Falke, und Ihr werdet manches Wunder erblicken!« Sie begannen quer durch die Kammer zu gehen. Während sie dahinschritten, hatte Gwalchmai das Ge- fühl, daß die Kammer immer größer wurde und das anfänglich nur als winziger Punkt erkennbare Tor immer höher und breiter. Kein Zweifel: Die Decke der Kammer entschwand in immer höhere Regionen, und auch die Oberfläche des Bodens schien in rasen- der Geschwindigkeit vor ihm zurückzuweichen und sich in alle Richtungen auszudehnen. Riesige, tiefe Risse, die er vorher überhaupt nicht wahrgenommen hatte, taten sich vor ihm auf und wuchsen zu kaum überwindbaren Gräben vor seinen Füßen. Aus Leibeskräften rannten sie auf das Tor zu und setzten über die immer breiter werdenden Spalten hinweg, doch bevor sie die Wand erreichen konnten, hatte sich der letzte Spalt vor dem Tor zu einem der- art breiten Graben ausgeweitet, daß Gwalchmai vor Schreck der Atem stockte und er entsetzt zurückfuhr. Huon ließ zum erstenmal Anzeichen von Beunru- higung erkennen. »Schnell! Schnell!« drängte er. »Nehmt Anlauf und springt, was die Beine herge- ben!« Gemeinsam liefen sie ein paar Schritte zurück, holten noch einmal tief Luft, und dann rannten sie, was das Zeug hielt, auf den gefährlichen Felsspalt zu. Huon setzte verhältnismäßig leichtfüßig hinüber und landete wohlbehalten auf beiden Füßen auf der ande-, ren Seite; Gwalchmai indessen machte eine Bauch- landung und blieb mit zappelnden Beinen über dem Abgrund hängen. Sofort war Huon auf den Knien, packte Gwalchmai bei den Armen und begann aus Leibeskräften zu zer- ren, um den Aztlaner aus seiner prekären Lage zu be- freien. Doch das Gewicht Gwalchmais zog nun auch ihn immer weiter über den Rand, und beide drohten jeden Moment in die Tiefe zu stürzen. Doch auf ein- mal erscholl das Getrappel eiliger kleiner Füße, und Sekunden später waren die beiden von einer lachen- den, lärmenden, knuffenden und puffenden Menge umringt; sie fühlten sich von hilfreichen Händen ge- packt, über die Kante in Sicherheit gezogen und fan- den sich unversehens auf der anderen Seite des Tors wieder. Gleißendes Licht sprang ihnen entgegen und blendete sie sekundenlang. »Willkommen in Elveron, Herr Ritter!« flötete eine melodische Stimme, und schon stand die zierliche Königin Crede, die ewig Junge und Schöne, vor Gwalchmai und streckte ihm beide Hände zum Kusse hin; und hinter ihm, ebenfalls lächelnd, Prinz Au- beron, der eigens gekommen war, ihn sicher zu den Wundern des Elfenreichs zu geleiten. Als nächstes ging es durch einen langen, sanft an- steigenden Tunnel, der sich jedoch gänzlich von dem unterschied, den er benutzt hatte, um in die Grab- kammer zu gelangen. Dieser hier schimmerte im kalten Glanz phosphoreszierenden Hexenfeuers, das keine Schatten warf. Wände, Decke, Boden – alles leuchtete in diesem fließenden, flimmernden Licht, das von überall und nirgendwo zu kommen schien und der funkelnden Pracht der fantasievoll schim-, mernden Gewänder der lachenden und johlenden El- fenschar ein noch faszinierenderes Gepräge verlieh. Da drängten sich Männer um ihn mit ledernen Rü- stungen, die wie poliertes Ebenholz glänzten; lachend klopften sie ihm auf die Schulter, schüttelten ihm die Hand; Frauen, die in ihren florartigen, durchschei- nenden Gewändern so anmutig und zerbrechlich aussahen, daß Gwalchmai nicht wußte, ob sie Traumgestalten oder wirkliche Wesen aus Fleisch und Blut waren, traten ganz nah an ihn heran, fühlten neugierig an seiner kunstvoll bestickten lacke, beta- steten völlig ungeniert zärtlich seinen Körper und stießen entzückte Schreie aus, wenn er schüchtern zu- sammenzuckte und mich hochrotem Kopf die Flucht vor ihnen ergriff. Die ganze Zeit über jedoch, während sie lustig um ihn herumsprangen und laut schnatternd ihre Späße mit ihm trieben, mahnten sie ihn sanft zur Eile, fort von dem dunklen, unheilvoll drohenden Eingang. Gwalchmai blieb nicht verborgen, daß sie sich vor diesem Eingang fürchteten, trotz ihrer bewußt zur Schau gestellten Fröhlichkeit und Sorglosigkeit. Stän- dig warfen sie ängstliche Blicke zurück, so als be- fürchteten sie, daß jemand ihrem Gast und seinem Führer gefolgt war. Unterdessen hatten sich Gwalchmais Augen an das seltsame Licht gewöhnt, das in dem Tunnel herrschte, und es erschien ihm nun nicht mehr so hell und glei- ßend wie zu Anfang. Doch als er sich umschaute und die beunruhigten Blicke der anderen sah, wurde ihm klar, daß es weniger an seinen Augen lag, daß die leuchtenden Wände nun nicht mehr so intensiv wie zuvor zu strahlen schienen, sondern daß das Licht, tatsächlich zusehends schwächer wurde. Ein unhörbarer, doch deutlich fühlbarer Seufzer der Erleichterung ging durch die Schar, als sie schließlich eine lange Reihe angebundener Tiere er- reichten. Gwalchmai hatte Pferde zwar schon auf Bil- dern in Merlins Büchern gesehen, doch ein lebendiges Exemplar war ihm noch nie vor die Augen gekom- men. Seinen staunenden Blicken erschienen diese herrlichen Tiere fast wie Fabelwesen. Die meisten von ihnen waren braun, ein paar je- doch pechschwarz. Alle machten einen geschmeidi- gen und feurigen Eindruck. Ihr seidig schimmerndes Fell zeugte von Kraft und Gesundheit. Soweit Gwal- chmai sich erinnern konnte, hatten die Pferde, die er auf den Bildern gesehen hatte, vier Beine gehabt; die- se jedoch verfügten zu seiner Verblüffung über deren sechs. Fertig gesattelt standen sie bereit, nervös auf ihren schlanken Beinen tänzelnd. Bei jedem stand ein junger Page, der seinem Herrn oder seiner Herrin jetzt die Zügel überließ, damit sie aufsitzen konnten. Als erste stieg die Königin in den Sattel. Sobald alle aufgesessen hatten, gab die Königin ein Zeichen, und sie ritten in leichtem Galopp los, weiter dem noch immer leicht ansteigenden Tunnel folgend. Gwalchmai fand diese Gangart überraschend leicht und angenehm und fand sich erstaunlich schnell mit dem ungewohnten Reittier zurecht. Es dauerte nicht lange, und er war in der Lage, das Pferd sich selbst seinen Weg suchen zu lassen, ohne ständig gebannt nach vorn starren zu müssen. Auch seine anfängliche Angst hinunterzufallen legte sich sehr rasch. Inzwischen war das Licht von den Wänden merk- lich trüber geworden., Der Boden des Tunnels war über und über mit kleinen Steinen und Geröll besät, aber dennoch ka- men sie mühelos und rasch voran. Die Pagen, die ne- ben den Pferden herliefen, wobei sie sich an einem Steigbügel festklammerten, hielten mühelos Schritt; sie schienen in der Tat überhaupt nicht müde zu werden. Nach einem Ritt von etwa drei Meilen ge- langte die Kavalkade aus dem Tunnel ins Freie und ritt gleich darauf, ohne anzuhalten, weiter in einen dichten Wald. Selbst in Alata hatte Gwalchmai noch nie solche Bäume gesehen wie die, durch die sie jetzt hindurch- ritten. Er hatte nicht damit gerechnet, etwas Derarti- ges auf Mona zu Gesicht zu bekommen. Manche schossen kerzengerade ohne jedes Astwerk bis zu hundert Fuß in die Höhe und verzweigten sich dort zu einer gigantischen, in ihrer Form an die Hand ei- nes Menschen erinnernde Krone. Andere waren kür- zer und weit verzweigt. Viele trugen riesige Blüten, aus denen betäubend duftender Staub auf die Reiter herabrieselte, wenn sie die Zweige im Vorbeireiten mit dem Körper streiften. Hier und da schwebte ein sanfter Pollenregen her- ab und legte sich wie Schnee über den Erdboden, dessen Bewuchs im übrigen eher an eine Art Moos denn an Gras erinnerte. Völlig lautlos galoppierten die Pferde über den weichen Boden, der den Schlag ihrer Hufe dämpfte. Nicht einmal ein leises Geklingel war zu hören, da ihr Geschirr frei von jeglichem Me- tall war. Ihre Trensen, Steigbügel und Ornamente waren durchweg aus Holz geschnitzt. Ihre Sättel lagen wie angegossen auf ihren Rücken auf und waren offenbar, ohne die Hilfe von irgendwelchen Werkzeugen exakt der bequemsten Sitzposition des Reiters angepaßt. (Zumindest Gwalchmai konnte an seinem Sattel kei- nerlei Spuren entdecken, die auf die Einwirkung von Werkzeugen schließen ließen.) Als sie den Wald erreicht hatten, hörte das muntere Geschwätz schlagartig auf. Die Elfen schienen jetzt aufmerksamer als zuvor auf ihre Umgebung zu ach- ten – nicht so, als erwarteten sie, daß jeden Augen- blick etwas Schreckliches passieren könne; es war vielmehr eine Art gespannter Wachsamkeit, ein fein entwickeltes Gespür für überraschend auftretende, außergewöhnliche Ereignisse. Gwalchmai spürte, daß diese Truppe durchaus in der Lage war, mit jegli- chem sich plötzlich vor ihr aufbauenden Hindernis fertig zu werden. Doch als er sah, wie einige aus der Vorhut die langen Bögen lösten, die sie quer über den Rücken trugen, lockerte auch er seine Axt ein wenig im Gürtel. Andere zogen kurze, schwere Wurfspeere aus der Schlaufe, die rechts von ihrem Sattel befestigt war, und hielten, als sie weiterritten, die Spitze wurfbereit nach unten gesenkt wie bei einer Wildschweinjagd. Nur einmal hörten sie lautes Knistern und Rascheln ganz in ihrer Nähe, wohl von irgendeinem großen Tier, das durch das Herannahen des Trupps aufge- schreckt worden war. Diejenigen, die der Stelle am nächsten waren, von wo das Geräusch kam, scharten sich sofort zu einer Traube zusammen, bereit, sich der Gefahr entgegenzuwerfen, doch das Tier wandte sich um und verschwand im Wald. Gwalchmai zog fragend die Augenbraue hoch. »Vermutlich ein Manticor oder ein kleiner Dra-, chen«, beantwortete Huon die unausgesprochene Frage. Gleich darauf setzte sich die Reihe wieder in Bewegung. War das Schwarz der Lava die vorherrschende Farbe auf Island gewesen, wo immer man den Erdboden sehen konnte, so sprang dem Auge hier in Elveron, wo es auch hinblickte, ein frisches Grün in allen Schattierungen entgegen. Durch die riesigen Bäume hindurch folgten sie ihrem Pfad – ein dunkler Strom von Leben, der sich durch die glatten grünen Stämme über moosigen Waldboden langsam dahinschob. Der Wald wimmelte von Leben. Ein unsichtbarer Chor jaulender und brüllender Stimmen begleitete sie auf Schritt und Tritt. Ein laut gellender Kreisch- oder Pfeifton schien jedoch der einzige Laut zu sein, der die Schar in Schrecken versetzte. Jedesmal, wenn die- ses Kreischen erscholl, erstarb das fröhliche Ge- schwätz, das man inzwischen wieder aufgenommen hatte, für einen Augenblick und machte ängstlich ge- spannter Stille Platz; das Quäken und das dumpfe Gebrüll hingegen schien niemanden sonderlich zu beunruhigen. Auch den immer wieder in der Ferne vorbeihuschenden Gestalten, die Gwalchmai nicht identifizieren konnte, schenkte man keinerlei Auf- merksamkeit. Sah er diese Wesen jedoch aus der Nä- he, dann konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, daß sie ihm irgendwie bekannt vorkamen. Einmal sah er aus dem Augenwinkel ein Tier, das er schon ein- mal in Merlins Buch der Wappenkunde gesehen hatte – einen Drachen, der mit heftigem Flügelschlag dicht an ihm vorübersauste. Als er höher stieg, gelang es Gwalchmai, ihn für einen kurzen Augenblick noch einmal näher zu betrachten, und er glaubte plötzlich,, es wäre ein Rabe. Rasch warf er noch einmal den Kopf herum, um sich aufs neue zu vergewissern – doch da war er schon verschwunden. Noch nie hatte er sich in einer ruheloseren Gruppe von Gefährten befunden. Ständig fielen welche zu- rück oder schlossen weiter nach vorn auf, um mit Freunden ein Schwätzchen zu halten, sobald genü- gend Platz zum Nebeneinanderreiten war. Ließ der schmale Pfad dies nicht zu, blieben sie, ungeduldig nach vorn oder nach hinten spähend, in der Reihe. Sobald der Pfad sich jedoch zu einer Lichtung ver- breiterte oder auf eine der parkähnlichen Wiesen mündete, was häufig der Fall war, ging sofort ein wildes Geschiebe und Gedränge los. Gwalchmai fühlte sich unwillkürlich an einen Mückenschwarm erinnert, der ja auch im großen und ganzen seine Form ständig beibehält, innerhalb des- sen jedoch jedes einzelne Individuum pausenlos in rastloser Bewegung ist. Es gab allerdings einige Ausnahmen. Eine davon war Huon, der zur Linken Gwalchmais ritt, eine an- dere war ein gepanzerter Reiter, der sich rechts neben dem Aztlaner hielt. Diesen stellte Huon Gwalchmai als Sir Periton vor, seinen besten Freund, und hinter vorgehaltener Hand fügte er flüsternd hinzu, daß er in die verwitwete Königin verliebt sei, diese jedoch nichts von ihm wissen wolle und sein Werben nicht erwidere. Es dauerte nicht lange, und Gwalchmai war über den wichtigsten Klatsch, der im Elfenreich die Runde machte, bestens informiert. Und als Huon sich für ei- nen Moment zurückfallen ließ, um einem hübschen Fräulein mit leuchtenden Augen, das er in der Menge, entdeckt hatte, seine Aufwartung zu machen, nutzte Sir Periton seinerseits die Gelegenheit, dem Gast et- was über Huon zu erzählen. Dabei erfuhr Gwal- chmai, daß dieser in dem Ruf stand, ein großer Frau- enheld zu sein. Unstet wie ein Schmetterling pflegte er von einer zur anderen zu flattern, immer sorgsam darauf bedacht, sein Herz nicht gänzlich zu verlieren. Seine Affären waren immer nur von kurzer Dauer; in der Regel wurde er bald von einem anderen, ernst- hafteren Elf verdrängt. Überdies war er, wie Sir Periton versicherte, bei al- len so beliebt, daß kein Vater, Bruder oder Ehemann ihm jemals seine Eskapaden übelnahm. Im Gegenteil – sie faßten es eher als eine Art Kompliment auf, daß dieser immer lustige und frivole Bursche ihre Damen umwarb und ihnen die Zeit vertrieb, ohne sich je an eine von ihnen fest zu binden. Huon hänselte seinen Freund ständig wegen seiner aussichtslosen Ergebenheit gegenüber der Königin, und beide zusammen ergingen sich wiederum in spöttischen Bemerkungen über die unverhohlene Bewunderung, die Prinz Auberon einer der hübsche- sten Damen des Hofes entgegenbrachte. Diese beiden wichen einander keinen Augenblick von der Seite; während des ganzen Rittes blieben sie ständig zusammen, und Gwalchmai zweifelte keinen Augenblick daran: Sollte Auberon König werden, hieße die neue Königin Titania. Huon hatte unterdessen seine Laute abgeschnallt und unterhielt die Gruppe mit schalkhaften Paarrei- men aus seiner eigenen Komposition. Mittlerweile herrschte wieder allgemein lustige Stimmung; die Gefahr – welcher Natur sie auch im-, mer gewesen sein mochte – schien jetzt vorbei. La- chend bedachte die muntere Schar Huons Verse mit Applaus, auch wenn der eine oder andere sich hin und wieder allzu heftig von dem sprühenden Witz des lustigen Spielmanns aufs Korn genommen fühlte. »Was war es eigentlich, wovor Ihr Angst hattet, hinten im Tunnel?« fragte Gwalchmai den Sänger während einer kurzen Pause. Huon zuckte die Achseln. »Nichts, das für uns be- sonders gefährlich gewesen wäre – eher schon für Euch. Wir wollten Euch bloß so schnell wie möglich von den Dwergar wegbekommen.« »Wer sind denn die Dwergar?« »Das sind Elfen, die Licht verabscheuen. Sie bohren sich ihre Tunnel durch die Erde wie in Eurer Welt die Maden durch den Käse. Seit kurzem nun sind sie von hektischer Betriebsamkeit erfaßt. Wir glauben, das kommt daher, daß irgend jemand, der Euch übelge- sonnen ist, sie von Eurem Kommen unterrichtet hat. Der Tunnel, den wir benutzten, war ihr Werk. Ge- tains Grabkammer ist einer ihrer beliebtesten Schlupfwinkel. Und in der Tat ist sie Oduarpas einzi- ger Zugang nach Elveron gewesen. Oberhalb der Erdoberfläche hat er uns hingegen noch nicht über- mäßig behelligt – zumindest bisher.« Huons Miene verdüsterte sich. Er zuckte die Ach- seln und rief in gezwungener Fröhlichkeit: »Nun ja, leider ändern sich die Zeiten für jeden einmal! Gleich nachdem wir erfahren hatten, daß Ihr kommen wür- det, kleideten wir den Tunnel mit Licht aus, aber Ihr brauchtet länger, als wir gedacht hatten. Der schüt- zende Lichtmantel war schon im Begriff zu schwin- den.«, »Mir schien er jedenfalls noch strahlend hell.« »Klar! Euch Erdenmenschen mußte er natürlich noch ganz hell erscheinen, und auf die Dwergar mußte er äußerst gefährlich und abstoßend wirken, aber in unseren Augen hatte er schon beträchtlich nachgelassen. Ein Schlag von Thors Hammer, und es wäre stockfinster gewesen, wenn er die Absicht ge- habt hätte, Eurem Widersacher zu helfen. In dem Fall hätten wir unter der Erde gegen die Dwergar kämp- fen müssen, um Euch heil und sicher nach Elveron zu bringen. Und Ihr wißt ja wohl, daß Thor Euch nicht gerade in Liebe zugetan ist, nicht wahr?« »Stimmt. Das darf ich keinen Moment vergessen. Besitzt er in Eurem Reiche Macht, so wie bei den Wi- kingern?« »Ja, jedoch nicht in dem Maße. Er kann mit seinem von Ziegen gezogenen Streitwagen über uns hinweg- brausen. Das Rumpeln der Räder versetzt die Erde dann in heftige Erschütterung, aber ganz tief unten kennen wir Stellen, die vor ihm und den Dwergar si- cher sind. Die Tannenbäume sind unsere Freunde, und im Schutze ihrer mächtigen Wurzeln sind wir si- cher. Ob Ihr jedoch dort ebenfalls sicher wärt, weiß ich nicht. Wie ich hörte, müßt Ihr vor Eurem Wider- sacher besonders auf der Hut sein, sobald Ihr Euch unter der Erde aufhaltet.« Die Kavalkade ergoß sich jetzt in weitgefächerter Formation auf eine große Wiesenlichtung. Die Bäume waren niedrig, und Gwalchmai konnte weiter vorn die Umrisse einer Burg erkennen. Mit ihren schlanken Türmen, auf deren Zinnen bunte Wimpel flatterten, und ihren prächtigen Flaggen, auf denen die fanta- stisch anmutenden Embleme der Ritterschaft des Elfen-, reichs prangten, gab sie fürwahr ein großartiges Bild ab. Und über allem wehte die Flagge mit dem zum Sprung ansetzenden Einhorn, dem Wappen des ur- alten Geschlechtes, aus dem Königin Crede stammte. Als sie sich näherten, hob sich das Fallgatter, und vom Außenhof her kam eine prunkvoll anmutende Schar bewaffneter Reiter unter schmetterndem Hör- nerklang über die rasch heruntergelassene Zugbrücke auf sie zugeritten, um sie gebührend in Empfang zu nehmen und das letzte Stück bis zur Burg zu eskor- tieren. Doch noch ehe die beiden Gruppen sich vereinigen konnten, ereignete sich etwas Unvorhergesehenes: Plötzlich begann sich genau zwischen ihnen die Erde zu bewegen. Direkt vor ihren Augen wölbte sich ein beachtlicher Hügel auf, der gleich darauf mit lautem Krachen genau an der Spitze zerbarst. Im selben Moment schoben sich aus dem so entstandenen Loch dicke Felsblöcke und begannen über die nach allen Seiten hin aufgeworfenen mächtigen Erdschollen auf die Reiter zuzurollen. Die Pferde stiegen laut wiehernd hoch und zerrten in Todesangst an ihrem Zaumzeug. Die Ritter und die Damen rissen an ihren Zügeln, wendeten ihre Tiere blitzschnell und ließen dann die Zügel schießen. Wie von der Feder geschnellt schossen die Tiere davon, fort von den todbringenden Felsbrocken. Das Ganze spielte sich mit einer Geschwindigkeit ab, wie Gwalchmai sie nicht einmal im Traum für möglich gehalten hätte. Diese Elveronpferde waren in der Tat schneller als alle Tiere, die er jemals gesehen hatte, und ihre Schnelligkeit hatten sie in diesem Au- genblick bitter nötig., Denn aus dem aufgebrochenen Erdboden, direkt aus der Spitze des aufgeworfenen Hügels, schob sich in diesem Moment ein riesiger, spitz zulaufender Kopf. Er war rosafarben und hatte keine Augen. Drohend reckte er sich in die Höhe und begann fünfzig oder gar mehr Fuß über den Köpfen der sich hastig in alle Winde zerstreuenden Elfenschar in kreisende Bewe- gungen zu verfallen – so als wolle er sie mit Hilfe sei- nes Geruchssinns aufspüren. Die aus mächtigen Muskelsträngen bestehenden Jahresringe um seinen fleischigen Körper zogen sich wellenförmig zusammen und dehnten sich wieder aus, als das Untier sich nach und nach in voller Länge aus dem Loch zwängte und schließlich mit dumpfem Aufprall auf den weichen Erdboden fiel. Kaum hatte es sich gänzlich von den Krumen befreit, als es sich auch schon mit schlangenförmigen Bewegungen di- rekt auf Gwalchmai zubewegte. Zwar kam hinter dem Untier nichts weiteres aus dem Loch, doch konnten alle laut und deutlich das triumphierende, kehlige Lachen vernehmen, das von tief unten aus der Erde drang und dumpf in der Tiefe widerhallte. »Dort unten frohlocken die Dwergar!« schrie Huon. »Sie haben den Wurm heraufgeschickt!« Da ›Wurm‹ in Merlins Büchern gewissermaßen ein Synonym für ›Drachen‹ war, ging Gwalchmai im er- sten Moment davon aus, daß der Begriff ›Wurm‹ auch in dieser Bedeutung gemeint war, insbesondere angesichts der gewaltigen Größe des Tiers. Im ersten Schreck dachte er gar nicht daran, daß der Begriff ›Wurm‹ als Bezeichnung für einen Dra-, chen selbst zu jener Zeit schon unüblich war und fast schon als archaisch galt. Doch er kam nicht dazu, weitere Überlegungen zu dem Thema anzustellen; denn im gleichen Augenblick legte sich ein riesiger Schatten über sie, der fast die ganze Wiese bedeckte. Ein gewaltiger Vogel, mit Schwingen so breit wie der Vogel Rock von Arabien, stieß aus dem dunstverhan- genen Himmel herab und stürzte sich auf das Untier, das sie alle mit seinen krampfartigen Zuckungen in höchste Gefahr versetzte. Und in dem Moment, als die Schlange, fest einge- klemmt in dem riesigen Schnabel des Vogels, hilflos sich drehend und windend, selbst im Todeskampf keinen Laut von sich gebend, in den Wolken ver- schwand, fiel es Gwalchmai wie Schuppen von den Augen, und er erkannte, daß dieser ›Drachen‹ in der Tat genau das war, als was ihn der Sänger bezeichnet hatte. Die wachsende Entfernung hatte das Ganze wieder in seine wahren Dimensionen schrumpfen lassen. Dieser Drachen war nichts weiter als ein ge- meiner Regenwurm, und der Riesenvogel war eine Wanderdrossel, die auf der Suche nach Nahrung war, um ihre Jungen zu füttern. Schieres Entsetzen erfaßte Gwalchmai. Wie ein Keulenschlag traf ihn die Erkenntnis, in welch schrecklicher Lage er sich befand. Wenn die Wander- drossel und ihre Beute so wie ihre Artgenossen waren ... und wenn er daran dachte, wie sehr er selbst hatte schrumpfen müssen, um überhaupt durch das Ein- gangstor von Elveron zu passen ... dann waren er und die Elfen in der Tat unglaublich winzig. Er war durch das Loch eines Regenwurms nach El- veron geritten! Das also waren die Tunnel, die die, Dwergar benutzten! Und der Wald, den er durch- quert hatte, war in den Augen normaler Sterblicher nichts weiter als Gras! Wie sollte er unter diesen Um- ständen jemals in der Lage sein, den Auftrag zu er- füllen, den Merlin ihm durch die Kugel der Seherin übermittelt hatte? Und erst seine Mission! Gelang es ihm nicht, an das Schwert zu kommen, dann war sie endgültig gescheitert! Doch wie sollte er es schaffen, klein, wie er nun war, den Griff von Excalibur zu umklammern, ge- schweige denn eine solche riesige Waffe zu heben und in Arthurs Grab zu legen? Und wie sollte er sie überhaupt finden? Denn für ihn in seiner gegenwärtigen Größe war die ver- gleichsweise kleine Insel Mona größer als der ge- samte Kontinent Europa!,

Die verbrannte Heide

Kaum hatte die versprengte Schar wieder zusam- mengefunden, da stellten sich gleich wieder aufge- regtes Geplapper und fröhliches Gelächter ein. Die Reiter formierten sich erneut in nach Rangfolge ge- ordneten Reihen, und dann machten sie sich gemein- sam auf den Weg, das letzte kurze Stück bis zur Burg zurückzulegen. Als sie über die Zugbrücke ritten, warf Gwalchmai einen Blick nach unten in den Burg- graben. Die Strömung war sehr schnell, doch schien es eher eine Art leuchtenden Gases als Wasser zu sein; denn es wogte dahin in großen, langsamen Wellen, die sich erst ein ganzes Stück Wegs dahinbewegten, bevor sie sich wieder senkten. Und auf diesen phosphorartig schimmernden Brechern tollten Scharen von Nym- phen und Wassergeistern, die in übermütiger Aus- gelassenheit über die Wogenkämme ritten oder unter ihnen hinwegtauchten. Alle schienen sorglos und bei bester Laune zu sein, doch trotzdem lag eine undefinierbare nervöse Span- nung in der Luft, und Gwalchmai konnte sich des Ge- fühls nicht erwehren, daß diese Burg der einzige Ort in Elveron war, an dem sich das Elfenvolk vor den Dwergar und der finsteren Brut, über die sie herrschten, sicher fühlte. In dem Außenhof zwischen Graben und Wall stie- gen die Elfen von den Pferden und übergaben sie den bereits wartenden Stallburschen, die sie gleich darauf, wegführten. Dann schritten die Königin und ihre Damen wie ein Schwarm lebender Blumen durch den mit einem Fallgatter bewehrten Torweg durch den zweiten Wall, und Gwalchmai, Huon und Sir Periton folgten ihnen in den Innenhof. Dieser Platz war bei weitem größer als der erstere, und statt des Feldsteins, mit dem die Außenbefesti- gungen gepflastert waren, hatte man hier Onyx und Jaspis verwendet. Geschützt wurde der Platz von ei- nem Wachtturm, der mit wachsamen Elfenkriegern mit Bögen und silbernen Äxten bemannt war. Offen- sichtlich überließ man hier nichts dem Zufall. Sofort wurde Gwalchmai in eine eigens für ihn be- reitgehaltene Zimmerflucht geführt. Die, Möbel wirkten zierlich und zerbrechlich, waren jedoch aus kräftigen Grasstengeln, die wie Bambus aussahen. Die herrlich weichen, nach Rosenblättern duftenden Polster hatte man mit dem Flaum von Löwenahn ge- füllt. Als erstes nahm Gwalchmai ein wunderbar erfri- schendes Bad in einer riesigen Wanne, die wie eine Seemuschel geformt war. Direkt daneben, bequem von der Wanne aus für ihn zu erreichen, stand ein Tischchen mit einer Karaffe Wein, der so gelb war wie Butterblumen, und dazu eine Schale mit Gebäck, Nüssen und Obst. Das Tischchen selbst bestand aus einer halbierten rosafarben schimmernden Perle, die man auf Hochglanz poliert hatte, und die drei Beine, auf denen es ruhte, waren die purpurfarbenen Sta- cheln eines Seeigels. Eingedenk Merlins dringender Mahnung, im Elfen- reich nichts zu essen oder zu trinken, rührte Gwal- chmai die köstlichen Leckereien nicht an. Dies fiel, ihm jedoch auch nicht allzuschwer, da er weder Hunger noch Durst verspürte. Das Licht in der Zimmerflucht kam von der Decke. Es gab keine Lampen; die Gemächer hatten sich ganz von selbst erhellt in dem Augenblick, da man ihn hereingeführt hatte, und das Licht erlosch ebenso selbsttätig wieder, als er seine Gemächer verließ, um sich in Begleitung Huons in den Bankettsaal zu bege- ben. Als sie diesen betraten, herrschte Dunkelheit. Der Saal war von solch gewaltigen Ausmaßen, daß Gwal- chmai im ersten Moment nicht einmal bis zu seinem anderen Ende sehen konnte. Doch gleich darauf be- gann die Leuchtwolke zu strahlen, die unter der ho- hen Decke hing. Offenbar war das die übliche Me- thode der Beleuchtung in Elveron, und jetzt erinnerte sich Gwalchmai auch schlagartig daran, wie ihm schon vorher aufgefallen war, daß das ganze Land von diesem schimmernden Dunst verhangen war, der wie eine leuchtende Kugel über allem schwebte. Er wußte, daß sehr viel Zeit verstrichen war, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, ob Tag oder Nacht herrschte; die leuchtende Wolke ließ we- der das Licht des Mondes noch das der Sterne durch. Selbst die Sonne war nicht hell genug, diesen Vor- hang aus schimmerndem Dunst zu durchdringen. Und so gab es nichts, woran er sich hätte orientieren können. Er fühlte, daß es hier sehr leicht sein würde, jegliches Zeitgefühl zu verlieren. Schon jetzt war er nicht mehr in der Lage zu sagen, wie lange er sich schon in diesem verzauberten Land aufhielt. Als Ehrengast erhielt er einen erhöhten Platz am Kopf der Tafel, wo auch seine neuen Bekannten Platz, nahmen. Die lange Tafel bog sich fast unter der Last der köstlichsten Spezereien, die dort in sämtlichen Formen, die Speise überhaupt annehmen kann, lagen und darauf warteten, verzehrt zu werden. Darunter befanden sich auch zahlreiche Fleischstücke, die Gwalchmai ihrer Form nach völlig unbekannt waren, und er vermutete, daß sie von Tieren stammten, die es ausschließlich in Elveron gab und die er selbst noch nie gesehen hatte. Die Früchte hingegen erkannte er wieder, auch wenn sie ungewohnt groß waren. Es war schon ir- gendwie belustigend zuzuschauen, wie ein Elf und seine Gespielin sich zusammen an einer einzigen Scheibe von einer riesigen Weintraube gütlich taten. Ständig wurden Pokale geleert und wieder aufgefüllt, und angeregtes Geplauder füllte den Saal, während dienstbare Geister wieselflink umherhuschten, die Schlemmer bedienten und die Platten aus durchsich- tigem Bernstein jedesmal, sobald sie leer waren, so- fort wieder mit neuen Speisen füllten. Kein Zweifel: Diese Elfen waren ein munteres Völkchen, das zu leben verstand und sehr wohl wußte, wie man sich vergnügt. Zwar blieben sie wäh- rend des Essens auf ihren Plätzen, doch die Ruhelo- sigkeit, die er schon während des Rittes bemerkt hatte und die jedem einzelnen von ihnen im Blut zu liegen schien, war auch hier deutlich spürbar. Ständig wurde herzlich gelacht, flogen Scherze wie Schmetterlinge hin und her, machten Komplimente und schelmische Neckereien die Runde. Auch Gwal- chmai bekam seinen Teil davon ab. Die einen neckten ihn wegen seiner rötlichen Hautfarbe, die anderen zogen ihn wegen seiner Kleidung auf – denn nach, seinem duftigen Bad hatte er sich in türkisfarbene und scharlachrote Gewänder gehüllt, die aus Spin- nenseide gewebt waren, und es blieb natürlich kei- nem verborgen, daß er sich in derlei zartem Gespinst reichlich unbehaglich fühlte. Besonders hervor taten sich seine unmittelbaren Tischnachbarn, zwei außergewöhnlich hübsche Da- men. Die zu seiner Linken war eine Fee in einem re- genbogenfarbenen Gewand, und die rechts von ihm war eine Wassernixe, in einen fast völlig durchsichti- gen, golden und smaragdgrün schimmernden Flor gehüllt. Diese beiden wetteiferten geradezu darin, ihn immer wieder mit den herrlichsten Leckereien zu rei- zen, indem sie sie ihm verführerisch vor die Nase hielten, und wenn er dankend ablehnte, zogen sie je- desmal ein allerliebstes Schmollmündchen und taten beleidigt. Brachte jemand einen Toast aus, dann hob er seinen Pokal, berührte ihn jedoch nicht mit den Lippen. Kaum hatte er ihn jedoch auf den Tisch zurückge- stellt, als er auch schon fortgetragen und sofort durch einen neuen ersetzt wurde, und jedesmal war neuer Wein darin. Das Aroma und das Bukett all dieser köstlichen Weine regten ihn derart an, daß er bald das Gefühl hatte zu schweben, so als ob er tatsächlich davon getrunken hätte, und langsam begann er die Schlemmerrunde wie durch einen rosa Schleier zu sehen und sich selbst in einem anderen Licht. Sicherlich betrachteten ihn alle als einen ungeschlif- fenen Lümmel, der die Gastfreundschaft verletzte, weil er sich beharrlich weigerte, die herrlichen Spei- sen und Getränke anzurühren. Die Versuchung war ungeheuer groß, aber der Gedanke an die Bedingun-, gen, die Merlin ihm auferlegt hatte, noch stärker. Und ein Gedanke war da, der ihn in seinem Entschluß be- kräftigte, standhaft zu bleiben: Seine Tischnachbarin- nen waren zwar äußerst liebreizend und anmutig, doch er kannte eine, die sie noch bei weitem übertraf. Diese stand draußen vor den Toren Elverons und wartete voller Bangen und Sehnen auf seine Rück- kehr. Er aß und trank nichts, aber er lächelte und nickte freundlich denen zu, die mit ihm sprachen und ihm Glück wünschten und ihr Glas auf seine Gesundheit hoben und darauf, daß ihm bei seiner Mission Erfolg beschieden sei – denn das lag ihnen genauso am Her- zen wie ihm selbst. Zu seiner Erleichterung schien ihm jedoch keiner seine Zurückhaltung übelzunehmen. Als Nadara, die Fee zu seiner Linken, ihm kandierte Rosenblüten an- bot und er wie schon gewohnt ablehnte, zuckte sie schelmisch lächelnd die Achseln und aß sie selbst, ohne ihn weiter zu bedrängen. Und wenn neuer Wein eingeschenkt wurde, pries sie jedesmal seine Qualität und lobte seinen erlesenen Geschmack in höchsten Tönen, so daß er seine selbst auferlegte Abstinenz innerlich verfluchte. Cyrene, die Wassernixe, die ihre Kumpanin an Schelmenhaftigkeit noch übertraf, hänselte ihn mehr als einmal damit, daß sie leicht gegen seinen Arm stieß, wenn er wieder einmal bei einem Trinkspruch seinen Pokal an die Lippen setzte und so tat, als trän- ke er. Dabei schwappte ein paarmal der Wein aus dem Pokal, und einige Tropfen davon fielen auf sein Gewand oder auf den Tisch. Ihr eigenes durchschei- nendes Gewand war ganz leicht mit Tautropfen be-, sprengt, so wie eine Blüte, die von den ersten Son- nenstrahlen des jungen Morgens in ein perlenglit- zerndes Juwel verwandelt wird. Als Wassergeist konnte sie sich nämlich nicht lange außerhalb des feuchten Elements aufhalten und mußte daher immer darauf bedacht sein, zumindest ein wenig mit dem kostbaren Naß benetzt zu sein. Dieser Ausflug ins trockene Element war offen- sichtlich ein großes Erlebnis für sie, und sie schien gewillt zu sein, den kurzen Aufenthalt an Land in vollen Zügen zu genießen. Jedesmal wenn Gwalchmai auf diese Weise ein paar Tropfen verspritzte, klatschte sie vor Begeiste- rung in ihre kleinen Hände und lachte wie ein Kind, dem man ein Spielzeug geschenkt hat, als wäre dies das größte Vergnügen auf der Welt. Die ihr dabei zu- schauten, ließen sich von ihrem Lachen anstecken und freuten sich mit ihr. Gwalchmai nahm diesen kleinen Spaß so, wie er gemeint war. Alle waren lustig und ausgelassen, und keiner wollte dem anderen etwas Böses. Das Leben war ein Spiel, und er war mittendrin in der lustigsten und ausgelassensten Schar, die er je gesehen hatte. Verwundert stellte er fest, daß allein das betäubende Aroma der verschiedenen Weine ihn allmählich be- trunken machte, aber er blieb standhaft wie eine Ei- che. Er hatte nicht einen Schluck getrunken und nicht einen Krümel gegessen. Er war stolz auf sich. Auch Merlin konnte stolz auf ihn sein! Er mußte an Corenice denken. Sicher würde sie ihm nicht glauben, wie standhaft er gewesen war. Sie konnte sich ja auch nicht vorstellen, welcher un- geheuren, ja übermenschlichen Willensanstrengung, es bedurfte, sich diesen Versuchungen erfolgreich zu widersetzen, die da in mannigfachen Formen – unter anderem auch in Form dieser beiden süßen Geschöp- fe Nadara und Cyrene, das wurde ihm immer deutli- cher bewußt – auf ihn einprasselten. Kein Zweifel, die süße Verlockung, die von seinen beiden Nachbarin- nen ausging, war die größte von allen – und ihre schmachtenden Blicke sprachen Bände ... Er war sehr betrunken. Endlich war der Festschmaus vorbei. Die Reste des Mahls wurden abgeräumt, und gleich darauf wurden neue Pokale und Karaffen auf den Tisch gestellt. Dann begannen die Musikanten, ihre Instrumente für den Tanz zu stimmen. In den Tanzpausen traten Gaukler auf oder Sänger, oder der eine oder andere aus der Runde unterhielt die Gesellschaft mit lustigen Schwänken und Ge- schichten. Der Wein floß in Strömen, die Luft war schwer von seinem betörenden Duft, denn der Wein, der jetzt aufgetragen wurde, enthielt keine Hefe. Hei- debier wurde in riesigen Seideln serviert, und mit je- der neuen Runde wurde die lustige Gesellschaft lau- ter und ausgelassener. Die ersten Sprechchöre ertön- ten, die diesen oder jenen aus der Runde aufforder- ten, seine oder ihre Spezialität zum besten zu geben, denn jeder am Tisch schien irgend etwas Originelles zur allgemeinen Belustigung auf Lager zu haben. Nadara führte einen Tanz auf, bei dem sie in auf- reizender Manier Teil um Teil ihrer durchscheinen- den Gewänder zu Boden gleiten ließ, bis schließlich nur noch ein einziges, hauchdünnes Fähnchen ihren vollkommenen Leib umhüllte. Dieses jedoch behielt sie trotz der enthusiastischen Anfeuerungsrufe an,, mit denen sie aufgefordert wurde, auch die letzte Hülle fallen zu lassen. Aber auch so schimmerte ihr rosiger Körper so deutlich erkennbar durch, daß kei- ner ihrer süßen Reize verborgen blieb. Nachdem alle unter frenetischem Jubel auf Nadara getrunken hatten, wurde Gwalchmai aufgefordert, ebenfalls etwas vorzuführen. In weiser Voraussicht hatte er sich schon überlegt, was in diesem Falle zu tun sei, und war daher vorbereitet. Er suchte sich aus den wappengeschmückten Schilden, die in einer lan- gen Reihe an der Wand hingen, einen heraus und ließ seinen Blick längs des Tisches durch die Runde schweifen, bis er den Besitzer entdeckte. Nachdem ihm der Elfenritter, dem der Schild gehörte, durch kurzes Kopfnicken sein Einverständnis bekundet hatte, hängte Gwalchmai den Schild behutsam an ei- nen der Rhododendronstengel, die das Dach der Halle trugen. Dann ging er fünfzig Schritte zurück, nahm seine Axt aus dem Gürtel, die er als Seitenwaffe trug wie die anderen männlichen Anwesenden ihre Dornendolche, zielte sorgfältig und warf. Die Feuer- steinschneide schoß singend durch die Luft und spaltete den Schild glatt in zwei Hälften. Auch die Ritter von Elveron trugen Äxte, wenn sie in die Schlacht ritten, doch waren diese aus hartem Holz oder Austernschalen und vielleicht für einen kräftigen Schlag, keinesfalls aber zum Werfen geeig- net – dazu fehlte ihnen einfach das nötige Gewicht. Die Entfernung, die Zielsicherheit und die Wucht, die Gwalchmai bei seinem prächtigen Wurf an den Tag gelegt hatte, riefen bei allen Anwesenden höchste Verblüffung hervor. Die Krieger schlugen begeistert mit ihren Biersei-, deln auf den Tisch, brüllten vor Lachen, als sie die betroffene Miene sahen, mit der der Besitzer des Schildes sein demoliertes Prachtstück anglotzte. Doch schnell machte auch er gute Miene zum bösen Spiel und lachte herzlich mit den anderen. Als nächstes wurden köstliche Zuckerbonbons aus Bienenhonig aufgetragen und dazu goldgelbes, in hauchdünne Scheiben geschnittenes Pollenbrot, das mit eingemachten Blütenspitzen vom Geißblatt belegt war. Blutenden Herzens lehnte Gwalchmai die dar- gebotenen Köstlichkeiten ab. Während Cyrene gestenreich die lange und höchst verwickelte Geschichte von dem Wichtelmännchen zum besten gab, das eine rautenförmig gemusterte Leinwand an einer schlafenden Hummel befestigte und darob in arge Not geriet, wurden die Pokale er- neut gefüllt – diesmal mit einem rubinrot leuchten- den Getränk, das wie Ambrosia duftete. Als die Nixe ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte und sich unter dem brüllenden Gelächter und dem schallenden Applaus der Runde wieder hinsetzte, stupste Nadara Gwalchmai an und flüsterte: »Gewiß werdet Ihr Euer Glas auf sie erheben. Dies ist der seltenste Wein von ganz Elveron! Er wird aus den Beeren des Lebensbaumes gekeltert und erfüllt den, der ihn kostet, mit Frohsinn und Heiterkeit. Wenn ei- ner aus der Menschenwelt hundert Jahre alt wäre und bloß drei von diesen köstlichen Beeren äße, er würde sich sofort in die Zeit zurückversetzt fühlen, als er noch ein Jüngling war. Sie schmecken wie Honig – und erst der Wein, der aus ihnen gemacht wird! Wollt Ihr nicht doch ein ganz kleines Schlückchen davon kosten – mir zuliebe?«, Sie hob den Rand des Pokals an seine fest zusam- mengepreßten Lippen, während die andere in tiefen Zügen trank. In diesem Moment drehte sich Cyrene um und sah ihn. Ihr wunderhübsches Gesicht er- blaßte von Smaragdgrün zu einem allerliebsten Oliv, und wie schon so oft zuvor stieß sie ihm spitzbübisch lächelnd gegen den Arm. Der Wein in dem Pokal schwappte über, und ob- wohl Gwalchmai nicht die Absicht hatte, auch nur ei- nen Schluck davon zu trinken, spritzte ein kleiner Tropfen davon auf seine Unterlippe, und instinktiv leckte er ihn mit der Zungenspitze ab. Er schmeckte in der Tat herrlich süß – süßer als al- les, was Gwalchmai je in seinem Leben getrunken hatte. Dieser eine winzige Tropfen Elfenwein reichte aus, ihm alles vor den Augen verschwimmen zu las- sen. Der Saal begann sich wie ein Karussell vor seinen Augen zu drehen; die fröhlich plappernden Stimmen der Zecher hallten wie süße Musik in seinen Ohren; alle seine Sinne schienen hundertfach geschärft – fürwahr, alles, was er sah, schien plötzlich in völlig neuem Glanze gebadet. Diese wunderbare Heiterkeit, die wie eine Woge über ihn hinwegschwappte und in jede Faser seines Körpers drang, war – das wußte er im selben Moment – also das Gefühl, von dem alle in Elveron ständig er- füllt waren – in diesem Moment noch verstärkt durch die Fröhlichkeit des festlichen Gelages. Jetzt verstand er auch ihre fiebrige Rastlosigkeit. Er fühlte sich eins mit der fröhlichen Zecherschar. Jetzt sagte die Nixe etwas zu ihm. Er verstand ihre Worte, aber sie übten keine unmittelbare Wirkung auf ihn aus., »Oh, Herr Falke! Was habt Ihr da angestellt? Sie hat Euch einen schlimmen Streich gespielt! Der Lebens- baum und die Eberesche sind ein und derselbe Baum. Die Eberesche wird auch ›Thors Helfer‹ genannt, da mit ihrer Hilfe Thor den angeschwollenen Fluß Vi- mur überquerte. Sie neigte sich nämlich von selbst zu ihm hinüber, so daß er sich an ihren Zweigen fest- halten konnte. Sie muß Thors Freundin sein. Und jetzt habt Ihr Euch in die Hand Thors gegeben!« Er wollte irgend etwas erwidern, als ihn ohrenbe- täubendes Fußgetrampel und Händeklatschen unter- brachen. Huon, der bei allen äußerst beliebt war, hatte sich von seinem Stuhl erhoben, um seinerseits der Aufforderung, seinen Teil zur Unterhaltung der Runde beizutragen, Folge zu leisten, und einige riefen in Sprechchören nach einem Lied aus seiner eigenen Komposition, während andere wieder lautstark ein anderes Lied forderten, denn er war berühmt für sei- ne Sangeskünste. Ein Page kam rasch herbeigeeilt und brachte ihm seine Laute. Er stimmte die Saiten nach dem Gehör, schlug einen kurzen Akkord an und hielt das Instru- ment hoch. Augenblicklich herrschte absolute Ruhe im Saal. »Was soll ich singen?« fragte er. Eine klare Stimme rief, deutlich die anderen über- tönend: »Das Lied von der Menschenfrau, die nichts merkte!« Und begleitet von donnerndem Applaus und schallendem Gelächter begann er zu singen: »Wenn endlich doch mal was passierte!« Rief gähnend Louella-Marie Stand traurig am Sims und sinnierte, – Doch leider irrte sich sie! Denn draußen bei des Hauses Zaun Da wütete mit Macht Hie Ratte schwarz – da Ratte braun Die allerschlimmste Schlacht! Und grad im Moment in ihrem Haus Ein Elflein reitet zur Tür hinaus Es reitet geschwind zu sehn welche Ratt' Den Sieg denn davongetragen hat. Und Louella-Marie stand am Fenster und schrie »Wenn endlich doch mal was passierte!« Sie stand da nichtsahnend und stierte Den Blick trüb gerichtet nach vorn 'ne Vogelscheuche stolzierte Mit flatternden Hemd durch das Korn. Und als Mariechen zum Schlaf sich sodann Gewand und Schuhe zieht aus Da hüpft auf den Kopf ihr ein Elfenmann Und zwackt ihr drei Haare heraus. Draus webte er sich zum Schutz seiner Person Vor dem Werwolf der seit gut drei Monden schon Vor dem Hause herumschlich des Nachts dann und wann Mit hurtiger Hand einen Talisman. Und Louella-Marie lag im Bette und schrie »Wenn endlich doch mal was passierte!« Und als eine Hexe mit Besen Vorüberflog an ihrem Haus Da glaubte Marie 's wär gewesen 'ne nächtliche Fledermaus. Mariechen stand auf, schlüpft' in ihre Schuh, Und trampelte förmlich blind Nicht ahnend daß drunter zu Mus ward im Nu Das schlummernde Elfenkind. Noch wußt' sie daß lange schon unter der Erde Sich tummelte eine Termitenherde Welchselbige hatte begonnen indessen Das Haus unterm Hintern ihr wegzufressen Doch Louella-Marie stand am Fenster und schrie »Wenn endlich doch mal was passierte!« Erst nach diesem Lied begann das eigentliche Gelage. Und es gab noch eine ganze Reihe weiterer Darbie- tungen zu beklatschen; in der Tat schien es so, als ha- be jeder der Zecher eine Kleinigkeit zur Erbauung der Runde beizutragen. Eine Gruppe junger Mädchen in prächtigen Farben imitierte Schmetterlinge; sie taten dies so täuschend echt, daß Gwalchmai in seinem Zu- stand glückseliger Trunkenheit fast glaubte, daß sie sich wirklich in die Luft erhoben und mit wehenden Gewändern davonflögen. Als nächstes trat ein Gaukler auf, der mit seinen tollen Kunststückchen alle Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen schien. Ein Verrenkungskünstler imitierte eine grüne Eidechse und schlängelte sich so geschmeidig und flink über die Erde, daß man hätte meinen können, er habe überhaupt keine Knochen im Leib. Zwei Elfen fochten gegeneinander, aber es war eine reine Dar- bietung atemberaubender Geschicklichkeit, und kei- ner von beiden trug auch nur den geringsten Kratzer davon. Und die ganze Zeit über leerten Sir Huon und Sir Periton Seidel auf Seidel und prosteten sich immer wieder aufs neue zu. Sie schienen vollauf zufrieden, und glücklich mit sich selbst und ihrer bierseligen Männerkameradschaft und kümmerten sich nicht im geringsten um die Damen, die sie begleitet hatten. Nadara, die Fee, spitzte die Lippen zu einem süßen Schmollmündchen und erhob sich, um sich von der Tafel zurückzuziehen, denn ihr Elf lag bereits schnar- chend unter derselben, nachdem er sich mit reichlich Heidebier über ihr offensichtliches Desinteresse ihm gegenüber hinweggetröstet hatte. Gwalchmai konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, aber auch er war entschlossen, sich jetzt zu- rückzuziehen, da er sah, daß eine Reihe anderer Gä- ste – Ritter wie Damen – zum Aufbruch mahnten. Er machte eine Verbeugung in Richtung der Köni- gin, die seinen Gruß freundlich erwiderte, und wandte sich zum Gehen. Der Bierdunst und das schwere Aroma des Weins trafen ihn wie ein Keulen- schlag, und er wäre mit Sicherheit umgekippt, hätte ihn nicht die Nixe, die sich offenbar als seine Ver- traute für den Abend betrachtete, mit der freundli- chen Unterstützung von Nadara aufgefangen. Eingehakt zwischen den beiden wankte er in seine Gemächer. Benommen fiel er auf sein daunenweiches Bett, ohne so recht zu wissen, wo er sich überhaupt befand. Halb im Unterbewußtsein nahm er wahr, wie ein Paar warmer kleiner Hände ihm Gürtel und Axt löste und Stiefel und Gewand auszog. Der leuchtende Nebel, der das Gemach erhellte, verblaßte, und gleich darauf hüllte ihn tiefe Dunkelheit ein. Er hörte, wie sich zwei flüsternde Stimmen miteinander stritten. Dann vernahm er etwas, das wie eine Ohrfeige klang. Dann verließ eines der Mädchen leise den Raum – er war sicher, gehört zu haben, daß es weinte. Kurz, darauf zog jemand sachte die Bettdecken über ihn. Als der neue Tag sich durch den leuchtenden Nebel bemerkbar machte, wachte er mit dem dumpfen Ge- fühl auf, daß er die Nacht über nicht allein gewesen war; doch ob dies wirklich so gewesen war, und wenn, wer bei ihm genächtigt hatte und was dabei im einzelnen geschehen war, daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Es blieb bei ihm nur die unbestimmte Ahnung zu- rück, daß der Gastfreundschaft Elverons wenig Gren- zen gesetzt zu sein schienen. Als er aus dem Fenster schaute, stellte er fest, daß der Himmel genauso aussah wie immer. Ein sanftes Rosa flutete durch das Fenster in sein Schlafgemach. Als er feststellen wollte, ob es Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang war, und zu diesem Zweck sein Gesicht näher an das Fenster heranschob, sah er zu seiner Verwunderung, daß dessen Scheibe nicht, wie er gedacht hatte, aus Kristall war, sondern aus hauchdünnem Rosenquarz, der in Gold statt in Blei gefaßt war. Er machte das Fenster weit auf, und die köstlich duftende Luft von Elveron strömte wie ein betörender Hauch in den Raum. Er atmete tief durch. Sie war herrlich erfrischend wie Bergluft. Er hatte keinerlei Hungergefühl, und sein Rausch war wie weggeblasen. Er fühlte sich frisch und ausge- ruht. Offenbar hatte er sehr lange geschlafen. Es mußte bereits später Nachmittag sein. Er wußte in jenem Moment noch nicht, daß es in Elveron immer Sommer und später Nachmittag war. Doch auch für die Elfen sollte schon bald die Nacht hereinbrechen, wie er bald darauf erfahren sollte. Er war noch nicht lange wach, hatte sich jedoch be-, reits gebadet und angekleidet, als Huon eintrat, um ihn zu einer Audienz bei der Königin zu rufen. Gwalchmai musterte den Sänger scharf. Das nächt- liche Trinkgelage schien keinerlei Spuren bei ihm hinterlassen zu haben; er wirkte frisch und munter wie immer. Kein Zweifel – Elfen vertrugen eine Men- ge mehr als Menschen, das war sicher! Als er eintrat, saß Königin Crede im Thronzimmer, allein bis auf Prinz Auberon, der sich erhob und vor ihm verbeugte. Zwar war Gwalchmai alles andere als vertraut mit Fragen des Protokolls, ganz zu schwei- gen von den Sitten und Gebräuchen, die an europäi- schen Königshäusern herrschten, aber er besann sich rasch, machte einen artigen Diener vor dem jungen Prinzen und wünschte ihm einen guten Morgen, ganz so, wie es sich für einen Gleichgestellten gehörte. Die Königin erhob sich nicht von ihrem Thron, sondern blieb, die Hände im Schoß gefaltet, ruhig sit- zen und musterte ihn schweigend. Dabei lächelte sie ihn so freundlich an, daß Gwalchmai sich sofort wie zu Hause fühlte und alles Unbehagen von ihm wich. Er vergaß an der Stelle den nagenden Zweifel über seinen Fehltritt in der vergangenen Nacht. Dies war ein neuer Tag in einer Welt, die so ganz anders war als die ihm vertraute. Je eher er Merlins Auftrag er- füllte und wieder in seine eigene Welt zurückkehrte, desto besser. Es schien, als hätte die Königin denselben Gedan- ken gehabt. Sie bedeutete ihm näherzutreten und for- derte ihn mit einer Geste auf, auf einem etwas niedri- geren Stuhl neben dem ihrigen Platz zu nehmen. Sir Huon und der Prinz blieben indessen stehen. »Darf ich einmal Euren Ring sehen, Herr Falke?«, fragte die Königin. Ihre melodische, wie eine goldene Glocke klingende Stimme erinnerte ihn sofort an eine andere Stimme, die ihm bestens vertraut war. Wie ein Blitz schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß Corenice noch immer mit Flann vor dem Eingang von Elveron stand und voller Angst auf ihn wartete. Er hatte schon viel zuviel Zeit in Elveron zuge- bracht. Er legte den Arm auf die Armlehne des Throns, und Königin Crede betrachtete eingehend den Ring. Schließlich stieß sie einen leisen Seufzer aus. »Ach ja. Es ist ohne Zweifel der Ring meines lieben Freundes. Er sagte mir einst, daß, wenn ich ihn ein- mal am Finger eines anderen Mannes sehen würde, er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Hat er denn nun endlich das Reich der Toten gefunden, von dem er zeit seines Lebens so besessen war?« »Jeder Erdenmensch findet eines Tages dieses Land, Hoheit, aber ob es letztendlich das war, wel- ches er gesucht hat, oder ob er es dort gefunden hat, wo er es vermutete, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß ich glaube, ihn vor nicht allzulanger Zeit gesehen zu haben, und ich erinnere mich daran, daß er mir von Dingen erzählte, die ich zu tun habe. Einige davon habe ich schon getan, und ich bin si- cher, Ihr wißt so gut wie ich, welche es waren. Ist es nicht so?« »Es ist so. Und ich weiß auch, was Ihr des weiteren noch zu tun habt, und Ihr könnt gewiß sein, daß wir Euch dabei helfen werden, so gut wir können. Aber es liegen noch gewisse Hindernisse auf Eurem Weg, und über diese will ich Euch nun in Kenntnis setzen. Nun folgt mir, meine Herren von Elveron, und auch, Ihr, Herr Falke, kommt bitte mit; ich möchte Euch etwas zeigen.« Es gab keine Treppen in dem Schloß. Damen in kostbaren Gewändern können nicht in Anmut und Würde dahingleiten, wenn sie dabei Treppen hinauf- oder hinuntersteigen müssen, egal wie breit und flach die Stufen auch sein mögen, selbst wenn diese aus feinstem Marmor oder auf Hochglanz poliertem Hol- ze sind. So hatte der verstorbene König von Elveron, damit seine Liebste immer in majestätischer Haltung durch das Schloß schreiten konnte, seinen Architekten be- auftragt, das ganze Gebäude so zu konstruieren, daß sie und ihr Gefolge, wo immer sie sich auch gerade aufhielten, die wahren Juwelen des Schlosses seien. So kam es, daß all die vielen Stockwerke anstelle von Treppen durch sanft ansteigende Rampen miteinan- der verbunden waren, über die die schönen Damen unter den bewundernden Blicken derjenigen, die sie dabei betrachteten, in majestätischer Grazie dahin- schwebten – immer im vollen Bewußtsein ihrer Schönheit und Erhabenheit, wissend, daß alle Blicke bewundernd auf ihnen und niemandem und nichts anderem ruhten. Über diese Rampen stiegen die vier jetzt nach oben, bis sie schließlich die letzte erreicht hatten und auf die luftige Promenade traten, die rings um die mit Zinnen und Schießscharten versehene Brustwehr führte. Auf der höchsten Zinne stand ein Wachtpo- sten, dessen Blick weit über die ausgedehnten Mar- schen des Reiches schweifte, und die Schießscharten waren mit aufmerksam nach unten spähenden Bo- genschützen bemannt., Eine solch schmucke Abteilung Bogenschützen hatte Gwalchmai nicht mehr zu Gesicht bekommen, seit er Miapan, die Hauptstadt seines Vaters, vor lan- ger, langer Zeit verlassen hatte. Ihre wohlgepflegte Ausrüstung rief seine Bewun- derung und Anerkennung hervor. Wie der Blitz stan- den sie in einer Reihe und grüßten, als ihre geliebte Königin an ihnen vorbeischritt. Dann ging die kleine Gruppe weiter. Jenseits des Schlosses erstreckte sich bis zum Hori- zont eine wahre Fabellandschaft unter der alles über- deckenden Kuppel aus leuchtendem Dunst. Jetzt, da Gwalchmai sich seiner eigenen Dimension bewußt war, erkannte er sogleich, daß der Wald, der sich vor seinen Augen in ungeheurer Weite ausdehnte, nicht wie sonst üblich aus Bäumen, sondern aus Gras und Blumen bestand. Und was für herrliche Blumen – und welch verwirrendes, fantastisch anmutendes Leben sich in diesem Wald abspielte! Riesige Seen – Pfützen, die der letzte Regen hin- terlassen hatte – funkelten wie geschliffene Saphire in der klaren Luft und spiegelten in schillernden Farben die Flügel wider, die über sie hinweghuschten. Wa- ren es Drachen oder waren es Fliegen? Es hätte beides sein können. Vor Gwalchmais Augen verschwammen Traum und Wirklichkeit ineinander. Was von dem, was er dort sah, war Wirklichkeit? Was war Traum? Fantastisch geformte Fabeltiere standen weidend an den Ufern der Seen. Das, was sie fraßen, war in ih- ren Augen Gras – in den Augen des Menschen muß- ten es mikroskopisch kleine Pflanzen sein. Und dort – richtiges Wild! Winzige mit Geweihen bewehrte Köp- fe, die sich in die Höhe reckten und die Zweige von, den Bäumen weideten. Wie richtige Impalas, die im neckischen Spiel umhertollten und sich dabei in ge- waltigen Sätzen vorwärtsbewegten. In Gwalchmais Augen, der staunend auf sie herunterschaute, schien dies alles eine glückliche, unbeschwerte Welt. Doch wie überall lauerten auch in dieser Welt Ge- fahren. Dort unten nahte sie jetzt in Form von achtfü- ßigen Ungeheuern – schuppigen, behaarten, mit trop- fenden Giftzähnen bewaffneten Kreaturen, die sich von hinten an die Grasfresser heranpirschten. Schon waren sie heran und vertilgten in Blitzesschnelle die friedlich grasenden und spielenden Geweihträger. Waren es Spinnen – oder waren es Manticore? Ihre Körper waren die von Löwen, und ihre Köpfe waren Menschenköpfe. Vielleicht war einer von ihnen der achtbeinige Sleipnir – Odins Todesroß –, der herun- tergestiegen war, auf jenen grünen Feldern dort Ernte zu halten. Und was war das dort hinten – jenes wie lackiert glänzende kleine Ding, das da so verstohlen durch das Gras glitt? War es eine Kroneidechse? Oder ein Basilisk? Vielleicht auch bloß ein gemeiner Regen- wurm, der sich mit rhythmischen Zuckungen seines Weges schlängelte? Aber warum jagten dann all die anderen Tiere in panischer Flucht davon? Huon stieß einen Schrei aus und zeigte mit ausge- strecktem Finger auf etwas. Ein wunderschönes Tier stand nahe beim Wasser und reckte witternd den Kopf. Mit aufgeblähten, bebenden Nüstern stand es eine Weile reglos da. Dann beugte es seinen herrlich geschwungenen Hals nach vorn, senkte den Kopf hinunter ins Wasser und trank in tiefen Zügen furchtlos von dem köstlichen Naß. Gwalchmai hatte, Einhörner schon mehrmals auf Bildern gesehen, je- doch nur weiße – niemals jedoch ein so samtschwar- zes wie dieses. »Wir werden es später jagen«, sagte die Königin. »Nun schaut, Herr Falke, dort hinten liegt das Ziel Eurer Reise.« Gwalchmai hob den Blick und ließ ihn über den Horizont schweifen. Und weit oben im Norden, viele Meilen vom Schlosse entfernt, bot sich ihm ein An- blick von trostloser Einöde. Das gesunde, üppig wu- chernde Grün war verschwunden und einem tristen Grau gewichen. Ein giftiger Pesthauch schien über dem Land zu liegen. Innerhalb dieser sich kreisför- mig ausdehnenden Wüste regte sich keinerlei Leben. »Die verbrannte Heide!« murmelte die Königin. »Genau in ihrer Mitte liegt Arthurs Schwert. Wir sind froh, daß Ihr gekommen seid, es zu holen, denn dort seht Ihr mit eigenen Augen den Schaden, den es Elve- ron zugefügt hat – der Preis, den wir für die Freund- schaft zu Merlin zahlen mußten. So sieht es aus, wenn kaltes Eisen mit dem Reich der Elfen in Berührung kommt!«,

Die Jagd nach dem Einhorn

»Als Sir Bedwyr, König Arthurs treuester Ritter, einst Excalibur durch eine List rettete, indem er statt seiner nur die Scheide in den Weiher warf, beschloß Merlin, das Schwert zu König Arthur ins Grab zu legen. Die- ses befindet sich, wie Ihr wißt, an einem geheimen Orte. Da er aber wußte, daß es erst viele Jahrhunderte später gebraucht werden würde, nämlich dann, wenn die Zeit gekommen sein würde, wo der Erhoffte und Ersehnte aus dem Grabe steigen und alle Völker briti- schen Blutes zur letzten Schlacht um sich scharen würde, änderte der Zauberer seinen Plan. Sir Bedwyr hatte ihn gebeten, das Schwert bei sich behalten zu dürfen, als ein Symbol, das er den Cym- rern zeigen konnte. Er wußte nämlich, daß sie hinter einem Führer, der dieses berühmte Schwert gegen die Sachsen führte, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen würden. Merlin erfüllte ihm diesen Wunsch, jedoch nur unter der Bedingung, daß er es, sobald er seine Todesstunde nahen fühlte, sofort hierherbringe, auf daß es nicht in die Hand nichtswürdiger Barbaren fiele und auf immer verloren wäre noch vor dem Ta- ge, da es gebraucht würde. Sein ganzes Leben lang kämpfte der treue Sir Bed- wyr gegen die Sachsen, und es gelang ihnen in der Tat nie, die von ihm so brav verteidigten cambrischen Hügel zu erobern. Doch jedem Menschen schlägt einmal die Todesstunde, und als Sir Bedwyr spürte, daß seine Zeit gekommen war, brachte er Excalibur, zu uns, und aus Liebe zu unserem alten Freund Mer- lin machten wir unser halbes Reich zur Wüste. Hebt Euren Blick weiter nach Norden, Herr Falke. Seht Ihr dort hinten, noch jenseits der Verbrannten Hei- de, die schwarze Wolke, die wie ein dunkler Schand- fleck unseren Himmel verdüstert? Dort beginnt das finstere Reich des Volkes der Dwergar. Dort brauchen sie keine Tunnel mehr, denn dort herrscht ewige Dü- sternis, welche sie ebenso lieben wie ihr Herr, Fürst Oduarpa, der heimlich plant, sein Herrschaftsgebiet auf unser Land auszudehnen. Zwar fürchten auch die Dwergar die Verbrannte Heide, doch haben sie die Absicht, sie ihrem Reiche einzuverleiben. Von dort aus graben sie ihre Tunnel, durch welche sie immer wieder in unser Land einfallen. Leider können wir sie nicht erreichen, da das Licht, mit dem wir die Tunnelwände auslegen, nicht so lange anhält, bis wir die gewaltige Strecke zu ihnen zurückgelegt haben und unversehrt wieder zurückgekehrt sind. Und so sind sie näher zu uns, als wir es jemals zu ih- nen sein können. Zwar leben wir dem äußeren Schein nach in Glück und Frieden, reiten auf die Jagd, be- stellen unsere Felder, feiern unsere fröhlichen Feste und versuchen, soviel Spaß und Lebensfreude zu er- haschen, wie wir können – doch, wie Ihr seht, der Friede täuscht. Der Feind steht schon dicht vor unse- rer Pforte.« »Habt Ihr noch nicht daran gedacht, Euch eine neue Heimat zu suchen?« fragte Gwalchmai. »Ein Land, in dem keine Dwergar leben, ein Land, in dem der Herr des Dunklen Gesichts keine Macht hat?« Königin Credes Miene wurde ernst. »Dieser Ge- danke beschäftigt uns alle sehr. Ein wahrlich, schwerwiegender Entschluß. Ihr müßt wissen, wir lieben unsere Heimat. Und auf unsere Weise lieben wir auch die Menschen. Sie machen uns schwer zu schaffen und bringen uns mit ihrer Unachtsamkeit immer wieder in höchste Gefahr, aber sie sind nun einmal so ein tolpatschiges, ungeschicktes Völkchen. Ach, wie sehr wir oft über ihre Plumpheit und ihr kindisches Gepolter lachen müssen! Aber auf ihre Art sind sie doch liebenswert. Wir wissen nicht, wie wir ohne sie leben können. Doch am Ende werden sie uns verjagen oder töten, da sie uns keinen Raum zum Leben lassen. Ich befürchte, daß sie eines Tages noch einmal sehr bereuen wer- den, daß wir fort sind. Dann erst werden sie – leider zu spät – merken, was sie an uns verloren haben. Wir haben einen neuen Planeten für uns ausge- sucht, wo wir sicher sind. Wir könnten sofort dorthin aufbrechen, wenn wir wollten, aber wir zögern noch, weil die Menschen uns nötiger haben, als sie es sich träumen lassen, und weil auch wir sie schrecklich vermissen werden, wenn wir nicht mehr in ihrer Nä- he sind. Huon, sing doch einmal das Lied, das du ge- schrieben hast. Vielleicht erklärt es besser als meine Worte, was wir fühlen.« Der fröhliche Sänger ließ sich nicht zweimal bitten. Er nahm seine Laute vom Rücken und fing an: Schon bald ist auf dem Erdenkreis Kein Platz mehr für Elfe und Wassergeist Nymphe, Dryade und Wichtelmann Streben ein neues Refugium an Astrophar heißt dieser Stern Kein Eisen gibt's dort doch ist er sehr fern, Wo Elfen einst schwebten mit seidigen Schwingen Muß Aeol im Pesthauch nach Atem ringen Wo einst im Wasser rein und klar Sich spiegeln konnt' das Sylphenpaar Schwimmt heute Unrat Schmutz und Schund Verseucht hat der Mensch das Erdenrund Kein Platz ist für uns auf dieser Welt Wo Feuer und Eisen vom Himmel fällt Wo der Sirenen süßer Sang Schon untergeht im Waffenklang Wo Flammen und Rauch durch den Äther wehn Kann Nymphe und Elfe nicht länger bestehn Poseidons feuchtes Meeresreich Ist einem faulen Tümpel gleich Naiad und Undine es klagen die zwei Weil Gifthauch gemordet die Lorelei Kein Raum für Kentaur kein Dickicht für Pan Wir brauchen einen bessren Plan! Drum rufen wir: Menschen erhört unser Flehn Denn ohne uns wird es euch bitter ergehn! »Denn ohne uns wird es euch bitter ergehn«, wieder- holte Gwalchmai leise den letzten Vers. »O ja, meine Königin – erlaubt mir, daß ich Euch so nenne; denn es ist eine große Ehre für mich, und in meinem Herzen werdet Ihr immer eine Königin bleiben, selbst wenn meine Augen Euch nicht mehr sehen – wie recht Ihr habt: Ohne euch Elfen wird es uns eines Tages für- wahr sehr bitter ergehen. Wir brauchen euch. Wir werden euch immer brauchen! Alle Menschen auf, dieser Welt, so hartherzig und verrückt und rück- sichtslos und gedankenlos sie auch sein mögen, brau- chen etwas Kostbares, etwas Schönes, das sie wie ein süßes kleines Geheimnis in ihrem Herzen tragen und verehren können. Etwas, das der Seele Nahrung gibt, auf daß sie nicht elend verhungere und zugrunde ge- he. Ihr Feen seid das letzte Kleinod auf dieser Welt. Wenn ihr uns auf immer verlaßt, dann laßt ihr uns in einer Welt der Trostlosigkeit, der Düsternis und des Schreckens zurück. Könnt ihr nicht bei uns bleiben, irgendwo an einem anderen Flecken dieser Erde? Nur für eine kleine Weile noch, damit mehr von uns Menschen noch eine schöne Erinnerung haben, die sie sonst niemals mehr haben könnten, außer vielleicht noch im Traume? Schon jetzt gibt es welche, die glauben, alle die, die sich Träume bewahrt haben, seien ein bißchen ver- rückt.« Königin Crede legte sanft ihre Hand auf Gwal- chmais Arm. Ihre Augen waren feucht. »Nun bin ich durch Eure Worte schon fast wieder soweit, es mir noch einmal zu überlegen. Doch wohin könnten wir gehen, Herr Falke? Es gibt keinen sicheren Platz mehr für uns auf dieser Welt. Dies hier ist das letzte Boll- werk für ein so zartes, verwundbares Völkchen wie unseres. Unsere Fürstentümer sind dem Feind in die Hände gefallen oder vom Meere verschlungen wor- den. Und ich will Euch nicht täuschen: Ich habe keine weiteren Herrschaftsgebiete mehr. Wenn diese Kup- pel aus Licht hier zusammenbricht, müssen wir fort, oder wir gehen elend zugrunde.« »Warum geht ihr nicht zu euren Vettern nach Ala- ta? Dort gibt es kein Eisen.«, »Kein Eisen? Erzählt uns mehr von diesem Alata! Wo ist dieses Land? Wir haben von diesen Vettern, von denen Ihr da sprecht, noch nie etwas gehört!« So hell, so freudig erregt klangen die Stimmen der Frager, daß sogar die grimmig dreinschauenden Bo- genschützen für einen Moment ihre Pflicht vergaßen und neugierig auf die Gruppe blickten, die Gwal- chmai zu solcherlei Freudenbezeigungen inspiriert hatte. Und laut genug, so laut, daß auch der ihnen am nächsten stehende Wachtposten es hören und seinen Kameraden gleich weitersagen konnte, erzählte er ih- nen von Alata. Er erzählte von den kleinen roten Männchen, die nicht größer waren als die Bewohner von Elveron, die im Röhricht des Catawba zu Hause waren und mit Pfeil und Bogen nach Mücken jagten; von den Pukwudjees der Hodenosaunee, dem Volk Merlins, die größten Spaß daran hatten, anderen lu- stige Streiche zu spielen und daher sicherlich mit den Elfen verwandt waren, und die von den Noualli – den aztekischen Zauberern – als Boten eingesetzt wurden. »Ah, die Pookas! Ja, die kennen wir!« rief die Köni- gin aus und klatschte entzückt in die Hände. »Vielleicht meint er damit aber auch Puck, verehr- teste Königin«, warf Huon ein. »Er ist schon lange Zeit vom Hofe abwesend.« »Ja, und wir vermissen seine Possen und Streiche sehr. Wir müssen ihn unbedingt zurückholen. Doch sprecht weiter, Herr Falke!« »Wir haben auch Tanzkreise in unserem Land, so wie Ihr hier, Königin Crede, und in denen tollen beim Mondenschein die Mikamwes ganz ausgelassen her-, um und machen ihre lustigen Späße. Ein paar aus un- serem Volk haben sie schon einmal dabei beobachten können, wie sie des Nachts in ihrem Federschmuck und in ihrer bunten Bemalung zum Klang ihrer Nuß- schalentrommeln tanzten. Außer von der Hautfarbe her könnten sie glatt eure Geschwister sein. Und was Feen anbetrifft, solche mit Flügeln wie die, die ihr habt – nun, die gibt es bei uns auch. Sie leben in den Wäldern und sind ebenso schelmenhaft und liebenswert wie die eurigen. Bei uns heißen sie Mamagwasewug!« »Was für gewichtige Namen!« rief Prinz Auberon. »Da frage ich mich, wie sie es überhaupt schaffen, zu tanzen oder zu fliegen mit solch einer schweren Last!« »Ich glaube, ich hätte unter den Umständen gar nicht erst versucht, es zu lernen«, bemerkte Huon grinsend und tat so, als ließe ihn allein schon der Ge- danke daran erschaudern. »Jaja, Ihr seid schon so einer!« sagte die Königin in gespielter Strenge und lachte. »Wir alle wissen ja, was für ein fauler Bursche Ihr seid, Sir Huon!« »Es scheint also tatsächlich so zu sein, daß wir Vettern in Eurem seltsamen Lande haben«, kam der Prinz wieder auf das eigentliche Thema zurück. »Es scheint aber auch so zu sein, daß sie reichlich kriege- risch veranlagt sind, nicht wahr? Glaubt Ihr, daß sie uns freundlich empfangen und bei sich aufnehmen würden?« »Ich weiß von keinen roten Männern, die nicht überaus freundlich und gastfrei waren, wenn sie nicht unfreundlich behandelt wurden, und ich glau- be, daß das kleine Völkchen in dieser Hinsicht nicht, anders ist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß sie euch irgendwelche Schwierigkeiten machen wür- den. Vielmehr bin ich der festen Überzeugung, daß sie euch freundlich zu Hause willkommen heißen würden – wenn ihr Alata zu eurem neuen Zuhause machen wollt.« »So wie Ihr von diesem Lande sprecht, könnte man ja fast schon glauben, es wäre das Paradies!« rief Huon lachend. »Ich würde es gern einmal sehen, aber Elveron ist und bleibt meine Heimat, und selbst wenn alle fortgehen – ich werde hierbleiben! Ich bin ein großer Freund des Abenteuers, einer, der gerne Neu- es sieht und in die Ferne schweift, und ich verehre meine Königin über alles, aber Sir Periton und ich ha- ben schon vor langer, langer Zeit einen Pakt mitein- ander geschlossen. Was auch immer geschehen mag, und wenn die Dwergar eines Tages siegen und die Mauern dieser Burg in Schutt und Asche fallen soll- ten – wir haben die feste Absicht, hierzubleiben und hier in unserem geliebten Heimatland zu sterben.« »Wir werden Euch beide sehr vermissen, Sir Huon«, sagte die Königin mit trauriger Stimme. »Wir wissen, daß Ihr unzertrennlich seid, aber Ihr würdet sehr einsam sein, wenn alle anderen in das Land un- seres Freundes gehen sollten. Doch ist auch jenes fer- ne Land vielleicht nicht sehr lange mehr ein sicherer Ort für uns. Es gab mal eine Zeit, da verwendeten die Men- schen auch hier kein Eisen. Und es wird der Tag kommen, da die roten Menschen es ebenfalls haben werden. Und dann gibt es für uns keinen anderen Ausweg mehr als Astrophar. Ihr solltet beide schon jetzt mit uns kommen und gemeinsam mit uns der, Welt der Menschen Lebwohl sagen. Ich bitte Euch in- ständig, Sir Huon, versucht doch, Sir Periton dazu zu bewegen!« »Ha! Das wird ein großes Geflitze und Geflatter geben, wenn erst alle von hier fortgehen! Keine Ko- bolde mehr, die sich in ihren Bergwerken herumtrei- ben; keine Nixen oder Nymphen mehr in Seen und Flüssen; keine Sylphen und Dryaden mehr, die zu- sammen in ihren Wäldern spielen; keiner mehr von uns, der sie necken und die Mähnen ihrer Pferde zu Zöpfen flechten könnte! Ach nein, meine Königin! Sie werden jemanden brauchen, der sie hänselt und ih- nen hin und wieder ein paar neckische Streiche spielt. Die Menschen müssen ab und zu vergessen, daß sie Menschen sind. Sie brauchen immer wieder mal ein bißchen Ablenkung. Sir Periton und ich werden eine Menge Arbeit damit haben. Nein, nein – wir bleiben, was auch immer passiert.« »Nun gut, so will ich Euch denn nicht länger drän- gen. Wir werden alles noch einmal in Ruhe im Rat der Elfen besprechen, aber ich denke schon, die Sache ist entschieden. Ich habe die Dwergar und ihre üblen Ränke endgültig satt. Höchste Zeit, daß wir hier ver- schwinden und uns eine neue Heimat suchen, wo wir endlich wieder unbehelligt von diesen schrecklichen Plagegeistern unseren Spaß haben können.« Huon deutete mit einer weitausholenden Armbe- wegung über die Außenmauern. »Dann laßt uns noch ein letztesmal hinausgehen, bevor alles beschlossene Sache ist. Laßt uns das Ein- horn jagen!« Das herrliche Tier graste nahe bei dem See, an dem es vorher getrunken hatte. Es hatte wie die Pferde der, Elfen sechs Beine, aber im Vergleich zu diesen war es riesengroß. Sein spiralförmig gewundenes Horn war das einzige an dem Tier, das weiß war. Es glitzerte wie Perlmutt in dem warmen Licht der Dunstkuppel, und dann und wann senkte das Tier den Kopf und wühlte damit im Erdreich herum, sei es aus reiner Lust am Spielen oder sei es, um irgendeinen Quäl- geist loszuwerden, der sich daran festgesetzt hatte. Jedesmal, wenn es den Kopf wieder hochwarf, flogen dicke Erdbrocken nach hinten über seine Schultern hinweg. Und jedesmal danach machte es sich mit be- sonderem Eifer über das frische, üppig wuchernde Gras her, so als hätte dieses Graben mit dem Horn seinen Appetit besonders angeregt. Es war noch immer da, als die Jagdgesellschaft hin- ausritt. Vorneweg stürmte ein Rudel großer roter Jagdhunde – ebenfalls sechsbeinig –, die, von den Pi- kören an der Koppel gehalten, unter wütendem Ge- bell vorwärtsdrängten und ihre Wärter hinter sich herzerrten. Danach kam der Oberhundemeister mit seiner Trompete, auf der er jedoch noch nicht zur Hatz geblasen hatte. Dann die Damen und Herren des Hofes, etwas mehr als dreißig an der Zahl, größ- tenteils auf leichten Zeltern reitend. Dahinter folgte eine etwa ebensogroße Zahl von Bogenschützen und Lanzenträgern, alle auf kräftigen buntgescheckten Halbblutpferden – ein bunt zusammengewürfelter Haufen ohne Ordnung und Stil, aber dennoch eine solch entschlossen wirkende Schar von Kämpen, wie Gwalchmai sie selten zuvor gesehen hatte, ob in Elve- ron oder in der Welt des Menschen. Ein gutes Dut- zend schwerbewaffneter und gepanzerter Reiter bil- dete den Schluß, und als Gwalchmai sie erblickte,, dachte er beruhigt: Sollen die Dwergar ruhig kom- men! Er war gerade dabei, an die Spitze des Zuges zu reiten, als das Trompetensignal erscholl. Sir Periton war ein Stück weiter vorne, Sir Huon und Prinz Au- beron ritten fast auf gleicher Höhe mit ihrem Gast. Gwalchmai hatte sich ein wenig bei den Damen um- gesehen, aber weder die listige Nixe noch die hübsche kleine Cyrene befanden sich unter der Gruppe. Er wußte wohl, daß die Nixe nicht lange außerhalb des Wassers bleiben konnte, aber insgeheim hatte er doch ein wenig gehofft, sie wiederzusehen. Er fühlte sich auf seltsame Weise zu ihr hingezogen und wollte mehr darüber erfahren, was sich nach dem Bankett zugetragen hatte; er hoffte, dann viel- leicht weniger Gewissensbisse haben zu müssen, wenn er wieder in die Menschenwelt zurückkehrte. Jetzt schmetterte das Jagdhorn seinen silberhellen Klang hinaus; die Burschen banden die Hunde los. Just in dem Augenblick brach das Einhorn aus dem Dickicht hervor. Es stellte sich tänzelnd auf die Hin- terbeine und wirbelte mit den Vorderhufen durch die Luft, so als wolle es sich auf seine Feinde stürzen. In Bruchteilen einer Sekunde erkannte es, daß die Übermacht zu groß war. Mit einem mächtigen Satz wirbelte es herum und flog leichtfüßig durch das fla- che Wasser des Sees. Seine wild fliegenden, sehnigen Läufe peitschten das Wasser förmlich zu Schaum. So- fort hetzte die kläffende Hundemeute hinterher. Sie brauchten nicht erst Witterung aufzunehmen, denn sie hatten das Wild, das sie jagten, dicht vor Augen. Kohlschwarz war es, herrlich anzuschauen in sei- ner noblen Entrüstung darüber, daß man es aufgestö-, bert hatte. Eine wahre Verkörperung von Kraft und Geschmeidigkeit, wie es leichtfüßig dahinflog, so als wollte es seine Jäger verhöhnen. Es würde eine ganze Weile dauern, bis es ermattet sein würde, denn sein breiter Brustkorb hob und senkte sich in ruhigem Rhythmus. Die Muskeln an seinen Schenkeln ballten sich bei jedem Satz zu prächtigen, schwarz glänzen- den Bergen zusammen, und ab und zu tat es einen hohen Sprung in die Luft und warf den Kopf herum, um einen Blick auf seine Verfolger zu werfen. Sie ka- men, in langgezogener, sich langsam öffnender Linie, die Lanzen zum Stoß erhoben; die ersten hatten schon fast die mit hängenden Zungen dahinjagende Hun- demeute eingeholt. »Ho! Ho! Ho!« scholl der Jagdruf durch die Reihen. Die Hunde stoben vor den Hufen des im wilden Galopp heranfliegenden Sir Periton auseinander. Er ritt seitwärts an das fliehende Einhorn heran und stieß zu; aber er hatte seinen Stoß falsch berechnet. Das Einhorn warf den Kopf herum, Lanzenspitze und Horn krachten aufeinander und maßen sich in kur- zem, wütendem Duell, bei dem es keinen Sieger oder Verlierer gab. Jetzt sprang einer der Hunde an dem Tier hoch und versuchte, ihm seine blitzenden Zähne in die eben- holzschwarze Gurgel zu graben. Das Einhorn ließ blitzschnell von Sir Periton ab und streckte den Hund mit seinem fürchterlichen Horn in seinem Blut nieder. Es war schon im Begriff, den Hund wütend empor- zuschleudern, als im gleichen Moment Gwalchmai und Sir Huon heran waren. Seine mächtigen Schenkel spannten sich, alle seine Muskeln ballten sich zu einer gewaltigen Anstren-, gung zusammen, und mit einem riesigen Satz war es in der Luft. Schaum spritzte auf Gwalchmais Wange. Er sah den breiten schwarzen Rumpf und die wir- belnden Hufe auf sich zufliegen. Instinktiv duckte er sich in den Sattel seines Pferdes, und noch ehe er überhaupt einen Gedanken fassen konnte, war das Einhorn schon über ihn hinweggeflogen und jagte in rasendem Galopp davon, mit langgestrecktem, fast waagerecht in der Luft liegendem Leib, wie ein Jagd- leopard. Jetzt änderte es plötzlich seine Richtung – es jagte geradewegs auf die Verbrannte Heide zu! Sofort schwärmten weitere Jäger aus und versuchten es von diesem verhängnisvollen Kurs abzudrängen. Mit wild flatternder Mähne und schweißnassem Widerrist, den pechschwarzen Kopf noch immer kraftvoll und stolz emporgereckt, die rot leuchtenden Nüstern weit aufgerissen, schoß das herrliche Tier in gleichbleibendem Abstand zu dem in einer langgezo- genen Kurve verlaufenden äußeren Rand der vergif- teten Zone dahin. Offenbar verspürte es ebensowenig Neigung, diese todbringende Linie zu überschreiten, wie die Elfen und Feen. Doch die immer bedrohlicher herankommenden Jäger zwangen es jetzt zu einer Entscheidung. Schon in kürzester Zeit würde es vor die Wahl gestellt sein, entweder den aussichtslos scheinenden Kampf gegen die Verfolger aufzunehmen oder sich zur Strecke bringen zu lassen, oder die Schwelle zu der grauen Wüste zu überschreiten, was ebenfalls den sicheren Tod bedeutete. Blitzschnell erkannte das Einhorn die Gefahr, in der es schwebte. Es bäumte sich auf den Hinterhufen auf und machte plötzlich kehrt. Sofort fiel die kläf-, fende Hundemeute mit geifernden Mäulern über es her, zog sich aber nach einem wahren Trommelfeuer von Huftritten winselnd wieder zurück. Noch ehe die Jäger herangekommen waren, brach es in das nahe Dickicht und verschwand aus dem Blickfeld. Sir Periton war als erster der Verfolger da. Er rich- tete sich in den Steigbügeln auf und gab den anderen winkend zu verstehen, daß sie zurückbleiben sollten. Unmittelbar hinter ihm kamen Sir Huon und Gwal- chmai angesprengt. Sir Periton schwenkte freudig erregt seine Lanze, als er die Freunde gewahrte. »Mein Horn! Meine Trophäe!« jubelte er. Dann legte er seine Lanze ein und ritt lachend in das Dickicht, in dem das Einhorn sich versteckt hatte. Es folgte ein kurzer, heftiger Tumult; man hörte, wie zwei schwere Leiber aufeinanderprallten; Sekun- den später brach das Einhorn taumelnd aus dem Unterholz hervor. Es stolperte noch ein paar Schritte vorwärts und brach dann tot zusammen. Sir Peritons Lanze steckte tief in seiner Seite. Sofort war der Kadaver von der kläffenden Hun- demeute bedeckt, die mit geifernden Mäulern an ihm herumzerrten. Wo aber blieb Sir Periton? In dem Moment, als die anderen sich schon an- schickten, sich neugierig in das Gesträuch zu zwän- gen, um zu sehen, was mit ihm los war, kam klar und deutlich vernehmbar ein verzweifelter Schrei aus dem Gebüsch. »Halt! Eisen! Keinen Schritt weiter!« Danach Totenstille. Sir Huon stieß einen wortlosen Schrei des Entset- zens aus und zwängte ungestüm sein Pferd durch den Spalt, den das Einhorn und Sir Periton in dem, dichten Gestrüpp hinterlassen hatten. Mit einem Satz war er aus dem Sattel. Gwalchmai folgte ihm, ohne zu zögern. Der süße Trank Thors, der noch immer durch seine Adern rann, hatte sein Sehvermögen so geschärft, daß es dem der Bewohner von Elveron gleichkam, und so nahm er das Metall in dem Mo- ment, da sie es erblickten, ganz anders wahr, als er es je mit Menschenaugen getan hätte. Direkt vor ihm lag Sir Periton im Todeskampf. Mit der linken Seite seines Körpers lehnte er gegen einen riesigen, eisblau funkelnden Metallklumpen, von dem eine solch beängstigende Wirkung ausging, daß Gwalchmai vor Entsetzen das Blut in den Adern ge- fror. Der Klumpen war bestimmt zehnmal so groß wie ein Elfenritter. Er funkelte und leuchtete kalt wie zu Eis erstarrtes Feuer, und da, wo Sir Periton ihn be- rührt hatte, war sein Fleisch grau und einge- schrumpft. Doch immer noch loderte ein letzter Funken Leben in seinem rauchenden, geschundenen Leib. Trotz der entsetzlichen Qualen, die er litt, hielt er sich tapfer bei Bewußtsein. Als er Sir Huon erkannte, hob er mit übermenschlicher Anstrengung seinen Arm und gab ihm ein Zeichen, nicht näher zu kommen, damit nicht auch er sich noch in Gefahr brächte. Doch ungeachtet dieser Warnung stürzte sein Freund zu ihm hin und versuchte, ihn von dem tod- bringenden Metallblock fortzuzerren – er hätte eben- sogut versuchen können, sich einem Schmelzofen zu nähern. Was auch immer es für eine seltsame Strah- lung war, die da von dem Eisen ausging, auf Elfen je- denfalls hatte sie eine verheerende Wirkung: Sofort bildeten sich auf Sir Huons Kleidern braune Brand-, flecken, und die Haut auf seinem Gesicht und seinen Händen spannte sich zum Zerreißen. Als Gwalchmai sah, wie sich dicke Blasen auf Sir Huons Haut aufwarfen, sprang er vor und riß den Sänger zur Seite, um ihn vor der drohenden Gefahr zu retten. Der winzige Tropfen Ebereschenwein, der noch immer bewirkte, daß er in gewisser Weise wie ein Elf fühlte, ließ auch ihn jetzt einen Anflug von den Qualen spüren, denen die beiden Freunde ausge- setzt waren. Obwohl er noch immer mehr Mensch als Elf war, war auch er nicht ganz gegen die Strahlen immun, die von dem Metall ausgingen, aber er schaffte es immerhin, Sir Periton so weit von der Ge- fahrenstelle wegzuzerren, daß auch Sir Huon sich seinem Freund einigermaßen gefahrlos nähern und sich um ihn kümmern konnte. Behutsam beugte er sich über seinen entsetzlich zugerichteten Gefährten und zog ihm die durch die Hitze gekrümmten Gliedmaßen gerade. Sir Periton versuchte ein gequältes Lächeln. »Mein Horn – wo ist mein Horn?« brachte er flüsternd hervor. Der Oberhundemeister hatte es schon aus dem Kopf des toten Einhorns herausgeschnitten. Er brachte es und stellte es mit der Spitze nach oben auf seinen bluttriefenden Stumpf, so daß Sir Periton es sehen konnte. Sein Gesicht war grausam entstellt, dennoch flog ein glückliches Lächeln über seine Züge, als er die herrliche Trophäe erblickte. »Das größte, das ich je errungen habe! Sind außer mir noch andere Jäger verbrannt?« Huon schüttelte stumm den Kopf. Der Schmerz, den er in diesem Augenblick empfand, war so groß,, daß seine Stimme ihm den Dienst versagte. Aus trä- nenlosen, traurigen Augen schaute er den Freund an – Elfen haben keine Tränen, denn sie sind nicht dazu bestimmt, jemals zu weinen. »Es wären noch viele andere verletzt worden, wenn Ihr sie nicht noch rechtzeitig gewarnt hättet«, sagte Gwalchmai. »Ihr habt sie mit Eurem Schrei ge- rettet; die meisten waren gerade dabei, Euch in das Dickicht zu folgen. Eine ritterlichere Tat als die Eure habe ich nie zuvor erlebt, Ritter Periton!« Jetzt trat Prinz Auberon auf sie zu, den Dolch in der Hand, aber Sir Huon fing seinen Blick auf, und der Prinz hielt in seinem Schritt inne und blieb ste- hen, wo er war. Sir Periton versuchte zu nicken. Es war nur eine winzige, kaum erkennbare Kopfbewegung, aber sein Freund hatte sie verstanden. »Nimm meinen«, flüsterte der todwunde Elf und brachte ein letztes gequältes Lächeln hervor. »Er war immer schärfer als deiner! Mach es schnell – und sto- ße, so tief du kannst!« Sir Huon zog den Dolch aus dem Gürtel des Freundes. Zärtlich ließ er seine Hand ein letztesmal über die versengte Wange Sir Peritons gleiten. Dann legte er seine Hand auf die schmerzverzerrten Augen des Freundes und schloß sie mit einer sanften Hand- bewegung. »So fahre denn hinauf zu den Nebeln, geliebter Freund!« rief er mit bebender Stimme, und dann stieß er den Dolch tief in das pochende Herz seines Kame- raden. Ein Schauer des Entsetzens lief Gwalchmai über den Rücken. Er war sich sicher, daß er zu einer sol-, chen Tat niemals fähig war. Er stand wie gelähmt da und starrte auf das kalt funkelnde Eisen. Er hätte es in diesem Augenblick nicht ertragen können, Huon, der gramgebeugt über seinen toten Freund dahockte, in die Augen zu sehen. Und während er noch wie ge- bannt auf den Eisenklotz starrte, fiel es ihm mit ei- nemmal wie Schuppen von den Augen. Schon die ganze Zeit über war ihm dieser Klotz irgendwie be- kannt vorgekommen, doch hatte er sich von seiner immensen Größe täuschen lassen. Jenes bläulich schimmernde Ding war nichts weiter als eine Niete von einer Rüstung. Irgend jemand hatte sie einst hier verloren und vergessen, vielleicht auch einfach acht- los fortgeworfen – nicht wissend, daß dieses winzige Stückchen Metall die Körper des Friedensvölkchens der Elfen verbrannte wie die Flamme eines Kienspans eine Mücke. Schmerzerfüllt wandte er sich ab. Ein tiefes Gefühl von Schuld überkam ihn. Er fühlte sich mitverant- wortlich für das, was der Mensch diesen immer fro- hen, zutiefst friedfertigen kleinen Wesen angetan hatte und ständig noch antat. Gehörte diese Welt nicht allen ihren Bewohnern? Hatte Gott sie nicht alle geschaffen, auf daß sie friedlich nebeneinander auf dieser Erde wandelten? Konnte denn der Mensch in all seiner Selbstgefälligkeit und seinem Dünkel auf immer und ewig ungestraft durch Zeit und Raum reiten und alles unter seinen groben Hufen nieder- trampeln, ganz wie es ihm gefiel? Hatte der Mensch das Recht, allen Wesen auf dieser Welt seinen Willen aufzuzwingen, sich als Herr über Leben und Tod an- derer aufzuspielen, gerade so, wie es ihm in den Kram paßte? Würde nicht einmal auch für ihn der, Tag der Abrechnung kommen – jener Tag, an dem er Rechenschaft darüber ablegen mußte, wie er seine kleinen, ihm zum Schutze anbefohlenen Brüder be- handelt hatte, die dieselbe Luft atmeten wie er über dieselbe Erde wandelten wie er, die wie er Trauer und Freude, Kummer und Liebe fühlten? Er fühlte einen weichen Arm auf seiner gebeugten Schulter. Es war die Königin. »Seid nicht traurig, Herr Falke, und wendet Euch nicht von Sir Huon ab. Sein Freund wollte es so. Er hätte für jeden von uns dasselbe getan. Jetzt habt Ihr mit eigenen Augen gesehen, welche Gefahr uns hier droht, und gewiß versteht Ihr nun auch, warum wir fort müssen. Vor langer Zeit einmal – so lang wie ein halbes El- fenleben – kämpften hier auf Mona die Römer gegen die Druiden. Nach dieser Schlacht blieb viel Eisen auf der Walstatt zurück, das nun überall verstreut liegt und nichts von seiner verheerenden Wirkung, die es auf das Elfenvolk ausübt, eingebüßt hat.« »Laßt mich zu Huon gehen und ihn trösten, ver- ehrte Königin. Ich würde ihn gern daran erinnern, daß alle, die sich auf Erden geliebt haben, sich im Himmel einst wiedersehen werden. Vielleicht hilft ihm dieser Gedanke ein wenig über seinen Kummer hinweg.« »Das würde in diesem Moment seinen Kummer nur noch verstärken. Wir Elfen kennen jene lästige Einrichtung, die der Mensch Seele nennt, nicht. Uns wurde statt dessen ein langes Leben geschenkt; es ist länger als das Leben aller anderen Lebewesen auf dieser Welt – selbst als das Eure, das doch durch Merlins Magie schon so sehr verlängert wurde. Doch, auch unser Leben kann zu einem Ende kommen; zum Beispiel durch einen Unfall oder in der Schlacht. Auch wir hatten unsere Kriege und haben unsere Feinde, wie Ihr seht. Und wer würde schon ein solch langes Leben gern verkrüppelt, verstümmelt oder verunstaltet verbrin- gen? Ist es da nicht weit besser, wieder in den Schaum der See zurückzugehen und in den rosa Wolken aufzugehen und dort Frieden und Vergessen zu finden? Wir haben keine Furcht vor den Göttern des Men- schen. Wir selbst haben sie zu den Menschen kom- men sehen in all ihrer Überheblichkeit und Hoffart; wir haben gesehen, wie sie bei den Menschen blieben und unter ihnen weilten, solange diese an sie glaub- ten und ihnen Opfer darbrachten – und wir haben ge- sehen, wie sie elendig als Bettler wieder zugrunde gingen, als der Glaube der Menschen sie nicht länger nährte. Wir fürchten wenig – außer der Berührung des Eisens, denn diesem können wir nicht widerstehen. Und nun, Herr Falke, ist die Zeit gekommen, da Ihr uns wieder verlassen müßt. Ihr seid schon nahe an Eurem Ziel. Wenn Ihr von dieser Stelle aus Euren Blick genau zum Mittelpunkt der Verbrannten Heide wandern laßt, werdet Ihr das Schwert, welches Ihr sucht, erkennen. Wenn Ihr richtig hinschaut, könnt Ihr das grelle Funkeln des Metalls sehen. Nun macht Euch tapfer auf den Weg und holt es. Es wird Euch nichts anhaben können, weil Ihr ein Mensch seid – und der Mensch ist der Herr der Welt, wenn auch nicht mehr für lange Zeit.« Sie umarmte und küßte ihn, und als sie ihn losließ, traten andere zu ihm, um ihm Lebwohl zu sagen –, Lady Titania mit ihrem Prinzen und viele andere Damen und Ritter von Elveron, deren Gesichter ihm trotz der kurzen Zeit, die er im Elfenreich verbracht hatte, schon wie die altbekannter Freunde vorkamen. Als letzter kam Huon, der seine Hand nahm und fest drückte. »Ich will nicht Lebwohl sagen, denn obwohl alle anderen bald zu Eurem Lande Alata aufbrechen wer- den, werde ich hierbleiben, und es ist gut möglich, daß wir uns eines Tages wiedersehen. Nie werde ich die Worte des Trostes und des Lobes vergessen, mit denen Ihr meinen dahinscheidenden Freund und mich aufzumuntern versuchtet, die ihm das Sterben erleichterten und mich in meiner Trauer trösteten. Es ist gut möglich, daß ich Euch, solltet Ihr einmal in ei- ner schweren Stunde der Hilfe bedürfen, von Nutzen sein kann. Wenn Euch eine solche Stunde schlägt, dann dürft Ihr gewiß sein, daß auch ich es weiß, und wo immer Ihr dann sein werdet, ich werde zu Euch eilen und fest an Eurer Seite stehen. Vielleicht kommt auch noch einmal die Zeit, da wir gemeinsam zu Tische sitzen und schmausen und trinken und hübsche Gesichter um uns herum haben, denen es Freude macht, uns beide anzuschauen. Das wird die Stunde sein, da wir von Elveron sprechen und es durch unsere Worte und Erinnerungen noch einmal in seinem alten Glanze auferstehen lassen werden – jenem Glanze, bei dessen Geburt ich Zeuge war und den vor seinem Schwinden Ihr noch ein letztesmal erleben durftet. Denkt an mich, lieber Freund, in jenen dunklen, schlimmen Zeiten, die bald kommen werden!« »Ich werde Euch niemals vergessen. Ich habe viele, Freunde an vielen Orten auf dieser Welt, doch keinen, zu dem ich mich mehr hingezogen fühlte als zu de- nen, die ich hier in Elveron im Verlaufe eines einzigen Tages und einer einzigen Nacht gewonnen habe.« Ein seltsames Lächeln flog über Huons Mund, aber er sagte nichts. Er nahm seinen grünen Hut mit der langen, scharlachroten Feder ab und verbeugte sich vor Gwalchmai mit derselben ironischen Lässigkeit, die er schon an den Tag gelegt hatte, als sie sich zum erstenmal begegnet waren. Dann winkte er Gwalchmai mit einer schwungvol- len Armbewegung. Gwalchmai drehte sich um und tat einen Schritt über die Grenze, hinter der das graue Ödland der Verbrannten Heide begann. Ein Chor von Stimmen rief ihm ein letztes Adieu hinterher. Er wandte sich noch einmal um und winkte. Jetzt, wo er in den unmittelbaren Wirkungsbereich des verhängnisvollen Zaubers gekommen war, den Excalibur, Arthurs Schwert, durch den schädlichen Einfluß seines Stahls auf Elveron ausübte, hatte er plötzlich ein unheimliches Gefühl. Er fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Da war wieder dieses selt- same Wabern vor seinen Augen, das ihm schon ein paarmal aufgefallen war; doch diesmal war es weit stärker als sonst, und damit nicht genug – es schien immer noch stärker zu werden! Die Stimmen der Elfen klangen ganz dünn und piepsig zu ihm herüber. Er konnte die Worte verste- hen, aber der Klang kam wie aus weiter Ferne, und das, obwohl er noch nicht sehr weit gegangen war. Er winkte ihnen zu, und sie winkten zurück. Sie schie- nen plötzlich nicht größer als Kinder zu sein. Ihre, Kriegsrosse kamen ihm vor wie Ponys. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf, so als wolle er dadurch das Flimmern vor seinen Augen vertrei- ben, und dann ging er weiter. Wenn er geradeaus blickte, konnte er jetzt deutlich den scharfen, blau schimmernden Umriß des Schwertes erkennen. Aus der Ferne wirkte es geradezu riesig, wie geschaffen für die Hand eines Titanen. Doch als er weiterging, kam ihm der Gedanke, daß es sich irgendwie um eine perspektivische Täuschung handeln mußte, denn je näher er kam, desto kleiner schien es zu werden. Und noch etwas Seltsames fiel ihm auf: Über dem Schwert hing ein Dunstschleier, der mit eigentümlich ge- formten, wie stark gekräuselte Äderchen oder Narben anmutenden Schattenlinien gemasert war. Jenseits des Schwerts gewahrte er eine weitere dunkle Linie – die Grenzlinie jenes amorphen dunk- len Fleckens, hinter dem sich das Reich der Dwergar verbarg. Darüber hing drohend die schwarze Wolke, die das ganze Land der Dwergar wie eine schmutzige Rauch- schwade bedeckte. Für einen winzigen Augenblick begann sie plötzlich zu wirbeln und sich zu dem Um- riß einer Form zu verdichten, die ihm, als er sie er- kannte, einen Schauer des Entsetzens über den Rük- ken jagte. Er war sicher, daß er sich nicht geirrt hatte: Es war ein Gesicht, eine bösartig grinsende Fratze, die ihn aus glühenden Augen sekundenlang haßerfüllt anstarrte! Gleich darauf war es wieder verschwunden, hatte sich wieder in eine schwarze Wolke aufgelöst – und unter dieser Wolke, genau in die Richtung, aus der er kam, marschierte über der Erde eine schwarze Horde, auf ihn und auf das Reich der Elfen zu! Die Dwergar hatten zum Großangriff geblasen! Als sie heranrückten, begann die Lichtkuppel, die über Elveron hing, vor der düsteren Rauchschwade zurückzuweichen und zusehends dunkler zu werden. Er schaute zurück. Er konnte seine Freunde kaum noch erkennen; sie waren inzwischen winzig klein geworden. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: Nicht sie waren kleiner geworden – er war größer geworden! Er hatte, während er sich dem Schwert genähert hatte, wieder seine normale menschliche Größe zurückerlangt! Er war wieder Mensch! Der Stahl des Schwertes hatte auch auf ihn seinen seltsa- men Zauber ausgeübt, und ohne daß er es wahrge- nommen hatte, war er wieder gewachsen. Diese un- merklich vorgegangene Veränderung seiner Größe hatte einen bitteren Abschied mit sich gebracht. Als er nach unten schaute, sah er, daß der Boden unter seinen Füßen seine gewohnte Färbung hatte. Der gigantische Wald war zu normalem Gras gewor- den, in dem hier und da bunte Blumen wuchsen. Das Schloß, von dem er eben noch so fröhlich auf die Jagd nach dem Einhorn geritten war, war vom Erdboden verschwunden, mit all seinen Wällen, Türmen, Zin- nen, seinen bunten Fähnchen und seinen trutzig im Winde flatternden Bannern! Genau an der Stelle, wo es gestanden hatte, erhob sich jetzt ein Steinhügel. Dahinter lag, einsam und von Gras überwuchert, das Grab von Getain, dem Meerkönig, und darüber kreisten die Möwen. Das al- so war es, was die Augen sahen, wenn es nicht die Augen der Elfen und Feen waren, dachte Gwalchmai nachdenklich., Er war nicht mehr als ein paar Schritte von dem Steinhügel entfernt – als Mensch –, und wie viele Meilen war er in Elveron geritten, um diese Entfer- nung zurückzulegen! Als er erneut zu Boden schaute, hatte er das Ge- fühl, daß sich ganz in der Nähe seiner Füße etwas bewegt hatte. Er glitt vorsichtig auf die Knie und spähte mit prüfendem Blick auf den Erdboden. Ein Schwarm roter Ameisen versuchte gerade, ei- nen toten Hirschkäfer wegzuzerren. Daneben huschte eine Anzahl schmutzigbraun schimmernder Kakerla- ken im Gras herum, und dicht über ihnen hing ein winziger, unablässig seine Form verändernder Mük- kenschwarm, der wie ein Irrlicht in der strahlenden Sonne glitzerte. Die rosafarbene Lichtkuppel war ver- schwunden. Doch da! War jenes winzig kleine Ding, das da al- lein in der Nähe des toten Käfers stand, nicht Sir Huon? Nein! Es war nur ein kleiner, dünnbeiniger Grashüpfer – und doch, was war das, was er da in seiner winzigen Klaue hielt? Nur ein Fetzchen von einem Blatt, an dem er her- umkaute – oder vielleicht doch nicht? Konnte es nicht auch eine mikroskopisch kleine grüne Mütze sein? Vielleicht die Mütze des fröhlichen Sängers, mit der er zum Abschied winkte, jetzt, da er wieder ein Mensch war und ihre Wege sich trennten? Er wußte es nicht, er wußte nur eines: Ob Mensch, Insekt oder Elf – einen solch fröhlichen Kameraden und tapferen, liebenswerten Freund würde er so bald nicht wieder finden.,

Das Schwert Arthurs

Erneut suchte sein Blick die drohenden Dwergar, die, als er sie zum letztenmal gesehen hatte, in geballter Schlachtformation auf ihn zumarschiert waren. Der schwarze Fleck am Himmel war verschwun- den, und die dunkle Stadt hatte sich in Luft aufgelöst. Er tat ein paar Schritte in die Richtung, wo sie sich zuletzt befunden hatte. Wo sie gewesen war, war jetzt nichts weiter als ein riesiger Ameisenhügel, der von Insekten wimmelte. Eigentlich mußte er jetzt direkt vor dem kostbaren Schwert stehen. Wieder schaute er nach unten und ließ seinen Blick suchend über den Erdboden schweifen. Von Excali- bur war nichts zu sehen. Genau an der Stelle, wo er seinen blauglitzernden Stahl gesehen hatte, stand ein großer Felsblock. In Gedanken führte er sich noch einmal jenen selt- sam gemaserten, geisterhaften Dunstschleier vor Au- gen, der das Schwert umgeben hatte. Vor den Augen eines Bewohners von Elveron würde dieser Schleier nichts verbergen. Vor den Augen eines Menschen hingegen mußte er wie ein massiver Steinblock er- scheinen! Irgendwo in seinem Innern lag Excalibur, dessen war er sich jetzt völlig sicher! Prüfend ließ er die Hand über den kalten Fels glei- ten. Gwalchmai trat dagegen. Er war steinhart, und sein Fuß, der ja nur in einem weichen Mokassin steckte, schmerzte. Fest und massiv ruhte er da, von, Gras umwuchert, so als hätte er schon seit der Er- schaffung der Erde dort gelegen. Die Ameisenarmee hatte sich nicht weit von ihrem Hügel zu einer breiten Angriffsfront massiert. Gwal- chmai wußte, daß sie nicht erkennen konnten, wie riesengroß er war – keine Ameise konnte je einen Menschen sehen –, aber er wußte auch, daß sie ihn wahrnahmen und sich seiner Anwesenheit bewußt waren. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, daß ihn je- mand anstarrte. Irgend jemand, der ihn haßte, der ihn vernichten wollte. Was auch immer es war – es war ganz in seiner Nähe, das spürte er deutlich, und es war schlechter, böser, gemeiner und zugleich viel ge- duldiger als der Heißhunger der Ameisen. Deren Gier galt allein seinem Fleisch. Sie warteten jetzt, ihr Vormarsch war zum Still- stand gekommen. Gwalchmai wußte, was sie so plötzlich aufgehalten hatte. Die Dwergar waren ihm als kurze, plattleibige We- sen beschrieben worden, die durch den ständigen Aufenthalt in ihrer dunklen Welt fast blind waren. Sie sollten kräftige Leiber haben mit breiten Schultern, an denen riesige Greifarme mit immens starken Klauen hingen, mit denen sie ihre Opfer festhielten und zer- malmten – eine schreckliche Gefahr für alle Lebewe- sen. So wenigstens erschienen sie den Elfen. Wie aber mochten sie in den Augen des Menschen erscheinen? Wenn die Dwergar in Wirklichkeit Ameisen waren – aber Gwalchmai hatte es inzwischen aufgegeben, über Realität und Illusion zu spekulieren –, nun, dann war es in der Tat kein Wunder, daß sie in der Erde, herumwanderten wie Maden durch den Käse! Ameisen leben überall. Eine Ameise muß in der Tat das Gefühl haben, daß sie es ist, die die Erde be- herrscht – wenn man bedenkt, in welch ungeheuer großer Anzahl sie vorkommt. Das größte Menschen- volk der Erde ist kleiner als die Ameisenbevölkerung auf ein paar Hektar Land. Jetzt wurde ihm alles klar. Wenn die Dwergar von Oduarpa unterstützt wurden, dann hatte kein ande- rer als er, der Herr des Dunklen Gesichts, den Plan ausgeheckt, den die Dwergar jetzt gegen die Elfen in die Tat umsetzen würden. Möglich, daß auch Thor seine Hand mit im Spiel hatte, aber daran mochte er nicht so recht glauben. Zwar war er, Gwalchmai, bei Thor in Ungnade ge- fallen, aber das war eine reine persönliche Angele- genheit zwischen den beiden. Er glaubte nicht, daß der Donnergott seine Wut nun gegen das Elfenreich richten würde, bloß weil es ihm für eine Nacht Schutz und Zuflucht gewährt hatte. Bei Oduarpa jedoch la- gen die Dinge anders! Nach allem, was Gwalchmai über Merlins erbittert- sten Gegner – der nun auch seiner war – gehört hatte, verachtete dieser nicht nur das gesamte Menschenge- schlecht, sondern sein glühender Haß galt gleicher- maßen allem, was schön, lieblich, anmutig und frei war. Und wer anders verkörperte dies vollkommener als das Elfenvolk? Es stand gleichsam für all das, wo- für Oduarpa die direkte Antithese war. Thor dagegen war ein ehrlicher, unverblümter, gro- ber und aufrichtiger Hasser. Von ihm schien Elveron nach Gwalchmais Empfinden keine Gefahr zu drohen. Das Schlimme war: Wenn Gwalchmai das Schwert, aus dem Felsblock befreite – wenn er dies überhaupt vermochte, aber ihm blieb keine andere Wahl –, wür- de der Fluch des Eisens aufgehoben, der dieses weite Gebiet des Elfenreiches vergiftet und verbrannt hatte. Und im selben Moment, wo das geschah, konnten die Dwergar-Horden, die dann keine Tunnel mehr brauchten, zu Hunderttausenden ungehindert die Heide durchqueren und Elveron überrennen, voraus- gesetzt, sie schafften es (aber daran zweifelte Gwal- chmai nicht), das durch die schwarze Wolke verdun- kelte Sonnenlicht für eine Weile auszuhalten. Es konnte sogar passieren, daß der Jagdpartie, die durch das tragische Ende von Sir Periton zu einem Trauerzug geworden war und die nun mit gesenkten Köpfen in langsamem Schritt heimwärts strebte, nicht ahnend, in welcher Gefahr sie schwebte, der Weg ab- geschnitten wurde, bevor sie das rettende Schloß er- reicht hatte. Aber es half nichts – Gwalchmai mußte an das Schwert kommen, selbst wenn er die Elfen dadurch in höchste Gefahr brachte. So schrecklich der Anblick des kalt flammenden Stahls auch jetzt noch für die El- fen und ihre Feinde sein mochte, für ihn blieb Excali- bur weiterhin so unsichtbar, wie es seit Jahrhunder- ten schon für alle Menschen war. Er wußte nicht einmal mit Sicherheit, ob das Schwert überhaupt in dem Felsblock steckte. Die Ris- se und Spalten auf der Oberfläche des Steins entspra- chen genau den seltsam geäderten Linien, die er auf dem Dunstschleier zu sehen geglaubt hatte, der das Schwert eingehüllt hatte. Und in dem Maße, wie der Elfenblick bei seiner Wandlung vom Elfen zurück zum Menschen wieder von ihm gewichen war, hatte, sich dieser Dunstschleier wieder zum Stein verdich- tet. Steckte das Schwert wohl noch immer darin? Er streckte vorsichtig den Arm aus und berührte mit dem Ring Merlins den Stein. Es gab ein kurzes Zischen, als ob Luft entwiche. Der Felsblock sackte wie eine angestochene Blase in sich zusammen, und vor seinen Augen lag auf einer polierten Marmorplatte Excalibur, das Schwert König Arthurs. Die Klinge strahlte im funkelnden, sattglänzenden Blau fein getemperten Stahls. Weder die Jahrhunderte noch die Witterung hatten auch nur die geringste Spur an ihr hinterlassen. Ein geheimer Zauber hatte das Schwert geschützt, indem er jegliches Licht von ihm ferngehalten hatte. Auch wenn dieser schützende Schild jetzt ver- schwunden war, so zweifelte Gwalchmai keinen Au- genblick daran, daß das Metall für die Dwergar wie für die Elfen noch immer sichtbar war – in seinem ganzen harten, drohend lodernden Glanz. Er nahm das Schwert in die Hand. Er hatte es kaum von der Erde aufgehoben, als er auch schon sah, wie die Ameisen sich gleichsam wie eine Sturzsee in das vormals verbotene Gebiet ergossen. Über ihnen, etwa auf Kopfhöhe eines Menschen, schwebte eine kleine dunkle Wolke, die sich beständig ausdehnte, wieder zusammenzog, ihre Form veränderte und sich stets so verhielt, daß das Heer der vorrückenden Ameisen ständig im Schutz ihres Schattens war. Unter ihr stürmten die kriegerischen Myriaden voran, ohne je- de Disziplin oder Schlachtordnung, doch stets die Richtung einhaltend, in der der steinerne Hügel – das Elfenschloß – lag., Jetzt hatte er nur noch eine Möglichkeit, seine klei- nen Freunde zu retten. Er ließ die geweihte Klinge des Schwerts mitten durch die formlose Wolke gleiten. Die Wirkung war ungeheuer. Sofort fuhr die Wolke zurück wie eine Zunge, die sich an einer Flamme verbrannt hat. Dann schrumpfte sie in sich zusammen und begann wie irrwitzig im Kreise herumzuwirbeln. Er hörte ein lautes Zischen wie von einer angreifenden Viper. Die Wolke verschwand, und im gleichen Moment prallte das Sonnenlicht ungehindert auf die an die Dunkel- heit der Nacht gewohnten Dwergar. Er hielt die Klinge von Excalibur wie eine Schranke vor das Heer der Angreifer und trieb sie langsam zu ihrer Ameisenhügelstadt zurück. Er vermochte sich deutlich vorzustellen, wie sie jetzt wohl fühlten, als da plötzlich dieser gewaltige Feuerbesen vom Him- mel herabfuhr, der sie mit seiner Glut verbrannte und sie reihenweise zu Kohle verschmoren ließ. Der Ge- danke machte ihn schaudern. »Eine weitere Kerbe für mich im Holz von Oduar- pa und Thor!« murmelte er. Die kleine Wiese, die Elverons weite Grenze um- schlossen hatte, war jetzt leer. Zumindest konnte er nichts mehr entdecken, was sich bewegte. »Lebt wohl, kleine Freunde!« Sorgfältig darauf achtend, wohin er mit seinen Fü- ßen trat, ging er zum Eingang des Grabes zurück. Dann fertigte er sich eine neue Fackel und zündete sie mit Hilfe des magischen Rings an. Der Stein, der den Eingang versperrt hatte, war nicht mehr da. Er fand das jedoch nicht sonderbar, denn er wußte nicht, daß Flann und Thyra ihn an seinen Platz gerollt hatten,, bevor sie fortgegangen waren. Die Grabkammer war seither ungestraft betreten worden. Die Hunde von Annwn wachten nicht mehr vor dem Tor von Elveron, denn jetzt war der Grab- hügel im Besitz der Dwergar, und das Tor hatte sich für immer geschlossen. Gwalchmai konnte keinerlei Anzeichen dafür ent- decken, daß sich irgendeines der häßlichen Biester in der Nähe aufhielt, denn er trug Arthurs Schwert, das in der dunklen Kammer wie ein Signalfeuer leuchte- te. Aber er hatte das unbestimmte Gefühl, von zahl- reichen Augenpaaren beobachtet zu werden, und er war sicher, hier und da ein Flüstern zu hören. Getains Skelett war zu Staub zerfallen. Dies ver- setzte ihn in Erstaunen, denn er hatte sich nur für kurze Zeit in Elveron aufgehalten. Doch als er auf- schaute, fand er sogleich die Erklärung dafür. Direkt über ihm fiel ein gleißender Sonnenstrahl durch ein Loch in der Decke ins Innere der Grabkammer. Durch dieses Loch, das vermutlich durch einen Blitzschlag entstanden war, war Regenwasser in die Kammer getröpfelt, und die Feuchtigkeit hatte bewirkt, daß die uralten Knochen vermodert und schließlich zu Staub zerfallen waren. Sein eigenes Schwert lag noch immer in dem Sarg. Als er es herausheben wollte, löste sich der Griff. Er hob die bronzene Scheide in die Höhe und schüttelte sie. Lediglich ein Häufchen Rost rieselte heraus. Entferntes Donnergrollen ließ die Erde erzittern und hallte wie mürrisches Gekicher in der Grabkam- mer wider. Das erinnerte ihn daran, daß er sich im- mer noch unter den grimmigen Augen Thors befand. Der goldene Halsreif war nicht mehr da. Vielleicht, hatte Thor ihn wieder; vielleicht aber hatte sich auch jemand anders ihn geholt und sich dadurch nun ebenfalls Thors Feindschaft zugezogen. Gwalchmai hoffte nur, daß dieser jemand nicht Corenice hieß! Er fragte sich, wo sie wohl wäre. Vielleicht waren Thyra und Flann auch etwas zu essen holen gegangen; im- merhin war er ja eine ganze Nacht und einen ganzen Tag fortgeblieben. Er bedauerte, daß er so gedanken- los gewesen war, aber wenn er früher wieder fortge- gangen wäre, hätten die Elfen das sicherlich als eine Unhöflichkeit aufgefaßt. Er trat wieder aus der Grabkammer heraus und schaute sich um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Die Sonne schien strahlend hell, und die Bie- nen summten in der Mittagshitze. Im Moment konnte er nichts weiter tun als warten, bis seine Gefährten zurückkehrten. Nicht allzu weit von ihm erhob sich ein Hügel. Wenn er ihn bestieg, hätte er eine gute Aussicht über die ganze Umgebung. Aber wenn er sich jetzt zu weit von der Grabkammer entfernte, verpaßten sie ihn möglicherweise, wenn sie während seiner Abwesenheit zurückkamen, und dann würden sie nicht wissen, wo sie ihn suchen sollten. Er stieg auf den Steinhügel als die nächstliegende Erhebung. Nichts zu sehen. Er blieb noch einen Weile dort stehen und beob- achtete die Umgebung. Schließlich, als er des Wartens und Umherschauens müde war, streckte er sich in dem weichen Gras aus, das dort wuchs, schloß die Augen und schlief ein. »Es waren einmal ein Bauer und seine Frau, die spürten, daß das Unglück gar schwer auf ihnen la-, stete, und manchmal fragten sie sich, ob dies eine Strafe für ihren Stolz war. Sie hatten diesen Stolz in ihrem Land erfahren, und um ihn lebendig zu halten und um dafür Sorge zu tragen, daß der alte Ruhm und Glanz niemals in Ver- gessenheit gerieten, nannten sie dieses Land noch immer Cambria, obwohl fast alle anderen es Wales nannten. Sie waren stolz darauf, daß die Römer es niemals hatten erobern können; daß die Sachsen es nicht geschafft hatten, den Norden an sich zu reißen, wo sie lebten, obwohl König Harald die meisten süd- lichen Grafschaften überrannt hatte. Am stolzesten jedoch waren sie darauf, daß der normannische Er- oberer nicht einmal den Versuch gewagt hatte, ihr Land zu erobern. Zwar hatte sein Sohn, Wilhelm der Zweite, drei Feldzüge gegen sie unternommen und das Land auch für kurze Zeit besetzt gehalten, doch in diesem Jahre des Herrn, 1097, waren seine Armeen unter großen Verlusten zum dritten Male zurückge- schlagen worden, und dies erfüllte sie am meisten mit Stolz. Und wenn sie gewußt hätten, daß es auch in den folgenden zweihundert Jahren nicht erobert werden sollte, dann wäre ihr Stolz ins Grenzenlose gewach- sen – hätte nicht ein schwerer Schicksalsschlag sie er- eilt: Im selben Jahr nämlich brach die Zuchtrute des Schöpfers ihren Stolz, und sie sollten erfahren, was Demut ist. Sie besaßen großen Familienstolz, denn obgleich sie hart arbeiten mußten, um ihr karges Leben zu fristen, kamen sie aus gutem Hause, und daß schlechtere Zeiten über sie hereingebrochen waren, war nicht ih- re Schuld – schuld daran war, wie so oft, der Krieg., Als sie wußten, daß sie nach all den Jahren bitterer Enttäuschungen, zu einer Zeit, da sie schon das Ende all ihrer Hoffnungen gekommen wähnten, endlich doch ein Kind bekommen würden, war die Freude riesengroß, und ihr Stolz wuchs fast ins Unermeßliche. Und Wilhelm sprach zu seinem Weibe Gwyneth: ›Wir sollten nur im Flüstertone darüber reden, sonst kommt sicherlich irgendeine böse Hexe, die uns un- ser Glück mißgönnt, und bringt Unheil über uns und unser Kind.‹ Sein Weib lachte nur, doch insgeheim traf sie alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen, denn sie wußte ge- nau, daß die Welt, so wie wir sie sehen, nur ein Schlachtfeld zwischen Teufeln und Engeln ist. Fortan trug sie um den Hals einen Stein mit einem großen Loch in der Mitte, den sie an einem roten Garnfaden befestigte. An die Fenster hängte sie Hexenkugeln, unter der Türschwelle vergrub sie ein Messer, das mit der Spitze nach außen zeigte, und hinter das Hufei- sen, das über der Tür hing, steckte sie einen Zweig der Eberesche. Um ganz sicherzugehen, trugen beide in ihren Schuhen ein Pergament bei sich, auf dem das Vater- unser geschrieben stand. Groß war ihre Freude, als das Baby, ein Mädchen, nach neun Monaten gesund und ohne Schaden zur Welt kam. Doch um so größer noch war ihr Kummer, als das Kind, da es das Alter erreicht hatte, in dem Kinder sprechen lernen, nicht ein einziges Wort hervorzu- bringen vermochte. Es lag nur da und lächelte und lachte die Sonne an, die durch das Gitterfenster ins Haus hereinschien., Und erst da erkannten sie, daß kein Geist in seinen hellblauen Augen funkelte und daß dieses Kind ge- sandt worden war, ihren Stolz zu brechen, durch den sie sich versündigt hatten. Die Tage und Nächte, die dann folgten, waren hart und schwer. Den Säugling zu einem schönen Kind heranwachsen zu sehen und gleichzeitig zu wissen, daß es nur eine hübsche Hülle ohne Geist und Ver- stand war, schien fürwahr eine allzu große Strafe zu sein. ›Gibt es denn überhaupt nichts, was wir für sie tun können?‹ erkundigte sich Wilhelm. Der Aderlasser, zu dem sie gegangen waren, schüttelte den Kopf und antwortete: ›Liebt sie. Mehr könnt Ihr nicht tun. Ihr dürft Euch keine Vorwürfe machen. Ich habe in den Schriften der Alten davon gelesen, daß es Fälle gegeben hat – wenn auch nur wenige –, wo Menschen geboren wurden, lange leb- ten und niemals eine Seele besaßen. Sicherlich ist Eu- re Tochter eines dieser Fälle. Es ist Gottes Wille, und sicher hat Er Seine Gründe dafür, Gründe, die wir nie verstehen werden.‹ Doch diese Worte vermochten ihnen nur wenig Trost zu spenden, und sie kehrten weinend in ihr Haus zurück. Fortan waren all ihr Stolz und all ihr Lebensmut gebrochen. Und als das Kind drei Jahre alt war – wenngleich es noch immer keinen Verstand in sich hatte –, gesund, munter und fröhlich zu sein schien, trat eine Wende zum Besseren ein. Bis zu jener Zeit hatte es noch keinen richtigen Namen bekommen. Zwar riefen es die Eltern immer ›Kindchen‹, ›kleines Liebchen‹ oder ›Herzchen‹, aber, gemäß eines alten Familienbrauches hatten sie gelobt, ihm das erste Wort, das es hervorbrächte, zum Na- men zu geben; doch es hatte noch nie auch nur ein Wort gesprochen. Eines Tages, als das Fenster gerade offenstand, kam ein Rabe herbeigeflogen, setzte sich auf das Fenster- brett, legte den Kopf schief und krächzte laut in den Raum hinein, wobei er ständig auf dem Fensterbrett hin und her hüpfte. Und in dem Moment, da der Blick des Kindes auf den Raben fiel, blitzte plötzlich ein Licht des Verste- hens in seinen Augen auf. Es richtete sich in seinem Weidenkorb auf, reckte stolz seinen Kopf empor und starrte den Raben an. Dann drehte es sich um, schaute seine Eltern an, hob das Händchen, zeigte mit dem Finger auf sich und versuchte, die Stimme des Vogels nachzumachen ›Kro! Kro! Cor-ne!‹ Da ihre Tochter nun ihr erstes Wort hervorgebracht hatte, waren die Eltern wohl ober übel an ihren Schwur gebunden; doch da dieses seltsame Wort auch nicht im entferntesten irgendeinem bekannten Namen ähnelte, weder für einen Knaben noch für ein Mädchen, bedauerten sie sehr, daß sie so voreilig be- schlossen hatten, an der Familientradition festzuhal- ten. Noch am selben Tag schien sich in dem Mädchen eine seltsame Wandlung zu vollziehen. Fast hätte man glauben können, es habe den Kummer seiner Eltern verstanden und bemühe sich nun, sie zu trö- sten. Wieder und wieder zeigte es auf sich und rief dabei: ›Nikky! Nikky!‹ Und so hatte es schließlich doch noch einen Na- men, den es selbst gewählt hatte. Zwar war die Mut-, ter auch von diesem Namen nicht sonderlich begei- stert, aber der Vater tröstete sie mit den Worten: ›Es ist doch sicherlich etwas Besonderes, daß wir die ein- zigen weit und breit sind, die ein Mädchen mit Na- men Nikky haben, besonders, wo es doch überhaupt kein cambrischer Name ist!‹ Das Mädchen wuchs zu einer jungen, schönen Frau mit dunkler Haut und dunklen Haaren heran, und die Verehrer ließen nicht lange auf sich warten, doch sie widerstand allem Werben. Sie hielt sich immer in der Nähe ihrer Eltern auf und erwiderte stets freundlich die Zuneigung, die diese ihr entgegenbrachten. Um so unfaßbarer war es, daß sie eines Nachts, kurz vor ihrem siebzehnten Ge- burtstag, mutterseelenallein das Haus nur mit einem Mantel und einem kleinen Proviantkorb verließ. Sie verschwand, und keiner wußte, wohin sie ge- gangen war. Obwohl die Eltern arme Leute waren und kein Geld zum Reisen besaßen, suchten sie ihre verlorene Tochter landauf und landab – ohne jeden Erfolg. Sie war und blieb unauffindbar. Schließlich kehrten sie heim, ohne die geringste Spur ihrer Tochter entdeckt zu haben. Wohin sie auch gegangen sein mochte – sie war in aller Eile aufgebro- chen, und sie mußte sehr weit fortgelaufen sein. Vielleicht kehrte sie eines Tages wie Kilmeny aus dem Märchenland zurück, ohne zu wissen, wo sie gewesen oder wie lange sie fortgewesen war. Der Bauer und seine Frau ahnten dunkel, daß sie dies jedoch nicht mehr erleben würden. Der Vater verging geradezu vor Gram und war untröstlich, die Mutter aber sagte: ›Ich fühle tief in, meinem Herzen, daß sie wohlauf und glücklich ist. Wir können nun nichts mehr für sie tun. Ich habe schon mehrmals den höchst seltsamen Gedanken ge- habt, daß sie vielleicht niemals richtig uns gehört hat. Sie kam nur zu uns, um eine Weile bei uns zu leben und um uns die Möglichkeit zu geben, ihr unsere Liebe zu schenken, weil wir so einsam waren. Und nun ist für sie die Zeit gekommen, wo sie uns wieder verlassen mußte und dorthin zurückging, wo sie einst herkam.‹ Und damit fand die Geschichte ihr Ende, denn sie sahen ihre Tochter niemals wieder.« Aus Singular Happenings in Denbigshire – from the Earliest Times to the Present Day. Gesammelt und mit Anmerkungen versehen von Pfarrer Evan Jones, Ludley Press, 1747 Humbert, Graf von Monteran, Oberlehnsherr über vierundzwanzig Rittergüter, besaß große Ländereien im Westen Englands, direkt an der Grenze zu Wales. Er verspürte wenig Lust, sich Scherereien aufzu- halsen, und wünschte sich nichts sehnlicher, als mit dem Wespennest Harlech, das an den Südwesten sei- nes Gebietes grenzte, in Frieden zu leben. Aus diesem Grund hatte er sich auch, so gut er konnte, in weiser Voraussicht bei den Feldzügen zu- rückgehalten. Seinem Lehnsherrn, dem Marschall von England, hatte er seinerzeit lediglich eine kleine Truppe unterstellt, die nicht viel mehr als symboli- schen Charakter besaß. Einige kritisierten ihn deswegen. Hätte er sich loyaler verhalten, so argumentierten sie, dann hätte er, sein Gebiet vergrößern können, und sie selbst hätten sich ebenfalls bereichern können, wenn sie ihren An- teil davon abbekommen hätten. Sein Seneschall Odo der Schwarze Keiler, den alle fürchteten, war einer von denen, die so sprachen. Nichts ärgerte ihn mehr als sein schmaler Geldbeutel, denn er war von nicht minder hoher Herkunft als sein Herr, der Graf, und er träumte ständig von Ruhm und Ehre und Ländereien und davon, daß er mindestens den Titel eines Barons besäße. Um sich diese Träume zu erfüllen, brauchte er Geld, das wußte er. Und da er nicht im geringsten an seiner Tapferkeit und seinen Fähigkeiten als General zweifelte, ritt er eines schönen Tages an der Spitze eines Trupps von zwölf Mann aus Graf Humberts Burghof hinaus und bestieg mitsamt seinen Pferden ein Schiff, das in der Deemündung lag. Sie segelten die breite Mündung hinab und hielten dabei ständig Ausschau nach einem Ort, den sie möglichst gefahrlos überfallen und plündern konn- ten, doch sobald sie irgendwo auftauchten, war die Bevölkerung schon längst durch Signalfeuer gewarnt, und mehr als einmal mußten sie schleunigst die Flucht ergreifen, als ihnen mit Bogenschützen be- mannte Boote entgegenkamen und ihnen einen wenig freundlichen Empfang bereiteten. Von da an hielten sie sich in sicherer Entfernung vom Ufer und segelten weiter die Küste entlang, bis sie keinen Rauch mehr aus den Küstenhügeln empor- steigen sahen. Um ganz sicherzugehen, fuhren sie noch ein paar Meilen weiter und landeten schließlich in einer kleinen, verdeckten Bucht., Nachdem sie Caer-yn-arfon und den größten Teil von Anglesea hinter sich gelassen hatten, wähnten sie sich unbeobachtet und in Sicherheit. Sie ritten durch die Hügel und hielten ständig nach einem Kloster oder einer Abtei Ausschau, die es viel- leicht lieber vorgezogen hätten, einen saftigen Tribut zu zahlen als den roten Hahn auf das Dach gesetzt zu bekommen, aber sosehr sie auch suchten, sie fanden nicht einmal eine kleine Kirche, die sie hätten ausrau- ben oder in Brand stecken können. Der einzige Mensch, der ihnen unterwegs begegnete, war ein al- ter Schäfer, der seine Herde hütete. Aus Angst, er könne ihre Anwesenheit verraten, tötete Odo ihn kurzerhand mit dem Schwert, und da sie keine Verwendung für die Schafe hatten, spreng- ten sie in die Herde und schlachteten die wehrlosen Tiere wahllos mit ihren Schwertern ab, bis sie müde waren und die überlebenden Schafe sich zerstreut hatten. Danach war ihre Wut ein wenig verraucht, und sie ritten weiter. Nachdem sie eine Weile geritten waren, erblickten sie nicht weit von ihnen eine junge Frau, die schnel- len Schritts ihres Weges ging. Sie lief leichtfüßig vor- an, und sie schlossen daraus, daß sie hübsch war. »Und wenn nicht«, schrie der Schwarze Keiler und stieß dabei ein grimmiges Lachen aus, »dann soll uns das auch nicht stören! Nachts sind alle Katzen grau, und unter Deck ist immer Nacht!« Und also ritten sie in ihre Richtung. Sie trug nur einen kleinen Korb bei sich, und als sie das Hufgetrappel hörte und die Männer sah, die da grölend und lachend auf sie zugesprengt kamen, ließ, sie ihn fallen, entledigte sich blitzschnell ihres Man- tels, raffte ihren Rock über den Knien zusammen und fing an zu rennen. In dem sicheren Gefühl, daß das Wild ihnen nicht mehr entrinnen konnte, stießen die Kerle ein wildes Triumphgeheul aus und ritten lachend und grölend, ohne sich sonderlich zu beeilen, hinter ihr her. Offen- bar machte es ihnen einen Heidenspaß, die Jagd, de- ren Ausgang schon feststand, noch ein wenig zu ver- längern und sich an der Angst ihres Opfers zu wei- den. Die Frau flog dahin wie ein junges Reh. Ihre weiß schimmernden Beine blitzten durch das hohe Gras der kleinen Wiese, die sie jetzt erreicht hatte. Doch nicht lange, und sie begann zu ermüden. Ihre Schritte wurden kürzer und unregelmäßiger, und mehrmals wäre sie fast gestrauchelt. Am Ende der Wiese erhob sich ein Hügel. Auf die- sen schien sie jetzt zuzurennen. Kaum hatten die Männer ihre Absicht erkannt, als sie auch schon aus- schwärmten, um ihr den Weg abzuschneiden. Als die Frau merkte, daß ihr der Weg zu dieser ohnehin recht fragwürdigen Zuflucht versperrt war, schrie sie ver- zweifelt etwas in einer Sprache, die die Männer noch nie gehört hatten, wandte sich um und rannte mit all der ihr noch verbliebenen Kraft auf eine kleine Erhe- bung in der Mitte der Wiese zu. Dort angekommen, warf sie sich flach auf die Erde, so als hoffte sie, das hohe Gras würde sie vor den Männern verbergen. Die Normannen sprangen von ihren Pferden und umstellten die Anhöhe. Dann rückten sie langsam vor, mit gezückten Schwertern. Immer enger zog sich, die Schlinge zu, in der das Opfer gefangen war. Ob- szöne Witze grölend kamen sie näher; einige entle- digten sich schon ihrer Kettenhemden und ließen Helme und Gürtel zu Boden gleiten. Der schwarzbärtige Odo kam als erster auf die An- höhe. Als er das halbnackt im Gras kauernde und vor Angst zitternde Mädchen erblickte, blitzten seine kleinen Schweinsaugen vor Gier und Wollust auf. Um so verblüffter war er, als plötzlich ein Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte, direkt neben dem Mädchen aus dem Gras aufstand, ein gezücktes Schwert in der Hand. Der Mann war großgewachsen und ganz in bunt- gesticktes Leder gekleidet. Er war weder stämmig noch beleibt wie die meisten seiner Spießgesellen, sondern machte eher einen drahtigen Eindruck. Seine ärmellose Lederweste gab den Blick auf seine sehni- gen, muskelbepackten Arme frei. Odo hatte nur Bruchteile von Sekunden Zeit, dies zu erkennen. Er stieß einen wilden Schrei aus, und seine Hand zuckte zum Schwert. Er hatte die Klinge noch nicht halb aus der Scheide heraus, da rollte schon sein Kopf den Hügel hinunter, und sein Körper schlug mit ei- nem dumpfen Aufprall auf dem weichen Wiesenbo- den auf. Einer seiner Spießgesellen, der inzwischen auf der anderen Seite am oberen Rand der Anhöhe aufgetaucht war, sah dies. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Maul starrte er auf die bluttrie- fende Klinge des Fremden, und ehe er begriffen hatte, was geschehen war, hatte er schon das Schicksal sei- nes Herrn geteilt. Gwalchmai – der Fremde war natürlich kein ande- rer als er – hob rasch das fremde Mädchen auf, das, beim Aufwachen anstelle von Thyra neben ihm gele- gen hatte, packte es sich kurzentschlossen über die Schulter und rannte leichtfüßig durch die Schneise davon, die er sich selbst mit seinem Schwert geschla- gen hatte. Der nahe gelegene Hügel war für den Augenblick erst einmal die sicherste Zuflucht. Als er gerade hin- aufklettern wollte, begann das Mädchen auf seiner Schulter zu strampeln, und er setzte es ab. Es war ein hübsches Mädchen. Seine wütend funkelnden Augen machten es nur noch hübscher. Es war wirklich von einer auffallenden, dunklen Schönheit. Nicht zu ver- gleichen mit Thyra oder Corenice, dachte er, aber in der Tat hübsch anzuschauen! Schade nur, daß es den Charme einer Stechmücke hatte und sich nicht im ge- ringsten dankbar zeigte! »Laß mich gefälligst los!« schnappte die junge Frau bissig. »Ich komme auch allein zurecht!« »Na schön, dann tu es doch!« knurrte er beleidigt, und dann stiegen sie nebeneinander den Hügel hin- auf, verfolgt von den übrigen Normannen, die in An- betracht der prallen Mittagssonne mit ihren Rüstun- gen und schweren Waffen mächtig ins Schwitzen ge- rieten. Während ihres Anstiegs mußten sie über eine ver- fallene Mauer klettern, und als sie oben ankamen, stießen sie auf Spuren von noch weit älterem Mauer- werk, das offenbar einst zu einem Ringwall gehört hatte. Es sah aus, als wäre es irgendwann einmal ge- waltiger Hitze ausgesetzt gewesen, denn an manchen Stellen war die Befestigungsmauer regelrecht zu einer glasigen Masse zusammengeschmolzen. Sie hatten weder Zeit, das Ganze einmal etwas nä-, her in Augenschein zu nehmen, noch irgendwelche Vermutungen über den Grund dieses seltsamen Phä- nomens anzustellen, denn die Verfolger waren bereits dichtauf. Das Tor der uralten Befestigungsanlage war durch heruntergefallene Steine und Schutt so stark zuge- schüttet, daß nur noch ein enger Durchschlupf ge- blieben war. Vor diesen Durchschlupf postierten sich die beiden jetzt. Zu beiden Seiten waren sie durch das verfallene Mauerwerk geschützt, im Rücken jedoch ohne jede Deckung. Und nun bewies Excalibur, daß es während all der langen Jahre, die es auf eine starke Hand gewartet hatte, nichts von seiner alten Schärfe eingebüßt hatte. Schädel um Schädel – ganz gleich, ob behelmt oder bloß – zersplitterte unter seinem gleißenden Stahl. Wie ein lodernder Blitz stieß es immer wieder herab, und ein Verfolger nach dem andern sank stöhnend in seinem Blute zusammen. Weitere Krieger stürmten, wilde Verwünschungen ausstoßend, gegen ihn an, doch auch ihnen erging es nicht anders als ihren Vor- gängern. Nikky – wer anders sollte dieses seltsame Mädchen sein – kämpfte tapfer wie eine Löwin an seiner Seite. Als einer der Männer über die Mauer sprang und versuchte, ihnen in den Rücken zu fallen, bückte sie sich blitzschnell nach einem am Boden lie- genden Normannenschwert und stieß es ihm in die Kehle. Rücken an Rücken stehend erwarteten sie den nächsten Angriff, doch für den Augenblick wagte keiner der Unholde mehr, sich dem Tor zu nähern. Nur vier von ihnen waren übriggeblieben. Diese zogen sich zunächst einmal hinter den unteren Mau-, erring zurück und hielten Kriegsrat. Unten auf der Wiese standen ihre Pferde und grasten. Als ein paar von ihnen – offensichtlich hatten die Männer verges- sen, sie anzubinden – jetzt langsam auf und davon trabten, um nach fetteren Weidegründen zu suchen, stellte sich ein plötzlicher Sinneswandel bei dem kläglichen Überrest von Odos stolzer Räuberhorde ein. Offenbar war ihnen klargeworden, daß es für sie außer blutigen Nasen hier nichts mehr zu holen gab. Sie fingen sich vier der frei herumlaufenden Pferde, schnappten sich zwei weitere, die gerade in ihrer Nä- he grasten, bei den Zügeln und ritten zurück in die Richtung, wo sie ihr Schiff zurückgelassen hatten. Die übrigen Pferde ließen sie zurück. Als sie die Hügel erreichten, wurden sie unweit der Stelle, wo der ermordete Schäfer lag, aus dem Hin- terhalt überfallen und getötet, und der gute Graf Humbert rätselte noch viele Jahre darüber nach, was wohl aus seinem Seneschall, seinen zwölf spurlos verschwundenen Männern und dem gestohlenen Schiff geworden sein mochte. Noch eine ganze Weile verharrten Gwalchmai und das Mädchen in gespannter Erwartung eines neuen Angriffs in ihrer Stellung an dem verfallenen Tor. Je- den Moment rechneten sie damit, daß die Räuber plötzlich wieder auf sie losstürmten; denn sie hatten deren Verschwinden von ihrer Stellung aus nicht se- hen können. Gwalchmai bekam langsam Hunger, aber es war weit und breit nichts Eßbares zu entdek- ken. Außerdem verspürte er brennenden Durst. Und, Wasser gab es reichlich; denn nicht weit von ihnen, exakt in der Mitte der Ruine, befand sich ein Wasser- becken, das wohl von den Verteidigern der Festung für den Fall der Belagerung einst gebaut worden war. Es bestand aus einer flachen, breiten Vertiefung, die mit einer Tonschicht bedeckt war. Darüber hatte man eine Schicht Stroh gedeckt, darauf eine weitere Lage Ton, und das Ganze hatte man festgestampft und anschließend geglättet. Und da ja keine Luft, und mag sie noch so heiß sein, jemals völlig trocken ist, bewirkte diese kühle Schicht, daß sich die in ihr ent- haltene Feuchtigkeit zunächst als Tau niederschlug, danach zu Tropfen kondensierte, die nach unten ab- flossen und schließlich das Becken mit klarem Wasser füllten. Diese kluge Vorrichtung, die auf nichts anderem beruhte als auf einem einfachen Gesetz der Physik, hatte schon so manches auf einem Hügel gelegene Fort zur Verblüffung der Angreifer lange Belagerun- gen überstehen lassen. Und jetzt kam sie nach so lan- ger Zeit noch einmal zu Ehren, indem sie unseren hart bedrängten Helden den Durst löschte. Dies schien aber schon das einzige Vergnügen zu sein, das die beiden miteinander teilten. Das Mäd- chen hielt den Blick weiterhin standhaft von seinem Retter abgewandt. Außerdem hatte es angriffslustig das Kinn vorgestreckt, als wäre es wütend über ir- gend etwas. Gwalchmai fragte sich mehrmals, was es wohl zu dieser ablehnenden Haltung veranlaßte, aber er fand beim besten Willen keine Erklärung. Fast hätte man glauben können, seine Gefährtin bedauerte geradezu, von ihm gerettet worden zu sein. Wer weiß, vielleicht fürchtete es sich vor ihm., Vielleicht hatte das Mädchen es ja sogar darauf an- gelegt, von den Männern eingefangen zu werden – so etwas sollte ja schon vorgekommen sein! Vielleicht war es bloß davongerannt, damit die Männer ihm hinterherliefen! In seiner Heimat hatte er Mädchen kennengelernt, die geradezu darauf hofften, von Männern gejagt zu werden. Vielleicht war so etwas auch in diesem Volk Brauch. Dagegen sprach jedoch, daß sie einen der Männer getötet hatte. Ein wenig mißtrauisch näherte er sich dem Mäd- chen. Sofort drehte es ihm den Rücken zu und blickte starr geradeaus auf die Wiese. »Sollen wir hinuntergehen und ein Pferd für dich holen?« fragte er vorsichtig. »Ich muß hierbleiben, da ich Freunde erwarte.« »Mach, was du willst!« erwiderte sie teilnahmslos. »Ich weiß ohnehin nicht, wohin ich gehen soll. Mir ist alles einerlei.« »Hast du denn keine Freunde? Wohin wolltest du denn überhaupt?« »Ich dachte einmal, ich hätte einen Freund. Es ist schon sehr, sehr lange her. Aber offensichtlich habe ich mich in ihm getäuscht. Er hat mich belogen, und jetzt habe ich keinen mehr.« »Dann bleib bei mir. Du kannst mit uns zusammen weiterziehen, wenn meine Freunde wieder da sind. Ich gehe jetzt mal nach unten und schaue nach, ob ei- ner von den Toten vielleicht etwas zu essen bei sich trägt.« »Nein!« rief sie und streckte den Arm vor, um ihn zurückzuhalten. Und gleich darauf, wieder in ruhige- rem Ton, so als hätte sie sich eines Besseren beson-, nen: »Gut – wenn du willst, dann sieh nach. Aber sei auf der Hut. Vielleicht lebt noch einer von ihnen, oder die anderen kommen plötzlich wieder zurück!« Er lächelte. »Wen ich mit dieser Klinge hier zu Bo- den gestreckt habe, der lebt nicht mehr, darauf kannst du dich verlassen!« Fast liebevoll strich er über den blitzenden Stahl von Excalibur. »Ein solches Schwert wie dieses gibt es kein zweitesmal. Ich wünschte, es gehörte mir!« Er durchsuchte die Taschen der Gefallenen und nahm alles an sich, was sie bei sich führten. Es war nicht gerade viel: ein wenig getrocknetes Fleisch; et- was Weizenbrot, welches er noch nie zuvor gekostet hatte; außerdem ein kleiner Topf Honig – der Soldat, der ihn bei sich getragen hatte, war offenbar ein Lek- kermäulchen gewesen. Nachdem sie gemeinsam ihr spärliches Mahl ver- zehrt hatten, machten sie es sich bequem. Schweigend saßen sie da und hingen ihren Gedanken nach. Gwal- chmai begann sich allmählich Sorgen zu machen. Bald würde es dunkel, und Thyra und Flann waren immer noch nicht zurück. Wo mochten sie bloß stek- ken? Je früher sie zurückkamen, desto eher würde er endlich wieder mit jemand sprechen können. Dieses schlechtgelaunte, dumpf vor sich hinbrütende Mäd- chen neben ihm war nicht gerade ein besonders red- seliger Partner. Er selbst war auch nicht sehr gesprä- chig, aber diese stumme Mißachtung seiner Person ärgerte ihn einfach. Er war zwar nicht übermäßig ei- tel, aber daß man ihn so einfach ignorierte, paßte ihm auch nicht. »Dieser Freund, von dem du erzählt hast – war er dein Geliebter?«, Sie starrte ihn verständnislos an, und im ersten Augenblick dachte er schon, sie würde ihm gar nicht antworten. Dann hob sie den Blick, schaute eine Weile versonnen über seinen Kopf hinweg in die Fer- ne und sagte schließlich so leise, daß er es kaum hö- ren konnte: »Zuerst war er mein Freund, dann mein Geliebter – und schließlich mein Gemahl.« »Ist er tot?« »Ich sagte dir doch bereits: Er war treulos und ließ mich im Stich.« »Vielleicht erlag er großen Anfechtungen und ist nun untröstlich darüber, daß du ihn verlassen hast. Warum gehst du nicht zu ihm zurück und wirfst dich in seine schützenden Arme? Kannst du ihm denn nicht verzeihen?« Sie senkte den Kopf. Er konnte ihre Augen nicht mehr sehen, aber irgendwie kam es ihm plötzlich so vor, als wolle sie ihn auf den Arm nehmen. »Ich habe ihn niemals verlassen. Es war vielmehr er, der mich im Stich ließ und sich schamlos mit einer anderen amüsierte.« »Wirst du jetzt zu ihm gehen?« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn er mich wiederha- ben will, dann muß er zu mir kommen.« Damit hatte sie sich selbst in eine Sackgasse manö- vriert. Aus diesem Dilemma schien es keinen Ausweg zu geben. Es sah ganz so aus, als hätte er sie jetzt auf dem Hals. Lange Zeit saßen sie schweigend neben- einander. Er suchte fieberhaft nach einem anderen Ge- sprächsthema. Dabei fiel sein Blick auf das seltsam zerschmolzene Mauerwerk der Festung, das schon beim Anstieg auf den Hügel seine Aufmerksamkeit, erregt hatte. Er stieß sie an und zeigte darauf. »Wie mag das wohl entstanden sein? Was könnte nur eine solch schreckliche – eine solch gewaltige Hitze erzeugt haben?« Sie schien mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein. Geistesabwesend starrte sie auf den Schlacken- haufen. »Oh, du meinst das dort? Das ist eine unserer zu Glas geschmolzenen Festungen. Vor Urzeiten stahlen einmal die Corialcer ein paar von unseren Dyro-Ladern und schossen damit mehrere unserer Schwanenschiffe ab. Als sich daraufhin die ganze Nation zu einer be- waffneten Rebellion erhob, schickte Atlantis eine Flotte Vimanas, und die Strahlen unserer Schiffe zer- störten ihre Festungen und zerschmolzen ihre Mau- ern zu Glas. Sie waren sehr tollkühn – eines Tages mußte es so kommen!« Erst jetzt schien ihr klarzuwerden, was sie da re- dete, und sie schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Im gleichen Moment begann sie schallend zu lachen, und ihre Augen leuchteten schelmenhaft wie bei einem Kind, das seinen Eltern einen Streich ge- spielt hat. Gwalchmai hatte vor Verblüffung glatt vergessen, seinen Mund zu schließen. Als er den ersten Schreck überwunden hatte, packte er sie bei den Schultern und schüttelte sie. »Corenice!« »Du Dummkopf!« rief sie und bedeckte sein Ge- sicht mit Küssen. Doch gleich darauf stieß sie ihn wieder von sich und zog ein Gesicht, so als wäre sie noch immer nicht ganz wieder versöhnt. »Ich sollte dich ruhig noch ein bißchen schmoren lassen, du treuloser Herumtreiber!«, »Moment mal!« protestierte er. »Wenn du glaubst, ich hätte dich hintergangen, dann irrst du dich! Wo warst du überhaupt während der letzten Nacht? Wo sind Flann und Thyra? Und was machst du über- haupt in diesem fremden Körper?« »Ich werde dir alles schön der Reihenfolge nach beantworten, wenn du mir vorher eine bestimmte Frage beantwortest. Du sagst, du seist mir treu gewe- sen. Und was war mit Cyrene, der kleinen hübschen Nixe? Meinst du etwa, ich wüßte nicht, was du in El- veron getrieben hast?« »Ich schwöre dir, Corenice, wenn irgend etwas passiert ist, das nicht hätte passieren dürfen, dann lag es bestimmt nicht an mir. Ich war von dem Wein- dunst ganz besäuselt, aber ich habe nichts gegessen oder getrunken, obwohl die Elfen mich bestimmt schon für einen unhöflichen Flegel gehalten haben. Und was die Nixe angeht, die du da als Beweis ins Feld führen willst – dieses kleine Biest hat mich stän- dig geneckt und auf den Arm genommen, genau wie du. Moment mal – warst du das etwa, Corenice? Hast du etwa an dem Bankett teilgenommen? Du verflixter kleiner Pukwudjee! Du warst die Nixe!« Ihre Schultern bebten im Griff seiner Hände. Dann konnte sie nicht mehr an sich halten. Ein solch herz- haftes Lachen schüttelte ihren Körper, daß ihr die Tränen aus den Augen liefen und sie nach Luft ringen mußte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich von dem Lachanfall erholt hatte und wieder sprechen konnte. »So, du hast also nichts gegessen oder getrunken! Und was war mit dem Tropfen Ebereschenwein, den du dir von der Lippe geleckt hast? Hast du vergessen,, was Merlin dir aufgetragen hatte? So, und jetzt sage ich dir, wo ich in jener Nacht war, die du im Elfen- reich verbracht hast. Ich bin nicht umsonst die einzige noch lebende Anbeterin des Geistes der Woge. Hin und wieder erweisen wir uns nämlich gegenseitig kleine Gefälligkeiten! Dadurch, daß sie ihre guten Verbindungen zu den Elfen spielen ließ, wurde ich ganz offiziell zu dem Bankett eingeladen und konnte so ohne Schwierig- keiten dorthin gelangen. Den größten Teil der Nacht verbrachte ich in deinem – in unserem Bett! Du bist doch schließlich mein Gemahl, oder nicht? Seltsam, daß du mich nicht erkannt hast! Habe ich dir nicht einmal vor langer Zeit gesagt, du würdest mich, egal in welcher Gestalt ich dir auch gerade er- schiene, immer am Gold erkennen? Dir hätte doch das Gold an meinem Gewande bekannt vorkommen müssen!« »Das war so wenig, und ich hatte doch bloß Augen für dich! Corenice, es war nicht anständig von dir, mit einem solchen Kleid herumzulaufen!« »Dir scheint es jedenfalls nicht schlecht gefallen zu haben«, meinte sie schnippisch. »Halt! Faß mich nicht an! Ich bin noch immer böse auf dich. Erstens, weil du diesen Tropfen Wein getrunken hast, obwohl du genau wußtest, daß du das nicht durftest, und zwei- tens, weil du mich nicht erkanntest, obwohl ich fast die ganze Nacht mit dir zusammen war; und drittens, weil ich nicht so lange bleiben konnte wie du. Ich mußte nämlich zusehen, daß ich schnell wieder zu- rückkam. Der Körper einer Nixe vertrocknet nämlich und löst sich auf, wenn sie sich zu lange außerhalb des Wassers aufhält. Und so kam ich denn zurück in, die Welt der Menschen. Und während ich hier auf dich wartete, sind Flann und Thyra zusammen alt geworden und gestorben, und ihre Kinder und Kin- deskinder ebenfalls. Die Sachsen, gegen die du kämpfen wolltest, sind längst besiegt, und ein anderes Volk ist an ihre Stelle getreten und herrscht jetzt über Angleland. Wenn du das Schwert deines alten Königs zurückbringen willst, mußt du zuerst durch Cambria, welches frei ist, von dort aus nach Damnonia, das von den neuen Herren beherrscht wird, und schließlich von dort aus bis zur Grenze des versunkenen Lyonesse – es sei denn, du hast vor, den Seeweg zu wählen. Sicher möchtest du allein gehen, nachdem du es ja schon geschafft hast, mich mehr als hundert Jahre hier sitzenzulassen! Während du dich in Elveron ver- gnügtest, mußte ich hier auf dich warten und mein Leben in den Körpern fremder Männer fristen!« Gwalchmai knirschte wütend mit den Zähnen. »Hör zu, Weib! Jetzt ist es aber genug! Willst du, daß mir der Kragen platzt! Du legst es wohl darauf an, Prügel zu bekommen? Wenn du noch ein Wort von Elveron sagst, dann gehe ich sofort hinunter und schneide mir eine kräftige Weidenrute!« Sie trat ein paar Schritte zurück. »Na schön, ich sag' nichts mehr davon. Aber eins sollst du noch wissen, bevor ich den Mund zumache – wenn du mich hättest ausreden lassen, dann hätte ich dir gesagt, daß dieser Körper mein eigener ist und daß ich ihn mit niemand zu teilen brauche – und daß ich damit tun kann, was ich will!« »Du bist also noch immer wütend auf mich? Du meinst, ich hätte dich sofort erkennen müssen? Du –, mit deiner dunklen Haut und deinem dunklen Haar! Du – du Wechselbalg!« »Oh! Ich gefalle dir in dieser Gestalt nicht? Wäre dir vielleicht eine Ratte lieber? Oder eine Spinne? Warte nur – ich verwandle mich auf der Stelle in eine Kröte; vielleicht ist das mehr dein Fall.« »Wehe! Wenn du das tust, passiert etwas Schreckli- ches! Das schwöre ich dir! Außerdem – hast du nicht gesagt, ich könnte dich am Gold erkennen? Ich sehe aber keines!« Anstelle einer Antwort öffnete sie langsam ihr Kleid und schlug es über die Schultern zurück. Und siehe da – um ihren schlanken Oberkörper, direkt unter ihren herrlich geformten Brüsten, hatte sie Thors goldenen Reif geschlungen. Sie lachte. Und wieder war da der süße Klang goldener Glöckchen, der ihn schon immer in seinen Bann geschlagen hatte. »Komm und hol ihn dir, wenn du willst!« Und ehe er sich's versah, begann sie zu rennen. Aber es war schon fast dunkel, und sie rannte nicht sehr schnell – und nicht sehr weit.,

König einst und König der Zukunft

Eng umschlungen lagen sie auf einem Lager aus wei- chem Farnkraut. Es war ein wunderschöner Morgen, und die Sonne schien warm auf die alte Festung. Kleine Wölkchen schwammen am Himmel wie Ro- senblüten in einer umgestülpten Schale von kristall- klarem Blau, und ein leiser Windhauch streichelte sanft das süß duftende Gras. Ein solcher Tag war nicht geschaffen für Hast und schnelle Entscheidun- gen. Sie küßten sich zärtlich, schauten sich tief in die Augen und liebten sich. Nach einer Weile versanken sie wieder in einen er- quickenden Schlummer, und als sie aufwachten, blie- ben sie noch eine Zeit liegen und sprachen miteinan- der. Gwalchmai hatte das Gefühl, daß es noch eine gan- ze Weile dauern würde, bis er sich an das neue Aus- sehen seiner Liebsten gewöhnt hätte. Doch als er ihr Gesicht eingehend betrachtete, erkannte er darin et- was von der alten Corenice wieder. In den Zügen die- ser jungen Frau lag unbestreitbar etwas von dem Ausdruck der Persönlichkeit Corenices, wie er es auch schon bei Thyra gesehen hatte. Sie hatte dunkles Haar; ihre Haut war dunkler als die von Thyra, und sie war kleiner als diese. Zwar hatte er von der echten Corenice aus Fleisch und Blut nur ein dreidimensionales, noch zu Lebzeiten aufge- nommenes Bild gesehen, aber sie hatte ihm versi- chert, die Statue, die sie bewohnt hatte, während sie, auf dem Schwanenschiff aus Atlantis gefangen war, sei eine exakte Nachbildung ihres Körpers gewesen. Diese Statue – ein tatsächlich fühlendes Wesen, das aus jenem wunderbaren Sternenmetall Orichalcum bestanden hatte, war fürwahr von unübertrefflicher Schönheit gewesen. Auch Thyra war schon auf ihre Weise schön gewesen, doch war sie noch schöner und anmutiger geworden, als ihr Leib den Geist Corenices beherbergt hatte. Auch in Gestalt eines Schwans oder einer Robbe hatte Corenice jeweils die Schönsten ihrer Gattung verkörpert. Und nun sah er diese Person, die jetzt sein Weib war, erneut in einer anderen Gestalt vor sich, doch auch sie war sosehr Corenice wie schon all die anderen, die er vorher gesehen hatte. So, wie sie sich ihm in ihrer gegenwärtigen Er- scheinungsform darstellte, entdeckte er plötzlich ei- nen ganz neuen Charakterzug an ihr, der ihm bisher verborgen geblieben war. Hatte er sie bis jetzt in er- ster Linie als eine entschlossene, stets treu und stand- haft zu ihren Prinzipien und Versprechen stehende Kämpferin gekannt, als eine tapfere Mitstreiterin und Weggefährtin, die sich stets für die Bedrängten ein- setzte, so hatte er sie jetzt als ein lustiges, verspieltes, neckisches Mädchen kennengelernt. Er selbst war von Natur aus eher ernst und schweigsam, und manchmal neigte er zu einer gewis- sen Heftigkeit, die sich in bestimmten Situationen zu barscher Überheblichkeit steigern konnte. Oft gelang es ihm nur mit Mühe, sich zu beherrschen. Corenice verkörperte indessen genau das Gegen- teil; sie brachte exakt jene Eigenschaften mit, die sein schwieriger CharakteralsAusgleich brauchte. Ein, wirklicher Glücksfall! Er hoffte nur, daß diese voll- kommene gegenseitige Ergänzung niemals aufhören würde. Sie gähnte und reckte sich wie eine schläfrige Kat- ze, und er schaute sie liebevoll an. »Ich habe Hunger«, sagte sie schließlich. »Ist noch etwas zu essen übrig?« »Hab' noch ein Weilchen Geduld. Wir fangen uns gleich ein paar Pferde ein und machen uns auf den Weg. Dieser Tag ist wie geschaffen für eine Reise.« »Ich habe einen Korb Proviant für uns mitgebracht, mit herrlichen Leckereien darin, aber leider habe ich ihn fallen lassen, als die Ritter mich verfolgten.« »Diese Kerle waren alles andere als Ritter. Kein Ritter würde je ein hilfloses Mädchen wie ein Stück Wild jagen!« »Oh, so hilflos war ich gar nicht! Ich hatte schon zu Ahuni-i gebetet. Sie hätte mich geschützt, wenn du nicht gewesen wärst.« »Hätte ich das früher gewußt! Ich habe mir wohl den ganzen Ärger umsonst aufgehalst, wie? Diese Schlächterei war nämlich ein hartes Stück Arbeit. Hat mich ziemlich müde gemacht, besonders wenn ich daran denke, daß du meine Hilfe in Wirklichkeit gar nicht nötig hattest.« Ihr Gesicht wurde ernst. »Sag das nie wieder«, bat sie sanft und schmiegte ihre Wange an die seinige. »Du weißt sehr wohl, daß ich dich immer brauche.« »Und ich dich. Doch sag', woher wußtest du, wo du mich finden würdest? Und wie konntest du den richtigen Zeitpunkt erahnen?« »Nun – das war, als ich Elveron im Körper der Ni- xe, die du nicht erkanntest, verlassen mußte; es wird noch ein Weilchen dauern, bis ich dir das verziehen, habe, du Träumer. Nun, jedenfalls verließ ich den Körper der Nixe am Strand jener Bucht, in der wir das Boot zurückgelassen hatten, und sie verschwand wieder in den Fluten. Ganz in der Nähe streunte ein großer Hund herum, und da er der einzige Körper weit und breit war, ni- stete ich mich kurzerhand bei ihm ein. Dann lief ich hinüber zu dem Grabhügel, um mich ein wenig um- zusehen. Der Felsblock, den Flann und Thyra an seine ursprüngliche Stelle zurückgewälzt hatten, war zur Seite gerollt, und der Eingang wurde nicht mehr be- wacht, da das Tor nun für immer geschlossen ist. Jemand war eingedrungen, um nach Schätzen zu suchen, aber er hatte keine gefunden. Getain hatte sich seiner angenommen, und er war nie wieder her- ausgekommen. In der Kammer lagen noch mehr Knochen herum. Ich hatte schreckliche Mühe, den Hund von ihnen wegzukriegen. Er dachte wohl, er hätte einen großen Schatz gefunden! Getains Knochen waren nach all den langen Jahren zu Staub zerfallen. Sie bildeten in dem Sarg ein Häuf- chen Pulver, und daneben lagen der goldene Reif und dein Schwert. Ich wußte, daß er keines von beiden je wieder zu- rückhaben wollte, und ich war Thor sehr böse wegen des gemeinen Streiches, den er dir mit Hilfe dieser hinterhältigen Fee gespielt hatte. Ich ließ den Hund den Reif mit dem Maul aufheben und davontragen. Auf dieselbe Weise wollte ich auch dein Schwert hin- ausschaffen, um es für dich aufzuheben, aber da schlug plötzlich aus heiterem Himmel ein Blitz in die Grabkammer und riß ein Loch in die Decke. Der Hund bekam einen Riesenschreck, und ich, schaffte es kaum noch, ihn unter Kontrolle zu halten. Er raste wie von Sinnen los, und ich kann von Glück reden, daß er nicht den Reif aus dem Maul fallen ließ. Bald erreichten wir einen Friedhof. Dort ließ ich ihn ein Loch graben und den Reif tief in dem geweihten Boden verscharren; denn dort hat Thor keine Macht. Nachdem ich den Hund verlassen hatte, lebte ich in zahlreichen anderen Körpern weiter. Und als ich die- sen Körper hier vorfand, der zwar lebendig, jedoch leer war, nahm ich ihn ohne zu zögern in Besitz. Als er herangewachsen war, erfuhr ich vom Geist der Woge, daß deine Zeit in Elveron beinahe abgelaufen war. Ich brach sofort auf und begab mich auf den Weg zu dir. Unterwegs machte ich einen Abstecher zu dem Friedhof, grub den Reif aus, und hier bin ich! Bist du sehr traurig, weil ich dein Schwert nicht mit- gebracht habe?« »Es war ein gutes Schwert, aber es hat seinen Zweck erfüllt. Dieses hier –« er strich sanft über Ex- caliburs Klinge – »ist weit besser. Außerdem liegen mehr als genug herum. Ich werde mir eines aussu- chen und benutzen, sobald ich dieses seinem recht- mäßigen Besitzer zurückgegeben habe. Ich glaube, wir sollten uns jetzt besser auf den Weg machen.« »Deine Kleider haben ihren Zweck wohl auch er- füllt. Schau sie dir an!« Sie hatte recht. Solange Gwalchmais lederne Klei- der mit seinem Körper in Berührung gewesen waren, hatte das Elixier des Lebens, welches er vor langer Zeit getrunken hatte, sie ebenfalls vor dem Zerfall bewahrt. In Island und in Elveron indessen waren sie zwar noch ganz geblieben, hatten sich aber erheblich abgenutzt., Und jetzt waren sie schon fast zu Staub zerfallen. Das einzige, was von den Dingen, die er einst aus Alata mitgebracht hatte, übriggeblieben war, waren Merlins Ring, sein Gürtel mit den römischen Münzen und seine Feuersteinaxt. Wehmütig schaute er auf die übriggebliebenen Le- derfetzen. »Das letzte Erinnerungsstück an meine Heimat. Das Geschenk des Volkes der Morgendäm- merung.« Mit einem traurigen Achselzucken machte er sich daran, einen der schurkischen Ritter seiner Rüstung zu entledigen. Als erstes zog er das leinene Unter- zeug des Toten an, dann zog er sich die ledernen Stie- fel über, die von einem kreuzförmigen Strumpfband gehaltenen Beinkleider. Mit Corenices Hilfe schlüpfte er dann in ein ledernes, mit fest aufgenähten Metall- ringen besetztes Hemd. Danach streifte er sich das Wehrgehänge mit der Schwertscheide über die Schulter und steckte eines der langen Normannen- schwerter hinein. Als nächstes zog er sich die Haube des Kettenhem- des über den Kopf, die seinen Hals und seine Wan- gen mit ihrem fein gewobenen Gliederwerk schützte, und ganz zum Schluß setzte er sich einen stählernen Helm mit einem beweglichen Visier auf. Corenice tat mit seiner Hilfe das gleiche, und bald darauf sprengten zwei stolze normannische Ritter hoch zu Roß davon. Beide trugen eine kurze Lanze bei sich und hatten einen runden Schild auf den Rük- ken geschnallt. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, daß sich hinter einem der heruntergeklappten Visiere das Gesicht einer Frau verbarg – noch dazu einer solch, schönen wie Corenice. Hinter den beiden folgten zwei große Pferde, die mit den restlichen Rüstungen und der anderen Habe der Toten bepackt waren. Excalibur stak in einer zu- sätzlichen, an Gwalchmais Sattel befestigten Scheide. Alle vier Pferde waren prächtige spanische Heng- ste aus der Zucht, die Wilhelm der Eroberer mit her- übergebracht hatte. Gwalchmai hatte überlegt, wie sie an ein Boot kommen sollten, und er hatte sich von Corenice überzeugen lassen, daß sie unbedingt Geld brauchten. Ein solcher Gedanke war ihm völlig neu. Er hatte nicht die geringste Erfahrung im Umgang mit Geld, da er noch nie in die Lage gekommen war, da er auf dieses Tauschmittel hätte zurückgreifen müssen. Corenices Vorschlag erwies sich als sehr klug. Für die Tiere und die Rüstungen erwarben sie gleich im nächsten Dorf ein feines Boot, ohne daß irgend je- mand neugierige Fragen gestellt hätte. Während die Männer das Boot mit Proviant für die beiden ›Ritter‹ beluden, stolzierten diese angeberisch herum, die Hand lässig auf den Schwertgriff gestützt, und war- fen den Dorfbewohnern so eindeutige Blicke zu, daß diese sich hüteten, irgendwelche Fragen zu stellen. Ein Beutel Münzen vervollständigte den Handel, und als die beiden den Hafen verlassen hatten, spuckten die Fischersleute verächtlich hinter ihnen ins Wasser, doch erst, als sie vollständig aus dem Blickfeld verschwunden waren und die Wahrschein- lichkeit, daß sie noch einmal zurückkommen würden, so gut wie ausgeschlossen war, stießen die Männer grimmige Flüche aus und schüttelten die Fäuste ge- gen den normannischen Feind., Gwalchmai und Corenice lachten nur. Ein frischer Wind trug sie bald von der Küste fort nach Süden. Sie passierten die Bucht von Caernavon und umschifften Kap Braichy Pwll. In der Nacht schliefen sie auf dem Schiff. Früh am Morgen standen sie auf. Sie hatten günstigen Wind, und das Wetter blieb gut. Wenn Thor, der Führer der Seeleute, ihnen noch immer grollte, dann wartete er entweder seine Zeit ab, oder er war zu stolz, seine Wut an solch einem kleinen Boot auszulassen. Sie passierten die Bucht von Cardigan, fuhren ohne Zwischenfälle durch die Saint George's-Meerenge, doch im Kanal von Bristol wurden sie von einem Sturm überrascht. Sie verloren einen vollen Tag im dortigen Hafen. Während dieses Tages blieben sie ebenfalls an Bord. Zwar wurden sie beide entsetzlich seekrank aber das war ihnen immer noch lieber, als das Risiko einer Landung auf sich zu nehmen. Zehn weitere Tage gemächlicher Fahrt brachten sie in das Gebiet der Scilly-Inseln, der Cassiteriden – oder Zinn-Inseln – der Griechen. Dies war das Ziel von Gwalchmais Reise, denn hier lag auf dem Festland irgendwo Arthurs geheimes Grab, und unter dem Kiel des Bootes, das sich jetzt der Küste Damnonias näherte, lag Arthurs Heimat, das versunkene Avalon. Ebenfalls an dieser Stelle hatte sich das versunkene Lyonesse befunden, aus dem der edle Tristram gekommen war, der Arthurs Ritter wurde und aus Liebe starb. »Hier ist der Ort, meine Liebste, von dem mein Vater mir erzählte«, sagte Gwalchmai mit nachdenk- licher Miene. Dabei starrte er versonnen auf das ferne Festland, das zerklüftet aus einem blauen Dunst-, schleier wuchs. »Schon als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte er mir oft, wie er einst mit ein paar Überlebenden der letzten Schlacht gegen die Sachsen hierherkam, bei sich den noch atmenden Körper Ar- thurs, des großen Feldherrn und Kriegsführers von Britannien, seines Dux Bellorum. Dort standen sie und waren starr vor Entsetzen, als sie sahen, daß, während sie hierher marschiert waren, um den Imperator in seine Heimat zurückzubringen, Avalon vom Meer verschlungen worden war und nichts mehr zu sehen war als ein See aus Schlick und Schlamm. O ja, meine Liebe. Auch andere Länder haben die Urgewalt des Meeres spüren müssen – nicht nur dein stolzes Poseidonis! Ich kann mich noch daran erin- nern, wie Flann einmal von Städten in seiner Heimat Erin erzählte, denen es nicht besser erging. Skerd und Tir Hudi hießen sie; beide versanken in der Flut.« »Ich weiß, daß du recht hast, mein Gebieter, doch unter uns ist weit mehr übriggeblieben als dort, wo du mich auf meinem Schwanenschiff gefunden hast.« Corenice schaute hinab auf das Wasser. Gwalchmai konnte nichts erkennen. »Halte deinen Kopf unter Wasser und horch ein- mal.« Er beugte sich über den niedrigen Bootsrand. Zu- erst konnte er nichts Außergewöhnliches hören. Er hielt die Luft an und steckte den Kopf noch ein Stück tiefer hinein. Und plötzlich vernahm er über das Plät- schern der Wellen hinweg ein unerwartetes Ge- räusch. Ganz tief unten, sanft im Rhythmus der Meeres- strömung schwingend, läuteten die sechzig Glocken, der sechzig versunkenen Dörfer von Lyonesse. Ganz leise und zart drang ihr silberner Klang zu ihm her- über. Ein warmer Südwind trug sie langsam auf das Festland zu. Während sie sich der Küste näherten, zog sich dichter Nebel zusammen, der ihr Boot als- bald vollständig einhüllte. Eine riesige Schar Möwen flog kreischend um das Boot herum. Immer wieder schossen sie herab und tauchten mit einem zappeln- den Fisch im Schnabel wieder auf. Als Gwalchmai über den Bootsrand ins Wasser schaute, sah er, daß sie sich inmitten eines gewaltigen Sardinenschwarms befanden. Das Geräusch, das die kleinen, dicht unter der Wasseroberfläche schwimmenden Fische er- zeugten, hörte sich an, als fiele Regen auf das Wasser. Jetzt tauchten die Hügel von Cornubia aus dem Nebel auf. Bald sahen sie auch andere Boote auf dem Wasser. Es waren Fischer, die Sardinen und Barben fingen. Sie waren so sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie dem fremden Boot keinerlei Beachtung schenkten. Unbehelligt segelten die beiden weiter. Ihre Rü- stungen erregten in dieser Gegend keinerlei Auf- merksamkeit. Der südliche Teil von Wales war unter normannischer Herrschaft, und Cornwall augendie- nerte vor den Eroberern, die bereits die Zinngruben ausbeuteten. Normannen waren in dieser Region kei- ne Fremden, aber sie taten dennoch besser daran, nach Einbruch der Dunkelheit nur noch in Gruppen aufzutreten. Gwalchmai hatte einen weiten Bogen geschlagen, um vorzutäuschen, das Boot käme vom Süden, aus der Bretagne herüber. Er hatte sich eigentlich ausge- rechnet, sein Ziel im Schutze der Dunkelheit zu errei-, chen, aber der Wind war doch stärker gewesen, als er angenommen hatte. Und wie die Dinge nun lagen, war er sogar froh, noch eine oder zwei Stunden Tageslicht zu haben. Denn nicht weit von den fantastisch anmutenden Felsspitzen des Festlandes, dort, wo sich die Wasser des Kanals mit den rauschenden Wellen des Atlantiks trafen, gab es gefährliche Strömungen und Strudel. Als er diese heil durchquert hatte, atmete er erleich- tert auf. In der dahinterliegenden Bucht schien das Wasser glatt und ruhig. Hier und da blickten ein paar Fischer, die ihre Netze flickten, von ihrer Arbeit auf und winkten ihnen freundlich zu. Die beiden winkten ebenso freundlich zurück. Ihre normannischen Rü- stungen schienen die Fischer nicht zu stören. Mit beginnender Ebbe erreichten sie das Ufer. Sie warfen den Anker aus und zogen das Boot auf den Sandstrand. Da es den Anschein hatte, daß die Leute hier freundlich waren, tauschten sie ihre Rüstungen mit weniger martialischer Kleidung, die sie in einer Seekiste in der kleinen Kajüte fanden, und gingen an Land. Gwalchmai sah jetzt ganz aus wie ein wetterge- gerbter, braungebrannter Seemann. Da es in dieser Gegend viele davon gab, bestand kaum Gefahr, daß er mit seiner rötlichen Hautfarbe die Aufmerksamkeit der Leute erregte. Corenice würde ohne weiteres als dunkelhaariger walisischer Knabe durchgehen; ihr kurzes Haar hatte sie unter einer Mütze verborgen. Es gab nicht viel zu sehen. Es war ein kleines Fi- scherdorf, von den Normannen unbehelligt, das von deren Handel profitierte. Das normannische Geld,, das die beiden bei sich trugen, war in dem kleinen Gasthof, dem einzigen im Dorf, willkommen. Essen und Bier mundeten vorzüglich. Nach dem Mahl verließen die beiden den Gasthof und spazierten ein Stück am Strand entlang. Das Boot lag seitlich auf dem Sand, bis die Flut es wieder aufrichten würde. Sie machten es sich auf dem schrägen Deck bequem und schauten hinaus auf das Meer. Eine Drittelmeile vor ihnen lag eine Insel mit einer hohen Felsspitze aus Granit. Auf ihrem Gipfel stand eine kleine Priorei, eine Zelle der Abtei von Mont Saint-Michel in der Nor- mandie. Auch sie war eine Wallfahrtsstätte wie ihre berühmtere Schwester, doch stellte anders als auf dem Mont Saint-Michel die Priorei hier das einzige Gebäude auf dem Gipfel des Felsens dar. Auf der dem Festland zugewandten Seite der klei- nen Insel befand sich ein schmaler Dammweg, auf dem man bei Ebbe hinübergehen konnte. Als Gwal- chmai diesen im fahlen Licht der Abenddämmerung betrachtete, überkam ihn plötzlich der Impuls, das, dessentwegen er hierher gekommen war, nicht länger hinauszuschieben. Er teilte Corenice seine Absicht mit, und nachdem sie den Anker an einem langen Tau weit oben am Strand befestigt hatten, holte er Arthurs Schwert aus der Kajüte und hüllte es sorgfältig in einen Lappen. Sowohl er als auch Corenice hatten während des Mahles in dem Gasthof ihre eigenen Schwerter getra- gen, weniger aus Angst vor den Dorfbewohnern, sondern weil es (zumal in ihrer Rolle als Ausländer) als ungewöhnlich aufgefallen wäre, wenn sie es nicht getan hätten. Solchermaßen gewappnet und Excali-, bur behutsam bei sich tragend, gingen sie nun über den enger werdenden Dammweg zu der Insel hin- über. Die Flut kam inzwischen zurück und leckte schon an den Rändern des Pfades, aber sie erreichten die In- sel trockenen Fußes und näherten sich bald über ein flaches, mit Felsplatten und Kieseln übersätes Strand- stück zielstrebig dem hohen Felsen. Als sie sich noch einmal umblickten, sahen sie, daß der Damm bereits überspült war. Wo sie noch eben gegangen waren, schwammen jetzt Äste und knorrige Wurzeln auf dem Wasser. »Zu Lebzeiten meines Vaters«, erklärte Gwalchmai, »stand dieser Felsen noch mitten in einem riesigen Wald. Mein Vater nannte ihn den ›Weißen Felsen‹. Merlin blieb damals drei Tage lang auf ihm, ganz al- lein mit dem Leichnam Arthurs, und verrichtete ei- nen geheimnisvollen Zauber, und die ganze Zeit über hing eine schwarze, von geheimnisvollem Murmeln erfüllte Wolke über dem Gipfel des Felsens – wäh- rend er an Arthurs Grab arbeitete.« Zwischen dem Strand und dem Gipfel befand sich noch ein Überbleibsel dieses Waldes. Nachdem sie ihn fast durchquert hatten, standen sie mit einemmal unvermittelt vor dem Felsen. Direkt vor ihren Augen klaffte ein breiter Spalt, der natürlichen Ursprungs zu sein schien und allem Anschein nach tief ins Innere des Berges ging. Auf einmal vernahmen sie von allen Seiten leises Geflüster – es schien von überallher zu kommen, aus den Bäumen, aus dem Gras und aus dem Felsen, und Gwalchmai fielen schlagartig Merlins Worte ein: ›... desgleichen wird Arthurs Grab von Hütern bewacht, – und diese werden dir möglicherweise feindselig entgegentreten ...‹ Er hatte in der Tat das Gefühl, beobachtet zu wer- den. Beide spürten deutlich, daß zahlreiche finster blickende Augen auf ihnen ruhten, doch bisher schie- nen sie dem Paar noch nicht feindlich gesonnen zu sein. Gwalchmai wickelte das Schwert aus dem Stoffet- zen und trat mutig durch den Spalt. Corenice folgte ihm. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, wurde der Spalt so eng, daß sie die kalten Granit- wände auf beiden Seiten mit ausgestreckten Armen berühren konnten. Gwalchmai blieb lauschend stehen. Er glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Richtig, da war es wieder! Dicht hinter ihnen, direkt über ihren Köpfen, waren leise Schritte zu hören! Außerdem ein leises Kratzen, wie von spitzen Krallen, die über Stein schaben. Von draußen drang noch immer genügend Licht herein, so daß sie einigermaßen sehen konnten, und wenn sie auch keine klaren Umrisse zu erkennen vermochten, so entging ihnen dennoch nicht, daß sich überall schattenhafte Gestalten bewegten. Kein Zweifel, sie waren umzingelt! Gwalchmai hatte früher schon von den unsichtba- ren Wesen von Cornwall gehört – den Spriggans, den Piskies und den Laternenmännchen. Auch wußte er, daß hier vor langer Zeit Riesen gehaust hatten. Wer das Grab bewachte, wußte er nicht, aber der Ring wurde immer heißer, und das bedeutete: Gefahr war im Verzug. Er hob die Hand empor und drehte sie langsam herum., »Wir sind gekommen, um einen Auftrag zu erfüllen für euren Herrn, den Zauberer Merlin, der euch hier als Wächter aufstellte. Sehet seinen Ring, den ich an meiner Hand trage, und erweist ihm eure Huldigung um seinetwillen. Zeigt mir, wo die Tür ist, auf daß ich sie öffnen und hineingehen kann, um diese Klinge in die Hand Arthurs, des Unsterblichen, zu legen!« Ein Chor gedämpfter Stimmen erhob sich. Überra- schung war aus ihnen herauszuhören und Freude, und tiefe Bewunderung für das unerschrockene Paar schwang in ihnen mit. Die leise tapsenden Füße umringten sie noch im- mer, aber das kratzende Geräusch war verschwun- den: Die Krallen waren eingezogen worden. Und dann erschien direkt vor ihnen, just an der Stelle, wo die Wände des Spalts sich trafen, ein winziger Licht- fleck auf dem Felsen. Es war ein genaues Ebenbild des Monogramms auf dem Stein von Merlins Ring! Ohne zu zögern, preßte Gwalchmai den schim- mernden Opal genau auf sein Gegenstück auf dem Granit. Mit einem lauten Knirschen wichen die Wän- de auf beiden Seiten zurück und gaben den Blick auf eine schwere Bronzentür frei, über der in tief einge- meißelten Lettern in lateinischer Sprache stand:

Hier ruht Arthur König einst und König der Zukunft

Die Tür öffnete sich auf leichten Druck, und Gwal- chmai und Corenice traten in eine geheimnisvolle, von schwachem Licht erfüllte Kammer. Die Kammer war kreisförmig und reich an kostba-, ren, zarten Farben. Ringsherum lief ein Wandgemäl- de, welches durch Schattenlinien in drei Abschnitte geteilt war. Diese Schattenlinien wurden von drei goldenen Stäben geworfen, die bogenförmig eine leuchtende Kugel umspannten. Diese hing an einer langen goldenen Kette von der kuppelartig gewölb- ten Decke herab. Die Kette war exakt in der Mitte ei- ner Blume mit zwölf Blütenblättern befestigt. Jedes Blütenblatt trug den Namen eines Monats des Römi- schen Kalenders. Der erste war, gemäß dem Römi- schen Jahr, der April und der letzte der Februar. Als die zwei die Kammer betraten und die Luft bewegten, begannen die hauchdünnen Blütenblätter ganz leise zu zittern. Ein sanftes Klicken ertönte, und die Schattenlinien begannen sich langsam längs des Wandgemäldes in Bewegung zu setzen. Gleichzeitig mit ihnen glitten drei Zeilen von Lettern am oberen Rand des Wandgemäldes vorwärts. »Dies ist, was war«, las Gwalchmai. Es stand über dem ersten der drei Abschnitte. Die Bilder waren nicht gemalt, sondern wurden, wie er erst jetzt be- merkte, von dem Licht, das die Kugel erfüllte, auf die Wand geworfen. Gebannt betrachteten die beiden die erste Szene. Sie erkannten eine Flotte sächsischer Dra- chenschiffe im blutigen Gefecht mit römisch- britischen Galeeren, die von einem großen Dromon unterstützt wurden, welcher die Invasoren unter sei- nem mächtigen Kiel zermalmte. Eine zweite Reihe von Bildern darunter stellte Arthurs zwölf Siege ge- gen die sächsischen Horden dar, und die dritte und letzte Reihe berichtete in bewegten Szenen von der langen Reise Merlins, auf der er seinen todwunden König an diese sichere Zuflucht gebracht hatte., Gwalchmais Blick schweifte zu dem nächsten Ab- schnitt auf der Wand. »Dies ist, was ist«, flüsterte er Corenice ins Ohr, aus Furcht, zu lautes Sprechen könnte den Schläfer wecken, der auf einer Totenbahre in der Mitte der Kammer unter der leuchtenden Ku- gel lag. Der Mann hatte einen kräftigen Körperbau und einen langen Bart. Schon beim ersten flüchtigen Hinsehen sprang der Ausdruck majestätischer Größe ins Auge, den seine Gesichtszüge ausstrahlten. Daß er ein König war, hätte man jederzeit und überall auf der Welt sofort erkannt. Hier ruhte einer, der zum Herrschen geboren war – einer, der noch immer die große Hoffnung seines Volkes war –, einer, der schlief und wartete, bis die Zeit, da man ihn brauchte, kommen würde. Arthur, Hoffnung der Briten! Arthur, der Große Pendragon! Arthur, der Unsterbliche! »Dies ist, was ist«, wiederholte Gwalchmai und schaute auf die Bilder an der Wand. Das traurige Abbild einer eroberten Insel bot sich seinen Augen dar. Sachsen unter der Peitsche frem- der Herren, die einst so stolzen Häupter unterwürfig gesenkt. Der wilde Stolz war aus ihren Zügen gewi- chen und hatte stumpfer Resignation Platz gemacht. Ihre Hände hielten Hacke und Schaufel statt Axt und Schild, denn die Zeit ihrer glorreichen Schlachten war vorüber, und normannische Ritter herrschten jetzt über sie in Stolz und Dünkel. Normannische Türme und normannische Banner bestimmten das Bild der Hügel, Flüsse, Wälder und Gebirgspässe, und nor- mannische Schiffe herrschten auf den Meeren. Doch da gab es auch einen kleinen Flecken, der immer noch freies Britannien war – die unwegsamen, Hügel des Westens. Dort hielten sich tapfer und trot- zig die Reste des Volkes, das schon die Sachsen nie- mals hatten besiegen können und das nun ganz allein und auf sich gestellt den neuen Eroberern die Stirn bot. Dort wehten die Standarten mit dem Drachen- wappen über marschierenden Männern und mar- kierten stolz die Burgen des freien Britanniens! Noch also war die Zeit nicht gekommen, da Arthur aus dem Schlaf erwachen mußte, um das Schwert zur letzten Schlacht zu erheben. Doch gab es noch den dritten und letzten Abschnitt zu betrachten: Dies ist, was sein wird Wieder sah Gwalchmai drei Reihen von Bildern, die die Wand von der Decke bis zum Boden bedeckten. Die obere Reihe zeigte Männer, die gegen Maschinen kämpften. Brennende Städte erhellten den düsteren Himmel, und durch den Rauch schossen glänzende, schlanke Todesvögel. Die Erde wimmelte von ras- selnden, feuerspeienden Ungeheuern, doch die Men- schen überlebten. Auf der mittleren Reihe waren viele Jahre ins Land gegangen. Es gab keine Städte mehr – und scheinbar auch keine Menschen! Maschinen kämpften gegen- einander. Das Land war übersät mit rostendem, ver- bogenem Metall, die Berge waren zerfetzt und zerris- sen, die Täler und Ebenen verbrannt. Die Bäume wa- ren verschwunden, und ihre verkohlten Stümpfe ragten schwarz und nackt wie faule Zähne in den Himmel. Und über all dieser schrecklichen Wüstenei trieben furchtbare, in kaltem, tödlichem Blau schim- mernde Wolken, die sich in unheilvoll schillernden, Seen und Flüssen widerspiegelten, wo es keinerlei Leben mehr gab. Sollte es denn nicht einen grünen Flecken mehr in diesem vergifteten, toten Land geben? Am Ende dieser mittleren Reihe war ein einziges, winziges kleines Bild, nicht viel größer als die Hand eines Säuglings. Es war hell und schön, und Gwal- chmai und Corenice beugten sich vor, um es von na- he zu betrachten. Wie durch das Fenster einer Puppenstube sahen sie auf einen kleinen Blumengarten, winzig wie ein Mo- saik aus nadelspitzengroßen Juwelen. Bienen summ- ten, und zierliche Schmetterlinge saugten in schwel- gerischer Verzückung Honig aus pastellenen Blüten. Es war ein herrlicher Sommertag, und nichts deutete auf Krieg hin. In dem Garten standen zwei Menschen – ein junger Knabe und ein Mädchen, die lächelnd die Blumenpracht anschauten ... oder blickten sie sich in die Augen? Sie hielten sich umarmt und wollten sich gerade küssen. Während Corenice auf die beiden und ihren Hoff- nungstraum hinabschaute, traten Tränen in ihre Au- gen. Das Ende war noch nicht gekommen. Es gab da ein letztes Bild, daß erste der dritten Rei- he. Der Rest war leer. Das Bild zeigte den Eingang zu dem Grab, in dem sie sich jetzt befanden. In diesem Eingang stand, mit dem Rücken zum Betrachter, ein Mann in voller Rüstung aus glänzendem Stahl. In der Linken trug er einen Schild, auf dem das Wappen ei- nes Stiers prangte. Das alte Emblem der Sechsten Le- gion, Victrix! In derselben Hand hielt er eine Lanze mit dem Drachenwimpel, und die Rechte umklam-, merte den Griff Excaliburs. Hochaufgerichtet ragte er da vor dem Hintergrund des flammenroten Himmels empor, den der Betrach- ter durch die offene Tür der Kammer sehen konnte, und nicht weit von ihm entfernt stand ein Mann in wallenden weißen Gewändern, der darauf wartete, seinen König willkommen zu heißen. Natürlich hatte Gwalchmai ihn auf den ersten Blick erkannt: Es war kein anderer als Merlin, der seinen König bewahrt hatte für diesen großen Tag, da er die jubelnden Hee- re in die letzte große Schlacht führte, die dem Krieg für immer ein Ende setzen sollte. So war denn doch nicht alles umsonst, dachte Gwalchmai. Die traurigen Jahre der Hoffnungslosig- keit, der Kummer und die Trostlosigkeit, die längst vergessenen Freuden, die den Sklaven unbekannt waren; dies Elend und Unglück waren gekommen und wieder gegangen, um die Menschen zu lehren, was nie wieder sein durfte. Es war also nicht alles verloren. Arthur war nicht tot. Sein Leben war nur für eine Weile dem Strom der Zeit entrückt worden; so jedenfalls würde es ihm er- scheinen, wenn er eines Tages erwachte, um sein vor langer, langer Zeit für ihn ausersehenes Schicksal zu krönen. Seine Zeit wurde von einer Uhr bemessen, die nicht Stunden noch Tage zählte, sondern Jahre und Jahrhunderte. Am Tag seines Erwachens würde er die Wandbilder sehen. Er würde wissen, was ge- schehen war, und – er würde wissen, was er zu tun hatte. Gwalchmai konnte nicht wissen, was dies für ein Schicksal war, aber er wußte sehr wohl, daß er seinen eigenen kleinen Beitrag dazu geleistet hatte, daß es, sich erfüllen würde. Er hatte Arthurs Schwert ge- bracht. Er ging langsam zu der Bahre, legte Excalibur ne- ben den König und führte die Hand des Schlafenden zum Griff. Seine Finger fühlten sich warm an; unend- lich langsam öffneten sie sich und schlossen sich fest um den Griff. Ein kaum hörbarer Seufzer ließ die Bartspitzen an seinen Lippen erzittern; seine Augenlider öffneten sich einen winzigen Spalt. Langsam ging sein Mund auf, und er sprach: »Ist ... es ... so ... weit?« Gwalchmai rückte mit seinem Mund ganz nahe an Arthurs Ohr heran. »Schlaf lang und wohl, mein ge- liebter König! Die Zeit zum Aufwachen ist noch nicht gekommen.« Die Augen des Königs fielen wieder zu. Der Schlä- fer versank erneut in seinen langen, heilenden Schlummer. Gwalchmai und Corenice schlichen auf Zehenspitzen zurück in ihre Welt – in ihre Zeit. Die bronzene Tür schloß sich hinter ihnen. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, warfen sie einen letzten Blick zurück. Der Spalt im Granit sah aus wie vorher. Nichts deutete auf das Geheimnis hin, das hinter der Felswand lag und das sie noch vor wenigen Augenblicken mit eigenen Au- gen gesehen hatten. Um sie herum gab es nichts au- ßer den kleinen freundlichen Geräuschen des Waldes. In der Ferne hörten sie das Rauschen des Windes und das leise Plätschern der Wellen. Während ihres Aufenthaltes im Innern des Berges war die Sonne untergegangen. Und in diesem Au- genblick des Friedens und der Ruhe hallte von der Priorei das süße Geläut der Glocken zu ihnen her-, über, das die Mönche zum Gebet rief. Gwalchmai fiel auf die Knie. Niemals hatte er sich dem Gotte Merlins näher gefühlt als angesichts dieses Beispiels wohltätiger Zauberkunst, das sein Patenon- kel einst vollbracht hatte. Er war zutiefst davon über- zeugt, daß dies Magie von reinster und edelster Art war. Corenice blickte hinaus auf das Meer. Gwalchmai wußte, wen sie in diesem Augenblick so ehrfurchts- voll lobpries. Er verspürte großes Verlangen danach, die Göttin, die sein geliebtes Weib verehrte, selbst einmal sehen zu dürfen. Sekundenlang spürte er ein Gefühl nichtswürdiger Eifersucht auf die innige Liebe und Verbundenheit zwischen den beiden in sich auf- steigen. Gwalchmai und Corenice fühlten sich von einem Gefühl von Dankbarkeit umgeben, das ihrer Gegen- wart galt. Die Wächter waren froh und glücklich. Es war gut, daß die beiden Besucher gekommen waren. Nun, da der König für seine große Stunde gerüstet war, würde es ein gutes Ende mit der Welt nehmen. Später, noch vor Einbruch der schwärzesten Dun- kelheit, gingen Gwalchmai und Corenice hinunter in den Wald. Sie fanden eine trockene Mulde und bet- teten sich auf einem Lager aus weichen Blättern. Lan- ge noch lagen sie engumschlungen nebeneinander, den Blick friedvoll zum Sternenzelt gerichtet. Sie sprachen über viele Dinge. Nachdem sie sich zärtlich geliebt hatten, lagen sie wach und warteten, daß die Ebbe käme und den Damm wieder freigäbe – und während sie noch dalagen und warteten, fielen sie in einen tiefen Schlaf., Kurz nachdem Gwalchmai eingeschlafen war, schien es ihm plötzlich, als wäre er wieder aufgewacht. Er schaute sich um und sah, daß seine Liebste dicht ne- ben ihm ruhte, daß sie beide aber im Arm einer riesi- gen Frau lagen. Die nackten Arme, die sie umschlossen hielten, wa- ren kühl und weich. Er wußte, daß die Frau ihnen freundlich gesonnen war, und er verspürte keinerlei Furcht. Als nächstes bemerkte er, daß die Arme nicht, wie bei Menschen üblich, mit weichem Haarflaum bewachsen waren. Statt dessen waren sie mit feinen Schuppen bedeckt und dufteten nach Salz. Er schaute hoch und blickte in ein gewaltiges Gesicht, das ihn freundlich anlächelte. Es schien ihm in seinem Traum ganz natürlich, daß die Augen der Frau nicht rund, sondern viereckig waren. Dieses mütterliche Wesen konnte niemand anderes sein als Corenices Göttin – Ahuni-i, der Geist der Woge –, jene Gottheit, die das Volk der Morgen- dämmerung Squant nannte. Er hatte keine Angst. Die Abenaki wußten nur an- genehme Legenden über ihr Treiben im Meer zu be- richten. Es lag auf der Hand, daß diese Göttin gut und freundlich war. Aber da war auch noch ein anderer – und der war alles andere als ein Freund. Ein rotbärtiger Titan, der auf einen gewaltigen Hammer gelehnt dastand und dessen Stimme wie fernes Donnergrollen klang. Diese beiden unterhielten sich über das schlafende Paar. »Der Kerl ist ein Dieb!« polterte der Koloß. »Über- laß ihn mir!« Ahuni-i lächelte ihn sanft an. Ihre Arme umschlos- sen die beiden Liebenden noch ein wenig fester. »Er, ist doch so klein. Hab' Mitleid mit ihm, Thor. Es war nicht seine Idee, dich zu berauben. Es wurde ihm aufgetragen.« »Aber er war schließlich derjenige, der mich be- stahl. Also muß auch er dafür bestraft werden.« »Dann laß es um meinetwillen eine geringe Strafe sein. Er wird von einer geliebt, die mich liebt. Ich möchte nicht, daß sie traurig ist. Du weißt, daß er ei- nen schwierigen Auftrag zu erfüllen hat. Dieser Auf- trag, an den er fest gebunden ist, lastet schwer auf ihm, und er wird noch lange an dieser Bürde zu tra- gen habe. Laß das Strafe genug sein. Ich werde schon dafür Sorge tragen, daß er dir den goldenen Reif zu- rückgibt. Vergib ihm, Thor!« Und dann erhob Gwalchmai im Traum selbst die Stimme: »Ich will in der Tat das Gold zurückgeben, nun, da es zum zweitenmal in meine Hände gefallen ist. Doch wenn ich es tue – wozu ich keineswegs ver- pflichtet bin – und es nur aus Liebe zur Gerechtigkeit und nicht aus Furcht verspreche, was tut Thor dann seinerseits für mich? Mir scheint, das Recht ist ein gar zweischneidiges Schwert! Bin ich nicht schon genug geschädigt worden? Bin ich nicht ebenfalls einer Sa- che beraubt worden, die mir lieb und teuer war? Hö- re, mächtiger Donnergott – für nichts gibt es auch nichts! Du stahlst mir mein kostbares Schwert mit deinem Blitz und deinem Regen, denn sie ließen es in Getains Grabkammer zu einem Häufchen Rost werden! Gib mir dafür ein neues, und du sollst dein hübsches Spielzeug wiederhaben.« Thor lachte grimmig. »Da siehst du mal, wie die Menschen feilschen, verehrte Gevatterin! Merkst du,, wie geschickt er die Sache dreht, so daß ich plötzlich als der Sündenbock dastehe? Dieser Halunke weiß ganz genau, daß ich ihm sein Schwert nicht zurück- geben kann, denn es ist unwiederbringlich dahin, und jetzt dreht er die Sache so hin, daß ich ihm ein Schwert schulde und er mir überhaupt nichts! Er will etwas, das nicht ihm gehört, gegen etwas eintau- schen, das er verloren hat! Wo bleibt denn da die Be- strafung? Geh zur Seite, damit ich ihn mit meinem Hammer platthauen kann!« Ahuni-i strich Corenice mit einem einzigen ihrer riesigen Finger das Haar aus dem Gesicht und beugte sich lächelnd über sie. Sie sprach leise zu ihr, und ihre Stimme klang wie das Säuseln kleiner Wellen, die zärtlich das Ufer liebkosen. »Still, du großer, plumper Donnerer, oder willst du meine kleine Schläferin aufwecken? Sie ist noch nicht sehr lange Eheweib. Willst du sie schon so früh zur Witwe machen? Nun, wie wäre es, wenn ich meinen Vater Poseidon gegen dich aufbrächte – der, wie du weißt, unter mancherlei Namen weiterlebt? Ich befürchte, du würdest sehr schnell einsehen müssen, daß er weit mächtiger ist als du. Jenen Gottvater wird man noch fürchten und verehren, wenn du und ich schon längst vergessen sind! Du solltest deinen Hammer nicht erheben, um die- se winzigen Menschenkinder zu bedrohen, sondern um ihre Gelübde zu weihen! Es steht einem Dieb schlecht an, einen anderen Dieb zu kritisieren!« Nun löste Gwalchmai den Reif von Corenices schlanker Taille, wo sie ihn nach wie vor trug, hielt ihn hoch – zumindest erschien es ihm so in seinem, Traum – und sprach keck: »Wie ich hörte, ist dieses Schmuckstück schon so oft gestohlen worden, daß es jetzt nur noch dem ge- hören kann, der es als letzter in Besitz hielt; denn ge- wiß könnte es nie wieder in die Hände seines ersten Besitzers zurückgelangen. Daher ist es nur recht und billig, daß es jetzt mir gehört oder vielleicht der, die es zuletzt um ihre Taille trug. Doch will ich es dir zurückgeben, wenn du mir eine Klinge von feinster Qualität versprichst und von dem gleichen Wert wie die, die du mir sti- bitzt hast.« Thor zupfte an seinem Bart und legte die Stirn in Falten, damit es so aussah, als überlegte er ange- strengt. Er schielte verstohlen nach dem Reif. Dann kräuselten sich seine Mundwinkel zu einem lächeln, das eindeutig verriet, daß sein Entschluß längst fest- stand. »Angenommen, ich gehe auf deinen Vorschlag ein. Wirst du mir dann deine Huld erweisen?« »O nein! Das kann ich niemals tun, denn mein Pa- tenonkel hat mich getauft, und ich folgte ihm nach im Dienste eines anderen Herrn. Außerdem versuchst du damit, schon wieder mehr herauszuschlagen, als ich dir anbot!« Der Geist der Woge ließ ein sanft perlendes, wie Musik klingendes Lachen ertönen, und auch Thor mußte wider Willen grinsen. »Ein hartnäckiges kleines Schlitzohr, dein junger Freund, liebe Gevatterin! Du kannst wirklich stolz auf ihn sein. Also gut – er soll sein Schwert kriegen, aber er muß es sich erst verdienen. Ich habe da schon eines im Sinn, aber es ist sehr weit von hier, und er muß, erst eine lange Reise auf sich nehmen, um zu ihm zu kommen. Doch dafür ist es auch das einzige seiner Art auf der Welt. Der Recke, der es einst schwang, fand keinen, der ihm an Kraft und Mut ebenbürtig war; und selbst er vermochte nicht, es zu zerbrechen oder auf andere Weise zu vernichten, als seine Stunde geschlagen hatte. Sag an, du schlauer Dieb, wirst du mir meinen Reif zurückgeben, wenn ich dir verrate, wo das feinste Schwert, das je im Dienste deines Herrn geschwun- gen wurde, jetzt zu finden ist?« Gwalchmai wandte sich mit einem hilfesuchenden Blick an Ahuni-i. Der Geist der Woge nickte. »Du kannst dich auf ihn verlassen. Er ist zwar ein großer Schwindler, aber er würde niemals eine Abmachung brechen. Wenn er einen Schwur auf seinen Hammer leistet, dann hält er ihn auch ein, denn ein solcher Schwur ist für ihn ge- nauso bindend wie für die, die ihn anbeten.« »Dann schwöre auf deinen Hammer, daß ich dieses Schwert bekommen werde, und der Reif gehört dir!« schrie Gwalchmai. »Ich schwöre es!« rief der Riese, und fernes Don- nergrollen hallte durch die pechschwarze Nacht, als er mit dem Hammer seine Stirn berührte. »So, damit ist der Handel in Asgard zu Protokoll genommen. Er kann jetzt nicht mehr gelöst werden. Gib ihm sein Spielzeug, Mann meiner geliebten Tochter!« Gwalchmai bog den weichen Goldreif zu einer Schlinge, und Thor hob ihn mit der Spitze seines klei- nen Fingers hoch und ließ ihn in seinen Beutel fallen. »Als Gegenleistung schenke ich dir Durandal, das, Schwert Rolands, des tapfersten Paladins des Carolus Magnus – lange verborgen, lange gesucht, niemals vergessen! Um es zu erlangen, mußt du zuerst den Paß von Roncesvalles finden, der Frankreich mit Spa- nien verbindet. So, nun habe auch ich meinen Teil des Vertrages erfüllt. Behellige mich nie mehr, du geris- sener Dieb, sonst bereue ich es noch! Verehrte Gevatterin, auf dieses Schwert legte sich Roland, der Paladin, zum Sterben nieder. Zuvor hatte er es mit aller Kraft gegen einen Felsblock geschlagen, um es zu zerbrechen oder zu verbiegen, auf daß es nicht unversehrt in die Hände der Sarazenen, seiner Feinde, fiele. Doch war es von solch unvergleichli- chem Stahle, daß nichts es zu zerstören vermochte. Du hättest erleben müssen, wie die Walküren in hellen Scharen über der Walstatt schwebten! Zu gern hätten sie ihn nach Walhall getragen, wäre er einer von Odins Männern gewesen. Doch gab es schon ein anderes Heim für ihn, und so war es ihnen verwehrt. Brünnhilde gab es in die Obhut eines Plünderers, auf daß er es in einer hohlen Eiche verberge. Dann tötete sie ihn, um den Ort geheimzuhalten. Und dort ruht es nun seither. Glaubst du, daß dieser Kerl es – sobald er es hat – in deinem Dienste führen wird, so wie es einst zu Eh- ren seines emporgekommenen Herrn geführt wur- de?« »Lieber Gevatter Thor«, erwiderte Ahuni-i, »jener Herr, den du verächtlich einen Emporkömmling nennst, wird eines Tages uns beide noch von unserem Platze verdrängen, sei es nun mit oder ohne Schwert. Wenn die Menschen uns vergessen und uns keine Opfer mehr darbieten, werden wir beide – du genau-, so wie ich – zu existieren aufhören. Meine Zeit wird kommen, und auch deine naht bereits mit schnellem Schritte. Ich habe noch eine Anbeterin in ihr und noch einen Gefolgsmann in ihm. Zwar magst du noch de- ren viele haben, doch nicht mehr lange! Dieser junge Mann hier betet zwar nicht zu mir, aber er weiß, daß ich existiere, und darum glaubt er an mich.« »Und weil zwei Menschen unter all den Millionen auf der Erde an dich glauben – und gar nur eine zu dir betet –, deshalb existierst du? Mich deucht, deine Existenz hängt fürwahr an einem seidenen Faden!« »Doch deine nicht minder, lieber Gevatter!« »Nicht, solange die Menschen den Donner fürchten oder jemand brauchen, der ihnen auf See den Weg weist«, knurrte der Riese mürrisch. »Schweig jetzt! Du wirst wohl erst dann überzeugt sein, wenn es soweit ist! Schau, meine Kleine wacht auf. Gib ihnen deinen Segen, Thor, denn er hat seine Schuld bezahlt, und wir müssen jetzt fort.« Thor erhob seinen mächtigen Hammer, und sein Schatten fiel auf die beiden Schlafenden. »So seid denn gesegnet, ihr Menschlein! Auch wenn ihr mir die Untertanentreue verweigert, werde ich über euch wachen zu Wasser und zu Lande, denn ich wünschte, ihr wäret mein. Mit diesem meinen Hammer weihe ich euer kleines Leben. Denkt an mich, wo auch immer eure Wege euch hinführen mö- gen. Wenn ihr mich braucht, dann ruft nur einmal, und ich werde mein Haus, Bilskirnir, verlassen und euch zu Hilfe eilen. Lebe wohl, wackerer kleiner Bur- sche, und auch du, süße kleine Frau, lebe wohl! Mö- gen alle eure Wünsche in Erfüllung gehen!« Und im gleichen Moment, da Corenice erwachte, und sich schlaftrunken die Augen rieb, sah Gwal- chmai, wie die Umrisse der beiden riesenhaften Ge- stalten verschwammen und sie sich blitzschnell in Luft auflösten. Da, wo sie eben noch gestanden hat- ten, funkelten jetzt die warmen Strahlen der jungen Morgensonne. Thor war eine mächtige Eiche, unter deren wei- tausladenden Ästen sie geschlafen hatten, und die schützenden Arme des Geistes der Woge waren nichts weiter als zwei große Wurzeln, welche die Seiten ihrer blättergefüllten Lagerstatt bildeten. Was war nun Traum, und was war Wirklichkeit? Gwalchmai wußte es nicht. Hatte er wirklich einem Gott die Stirne geboten und mit ihm herumgefeilscht? Hatte er ein Versprechen erlangt und einen mächti- gen Freund gewonnen? Sicher war nur eines: Der goldene Reif war spurlos verschwunden, und sosehr sie auch in dem Laubwerk nach ihm suchten, er ließ sich nicht wiederfinden. Nachdem er noch eine ganze Weile herumgerätselt hatte, erzählte er Corenice von seinem Traum. Sie hörte auf, weiter nach dem Reif zu suchen, schien aber nicht sonderlich überrascht zu sein. Später fragte er sich manchmal, ob sie nicht vielleicht sogar dassel- be geträumt hatte – oder zumindest teilweise, aber da sie nie etwas davon erwähnte, zog er es vor, sie auch nicht danach zu fragen. Jeder Mensch sollte zumindest ein Geheimnis ha- ben. Und vielleicht war es wirklich besser, er be- wahrte über seines Stillschweigen und ließ Gras dar- über wachsen, damit nicht eines Tages der Gedanke – der ohnehin quälend an seinem Selbstbewußtsein nagte –, er selbst wäre nicht Herr seines eigenen, Schicksals, sondern erreiche alles, was er anpackte, nur durch das Wohlwollen einer Göttin und damit durch das Wohlwollen seiner Frau, zu einer fixen Idee wurde. Als sie am Strand anlangten, sahen sie, daß der Dammweg wieder frei war. Die Glocken der Priorei hatten schon zur Morgenandacht gerufen, und die er- sten Fischerboote verließen bereits den Hafen. Es war ein schöner Morgen. Während sie zum Festland hinübergingen, sahen sie von weitem, daß sich eine kleine Gruppe vornehm gekleideter Männer und Frauen um ihr Boot drängte und es neugierig inspizierte. Als sie sich näherten, trat einer der Männer – offenbar der Wortführer der Gruppe – ihnen entgegen, zog schwungvoll seinen Hut und begrüßte sie höflich. »Verehrter Herr«, sprach er, zu Gwalchmai ge- wandt, »ich habe von den Fischersleuten erfahren, daß Ihr Pilger seid, und daß dieses Boot Euch gehört. Mein Herr, König Brons, wünscht, es Euch abzukau- fen, um damit zu seiner Feste Morfa Harlech zurück- zukehren. Wir sind wie Ihr Pilger. Wir sind, um ein Gelübde unseres Herrn zu erfüllen, zu Fuß durch ganz Cymru hierhergekommen. Und nun sind unsere Füße wund und müde. Darf ich Euch daher fragen, ob Ihr uns Euer Boot verkauft, und wenn ja, welchen Preis Ihr dafür verlangt?« Gwalchmai und Corenice warfen sich einen ra- schen Blick zu. Es war nicht ungefährlich, einem Kö- nig etwas abzuschlagen, selbst wenn er außerhalb seines Hoheitsgebietes war. Menschen von edlem Geblüt sahen die Dinge oft anders als das gemeine Volk., Die beiden brauchten das Boot selbst, um sicher reisen zu können. Gwalchmai wollte auf dem schnell- sten Wege nach Süden fahren, um das Schwert zu su- chen, das Thor ihm versprochen hatte. Hinzu kam, daß er nun, da er Merlins Auftrag erfüllt hatte, end- lich frei war, um nach Rom zu fahren und dem Kaiser die Botschaft seines Vaters zu überbringen. Und sollte sich dies als unmöglich herausstellen, dann würde es unter Umständen sehr, sehr lange dau- ern, bis er irgendeinen christlichen Herrscher gefun- den und diesen davon überzeugt haben würde, daß es nützlich und gewinnbringend wäre, eine Flotte aus- zusenden und das Land Alata in Besitz zu nehmen. Es drängte ihn daher, so bald wie möglich gen Sü- den in See zu stechen, und er war sicher, daß es im Norden für ihn nichts zu holen gab. Aber andererseits wußte er nicht, ob er dem König die Bitte abschlagen konnte. »Sagt Eurem Herrn, das Boot sei unverkäuf- lich. Doch da ich selbst der Sohn eines Königs bin, will ich ihm dergestalt entgegenkommen, daß ich mich bereit erkläre, ihm das Boot zu überlassen, wenn er zuvor mich und meine Gemahlin mit Land- karten und überdies mit einem Lotsen versieht, der uns sicher durch die normannischen Gewässer gelei- tet und uns an der spanischen Küste an Land setzt.« Der Mann kehrte zu der Gruppe zurück, und eine längere Beratung folgte. Gwalchmai sah, daß einige den Kopf schüttelten. Er hatte den Eindruck, daß be- sonders die Frauen wortreich und leidenschaftlich gegen den Vorschlag argumentierten. Schließlich trat der König selbst auf den Plan, um mit ihnen zu sprechen, und Gwalchmai stellte sich vor. Der König machte eine Verbeugung wie vor einem, Gleichgestellten. »Der Name Gwalchmai hat bei uns einen guten Klang. Ich sah sofort, daß cymrisches Blut in Euren Adern rinnt, doch habt Ihr irgend etwas Fremdes an Euch. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der solch rote Haut hat wie Ihr. Meine Leute sind ängstlich und verzagt. Die Da- men fürchten sich vor einer solch langen Reise nach Spanien, obwohl es ein redliches und günstiges An- gebot ist. Auch möchte keiner der Männer sich von meinem Gefolge entfernen, um Euch als Lotse in je- nes fremde Land zu geleiten. Statt dessen bitte ich Euch, uns – sofern Ihr uns das Boot nicht doch verkaufen wollt – zuerst zu meiner Burg zu bringen, wo ich Euch reichlich belohnen werde und wo Ihr mein Gast sein dürft, solange es Euch gefällt.« Gwalchmai wollte schon Einwendungen machen, als Corenice ihn leicht mit dem Ellenbogen anstieß. Er sah das Leuchten in ihren Augen und hatte sofort den Verdacht, daß sie sehr angetan war von der Vorstel- lung, einmal eine Zeitlang in einem richtigen Königs- schloß zu wohnen und sich nach Art einer Prinzessin verwöhnen zu lassen. »Einverstanden! Eure Herren werden also unsere Mannschaft sein und ich der Kapitän. Die Damen – ich hoffe, sie können kochen – werden sich um unser leibliches Wohl kümmern, und Ihr werdet – diesmal ohne Blasen an den Füßen – zu Eurer Feste zurück- gelangen.« Und als die Flut das Boot wieder aufgerichtet hatte, waren bereits zusätzlicher Proviant und ein weiteres Wasserfaß verstaut worden. Für die Damen wurden in der kleinen Kajüte Lager, aus Stroh hergerichtet. Dann holte man den Anker ein, setzte das Segel, und bald darauf glitt das kleine Boot aus der Bucht. Als sie die Bucht verlassen hatten und das offene Meer erreichten, nahmen sie Kurs Richtung Norden und fuhren dieselbe Route zurück, auf der Gwalchmai und Corenice gekommen waren. Gwalchmai mutete dies zunächst ein wenig wie ein Rückzug an, und er fühlte sich unzufrieden. Nie- mand, den es mit Macht vorwärtsdrängt, kehrt gerne unverrichteterdinge auf demselben Weg zurück. Aber er tröstete sich schließlich mit dem Gedanken, daß letztlich für den Wanderer alle Wege gleich waren, wenn nur an ihrem Ende Schutz und Obdach lagen. Nun, da sie Leute an Bord hatten, denen jeder Winkel der Küste vertraut war, kamen sie in den Ge- nuß so manch einer lokalen Legende oder Anekdote. So erfuhren sie zum Beispiel, als sie Land's End um- schifften und die Bucht von Sennen zu ihrer Rechten auftauchte, daß an jener Stelle einst König Arthur den landenden Wikingerhorden einen heißen Empfang bereitet hatte. In der Schlacht von Vellan Drucher brachte er den Invasoren mit Hilfe von sieben Köni- gen aus Cornwall eine solch vernichtende Niederlage bei, daß nicht einer übrigblieb, der die Kunde von der Niederlage über die Irische See hätte tragen können. Nach der Schlacht, als die Könige alle beim Sie- gesmahl um einen großen Felsen zusammensaßen, der ihnen als Tisch diente, prophezeite Merlin, daß sich einst an jenem Felsen noch mehr Könige zusammen- fänden, um einen erneuten Angriff der Männer aus dem Norden zurückzuschlagen, und daß nach jener tödlichen Schlacht das Ende der Welt hereinbräche. Im weiteren Verlauf der Fahrt zeigte man ihnen die, Stätten heiliger Quellen und die Stelle, an der einst eine Meerjungfrau von einem Pfeil getötet worden war und kurz, bevor sie starb, den Ort auf ewig ver- flucht hatte. Sie sahen zerstörte Festungen, von denen keiner mehr den Namen kannte, auf der Spitze steiler Vor- gebirge, die weit über das umliegende Land und das Meer blickten, und überall lagen gewaltige Granit- blöcke, die die Gräber von Riesen kennzeichneten. Man zeigte ihnen die Stätten, an denen Riesen unge- heure Schlachten ausgetragen hatten. Wie Donner hatte der Hufschlag ihrer Schlachtrosse geklungen, und ihre Wurfgeschosse waren riesige, rotglühende Felsblöcke gewesen. Sie erfuhren einiges über die bösen Feen, die in den Bergen hausten, und über die guten, die in den Blüten des Fingerhutes lebten und des Nachts im Mond- schein tanzten – und sie dachten an Elveron und fragten sich, ob Prinz Auberon und Lady Titania wohl inzwischen verheiratet waren und ob Sir Huon noch immer traurig war; doch behielten sie diese Ge- danken für sich. Entlang dieser verwunschenen Küste glitten sie dahin, bis sie schließlich Morfa Harlech erreichten und am Gestade von König Brons' Besitz an Land gingen, wo ein breiter, sichelförmig geschwungener Strand sich in weitem Bogen bis zum Horizont er- streckte. Sanft rollten die Wogen gegen das Land, um sich in weiß schimmernden Halbmonden von maje- stätischer Größe zu brechen. Darüber erhob sich auf einem schroff aufragenden Felsen wie ein Adlerhorst Burg Harlech. Der Bergfried schaute hinaus auf ein fruchtbares, grünes Tal, und weit in der Ferne erhob sich ein- drucksvoll jene sagenumwobene Anhöhe namens Y Wyddfa Fawr, die ›große Grabstätte‹, heute Snowdon geheißen, auf der einst Riesen und Dämonen ihr Un- wesen trieben. König Brons deutete mit einer Geste der Ehrfurcht auf jenen Berg. »Dort liegt König Arthur begraben.« Gwalchmai und Corenice tauschten einen vielsagen- den Blick aus und lächelten. König Brons' Harfner schlug einen schweren, wehmütigen Mollakkord an und sang: »Es gibt ein Grab für Mark Und auch ein Grab für Gwythur Ein Grab für Gwyawn mit dem Roten Schwert Doch leider auch – ein Grab für Arthur.« Männer und Frauen senkten das Haupt in stillem Gedenken an jenen großen, vor langer Zeit dahinge- schiedenen König. Jetzt ertönte der Klang von Signalhörnern auf den Zinnen von Burg Harlech, und ein kleiner Trupp kam aus dem Tor geritten, um zu schauen, was da wohl für Besucher kamen. Groß war der Jubel, als sie ihren König erblickten, denn sie hatten ihn nicht so bald zurückerwartet und überdies nicht damit gerechnet, daß er auf dem Seeweg zurückkäme. Mit großem Prunk und feierlichem Zeremoniell wurde die Pilger- schar in der Burg empfangen. Wie von König Brons versprochen, wurden Gwal- chmai und Corenice ihrem Range entsprechend be- handelt und in einer Suite feiner Gemächer unterge- bracht., Corenice (oder genauer gesagt: Nikky, wie sich das walisische Mädchen selbst genannt hatte) hatte sich während der Reise irgendwie krank gefühlt. Ein ei- gentümliches Schwächegefühl hatte sie befallen, das länger anhielt, als daß man es allein mit den Strapa- zen der langen Seereise hätte erklären können. Liebevolle Fürsorge und Pflege ließen sie noch im Verlauf des Winters wieder zu ihrer vollen Gesund- heit zurückfinden, doch zog sie es auch eine Weile danach noch vor, in der Burg zu bleiben, wenn Gwal- chmai zusammen mit den cymrischen Rittern zu ei- nem seiner gelegentlichen Ritte ins Grenzgebiet auf- brach, wo sie sich mit den beständig einsickernden normannischen Spähtrupps in kurzen, aber heftigen Scharmützeln maßen. Das ganze Jahr hindurch hiel- ten sie das Land von Feinden sauber, während die Frauen ängstlich darauf warteten, zu sehen, welche ihrer Männer heil und gesund zurückkehrten und welche es zu betrauern galt. Gwalchmai, der erst seit kurzem über Erfahrung mit Reittieren verfügte, dachte in der ersten Zeit mit Wehmut an die sechsbeinigen Rosse Elverons zurück. Wie jedem, der reiten lernt, blieb auch ihm die schmerzhafte Erkenntnis nicht erspart, daß die Lauf- ruhe eines Reittieres in demselben Maße abnimmt wie die Anzahl der Beine, die es tragen. Schneller als erwartet gewöhnte er sich jedoch an die seltsame Gangart seines Pferdes und an das Ge- wicht seiner Rüstung, die schwerer war als die eines normannischen Ritters. Gelegentlich lasen sie sächsische Flüchtlinge auf. Beim Anblick dieser armseligen, geschundenen Kreaturen konnte sich Gwalchmai kaum vorstellen,, daß dieses Volk einmal der Schrecken Britanniens gewesen sein sollte. Halbverhungert und ausgemer- gelt, wie sie waren, abgestumpft durch die langen Jahre der Knechtschaft, die Körper schwer gezeichnet durch Narben von Peitschenhieben und Handfesseln, führten sie den Cymrern eindringlicher als alles an- dere vor Augen, wie schnell das Rad des Schicksals sich drehen kann und wie leicht aus Unterdrückern Unterdrückte werden können. Anläßlich solch tief beeindruckender Erlebnisse pflegten die Cymrer dann jedesmal die Fäuste fester zusammenzuballen und wieder und wieder zu schwören, daß Harlech nie und nimmer normannisch werden durfte König Brons schwor, seinen Sohn, Prinz Owalin Gwynned, auf dem Schoße wiegend, jeden Fußbreit Boden des Landes seiner Vorfahren bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Klein fürwahr war es geworden, das Land der Bri- ten, doch sie waren stolz auf ihr Erbe, hatten sie doch schon den Römern widerstanden, dann den Sachsen und nun sogar einem Feind, der mehr von den Briti- schen Inseln erobert hatte als jeder andere Feind zu- vor – und immer noch waren sie frei! Doch da war irgend etwas in ihren Stimmen und in ihren Blicken, das Gwalchmai verriet, daß sie genau wußten, daß Tapferkeit allein nicht genug war gegen einen zahlenmäßig schier übermächtigen Feind und daß irgendwann das Verhängnis über sie hereinbre- chen würde. Dies wurde ihm immer dann besonders deutlich, wenn wieder ein toter Ritter, der in einem Grenzgefecht gefallen war, von seinen Kameraden in den Burghof getragen wurde; wenn Frauen nicht an der Tafel anwesend waren, weil sie in ihren Gemä-, chern saßen und trauerten; wenn hinter den Schieß- scharten der Burgzinnen plötzlich altbekannte Ge- sichter fehlten und neue an ihre Stelle traten. Manchmal wirkte selbst der König verstört und in sich gekehrt, und dann wußte Gwalchmai, daß ihn ein Alptraum heimgesucht hatte und daß ihn viel- leicht der Gedanke quälte, der kleine Prinz werde möglicherweise niemals eine Krone tragen. Corenice bat Gwalchmai, dem König von Alata zu erzählen, damit, wenn eines Tages wirklich der schlimmste Fall einträte, wenigstens dieser winzige Rest jenes Volkes, für das Merlin und König Arthur so leidenschaftlich gestritten hatten, die Insel verlas- sen und eine Zuflucht jenseits des Ozeans fände. Lange Zeit lehnte Gwalchmai dies mit dem Hin- weis ab, er dürfe dieses Geheimnis nur dem preisge- ben, für den es bestimmt war – dem Kaiser von Rom. Schließlich aber gab er nach, jedoch nicht ohne zu bemerken: »Mir scheint, Alata ist dazu bestimmt, nicht, wie mein Vater es gewollt hat, eine Kolonie des Römischen Reiches zu werden, sondern eine Heimat für Flüchtlinge!« »Könnte es einen edleren Zweck erfüllen?« erwi- derte Corenice. Zu Gwalchmais Überraschung schüttelte König Brons den Kopf, als er ihm das Angebot unterbreitete. »Ich könnte niemals mein Volk im Stiche lassen. Mit den wenigen Schiffen, über die ich verfüge, ver- mögen wir nur eine ganz geringe Anzahl von Cym- rern über das Meer zu bringen. Selbst wenn wir meh- rere Überfahrten hintereinander machten – sobald die Normannen merkten, daß nur noch wenige von uns hier sind, würden sie sofort den Versuch unterneh-, men, uns das Land zu entreißen. Loegria – England – würde sich die Hiergebliebenen einverleiben. Ich wä- re ein Verräter, wenn ich dies duldete. Ich weiß, daß Ihr mir dieses Angebot in bester Ab- sicht gemacht habt; Euer Großmut gereicht Euch zur Ehre, und ich danke Euch vielmals dafür. Aber wir werden bis zum letzten Atemzug für die Freiheit un- seres Landes kämpfen, und dazu brauchen wir jeden Mann und jeden Knaben. Unsere Frauen würden es ebenfalls nicht anders wollen, und ich käme niemals auf den Gedanken, sie darum zu bitten. Doch will ich all das, was Ihr mir erzählt habt, nie- derschreiben und an einem geheimen Orte aufbewah- ren lassen. Sollten wir je mit den Normannen zu einer Einigung kommen und als friedliche Nachbarn mit ihnen zusammenleben, könnte es durchaus möglich sein, daß mein Sohn oder mein Enkel vielleicht eines Tages einmal den Wunsch haben, in jenem Land ihr Glück zu suchen. Ich danke Euch nochmals für Euer freundliches Angebot, Prinz Gwalchmai, doch leider muß ich es ablehnen.« Im Frühling des darauffolgenden Jahres herrschte Ruhe an der Grenze. Die Bauern bestellten unbehel- ligt ihre Felder, und keine Ritter zogen hinaus ins Ge- fecht; Frauen vergossen ihre Tränen zum erstenmal seit langer Zeit nicht wegen der Politik der Großen, sondern wegen der kleinen Sorgen und Nöte im eige- nen Hause. Apfelblüten fielen sanft auf die Gräber der tapferen Gefallenen, Fischer zogen ihre prallgefüllten Netze ein, und reichbeladene Handelsschiffe legten im Ha- fen von Morfa Harlech an und verließen ihn ebenso reich beladen wieder., Auf einem dieser Schiffe, einem Weinfrachter aus Malaga, segelten eines schönen Tages Gwalchmai und Corenice zum Hafen hinaus – die Taschen gefüllt mit Landkarten, den Kopf mit guten Ratschlägen, und im Herzen die besten Wünsche und den Segen ihrer freundlichen Gastgeber. König Brons und die Seinen säumten den Strand, um ihnen Lebwohl zu sagen, und der Harfner sang ein trauriges Lied zum Abschied. Lange standen die beiden im Heck des Schiffes und winkten, und selbst als sie schon weit draußen auf hoher See waren und die Cymrer längst ihren Blicken entschwunden wa- ren, schauten sie noch lange hinaus auf die weiß leuchtenden Drachenwimpel, die fröhlich auf den Zinnen von Burg Harlech im Winde flatterten. »Gute Reise! Lebt wohl und viel Glück denen, die scheiden und nie mehr zurückkehren!« Es war fürwahr ein trauriger Abschied, und noch lange dachten die Leute am Hofe an jene Fremden zurück, die kamen, eine Weile bei ihnen lebten, um dann auf immer fortzugehen, und sie bewahrten ih- nen ein freundliches Andenken in ihrem Herzen. Manchmal fragten sie sich, wie es den beiden wohl ergangen sein mochte – jenem hochgewachsenen, rothäutigen Prinzen und seiner dunklen Frau, die ihn so zärtlich liebte und deren Lachen so anmutig ge- klungen hatte wie das Geläut goldener Glöckchen. Ein Harfner komponierte ihnen zu Ehren ein Lied, und oft wurde es gesungen, während die Zeit ihren Lauf nahm und eine Generation die andere ablöste. Manchmal baten die Leute den Enkel jenes Harfners, noch ein weiteres Lied zu singen, wenn er jenes ge-, sungen hatte und dafür mit großem Applaus bedacht worden war. Und dann pflegte er einen Moment in- nezuhalten und nachzudenken. Danach schlug er dann jedesmal einen hallenden Akkord auf seiner Harfe an und sprach, bevor er sein Lied sang, die folgenden Worte: »Dies sind die drei Männer, deren Verschwinden der größte Verlust für Britannien war ... Der erste ist Gavran, der Sohn des Aeddan, der mit vielen tapferen Männern aufbrach, die Grünen Inseln zu suchen, und nie wieder gesehen ward ... Der zweite ist Myrdhinn, Barde des Aurelian Am- brosius, und seine Neun Weisen Barden, die mit dem Haus aus Glas in See stachen; und niemand hat je er- fahren, wohin ihre Reise ging ... Der dritte ist Madoc, Sohn des Owalin Gwynned, der mit dreihundert Mann und zehn Schiffen auf das Meer hinausfuhr und nie mehr zurückkehrte.« Und wenn er dann sein trauriges Lied beendet hatte, weinten viele, denn manch einer erinnerte sich noch an Madoc, die älteren hatten noch seinen Vater Owalin gekannt, und es gab sogar noch einige Greise, deren Eltern König Brons gekannt und oft von ihm erzählt hatten. Und diese wenigen waren es, die sich manchmal fragten, ob nicht vielleicht irgendein Zusammenhang bestand zwischen dem Auftauchen jener Fremden vom Meer und dem Verschwinden Prinz Madocs. Und sie fragten sich auch, nach welchem geheim- nisvollen Land der Prinz und seine Männer wohl ge- segelt sein mochten, aber Madoc hatte die alten Auf- zeichnungen, die sein Großvater, König Brons, an ei- nem geheimen Orte aufbewahrt hatte, mitgenommen,, und so hätten zu jener Zeit nur Gwalchmai und Corenice das Geheimnis lüften können – doch die waren längst nicht mehr in Britannien.,

Arngrim und die Goldene Frau

Die Welt befand sich seit langer Zeit in Unruhe. Wäh- rend Gwalchmai in seinem Gletscher ruhte, fanden gewaltige Völkerwanderungen statt. Rom war vor dem Ansturm der schrecklichen Go- ten zusammengebrochen, von den byzantinischen Griechen gerettet worden, um bald darauf den Lan- gobarden oder ›Langmessern‹ in die Hände zu fallen, die aus den Wäldern des alten Feindes Germanien gekommen waren. Die Menschen begannen allmäh- lich von Italien als einer Nation zu sprechen, denn Rom war untergegangen, und die, die sich Römer nennen konnten, waren Flüchtlinge in den Lagunen von Venedig. Die Lichter von Byzanz strahlten noch immer hell, aber die Grenzen des Oströmischen Reiches dehnten sich aus und schrumpften wieder zusammen wie der Körper einer Amöbe. Manchmal, in den Zeiten unsi- cheren Friedens, erstreckten sie sich über riesige Ge- biete; dann schrumpften sie erneut zusammen bis vor die Mauern jener oft belagerten Stadt, die immer noch der Stolz Europas war. Gelehrte blickten nach By- zanz, so als ob sie nach dem Himmel blickten. Die Gläubigen wußten in ihm ihre heiligsten Schätze ge- borgen. Räuber und Abenteurer aller Schattierungen schielten begehrlich auf seine unerhörten Reichtümer. Generäle lernten ihr Handwerk durch das Studium seiner Feldzüge und Belagerungsschlachten, und Di- plomaten lernten die hohe Kunst des wortgewandten, Ränkespiels und der Überredung, indem sie nach By- zanz gingen. Nirgends gab es herrlichere Beispiele antiker Bau- kunst, die noch nicht plündernden Horden zum Op- fer gefallen war, als in der goldenen Stadt am Bospo- rus; nirgends auf der Welt gab es eine schönere noch erhaltene Arena als das berühmte Hippodrom von Byzanz; und in keinem anderen Land der Christen- heit gab es Kaiser und Könige, die sich ihrer göttli- chen Bestimmung mehr bewußt waren als die Herr- scher von Byzanz. Während Gwalchmai in seinem kühlen Gefängnis geschlummert hatte, waren die Mauren, aus dem Norden Afrikas kommend, nach Norden gestürmt. In Spanien hatte sich das Christentum dem wilden An- sturm der Mohammedaner beugen und weit nach Norden zurückziehen müssen. Es hatte gar Zeiten gegeben, da hatte es geheißen, nur ein einziger Berggipfel in Spanien sei frei, und nur zwölf Ritter und ihre Familien harrten dort oben aus und leisteten den heidnischen Horden erbitterten Widerstand. Karl der Große hatte ein neues gewaltiges Imperi- um errichtet, römisch nur dem Namen nach, doch auch dieses mächtige Reich war zerfallen und sein Glanz Legende geworden. Auch während der Nacht, die Gwalchmai in Elve- ron verbracht hatte, war vieles geschehen. Weitere Berggipfel Spaniens waren frei geworden, denn Christen und Mauren hatten gelernt, fast wie Nachbarn nebeneinander zu leben, auch wenn sie weiterhin – wie bei Nachbarn üblich – hin und wie- der miteinander im Streit lagen. Der Norden war ein, bunter Flickenteppich winziger christlicher Königrei- che geworden, dessen Muster sich ständig durch Kriege und Zweckheiraten änderte. Der Süden war islamisch und fest in der Hand der Mauren. Doch auch diese waren beileibe kein ein- heitlicher Volksstamm: Da gab es auf der einen Seite die wilden, bärtigen, starrsinnigen Berber aus Nord- afrika und auf der anderen Seite die weit umgängli- cheren Sarazenen – kultivierte, zur Genußsucht nei- gende Araber. Beide hatten für die Ideale des anderen nur Verachtung und Geringschätzung übrig, doch einte sie der gemeinsame Glaube. Auch hier gab es eine Anzahl sich ständig befehdender Kleinstaaten, wo oft eine einzige Schlacht oder Heirat ausreichte, das sorgsam ausbalancierte Machtgefüge aus dem Gleichgewicht zu bringen und völlig zu verändern. Doch dann goß das Schicksal ein drittes Element in den brodelnden Hexenkessel miteinander rivalisie- render Religionen und Völkerschaften. Der Normanne Rurik war mit seinen wilden Warä- gerhorden mordend und brennend in Muskovien eingefallen und hatte in Nowgorod einen eigenen Staat gegründet. Seine Nachfolger waren den Don bis zum Meer der Raben, dem Schwarzen Meer, hinun- tergefahren und wie ein Sturm über Byzanz herein- gebrochen, mit dem einzigen Ziel: es zu zerstören und zu plündern. Doch am Ende blieben die Waräger dort und traten in die Dienste derer, die sie zu erobern und zu ver- treiben gehofft hatten; und bald darauf sollten sie zu den verläßlichsten Verteidigern der Byzantinischen Kaiser werden. Als sie jenen Handel eingingen, traten sie der Form nach zum Christentum über, doch soll-, ten sie noch lange Zeit danach auf Thors Hammer schwören. Angesichts dieser politischen Konstellationen war es nur eine Frage der Zeit, daß diese Mächte eines Tages aneinandergerieten. Just zu der Zeit, da Gwalchmai und Corenice auf Burg Harlech weilten, hatte ein Berber, der sich selbst Abu nannte, das Licht der Morgenröte, damit begon- nen, eine neue Glaubensrichtung des Islams zu ver- künden. Angewidert von den Verfehlungen seiner Glaubensbrüder und ihrem Hang zur Schlemmerei und zum Wohlleben, hatte er geschworen, nicht eher zu ruhen, bis er ganz Spanien mit dem Schwert ge- läutert und sowohl die ungläubige Christenbrut als auch die abtrünnigen Brüder des Islams mit Stumpf und Stiel ausgerottet hätte. Mit diesem Ziel vor Au- gen setzte er mit einer großen Flotte von Ceuta aus nach Spanien über, und bald waren der südliche Teil des Landes und der gesamte Westzipfel des Mittel- meeres fest unter seiner despotischen Herrschaft. Von diesen Stützpunkten aus drangen seine Horden zu Wasser und zu Lande nach Norden vor und metzel- ten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Zur gleichen Zeit, da das Weinschiff aus Malaga, an dessen Bord sich Gwalchmai und Corenice befan- den, sich langsam entlang der französischen Küste nach Süden bewegte und den Golf von Biskaya durchquerte, hatte gerade eine mit Abus Korsaren bemannte Galeere die Straße von Gebal Tarik – Gi- braltar – passiert und hielt nun, nach einem reich be- ladenen Handelsschiff Ausschau haltend, Kurs nach Norden, ebenfalls entlang der Küste. Auf dem Wege nach Norden umschiffte es Kap Fi-, nistère und Ortegal, verschaffte sich mit mehreren Blitzüberfällen ausreichend Proviant und reiche Beute und war bald auf der Höhe von Santander an- gelangt. Hier legte sich der Wind. Die Galeerensklaven be- kamen den Befehl, die Ruder klarzumachen, und bald gewann das Schiff wieder an Fahrt. Einer dieser Sklaven war mit dem Kriege wohlver- traut. Später sollte seine Geschichte noch so man- chesmal von den Skalden in der großen Halle der Söldner in Mikelgarth – wie Byzanz von den Män- nern aus dem Norden genannt wurde – erzählt wer- den, wenn das Festmahl vorüber war und die Trink- hörner erhoben wurden. Das war der Augenblick, da die Schwermut des Weines auf ihr Gemüt drückte und es sie nach Met verlangte; dann verweilte ihr Geist bei der Pracht und der Herrlichkeit Walhalls und füllte sich mit schicksalsschweren Gedanken an Ragnarok. Und dann pflegte schließlich einer von ih- nen zu rufen: »Laßt uns noch einmal die Sage von Arngrim hören!«, und der Sagenerzähler pflegte zu beginnen: »Es war einmal ein Mann namens Arngrim. Er war Warägerhauptmann und diente in der Garde von Kaiser Alexius dem Ersten von Mikelgarth. Er bekam den Sold von seinem Kaiser, trug das Schwert seines Kaisers in der Hand und schaute auf das Gesicht sei- nes Kaisers, wenn er die Münzen betrachtete, die sei- ne Tasche füllten. Seine größte Freude war es, die Feinde seines Kaisers zu töten. Er war der Sohn des Steinar, Sohn des Thorvals, Sohn des Jodd des Dänen. Er war der Führer eines Patrouillenschiffes. Sein Haar war schwarz., Und nun wandert die Geschichte nach Westen, denn dorthin, durch die Säulen des Herkules, flieht Augmund der Ungewaschene, Sohn des Thorberg Snorrison, genannt der Böse. Sein Ziel ist Tonsberg. An Bord seines Schiffes sind viele Güter, geraubt aus gebrandschatzten Kirchen auf der Insel Lesbos. Hin- ter ihm segelt Arngrim, begleitet von seinem Schwert Lebensbeißer, und drängt mit seinem Schiff den See- räuber vom Lande ab. Sechs Tage und Nächte lang fliegen die beiden Seehirsche dahin; weder vermag Augmund dem anderen zu entrinnen, noch gelingt es Arngrim, den Seeräuber einzuholen. Doch da schwenkt Augmund, des Fliehens müde, herum, ihre Schiffe legen sich längsseits aneinander, Enterhaken werden geschleudert, und schon bricht der Stahlsturm los. Feuertöpfe fliegen auf das Deck von Arngrims Schiff, setzen es lichterloh in Flammen, und sie springen hinüber auf Augmunds Schiff, um auf Deck weiterzukämpfen. Hin und her wogt das blutige Gemetzel, und als der Tag zu Ende geht, ist keiner mehr am Leben bis auf Augmund und Arngrim, beide von Grauen ge- packt angesichts des schaurigen Blutbades, beide ein- ander ebenbürtig. ›Ergib dich!‹ schreit Arngrim, doch Augmund springt auf ihn und schwingt sogleich sein Schwert zu einem gewaltigen Hieb. Arngrim pariert den Hieb mit seinem Schild und verbiegt dabei die Klinge sei- nes Gegners. Dann schlägt er dem Seeräuber mit Le- bensbeißer die Beine ab, und der Sieg ist seiner. Und das war das Ende von Augmund dem Seeräu- ber.« So der Sagenerzähler – doch gab es einiges, das in, seiner Geschichte nicht auftauchte, denn Arngrim er- zählte nicht alles, als er nach Mikelgarth heimkehrte mit einer Goldenen Frau. Da er verschwiegen war wie ein Grab, fanden einige überaus wichtige Ereig- nisse niemals Eingang in seine Legende. Rais Salih el Talib befehligte eine Galeere voll müder Männer. Seine Soldaten sehnten sich nach festem Land und dem Schatten grüner Bäume, wie sich ein Kamel, das sich auf glühendem Wüstensand die Füße wundgelaufen hat, danach sehnt, endlich die erquik- kende Oase zu erreichen. Seine Rudersklaven hingen schlaff in den Riemen, und selbst die Peitsche konnte sie nicht dazu bewegen, mit größerem Elan zu ru- dern. Wenig begeistert ließ er seinen Blick über die Ru- derbänke wandern. Eine miese Sippschaft, die er da auf seinem Kahn hatte! Sie hatten alle miteinander von Anfang an nichts getaugt, und je länger sie un- terwegs waren, desto lahmer und fauler waren sie geworden. Er hatte nicht viel Hoffnung, daß sie die Reise überhaupt bis zum Ende durchstehen würden. Salih war selbst eine Landratte. Der Titel eines Rais al Bahr – Kapitän zur See –, den man ihm verliehen hatte, war eher als eine Art Ermunterung zu verste- hen, sein Bestes zu geben, denn als Ausdruck der Hoffnung seines Al-mir-al, daß ein solcher Fall jemals eintreten würde. Sein Blick huschte fortwährend über die zwei lan- gen Reihen von Sklaven, die sich schwitzend an den Riemen abmühten. Der Neue entwickelte sich gut. Seine Wunden waren schon fast wieder zugeheilt, und er hielt den Kopf kraftvoll und stolz aufrecht., Seine Muskelstränge bewegten sich spielerisch leicht unter der Haut seines narbenlosen Rückens. Es war nicht nötig gewesen, die Peitsche zu benutzen. Nach- dem er eingesehen hatte, daß es sinnlos war, einen Fluchtversuch zu unternehmen, hatte er mehr als sei- nen Teil getan. Seit sie ihn aus dem treibenden Wrack aufgelesen hatten, hatte er sich als guter, ja sogar als williger Ar- beiter erwiesen. Der Rais fragte sich, warum. Jetzt trafen sich ihre Blicke und verharrten ineinan- der. Salih wunderte sich nun nicht mehr. Er sah das Feuer in den Augen des Mannes, und da wußte er, daß dieses Stück Treibgut nur lebte, um zu töten. Die- sen Mann würde er niemals zerbrechen können. Der Rais wußte genau, was der Mann vorhatte. Irgendwann einmal hatte jemand dem schwarzhaa- rigen Sklaven das Nasenbein zerschmettert. Hübsch konnte er wohl auch davor niemals gewesen sein, doch die zertrümmerte Nase gab ihm ein solch ge- fährliches Aussehen, daß der Rais instinktiv erkannte, daß er vor diesem Mann auf der Hut sein mußte. Er war zu häßlich, als daß er ihn irgendeinem hohen Herrn als Sklaven verkaufen konnte. Und als Ruder- sklave war er zu gefährlich. Ebensogut hätte er sich einen wilden Tiger an Bord halten können. Wenn die Reise beendet war, würde es das beste sein, ihn zu töten. Im Augenblick jedoch konnte er auf die Bärenkräfte dieses Mannes nicht verzichten. Mit einem leichten Gefühl des Fröstelns wandte der Rais seinen Blick von dem Mann ab. Sobald er merkte, daß er nicht länger unter Beob- achtung stand, nahm Arngrim das Gespräch mit sei- nem Nebenmann auf der Ruderbank wieder auf. Sie, sprachen nur flüsternd, ohne die Lippen zu bewegen. »Du sagst also, das hier ist die Küste deines Vol- kes?« Der andere deutete mit einer winzigen Bewegung seiner Augen auf die hohen Berge jenseits der Küste. Er war von riesiger Statur, sein Brustkorb war breit wie ein Faß, und aus seinem mächtigen, kugelrunden Kopf mit den blauen Augen sprang eine große Nase hervor. Er hatte die kurzen, kräftigen, leicht geboge- nen Beine eines Mannes, der in den Bergen aufge- wachsen war. »Dort hinten liegt die Heimat von Jaun Magrurin. Es sind die Berge von Escual-Herria*«, flüsterte er in abgehacktem Latein, von dem sie beide ein wenig verstanden. »Dort bin ich geboren. Dort werde ich sterben.« »Du bist dir wohl sehr sicher, daß du nicht als Sklave sterben wirst.« »Ez! Ez! Niemals! Wir Eskualdunak geben schlechte Sklaven ab. Wir sind das älteste Volk in Eu- ropa und das freieste. Wir sind noch nie erobert wor- den. Hier zu sterben, würde heißen, Schande über meine Familie und mein ganzes Volk bringen. Noch bevor du kamst, habe ich schon meine Bank unbe- merkt soweit losgerüttelt, daß sie nur noch lose in ih- ren Fugen hängt. Ich warte ab, bis meine Zeit ge- kommen ist.« »Ich auch!« zischte Arngrim. Sie mußten jetzt ihre Unterhaltung beenden, weil der Aufseher peitschenschwingend über den Mittel- gang geschlendert kam. * Das Baskenland, Plötzlich schrie der Mann im Ausguck: »Segel in Sicht!« »In welcher Richtung?« »Sechs Grad nördlich. Kauffahrer unter vollem Se- gel mit Kurs auf Süd-Südost!« »Welche Flagge? Kannst du sie erkennen?« »Der Rote Löwe, Kapitän! Fette Beute!« Zu jener Zeit ihrer größten Ausdehnung in Südeu- ropa war für die Korsaren nahezu alles, was auf den Meeren schwamm, fette Beute. Das einzige Banner jedoch, dem sie mit gebührendem Respekt begegne- ten und wenn möglich aus dem Wege gingen, war das der Wikinger. Hin und wieder konnte man das Banner mit dem Raben sogar in noch südlicheren Ge- filden auf dem Mittelmeer entdecken. Zum erstenmal aufeinandergeprallt waren sie vor der Südküste Frankreichs, und dabei hatten die Mauren sich ledig- lich blutige Nasen geholt. Seither machten sie einen weiten Bogen um die knallbunten Schiffe mit dem Rabenbanner. Es sollten noch einige Jahre ins Land gehen, bis die Schiffe mit der Halbmondflagge es wagen würden, in englischen Häfen aufzutauchen, aber nicht einer von ihnen, nicht einmal der blutige Anfänger Salih el Ta- lib, hatte damals Angst vor den verschiedenen Flag- gen Spaniens. Schon gar nicht vor einem Kauffahrer, der seine Ladung gelöscht hatte und jetzt mit rei- chem, leicht davonzuschaffendem Erlös seinem Hei- mathafen zustrebte. »Schlagzahl erhöhen! Aufseher – laß die Peitsche knallen!« Die Trommel dröhnte in schnellerem Rhythmus, und die Rudersklaven bogen unter dem Knall der, Peitsche die schmerzenden Rücken, als das Schiff rasch an Fahrt zunahm, um den Kauffahrer abzufan- gen. Gwalchmai und Corenice lehnten träge auf der Re- ling des Weinschiffes und genossen den bezaubern- den Anblick der schneebedeckten Berggipfel, die sich weit in der Ferne aus dem Dunst erhoben. Seit mehreren Stunden trieb das Schiff nun schon bei völliger Windstille hilflos auf dem Wasser. Die steigende Flut trug es ganz langsam und allmählich landwärts. Es war ungefähr Mittag. Der Himmel war wolkenlos, und es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß in den nächsten Stunden Wind aufkommen würde. Alle Segel waren gesetzt, um auch die winzigste Brise auszunutzen, aber das Meer lag spiegelglatt da. Da entdeckte der Mann im Ausguck das Piraten- schiff. Es näherte sich rasch, weißer Schaum spritzte vor seinem Bug auf. Kein Zweifel, es hatte sie ent- deckt und Kurs auf sie genommen. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den naß glän- zenden, rhythmisch das Wasser peitschenden Rudern und auf den Waffen und Kettenhemden der mauri- schen Soldaten. Keine halbe Stunde mehr, und sie würden sie er- reicht haben. Der Kauffahrer war weder für einen Kampf noch für schnelle Fahrt gerüstet. In aller Eile wurden Enternetze gesetzt und Waffen ausgeteilt, aber die Zeit reichte nicht mehr, Pech zu schmelzen oder Öl zu erhitzen. Hastig wurden Ballaststeine heraufgeschafft und längs des Schanzkleides aufgereiht, um sie in die Galeere zu werfen, sobald sie sich längsseits legte., Außerdem befestigte man ein volles Weinfaß am Bugspriet, und zwar so, daß es frei herunterbaumelte. Wenn man Glück hatte, konnte man es in einem gün- stigen Moment losschneiden, so daß es auf das Deck der Galeere fiel und seinen Inhalt über die Seeräuber ergoß, denen ja Wein von ihrem Propheten streng verboten war. Gwalchmai fragte sich einen Moment lang, ob dies irgendein hinterhältiger Trick von Thor war, der da- durch vielleicht vermeiden wollte, sein Versprechen einzulösen. Aber er verwarf den Gedanken schnell wieder. Wenn der Donnergott tatsächlich die Absicht hatte, ihn hereinzulegen, dann konnte er das auf ein- fachere Art und Weise bewerkstelligen, ohne dabei gleich das Leben so vieler Menschen aufs Spiel zu setzen. Er ballte die Fäuste, daß die Knöchel weiß hervor- traten. Noch hatte er seine Feuersteinaxt, auch wenn diese inzwischen schon reichlich altertümlich wirkte. Und er besaß das Schwert, das er dem toten norman- nischen Ritter nach dem Gemetzel an Getains Grab abgenommen hatte. Corenice jedoch führte nichts als den Dolch mit sich, den ihr der Kapitän gerade aus- gehändigt hatte. Er war nicht dazu bestimmt, Mauren zu töten, son- dern dazu, daß sie sich im Fall ihrer Gefangennahme selbst damit umbrachte – und wie die Dinge lagen, war das so gut wie gewiß. Gwalchmais Knöchel traten bei diesem Gedanken noch weißer hervor. Der Ring funkelte an seinem Finger. Er war nicht einmal warm. Konnte es sein, daß sie überhaupt nicht in Gefahr schwebten? Oder hatte der Ring am Ende seine ge-, heimnisvolle Kraft verloren? Er zog den Ring vom Finger und las den Zauber- spruch auf der Innenseite, wie er es schon damals getan hatte, als er die Wikingerflotte von der Küste Islands ferngehalten hatte. Diesesmal richtete er den langen Arm der geheimnisvollen Konstellation genau auf den Zenit, denn die Seeräubergaleere war inzwi- schen gefährlich nahe herangekommen. Sofort bildete sich in etwa hundert Fuß Höhe direkt über dem Mast der Galeere eine kleine schwarze Wolke, die zunächst kaum größer war als die Mütze eines Mannes. Sie bewegte sich mit der gleichen Ge- schwindigkeit voran wie die Galeere und begann plötzlich, sich langsam auf das Schiff zuzubewegen. Je tiefer sie sich senkte, desto mehr nahm sie an Um- fang zu. Als sie vielleicht noch fünfzig Fuß über dem Seeräuberschiff war, nahm sie plötzlich die Gestalt eines riesigen, pechschwarzen Raben an. Seine mäch- tigen Schwingen peitschten so heftig die Luft, daß ringsherum um das Schiff wie aus dem Nichts kom- mend gewaltige Wellen aufbrandeten und weißglän- zende Gischtzungen gierig an der Bordwand hochleckten. Immer schwerer peitschten die Wogen gegen die Galeere. Wie die Beine eines Käfers, der hilflos auf dem Rücken zappelt, kämpften die winzigen Ruder gegen die entfesselten Naturgewalten an. Vergeblich – unter dem mächtigen Ansturm der Brecher beginnt das Schiff sich im Kreise zu drehen, während dicht über ihm der schwarze Vogel in immer enger wer- denden Kreisen mit wildem Schwingenschlag die Lüfte peitscht. Immer schneller dreht sich das Schiff im Kreise. Ein gewaltiger Strudel öffnet sich unter, ihm. Seine glasigen Wände sind mit einem weißen Rand aus Gischt gesäumt, der in rasender Geschwin- digkeit das wie ein Korken tanzende Schiff umkreist. Immer tiefer öffnet sich der rasende Schlund, immer schneller wirbelt das Piratenschiff im Kreise herum – bis es schließlich in dem gewaltigen Loch verschwin- det. Einen Moment lang ragt noch die Spitze des Ma- stes aus der Gischt, bis auch sie, wild kreisend wie die Nadel eines Kompasses, unter dem brodelnden Tep- pich aus weißem Schaum versinkt. Da die beiden Schiffe nur noch eine halbe Meile voneinander entfernt waren, vernahmen die Men- schen an Bord des Weinschiffes deutlich die verzwei- felten Todesschreie der Ertrinkenden, und manch ei- nem von ihnen erschien es, als kämen die Schreie von tief unten aus dem Meer. So plötzlich, wie er sich erhoben hatte, legte der Wind sich. Die schwarze Wolke löste sich in Luft auf, und die Wellen beruhigten sich rasch wieder. Wo eben noch der schlanke Bug des stolzen Korsaren- schiffes die Fluten geteilt hatte, trieben noch ein paar vereinzelte Wrackteile auf dem Wasser. Angezogen von der Strömung, die der Strudel ver- ursacht hatte, trieb der Kauffahrer langsam in die Richtung der versunkenen Galeere. Als sie näher ka- men, sahen sie zwei Überlebende, die sich, an ein Stück Holz geklammert, mit Mühe über dem Wasser hielten. Beim näheren Hinsehen entpuppte sich das Stück Holz als die Ruderbank. Mit vereinten Kräften hatten sie die Männer aus ihrer Verankerung geris- sen, als die Galeere unterging. Bis zum Hals unter Wasser, gezogen vom Gewicht der schweren Ketten an ihren Handgelenken, hingen, sie da, das Gesicht salzverkrustet – Arngrim, der Sohn des Steinar, und Jaun, der Baske. Nicht lange danach stiegen sie als freie Männer über die Dünen, hinter denen die grünen, von Stein- wällen gesäumten Wiesen und Felder von Escual- Herria lagen – und bei ihnen waren Gwalchmai und Corenice, die man ihrem Wunsche entsprechend an derselben Stelle an Land gesetzt hatte. Gwalchmai wußte, daß er mit jedem Schritt dem Orte näher kam, an dem das ihm von Thor verheißene Schwert ver- borgen war; er war sich jetzt völlig sicher, daß der Donnergott die Absicht hatte, sein Versprechen zu halten. Wie hatte doch der Kapitän des Weinschiffes ge- sagt? »Es gibt im Golf von Biskaya oft plötzlich auf- kommende Stürme, die Schiffe versenken; aber ich habe noch nie von einem Sturm gehört, der aus einer Wolke in Gestalt eines Raben kommt.« In dem Moment war Gwalchmai klargeworden, daß Thor dahintersteckte. Der Donnergott hatte sich als treuer und zuverlässiger Freund erwiesen. Sie waren fast genau im Winkel der Halbinsel an Land gesetzt worden, an jener Stelle, da Frankreich an Spanien grenzt. Zwischen den beiden Ländern ziehen sich die Pyrenäen entlang. Dieses Gebirge, das in seiner Form an einen achtlos hingeworfenen Farn- wedel erinnert, erstreckt sich vom Westen bis ans Mittelmeer. Die Seitenzweige dieses Farns sind hohe, langgestreckte Bergkämme, die nach Süden und nach Norden hin allmählich abflachen, und dazwischen liegen Täler, die schon seit Jahrtausenden von Men- schen bewohnt und kultiviert sind. Hier lebten vor Urzeiten die Höhlenbären; hier, tauchte zum erstenmal auf geheimnisvolle Weise die Cro-Magnon-Rasse auf, deren Kultur auf verblüffen- de Weise der der amerikanischen Urbevölkerung äh- nelt. Vieles deutet darauf hin, daß beide Kulturen gleichen Ursprungs sind. In denselben tiefen Höhlen spielten einst diese unerschrockenen Kämpfer und Jäger die Überlegenheit ihrer primitiven Waffen ge- gen die tierähnlichen Höhlenbewohner aus, welche sie dort antrafen, und noch heute legen ihre wunder- schönen, teils noch vollkommen erhaltenen Höhlen- malereien beredtes Zeugnis von einem kampferfüll- ten Dasein als Jäger ab. Und nun lebten hier die Eskualdunak. Entlang der Südseite des hohen Gebirgszuges mar- schierten nun die vier Gefährten. Der Zufall hatte es gewollt, daß ihr Weg in dieselbe Richtung führte – je- doch jeweils aus verschiedenen Gründen. Arngrim zog es zurück nach Byzanz, wo das Leben angenehm war und er eine hohe Stellung innehatte; Gwalchmai und Corenice suchten den richtigen Paß nach Frank- reich unter all diesen zahllosen in der Sackgasse en- denden Tälern, die nach Norden führten; und Jaun, der Baske, hatte versprochen, sie zu führen. Kurz hinter der Küste wurden die Berge höher und die Hänge schroffer. Bald tauchten die ersten schnee- bedeckten Gipfel auf, und später sahen sie mächtige Gletscher und mußten immer wieder reißende Ge- birgsbäche und größere Flüsse überqueren. Hin und wieder fanden sie ein Dorf zum Über- nachten, meist jedoch schliefen sie in Höhlen. Obwohl Gwalchmai jedesmal, wenn er sich im Innern der Er- de befand, ein unangenehmes Kribbeln im Nacken verspürte, weil er daran dachte, daß der Herr des, Dunklen Gesichts hier über mehr Macht verfügte als anderswo, wurden sie nie von Feinden belästigt, we- der von geistigen noch von irdischen. Er spürte, daß um ihn herum Überreste uralter Magie existierten, und tatsächlich waren einige dieser Höhlen schon heilige Stätten gewesen, noch bevor Oduarpa vom Morgenstern her auf die Erde gekom- men war. In den Dörfern wurden sie jedesmal gastfreundlich aufgenommen, sobald ihr baskischer Führer sie sei- nen Freunden vorgestellt hatte. Jaun schien in der Tat nahezu überall Vettern und Bekannte zu haben. Sie aßen immer hervorragend in den schwarzbedachten Steinhäusern seiner Verwandten. Zwar konnte Gwalchmai, solange er den Ring trug, jede Sprache verstehen, die auch Merlin gekannt hatte, doch diese seltsame Sprache, die hier gespro- chen wurde, war und blieb ihm ein Rätsel. Corenice hingegen tat einen Freudenschrei, als sie sie zum er- stenmal vernahm, war es doch, wie sie freudig er- klärte, die Sprache ihrer Jugend, die man in ganz Poseidonis gesprochen hatte, nur daß sie hier in rei- nerer Form weiterlebte. Das brachte sie zu der Ver- mutung, daß vielleicht schon lange Zeit vor der letz- ten großen Überflutung des Kontinents, die zu sei- nem Untergang geführt hatte, Siedler aus Atlantis hierhergekommen waren, die ihre Sprache mitge- bracht hatten. Hatten sie das Leben als zu hart emp- funden und waren Wilde an jener rauhen und un- wirtlichen Küste geworden und hatten alles verloren? Es waren von ihnen keine Legenden überliefert, aber Corenice sprach danach direkt mit Jaun und übersetzte zwischen den Bergbewohnern und den, anderen, obwohl sie nicht immer jedes Wort verste- hen konnte. Eines Nachts lagen sie unter einem sternenklaren Himmel und tranken Wein aus Jauns Chahakoa. Sie ließen ihn von Hand zu Hand gehen und betrachte- ten dabei die langsam an ihren Augen vorüberzie- henden Sternbilder. »Das da ist der Wagen«, sagte Arngrim, wobei er auf den Großen Taucher zeigte und den Weinschlauch an Gwalchmai weiterreichte. Dieser nahm einen Schluck und sagte: »Mein Vater nannte ihn ›Arthurs Wagen‹. Er weist den Seeleuten und den Männern auf den wei- ten Grasebenen, die das Höckervieh jagen, den Weg. Den kleinen Stern, direkt über dem hell strahlenden fast am Ende der Deichsel, nannte mein Onkel Hayon- watha ›Das Indianerkind auf dem Rücken der Squaw‹, aber die Geschichte dazu habe ich leider vergessen.« Jaun ließ sich von Corenice übersetzen, was die beiden gesagt hatten. Er lachte, als sie es ihm erzählte. Dann begann er mit seiner eigenen Version, und als er fertig war, übersetzte Corenice: »Die ersten beiden Sterne sind zwei Ochsen, die zwei Diebe einem Bauern gestohlen haben. Die näch- sten zwei sind die zwei Diebe, die den beiden Ochsen hinterherlaufen. Der erste Stern in dem Stiel ist der Sohn des Bauern, den der Vater geschickt hat, die Diebe zu fangen; die beiden Sterne daneben sind sei- ne Schwester und ihr kleiner Hund, die der Vater ge- schickt hat, den Bruder zu suchen und ihn zurückzu- bringen. Der letzte Stern ist der Bauer selbst. Er fluchte so schrecklich, als er seine Ochsen verlor, daß Gott sie alle dazu verdammte, auf ewig ihre Wander- schaft fortzusetzen.«, »Das war aber sehr ungerecht«, sagte Arngrim mit der ernstesten Miene, die man sich vorstellen konnte. »Es mag ja noch angehen, daß die anderen einen Teil der Schuld, die der Bauer durch sein Fluchen auf sich geladen hatte, mittrugen – aber nicht doch der arme kleine Hund! Es war ja nicht seine Schuld, daß er mit dem Mädchen gegangen ist – er mußte es ja tun! Er tut mir wirklich leid. Er hätte nicht bestraft werden dürfen. Thor hätte so etwas niemals getan!« In diesem Augenblick zuckte ein lautloser Blitz über den Nachthimmel. Jaun fuhr erschreckt zusam- men und bekreuzigte sich. »Möge Gott der armen Seele den Weg weisen!« »Amen«, sagte Gwalchmai. »Kennst du noch mehr solcher Geschichten?« Und so erzählte der Baske ihnen von El Guestia, der alten Wirtsfrau, die des Nachts mit einem weißen Kleid und einer brennenden Kerze in der Hand her- umspukt, wobei sie ein Glöckchen läutet und Gebete für die Seelen der Verstorbenen murmelt. Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. »Sie fällt jeden an, der ihr begegnet, und dabei ruft sie: ›Reise während des Tages, denn die Nacht gehört mi- -ir!‹« Die letzten Worte stieß er ganz schrill und laut her- vor und packte dabei Arngrims Arm mit eisernem Griff. Arngrim stieß vor Schreck einen lauten Schrei aus und versetzte ihm einen solchen Knuff in die Seite, daß er über den Boden rollte. Alle mußten lachen. Als nächstes erzählte Gwalchmai ihnen von der Hexe von Aztlan, die mit einer Kette aus Menschen- herzen um den Hals durch die Straßen rennt und je- den tötet, der sie an einem der fünf Unglückstage am, Ende des Zyklus zu Gesicht bekommt. Nach diesen beiden Schauergeschichten waren sie alle so bange, daß sie mehr als einmal einen ängstlichen Blick über die Schulter nach hinten warfen. Jaun, dem dies nicht entging, sagte nach einer Weile mit beruhi- gender Stimme: »Wir haben jedoch auch die Laminak. Es sind winzig kleine Menschen, die in wunderschö- nen Schlössern unter der Erde leben und kleinen Kindern helfen, wenn sie sich verirrt haben. Sie leuch- ten ihnen mit ihren Leuchtkäferlaternchen heim.« Corenice warf Gwalchmai einen raschen Blick zu, und er wußte sofort, daß auch sie an das Bankett in Elveron dachte. Und wie schon so oft in der letzten Zeit fragte er sich, ob er wohl jemals Sir Huon wie- dersehen würde. Da keiner von ihnen in jener Nacht große Lust ver- spürte, in einer Höhle zu übernachten, schliefen sie unter freiem Himmel. Gwalchmai wurde von wirren Träumen gepeinigt, und einmal fuhr er schweißgeba- det und heftig nach Atem ringend aus dem Schlaf hoch. Er schaute sich ängstlich nach allen Seiten um. Niemand außer seinen drei Gefährten war zu sehen. Doch er war sich ganz sicher, daß unfreundliche Au- gen ihn während des Schlafs angestarrt hatten – er hatte das unbestimmte Gefühl, daß es nicht die Au- gen eines Menschen gewesen waren. Schon seit meh- reren Tagen spürte er diesen allgegenwärtigen kalten Blick in seinem Nacken. Irgendwer – irgend etwas wartete geduldig ab, bis seine Zeit gekommen wäre. Am darauffolgenden Tag gingen sie weiter in die Berge hinein. Der Pfad war staubig, mit Ahornbäu- men und Pappeln gesäumt. Gegen Mittag legten sie eine Rast ein und aßen von dem Proviant, den sie im, letzten Dorf vom Rest des Geldes kauften, das König Brons ihnen mit auf den Weg gegeben hatte. Wäh- rend sie am Ufer eines klaren Gebirgsbaches saßen und kauten, kam eine Schar Kinder des Weges, die während des Gehens zu der Musik eines Tamburins und einer dreilöchrigen Flöte tanzten. Sie trieben eine kleine Schafherde vor sich her. Jaun erhob sich aus dem Gras und hielt die Kinder an. Eine kurze Unterredung in baskischer Sprache folgte, und obwohl Corenice angestrengt lauschte, konnte sie kaum ein Wort verstehen. Achselzuckend drehte sie sich zu Gwalchmai her- um und sagte ein wenig verdrießlich: »Jaun hat mir erzählt, sie hätten hier ein Sprichwort, welches be- sagt, daß euer Teufel keine Macht über die Seelen dieses Volkes hat, weil er es niemals geschafft hat, seine Sprache zu lernen! Manchmal möchte ich ihm direkt glauben! Er benutzt den Kindern gegenüber sehr viele Wörter, die zu meiner Zeit noch nicht ge- bräuchlich waren.« »Ich wünschte, ich könnte, was meine eigene Seele anbetrifft, genauso sicher sein«, murmelte Gwalchmai leise zu sich selbst. Der Tag schien mit einemmal et- was von seiner strahlenden Helligkeit verloren zu haben; es war, als hätte sich ein feiner Schleier über die Sonne gelegt. Als der Baske zurückkam, deutete er auf einen Spalt in den Bergen. »Bis dorthin werde ich noch mit euch gehen. Dann muß ich nach Hause zurückkeh- ren. Dort oben liegt der Pfad, den ihr sucht. Es ist der Paß von Eboñeta. Die Franzosen nennen ihn den Paß von Roncesvaux.« Roncesvalles! Gwalchmais Herz tat vor Freude einen, Hüpfer. Jetzt würde er bald wissen, ob Thor ihm wirk- lich verziehen hatte! Nun würde er endlich erfahren, ob das, was er während jener Nacht unter der Eiche an Arthurs Grab gesehen und gehört zu haben glaubte, geträumt oder ob er es wirklich erlebt hatte! Und wenn es wirklich stimmte, dann würde er schon in wenigen Stunden das Schwert eines großen Helden in den Händen halten, und es würde seines sein – sein eigenes! »Kannst du uns nicht auch über den Paß führen?« Jaun schüttelte den Kopf. »Die Kinder sagen, man habe dort eine Xana gesehen. Und ich habe eine Frau, die mich sehr vermissen würde, wenn ich nicht zu- rückkäme.« »Ich auch«, sagte Gwalchmai, worauf Corenice ihn selig anstrahlte und seine Hand ganz fest drückte. »Jeder, der glaubt, wir lieben uns nicht, weil man uns nicht oft miteinander sprechen sieht, sollte ein- mal einen tiefen Blick in unser Herz werfen, nicht wahr, mein Schatz? Doch sag', Jaun, was ist eine Xa- na, und was hat es für eine Bewandtnis damit, wenn ein Mann verheiratet ist?« »Eine Xana ist eine wunderschöne Nymphe mit lang herabwallendem, blondem Haar. Sie leben in Höhlen und Brunnen, und man sagt, daß viele von ihnen in Wirklichkeit gar keine Geister sind, sondern schöne Frauen, die verhext worden sind. Wenn ein unverheirateter Mann eine Xana von ihrem Zauber- bann erlöst, dann heiratet sie ihn, aber wenn ein ver- heirateter Mann es tut, dann bleibt er so lange un- glücklich, bis er seine eigene Frau verlassen und an ihrer Stelle die Xana zum Weibe genommen hat.« Corenice drückte Gwalchmais Hand noch ein biß-, chen fester. »Mir gefällt dieser Teil des Gebirges überhaupt nicht. Gibt es nicht eine andere Stelle, an der wir es überqueren können?« »Es gibt insgesamt acht Pässe, die nach Frankreich hinüberführen; aber dieser ist der beste.« »Ich finde, er ist der schlechteste. Laßt uns einen anderen suchen. Ich muß da gerade an eine dumme Fee denken ...« »Und ich an eine kleine freche Nixe und an eine gewisse, äußerst biegsame Weidenrute, die noch nicht geschnitten ist«, knurrte Gwalchmai. »Dies ist genau die Straße, die ich gesucht habe, und genau der Paß, den ich nehmen werde. Kommst du mit, Frau, oder willst du, daß ich dieser schrecklichen Gefahr allein ins Auge sehe?« »Ich würde dich nicht einen Schritt allein in diese Gefahr gehen lassen!« »Hab' keine Angst!« rief Arngrim lachend. »Ich werde mich schon zwischen dich und die Xana wer- fen, Jaun. Komm doch mit! Ich werde schon dafür sorgen, daß sie keine Macht über dich oder über den roten Mann bekommt. Glaub mir, dunkle Frau, es ist schon lange her, seit eine schöne Frau mich zum letztenmal erschreckte. Ich verspreche dir, wenn wir auf eine hübsche Nymphe stoßen, die entzaubert werden möchte, dann werde ich genau der Richtige sein, der ihr dabei helfen kann! Glaub mir, manche Frau hat schon in mein häßliches Gesicht geschaut und war danach entzaubert. Außerdem habe ich kei- ne Frau! Folgt mir, Burschen! Ich gehe voran!« Ohne lange abzuwarten, marschierte er in stram- mem Schritt los in Richtung des Passes. Jaun folgte ihm zögernd., »Sei nicht so tollkühn! Heute ist Sankt-Johannis- Tag. Sie paßt vielleicht nicht auf ihren Brunnen oder Teich auf, aber dafür um so sicherer El Cuélebre – die geflügelte Schlange!« Corenice war vollauf mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und außerdem gekränkt. Sie hatte keine Lust zum Übersetzen, und da Jaun zuletzt baskisch mit ihr gesprochen hatte und dabei geblieben war, verstand Arngrim die Warnung natürlich nicht. Der riesige Waräger schritt munter drauflos, und bald war er den Blicken der anderen entschwunden. Als die drei Nachzügler am Fuße des Passes anka- men, blickten sie sich neugierig um. Es gab nichts Außergewöhnliches zu sehen. War der berühmte Paß von Roncesvalles unten noch sehr breit, so wurde er zum Gipfel hin zusehends enger, und zu beiden Sei- ten erhoben sich schroff aufragende Felswände und steile, dicht bewaldete Abhänge. Gwalchmai erkannte sofort, daß ein Heer hier rasch zu einer dünnen Marschsäule zusammengedrückt würde. Nur selten einmal wurde der Pfad so breit, daß mehrere Menschen nebeneinander gehen konn- ten. Überall behinderten verstreut umherliegende Felsbrocken und umgestürzte Bäume ein rascheres Vorwärtskommen, und dichter Nebel, der sich zuse- hends senkte hüllte die schneebedeckten Gipfel ein, zwischen denen hindurch sich der Pfad serpentinen- förmig nach Frankreich wand. Kleine Bächlein hielten murmelnd Zwiesprache in der Totenstille dieser bedrückenden Stätte, und dicht neben dem Pfad plätscherte ein kleiner Fluß dahin. Obwohl der Paß allen Anzeichen nach häufig von Wanderern benutzt wurde, begegneten sie keiner, Menschenseele. Auch von ihrem Gefährten war weit und breit nichts zu sehen. Jaun ließ einen langen, jodelartigen Ruf erschallen – keine Antwort. Danach riefen alle im Chor – mit demselben Ergebnis. »Vielleicht ist er inzwischen der Xana begegnet. Es ist sicherer für uns, wenn wir ein wenig schneller ge- hen«, schlug Gwalchmai dem Basken mit einem Sei- tenblick auf Corenice vor, die wütend die Nase rümpfte und erwiderte: »Vielleicht wäre es besser, wir gingen ein bißchen langsamer, damit wir sicher sind, daß er sie trifft, be- vor du es tust!« Jaun grinste, achtete aber darauf, hinter ihnen zu bleiben. Jetzt führte nicht der Führer, sondern er wurde geführt. Dies entging weder Gwalchmai noch Corenice. Sie begannen langsam ihre Situation etwas ernster zu se- hen als am Anfang, und bald mußte sich Jaun mäch- tig beeilen, um nicht von den beiden abgehängt zu werden. Eine unnatürliche Dunkelheit begann sich jetzt über die Berge zu senken; es war, als ballten sich über dem Nebel dicke Gewitterwolken zusammen. Hin und wieder hörten sie in der Ferne dumpfes Donner- grollen, dessen Echo unheilvoll von den engen Fels- wänden des Passes widerhallte. »Nicht weit von dieser Stelle«, begann Jaun, »ver- nichtete vor langer, langer Zeit mein Volk ein großes Heer, das sich auf dem Rückzug nach Frankreich be- fand. Nicht einer der Kämpfer überlebte das Gemet- zel, und wir machten reiche Beute.« »Ich dachte, es wären die Mauren gewesen, die sie, angriffen. Die Franzosen sind Christen; dein Volk ist ebenfalls christlich. Wie kam es dann dazu?« »Lieber Freund Gwalchmai, Religion, Glaube, Freundschaft – all das ist schnell vergessen, wenn Geld im Spiele ist. Wenn du das bisher noch nicht gelernt hast, dann hol es schnellstens nach – es könnte dir vielleicht noch einmal das Leben retten. Diese fränkische Armee war gekommen, die Mau- ren in Zaragoza anzugreifen, aber die Mauren zahlten Tribut, und so machte sich denn die Armee, reich mit Schätzen beladen, wieder auf den Rückweg. Der Große Carlos war sowohl ihr General als auch ihr König. Als er Roncesvaux erreicht hatte, glaubte er sich in Sicherheit, denn der Paß wurde von den Es- kualdunak gehalten, mit denen er Frieden geschlos- sen hatte. Die Vorhut des Heeres hatte sich bereits über den engen Paß auf die andere Seite gezwängt. Dann ka- men die Wagen, reich beladen mit Gold und Juwelen und feinen Waffen und Rüstungen. Da gab es präch- tige Teppiche, Schnitzereien und Heiligenbilder, die mit kostbaren Steinen verziert waren. Da gab es El- fenbein und seltene Gewürze aller Arten. Die Bergbewohner waren arme Leute. All dieser ungeheure Reichtum war einfach zuviel für sie. Sie liefen die hohen Felskämme entlang, bis sie die engste Stelle des Passes erreicht hatten; du wirst sie gleich sehen, wir sind noch ein Stückchen davor. Sie po- stierten sich oben auf den Felsen und warteten, daß die Wagen kämen. Jeder half mit. Männer und Frauen arbeiteten Seite an Seite, und als die Wagen die Stelle erreichten, brachten sie den Zug mit einem Erdrutsch zum Stocken. Dann ließen sie schwere Felsbrocken, und Baumstämme auf die schutzlosen Soldaten hin- unterrollen und mähten sie mit einem Hagel von Steinen und Pfeilen nieder. Die Soldaten waren zu stolz, um nach Hilfe zu ru- fen, bis es dann zu spät war. Schließlich waren nur noch wenige Ritter übriggeblieben, und die waren hoffnungslos von unseren Guerilleros umzingelt. Da blies einer der Ritter – sein Name war Ruotland, und er war, wie es hieß, Gouverneur der Mark Bretagne – einen solch mächtigen Stoß auf seinem Oliphant, daß man ihn bis auf der anderen Seite des Gebirges hören konnte. Der Große Carlos machte sofort kehrt und ritt an der Spitze seiner Vorhut zurück, um ihnen zu Hilfe zu eilen, doch als er an der Stätte des Hinterhalts an- langte, war keiner seiner Leute mehr am Leben. Er hatte seine halbe Armee verloren und seinen ganzen Schatz. Darüber grämte er sich so sehr, daß er nie wieder diesen Paß überquerte. Es heißt jedoch, ein paar seiner Soldaten hätten noch einen Teil des Schatzes verbergen können, bevor sie getötet wurden. Bis heute sucht man danach, doch hat man nie etwas finden können. Die meisten von uns hier in den Bergen sind arm. Ich wünschte, ich könnte etwas von dem Schatz finden. Meine Frau wird sich sicherlich sehr freuen, wenn sie mich wohl- behalten wiederbekommt, aber ich glaube, sie hätte auch nichts dagegen, wenn ich einen Sack Gold mit- brächte!« Der Baske hatte seinen Satz kaum beendet, als ein langgezogener, jaulender Schrei durch den Nebelvor- hang zu ihnen drang, der sich ihnen mit beängstigen- der Geschwindigkeit näherte. Im gleichen Moment, kam ein schwerer Körper direkt über ihren Köpfen aus der nebelumflorten Wolkendecke herunterge- saust und landete mit lautem Prasseln in einer Baum- krone. Wie auf ein Kommando fuhren ihre Blicke hoch. Ein zappelndes, wild um sich schlagendes Et- was hatte sich in dem Astwerk verfangen. Sie er- kannten einen langen, schlangenartigen Hals und ei- nen Kopf, der mit einem schwertähnlichen Stachel bewehrt war. »El Cuélebre!« schrie der Baske gellend. »Er hat un- seren Freund getötet! Ich muß sofort los und den Bie- nen sagen, daß ein Mensch tot ist!« Schon machte er Anstalten loszurennen. Da stieß ein Adler aus dem Nebel herab, landete auf einem Ast und senkte seine Krallen tief in den Leib der zap- pelnden Kreatur. Dann löste er sich mit rauschendem Flügelschlag schwerfällig aus der Baumkrone und stieg steil in die Lüfte. Und nun konnten sie deutlich erkennen, was die Beute des Adlers war. Ein großer Storch. Leblos und schlaff hing er jetzt in den Fängen des Adlers. »Von wegen El Cuélebre! Die geflügelte Schlange – daß ich nicht lache! Ich habe das Gefühl, du glaubst zu viele deiner eigenen Geschichten!« Jaun wollte schon etwas erwidern, aber noch bevor er Gwalchmai antworten konnte, kam ein zweiter Storch herangeschossen, genau auf den Adler zu. Der Raubvogel kam nicht mehr dazu, seine Beute fallen zu lassen und auszuweichen. Der Storch schoß wie eine lebende Lanze auf ihn zu, den Hals kerzen- gerade nach vorn gereckt, den Schnabel fest geschlos- sen. Mitten durch den Leib des Adlers bohrte er sich, und wie ein Stein fielen die drei zusammen zur Erde, – der Adler und die zwei Störche, der eine tot, der andere fest mit dem Schnabel im Körper des Raubvo- gels verkeilt. Auch er würde bald verenden, wenn man ihm nicht hülfe. Das kleine Drama war vorüber. »Beim heiligen Michael!« fluchte der Baske. »Ihr mögt zwar nicht an die geflügelte Schlange glauben, aber ich versichere euch, es gibt sie! Bestimmt ist ihr unser törichter Freund inzwischen begegnet und längst tot. Ich werde eine Kerze für ihn anzünden, sobald ich das nächstemal in die neue Kathedrale von Pamplona komme. Laßt uns ein Gebet für ihn spre- chen, solange wir noch Zeit dazu haben.« Corenice lief zu dem benommen am Boden liegen- den Storchenmännchen. Vorsichtig befreite sie seinen Schnabel aus dem Körper des toten Adlers. Der Storch rappelte sich schwerfällig auf die Beine, be- äugte seine tote Gefährtin und rieb seinen Kopf zärt- lich an ihrem Leib. Dann stieg er mit schwerem Flü- gelschlag auf und war kurz darauf ihren Blicken ent- schwunden. Auch Gwalchmai befürchtete mittlerweile für Arn- grim das Schlimmste, auch wenn er Jauns Sorgen für ein wenig übertrieben hielt. Um so überraschter war er, plötzlich die Stimme des Warägers dicht hinter sich zu hören. »Das Gebet könnt ihr euch sparen. Freut euch lie- ber mit mir darüber, daß ich der Xana begegnet bin und daß sie jetzt mir gehört!« Überrascht und erfreut zugleich drehten sie sich um. Arngrim hatte sich, während sie dem davonflie- genden Storch nachgeschaut hatten, lautlos von hin- ten auf dem weichen Moosboden, der den Baum um-, gab, herangeschlichen. Er lächelte. »Seht, was ich gefunden habe!« Er trug ein bewußtloses Mädchen auf den Armen. Es trug ein wunderschönes, hauchdünnes, mit Gold- fäden durchwirktes Gewand. Ihr schweres, ebenfalls goldfarbenes Haar floß weich über seinen Arm und streichelte sanft seine Knie. Sie hielt einen juwelenbe- setzten Kamm in der Hand, und aus ihrem Kleid und ihrem Haar tropfte Wasser. Sie hatte das Gesicht eines schlafenden Engels, und Gwalchmai fühlte sich auf seltsame Weise an jeman- den erinnert, den er kannte. »Die Xana!« Jaun trat ängstlich ein paar Schritte zurück und machte ihr das Zeichen der Hörner. »Jetzt wird El Cuélebre ganz bestimmt kommen! Wir müssen alle sterben! Es hat keinen Sinn mehr, wegzulaufen!« Als Corenice die Xana erblickt hatte, hatte sie sich sofort zwischen Gwalchmai und das Paar gestellt. Sie hatte deutlich den prüfenden Blick, mit dem ihr Ge- mahl die Nymphe gemustert hatte, wahrgenommen, und natürlich hatte sie ihn mißdeutet. Was Gwal- chmai gesehen hatte, gefiel ihm gar nicht. »Wo hast du sie gefunden, Arngrim?« »Sie kniete vor einem Teich und kämmte sich das Haar. Als sie mich kommen hörte, drehte sie sich blitzschnell um, und dabei fiel sie ins Wasser. Fast hätte ich sie nicht herausgekriegt, so sehr zappelte sie und wehrte sich. Sie hatte große Angst vor mir, und ich hatte noch größere Angst, daß sie mir unter den Händen ertränke.« »Xanas ertrinken nicht. Sie leben im Wasser. Wahr- scheinlich ist sie mit voller Absicht hineingefallen., Dieser Teich ist ihr Zuhause!« »Hör auf, Jaun, sonst vergesse ich gleich, daß du mein Rudergenosse warst! Dieses Mädchen hier ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, und sobald sie die Augen aufschlägt, kannst du dich davon überzeugen. Sie ist wirklich das kostbarste Kleinod, das ich je auf meinen Armen getragen habe. Ich glaube, ich habe mich jetzt schon in sie verliebt!« »Das ist ganz leicht herauszubekommen!« rief Gwalchmai. Er wollte ein paar Schritte näher kom- men, aber sofort stellte Corenice sich ihm in den Weg. »Unter dem Stein meines Ringes ist ein kleiner Hohl- raum, in dem sich ein wenig zu Pulver zerriebenes Moly befindet. Wenn sie eine Nymphe ist, dann richtet es keinen Schaden bei ihr an oder verändert sie; ist sie jedoch verzaubert, was meiner Ansicht nach der Fall ist, da ich die Umrisse ihres Körpers nur verschwommen wahrnehme, dann wird sie durch das Pulver wieder zu dem, was sie vorher war. Gegen Moly vermag kein Zauberspruch etwas auszurichten. Ich werde sie mit einer kleinen Prise davon bestreuen.« Arngrim und der Baske schauten eher skeptisch drein. »Moly?« fragte der Waräger verständnislos. »Nie davon gehört.« Neugierig schaute er in den geöffneten Ring. Unter dem aufgeklappten, an winzigen Scharnieren hängenden Opal befand sich eine kleine Öffnung, die mit einem blaßgrünen Pulver gefüllt war. Arngrim schloß seine Arme noch etwas fester um das Mädchen und trat einen Schritt zurück. »Laß sie in Ruhe! Sie gefällt mir so, wie sie ist!« »Ich habe auch schon einmal von diesem geheim-, nisvollen Pulver gehört«, mischte sich Corenice un- erwartet in die Auseinandersetzung. »Einer dieser barbarischen Griechen erwähnt es in einem seiner Gedichte. Ich hörte es ihn einmal vor langer Zeit auf Ithaka singen. Mal sehen, ob es mir wieder einfällt ... Pflück ein Zweiglein Moly dir Eh in Circes Reich du trittst Dieses Kräutleins Elixier Dich vor bösem Zauber schützt.« »Nun, Arngrim, Circe ist schon lange tot – desglei- chen Homer, aber ich weiß, daß Moly noch immer wächst. Aber nicht, damit du es auf den Körper einer Xana streust, mein lieber Gatte! Hier, Arngrim!« Ehe Gwalchmai sich's versah, hatte sie ihm den Ring aus der Hand stibitzt, eine kleine Prise von dem Pulver herausgeholt und war damit zu Arngrim ge- laufen. Sie streute das Pulver dem Waräger auf die Hand, klatschte die Hand mit dem Rest des Pulvers, das noch daran klebte, auf das Gesicht des Mädchens und rieb es kräftig in die Haut ein. Das alles war so blitzschnell vor sich gegangen, daß keiner Zeit gehabt hätte, zu reagieren. »Schau!« rief sie schweratmend. »Jetzt gehört sie dir, Wikinger! Paß gut auf deine Xana auf!« Sie klappte den Stein wieder über dem Rest des Pulvers zu und gab Gwalchmai den Ring zurück. Er hatte ihn noch nicht ganz über den Finger gestreift, als das Mädchen auch schon die Augen aufschlug. Jetzt sah er seine Umrisse scharf und deutlich. Das Flimmern war verschwunden. Doch das war auch schon die einzige Veränderung, die mit dem Mäd-, chen vor sich gegangen war. Es war genauso schön wie vorher und genauso naß. Es schien jedoch keine Notiz davon zu nehmen. Statt dessen schaute es unverwandt Arngrim an; da- bei funkelte ein solches Licht in ihren Augen, daß der Waräger einen trockenen Hals bekam und sein Herz heftig zu pochen begann. Sie schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn ganz fest. Sein häßliches Gesicht verklärte sich vor Freude und Glück. »Ich heiße Mairtre, und jetzt bin ich wieder ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut! Der Zau- berbann, der mich gefangen hielt, ist fort! Wenn du mich haben willst, dann will ich dir gehören, schöner Riese; denn als ich verhext wurde, schwor ich, denje- nigen zum Manne zu nehmen, der mich einst befreien würde!« »Schöner Riese!« seufzte er mit einer Mischung aus Freude und Verlegenheit. »Ich glaube, Ihr seid noch immer verhext, schönes Fräulein!« Und Jaun krähte: »Da! Habe ich es nicht gesagt? Sie war doch eine Xana!« Dies sind die wahren Fakten der Legende, die Arn- grim den Skalden in Byzanz vorenthalten hatte – und so war er also zu der Goldenen Frau gekommen.,

Zu Ehren Rolands

Welche anderen Abenteuer Arngrim und sein Weib, das er so unerwartet gewonnen hatte, auf der weiten Reise nach Byzanz noch erlebten, ist nicht Gegen- stand dieser Geschichte; doch sollten sie später noch so manchesmal in epischer Breite in der Halle der Söldner in Byzanz erzählt werden. Corenice und Gwalchmai sollten dann schon lange nicht mehr bei ihnen sein. Doch während des weite- ren Verlaufs ihrer Wanderung über den Paß ereignete sich noch eine ganze Reihe höchst bemerkenswerte Dinge, die sie alle betrafen und die aus diesem Grun- de nicht unerwähnt bleiben sollen. Der Paß wurde immer enger, bis er ganz plötzlich und unerwartet in einer kleinen grünen Wiese mün- dete. Mitten auf dieser Wiese befand sich der Teich, an dessen Rand Arngrim das Mädchen Mairtre ge- funden hatte. Neben dem Teich stand eine uralte Ei- che, die zwar vermodert, jedoch noch nicht abgestor- ben war, und weiter dahinter, da, wo der Pfad wieder schmaler wurde, standen noch ein paar dieser riesi- gen Bäume. Als sie die kleine Wiese betraten, hatten sie plötz- lich alle das seltsame Gefühl, irgendwo eingedrungen zu sein. Es war, als hätten sie magischen Boden be- treten, der irgendwann einmal verflucht war und noch immer etwas von seinem unheimlichen Zauber behalten hatte. Ohne daß einer von ihnen nur ein Wort gesagt hätte, blieben alle fünf gleichzeitig wie, angewurzelt stehen. Jaun blickte hoch und deutete mit einer weit- schweifenden Handbewegung auf die oberen Ränder der Felswände, die die Wiese zu beiden Seiten ein- schlossen. »Dort oben standen die Männer und Frauen von Escual-Herria und warteten. Von hinten, auf dem Pfad, über den wir gekommen sind, rückte das mau- rische Heer an, um den Angriff auf Zaragoza zu rä- chen. Als es hier eintraf, fand es nur noch Tote vor. Genau an dieser Stelle wurde die Nachhut von Car- los' Heer vernichtet. Auf dieser Wiese standen die Paladine und kämpften verzweifelt Rücken an Rücken. An jener Stelle pflanzte der tapferste und edelste ihrer Recken sein Banner auf – und verteidigte es bis zum letzten Atemzug, inmitten eines Ringes von Gefallenen und Sterbenden. Jener Felsen, den ihr dort seht, trägt noch immer die Spuren seiner fürchterlichen Schwerthiebe, als er in seiner Verzweiflung versuchte, es zu zerstö- ren. An ihn stand er gelehnt, als er in höchster Todes- not schwebend in sein Horn stieß – nicht um Hilfe zu rufen, wie einige Chronisten überlieferten, sondern um den Großen Carlos vor den nachdrängenden maurischen Truppen zu warnen. So starb der große Ruotland, noch im Angesicht des Todes dem Hauptteil seines Heeres den Rücken deckend. Eine fürwahr ritterliche Tat! Wir Eskualdu- nak sind genauso stolz auf ihn wie die Franzosen. Wir haben uns oft gewünscht, er wäre einer der unse- ren gewesen. Als die Mauren hier ankamen, war der Schatz spurlos verschwunden, und das einzige, was sie sich, holten, waren Wunden und blutige Köpfe, denn das Hauptheer des Großen Carlos kehrte zurück, und es kam zu einer Schlacht. Und so begab es sich, daß die- ser kleine Wiesengrund hier für sie wie für uns auf immer französisch bleiben wird, obwohl die Berge ringsherum spanisch sind.« »Ich war zwar nie ein Feldherr«, sagte Gwalchmai nachdenklich und ließ dabei seinen Blick über die hohen Felsgrate schweifen, die jetzt fast gänzlich von dem langsam und unmerklich sich herabsenkenden Nebel eingehüllt waren. »Wenn ich hier das Kom- mando innegehabt hätte, dann hätte ich erst einmal meine Eliteabteilungen vorausgeschickt und von ih- nen die Anhöhen säubern und besetzen lassen. Erst dann hätte ich das eigentliche Heer über den Paß ge- führt. Dieser Karl mag vielleicht ein großer König gewesen sein, ein kluger General jedenfalls war er nicht.« Während sie sprachen, waren sie ein Stück weiter auf die Wiese gegangen. Plötzlich zerriß ein gleißend heller, vielfach geäderter Blitz die wie ein Wasser- strudel wirbelnden Nebelschwaden über ihnen und fuhr mit ohrenbetäubendem Krach in die alte Eiche, die mit berstendem Geräusch genau in der Mitte von der Krone bis zur Wurzel auseinanderbrach. Die eine Hälfte blieb rauchend stehen. Der Rest fiel mit Donnergetöse in den Teich. Zu beiden Seiten des Stammes spritzten zwei riesige Wellen auf; der Stamm war so schwer, daß man für einen Moment den nackten Kiesgrund des Teiches erkennen konnte. Jaun stürzte sich zitternd auf die Knie. Seine Zähne klapperten vor Angst ganz laut, und er bekreuzigte sich inbrünstig., »Heiliger Michael! Ich verspreche dir eine ganze Handvoll Kerzen! O heiliger Jago von Compostella, schütze uns vor den Mächten der Finsternis und vor den Gefahren des Sturmes!« Unter anderen Umständen hätte Gwalchmai viel- leicht darüber gelacht, aber auch er hatte gesehen, was dem Basken eine solche Angst eingejagt hatte. Ein riesiges, lachendes Gesicht! Für den Bruchteil einer Sekunde hatte es sich aus den aufgewühlten Nebelschwaden geformt. Ganz deutlich hatte er es vor sich gesehen – die listig funkelnden Augen, den wallenden Bart, der rötlich im Lichte der Funken schimmerte, die von der brennenden Eiche aufstoben. Direkt vor seinen Augen hatte es gehangen, kaum länger als der Blitz selbst gedauert hatte. Doch diese kurze Zeitspanne hatte für Gwalchmai genügt, die Züge zu erkennen – und auch die blitzschnelle Au- genbewegung, die von ihm zu der brennenden Eiche gegangen war. Unmittelbar darauf war ein solch mächtiger Don- nerschlag ertönt, daß die Felswände zu beben schie- nen, und dann war das Gesicht wieder verschwun- den. Und als Gwalchmai den Blick dorthin wandte, wohin die Augen des Gesichts zuletzt geschaut hat- ten, sah er in der jetzt offenliegenden Höhlung der Eiche den hellen Glanz von Stahl aufblitzen. Es war ein langes Schwert mit einem kreuzförmi- gen Heft. Das also war die Stelle, an der es einst ver- steckt worden war. All die langen Jahre hatte es un- berührt im Innern der hohlen Eiche gelegen! Nun wußte er, daß er nicht geträumt hatte, als er geglaubt hatte, der Unterhaltung der beiden Götter zu lauschen. Thor hatte also sein Versprechen gehal-, ten! Endlich sah er Rolands Schwert! Rasch ging er über den Rasen zu der alten Eiche und zog das Schwert aus seinem Versteck hervor. Während all der langen Zeit, die es dort gelegen hat- te, seit die Walküre es einst unter dem Körper des toten Paladins hatte herausziehen lassen – bevor an- dere Plünderer es fanden und bevor das Heer Karls des Großen zurückkehrte, um sie fortzutreiben, hatte es so gut wie keinen Rost angesetzt! Die Schneide war noch immer scharf, und auch das Heft schien vom Zahn der Zeit unbeeinträchtigt ge- blieben. »O Durandal, du wunderschönes, todbringendes Schwert!« murmelte Gwalchmai bei sich. »Du herrli- che Klinge, der Hand eines Königs würdig! Du bei- ßender Stahl, von keinem anderen je berührt als dem größten Recken der Christenheit! Wie soll ich es je wagen, dich zu halten oder zu erheben? Thor, du hast mir mehr gegeben, als ich verlangte – mehr, als ich verdiene. Du hast mir zuviel gegeben!« Behutsam, fast andächtig strich er mit der Handflä- che über den makellosen Stahl der doppelschneidigen Klinge. Vom Heftzapfen bis zur Spitze ließ er die Hand gleiten, und ein paar winzige Rostteilchen fie- len herunter. Er spürte, wie die Klinge ganz sachte unter seiner Handfläche vibrierte; fast so, als wollte sie ihm dadurch zu verstehen geben, daß sie sich freute, endlich wieder ans Licht geholt worden zu sein. Direkt unterhalb des Heftes waren fünf kleine Kreuze in die Klinge gestanzt. Er hob das Schwert an seine Lippen und küßte es. »Hiermit schwöre ich dir, Paladin Roland, daß die- se Königin unter den Schwertern niemals von einem, Arm geschwungen werden wird, der ihrer unwürdig ist. Ich werde sie an der ersten sicheren Stätte, die ich finde, niederlegen, und der, der auch immer mit Gottes Hilfe sie findet, soll – an welchem Tage, das möge der Herr entscheiden – der Recke Frankreichs sein.« Dann ließ er die Klinge durch die Luft sausen. Sie zischte und sang, so als wollte sie ihm antworten. Er warf einen Blick zu den anderen hinüber. Sie hatten ihn nicht beobachtet. Statt dessen hatten sie sich um den kleinen Teich gruppiert, in den jetzt langsam das Wasser zurücksickerte. Eine bronzene Truhe war am Grunde des Teiches zutage getreten, als das Wasser durch den Aufprall des Baumes hinausgespritzt war. Jaun und Arngrim bemühten sich gerade, sie zu bergen. Sie hatten sie schon bis fast auf den Rand des Teiches gezogen. Gwalchmai lief rasch zu ihnen hinüber, um ihnen zur Hand zu gehen, und bald darauf hatten die drei die schwere Truhe mit vereinten Kräften aus dem tiefer werdenden Wasser gezogen. Sie blieb zwar ver- schlossen, aber die Scharniere waren nur noch ein einziger Klumpen Grünspan, und ein paar kräftige Schläge dagegen reichten, sie zu öffnen. Sie sprengten den Deckel auf, und er fiel auf die Erde. Den Frauen entfuhr ein Ausruf des Erstaunens und der Verwunderung, die Männer holten tief Luft. Vor ihren Augen lag ein Teil des Tributs, den die Franken aus Zaragoza mitgebracht hatten! Goldmün- zen, juwelenbesetzte Griffe von Türkensäbeln, Hals- ketten, Kruzifixe – alles lag wahllos aufeinanderge- häuft da, genau so, wie es einst die Mauren in die Ki- ste geworfen hatten, um sie möglichst rasch voll zu, bekommen und die Freiheit der Stadt von den fränki- schen Belagerern zu erkaufen. »Bitte sehr!« schrie Jaun. »Habe ich nicht sofort ge- sagt, daß sie eine Xana ist? Jetzt glaubt ihr mir end- lich! Das ist der Beweis! Sie beschenken nämlich im- mer den, der sie findet, mit Gold und Edelsteinen.« »Es ist wahr«, bestätigte Mairtre, »ich habe den Schatz am Grunde des Teiches behütet. Aber es ist nicht wahr, daß ich etwas anderes bin als ein Mäd- chen aus Fleisch und Blut. Unter dem Zauber, der mich gefangenhielt, handelte ich als die Hüterin des Schatzes; aber ich habe niemals jemandem etwas zu- leide getan.« »Du trägst einen seltsamen Namen«, sagte Core- nice, an das Mädchen gewandt. »Ich habe ihn noch nie zuvor gehört, und dennoch kommt es mir so vor, als hätte ich einmal jemanden gekannt, der so hieß.« »In meiner Familie hat es drei Mairtres gegeben. Besäße ich eine Harfe, könnte ich dir meinen Stamm- baum vorsingen, denn ich habe ihn mir anhand eines Liedes gemerkt.« »Du stammst also aus Erin?« fragte Gwalchmai beiläufig. »Ja. Mein Vater war dort Pferdehändler. Er kam hierher mit einer Schiffsladung voll Hengsten, die die Mauren zur Veredelung ihrer arabischen Zucht er- werben wollten. An der spanischen Küste erlitten wir Schiffbruch, nicht weit von hier. Alle ertranken bis auf mich, und als ich halb ohnmächtig und frierend am Strande lag, fiel ich in die Hände eine Zauberers.« Gwalchmai schaute das Mädchen eingehend an. Und wieder hatte er das Gefühl, daß sie jemandem verteufelt ähnlich sah, den er einmal sehr gut gekannt, hatte. Er dachte fieberhaft nach. Richtig – dieses gol- den schimmernde Haar! War es denn die Möglich- keit? »Hieß dein Vater zufällig Flann?« Das Mädchen schaute ihn überrascht an. »Ja! Und mein Großvater auch! Es ist genau wie ›Mairtre‹ ein altüberlieferter Familienname. Kanntest du ihn?« »Ich glaube, ich habe schon einmal von ihm ge- hört.« »Er ist sehr bekannt in Erin«, erklärte Mairtre stolz. Sie zeigte auf die Truhe. »So etwas wie das da braucht er nicht, um respektiert zu werden. Es be- deutet mir wenig, jetzt, wo ich meinen wahren Schatz gefunden habe.« Sie schaute glücklich zu dem riesigen Waräger auf, der sie voller Zärtlichkeit an sich drückte. »Dir mag er ja wenig bedeuten, meine Liebste, aber ich habe noch nie einen so großen Schatz gesehen!« »Dann solltest du einmal nach Cibola gehen; dort sind die Straßen damit gepflastert. Oder du hättest Poseidonis sehen müssen, wo – wie ich schon er- wähnte – der Regen durch Abflußrinnen aus purem Golde von den Dächern lief. Dagegen ist dieser kleine Haufen gar nichts.« Corenices Stimme klang gewollt gleichgültig, aber ihre Augen blitzten, als sie auf die funkelnden Edel- steine schaute. »Wenn der Schatz mir gehörte, würde ich ihn euch allen schenken«, sagte Mairtre, »aber er gehört mir nicht.« »Ganz recht! Er gehört dir nicht!« polterte eine bar- sche Stimme, und alle fünf fuhren erschreckt herum. Während sie ihre Aufmerksamkeit auf die Schatz-, kiste gerichtet hatten, hatte um sie herum eine selt- same Veränderung stattgefunden. Alle bis auf Gwalchmai, der seine direkte Umge- bung nur als verschwommene Umrisse wahrnahm, sahen sich jetzt im Innern einer riesigen Halle stehen. Die Nebeldecke über ihnen hatte sich noch mehr ver- dichtet und war zu einem kuppelförmig gewölbten Baldachin von gewaltigen Ausmaßen erstarrt. Dieser wurde ringsherum getragen von gerippten Säulen, die vorher die Eichen gewesen waren. Weitere Pfeiler, die mit Fackeln versehen waren, stützten die Mitte der Kuppel. Die Wände der Halle stimmten ihrer Lage nach ge- nau mit den steilen Felswänden überein, die die Wie- se umschlossen hatten. Jetzt waren sie in Stein gemei- ßelt und mit Stuck besetzt, jedoch alles andere als schön anzusehen. Die Wandbilder zeigten schauerli- che Szenen. Ghule tanzten im fahlen Schein eines si- chelförmigen Mondes über ein grausiges Schlachtfeld und fraßen die Leichen der Gefallenen auf. Auf einem anderen Bild hetzte Herne, der Jäger, mit seinen Gei- sterreitern in wildem Galopp hinter seiner verzweifelt fliehenden Jagdbeute her – einem schwer verwunde- ten, zerlumpten Mann mit seltsam geformten Krallen, der über ein weites, düsteres Moor rannte. Sie standen auf einem dicken grünen Teppich mit dem Rücken zu einem marmorgefaßten Springbrun- nen, in dem das Wasser leise plätscherte. Daneben stand ein leerer Sockel; die Statue, die auf ihm ge- standen haben mußte, war verschwunden. Um den Sockel herum lagen die Bruchstücke eines umgefalle- nen Stützpfeilers, und der Boden dort war naß. Als sie ihre Blicke dem Felsblock zuwandten, der, die Narben von Rolands wütenden Schwerthieben trug, sahen sie an seiner Stelle einen kunstvoll ver- zierten Thron mit einer hohen Lehne. Auf diesem saß, den Körper lässig gegen eine Schnitzerei gelehnt, auf der Menschen von den Zäh- nen und Klauen grinsender Monster zerrissen wur- den, ein hagerer schwarzer Mann und beobachtete sie. Seiner Kleidung nach war er ein Maure. Er trug einen langen, schwarzen, drahtigen Bart. In der Lin- ken ruhte ein durchsichtiger, glitzernder Zauberstab, den er drohend auf sie gerichtet hatte. In der Rechten hielt er die Leine einer bissig knurrenden Kreatur, die mit Macht daran zerrte, so als wäre sie wild darauf, auf die fünf loszustürzen. Dieses seltsame Monster besaß einen langge- streckten Körper und war etwa so groß wie ein Jagd- hund. Es war am ganzen Leib mit einer panzerartigen Deckhaut aus ebenholzschwarzen, glänzenden Schuppen bedeckt. Diese waren von einem grünlich glitzernden, giftigen Rand eingefaßt, der in dem Ma- ße, wie der schlangenartige Rumpf der Kreatur sich hin und her wand, auftauchte und wieder ver- schwand, so daß der Panzer bei jeder Bewegung ein anderes Muster annahm. Seine rasiermesserscharfen Krallen gruben sich tief in den Teppich, als es sich gegen den Zug der Leine aufbäumte, und sein langer, nervös hin und her peit- schender Schwanz klopfte bösartig gegen den Thron- sessel seines Herrn. Wütend zischte es die Eindringlinge an. Sein faulig stinkender Atem schlug ihnen wie Windböen ins Ge- sicht. Obwohl es sie nicht sehen konnte, da sein Schlangenkopf in eine lederne Kapuze gehüllt war,, wußte es genau, wo sie standen, denn der Kopf fuhr von einem zum anderen in der Gruppe. Von den Dingen auf der Bergwiese hatte nur eines seine Gestalt nicht verändert. Alles andere schien Gwalchmai von denselben verschwommenen Kontu- ren umgeben zu sein, die schon Mairtre so geisterhaft hatten erscheinen lassen, ehe sie mit dem Zauberpul- ver in Berührung kam. Der unverändert gebliebene Gegenstand war die Schatztruhe. Ihre Umrisse traten klar und scharf her- vor, und sie war immer noch mit den schimmernden Kostbarkeiten gefüllt. Der Zauberer kicherte leise in sich hinein, als seine Augen Gwalchmais Blick folgten. »Aintzina – Räuber!« rief er mit einem höhnischen Grinsen. »Ich bin vor eurem Kommen gewarnt wor- den, und nun seid ihr also hier. Die Frage ist, ob ihr hier wieder wegkommt! Du da mit der roten Haut – bist du nicht der Mann, dem man sagte, er solle sich hüten, eine Sünde zu begehen, damit er nicht noch eine größere Gefahr heraufbeschwöre? Als was wür- dest du Diebstahl bezeichnen? Als Sünde oder nicht?« Gwalchmai zuckte zusammen, als er das drohende Frohlocken in der Stimme des Zauberers hörte. Es war derselbe schleimig klingende Unterton, den er schon damals aus der Erde hatte kommen hören, als die Elfen von dem Wurm bedroht wurden. Einen Augenblick lang trat kalte Boshaftigkeit in die Augen des Zauberers, ein höhnisches Funkeln, das irgend- wie nicht zu ihm zu gehören schien und neben dem sich der spöttische Ausdruck, den er vorher zur Schau getragen hatte, wie das offene, fröhliche Lä-, cheln eines Säuglings ausmachte. Gwalchmai rief sich ins Bewußtsein zurück, daß nicht nur Corenice den Trick der Seelenwanderung beherrschte. War dieser Zauberer der Herr des Dunklen Gesichts persönlich, oder hatte Oduarpa seinen Geist für einen kurzen Augenblick in Besitz genommen? Jetzt sprach der Zauberer wieder: »Der Schatz ge- hört nicht ihr, sondern mir! Und ich verschenke nichts, was mir gehört. Zurück auf deinen Sockel, Nymphe, und daß du ihn mir hinfort besser be- wachst!« Mairtre machte schon Anstalten, seinem Befehl zu folgen, und Arngrim versuchte, sie trotz seiner Angst zurückzuhalten, doch da postierte sich Gwalchmai vor den Thron, nur wenige Zoll außerhalb der Reichweite der zischenden Bestie. Er hob Rolands Schwert empor und hielt es vor die Augen des Zauberers. »Bei den Kreuzen auf seiner Klinge befehle ich dir, dich hinwegzuheben!« Der Zauberer lachte und ließ ein paar Zoll der Lei- ne nach. Gwalchmai wich nicht zurück. »Willst du, daß ich mein Schoßtierchen auf dich loslasse? Vielleicht möchtest du, daß ich dir ein biß- chen beim Laufen zuschaue. Komm zu mir, Barbo, mein kleiner Basilisk, du Königin der Schlangen, und laß mich die Kapuze von deinen Augen streifen, da- mit du dir diese Eindringlinge einmal liebevoll an- schauen kannst!« Er zog die Bestie an der Leine zu sich, und sofort machte Gwalchmai einen weiteren Schritt nach vorn, diesmal mit dem Heft in der Hand. Schon holte er zu einem mächtigen Hieb aus., Der Zauberer sah die Bewegung aus dem Augen- winkel und hob sofort seinen Stab. Ein wahrer Fun- kenregen schoß auf Gwalchmai zu, doch ehe er ihn erreicht hatte, war plötzlich die ganze Gruppe von einem wabernden Vorhang aus Licht eingehüllt, un- durchdringlich und durchsichtig wie ein Diamant. Er schmiegte sich fest auf den Boden, lief um ihre Füße herum und erhob sich zu einem Scheitelpunkt an dem Ring, der an Gwalchmais ausgestreckter Hand funkelte. Das Licht floß in kalt schimmernden Wellen über die Klinge Durandals, bis es die Spitze erreicht hatte und das Schwert in drohendem, kaltblauem Glanze erstrahlte. Der Zauberer starrte aus engen Augenschlitzen auf das Schwert und auf die Hand, die es hielt. Er schien sich ein Stück tiefer in seinen Thronsessel zu drücken. Der Basilisk duckte sich, als wollte er zum Sprung an- setzen. Der Zauberer zog ihn sachte zurück. Der Ausdruck der doppelten Identität verschwand aus seinem Gesicht. Was auch immer es war, das kurze Zeit von ihm Besitz genommen hatte – es ver- ließ ihn jetzt und ging in seinen eigenen Körper zu- rück. Allein sah er sich dem drohend blitzenden Stahl gegenüber. Doch schien er sich davon nicht ein- schüchtern zu lassen. »Ich habe den Auftrag, dich ein letztesmal zu war- nen. Reize meinen Herrn nicht noch mehr, sonst fällt deine Seele der Verdammnis anheim! Vergiß nicht, daß der, der länger lebt als andere Menschen, auch länger ruhen muß als andere. Bedenke auch, daß der, der schläft, hilflos ist, und daß einer, der schläft, gut daran tut, keine Feinde zu haben., Ansonsten bin ich nicht weiter über deine Fähig- keiten und Kenntnisse unterrichtet, noch wünsche ich, mehr zu erfahren, aber ich beuge mich der Macht deines Ringes. Das Emblem, welches er trägt, ist mir wohlbekannt. Ich bitte dich daher, tritt näher in Frie- den und erzähl mir etwas darüber und auch über den Magier, der es einst trug.« Während er sprach und seine Augen unverwandt auf Gwalchmai gerichtet waren, nestelten seine Fin- ger heimlich an der Befestigung der Kapuze seines Basilisken. Corenice flüsterte es ihm zu, aber Gwalchmai hatte es auch selbst schon bemerkt. Noch bevor der Zaube- rer es geschafft hatte, die todbringenden Augen der Bestie zu enthüllen, sauste der blitzende Stahl Du- randals herab. Der Schlangenkopf fiel von dem wild zuckenden Hals herunter, aus dem sofort ein Schwall Blut wie aus einem Springbrunnen hervorschoß. Das Gesicht des Zauberers verzerrte sich zu einer haßerfüllten Fratze. Erneut fuhr der Zauberstab hoch, aber in dem Moment, als die Augen des Zauberers sich verengten, schwebte Rolands Schwert schon über ihm. Durandal schnitt durch den Körper des dunklen Mannes wie durch eine Rauchfahne und schlug laut klirrend auf dem Thron auf. In dem Moment, da die Klinge den Thron berührte, verwandelte sich alles um sie herum wieder in seine alte Form. Wie eine zer- platzende Blase lösten sich die Trugbilder in Luft auf. Die Pfeiler der Halle wurden wieder zu großen Bäumen. Die Wände der Halle verwandelten sich zu- rück in steile Felsenhänge, und der in Marmor ge-, faßte Springbrunnen wurde erneut zum Teich. All dies geschah in dem Bruchteil einer Sekunde, als das Schwert funkenstiebend auf den Felsen auftraf, auf dem schon der sterbende Roland es einst hatte zerstö- ren wollen. Der Stahl klang hell wie eine Glocke, aber er zer- brach nicht. Seine Schneide war nach wie vor scharf und unversehrt. Die fünf Gefährten schauten sich um, als wären sie aus einem Traum erwacht. Die Schatztruhe war noch immer voll, die Wiese leer und sicher. Es gab nur ei- nen Unterschied zu vorher, der ihnen den Beweis da- für lieferte, daß das, was sie soeben gesehen hatten, kein Hirngespinst gewesen war und daß sie sich in höchster Lebensgefahr befunden hatten. An den Stellen, wo das Blut des Basilisken zur Erde getropft war, war das Gras grau und abgestorben. »Jesu maitia!« ächzte Jaun. »Ich gehe keinen Schritt weiter! Ihr Leute habt zweifellos eifrige Schutzengel, aber ich bin mir nicht so sicher, daß meiner genauso fleißig wie eurer ist. Gaichoa, meine Freunde! An die- ser Stelle müssen wir voneinander scheiden.« »Du wolltest uns doch sicher durch die Berge füh- ren, Kamerad!« protestierte Arngrim. »Wir sind aber noch immer mittendrin!« »Um euch hier noch zu verirren, müßtet ihr schon auf die Berggipfel klettern. Geht einfach dem Pfad nach. Er führt geradewegs nach Frankreich. Aber ich glaube, wenn ich mitgehe, wird mein Weib bald eine einsame Witwe sein!« »Warte doch, nicht so hastig! Laßt uns erst einmal das Gold des Zauberers unter uns aufteilen. Wenn deine Frau sieht, was du ihr mitgebracht hast, wird, die Begrüßung bestimmt noch herzlicher, als sie oh- nehin schon sein wird.« »Das Gold der Xana!« stellte der Baske richtig. »Xanas belohnen ihre Freunde immer mit kostbaren Geschenken.« Noch immer rief der Anblick der Truhe ein gewis- ses Unbehagen hervor. Keiner schien so recht der er- ste sein zu wollen, der sich der offenen Truhe näher- te, vielleicht aus Angst, dadurch erneut den Zauberer auf den Plan zu rufen. Endlich faßte sich Mairtre, die ja die Wächterin der Truhe gewesen war, ein Herz und kippte mit ihren zarten weißen Händen die schwere Kiste um. Arngrim sprang eilig hinzu, um ihr dabei zu helfen. Bald darauf umringten alle mit staunenden Gesichtern den funkelnden Haufen, der da vor ihren Augen im Gras lag. Kein Zauberer ließ sich blicken. Es dauerte nicht lange, und sie hatten den Schatz in etwa aufgeteilt. Mit dem Rest des Weines tranken sie einen Kantu auf jeden einzelnen und auf die glückliche Zukunft, die sich jeder mit seinem Anteil des Schatzes in der Ta- sche erhoffte. Nach diesem aufrichtig gemeinten Trinkspruch schieden sie traurig voneinander, und Jaun machte sich reich beladen auf den Rückweg, während die anderen in Richtung Frankreich aufbra- chen. Lange noch blickten sie wehmütig über die Schulter zurück, winkend und Lebwohl rufend, bis Jaun schließlich ihren Blicken entschwunden war. Danach beschleunigten sie ihren Schritt, denn der Paß wurde jetzt breiter, und es ging bergab. Nicht mehr lange, und sie würden die Gascogne erreicht haben. Sie redeten nicht viel miteinander, denn alle hatten den Basken ins Herz geschlossen, und jeder, Abschied bringt nun einmal traurige Stimmung mit sich und Gedanken an die Vergänglichkeit des Men- schen. In späteren Jahren fragte sich Arngrim noch oft, was wohl aus seinem einstigen Ruderkameraden ge- worden sein mochte. Er erfuhr nie, was die Zukunft ihm gebracht hatte, doch tat dies Gwalchmai, und zwar durch einen puren Zufall. Viele Jahre später stieß er, als er in einer Bibliothek in Byzanz in einem Atlas blätterte, den Idrisi, der ara- bische Kartograph, zusammengestellt hatte, auf einen Namen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Neugie- rig las er weiter. Es war die Geschichte der Gebrüder Magrurin, die einst von Lissabon aus in See gestochen waren, um herauszufinden, ›was es ist, das den Oze- an umschließt, und welcher Art seine Grenzen sind‹. Mit einer Gruppe von acht Mann, ausnahmslos Verwandten, waren sie aufgebrochen. Nach elftägiger Fahrt gen Westen erreichten sie ein Meer, das völlig mit Seetang zugewachsen war, ›Die Wellen waren dicht besät mit Schlingpflanzen‹, hieß es dazu in der Chronik des Idrisi. Sie fanden kein Land und mußten wieder kehrtmachen. Auf dem Rückweg landeten sie in Afrika. So erfuhr also Gwalchmai schließlich, wofür Jaun seinen Anteil an dem verborgenen Schatz ausgegeben hatte, und er hatte auch einen Verdacht, wie es dazu gekommen war. Corenice, die nie eine Gelegenheit ausließ, etwas – und sei es noch so unbedeutend – über ihre alte Hei- mat zu erfahren, hatte sich aus diesem Grunde mit Jaun ständig in ihrer alten Muttersprache unterhalten. Dabei hatte sie eine wichtige Tatsache außer acht ge-, lassen: Wenn Menschen über Dinge sprechen, die sie interessieren, dann passiert es manchmal, daß sie durch das, was sie erfahren, neugierig gemacht wer- den. In Jaun war damals der übermächtige Wunsch gewachsen, jenes berühmte Land, das seine Ge- sprächspartnerin immerzu in farbenprächtigen Bil- dern beschrieb, einmal mit eigenen Augen kennen- zulernen. Und so erreichte denn die baskische Expedition schließlich tatsächlich die Stelle, an der die sagen- umwobene Stadt Cibola, die Goldene Stadt, gelegen hatte, und kam zum Kontinent von Atlantis, doch leider segelte sie nichtsahnend darüber hinweg, denn er war längst unter der Sargassosee versunken. Im Verlaufe ihrer Wanderung wurden Mairtre und Arngrim immer vertrauter miteinander. Wie lange sie ihr Dasein als Statue in dem Teich des Zauberers ge- fristet hatte, unsichtbar für menschliche Augen außer am Sankt-Johannis-Tag, dem Tag, an dem jeder böse Zauber unwirksam ist, wußte sie nicht. Das einzige, dessen sie sich völlig sicher war: Sie war während der Zeit nicht gealtert. Es mochten viele Jahre gewesen sein, aber diese hatten nicht die geringsten Spuren bei ihr hinterlassen, und sie hatte keine Bedenken, Arn- grims Zuneigung aus vollem Herzen anzunehmen. Immerzu schaute sie ihn ganz verliebt an, und Gwalchmai und Corenice mußten manchesmal dar- über schmunzeln, wenn sie sahen, wie sanftmütig und liebevoll der häßliche Riese geworden war. Sie hüteten sich jedoch davor, sich über ihn lustig zu ma- chen. Sie selbst waren beileibe noch nicht so lange zu- sammen, daß sie nicht lebhaft hätten nachempfinden können, was die beiden füreinander empfanden., Sie traten aus dem Nebel hinaus, als die Sonne gerade im Untergehen begriffen war. Vor ihnen lagen die weiten Ebenen Frankreichs, tief in rotgoldenes Licht getaucht, und sie waren heilfroh, die Berge endlich hinter sich zu haben. Doch unterschieden sich hier, so nahe an den Bergen, die beiden Länder noch kaum voneinander. Bald stellten sie fest, daß auch hier baskisch ge- sprochen wurde; offenbar waren die Pyrenäen keine Sprachgrenze. Als sie nämlich in ein kleines Dorf ka- men, lief eine lärmende Gruppe von Kindern an ih- nen vorbei, und Corenice verstand das meiste von dem, was sie miteinander sprachen. Kurz darauf kam ihnen ein Ochsengespann entge- gen, das einen Karren hinter sich zog. Bunte Fransen hingen vom Joch herunter, und bei jedem schwerfäl- ligen Schritt bimmelte leise ein Glöckchen. Der Bauer grüßte die Kinder und betrachtete die Fremden ohne große Überraschung. »Gaihun!« rief er ihnen zu und wäre vorbeigefah- ren, hätte nicht Corenice ihm ebenfalls einen guten Abend gewünscht. »Gaihun, Monsieur. Wir suchen Obdach für die Nacht und etwas zu essen. Wir sind hungrig und müde von der Reise. Gibt es in der Nähe einen Gast- hof?« Der französische Baske musterte sie eingehend, und was er sah, schien ihm zu gefallen. Offensichtlich handelte es sich um zwei nette Paare. Die Männer hatten offene Gesichter, und obwohl sie bewaffnet und kräftig gebaut waren, waren sie mit Sicherheit keine Straßenräuber, denn solche pflegten nicht ihre Frauen bei sich zu haben., Und den Kleidern Mairtres nach zu urteilen, auch wenn diese durch die lange Wanderung ein wenig gelitten hatten, schienen sie auch über Geld zu verfü- gen, um für die Unterkunft zu bezahlen. Er fragte sich, wie sie wohl ihre Pferde verloren haben moch- ten, aber ihm entging auch nicht, daß sie schwere Beutel bei sich trugen und die beiden Männer pralle Bündel unter dem Wams mit sich führten. Er war gewohnt, eine gute Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, wenn sich eine solche bot. »In meinem Haus wartet schon heiße Suppe auf mich. Und für ein paar Gäste ist immer genug da. Heute war Backtag, und wir können euch Strohbetten her- richten – doch leider nur auf dem Fußboden. Wenn Ihr mit solchen Betten vorliebnehmt, edle Herrschaf- ten ...« Sie tauschten ein paar schnelle Blicke aus. Es gab keine Einwände. »Ich würde sogar auf der Türschwelle schlafen, wenn ich bloß schnell was zu essen kriege«, sagte Arngrim, nachdem Corenice übersetzt hatte. Corenice nickte dem Bauern zu. »Geht voran. Wir sind Eure Gäste.« Sie folgten ihm durch die einzige Straße des Dorfes zu seinem Haus. Es war klein, mit dicken Steinwän- den und einem Strohdach. Dahinter lag ein liebevoll gehegter Gemüsegarten mit einer kleinen Parzelle, die mit Blumen bepflanzt war. Das Haus war gepflegt und in gutem Zustand, und im Innern duftete es nach frisch gebackenem Brot. Ein Wort von dem Bauern genügte, und die Frau lächelte sie freundlich an und hieß sie herzlich will- kommen. Nach einem kräftigen Abendessen und, dem Nachtgebet zogen sich alle zum Schlafen zurück. Corenice und Mairtre schliefen in der Stube der Gastgeber, die für diese eine Nacht in der Kammer ihrer Kinder schliefen. Die Kinder wiederum schliefen, wie auch Gwalch- mai und Arngrim, vor dem Kamin. Das Haus war voll. Sie standen zeitig auf und aßen zum Frühstück von dem frisch gebackenen Schwarzbrot, das sie in Wein tunkten. Als Wegzehrung gab ihnen die Bäuerin noch zwei Laibe des wohlschmeckenden Brotes mit. Als sie gerade dabei waren aufzubrechen, schwankte Corenice plötzlich und wurde leichenblaß im Gesicht. Ihr wurde schwarz vor den Augen, und sie war nahe daran, ohnmächtig zu werden und hin- zufallen. Besorgt sprang Gwalchmai zu ihr, aber sie schob seine hilfreich ausgestreckte Hand beiseite und fing sich aus eigener Kraft wieder. Sie erholte sich glücklicherweise sehr schnell, und kurze Zeit später fühlte sie sich wieder kräftig genug zum Aufbrechen. Gwalchmai gab dem Bauern eine von den kleine- ren Goldmünzen aus seinem Beutel, worauf das Paar ihm überschwenglich dankte und protestierte, das sei viel zuviel. Arngrim tat desgleichen, und Mairtre tauschte ihr feines Gewand gegen ein schlichtes, we- niger auffälliges und zum Reisen weit besser geeig- netes Wollkleid ein. Dann verabschiedeten sie sich von den freundlichen Bauersleuten und machten sich auf den Weg. Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Bauer hinter ihnen hergelaufen kam und einen Wanderstab schwenkte. »Hier, meine eigene Makila. Für die kranke Dame.« Corenice bedankte sich bei ihm, und sie gingen, weiter. Abwechselnd stützte sie sich auf den kräftigen Stock oder hakte sich bei Gwalchmai ein, sobald der Weg beschwerlicher wurde. Nach einer Weile jedoch schritt sie wieder zusehends kräftiger aus, ja sie be- schleunigte ihren Schritt. Je weiter sie nach Norden kamen, desto dichter wurde der Verkehr auf der Straße. Er bestand jedoch weniger aus Karren, sondern hauptsächlich aus Wanderern, die fast ausnahmslos die gleiche Rich- tung eingeschlagen hatten wie sie selbst. Einige von ihnen trugen Wanderstäbe oder Knotenstöcke über der Schulter, an denen sie ihre Habe in einem Tuch festgeknotet hatten, und sahen ganz so aus, als hätten sie schon einen weiten Weg hinter sich. Dazwischen Ritter, hoch zu Roß, auf deren Waffen und Rüstungen Kreuze prangten. Unter den Wanderern befanden sich zahlreiche Frauen und Kinder, die staubig und übernächtigt aussahen. Sie bewegten sich müde und erschöpft vorwärts, so als wären sie den größten Teil der Nacht durchgewandert und hätten nur eine kurze Rast am Wegesrand gehalten, um möglichst schnell ihr Ziel zu erreichen – jenes Ziel, zu dem alle gleichermaßen unterwegs zu sein schienen. Kranke und Krüppel schleppten sich mühsam vorwärts oder wurden von den Gesunden auf Bahren getragen; manche saßen auch auf zweirädrigen Kar- ren, die von Eseln, Maultieren oder teils sogar von ih- ren gesunden Angehörigen und Verwandten gezogen oder geschoben wurden. Man hätte glauben können, die gesamte Bevölkerung von Südfrankreich habe sich auf die Wanderschaft nach Norden begeben. Doch wenn es auch auf den ersten Blick so ausse-, hen mochte – dieser riesige Treck war kein Flücht- lingsstrom, der vor einem Eroberer nach Norden floh! Jeder von ihnen – ob Priester, Mönch oder Bauer, Edelmann, Ritter oder Bettler, Beutelschneider, Ta- schendieb oder Unschuldslamm – hatte den gleichen seltsam entrückten Ausdruck in den Augen, als sei ihr Blick auf etwas Unirdisches gerichtet – etwas, das jenseits des Horizontes lag, etwas, nach dem sie sich alle sehnten. Je mehr unseren Neuankömmlingen aus Spanien klar wurde, daß sie sich inmitten eines gewaltigen Völkerwanderungsstroms befanden und daß ihnen immer seltener noch jemand entgegenkam, desto größer wurde natürlich ihre Neugierde. Nach einer Weile kamen sie an eine Gabelung, an der eine Straße nach Osten abbog. Diese Richtung hatten sie ursprünglich einschlagen wollen, denn sie führte nach Rom, wo Gwalchmai schon so lange hin- wollte, und falls seine Mission dort fehlschlug, wollte er weiter mit Arngrim nach Byzanz. Beide Städte, Rom wie Byzanz, waren Zentren christlicher Königreiche und außerdem wichtige Ha- fenstädte, von denen aus Schiffe in alle Welt fuhren. Daher durfte Gwalchmai, sollte er seine Mission zu einem erfolgreichen Abschluß bringen (nämlich seine Botschaft übermitteln und Alata unter die Herrschaft eines christlichen Herrschers stellen), keine dieser beiden Städte außer acht lassen, auch wenn er wußte, daß das Römische Imperium längst nicht mehr exi- stierte und es keinen Kaiser von Rom gab. Sie hielten an der Gabelung an und beratschlagten, was sie tun sollten. Eine Reihe anderer müder Wan- derer hatte sich an der gleichen Stelle zu einer kurzen, Rast niedergelassen, um sich ein wenig von den Stra- pazen des langen Fußmarsches zu erholen und fri- sche Kräfte für den zweiten Teil des Weges zu schöp- fen. Einträchtig saßen sie beisammen, Reiche wie Arme, Ritter wie Bauern, und teilten sich das, was sie mitgebracht hatten. Nicht weit von Gwalchmai saß ein alter Mann mit einer Krücke quer über dem Schoß. Er hatte einen Beutel Zwiebeln mitgebracht, und Arngrim tauschte einen halben Laib Brot gegen vier Knollen ein. Gwalchmai deutete fragend auf die Vorbeigehen- den. »Wohin gehen diese Menschen alle?« Der Alte hörte auf zu kauen und starrte ihn ver- dutzt an. Sein noch halbvoller Mund stand offen. Er verschluckte sich beinahe, hustete und schluckte den Bissen hinunter. »Wo seid ihr gewesen, daß ihr nichts von der wunderbaren Neuigkeit gehört habt?« »Drüben, auf der anderen Seite der Berge. Was ist geschehen?« Der Krüppel nickte, so als erkläre das alles. »Na- türlich. Die Bergbewohner wissen nie, was los ist. Da oben gibt's Leute, die glauben, hinter den Bergen sei die Welt zu Ende! Ihr seht jedoch nicht wie Bergbe- wohner aus. Ihr macht einen klugen Eindruck. Habt ihr denn nicht von dem großen Kreuzzug gehört, den Papst Urban verkünden will? Den Peter, der Eremit, gepredigt hat?« Ihnen blieb nichts anderes, als den Kopf zu schüt- teln. Der Alte schaute sie erstaunt an. »Ich dachte, die ganze Welt wüßte darüber Be- scheid! Ihr wißt doch, daß der Papst der gesamten Christenheit Befehle gibt, denen Könige und Kaiser gehorchen müssen?«, Das war Gwalchmai neu, aber er nickte weise. »Es fand eine fürchterliche Schlacht statt namens Manzikert, und die heidnischen Türken trugen den Sieg über die Armeen von Byzanz davon. Da hat Kai- ser Alexius alle Könige Europas um Hilfe ersucht. Und Peter hat die teutonischen Lande zu den Fahnen gerufen. Es heißt, er hätte gepredigt, als habe sein Herz in Flammen gestanden. Er hat mit eigenen Au- gen gesehen, wie die Heiden unsere Pilger mißhan- deln. Papst Urban ist aus seinem Palast in Rom nach Frankreich geeilt und hat uns alle zu einem großen Konzil nach Clermont zusammengerufen, wo er uns sagen will, was wir tun sollen. Sicher wird er uns drängen, das Kreuz zu erheben und mit den Teuto- nen zusammen im Gefolge unseres Herrn zu mar- schieren, der Jerusalem befreien wird. Und dann wird das Ende der Welt über uns hereinbrechen, und wir, die wir das Kreuz getragen haben, werden dafür ge- rüstet sein!« »Dann sollten wir dies gewißlich tun!« stimmte Gwalchmai dem Alten aus vollem Herzen zu, und die drei anderen nickten zustimmend. Im stillen dachte Gwalchmai, daß es ihm in erster Linie darauf ankam, diesen Papst kennenzulernen, der Könige herum- kommandierte wie Diener. Ein Mann mit solch riesi- ger Macht und solchem Einfluß war vielleicht genau der Richtige, um ihm von der Existenz Alatas zu be- richten, und dann wäre er vielleicht endlich von sei- nem Auftrag erlöst. Für Arngrim aber bedeutete diese Nachricht nur, daß er sofort nach Byzanz aufbrechen mußte. Seine Heimatstadt war in Gefahr, und er als Waräger, einer, der treuesten Soldaten Byzanz, war weit entfernt, wo er jetzt dringend gebraucht wurde! Je eher er also zu- rückkehrte, um seine Pflichten wiederaufzunehmen, desto besser. Und so kam es, daß die Weggabelung unerwartet zu einem Ort des Abschieds wurde. Die beiden Frau- en umarmten sich mit Tränen in den Augen, die Männer drückten sich nach alter römischer Sitte die Unterarme – ein Relikt aus ihrer beider römischen Vergangenheit, auch wenn sie kaum mehr als Kame- radschaft verband. Danach gab jeder der beiden der Frau des anderen einen Abschiedskuß, und bald war jedes der beiden Paare den Blicken des anderen für immer ent- schwunden, aufgesaugt in der weiterdrängenden Menge aus Priestern, Edelleuten und den allgegen- wärtigen Armen. Es waren noch viele mühselige Meilen bis Clermont, doch in weniger als einer Woche hatten Gwalchmai und Corenice die Stadt erreicht – und keinen Augen- blick zu früh. Die Stadt war völlig mit Pilgern überfüllt, es gab nirgendwo mehr eine Unterkunft für unsere er- schöpften Wanderer, so sehr Gwalchmai auch ge- wünscht hätte, irgendwo ein trockenes Plätzchen zu finden, wo Corenice sich ausruhen konnte. Sie machte einen sehr erschöpften Eindruck, und schon seit Ta- gen hatte er den Verdacht, daß sie große Schmerzen litt. Sie hatte das jedoch abgestritten und war tapfer mit den wackersten der Pilger mitmarschiert. Manchmal hatte er selbst sich anstrengen müssen, um Schritt zu halten. Dann war sie so stramm und aus-, dauernd voranmarschiert, als lebte sie noch immer in dem metallenen Körper, in dem er sie einst kennen- gelernt hatte. Er hatte das Gefühl, als wäre auch sie von diesem enthusiastischen Fieber ergriffen worden, das ganz Europa nach Clermont in Marsch gesetzt hatte, um den Papst zu sehen und zu hören. Denn es schien wirklich so, als hätte sich ganz Europa in den Mauern der Stadt Clermont versammelt. Er erstand ein Stück geteerter Leinwand zu einem wahren Wucherpreis, und mit Hilfe dreier Stangen, die so unverschämt teuer waren, daß sie eigentlich mit Gold hätten überzogen sein müssen, baute er daraus ein kleines Zelt. Ein paar Tage lang war dies nun ihr Zuhause. Viele mußten sich mit weit weniger zufrie- dengeben, aber das schien sie nicht anzufechten. Schließlich war es soweit: Papst Urban sollte spre- chen. Er stieg auf ein hohes Gerüst, wo all die Tau- sende, die versammelt waren, ihn sehen konnten. Er stand dort oben, eine kleine, einsame Gestalt, und hob die Arme, um die Menge um Ruhe zu bitten. An jeder der vier Ecken der Plattform, den vier Himmelsrichtungen zugewandt, stand jeweils ein Mann mit einem ledernen Sprachrohr. Weitere be- fanden sich, aufgereiht in bestimmten Abständen zu- einander, in der Menge verteilt, um die Worte des Papstes sofort mit Stentorstimme weiterzutragen, damit keinem der Zuhörer auch nur ein Wort ent- ging. Urban sprach sehr langsam, mit langen Pausen nach jedem Satz, um sicherzugehen, daß man seine Worte auch in den hintersten Reihen der riesigen Menschenmenge vernahm., Als erstes geißelte er die Feigheit der Türken und verurteilte die Roheit, mit der sie hilflose Pilger ge- peinigt hatten. Er fuhr fort, indem er den Mut und die Schlagkraft der Armeen der Christenheit pries und ihre Unbesiegbarkeit, sollten sie erst vereint für die Sache der Christenmenschen ins Feld ziehen. Ge- meinsam zu kämpfen unter dem Banner des Herrn, der für sie gestorben wäre, sei das mindeste, was sie tun könnten! Nachdem er eine Weile gewartet hatte, um seine Worte wirken zu lassen, setzte er seine Rede fort, in- dem er sie für ihre eigene Sündhaftigkeit schalt. In glühenden Worten führte er ihnen die Gefahr vor Augen, die ihnen drohte, wenn sie das Himmelreich verlören, bis schließlich überall in der Menge die Menschen auf die Knie sanken und sich reuig an die Brust schlugen. »Jedoch«, fuhr er mit donnernder Stimme fort, »ist keine Sünde so verrucht, als daß sie nicht mit einem einzigen Tropfen aus den Wassern des Jordanflusses hinweggewaschen werden könnte! Keine Schuld ist so tief, als daß sie nicht dem vergeben werden könn- te, der das Kreuz erhebt und die Ungläubigen mit dem Schwerte vernichtet! Tränen und Leid erwarten euch, doch groß wird euer Lohn sein! Mit den Qualen eures Leibes werdet ihr euch das Seelenheil erkaufen! So geht denn nun auf jenen schweren Gang der Liebe und zerreißet alle Bande, die euch binden an den Ort, den ihr eure Heimat nanntet. Denn fürwahr, sie sind nicht eure Heimat. Für den Christen ist die Welt ein Exil, und zugleich ist für ihn die ganze Welt sein Vaterland. Und wenn ihr ein rei- ches Vatererbe hier zurücklaßt, dann wisset, ein bes-, seres Vatererbe erwartet euch im Heiligen Lande. Die sterben, werden in das Himmelreich eintreten, wäh- rend die Lebenden das Heilige Gelübde vor dem Grab ihres Herrn ablegen. Selig sind die, die für ihr Gelübde einen solchen Lohn erhalten; glücklich sind die, die in einen solchen Kampf geführt werden, auf daß sie an solchem Lohne teilhaben.« Da brandete ein solcher Jubel auf, daß seine und die Stimmen der Trompeter darin versanken. »Gott will es so! Deus vult! Deus vult! Deus vult!« Als der Jubel sich wieder ein wenig gelegt hatte, fuhr der Papst fort: »Seid gewiß! Es ist gewißlich Gottes Wille! Mögen diese Worte euer Schlachtruf sein, wenn ihr dem Feinde gegenübersteht. Ihr seid Soldaten des Kreuzes; so traget denn das Kreuz auf eurer Brust oder traget auf euren Schultern das blut- rote Zeichen dessen, der für euer Seelenheil in den Tod gegangen ist!« An derselben Stelle, wo Stunden zuvor noch eine ziellose Masse gekauert hatte, sollte nur wenig später ein nüchtern entschlossenes Heer stehen. Noch bevor der Tag zu Ende ging, wurden Vorkehrungen für den Marsch nach Jerusalem getroffen. Einer der Nüch- ternsten (oder besser: Ernüchtertsten) war Gwal- chmai. Wenn eines aus den Worten Urbans und aus den Reaktionen der Leute deutlich geworden war, dann war das die Erkenntnis, daß er wohl kaum auf die Hilfe des Papstes bauen konnte. Es war nicht damit zu rechnen, daß Urban Schiffe und Mannschaften in größerer Zahl für eine Entdeckungsreise in ein frem- des, fernes Land bereitstellen würde., Und selbst wenn der Papst gewollt hätte – und es lag auf der Hand, daß seine Interessen anderswo la- gen –, hätte er jetzt nicht mehr anders handeln kön- nen. Er war daran gebunden, diesen Kreuzzug, zu dem er aufgerufen hatte, zu unterstützen, und zwar mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen. Und es war klar, daß da nicht mehr viel für andere Unter- nehmungen übrigblieb, schon gar nicht für so wag- halsige und aufwendige wie eine Fahrt mit einem ganzen Heer über den Ozean. Er war also nicht der Herrscher, den Gwalchmai zu finden gehofft hatte. Der Kontinent, den er zu ver- schenken hatte, mußte an jemand anderen gehen, es sei denn, er konnte den Papst in einem persönlichen Gespräch davon überzeugen, daß eine solche Expe- dition durchführbar und von höchster Wichtigkeit war. Doch wie sollte er eine solche Privataudienz erlan- gen? Unmittelbar nach Beendigung seiner Rede war Urban von Clermont aus wieder nach Rom aufgebro- chen. In jener Nacht lagen Gwalchmai und Corenice zu- sammen in ihrem Zelt. Sie zitterte vor Kälte, wollte ihm aber nicht eingestehen, daß sie sich krank fühlte. Gwalchmai schlief in jener Nacht sehr unruhig. Immer wieder schreckte er hoch, von dem Zweifel geplagt, ob er seine Mission wohl jemals würde er- füllen können. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen seinem Schwur und der Sorge um Corenice. Schließlich fiel er in einen dumpfen, traumlosen Schlaf. Kurz vor Morgengrauen schreckte er erneut auf. Ein Mann stand in der Zeltöffnung. Draußen herrschte graues, verschwommenes Licht,, und der Mann stand mit dem Gesicht zu ihm, aber als er seine Stimme erhob, erkannte Gwalchmai, wer es war. »Lehrling! Hast du schon etwas gelernt über die Bedeutung des Lebens und das Geheimnis des To- des?« »Nur sehr wenig, Meister, aber ich bemühe mich, mein Bestes zu tun.« »Dann kann ich dich loben, denn zu wissen, daß man wenig weiß, heißt in Wahrheit, viel zu wissen. Nun höre gut zu! Das Schwert, das du trägst und das dir von Thor gegeben ward, ist, wie du zu Recht vermutet hast, keine Waffe, mit der man leichtfertig umgehen oder die man gar verlieren darf. Sie ist eine Bestimmung, und eines Tages wird sie gebraucht. Ich weiß um den Schwur, den du betreffs dieses Schwertes abgelegt hast, obwohl ich nicht weiß, was dich dazu inspirierte, einen solchen Schwur zu lei- sten. Ich bin stolz darauf, daß du erkannt hast, daß es für eine andere Hand als die deine bestimmt ist. Ein großer Recke Frankreichs soll es dereinst führen. Und nun habe ich eine weitere Aufgabe für dich, eine ähnliche wie die der Überbringung von Excali- bur, doch wird diese nicht so schwierig sein und nicht soviel Zeit in Anspruch nehmen. Sie ist jedoch nicht minder wichtig, und du mußt sie unbedingt er- füllen. Eile daher so schnell du kannst nach Norden. Nimm die große Straße. Auf dem Wege dorthin wirst du zu dem Schrein der heiligen Katharina von Fier- bois kommen. Wenn du dort bist, bringe jener Heili- gen Durandal als Weihopfer dar. Sie wird es hüten,, bis der Tag kommt, da es gebraucht wird. Dort ist es sicher aufgehoben. Sobald du diese Aufgabe erfüllt hast, darfst du dei- ne Frau nehmen, an der du noch viel Freude haben wirst, und dich nach Rom begeben, wo deine Aus- sichten, deinem Ziel – der Erfüllung deiner Mission – ein Stück näher zu kommen, vielleicht größer sind, als du im Augenblick vermuten magst. Möge dir bei allen deinen Unternehmungen viel Glück beschieden sein, Lehrling! Gute Nacht.« »Bleib, Onkel Merlin!« schrie Gwalchmai und sprang auf. Dabei stieß er mit dem Kopf gegen die Zeltstangen, was zur Folge hatte, daß das Zelt umfiel und ihn und Corenice unter einem Wirrwarr aus Stangen und steifem Segeltuch begrub. Als sie sich dort herausgewühlt hatten, sah er, daß es schon heller Tag war. Merlin war verschwunden – wenn er über- haupt dagewesen war, und um sie herum hatten sich ein paar Leute versammelt, die lachten und mit dem Finger auf sie zeigten. Wenig später sah man ein enttäuschtes und müdes Paar den Weg nach Norden einschlagen. Bevor die beiden losgegangen waren, hatten sie sich noch ein- mal erkundigt, wo genau sie den Schrein finden konnten, von dem Merlin gesprochen hatte. Daß ein solcher Schrein existierte, war Beweis ge- nug dafür, daß seine Vision kein Traum gewesen war. Was ihn jedoch so mißmutig stimmte, war das Gefühl, daß diese Reise, die er einst in Alata so frisch und zuversichtlich begonnen hatte, kein Ende zu nehmen schien. Vielmehr deuchte ihm, als sollte eine Aufgabe, kaum daß er sie erfüllt hatte, ihn gleich wieder zur nächsten führen., Trotz allem war er überzeugt, daß auch diese neue Aufgabe von großer Wichtigkeit war, und er hatte die feste Absicht, sie auszuführen – schon aus Respekt gegenüber seinem Patenonkel, der ihn sicherlich zu dem ursprünglichen Gedanken inspiriert hatte, aber auch zu Ehren Rolands. Er fragte sich, warum Merlin sich mit ›Gute Nacht‹ von ihm verabschiedet hatte, obwohl es doch schon heller Tag gewesen war. Erst Monate später sollte er erfahren, warum.,

Endlich in Rom

Als sie auf den Weg zu dem Dorf Fierbois einbogen, wurde immer augenfälliger, daß Corenice sehr krank war. Jetzt wurde sowohl ihr als auch Gwalchmai deutlich, daß der Körper des walisischen Mädchens, den sie besetzt hatte, nicht nur psychisch, sondern auch physisch krank und zerbrechlich gewesen war. Noch nie in ihrer langen Existenz hatte Corenice eine solche Schwäche und Müdigkeit gespürt wie jetzt. Die Strapazen der Reise forderten nun ihren bitteren Tribut. Nach ihrem Aufbruch von Clermont war es ihr noch ein paar Tage gelungen, ihre Erschöpfung vor Gwalchmai zu verbergen. Anfangs waren sie zu Fuß gegangen; dabei waren ihnen noch ein paar Nach- zügler begegnet, die sich auf dem Wege nach Cler- mont befanden. Der größte Teil jedoch befand sich bereits auf dem Weg nach Hause, wo sie noch ihre Angelegenheiten regeln wollten, bevor sie das Kreuz aufnehmen und ins Heilige Land aufbrechen wollten. Doch schließlich war unausweichlich der Moment gekommen, wo sie eingestehen mußte, daß sie beim besten Willen nicht mehr laufen konnte. Zum Glück fand Gwalchmai kurz darauf einen Bauern, der sich bereit erklärte, gegen Entgelt mit seinem Wagen ei- nen kleinen Umweg zu machen und sie zum Schrein der heiligen Katharina zu bringen. Zu dem Zeitpunkt waren sie nur noch ein paar Meilen davon entfernt. Fierbois war ein kleiner Flecken auf halbem Wege, zwischen Loches und Chinon. Schmucke Bauernhöfe säumten die Straße, und das Dorf selbst machte den Eindruck eines blühenden Gemeinwesens, in dem es sich angenehm und beschaulich leben ließ. Nicht weit von hier lag die große Stadt Tours, die einen guten Markt darstellte für die Erzeugnisse der Bauern, und die Leute von Fierbois schienen mit ihrem Los zufrie- den zu sein. Die Kapelle war eine beliebte Stätte der Andacht sowohl für die Gläubigen aus dem Dorf als auch für Pilger aus entfernteren Regionen. Als sie ankamen, waren gerade ein paar Leute bei der Andacht. Sie warteten, bis diese ihre Gebete beendet hatten, und traten ein. Im Innern der Kapelle herrschte eine ruhige, fried- volle Stimmung. Kein Priester war in der Nähe. Vor dem Altar brannten Kerzen, und die Luft war schwer vom süßen Duft des Weihrauches. Es war leicht zu erkennen, warum Merlin ausge- rechnet diese Kapelle als Versteck für Durandal aus- gesucht hatte, statt nach einem schwierigeren zu su- chen: Die Wände waren dicht mit Waffen behängt. Da hingen ganze Bündel von Piken aller Art, Mor- gensterne ließen ihre stachligen Kugeln an kurzen Ketten zwischen Keulen herunterbaumeln, und da- zwischen hingen Langmesser und Dolche, die arme Bauern in der Schlacht getragen hatten. Alle diese Waffen waren aus Dankbarkeit dort niedergelegt worden von Soldaten, die glaubten, daß sie ihr Leben auf irgendeine Weise der großmütigen Heiligen zu verdanken hatten, und die als Gegenleistung von dem Tag an dem Kriege abgeschworen hatten. Daß solcherlei Gefühle sich nicht nur auf die Herzen des, gemeinen Volkes beschränkten, machte ein Blick auf die Schwerter deutlich. Manche davon besaßen Klingen aus feinstem Da- maszener- oder Toledostahl; auf einigen waren wohl- klingende Namen eingraviert, andere bestachen durch ihre kostbaren, diamantenbesetzten Griffe. Ein hervorragendes Versteck für Durandal, dachte Gwalchmai, doch widerstrebte es ihm, einen solch kostbaren Schatz, dessen künftige Geltung Merlin ja noch einmal betont hatte, dadurch aufs Spiel zu set- zen, daß er ihn an einer Stelle aufhing, wo jedermann ihn sofort sehen konnte. Er ließ seinen Blick durch die Kapelle schweifen. Vielleicht ließ sich ein sichereres Versteck finden, als die Wand es war. Corenice und der Bauer, der sie hergebracht hatte, knieten mit gesenktem Kopf vor dem Altar. Die heilige Katharina schaute gütig auf sie herab. Gwalchmai fragte sich, zu wem Corenice an dieser heiligen Stätte wohl beten mochte und ob sie wohl um Gesundheit betete oder um etwas weniger Per- sönliches. Selten hatte sie ihre Göttin um etwas gebe- ten, das nur für sie selbst war. Er fühlte sich völlig unbeobachtet. Draußen näher- ten sich Stimmen. Rasch, bevor jemand hereinkom- men konnte, ging er nach vorn zum Altar. Zwischen diesem und der Wand befand sich ein schmaler Spalt, gerade groß genug, daß ein Schwert darin Platz fin- den konnte. Er nahm das Schwert und ließ es vorsichtig in den Spalt gleiten. Es war, als glitte es in eine Scheide. Als er den Griff losließ, verschwand es vor seinen Augen, und er hörte, wie es mit einem schabenden Geräusch, nach unten rutschte. Der Länge des Geräusches nach zu urteilen, war der Spalt sogar noch tiefer, als er ge- dacht hatte. Vielleicht befand sich darunter eine Krypta oder eine geheime Kammer. Erleichtert atmete er auf. Falls nichts Unvorherge- sehenes passierte (daß man zum Beispiel den Altar entfernte oder die Kapelle abriß, was beides ange- sichts ihrer großen Beliebtheit sehr unwahrscheinlich war), würde niemand das Schwert je entdecken. Es war dort sicher aufgehoben. Er hatte seine Aufgabe nun erfüllt und konnte seinen Tatendrang auf andere wichtige Angelegenheiten richten. Er legte die Hand auf Corenices Schulter. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihr Körper sank schlaff gegen sein Knie. Ihr Gesicht war kreidebleich. Er stieß einen unterdrückten Schrei aus und fing sie auf. Ihre Hände glühten. In diesem Moment betrat ein Paar mittleren Alters die Kapelle. Sie mußten lächeln, als sie die beiden so erblickten, obwohl sie nicht ihre Überraschung dar- über verbergen konnten, daß die beiden sich für ihr zärtliches Beisammensein ausgerechnet eine Kapelle ausgesucht hatten. Die klugen Augen der Frau erkannten jedoch schnell, daß es sich hier nicht um einen Liebesakt handelte, und sie trat zu den beiden, um zu sehen, ob sie irgendwie behilflich sein konnte. Ein kurzer Blick nur, und sie wußte Bescheid. »Wann kommt sie nieder?« fragte sie, den Blick auf Gwalchmai gerichtet. »Ich verstehe nicht!« erwiderte Gwalchmai ver- blüfft. »Wie lange noch bis zur Geburt des Kindes? Ihr, wißt doch wohl, daß Ihr Vater werdet?« Er schüttelte stumm den Kopf. Die Frau stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Ihr Männer seid alle Dummköpfe! Wenn sie jetzt ei- ne Stute wäre oder eine Kuh, dann wüßtet Ihr mit Si- cherheit auf die Minute genau, wann sie werfen wür- de. Hab ich recht? Das würde nämlich klingende Münze in Eurem Geldbeutel bedeuten, nicht wahr? Da würdet Ihr aufpassen wie ein Luchs, he? Aber das hier, das könnte ja Geld kosten. Also hofft Ihr lieber, daß es gar nicht dazu kommt, oder tut so, als wäre gar nichts! Genau wie mein Alter!« Ihre Worte klangen hart, aber die Augen, mit de- nen sie das Paar anschaute, straften ihre rüde Aus- drucksweise Lügen. »Manchmal frage ich mich, warum Gott bloß die Männer geschaffen hat und was die Frauen in ihnen sehen! Große behaarte, schmutzige, dumme Kerls, die ständig fluchen und sich gegenseitig umbringen! Los, schafft sie nach draußen an die frische Luft! In diesem Qualm hier erstickt ja ein Maultier!« Sie trugen Corenice schnell ins Freie und legten sie ins Gras. Es dauerte nicht lange, und sie schlug die Augen auf und versuchte, sich aufzurichten. Die Frau drückte sie sanft, aber bestimmt wieder zurück. »Gib mir deine Flasche, Alter!« herrschte sie ihren Mann an. Der gab sie ihr widerwillig, da sie fast leer war. Sie zauberte eine kleine Tasse aus den uner- gründlichen Tiefen ihrer weiten Röcke hervor, goß sie voll, bröselte ein paar Kräuter aus ihrem Beutel hin- ein und rührte das Ganze gut mit dem Finger um. Unterdessen redete sie beruhigend auf Corenice ein. »Da, meine Kleine, trink das! Tapfer – runter damit!, Es wird dir guttun. Es ist nichts weiter als ein bißchen Fingerhut. Ist gut für dein Herz. Getrocknete Seiden- raupen wären noch besser gegen das Schwindelge- fühl, aber wer kann sich die heutzutage schon lei- sten?« So schnatterte sie munter weiter, während Gwal- chmai wie ein Schatten über ihnen hing. Nach einer Weile kehrte etwas Farbe in Corenices bleiche Wangen zurück, und sie schaffte es aufzuste- hen. »Wohin seid ihr unterwegs?« fragte die Frau. Gwalchmai und Corenice schauten sich an. Dies war ein herber Rückschlag für ihre weiteren Pläne. Beiden war klar, daß sie so schnell wie möglich nach Rom mußten, wenn Gwalchmai den Papst noch sprechen wollte, bevor alle Truppen und Schiffe für den Kreuzzug eingesetzt waren. Wenn er diese winzige Gelegenheit verpaßte, dann war gar nicht abzusehen, welchen zeitlichen Rück- schlag das erneut für die Erfüllung seiner Mission bedeuten würde. Aber beiden war ebenso klar, daß Corenice in diesem Zustand unmöglich weiterreisen konnte. »Wir sind von Clermont aus nach hier gepilgert, um ein Gelübde zu erfüllen«, erklärte Gwalchmai wahrheitsgemäß. »Und nun – wann, das wissen wir nicht, jedenfalls so bald wie möglich – müssen wir weiter nach Rom.« Die Frau musterte die beiden scharf. Sie schaute Corenice mit gespitztem Mund an und schüttelte den Kopf. »Es wird noch ein Weilchen dauern, bis deine Frau sich wieder auf eine Pilgerreise begeben kann,, Bürschchen. Und dann werdet ihr wohl zu dritt rei- sen müssen. Ich fragte dich bereits, wie lange es noch dauert, mein Kleines. Aber ich glaube, ich weiß es jetzt auch so. Du bist im dritten Monat, nicht wahr?« Corenice vermied es, der Frau in die Augen zu schauen, nickte aber kaum merklich. »Das dachte ich mir!« schimpfte die Frau. »Und dieser große Tölpel, der nichts anderes im Kopf hat als seinen eigenen Willen und sein Vergnügen, wie alle Männer, wollte sich kein Baby aufhalsen, stimmt's? Armes Schätzchen! Ich wette, du hast es ihm nicht gestanden, weil du Angst hattest, er würde dich schlagen! Ach, Männer! Sie sind alle gleich – ei- ner wie der andere!« Sie warf ihrem Mann, Gwalchmai und dem Besit- zer des Karrens einen verächtlichen Blick zu. Alle drei zuckten zusammen und senkten verlegen den Kopf. Corenices Schultern zuckten, aber nicht vor Schluchzen. Gwalchmai wartete sehnlichst darauf, daß sie etwas zu seiner Ehrenrettung sagte, aber sie hielt nur ihren Kopf gesenkt, so daß die Frau ihr Ge- sicht nicht sehen konnte. Er trat zu ihr und faßte ihr unter das Kinn, um ihr ins Gesicht sehen zu können, doch sofort setzte sie ei- ne solche Leidensmiene auf, daß er ihr am liebsten eine Tracht Prügel verpaßt hätte, und zuckte vor ihm zurück, als wäre sie von Todesängsten gepackt. Die Frau schob ihn mit ihrem kräftigen Arm, der einem Ringer zur Ehre gereicht hätte, beiseite und drückte Corenice mütterlich an ihren wogenden Bu- sen. »Ruhig! Ganz ruhig, mein Täubchen! Keine Angst,, solange ich bei dir bin, wird er dir nicht ein Härchen krümmen!« flötete sie liebevoll. »Du kommst jetzt mit zu mir nach Hause, und dort legen wir dich in ein schönes weiches Federbettchen, nicht wahr? Das Früchtchen da –« dabei warf sie Gwalchmai einen verächtlichen Blick zu – »kann in der Scheune schla- fen. Wenn es nach mir ginge, würde er besser noch auf dem Misthaufen übernachten!« Noch während sie sprach, war sie behutsam mit Corenice zu ihrem Wagen zurückgegangen. Die Ge- bete, deretwegen sie eigentlich gekommen war, hatte sie über diesem Ereignis völlig vergessen. Ihr Mann hatte die ganze Zeit über geschwiegen – offenbar wußte er, warum. Doch nun schweifte sein Blick vorwurfsvoll von seiner Frau zu dem Schrein. Die Frau verschwendete weder Zeit noch Worte. Sie half Corenice auf den Wagen, ergriff die Zügel und schnalzte dem alten Gaul etwas zu. Quietschend setzte sich der Karren in Bewegung. Ihrem Mann blieb gar keine andere Wahl, als wütend hinterherzu- rennen, wollte er nicht zu Fuß nach Hause gehen. Schimpfend kletterte er auf den Wagen. Gwalchmai hingegen konnte nicht sofort mitkommen, da er erst noch in seinen Taschen nach einer Münze suchen mußte, um den Bauern, der sie hergebracht hatte, für seine Dienste zu entlohnen. Als er endlich soweit war, war der Wagen schon ein ganzes Stück die Straße hinuntergefahren. Die starr nach vorn gerichteten Köpfe der drei Insassen drückten auch ohne Worte deutlich genug aus, welch geringe Meinung sie von ihm hatten. Nicht einer von ihnen schaute sich auch nur ein einzigesmal zu ihm um., Er ließ seinen Blick wütend über eine Gruppe schlanker Weiden schweifen, die am Ufer eines klei- nen Baches neben ihm stand. Er zog sein Messer und machte ein paar Schritte in ihre Richtung, gab den Gedanken aber gleich wieder auf. Er hatte jetzt nicht die Zeit, sich ein paar Zweige abzuschneiden. Er würde sich beeilen müssen, wenn er den Wagen nicht aus den Augen verlieren wollte. Zwei Wochen später war er wieder unterwegs, dies- mal Richtung Süden – und allein. Während dieser vierzehn Tage hatte sich Corenices Gesundheitszustand deutlich verbessert, auch wenn an eine längere Reise nach wie vor nicht zu denken war. Das boshafte Fieber, das sie sich in der Menge in Clermont zugezogen hatte, hatte sich schnell wieder gelegt, aber der geschwächte Zustand, in dem sie sich befand, ließ die natürliche Zerbrechlichkeit ihres Körpers um so deutlicher hervortreten. Das einzige, wozu sie sich halbwegs in der Lage fühlte, war, an schönen Tagen in der Sonne zu sitzen und die Vorübergehenden zu beobachten. Es zerriß Gwalchmai fast das Herz, sie in diesem Zustand zu sehen, als er daran dachte, wie kräftig und gesund sie in Thyras Körper gewesen war, wie fröhlich sie das Leben genossen hatte; wie zärtlich sie sich geliebt hatten, wie übermütig sie am Strand herumgetollt waren. Die Tränen kamen ihm, als er sich daran erin- nerte, wie sie einander ewige Treue geschworen hat- ten, als sie auf weißen, rauschenden Schwingen trun- ken vor Liebe und Glückseligkeit durch den Äther geglitten waren. Er dachte daran, wie sie all die langen Jahre auf ihn, gewartet hatte; wie sie ihm schließlich das Leben ge- rettet hatte, indem sie ihn aus dem Eise befreit hatte; er dachte daran zurück, wie sie ihn geneckt hatte und wie wütend er auf sie gewesen war – und er begrub das Gesicht in den Händen, als er neben ihr saß, da- mit sie nicht die Tränen sehen konnte, die unge- hemmt über seine Wangen rannen. Dann fühlte er ihre Hand sanft auf seiner Wange, und er nahm sie in die Arme und dachte für eine Weile nicht an die, die gen Süden marschierten, nach Marseille, wo die Schiffe für die ausliefen, die das Heilige Land auf dem Seewege erreichen wollten. Sie wußte nur zu gut, wie sehr er danach fieberte, endlich nach Rom ziehen zu können. Als die Tage verstrichen und sie immer noch nicht kräftig genug für eine Reise war, begann sie ihn immer heftiger zu bedrängen, allein aufzubrechen. »Warte nicht länger«, bat sie. Noch blieb ihm Zeit genug, nach Rom zu gehen und wieder zurückzukeh- ren, bevor sein Sohn geboren würde – denn daß es ein Sohn würde, daran zweifelten beide nicht einen Moment. Zu ihrer Überraschung stimmten ihre Wohltäter diesem Plan zu. Gwalchmai hatte sehr schnell ge- merkt, daß sich hinter der rauhen Schale der Bauers- frau ein weiches, warmes Herz verbarg. Auch wenn sie das Herz auf der Zunge trug und allen gegenüber gleichermaßen zänkisch wirkte, so war sie doch im Grunde ihres Herzens freundlich und gutmütig. Auch Corenice bekam ihren Teil Schelte ab, als sie es wagte, den Wunsch zu äußern, ein wenig im Haushalt mitzuhelfen. In der walisischen Familie, als sie noch Nikky war, hatte sie sich nämlich alle im, Haushalt nötigen Kenntnisse angeeignet und konnte nun buttern, weben und ganz hervorragend nähen. Auch waren die beiden Bauersleute grundehrlich und redlich, und als Gwalchmai schließlich von allen Argumenten überzeugt war und beschlossen hatte, doch nach Rom zu reisen, wußte er, daß er seinen Anteil an dem Schatz bedenkenlos zurücklassen konnte und daß keiner von den beiden sowohl seinen als auch Corenices Anteil anrühren würde. Bis zu Corenices Niederkunft waren noch fünf Mo- nate – Zeit genug, nach Rom zu reisen und wieder zurück, dachte er. Er würde eine Audienz beim Papst Urban erlangen, ihn von der Wichtigkeit dessen, was er ihm mitzuteilen hatte, überzeugen und wieder zu- rück sein, lange bevor er am Bett seines Weibes ge- braucht würde. Inzwischen würde sie sich gut erholen, einen run- den Bauch bekommen und wieder ganz seine kräfti- ge, gesunde Corenice werden. Und so brach er denn eines schönen Tages auf, sagte ihnen Lebwohl und begab sich ebenfalls auf den Weg nach Marseille. Rom, die alte Kaiserstadt, Mutter der Nationen, war nicht mehr das Rom, von dem sein Vater ihm vor langer Zeit erzählt hatte. Die Goten, die Cimbern, die Vandalen und die Hunnen hatten nacheinander darin gewetteifert, jene mächtige, einst so stolze Metropole zu demütigen. Roms Armeen gehörten der Ge- schichte an, seine Bevölkerung war in alle Winde zer- streut. Selbst die, die einst geflohen waren, hatten schon Jahrhunderte zuvor ihr Erbe vergessen. Gebäude und Paläste waren verfallen und zerstört,, Kunstschätze geplündert oder verwüstet. Durch die Arenen, in denen sich einst die Massen gedrängt hatten, strich der Wind und bedeckte die glorreichen Kampfbahnen mit welkem Laub. Die Aquädukte lie- ferten noch immer das Wasser, mit denen zahlreiche prächtige Brunnen gespeist wurden; steinerne Stra- ßen führten noch immer in alle Teile der Welt wie die Speichen eines Rades von der Nabe zur Felge, doch gab es keine Legionen mehr, deren eiserner Marschtritt auf dem Pflaster widerhallte. Erst elf Jahre waren vergangen, seit die Norman- nen die Stadt zum letztenmal geplündert und ge- brandschatzt hatten, als sie gekommen waren, Papst Gregor zu retten, der in Hadrians Grab von den Truppen Heinrichs des Vierten belagert wurde. Da- mals hatten sie die Stadt als rauchende Ruine zu- rückgelassen, und sie hatte sich noch immer nicht ganz wieder von diesem Schlag erholt. Wilde, blutige Schlachten hatten einst in ihren Mauern gewogt – um jeden Tempel, jedes Grab, jedes Forum war erbittert gekämpft worden –, und viele andere sollten noch folgen, doch als Gwalchmai von Westen her kommend auf den Janiculumhügel trat und seinen Blick über die Stadt schweifen ließ, bot sich seinen Augen das Bild einer stattlichen, ein- drucksvollen Metropole. Es war schon Abend, und die noch nicht vernarb- ten Wunden, die die Zeit und die Kriege geschlagen hatten, wurden ein wenig durch die Entfernung und das warme Licht der Abenddämmerung gemildert. Eine leichte Decke aus Dunst und Rauch lag wie ein Schleier über der Stadt, denn es war die Stunde des abendlichen Mahles, und obwohl die Bevölkerung, der Stadt im Vergleich zu ihren Glanzzeiten nur noch gering war, lebte doch noch eine beträchtliche Anzahl von Menschen in ihren Mauern. Rom war das Zentrum, auf das sich die Hoffnungen der gesamten Christenheit richteten, der Brennpunkt allen christlichen Denkens. Hier, in dieser heiligen Stadt, war ihnen der Fehdehandschuh hingeworfen worden, den Männern, die den Halbmond in ihrem Banner führten und die lachten, als sie erfuhren, daß die Eisenmänner aus dem Westen, die das Kreuz tru- gen, ausziehen wollten, um sie für die Grausamkei- ten, die sie ihren Brüdern auf dem Wege nach Jeru- salem angetan hatten, zur Rechenschaft zu ziehen. Und nun war dieser Tag gekommen, die Armeen sammelten sich, und Gwalchmai blickte bewegt auf die Stadt hinunter. Für ihn, der Rom nur vom Hören- sagen kannte, war dieser Anblick die Erfüllung eines langgehegten Traumes. Man schrieb das Jahr des Herrn 1095, und er hatte vierhundertdreiundsechzig Jahre auf diesen Augen- blick warten müssen! So lange war es her, seit er einst voller Hoffnung und Zuversicht auf die rasche Er- füllung seiner Mission aus Alata aufgebrochen war. Dank der Wirkung des Elixiers des Lebens, das er einst unbeabsichtigt getrunken hatte und das in sei- nen Adern zirkulierte, sah er äußerlich noch immer vergleichsweise jung aus. Seine Schläfen waren ein wenig grau geworden, um seine Augen und an den Mundwinkeln hatten sich ein paar Fältchen gebildet, doch deuteten diese kleinen Anzeichen lediglich dar- auf hin, daß er kein Jüngling mehr war. Er fühlte sich jung und stark – er besaß noch alle seine Zähne, was ihn ein wenig wunderte, seine Haut wirkte jung und, straff, und seine Muskeln waren nach wie vor hart wie Eisen. Er machte beileibe nicht den Eindruck ei- nes Mannes, der schon seit fast einem halben Jahrtau- send auf der Erde wandelte, auch wenn die Anzahl seiner bewußt erlebten Lebensjahre tatsächlich weit- aus geringer war. Doch sollte er bald die Folgen, die dieser mystische Schluck mit sich brachte, zu spüren bekommen. Längst hatte er die Worte des Zauberers, der ihn auf jener Wiese in den Pyrenäen daran erinnert hatte, daß sich solche eines Tages einstellen würden, wieder vergessen. Er ging in die Stadt hinunter und suchte sich einen Gasthof zum Essen und Übernachten. Vierzehn Tage lang wartete er auf eine Audienz beim Papst, und schließlich wurde sie ihm gewährt. Doch sollte er den Papst nie erreichen und ihm nie seine Geschichte er- zählen! Als die Tür sich öffnete, er an der Reihe war und sein Name vom Großkämmerer des Heiligen Vaters aufgerufen wurde, schritt er die drei Stufen hinauf, die in den Audienzsaal führten. Er sah die schmäch- tige Gestalt mit dem kostbaren Gewand und der Mitra, die am anderen Ende des Saales auf ihn war- tete; er sah die Kirchenfürsten, die links und rechts von ihr standen; er hörte, wie der edel gekleidete Mann an der Tür ihn zu fragen begann: »Welches ist Euer ...?« In dem Moment senkte sich ein Nebelvorhang zwi- schen ihn und seine Umgebung. Er hörte ein klebri- ges, bösartiges Kichern in seinen Ohren, das ihm wohlbekannt war, und er wußte, daß nur er allein dieses Kichern hörte., Dann überfiel ihn schlagartig bleierne Müdigkeit. Wie eine riesige Welle schwappte sie über ihm zu- sammen. Er spürte, wie seine Zunge schwer wurde. Er glaubte zu schreien: »Corenice! Warte! O warte, warte auf mich!« Doch er hörte keinen Laut. Seine Ohren schienen mit Watte gefüllt zu sein, und er sank in einen tiefen Schlaf hinüber. »Vergeßt nicht, daß der, der länger lebt als andere, auch länger ruhen muß als andere!« Als der lange rote Teppich auf ihn zugerast kam, glaubte er, einen gequälten Aufschrei zu hören: »O nein, mein Liebling! Nein! Nein! Nein!« Aber es war nur in seiner Einbildung. Er spürte nicht mehr den Aufprall, als sein Körper auf den Boden schlug., TEIL ZWEI

Die Katakomben

Er kannte seinen Namen. Sein Patenonkel Merlin, der Zauberer, hatte ihn Gwalchmai getauft, was in einer uralten Sprache ›Adler‹ bedeutet. Er wußte, wo er gewesen war, wohin er gegangen war und warum er dorthin gegangen war. Er wußte, daß er eine Mission zu erfüllen hatte und daß Hin- dernisse im Wege lagen. Er wußte nicht, wo er war. Er wanderte, erfüllt von einem Gefühl vollkomme- ner Glückseligkeit, durch ein Land friedlicher Schön- heit. Ringsum erhoben sich sanft gerundete Hügel in leuchtendem Lilienkleide, und jenseits ihrer Kuppen ragte ein einzelner schneebedeckter Gipfel empor, dessen klare, erhabene Schönheit seinen Blick unwi- derstehlich auf sich zog. Da gab es Quellen, deren munteres Plätschern wie Musik in seinen Ohren klang, und wenn die warmen, von Blütenduft erfüllten Winde, deren betörender Atem voller Zärtlichkeit das Land streichelte, das Laub der mächtigen Wälder jenes Landes berührten, dann ertönte süßer Glockenklang. Tief sog er den be- rauschenden Duft von Blüten und Gewürzen in seine Lungen. Wohin er auch blickte – überall war nur Schönheit und Anmut. Die Menschen dieses Landes waren von zarter Grazie, und ihre Stimmen waren wie Lieder, an de-, nen er sich niemals satt hören konnte, obwohl das, was sie sprachen, wie feiner Dunst durch seinen Geist strich und keine Erinnerung hinterließ. Er war nicht allein; er fühlte eine zarte, warme Hand in der seinen, und an seiner Seite schritt seine geliebte Corenice. Gemeinsam schauten sie die Wun- der dieses Märchenlandes und wurden des Schauens und des Lauschens niemals müde, denn der Wunder war niemals ein Ende, und ihres Glückes war niemals ein Überdruß. Die Zeit schien stillzustehen in diesem Lande des Glückes und des Friedens, gab es doch weder Sonne noch Mond, die ihren Lauf markiert hätten, und we- der Hunger noch Durst, noch Müdigkeit, die ihren Fluß in Tage oder Stunden geteilt hätten wie im Lan- de der Menschen. Sie wandelten in vollkommenem Glück und Frie- den. Manchmal sah er riesige Gesichter über sich schweben, doch niemals waren sie böse oder furcht- erregend; sie schauten ihn milde und gütig an, und immer waren sie schön und voller Liebe. Es machte ihm nichts aus, von ihnen beobachtet zu werden – er spürte, daß er und Corenice von ihnen beschützt und behütet wurden. Er hatte geglaubt, Elveron wäre ein Land, dessen Zauber unübertrefflich sei; doch der Zauber und die Schönheit dieses Landes übertrafen bei weitem die Wunder des Elfenlandes. Hier war er wunschlos glücklich; hier wurden alle seine Hoffnungen, alle seine Träume wahr. Dies war Tir-nan-og – das Himmelreich, nach dem sich alle Menschen sehnen; die Inseln des Glücks; Hy-Breasail; das Paradies!, Doch der Garten Eden steht dem Menschen nur noch für einen kurzen Besuch offen; seit dem Sünden- fall gibt es dort ein Schild ›Kein Zutritt!‹ – niemand kann wirklich an diesem Orte leben. Und so kam unweigerlich der Augenblick, da er wußte, daß er allein war. Dunkle Schatten senkten sich über das Land und ließen seine Wunder verblas- sen. Die Quellen verstummten, die wundersam ge- formten, zerbrechlichen Gebäude zerfielen zu Staub, die schönen Menschen verschwanden, und er fühlte, wie er mit rasender Geschwindigkeit davongetragen wurde. Er streckte den Arm aus in dem verzweifelten Ver- such, die Hand der Geliebten zu umklammern, die rasch seinem Blick entglitt. Seine Hand schlug gegen etwas Hartes. Er fühlte kalten Stein an seinen Fin- gern. Er stieß einen Schrei aus und öffnete die Augen – und um ihn herum schwärzeste Nacht! Doch dies war mehr noch als Nacht; es war die ewige Finsternis der Hölle! Er streckte seine Arme aus und fühlte, wie seine Muskeln und Gelenke knackten und knarrten wie nach langem Nichtge- brauch. Er fühlte nackten Fels auf der einen Seite und Leere auf der anderen. Seine Finger tasteten sich vor- sichtig in die Höhe. Über ihm, nur wenige Zoll ober- halb seines Kopfes, war eine glatte, steinerne Fläche und unter ihm eine zweite, die nur mit einem dünnen Kissen gepolstert war. Jetzt war ihm klar, daß er in einer künstlichen Felsennische lag. Aber wo? Sein Atem ging rasselnd. Seine Zunge fühlte sich an wie Pergament. Schmerzend dehnte sich seine Lunge, als sie sich langsam mit Luft füllte. Er spürte, wie ganz allmählich die Lebensgeister zu ihm zu-, rückkehrten. Seine Gedanken lösten sich von dem verschwundenen Reich des Glücks. Er hörte, wie das Blut durch die winzigen Kanäle seiner Ohren schoß – dies war das einzige Geräusch, das er vernahm. Er hob seine Hand und ließ die Finger über sein Gesicht gleiten. Sein Bart, der aufgrund seines azte- kischen Blutes immer nur sehr karg gesprossen war, war dünn, aber lang. Eine dicke Staubschicht be- deckte seine Haut. Sein Haar war lang und verfilzt. Wieviel Zeit mochte vergangen sein, seit man ihn in diese Felsennische gelegt hatte? Wie viele Jahre, seit man ihn vergessen hatte? O nein! Vergessen hatte man ihn nicht! Er hatte das ganz sichere Gefühl, daß man ihn während all der langen Zeit behütet und umsorgt hatte. Jene Gesich- ter, die über ihm geschwebt hatten! Kein Zweifel, sie waren echt gewesen, mochte auch alles andere, was er gesehen hatte, seiner Fantasie entsprungen sein! Er war in seinem langen Leben schon so manchem Trugbild begegnet und hatte es gemeistert, doch kei- nes war so gewesen wie jenes letzte. Jenes wunderba- re Land mußte wirklich existieren! Er hatte es noch immer so deutlich vor Augen, daß er eine Landkarte davon hätte zeichnen können. Und immer noch spürte er deutlich den betörenden Duft in seiner Na- se. Er wußte, er würde so lange nicht ruhen, bis er dieses geheimnisvolle Märchenreich wieder betreten hätte. Er drehte sich auf die Seite und stöhnte vor Schmerz auf, als das Blut wieder durch seine Adern zu rinnen begann. Er schlug sich mit den Händen auf die Oberschenkel. Immer unerträglicher wurde der Schmerz. Er massierte seine Beine, knetete seine, steinharten Muskeln, bis sie weich wurden, und rieb die Handflächen gegeneinander. Sein ganzer Körper prickelte, als stächen ihn tausend Nadeln zugleich. Seine Finger fühlten sich an wie spröde Stäbchen. Er stutzte. Sie schienen mit seltsam geformten Klum- pen überzogen zu sein. Doch mit seinem nun rasch wiederkehrenden Bewußtsein wurde ihm plötzlich klar, daß es Ringe waren. Seine Finger, ja selbst die Daumen waren über und über mit Ringen bedeckt! Langsam kehrte die Erinnerung zurück. War Mer- lins Ring darunter? Seine Fingerkuppen glitten su- chend über die Ringe. Ja, da steckte er! Er durchstöberte die Winkel seines Gedächtnisses nach dem richtigen Zauberspruch. Seine Gedanken kamen langsam und schwerfällig. Er konzentrierte sich mit ungeheurer Willensanstrengung, bis sich die Worte schließlich stockend formten. Dann rieb er den Opal mit dem Daumen blank, bis dieser langsam zu glühen begann, erst in einem rauchigen, von fahlem Grünstich überzogenen Karmesin, dann immer heller, bis er schließlich in grellem Scharlachrot erstrahlte. Jetzt konnte er die Umrisse der Nische, in der er lag, zum erstenmal schwach erkennen. Und je heller der Stein leuchtete, wobei er in rascher Folge alle Sta- dien des Glühens bis zum blendenden Grellweiß durchlief, desto größer wurde sein Sichtfeld. Ein schmaler Gang trennte ihn von der gegenüber- liegenden Felswand. In dieser befanden sich weitere Nischen. Als er seinen Blick über die Wand nach oben gleiten ließ, zählte er insgesamt vier Reihen dieser Nischen. Einige waren leer, andere zuzementiert, was darauf schließen ließ, daß sich außer seinem noch weitere Körper hier befanden. Die Steinplatten vor, den zuzementierten Nischen waren mit Kreuzen oder Bildern verziert. Einige trugen auch Namen oder wa- ren mit prächtigen Malereien geschmückt. Wieso hatte man seine Nische nicht verschlossen? Hatte jemand erkannt, daß er nicht wirklich tot war? Aber warum hatte man ihn dann auf diesem Friedhof bestattet? Denn daß dieser Felsenkeller nichts anderes als ein riesiger unterirdischer Friedhof war, daran hatte er nicht mehr den geringsten Zweifel. Er ließ den Lichtstrahl aus dem Ring höher gleiten. Die Decke des Ganges war ebenfalls aus Stein. Deut- lich sah er die Spuren, die Meißel und Spitzhacke im Fels hinterlassen hatten. Als nächstes leuchtete er nach unten. Die Nische, in der er lag, befand sich nur wenige Zoll über dem Boden. Inzwischen fühlte er sich stark genug, sich aus der Nische hinauszurollen. Er schlug hart auf dem Felsboden auf und blieb eine Weile keuchend liegen. Doch dann fühlte er, wie ganz allmählich die Kräfte in seinen Körper zurückkehrten. Bei dem Versuch, sich aufzurichten, stieß er mit der Hand an einen Gegenstand. Dieser raschelte leise bei der Berührung. Als er den Lichtstrahl darauf richtete, sah er, daß es sich um eine Pergamentrolle handelte, die fest um eine hölzerne Spindel gewickelt war. Er holte tief Atem und spürte, wie sich seine Lun- genflügel knisternd im Brustkorb ausdehnten. Unge- achtet der starken Schmerzen, die er dabei verspürte, richtete er sich mühsam auf und kam schwankend zum Stehen. Dann ließ er tastend seine Hände über den Rand der Nische und danach über seinen Körper gleiten. Im selben Moment kehrte mit einem Schlag sein Erinnerungsvermögen zurück. Siedendheiß fiel ihm das Gespräch ein, daß er mit dem Papst hatte, führen wollen. Wie eine Flutwelle stürzte die Erinne- rung auf ihn ein: wie er gehofft hatte, den Papst von jenem zweifelhaften Unternehmen im Osten, Kreuz- zug geheißen, abzubringen und sein Interesse statt dessen auf den sicheren Gewinn im Westen zu len- ken, der dort in Gestalt der beiden Kontinente Alata und Atala auf ihn wartete, von deren Existenz nur er, Gwalchmai, wußte. Und er dachte daran zurück, wie ihn just in dem Moment, da ihn nur noch wenige Schritte von jener so wichtigen Unterredung mit dem Papst getrennt hatten, der Fluch seines langen Schlafes ereilt hatte – die bittere, aber unvermeidliche Kehrseite des langen Lebens, in dessen Genuß er durch Merlins Zauber- trank, das Elixier des Lebens, gekommen war. Wie lange mochte das her sein? Einen Tag? Jahr- hunderte? Und wo war seine verlorene Liebe, wo war Corenice? Er hatte sein Schwert nicht bei sich gehabt, als er zu der Audienz mit Papst Urban gegangen war, aber seine kleine Feuersteinaxt im Gürtel getragen, unter seinem Gewand, da er bemerkt hatte, daß auch die anderen, die sich zu einer Audienz gemeldet hatten, als Zeichen ihres Standes einen Dolch getragen hat- ten. Und da er als Prinz von Alata nicht ohne ein sol- ches Standessymbol hatte vor dem Papst erscheinen wollen, hatte in Ermangelung eines Dolches eben sei- ne Axt für diesen Zweck herhalten müssen. Während er geschlafen hatte – und allmählich wurde ihm klar, daß dies sehr lange gewesen war –, hatte man ihm andere Kleider angezogen. Er trug jetzt ein lose flatterndes Gewand aus grobem, brau- nem Leinen, und seine Füße steckten in Sandalen., Erleichtert stellte er fest, daß auch sein alter Leder- gürtel mit den römischen Münzen, den seine Mutter ihm einst als Abschiedsgeschenk überreicht hatte, noch da war. Das war alles. Man hatte ihn zwar entwaffnet, aber nicht beraubt, denn als er erneut seine Hand suchend über seine Ruhestätte gleiten ließ, stellte er zu seiner Freude fest, daß sein kleiner Tomahawk in der Ecke der Nische lag. Er stopfte die Pergamentrolle unter die Kordel, die sein Gewand zusammenhielt, und schob den Tomahawk ebenfalls darunter. Jetzt fühlte er sich bedeutend sicherer. Etwas baumelte an einem Kettchen um seinen Hals. Er fühlte danach. Es war ein Kruzifix. Er ließ es unter den Saum seines Gewandes gleiten. Nun war er doppelt geschützt. Als er auf die Wand blickte, entdeckte er eine In- schrift direkt über seiner Nische. »Arcanum Sacrum«, buchstabierte er – Heiliges Geheimnis. Er dachte mühsam einen Moment nach, wer das wohl geschrieben haben mochte, während er dort lag und träumte, gab dann aber dieses nutzlose Unter- fangen wieder auf. Nun, da er stand, spürte er einen leisen Lufthauch auf seinem Gesicht. Wider alle Befürchtungen, sein Körper wäre vollkommen ausgetrocknet, hatten sich durch die Anstrengung Schweißperlen auf seiner Stirn gebildet. Dies erleichterte ihm, der Richtung nachzugehen, aus der der Luftzug kam. Er folgte ihm zunächst durch den langen Gang, in dem er sich befand, wobei er Reihe um Reihe versiegelter Gräber passierte. Wie viele Meilen mochten es wohl sein, wenn man allen, Gängen, die den seinen kreuzten, bis zum Ende nachging? Wie viele Tote ruhten hier zu Tausenden und Abertausenden und warteten auf die Auferste- hung, die ihm als einzigem auf so seltsame Weise so- eben widerfahren war? Sich ganz auf seinen luftigen Führer verlassend, ging er weiter. Ab und zu ließ er den Lichtstrahl aus seinem Ring über die eine oder andere Grabinschrift huschen, an der er gerade vorüberkam, und über- setzte in Gedanken die verblichenen Worte. ›Vivas in Deo‹ oder ›In Pace Christi‹ kam dabei am häufigsten vor. Einer, wahrscheinlich ein Ehemann, hatte geschrieben: ›Hier ruht meine Geliebte im Herrn.‹ Ein Stück weiter sah er das Bild eines jungen, hübschen, aber schwermütig dreinblickenden Mäd- chens, das in verblichenen Farben auf die Steinplatte gemalt war, hinter der es zur letzten Ruhe gebettet lag. Darunter stand in ungelenken Buchstaben, so als hätte die Hand des Schreibers gezittert: ›Sie war so süß wie Honig.‹ Sonst nichts – weder Name noch Ge- burts- oder Todestag. Hier und da sah er Gräber, in denen Mann und Frau gemeinsam ruhten, und über einem las er die Worte: ›Sie führten ein Leben in Eintracht und Glück. Gehe weiter und behalte sie in guter Erinnerung.‹ Als er diese Worte las, ergriff ihn tiefer Schmerz, und er mußte den Blick von der Inschrift wenden. Trauri- ge Erinnerungen an Corenice erfüllten sein Herz, und er kam sich mit einemmal so einsam und verloren vor, daß er glaubte, keiner von denen, die einst hier ihre Liebste hatten zurücklassen müssen, habe sich je einsamer und verlassener fühlen können als er. Nach einer Weile hörten die Gräber auf, und der, Gang wurde steiler. Er sah jetzt auch keine Kreuze oder Inschriften mehr. Ihm fiel auf, daß nun, da er je- ne tieferen, von Tränen, Andacht und Gebet geweih- ten Regionen verlassen hatte, der Luftzug nicht län- ger von vorn kam, obwohl er sich eigentlich dessen Ausgangspunkt nähern mußte. Statt dessen hatte sich der Luftstrom gedreht und kam jetzt deutlich fühlbar von hinten! Fast schien es, als schöbe sich eine riesige Masse gleichsam wie ein Kolben durch den schwarzen Korridor nach vorn, fülle ihn vom Boden bis zur Decke aus und treibe ihm die Luft entgegen, erst als leichte Brise, dann immer schneller, bis die Brise zum Wind wurde. Er drehte sich um und richtete den Lichtstrahl in das Dunkel. Er konnte nichts Auffälliges feststellen, aber die Luft, die ihm entgegenschlug, war stickig und ekelerregend. Und im gleichen Moment hörte er ganz leise ein Geräusch, das vom Ende des Korridors zu kommen schien. Ein zischendes, rauschendes Gurgeln, das rasch näher kam. Er drehte sich um und rannte den Gang hinauf, aber als er an die Stelle kam, an der der schwache Luftzug eingedrungen war, stellte er zu seinem Ent- setzen fest, daß es ein Loch war, das mit einem schweren Eisengitter verschlossen war. Er rüttelte an dem Gitter. Es gab nicht nach und war zudem durch ein starkes Schloß gesichert. Er saß in der Falle! Und das Rauschen kam immer näher! Plötzlich fiel ihm der Zauberer von Roncesvalles wieder ein; wie er ihn vor seinem Herrn, Oduarpa, gewarnt hatte. Wie er ihn davor gewarnt hatte, unter die Erde zu gehen, wo sein Herr über große Macht verfügte. Erneut packte er die Gitterstäbe und rüttelte ver-, zweifelt. Ein paar Rostkrümel fielen aus dem Schloß. Plötzlich sprangen die Zuhaltungen mit leisem Klik- ken auf. Er hatte nicht bemerkt, daß er das Schloß mit der Hand berührt hatte, an der der Ring steckte. Er kroch durch die Öffnung ins Freie und schaute durch ein paar Sträucher auf einen kleinen Friedhof, der friedlich unter einem klaren Sternenhimmel schlummerte. Rasch schlug er das Gitter zu und ließ das Schloß zuschnappen. Das Kruzifix rutschte aus seinem Ge- wand und schlug baumelnd gegen seine Brust. In dem Augenblick kam das, was ihn durch den Gang verfolgt hatte, in Sicht. Entsetzt fuhr er zurück. Eine wabernde Masse von unglaublicher Schwärze wälzte sich auf das Loch zu! Sie war angefüllt mit Myriaden hell glitzernder Funken, die wild auf und ab tanzten, als das Ding näher kam und ihn wie lebendige Augen anstarrten. Kein Gitter konnte diese brodelnde Gefahr aufhal- ten! Er rannte ein paar Schritte zurück, riß das erstbe- ste Kreuz, das er sah, aus der Erde, hastete damit zu dem Loch, legte es auf das Gitter, schloß die Augen und betete. Er hörte nichts, aber er spürte förmlich, wie die schwarze, funkelnde Masse zurückwich, zusammen- schrumpfte, und in gleichem Maße, wie die Angst über das schwarze Monstrum kam, kehrte sein Mut zu ihm zurück. Er öffnete die Augen. Der schwarze Schrecken war verschwunden. Zarter, rosiger Glanz lag über dem Himmel, und die Luft war von milder Frische erfüllt. Sanfter Westwind strich über sein Gesicht, und er glaubte, das Meer riechen zu können., Seine Knie zitterten, und er setzte sich erschöpft auf einen Grabstein, um die Morgendämmerung abzu- warten. Seine Hände schmerzten, und obwohl seine Finger während seines langen Schlafes einge- schrumpft waren, spürte er, daß sich die Ringe wie- der fest um sie spannten. Er streifte sie ab bis auf Merlins Ring, dessen Stein jetzt wieder genauso dunkel war wie die Steine der anderen Ringe. Trotz der Dunkelheit sah er jetzt schon, daß einige der Ringe sehr wertvoll waren; sie waren durchweg mit Rubinen, Smaragden und Sa- phiren besetzt, ein paar sogar mit kostbaren Dia- manten – alle waren aus reinem, massivem Gold und jeder einzelne von ihnen ein wahres Meisterstück feinster Goldschmiedekunst. Er suchte in seinem Gewand nach Taschen, aber er fand keine. Die Ärmel jedoch hatten breite Aufschlä- ge. Einen davon trennte er mit der scharfen Schneide seiner Axt ab und faltete ihn auf. Das ergab einen kleinen Beutel, groß genug, um darin die Ringe auf- zubewahren. Mit einem dünnen Streifen, den er vom Saum seines Gewandes riß, band er den Beutel zu, verknotete ihn und hängte ihn sich um den Hals, ne- ben das Kreuz, das, wie sich bei Tageslicht heraus- stellte, aus Silber bestand. Und was er für die Perlen eines Rosenkranzes ge- halten hatte, erwies sich bei näherem Hinsehen als ei- ne Anzahl kleiner Goldmünzen. Offenbar hatte je- mand gut für ihn gesorgt, während er dort unten ge- schlafen hatte, und allmählich kam ihm auch eine lei- se Idee, wer dieser Jemand war. Als er fertig war, war es schon hell. Jetzt konnte er sich genauer umschauen. Der Friedhof befand sich, am Fuße eines alten, längst verlassenen Steinbruchs. Die Schichten mit dem zum Bauen von Häusern ver- wendbaren Gestein waren vor langer Zeit abgetragen worden, und Mutter Natur hatte die Wunden, die der Mensch der Erde geschlagen hatte, weitgehend wie- der zuheilen lassen. Die Sandgruben hatten sich im Laufe der Zeit mit Wasser, Laub, Lehm und Geröll gefüllt. Daraus war neuer Boden entstanden, der mit spärlichem Gestrüpp überzogen war. Hier und da stand sogar ein Ilexstrauch oder eine kleine Kiefer. Dicht daneben blinkten ein paar Was- serpfützen, die vom letzten Regen übriggeblieben waren. Einige füllten auch die Mulden, aus denen die Reste zerbrochener, achtlos liegengelassener Kalk- steinplatten herausragten. Er stolperte zu ihnen hinüber und leerte gleich mehrere Pfützen mit tiefen Zügen. Er saugte das Wasser auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Da- nach spürte er, wie sein dickflüssig gewordenes Blut schneller durch die Adern rann. Seine Schläfen pochten, und er spritzte sich das kühle, wohltuende Naß über Gesicht und Hände. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, und er hörte keine Geräusche in der Nähe. Weit entfernt vernahm er das Murmeln der erwachenden Stadt, aber er wußte nicht, ob er sich innerhalb oder außer- halb ihrer Mauern befand. Er zog sich aus und wusch sich so gut es ging mit dem restlichen Wasser. Nachdem er sich wieder an- gezogen hatte, fühlte er sich schon frischer, aber im- mer noch ziemlich schwach. Die Sonne war inzwischen soweit aufgegangen, daß sie über den Rand des Steinbruchs zu ihm her-, einschien, und bevor er sich an den Aufstieg über die Rampe wagen wollte, die einst von den Wagen be- nutzt worden war, setzte er sich auf einen Stein, um in ihren warmen Strahlen ein wenig Kraft zu schöp- fen. Während er dasaß, fiel ihm die Pergamentrolle ein. Er zog sie aus seinem Gürtel, entrollte sie und begann zu lesen. Schon die ersten Worte ließen ihn freudig erregt auffahren: ›Mein geliebter und höchst träger Gemahl!‹ Wie konnte ihn Corenice bloß gefunden haben? Mit vor Erregung zitternden Händen rollte er das Pergament zu voller Länge auf und schaute sich sorg- fältig die Schrift an. Der Inhalt war ganz in lateini- scher Sprache geschrieben, jedoch nicht auf einmal, wie er an den verschiedenen Farbabstufungen der Tinte erkennen konnte. Auch war er mit verschiede- nen Federn geschrieben worden. Manche Eintragun- gen waren offenbar mit Farbe und einem winzigen Pinsel gemacht worden. An einer Stelle waren die Zeilen sogar mit einem spitzen Gegenstand in das Pergament geritzt worden, so als hätte der Schreiber keine Feder oder sonstiges Schreibgerät zur Hand gehabt. Ganz eindeutig war zu erkennen, daß der lange Brief nicht von ein und derselben Hand stammte, obwohl die Handschrift unverkennbar dieselbe war – zierlich, gut lesbar und unverkennbar von Frauenhand verfaßt. ›Manchmal‹, hieß es weiter, ›glaube ich, daß wir Spielzeuge der Götter sein müssen und daß sie uns zu ihrem Vergnügen herumstoßen, so wie sie selbst an- deren Mächten gehorchen müssen, vielleicht, ohne es zu wissen., Thors Tage sind gezählt – wie Ahuni-i es ihm da- mals schon prophezeite. Keiner glaubt mehr richtig an ihn. Wenn der Don- ner rollt, schauen die Menschen nicht mehr zum Himmel auf, um einen Blick von seinem Streitwagen zu erhaschen; er hat all seine Macht verloren, und keiner fürchtet mehr seinen Hammer. Statt dessen knien die Menschen überall vor dem Kreuz, an dem dein Herr gelitten hat, und richten ih- re Gebete an ihn. Wie seltsam die Welt ist! Es heißt, Er habe nur Lie- be und Gnade und Vergebung gepredigt, und doch habe ich viele Städte in ihrem Blut ertrinken sehen – in Seinem Namen, zu Seinem Ruhme! Niemand hat je einem anderen Menschen etwas zuleide getan, nur um meiner herrlichen Göttin zu gefallen – meiner Ahuni-i, dem Geist der Woge. Kann es dich da erstaunen, daß ich sie verehre und anbete? Sie wachte über dich auf all deinen Reisen um mei- netwillen, und sie war es, die meinen Geist über viele Meilen zu dir trug, als der Fluch des Schlafes dich er- eilte, der uns voneinander trennte. Oh, mein Liebling! Wieviel Zeit wird noch verrin- nen müssen, bis wir uns wieder in die Arme schlie- ßen können?‹ Die nächste Eintragung war mit anderer Tinte ge- schrieben. ›Der Körper, den ich benutzte, wurde unruhig und bekam Angst davor, weiter unter der Erde zu ver- weilen, und so mußte ich ihn verlassen. Offenbar ha- be ich hier nicht so lange Gewalt über einen Körper wie auf der Erde. Ich spüre deutlich, wie sich etwas gegen meine, Kontrolle zur Wehr setzt. Ich habe in meinem Leben das Gefühl der Angst nicht oft verspürt; vor diesem unheimlichen Ort jedoch empfinde ich Furcht. Ich glaube nicht, daß du in Gefahr schwebst. Ich habe an deinem Ring gefühlt. Er war kalt. Sei vorsichtig, wenn du diese geweihte Stätte ver- läßt. Denn das wird der Moment sein, da Oduarpa versuchen wird zuzuschlagen – wenn es wirklich er ist und wenn er kann. Ich glaube, daß sein Geist, als sein Körper in Gebira getötet wurde – in jenem Krieg, den die Zauberer Atlantis' gegen seine dunklen Horden führten –, frei wurde, um weitere schreckliche Untaten zu begehen. Sei also auf der Hut – mir zuliebe! Man wollte dich schon begraben, was das Ende un- serer Liebe bedeutet hätte, aber ich ließ es nicht zu. Ich sah dich zu Boden stürzen, da wußte ich, daß das eingetroffen war, wovor dich dein Patenonkel gewarnt hatte. Ich schlüpfte also in den Körper des Arztes, der dich untersuchte, und überzeugte sie da- von, daß es ein großer Fehler wäre, dich zu begraben! Du hättest dabeisein sollen, wie ich sie überzeugte! Du wärest erstaunt gewesen, hättest du gehört, wie beredt ich war! Schließlich gelangten sie zu der Überzeugung, du seist ein Heiliger, da du unaufhörlich weiterschliefst. Lange Zeit kamen immerfort Menschen zu dir, um dich anzuschauen. Du wirst es kaum glauben, aber viele beteten dich tatsächlich an, und manche, die als Kranke zu dir ge- kommen waren, gingen als Geheilte wieder von dir! Du verfügst in der Tat über Kräfte, wie ich sie dir nie zugetraut hätte, obwohl ich dich doch besser kenne, als jeder andere auf der Welt. Ich weiß, wo du bist, weil ich sehen kann, wie sich deine Augen unter deinen geschlossenen Lidern be- wegen. Ständig scheinst du etwas zu beobachten. Du lächelst; ich weiß also, daß du glücklich bist. Kannst du dich noch daran erinnern, wie unser Freund Flann glaubte, daß ein Mensch, wenn sich seine Augen so bewegen, im Reich der Träume um- herwandele und all die Wunder und Schönheiten dieses Landes betrachte? Wie gern ich doch jetzt bei dir wäre und mit dir durch dieses Land ginge! Ich kann jetzt nicht mehr lange bei dir bleiben. Ich muß rasch zu meinem Körper nach Frankreich zu- rückkehren, aus Furcht, ihm könne etwas zustoßen. Aber ich werde wiederkommen, heute nacht, wenn unsere Freunde glauben, ich schliefe. Sie haben sich liebevoll um mich gekümmert, als ich krank war und dich nicht nach Rom begleiten konnte. Ich glaube fast, sie sahen in mir die Tochter, die sie immer haben wollten und die ihnen versagt blieb. Wie oft war ich hier, um dich zu sehen! Wie oft ha- be ich hier gestanden, über dich gebeugt, und habe bittere Tränen geweint, weil ich mich so einsam fühlte ohne dich! Hast du mich dann gesehen? Es wa- ren andere Augen, aber meine Tränen! Ach, mein Liebster, ich fühle mich so einsam ohne dich! Am Ende strömten die Menschen in solchen Mas- sen zu dir, daß man dich heimlich fortschaffte und in diesen unterirdischen Friedhof brachte; und mit der Zeit vergaßen die Menschen dich und konnten sich deiner nicht mehr erinnern – bis auf mich, deine Ge-, liebte, die dich niemals vergessen und die auf dich warten wird, bis du einst wieder aus deinem tiefen Schlummer erwachst. Andere vergessen das, was sie nicht sehen, ich aber werde dich noch oft sehen! Er war ein solch schöner kleiner Knabe! Ich wünsch- te, du hättest ihn einmal sehen können, mein Liebling, der du immerfort schläfst und mir niemals antwortet. Er war kräftig wie du und sein Haar braun wie dei- nes. Er hatte blaue Augen. Doch niemals glitzerte auch nur eine Träne darin – nicht einmal, wenn er hinfiel und sich weh tat. Er war immer brav und tapfer. Wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich ihn dann in den Arm nehmen und streicheln können, aber ich konnte nicht mehr tun, als über ihn zu wachen, so wie ich jetzt über dich wache. Ich starb bei seiner Geburt. Mein Körper ist längst zu Staub zerfallen. Ich war- tete viele lange Jahre, um einen neuen Körper zu be- kommen, einen, mit dem ich dich würde lieben kön- nen, doch nun bin ich wieder dazu verdammt, ohne Körper durch die Welt zu wandeln; aber du wirst er- wachen, und ich werde einen neuen bekommen – Ahuni-i hat es mir versprochen. So schlafe denn, Ge- liebter, und ruhe dich aus, ich werde über dich wa- chen und für dich sorgen und aufpassen, daß dir nichts geschieht. Doch nun bin ich zerrissen zwischen zweien, die ein Teil von mir sind, und du bist so weit fort von mir! Kannst du dir vorstellen, daß unser Sohn jetzt schon Großvater ist und ich manchmal in Gestalt ei- ner Hummel über den spielenden Kindern seines Sohnes schwebe?, Wie lange die Jahre doch dauern, aber wie schnell sie über uns hinwegstreichen! Hier unten scheint die Zeit stillzustehen, und nichts hat sich in all den Jah- ren verändert. Doch wieviel ist seither auf der Welt geschehen! Es scheint, als sollte der Not und der Kriege nie ein Ende sein, doch irgendwie haben es die Menschen immer wieder verstanden, weiterzuleben, zu arbeiten und zu heiraten. Ich sah Äonen verstreichen, als ich als metallene Statue an Bord des Schwanenschiffes stand, das über meiner versunkenen Heimat Atlantis auf den Fluten schwamm, doch jene Jahre waren anders als diese. Ich sah Nationen entstehen, erblühen und wieder vergehen. Doch ich nahm keinen inneren Anteil dar- an. Es war alles nur wie ein Spiel, eine Unterhaltung, die zu meinem Vergnügen in Szene gesetzt zu sein schien! Ach! Damals gab es keinen, auf den ich war- tete – keinen, den ich liebte! So vieles ist in den vergangenen siebzig Jahren ge- schehen. Du hättest damals die Schiffe niemals bekommen. Der Papst, den wir in Clermont sprechen hörten, ist längst tot, und seither hat es neun neue Päpste gege- ben! Und ich glaube, daß nicht einer von ihnen Interesse an Alata gezeigt oder gar Lust verspürt hätte, es in Besitz zu nehmen. Sie hatten genug zu tun mit den Ereignissen im Osten. Der Kreuzzug, zu dem Papst Urban aufrief, stieß nach Jerusalem vor und eroberte es mit Blut und Ei- sen, aber es war fürwahr schrecklich anzuschauen. Ich kann mir nicht denken, daß es deinem Herrn zur Freude gereichte., Bald darauf fand ein weiterer Kreuzzug statt, aber er scheiterte, und seither haben die Waffen nie mehr geschwiegen: Immer wieder brechen kleinere Kriege aus, und es wird sicherlich noch lange dauern, bis endlich wieder Friede herrscht. Ich war auch in Byzanz; es ist schon eine Weile her – erinnerst du dich noch an die beiden Störche? Sie haben eine so seltsame Art zu fliegen. Es hat mir gro- ßes Vergnügen bereitet, in einem von ihnen durch die Lüfte zu reiten – eines schönen Tages müssen wir diese Reise einmal gemeinsam unternehmen, wenn du wieder aufgewacht bist. Oh, bitte, bitte, wach doch wieder auf! Ich versuchte, Arngrim und Mairtre zu finden. Ich hatte sie zwar nicht besonders gern, aber ich hätte sie gern einmal wiedergesehen, jetzt, wo du nicht da warst und nicht sehen konntest, wie hübsch sie war; aber ich konnte sie nirgends finden. Wie ich hörte, sind sie nach Spanien zurückgegangen, um dort zu leben. Hoffentlich sind sie dem alten Zauberer nicht wieder in die Hände gefallen. Ich habe etwas Merkwürdiges herausgefunden, etwas, das auch dich interessieren dürfte, wenn du wieder aufwachst. In den letzten Jahren war immer wieder die Rede von gewissen Briefen, die der Papst, die Könige aller Länder und der Kaiser von Byzanz – die Stadt heißt übrigens seit einiger Zeit Konstantinopel – empfan- gen haben sollen. Und zwar soll der Absender dieser Briefe ein mächtiger christlicher König irgendwo im tiefsten Asien sein, der großes Interesse am Westen bekundet. Er verfügt über gewaltige Heere, unermeßlichen, Reichtum, und sein Reich soll voll von so wunderba- ren Dingen sein, daß man es kaum glauben kann. Vielleicht würde er dir gern mit seinen Schiffen hel- fen. Vielleicht würde er gern Herrscher von Alata werden, wenn die Christen von Europa es nicht ha- ben wollen. Sein Name ist Priester Johann – er muß also ein guter Mensch sein. Einige Leute behaupten, er sei der heilige Thomas. Hast du schon einmal von ihm ge- hört? Andere halten ihn für den Johannes, den dein Herr liebte. In einem stimmen sie jedoch alle überein: daß er schon sehr, sehr lange lebt – genau wie wir – und daß er noch sehr lange weiterleben wird. Wache rasch auf, mein Geliebter, damit wir uns gemeinsam auf die Suche nach ihm machen können. Oh, bitte, wach auf! Wie soll ich es nur länger ohne dich aushalten können! Endlich ist es passiert! Ich bin bei dir gewesen und habe mit dir gesprochen! Ich hatte es mir so sehr ge- wünscht, daß es nun endlich geschehen ist! Was für ein wunderschönes Land es ist, in dem du lebst! Jetzt wundere ich mich nicht mehr, daß du dort bleiben willst und gar kein Verlangen verspürst zu- rückzukehren. Hast du gefühlt, daß ich bei dir war? Gewiß hast du es! Wir haben über so viele Dinge gesprochen, und jetzt kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich wollte, ich hätte eine Karte von dem Land der Träume, durch das wir beide gemeinsam wandelten. Nicht einmal Priester Johanns Königreich könnte schöner sein als jenes Land! Immerzu reden die Menschen von ihm und hoffen, daß seine Armeen gegen die Türken marschieren,, aber Jerusalem ist schon seit langem verloren. Er kam damals nicht, es zu retten, und ich glaube auch nicht, daß er jetzt kommen wird, wenn er wirklich schon so alt ist, wie die Berichte und Legenden ihn machen. Seither haben sieben weitere Kreuzzüge stattge- funden, und immer noch führen die Menschen Krieg, und immer noch schläfst du. Wie kannst du nur so lange schlafen? Wenn ich doch nur Merlin sehen und ihn fragen könnte ...! Du würdest erstaunt sein, wenn du sehen könntest, wie groß deine Familie inzwischen geworden ist! Du bist mehrfacher Urgroßvater! Die Knaben sind alle sehr schön und stark geworden – und erst die Mäd- chen! Du würdest Augen machen, wie hübsch sie sind! Du würdest bestimmt stolz auf sie sein! Magst du Bauern? Ich habe dich danach schon im Land der Träume gefragt, aber ich konnte mich beim Aufwa- chen nicht mehr entsinnen, was du mir darauf ge- antwortet hast. Alle deine Enkel und Urenkel sind Bauern oder Bauersfrauen geworden. Keiner von ihnen hat es je zu großem Reichtum gebracht, aber sie brauchten auch niemals zu hungern. Das Geld, das du und ich bei den alten Leuten zurückließen, hat unserem Ge- schlecht zu einem guten Start ins Leben verholfen. Was für ein Glück, daß wir damals den Schatz des Zauberers fanden! Noch etwas zum Geld: Was du bei dir hattest, nahm eine Frau an sich, als ich ihren Körper in Besitz nahm und sie hier herunterbrachte, damit sie für dich sorgte. Ich suggerierte ihr, es zu tun und dir ihr klei- nes Kruzifix dafür zu überlassen, das sie an einem, goldenen Kettchen um den Hals trug. Du siehst also, ich habe es redlich erworben, und es soll dich daran erinnern, daß du mich am Golde erkennst, wenn wir uns wiedersehen. Jedesmal, wenn ich im Körper eines anderen hier- herkam, dich zu besuchen und für dich zu sorgen, veranlaßte ich die jeweilige Person, dir ihre Ringe zu überlassen. Du trägst inzwischen viele davon. Ich ha- be immer sorgfältig darauf geachtet, daß die Leute, in deren Geist ich mich einnistete, reich waren. Mach dir ihretwegen keine Gedanken. Sie konnten es sich leisten, und es war alles, was ich für dich tun konnte. Ach, wie sehr ich mir wünsche, ich könnte heute bei dir sein und mit dir sprechen! Ich sitze neben dir und schaue dich an – und ich vermisse dich so! Ich bin schrecklich neugierig zu erfahren, wer die- ser Priester Johann wohl sein mag, und ich habe mich entschlossen, nach ihm zu suchen. Wenn er wirklich so ein großer Zauberer ist, wie die Leute sagen, kann er mir vielleicht verraten, wie ich dich wieder wach bekomme. Leb wohl, mein Geliebter! Ich bitte dich, bleib hier, bis ich wiederkomme. Werde nicht wach. Ich möchte, daß du hier bist, wenn ich zurückkomme, aber falls du aufwachen solltest und ich nicht in deiner Nähe bin – ich bin sicher, daß du das spüren wirst –, dann suche nach mir in seinem Königreich, falls ich dir nicht vorher geschrieben habe. Und wenn du mich dort nicht findest, dann suche nach mir in deinem Reich der Träume; es kann nicht sehr weit entfernt sein. Nun schlafe süß, Geliebter. Ich hätte nie gedacht,, daß ich diese Worte einmal schreiben würde! Ach, noch etwas: Man zählt jetzt – nach deiner Zeitrechnung – das Jahr zwölfhundertsiebenundsieb- zig. Wie wunderlich! Als wäre die Welt erst vor so ein paar Jahren entstanden!‹,

Auf der Suche nach Priester Johann

Nach Europa, jenem schmalen, sichelförmigen Aus- läufer der gewaltigen Landmasse des sagenumwobe- nen Kontinents Asien, waren schon viele seltsame und wundersame Berichte gelangt, doch wußte man nie genau, ob sie der Wahrheit entsprachen oder ob es sich um Legenden handelte, da nur wenige Rei- sende tief ins Innere Asiens vorgedrungen und zu- rückgekehrt waren. Aus jener Brutstätte menschlicher Rassen, vielleicht sogar der Menschheit selbst, waren alle Völker Euro- pas einst hervorgegangen. In riesigen Trecks waren sie nach Westen gezogen, bis das Meer ihnen schließ- lich Einhalt geboten hatte. Auf ihren Spuren waren weitere Wogen landloser Volksmassen gegen die feuchte Bastion des Ozeans angebrandet und entwe- der zurückgetrieben, vernichtet oder assimiliert wor- den. Von dort kamen die Dorier und die Achäer und ließen sich in Griechenland nieder. Später sollten sie die Lehrmeister des mächtigen Rom werden. Sie brachten die Fackel der Zivilisation in die Ewige Stadt, wo sie zu strahlendem Glanze genährt wurde. Von Rom wurde sie weitergetragen nach Byzanz, das tausend Jahre lang als stolze Festung der Zivilisation den nach Westen drängenden Horden Asiens trotzte. Und dort glomm immer noch ihr Licht, aber es war dunkler und die Lampen ein wenig trübe geworden. Nachdem Gwalchmai sich in Byzanz – die Stadt, ›Konstantinopel‹ zu nennen, dazu hatte er sich nicht durchringen können – für die Reise ausgerüstet hatte, schloß er sich einer Karawane an, die bis nach Zen- tralasien wollte. Aus jener Gegend nämlich sickerten von Zeit zu Zeit noch immer Gerüchte durch über das sagenumwobene Reich von Johannes, dem Prie- ster, und schon mehrere waren vor ihm nach dort aufgebrochen, um diesen Gerüchten nachzugehen. Erst zwanzig Jahre zuvor war William von Rubruk von Ludwig dem Heiligen als Gesandter zum Großkhan der Tatarei geschickt worden, in der Hoff- nung, Frankreich und die Tumane der mongolischen Reiterei im Kampf gegen ihren gemeinsamen Feind, die Türken, zu vereinigen. Das Unternehmen schei- terte. Der Khan war nicht Priester Johannes. Quer durch jenen gewaltigen Kontinent waren auch die Gebrüder Polo gereist, doch hatten auch sie kein leuchtendes Kapitol erblickt, denn sie sahen nicht mit Augen, die mit Magie geschlagen waren. Als nächster kam Gwalchmai, ein beharrlicherer Wanderer als die Venezianer. Gwalchmai hatte erfahren, daß die Kreuzzüge vor- über waren. Bis auf Akkon beherrschten die Türken das Land, und Konstantinopel erwartete die Erobe- rung. Ein neues Zeitalter war angebrochen – das Zeit- alter der Entdeckungsreisen. Vielleicht nahte das Ende seiner langen Reise schon sehr bald, jetzt, da neue Handelswege gefunden wer- den mußten, um die von den Türken beherrschten Gebiete zu umgehen. Wieder mußten Schiffe die Meere durchkreuzen auf der Suche nach neuen Quellen des Reichtums. Während die Meilen sich schier endlos unter seinen, müden Füßen dahinzogen, dachte er daran und an die Mission, die ihm sein Vater auferlegt hatte. Wie viele in Europa wußte auch er, daß die Erde rund war. Wenn er keinen europäischen Herrscher von der Wichtigkeit dessen, was er wußte, überzeu- gen konnte, dann würde er gewiß einen asiatischen finden, der sich dafür interessierte, mehr Lebensraum für die gewaltigen Volksmassen zu finden, über die er regierte. Es mußte jedoch unter allen Umständen ein christlicher Potentat sein. Er würde das Land, über das er zu verfügen hatte, keinem anderen geben, Merlins Befehl diesbezüglich war eindeutig gewesen. Weiter also! Es galt herauszufinden, ob Priester Jo- hann noch lebte; wenn nicht, würde er seinen Sohn suchen oder seinen Enkel oder wer auch immer sein Erbe angetreten hatte. Buchara, Samarkand, Kaschgar – alle diese Länder waren Stationen auf Gwalchmais Reise gewesen. Sa- genumwobene Städte hatte er durchquert, Gebirgs- pässe, die höher waren als manche Berge, die in Eu- ropa als berüchtigt und gefürchtet galten, hatte er überstiegen, immer auf der Suche – immer vergebens. Er war auf Eseln geritten, auf Maultieren und auf Kamelen. Er war in Karren gefahren, deren Räder mit Butter geschmiert waren, umringt von den stinken- den, ungewaschenen Körpern seiner Mitreisenden. Er hatte in Palästen genächtigt, wo man ihn mit großen Ehren empfing. Er hatte um ein Bett in schmutzigen Schuppen und Karawansereien gebettelt und saure Milch in Filzjurten getrunken. Er hatte sich mit letzter Kraft durch Dschungelhöllen gekämpft, wo die Luft so feucht war, daß er glaubte, ersticken zu müssen. Er, hatte in der dünnen Luft des Pamirgebirges nach Atem gerungen. Er hatte an reichgedeckten Tischen gespeist und war manchmal dem Hungertode nahe gewesen. Er war mit riesigen Karawanen durch end- lose Wüsten gezogen, manchmal nur mit einem ein- zigen Kameraden als Begleiter. Keiner hatte ihm je zeigen können, wo das Land der Träume lag. Wo er auch immer hinkam, hatte man von Ge- rüchten über das Reich von Johann, dem Priester, ge- hört, doch jedesmal, wenn er fragte, wo sich dieses sagenhafte Reich befände, hatte man ihn mit einer vagen Handbewegung abgespeist, die nach Osten ge- richtet war. Und dorthin wanderte er nun – oder besser: Er taumelte. Drei volle Tage war er schon unterwegs – allein. Seit sein Kamel verendet war, hatte er sich zu Fuß weitergeschleppt. Der Führer, den er gemietet hatte, war losgegangen, um Wasser zu suchen, und nicht zurückgekommen. Und Gwalchmai war sicher, daß er auch nicht mehr zurückkehren würde. Die Nächte waren bitterkalt. Er grub sich Löcher an den Ufern ausgetrockneter Flüsse, gerade so groß, daß sein Körper hineinpaßte; daneben zündete er sich kleine Feuer aus dürren Weidenwurzeln an, die ihn warm hielten – ein alter Trick, den er einst in Alata gelernt hatte. Auf diese Weise überstand er die Nächte gut, wo andere möglicherweise erfroren wä- ren – tagsüber jedoch erlitt er wahre Höllenqualen. Er hatte weder zu essen noch zu trinken, und die Sonne brannte derart gnadenlos aus einem wolkenlosen Himmel herab, daß er mehr als einmal einer Ohn- macht nahe war. Am Mittag des vierten Tages erreichte er den Rand, einer riesigen, flimmernden Mulde, die vor Urzeiten ein See gewesen sein mochte. Erschöpft ließ er seine schmerzenden Augen über die grell flimmernden, salzverkrusteten Kiesel gleiten. In der Ferne erblickte er die nackten, braunen Gipfel schroff aufragender Berge; einst waren es grüne, fruchtbare Inseln gewe- sen. Dazwischen wirbelten die Sandteufel, für einen Sterbenden nicht minder gefährlich als die Berührung von Djinn oder Marid, und während sie mit rasender Geschwindigkeit um ihre eigene Achse wirbelten, heulten sie drohend ihren unheimlichen Sturmge- sang. Es war die Wüste Hang-Hai, und direkt hinter ihr begann die noch schrecklichere Wüste Gobi. Man hatte Gwalchmai eindringlich vor den Gefahren ge- warnt, die in dieser schlimmsten aller Wüsten Asiens auf ihn lauerten, aber er lachte bloß höhnisch auf bei dem Gedanken, daß es irgendwo Gefahren geben könne, die noch größer sein sollten als die, der er jetzt ins Auge blickte. Es sah ganz danach aus, als sollte seine Reise an diesem prähistorischen Gestade ihr endgültiges Ende finden. Er sank auf die Knie und barg das Gesicht in den Händen. Er duckte sich so tief wie möglich auf die Erde, um seinen Körper zu schützen, und wartete ohnmächtig darauf, daß die erste der rasch näher- kommenden Sandsäulen über ihn hereinbräche. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder riß sie auf und begrub ihn unter sich, oder sie wirbelte über ihn hin- weg und saugte auch noch den letzten Tropfen Flüs- sigkeit aus seinem ausgedörrten Körper. Sekunden später spürte er ihren drohenden Schat- ten über sich. Immer näher kam das wütende Heulen:, »Gwalchmai-i-i! Gwalchmai-i-i!« Klar und deutlich hörte er jede Silbe, in dem Moment, als ihr finsterer Schatten direkt über ihm war. Doch war das nichts Neues. Schon oft hatte er, als er durch wandernde Dünen und Täler aus gleißendem Sand gewandert war, sol- che Stimmen gehört. Des Nachts hatte er so man- chesmal dem Marschtritt vorbeiziehender Kavalka- den gelauscht; deutlich hatte er das Gebimmel der Glöckchen der Packtiere vernommen, hatte er dem Stimmengewirr vorbeiziehender Heerscharen ge- lauscht; hatte er klar und deutlich den Marschtritt der Soldaten gehört, das dumpfe Dröhnen der Kessel- pauken und das helle Schmettern der Hörner. Doch nie hatte er am folgenden Morgen irgendwel- che Spuren im Sande entdecken können, und bald hatte er erfahren, daß er einer akustischen Fata Mor- gana aufgesessen war, einem Truggebilde aus Schall, auf geheimnisvolle Weise ewig gewordener Zeuge längst vergessener Heere, die auf dem Grunde eines toten Sees dahinmarschiert waren, auf vergessenen Eroberungsfeldzügen längst vergessener Könige. Dieser Schatten jedoch war alles andere als ein Trugbild. Die Bedrohung, die von ihm ausging, war real. Er schaute nicht auf, doch sah er, wie sich auf dem Sand vor seinen Augen der Schatten eines riesi- gen Kopfes formte. Aus seiner Stirn ragte ein furcht- erregendes Horn, und das riesige Maul war zu einem höhnischen Grinsen verzerrt. Da wußte er, daß das, was dort drohend über ihm hing, mehr war als nur der Schatten eines heulenden Sandwirbels. »Ah! Geist der Woge«, flüsterte er. »Göttin der Wasser! Du bist immer meine Freundin gewesen, oh-, ne je Unterwerfung von mir zu fordern. Du, die du die liebst, die auch ich liebe, ich flehe dich an, sei einmal mehr meine Wohltäterin! Laß mich, bevor ich denn sterbe, noch einmal meine geliebte Corenice se- hen!« Der Sandteufel mußte schon sehr nah sein, denn sein teuflischer Gesang schien direkt über ihm zu sein. Mit geschlossenen Augen harrte er seinem Ende entgegen, jeden Moment damit rechnend, daß der ra- sende Tod über ihn hereinbräche – doch nichts ge- schah, und der eben noch sengend heiße Wind schien jetzt fast kühl über seine bloße Haut zu streichen. Das Brausen und Pfeifen hielt unverwandt an, doch war es mit einemmal rhythmisch geworden, und der Wind hatte sich zu einer sanften Brise gemäßigt, die sich feucht anfühlte. Zögernd hob Gwalchmai seinen Kopf. Wo sich eben noch eine flimmernde Wüste er- streckt hatte, lag jetzt vor seinen Augen ein blauer, mit weißen, tanzenden Schaumkronen gesprenkelter See, dessen Wogen fast an seine Füßen leckten. War er närrisch geworden? War dies einmal mehr ein Spukbild aus Schall und Rauch? Er raffte sich auf und stürmte vorwärts – doch nicht in harte, glühende Kiesel, sondern in kaltes, scharf prickelndes Salzwasser! Vor Freude jauchzend platschte er mit den Händen darin herum und spritzte glitzernde Fontänen des köstlichen Nasses hoch in die Luft. Dort brachen sie sich in kleine, fun- kelnde Tröpfchen, die auf ihn herabfielen wie Tau- sende von winzigen Freudentränen. Triefend vor Nässe rannte er wieder hinauf auf den Strand, zehn, zwanzig, dreißig Fuß weit, und begann zu graben. Schon bald sammelte sich Sickerwasser in, dem Loch. Er wartete nicht ab, bis sich der Schlamm gesetzt hatte, sondern kostete prüfend von der trüben Brühe. Sie war zwar unansehnlich, aber trinkbar. Er trank. Dies war kein Delirium. Es war wunderbare, herzerquickende, herrliche Wirklichkeit – harte, un- bestreitbare Realität. Irgendwie – auf wundersame, unerklärliche Weise – hatte jemand sein Flehen gehört und ihm geant- wortet – jedoch auf andere Weise, als er es sich er- träumt hatte. Sein Leben war gerettet, aber von Core- nice war weit und breit keine Spur. Dennoch war ein Teil dessen, was er erfleht hatte, in Erfüllung gegangen. Dies mußte der sagenumwo- bene See des Sandes sein, der zum Reich des Priesters Johann gehörte und in welchem jene wundersamen Fische lebten, aus denen der Farbstoff für den könig- lichen Purpur gewonnen wurde und deren Schuppen funkelten wie Diamant. Als nächstes suchte er das Ufer nach etwas Eßba- rem ab. Nicht lange, und er brach seine Suche erfolg- los ab. Plötzlich glaubte er in der Ferne die weißen Säulengänge eines Tempels oder eines herrschaftli- chen Wohnhauses zu sehen, zwischen den Bäumen, die die nächste Insel bedeckten, doch lagen weder Boote auf dem Wasser, noch kräuselte sich Rauch in der Luft. Auch sonst vermochte er keinerlei Anzei- chen von Menschen zu entdecken. Er entfernte sich ein Stück von dem See und stieg einen kleinen grünen Hügel ganz in der Nähe hinan. Unterwegs wandte er sich mehrmals um und ließ sei- nen Blick über den Weg schweifen, der ihn zu diesem See geführt hatte., Er sah Hügel und kleinere Erhebungen, die er vor- her nicht bemerkt hatte. Es waren jedoch keine Dü- nen. Eher muteten sie an wie künstliche Konstruktio- nen. Zwischen ihnen, gleichsam eingebettet in eine Gruppe von ihnen, glaubte er ein aus kegelförmigen Hütten bestehendes Dorf ausmachen zu können und in den Straßen des Dorfes Bewegung. Sofort schlug er die Richtung ein, die ihn zum Dorf führen würde. Als er näher kam, erkannte er, daß das, was er von weitem für Menschen gehalten hatte, Tiere waren, und zwar solche, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Er duckte sich vorsichtig zu Boden und spähte durch eine Gruppe von Tamarisken in Richtung des Dorfes. Behutsam bog er die rosafarbe- nen Blüten zur Seite, um sich bessere Sicht zu ver- schaffen. Es schien sich um eine Gattung planmäßig han- delnder Nutztiere zu handeln, um Lastenträger. Un- ablässig waren sie damit beschäftigt, irgendwelche Dinge zu heben und eilig hin und her zu tragen. Sie hetzten, vollgepackt mit gewichtigen Bündeln, durch die Straßen, kletterten auf Hügel, verschwanden dort und tauchten wieder auf, setzten ihre Lasten wieder ab, um nach einer vielleicht noch besseren Stelle zu suchen, wo sie sie ablegen konnten. Hatten sie eine solche gefunden, dann jagten sie sofort zurück ins Dorf, um die nächste Ladung zu holen. Es war un- möglich, aus der Entfernung die Größe der Tiere oder ihr Gewicht abzuschätzen, zumal es nirgendwo in der Nähe ein ihm bekanntes Orientierungszeichen gab, das er zu einem Vergleich hätte heranziehen können. Doch er brauchte nicht lange zu warten. Er hörte keine Schritte hinter sich. Indem er ge-, bannt nach vorn starrte, hatte er das trockene Ra- scheln in seinem Rücken überhört, und plötzlich fühlte er den Druck tastender Finger auf seiner Schulter. Er fuhr herum und starrte voller Entsetzen auf eine Ameise von der Größe eines Wolfes, die direkt vor ihm stand, ihre gewaltigen Kiefer weit aufgerissen, bereit, sofort zuzupacken, sollte die tastende Antenne dieses Wesen, das vor ihr kauerte, als begehrenswer- tes Beuteobjekt identifizieren. Er rollte sich blitzschnell zur Seite. Nur wenige Zoll neben seinem Arm schnappte die riesige Kneifzange aus Chitin zu. Bevor er auf den Beinen war, war das Ungeheuer auch schon über ihm und schnappte und hieb mit seinen dünnen, gegliederten Vorderbeinen wie wild nach ihm. Er schaffte es gerade noch, seinen dicken, schweren Mantel zu einem Knäuel zusam- menzuraffen und dieses wie ein schützendes Kissen hochzureißen. Sofort packte die Ameise zu. Hastig befreite er sich von dem hindernden Kleidungsstück. Das riesige Tier zerrte und riß an dem Stoff und zerfetzte ihn gerade- wegs in Stücke. Doch als es merkte, daß er kein Blut enthielt, ließ es ihn fallen und wandte sich um so wütender seinem Besitzer zu. Mittlerweile hielt Gwalchmai schon seine Feuer- steinaxt in der Hand und hackte damit nach dem wild hin und her zuckenden Kopf des Ungeheuers. Die scharfe Schneide fand prompt ihr Ziel, und sofort baumelte eine der sichelartigen Scheren leblos herab. Das Ungeheuer hob zu einem wütenden, durch- dringenden Gezirpe an und stürzte sich ungeachtet der Gefahr um so wütender auf den Angreifer. Erst, als Gwalchmai mit einem gezielten Hieb den Kopf vom Körper getrennt hatte, hörte das schrille Zirpen mit einem Schlag auf, auch wenn das Ungeheuer noch immer nicht zu wissen schien, daß es aufgehört hatte zu leben. Der Kopf versuchte noch immer in konvulsivischen Zuckungen seine zerschmetterte Kieferzange zu öff- nen und zu schließen, während der verstümmelte Körper sich wand, hochschoß und blindlings hinun- ter zum Ufer des Sees raste, durch Tamarisken und Schilf brach und erst zum Halten kam, als das Wasser seinen wilden Schwung hemmte und ihn in die Tiefe zog. Doch war das schrille Gezirpe, das die verendende Kreatur ausgesandt hatte, nicht unbemerkt geblieben. Vom Dorf her – das, wie Gwalchmai mittlerweile klargeworden war, keine Menschen beherbergte, sondern nichts anderes als ein riesiger Insektenbau war – kam jetzt eine ganze Horde gleicher Ungeheuer direkt auf ihn zugerast. Er wirbelte herum, rannte an das Ufer des Sees und hetzte, so schnell seine Füße ihn trugen, am Ufer ent- lang. Schon glaubte er, seinen Verfolgern ein Schnippchen geschlagen zu haben, als plötzlich vor ihm auf den Hügeln eine riesige, wimmelnde Meute von ihnen in breiter Front auftauchte und ihm den Weg verlegte. Hinter ihm, wo er gerade noch gekämpft hatte, schob sich derweil mit beängstigender Geschwindig- keit ein zweiter schwarzglänzender Teppich heran. Die grauenhaften Tiere hielten ihre Köpfe hoch in die Luft gereckt, als wollten sie die Beute mit ihren zit- ternden Antennen erwittern. Das Ganze mutete in, seiner gleichförmigen, ständig wiederkehrenden Be- wegung an wie das Schwanken der schwarzen, blattlosen Zweige einer Birke im Winterwind. Und während sie auf ihn zuschwärmten, stießen sie fort- während ihre schrillen, hohen Pfiffe aus. Es gab nur noch einen Fluchtweg – das Wasser. Kurzentschlossen stürzte sich Gwalchmai in die Flu- ten und schwamm um sein Leben. Nur wenige Augenblicke später vereinigten sich die beiden Insektenheere an der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, und begannen ihn zu verfol- gen, parallel zu seinem Kurs am Ufer des Sees ent- langmarschierend. Das einzige winzige Fünkchen Hoffnung, an das er sich in seiner verzweifelten Lage klammern konnte, war die Information, die Corenice ihm einst über die Wüste Gobi gegeben hatte. Die Ankunft des Herrn des Dunklen Gesichts von der Venus hatte (bewirkt von den Feuerstößen seines Raumschiffs) eine atomare Reaktion in den Minerali- en hervorgerufen, die sich in gelöster Form im Was- ser befanden. Dies hatte dazu geführt, daß der See vollkommen verdunstet war, so daß nur die Wüste geblieben war, die Gwalchmai durchquert hatte. Demzufolge mußte er, da das Wasser im Augen- blick nicht verdunstet war, in eine Zeit zurückver- setzt worden sein, als Oduarpa noch nicht angekom- men war, und brauchte daher für den Augenblick keine Angst vor jenem üblen Genius zu haben, weder als Geist noch als Körper. Die Riesenameisen waren auch nicht verwandt mit den Dwergar, mit denen Oduarpa einst ihn und die Elfen in Elveron bedroht hatte. Auch waren sie weder von Haß getrieben noch von der Lust an Grausam-, keit. Was sie trieb, war lediglich Hunger. Allein das war schon schlimm genug. Das eiskalte Wasser führte dazu, daß seine Kräfte rasch nachließen. Es war schon einige Zeit her, seit er zum letztenmal gegessen hatte, und seine Lebensgei- ster waren dementsprechend müde. So kam es, daß er mehrere Male, als er den Mund öffnete und keuchend nach Luft rang, soviel Wasser schluckte, daß er nahe daran war zu ersticken. Doch dann, just in dem Au- genblick, als er fühlte, daß er entweder untergehen oder ans Ufer schwimmen und dort sein Heil im Kampf suchen mußte, schoß ein Flammenschweif wie ein riesiger Feuerbesen vom Himmel herab und fegte über den Strand, so daß nichts zurückblieb als ein Klumpen verschmorter, zerplatzter Insektenkörper und Wolken beißenden Qualmes. Als Gwalchmai aufblickte, erkannte er mit seinen wunden, vom Salzwasser brennenden Augen einen riesigen Schatten, der über ihm schwebte, und an die Stelle der schrillen Zirptöne war ein gleichmäßiges, sanftes Rauschen getreten. Die klappernde, blutrün- stige Horde stob blitzartig davon, weg vom Ufer des Sees, und war gleich darauf hinter den Dünen ver- schwunden. Der riesige Schatten, der über ihm schwebte und jetzt in großen, weiten Spiralen herabstieg, um neben ihm auf den Wassern jenes Sees zu landen, der ei- gentlich gar nicht existieren konnte, war ein Vimana, eines jener glänzenden, goldenen Schwanenschiffe des versunkenen Atlantis! Als der riesige Schwan sei- ne glitzernden metallenen Schwingen einzog, seine mit Schwimmhäuten versehenen Füße vorstreckte und leicht wie eine Möwe nicht weit von ihm landete,, erst in dem Moment wurde ihm diese fantastische Wahrheit voll bewußt. Kein Wunder, daß das Königreich des Priesters Jo- hann niemals gefunden worden war! Es hatte niemals existiert! Tausend Jahre zuvor, da Atlantis die unum- schränkte Herrschaft über die Welt ausgeübt hatte und die Wüste Gobi noch ein Binnensee gewesen war (für den der See, auf dem er sich jetzt befand, ledig- lich einen Verbindungssee darstellte), gab es an die- ser Stelle eine Kolonie. Das also waren die Ameisen, die, wie die Legenden in Merlins Büchern berichteten, aus dem Erdreich, welches sie aus ihren Tunneln und Kammern hervor- holten, Gold gewannen. Und dort drüben, über den grünen Inseln, leuchteten die Tempel der Götter einer mächtigen Nation. Und irgendwo, vielleicht ganz in der Nähe, befand sich der Sommerpalast des Atlanti- dischen Kaisers erbaut aus weißem, durchsichtigem Alabaster. Über alledem, hoch in den Lüften, schwebten und kreisten ihre wundersamen Schiffe, deren Element nicht nur der Äther, sondern auch der Ozean war. Staunende, zitternde Barbaren hatten einst in Ehr- furcht und Todesangst zu ihnen emporgeblickt und nicht verstanden, was sie dort sahen. Aus ihren Er- zählungen waren jene Sagen hervorgegangen, die die Existenz von fliegenden Ungeheuern zu erklären trachteten, so zum Beispiel die des Greifs, jener le- gendären, geheimnisvollen Kreatur mit stählernen Schwingen und stählernem Schnabel, die über golde- ne Schätze Wacht hielt und der Sonne geweiht war. Darum also galt das asiatische Scythien als ihre Heimat; darum also war immer berichtet worden,, daß sie achtmal so groß wären wie der größte Löwe! Auf irgendeine Weise war das Andenken an jene längst vergangene Pracht über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg von einer Generation an die folgende weitergereicht worden, tausendfach wie- derholt und verdreht bis hin zur völligen Entstellung. Und zurück durch diese Jahrtausende war nun Gwal- chmai durch geheimnisvollen Zauber getragen wor- den, allem Anschein nach auf Veranlassung und Be- treiben des Geistes der Woge, um sein Leben vor den Gefahren der Wüste zu bewahren und seine unsterb- liche Seele vor der Arglist des Herrn des Dunklen Ge- sichts. Nun konnte er mit eigenen Augen die Wunder bestaunen, die Corenice ihm einst geschildert hatte. Selbst der mächtigste Greif wäre noch winzig ge- wesen im Vergleich zu dem herrlichen Schiff, das jetzt, mit seiner mächtigen Brust stolz die Wogen tei- lend, vorsichtig auf die seichten Stellen zusteuerte, in denen er stand und durch das klare Wasser fasziniert dem kraftvollen Spiel der Schwimmfüße zuschaute. Jetzt blieb das Schwanenschiff stehen. Ganz ruhig stand es da, sanft auf den Wellen schaukelnd. Gleich darauf klatschte ein Tau neben ihm aufs Wasser. Es kam von dem schmalen Deck zwischen den Flügeln des Schwans. Im Handumdrehen wurde Gwalchmai hochgezogen und sah sich von einer Schar Retter um- ringt, die ihn freudig erregt begrüßten. Sie sprachen die Version der alten atlantidischen Sprache, die er von Corenice und Jaun, dem Basken, gelernt hatte, jedoch viel reiner und akzentuierter, so daß sie höflich über seinen harten Akzent schmun- zeln mußten. Er folgte ihnen über eine schmale Treppe in den, Bauch des Vimana. Es handelte sich offensichtlich um ein Arbeitsschiff, das freilich (wie alle anderen seiner Art) mit einem Feuerspeier ausgerüstet war, der zu seinem Schutz diente. Dieser tödliche Feuerschweif war es, der aus dem Schnabel des Schwanenschiffs geschossen war und ihn vor den Ameisen gerettet hatte. Kein Wunder, daß dem Greif in den Sagen der Alten wahre Wun- derdinge zugeschrieben wurden, war er doch in der Lage, ganze Armeen, die sich ihm entgegenwarfen, in ein Häuflein Asche zu verwandeln. Während Gwalchmai noch darüber nachdachte, murmelte er plötzlich gedankenverloren die Zeilen eines Liedes, das er einst am Hofe von König Brons einen Barden hatte singen hören: Es war einmal ein Drachen schlimm Voll Feuer, Schwefel, Gift und Grimm Mit einem langen, garst'gen Schweif Und Füßen wie der Vogel Greif Gar dreißig Fuß sein Körper maß Die Augen leuchtend hell wie Glas Sein Leib so rund wie eine Tonne Und glitzernd hell wie's Licht der Sonne Sein Kleid von Schuppen hart wie Stahl Gar zehn mal hundert an der Zahl. Keine schlechte Beschreibung für eine Kreatur, die seit über zehntausend Jahren kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen hatte, dachte er. Doch blieb jetzt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Denn schon hatte sich der Vimana, nachdem er, um die zum Starten nötige Geschwindigkeit zu gewin-, nen, einen kurzen Anlauf auf der Wasseroberfläche genommen hatte, hoch in die Lüfte erhoben – ganz in der Manier des Vogels, dem er nachempfunden war. Glatt und ruhig war sein Flug und, einmal in der Luft, bedurfte seine Steuerung keiner großen Auf- merksamkeit seitens der Besatzung mehr. Selbviert saßen sie, Kapitän, Ingenieur und zwei Matrosen, un- geachtet ihrer verschiedenen Ränge beisammen und betrachteten freundlich lächelnd ihren triefend nas- sen Gast. Zu ihren Füßen war in den Boden des Schif- fes, dort, wo der Bauch des Vogels saß, ein großes Sichtfenster eingelassen. Durch dieses schauten sie, während sie einer kur- zen Zusammenfassung von Gwalchmais Abenteuern lauschten, hinunter auf den See, an dessen Oberfläche sich das goldene Schiff in all seiner Schönheit spie- gelte. Gwalchmai bemühte sich, seine Geschichte möglichst so zu erzählen, daß der Eindruck entstand, seine Existenz und die seiner Retter befänden sich auf der gleichen historischen Stufe der Weltgeschichte. Er wollte ihre Leichtgläubigkeit nicht über Gebühr bean- spruchen, indem er ihnen erzählte, daß er in Wirk- lichkeit aus einer Zeit stammte, die weit in ihrer Zu- kunft lag. Doch auch so entging ihm nicht, daß die Atlantiden seine Ausführungen bisweilen mit höfli- chem, ungläubigem Lächeln quittierten, während ih- nen andererseits offensichtliche Ungereimtheiten gar nicht aufzufallen schienen. Anscheinend führten sie manches von dem, was sie nicht verstanden, auf seine mangelhafte Beherrschung ihrer Sprache zurück. Der Pilot war der einzige, der nicht bei der Ge- sprächsrunde saß. Er steuerte das Gefährt von seinem Sitz im Kopf des Vogels aus, hörte jedoch über eine, Sprechverbindung der Unterredung zu und schaltete sich gelegentlich mit einer Frage in die Unterhaltung ein. Unterdessen flog der Vimana geradeaus nach We- sten weiter, über zahlreiche größere und kleinere In- seln hinweg. Diese waren größtenteils unbewohnt. Auf einigen dieser Inseln glaubte Gwalchmai so et- was wie Fabrikgebäude auszumachen, und vermu- tete, daß dort Gold geschmolzen oder Erz verhüttet wurde. Die Mehrzahl der bewohnten Inseln jedoch schmückte sich mit prächtigen tempelartigen Herr- schaftshäusern, von denen aus Pfade zum Wasser oder zu ovalen, von weiten Rasenflächen einge- rahmten Landeplätzen führten. Diese waren durch- weg mit kunstvollen geometrischen Mosaiken gepfla- stert, wohl zur Erbauung derer, die sie aus der Luft betrachteten. Das Land rings um die Häuser fiel in kunstvoll angelegten Terrassen zum Ufer hin ab, die Bäume darauf waren zu geometrischen Figuren zu- rechtgestutzt und bildeten in ihrer Gesamtheit eben- falls ein geometrisches Muster. Gwalchmai war in tiefes Staunen versunken. Diese schreckliche Wüste, Todesfalle unzähliger Karawa- nen, an deren Durchquerung er seit mehr als einem Jahr Tag für Tag aufs neue mit wachsendem Grauen gedacht hatte, war einst ein blühendes Vergnügungs- archipel für die Bürger von Atlantis gewesen! Der Hang-Hai-See (so mußte er ihn ja nun nennen) lag inzwischen weit hinter ihnen, und sie flogen nunmehr über die Gobi-See dahin. War es möglich, daß dieses funkelnde, von mächtigen schneebedeck- ten Bergen umringte Meer so einfach verschwunden war, zum Nichts geworden, hinweggespült von der, Urgewalt der Natur und der Zeit? O ja! Es würde verschwinden. Und nach ihm wür- de Atlantis verschwinden. Es würde langsam versin- ken, dieweil andere Landmassen sich aus dem Meere erhoben. Zuerst würden die Halbkontinente Ruta und Daitya untergehen, und nur die Insel Poseidonis würde sich noch für eine Weile aus den Fluten erhe- ben; doch unweigerlich würde auch sie dem Rest des einst so stolzen Reiches hinabfolgen auf den Grund des Meeres, und nichts würde zurückbleiben außer Namen, Legenden und vagen Erinnerungen. Doch nicht einmal diese würden überleben in der Gobi, jener alles verschlingenden Wüstenei, deren einzige Bewohner die heulenden Sandteufel darstell- ten. Fort, verschwunden und vergessen in einem ein- zigen, winzigen Augenblick, gemessen an der Ewig- keit der Zeit. Während Gwalchmai noch diesen Gedanken nach- hing, näherte sich das Schiff schon in raschem Flug dem Ufer des riesigen Sees. Dort lag, am Fuße eines hohen Berges, eine prächtige Stadt. Ihre mächtigen Mauem waren an zahlreichen Stellen von bogenför- migen Toren durchbrochen, durch welche sich Kara- wanen riesiger Tiere mit langem, rötlichem Haar und riesigen, geschwungenen Stoßzähnen bewegten. Sie trugen Personen oder schwere Lasten; manche zogen auch unförmige Wagen mit zehn Fuß hohen Rädern. Es waren Mammute, gezähmt für den Dienst des Menschen! Der Vimana setzte zur Landung an. Während er in weiten, langgezogenen Spiralen hinabstieg, auf die Anlegekais im Hafen zu, betrachtete Gwalchmai durch das Sichtfenster die klobigen Tiere, wie sie, über breite Boulevards und Marktplätze stampften. Bald erkannte er in der Ferne den Hafen, in dessen Becken bereits andere Schwanenschiffe mit eingezo- genen Flügeln schaukelten. Immer noch zog der Vi- mana seine Bahn, allmählich an Höhe verlierend. Di- rekt unter ihm blitzten die goldenen Kuppeln und Turmspitzen der Stadt. Jetzt huschte das Schiff über die Mauern mit ihren Wachttürmen hinweg. Gwal- chmai sah die nach oben gewandten Gesichter der Wachtposten, die aufmerksam auf ihren Posten harr- ten, auch wenn zur Zeit keine Gefahr drohte. Schneller, immer schneller ging es hinab. Unter ihm funkelte schon das Wasser, standen die Hafen- leute bereit, die Taue aufzufangen und an den Pollern festzuzurren, sobald der Vimana gelandet war. Und dort auf der Kaimauer – die Knaben, die mit den Fin- gern nach oben zeigten, und die Mädchen, die mit ih- ren bunten, lustig im Winde flatternden Bändern den Männern im Schiff ihren Willkommensgruß zuwink- ten. Schon setzte der Schwan mit einem sanften Ruck auf – und im selben Moment fand sich Gwalchmai wild rudernd und prustend im Wasser des Hafen- beckens wieder! Das Schiff war mit einemmal verschwunden! Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich das Wasser mit- samt dem Schiff in Luft aufgelöst! Der Kapitän, die Besatzung, die Menschen, die Tiere, die ganze Stadt mit ihren Mauern und Palästen, die als die sagen- umwobene Stadt des Priesters Johann in die Legende eingehen sollte, der Gobi-See selbst – alles sank mit einem Schlag in Gwalchmais Vergangenheit zurück, während er selbst in seine Gegenwart zurückkata- pultiert wurde ... ihre ferne Zukunft., Was blieb, waren die mächtigen Berggipfel, deren Schneelinie sich, wie es schien, in dem Moment, da die Stadt vor seinen Augen verschwand, um Tausen- de von Fuß nach unten gesenkt hatte. Der hohe Paß, den er eben noch hinter der Stadt am Horizont gese- hen hatte, war zugestopft mit Schnee und Eis. Gwal- chmai lag flach auf der Erde, den Kopf im Sand ver- graben, und machte hastige Schwimmbewegungen auf ein imaginäres Ufer zu, den Mund und die Na- senlöcher voll salzigen Sandes. Mit Hilfe Ahuni-is, der Göttin des Wassers, hatte er glücklich die tödliche Gefahr überwunden und war wohlbehalten in seine eigene Gegenwart zurückge- kehrt – doch standen ihm Tränen in den Augen. Es gab keine Stadt Johanns, des Priesters. Es gab keinen christlichen Herrscher, der ihm helfen würde, nach Alata zurückzukehren, und der das Land als Teil eines großen, heiligen Reiches in Empfang neh- men konnte. Er würde weiter darauf warten müssen, daß er endlich von seiner mühseligen Mission erlöst wurde, und das allein war schon traurig genug. Viel schlimmer aber war, daß er weiter würde suchen müssen nach der, die ihm das Liebste auf der Welt war – nach Corenice.,

Durch die magische Tür

Gwalchmai spürte eine Verzweiflung, die tiefer war als alle Verzweiflung, die er je während seiner langen Irrfahrt gespürt hatte. In der gewaltigen Wüste, die hinter ihm lag, gab es nichts, das sich bewegte. Selbst der Wind war verstummt. Keine Luftbilder, die ihm ihre trügerischen Schat- ten vorgaukelten, um ihn zu sich zu locken! Kein De- lirium vor Hunger und Durst, das stark genug war, seinen entzündeten Augen eine Illusion von Leben vorzutäuschen. Die Sinnlosigkeit seiner endlosen Irrfahrt überfiel ihn mit einer Gewalt wie noch nie zuvor. Welchen Zweck, welches Ziel hatte seine endlose Suche? In welches Verderben, welches Glück führte ihn seine Mission, die ihn unaufhörlich forttrug, ohne Hoff- nung, ohne Lohn? Hatten sein Leben, sein mühsamer, hartnäckiger Kampf überhaupt einen Sinn? Er vergrub seinen Kopf in den Sand und stöhnte gequält auf. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: Er würde seinem Leben ein Ende machen, würde den dünnen Faden durchtrennen, der Körper und Seele miteinander verbindet. Schon sammelte er sich, um die Worte zu sprechen, die jene unwiderrufliche Tat herbeiführen würden, als er plötzlich von weit her ei- ne leise Stimme zu hören glaubte. Er lauschte. Woher mochte diese Stimme kommen? Aus seinem Geist? Seinem Herzen? Oder aus seiner Erinnerung? Jetzt hörte er sie deutlicher. Sie klang wie das Echo, von Flanns Stimme, als er Thyra aus dem zerfetzten Buch der Culdees vorgelesen hatte, um sie in seinem Glauben zu unterweisen. Ganz nah jetzt hörte er Flanns Stimme sagen: »Ich werde meine Augen zu den Hügeln erheben, von welchen mir Hilfe widerfahren wird. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde er- schaffen hat.« Er hob den Kopf und starrte mit wildem, verstörtem Blick auf die Berge. Sie waren ein verschwommenes, gleißendes Band aus Schnee und Sonnenlicht. Ge- blendet schloß er die Augen und rieb sich den Sand aus dem Gesicht und aus seinen brennenden Augen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er vor dem glei- ßenden Horizont einen winzigen schwarzen Punkt, der in einem weiten, immer größer werdenden Bogen hoch über ihm kreiste. Er kam rasch näher, und plötzlich, als hätte er etwas gesucht und mit einem- mal entdeckt, scherte er aus seiner Kreisbahn aus und kam direkt auf Gwalchmai zugeflogen. Nicht lange, und er sah, daß der schwarze Punkt ein Rabe war. War er ein Bote Thors? Oder gar Corenice in einer ihrer Lieblingsverkleidungen? Als der Vogel ganz nahe heran war und ihn neugierig beäugte, tastete Gwalchmai, der noch immer wie tot dalag, sich durch seine Gedanken. Doch vermochte er dort keinerlei Regungen zu entdecken, nichts außer dem alles ande- re überlagernden Gefühl fürchterlichen Hungers. Schon landete der Vogel neben ihm und kam eilig auf ihn zugehüpft, um nach seinen Augen zu picken. Es war nichts weiter als ein Aasvogel – ein fast ver- hungerter dazu. Gwalchmai wartete, bis er nahe genug heran war,, um dann blitzschnell (wie Corenice es ihn gelehrt hatte) in seinen Geist zu schlüpfen und sich seines Körpers zu bemächtigen. Sogleich trugen ihn die Flügel des Raben hoch in die Lüfte hinauf. Höher, immer höher stieg er, unter sich die braune, unendliche Wüste, über sich das stählerne, drohende Blau des wolkenlosen Himmels. Er schaute hinab und sah dort unten seinen Körper so liegen, wie der Rabe ihn gesehen hatte. Flach und hilflos ruhte er da auf dem Rücken, Tausende von Fuß unter ihm. Er spürte, wie der Wind durch seine Schwingen strich, als er die Berggipfel erreichte. Doch bemerkte er auch den rasenden Hunger des Tieres in seinen Eingeweiden und die fürchterliche Mattigkeit, die sich seiner in immer stärkerem Maße bemächtigte. Und als er hinüberschaute über die zerklüftete Ge- birgskette, sah er grüne, fruchtbare Täler, durch die sich ein Pfad wand wie eine braune Schnur durch schimmernde Smaragde, parallel zur Gebirgskette, und auf dem Pfad bewegten sich Menschen! Eine Karawanenstraße! Er stieß ein Stück tiefer und sah von oben die schwankenden Kamele mit ihren schweren Lasten, dazwischen schwitzende Männer mit schweren Schubkarren, an denen kleine Segel an- gebracht waren, damit der Wind ihnen die schwere Arbeit ein wenig erleichterte; und dahinter trotteten, langsam und schwer beladen, die geduldigen Lastesel mit ihren riesigen Seidenballen auf dem Rücken. Er war auf die uralte Handelsroute gestoßen, die nach Persien und zu den Märkten des Westens führte. Schier endlos zog sich die Karawane hin. Soldaten, Treiber, Gepäckträger, Wanderer, Priester, Geschich- tenerzähler, Mandarine in ihren schwankenden Pa-, lankinen, begleitet von ihren Lieblingskonkubinen in prachtvollen Sänften – das buntschillernde Leben der östlichen Welt in all seiner Vielfalt breitete sich vor seinen Augen aus. Und dieses Leben bedeutete zu- gleich Leben für ihn, wenn es ihm nur gelang, die Bergkette zu überwinden und die Straße zu erreichen. Rasch lenkte er den Raben zurück zu der leeren Hülle auf dem Wüstenboden. Und bevor das Tier überhaupt merkte, wie ihm geschah, war Gwalchmai in seinen Körper zurückgekehrt. Noch ehe der Vogel wegfliegen konnte, hatte Gwalchmai ihn gepackt und ihm mit einem kurzen Ruck den Hals umgedreht. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, den Vogel zu rupfen, sondern schlitzte ihn der Länge nach mit ei- nem einzigen raschen Schnitt seiner Feuersteinaxt auf, riß die Haut mitsamt den Federn ab und verschlang ihn auf der Stelle, roh, wie er war. Zwar wurde ihm übel, und er mußte mehrmals heftig würgen, aber mit einigem Willen schaffte er es, das lebenspendende Fleisch im Magen zu behalten. Solchermaßen gestärkt machte er sich alsbald taumelnd auf den Weg zu den Bergen und dem Paß, den er gesehen hatte. Bald stieß er auf die ersten kleinen Rinnsale aus Schmelzwasser, die von den Bergen rannen. An ihren Rändern wuchs üppiges, nahrhaftes Gras. Je näher er an die Berge herankam, desto üppiger wuchs das Gras und desto üppiger keimte in seinem Herzen die Hoffnung, die ihn vorwärtstrug. Bald erfüllte ihn wieder jener frische Mut, den er immer gehabt hatte. Er war also nicht, wie er gedacht hatte, vollkommen erlahmt und gestorben, sondern er hatte nur für eine Weile geschlummert. Bald darauf überquerte er den Paß. Keine Lawine, näherte sich ihm, und da ihn auch kein sonstiges Mißgeschick ereilte, stolperte er schließlich nach lan- ger, beschwerlicher Wanderung müde und abge- kämpft, abgezehrt und nur noch ein Schatten seiner selbst, aber von neuer Hoffnung erfüllt auf die Paß- straße. Er brauchte nur einen halben Tag zu warten, bis ihn dort eine Karawane, die mit Jade und Rosinen, edlen Pferden und Sklaven nach Osten zog, fand und mitnahm. Die Kinder, an denen er vorbeikam, zeigten mit den Fingern auf den torkelnden Mann mit den ent- zündeten Augen, der sich mit den Händen an einem Troßwagen festklammern mußte, um nicht umzufal- len. Sie starrten mit offenem Mund auf seine rotbrau- ne Haut, seine zerfetzten Filzstiefel, seine zerlumpten Schafsfelle und flüsterten sich hinter vorgehaltener Hand »T'a! T'a!« zu – denn sie hielten ihn für einen der Nomaden aus dem Norden, gegen die die Große Mauer errichtet worden war. Und so kam er nach Cathay und betrat durch das Jadetor das sagenumwobene Reich des Kublai, jenes mongolischen Eroberers, den man den Großen Khan nannte. Nun begann für Gwalchmai ein neuer Lebensab- schnitt. Wäre da nicht dieses ständige Gefühl ge- spannter Erwartung gewesen und die nie versiegen- de, bange Hoffnung, daß sich diese Erwartung eines Tages auf plötzliche und ungewöhnliche Weise er- füllen könnte, er hätte in Cathay ein glückliches, zu- friedenes Leben führen können. Er fügte sich rasch in die neuen, ungewohnten Le- bensumstände ein., Hatten die Händler, die ihn auf der Paßstraße ge- funden hatten, ihm zunächst nur aus purer Barmher- zigkeit Beistand gewährt, so legte sich ihr Argwohn, sobald sie sicher sein konnten, daß er kein Räuber war, der sie in eine Falle locken und ausrauben woll- te. Da Merlin einst einen chinesischen Wanderer aus Scythien kennengelernt hatte, der ihm einen Fisch- kompaß geschenkt hatte, hatte er die Sprache dieses Bekannten gelernt. Und da Gwalchmai den Ring sei- nes Patenonkels trug, verfügte er über genügend Wörter in dieser Sprache, um sich den Kauffahrern einigermaßen verständlich zu machen. Zwar wich ihr Dialekt insgesamt erheblich vom Chinesischen ab, doch war damit erst einmal eine gute Ausgangsbasis für die gegenseitige Verständigung geschaffen, um so mehr, als Gwalchmai über ausreichende Kenntnisse der persischen Sprache verfügte und darüber hinaus ein paar Brocken Türkisch und Arabisch beherrschte, die er auf seiner dreijährigen Wanderschaft von Rom aufgeschnappt hatte. Als die Händler erfuhren, daß er kein Tatar war, sondern von Europa kam, boten sie ihm an, bei ihnen zu bleiben und mit ihnen weiterzuziehen. Während der langen Reise bis in den unteren Teil des Reiches machte er sich auf vielerlei Weise nütz- lich, und die Händler fanden an ihm bald immer grö- ßeren Gefallen, doch galt ihr Hauptinteresse seinen Erzählungen über die fernen Länder, durch die er ge- reist war, denn sie waren von einer geradezu kindli- chen Neugierde auf alles Fremde und Bizarre beses- sen. So war es auch nicht weiter verwunderlich, daß die, Kunde von seinem Kommen der Karawane schon bald weit vorauseilte und schließlich die Stadt des Khans erreichte, Khan-baliq, wie die Mongolen die neue Metropole nannten, die erst kurz zuvor an der Stelle der Stadt gebaut worden war, die Genghis, Ku- blais Großvater, ein Menschenalter vorher dem Erd- boden gleichgemacht hatte. In dieser prachtvollen Stadt, die schon Marco Polo (der sie Cambaluc nannte) Ehrfurcht eingeflößt hatte, sollte Gwalchmai schon bald – aus purem Zufall – ei- ne angesehene, ehrenvolle Position bekleiden. Das kam so: Gleich nach seiner Ankunft in der Stadt ließ der Khan ihn zu sich bringen, da er sich ebenso brennend wie die Händler für Geschichten aus den fernen Ländern des Westens interessierte, mit denen dieser Fremde angeblich aufwarten konnte. Gwalchmais Zusammenkunft mit dem Herrscher der Mongolen wäre aller Wahrscheinlichkeit nach nicht über ein freundliches, oberflächliches Gespräch hinausgegangen, wären nicht die Mongolen just zu der Zeit dabeigewesen, für einen Waffengang gegen Japan zu rüsten (welches bei ihnen Nihon hieß). Der Khan fand großes Vergnügen daran, von fremden Ländern zu erfahren, von ihren Sitten und Eigenar- ten, aber er war auch ein rühriger, tatkräftiger Herr- scher mit vielen Interessen, der voller ehrgeiziger, großer Pläne steckte. So war er denn sehr angetan, als Gwalchmai, der während seiner Reise durch das Khanat die Augen stets offengehalten hatte, ihm sogleich einige Verbes- serungsvorschläge bezüglich der Konstruktion der Katapulte machen konnte, mit denen die Invasions- flotte ausgerüstet werden sollte. Hatte er doch die, verbesserten Modelle, die zu der Zeit schon allent- halben in Europa Verwendung fanden, genauestens studiert und wußte einiges über den komplizierten Aufbau solcher Maschinen, wie man sie zum Einsatz gegen starke Befestigungsanlagen brauchte. Hocherfreut trug ihm der Khan den Posten eines Kaiserlichen Bevollmächtigten oder Kommissars für das Geschützwesen an, und ohne zu zögern griff Gwalchmai zu. Dafür gab es zwei Gründe. Wo immer ein Mensch sich aufhalten mag – wenn er nicht verhungern will, muß er entweder arbeiten oder stehlen. Ein weiterer Grund für seinen Entschluß war, daß er in einer solch exponierten Stellung sicherlich leichter zu finden war, sollte Corenice irgendwo in diesem Teil der Welt wiedergeboren werden und sich auf die Suche nach ihm machen. Er hatte keine Bedenken, gemeinsame Sache mit den Cathayern und ihrem geplanten Krieg gegen die Einwohner Nihons zu machen, die sie geringschätzig als Hundeteufel bezeichneten. Er hatte noch nie einen gesehen und rechnete auch nicht damit, jemals einen zu Gesicht zu bekommen. Er ließ keine Gelegenheit aus, von sich reden zu machen, und je mehr sein Name und sein Ruf be- kannt wurden, desto mehr wuchs auch seine Hoff- nung, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis er wieder mit seiner Liebsten vereint war. Und in der Tat sollte sein Name bald in aller Mun- de sein, schneller, als er gedacht hätte – und erneut durch puren Zufall. Gern kamen die Leute und holten sich einen Rat von dem großgewachsenen Mann mit der seltsam, rötlichen Haut, der soviel Würde ausstrahlte mit sei- nem kurzen, braunen, mittlerweile von grauen Fäden durchzogenen Haar, seinen prächtigen Gewändern und seiner viereckigen, mit zinnoberroten Knöpfen verzierten Kappe, und der, statt (wie die anderen Männer von Rang) seine Sänfte zu benutzen, zu Fuß ging wie das gemeine Volk und trotz seiner scheinba- ren Jugend doch schon so weise war, daß es für jeden ein Gewinn war, mit ihm zu sprechen. Auch hatte er sich überraschend schnell an ihre komplizierte, blu- menreiche Art zu sprechen gewöhnt. Eines Tages, Gwalchmai führte gerade seine regel- mäßige Inspektion des Geschützdepots durch, nä- herte sich ihm katzbuckelnd ein Untergebener. »O allwissende, höchst gütige und erhabene Mag- nifizenz, möge niemals ein Stein in Eurem Wege lie- gen«, säuselte er treuherzig, wobei seine Verbeugung bis fast zum Boden reichte. »Ein höchst angenehmer Gedanke, und dazu einer, der der emsigen Arbeit des betagten Vaters, der zwei- felsohne von hehrem Stolze erfüllt ist angesichts der überlegenen Qualitäten seines edlen Sohnes, zur höchsten Ehre gereicht«, revanchierte sich Gwal- chmai. »Ich hoffe, er ist bei guter Gesundheit und ge- nießt seinen Reis?« »O weh, o schreckliches Unglück! Mitnichten! Der nichtswürdige Vater dieser geringen Person bestieg vor vielen Jahren schon den Drachen in großer Hast und fuhr zu seinen Ahnen.« »Ein solches Ereignis, wenngleich es auch uns allen widerfährt, erfüllet uns beide mit tiefer Trauer«, er- widerte Gwalchmai mit tiefem Bedauern in der Stimme und nahm einen letzten Anlauf, den Kerl, wieder loszuwerden: »Doch sollte diese bejam- mernswerte Tatsache, die den Rest dieses Tages zwei- felsohne mit einer Aura der Schwermut überschatten wird, keinen Bezug haben zu den gegenwärtigen Stunden der Arbeit, die uns beide betreffen, so muß ich gestehen, daß dringende Angelegenheiten meiner unverzüglichen Aufmerksamkeit harren.« »Doch hat sie in der Tat diesen Bezug, o höchst Er- habener, war doch die Art und Weise seiner Rück- kehr zu den Ahnen höchst ungewöhnlich, und diese unbedeutende und verkümmerte Person machte den Gegenstand seiner unglücksbringenden Studien zu einer langen und fruchtbaren Bemühung. Es war die Hoffnung dieser nichtswürdigen Per- son, daß durch Euren Mund, o Erhabener, Seine Un- vergängliche Majestät, der Khan, der mit Lob über- häuft sei, von diesen mühevollen, aus unstillbarem Wissensdurst geborenen Bestrebungen Kenntnis er- lange – und daß dadurch einige Krumen vom uner- schöpflichen Reichtum, der in den Truhen Seiner Al- lerhöchsten Majestät Schatzkammern ruht, auch auf uns fallen möge.« »Fahr fort!« rief Gwalchmai aufgeregt. »Gewiß, je- der Plan, der zum Schwellen eines chronisch mageren Geldbeutels einen Beitrag zu leisten geeignet ist, ist einer Überlegung wert. Doch muß ich dich warnen: Sollte sich deine Information als wertlos herausstel- len, wirst du die Erfahrung machen, daß der Zorn des Kaiserlichen Bevollmächtigten für das Geschützwe- sen eine Sache ist, deren Auswirkungen man nicht so leicht vergißt.« »So möge denn der höchst Erleuchtete Bevoll- mächtigte sich herablassen, diesem ignoranten und, unscheinbaren Handwerker, dessen unwichtiger Name Wu ist, zu folgen, und dieser wird unverzüg- lich und ohne jedes weitere überflüssige Wortgeklin- gel die gewünschte Aufklärung liefern.« Mit diesen Worten zog er Gwalchmai, indem er ei- nen schmutzigen Finger in den langen seidenen Är- melsaum seines angehenden Gönners und Förderers hakte, in eine lange, von ohrenbetäubendem Lärm er- füllte Halle, die als Gießerei ausgerüstet war. Eine Anzahl von Männern schuftete in dem dich- ten, stickigen Qualm an Schmelzöfen und Gießfor- men, in denen flüssige Bronze schwappte. Am hinte- ren Ende der Halle lagerte eine ganze Batterie von Bronzezylindern verschiedener Größe und Dicke auf einem Stapel. Die kleinsten davon waren in ihrer Form Bambusstäben nachempfunden und nicht viel länger als der Arm eines Menschen, die größten, die man teilweise mit wunderschönen Göttern, Dämonen und Fabeltieren verziert hatte, waren übermannsgroß und von erheblichem Umfang. Erstaunt blickte Gwalchmai auf Wu, auf dessen Eintreten hin die anderen, wie er bemerkte, sich so- fort mit doppelter Emsigkeit und allen Anzeichen höchsten Respekts ihrer Arbeit widmeten. So gering- schätzig Wu auch immer von seiner eigenen Person sprechen mochte, seine Arbeiter jedenfalls schienen da bezüglich seiner Fähigkeiten und seiner Autorität ganz anderer Ansicht zu sein. Mit nur schlecht verhohlenem Interesse blickte Gwalchmai sich um. »Darf der dumme, zugegebenermaßen nur lang- sam begreifende Besucher erfahren, welchem Zwecke diese außergewöhnlich prachtvollen Kunstwerke, dienen, die mit soviel Fleiß und Können von den überaus geschickten Arbeitern des unerhört klugen Gießereimeisters Wu, dem die Götter ohne Zweifel ihr Lächeln geschenkt haben, gefertigt wurden?« »Es mag sein, daß die Götter anfangs, in Anbe- tracht der Nichtigkeit allen menschlichen Strebens, gelächelt haben, doch haben sie in der letzten Zeit ih- re Aufmerksamkeit ausschließlich dem Zunichtema- chen der unbedeutenden Pläne dieser nichtswürdi- gen Person gewidmet«, erwiderte Wu grämlich. »Wahrscheinlich lachen sie jetzt eher aus vollem Her- zen. Und wenn dieses ungebildete Individuum nicht auf schnellstem Wege das Privileg einer Anhörung bei einer Hochwohllöblichen Kaiserlichen Hoheit er- ringen kann, dann muß alle Arbeit eingestellt wer- den, und alle Mühen waren vergebens, denn es er- mangelt ihm nun sowohl am Material, mit dem es die weitere Produktion aufrechterhalten könnte, als auch an der nötigen Barschaft zum Erwerb desselben. Sollte dieses höchst beklagenswerte Ereignis wahr werden, dann wird es von bitterlichem Weinen be- gleitet sein, und der höchst Erhabene wird im Kampf gegen die elenden Hundesöhne Nihons, die zu be- strafen die rächende Flotte alsbald auslaufen wird, einer höchst machtvollen Waffe beraubt sein.« Der Gießereimeister spielte damit auf die geplante Invasi- on Japans an, deren Vorbereitung in vollem Gange war. Während Gwalchmai schlafend in den Tiefen der Katakomben gelegen hatte, waren bereits schon ein- mal fünfundzwanzigtausend Mongolen auf Tsushima gelandet, hatten die kleine Garnison überrannt und waren weit ins Innere der Insel vorgedrungen, bis sie, schließlich nach zähem Widerstand von den wüten- den Samurai der örtlichen Barone auf ihre Schiffe zu- rückgetrieben worden waren. Diesen Dämpfer hatte der arrogante Kublai, der sich erst jüngst mit dem Titel eines Sohns des Himmels geschmückt hatte, nie- mals verwinden können. In seiner verletzten Eitelkeit hatte er daher befoh- len, so viele Schiffe für einen erneuten Angriff zu bauen, daß die Hügel weinen würden über den Ver- lust ihrer Wälder. Diese Flotte stand nun kurz vor ihrer Fertigstel- lung. Sie lag in allen nördlichen Häfen des Landes, bereit, die gewaltigen Truppenmassen aufzunehmen, die sie befördern sollte. Ein Teil dieser Flotte bestand aus riesigen Dschunken, die zweitausend Mann Platz boten. Sie besaßen mittschiffs hohe Gefechtstürme, die mit Katapulten zum Abfeuern von Bomben be- stückt waren. Ein weiterer Teil der Flotte bestand aus Aufklä- rungsschiffen verschiedenster Art, die schneller wa- ren als alles, was sich auf See bewegte. Ihnen war die Aufgabe zugedacht, das Meer von allem zu säubern, was die Kunde von der bevorstehenden Invasion weitertragen konnte. Des weiteren gab es eine große Anzahl von Versorgungs- und Nachschubschiffen sowie mehrere langsame, tonnenartige Gefährte, die so groß waren, daß die Kavallerie – die Paradewaffe der Mongolen – auf Deck exerzieren konnte. Alle dreitausendfünfhundert Schiffe starrten mit ihren aufgemalten Augen nur in eine einzige Rich- tung – den Punkt jenseits des Horizonts, wo die Ge- stade Japans sich erstreckten. Daß eine solche Armada, an der seit sieben Jahren, fieberhaft gebaut worden war, nicht mit allem, was sie für die erfolgreiche Durchführung ihres Auftrags benötigte, ausgestattet sein sollte, schien Gwalchmai unvorstellbar, auch wenn Wu anderer Ansicht war. Er sah daher auch keinen Sinn in einer Fortsetzung der Unterhaltung mit dem Gießereimeister. Er machte eine höfliche Verbeugung und schüttelte sich selbst die Hand. »Ich fürchte, ich muß Euch bitten, dem Fluß Eurer wohlgesetzten Worte Einhalt zu gebieten. Es war mir ein großes Vergnügen, Euer überaus produktives Etablissement besichtigen zu dürfen und Zeuge der meisterlichen Vollkommenheit jener prachtvollen Bronzerohre sein zu können, welche den Geist höch- ster künstlerischer Perfektion atmen, wie ihn nur ein von den Göttern begnadeter Meister zu erreichen vermag. Doch harren, wie schon erwähnt, gar wichtige An- gelegenheiten meiner ungeteilten Aufmerksamkeit, und da es mir zu verstehen ermangelt, welchen Wert Ihre Höchste Allmächtigkeit Euren kunstvollen Krea- tionen beimessen könnte, muß ich Euch mit Verlaub darum ersuchen, mich aus Eurer hochgeschätzten Gegenwart zu entlassen.« Hastig warf sich Wu der Länge nach vor die Tür der Gießerei und versperrte ihm den Weg. »So bleibt, o Hochgeschätzter Kommissar, noch für ein Dutzend Tropfen Wasser in der Uhr, und Ihr mögt erkennen, daß Eure wohlgesetzten Worte zu unser beider Vorteil gereichen, wenn sie den Weg in jene wohlgeformten Ohren finden, die das Haupt des Göttlichen Sprosses des Siebten Kreises zieren!« Als er sah, daß Gwalchmai keine Anstalten machte,, über ihn hinwegzusteigen und das Weite zu suchen, gab er, ohne sich von der Stelle zu rühren, mit gebie- terischer Miene dem erstbesten Arbeiter, der in seiner Nähe stand, ein Zeichen. Dieser ergriff einen hölzer- nen Löffel und schaufelte mit zitternden Händen eine ascheähnliche Substanz aus einem kleinen Bambus- fäßchen direkt in die Öffnung eines der schon er- wähnten Bronzerohre. Alsdann rollte er das Rohr behutsam in eine genau passende Ausbuchtung des Holzgestells, auf dem es lagerte. Danach stopfte er einen Ballen weichen Pa- piers in die Öffnung, schob zwei Hände voll dicker Steine hinterher und füllte das Rohr mit einem weite- ren Ballen Papier. Ein zweiter Arbeiter lehnte einen riesigen Gong gegen einen Wall aus Sandsäcken am anderen Ende der Halle und entfernte sich hastig aus dessen Nähe. »Nun schauet aufmerksam zu, o Scharfsinniger Herr, dem nichts unbekannt ist, und Ihr werdet se- hen, daß Eure Vorahnung bezüglich der Wichtigkeit dieser Erfindung auf höchst verblüffende Weise Be- stätigung findet.« Er gab dem ersten Arbeiter ein Zeichen, worauf dieser ein glühendes Stück Kohle an das hintere Ende des Bronzerohrs hielt. Nun hatte der Unglücksrabe in der Eile der Vorbereitungen völlig vergessen, das Rohr an dem Holzgestell zu befestigen, was zur Folge hatte, daß dieses, begleitet von ohrenbetäubendem Donnerschlag und einer ungeheuren Qualmwolke, in die Luft sprang, während es die Steine völlig unkon- trolliert in die Halle spie. Ein paar zischten um Haa- resbreite an einem der Schmelzöfen und seiner zu Tode erschrockenen Besatzung vorbei, um ein riesi-, ges Loch in die Wand der Halle zu reißen. Hätten nicht offenbar mehrere freundliche Dämonen ihre Hand im Spiel gehabt, dann hätte der gute Wu schon früher als geglaubt Gelegenheit gehabt, seine verehr- ten Ahnen zu begrüßen – denn nur um Haaresbreite verfehlte einer der Steine aus der wildgewordenen Kanone den starr vor Schreck noch immer platt auf dem Boden liegenden Gießereimeister. »Oh, unfähiger, geistig beschränkter Wurm!« heulte Wu, außer sich vor Wut, und stürzte sich wild auf seinen schreckensbleichen Untergebenen, um ihn mit einem hastig ergriffenen Bambusrohr zu verprü- geln. »O geistloser Narr, verweile nicht länger in den Mauern dieser Halle! Du bist gewißlich dümmer als die Katze, die glaubte, dicker werden zu können, wenn sie Orangen äße. Hebe dich hinweg! Solltest du dich noch einmal hier blicken lassen, dann werde ich mit brennendem Schwefel den Schmerz deiner Wun- den lindern, über die du dich jetzt so bitter beklagst!« »Ich bitte Euch, laßt ab, o hochgeschätzter Gieße- reimeister!« rief Gwalchmai und fiel dem rasenden Wu in den Arm. »Hat nicht der Himmel diesen hirn- losen Dummkopf schon allein dadurch genug be- straft, daß er der Welt mit seiner Torheit eine stetige Last ist? Es ist gewiß überflüssig, daß Ihr Euch den Zorn der Götter zuzieht, indem Ihr diesen Kerl tötet und ihn dorthin sendet, wo er ein höchst unwill- kommener Gast sein wird.« Wu wägte einen Moment lang das verblüffende Argument Gwalchmais ab und ließ dann, wenn auch widerstrebend, den Bambusstock sinken. Darauf schoß der Tolpatsch wie von einer seiner eigenen Ka-, nonen abgefeuert zur Tür der Halle hinaus und ward nie wieder gesehen. In seiner Hast hatte er sogar ver- gessen, Wu um die Auszahlung des ihm noch zuste- henden Lohnes zu bitten. Dieser kauerte wie ein Häufchen Elend auf den Knien, wippte winselnd mit dem Oberkörper vor und zurück und streute mit herzzerreißender Gebärde Asche über sein Haupt und seine Schultern, wobei er wimmerte: »Dies ist fraglos das schrecklichste und letzte Unglück, welches über diese nichtswürdige Person gekommen ist, deren wertloses Leben eine einzige Kette vernichtender Katastrophen war. Es ist ein Wunder, o Unsterblicher Edelmann, daß ich nicht schon angesichts Eures fürchterlichen, wenngleich höchst gerechtfertigten Grimms zu meinen Ahnen ge- fahren bin!« »Mitnichten, werter Ersinner verzehrenden Feuers. Ich flehe Euch an, erhebet Euch und laßt uns einen zurückgezogenen Ort aufsuchen, wo wir in aller Ru- he bei einer Schale köstlich dampfender Nudeln die praktische Verwendbarkeit dieses höchst verblüffen- den Donnerpulvers besprechen können. Vielleicht werden wir imstande sein, zu einer befriedigenden Lösung Eures Problems zu gelangen. Es könnte sogar möglich sein, daß dieses bedauernswerte, durch die Tapsigkeit eines hirnlosen Wichts verursachte Mißge- schick sich in einen Erfolg verwandelt, falls es gelingt, durch eine sorgfältiger vorbereitete Demonstration der Feuerkraft jener kunstvollen Donnerrohre das Interesse Seiner Unsterblichen Erhabenheit zu wek- ken.« »Ein solch wünschenswertes Ergebnis würde zwei- felsohne einen tonnenschweren Grabstein vom Rük-, ken dieses verdientermaßen zu Boden geschmetterten Individuums rollen«, versicherte Wu und sprang, wieder ganz der alte, behende auf die Füße. »Folgt mir, höchst Unvergleichlicher, in das Etablissement der Sieben Keuschen Jungfrauen, wo Ihr Euch auf die Kosten dieses nichtswürdigen Bettlers an erlesenster Unterhaltung und köstlichsten Spezereien laben sollt.« Es ist eine uralte, von den Weisen aller Länder immer wieder beobachtete und bestätigte Wahrheit, daß aus der Tatsache, daß ein Mann glücklich verheiratet ist und voller Zufriedenheit den Stand der Ehe genießt, nicht unbedingt folgen muß, daß er gegenüber den Reizen anderer Frauen mit Blindheit geschlagen ist. Infolgedessen konnte Gwalchmai eine gewisse Neu- gier und Vorfreude nicht verhehlen, als er sich im Schlepptau des erleichterten Gießereimeisters der Schenke näherte, die einen solch faszinierenden Na- men trug. In der Erwartung, daß nicht nur das Innere der Schenke mit erwartungsvollen Gästen überfüllt wäre, sondern daß schon vor der Tür eine lange Schlange von Tunichtguten und Müßiggängern ungeduldig des Einlasses harrte, nicht so sehr der dampfenden Nudeln wegen, sondern um der sonstigen Vorzüge des Hauses teilhaftig zu werden, die auf dem schar- lachroten Schild vor der Eingangstür so kühn ange- priesen wurden, nahm er an, es werde eine Weile dauern, bis sie endlich Platz fänden. Um so angenehmer war er überrascht, als er fest- stellte, daß kein solches Hemmnis existierte. Im Ge- genteil: Verwundert mußte er feststellen, daß die Pas-, santen, die an der besagten Schenke vorbeigingen, regelmäßig besorgt emporblickten und merklich ih- ren Schritt beschleunigten, sobald sie an den Fenstern des Etablissements vorbeikamen. Als ein Spüleimer ohne vorherige Warnung aus einem der betroffenen Fenster auf die Straße geleert ward, erhellte sich für Gwalchmai der Grund dieser Maßnahmen seitens der Passanten. Die beiden hatten keine Probleme, eingelassen zu werden und einen passenden Tisch zu finden. Im In- nern des Etablissements herrschte friedliche Stille: Of- fenbar war der Großteil der Séparées leer. Der Grund für diese Friedlichkeit wurde klar, als sich ihrem Tisch eine geziert lächelnde, zahnlose alte Vettel nä- herte, deren Mutter mindestens hundert Jahre zuvor von einem überaus böswilligen Drachen erschreckt worden sein mußte, um ihnen Auskunft über die er- hältlichen Delikatessen zu geben und ihre Bestellung aufzunehmen. Gwalchmai zögerte und warf einen unsicheren Blick auf seinen Begleiter. »Sollten Euch die hundert Jahre alten Eier oder die Maus in Honigseim nicht zu- sagen«, sagte Wu mit aufmunterndem Lächeln, »dann muß ich Euch unbedingt die Beutelente emp- fehlen. Sie ist die Spezialität des Hauses und eine au- ßergewöhnliche Köstlichkeit.« Gwalchmai verneinte kopfschüttelnd und schützte mangelnden Appetit vor. Den Tee, die Nudeln und die Salzgurken, auf die sie sich nach einigem Hin und Her geeinigt hatten, trug ihnen eine zweite antiquierte Dame auf, deren Ähnlichkeit zu der ersten unverkennbar war. Als sie fortgeschlurft war, bemerkte Gwalchmai zwei weite-, re, nicht minder betagte, die die wenigen besetzten Séparées auf der anderen Seite des Raumes bedien- ten, und gelangte zu der Vermutung, daß die restli- chen Schwestern in der Küche zu tun hatten oder mit anderweitigen Arbeiten in den darüberliegenden Räumen betraut waren. Über die zweifelsohne zweifelhafte Attraktivität der beiden, die die Gäste auf der anderen Seite be- dienten, konnte er nur Mutmaßungen anstellen, da das Halbdunkel, das im Etablissement der Sieben Keuschen Jungfrauen herrschte, nicht nur die größt- mögliche Zurückgezogenheit und Intimität seiner Gäste gewährleistete, sondern diese zugleich vor ei- nem Schockerlebnis und damit verbundenem Appe- titverlust bewahrte für den Fall, daß sie einmal in ei- nem abwesenden Moment von ihrem Teller auf- blickten und sich unvorbereitet mit dem Gesicht einer der Schwestern konfrontiert sahen. Gwalchmai vermied es, höflich, wie er war, seine Enttäuschung betreffs der weiblichen Reize der Schwestern zur Sprache zu bringen, solange diese noch in ihrer Nähe herumschlurften. Doch als sie endlich außer Hörweite waren, flüsterte er Wu zu: »Gewiß werden die werten Damen, sollte sich das Etablissement einmal mit finanziellen Schwierigkei- ten konfrontiert sehen oder der Feuergott sich gierig auf sein wurmzerfressenes Mobiliar stürzen, niemals über mangelnde Beschäftigung zu klagen haben.« »Wie meint Ihr das, werter Kommissar?« fragte Wu mit etwas gepreßter Stimme, da er gerade den Mund voller Nudeln hatte. »Nun, ich denke, daß Cambaluc, auch wenn es eine neuerbaute Stadt ist, von einer großen Fläche pflüg-, baren Landes umgeben sein muß, auf dem sich zwei- felsohne verlassene Bauernhöfe befinden.« »Das ist ganz unbestreitbar der Fall«, erwiderte Wu und ließ irritiert seine Eßstäbchen sinken. »Doch worauf wollt Ihr hinaus?« »Wenn das, wie Ihr, werter Gießereimeister, bestä- tigt, der Fall ist, muß dann daraus nicht notwendi- gerweise folgen, daß es auf einigen dieser leerstehen- den Höfe Gebäude gibt, die sich in einem bejam- mernswert baufälligen Zustand befinden?« »Auch das ist ohne Frage richtig.« »In Anbetracht dieser bedauernswerten Tatsache wäre es doch ein Akt höchster Freundlichkeit, schlü- ge jemand diesen betagten Schwestern vor, daß, soll- ten sie einmal von einem schlimmeren Unheil heim- gesucht werden als dem, das ihnen die Anzahl ihrer Lebensjahre schon gebracht hat – wenngleich ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, was das für ein Unheil sein sollte –, sie gewiß die Aufgabe über- nehmen könnten, in besagten verfallenen Gebäuden, die ohne Zweifel jünger sind als sie, als Spukgeister ihr Unwesen zu treiben.« Wu starrte ihn einen Moment verblüfft an, fieber- haft damit beschäftigt, Gwalchmais intrikates Satzge- bilde zu entwirren, doch er war ein Mann von schneller Auffassungsgabe, und es dauerte nicht lan- ge, und er brach in herzhaftes Lachen aus. »Ah, Ihr spielt auf das Schild an! Eure Andeutun- gen waren zunächst für mich dunkel und ver- schwommen wie eine mondlose Nacht. Gewiß er- wartetet Ihr Lieblichkeit wie die einer duftenden Pflaumenblüte, die sich sanft im süßen Wind des Frühlings bewegt!, Laßt mich Euch versichern, gnädiger Herr, das Schild lügt nicht. Die Tugendhaftigkeit dieser sieben Jungfrauen wurde noch nie in Frage gestellt, da sie nie auf die Probe gestellt wurden. Wie Ihr leicht an seinem verwitterten Äußeren feststellen könnt, hängt dieses Schild schon beträchtlich lange Zeit über der Eingangstür.« »Ich bezweifle keine dieser beiden Behauptungen auch nur für den kürzesten aller Augenblicke«, ver- setzte Gwalchmai ein wenig abwesend, da sich seiner inzwischen eine gewisse Übelkeit bemächtigt hatte, die sich auch nicht durch die verspätete Entdeckung der Tatsache legte, daß die Gurke, die er soeben hin- untergeschluckt hatte, verdorben war. Der Gießereimeister wollte gerade die Gelegenheit benutzen, das Gespräch in geschäftliche Bahnen zu lenken, doch da war dieselbe auch schon verstrichen, denn nun war der Augenblick gekommen, da die versprochene Lustbarkeit begann. Ein kleiner Junge kam tanzend hereingesprungen und schlug unter der ohrenbetäubenden Begleitmu- sik explodierender Knallfrösche in rascher Folge mehrere Räder. Hinter ihm trat ein sanft lächelnder Mann in den Raum, angetan mit einer langen seide- nen Robe, die mit Drachen, Fong-Onhangs oder Phö- nixen sowie den Tierkreiszeichen bestickt war. Er stellte sich in die Mitte des Raums und begann aus seinem weiten Ärmel Zoll um Zoll bunte Seidentü- cher zu ziehen, mit denen er den schweratmenden Knaben umwickelte. Als von dem Jungen nichts mehr zu sehen war, zückte er ein Messer und stieß es tief in den Seidenhaufen hinein. Das Bündel wand sich, schien größer zu werden, und beruhigte sich wieder. Nun zog der Magier aus dem anderen Ärmel einen Zauberstab und klopfte damit leicht gegen den Seidenhaufen. Mit einem Schlag flogen die Tücher zur Seite, und heraus trat ein wunderschönes, überaus leicht geschürztes Mäd- chen. Sofort begann es, leicht wie eine Feder, durch den Raum zu tanzen. Aller Augen ruhten gebannt auf ihm, als es den Raum dreimal leichtfüßig durchtanz- te, doch seine Blicke ruhten einzig auf Gwalchmai, lüstern und aufmunternd zugleich. Als es den dritten Reigen beendet hatte, kehrte es in die Mitte des Rau- mes zu seinem Herrn zurück, warf einen seidenen Schleier über sich und sank grazil zu Boden. Erneut klopfte der Magier mit seinem Zauberstab auf das Tuch, und als es zur Seite fiel, saß darunter anstelle der Tänzerin wieder der Knabe, die Beine über Kreuz verschränkt, auf dem Schoß eine große, bis zum Rand mit Wasser gefüllte Schale, in der ein Goldfisch schwamm. Vorsichtig nahm der Zauberer die Schale und stellte sie auf den nächststehenden Tisch. Kaum hatte sie die hölzerne Tischplatte berührt, da verwandelte sie sich zwischen seinen Händen in einen Bambuskä- fig voll zirpender Grillen. Hier unterbrach der Zauberer seine Darbietung für einen Moment, um den Applaus abzuwarten. Einige wenige klatschten, und ein paar warfen ein paar Münzen auf den Boden; ein offenbar betrunkener Gast versuchte den Knaben einzufangen, der auf dem Boden herumkroch, um die Münzen aufzuklauben, offenbar in der Hoffnung, daß er sich dadurch viel- leicht wieder in die begehrenswertere Tänzerin ver-, wandelte – und in dem Augenblick, da der Zauberer sich verneigte, mußte Gwalchmai lachen. Ein Ruck ging durch den Körper des Magiers, als er sich wieder aufrichtete. Sein Gesicht war ganz ruhig, doch verriet ein hartes Funkeln der Augen seinen Zorn. Er trat hinüber zu dem Séparée, in dem Gwal- chmai und Wu speisten, und macht erneut eine tiefe Verbeugung. »Es ist für den unbeholfenen und unfähigen Shan Cho eine Quelle unbeschreiblicher Genugtuung, daß seine bescheidenen Künste den edlen Herren zur Freude gereichen«, sagte er freundlich. »Ihrer Tracht nach zu urteilen, sind die beiden hohen Herren zwei- felsohne verkleidet. Vielleicht könnte diese ihre Ver- kleidung zur größeren Erbauung der Anwesenden noch verbessert werden, und ich bin sicher, die Freu- de des Publikums wäre noch größer, sollten die bei- den Herren diesen Ort auf vier Beinen verlassen statt auf deren zwei – vielleicht in Gestalt eines räudigen Gassenkaters und eines verlausten Straßenköters, die in lustigem Duett den Mond anheulen.« Als der Zauberstab dabei leicht in seiner Hand zuckte, verfärbte sich Wus Gesicht zu einem grünli- chen Ocker und er hätte sicherlich Reißaus genom- men, aber es bestand keine Möglichkeit, aus der Ni- sche zu entweichen, ohne dabei zwangsläufig den Zauberer umzurennen. Also blieb er schicksalserge- ben sitzen und ließ seinen Blick flehend vom einen zum anderen wandern. Gwalchmai legte beide Hände flach auf den Tisch, um zu demonstrieren, daß er weder bewaffnet war noch die Absicht hatte, den Zauberer tätlich anzugrei- fen., »Allmächtiger und unerhört geschickter Meister Shan Cho, dessen leiseste Bewegungen die langen Jahre härtester Studien in seiner Kunst verraten, die- ser unbelehrbare Lehrling und bescheidene Adept der alten Weisheiten von Loegres, Khemi und dem Danaer hatte beileibe nicht die Absicht, Eure zweifels- frei unübertrefflichen Talente durch unpassende Ge- räusche zu stören. Vielmehr brachen diese zugestan- denermaßen höchst ungehörigen Laute ohne jegliche böse Absicht aus ihm hervor, und zwar allein ange- sichts der Tatsache, daß es äußerst befremdend anzu- sehen ist, wenn solch überaus edle Kunst wie die Eu- re, zumal dargeboten mit solch vollendeter Ge- wandtheit, vor einer derart ungehobelten Ansamm- lung nichtswürdiger Schlemmer ausgeübt wird, die die Feinheiten Eurer Kunst kaum zu schätzen wissen. Ist es möglich, daß ein Magier von solch augen- scheinlicher Perfektion und unübertroffener Fertig- keit von üblen Dämonen zu einer solch bejammerns- werten Art und Weise des Broterwerbs verurteilt wurde?« »Es ist bejammemswerterweise ganz in der Tat so, wie Ihr es sagt«, bestätigte, durch Gwalchmais Erklä- rung wieder vollauf besänftigt, der Magier mit einem bitteren Klang in der Stimme. Sein Blick haftete un- verwandt mit einem Ausdruck größten Interesses auf Gwalchmais Ring, der ihm sogleich aufgefallen war. »Es scheint, als sollte es nirgends in dieser dreimal verfluchten Stadt mit ihrer gewaltigen Bevölkerung und ihrem grenzenlosen Reichtum einen Platz für ei- nen Jünger der mystischen Künste geben – wie die beiden höchst edlen Herren sicherlich bestätigen werden, deren Qualitäten so gut verborgen waren,, daß dieser Kurzsichtige sie nicht auf den ersten Blick bemerkte, wofür er unterwürfigst um Vergebung bittet. Da es offensichtlich ist, daß – dem Ring nach zu urteilen, den Ihr tragt – dieser stumpfsinnige Prakti- ker Angelegenheiten von großer Wichtigkeit behin- dert, wird er sich nun mit allerhöchstdero Erlaubnis zurückziehen und die edlen Herren wieder ungestört ihrem erbaulichen Geplauder überlassen.« Er ließ den Augenblicke zuvor noch drohend erho- benen Zauberstab wieder in seinen Ärmel zurück- gleiten und entfernte sich, jeden Anschein von Hast vermeidend, rückwärts gehend von den beiden, ohne den Blick von Gwalchmais ruhig daliegender Hand zu lösen, an der der Opal mit dem Monogramm Mer- lins funkelte wie ein blutunterlaufenes Auge. Nervös blieb er stehen, als Gwalchmai eben diese Hand hob und ihn noch einmal zurückwinkte. »Gehe ich recht in der Annahme, daß es eine höchst wünschenswerte Beilegung eines unglücklichen Miß- verständnisses wäre, wenn Ihr, verehrter Meister, und Eure Gehilfen zusammen mit uns an unserem Ti- sche einen kleine Imbiß einnähmen? Gewiß wäre die damit verbundene Unterredung zu beiderseitigem Vorteil.« Wu wand sich angesichts der ihm daraus mit Si- cherheit erwachsenden Kosten unbehaglich in seinem Stuhl und setzte eine entsetzte Miene auf, in der Hoffnung, eine etwa aufflammende Bereitschaft des Zauberers, in die Einladung einzuwilligen, schon im Keim ersticken zu können. Er starrte mißmutig auf Gwalchmai, sagte jedoch nichts. Der Knabe und die Tänzerin, die inzwischen un-, auffällig wieder zur Hintertür hereingeschlüpft wa- ren, nickten beide heftig, um ihren Herrn zum Ein- willigen zu bewegen, bevor die Einladung mögli- cherweise wieder zurückgenommen wurde. Shan Cho freilich mochte sich noch immer nicht entschließen. »Zu unserem tiefsten Bedauern war uns heute noch nicht das Glück beschieden, eine kom- plette Schnur Geldes zusammenzubekommen, und mit Sicherheit gehört es nicht zu den Gepflogenheiten dieses antiken Etablissements, Kredit zu gewähren.« Gwalchmai deutete mit einer großzügigen Hand- bewegung auf den Gießereimeister. »Macht Euch keinerlei Gedanken wegen des ge- ringfügigen Betrages, der mit der Herstellung eines angenehmen Gefühls der Sättigung verbunden ist. Seid versichert, mein Freund ist überaus begütert und brennt geradezu darauf, die unbedeutende Verringe- rung des Umfanges seiner prall gefüllten Börse auf sich zu nehmen. Er ist ein Individuum von solch au- ßergewöhnlichem Reichtum und solch überströmen- der Mildtätigkeit, daß seine Ahnen bis zurück in die siebente Generation sich in tiefem Kummer plagten, solltet Ihr Euch weigern, von seiner bemerkenswerten Freigebigkeit zu partizipieren. Durch sein überaus großzügiges Verbrennen von Beerdigungsgeld ist er schon die einzige Stütze einer riesigen Schar hungri- ger und heimatloser Geister geworden. Ist es nicht so, o überaus mildtätiger Wu?« »Alles, was in solch schillernde Worte gefaßt ist, sollte außerhalb jeden Zweifels stehen«, pflichtete Wu ihm ohne erkennbare Begeisterung bei. Seine ohnehin schon besorgte Miene wurde augen- blicklich noch ernster, als die Gäste mit Heißhunger je, eine doppelte Portion Nudeln verschlangen. Als die Gallone Tee in ihren durstigen Schlünden versickerte wie Regen in einem ausgedörrten Acker, starrte er trübsinnig auf die leeren Trinkschalen. Doch als dar- auf kurz hintereinander zwei große Karaffen Reis- wein das gleiche Schicksal ereilte wie den Tee, konnte er nicht mehr an sich halten, so sehr hatte der Kum- mer ihn überwältigt, der ihm an jenem Tage ohnehin schon in so überreichlichem Maß zuteil geworden war. Wie von einer giftigen Schlange gebissen fuhr er von seinem Platz auf. »Werter Kommissar«, stam- melte er atemlos, »es ist absolut notwendig, daß un- sere weitere Unterredung auf einen späteren, günsti- geren Zeitpunkt verschoben wird. Diese Person ist vom Schicksal schon so oft für die Anstellung hirnlo- ser, nichtsnutziger Einfaltspinsel bestraft worden, daß sie umgehend zurück zu ihrer Arbeit eilen muß, um diese zu ihren Pflichten anzuhalten. Wenn die Halle durch ihre unbeaufsichtigten Bemühungen noch nicht zerstört sein sollte – was ich befürchte –, dann sicher nur deshalb, weil der Schlummer sie über- mannt hat, und nur durch beharrliches Klopfen mit einem gewichtigen Gegenstand auf ihre gefühllosen Köpfe wird in dieselben die Überzeugung einkehren, daß sie hart arbeiten müssen, wenn sie sich ihres rei- chen Lohnes würdig erweisen wollen.« Mit diesen Worten sprang er mit solcher Hast da- von, daß er völlig vergessen hätte, die Rechnung zu begleichen, hätten nicht drei der keuschen Jungfrau- en, die allem Anschein nach solche plötzlichen An- fälle von Vergeßlichkeit seitens ihrer Kunden ge- wohnt waren, ihm in Blitzesschnelle dergestalt den, Weg verlegt, daß er nicht entfleuchen konnte, ehe er nicht die verlangte Anzahl von Münzen herausgege- ben hatte. Mit einem tiefen Seufzer verschwand er schließlich und ließ die anderen mit dem Rest des Reisweins zu- rück. Da die Tänzerin Gwalchmai mit jeder Tasse, die sie leerte, verführerischere Blicke zuwarf, konnte er nicht umhin zu bemerken, daß ihre Schönheit immer deut- licher hervortrat, je öfter er seine eigene Tasse hob. Doch scharfsinnig gelangte er zu der Überzeugung, daß diese bemerkenswerte Koinzidenz zu nichts weiter führen würde als Reue und faulen, wenig überzeugenden Ausreden, wenn er eines Tages seiner Corenice wieder begegnen würde. Aus diesem Grunde achtete er peinlichst darauf, seine Bemerkungen ausschließlich an den Zauberer zu richten, und er war sehr erleichtert, als das Mäd- chen schließlich aufsprang und schmollend von dan- nen rauschte, gefolgt von dem wohlgerundeten Bur- schen, der zufrieden rülpste, als er sich vom Tische erhob. Nun völlig sich selbst überlassen, gelangten Gwal- chmai und Shan Cho tastend und auf vielerlei Um- wegen zu einem hohen Respekt vor den Fähigkeiten des anderen, und im Verlaufe ihrer Unterhaltung be- gab es sich, daß zufällig das Thema der Zauberstäbe des Yai Ching zur Sprache kam. Gwalchmai hatte noch nie vom Buch der Riten oder von den geheimnisvollen Wandlungen des Wen Wang gehört, aber er wußte sehr wohl, daß es magi- sche Lehren und Zauberkünste orientalischen Ur- sprungs gab, die weder mit europäischen noch mit, aztlanischen Lehren verwandt waren. Neugierig drang er daher in den Zauberer, ihm mehr davon zu erzählen. Shan Cho zog aus den Falten seiner Robe einen Bambuszylinder hervor. Er nahm den Deckel ab und schüttelte sechs schwarz angestrichene Bambus- stäbchen heraus. Jedes davon war auf einer Seite mit einem kleinen weißen Strich gekennzeichnet, doch befanden sich diese Striche bei jedem der kleinen Zauberstäbe an einer anderen Stelle. Er faßte sie zu einem Bündel zusammen, stellte dieses aufrecht auf den Tisch und öffnete die Hand, so daß das Bündel auseinanderfiel. Ein paar der Stäbe kamen mit der runden, der unmarkierten Seite nach oben zu liegen. Diese schob er ineinander, so daß die Linien ein Mu- ster bildeten – eines der vierundsechzig Hexagram- me, wie sie im Buch der Wandlungen beschrieben waren. »Das hier ist das Li Chi, ein Unglückszeichen«, er- klärte der Meister. »Es kann dem Suchenden uner- wünschtes Wissen bringen, doch wenn es von dieser Person benutzt würde, würde sie nicht auf das Sym- bol schauen, das Ihr seht, und alle anderen zerstreu- enden Geräusche oder Gedanken dabei ausschließen. Sobald sich das Hexagramm fest in seinen Geist eingeprägt hätte, würde er die Augen schließen und sich eine Tür vorstellen, auf welcher das Symbol klar und deutlich zu erkennen ist. Diese Tür hat weder Knauf noch Klinke. Auch besitzt sie kein Schloß. Sie kann nicht geöffnet werden, doch wenn eine Person sich nur stark genug auf ihren Willen und ihre Wünsche konzentriert, dann wird sie weit vor ihr aufschwingen. Dann muß diese Person sich vorstel-, len, daß sie sich ohne zu zögern erhebt und durch die geöffnete Tür schreitet. Auf der anderen Seite der Tür wird sie die Antwort auf ihre Fragen und die Lösung ihrer Probleme erhalten. Doch muß ich Euch ehrlich gestehen, daß ich selbst niemals dieses Zeichen des Li Chi benutzen würde. Es ist bekannt, daß es Fälle gab, wo die Tür nicht auf- ging oder wo der Wanderer nie mehr zurückkehrte. Es gibt Fragen, die am besten nicht beantwortet werden, und es gibt Probleme, die einzig der Tod lö- sen kann.« »Ich habe ein Problem!« rief Gwalchmai. Er war so aufgeregt, daß er sich gar nicht erst die Mühe gab, sein Anliegen in wohlgedrechselte Sätze zu fassen. »Laßt mich die Zauberstäbe ausprobieren!« Shan Cho zögerte. »Bedenkt die Gefahren, werter Ratgeber des Großmächtigen, dessen Name mit Ruhm überhäuft sei. Ein solcher Versuch könnte zum Gegenstand tiefsten Bedauerns werden.« Wortlos hielt Gwalchmai die Hand auf. Als der Zauberer die tiefe Entschlossenheit in seinen Augen sah, reichte er ihm widerstrebend die schwarzen Bambusstäbchen. Energisch umspannte Gwalchmai das Bündel mit der Hand, preßte die geschlossene Faust auf die Tischplatte und öffnete sie. Klirrend fielen die Stäbchen auf den Tisch. Vier kamen mit der flachen Seite nach unten zu liegen; die anderen bei- den zeigten mit ihren Markierungen nach oben, wur- den jedoch durch die ersteren, die unmarkierten Stäbchen, voneinander getrennt, indem diese sich, als das Ganze, wie schon beim erstenmal, parallel inein- andergefügt wurde, zwischen sie schoben. Auf Shan Chos Gesicht zeigte sich deutliche Er-, leichterung. »Ah! Dieses ist viel besser! Die dritte der fünf Wandlungen, ein absolutes Glückszeichen. Es verheißt Glück, ein Wiedersehen mit einem guten Freund, oder die Antwort auf eine wichtige Frage.« Gwalchmai schirmte seine Augen mit der Hand ab und konzentrierte sich auf das Hexagramm. Die Ge- räusche um ihn herum wurden leiser und ver- stummten schließlich; das Gesicht des Zauberers, der ihm gegenüber saß, verschwand, und wenig später spürte er auch nicht mehr die harte Bank unter sich. Das Symbol trat immer deutlicher hervor. Seine Konturen verschwammen mit seinem Atem, festigten sich wieder, wurden schärfer und heller, bis sie schließlich zu glühen schienen. Er schloß seine schmerzenden Augen, um nicht geblendet zu wer- den, und in dem Moment nahm vor seinem inneren Auge die Tür Gestalt an. Gebannt starrte er darauf. Es war eine schwere Tür, groß genug, eine Person hindurchtreten zu lassen. Sie war in ein riesiges Tor eingelassen, das offenbar für Reiter oder Kutschen gedacht war. Das Ganze wurde zu beiden Seiten von einem hohen Steinwall be- grenzt, der sich weit in der Ferne im Nebel verlor. Er wagte es nicht, auf den Wall zu schauen, außer aus dem Augenwinkel, in der Furcht, der Zauber könnte zerbrechen. Er schaute unbeirrt geradeaus, wie der Zauberer es ihm gesagt hatte. Die Umrisse der Tür traten jetzt schärfer hervor. Deutlich sah er auf dem Holz die Spuren des Breit- beils, mit dem ihre Bretter zurechtgehauen worden waren. Scharf hob sich das weißlich glühende Zei- chen gegen das Grau ihrer glatten Oberfläche ab. Plötzlich, ohne jede Vorankündigung, schwang die, Tür weit auf und gab den Blick auf eine wenige Fuß dahinter befindliche, bereits geöffnete Tür frei, durch die eine Wolke wogenden Nebels in seine Richtung gewallt kam. Er glaubte, ohne zu zögern aufzustehen und durch die Tür mit dem Hexagramm zu schreiten. Sofort hüllten ihn die dichten Nebelschleier ein, und er konnte nichts mehr sehen, doch riefen sie wider sei- nen Befürchtungen keine Beklemmungen in ihm her- vor, sondern umfingen ihn wie ein warmer, nach Blumen duftender Schleier. Ein unerklärliches Glücksgefühl stieg in ihm auf. Ganz in seiner Nähe, verborgen durch den un- durchdringlichen Nebelschleier, schienen Menschen zu sein. Er trat vorsichtig einen Schritt vor und tastete mit den Händen nach etwas Festem. Plötzlich tauchte direkt neben seiner Wange ein bärtiges Gesicht aus dem Nebel auf, er hörte das Ra- scheln von Stoff, und gleich darauf fühlte er sich von starken Armen herzlich umschlungen. Es war Merlin, sein Patenonkel! Hatte er demnach Zugang zum Reich der Toten gefunden? Sekundenlang drückte Merlin ihn stumm. Kein Wort fiel. Gwalchmai wagte kaum zu atmen. Er spürte, ein einziges Wort, und der dünne Faden, der ihn mit seiner eigenen alten Welt verband, würde zerreißen wie ein Spinnweb. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, da ließen die Arme ihn wieder los, und das Gesicht seines Patenonkels schwand vor seinen Augen. Erneut fühlte er sich von zwei Armen umschlun- gen – sanfter diesmal, wenngleich noch enger. Un- endlich liebevoll und zärtlich war diese Umarmung, und so fest, daß er das Gefühl hatte, er würde sich nie wieder von ihr lösen können. Er versuchte, seine ei- genen Arme um die vertraute, geliebte Gestalt zu schlingen. Er wußte sofort, wer es war. »Corenice«, flüsterte er zärtlich. Und in diesem Augenblick des Erkennens war alles vorbei. Die Türen verschwanden, mit ihnen das Tor und der steinerne Wall, und die Nebelschleier lösten sich in Luft auf. Das einzige, was blieb, war der sanfte Hauch eines liebevollen Kusses auf seiner Wange – und eine Erinnerung. In dem winzigen Bruchteil einer Sekunde, als der Nebel verschwunden war, war vor seinen Augen ein Traumbild erschienen, unendlich kurz nur, doch so klar und deutlich, daß er es niemals vergessen würde – die vollkommene, zierliche Gestalt einer Frau, ge- kleidet wie eine Prinzessin, in Seide und Juwelen, mit winzigen Füßen, die in zierlichen Pantoffeln steckten, und schlanken, perlengeschmückten Fingern. Sie war es, die ihn so liebevoll umarmt hatte. Eine solche Frau gab es nur einmal auf der Welt. Golden war ihre Haut, und golden waren die Sticke- reien, die auf ihrem schweren seidenen Gewand prangten. Sie war die schönste Frau, vor der er jemals gestanden hatte. Die sanfte Röte ihrer Wangen war wie der Hauch von Blütenstaub auf einer gerade erwachten Pfirsich- blüte. Ihr Haar war schwarz und glänzend. Um ihren Mund spielte dasselbe erwartungsvolle, einladende Lächeln, mit dem einst Thyra ihn betört hatte und das er später noch einmal entdeckt hatte im Antlitz jenes dunkelhaarigen Mädchens, das sich Nikky genannt hatte, bevor sie wahrhaft Mann und Frau wurden in, jener gläsernen Festung in Britannien. Er wußte, daß diese wunderschöne Frau niemand anders sein konnte als seine geliebte Corenice, und er wußte auch, daß sie sich sehr bald begegnen würden, denn in dem winzigen Moment, als er seine Augen öffnete und in das grinsende Gesicht Shan Chos schaute, da war dieses noch immer überlagert von der Szene, die er mit seinem inneren Auge gesehen hatte, als er über die Schulter des Mädchens geblickt hatte. Hinter der zweiten Tür war ein Garten gewesen, dahinter eine zweite Mauer und hinter dieser, weit in der Ferne, die vertrauten Umrisse der sanft ge- schwungenen Hügel und schneebedeckten Berggip- fel, unter denen Corenice und er so glücklich einher- geschritten waren – das Land der Träume!,

Die Feuerdrachen

Die hastige Flucht des Gießereimeisters aus dem Eta- blissement der keuschen Jungfrauen hatte Gwalchmai großen Spaß bereitet, zugleich jedoch auch seine Ab- sicht vereitelt, mehr über Wus hochinteressante Er- findung zu erfahren. Denn daß es sich um eine solche handelte, daran zweifelte er – ungeachtet der miß- glückten Demonstration in der Halle – nicht einen Augenblick. Den ganzen Nachmittag über dachte er angestrengt über die verschiedenen Verwendungs- möglichkeiten des Pulvers nach, und selbst in der Nacht ließ ihm der Gedanke keine Ruhe. Er erinnerte sich, in Merlins Büchern hier und da von einem solch explosiven Pulver gelesen zu haben, und er glaubte auch zu wissen, daß sein Patenonkel selbst schon damit experimentiert hatte. Aus anderen Schriften wußte er, daß bereits zur Zeit der römischen Kaiser Feuerwerke existiert hatten und daß der Ar- chitekt Anthemius von Tralles, der die Pläne für die Hagia Sophia in Byzanz gezeichnet hatte, eine ähnli- che Demonstration vor den Augen von Kaiser Justi- nian durchgeführt hatte. Und hier in Cathay, in den Straßen von Cambaluc, hörte er tagtäglich das spitze Knallen der kleinen Pa- pierkracher, mit dem die Leute zum Ergötzen ihrer Kinder böse Geister und Teufel vertrieben. Er wußte, daß Kublai an strategisch wichtigen Punkten rings um die Stadt riesige Steinschleudern aufgestellt hatte, die aufgrund ihrer gewaltigen Reichweite die großen, Handelsstraßen beherrschten. Gwalchmai hatte das sichere Gefühl, daß Stein- schleudern viel zu schwer waren, um als Bordwaffen auf Dschunken eingesetzt werden zu können, und daß sie aufgrund ihres Gewichtes auch kaum für eine rasche Landungsoperation in Frage kamen, da es viel zu lange dauern würde, bis man sie an Land geschafft hatte. Ob Anthemius von Tralles dieses explosive Pulver selbst erfunden hatte oder ob das Geheimnis seiner Zusammensetzung irgendwann einmal durch einen Wanderer aus Cathay in den Westen gelangt war, das herauszufinden war Gwalchmai nicht möglich, und es interessierte ihn auch nicht sonderlich – um so mehr aber faszinierten ihn die bronzenen Rohre des Gießereimeisters Wu. Das war eine großartige Sache! Wenn es gelang, diese Rohre an den Schanzklei- dern und auf den Decks der Kaiserlichen Flotte zu be- festigen, dann konnte die Invasion Nihons bereits als ein Erfolg betrachtet werden, noch ehe sie überhaupt begonnen hatte! Denn gegen eine solche Feuerkraft würde die Flotte der Hundeteufel – so groß sie auch sein mochte – nicht eine Sekunde bestehen können. Wenn schon ein kleines Rohr ein riesiges Loch in die steinerne Wand einer Halle zu reißen vermochte, welch gewaltige Bresche würde dann sein größerer Bruder oder Vetter in die hölzerne Bordwand eines Schiffes schlagen? Und wenn man kleinere Rohre auf hölzerne Karren montierte und die hundert mal tausend starke Armee des Khan mit einer genügend großen Anzahl dieser beweglichen Rohre ausrüstete, welches Landheer mochte da lange Widerstand leisten?, Der Mann, der dem Khan eine solche Waffe in die Hand gab und ihm damit praktisch einen unbezahl- baren Schatz zu Füßen legte, würde sicherlich so hoch in seiner Gunst stehen, daß er jeden Wunsch erfüllt bekäme. Ein Hindernis jedoch stand seinem Vorhaben im Wege, und zwar ein entscheidendes: So aufgeklärt und kultiviert Kublai auch sein mochte, er war noch immer weit davon entfernt, jener Priester Johann zu sein, nach dem Gwalchmai so lange und so verzwei- felt gesucht hatte. Zwar blühten in seinem Riesen- reich ungehindert alle Religionen und Glaubensrich- tungen, selbst das Christentum konnte sich in der Form, wie die Nestorianer es praktizierten, ungehin- dert entfalten, doch war Kublai Khan – der Herrliche, wie er geheißen wurde – beileibe kein christlicher Monarch, und es war auch nicht zu erwarten, daß er je einer würde. Nun hatte aber Merlin unmißverständlich klarge- stellt, daß, sollte sich kein römischer Kaiser finden, nur ein christlicher Herrscher von der Existenz der neuen Kontinente jenseits des Ozeans erfahren durfte. Nach einigem Ringen entschloß sich Gwalchmai, diese Bedingung für den Augenblick erst einmal au- ßer acht zu lassen. Der Khan verfügte über eine Flot- te, die durchaus für eine längere Seereise tauglich war. Sobald die Invasion siegreich beendet war, wür- de er den Khan bitten, ihm ein paar seiner Schiffe, dazu Mannschaften und Proviant in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Dann würde er Corenice suchen und, sobald er sie gefunden hatte, zusammen mit ihr in seine alte Heimat zurücksegeln. Alsdann ließ er durch einen Boten Shan Cho bitten,, er möge sich zu der Gießerei begeben und dort auf ihn warten. Sicherlich würde das große Wissen, über das der Zauberer verfügte, eine große Hilfe bei der Verwirklichung seiner Pläne sein. Als er in die Gieße- rei kam, um mit Wu über die Angelegenheit zu spre- chen, erwarteten ihn die beiden bereits. Shan Cho war gerade dabei, aufmerksam zuzuhö- ren, wie der Gießereimeister ihm in seiner gewohnten Art sein Leid klagte. Als Gwalchmai eintrat, hellten sich ihre Gesichter merklich auf. Er hatte sich entge- gen seiner sonstigen Gepflogenheit eigens mit der Sänfte herbringen lassen und seine prächtige Amts- robe angelegt. Die beiden waren tief beeindruckt. Als er auf die beiden zutrat, bemerkte er, daß eine der größeren Kanonen aufrecht in einer Nische der Halle stand und daß vor ihr Räucherstöcke brannten. Interessiert fragte er Wu nach dem Grund. Der Gießereimeister machte eine tiefe Verbeugung. »Am heutigen Tage, werter Ratgeber, dessen ruhige Stirn dem gequälten Herzen Frieden bringt, jährt sich zum ersten Male das Ableben des hochgeschätzten, doch unvorsichtigen Vaters dieser Person, Feng, wel- cher, tief versunken in Gedanken, die dem gewöhnli- chen Sterblichen unerreichbar sind, vergaß, darauf zu achten, in welche Richtung seine Füße seinen betag- ten Leib und sein wippendes Haupt trugen. Der Un- glückliche glitt aus und fiel in einen großen Kessel voll flüssiger Bronze. Obgleich das wenige, was von seinem Körper blieb, in unserem Familiengrabe Aufnahme fand, ist die Es- senz seines Seins verewigt in der Gestalt jenes Don- nerrohres, welches Ihr dort seht. Und deshalb erwei- sen wir ihm die Ehre auf diese Weise!«, Gwalchmai machte eine respektvolle Verbeugung in die Richtung des bronzegesalbten Feng und zün- dete zu seinem unvergänglichen Ruhme drei Räu- cherstöcke an. Und nachdem der Tee gebracht und unter Beachtung der damit verbundenen Riten end- lich eingeschenkt worden war, kam er ohne weitere Umschweife auf den Kern seines Anliegens zu spre- chen. »Es ist der feste Glaube dieses unbedeutenden Rat- gebers Seiner Erhabenen Exzellenz – mögen ihm noch tausend Lebensjahre beschieden sein – daß, sollte der werte Feng Seine Durchlaucht um eine öffentliche Audienz ersuchen, natürlich durch den wohlgeform- ten Mund seines höchst talentierten Sohnes, der wie- derum seine Erläuterungen betreffs seiner unver- gleichlichen Erfindung vermittels der ungeschliffe- nen, doch vergoldeten Worte eines bescheidenen Vermittlers dem Allerdurchlauchtigsten zugänglich machen würde, schon in Bälde eine interessante Dar- bietung der verblüffenden Fähigkeiten jener Donner- rohre stattfinden könnte.« »Eure wohlgesetzten Worte sind von erlesener Prä- gnanz und Klarheit«, erwiderte Wu voller Anerken- nung, »doch streift der ihnen innewohnende Sinn nur die äußersten Grenzen des Begriffsvermögens dieses ungebildeten Individuums. Schon viele Taels wurden in der Absicht, ein solch ersehnenswertes Resultat zu erreichen, in die gierigen Hände von Dieben in hohen Positionen gelegt. Doch folgte diesem nicht mehr Lärm, als wenn die Münzen auf ein weiches Daunenkissen gefallen wä- ren, wo das erwartete Klingeln den Schall von einem Dutzend Gongs hätte übertönen müssen. Es ist eine, bedauernswerte Tatsache, daß keine Taels mehr für diesen Zweck vorhanden sind – sie wurden aus- nahmslos in Bronze investiert, und aus jenem wurden Donnerrohre geformt.« Gwalchmai schaute den Gießereimeister mit schmerzerfülltem Blick an und griff sich ans Herz, so als wolle dieses ihm augenblicklich zerspringen. »Es war nicht die durch mangelndes Ausdrucks- vermögen hervorgerufene Vorstellung dieses plum- pen Wortschmiedes, daß die Schatztruhe des ruhm- vollen Hauses Feng auch nur um einen Tael ge- schmälert werde. Vielmehr könnte es, wie gestern be- reits angedeutet, sich zutragen, daß aus den schweren Säcken Seiner Gütigen Allmächtigkeit ein bemer- kenswerter Schwall Goldes in unsere Richtung fließt mit dem milden Plätschern eines Baches, wenn der Schnee in den Bergen schmilzt. Sollte das der Fall sein, dann würde diese Person zweifelsohne auf ihren Anteil Gold verzichten, um ihren Ruf zu erhöhen und sich der günstigen Gele- genheit zu erfreuen, den Erlauchten um eine billige Wohltat anzuflehen. Natürlich würde auf diese Weise ein draller Extrabatzen funkelnder, frisch geprägter Münzen in die Hände solcher hochgeschätzten Freunde fallen, an die just in diesem Moment das Wort gerichtet wird.« Sowohl der Gießereimeister als auch der Magier schenkten ihm sogleich ihre ungeteilte Aufmerksam- keit. Als Gwalchmai dies sah, fuhr er fort: »Es ist ein al- ter Brauch selbst zwischen hochgestellten Personen und solchen wie wir, die wir einherkriechen in den Spuren ihrer makellosen Pantoffeln, daß sie, wenn, wir ihnen eine Gunst erweisen, ihre schützende Hand niemals von uns zurückziehen werden. Die einzige bedauernswerte Tatsache dabei ist, daß der zer- lumpte Bettler sich dem wohlausstaffierten Edlen zu- vörderst unentbehrlich machen muß. Wir alle haben gewisse Bedürfnisse, welche wir möglicherweise miteinander vereinigen könnten, um so ein befriedigendes Ganzes zu schaffen, innerhalb dessen die glückliche Antwort auf verschiedene Pro- bleme gefunden werden könnte. Seine Unauslöschliche Lumineszenz – möge sein Licht bald über den unwürdigen Häuptern der Hun- deteufel erstrahlen – braucht mächtige Waffen. Ihr, werter Wu, habt solche Waffen, mächtiger als zehn- mal tausend Streitwagen, doch keinen Zugang zu Seiner Allerhöchsten Durchlauchtigkeit. Er hat viele Taels, und Ihr habt wenige, und Shan Cho findet zu Recht, daß der Glanz seines in tausend Facetten funkelnden Geistes getrübt wird durch die verkümmerte Intelligenz jener stumpfsinnigen Indi- viduen, mit denen er in Ermangelung eines scharf- sinnigen Gönners zu verkehren gezwungen ist. In den Häfen des Nordens liegen Schiffe, welche diese Person gut gebrauchen könnte, um einen neuen Kontinent im Osten zu erreichen, doch, o weh! – nicht einmal ein kleiner, leckgeschlagener Sampan befindet sich unter ihrer Kontrolle, obgleich das Ohr Seiner Ewigen Wohllöblichkeit ihr zugeneigt ist. Nun ist es kein Geheimnis, daß jede Erfindung, und scheine sie noch so vollkommen, noch verbessert werden kann. Mit Eurer fachmännischen Hilfe bei der Suche nach den verschiedenen benötigten Erdsalzen, Eurer Kenntnis der Bücher über die Alchimie Eures, Landes und Eurer tatkräftigen Hilfe bei der Vermen- gung jener seltenen Ingredienzien, o feingebildeter, listenreicher Shan Cho, müßte die Lösung dieses Pro- blems ein leichtes für uns sein. Ich habe gewisse Kenntnisse von Zaubersprüchen, und wenn ich selbige unserer Komposition hinzufü- ge, wird dem bronzenen Schlunde Fengs ein solch erderschütterndes, gefräßiges Feuer entfahren, daß seine eigenen Ahnen vor Schreck erstarren müssen. Zugleich wird dieser Feuerschweif seinen Sohn berei- chern und Seine Erhabenheit so beeindrucken, daß er uns dreien jeden Wunsch erfüllt.« »Diese Erwähnung unerhörten Reichtums, der wie ein warmer Schauer über die Häupter aller Betroffe- nen herniederprasseln soll, ist wahrlich edelster Bal- sam für die schmerzenden Ohren dieser Person«, er- widerte der Zauberer. »Doch sollte das segensreiche Ereignis allein abhängen von der zuvor erwähnten Entdeckung eines neuen Kontinents, dann sollte die- ser Plan baldigst aus den geistvollen Erwägungen des werten Ratgebers Seiner Allmächtigsten Durchlaucht entlassen werden. Ein solches Land ist allen Gelehrten von Ch'in wohlbekannt. Mehr als sieben Jahrhunderte zuvor segelte der Buddhistenmönch Hoei-Shin auf der Su- che nach neuen Ländern gen Osten und fand sie. Da- selbst wohnen die Bemalten, und der Name jenes Landes ist Fusang. Manche heißen es auch ›Tahan‹ oder ›Groß-China‹. Der Sohn des Himmels wird kein Interesse bekun- den. Alles Wissenswerte über dieses Land ist auf das Kundigste und Erbaulichste in den Zehn Büchern über Nützliche Reisen beschrieben. Er kann dort, ebensoviel nachlesen, wie Ihr ihm berichten könnt. Eure ›Neuigkeit‹ wäre Seiner Unauslöschlichen Erha- benheit nicht einmal eine Handvoll Weizenmehles wert.« »Diese Person hatte nicht die Absicht, Verhandlun- gen geschäftlicher Natur mit einem Individuum zu eröffnen, dessen Beruf die Herstellung von Brot ist. Unsere Diskussion sollte sich daher auf die Komposi- tion des Donnerpulvers und seiner möglichen Ver- besserung beschränken. Welches sind die herausra- genden Elemente, und in welchem Verhältnis werden sie miteinander vermengt, hochherziger und scharf- sinniger Wu?« »Zwei Teile bester Kohle vom Holze des Weiden- baumes, deren zwei von sublimiertem Schwefel und sechs Teile Salpeter – wie er für Raketen verwendet wird.« Gwalchmai besaß ein vorzügliches Gedächtnis. Obwohl er sich nicht an jede Einzelheit erinnern konnte, schaffte er es manchmal, sich ganze Seiten aus Merlins nun für immer verlorenen Büchern bild- haft ins Gedächtnis zurückzurufen. Er schloß die Augen und konzentrierte sich. Er konnte sich vage an eine Formel erinnern, in der der Begriff ›Chinesischer Schnee‹ vorkam. Merlins Infor- mant war Seemann gewesen. Merlin, der sich immer brennend für unbekannte, ferne Länder interessiert hatte, hatte sich über die seltsame Tatsache gewun- dert, daß die, die Wüsten und Gebirge durchquerten, um das Land jenseits der Großen Mauer zu erreichen, von diesem immer als Cathay sprachen. Die Seeleute hingegen, die die Häfen jenes Landes ansteuerten, kannten es nur unter dem Namen China. Die Europä-, er hatten also für ein und dasselbe Reich zwei ver- schiedene Namen, und die Alchimisten sprachen von ›Chinesischem Schnee‹. Konnte mit diesem Element Salpeter gemeint sein? Er legte die Stirn in Falten und dachte angestrengt nach. Formeln nahmen in seinem Kopf Gestalt an, um gleich darauf wieder verworfen zu werden. Er hatte das Gefühl, ein emsiger kleiner Sucher zu sein, der verschlossene Türen in seinem Gehirn öffnete, nur um sie wütend wieder zuzuschlagen, wenn er das Gesuchte nicht vorfand. Wo steckte sie nur, die ver- dammte Formel, die sich beharrlich seinem Tasten entzog? Holzkohle und Sulphur – das war nur ein anderer Name für Schwefel –, das waren die anderen Ingredi- enzien des Pulvers; sowohl Wu als auch Gwalchmais Patenonkel hatten sie verwendet, jedoch mit äußerst unterschiedlichem Resultat. Konnte das Geheimnis vielleicht im Mischungsverhältnis liegen? Plötzlich standen die Worte vor seinen Augen, so als hätte jemand einen Schleier fortgerissen: Nimm vom Chinesischen Schnee fünf Maß, gutgestopft; vom Rhamnus Frangula, auf ein Zoll im Durchmesser zurecht- geschnitten, gut erhitzt in einem geschlossenen Eisenkol- ben, fein gemahlen – drei Maß, festgestopft; vom Goldpol- len vom Ätna, destilliert und kristallisiert – zwei volle Maß. Das Ganze siebe, vermenge es, alsdann befeuchte es, knete es gut durch, lasse es trocknen, zerreibe es, siebe es erneut durch und verwende es wie gewünscht. Genau das war es! Salpeter, Holzkohle – jedoch vom Hartriegel, nicht von der Weide – und Schwefel. Dieselben simplen Ingredienzien, wie Wu sie genannt hatte, jedoch für das Ohr des Uneingeweihten bis zur, Unkenntlichkeit verschlüsselt durch die blumige Symbolsprache der Alchimisten, deren Größter Mer- lin selbst war – doch was in aller Welt bedeutete ›verwende es wie gewünscht‹? Warum hatte er sich nicht deutlicher ausdrücken können? Was hatte er mit wie gewünscht gemeint? Bomben? Raketen? Donnerrohre? Hatte Merlin sich je so etwas Schreckliches wie ein Donnerrohr ausgemalt? Was würde passieren, wenn man dieses hochexplosive Pulver, das Gwalchmai neu erschaffen zu können hoffte, einsperrte, so wie Wus Gehilfen es mit seiner weit schwächeren Spielart gemacht hatten? Würde das Rohr nicht vielleicht zer- bersten? Er blätterte im Geiste eine Seite weiter in dem Buch. Ah ja, richtig – Raketen! Bunte Bälle zischenden Feuers, ausgespien aus metallenen Rohren! Da war sie, die Liste der Ingredienzien, mit denen sich solche Wunder fabrizieren ließen: Eine Moitié Bröckligen Akrosits (Großer Gott! Wieviel war eine Moitié?). Eine Portion Sublimierten Silbersper- mas von Yaotzin (auch bekannt unter der Bezeichnung ›Hydrargyrum‹) – interessant: Yaotzin war ein aztlani- scher Dämon! Nun – die Azteken nannten Gold auch ›Abfall der Götter‹. Dämonensperma konnte viel- leicht eine andere Bezeichnung für Quecksilber sein. Richtig! Von seinen Studien her wußte er, daß man ein hochexplosives Knallpulver aus Zinnober, dem Grundstoff des Quecksilbers, gewinnen konnte. Aber sollte das schon alles sein? Nein doch! Eine winzige Menge destillierter Naphtha-Essenz. Das mußte leicht zu beschaffen sein. Ein paar Tropfen Harzes; fein zerstoßenes Drachenblut – eine erkleckliche Menge. Eine, erkleckliche Menge – fürwahr! Gwalchmai fluchte in fünf Sprachen. Alles das für Raketen? Und in welchem Mischungsverhältnis? Er überlegte angestrengt. Moment – da war doch eine Fußnote gewesen! Zu mischen unter dem Zeichen der Venus und des Jupiter, un- ter der Herrschaft des Mars – siehe unter ›Himmlischer Hitzezauber‹ im Buch des Roten Drachen. Endlich hatte er halbwegs festen Boden unter den Füßen. Die angegebenen Mengen waren zwar äußerst vage, aber dafür war die benötigte Zauberformel vorhanden. Sie war in winzigen Ogham-Lettern in den Rand des Ringes eingraviert – abgewetzt zwar, doch immer noch lesbar. Es war eine Zauberformel, die bei Alchimisten ständig in Gebrauch war beim Zusammenstellen der Formeln, in denen die vier Elemente vorkamen – Erde, Luft, Feuer und Wasser, jene Elemente, in denen fast alles andere enthalten ist. Kein Wunder also, daß Merlin die Formel immer bei sich getragen hatte. So konnte nie der Fall eintre- ten, daß er sie einmal vergaß. Gwalchmai grübelte angestrengt weiter. Die Donnerrohre waren aus Bronze, welches eine Legierung aus Kupfer (Venus!) und Zinn (Jupiter!) war, und sie wurden zweifelsoh- ne für den Krieg verwendet! Und dieser stand unter der Vorherrschaft des Mars! Da waren sie, die drei er- forderlichen astrologischen Zeichen, und dazu in der passenden Konstellation! Und – er war im Besitz der Zauberformel! Was sollte jetzt noch schiefgehen? Von den erfor- derlichen vier Grundelementen fanden sich drei in dem Pulver wieder: die Erde (als seine Grundsub- stanz), das Feuer (in Gestalt seiner flüchtigen Atome), und die Luft (in der Gestalt des Rauches, in den es sich verwandeln würde). Drei der vier Elemente hatte er somit unter Kontrolle, und da Wasser nicht erfor- derlich war, würde seine Abwesenheit die Wirksam- keit des Gemisches auch nicht beeinträchtigen. Hinzu kam, daß er mit dem Magier als Helfer ge- nau die richtige Wahl getroffen hatte. Zwar fand er sich, als er diesem in bezug auf seine magischen Kenntnisse und Fähigkeiten ein wenig auf den Zahn fühlte, sehr bald in seiner von Anfang an gehegten Vermutung bestätigt, daß das meiste davon nicht viel mehr als Taschenspielertricks waren, doch erfuhr er dabei zu seiner großen Freude, daß Shan Cho bestens mit den Geheimnissen chinesischer Pharmakopöen vertraut war. Darüber hinaus besaß er einflußreiche Freunde in der Ehrenwerten Gilde der Glanzvollen Himmelsfeu- er-Schleuderer, und durch diese verschaffte er Gwal- chmai Bücher über das Geheimnis und die Kunst der Herstellung von Feuerwerkskörpern. Die Symbole in diesen Büchern vervollständigten Gwalchmais eigene oberflächlichen Kenntnisse und gaben ihm die Hin- weise, die er zur Beschaffung der nötigen Materialien brauchte. Da die Gießerei mit allen notwendigen Geräten ausgestattet war, stellten die Reinigung und Zusam- menstellung der erforderlichen Ingredienzien sie vor keine größeren Probleme, und nach vielen Versuchen glückte den dreien schließlich eine rundum zufrie- denstellende Komposition, die der alten Mischung von Wu weit überlegen war. Sie explodierte mit einem feinen, satten Knall und schleuderte die Steine viel weiter aus dem Rohr als, die alte. Allein der dicke, schwarze Rauch, der aus der Mündung des Rohres schoß, würde allen Hun- deteufeln unmißverständlich klarmachen, daß Ku- blai, der Unbezwingbare, nicht nur der Sohn des Himmels war, sondern auch der Neffe der Drachen, gegen den jeder Widerstand von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Das einzige, was diese enge geistige Verbindung, die zwischen den drei Partnern herrschte, zumindest aus Gwalchmais Sicht erheblich beeinträchtigte, war die Tatsache, daß Mei-mei, des Magiers Tanzmäd- chen und Assistentin, ständig um ihn herumstrich. Ihr Name bedeutete ›Kleine Schwester‹, doch waren ihre Aufmerksamkeiten alles andere als schwester- lich. Ihre Augen wurden jedesmal ganz groß, und ih- re Stimme nahm einen verführerischen Klang an, wenn sie in Gwalchmais Nähe kam. Er hatte be- trächtliche Schwierigkeiten, sich dadurch nicht ab- lenken zu lassen, sondern sich voll auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Nur zu gut erinnerte er sich der Nixe in Elveron. Manchmal fragte er sich, ob Corenice ihn erneut neckte oder seine Treue auf die Probe stellen wollte. Um ihr nur ja keinen Grund für spätere Vorwürfe zu liefern, riß er sich erst recht zusammen, und es gelang ihm, Mei-mei gegenüber eine solch reservierte Hal- tung einzunehmen, daß das Tanzmädchen sich schließlich geschlagen gab und seine verschmähte Gunst dem Gießereimeister zuwandte, der diese be- geistert und ohne zu murren annahm. Hätte Gwalchmai Flanns heilige Bücher studiert oder die einschlägigen Passagen in den Werken des K'ung Fu-tse, dann wäre er gewarnt gewesen und, hätte gewußt, daß man vor einem beleidigten Weib doppelt auf der Hut sein muß. Vielleicht hätte er sie dann auch auf frischer Tat ertappt, als sie eines Nachts heimlich in die Gießerei schlich und der ferti- gen Mixtur ein völlig überflüssiges Quantum subli- mierter Salpeteressenz beimengte. Dies wäre an sich nicht weiter schlimm gewesen, hätten nicht schon sowohl Wu als auch Shan Cho in ihrer Angst vor einem möglichen Mißerfolg ohne Wissen des anderen dem Pulver eine zusätzliche Menge derjenigen Zutaten beigemischt, die sie jeweils für die wichtigste hielten. Mit diesem erheblich von seiner ursprünglichen Zusammensetzung abweichenden Pulver wurden nun die leeren Bomben gefüllt. Nachdem diese über- aus heikle Prozedur beendet war, wurde der Rest des Pulvers, der für die Treibsätze in den Donnerrohren benötigt wurde, in sorgfältig bemessenen Portionen auf einzelne Beutel abgefüllt. Gwalchmai war mit den abschließenden Probede- tonationen so zufrieden, daß er beschloß, die Zauber- formel dazu erst im Augenblick der Demonstration zu sprechen. Er wollte, daß der Khan zu denen ge- hörte, die als erste Zeuge der ungeheuren Wirkung der neuen Wunderwaffe wurden. Zu jener Zeit befand sich zwischen der Purpurnen Verbotenen Stadt und dem Tempel des Himmels ein großer, offener Paradeplatz. Hier wurden Truppen inspiziert, Volksfeste veranstaltet, Wettbewerbe im Drachensteigen durchgeführt und Ansprachen an das Volk gehalten. Nachdem sie die Erlaubnis für die Durchführung einer Demonstration der neuen Waffe erhalten hatten,, forderten die drei Partner die Hersteller der her- kömmlichen Waffen zu einem Wettschießen heraus. Ihre Herausforderung wurde sofort und mit gering- schätzigen Kommentaren angenommen, und man ei- nigte sich schnell und ohne Schwierigkeiten auf einen Termin. Alsdann wurden auf dem Platz Tribünen für die Adligen errichtet, von oben nach unten hin abgestuft in Größe und Komfort nach der Hierarchie des Rei- ches. Ganz oben der Pfauenthron des Khan, darunter die zinnoberrot lackierten Sessel der Mandarine, dann die gepolsterten Hocker für die konfuzianischen Gelehrten, die Lehrer und die Beamten und ganz zu- unterst die harten Holzbänke für die Bonzen und sonstigen Priester. Die Mechaniker, Ingenieure und ihre Gehilfen scharten sich bereits geschäftig um ihre Katapulte und Steinmörser, die auf der einen Seite des Platzes aufgebaut waren. Gwalchmai, Wu und Shan Cho, die längsseits die- ser Bombenwerfer standen, hatten ihrer Mannschaft bereits genaue Anweisungen zur Aufstellung ihrer Batterie aus Donnerrohren gegeben. Sie warteten ge- laden und schußbereit. Neben ihnen waren die Ei- senbomben aufgeschichtet, die sie für die nächsten Salven brauchten, und dahinter standen die kleinen Karren mit den Beuteln für die Treibsätze, die ent- sprechend den verschiedenen Kalibern nach Größe und Gewicht sortiert waren. Vor diesem Aufgebot an Artillerie erstreckte sich ein freies Schußfeld, das die gesamte Länge des Para- deplatzes einnahm. Hinter den Maschinen drängte sich eine riesige Menschenmenge, die sich melonen-, kauend und teetrinkend die Zeit bis zum Beginn des Wettschießens vertrieb. Allenthalben wurde geplau- dert und gelacht, hier suchten Eltern ihre verlorenge- gangenen Kinder, dort Kinder ihre verlorengegange- nen Eltern. Kurz, es herrschte fröhliche Volksfest- stimmung. Ein paar Vorwitzige machten sich einen Spaß daraus, durch laute Anfeuerungsrufe oder gut- gemeinte, neunmalkluge Ratschläge die ohnehin ner- vösen Kanoniere zu hänseln, die mit zitternden Fin- gern zum fünfzigstenmal die Richthöhe der Rohre neu einstellten, zusätzliche Pflöcke zum Auffangen des Rückstoßes in den Boden trieben oder die riesi- gen Katapultarme herunterkurbelten, um die ersten Bomben, deren Zündschnüre sie in wenigen Minuten anzünden würden, in die Löffel zu legen. Als der Khan schließlich eintraf und Platz nahm – umringt von einer Schar hoher Beamter, jeder in Be- gleitung seiner Frauen, Konkubinen und Sklaven –, hatten die meisten Zuschauer bereits mindestens sechs Stunden ausgeharrt, viele sogar schon seit dem Morgengrauen. Sie waren verschwitzt, staubig und müde; sie waren schlecht gelaunt, nervös und unge- duldig, und die ersten Unmutsäußerungen machten sich breit. Nachdem Kublai umständlich in seinem Pfau- enthron Platz genommen hatte, klatschte er in die Hände, und die, denen die Möglichkeit dazu gegeben war, setzten sich hin und fächelten sich Luft zu. Jegli- cher Lärm verstummte augenblicklich. Alsdann traten der Erhabene Vorsteher der Kata- pult-Ingenieure, der Edle Oberbefehlshaber der Un- bezwingbaren Mörser-Feuerer und Wu aus dem Hause des Feng nach vorn und machten voreinander, den dreifachen Kotau mit neunfachem Kopfnicker. Gwalchmai, der in einem Pentagramm stand, das er in den Staub gemalt hatte, sprach jetzt die Formel des Himmlischen Hitzezaubers über die Donnerrohre und die Karren mit den Treibsätzen, wobei er lang- sam den Ring an seinem Finger drehte, um die Worte lesen zu können, die ineinander verschlungen in den Rand graviert waren. Zu seinem Entsetzen war ein Buchstabe in einem Wort des letzten Satzes fast völlig abgewetzt. Er beugte den Kopf, um besser sehen zu können, aber es half nichts, der Buchstabe war beim besten Willen nicht zu entziffern. War es ein C oder ein Q? Er hob den Ring noch ein Stück näher an die Au- gen und blinzelte angestrengt auf den Buchstaben. Es schien sich um die vier parallelen Linien eines Og- ham-C zu handeln, nicht um ein Q, denn das hatte fünf Linien. Kurzentschlossen las er ein C und been- dete den Satz. Unmittelbar darauf geschah zweierlei: Ein leises Knistern erhob sich von den Bronzerohren und den Bomben unmittelbar neben ihnen, worauf einer der pyramidenförmig aufgeschichteten Haufen sich pol- ternd und klirrend selbständig machte und die Bom- ben in alle Richtungen auseinanderkullerten. Sofort waren Wus Leute zur Stelle und schichteten sie wie- der ordnungsgemäß auf. Das zweite Geschehnis betraf Shan Cho. Er hatte, besorgt um den Ausgang des Wettschießens, eine skapulamantische Weissagung am Panzer einer Schildkröte durchgeführt, indem er diesen mit einer glühenden Nadel durchstoßen hatte, und kam jetzt mit dem Panzer in der Hand angeschlichen. Verstoh-, len zupfte er Gwalchmai am Ärmel und zeigte ihm die Risse, die durch die Hitze in dem Panzer entstan- den waren. »Edler Berater«, jammerte er mit grämlicher Miene. »Ein höchst ungünstiger Tag! Seht! Das fürwahr un- günstigste Zeichen in der langen Geschichte dieser Kunst der Weissagung! Wir müssen die Demonstrati- on auf der Stelle abblasen!« Gwalchmai blieb gerade noch Zeit, ihm einen ver- ächtlichen Blick zuzuwerfen, als auch schon der erste Katapultarm hochschnellte, mit dumpfem Krachen gegen den gepolsterten Hemmblock schlug und seine Bombe mit der brennenden Zündschnur hoch in die Luft schleuderte. Ein dünner Rauchfaden markierte ihre Flugbahn zum Zielpunkt am anderen Ende des Platzes. Angefacht durch den Fahrtwind, verbrannte die Zündschnur jedoch zu schnell, und die Bombe detonierte in der Luft, noch ehe sie ihr Ziel erreicht hatte. Die Maschinisten machten betretene Gesichter und begannen hastig, am Zielmechanismus ihrer Schleu- der herumzuhantieren, um die Richthöhe neu einzu- stellen. Dann legten sie eine neue Bombe ein, diesmal mit einer längeren Zündschnur, und bereiteten sich auf den nächsten Schuß vor. Doch erst einmal waren jetzt die Mörser an der Reihe. Diese konnten wahlweise große Steinbrocken abfeuern (etwa zum Zertrümmern einer Stadtmauer) oder aber mit Werg und Öl getränkte Harzklumpen, wie man sie zum Ausräuchern einer feindlichen Fe- stung verwendet. Sie waren jedoch alles andere als beweglich und eigneten sich schon aufgrund ihres gewaltigen Ge-, wichtes ausschließlich als Belagerungswaffe. Gerade sie hoffte Gwalchmai mit den wendigen und bei weitem vielseitigeren Donnerrohren ausstechen zu können. Doch würde dies gewiß kein leichtes Unter- fangen sein, das wußte er, denn die Mörser waren hervorragende Konkurrenten. Sie hatten den Vorteil, von alterfahrenen Maschinisten bedient zu werden, und wurden darüber hinaus von der überwiegenden Mehrzahl der zumeist konservativ eingestellten Ge- nerale favorisiert. Der größte von ihnen wurde als erster abgefeuert. Obwohl man die Pulverladung in Anbetracht der be- sonderen Bedingungen des Schießwettbewerbs er- heblich verringert hatte, entlud sich die riesige Ma- schine mit einem gewaltigen, ohrenbetäubenden Knall. Ein greller Blitz zuckte aus dem überdimensio- nalen Schlund des Rohres, und die Erschütterung war so stark, daß der Boden unter den Füßen bebte. Die steinerne Kugel flog hoch in die Luft, so hoch, daß man sie nur noch als winzigen dunklen Punkt am Himmel erkennen konnte, und kam, rasch größer werdend, mit lautem Zischen in derart beängstigen- der Geschwindigkeit zurückgerast, daß jeder der Zu- schauer glaubte, er selbst sei das Ziel. Doch die Ka- noniere hatten so akkurat gezielt, daß die Kugel fast im Mittelpunkt des fünfzig Fuß messenden Kreises aufprallte, den man zuvor in den Staub gezogen hat- te. Ein wahrer Orkan von Applaus erhob sich aus dem Publikum. Der Khan strahlte übers ganze Gesicht und warf der Mannschaft als Belohnung einen prall gefüllten Beutel mit Goldstücken hinunter. Während die Kanoniere den Schatz unter sich aufteilten, war-, fen sie verächtliche Blicke auf Wu und seine Männer, die in diesem Augenblick mit brennenden Fackeln vortraten und ihre Positionen hinter den Bronzeroh- ren bezogen. Da die Bronzerohre viel kleiner waren als die ande- ren Maschinen, die an dem Wettbewerb teilnahmen, hatte Gwalchmai beschlossen, gleich eine ganze Salve abzufeuern, um größeren Eindruck zu machen. Dies war zwar nicht in Übereinstimmung mit den vorauf- gegangenen Demonstrationen, verstieß jedoch nicht gegen die Regeln des Wettbewerbs. Da das größte aller Rohre gleichzeitig jenes war, welches die Essenz von Wus unglückseligem Vater enthielt, waren die drei Partner übereingekommen, Feng – in der berechtigten Hoffnung, dadurch seinem unruhigen Geist eine Wohltat zu erweisen – das Pri- vileg einzuräumen, als erster die frohe Botschaft einer neuen Ära der Kriegskunst zu verkünden. Gwalchmai als Ranghöchstem der drei kam die eh- renvolle Aufgabe zu, das zu einem dicken Bündel zu- sammenlaufende Ende der einzelnen Zündschnüre zu entflammen. Als die winzigen Glutpunkte zischend über die Erde huschten, wirbelte er herum und klopfte mit seiner Fackel leicht gegen das Zündloch. Zu seiner großen Verblüffung blieb die erwartete Explosion aus. Statt dessen gab die Kanone namens Feng ein langgezogenes Zischen von sich, das bald zu einem schrillen Pfeifton anschwoll, wie wenn Dampf unter ungeheurem Druck entweicht, und sich schließlich zu einem ohrenbetäubenden Kreischen steigerte. Diejenigen, die die Mündung beobachten konnten, sahen auch, wie plötzlich etwas Spitzes aus ihr her-, vorstieß. Es wand sich nach links und rechts und schob sich dabei wie unter großer Anstrengung im- mer weiter aus dem Schlund der Kanone. Wenig später war für jeden deutlich zu erkennen, daß dieses spitze Etwas nichts anderes war als ein riesiger Schnabel. Jetzt öffnete er sich zum Entsetzen der Um- stehenden, und zwischen einer langen Reihe furchter- regender Giftzähne stieß eine lange, gespaltene Zun- ge hervor. Dem Schnabel folgte der Rest des Kopfes – eine kuppelartig gewölbte Stirn, aufgeblasene Kehl- lappen und tellerartige, lidlose Augen, die kalt und grimmig mit scharlachroten Pupillen in die Menge starrten. Als nächstes kam ein langer, gezackter Kamm zum Vorschein, der sich sogleich aufrichtete und an- schwoll wie bei einem wütenden Kampfhahn. Das Monster blickte hin und her und verharrte für einen Moment in dieser Stellung, offenbar um neue Kraft zu sammeln. Hitzewellen umwaberten den grauenerregenden Kopf. Die Zuschauer aus den vordersten Reihen wi- chen schreiend zurück und versuchten in panischer Angst, sich weiter nach hinten durchzukämpfen, während von hinten Schaulustige nach vorn dräng- ten, um bessere Sicht zu haben. Rasch war die ganze Menge in Aufruhr. Jetzt hob sich der Kopf des Ungeheuers und wand sich ein Stück weiter aus dem Rohr heraus. Ein lan- ger, schuppiger Hals folgte, und dann kamen zwei kurze, dünne Arme mit furchterregenden, krallenbe- wehrten Fingern. Die Klauen krallten sich um den Rand der Mündung, und die Bronze glühte unter ih- rem eisernen Griff rot auf., Die Muskeln in den Schultern und Armen ballten sich zu mächtigen Knoten, als das Scheusal sich müh- sam aus dem Schlund der Kanone zwängte. Erneut stieß es ein schrilles, wütendes Zischen aus, und ein langer Feuerschweif schoß aus dem jetzt weit aufge- rissenen Schnabel. Eine letzte verzweifelte Anstren- gung – und der Rest des langgestreckten Körpers schob sich aus der Kanone und sank ermattet auf die Erde wie eine erschöpfte Motte, die gerade aus ihrer Larve geschlüpft ist. Aber diese Kreatur war nicht feucht wie eine frisch geschlüpfte Motte! Nein! Ihr Körper spannte und straffte sich, ihre endgültige Form begann sich abzu- zeichnen; trocken knirschten ihre Schuppen, als sie sich schwerfällig vorwärtsschleppte und dann auf- richtete! Gleich darauf begannen die verschrumpelten Schwingen sich zu entfalten wie ein Segel im Wind, als das Blut (oder der brennende Eiter) in ihre Adern schoß. Der lange, knotige Schweif peitschte wild hin und her, die Schwingen flatterten ein paarmal aufge- regt auf und ab, spannten sich, und dann erhob sich das Ungeheuer zischend und feuerspeiend in die Lüfte, beschrieb einen weiten Bogen und flog, gewal- tige Hitzestrahlen aussendend – einer lebendigen Sonne gleich –, dicht über die Köpfe der schreienden Menge hinweg. »Fong-Onhang!« flüsterten Shan Cho und Wu wie aus einem Munde. »Der Feuerdrachen!« In diesem Moment wußte Gwalchmai, daß eine der ältesten Schreckenslegenden der Menschheit lebendig geworden war. Vor seinen Augen zog der berühmte Feuerdrachen, jene gefürchtete Gestalt der Kulturen, aller Welt, dessen fernen Vetter einst der tapfere Beowulf zu seinem eigenen Verderben getötet hatte, drohend seine Kreise. Und er, Gwalchmai, hatte ihn Gestalt werden lassen! Hatte er das Pulver falsch ge- mischt? Hatte er zuviel Drachenblut hinzugefügt? Oder hatte er einen Fehler beim Zeichnen des Pen- tagramms gemacht? Seine Überlegungen wichen blankem Entsetzen, denn jetzt nahm das Unheil un- aufhaltsam seinen Lauf. Aus hundert Rohren zu- gleich zwängten sich die furchterregenden Leiber neuer Feuerdrachen. Je nachdem, wie groß das Kali- ber des Rohres war, dem sie entschlüpften, waren sie winzig wie Spatzen oder groß wie Enten. Manche waren so gewaltig, daß sie mühelos einen Adler hät- ten verschlingen können. Als die Meute sich flatternd erhob und zischend und kreischend über den Schieß- platz und die Stadt flog, wußte er, daß die Schrecken dieses Tages noch nicht vorbei waren. Er hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da begannen unter lautem Knistern die Bomben zu zerplatzen und zu zerbersten wie frisch ausgebrütete Eier. Glühendrote Splitter zischten durch die Luft, und kurz darauf stiegen viermal hundert weitere Drachenküken unter ohrenbetäubendem Zischen auf, um ihre Kreise über der entsetzten Menge zu ziehen. Sie putzten sich, unentwegt Funken und winzige Flammenschweife speiend, stießen hinunter, um die vor Angst zitternden Menschen mit ihren Hitzewel- len zu versengen, und zogen, einen langen, kometen- artigen Schweif hinter sich herschleppend, in weiten Spiralen wieder in die Höhe, um mit der Masse ihrer schimmernden Leiber buchstäblich die Sonne zu ver- dunkeln., Gwalchmai sah Wu und Mei-mei Hand in Hand in panischer Angst davonrennen, mitgerissen von der kreischenden, fliehenden Menge. Er sah, wie Shan Cho hastig sein Gewand abstreifte, aus Angst, jemand könnte ihn als Zauberer erkennen, und ebenfalls da- vonrannte, nur mit dem Lendenschurz eines Kulis bekleidet. Gwalchmais Vertrauen in die Kraft der Zauberei war zutiefst erschüttert. Er fühlte den heftigen Wunsch, ebenfalls davonzulaufen, aber er zwang sich, an seinem Platz zu verharren. Wie hatte es bloß zu einem solchen Fiasko kommen können? Alle seine Pläne waren mit einem Schlag zunichte gemacht worden. Er war bitter enttäuscht. Er hoffte nur, daß Merlin und Corenice, gleich in welchem Winkel des Elysiums sie sich gerade aufhalten mochten, niemals von diesem Tag der Schande erfahren würden. Doch dann hellten sich seine Züge auf. In dem nunmehr herrschenden besseren Licht erkannte er beim nochmaligen Studieren der Inschrift auf dem Ring, daß die vier kleinen Linien in dem Buchstaben des letzten Wortes mit einer fünften, fast völlig ab- gewetzten Linie verbunden waren. Es handelte sich also doch um ein Q und nicht um ein C, wie er zu- nächst geglaubt hatte! Die Hexerei war also doch noch eine verläßliche Kunst! Mit fast beschwingtem Schritt eilte er davon, als die Hitze fast unerträglich wurde. »Genau!« murmelte er zu sich selbst. »Kein Zweifel – der Buchstabe in dem Wort, das ich falsch ausgesprochen habe, war ein Q!« Ein winziger Fehler, fürwahr, doch groß genug, die Entwicklung des chinesischen Geschützwesens um vierhundert Jahre zurückzuwerfen!, Er kehrte nicht in sein luxuriös ausgestattetes Haus zurück. Er sah weder sein Büro wieder, noch forderte er irgendeine Belohnung von seinem Herrscher, der ihn sicherlich schon wutentbrannt erwartete. Es wäre auch schwierig gewesen, Kublais Aufenthaltsort überhaupt ausfindig zu machen, denn der Khan hatte in großer Hast die Stadt verlassen, um zu seinem Sommerpalast zu eilen, der sich irgendwo weit im Norden befand. Noch schneller als er hatte seine treue, durch die Ereignisse indes ein wenig verwirrte Gefolgschaft das Weite gesucht und war ihm voraus- geeilt, um alles Nötige für seinen Empfang vorzube- reiten. Gwalchmai vergeudete keine Zeit damit, Wu zu suchen, den Sohn des unglückseligen Feng, oder Shan Cho, die er in seiner Selbstbeschämung für kaum we- niger ungeschickt hielt als sich selbst. Die Stadt war sicherlich nicht der geeignete Ort für einen Mann, dem es an der Fähigkeit zu schnellen Entschlüssen mangelte. Zum Glück war Gwalchmai kein solcher. Er wog rasch die relativen Vorteile einer Seereise gegen die einer ausgedehnten Flucht auf dem Landwege ab und entschied sich prompt für die erstere der beiden Möglichkeiten. Unter seinen weniger lobenswerten Bekannten be- fand sich ein Dschunkenführer, der, ständig von sei- nem schlechten Gewissen geplagt, sein Schiff stets be- reit zum Auslaufen hielt. Da dieser Mann – ein im übrigen unter chronischem Geldmangel leidender Bursche – sich schlecht und recht mit Schmuggel über Wasser hielt, war er verschwiegenen Angeboten ge- genüber stets aufgeschlossen. Unmittelbar nach Abschluß der Verhandlungen, wurde Gwalchmai – um eine beträchtliche Summe Geldes ärmer als vorher – vor den Gefahren des Son- nenlichts und neugieriger Augen im dunkelsten Winkel des Laderaumes der Dschunke versteckt. Wenige Tage später wurde er im Schutz der Nacht an einer abgelegenen Bucht der Küste Nihons ohne längere Abschiedsszenen an Land gesetzt, fürderhin allein auf sich gestellt. Als das kleine Boot wieder vom Strand ablegte, rief ihm der Dschunkenführer zum Abschied noch einen freundlichen Rat zu. »Es mag der Gedanke des höchst verdienstvollen, doch nunmehr verstoßenen Ratgebers sein, daß eine Zeit kommen wird, da er ungefährdet wieder zu- rückkehren kann. Doch sollte er wissen, daß es nicht gut für ihn wäre, seinen Kopf so lange unter Wasser zu halten, bis dieser Augenblick gekommen ist. Die halbe Stadt wurde in jener Nacht von seinen Drachen in Schutt und Asche gelegt, und wäre diese Person nicht ein Mann von höchster Rechtschaffen- heit und überwältigender Tugendhaftigkeit, dann würden gewißlich Reichtümer in schwerbeladenen Karren auf die wurmstichigen Planken seiner Dschunke rollen, wenn der Ratgeber in Fesseln vor den Kaiser geführt würde.« Zuerst verstand Gwalchmai nicht. Des Nachts? Aber die Feuerdrachen waren doch in alle Himmels- richtungen davongeflogen, als er weggegangen war, und er hatte nirgends Feuer gesehen. Doch dann wurde ihm alles klar. Natürlich! Er hätte von Anfang an wissen müssen, worin das Un- heil jenes unglückseligen Tages seinen Gipfelpunkt finden würde! Wie alle anderen geflügelten Kreaturen waren die, Feuerdrachen bei Einbruch der Nacht zurückgekom- men und hatten sich, rotglühend und feuerspeiend, zum Schlafen niedergelassen – auf den Dächern von Cambaluc!,

Das Reich der Träume

Was Gwalchmai nicht wissen konnte: Es war keines- wegs ein Zufall, daß er ausgerechnet an dieser Stelle der Küste abgesetzt worden war. Alle Menschen werden von Ereignissen und Ursachen geleitet, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, egal wie sehr sie auch überzeugt sein mögen, daß sie selbst es sind, die ihr Schicksal bestimmen; und Gwalchmai war in sei- nem langen Leben mehr als andere auf diese Weise beeinflußt worden. Er war sich dessen oft auf seinen langen Wande- rungen bewußt gewesen, aber als er nun am Strand stand und dem Boot nachblickte, da ahnte er nicht, wie stark diese Kräfte diesmal auf ihn eingewirkt hatten, noch, von wem sie ausgingen. Lange stand er reglos da und schaute der Dschunke nach, bis sie sei- nen Blicken entschwunden war. Doch gab es an jenem Strand außer seinem eigenen noch ein weiteres, nicht minder aufmerksam blicken- des Augenpaar. Es dauerte auch nicht lange, und er sah in der Dunkelheit ein seltsames, bedrohlich wir- kendes Individuum quer über den Strand auf sich zukommen. Es war ein Mann. Er schien recht klein, so klein, daß er Gwalchmai allenfalls bis zur Schulter reichte, aber er sah so aus, als verfügte er über im- mense Körperkräfte. Seine nackten, muskelbepackten Arme bewegten sich leicht im Rhythmus seines Schrittes, als er näher kam. Seine Hände waren leer, doch in seinem Gürtel steckten zwei Schwerter, ein, kurzes und ein langes. Zwar ruhten beide in einer Scheide, doch waren seine Hände bedrohlich nahe an den Griffen. Abgesehen von den Armen war sein ganzer Körper mit schwarzen Panzerplatten bedeckt, die offenbar ebenso die Aufgabe hatten, dem Gegner Furcht ein- zuflößen, wie ihren Träger zu schützen. Der seltsam geformte Harnisch aus schwerem Leder, Bronze und Stahl war zusammengeschnürt mit ledernen Peit- schenriemen, scharlachroten Seidenbändern und dik- kem, kunstvoll geflochtenem Kupferdraht. Gwal- chmai fühlte sich beim Anblick dieser Rüstung un- willkürlich an die schwarzen Chitinpanzer erinnert, die die Elfen sich aus den Flügelhüllen riesiger Käfer fertigten. Den Kopf des Mannes krönte ein vierzackiger, mit einem Federbusch geschmückter Bronzehelm, der von einem ledernen Kinnriemen gehalten wurde. Sein Gesicht bedeckte eine aufklappbare, enganlie- gende Bronzemaske mit Sehschlitzen und Atemlö- chern an Mund und Nase. Gwalchmai war bis auf einen kleinen Dolch und die Feuersteinaxt, die er immer bei sich trug, unbe- waffnet. Er zog die Axt aus der Schärpe und wog sie wurfbereit in der Hand. Der Gepanzerte blieb etwa zwanzig Fuß vor ihm stehen und klappte seine Maske hoch. Er hatte ein angenehmes, kräftiges Gesicht, und obwohl er ganz offensichtlich bemüht war, eine möglichst grimmig wirkende Miene aufzusetzen, indem er die Mund- winkel mürrisch herunterzog, konnte er doch nicht die natürliche Freundlichkeit und Gutmütigkeit ver- bergen, die seinen Zügen eignete., Gwalchmai war angenehm überrascht, als er fest- stellte, daß er den fremden Besucher verstehen konnte. Sein Dialekt unterschied sich nicht wesentlich von dem, welchen die Seeleute an Bord der Dschunke gesprochen hatten, abgesehen von ein paar Wörtern, die er etwas anders betonte. »Ich bin Chikara, Samurai des Daimyo Hidayama«, stellte er sich mit einer knappen Verneigung vor. »Ich habe den Auftrag, Euch zur Burg Shori zu geleiten, wo man Euch willkommen heißen wird, Edler Bote.« Er verneigte sich erneut, wobei er deutlich hörbar den Atem einsog. »Ihr wußtet, daß ich hier sein würde?« fragte Gwalchmai verdutzt. »Wollt Ihr sagen, daß Ihr mich erwartetet?« »So ist es. Seit drei Tagen und Nächten schon überwachen unsere Patrouillen diesen Küstenstreifen auf einer Breite von acht Ri*. Jedoch war ich es, der von meiner Herrin heimlich in Kenntnis gesetzt wur- de, an welcher Stelle genau Ihr zu finden wäret, und ich werde es sein, der die Belohnung erhält. Ich darf Euch bitten, mir zu folgen.« Gwalchmai lockerte den Griff um den Stiel seiner Axt und steckte die Waffe wieder in seine Schärpe zurück. »Ich verstehe nicht.« Sein Führer lächelte. »Der Baron wird Euch über alles aufklären.« Ohne sich zu vergewissern, ob der andere ihm auch folgte, machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte mit einem derart strammen Tempo los, daß Gwalchmai Mühe hatte, in dem wei- chen Sand mit ihm Schritt zu halten. * Zwanzig Meilen, Nachdem sie etwa eine Meile marschiert waren, umrundeten sie eine Landzunge, hinter der sich eine kleine Bucht erstreckte. Von weitem sah Gwalchmai Fischerboote auf dem Strand liegen, und bald er- kannte er die Umrisse eines Dörfchens, dessen stroh- gedeckte Hütten sich halbmondförmig in das gegen- überliegende Ende der Bucht schmiegten. Darüber erhob sich, an einen mächtigen, zerklüfteten Felsen gelehnt, Bucht und Dorf gleichermaßen beherr- schend, Burg Shori. Mit seinem mächtigen, bis ans Wasser stoßenden Fuß und seinen hoch in den Him- mel ragenden Zinnen sah es von weitem so aus, als wäre es geradewegs aus dem Felsen gewachsen. Chikara blieb stehen und formte die Hände zu ei- nem Trichter. »Oh-ei! Oh-ei!« trompetete er, und gleich darauf tauchte ein Fischerboot aus der Dun- kelheit auf, um sie auf die andere Seite der Bucht zu bringen. Wenig später stieß das Boot sanft gegen eine kleine Kaimauer, wo hilfreiche Hände bereits zur Stelle waren, um es heranzuziehen, und freundlich lächelnde Gesichter sie beim Aussteigen in Empfang nahmen. Gwalchmai war noch verblüffter als vorher. Chikara wurde sogleich von einer Gruppe Soldaten umringt, die die gleiche Kluft trugen wie er, ihm auf die Schulter klopften und ihm zu seinem Erfolg gra- tulierten. Ein kahlköpfiger, ganz in Seide gehüllter Diener näherte sich Gwalchmai, fragte ihn unter re- spektvollen Verbeugungen nach seinem ehrenwerten Namen und komplimentierte ihn unter sanftem Druck hinein. Gwalchmai hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten, als er mit seinen Strohsandalen voraustrip- pelte, gefolgt von den anderen. Mit leisem Knarren, schloß sich das Eingangstor hinter ihnen. Nun ging es hinauf durch enge, gewundene Gänge, mit schweren Toren und Wachtposten an nahezu je- der Biegung; über schmale steinerne Treppen, deren Seitenwände mit Schießscharten durchbrochen wa- ren; über Stiegen, über denen die Decken mit Löchern durchbohrt waren, auf daß man den anstürmenden Feind mit kochendem Wasser oder siedendem Öl übergösse. So gelangten sie schließlich in einen Audienzsaal, so groß, daß zehn Tatami-Matten auf dem Fußboden Platz fanden. Und dort erwarteten ihn jene, die zu seiner Verblüffung von seinem Kommen gewußt und nichts dem Zufall überlassen hatten, ihn zu finden und herzubringen. Baron Hidayama saß mit gekreuzten Beinen auf ei- nem erhöhten Sitz, in der Hand einen Fächer, mit dem er sich frische Luft zufächelte. Die Vorderseite des Raumes war zum Meer hin offen. Der Baron trug einen schwarzen Kimono, der von einer roten Schär- pe zusammengehalten wurde. In dieser steckte ein Krummdolch, halb verdeckt von dem Mantel, der seinen Rang bezeichnete – ein steifer Haori aus schwerer Seide, bestickt mit einer einzigen zierlichen weißen Pfingstrose. Sein Gesicht war das eines Aristokraten, fein ge- schnitten und mit dünnen, ausdrucksstarken Lippen. Sein Oberlippenbart war lang, doch äußerst schmal, und sein Haar war zu einem Knoten gebunden. All dies nahm Gwalchmai mit einem raschen Blick auf, und dann vergaß er es wieder. Er hörte wie von weitem die freundlichen Begrüßungsworte des Ba- rons, doch er nahm sie nicht mehr auf: Ein Rauschen, füllte seinen Kopf, und sein Herz begann wie wild zu pochen. Er hatte das Gefühl zu ersticken. Mit zittern- den Fingern zerrte er an seinem Kragen und schnappte nach Luft. Direkt neben dem Baron, auf einem seidenen Dau- nenkissen, saß jemand, den er kannte! Die goldenen Ringellöckchen, die zarte, golden schimmernde Haut! Kein Zweifel, vor seinen Augen, hier in diesem Zim- mer, saß die kleine, goldene Prinzessin, die er gese- hen und so kurz liebkost hatte – die ihn so liebevoll mit ihren Armen umschlungen und an ihren Busen gedrückt hatte – auf dieser Seite der magischen Tür! »Am Golde sollst du mich erkennen!« Das waren Corenices letzte Worte gewesen. Und fürwahr – gol- den waren die Haare gewesen, golden auch das Ge- wand, das die Nixe getragen hatte, um seine bewun- dernden Blicke auf sich zu ziehen; golden der Reif, den sie um ihre schlanke, nackte Taille gewunden hatte. An diesen Merkmalen hatte er sie immer in ih- ren verschiedenen Verkörperungen erkannt. Doch nie zuvor war sie ihm so schön erschienen wie in diesem Augenblick! Vor seinen Augen sah er gleichsam eine Wiederge- burt jener Corenice, wie er sie einst kennen- und lie- bengelernt hatte: jener unvergleichliche Ausdruck, der Thyra und Nikky zeitweilig auch äußerlich in je- nes Wesen verwandelt hatte, dessen Seele ihre Körper beherbergten, hier, in den Zügen dieser liebreizenden Tochter Nihons, war er wieder lebendig geworden, so vollkommen, als wäre sie ein zweites Mal geboren worden. Kein Zweifel, es war Corenice! Er hatte wenig Zeit, dieses Wunder zu bestaunen., Schon sank sein Führer auf die Knie und machte eine tiefe Verbeugung. »Der Ehrenwerte Gorome-San, Gesandter des Kai- sers der Mongolei«, verkündete er. Der Baron neigte zum Zeichen des Grußes den Kopf. Als er sah, daß Gwalchmai stehen blieb, erhob er sich ebenfalls. »Ich grüße Euch und heiße Euch willkommen, ed- ler Herr. Es ist mir eine Ehre, Euch die Gastfreund- schaft meines Hauses anbieten zu dürfen. Ich bin Ba- ron Kuroki Hidayama, und dies ist meine Tochter, die Edle Dame Mitami Uyume. Sie war es, die mir Euer Kommen ankündigte. Sobald Ihr ein Bad ge- nommen und Euch erfrischt habt, werden wir zu- sammen speisen. Ihr seid zweifellos hungrig und müde. Alles was Ihr seht, steht zu Eurer freien Verfü- gung. Dieses Haus ist auch Euer Haus.« Er klatschte zweimal in die Hände. Gwalchmai konnte ihn nur anstarren, als hätte er die Sprache verloren. Vergessen waren all die blumi- gen Worte, die höflichen Floskeln, die kunstvoll ver- wobenen Phrasen, die ihm den Weg in Cambaluc ge- ebnet hatten und die er so mühevoll gelernt hatte. Vergessen all die höflichen Umgangsformen, fort und verschwunden, als wären sie nie dagewesen. Die Edle Dame Mitami Uyume! Tochter eines Daimyo! Verkörperten diese beiden Menschen das Volk, das die Höflinge des Khan als ›Hundeteufel‹ bezeichneten? War so wie diese beiden das Volk, gegen welches eine mächtige Nation einen Eroberungsfeldzug vor- bereitete? Gegen diese kleinen, zierlichen, freundli- chen Menschen?, Und er, Gwalchmai, hatte alle seine Kraft darauf verwendet, sie zu vernichten, um seine eigennützi- gen, selbstsüchtigen Ziele zu verfolgen! Um ein paar Schiffe zu bekommen, war er bereit gewesen, Feuer, Tod und Sklaverei über seine Corenice zu bringen – über ihr Reich der Träume! In der Pforte, durch die er beim Betreten der Burg geschritten war, hatte er jene wiedererkannt, die er in Shan Chos Zaubervision gesehen hatte! Kein Zweifel, es war dieselbe Pforte, eingerahmt von einem massi- ven Tor, hinter der er das Reich der Träume erblickt hatte! Sie würde vor der geballten Macht des Kublai Khan fallen, als wäre sie aus Papier! Eher würde er sterben, als dies zulassen! Wenig später fand er sich in Begleitung eines Mäd- chens im Bad wieder, ohne recht zu wissen, wie er überhaupt dorthin gelangt war. Er konnte sich vage erinnern, daß er eine entsprechende Bitte an seine Gastgeber gerichtet hatte, aber er wußte beim besten Willen nicht mehr, was im einzelnen er gesagt hatte. Und während ihm in einer brühend heißen Wanne fast die Haut vom Rücken geschrubbt wurde, wäh- rend er unter einem Guß kalten Wassers nach Atem rang, während er durchgeknetet wurde, bis er glaubte, grün und blau zu sein, obwohl seine hübsche Peinigerin es als eine ›sanfte Massage‹ bezeichnete – während er all dies willenlos über sich ergehen ließ, schwebte nur ein Bild vor seinen Augen, das ihn völ- lig gefangennahm: das Antlitz der Edlen Dame Mitami Uyume – Corenice! Vergeblich bemühte seines Masseuse ihre feinsten Verführungskünste – nur wie aus weiter Ferne ver- nahm er ihre Seufzer, hörte er ihre liebevoll ge-, hauchten Komplimente über sein jugendliches Ge- sicht und seinen kräftigen, wohlgeformten Körper. Vergeblich glitten ihre geschickten Hände zärtlich über seine Schenkel, in dem Bestreben, seine Lust zu erwecken; vergeblich sprachen ihre Augen Worte, die ihre Lippen nicht auszusprechen gewagt hätten – er nahm sie kaum wahr. Es gab nur ein Lächeln, das er zu sehen begehrte, nur eine Hand, die er berühren wollte – und nur eine Liebe, der sich hinzugeben er erträumte. Nachdem er in ein seidenes Gewand gehüllt wor- den war und schmeichelnde Hände seinen Füßen dicke weiße Strümpfe und weiche Pantoffeln überge- streift hatten, wurde er in den Speisesaal eskortiert, wo sein Gastgeber und seine Geliebte schon Platz ge- nommen hatten und auf ihn warteten. Seine Span- nung war gewichen, und er genoß die ruhige, gelas- sene Atmosphäre, die seiner Umgebung eignete. Das Mahl war einfach. Als erstes wurde Fisch auf- getragen, der mit köstlich schmeckenden, senfge- würzten Pilzen garniert war. Dem nächsten Gang, ei- ner klaren Schildkrötensuppe mit Schildkröteneiern und einem Schuß Ingwersaft, folgte der Hauptgang, der aus einem in dünne Scheiben geschnittenen Huhn bestand, zu dem feingehackte grüne Spitzen von weißem Rettich in Sojasoße gereicht wurden. Den Abschluß des Mahles bildeten Hummer- schwänze, zertrennt und arrangiert in der Form von Pfingstrosen, auf weißem, gekochtem Reis. Danach wurde ein seltener Sake serviert und eine Schale Obst auf den niedrigen Tisch gestellt. Alsdann begann unter dem zarten, unaufdringli- chen Klang von Schamisen, die hinter einer vor den, Tisch geschobenen bemalten Blende gespielt wurde, das Gespräch. Gwalchmai konnte nicht wissen, daß die Anwe- senheit der Tochter des Barons bei dem Gespräch et- was Außergewöhnliches in diesem Kulturkreis dar- stellte. In anderen Zivilisationen, mit denen er ver- traut war – von der aztlanischen und der der Hode- nosaunee in Alata über die britische und südeuropäi- sche bis zur zentralasiatischen –, war die Stimme der Frauen gleichberechtigt mit der der Männer, wenn auch bisweilen etwas schriller. So war er auch nicht überrascht, als er bald fest- stellte, daß Baron Hidayama ganz offensichtlich von der jungen Frau an seiner Seite beherrscht wurde. Im Gegenteil: Er hätte es bei weitem merkwürdiger ge- funden, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, stand für ihn doch außer Frage, daß es sich bei der Frau um Corenice handelte. Was ihn jedoch verwunderte, war, daß sie als erste das Wort an ihn richtete. »Wie Euch bereits mitgeteilt wurde«, begann sie mit angenehm leiser Stimme, »haben wir Euer Kom- men bereits sehnlichst erwartet. Bedeutet die Bot- schaft, die Ihr bringt, Frieden oder Krieg?« Verdutzt starrte Gwalchmai sie an. Entweder war ihre verblüffende Ähnlichkeit nichts weiter als ein purer niederschmetternder Zufall, oder sie verstellte sich mit Absicht, weil sie vor ihrem Vater nicht zuge- ben konnte, daß sie mit dem Fremden an ihrem Tisch eine geheimnisvolle Vergangenheit teilte. »Ich befürchte, daß dies alles ein großer Irrtum ist. Vielleicht habe ich eine Gastfreundschaft angenom- men, die für einen anderen bestimmt ist. Ich trage, weder eine Botschaft bei mir, noch bin ich irgend je- mandes Gesandten. Ich denke, es ist das beste, wenn ich um Verzeihung bitte und auf der Stelle diese Burg verlasse.« Der Baron hob beschwichtigend die Hand. »Bitte, seid nicht betroffen. Wenn tatsächlich ein Irrtum vor- liegt, dann war es sicherlich nicht Eure Schuld, son- dern unsere. Wir wußten von Eurem Kommen, da Ihr unterwegs gesehen wurdet. Und gewiß gibt es nicht zwei solcher Männer wie Euch in Nihon, mit einer solch roten Haut. Und wenn doch, dann wäre es si- cherlich um so bemerkenswerter, daß beide den glei- chen Ring tragen. Ich nahm an, Ihr wäret ein Ge- sandter des Khan und überbrächtet eine Botschaft für den Regenten Hojo Tokimune wie schon fünf andere vor Euch. Jede ihrer Botschaften enthielt beleidigen- dere Worte als die vorausgegangene. Den Khan verachten wir, nicht jedoch die Träger seiner Botschaften. Alle sind unversehrt nach Kama- kura zurückgekehrt und höflich behandelt worden. Doch wie bereits erwähnt – Ihr wurdet gesehen, und ich weiß, wer Ihr seid.« »Und ich weiß auch, wer Ihr seid«, murmelte die Edle Dame Mitami, doch so leise, daß Gwalchmai die Worte mehr von ihren Lippen ablas, als daß er sie hörte. Der Baron gestattete sich ein mildes Lächeln. »Mei- ne Tochter genießt die Privilegien des Sohnes, der mir nie vergönnt war, und ich muß sagen, sie ist ihrer würdig. Manche Frauen besitzen Fähigkeiten, die die der Männer bei weitem übertreffen, und solche Ta- lente, die von den Göttern geschenkt wurden, soll man fördern, nicht unterdrücken. Als Mitami eine, Frau wurde, sollte sie einem Sohn der Akagawa, dem sie von frühester Kindheit an versprochen war, zur Frau gegeben werden, doch weigerte sie sich strikt. Sie weinte und jammerte und sagte, ihr wäre der ein- zige Mann, den sie jemals heiraten würde, im Traume erschienen. Sie weigerte sich zu essen und verzehrte sich in Sehnsucht nach jenem Manne, der, so sagte sie, eines Tages über das Meer zu ihr kommen würde. Ihr lieb- ster Schatz war ein Spiegel, in dem sie ihn, wie sie behauptete, manchmal sehen konnte, wenn der Schlaf sie floh, und dann folgte sie ihm ein Stück auf dem Wege, der ihn eines Tages zu ihr führte. Sie sagte, sie besäße einen Freund, der sie aus ihren eigenen Augen anschaute, sobald sie in jenen Spiegel blickte. Ich be- stand jedoch darauf, daß sie zu dem Mann ginge, dem ich sie versprochen hatte. Wir sind ein schwaches Geschlecht, und ich hatte Angst, daß wir uns die Akagawa zum Feinde mach- ten, wenn ich mein Versprechen nicht hielte. Doch es schien, daß sie eher stürbe, als mir zu gehorchen, so stark war ihr Wille, sich meiner Entscheidung zu wi- dersetzen. Und als sie so bleich und matt dalag, wurde mir klar, daß ich sie mehr liebte als meinen Stolz oder mein Versprechen. Ich betete zur Fuchsgöttin Inari, die unserem Hause wohlgesonnen ist, und flehte sie an, sie möge Mitami wieder zum Leben erwecken, denn zu jenem Zeitpunkt hielten wir sie schon für tot – der Spiegel, den wir ihr vor den Mund hielten, be- schlug nicht mehr. In meiner Trauer und Verzweiflung beugte ich mich zu ihr hinab und flüsterte ihr ins Ohr, sie sollte, den zum Manne nehmen, den sie selbst auserwählt hätte, und sie könnte auch den Tag ihrer Vermählung selbst bestimmen. Da schlug sie die Augen auf, lä- chelte und verlangte nach etwas zu essen. Danach schlief sie wieder ein. Da wußte ich, daß Inari sie mir wiedergegeben hatte, und das Herz floß mir schier über vor Glück und Freude. Es kostete mich viel, mich von meinem Versprechen bei den Akagawa freizukaufen, und sie sind heute meine Feinde, doch was brauche ich Geld und Gut, habe ich doch meinen größten Schatz in ihr gefunden! Und so warten wir denn seither gemeinsam auf jenen roten Fremden vom Meer, welcher, wie sie prophezeite, in einer Zeit großer Not zu uns kommen würde. Ich bin so froh, daß Ihr dieser Mann seid und nicht der Gesandte, den ich erwartete. Könnt Ihr uns etwas von Kublai und seinen Plänen berichten?« Gwalchmai zögerte. Wenn es stimmte, daß Cam- baluc zur Hälfte niedergebrannt war, dann bedeutete das, daß die Invasion, die für den Mittsommer vorge- sehen war, aller Wahrscheinlichkeit nach auf unbe- stimmte Zeit verschoben werden mußte. Er wollte weder falsche Hoffnungen erwecken noch irgendwel- che Kenntnisse vorspiegeln, über die er nicht verfüg- te. Am allerwenigsten war ihm daran gelegen, daß die beiden erfuhren, in welchem Maße er selbst dazu beigetragen hatte, den Zeitplan des Khan über den Haufen zu werfen. Selbst jetzt noch, über das Meer hinweg, glaubte er den grimmigen Blick von siebentausend buntbemal- ten Augen zu spüren, die haßerfüllt auf Nihon und ihn starrten. Zu behaupten, daß er ganz allein eine solche Macht, höchst empfindlich in ihrer Entfaltung gestört hatte, noch dazu auf seltsamste Art und Weise, konnte in dem Baron nur einen Eindruck heraufbeschwören, nämlich den, daß er es mit einem eitlen Großsprecher zu tun hatte. Wenn er mit der vollen, peinlichen Wahrheit herausrückte, dann würde er sich damit nur als ein wenig brauchbarer Bundesgenosse hin- stellen. Und daß er ein Bundesgenosse dieses Volkes sein würde, stand für ihn fest. Der Baron mißverstand sein Zögern. »Wenn es sich um eine Ehrensache handeln sollte, dann will ich Euch nicht weiter dazu drängen. Ihr müßt keine Ge- heimnisse preisgeben, zu deren Geheimhaltung Ihr Euch verpflichtet habt.« Er erhob sich mit düsterem Blick und wollte schon, zum Zeichen, daß er die Unterredung als beendet betrachtete, zweimal in die Hände klatschen, als Mitami mit einer reizenden Handbewegung den Är- mel seines Kimonos berührte. »Verehrter Vater, ich bin sicher, daß das Zögern unseres Gastes darin begründet ist, daß er seine Worte mit Bedacht wählen möchte. Sprecht, Herr, seid Ihr für uns, oder seid Ihr gegen uns?« Gwalchmai faltete die Hände über der Brust und machte eine tiefe Verbeugung. Den Blick fest auf ihre Augen gerichtet, antwortete er: »Ich bin für Euch, jetzt und immer. Niemals dürft Ihr daran zweifeln.« Sie erwiderte seine Verbeugung, und als sie ihren Kopf hob, trafen sich ihre Blicke erneut und blieben sekundenlang ineinander versunken. Ihre Lippen spitzten sich kaum merklich, und er wußte, daß der Nachdruck, mit dem er seine Worte gesprochen hatte, ihr nicht unbemerkt geblieben war., »Setzt Euch, Vater, und fragt ihn, was Ihr ihn fra- gen wolltet. Ich bin sicher, daß Ehre kein Faktor in dieser Sache ist.« Durch geschicktes Fragen förderte der Daimyo die Informationen zutage, die ihm wichtig waren. Gwal- chmai verschwieg nichts, und während er sprach, wurden alle wichtigen Details von einem Schreiber mit Pinsel und Tusche in gestochenen, zierlichen Schriftzeichen auf Reispapier aufgezeichnet. Die ge- naue Anzahl der Schiffe, ihre Bewaffnung und Aus- rüstung; die Kavallerietumane, ihre Namen und Em- bleme; die Anzahl der Fußsoldaten, die Maschinisten und ihre Ausrüstung – all dies notierte man sorgfäl- tig. Selbst unwägbare Größen wie Kühnheit, Gehor- sam und Kampfgeist wurden berücksichtigt. Als Gwalchmai schließlich mit seinem Bericht en- dete, häufte sich ein dicker Stoß Blätter vor dem Schreiber. Gwalchmai fühlte sich erschöpft, sein Kopf schien völlig leer. Kuroki erhob sich, und diesmal klatschte er wirk- lich zweimal in die Hände. Sofort war ein Diener zur Stelle. Der Baron gab ihm den Stapel Papier und sag- te: »Laß hiervon unverzüglich zwanzig Kopien anfer- tigen. Eine davon muß auf dem schnellsten Wege zum Mikado nach Kyoto gebracht werden. Eine wei- tere geht an den Shogun in Kamakura und der Rest an die Oberhäupter aller Sippen nah und fern. Bring ihnen nahe, daß die Angelegenheit von höchster Dringlichkeit ist, und dränge sie, alle persönlichen Feindschaften hintanzustellen. Des weiteren sage ih- nen, daß die Küste so scharf bewacht werden muß, daß keine Krabbe den Strand unbemerkt überqueren, und kein Vogelnest auf den Klippen von seinem Be- wohner aufgesucht werden kann, ohne daß er gese- hen wird. Wenn die Kopien fertig sind, bring sie zu mir, egal zu welcher Stunde, damit ich sie unterzeichne. Sorge dafür, daß sich bis dahin zwanzig Boten bereitma- chen, sofort loszueilen.« Zur Stunde des Pferdes, welche nach westlichen Uhren Mitternacht ist, wurden die Schriftstücke un- terzeichnet, zusammengerollt und versiegelt. Und als der nächste Glockenschlag die Stunde des Schafes einläutete, waren die Fackeln der Kuriere schon lange außer Sichtweite, in zwanzig verschiedenen Richtun- gen. Glücklich schätzten sich jene Läufer, deren Ziele die größeren Häuser im näheren Umkreis waren. Kyoto lag sechs Tagesreisen von Burg Shori ent- fernt; Kamakura dreihundert Meilen – vier Tagesrei- sen für schnelle Stafettenläufer, die bereit waren, das letzte aus sich herauszuholen und so schnell zu lau- fen, daß ihnen fast das Herz zersprang. In der Tat brachen sie oft zusammen, wenn sie die Botschaft in die Hände des nächsten Läufers übergeben hatten und wußten, daß sie nicht mehr weiterlaufen mußten. Während die Botschaften unterwegs waren, began- nen die Bewohner des kleinen Küstenabschnitts mit ihren Vorbereitungen. In einem der anmutigsten Landstriche der Erde mußten die Männer und Frauen sich für den Krieg rüsten, damit ihr Land seine Schönheit bewahrte! Bald brannten auf den Land- zungen Signalfeuer, standen bewaffnete Männer Tag und Nacht Wache, durchstreiften Fischerboote die Küstengewässer, während sie gleichzeitig ihre Netze einbrachten., Vorräte wurden auf die Burg geschleppt, die Mau- ern verstärkt, indem man ihre Zacken erhöhte und ih- re Schießscharten verbreiterte, um den Bogenschüt- zen ein besseres Sichtfeld zu verschaffen. Tag und Nacht arbeiteten die Waffenschmiede; sie reparierten Rüstungen, schärften Schwerter und schmiedeten die rübenförmigen Pfeilspitzen, deren schrilles Kreischen dem Feind das Blut in den Adern erstarren läßt. Jeder Dorfbewohner wußte, daß er, wenn es soweit war, sofort sein Haus verlassen und den Schutz der Burg aufsuchen mußte; jeder hatte Zündschnüre ge- legt, um sein Haus in die Luft zu sprengen, sobald er es verlassen hatte; jeder hatte den Burgherren den Treueid geschworen, den erst der Tod brach. Der Itari-Fluß ergießt sich, ungestüm über spitze Felsen hinwegschießend, in die Haga-Bucht. Er ist heutzutage keine bedeutende Wasserstraße, doch zu jener Zeit war er bei weitem tiefer und umspülte den Felsen. Auf diese Weise bildete er einen natürlichen Burggraben. Die Strömung war an dieser Stelle stark, fast reißend und wurde von zwei hölzernen, auf Pfählen gestützten Brücken überspannt. Weiter ober- halb befand sich ein kleiner See. Er war künstlich ein- gezwängt vermittels eines Damms aus Holz und Er- de, und sein Sturzbett war mit Stein eingefaßt. Dieser kleine See diente als Nistplatz für allerlei Wasservö- gel und als Reservoir für Süßwasserfische. Die Brük- ken und der Damm lagen auf Bogenschußweite zur Brustwehr der Burg, welche darüber hinaus mit Ka- tapulten bestückt war, die den größten Teil des Ha- fens bestreichen konnten. In früheren Zeiten einmal hatten die Herren von Burg Shori von allen, die auf dem See- oder Landweg, vorbeikamen, Wegzoll gefordert. Es war eine starke Festung. Ihr Bergfried, fünf Stockwerke hoch, lehnte sich eng an eine steile Felsklippe, die ebenfalls befe- stigt und mit einem Leuchtfeuer gekrönt war. Unter- halb dieser Klippe und von ihrer Spitze her vollstän- dig zu überblicken, erstreckten sich die Befestigungs- anlagen – hohe Erdwälle, drei an der Zahl, zehn Fuß breit, beidseitig mit Steinen verstärkt und an mehre- ren Stellen durchbrochen von tunnelartigen Durch- gängen, die auf beiden Seiten durch schwere Tore ge- sichert waren. Zum Meer hin waren diese Wälle durch den schon erwähnten natürlichen Wassergraben gesichert, dessen Bett erweitert und ebenfalls mit glatten Steinwänden ausgekleidet war, die mit den Jahren moosig und schlüpfrig geworden waren. Gelang es einem Angrei- fer dennoch, den Graben und die Wälle zu überwin- den, dann mußte er erst einmal unter einem Pfeilha- gel von der Burg oder dem Fort auf der Felsklippe ei- nen breiten Hof überqueren. Der Fels selbst war nur vom Innern der Burg aus zugänglich; die ursprüngli- chen Pfade, über die seine Spitze einstmals erreichbar gewesen war, hatte man so kunstvoll glattgemeißelt, daß nirgends auch nur der kleinste Vorsprung zu se- hen war, der einem Kletterer Halt geboten hätte. Zur Landseite hin war der riesige Monolith nicht minder glatt und unzugänglich. Die Tunnels in seinem In- nern stellten die letzte Redoute der Verteidiger dar. Die schon erwähnten Wälle waren zusätzlich ver- stärkt durch einen Oberbau aus stachligem Strauch- werk und eine Doppelreihe gitterartig verflochtener, angespitzter und feuergehärteter Holzpfähle. Der Raum zwischen diesen beiden Reihen war mit Erde, und scharfen Kieselsteinen gefüllt und ebenfalls mit Schießscharten für die Bogenschützen versehen. Dar- über erhob sich terrassenförmig ansteigend die Burg mit ihren Mauern, Schießscharten und Brustwehren. Auf ihre höchsten Dächer fiel bei Sonnenuntergang das Licht der Sonne. Da sie mit roten Ziegeln gedeckt waren, sah man sie weithin deutlich, und sie bildeten einen hervorragenden Orientierungspunkt für See- fahrer. Auf diesen auffälligen Punkt steuerte wenig später die Vorhut der mächtigen Flotte des Kublai Khan zu, als sie die Küste Nihons sichtete. Auf dem Flaggschiff stand Admiral Chepe Ketoyan Be und studierte durch ein ledernes Rohr den natürli- chen Paß in das fruchtbare Hinterland. Ein Blick sei- nes scharfen Auges auf die Rauchsäulen, die von den brennenden Strohdächern des Fischerdorfs aufstie- gen, verriet ihm, daß die Flotte bereits gesichtet und somit die Besatzung der Burg gewarnt war. Sein Mund verzog sich zu einem höhnischen Grin- sen. Signalfahnen gingen flatternd hoch, und die nachfolgenden Geschwader scherten in breiter For- mation in beide Richtungen aus, um sich auf- und abwärts der Küste andere Häfen und geeignete Lan- deplätze zu suchen. Die Einheit des Admirals steuerte indessen geradewegs auf die Haga-Bucht zu. Burg Shori war so gut gerüstet wie nie zuvor. Zwar war von Baron Kurokis Kurieren noch keine Antwort eingetroffen, aber er wußte, daß die Stämme und Fa- milien sich bereits sammeln würden. Er dankte Inari, daß ihm noch ausreichend Zeit zur Vorbereitung ge- blieben war., Ein Glück nur, daß dieser Fremde, Gorome, ge- kommen war. Er schien ein Mann mit vielen Talenten zu sein. Unter seiner Aufsicht und nach seinen Plänen waren Steinschleudern gebaut worden, deren Arme jetzt entlang den Brustwehren in den Himmel ragten. Der Baron hatte derart mächtige Waffen noch nie ge- sehen, doch wußte er ihren Wert zu schätzen. Gorome stand an seiner Seite und spähte hinaus auf das Meer. Es war ein später Augustabend des Jahres 1281 (1941 nach der Zählweise des Barons). Die Sterne leuchteten groß und hell, und obwohl der Mond zu einer winzigen Sichel geschrumpft war, gab er doch soviel Licht, daß Gwalchmai und der Baron deutlich die drohenden, dunklen Umrisse der gewal- tigen Flotte erkennen konnten, die vor der Hafen- mündung vor Anker gegangen war. Ebenso deutlich erkannten sie auch die kleinen Boote, die sich von den Rümpfen der größeren Schiffe lösten und lang- sam und fächerförmig auf die beiden Landspitzen zubewegten, welche die Bucht begrenzten. Der Baron wußte, daß die Außenwerke zwar von allen sichtbaren Beobachtungsposten geräumt wor- den waren, daß jedoch ein paar wenige Auserwählte in gut getarnten Gruben unter der Erde hockten und die völlige Dunkelheit abwarteten. Als die Mongolen mit ihren chinesischen und ko- reanischen Hilfstruppen diese strategisch wichtigen Punkte besetzten, stießen sie zu ihrer Verwunderung auf keinerlei Widerstand. Praktisch war der gesamte Hafen jetzt in der Hand des Feindes. Der Baron wandte sich zu Gwalchmai. »Es ist die Stunde des Tigers, und der Tiger gilt als Symbol un-, serer Stärke, so wie das ihre der Drachen ist. Wenn wir jetzt zuschlagen, verschaffen wir uns Achtung, und sie verlieren ihr Gesicht. Doch bin ich dafür, erst die völlige Dunkelheit abzuwarten.« Gwalchmai lächelte. »Wenn ich mir eine Bemer- kung erlauben darf, Edler Herr – bei den Mogu zäh- len solche Werte wie Ansehen und Ehre nichts. Der kleine Vorteil, den wir bei einem Ausfall erreichen könnten, würde ihnen überhaupt nichts ausmachen. Sie sind ein wildes, grausames Volk, und der einzige Wert, den sie respektieren, ist Gewalt – und davon besitzen wir wenig. Andererseits ist es unbedingt richtig, daß alles, was wir heute nacht tun, unseren Leuten Mut gibt. Wenn wir aushalten können, bis die Armee des Shogun uns zu Hilfe eilt, dann hätten wir schon mehr erreicht, als wir erhoffen konnten. Wir sollten nichts unversucht lassen, den Feind zu schwächen, und die richtige Stunde ist dabei von äußerster Wichtigkeit. Wenn wir, solange wir leben, ein wenig Zeit gewinnen kön- nen, dann ist es möglich, daß sie vielleicht nicht über den Paß hinaus weiter vordringen – zumindest für ein paar Tage. Wenn die Armee ihr Aufgebot in der Ebene jenseits des Passes stellen kann, dann käme es zu einer ausgeglicheneren Schlacht. Wartet noch eine Weile. Schlagt zu in der Stunde des Huhns (drei Uhr in der Früh) – dann ist es am kältesten, und sie sind schlaftrunken. Zu jener Stunde werden sie am wenigsten mit einem Angriff rechnen, und dementsprechend matt wird ihr Kampfgeist sein. Das Huhn ist nicht als Ausbund an Tapferkeit be- kannt.« Die Nacht verging, und die Lagerfeuer der Mon-, golen auf den beiden Landzungen sanken zu einem schwachen Glimmen herab. Die Laternen der reglos daliegenden Flotte warfen lange Lichtstreifen über die stille Bucht. Weder auf den Schiffen noch an Land waren irgendwelche Geräusche zu hören, die auf Ar- beit schließen ließen. Offenbar schliefen alle bis auf die Wachtposten. Es war die Stunde des Huhns. Da leuchtete auf den Zinnen von Burg Shori drei- mal kurz hintereinander ein Licht auf; einen Augen- blick später blitzte es erneut, doch nun aus einem an- deren Winkel. Das erste Blinken hatte der linken Landzunge gegolten – nun blitzte es dreimal in die Richtung der rechten. Unmittelbar darauf öffneten sich geräuschlos an gut geölten Scharnieren hängende, mit einer festze- mentierten Kiesschicht bedeckte Falltüren. Und we- nig später entstiegen den darunter verborgenen Gru- ben nackte Männer mit Dolchen und Schwertern, die sich lautlos auf das mongolische Lager zubewegten. Wachtposten erstickten in ihrem Blut und starben, ohne einen Laut von sich zu geben. Die Angreifer schulterten die Speere der Getöteten und übernah- men deren Posten. Andere glitten lautlos ins Wasser und schwammen hinüber zur Flotte, weniger Wellen hinterlassend als ein Fisch. Das alles geschah lautlos und blitzschnell. Die Zeit verging. Gongschläge verkündeten die Stunde der Nacht, doch bevor die Wache abgelöst wurde, begannen seltsame Dinge auf dem ruhigen Wasser ihren Lauf zu nehmen. Einige der weiter außerhalb liegenden Schiffe trie- ben, unbemerkt von ihren Insassen, langsam auf den Strand zu und stießen dort krachend auf die dicht an, dicht liegenden anderen Schiffe. Schlaftrunkene See- leute, die – aufgeschreckt durch den plötzlichen Lärm und die Erschütterung – die Kajütentreppen hinauf- stolperten, fanden zu ihrem Entsetzen die Lukendek- kel vernagelt, die Wachtposten tot am Boden liegend und die Luft von brenzligem Geruch erfüllt. Die Schiffsräume mochten zwar noch in mongoli- scher Hand sein, doch die Decks gehörten Nihon! Als nächstes fingen die Segel Feuer, als weitere Schiffe von draußen hereintrieben, lodernden Fackeln gleich. Mit gekappten Tauen krachten sie in die vor Anker liegenden Schiffe und verhedderten sich un- entwirrbar in deren Takelage. Sofort sprangen die Flammen über, und das Feuer breitete sich in Win- deseile aus. Die nackten Männer von Burg Shori, erkennbar nur an ihrem weißen Stirnband – dem äußeren Zeichen ihrer Bereitschaft, im Kampf zu sterben –, sprangen von den brennenden Dschunken in die einem aufge- regten Hühnerhaufen gleichende Menge ihrer ent- setzten Feinde. Mit Messer und Schwert hieben und stießen sie um sich, und die Mongolen stießen und hieben blindlings zurück, unfähig, in der Dunkelheit Freund und Feind auseinanderzuhalten. Ein Dutzend blutiger kleiner Schlachten entbrannte, ehe alle die, die vom Meer gekommen waren, tot niedergestreckt lagen. Am Strand brannten unterdessen die Zelte lichter- loh, angezündet von denen, die Wachtposten gespielt hatten. Sie schleuderten ihre Fackeln ziellos in das Lager und sprangen dann ins Wasser. Zehn von ih- nen erreichten schwimmend die Burg, wo sie mit dem Beifall und den Glückwünschen ihrer Kamera-, den empfangen wurden. Von denen, die auf der Flotte kämpften, kam indes keiner zurück. Nicht einmal vierzig Minuten waren seit Beginn des Überfalls vergangen. Die Stunde des Hundes hatte noch nicht begonnen. Die Belagerten begaben sich zur Ruhe, um vor den Ereignissen des nahenden Tages noch einmal soviel Schlaf wie möglich zu be- kommen. Für die Invasoren hingegen gab es in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Als der Morgen graute, war das ganze Ausmaß des Schadens, den die tapferen Freiwilligen dem Feind zugefügt hatten, zu erkennen. Schwelende, halbver- kohlte Schiffsrümpfe lagen zur Seite gekippt auf den Felsen, wo die abziehende Flut sie zurückgelassen hatte. Die Flotte, weit auseinandergesprengt während der Nacht, kämpfte sich gegen einen heftigen ablan- digen Wind in den Hafen zurück. Der Strand war übersät mit Pferdekadavern, und in der Brandung schwammen die blutigen Leichen der Gefallenen, doch sie waren zu weit entfernt, um von der Burg her identifiziert werden zu können. Dies alles schien in- dessen für die Mongolen nicht viel mehr als eine ge- ringfügige Störung bedeutet zu haben. So weit das Auge blicken konnte, zeugten die Rauchsäulen der Lagerfeuer und brennenden Dörfer und Befesti- gungsanlagen längs der Küste von erneuten ge- glückten Landungsversuchen. Es bedurfte nun keiner Leuchtfeuer mehr. Für die gewaltigen Horden, die sich jetzt aus den Leibern der mongolischen Armada auf die Strände Nihons ergossen, war ein solches Ereignis wie der nächtliche Zwischenfall in der Haga-Bucht nicht viel mehr als ein Flohbiß für einen Elefanten. Und der Ele-, fant schickte sich an, zum Vergeltungsschlag auszu- holen. Zahlreiche Tumane Soldaten waren bereits in An- griffsformation aufgestellt. Sturmleitern wurden aus- geteilt. Hunderte von Zimmerleuten und Maschini- sten waren damit beschäftigt, Belagerungsmaschinen zusammenzubauen, Zäune zu ihrem Schutz zu zim- mern, Steinbrocken aufzustapeln, Feuerbomben her- anzukarren und Sprengbüchsen herzurichten. Gegen zehn Uhr vormittags gab Chepe Ketoyan Be in dem Gefühl, die Stunde sei günstig, das Signal zum ersten Angriff. Es war die Stunde des Drachens. Das schuppige, vielbeinige Ungeheuer wälzte sich wutschnaubend gegen die Befestigungsmauern – und humpelte stöhnend und wimmernd wieder zurück, auf erheblich weniger Beinen als vorher. Zwei Säulen gepanzerter Angreifer stürmten über die zwei Brücken, die Schilde hoch erhoben gegen den prasselnden Hagel von Pfeilen, die wie giftige In- sekten durch die Lücken und Spalten gezischt kamen und bitteren Blutzoll forderten. Als sie weiterstürm- ten und in das Schußfeld der Schießscharten zwi- schen den Pfahlsperren auf dem ersten der drei Wälle gelangten, ließen weitere Angreifer ihr Leben. Um diesem tödlichen Hagel zu entgehen, mußten die Nachdrängenden ihre Schilde tiefer halten, wodurch sie sich wiederum schutzlos dem unausgesetzten Feuer von oben preisgaben, das um so wirkungsvol- ler war, als die Gesetze der Schwerkraft der Wucht der Pfeile zusätzlichen Schwung verliehen. Doch vorwärtsgetrieben durch die schiere Masse der Leiber, schwappte die Wucht der Angreifer wie eine Brandungswoge gegen die steinerne Einfassung, des Erdwalls und hinauf auf seine Spitze. Die Zehen und Fingerspitzen in die Ritzen zwischen den Stein- blöcken gekrallt, über Pyramiden aus menschlichen Körpern oder über mitgebrachte Sturmleitern amei- senartig sich ergießend, immer wieder nach unten ge- rissen von den rücklings herunterfallenden Körpern der Vorkämpfer, erreichten sie schließlich die Krone des Walls und sprangen – mitten hinein in die tod- bringenden Spitzen der Holzpfähle, die zu ihrer Be- grüßung in den Boden getrieben worden waren! Die- jenigen, die überlebten, sahen sich hilflos einge- pfercht in den engen Korridor zwischen dem ersten und dem zweiten Wall, die Tore auf beiden Seiten verriegelt und kein Verteidiger weit und breit zu se- hen. Die unbezwingbaren Verteidiger Shoris hatten sich blitzschnell in die zweite Linie zurückgezogen. Die Angreifer befanden sich in einer prekären La- ge. Die in dem Korridor steckten, waren ohne Leitern verloren, da die Tore durch gewaltige Leichenhaufen blockiert waren. Und aus den Reihen derer, die durch die Masse der Nachdrängenden weiterhin nach oben, auf die Krone des Walles, gespült wurden, vergrö- ßerten sich diese Haufen fortwährend. Und in beide Massen sandten die Verteidiger vom zweiten und dritten Wall aus mit tödlicher Geschwindigkeit und Präzision ihre todbringenden Pfeile, während von den Zinnen her geschickte Meisterschützen mit atem- beraubender Zielsicherheit die Offiziere aussonder- ten. Viele der Mongolen sollten niemals weiter kommen als bis zu den Pfählen des ersten Walles. Aufgespießt, unfähig, sich zu befreien, hingen sie zappelnd und, schreiend noch eine Weile da, bevor sie ihren grauen- vollen Tod fanden. Als schließlich die Gefallenen, die sich vor dem er- sten der beiden Tore zu einem gewaltigen Haufen stapelten, weggeräumt waren und die wenigen Überlebenden das Tor von innen aufriegelten, war der Korridor zwischen den beiden Wällen buchstäb- lich mit Leichen verstopft. Der Tribut, den die An- greifer hatten zahlen müssen, war ungeheuer. Doch schon rollte eine neue Angriffswoge mit don- nerndem Getöse über die beiden Brücken. Als der schmale Streifen zwischen Graben und Brücken voll, der erste Korridor ebenfalls dicht war und die ersten Köpfe sich über den heftig umkämpften Wall reckten, erfüllte ein schrilles Pfeifen die Luft. Entsetzt schos- sen alle Blicke nach oben, um ohnmächtig mit anse- hen zu müssen, wie ein massiver, zerklüfteter Fels- brocken mit ungeheurer Wucht genau in das Zen- trum der ersten Brücke krachte, mitten in das dicht- gedrängte Gewühl aus Leibern, und sie mitsamt den Überlebenden, die sich mit angstverzerrten Gesich- tern an ihren Balken und Streben festklammerten, unter ohrenbetäubendem Splittern in die Strömung riß. Der dumpfe Schlag, mit dem der Arm des Kata- pults, der ihn geschleudert hatte, gegen seinen An- schlagblock prallte, ging unter im Schreien und Stöh- nen der Zerschmetterten. Fast unmittelbar darauf brach unter einem zweiten Felsbrocken, geschleudert von einem zweiten Katapult oben auf der Klippe, unter fürchterlichem Krachen auch die andere Brücke zusammen. Jetzt waren die Eindringlinge von ihrem Hauptlager abgeschnitten durch die Fluten des Itari,, der sich vom Blut der Zerschmetterten für einen kur- zen Augenblick hellrot färbte. Gegen Mittag befanden sich keine Mongolen mehr in dem Korridor – keine lebenden zumindest. Die, die es geschafft hatten, dem Pfeilhagel lebend zu entrin- nen, kauerten jetzt auf dem schmalen Streifen zwi- schen dem Fluß und dem ersten Wall, die Köpfe aus Furcht, von Pfeilen getroffen zu werden, ängstlich zwischen die Schultern gezogen, und warteten dar- auf, daß andere kämen, um mit vereinten Kräften ei- nen neuen Ansturm zu wagen. Einen solchen berei- teten die Invasoren bereits mit erheblichem Aufwand an Menschen und Material vor. Bewegliche Brücken wurden gezimmert, Katapulte herangeschafft und außerhalb der Pfeilschußweite der Verteidiger aufge- stellt. Begleitet wurden diese Bewegungen von einem unablässigen, verschwenderischen Pfeilhagel seitens der mongolischen Bogenschützen, die, gut abge- schirmt durch einen breiten, fast mannshohen Holz- zaun, langsam, aber stetig bis dicht an den Rand des Grabens vorrückten. In der Zwischenzeit hatten ganze Kompanien von Pionieren damit begonnen, Löcher in die Klippe zu hacken und Pfähle hineinzutreiben, um so den Kampftruppen zu ermöglichen, den Verteidigern von oben her beizukommen. Wenig später begannen die ersten den Felsen zu erklimmen. Offenbar hofften sie darauf, letzten Endes den Felsen schon aufgrund ih- rer schieren Masse einnehmen zu können. Zwar sa- hen sie sich ständig erneut zurückgeworfen und be- hindert durch Steine, die die Fischer, tatkräftig unter- stützt von ihren Frauen und Kindern, den Fels hinab- rollten, und viele von ihnen wurden auch in die Tiefe, gerissen, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen blieben – doch konnten die Verteidiger auf Dauer nicht verhindern, daß die Reihen der Kletternden, die sich aus der scheinbar endlosen Zahl von Angreifern immer neu auffüllten und sogar noch verstärkten, langsam, aber sicher bedrohlich näher kamen. Gleichzeitig entbrannte ein Artillerieduell. Die Ka- tapulte auf den Brustwehren gerieten sehr bald unter das Feuer der überlegenen mongolischen Maschinen unten am Strand. Viele von ihnen wurden getroffen und außer Gefecht gesetzt von den explodierenden Bomben, die, obgleich nicht mit dem Pulver gefüllt, welches Gwalchmai anfangs entwickelt hatte, den- noch stark genug waren, verheerenden Schaden an- zurichten. Jetzt dankte er Gott, daß es kein Erfolg ge- wesen war! Im Schutze dieses Bombardements schoben die Truppen die Brücken, die sie konstruiert hatten, lang- sam über den Graben vor, und bald darauf brandete eine neue Welle von Angreifern gegen den Wall. Dichte Rauchwolken von Schwarzpulver und bren- nendem Strauchwerk verdunkelten die Sonne, und knisternde Flammen tauchten die wutverzerrten Fratzen der Angreifer in dunkelrotes, unwirklich an- mutendes Licht. Von oben konnten die Verteidiger durch den dich- ten Qualm nur noch die Augen und weit aufgerisse- ne, grölende Mäuler erkennen. Es war ein Tag des Schreckens. Doch dann, als die Kletternden trotz des erbitterten Widerstands schließlich den Gipfel des Felsens er- reichten, mußten die tapferen Verteidiger der Burg zum erstenmal zurückweichen. Während die Männer, in verzweifeltem, aussichtslosem Kampf jeden Fuß- breit der Felsspitze verteidigten, rannten ihre Famili- en zurück zu den Öffnungen, die in die Tunnels und Kammern im Innern des Felsens führten. Doch hatten sich die Verteidiger, bevor sie sich in den Schutz des Felsens zurückzogen, noch eine letzte Über- raschung aufgespart: Der einzige Katapult, der intakt in ihren Händen verblieben war, schleuderte seinen letzten, gewaltigen Felsbrocken. Um den letzten Schlag zu einem verheerenden zu machen, hatten die Maschinisten unter Gwalchmais Oberaufsicht lange und äußerst sorgfältig gezielt. Doch war ihr Ziel nicht eine der beiden neu errichteten Brücken, sondern der Damm, der den künstlichen See umschloß und gleichzeitig den Übergang über den Paß bildete. Fast schwerfällig hob sich der riesige Brocken aus dem Löffel, stieg hoch, erreichte seinen Scheitelpunkt und raste, immer schneller werdend, hinunter, auf den Damm zu. Einem Kometen gleich schlug er ge- nau in der Mitte des Dammes ein, zerschmetterte mit ohrenbetäubendem Krachen die gemauerte Einfas- sung und bohrte sich tief in das Erdreich. Sofort bildeten sich rings um das Einschlagloch tie- fe, spinnwebartige Risse, Wasser sprudelte hoch, füllte das Loch, spülte über seinen Rand hinweg, und binnen Sekunden löste sich der Damm unter den nachdrängenden Wassermassen auf wie nasser Zuk- ker. Immer breiter wurde die Schneise, die das rasch nachfließende Wasser in den weichen irdenen Kern des Dammes schnitt. Der Itari schwoll an und trat über seine künstlichen Ufer; mit Donnergetöse spran- gen seine entfesselten Fluten gegen die Katapulte und ihre hölzernen Schutzblenden., Und dann stürzte sich der ganze Inhalt des Sees in einer einzigen riesigen, alles niederwalzenden Flut- welle auf den Strand und riß alles, was im Wege war – Menschen, Material, Artillerie –, mit ungeheurer Wucht ins Meer. Die letzte Tat der Verteidiger auf dem Felsen, bevor auch sie ihren Frauen und Kindern in die Stollen folgten, bestand darin, das zweite Leuchtsignal abzu- feuern. Der Rauch schoß spiralförmig in die Höhe – ein letzter Hilferuf, doch Hilfe war nirgends in Sicht, weder vom Land her noch vom Meer. Als die Mongolen nachsetzten und ihnen hinunter in die Tunnels folgten, zündeten sie unten ölgetränkte Feuer an und trieben die Verfolger mit Hitze, Schwe- feldämpfen und einer Kanonade zerberstender Ge- steinsbrocken wieder hinaus. Die Flammen loderten mit solchem Ungestüm gegen die Tunnelwände, daß unter der enormen Hitze ganze Felsplatten mit oh- renbetäubendem Knall zerbarsten und die oberen Teile der Tunnels mit glühenden Gesteinsbrocken füllten. Bis zum Einbruch der Nacht dauerte das Gemetzel mit unverminderter Heftigkeit an, brandete Angriff auf Angriff gegen die Burg. Schließlich vereinbarten beide Seiten eine einstweilige Kampfpause. Zwar waren die Höhen jetzt in der Hand der Mon- golen, und der Paß war offen, doch solange die Burg noch seinen Eingang beherrschte, konnten sie ihn nicht überschreiten, ohne dabei gewaltige Verluste hinzunehmen. Der Strand war tief zerfrucht und zer- rissen, doch immer noch sicher in der Hand des Fein- des, dessen Kraft, die sich unablässig von den Schif- fen her neu auffrischte, nach wie vor ungebrochen, und überwältigend schien. Aus der Sicht der Verteidiger schien die Lage pre- kär, doch nicht aussichtslos. Zwar war der erste Wall schon verloren gewesen, doch nach der verheerenden Flutwelle hatten sie ihn zurückerobert und die Schä- den ausgebessert. Der Graben war verschwunden; an seiner Stelle rauschte jetzt der Itari ungebändigt in seinem neuen, breiteren Bett dahin und bildete so ei- ne zusätzliche Barriere gegen den Feind. Von Zeit zu Zeit schleuderten die Katapulte einen Steinbrocken hinüber zu den Zelten am Strand, ohne daß die wenigen feindlichen Katapulte, die dort noch standen, das Feuer erwidert hätten. Der Grund für diese Kampfhandlungen war denn auch weniger die Hoffnung, möglicherweise im Dunkel der Nacht ir- gend etwas Wichtiges im Lager der Feinde zu treffen, als vielmehr zu beweisen, daß Burg Shori auf der Hut war und der Willen seiner Verteidiger ungebrochen. Den Rest der Nacht erfüllte pausenloses Hämmern, und als der Morgen graute, sahen die Verteidiger sich einer neuen Batterie von Katapulten gegenüber. Eine zusätzliche, weit schlimmere Bedrohung jedoch stellte das tonnenartige, schwere Mörserboot dar, das während der Dunkelheit in die Bucht geschleppt worden war. Die Mündung des Mörsers war auf die Zinnen der Burg gerichtet, und ein rauchender Zünd- stock verriet, daß das schwere Geschütz schußbereit war. Die Maschinisten standen an ihren Katapulten, die Tumane waren in Reih und Glied hinter ihren Offi- zieren aufmarschiert, bis der Strand schwarz von Sol- daten war, und von Bord zahlreicher Barken sprengte die Kavallerie mit wirbelnden Hufen durch die Bran-, dung den Strand herauf und nahm in vorderster Rei- he Aufstellung, um als erste loszustürmen, sobald der Weg ins Innere des Burghofes freigeschossen war. Gegen diese gewaltige Armee war die Garnison von Burg Shori nicht viel mehr als ein verlorenes Häufchen, wenn man die Frauen, Kinder und Säug- linge mitrechnete, waren es knapp vierhundert! Und die Anzahl der ausgebildeten Soldaten – Bogenschüt- zen und Samurai – betrug gerade hundert! Aber alle strategisch wichtigen Punkte waren besetzt und zum Kampf bereit, und über den Zinnen wehte stolz das Pfingstrosenbanner der Hidayamas. Noch war der Mut der Verteidiger nicht gesunken, noch die Schlacht nicht entschieden! Und in dem Moment, als alles in Erwartung des Angriffs den Atem anzuhalten schien, löste sich aus den Reihen der Mongolen ein großgewachsener, prächtig gekleideter Mann und rief zur Burg hinüber: »Ich spreche im Namen des mächtigen Huang Ti Kublai. Gebt Euren sinnlosen Widerstand auf! Über- all an der Küste sind unsere Truppen erfolgreich ge- landet und marschieren siegreich auf die Hauptstadt Nihons. Eure Lage ist hoffnungslos. Ihr seid umzin- gelt. Niemand kann Euch mehr zu Hilfe eilen. Nur hier wird noch gekämpft, und wenn Ihr Euch nicht ergebt, werdet Ihr in wenigen Stunden tot sein. Ich bin der Admiral der Flotte und beauftragt, Euch Schonung zu gewähren, wenn Ihr Euch ergebt. Un- terwerft Euch dem Khan und rettet Euer Leben. Ich gebe Euch eine Viertelstunde Bedenkzeit – nicht mehr. Solltet Ihr bis dahin nicht die Waffen gestreckt haben, werden wir angreifen und Euch vernichten!« Schon drehte er sich auf dem Absatz herum, um zu, seinen Männern zurückzugehen, doch unverzüglich kam die Antwort des Barons. »Ich fordere Euch zum Zweikampf heraus, Admiral. Wenn ich gewinne, soll Eure Armee sich unverzüglich zurückziehen und eine andere Küste zur Landung suchen. Verliere ich aber, dann wird sich die Burg auf der Stelle ergeben, doch nur unter der Bedingung, daß allen außer mir das Leben geschenkt wird. Ich selbst werde mein Leben in Eure Hand geben.« Gwalchmai starrte ihn entsetzt an. »Daimyo, was Ihr da tut, ist Wahnsinn! Man darf keinem Mongolen in solchem Maße vertrauen! Wenn Ihr auch nur einen Schritt vor diese Mauern tretet, dann seid Ihr auf der Stelle ein toter Mann!« Mitami, die neben ihm stand, schlang entsetzt die Arme um ihren Vater. Er schob sie sanft beiseite und blieb stehen, den Arm um ihre Schulter gelegt. Der Admiral überlegte kurz. »Um unnötiges Blut- vergießen zu vermeiden, erkläre ich mich einverstan- den. Treffen wir uns auf Eurer Seite des Grabens.« Er ging zu seinem nächststehenden Adjutanten, sprach ein paar Worte mit diesem und ließ sich des- sen Schwert geben. Dann schritt er, umringt von einer Gruppe Leib- wächter, zum Rand des Grabens. Über eine rasch herbeigeschaffte Planke ging er mit seinen Begleitern hinüber und blieb wartend vor dem Tor des Walls stehen. Das Tor öffnete sich gleich darauf, und Baron Kuroki trat heraus, ebenfalls von einer Gruppe Samu- rai umringt. Admiral Chepe begrüßte ihn mit einem entwaffnenden Lächeln. Sein Schwert steckte in der Scheide, und in der Hand hielt er eine Schriftrolle., »Es ist gut möglich, daß wir gar nicht erst mitein- ander zu kämpfen brauchen, tapferer Herr. Die Be- dingungen, die der Khan seinen Verbündeten stellt, sind äußerst großzügig und ehrenvoll. Ich bitte Euch, lest sie und verzichtet darauf, das Leben Eurer Leute weiter aufs Spiel zu setzen. Eure persönliche Tapfer- keit steht außer Frage. Sollte der Stolz eines einzelnen Mannes Leid über so viele bringen? Daß Ihr ein Mann von Ehre seid, habt Ihr in der gestrigen Schlacht zur Genüge bewiesen. Doch nun ist es Zeit, sich zu besin- nen und Nutzen zu ziehen aus Eurer Weisheit und der Großmütigkeit des Khan.« Während er sprach, mit einer Stimme, so sanft und wohlklingend, daß sie einen Vogel von seinem Ast ge- lockt hätte, hielt er dem Baron die Rolle hin. Dieser trat einen Schritt vor, um danach zu greifen. Sein Schwert steckte ebenfalls in der Scheide. Als er den Arm ausstreckte, stieß der Admiral einen leisen Schmer- zenslaut aus und schaute hinunter auf den Boden. Offenbar hatte er sich mit den Füßen, die lediglich in weichen, dünnen Pantoffeln steckten, an den schar- fen Kieselsteinen weh getan. Er trat einen Schritt zu- rück, dann noch einen, den Blick nach unten gerich- tet, um sich einen weicheren Untergrund zu suchen. Der Baron, der noch immer den Arm nach der Rolle ausgestreckt hielt, folgte ihm, indem er seiner- seits zwei Schritte vortrat. Sofort waren die Leib- wächter des Admirals, die eben noch reglos dage- standen hatten, um ihn herum, stießen die verdutzten Samurai zur Seite und zückten ihre Klingen. Und während ein paar von ihnen sich den Männern von der Burg entgegenwarfen, die ihrem bedrängten Herrn zu Hilfe eilen wollten, hieben ihre Kumpane, den Baron buchstäblich in Stücke. »O-a-oo-ong!« Gellend entfuhr der Schrei der Gefahr der Kehle eines sterbenden Samurai. »Verrat! Verrat! Kämpft, Brüder! Tötet! Tötet!« Der Admiral stürzte sich kopfüber hinunter in den Graben. Im selben Moment zischte vom Strand her ein Schwarm Pfeile über die Stelle hinweg, an der er eben noch gestanden hatte. Er fiel wahllos wie ein Schwarm Insekten über alle her, die vor dem halbof- fenen Tor standen und kämpften – doch ohne Erfolg. Bevor die ihm folgende Kompanie Angreifer den Graben durchschwommen und die moosbewachsene, glitschige Steinwand auf der gegenüberliegenden Seite erklommen hatte, war das Tor schon wieder von innen verriegelt. Doch kamen sie gerade zum rechten Zeitpunkt, um voll in die Antwortsalve der Verteidi- ger zu rennen. Hinunter prasselten die Felsbrocken von den Zin- nen; hinauf sausten die Bomben, rissen riesige Löcher in die ziegelgedeckten Dächer und explodierten unter gewaltiger Entwicklung von Staub, Rauch und Flam- men. Die Kompanien rückten geschlossen mit ihren tragbaren Brücken und Sturmleitern vor; Pfeile schwirrten durch die Luft wie wilde Hornissen- schwärme: Die Schlacht war in vollem Gang. Wirf einen letzten Blick auf Burg Shori! Ihre Umrisse heben sich schroff gegen die Klippe ab, so, als wären sie gleichsam in den Fels geätzt. Die Dächer sind ver- schwunden, die Schießscharten und Mauerzacken der Brustwehren geradezu wegradiert, die Mauern selbst, zu formlosen Steinhaufen zersprengt. Immer noch speit, aus der sicheren Entfernung der Bucht, das Mörserboot Bombe auf Bombe gegen das gemarterte Mauerwerk, schlägt es die stolzen Zinnen mit un- barmherziger Präzision in Stücke. Schon lange gibt es auf den Resten jener Zinnen keine Katapulte mehr, die das Feuer erwidern könn- ten, nur dann und wann noch taucht hinter den Trümmerhaufen blitzschnell ein behelmter Kopf auf, zischt ein Pfeil hinunter zum Strand. Doch immer noch ist die Gefahr, den Paß zu über- schreiten, zu groß für den Feind, obwohl seit dem feigen Mord an Baron Kuroki schon drei Tage ver- gangen sind. Wirf einen letzten Blick auf jene Wälle, so helden- haft verteidigt von Männern der Ehre! Von den bei- den äußeren sind die Doppeltore verschwunden – das Außentor des dritten und letzten Walles wurde am Morgen dieses Tages von einer Pulverladung zer- fetzt; das letzte, das Innentor, hängt nur noch an einer einzigen Angel am Ende des zehn Fuß langen Tun- nels, der den Wall überquert, doch hinter ihm warten die Verteidiger. Dort sitzen und stehen sie, die letzten überleben- den Brüder des Krieges, ölen ihr Haar, baden sich, schärfen ihre fünf Fuß langen Schwerter. Es sind kei- ne hundert mehr – es sind weniger als fünfzig. Es sind nicht mehr als achtzehn – und kein Samurai, der nicht verwundet wäre; hinter ihnen ein paar Fischer mit Äxten und Speeren, die sie als erstes schleudern werden, bevor sie mit dem Feind handgemein wer- den; und sechs Bogenschützen, die bis jetzt das Tor gehalten haben und hoffen, daß ihnen dieses Kunst-, stück vielleicht noch ein weiteres Mal gelingt. Sollten ein paar von ihnen dieses letzte Gefecht überleben, dann werden sie in den verschlungenen Gängen im Innern der Burg sterben, denn über ihr weht noch immer das Banner mit der Pfingstrose, und keiner unter ihnen, der sich nicht selbst jetzt als Hidayama fühlt. Alle tragen das weiße Stirnband. Selbst die Frauen und Kinder haben geschworen, es bis zum letzten Atemzug zu tragen. Wenn der letzte Treppenabsatz fällt und die Leitern der verhaßten Mogu in die letzte, oberste Kammer in der Klippe ragen, dann werden sie so lange warten, bis diese Leitern vollgepackt sind mit Mongolen. Und dann werden die Frauen, die noch leben, ihre Kinder greifen und sie den Klettern- den entgegenschleudern, ehe sie sich selbst, noch im Tode ihren Leib als Waffe gebrauchend, die anderen Leitern hinunterstürzen und so viele Mongolen wie möglich mit in den Tod reißen. Viel mehr als ihre Körper haben sie schon jetzt nicht mehr: Die Pfeile sind nahezu aufgebraucht, die Speere zerbrochen, und kaum ein Schwert, dessen Klinge nicht ohne Scharten wäre – und doch, tief im Herzen von Burg Shori gibt es ein wunderschönes, stilles Gemach, unberührt von Feuer oder Rauch, und dort, als läge die Ewigkeit noch vor ihnen, werden zu dieser Stunde zwei elegant gekleidete Menschen Mann und Frau. Ihre Gewänder sind ganz in Weiß, denn dies ist ein Tag des Abschieds. Doch zugleich ist es auch ein Tag des Glücks, denn dieses Paar erneuert bloß einen al- ten, vor langer, langer Zeit geschlossenen Bund, und keiner von beiden glaubt an die Ewigkeit des Todes., Gwalchmai nippte an der letzten der neun Tassen Sa- ke und reichte sie weiter an die Edle Dame Mitami Uyume. Sie nahm einen winzigen Schluck und setzte die Tasse nieder. Ihre Blicke trafen sich. Er lächelte. In diesem Augenblick sah er nur noch die Corenice, die er einst kennengelernt hatte – in der schönsten ihrer Gestalten. »Ahuni-i versprach mir, hier zu sein, wenn das En- de naht, doch sie ist nicht gekommen.« Ein leichter Ton des Bedauerns schwang in dem goldenen Klang ihrer Stimme mit. Wieder vernahm er, wie schon so oft, das leise Klingen vieler Glöckchen, das immer dann besonders deutlich zu hören war, wenn tiefe Gefühle sie durch- pulsten. »Vielleicht spürt sie, daß du sie nicht länger brauchst, nun, da ich dein Herr und Meister bin«, er- widerte er so leise, daß keiner der wenigen anderen Anwesenden es hören konnte. »Daimyo von Burg Shori, Hidayama kraft des Bundes der Ehe, doch immer mein Herr – und immer mein einziger Geliebter!« Zum erstenmal in diesem jungen Bunde trafen sich ihre Lippen, doch kurz nur – allzu kurz – war ihr Kuß. Chikara wankte atemlos herein, den gebrochenen linken Arm fest an die Seite gebunden, das blanke Schwert in der Rechten. »Nehmt Eure Waffen, mein Herr Gorome! Der letzte Angriff hat begonnen!« Ohne eine Antwort ab- zuwarten, wirbelte er herum und rannte die Treppe hinunter, um seinen Posten unten am Tor wieder ein- zunehmen., Die Mongolen hatten bitteres Lehrgeld bezahlen müssen in den vier Tagen, doch auch viel gelernt. Nicht länger rannten sie Hals über Kopf in die lan- gen, beidhändig geführten Schwerter der Verteidiger. Und noch etwas kannten sie nun: Respekt. Ihr an- fängliches hohnlachendes Ungestüm, mit dem sie ge- gen die Verteidiger angerannt waren, hatte einer aus bitterer Erfahrung geborenen Vorsicht Platz gemacht. Aus diesem Grunde blieb Gwalchmai nur wenig Zeit zum Anlegen seiner Rüstung. Ein Glück, daß der Baron von ähnlicher Statur gewesen war wie er selbst – die Rüstung paßte wie angegossen. Er wußte noch nicht, daß im ganzen Land nur fünf Familien das Recht besaßen, eine solche metallene Rüstung zu tra- gen, doch eines wußte er: daß sie ihm paßte und daß er sich ihrer würdig erweisen wollte. Er würde alles daransetzen, dem Manne Ehre zu erweisen, der sie vor ihm besessen hatte. Wenig später war er bei der Gruppe am Tor und wartete mit dem Schwert in der Hand, daß der Feind durchbräche. Der Ring an seinem Finger war glühend heiß – das untrügliche Zeichen höchster Gefahr. Zum Abschied hatte Mitami ihn noch einmal geküßt, bevor sie erhobenen Hauptes, ohne eine Träne im Auge, fortgegangen war, um ihren Platz bei den anderen Frauen in den Ruinen einzunehmen. Langsam rückten die Mongolen vor. Die Bogen- schützen spannten ihre Bogen. Nicht eine Pfeilspitze zitterte. Die achtzehn Samurai krempelten die Ärmel ihrer Schwertarme hoch. Ein plötzlicher Gedanke schoß Gwalchmai durch den Kopf, und er dankte Gott, daß alles so gekommen war und er nicht die Gelegenheit gehabt hatte, dem, Khan von Alata zu berichten und ihm womöglich die Entsendung einer Flotte schmackhaft zu machen. Nicht auszudenken, welches Unheil die mongoli- schen Horden über seine alte Heimat gebracht hätten! War das der Grund, überlegte er, warum Merlin ihm ausdrücklich eingeschärft hatte, nur einem christli- chen Herrscher von der Existenz des neuen Konti- nents zu berichten und keinem anderen? Die Männer neben ihm beteten, doch nicht vor Angst. Er hörte, wie Chikara ein kleines Gedicht murmelte: »Betet, daß Ises göttlicher Wind Versenke die Flotte der Mogu geschwind Daß morgen die Sonne strahle herab Auf der Feinde nasses Grab.« Verzweifelt schlug sich Gwalchmai gegen die Stirn. Wie hatte er nur so vergeßlich sein können! Merlin! Der göttliche Wind! Merlins Ring! Vielleicht war doch noch nicht alles verloren! Mit fliegenden Fingern streifte er den Ring ab, las den Zauberspruch und richtete das lange Ende der Konstellation genau auf die in der Bucht ankernde Flotte. Sofort erhob sich eine sanfte Brise. Ein bleifar- bener Hauch zog sich über den Himmel. Wolken ballten sich zusammen. Doch dann hatte er keine Zeit mehr, weiter in die Wolken zu schauen – die Mongo- len brachen durch das Tor. Zweimal schossen die Bogenschützen mitten in das Gewühl der vorwärtsdrängenden Leiber, dann war der Feind über ihnen. Das Tor bot so gut wie keinen Widerstand. Mit dumpfem Schlag brach es aus den, Angeln, und wie eine Sturzwelle ergoß sich die ra- sende Horde in den Hof und über die erschöpften Verteidiger. Das Klirren des Stahls klang wie der eisi- ge Wind, der über die Brücke heult, die zu den Sieben Höllen führt. Sofort wurden sie von der Übermacht in die Zange genommen, aber es gelang ihnen, sich geordnet zu- rückzuziehen. Das gewaltige, noch unbeschädigte Burgtor hinter ihnen war offen. Vor ihm standen die Frauen mit gezückten Dolchen, fest entschlossen, es zu halten, bis ihre Männer heran waren. Und sie kamen heran, immer näher, Schritt für Schritt, und jeder Schritt bedeutete einen toten Mon- golen. Ganz langsam, den Blick nach vorn gewandt, bewegten sie sich rückwärts auf das Tor zu, einen breiten, blutigen Teppich toter Mongolen zurücklas- send, der die Steinfliesen rot färbte und den Gold- fischteich verschmutzte. Mit Axt und Schwert stießen sie den anstürmenden Feind in einer letzten verzweifelten Attacke zurück, und dann rannten sie – die, die übriggeblieben waren – hinein, und die mächtige bronzene Barriere fiel mit lautem Dröhnen hinter ihnen ins Schloß. Außer Gwalchmai waren ganze zehn Mann übriggeblieben. Einer der Überlebenden war Chikara, der niemals von seiner Seite gewichen war. Stolz, unerschrocken und erhobenen Hauptes kam die Edle Dame Mitami, ihren Gemahl zu begrüßen. Er war über und über mit Blut besudelt, ohne jedoch selbst schwerere Verwundungen davongetragen zu haben. Andere waren weniger glimpflich davonge- kommen; um sie scharten sich andere Frauen, die sie verbanden und ihnen Mut zusprachen., In diesem Augenblick begann die große Turmglok- ke zu läuten, doch nicht – wie sonst – zum Gebet. Die Kinder oben hatten das Seil gepackt, und dröhnend schlug der riesige Schwengel gegen das Metall. Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! ging die mächti- ge Glocke, auf daß die, die den einhundertacht Schlä- gen lauschten, von den einhundertacht Sünden gerei- nigt wurden. Ding-dong! Ding-dong! Ein anderes Dröhnen, so heftig, daß die Burg in ihren Grundfesten bebte, mischte sich jetzt unter den ehernen Schall der Glok- ke, als der Rammbock der Angreifer gegen das bron- zene Portal donnerte, und über allem ein drittes Ge- räusch, fern noch und so leise, daß niemand es wahr- nahm – das drohende Murmeln des aufkommenden Sturms. Gwalchmai hörte, wie eines der Kinder von oben schrie: »Tsunami! Tsunami!« Doch er wußte nicht, was dieses Wort bedeutete. Ein neuer, gewaltiger Donnerschlag, und das Tor wölbte sich nach innen. Die Männer griffen nach ihren schlüpfrigen, blutbe- sudelten Waffen, die Frauen zogen erneut ihre juwe- lenbesetzten Dolche aus ihren Obis und machten sich bereit zum Kampf. Wieder erscholl der helle Jubelschrei, denn das Kind hatte gesehen, wie ein gewaltiger Wasserberg sich aus den Fluten der Haga-Bucht wölbte, einer rie- sigen Kuppel gleich. Immer höher wuchs er, bis schier in den Himmel, und auf seiner Spitze tanzten wie Nußschalen die Dschunken des Khan, zappelten die Leiber der Ertrinkenden. Dann sackte er mit un- geheurer Wucht in sich zusammen, und eine gewalti- ge kreisförmige Flutwelle raste durch die Bucht,, schoß den Strand hinauf und verschlang, einer schäumenden Furie gleich, Chepe Ketoyan Be mit- samt seinen hochmütigen Spießgesellen. Mit ungeheurer, verheerender Wucht brach sie über die beiden Landzungen herein und riß mit ihren gleißenden Stoßzähnen die vor Anker liegenden Schiffe buchstäblich in Stücke. Was von ihnen übrig- blieb – Balken, Maste und Plankenwerk –, raste auf den zurückflutenden Wellen hinaus in die Bucht, wo der Rest der Flotte lag, und bohrte sich wie von Gi- gantenhand geschleuderte Lanzen in Frachträume und Segel oder riß riesige Löcher in die Flanken der Schiffe, in die das Wasser hineinschoß. Nur ganz von ferne drang das gewaltige Tosen der entfesselten Wassermassen an die Ohren derer, die sich tief im Innern der Burg verschanzt hatten. Nur wenige dünne Rinnsale sickerten, fast unbemerkt, zu ihnen durch. Die Verteidiger standen Schulter an Schulter, fast am oberen Ende der ersten Rampe, hinter ihnen die Tunnels, die tief in den Felsen hineinführten. Als die Mongolen hereingestürmt kamen und zu ihrer Verblüffung auf keinen Widerstand stießen, blieben sie einen Moment unschlüssig stehen. Dann begannen sie die Rampe hinaufzustürmen. Dicker, beißender Qualm drang ihnen aus Löchern in der Decke entgegen, und kaum hatten sich die Verteidi- ger bis ganz an den Rand der Rampe zurückgezogen, als sich diese in einen reißenden Fluß aus brennen- dem Öl verwandelte. Entsetzt wichen die Mongolen zurück. Im selben Moment gellte von draußen ein furchterregender Schlachtruf herein. In panischer Angst fuhren die, Angreifer herum und hasteten zurück zum Tor, doch nur, um sofort von einer in wildes Kampfgetümmel verstrickten Meute ihrer eigenen Spießgesellen über- rollt zu werden! Unmittelbar hinter diesen wehten die papiernen Banner der Akagawa, der Taira und der Matsuyamas. Die vereinigten Stämme! Endlich waren sie gekommen! Unter wildem Wutgeheul machten die Mongolen kehrt und stürmten die Rampe hinauf. Sie saßen in der Falle! Doch wie ein Raubtier, das, in Bedrängnis geraten, um so gefährlicher wird, schlugen auch sie im Angesicht des sicheren Todes noch wilder und wütender um sich. Chikara sank, von einem gewalti- gen Streich getroffen, auf die Knie. Gwalchmai stellte sich schützend über ihn und empfing den nachset- zenden Mongolen mit einem wütenden Wirbel sin- genden Stahls. Da zerbrach sein Schwert! Hastig riß er seine Feu- ersteinaxt aus dem Gürtel, spaltete einen Mongolen- schädel, der plötzlich vor ihm auftauchte, und schleuderte die Waffe einem weiteren Angreifer ent- gegen, doch dieser duckte sich blitzschnell, und der Tomahawk verfehlte sein Ziel. Der Mongole sah die Waffe zu seinen Füßen auf dem Boden entlangschlittern und Gwalchmai unbe- waffnet vor sich stehen. Sofort hob er die Axt auf und warf sie unbeholfen zurück. Gwalchmai sah sie direkt auf seinen Kopf zuwir- beln, doch er war so fest eingezwängt zwischen zwei seiner Leute, daß er nicht zur Seite springen oder sich ducken konnte. Plötzlich schienen seine Sinne über- natürlich scharf. Der Tomahawk, der eben noch auf ihn zugerast gekommen war, schien fast zu schwe-, ben. Träge drehte er sich in der Luft, unendlich lang- sam näher kommend. Doch so langsam er auch flog, Gwalchmais Reflexe waren nicht schnell genug, ihm auszuweichen. Wie ein schwerer Hammer schlug er ihm gegen die Schläfe, zum Glück jedoch mit der stumpfen Seite. Gwalchmai fühlte, wie der Schädelknochen knir- schend unter der Wucht des Aufpralls nachgab, doch seltsamerweise hatte er nicht das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Er spürte keinen Schmerz, sondern wurde lediglich für einen kurzen Moment geblendet, als grelle Lichter vor seinen Augen aufblitzten. Es wurde schwarz vor seinen Augen. Als er wieder sehen konnte, wirkte alles um ihn herum auf seltsame Wei- se verändert. Ungehindert schritt er langsam hinaus in den Hof. Die Grashalme schienen von einem flimmernden Lichthof umgeben. Die Kiesel unter seinen Füßen schimmerten wie Juwelen. Nichts deutete darauf hin, daß in dem Hof jemals eine Schlacht getobt hatte. Ringsherum standen prächtige Kirschbäume, deren Blüten mit sanftem Klirren zur Erde fielen. Er sah nicht die grimmige Fratze Oduarpas, die kurz hinter den Wolken des Taifuns, den er selbst herbeigezaubert hatte, hervorschaute und dann wie- der verschwand. Er hörte nicht das Tosen des Sturms, der über die Westküste Nihons brauste und die riesi- ge Armee des Kublai Khan mitsamt seinen wilden Horden an den Felsen zerschellen ließ. Er wußte auch nicht, daß sich zwischen den Inseln der Fünf Drachen die angeschwemmten Leichen der Mongolen zu solch riesigen Bergen auftürmten, daß die restlichen Stämme Nihons, die der bedrängten, Burg Shori zu Hilfe eilten, trockenen Fußes über sie hinwegmarschieren konnten. Auch wußte er nicht, daß die wenigen Überlebenden der Armada fortan ihr Leben als Sklaven fristen mußten und daß von diesen wenigen nur ein paar jemals zurückkehren würden, um ihrem gedemütigten Herrn die Kunde von der entsetzlichen Katastrophe zu überbringen. Denn für ihn gab es keine Wolken am Himmel, keine verheerenden Flutwellen, keine Leichen und keine Wrackteile, die den prächtigen Strand übersä- ten, über den er schritt. Er wußte auch nicht, daß die Bucht vor seinen Augen die Bucht von Haga war. Er starrte entrückt hinaus auf das Meer, und an der Stelle, wo der riesige Wasserberg aus den Fluten ge- wachsen war, schwebte jetzt die wohlgeformte Ge- stalt Ahuni-is. Sie hob ganz kurz ihre Hand zum Gruße, dann sank sie zurück in die Fluten. Die Sonne am Himmel war nicht die Sonne, wie er sie kannte, sondern ein übernatürliches Gebilde von unvergleichlicher Pracht. Sie war nicht rund und gelb, sondern bestand aus lohenden, in allen Farben schillernden Flammenzungen, die feurigen Speeren gleich hoch ins All zuckten. Die Luft war erfüllt von betörenden Klängen, und er erkannte in ihnen jene Musik, die die Sphären des Himmels machen, wäh- rend sie auf ihrem vorgezeichneten Weg dahinglei- ten. Hier war Schönheit, hier war Magie; hier gab es keinen Feind, keine Sorge, keinen Kummer. Hier war das Land der Träume – die sanften Hügel, der milde, von betörendem Duft erfüllte Westwind. Hier war der Ort, da alle Wünsche erfüllt werden, die Heimat, der Engel, der Ort, an dem Liebende, die einander verloren haben, sich wiederfinden. Er verfiel in eine träge Träumerei über seine verlo- rene Corenice. Als hätte sein sehnsüchtiger Wunsch sie herbeige- rufen, stand sie plötzlich vor ihm. Da wußte er, dies- mal würden sie nicht so schnell wieder voneinander scheiden müssen, denn dies war keine Stätte des Ab- schieds, sondern ein verzaubertes Land, ein Land der Magie, ein Land, in dem sie als Verzauberte mitein- ander leben konnten. Es war dies jener Flecken Erde, dessen Land, des- sen Meer durchdrungen waren von der Vollkom- menheit einer anderen Dimension. In all seiner ma- kellosen Schönheit und Lieblichkeit erstreckte es sich vor ihnen – das Paradies, der verlorene Garten Eden, die Gesegneten Inseln, das Köstliche Land, jenes Land, da all jene Wonnen zu Hause sind, die der Mensch auf Erden so sehnlichst zu erlangen trachtet und die ihm doch immer versagt bleiben. Sie lebten von Nektar und Ambrosia und vom Duft der Blumen. Sie schliefen, wenn sie müde waren, und die Müdigkeit war Segen und das Erwachen Glück. Sie wanderten über schaumgesäumte Küsten, wo die Möwe nicht schreit, sondern die Luft mit süßem Ge- sang erfüllt, wo kleine Boote mit regenbogenfarbigen Segeln das Meer sprenkeln wie zarte Blüten einen sonnenbeschienenen Weiher. Dem ruhelosen Winde gleich, getragen von Wolken des Glücks, durchstreiften sie das Land der Träume, und der Wonnen schien kein Ende.,

Söldner des Glücks

Gwalchmai erwachte. Er stand am Strand. Vor seinen Augen erhob sich, unversehrt und in all ihrer stolzen Pracht, Burg Shori. Scharf zeichneten sich ihre Umrisse gegen den mäch- tigen Felsen ab. Nirgends eine Spur von Krieg und nichts, was darauf hindeutete, daß jemals einer statt- gefunden hatte. Unversehrt stand auch das Fischerdorf. Der Itari glitt sanft in seinem gewohnten Bett dahin, von zwei Brücken überspannt, und wie ehedem speisten seine Wasser den Graben, der die Doppeltore schützte. Diese hingen stark und unversehrt in ihren Angeln, genau so, wie er sie zum erstenmal gesehen hatte. Er wandte sich um und warf einen raschen Blick hinaus auf das Meer. Direkt hinter ihm lag ein kleines Boot auf dem Sand. Offenbar war er ihm soeben ent- stiegen, denn er hielt einen Fischerspeer in der Hand, über dessen Schaft ein tropfnasses Netz hing. Plötzlicher Schwindel überkam ihn. Ein funkelndes Lichtrad begann sich immer rascher vor seinen Au- gen zu drehen. Er taumelte. Ein Gong dröhnte in sei- nen Ohren. Er fühlte sich von einer starken Hand am Arm ge- packt, und in diesem Moment gewahrte er zum er- stenmal die beiden Menschen, die bei ihm waren. Ei- ner davon war eine Frau, die schluchzend zu seinen Füßen kniete. Als sie zu ihm aufblickte, sah er, daß ihr Gesicht tränenüberströmt war., »Kommt, Herr Gorome! O kommt rasch! Sie ruft nach Euch! Es ist nicht mehr viel Zeit!« Gwalchmai verstand nicht sofort. Er schüttelte die starke Hand ab, die ihn noch immer stützte. »Danke, Chikara. Es geht jetzt wieder.« Die Sorgenfalten auf dem Gesicht des Mannes wurden tiefer. Er trat noch näher an Gwalchmai her- an und schaute ihm in die Augen. »Herr, fühlt Ihr Euch wirklich wieder besser? Er- kennt Ihr mich nicht? Ich bin Hanshiro. Chikara war mein Vater. Er ist seit dreißig Jahren tot.« Ganz langsam begannen die Schwaden in seinem Kopf sich aufzulösen. Erinnerungsfetzen fügten sich bruchstückhaft aneinander und formten sich zu ei- nem Ganzen. Und mit einemmal brach die Vergan- genheit wie eine Woge über ihn herein, es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Während er und Corenice – losgelöst von Zeit und Raum, die Seelen zu einer vollkommenen Einheit verbunden – durch jenes verzauberte Land gewandelt waren, hatte der Zahn der Zeit unerbittlich die Hüllen altern lassen, in denen jene Seelen hausten. In diesem Moment des Erwachens erinnerte er sich an alles, was seit jener denkwürdigen Schlacht ge- schehen war, an den Wiederaufbau der Burg, die Eh- ren, mit denen man ihn und die Überlebenden der grausamen Belagerung überhäuft hatte, an die Bestä- tigung seines Status als Daimyo durch den Kaiser, an sein langes und glückliches Leben an der Seite seiner Frau Mitami, der letzten aus dem Geschlecht der Hi- dayama. Als er durch das Tor in die Burg eilte, fiel ihm ein, daß sie nach einer Scheibe Steinbutt verlangt hatte, und daß er hinausgefahren war, einen solchen Fisch zu fangen; daß neue Hoffnung in ihm aufgekeimt war, sie könne ihre Krankheit doch noch einmal be- siegen. Tags zuvor hatte sie jegliche Nahrung verweigert. Hatte sie ihn fortgeschickt, damit er sie nicht ster- ben sähe? Als er die Treppen zu ihrem Gemach hin- aufhastete, läutete die Glocke, die er zuerst für einen Gong gehalten hatte, ein zweitesmal. Erschreckt hielt er eine Sekunde im Laufen inne. Bedeutete dieser verhaltene, fast traurig klingende Glockenschlag, daß alles vorbei war? Alles, was sie miteinander geteilt hatten? Ihr Doppelleben aus Kör- per und Seele? Fast ein Jahrhundert hatte er zwei Le- ben in einem gelebt. Mit ihrem Dahinscheiden ging eines davon zu Ende, doch welches Wirklichkeit war und welches Illusion, vermochte er nicht zu sagen. Als er völlig außer Atem in ihr Gemach stürmte, konnte er sie nicht sogleich sehen, zum einen, weil bittere Tränen seinen Blick trübten, zum andern we- gen der weinenden Frauen, die ihre Schlafmatte um- ringten. Er stieß die Frauen zur Seite und sank vor ihr auf die Knie. War diese betagte Frau mit ihrem silbernen Haar seine süße junge Gespielin von einst? O Gott! Ver- mochte dies die Zeit aus einem Menschen zu ma- chen? Da lächelte sie noch einmal ihr altes Lächeln, jenes Lächeln, das immer das gleiche geblieben war in allen ihren Verkörperungen. In diesem Moment schien es ihm, als wäre es erst ein paar Sekunden her, seit sie zusammen über einen flüsternden Strand geschlen-, dert waren und er sie geküßt hatte. (O Corenice, du Zeitlose, du ewig Junge, ewig Lie- bende, müssen wir denn nun einmal mehr voneinan- der scheiden? Werden wir uns je wiedersehen? Und wenn, an welchem Orte wird dies sein? O grausames Schicksal, das du uns so übel mit- spielst – ich flehe dich an, mach endlich ein Ende! Entbinde mich von meinem Schwur! Er hat uns schon zuviel gekostet – doch wozu? Zu welchem Sinn und Zweck?) Während er dies dachte, spürte er ihren Blick auf sich gerichtet. Sie sah seinen Kummer und hob matt ihre Hand, um ihm über die Wange zu streichen. Ihre Finger waren weich und runzlig, doch er sah nur noch die zarte, blühende Schönheit, die er sehen wollte. Die Zeit zerstört solche Erinnerungen nicht. Im Ge- genteil – sie meißelt sie nur tiefer ins Gedächtnis ein, und, einmal hervorgeholt, läßt das Herz sie in um so schöneren Farben neu erblühen. Und indem er seine Geliebte anschaute, sah er zwei Personen in einer. Die Edle Dame Mitami Uyume, Tochter der Hidayamas, klein und zerbrechlich, fast puppenhaft, geduldig und hingebungsvoll – und Corenice, die kämpferische Frau, seine treue Kame- radin und Geliebte, sein gleichfalls geduldiges, tapfe- res, braves Weib, das sein Schicksal zu dem ihrigen machte und seiner Erfüllung harrte. So eng miteinan- der verwoben waren die zwei Leben, die er gelebt hatte, daß er nicht wußte, welche von den zweien, die er liebte, es war, die jetzt ihre Stimme erhob und zu ihm sprach: »Verzweifle nicht, mein Geliebter, denn wir schei- den nicht für lange – obwohl irgend etwas mir sagt,, daß wir nicht noch einmal auf diese Weise zusam- mentreffen werden. Erinnerst du dich noch an die Schwäne? Welch ein wundervoller Tag war das für uns! Damals sagten wir, wenn wir einmal so würden wie sie, dann wür- den wir niemals wieder wirklich voneinander ge- trennt sein – und nun ist es so gekommen. Ich glaube, ich kann sagen, daß wir soviel bekom- men haben, wie wir verdient haben. Unser Leben ist anders gewesen als das aller anderen seit Beginn der Welt. Vielleicht wurde uns mehr zuteil als unser An- teil Liebe – wenn man Liebe nach Menge bemessen kann. Ich weiß, woran du soeben gedacht hast. Laß dei- nen Dolch in der Scheide ruhen. Wann haben wir un- sere Gedanken je vor dem anderen geheimgehalten? Dies ist weder der Ort noch die Zeit, dem Leben ein Ende zu setzen. Schau in deinen Ring, und du wirst sehen, daß du jenes Schicksal, das auch das meinige ist, erfüllen mußt. Leb wohl, mein Geliebter – bis bald!« Ihre Hand sank zurück auf das Kissen, und er wußte, daß diese letzten Momente des Abschieds nur möglich gewesen waren aufgrund ihres eisernen Willens. Ihre Hände waren kalt, die Augen zugefal- len. Er faltete ihr die Hände über der Brust und preßte die seine gegen ihre kühle Stirn. Für einen kurzen Moment fiel sein Blick auf den Ring, wie sie ihn geheißen hatte. Tief im Innern des Opals gewahrte er verschwommene Schatten, deren Umrisse sich rasch festigten. Er sah Männer in schwe- ren Rüstungen, eingehüllt in Feuer und Rauch, die gegen eine mächtige Festung stürmten. Er selbst be-, fand sich auch unter der Menge. Keinen jener Männer hatte er jemals zuvor gesehen. Wann und wo diese Schlacht stattfinden würde, vermochte er nicht zu sa- gen, doch er wußte, daß er an ihr teilnehmen würde. An der Spitze des Heeres sah er den Standartenträ- ger, der, inmitten von dichtem Rauch, inmitten des Geschoßhagels stehend, mit hoch erhobener, lodern- der Klinge den Weg wies. Er konnte weder den Wap- penspruch auf dem Banner noch das Gesicht des Trä- gers erkennen, doch er wußte, daß seine Tage noch nicht gezählt waren und daß jene Schlacht ein Teil seines künftigen Schicksals sein würde. Er drehte den weinenden und jammernden Frauen den Rücken zu und schaute sie nicht ein einzigesmal an. In diesem Gemach gab es nichts mehr, was er liebte. Er wußte nur eins: Wie lange sich sein Leben auch noch hinziehen mochte, ein solch schrecklicher Moment wie der, den er gerade durchlebt hatte, durfte sich nicht wiederholen. Er ging geradewegs in sein Gemach und begann sein Bündel zu schnüren. Noch einmal hatte Corenice ihm Mut gemacht, auszuharren, bis sie sich wieder- sehen würden. Trotz dieser Gewißheit erfüllte ihn der Gedanke an die langen, düsteren, einsamen Jahre, die vor ihm lagen, mit Grauen und Entsetzen. Ein Kratzen an der Tür ließ ihn von seiner trauri- gen Beschäftigung aufblicken. Er ging hin und öffnete sie. Vor ihm stand Hanshiro, das Gesicht von tiefem Kummer erfüllt. Er brachte kein Wort heraus. Ein ra- scher Blick in das Gemach verriet ihm, was Gwal- chmai vorhatte. Er fiel auf die Knie und berührte mit seiner Stirn den Boden. Gwalchmai hieß ihn, sich zu erheben., »Herr, so sagt doch, was ist Euer Begehr? Was wollt Ihr tun?« »Ich will hinausziehen zu den Kriegen der Welt und in der Schlacht sterben!« »Geht nicht allein, mein Daimyo! Ich flehe Euch an, geht nicht allein!« Als das Trauern vorüber war, die Glocke zu läuten aufgehört hatte und das, was zu tun war, getan war, verließen Gwalchmai und Hanshiro im Dunkel der Nacht die Burg. Eine lange Wanderschaft begann. Gemeinsam zogen sie durch das Land und kämpften als Söldner für je- den Feudalherrn, der sie anwarb. Sie gewannen Ruhm, Ehre, Narben und einen gewissen Wohlstand. Landauf und landab waren sie als grimmige Kämpen geschätzt und gefürchtet. Sie durchstreiften die Inselkette Nihons von einem Ende zum andern. Doch niemals in allen Schlachten sah Gwalchmai die Szene, die er auf dem magischen Ring erblickt hatte. Schließlich festigte sich in ihm die Überzeugung, daß es in einem anderen Land sein mußte und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Oft wußte er kaum, wo er war und was er tat. Er hatte keinerlei Pläne – außer zu sterben. Einmal kam er zu sich, als er auf einem Felsen saß und gen Osten hinaus auf das Meer starrte. Am anderen Ende dieser ungeheuren Wasserwüste lag Alata, und obwohl ihm klar war, daß sich während der langen Jahrhunderte, seit er aufgebrochen war, vieles verändert haben mußte, erfüllte ihn ein solches Heimweh, daß er glaubte, das Herz müsse ihm zerspringen., »Was ist das für ein schrecklicher Fluch, der auf mir und Alata lastet, daß ich niemals den Ozean überqueren kann, um meine geliebte Heimat wieder- zusehen?« murmelte er bei sich selbst. Es heißt, daß für Adam jeder Ort dieser Welt der Garten Eden ist, wenn nur Eva da ist. Dies hatte sich für Gwalchmai immer bewahrheitet. Nun, da Core- nice nicht mehr da war, wurde Nihon für ihn zu einer öden Wildnis, und er hatte den dringenden Wunsch, das Land zu verlassen. Die Gelegenheit dazu sollte bald kommen. Ein unwiderstehlicher Landüberdruß überkam ihn. Sie suchten einen Hafen und schifften sich auf einem Küstensegler ein, der in vielen Häfen Station machte – südwärts längs der Inseln, dann westwärts über das Gelbe Meer und dann wieder nach Süden, nach Ta- probane. Die Unzertrennlichen stießen auf Piraten und kämpften gegen sie, sahen Elefanten und ritten auf ihnen, sie hungerten zusammen und aßen zusammen von reich gedeckten Tafeln. In Indien verkauften sie ihre Schwerter an den Höchstbietenden, zogen sin- gend in die Schlacht und gingen siegreich aus ihr hervor – um in Diamanten und Rubinen bezahlt zu werden, die sie verschwenderisch unters Volk streu- ten, bevor sie ruhelos weiterwanderten. Es war ein neuer, schlimmer Abschnitt in Gwal- chmais Leben. Mit der Zeit verlernte er das Lachen. Mit blutiger Klinge zog er durch die Welt, ohne Plan, ohne Ziel. Die Jahre flossen dahin, ohne daß er sich darum scherte. Oft wußte er nicht einmal, wo er war. Es kümmerte ihn wenig. Eines Tages bemerkte er, daß sein Haar völlig ergraut war., Wo immer Kriege wüteten, da waren auch sie zu finden. Oft wurde er verwundet; er steckte Hiebe ein, die jeden anderen Mann getötet hätten, und er brauchte länger als früher, um sich von seinen Ver- wundungen zu erholen; oft schwebte er in höchster Lebensgefahr, oft rang er gar mit dem Tode, doch war es ihm nicht vergönnt zu sterben. Viele Länder, viele Fürsten lernten ihn als einen unerbittlichen Führer verlorener Haufen kennen, als einen verschlossenen, grimmigen Polterer, der nie- mals fröhlich war oder lachte. Irgendwann bemerkte er, daß er allein war. Das Alter oder der Krieg hatten ihm Hanshiro genommen, doch er selbst spürte das Alter nicht, es sei denn, eine kalte Müdigkeit war das Alter. Er spürte kein Verlangen danach, die Jahre zu zahlen. Es reichte ihm, zu wissen, daß er irgendwann jene Festungsmauer sehen und hinter jenem wehenden Banner stehen würde, welches er auf dem Opal gese- hen hatte. Vielleicht würde jener Tag das Ende brin- gen, nach dem er sich so sehr sehnte. Schließlich gelangte er auf zahllosen Umwegen, über zahllose Kriege und Schlachten nach Europa. Immer noch war er überall, wohin er kam, der Schrecken seiner Feinde. Nie hatte er sich darum be- müht, sich Freunde zu verschaffen. Hier endlich ließ das Gefühl der Einsamkeit und Verzweiflung, das ihn auf seinen langen Irrfahrten begleitet hatte, ein wenig nach. Dem Leben wohnt eine gewisse Widernatürlichkeit inne. Ah-Puch, der Schwarze Hauptmann, rafft nicht immer die hinweg, die gerne sterben möchten. Und der Lauf der Zeit bewirkt, daß der Kummer vergeht,, denn er ist ebensowenig von Dauer wie jedes andere Gefühl. Dynastien vergehen, Könige können verzwei- feln, Schwerter in der Schlacht zerbrechen oder vom Rost zerfressen werden, wenn sie lange nicht benutzt werden, doch der Mensch kehrt eines Tages, von der Erinnerung getrieben, immer wieder an den Ort zu- rück, wo er einst glücklich war. Auf einer lieblichen kleinen Wiese irgendwo in Frankreich hockte ein Zauberer, mit wichtigen Din- gen beschäftigt. Es war die erste Aprilwoche. Zwar hatte es kurz zuvor noch heftig geregnet, doch inzwi- schen war die Sonne hervorgekommen und hatte mit ihren warmen Strahlen den Erdboden und das Gras getrocknet. So pfiff er vergnügt vor sich hin, während er sich in seine seltsame Beschäftigung vertiefte. Er verfügte für sein Alter über erstaunliche Fähig- keiten, war er doch nicht nur in der medizinischen Kunst bewandert, sondern gleichfalls in der Theolo- gie, der Philosophie, der Astronomie und der Alchi- mie – alles Disziplinen, die ihm in seinem Beruf zu- statten kamen. Im Augenblick war er damit beschäftigt, einen blaßgrünen Schmetterling zu kreuzigen. Er war so sehr darin versunken, einen winzigen Scheiterhaufen aus kleinen Zweigen aufzuschichten, daß er nicht die Schritte des Mannes hörte, der sich ihm von hinten in dem weichen Gras näherte. Er war gerade dabei, einen winzigen Dorn, von dem das In- sekt sich losgerissen hatte, erneut durch den Flügel zu stechen und das kleine Kruzifix auf dem Scheiter- haufen zu befestigen, als eine zornige Stimme in sei- nem Rücken sagte: »Mir scheint, das Leiden dieser, hilflosen Kreatur ergötzt Euch, mein Herr. Ich sage Euch, tötet es auf der Stelle oder laßt es frei!« Der Zauberer ließ langsam und vorsichtig seine Hand unter den Mantel gleiten. Doch als er sich um- drehen wollte, spürte er, wie etwas Spitzes sich mit sanftem Druck gegen seinen Nacken preßte, direkt unterhalb des Haaransatzes. Sofort kam die Hand wieder zum Vorschein, leer und geöffnet. Er blieb reglos knien, den Blick starr auf den Schmetterling gerichtet. »Seid Ihr aus Armagnac oder Burgund? Seid Ihr für England oder für Frankreich?« Die Spitze bohrte sich um Haaresbreite tiefer, und der Zauberer spürte, wie etwas Warmes über seinen Nacken rieselte, als der Mann hinter ihm gelassen erwiderte: »Meine politischen Neigungen und Sympathien gehen Euch nichts an, denn ich habe keine. Mich geht es jedoch sehr wohl etwas an, was Ihr dort treibt. Ich hörte nämlich den Hilferuf eines Gepeinigten. Und als ich ihm nachging, fand ich Euch. Sagt, mit wem sollte ich Erbarmen haben – mit dem Verbrecher oder mit dem Opfer?« Trotz seiner mißlichen Lage begann der Zauberer zu lachen. »Ich habe keine Ahnung, wer Ihr seid, doch seid Ihr sicherlich verrückt! Was ist das Leben eines In- sekts gegen das eines Menschen?« »Die Erde gehört allen, die auf ihr leben, und nicht nur dem Menschen. Woher wollt Ihr wissen, ob nicht wir drei, der Schmetterling, Ihr und ich, in Gottes Auge gleich sind?« »Gott – pah!« Der Zauberer spie verächtlich aus., »Es hat schon viele Götter gegeben. Manchen habe ich gedient, und manche dienen mir, wie du gleich er- fahren wirst, vorwitziger Bursche! Du magst mich zwar im Moment in Schach halten, aber du bist dir nicht bewußt, in welcher Gefahr du schwebst. Doch will ich dir deine Dummheit zugute halten und mich herablassen, dich über die Bedeutsamkeit meines Tuns aufzuklären, das du in deiner Ignoranz für eit- len Übermut hältst. So wisse denn, vorwitziger Herr, daß ich englisches Gold von Herzog Philip von Burgund angenommen habe, um eine Hexe zu töten und ihm Frankreich zu Füßen zu legen. Wenn dieser Schmetterling brennt, dann wird Charles, der falsche Dauphin, mit Fieber darnieder- liegen; die Lilie, die der Schmetterling symbolisiert, wird von seinem Banner verschwinden, die Hexe, unter deren Einfluß er steht, ihrem Untergang entge- gengehen und seine Armee bis auf den letzten Mann vernichtet werden.« »Es wird kaum dazu kommen, daß all diese Un- glücke sich ereignen, wenn durch die Vernichtung ei- nes einzigen Lebens so viele gerettet werden können. Sag, Zauberer, ist dir aus deinen Büchern oder viel- leicht sogar vom Hörensagen dieser Ring bekannt?« Der Druck des spitzen Stahls wich nicht vom Nak- ken des Knieenden, als sich eine Hand vor seine Au- gen schob. Er riß die Augen weit auf und rollte sie zur Seite, in der vergeblichen Bemühung, einen Blick von dem Mann zu erhaschen, der hinter ihm stand. »Nicht du? Nicht Merlin! Hekate! Oduarpa! Bel- phegor! Ich befehle euch, kommt her! Dieser Mann ist tot!«, »Und dieser auch!« rief Gwalchmai grimmig und stieß die Klinge bis ans Heft in den Hals des Zaube- rers. Behutsam zog er die Dornen heraus. Der Schmet- terling flatterte einen Moment kraftlos mit den Flü- geln, doch dann erhob er sich in die Luft und kreiste in ungleichmäßigem Fluge über dem Kopf seines Retters. »Flieg heim, kleiner Elf«, murmelte Gwalchmai. »Ich habe oft an dich gedacht. Ich habe dich vermißt, wie du es vorausgesagt hast. Ich bin froh, daß nicht alle von euch fort sind. Schließe nicht von solchen Menschen wie diesem hier auf alle anderen. Wir brauchen euch mehr, als ihr jemals glauben werdet.« Er zog die Klinge heraus und betrachtete sie mit Abscheu. Sie war rot von Blut. Er ließ sie zu Boden fallen und rieb seine trockenen Hände gegeneinan- der. »Sie würde mich vergiften, wenn ich sie noch ein- mal in die Hand nähme!« Er schaute dem Schmetterling zu, wie er im Zick- zackflug über die Wiese davonflatterte. Als er außer Sicht war, murmelte er bei sich: »Ich sagte dem Scheusal, daß ich mich nicht für seine politische Ge- sinnung interessierte. Doch interessiert mich bren- nend die politische Gesinnung derer, die gegen ihn sind, und die derer, denen er gedient hat. Wenn ich gegen sie kämpfen will, dann muß ich mein Schwert zurückerlangen. Vielleicht finde ich in diesem Kampf die Festung und das Banner, die ich in dem Ring sah.« Er stand eine Weile da und versuchte sich zu erin- nern. Vor langer, langer Zeit hatte er schon einmal, diesen Weg benutzt. »Ja! Der Schrein der heiligen Katharina von Fier- bois muß eine Tagesreise westlich von hier liegen!« Wenig später war die Wiese leer – bis auf die Lei- che eines Mannes, der sterben mußte, damit ein Schmetterling weiterleben konnte. Schon lange wurden die Britischen Inseln nicht mehr von den Dänen heimgesucht, schon lange wurden sie nicht mehr von mörderischen Bürgerkriegen überzo- gen; Normannen und Sachsen waren mit der Zeit zu einer Nation verschmolzen – einer jungen, übermüti- gen und abenteuerlustigen –, und längst hatten neue Kriegsschauplätze die alten abgelöst. Auch in Frankreich hatte sich vieles verändert, seit Gwalchmai zum letztenmal dort gewesen war. Ein- gezwängt zwischen den beiden rivalisierenden Machtblöcken England und Burgund, bildete das ur- sprüngliche Frankreich nur noch einen schmalen Korridor, zertrampelt und verwüstet von organisier- ten Armeen, versprengten Banden und Grüppchen von Gesetzlosen, Banditen und Räubern. Doch ob- wohl dieser Krieg schon hundert Jahre andauerte, hatte sich das Leben immer noch irgendwie behaup- ten können in dem geschundenen Land. Immer noch existierten Städte, immer noch wurde Brot gebacken, wurden Felder gepflügt, Kühe gemolken, nahm das Leben der Menschen seinen bescheidenen Gang. Neue Strohdächer ersetzten die abgebrannten, Kinder wurden geboren, obwohl ihre Väter gefallen waren und sie niemals sehen würden. Jünglinge schauten in die Augen junger Mädchen und sahen dort, was sie zu sehen wünschten und zu träumen erhofften., Frühling folgte auf Frühling. In jenem April des Jahres 1429 erhob sich ein Ban- ner in den Wind, wie man es weder zuvor jemals ge- sehen hatte noch jemals wieder danach. Bei seinem Anblick spürte ein schon verzweifelnder Mann, der den sehnlichen Wunsch hatte, König zu werden, eine Hoffnung in sich aufkeimen, von der er nicht ge- glaubt hatte, daß er sie zu seinen Lebzeiten noch ein- mal verspüren würde. Und eben in jenem April war es auch, da Gwal- chmai zu dem Schrein kam, hinter dem er einst das Schwert Rolands versteckt hatte, und erfuhr, daß es nicht mehr da war. Mit düsterer Miene starrte er den Laienbruder an, der dort als Hüter der Kapelle seinen Dienst tat. Es schien ihm in jenem Moment, als wäre diese neueste Enttäuschung der Gipfelpunkt vieler unglücklicher Tage und als hafte ihm das Pech an wie eine Klette. In seinem ohnmächtigen Zorn packte er den Altar und schüttelte ihn mit seinen starken Händen. »Ihr behauptet also, jemand habe nach dem Schwert gefragt und es mitgenommen? Niemand au- ßer mir konnte wissen, daß es sich hier befand! Ich gab es einst in die Obhut der heiligen Katharina – vor langer, langer Zeit!« »Dann wußte die heilige Katharina sicherlich, daß es hinter dem Altar lag. Bedeutet es Euch denn gar nichts, guter Mann, daß sie es während all der langen Zeit, die Ihr fort wart, sicher bewahrt hat, bis letzte Woche, als jemand kam, nach ihm fragte, nach ihm suchte und es dort fand, wo es versteckt sein sollte? Niemand von uns wußte, daß es dort war. Wir hielten seine Entdeckung für ein großes Wunder., Vielleicht – nein, gewiß! – hat die heilige Katharina dem Oberbefehlshaber der Truppen des Dauphin verraten, daß es hier ist. Es war das einzige Schwert in dem Schrein, das fünf Kreuze trug. Es war mit einer dünnen Schicht Rost bedeckt. Als wir es aufhoben, fiel der Rost wie von Zauberhand ab. Wir polierten es und gaben es dem Boten, der nach ihm gefragt hatte.« »Wohin brachte er es? Ich würde gern ein Wört- chen mit diesem Oberbefehlshaber reden. Sagt, wo kann ich ihn finden?« »Der Dauphin hält seinen bescheidenen Hof in Chinon. Es ist der einzige Glanz, der ihm geblieben ist, und wenn Orléans fällt, wird ihm nicht einmal das mehr bleiben, denn der Fall jener Stadt öffnet den Engländern das ganze Loiretal. Seine winzige Armee sammelt sich dort, um Orlé- ans zu entsetzen, aber es bestehen nur sehr geringe Erfolgsaussichten. Wenn Ihr dort seid, bevor die Ar- mee losmarschiert, findet Ihr Euer Schwert viel- leicht.« Gwalchmai machte wortlos auf dem Absatz kehrt und stapfte hinaus. Kurz vor der Tür besann er sich jedoch und drehte sich noch einmal um. »Sein Name! Wie nennt sich dieser Dieb?« »Ihr werdet keine Mühe haben, den Oberbefehls- haber zu finden! Fragt nach Jean Dark.« »Klingt wie ein englischer Überläufer. Kein Wun- der, daß ihr so wenig Vertrauen in eure Sache habt!« Gwalchmai spie verächtlich auf den Boden, warf dem verschreckten Laienbruder noch einen letzten grimmigen Blick zu und stapfte wütend davon. Er war noch nicht weit gegangen, als sein Zorn, auch schon verraucht war. Als er versucht hatte, sich zurückzuerinnern, war ihm plötzlich wieder etwas eingefallen: Es war in der Tat noch eine zweite Person in der Kapelle gewesen, als er das Schwert hinter den Altar gesteckt hatte, damals vor – lieber Himmel, wie lange war das her? Konnte das denn möglich sein? War das tatsächlich schon über dreihundert Jahre her? Ja, da war noch jemand gewesen, und dieser Je- mand hatte ihn beobachtet. Es gab also noch jeman- den, der davon wußte – und das konnte nur ein Mensch auf dieser Welt sein! Corenice! Sie war also zurückgekommen! Sie war irgendwo ganz in seiner Nähe! Und auf diese Weise wollte sie ihn auf ihre Fährte locken! Auf nach Chinon – so schnell wie der Wind!,

Vorwärts – das Banner

Es war schon gegen Mittag, als Gwalchmai von Fier- bois aufbrach, und wiewohl er zügig ausschritt, nahte bereits der Abend, als er in Chinon eintraf. Die Stadt war voll von Menschen, und auf einigen Feldern hatte man Zeltlager errichtet, von welchen der Geruch von Essen zu ihm herüberwehte. Er begab sich zu einem der Lagerfeuer und stellte sich dort als Freiwilliger vor, der die Absicht hätte, sich dem Heer des Dauphin anzuschließen. Während er sprach, klimperte er ein wenig mit den Münzen, die er in ei- nem Beutel bei sich trug. Seine Hoffnung ging auf. Man lud ihn ein, am Mahle teilzunehmen, unter der Bedingung, daß er etwas dazu beisteuere. Er ging in die Stadt und kaufte Brot und eine Flasche Wein. Als er wieder zurück- kam, war die Suppe im Kessel gar, und er setzte sich zu den vier Männern, die das Zelt teilten, und sie aßen zusammen. Die vier sahen kaum besser als Banditen aus, doch schien Gwalchmai ihnen einigen Respekt einzuflö- ßen, wie die Zurückhaltung bewies, die sie sich in be- zug auf ihre Sprache auferlegten. Gelegentlich be- merkte er, wie sie ihn verstohlen musterten, doch so- bald er diese Blicke erwiderte, schauten sie angele- gentlich woandershin. Er selbst war sich gar nicht bewußt, wie sehr die vergangenen wilden Jahre ihre Spuren bei ihm hin- terlassen hatten. Sein Gesicht war von tiefen Furchen, durchzogen, wenngleich noch immer so stolz und unnahbar, wie sein halb aztekisches, halb römisches Blut es immer hatte erscheinen lassen. Durch die lan- gen Jahre, die er fast ständig im Freien und unter der glühenden Sonne des Südens verbracht hatte, war seine rötliche Haut noch dunkler geworden, fast schon kupferfarben. Dank der verjüngenden Quali- täten von Merlins Elixier besaß er immer noch sämtli- che Zähne, obwohl er beim besten Willen nicht hätte sagen können, wie oft einige von ihnen sich schon er- neuert hatten. Sein Auge hatte nichts von seiner Schärfe eingebüßt, und seinem Blick eignete noch immer die stolze Wildheit des Adlers, nach dem er einst benannt worden war. Quer über seine rechte Wange und den Hals zogen sich blaß und wulstig die Narben, die ihm einst in der Schlacht, in der Delhi an Tamerlane gefallen war, eine Speerspitze gerissen hatte. Das leichte Humpeln, wel- ches man bei genauerem Hinsehen bemerken konnte, stammte von einer noch älteren Wunde, die er sich zugezogen hatte, als Accra von Sultan Malek von Ägypten erobert wurde, in einer Schlacht, die gleich- zeitig das Ende des Heiligen Landes bedeutet hatte. Auch sein linker Arm war ein wenig krumm. Dies verdankte er der Tatsache, daß sein Pferd gestürzt war und ihn unter sich begraben hatte, was ihn gleichzeitig zum einzigen Überlebenden des Massa- kers von Adrianopel gemacht hatte. Doch obwohl sein Haar grau war, stellenweise fast schon weiß, waren seine Arme noch immer sehnig und mit prächtigem Muskelwerk bepackt, und er fühlte sich stark und männlich wie eh und je. Das Feuer der Jugend, nach wie vor genährt von Merlins, Elixier, loderte mit unverminderter Kraft in ihm. Der Gedanke an Corenice tat ein übriges, seinen Lebens- mut zu befeuern, und als er sich schließlich gesättigt vom Mahle erhob, tat er dies mit dem Herzen und dem Geiste eines Jünglings, der seinem ersten Stell- dichein entgegenfiebert. Er schulterte sein Bündel und begab sich, obwohl die anderen ihn drängten, zurückzukommen und das Zelt zum Schlafe mit ih- nen zu teilen, mit frischem Mut in die Stadt, das Ge- heimnis zu entschleiern, welches ihn so sehr plagte. Unterwegs fragte er mehrere, wo der Oberbefehls- haber zu finden sei, und jedesmal hatte er das Gefühl, daß die Leute ihn mit seltsamen Blicken ob dieser Frage bedachten. Eine Erklärung vermochte er dafür nicht zu finden. Hinter dem Hauptquartier des Dau- phin, das wohl mehr aus Höflichkeit von den Leuten ›Schloß‹ genannt wurde – denn Eindrucksvolles ließ sich daran nicht entdecken –, erstreckte sich ein lan- ger Turnierplatz. Ein paar Edle und Ritter ergingen sich im Wettkampf, und die wenigen Schaulustigen, die über dem Geländer lehnten, jauchzten jedesmal begeistert auf, wenn einer der Herren Adligen im ho- hen Bogen vom Roß fiel und durch den Staub kugel- te. Just in dem Moment, als Gwalchmai sich näherte, brauste johlendes Gelächter auf, da gerade wieder mit lautem Geklirr ein Ritter mitsamt seinem Pferd zu Boden ging. »Mon Dieu! Schon wieder ohne Pferd! Ich schwöre, D'Aulon ist zu alt, eine Lanze zu halten! Hoi, Inten- dant, zurück zu dem Quintain und zu dem Laffen!« Der Gefallene lächelte traurig, als er sich mit seiner schweren Rüstung auf die Beine raffte, unterstützt, von einem jüngeren Mann, der sich wütend an die Schaulustigen wandte. »Ha! Es ist keine Schande, von einer solchen Lanze zu Boden zu gehen! Wer von euch möchte es wagen, gegen sie anzureiten? Meine Füße flogen aus den Steigbügeln, und hätte ich mich nicht mit aller Kraft am Sattelknauf festgeklammert, dann hätte es mich ebenfalls aus dem Sattel gehoben!« »Beruhigt Euch, Herzog Alençon!« rief D'Aulon dem Jüngeren zu. »Ich empfinde es nicht als persönli- che Schande. Ich habe nicht erwartet, gegen eine Lan- ze bestehen zu können, die von Engeln geführt wird. Schließlich und endlich ist es kein Turnier, sondern nur ein Spiel. Es war ein unerhört geschickter Hieb, der mich aus dem Sattel hob. Gebe Gott, daß manch ein Godam einen solchen noch zu spüren kriegt, wenn wir in Orléans sind!« Mittlerweile hatte sein Kontrahent gewendet und kam im leichten Galopp zurück. Leichtfüßig sprang er aus dem Sattel, tätschelte dem prächtigen schwar- zen Roß den Hals und schob das Visier hoch. Darun- ter kam ein fröhlich lachendes Gesicht zum Vor- schein, eingerahmt von einem stählernen Helm, den weder eine Feder noch irgendein Wappen zierte. »Bei meinem Baton! Ein prachtvolles Roß, mein lie- ber Herzog!« Die helle Frauenstimme scholl klar und rein wie eine Glocke über den Turnierplatz. Als Gwalchmai sie hörte, tat sein Herz einen er- regten Sprung. Ohne sich Gedanken darüber zu ma- chen, daß er vielleicht als Störenfried empfunden werden könne, kletterte er über das Geländer und trat geradewegs auf die kleine Gruppe zu. Er hörte noch, wie der junge Mann sagte: »Er ge-, hört Euch. Niemand außer Euch soll ihn fürderhin reiten.« Danach verstummten sie und schauten über- rascht auf den Fremden mit dem grimmigen Gesicht, der da so zielsicher auf sie zusteuerte. Gwalchmai blieb ein paar Schritte vor ihnen stehen. Wie gebannt ruhte sein Blick auf dem Mädchen in der Rüstung. Sein schwarzes Haar war zu einer Pagenfri- sur geschnitten, und es sah aus wie ein schmächtiger, bartloser Jüngling. Seine Rüstung war allem Augen- schein nach nicht eigens dazu gefertigt, sich einem Frauenkörper anzupassen, was ihn vermuten ließ, daß das Mädchen noch sehr jung und sein Körper noch nicht zu dem einer Frau gereift war. Doch wo- her kamen dann seine Kraft und sein Geschick? Er konnte sehen, daß seine Augen grau waren, und obwohl es verblüfft, fast verlegen lächelte, so, als überlege es, ob es ihn schon einmal irgendwo gese- hen hätte, hatte er sofort das Gefühl, daß diese Augen ein stählernes Blau annehmen konnten. Instinktiv spürte er, daß mit dieser jungen Frau nicht gut Kir- schen essen war. Nun, er würde sich jedenfalls hüten, sich mit ihr anzulegen. Sie war nicht schön; eigentlich war sie kaum mehr als hübsch. Ihr offenes, klares Ge- sicht war das eines aufgeweckten, redlichen Bauern- mädchens. Unwillkürlich drängte sich ihm der Begriff ›anziehend‹ auf, als er es näher betrachtete. Plötzlich hatte er das Gefühl, daß diese Züge ihm bekannt vor- kamen. Und da, in dem Sekundenbruchteil, bevor jemand das Schweigen brach, wußte er plötzlich, daß er die- ses Gesicht in der Tat schon einmal gesehen hatte – wenn es auch nicht das war, das er insgeheim zu se- hen erhofft hatte., Als wäre sie wiedergeboren worden, um ihn mit traurigen, längst verschütteten Erinnerungen heim- zusuchen – kein Zweifel, die grauen Augen, die ihn dort aus dem stählernen Helm neugierig musterten, waren die Augen Nikkys, jenes walisischen Mäd- chens, das einst, beseelt von Corenice, seine Geliebte gewesen war und mit dem er ein Jahr voll solch bit- tersüßer Tage durchlebt hatte, daß er die Erinnerung daran kaum zu ertragen vermochte. Es schien, als versuchte auch sie angestrengt, sich etwas längst Vergessenes in die Erinnerung zurück- zurufen – oder war es bloß, weil er sie so eindringlich anstarrte, daß sie jetzt zögernd einen halben Schritt auf ihn zutrat, die Rechte leicht zum Gruße erhoben? »Gaihun!« Mit Bedacht verwendete er den baski- schen Gruß. Vielleicht rief das alte atlantidische Wort irgendeine Erinnerung in ihr wach ... »Bon soir«, erwiderte sie freundlich, wobei sie ihm direkt in die Augen schaute. Zu seiner Enttäuschung entdeckte er in ihren Zügen nichts, das auf ein Wie- dererkennen hingedeutet hätte, nicht einmal einen Hinweis darauf, daß sie die Bedeutung des Wortes über die intuitive Erkenntnis hinaus verstanden hätte, es müsse sich wohl um einen Gruß handeln. »Guten Abend, Herr Ritter!« Er merkte sofort, daß sie ihm diesen Titel nur deshalb verlieh, weil sie mit einem raschen Blick durchaus scharfsinnig seine Qualitäten als Kämpfer erkannte und nicht etwa, weil sie mehr über ihn wußte. »Seid Ihr gekommen, um Euch der Armee des Dauphin anzuschließen und für Frankreich ins Feld zu ziehen?« »Seid Ihr die, welche von den Leuten Jean Dark ge- heißen wird? Ist es wahr, daß Ihr Oberbefehlshaber, einer Armee seid?« Sie lachte. Wieder klopfte ihm das Herz bis zum Halse. Dieses Lachen, wie vertraut es doch klang! Wie oft hatte er es schon gehört, vor langer, langer Zeit – und doch war es nicht ganz dasselbe. »Hier nennt man mich Chef-de-guerre. In meiner Heimatstadt nannte man mich Jeannette, aber mein Taufname ist Jeanne. Seit ich nach Frankreich ge- kommen bin, bin ich hier und da auch unter dem Namen Johanna bekannt. Ich habe viele Namen – die Godams nennen mich eine Hexe, aber meine Heiligen sagen, wenn sie zu mir sprechen, immer ›Du Kind Gottes‹. Ich muß gestehen, das letzte gefällt mir am besten. Eure Haut ist sehr dunkel, Herr Ritter, und von ei- nem seltsamen Ton. Seid Ihr Maure?« Bevor Gwalchmai etwas erwidern konnte, hatte schon der Herzog von Alençon das Wort ergriffen. »Seinem Gruße nach ist er Baske, mon général. Wir haben einige davon in der Armee. Von überallher strömen Freiwillige zu Eurem Banner.« »Welche Waffen tragt Ihr, Baske? Welcher Ab- stammung seid Ihr?« Gwalchmai überlegte blitzschnell. Von seiner Ant- wort hing ab, welchen Status er in diesem bunt zu- sammengewürfelten Haufen einnehmen würde, der sich versammelt hatte, gegen die Streitkräfte Eng- lands und Burgunds zu ziehen. Sollte er einfacher Reiter werden oder sich Qualitäten verleihen, die ihn in engeren Kontakt mit diesem seltsamen Mädchen bringen würden, das ihn auf solch merkwürdige Weise anzog? »Ich bin von sehr weit her gekommen, um mit, Euch zu kämpfen. Mein Name ist Gwalchmai.« Keine Reaktion? Nein, nichts, was über höfliches Interesse und Neugier hinausging. O Gott! Sollte er sich doch geirrt haben? Nein! An ihrer Seite hing das Schwert Durandal. Sie war es auch, die danach geschickt hatte. Sie allein hatte gewußt, wo es versteckt gewesen war. »Ich habe in vielen Armeen gekämpft. Ich habe große Kriegserfahrung. Mein Name bedeutet Falke oder Adler, ganz wie Ihr wollt. Mein Vater war ein König.« D'Alençon bedachte diese letzte Behauptung mit einem verächtlichen Grunzen. »Jeder Baske, der ein Steinhaus und zehn Schafe besitzt, hält sich für ein Mitglied des Hochadels!« Doch Jeannes Gesicht hellte sich auf, und sie drückte ihm warm die Hand. »Dann heiße ich Euch willkommen, Herr Baske, und ich sage Euch dasselbe, was ich auch meinem hübschen Herzog sagte, als er gegen den Willen sei- ner Gemahlin in meine Dienste trat: ›Je mehr Männer königlichen Blutes wir in unseren Reihen haben, de- sto besser.‹ Laßt uns gemeinsam mutig und vereint in den Kampf ziehen, denn dem, der frischen Mutes für eine gute Sache ficht, schenkt der Herr den Sieg.« Nun, da er in ihre Reihen aufgenommen war, legte er seine Hände zwischen ihre, als äußeres Zeichen da- für, daß er sie als seine Lehnsherrin anerkannte, so wie sie den Dauphin als ihren Lehnsherrn betrachtete – doch nicht als König, ehe er nicht aus ihrer Hand diese Würde von ihrem wirklichen Herrn empfangen würde – dem König des Himmels. Mit feierlicher Miene nahm sie Gwalchmais Huldi-, gung entgegen – leicht errötend angesichts der un- verhohlenen Bewunderung, mit der er sie dabei an- sah – und ließ seine Hände los. Alsdann scharten sich die anderen um ihn und stellten sich der Reihe nach vor. Neben D'Aulon, Jeannes Schildknappen, der über sie wachte wie eine Glucke über ihr einziges Küken, und dem jungen Herzog von Alençon, der erst kurz zuvor gegen Zahlung eines immensen Lösegelds, das ihn und seine Gemahlin an den Bettelstab gebracht hatte, aus englischer Haft freigekommen war, hatten sich anläßlich des Kampfspiels noch ein paar andere notable Herren auf dem Turnierplatz eingefunden. Nahe bei ihnen stand der Dauphin, ein unscheinba- rer Mann, dem das Schicksal (was seine körperliche Beschaffenheit betraf und den Ausdruck seines Ge- sichts) nicht gerade überaus freundlich mitgespielt hatte. Sein schwaches, fliehendes Kinn zitterte noch immer vor Aufregung über die soeben erlebten Kämpfe, und seine Beinkleider waren kunstvoll aus- gestopft, um seine X-Beine zu verbergen. Sein wenig anziehendes Äußeres stach um so mehr hervor, als er zu allem Überfluß direkt neben einem der schönsten und reichsten Männer des Landes stand; einen schärferen Kontrast hätte man sich kaum vorstellen können. Gilles de Rais zählte zu seinen Ahnen keinen Ge- ringeren als Bertrand du Guesclin, zu seiner Zeit ei- ner der berühmtesten Helden Frankreichs, und er war auf dem besten Wege, in die Fußstapfen seines Vorfahren zu treten. Schon im Alter von fünfund- zwanzig Jahren hatte er sich einen Namen als glän- zender, überaus schneidiger Soldat gemacht, der von, den Seinen geschätzt und verehrt und von den Eng- ländern gefürchtet wurde wie der Leibhaftige. Er war der erste bei der Erstürmung der Festung Lude gewe- sen und hatte den englischen Kommandanten Black- burn im Zweikampf getötet. Er war der Liebling des Volkes, das ihm gern die dunkleren Seiten seines Wesens nachsah – seine Ab- neigung gegen Frauen, sein ausschweifendes, bis- weilen in wilden Orgien gipfelndes Leben, seine Grausamkeit gegenüber Kriegsgefangenen und die Tatsache, daß er seiner gerade sechzehnjährigen Braut kurz nach den Flitterwochen den Laufpaß ge- geben hatte. Durch sie hatte sich sein ohnehin schon gewaltiger Reichtum noch erheblich gemehrt – eine Tatsache, die naturgemäß ganze Scharen von Damen auf den Plan rief, die sich in den Kopf gesetzt hatten, ihn zu trösten; doch sein Interesse beschränkte sich nur auf eine. Von dem Augenblick an, da der Dauphin versucht hatte, Jeanne bezüglich seiner Identität zu täuschen (er hatte sich vergeblich unter seinen Hofstaat ge- mischt, der Jeanne argwöhnisch, teils sogar offen feindselig gegenüberstand), hatte Seigneur de Rais sich zu ihrem Freund und Mitstreiter gemacht. Aller Skepsis und Feindseligkeit der egoistischen Berater des Dauphin zum Trotze glaubte de Rais fest an ihre göttliche Mission. Er hatte seine Lebensweise geändert und seine Cousins, Guy und André de La- val, sowie den Herzog von Alençon und Dunois, den Befehlshaber von Orléans, bekannt unter dem Namen ›der Bastard‹, für ihre Sache gewonnen. Er hatte dem Dauphin immense Summen Geldes zur Aufstellung einer Armee vorgeschossen, und als, Gegenleistung hatte Charles, der immer tief in Schul- den steckte, ihn zum Beschützer der Jungfrau auf dem Schlachtfelde ernannt – auf ihren eigenen Wunsch hin. Als Gwalchmai ihm vorgestellt wurde, sah er einen Mann vor sich, der ihm an Kraft ebenbürtig war, sei- ne durch sein ausschweifendes Leben stärker als üb- lich hervortretenden Tränensäcke verliehen seinen ansonsten sehr anziehenden Zügen etwas Finsteres. Sein Gesicht verschwand fast völlig hinter einem sorgsam gepflegten Pelz schwarzglänzenden, dichten Haares, das im Sonnenlicht so prächtig funkelte, daß man ihm den Spitznamen ›Blaubart‹ gegeben hatte. Sein Händedruck zerquetschte Gwalchmai fast die Hand. »Willkommen, Monsieur l'Aiglon! Ihr sollt neben mir reiten, wenn wir nach Tours aufbrechen. Es freut mich, einen starken Arm in meiner Nähe zu wissen. Meldet Euch morgen bei mir; ich werde dafür sorgen, daß Ihr ordentlich ausgerüstet werdet.« »Ich bin Euch zu höchstem Dank verpflichtet, Herr Baron.« Gwalchmai verbeugte sich vor allen Ver- sammelten und zog sich zurück, wobei er sich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß das Angebot de Rais', so freundlich es auch gemeint war, mehr nach einem Befehl geklungen hatte, als ihm recht war. Keine Frage, sein neuer Bekannter war ein Mann, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte, ohne Fra- gen zu stellen. Nachdenklich schlenderte er zurück zu dem Zelt, in dem er zu Abend gegessen hatte. Da er nicht so recht wußte, ob die Männer es gern sahen, wenn er wieder bei ihnen auftauchte, kaufte er unterwegs vor-, sichtshalber noch etwas Wein, um ihnen seine Rück- kehr zu versüßen, denn allem Anschein nach gab es in der völlig überfüllten Stadt nirgends sonst mehr eine Herberge für die Nacht. Sowohl er als auch der Wein wurden enthusia- stisch begrüßt. Rasch räumten die Männer ihr Zeug in eine Ecke des Zeltes, um mehr Platz zu haben, und gegen Morgen waren alle dicke Freunde. Robert, der Bogenschütze – er war, wie sich herausstellte, einer der Männer, die Jeanne von Vaucouleurs hergebracht hatten –, brachte ihn gegen Mittag zu de Rais, der ihn wie versprochen ausrüsten ließ. Er wählte eine schwarze Rüstung, so wie auch sein Herr sie trug. Auf eine Schleife am Helm verzichtete er – nicht jedoch auf ein Wappen, das er sich von ei- nem Porträtmaler, den de Rais ihm empfahl, auf den Schild malen ließ. Als er, fertig gerüstet, aufsaß, gab auch er ein ein- drucksvolles Bild ab, nicht zuletzt durch das pracht- volle Wappen auf seinem Schild: ein Schwan – ganz in Gold –, der auf einem azurfarbenen See schwamm. Aus seinem geöffneten Schnabel züngelte ein roter Flammenschweif – das Ganze vor einem schwarz glänzenden Hintergrund! Jeanne war begeistert, als sie es sah. Insgeheim hatte er gehofft, daß die Jungfrau, wenn sie wirklich eine Verkörperung Corenices war oder zumindest unter dem Einfluß seiner Geliebten stand, in dem Schwan eines der Schiffe von Atlantis wiedererken- nen würde. Doch wie groß war seine Enttäuschung, als die erhoffte Reaktion erneut ausblieb. Ein paar Tage später ritt Gwalchmai gemeinsam mit der Jungfrau und ihren engsten Freunden – sie, bezeichnete sie scherzhaft als ihr Bataillon – nach Blois, wo sich bereits viele Menschen versammelt hatten, die gespannt ihr Kommen erwarteten. Ihre Erscheinung wirkte wie Balsam auf den zer- lumpten Haufen Strolche, die sich dort, getrieben von dem Gedanken an Plünderei und die Aussicht auf reiche Beute, zusammengerottet hatten und nicht wußten, wie ihnen geschah, als sie plötzlich fromm wie die Lämmer dasaßen, die Messe hörten und die heilige Kommunion empfingen. Jeder einzelne von ihnen – vom höchsten Edelmann bis zum abgerisse- nen Landstreicher – fühlte sich ob ihrer Gegenwart mit einem Schlag geläutert, niemand vermochte sich der Ausstrahlung zu entziehen, die von diesem einfa- chen Bauernmädchen ausging. Durchströmt von einem nie gekannten Gefühl der Einheit, der Begeisterung, die sie zu gemeinsamem Handeln anspornte, harrten sie alle dem Befehl aus ihrem Munde. Viele hatten Klage geführt, es könne niemals zu einem Sieg kommen, da sie nicht unter dem Fanal marschierten – der großen Kriegsfahne, die bei den Feldzügen der Vergangenheit über allen Heeren Frankreichs geweht hatte. Da diese in Paris festgehalten wurde, einer Stadt, die sich seit zehn Jah- ren schon fest in englischer Hand befand, sei ihr Un- ternehmen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. In Gegenwart der versammelten Hauptmänner lenkte Jeanne ihr Pferd an jenem strahlenden Morgen neben das von de Rais, das Banner in Empfang zu nehmen, das sie nach ihrem Entwurf hatte fertigen lassen. James Powers, der Künstler, ein betagter Schotte, der in Tours beheimatet war, entrollte feierlich sein, Werk und reichte ihr die Stange hinauf aufs Pferd. Aller Augen ruhten ehrfurchtsvoll auf der wunder- schönen Fahne. Sie zeigte den Gekreuzigten. Der Hintergrund aus leuchtendem Blau war mit goldenen Lilien besetzt. Hoch über dem Kreuz stieg eine weiße Taube auf weit ausgebreiteten Schwingen zum Himmel empor. Darunter prangten in leuchtendem Gold die Worte, die Jeanne an den Anfang ihrer niedergeschriebenen Verkündigungen gestellt hatte: Jhesus-Maria. Ihre Augen leuchteten, als sie einen Zipfel der Fah- ne an ihre Lippen drückte. Dann beugte sie sich herab und sprach zu dem Schotten: »Ich liebe mein Schwert, doch am meisten liebe ich dieses Banner. Ich werde es in die Schlacht tragen, auf daß ich niemals jemanden töte.« Der Wind fuhr hinein und ließ es weithin sichtbar für alle wehen. Als Gwalchmai es erblickte, spürte er eine Woge unbeschreiblichen Glücks. Es war das Banner, das er in dem Opal gesehen hatte, jenes Ban- ner, das, halb verdeckt von Rauch und Kanonenfeuer, vor der Festung geweht hatte! Die halbe Welt hatte er durchquert, es zu finden, und nun flatterte es vor sei- nen Augen, in der Hand seiner Trägerin! Er wußte, daß sein Schicksal seiner Erfüllung entgegenging. Spontan brach er in einen begeisterten Hochruf aus. Sofort fielen andere mit ein, und gleich darauf scholl es wie Donner durch die Reihen: »Heil dir, Jeanne! Jeanne aus Domrémy! Sei du unser Fanal!« Es war bezaubernd anzusehen, wie sie errötete. D'Alençon rief begeistert: »Du allein, Jungfrau, bist es, die uns hier zusammengeführt hat! Gib uns den Befehl zu marschieren!«, Jeanne schüttelte den Kopf und lächelte. Doch dann straffte sich ihr Körper, und sie nahm die Eh- rung an. Das Banner flatterte im Wind. Ihre klare, helle Mädchenstimme klang fest und zuversichtlich, als sie rief: »Auf nach Orléans! Für unseren Gott und unseren König! Lasset die Trompeten erschallen und macht euch bereit. Wir reiten!« Sekundenlang herrschte atemlose Stille. Eine Ler- che stieg hoch in die Lüfte und ließ, gleichsam, um allen Mut zu machen, ihr fröhliches Lied erschallen. Eine Trompete schmetterte, und Männer stiegen in ihre Sättel. Geschäftiges Treiben erhob sich auf dem Feld. Peit- schen knallten, Kommandos flogen hin und her, die Priester, die die Spitze der Säule bildeten, schwenkten ihre Weihrauchgefäße und sangen das Veni Creator Spiritus und dann setzte sich der ganze Zug hinter dem wehenden Banner in Bewegung. Nahrung für die Hungrigen! Pulver für die Kano- nen! Männer für die Mauern! Vorwärts nun und kei- nen Schritt zurück! Dreitausend Mann auf dem Weg in das belagerte Orléans, auf dem Weg in ein wahn- witziges Abenteuer, wie es die Geschichte bis dato noch nicht erlebt hatte! Die letzte Armee Frankreichs zog ins Feld, der Kehricht des Königreichs, das letzte Aufgebot ver- zweifelter Männer, von denen die meisten nicht ge- glaubt hätten, daß sie noch einmal eine Waffe tragen würden. Sie zogen in die Schlacht als ein verlorener Haufe, zerstörte Städte in einem besetzten Lande zu- rückzuerobern und einen König auf den Thron zu heben, der nicht nur an seinem eigenen Mut zweifelte – zu Recht, denn er besaß keinen –, sondern auch an, seinem legitimen Besitztitel auf den Thron. Angeführt wurde dieser Haufe von einer siebzehn Jahre alten Jungfrau, die ihren Heiligen verzagt erwi- dert hatte: »Ich bin nur ein armes Mädchen, das nichts vom Reiten und vom Krieg versteht.« Doch sie hatte auch gesagt, insgeheim und tief in ihrem Herzen: »Wir werden den König mit uns neh- men und uns den Weg freikämpfen!« Der Dauphin und sein Gefolge indes sahen zu, wie sie abmarschierten, unter dem Gesang der Priester und dem Wirbel der Trommeln – und als die Heer- schar seinen Blicken entschwunden war, begab er sich zurück nach Chinon, die eitlen Annehmlichkei- ten seines Hofes zu genießen. Wenn dieses Unternehmen mißglückte, dann wür- de es kein zweites mehr geben. Ob dieses verzweifelte Unternehmen von Erfolg ge- krönt sein würde oder ob es zum Scheitern verurteilt war, kümmerte indessen Gwalchmai ebensowenig wie Charles. Er suchte jede Gelegenheit, ein paar Worte mit der Jungfrau zu wechseln. Immer noch hatte er die Hoffnung, irgendwo einen gemeinsamen Berührungspunkt mit ihr zu entdecken, nicht ganz aufgegeben. Als alle seine versteckten Andeutungen und Fingerzeige nicht die erwartete Reaktion bei ihr heraufbeschworen, brachte er schließlich in seiner Verzweiflung das Thema unverblümt auf Alata, Mer- lin und seine eigene Mission. Sie hörte ihm aufmerk- sam zu. »Habt Ihr je von der Prophezeiung Merlins gehört, Frankreich werde einst von einer Frau zugrunde ge- richtet und wiederhergestellt von einer Jungfrau, die, aus einem Eichenwald in Lothringen käme?« »Als Kind spielte ich oft mit anderen Mädchen un- ter dem Elfenbaum, der in der Nähe eines Baches in einem Eichenwald steht; und gewißlich wurde auch Frankreich von der Gemahlin Karls des Siebten zu- grunde gerichtet. Soweit zumindest hat sich die Pro- phezeiung bewahrheitet. Es heißt, daß Philip von Burgund sich niemals mit den Engländern verbündet und damit das Land gespalten hätte, wenn er die Kö- nigin nicht so sehr gehaßt hätte. Wie wunderbar es wäre, wenn aus all diesem Blut- vergießen, all dieser Verzweiflung ein gemeinsames Interesse den Herzog erneut mit einem König verei- nigte und er wieder in den Besitz seiner Herrschafts- gebiete käme! Gemeinsam könnten sie die Engländer ins Meer treiben.« »Ist der Dauphin ein wahrhaft christlicher Herr- scher?« fragte Gwalchmai, an Merlins Beschwörung denkend. Sie reckte sich entrüstet im Sattel auf; ihre Müdig- keit und die Schmerzen, die ihr die schwere Rüstung bereiteten, schienen mit einem Schlag vergessen. »Mein König ist der christlichste unter allen Chris- ten!« »Ob er Euch dann wohl, wenn dieser Krieg ge- wonnen ist und er durch Eure Hilfe sein Reich zurük- kerhalten hat, einige Schiffe gewähren würde? Er könnte Siedler in jenes Land Alata schicken und es zum Ruhme unseres Herrn in Besitz nehmen. Glaubt Ihr, daß Herzog Philip seinen Händel mit dem König vergessen könnte und die beiden gemein- sam dieses Wagnis auf sich nehmen würden?« Ihre Schultern sackten wieder herunter. »Ich mag, zwar manchmal wie eine Träumerin erscheinen, aber ich bin Realistin genug, um mich niemals Illusionen hinzugeben«, erwiderte sie mit einem Stoßseufzer. »Und wenn ich ehrlich bin, muß ich freimütig geste- hen, daß ich befürchte, Burgund wird niemals Frie- den schließen, es sei denn, es wird mit blanker Waffe dazu gezwungen. Doch will ich, sobald wir in Orlé- ans eintreffen, einen Brief aufsetzen und dafür sor- gen, daß er an ihn weitergeleitet wird, wenn ich die englischen Festungen auffordere, sich zu ergeben.« »Was werdet Ihr bei der Krönung als Belohnung fordern, Jungfrau?« »Nichts weiter, als daß die Einwohner von Dom- rémy und Greux nie wieder Steuern zu entrichten brauchen. Sie sind so arm und arbeiten so hart.« »Nichts für Eure eigene Person?« »Ich habe niemals etwas für meine eigene Person gefordert, außer von meinen Heiligen. Ich bat sie, mich, wenn alles vorbei ist, zu ihnen ins Paradies zu holen. Sie haben versprochen, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie sagen, ich müsse ein gutes Mädchen sein, und Gott werde mir helfen. Sie sagen, es dauert nicht mehr lange, und der Dauphin wird mich bitter brau- chen. Aber er ist von falschen Ratgebern umgeben. Es fällt mir so schwer, ihn zu überzeugen!« Ihre Stimme versagte ihr den Dienst, und sie brach in tiefes Schluchzen aus. Rasch fragte Gwalchmai: »Habt Ihr deshalb keine Angst, in die Schlacht zu reiten, weil Ihr wißt, daß Eure Heiligen Euch beschützen?« Doch schon hatte sie die Kontrolle über sich zurük- kerlangt und antwortete mit fester Stimme: »Ich bin in ebensolcher Gefahr wie jeder andere Soldat. Sie, werden die Männer genauso beschützen wie mich. Und was die Furcht anbetrifft – das einzige, wovor ich Angst habe, ist Verrat!« Gwalchmai nahm den Kopf seines Pferdes ein Stück zur Seite und flüsterte bei sich: »Das sind Wor- te, wie nur meine eigene Kriegerbraut sie sprechen kann!« Da las er aus dem Augenwinkel von Jeannes Lippen, die leise und nur für sie selbst bestimmt die Worte formten: »Und Feuer!« Die Worte waren, wie schon gesagt, nicht für ihn bestimmt. Er verriet mit keiner Miene, daß er sie ge- hört hatte. In späteren Jahren bedeutete dieser winzige Augen- blick der Selbstenthüllung Gwalchmai mehr als all die anderen Ereignisse, die er in der Stadt Orléans noch erleben sollte. Einmal dort eingetroffen, machte Jeanne ihren Hauptmännern sehr rasch deutlich, daß sie der An- führer war und nicht etwa – wie diese insgeheim ge- hofft haben mochten – ein Werkzeug zur Durchset- zung ihrer eigenen Pläne. Sie war außer sich vor Wut, als ihr die Nachricht überbracht wurde, daß der Bote, den sie ausgesandt hatte, die Engländer zur Kapitu- lation aufzurufen, gefangengesetzt worden war. Da- mit war eine große Chance vertan, denn sie wußte, daß die Engländer jeden Tag mit Verstärkung rech- neten. Das einzigemal, daß Gwalchmai sie während die- ser ersten Zeit, da Intrige und Ränkespiel an der Ta- gesordnung waren, lächeln sah, war, als Louis de Coutes, ihr Page, sie beide zu der Schießscharte rief, durch die er schon eine ganze Weile hindurchgespäht, hatte. Sie kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Franzose den Kopf hinter einer Zinne vorstreckte und sorgfältig mit einer Feldschlange auf das nächst- liegende Fort zielte. Es nahm einige Zeit in Anspruch, die plumpe Handfeuerwaffe mit ihrem schweren Ständer exakt in Stellung zu bringen. Noch ehe er die mächtige Mus- kete abgefeuert hatte, kam schon ein Schuß vom Feind herüber. Er sprang mit einem spitzen Schrei in die Höhe und fiel mit weit ausgebreiteten Armen hintüber. Flach auf dem Rücken liegend, zappelte er wie wild mit den Beinen. Nur seine Beine und Füße lagen im Blickfeld der Engländer, die ihre Hälse reckten, um das Spektakel zu beobachten, das nach Gwalchmais Empfinden unnatürlich lang dauerte. Jeanne war entsetzt über den Anblick des armen Kerls, der sich dort hilflos im Todeskampf wand. Wütend fuhr sie den Pagen an: »Lauf sofort los und hole jemand, der ihn in Sicherheit bringt! Es ist eine Schande!« Voller Abscheu wandte sie sich von der Schießscharte ab. »Wartet, Herrin!« rief der Page und griff sie beim Ärmel. »Ich habe schon von ihm gehört. Er braucht keine Hilfe. Schaut nur, was er macht. Es ist Meister Jean, der Lothringer!« Ganz langsam, fast unmerklich verschwanden die strampelnden Beine aus dem Blickfeld der Engländer, die jetzt, im sicheren Gefühl, einen Volltreffer gelan- det zu haben, jegliche Vorsicht vernachlässigend, un- geschützt auf der gegenüberliegenden Brustwehr standen und den Scharfschützen schulterklopfend zu seinem Meisterschuß beglückwünschten. In dem Moment bellte die Feldschlange mit unge-, heurem Getöse los. Voll getroffen von der Schrotla- dung sanken drei aus der Gruppe zu Boden, der Rest suchte humpelnd und blutend das Weite. Der Scharf- schütze lag tot auf dem Rücken. »Seht! Das war Meister Jean! Dasselbe macht er je- den Tag irgendwo, manchmal sogar mehr als einmal. Ma foi! Diese Godams werden auch niemals klüger. Schon mehr als vierzigmal ist er auf die gleiche Weise gestorben wie vorhin.« Gwalchmai ging hinüber, um die fürchterliche Waffe einmal näher in Augenschein zu nehmen. Es war ein wahrhaft tödliches Instrument, dazu sehr schön anzusehen. Und wie ihm der Lothringer gleich darauf eindrucksvoll demonstrierte, war es auch eine überaus präzise Waffe, die nicht nur ganze Schrotla- dungen verstreuen, sondern auch einzelne Kugeln abfeuern und sicher ins Ziel bringen konnte. Es erfor- derte einiges an Fingerspitzengefühl, die rechte Men- ge Pulver auszumessen und die dazu passende Kugel zu wählen. Gwalchmai mußte lächeln, als er an den unglück- seligen Wu zurückdachte. Schon manch hochtraben- de Pläne waren durch eine winzige Unvorsichtigkeit zunichte geworden. Er freundete sich rasch mit Jean an, indem er ihm als Lockvogel diente. Manch ein Engländer fiel auf die Kapriolen dieses Lockvogels herein und wagte sich mit dem Kopf ein wenig zu weit über die Zinnen – nie mehr als einmal ... Als schließlich Nachschub eintraf – durch den einzi- gen freien Zugang, den Orléans noch hatte –, stand die ganze Stadt buchstäblich auf dem Kopf. Für die, Engländer war nichts gekommen. Jeanne ritt hinaus, begleitet von ihrer Leibgarde – einer von ihr persön- lich ausgesuchten und zusammengestellten Elite- truppe –, um die Proviantwagen in die Stadt zu es- kortieren. Am Nachmittag, als die Hitze am größten war, zog sie sich eine Weile zurück, um sich auszuruhen. D'Aulon, der nie von ihrer Seite wich, legte sich im Vorraum hin, und kurz darauf waren beide einge- schlafen. Die Stadt schien ein Tollhaus. Die Straßen wimmelten von grölenden, aufgeputschten Haufen, die trinkend und singend herumzogen und sich ge- genseitig überboten an prahlerischen Ankündigun- gen, was sie mit den Engländern alles anstellen wür- den. Gwalchmai mischte sich unter die Menge und spa- zierte eine Weile ziellos durch die Straßen. Er spürte, wie das Gefühl der Erregung, das die ganze Stadt be- herrschte, langsam auch auf ihn übergriff. Er wan- derte noch eine ganze Zeit umher, ehe auch er sich in sein Quartier zurückzog, das fast am anderen Ende der Stadt lag, um ein wenig Ruhe zu finden. Er war noch nicht lange eingeschlafen, als wütender Kano- nendonner ihn erschreckt hochfahren ließ. Er stürzte ans Fenster seines Zimmers und schaute hinunter auf den breiten Boulevard. Er schien leerer als sonst. Hastig schlüpfte er in seine Stiefel und stürmte, Helm und Rüstung zurücklassend, hinunter auf die Straße. Im Laufen schnallte er sich das Schwert um. Zwar schien der Kanonendonner, der von jenseits der Stadtmauern herübergrollte, nicht näher zu kommen, doch ließ ihn ein rasch lauter werdender, Tumult, der aus derselben Richtung zu kommen schien, aufhorchen. So schnell er konnte, rannte er dem Lärm entgegen. Augenblicke später kam eine schreiende Menge mit vor Entsetzen weit aufgerisse- nen Augen in panischer Flucht den Boulevard her- untergerannt. Viele von ihnen waren verwundet, manche torkelten, so, als seien sie erblindet, und hielten sich schreiend die Augen. Ihre Gesichter und Arme waren mit großen, gräß- lich anzusehenden Blasen bedeckt. Aus seiner langen Erfahrung wußte Gwalchmai sofort, daß ungelöschter Kalk, kochendes Wasser oder heißes Öl die Ursachen dafür waren. In dem Moment, als er mit der zurückflutenden Meute zusammentraf und begann, sich mühsam ei- nen Weg zu bahnen, hörte er, wie ein galoppierendes Pferd ihn überholte. Im Rennen warf er einen raschen Blick zur Seite. Es war Jeanne. Nie hatte sie Corenice mehr geäh- nelt als in diesem Moment. Weit über den Hals des Pferdes gebeugt, mit der linken Hand den Zügel hal- tend, mit der rechten den Schaft des Banners, dessen unteres Ende tief in der Sattelschlaufe stak, fest um- klammernd, sprengte sie tollkühn vorwärts. Lang wehte die Fahne hinter ihr, wie eine Peitsche durch die Luft knallend. Sie erkannte Gwalchmai in dem Moment, als sie an ihm vorbeiritt. Ohne ihre Geschwindigkeit zu ver- langsamen, drehte sie sich im Sattel und schrie ihm zu: »Rasch, rasch! Franzosen sterben!« Sie hatten jetzt fast das Stadttor erreicht. Noch hielt eine große Menge offenbar beherzterer Männer diese Stellung, doch ein großer Teil irrte ziellos und un-, schlüssig herum, immer wieder ängstlich über die Schulter nach hinten blickend, so, als ob der Feind be- reits nah sei. Als sie Jeanne erblickten, brachen sie in Jubelrufe aus. Stolz sah Gwalchmai, wie sie sich ihr in den Weg warfen. Ihr Anblick bewirkte, daß sich aus einem verängstigten, zurückweichenden Haufen sofort eine von neuem Mut beseelte, zwar fast formlose, doch kampfentschlossene Truppe bildete. »Die Engländer haben einen Ausfall gemacht! Sie sind uns dicht auf den Fersen! Zurück, Tochter Got- tes!« Das große Pferd bäumte sich auf und kam zum Stehen. Gwalchmai hatte es gerade erreicht, als ein Mann gegen ihn sackte. Sein Kleid war von der Schulter bis zur Hüfte blutdurchtränkt, sein Gesicht zu einer wachsfarbenen Maske erstarrt. »Ist das ein Franzose?« »Ja, Jungfrau!« schrie jemand. »Ha! Niemals sah ich das Blut eines Franzosen flie- ßen, ohne daß sich mir die Haare sträubten! Vor- wärts, Männer von Orléans! Mir nach!« Sie blickte sich nicht einmal um, um sich zu verge- wissern, ob auch einer ihrer Aufforderung nachkam. Würden sie ihr nachfolgen? Brachte wenigstens einer den Mut auf? Sie gab ihrem Pferd die Sporen. Erneut bäumte sich das Roß auf und flog in wildem Galopp auf den Kanonendonner zu. Die unentschlossene Gruppe, Gwalchmai vorneweg, stürmte mit tosen- dem Jubelgeschrei hinter ihr her. Hoch das wehende Banner! Vorwärts ihr Recken Frankreichs alljetzt, auf fliegenden Rossen dem Fein- de entgegen! Hier reitet D'Aulon, grimmig entschlos-, sen, sein Mündel zu schützen. Und dort D'Alençon, vorwärtsgetrieben von Liebe und Zorn. Neben ihm Jeannes Bruder, Pierre, dicht gefolgt von dem vier- zehn Lenze zählenden Louis de Coutes, der – keiner weiß wie – plötzlich irgendwo ein Pferd aufgetrieben hat. Vorwärts, dem Banner nach! Vorwärts und mitten hinein in die entsetzten Engländer, die vor dem offe- nen Tor ihres Forts aufmarschiert sind, den Fliehen- den nachzusetzen. Direkt vor sich sieht Gwalchmai eine Leiche liegen. Sie ist über und über mit Teer bedeckt und brennt noch. So entstellt ist sie, daß er nicht zu sagen ver- mag, ob es ein Mann war oder eine Frau. Reglos liegt sie da – brennend. »Vorwärts, Männer von Orléans!« Die Menge ist wie entfesselt. Sie stürmt vorwärts, das wehende Banner vor Augen. Wie ein Keil bricht sie in die Rei- hen der Engländer, rast über sie hinweg, einer Pflug- schar gleich, die die Scholle aufreißt. Und dann schwärmt sie durch das Tor ins Innere der Festung. Als Gwalchmai und de Rais mit vom Blute tropfen- den Schwertern aus der Festung kamen, sahen sie Jeanne auf der Erde sitzen. In ihrem Schoß ruhte das Haupt eines verwundeten englischen Soldaten. Sanft wiegte sie ihn hin und her. Sie weinte. »O Baske! Ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit für die letzte Beichte! Er ist doch noch ein Kind! Er fragte immerzu nach seiner Mutter! Warum in Gottes Na- men gehen diese Menschen nicht zurück in ihr eige- nes Land?« Gwalchmai wußte keine Antwort. Er hörte, wie de, Rais leise murmelte: »Bei allem, was mir heilig ist! Ei- ne solche Frau hat es noch nie gegeben! Und wer et- was anderes behauptet, den werde ich eigenhändig in Stücke reißen!« Gwalchmai sagte nichts, doch tief in seinem Her- zen dachte er: Doch – eine einzige. Meine schöne Corenice hätte genauso geweint. Ob wir uns je wie- dersehen werden? Und laut sagte er, als er die Stirn des Jungen fühlte und feststellte, daß sie kalt war: »Kommt, Jungfrau von Orléans. Laßt uns in die Stadt zurückkehren. Es ist nun alles vorüber.« Sanft griff er sie beim Arm. Es war das erstemal, daß jemand sie so genannt hatte. Als der Morgen des nächsten Tages graute, hatte die Armee entschieden, von wem sie künftig ih- re Befehle entgegennehmen würde.,

Endlich – Corenice

Jeanne schritt ungeduldig auf und ab, die Hände in die Hüften gestemmt, und diktierte die Herausforde- rung an den englischen König und seinen Statthalter. Gwalchmais Herz schwoll vor Stolz angesichts dieses kleinen Bauernmädchens, das die Fähigkeit besaß, im entscheidenden Moment jeder Lage gewachsen zu sein. Seine Bewunderung wuchs mit jedem Wort; was ihn besonders erfreute, war, daß sie selbst in dieser kritischen Stunde an das Versprechen dachte, das sie ihm gegeben hatte. »Herzog von Bedford! Die Jungfrau bittet Euch in- ständig, daß Ihr nicht Eure eigene Vernichtung her- beiführt. Wenn Ihr ihr recht tut, dürft Ihr in ihrer Be- gleitung dorthin gehen, wo die Franzosen die edelste Tat vollbringen werden, die je für das Christentum vollbracht wurde. Schenkt Ihr jedoch dieser Kunde von Gott und der Jungfrau keinen Glauben, dann werden wir Euch schlagen, wo immer wir Euch treffen! Dann werden wir ein solches Gewitter entfesseln, wie die Welt es seit tausend Jahren nicht mehr erlebt hat!« »So«, rief sie und klopfte Gwalchmai herzlich auf die Schulter, »das ist das beste, was ich im Augen- blick für Euch tun kann, ohne Euer Geheimnis den Engländern preiszugeben.« Sie strahlte ihn an. »Wir werden schon noch Schiffe für Euch auftreiben. Keine Angst, Herzog Philip wird später davon unterrichtet werden. Falls er irgendwelches Interesse zeigt, wer-, den wir ihm mehr davon erzählen, sobald die Eng- länder aus dem Land gejagt sind. Und nun, Baske, besorgt mir einen treffsicheren Bogenschützen.« Robert, Gwalchmais erster Bekannter, war hocher- freut, als er erfuhr, daß die Wahl auf ihn gefallen war. Er stieß das Tavernenweib, das sich in seinem Schoß räkelte, kurzerhand herunter, trank hastig seinen Be- cher leer, und kurz darauf verließen Gwalchmai und er gemeinsam das Gasthaus Zum Grünen Wappenrock. Auf dem Weg zum Hauptquartier gestand Robert Gwalchmai schüchtern: »Als mein Herr und ich sie von Vaucouleurs hierherbrachten, spielten wir an- fangs mit dem Gedanken, sie zu beseitigen. Sie stellte eine schreckliche Gefahr für uns dar. Der Feind war von ihrem Kommen unterrichtet und ließ überall nach ihr suchen. Dreihundert Meilen durch feindli- ches Gebiet, und überall streiften bewaffnete Truppen umher! Wir rechneten uns nicht die geringste Chance aus, sie und uns heil da durchzubringen. Doch je weiter wir kamen, desto mehr wuchs sie uns ans Herz. Wir waren überrascht über uns selbst. Sie hatte so etwas an sich, dem wir uns einfach nicht entziehen konnten. Sie war so geduldig. Niemals kam ein Wort der Klage über ihre Lippen – im Gegenteil, sie steckte uns selbst mit ihrer Zuversicht an. Und plötzlich, ehe wir recht wußten, wie uns geschah, war sie unsere über alles geliebte kleine Schwester.« Wenig später begaben sich Jeanne, Robert und Gwal- chmai zu den Schutzwehren, die errichtet worden waren, um die Orléanser Seite der zerstörten Brücke zu schützen. Dort angekommen, schwenkten sie eine weiße Fahne und traten aus dem Schutz der Mauer hervor, um zu signalisieren, daß sie als Unterhändler, gekommen waren. Jeanne wickelte den Brief fest um den Schaft eines Pfeils und befestigte ihn mit einem Bindfaden. Robert schoß den Pfeil hoch in die Luft, und als er hinter den Mauern des Augustinerklosters herunterfiel, das die Engländer als Festung ausgebaut hatten, schrie Jeanne: »Heda! Schaut, eine Nachricht!« »Hört mal alle her! Habt acht!« rief spöttisch ein englischer Soldat seinen Kameraden zu. »Hier ist eine Nachricht von der Hure aus Armagnac!« Jeanne wurde erst bleich, dann puterrot. Zornent- brannt rief sie zurück: »Du lügst! Ich habe Mitleid mit euer aller Seelen!« Der Soldat spie auf die Botschaft und warf sie in den Fluß. Robert sah die Tränen in ihren Augen, als sie sich voller Scham abwandte. Er hatte die Worte des Eng- länders nicht verstanden. Erregt packte er Gwalchmai beim Arm. Sein Griff war wie aus Stahl. »Was hat er zu ihr gesagt? Nun, was hat er gesagt?« Gwalchmai wiederholte die üblen Worte des Sol- daten. »Ich weiß, welcher es war«, preßte der Bogen- schütze hervor. Ohne sich um die Pfeile zu scheren, die sofort um ihn herumschwirrten, trat er aus dem Schutz der Mauer hervor. Er zielte lange und sorgfäl- tig. Ein Schrei bestätigte seine Treffsicherheit. »Der Bursche da wird nicht ein zweitesmal la- chen!« sagte der Mann, der einst selbst ihren Tod ge- plant hatte. Sie kehrten zurück in der traurigen Ge- wißheit, daß Vernunft und Diplomatie gescheitert waren und daß nun die Gewalt der Waffen über den Ausgang entscheiden mußte. Am nächsten Morgen wehte das Banner erneut an der Spitze des Zuges, der durch das Burgunder Tor hin-, aus in die Schlacht marschierte. Ein seltsames Gefühl überkam Gwalchmai, als er darauf schaute, wie es sich langsam auf das Augustinerkloster zubewegte, welches sich im fahlen Lichte des Morgens scharf und massig abhob gegen das grell blitzende Feuer der wütend bellenden Kanonen. Dieses Kloster galt es als erstes zu nehmen, bevor die Tourelles – das Hauptoperationsziel – angegriffen werden konnten. Jeanne hielt das Banner hoch erhoben. Ihr Antlitz war erleuchtet von der Gewißheit des Sieges. Fast schien es Gwalchmai, als spiegele sich etwas von die- sem Leuchten auf dem seidenen Tuch des Banners selbst wider. Es schimmerte und glänzte wie ein le- bendiges Wesen, als es sich auf einer eilig unter hefti- gem Feuer der Engländer errichteten Bootsbrücke über das Wasser bewegte. Es glänzte und kräuselte sich im Winde. De Rais und der ergraute alte Freischärlerhauptmann La Hire senkten ihre Lanzen zum Schutze der Jungfrau, als sie mit donnerndem Hufschlag von der Brücke auf das Ufer kamen. Jeanne gab ihrem Roß die Sporen, und gemeinsam ritten die drei auf die Engländer zu, die in dichter Formation vor den Wällen aufmar- schiert waren. Gwalchmai, der, zum Gefolge de Rais' gehörend, dicht hinter den dreien ritt, sah, wie sie sich im Sattel drehte und ihnen winkte zu folgen. »Vorwärts, Män- ner! In Gottes Namen! Vorwärts, frisch!« Kugeln und Pfeile zischten, große Löcher reißend, durch das Tuch und prallten klirrend gegen den Pan- zer. Ein paar der schlecht gerüsteten Stadtleute fielen. Die kaum ausgebildete Bürgerwehr geriet ins Stok- ken., Nun hielt es Gwalchmai nicht länger hinten. Er konnte nicht mit ansehen, wie Jeanne, fast unge- schützt dem Geschoßhagel des Feindes ausgesetzt, lediglich von den beiden Gefährten gedeckt, vorne- weg ritt. Mit einem mächtigen Satz brach er aus der Formation aus und sprengte nach vorn. »Hiergeblieben, Baske!« brüllte D'Aulon. »Ihr sagt, Ihr liebt sie wie Eure eigene Tochter, In- tendant? Dann kommt und folgt mir! Sie braucht Hil- fe!« Ein Spanier, der ebenfalls zu de Rais' Abteilung ge- hörte, rief höhnisch: »Ihr seid ein tapferer Mann, Bas- ke, doch tapferer als Ihr sind die, die den Befehlen gehorchen!« »Dann kommt Ihr doch mit mir! Dann werden wir ja sehen, wer heute der tapferste ist!« Das ließ sich der stolze Spanier nicht zweimal sagen! Er ergriff Gwal- chmais Hand, und gemeinsam stürmten sie vorwärts, auf das Tor zu, vor dem sich ein hünenhafter Englän- der mit einem gewaltigen, beidhändig geführten Breitschwert aufgebaut hatte, den Rückzug seiner Kameraden zu decken, die sich hastig durch das Tor drängten. Jeanne und de Rais waren mittlerweile einem mör- derischen Feuer ausgesetzt. De Rais hatte sich schüt- zend vor sie gestellt und fing den Großteil der Ge- schosse mit seinem hervorragenden Panzer ab. In- zwischen hatten Gwalchmai und der Spanier das Tor erreicht, doch gelang es keinem von beiden, an dem Hünen vorbeizukommen, der dastand wie eine Eiche und seine mörderische Waffe kreisen ließ. Plötzlich jedoch taumelte er ein paar Schritte zurück und fiel mit einem dumpfen Aufprall zu Boden – Meister Jean, hatte seine Feldschlange in Stellung gebracht. Und hinein ins Tor stürmte Gwalchmai, gefolgt von seinem neuen Freund; ehe die Engländer, die verzweifelt versuchten, das Tor von innen zu verrie- geln, sich's versahen, waren die beiden über ihnen und streckten sie mit fürchterlichen Schwertstreichen nieder. Hinein ritt Jeanne, nicht minder fürchterliche Hiebe mit der flachen Seite ihres Schwerts austeilend; an ihrer Seite, wie ein Rasender fechtend, de Rais, nicht einmal denen Schonung gewährend, die ihre Waffen zum Zeichen der Aufgabe zu Boden warfen. Hinein strömten die Stadtleute und die regulären Truppen, mit Axt, Hellebarde und Messer. Minuten später gehörte das Kloster Frankreich. Am Morgen des darauffolgenden Tages ging es ge- gen die Tourelles – die Türme am Brückenkopf. Als der Mittag nahte, geriet der Widerstand der Englän- der ins Wanken. Zerfetzt, zerfranst, an vielen Stellen durchlöchert, doch stolz und trotzig wie eh und je wehte das Banner von den Wällen. Jeanne stieß es hoch empor, lachte und winkte den Männern, ihr zu folgen. Sie sprang auf eine Sturmleiter und kletterte ein paar Sprossen hinauf. Zusammen mit dem Banner verschwand ihr Oberkörper in dem dichten Rauch, und sofort richteten sich alle Mündungen auf sie und bellten ihren eisernen Fluch heraus. Das Banner wankte – und fiel. Zusammen mit ihm fiel Jeanne, und die Falten des Banners legten sich über sie und hüllten sie ein wie ein Leichentuch. Noch während sie hintüberfiel, durchschlug ein el- lenlanger Pfeil, mit voller Kraft abgefeuert, ihren Schulterpanzer und bohrte sich tief ins Fleisch., Gwalchmai und D'Aulon waren sofort bei ihr. Un- ter einem prasselnden Hagel von Kugeln und Pfeilen hoben sie sie vorsichtig auf und trugen sie außer Schußweite. Behutsam drehten sie sie auf die Seite. Die Spitze des Pfeils ragte eine volle Handbreite aus ihrem Rücken. Sie war bei Bewußtsein. Während D'Aulon die Pfeilspitze vorsichtig abbrach, um den Schaft heraus- zuziehen, sagte Gwalchmai: »Jungfrau, laßt mich Eu- re Wunde heilen. Ich habe eine treffliche Arznei zur Hand.« Er zeigte ihr Merlins Ring und schickte sich an, ihre Schulter damit zu berühren. Als sie die seltsamen Eingravierungen sah, zuckte sie mit einem Ausdruck des Entsetzens zurück. »Es sieht aus wie Hexenkunst! Ich will nichts mit Hexenkunst zu schaffen haben!« »Dann laßt mich die Wunde wenigstens besingen«, beharrte er sanft lächelnd. »Ich weiß ein Lied, das Wunden heilt. Ich werde eine Trommel holen und Eure Wunde heilen, so wie die Medizinmänner mei- nes Landes es tun.« »Nein. Keine Zauberei. Keine Hexenkunst. Keine Magie.« Als einziges duldete sie, daß man ihr die Wunde mit Olivenöl einrieb. Danach ruhte sie bis zum Abend. Zu der Zeit hatte die Schlacht an Heftig- keit eingebüßt. Jeanne nahm, schwach und erschöpft, wie sie war, wieder ihren Posten ein. Sie war so ge- schwächt, daß sie sich nur mit Hilfe eines Stockes aufrecht halten konnte. Viermal hatten die Franzosen bereits versucht, die Festung zu stürmen, und viermal war ihr Ansturm im Feuerhagel der Verteidiger gescheitert. Schon fun-, kelten die ersten Lichter von Orléans herüber. Da trat Dunois, der Oberbefehlshaber der Stadttruppen, zu Jeanne und sagte: »Jungfrau, wir müssen die Hoff- nung fahrenlassen, heute noch den Sieg zu erringen. Ja, ich behaupte sogar, daß es mindestens noch eines Monats bedarf, bis wir diese Festung erobert haben.« »Ich bitte Euch, harret noch eine Weile aus! Zer- streut Eure Zweifel! Der Sieg wird bald unser sein. Laßt mich nur ein kurzes Gebet an den Herrn senden. Baske, kommt her und haltet mein Banner! Und hütet es gut!« Sie sank auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie oft hatte Gwalchmai Corenice in dieser Stellung verharren sehen! Nachdenklich fragte er sich, zu wem sie wohl in diesem Moment beten mochte. Ohne zu warten, bis sie ihr Gebet beendet hatte, blies Dunois' Trompeter das Signal zum Rückzug. Sie schaute kurz auf, setzte jedoch ihr Gebet fort. Einige verharrten in ihrer Stellung vor den Wällen, andere jedoch kamen zurück; als die Engländer dies sahen, brachen sie in ein donnerndes Hurra aus. D'Aulon faßte Gwalchmai bei der Schulter. »Der Mut unserer Leute ist ungebrochen, doch wenn die Engländer einen Ausbruch wagen, könnten sie in den Besitz des Banners gelangen. Das wäre ein tödlicher Schlag für uns. Wenn ich noch einmal nach vorn gehe zum Fuß des Walles und unsere Truppen für einen letzten Ansturm sammle, werdet Ihr mir dann mit dem Banner folgen?« »Ja«, antwortete Gwalchmai mit fester Stimme. Die beiden sprangen hinunter in den trockenen Graben. Als sie auf der anderen Seite hochkletterten,, erblickte Jeanne das Banner. Sofort sprang sie hinter- her und bekam einen Zipfel zu fassen. »Ha!« schrie sie erregt. »Mein Banner! Baske! Habt Ihr vergessen, was Ihr mir versprochen habt?« Entschlossen nahm sie das Banner selbst in die Hand. Ein Schwarm Schotten und Franzosen sprang ihr nach und stürmte mit wildem Kampfgeschrei hinter ihr her. »Hergeschaut! Wenn der Zipfel meines Banners die Mauer berührt, dann ist der Sieg unser!« »Jungfrau! Jetzt berührt er sie!« »Dann stürmt hinein, im Namen des Königs des Himmels, stürmt hinein! Die Stadt ist unser! Die Tou- relles werden fallen!« Gwalchmai, der in dem wütenden Ansturm zu- rückgeblieben war, sah sie vor sich stehen, in all ihrer Pracht und Herrlichkeit, einer verklärten Glorie gleich. Das Banner erstrahlte in mystischem Glanze. Ein unsägliches Gefühl durchpulste ihn. Es war ge- nau die Szene, die er in dem Opal des Ringes gesehen hatte! Dort, die zerberstende Festungsmauer! Und dort, der grelle Blitz der Kanonen, das Feuer, der Rauch! Und dort, direkt vor seinen Augen, der schlanke, ge- rade Rücken der Standartenträgerin! Und immer noch wußte er über ihre Identität nicht mehr als da- mals vor langen, langen Jahren, als er am Sterbebett seiner Geliebten diese Szene zum erstenmal in Mer- lins Ring gesehen hatte! »Glasdale! Braver Hauptmann! Beugt Euch dem König des Himmels! Ihr nanntet mich eine Metze, doch ich habe Erbarmen mit Eurer Seele!« Als die Dunkelheit hereinbrach, war alles vorbei., Glasdale war gefallen, die Tourelles in der Hand der Franzosen, Orléans frei, und in der Stadt läuteten die Glocken. Wenn Gwalchmai sich Jahre später an diese Zeit zu- rückerinnerte, dann war es nicht der kurze Feldzug, der vor seinem inneren Auge auftauchte. Nach der Befreiung von Orléans eilten die Truppen der Jung- frau von Sieg zu Sieg, eroberten sie, getragen von den Schwingen ihres großartigen Erfolges, Festung um Festung. Doch nicht dies war es, was bei ihm den nachhaltigsten Eindruck zurückließ – was ihn am stärksten beeindruckte, war das Mystische, das er – und er allein – in Verbindung mit dem Banner wahr- nahm. Stadt um Stadt fiel. Die Engländer stellten sich noch zweimal in offener Feldschlacht, zuerst in Beau- gency und dann bei Patay – beide Schlachten endeten für sie in einer vernichtenden Niederlage. Nach je- dem Triumph sah Gwalchmai, wie eine neue Lilie auf dem Banner aufleuchtete, und als das stolze Reims seine Tore für die Krönungsfeierlichkeiten des Dau- phin öffnete, da erstrahlte das Banner in seiner Ganz- heit, so, wie er es zum erstenmal gesehen hatte – doch (und das wußte er mit Sicherheit) nicht für Charles, den Dauphin. Einmal solchermaßen für ihn entflammt, behielt das Banner für ihn diesen mystischen, strahlenden Glanz. Er betrachtete dieses Wunder als eine neue, unerwartete Gabe des Scharfblicks, die ihm durch die Kraft des Ringes zuteil geworden war. Niemand an- deres außer ihm schien diese mystische Verklärung des Banners wahrgenommen zu haben, denn nie- mand erwähnte sie ihm gegenüber. Und er selbst, sprach mit niemandem darüber, nicht einmal mit Jeanne. Bei der Krönung hatte er nur Augen für sie. Einer überirdischen Erscheinung gleich, in einer weißen Rüstung, das Banner in der Linken, das bloße Schwert in der Rechten, stand sie stolz und erhobe- nen Hauptes neben dem Thron, selbst in diesem Au- genblick bereit, bis zum letzten Blutstropfen die be- fleckte Ehre ihres schwachen Königs zu verteidigen. Unter den schimmernden, zerfetzten Falten kniete sie nieder und umschlang Charles' Knie mit den Ar- men. »Mein edler Dauphin! Endlich seid Ihr mein Kö- nig!« Tränen des Stolzes stiegen Gwalchmai in die Au- gen, als die Menge begeistert »Heil!« brüllte – denn er wußte, es galt niemand anderem als ihr, auch wenn sie es nicht geglaubt hätte, wenn man es ihr gesagt hätte. Endlich ging es gegen Paris! Doch es war zu spät. Zu lange hatte der König, immer noch den Lügen seiner Ratgeber glaubend, den Befehl zum Abmarsch hin- ausgezögert. Als er sich endlich dazu durchgerungen hatte, stellte sich heraus, daß der Waffenstillstand zwischen ihm, dem englischen Statthalter Lord Bed- ford und Herzog Philip, dessen Länder größer waren als die der beiden anderen – und dessen Haß auf Charles ebenfalls größer war –, dazu benutzt worden war, Paris zur am stärksten befestigten Stadt in Euro- pa zu machen. Hinter dem stolzen Banner, das bisher noch keine Niederlage erlebt hatte, marschierte die Armee aus, Reims heraus. An der Spitze des Heeres ritten die treuen Hauptmänner – La Hire, D'Alençon, Dunois und de Rais. Dahinter ritten die stets wachsamen Wächter, D'Aulon und Gwalchmai, die niemals weit entfernt waren von der strahlenden kleinen Gestalt, die das Banner trug. Der Erzbischof von Reims begleitete sie ein Stück des Weges. Gwalchmai hörte ihn sagen: »Jeanne, wo erwartest du zu sterben?« Sie war in einer ungewöhnlich düsteren Stimmung. Die Kampfmoral des Heeres war auf einen gefährli- chen Tiefstand gesunken. Die Männer waren schlecht ausgerüstet, seit Wochen schon hatten sie keinen Sold mehr bekommen, und oft hatten sie kaum das Nötig- ste zu essen. All dies schlug sich natürlicherweise auf die Stimmung der Führer nieder. »Wo immer es dem Herrn gefällt«, war ihre Ant- wort. »Ich kenne weder den Ort noch die Stunde. Ich wollte, es wäre Sein Wunsch, daß ich jetzt mein Schwert niederlege und zu meinen Eltern zurückkeh- re, die glücklich wären, mich wieder bei sich zu ha- ben.« Gwalchmai, dessen Ohr jede Nuance ihrer Stimme registrierte, die ihm auf so verblüffende Weise ver- traut war, spürte sofort, daß eine seltsame Melancho- lie über sie gekommen war. Just in dem Moment schritten sie eine Straße ent- lang, die zu beiden Seiten von lombardischen Pap- peln gesäumt war. Und als wären ihre Worte ein Si- gnal, fiel mit einemmal ein riesiger Schwarm Schmetterlinge aus den Bäumen und umflatterte die Köpfe der Soldaten wie fallende Blätter. Sie kreisten und wirbelten um sie herum und tanzten, ein sanft, treibender Schwarm lebendiger Schönheiten, leicht und beschwingt um Fähnchen und Standarten, in glitzernden, sich kräuselnden Wellen durch das Son- nenlicht flutend, das durch die Zweige der Pappeln fiel. Gwalchmai fuhr im Sattel hoch. Kristallklar, aus scheinbar unendlicher Ferne kommend, drang das Blasen eines silbernen Jagdhorns an sein Ohr. Schon einmal, vor unendlich langer Zeit, hatte er den Klang dieses Hornes gehört – im Feenreich Elveron. Er schaute sich unauffällig um. Wie es schien, hatte au- ßer ihm niemand anderes den Klang des Hornes ge- hört. Und wieder ertönte sein silberner Ruf, so tapfer, so fröhlich das Schicksal herausfordernd, und da wußte er: Es war der Sammelruf der Elfen, das letzte große Sammeln zum Fluge nach Astrophar – und er wußte auch, daß dies ein Abschied auf immer war. Hatte wirklich keiner außer ihm den Ruf vernom- men? Die Schmetterlinge tanzten und wirbelten und sammelten sich in einer dichten, glitzernden Wolke um das Banner. Doch so dicht sie umeinander- schwärmten, niemals berührten sie sich untereinan- der oder Jeanne, die die Flagge trug, denn die Berüh- rung ihrer stählernen Rüstung bedeutete für sie den sicheren Tod. So schwärmten sie für eine kurze Weile, geflügelten Lilien gleich, um das lodernde Banner, und Jeanne, inmitten des wirbelnden Zentrums, schaute ihnen zu und lehnte sich im Sattel zurück und lachte, den Kopf nach hinten geworfen, wie Gwalchmai es so oft bei seiner Liebsten gesehen hat- te, in diesem kurzen Augenblick nicht mehr Soldat,, sondern nur noch ein junges Mädchen, glücklich in der Sommersonne. Noch einmal ertönte der silberhelle Klang, und mit ihm erhob sich der wirbelnde Schwarm, stieg höher, hinauf zu den Wipfeln der Bäume und höher noch, einer glitzernden Wolke gleich, hinauf in schwin- delnde Höhen – eine Kugel aus silbernen Mücken nun und dann nur noch ein leuchtender Punkt, den das Auge kaum noch zu schauen vermochte – bis auch dieser im Äther verschwand. Doch nicht alle sind fort! Ein blaßgrüner Schmet- terling sitzt noch auf Gwalchmais Umhang. Ganz still sitzt er da, bewegt langsam seine verstümmelten, ausgefransten Flügel und starrt ihn keck aus seinen winzigen Juwelenaugen an. Der ganze kleine Kerl strahlt etwas Sorgloses, Unbekümmertes aus, von seinen scharlachroten Fühlern bis zu seinen winzigen dünnen Beinchen. Kein Zweifel, den Burschen kennt er! »Mein fröhlicher Sänger, mein treuer, tapferer Freund. Hilf mir meine Führerin beschützen, wer immer sie sein mag!« Der Schmetterling krümmt seine kleinen Beine und springt hoch in die Luft. Einen kurzen Moment ver- harrt er dort, dann fliegt er hinüber zum Banner und läßt sich auf der vergoldeten Spitze der Stange nieder. Dort bleibt er still sitzen und reitet mit ihnen weiter. Neuer Schwung fährt in den Schritt der Marschie- renden. Sie haben etwas gesehen, das ihnen neue Hoffnung gibt. Auf nach Paris! Jeder Zenit hat seinen Fußpunkt. Wenn man auf der Spitze eines Berges steht, gibt es nur einen Weg – den, Weg nach unten. Der lange aufgeschobene Marsch nach Paris war der Beginn des Abstiegs, an dessen Ende sich bereits düster dräuend der Untergang ab- zeichnete. »Das einzige, wovor ich Angst habe, ist Verrat!« Diese Worte kamen Gwalchmai in den Sinn, als sie vor den Mauern von Paris lagen. Endlos und zäh zog sich die Belagerung hin und drückte auf die Stim- mung der Männer. Kein Nachschub kam, keine Ver- stärkung, und mit der Kampfmoral zerbröckelte auch die Armee selbst. Immer häufiger desertierten des Nachts Männer, immer häufiger machte sich der Zorn über den zaudernden König und seine speichellek- kenden Berater, die nichts anderes im Sinn hatten als ihren eigenen Vorteil, in lautstarkem Murren Luft. Hoffnungslosigkeit breitete sich aus. Schließlich wagte Jeanne es nicht länger, den Angriff auf die Mauern von Paris noch weiter hinauszuzögern. Als sich herausstellte, daß sich niemand die Mühe ge- macht hatte, den Graben vor der Porte de St. Denis auszuloten, begab sie sich, wie es sich für einen guten Heerführer geziemt, selbst dorthin. Als einzigen Begleiter wählte sie Robert, der das Banner tragen sollte. Kaum hatten die beiden den äu- ßeren trockenen Graben durchquert, als sie auch schon unter wütendes Feuer gerieten. »Streckt die Waffen vor Jesus!« schrie sie und stieß die Lanze in das Wasser des Grabens, um festzustellen, wie tief es war. In diesem Moment spannte ein englischer Bogen- schütze kühl und überlegt seine Sehne. Der erste Pfeil nagelte Roberts Fuß an die Erde. Als dieser, vor Schmerz laut aufschreiend, sein Visier öffnete, um die, Wunde zu untersuchen, traf ihn ein zweiter Pfeil ge- nau zwischen den Augen. Er war auf der Stelle tot. Das Banner sank in den Staub. Der dritte Pfeil bohrte sich durch Jeannes Ober- schenkel. Geistesgegenwärtig sprang sie rückwärts in den unsicheren Schutz des trockenen Grabens und preßte sich flach auf dessen Grund. Gwalchmai vernahm einen gequälten, erstickten Schrei an seiner Seite. »Mein Engel!« Es war Gilles de Rais. Wie von Sinnen drängte er sich durch das Kampfgewühl, stieß Gwalchmai dabei heftig zur Sei- te, rannte durch die Schußlinie und warf sich über Jeanne, um sie mit seinem Körper zu schützen. Sofort konzentrierte sich ein mörderisches Feuer auf die beiden. Gwalchmai hörte die Kugeln gegen de Rais' Rüstung prasseln und als jaulende Querschläger in alle Richtungen davonjagen. Keiner wagte sich zu rühren. Für einen kurzen Moment standen alle wie angewurzelt. Gleich darauf tobte die Schlacht mit wilder Heftigkeit los, und ein solcher Geschoßhagel füllte die Luft, daß niemand sich an das Paar heran- wagen konnte, ohne Gefahr zu laufen, buchstäblich durchsiebt zu werden. Unendlich langsam, Zoll um Zoll sich vorwärts- kämpfend, rückten sie gegen den Graben vor, immer wieder angespornt durch die nie sinkende Stimme Jeannes, die selbst jetzt noch, im Augenblick größter Bedrängnis, Kraft und Zuversicht ausstrahlte. Bis in den frühen Abend hinein vernahmen sie, die selbst der Verzweiflung nahe waren, klar und deutlich ihr tapferes, schmerzerfülltes »Vorwärts, Männer, haltet aus! Laßt den Mut nicht sinken! Die Stadt wird euch gehören!«, Als die Dämmerung herniedersank, wurde ihre Stimme schwächer, doch die Worte, die sie rief, blie- ben dieselben. Endlich wurde es Nacht. Im Schutze der Dunkelheit tasteten sich Gwalchmai, D'Aulon und de Gaucourt blind von Tränen durch Berge von Leichen vor und halfen de Rais, der zum Glück nur leichtere Wunden davongetragen hatte, die Jungfrau aus dem Graben heraus und in Sicherheit zu bringen. De Rais humpelte, auf de Gaucourts Schulter ge- stützt, davon, um seine Wunden versorgen zu lassen. D'Aulon machte sich auf die Suche nach einem Feld- scher. Gwalchmai zog, wie er es schon einmal in Jar- geau gemacht hatte, den Pfeil aus der Wunde, denn de Rais hatte nicht gewagt, es zu tun, aus Angst, sie könnte verbluten. Gwalchmai blickte sich um. Kein Mensch war in der Nähe. Er war ganz allein mit ihr. Sie zeigte keine Anzeichen von Schmerz. Der Blutverlust und der Schock hatten sie in eine tiefe Ohnmacht sinken lassen. Behutsam berührte er die Wunde mit Merlins Ring. Sofort versiegte der Blutstrom, der aus der Wunde quoll. Dann verband er die Wunde. Selbst in dem unstet flackernden Licht der einzigen Fackel konnte er die wachsfarbene Bläs- se auf ihrem Gesicht sehen. Zärtlich strich er eine Strähne ihres dichten, dunk- len Haars aus ihrer kühlen, feuchten Stirn. Sein Herz war so voll! Diese quälende, verblüffende Ähnlich- keit! Er schob seine Hand hinter ihr Ohr und hob eine schwere, dicke Strähne ihres Haars an seinen Mund und drückte sanft seine Lippen dagegen. Weich glitt ihr Haar durch seine zitternden Finger, und er dachte daran, welche Freude es ihm immer gemacht hatte,, zu sehen, wie es frei und trotzig im Wind flatterte. Das Licht der Fackel blitzte auf ihren kleinen gol- denen Ringen auf. Sie waren ihr einziger Schmuck, ihr liebster Schatz. Wie oft hatte sie sie angeschaut und liebevoll geküßt, bevor sie in die Schlacht zog! Jemand hatte ihm einmal erzählt, daß diese Ringe Ge- schenke ihrer Mutter und ihres Bruders waren und daß die Namen von Heiligen in sie eingraviert waren. Er mußte an Corenices Worte denken: ›Am Golde sollst du mich erkennen.‹ Er seufzte tief. »O meine Geliebte, mein kostbarer, mein einziger Schatz! Ich sehe in die Augen dieses geheimnisvollen, tapferen Weibes, und ich sehe dich!« Sanft strich er über die bleiche Wange der Jungfrau. Ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust. Ihre Au- gen blieben geschlossen, doch ihr Gesicht wandte sich ihm zu, und ihre Lippen bewegten sich. »O mein Geliebter! Weißt du noch, wie wir von der Liebe sprachen, damals, am See der Schwäne?« Gwalchmai traute seinen Ohren nicht. »Corenice! Ist es wahr? Bist es wirklich du?« »Nur für einen kurzen Augenblick, mein Schatz! Nur solange sie schläft. Der Wille unserer Enkelin ist so stark! Es ist mir niemals gelungen, sie unter meine Kontrolle zu bringen – das einzige, was ich tun konnte, war, ihr dann und wann mit ein wenig Trost und Rat zur Seite stehen. Es gibt andere, die ihr bes- seren Rat gaben, als ich ihr je geben könnte. Liebst du mich noch? Ich dachte schon, deine Liebe wäre erkaltet. Hattest du mich nicht schon für eine Weile vergessen? Oh, wie habe ich um dich gebangt, als ich dich, durch die Augen deines Kameraden Hanshiro, des Samurai, beobachtete! Kam es dir nicht merkwürdig vor, daß er dir durch die halbe Welt folgte, daß er nie von deiner Seite wich und dich in deinem dumpfen Wahn behütete? Dieser Wahn war es, der uns voneinander trennte. Du hättest mich nicht erkannt, als du versuchtest zu sterben. Schöpftest du niemals irgendeinen Verdacht, mein Liebling? Du darfst nicht verzweifeln. Das Ende deiner Irr- fahrt ist so nah. Die meinige wird mit deiner enden, und wir werden wieder vereint sein. Wußtest du nicht, daß ich es war, die dich hierher führte?« »O Corenice! Ich war anfangs so sicher, du seiest sie. So vieles ist an ihr, das mich an dich erinnert. Wie kann es sein, daß sie der Nikky, die du warst, so sehr ähnelt, und doch ist sie nicht du? Ich kann es nicht ertragen, solange nicht du und sie eins seid und es bleibt!« Jeannes Augen waren noch immer geschlossen, doch um ihre Lippen spielte ein Lächeln. Das ver- traute, langersehnte Lächeln! »Kannst du es nicht er- raten, mein liebster, mein einziger Gemahl? Rechne all die Jahre zurück, durch die vielen Generationen. Die Großmutter ihrer Mutter, deren Großmutter Großmutter war die Tochter deines Sohnes! Ich habe dir nie erzählt, was ich einst in dem Kri- stall der Seherin erblickte. Sie wußte, was aus unse- rem Zusammentreffen entstanden war, und sie zeigte mir, was noch kommen würde. Ganz am Ende des Blicks in die Zukunft, den sie mir gewährte, sah ich das Bild eines Mädchens. Es trug eine glänzende Rü- stung ganz aus Stahl und ritt auf einem Pferd. Es trug, weder Schmuck noch irgendein Emblem. Sein Gesicht ähnelte meinem, doch ich wußte, daß diese Frau nicht ich war. Ich sah sie weiterreiten, ihrer Bestimmung und ewigem Ruhm entgegen – und ich sah in ihrem Ge- sicht das Bewußtsein um diese Bestimmung, mehr noch – ich sah in ihrem Gesicht etwas von dir und etwas von mir. Und da wußte ich, es war kein Zufall, daß wir beide uns fanden. O Gwalchmai, du hast meine Göttin gesehen, und du liebst sie. Ich habe niemals deinen Gott gesehen, doch ich weiß nun, daß er lebt, und ich liebe ihn auch. Es kann nicht sein, daß die Welt sich ziellos dreht ohne höheren Plan. Unsere schrecklichen Trennun- gen, all die Pein, die wir erdulden mußten, all unser langes Warten waren nicht umsonst, wenn wir die Ahnen eines solchen Mädchens sind!« »Ja! O ja, Corenice! Und sie ist dir so ähnlich! Kein Wunder, daß ich dachte, sie wäre du!« »Ich habe erfahren, daß wir beide bald vereint sein werden und daß wir nie wieder voneinander getrennt sein werden. Wir beide waren nur winzige Teile eines ungeheuer verwickelten Plans. Ich weiß dies nun, und auch du sollst es wissen. Ich sah einen kleinen Teil dieses Plans in dem Kri- stall der Seherin. Er war so gewaltig und göttlich, daß ich nicht wagte, dir davon zu erzählen, aus Furcht, er könne dadurch vielleicht in Gefahr geraten. Ich erfuhr damals, warum wir beide geboren wur- den, einander zu lieben, und es erfüllte mich mit Freude und Stolz, daß wir ausersehen waren, ihre Ahnen zu sein. Doch mischte sich in diese Freude auch Kummer, denn ich erfuhr gleichfalls, welches, Schicksal ihr – wegen uns – widerfahren würde. Ich höre, daß sie zurückkommen, mein über alles geliebter Schatz. Ich muß dir nun Lebwohl sagen. Ahuni-i hat mir gesagt, daß wir dorthin zurückkeh- ren müssen, wo unsere lange Reise ihren Ausgang nahm, zu jener Stätte des Eises und des Feuers. Ich verspreche dir, wir werden zusammen gehen, sobald alles hier vorbei ist. Es wird nicht mehr lange dauern. Hab' Geduld und halt mich fest – halt mich fest in deinem Herzen.« Jeanne/Corenice verstummte. D'Aulon und de Gaucourt kamen mit besorgten Mienen auf ihn zuge- eilt, gefolgt von einem heftig keuchenden Feldscher mit seiner Tasche unter dem Arm. Als der Feldscher die verbundene Wunde sah, schaute er Gwalchmai fragend an. Gwalchmai legte den Finger auf die Lippen. Dann lächelte er und flüsterte: »Still! Tragt sie ganz sachte fort. Und daß Ihr sie nicht aufweckt! Ihre Wunde ist versorgt, und sie wird bald verheilt sein.« Seine Worte klangen leicht und beschwingt, doch tief in seinem Herzen trauerte er, denn er wußte nun, daß Corenice wieder fort war. Ein herrischer Befehl vom König, der sicher und weit- ab vom Geschehen an seinem Hof in Senlis saß, brach die Belagerung ab. Die hungrige Armee war nur zu froh darüber, endlich aufgelöst zu werden und zu- rückkehren zu können. Was kümmerten sie die nutzlos verstreichenden Monate, die folgen sollten? De Rais, inzwischen in den Rang eines Marschall von Frankreich erhoben, verließ bald darauf in tiefem Groll die stickige Atmosphäre des Hofes. Als er, Gwalchmai aus seiner Gefolgschaft entließ, fragte er ihn: »Wollt Ihr nicht einen festen Platz in der Leib- garde der Jungfrau einnehmen, so lange, bis ich Euch wieder zurückrufe?« »Und ob ich das will! Nichts lieber als das!« Und so wurden er und D'Aulon enge Gefährten von Jeanne, während sie, verzweifelt und zur Untä- tigkeit verdammt, einem Schoßhündchen gleich, im Gefolge des Königs von Schloß zu Schloß zog. Und auf dem Banner sammelte sich langsam der Staub. Von Guy de Laval an seine verehrte Großmutter, verwitwete Du Guesclin: Meine geliebte Frau Großmutter! Ich küsse Eure Hand. Soviel ist geschehen, seit wir nach Senlis zurückgekehrt sind. Die Jungfrau hat sich sehr dar- über gefreut, daß Euch der kleine goldene Ring gefiel, den sie Euch gesandt hat. Sie bat mich, Euch auszurichten, daß es ihr leid tut, daß es kein besserer ist. Würdet Ihr den Ring höher schätzen, wenn Ihr wüßtet, daß er ein Geschenk ihres Bruders ist? Sie trug ihn an ih- rer eigenen Hand. Sie besitzt noch einen zweiten, aber die- se beiden Ringe waren ihre einzigen Kostbarkeiten. Als ich ihr erzählte, Ihr hättet geschrieben, daß vor ihr Frankreich neun Helden hatte, nun aber zehn, da war sie tief gerührt. Sie streifte, da sie sonst nichts Wertvolles be- saß, den Ring von ihrem Finger und sagte: »Nehmt ihn und schickt ihn ihr.« Sie ist so impulsiv. Gewiß erinnert ihr Euch, daß ich Euch schrieb, wie Compiègne für den König zurückgewonnen ward und wie es seither unter den Kanonen der Burgunder liegt. Herzog, Philip ist tief ergrimmt über den Widerstand seiner verlo- renen Stadt. Man sagt, er habe in seinem Zorn geschwo- ren, daß, sollte diese Stadt sich nicht sofort ergeben, nie- mand, der älter als sieben Jahre ist, verschont werde, sobald die Stadt genommen sei. Dies hat die Jungfrau mit tiefer Sorge erfüllt. Der König jedoch hat ihr die Bitte abgeschlagen, Geld und Soldaten für den Entsatz der Stadt zu gewähren. Er hofft auf einen unblutigen Frieden mit Burgund. O weh! Das wäre mir wohl ein schöner Friede! Es wäre der Friede, in dessen Ge- nuß die Maus kommt, wenn die Katze gespeist hat! Auf jeden Fall hat die Jungfrau den Hof des Königs ohne seine Zustimmung und ohne seine Unterstützung verlas- sen – mit welchem Ziel, das können wir nur vermuten. Sie hat niemanden mitgenommen außer ihren engsten Getreu- en: den treuen alten D'Aulon natürlich, dann ihren Beichtvater Pasquerel, ihre zwei Brüder und den weißhaa- rigen Mann, von dem ich Euch erzählte, dessen Gesicht so jung und wild ausschaut. Daß er mitgehen würde, hätte ich mir denken können. Er folgt ihr auf Schritt und Tritt. Die meisten von uns ha- ben Angst vor ihm. Ein paar behaupten, er sei in Liebe zu der Jungfrau entbrannt. Als sie fortging, sagte sie, sie habe vor, einen kleinen Aus- ritt zu ihrem Vergnügen zu unternehmen. Ich weiß nicht, ob das wahr war – jedenfalls ist sie nicht zurückgekehrt. Geschrieben zu Senlis, am dritten Tage des April im Jahre des Herrn 1430. »Bei meinem Baton! Wir sind genug! Ich werde mei- nen guten Freunden in Compiègne zu Hilfe eilen. Wer mich liebt, der folge mir nach!« So erhob sich denn das Banner ein letztesmal in, den Wind. Es wehte über ihrem Zelt in Lagny, wo viele, die sie liebten, zu ihm strömten. Schotten, Ka- talanen, Italiener und Franzosen, die nichts weiter wollten als geführt werden von einer, der sie vertrau- en konnten. Und bald wehte das Banner wieder an der Spitze einer Marschsäule. Als sie Lagny verließen und die Landstraße entlangschritten, gewahrte Gwalchmai plötzlich etwas, das er schon einmal gesehen hatte, damals, als die Armee von Reims ausrückte und nach Paris zog – einen blaßgrünen Schmetterling, der sich auf dem goldenen Knauf der Fahnenstange nieder- ließ, dort eine Weile verharrte und dann zu ihm ge- flogen kam, einige Male um seinen Kopf kreiste und dann davonflatterte. Ein gutes Omen, zweifelsohne! »Bist du noch immer bei mir, kleiner Elf? Bring der, die ich liebe, Glück, und du machst auch mich glück- lich.« Er streichelte fast zärtlich den Griff seines Schwer- tes. Am Morgen hatte Jeanne ihn – als Hauptmann ih- res Bataillons – zur Entgegennahme des Tagesbefehls zu sich beordert. Ihr Gesicht war sehr ernst gewesen. Sie hatte ihr geliebtes Schwert vom Tisch aufgehoben und mit ruhiger, fester Stimme gesagt: »Baske, nehmt dieses Schwert von Fierbois und tragt es in der Schlacht. Ich werde statt dessen Eures tragen. Es ist bei Euch sicherer aufgehoben, wenn ich in die Hand der Engländer falle.« Gwalchmai war entsetzt. »Gebe Gott, daß solches nie geschehen wird!« »Es wird geschehen, daran gibt es keinen Zweifel. Meine Stimmen habe mir gesagt, daß ich noch vor dem Johannistage gefangengenommen werde. Und, meine Stimmen haben noch nie gelogen.« »Ich beschwöre Euch, unterbrecht den Feldzug, bis jener Tag verstrichen ist!« Sie lächelte matt. »Es würde nichts nützen. Ich muß meine Pflicht tun, um meine Bestimmung zu erfüllen. Sie sagen – obwohl sie es nicht näher erklären –, daß es notwendig ist, damit später ein großer Sieg errun- gen werde. Was mit mir geschieht, ist nicht von Be- deutung. Ich muß diese Sache zu Ende bringen. Das ist mein Schicksal. Dafür wurde ich geboren.« »Habt Ihr Eure Heiligen nicht gebeten, sich für Euch zu verwenden, damit Ihr verschont werdet?« Jeanne zögerte einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »Ich habe lediglich darum gebeten, rasch zu sterben und nicht lange leiden zu müssen. Sie sagten, sie würden meiner Bitte entsprechen. Und später würde ich bei ihnen im Paradies sein.« Und nun hing das Schwert Durandal an seiner Seite. Die Legende behauptete, daß schon Karl Mar- tell mit ihm bei Poitiers gegen die Sarazenen ge- kämpft hätte, lange bevor es in den Besitz Rolands gelangte. Gwalchmai wußte nicht, ob dies der Wahr- heit entsprach. Doch er war sicher, daß zwei Paladine es geführt hatten, und einer davon ritt vor ihm auf der Straße nach Compiègne. Ehrfurchtsvoll hob er die Klinge an seinen Mund und küßte das Heftkreuz. Da fiel sein Blick auf Mer- lins Ring. Verblüfft registrierte er, daß er völlig kühl war – ein sicheres Zeichen, daß in der kommenden Schlacht ihm selbst keine Gefahr drohte. Da faßte er blitzschnell einen Entschluß. Er sprengte nach vorn an die Spitze des Zuges und drängte sein Pferd zwischen die beiden Brüder Jean-, nes. Er streckte die Hand aus und hielt Pierre den Ring vor die Augen. »Mir fiel auf, daß deine Schwester neuerdings nur noch einen Ring trägt. Nun habe ich die Absicht, ihr diesen Ring als Erinnerung an mich und als Zeichen der Zuneigung zum Geschenk zu machen. Nun weiß ich jedoch, daß sie ihn niemals annehmen würde. Sie fürchtet Zauberei, und – ich will offen mit dir spre- chen – dieser Ring besitzt gewisse magische Kräfte, die ihr von großem Nutzen sein könnten, wenn ihr Gefahr drohen sollte. Er erwärmt sich an ihrem Finger und warnt sie so vor der drohenden Gefahr. Er öffnet Türen und sprengt Ketten. Wenn dieses Geschenk aus deiner Hand kommt, nimmt sie es vielleicht an.« »Aber warum behaltet Ihr den Ring dann nicht selbst?« Als Gwalchmai im Innern seiner Seele nach einer Antwort forschte, vernahm auch er mit einemmal ei- ne Stimme. Sie war ganz leise und klang wie das Läuten kleiner goldener Glocken. Ein Gefühl tiefen Friedens zog in sein Herz. »Ich brauche ihn nicht mehr. Ich werde ihn nie wieder brauchen.« Als sie am Morgen des zweiundzwanzigsten Mai die burgundischen Linien an ihrer schwächsten Stelle durchbrachen und mit ihrer kleinen Streitmacht in die Stadt drangen, sah Gwalchmai, der dicht neben ihr ritt, daß sie an jeder Hand einen Ring trug. Ihr Schicksal ereilte sie, wie vorausgesagt, am Johan- nistag. Nach einem Ausfall aus der Stadt, der das Ziel gehabt hatte, das feindliche Vorratslager zu vernichten,, sahen sich die fünfhundert Mann, die Jeanne für die- ses Unternehmen mitgenommen hatte, plötzlich einer gewaltigen feindlichen Streitmacht gegenüber, die ver- suchte, ihnen den Rückweg in die Stadt zu verlegen. Von allen Seiten heftig bedrängt, kämpfte sich die kleine Streitmacht tapfer gegen die weit geöffneten Stadttore vor. Schon hatten die ersten sie erreicht. Gwalchmai, der zusammen mit der Jungfrau und ei- nigen anderen die Nachhut bildete, hatte alle Hände voll zu tun, mit Schild und Schwert die Lanzen zur Seite zu schlagen, die auf die Jungfrau zielten. »Haltet aus, Männer, wir werden sie schlagen! Vorwärts! Gleich haben wir es geschafft!« Mit ihrem scharlachroten, weithin sichtbaren Um- hang und ihrem wehenden Banner bildete sie das Hauptangriffsziel für den Feind. Zu seinem Entsetzen sah Gwalchmai, wie die Zugbrücke von Compiègne hochging. Der Fall des Gatters rettete die Stadt, doch die Nachhut war nun allein ihrem Schicksal überlas- sen. Die Jungfrau focht um ihr Leben. Die funkelnde Klinge hob sich und sauste krachend auf Helme, Häl- se und hochgereckte Arme nieder. »Ich werde nie jemanden töten!« hatte sie geschwo- ren, und sie hielt diesen Schwur! Gwalchmai sah, daß sie selbst jetzt, in höchster Bedrängnis, mit der fla- chen Seite der Klinge zuschlug. Doch selbst so hatte ihr starker, junger Arm noch genügend Kraft, Sättel zu leeren. Er sah Pferde herrenlos davonspringen, während ihre Reiter besinnungslos am Boden lagen. Er kämpfte sich an ihre Seite vor, um ihr beizuste- hen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie D'Aulon, der, treu bis zum letzten Moment, an ihrer Seite gekämpft, hatte, zu Boden ging und in Gefangenschaft geriet. Ihr Bruder Jean lag bewußtlos im Staub, und Pierre steckten mitten in einem wüsten Knäuel von Leibern, die ihn umringt hatten und versuchten, ihn vom Pferd zu zerren. Gwalchmai mußte sich regelrecht zu ihr durchhacken. Zu spät bemerkte er den Reiter, der plötzlich über ihm war und einen der schweren blei- ernen Hämmer schwang, wie sie hauptsächlich von den Kriegerpriestern benutzt wurden, weil ihre Re- geln es ihnen verboten, Blut zu vergießen. Blitzschnell schoß Durandal hoch, um den Schlag abzuwehren. Es wurde zur Seite geschlagen, als wäre es eine Feder, und mit fürchterlicher Wucht krachte das massive Gewicht ihm in die Seite. Er spürte, wie seine Rippen nachgaben und zerbrachen. Dann fiel er. Mit dem letzten schwindenden Blick seiner Augen sah er, wie ein picardischer Bogenschütze den Um- hang der Jungfrau packte und sie vom Pferd riß. Das Banner füllte den Himmel über ihm. Einen Augen- blick lang schien es in überirdischem Glanze aufzu- leuchten. Die Lilien verwandelten sich in einen riesi- gen Sternenhimmel voller gleißender Meteore, die auf ihn zurasten und ihn mit ihrem grellen Licht blende- ten. In dem Moment, wo der Zipfel des Banners die Erde berührte, verblaßte das seidene Wunder mit ei- nem Schlag, nun nicht länger ein Fanal, sondern nur noch ein gewöhnliches Stück Tuch. Bevor es ganz zu Boden fiel, streifte ein Zipfel davon sein Gesicht. Mit letzter Kraft streckte er den Arm aus und be- kam den Rand zu fassen. Er preßte ihn gegen seine Lippen, dann fiel die Schwärze der Nacht über ihn, und das Banner und die, die es so stolz getragen hat- te, entschwanden aus seinem Gesichtskreis.,

Für die Jungfrau!

Im August jenes düsteren Unglücksjahres stattete Gil- les de Rais, der Marschall von Frankreich, Gwalchmai, der nunmehr ein Invalide war, in Compiègne einen Besuch ab. Zwar befand sich die Stadt noch immer im Belagerungszustand, doch war diese Belagerung nicht sonderlich streng, und im Schutze der Dunkel- heit war es ein leichtes, in ihre Mauern zu gelangen. Der Marschall saß in Gwalchmais Kammer und starrte seinen einstigen Gefolgsmann mit düsterem Blick an. »Ich bin hergekommen, um Flavy, jenen Schurken, der das Tor geschlossen hat, zu töten, doch ich wollte vorher erst mit Euch sprechen. Als der Befehlshaber der Garnison den Befehl zum Schließen gab, welche Worte gebrauchte er da? Klang das, was er sagte, in Euren Ohren nach Verrat?« Gwalchmais Rippen waren gut wieder zusammen- gewachsen, aber wenn er atmete oder sprach, fühlte er noch immer starke Schmerzen. Er fragte sich oft, ob er jemals wieder der Mann sein würde, der er einst gewesen war. Er sprach langsam und vorsichtig, be- müht, nicht zu tief einzuatmen. »Ich konnte den Befehl nicht hören, Herr Mar- schall. Ich war außerhalb der Mauern, ganz in der Nähe Jeannes, als die Zugbrücke hochging.« »Ihr wart dabei, wie sie gefangengenommen wur- de? Ihr wart dort, bei ihr? Ihr wart bei ihr, und Ihr lebt noch?«, De Rais' Gesicht wurde dunkelrot vor Zorn. Seine Stimme bebte. Er baute sich drohend vor Gwalchmai auf, der hilflos in seinem Lehnstuhl saß. Er ballte die Fäuste, daß die Fingerknöchel weiß hervortraten, und schüttelte sie in ohnmächtiger Wut. Einen Moment stand er so da, doch dann zwang er sich allmählich zur Ruhe und setzte sich wieder hin, schwer atmend, die Zähne heftig zusammengebissen. Gwalchmai wartete eine Weile. »Mein Herr, ich lie- be sie genauso wie Ihr.« Nach den Gesetzen des Rit- tertums war der Baron nun, da sich die Jungfrau in Gefangenschaft befand, erneut sein Lehnsherr. Er be- saß damit über Gwalchmai das Recht der Hohen und der Niederen Justiz und damit das Recht, ihn zu tö- ten, selbst in Compiègne. Mochte der Feudalismus im Untergang begriffen sein – untergegangen war er noch nicht. Es überraschte Gwalchmai, daß dieser Mann, der für seine Gnadenlosigkeit berüchtigt war, sein Tem- perament zügeln konnte, wenn er wollte. »Es tut mir leid, Aiglon. Ich weiß, daß Ihr sie liebt. Verzeiht mir meine überstürzten Worte. Ich war in dem Moment blind vor Zorn. Hättet Ihr irgend etwas für sie tun können, gewiß hättet Ihr es getan, das weiß ich. Übrigens, wenn ich Euch jetzt so ansehe, mit Euren eingefallenen Wangen, Euren großen, ste- chenden Augen und diesem dünnen Schnabel von ei- ner Nase, der da aus Eurem Gesicht ragt – der Teufel soll mich holen, wenn Ihr je einem Adler ähnlicher saht! Wer immer Euch diesen Namen gab, er hat für- wahr das rechte Wort gewählt.« »Es ist eine römische Nase, Herr, eine, die sofort riecht, wenn Verrat im Spiel ist. Und ich kann Euch, versichern, in diesem Fall war kein Verrat im Spiel. Wenn Flavy nicht den Befehl gegeben hätte, das Tor zu schließen, dann wäre die Stadt in die Hand des Feindes gefallen und all die Hingabe der Jungfrau umsonst gewesen. Das wäre niemals in ihrem Sinne gewesen. Sie liebt diese Stadt. Schon einmal hat sie sie befreit. Compiègne wird sich niemals unterwerfen – ihr zuliebe.« »Habt Ihr davon gehört, daß sie schon zweimal den Versuch unternommen hat, hierherzukommen, um der Stadt zu helfen?« Gwalchmai schüttelte den Kopf. Verständnislos starrte er den Marschall an. »Aber sie war doch in Ge- fangenschaft. Ist sie ausgebrochen?« Ein leiser Hoff- nungsschimmer ließ sein Gesicht aufleuchten. Nun war es an de Rais, den Kopf zu schütteln. »Nach ihrer Gefangennahme brachte man sie auf die Burg von Beaulieu. Dort versuchte sie es zum ersten Male. Von meinen Kundschaftern erfuhr ich, daß sie es irgendwie geschafft hat, die Tür ihres Verlieses aufzubekommen – möglich, daß sie gar nicht abge- schlossen war.« »Sprecht weiter!« Gwalchmai war jetzt ganz Ohr. »Sie schlüpfte zur Tür hinaus, und es gelang ihr, die Wärter allesamt in ihrem Wachraum einzuschlie- ßen. Doch dann wurde sie leider vom Torsteher ent- deckt und überwältigt. Man brachte sie daraufhin in ein sichereres Verlies, und nachdem sie dort eine Weile gesessen hatte, brachte man sie auf Burg Beau- revoir. Dort erfuhr sie auch von Philips Drohung. Es heißt, sie sei vor Entsetzen ganz starr geworden und habe gesagt, sie würde, um Philip daran zu hin- dern, seine Drohung in die Tat umzusetzen, entweder, dort sterben oder auf der Straße nach Compiègne, wenn es sein müsse. Man führte sie daraufhin auf die Brustwehr, damit sie frische Luft schöpfe und sich wieder beruhige. Oben angekommen, riß sie sich von ihren Wächtern los, zwängte sich durch zwei Schar- tenbacken und sprang in die Tiefe. Mein Gott, Aiglon, es waren siebzig Fuß!« »Dann ist sie also tot! Als Ihr eintratet, Herr, und ich Euer Gesicht sah, da wußte ich sofort, daß Ihr traurige Zeitung brachtet.« »Nein, Aiglon, sie war nicht tot, nur schwer ver- letzt, das arme Ding. Ihr könnt Euch vorstellen, daß die Wächter ihren eigenen Augen nicht trauten. Sie rannten hinunter und fanden sie lebend, und nicht ein Knochen war gebrochen. Sie konnte nicht mehr stehen, aber sie kroch auf Händen und Füßen müh- sam vorwärts, in die Richtung von Compiègne! Sie hoben sie auf und trugen sie in ihr Verlies zurück. Seither ist sie dort nicht mehr herausgekommen. Erst drei Tage nach jenem entsetzlichen Vorfall nahm sie wieder Nahrung zu sich.« Ein Gedanke ließ Gwalchmai nicht ruhen. »Herr Marschall, wißt Ihr, ob die Jungfrau noch im Besitz ihrer Ringe ist?« »Wie ich hörte, wurden sie ihr von den Burgun- dern weggenommen, die einen davon als Erinne- rungsstück behielten. Den anderen sandten sie an den Bischof von Beauvais weiter, der gegenwärtig mit ih- nen verhandelt, um sie für die Engländer zu kaufen. Der König scheint erst abwarten zu wollen, wieviel geboten wird, um dann höhergehen zu können. Bis- her hat er noch kein Angebot gemacht, sie freizukau- fen.«, Sein Lächeln war flüchtig und bitter. »So, Aiglon, ich muß nun wieder fort, es wird bald hell. Ich werde für Eure Gesundheit beten und Hauptmann Flavy kein Haar krümmen. Ihr habt recht, es war eine ver- nünftige militärische Maßnahme, das Tor zu schlie- ßen, aber – dieses Mädchen ist viele Städte wert.« Mit diesen Worten war er zur Tür hinaus und ver- schwunden. Gwalchmai sank in seine Kissen zurück und überdachte all die Neuigkeiten, die er soeben er- fahren hatte. Ein Gedanke jedoch ließ alles andere in den Hintergrund treten und ging ihm nicht aus dem Kopf: Jeanne besaß Merlins Ring nicht mehr. Er zwei- felte nicht einen Moment daran, daß sie es ihm zu verdanken hatte, daß sich bei ihrem ersten Fluchtver- such die Tür ihres Verlieses geöffnet hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach war er es auch, der ihr bei ihrem verzweifelten Sprung in die Tiefe das Leben gerettet hatte. Sein Verlust bedeutete das Ende aller Hoffnungen, daß sie vielleicht doch noch entfliehen könnte, nachdem sich die Hoffnung, vom König frei- gekauft zu werden, endgültig zerschlagen zu haben schien. Die Belagerung von Compiègne fand mit Beginn des Herbstes ihr Ende, als de Rais an der Spitze einer Freischärlertruppe zusammen mit den Streitkräften des alten Wolfes La Hire mit großer Übermacht an- griff. Die Burgunder sahen sich zu einem blutigen Rückzug gezwungen, verfolgt von den gefürchteten Banden La Hires. Das Rückzugsgefecht endete in ei- nem grausamen Gemetzel, bei dem kaum ein Bur- gunder überlebte. De Rais und Gwalchmai schöpften frische Luft auf, der Promenadenmauer am Ufer des Flusses Oise. Die vergangenen Monate hatten deutliche Spuren im oh- nehin düsteren Gesicht des Marschalls hinterlassen. Gwalchmai fand, daß er mürrischer denn je wirkte. Es war ein trüber grauer Tag. Kalter Regen fiel schon seit dem frühen Morgen ununterbrochen vom Himmel. De Rais starrte düster in die Wolken und rief: »Weine nur, Himmel! Heule, Wind! Ich habe traurige Kunde für Euch, Aiglon, passend zum Wet- ter.« »Ist der Jungfrau noch Schlimmeres zugestoßen?« »Das Schlimmste.« Er nickte schwerfällig. »Habt Ihr nicht gehört, daß sie nach Rouen gebracht wurde? An die Engländer verschachert wie ein Stück Vieh an den Metzger? Doch was sage ich Euch da? Gewiß habt Ihr davon gehört. Der Prozeß hat schon begonnen. Welch ein Possen- spiel! Sie hat nicht einmal einen Verteidiger. Das Er- gebnis steht von vornherein fest. Sie haben die Ab- sicht, den König in Mißkredit zu bringen, indem sie sie zur Hexe erklären. Wenn sie beweisen können, daß er den Thron mit Hilfe einer Hexe errungen hat, dann muß er auf ihn verzichten, und er hat gar nichts gewonnen – aber sie wird sterben!« »Ich danke Euch, mein Herr Baron, daß Ihr Euch noch die Zeit genommen habt, mich davon in Kennt- nis zu setzen. Ihr dürft nun keine Sekunde länger wegen mir hier verweilen. Sonst kommt Ihr noch zu spät zur Schlacht.« »Von welcher Schlacht redet Ihr?« »Nun, von dem Angriff auf Rouen, Herr. Wollte Gott, ich könnte mit Euch reiten! Gewiß befinden sich jeder Mann, jeder Knabe im Lande schon auf dem, Weg nach Rouen! Selbst der König kann jetzt nicht zurückstehen.« De Rais lachte, aber sein Lachen klang eher wie ein Knurren. »Es wird keinen Angriff auf Rouen geben, Aiglon! Der König hat das Heer aufgelöst. Die Unter- haltskosten waren ihm zu hoch. Er konnte es sich nicht mehr leisten, sowohl die Königin als auch seine Mätressen mit kostbarem Putz auszustaffieren.« »Herr!« rief Gwalchmai verzweifelt. Es klang wie ein Aufschrei. »Ihr seid reich. Könnt Ihr sie nicht frei- kaufen? Ich schenke Euch den Rest meines Lebens dafür!« »Dazu ist es leider zu spät. Sie würden sie nicht einmal mehr herausgeben, wenn man ihnen ganz Frankreich dafür böte. Wenn sie beweisen können, daß sie eine Hexe ist – und das werden sie beweisen, da könnt Ihr sicher sein, denn sie haben sechzig Richter gegen sie aufgeboten –, dann wird sie auf dem Scheiterhaufen brennen. So einfach ist das, Ai- glon. Ich weiß nur eins, und das sage ich Euch jetzt: Wenn dieses Mädchen brennen muß, dann gibt es keinen Gott!« Gwalchmai starrte seinen Lehnsherrn entsetzt an. Es bestand kein Zweifel, daß de Rais es ernst damit meinte. Er zeigte den Gesichtsausdruck eines Man- nes, der so sehr litt, daß er nicht einmal mehr schreien konnte. »Dann gibt es nur einen Ausweg. Wir müssen sie befreien!« »Das ist der Grund, warum ich zu Euch gekommen bin. Ich würde die Tore der Hölle für sie erstürmen! Ich habe noch ein zweites Pferd bei mir, dessen Sattel leer ist. Kommt Ihr mit mir?«, »Wenn ich das nicht tue, dann will ich nimmer- mehr reiten oder laufen können!« Keine Armee marschierte auf Rouen. Kein Wort des Mitleids, kein Angebot zur Zahlung eines Lösegelds, nicht einmal eine Rachedrohung von ihrem ›edelsten Prinz der Christenheit‹. Das Land schien in tiefer Ruhe zu liegen, als Gwal- chmai und de Rais sich wohlvermummt den Toren Rouens näherten. Ohne Schwierigkeiten gelangten sie mit dem Strom der Händler, die ihre Karren zum Markt zogen, in die Stadt. Der Prozeß zog sich endlos hin. Manchon, der Ge- richtsschreiber, der insgeheim mit Jeannes Zielen sympathisierte, erklärte sich sofort bereit, gegen eine gewisse Summe den Marschall mit den Kopien der täglichen Berichte zu versorgen. So kam es, daß auch das Protokoll ihres letzten, flammenden Ultimatums, das sie ihren Peinigern entgegenschleuderte, schon einen Tag später in der Hand ihrer zwei Freunde war. Ihr, die ihr euch aufschwingt, über mich zu Gericht zu sitzen, bedenket gut, was ihr tut. Ich sage euch, ich wurde von Gott gesandt. Ihr wißt nicht, in welche Gefahr ihr euch selbst bringt. Ich weiß, daß die Eng- länder mich tot sehen wollen, weil sie glauben, daß mein Tod ihnen den Zugriff auf das ganze Königreich Frankreich ermöglicht. Doch wenn sie hunderttausend mehr wären, als sie es jetzt schon sind – sie werden das Königreich nie- mals erringen! Ich bin gewiß, daß die Godams alle- samt aus Frankreich hinausgejagt werden – alle, das, heißt, bis auf die, die hier ihr Leben lassen. Ich kam hierher, weil ich von Gott gesandt wurde. Ich folge seinen Interessen, nicht meinen. Ich flehe euch an, laßt mich wieder zu Ihm zurückkehren, von dem ich kam. De Rais schlug sich die Faust vor die Stirn. Er konnte sich nur mit größter Mühe beherrschen, als er das Pergament zusammenrollte und mit zitternden Hän- den niederlegte. Nach einem Moment des Schwei- gens sagte er mit tonloser Stimme: »Es ist alles aus, Aiglon. Sie hat ihre letzte Schlacht geschlagen. Sie bittet um den Tod. Ha! Dieser Läusezüchter Cauchon! Dieser elende Hund, der sich Bischof nennt! Cochon – Schwein – wäre der passendere Name für ihn! Ich schwöre, ei- nes Tages werden die Hunde sein Blut trinken wie bei Jezebel!« »Wird sie so schlimm behandelt?« »Manchon sagt, sie dürfe weder die Messe hören noch die heilige Kommunion empfangen. Die Tür der Kapelle, an der sie auf dem Wege von ihrer Gefäng- niszelle zum Gerichtssaal vorbeikommt, ist ständig geschlossen, so daß sie nicht einmal einen raschen Blick auf den Altar werfen kann, wenn sie vorbeigeht. Wißt Ihr, was sie statt dessen tut? Sie schaut auf die Tür, beugt die Knie und flüstert: ›Ich weiß, daß mein Herr noch immer darinnen ist!‹ Ich wünschte, ich wüßte es ebenso. Sagt, Aiglon, ist es Gott einerlei, was mit ihr geschieht? Wird er sie in sein Reich aufnehmen? Gibt es überhaupt einen Himmel, der diese reine Seele zu sich nimmt?« Seine Stimme steigerte sich zu einem heiseren Brüllen., Wie ein gefangenes Tier rannte er in der Kammer auf und ab. »Gibt es einen Gott?« Sein Gesicht war purpurrot und vor Wut verzerrt. In sinnloser Wut trommelte er mit den Fäusten gegen die Wand, bis sie blutig waren. Plötzlich hielt er inne und fuhr herum. »Baske, eile nach Orléans, so schnell, als wärest du in der Tat ein Adler. Bring mir Jean her, den Meister- schützen! Wenn sie schon sterben muß – dann bei al- len Feuern der Hölle, nicht durch das Feuer! Lieber soll sie ein paar andere mit in den Tod nehmen, als auf solch grausame Weise zu sterben!« Ostern verging, während Gwalchmai auf der Straße nach Orléans unterwegs war. Als er D'Alençon bat, den Meisterschützen, der sich inzwischen bei ihm verdingt hatte, mitnehmen zu dürfen, willigte dieser sofort ein, jedoch nur, um – wie er sagte – de Rais ei- ne Gefälligkeit zu erweisen. Die Möglichkeit einer Rettung hielt er für aussichtslos. Als Gwalchmai und der Lothringer in Rouen ein- trafen, fanden sie de Rais in düsterer Stimmung vor. Er starrte müde auf die letzte Pergamentrolle. Es war der Abend des vierundzwanzigsten Mai. Der Prozeß neigte sich seinem Ende zu. Gwalchmai war tief erschrocken, als er sah, wie sehr sein Freund sich während seiner Abwesenheit verändert hatte. Er saß regungslos vor dem Kamin; er war so geistesabwesend, daß er nicht einmal zu mer- ken schien, daß die Sohlen seiner hohen Stiefel qualmten. Nicht lange nach Gwalchmais Weggang hatte er seinen berühmten blauen Bart abrasiert. Die Haut darunter war aschgrau, seine Wangen wirkten hohl und seine Augen gerötet, so als hätte er mehrere, schlaflose Nächte verbracht. Er sah viel älter aus als seine siebenundzwanzig Jahre. »Was ist geschehen?« fragte Gwalchmai nach ei- nem Zögern. Er fürchtete sich vor der Antwort. »Was? Ihr könnt gut fragen. Ich brauche für die Antwort nur drei Wörter. Elend – Tragödie – Tod. Sie hat widerrufen. Es gibt keinen Glauben mehr, bei niemandem auf der Welt, Aiglon. Nicht, daß ich ihr die Schuld geben würde, arme, kleine, tapfere Jean- ne.« Hastig fügte er hinzu: »Wehe ihren Peinigern! Alle Qualen der Hölle über ihren König – ihren zau- dernden Bastard, der die Hände in den Schoß legt und tatenlos zusieht, wie sie gefoltert wird! Ich schwöre Euch, Charles wird teuer dafür bezahlen. Ich werde ihn von seinem Thron jagen wie einen räudi- gen Hund! Doch wer wollte schon auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wenn er es durch ein kleines Kreuz, das er auf einen Fetzen Pergament malt, verhindern kann? Aber nach alledem, was geschehen ist, zu wi- derrufen! Es ist unglaublich!« »Ein Kreuz, sagt Ihr? Laßt mich das Pergament se- hen!« Hastig überflog Gwalchmai Manchons Bericht. »Nun, dieses Protokoll ist schon drei Tage alt. Und schaut ...« Er lächelte und gab es de Rais zurück. »Schaut Euch das Kreuz einmal von nahem an. Ach- tet darauf, an welcher Stelle es ist. Manchon muß eine exakte Kopie des Originals gemacht haben. Sie hat nicht widerrufen. Im Gegenteil, sie hat er- neut eine Schlacht gewonnen. Ihre Heiligen haben ihr versprochen, sie werde ihre Erlösung finden, indem sie einen großen Sieg erringe. Sie wartet noch immer darauf, daß dieses Versprechen in Erfüllung geht. Sie, hat ein bißchen mehr Zeit gewonnen, Zeit, die wir nutzen können, um ihr zu helfen. Das Kreuz! Ihr habt ganz vergessen, was es damit auf sich hat. Erinnert Ihr Euch denn nicht mehr dar- an, daß wir vereinbart hatten, daß, sollte sie einmal in Gefangenschaft geraten, jede Botschaft von ihr, die dieses Zeichen trägt, von uns als Fälschung erkannt wird?« De Rais' Züge hellten sich mit einem Schlag auf. Ein fast heiliger Ausdruck trat in sein Gesicht. »Ich wußte, sie würde standhaft bleiben. Wenn es soweit ist, wird sie ihr Schuldanerkenntnis widerrufen. Sie werden sie hinauszerren auf den Marktplatz, um sie zu verbrennen – aber wir werden da sein. Wenn es keinen anderen Weg gibt, dann gibt es immer noch die Barmherzigkeit des Messers.« Er drehte das Pergament um. Seine Hand begann unkontrolliert zu zittern. Er starrte ungläubig auf das Blatt und ließ es fallen. Gwalchmai fing es auf, bevor es zu Boden fiel, und las die letzten Zeilen laut vor. Manchon hatte einen kurzen Zusatz geschrieben: ›Was sie vorhaben, vermag ich nicht zu sagen, doch wenn Ihr, gnädiger Herr Baron, die Absicht habt, ihr irgendwie zu helfen, dann solltet Ihr rasch handeln. Auf dem Alten Marktplatz werden Reisigbündel zu- sammengetragen, und soweit ich weiß, steht keine andere Verbrennung bevor.‹ De Rais riß den Brief in Fetzen. Sein Gesicht drückte Entschlossenheit aus. »Es scheint, daß es nun soweit ist. Kommt. Auch wir werden ein paar Reisig- bündel auf den Marktplatz von Rouen tragen.«,

Der Marktplatz von Rouen

Während Gwalchmais Abwesenheit ließ Rais einige Vorbereitungen treffen. Für sich selbst hatte er die Ausrüstung und die Waffen eines englischen Piken- trägers besorgt. Für die beiden anderen beschaffte er jetzt die einfache Kluft von typischen Holzfällern, da- zu kaufte er einen Esel, einen kleinen Karren und ge- nug Holz, um diesen zu füllen. Meister Jean zerlegte seine Feldschlange sorgfältig in ihre Einzelteile. Den Lauf stopfte er fest in ein Rei- sigbündel, den langen Griff und den Ständer schob er in ein zweites, und in einem dritten schließlich ver- barg er das Pulver und die Kugeln, die er vorher fest in ein paar Lappen zum Reinigen eingebunden hatte. Solchermaßen gerüstet und verkleidet gelangten die drei ohne Schwierigkeiten in die Stadt, am Vor- abend des fünfundzwanzigsten Mai, kurz bevor die Tore geschlossen wurden. Sie fanden die Stadt in einer Atmosphäre der Erre- gung vor. Doch erst als sie den Esel in einen Stall ge- bracht hatten und aus einem der oberen Fenster des Gasthofes, in dem sie Quartier genommen hatten, hinaus auf den Alten Marktplatz schauten, sollten sie ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt sehen. Der Wirt schaute sie überrascht an. »Wo seid Ihr gewesen, daß Ihr davon nichts gehört habt? Euer Wald muß weit von hier entfernt sein. Die Hexe hat gestanden. Morgen werdet Ihr Euer Holz mit Leich- tigkeit verkaufen können.«, Als er wieder davongeschlurft war, rissen sie hastig die Reisigbündel auseinander, wickelten die Einzel- teile der Muskete in ein paar alte Säcke und schmug- gelten alles hinauf in ihre Kammer. De Rais zahlte dem Wirt die Miete für die beiden Holzfäller für eine ganze Woche im voraus. Als dieser ihn darauf fra- gend anschaute, erzählte er ihm, er habe bei den bei- den noch eine Schuld zu begleichen und wolle das auf diese Weise tun. Um das Ganze noch ein wenig glaubwürdiger erscheinen zu lassen, ließ er sich auf ein lautstarkes Gefeilsche ein, erreichte einen Nachlaß und vereinbarte eine teilweise Rückerstattung der Kosten für den Fall, daß die Verbrennung früher stattfinden würde – indem er im Beisein des Wirts gegenüber den beiden darauf bestand, daß sie in dem Falle vor Ablauf der Woche den Gasthof wieder ver- ließen. All dies, so hoffte de Rais, würde sicherlich jegli- chen Verdacht, der den Wirt angesichts dieses selt- samen Dreiergespanns beschlichen haben mochte, nachhaltig zerstreuen. Nachdem er mit dem Wirt handelseinig geworden war, rief er den beiden ›Holz- fällern‹ zu – so laut, daß alle, eingeschlossen der Wirt, es hören konnten –, er müsse sich jetzt bei seiner Ein- heit melden, und verschwand für eine Weile. Bald darauf kam er zurück, kaufte im Schankraum eine Flasche Wein und ging hinauf zu seinen Freunden. Im guten Glauben, daß niemand bemerken würde, daß er gar nicht fortging, schlief er ein. Seine Hoffnung sollte ihn trügen. In dem Bestre- ben, keinen Fehler zu machen und vor allem kein Aufsehen zu erregen, taten die drei Verschwörer bei- des, und zwar ganz einfach dadurch, daß sie den, größten Teil des Tages in ihrer Kammer blieben. Doch die Zeit wurde ihnen in ihrer Kammer nicht lang. Draußen auf dem Platz herrschte geschäftiges Treiben. Eine Reihe von Zimmerleuten baute direkt gegenüber dem Gasthof eine Tribüne auf. Da er wußte, daß dies für gewöhnlich der Ort war, den Schaulustige, die eigens für eine Exekution angereist kamen, bevorzugten, hatte de Rais auf einer Kammer bestanden, die gleichermaßen einen freien Ausblick auf den Brandpfahl wie auf die Tribüne gewährte. Von geschlossenen Fensterläden aus studierten sie die Lage. Meister Jean rammte den spitzen Fuß seines Ständers fest in den groben Holzfußboden der Kam- mer und legte die Feldschlange auf. Während er sie auf die Plattform richtete, aus deren Mitte der Pfahl mit seinen schweren eisernen Ketten ragte, zog er mit einem geschickten Handgriff einen Nagel aus dem unteren Rand eines der schmalen Bretter in dem Fen- sterladen. Indem er das Brett, das sich, jetzt nur noch an seinem oberen Nagel hängend, mühelos hin- und herbewegen ließ, einen Spaltbreit zur Seite schob, verschaffte er sich ausgezeichnete Sicht und blieb gleichzeitig gut verborgen. Gleich darauf enthüllte sich das Geheimnis von Meister Jeans phänomenaler Treffsicherheit. Andere Schützen preßten den Griff ihrer Muskete zwischen Arm und Oberkörper oder stemmten ihn gegen das Brustbein. Dann zielten sie ungefähr in die Richtung, in der der Gegner sich befand, hielten die Augen zu, um nicht von dem Blitz in der Pfanne geblendet zu werden, wenn die Lunte glomm, und sandten ein Stoßgebet zum Himmel. Meister Jean hingegen hatte am Ende des sechs Fuß, messenden Laufs eine kleine Spitze angebracht. Er hatte zwar kein Visier, aber da die Mündung nicht trichterförmig war, konnte er über den Lauf und die Spitze hinwegblinzeln und auf diese Weise sein Ziel exakt anvisieren. Das Ende des Kolbens hielt er dabei fest gegen die Schulter gepreßt, die er zuvor mit ei- nem dicken Wollkissen gegen den Rückstoß abpol- sterte. Er ließ die Spitze entlang der Sitzreihen gleiten und bewegte sie langsam auf und ab, bis sie genau auf die Brusthöhe derer zielte, die auf der Plattform stehen würden. Dann ließ er sie erneut längs den Sitzreihen streichen. Nachdenklich schüttelte er den Kopf. Er holte eine exakt bemessene Ladung Pulver her- vor und sechs kleine Kugeln. Dann packte er seinen Ladestock aus, die Schraube zum Entfernen der La- dung, das Zündpulver für die Pfanne und die Lunte und legte alles griffbereit zurecht. Nun nahm er eine einzelne, weit schwerere Bleiku- gel, wog sie nachdenklich in der Hand, warf sie gei- stesabwesend hoch und fing sie wieder auf, wobei er unentwegt seinen Blick zwischen der Mündung und den Sitzreihen hin- und herwandern ließ, um die Ent- fernung abzuschätzen. Er runzelte die Stirn. De Rais beobachtete ihn voller Ungeduld. Jetzt schüttelte der Schütze den Kopf und murmelte etwas in seinen Bart. »Was ist?« platzte de Rais heraus. »Ist es zu weit für Eure Maschine?« Der Lothringer gab einen knurrenden Laut von sich. »Ich fürchte, ja, Herr Baron. Die Entfernung ist zu groß für einen exakten Schuß. Es sind gut fünfzig Fuß mehr als meine gewöhnliche Schußweite.«, »Dann nehmt mehr Pulver!« »Damit ist nichts gewonnen, Herr. Am Pulver liegt es nicht. Das Blei wird weit genug fliegen, aber die Ladung wird so stark streuen, daß von einem exakten Schuß nicht mehr die Rede sein kann. Sie wird ziellos in die Menge gehen.« De Rais schnaubte verächtlich. »Na und? Dann bla- sen wir halt dem sauberen Lord Bedford und diesem Schwein von einem Bischof ihre schwarzen Seelen gleich mit aus dem Leib! Mir ist es gleich, wer sonst noch getroffen wird. Wir haben keine Freunde auf der Tribüne sitzen.« »Ihr erkennt das Problem nicht, Herr. Wenn die Ladung streut, dann werden gerade diese beiden Lumpen verschont bleiben. Die Kugeln werden links und rechts an ihnen vorübersausen. Mit einer einzi- gen größeren Kugel hingegen kann ich genau zielen und entweder den einen oder den anderen treffen. Die daraus resultierende Verwirrung könntet Ihr für einen Befreiungsversuch nutzen. Beide zugleich kann ich jedoch nicht treffen, und zum nochmaligen Laden bleibt keine Zeit. Sobald der Schuß abgefeuert ist, müssen wir sofort das Weite suchen.« De Rais kaute ratlos auf seiner Unterlippe und strich sich nervös über das kantige Kinn. »Sagt, Mei- ster Jean«, fragte Gwalchmai, »mischt Ihr Euer Pulver selbst?« »Das will ich meinen, Herr! Wem sonst sollte ich trauen? Mein Pulver ist das beste in Frankreich, ge- mischt aus den feinsten Ingredienzien, befeuchtet mit dem klarsten Quellwasser, das Ihr finden könnt, ge- knetet und gesiebt mit meinen eigenen Händen und von mir selbst auf das exakteste bemessen. Es gibt, keinen Schützen weit und breit, der so präzise arbei- tet wie ich.« »Ich glaube Euch wohl. Und ich weiß auch, daß es keinen treffsichereren Schützen gibt als Euch. Doch sagt, ist es nicht so, daß mit einer größeren Menge Pulvers Eure Kugeln mit größerer Kraft und Schnel- ligkeit davonflögen und so vielleicht gar keine Zeit hätten, ihre Bahn zu verlassen und zu streuen?« »Nun, diese Tatsache ist uns allen wohlbekannt.« Er ließ traurig den Kopf hängen und fügte mit einem Seufzen hinzu: »Doch selbst wenn ich Lindenholzkoh- le, den reinsten Schwefel und dreifach kristallisierten Salpeter habe, gewinne ich keine größere Schuß- kraft.« De Rais, der das Gespräch mit größtem Interesse verfolgt hatte, platzte heraus: »Ihr spracht von Sal- peter, Meister Jean. Stimmt es, daß es aus menschli- chem Urin gewonnen wird? Kein Wunder, daß es so abscheulich riechen soll!« Der Lothringer nickte. »Man findet Salpeter in Höhlen oder unter Misthaufen in Form von gelben Kristallen, aber den besten gewinnt man in der Tat aus besagtem menschlichen Exkrement. Der Urin ei- nes Biertrinkers ist gut, besser noch ist der eines Weintrinkers, am besten jedoch ist der eines Bischofs oder Kardinals, weil die den besten Wein trinken.« De Rais starrte ihn einen Moment sprachlos an. »Bei den geifernden Fangzähnen des Zerberus! Sollte der Bischof am Ende doch noch zu etwas nutze sein? Ich hätte es niemals für möglich gehalten!« Das Gespräch erinnerte Gwalchmai an seine Unter- redung mit dem unglückseligen Wu in Cathay. Nach seinen schlimmen Erfahrungen, die er dort gemacht, hatte, verspürte er verständlicherweise nicht den ge- ringsten Drang, sich einzumischen, weder was die Ingredienzien noch was ihre Zusammensetzung be- traf. Er machte lediglich den Vorschlag: »Wenn das feinste all Eurer Pulver das Zündpulver ist und wenn Ihr genügend davon habt, dann könntet Ihr doch ver- suchen, die erwünschte Schußkraft und Reichweite dadurch zu erlangen, daß Ihr die beiden Pulver in ei- nem bestimmten Verhältnis miteinander vermengt. Wäre das nicht eine Möglichkeit?« Meister Jeans Trübsinn war mit einem Schlag fortge- blasen. Er strahlte Gwalchmai an und rief: »Es könnte klappen. Jedenfalls wäre es einen Versuch wert.« So- fort begab er sich an die Arbeit. Als die Mischung fertig war, maß er genügend davon für zwei Ladungen ab. »Wenn noch Zeit bleibt, werde ich nachladen. Die erste Ladung für die Tribüne, die zweite durch jene Tür dort, für die Diele, die mit Sicherheit sofort von englischen Soldaten wimmeln wird.« »Hauptsache, Ihr erwischt mir den Bischof und Lord Bedford«, brummte de Rais. »Die Jungfrau überlaßt nur mir; ich werde sie schon irgendwie vor dem Feuer bewahren.« Der Tag verging. Als es dunkel war und die drei in der Gaststube zu Abend gegessen hatten, gingen sie hinaus auf den Marktplatz, mischten sich unauffällig unter die Bummler und schritten die Entfernung zwi- schen Tribüne und Gasthaus ab. Wie Meister Jean be- fürchtet hatte, betrug die Distanz gut zweihundert- undfünfzig Fuß – um so schwerer seine Aufgabe! In trübe Gedanken versunken, kehrten sie wieder zum Gasthof zurück. Keiner von ihnen merkte, daß, der Wirt ihnen in gebührendem Abstand folgte und sie neugierig beobachtete. Diese Holzfäller und ihr englischer Freund waren schon merkwürdige Leute, dachte er, daß sie sich so wenig für das Stadtleben interessierten. Er wußte, daß sie nicht einmal in eine Kirche gegangen waren. Den ganzen Tag hatten sie in ihrer heißen, stickigen Kammer verbracht. So war er ihnen denn nach dem Abendbrot nachgegangen und hatte argwöhnisch ihr seltsames Treiben beobachtet. In jener Nacht hörten die drei, kaum daß sie im Bett waren, ein leises, doch unüberhörbares Knarren draußen in der Diele. Da sie jedoch nicht miteinander sprachen, verschwand der unbekannte Lauscher bald wieder. Nach einer Weile waren sie fest eingeschla- fen. Tumultartiger Lärm von draußen weckte sie. Sie kleideten sich hastig an und warfen durch den Spalt im Fensterladen einen Blick auf den Marktplatz. Ob- wohl es erst sieben Uhr schlug, war der Platz schon von einer riesigen Menschenmenge überflutet. Die Pikenträger hatten alle Mühe, die Massen zurückzu- drängen. Alle umliegenden Fenster waren voll mit Schaulustigen; selbst auf den Dächern hingen sie in dichten Trauben. De Rais stieß einen grimmigen Fluch aus, aber noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben. Er nahm so- fort das Kommando an sich. Knapp und präzise ka- men seine Befehle. »Es mag aussichtslos erscheinen«, schloß er, »aber ich werde trotzdem versuchen, sie zu retten. Wenn ich in dem Moment, da sie von dem Karren geholt wird, an sie herankommen kann, werde ich mich vordrängen und so tun, als wolle ich sie festhalten,, damit der Scharfrichter ihr die Ketten anlegen kann. Sobald ich ihn ersteche – das heißt für euch, in dem Moment, wo ihr ihn fallen seht –, schießt in die Rich- ter, falls es euch nicht möglich sein sollte, Lord Bed- ford und seinen Schakal gleichzeitig abzuknallen. Tötet so viele von ihnen, wie ihr könnt. In der allge- meinen Verwirrung, die daraus entsteht, werde ich sie packen und mit ihr zu Kirche des Heiligen Erlö- sers rennen, wobei ich laut ›Sanktuarium, Sanktuari- um!‹ brülle. Sie werden es nicht wagen, mir den Zugang zu verwehren. Und bevor die Engländer sie auf legalem Wege wieder herauszerren, haben ihre Heiligen sich hoffentlich etwas einfallen lassen und ein Wunder vollbracht. Und wenn diese Teufel versuchen sollten, sie ohne ein entsprechendes Gesetz herauszuholen, dann werden die Bewohner von Rouen sie in Stücke reißen. Sie werden ein solch ungeheures Sakrileg nicht dulden. Sie sind schließlich immer noch und an erster Stelle Franzosen!« Gwalchmai war klar, daß de Rais sich an den letz- ten Strohhalm klammerte. Zu irrsinnig war dieses Vorhaben. »Dieser Plan bedeutet für Euch den sicheren Tod, Herr Baron! Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, die Eng- länder würden die Gesetze des Sanktuariums re- spektieren. Das haben sie schon vor zweihundert Jah- ren nicht getan, als sie Thomas Becket in seiner eige- nen Kathedrale meuchelten.« »Er war Engländer, und seine Mörder waren eben- falls Engländer«, beharrte der Marschall. »Wir sind hier jedoch in Frankreich, und ich kenne meine Fran- zosen.«, Lautes Gejohle ließ sie wieder ans Fenster stürzen. Die traurige Prozession bog gerade auf den Markt- platz ein. Der Karren, auf dem Jeanne saß, war kaum zu erkennen; er wurde dicht umringt von Soldaten, die nach links und rechts mit den stumpfen Enden ih- rer Piken ausstießen, um sich eine Gasse durch die Menge zu bahnen. Dumpfes Grollen erhob sich aus der Menge, aber es war nicht gegen die schlanke Frau auf dem Karren gerichtet. Gwalchmais Herz tat einen Sprung. Es be- durfte nicht viel, um die Stimmung einer Menge in eine bestimmte Richtung zu lenken, das wurde ihm schlagartig klar. Vielleicht – immer vorausgesetzt, alle anderen Teile von de Rais' irrsinnigem Plan klappten – war doch noch eine Rettung möglich! Der Karren bewegte sich auf die Plattform zu. Gwalchmai sah, daß sie betete. Diejenigen, die ihre Worte hören konnten, verstummten, als der Karren an ihnen vorüberholperte. Ein paar sanken auf die Knie und begannen ebenfalls zu beten. Das war der Augenblick, auf den de Rais gewartet hatte. Er warf einen letzten furchterregenden Blick auf die zwei Gefährten, sprang zur Tür, und wenige Augenblicke später sahen sie, wie er sich durch die Menge wühlte und kurz darauf unter die Pikenträger zwängte, die neben dem Karren hermarschierten. Als sie seine Uniform sahen, machten sie bereitwillig für ihn Platz, so als hielten sie ihn für einen Nachzügler. Der erste Teil des Plans war geglückt! Unterdessen hatte Meister Jean damit begonnen, die nötigen Vorkehrungen für den zweiten Teil des Plans zu treffen. Ruhig und bedächtig justierte er die Mündung seiner Feldschlange auf die Plattform. Er, war so vertieft in seine Arbeit, daß er währenddessen leise vor sich hinsprach. »Ah, meine Schöne – nur Geduld, mein Liebchen! Du wirst gleich Gelegenheit haben, diesen stolzen Pfaffen da unten was aus dei- nem Feuermund zu predigen! So, ein bißchen Pulver auf die Pfanne – hoch geht der Deckel und wartet. Die Lunte, Kamerad!« Gwalchmai reichte ihm ein qualmendes Stück Lunte. Meister Jean schob sie mit einer geschickten Handbewegung in die Röhre des gespannten schlan- genförmigen Abzugs. »So, das hätten wir. Und gleich geht's mit Schwung in die Pfanne, und schon fliegen ein paar Seelen zur Hölle! Ob solche Schurken überhaupt Seelen haben? Wie schwarz sie sein müssen!« Der Scheiterhaufen war fertig. Gwalchmai konnte sehen, daß er ganz und gar aus trockenem Holz be- stand. Sie wurde also die Qualen eines hell lodernden Feuers erleiden müssen, statt wie bei jungem, fri- schem Holz rasch an dem dicken Qualm zu ersticken. Nicht einmal zu dieser letzten Barmherzigkeit hatten ihre Peiniger sich durchringen können! De Rais war nirgends zu sehen. War etwas schief- gegangen? Jeanne, die auf dem letzten Stück bis zum Scheiterhaufen unverwandt gebetet hatte, wurde jetzt von ihrer Kapuze befreit. Gwalchmai sah, daß ihr Kopf kahlrasiert war. Einer der Lakaien des Bischofs trat vor und setzte ihr die papierne Spottmitra auf den Kopf. Ketzerin Hexe Abtrünnige Götzendienerin stand darauf geschrieben. Sie konnte die verleumdenden Worte nicht lesen, aber sie wußte, was sie bedeuteten. Sie begann zu weinen – und viele in der Menge weinten mit ihr., Ein paar der Richter schlugen die Hände vor das Gesicht, kletterten von der Plattform herunter und rannten, von Flüchen begleitet, davon. Selbst Bischof Cauchon quetschte eine Träne hervor. Jeanne schaute ihm fest in die Augen und sagte: »Bischof, ich sterbe durch Euch.« Er konnte ihrem Blick nicht standhalten und schlug die Augen nieder. Es war ihr einziges Wort des Vorwurfs. Der Scharfrichter klopfte ihr sanft auf die Schulter. Bei ihm standen zwei Dominikanermönche, um sie auf den Scheiterhaufen zu geleiten. »Ist es soweit? Verzeiht mir, ehrwürdige Väter, und auch Ihr, Herr, verzeiht mir. Ich hatte nicht die Ab- sicht, Euch warten zu lassen.« Sie stand auf. Gestützt auf den Arm des Schar- frichters, kletterte sie von dem Karren herunter, doch bevor sie die Stufen zum Scheiterhaufen hinaufstieg, blieb sie plötzlich stehen und rief: »Ein Kreuz! Habe ich nicht das Recht, noch einmal ein Kreuz zu sehen?« In den Reihen der Pikenträger entstand Gedränge. Einer brach aus dem Glied aus und rannte nach vorn, auf den Scheiterhaufen zu. Ein Offizier versuchte, ihn zurückzuhalten. Der Soldat riß sich los und rannte weiter. Es war de Rais. Er hob ein paar heruntergefallene Zweige vom Pflaster auf, zückte sein Messer und ging, während er die Zweige zu einem Kreuz zusammenband, auf die Gruppe vor den Stufen der Plattform zu – das Messer in der einen Hand, in der anderen das kleine Kreuz. Jeanne erkannte ihn sofort. Selbst auf die Entfer- nung sah Gwalchmai, wie sich ihre Augen weiteten. Sie lächelte, nahm das Kreuz entgegen und küßte es. De Rais trat blitzschnell einen Schritt vor und, wandte sich mit einer raschen Drehung dem Schar- frichter zu. Das Messer blitzte in seiner Hand auf. Er wollte gerade zum Stoß ausholen, als der Offizier, ge- folgt von zwei kräftigen Sergeanten, heran war und ihm in den Arm fiel. Die beiden Sergeanten packten ihn mit eisernem Griff und zerrten ihn, sosehr er auch zappelte, schrie und fluchte, zurück in die Reihen der Pikenträger. Jeanne stieg, das kleine Kreuz – das letzte Ge- schenk eines Freundes – an ihren Busen pressend, er- hobenen Hauptes die Stufen hinauf, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Scharfrichter kettete sie an den Pfahl. Einer der beiden Mönche, der inzwischen in die Kirche geeilt war, kam zurück, in der Hand das Kru- zifix vom Altar. Er hielt es zu ihr hinauf, damit sie es küssen konnte. Sie küßte es lange und inbrünstig. »Ich bitte Euch, Vater, haltet es so, daß ich es sehen kann, bis alles vorbei ist.« Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte ihm den Dienst. Sein Gesicht war vor Gram und Mitleid verzerrt. Er brachte nur ein schwaches Nicken zustande. Während Gwalchmai all dies beobachtete, kam ihm ein Gedanke. Er war zwar weit davon entfernt, ein Fatalist zu sein, doch er mußte plötzlich an Corenices Worte denken, die gesagt hatte, daß alles, was ge- schehe, nach einem großen, allumfassenden Plan verlaufe, von dem sie selbst nur ein unendlich kleiner Teil seien. War es möglich, daß auch dies hier ein Teil dieses Plans war? Jeannes Worte kamen ihm in den Sinn. ›Ich muß meine Pflicht tun, um meine Bestimmung zu erfüllen. Dafür wurde ich geboren.‹, War es Zufall, daß de Rais' Befreiungsversuch ge- scheitert war, daß er selbst keine Möglichkeit hatte, Jeanne in diesem Augenblick beizustehen, weder durch die Kraft seiner Arme noch durch die Kraft der Magie? Ohne Merlins Ring waren ihm die Hände gebun- den, war er jeder Möglichkeit beraubt, ihr Hilfe zu- kommen zu lassen, die auf Zauberei beruhte. War es vom Schicksal so gewollt, daß er diese Waffe nicht mehr besaß? War auch dies nur ein Bestandteil jenes großen Plans, von dem Corenice gesprochen hatte? Aber wenn sie schon sterben mußte, mußte es dann ein solch grauenvoller Tod sein? Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er vor derselben schrecklichen Wahl stand, zu der einst Huon ge- zwungen gewesen war. »Meister Jean! Das einzige, was die Jungfrau je fürchtete, war Feuer! Könnt Ihr den Pfahl mit Eurer Feldschlange erreichen?« »Nicht mit den sechs Kugeln, höchstens mit einer einzigen. Aber ich könnte es niemals tun – ich würde es nicht übers Herz bringen, den Abzug zu ziehen!« »Dann ladet in Gottes Namen neu! Zielt genau auf ihr Herz. Ich selbst werde den Abzug betätigen. Sie darf nicht verbrennen!« Der Schütze nahm die Feldschlange von ihrem Ständer und holte mit einer kurzen Drehung der Schraube den Lappen heraus, der die losen Kugeln hielt, und klopfte sie heraus. Seine Hände zitterten, als er die schwere dicke Bleikugel in den Lauf steckte und feststopfte. Gwalchmai schaute hinunter auf den Platz. Wie zur Bestätigung seiner Grübeleien über geheimnisvolle, Durchkreuzungen menschlicher Pläne durch das Schicksal sah er plötzlich dort unten ein Individuum, das ihm bekannt vorkam. Es war der Wirt des Gast- hofes, in dem sie abgestiegen waren. Er trat aus der Menge heraus und starrte in das Ge- sicht von de Rais, der, immer noch von den beiden Sergeanten in Schach gehalten, in der Reihe der Pi- kenmänner stand. Jetzt ging er zu dem Offizier, flü- sterte ihm etwas ins Ohr und zeigte auf das Fenster, hinter dem Gwalchmai stand. Andere Gesichter ho- ben sich ebenfalls und schauten hinauf. Gwalchmai wußte, daß sie in Verdacht geraten waren. Er fuhr zu dem Schützen herum. »Beeilt Euch! Wir sind entdeckt!« »Ich bin gleich soweit«, kam schnaufend die Ant- wort Jeans. Er stopfte mit dem Ladestock einen neuen Tuchfetzen in den Lauf, knallte die Feldschlange wieder auf die Gabel zurück und zielte mit der Mün- dung auf die aufrecht stehende kleine Gestalt vor dem Pfahl. Der Scharfrichter hielt schon die lodernde Fackel in der Hand. Jeden Moment würde er den Scheiterhaufen in Brand setzen. Der Lothringer trat einen Schritt zurück und gab Gwalchmai ein Zeichen, die Waffe zu übernehmen. Schon hallte die Diele von den Tritten schwerer Stie- fel wider. Ein massiger Körper krachte gegen die Tür der Kammer. Jean war mit einem Satz bei der Tür und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. »Schießt! Schießt doch!« schrie er. Gwalchmai zö- gerte. »Es ist alles, was Ihr jetzt noch für sie tun könnt!« Der Gedanke an Huons Mut gab ihm Kraft. Er gab sich einen verzweifelten Ruck und betätigte den Abzug. Die Glut lief zischend in die Pfanne, doch, es gab keine Explosion. In der Eile hatte Meister Jean vergessen, die Pfanne neu zu füllen – als er die Waffe aufgerichtet hatte, um die Kugeln herauszuholen, war gleichzeitig das Zündpulver herausgefallen. Sekunden später war die Kammer voll von schrei- enden Männern, und sie waren gefangen. Da sie ihn sofort vom Fenster wegzerrten, konnte er nichts mehr sehen – und das war gut so, denn er hätte den An- blick dessen, was sich jetzt dort unten abspielte, nicht ertragen können. Was er hörte, war grauenhaft ge- nug. Ein einziger langgezogener Schrei hallte über den Marktplatz. Doch es war weder ein Angstschrei noch ein Schrei des Schmerzes. Es war ein Jubelruf, ein Ruf des Preises und der Zuversicht. Es war das Gebet ei- nes Menschen, dem eine große Wahrheit zuteil ge- worden war, dem eine Erleuchtung geschenkt wor- den war, die in sich selbst schon eine Bestätigung gewesen war für ein vom Glauben erfülltes Leben – der höchste Beweis unerschütterlichen Glaubens. Es war nur ein einziges Wort, ein Wort, das die Es- senz aller Hoffnungen der Menschheit enthielt. »Je- sus!« Nur dieses eine Wort, und danach das Brausen und Knistern der Flammen. Und dann, mitten hinein in die gespenstische Stille, die folgte, fiel ein zweiter Schrei, langgezogen und durchdringend, zum Ende hin leiser werdend, sich entfernend, so als renne der, der ihn ausstieß, um sein Leben. Wie schon die erste, so war auch diese Stimme ei- ne, die Gwalchmai wohlvertraut war. Gilles Blaubart, Herr von Mâchecoul, Baron von Rais, Marschall von Frankreich, Herr über zahllose, Landsitze und Schlösser – heute, in diesem tragischen Moment, ein Mann, dessen Herz gebrochen war, der fühlte, wie seine Seele starb, der vor sich das Ende seines Glaubens, seiner Hoffnungen und Träume sah. Es war ein Schrei, der das Blut in den Adern gefrieren ließ: »Seid alle verdammt! Ihr habt eine Heilige ver- brannt!«,

Der Phönix steigt aus der Asche

Die Kerker von Rouen waren kalt und düster. In ei- nem davon schmachtete Gwalchmai schon seit vielen Monaten. Was aus Meister Jean geworden war, wußte er nicht. (In der Tat war der Meisterschütze gleich nach seiner Entdeckung von den Engländern, denen er schon seit langem ein Dorn im Auge gewesen war, kurzerhand getötet worden.) Manchmal wurde Gwalchmai etwas zu essen hingeworfen; dann wieder kümmerte man sich tagelang nicht um ihn. Er war völlig von der Außenwelt abgeschnitten; nicht die ge- ringste Nachricht über das, was draußen passierte, drang zu ihm vor. Er vermutete, daß ihm die Folter lediglich deshalb erspart blieb, weil sein Haar schlohweiß war. Sein Hinken tat ein übriges, daß man ihn für hinfällig und altersschwach hielt. Als ein Greis jedoch fühlte er sich beileibe nicht. Das wundersame Elixier wirkte noch immer. Von dem Husten freilich, den er sich in dem feuchten, schimmligen Kerker zugezogen hatte, konnte es ihn nicht heilen, und es linderte auch nicht den Schmerz, den ihm seine lädierten Rippen berei- teten. Eines Tages – fast ein Jahr war seit seiner Gefan- gennahme vergangen –, als er wieder einmal in dü- sterer Stimmung auf die rauhe Wand seines Kerkers starrte, flog plötzlich die Tür seiner Zelle auf. Drau- ßen stand ein mürrischer Wächter und bedeutete ihm mit einer knappen Geste herauszukommen. Er stol-, perte hinaus und blinzelte mit wäßrigen Augen in die Frühlingssonne, deren Strahlen auf dem Kopfstein- pflaster des Gefängnishofes spielten. Sein Rücken war gebeugt, und seine Knochen schmerzten ihn von der Feuchtigkeit. Er war schmut- zig, abgemagert und unfähig, die prächtige, hochauf- gerichtete Gestalt zu erkennen, die da vor ihm stand. »Wer seid Ihr?« Seine Stimme war durch den lan- gen Nichtgebrauch derart eingerostet, daß nicht viel mehr als ein heiseres Krächzen herauskam. »O Baske! Was ist aus Euch geworden! Seid dieses armselige Wrack wirklich Ihr? Erkennt Ihr den alten D'Aulon nicht mehr?« Gwalchmai streckte den Arm aus und betastete seinen Besucher mit einer schmutzigen Hand. Mehr als ein Trugbild hatte ihn während der langen Nächte in seiner Zelle heimgesucht. Nicht einmal eine Maus oder eine Ratte hatte ihm Gesellschaft geleistet, in die er seinen Geist hätte wandern lassen können, wie Corenice es ihn gelehrt hatte. Sie selbst war nicht ein einzigesmal mit ihm in Verbindung getreten. Warum, wußte er nicht. »Intendant? Wie könnt Ihr mich noch eines Blickes würdigen? Wir verfehlten Euer Mündel. Wir liebten die Jungfrau, und wir verfehlten sie. Wißt Ihr das? Wir versuchten es, und wir versagten. Sie sagte zu ihnen: ›Ich kam hierher, weil ich von Gott gesandt wurde. Ich flehe euch an, laßt mich wie- der zu Ihm zurückkehren, von dem ich kam.‹ Und das haben sie getan, nicht wahr, D'Aulon? Sie haben sie zu Ihm zurückgesandt – durch das Feuer! Inten- dant, wie arm und grau die Welt ohne sie ist!« Tränen rannen ihm die Wangen herunter. D'Aulon, legte den Arm um seine Schulter. »Komm, Bruder, es ist alles vorbei. Du bist frei. Dein Lösegeld ist bezahlt. Wir werden was draus machen. Die Engländer glauben, der Krieg wäre vorüber und Frankreich gehörte wieder ihnen. Sie werden bald merken, daß die Jungfrau immer noch Freunde hat. Ein Phönix wird aus dieser Asche steigen. Komm mit mir, wir gehen dorthin, wo tapfere Ritter sich versammeln. Komm nach Hause mit mir.« »Nach Hause, D'Aulon? Wo ist das? Wo ist das Zuhause eines Flüchtlings, der ziellos durch die Welt irrt?« »Dort, wo der Mann lebt, der Euch die Freiheit er- kaufte. Zum Baron de Rais und seinem Schloß Mâchecoul.« D'Aulon mußte ihn auf dem Wege zum Wachraum stützen. Der Wächter warf Gwalchmais kleines Bün- del mit seinen Habseligkeiten auf den Tisch: sein Kettenhemd, immer noch blutbefleckt von dem Kampf in dem Gasthof, das er unter seiner Holz- fällerkluft getragen hatte; und das Schwert von Ro- land und Jeanne, von dem er nicht geglaubt hätte, daß er es je wiedersehen würde. Er hatte oft bereut, daß er es nach Rouen mitgebracht hatte, doch er hätte es seinerzeit nicht ertragen können, von ihm getrennt zu sein. Wie viele kostbare Erinnerungen hingen an diesen beiden Stücken. Doch da war noch etwas, etwas, das viel, viel älter noch war – der Ledergürtel mit den römischen Münzen, den seine Mutter ihm gegeben hatte, als er zu seiner langen, sinnlosen Reise auf- brach, deren Ende sich noch immer nicht vor seinen Augen abzeichnen wollte., Fast liebevoll schnallte er sich den Gürtel um. Ihm war, als spüre er dabei ihre zärtliche Umarmung. Et- was von seiner alten Zuversicht kehrte zurück, doch gleichzeitig fühlte er, daß der Hochmut, der ihn einst besessen hatte, niemals wiederkommen würde. Er war ihm ein für allemal ausgetrieben worden durch den Tod der Jungfrau und die langen, dunklen, schlaflosen Nächte im Kerker. Etwas mehr als ein Jahr war vergangen, seit Gwal- chmai de Rais zum letztenmal gesehen hatte. Obwohl immer noch ein junger Mann, schien der Baron um Jahre gealtert. Sein Bart war wieder in seiner alten, faszinierenden Pracht erstanden – denn Haar wächst pro Monat um ungefähr einen halben Zoll – und schimmerte schwarzblau wie eh und je, doch Gwal- chmai war erschrocken, als er sah, daß die dichte, schulterlange Lockenpracht von grauen Strähnen durchzogen war. Seine Lippen waren schmal und grausam. Seinem Blick eignete etwas Gehetztes, fast Gespenstisches, so als brüte er hinter seiner Stirn dunkle, quälende Ge- danken aus. Doch während Gwalchmai noch darüber nachsann, was ihn an diesen Augen so beunruhigte, lächelten sie ihn schon mit unverfälschter Wiederse- hensfreude an. Er sprang von seinem Schreibtisch auf, ließ die Fe- der fallen und kam mit ausgebreiteten Armen auf Gwalchmai zu, um ihn zu begrüßen. Er hielt mitten im Schritt inne, und Gwalchmai sah, daß sich der Ausdruck der Freude in seinen Augen schlagartig in den der Besorgnis verwandelte. »Ah! Dafür werden sie zahlen müssen, die ver-, fluchten Godams! Wie ich sehe, haben sie Euch gewiß nicht überfüttert! Aber unsere Zeit wird kommen, Aiglon. Dann werden wir ihr Blut trinken und uns die Hände an ihren brennenden Städten wärmen, bring Wein!« Auf seinen Befehl hin kam ein hübscher, geziert wirkender Knabe mit einem silbernen Krug und Kel- chen aus böhmischem Kristall hereingetrippelt. De Rais sah Gwalchmais überraschten Blick. Er lachte und nahm den riesigen Krug. »Bah! Zum Teufel mit diesen kleinen Kännchen! Wir können doch unsere süßen Chorknäbchen nicht alle paar Augenblicke hin- und herspringen lassen, sonst sind sie noch so erschöpft, daß sie ihre anderen Pflichten, die wir von ihnen erwarten, nicht erfüllen können! Nicht wahr, mein Liebchen mit der Stimme einer Nachtigall?« Der Knabe lächelte verlegen und errötete. De Rais drückte ihn, tätschelte ihm den Arm und schaute ihm grinsend hinterher, als er wieder hinaustrippelte. Als er zur Tür hinaus war, füllte der Baron die Kelche seiner Freunde. Nachdem sie miteinander angestoßen hatten, ließ der Baron Speisen auf sein Studierzimmer bringen. Danach gab es erneut Wein. Die Wärme, die dem Kamin entströmte, die schwere Mahlzeit und der starke, süffige Wein machten Gwalchmai benommen. Es war einige Zeit her, seit er zum letztenmal in den Genuß derartiger Köstlichkeiten gekommen war. Er hatte das Gefühl, von einem dichten Nebel ein- gehüllt zu sein. Er legte sich wie Watte auf seine Oh- ren. Die Stimmen seiner Freunde klangen wie aus weiter Ferne. Ganz dumpf bekam er mit, daß der Ba-, ron aus den Blättern auf seinem Schreibtisch etwas vorlas. Es schien sich um ein Theaterstück zu han- deln. Das eintönige, leiernde Gesumme seiner Stim- me schien kein Ende zu nehmen. Manchmal verän- derte er den Tonfall ein wenig, wohl um den Beginn eines neuen Akts oder Auftritts zu kennzeichnen. Einmal hörte Gwalchmai, wie der Baron dekla- mierte: »Sie war so schön wie eine weiße Rose ...« Doch als er fragen wollte, ob damit Jeanne gemeint sei, war ihm die Zunge so schwer, daß er kein Wort herausbrachte. Das nächste, was an sein Bewußtsein drang, war, daß er aufrecht in einem weichen Bett saß. Er war mit einem Schlag hellwach. Er schaute sich um. Er war allein in einem dunklen Zimmer. Irgend etwas hatte ihn aus tiefem Schlaf gerissen. Er glaubte, sich un- deutlich an einen langgezogenen, schrillen Schrei zu erinnern, ähnlich dem, den er oft auf dem Schlacht- feld gehört hatte, wenn ein Pferd in Todesangst schrie. Er spürte, wie ihm eine Gänsehaut über Rücken und Arme lief und seine Nackenhaare sich aufstell- ten. Er lauschte in die Stille hinein. Wenn es tatsäch- lich einen solchen Schrei gegeben hatte, so wieder- holte er sich jedenfalls nicht. Nach einer Weile ließ er sich in seine Kissen zurücksinken, immer noch ge- spannt lauschend. Doch da alles still blieb, war er wenig später wieder in tiefen Schlaf versunken. Als er zum zweitenmal erwachte, fiel helles Son- nenlicht durch einen schmalen Spalt in der Wand zu ihm herein. Ein rascher Blick verriet ihm, daß er sich in einem der oberen Räume des Turms befand. Wer ihn zu Bett gebracht hatte, konnte er nur vermuten., Eine Dienstmagd, die einen tiefen Knicks vor ihm machte, als sie sah, daß er aufgewacht war, brachte ihm einen Krug (diesmal mit Wasser), frische weiße Tücher zum Waschen und saubere Kleider. Sie machte erneut einen Knicks und verschwand. Ihr ständiges Auf und Ab verstärkte das Schwindel- gefühl in seinem ohnehin brummenden Kopf nur noch mehr. Er schüttete sich etwas von dem kalten Wasser über, trank einen Schluck (schauderhaftes Zeug, kein Wunder, daß der Baron seine trüben Ge- danken lieber im Wein ertränkte!) und goß sich den Rest über die Brust. Es war ein langer Weg, fünf Stockwerke über eine enge Wendeltreppe nach unten. Er schaffte ihn, ohne zu fallen, und erreichte nach vielen Verschnaufpau- sen endlich den Frühstücksraum, in dem de Rais, D'Aulon und ein paar andere sich bereits an einer reich gedeckten Tafel gütlich taten. Der Anblick und der Geruch der Speisen ließ ihn würgen, und er faßte den blitzschnellen Entschluß, sein Frühstück lieber in flüssiger Form zu sich zu nehmen. Den Blick krampfhaft von brutzelndem, knusprigem Schweinefleisch, fetttriefenden Fleisch- pasteten und dampfenden Puddingschalen abge- wandt, stopfte er sich ein paar Weintrauben in den Mund und goß sich einen großen Kelch Wein ein. »Aiglon«, ließ ihn de Rais' Stimme herumfahren, »ich möchte Euch nun, wie bereits gestern abend an- gekündigt, die anderen vorstellen, die mit uns zu- sammenarbeiten.« Wenn er so etwas angekündigt hatte, dann erfuhr Gwalchmai es jetzt zum erstenmal bewußt. »Madame Perrine Martin, unsere Gewandmeiste-, rin, die gern Kinder in ihrer Obhut hat und unter dem Namen ›La Meffraye‹ bekannt ist.« Die besagte Dame verbeugte sich lächelnd und warf dem Baron einen raschen, seltsamen Blick zu, wobei sie unmerklich den Kopf schüttelte. Sie war mittleren Alters und offensichtlich einmal eine be- merkenswerte Schönheit gewesen. In ihrem Blick lag etwas Düsteres, Gespanntes, das Gwalchmai irgend- wie störte. »Gilles de Sille, ein alter Kriegskamerad, Roger de Bricqueville, mein Vetter, und Messer Francesco Pre- lati, ein Alchimist von Rang. Diese drei teilen mein Vermögen und meinen Ehrgeiz, da sie wie ich fühlen, daß diese Welt aus den Fugen geraten ist und wir al- les daransetzen müssen, sie wieder ins rechte Gleich- gewicht zu bringen.« Gwalchmai quittierte die Bekanntmachung mit ei- nem freundlichen Lächeln, aber der Weindunst in seinem Kopf war langsam dabei zu verfliegen, und seine Höflichkeit wirkte erzwungen. Er sah sie ganz klar – als Menschen, die de Rais geistesverwandt wa- ren. Was seine eigene Person anbetraf, war er sich da nicht mehr so sicher. Es war nicht etwa so, daß sie irgend etwas an sich hatten, das er genau hätte definieren können, um et- wa zu sagen: ›Das oder jenes stößt mich ab.‹ Er sah in ihnen vielmehr so etwas wie eine verschworene klei- ne Gruppe, die eine Komplizenschaft teilte, von der er ausgeschlossen war. Auch fiel ihm nun, da es hell war und seine Mü- digkeit einigermaßen verflogen, eine gewisse Bitter- keit auf, die sich tief in de Rais' Züge gegraben hatte, sowie eine seltsame Verschlagenheit bei den anderen, am Tisch, die ihm nicht gefiel. Sie kicherten unver- hohlen über ihn, aber auch über den Baron, sobald dieser ihnen für einen Moment den Rücken drehte. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß in diesen Mauern irgend etwas Geheimnisvolles vor sich ging. Doch selbst in der gedrückten Stimmung, die ihn langsam, aber sicher beschlichen hatte, wußte er, daß Mâchecoul der Ort war, an dem er bleiben mußte. Tief in seinem Innern spürte er, daß dies ein Teil sei- nes Schicksals war. Wie D'Aulon gesagt hatte: »Euer Zuhause ist jetzt dort, wo der Baron zu Hause ist.« Und so wurde denn in diesem düsteren Schloß das Netz der Intrige gesponnen, welches alsbald die Her- zen und Seelen von Männern so umgarnen sollte, daß sie noch einmal ihr Leben für ein Ideal aufs Spiel setzten. Theaterstücke – platteste Propaganda größtenteils – flossen aus der Feder des Barons und wurden aus ei- nem scheinbar unerschöpflichen Reichtum finanziert: Leitmotive jedes Stückes waren die Botschaft, die die Jungfrau so stolz und doch so demütig verkündet hatte, die Feigheit des Königs und die Hinterlist und Tücke der Engländer. Landauf und landab führten wandernde Schauspielertruppen Pantomimen und Moralitätenstücke auf, und da sich die Vorführungen, die im übrigen kostenlos waren, in rascher Folge ab- lösten, wuchs ihre Beliebtheit bei der Bevölkerung schnell. Sobald die Truppe weitergezogen war, fie- berten die Leute schon erwartungsvoll der nächsten entgegen und fragten sich gespannt, ob die Auffüh- rung wohl die voraufgegangene noch an Pracht und Spannung übertreffen mochte. In immer helleren, Scharen strömten Menschen hinzu. Wo immer die Schauspieler auftraten, wurden sie schon neugierig erwartet, und wenn die Vorstellung zu Ende war, wurden sie mit frenetischem Applaus verabschiedet. Die schönsten Passagen ihrer Stücke waren bald in aller Munde. Den Höhepunkt bildete ›Das Geheimnis der Bela- gerung von Orléans‹, ein atemberaubendes, grandio- ses Spektakel, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Mit seinen Hunderten von Akteuren und buch- stäblich Tausenden von Helfern, die eigens für die Begleitung des gewaltigen Trosses angeworben wor- den waren, stellte es alles bisher Dagewesene in den Schatten. Schier endlos war die Schlange von Pferde- und Maultiergespannen, die sich, schwer beladen mit Kostümen, Proviant und den Einzelteilen der gewal- tigen tragbaren Bühnen sowie den riesigen Kulissen und Bühnenbildern, von Stadt zu Stadt wälzte. Und wieder konnte jeder diese Pracht umsonst genießen; mehr noch – ein jeder, der kam, konnte unentgeltlich soviel essen und trinken, wie er wollte, und nach der Vorstellung wurden die Kostüme der Mitwirkenden unter dem Publikum verteilt. In verschwenderischer Fülle strömte das Gold nur so aus den Truhen des Ba- rons. Nach der Uraufführung in Nantes zog ›Die Belage- rung‹ weiter nach Bourges, von dort aus nach Angers und weiter nach Montluçon – ein Schauspiel mit zwölftausend Mitwirkenden. Überall strömten die Menschen zu ihnen, um sich zu vergnügen – und gingen weg mit vollem Herzen, gefesselt von dem Drama, empört über die Ungerechtigkeit, die ihnen, fast vergessen schon, aufs neue so eindrucksvoll vor, Augen geführt wurde, tief gerührt, durchglüht von neuem Patriotismus. ›Die Belagerung‹ wurde zehn Monate lang allein in Orléans gegeben, und damit lie- fen die Ausgaben in unverminderter Höhe weiter. Zu jeder Aufführung wurden neue Kostüme benutzt, je- de Vorstellung war gleichzeitig ein riesiges Gelage, mit dem Publikum als Gästen, und sie strömten her- bei in immer größeren Scharen und aus allen Teilen Frankreichs. Tag für Tag fand eine neue Vorstellung statt, und der Reichtum des Barons schmolz wie Schnee in der Sonne. Sollte der unerschrockene Mut der Jungfrau, ihr entsagungsvoller Kampf, umsonst gewesen sein? Mitnichten! Nach jeder Vorstellung erhoben sich die Menschen, von heiligem Zorn erfüllt, von ihren Sit- zen und eilten zu den Rekrutierungsstellen, die der Baron eingerichtet hatte, um als freie Waffenbruder den ins Stocken geratenen Krieg zu seiner endgülti- gen Entscheidung zu führen. Die Gruppen, die sich auf diese Weise überall im Land bildeten, schmolzen zu kleinen Armeen zu- sammen, die gegen die verhaßten Engländer mar- schierten und sie angriffen, wo immer sie noch eine Stellung auf dem heiligen Boden Frankreichs hielten. Von flammendem Patriotismus durchdrungen mar- schierten und kämpften sie, ob mit oder ohne Billi- gung des Königs – der zusehends zu spüren begann, wie seine Krone ihm langsam vom Kopf zu rutschen drohte. Der Phönix hatte sich in der Tat aus der Asche erhoben, wie D'Aulon es vorausgesagt hatte – ersonnen, ins Leben gerufen und bezahlt von Gilles de Rais. Schließlich, als der Druck auf ihn immer stärker, wurde, rang Karl der Siebte, König von Frankreich, sich durch zu einem Bündnis mit Philip, dem Herzog von Burgund, und gemeinsam warfen sie ihre verei- nigten Heere auf Paris. »Noch ehe sieben Jahre vergangen sind, werden die Engländer einen größeren Preis bezahlen müssen als Orléans«, hatte die Jungfrau aus ihrem Kerker pro- phezeit. Ihre Prophezeiung hatte sich erfüllt. Noch einer hatte einen hohen Preis bezahlen müs- sen: de Rais. Als die sieben Jahre um waren, war sein riesiges Vermögen dahin. Vorbei die Intrigen. Vorbei die Aufführungen. Doch beides war auch nicht mehr nötig. Der Phönix war aus der Asche gestiegen und triumphierte. Die Schauspielertruppen, seine Pri- vatstreitmacht, selbst seine gewaltige Dienerschar – alle wurden ausgezahlt und aus seinen Diensten ent- lassen. Als der Baron und seine Freunde den Gasthof ver- ließen, in dem er geblieben war, bis alle Ansprüche und Zahlungen geregelt waren, war nicht einmal mehr genug Geld vorhanden, um seine eigene Rech- nung zu begleichen. Als Gwalchmai, der diesen Moment lange voraus- gesehen hatte, dem Baron sein Mitgefühl aussprechen wollte, stieß dieser nur ein rauhes Lachen hervor. »Eine Kleinigkeit, Freund Baske, kaum der Rede wert. Seid guten Mutes. Wir werden alles zehnfach zurückbekommen. Messer Prelati wird schon dafür sorgen, daß sich mein Vermögen wieder auffüllt. Und wenn nicht, dann ist immer noch einer da, der mir alles geben wird, worum ich ihn bitte. Wir werden von nun an auf Tiffauges leben. We- nigstens das ist mir noch geblieben.«,

Der Teufel von Mâchecoul

Die Feste Tiffauges mit ihren prächtigen Mauern er- schien Gwalchmai als das, was sie in der Tat war – ein praktisch unbezwingbares Bollwerk. Umgeben von kargem, unfruchtbarem Land, thronte sie auf schroffen Granithügeln hoch über dem Sèvretal. Der magere Boden mit seiner dürftigen Vegetation bot den Bewohnern des Tals gerade das Nötigste zum Überleben. Doch selbst hier hatte der Kriegsbrand mit all seiner Unbarmherzigkeit gewütet, hatte er seine tödliche Spur in Form von niedergebrannten Häuser- gerippen und verdorrten Feldern hinterlassen, auf denen herrenlose Hunde und elternlose Kinder ziel- los, hungernd und frierend herumstreunten. Wie schon oft zuvor an anderen Orten, wo er län- gere Zeit verweilt hatte, wie in Champtocé oder Mâchecoul, machte der Baron es sich auch hier zur Herzenssache, diesen heimatlosen, abgerissenen Ge- schöpfen die Gastfreundschaft seines Hauses zu bie- ten. Manche von ihnen wurden sofort an die Stiftung weitergesandt, wo man ihnen dauerhaftes Asyl ge- währte, andere blieben für eine Weile auf der Burg, und von den grimmigen Mauern hallte ihr helles, frohes Lachen wider, wenn ihr Hunger gestillt war und sie sich, umfangen von der Mildtätigkeit ihres Gönners, zu Hause fühlten. Was Gwalchmai indes überraschte, war, daß man seine Güte so oft mit Undank vergalt. Wie schon an den anderen Orten, wo der Baron solchen Kindern, Schutz und Herberge gewährt hatte, schien ihm auch hier, daß es oftmals gerade die jüngsten unter ihnen waren, die den Baron bald wieder verließen, manch- mal sogar mitten in der Nacht, ohne ein Wort des Ab- schieds oder des Dankes. Viele dieser Kinder hatte Gwalchmai selbst aus ih- ren erbärmlichen Unterschlupfen im Wald oder in feuchten Höhlen geborgen und auf die Burg gebracht, denn er und Gilles de Sille ritten oft, begleitet von Messer Prelati, zu solchen Botengängen der Barmher- zigkeit hinaus, und es bekümmerte ihn zu sehen, daß de Rais' Güte oft so wenig Würdigung erfuhr. Es kam ihm lange Zeit nicht zu Bewußtsein, daß es hierfür möglicherweise noch eine andere Erklärung gab. Nicht jedes der Kinder, die sie bei ihren Ausritten aufstöberten, begegnete seinen vorgeblichen Rettern mit Vertrauen. Manche verkrochen sich verängstigt in ihren Höhlen und mußten zappelnd und schreiend hervorgezerrt werden. Andere flüchteten in panischer Angst über die offenen Brachfelder oder über die steinigen, von den Bewohnern treffend als ›Wüsten‹ bezeichneten Ödflächen, in der trügerischen Hoff- nung, den Reitern, die sie verfolgten, auf diese Weise zu entkommen. Bei solchen Gelegenheiten sprengten Prelati und de Sille jedesmal in leichtem Galopp hinter ihnen her, sich über Gebühr Zeit lassend, und ergötzten sich la- chend an dem Entsetzen der Kinder, bevor sie sie schließlich einfingen. Oft gab dann Gwalchmai, er- bost über ihre Gefühllosigkeit, seinem Pferd die Spo- ren und zog schnell an ihnen vorbei, um vor ihnen die verängstigten Kinder aufzuheben und sie mit ein, paar tröstenden Worten zu beruhigen. Zu einem der kleinen Jungen, die er auf diese Wei- se zu sich aufs Pferd hob, fühlte er sich selbst stark hingezogen. Als er ihn auf den Arm nahm und ihm ins Gesicht schaute, war ihm plötzlich, als sähe er sich selbst als Kind vor sich. Die dunkle Haut und das dunkle Haar zeigten eine verblüffende Ähnlichkeit zu ihm selbst. Auch gemahnten ihn die angstverzerrten Züge des Knaben stark an Nikky, so wie er sie im Gedächtnis hatte, und als das Herzklopfen unter sei- nem beruhigenden Streicheln nachließ und der kleine Junge ihn schüchtern anlächelte, da erfaßte ihn eine Woge tiefer, zärtlicher Zuneigung. Dies hätte sein kleiner Sohn sein können, den zu sehen ihm niemals vergönnt gewesen war. Gwalchmai küßte den Knaben liebevoll und strei- chelte ihm seine Furcht fort, und bald schlangen sich die mitleiderregend dünnen Ärmchen des Kleinen zutraulich um den Hals seines Fängers, während sie nach Tiffauges zurückritten. »Ich heiße Gwalchmai. Ich bringe dich an einen Ort, wo du nie wieder Hunger leiden mußt und wo viele andere kleine Jungen sind, mit denen du spielen kannst. Wie heißt du denn, mein kleiner Wicht?« »Maman sagt immer Jean zu mir. Ich hab' dich gern, Onkel.« Er schmiegte sich vertrauensselig in Gwalchmais Arm, und sie ritten schweigend weiter zur Burg. Wegen des persönlichen Interesses, das er an dem kleinen Jungen gewonnen hatte, war der Schock um so größer, als er tags darauf erfuhr, daß der Junge noch in der Nacht wieder fortgerannt war. Er brütete tagelang über den Vorfall nach. Er, konnte einfach nicht verstehen, wieso die Geschichte ihn so mitnahm. Er war derart trübsinnig und gereizt, daß er mit den anderen lange Zeit kaum ein Wort wechselte. Die Nacht vor dem ersten Mai ist die Walpurgis- nacht. Während jener dunklen, unheilvollen Stunden des dreißigsten April im Jahre des Herrn 1439 lag Gwalchmai in tiefem Schlummer in seinem Bett. Plötzlich schreckte er hoch. Es war diesmal kein Schrei, der ihn geweckt hatte, noch überhaupt irgendein Geräusch, doch er fühlte, daß jemand ganz dicht neben seinem Bett stand. Ein leiser Lufthauch strich über sein Gesicht, so, als wür- de ihn jemand anblasen. Er hatte gerade, wie schon oft in den vergangenen Nächten, von dem weggelau- fenen Kind geträumt, und er öffnete benommen den Mund, um seinen Namen zu rufen. Doch als er sprechen wollte, spürte er einen Finger auf seinen Lippen und hörte die Stimme von La Me- ffraye sagen: »Still, wenn dir dein Leben lieb ist!« Kein Zweifel, es mußte die Stimme von La Me- ffraye sein, denn außer ihr befand sich keine Frau in der Burg, aber da war so ein seltsam süßer Klang in der Stimme, der ihm wohlvertraut war und den er niemals bei der früheren Gewandmeisterin des Ba- rons gehört hatte. Er griff die Finger, die noch immer auf seinem Mund lagen, und küßte sie. »O Corenice, bist du wie- der zu mir gekommen nach solch langer Zeit und in solcher Gestalt? Wie gut, daß es dunkel ist! Du wür- dest mich gar nicht gern anschauen wollen, so wie ich jetzt aussehe.« Ein Lippenpaar drückte sich sanft an seines. »Ich, konnte nicht früher kommen, Geliebter. Ich darf nicht immer das tun, was ich gerade möchte. Es war not- wendig, daß wir für eine Weile voneinander getrennt waren, denn was du in der Zwischenzeit getan hast, war ein Teil deines eigenen Schicksals, nicht unseres gemeinsamen. Leider kann ich nicht lange bei dir bleiben; dieser Körper besitzt einen starken und ge- fährlichen Willen, und die Kräfte, die ihn bewegen, rufen Furcht vor der Vernichtung in mir hervor.« Gwalchmai stieß ein ungläubiges Knurren hervor. »Meine Corenice und Furcht? Unmöglich! Das kann ich nicht glauben!« »Doch, es ist so. Komm! Wir haben nur wenig Zeit. Laß sie uns nicht unnütz vergeuden. Deine Seele ist in Gefahr, und wenn sie verloren ist, dann hat auch meine keine Bestimmung mehr. Komm jetzt! Zieh dich an!« Er angelte nach seinem langen Hemd (denn er schlief nackt, wie es der Mode der Zeit entsprach), schlüpfte hinein und band sich seinen alten Gürtel mit den Münzen um. Die steinernen Treppenstufen fühlten sich unangenehm kalt an unter seinen Füßen. Corenice zog ihn hastig durch den unteren Korri- dor und stieg mit ihm eine Treppe hinunter, die in ein Stockwerk unterhalb des Grabens führte. Die Luft dort unten war eisig kalt. Ein brenzliger Geruch, vermischt mit durchdringendem Schwefelgestank, stach ihm eklig in die Nase. Sie gingen durch einen langen Gang. An seinem Ende sah Gwalchmai eine brennende Fackel aus der Wand ragen. Sie war schon ziemlich weit herunter- gebrannt; offenbar hatte man vergessen, sie zu lö- schen. Dahinter herrschte völlige Finsternis. Als sie, näher kamen, sah er die Umrisse eines überwölbten Toreingangs. Corenice blieb stehen und deutete auf die Öffnung. »Du mußt dort hinein. Leb wohl, mein Geliebter! Ich kehre um. Ich verliere allmählich die Gewalt über diesen Körper. Er muß schleunigst wieder zurück, sonst fällt seine Abwesenheit auf. Erfahre nun, war- um du schnell von hier fort mußt, und dann fliehe diesen Ort so rasch wie möglich. Nicht mehr lange, und grausame Rache wird über den Baron und sein Gefolge kommen, und ich möchte, daß du dann schon weit weg von hier bist.« »Wann werden wir uns wiedersehen und wo?« »Wie ich dir schon einmal sagte, müssen wir dort- hin zurück, wo unsere Reise einst begonnen hat. So- bald du deine Aufgabe erfüllt hast – du wirst merken, wenn es soweit ist –, werden wir wieder zusammen- sein und zusammen dorthin zurückgehen, um nie wieder voneinander getrennt zu sein.« Ein flüchtiger Kuß, und sie war verschwunden. Gwalchmai wußte, daß La Meffraye sich an nichts erinnern würde, in welchem Teil der Burg auch im- mer sie wieder zu sich kommen mochte. Er spähte in die unterirdische Kammer, die sich hinter dem Torbogen befand. Zuerst sah er gar nichts, doch verriet ihm der hohle Klang seiner Atemzüge, daß es sich um einen großen, offenen Raum handeln mußte. Plötzlich sah er hoch über sich zwei winzige glühende Punkte, die aussahen wie Kohlen. Gebannt schaute er sie an, starrte er in sie hinein, denn er hatte mit einemmal das unheimliche Gefühl, daß auch sie ihn anschauten. Sie übten eine geradezu hypnotische Wirkung auf ihn aus. Er war unfähig,, den Blick von ihnen abzuwenden. Der Schwefelge- stank, den er vorher schon wahrgenommen hatte, wurde fast unerträglich. Jetzt stieg ein zweiter Geruch in seine Nase, der den ersten noch überlagerte, süßli- cher, beißender Gestank wie der in einem Schlacht- haus. Mit äußerster Willensanstrengung gelang es ihm, die Augen zu schließen und damit den hypnotischen Bann zu brechen, den die glühenden Punkte auf ihn ausübten. Er wandte sich um, riß den brennenden Fackelstummel aus seiner Halterung und trat ent- schlossen in den Raum. In dem flackernden Licht der Fackel glaubte er eine gigantische Gestalt zu sehen, die sich langsam auf ihn zubewegte. Er blieb stehen, die riesigen Schatten ebenfalls. Nun sah er, daß die Gestalt eine große ge- hörnte Statue war, und die beiden roten Lichtpunkte entpuppten sich als ihre gebieterisch blickenden Au- gen. Die leuchtenden Kreise schauten herab auf ihn und auf den Altar, den Gwalchmai jetzt in der Mitte der Kammer gewahrte, genau zwischen ihm und der Statue. Die offenbar krankhafte Fantasie des Bildhauers hatte dem Gesichtsausdruck der Kreatur etwas Hä- misches verliehen. Der Körper wirkte zottig, soweit Gwalchmai es in dem trüben Licht der Fackel erken- nen konnte. Die Beine endeten in behuften Krötenge- lenken. Die Arme mit ihren langen Krallenhänden hingen dicht über dem Altar, so, als wollten sie alles auf der Stelle an sich raffen, was daraufgelegt würde. Gwalchmai streckte vorsichtig den Arm aus. Ihm kam ein schrecklicher Verdacht. Seine Hand berührte, zitternd die steinerne Oberfläche des Altars. Er war klebrig von Blut! Entsetzt starrte er ihn an. Die plötzliche Erkenntnis überflutete ihn wie eine Woge. Hier also waren die Kinder verschwunden, von denen er geglaubt hatte, sie seien des Nachts davongelaufen! Und nun wußte er auch den Schrei zu deuten, der ihn seinerzeit in Mâchecoul aus dem Schlaf gerissen hatte! Deshalb al- so ließ der Baron die Gegend nach elternlosen Kin- dern durchkämmen! Voller Entsetzten starrte er auf seine Hände. Auch wenn er selbst nur als unwissender Komplize an die- sen Ungeheuerlichkeiten beteiligt war – an ihnen klebte das Blut zahlloser unschuldiger Kinder! Von unsäglichem Grauen geschüttelt, wandte er den Blick von seinen Händen ab. Eisige Kälte kroch in ihm hoch. Hilflos und nackt stand er da, in Schande und Entsetzen. Der Ekel schnürte ihm die Kehle zu. Der Qualm der Fackel stieg ihm in die Nase, und der beißende Schwefelgestank wurde immer unerträgli- cher. Die Wände der Kammer schienen sich um ihn herum zu drehen, und die Statue schien sich vorzu- beugen, so, als wolle sie ihn mit ihren Krallen ergrei- fen. Was er sah, war nicht bloß Einbildung! Die Augen der Statue wurden größer und bohrten sich in seine. Er konnte den Blick nicht von ihnen abwenden. Er hatte das Gefühl, als zögen sie ihn mit magischer Kraft an. Sie wurden immer größer, schwollen an und begannen vor ihm zu schwimmen wie brodelnde La- vatümpel. Er war unfähig, sich ihnen zu entziehen. Es gab Zaubersprüche, mit denen man einem solchen Unheil begegnen konnte, und er kannte sie, doch sein, Geist schien wie leergesogen. Er trat einen weiteren Schritt auf den Altar und die gierig geöffneten Krallen zu. Die Augen wurden noch größer. Die Lippen dehn- ten sich zu einem höhnischen Grinsen. Das gemei- ßelte Haar auf den Armen schien sich aufzurichten, und die riesige Gestalt beugte sich drohend über ihn. Die Krallen öffneten sich, tasteten sich über seinen Oberkörper und packten ihn bei den Hüften. Plötz- lich zuckten sie zurück, so, als hätte sie ein heftiger Schmerz durchfahren. Gwalchmai hatte nur einen kurzen Druck in der Hüftgegend gespürt, begleitet von einem leisen Zischen, wie man es hört, wenn Fleisch eine heiße Herdplatte berührt. Er fühlte sich von einer schützenden Wärme um- hüllt, und er wußte, woher diese Wärme kam. Sein Gürtel war in Liebe geschaffen worden, in Liebe überreicht worden und in liebender Erinnerung ge- tragen worden. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen, und er war unfähig, ein Wort hervorzubringen, aber er dachte: O Mutter! Ich hätte wissen müssen, daß, wenn alles an- dere versagt, deine niemals versiegende Liebe mich umhüllt und schützt! Eine winzige Maus huschte in die Kammer. In der grausamen Stille dieses lautlosen, doch tödlichen Kampfes war das Geräusch ihrer kleinen Füße deut- lich auszumachen, deutlich genug, um Gwalchmais Aufmerksamkeit für einen Moment abzulenken. Er schaute zu ihr hin und holte zum erstenmal seit scheinbar Ewigkeiten tief Atem. Die bohrenden Augen verloren ihre Kontrolle über seine schmerzenden Muskeln, und es gelang ihm, ein, paar Schritte zurückzuweichen. »Laß mich herein!« sagte eine dünne, glockenhelle Stimme in seinem Kopf. Ein Gefühl tiefen Friedens und neuer Kraft kam über ihn. Die kleine Maus, die eben noch seinen Fuß berührt hatte, fiel bewußtlos auf die Seite. Er wußte und spürte, daß ein zweites Wesen in ihm war – eine geliebte Person, die nun ein Teil von ihm selbst war. Seine Augen waren geöffnet wie nie zu- vor, und er sah, daß er nicht allein war. Er wagte nicht, lange von der Statue wegzuschauen, denn er erkannte jetzt, daß sie mehr war als nur Stein. Ihre Umrisse waren zu einer widerwärtigen, gallertartigen Masse verschwommen, die unter beständigem Pulsie- ren ihre Form veränderte und der Kreatur ein noch furchterregenderes Aussehen verlieh, als sie es ohne- hin schon hatte. Die Augen der Statue loderten teuflischer denn je. Und plötzlich fing sie an zu sprechen! »Der da wurde davor gewarnt, unter die Erde zu gehen! Er wurde davor gewarnt, der Sünde anheim- zufallen! Er gehört mir! Wer wagt es, mir mein An- recht streitig zu machen?« Eine schlanke, ganz in Grün gekleidete Gestalt mit einer Laute auf dem Rücken trat hinter Gwalchmai hervor, zog ihre Mütze, an der eine lange rote Feder stak, machte eine tiefe, graziöse Verbeugung und lachte der Schreckensgestalt frech ins Gesicht. Dann zog sie ein kleines Bündel Zweige aus dem Gürtel und warf sie der Gestalt wie einen Fehdehandschuh vor die Hufe. »Bei den Blättern der Eiche, der Esche und des Dornbusches und bei der Kraft der Mistel – ich, Sir, Huon von Elveron, mache dir dieses Recht streitig, und ich bin bereit, dafür mit meinem Leben einzu- treten!« »Du weißt, daß du keine Seele hast, und du weißt, daß für dich der Tod das endgültige Ende bedeutet! Willst du es trotzdem wagen, das wenige, was du be- sitzest, für diesen Mann aufs Spiel zu setzen?« Die Stimme der Kreatur klang verächtlich, aber Gwalchmai entging nicht, daß die sich windenden Pseudopodien es peinlich vermieden, die grünen Blätter zu berühren. »Bei meiner Ehre als Elfenritter – ich kann nicht anders!« »Ich habe keinen Hader mit den Elfen, aber dieser Mann hat mich schon zu lange gereizt. Er vernichtete mein Volk in Elveron; er beraubte meinen Magier in Roncesvaux, er durchkreuzte, wo immer er konnte, meine Pläne; er ermordete meinen Zauberer um dei- netwillen; er widersetzte sich meinem Willen!« »Du tätest gut daran, dich weder mit mir noch mit ihm anzulegen, Oduarpa. Unsere Magie ist älter und stärker als deine.« »Das werden wir gleich ausprobieren. Du bist für mich nicht mehr als eine Fliege, die ich zwischen den Fingern zerquetsche. Stirb!« Die Gestalt hob drohend die Pranke und richtete eine ihrer gebogenen Krallen auf Sir Huon. Ein glei- ßender, grellroter Blitz schoß auf den Sänger zu. Im selben Moment schob sich ein riesiger tropfen- der Schild zwischen die Pranke und den tapferen Sir Huon. Der Blitz prallte wirkungslos gegen den schüt- zenden Schirm, sank in sich zusammen und zerfiel in eine große weißglühende Blüte, deren einzelne Blät-, ter sich in züngelnde Flammen verwandelten. Die Blüte begann sich um ihre eigene Achse zu drehen, immer schneller, bis sie nur noch als wirbelnder Feu- erball zu erkennen war, und schoß, einem riesigen In- sekt gleich, laut zischend auf die Statue zu und hüllte sie in eine gierig züngelnde Waberlohe ein. »Wir sind uns schon einmal begegnet, Herr des Dunklen Angesichts – und zu deinem Nachteil, wie du dich sicher erinnern wirst«, sang eine melodisch plätschernde Stimme. »Ich kann meine Kinder immer noch schützen. Erinnerst du dich?« »Ich erinnere mich, Geist der Woge! Dein Reich ist der Ozean. Auf dem Lande jedoch ist meine Macht größer als deine. Du tätest gut daran, dich selbst zu schützen, quadratäugige Ahuni-i, die du nur mehr eine Anbeterin hast und die du nur noch über geringe Macht verfügst!« Eine dunkle, wirbelnde Rußwolke legte sich über die Statue und den sie noch immer umhüllenden Flammenball. Als sie sich wieder hob, war die Flam- me erloschen. Die Wolke verdichtete sich, sank lang- sam herab und wälzte sich über den Boden. Sie nahm Form an, wurde größer. Erst eine Python- schlange, dann eine Hydra, schließlich ein siebenköp- figer Drache, der seinen riesigen schuppigen Hals wütend nach hinten bog und laut zischend nach den dreien schnappte. Wie eine eiserne Pranke umklam- merte er den Schild und drohte ihn zu zersprengen. »Aber deine Macht ist nicht größer als das hier!« Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ die Burg in ihren Grundfesten erbeben, als ein riesiger Hammer auf das vielgestaltige Monster herniederkrachte. Es zerspritzte in Tausende winziger Partikel, die sich zu, einem wirbelnden Strudel vereinigten. Sie fügten sich zusammen, verdichteten sich zu einem zuckenden Strick, der sich in eine zischende Kobra verwandelte und rasch in den Körper des Gehörnten zurück- schlängelte. Der rotbärtige Thor trat neben die drei und stützte sich lässig auf seinen Hammer. Ein einzelnes unver- sehrt gebliebenes Glied des Drachen ringelte sich um den Stiel, so, als wollte es erneut seine Kraft an ihm erproben. Thor warf ihm eine Handvoll Ebereschenbeeren in den Weg. Es zuckte vor ihnen zurück, als wären es glühende Kohlen, und verschwand eilig im Körper Oduarpas. »Es steckt also immer noch Leben in dem Gott- ling!« grollte der Herr des Dunklen Angesichts. »Doch sag, wie viele der Asen stehen noch hinter dir und stärken dir den Rücken? Wer bist du in den Au- gen der Menschen, Schwindler? Wessen Anbetung – welches Pferd auf deinem Altar verleiht dir noch Stärke? Wie du siehst, zehre ich von reicherer Kost! Meine Anbeter und ich trinken die Rote Milch ge- meinsam. Schlag noch einmal mit deinem Hammer zu, wenn du kannst! Ich glaube nicht, daß du dazu in der Lage bist. Ich warte!« »Ala-la-la! Ala-la-la!« Ein gellender Kriegsschrei erscholl, und Gwal- chmai erschauerte, als er in ihm den alten Schrei der Helden Aztlans erkannte. »Wenn es Schläge sind, die die Seele dieses Mannes schützen müssen, dann koste meine! Du rühmst dich deiner winzig kleinen Erfolge, du kümmerlicher Tor! Bist stolz auf deine kleinen Altäre, die irgendwo in, muffigen Kerkerhöhlen verborgen sind; auf deine Opfer, die man dir heimlich und bei Nacht darbringt in Form wehrloser Kinder!« Eine furchterregende Erscheinung, die sie alle um Haupteslänge überragte, reihte sich in die Front vor dem Altar ein. Sie hatte die Gestalt eines Menschen. Um ihren Hals baumelte eine Kette aus Menschen- schädeln; der Helm auf ihrem Kopf war die grinsende Maske eines Jaguars; in der Linken hielt sie einen runden Schild, dessen Rand mit Kolibrifedern um- säumt war, und in der Rechten ein schweres hölzer- nes Schwert, das mit einer Sägezahnschneide aus vulkanischem Glas besetzt war. Ihr stählerner Brustpanzer klirrte, als sie drohend vortrat. Es war der Brustpanzer eines römischen Zenturio! »Ich bin Huitzilopochtli, der Kriegsgott des aztlani- schen Volkes, und da ich einst ein Mensch war, habe ich meinen Sohn nicht vergessen! Zwanzigtausend Herzen wurden mir zu Ehren an einem einzigen Tag lebendigen Männern aus dem Leibe gerissen! Es wa- ren die Herzen gefangener Krieger, die mein Volk in der Schlacht besiegt hatte! Ströme von Blut sind ge- flossen, um mir meine Macht zu geben! Vor meinem Sohn erhebe auch ich meinen Schild und verteidige ihn mit meinem Maccahuitl!« Die gallertartige Masse, die die Statue umhüllte, zog und dehnte sich heftig pulsierend zu einem bla- sigen, unförmigen Brei. Rote und schwarze Schlieren schlängelten sich durch die durchsichtigen wurmar- tigen Fortsätze, die in grimmiger Wut aus der Masse hervorschossen und wieder zurückzuckten. »Deine Kraft ist größer als die aller anderen, denn, dein Ruhm steigt, statt zu sinken. Doch meiner steigt schneller und wird fortdauern, wenn deiner längst der Vergessenheit anheimgefallen ist, denn meine Kraft nährt sich aus dem Bösen im Herzen der Men- schen, nicht aus der Verehrung, die dir durch deine Opfer dargebracht wird. Ich gründe meine Stärke schon heute auf den zukünftigen Opfern, die du nicht haben wirst! Bestreitest du meine wachsende Macht? Nein? Dann gehört diese befleckte Seele mir!« Gwalchmai sprach jetzt zum erstenmal, doch die Stimme, die er hörte, war nicht seine. Noch nie hatte er dieses süße goldene Läuten aus seinem eigenen Munde gehört. »Dann mußt du uns beide nehmen, Dämon von den Sternen, denn wir sind eins!« Die krallenbewehrten Pranken hatten erneut fast Ahuni-is Schild berührt, als sie plötzlich zitternd zu- rückfuhren. Strahlendes Licht erhellte die Kammer und legte sich wie eine Barriere zwischen die Statue und die Gruppe der Herausforderer. Es war ein glitzernder, funkelnder Strich, der wie ein lebendiges Wesen über den Boden lief. Er lief, in gleichmäßigen Winkeln sei- ne Richtung ändernd, um die Gruppe herum und schloß sich zu einem fünfzackigen Stern. Es war ein Pentagramm! Der Stab, der das mystische Zeichen auf den Stein- boden gemalt hatte, hob sich in der Hand des weiß- bärtigen Mannes, der zu ihnen in den schützenden Drudenfuß getreten war, und richtete sich zitternd auf die Statue. Der Federschmuck, der den Kopf des Mannes be- deckte, bewegte sich langsam in einem Luftzug, den die anderen nicht spürten. Sein langes Gewand, bauschte sich weit auf, so als würde es von innen her aufgeblasen. Alles an ihm war in luftiger Bewegung. »Ich bin Quetzalcoatl, der Herr der Winde! Man nennt mich die Gefiederte Schlange. Vielleicht kennst du mich besser unter dem Namen Merlin. Auch ich stelle mich schützend vor meinen Patensohn und werde meine Stärke an der deinen erproben, Oduar- pa! Nimmst du auch meine Herausforderung an?« Unter dem drohend erhobenen Zauberstab sank die amorphe, zähflüssige Masse widerstrebend in den Körper der Statue zurück. Die Umrisse wurden wieder klar und scharf. Die glühenden Augen leuchteten gleißend hell auf. Gwalchmai wurde erneut in ihren Bann gezogen und konnte den Blick nicht abwenden. Er hörte, wie die verhaßte Stimme wütend knurrte: »Du hast mächtige Freunde, Mann. Ich lasse dich los, aber Eindringlinge müssen bestraft werden! Gehe, doch trage fortan mein Zeichen!« Das Licht brannte sich in Gwalchmais Gehirn. Er fühlte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Auge und schlug die Hände vors Gesicht. Es war ein Schmerz, der alles überstieg, was er je an Schmerz hatte erleiden müssen, doch gleichzeitig durch- strömte ihn in seinem Leiden ein Gefühl tiefer Buße und Genugtuung, und er fühlte sich fast erleichtert. Stöhnend ließ er die Hände sinken. Es war dunkel, und er wußte, daß er wieder allein war. Er war nicht sicher, ob er das nicht die ganze Zeit über gewesen war. Hatte er dieses Gottesgericht vielleicht nur in seiner Einbildung erlebt? Nein! Er hatte sich nicht geirrt, denn nun kehrte sein Sehvermögen langsam wieder zurück, wenn, auch nur schwach. Das Pentagramm war ver- schwunden. Die ihm zu Hilfe geeilt waren, waren fort, und selbst die Maus war nicht mehr zu sehen. Doch er erinnerte sich deutlich an alles. Sein Blick wanderte auf den Boden. Die brennende Fackel lag noch immer dort. Als er sie aufhob, merkte er, daß er ihr Licht irgendwie anders wahrnahm als vorher. Mit dem linken Auge sah er die Fackel klar und deutlich. Sein rechtes Auge war blind. Sein Blick wanderte hinüber zu der Statue. Sie war nichts weiter als ein in Stein gehauenes Götzenbild. Sie bewegte sich nicht, doch ihre Augen hatten sich erneut in rotglühende Punkte verwandelt, die ihn bösartig anzustarren schienen. In dem Moment fiel das Licht einer zweiten Fackel in die Kammer, und eine ruhige Stimme hinter ihm sprach: »Barran Sathanas! Mein Herr und Prinz!« Es war de Rais. Gwalchmai wirbelte herum. »Die Hölle wartet schon auf Euch, Baron!« »Ich bin schon in der Hölle, Aiglon! Genau wie Ihr. Wir alle sind es. Ist es nicht seltsam, daß ich so lange brauchte, es zu erkennen? Andere haben es schon immer gewußt. Ich erkannte es in aller Deutlichkeit in Rouen. Und seht – wenn ich in einem Lande lebe, dann schulde ich seinem Herrscher die Untertanentreue. Deshalb muß ich Satan anbeten, solange ich auf der Erde weile. Ich schwor Gott in jenem Moment ab, als die Fackel des Scharfrichters in den Scheiterhaufen auf dem Al-, ten Marktplatz in Rouen fiel – und ich schwor Ihm für immer ab. Wo Menschen Engel verbrennen, kann nur die Hölle sein!« »Dies also ist Eure Edle Stiftung für die unschuldi- gen Kinder! Wie viele dieser Unschuldigen habt Ihr Eurem Steinklumpen dort geopfert?« »Ihr sagt, es sei ein Steinklumpen? Er sei ein Stein- klumpen? Schaut Ihm in die Augen und sagt es Ihm selbst!« Gwalchmai warf einen raschen Blick auf das Göt- zenbild und wandte seine Augen ebenso rasch wie- der von ihm ab. Er spürte erneut die magische An- ziehungskraft, die von diesem bösen Blick ausging, und er konnte nicht daran zweifeln, daß ihm etwas Gefährliches innewohnte, das ihm nicht wohlgeson- nen war, wie auch immer es zu dem Baron stehen mochte. Er warf die tropfende Fackel zu Boden und zwängte sich an de Rais vorbei in den Korridor. De Rais schloß zu ihm auf und leuchtete ihnen beiden mit seiner Fackel den Weg hinauf in die oberen Stockwerke. »Wie konntet Ihr das tun? Ihr, die Ihr sie liebtet!« »Ihr wißt, wie ich zum weiblichen Geschlecht ste- he. Ich habe sie nie als Frau gesehen. Ich betete sie an. Sie war mein Engel, meine Heilige. Sie verkörperte für mich alles das, was gut war in mir. Nun bin ich ausgebrannt, Aiglon. Die Hölle ist in meinem Herzen, und ich bin von Teufeln und Dämonen besessen. Ihr fragtet, wie viele Kinder, aber Ihr fragtet nicht, war- um. Messer Prelati arbeitet mit mir zusammen. Er weiß, wie man Gold macht. Der wichtigste Bestandteil ist, das Blut eines unschuldigen Kindes, aber es scheint unmöglich, auch nur ein einziges zu finden, das un- schuldig ist. Wie viele? Vierzig in Champtocé, weitere vierzig in Mâchecoul – und hier fast zweihundert. Die Zahl de- rer, die wir opferten, als wir durch Frankreich zogen und in Orléans gastierten, vermag ich nicht einmal mehr zu schätzen – und nicht eines unter ihnen, das unschuldig war! Was nützt es, einen Alchimisten zu verdingen, wenn ich nicht das finden kann, was er braucht, um das Gold zu machen, das ich haben will und muß?« Gwalchmai mußte sich erbrechen. Niemals, seit er Merlins Ring aus der Hand gegeben hatte, hatte er sich sehnlicher gewünscht, ihn zu besitzen, als in die- sem Moment. Welch tiefe Genugtuung es ihm bereitet hätte zuzusehen, wie der Turm dieses grausigen Spukschlosses zusammenstürzte und seine teufli- schen Bewohner unter sich begrub! Und sollte dieses geschehen, dann würde er – das spürte er in abgrundtiefer Selbstenthüllung – nicht einen Muskel rühren, um der Katastrophe, die er über die anderen gebracht hatte, zu entkommen. »Ich danke dem Gott, dem Ihr entsagt habt, Baron, daß D'Aulon Euch in Orléans verlassen hat. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Ich wünschte, ich wäre mit ihm gegangen. Ich werde auf der Stelle von hier fort- gehen. Versucht nicht, mich aufzuhalten!« »Es steht Euch frei zu gehen, wohin Ihr wollt, Ai- glon. Um unserer alten Freundschaft willen werde ich Euch nicht daran hindern.« Gwalchmai hielt mitten im Schritt inne und blickte ihm fest ins Auge., »Baron, ich speie auf unsere alte Freundschaft!« Und indem er dem Wort die Tat folgen ließ, stapfte er in seinen Raum und schlug die Tür hinter sich zu. Er zündete eine Kerze an und trat vor den Spiegel, überzeugt, daß er sich nicht wiedererkennen würde. Konnte ein Mensch unschuldige Kinder der Folter, dem Tod und der Vernichtung überantworten – auch wenn er dies nicht wissentlich tat –, ohne daß sich dies auf seinem Gesicht widerspiegelte? Er fand, daß er nicht anders aussah als sonst. War es möglich, daß er auch in den Augen anderer nicht anders ausschaute? Das Schrecklichste an allem ist dies, dachte er: Ein Ungeheuer braucht man nicht an seinem Äußeren zu erkennen. Es kann so aussehen wie du! Er schnürte seine wenigen Kleidungsstücke zu ei- nem schmalen Bündel zusammen und schnallte sich das Schwert Rolands und Jeannes um. Dann ging er hinaus. Alles war still. Es war noch nicht Morgen. Als er an de Rais' Kammer vorbeikam, blieb er stehen und lauschte an der Tür. Er hörte die tiefen, regelmäßigen Atemzüge eines friedlichen Schläfers, den kein Gewissen plagte. Er zückte die Klinge und verharrte einen Moment un- schlüssig, die Hand auf der Türklinke. Schließlich ließ er sie mit einem Seufzer zurück in ihre Scheide gleiten. »Da berührtest sie. Du trugst sie in Ehren. Du führtest sie mit Stolz. Ich will sie nicht besudeln.« Er ging leise durch den Korridor und zum hinteren Tor hinaus. Das Land vor ihm war über viele Meilen hinweg eben, und als der Tag anbrach, konnte er weit in die Ferne blicken, doch er schaute nicht einmal zurück zu dem verwunschenen Spukschloß von Tiffauges.,

Der Wanderer

Seit unvordenklichen Zeiten wand sich eine Straße durch die dichten Wälder Europas, ausgetreten von den Füßen derer, die das Elfenbein hinunter in den Süden zum Mittelmeer getragen hatten, und von je- nen, die ihnen unterwegs begegnet waren, schwer beladen mit bronzenen Waffen und Werkzeugen, die sie bis hinauf ins Baltikum gebracht hatten. Städte waren an den Knotenpunkten dieser Han- delswege entstanden und wieder verschwunden, als sie nicht mehr gebraucht wurden. Häuser waren zu Ruinen verfallen und mit den Jahrhunderten erneut vom Wald überwuchert worden. Brücken waren in Flüsse gestürzt und nicht wieder errichtet worden. Und bald hatten die Menschen wieder Furten benutzt, weil sie vergessen hatten, wie man solche stolzen Bauwerke errichtete, über die die Menschen der Antike einst geschritten waren. Seit die Meere ihren Schrecken verloren hatten, trans- portierte man die Güter auf Schiffen und nicht mehr auf Packpferden oder auf den Rücken von Menschen, und so kam es, daß der Pfad mit der Zeit immer en- ger und schwieriger geworden war. Ganz ver- schwunden und zugewuchert war er freilich niemals, gab es doch immer noch jene, die es vorzogen, fern von den Städten in der Einöde zu leben. Und er wur- de immer noch von einzelnen Wanderern benutzt, die aus Gründen, die nur ihnen selbst bekannt waren, die breiteren, vielbenutzten Straßen und Pfade mieden., Einer dieser letzteren wanderte auf ihm an einem trüben, grauen Dezembertag nach Norden. Es war kurz vor Einbruch der Nacht, und es schneite. Er war umgeben von Wald, und er war müde und hungrig. Irgendwo in der Ferne heulten Wölfe, aber der Mann schritt unbeeindruckt weiter, so als ginge ihn diese Gefahr nichts an oder als gäbe er wenig um sein Leben. Obwohl der Pfad in tiefem Schnee lag und nichts seinen Verlauf kennzeichnete, fanden seine Füße ihn mit verblüffender Sicherheit, auch wenn er manchmal ausglitt und zu straucheln drohte. Dann umklam- merte seine Hand den langen Stab um so fester, auf den er sich stützte, und er schritt unverdrossen wei- ter. Er hinkte. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit – das Heulen der Wölfe war jetzt schon ganz in seiner Nähe – stieß er auf eine kleine Lichtung, an deren Rand eine Holz- fällerhütte stand. Er blieb stehen und schaute auf die dünnen Lichtstrahlen, die durch die Ritzen der Fen- sterläden drangen. Er verharrte eine Weile und über- legte, ob er weitergehen oder Einlaß begehren sollte. Ganz nahe heulte ein Wolf. Der Wanderer seufzte müde, ging mit langsamen Schritten auf die Tür zu und pochte dagegen. »Wer ist da?« rief eine Männerstimme. Der Wande- rer gab keine Antwort, aber er blieb geduldig vor der Tür stehen und wartete. Dann klopfte er erneut. Die Tür ging einen Spaltbreit auf, und der Holzfäl- ler spähte hindurch, die Axt in der Hand. Er sah den Wanderer – einen großgewachsenen, etwas gebeug- ten Mann mit einem langen grauen Umhang und ei- nem ebenfalls grauen breitkrempigen Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte., »Was wollt Ihr?« Der Wanderer sagte nichts, blieb jedoch ruhig stehen. Hinter dem Mann stand sein Weib. Im Arm hielt sie einen Säugling, den sie gerade gesäugt hatte. Der Rest der Brut hing an ihrem Rockzipfel und spähte neugierig hinter ihr hervor auf den Fremden vor der Tür. Der hob den Kopf und schaute die Frau an. Als sie die Binde über seinem rechten Auge sah, stieß sie ei- nen unterdrückten Schrei aus und gab ihrem Mann einen leisen Stoß in die Rippen. Er runzelte ärgerlich die Stirn, und sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er öff- nete die Tür einen Spalt weiter und sagte, immer noch ein wenig mürrisch: »Bitte tretet ein in meine bescheidene Hütte. Es ist mir eine Ehre.« Der Wanderer beugte wortlos den Kopf und trat ein. Der Wind wirbelte ein paar Schneeflocken hinter ihm her. Neben dem großen Kamin befand sich eine kleine Nische. Die Frau scheuchte ihre Kinder dort heraus und nahm dem Mann seinen Stab und seinen Mantel ab. Er setzte sich und hielt die Handflächen gegen das Feuer. Er war sehr erschöpft, und seine Hände zit- terten. Sie sahen jetzt, daß er von Kopf bis Fuß in Grau ge- kleidet war, vom Hemd bis zu den Schuhen. Sie kniete sich vor ihn, band ihm die Schuhe los und holte ein Schaffell, das sie ihm um die nackten Füße wickelte. Er stützte seinen Kopf gegen die war- men Steine und fügte sich geduldig ihrer Fürsorge. Sein langes weißes Haar, das ihm naß über die Schultern hing, begann unter der Wärme des Kamins zu dampfen., Bald hing eine kleine Dampfwolke über seinem Kopf, und in dem Licht, das darauffiel, erschien sie den anderen im Raum wie ein leuchtender Heiligen- schein. Sie schauten ihn ehrfurchtsvoll an. Eine erwartungsvolle Stille herrschte in dem Raum. Die Kinder bestaunten ihn mit großen Augen. Der Holzfäller saß auf einer Bank in der Ecke, das Kinn auf die Hand gestützt, und studierte seinen Gast. Auch er schien tief beeindruckt. Die Frau schwenkte den Kessel vom Kamin zu sich herüber, tunkte einen Schöpflöffel hinein und füllte eine Schale mit dampfender Suppe. Der Löffel kratzte über den Boden des Kessels. Sie stellte die Schale auf den Tisch und legte einen hölzernen Löffel hinein. Dann nahm sie einen Laib Schwarzbrot und setzte die Schneide des Messers an, um eine Scheibe abzu- schneiden. Sie hielt inne, überlegte einen Moment, wobei sie prüfend den Laib betrachtete, dann ver- setzte sie die Schneide um eine Daumenbreite und schnitt die Scheibe dicker ab als vorgesehen. Sie hielt ihm die Schale entgegen. »Eßt.« Er machte keine Anstalten, sie zu nehmen. Seine Hände lagen gefaltet in seinem Schoß. Langsam hob er seinen Kopf und schaute sie an, und sie konnte die tiefen Furchen des Schmerzes und der Entsagung auf seinem Gesicht sehen. »Bitte eßt!« wiederholte sie und hielt die Schale ein Stück näher. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut kam heraus. Er lächelte. Sein Gesicht strahlte dabei eine solche Güte aus, daß sie für einen Moment fast zu atmen vergaß. Er versuchte es ein zweitesmal. Seine Stimme klang heiser und rauh, so, als hätte er sie lange nicht mehr, gebraucht. Die Worte kamen sehr langsam und leise. »Ist genug für die Kleinen da?« Diesmal war sie es, die Schwierigkeiten hatte, eine Antwort zu finden. Sie zögerte einen Moment. »Wir sind alle gesättigt. Habt um uns keine Angst. Ihr seid uns ein willkommener Gast.« Sie gab ihm die Schale in die Hände. Sie legten sich um sie, doch als er versuchte, den Löffel zu benutzen, glitt er ihm aus den Fingern. »Weib, geh und bring die Kinder ins Bett«, sagte der Holzfäller. Er nahm den Löffel, setzte sich neben den grauen Wanderer und fütterte ihn behutsam. Er machte lan- ge Pausen zwischen den einzelnen Löffeln. Zwi- schendurch brach er das Brot in kleine Stücke, tauchte es in die Suppe und führte es ihm zum Munde, Bissen für Bissen. Er sah nicht zum erstenmal einen Verhungernden. Allmählich kehrte ein wenig Farbe in die aschgrau- en Wangen des Fremden zurück. Die Augen fielen ihm zu. Der Holzfäller fing ihn auf, da er fast ins Feu- er gefallen wäre, und bettete ihn auf das weiche Schaffell vor dem Kamin. Als er den Schlafenden zu- deckte, fiel ihm dessen Schwert ins Auge. Er zog behutsam die Decke zurück, löste den Gür- tel und wollte es schon neben den Stab des Mannes in die Ecke stellen, als er plötzlich innehielt. Er wog es prüfend in der Hand und stutzte. Es war sehr schwer. Als er es näher betrachtete, stellte er fest, daß jemand flüssiges Blei in die Scheide gegossen hatte, während das Schwert in ihr steckte. Die Klinge saß unverrück- bar in der Scheide fest. Es war unmöglich, sie heraus- zuziehen, es sei denn, man schmolz das Blei weg., Er erzählte seiner Frau von dieser Entdeckung, als sie nebeneinander in ihrem Bett lagen. Sie nickte im Dunkeln. Er spürte ihren warmen Atem an seinem Ohr. »Natürlich«, flüsterte sie. »Er hat ein Gelübde ab- gelegt, niemals wieder jemanden zu töten oder zu verletzen.« »Woher weißt du das?« fragte er erstaunt, aber sie wollte ihm darauf keine Antwort geben, und so be- schied er sich denn mit dem tröstenden Gedanken, daß man aus den Weibsbildern wohl niemals so ganz schlau werden konnte. Am Morgen schien die Sonne, und es hatte aufge- hört zu schneien. Nach dem Essen machte sich der Wanderer zum Aufbruch bereit. Auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um und hob feierlich die Hand. »Gesegnet sei dieses Haus und alle, die darin woh- nen«, sagte er mit seiner rauhen Stimme. Dann bückte er sich rasch und hob den kleinsten der Jungen auf den Arm. Das Kind schlang die Arme um seinen Hals, und er drückte es an seine Wange, küßte es, setzte es behutsam ab und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Familie sah ihn langsam über die Lichtung humpeln. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Alle starrten ihm gebannt nach, von dem tiefen Bewußt- sein erfüllt, daß ihnen etwas Wundersames und Ein- zigartiges widerfahren war. Doch es sollte noch etwas nicht minder Wundersames folgen. Kurz bevor der Mann die Bäume erreichte, stieß ein Rabe zu ihm herab, umkreiste ihn und setzte sich auf seine Schulter. Der Mann hob den Arm und strei-, chelte seine Brust. Der Rabe schmiegte zärtlich seinen Kopf an die Wange des Mannes, und so gingen sie zusammen weiter und waren wenig später den Blik- ken der Familie entschwunden. Der Holzfäller und sein Weib standen noch eine Weile schweigend da und schauten ihm nach. Dann sahen sie sich fragend an. Die Frau bekreuzigte sich, hielt mitten in der Be- wegung inne und machte zögernd das Zeichen des Hammers. Ihre Lippen bebten. »Ich weiß, daß es sein mußte. Ich weiß, daß sich die Welt gewandelt hat. Ich weiß, daß sie so besser ist – aber ihn zu sehen! Ihn! Und in solcher Gestalt! Warum mußten gerade wir dem Einäugigen Odin Obdach gewähren? Wie wenig wir ihm bieten konnten! Und er hat nicht einmal um etwas gebeten!« Sie warf sich ihre Schürze über den Kopf und be- gann zu schluchzen. Ihr Mann nahm sie in die Arme und drückte sie ganz fest an sich. »Ja, Frau, die Zeiten sind hart – selbst für die Göt- ter.« Nicht jeder, dem Gwalchmai begegnete, hielt ihn für einen heimatlosen Gott. Manche sahen ihn als das, was er war: einen fußwunden Wanderer, der ein Ziel vor Augen hatte. Stets kam er überraschend und ohne jede Ankündigung, niemals bat oder bettelte er, sel- ten sprach er. Man respektierte seine Schweigsamkeit, war es doch nicht ungewöhnlich für einen Pilger oder für einen Sünder, der Buße tat, ein Schweigegelübde abzulegen. Bei manchen blieb er nur eine Nacht, sofern man, ihm Obdach bot; bei anderen richtete er sich über Monate oder sogar Jahre hinweg ein, ganz, wie ihm gerade der Sinn stand. Alle Kinder liebten ihn, denn sie fühlten die Liebe, die er ihnen entgegenbrachte. Er konnte den Blick nicht von ihnen lassen, besonders von den ganz jun- gen, und sie kamen zu ihm, als hätte ein Magnet sie angezogen. Er hütete Schafe; er hackte Holz; er lehrte die Kunst des Fechtens in den Häusern der Reichen. In man- chen Schlössern sah man in ihm einen glückbringen- den Gast – in anderen einen nutzlosen Vagabunden. Er reihte sich ein in die langen Schlangen der Hun- gernden, die vor den Klöstern um ein Stück Brot und eine Schüssel Suppe anstanden, oder er pflückte Kresse an den Flußufern und aß Fische, die er selbst geangelt hatte. Irgendwie schaffte er es auf seinem weiten Weg nach Norden immer, zu überleben. Er ließ sich viel Zeit, denn ein Mann, der eine un- bestimmte Verabredung mit dem Schicksal hat, braucht sich nicht zu beeilen. Er wanderte stets allein. Sein einziger Begleiter war der Rabe. Die ihn vorbeihinken sahen, raunten sich ehrfurchtsvolle Bemerkungen über die tiefe Zunei- gung ins Ohr, die die beiden miteinander verband. Er hatte keinen anderen Freund auf seiner langen Reise, doch er fühlte sich nie allein. Sein Kopf war voll von Erinnerungen. Guten und schlechten. Sol- chen, die ihn quälten, und solchen, die ihn trösteten. Sie kamen zu ihm in Form von Bildern des Nachts, wenn er schlief; oder als Sinnestäuschungen, wäh- rend er einsam dahinwanderte oder Rast hielt. Eines jener Bilder, das er häufig vor sich sah, war, die Szene im Kerker der Burg von Nantes. Ihm ge- genüber saß Gilles de Rais, der Generalleutnant der Bretagne, Ratgeber des Königs, Marschall von Frank- reich – in Ketten wie ein gemeiner Verbrecher, in Er- wartung des sicheren Todesurteils. Es war ein privates, unbewachtes Gespräch, denn obwohl de Rais' Schuld erwiesen war und sein Ende feststand, genoß er noch immer das Privileg seines Ranges. In jenem Moment hegte Gwalchmai keinen Groll mehr gegen seinen einstigen Freund, denn seine ei- gene Schuld lastete schwer auf ihm, und er wußte, er verdankte es lediglich einer Laune des Schicksals, daß er nicht ebenfalls in einem Kerker schmachtete. »Wie steht es mit dem Krieg?« fragte ihn de Rais. »Laufen die Engländer noch immer wie die Hasen davon?« »Es steht gut, Baron«, antwortete Gwalchmai. »Eu- re Anstrengungen haben Früchte getragen. Der Her- zog von Burgund hat einen dauerhaften Frieden mit dem König geschlossen und einen Teil des Lösegelds für den Herzog von Orléans beigesteuert.« »Der Herzog ist in seine Stadt zurückgekehrt? Dann ist die letzte der vier Prophezeiungen der Jung- frau nun auch in Erfüllung gegangen! Ah, das ist fürwahr eine gute Nachricht!« »La Tremouille ist beim König in Ungnade gefallen und hat einen Dolch in seinen feisten Bauch gekriegt. Leider ist er daran nicht gestorben. Ich befürchte, daß von ihm noch einiges zu erwarten ist. Die Engländer sehen sich allenthalben in schwer- ster Bedrängnis. Rouen konnten sie bisher noch mit Mühe halten, doch sie mußten viele Städte aufgeben., Noch halten sie Harfleur, Caen und Falaise, und stark sind sie nur noch in Guienne. Der Bastard ist jetzt Generalleutnant, und die Ar- mee befindet sich bei bester Stimmung. Der König ist so träge wie eh und je, aber er bekommt es langsam mit der Angst zu tun. Es geht das Gerücht, der Prozeß der Jungfrau wer- de noch einmal neu aufgerollt, aber alle erwarten, daß dieses Vorhaben scheitern wird.« »Bei den scharlachroten Blumen der Hölle, das darf es nicht! Sie muß Gerechtigkeit bekommen! Das habe ich geschworen, und das schwöre ich noch immer! Aiglon, erfüllt mir eine Bitte, um ihretwillen, nicht um meinetwillen. Nicht aus Freundschaft, denn ich weiß, daß diese zwischen uns tot ist, und wenn Ihr Euch noch in meiner Schuld fühlt, weil ich Euch aus dem Kerker von Rouen freigekauft habe, dann fühlt Euch hiermit daraus entlassen. Könntet Ihr die Brü- der der Jungfrau ausfindig machen?« »Merkwürdig, daß Ihr das fragt, Baron. Erst vor ei- ner Woche schenkte der Herzog ihrem Bruder Pierre die Rinderinsel – als Belohnung für seine treuen Dienste. Er lebt dort mit seiner Mutter Isabelle.« »Um so besser. Aiglon, ich bitte Euch, nehmt die- sen Beutel mit Gold und bringt ihn der Mutter der Jungfrau. Sagt ihr, sie solle das Gold dazu verwen- den, nach Rom zum Papst zu reisen und ihn bitten, sich für die Jungfrau zu verwenden, damit ihr Ruf wiederhergestellt und sie in den Augen des Volkes rehabilitiert wird. Wollt Ihr diesen Auftrag ausführen und so lange in Frankreich bleiben, bis der Jungfrau Gerechtigkeit widerfahren und sie von der Schuld reingewaschen ist?«, »Nur zu gern, mein Bar